Sie sind auf Seite 1von 120

6|10 6|10

KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 6|10


AUSLANDSINFORMATIONEN Wie es euch gefällt – Nach
den USA erliegen auch asiati-
sche Politiker dem Charme
von Facebook und Twitter
Paul Linnarz

Politische Kommunikation
in Subsahara-Afrika und die
Rolle der Neuen Medien
Frank Windeck

Revolution 2.0:
Ein Schrecken für autoritäre
Regime – Digitale Kultur und
politische Kommunikation in
Lateinamerika
Frank Priess

Der Einfluss des Internets


auf Parteien und Wahlkämpfe
Trygve Olson / Terry Nelson

Politik aus der Nische. Die


digitale politische Kommuni-
kation als Informationsquelle
und Austauschforum für die
Opposition in Weißrussland
Stephan Malerius

Chinas digitale Revolution –


politische Kommunikation in
der virtuellen Welt
Regina Edelbauer

Pressefreiheit, Neue Medien


und politische Kommunikation
in Malaysia – eine Gesellschaft
im Wandel
Thomas S. Knirsch /
Patrick Kratzenstein
KAS
AUSLA N D S I N F O R M A T I O N E N
6|10
ISSN 0177-7521
Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.
26. Jahrgang

Tiergartenstraße 35
D-10785 Berlin
Telefon (030) 2 69 96-33 83
Telefax (030) 2 69 96-35 63
Internet: http://www.kas.de
E-Mail: hans.heyn@kas.de

Bankverbindung:
Commerzbank AG Filiale Bonn,
Kto.-Nr. 110 63 43, BLZ 380 400 07

Herausgeber:
Dr. Gerhard Wahlers

Redaktion:
Frank Spengler
Hans-Hartwig Blomeier
Dr. Stefan Friedrich
Jens Paulus
Dr. Hardy Ostry
Dr. Helmut Reifeld

Verantwortlicher Redakteur:
Dr. Hans Maria Heÿn

Gekennzeichnete Artikel geben nicht unbedingt


die Meinung der Redaktion wieder.

Bezugsbedingungen:
Die KAS-Auslandsinformationen erscheinen
zwölfmal im Jahr. Der Bezugspreis für zwölf
Hefte beträgt 50,– € zzgl. Porto. Einzelheft
5,– €. Schüler und Studenten erhalten einen
Sonderrabatt.

Die Bezugsdauer verlängert sich jeweils um


ein Jahr, sofern das Abonnement nicht bis
zum 15. November eines Jahres schriftlich
abbestellt wird.

Bestellungen: Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.


(obige Anschrift)
CO -neutral mit Farben auf Pflanzenölbasis nach
²
Das Copyright für die Beiträge liegt bei den DIN ISO 12647-2 gedruckt auf chlorfrei gebleichtem
Recyclingpapier, das mit dem europäischen Umwelt-
KAS-Auslandsinformationen.
zeichen (EU Ecolabel: FR/011/003) ausgezeichnet ist.

Gestaltung: Umschlagpapier aus 60 % FSC-zertifizierten Recycling-


Fasern, Innenseiten aus 100 % FSC-zertifiziertem
SWITSCH KommunikationsDesign, Köln
Recycling-Papier.

Satz:
racken, Berlin
4 | EDITORIAL

7 | WIE ES EUCH GEFÄLLT – NACH DEN USA ERLIEGEN


AUCH ASIATISCHE POLITIKER DEM CHARME VON
FACEBOOK UND TWITTER
Paul Linnarz

19 | POLITISCHE KOMMUNIKATION IN SUBSAHARA-AFRIKA


UND DIE ROLLE DER NEUEN MEDIEN
Frank Windeck

43 | REVOLUTION 2.0: EIN SCHRECKEN FÜR AUTORITÄRE


REGIME – DIGITALE KULTUR UND POLITISCHE
KOMMUNIKATION IN LATEINAMERIKA
Frank Priess

54 | DER EINFLUSS DES INTERNETS AUF PARTEIEN


UND WAHLKÄMPFE
Trygve Olson / Terry Nelson

69 | POLITIK AUS DER NISCHE. DIE DIGITALE POLITISCHE


KOMMUNIKATION ALS INFORMATIONSQUELLE UND
AUSTAUSCHFORUM FÜR DIE OPPOSITION IN
WEISSRUSSLAND
Stephan Malerius

89 | CHINAS DIGITALE REVOLUTION – POLITISCHE


KOMMUNIKATION IN DER VIRTUELLEN WELT
Regina Edelbauer

103 | PRESSEFREIHEIT, NEUE MEDIEN UND POLITISCHE


KOMMUNIKATION IN MALAYSIA – EINE GESELLSCHAFT
IM WANDEL
Thomas S. Knirsch / Patrick Kratzenstein
4

EDITORIAL
Liebe Leserinnen und Leser,

die interaktiven Plattformen des Web 2.0 sind dabei das


Internet von Grund auf zu verändern. Auch die mediale
(politische) Kommunikation steht vor großen Herausforde-
rungen. Sogenannte soziale Netzwerke, Weblogs, Micro-
blogging Systeme, oder auch Plattformen für den Austausch
von Fotos, Filmen oder Texten haben unser mediales
Kommunikationsverhalten revolutioniert. Gemeinsam ist
allen die aktive Beteiligung der Nutzer an der Erstellung
und Verteilung von Inhalten sowie die weltweite Vernet-
zung und daraus folgende globale Verbreitung der Inhalte.

Die klassischen Institutionen in Politik und Gesellschaft


versuchen sich an die Geschwindigkeit, Komplexität und
die Konsequenzen dieser Veränderungen zu gewöhnen.
Bereits jetzt ist das Internet Gegenstand und Medium der
Politik geworden, ohne bereits bestehende Institutionen
zwangläufig einbeziehen zu müssen. Die neuen breiten
Partizipationsmöglichkeiten, die tradierte politische Infra-
strukturen übergehen können, haben bereits jetzt globalen
Charakter bekommen. Nationale politische Regulierungen,
Sinnbild des bisherigen Verhältnisses von Staat und Bürger,
hinken hier noch hinterher.

Da das Internet Teil der Wirklichkeit und kein paral-


leler virtueller Raum ist, hat es erheblichen Einfluss auf
die verschiedenen politischen Systeme und die daraus
entstehenden sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen.
Jegliche Euphorie über eine globale digitale Gemeinschaft
ist da voreilig. Die Beiträge in diesem Heft zeigen die
5

Abhängigkeiten der Nutzer von diesen Gegebenheiten.


Gleichwohl darf das kreative Potential der interaktiven
digitalen Netzwerke für die politische Kommunikation, die
Meinungs- und Willensbildung sowie Mobilisierung nicht
unterschätzt werden. Besonders unter restriktiven politi-
schen Bedingungen oder eingeschränkten wirtschaftlichen
Möglichkeiten sind diese Beteiligungsmöglichkeiten im
Web 2.0 eine wichtige Möglichkeit der freien politischen
Meinungsäußerung. Die Zugangsschwelle ist hier sehr
niedrig. Ein Computer mit Netzanbindung oder ein Mobilte-
lefon reichen hier aus.

Traditionelle Medien wie Zeitung, Radio oder Fernsehen


setzen hier eine weitaus aufwendigere Infrastruktur
voraus. Zudem sind sie oftmals durch redaktionelle Filter,
betriebswirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen
gebunden. Der Siegeszug des viel stärker partizipativ
ausgerichteten Web 2.0 wird sich daher in Zukunft noch
verstärken. Allein schon weil es – trotz Sperren, Zensur und
anderen Restriktionen in vielen Ländern – viel schwerer zu
kontrollieren, korrumpieren oder zu erpressen ist. Zudem
beruht die neue Qualität der Kommunikation dieser inter-
aktiven digitalen Netzwerke in der Beteiligung von sowohl
Empfänger auch als Sender. Radio, Zeitung und Fernsehen
schaffen dies nur am Rande.

Die politische Kommunikation wird daher in Zukunft deut-


lich weniger über die bisherigen Akteure (Parteiorganisati-
onen, Gewerkschaften oder Verbänden) gesteuert werden.
Das Internet mit seinen Plattformen und Netzwerken agiert
6

selbst als Kanal politischer Kommunikation und Mobili-


sierung. Für die bisherigen Akteure erwächst hieraus die
Herausforderung ihre Inhalte und Ziele noch viel stärker
als bisher im Internet zu verbreiten und dort zur Diskus-
sion zu stellen. Das Internet wird in absehbarer Zukunft
der zentrale Kommunikationskanal zur Vermittlung partei-
politischer Inhalte werden. Gerade für Volksparteien, deren
politische Programmatik sich nicht auf die Umsetzung von
Einzel- oder Gruppeninteressen ausrichtet, sondern ein
breites Spektrum politischer Interessen anspricht, ist dies
von Bedeutung. So gewiss die interaktiven Netzwerke des
World Wide Web die politische Kommunikation umwälzen,
so ungewiss ist es, ob daraus auch wirkmächtige soziale
Bewegungen hervorgehen, die mittel- und langfristige die
politische Verantwortung übernehmen wollen und können.
Dazu braucht es mehr als eine Breitbandverbindung.

Dr. Gerhard Wahlers


Stellvertretender Generalsekretär
7

WIE ES EUCH GEFÄLLT – NACH DEN


USA ERLIEGEN AUCH ASIATISCHE
POLITIKER DEM CHARME VON
FACEBOOK UND TWITTER

Paul Linnarz

Das „Youth Lab‟ des in Malaysia regierenden Parteienbünd-


nisses Barisan Nasional (BN) veröffentlichte im April 2010
die Ergebnisse einer Meinungsumfrage, nach der über 60
Prozent der Wähler unter 35 Jahren weder die BN noch
die Oppositionskoalition Pakatan Rakyat (PR) bevorzug-
ten.1 Bei der nächsten Abstimmung wollen die befragten
Jungwähler ihre Stimme, losgelöst von parteipolitischen
Präferenzen, stattdessen dem Kandidaten geben, der Paul Linnarz ist Leiter
nach ihrer Einschätzung wichtigere Themen vertritt oder des Medienprogramms
der Konrad-Adenauer-
ihnen schlicht als fähiger erscheint.2 Rund 73 Prozent der Stiftung in Asien mit
malaysischen Bevölkerung sind jünger als 40 Jahre. Mehr Sitz in Singapur.
als die Hälfte der elf Millionen Wahlberechtigten gelten als
unentschlossen.

Zu den wichtigsten Themen zählten die Befragten die


Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und ihre Karriere-
chancen, die Qualität von Bildung und Ausbildung und die
Kosten für den Lebensunterhalt. Besonders enttäuscht ist
die junge Generation Malaysias über die Kriminalität im
Lande. Etwa ein Viertel der Umfrageteilnehmer bezeichnet
die Meinungsfreiheit als ihren größten Wunsch. Grundsätz-
lich sehen 65 Prozent der Befragten Malaysia auf einem
guten Weg; für circa 30 Prozent gibt die Entwicklung des
Landes hingegen Anlass zur Sorge.

1 | Ausführlich zur Entwicklung der politischen Kommunikation


in Malaysia in Hinblick auf neue Medien vergleiche den
Artikel von Thomas S. Knirsch und Patrick Kratzenstein,
„Pressefreiheit, Neue Medien und Politische Kommunikation
in Malaysia – Eine Gesellschaft im Wandel‟ in dieser Ausgabe
der KAS-Auslandsinformationen.
2 | Vgl. hierzu: http://bnyouthlab.wordpress.com [22.04.2010].
8

Das BN-Youth Lab ist eine Mischung aus Fokusgruppe und


Meinungsforschungsinstitut. Für seine Onlineumfragen
unter den 18- bis 35-Jährigen setzt das 30-köpfige Team
auf soziale Netzwerke wie Facebook oder die Plattform
Twitter. Längst nicht alle Ergebnisse dürfen
Premierminister Razak hat 300 seiner jedoch als repräsentativ gelten. So gaben
Facebook-„Freunde‟ kürzlich zum Tee im März von 200 befragten Facebook-
eingeladen. Es hätten wohl auch mehr
Anhänger sein können; jedenfalls „Freunden‟ und Twitter-Nutzern fast 90
tummelten sich auf der Facebook- Prozent an, als Wähler bereits registriert zu
Seite des Regierungschefs bis zum 20.
sein. Tatsächlich bemühen sich alle Parteien
April schon über 150.000 Fans.
in Malaysia noch um bis zu vier Millionen
Wahlberechtigte, darunter viele jünger als 30 Jahre, die
sich für den nächsten Urnengang 2013 noch nicht regist-
riert haben. Den hohen Erwartungen an die Ergebnisse des
BN-Youth Lab tun mögliche methodische Ungenauigkeiten
bei der Onlinebefragung keinen Abbruch: „Früher galt, die
Regierung weiß alles. Jetzt gilt das nicht mehr‟, frohlockt
Suffian Awang, führendes Mitglied der Jugendorganisation
seiner Partei Umno und enger Mitarbeiter von Premiermi-
nister Najib Razak. Die neue Leitlinie soll in der Öffentlich-
keit deutlich wahrgenommen werden. Mit seinem BN-Youth
Lab möchte das regierende Parteienbündnis den direkten
Kontakt zu (meist jungen) Bürgern verbessern.3 Der Grund
ist klar: Bei der Parlamentswahl im Jahr 2008 gab die
junge Generation den Ausschlag dafür, dass die Barisan
Nasional ihre Zweidrittelmehrheit verlor. Mit Twitter und
Facebook soll die mit dem Internet aufgewachsene Klientel
der „digital natives‟ nun zurückgewonnen werden.

Premierminister Razak hat 300 seiner Facebook-„Freunde‟


kürzlich zum Tee eingeladen. Es hätten wohl auch mehr
Anhänger sein können; jedenfalls tummelten sich auf der
Facebook-Seite des Regierungschefs bis zum 20. April schon
über 150.000 Fans.4 Gut 15.000 Internetnutzer verfolgen
auf Twitter das Handeln des Premierministers.5 Die
„Follower‟ erfuhren in einem Twitter-Eintrag ebenfalls am
20. April beispielsweise: „Yesterday I had a useful meeting
with PM Yukio Hatoyama. We agreed to strengthen coope-
ration in environment + energy: http://bit.ly/d6s9YX.‟

3 | Vgl. http://www.transformation.gov.my/index.php?option=
com_content&view=article&id=365%3Awhen-what-
youngsters-say-counts-&catid=39%3Anews&Itemid=
148&lang=en [22.04.2010].
4 | Vgl. http://www.facebook.com/najibrazak [22.04.2010].
5 | Vgl. http://twitter.com/NAjibRazak [22.04.2010].
9

Der Link am Schluss der Kurznachricht leitet den Leser


auf die offizielle Webseite des Regierungschefs mit Photos
vom Besuch in Japan. Khairy Jamaluddin, Chef der Umno-
Jugendorganisation, veranstaltete Anfang
März ein „Tweet Up‟, ein Treffen von Twitter- Soziale Netzwerke, Blogs und Twitter­
Nutzern, an dem auch Carolyn Hong von der haben „private Öffentlichkeiten‟ her-
vorgebracht, die schwer zu kontrol-
Straits Times aus Singapur teilnahm. In ihrem lieren sind. Gleichzeitig beweist
Onlinebeitrag zu der Veranstaltung bemerkt ein Blick in die Statistiken, dass die
Freiheit oder Unfreiheit der traditio-
die Malaysia-Korrespondentin der Tageszei-
nellen Medien nur ein Grund für den
tung beinahe ehrfürchtig, dass Jamaluddin Vormarsch der interaktiven Online-
„alle Fragen beantwortet‟ habe. Und noch dienste ist.

während der Politiker seinen Anhängern im


Restaurant bei Lammfleisch und Reis völlig „offline‟ Rede
und Antwort stand, seien dank der zahlreich eingesetzten
Blackberrys schon die ersten Fotos und Kurznachrichten
von dem Treffen in Umlauf gebracht worden. „Twitter hat
sich für junge Politiker aus Malaysia zur heißesten Adresse
entwickelt. Folge [auf Twitter] nur einigen von ihnen, und
du wirst Teil ihrer erhitzten, aber in der Regel höflichen,
online ausgetragenen politischen Debatten.‟6 Die Euphorie
der Journalistin und die rege Beteiligung der Onlinenutzer
an Tee-Partys und politischen „Tweet Ups‟ werden nach-
vollziehbar, wenn man bedenkt, dass die traditionellen
Medien weder in Singapur noch in Malaysia nach westli-
chem Verständnis frei sind. Rigide Auflagen für die Zulas-
sung als Medienunternehmen und eine ganze Reihe an
Tabuthemen verhindern in Presse und Rundfunk lebhafte
und kontroverse innenpolitische Debatten. Das Internet
genießt in Malaysia und Singapur deutlich mehr Freiheiten.

IN ALLER FREUNDSCHAFT: FACEBOOK, TWITTER & CO.


FÜR MEHR GLAUBWÜRDIGKEIT

Das Phänomen ist auch in anderen asiatischen Ländern zu


beobachten. Soziale Netzwerke, Blogs und Twitter haben
„private Öffentlichkeiten‟ hervorgebracht, die schwer zu
kontrollieren sind. Gleichzeitig beweist ein Blick in die
Statistiken, dass die Freiheit oder Unfreiheit der traditio-
nellen Medien nur ein Grund für den Vormarsch der inter-
aktiven Onlinedienste ist. Facebook & Co. gewinnen auch
in liberalisierten Medienmärkten deutlich an Boden.

6 | http://blogs.straitstimes.com/2010/3/5/twitter-is-tops-for-
politicians [22.04.2010].
10

Auf den Philippinen und in Indonesien zählten nach einer


comScore Statistik vom Februar fast 85 Prozent aller Inter-
netnutzer zu den Mitgliedern eines Netzwerkes. Neben
Malaysia (77,5 Prozent) und Singapur (72,1 Prozent) führt
Facebook auch in Hong Kong (62,6 Prozent) und Vietnam
(18,4 Prozent) den Markt an.7 Mit am schnellsten wächst –
im weltweiten Vergleich – die Gruppe der Facebook-Nutzer
in Indonesien: von März bis April 2010 stieg ihre Zahl um
fast zwei Millionen oder etwas über zehn Prozent. Auf den
Philippinen – weltweit Platz drei beim Wachstum – gewann
das Netzwerk im betreffenden Monat über eine Million neue
Teilnehmer (+9,6 Prozent). Malaysia liegt mit rund 650.000
neuen Mitgliedern innerhalb von nur vier Wochen noch vor
den Vereinigten Staaten auf Platz sieben. In absoluten
Zahlen heißt das natürlich wenig. Den fast 115 Millionen
Facebook-„Freunden‟ in den USA standen bis April nicht
einmal sechs Millionen malaysische Teilnehmer gegenüber.
Was jedoch zählt, ist die Wachstumsgeschwindigkeit des
Netzwerkes. Sie lag von März bis April 2010 in Amerika bei
einem halben Prozent, während der Markt in Malaysia in
dieser Zeit um fast 13 Prozent wuchs; zwischen März 2009
und März 2010 betrug die Steigerung 364 Prozent.

Nichts spricht derzeit dafür, dass sich der Trend in nächster


Zukunft abschwächt. Die zunehmende Bedeutung von
Facebook, oder besser: die Bedeutung von Facebook für die
Erreichbarkeit der großen, miteinander vernetzten jungen
Wählerschaft, dürfte für die in drei Jahren bevorstehende
Parlamentswahl Malaysias angesichts dieser Wachstums-
zahlen selbst für Skeptiker nachvollziehbar werden. Was
macht aber den weltweiten Charme von Facebook aus?
Jon Klein, Präsident von CNN, lieferte dafür im Interview
mit Bloomberg BusinessWeek im März in New York eine
einleuchtende Erklärung. Auf die Frage, wie er den Wett-
bewerb mit Fox News, für CNN in den USA seit langem der
gefährlichste Kontrahent, einschätze, antwortete Klein zur
allgemeinen Überraschung: „Die wirklich beängstigende
Konkurrenz besteht mit den sozialen Netzwerken. Wir
(CNN) wollen die glaubwürdigste Quelle sein. Auf Face-
book hängen die Leute aber von ihren eigenen Freunden

7 | Vgl. http://www.comscore.com/Press_Events/Press_
Releases/2010/4/Social_Networking_Across_Asia-Pacific_
Markets [22.04.2010].
11

als Nachrichtenquelle ab.‟8 Glaubwürdigkeit ist gerade für


jüngere Internetnutzer vor allem eine Frage der freien
Interaktion und der möglichst in „Echtzeit‟ geführten
Kommunikation innerhalb der virtuellen Gemeinschaft
von Freunden, Fans und „Followern‟. Dies
gilt auch für Asien. Die von den traditio- Auch beim „upstream‟ der US-ame-
nellen Medien angestrebte Objektivität in rikanischen Nutzer auf die Online-
angebote der traditionellen Medien
der Berichterstattung, die klaren Trenn­ stellt Facebook die Nachrichtenseite
linien zwischen Meinung, Information und des Suchgiganten inzwischen aber
in den Schatten. Mehr als doppelt so
Werbung, die solide Recherche und das
viele Internetnutzer besuchen die US-
Überprüfen aller Quellen auf Authentizität amerikanischen Medienseiten inzwi-
und Glaubwürdigkeit haben in der quirligen schen auf dem Umweg über Facebook.

Cyberworld einen schweren Stand. „Ich


kannte schon einige der Gäste, wie man eine Person über
Twitter eben kennen kann‟, schreibt etwa Carolyn Hong
über das kürzliche „Tweet Up‟ in Malaysia.

So gesellt sich zum Leidwesen vieler traditioneller Medien


mit Facebook ein weiterer elektronischer Kiosk neben
Google, MSN und Yahoo. In den USA werden die Webseiten
des Netzwerks nach Angaben von Hitwise inzwischen
häufiger aufgesucht als die der größten Suchmaschine
weltweit. Google wird nicht müde zu betonen, dass seine
Popularität auch den traditionellen Medien nutze. Der
Service „Google News‟ habe den Internetseiten von Pres-
severlagen und Rundfunksendern im vergangenen Jahr
Monat für Monat immerhin eine Milliarde Klicks beschert.
Auch beim „upstream‟ der US-amerikanischen Nutzer auf
die Onlineangebote der traditionellen Medien stellt Face-
book die Nachrichtenseite des Suchgiganten inzwischen
aber in den Schatten. Mehr als doppelt so viele Internet-
nutzer besuchen die US-amerikanischen Medienseiten
inzwischen auf dem Umweg über Facebook.9 Passend dazu
veröffentlichte das Netzwerk Ende Januar in seinem Unter-
nehmensblog eine Anleitung dafür, wie sich die Mitglieder
auf ihren Seiten („Profile‟) einen eigenen, auf ihre persön-
lichen Bedürfnisse und Informationswünsche angepassten
Nachrichtenkanal einrichten können.10

8 | http://www.guardian.co.uk/media/pda/2010/mar/10/digital-
media-television [22.04.2010].
9 | Vgl. http://weblogs.hitwise.com/us-heather-hopkins/2010/
03/facebook_users_prefer_broadcas.html [22.04.2010].
10 | Vgl. http://blog.facebook.com/blog.php?post=276507062130
[22.04.2010].
12

IN DER GRUPPE STARK: MIT DEM FREUNDESZÄHLER


MEHR WAHLBETEILIGUNG

Das Problem für die traditionellen Medien besteht mittler-


weile vor allem darin, dass die Bindung der jüngeren Inter-
netnutzer in erster Linie zum „elektronischen Kiosk‟, also
zu Facebook, MSN, Yahoo oder Google, besteht, während
die Loyalität der „digital natives‟ zu einem bestimmten
Medienangebot am unteren Ende der Nutzungskette konti-
nuierlich abnimmt. Es komme wohl schon bald der Tag,
war kürzlich in einem Blog zu lesen, an dem
Die Gruppendynamik der sozialen die ersten Onlinenutzer Facebook mit dem
Netzwerke zählt im Außenministerium­ Internet verwechselten. Der Politik kann das
in Washington inzwischen zu den Kern-
anforderungen an die US-amerikani- nur recht sein. Denn die digitalen Stamm­
sche „Public Diplomacy‟. Botschaf- tische im Internet haben sich unter den Jung-
ten der USA rund um die Erde „twit-
wählern zu einem wirksamen Instrument
tern‟ und „posten‟, was das Zeug
hält. der Mobilisierung entwickelt; wirksamer auf
jeden Fall als Annoncen in Tageszeitung. So
rief Facebook seine Mitglieder im letzten Wahlkampf zur
US-Präsidentschaft mit einem unparteiischen Hinweis dazu
auf, ihre Stimme abzugeben. Ein Zähler („ticker‟) gab
den Facebook-Nutzern in den USA an, wie viele der auf
ihrem persönlichen Profil angemeldeten „Freunde‟ bereits
gewählt hatten. „Das machte die Abstimmung, traditionell
eher eine private Angelegenheit, zu einem sozialen Akt‟,
resümiert Randi Zuckerberg, bei Facebook zuständig für
Marketing. „Deine Freunde, nicht irgendeine dritte Seite,
sagen Dir, dass Du wählen sollst.‟11 Und wer will im Freun-
deskreis am Ende schon derjenige sein, der als einziger
nicht den Weg ins Wahlbüro gefunden hat.

Die Gruppendynamik der sozialen Netzwerke zählt im


Außenministerium in Washington inzwischen zu den Kern-
anforderungen an die US-amerikanische „Public Diplo-
macy‟. Botschaften der USA rund um die Erde „twittern‟
und „posten‟, was das Zeug hält. Die diplomatische Vertre-
tung mit den meisten Fans auf Facebook (mit mehr Fans
als sowohl alle Facebookseiten der 197 US-Botschaften
weltweit als auch des US-Außenministeriums selbst) ist
die diplomatische Vertretung in Indonesien. Sie verfügt

11 | http://www.youtube.com/watch?v=-HhHmQPuWrg
[22.04.2010].
13

über knapp 130.000 Anhänger; Stand April 2010.12 Zwar


verweist der für den Onlineauftritt zuständige Mitarbeiter
zu Recht darauf, dass die Erfolge beim Aufbau der beacht-
lichen Fangemeinde allen voran auf die intensive Kommu-
nikation der US-Botschaft zurückzuführen sind. Kräftig
unterstützt wurden seine Bemühungen aber dadurch,
dass Facebook seine Mitgliederzahl in Indonesien von März
2009 bis März 2010 nach eigenen Angaben um fast 800
Prozent steigern konnte, in Asien nur noch übertroffen von
Thailand (918 Prozent), den Philippinen (1.027 Prozent)
und Taiwan (2.872 Prozent).

Das sagenhafte Wachstum der sozialen Netzwerke in


fast allen Ländern Asiens darf natürlich nicht darüber
hinwegtäuschen, dass vielerorts nur eine
Minderheit ans Internet angeschlossen ist; Für die Medienvertreter liefern die
in Indonesien beispielsweise nur etwa zehn sozialen Netzwerke vor allem „Leads‟,
Spuren oder Anhaltspunkte für The-
bis zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung. men und Ereignisse, über die zu
Zwar muss einschränkend gesagt werden, berichten es sich später unter Um-
ständen auch für die traditionellen
dass die Onlinenutzung am Arbeitsplatz, in
Publikationen und Programme lohnt.
der Universität und in den zahllosen Inter-
netcafés von den Statistiken nicht erfasst wird. Sie mit
einbezogen, dürfte etwa in Malaysia fast die Hälfte der
Bevölkerung regelmäßig durchs Netz surfen. Richtig ist
aber, dass die Masse der Menschen in den asiatischen
Entwicklungs- und Schwellenländern weiterhin von den
traditionellen Medien mit Informationen und Unterhaltung
versorgt wird. Darauf ruhen sich Presse und Rundfunk auch
in Asien jedoch längst nicht mehr aus. Die Statistiken über
die Verbreitung des Internets und die Nutzung sozialer
Netzwerke geben keinen Aufschluss darüber, wer genau
die Freunde, Fans und „Follower‟ der Persönlichkeiten aus
Politik, Wirtschaft und Showbusiness sind. Für den Einfluss
von Facebook, Twitter & Co. auf die Meinungsbildung in der
Bevölkerung ist das jedoch ganz entscheidend. Denn so wie
die Mitglieder der Netzwerke im virtuellen Freundeskreis,
mit ihren „Followern‟ und in der Fangemeinde zahllose
Kommentare abgeben, Empfehlungen aussprechen und
Hinweise verbreiten, erreichen sie natürlich auch Multipli-
katoren, darunter auch Journalisten, die das „Gezwitscher‟
im Netz für die redaktionelle Berichterstattung verwenden.

12 | Vgl. http://www.thomascrampton.com/indonesia/us-
embassy-indonesia-facebook-jakarta/#utm_source=rss&
utm_medium=rss&utm_campaign=us-embassy-indonesia-
facebook-jakarta [22.04.2010].
14

Das World Editors Forum bemerkt dazu in seinem Blogein-


trag über die Top-Trends der Zeitungsbranche für 2009:
„Der Gedanke, dass ein Journalist Twitter noch immer nicht
nutzt, ist beinahe unfassbar.‟13 Khairy Jamaluddin hat mit
seinem kürzlichen „Tweet Up‟ in Malaysia also nicht nur
die im Restaurant versammelten Anhänger angesprochen,
sondern ganz bewusst auch die Journalisten, die ihm und
seinem Parteibündnis per Twitter folgen.

WELTWEITE DATEN-GEWITTER: EPIDEMISCHE


VERBREITUNG NAHEZU IN ECHTZEIT

Für die Medienvertreter liefern die sozialen Netzwerke vor


allem „Leads‟, Spuren oder Anhaltspunkte für Themen
und Ereignisse, über die zu berichten es sich später unter
Umständen auch für die traditionellen Publikationen und
Programme lohnt. In der gedruckten Ausgabe der Straits
Times in Singapur bekam Carolyn Hong für einen Artikel
über die Umfrageergebnisse des BN-Youth Lab im April
immerhin eine halbe Zeitungsseite. In Malaysia selbst
dürften das „Tweet Up‟ und die dazu verbreiteten Twitter-
Meldungen von den Journalisten ebenfalls mit Aufmerk-
samkeit verfolgt worden sein.

Das zweite Phänomen, an dem sich die Bedeutung der


sozialen Netzwerke für die Meinungsbildung festmachen
lässt, ist die rasante Geschwindigkeit, mit der sich die
Kurzmitteilungen und „Postings‟ über die Verlinkung inner-
halb der Netzwerke, per Newsfeed oder SMS, verbreiten.
Wie ein Virus greifen die Informationen um sich. Gerade
Twitter tritt in vielen Redaktionen damit neben die tradi-
tionellen Nachrichtenagenturen. Nicht umsonst hat der
Microblogging-Dienst inzwischen auch eine Suchfunktion.
Google hat seinerseits angekündigt, in seinen Suchergeb-
nissen künftig auch die Einträge aus den sozialen Netz-
werken aufzulisten, und zwar als „real time updates‟, also
laufend aktualisiert.

Rund um die Uhr verfolgen die Onlinejournalisten am


PC und am Mobiltelefon, ob sich zu einem bestimmten
Ereignis die Kurzmitteilungen der Internetnutzer auffällig
häufen. Die Quantität der Hinweise von „Informanten‟,

13 | http://www.editorsweblog.org/analysis/2009/12/the_year_
in_newspapers_trends_to_follow.php [22.04.2010].
15

die der Redaktion ansonsten nicht bekannt sind, ersetzt


die Glaubwürdigkeit einer einzelnen Quelle oder spricht
jedenfalls dafür, der Sache nachzugehen. Seit Janis Krums
aus Sarasota, Florida, Anfang letzten Jahres in New York
als zufälliger Augenzeuge deutlich vor allen traditionellen
Medien per Twitter die kurze Meldung verbreitete: „Da
liegt ein Flugzeug im Hudson‟, und mit dem iPhone sogar
ein „Twitpic‟, ein Foto, an seine digitale Nachricht hängen
konnte, steht die Microblogging-Plattform als
Hinweisgeber bei Presse und Rundfunk unter In Asien gelten die Terroranschläge
ständiger Beobachtung. In Asien gelten die von Mumbai im November 2008 als
die „Sternstunde“ für den Kurznach-
Terroranschläge von Mumbai im November richtendienst. Als die ersten Schüsse
2008 als die „Sternstunde‟ für den Kurz- fielen, brach im Internet ein wahres
Twitter-Gewitter aus.
nachrichtendienst. Als die ersten Schüsse
fielen, brach im Internet ein wahres Twitter-
Gewitter aus. Die Lage war schon bald völlig unübersicht-
lich. Ein großer Teil der vermeintlichen Augenzeugenbe-
richte erwies sich als falsch. Trotzdem bemühten sich CNN,
BBC und andere internationale Medien nach Kräften, von
Bloggern und Twitterern vor Ort über das Geschehen in der
indischen Metropole informiert zu werden.

Sprunghafte Verbreitung erreichen die auf 140 Zeichen


beschränkten Meldungen aber längst nicht nur bei Unfällen
und Anschlägen. Am 16. Mai 2009 etwa fanden gleich
zwei Ereignisse aus Asien weltweite Aufmerksamkeit: Die
Regierung von Sri Lanka erklärte die Tamilen-Rebellen
nach 25 Jahren Bürgerkrieg für militärisch besiegt und in
Indien wurde das Ergebnis der Parlamentswahl bekannt-
gegeben. Die Tagesschau der ARD berichtete über die
Geschehnisse in Sri Lanka und das Wahlergebnis in Indien
erst im Anschluss an Beiträge über Demonstrationen
in Berlin und in Prag, den FDP-Bundesparteitag und die
Steuer­diskussion zwischen CDU und SPD. Beim Microblog-
ging war Indien an dem betreffenden Samstag hingegen
das Top-Thema. Weltweit wurde das Twitter-„hashtag‟ (im
Sinne von: Suchwort) „#indiavotes09‟ häufiger abgefragt
als jeder anderer Begriff. Das ist beachtlich, wenn man sich
vor Augen führt, dass Indien nach Angaben von Sysomos
noch im letzten Quartal des vergangenen Jahres weniger
Kurzmitteilungen in Umlauf gebracht hat als die Bürger der
16

Niederlande im gleichen Zeitraum.14 Aktuellen Statistiken


zufolge wird selbst auf der kleinen Insel Jersey im Ärmel-
kanal intensiver „gezwitschert‟ als in China, Südkorea
und vermutlich auch in Indien. Mithin müssen sich in der
Cyberworld für den Ausgang der Wahl also auch Nicht-Inder
brennend interessiert haben. Oder die vergleichsweise
wenigen Twitter-Nutzer auf dem Subkontinent verbrachten
den betreffenden Tag mit nichts anderem als dem Senden
und Empfangen von Kurznachrichten. Fest steht jedenfalls,
dass Twitter in Zeiten politischer Wahlen und Wahlkämpfe
besonders intensiv genutzt wird.

Im Juli letzten Jahres schlug die Kurve auch bei der Abstim-
mung in Indonesien deutlich nach oben aus. Besonders
lebhaft waren die per Kurzmitteilung geführten Diskus-
sionen jeweils nach politischen Debatten im Fernsehen
(hashtag: „#debatcapres‟) und, was kaum verwundern
dürfte, im Meinungsaustausch über die Präsidentschafts-
kandidaten (hashtag: „#pilpres‟). Auch dieser Trend dürfte
seine Dynamik absehbar beibehalten. Mitte April gab Twitter
die Zahl seiner registrierten Nutzer mit 105 Millionen an.
Täglich tragen sich 300.000 neue Nutzer ein. Kaum vier
Jahre nach der Gründung des US-amerikanischen Unter-
nehmens stammen bereits 60 Prozent der Nutzer aus dem
Ausland. Und pro Tag verzeichnet der Dienst rund 600
Millionen Suchanfragen.

Ende vergangenen Jahres waren Das dritte Merkmal zur Bewertung der sozi-
bereits 423 Millionen Asiaten mit dem alen Netzwerke als Instrument zur Mobilisie-
Mobiltelefon ans Internet angeschlos-
sen. Bis Ende 2015 werden es mehr rung und zur Meinungsbildung gerade unter
als 1,4 Milliarden sein; eine Steige- jüngeren Menschen hat mit Facebook, Twitter
rung um 233 Prozent. Allein auf China
& Co. erst einmal gar nichts zu tun. Und
kommen dann 800 Millionen mobile
Internetnutzer, 260 Millionen werden doch dürfte es sich dabei um den wichtigsten
in Indien und mehr als 100 Millionen Trend von allen handeln. Mary Meeker, bei
in Japan erwartet.
Morgan Stanley zuständig für die Beobach-
tung der weltweiten Entwicklungen im Technologiebereich,
präsentierte unter dem Stichwort „Konvergenz‟ auf einer
Google-Veranstaltung im April dafür die Formel „3G +
Social Networking + Video + VoIP + Impressive Mobile

14 | Vgl. http://blog.sysomos.com/2010/01/22/the-top-twitter-
countries-and-cities-part-2/?utm_source=feedburner&utm_
medium=feed&utm_campaign=Feed:+SysomosBlog+%28
Sysomos+Blog%29 [22.04.2010].
17

Devices‟15. Die von der US-Presse schon vor einem Jahr-


zehnt zur „Königin des Netzes‟ gekürte Analystin meint
damit das Zusammenwachsen von Internet und mobiler
Telefonie. Für Asien könnte diese Entwicklung in der Tat
eine technologische Revolution bedeuten. Ende vergan-
genen Jahres waren bereits 423 Millionen Asiaten mit dem
Mobiltelefon ans Internet angeschlossen. Bis Ende 2015
werden es mehr als 1,4 Milliarden sein; eine Steigerung um
233 Prozent. Allein auf China kommen dann 800 Millionen
mobile Internetnutzer, 260 Millionen werden in Indien und
mehr als 100 Millionen in Japan erwartet. Im Kaiserreich
beträgt die Penetration des Marktes mit internetfähigen
„3G‟-Mobiltelefonen schon jetzt 96 Prozent.
Die weniger entwickelten Märkte in Asien Was sind die größten Hindernisse auf
ziehen jedoch rasch nach: Auf den Philip- diesem Weg? Für Länder wie Thailand
ist es die Sprache. Das, was an den
pinen, in Indonesien und in Südkorea werden digitalen Stammtischen weltweit die
bis Ende 2015 insgesamt 120 Millionen Gemüter erhitzt, wird größtenteils in
Englisch kommuniziert.
Menschen regelmäßig mit ihrem „Smart-
phone‟ surfen. Von den aktiven Twitterern
verwenden schon jetzt 37 Prozent ihr Mobiltelefon für das
Senden und Empfangen von Kurzmitteilungen. Spätestens
2015 wird der stationäre PC seine Rolle als Standardgerät
für den Internetanschluss in Asien generell eingebüßt
haben. Die Mehrzahl der Nutzer klickt stattdessen mit
Blackberry, iPhone, Kindle & Co. durchs Internet, egal ob
daheim, im Büro oder in der U-Bahn. Zeitungen wie die
New York Times, die französische Le Monde und der briti-
sche Guardian, daneben auch Nachrichtenagenturen wie
die Associated Press (AP) vermarkten bereits nach Kräften
so genannte „Apps‟ (für „Applications‟), mit denen die
Medieninhalte der Traditionsunternehmen auf dem Smart-
phone zugänglich sind. Seit April kann, wer ein iPhone
besitzt, auch für das von der Konrad-Adenauer-Stiftung
unterstützte Asia News Network (ANN) ein „App‟ instal-
lieren.

Der Trend zur mobilen Onlinenutzung vollzieht sich schon


jetzt deutlich schneller als die Verbreitung des stationären
Internets Mitte der neunziger Jahre. Weltweit werde sich
der Datentransfer für das mobile Internet bis 2014 nahezu
vervierzigfachen, schätzt Meeker. Fast 70 Prozent der

15 | http://gigaom.com/2010/04/12/mary-meeker-mobile-
internet-will-soon-overtake-fixed-internet/ [22.04.2010].
18

globalen Tetabytes entfielen dann auf mobile Videoinhalte.16


Für die Kommunikation mit den Kunden und als Werbeme-
dium seien die handlichen Geräte deshalb schon bald die
wichtigste Plattform, meint die auf den Mobilfunkbereich
spezialisierte britische Agentur mobileSQUARED: „Marken
und Unternehmen müssen sich mobil eine starke Präsenz
sichern. Jetzt ist die Zeit für entsprechende Strategien.‟17
Genau das versucht inzwischen auch die Politik.

Was sind die größten Hindernisse auf diesem Weg? Für


Länder wie Thailand ist es die Sprache. Das, was an den
digitalen Stammtischen weltweit die Gemüter erhitzt,
wird größtenteils in Englisch kommuniziert. Ausreichende
Englischkenntnisse sind unter thailändischen Internet-
nutzern aber eher die Ausnahme. Umgekehrt erklärt die
Dominanz der Lingua Franca im Netz, warum das kleine
Singapur nach Angaben für das letzte Quartal 2009 in
Asien gleich hinter Indien und noch vor den Philippinen
weltweit den elften Platz unter den eifrigsten Twitterländern
belegt.18 Japan und China „zwitschern‟ zwar ebenfalls am
liebsten in ihrer jeweiligen Landessprache; beide Länder
haben analog zum US-amerikanischen Twitter-Service
aber längst eigene Microblogging-Plattformen und soziale
Netzwerke entwickelt. Japan dürfte in Asian vermutlich
auch das erste Land sein, in dem politische „Tweet Ups‟
im Ringen um die Gunst der jungen Wähler zum Alltag
gehören. Denn dort bewegen sich 75 Prozent aller Inter-
netnutzer schon jetzt ausschließlich mit ihrem Smartphone
durch die virtuellen sozialen Netzwerke.

Der Artikel wurde am 22. April 2010 abgeschlossen.

16 | Vgl. http://www.readwriteweb.com/start/2010/04/mary-
meekers-internet-trends-the-future-is-mobile.php
[22.04.2010]
17 | http://www.mobilesquared.co.uk/?p=2166 [22.04.2010].
18 | http://blog.sysomos.com/2010/01/22/the-top-twitter-
countries-and-cities-part-2/?utm_source=feedburner&utm_
medium=feed&utm_campaign=Feed:+SysomosBlog+%28
Sysomos+Blog%29 [22.04.2010].
19

POLITISCHE KOMMUNIKATION
IN SUBSAHARA-AFRIKA UND
DIE ROLLE DER NEUEN MEDIEN

Frank Windeck

Will man politische Kommunikation und neue Medien in


Subsahara-Afrika analysieren, dann steht man gleich
mehreren Schwierigkeiten gegenüber. Die schiere räum-
liche Größe der Region und die damit einhergehenden
politischen, religiösen, sprachlichen und kulturellen Unter-
schiede machen es nahezu unmöglich, generelle Urteile zu
fällen, denn aus den Unterschieden ergeben sich zwangs-
läufig politische Herangehensweisen und Verhaltens- Frank Windeck ist
muster, die von Land zu Land völlig unterschiedlich sein Leiter des Medien-
programms der
können und dies oft auch sind. Während im einen Land Konrad-Adenauer-
als Lösung im Falle einer politischen Krise ein professio- Stiftung für Sub-
nelles Kommunikationskonzept angestrebt wird, kann die sahara-Afrika mit
Sitz in Johannesburg.
Antwort im anderen Land die Mobilisierung der Armee sein.
Hinzu kommt, dass wissenschaftliche Untersuchungen zum
Thema eher die Ausnahme sind, während das statistische
Material oft veraltet und teilweise von zweifelhafter Über-
prüfbarkeit ist. Daher muss der Versuch eines Überblicks
einhergehen mit der Konzentration auf einige wenige
Länderbeispiele, ohne dabei in Anspruch zu nehmen, die
Situation in all ihren Facetten vollständig abzubilden.
Dennoch lassen sich Trends erkennen und ähnliche Verhal-
tensmuster im regionalen Kontext ausmachen.

POLITISCHE KOMMUNIKATION IN AFRIKA

In einem demokratischen Staat westlicher Prägung haben


die Medien die Rolle der vierten Gewalt im Staate. Sie kont-
rollieren die Mächtigen und berichten an die Bürger. Dies
erfordert eine gewisse institutionelle Unabhängigkeit vom
politischen System. In der Realität aber gibt es eine deut-
liche Abhängigkeit zwischen Mediensystem und politischem
20

System. Diese liegt im systemimmanenten Tauschgeschäft


beider Akteuren begründet, in dessen Verlauf Informa-
tion aus dem politischen System gegen Aufmerksamkeit
des Mediensystems getauscht wird und umgekehrt. Die
Medien sind auf die Lieferung von Informationen seitens
der Politik angewiesen, die Politik auf die Verbreitung ihrer
Nachricht an das Wahlvolk seitens der Medien.1 Politische
Kommunikation dient dabei nicht nur als Mittel der Politik,
sie ist quasi treibende Kraft im Entscheidungsfindungs-
prozess und damit „selbst auch Politik.‟2 Somit stellt sie
einen permanenten Prozess dar, der die Politik ständig
beeinflusst. Und dies nicht etwa nur in Wahlkampfzeiten,
sondern generell zu jeder Zeit und überall.

Geht man weiterhin davon aus, dass das politische System


eines Landes das ihm eigene Mediensystem beeinflusst,
so bedeutet dies für die unterschiedlichen afrikanischen
Politiksysteme auch unterschiedliche Mediensysteme mit
verschiedenen Ausprägungen von Meinungs- und Pres-
sefreiheit. Hinzu kommen die Abhängigkeiten oder Unab-
hängigkeiten von Regierungen und andere Faktoren, die
ein individuelles Mediensystem beeinflussen können. Mit
den solcherart variierenden Politik- und Mediensystemen
verändert sich auch die politische Kommunikation von
Land zu Land. Sowohl in ihrer Intensität und Ausprägung
wie auch in den von ihr verwendeten Mitteln. Dabei lassen
sich vor allem die Akteure als Konstante festmachen. Diese
unterscheiden sich zwar in der Wahl der Mittel und der
Intensität ihres Auftritts innerhalb des jeweiligen Systems,
ihre grundsätzliche Beteiligung aber ist flächendeckend
gegeben.

DIE AKTEURE DER KOMMUNIKATION HABEN SICH


VERÄNDERT

Als klassische Sender der politischen Kommunikation


stehen in einem mit einem Kommunikationsdreieck
vergleichbaren System die Parteien in einer Ecke (ange-
führt von der oder den Regierungsparteien). In der
afrikanischen Realität sind diese nach Jahrzehnten der
Regierungsverantwortung vielfach identisch mit Staat

1 | Zu den diversen Modellen der politischen Kommunikation vgl.


Otfried Jarren und Patrick Donges, Politische Kommunikation
in der Mediengesellschaft, 2. Aufl., 2006.
2 | Ebenda, S. 22.
21

und Verwaltung, was sich auf die Kontrolle staatlicher


Sender auswirkt. Einen zweiten Eckpunkt des Kommuni-
kationsdreiecks bilden die Medien. Sie fungieren als Mittler
zwischen den Parteien und ihrer Nachricht auf der einen
sowie den Bürgern als Empfänger auf der anderen Seite.
Neben dieser Mittlerfunktion kommunizieren sie auch
selbst. Entweder durch aktive Kommunikation, beispiels-
weise durch politische Kommentare oder Leitartikel oder
durch gezielte Fragestellungen bei Interviews
mit Parteien- und Regierungsvertretern, mit In einem demokratischen Staat west-
deren Hilfe sie die Kommunikation qualitativ licher Prägung haben die Medien die
Rolle der vierten Gewalt im Staate.
steuern. Die Bürger selbst vervollständigen Sie kontrollieren die Mächtigen und
das Dreieck der politischen Kommunikation berichten an die Bürger.
zunächst lediglich als passive Empfänger.
Ihre Kommunikation verläuft lediglich auf der Mikroebene,
wenn sie sich über Politik unterhalten und ihr Gegenüber
von bestimmten Auffassungen in der Diskussion über-
zeugen wollen. Durch unterschiedlich stark organisierte
Interessengruppen der Zivilgesellschaft hat sich diese
passive Rezipientensituation in den vergangenen Jahr-
zehnten geändert und die organisierte Bürgerbeteiligung
verstärkt. Mit der Einführung des Internets (im speziellen
des Web 2.0) und der Mobiltelefone in Afrika Anfang des
neuen Jahrtausends hat sich dieses Kommunikationsge-
füge deutlich verändert. Die ursprünglichen Strukturen
haben sich vom „Top-Down-Ansatz‟ hin zu einem poly-
zentrischen Kommunikationssystem entwickelt. Festzu-
halten bleibt somit, dass die politische Kommunikation der
Bevölkerung heute mehr ist als der bloße Willensausdruck
mithilfe von Umfrageergebnissen. Die Bürger haben sich
durch die neuen Techniken zu gleichberechtigten Partnern
in der Kommunikationsstruktur entwickelt.

TECHNISCHE ENTWICKLUNGEN HABEN DIE


VERÄNDERUNGEN EINGELÄUTET

Die Hoffnungen, die mit dem Aufkommen des Internets


verknüpft waren, traten jedoch nicht ein. Mutmaßungen,
Afrikas politische Systeme würden sich aufgrund einer
verstärkten Nutzung das Internets verändern und mehr
Teilhabe am demokratischen Prozess und der Demo-
kratie ermöglichen, waren verfrüht. Hohe Internetkosten
verknüpft mit langsamen Verbindungen und geringen
Computerkenntnissen ermöglichten nur einer kleinen
22

Elite das Surfen im Web und ließen das Internet zu


einem Luxusgut verkommen, dessen Potenzial erst jetzt,
knapp 15 Jahre später, langsam zur Entfaltung kommt.
Lähmende Regulierungsvorschriften der einzelnen Länder
werden schrittweise abgebaut, neue interkontinentale
Hochleistungsverbindungen für die ganze Region gehen an
den Start. Dadurch werden schon jetzt die Verbindungen
in vielen Ländern Subsahara-Afrikas schneller. Die Preise
sinken parallel dazu. In den kommenden Jahren sind in
diesen Bereichen weitere Fortschritte zu erwarten. Damit
können neue Nutzergruppen und deutlich verbesserte
Anwendungen erschlossen werden. Derartige Startschwie-
rigkeiten hatte das Mobiltelefon in Afrika nicht.

Damit eine Innovation von den Menschen adaptiert wird,


müssen verschiedene Faktoren zutreffen. Dazu zählen
ein hoher angenommener Vorteil durch die Nutzung des
neuen Produkts, eine geringe Komplexität des Produkts
sowie eine hohe Kompatibilität.3 Diese Eigen-
Die Bürger haben sich durch die neuen schaften brachte das Mobiltelefon gegenüber
Techniken zu gleichberechtigten Part- dem Internet mit. Fehlende Festnetzlei-
nern in der Kommunikationsstruktur
entwickelt. tungen machten das Handy auf dem Land
oft zum einzig verfügbaren Distanzkommu-
nikationsmittel. Die Bedienung war denkbar einfach und
die vergleichsweise günstigen Geräte mussten lediglich
an eine Stromquelle, wie zum Beispiel eine Autobatterie,
angeschlossen werden. Gegenüber dem Internetanschluss
brachte das den Mobiltelefonen in Afrika riesige Vorteile
und macht den ungeheuren Erfolg erklärbar. Zusätzliche
Anreize für die Adaption von Mobiltelefonen boten die
Faktoren Beobachtbarkeit und Erprobbarkeit. Die ersten
Mobiltelefone wurden von den Besitzern für den Betrieb
öffentlicher Fernsprechbuden benutzt. Vielen Menschen
in Afrika wurden so die Telefone zum ersten Mal vorge-
führt, beziehungsweise sie konnten sie selbst zum ersten
Mal ausprobieren. Nun ist einzuwenden, dass dies auch
bei Internetcafes der Fall ist. Dabei darf hier nicht außer
Acht gelassen werden, dass es für Menschen in Subsahara-
Afrika deutlich einfacher war und ist, ein Mobiltelefon zu
erwerben als einen schnellen Zugang zum Internet einzu-
richten. Die Zahl der Mobiltelefone übertrifft in vielen
Ländern der Region bereits die der Festnetzanschlüsse.

3 | Zur Diffusionstheorie vgl. Everett Rogers, Diffusions of


innovations (New York: 2003).
23

Die dritte Phase der Entwicklung neuer Medien in der


Region mit der Einführung des Web 2.0 führt zur teilweisen
Vereinigung dieser ersten beiden Wellen. Dienste wie
Facebook, Twitter sowie eine aktive Bloggerszene haben
das Internet interaktiv werden lassen und ermöglichen
heute eine Form demokratischer Bürgerbeteiligung, wie
sie bereits vor der Jahrtausendwende erhofft wurde. Die
andere Seite dieser neuen Entwicklung ist die Verschmel-
zung zwischen Webinhalten und Mobilfunkfunktionen zu
den Hybridsystemen. So werden mittlerweile neben den
klassischen Mobilfunkdiensten wie Anruf, SMS, Foto und
Video auch neue Funktionen angeboten. Anbieter wie das
südafrikanische MXit ermöglichen SMS-Dienste über das
internetfähige Handy zu einem Bruchteil des normalen
Preises und bieten gleichzeitig Web-Applikationen wie zum
Beispiel Chat-Foren sowohl für den PC als auch für das
Handy an.4 Damit werden Inhalte und Funktionen einer
Nutzergruppe zugänglich, die nicht mehr als elitär zu
bezeichnen ist und insofern für die demokratische Entwick-
lung sowie die politische Kommunikation in den Ländern
Subsahara-Afrikas immer wichtiger wird.5

Der große Vorteil der aktuellen Entwicklung liegt vor allem


in der Interaktivität der Angebote. Die neuen Medien
ermöglichen einen (zumindest theoretisch) direkten
Austausch zwischen allen Teilnehmern im Dreieck politi-
scher Kommunikation. Dies kann im Rahmen von Diskus-
sionsplattformen klassischer Medien oder durch soziale
Medien wie Facebook geschehen. Die erhoffte Kommu-
nikation mit den Herrschenden ist nun technisch zwar
möglich, in vielen Ländern Subsahara-Afrikas trotzdem
aber ausgeblieben. Wie weit die Region noch von einem
befriedigenden Grad an Demokratisierung der politischen
Kommunikation entfernt ist, zeigen die umstrittenen keni-
anischen Präsidentschaftswahlen vom Dezember 2007.

4 | Vgl. dazu die Homepage des Anbieters:


http://www.mxitlifestyle.com/ [05.04.2010].
5 | In Südafrika hatten im Jahr 2008 etwa 3,5 Millionen Inter-
netnutzer einen eigenen Anschluss, während knapp 45 Mio.
Südafrikaner (90 Prozent der Gesamtbevölkerung) ein
eigenes Mobiltelefon besaßen. In Kenia verfügten zum
gleichen Zeitpunkt nur 407.000 Menschen über einen
eigenen Internetanschluss. Knapp 3,5 Millionen Kenianer
nutzten Internetcafes und ähnliche Einrichtungen für einen
Zugang. Demgegenüber hatten über 16 Millionen Kenianer
ein eigenes Mobiltelefon. Quelle: http://www.itu.int/ITU-D/
ICTEYE/Indicators/Indicators.aspx# [05.04.2010].
24

FALLBEISPIEL 1: KENIAS WAHL IM DEZEMBER 2007

DIE PARTEIEN

Die Nutzung neuer Medien als Mittel zur politischen Kommu-


nikation war bei den kenianischen Präsidentschaftswahlen
vom Dezember 2007 keine Neuheit für das ostafrikanische
Land. Bereits vor den Wahlen 2002 gingen die großen
Parteien sowie einzelne Politiker online. Der offensichtliche
Vorteil der direkten Kommunikation mit dem Wähler wurde
gerne angenommen, denn die kenianischen Medien waren
und sind zu weiten Teilen parteiisch und entlang ethnischer
oder politischer Grenzen aufgestellt. Viele Medien, vor
allem Radiostationen, die in lokalen Sprachen senden, sind
sogar im Besitz einzelner Politiker. Der Trend zu den neuen
Medien setzte sich 2007 fort. Wieder nutzten alle Parteien
die Chance zur Selbstdarstellung. Wer hier tiefere Erkennt-
nisse erwartete, eine interaktive Auseinandersetzung über
die Programmatik erhoffte oder gar den parteipolitischen
Einsatz für Demokratie und Entwicklung im Lande suchte,
wurde aber enttäuscht. Die Parteien in Kenia, ohnehin
strukturschwach und daher im besonderen Maße von den
jeweils führenden Persönlichkeiten abhängig, betrieben auf
ihren Partei- und Kandidatenseiten einen ungehemmten
Personenkult und setzten damit online ihr gegenwärtiges
politisches Handeln fort. Besuchte man die offiziellen
Webseiten der acht Spitzenkandidaten, wurde schnell klar,
wie sich die Parteien in Kenia politische Kommunikation im
Internet vorstellten. Zwar versuchte man, mit Onlinean-
geboten eine junge Wählerschicht zu erreichen, wirklich
kommunizieren wollten Parteien und Kandidaten jedoch
nicht. Keine einzige dieser Seiten bot interaktive Funkti-
onen. Nur die Hälfte verfügte über die Möglichkeit, Mails
zu versenden; nur zwei Seiten legen ihre E-Mail Adressen
offen aus. Fünf der Angebote verfügten über eine Kontakt-
telefonnummer. Offenbar glaubten die Verantwortlichen
selbst nicht an den Nutzen der Onlinekommunikation.6
Diese Nutzung des Internets als Parteiwahlmaschine ist

6 | Zur Nutzung der neuen Medien seitens der kenianischen


Parteien vgl.: George Nyabuga und Okoth Fred Mudhai,
„Misclick on Democrary: New Media Use by Key Political
Parties in Kenya’s Disputed December 2007 Presidential
Election‟, in: Okoth Fred Mudhai, u.a. (Hrsg.), African Media
and the Digital Public Sphere (New York: 2009), S. 41 - 57.
25

allerdings kein rein kenianisches Phänomen, es findet sich


in den meisten anderen Ländern der Region in ähnlicher
Weise wieder.

Ein weiteres Merkmal dieser Parteiseiten ist Der große Vorteil der aktuellen Ent-
das eingebaute Verfallsdatum. Keine der acht wicklung liegt vor allem in der Inter-
aktivität der Angebote. Die neuen
kenianischen Kandidatenseiten wurde länger Medien ermöglichen einen (zumindest
als bis kurz nach dem eigentlichen Wahltag theoretisch) direkten Austausch zwi-
schen allen Teilnehmern im Dreieck
gepflegt und aktualisiert. Bis auf eine einzige
politischer Kommunikation.
Seite sind diese Angebote heute alle aus dem
Netz verschwunden. Kurzfristiges politisches
Kalkül wird in vielen Ländern Subsahara-Afrikas einem
langfristigen Stamm­wähleraufbau vorgezogen. Dies ist
auch im digitalen Wahlkampf als Spiegelbild zur analogen
Parteienrealität zu beobachten. Kurz vor Wahlen werden
die Parteien sehr aktiv und beginnen mit kampagnenty-
pischen Aktionen. Nach den Wahlen verfallen die Parteien
sehr schnell wieder in ihre autokratischen Muster zurück,
die sie bereits vor den Wahlen prägten. Kenias Wahlen von
2002 und 2007 sind hierfür beispielhaft.

DIE KLASSISCHEN MEDIEN

Wenn von klassischen Medien in Kenia die Rede ist, dann


ist damit eine vielfältige und verzweigte Medienlandschaft
gemeint. Neben dem staatlichen Rundfunk gibt es eine
ganze Reihe privater Medienhäuser, die in den Bereichen
Print, Hörfunk und Fernsehen engagiert sind, daneben
Onlineausgaben dieser Medien betreiben und sogar inter-
national erfolgreich arbeiten; ein Beispiel ist die Nation
Media Group. Unglücklicherweise konnten die kenianischen
Medien diese äußerst positiven Grundvoraussetzungen
nicht nutzen, um ihre Unabhängigkeit auszubauen. Im
Gegenteil: In den letzten Jahren haben sich die Medien des
Landes immer mehr bestimmten politischen- oder ethni-
schen Lagern zugewandt. Inzwischen sind die einzelnen
Medienhäuser entweder bestimmten Parteien zuzuordnen
oder im Besitz einzelner Politiker. Dies führt zur Selbst-
zensur, parteiischer Berichterstattung und in letzter Konse-
quenz sogar zum weitverbreiteten Glaubwürdigkeitsverlust
bei den Bürgern, wie im Falle der staatlichen KBC (Kenyan
Broadcasting Corporation), die als Sprachrohr der Regie-
rung gilt. Die großen Medienhäuser erstellen ihre Produkte
in den beiden Landessprachen Englisch oder Swahili.
26

Daneben gibt es die bereits erwähnten Radiostationen,


die in einem der etwa 100 lokalen Dialekte senden, sowie
lokale Medien auf kommunaler Ebene. Trotz der beschrie-
benen Probleme haben die Medien im Auftakt zur Wahl den
Umständen entsprechend ausgewogen berichtet und sich
darum bemüht, die Bürger umfassend zu informieren.

DIE NEUEN MEDIEN ALS STIMME DER BÜRGER

Es gibt, wie oben bereits beschrieben, erhebliche Hürden


für die Nutzung des Internets in Afrika. Neben der Technik
muss der Nutzer über die nötigen Finanzmittel verfügen
und sich einen Internetanschluss leisten können. In Kenia
konnten dies im Juni 2009 immerhin 3,3 Millionen Nutzer,
was etwa 8,6 Prozent der Bevölkerung entspricht. Damit
rangiert Kenia auf Platz sieben der Internet-
Diese Nutzung des Internets als Partei- nutzung in Afrika.7 Überraschend ist dabei
wahlmaschine ist allerdings kein rein aber vor allem die große Zahl der Blogger.
kenianisches Phänomen, es findet sich
in den meisten anderen Ländern der Diese stammen offenbar aus der großen
Region in ähnlicher Weise wieder. und weiter wachsenden kenianischen Mittel-
klasse, die sich einerseits die teure Technik
mitsamt Internetanschluss leisten kann und andererseits
über eine überdurchschnittliche Ausbildung verfügt. Die
verschiedenen Blogs sind teilweise sehr detailliert und
zeigen, dass die neuen Techniken mehr Demokratie,
Transparenz und Bürgerbeteiligung möglich machen. Ein
Beispiel dafür ist der Blog „Mzalendo‟, dessen Ziel in der
stärkeren Kontrolle des Parlaments liegt. Auslöser war eine
Diätenerhöhung für Parlamentsmitglieder im Jahr 2003.
Zwei Bürger wollten die Hintergründe zu dieser Erhöhung
und mehr über die Arbeitsweise kenianischer Parlamenta-
rier erfahren. Sie begannen mit dem Projekt im Jahr 2006.
Seitdem wächst das Angebot der Seite kontinuierlich und
umfasst inzwischen auch die Bereiche parlamentarischer
Ausschussarbeit und parlamentarischer Gesetzesinitiati-
ven.8

Noch einen weit größeren Effekt haben die Mobiltelefone


im kenianischen Markt. Mit 11,7 Millionen Nutzern hatten
im Jahr 2008 über 30 Prozent der Bevölkerung ein Handy;9

7 | Vgl. http://www.internetworldstats.com/stats1.htm#africa
[10.03.2010].
8 | Vgl. http://www.mzalendo.com/about/ [10.03.2010].
9 | Vgl. http://www.freedomhouse.org/template.cfm?
page=384&key=209&parent=19&report=79 [10.03.2010].
27

Tendenz stark steigend. SMS-Kampagnen sind daher an


der Tagesordnung und werden von allen Akteuren der
politischen Kommunikation intensiv genutzt, vor allem in
Wahlkampfzeiten. Doch diese zunächst erfreuliche Nach-
richt hat auch ihre Schattenseiten, wie die Nutzung der
neuen Medien im kenianischen Wahlkampf und nach der
Bekanntgabe der Ergebnisse zeigte.

DAS WAHLERGEBNIS UND DIE REAKTIONEN DER


AKTEURE POLITISCHER KOMMUNIKATION

Als die Wahlkommission am 30. Dezember 2007, drei Tage


nach dem Urnengang, das offizielle Ergebnis vorlegte,
brachen im ganzen Land Unruhen aus, die über 1.000
Menschen das Leben kosteten und fast 700.000 Vertrie-
bene zur Folge hatten. Die äußerst komplexe
Situation war geprägt von extrem schnellen Es gibt erhebliche Hürden für die
Entwicklungen und der Überforderung Nutzung des Internets in Afrika. Neben
der Technik muss der Nutzer über die
eines Großteils der Akteure. Die Regierung nötigen Finanzmittel verfügen und
reagierte noch am gleichen Tag mit dem sich einen Internetanschluss leisten
können.
Verbot jeglicher Live-Berichterstattung in
Radio und Fernsehen. Dies wurde bis zum
Abend von den meisten Stationen umgesetzt. Das Land fiel
unter eine Art medialen Blackout. Die großen Medienhäuser
folgten nicht nur diesem Verbot, sie gingen sogar noch
einen Schritt weiter. Aus Angst vor einem zweiten Ruanda
beschränkten sich die großen Medienhäuser zu weiten
Teilen auf wiederholte Aufrufe zu Frieden und Gewaltlosig-
keit, teilweise sogar in konzertierten Aktionen. In den medi-
alen Führungsebenen ging das Gespenst des ruandischen
Senders Radiotélévision libre des milles collines (RTLM)
um. Dessen Programme hatten im Jahr 1994 systematisch
zum Mord an den politischen und ethnischen Gegnern im
Lande aufgerufen und damit den Völkermord an den Tutsi
angeheizt. Für ihre wiederholt verbreiteten Aufforderungen
zur nationalen Einheit wurden die Journalisten zwar einer-
seits gelobt, andererseits vernachlässigten die Medien ihre
Aufgabe als vierte Gewalt. Aufklärende Berichterstattung
über die Unruhen wurden kaum gesendet. Die Urheber
der Gewalt blieben im Dunkeln. Für diesen Absturz in die
28

Selbstzensur wurden die kenianischen Journalisten im


Anschluss d
­ eutlich kritisiert.10

Ein anderes Bild vermittelten die kleinen, in lokalen Spra-


chen berichtenden Radiosender. Einige dieser Sender
gerieten unter den Verdacht, den Hass zwischen den
Ethnien anzuschüren. Die beliebten Talkshows gaben den
Bürgern die Möglichkeit, live ihre Meinung zu sagen. Viele
Anrufer nutzten dies, um über die ungeliebten Nachbarn
anderer Stämme herzuziehen oder die
Noch einen weit größeren Effekt Zuhörer aktiv zu Gewalttaten aufzufordern.
haben die Mobiltelefone im kenia- Die zuständigen Manager versicherten
nischen Markt. Mit 11,7 Millionen
Nutzern hatten im Jahr 2008 über 30 später zwar, sie hätten dies schnell abge-
Prozent der Bevölkerung ein Handy; stellt, die betreffenden Moderatoren zur
Tendenz stark steigend.
Ordnung gerufen oder ganze Programme
vom Sender genommen, die Realität sah in einigen Fällen
jedoch anders aus. In dieser Situation der eskalierenden
physischen und verbalen Gewalt, mit einem Parteienspek-
trum, das sich entlang der ethnischen Grenzen formierte
und die Frage nach dem Wahlsieger thematisierte, und
einem Mediensystem, das zwischen Verbot und Selbst-
zensur festsaß, entwickelten neue Medien eine bisher
ungekannte Strahlkraft. Zu diesem Zeitpunkt verfügten
nur etwa fünf Prozent der Kenianer über einen eigenen
Internetzugang. Die Nutzung des Internets schoss jedoch
massiv in die Höhe, als das Live-Verbot der Regierung
ausgesprochen wurde. Darin spiegelt sich das enorme
Bedürfnis der Bevölkerung nach aktuellen und unabhän-
gigen Information. Kenias Bloggerszene übernahm in
kürzester Zeit die Rolle des Berichterstatters und tat dies
mit teilweise ungewöhnlichen Methoden. So benutzten die
Blogger Informationen, die ihnen von Bürgern aus dem
ganzen Land via SMS zugeschickt wurden, und reicherten
damit die Inhalte ihrer Seiten an. Alleine die Seite Usha-
hidi (Swahili für „Zeugnis‟), als Reaktion auf die fehlende
mediale Berichterstattung am 9. Januar 2008 eingerichtet,
brachte es in wenigen Tagen auf knapp 45.000 Nutzer. Hier
wurden die Gewaltausbrüche, aber auch Versuche, Gewalt
einzudämmen, per Internet und Mobiltelefon gemeldet.
Die Macher der Seite setzten die gesammelten Informati-

10 | Vgl. dazu den Länderbericht von Reporter ohne Grenzen:


How far to go? Kenya’s media caught in the turmoil of a
failed election, http://www.rog.at/berichte/landerberichte.
html [12.03.2010].
29

onen in eine interaktive Karte um.11 Mithilfe von Ushahidi


wurden so nicht nur die Einzelfälle zentral dokumentiert,
der Gewalt wurde auch ein Gesicht gegeben, denn die
ansonsten rein zahlenmäßige Berichterstattung wurde nun
mit Fotos, Videos und Texten angereichert. Damit wurde
es einfacher, der internationalen Gemeinschaft zu verdeut-
lichen, was wirklich im Land geschah. Das Projekt war so
erfolgreich, dass das Konzept sowie die von den Machern
selbst entwickelte Open Source Software seitdem mehr-
fach weltweit zum Einsatz kam; unter anderem im Verlauf
ausländerfeindlicher Attacken in Südafrika im Jahr 2008
sowie nach der Erdbebenkatastrophe auf Haiti im Januar
2010.

Die neuen Medien in Kenia wurden jedoch ebenfalls


genutzt, um zur Gewalt gegen andere ethnische Gruppen
aufzurufen. Dieser Trend startete bereits einige Zeit vor
dem Wahltermin. Die Kenya National Commission for
Human Rights veröffentliche bereits im Dezember 2007
einen Bericht, in dem die Kommission ihre Besorgnis
darüber zum Ausdruck brachte. Während der heißen Phase
des Wahlkampfes erhöhte sich die Zahl der
Massen-SMS mit politischen Inhalten, bis sie Die neuen Medien in Kenia wurden
zum Zeitpunkt der Gewaltausbrüche nahezu jedoch ebenfalls genutzt, um zur
Gewalt gegen andere ethnische Grup-
im Minutentakt auf den Telefonen der Keni- pen aufzurufen. Dieser Trend startete
aner eingingen. Hierbei wurden die Texte bereits einige Zeit vor dem Wahl-
termin.
immer aggressiver und gewalttätiger.12 In
dieser Situation wollte die Regierung auch
den SMS-Dienst des Marktführers Safaricom abschalten
lassen. Safaricom konnte die Regierung jedoch umstimmen
und verschickte stattdessen Aufrufe zur Gewaltlosigkeit
an seine neun Millionen Kunden. Auch die Bloggsphäre
wurde von Propaganda und Hassreden nicht verschont.
So musste die populäre Seite Mashada.com ihr Forum
abschalten, weil die Macher von der Fülle an ethnisch
fragwürdigen Kommentaren schlicht überfordert waren.13
Das kenianische Beispiel zeigt deutlich, dass Bürgerjour-
nalismus und neue Medien ein wichtiges Tool sein können,
um Demokratie und Transparenz in Entwicklungsländern zu
unterstützen. Besonders dann, wenn die Medien zwischen

11 | Vgl.: http://www.ushahidi.com/ [12.03.2010].


12 | Vgl. BBC World Service Trust, „The Kenyan 2007 elections
and their aftermath: the role of the media and
communication‟ (April 2008).
13 | Vgl. Ebenda, S. 11.
30

fehlender Pressefreiheit einerseits und vorauseilender


Selbstzensur andererseits zerrieben werden und die Partei-
politik in Grabenkämpfen gebunden ist. Gleichzeitig führt
das Beispiel der Präsidentschaftswahlen 2007 aber auch
die Grenzen des Bürgerjournalismus und der neuen Medien
vor Augen. Unkontrollierte Verbreitung von Meinungen
in Diskussionsforen sowie politische Propaganda mittels
Massen-SMS eröffnen jenen Kräften neue Möglichkeiten,
die nicht der Demokratie, sondern nur ihren eigenen Inte-
ressen verpflichtet sind. Das inhaltliche Filtern von SMS ist
ein Drahtseilakt, der sich auch negativ auf eine Gesellschaft
auswirken kann, da Fragen der Meinungsfreiheit ebenso
betroffen sein können wie andere grundlegende Gesetze.
Dennoch müssen solche Maßnahmen sorgfältig überprüft
und eventuell eingesetzt werden, um die Radikalisierung
einer Gesellschaft und eine damit verbundene Eskalation
zu vermeiden. Dies kann natürlich nur auf der Grundlage
einer sorgfältigen gesetzlichen Überprüfung geschehen,
die Fragen wie zum Beispiel die damit einhergehende
Beschneidung der Meinungsfreiheit berücksichtigt.

FALLBEISPIEL 2: DIE SIMBABWISCHEN WAHLEN


VON 2008

Gibt es für die kenianischen Medien bereits gewisse


Einschränkungen, so zeigt sich die Situation für Journa-
listen in Simbabwe weit schwieriger.14 Seit dem für die
regierende ZANU-PF verloren gegangenen Verfassungsre-
ferendum vom Februar 2000, der ersten Wahlniederlage
für Robert Mugabe überhaupt, hat die Regierung alles
getan, um derartige Ereignisse in Zukunft zu verhindern.
Zahlreiche Menschen- und Bürgerrechte wurden in den
folgenden Jahren durch neue Gesetze eingeschränkt,
darunter auch die Presse- und Meinungsfreiheit sowie das
Recht der Bürger auf ungehinderten Zugang zu Informa-
tionen.

KLASSISCHE MASSENMEDIEN

Die Folgen für die simbabwische Medienlandschaft sowie


die politische Kommunikation waren und sind erheblich.

14 | Im Jahr 2008 stand Kenia auf Platz 97 der Rangliste der


Pressefreiheit, während Simbabwe auf Platz 151 lag – bei
insgesamt nur 173 Plätzen weltweit. Vgl.:
http://www.reporter-ohne-grenzen.de [02.04.2010].
31

Eine ganze Reihe restriktiver Mediengesetze, die Verfol-


gung von Journalisten, die Schließung mehrerer kritischer
Zeitungen sowie der Umbau der Zimbabwe Broadcasting
Holding (ZBH) in einen klassischen Staatssender mit abso-
luter nationaler Monopolstellung, sowohl im Radio- wie
auch im TV-Bereich, führten nicht nur in eine sehr einsei-
tige Medienlandschaft, sondern auch zu einer einseitigen
Kommunikationsstruktur. Das zu Anfang beschriebene
Kommunikationsdreieck besteht zwar auch
in Simbabwe weiter, allerdings unter stark Ähnlich wie in Kenia, so nutzten auch
veränderten Bedingungen. Zwar gibt es im die Parteien in Simbabwe die neuen
Medien, um mit ihren Wählern zu kom-
Land noch zwei unabhängige Zeitungen, munizieren. Internetseiten, Blogs,
deren Spielraum ist jedoch sehr eingeengt. Soziale Netzwerke und Mobiltelefone
kamen während des Wahlkampfes auf
Die normalerweise von freien Medien einge-
beiden Seiten zum Einsatz.
nommene Kommunikation ist daher extrem
schwach ausgeprägt. Stattdessen sind die klassischen
Massenmedien fest in Regierungshand und verschieben
das Kommunikationsgefüge zugunsten einer Verlautba-
rungskommunikation. In Zahlen ausgedrückt bedeutet
dies, dass zum Beispiel Zimbabwe TV (ZTV), Simbabwes
einzige Fernsehstation, 80 Prozent seiner Wahlkampfbei-
träge vor dem Urnengang im März 2008 den Aktivitäten
der Regierungspartei widmete, während die beiden Radio-
stationen der ZBH sogar zu 84 Prozent ihrer Berichter-
stattung auf die Regierungspartei konzentrierte.15 Dieses
Vorgehen ist für Simbabwe nichts ungewöhnliches, war
jedoch besonders während der zurückliegenden Wahl-
kampfzeiten auffällig. Im Vorlauf zur Stichwahl vom 27.
Juni 2008 wurden alle Berichte über die Opposition aus
den staatlichen Medien verbannt. Die staatlichen Medien
unterminierten nicht nur diese journalistischen Standards,
sondern verbreiteten auch Unwahrheiten und Hasstiraden
gegen den politischen Gegner. Dabei wurden bewusst
Gesetzesübertretungen in Kauf genommen, ohne jemals
zur Verantwortung gezogen zu werden. Es verwundert
in diesem Zusammenhang wenig, dass die politische
Kommunikation der klassischen simbabwischen Medien
entlang der politischen Lager verläuft. Die Journalisten
beider Seiten stehen sich unversöhnlich, ja geradezu
feindlich gegenüber, was sich auch in einer ungewöhnlich
aggressiven Sprache äußert. Unabhängiger Journalismus

15 | Vgl. hierzu das umfangreiche Analysematerial in: Media


Monitoring Project Zimbabwe: The Propaganda War on
Electoral Democracy, A Report on the Media’s Coverage
of Zimbabwe’s 2008 Elections (Harare: 2009).
32

ist nur selten möglich, politische Kritik nicht vorgesehen.


Dementsprechend haben die unabhängigen Medien kaum
Einfluss auf die politische Kommunikation. Aber auch die
Staatsmedien haben aufgrund ihrer offensichtlichen Partei-
lichkeit in der Bevölkerung viel Vertrauen eingebüßt. Die
unabhängige Berichterstattung erfolgt derweil über andere
Kanäle, wie durch das aus dem Ausland auf Kurzwelle
sendende South West Radio16.

DIE PARTEIEN

Ähnlich wie in Kenia, so nutzten auch die Parteien in


Simbabwe die neuen Medien, um mit ihren Wählern zu
kommunizieren. Internetseiten, Blogs, Soziale Netzwerke
und Mobiltelefone kamen während des Wahlkampfes auf
beiden Seiten zum Einsatz.

Die regierende ZANU-PF stützte sich dabei vor allem auf die
Seite Newsnet, die als Teil der ZBH die Informationspolitik
der Regierung im Internet fortsetzte. Newsnet behandelt
den Bürger dabei als passive Zielgruppe. Interaktivität und
Dialog sind nur Nebensache. Patriotischen
Die Opposition, allen voran das Move- Propagandageschichten während des Befrei-
ment for Democratic Change (MDC), ungskampfes kommt eine Hauptrolle zu.
nutzte die neuen Medien um die Par-
teilichkeit der staatlichen Medien zu Hiermit soll gezeigt werden, wer die Gefolg-
umgehen. schaft des Volkes verdient. Die Opposition
wird hierbei als konterrevolutionär und Feind
des Staates bezeichnet. Die Regierung operiert beständig
mit diesen Begriffen, versucht aber besonders in Wahl-
kampfzeiten, die Trennung zwischen „uns‟ (den Guten – der
Regierungspartei) und „ihnen‟ (den Bösen – allen Kritikern
der Regierung), zu instrumentalisieren. Diese ideologische
Aufteilung dient anschließend als Argumentationshilfe, um
gegen Kritiker vorgehen zu können. Die Opposition, allen
voran das Movement for Democratic Change (MDC), nutzte
die neuen Medien um die Parteilichkeit der staatlichen
Medien zu umgehen. Bereits in den Wahlgängen 2000 und
2002 nutzte das MDC die Möglichkeiten des Internets und
der E-Mail, um mit den Wählern zu kommunizieren. Dass
diese Form der Kommunikation für die Partei lebenswichtig
ist, lässt sich an der offiziellen Parteiseite sowie der Home-
page ihres Präsidenten Morgan Tsvangirai ablesen. Beide
Seiten sind professionell gestaltet und werden permanent

16 | Vgl. http://www.swradioafrica.com/index.php [02.04.2010].


33

betreut, was im Parteienkontext Subsahara Afrikas eine


Seltenheit darstellt. Am Wahltag selbst ging die Opposition
neue Wege bei der Nutzung digitaler Medien, was sich als
entscheidender Faktor bei der Bewertung des Wahlaus-
gangs auszahlen sollte.

DIE NUTZUNG NEUER MEDIEN AUS DEM IN-


UND AUSLAND

Bereits 1994 wurden die ersten technischen Anlagen zur


Nutzung eines E-Mail-Dienstes in Simbabwe etabliert, das
Internet folgte drei Jahre später. Im Land sind heute eine
ganze Reihe nationaler- und internationaler Internetan-
bieter aktiv. Aufgrund eines weitgehend fehlenden unab-
hängigen Journalismus ist die Nutzung neuer Medien weit
verbreitet. Dies geschieht einerseits durch private Blogger
und Organisationen der Zivilgesellschaft im Lande selbst,
die trotz der ständigen Bedrohung durch den Intercep-
tion of Communications Act (ACT) ihre Meinungen online
vertreten. Ein Beispiel hierfür ist die Webseite Kubatana.
net, die eine Plattform für Menschenrechtsfragen und
andere Themen der Zivilgesellschaft bietet und diese
Themen durch Links zu hunderten anderer Zivilgesell-
schaftsseiten anreichert, wodurch ein Teilverzeichnis der
simbabwischen Zivilgesellschaft abgebildet wird.17 Ande-
rerseits werden viele private und politische Blogs durch
die Millionen im Ausland lebender simbabwischer Bürger
betrieben.18 Es gibt auch professionelle mediale Angebote.
Bekanntestes Beispiel hierfür ist newzimbabwe.com, eine
Online-Ausgabe der gleichnamigen, in England herausge-
gebenen Wochenzeitung.19 Die Seite hat sich einen guten
Ruf durch ihre ausgewogene Berichterstattung erarbeitet
und lässt auch simbabwische Regierungsoffizielle im
Rahmen von Diskussionen zu Wort kommen. Während des
Wahlkampfes kamen darüber hinaus eine Vielzahl unter-
schiedlicher digitalen Medien, teilweise mit erheblichem
kreativen Potenzial, zum Einsatz. Die Seite Sokwanele
beispielsweise, übersetzt „Genug ist genug‟, sammelte
Daten über Wahlunregelmäßigkeiten und verknüpfte diese
zu einer interaktiven Karte, vergleichbar mit Ushahidi in

17 | Vgl. http://www.kubatana.net/index.htm [02.04.2010].


18 | Unter der URL http://www.zimbablog.com/ werden viele
dieser Angebote zusammengefasst oder verlinkt [02.04.2010].
19 | Vgl. http://www.newzimbabwe.com/ [02.04.2010].
34

Kenia20. Filme auf YouTube, Fotos über Gewalttaten auf


Flickr, verschiedene Gruppen auf Facebook und Myspace
sowie politische E-Cards und Twitter-Nachrichten rundeten
die Vielfalt ab. Vor allem aber spielte das Mobiltelefon
eine entscheidende Rolle. Es fing mit der Versendung von
Massen-SMS seitens der Parteien an, reichte über das
Versenden von Fotos und Klingeltönen bis hin zu politi-
schen Witzen, die sich rasant über das Land
Vor allem aber spielte das Mobiltele- verbreiteten und ein wichtiges politisches
fon eine entscheidende Rolle. Es fing Ausdrucksmittel darstellten. Der für die
mit der Versendung von Massen-SMS
seitens der Parteien an, reichte über Bewertung des Wahlergebnisses entschei-
das Versenden von Fotos und Klingel- dende Schritt aber wurde mit einer Seite
tönen bis hin zu politischen Witzen,
unter dem Titel ZimElectionResults.com
die sich rasant über das Land verbrei-
teten und ein wichtiges politisches vollbracht. Dabei wurde eine Regelung des
Ausdrucksmittel darstellten. simbabwischen Wahlrechts genutzt, nachdem
die Stimmen in den einzelnen Wahllokalen
unter Anwesenheit der Kandidaten ausgezählt werden und
unmittelbar anschließend als Aushang öffentlich gemacht
werden müssen. Diese Listen wurden von Mitarbeitern
diverser Nichtregierungsorganisationen sowie Anhängern
der Opposition mithilfe von Mobiltelefonen fotografiert
und die Bilder per Handy an eine zentrale Auswertungs-
stelle geschickt. Somit lag der Opposition bereits ein zwar
inoffizielles, aber dennoch aussagekräftiges Resultat vor,
lange bevor die simbabwische Wahlkommission selbst ein
Ergebnis vorlegen konnte. Wahlfälschung und Manipula-
tion werden so zwar nicht unmöglich gemacht, zumindest
aber massiv erschwert. Wie gut dies funktionieren kann,
zeigen die letzten Wahlen in Ghana und Sierra Leone, in
denen ebenfalls flächendeckend Mobiltelefone genutzt
wurden, um die Ergebnisse auszuwerten. Als es schließlich
zur Stichwahl zwischen Amtsinhaber Mugabe und seinem
Herausforderer Tsvangirai kam, änderte die Regierung
diese Regeln. Die Veröffentlichung von „vorläufigen‟ Wahl-
ergebnissen war fortan verboten. Eine Kontrolle per Mobil-
funkkommunikation fortan nicht mehr möglich. Die neuen
Medien brachten jedoch auch hier mehr Transparenz bei
der Stimmauszählung und trugen somit letztlich entschei-
dend zur Bildung der zurzeit bestehenden simbabwischen
Einheitsregierung bei.

20 | Vgl. http://www.sokwanele.com/ [02.04.2010]. Im Gegen-


satz zu Ushahidi wurden hier jedoch nur die offiziellen Medien
als Quellen herangezogen, was weiße Flecken auf der Karte
hinterließ, da viele Medien keine Erlaubnis hatten, aus Oppo-
sitionshochburgen zu berichten.
35

Natürlich hat aber die Wahlbeobachtung per SMS auch


ihre Schwächen. Aus dem Beispiel Sierra Leone wird deut-
lich, dass durch das Abschalten des Mobilfunksystems
die gesamte Wahlüberwachung zum Erliegen kommen
kann. Darüber hinaus beinhalten solche Systeme auch
Fehlerquoten durch menschliches Versagen oder gezielte
Falschinformationen seitens einzelner Individuen oder im
schlimmsten Falle sogar ganzer Gruppen von Helfern. Trotz
dieser augenscheinlichen Anfälligkeiten, beinhalten diese
neue Systeme große Fortschritte bei der Bewertung von
Wahlergebnissen und verfügen über einen hohen Berech-
tigungsgrad.

FALLBEISPIEL 3: SÜDAFRIKAS PRÄSIDENTSCHAFTS-


WAHLEN VON 2009

Südafrika unterscheidet sich in mehrfacher Südafrika unterscheidet sich in mehr-


Hinsicht von den bisher genannten Beispielen. facher Hinsicht von den bisher genann-
ten Beispielen. Es verfügt über eine
Es verfügt über eine ausgeprägt demokra- ausgeprägt demokratische Parteien-
tische Parteienlandschaft und hat mit der landschaft und hat mit der vierten
freien Präsidentschaftswahl in Folge
vierten freien Präsidentschaftswahl in Folge
im Jahr 2009 bereits eine demokra-
im Jahr 2009 bereits eine demokratische tische Tradition aufgebaut.
Tradition aufgebaut. Die Medienlandschaft
des Landes ist diversifiziert, Meinungs- und Pressefreiheit
sowie ungehinderter Zugang zu Informationen sind in der
Verfassung verankert und werden weitgehend ungehindert
praktiziert. Aus europäischer Sicht und ausgehend von
einem Idealzustand gibt es zwar immer noch eine Reihe
von Kritikpunkten, wie zum Beispiel den starken Einfluss
des herrschenden ANC (African National Congress) auf
die öffentlich-rechtlichen TV- und Radiosender der SABC
(South African Broadcasting Corporation). Verglichen mit
den anderen Ländern der Region steht Südafrika jedoch
sehr gut da. Es gibt keine ernsthaften Einschränkungen
der Pressefreiheit. Die Regierung würde beispielsweise
niemals auf die Idee kommen, die Live-Berichterstat-
tung zu verbieten. Im Gegenteil bemüht man sich nach
Kräften, den Informationsfluss auch an Bürger in schwer
erreichbaren ländlichen Gebieten zu etablieren. Es gibt
keine Beschränkung der Zivilgesellschaft und des öffent-
lichen Diskurses. Bürger müssen für die Äußerung ihrer
Meinung keine Verfolgung befürchten. Das größte Problem
Südafrikas ist das massive ökonomische Ungleichgewicht
zwischen einer kleinen Elite und einer großen, sehr armen
36

Unterschicht. Folglich konnten sich im Jahr 2009 nur etwa


zehn Prozent der Bevölkerung einen der teuren perma-
nenten Internetzugänge leisten.21 Andererseits verfügten
zur gleichen Zeit über 90 Prozent der Südafrikaner über
ein Handy.22 Mit der starken Verbreitung der Mobiltelefone
geht ein verschärfter Wettbewerb unter den Anbietern
einher, sodass die Verbindungspreise in den letzten Jahren
weiter gesunken sind. Zudem sind viele der Endgeräte
bereits internetfähig.

DIE PARTEIEN

Die Parteien Südafrikas verwenden die neuen Medien


als ein weiteres Element zur Ergänzung ihrer politischen
Kommunikationsportfolios. Alle großen Parteien erhofften
sich 2009 eine zusätzliche Wählermobilisierung und letzt-
lich Stimmzugewinne durch den Einsatz neuer Telekommu-
nikationsmethoden. Grundsätzlich war die Zielgruppenan-
sprache für den ANC und die IFP (Inkhata Freedom Party)
deutlich schwieriger als für die in 2008 neugegründete
COPE (Congress of the People) oder die DA (Democratic
Alliance). Letztere fokussieren beide auf die sich langsam
ausprägende Mittelschicht im Land. Der ANC hat seine
Stammwählerschaft bei der schwarzen Mehrheit, die zum
überwiegenden Teil in bitterer Armut lebt und vielfach nur
eine geringe Bildungsquote aufweist. Zudem verfügen viele
schwarze Südafrikaner weiterhin nicht über die nötigen
Finanzmittel, um sich einen eigenen Internetanschluss
oder auch mobile Webzugänge leisten zu können. Die IFP
spricht eine ähnliche Zielgruppe wie der ANC an, konzen-
triert sich dabei aber schwerpunktmäßig auf KwaZulu-
Natal. Parallel zu ihren Bedürfnissen lassen sich bei den
Parteien unterschiedliche Strategien erkennen. Während
alle vier Parteien über eine Website verfügen, sind die
„Mittelklasseparteien‟ COPE und DA, deren Anhänger
sich Internet und teure Bandbreiten leisten können, in
sozialen Netzwerken wie Facebook, Youtube und Twitter
besser vertreten, haben ihre Internetseiten interaktiver
aufgestellt und relativ gesehen eine größere Zahl von
„Followern‟ als der ANC. In diesem Bereich fällt die IFP
komplett ab, bei Facebook brachte es die Partei gerade

21 | Vgl. http://www.itu.int/ITU-D/ICTEYE/Indicators/
Indicators.aspx [03.04.2010].
22 | Vgl. ebenda.
37

einmal auf 173 Anhänger. Auch in anderen Bereichen bleibt


die IFP hinter den Möglichkeiten zurück. Ihre Homepage
birgt kaum Interaktivität, eine Beteiligung von freiwilligen
Helfen ist nicht erst vorgesehen.

Obwohl das ANC-Klientel, ähnlich wie das der IFP, tendenziell


nicht über Breitbandinternet verfügt, engagierte sich die
Partei stark im Netz. Dies lag zum einen an den immensen
finanziellen Möglichkeiten der Regierungs-
partei, andererseits daran, dass der ANC Die Parteien Südafrikas verwenden
hierdurch Wähler anzusprechen versuchte, die neuen Medien als ein weiteres
Element zur Ergänzung ihrer politi-
die traditionell eher nicht seiner Klientel schen Kommunikationsportfolios.
angehören. Allein im Mai 2009 erreichte
er 50.000 Webseitenzugriffe. Um seine Wahlkampagne
breiter aufzustellen, wurde mit myanc.mobi eine Seite
gestartet, welche die Nutzer von Mobiltelefonen verstärkt
in die Kampagne einbezog und interaktive Elemente anbot.
SMS-Nachrichten konnten so in großem Stil zum Einsatz
gebracht werden. Wenn auch der Einsatz von Mobiltele-
fonen nie zentraler Bestandteil der Kommunikationsstra-
tegie der DA war, so muss die digitale Kampagne der Partei
insgesamt dennoch sehr innovativ angesehen werden.
Von Bloggern moderierte Foren, Seiten, die zur Meldung
von Korruption aufforderten, sowie genaue Zielgruppen-
ansprachen nach unterschiedlichen Kriterien rundeten das
Parteiangebot ab. Um die große Zahl junger Erstwähler,
die rund elf Prozent der Gesamtwählerzahl ausmachten,
zu überzeugen, versuchten vor allem die Jugendorganisa-
tionen der jeweiligen Parteien, neue Medien zu nutzen.

DIE JUGENDORGANISATIONEN UND DIE


HYBRIDSYSTEME

Junge Südafrikaner nutzen ihre Mobiltelefone im Rahmen


der klassischen Mobiltechnologien. Nur ein geringerer Teil
ist aufgrund der hohen Kosten mit dem Handy online. Der
weitaus größte Teil der Nutzer verwendet Hybridsysteme,
um mit Freunden, Kollegen oder auch Fremden zu kommu-
nizieren. Diese Hybridsysteme funktionieren auf Basis
des Internets, benötigen also ein internetfähiges Telefon,
arbeiten dann aber mit den normalen Textnachrichten,
wobei zuvor eine kostenlose Software auf das Handy
geladen werden muss. Dabei zahlt der Nutzer sehr geringe
Gebühren für die Internetnutzung, da kaum Bandbreite
38

benötigt wird. SMS-Nachrichten sowie weitere Funktionen


wie der Besuch von Chat-Räumen sind dagegen kostenfrei.
Nutzer können dabei auch selbst Inhalte hochladen. Ein
Anbieter solcher Dienste ist das südafrikanische MXit.23
Aufgrund der extrem hohen Nutzerdichte wäre MXit der
perfekte Partner für die Parteien im Kampf um junge
Wähler, verweigerte jedoch eine organisierte Zusammenar-
beit mit Hinweis auf seine Redaktionsstatuten, die religiöse
oder politische Inhalte verbieten. Sicherlich haben auf MXit
dennoch Diskussionen rund um die Wahl stattgefunden,
sie wurden jedoch weder organisiert, noch ließ die Firma
das Hochladen politischer Inhalte zu. Auf der Suche nach
Alternativen fanden die Parteien mit Mig33 einen ähnlichen
Anbieter, der jedoch weniger Kunden in Südafrika aufwies
und aus den USA heraus operierte.

Sowohl ANC, COPE und DA als auch zwei kleinere Parteien


bauten so genannte Mig33-Gruppen auf, wobei die ANCYL
(ANC Youth League) die erfolgreichste
Junge Südafrikaner nutzen ihre Mobil- Gruppe darstellte. Dies mag an der größeren
telefone im Rahmen der klassischen Gefolgschaft der ANCYL liegen, hat sicher
Mobiltechnologien. Nur ein geringerer
Teil ist aufgrund der hohen Kosten mit aber auch etwas mit den finanziellen Möglich-
dem Handy online. keiten der Partei zu tun. Zeitweise waren in
ihrem Forum mehr als 10.000 Nutzer angemeldet und
aktiv. Die übrigen Parteien waren bei ihren Bemühungen
auf Mig33 längst nicht so erfolgreich. Die ANCYL machte
sich dabei spezielle Formate zunutze, wie zum Beispiel
das so genannte chat stadium, in dem Massenevents
möglich sind und bei denen Parteiführer mit bis zu 5.000
Anhängern gleichzeitig kommunizieren können. Zudem
zeigte das Mig33-Engagement eine gute Einbindung in die
ANC-Gesamtstrategie. So wurden hier Hinweise auf große
Kundgebungen oder auch lokale Veranstaltungen des ANC
gegeben oder Themen diskutiert, die an anderer Stelle
entstanden waren.

DIE KLASSISCHEN MASSENMEDIEN

Der diversifizierte Markt klassischer südafrikanischer


Massenmedien ermöglicht den Journalisten des Landes
jedwede Form von Diskurs und stellt somit sicher, dass die
Medien ihre Rolle als Mittler von Informationen und vierte

23 | MXit hatte 2009 nach eigenen Angaben 15 Millionen Nutzer


weltweit, wovon 13 Millionen Südafrikaner waren.
39

Gewalt im Staate erfüllen können. Diese Freiheiten werden


durch eine weitgehend staatsunabhängige Regulierung des
Medienmarktes sowie eine robuste Mediengesetzgebung,
verankert in der südafrikanischen Verfassung, gewähr-
leistet. Unabhängige Untersuchungen der Nichtregie-
rungsorganisation Media Monitoring Africa belegen, dass
97 Prozent der Parteiberichterstattung während des Wahl-
kampfes 2009 unabhängig und fair waren. Diese Aussage
gilt auch für den quasi öffentlich-rechtlichen SABC; auch
wenn die Unterwanderung des Senders
durch den ANC immer weiter fortschreitet. Der diversifizierte Markt klassischer
Die Grenzen dieser Fairness konnte man am südafrikanischer Massenmedien er-
möglicht den Journalisten des Landes
Falle von COPE ablesen. Die Partei hatte nach jedwede Form von Diskurs und stellt
damaligen Meinungsumfragen durchaus somit sicher, dass die Medien ihre
Rolle als Mittler von Informationen
das Potenzial, der ANC-Mehrheit im Land
und vierte Gewalt im Staate erfüllen
gefährlich zu werden, und wollte im Rahmen können.
ihres Wahlkampfauftakts zum ersten Mal
ihr Programm bekannt geben. Anstatt wie bei anderen,
deutlich unwichtigeren Parteien live und ausführlich von
der Veranstaltung zu berichten, wurde lediglich ein kurzer
Magazinbeitrag gesendet. SABC begründete die Entschei-
dung anschließend mit dem Hinweis, dass Wahlberichter-
stattung beim Public Broadcaster proportional zu den im
Parlament vertretenen Abgeordneten stattzufinden habe.
Da COPE noch keine Parlamentssitze habe, sei nur eine
kurze Aufzeichnung gesendet worden. Für einen Sender
mit öffentlich-rechtlichem Anspruch ist dies eine journalis-
tisch fragwürdige Entscheidung. Insgesamt aber konnten
die Medien ihre Rolle als Mittler und Erklärer zwischen
Politik und Bürgern sehr gut wahrnehmen. Lediglich die
teilweise unprofessionelle Kommunikationsarbeit der
Parteien setzte dem ungehinderten Fluss an Informati-
onen manchmal Grenzen. Wenn Parteipressestellen acht-
seitige Meldungen herausgeben, können Redakteure mit
modernen Redaktionsabläufen derartige Nachrichten aus
Zeitgründen schlicht nicht mehr verarbeiten. Die südafrika-
nischen Medien selber nutzen neue elektronische Elemente
während des Wahlkampfes, um die Bürger umfassender
als bisher zu informieren.24

24 | Eine Möglichkeit war www.saelections.co.za. Die Seite hat


aber nur einige Informationen zu den großen Parteien zu
bieten [05.04.2010]. Zur Zeit der Wahlen fasste sie jedoch
sehr kreativ die diversen Angebote der Avusa-Verlagsgruppe
zusammen und lieferte somit viele Informationen und
Querverweise.
40

Die Wochenzeitung Mail & Guardian gründete beispiels-


weise ein „Thought Leader Forum‟, in dem prominente
Blogger und Vordenker Kolumnen präsentieren. Afrikaweit
rückte dieses Forum auf Platz zwei der beliebtesten Blogs.25

DIE SÜDAFRIKANISCHE BLOGSPHÄRE

Während die neuen Medien vielen Bürgern in Subsahara-


Afrika die Möglichkeit geben, Unrecht anzumahnen und den
Diskurs zwischen verschiedenen Gruppen zu fördern, ist in
Südafrika eine neue Aufgabendimension hinzugekommen.
Hier verläuft die politische Kommunikation
Unter den zehn beliebtesten Blogs zwischen Bürgern, Medien und Politik im
Afrikas sind heute neun aus Südafrika. Großen und Ganzen reibungslos. Dennoch
Davon beschäftigt sich jedoch nur
der bereits erwähnte Thought Leader ist die Blogsphäre Südafrikas diejenige mit
Blog regelmäßig mit soziopolitischen den meisten Einträgen und Seiten des Konti-
Themen.
nents. Und sie wächst unaufhörlich weiter.26
Aufgrund der oben beschriebenen politischen Situation
kommt dem weitaus größten Teil der südafrikanischen
Blogger im Rahmen der politischen Kommunikation keine
Bedeutung zu. Unter den zehn beliebtesten Blogs Afrikas
sind heute neun aus Südafrika. Davon beschäftigt sich
jedoch nur der bereits erwähnte Thought Leader Blog
regelmäßig mit soziopolitischen Themen. Darüber hinaus
gibt es jedoch eine ganze Reihe von Blogs, die sich mit
Fragen zu HIV/AIDS, Ausländerfeindlichkeit oder Rassen-
problemen auseinandersetzen und wichtige Impulse für
die politische Debatte geben. Es handelt sich somit um
einen Medienbereich, der in den Präsidentschaftswahlen
des Jahres 2014 durchaus zu großen Stimmanteilen, wenn
nicht sogar Mehrheiten verhelfen kann. Jedoch können
die klassischen Medien und die klassische Parteienkom-
munikation in Südafrika weder heute noch in absehbarer
Zukunft durch die neuen Medien ersetzt werden.

25 | Vgl. www.thoughtleader.co.za/ [05.04.2010].


26 | Afrigator führte im Juli 2009 knapp 6400 Blogs aus
Südafrika. Im April 2010 waren es schon fast 8500.
Vgl. http://afrigator.com/blogstats/countries [05.04.2010].
41

FAZIT

Die neuen Medien sind aus der politischen Kommunika-


tion Subsahara-Afrikas, unabhängig vom individuellen
Zustand der einzelnen Länder, nicht mehr wegzudenken.
Das Internet und das Web 2.0 haben die Bandbreite ihrer
Möglichkeiten zwar noch nicht erreicht, dennoch sprechen
die Wachstumsraten für einen weiteren Bedeutungsanstieg
in der nahen Zukunft. Zurzeit hat der Einsatz mobiler Tech-
nologien in der Region, vor allem aufgrund der schieren
Masse der sich im Umlauf befindlichen Mobiltelefone,
aber noch eine weitaus größere Durchschlagskraft. Eine
der großen Hürden stellen die immer noch hohen Band-
breitenkosten dar. Die angesprochenen Hybridsysteme
können helfen, diese Kosten zu umgehen und somit zu
einer weiteren Verbreiterung der politischen Kommunika-
tion beizutragen. Fraglich bleibt dabei, ob Unternehmen
wie MXit gut daran tun, sich aus dem politischen Diskurs
herauszuhalten und diesen auf ihrer Plattform weitgehend
zu unterbinden.

Die technologischen Entwicklungen haben Die neuen Medien sind aus der poli-
die politische Kommunikation in den letzten tischen Kommunikation Subsahara-
Afrikas, unabhängig vom individuellen
zehn Jahren immer weiter verändert. Der Zustand der einzelnen Länder, nicht
Bedeutungszuwachs von politischen Inhalten mehr wegzudenken. Das Internet
und das Web 2.0 haben die Band-
ist das letztendlich entscheidende Ergebnis
breite ihrer Möglichkeiten zwar noch
dieses technischen Fortschritts und wird nicht erreicht, dennoch sprechen die
mittelfristig zu einem Paradigmenwechsel Wachstumsraten für einen weite-
ren Bedeutungsanstieg in der nahen
führen. Denn somit werden politischer
Zukunft.
Personen­kult und Parteigehorsam zurück-
gehen und durch inhaltliche Diskussionen ersetzt werden.
Je mehr Bürger aber über die nötigen Informationen
verfügen, desto mehr Menschen werden Entscheidungen
auf Grundlage unabhängiger Informationen treffen. Dies
wiederum wird die politische Kommunikation der Akteure
nachhaltig beeinflussen. Um in Zukunft erfolgreich zu sein,
werden sich die Parteien verstärkt auf Inhalte und über-
zeugende Argumente konzentrieren müssen. Hierbei wird
es mittelfristig nicht mehr genügen, die Wähler erst kurz
vor dem Wahltag anzusprechen. Langfristige Strategien
statt kurzfristiger Wahlkampfstrohfeuer werden gefragt
sein. Die klassischen Medien kommen bereits heute nicht
mehr ohne ihren neuen Gegenpart aus. Wollen sie in
Zukunft wettbewerbsfähig bleiben, müssen auch sie sich
42

weiter entwickeln, sich stärker noch als bisher auf neue


Techniken einlassen und deren Erkenntnisgewinne nutzen,
um ausgewogen zu berichten. Wohin dieser Trend gehen
könnte, lässt sich an den südafrikanischen Kooperationen
zwischen traditionellen Medien und Bloggern bereits heute
ablesen.

Trotz der positiven Bewertung der neuen Werkzeuge politi-


scher Kommunikation haben diese doch auch ihre Grenzen
und Schwächen. So sind die SMS-Dienste, die zur Wahl-
überwachung genutzt werden, abhängig vom Betreiber
und können durch die Mitarbeiter manipuliert werden. Da
SMS-Kampagnen und neue Medien schwer zu überwachen
sind, werden sie jedoch zu wertvollen Instrumenten in rest-
riktiven Systemen. Gleichwohl birgt diese Unkontrollier-
barkeit auch die Gefahr des Missbrauchs, wie das Beispiel
Kenia eindrucksvoll belegt. Die Forderung nach Kontrolle
ist daher verständlich und wichtig, muss aber sehr genau
abgewogen werden. Das Risiko, die Meinungsfreiheit und
das Recht auf Informationsempfang einzuengen, ist hier
groß. Daher sind Wege nötig, die die Übermittlung von
gewaltverherrlichenden Inhalten verhindern, ohne den
neuen Medien ihre Kraft zu nehmen. In Subsahara-Afrika
findet aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt die politische
Kommunikation, trotz der zunehmenden Bedeutung der
neuen Medien, zumeist noch mit Hilfe der traditionellen
Medien statt. Wer in Zukunft erfolgreich politisch kommu-
nizieren will, der muss diese neuen Instrumente beherr-
schen lernen und neue Medien als wichtigen Baustein in
seine Strategie integrieren.
43

REVOLUTION 2.0:
EIN SCHRECKEN FÜR
AUTORITÄRE REGIME
DIGITALE KULTUR UND POLITISCHE
KOMMUNIKATION IN LATEINAMERIKA

Frank Priess ist


Auslandsmitarbeiter
Frank Priess
der Konrad-Adenauer-
Stiftung in Mexiko.

Als eines der letzten Länder der Welt hat Kuba im März
2008 seine Beschränkungen gegenüber Privatpersonen
gelockert, Mobiltelefone zu besitzen und zu gebrauchen.
Zuvor waren schon Beschränkungen für Computer und
andere Elektronikartikel aufgehoben wollen. Die Konse-
quenzen sind für jedermann sichtbar. Damit hat auch Kuba
den Schritt in das digitale Zeitalter vollzogen. Besonders
bedeutend für die politische Opposition ist dabei der neue
Öffentlichkeits- und Sichtbarkeitseffekt: Der größte Wandel
heute, so der stellvertretende Chefredakteur der Zeitung
Diario de Cuba (www.ddcuba.com), Antonio José Ponte,
ist, „dass die das Castro-Regime begründende Gewalt jetzt
Zeugen hat, dass diese bereit sind zu sprechen und dass
immer mehr Menschen auf der Welt zuhören wollen‟.1
Pablo Diaz von der gleichen Zeitung ergänzt optimistisch:
„Die Revolution der neuen Technologien läutet das Ende
der kubanischen Revolution ein. Das Internet hilft, die
zu schützen, die auf der Insel leben, und die zu sensibi-
lisieren, die draußen sind.‟ Jorge Ramos Ávalos bringt es
auf die einfache Formel: „Mehr Internet, weniger Diktatur.
Die wirkliche Revolution hat die Form eines Handy.‟2 Die
Chancen von Regierungen, die Verbreitung von Nachrichten
über das Internet einzuschränken, hat Nicolas Negroponte
in seinem Klassiker Being Digital schon vor fünfzehn
Jahren zutreffend beschrieben: „Der Versuch, die Freiheit
der Bit-Ausstrahlung einzuschränken, dürfte ebenso zum

1 | Antonio José Ponte, „Fin de la violencia sin testigos‟,


in: El País, Ausgabe Mexiko, 31. März 2010.
2 | Jorge Ramos Ávalos, „Más Internet, menos dictadura‟,
in: Reforma, México D.F., 31. März 2010.
44

Scheitern verurteilt sein wie die Bemühungen der Römer,


die Ausbreitung des Christentums aufzuhalten.‟3 Die dort
ebenfalls angesprochene Gefahr, dass „im Verlauf des
Prozesses einige der frühen, tapferen Datenversender‟
von den Löwen gefressen werden könnten, lässt sich in
parallelen Verläufen von der Ukraine bis in den Iran leider
auch bestätigen.

Deutlich wurde diese neue Lage beim Tod von Orlando


Zapata Tamayo, der nach 85 Tagen im Hungerstreik
gestorben war. Damit hatte er gegen seine unmenschli-
chen Haftbedingungen protestiert. Via Handy-Kameras
gingen die Bilder der Trauernden um die
Die Revolution der neuen Technolo- Welt, seine Mutter kam im Blog von Yoani
gien läutet das Ende der kubanischen Sanchez, Generación Y, direkt zu Wort –
Revolution ein. Das Internet hilft, die
zu schützen, die auf der Insel leben, einem wirkungsvollen Medium, das mitt-
und die zu sensibilisieren, die draußen lerweile auch durch eine Preisvergabe der
sind.
Deutschen Welle gewürdigt wurde und das
16.000 Anhänger in Twitter sowie 4.400 Facebook-Fans
aufweist. Oppositionelle Demokraten verabredeten sich
– ebenfalls mittels Handy – zu Demonstrationen und zur
Beerdigung. Neu dabei war auch, dass nun eine leichtere
Identifizierung­ der Schergen des Regimes möglich wurde,
die aus anderen Bezirken zur Störung anrückten. Die
Weitergabe ihrer Fotos per Mobiltelefon führte zu einer
leichten Identifizierung.

Die Informationsunterdrückung der Regierung jedenfalls


gelangt offenkundig an ihr Ende – selbst in offiziellen
Medien ließen sich die Vorgänge nicht mehr verschweigen.
Dies löste eine Bewegung aus, deren Folgen noch
nicht abzusehen sind: Vor allem aber machten sie den
Menschenrechtlern deutlich, dass sie nicht alleine stehen.
Entsprechend geht es jetzt darum, ihre Ausstattung mit
moderner Technologie zu verbessern und Restriktionen der
kubanischen Regierung zu unterlaufen. Diese greifen etwa
bei der Einfuhr von Satellitentelefonen, die eine Umgehung
kontrollierter Anbieter auf der Insel erlauben. Manchmal
sind allerdings auch schon kleine Hilfsmittel wie ein simpler
USB-Stick von großem Nutzen, etwa, wenn es um die
Weitergabe von Texten, Präsentationen, ­unterdrückter

3 | Nicolas Negoponte, Total digital – die Welt zwischen


0 und 1 oder die Zukunft der Kommunikation (München:
Bertelsmann, 1995).
45

Literatur oder Fotodokumenten geht oder um den Aufbau


unabhängiger digitaler Bibliotheken: Im Gegensatz zu
ihren „materiellen‟ Vorgängern sind sie zudem ungleich
schwerer zu beschlagnahmen und leichter zu reprodu-
zieren.

Schon jetzt ist klar, dass diese Technologien eine stärkere


Partizipation außerhalb offizieller Kanäle und die Entste-
hung einer Zivilgesellschaft auf der Insel erleichtern wird.
Aktuelle Studien – von denen es gerade auf empirischer
Basis in Lateinamerika viel zu wenige gibt – weisen auf
einen interessanten Zusammenhang hin. Carmen Beatriz
Fernández betont: „Gerade in den Ländern, wo der Grad
der wirtschaftlichen Freiheit besonders niedrig ist, werden
die neuen Technologien am häufigsten für Cyberaktivismus
eingesetzt.‟4 In Ländern mit einer ausgebauten Kommu-
nikationsinfrastruktur und sicher etablierter Pressefreiheit
scheint dies weniger erforderlich. Hinzu kommt – nicht nur
für Lateinamerika, sondern auch für andere Entwicklungs-
kontinente – dass die neuen Technologien der Bevölkerung
gerade dort helfen, wo ausgebaute terrestrische Netzinfra-
strukturen fehlen. Mobiltelefon und Computer ermöglichen
Funktionen, die dort bisher so nicht möglich waren, bis
hinein in den Bereich von Finanzdienstleistungen.

VERÄNDERUNGEN DER POLITISCHEN KOMMUNIKATION

Nicht nur in autoritären Systemen zeigen sich dabei die


Veränderungen durch neue mediale Technologien und
ihre Anwendung: Als vor Kurzem in Mexiko
zwei Studenten der Eliteuniversität TEC in Interessant ist, dass es gerade inner-
Monterrey bei einem Feuergefecht zwischen halb der Indígena-Bewegungen eine
immer stärkere Nutzung des Internets
Polizei und Drogengangstern zwischen die für Mobilisierung und Aktivismus gibt.
Fronten gerieten und starben, waren es ihre
Kommilitonen, die per Twitter schnell für eine authen-
tische Wiedergabe der Vorgänge sorgten und offizielle
Stellungnahmen relativierten. Der mexikanische Neue-
Medien-Experte Octavio Islas schreibt das „symbolische
Kapital‟ und die internationale Hilfe, die in seinem Land
der berühmte Subcomandante Marcos und seine Zapa-
tisten-Guerilla in Chiapas erreicht haben, vor allem den

4 | Carmen Beatriz Fernández, Ciberpolítica – Como usamos


las tecnologías digitiales en la política latinoamericana?
(Buenos Aires: KAS-Programa Regional Medios de
Comunicación y Democracia en Latinoamérica, 2008).
46

Unterstützer-Netzwerken­ im Internet zu.5 In Argentinien


lieferten sich Gegner und Befürworter von Präsidentin Cris-
tina Fernández de Kirchner regelrechte Online-Schlachten,
wobei der Journalist Pedro Cifuentes anmerkt: „Die
ungeteilte öffentliche Meinung ist, dass diese virtuellen
Plattformen keine Unentschiedenen überzeugen, sondern
die Überzeugungen derer stärken, die sich beteiligen.
Auch sind sie natürlich wichtig bei der Koordinierung von
Versammlungen und Demonstrationen in der realen Welt.‟6
Verbale Exzesse, durch die Anonymität im Netz erleichtert,
ließen zudem Zweifel an der Unabhängigkeit der Aktivisten
von bestimmten politischen Parteien aufkommen.

Regierungen in ganz Lateinamerika Die Nutzung der alternativen Medien durch


versuchen seit Jahren mit unter- soziale Bewegungen bestätigt die mexikani-
schiedlichen Methoden, die Nutzung
von Computer und Internet zu för- sche Cyberaktivistin Martha Zapata Galindo:
dern, von Kursen und Schulungen „Politische und Soziale Bewegungen nutzen
für alle Bevölkerungsgruppen bis zur
das Internet zur Organisation, Koordina-
Bereitstellung einer entsprechenden
öffentlichen Infrastruktur. tion und auch für den Cyberaktivismus.
Interessant ist, dass es gerade innerhalb
der Indígena-Bewegungen eine immer stärkere Nutzung
des Internets für Mobilisierung und Aktivismus gibt.‟7
Konkrete Aktionen würden allerdings parallel auch offline
organisiert, da der Zugang zu entsprechenden Technolo-
gien nach wie vor gering sei. Mittlerweile unterstützten
aber Organisationen wie die UNESCO – zum Beispiel in
Peru – gerade Indígena-Gemeinden bei der Nutzung des
virtuellen Raums. Verschiedene Anbieter in Lateinamerika,
die auf Gebühren verzichteten, erleichterten die Arbeit.
Gleichzeitig allerdings, so Zapata Galindo, könne sich die
digitale Kluft zwischen denen, die aufgrund von Wissen und
ökonomischen Möglichkeiten Zugang zu den neuen Tech-
niken hätten, und denen, die darauf verzichten müssten,
weiter vertiefen.

5 | Vgl. Octavio Islas, Carlos Enrique López und Fernando


Gutiérrez, „La propaganda por la Presidencia de la República
en Internet‟, in: Revista Mexicana de Comunicación
(Septemper / Oktober 2000), S. 16 - 20.
6 | Pedro Cifuentes, „Kirchner sí, Kirchner no, 2.0‟, in: El País,
Ausgabe Mexiko, 16. Februar 2010.
7 | Martha Zapata Galindo, „Es gibt im Internet die Möglichkeit,
alle Grenzen und Kontrollen zu überschreiten‟, in: Interview
mit den Lateinamerika Nachrichten, Ausgabe 372 – Juni
2005.
47

Hier und auch in anderen sozialen Netzen ist längst eine


Gegenöffentlichkeit für all das entstanden, was sich in den
klassischen Medien so nicht findet – zum Teil auch, weil es
der aus unterschiedlichsten Gründen geübten Selbstzensur
von Journalisten und Medieneignern unterliegt. Allerdings
fallen damit auch professionelle Filter weg, auf die sich der
Nutzer bei der Einschätzung des Wahrheitsgehaltes einer
Nachricht in der Regel verlassen konnte. Dies wird jetzt
bestenfalls durch die Selbstkontrolle und andere Nutzer im
Netz ersetzt – nach der Wikipedia-Methode.

Regierungen in ganz Lateinamerika versuchen seit Jahren


mit unterschiedlichen Methoden, die Nutzung von Computer
und Internet zu fördern, von Kursen und Schulungen für
alle Bevölkerungsgruppen bis zur Bereitstellung einer
entsprechenden öffentlichen Infrastruktur. Nicht zuletzt
auf kommunaler Ebene gibt es vielerorts Initiativen, das
Internet auch für Formen des e-government zu nutzen und
vor allem die Transparenz öffentlicher Verwaltungen zu
erhöhen. In Ländern mit endemischer Korruption ist dies
ein besonders lohnendes Vorhaben. Mexiko versucht etwa,
die Ausschreibung öffentlicher Aufträge auf diese Weise
zugänglich zu machen, Chile fördert Steuerzahlungen
über das Netz. Vielfach ist auch ein Effizienzgewinn für die
Bürger spürbar. Gleichzeitig stellen sich – wie überall auf
der Welt – auch alle Fragen von Datenschutz und Cyber-
kriminalität, auf die man in Lateinamerika nicht gut vorbe-
reitet ist.

ÜBERLEBENSKAMPF DER ZEITUNGEN

Speziell für die Zeitungen bringt dies erhebliche Verände-


rungen und führt zu einem Kampf ums Überleben – der
Rückgang des klassischen Anzeigenaufkommens, das ins
Internet abwandert, ist dabei ein besonders gravierender
Aspekt. Mittlerweile ist die Zahl der Internet-Nutzer fast
überall deutlich höher als die der Zeitungsleser, speziell bei
den Jugendlichen. „Heute‟, so Lydiette Carrión, „existiert
der Journalist oder Autor, der nicht im Netz ist, einfach
nicht mehr.‟8

8 | Lydiette Carrión, „Periodismo en la blogósfera – la panacea?‟,


in: DFensor, 2 (Februar 2010), Comisión de Derechos
Humanos del Distrito Federal, S. 17 - 18.
48

Mexiko und Brasilien seien dabei nach einer Studie der


Jahre 2008/2009 die Länder mit dem schnellsten Wachstum
des Cyberspace in Lateinamerika. In Argentinien und Chile
sind mittlerweile fast fünfzig Prozent der Bürger online.
Auf ganz Lateinamerika gerechnet sind es rund dreißig
Prozent. In Kuba sogar nur 12,7 %. In Brasilien verbringen
die Web-Nutzer nach Angaben von ComScore­ täglich 6,18
Stunden online, in Mexiko sind es vier. Laut einer McKinsey-
Studie verbringen Jugendliche heute nur die Hälfte der
Zeit vor dem Fernsehen, die Erwachsene dort zubringen,
ihr Internet-Konsum allerdings übersteigt den der Älteren
um rund 600 Prozent. Bei der Ausstattung mit Mobiltele-
fonen ist in Ländern wie Argentinien, Brasilien, Mexiko und
Venezuela statistisch mittlerweile fast eine Vollversorgung
erreicht.

DIE PARTEIEN RÜSTEN NACH

Ließ sich bis zum Jahr 2000 noch kaum ein Effekt der
Internet-Kommunikation bei Wahlen nachweisen, hat sich
das Bild mittlerweile stark gewandelt. So lässt sich nach-
weisen, dass bei Präsidentschaftswahlkämpfen in Brasilien,
Venezuela, Mexiko und Kolumbien schon 2006 ein inten-
siver Internet-Einsatz erfolgte, während in Bolivien, Chile
und Costa Rica davon noch wenig zu sehen war. Und das,
obwohl Autoren wie Michael Cornfield für die USA schon
2004 einen erheblichen Einfluss der digitalen Kommunika-
tion auf das Wahlergebnis konstatierten: „Hat das Internet
im Wahlkampf 2004 einen Unterschied gemacht? Ja. Die
erfolgreichsten Kampagnen haben sich darauf gestützt,
um Vorteile gegenüber den Wettbewerbern zu erzielen.
Die Zahl der erwachsenen Amerikaner, die sich auf das
Internet stützen, um die Kampagnen kennenzulernen, sich
eine Meinung zu bilden, sich zu registrieren und zu wählen,
ist schlicht zu groß, um beim endgültigen Stimmenabstand
zwischen den Kandidaten etwas anderes zu denken.‟9

Spätestens mit den Erfahrungen von Barack Obama in der


US-Auseinandersetzung des Jahres 2008 wurde der Durch-
bruch geschafft, auch wenn die Bedingungen im Norden

9 | Michael Cornfield, „The Internet and Campaign 2004: A look


back at the campaigners‟, in: Website Pew Center;
http://www.pewinternet.org/ [20.04.2010].
49

des Kontinents sich von denen im Süden noch deut-


lich unterscheiden: Die USA sind in vielen Aspekten der
Wahlkampfkommunikation eher die große internationale
Ausnahme als das internationale Vorbild. Die Nachahmer
sind – mehr oder weniger erfolgreich – auch in Lateiname-
rika unterwegs. Besonders deutlich war dies
noch vor wenigen Monaten im chilenischen Ließ sich bis zum Jahr 2000 noch
Präsidentschaftswahlkampf zu beobachten, kaum ein Effekt der Internet-Kommu-
nikation bei Wahlen nachweisen,
wo der siegreiche Kandidat Sebastian Piñera hat sich das Bild mittlerweile stark
seine Web-Seite erfolgreich zu einem virtu- gewandelt. So lässt sich nachweisen,
dass bei Präsidentschaftswahlkämp-
ellen Kommunikationszentrum ausbaute
fen in Brasilien, Venezuela, Mexiko
– mit einem Schwerpunkt auf den Partizipa- und Kolumbien schon 2006 ein inten-
tionsmöglichkeiten möglicher Unterstützer. siver Internet-Einsatz erfolgte, wäh-
rend in Bolivien, Chile und Costa Rica
Allein auf Twitter folgten über 30.000 Nutzer
davon noch wenig zu sehen war.
seinen täglichen Kampagnenaktivitäten –
stolz erklärte er sich auf Facebook zum erfolgreichsten
Twittero des Landes. Per Blackberry wurden die Anhänger
vom Kandidaten permanent auf dem Laufenden gehalten
– z.B. mit Anekdoten anlässlich seines Europa-Besuchs bei
den Präsidenten Sarkozy und Zapatero.

Für Rafael Rubio Nuñez zeigt sich hieraus: „Die soziopo-


litische Situation und die neuen Instrumente zwingen die
Parteien geradezu zur Öffnung für die Menschen mittels der
Kanäle, die den Direktkontakt mit der Gesellschaft erlauben
und die direkte Vermittlung der eigenen Botschaft ohne
vermittelnde Instanzen zulassen.‟10 Das setzt natürlich
voraus, dass eine glaubwürdige Botschaft existiert, denn
letztlich ist auch das Internet ein Werkzeug, das Werte,
Inhalte und Strategie nicht ersetzen kann. Dem Glaub-
würdigkeitsverlust von Parteien und Politik wird allein mit
technologischer Aufrüstung nicht zu begegnen sein. „Das
Publikum beginnt‟, so der argentinische Marketing-Experte
Carlos Fara, „die Techniken des politischen Marketings zu
durchschauen und es wird immer schwieriger, glaubwürdig
und authentisch zu erscheinen. Wenn man die Geheim-
nisse des Zauberers durchschaut hat, verlieren die Tricks
ihren Sinn.‟11

10 | Rafael Rubio Nuñez, „La nueva comunicación política –


lenguaje, blogs, videoblogs y comunidades sociales‟, in:
Bien Común / FRPH (México: D.F., Oktober 2007), S. 38 - 48.
11 | Carlos Fara, „Locos por el marketing‟, in: Imagen 58/2002
(Buenos Aires), S. 23 - 25.
50

NICHTS FÜR KONTROLL-FREAKS

Oft, so Carmen Beatriz Fernández, würden aber selbst


diese technischen Möglichkeiten von lateinamerikanischen
Kandidaten auf ihren Websites nicht voll ausgeschöpft:
„Sie dienen schlichtweg als Anschlagtafeln für Informa-
tionen und bieten dem Nutzer wenige Möglichkeiten zur
Interaktion‟, so die venezolanische Expertin. Interaktion
allerdings muss auch gewollt sein: US-Kampagnen im
Internet wie die von Barack Obama oder zuvor schon von
Howard Dean – mit seinem Wahlkampfmanager Joe Trippi
ein Pionier auf diesem Gebiet – waren nur deshalb so
erfolgreich, weil keine Wahlkampfleitung ständig von oben
versuchte, kontrollierend und regulierend einzugreifen.12

Man muss sich entscheiden: Will man die Kreativität der


Internet-Gemeinschaft für den eigenen Kandidaten und
die eigene Botschaft nutzen – deren Attraktivität für diese
Zielgruppe vorausgesetzt – so geht dies
Laut einer McKinsey-Studie verbringen nur, wenn man ihr entsprechende Freiheiten
Jugendliche heute nur die Hälfte der lässt. Das ist speziell in oft rein hierarchisch
Zeit vor dem Fernsehen, die Erwach-
sene dort zubringen. und auch autoritär-patriarchalisch organi-
sierten Strukturen vieler lateinamerikani-
scher Parteien ein Hindernis. Zudem: wer mitmacht, will
auch mitbestimmen – und ob das von der politischen
Führung immer gewünscht ist, muss angefragt werden.
Immerhin zeigen die Erfahrungen, dass über das Internet
nun auch Parteien und Kandidaten eine wirkungsvolle
Plattform haben, die sich teure Medienauftritte eigentlich
nicht leisten können – besonders dann, wenn sie auf web-
affine Zielgruppen und deren Multiplikatorfunktion bauen.
Insgesamt allerdings lässt sich nicht nachweisen, dass
Wahlkampagnen mit diesen neuen Möglichkeiten wirklich
billiger geworden sind. Ein besonders drastisches Beispiel
dafür ist das mit einer überaus üppigen staatlichen Finan-
zierung ausgestattete Parteiensystem in Mexiko.

POLITIKER AUF ALLEN KANÄLEN

Für viele Politiker gehört es mittlerweile auch in Latein-


amerika zum guten Ton, in virtuellen sozialen Gemein-
schaften wie Flickr, YouTube oder Facebook präsent zu

12 | Vgl. Joe Trippi, The Revolution will not be televised –


Democracy, the Internet and the overthrow of everything
(New York: Harper Collins, 2004).
51

sein und die Gefolgschaft mit ihren Kurznachrichten zu


versorgen. Junge Abgeordnete und die Jugendorganisati-
onen der Parteien spielen dabei meist eine Vorreiterrolle.
Sich besonders menschlich, bürgernah und zugänglich zu
präsentieren, kann allerdings auch zu unfreiwilliger Komik
führen – besonders dann, wenn Sein und Image nicht
recht zusammenpassen. Das war allerdings auch im Fern-
sehzeitalter nicht anders.

Erwiesen hat sich in den jüngsten Kampagnen, dass das


Internet auch für alle Formen von negative campaigning
ein besonders dankbares Feld darstellt, lässt sich doch
die Autorenschaft der Botschaften meist hinreichend gut
verschleiern. Octavio Islas spricht dabei von regelrechten
ciberguerilleros. Vieles, was seinen Ausgangspunkt in
anonymen Botschaften im Netz hat, findet schnell den Weg
in die etablierten Kommunikationskanäle und die klassi-
schen Massenmedien. Hacker-Angriffe auf gegnerische
Web-Seiten gehören inzwischen ebenfalls zum Arsenal
der Auseinandersetzung. „Das Internet‟, so Esther Dyson
schon 1997, „ist ein großartiges Medium für Verschwö-
rungen, das Fernsehen dagegen für Propaganda.‟13

Umgehen lassen sich im Internet auch Dem Glaubwürdigkeitsverlust von


Vorgaben nationaler Wahlgesetzgebung, Parteien und Politik wird allein mit
technologischer Aufrüstung nicht zu
etwa bei Sperrfristen für die Veröffentlichung begegnen sein. „Das Publikum be-
von Umfragen in den Tagen unmittelbar vor ginnt‟, so der argentinische Marke-
ting-Experte Carlos Fara, „die Tech-
Wahlen. Einen solchen Kampf gegen Wind-
niken des politischen Marketings zu
mühlen führt in Mexiko derzeit das natio- durchschauen und es wird immer
nale Wahlinstitut IFE: Negativkampagnen schwieriger, glaubwürdig und authen-
tisch zu erscheinen.‟
sind dort seit einer Wahlrechtsreform im
Jahr 2007 explizit verboten – nun liegt das
Kontroll- und Vollzugsproblem bei der Aufsicht. Eine Flut
von Anzeigen betraf bei den Zwischenwahlen 2009 den
virtuellen Raum, ließ die Behörde hilflos aussehen und
entfachte – wie nicht anders zu erwarten – eine Debatte
über eine stärkere Regulierung des Internets. Bisher aller-
dings haben sich diese Ideen nicht durchgesetzt. An ihrer
Praktikabilität wäre ohnehin zu zweifeln – und etwas mehr
Vertrauen in den mündigen Bürger und sein Urteilsver-
mögen kann auch im digitalen Zeitalter nicht schaden.

13 | Esther Dyson, Release 2.0: Die Internet-Gesellschaft –


Spielregeln für unsere digitale Zukunft (München: Droemer
Knaur, 1997).
52

Noch scheinen in Lateinamerika – bei allen Fortschritten im


Internet-Bereich – die traditionellen Medien Hörfunk und
Fernsehen in ihrer Wirkung klar überlegen. Viele latein-
amerikanische Präsidenten – allen voran Venezuelas Hugo
Chávez mit seinen Endlos-Sendungen „Aló Presidente‟ –
suchen über die TV-Kanäle ihren Direktzugang zum Bürger.
Die Bemühungen, unliebsame Sender zu behindern oder
ganz zu unterdrücken, unterstreichen die
Erwiesen hat sich in den jüngsten Einschätzung über das Wirkungspotenzial
Kampagnen, dass das Internet auch der „Klassiker‟. Allerdings hindert dies nicht,
für alle Formen von negative cam-
paigning ein besonders dankbares auch dem Internet Zügel anlegen zu wollen:
Feld darstellt, lässt sich doch die „Das Internet kann nicht frei sein, wo jeder
Autorenschaft der Botschaften meist
machen und sagen kann, was er will‟, ließ
hinreichend gut verschleiern.
sich Chávez Mitte März auf einer Versamm-
lung seiner Sozialistischen Einheitspartei vernehmen.
Speziell Web-Seiten, die „den Geist vieler Menschen
vergiften‟, seien ihm ein Dorn im Auge. Und die Justiz
seines Landes hat schon in der Vergangenheit auf entspre-
chende „Hinweise‟ aus der Politik reagiert, etwa beim
Versuch, die populäre Seite NoticieroDigital.com wegen
„anonymer Diffamierung‟ zur Rechenschaft zu ziehen.
Mittlerweile verfüge der Staat unmittelbar über 731 eigene
Kommunikationskanäle, so Peter-Alberto Behrens.14

Andere Regierungen versuchen mit erheblichen Mitteln


ihre Botschaften ins redaktionelle Programm von Medien
zu drücken. Hiervon verspricht man sich eine höhere
Glaubwürdigkeit als im Anzeigenbereich. Solche Verschlei-
erungstechniken werden aus wirtschaftlichen Gründen von
vielen Medien mitgemacht – neben der Rechtswidrigkeit
steht hier in vielen Fällen die journalistische Berufsethik
auf dem Spiel: Sie und strikte Professionalität aber sind
nach wie vor die wichtigsten Wettbewerbsvorteile beim
Kampf um die Aufmerksamkeit der Nutzer, Hörer, Seher
und Leser. Dass ein auffälliger Glaubwürdigkeitsverlust
bereits eingetreten ist, belegt Peter-Alberto Behrens an
lateinamerikanischen Zahlen der Zeit zwischen 1995 und
2005.15

14 | Vgl. Peter Alberto Behrens, „Aló Presidente – Presse und


Politik in Lateinamerika‟, in: KAS-Auslandsinformationen
2/2010, S. 97 - 112.
15 | Vgl. Ebenda.
53

Parallel versuchen die klassischen Medienkonzerne, ihr


Stück vom digitalen Kuchen durch die Verbindung von
Fernseh-, Kabel-, Festnetz- und Mobilfunktelefonie-Ange-
boten, in Lateinamerika als Zukunftsgeschäft unter dem
Namen cuádruple play bekannt, zu sichern und auszu-
weiten. Umgekehrt bemühen sich die Telefonkonzerne, im
Markt der Programminhalte Fuß zu fassen. Hier besteht ein
hoher medienrechtlicher Regelungsbedarf.

Aufmerksamkeit verdient bei all diesen Noch scheinen in Lateinamerika –


Analysen die Frage, welche weitergehenden bei allen Fortschritten im Internet-
Bereich – die traditionellen Medien
gesellschaftlichen Folgen das Vordringen Hörfunk und Fernsehen in ihrer Wir-
neuer Technologien und die Veränderung der kung klar überlegen.
Medienlandschaft auf den gesellschaftlichen
Zusammenhalt und das Leben jedes Einzelnen haben –
jenseits der unmittelbaren politischen Konsequenzen.
Hier unterscheiden sich die Prognosen wissenschaftlicher
Beobachter gerade für die demokratisch regierten Länder
Lateinamerikas nicht von denen in anderen Teilen der Welt.
Sie befürchten mit der Verlagerung der politischen Diskus-
sion in den digitalen Raum einen Qualitätsverlust des
öffentlichen Diskurses – mit Folgen für den gesamtgesell-
schaftlichen Zusammenhalt – zudem komplette Kontrolle,
Reizüberflutung, Ohnmachtsgefühle und eine regelrechte
„Versklavung‟ des Menschen durch die permanent auf ihn
einströmenden Anforderungen aus dem Cyberspace.

Ähnliche Stimmen waren allerdings auch schon zu hören,


als das Fernsehen mit seinen vielen Talkshows das Debat-
tenniveau gepflegter Feuilletons dauerhaft deutlich unter-
schritt. Über Qualitätsansprüche lässt sich bekanntlich
immer streiten – über den Zuwachs an Informationsmög-
lichkeiten und Partizipationschancen breiter Schichten
durch die aktuell voranschreitende Ausweitung medialer
Angebote dagegen kaum.
54

DER EINFLUSS DES INTERNETS


AUF PARTEIEN UND WAHLKÄMPFE

Trygve Olson / Terry Nelson

DAS INTERNET VERÄNDERT ALLES

Terry Nelson wurde Als Ende der 1990er Jahre das Zeitalter des Internets
im Jahr 2000 zum begann, wurde es schnell zum Klischee, dass die neue
politischen Direktor
des National Repub- Technologie „alles verändern‟ würde. Heute, mehr als 25
lican Congressional Jahre nach der Geburt des World Wide Web, ist das Internet
Committee (NRCC)
tatsächlich ein zentraler Bestandteil des Lebens von
ernannt und war als
Berater in der Wahl- Menschen in aller Welt geworden. In Rekordzeit hat es sich
kampfkampagne um zu einem Medium entwickelt, über das die Leute kommu-
das Präsidentenamt für
nizieren, soziale Kontakte pflegen, Handel betreiben, sich
John McCain tätig.
informieren und sogar unterhalten lassen. Das Internet hat
Trygve Olson ist frei- zudem mehr Macht in die Hände des Einzelnen gelegt, und
beruflich arbeitender das zwingt Organisationen wie Einzelpersonen dazu die
Künstler und hat sich
auf politische Karika- strategischen und taktischen Überlegungen hinter ihren
turen spezialisiert. In Aktivitäten in Frage zu stellen. Die Internet-Revolution
den Jahren 1999, 2001
hat die Art und Weise verändert, wie Gruppen und ihre
und erneut im Jahr
2005 erhielten seine Mitglieder intern wie extern interagieren – dass diese
politischen Karikaturen Veränderungen auch auf alle politischen Fragen einen weit
die Auszeichnungen
reichenden Einfluss haben, ist nicht überraschend. Man
First-Place Page One
Awards vom Journalis- könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass keine techni-
tenverband Society of sche Erfindung seit der Druckerpresse vor fast 600 Jahren
Professional Journa-
derart große Auswirkungen auf die Politik gehabt hat.
lists für die Kategorie
Zeitung.
„Der Mensch ist ein politisches Tier‟, erklärte Aristoteles
schon um das Jahr 350 v. Chr. – und heute haben die poli-
tischen Tiere mehr Zugriff auf Informationen als je zuvor in
der Geschichte. Zudem verbreiten sich die Informationen
im Internet fast ohne jede Zeitverzögerung. Trotzdem wird
das Netz nicht nur durch die schiere Menge an Informati-
onen und die Geschwindigkeit ihrer Ausbreitung zu einem
wichtigen Werkzeug der Politik. Entscheidend ist eher die
Tatsache, dass über das Internet jeder sofort auf Infor-
mationen reagieren kann, egal ob sie von dort oder aus
55

der realen Welt kommen. Diese Möglichkeit wird die Politik


verändern – zumal Bürger ihre Überzeugungen jetzt nicht
mehr nur Menschen in ihrem eigenen Viertel, Wohnort
oder Bundesland darlegen können, sondern über beliebige
Entfernungen im ganzen Land oder in der ganzen Welt,
und noch dazu so gut wie kostenlos. Die riesigen Infor-
mationsmengen im Web, die Geschwindigkeit, mit der sie
sich bewegen, und die Möglichkeit für jeden einzelnen, sich
an ein großes Publikum zu wenden, haben also für den
Bereich der Politik das Versprechen schon wahr gemacht:
Hier verändert das Internet tatsächlich alles.

Etwa seit dem Jahr 1996 spielt das Internet auch in der
Politik eine Rolle. Seitdem ist viel darüber geschrieben
worden, wie es die politische Auseinandersetzung verän-
dert. Allerdings ging es dabei meistens um
eher technische Fragen wie Spendenaufrufe Die riesigen Informationsmengen im
per E-Mail oder das Organisieren über soziale Web, die Geschwindigkeit, mit der sie
sich bewegen, und die Möglichkeit für
Netze. Weniger intensiv betrachtet wurde jeden einzelnen, sich an ein großes
das Aufkommen des Internets als politisches Publikum zu wenden, haben also für
den Bereich der Politik das Verspre-
Werkzeug und sein Einfluss auf die Kunst der
chen schon wahr gemacht: Hier ver-
Politik, also auf strategische Entscheidungen ändert das Internet tatsächlich alles.
von Politik­strategen und Parteiführern. In
diesem Artikel wird deshalb untersucht, wie das Internet –
heute und in Zukunft – strategische Entscheidungen beein-
flusst, die dann die Arbeit von Parteien und Kandidaten
sowie deren Wahlkampagnen prägen.

DER EINFLUSS DES INTERNETS AUF DIE POLITIK

In allen demokratischen Gesellschaften dieser Welt exis-


tieren Parteien nur zu einem Zweck: um an Wahlen teil-
zunehmen (und sie möglichst zu gewinnen). Zwar gibt es
in den einzelnen Ländern große Unterschiede hinsichtlich
Wahl- und Regierungssystem, Entstehungsgeschichte,
kulturellen Normen und politischer Tradition. Aber die
Prozesse, über die Menschen sich einer Partei als aktive
Mitglieder oder passive Unterstützer anschließen, sind
überall die gleichen. Um zu verstehen, wie das Internet die
Politik verändert und das auch weiterhin tun wird, muss
man also verstehen, welche Auswirkungen es auf diese
Prozesse hat.
56

Politische Parteien und Organisationen entstehen, wenn


Menschen, die gemeinsame Werte haben, zur Verfolgung
eines gemeinsamen politischen Ziels zusammengebracht
werden. In diesem Prozess gehen Parteien
In der Vergangenheit sind Parteien in vier Stufen vor. Als erstes informieren sie
in einem Prozess entstanden, der Menschen über die gemeinsamen Werte. Als
hauptsächlich von oben nach unten
verlief. Eine Kerngruppe von Anfüh- zweites überzeugen sie Menschen davon,
rern definierte auf der Grundlage der dass eine Zusammenarbeit mit der Partei
gemeinsamen Werte zunächst das
im Rahmen des demokratischen Systems
strategische und taktische Vorgehen.
und auf Grundlage der gemeinsamen Werte
die gemeinsamen Anliegen voranbringen kann. Als drittes
vereinen Parteien die so überzeugten Menschen unter
einer gemeinsamen Flagge für die Teilnahme am politi-
schen System. Im letzten Schritt versuchen die Parteien
ihre organisierten Unterstützer dazu zu bewegen, poli-
tisch aktiv zu werden (etwa an Wahlen teilzunehmen,
zu spenden oder weitere Unterstützung zu gewinnen).
Das Aufkommen des Internets hat, wenig überraschend,
erhebliche Auswirkungen auf diesen Prozess gehabt.

In der Vergangenheit sind Parteien in einem Prozess


entstanden, der hauptsächlich von oben nach unten
verlief. Eine Kerngruppe von Anführern definierte auf der
Grundlage der gemeinsamen Werte zunächst das strategi-
sche und taktische Vorgehen. Danach kümmerte sich diese
Kerngruppe darum, unter der gemeinsamen politischen
Flagge andere Menschen zu informieren, zu überzeugen,
zu organisieren und zu mobilisieren. Die wichtigsten Werk-
zeuge für Information und Überzeugung waren landesweite
Medien (z.B. elektronische oder Printmedien, entweder
über redaktionelle Beiträge oder über bezahlte Anzeigen)
und Mundpropaganda (z.B. Mitgliederwerbung von Haus
zu Haus oder mit Broschüren). Auch bei Aktivitäten zur
Organisierung und Mobilisierung bekam die lokale Ebene
Vorgaben von der Kerngruppe an der Spitze der Partei-
Pyramide. So wurden die finanziellen und strukturellen
Ressourcen zur Organisierung der Partei-Einheiten vor Ort
von der Führung gestellt. Noch dominanter war die Rolle
der Parteispitze bei der Mobilisierung: Die hohen Kosten
für Herstellung und Vertrieb von Werbematerial sowie die
für eine Platzierung redaktioneller Beiträge nötigen Fertig-
keiten und Kontakte sorgten dafür, dass sie den landes-
weiten Auftritt der Partei fast komplett allein bestimmte.
Mitglieder an der Basis konnten ihre politische Botschaft
57

über Mundpropaganda oder lokale Medien verbreiten, aber


ihre geografische Reichweite war begrenzt.

Das Internet hat, zusammen mit anderen preisgünstigen


Produkten der Informationstechnologie wie internetfähigen
Mobiltelefonen mit eingebauter Kamera, den gesamten
Prozess des Aufbaus einer Partei weitgehend auf den
Kopf gestellt. Heutzutage sind Menschen mit bestimmten
Werten nur noch ein paar Mausklicks entfernt von anderen
Menschen mit denselben Werten und Ansichten – sowohl
von solchen, die sie schon kennen, als auch von noch
Unbekannten und sowohl in unmittelbarer Nachbarschaft
als auch in großer Entfernung. In der Welt von sozialen
Netzen, Nachrichtenportalen, Blogs, Youtube und Twitter
braucht es keine Kerngruppe mehr, die den Prozess der
Information, Überzeugung und Organisierung von oben
vorantreibt. Die niedrigen Kosten für weitere Technologien
wie Videokameras, Laptops und Schnittsoftware haben
zudem zusammen mit den Möglichkeiten des Internets
zur Informationsverbreitung (wie Youtube) ein Umfeld
geschaffen, in dem jeder nicht nur Gleichgesinnte finden,
sondern auch zu politischer Betätigung motivieren kann.
Obendrein sind der Reichweite von interessanten Informa-
tionen in Zeiten des World Wide Web keine geografischen
Grenzen mehr gesetzt.

Ein anschauliches Beispiel für die Fähigkeit des Internets,


geografische politische Schranken zu überwinden und
die politische Lage schnell zu verändern, liefert die Wahl
zum US-Senat im Bundesstaat Virginia im Jahr 2006. Der
Amtsinhaber George Allen strebte eine Wiederwahl an.
Am 11. August 2006 benutzte er bei einer Wahlkampfver-
anstaltung auf dem Land zweimal das beleidigende Wort
„Makake‟ für eine Person aus dem gegnerischen Lager, die
den Kandidaten mit einer Videokamera filmte. Innerhalb
von Stunden war dieses Video auf Youtube zu finden, nach
ein paar Tagen konnte man es in den Hauptnachrichten
sehen. Am Wahltag unterlag Allen dem gegnerischen
Kandidaten mit weniger als 10.000 Stimmen Rückstand.
Zwei Jahre später analysierte die Washington Post die
Auswirkungen seines Fehltritts und kam zu dem Schluss,
dass Allen ohne die Äußerungen gute Aussichten gehabt
hätte, als Kandidat der Republikaner für die Präsident-
schaftswahl 2008 aufgestellt zu werden.
58

Für Wahlkampf-Strategen und Parteiführer hat diese Ver-


schiebung der Machtbalance weitreichende Auswirkungen:

▪▪Es ist immer schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich


geworden, Botschaften und ihre Darstellung komplett im
Griff zu haben.
▪▪Die Menge an politischen Informationen und die Zugriffs-
möglichkeiten darauf haben sich exponentiell erhöht; dem
steht aber keine entsprechende Erhöhung der Aufnahme-
fähigkeit bei den Rezipienten gegenüber.
▪▪Die Geschwindigkeit, mit der sich Informationen verbrei-
ten und die Geschwindigkeit politischer Debatten haben
sich exponentiell erhöht.
▪▪Die neuen Möglichkeiten für Menschen mit gemeinsamen
Werten, sich zu informieren und zu organisieren, bergen
für politische Organisationen sowohl Chancen als auch
Gefahren.
▪▪Sobald eine Information im World Wide Web veröffent-
licht wurde, bleibt sie für immer verfügbar.

Es besteht immer die Möglichkeit, dass ein – positiv oder


negativ wirkendes – Dokument im Web auftaucht und
deshalb für jeden Menschen mit Zugang zum Internet
abrufbar ist: das Gleiche gilt für Taten und Ereignisse. Und
schließlich – dieser Punkt ist vielleicht am
Parteien und die von ihnen geführten wichtigsten für Politikstrategen – versetzt
Wahlkämpfe basieren auf vier Res- das Internet Menschen in die Lage, außer-
sourcen: Zeit, Geld, Menschen und
Fähigkeiten. So wie Unternehmen mit halb traditioneller politischer Strukturen
begrenzten wirtschaftlichen Ressour- selbst aktiv zu werden. Parteien müssen
cen operieren, müssen Parteien mit
deshalb ihren Umgang mit unorganisierten
begrenzten politischen Ressourcen
auskommen. politischen Aktivitäten überdenken.

POLITISCHE RESSOURCEN

Parteien und die von ihnen geführten Wahlkämpfe


basieren auf vier Ressourcen: Zeit, Geld, Menschen und
Fähigkeiten. So wie Unternehmen mit begrenzten wirt-
schaftlichen Ressourcen operieren, müssen Parteien mit
begrenzten politischen Ressourcen auskommen. Diese
müssen zunächst erworben und dann auf die Verfolgung
der einzelnen politischen Ziele aufgeteilt werden. Wie
zu erwarten war, hat das Aufkommen des Internets das
Erwerben und die Allokation von politischen Ressourcen
ebenso fundamental verändert wie das Erwerben und die
59

Allokation von Ressourcen in der gesamten Wirtschaft.


Im Folgenden werden die einzelnen Typen von politischen
Ressourcen und die durch das Internet ausgelösten Verän-
derungen bei Erwerb und Allokation untersucht.

ZEIT

Parteien in demokratischen Gesellschaften Parteien und die von ihnen geführten


arbeiten in einer Welt, in der Zeit eine immer Wahlkämpfe basieren auf vier Res-
sourcen: Zeit, Geld, Menschen und
knappere und eine unbegrenzte Ressource Fähigkeiten. So wie Unternehmen mit
zugleich darstellt. Einerseits läuft die Zeit begrenzten wirtschaftlichen Ressour-
cen operieren, müssen Parteien mit
bis zum Wahltag unaufhaltsam ab – jede
begrenzten politischen Ressourcen
Stunde, die vergeht, ist eine Stunde weniger auskommen.
für das Einwerben von Geld, das Verbreiten
von Botschaften und die Gewinnung von Wählern. Auf
der anderen Seite sind erfolgreiche Parteien so angelegt,
dass sie eine Wahl überdauern, auch wenn sie diese nicht
gewinnen. Insofern können Parteien eine langfristige Pers-
pektive für den Aufbau einer Anhängerschaft über mehrere
Wahlen hinweg einnehmen.

Die Entwicklung des Internets in der Politik hat Auswir-


kungen sowohl auf die kurzfristige als auch auf die lang-
fristige Sicht. Das Internet ist so ausgelegt, dass sich
Informationen darin in Lichtgeschwindigkeit bewegen. Es
erlaubt Einzelnen und Gruppen, effizienter zu arbeiten,
Informationen weiter zu verbreiten und schneller Mitstreiter
zu mobilisieren.

Gute Beispiele für den Einfluss des Internets auf die


politische Ressource Zeit lassen sich durch eine Untersu-
chung der Abläufe beim Einwerben von Spenden finden.
Vor dem Aufkommen des Webs stammte der Großteil der
Finanzmittel für Parteien in den USA entweder aus großen
Spenden, die bei Fundraising-Veranstaltungen einge-
worben wurden, oder von kleinen Spendern, die norma-
lerweise durch Briefe (oder Anrufe) gefunden wurden und
der Partei einen Scheck schickten. In beiden Fällen war es
sehr aufwendig, solche Spenden-Aktionen zu organisieren.

Für eine Fundraising-Veranstaltung musste die Partei


eine Liste möglicher Spender mitsamt ihren Adressen
­zusammenstellen, einen Veranstaltungsort buchen,
Einladungen entwerfen, adressieren und versenden, die
60

Veranstaltung vorbereiten und schließlich abhalten, um


am Eingang Schecks entgegennehmen zu können. Bei
Briefkampagnen musste sie eine Liste möglicher Spender
zusammenstellen, einen Brief entwerfen, drucken, adres-
sieren und versenden und dann mehrere Tage warten, bis
er angekommen war. Die Empfänger mussten den Brief
öffnen, ihn lesen, sich zu einer Spende entscheiden, das
Scheckheft finden, den Scheck ausstellen, eine Briefmarke
suchen und den Scheck in die Post geben. Die Partei musste
dann noch auf die Auslieferung des Briefs warten, bevor sie
ihn einlösen und auf ihrem Bankkonto gutschreiben lassen
konnte.

Im Zeitalter des Internet ist dieser Prozess exponentiell


schneller geworden. Wenn eine Partei heute Spenden
einsammeln möchte, muss sie nur eine Liste von E-Mail-
Adressen erstellen, eine E-Mail mit einem Link auf ihre
Spendenseite verfassen und auf „senden‟ klicken. Fast im
selben Moment bekommt der potenzielle Spender diese
Nachricht, kann sich für eine Spende entscheiden, auf den
Link zur Webseite klicken und mit ein paar Tastendrücken
seine Spenden direkt auf das Konto der Partei einzahlen.
Mit Hilfe des Internets kann eine Partei innerhalb von
Stunden erledigen, was früher Tage oder Wochen gedauert
hat.

Somit gibt das Internet Parteien also die Möglichkeit,


Ressourcen schneller zu erwerben und aufzuteilen. Kurz-
fristig gesehen verschafft ihnen dieser Effi-
Und schließlich versetzt das Internet zienzgewinn mehr Zeit dafür, sich weitere
Menschen in die Lage, außerhalb tradi- Ressourcen für die Verfolgung ihrer politi-
tioneller politischer Strukturen selbst
aktiv zu werden. Parteien müssen schen Ziele zu verschaffen. Allerdings bringt
deshalb ihren Umgang mit unorgani- das Internet zugleich erhebliche Probleme für
sierten politischen Aktivitäten über-
Parteien, die eine langfristige Sichtweise über
denken.
die nächsten Wahlen hinaus einnehmen: Über
das Netz können Menschen leicht Gleichgesinnte finden
und sich eigenständig mit ihnen zusammenschließen –
wenn bereits andere Organisationen denselben Werteraum
besetzen, wird es für Parteien schwieriger, Menschen auf
sich zu ziehen. Zudem steigert das hohe Tempo politischer
Aktivitäten im Netz wie im Beispiel des Spendensammelns
auch die Geschwindigkeit des politischen Wettbewerbs
der Ideen. Das Internet kann also ein Werkzeug sein, das
Parteien durch die Beschleunigung­ ihrer Arbeit mehr Zeit
61

verschafft. Aber gleichzeitig verkürzt es die Zeitspanne,


die den Parteien bleibt, bevor ihnen andere mit ebenfalls
auf Werten basierenden Aktivitäten direkt Konkurrenz
machen.

GELD

„Geld ist die Muttermilch der Politik‟, lautet ein altes poli-
tisches Sprichwort in den USA. Um ihre strategischen und
taktischen Überlegungen in Taten umzusetzen, brauchen
Parteien tatsächlich auch finanzielle Ressourcen. Wie
erwähnt hat das Internet enorme Auswirkungen auf das
Einwerben von Spenden gehabt. Aber seine Kraft liegt hier
nicht nur darin, dass es schneller Geld auf das Parteikonto
bringt: Ebenso wichtig ist für Politikstrategen und Partei-
führer seine Reichweite und Bandbreite sowie die Tatsache,
dass sich über das Internet wertebasierte Aufrufe organi-
sieren lassen, sobald ein Ereignis einen passenden Anlass
bietet.

Vor dem Beginn des Internet-Zeitalters Das Internet kann also ein Werk-
musste das Einwerben von Parteispenden zeug sein, das Parteien durch die
Beschleunigung ihrer Arbeit mehr Zeit
mit einer Kerngruppe von überzeugten verschafft. Aber gleichzeitig verkürzt
Anhängern beginnen. Diese Leute, zumeist es die Zeitspanne, die den Parteien
bleibt, bevor ihnen andere mit eben-
Parteimitglieder, wurden gebeten, selbst
falls auf Werten basierenden Aktivi­
zu spenden und außerdem zu versuchen, täten direkt Konkurrenz machen.
andere Menschen mit den gleichen Werten
aus ihrem Bekanntenkreis zu finden, die ebenfalls einen
Beitrag leisten. Zwar kamen dafür unterschiedliche
Methoden in Frage (etwa Werbung per Brief, Veranstal-
tungen oder Finanzierung über Mitgliedsbeiträge). Immer
aber war die Zielgruppe auf Leute begrenzt, die vorher als
mögliche Spender identifiziert worden waren.

Auch in Zeiten des Internets werden Spenden höchst-


wahrscheinlich von denjenigen Menschen kommen, die die
Werte einer Partei teilen. Jedoch hat die Zielgruppe mögli-
cher Spender eine enorme Erweiterung erfahren und geht
jetzt weit über Personen hinaus, die direkte Verbindungen
zu einer Partei oder einem ihrer Mitglieder haben. Heutzu-
tage steht Parteien eine viel breitere Palette an Methoden
zur Verfügung, über die sie Menschen finden können, die
ihre Werte teilen und sich vielleicht dazu bringen lassen,
politische Unterstützung in Form einer Spende zu leisten.
62

Zu den von Parteien genutzten Online-Methoden gehören:

▪▪Suchmaschinen-Marketing bei Menschen, die über ihre


Web-Suchen Interesse für bestimmten Themen zeigen
▪▪Anzeigenschaltungen auf Webseiten, die oft von Leuten
besucht werden, die eine bestimmte Partei unterstützen
▪▪Kontextbezogene Werbung, bei der die von Nutzern
besuchten Webseiten aufgezeichnet werden, um auf
Grundlage dieser Muster passende Werbung einzublenden
▪▪Spendensammlung auf sozialen Netzen, bei denen Unter-
stützer gebeten werden, ihre Freunde direkt zu Beiträgen
zu ermuntern
▪▪E-Mails mit Spendenaufrufen an gekaufte Listen von
Adressen potenzieller Spender, E-Mails von Aktivisten an
Personen in ihren Adressbüchern oder E-Mails der Partei
an frühere Spender.

All diesen Methoden der Spendensammlung liegt dieselbe


Strategie zugrunde: gemeinsame Werte zu betonen, um
Menschen, die sich um den Fortbestand dieser Werte
sorgen, dazu zu bringen, durch einen finanziellen Beitrag
selbst aktiv zu werden. Also hat das Internet zwar definitiv
die Methoden der Spendensammlung und ihre Geschwin-
digkeit verändert, nicht aber die strategischen Vorausset-
zungen. Auch in Zeiten des Internet liegt der Schlüssel
zum Erfolg für politische Spendensammlungen darin,
Menschen mit Hilfe von politischen Botschaften dazu zu
bewegen, einen Beitrag (in diesem Fall eine Spende) zu
leisten. Bei der Suche nach neuen und innovativen Wegen
der Finanzierung sollten Politikstrategen und Parteiführer
nicht vergessen, dass Erfolg beim Spendensammeln im
Internet auf demselben Prinzip basiert wie bei der klassi-
schen Methode: gemeinsame Werte herauszustellen.

MENSCHEN

Fundamental gesehen sind Parteien Gruppen von


Menschen, die sich auf der Grundlage von gemeinsamen
Werten zusammengeschlossen haben, um politisch tätig
zu werden. Erfolgreiche Parteien und Wahlkämpfe brau-
chen Menschen, die organisierte Arbeit leisten, um dem
Ziel des Wahlsieges näher zu kommen. Offensichtlich ist es
dabei so, dass es siegreichen Parteien besser gelungen ist
als den unterlegenen, sich die Unterstützung von Leuten
zu sichern und sie dazu zu bringen, aktiv zu werden
63

­(insbesondere durch die Abgabe ihrer Stimme). Erfolg


in der Politik bedeutet also, Strategien für das Gewinnen
von Anhängern zu entwickeln und Taktiken zu verfolgen,
mit denen sich die einzelnen Anhänger zu unterschiedlich
intensivem Engagement bewegen lassen.

In der Vergangenheit haben Parteien dazu einerseits


versucht, eigene Anhänger zu gewinnen, und andererseits
mit Gruppen zusammenzuarbeiten, die auf
ähnlichen Werten basieren. Vor Wahlen ging Auch in Zeiten des Internet liegt
es dann darum, Menschen aus beiden Gruppen der Schlüssel zum Erfolg für poli-
tische Spendensammlungen darin,
zu einer hinreichend großen Wählerschaft zu Menschen mit Hilfe von politischen
vereinen. In den USA zum Beispiel arbeitet die Botschaften dazu zu bewegen, einen
Beitrag zu leisten.
Demokratische Partei eng mit gewerkschaft-
lichen Gruppen zusammen, deren Mitglieder
für den Wahlkampf organisiert, mobilisiert und aktiviert
werden sollen. Die Republikaner machen das Gleiche
mit Wirtschaftsverbänden, u.a. mit Lobbygruppen für
Schusswaffen und gegen Abtreibung. Auch diese Gruppen
waren bislang, wie Parteien, normalerweise von oben nach
unten organisiert und werden von gemeinsamen Werten
zusammengehalten. Deshalb traf ihre nationale Führung
die strategischen Entscheidungen und legte fest, wie den
Mitgliedern erklärt werden sollte, welche Partei sie unter-
stützen sollten.

Ein solcher strategischer Ansatz basiert auf der Vorstel-


lung, dass Mitglieder einer Organisation bestimmte Werte
gemeinsam haben und dass diese Werte auch darüber
entscheiden, welche Partei die Mitglieder wählen. Das ist
zwar höchstwahrscheinlich richtig, aber das Aufkommen
des World Wide Web stellt derartige Vorgaben von oben
in Frage: Heutzutage hat jeder Internet-Nutzer Zugriff
auf fast unbegrenzt viele Informationen und kann sich
selbständig mit anderen Menschen um die gemeinsamen
Werte herum organisieren. Beides zusammen hat erheb-
liche Auswirkungen auf Parteien, die versuchen, die politi-
sche Ressource Mensch zu einem einheitlichen politischen
Vorgehen zu organisieren.

Wer im Internet-Zeitalter erfolgreich Menschen für


einen Wahlkampf gewinnen will, muss es schaffen, die
­Organisation von oben nach unten und von unten nach
oben zugleich aufzubauen. Ein hervorragendes Beispiel
dafür ist der Wahlkampf von Barack Obama im Jahr 2008.
64

Auf der Makroebene basierte die Wahlkampf-Botschaft


auf der Idee „Wandel‟. Eine solche Darstellung legt nahe,
dass der Kandidat für das Neue steht und das Alte ablehnt.
Passend dazu traf das Obama-Team die strategische
Entscheidung, die Botschaft zu vermitteln, dass sich die
Anhänger über „neue Medien‟ (also das Internet) um einen
Kandidaten mit neuen Ideen versammelten.

Die Obama-Anhänger organisierten sich also zum einen


selbst über Web-Werkzeuge wie Facebook und die
Webseite my.barackobama.com. Zugleich aber waren sie
dabei Teil der von der Wahlkampfführung
Wer im Internet-Zeitalter erfolgreich­ vorgegebenen allgemeinen Darstellung und
Menschen für einen Wahlkampf ge- Botschaft. Außerdem hatte die Spitze zwar
winnen will, muss es schaffen, die
Organisation von oben nach unten und nicht die Kontrolle über die selbst orga-
von unten nach oben zugleich aufzu- nisierten Aktivitäten einzelner Anhänger,
bauen. Ein hervorragendes Beispiel
lenkte sie aber trotzdem in die Richtung
dafür ist der Wahlkampf von Barack
Obama im Jahr 2008. ihrer politischen Ziele, indem sie bestimmte
Internet-Werkzeuge für die Organisation zur
Verfügung stellte. Obamas Team verdient Anerkennung
dafür, dass es sowohl bei der Ermöglichung einer beispiel-
losen Internet-basierten Organisationsleistung höchst
erfolgreich war als auch bei der Darstellung, dass diese
Leistung einen „Wandel‟ gegenüber der üblichen Politik
darstellte.

Letztlich war die Idee, die Menschen vor Ort sich selbst
organisieren zu lassen, weder neu noch neuartig – schon
immer hatten Wahlkämpfe genau das zum Ziel. Das Einzig-
artige an Obamas Wahlkampf war, dass er erfolgreicher
als alles zuvor die Möglichkeiten des Internets nutzte, um
Einfluss auf die Selbstorganisation zu nehmen und zugleich
die Tatsache der Selbstorganisation zum Teil der Botschaft
vom „Wandel‟ zu machen. Für Parteien, die Menschen für
ihren Wahlkampf einsetzen wollen, kann das Internet ein
enorm hilfreiches Werkzeug sein, wenn die individuelle
Selbstorganisation sich im Rahmen einer Gesamtstra-
tegie abspielt. Über gelungene Organisationsplattformen
im Internet können Politikstrategen Menschen erreichen
und organisieren, die sich früher höchstwahrscheinlich nie
engagiert hätten. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, den
Anhängern die nötigen Werkzeuge in die Hand zu geben,
dies aber im Rahmen der Gesamtstrategie für den Wahl-
kampf zu tun.
65

FÄHIGKEITEN

Um ihre Strategien und Taktiken für den Wahlkampf umzu-


setzen, brauchen Parteien als Ressource auch die Fähig-
keiten von Menschen. Egal, ob diese Fähigkeiten für das
Organisieren, für Kommunikation, Spendensammlung oder
direkte Parteiarbeit eingesetzt werden: in jedem Fall sind
auch sie eine begrenzte Ressource. Die Macht des Internets
liegt hier darin, dass es höhere Effizienz ermöglicht und
Informationen liefert, die sich für strategische Entschei-
dungen und die Umsetzung taktischer Maßnahmen nutzen
lassen.

Ein sehr gutes Beispiel dafür ist der Einsatz Das Einzigartige an Obamas Wahl-
von Extranet-Werkzeugen. Ein Extranet ist kampf war, dass er erfolgreicher als
alles zuvor die Möglichkeiten des
eine in einem nicht öffentlich zugänglichen Internets nutzte, um Einfluss auf die
Bereich des Internets liegende Webseite zur Selbstorganisation zu nehmen und
zugleich die Tatsache der Selbstorga-
internen Nutzung durch eine Organisation.
nisation zum Teil der Botschaft vom
Grundsätzlich erlaubt es ein Extranet, dass „Wandel‟ zu machen.
Informationen in mehrere Richtungen und
durch die gesamte Organisation fließen, sowohl horizontal
als auch vertikal. Für eine Partei oder ihr Wahlkampf-Team
ist ein Extranet ein sehr hilfreiches Werkzeug, weil es
Mitarbeitern auf allen Ebenen Zugriff auf Informationen
gibt, die sie für ihre Aufgaben oder fundierte Entschei-
dungen brauchen.

Illustrieren lässt sich der Nutzen des Internets für einen


besseren Einsatz von Fähigkeiten etwa mit dem Fall einer
Initiative zur Gewinnung neuer Mitglieder. Die Fähigkeiten
der Beteiligten auf lokaler Ebene lassen sich dabei am
besten nutzen, wenn jeder weiß, was die anderen tun und
wen sie auf eine Mitgliedschaft ansprechen. Dies können
die für die Initiative Verantwortlichen über Extranet-
Werkzeuge sicherstellen: Wenn eine Person angespro-
chen wurde, wird diese Information im Extranet festge-
halten. Wenn dann ein anderes Parteimitglied vorhat,
eine bestimmte Person anzusprechen, kann er oder sie im
Extranet nachsehen, ob das auch schon andere versucht
haben und welche Reaktion sie bekommen haben. Offen-
sichtlich können solche Informationen entscheidend sein
– nicht nur, um zu wissen, ob das Ansprechen angemessen
wäre, sondern auch um zu erkennen, welches Vorgehen
am meisten Erfolg verspricht.
66

Zugleich können die Partei-Aktivisten vor Ort das Extranet


nutzen, um wichtige Information nach oben weiterzugeben.
Die nationale Parteiführung kann dann fundierte strategi-
sche Entscheidungen über die Kampagne
Die zentrale Herausforderung für Poli- treffen. Wenn die Gewinnung neuer Mitglieder
tikstrategen und Parteien besteht bei zum Beispiel nur zäh läuft und Informati-
jeder neuen Technologie darin, sie
effektiv für die Erreichung ihres zen- onen zeigen, dass dies an einem Mangel an
tralen Ziels einzusetzen: mehr Stim- organisatorischen Ressourcen liegt, kann auf
men zu bekommen als die Konkurrenz
dieser Grundlage entschieden werden, dass
und so Wahlen zu gewinnen.
entweder zusätzliche Ressourcen bereitge-
stellt werden oder dass die Kampagne an einen anderen
Ort verlagert wird.

Letztlich erlaubt das Internet Parteien, durch Werkzeuge


für das Verbreiten von Informationen und effizienteres
Arbeiten das Maximum aus den ihnen zur Verfügung
stehenden Fähigkeiten herauszuholen. Wie bei den anderen
politischen Ressourcen liegt auch hier der Nutzen des
Internets darin, dass Informationen in hoher Geschwindig-
keit sowohl horizontal als auch vertikal fließen können.

DIE KRAFT DES INTERNETS NUTZEN

Die zentrale Herausforderung für Politikstrategen und


Parteien besteht bei jeder neuen Technologie darin, sie
effektiv für die Erreichung ihres zentralen Ziels einzu-
setzen: mehr Stimmen zu bekommen als die Konkurrenz
und so Wahlen zu gewinnen. Anders als frühere Techno-
logien wie die Druckerpresse oder das Fernsehen ist das
Internet jedoch in stetigem Wandel begriffen. Immer neue
Software-Werkzeuge und Webangebote verändern und
erweitern seine politischen Verwendungsmöglichkeiten.
Zudem ist das Internet als Technologie insofern einzig-
artig, als seine Anwendung im politischen Bereich so gut
wie alle strategischen und taktischen Aspekte moderner
Wahlkämpfe betrifft.

Eine Internet-Allzweckwaffe, mit der sich ohne weiteres alle


Wahlen gewinnen lassen, gibt es nicht. Aber die folgenden
zehn Gedanken über die Nutzung des Internets können für
Politikstrategen und Parteiführer hilfreich sein:
67

1. Das Internet vervielfältigt politische Ressourcen. Es


lässt Parteien und Wahlkampfteams die ihnen zur
Verfügung stehenden Mittel effektiver, schneller, mit
größerer Reichweite und billiger einsetzen.

2. Das Internet bietet eine sich immer weiter entwickelnde


technische Plattform, mit der sich neue Werkzeuge für
die Erreichung strategischer politischer Anliegen und
Ziele schaffen und nutzen lassen. Für politischen Erfolg
ist es entscheidend, nicht nur in der Vergangenheit
bewährte Werkzeuge zu verwenden, sondern auch
neue zu finden oder sogar selbst zu entwickeln.

3. Damit Internet-Werkzeuge effektiv sind, müssen


Parteien bei ihrer Entwicklung ihre strategischen Ziele
im Auge behalten. Außerdem müssen die Werkzeuge
so ausgelegt sein, dass die mit der Erreichung der Ziele
betrauten Personen sie tatsächlich nutzen.

4. Als politisches Werkzeug hat sich das Internet von


einem reinen Kommunikationsmittel weiterentwickelt
zu einem Bestandteil jedes Bereiches einer Partei oder
Wahlkampagne. Online-Aktivitäten dürfen deshalb
nicht als für sich stehender Teil verstanden werden,
sondern müssen alle Aspekte Ihrer Arbeit verbinden
und umfassend genutzt werden.

5. Die wichtigste Veränderung durch das Aufkommen des


Internets als politisches Werkzeug dürfte weniger in
seinen Auswirkungen auf Wahlkämpfe und die Inter-
aktion mit Wählern liegen, sondern darin, wie es die
interne Arbeitsweise von Parteien beeinflusst. Die
Möglichkeiten des Internets zu nutzen, bedeutet Wege
zu finden, wie es sich für eine Verbesserung der internen
Parteiarbeit zur Erreichung externer Ziele nutzen lässt.

6. Die globale Reichweite und schnelle Informationsver-


breitung im Internet erfordert, dass Parteien stets zu
schnellen Reaktionen bereit sind.

7. Über das Internet können sich auch Einzelpersonen für


politische Arbeit organisieren. Politikstrategen müssen
deshalb ihre Wahlkämpfe nicht nur von oben nach
unten gestalten, sondern auch von unten nach oben.
Zugleich müssen sich Parteien darüber im Klaren sein,
68

dass andere Personen, Gruppen oder Parteien eine


Wertlücke rasch füllen werden, wenn sie es nicht selbst
tun.

8. Für einen erfolgreichen Einsatz des Internets für


Parteien und Wahlkämpfe ist es entscheidend, neue
Web-Technologien zu finden und zu nutzen. Sie sollten
aber nicht vergessen, dass nicht der Kandidat oder die
Partei mit den meisten Facebook-Freunden oder den
meisten Twitter-Nachrichten die Wahl gewinnt, sondern
derjenige mit den meisten Stimmen am Wahltag.

9. Das Internet bietet der Opposition eine ständige und


äußerst schnelle Recherchemöglichkeit über alles, was
eine Partei und ihre Kandidaten getan oder gesagt
haben. Politiker und ihre Strategen müssen sich im
Internet-Zeitalter darüber im Klaren sein, dass alles,
was sie sagen oder tun, an die Öffentlichkeit gelangen
und gegen sie verwendet werden kann.

10. Nur weil eine andere Partei oder ein anderer Kandidat
bestimmte Internet-Werkzeuge oder -Taktiken einsetzt,
muss das nicht auch für sie erfolgversprechend sein. Es
mag verlockend erscheinen, alles zu versuchen, was
der Gegner im Internet tut. Aber man sollte stets daran
denken, dass Online-Aktivitäten kein Selbstzweck sind,
sondern spezifischen politischen Zielen dienen sollten.

Insgesamt gesehen müssen Politikstrategen und Partei-


führer erkennen, dass ihr taktischer Ansatz für Erfolg im
Internet nicht darin bestehen sollte, anderswo erfolgreiche
Methoden zu übernehmen. Für jede Partei
Die Möglichkeiten des Internets zu und jeden Wahlkampf gilt es ein individu-
nutzen, bedeutet Wege zu finden, elles politisches Umfeld zu beachten. Um
wie es sich für eine Verbesserung der
internen Parteiarbeit zur Erreichung das Internet erfolgreich für den Aufbau einer
externer Ziele nutzen lässt. Partei oder die Gewinnung von politischen
Ressourcen zu nutzen, müssen Politikstra-
tegen deshalb erkennen, welche der über das Internet
möglichen Methoden sich am besten für die Erreichung ihrer
Ziele eignen. Tatsächlich hat das Internet für Parteiführer
und Politikstrategen „alles verändert‟. Trotzdem aber ist
der wichtigste Punkt in der Politik der gleiche geblieben:
Um Wahlen zu gewinnen, brauchen Sie einen strategischen
Plan, der sich taktisch so umsetzen lässt, dass Sie mehr
Stimmen bekommen als Ihre Gegner.
69

POLITIK AUS DER NISCHE


DIE DIGITALE POLITISCHE KOMMUNIKATION ALS
INFORMATIONSQUELLE UND AUSTAUSCHFORUM
FÜR DIE OPPOSITION IN WEISSRUSSLAND

Stephan Malerius
Stephan Malerius ist
Auslandsmitarbeiter
der Konrad-Adenauer-
Stiftung in Weißruss-
Anders als in Westeuropa oder den meisten neuen
land.
EU-Mitgliedsstaaten wird die digitale politische Kommuni-
kation in Weißrussland nicht im Kontext der Nutzung der
spezifischen Möglichkeiten von Web 2.0 in der Kommu-
nikation von Politikern mit den Bürgern oder im Zusam-
menhang mit digitaler Demokratie diskutiert. Vielmehr gilt
das Internet vor allem als ein Instrument, die Zensur in
den klassischen Medien (Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen)
zu umgehen. Denn ein traditioneller öffentlicher Raum,
in dem die Menschen ihre politische Meinung frei äußern
können, existiert in Weißrussland nicht. Die Verdrängung
der politischen Kommunikation aus der Öffentlichkeit ist
eines der „Rezepte‟, mit dem das System Lukaschenko
sein über 15-jähriges Bestehen bislang erfolgreich zu
sichern vermochte. Sie ist zudem einer der Gründe,
weshalb die demokratische Opposition ein Nischendasein
fristet und von der Bevölkerung kaum wahrgenommen
wird. Der einzige bislang weitestgehend nicht kontrollierte
öffentliche Raum ist das Internet. Deshalb kommt der
geschickten Nutzung der digitalen Medien durchaus das
Potenzial zu, zur Triebfeder eines demokratischen Wandels
im Land zu werden. Voraussetzung wäre jedoch, dass die
Opposition ihren „kommunikativen Konservatismus‟ ablegt
und beginnt, koordinierte Strategien für Online-Aktivitäten
zu entwickeln, die in eine intelligente Politikplanung inkor-
poriert sind.
70

DIE KONTROLLE DES ÖFFENTLICHEN RAUMES IN


WEISSRUSSLAND ODER: DIE VERBANNUNG DER
POLITISCHEN KOMMUNIKATION

Ein bemerkenswertes Phänomen der Regierung Luka-


schenkos ist es, dass das repressive System im Land von
außen nicht auf Anhieb als ein solches zu erkennen ist. Es
gibt keine regelmäßigen Morde an kritischen Journalisten
oder Menschenrechtlern. Seit Ende 2008 gibt es keine
international anerkannten politischen Gefangenen mehr
und auch von Massenprotesten gegen eine
Der einzige bislang weitestgehend autoritäre und/oder korrupte Regierung wird
nicht kontrollierte öffentliche Raum nicht berichtet. Wer als Tourist, aber auch als
ist das Internet. Deshalb kommt der
geschickten Nutzung der digitalen politischer Beobachter nach Minsk kommt,
Medien durchaus das Potenzial zu, hat auf den ersten Blick nicht den Eindruck,
zur Triebfeder eines demokratischen
sich in einem autoritär geführten Staat zu
Wandels im Land zu werden.
befinden. Im Gespräch mit den Menschen
wird schnell deutlich: Wer darauf verzichtet, sich politisch
oder zivilgesellschaftlich zu engagieren oder eine kritische
politische Meinung öffentlich zu äußern, der kann in Weiß-
russland ruhig und unbehelligt leben. Beim zweiten Blick
wird jedoch schnell deutlich, dass die Bedingung für die
öffentliche Ruhe der weitgehende Ausschluss des Politi-
schen aus dem öffentlichen Diskurs ist. Ähnlich wie in der
Sowjetunion unter Breschnew in den siebziger Jahren, als
die Küche der wichtigste Ort der politischen Kommunika-
tion im Land war, wird heute in Weißrussland fast nur privat
über Politik diskutiert, da lediglich die Privatsphäre im Land
nicht vollkommen reguliert ist und der Bürger hier noch
das Recht hat, außerhalb des vom Staat verordneten ideo-
logischen Rahmens zu leben. Pavel Usov schreibt in einer
Betrachtung der sozialen Beziehungen in Weißrussland:
„Selbstverständlich endet jede ‚individuelle Freiheit‘ dort,
wo die öffentliche/politische Aktivität beginnt. Jede Person,
die an öffentlichen Aktionen teilnimmt, die den Interessen
der Machthaber zuwiderlaufen, wird augenblicklich unter
strenge Aufsicht genommen und erfährt den umfassenden
politischen Druck des Systems.‟1

1 | Pavel Usov, „Political and Social Structures in the System of


Political Control in Belarus‟, in: Bell (BelarusInfo Letter), 3
(13) 2010, S. 3, http://www.eesc.lt/public_files/file_
1270650236.pdf [14.04.2010].
71

Politik wird in Weißrussland vertikal verordnet, über Politik


wird nicht diskutiert. Politische Kommunikation in einem
klassischen Verständnis als a) Kommunikation politischer
Akteure zur Erreichung spezifischer Ziele oder b) Kommu-
nikation über Politik und politische Akteure ist in Belarus
aus dem öffentlichen Raum (der Straße, den klassischen
Medien) verbannt. Wenn z.B. drei Menschenrechtler im
Zentrum von Minsk in der Nähe der Präsidialadministra-
tion gegen die im März 2010 erfolgte Vollstreckung von
Todesurteilen protestieren, werden sie
umgehend von Geheimdienst oder Polizei Ein bemerkenswertes Phänomen der
abgeführt. Als die Zeitschrift Arche über die Regierung Lukaschenkos ist es, dass
das repressive System im Land von
Manipulation der letzten Parlamentswahlen außen nicht auf Anhieb als ein solches
in Belarus im Herbst 2008 berichtete, leitete zu erkennen ist. Es gibt keine regel-
mäßigen Morde an kritischen Journa-
der Geheimdienst ein Verfahren gegen sie
listen oder Menschenrechtlern.
wegen Verbreitung extremistischer Inhalte
ein. Die Verbannung der politischen Diskus-
sion aus der Öffentlichkeit ist juristisch sanktioniert und
gründet auf einer weitreichenden Rechtswillkür im Land.
Die drei Menschenrechtler wurden nach Artikel 23 und 34
des Ordnungswidrigkeitsgesetzes („Verstoß gegen Rege-
lungen von Massenveranstaltungen‟) zu einer Geldstrafe
von umgerechnet vier Euro verurteilt. Und ein Gericht
befand die Arche im Frühjahr 2009 für schuldig, gegen
den sog. Extremismus-Paragraphen verstoßen zu haben,
und ordnete die Vernichtung der konfiszierten Ausgabe 7/8
(2008) der Zeitschrift an.2 Die beiden Beispiele stehen pars
pro toto für ein ausgefeiltes System der Kontrolle der politi-
schen Kommunikation in Weißrussland: Jedwede Äußerung
einer unabhängigen kritischen politischen Meinung in der
Öffentlichkeit oder den Medien kann, wenn es die Macht-
haber für geboten erachten, unterbunden werden, und für
jede repressive Maßnahme gibt es auch den passenden
Paragraphen im Straf- oder bürgerlichen Gesetzbuch. Im
Zweifelsfall oder bei besonderen Anlässen entscheidet der
Präsident. Die absolute, zugleich aber nirgendwo fixierte
Kontrolle von Lukaschenko über die Justiz ist der vielleicht
wichtigste Pfeiler des repressiven Systems.

2 | Dem 2007 ratifizierten Gesetz zur Bekämpfung des Extremis-


mus zufolge können alle Organisationen, denen zur Last
gelegt wird, für einen gewaltsamen Umsturz der verfassungs-
mäßigen Ordnung oder terroristische Aktivitäten einzutreten
oder nationalen oder rassistischen Hass zu schüren, aufgelöst
werden (Artikel 14).
72

POLITISCHE KOMMUNIKATION VERSCHLÜSSELT:


DIE DEMOKRATISCHE OPPOSITION IN DER NISCHE

Eine weitere Besonderheit des politischen Systems in


Weißrussland – einzigartig in Europa wie auch im gesamten
postsowjetischen Raum – ist die vollständige Abwesenheit
von politischen Parteien in den quasi-demokratischen
Institutionen auf lokaler (den sog. Räten) oder nationaler
Ebene (dem Parlament). Damit fehlt im Land
Politik wird in Weißrussland vertikal einer der zentralen Akteure der politischen
verordnet, über Politik wird nicht Kommunikation. Vor dem Hintergrund des
­diskutiert. [...] Die Verbannung der
politischen Diskussion aus der Öffent- Anspruches, wie eine normale europäische
lichkeit ist juristisch sanktioniert und Demokratie3 wirken zu wollen, gestehen
gründet auf einer weitreichenden
selbst offizielle Vertreter in informellen
Rechtswillkür im Land.
Gesprächen ein, dass dieser Umstand zumin-
dest ungewöhnlich ist. Die Nicht-Existenz von Parteien in
den politischen Institutionen hat weitreichende Folgen
für die politische Kommunikation im Land: Im gesamten
Repräsentantenhaus (Parlament) in Minsk gibt es keinen
Abgeordneten, der eine bestimmte – konservative, sozial-
demokratische, liberale, christliche etc. – politische Posi-
tion repräsentiert. Politiker in Belarus sind keine öffent-
lichen Personen, sondern werden vornehmlich in Bezug
auf ihre Nähe bzw. Loyalität zum Präsidenten und seiner
Umgebung beurteilt. Da die gesamte Regierung bis in das
zweite Glied (stellvertretende Minister) sowie die regio-
nalen Verwaltungschefs (Gouverneure) vom Präsidenten
ernannt und auch die systemkonformen Abgeordneten
des Repräsentantenhauses vor den Parlamentswahlen
ganz offensichtlich sorgfältig ausgewählt und dann bei
manipulierten Wahlen nur noch scheindemokratisch legiti-
miert werden, besteht für sie keine Notwendigkeit, um die
Unterstützung von Wählerinnen und Wählern zu werben
oder Rechenschaft vor diesen abzulegen. Einmal gewählt –

3 | Vgl. hierzu die Äußerung Lukaschenkos in einem Interview


mit der österreichischen Zeitung Presse am Sonntag am
12.07.2008: „Das wichtigste aber für die Vorwärtsbewegung
ist, dass keine Bedingungen oder Forderungen gestellt
werden, dass wir unser Land demokratisieren. Was sollen
wir denn demokratisieren? Was ist dieser Standard für die
Demokratisierung? Jedes Land hat seinen Standard. Und ich
sehe keinen so großen Unterschied zwischen der Demokratie
in Weißrussland und der in Europa. Haben Sie etwa das
Gefühl, dass hier bei uns alle zittern, wie das in Euren Medien
oft geschrieben wird? Bei uns lebt man ruhiger als in jedem
europäischen Land.‟ Zitiert nach http://diepresse.com/home/
politik/aussenpolitik/494312/index.do [14.04.2010].
73

oder besser: ernannt –, haben die Abgeordneten das oben


erwähnte ungeschriebene Gesetz schnell verinnerlicht:
Jede unabhängige Meinung, die öffentlich geäußert wird,
kann gefährlich sein für die „politische‟ Karriere.

De jure existieren politische Parteien in Belarus Gleichzeitig hat die Verbannung der
als außerparlamentarische Opposition. Hier politischen Kommunikation aus dem
öffentlichen Raum zur Folge, dass auch
ist zwar das traditionelle politische Spektrum die Bürgerinnen und Bürger nur sehr
durchaus repräsentativ abgebildet – von selten in der Lage sind sich zusam-
menzuschließen, um ihre Interessen
der national-konservativen Belarussischen
gegenüber der Regierung und den
Volksfront über die liberale Vereinigte Bürger- Behörden zu formulieren und gemein-
partei bis zu den pro-demokratischen Post- sam zu verteidigen.

Kommunisten. Doch sind die Strukturen


dieser Parteien derart schwach, dass Analytiker eher von
politischen Klubs als von Parteien sprechen. Daneben gibt
es quasi-politische Bürgerbewegungen wie die Bewegung
für die Freiheit von Oppositionsführer Alexander Milinkie-
witsch. Das Problem all dieser politischen oder politisch-
zivilgesellschaftlichen Gruppierungen besteht in ihrer
fehlenden Bindung an die Bevölkerung. Eine politische
Kommunikation zwischen der demokratischen Opposition
und den Menschen im Land existiert praktisch nicht. Anders
als etwa in Polen in den frühen achtziger Jahren oder Litauen
in den späten achtziger Jahren, wo nationale Bewegungen
wie Solidarność oder Sąjūdis den demokratischen Wandel
einleiteten, ist es in Belarus keiner außerparlamentari-
schen Gruppierung in den letzten zehn Jahren gelungen,
einen nennenswerten Bekanntheitsgrad, geschweige denn
Rückhalt in der Bevölkerung zu erlangen. Die Vertreter der
demokratischen Opposition agieren in gesellschaftlichen
Nischen, in denen sie auch untereinander kaum koordiniert
sind. Konspirative Arbeitsbedingungen, chiffrierte Kommu-
nikation und die beständige Sorge, abgehört zu werden,
lassen sie wie Dissidenten, nicht wie öffentliche Politiker
agieren. Eine „normale‟ Kommunikation mit der Bevöl-
kerung ist nicht möglich. Diese Isolation führt zu einem
Fehlen von Legitimität sowie zur Unfähigkeit, politische
Prozesse im Land zu beeinflussen.

Gleichzeitig hat die Verbannung der politischen Kommuni-


kation aus dem öffentlichen Raum zur Folge, dass auch die
Bürgerinnen und Bürger nur sehr selten in der Lage sind
sich zusammenzuschließen, um ihre Interessen ­gegenüber
74

der Regierung und den Behörden zu formulieren und


gemeinsam zu verteidigen. Im Jahr 2009 schrieb die EU
ein Programm für Belarus mit dem Titel „Nicht-staatliche
Akteure und lokale Verwaltung‟ aus, in dem es um die
Stärkung der klassischen Funktionen politischer Kommu-
nikation ging. Wichtige Aspekte waren hierbei die Förde-
rung der gleichberechtigten Beteiligung verschiedener
gesellschaftlicher Akteure am politischen Dialog und eine
Partnerschaft im Prozess der Politikformulierung. Zudem
sollten die Bürger ermutigt werden, sich an Diskussionen
und Entscheidungsprozessen auf lokaler Ebene zu betei-
ligen.4 Dass der Schwerpunkt eines EU-Programms für
Belarus auf der Stärkung eines politischen Dialogs im Land
lag, unterstreicht, wie weit Belarus hier noch von europä-
ischen Standards entfernt ist. Zugleich macht es deutlich,
dass eine freie politische Kommunikation und Demokratie
im europäischen Verständnis zusammengehören.

Die rigide Kontrolle des öffentlichen Raumes hat bei vielen


Menschen Weißrusslands in den letzten 15 Jahren zu einer
Reaktivierung sowjetischer Verhaltensmuster geführt: der
Schere im Kopf, der Angst sich zu bekennen
Die Verweigerung des Dialogs war (etwa Unterschriften für Parteien oder Kandi-
eine weitere Methode des Regimes, daten vor Wahlen zu leisten), bis hin zur
die demokratische Opposition im Land
in eine kommunikative und damit auch Ermahnung von Eltern an die Kinder, in der
gesellschaftliche Nische zu drängen. Schule nichts von den politischen Gesprä-
chen am Küchentisch zu erzählen. Zensur
und Überwachung im Land haben eine Deformierung der
Kommunikationskanäle zur Folge. Bestes Beispiel hierfür
ist die Popularität von Skype in Belarus. Skype ist eine
unentgeltlich erhältliche Software, die kostenloses Telefo-
nieren über das Internet, „Instant-Messaging‟ (Chatten)
sowie die Dateiübertragung ermöglicht. Während in West-
und Mitteleuropa Skype vor allem als Programm geschätzt

4 | Vgl. Non-State Actors and Local Authorities in Development


(NSA&LA) Belarus; Guidelines for grant applicants; Budget
lines 21.03.01 and 21.03.02; Reference: EuropeAid/127989/
L/ACT/BY: „The specific objectives of this Call for Proposals
are: Facilitation of equal participation of non-state actors
and local authorities in policy dialogue and partnership in
policy formulation processes. Capacity-building of non-state
actors to represent their target groups. Strengthening
citizens’ capacity to engage in discussion and decision-
making process at local level through awareness-raising,
advocacy and development of campaigns‟, S. 5,
http://ec.europa.eu/europeaid/tender/data/d84/
AOF82084.pdf [14.04.2010].
75

wird, mit dessen Hilfe die gerade bei internationalen


Gesprächen immer noch erheblichen Telefonkosten gesenkt
werden können, sieht man in Belarus den Vorteil von
Skype hauptsächlich in der Möglichkeit der
abhörsicheren Kommunikation. Nachrichten Ein wichtiger Grund für den geringen
über Skype werden in einem Verfahren von Bekanntheitsgrad und das Nischenda-
sein der demokratischen Opposition
Nutzer zu Nutzer weitergeleitet, das die in Belarus ist das Fehlen einer unab-
Daten selbst dann unbrauchbar macht, wenn hängigen Presse.
es jemandem gelingen sollte, ein Gespräch
abzufangen, da der Datenverkehr zwischen den Anwen-
dern nach hohen Sicherheitsstandards verschlüsselt ist.
Deshalb werden sensible Gespräche in Belarus nicht über
das Festnetz oder das Mobiltelefon geführt und vertrau-
liche Informationen nicht via E-Mail übermittelt, vielmehr
kommuniziert die gesamte demokratische Opposition in
Belarus untereinander und zumeist auch mit den internati-
onalen Partnern fast ausschließlich über Skype.

Ein weiteres Beispiel für die Deformierung der politischen


Kommunikation in Belarus war lange Zeit die vollständige
Abwesenheit eines öffentlichen Dialogs zwischen den beiden
meinungsführenden Gruppen im Land, den Vertretern des
Systems (der präsidialen Vertikale) und den unabhän-
gigen Experten bzw. führenden demokratischen Politikern.
Immer wieder haben in der Vergangenheit die wenigen
in Belarus verbliebenen internationalen Institutionen wie
EU, OSZE oder ausländische diplomatische Vertretungen
versucht, im Rahmen von Konferenzen, Runden Tischen
oder Fachgesprächen einen milieuübergreifenden Diskurs
– und damit auch eine öffentliche politische Kommunika-
tion – anzustoßen. In der Regel waren und sind die demo-
kratischen Vertreter auch zur politischen Diskussion mit
der staatlichen Seite bereit. Doch regelmäßig erschienen
die eingeladenen Regierungsvertreter zu den Veranstal-
tungen nicht und gaben somit zu verstehen, dass sie die
Opposition nicht als Gesprächspartner akzeptieren. Die
Verweigerung des Dialogs war eine weitere Methode des
Regimes, die demokratische Opposition im Land in eine
kommunikative und damit auch gesellschaftliche Nische zu
drängen. Die Situation änderte sich erst Ende 2008 und
auch nur als Ergebnis einer Annäherung zwischen Belarus
und der EU, die immer wieder signalisierte, dass für sie die
demokratische Opposition in Belarus durchaus ein gleich-
berechtigter Gesprächspartner sei. Nun begannen auch im
76

Land selbst offizielle Vertreter, vorsichtig an den internati-


onal vermittelten und zumeist von unabhängigen Experten
initiierten öffentlichen Foren teilzunehmen, und Anfang
2009 wurde auf Initiative der Präsidialadministration sogar
ein regelmäßig tagender sog. gesellschaftlicher Konsulta-
tivrat ins Leben gerufen, zu dem neben staatlichen Funk-
tionsträgern auch ausgewählte Vertreter der demokrati-
schen Opposition eingeladen wurden. Seit dem Jahr 2009
werden in diesem milieuübergreifenden Gremium Themen
wie die belarussische Wirtschaft in der Finanzkrise, die
Abschaffung der Todesstrafe oder die Änderungen in der
Wahlgesetzgebung diskutiert.

DIGITALE POLITISCHE KOMMUNIKATION: ONLINE


MEDIEN UND DIE BEDEUTUNG DES INTERNETS IN
WEISSRUSSLAND

Ein wichtiger Grund für den geringen Bekanntheitsgrad


und das Nischendasein der demokratischen Opposition
in Belarus ist das Fehlen einer unabhängigen Presse: Die
elektronischen Medien sind vollständig unter staatlicher
Kontrolle und werden erfolgreich als Propagandainstru-
mente gegen die Opposition eingesetzt. Der einzige unab-
hängige Fernsehsender Belsat wird, genauso
Nach Angaben von Gemius, einem wie zwei Radiostationen, von Polen aus
analytischen Zentrum, das sich auf die betrieben und ist bislang nicht in der Lage,
Untersuchung von Internet-Märkten
in Mittel- und Osteuropa spezialisiert­ breite Bevölkerungsschichten anzuspre-
hat, betrug im Februar 2010 die chen. Zwar existieren etwa 30 unabhängige
Zahl der Internetnutzer in Belarus
Zeitungen, zumeist aber in einer Auflage
3.047.939 Personen, die 316.527.019
Websites besuchten und insgesamt von wenigen hundert Exemplaren wöchent-
706.717 Stunden im Internet ver- lich. Mit zwei Ausnahmen sind sie außerdem
brachten.
vom staatlichen Verteilungssystem ausge-
schlossen, über das sie abonniert oder an Kiosken verkauft
werden können. Wirtschaftliche Diskriminierung ist die
wirksamste und raffinierteste – weil von außen bzw.
international nur schwer erkennbare – Einschränkung
der Pressefreiheit in Belarus. Unternehmen ist es unter-
sagt, Anzeigen in unabhängigen Zeitungen zu schalten,
wenn sie keine Probleme mit dem Geheimdienst oder der
Steuerpolizei bekommen wollen. Zudem setzt das Minis-
terium für Information das Recht zur Registrierung und
Verwarnung von Zeitungen aktiv als ein Instrument gegen
mediale Kritik an der Regierung oder am Präsidenten ein.
Zwei Verwarnungen im Jahr reichen aus, um eine Zeitung
77

zu schließen, bei einer Verwarnung kann das Erscheinen


einer Zeitung ausgesetzt werden. In der Konsequenz hat
die überwiegende Anzahl der nicht staatlichen Zeitungen
in Belarus entweder den Charakter von Anzeigenblättern
oder beschränkt sich redaktionell auf gänzlich unpolitische
Unterhaltung. Vor diesem Hintergrund hat das Internet als
Quelle für unzensierte Informationen sowie als ein alterna-
tiver öffentlicher Raum der politischen Kommunikation für
viele Belarussen in den letzten Jahren rasant an Bedeutung
gewonnen. Quantitativ hat sich laut des Internet World
Stats die Anzahl der Internet-Nutzer in Belarus von 2000
bis 2007 um das 15-Fache erhöht.5

Prozent der
Jahr Nutzer Bevölkerung
Bevölkerung
2000 180.000 10.073.600 1,8
2003 1.391.900 9.755.025 14,3
2005 2.461.000 9.714.257 25,3
2007 2.809.800 9.678.864 29,0

Quelle: ITU

Nach Angaben von Gemius, einem analytischen Zentrum,


das sich auf die Untersuchung von Internet-Märkten in
Mittel- und Osteuropa spezialisiert hat, betrug im Februar
2010 die Zahl der Internetnutzer in Belarus 3.047.939
Personen, die 316.527.019 Websites besuchten und
insgesamt 706.717 Stunden im Internet verbrachten.6
Der rasante Anstieg der Nutzerzahlen erklärt sich auch
dadurch, dass das Internet in den letzten Jahren für viele
Belarussen bezahlbar geworden ist. Obwohl die Kosten
für einen Internetzugang in Belarus immer noch um das
4,5-Fache über denen etwa in der Ukraine liegen, gab es
einen eindeutigen Trend in der Preisentwicklung: In den

5 | Vgl. http://www.internetworldstats.com/euro/by.htm
[14.04.2010]. Als Quelle wird auf ITU, International
Telecommunication Union, eine führende UN-Agentur für
Informations- und Kommunikationstechnologie verwiesen.
Die Angaben über die Nutzerzahlen von 2007 sind auf der
zitierten Webseite allerdings falsch angegeben und wurden
durch das belarussische Kommunikationsministerium
korrigiert. Vgl.: http://providers.by/2009/09/news/
ministerstvo-svyazi-isportilo-statistiku [14.04.2010].
6 | Vgl. Mikhail Doroshevich, Internet in Belarus, Februar
2010, http://www.e-belarus.org/news/201004051.html
[14.04.2010].
78

letzten fünf Jahren haben sich die Kosten für einen Inter-
netzugang insgesamt um das 30-Fache verringert (von
612 US-Dollar für einen unlimitierten Zugang zum Internet
mit der Geschwindigkeit von 256 Kbyte pro Sekunde
im Jahr 2004 auf 22 US-Dollar Ende 2009). Ende 2009
besaßen von 100 Familien 62 einen Computer zu Hause,
500.000 Menschen hatten einen Breitband-Internetzugang
abonniert, 43.000 Personen nutzten einen Wi-Fi-Zugang,
landesweit gab es 640 Hot Spots. Ein weiteres wichtiges
Ereignis war 2009 die kommerzielle Nutzung der 3G-Tech-
nologie, die zu einer deutlichen Verringerung der Gebühren
für einen mobilen Internetzugang führte. Die Popularität
von Internetcafes hat dementsprechend abgenommen,
da die meisten Menschen das Internet entweder von zu
Hause, während der Arbeit oder mobil nutzen. Die BBC
wertet in einer Studie vom Herbst 2009 die Verbreitung
des Internets als „eine der höchsten in der Region‟ mit
Webseiten, die bis zu 10.000 individuelle Besucher täglich
aufweisen und einer sehr gut entwickelten Bloggergemein-
schaft mit über 20.000 Blogs, die in der populärsten Platt-
form LiveJournal registriert sind.7

Als virtueller Ort der politischen Kommunikation erfüllt das


Internet in Belarus unter den beschriebenen Rahmenbe-
dingungen andere Aufgaben als in Deutschland oder etwa
Polen. Es geht hier vor allem darum, Zensur und kommu-
nikative Blockade des autoritären Systems zu umgehen,
die Kosten für die Kommunikation mit den Lesern, Nutzern
oder Anhängern zu senken und die öffentlichen Räume
zu erweitern. Gerade unter autoritären Bedingungen wie
in Belarus – das zeigen Erfahrungen aus Iran, Ägypten
oder China – kann das Potenzial des Internets kaum über-
schätzt werden: Die digitale politische Kommunikation
vermag neue öffentliche Räume dort zu erschließen, wo
eine freie politische Kommunikation nicht mehr möglich
ist. Um es jedoch als ein alternatives Kommunikations-
instrument effektiv zu nutzen, müsste das Internet –
sowohl von den unabhängigen Medien als auch von den
demokratischen Akteuren – nicht als ein Massenmedium
im klassischen Sinne verstanden werden, sondern als
„ein Raum für digitale Gespräche, an denen jedermann

7 | Michael Randell, Opportunities for Supporting the


Development of the Media in Belarus. A Report
Compiled for the British Embassy in Minsk
(London: o.J.), S. 9.
79

teilnehmen kann – und zwar unabhängig von Zeit und


Raum.‟8 Dieses Verständnis ist in Belarus noch nicht weit
verbreitet. Eine 2007 veröffentlichte Studie untersuchte
21 der populärsten Webseiten in Belarus, darunter zehn
Online-Versionen von Printmedien, zehn Online-Nachrich-
tenseiten und den Online-Service eines Radiosenders. In
der Analyse wurde danach gefragt, ob die Seiten Inhalte
integrierten, die von den Nutzern bzw. Besuchern gene-
riert werden („user generated content‟), sowie welche
Web 2.0-Merkmale charakteristisch für den weißrussischen
Online-Journalismus sind. Das Ergebnis zeigte, dass die
untersuchten Seiten zwar mit einigen Formen der Inter-
aktivität bzw. der aktiven Kommunikation mit den Lesern/
Nutzern experimentierten, dass sich aber die Mehrzahl
der Medien immer noch an traditionellen journalistischen
Techniken orientierte und vorwiegend auf die reine Über-
mittlung von Nachrichten beschränkte.

Abbildung Nr. 1
Verwendung von Web 2.0-Merkmalen durch die
21 populärsten Online-Medien in Weißrussland

RSS Feed 15

Tags 0

Mobile Version 1

Most popular 7

Video 2

Podcast 1

Reporter Blogs 3

Blogroll 10
(External Links)

Bookmarking 0

Quelle: e-belarus, Belarusian Online Journalism: „Citizens’


Generated Content and Web 2.0. A survey of 21 most popular
Belarusian web-sites‟, http://www.e-belarus.org/article/
onlinejournalism2007.html [14.04.2010].

8 | Arne Klempert, „Wie das Internet die Massenmedien


verändert‟, in: Die Politische Meinung, 484, (2010) 3, S. 42.
80

Die Studie kritisierte die fehlende Vernetzung, mangelnde


Interaktivität und die Konzentration auf eine lineare
Verbreitung von Informationen bei den meisten der unter-
suchten Seiten. Zahlreiche internationale Programme und
Fortbildungen für Journalisten haben in den letzten Jahren
versucht, diese Defizite gezielt anzugehen
Als virtueller Ort der politischen und die Online-Medien in Weißrussland
Kommunikation erfüllt das Internet zu einem alternativen Ort der politischen
in Belarus unter den beschriebenen
Rahmenbedingungen andere Aufga­ Kommunikation auszubauen. So wurden
ben als in Deutschland oder etwa beispielsweise im Sommer 2008 im Rahmen
Polen. Es geht hier vor allem darum,
eines EU-Programms zur Unterstützung von
Zensur und kommunikative Blockade
des autoritären Systems zu umgehen, unabhängigen Medien in Weißrussland zwei
die Kosten für die Kommunikation mit Trainings für Online-Journalisten u.a. zum
den Lesern, Nutzern oder Anhängern
Thema Web 2.0 organisiert, bei denen die
zu senken und die öffentlichen Räume
zu erweitern. grundlegenden Unterschiede zwischen Print-
und Online-Journalismus, Blogging und sozi-
alen Netzwerke für Journalisten oder Audio-Podcasting
und Live-Videocasting behandelt wurden. Ähnliche Fortbil-
dungen für Journalisten in Belarus boten 2009 die Deut-
sche Welle-Akademie und die Konrad-Adenauer-Stiftung in
Zusammenarbeit mit dem Internationalen Bildungs- und
Begegnungswerk in Minsk an.

KONTROLLE ODER VERBLEIBENDER FREIRAUM?


LUKASCHENKOS INTERNET-ERLASS NR. 60

Angesichts der Straßenproteste nach den Präsidentschafts-


wahlen im Iran im Jahr 2009 oder des aktuellen Konfliktes
zwischen Google und der chinesischen Führung stellt sich
die Frage, ob das Regime in Belarus eine staatliche Kont-
rolle des Internets praktiziert oder zumindest intendiert.
Iryna Vidanava, Chefredakteurin der Multimedia-Zeit-
schrift 34, meint, dass viele unabhängige Akteure es in
den letzten Jahren gelernt hätten, der staatlichen Kontrolle
immer einen Schritt voraus zu sein. Als das Internet in
Weißrussland begann, habe das Regime es nicht als Bedro-
hung ernst genommen. Immerhin besaß man die Kontrolle
über sämtliche Fernsehkanäle und das schien ausreichend.
Als sich die ersten Online-Gruppen als Organisationen
registrieren lassen wollten, wurde dies von staatlicher
Seite nicht verhindert. Als später die Macht des Internets
offensichtlich wurde, wusste die Regierung zunächst nicht,
81

wie sie darauf reagieren sollte.9 In den letzten Monaten


sind immer wieder belarussische und chinesische Delegati-
onen zusammengetroffen und haben Erfahrungen darüber
ausgetauscht, wie das Internet effektiv zu überwachen
sei. Mittlerweile scheint die Führung in Minsk ein Konzept
entwickelt zu haben: Anfang Februar 2010 unterschrieb
Lukaschenko den Erlass Nr. 60 „Über Maßnahmen zur
Verbesserung des Betriebs des nationalen Segmentes
des Internets‟, der am 01. Juli 2010 in Kraft treten soll.
Internationale Organisationen wie Reporter ohne Grenzen
kritisierten den Erlass, und Lukaschenko wurde nach
einem eingeübten Ritual von Regimekritikern zum Feind
des Internets erklärt. Doch scheint der internationale
Aufschrei voreilig. Zunächst ist festzuhalten, dass das
Funktionieren und die Nutzung des Internets in der bela-
russischen Gesetzgebung bislang kaum geregelt sind. Der
Erlass Nr. 60 ist der Versuch einer systematischen Regu-
lierung von Tatsachen wie dem Internethandel. Er setzt
Standards für die Webseiten staatlicher Institutionen fest
und enthält mehrere Klauseln zum Schutz von Copyright
und gegen Internetpiraterie. Einige Experten sind durch
den Umstand alarmiert, dass zukünftig in Internetcafes die
Nutzung des Internets erst nach Vorlage des
Passes und Speicherung der Personendaten Angesichts der Straßenproteste nach
erfolgen soll. Auch ein anonymer Zugang den Präsidentschaftswahlen im Iran
im Jahr 2009 oder des aktuellen Kon-
über das Mobilfunknetz ist nicht möglich, da fliktes zwischen Google und der chine-
der Erwerb einer SIM-Karte ebenfalls an die sischen Führung stellt sich die Frage,
ob das Regime in Belarus eine staatli-
Vorlage eines Passes und die Registrierung
che Kontrolle des Internets praktiziert
in Belarus gebunden ist. Zudem sollen Daten oder zumindest intendiert.
über das Nutzerverhalten aufgezeichnet und
Internetprovider angehalten werden, auf Anweisung der
staatlichen Behörden den Zugang von Nutzern innerhalb
von 24 Stunden zu sperren, sollten diese gegen Gesetze
verstoßen. In der Tat hat es im Vorfeld der letzten Präsi-
dentschaftswahlen in Belarus mindestens zwei politisch
motivierte Strafverfahren gegeben, bei denen Beweise
auf der Grundlage von Internetüberwachung verwendet
wurden (im Fall der Organisation Partnership und der
Internetcartoons von Third Way). Gleichwohl meint
Yury Chavusau von der Vereinigung pro-demokratischer
NGOs in Belarus, dass der Erlass Nr. 60 keine qualitativ
neuen Mechanismen der Überwachung und Kontrolle von

9 | Iryna Vidanava auf dem Washington Human Rights Summit


im Februar 2010, zitiert nach http://www.theepochtimes.com/
n2/content/view/30178/ [14.04.2010].
82

Internetnutzern in Belarus mit sich bringt, sondern eher


symbolische Bedeutung besitzt. Er sei ein Signal für alle
staatlichen Institutionen, dass die Führung des Landes
beabsichtige, den virtuellen Informationsfluss – und damit
auch die digitale politische Kommunikation – zu kontrol-
lieren. In welchem Umfang die in dem Gesetz angelegte
Kontrolle aber tatsächlich ausgeübt werden wird, kann
nicht vorausgesagt werden. Chavusau schlussfolgert: „Die
belarussische Regierung hat ein sehr striktes Modell der
Internetregulierung gewählt, das die Möglichkeit zu unge-
rechtfertigten Eingriffen in die Privatsphäre bietet. Dieses
strikte Modell findet Befürworter in fast allen gegenwärtigen
Diskussionen um die Einschränkung der Internetfreiheit,
auch im Westen. Es gibt keinen Grund, die Internetregulie-
rung in Belarus mit der in China oder Iran zu vergleichen.
[...] Der Erlass Nr. 60 ähnelt eher dem Regulierungsmodell
von Kasachstan.‟10

DER WEG AUS DER NISCHE: DIE CHANCEN DER


DIGITALEN POLITISCHEN KOMMUNIKATION IN
WEISSRUSSLAND

Soziologische Umfragen gehen davon aus, dass die Bevöl-


kerung in Belarus sich nach ihren politischen Präferenzen
aufspaltet in etwa ein Drittel Unterstützer Lukaschenkos,
ein Drittel Anhänger demokratischer Veränderungen und
ein Drittel Unentschiedene. Gleichwohl liegt der Rückhalt
für die demokratischen Parteien und ihr Bekanntheitsgrad
in der Bevölkerung seit Jahren konstant bei
Einige Experten sind durch den weniger als fünf Prozent. Und seit Jahren
Umstand alarmiert, dass zukünftig in fragen sich internationale Beobachter, aber
Internetcafes die Nutzung des Inter-
nets erst nach Vorlage des Passes und auch Experten im Land, warum es den demo-
Speicherung der Personendaten erfol- kratischen Kräften nicht gelingt, zumindest
gen soll. Auch ein anonymer Zugang
das pro-europäische, demokratische Spek-
über das Mobilfunknetz ist nicht mög-
lich, da der Erwerb einer SIM-Karte trum in der Bevölkerung für sich zu mobi-
ebenfalls an die Vorlage eines Pas- lisieren. Eine einfache Antwort hierauf gibt
ses und die Registrierung in Belarus
es nicht. Immer wieder als Ursache genannt
gebunden ist.
werden und durchaus zutreffend sind die
persönlichen Ambitionen der verschiedenen Parteiführer
und die daraus resultierende permanente Zerstrittenheit

10 | Yury Chavusau, „Soon there will be less Privacy in Belarusian


Internet?‟, in: Bell (BelarusInfo Letter), 3 (13) 2010, S. 2,
http://www.eesc.lt/public_files/file_1270650236.pdf
[14.04.2010].
83

in der Opposition. Ein weiterer Grund für die strukturelle


Schwäche der demokratischen Parteien in Belarus sind
die massiven und gezielten Repressionen gegen aktive
Parteimitglieder oder Sympathisanten, was im letzten Jahr
insbesondere die Belarussischen Christdemokraten (BChD)
zu spüren bekamen, die sich als einzige politische Kraft
systematisch um den Auf- und Ausbau ihrer Parteistruk-
turen in den Regionen und um eine aktive Kommunikation
mit der Bevölkerung bemüht hatten.
Zu nennen ist aber auch das fehlende Verständnis für
die Möglichkeit, mit Hilfe des Internets und der digitalen
politischen Kommunikation die eigene Partei oder Bewe-
gung in relevanten Segmenten der Bevölkerung stärker zu
verankern. Trotz einer Vielzahl an politischen oder medi-
alen Online-Projekten ist das Internet in Belarus jedoch
kein Mittel der Kommunikation mit den eigenen Anhängern
oder ein Instrument, mit dessen Hilfe gezielt ausgewählte
Bevölkerungsschichten an Parteien oder Bewegungen
gebunden werden, sondern eine Ansammlung von sowohl
untereinander als auch in Bezug auf die breite Bevölkerung
isolierten Orten. Dabei scheinen die zahlreichen Vorteile
des Internets auch und gerade unter autoritären Bedin-
gungen, wie sie in Belarus herrschen, auf der Hand zu
liegen:

▪▪Geringe Kosten von Produktion, Verwaltung und vor allem


Verbreitung von Informationen
▪▪Direkte Verbindung zwischen Sender und Empfänger
▪▪Möglichkeiten der gezielten Auswahl der Empfänger
▪▪Verschiedene Formen der Kommunikation
(eins-zu-eins; eins-zu-viele; viele-zu-viele)
▪▪Die Geschwindigkeit der Übermittlung von Informationen
▪▪Interaktivität
▪▪Dezentrale Architektur
▪▪Globale Präsenz

Würden diese Vorteile von den „Agenten des Wandels‟


erkannt, besäße das Internet in Belarus durchaus das
Potenzial, zur Triebfeder einer demokratischen Entwicklung
zu werden. Was Güldenzopf und Hennewig über die Rolle
84

des Web 2.0 in der politischen Kommunikation schreiben,


hat daher nicht nur Gültigkeit für die entwickelten Demo-
kratien Westeuropas oder Nordamerikas: „Das Internet
gehört zum Standardinstrument der politischen Kommuni­
kation. Es trägt maßgeblich zum Erfolg oder Misserfolg
einer Kampagne bei und kann ein entscheidender Pfeiler
für die Organisation von Politik und Partei sein. Es gibt
vielen Engagierten und Interessierten neue Möglichkeiten,
sich in den politischen Prozess einzubringen.‟11

Das letzte politische Momentum für eine demokratische


Wende im Land, die Präsidentschaftswahlen 2006, sind
das Beispiel einer verpassten Chance, auch
Trotz einer Vielzahl an politischen weil das Potenzial des Internets nicht im
oder medialen Online-Projekten ist vollen Umfang genutzt wurde. Zwar gewann
das Internet in Belarus jedoch kein
Mittel der Kommunikation mit den Alexander Milinkiewitsch in extrem kurzer
eigenen Anhängern oder ein Instru- Zeit – er wurde im Oktober 2005 für den
ment, mit dessen Hilfe gezielt aus-
im März 2006 stattfindenden Wahlgang als
gewählte Bevölkerungsschichten an
Parteien oder Bewegungen gebunden einheitlicher Kandidat der Opposition nomi-
werden, sondern eine Ansammlung niert – eine erstaunliche Unterstützung
von sowohl untereinander als auch
in der Bevölkerung. Gleichwohl stütze er
in Bezug auf die breite Bevölkerung
isolierten Orten. sich im Wahlkampf auf eine kommunikativ
sehr altmodische Methode. In vier Monaten
fuhr der anfangs praktisch unbekannte Kandidat kreuz
und quer durch das Land und traf in unzähligen, häufig
spontan organisierten Versammlungen zumeist unter
freiem Himmel mit den Menschen zusammen. Immer
wieder wurde seine Lautsprecheranlage konfisziert oder
der Strom für die mitgeführte Technik abgeschaltet. Die
Straße war der Hauptort der politischen Kommunikation
zwischen Milinkiewitsch und der Bevölkerung. Doch für den
jungen und vor allem aktiven Teil seiner Anhänger war in
diesen Monaten das Internet und nicht die Straße der Ort
der politischen Kommunikation. Blogs, Foren, LiveJournals
oder Flashmobs, die über das Internet organisiert wurden,
waren ein Merkmal des Wahlkampfes von Milinkiewitsch.
Auch setzten beide Oppositionskandidaten – Milinkiewitsch
und Kozulin – das Internet aktiver ein als Lukaschenko,
der junge Internetnutzer nicht als seine Wählerklientel
betrachtete. Insgesamt wurden jedoch die Webseiten der
Oppositionskandidaten hauptsächlich zur Übermittlung von
Informationen, nicht aber zur aktiven Wählerwerbung oder

11 | Ralf Güldenzopf und Stefan Hennewig, „Im Netz der


Parteien?‟, in: Die Politische Meinung, 484, (2010) 3, S. 44.
85

zur Abstimmung mit den eigenen Anhängern eingesetzt.


Das Internet diente zwar als Informationsquelle, es wurde
von den Kandidaten jedoch nicht aktiv als Ort der digitalen
politischen Kommunikation genutzt. Keiner der Kandidaten
besaß eine erkennbare Online-Strategie für seinen Wahl-
kampf:

▪▪Weder Milinkiewitsch noch Kozulin veröffentlichten auf


ihren Internetseiten interaktive Wahlumfragen, um ein
Meinungsbild der Nutzer zu erhalten.
▪▪Beide Seiten besaßen extrem schwache Verlinkungsstra-
tegien. Es gab keine permanenten Links zu den Seiten
anderer politischer Parteien oder Unterstützergruppen.
▪▪Eine Verbindung von Online- und Offline-Aktionen in der
Kampagne beider Kandidaten fehlte fast vollkommen.12

Die Proteste gegen die Wahlfälschung und die Errichtung


einer Zeltstadt auf dem Oktoberplatz nach dem 19. März
wurden hauptsächlich digital koordiniert und waren mit
den offiziellen Kampagnen von Milinkiewitsch und Kozulin
kaum abgestimmt. Viele junge Protagonisten
dieser Aktionen werfen Milinkiewitsch bis Das letzte politische Momentum für
heute vor, dass er auf ihre Bereitschaft, die eine demokratische Wende im Land,
die Präsidentschaftswahlen 2006,
Menschen über das Internet zum Protest sind das Beispiel einer verpassten
auf der Straße zu bewegen, nicht einge- Chance, auch weil das Potenzial des
Internets nicht im vollen Umfang
gangen sei. Der relative Misserfolg fast aller
genutzt wurde.
Kampag­nen der demokratischen Opposition
in Belarus seit 2006 – genannt seien der
europäische und der soziale Marsch Ende 2007, die jähr-
lichen Demonstrationen zum inoffiziellen Nationalfeiertag
am 25. März und zum Tschernobyl-Gedenktag am 26.
April – hängen auch mit der Unfähigkeit zusammen, das
Internet als ein schlagkräftiges Instrument zur Mobilisie-
rung der eigenen Anhänger zu verstehen.

Im November 2009 organisierte Milinkiewitsch in Minsk ein


Europäisches Forum, das als Startpunkt einer Kampagne
gedacht war, bei der 2010 landesweit über die Pers-
pektiven einer europäischen Ausrichtung von Belarus
diskutiert werden sollte. Die Bevölkerung sollte im Zuge
dieser Kampagne ausführlich über die Europäische Nach-
barschaftspolitik und die Östliche Partnerschaft informiert

12 | e-belarus, „Online Campaigning in 2006 Presidential Election


in Belarus‟, http://www.e-belarus.org/article/epolitics2006.
html [14.04.2010].
86

werden. Bislang beschränken sich die Ideen des Teams um


Milinkiewitsch jedoch auf die geplante und kostenintensive
Produktion von Informationsbroschüren, Faltblättern und
Postkarten, eine Online-Strategie für die Kampagne exis-
tiert nicht. Ein weiteres Beispiel ist die BChD – immerhin
die gegenwärtig mit Abstand aktivste politische Kraft im
demokratischen Lager – die im letzten Jahr viel Energie in
die Entwicklung ihrer Webseite gesteckt hatte. Die Ergeb-
nisse sind allerdings ernüchternd. Das Gutachten eines
der führenden Online-Journalisten in Belarus benannte als
größtes Manko des Internetauftritts der Partei die fehlende
Bindung an die „Gemeinschaft um die Webseite‟ – d.h. an
die Anhängerschaft der BChD. Eng damit zusammen hängt
z.B. die fehlende Möglichkeit für Rückmeldungen (Feed-
back) an die Partei über deren Seite. Konkret wird vorge-
schlagen, den Umfang der Inhalte zu erhöhen, die von den
Nutzern der Seite geschaffen werden (Umfragen, Online
Frage-und-Antwort-Sektionen, Foren, Blogs, Lesernach-
richten – people’s news etc.). Der BChD konnte bislang
nicht vermittelt werden, was Güldenzopf und Henneweg
heute als eine grundlegende Regel für die Mobilisierung
der eigenen Unterstützer formulieren: „Will
Die Proteste gegen die Wahlfälschung eine Partei schlagkräftig sein, muss sie ihren
und die Errichtung einer Zeltstadt auf Fokus über die klassischen Medien hinausbe-
dem Oktoberplatz nach dem 19. März
wurden hauptsächlich digital koor- wegen. Multiplikatoren – online und offline –
diniert und waren mit den offiziellen werden als vertrauenswürdige Quellen politi-
Kampagnen von Milinkiewitsch und
scher Informationen immer wichtiger.‟13 Die
Kozulin kaum abgestimmt.
Regel gilt ohne Zweifel auch für Belarus. Ein
Experiment des bekannten Bloggers Jewgenij Lipkowitsch
zeigte, wie sich durch das Internet erfolgreich politische
Unterstützung für das eigene Anliegen mobilisieren lässt.
Das Videointerview, in dem er seine Bereitschaft erklärte,
bei den am 25. April 2010 in Belarus stattfindenden Lokal-
wahlen in Minsk kandidieren zu wollen, wurde innerhalb
eines Tages 17.000 Mal aufgerufen. Über das Internet
rekrutierte Lipkowitsch auch die Initiativgruppe zur Samm-
lung notwendiger Unterschriften für seine Kandidatur.

Das Internet bietet in der besonderen belarussischen


Situation die Möglichkeit, einen verloren gegangenen
öffentlichen politischen Raum im Online-Modus zu (re-)
konstruieren und eine neue „demokratische Subkultur‟

13 | Ralf Güldenzopf und Stefan Hennewig, „Im Netz der


Parteien?‟ in: Die Politische Meinung, 484, (2010) 3, S. 47.
87

bzw. neue Formen des „Existierens in der Freiheit‟ zu


schaffen, doch die Unbeweglichkeit der demokratischen
Opposition und die hierarchischen Strukturen innerhalb
der Parteien verhindern, dass das Potenzial einer dezen-
tralisierten und individualisierten Kommunikation erkannt
wird. Eine Kommunikation verschiedener Öffentlichkeiten
miteinander, die Schaffung von Gegen-Öffentlichkeiten,
von formalen und nicht formalen Sphären findet praktisch
nicht statt.14

AUSBLICK: PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN IN
BELARUS IM JAHR 2011

Im Februar 2011 (vielleicht auch schon im November 2010)


finden die nächsten Präsidentschaftswahlen in Belarus
statt. Lukaschenko wird aller Voraussicht nach für eine
vierte Amtszeit kandidieren. Bislang deutet nichts darauf
hin, dass er beabsichtigt, die Wahlen nach
internationalen Standards transparent, frei Das Internet bietet in der besonderen
und fair abhalten zu lassen. Es ist auch nicht belarussischen Situation die Mög-
lichkeit, einen verloren gegangenen
zu erwarten, dass er der Opposition im Präsi- öffentlichen politischen Raum im
dentschaftswahlkampf einen breiten Zugang Online-Modus zu (re-)konstruieren
und eine neue „demokratische Sub-
zu den von ihm kontrollierten elektronischen
kultur‟ bzw. neue Formen des „Exis-
Medien im Land einräumen wird. Keiner tierens in der Freiheit‟ zu schaffen.
der erklärten Gegenkandidaten zu Luka-
schenko rechnet damit, unter den gegebenen Umständen
Lukaschenko schlagen zu können. Milinkiewitsch geht
allerdings von einem Potenzial von bis zu 30 Prozent der
Wähler aus, die einen demokratischen Kandidaten unter-
stützen würden. Bislang gibt es jedoch ganz offensicht-
lich noch keine Strategie für eine Mobilisierung dieses
Potenzials. Angesichts der Tatsache, dass ein signifikanter
Teil insbesondere der jungen Bevölkerung grundsätzlich
bereit scheint, einen demokratischen Wechsel im Land
mitzutragen, ist es schwer zu verstehen, warum keiner
der demokratischen Kandidaten Anstalten macht, diese
aktiven Jugendlichen gezielt über das Internet anzuspre-
chen. Dabei scheint die digitale Kommunikation die beste
Methode, Unterstützung für sein Anliegen zu gewinnen.
Iryna Vidanava nennt zahlreichen Beispiele, bei denen sich
junge Menschen in den letzten drei Jahren in Internet-
Kampagnen aktiv für ihre durch das System Lukaschenko

14 | Marina Sokolova, „WWW kak polititscheskaja publitschnaja


sfera‟, in: Sokolova, Furs (Hrsg.) Postsowetskaja
publitschnost: Belarus, Ukraina (Vilnius: 2008), S. 92 - 118.
88

unterdrückten ­Altersgenossen eingesetzt haben: Im März


2007 sammelten belarussische Blogger erfolgreich über
das Internet Geld für die Kaution von Dzianis Dzianisau,
einen der Protagonisten der Zeltstadt vom März 2006, der
wegen seiner politischen Aktivitäten inhaftiert worden war.
Im Januar 2008 organisierte eine Online-Gemeinschaft eine
Kampagne zur Unterstützung von Andrei Kim, nachdem
dieser während einer friedlichen Demonstration von Klein-
unternehmern in Minsk festgenommen und zu anderthalb
Jahren Haft verurteilt worden war. In Grodno waren es
2008 ebenfalls Blogger, die den Protest gegen die Zerstö-
rung der historischen Altstadt koordinierten.15 Die Fälle
zeigen, dass das Internet das vielleicht wichtigste Medium
ist, um Menschen in Belarus für demokratische Ideen und
Ziele zu mobilisieren. Erfolg oder Misserfolg der demo-
kratischen Opposition bei den nächsten Präsidentschafts-
wahlen in Belarus werden wesentlich davon abhängen, ob
es der Opposition gelingen wird, dieses Medium klug und
wirkungsvoll einzusetzen.

15 | Iryna Vidanava, „‚New Media‛ as a Form of Youth Resistance‟,


in: Andrej Dynko (Hrsg.), The Generation Gap, or Belarusian
Differences in Goals, Values and Strategy (Warschau: 2008),
S. 145 f.
89

CHINAS DIGITALE REVOLUTION –


POLITISCHE KOMMUNIKATION IN
DER VIRTUELLEN WELT

Regina Edelbauer

In unserer globalisierten Welt verschwinden nationale


Grenzen zunehmend. Neue Medientechnologien wie das
Internet beschleunigen diese Entwicklung. Informati-
onen können heute in wenigen Sekunden quer über den
Erdball gesendet und dem so genannten „Globalen Bürger‟
zugänglich gemacht werden. Das Worldwideweb durch-
dringt unsere Lebenswelt: Die junge „Cybergeneration‟
wächst mit den neuen Technologien auf und ist zunehmend Regina Edelbauer
abhängig davon; so verbringt die „Generation Web‟ oft ist wissenschaftliche
Mitarbeiterin im Büro
mehr Zeit in ihren virtuellen als in den realen Netzwerken. der Konrad-Adenauer-
Das nährt nicht nur die Frage, wie man in Zeiten vor Mobil- Stiftung in Shanghai.
telefon und Internet seinen Alltag bewältigt, sondern auch,
ob wir ohne die Internet-unterstützte Informationsbeschaf-
fung mit dem rasanten, globalen Wandel überhaupt noch
Schritt halten können. Die Umgestaltung transnationaler
Kommunikationsformen strahlt auf sämtliche Bereiche des
sozialen Miteinanders aus, sei es in der Kultur, der Religion,
der Wirtschaft oder der Politik: ohne individuelle Webseite
scheinen gegenwärtig weder das staatliche Museum noch
die kirchliche Glaubensgemeinschaft, das Privatunter-
nehmen oder der politische Vertreter existenzfähig zu sein.

Die politische Nutzung des Internets ist, je nach Regie-


rungsführung, weltweit unterschiedlich ausgeprägt. Das
„Mutterland des Internets‟, Nordamerika, demonstrierte
2008 im Rahmen der Präsidentschaftswahl in den Verei-
nigten Staaten auf eindrucksvolle Weise die Nutzung virtu-
eller, sozialer Kommunikationsplattformen zu Wahlkampf-
zwecken und politischer Kommunikation. Dieser Trend hat
auch vor der Volksrepublik China nicht Halt gemacht. Seit
1994 ist das Land an das Internet angeschlossen. In den
90

ersten Jahren hatte nur ein sehr geringer Bevölkerungs-


anteil das Privileg, die neue Technologie anzuwenden. In
den letzten neun Jahren stieg die Zahl der chinesischen
Internetnutzer jedoch um beeindruckende 1.500 Prozent
an.1 Die chinesische Cyberpopulation ist heute – ohne die
Anwender auf Taiwan, Hongkong und Macao einzubeziehen
– die weltweit größte Gruppe.2

Der schier unüberschaubaren Anzahl an Internetforen,


Blogs, Bulletin Boards (BBS) und Chatrooms begegnet die
Kommunistische Partei Chinas (KPCh) neben umfangrei-
chen Zensurmaßnahmen mit eigenen – im Westen einge-
setzten durchaus ähnlichen – e-government-Lösungen.
Es mag internationale Beobachter überraschen, dass in
„Fragestunden‟ Internetnutzer online den Lokalpolitiker –
oder sogar Hu Jintao (so geschehen im Juni 2008 über
das Forum der Nachrichtenagentur http://www.people.
com.cn) – adressieren können. Zeichnet sich eine digitale
Revolution chinesischer politischer Kommunikation ab?
Wer sind die chinesischen Netizens? Können sie politische
Entscheidungen beeinflussen oder stellen sie gar die Macht
der Partei infrage? Dies sind Fragen, die in diesem Artikel
beantwortet werden sollen.

DIE EINWOHNER DES CHINESISCHEN CYBERLANDES

Das chinesische Festland zählte im Sommer 2009 338


Millionen Internetanwender. Dies bezieht sich auf dieje-
nigen „User‟, die über sechs Jahre alt sind und sich in
den letzten sechs Monaten im Internet einloggten. Das
übertrifft die 312 Millionen „Worldwideweb‟-Nutzer der
Europäischen Union und sogar die 253 Millionen Netizens
in Nord-Amerika. Die 10- bis 29-Jährigen stellen – wie in
den Vorjahren – den größten Anwenderanteil. Trotz des
Anstiegs der „User‟ in der Altersgruppe 30 bis 39 Jahre
bleibt die chinesische Internetpopulation jugendlich.
Analysiert man den Berufshintergrund der Netzgemeinde,
steht die Gruppe der Studenten mit 32 Prozent an erster
Stelle, gefolgt von Angestellten (14 Prozent) und Arbeits-

1 | Der Anstieg an Internetnutzern betrug in Deutschland im


gleichen Zeitraum 126 Prozent. Vgl. Internet World Stats,
September 2009, http://www.internetworldstats.com
[20.04.2010].
2 | Vgl. Internet World Stats, September 2009,
http://www.internetworldstats.com [20.04.2010].
91

losen (sieben Prozent). Die 70-prozentige Mehrheit der


Internetpopulation ist in der Stadt zu Hause; die Anzahl
der Internetnutzer auf dem Land nimmt – nicht zuletzt
dank finanzieller und infrastruktureller Anstrengungen
der Regierung – stetig zu. Den 747 Millionen chinesi-
schen Mobiltelefonbesitzern3 ist es möglich, das Internet
mobil anzuwählen; rund 155 Millionen Nutzer machen
von diesem Service Gebrauch.4 Diese Zahlen dürfen
nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Penetrationsrate
des Internets innerhalb der chinesischen Bevölkerung,
verglichen mit den entwickelten Teilen der Welt, weiterhin
niedrig ist. (China: 27 Prozent, Deutschland: 66 Prozent,
EU: 64 Prozent).5 Dem Großteil der chinesischen Internet-
gemeinschaft dient das Internet als Unterhaltungsmittel
(Online Spiele, Musik, Videos). Das „Worldwideweb‟ wird
außerdem für die Informationssuche genutzt und erfreut
sich als Kommunikationswerkzeug großer Beliebtheit.

Rangliste und Kategorien der Internetnutzung


in der Volksrepublik China

Rang Nutzung Nutzungsrate (in %) Kategorie


1 Online-Musik 85,5 Unterhaltung
2 Nachrichten 78,7 Informationsbeschaffung
3 Nachrichtenversendung 72,2 Kommunikation
4 Suchmaschine 69,4 Informationsbeschaffung
5 Online-Video 65,8 Unterhaltung
6 Online-Spiel 64,2 Unterhaltung
7 E-Mail 55,4 Kommunikation
8 Blog 53,8 Kommunikation
9 Forum / BBS 30,4 Kommunikation
10 Online-Einkauf 26,0 Geschäftsabwicklung
11 Online-Zahlung 22,4 Geschäftsabwicklung
12 Online-Aktienhandel 10,4 Geschäftsabwicklung
13 Reisereservierung 4,1 Geschäftsabwicklung

Quelle: China Internet Network Information Center (CNNIC):


24th Statistical Report on Internet Development in China,
2009, S. 28.

3 | Vgl. ITU, International Telecommunication Union, in:


http://www.itu.int [20.04.2010].
4 | Vgl. China Internet Network Information Center (CNNIC):
24th Statistical Report on Internet Development in China,
2009, S. 4 - 14.
5 | Vgl. Internet World Stats, September 2009,
http://www.internetworldstats.com [20.04.2010].
92

Diese Statistik nährt die Enttäuschung einiger Experten


über das hauptsächlich unterhaltungsorientierte Inte-
resse des chinesischen Netzbesuchers. Internationale
Beobachter setzten große Hoffnung in das „Einklinken
Chinas‟ in das globale digitale Netz. Das
Die politische Nutzung des Internets „Worldwideweb‟ sollte als „Sprachrohr
ist, je nach Regierungsführung, welt- der chinesischen Gesellschaft‟ sozialpoli-
weit unterschiedlich ausgeprägt. Das
„Mutterland des Internets‟, Nord­ tischen Reformen Antriebskraft verleihen
amerika, demonstrierte 2008 im Rah- und als politische Kommunikationsplattform
men der Präsidentschaftswahl in den
genutzt werden. Es ist richtig, dass sich der
Vereinigten Staaten auf eindrucks-
volle Weise die Nutzung virtueller, durchschnittliche Anwender mehrheitlich
sozialer Kommunikationsplattformen zum entspannenden Zeitvertreib ins Netz
zu Wahlkampfzwecken und politischer
einloggt. Trotzdem: Ein Großteil der „User‟
Kommunikation.
zieht das Internet als Informationsquelle
heran. Über 180 Millionen chinesische Internetnutzer sind
– meist anonym – auf Blogs (auch politisch) aktiv.6 Die
Statistik des offiziellen Berichts zur Entwicklung des Inter-
nets in China bestätigt diese Beobachtung: mehr als die
Hälfte der chinesischen Anwender (56,1 Prozent) äußern
ihre Meinung auf virtuellen Foren. Außerdem geben über
drei Viertel der Internetbesucher (78,5 Prozent) ihr Wissen
an die Netzgemeinde weiter.7

Die rasant steigende „Userzahl‟ hat durchaus revolutio-


näres Potenzial: Die „Generation Web‟ ebnet sich alter-
native Wege für den (politischen) Meinungsaustausch.
In Regionen mit autoritären Regimen ist das anonyme
Bloggen oftmals die einzige Möglichkeit, abweichende oder
subversive Ideen ausdrücken zu können. Dem anonymen
Bloggen kommt daher eine revolutionäre Rolle bei der
Vorbereitung eines freien Ideenaustausches zu.8

Bei der Beurteilung der nationalen politischen Linie auf


Online-Foren zeigen sich die Netizens kreativ. Manchmal
symbolisiert ihr selbst gewählter „Chat-Name‟ einen
Verweis auf die Unzufriedenheit mit der Regierungsfüh-

6 | Vgl. Min Jiang, „Authoritarian deliberation on Chinese


Internet‟, in: Electronic Journal of Communication, 20
(2010) 1- 2.
7 | Vgl. China Internet Network Information Center (CNNIC):
24th Statistical Report on Internet Development in China,
2009, S. 43.
8 | Vgl. Sunny Woan, „The Blogsphere: Past, Present, and
Future. Preserving the Unfettered Development of Alternative
Journalism‟, in: California Western Law Review, Vol. 44
(2008), S. 101 - 133.
93

rung. In einem Land, in dem die Bevölkerung gelernt hat,


mit staatlich gelenkten Medien umzugehen, wird Kritik oft
indirekt geübt; unter anderem mit Hilfe selbst angefertigter
Videos, die über virtuelle Netzwerke, wie z.B. das größte
chinesische Forum (http://tianya.cn), von ihren über 20
Millionen Nutzern9 abgerufen werden können.

INTERNET VS. „INTERNET MIT CHINESISCHER


CHARAKTERISTIK‟

In einem sozialistischen, autoritären Staat wie China unter-


scheiden sich die Inhalte des „nationalen Worldwideweb‟
maßgeblich von dem Erscheinungsbild des Internets in
demokratisch verfassten Teilen der Welt. Die Volksrepublik
emanzipierte sich vom globalen Netz durch die Formung
eines „Internet mit chinesischer Charakteristik‟.10 Die so
genannte „Great Firewall of China‟ verwehrt
Internetnutzern, die sich in der Volksrepublik Die 10- bis 29-Jährigen stellen –
in das Web einklinken, Zugang zu Webseiten, wie in den Vorjahren – den größten
Anwenderanteil. Trotz des Anstiegs
die von der Regierung als sensibel einge- der „User“ in der Altersgruppe 30 bis
stufte Themen adressieren (z.B. Tibet und 39 Jahre bleibt die chinesische Inter-
netpopulation jugendlich.
die Niederschlagung der Studentendemons-
tration am Platz des Himmlischen Friedens,
Tiananmen, im Juni 1989). Entsprechend tagespolitischer
Rahmenbedingungen kann das Aufrufen internationaler
Medienseiten verwehrt werden. Seit den Unruhen in der
chinesischen Provinz Xinjiang im Juli 2009 ist der Zugang
zu internationalen, kommunikativen Netzwerken wie Face-
book, You Tube und Twitter gesperrt. Diese Einschrän-
kungen können allerdings von kreativen Nutzern mit
wenig Aufwand und unter Zuhilfenahme von Proxy Servern
umgangen werden.

Neben der mächtigen staatlichen Zensurmaschinerie (ca.


50.000 Online-Polizisten beobachten rund um die Uhr die
Aktivitäten der Anwender)11, wird ein bedeutender Kont-
rollagent des chinesischen Internets oft übersehen: der

9 | Vgl. Min Jiang: Authoritarian deliberation on Chinese


Internet, in: Electronic Journal of Communication, 20,
Nr. 1 und Nr. 2 (2010).
10 | Vgl. Karsten Giese, „Challenging Party Hegemony: Identity
Work in China’s Emerging Virreal Places‟, in: German
Overseas Institute (DÜI), Research Unit: Institute of Asian
Affairs, Nr. 14 (2006), S. 11.
11 | Vgl. James F. Scotton und William A. Hachten (Hrsg.),
New Media for a New China (Chichester: 2010), S. 4.
94

Webseitenbetreiber selbst. Die chinesische Formel der


Internetüberwachung lautet „Zensur durch Selbstzensur‟.
Webmoderatoren regulieren die Diskussionsbeiträge
der Netizens auf den beliebten Bulletin Boards (BBS).
Außerdem beeinflussen regierungsnahe Kommentatoren
die Inhalte auf den virtuellen Foren entsprechend der
Parteilinie. Es wird vermutet, dass diese Agenten umge-
rechnet ca. 50 Euro-Cent für jeden positiven Kommentar
erstattet bekommen; darum werden sie von den Netizens
oft als „50-Cent-Partei‟ verspottet.12

In einem sozialistischen, autoritären Die dynamisch steigende Anzahl der


Staat wie China unterscheiden sich die Anwender, Blogs und BBS fordert die
Inhalte des „nationalen Worldwide-
web‟ maßgeblich von dem Erschei- Behörden bei ihrer apodiktischen Überwa-
nungsbild des Internets in demokra- chung des „chinesischen Internets‟ heraus.
tisch­ verfassten Teilen der Welt. Die
Die Nutzer neuer Medien reagierten bei
Volksrepublik emanzipierte sich vom
globalen Netz durch die Formung eines der Berichterstattung über das Erdbeben
„Internet mit chinesischer Charak- in Sichuan 2008 schneller als die offizi-
teristik‟.
ellen Korrespondenten. Den chinesischen
Behörden war es nicht möglich, die Tragödie in amtlichen
Berichten, z.B. in Hinsicht auf die Anzahl der Opfer, abzu-
schwächen, da großen Teilen der Bevölkerung Informati-
onen rund um das Erdbeben bereits über das Internet oder
via SMS zugänglich gemacht wurden, die sich rasant im
ganzen Land verbreiteten.13

Die strikt geregelte Zensur des chinesischen Webs ließ


viele westliche Beobachter zu dem Schluss kommen, dass
politische Kommunikation „von unten‟ auf nationalen
Onlineforen nicht möglich sei. Gleichwohl: Chinas Neti-
zens nutzen das Internet, um Kritik an Missständen in
der Regierung zu üben. Die Beiträge politisch engagierte
Blogger können online Debatten inspirieren. Die Legiti-
mität der Partei darf jedoch zu keiner Zeit in Frage gestellt
werden. Netizens stoßen auf unüberwindbare (Zensur-)
Grenzen, wenn von Peking missbilligte Themen fokussiert
oder die Regierungsführung direkt angegriffen wird. In
Extremfällen kann einer Ermahnung des Bloggers durch
den Webseitenbetreiber oder Webkommentator, den Inhalt
„harmonisierend‟ zu verändern, die Verhaftung folgen. Im

12 | Vgl. Guobin Yang, The Power of the Internet in China.


Citizen Activism Online (New York: 2009), S. 51.
13 | Vgl. James Scotton, „The Impact of New Media‟, in:
James F. Scotton und William A. Hachten (Hrsg.),
New Media for a New China (Chichester: 2010), S. 32.
95

Jahr 2008 mussten laut „Freedom of the Press Worldwide‟


ca. 100 chinesische Journalisten, Internetuser und Blogger
Gefängnisstrafen verbüßen.14

Das Internet der Volksrepublik ist nicht nur aufgrund von


Zensurmaßnahmen ein durchweg nationales Kommunika-
tionswerkzeug. Obwohl chinesische „Surfer‟ auf unzäh-
lige internationale Nachrichtenportale zugreifen können,
bevorzugen sie den Aufruf nationaler Webseiten. Chine-
sische Gegenstücke zu Facebook, You Tube
und Twitter waren bereits vor der Sperrung Über 180 Millionen chinesische Inter-
der westlichen Seiten weitaus populärer und netnutzer sind – meist anonym – auf
Blogs (auch politisch) aktiv.
die Suchmaschine Google erfuhr erst durch
ihren Anfang 2010 angekündigten (und im
März 2010 bestätigten) Rückzug aus dem chinesischen
Markt15 mehr Aufmerksamkeit durch chinesische Netizens.
Die Marktführerposition des chinesischen Anbieters „Baidu‟
(http://www.baidu.com/) blieb trotzdem unangetastet.

FOREN FÜR POLITISCHE DEBATTEN IN DER


CHINESISCHEN INTERNETLANDSCHAFT –
TWITTERN AUF CHINESISCH

Im Jahr 1999 wurde das von der staatlichen Peoples Daily


(Renmin Ribao) moderierte Internetforum („Qiangguo
luntan‟, http://bbs1.people.com.cn/) gegründet. Dies
markierte den Beginn einer neuen digitalen Ära: die dyna-
mische Teilhabe an politischen Debatten durch chinesische
Internetnutzer wurde (von der Regierung) eingeleitet.
Chinesische Onlineportale gewähren somit Möglichkeiten
für einen (oft anonymen) interaktiven politischen Dialog,
der ein vielfältigeres Meinungsspektrum der Gesellschaft
widerspiegelt als die staatlichen Medien. Trotzdem:
Worüber auf den Foren diskutiert wird, bleibt sehr stark an
die den chinesischen Netizens zugänglichen Informationen
der offiziellen Nachrichtenagenturen gebunden.

Seit August 2009 betreibt das drittgrößte kommerzi-


elle Webportal Chinas (http://www.sina.com.cn) einen

14 | Vgl. Sunny Woan, „The Blogsphere: Past, Present, and


Future. Preserving the Unfettered Development of Alternative
Journalism‟, in: California Western Law Review, 44 (2008),
S. 123.
15 | Vgl. Erich Follath, u. a., „Goliath gegen Goliath‟, in:
Der Spiegel, 13 (29.3.2010), S. 90 - 99.
96

so genannten „Miniblog‟, der ein ähnliches Konzept wie


Twitter verfolgt. Internet- und Mobiltelefonnutzer können
unterschiedliche Themen kommentieren. Der Zugang zur
amerikanischen Twitter-Seite wird chinesischen Usern
seit Juni 2009, kurz vor dem 20. Jahrestag der Nieder-
schlagung der Studentendemonstrationen am Platz des
Himmlischen Friedens in Peking, verwehrt. Der chinesische
„Twitter Klon‟ namens „Fanfou‟ fiel ebenfalls der Pekinger
Zensur zum Opfer. Zwei Jahre nach ihrer Gründung wurde
die Seite wenige Tage nach den Unruhen in Xinjiang am
7.7.2009 bis auf Weiteres geschlossen; zu unkontrollierbar
waren die Meldungen rund um die Demonstrationen in der
westlichen Provinz Chinas geworden.

Der Zugang zur amerikanischen Chinesische Pendants zu Facebook (u.a.


Twitter-Seite wird chinesischen Usern Kaixin, http://www.kaixin.com) und You Tube
seit Juni 2009, kurz vor dem 20.
Jahrestag der Niederschlagung der (Youku: http://www.youku.com), lassen
Studentendemonstrationen am Platz unter Überwachung der Webseitenbetreiber
des Himmlischen Friedens in Peking,
Debatten zu. Im Mittelpunkt dieser Platt-
verwehrt.
formen stehen Unterhaltung und die Kommu-
nikation mit Freunden. Auf der chinesischen Version von
Facebook kann man seinen IQ testen lassen, Horoskope
abrufen, herausfinden, was/wer man in seinem früheren
Leben war und seine elektronischen Freunde „verwalten‟,
beurteilen und adressieren. Die Nutzer verfolgen beim
Aufrufen dieser Seiten kaum politische Agenda.

Anders auf den BBS-Plattformen; hier finden rege politi-


sche Diskussionen statt. Das erste Bulletin Board namens
Shuimu Qinghua (http://bbs.tsinghua.edu.cn/) wurde
1995 an der Qinghua Universität in Peking gegründet.16
Die Debatten auf den kommunikativen Webseiten spie-
geln Transformationsprozesse innerhalb der pluralisti-
schen chinesischen Gesellschaft wider: Universitätsabsol-
venten setzen sich ebenso wie Migranten, Konsumenten,
Wohnungseigentümer oder Umweltschützer für ihre
Anliegen ein. Wu Mei definiert 4 Arten von BBS:17

16 | Vgl. Guobin Yang, The Power of the Internet in China.


Citizen Activism Online (New York: 2009), S. 29.
17 | Vgl. Wu Mei, „Measuring Political Debate on the Chinese
Internet Forum‟, in: Javnost-The Public, Vol. 15 (2008),
Nr. 2., S. 93 - 110.
97

1. Mainstream-BBS (Betreiber: Medien und Regierung)


2. Kommerzielle BBS (Betreiber: Kommerzielle
Unternehmen)
3. Bürger-BBS (Betreiber: keine kommerzielle oder
staatliche Interessen)
4. Campus-BBS (Betreiber: Universitäten)

Die sensiblen Themenbereiche, die auf den verschiedenen


BBS von den Nutzern adressiert werden, mögen manche
Beobachter überraschen: Netizens äußern auf diesen
Plattformen heftige Kritik, unter anderem
an Korruption sowie Machtmissbrauch der Die Möglichkeit dieser dynamischen
Behörden und greifen soziale Probleme im Vernetzung von bürgerschaftlich
verpflichteten Gesellschaftsgruppen
Dialog mit anderen Diskussionsteilnehmern bringt die KPCh in Bedrängnis; denn
auf. Die Chance der dynamischen, aktiven, das soziale Engagement von Netizens
konnte bereits in Einzelfällen das
inhaltlichen Mitgestaltung des Erscheinungs-
politische Einlenken der Regierung
bildes chinesischer Bulletin Boards durch herbeiführen.
ihre Nutzer förderten die Entstehung eines
so genannten Online-Aktivismus.18 Die Internet-Vernet-
zung ermöglicht Netizens das interaktive und multime-
diale Debattieren ihrer (politischen) Anliegen. Überdies
können mit Hilfe virtueller Plattformen oder Mobiltelefonen
Protestaktionen organisiert werden. Die Möglichkeit dieser
dynamischen Vernetzung von bürgerschaftlich verpflich-
teten Gesellschaftsgruppen bringt die KPCh in Bedrängnis;
denn das soziale Engagement von Netizens konnte bereits
in Einzelfällen das politische Einlenken der Regierung
herbeiführen.

Als sich im Sommer 2007 Umweltschützer unter Zuhil-


fenahme von Kurznachrichten (SMS) zu einem gemein-
samen Protest gegen den Bau einer Chemieanlage (und
den damit einhergehenden gesundheitlichen Beeinträchti-
gungen der lokalen Bevölkerung) in einem Vorort Xiamens
versammelten, verlegte die Regierung aufgrund der Forde-
rungen der Demonstranten den Bau der Anlage in eine
andere Region.19 2003 löste der Fall Sun Zhigang, der nach
der versäumten Mitführung eines Personalausweises von
Beamten in Guangzhou zu Tode geprügelt wurde, umfang-
reiche, virtuelle Proteste aus und zog vehemente Kritik

18 | Vgl. Guobin Yang, The Power of the Internet in China.


Citizen Activism Online (New York: 2009), S. 2.
19 | Vgl. George J. Gilboy und Benjamin L. Read, „Political and
Social Reform in China – Alive and Walking‟, in:
The Washington Quarterly 31 (2008), 3, S. 143.
98

der Netizens an der Regierung nach sich. Der Widerstand


führte zu einer Überarbeitung einer veralteten Aufent-
haltsregelung für urbane Randgruppen wie z.B. Migranten
und Obdachlose.20 Diese Einzelfälle zeigen, dass gegen-
wärtige, bürgerschaftliche Online-Aktionen soziale Unge-
rechtigkeiten aufgreifen, die im Zuge der Modernisierung
und gesellschaftlichen Veränderungen in der VR China an
Brisanz gewinnen.

Bei allen politischen Erfolgen, die die chinesische Inter-


netgemeinschaft ohne Zweifel in den vergangenen Jahren
nicht zuletzt dank des Einsatzes neuer
Die KPCh weiß um die Macht des Inter- Kommunikationstechnologien verbuchen
nets bei der Verlautbarung öffent- konnte, darf nicht vergessen werden, dass
licher Meinung. Die Partei bemüht
sich deshalb, auf den Webseiten ihrer die staatlich gelenkten Medien weiterhin
Provinz-, Stadt- und Zentralregierung großen Einfluss auf den chinesischen Online-
eigene Foren für politische Diskussion
Aktivismus nehmen. Was auf chinesischen
zur Verfügung zu stellen.
Online-Plattformen diskutiert wird, ist
maßgeblich von den Medienberichten offizieller Agenturen
abhängig. Wenn bestimmte Themenbereiche in Nach-
richten ausgespart bleiben, werden diese kaum auf Blogs
und BBS aufgegriffen werden.

POLITISCHE MACHTFRAGE – DIE PARTEI IST ONLINE

Die Chance der Teilnahme an politischen Onlinedebatten


kann dem schrittweisen Aufbau einer chinesischen Zivil-
gesellschaft dienen. Min Jiang bemerkt hierzu, dass die
begrenzten zivilgesellschaftlichen Räume im Internet
der Volksrepublik China die langsame Werteentwicklung
während der letzten drei Dekaden (Industrialisierung,
Urbanisierung und Liberalisierung) reflektiert.21

Die KPCh weiß um die Macht des Internets bei der Verlaut-
barung öffentlicher Meinung. Die Partei bemüht sich
deshalb, auf den Webseiten ihrer Provinz-, Stadt- und
Zentralregierung eigene Foren für politische Diskussion zur
Verfügung zu stellen. Im Juni 2008 initiierte sie über das

20 | Vgl. Guobin Yang, The Power of the Internet in China.


Citizen Activism Online (New York: 2009), S. 30 - 33.
21 | Vgl. Min Jiang, „Authoritarian deliberation on Chinese
Internet‟, in: Electronic Journal of Communication, 20
(2010), 1-2.
99

„Strong Nation Forum‟ einen Online-Chat mit Hu Jintao.


Die chinesischen Netizens nutzten die Gelegenheit und
adressierten das Staatsoberhaupt direkt. Internetnutzer
wurden aufgefordert, im Vorfeld Fragen einzusenden;
daraus wurden drei Themenbereiche ausgewählt22, die
der chinesische Staatspräsident im Online-Chat in Echtzeit
diskutierte. Die überwältigende Anzahl an Zugriffen durch
die chinesische Internetgemeinde überlastete den Server
bereits zu Beginn des Interviews. Besonders hervorzu-
heben ist die an Hu Jintao gerichtete Frage nach dem
Stellenwert der Kommentare und Vorschläge der Netizens
für die Parteiarbeit; denn diese spielten laut Aussage des
Staatspräsidenten eine sehr große Rolle bei politischen
Entscheidungen. Soweit die offizielle Stellungnahme. Ob
chinesische Nutzer tatsächlich Einfluss auf den politischen
Weg Chinas nehmen können, bleibt fraglich. Natürlich ist
es im Interesse der Partei, die chinesischen Internetnutzer
im Glauben zu lassen, dass ihre Kommentare berücksich-
tigt würden – allerdings nur, solange der Machterhalt der
Partei von der Internetgemeinschaft nicht gefährdet wird.

Stellungnahmen der Netizens können im Einzelfall Einfluss


auf politische Entscheidungen nehmen; dies demonstrieren
die Reaktionen der Internetnutzer auf die im Sommer 2009
bekannt gemachte, geplante Einführung
einer vorinstallierten Filtersoftware (Green In einer multimedial geprägten Gesell-
Dam Youth Escort) aller in der Volksrepublik schaft haben die neuen Medien in
China ohne Zweifel auch neue Räume
China verkauften Rechner. Die von chinesi- für Meinungsäußerung und politische
scher Seite als Jugendschutz „getarnte‟ Soft- Diskussionen geschaffen; gleichzeitig
dienen diese der KPCh als Instrument
ware war nicht nur von Seiten internationaler
zur Ausübung politischer und sozialer
Medien aufgrund der Möglichkeit des Filterns Kontrolle.
von (politischen) Inhalten in Kritik geraten.
Chinesische Blogger lehnten (auf nationalen Internetforen)
die oktroyierte Installation des „Grünen Damms‟ ab. Das
chinesische Industrie- und Technologieministerium nahm
nach der nationalen und internationalen Protestwelle von
dem Vorhaben Abstand bzw. verschob es auf unbestimmte
Zeit; chinesische Blogger feierten dies als ihren Erfolg.

22 | Vgl. Transkript des Online Interviews mit Hu Jintao vom


20.06.2008, in: http://www.people.com.cn/GB/32306/
54155/57487/7406717.html [20.04.2010].
100

INTERNET ALS POLITISCHES INSTRUMENT FÜR


REGIERUNG UND NETIZENS?

In einer multimedial geprägten Gesellschaft haben die


neuen Medien in China ohne Zweifel auch neue Räume für
Meinungsäußerung und politische Diskussionen geschaffen;
gleichzeitig dienen diese der KPCh als Instrument zur
Ausübung politischer und sozialer Kontrolle. Der rasante
Anstieg der Nutzerzahlen auf dem chinesischen Festland
schafft die Basis für eine „digitale (politische) Revolu-
tion‟. Tatsächlich sind die Dynamik und Schnelligkeit des
gegenwärtigen Informationstransports und die modernen
Vernetzungsmöglichkeiten chinesischer „User‟ mit trans-
nationalen Gesprächspartnern revolutionär – besonders da
die staatlich geführten Medien Peking in der Vergangen-
heit als wichtiges Propagandawerkzeug dienten. Genauso
wenig wie die zunehmend konsumorientierte Lebensfüh-
rung der chinesischen Bevölkerung mit der Parteidoktrin
der KPCh heute noch kompatibel erscheint,
Wie sich das Nutzerverhalten der chi- ist eine toleriert aktive Teilnahme der Bevöl-
nesischen Netizens weiter entwickeln kerung an einem politischen Dialog auf
wird, kann schwer prognostiziert
werden. Aus Sicht von Min Jiang ist staatlichen Nachrichten- und Kommunika-
es nicht klar, ob diese Generation mit tionsplattformen ein weiterer Beweis dafür,
Hilfe der ihr zur Verfügung stehenden­
dass die chinesische Führung in der Lage ist,
technischen Möglichkeiten die Initi-
ative ergreifen wird, um Fragen hin- scheinbar unvereinbare Widersprüche mitei-
sichtlich der sozialen Gerechtigkeit nander zu verschränken.
anzusprechen.

Das „Internet mit chinesischer Charakteristik‟ lässt seinen


Netizens gerade genug Freiraum, um ihre Anliegen zu
äußern und von der Regierung wahrgenommen zu werden.
Der Machterhalt der Partei darf weder online noch durch
virtuell organisierte Protestaktionen, die auf die reale Welt
ausstrahlen, in Frage gestellt werden. Wenn sich die mehr-
heitlich junge „Generation Web‟ neben ihrem entspan-
nenden Internetbesuch für ihre bürgerschaftlichen Rechte
einsetzt, können diese in Einzelfällen (meist auf lokaler
Ebene) durchaus politische Entscheidungen beeinflussen.
Die Macht der Partei fordern sie dabei jedoch nicht heraus:
Ironischerweise kann die Reaktion Pekings auf Anklagen
der Netizens die Parteilegitimation wiederum bestätigen –
101

die KPCh regiere, nach den Aussagen Hu Jintaos im Online-


Chat, für das Volk23 – und folglich auch für das Internet-
volk.

Die politische Online-Teilhabe steckt in der VR China


noch in ihren Kinderschuhen und bleibt sicherlich in den
kommenden Jahren ein mehrheitliches urbanes Phänomen.
Die Einflussnahme des Internets bei der Herausbildung
einer chinesischen Zivilgesellschaft (oder gar Demokra-
tisierung) darf einerseits nicht überschätzt werden. Das
„chinesische Internet‟ befindet sich ebenso wie Fernsehen,
Radio und Zeitungen in fester Hand der KPCh. Peking nutzt
die neuen Medien geschickt als ihr persönliches politisches
Instrument. Die Partei hat längst die Gefahr erkannt, die
von einer zeitlich unabhängigen, globalen, transnatio-
nalen und dynamischen Vernetzung chinesischer Netizens
ausgeht. Karsten Giese bemerkt hierzu: „Das Internet
und seine Kommunikationsforen im Speziellen dienen als
ein Werkzeug, um gemeinsame Interessen zu bündeln
und hieraus soziale und politische Aktionen entstehen zu
lassen.‟24

Die „große chinesische Firewall‟ und ihre Tausenden


Internet-Polizisten unterstützen die Partei, um uner-
wünschte Kommunikationsschnittstellen zu unterbrechen.
Indirekt führt die Selbstzensur der Webseitenbetreiber und
Blogkommentatoren dazu, dass die von Peking als sensibel
eingestuften Themenbereiche auf ihren Webseiten ausge-
spart bleiben.

Andererseits tragen gerade die von der KPCh betriebenen


Webseiten, die der Bevölkerung gestatten, im Live-Chat,
durch E-Diskussionen oder E-Petitionen mit den Politikern
in Kontakt zu treten, zu mehr politischem Wissen und
Bewusstsein innerhalb der chinesischen Gesellschaft bei.25

23 | Vgl. Transkript des Online Interviews mit Hu Jintao vom


20.06.2008, in: http://www.people.com.cn/GB/32306/
54155/57487/7406717.html [20.04.2010].
24 | Vgl. Karsten Giese, „Challenging Party Hegemony: Identity
Work in China’s Emerging Virreal Places‟, in: German
Overseas Institute (DÜI), Research Unit: Institute of Asian
Affairs, Nr. 14 (2006), S. 41.
25 | Vgl. Min Jiang: „Authoritarian deliberation on Chinese
Internet‟, in: Electronic Journal of Communication, 20
(2010) 1-2.
102

Wie sich das Nutzerverhalten der chinesischen Neti-


zens weiter entwickeln wird, kann schwer prognostiziert
werden. Aus Sicht von Min Jiang ist es nicht klar, ob diese
Generation mit Hilfe der ihr zur Verfügung stehenden
technischen Möglichkeiten die Initiative ergreifen wird, um
Fragen hinsichtlich der sozialen Gerechtigkeit anzuspre-
chen. Es besteht somit die Gefahr, dass diese digitalen
Vorreiter eher zu digitalen hedonistischen Konsumenten
verkommen könnten.26

Die offizielle Statistik gibt an, dass der Großteil der chine-
sischen Anwender das Internet als Unterhaltungsmittel
nutzt. Die strikt geregelte Zensur der KPCh demonstriert,
dass sie diejenigen Nutzer, die das Internet als Kommuni-
kationsplattform (auch mit politischer Agenda) verwenden,
ausgesprochen ernst nimmt. Wenn Peking – wie einige
pessimistische Experten vermuten – davon überzeugt
wäre, dass die Internetnutzer das Medium nur für belang-
losen Zeitvertreib verwenden, würde das die Zensurmaß-
nahmen unnötig machen. Daher bleibt es abzuwarten,
ob die Kommentare und Beiträge der rasant wachsenden
chinesischen Internetgemeinschaft in Zukunft kontrol-
lierbar bleiben.

Das Manuskript wurde am 17. April 2010 abgeschlossen.

26 | Vgl. Min Jiang: „Authoritarian deliberation on Chinese


Internet‟, in: Electronic Journal of Communication, 20
(2010) 1-2.
103

PRESSEFREIHEIT, NEUE MEDIEN UND


POLITISCHE KOMMUNIKATION IN
MALAYSIA – EINE GESELLSCHAFT
IM WANDEL

Thomas S. Knirsch / Patrick Kratzenstein

Malaysia, truly Asia, lautet das Motto, mit dem die Regie-
rung des südostasiatischen Tigerstaats um Besucher aus
aller Welt wirbt. Ein griffiger Slogan, der nicht nur die
reiche Biodiversität sowie die ethnische, religiöse und
kulturelle Vielfalt des Landes einfängt, sondern auch eine
getrübte Realität beschreibt. Hierzu gehören die rigiden
gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen,
unter denen Malaysia seit seiner Unabhängigkeit im Jahre Dr. Thomas S. Knirsch
1957 regiert wird. „Reporter ohne Grenzen‟ platziert ist Auslandsmitarbeiter
der Konrad-Adenauer-
Malaysia auf seiner Rangliste der Pressefreiheit für das
Stiftung in Malaysia.
Jahr 2009 auf Platz 131, knapp vor Singapur und direkt
hinter Thailand. Insgesamt wurden 175 Länder erfasst. Die
Möglichkeiten, politische Kommunikation über die neuen
Medien zu betreiben, erhalten angesichts dieser Verhält-
nisse eine besondere Relevanz.

Im Grundsatz ist Malaysia eine konstitutionelle parla-


mentarisch-demokratische Wahlmonarchie. Das Parla-
ment ist nach dem Westminster-System konzipiert und Patrick Kratzenstein
besteht demzufolge aus zwei Kammern. Sie sind formell studiert Rechtswis-
für die Bundesgesetzgebung zuständig, kontrollieren die senschaften in Graz
und war von Februar
Regierung usw. Die Praxis sieht dennoch anders aus, und bis März 2010 im
Malaysia wandelt sich nur zögerlich von einem Einpar- Auslandsbüro der
Konrad-Adenauer-
teiensystem zu einem offenen Zwei- oder Mehrparteien-
Stiftung in Malaysia
system. Die Dominanz des Regierungsbündnisses Barisan tätig.
National (BN), seit über fünfzig Jahren an der Macht, hat
zu einem Machtmonopol geführt. Transparente Entschei-
dungsverfahren sind daher selten, Parlamente sind kaum
mehr Kontrollinstanzen der Exekutiven, die Justiz und vor
allem die Medien des Landes sind nur bedingt unabhängig.
104

Eine Opposition entwickelt sich erst langsam, die politische


Kultur des Landes ist entsprechend demokratisch rudi-
mentär ausgeprägt geblieben. Die autoritären Züge des
politischen System Malaysia haben in den vergangenen
Dekaden auch zusätzlich den Aufbau einer aktiven Zivil-
gesellschaft verhindert, und eine Reihe rechtlicher Bestim-
mungen hat zu einer zunehmenden Erosion von Freiheits-
rechten (Meinung, Versammlung, Information) der Bürger
Malaysias geführt.

KLASSISCHE MEDIEN SIND RECHTLICH


STARK EINGESCHRÄNKT

Der gesetzliche Rahmen für die klassischen Medien kommt


einem Korsett gleich. Angeführt werden muss hier der
Sedition Act aus dem Jahr 1948,1 der aufrührerische Hand-
lungen unter Strafe stellt. Historisch ist hier zu vermerken,
dass in Reaktion auf den Aufstand des 13. Mai 1969, bei
dem 200 Menschen starben, eine aufrührerische Handlung
schon durch die bloße Hinterfragung und Forderung der
Abschaffung von Verfassungsartikeln, die den ethnischen
Malays und einigen Ureinwohnerstämmen gewisse Sonder-
privilegien eingestehen, in den Augen der Regierung erfüllt
war.2 Darüber hinaus räumt das Gesetz fast jedem Poli-
zisten das Recht der Inhaftierung ohne Haftbefehl ein,
selbst wenn nur versucht wurde, eine aufrührerische
Handlung zu begehen.3

Ein weiteres eingrenzendes Gesetz ist der Printing Presses


and Publications Act (PPPA) von 1984,4 welcher für die
malaysische Zeitungsbranche von großer Bedeutung ist.
Der Gesetzesakt regelt das Drucken, Importieren, (Re-)
Produzieren, Veröffentlichen und Verteilen von Publikati-
onen und sanktioniert diese bei Bruch unter anderem mit
einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.5 Das Gesetz

1 | Attorney General’s Chamber, „ACT 15 – SEDITION ACT 1948‟,


in: Laws of Malaysia, Stand: 1. Januar 2006,
http://www.agc.gov.my/agc/Akta/Vol.%201/Act%2015.pdf
[10. März 2010].
2 | Vgl. Section 3 (1) (f) ebd.
3 | Vgl. Section 11 ebd.
4 | Attorney General’s Chambers, „ACT 301 – PRINTING
PRESSES AND PUBLICATIONS ACT 1984‟, in: Laws of
Malaysia, Stand: 01. Januar 2006, http://www.agc.gov.my/
agc/Akta/Vol.%207/Act%20301.pdf [10. März 2010].
5 | Vgl. Section 5 (2) ebd.
105

sieht im Wesentlichen als Regulierungsmaßnahme eine


durch den Innenminister ausgestellte Erlaubnis zur Veröf-
fentlichung einer Zeitung vor. Problema-
tisch ist hierbei die Geltungsdauer dieser Die autoritären Züge des politischen
Erlaubnis, die maximal ein Jahr betragen darf System Malaysia haben in den vergan-
genen Dekaden auch zusätzlich den
6
und zu jeder Zeit wieder zurückgezogen Aufbau einer aktiven Zivilgesellschaft
werden kann.7 Zur Veranschaulichung kann verhindert, und eine Reihe rechtlicher
Bestimmungen hat zu einer zuneh-
die Operation Lalang im Jahre 1987 erwähnt
menden Erosion von Freiheitsrechten
werden, die zur Eindämmung und Margi- (Meinung, Versammlung, Information)
nalisierung der Opposition konzipiert war. der Bürger Malaysias geführt.

Im Zuge dieser Polizeimission wurden 106


oppositionelle Anführer, Aktivisten und Akademiker unter
dem vieldiskutierten Internal Security Act (ISA) von 1960
eingesperrt. Rund 40 von ihnen für rund zwei Jahre. Neben
diesen Massenverhaftungen wurden auch vier Zeitungen
ihre Lizenzen entzogen. Zur Wiedererlangung der Publika-
tionserlaubnis soll einer Zeitung die Kündigung gewisser
Journalisten als Bedingung auferlegt worden seien.8

Der oben schon kurz erwähnte Internal Security Act (ISA)9


aus dem Jahr 1960 ist vermutlich das umstrittenste Gesetz
Malaysias. Insbesondere Menschenrechtsorganisationen
kritisieren den Akt aufs Schärfste,10 da er Polizisten jegli-
chen Ranges legitimiert, Verdächtige für 24 Stunden in
Gewahrsam zu nehmen. Dies kann auf bis zu 60 Tage
ausgeweitet werden, indem höherrangige Polizisten dem
zustimmen.11 Ist auch diese Zeit abgelaufen, wird dem
Innenminister das Recht eingestanden, die Inhaftierung
aufrechtzuhalten, für eine Dauer von bis zu zwei Jahren.
Nach deren Ablauf kann der Minister seinen Beschluss

6 | Vgl. Section 12 (1) ebd.


7 | Vgl. Section 3 (3) ebd.
8 | P. Ramakrishnan, „OPERTATION LALANG – P. RAMAKRISHNAN‟,
Stand: 27. Oktober 2009, http://www.themalaysianinsider.com/
index.php/opinion/breaking-views/41494--operation-lalang--
p-ramakrishnan [10. März 2010]; „OPERASI LALANG‟, in:
Human Rights Resource Center Malaysia. URL: http://hrforall.
wordpress.com/operasi-lalang/ [10. März 2010].
9 | Attorney General’s Chambers, „ACT 82 – INTERNAL
SECURITY ACT 1960‟, in: Laws of Malaysia, Stand: 1. Januar
2006, http://www.agc.gov.my/agc/Akta/Vol.%202/Act%
2082.pdf [10. März 2010].
10 | „Malaysia’s Internal Security Act And Suppression of Political
Dissent‟, in: Human Rights Watch, http://www.hrw.org/
legacy/backgrounder/asia/malaysia-bck-0513.htm
[10. März 2010].
11 | Vgl. Section 73, ebd.
106

erneut aussprechen.12 Der ISA stellt insofern ein höchst


fragwürdiges Instrument zur Inhaftierung von „Verdäch-
tigen‟ auf unbestimmte Dauer zur Verfügung, ohne auch
nur einen einzigen gerichtlichen Beschluss zu benötigen.
Derzeit bekannt sind Inhaftierungszeiten von bis zu
sechs Jahren,13 die hauptsächlich bei Terrorverdächtigen
Anwendung finden. Im Jahr 2008 wurde
In den letzten Jahren haben neue aber auch eine oppositionelle Parlamen-
Technologien die malaysischen Bürger tarierin für acht Tage entsprechend dieser
erreicht und mit zusätzlichen Möglich-
keiten der Kommunikation und Infor- Vorlagen inhaftiert.14 Mehrere Funktionäre
mationsbeschaffung ausgestattet, die einer Hindu-NGO wurden 2007 nach der
weit weniger leicht zu kontrollieren
Organisation von Straßenprotesten für zwei
sind als klassische Medienkanäle.
Jahre gefangen gehalten.15 Mittlerweile aber
scheint die Regierung die massive Kritik an dem Gesetz
ernster zu nehmen und hat vor, das Gesetz zu evaluieren
und auf Terroristen und Schwerkriminelle auszurichten.16
Neben diesen beispielhaften Gesetzen existieren noch
einige weitere effektive Unterdrückungsinstrumente. Dazu
zählen beispielsweise der Defamation Act (1957) und der
Offical Secrets Act (1972).

All diese Legislativakte haben in den zurückliegenden


Dekaden eine Atmosphäre der Bedrängnis und Unterdrü-
ckung geschaffen und zu einer sukzessive Aushöhlung der
Meinungsfreiheit und Medienpluralität geführt. Keine Über-
raschung ist daher, dass sich die Mehrzahl der klassischen
Medienprodukte entweder in Regierungshand befindet
oder regierungsnahen Unternehmen gehört.

12 | Vgl. Section 8, ebd.


13 | Siaan Ansori und Greg Lopez, „THE INTERNAL SECURITY
ACT IN MALAYIA: ABOLISH, NOT REFORM IT‟, in: East Asia
Forum. Stand: 27. August 2009, http://www.eastasiaforum.org/
2009/08/27/the-internal-security-act-in-malaysia-abolish-
not-reform-it/ [10. März 2010].
14 | The Star Online, „TERESA KOK RELEASED FROM ISA
DETENTION‟, Stand: 19. September 2008,
http://thestar.com.my/news/story.asp?file=/2008/9/19/
nation/20080919132938&sec=nation [10. März 2010].
15 | „Hindraf Trio, 10 Others Freed From Isa‟, in: The Malaysian
Insider, Stand: 08. Mai 2009. http://themalaysianinsider.com/
malaysia/article/Hindraf-trio-10-others-freed-from-ISA/
[10. März 2010].
16 | Deborah Loh, „ONG TEE KEAT (PANDAN)‟, in: The Nut Graph –
MP Watch, Stand: 10. Februar 2010, http://thenutgraph.com/
mp-watch-anifah-aman [10. März 2010].
107

AN DER PRESSEZENSUR VORBEI IN DIE


NEUE MEDIENWELT

In den letzten Jahren haben neue Technologien die malay-


sischen Bürger erreicht und mit zusätzlichen Möglich-
keiten der Kommunikation und Informationsbeschaffung
ausgestattet, die weit weniger leicht zu
kontrollieren sind als klassische Medienka- Die Entwicklung der digitalen Kommu-
näle. Vorreiter ist das Internet mit seinen nikation wird maßgeblich vom Inter-
net getragen. In Malaysia besitzt das
schier endlosen Kommunikationsplattformen ­weltweite Netz einen gewissen Sonder-
und der Mobilfunk mit der Möglichkeit des status.
Versandes von Kurzmitteilungen. Die Bedeu-
tung von Kurznachrichten lässt sich sehr schnell vor allem
damit erklären, dass die Technologie ein beliebter und
unkomplizierter Weg ist, Informationen von A nach B zu
befördern. Teil dieses Erfolges ist die relativ hohe Verbrei-
tung von Mobilfunkanschlüssen in Malaysia. Im Jahr 2008
ist erstmalig eine Sättigung von 100 Handys per 100
Einwohner erreicht worden.

Diagramm Nr. 1
Mobiltelefone je 100 Einwohner in
ausgewählten Ländern

Singapur
Deutschland

Malaysia

Philippinen
Indonesien

Quelle: Internatiol Telecommunication Union (ITU).

Diese Zeichen der Zeit haben die Oppositionsparteien in


den Wahlkämpfen 2004 und 2008 erkannt und für sich zu
nutzen versucht. Tatsächlich registrierten die drei größten
malaysischen Mobilfunkbetreiber einen verstärkten SMS-
Verkehr insbesondere bei Bekanntgabe der Ergebnisse
108

und im Verlauf des Wahltags 2008. Der Mobilfunkanbieter


Celcom beispielsweise verzeichnete am Wahltag eine
Mehrnutzung von rund 15 Prozent. Der führende Betreiber
Maxis sprach sogar von einem 31-prozentigen Anstieg.17

Die Motivation einzelner Parteien, Kurznachrichten inten-


siver gegenüber einer breiten Masse zu nutzen, mag
unterschiedlicher Natur gewesen sein, vor allem aber
spielte der ökonomische Faktor eine tragende
Gleichwohl genießt das Internet in Rolle. So gibt ein Parteivertreter an, dass ein
Malaysia aber immer noch die Freihei- zwei mal 0,75 Meter großes Banner rund 20
ten, die bei den klassischen Medien
sukzessive untergraben wurden. Euro koste, für den gleichen Geldbetrag sei
Dennoch ist ein Trend hin zu stren- man in der Lage, 2000 Kurznachrichten zu
geren Kontrolle und Überwachung
versenden, da der Stückpreis lediglich einen
erkennbar.­
Cent per SMS betrage. Über ein solch güns-
tiges Instrument der Wählermoblisierung ließe sich viel
eher ein „Lauffeuer‟ unter einer expandierenden Wähler-
schaft entfachen als beispielsweise per E-Mail. Denn bei
letzterem fehle eindeutig der persönliche Charakter, es
kämen einfach zu viele ungewünschte Massenmails und
Spamnachrichten an. Auf dem Handy hingegen sei man
vergleichsweise selten mit massenweise versandten Kurz-
mitteilungen konfrontiert, auch unterlägen diese keiner
staatlichen Zensur. Es könne auf diesem Wege ein Wähler
schnell, einfach, ungefiltert und vor allem frei von etwaigen
Druck von außen eine politische Kurznachricht erhalten.18

Just diesen Punkt greift die Kritik der Regierungskoalition


BN auch gerne immer wieder auf. So fordern manche
Stimmen, dass ein derartiger Umgang mit neuen Kommu-
nikationsmöglichkeiten für einen Vielvölkerstaat wie
Malaysia „ungesund‟ sei. Befürchtet werden Handlungen,
die in den Augen der Regierung das Kriterium einer aufwie-
gelnden Handlung gemäß dem bereits genannten Sedition
Act erfüllen und deswegen in weiterer Folge strafbar seien.
Aus diesem Grund wird der Ruf aus dem Regierungslager
nach geeigneten Instrumenten zur Verfolgung und zur
Erleichterung der Polizeiarbeit in diesem Bereich immer
lauter.

17 | Jo Timbuong, „Surge in SMS Traffic on Election Day‟,


in: Sunday Star vom 30. März 2008, S. 24.
18 | Foong Pek Yee, Lee Yuk Peng und Ng Cheng Yee,
„Role Played By SMS in Election Outcome‟, in: Sunday Star
vom 30. März 2008, S. 23 - 34.
109

Die Entwicklung der digitalen Kommunikation wird


maßgeblich vom Internet getragen. In Malaysia besitzt das
weltweite Netz einen gewissen Sonderstatus, da der dama-
lige Premierminister Dr. Mahathir Mohamad im August
1996 einen nationalen Plan zur Schaffung eines interna-
tionalen Multimedia Super Corridor nach dem Vorbild von
Silicon Valley verkündete. Alles war auf das Gesamtziel
gerichtet, Malaysia zu einem internationalen Multimedia-
verteilerzentrum zu machen und den Staat ins Zeitalter der
Informationstechnologie zu katapultieren.19 Da Malaysia
wie viele andere aufstrebende Nationen auf ausländische
Direktinvestitionen (Foreign Direct Investments, FDI)
angewiesen ist, lassen sich ausländische Unternehmen
aus der Informations- und Kommunikationsbranche kaum
durch Zensurregelungen locken. Demzufolge einigte man
sich auch auf ein (zwar nicht rechtsbindendes) Dokument,
den Bill of Guarantees. In dem zehn Punkte umfassenden
Garantienkatalog wird festgeschrieben, dass keine Inter-
netzensur stattfinden werde.20 Dem ist man bislang im
Wesentlichen nachgekommen. Nur einige Seiten mit porno-
graphischen Inhalten wurden bisher geblockt. Dennoch
wurde im August 2008 erstmalig auch ein bekannter Blog
für einen Monat gesperrt, weil „einige Kommentare unsen-
sibel und grenzwertig anstiftend sind‟.21 Nachdem die
von der malaysischen Medien- und Kommunikationskom-
mission (Malaysian Media and Communications Commis-
sion, MCMC) verordnete Sperre aufgehoben worden war,
wurde der Betreiber des Blogs jedoch in Verwahrungshaft
genommen. Seine Inhaftierung konnte nach erst 53 Tagen
per Gerichtsbeschluss beendet werden.22

19 | Lim Chee Aun und Song Kee Jiunn, „MALAYSIAN MILESTONES‟,


in: Keranamu Malaysia, http://phoenity.com/hibiscus/history/
milestones.html [10. März 2010].
20 | Multimedia Super Corridor, „MSC MALAYSIA 10 POINT BILL
OF GUARANTEES‟, http://www.mscmalaysia.my/topic/MSC+
Malaysia+Bill+of+Guarantees [10. März 2010].
21 | Vgl. Andrew Ong, „Malaysia Today Blocked! Order From
MCMC‟, in: Malaysiakini, Stand: 27. August 2008,
http://www.malaysiakini.com/news/88683 [10. März 2010].
22 | „Leading Blogger Raja Petra Kamaruddin Finally Released‟,
in: Reporter Without Borders, 7. November 2008,
http://www.rsf.org/Leading-blogger-Raja-Petra.html
[10. März 2010].
110

WACHSENDE POLITISCHE KOMMUNIKATION


ÜBERS INTERNET

Gleichwohl genießt das Internet in Malaysia aber immer


noch die Freiheiten, die bei den klassischen Medien
sukzessive untergraben wurden. Dennoch ist ein Trend hin
zu strengeren Kontrolle und Überwachung erkennbar. Die
Gründe hierfür sind zahlreich: Zum einen sind es hoch-
politische Blogs, Online-Zeitungen und kritische Diskus-
sionsforen, die einigen Behörden ein Dorn im Auge sind,
zum anderen sind es die Nutzer selbst, die durch ihr „Surf-
verhalten‟ genau nach solchen Informationen Ausschau
halten. So hat die MCMC in einem Bericht zum Nutzungs-
verhalten des Internets einzelner Haushalte im Jahre 2008
festgestellt, dass 94 Prozent der Benutzer des Internets
politische Informationen, Blogs oder Online-Zeitungen
suchen. Im gleichen Bericht noch drei Jahre zuvor gaben
nur 40,5 Prozent der Befragten an, auch wegen derartiger
Informationen das Internet aufzusuchen. Im Bericht ist
weiter angeführt, dass 27,88 Prozent der Antwortenden
angeben, selbst an Blogs teilzunehmen.23 Diese starke
Wandlung oder Neuausrichtung im Nutzungsverhalten
ist vermutlich auch jenen kritischen Medien, die nur im
Internet zu finden sind, zu verdanken.

Diagramm Nr. 2
Internetnutzer je 100 Einwohner in
ausgewählten Ländern

Deutschland
Singapur

Malaysia

Indonesien
Philippinen

Quelle: ITU.

23 | Malaysian Communications and Multimedia Commission,


„Household Use of the Internet Survey 2008‟,
http://www.skmm.gov.my/facts_figures/stats/pdf/
HUIS08_02.pdf [10. März 2010].
111

Vor diesem Hintergrund entwickelt sich das Internet in


Malaysia zu einem der wichtigsten Informationsmedien.
In politischer Hinsicht ist es zu einem Wahlkampfplakat
unbekannter Dimension geworden. Ein Blick zurück in den
Wahlkampf der Parlamentswahlen im März 2008 bestätigt
dies. Eine von Zentrum Future Studies Malaysia durch-
geführte Studie unter 1.500 Befragten im Alter zwischen
21 und 50 Jahren, belegt den stark wachsenden Einfluss
der neuen Medien auf die Wählerschaft. Die Teilnehmer
wurden befragt, welchem Medium sie im Wahlkampf am
meisten Glauben schenkten. So gaben ganze 64,5 Prozent
der 21- bis 30-Jährigen an, für verlässliche Informati-
onen Blogs und andere Onlinemedien aufzusuchen. Nur
23,1 Prozent präferierten Fernsehen und 12,4 Prozent
vertrauten auf Zeitungen. Für die Altersgruppe von 31 bis
40 Jahren galten ähnliche Werte: 61,7 Prozent berufen sich
hier auf Online-Informationen, hingegen nur 23,5 Prozent
auf TV und lediglich 14,8 Prozent auf Zeitungen. Die
Wählerschicht der befragten 41- bis 50-Jährigen demon­
strierte allerdings noch ein anderes Wahrheitsempfinden,
sie vertrauen mehrheitlich auf die klassischen Medien wie
Zeitungen und Fernsehen.

Abbildung Nr. 3
Glaubwürdigkeit verschiedener Medienbereiche im
Wahlkampf (Alter der Befragten zwischen 21 und
40 Jahren)

Fernsehen 23,3 %

Zeitungen 26,6 %

Internet 63,1 %

Quelle: Zentrum Future Studies Malaysia.

Dr. Abu Hassan Hasbullah, der das Institut Zentrum leitet


und an der University of Malaya lehrt, schließt aus diesen
Daten, dass die Regierungskoalition BN durch deren
geringe Bemühungen im Internet den Anschluss an die
112

Wählerschaft und deshalb den „Informations- und Medien-


krieg‟ des Wahlkampfes 2008 verloren habe. Er fügt hinzu,
dass bereits Mitte 2000 die Opposition mehr als 7500 Blogs
und Webseiten kontrollierte. Die Regierung konnte im
Gegenzug nur drei Webseiten aufweisen.24

POLITIKER UND PARTEIEN BLOGGEN, TWITTERN,


FLICKRN…

Mittlerweile ist auch die Regierungskoalition BN auf den


Internet-Zug aufgesprungen: Der Premierminister bloggt25,
schreibt regelmäßig Tweets, ist auf Facebook präsent und
zeigt auf Flickr Fotos von besuchten Veranstaltungen und
die dazugehörigen Videos im eigenen YouTube-Kanal.
Auch ist die omnipräsente Medienkampagne 1Malaysia
des Regierungschefs Najib Razak zu erwähnen, die in allen
klassischen Medien vertreten ist und sich erst recht auch
im Internet wiederfindet. Nennenswert ist hier vor allem
die Webseite 1malaysia.com, die als zentrale Kommuni-
kationsplattform dient und Links zu den Profilen auf allen
anderen Portalen zur Verfügung stellt, aber vor allem
den Blog von Najib veröffentlicht. Hier wird mindestens
im Wochenrhythmus versucht, Einträge zu verfassen, in
denen häufig Stellung zum aktuellen politischen Tages-
geschehen genommen, neue Pläne veröffentlicht oder die
Zeilen genutzt werden, um dem Leser neue Details des in
der Tat weitumspannenden 1Malaysia-Konzeptes zu erläu-
tern.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums steht


Anwar Ibrahim, der Anführer der Oppositionskoalition
Volkspakt (Pakatan Rakyat, PR), der seit Januar 2008 aktiv
über Twitter kommuniziert. Seitdem scheint der Oppositi-
onsführer Gefallen daran gefunden zu haben und berichtet
stets und überall von neuesten Ereignissen. So geschehen
auch im Februar 2009, als er als Angeklagter in einem
Verfahren direkt aus dem Gerichtssaal über Twitter berich-

24 | „How BN Lost the Media War‟, in: New Straits Times,


2. April 2008.
25 | „Blogs Listing‟, in: 1Malaysia, http://www.1malaysia.com.my/
index.php?option=com_myblog&Itemid=54&lang=en
[10. März 2010].
113

tete.26 Daneben unterhält er auch einen entsprechenden


Blog, in dem beinahe täglich neue Einträge erscheinen.
Aber nicht nur großflächig bekannte Politiker nutzen das
Internet, um sich selbst darzustellen, sondern auch immer
mehr einfache Parlamentarier setzten das Medium für sich
ein.

Ein gänzlich neuer Ansatz in Malaysia und in Südostasien


ist in diesem Kontext ein Projekt, das sich an dem Konzept
des deutschen Portals Abgeordnetenwatch
orientiert. Umgesetzt wird dieser Vorstoß Eine von Zentrum Future Studies
durch eine junge, auf Analysen ausgerichtete Malaysia durchgeführte Studie unter
1.500 Befragten im Alter zwischen 21
Online-Zeitung namens The Nut Graph.27 und 50 Jahren, belegt den stark wach-
Den Journalisten war bewusst, dass eine senden Einfluss der neuen Medien
auf die Wählerschaft. Die Teilnehmer
direkte Übertragung des deutschen Modells
wurden befragt, welchem Medium sie
in Malaysia scheitern würde. So wurden im Wahlkampf am meisten Glauben
von der Redaktion und der Leserschaft je schenkten. So gaben ganze 64,5 Pro-
zent der 21- bis 30-Jährigen an, für
drei Fragen ausgewählt, um diese an die
verlässliche Informationen Blogs und
Parlamentarier zu stellen. Diese Fragen zur andere Onlinemedien aufzusuchen.
Religionsausrichtung, den Freiheitsrechten,
dem Selbstverständnis und dem Idealbild einer parla-
mentarischen Demokratie wurden ab Januar 2010 für fünf
Monate schrittweise an alle 222 Abgeordneten gesandt.
Um die Beantwortung binnen einer zweiwöchigen Frist
wurde gebeten. Die Resonanz fiel sehr unterschiedlich
aus, aber in der Tendenz ähnlich, wie bei Abgeordne-
tenwatch in Deutschland. Während einige Politiker sich
aus den verschiedensten Gründen sträubten, erkannten
andere schnell die Möglichkeit zur Selbstdarstellung und
Profilierung. Für manche war es ungewohnt, plötzlich um
ihre eigene Meinung gefragt zu werden und sich nicht
auf die Diktion der Parteiführung verlassen zu können.28

26 | Sue-Ann Chua, „Court Visits Alleged Sodomy Scene‟, in:


The Edge. 4. Februar 2010, http://www.theedgemalaysia.com/
political-news/159102-update-court-visits-alleged-sodomy-
scene-.html [10. März 2010].
27 | Das Partnerprojekt der Konrad-Adenauer-Stiftung in Malaysia,
The Nut Graph veröffentlicht seit August 2008 Informationen
zur Politik und Kultur im Internet. Das Webportal erstellt
aktuelle Berichte, Kommentare und Analysen und sucht den
Dialog mit den Lesern. Ausführlich hierzu:
http://www.thenutgraph.com/what-is-the-nut-graph
[22.4.2010]; Deborah Loh, „Knowing Your MPs‟, in:
The Nut Graph, 8. Januar 2010, http://www.thenutgraph.com/
knowing-your-mp [10. März 2010].
28 | Deborah Loh, „Watching Our MPs‟, in: The Nut Graph,
Stand: 18. Februar 2010, http://www.thenutgraph.com/
watching-our-mps [10. März 2010].
114

„Wir wollen, dass sich die Abgeordneten ihrer Verantwor-


tung bewusst werden. Wir wollen sie und die Öffentlichkeit
daran erinnern, wofür sie eigentlich da sind. Sie sollen
unsere Gesetze machen, nicht auf dem Marktplatz Hände
schütteln und Geld verteilen‟, erklärt Chefredakteurin
Jacqueline Ann Surin von The Nut Graph.

FAZIT

Stellt man nun abschließend die Frage, wie groß der


Einfluss der neuen Medien in Malaysia auf die politische
Kommunikation ist, so muss von einem stetig wachsenden
Einfluss ausgegangen werden. Lässt sich hieraus bereits
ein Trend und kultureller Wandel hin zu einer
Mittlerweile ist auch die Regierungs- stärkeren Demokratisierung und politischen
koalition BN auf den Internet-Zug Liberalisierung des Landes ableiten? Viel-
aufgesprungen: Der Premierminister
bloggt , schreibt regelmäßig Tweets, leicht. Bislang fehlen hierzu freilich abge-
ist auf Facebook präsent und zeigt auf sicherte empirische Untersuchungen und
Flickr Fotos von besuchten Veranstal-
spezifische Analysen. Doch die Fähigkeit der
tungen und die dazugehörigen Videos
im eigenen YouTube-Kanal. Bürger Malaysias, miteinander im weitestge-
hend nicht zensierten neuen Medienraum zu
kommunizieren, dürfte nicht ohne weitere gesellschaftliche
und politische Folgen bleiben. Jedenfalls wird bis zu den
nächsten regulären Parlamentswahlen im Jahr 2013 der
Anteil der Nutzer neuer Medien weiter stark ansteigen.
Dies wird nicht ohne Auswirkungen auf die Parteien,
ihre Mandatsträger und die zukünftigen Wahlkampagnen
bleiben.
Policy Expertise Worldwide.

We now offer an English-language edition of KAS


Auslandsinformationen. Please contact our editorial
office to subscribe. For further information visit
http://www.kas.de/wf/en/34.5/
6|10 6|10

KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 6|10


AUSLANDSINFORMATIONEN Wie es euch gefällt – Nach
den USA erliegen auch asiati-
sche Politiker dem Charme
von Facebook und Twitter
Paul Linnarz

Politische Kommunikation
in Subsahara-Afrika und die
Rolle der Neuen Medien
Frank Windeck

Revolution 2.0:
Ein Schrecken für autoritäre
Regime – Digitale Kultur und
politische Kommunikation in
Lateinamerika
Frank Priess

Der Einfluss des Internets


auf Parteien und Wahlkämpfe
Trygve Olson / Terry Nelson

Politik aus der Nische. Die


digitale politische Kommuni-
kation als Informationsquelle
und Austauschforum für die
Opposition in Weißrussland
Stephan Malerius

Chinas digitale Revolution –


politische Kommunikation in
der virtuellen Welt
Regina Edelbauer

Pressefreiheit, Neue Medien


und politische Kommunikation
in Malaysia – eine Gesellschaft
im Wandel
Thomas S. Knirsch /
Patrick Kratzenstein