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KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|10


AUSLANDSINFORMATIONEN Polen – Nachbar, Partner
und Freund im Osten.
Die deutsch-polnischen
Beziehungen seit 1989
Stephan Georg Raabe

Bewährte Partnerschaften
mit Potential – Die Bezie-
hungen Deutschlands zu
Tschechien und der
Slowakei
Hubert Gehring / Tomislav
Delinić / Andrea Zeller

Die Beziehungen Deutsch-


lands zu den baltischen
Ländern seit der Wieder-
vereinigung
Andreas M. Klein /
Gesine Herrmann

Über die Befindlichkeiten


des deutsch-französischen
Paares zwei Jahrzehnte nach
der Wiedervereinigung
Jörg Wolff / Laura-Theresa
Jaspers

Die Beziehungen zwischen


Großbritannien und dem
wiedervereinigten Deutsch-
land
Claudia Crawford

Union für das Mittelmeer –


Realitäten anerkennen und
Chancen nutzen!
Gerrit F. Schlomach

Die Philippinen nach den


Wahlen vom 10. Mai 2010
Peter Köppinger

Vom Uribismo zur Unidad


Nacional – Kolumbien nach
den Kongress- und Präsi-
dentschaftswahlen
Stefan Jost
KAS
AUSLA N D S I N F O R M A T I O N E N
9|10
ISSN 0177-7521
Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.
26. Jahrgang

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Herausgeber:
Dr. Gerhard Wahlers

Redaktion:
Frank Spengler
Hans-Hartwig Blomeier
Dr. Stefan Friedrich
Jens Paulus
Dr. Hardy Ostry
Dr. Helmut Reifeld

Verantwortliche Redakteure:
Stefan Burgdörfer

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racken, Berlin
4 | EDITORIAL

7 | POLEN – NACHBAR, PARTNER UND FREUND IM OSTEN.


DIE DEUTSCH-POLNISCHEN BEZIEHUNGEN SEIT 1989
Stephan Georg Raabe

34 | BEWÄHRTE PARTNERSCHAFTEN MIT POTENTIAL –


DIE BEZIEHUNGEN DEUTSCHLANDS ZU TSCHECHIEN
UND DER SLOWAKEI
Hubert Gehring / Tomislav Delinić / Andrea Zeller

65 | DIE BEZIEHUNGEN DEUTSCHLANDS ZU DEN


BALTISCHEN LÄNDERN SEIT DER WIEDERVEREINIGUNG
Andreas M. Klein / Gesine Herrmann

81 | ÜBER DIE BEFINDLICHKEITEN DES DEUTSCH-


FRANZÖSISCHEN PAARES ZWEI JAHRZEHNTE
NACH DER WIEDERVEREINIGUNG
Jörg Wolff / Laura-Theresa Jaspers

101 | DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN GROSSBRITANNIEN


UND DEM WIEDERVEREINIGTEN DEUTSCHLAND
Claudia Crawford

117 | UNION FÜR DAS MITTELMEER – REALITÄTEN


ANERKENNEN UND CHANCEN NUTZEN!
Gerrit F. Schlomach

135 | DIE PHILIPPINEN NACH DEN WAHLEN VOM


10. MAI 2010
Peter Köppinger

154 | VOM URIBISMO ZUR UNIDAD NACIONAL –


KOLUMBIEN NACH DEN KONGRESS- UND
PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN
Stefan Jost
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EDITORIAL

Liebe Leserinnen und Leser,

zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer ist Deutschland


umgeben von Freunden. Die Wiedervereinigung ist eine
Erfolgsgeschichte – nicht nur eine nationale, sondern
eine europäische. Die Beziehungen des wiedervereinten
Deutschlands zu seinen Nachbarn sind vertrauensvoll, die
Rolle der Bundesrepublik als europäischer Partner wird
ausgesprochen positiv bewertet. Nach Jahrhunderten
kriegerischer Auseinandersetzungen und zwei Weltkriegen
hat das europäische Projekt Demokratie, Wohlstand und
Sicherheit gebracht. Die Wiedervereinigung Deutschlands
hat diesen Prozess nicht gestört oder aufgehalten, sondern
vorangebracht. Gegenteilige Befürchtungen einzelner
europäischer Partner, aber auch im eigenen Land, haben
sich nicht bewahrheitet.

In diesem und dem vergangenen Jahr wurden in zahlrei-


chen Veranstaltungen bundesweit die Jubiläen von Frei-
heit und Einheit begangen: 60 Jahre Bundesrepublik, 20
Jahre Wiedervereinigung. Dabei war der Blick vor allem
nach innen gerichtet. Die Deutschen haben eine nationale
Erfolgsgeschichte gefeiert. Die Wiedervereinigung war
jedoch ebenso ein internationales Ereignis. Sie markierte
das Ende der bipolaren Weltordnung mit den USA auf der
einen und Russland auf der anderen Seite. Im ungarischen
Sopron an der österreichischen Grenze öffnete sich erst-
mals der Eiserne Vorhang. Die Ausreise einer großen Zahl
von DDR-Bürgern über die Nachbarländer Polen, Tsche-
chien und Ungarn brachte schließlich das Grenzregime zum
Kollabieren.

Mit der deutschen Wiedervereinigung begann ein neues


Kapitel in der deutschen Außenpolitik. Die Beziehungen zu
den Nachbarstaaten, die vielfach ebenfalls inmitten von
Transformationsprozessen waren, haben sich hervorragend
entwickelt. Die Überwindung sozialistischer Strukturen,
eine Eingliederung in die Strukturen der NATO, schließlich
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die Aufnahme in die Europäische Union – diesen Weg der


östlichen Nachbarn begleitete Deutschland in den vergan-
genen 20 Jahren. Mit ihnen, aber auch mit den bewährten
Partnern in der Europäischen Union, gestaltete Deutsch-
land in partnerschaftlicher Weise die Zukunft Europas. Die
Ratifizierung des Vertrags von Lissabon hat diese Erfolgs-
geschichte fortgesetzt.

Es waren die Christdemokraten, die auf eine baldige


Wiedervereinigung gedrängt haben. Die Bundesregierung
nutzte entschlossen die sich bietenden Möglichkeiten.
Rückblickend hat sie Recht behalten. Deutschland ist nicht
in Nationalismus zurückgefallen. Bei der Fußballweltmeis-
terschaft im eigenen Land, aber auch kürzlich während
des Turniers in Südafrika ist internationalen Gästen und
Beobachtern ein neuer deutscher Patriotismus begegnet –
sympathisch, nie abschätzig gegenüber anderen Nati-
onen und fähig, Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher
Herkunft zu integrieren.

Zeitungskommentare und politische Statements zeigen:


Die europäischen Nachbarn fürchten heute keineswegs,
Deutschland könne zu mächtig werden. Stattdessen wird
gefordert, dass die Bundesrepublik ihr Gewicht bei der
Lösung europäischer Probleme noch stärker einbringt.
So wird auch die positive wirtschaftliche Entwicklung
Deutschlands im europäischen Ausland überwiegend
begrüßt, wie eine aktuelle Studie der Konrad-Adenauer-
Stiftung zeigt (Der Blick von außen, http://www.kas.de/
wf/de/33.20195/). Nachrichten über den deutschen Auf- 
schwung und die sinkenden Arbeitslosenzahlen wecken
Hoffnung auf eine positive Entwicklung im eigenen Land.
Dieser Aufschwung zeigt: Die Soziale Marktwirtschaft hat
sich bewährt. Politik und Sozialpartner haben verant-
wortlich gehandelt. Konjunkturprogramme, Deutschland-
Fonds, Kurzarbeitergeld, Zeitarbeit und Lohnzurückhaltung
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haben ihre Wirkung gezeigt. Die Europäische Union sollte


sich für die Aufgabe, die Märkte und Haushalte wieder ins
Gleichgewicht zu bringen und Grundlagen für nachhal-
tiges Wachstum zu legen, die Soziale Marktwirtschaft zum
Vorbild nehmen. Sie hat zur deutschen Erfolgsgeschichte
beigetragen und ebenso zur europäischen. Vor 60 Jahren
haben Christdemokraten mit ihr ein Ordnungsmodell etab-
liert, das „Wohlstand für alle‟ schafft und soziale Sicherheit
gewährleistet.

Dr. Gerhard Wahlers


Stellvertretender Generalsekretär
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Polen – Nachbar, Partner


und Freund im Osten.
Die deutsch-polnischen Beziehungen seit 1989

Stephan Georg Raabe


Stephan Georg Raabe
ist Auslandsmitarbeiter
der Konrad-Adenauer-
Stiftung in Warschau.
Adam Michnik, der ehemalige Solidarność-Vorkämpfer
und Herausgeber der liberalen Gazeta Wyborcza, der
größten Tageszeitung Polens, kommentierte den Ausgang
der jüngsten polnischen Präsidentenwahlen vom 4. Juli
2010 mit den Worten, er freue sich, denn Polen sei nun
„das feindliche Gespenst der IV. Republik‟ losgeworden.1
In der Tat: Mit dem Wahlsieg von Bronisław Komorowski,
dem Kandidaten der liberal-konservativen „Bürgerplatt-
form‟ (Platforma Obywatelska, PO), über seinen national-
konservativen Konkurrenten Jarosław Kaczyński, den
Vorsitzenden der größten Oppositionspartei „Recht und
Gerechtigkeit‟ (Prawo i Sprawiedliwość, PiS) ist zunächst
einmal das politische Reformprojekt der „IV. Republik‟ ad
acta gelegt worden.

1 | Adam Michnik: Polacy wybrali politykę racjonalną i opartą


na przekonaniu, że Polska jest dla wszystkich (Die Polen
wählten eine rationale Politik auf die Überzeugung gestützt,
dass Polen für alle Polen da ist), in: Gazeta Wyborcza vom
05.07.2010, 5. Die Erste Republik war die Adelsrepublik mit
der ersten modernen Verfassung in Europa überhaupt vom
3. Mai 1791, die nach der dritten polnischen Teilung durch
Preußen, Österreich und Russland aufgelöst wurde. Die
Zweite Polnische Republik bezeichnet die Geschichte Polens
von 1918 bis 1939 in der Zwischenkriegszeit, wobei es seit
dem Putsch Józef Piłsudskis im Mai 1926 eine autoritäre
Herrschaft in Polen gab. Als III. Republik wird die Zeit nach
der friedlichen Revolution 1989/90 betitelt. Vgl. dazu
Stephan Georg Raabe, „Geschichte und ihre Interpretation.
Zum Verfassungstag in Polen‟, Länderbericht der Konrad-
Adenauer-Stiftung, Auslandsbüro Polen vom 04.05.2010;
einen guten Überblick gibt Manfred Alexander, Kleine
Geschichte Polens, (Bonn: Bundeszentrale für politische
Bildung, 2005).
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Das Gespenst der IV. Republik

Die grundlegende politische Veränderung Polens hatte mit


dem doppelten Sieg der Kaczyńskis bei den Parlaments- und
Präsidentschaftswahlen im Herbst 2005 nach vier Jahren
postkommunistischer Linksregierung begonnen. Damals
wurde zunächst die PiS mit 27 Prozent stärkste Partei im
polnischen Parlament. Wenig später gewann Lech Kaczyński
mit 54 zu 46 Prozent gegen den lange Zeit führenden
PO-Vorsitzenden Donald Tusk die Präsidentschaftswahlen.
Schließlich bildete die PiS entgegen der weit verbreiteten
Erwartung keine Koalition mit der PO, sondern eine Minder-
heitsregierung und später ein formelles Regierungsbündnis
mit der linkspopulistischen „Selbstverteidigung‟ und der
rechtspopulistischen „Liga der Polnischen Familien‟.

Zwar war schon bald nach 1989 sowohl das Lager der
Solidarność wie auch die ehemalige kommunistische
Koalition in rivalisierende Gruppen zerfallen, aber der
polnischen Gesellschaft blieb doch aufs Ganze gesehen
die Teilung bestehen. Sie verlief zwischen denjenigen, die
eher zur Nomenklatura des alten Systems
Die grundlegende politische Verände- gehört hatten, und jenen, die eher mit der
rung Polens hatte mit dem doppelten Solidarność gegen dieses System aufbegehrt
Sieg der Kaczyńskis bei den Parla-
ments- und Präsidentschaftswahlen hatten, und zwischen deren Nachfahren.
im Herbst 2005 nach vier Jahren Dies zeigte sich in den wechselnden Regie-
postkommunistischer Linksregierung
rungsmehrheiten: 1989 bis 1993 regierten
begonnen.
zunächst die Solidarność-Kräfte, dann bis
1997 bereits die postkommunistischen Linken, bis 2001
wieder das Wahlbündnis Solidarność unter Premier Jerzy
Buzek, welches erneut von einer linken Mehrheit abgelöst
wurde, die schließlich 2005 wiederum durch eine Mehrheit
der beiden aus der Solidarność-Bewegung hervorgegangen,
erst 2001 gegründeten Parteien PO und PiS ersetzt wurde.
Einen zweiten ähnlichen politischen Strang bildeten die
Präsidentschaften: Zunächst sicherte der Militärdiktator
General Wojciech Jaruzelski 1989 die Macht der Kommu-
nisten. Erst Ende 1990 folgte der Solidarność-Führer Lech
Wałęsa als erster frei gewählter Staatspräsident. Doch
bereits 1995 gewann der mit 41 Jahren noch junge Post-
kommunist Aleksander Kwaśniewski, der ähnlich wie Egon
Krenz in der DDR in kommunistischer Zeit für die Jugend
zuständig war und von Jaruzelski gefördert wurde, gegen 
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den Solidarność-Heroen Wałęsa die Präsidentschaftswahl.


Erst nach zwei Amtszeiten wurde Kwaśniewski Ende 2005
im Zuge der damaligen konservativen Wende von Lech
Kaczyński abgelöst.

Die „IV. Republik‟ der Kaczyński-Brüder spaltete ab 2005 das


Land in neuer Weise. In einem wahren Gerechtigkeitsfuror
sollte Polen gereinigt werden von postkommunistischen
Hinterlassenschaften und Korruption. Mit den Kommu-
nisten und Wendeprofiteuren wollte man jetzt endlich
genauso abrechnen, wie mit den ehemaligen Besatzern,
den Deutschen und Russen. Mit dem NATO-Beitritt im März
1999 und dem EU-Beitritt im Mai 2004 hatte Polen sein
außenpolitisches Hauptziel, die vollständige Integration in
die militärischen und politischen Institutionen des Westens,
erreicht. Nun galt es, die polnischen Interessen unüber-
hörbar zur Geltung zu bringen. Nation und nationale Soli-
darität, starker Staat, Recht und Ordnung, Souveränität,
Geschichtspolitik, regionale Führung in Mitteleuropa und
gleiche Augenhöhe mit dem westlichen Nachbarn waren
nun die Leitworte. Längst überholt geglaubte
Gedanken aus der Zwischenkriegszeit von Die „IV. Republik‟ der Kaczyński-
der national-konservativen Endecja Roman Brüder spaltete ab 2005 das Land. In
einem wahren Gerechtigkeitsfuror
Dmowskis, die einen homogenen katholi- sollte Polen gereinigt werden von
schen Ein-Volk-Staat anstrebte, von Polen postkommunistischen Hinterlassen-
schaften und Korruption.
als Führungsmacht in einem „Dritten Europa‟
zwischen Deutschland und Russland oder
von der Politik als Unterscheidung von Freund und Feind in
Anlehnung an den katholischen deutschen Staatsrechtlers
Carl Schmitt traten wieder hervor. Zwar gab es genügend
Anlass für grundlegende Reformen. Aber diese politische
Einstellung polarisierte genauso wie der rabiate Stil, mit
der die Sanierung (sanacja) und die neuen Ambitionen
verwirklicht werden sollten. Die Kaczyńskis verstanden
Politik als andauernden Kampf und Konfrontation. Innen-
politisch wurde die Antikorruptionsbehörde CBA (Centralne
Biuro Antykorupcyjne) zu einem wichtigen Instrument.
Politische Gegner, unliebsame Kritiker und selbst Regie-
rungsmitglieder wurden bespitzelt und öffentlichkeits-
wirksam verhaftet, so wie der entlassene Innenminister
Janusz Kaczmarek. Im Fernsehen erschienen regelmäßig
wackelige Bilder von maskierten Spezialeinheiten, die
die Opfer der „Säuberung‟ abführten. Nach kaum mehr 
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als einem Jahr, im Sommer 2007, brach schließlich die


rechtspopulistische Regierung in abgrundtiefem Misstrauen 
auseinander.2

Europa- und außenpolitisch manövrierten die Kaczyńskis


und die PiS Polen mehr und mehr an den Rand, weil auch
hier die Durchsetzung eigener nationaler
Die Kaczyńskis verstanden Politik als Interessen Vorrang hatte vor konstruktiver
andauernden Kampf und Konfronta- Kooperation und geduldigem prozessualen
tion. Politische Gegner, unliebsame
Kritiker und selbst Regierungsmitglie- Ausgleich. Während der deutschen EU-Rats-
der wurden bespitzelt und öffentlich- präsidentschaft im ersten Halbjahr 2007
keitswirksam verhaftet.
erreichte diese Art von Politik einen Höhe-
punkt in der Auseinandersetzung um die nationale Stim-
mengewichtung im Europäischen Rat („Quadratwurzel oder
Tod‟). Der Streit konnte nur mit größter Mühe und unter
gehörigem politischem Druck in letzter Minute beigelegt
werden. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hieß es
nachdenklich: Es ist „der Dämon einer anderen, vergangen
geglaubten Zeit, dessen giftiger Atem da plötzlich durch
Europa streicht‟.3 Die Kaczyńskis und ihre Gefolgschaft
begegneten Deutschland mit blankem Misstrauen, was in
Deutschland, das nach 1989 als verlässlicher Fürsprecher
für Polen aufgetreten war, Unverständnis hervorrief. Neues
Hegemoniestreben, Geschichtsfälschung, Missachtung der
polnischen Interessen und anderes mehr wurde jetzt dem
deutschen Nachbarn vorgeworfen. Da half es nur wenig,
dass die etwa zeitgleich mit den Kaczyńskis an die Regie-
rung gelangte Bundeskanzlerin Angela Merkel eine inten-
sive, gleichwohl rücksichtsvolle Kontaktpflege mit Polens
Regierung und Präsidenten betrieb. Verschiedene Faktoren
erschwerten oder blockierten sogar ein gedeihliches und
partnerschaftliches Miteinander und ließen die politischen
Beziehungen erstarren: Der „Steinbach-Komplex‟4, der
Streit um das Gedenken an die Vertreibung in Deutsch-
land, oder wie man jetzt in Polen wieder „politisch korrekt‟
sagte, an die „Aussiedlung‟, der häufig wiederholte Vorwurf,
„die Deutschen‟ stilisierten sich von „Tätern zu Opfern‟,
die unsägliche Diskussion um vermeintliche Restitutions- 

2 | Vgl. Stephan Georg Raabe, Polen – Politische Chronik 2007.


Länderbericht (Konrad-Adenauer-Stiftung, Auslandsbüro
Polen vom 28.01.2008).
3 | Vgl. ebd.
4 | Vgl. Stephan Georg Raabe, Im Antlitz der Geschichte. Tiefere
Ursachen und Lösungsansätze des Streits um Erika
Steinbach, Länderbericht (KAS, Auslandsbüro Polen vom
25.03.2009).
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ansprüche einer so genannten „Preußischen Treuhand‟5


und um Entschädigungsforderungen Polens als Reaktion
darauf, das an Polen vorbei geplante russisch-deutsche
Joint Venture Ostsee-Gaspipeline6, der Streit um den euro-
päischen Verfassungsvertrag und den Einfluss in der EU
und die Diskussion um die Stationierung von Elementen
der US-Raketenabwehr in Polen. Die Kommunikation auf
politischer Ebene war gestört, und die Medien multipli-
zierten diese Störung.7 Politisch hatte in Polen von Neuem
das Misstrauen gegenüber Deutschland die Oberhand
gewonnen.8

Der polnische Publizist Adam Krzemiński Neues Hegemoniestreben, Geschichts-


bemerkte 2006 zu Recht, mit Jarosław fälschung, Missachtung der polnischen
Interessen und anderes mehr wurde
Kaczyński regiere „der erste Zornige der IV. jetzt dem deutschen Nachbarn vorge-
Republik‟.9 Denn diese Republik gewann ihre worfen.
Motivation gerade aus einer Art von „Zorn-
Aufladung‟ gegen die „III. Republik‟ und deren Krank-
heiten wie Korruption, Ineffizienz und soziale und histo-
rische Ungerechtigkeit.10 Sie manifestierte sich alsbald
bei den „ehrgeizigen und empörungsstarken Akteuren‟ in
einer „Politik der Ungeduld‟11, in der Forderung nach Recht
und Ordnung, nach Anerkennung der bisher sozial und 

5 | Vgl. Stephan Georg Raabe, „Restitutionsansprüche abgewie-


sen. Ursache und Genese eines politischen Konfliktes‟, in:
Die Politische Meinung, 11 (2008), 65-69; ders.: „Die Klagen
der ‚Preußischen Treuhand‛. Zwischen politischer Hysterie
und rechtlichen Fragen‟, in: Die Politische Meinung, 5 (2007)
69-73.
6 | Vgl. Stephan Georg Raabe, „Der Streit um die Ostsee-Gas-
pipeline. Bedrohung oder notwendiges Versorgungsprojekt?‟,
in: KAS Auslandsinformationen 2/2009, 67-94.
7 | Vgl. Beata Ociepka, Agnieszka Łada, Jarosław Ćwiek-Karpowicz:
„Die Europapolitik Warschaus und Berlins in der deutschen
und polnischen Presse.‟ Forschungsbericht hrsg. vom Institut
für Öffentliche Angelegenheiten Warschau mit Unterstützung
der Konrad-Adenauer-Stiftung, Warschau 2008.
8 | Vgl. Stephan Georg Raabe: „Schwierige Nachbarschaft.
Aktuelle Entwicklungen und Probleme in den deutsch-
polnischen Beziehungen‟, Vortrag vor der Jahrestagung 2007
des Landesverbandes Bayern der Deutschen Vereinigung für
Politische Bildung: http://www.kas.de/proj/home/pub/48/1/
year-2008/dokument_id-12727/index.html; ders.: „Poten-
zielle Stabilität. Polen nach dem Ende der IV. Republik‟,
in: KAS Auslandsinformationen 6/2008, 27-40.
9 | Adam Krzemiński: „Tiefe Risse in der Demokratie‟, in:
Internationale Politik 5/2006, 23-29, hier 24.
10 | Vgl. Peter Sloterdijk: Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer
Versuch, Frankfurt am Main 2006, 61-73: Die post-
kommunistische Situation, hier 66 f.
11 | Sloterdijk, a.a.O. 71 f.
12 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

­historisch hinten Anstehenden, nach sozialer Gerechtig-


keit und Durchsetzung der nationalen Interessen. Die „IV.
Republik‟, aber auch die jüngste Präsidentenwahl, zeigen
die Spaltung Polens geografisch wie soziologisch in den
wohlhabenderen Westen und den ärmeren Osten, die
Stadt- und die Landbevölkerung, die Gebildeteren und die
weniger Gebildeten, die Jüngeren und die Älteren. Diese
Spaltung lässt sich bei allen Wahlen seit 2005 deutlich
beobachten. Während die einen die eher ausgleichenden
Liberalen oder Linken wählen, stimmen die anderen für
die Zorn-Fraktionen nationaler oder populistischer Ausprä-
gung, wobei rund die Hälfte der Wahlberechtigten gewöhn-
lich sowieso der Wahl fernbleibt.12 Aber eine politische
Kultur des Zornes schlägt leicht in Hass um und vergiftet
die Gesellschaft.

Im Verhältnis zu Deutschland strebt Polen nach Beach-


tung, Rücksichtnahme, Anerkennung, Gleichberechtigung,
Wertschätzung, eben nach „gleicher Augenhöhe‟ trotz der
selbstverständlich vorhandenen und oftmals fast schon
rituell angeführten Asymmetrien, Ungleich-
Die „IV. Republik“ zeigte die Spaltung gewichte, des wirtschaftlichen Niveauun-
Polens in den wohlhabenderen Westen terschiedes zwischen beiden Ländern und
und den ärmeren Osten, die Stadt- und
die Landbevölkerung, die Gebildeteren ihrer ungleichzeitigen Entwicklung. Hier
und die weniger Gebildeten, die Jün- wirkt sich sozialpsychologisch die Longue
geren und die Älteren.
durée (Fernand Braudel), die lange Dauer
geschichtlicher Erfahrung eines Landes aus, das sich stolz
an die Piastenzeit im Mittelalter und das polnisch-litauische
Großreich in der frühen Neuzeit erinnert, Ende des 18.
Jahrhunderts jedoch Objekt der Politik der aufstrebenden
Teilungsmächte Russland, Preußen und Österreich wurde,
für 123 Jahre von der Landkarte verschwand und kulturell
unterdrückt wurde. Bereits 21 Jahre nach dem Wiederer-
stehen 1918 wurde Polen erneut Opfer seiner großen Nach-
barn Deutschland und Sowjetrussland. Es wurde jetzt aber
nicht nur geteilt und besetzt, sondern in seiner physischen
Existenz bedroht und ausgebeutet. Die deutschen Besatzer
demütigten die Polen als „slawische Untermenschen‟. 
Obgleich sie im Zweiten Weltkrieg aufopferungsvoll auf

12 | Vgl. dazu aktuell die Länderberichte des Auslandbüros Polen


der Konrad-Adenauer-Stiftung zu den jüngsten Präsidenten-
wahlen, „Bronisław Komorowski vierter Präsident der III.
Republik Polens‟ (05.07.2010); „Kopf an Kopf‟ (02.07.2010)
und insbesondere „Polen: Nach der Wahl ist vor der Wahl‟
(22.06.2010).
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 13

Seiten der Alliierten und im Untergrund kämpften, erhielten


die Polen nach dem Kriege aber nicht ihre Freiheit, sondern
fielen unter sowjetrussische Herrschaft. Das
Land und mit ihm die Bevölkerungen wurden Die Geschichte prägt den ambivalen-
nun auf der Landkarte um 150 Kilometer ten Blick auf den deutschen Nachbarn,
in dem sich nicht selten vorsichtige
nach Westen verschoben. Erst 1989/90 ging Skepsis mit Bewunderung, manchmal
diese zweifache Nachkriegszeit des Ersten aber auch mit Neid und Missgunst
paart.
und Zweiten Weltkrieges mit ihren Kämpfen
für Polen zu Ende. Erst jetzt konnte sich das
Land endlich an den keineswegs leichten Transformations-
und Aufholprozess machen und die Lösung der grundle-
genden Dilemmata der polnischen Politik angehen.13

Diese Geschichte, die man in Polen bis heute nicht so recht


aufarbeiten konnte, prägt die nationale Psyche und ebenso
den ambivalenten Blick auf den deutschen Nachbarn, in
dem sich nicht selten vorsichtige Skepsis mit Bewunde-
rung, manchmal aber auch mit Neid und Missgunst paart,
nationaler Stolz mit Minderwertigkeitskomplexen. Es wäre
jedoch falsch, die mit der „IV. Republik‟ verbundenen
Krisenphänomene in den deutsch-polnischen Beziehungen
allein auf die „Zorn-Aufladung‟ unter den Kaczyńskis und
damit auf die national-konservative Wende in der polni-
schen Politik im Jahre 2005 zurückzuführen. Diese Wende
verschärfte nur die seit geraumer Zeit schon vorhandenen
Spannungen und Turbulenzen.

Die Genese der Beziehungen nach 1989

Blicken wir noch einmal zurück: In den Zeiten des Kalten


Krieges wurde die deutsch-polnische „Versöhnung‟ zu
einem Schlüssel, um die weltanschaulich zementierte
politische Teilung zu überwinden. Versöhnung bezieht sich
auf gemeinsame Werte, die Menschen und Gesellschaften
verbinden. Nicht zufällig waren die Kirchen eine wichtige
Quelle dieser Versöhnungsarbeit. Von ihnen kamen die
ersten Anstöße für den deutsch-polnischen Dialog.14 Mit der

13 | Vgl. Władysław Bartoszewski, Gedenken an das Ende des


Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Herr-
schaft (Bonn: Deutscher Bundestag 28.04.1995)
14 | Vgl. Stephan Georg Raabe, „Die Kirchen als Katalysatoren
der Versöhnung‟, in: Elżbieta Opiłowska, Krzysztof Ruchniewicz,
Marek Zybura (Hrsg.), ‚Das Friedenszeichen von Kreisau‛ und
‚Der Händedruck von Verdun‛. Wege zur deutsch-polnischen
und deutsch-französischen Versöhnung und ihre Symbole im
kollektiven Gedächtnis der Gesellschaften (i.A. der Stiftung
14 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

politischen Überwindung der europäischen Teilung und der


Wiedervereinigung Deutschlands wurde der Versöhnungs-
prozess fortgesetzt durch die Beseitigung der Gegensätze
und Konflikte, die es auf der politisch-rechtlichen Ebene
gab.15

Der Vertrag zwischen dem wiedervereinigten Deutschland


und der Republik Polen vom 14. November 1990 bestä-
tigte die zwischen ihnen bestehende Grenze
Nicht zufällig waren die Kirchen eine und räumte damit das Hauptproblem in den
wichtige Quelle der Versöhnungsarbeit. deutsch-polnischen Beziehungen aus. Der
Von ihnen kamen die ersten Anstöße
für den deutsch-polnischen Dialog. anschließende Vertrag „über gute Nachbar-
schaft und freundschaftliche Zusammen- 
arbeit‟ vom 17. Juni 1991, dessen 20. Jahrestag 2011 
ansteht, legte die Grundlage für die strategische Partner- 
schaft der kommenden Jahre.16 Auf der Grundlage eines
umfangreichen Maßnahmenkataloges, der in dem Vertrag 
beschrieben wurde, entwickelten sich die deutsch-polni-
schen Beziehungen in den neunziger Jahren positiv im 
Sinne einer „Werte- und Interessengemeinschaft‟. Rechts- 
staatlichkeit, demokratische Freiheit, soziale Gerechtigkeit 
in der Marktwirtschaft, Solidarität für Frieden und Entwick-
lung waren wichtige gemeinsame Grundwerte. Die Über-
windung der Ordnung von Jalta, die Gestaltung einer
neuen freiheitlichen Friedensordnung und die euro­päische
Vereinigung waren zentrale gemeinsame Inte­ressen.

Allerdings waren Fragen der Staatsangehörigkeit und


Vermögensfragen im Nachbarschaftsvertrag, worauf ein
Briefwechsel zum Vertrag hinweist, ausdrücklich ausge-
spart worden.17 Wie sich zeigen sollte, blieben die sich
aus der Kriegs- und Nachkriegszeit ergebenden Themen

Kreisau, des Willy-Brand-Zentrums der Universität Breslau


und der Konrad-Adenauer-Stiftung in Polen), Wrocław 2009,
53-86 (liegt ebenso auf polnisch vor).
15 | Zum Zusammenhang von Versöhnung und Interessengemein-
schaft vgl. Witold Góralski, „The Polish-German Community
of Interests. Origins – Achievements – Threats‟ in: ders.
(Hrsg.), Poland-Germany 1945-2007. From Confrontation to
Cooperation and Partnership in Europe. Studies and Docu-
ments. Polish Institute of International Affairs, Warsaw 2007,
309-354, hier 339, 352 f.
16 | Auswärtiges Amt und Bundesministerium des Innern in
Zusammenarbeit mit der Botschaft der Republik Polen
(Hrsg.): Die deutsch-polnischen Verträge vom 14.11.1990
und 17.6.1991 (deutsch/polnisch), Bonn, o.J. (Deutsch-
Polnische Verträge).
17 | Deutsch-Polnische Verträge, a.a.O. 70-74, hier 74.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 15

politisch-gesellschaftlich heiße Eisen. Zwar wurden neural-


gische Punkte wie die Vertreibung der Deutschen im Laufe
der Zeit keineswegs umgangen, sondern offen und diffe-
renziert angesprochen.18 Ein erster Höhepunkt war diesbe-
züglich das zweijährige polnische Forschungsprojekt „Der
Vertreibungskomplex‟, welches die einstigen Differenzen
zwischen deutscher und polnischer Historiographie ad acta
zu legen half und zu einer Enttabuisierung
und Entideologisierung dieses Themas in Der Ausspruch des ehemaligen polni-
Polen beitrug. 19
Später legte eine Arbeits- schen Außenministers Krzysztof Sku-
biszewski, „Polens Weg nach Europa
gruppe von Historikern, die von der Stiftung führt über Deutschland‟, wurde erfolg-
für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit und reich in praktische Politik umgesetzt.
der Robert Bosch Stiftung gefördert wurde,
eine mehrbändige, sowohl in Deutsch wie in Polnisch
publizierte Dokumentation aus polnischen Archiven über
das Schicksal der Deutschen im polnischen Machtbereich
1945 bis 1950 vor.20 Inwieweit aber diese Aufarbeitung des
Vertreibungskomplexes Eingang in das allgemeine öffent-
liche und politische Bewusstsein gefunden hat, ist ange-
sichts des Streits um dieses Thema in den letzten Jahren
fraglich. Ohne Zweifel wurde jedoch der Ausspruch des
ehemaligen polnischen Außenministers Krzysztof Skubis-
zewski, „Polens Weg nach Europa führt über Deutschland‟,
erfolgreich in praktische Politik umgesetzt.21 Deutschlands
Unterstützung für Polens EU-Beitritt war ein effektiver
Katalysator der deutsch-polnischen Interessengemein-
schaft in Bezug auf die europäische Integration.22

Exemplarisch für diese Phase der deutsch-polnischen


Beziehungen sind ihr symbolträchtiger Beginn mit der
Versöhnungsmesse im niederschlesischen Kreisau am 

18 | Vgl. Klaus Bachmann, Jerzy Kranz (Hrsg.), Verlorene Heimat.


Die Vertreibungsdebatte in Polen (Bonn, 1998).
19 | Vgl. Włodzimierz Borodziej, Artur Hajnicz (Hrsg.), Kompleks
wypędzenia (Kraków, 1998).
20 | Vgl. Wlodzimierz Borodziej, Hans Lemberg (Hrsg.), Unsere
Heimat ist uns ein fremdes Land geworden… Die Deutschen
östlich von Oder und Neiße. Dokumente aus polnischen
Archiven, Herder Institut Marburg, Bd. 1/2000: Einführung,
zentralstaatliche Verordnungen, Wojewodschaft Allenstein
(südliches Ostpreußen); Bd. 2/2003: Zentralpolen, Woje-
wodschaft Schlesien (Oberschlesien); Bd. 3/2004: Woje-
wodschaft Posen, Wojewodschaft Stettin (Hinterpommern);
Bd. 4/2004: Wojewodschaft Pomerellen und Danzig (West-
preußen), Breslau (Niederschlesien).
21 | Vgl. Alexander, Geschichte Polens, a.a.O. 391.
22 | Vgl. Góralski, a.a.O. 330 ff., 343.
16 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

12. November 1989 unter Beteiligung der beiden Regie-


rungschefs Tadeusz Mazowiecki und Helmut Kohl, die in einer
Umarmung den Friedensgruß austauschten, sowie zwei
Ansprachen zu historischen Gedenktagen. Anlässlich des
50. Jahrestages des Warschauer Aufstandes am 1. August
1994 sprach Bundespräsident Roman Herzog in Warschau
und bat die polnischen Opfer des Krieges um „Vergebung für
das, was ihnen von Deutschen angetan worden ist‟.23 Und
er führte zustimmend die Sätze des polnischen Essayisten 
Jan Józef Lipski an: „Wir haben uns daran beteiligt, Millionen
Menschen ihrer Heimat zu berauben‟. Nationale Gruppie- 
rungen und Opferverbände kritisierten Präsident Lech Wałęsa 
heftig für die Einladung von Herzog, manche Aufstandsvete­
ranen blieben der Veranstaltung aus Protest sogar fern.

Etwas später, am 28. April 1995, hielt der polnische Außen-


minister Władysław Bartoszewski im Deutschen Bundestag
zum 50. Jahrestag des Endes des Zweiten
Anlässlich des 50. Jahrestages des Weltkrieges eine bedeutende Rede.24 Sie
Warschauer Aufstandes bat Bundes- wurde als „die repräsentativste Interpre-
präsident Roman Herzog die polni-
schen Opfer des Krieges um „Verge- tation der polnisch-deutschen Versöhnung,
bung für das, was ihnen von Deutschen Partnerschaft und Interessengemeinschaft‟
angetan worden ist‟.
bezeichnet25, vor allem wegen seiner bahn-
brechenden Worte: „Als Volk, das vom Krieg besonders
heimgesucht wurde, haben wir die Tragödie der Zwangs-
umsiedlungen kennengelernt sowie die damit verbundenen
Gewalttaten und Verbrechen. Wir erinnern uns daran, dass
davon auch unzählige Menschen der deutschen Bevölke-
rung betroffen waren und dass zu den Tätern auch Polen
gehörten. Ich möchte es offen aussprechen: Wir beklagen
das individuelle Schicksal und die Leiden von unschuldigen
Deutschen, die von den Kriegsfolgen betroffen wurden
und ihre Heimat verloren haben.‟ Mit Blick auf den Welt-
krieg beharrte Bartoszewski aber auf einer klaren Unter-
scheidung von Opfern und Tätern und ihren Mitläufern.
Das Gedenken und die historische Reflexion müssten

23 | Veröffentlichung des Bundespräsidialamtes, 01.08.1994:


http://bundespraesident.de/Reden-und-Interviews/Reden-
Roman-Herzog-,11072.12003/Ansprache-von-Bundespraesi
dent.htm [05.08.2010]
24 | Bartoszewski, Gedenken an das Ende des Zweiten Welt-
krieges, a.a.O.
25 | „The most representative interpretation of Polish-German
reconciliation, partnership, and community of interests was
made on 28 April 1995 in Bonn by Poland’s foreign minister,
Władysław Bartoszewski‟: Góralski, a.a.O. 342.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 17

die deutsch-polnischen Beziehungen stets begleiten. Sie


sollten aber nicht das Hauptmotiv dieser Beziehungen sein,
sondern den Weg bereiten für die gegenwärtigen und in die
Zukunft gerichteten Motivationen. „Unsere Nachbarschaft
wird im hohen Maße darüber entscheiden, ob und wann
das geteilte Europa zusammenwachsen wird.‟ (Władysław
Bartoszewski)

Bartoszewskis Rede war im Vorfeld in Polen allerdings


ebenfalls alles andere als unumstritten. Zum einen hatte 
Staatspräsident Wałęsa eigentlich erwartet, zu den 50-Jahr- 
Feierlichkeiten des Kriegsendes nach Deutschland einge-
laden zu werden. Das dies nicht geschah, rief
in Polen das schmerzhafte Gefühl der Zweit- „Unsere Nachbarschaft wird im hohen
rangigkeit hervor. Während man sich selber Maße darüber entscheiden, ob und wann
das geteilte Europa zusammenwachsen
ebenso wie Frankreich zu den Alliierten wird.‟ (Władysław Bartoszewski)
Siegern zählte, rechnete die Regierung Kohl
Polen nicht dazu. Vor diesem Hintergrund diente die Einla-
dung Bartoszewskis auch dazu, einen diplomatischen Eklat
zu vermeiden. Zum anderen hatte man in Polen überwie-
gend nicht den Eindruck, sich gegenüber den Deutschen
entschuldigen zu müssen. Zwei Drittel der Befragten einer
Untersuchung des Meinungsforschungsinstitutes CBOS
gaben im Mai 1996 an, es gäbe nichts, wofür die Polen
die Deutschen überhaupt um Vergebung bitten müssten.
Fast die Hälfte der Befragten wusste überhaupt nicht,
dass es eine Vertreibung der Deutschen gegeben hatte.26
Bartoszewski meisterte die schwierige Situation, indem er
zwar nicht um Vergebung bat, aber Empathie auch für die
Vertriebenen zeigte und eine Mitverantwortung von Polen
an den Gewalttaten und Verbrechen im Zusammenhang
der Zwangsumsiedlungen eingestand.

26 | Vgl. Markus Mildenberger, „Die deutsch-polnischen Beziehun-


gen nach 1990: Eine Werte- und Interessengemeinschaft?‟,
in: Wolf-Dieter Eberwein, Basil Kerski (Hrsg.), Deutsch-
polnische Beziehungen zehn Jahre nach der Unterzeichnung
des Nachbarschaftsvertrages: Eine Werte- und Interessen-
gemeinschaft?, Berlin 2001, 28-34, hier 30 f., online unter
http://bibliothek.wz-berlin.de/pdf/2001/p01-305.pdf
[26.08.2010]. Zum ganzen Vorgang auch Adam Holesch,
Verpasster Neuanfang? Deutschland, Polen und die EU,
Bonn 2007, 41 f.
18 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Ein früher Warnruf: „Versöhnungskitsch


gehobener Art‟

Die Bitte um Vergebung von deutscher Seite für die Kriegs-


verbrechen und das Eingeständnis einer Mitverantwortung
von polnischer Seite für den „Raub der Heimat‟ vieler
Deutscher bildeten zweifellos eine wichtige Grundlage
für Verständigung und Versöhnung. Doch bereits wenige
Tage nach Herzogs Rede in Warschau warnte der deut-
sche Polenkorrespondent Klaus Bachmann nachdrücklich
vor einem „Versöhnungskitsch‟ zwischen Deutschen und
Polen.27 Nach wie vor vorhandene Vorurteile, Meinungs-
verschiedenheiten und Probleme würden nicht dadurch
gelöst, dass man sie mit bloßen Gesten, Symbolhand-
lungen und Appellen zudecke, sondern dadurch, dass man
sie offen ausdiskutiere. Stattdessen jedoch überzeugten
sich „germanophile Polen und polenfreundliche Deutsche
gegenseitig davon, dass sie einander mögen, meist unter
peinlicher Ausklammerung kontroverser Themen. Versöh-
nungskitsch gehobener Art.‟ Bachmann befürchtete, dass
die Kontroversen, denen Politiker und Intellektuelle jetzt
aus dem Weg gingen, später umso heftiger ausbrächen.
Die deutsch-polnischen Beziehungen vertrügen auch einen
gesunden Streit, vorausgesetzt, er werde ehrlich ausge-
tragen.

Bachmann hatte mit seiner Warnung nicht ganz unrecht.


Denn wie der lang andauernde und intensive Streit um
das geschichtliche Gedenken an die Vertrei-
Einige der „heißen Eisen‟ sind noch bungen wenige Jahre später zeigte, sind
längst nicht abgekühlt. So lehnte in einige der „heißen Eisen‟ noch längst nicht
Polen eine breite Mehrheit eine deut-
sche Gedenkstätte vehement ab. abgekühlt. So lehnte in Polen keineswegs
nur der polnische Staatspräsident Lech
Kaczyński, sondern eine breite Mehrheit in Politik und
veröffentlichter Meinung eine deutsche Gedenkstätte
an die Vertreibungen vehement ab, weil dies die histori-
schen Rollen von Tätern und Opfern angeblich verkehren
würde. Gleichzeitig distanzierte sich der Staatspräsident
geradewegs von der Sichtweise Lipskis und Bartoszewski
und wies darauf hin, dass deren Ansichten von vielen

27 | Klaus Bachmann, „Versöhnungskitsch zwischen Deutschen


und Polen‟ in: Transodra 8/9, S. 41-43, gekürzte Fassung in:
Die Tageszeitung vom 05.08.1994.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 19

in Polen eben nicht geteilt würden.28 Damit entzog Lech


Kaczyński den deutsch-polnischen Beziehungen in einem
sensiblen Bereich die historisch-moralische Grundlage
der Verständigung und Versöhnung, die so mühsam seit
den sechziger Jahren gelegt worden war. Oder waren es
vielleicht doch die Deutschen, die mit ihrem Gedenkpro-
jekt den Burgfrieden zwischen den Historien
störten? Deutsche und Polen wurden jeden- Während man in Deutschland das
falls seit Anfang des Jahrzehnts auf eine ganz Gedenken an die Vertreibungen museal
historisieren und sich der Zukunft
undiplomatische Weise darauf gestoßen, zuwenden wollte, begriff man in Polen
dass den Erfahrungen des Weltkriegs und der die Vorgänge als einen Versuch der
Geschichtsrevision.
Nachkriegszeit für die gegenseitige ­kollektive
Wahrnehmung in Politik und Medien „eine
konstitutive Bedeutung zukommt‟.29 Eine merkwürdige
Ungleichzeitigkeit der Entwicklungen griff Platz: Während
man in Deutschland das Gedenken an die Vertreibungen
museal historisieren, der geschichtlichen Betrachtung
übergeben und sich vor allem der Zukunft zuwenden
wollte, begriff man in Polen die Vorgänge in Deutschland
als einen Versuch der Geschichtsrevision, als politisch
gefährlich, da in subtiler Weise das Potsdamer Abkommen
von 1945 in Frage gestellt werde, und erwartete von den
Deutschen eine erneute Hinwendung zur Geschichte und
deren kritische Aufarbeitung. Nach Jahrzehnten inten-
siver Geschichtsbefassung in West-Deutschland und der
Beschäftigung mit der kommunistischen Vergangenheit in
Gesamt-Deutschland nach 1989 war dies für weite Teile
der deutschen Politik und Gesellschaft eine anachronisti-
sche Erwartung.

Goldene Jahre und erste Krisenzeichen

In den neunziger Jahren entwickelten sich die deutsch-


polnischen Beziehungen auf politischer, wirtschaftlicher
und gesellschaftlicher Ebene dennoch insgesamt erfolgver-
sprechend. Manche bezeichnen sie deshalb sogar als „die
‚goldenen‛ neunziger Jahre‟.30 Aber bereits im Juni 2000
heißt es in einem Strategiepapier der Konrad-Adenauer-

28 | Vgl. dazu die beiden Interview-Auszüge mit Präsident Lech


Kaczyński, in: Stefan Troebst (Hrsg.), Vertreibungsdiskurs
und europäische Erinnerung (Osnabrück 2006), 245 ff.
29 | Dieter Bingen, Krzysztof Ruchniewicz: „Deutschland und
Polen‟, in: dies. (Hrsg.): Länderbericht Polen, (Bonn:
Bundeszentrale Für politische Bildung, 2009), 649-673,
hier 649.
30 | Ebd. 654 ff.
20 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Stiftung, das für einen Neubeginn der deutsch-polnischen


Partnerschaft warb, die bilateralen Beziehungen hätten
sich seit 1998 deutlich verschlechtert und bräuchten neue
Impulse.31 Probleme der Tagespolitik wie die Anpassungs-
schwierigkeiten in Vorbereitung auf den EU-Beitritt und
vergangenheitsbezogene Streitigkeiten verstellten den
Blick auf die strategische Bedeutung der Partnerschaft. Von
einer „Entfremdung‟ auf polnischer Seite und „fehlenden
gemeinsamen Zukunftsvisionen‟ ist die Rede. Es bestehe
dringender Handlungsbedarf, wenn die bilateralen Bezie-
hungen sich nicht  – zu beiderseitigem Schaden  – weiter
verschlechtern sollen. Was war geschehen? Als Anlässe für
die Entfremdung und Enttäuschung werden in dem Strate-
giepapier genannt:

▪▪ Die Irritationen im Kontext der Bundestagsresolution


vom 28. Mai 1998 zur Brückenfunktion von deutschen
Vertriebenen und Minderheiten.32 Darin bekräftigte der
Deutsche Bundestag den Standpunkt von der Unrecht-
mäßigkeit und Völkerrechtswidrigkeit der Vertreibungen
und forderte die Bundesregierung auf, sich auch
weiterhin „für die legitimen Interessen der Heimatver-
triebenen‟ einzusetzen.33
▪▪ Eine auf polnischer Seite wahrgenommene Abwendung
der neuen rot-grünen Bundesregierung von Polen, durch
eine neue „Realpolitik‟ und die Betonung deutscher Inte-
ressen.
▪▪ Der Streit um deutsche Kulturgüter in Polen und die
zähen Verhandlungen über die Entschädigung von
ehemaligen Zwangsarbeitern. 34

31 | Vgl. Roland Freudenstein und Henning Tewes, In die Zukunft


investieren: Strategien für einen Neubeginn in der deutsch-
polnischen Partnerschaft, Außenstelle Warschau der Konrad-
Adenauer-Stiftung, 27.06.2000; dies.: „Stimmungstief
zwischen Deutschland und Polen. Für eine Rückkehr zur
Interessengemeinschaft‟, in: Internationale Politik 2, 2000,
49-56.
32 | Vgl. Deutscher Bundestag, 13. Wahlperiode, Drucksache
13/10845: Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und FDP:
„Vertriebene, Aussiedler und deutsche Minderheiten sind eine
Brücke zwischen den Deutschen und ihren östlichen
Nachbarn‟.
33 | Vgl. Góralski, a.a.O. 351; Markus Mildenberger, Funktioniert
die ‚Interessengemeinschaft‛? Bilanz eines Jahrzehnts
(Berlin: Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik,
09.08.2001), 12 f. http://www.dgap.org/publikationen/view/
09f3595eceaf11da89fb8d4e2743af4daf4d.html [05.08.2010]
34 | Vgl. Holesch, a.a.O. 64 f., 67-70.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 21

▪▪ Ängste und Widerstände gegen die EU-Osterweiterung in


Polen wie in Deutschland.

Der eigentliche Grund liege aber in einer „strukturellen


Asymmetrie‟: „In Polen existiert nach wie vor ein auf
historischen Erfahrungen beruhendes latentes Miss-
trauen gegenüber Deutschland, in Deutschland ein oft
auf Unwissen beruhender Mangel an Interesse gegenüber
Polen‟, heißt es in dem Papier der Konrad-Adenauer-
Stiftung. Beides verstärke sich gegenseitig. Das deutsche
Interesse an der Partnerschaft mit Polen müsse klar artiku-
liert und durch den politischen wie wirtschaftlichen Nutzen
begründet werden. Empfohlen werden Gesprächskreise
zur Europa-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik, bilaterale
Sitzungen der Parlamentsausschüsse, eine Vernetzung
der Eliten, die Gründung eines Institutes für Deutschland-
studien in Polen sowie eine Intensivierung der Koopera-
tion in den grenznahen Regionen. Vieles von dem wurde
zwischenzeitlich realisiert. Die nachfolgenden politischen
Verwerfungen in den Beziehungen konnten dennoch nicht
verhindert werden.

Eine Spirale der Irritationen

Das Titelbild war skandalös. Polens konservatives Nach-


richtenmagazin Wprost zeigte Mitte September 2003 auf
dem Titelblatt in einer Fotomontage die Vertriebenen-
Vorsitzende Erika Steinbach in schwarzer
Nazi-Uniform – auf Gerhard Schröder reitend. War es im Frühjahr 2003 zu einer
Darunter stand: „Das deutsche trojanische weiteren erheblichen Entfremdung im
Zuge des Irakkrieges gekommen, so
Pferd‟. Links daneben in großen Lettern: setzte sich nunmehr eine ganze Spirale
„Die Deutschen sind den Polen eine Billion der Irritationen in Gang.
Dollar für den Zweiten Weltkrieg schuldig.‟
Das Bild stellte den vorläufigen medialen Höhepunkt in
einer emotional geführten Debatte dar, den Steinbach
mit ihrem Vorschlag ausgelöst hatte, ein „Zentrum gegen
Vertreibungen‟ in Berlin einzurichten. War es im Frühjahr
2003 zu einer weiteren erheblichen Entfremdung zwischen
Polen und Deutschland wie auch Frankreich im Zuge des
Irakkrieges gekommen, den Polen in Partnerschaft mit den
USA im Gegensatz zu seinen westlichen Nachbarn unter-
stützte, so setzte sich nunmehr eine ganze Spirale der
Irritationen in Gang.
22 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Das „Zentrum gegen Vertreibungen‟ und die gleichzeitig


von einer „Preußischen Treuhand‟ vorangetriebenen Resti-
tutionsansprüche einzelner Vertriebener führten damals in
Polen, wo sich die Konservativen auf die Übernahme der
Regierungsverantwortung vorbereiteten, zu stürmischen
politischen und medialen Reaktionen. Am 10. September
2004 verabschiedete der Sejm einstimmig eine Resolution
zu den „Rechten Polens auf deutsche Kriegsreparationen
sowie zu den in Deutschland vorgebrachten unrecht-
mäßigen Forderungen gegenüber Polen und polnischen
Bürgern‟. Der Beschluss mit seiner Forderung finanzieller
Kompensation für die Zerstörungen und die materiellen
wie immateriellen Verluste im Zweiten Weltkrieg war ein
spektakulärer politischer Akt. Er ignorierte das Faktum,
dass über die Kriegsreparationen für Polen schon viel
früher entschieden worden war und dass Deutschland
keinerlei Besitzansprüche gegenüber Polen stellte. Ein
weiteres Paradoxon der Resolution war, dass kurze Zeit
vorher Bundeskanzler Gerhard Schröder in einer Rede aus
Anlass des 60. Jahrestages des Warschauer Aufstandes
in Warschau ausdrücklich erklärt hatte, dass für Restitu-
tionsansprüche von Deutschland kein Raum sei, Eigen-
tumsfragen im Zusammenhang mit dem Krieg kein Thema
mehr für die deutsche und polnische Regierung seien und
weder die Bundesregierung noch irgendeine bedeutsame
politische Kraft in Deutschland individuelle Eigentumsan-
sprüche unterstützten. In Reaktion auf die Sejm-Resolution
beauftragten beide Regierungen eine Expertengruppe, die
Frage von individuellen Restitutionsansprüchen zu klären.
Die beiden Völkerrechtsexperten Jan Barcz und Jochen
Frowein kamen zu dem Ergebnis, dass solche Ansprüche
rechtlich nicht existieren. Dennoch betrieb die „Preußi-
sche Treuhand‟ ihre Sache weiter und Polens nationale
Rechte nutzte die Gelegenheit, um in den Beziehungen zu
Deutschland im Namen der polnischen Nationalinteressen
auf Konfrontationskurs zu gehen. Auf diese Weise wurden
die „nicht existenten‟ Rechtsansprüche aus zwei Quellen
so lange genährt, bis der Europäische Menschenrechts-
gerichtshof endlich am 7. Oktober 2008, gut fünf Jahre
später, die Klagen der „Preußischen Treuhand‟ endgültig
zurückwies und damit dieses Thema weitgehend ruhte. Ein
später Sieg des Rechts über den Populismus.35

35 | Vgl. Góralski, a.a.O. 344-348; Raabe, Restitutionsansprüche,


a.a.O.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 23

Unterdessen geht der Streit um das „Zentrum gegen


Vertreibungen‟ weiter. Zwar hatte die neue liberal-konser-
vative Regierung unter Premier Donald Tusk ab November
2007 eine vorsichtige Neubewertung vorgenommen, die
zumindest eine skeptische Duldung signalisierte. Aber
als es um den Einzug Erika Steinbachs, die dieses Projekt
maßgeblich angestoßen hatte, in den Stif-
tungsbeirat ging, eskalierte der Streit im Da Westerwelle und die FDP mit Rück-
Frühjahr 2009 derart, dass sich Bundestags- sicht auf Polen eine Berufung Stein-
bachs blockierten, verzichtete Stein-
präsident Norbert Lammert veranlasst sah, bach auf den Beiratssitz. Der Kampf
in einem offenen Brief in der Süddeutschen um ihren Kopf war entschieden.
Zeitung und der Gazeta Wyborcza für die
Bundestagsabgeordnete ­einzutreten und um Mäßigung
in der Auseinandersetzung zu bitten.36 Als der neue
Bundesaußenminister Guido Westerwelle am 31. Oktober
2009 seinen ersten Antrittsbesuch in Polen unternahm und
von einem Journalisten nach Steinbach gefragt wurde,
signalisierte er, dass die FDP diese Frage im Sinne Polens
behandeln werde, da es schließlich um einen „Beitrag
zur Versöhnung‟ gehe.37 Da Westerwelle und die FDP mit
Rücksicht auf Polen eine Berufung Steinbachs in den Beirat
hartnäckig blockierten, verzichtete Steinbach schließlich
am 12. Februar 2010 endgültig auf den Beiratssitz. Der
Kampf um ihren Kopf war entschieden, die „Mission erfüllt‟,
wie ein hoher polnischer Regierungsvertreter bemerkte.
In Deutschland fühlten sich am Ende die Gegner Stein-
bachs genauso erpresst wie ihre Unterstützer. Die polni-
sche Regierung begrüßte dagegen die Lösung als gut für
die polnisch-deutschen Beziehungen. Doch der über Jahre
andauernde Kampf hat Spuren hinterlassen.

Auch in anderen, ungleich gewichtigeren Politikfeldern


drehte sich die Spirale der Irritationen im deutsch-polni-
schen Verhältnis weiter. War der Irak-Krieg eine Bewäh-
rungsprobe für die deutsch-polnischen Beziehungen in 

36 | Vgl. Raabe, Antlitz der Geschichte, a.a.O.; ders.: Das gefähr-


liche Spiel mit Erika Steinbach, Länderbericht der Konrad-
Adenauer-Stiftung, Auslandbüro Polen vom 06.03.2010,
http://www.kas.de/proj/home/pub/48/1/year-2009/
dokument_id-15878/index.html [05.08.2010]; der Brief
Lammerts ist zugänglich unter: http://www.kas.de/proj/
home/pub/48/1/year-2009/dokument_id-15909/index.html.
37 | Vgl. Gerhard Gnauck: „Guido Westerwelle. Deutschlands
neuer Außenminister verzückt Polen‟, in: Welt Online,
01.11.2009.
24 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Bezug auf die Sicherheitspolitik und transatlantische Part-


nerschaft, so gestaltete sich der Streit um den Europäi-
schen Verfassungs- oder später Reformvertrag als Bewäh-
rungsprobe für die bilateralen Beziehungen im Bereich der
Europapolitik. Beide Proben misslangen. In beiden Fällen
kam es zu teils scharfen Konflikten, die wohl nicht nur etwas
mit „einer fatalen Ungleichzeitigkeit außen-
Ein gutes Beispiel für eine misslun- politischer Kulturen‟38 in Deutschland und
gene politische wie unternehmerische Polen zu tun haben, sondern auch mit politi-
Kommunikation betrifft die Ostsee-
Gaspipeline, die seit April 2010 gebaut schen Positionen und der Unfähigkeit, diese
wird. in geregelten Prozeduren zu einem Ausgleich
zu bringen. Ein weiterer, sich seit 2005 hinziehender Streit
und gleichzeitig ein gutes Beispiel für eine misslungene
politische wie unternehmerische Kommunikation betrifft
die Ostsee-Gaspipeline, die seit April 2010 gebaut wird
und Russland mit Deutschland und Westeuropa verbinden
soll. Das Projekt, das der polnische Verteidigungsminister
Radek Sikorski 2006 mit dem Hitler-Stalin-Pakt verglich39,
bleibt in den Augen der polnischen Politik und Medien ein
Beispiel für die Missachtung polnischer Interessen. In
Nachhutgefechten wird jetzt noch über die Tiefe der Verle-
gung vor dem Stettiner Haff gestritten.

Paradigmenwechsel von der Interessen-


gemeinschaft zur Konfliktnachbarschaft

Die genannten Konfliktfelder waren allesamt schon da,


als die Brüder Kaczyński ab Herbst 2005 die Politik in
Polen zu bestimmen begannen. Mit ihnen kam der Teil
des Solidarność-Lagers, der sich seit 1989 mehr oder
weniger als Verlierer sah, an die politische Macht. Beim
innenpolitischen Kulturkampf, der dem politischen Wechsel
vorausgegangen war, „ging es nicht zuletzt um den Stel-
lenwert der Geschichte und der Geschichtspolitik sowohl
für die Innenpolitik wie auch für die Außenpolitik‟40. Jetzt
kam es über die bisherigen Divergenzen hinaus zu einer
grundlegenden Änderung der polnischen Politik gegenüber
Deutschland. Waren die Kaczyńskis schon früher als Poli-
tiker aufgefallen, „die die deutsch-polnischen Gegensätze
hochspielten, um aus ihnen politisch Kapital zu schlagen‟,
so distanzierten sie sich jetzt ausdrücklich vom Prozess der

38 | Bingen, Ruchniewicz, a.a.O. 661.


39 | Vgl. Polnischer Minister, „Pipeline-Vertrag wie Hitler-Stalin-
Pakt‟, in: Fokus Online, 30.04.2006.
40 | Bingen, Ruchniewicz, a.a.O. 666.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 25

Versöhnung und sahen in Deutschland mehr einen Rivalen


als einen Partner. Dabei schreckten sie nicht davor zurück,
diejenigen, die seit vielen Jahren die Verständigung mit
Deutschland gesucht hatten, als „Vaterlandsverräter‟ zu
brandmarken.41 Das gipfelte etwa in dem absurden Vorwurf
an den hochangesehenen zweimaligen Außenminister
Polens, Władysław Bartoszewski, eine „Politik auf den
Knien gegenüber Deutschland und dem Westen‟ gemacht
zu haben. Bartoszeweski konterte diesen Anwurf im Wahl-
kampf 2007 mit den Worten, er verbitte sich „kategorisch
die heftige ­Beleidigung Polens durch unkompetente Regie-
rungsmitglieder und unkompetente Diplomatie-Trottel‟
(diplomatołki).42

Jarosław Kaczyński hatte bereits in der Parlamentsdebatte


zur erwähnten Sejm-Resolution vom 10. September 2004
den neuen Ton vorgegeben, indem er fest-
stellte, es gebe eine Phalanx von deutschen Die führenden Politiker nutzten bald
Interessen in Polen durch Leute, die als sämtliche Konfliktfelder, um auf Kon-
frontationskurs zu gehen. Da konnte
unabhängige Experten oder Kommentatoren schon eine unsinnige Satire in der taz
aufträten, aber von deutschem Geld lebten. eine Krise hervorrufen.
Versöhnung sei ein Ausdruck großer Naivi-
tät.43 Eine rapide Verschlechterung der deutsch-polnischen
Beziehungen ließ folglich nicht lange auf sich warten. Die
führenden Politiker der „IV. Republik‟ und ihre publizisti-
schen Unterstützer nutzten bald sämtliche Konfliktfelder,
um auf Konfrontationskurs zu gehen. Da konnte schon
eine unsinnige Satire in der linken Tageszeitung taz vom
26. Juni 2006, in der der polnische Staatspräsident als
„Polens neue Kartoffel‟ lächerlich gemacht werden sollte,
eine Krise hervorrufen.44 Die polnische Außenministerin
verlangte eine Entschuldigung der deutschen Regierung
und der Präsident sagte das kurz darauf geplante Weimarer
Gipfeltreffen „wegen Bauchschmerzen‟ ab, was immerhin
acht ehemalige Außen­minister Polens in einem offenen

41 | Ebd. 665.
42 | Vgl. Stephan Georg Raabe: Zur politischen Instrumentali-
sierung der Stiftung ‚Polnisch-Deutsche Aussöhnung‛. Die
polnische Regierung und ihr Deutschlandbeauftragter nutzen
die Stiftung zur Verbreitung ihrer Verschwörungstheorien
und deutschlandkritischer Ressentiments. Konrad-Adenauer-
Stiftung, Auslandsbüro Polen, 12.10.2007: http://kas.de/
proj/home/pub/48/1/year-2007/dokument_id-12126/
index.html [05.08.2010].
43 | Vgl. Góralski, a.a.O. 348 f.
44 | Vgl. Stephan Georg Raabe: „Stereotyp na resentymencie
(Stereotype Ressentiments)‟, in: Wprost, 30.07.2006, 36-37.
26 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Brief kritisierten.45 Das „Weimarer Dreieck‟ als Instrument


des Dialogs und der Vertrauensbildung, das bereits seit
1995 an Dynamik verloren hatte, konnte in der Krise keine
vermittelnde Rolle spielen.46

Aber nicht nur das: Eine Reihe von Beschwerden wurden


nun zusätzlich nicht nur von den Medien, sondern auch von
der Regierung gegenüber Deutschland vorgebracht. Dazu
gehörten:

▪▪ der Mangel an gleichen Rechten für die in Deutschland


lebenden Polen im Vergleich mit der deutschen Minder-
heit in Polen;
▪▪ die Vernachlässigung der polnischen Sprache in Deutsch-
land;
▪▪ eine vermeintliche sprachliche Diskriminierung von
polnischen Staatsbürgern und deren Kindern bei Ehe- 
scheidungen und Umgangsrechten (laut der polnischen
Botschaft in Berlin handelte es sich um etwa 30 schwie-
rige und acht sehr schwierige Konfliktfälle, was ungefähr
0,08 Prozent der deutsch-polnischen Ehen betraf)47;
▪▪ die staatliche Unterstützung für Vertriebenen-Organisa-
tionen in Deutschland;
▪▪ die Fälschung der Geschichte durch die Verwendung
des Begriffes „polnische Lager‟ oder „Lager in Polen‟ für
deutsche Konzentrationslager48.

Dies alles wurde in der innerpolnischen Diskussion begleitet


durch den Vorwurf, die polnischen Verhandlungsführer
der Verträge mit Deutschland nach 1989 hätten damals
kapituliert und die polnischen Anliegen nicht genügend
zur Geltung gebracht, woraus sich die Notwendigkeit einer 

45 | Vgl. Gabriele Lesser, „Kaczynsksi Affäre – Die unendliche


Kartoffel. Polens Staatsanwaltschaft ermittelt noch immer in
Sachen taz-Satire – ohne Rechtshilfe aus Deutschland‟, in:
taz.de, 28.06.2007: http://taz.de/?id=medien&art=1304&
id=497&cHash=5a01a8f4a6 [05.08.2010].
46 | Zur Rolle des Weimarer Dreiecks vgl. Holesch, a.a.O.
47 | Vgl. Thomas Urban, „Diabeł tkwi w liczbach. Problemy między
Polską a Niemcami mają charakter bardziej emocjonalny,
niż polityczny. (Der Teufel steckt in den Zahlen. Die Probleme
zwischen Polen und Deutschen haben mehr einen emotionalen
Charakter als einen politischen.)‟, in: Polityka.pl, 16.07.2010:
http://www.polityka.pl/swiat/tygodnikforum/1507334,1,
polska-niemcy-nowi-prezydenci-czy-nowy-poczatek.read
[05.08.2010].
48 | Vgl. ebd.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 27

Neuverhandlung des Nachbarschaftsvertrages und einer


Vereinbarung über eine Null-Option in Bezug auf jegliche
Besitzansprüche ergebe.49 Aus der einstmaligen „Werte-
und Interessengemeinschaft‟ war endgültig eine „Konflikt-
Nachbarschaft‟ geworden.

Die Konflikt-Nachbarschaft ließ die öffentliche Meinung


nicht unbeeinflusst, was sich in Umfragen niederschlug.
Die Sympathie der Polen für die Deutschen sank von 44 

Prozent im Jahr 2005 auf 29 Prozent im Jahr 2008 deut-


lich. In Deutschland gingen die Sympathiewerte von
31 Prozent im Jahr 2000 auf 23 Prozent 2008 ebenfalls
zurück. Erstaunlich ist die trotz allen Streits weiter positive
Einschätzung des deutsch-polnischen Verhältnisses, die
darauf verweist, dass Politik nicht alles bei der Bewertung
ist.

Angesichts der historisch bedingten Streitfälle ist folgendes


Ergebnis ebenfalls bemerkenswert: Immer noch eine
Mehrheit von 51 Prozent (2005: 62 Prozent) äußerte 2008
in Polen, dass der Zweite Weltkrieg nur noch
einen geringen oder gar keinen Einfluss mehr Letztlich scheiterte der Versuch der
auf die bilateralen Beziehungen habe. Gegen- Kaczyńskis durch ein populistisch ins-
trumentalisiertes Misstrauen gegen-
teiliger Auffassung waren 43 Prozent (2005: über Deutschland innen- wie außen-
34 Prozent). In Deutschland räumte eben- politisch Kapital zu schlagen.
falls eine Mehrheit von 55 Prozent dem Krieg
nur einen geringen oder keinen Einfluss auf die deutsch-
polnischen Verhältnisse ein (2006: 51 Prozent). Anderer
Auffassung waren 34 Prozent (2006: 36 Prozent).50 Dazu
passt, dass der Versuch der Kaczyńskis, vor dem Hinter-
grund der belastenden Geschichte durch ein populistisch
instrumentalisiertes Misstrauen gegenüber Deutschland
innen- wie außenpolitisch Kapital zu schlagen, letztendlich
scheiterte.

49 | Vgl. Góralski, a.a.O. 350 f. Zu den Kaczyńskis und


Deutschland insgesamt, Holesch, a.a.O. 114-120.
50 | Vgl. Agnieszka Fronczyk, „Deutschland und die europäische
Politik in den Augen der Polen‟ sowie Agnieszka Łada, „Polen
und die europäische Politik in den Augen der Deutschen‟ in:
Lena Kolarska-Bobińska und Agnieszka Łada (Hrsg.), Polen
und Deutsche. Ihr gegenseitiges Bild und ihre Vision von
Europa (realisiert in Kooperation mit der Konrad-Adenauer-
Stiftung), Warschau 2009, 144-187 sowie 188-217.
Agnieszka Łada, „Wächst mit der Vertrautheit die Abneigung‟,
in: Dialog 88 (2009) 58-61.
28 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Politischer Wechsel 2007: Beruhigung,


Entspannung, Interessenpolitik

Als bei den vorgezogenen Parlamentswahlen am 21.


Oktober 2007 die „IV. Republik‟ der Kaczyńskis abge-
wählt wurde und die PO als Sieger feststand51, war die
Erleichterung über den politischen Wechsel in Polen, aber
auch in Berlin groß. Die PO stellte jetzt mit Donald Tusk
den ­Premierminister in einer Koalitionsregierung mit der
Polnischen Volkspartei (PSL) unter Führung
„Die Zeit politischer Gesten wie zwi- von Waldemar Pawlak, der Vizepremier und
schen Kohl und Mazowiecki ist zu Wirtschaftsminister wurde. Beide Parteien
Ende. Die Zeit der Interessenpolitik ist
gekommen.‟ (Donald Tusk) sind Mitglied in der Europäischen Volkspartei
(Christdemokraten), was das Gespräch und
die Zusammenarbeit erleichterte. Die Einbindung in den
Parteiendialog mit den Christdemokraten in Deutschland
hatte zudem bereits früher für gute Kontakte gesorgt. Es
war nicht zu erwarten, dass mit dem politischen Umschwung
in Polen die Probleme zwischen Polen und Deutschland,
die in den vergangenen Jahren deutlich zu Tage getreten
waren, nun vom Tisch verschwinden würden. Doch konnte
man nun auf einen konstruktiven Umgang mit den Schwie-
rigkeiten und auf eine erneute Annäherung hoffen.

Tatsächlich gelang es der Regierung Tusk schon bald, die


Politik im Inneren wie nach außen in ruhigere Bahnen
zu lenken. In seiner ersten Regierungserklärung am
23. November 2007 versprach der neue Premier die Unter-
zeichnung des EU-Reformvertrags, bessere Beziehungen
zu den Nachbarn, die Wiederbelebung des „Weimarer
Dreiecks‟, den schnellen Beitritt zur Euro-Zone und ein
„polnisches Wirtschaftswunder‟ durch mehr Wettbewerb.
Vor allem aber machte er Vertrauen und Normalität
zum Motto seiner Regierung. In der Gazeta Wyborcza
vom 5.  November 2007 erklärte Tusk allerdings auf die
Frage, ob er nun mit Angela Merkel eine neue Etappe der
polnisch-deutschen Versöhnung beginnen werde: „Die
Zeit politischer Gesten wie zwischen Kohl und Mazowiecki
ist zu Ende. Die Zeit der Interessenpolitik ist gekommen,
und wir müssen unsere Interessen verteidigen.‟ In einem 

51 | Die PO schaffte in kurzer Zeit einen rasanten Aufstieg. Kurz


nach ihrer Gründung bei den Wahlen 2001 begann sie mit
12,68 Prozent, 2005 wurde sie zweitstärkste Kraft mit 24,11
Prozent hinter der PiS, 2007 mit 41,51 Prozent stärkste Partei.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 29

Essay für das deutsch-polnische Magazin Dialog, der an


seine Rede vom 29. März 2007 in Berlin während einer
Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung zum 85. Geburtstag
von Władysław Bartoszewski anknüpfte, führte er unter
der Überschrift „Die Notwendigkeit einer neuen Sprache
zwischen Polen und Deutschland‟ aus: „Man kann den
Stil oder die Effizienz der Außenpolitik ändern, aber die
Probleme in den gegenseitigen Beziehungen verschwinden
nicht nur deswegen, weil sich die Regierungsmannschaft
in Warschau oder Berlin ändert. Deshalb werden wir auch
Entscheidungen nicht akzeptieren, die eine fundierte histo-
rische Bilanz in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg in Zweifel
ziehen. […] Genauso wichtig ist es, dass die Pläne zur
Realisierung des ‚Zentrums gegen Vertreibungen‛ endgültig
aufgegeben werden. In all diesen Fragen werde ich Befür-
worter unserer Haltung suchen.‟52 Kritisch sprach er auch
die Erdgaspipeline durch die Ostsee an, die „das Monopol
Russlands bei der Lieferung von Energierohstoffen‟ stärke.

Neu war diese Sprache keineswegs. Allerdings wurde eine


Begriffsverschiebung weg vom „Interessenkampf‟ und
hin zur „Interessenpolitik‟ deutlich. Von nun an tauschte
man sich eher vertrauensvoll und freundschaftlich über
die alten Kontroversen aus, man führte gute,
offene Gespräche, beschwor die Bedeutung Die Atmosphäre hat sich wesent-
guter Beziehungen, die auf Wahrheit aufzu- lich verbessert. Es bleibt die unter-
schiedliche politische Bewertung der
bauen hätten, was an den unterschiedlichen „Vertreibung‟ bzw. „Aussiedlung‟.
Standpunkten und historischen Wahrheitsbe-
griffen allerdings nichts änderte.53 Von einer tatsächlichen
Neubegründung einer Partnerschaft und einer konkreten
politischen Zusammenarbeit in Bereichen gemeinsamen
Interesses erfuhr man nach außen hin wenig. Aber wenn es
auch kaum zu gemeinsamen Lösungen in den Hauptstreit-
punkten kam, so wurden diese doch nach und nach durch 

52 | Donald Tusk: „Was für eine Union braucht Polen, was für eine
Gemeinschaft braucht Europa?‟, in: Dialog 80/81 (2007/2008)
10-13, hier 13.
53 | Vgl. exemplarisch den Bericht zum Antrittsbesuch von Tusk
in Berlin von Nina Mareen Spranz: „Die neue Vertrautheit
von Deutschland und Polen‟, in: Welt online, 11.12.2007:
http://welt.de/politik/article1451139/Die_neue_Vertrautheit_
von_Deutschland_und_Polen.html [05.08.2010]; und den
Beitrag zum Treffen von Merkel und Tusk in Hamburg:
„Merkel und Tusk schweigen zu Steinbach‟, in: Welt online,
27.02.2009: http://welt.de/politik/article3289352/Merkel-und-
Tusk-schweigen-zu-Streit-um-Steinbach.html [05.08.2010].
30 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

den Gang der Dinge obsolet oder an den Rand gedrängt,


so dass sie nicht mehr direkt im Wege standen. Die Regie-
rungen Merkel und Tusk haben in den letzten zweieinhalb
Jahren einiges dafür getan, dass nach den Zerwürfnissen
der vorangegangen Jahre wieder ein meist gutnachbar-
schaftlicher Alltag eingekehrt ist. Die Atmosphäre hat
sich wesentlich verbessert. Normalität herrscht – wie der
Fall Steinbach zeigt  – jedoch noch nicht.54 Es bleibt die
unterschiedliche politische Bewertung der „Vertreibung‟
(deutsch) bzw. „Aussiedlung‟ (polnisch).

Plädoyer für eine partnerschaftliche


Zusammenarbeit

Angesichts der Differenzen klingt es vielleicht noch immer


ein bisschen wie ein Rufen im Walde, wenn nun allent-
halben bei offiziellen Anlässen von beiden
Deutschland ist der wichtigste strate- Seiten deklariert wird, die Probleme seien
gische Wirtschaftspartner Polens, und so gut wie alle ausgeräumt, die Beziehungen
Polen ist für Deutschland der größte
Handelspartner im östlichen Europa. so gut wie nie in der langen wechselhaften
Geschichte von Deutschen und Polen, „aus
der ‚Interessengemeinschaft‛ sei ‚Partnerschaft‛ geworden,
aus dem Vertrauensvorschuss gegenseitiges Vertrauen‟.55
Dieses diplomatische Pathos weckt hohe Erwartungen, die
dann auch im täglichen politischen Handeln erfüllt werden
müssen. Es kann eine ernsthafte Diskussion in Deutsch-
land nicht ersetzen, die die Brüche und Enttäuschungen,
die unerfüllten Wünsche und vor allem die Ursachen der

54 | Vgl. Kazimierz Wóycicki, Waldemar Czachur: „Polen im


Gespräch mit Deutschland. Zur Spezifik des Dialogs und
seinen europäischen Herausforderungen. Mit Vorworten von
Gesine Schwan, Heinrich Oberreuter‟, Wrocław, 2009, 16:
„Man hatte normale Beziehungen gewollt, doch es stellte
sich heraus, dass die Beziehungen normal letztlich nicht sind.‟
In Polnisch ist das Buch ohne deutsche Kommentare unter
dem Titel „Jak rozmawiać z Niemcami. O trudnościach
dialogu polsko-niemieckiego i jego europejskim wyzwaniu‟
(Wie ist mit den Deutschen zu sprechen. Über die Schwierig-
keiten des polnisch-deutschen Dialoges.) erschienen.
55 | Rede von Bundesaußenminister Guido Westerwelle beim
14. Deutsch-Polnischen Forum Deutsch-polnische Partner-
schaft für Europa in Warschau, 24.06.2010:
http://auswaertiges-amt.de/diplo/de/Infoservice/Presse/
Reden/2010/100624-BM-Dt-Pol-Forum.html [05.08.2010];
vgl. auch den Bericht von Gerhard Gnauck zum Antritts-
besuch von Guido Westerwelle in Warschau: „Deutschlands
neuer Außenminister verzückt Polen‟, in: Welt online,
01.11.2009.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 31

­Probleme ernst nimmt.56 Zu kurz gegriffen wäre, die


Ursache für die Spirale der Irritationen der letzten Jahre vor
allem oder ausschließlich bei den politischen Provokateuren
und Populisten und den sie verstärkenden
Medien festzumachen, wobei dann einerseits Das deutsch-polnische Verhältnis kann
in Polen auf die Nationalkonservativen und in heute wieder als ein „Raum der Hoff-
nung‟ definiert werden, den es in der
Deutschland auf die Vertriebenenorganisati- politischen Praxis allerdings auszufül-
onen gezeigt wird57, oder aber einseitig das len gilt.
mangelnde Verständnis der Deutschen, ihre
Missachtung und Ignoranz und ihren fehlenden Respekt
gegenüber Polen und das zu zurückhaltende Auftreten
Polens für die Misere Verantwortlich zu machen.58

Andererseits sollen und dürfen die Schwierigkeiten und


Probleme nicht die Potenziale und Chancen verdecken. Die
Ergebnisse der politischen und wirtschaftlichen Transfor-
mation in Polen sind eindeutig positiv und angesichts der
Probleme, die zu überwinden waren, ein bemerkenswerter
Erfolg. Deutschland ist der wichtigste strategische Wirt-
schaftspartner Polens, und Polen ist für Deutschland der
größte Handelspartner im östlichen Europa vor Tschechien
und auch vor Russland. Aus dem Blickwinkel der Wirt-
schaft sehen die Beziehungen folglich viel positiver aus.59

56 | Wóycicki, Czachur, a.a.O. 60. Die Autoren meinen, solche


Reden von deutschen Politikern seien „nur für den Export
bestimmt‟, wogegen es in Deutschland selber an einer
Diskussion über das Verhältnis zu Polen fehle. In wichtigen
Reden spreche man zwar von Partnerschaft, unternehme
aber nichts Konkretes (66).
57 | Diese Tendenz ist im Beitrag von Góralski, a.a.O. zu bemerken.
58 | Diese Tendenz findet man im Buch von Wóycicki, Czachur,
a.a.O. 137 f.: Traurig sei, „dass die deutsche Seite oftmals
erst dann bereit ist, sich mit dem auseinanderzusetzen, was
die polnische Seite sagt wenn es zu ernsten Spannungen
kommt. Wesentlich besser wäre es, wenn die deutsche
Seite lernen würde, Polen schon dann zu verstehen, wenn
diese selbstironisch von ihren Schwächen sprechen. Hierauf
muss sich die polnische Seite jedoch früher vorbereiten und
in potenziellen Konfliktsituationen deutlicher werden. […]
Missachten und Ignorieren [eine deutsche Spezialität] bzw.
Ängste [eine polnische Spezialität] und Komplexe [hier hat
jede Seite ihre eigenen] führen nur zu Missverständnissen.‟
Zur „Asymmetrie des Respekts‟ ebd. 52-68, 75-84.
59 | Vgl. Jóyef Olsyzński: „Aktueller Stand der deutsch-polnischen
Wirtschaftsbeziehungen‟, in: Witold Małachowski (Red.),
Deutschland – Polen im vereinigten Europa und ihre ökono-
mische Verantwortung, Warschau, 2006, 39-43; Statistisches
Bundesamt: Außenhandel. Rangfolge der Handelspartner im
Außenhandel der Bundesrepublik Deutschland 2009,
Wiesbaden 2010.
32 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

So kann das deutsch-polnische Verhältnis heute wieder als


ein „Raum der Hoffnung‟ definiert werden, den es in der
politischen Praxis allerdings auszufüllen gilt etwa durch die
Kooperation im Rahmen des Weimarer Dreiecks und der
EU, der transatlantischen Sicherheitspolitik, der Russland-
und Ostpolitik, aber auch in der wirtschaftlichen, kultu-
rellen und zivilgesellschaftlichen Zusammenarbeit und auf
allen Feldern, die schon der Nachbarschafts- und Freund-
schaftsvertrag von 1991 angesprochen hat. „Die Europä-
ische Union, die wirtschaftliche Zusammenarbeit und die
Intensivierung der zwischenmenschlichen Kontakte  – all
dies bildet einen stabilen Rahmen für die deutsch-polni-
schen Beziehungen.‟60

Das bilaterale Verhältnis von Deutschland und Polen


hat in den letzten 20 Jahren verschiedene Wandlungen
erlebt: von einer „Werte- und Interessengemeinschaft‟
über verschiedene Interessenkonflikte zu einer „Konflikt-
Nachbarschaft‟ und schließlich hin zu einer
Vielleicht kann aus einer pragmatischen dualen „Interessenpolitik‟. Deutschland und
Kooperation später eine strategische Polen haben nichts desto trotz als unmit-
Partnerschaft entstehen. Ebenso kann
eine Multilateralisierung der Zusam- telbare Nachbarn und wegen ihrer geogra-
menarbeit nützlich sein. fischen Lage, Geschichte und Größe eine
wichtige Bedeutung für die Gestaltung europäischer Politik.
Aber die beiden Länder sind nicht der Nabel der Welt, sie
sind eingebettet in ein Netzwerk internationaler Bezüge
und Partnerschaften wie der transatlantischen mit den
USA, der Kooperations-Partnerschaft mit Frankreich, der
Modernisierungspartnerschaft mit Russland, der östlichen
Partnerschaft der EU sowie einer von Deutschland ange-
strebten privilegierten Partnerschaft mit der Türkei oder
einer strategischen Partnerschaft mit China. Angesichts
dessen wird deutlich, dass eine konkrete Zusammenarbeit
mit Blick auf gemeinsame Ziele und Schlüsselprobleme
zwischen Deutschland und Polen einem Konzept ausein-
anderstrebender Interessenpole, die in einem schwierigen
Kompromissprozess zum Ausgleich zu bringen sind, allemal
vorzuziehen ist.61 Die bewusste Betonung von Interessenun-
terschieden und ständige Forderungen führen ­unweigerlich

60 | Wóycicki, Czachur, a.a.O. 132.


61 | Bingen, Ruchniewicz, a.a.O. 668 ff. Die Autoren vertreten
unter Bezug auf den polnischen Politikanalytiker Piotr Buras
ein solches Polaritätskonzept, in dem die divergierenden
deutschen und polnischen Pole in der „Interessengemein-
schaft in Europa‟ jeweils zum Ausgleich zu bringen seien.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 33

zu einer Distanzierung und Entfremdung. Von daher kann


das Politikkonzept der Polarität nur ein Notnagel sein, aber
kein erstrebenswertes Ziel. Es geht vielmehr um die Über-
windung der divergierenden Polaritäten durch Zusammen-
arbeit, um die Schaffung von Feldern der Kooperation durch
die konstruktive Beseitigung oder Neutralisierung von
Konflikten. Vielleicht kann aus solch einer pragmatischen
Kooperation später eine strategische Partnerschaft wieder
entstehen.62 Dafür können neue Formen und Methoden
des Krisenmanagements und möglichst breit gestreute
direkte Kontakte unter Einschluss gerade auch der kriti-
schen Akteure hilfreich sein. Es ist an der Zeit, „mutiger
und offener miteinander­ zu reden‟.63 Ebenso kann eine
Multilateralisierung des Dialoges und der Zusammenarbeit
nützlich sein, um die bilaterale Fixierung zu überwinden.
In diesem Sinne zitierte Bundeskanzlerin Angela Merkel
in ihrer Rede in der Warschauer Universität am 16. März
2007 Johannes Paul II, der sagte: „Es war Gottes Wille, der
Deutsche und Polen zu Nachbarn gemacht hat. Aus diesem
Grunde ist es unsere gemeinsame Aufgabe und Verantwor-
tung, in Einigkeit zu leben.‟64 Und der polnische Premier
Donald Tusk gab dazu bei der Verleihung des Karlspreises
in Aachen am 13. Mai 2010 die passende Losung: „Europa
als Norm, Gemeinschaft als Regel, Freiheit und Solidarität
als Grundsatz. Das sind unsere Wegweiser.‟65

62 | Vgl. Kai-Olaf Lang: „Pragmatische Kooperation statt strategi-


sche Partnerschaft. Zu Stand und Perspektiven der deutsch-
polnischen Beziehungen‟, in: SWP-Aktuell 48, Oktober 2004;
Stephan Georg Raabe: „Eine neue Agenda ist nötig. Die
deutsch-polnischen Beziehungen nach dem politischen
Wechsel in Polen‟, in: Euro Journal. Pro Management 1/2008,
32-34 (polnisch erschienen im Europakalender der Polnischen
Robert Schuman Stiftung 1/2008): http://kas.de/proj/home/
pub/48/1/year-2008/dokument_id-12938/index.html
[05.08.2010]; „Jutta Frasch: Dynamisierung der deutsch-
polnischen Beziehungen. Vorschläge für eine Vertiefung der
bilateralen Zusammenarbeit‟, in: SWP-Aktuell 34, Juli 2009.
63 | Wóycicki, Czachur, a.a.O. 16. Die Autoren entwerfen drei
Szenarien für die deutsch-polnischen Beziehungen: einen
„verdeckten Antagonismus‟, eine „Zusammenarbeit auf
Distanz‟ und eine „pragmatische Zusammenarbeit‟.
64 | Zitiert nach Góralski, a.a.O. 354.
65 | Donald Tusk: Dankesrede nach der Verleihung des Karls-
preises am 13.05.2010, in: Adalbertusforum. Zeitschrift für
ostmitteleuropäische Begegnung 6 (2010) 14-17, hier 17.
34 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

bewährte Partnerschaften
MIT POTENTIAL
Die Beziehungen Deutschlands zu Tschechien
und der Slowakei

Dr. Hubert Gehring ist


Hubert Gehring / Tomislav Delinić / Andrea Zeller
Auslandsmitarbeiter
der Konrad-Adenauer-
Stiftung, zuständig für
Tschechien und die
Slowakei. Die Grenze zur Tschechischen Republik ist mit einer Länge
von 811 Kilometern die zweitlängste Außengrenze Deutsch-
lands. Sie trennte 40 Jahre lang die Bundesrepublik und
das Land, das damals die Tschechoslowakei war, nicht nur
räumlich, sondern vor allem politisch, kulturell, wirtschaft-
lich und ideologisch. Seitdem sind Tschechien und die
Slowakei eigene Wege gegangen. Die Beziehungen beider
Länder zu Deutschland haben sich indessen positiv ent-
wickelt und besitzen in einigen Bereichen noch Potential.
Tomislav Delinić
ist für die Konrad-
Adenauer-Stiftung 1. Die Beziehungen zur Tschechischen Republik
in Prag tätig.

40 Jahre der kommunistischen Herrschaft stellten ledig-


lich einen kurzen Abschnitt in den Deutsch-Tschechischen
Beziehungen dar, die bereits vor über 1000 Jahren ihren
Ursprung fanden. Obwohl Deutschland mit der Tsche-
chischen Republik traditionell eng verflochten ist, wurde
die gemeinsame Geschichte oftmals getrennt erlebt und
getrennt gelebt. Mit der „Samtenen Revolution‟ 1989 ist
ein weiteres Kapitel der gemeinsamen Beziehungen aufge-
Andrea Zeller war
von März bis Juli im schlagen worden. Nach Jahrzehnten der Trennung hatten
Auslandsbüro der Deutschland und Tschechien wieder eines gemeinsam:
Konrad-Adenauer-
Demokratie, Freiheit, Marktwirtschaft und vor allem den
Stiftung in der
Slowakei tätig. Drang, Frieden und Wohlstand in Europa zu stabilisieren.
Symbolisch dafür soll Prag stehen, im Spätherbst 1989
Hauptstadt der Tschechoslowakei.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 35

Jubelschreie am 30. September 1989 kündigen


neue Zeitrechnung an

Prag spielt in der Geschichte der deutschen Einigung


eine ganz besondere Rolle. Ab August 1989 flohen
Tausende DDR-Bürger in die Botschaft der BRD in Prag.
Am 30. September wurde den Flüchtlingen die mögliche
Ausreise in die BRD angekündigt. Aber auch
danach und selbst nach der Schließung der Als der Jubel der DDR-Bürger von der
Grenze von der DDR zur Tschechoslowakei Prager Kleinseite hinüber ins Stadt-
zentrum hallte, wurde vielen klar, dass
sammelten sich weitere DDR-Flüchtlinge ein neues Kapitel der deutsch-tsche-
an, denen abermals durch Sonderverhand- chischen Beziehungen aufgeschlagen
wurde.
lungen die Ausreise ermöglicht wurde. Am
3. November 1989, also sechs Tage vor der
innerdeutschen Grenzöffnung, wurde eine direkte Ausreise
über die tschechoslowakisch-deutsche Grenze von nun
an auch ohne Sondergenehmigung möglich. Die Grenze
nach Westen war für die Flüchtlinge nun faktisch offen.
Diese Öffnung des Eisernen Vorhangs ist ein wichtiger
Schritt auf dem Weg zur deutschen Einheit, da sie prak-
tisch auch die Grenzöffnung der DDR erzwang. Somit hat
die Tschechoslowakei einen nicht unbedeutenden Anteil
am weiteren Verlauf der Geschichte und der Wiederverei-
nigung Deutschlands. Symbolisch bleibt Prag dabei nicht
zuletzt wegen des Ringens des damaligen Außenministers
Hans-Dietrich Genscher und Rudolf Seiters, damals Chef
des Bundeskanzleramts, in Erinnerung – und das nicht nur
den Deutschen. Viele Prager erinnerten sich anlässlich des
20-jährigen Jubiläums der Ereignisse an die überall stehen
und liegen gelassenen „Trabis‟, die das Stadtbild prägten.
Und als der Jubel der DDR-Bürger von der Prager Kleinseite
hinüber ins Stadtzentrum hallte, wurde vielen klar, dass
ein neues Kapitel der deutsch-tschechischen Beziehungen
aufgeschlagen wurde.

Verträge bringen ab 1992 Annäherung

Noch aber war Tschechien Teil der nun demokratischen


tschechoslowakischen Föderation. Der Vertrag zwischen
der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechischen
und Slowakischen Föderativen Republik über gute Nach-
barschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit am
27.  Februar 1992 war dann ein erster Schritt der
konkreten Verständigung der Nachbarländer nach dem
36 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

­Zusammenbruch des Ostblocks. Das Dokument bildet eine


Art Grundlagenvertrag, in dem eine breite Palette nach-
barschaftlicher Fragen angesprochen wird, allerdings keine
konkreten Aussagen zur Vergangenheit gemacht werden.
Die territoriale Integrität und Feststellung der Grenzen
werden erwähnt und 1994 durch einen Grenzvertrag
ergänzt. Zwei Probleme der Vergangenheit, die weiterhin
unangetastet bleiben, sind die Entschädigung der Opfer
des Nationalsozialismus und die Frage der Vertreibungen.
Der Vertrag von 1992 wird deshalb von Kommentatoren
als ungenau und ohne greifbare Folgen bewertet, so dass
1997 schließlich noch eine ergänzende Erklärung unter-
schrieben wird.

Die Deutsch-Tschechische Erklärung über die gegensei-


tigen Beziehungen und deren künftige Entwicklung war
danach der erste Versuch der Aufarbeitung der Vergangen-
heit. Gerade weil dieses Mal auch Vergangenheitsthemen
angesprochen wurden, ist das Dokument für Tschechien
und Deutschland von wichtiger symbolischer Bedeutung.
Nach langen beidseitigen Verhandlungen unterzeichneten
Vertreter beider Länder am 21. Januar 1997 das wegwei-
sende Dokument. Auf tschechischer Seite waren einige
Akteure beteiligt, die heute führend in Politik und Gesell-
schaft tätig sind, darunter der heutige Staatspräsident
Vacláv Klaus, der ehemalige Europaminister Alexandr
Vondrá und der heutige Botschafter Tschechiens in Berlin,
Rudolf Jindrák.

Die Feststellung, dass beide Länder die „Beziehungen


nicht mit aus der Vergangenheit herrührenden politischen
und rechtlichen Fragen belasten werden‟, war ein wich-
tiger Schritt für eine gegenseitige Annäherung und die
Entkrampfung der Beziehungen.

Die Deutsch-Tschechische Erklärung Kritikern ging die Erklärung gerade in den


über die gegenseitigen Beziehungen Punkten Aufarbeitung der Vergangenheit
und deren künftige Entwicklung war
danach der erste Versuch der Aufar- nicht weit genug. Gerade einige Vertreter
beitung der Vergangenheit. der Sudetendeutschen sehen in der Erklä-
rung nach wie vor eine verpasste Chance. Doch ange-
sichts der großen Spannungen in der Vergangenheit und
der Wichtigkeit symbolischen Aufeinanderzugehens ist die
Deutsch-Tschechische Erklärung nach Auffassung vieler
Experten aus heutiger Sicht ein wegweisendes Element der
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 37

gegenseitigen Beziehungen. Durch die Institutionalisierung


der nachbarschaftlichen Zusammenarbeit in Form des
Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und des Deutsch-
Tschechischen Gesprächsforums wurden in der Erklärung
Plattformen für Kooperation und Dialog geschaffen, die
eine konstruktive Debatte ermöglichen.

Nachbarschaft in der Praxis

Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds wurde Ende 1997


als zwischenstaatliche Institution gegründet und hat die
Form eines Stiftungsfonds, der finanziell von der tschechi-
schen und deutschen Regierung anteilig unterstützt wird.
Er soll auf vielfältige Weise die Verständigung zwischen
Deutschen und Tschechen fördern.

Jährlich erreichen den Zukunftsfonds etwa 600 Projektan-


träge, die mit unterschiedlichen Beträgen entweder in Euro
oder Kronen gefördert werden. Insgesamt
steht ein jährliches Budget von 75 Millionen Durch die Institutionalisierung der
Kronen (etwa drei Millionen Euro) für die nachbarschaftlichen Zusammenarbeit
in Form des Deutsch-Tschechischen
Unterstützung zur Verfügung. Die Projekte Zukunftsfonds und des Deutsch-Tsche-
stammen aus ganz verschiedenen Bereichen. chischen Gesprächsforums wurden
Plattformen für Kooperation und Dialog
Beispielsweise ist für 2010 ein Musikfestival
geschaffen.
„Mitte Europa‟ länderübergreifend in Bayern,
Böhmen und Sachsen geplant. Des Weiteren gibt es in
Kooperation mit der Organisation Tandem ein Jugendbil-
dungsprogramm mit Praktika in Deutschland und Tsche-
chien für Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz erhalten
haben. Auch Stipendien für Studierende mit Bezug zu
deutsch-tschechischen Beziehungen sind vorgesehen.
Daneben werden zahlreiche kleine Projekte gefördert.

Seit seiner Entstehung 1998 wurden mehr als 5000


deutsch-tschechische Projekte mit insgesamt über 36 Milli-
onen Euro vom Zukunftsfonds gefördert. Tschechien und
Deutschland beschlossen im Jahr 2007, den Zukunftsfonds
noch weitere zehn Jahre fortzuführen.

Das Deutsch-Tschechische Gesprächsforum ist ebenfalls


als Folge der Erklärung über die gegenseitigen Bezie-
hungen und deren künftige Entwicklung Ende des Jahres
1997 entstanden. Finanziert wird das Gesprächsforum aus
den Mitteln des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds,
38 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

die wiederum von den beiden Regierungen zur Verfügung


gestellt werden. Es wurde zunächst mit einem 20-köpfigen
Beirat, der zu gleichen Teilen von der deutschen und tsche-
chischen Regierung ernannt wurde, ausgestattet und hat
die Aufgabe, regelmäßige Treffen und eine jährlich statt-
findende Konferenz zu organisieren. Seit 2004 hat sich die
Form insofern gewandelt, als zudem je ein Vorsitzender von
beiden Regierungen benannt wird. Relevante Themen der
deutsch-tschechischen Beziehungen, aber auch solche mit
Bezug zu den beiden Nachbarländern im Rahmen der Euro-
päischen Union sollen hier diskutiert werden.

EU-Mitgliedschaft 2004 – Chance für enge


Kooperation

Europa ist eine weitere Dimension für die Intensivierung


der nachbarschaftlichen Beziehungen. Tschechien trat 2004
der EU bei und schloss damit einen langen Weg der Asso-
ziierung und Anpassung ab, bei dem das Land auch von
Deutschland unterstützt wurde. Waren die neunziger Jahre
geprägt von Anfangswirren im nun demokratischen und
marktwirtschaftlich orientierten Tschechien, entwickelte
sich das Land schnell zum Vorreiter von Reformpolitik und
wirtschaftlichem Aufschwung innerhalb der Beitrittskandi-
daten zur EU in Mittel- und Osteuropa. Wenige Jahre nach
dem Beitritt übernahm Tschechien am 1.
2009 übernahm Tschechien erstmals Januar 2009 erstmals die EU-Ratspräsident-
die EU-Ratspräsidentschaft. Der Zeit- schaft. Die Bundesregierung, angeführt von
punkt war heikel: Die Verfassungs-
krise drohte die EU in einen institutio- Bundeskanzlerin Angela Merkel, sicherte dem
nellen Konflikt zu stürzen. Land ihre volle Unterstützung zu. Der Zeit-
punkt der Ratspräsidentschaft war heikel:
Die Verfassungskrise drohte die EU in einen institutionellen
Konflikt zu stürzen, denn sowohl Irland als auch Tsche-
chien zeigten sich sehr skeptisch im Hinblick auf die Ratifi-
zierung des Lissabonner Vertrags. Die russisch-ukrainische
Gaskrise erzwang Diskussionen um die europäische Ener-
giesicherheit. Der neu aufgeflammte Gaza-Konflikt machte
eine geschlossene Außenpolitik notwendig. Nicht zuletzt
war die globale Finanzkrise eine elementare Bedrohung für
die europäischen Staaten. Darüber hinaus war Tschechien
mit internen Problemen konfrontiert. Der tschechische
Präsident Václav Klaus äußerte sich immer wieder kritisch
zur EU und blockierte mit der Verweigerung seiner Unter-
schrift die ­Ratifizierung des Lissabonner Vertrags. Zudem
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 39

wurde die Regierung von Mirek Topolánek, der den Vorsitz


des Rates der Europäischen Union während der tschechi-
schen Ratspräsidentschaft innehatte, infolge eines Miss-
trauensvotums im März 2009 gestürzt. Topolánek blieb bis
Mai interimistisch im Amt, danach übernahm Jan Fischer
mit einer Expertenregierung die Regierungsgeschäfte und
somit auch die Ratspräsidentschaft.

Trotz der Probleme und turbulenten Ereignisse konnte die


Ratspräsidentschaft auf Erfolge verweisen. Die Beratungen
der G20 und der Europäischen Finanz- und
Regierungschefs zur Finanzkrise wurden „Für Tschechien ist es besser, die
weitergeführt. Zudem wurde die Östliche deutsche Kanzlerin zu küssen, als
den russischen Bären zu umarmen.‟
Partnerschaft der EU, ein Assoziierungs- (Mirek Topolánek)
abkommen mit Armenien, Aserbaidschan,
Georgien, der Republik Moldau, der Ukraine und Belarus
bei einem Gipfeltreffen in Prag ins Leben gerufen. Gerade
an diesem Projekt zur Stabilisierung der östlichen euro-
päischen Nachbarn sowie der Kaukasus-Region hatte
auch Deutschland ein starkes Interesse. Für Tschechien
ist es eine erneute Möglichkeit, sich als zugehörig zum
Westen und zur EU und unabhängig von Russland zu
profilieren. Topolánek provozierte bereits zu Beginn der
EU-Ratspräsidentschaft: „Für Tschechien ist es besser, die
deutsche Kanzlerin zu küssen, als den russischen Bären zu
umarmen‟, und machte somit die Orientierung an Deutsch-
land noch einmal deutlich. Reihenweise zeigten sich vorma-
lige Europa-skeptische und Deutschland-kritische Politiker
in Tschechien zunehmend pragmatischer und lobten die
Rückendeckung für ihr Land seitens Angela Merkel – und
das gerade in Zeiten, als die eigene Regierung fiel und aus
anderen EU-Ländern lautstark Kritik an Tschechien und der
tschechischen Ratspräsidentschaft geübt wurde.

Durch solche symbolische Unterstützung, durch die fort-


schreitende Integration der Tschechischen Republik in
die EU und durch die nachbarschaftliche Kooperation mit
Deutschland haben sich gute wechselseitige Beziehungen
entwickelt. Die Zusammenarbeit findet inzwischen in diver-
sen Themenbereichen, von Umwelt über Lebensmittelver-
ordnungen bis zur Energiefrage, statt und knapp fünf Jahre
nach Tschechiens EU-Beitritt gibt es auch erste gemeinsame
Projekte im Rahmen der EU. Nachdem dafür nun alle for-
malen Voraussetzungen geschaffen sind, gilt es, die Koopera-
tion auf EU-Ebene weiter zu stärken.
40 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Tschechien als Wirtschaftspartner für


Deutschland auf gleicher Augenhöhe mit Japan

Dass hier gemeinsame Interessen vorhanden sind, zeigt


die enorme wirtschaftliche Verflechtung der Bundesrepu-
blik und Tschechiens. Die Wirtschaftsbeziehungen beider
Länder sind in der Tat als exzellent zu bezeichnen. Seit
Jahren bewegt sich der Handelsaustausch zwischen
Deutschland und der Tschechischen Republik im Rahmen
zwischen 35 bis 50 Milliarden Euro, das ist zum Teil mehr
als Deutschland im Handel mit Japan oder Lateinamerika
umsetzt. Deutschland gilt als der größte und wichtigste
Handelspartner Tschechiens. Die Deutsch-Tschechische
Industrie- und Handelskammer (DTIHK) sieht durchaus
noch weiteres Potential. Dennoch dürften neue Investoren
aus Deutschland aufgrund eines enormen Fachkräfteman-
gels in Tschechien schwer zu finden sein.

Die Tschechische Republik zeigt gerade in der aktuellen


Wirtschaftskrise, dass sie nicht zu den Wackelkandidaten
in Mittel- und Osteuropa gehört, eine stabile Finanzpolitik
führt und längst kein reines Niedriglohnland
Die tschechische Krone ist zwar gesund, mehr ist. Nicht zuletzt aufgrund der langen
doch mancher Investor überlegt, sein Geld Maschinenbautradition, der Rohstoffe sowie
eher im Euroland Slowakei anzulegen.
der geografischen Lage im Herzen Europas
entwickelte sich das Land zu einem hoch-
technologischen Entwicklungsstandort. Umso wichtiger ist
es deshalb für Tschechien, auch weiterhin für ausländische
Investoren attraktiv zu bleiben.

Will die Tschechische Republik auch weiterhin mit hervor-


ragenden Wirtschaftszahlen glänzen, muss die Regie-
rung dringend benötigte Reformen einleiten und auch
die Einführung des in der Wirtschaft massiv geforderten
Euro ernsthaft diskutieren. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die
Einheitswährung zunächst auf die lange Bank verschoben.

Obwohl die ehemalige Teilrepublik Slowakei bereits zum


1. Januar 2009 die europäische Einheitswährung eingeführt
hat, nannte der scheidende Zentralbankchef Zdeněk Tůma
das Jahr 2019 als realistisches Szenario für Tschechien.

Das verärgert vor allem die Wirtschaft. Die tschechische


Krone ist im Vergleich zu anderen Währungen in der Region
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 41

zwar gesund, doch die starken Wechselkursschwankungen


machen Tschechien auch für deutsche Investoren immer
unattraktiver. In Zeiten, in denen Transportwege effi-
zient überwunden werden können, überlegt so mancher
Investor, sein Geld lieber im Euroland Slowakei anzulegen
anstatt Tschechien als Standort zu wählen. Das bekommt
die tschechische Wirtschaft immer deutlicher zu spüren
und sollte die neue tschechische Regierung zu einer
ernsthaften Diskussion über den Euro motivieren. Für die
deutsch-tschechische Wirtschaftskooperation wäre das ein
wegweisender Schritt, die bereits sehr intensiven Handels-
beziehungen in Zukunft zu festigen und weiter auszubauen.

Deutschland und Tschechien – Zwei


Gesellschaften kommen sich näher

Doch die beeindruckenden Wirtschaftszahlen sind nicht


alles, was die Nachbarschaft Deutschlands und der Tsche-
chischen Republik ausmacht. Neben den bereits erwähnten
Projekten Zukunftsfonds und Gesprächsforum wurden
während der letzten 18 Jahre unzählige
deutsch-tschechische Initiativen auf den Unzählige deutsch-tschechische Initi-
Weg gebracht, um die gemeinsame Zukunft ativen wurden auf den Weg gebracht,
um die gemeinsame Zukunft zu gestal-
zu gestalten und die Schatten der Vergan- ten. Obwohl derartige Basis-Arbeit von
genheit aufzuarbeiten. Neben der Deutsch- enormer Bedeutung ist, findet sie nur
selten Erwähnung in Politik und Medien.
Tschechischen Historikerkommission wurden
unzählige Städtepartnerschaften ins Leben
gerufen. Zudem entstanden binationale Kooperationen auf
Vereinsebene, bei Verbänden und Nicht-Regierungsorgani-
sationen (NGO) sowie ein reger Schüler- und Studentenaus-
tausch. Sogar an Kindergärten in der Grenzregion werden
inzwischen Austauschprogramme durchgeführt, um bereits
den Kleinsten die Angst vor dem „fremden‟ Nachbarn zu
nehmen. Besonders in den Grenzregionen gibt es dafür
Musterprojekte der Zusammenarbeit. Ein Beispiel für eine
Schule in Deutschland ist das Friedrich-Schiller-Gymna-
sium in Pirna, wo ein binationaler-bilingualer Bildungs-
gang angeboten wird. Kooperation von Kindergärten in
Tschechien und Deutschland gibt es unter anderem über
das Projekt „Von klein auf  – Odmalička‟. Auf studenti-
scher Ebene bietet die Gemeinschaft für studentischen
Austausch in Mittel- und Osteuropa (GFPS) e.V. Stipendia-
tenprogramme für Sprachkurse und Studienaufenthalte­ in
beiden Ländern an. Weitere herausragende Beispiele für
42 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

die lebendige zivilgesellschaftliche Kooperation zwischen


deutschen und tschechischen Akteuren sind die Brücke/
Most-Stiftung, Antikomplex, das Prager Literaturhaus,
das deutsch-tschechische Jugendforum, die Ackermann-
Gemeinde, das Collegium Bohemicum und Vereinigungen
der Sudetendeutschen. All diese Organisationen bemühen
sich auf ihre Weise, in den Feldern Kultur, Geschichte und
Begegnung gegenseitige Achtung und Völkerverständi-
gung zu fördern. Obwohl eine derartige Basis-Arbeit von
enormer Bedeutung für die gemeinsame Zukunft ist, findet
sie leider nur selten Erwähnung in Politik und Medien. Doch
gerade diese Arbeit ist es, welche die Deutsch-Tschechi-
schen Beziehungen zu etwas Besonderem macht.

In den letzten Jahren hat sich der Kontakt zwischen tsche-


chischen und deutschen Initiativen verstärkt, insbesondere
der direkte Kontakt ohne den Umweg über Parlamente
oder Regierungen. Die Zusammenarbeit ist dezentrali-
siert, entpolitisiert und von den staatlichen Hierarchien
unabhängiger geworden. Besonders in den „Euregionen‟,
die grenzübergreifend in Tschechien, Sachsen und Bayern
liegen, gibt es eine gute Zusammenarbeit. Ein ganz prak-
tisches Beispiel für die bayrisch-tschechische Kooperation
sind die gemeinsamen Grenzkontrollen tschechischer
und bayrischer Beamter, die auch vor der Aufnahme in
den Schengenraum schon stattfanden, beispielsweise am
Grenzpunkt Furth im Wald / Domažlice.

Ist die Mauer noch in den Köpfen?

Trotz der Vielzahl an beidseitigen Projekten wird das


gegenseitige Bild des Nachbarn in den breiten Gesell-
schaften aber nach wie vor auch noch von Desinteresse
oder Vorurteilen geprägt. In Deutschland mangelt es oft
an Neugier, sich mit den östlichen Nachbarn eingehend zu
beschäftigen. Für Deutschland erscheint Tschechien als
kleines Land ohne ernsthafte Probleme – und ohne ernst-
hafte politische Schnittpunkte. Die Tschechen werden so
in ihrem Selbstbild, aus einem kleinen Land ohne große
­europapolitische Bedeutung zu stammen, teilweise bestä-
tigt. Dabei ist wenigen bewusst, dass die tschechische
Bevölkerung größer ist als z. B. die österreichische und die
Landesfläche doppelt so groß wie die niederländische. Aus
tschechischer Sicht wiederum wird das Deutschlandbild
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 43

bisher eng mit der Vergangenheit verknüpft. Die bekannten


Stereotype über Deutsche sind natürlich vorhanden, aber
seit dem EU-Beitritt wird die Wahrnehmung mehr und mehr
von den realen nachbarschaftlichen Kontakten geprägt.

Doch gerade in der Normalisierung liegt auch Eine politische Annäherung hat statt-
eine Gefahr. Je weniger aufsehenerregende gefunden, ist aber hinter den Möglich-
keiten geblieben, und heute gibt es
Nachrichten es aus dem Nachbarland gibt, nur wenige deutsche und tschechische
desto geringer fällt in Prag das Interesse Politiker, die sich intensiv mit dem
jeweiligen Nachbarn beschäftigen.
an Deutschland aus. Eine politische Annä-
herung hat stattgefunden, ist aber leider
hinter den Möglichkeiten geblieben, und heute gibt es
nur wenige deutsche und tschechische Politiker, die sich
intensiv mit dem jeweiligen Nachbarn beschäftigen. Die
heutige Annäherung ist nicht mehr in den Parlamenten zu
suchen, sondern im NGO-Sektor und im Kulturbereich, wo
Austauschforen, Jugend- und Kulturprojekte den Prozess
weiter vorantreiben. Eine normale Nachbarschaftspolitik,
die auch in wenig aufregenden Zeiten aufrechterhalten
wird, wie beispielsweise die deutsch-polnische oder
deutsch-französische, muss erst noch erlernt und erlebt
werden.

In der deutschen Bevölkerung gibt es zwei verschiedene


Varianten der Wahrnehmung Tschechiens – eine differen-
zierte Sicht, wie sie vor allem in den unmittelbar angren-
zenden Bundesländern Bayern und Sachsen zu finden ist,
und ein undifferenzierteres Klischee der Tschechischen
Republik als ehemaliger Ostblockstaat. Während beson-
ders bei der älteren Bevölkerung noch eine Mauer in den
Köpfen zu sein scheint, die Deutschland und Tschechien
trennt, sind es vor allem junge Leute, die die europäischen
Grenzen problemlos überwinden. Die Jugendlichen heute
sind in die Situation offener Grenzen und Reisefreiheit
hineingewachsen. Viele Studierende nutzen Austauschpro-
gramme wie Erasmus, um in einem anderen Land zu leben
und zu lernen. Im Studienjahr 2008/2009 kamen so 349
deutsche Studenten nach Tschechien und 873 tschechische
nach Deutschland. Nur 1,4 Prozent der deutschen, aber
ganze 16 Prozent der tschechischen Erasmus-Studenten
wählen also das jeweilige Nachbarland.

Die Mobilität wird vermutlich in Zukunft weiter steigen,


wenn schnelle, günstige Verbindungen das Reisen über die
44 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Grenze vereinfachen und eine Generation heranwächst,


für die offene Grenzen und internationale Vernetzung
eine Selbstverständlichkeit sind. Durch Aufarbeitung
der Geschichte und bilaterale Projekte kann Vertrauen
wachsen und Vorurteile können abgebaut werden. So kann
die Grundlage für ein gesellschaftliches Annähern gelegt
werden. Die Mauer in manchen Köpfen wird dann langsam,
aber stetig schwinden.

Die Europäische Union als Zukunftschance für


die deutsch-tschechische Kooperation

Europa ist das Stichwort, wenn es um die Zukunft einer


engeren, intensiveren Zusammenarbeit Deutschlands
und Tschechiens auf politischer Ebene geht. Mit dem
Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon am 1. Dezember
2009 wurden für die institutionelle Zusammenarbeit im
Europäischen Parlament und im Rat neue, effizientere
Abstimmungsverfahren verabschiedet. Das Europäische
Parlament soll nun in vielen Entscheidungsprozessen
stärker beteiligt werden und daher nach dem so genannten
Mitentscheidungsverfahren dem Rat gleichberechtigt
abstimmen können. Im Rat werden künftig weitere Poli-
tikbereiche nicht mehr die Einstimmigkeit
Eine Verbesserung der Kooperation aller 27 Mitgliedstaaten erfordern, sondern
auf dem Energiesektor ist dringend bereits durch eine qualifizierte Mehrheit
erforderlich. Die Tschechische Repu-
blik fühlte sich durch die Ostseepipe- (ab 2014 nach dem Prinzip der doppelten
line von Deutschland und Russland Mehrheit von Mitgliedstaaten und Bevölke-
hintergangen.
rung) zur Beschlussfassung führen. Für die
tschechische Europapolitik bedeutet dies eine zunehmende
Bedeutung der parlamentarischen Fraktionsbildung und
die wachsende Notwendigkeit von Verbündeten unter den
Mitgliedstaaten. Ein einfaches Veto wird in Zukunft nicht
ausreichen, um nationale Anliegen auf europäischer Ebene
zur Geltung zu bringen. Eine inhaltliche Schärfung des
europapolitischen Profils könnte daher neue Formen der
Kooperation eröffnen und zudem tatsächliche europäische
Interessen der Tschechischen Republik aufzeigen.

Schnittpunkte für eine mögliche Kooperation mit Deutsch-


land sind z. B. im Bereich der Energie, Forschung und Inno-
vation, Binnenmarkt sowie bei Fragen der Menschenrechte
durchaus vorhanden. Eine Verbesserung der Kooperation
auf dem Energiesektor ist dringend erforderlich, da diese
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 45

Thematik bislang, vor allem aufgrund des von Gerhard


Schröder und Vladimir Putin geschlossenen Abkommens
zum Bau der Ostseepipeline, wohl eher eine Belastung der
Deutsch-Tschechischen Beziehungen darstellt. Die Tsche-
chische Republik fühlte sich durch die Vereinbarung, Gas
über den Meeresgrund in die Bundesrepublik zu beför-
dern, von Deutschland und Russland hintergangen. Eine
Meinung, die im Übrigen in nahezu allen mittelosteuropä-
ischen Ländern vertreten wurde. Deshalb scheint es umso
wichtiger, dass die EU unter deutscher Beteiligung mit der
Tschechischen Republik einen gemeinsamen Weg zur Ener-
giesicherung erarbeitet.

Tschechien gilt gemeinhin als innovativer Standort für tech-


nologische Entwicklungen, was nicht zuletzt die Automo-
bilindustrie in Tschechien beweist, die welt-
weit große Erfolge feiert. Aus diesem Grund Die tschechische Regierung betont
könnten beispielsweise deutsch-tschechische stets die Bedeutung technologischer
Neuerungen für das Land. Gemein-
Forschungs- und Entwicklungskooperationen samen Forschungsprojekten dürfte
auf dem Energiesektor ein möglicher Weg zu nichts im Wege stehen.
neuen Kooperationen sein. Die tschechische
Regierung betont stets die große Bedeutung technologi-
scher Neuerungen für das Land. Demnach dürfte gemein-
samen Forschungsprojekten auf Hightech-Sektoren, z. B.
dem Wachstumsmarkt der regenerativen Energien, kaum
etwas im Wege stehen. Zwar ist der tschechische Staatsprä-
sident Klaus ein vehementer Kritiker der Thesen rund um
die Globale Erwärmung, doch dürfte er Maßnahmen nicht
abgeneigt sein, welche die energiepolitische Unabhängig-
keit des Landes fördern und zugleich steigende Einnahmen
im Staatshaushalt versprechen, zumal dies den Ruf des
Landes als hochtechnologischer Innovationsstandort weiter
stärken dürfte.

Sowohl Tschechien als auch Deutschland verfügen tradi-


tionell über hervorragende Wissenschaftler und Forscher-
teams, von deren Zusammenarbeit beide Länder nach-
haltig profitieren können, nicht nur auf dem Energiesektor.
Engere Schulterschlüsse zwischen beiden Ländern könnten
auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens
erfolgen, um noch effizienter arbeiten zu können. Auf dem
Automobilsektor wird diese Symbiose bereits seit einigen
Jahren eindrucksvoll umgesetzt und vorgelebt.
46 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Die Zusammenarbeit der Nachbarländer Deutschland und


Tschechien auf der politischen Bühne Europas könnte in
den nächsten Jahren im Bereich der Menschenrechte
intensiviert werden. Der Kampf um deren Achtung hat
in Tschechien, das lange von totalitären Regimes regiert
wurde, eine lange Tradition. Hinzu kommt, dass die EU
gerade Themen wie die Einhaltung der Menschenrechte
und humanitäre Hilfe oftmals zu wenig behandelt.

Um solche Erfolgsgeschichten auch in anderen Bereichen,


und gerade innerhalb der Europäischen Union, realistisch
zu machen, sollte die neue tschechische Regierung die
eigene Positionierung in Europa strategisch reiflich über-
legen. Bisher war Tschechien in europapolitischer Hinsicht
nicht sonderlich aktiv und konstruktiv. Inzwischen sind
mehr als fünf Jahre seit dem EU-Beitritt vergangen und
eine entsprechende Expertise für eigene
Themenbezogen auf Partnersuche zu europapolitische Initiativen sollte aufgebaut
gehen, sollte für die tschechische sein. Eigene Vorschläge, klare Stellung-
Regierung nach der langwierigen, theo-
retischen Lissabon-Grundsatzdebatte nahmen und das Präsentieren von möglichen
nun die Devise sein. Schnittmengen für die europäischen Partner,
insbesondere die Bundesrepublik, sind entscheidende
Eckpunkte, damit das „Pakete schnüren‟ auch mit dem
bisher zurückhaltenden Partner Tschechien vonstatten
gehen kann. Themenbezogen auf Partnersuche zu gehen,
sollte für die tschechische Regierung nach der langwie-
rigen, theoretischen Lissabon-Grundsatzdebatte nun die
Devise sein. Gerade die Kooperation mit den Nachbarn, mit
den Partnern in der eigenen Region sollte für Tschechien
und Deutschland in der nahen Zukunft Priorität haben. Hier
herrschen ähnliche Interessen, hier sind kulturell bedingte
Schnittpunkte in Lebens- und Denkweise. In wirtschaftli-
cher Hinsicht haben Deutschland und Tschechien bereits
Großes erreicht. In den genannten Themenbereichen
Umwelt, Forschung und Bildung wären ebenso Möglich-
keiten für gemeinsame Positionen in der EU vorhanden.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 47

Fazit und Ausblick nach den Parlamentswahlen


vom Mai 2010

„Noch nie waren die Beziehungen zwischen Deutschland


und Tschechien so gut wie heute.‟ Dies ist ein Satz, der
sehr häufig im Zusammenhang mit der gegenseitigen
Nachbarschaft genannt wird. Und in der Tat ist diese
Aussage in jeder Hinsicht korrekt. Die Beziehungen beider
Länder waren trotz vieler Schatten aus der Vergangenheit
noch nie so gut wie heute: Gemeinsame Verträge haben
den Status und die Beziehungen beider Länder auf eine
rechtliche Ebene gebracht. Viele Organisationen, Projekte
und Akteure tragen tagtäglich einen weiteren Teil zum
Zusammenwachsen beider Länder bei, weit weg von
Fragen der Vergangenheit oder der Politik. Die Jugend
drückt in wegweisenden Gemeinschaftsprojekten in den
Grenzregionen gemeinsam die Schulbank und lernt die
jeweilige Sprache des Nachbarn  – und das kostet ange-
sichts der bekannten Schwierigkeit der tschechischen
und auch der deutschen Sprache viel Kraft und Konzen-
tration. Die wirtschaftliche Verflechtung hat
innerhalb von zwanzig Jahren Dimensionen Die „Normalisierung des Verhältnisses‟,
erreicht, die mancher westliche Partner also die gegenseitige Wahrnehmung
als Partner auf gleicher Augenhöhe
der Bundesrepublik in fünf Jahrzehnten hat auch eine gewisse „De-Emotiona-
nicht aufbauen konnte. Und dabei geht es lisierung‟ der Beziehungen mit sich
gebracht.
nicht nur um bekannte Großprojekte in der
Automobilindustrie. Es sind die kleinen und
mittelständischen Unternehmer, die beiderseits der Grenze
dafür sorgen, dass auch in einer globalen Wirtschafts- und
Finanzkrise der gegenseitige Handel auf stabilen Füßen
steht. Erfolgsgeschichten gibt es also genug!

Doch könnten die Beziehungen noch besser sein. Denn die


„Normalisierung des Verhältnisses‟, also die gegenseitige
Wahrnehmung als Partner auf gleicher Augenhöhe anstelle
von Stereotypen und Vorurteilen, hat auch eine gewisse
„De-Emotionalisierung‟ der Beziehungen mit sich gebracht.
Das ist zwar gerade in Fragen der Vergangenheitsbewälti-
gung zu begrüßen, doch scheint es in der Politik hier und
da an Herz und Entschlossenheit zu mangeln, die Partner-
schaft auf eine neue, positiv-emotionale Ebene zu heben.
Vielleicht könnte der angekündigte Besuch des bayeri-
schen Ministerpräsidenten Horst Seehofer im Herbst 2010
unter Teilnahme sudetendeutscher Vertreter ein weiterer
48 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Schritt sein, die Beziehungen auf eine neue Ebene zu


heben. Das wäre immerhin der erste offizielle Besuch eines
bayerischen Ministerpräsidenten im Nachbarland. Wichtig
in diesem Zusammenhang ist auf tschechischer Seite eine
stabile Regierung, die sich nicht wie in den letzten Jahren
auf eine Mehrheit von nur ein oder zwei Abgeordneten
stützt und damit immer der Gefahr von Instabilität und
Beeinflussbarkeit unterliegt.

Die Ergebnisse der Wahlen zum Abgeordnetenhaus vom


Mai 2010 haben zumindest diesbezüglich für Klarheit
gesorgt. Nach großer Instabilität der Vorgängerregierung
von Premierminister Mirek Topolánek ist nun mit größerer
Stabilität der neu gewählten Mitte-Rechts-
Auswirkungen, zumal negative, auf die Koalition zu rechnen. Auswirkungen, zumal
bilaterale Deutsch-Tschechische Nach- negative, auf die bilaterale Deutsch-Tsche-
barschaftspolitik dürfte das Wahler-
gebnis vom Mai 2010 nicht haben. chische Nachbarschaftspolitik dürfte das
Wahlergebnis vom Mai 2010 nicht haben.
So wurde während der tschechischen Ratspräsidentschaft
2009 gerade von den teilweise eher deutschskeptischen
konservativen Kreisen sehr positiv die deutsche Rolle und
die Unterstützung Tschechiens durch Bundeskanzlerin
Merkel registriert. Sollte jedoch die neue tschechische
Regierung eines Tages zuhause auch unter Druck geraten,
wie zuletzt die ODS-geführte Regierung Topolánek im
Frühjahr 2009, könnte die politische Agendasetzung
leiden. Und gerade klarer, politischer Signale bedarf es,
um die gemeinsamen deutsch-tschechischen Beziehungen
auf dem Weg der Entkrampfung und positiven Gestaltung
weiterzuführen.

Die bis heute geschaffenen, funktionierenden Mecha-


nismen für eine aktive Gestaltung der Zusammenarbeit
beiderseits der Grenzen und die vielfältigen Beispiele für
eine fruchtbare Kooperation sollten auch in Zukunft Vorbild
genug für die Politik sein, mehr Herzlichkeit, Offenheit
und Vertrauen einzubringen, um innerhalb Europas neue,
gemeinsame Wege zu beschreiten und dabei alte Vorur-
teile beiseite zu lassen. Das gelang Deutschland bereits
mit anderen Nachbarn, deren Deutschlandbild zu jener
Zeit deutlich belasteter war als es heute in Tschechien der
Fall ist. Warum also nicht auch etwas mehr Herz für die
deutsch-tschechische Freundschaft zeigen?
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 49

Für geführte Gespräche, Informationen und Anregungen zur


Erstellung des Textes über die Beziehungen zur Tschechischen
Republik danken die Verfasser:

▪▪ Msgr. Dominik Duka OP, Erzbischof von Prag


▪▪ Dr. Lucie Černohousová, Institutsleiterin Prager Literaturhaus,
Prag
▪▪ Dr. Vladimír Handl, Institut für Internationale Beziehungen
IIR, Prag
▪▪ Sebastian Holtgrewe, Leiter Unternehmenskommunikation,
Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer Prag
▪▪ Ondřej Matějka, Direktor, Antikomplex Prag
▪▪ Msgr. Anton Otte, Ackermann Gemeinde Prag
▪▪ Gerald Schubert, Chefredakteur, Radio Prag, Auslandssender
des tschechischen Rundfunks
▪▪ Erik Tabery, Chefredakteur, Wochenmagazin Respekt, Prag
▪▪ Dr. Volker Weichsel, Redakteur, Zeitschrift Osteuropa, Berlin
50 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

2. Die Beziehungen zur Slowakei

Auch die deutsch-slowakischen Beziehungen sind freund-


lich1, auch sie verlaufen jedoch überwiegend unauffällig
und geräuschlos. Dies ist sicherlich auch der Tatsache
geschuldet, dass das bilaterale Verhältnis nicht von histori-
schen Konflikten überschattet wird. Inwieweit man jedoch,
wie der slowakische Historiker und Politologe Pavol Lukáč,
vom „Fehlen einer Gemeinschaft‟2 sprechen kann, bleibt zu
klären. Seit der Teilung der ehemaligen Tschechischen und
Slowakischen Föderativen Republik (ČSFR)
1993 war Deutschland unter den ers- 1993 waren sowohl die Bundesrepublik
ten Staaten, die die Unabhängigkeit Deutschland als auch die Slowakische Repu-
der Slowakei anerkannten. Bereits am
ersten Tag der Selbständigkeit war die blik von Anfang an am Aufbau guter Bezie-
Deutsche Botschaft in Bratislava ver- hungen interessiert. So hob etwa Bundes-
treten.
präsident Johannes Rau beim Besuch seines
Amtskollegen Rudolf Schuster im Jahre 1999 hervor, dass
er die Slowakei noch immer als Nachbarland Deutschlands
sieht. Auch Außenminister Guido Westerwelle und der
slowakische Außenminister Miroslav Lajčák betonten im
Februar 2010, dass Deutschland und die Slowakei zwar
über keine geografische Grenze verfügen, sich jedoch als
Nachbarn im Geiste sehen.

Politische Beziehungen

Im Februar 1992 schlossen die Bundesrepublik Deutsch-


land und die ČSFR einen Vertrag „über gute Nachbarschaft
und Freundschaftliche Zusammenarbeit‟. Darin wurden
unter anderem gegenseitige Gebietsansprüche ausge-
schlossen, der bestehende Grenzverlauf bestätigt, die
Rechte der jeweiligen Minderheiten definiert sowie die
Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung in der ČSFR
durch die Bundesrepublik Deutschland zugesagt. 3
Dieser
Vertrag, der von der Slowakischen Republik als ein Nach-
folgestaat der ČSFR anerkannt wurde, bildet bis heute
die Grundlage der deutsch-slowakischen Beziehungen.

1 | Vgl. http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laender
informationen/Slowakei/Bilateral.html [15.06.2010].
2 | Pavol Lukáč, Dejiny a zahraničná politika v strednej Európe
(Bratislava: 2004), 106.
3 | Vgl. Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und
der Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik
über gute Nachbarschaft und Freundschaftliche Zusammen-
arbeit, http://www.glasnost.de/db/DokAus/92csfr.html
[16.06.2010].
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 51

1993 war Deutschland unter den ersten Staaten, die die


Unabhängigkeit der Slowakei anerkannten. Bereits am
ersten Tag der Selbständigkeit war die Deutsche Botschaft
in Bratislava vertreten. Generell kam die deutsche Unter-
stützung der politischen, wirtschaftlichen und gesell-
schaftlichen Transformation in Mittelosteuropa4 auch der
Slowakei zugute. Während der Regierungszeit von Minis-
terpräsident Vladimir Mečiar sind die deutsch-slowakischen
Beziehungen jedoch bis zu seiner Abwahl
1998 vorübergehend abgekühlt. Bundes- Während der Angriff der USA auf den
kanzler Helmut Kohl gefiel Vladimir Mečiar Irak im Frühjahr 2003 von der deut-
schen Seite sehr kritisch gesehen
und sein mitunter fast autoritärer Regie- wurde, unterstützte die Slowakei die
rungsstil nicht. Verschiedene Versuche des amerikanische Haltung.
slowakischen Außenministeriums, ein Treffen
zwischen Helmut Kohl und Vladimir Mečiar zu arrangieren,
wurden mit Verweis auf den ausgefüllten Terminkalender
des Bundeskanzlers abgewiesen. Umgekehrt verzögerte
die Slowakische Regierung bis 1995 die Anerkennung der
offiziellen Bezeichnung Deutschlands als Bundesrepublik
Deutschland (Spolkova republika Nemecko) und griff auf
die während des Kalten Krieges verwendete Bezeichnung
Deutsche Bundesrepublik (Nemecka spolkova republika)
zurück.5 Helmut Kohl stattete der Slowakischen Republik
dann erst im Juni 2007 anlässlich der Verleihung des Inter-
nationalen Adalbert-Preises an den früheren polnischen
Außenminister Władysław Bartoszewski einen Besuch ab.

Mit dem Amtsantritt von Mikuláš Dzurinda 1998 verbes-


serten sich die deutsch-slowakischen Beziehungen merk-
lich. Gerhard Schröder folgte im Oktober 2000 der Einla-
dung des slowakischen Ministerpräsidenten und besuchte
als erster deutscher Bundeskanzler die Slowakische Repu-
blik. Nach dem Gespräch der beiden Regierungschefs hob
Ministerpräsident Dzurinda die guten deutsch-slowakischen
Wirtschaftsbeziehungen hervor und bekräftigte seinen
Wunsch nach einem baldigen EU-Beitritt der Slowakei.
Gerhard Schröder wiederum würdigte die wirtschaftli-
chen Reformen der Regierung Dzurinda und betonte, dass
Deutschland die Slowakei in ihrem Bestreben nach einem

4 | Vgl. Josefine Wallat, „Alte Lasten, neue Chancen. Deutsch-


lands Blick auf Visegrád‟, in: Osteuropa, 10 (2006), 78.
5 | Vgl. Stephen D. Collins, German policy-making and eastern
enlargement of the EU during the Kohl era. Managing the
agenda? (Manchester: Manchester University Press, 2002),
130 f.
52 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

raschen Beitritt zur EU unterstützen werde. Insgesamt


reiste Bundeskanzler Schröder zwei Mal in die Slowakische
Republik, Mikuláš Dzurinda stattete der Bundesrepublik
Deutschland in seinen beiden Amtszeiten zehn Besuche ab.
6
Meinungsverschiedenheiten bestanden während dieser
Phase hauptsächlich im Hinblick auf den Irak-Konflikt
sowie aufgrund der Steuerreform der zweiten Regierung
Dzurinda. Bezüglich des Irak-Konfliktes vertraten Deutsch-
land und die Slowakei entgegengesetzte Positionen:
Während der Angriff der USA auf den Irak im Frühjahr
2003 von der deutschen Seite sehr kritisch gesehen wurde,
unterstützte die Slowakei die amerikanische Haltung.7 Der
2004 eingeführte slowakische Einheitssteuersatz von 19
Prozent wurde von Gerhard Schröder als „Steuerdumping‟
betitelt. Dies hätte die Steuerflucht von Unternehmen
sowie den Abbau von Arbeitsplätzen in den
Den freundschaftlichen Beziehungen westeuropäischen Staaten zur Folge.8 Den
haben alle politischen Differenzen guten wirtschaftlichen Kontakten und den
keinen Abbruch getan, betonten beide
Regierungschefs. Die mutigen slowa- sehr freundschaftlichen deutsch-slowaki-
kischen Reformen hob Merkel hervor. schen Beziehungen haben diese Differenzen
keinen Abbruch getan, wie Bundeskanzlerin
Angela Merkel und Ministerpräsident Mikuláš Dzurinda im
Mai 2006 in Bratislava betonten. Dabei hob die Bundes-
kanzlerin ausdrücklich die mutigen Reformen der Regie-
rung Dzurinda hervor.9

Robert Fico, slowakischer Ministerpräsident von 2006 bis


Juli 2010, traf sich ebenfalls einige Male mit Bundeskanz-
lerin Angela Merkel in Deutschland. Hierbei wurden stets
die guten Beziehungen betont. Auch nach den slowaki-
schen Parlamentswahlen vom 12. Juni, aus denen Iveta
Radičová als Siegerin hervorging, ist davon auszugehen,
dass das Interesse an der Aufrechterhaltung freundschaft-
licher Beziehungen Bestand haben wird.

6 | Gespräch mit Agáta Pešková, Konrad-Adenauer-Stiftung


Bratislava, 02.06.2010.
7 | Vgl. Josefine Wallat, „Alte Lasten, neue Chancen. Deutsch-
lands Blick auf Visegrád‟, in: Osteuropa, 10 (2006), 81.
8 | Vgl. Stefan Gehrold und Daniel Wolf, „Wirtschaftswunder
Slowakei. Musterknabe oder neuer Bösewicht in der Europä-
ischen Union?‟, in: KAS-Auslandsinformationen 11/2005, 63.
9 | Vgl. Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Pressburg,
„Pressebegegnung von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel
und dem Ministerpräsidenten der Slowakischen Republik
Ing. Mikuláš Dzurinda‟ (2006), http://pressburg.diplo.de/
Vertretung/pressburg/de/03/Bilaterale__Beziehungen/seite__
pressekonferenz__bk_27in__dzurinda.html [17.06.2010].
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 53

Betrachtet man die gegenseitigen Besuche der Staats-


oberhäupter, Regierungschefs und Außenminister seit
1993, fällt auf, dass die Besuche von slowakischer Seite in
Deutschland bei Weitem überwiegen. Seit dem EU-Beitritt
der Slowakei sind diese Besuche in Deutschland jedoch
rückläufig10, was daran liegen könnte, dass es nun im
Rahmen der EU zu regelmäßigen Treffen der Regierungs-
chefs und Außenminister kommt.

Die politischen Kontakte spielen sich jedoch Auch die einzelnen Ministerien und
nicht nur auf der höchsten staatlichen die Bundesländer gestalten die Bezie-
hungen mit. Im Bundestag ist eine
Ebene ab, auch die einzelnen Ministerien, Deutsch-Slowakische Parlamentarier-
der deutsche Bundestag und die deutschen gruppe aktiv.
Bundesländer gestalten die Beziehungen
mit: Zahlreiche Mitglieder des Deutschen Bundestages,
Regierungsmitglieder wie Franz-Josef Jung, Manfred Stolpe
oder Renate Künast sowie einige Ministerpräsidenten,
darunter Christian Wulff, Georg Milbradt, Matthias Platzeck
und Roland Koch, besuchten die Slowakischen Republik
in den vergangenen Jahren während ihrer Amtszeit. Im
Bundestag ist zudem eine Deutsch-Slowakische Parlamen-
tariergruppe aktiv, die sich um einen intensiven Austausch
zwischen den Parlamenten bemüht. Von slowakischer
Seite reisten ebenfalls verschiedene Minister zu offiziellen
Besuchen nach Deutschland, wie etwa Ivan Mikloš in seiner
damaligen Funktion als Finanzminister oder Robert Kaliňak,
Innenminister der Slowakischen Republik.11

Die Zusammenarbeit slowakischer und deutscher Behörden


wird nachfolgend exemplarisch am Beispiel des slowaki-
schen Instituts des Nationalen Gedenkens (Ústav pamäti
národa – UPN) nachgezeichnet: Die Behörde der Bundes-
beauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheits-
dienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Repu-
blik (BStU) und das UPN unterzeichneten eine Erklärung
zur gegenseitigen Unterstützung. Danach fördert die BStU
Konferenzen des UPN teilweise durch finanzielle Zuwen-
dungen oder Referenten. So erhielt das UPN etwa für

10 | Vgl. Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Pressburg,


„Gegenseitige Besuche der Staatsoberhäupter, Regierungs-
chefs und Außenminister seit 1999‟, http://pressburg.diplo.de/
Vertretung/pressburg/de/03/Bilaterale__Beziehungen/seite__
gegenseitige__besuche__seit__1999.html [18.06.2010].
11 | Gespräch mit Agáta Pešková, Konrad-Adenauer-Stiftung
Bratislava, 02.06.2010.
54 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

eine Konferenz zum sowjetischen Geheimdienst KGB im


Jahre 2008 eine finanzielle Unterstützung seitens der
BStU. Zudem wurde einem leitenden Mitarbeiter des UPN
ein mehrmonatiges Praktikum in der deutschen Behörde
ermöglicht.12

Ein weiteres Bindeglied zwischen Deutschland und der


Slowakei stellen die heute noch etwa 5.000 Karpatendeut-
schen dar, die sich bei der Volkszählung in
Ein Bindeglied zwischen Deutschland der Slowakischen Republik im Jahre 2001 zur
und der Slowakei stellen die 5.000 Kar- deutschen Nationalität bekannten. Im Karpa-
patendeutschen dar. Die Karpatendeut-
schen wurden von der Slowakischen tendeutschen Verein (KDV), der die deutsche
Republik als eine von 13 Minderheiten Minderheit auf slowakischem Gebiet reprä-
offiziell anerkannt.
sentiert, geht man jedoch davon aus, dass
etwa doppelt so viele Deutsche in der Slowakei leben.
Die Karpatendeutschen wurden von der Slowakischen
Republik als eine von insgesamt 13 Minderheiten offiziell
anerkannt. Außer mit Ján Slota, dem für seine nationalis-
tischen Ansichten bekannten Leiter der Slowakischen Nati-
onalpartei (Slovenská národná strana  – SNS), hatten die
Karpatendeutschen seit der Gründung der Slowakischen
Republik bislang keine Probleme mit politischen Vertretern.

Insbesondere mit den slowakischen Staatspräsidenten


Rudolf Schuster (1999–2004) und Ivan Gašparovič (2004
bis heute) war und ist die Zusammenarbeit hervorragend.
Auch die Beziehungen zu den anderen Minderheiten in der
Slowakischen Republik werden als gut bezeichnet. Das
Museum der Kultur der Karpatendeutschen in Bratislava
ist Bestandteil des Slowakischen Nationalmuseums und
wird zu etwa 99 Prozent vom slowakischen Kulturministe-
rium finanziert. Von dort werden auch weitere finanzielle
Mittel für ausgewählte Projekte des Vereins bereitgestellt.
Auch die deutsche Seite beteiligt sich an der Finanzierung
der Karpatendeutschen Minderheit: Das Innenministe-
rium gewährt Zuschüsse, verschiedene Vereine und Stif-
tungen wie etwa die Karpatendeutsche Landsmannschaft
Slowakei  e.V. mit Sitz in Stuttgart oder die Hermann
Niermann-Stiftung aus Düsseldorf fördern die Karpaten-
deutschen finanziell und organisatorisch.13

12 | Gespräch mit Marta Košíková, Ústav pamäti národa (UPN),


26.05.2010.
13 | Gespräch mit Ondrej Pöss, Karpatendeutscher Verein,
08.06.2010.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 55

Deutschland und die Slowakei in der


Europäischen Union

Im Juni 1995 bewarb sich die Slowakische Republik


um eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Der
Beschluss seitens der EU zum Beginn direkter Beitritts-
gespräche erfolgte jedoch erst auf dem Gipfel des Euro-
päischen Rats im Dezember 1999 in Helsinki.14 Während
der Regierungszeit Vladimir Mečiars wären
direkte Beitrittsverhandlungen kaum Noch bis zum 30. April 2011 ist für
vorstellbar gewesen. So hatte sich die EU slowakische Staatsangehörige der Zu-
gang zum deutschen Arbeitsmarkt ein-
unter anderem im Oktober 1995 tief besorgt geschränkt und bedarf einer „Arbeits-
über die politischen und institutionellen genehmigung-EU‟ der Bundesagentur
für Arbeit.
Spannungen innerhalb der Slowakischen
Republik gezeigt. 15
Die 1998 gewählte Regie-
rung Dzurinda trat mit verschiedenen Reformen den nega-
tiven Entwicklungen entgegen und bemühte sich um die
Verankerung des Landes in der westlichen Staatengemein-
schaft. Dabei wurde sie auch von Deutschland unterstützt,
das sich für den EU- und NATO-Beitritt der Slowakischen
Republik einsetzte.16 Im Zuge der Beitrittsverhandlungen
drängte die Regierung Schröder jedoch erfolgreich darauf,
die Stilllegung des slowakischen Kernkraftwerks V1 in
Jaslovské Bohunice als Beitrittsbedingung in die Verträge
aufzunehmen.17 Ein weiterer deutsch-slowakischer Konflikt-
punkt betraf die Übergangsfristen für die Freizügigkeit
der Arbeitnehmer: Noch bis zum 30. April 2011 ist für
slowakische Staatsangehörige der Zugang zum deutschen
Arbeitsmarkt eingeschränkt und bedarf einer „Arbeitsge-
nehmigung-EU‟ der Bundesagentur für Arbeit.18 Mit dem
slowakischen Beitritt zur NATO und zur EU im Jahre 2004
erreichte das Verhältnis zwischen Deutschland und der
Slowakei eine neue Qualität: Das Land war vom „Bittsteller‟

14 | Gespräch mit Agáta Pešková, Konrad-Adenauer-Stiftung


Bratislava, 02.06.2010.
15 | Europäische Kommission, „Agenda 2000 – Commission.
Opinion on Slovakia‛s Application for Membership of the
European Union‟ (1997), 16 ff.
16 | Kai-Olaf Lang, „Anatomie einer Zurückhaltung. Deutschland
und die Visegrád-Gruppe.‟, in: Osteuropa, 10 (2006), 5.
17 | Vgl. Verordnung (Euratom) Nr. 549/2007 des Rates vom
14.05.2007.
18 | Vgl. EURES, „Freizügigkeit: Deutschland‟, http://ec.europa.eu/
eures/main.jsp?acro=free&lang=de&countryId=DE&from
CountryId=SK&accessing=0&content=1&restrictions=1&
step=2 [24.06.2010].
56 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

zum „Partner‟ Deutschlands aufgestiegen.19 Doch auch


innerhalb der EU bleibt Deutschland als eines der bevöl-
kerungsreichsten und wirtschaftlich stärksten Länder
wichtig für die Slowakei.20 Umgekehrt setzte sich die
Bundesrepublik weiterhin für slowakische Belange ein,
wie der slowakische Ministerpräsident Mikuláš Dzurinda
beim Besuch Angela Merkels 2006 in Bratis-
Mit Inkrafttreten des Lissabon-Vertra- lava hervorhob. Er dankte Frau Merkel bei
ges muss auch Deutschland Mehrhei- dieser Gelegenheit für ihren großen Beitrag
ten für die eigene Position organisieren
und könnte künftig auf die slowakische zur Verabschiedung der Finanziellen Voraus-
Unterstützung angewiesen sein. schau 2007-2013, die vor allem für die neuen
EU-Mitgliedsländer von hoher Bedeutung
gewesen sei.21 Deutsch-slowakische Meinungsverschieden-
heiten innerhalb der EU herrschten vor allem hinsichtlich
einer möglichen EU-weiten Abstimmung der Steuersätze,
der fortdauernden Beschränkung der Freizügigkeit slowa-
kischer Arbeitskräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt
sowie bezüglich der genauen Einhaltung der Maastricht-
Kriterien.22 Mit Inkrafttreten des Lissabon-Vertrages am
1. Dezember 2009 muss auch Deutschland nun im Rat in
etlichen Politikbereichen Mehrheiten für die eigene Position
organisieren und könnte künftig auch auf die slowakische
Unterstützung angewiesen sein.

Wirtschaftliche Vernetzung

Mit der Selbstständigkeit 1993 übernahm die Slowaki-


sche Republik auch die Verantwortung für den Umbau des
ehemals zentral gesteuerten Wirtschaftssystems hin zu
marktwirtschaftlichen Strukturen. Der Fokus lag hierbei
vor allem auf der Privatisierung von Staatsunternehmen,
der Liberalisierung der Preise und des Außenhandels sowie
der Ermöglichung ausländischer Direktinvestitionen.23 Nach
der Überwindung anfänglicher Schwierigkeiten begann die
slowakische Wirtschaft rapide zu wachsen. Im Zuge dessen
gewann auch der Handel mit Deutschland an Fahrt: Die
slowakischen Exporte in die Bundesrepublik stiegen konti-
nuierlich von 762 Millionen Euro 1993 auf 8.962 Millionen

19 | Vgl. Josefine Wallat, (2006), 78.


20 | Vgl. Vladimir Bilčík und Juraj Buzalka, „Die nicht-existente
Gemeinschaft. Die Slowakei und Deutschland in der EU‟,
in: Osteuropa, 10 (2006), 65.
21 | Vgl. Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Pressburg
(2006).
22 | Vgl. Vladimir Bilčík und Juraj Buzalka (2006), 68.
23 | Vgl. Stefan Gehrold und Daniel Wolf (2005), 64.
Podcast 1
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 57
porter Blogs 3

Blogroll 10
(External Links)
Euro 2007. Lediglich in den Jahren 2008 und 2009 war
ookmarking 0 infolge der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise ein
Rückgang zu verzeichnen. Der Handel boomte auch in
umgekehrter Richtung: 1993 importierte die Slowakei
deutsche Güter im Wert von 717 Millionen Euro, bis 2008
hatten sich die Importe auf insgesamt 8.739 Millionen
Euro mehr als verzehnfacht.24 Obwohl hier 2009 ebenfalls
ein Rückgang zu vermerken ist, war Deutschland auch in
diesem Jahr wieder der größte Handelspartner der Slowa-
kischen Republik: Der Anteil deutscher Güter an den slowa-
kischen Importen betrug 25 Prozent, umgekehrt bezog
die Bundesrepublik insgesamt 23,4 Prozent der slowaki-
schen Exporte.
Ausfuhr aus BRD Die wichtigsten slowakischen Exportgüter

für den deutschen Markt sind Verkehrsmittel, chemische


Einfuhr in BRD
Erzeugnisse, Maschinen und Anlagen.25 Die Bedeutung
der Slowakei für den deutschen Außenhandel ist hingegen
wesentlich geringer: Im Jahr 2009 wurden 0,83 Prozent
der deutschen Exporte in die Slowakei geliefert, damit
belegt das Land beim Außenhandel den 23. Platz.26

Abb. 1
Handel zwischen Deutschland und der Slowakei
von 1993 bis 2009
Mio. €

9.000

7.000

5.000

3.000

1.000

Jahr 93 94 95 96 97 98 99 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09

▪ Einfuhr nach DeutschlandSK >Ausfuhr


▪aus
DE Einfuhr Deutschland
nach Deutschland
Quelle: Statistisches Bundesamt, „Aus- und Einfuhr (Außen-
handel): Deutschland, Jahre, Länder‟, Fn. 24, eigene Darstellung

24 | Vgl. Statistisches Bundesamt, „Aus- und Einfuhr (Außen-


handel): Deutschland, Jahre, Länder‟, https://www-genesis.
destatis.de/genesis/online [09.06.2010].
Ausfuhr aus Deutschland DE > SK
25 | Vgl. Auswärtiges Amt, „Slowakei. Wirtschaft‟,
http://auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/
Slowakei/Wirtschaft.html [09.06.2010].
26 | Vgl. Statistisches Bundesamt, a.a.O.
58 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Seit Bestehen der Slowakischen Republik wird die wirt-


schaftliche Zusammenarbeit der beiden Länder gefördert:
Noch im Jahre 1993 wurde eine Repräsentanz der deut-
schen Wirtschaft in Bratislava eröffnet, diese wurde jedoch
bis zur Gründung einer eigenständigen Deutsch-Slowaki-
schen Industrie- und Handelskammer (DSIHK) im Jahre
2005 von Prag aus geleitet. Die DSIHK sieht sich als Forum
für deutsche und slowakische Unternehmen und konzent-
riert sich auf den Aufbau von Wirtschafts- und Handelsbe-
ziehungen zwischen Deutschland und der Slowakei. Etwa
20 Prozent ihrer Dienstleistungen werden von slowakischen
Firmen in Anspruch genommen, die sich den deutschen
Markt erschließen möchten. Ungefähr 80 Prozent der Leis-
tungen werden von deutschen Unternehmen nachgefragt.
Auch die Deutsch-Tschechische und Deutsch-Slowakische
Wirtschaftsvereinigung hat sich die „umfassende Förde-
rung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen deutschen,
tschechischen und slowakischen Unternehmen, Instituti-
onen und Kommunen‟ zum Ziel gesetzt.27 Zudem werden
ausländische Investoren in Deutschland von der Germany
Trade & Invest Gesellschaft für Außenwirtschaft und Stand-
ortmarketing mbH und in der Slowakei von der Agentur für
Investition und Handelsentwicklung (SARIO) unterstützt.

Deutsche Investitionen auf slowakischem Gebiet erfolgten


im Wesentlichen in zwei Wellen: Zu Beginn der neunziger
Jahre nutzten viele deutsche Unternehmen
Vor allem im Bereich der Automobil- die Gelegenheit zur Beteiligung an verschie-
zulieferindustrie haben sich viele deut- denen Privatisierungen und betrachteten die
sche Betriebe auf slowakischem Gebiet
angesiedelt. Zunehmend wurde die Slo- Slowakei als verlängerte Werkbank. Maschi-
wakei auch als Absatzmarkt erkannt. nelle Vorleistungen wurden in Deutschland
belassen und nur arbeitsintensive Tätigkeiten
in die Slowakei verlagert. Nach deren Abschluss wurde das
Produkt wieder nach Deutschland reexportiert.

Ab der Jahrtausendwende erfolgten unter anderem Priva-


tisierungen in den Bereichen Energiewirtschaft und Tele-
kommunikation, bei denen deutsche Energieversorger
sowie die Deutsche Telekom massiv investierten. Mittler-
weile war die Slowakei zwar als verlängerte Werkbank zu
teuer geworden, jedoch hatte sich die industrielle Struktur

27 | Deutsch-Tschechische und Deutsch-Slowakische Wirtschafts-


vereinigung, http://www.dtsw.de/deutsch/dtsw_ziele.html
[16.06.2010].
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 59

durch die Investitionen der neunziger Jahre gefestigt und


das Land wurde als vollwertiger Unternehmensstandort
wahrgenommen. Vor allem im Bereich der Automobil-
zulieferindustrie haben sich viele deutsche Betriebe auf
slowakischem Gebiet angesiedelt. Zunehmend wurde die
Slowakei auch als Absatzmarkt erkannt, was sich in der
Präsenz großer deutscher Handelsketten wie Kaufland, dm
oder Hornbach widerspiegelt.

Heute sind über 400 deutsche Unternehmen in der Slowakei


tätig, darunter auch große Firmen wie Volkswagen, Bosch,
E.ON oder Siemens. Mehrheitlich handelt es sich jedoch um
kleine- und mittelständische Betriebe. Insgesamt inves-
tierten deutsche Unternehmen bislang etwa 3,5 Milliarden
Euro, die Schwerpunkte lagen dabei vor allem in den Berei-
chen Automobilbau, Maschinenbau und Elektrotechnik. Die
Unternehmen der deutschen Investoren beschäftigen etwa
80.000 Mitarbeiter.28

Gesellschaftliche Zusammenarbeit

Am 28. Mai 1998 trat das im Mai 1997 unterzeichnete


deutsch-slowakische Abkommen über kulturelle Zusam-
menarbeit in Kraft. Dieses Abkommen zielt darauf, die
gegenseitigen Kenntnisse über die deutsche und die
slowakische Kultur zu verbessern, und stellt die kulturelle
Zusammenarbeit der beiden Länder auf ein rechtliches
Fundament. In Bratislava koordiniert das
Goethe-Institut als Partner des Auswärtigen Momentan belegt Deutsch in der Rang-
Amtes verschiedene Tätigkeiten im Rahmen folge der erlernten Fremdsprachen in
der Slowakei nach Englisch den zwei-
der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik ten Platz.
der Bundesrepublik Deutschland. Zu den
wichtigsten Arbeitsgebieten des Institutes zählt dabei die
Förderung der deutschen Sprache im Bildungssystem des
Gastlandes. Dazu werden unter anderem Unterrichtsma-
terialien erstellt sowie Programme für Schüler und Lehrer
durchgeführt. Seit dem Jahr 2008 wird im slowakischen
Schulsystem das frühe Erlernen von Fremdsprachen
besonders gefördert. Um hierfür genügend Deutsch-
lehrer bereitzustellen, bietet das Goethe-Institut verstärkt
Fortbildungen für Lehrer an. Dabei arbeitet man eng
mit der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA)

28 | Vgl. Gespräch mit Markus Halt, Deutsch-Slowakische Indus-


trie- und Handelskammer, 19.05.2010.
60 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

­zusammen.29 Die ZfA betreut in der Slowakei unter anderem


die Deutsch-Slowakische Begegnungsschule in Bratislava,
ein Gymnasium in Poprad, das sowohl das deutsche als
auch das slowakische Abitur anbietet, sowie 26 Sprach-
diplomschulen.30 Momentan belegt Deutsch in der Rang-
folge der erlernten Fremdsprachen in der Slowakei nach
Englisch den zweiten Platz. Insgesamt lernten im Schul-
jahr 2009/2010 knapp 268.000 Schüler und Studenten die
deutsche Sprache.31

Das deutsche Interesse an der Slowakei und ihrer Sprache


und Kultur ist hingegen weniger stark ausgeprägt. So
sind Ost- und Mitteleuropa-Studien im literaturwissen­
schaftlichen, ethnologischen und geisteswissenschaftli-
chen Bereich beispielsweise wesentlich besser besucht
als rein deutsch-slowakische Studiengänge. Dies wird
auf die geringe Landesgröße der Slowakei zurückgeführt,
aber auch auf das Fehlen von Institutionen, die sich für
die deutsch-slowakischen Beziehungen einsetzen. Zudem
fällt der Bereich der Slowakistik an deutschen Univer-
sitäten mehr und mehr dem Sparzwang zum Opfer. Die
Beziehungen zwischen den einzelnen deutschen und
slowakischen Instituten für Slowakistik sind jedoch gut.
So arbeiten etwa die Comenius-Universität in Bratislava
und die Humboldt-Universität zu Berlin gemeinsam an
einem Projekt zur Zwischenkriegsliteratur. Am Collegium
Carolinum in München befassen sich wissenschaftliche
Experten aus aller Welt mit der Geschichte und Gegen-
wart der Tschechischen und der Slowakischen Republik.
Der wissenschaftliche Austausch zwischen der Slowakei
und Deutschland wird zudem durch die Alexander-von-
Humboldt-Stiftung und den Deutschen Akademischen
Austauschdienst gefördert.32

Sehr gut funktionieren die deutsch-slowakischen Bezie-


hungen im Bereich der Städtepartnerschaften. Außer Nitra,

29 | Vgl. Gespräch mit Wolfgang Franz, Goethe-Institut Bratislava,


10.06.2010.
30 | Vgl. Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, „Das DSD II-
Programm in der Slowakei‟, http://auslandsschulwesen.de/
nn_1674788/Auslandsschulwesen/DASAN/Fachberater/
Europa/Bratislava/DSD/node.html?__nnn=true [22.06.2010].
31 | Gespräch mit Wolfgang Franz, Goethe-Institut Bratislava,
10.06.2010.
32 | Gespräch mit Prof. Dr. Peter Zajac, Institut für Slawistik der
Humboldt-Universität zu Berlin, 15.06.2010.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 61

Žilina und Trenčín verfügen alle großen slowakischen


Städte über eine Partnerschaft mit einer deutschen Stadt.
So unterhält die Stadt Bratislava Städtepartnerschaften
mit Bremen, Karlsruhe, Ulm und Regensburg. Košice, die
zweitgrößte Stadt, hat enge Beziehungen
zu Wuppertal und Cottbus, Banská Bystrica Sehr gut funktionieren die deutsch-
ist mit Halberstadt verbunden, Prešov mit slowakischen Beziehungen im Bereich
der Städtepartnerschaften.
Remscheid.

Auch die religiösen Beziehungen sind sehr gut. Seit


seinem Bestehen unterstützt das 1993 von der römisch-
katholischen Kirche gegründete Hilfswerk Renovabis die
Menschen in der Slowakei. Die Unterstützung erfolgt
sowohl projektbezogen als auch mittels der Förderung des
Austauschs zwischen Ost und West. Der Fokus der Projekte
liegt oft im sozialen Bereich. Renovabis förderte etwa den
Bau eines Hospizes in Nitra und verschiedene Projekte für
betreutes Wohnen. Weitere Tätigkeitsschwerpunkte sind
die soziale und pastorale Integration der Minderheit der
Roma sowie die Förderung des Laienapostolats.33 Auch
das Forum christlicher Institutionen (Fórum kresťanských
inštitútcií – FKI), das verschiedene christliche Organisati-
onen unter seinem Dach vereint, erhält finanzielle Zuwen-
dungen von Renovabis. Das FKI dient als Informations-
und Kooperationsplattform für seine Mitglieder, es ist unter
anderem zuständig für die Kontakte zur Regierung und zur
öffentlichen Verwaltung sowie für die Vertiefung internatio-
naler Beziehungen. So war das FKI beispielsweise auch an
der Organisation des zweiten ökumenischen Kirchentages
im Mai 2010 in München beteiligt. Einen weiteren Bezug
zu Deutschland bildet das slowakische Kolpingwerk, das
wiederum eng mit dem internationalen Kolpingwerk mit
Sitz in Köln verbunden ist und sich ebenfalls zu den Mitglie-
dern des FKI zählt. Neben den Beziehungen verschiedener
deutscher und slowakischer Verbände gibt es zudem einige
deutsch-slowakische Partnerschaften wie etwa zwischen
dem Bistum Banská Bystrica und dem Dekanat Ander-
nach oder zwischen der Katholischen Jungen Gemeinde
des Diözesanverbands Limburg und der slowakischen
­Bewegung christlicher junger Gemeinden eRko.34

33 | Vgl. Renovabis, „Länderinformationen Slowakei‟,


http://renovabis.de/laender-projekte/laenderinformationen/
slowakei [23.06.2010].
34 | Gespräch mit Katarína Hulmanová, Fórum kresťanských
inštitútcií, 07.06.2010.
62 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Fazit und Ausblick – Überraschung bei den


Parlamentswahlen im Juni 2010

Die nähere Betrachtung der deutsch-slowakischen Bezie-


hungen brachte äußerst vielfältige politische, wirtschaft-
liche und gesellschaftliche Verbindungen zu Tage. Die
Auffassung von Pavol Lukáč aus dem Jahre 2004 vom
Fehlen einer Gemeinschaft kann daher nicht geteilt
werden. Auch dass viele Beziehungen abseits der öffentli-
chen Wahrnehmung bestehen, sollte nicht als Maßstab für
ihre Bewertung herangezogen werden.

Vor allem im politischen und wirtschaftlichen Bereich fällt


jedoch auf, dass die Beziehungen eher asymmetrischer
Art sind: Während Deutschland für die Slowakei eine
hohe Bedeutung hat, misst es der Slowakei eine geringere
Bedeutung bei.35 Seit einigen Jahren kann jedoch eine
Verringerung dieser Asymmetrie beobachtet werden: Auf
der politischen Ebene wurde die Slowakische Republik in
der EU, der NATO, im Schengenraum sowie in der Euro-
zone zu einem Partner der Bundesrepu-
Um der gesteigerten Bedeutung der blik Deutschland. Auch im wirtschaftlichen
Slowakischen Republik Tribut zu zol- Bereich wird die Slowakei mehr und mehr
len, sollte sich Deutschland besser um
seinen „kleinen‟ Partner in der Mitte als vollwertiger Partner denn als verlängerte
Europas kümmern, beispielsweise Werkbank gesehen. Um der gesteigerten
durch vermehrte Besuche der obers-
Bedeutung der Slowakischen Republik Tribut
ten politischen Ebene.
zu zollen, sollte sich Deutschland auch
angesichts der künftigen Notwendigkeit zur Sicherung
von Mehrheiten innerhalb des EU-Ministerrates besser um
seinen „kleinen‟ Partner in der Mitte Europas kümmern.
Dies könnte beispielsweise durch vermehrte Besuche der
obersten politischen Ebene oder durch die Unterzeichnung
eines eigenen deutsch-slowakischen Freundschaftsver-
trages erfolgen. Umgekehrt sollte die Slowakische Republik
ihre Präsenz in Deutschland erhöhen, um künftig seitens
der Deutschen besser wahrgenommen zu werden.

Vielleicht passiert das ja nun nach den Parlamentswahlen


vom 12. Juni 2010. Bereits am 8. Juli wurde die 53-jährige
Soziologieprofessorin Iveta Radičová als erste Frau in
der Geschichte der Slowakei Regierungschefin, nachdem
sie und die vier Parteichefs der künftigen Mitte-Rechts-

35 | Vgl. Vladimir Bilčík und Juraj Buzalka (2006), 65.


9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 63

Koalition in öffentlicher Zeremonie ihren Koalitionsvertrag


unterzeichnet hatten. „Die Slowakei soll wieder ein Ort
für ein würdiges Leben werden‟, verkündete die künftige
Premierministerin nach der Unterzeichnung des Koaliti-
onsvertrages als gemeinsames Ziel der von ihr geführten
Regierung. Sie versprach „ein verantwortungsvolles und
transparentes Regieren‟, bei dem die Bekämpfung der
Korruption neben der Eindämmung des Haushaltsdefizits
oberste Priorität haben werde. In Anspielung auf zahlreiche
Korruptionsskandale aller bisherigen Regierungen drohte
Radičová auch ihren Regierungspartnern mit „Nulltoleranz‟
schon beim ersten begründeten Verdacht von Korruption.

Und wie werden sich nun die Beziehungen der Slowakei


zur EU und zu Deutschland weiterentwickeln? Der ehema-
lige Premier und neuernannte Außenminister Mikulas
Dzurinda wird sich zunächst einmal darum kümmern
müssen, irritierte EU-Partner zu besänftigen.
„Die Slowakei wird den Euro-Schutzschirm Die Premierministerin Radičová und
nicht blockieren‟, widersprach Premiermi- ihre Partei hatten mit dem Argument,
die arme Slowakei dürfe nicht für das
nisterin Radičová schon eigenen Wahlkampf- reichere Griechenland zur Kasse gebe-
tönen. Etwas Nachverhandeln werde aber ten werden, für merkliche Verstim-
mung in der EU gesorgt.
doch noch nötig sein. Gerade Radičová und
ihre Partei hatten mit dem Argument, die
arme Slowakei dürfe nicht für das reichere Griechenland
zur Kasse gebeten werden, für merkliche Verstimmung
gesorgt, nachdem Fico eine solidarische Beteiligung der
Slowakei bereits zugesichert hatte: „Wir dürfen nicht nur
die Vorteile der Europäischen Union genießen, aber abseits
stehen, wenn unsere Solidarität gefragt ist‟, hatte Fico
wiederholt gemahnt. Man wird sehen, ob bei diesen von
Radicova gewünschten Nachverhandlungen etwas heraus-
kommt oder nicht. Ein Ausscheren der Slowakei aus dem
Solidaritätsprinzip würde von den anderen EU-Partnern
wohl kaum ohne Folgen akzeptiert werden.

Die Beziehungen zu Deutschland werden nunmehr wahr-


scheinlich wieder etwas lebendiger werden. Mikulas
Dzurinda und Angela Merkel kennen und schätzen sich
bereits seit Jahren, und auch die neue slowakische Regie-
rungschefin Iveta Radicova dürfte in Berlin wohl offene
Türen vorfinden, wenn es um den weiteren Ausbau der
64 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

deutsch-slowakischen Beziehungen geht. Und wer weiß,


vielleicht intensiviert die Slowakei auch etwas ihre Präsenz
in Deutschland und wartet nicht nur darauf, dass deutsche
Investoren von allein den Weg in die Slowakei finden.

Das Manuskript wurde am 10. Juli 2010 abgeschlossen.


9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 65

Die Beziehungen Deutschlands


zu den Baltischen Ländern
seit der Wiedervereinigung

Andreas M. Klein / Gesine Herrmann

Die Beziehungen Deutschlands zu Estland, Lettland und


Litauen können zweifelsfrei als gut und intensiv bezeichnet
werden. An der besonderen Qualität der Beziehungen
lässt auch der neue Bundesminister für Auswärtige Bezie-
hungen, Guido Westerwelle, keine Zweifel aufkommen.
Bereits kurz nach seinem Amtsantritt im Herbst 2009
traf er seine Amtskollegen aus den Baltischen Ländern
in Brüssel zu Konsultationen, die im Juli 2010 im traditi- Andreas M. Klein ist
onellen 3+1-Format in Tallinn fortgesetzt wurden. Dieses Auslandsmitarbeiter
der Konrad-Adenauer-
jüngste Treffen der vier Außenminister ist Beleg für die
Stiftung in Riga. Er
engen Beziehungen, die Deutschland zu den Baltischen betreut von dort aus
Staaten insgesamt und zu jedem einzelnen der drei Staaten die Aktivitäten der
Stiftung in den Balti-
unterhält, ebenso wie der Besuch der Staatsministerin schen Ländern sowie
Cornelia Pieper im Baltikum zu Beginn des Jahres, bei dem das Regionalprojekt
es darum ging, insbesondere den Ausbau der kulturellen „Ostseekooperation‟.

Zusammenarbeit mit den Partnern in Estland, Lettland und


Litauen zu beraten. Im September steht die aufgrund der
Bundespräsidentenwahl verschobene Visite von Bundes-
kanzlerin Angela Merkel nach Litauen und Lettland an.
Bei dieser Gelegenheit wird sie sich bei der litau­ischen
Staatspräsidentin Dalia Grybauskaite und dem lettischen
Ministerpräsidenten Valdis Dombrovskis auch über die
Spar- und Reformanstrengungen der beiden von der Wirt- Gesine Herrmann
schafts- und Finanzkrise gebeutelten Länder informieren.  studierte bis Sommer
2009 Politikwissen-
schaften in Chemnitz,
Der Dialog mit den Baltischen Nachbarn findet darüber Berlin und Tartu/
hinaus zum einen in den Europäischen Institutionen Estland mit dem
Schwerpunkt Trans-
in Brüssel und zum anderen in Berlin statt, wohin es
formationsstudien.
sowohl den Staatspräsidenten Lettlands, Valdis Zatlers, Derzeit arbeitet sie
im Januar 2008 als auch den lettischen Ministerpräsi- an der HWR Berlin.
denten Valdis Dombrovskis Ende April 2009 auf eine ihrer
66 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

ersten Auslandsdienstreisen zu politischen Gesprächen


führte. Zuletzt weilte der Auswärtige Ausschuss des estni-
schen Parlaments im März 2010 zu Gesprächen mit dem
Auswärtigen Ausschuss des Deutschen Bundestages und
Vertretern der Bundesregierung in Berlin. Darüber hinaus
tragen die Bundesländer sowie Partnerstädte und -kreise
in Deutschland und den Baltischen Ländern zur Vertiefung
der bilateralen Beziehungen bei.

Zuletzt weilte der Auswärtige Aus- Das besondere gegenseitige Interesse liegt
schuss des estnischen Parlaments in begründet in der über 800-jährigen gemein-
Berlin. Darüber hinaus tragen die Bun-
desländer sowie Partnerstädte und samen Geschichte als Missions- und Sied-
-kreise zur Vertiefung der Beziehungen lungsgebiet des Deutschen Ordens, in den
bei.
Wirtschaftsbeziehungen zur Zeit der Hanse
sowie in der zentralen Lage Deutschlands zwischen den
einstigen Blöcken, die die Welt bis 1990 in sowjetische und
amerikanische Einflusssphären teilte. Einen herausgeho-
benen Stellenwert als „Schicksalstag‟ in den deutsch-balti-
schen Beziehungen nimmt dabei der 23. August 1939 ein,
als der deutsche Außenminister der nationalsozialistischen
Regierung, Joachim von Ribbentrop, und sein sowjetischer
Amtskollege, Wjatscheslaw Molotow, mit der Unterzeich-
nung des geheimen Zusatzprotokolls zum Nichtangriffspakt
zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion, dem
so genannten Hitler-Stalin-Pakt, das vorläufige Ende der
Unabhängigkeit der drei Baltischen Staaten besiegelten.
Daraus leitet sich bis zum heutigen Tage die Verbundenheit
Deutschlands mit und die Verantwortung gegenüber den
drei Baltenrepubliken ab. Dennoch schwankte die deutsche
Außenpolitik gegenüber den baltischen Nachbarn in den
vergangenen zwanzig Jahren zwischen dem „Anwalt der
Balten‟ einerseits und einer Position des advocatus diaboli
andererseits, wenn die baltischen Belange die Erreichung
deutscher Ziele und insbesondere das Verhältnis der
Bundesrepublik zu Russland zu beeinträchtigen drohten.

Die Bundesregierung und die Unabhängigkeits-


bestrebungen der Baltischen Länder

Die Baltikumpolitik Bonns war von 1988 bis zur offiziellen


Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen am 28.
August 1991 maßgeblich davon geprägt, dass die baltische
Frage der Unabhängigkeit eng mit der deutschen Frage der
Wiedervereinigung zusammenhing.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 67

Mit den vom damaligen Generalsekretär der Kommunis-


tischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), Michail Gorbat-
schow, angestrengten Reformen Glasnost und Perestroika
kam es auch in den drei baltischen Sowjetrepubliken zum
nationalen Wiedererwachen. Die Aktivitäten der Bürger-
bewegungen Estlands (Rahvarinne), Lettlands (Tautas
Fronte) und Litauens (Sajūdis) nach größtmöglicher
Autonomie fanden ihren vorläufigen Höhepunkt am fünf-
zigsten Jahrestag der Unterzeichnung des
Hitler-Stalin-Paktes in einer über 600 Kilo- Als Litauen am 11. März 1990 als erste
meter langen Menschenkette, die rund eine baltische Republik seine Trennung von
der Sowjetunion erklärte, hielt sich die
Millionen Menschen von Vilnius über Riga Bundesregierung mit einer Stellung-
nach Tallinn miteinander verband. Wenn- nahme zunächst zurück.
gleich dieser als Baltischer Weg bezeichnete
Bürgerprotest zunächst wirkungslos blieb, beförderte er
dennoch gemeinsam mit den historischen Vorgängen in
Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei gleichermaßen
Entwicklungen, die den Fall der Berliner Mauer und die
Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten erst
möglich machten.

Als Litauen am 11. März 1990 als erste der drei baltischen
Republiken seine umgehende und vollständige Trennung
von der Sowjetunion erklärte, hielt sich die Bundesregie-
rung mit einer Stellungnahme zunächst zurück – sehr zum
Unmut des ersten kommissarischen Staatsoberhauptes
der unabhängigen Republik Litauen, Vytautas Landsbergis:
„Bisher sahen wir nicht, dass wir große Erwartungen in die
Politik Deutschlands setzen konnten.‟1

Um der deutschen Einheit willen war Bonn bestrebt, „dass


der Litauen-Konflikt nicht zum Stolperstein für Michail
Gorbatschow und seine Reformpolitik werden dürfe‟2
und eine weitere Destabilisierung der UdSSR vermieden
werden müsse. Bundeskanzler Helmut Kohl plädierte daher
für eine Politik der kleinen Schritte. Er war der Meinung,
man müsse den Litauern sagen, dass sie mit ihrer Politik
des „Alles oder Nichts‟ ihre Chance, unabhängig zu
werden, aufs Spiel setzten. Zudem war er überzeugt, dass
sie innerhalb der nächsten fünf Jahre mit Klugheit, Geduld

1 | Interview mit Vytautas Landsbergis, in: Der Spiegel


(04.02.1991), 175.
2 | Kai Diekmann und Ralf Georg Reuth, Helmut Kohl, Ich wollte
Deutschlands Einheit, (Berlin: Propyläen Verlag, 1996), 363.
68 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

und psychologischem Geschick ihr Ziel erreichen könnten.3


Es galt, sowohl eine Machtübernahme durch Militärs oder
Hardliner in Moskau als auch die Anwendung von Gewalt in
den Warschauer-Pakt-Staaten abzuwenden. Ein öffentlicher
Einsatz des Westens für die Souveränität der
Bundeskanzler Kohl befürchtete, dass sowjetischen Republiken lag daher zunächst
die Entwicklung im Baltikum negative nicht im Interesse der Bundesregierung.
Auswirkungen auf die Zwei-plus-Vier-
Gespräche haben könnte. Daher lag Somit behandelte die Kohl-Administration
ihm daran, die deutsche Frage von der die baltischen Unabhängigkeitsbestrebungen
baltischen Frage zu entkoppeln.
vorerst als innersowjetische Angelegenheit.

Bundeskanzler Kohl befürchtete, dass die Entwicklung im


Baltikum negative Auswirkungen auf die für Mai termi-
nierten Zwei-plus-Vier-Gespräche haben könnte. Daher lag
ihm daran, die deutsche Frage von der baltischen Frage zu
entkoppeln. Als sich die Lage in Litauen nach dem 1. Juli
aufgrund der vorübergehenden Aussetzung der Unabhän-
gigkeitserklärung entspannte, machten auch die Verhand-
lungen zur Lösung der deutschen Frage bis zur Wiederver-
einigung Deutschlands am 3. Oktober zügige Fortschritte.

Die baltischen Länder mussten sich mit der vollständigen


Wiederherstellung und Anerkennung ihrer Unabhängigkeit
bis ins Jahr 1991 gedulden. Nach den blutigen Zusam-
menstößen der Unabhängigkeitsbewegung Litauens und
Lettlands mit der sowjetischen Spezialpolizeieinheit OMON
in Vilnius und Riga im Januar 1991 wandte sich der deut-
sche Bundeskanzler an den sowjetischen Regierungschef
Gorbatschow mit der Forderung, „jeder weiteren Gewalt-
anwendung Einhalt zu gebieten und zum Weg des Dialogs
und der Verständigung zurückzukehren‟4. Als Zeichen der
Solidarität empfing Bundesaußenminister Hans-Dietrich
Genscher die kommissarischen Außenminister Estlands
und Lettlands, Lennart Meri und Janis Jurkāns, wenige
Wochen später in Bonn. Damit signalisierte die deutsche
Regierung den Balten den lange erhofften Beistand, wenn-
gleich sie deren Eigenstaatlichkeit weiterhin nicht formell
anerkannte.

Das deutsche Engagement und die Zusammenarbeit mit


dem Baltikum nahmen nach den Vorfällen in Riga und Vilnius 

3 | Vgl. ebd., 363-366.


4 | Nach Staatsminister Schäfer am 28.01.1991, in: Bundes-
drucksache 12/66, 1.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 69

merklich zu: Im Februar beantragte die SPD-Bundestags-


fraktion die Errichtung eines baltischen Informationsbüros
in Deutschland, im April öffnete das deutsche Kulturinstitut
in Tallinn, und im Juni gründete der Abgeordnete Wolfgang
von Stetten (CDU) die Deutsch-Baltische Parlamentarier-
gruppe.

Zur Wende in der deutschen Baltikumpolitik kam es


nach dem Moskauer Putschversuch im Sommer 1991.
Die OMON-Übergriffe und der Putsch in Moskau hatten
deutlich die Schwäche der kommunistischen Machthaber
im Kreml einerseits und die Entschlossenheit der Unab-
hängigkeitsbewegungen in den drei baltischen Ländern
andererseits gezeigt. Spätestens seit diesem Zeitpunkt
war davon auszugehen, dass der Verbleib
Estlands, Lettlands und Litauens in der Union Zur Wende in der deutschen Baltikum-
nicht länger mit friedlichen Mitteln, sondern politik kam es nach dem Moskauer
Putschversuch im Sommer 1991.
allenfalls noch mit militärischen Maßnahmen Wenige Tage später formalisierte die
zu sichern war. Die Anwendung von Gewalt Bundesregierung die Beziehungen zu
den baltischen Republiken.
jedoch lag weder im sowjetischen noch im
westlichen Interesse, denn in der damaligen
Situation hätte dies den Verlust des politischen Einflusses
des Kremls bestätigt und die regionale Instabilität
verschärft. Unter Berücksichtigung der vorangegangenen
Ereignisse war zudem davon auszugehen, dass der Kollaps
der UdSSR kaum noch zu verhindern war.

Wenige Tage nach dem Augustputsch in Moskau forma-


lisierte Deutschland am 28. August 1991 als einer der
ersten westlichen Staaten seine Beziehungen zu den
baltischen Republiken. Dabei war nicht von einem Neube-
ginn, sondern von einer Fortsetzung der diplomatischen
Beziehungen die Rede. Schon in der Erklärung, die sich der
Unterzeichnung der Urkunden über die Wiederaufnahme
diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik
Deutschland und den baltischen Staaten anschloss, unter-
strich die Bundesregierung die Möglichkeit von Assoziie-
rungsverhandlungen zwischen der Europäischen Gemein-
schaft (EG) und den neuen Demokratien im Baltikum zu
einem späteren Zeitpunkt.5

5 | Vgl. Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundes-


regierung Nr. 90 (30.08.1991).
70 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Als erster hochrangiger westlicher Politiker besuchte der


deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher am 11.
und 12. September Tallinn, Riga und Vilnius und signali-
sierte damit, dass Bonn die drei Republiken unterstützte.
Um die zukünftigen Inhalte der deutschen Baltikumpolitik
zu identifizieren und zu konkretisieren, setzte er eine parla-
mentarische Evaluierungskommission ein. Der damalige
Staatssekretär Berndt von Staden, ein Baltendeutscher
aus Estland, übernahm die Leitung und schlug vor, dass
sich Deutschland bei den westlichen und internationalen
Institutionen zum „Anwalt der Balten‟ machen sollte.

Deutsche Baltikumpolitik zwischen


Unterstützung und Zurückhaltung

Das Bundeskanzleramt verhielt sich gegenüber den


jungen Ostseerepubliken weiterhin zurückhaltend, trotz
der Aufnahme diplomatischer Beziehungen und der
unmittelbar einsetzenden umfangreichen und mannig-
faltigen bilateralen Zusammenarbeit in
Einem ersten Belastungstest waren kultureller, wirtschaftlicher und sicherheits-
die Beziehungen Deutschlands zu den politischer Hinsicht. Die deutsch-baltischen
drei Baltenrepubliken einerseits und
Russland andererseits während der Beziehungen standen und stehen bis zum
Verhandlungen über den Truppenab- heutigen Tage im Schatten der deutsch-
zug der russischen Armee unterworfen.
russischen Beziehungen. Zunächst war die
deutsche Außenpolitik darauf bedacht, die
deutsche Wiedervereinigung in keiner Weise zu gefährden;
dies galt insbesondere für eine dem Kreml möglicherweise
missliebige Politik gegenüber den baltischen Staaten. Aber
auch nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten
achtete die Bundesregierung darauf, dass die Kontakte zu
den baltischen Ländern die Beziehungen zu Moskau nicht
belasteten.

Einem ersten Belastungstest waren die Beziehungen


Deutschlands zu den drei Baltenrepubliken einerseits und
Russland andererseits während der Verhandlungen über
den Truppenabzug der russischen Armee unterworfen, die
sich auch noch unmittelbar nach der Wiederherstellung der
Unabhängigkeit Estlands, Lettlands und Litauens auf dem
Territorium der ehemaligen Sowjetunion befand. Aus Sicht
der baltischen Staaten war die Anwesenheit der fremden
Streitkräfte eine potenzielle Gefahr für die Integrität und die
Sicherheit der drei Republiken. Während Estland, Lettland 
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 71

und Litauen die schnelle Integration in die westlichen


Bündnisse suchten, trat Russland das Erbe der sowjeti-
schen Großmacht an und rechnete das Baltikum als „Nahes
Ausland‟ zum Moskauer Einflussbereich. Die gegensätz-
lichen außenpolitischen Ziele sowie die divergierenden
Geschichtsauffassungen der Verhandlungspartner führten
dazu, dass der Kreml den geforderten Abzug hinauszö-
gerte und immer wieder an neue Bedingungen knüpfte.

Die baltischen Staaten verfügten weder über die finanzi-


ellen Mittel noch über die politische Macht, um ihre nati-
onalen Sicherheitsinteressen durchzusetzen.
Sie konnten Russland nicht zwingen, die Aus Bonner Sicht war der Abzug der
Truppen schnellstmöglich abzuziehen, und russischen Streitkräfte aus Estland,
Lettland und Litauen neben der regi-
bemühten sich daher um die Unterstützung onalen Kooperation ein wichtiger
der westlichen Regierungen. Auch Bonn Schritt zur Entspannung in der Region.
unterstützte die drei Länder und engagierte
sich international für den baldigen Abzug der Truppen, riet
den baltischen Staaten allerdings, nicht gegen, sondern
mit Russland nach Sicherheit zu streben.6 Damit Moskau
einem baldigen Rückmarsch zustimmen konnte, bewegten
Deutschland und die westlichen Staaten die drei Repub-
liken zu Zugeständnissen, beispielsweise bei der zeitlich
begrenzten Nutzung von Militäranlagen in Lettland und
Estland. Außerdem forderte Bonn die beiden Länder auf,
zu überprüfen, ob die von Russland kritisierten Einbürge-
rungsbestimmungen für die russischsprachige Minderheit
den Vorgaben der KSZE entsprachen, und diese gegebe-
nenfalls zu korrigieren. Infolge des internationalen Drucks
auf beide Seiten verließen die russischen Truppen das
estnische und lettische Staatsgebiet schließlich fristgerecht
zum 31. August 1994, genau ein Jahr nach dem Rückzug
der Einheiten der ehemaligen Okkupationsmacht aus
Litauen. In der Frage des Truppenrückzugs unterstützte
die deutsche Regierung die baltische Forderung, da diese
mit den eigenen Sicherheitsinteressen übereinstimmte.
Aus Bonner Sicht war der Abzug der russischen Streitkräfte
aus Estland, Lettland und Litauen neben der regionalen
Kooperation, etwa im Ostseerat, ein wichtiger Schritt, der
zur Entspannung in der Region beitrug.

6 | Vgl. Udo Bergdoll, „Bonn will Anwalt der Balten sein‟,


in: Süddeutsche Zeitung, 10.07.1993.
72 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Seit der Anerkennung ihrer Unabhängigkeit strebten die


baltischen Staaten die Einbindung in das politische, wirt-
schaftliche und sicherheitspolitische Gefüge der (west-)
europäischen Gemeinschaft an. Dabei nahm die Einbindung
in die transatlantische Sicherheitsallianz für die Balten
einen ungleich höheren Stellenwert ein als die Integra-
tion in die aus ihrer Sicht eher ökonomisch
Genscher sicherte seinen baltischen ausgerichtete EG. Nach den Erfahrungen der
Kollegen zu, dass sich Deutschland für rund fünfzigjährigen Okkupation durch die
die Assoziierung mit der EG einsetzen
werde. Deutlich distanzierter positio- UdSSR war für die baltischen Länder nach der
nierte sich die Bundesregierung hin- Wiedererlangung ihrer Unabhängigkeit ein
gegen gegenüber einer Erweiterung
neutraler Status ebenso wenig eine Option
der NATO.
wie die sicherheitspolitische Kooperation mit
Russland. Die gegenseitigen Sicherheits- und Beistands-
verpflichtungen der NATO-Partner stellten in den Augen
der Balten die einzige Garantie dar, die ihnen dauerhaft
Freiheit und Eigenstaatlichkeit versprach.7

Bereits bei der Wiederaufnahme der diplomatischen


Beziehungen im August 1991 sicherte Genscher seinen
baltischen Kollegen zu, dass sich Deutschland für die
Assoziierung der Republiken mit der EG einsetzen werde.
Entsprechend befürwortete die deutsche Regierung etwa
die Aufnahme der drei Länder in das PHARE-Programm
zum 1. Januar 1992 und den Abschluss von Kooperations-
abkommen mit der Gemeinschaft wenige Monate später.
Deutlich distanzierter positionierte sich die Bundesregie-
rung hingegen gegenüber einer Erweiterung der NATO bis
an die Grenze Russlands, obwohl sich sowohl Bundesver-
teidigungsminister Volker Rühe als auch später Bundesau-
ßenminister Klaus Kinkel aktiv an der Erweiterungsdiskus-
sion beteiligten, diese teilweise gar initiierten.

Insbesondere das bundesdeutsche Außenamt hoffte,


dass engere politische Konsultationen und wirtschaftliche
Kooperation im Ostseeraum die Sicherheitsbedürfnisse
der Baltenrepubliken befriedigen würden. Außenminister
Genscher war davon überzeugt, dass Sicherheit im Ostsee-
raum nur durch eine institutionalisierte Form der Koope-
ration möglich sei, die Balten und Russen gleichermaßen
einbezog. Im Herbst 1991 regte Genscher daher zusammen 

7 | Vgl. Gerd Föhrenbach, „Die Sicherheitskonzepte der baltischen


Staaten‟, in: Sicherheitspolitische Analysen, Nr. 1 (Waldbröl:
Amt für Studien und Übungen der Bundeswehr, 1999).
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 73

mit seinem dänischen Amtskollegen Uffe Ellemann-Jensen


eine Konferenz aller Anrainerstaaten der Ostsee an. Das
Ergebnis der deutsch-dänischen Initiative war die Grün-
dung des Ostseerates am 6. März 1992, an dem sich neben
Dänemark und Deutschland ebenso Estland, Finnland, Lett-
land, Litauen, Russland und Schweden sowie Island und
Norwegen beteiligten. In der Ostseeregion, in der Russ-
land aufgrund seines geopolitischen Gewichts und seiner
historischen Rolle die sicherheitsrelevante Agenda stark
beeinflusste, sollte der Rat über den politischen Dialog auf
Außenministerebene Vertrauen aufbauen.

Der Ostseerat8 war und ist trotz seines unverbindlichen


Mandats ein wichtiges regionales Gremium. In den neun-
ziger Jahren bot er eine neue und angesichts der ange-
spannten baltisch-russischen Beziehungen geforderte
Möglichkeit zum Austausch und zur Zusammenarbeit der
Ostseeanrainer auf Augenhöhe. Bonn unterstützte die
Zusammenarbeit der nord- und osteuropäischen Länder,
um seinen ureigenen Sicherheitsinteressen in der Ostsee-
region nachzugehen. Der multilaterale Rahmen des
Ostseerates sollte den Dialog insbesondere zwischen den
Ostseeanrainerstaaten Estland, Lettland und
Litauen einerseits und Russland andererseits Der Außenminister interessierte sich
fördern und strittige Punkte im Transfor- stets weit mehr für die baltischen
Staaten als der Bundeskanzler. Diese
mationsprozess im Rahmen dieses Forums Rollenverteilung galt 1991/92 für
ausräumen. Darüber hinaus beinhaltet der Kohl und Genscher ebenso wie 1992
bis 1998 für Kohl und Kinkel.
Ostseerat eine ganze Reihe von Initiativen
im Bereich der Demokratieförderung, Wirt-
schaftsentwicklung, Technologie- und Wissenstransfer,
Umweltschutz, Energiesicherheit, Transport und Kommuni-
kation, um die Grundlage für nachhaltiges Wachstum und
Stabilität in der Region zu schaffen.

Der Ostseerat, aber auch die Annäherung der drei balti-


schen Staaten an Europarat, EG und NATO förderten den
zeitweiligen Dualismus zwischen deutschem Außenamt
und Bundeskanzleramt zutage. Der Außenminister inter-
essierte sich stets weit mehr für die baltischen Staaten als
der Bundeskanzler. Sie verfolgten unterschiedliche Prio-
ritäten: Der Minister widmete sich den drei Ländern, der
Kanzler konzentrierte sich auf die Beziehungen zu Moskau.
Diese Rollenverteilung galt 1991/92 für Kohl und Genscher

8 | Vgl. www.cbss.com
74 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

ebenso wie 1992 bis 1998 für Kohl und Kinkel. Die Politiker
verfolgten damit keine strategische Arbeitsteilung, sondern
vertraten unterschiedliche Ansichten zur europäischen
Integration der baltischen Staaten. So war das Auswär-
tige Amt überzeugt, dass die baltischen Republiken gleich
den anderen MOE-Ländern zu einem erweiterten Europa
gehörten, und unterstützte daher deren Bemühungen um
eine baldige, umfassende Mitgliedschaft in den europäi-
schen Institutionen und Organisationen. Das Kanzleramt
hingegen stand der EG/EU-Mitgliedschaft der baltischen
Länder teilweise gleichgültig bis skeptisch gegenüber und
bremste entsprechende Bestrebungen. Ebenso lehnte das
Bundeskanzleramt zunächst die Erweiterung der NATO bis
an die westliche Außengrenze Russlands ab,
Die Verhandlungen über die Erwei- in erster Linie erneut, um nicht die für den
terung von EG und NATO nach Osten Wiedervereinigungsprozess wichtigen Partner
schritten auch nach dem Führungs-
wechsel im Auswärtigen Amt zu Klaus im Kreml zu brüskieren. Angesichts der Kritik
Kinkel nur langsam voran. des Kremls an den Erweiterungsplänen der
NATO plädierte Bonn für einen „Mittelweg
zwischen der Vollmitgliedschaft und der lockeren Zusam-
menarbeit im Kooperationsrat‟9. Für die Balten hingegen
hatte die Aufnahme in die militärische Sicherheitsallianz
oberste Priorität, da sie sich dadurch letzten Endes die für
sie wichtigen Sicherheitsgarantien gegenüber einer mögli-
chen Aggression aus Russland erhofften.

Die Verhandlungen über die Erweiterung von EG und NATO


nach Osten schritten auch nach dem Führungswechsel
im Auswärtigen Amt zu Klaus Kinkel nur langsam voran.
Angesichts der Schwierigkeiten im Transformationsprozess
in den postsowjetischen Ländern reagierte Deutschland
im Frühjahr 1993 zurückhaltend auf den Vorschlag der
dänischen EG-Ratspräsidentschaft, mit den baltischen
Ländern zeitnah Freihandelsabkommen zu verabschieden.
Den Wunsch der Balten, in naher Zukunft mit Verhand-
lungen über die Assoziierung zu beginnen, hielt Bonn zu
diesem Zeitpunkt für unrealistisch. Damit signalisierte die
deutsche Regierung, dass sie die drei Länder noch nicht
für beitrittsfähig hielt, da derartige Gespräche in der Regel
den Abschluss von Europa-Abkommen und die damit
verbundene Perspektive der EG-Vollmitgliedschaft nach
sich zogen.

9 | Karl Feldmeyer, „Auf der Suche nach einem Mittelweg‟,


in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.1993.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 75

Die Zurückhaltung der Bundesregierung wich erst, als 


Deutschland im Juli 1994 turnusgemäß selbst den EU-Rats- 
vorsitz übernahm. Es wurde als erklärtes Ziel der Rats-
präsidentschaft formuliert, die MOE-Staaten weiter an die 
Union heranzuführen sowie innerhalb von sechs Monaten
EU-Assoziierungsabkommen mit allen drei baltischen Län- 
dern zu unterzeichnen. Entsprechend beschrieb Bundes­
außenminister Kinkel in einem Namensartikel die Haltung
der Bundesregierung im März 1994:

„Deutschland befürwortet mit Nachdruck, die balti-


schen Staaten konsequent über eine Assoziation zu
einer vollen Mitgliedschaft in der Europäischen Union
zu führen. Wir wollen diesen Staaten rasch und groß-
zügig dabei helfen, den ihnen gebührenden Platz in
Europa zu finden. Als Fürsprecher und Anwalt der
baltischen Staaten setzen wir uns dafür ein, noch in
diesem Jahr Europa-Abkommen mit den baltischen
Staaten abzuschließen. Die Europäische Union bliebe
unvollkommen, wenn nicht eines Tages auch alle drei
baltischen Staaten Mitglieder würden.‟10

Während der deutschen Ratspräsidentschaft appellierte


Bonn wiederholt an die europäischen Staats- und Regie­
rungschefs, der baldigen Aufnahme von Assoziierungs-
gesprachen mit den baltischen Ländern zuzustimmen.
Schlussendlich entschied der Europäische Rat auf dem
Essener EU-Gipfel am 9. und 10. Dezember
1994 einstimmig, die Verhandlungen mit Als Ziel der EU-Ratspräsidentschaft
Litauen, Lettland und Estland über Europa- 1994 formulierte Deutschland, inner-
halb von sechs Monaten EU-Assoziie-
Abkommen aufzunehmen. Damit hatte die rungsabkommen mit allen drei balti-
Bundesregierung die europäische Integration schen Ländern zu unterzeichnen.
der baltischen Staaten maßgeblich voran-
gebracht. Die rasche Unterzeichnung der Abkommen mit
allen drei baltischen Staaten war ein Erfolg für die deutsche
Außenpolitik und förderte das Selbstverständnis der drei
jungen Demokratien als Teil des westlichen Wertekanons.
Die Beschlüsse unterstrichen, deutlich an die Adresse
Moskaus gerichtet, die Souveränität und die europäische
Perspektive der drei Staaten.

10 | Klaus Kinkel, „Die Zukunft des Baltikums liegt in Europa‟,


in: Die Welt, 05.03.1994.
76 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Aller Unterstützung vor und während der deutschen


EU-Ratspräsidentschaft zum Trotz hielt sich die deut-
sche Bundesregierung jedoch auch weiterhin mit einem
eindeutigen Fahrplan für die Aufnahme der
Die Balten waren enttäuscht, dass sich baltischen Länder in die EU zurück. Unter
Bonn ausweichend verhielt und ihr Berücksichtigung der russischen Interessen
Anliegen, bereits in der ersten Erweite-
rungsrunde aufgenommen zu werden, plädierte der deutsche Kanzler zunächst
nicht unterstützte. nur für die uneingeschränkte Aufnahme
Polens, der Tschechischen Republik und Ungarns als neue
Mitglieder in der EU und NATO. Der Beitritt der übrigen
MOE-Staaten zu auch nur einer der beiden Organisationen
wurde zunächst auf die undatierte Zukunft geschoben.

Die Position der Bundesregierung bezüglich der Erweite-


rungsperspektive der Länder Mittel- und Osteuropas legte
Bundesverteidigungsminister Rühe im November 1996
bei einer Vortragsreise nach London dar: „Die wichtigste
Botschaft an die Länder, die noch nicht Mitglied werden, ist
das politische Signal: Wir sind in einem offenen politischen
Prozess; wir sagen nicht ‚nein‛, sondern ‚noch nicht‛.‟11
Dass die baltischen Staaten zu den „Noch-nicht‟-Beitritts-
kandidaten gehören würden, galt zu diesem Zeitpunkt
bereits als wahrscheinlich. Die Balten waren enttäuscht,
dass sich Bonn so ausweichend verhielt und ihr Anliegen,
bereits in der ersten Erweiterungsrunde aufgenommen zu
werden, nicht wie gehofft unterstützte.12

Kurz nach dem Entschluss der kleinen NATO-Erweiterung


im Juli 1997 legte die EU-Kommission ihre Stellungnahmen
zur Beitrittsfähigkeit der zehn Kandidaten vor. Sie empfahl,
die Gespräche zunächst mit Estland, Polen, Slowenien, der
Tschechischen Republik, Ungarn und Zypern zu beginnen.
Um zu verhindern, dass die Zurückstellung und Enttäu-
schung Lettlands und Litauens die bereits geleisteten und
noch notwendigen Reformprozesse beeinträchtigten, traf
der deutsche Außenminister im Oktober 1997 seine drei
baltischen Amtskollegen in Riga. Dabei ermutigte er die
beiden südlichen Baltenrepubliken, das estnische Beispiel
anführend, ihre Reformbemühungen weiter fortzusetzen
und an den Kopenhagener Kriterien auszurichten.

11 | Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregie-


rung, Nr. 94 (22.11.1996).
12 | Jasper von Altenbockum, „Die baltischen Staaten sind von
Bonn enttäuscht‟, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung,
19.07.1996.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 77

Die von 1998 bis 2005 amtierende Koalition aus SPD und
Bündnis 90/Die Grünen unter Bundeskanzler Gerhard
Schröder führte im Wesentlichen die verbindlich-unver-
bindliche Baltikumpolitik der Vorgängerregierung fort.
Dabei fürchteten die MOE-Staaten vor allem zu Beginn
der rot-grünen Regierung, dass Bonn sich in Zukunft noch
weniger für die Erweiterung der Union interessieren würde
als bisher. Im Vorfeld des Wiener EU-Gipfels im Dezember
1998 betonte Bundeskanzler Schröder, dass der Zeitpunkt
der Erweiterung noch nicht feststünde und es aufgrund
weiterhin offener Fragen leichtfertig sei, terminliche
Zusagen zu machen. Auch das Lippenbekenntnis seines
Außenministers Joschka Fischer, Deutschland verstünde
sich weiterhin als „Anwalt der Mittel- und Osteuropäer
in der EU‟13, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass
keines der Kabinettsmitglieder der rot-grünen Koalition
sich besonders für das Baltikum engagierte. Berlin förderte
in diesen Jahren weder den Fortgang der Verhandlungen
mit Estland noch die Aufholprozesse Lettlands und Litauens
nachdrücklich. Dennoch setzten auch Lettland und Litauen
in der zweiten Runde den Acquis communitaire erfolgreich
um und konnten gemeinsam mit Estland und fünf weiteren
Ländern Mittel- und Osteuropas sowie Malta und Zypern
am 1. Mai 2004 der EU beitreten, nachdem bereits zuvor
die Aufnahme in die NATO erfolgt war.

Für Verstimmung in den baltisch-deutschen Beziehungen


sorgte das von einem russisch-deutschen Firmenkonsor-
tium geführte milliardenschwere Erdgaspro-
jekt Nord Stream, das Wyborg in Russland Lettland und Litauen setzten in der
mit seinem Endpunkt Lubmin nahe Greifs- zweiten Runde den Acquis commu-
nitaire erfolgreich um und konnten
wald in Deutschland verbinden und ab 2012 gemeinsam mit Estland am 1. Mai
bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich 2004 der EU beitreten.
in die EU transportieren soll. Im Prozess
der Vorbereitung des Projektes, das Teil des Europäi-
schen Energienetzwerkes werden soll, fühlten sich die
drei Baltischen Länder von den für das Projekt werbenden
Regierungen Russlands und Deutschlands wenn nicht
gleich übergangen, so zumindest nicht hinreichend über
die Pläne informiert. Angesichts des wenig diplomatischen
Vorgehens von Bundeskanzleramt und Kreml in dieser
Angelegenheit sowie der offen zur Schau getragenen

13 | Interview mit Joseph Fischer, in: Süddeutsche Zeitung,


27.11.1998.
78 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

„Männerfreundschaft‟14 zwischen Gerhard Schröder und


Russlands Präsident Wladimir Putin zogen eine ganze
Reihe von baltischen Politikern in der öffentlichen Diskus-
sion Parallelen zum Hitler-Stalin-Pakt, als zwischen Berlin
und Moskau über die Zukunft der baltischen Republiken als
Teil der sowjetischen Einflusszone entschieden worden war.
Obwohl der Vergleich an sich jeder Grundlage entbehrt,
ist er dennoch ein Beleg für die tiefe Verunsicherung
und das mangelnde Selbstbewusstsein der Balten nach
der fünfzigjährigen Besatzungszeit. Dass eine gewisse
Skepsis gegenüber einem ehemaligen Besatzungsregime
vorherrscht, das die Auflösung der Sowjetunion als „größte
geopolitische Katastrophe des (zwanzigsten)
Der Georgien-Konflikt im Sommer 2008 Jahrhunderts‟15 bezeichnet, sowie gegen-
hat in den Baltischen Ländern aufgrund über dessen politischem Partner, der den
vergleichbarer Erfahrungen mit der sow-
jetischen Expansionspolitik zu großen Urheber dieses Statements als „lupenreinen
emotionalen Reaktionen geführt. Demokraten‟ charakterisiert16, ist nachvoll-
ziehbar. Nicht zuletzt der Georgien-Konflikt
im Sommer 2008 hat in den Baltischen Ländern aufgrund
vergleichbarer Erfahrungen mit der sowjetischen Expansi-
onspolitik im zwanzigsten Jahrhundert zu großen emotio-
nalen Reaktionen geführt.17

Fazit

Das Verhältnis Deutschlands zu den baltischen Nachbarn


wurde in den zurückliegenden zwanzig Jahren im Wesent-
lichen sowohl vom Bemühen der jeweiligen Bundesregie-
rung um gute Beziehungen zu Russland als auch von der
historisch-politischen Verbundenheit Deutschlands zum
Baltikum geleitet.

14 | Vgl. Michael Thumann, „Anatomie einer Männerfreund-


schaft‟, in: Die Zeit, 09.09.2004, abrufbar unter:
http://zeit.de/2004/38/Putin_2fSchr_9ader [05.08.2010].
15 | Rede des russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin zur
Lage der Nation vor der Duma am 25.04.2005, zitiert nach:
Russland Analysen, Nr. 63 vom 29.04.2005, 13.
16 | So der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder auf die
Frage von Reinhold Beckmann, ob er den russischen Staats-
präsidenten Wladimir Putin als lupenreinen Demokraten
betrachte. Beckmann, ARD, 22.11.2004.
17 | Vgl. zur Einschätzung des außenpolitischen Anspruchs
Russlands unter Putin u.a. Erich G. Fritz, „Gute Worte –
Falsche Taten‟, in: Die Politische Meinung Nr. 440, Juli 2006,
53-56.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 79

Bis zum Jahr 1990 war es das Primat der deutschen


Außenpolitik, die Wiedervereinigung Deutschlands in
Frieden und Freiheit unter Beibehaltung der europäischen
und transatlantischen Partnerschaften zu erreichen. Nach
der Wahl Michail Gorbatschows zum Generalsekretär der
KPdSU und seiner anschließenden Reformpolitik bot sich
der Bundesregierung unter der Führung Helmut Kohls
dieses möglicherweise einmalige „window of opportunity‟
zur Vereinigung beider deutscher Staaten. Die Einheit
Deutschlands war allerdings auch zu diesem Zeitpunkt nur
mit dem Wohlwollen und der Zustimmung Moskaus auf
friedlichem Wege zu erreichen und konnte nur mit entspre-
chenden Sicherheitsgarantien an den Kreml einhergehen.
Wenn die deutsche Politik eine zurückhaltende Position zu
den baltischen Wünschen einnahm, wie bei den baltischen
Forderungen nach Unabhängigkeit und Aufnahme in die
NATO, geschah dies um der deutschen Interessen willen.

Deutschland setzte sich immer dann aktiv auch für die


baltischen Belange ein, wenn derartiges Verhalten die
Erreichung der eigenen nationalen Ziele nicht gefährdete.
Keine deutsche Regierung konnte die Position des Kremls
zum Baltikum ignorieren, wenn sie das Wohlwollen der
Moskauer Führung und damit die von ihr angestrebten
Ziele nicht aufs Spiel setzen wollte. Die konfliktreichen
Beziehungen zwischen Moskau und den baltischen Staaten,
beispielsweise in Hinblick auf den Truppenabzug und die
russischsprachige Minderheit, verkomplizierten die Lage
zusätzlich. Unter diesen Bedingungen entschieden sich
die deutschen Regierungen für eine Baltikumpolitik, die
Deutschland wiederholt den Vorwurf zu großer Rücksicht-
nahme auf Moskau eintrug.

Der zweite bedeutende Faktor, der auf die Politik der


Bundesregierungen einwirkte, war die wechselvolle
deutsch-baltische Geschichte. Das heutzutage in der
Summe positiv bewertete Wirken des Deutschen Ordens
und der Deutschbalten seit dem 13. Jahrhundert einerseits
und die negativen Auswirkungen des Hitler-Stalin-Pakts
vom August 1939 andererseits begründeten Deutschlands
Verbundenheit mit und Verantwortung gegenüber den drei
Republiken. Vor allem in den ersten Transformationsjahren
verwies die Bundesregierung häufig auf diese historischen 
80 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Determinanten. Die daraus resultierende Verpflichtung war


und ist eine wichtige Antriebskraft der deutschen Baltikum­
politik.

Ob Deutschland der selbst zugeführten Rolle als „Anwalt


der Balten‟ immer gerecht wurde, ist vielerorts diskutiert
worden.18 Insgesamt lässt sich konstatieren, dass sich alle
deutschen Regierungen von Helmut Kohl über Gerhard
Schröder bis zu Angela Merkel sowohl in den internatio-
nalen Organisationen als auch über bilaterale Vereinba-
rungen für die baltischen Staaten engagierten, wenn auch
mit wechselnder Intensität. Sowohl die Aufnahme Estlands,
Lettlands und Litauens in die Europäische Union als auch
in die NATO wäre ohne das Zutun der deutschen Außen-
politik so rasch nicht möglich gewesen. Bis zum heutigen
Tage bieten sowohl Kanzleramt als auch
Während sich die Balten eine eindeu- Außenamt ihre unterstützende und vermit-
tigere Positionierung zu ihren Gunsten telnde Rolle auf europäischer Ebene an, um
wünschen würden, erwartet Deutsch-
land im Umkehrschluss eine größere für die Balten zentrale Fragen der inneren
Gelassenheit im Umgang mit dem rus- und äußeren Sicherheit zu befördern. Dass
sischen Nachbarn.
der Ton die Musik auch auf dem außenpoliti-
schen Parkett bestimmt, ist spätestens seit der Diskussion
um die Verlegung der Ostseepipeline Nord Stream im Jahr
2005 offenbar geworden.

Immer wenn es darauf ankam, wie beispielsweise während


der Zwischenfälle in Vilnius und Riga zu Beginn des Jahres
1991 oder während der heißen Phase des Georgien-
Konfliktes im August 2008, die auf einen Besuch der
Bundeskanzlerin Angela Merkel in Tallinn fiel, stand die
deutsche Bundesregierung solidarisch hinter den balti-
schen Freunden und Partnern. Während sich die Balten
von den deutschen Partnern jedoch auch in konfliktfreien
Phasen eine eindeutigere Positionierung zu ihren Gunsten
wünschen würden, erwartet Deutschland im Umkehr-
schluss eine größere Gelassenheit im Umgang mit dem
russischen Nachbarn insbesondere vor dem Hintergrund
der unumkehrbaren Verankerung der baltischen Länder in
der Europäischen Union und der Transatlantischen Sicher-
heitsallianz.

18 | Vgl. Helge Danchert, ‚Anwalt der Balten‛ oder Anwalt in


eigener Sache?: Die deutsche Baltikumpolitik 1991-2004,
(Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag, 2008).
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 81

Über die Befindlichkeiten des


deutsch-französischen Paares
zwei Jahrzehnte nach der
Wiedervereinigung

Jörg Wolff / Laura-Theresa Jaspers

Deutschland und Frankreich sind in vielfältiger Weise und


mit engmaschigen Netzwerken verbunden. Dies gilt für den
politischen, wirtschaftlichen und institutionellen Bereich
wie für die kulturellen und zivilgesellschaftlichen Ebenen.
Dabei kommt der politischen Zusammenarbeit mit ihren
umfassenden Abstimmungs- und Kooperationsmecha-
nismen im internationalen Vergleich eine einzigartige Stel-
lung zu. Die gegenseitige Verflechtung zwischen beiden Jörg Wolff ist Aus-
Nachbarländern ist tiefer als mit irgendeinem anderen landsmitarbeiter der
Konrad-Adenauer-
Staat. Sie ist langfristig-strategisch angelegt und prägte Stiftung in Paris.
in der Vergangenheit entscheidend den europäischen
Integrationsprozess. Insoweit ist es nachvollziehbar, wenn
die bilateralen Beziehungen als „deutsch-französisches
Tandem‟, als „europäischer Motor‟ oder als „Schwungrad
für Europa‟ bezeichnet werden. Die deutsch-französische
Aussöhnung war am Ende des Zweiten Weltkrieges alles
andere als selbstverständlich. Sie stellt in ihrem Ergebnis
eine herausragende politische Leistung von geschicht-
lichem Format dar. An ihre Grundlagen ist besonders in Laura-Theresa Jaspers
studiert Romanistik in
Zeiten gelegentlicher Irritationen und Missverständnisse Dresden und war von
zwischen beiden Ländern immer wieder zu erinnern. April bis Juli 2010 im
Auslandsbüro der
Konrad-Adenauer-
Entwicklungsphasen der deutsch- Stiftung in Paris tätig.
französischen Beziehungen

Die deutsch-französischen Beziehungen nach dem Zweiten


Weltkrieg werden in der Regel in drei Phasen eingeteilt.
Die erste Periode war von der Versöhnung beider Länder
und ihrem Ausgleich geprägt und mit dem europäi-
schen Neubeginn verbunden. Dafür steht die historische
82 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

­Unterzeichnung des Élysée-Vertrages 1962. Es folgten


Jahrzehnte der Institutionalisierung und Dynamisierung der
bilateralen Zusammenarbeit und des weiteren Aufbaus der
Europäischen Gemeinschaft. Diese zweite Phase dauerte
bis zur deutschen Wiedervereinigung 1990. Die darauf
aufbauende europäische Osterweiterung, die
Die Sicht der krisenreichen Vierten Jahre von Maastricht bis zum Inkrafttreten
Republik (1948 bis 1956) auf den deut- des Vertrags von Lissabon, die Einführung
schen Nachbarn war von vorsichtigem
Misstrauen, Sicherheitserwägungen der Wirtschafts- und Währungsunion mit
und Kontrollabsichten geprägt. ihrem Stabilitäts- und Wachstumspakt und
die Europäische Sicherheits- und Verteidi-
gungspolitik charakterisieren bis heute die dritte Phase
der deutsch-französischen Zusammenarbeit. Eine vierte
Phase, an deren Beginn wir gegenwärtig stehen, wird sich
vermehrt mit der Weiterentwicklung einer gemeinsamen
Politikgestaltung auf bilateraler Ebene befassen müssen.
Daneben gilt es, eine tragfähige Übereinstimmung für die
Umsetzung des Vertragswerkes von Lissabon zu erzielen,
europäische Handlungsoptionen für die Gestaltung einer
internationalen Ordnung zu finden und insgesamt die
Frage der Rolle Europas in einer neuen multipolaren Welt
überzeugend zu beantworten.

Der Beginn: Europa als Geburtshelfer

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war nach den


beiden Weltkriegen ein starker Antagonismus fest im
kollektiven Bewusstsein der beiden Völker verankert, der
sich auch in dem Begriff „Erbfeindschaft‟ äußerte.1 So
war die Sicht der krisenreichen Vierten Republik (1948
bis 1956) auf den deutschen Nachbarn von vorsichtigem
Misstrauen, Sicherheitserwägungen und Kontrollabsichten
geprägt. Man fürchtete ein Erstarken des Nachbarn und
damit eines neuen Nationalismus. Daher war Paris zunächst
bestrebt, Deutschland durch eine verstärkte Föderalisie-
rung zu kontrollieren. Die westlichen Siegermächte, insbe-
sondere die USA, forderten wegen des Koreakrieges und
des Beginns des Kalten Krieges jedoch eine rasche Inte-
gration Deutschlands in die westliche Gemeinschaft. Auf
dieser Grundlage strebte Frankreich in seiner ­Europapolitik

1 | Vgl. Wolfram Vogel, „Die deutsch-französischen Beziehungen‟,


in: Adolf Kimmel und Henrik Uterwedde (Hrsg.), Länder-
bericht Frankreich. Geschichte, Politik, Wirtschaft, Gesell-
schaft (Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften,
2005), 419.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 83

Sicherheit gegenüber Deutschland durch Einbindung und


Kontrolle an und versuchte gleichzeitig, seine eigene
Führungsrolle in Westeuropa auszubauen. Jedoch konnte
nur die Lösung der für Frankreich essenziellen Themen wie
die Kontrolle des Ruhrgebietes, die Saarfrage
und die Sorge vor einer deutschen Wieder- Trotz des Scheiterns einer Europäischen
bewaffnung den Weg für eine deutsch-fran- Verteidigungsgemeinschaft wurde das
Ziel eines vereinten Europas und der
zösische Versöhnung ebnen.2 Dem kam auch deutsch-französischen Annäherung in
die Bildung einer Förderation europäischer Deutschland vor allem durch Konrad
Adenauer weiterverfolgt.
Staaten entgegen, die 1949 in Form des
Europarats gelang.

Ein weiterer Impuls erfolgte durch den Vorschlag Robert


Schumans vom 9. Mai 1950, durch eine Europäische
Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) die gesamte
deutsche und französische Montanindustrie zusammenzu-
fassen und einer gemeinsamen Aufsichtsbehörde zu unter-
stellen. Er wurde 1951 als Montanunion unter Einbezug der
Benelux-Staaten und Italiens verwirklicht. Dadurch konnten
Frankreich und Deutschland „ihre Länderbeziehung auf
den gemeinsamen Bezugspunkt einer neu zu schaffenden
Europäischen Gemeinschaft ausrichten‟3. Frankreich
suchte durch dieses Projekt maßgeblich sicherheitspoliti-
sche Interessen umzusetzen, während Deutschland darin
eine Möglichkeit sah, auf europäischer Ebene schrittweise
seine Souveränität zurückzuerlangen und einen wich-
tigen Schritt der Westbindung zu vollziehen. Trotz des
Scheiterns einer Europäischen Verteidi­gungsgemeinschaft
wurde das Ziel eines vereinten Europas und der deutsch-
französischen Annäherung in Deutschland vor allem durch
Konrad Adenauer weiterverfolgt.

Mit der Wiederangliederung des Saarlandes an die Bundes-


republik nach einer Volksabstimmung 1955 war der Weg
für eine volle Aussöhnung beider Staaten frei. Trotz der
krisenreichen letzten Jahre der Vierten Republik konnten
nach der Bildung der Euratombehörde die Römischen
Verträge unterzeichnet werden, welche die Europäische
Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) als Kern der heutigen
Europäischen Union (EU) errichteten. Die deutsch-fran-
zösischen Beziehungen wurden in diesem Zeitraum auf
beiden Seiten des Rheins primär als nötiges Werkzeug für

2 | Vgl. Vogel (2005), 420.


3 | Ebd., 420.
84 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

die Ausgestaltung der europäischen Einigung verstanden.


Die Fünfte Republik (seit 1958) wurde in den ersten elf
Jahren von der Persönlichkeit Charles de Gaulles domi-
niert. Seine Außenpolitik war durch die Aufrechterhaltung
einer weitgehenden Unabhängigkeit Frankreichs gekenn-
zeichnet. Er sprach sich gegen die Abgabe
Die enge Annährung beider Länder von Souveränitätsrechten an die EWG aus
fand ihren Abschluss im „Élysée- und verfolgte das Ziel eines „Europas der
Vertrag‟. Er symbolisierte die Versöh-
nung beider Völker als geschichtliches Vaterländer‟. Folgerichtig zog er Frankreich
Ereignis. aus den Strukturen der NATO zurück und
baute eine eigene Atomstreitmacht auf. Bereits 1958 lud er
Konrad Adenauer nach Colombey-les-Deux-Églises ein, wo
beide die Grundlagen für eine stärkere bilaterale Zusam-
menarbeit und Aussöhnung legten.4 Es war der Ausgangs-
punkt einer engen Annäherung beider Länder.

Sie fand ihren Abschluss im „Vertrag zwischen der Bundes-


republik Deutschland und der Französischen Republik
über die deutsch-französische Zusammenarbeit‟, der
seither nach dem Dienstsitz des französischen Präsidenten
„Élysée-Vertrag‟ genannt wird. Er markierte „sowohl das
Ende als auch den Anfang einer Entwicklung‟5 und symbo-
lisierte die Versöhnung beider Völker als geschichtliches
Ereignis. Er setzte die Erkenntnis beider Staatsmänner um,
dass beide Völker solidarisch miteinander verbunden sein
müssen und eine enge Zusammenarbeit ein unerlässlicher
Teil des Weges zu einem vereinten Europa sei. Wie Konrad
Adenauer selbst in seinen Erinnerungen ausführt, werde
dieser Vertrag von der Geschichtsschreibung als eines der
wichtigsten und wertvollsten Vertragswerke der Nach-
kriegszeit bezeichnet.

Der Elysée-Vertrag: Fundament für Versöhnung


und Zukunft

Ob der Élysée-Vertrag im Sinne Charles de Gaulles als


Gegengewicht gegen die beiden Supermächte gedacht war
oder nicht bzw. ob er mit ihm ein vereinigtes Europa unter
französischer Führung anstrebte, ist unerheblich. Denn

4 | Vgl. Ernst Weisenfeld, „Deutsch-Französische Beziehungen


1945-2007‟, in: Ingo Kolboom, Thomas Kotschi und Edward
Reichel (Hrsg.), Handbuch Französisch. Sprache, Literatur,
Kultur, Gesellschaft. Für Studium, Lehre, Praxis (Berlin:
Erich Schmidt Verlag, 2008), 680.
5 | Vogel (2005), 422.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 85

der Vertrag gestaltet bis heute grundlegend das Verhältnis


beider Länder zueinander und er legte das organisatori-
sche und programmatische Fundament für eine enge bila-
terale Zusammenarbeit und Abstimmung. Seine Forderung
nach regelmäßigen Konsultationen und Koordinationen
zur Behandlung von Fragen „von gemeinsamem Inter-
esse‟ soll „soweit wie möglich zu einer gleichgerichteten
Haltung‟ führen. Rückblickend liegt die Bedeutung des
Vertrags heute vor allem in der Erkenntnis, dass unter-
schiedliche Positionen und Interessen beider Länder ein
gemeinsames Handeln nicht verhindern, sondern tragbare
Konsense und damit sinnvolle Politikoptionen ermöglichen.
In diesem Sinne drückte und drückt er den gemeinsamen
Willen beider Länder aus, das gegenseitige Verständnis
zu vertiefen, die Kooperation zu institutionalisieren und
auszubauen. Dies hat sich in der Folge als Stabilisie-
rungs- und Vertrauensfaktor für die deutsch-französische
Partnerschaft erwiesen und wurde von allen Regierungen,
unabhängig von parteipolitischen Richtungen, auch als
Verpflichtung betrachtet.

Der Vertrag legte die Zusammenarbeit in Bereichen der


auswärtigen Angelegenheiten, der Verteidigung sowie in
Erziehungs- und Jugendfragen fest. Von zentraler Bedeu-
tung haben sich die bilateralen Treffen zwischen Staats-
und Regierungschefs erwiesen, die mindes-
tens zweimal jährlich stattfinden und einen Von zentraler Bedeutung haben sich
strukturbildenden Charakter für das deutsch- die bilateralen Treffen zwischen Staats-
und Regierungschefs erwiesen, die
französische Verhältnis angenommen haben. mindestens zweimal jährlich stattfin-
Sie haben ferner zu vielen Gemeinschaftspro- den und einen strukturbildenden Cha-
rakter für das deutsch-französische
jekten geführt. Darüber hinaus hat sich auf
Verhältnis angenommen haben.
der Grundlage des Vertrags, wie zu Recht in
einer im Mai erschienen KAS/Ifri-Studie zu
den deutsch-französischen Beziehungen festgestellt wurde,
„von Gipfel zu Gipfel und Jahrestag zu Jahrestag eine Viel-
falt an Kooperationsstrukturen zwischen den Regierungen,
den Behörden, den Ministerien und den Zivilgesellschaften
entwickelt, die in der Welt einzigartig ist‟.6

6 | Hans Stark, „Rück- und Ausblick: Frankreich – Deutschland,


eine komplexe Beziehung‟ in: Konrad-Adenauer-Stiftung
Frankreich (Hrsg.), Deutschland – Frankreich: Fünf Visionen
für Europa / France – Allemagne: Cinq visions pour l’Europe
(Paris: Konrad-Adenauer-Stiftung, 2010), 25.
86 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Die Zusammenarbeit im Wandel der Zeiten

Der Ausbau des Vertrags stand in der Folge zunächst im


Mittelpunkt der Beziehungen, wenngleich von Frankreich
in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre „gemeinsame
Aktionen‟ angemahnt wurden. Unter der Präsidentschaft
von Georges Pompidou verzeichnete der deutsch-franzö-
sische Bilateralismus kaum Aufwind. Die Ostpolitik von
Willy Brandt weckte Befürchtungen, dass die
Als günstiger Faktor kamen mit Valéry Bundesrepublik sich nach Osten orientieren
Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt könnte und Frankreich nicht in diese neue
nahezu gleichzeitig zwei Politiker an
die Macht, die sich kannten – und Phase der europäischen Politik einbezogen
schätzten. sei. In der Zwischenzeit hatte sich auch
die wirtschaftliche Bedeutung zugunsten Deutschlands
verschoben und damit das in französischen Augen wich-
tige „relative Gleichgewicht‟7 verändert. Die Währungs-
politik sowie die Zukunft des Gemeinsamen Agrarmarktes
ergaben weitere Unstimmigkeiten. Dennoch konnten
bemerkenswerte Vereinbarungen abgeschlossen werden,
so die gemeinsame Produktion des Airbus (1969), die
Errichtung deutsch-französischer Gymnasien und 1972 die
Einführung des deutsch-französischen Abiturs.

Die zweite bedeutende Phase der deutsch-französischen


Zusammenarbeit begann in den siebziger Jahren vor dem
Hintergrund der ersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit
und der Neuordnung des internationalen Währungssys-
tems. Als günstiger Faktor für das deutsch-französische
Verhältnis kamen mit Valéry Giscard d’Estaing und Helmut
Schmidt nahezu gleichzeitig zwei Politiker an die Macht, die
sich bereits aus ihren vorigen Funktionen als Finanzminister
kannten  – und schätzten. Die Zugkraft dieses „Tandems‟
konzentrierte sich auf bemerkenswerte wirtschaftliche,
europäische und internationale Initiativen mit bleibender
Substanz: Abstimmung der ökonomischen Entwicklung
beider Länder mit Blick auf eine künftige europäische Wirt-
schafts- und Währungsunion (WWU), Schaffung des euro-
päischen Rates der Staats- und Regierungschefs, Errich-
tung eines Weltwirtschaftsgipfels (G7) und Einführung des
Europäischen Währungssystems (EWS).8

7 | Vgl. Vogel (2005), 424 ff.


8 | Ebd., 425.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 87

Das deutsch-französische Verhältnis war zu Beginn der


achtziger Jahre von der internationalen sicherheitspoliti-
schen Lage bestimmt, die von dem Doppelbeschluss der
NATO (1979) dominiert war und zu einer Verschlechte-
rung der Ost-West-Beziehungen führte. Der Nachrüs-
tungsbeschluss komplizierte zunächst die Beziehungen,
da beide Länder unterschiedliche sicherheitspolitische
Konzeptionen vertraten. 1982 fanden die 40. deutsch-
französischen Konsultationen erstmals zwischen François
Mitterrand und Helmut Kohl statt. Sie beschlossen eine
aktive bilaterale Zusammenarbeit im Bereich der Sicher-
heits- und Verteidigungspolitik. Beide Seiten betonten das
Festhalten an beiden Teilen des NATO-Doppelbeschlusses,
keine Einbeziehung der französischen Nuklearstreitkräfte
in die Rüstungskontroll-Verhandlungen und die Fortset-
zung des KSZE-Prozesses. Anlässlich der Feier des 20.
Jahrestages des Élysee-Vertrags sicherte der französi-
sche Präsident in einer Aufsehen erregenden Rede im
Bundestag der Bundesregierung seine Unterstützung bei
der Durchsetzung des Doppelbeschlusses zu.
Dies entspannte das deutsch-französische Frankreichs Reaktionen auf die Wie-
Verhältnis. In einer bewegenden Zeremonie dervereinigung blieben verhalten. Die
französische Regierung übte sich in
bei einem Besuch der Schlachtfelder von einer „Verzögerungstaktik‟.
Verdun 1984 erklärten François Mitterrand
und Helmut Kohl, dass „beide Völker unwiderruflich den
Weg des Friedens, der Vernunft und der freundschaftlichen
Zusammenarbeit eingeschlagen haben‟. 1986 verein-
barten beide Regierungen den Ausbau der außen-, sicher-
heits- und verteidigungspolitischen Zusammenarbeit, der
1987 durch eine Deutsch-Französische Brigade und 1988
durch die Einrichtung des „Deutsch-Französischen Vertei-
digungs- und Sicherheitsrats‟ ergänzt wurde.

Die Auswirkungen der Wiedervereinigung

Die Umwälzungen in Europa kündigten auch für das


deutsch-französische Verhältnis eine weitere Verschie-
bung der Machtbalance an. Frankreichs Reaktionen auf die
Wiedervereinigung blieben zunächst auf offizieller Seite
verhalten. Die französische Regierung übte sich in einer
„Verzögerungstaktik‟9. Von deutscher Seite hätte man
eine klare, spontane Unterstützung sicherlich begrüßt,

9 | Weisenfeld (2008), 684.


88 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

aber das Zögern Mitterrands hinterließ in Deutschland,


im ­Gegensatz zu auch heute noch in Frankreich anzutref-
fenden Befürchtungen, keine tieferen Spuren – zumal Paris
letztendlich die deutsche Einheit voll unterstützte.10

Negativer wirkten sich indes Mitterrands Europapolitik und


die damit verbundene Absicht aus, Deutschland zu kont-
rollieren. Während die Nachbarländer zuvor noch als der
Motor Europas anerkannt wurden, schienen sie sich nun
von der europäischen Baustelle zu entfernen.
Nach deutsch-französischen Unstim- Im September 1992 scheiterte in Frank-
migkeiten im Zuge der Nominierung reich nahezu das Referendum zum Vertrag
des ersten Präsidenten der EZB
ging das Projekt einer Europäischen von Maastricht und auch in Deutschland
Sicherheits- und Verteidigungspolitik mehrten sich kritische Stimmen gegenüber
auf eine britisch-französische und
der Gemeinschaftswährung.11 Letztendlich
keine deutsch-französische Initiative
zurück. wurde die Einführung der Wirtschafts- und
Währungsunion dann vor allem durch andere
EU-Staaten vorangetrieben. Der bittere Streit um die deut-
sche Forderung eines Stabilitätspaktes 1996/1997 zeugte
zudem von mangelnder deutsch-französischer Partner-
schaft.

Nach der Gründung des Weimarer Dreiecks 1991 und der


Ratifizierung des Vertrages von Maastricht 1993 wurzelten
die deutsch-französischen Unstimmigkeiten in den unter-
schiedlichen Haltungen gegenüber der Osterweiterung.
Während auf deutscher Seite der Zehn-Punkte-Plan die
Offenheit der Europäischen Gemeinschaft vor allem für
ehemalige Ostblockstaaten, aber auch für Südeuropa
forderte, zeigte sich Paris in punkto Osterweiterung eher
reserviert. Divergierende Auffassungen zwischen beiden
Regierungen machten eine Klärung der Frage nach
EU-Institutionen bei den Beratungen, die dem Vertrag
von Amsterdam 1997 vorausgingen, nicht möglich. Nach
erneuten deutsch-französischen Unstimmigkeiten im Zuge
der Nominierung des ersten Präsidenten der Europäischen
Zentralbank (EZB) 1998 ging schließlich das Projekt einer
Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP)
auf eine britisch-französische und keine deutsch-französi-
sche Initiative zurück.

10 | Vgl. Stark (2010), 18.


11 | Ebd., 18.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 89

Vor dem Hintergrund der Verbesserung des bilateralen


Verhältnisses zwischen Jacques Chirac und Gerhard Schröder
wurde ein gemeinsamer Konsultationsmechanismus­
etabliert, der informelle Abstimmungen als
„Blaesheim-Treffen‟ in regelmäßigen zeitli- Das gescheiterte EU-Referendum in
chen Intervallen von sechs bis acht Wochen Frankreich im Mai 2005, die statische
Endzeit Chiracs, die vorgezogenen
vorsieht. Diese Neubelebung der bilateralen Bundestagswahlen im September 2005
Beziehungen brachte gemeinsame Initiativen sowie die darauf folgende Große Koa-
lition kultivierten vorerst keinen güns-
innerhalb des Europäischen Konvents zu
tigen Nährboden für den deutsch-fran-
Fragen der Sicherheits- und Verteidigungs- zösischen Dialog.
politik, zur Wirtschafts- und Ordnungspolitik,
den Bereichen Inneres und Justiz sowie zur institutionellen
Ordnung der EU hervor. 2003 wurde das Verfassungspro-
jekt verabschiedet. Somit gaben Deutschland und Frank-
reich wiederum gemeinsam wichtige Impulse im Rahmen
der Debatte um die EU-Verfassung.

Die von Frankreich sorgenvoll erwartete EU-Osterwei-


terung lief 2004 reibungslos. Die Zugkraft des deutsch-
französischen Tandems konstituierte sich aber vor allem in
dem gemeinsamen Widerstand gegen die amerikanische
Intervention im Irak. In Europa standen Deutschland und
Frankreich isoliert da  – Alfred Grosser bezeichnete beide
Länder damals als „Lokomotive ohne Anhänger‟.

Vor diesem Hintergrund bemühte sich Bundeskanzlerin


Angela Merkel um einen Balanceausgleich, um die „traditi-
onelle Äquidistanz zwischen Berlin, Paris und Washington‟12
wiederherzustellen. Das gescheiterte EU-Referendum in
Frankreich im Mai 2005, die statische Endzeit Chiracs,
die vorgezogenen Bundestagswahlen im September 2005
sowie die darauf folgende Große Koalition kultivierten
vorerst keinen günstigen Nährboden für den deutsch-
französischen Dialog. Bis 2007 wurde zwischen den beiden
Staaten kaum eine nennenswerte EU-Vereinbarung voran-
getrieben.

12 | Stark (2010), 21.


90 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Die Gegenwart: Notwendigkeit


einer neuen Vision?

Die Wahl Nicolas Sarkozys als Staatspräsident im Mai


2007 brachte eine Stabilisierung der innenpolitischen Lage
Frankreichs und den französischen Vorschlag eines verein-
fachten, aber die Substanz wahrenden EU-Vertrages,
welcher der beginnenden EU-Krise eine Lösung bot,13 und
rettete somit den Vertrag von Lissabon.

Eine neue Dynamik entstand hieraus für das deutsch-


französische Tandem allerdings nicht  – zu viele Steine
lagen noch auf seinem Weg. Verschiedene Regierungs-
stile im Élysée-Palast und im Kanzleramt
Unter dem Eindruck der Finanz- und erschwerten oft den Dialog, das französische
Wirtschaftskrise ist im Jahr 2009 die Projekt einer von der EU-27 finanzierten
Stärkung der deutsch-französischen
Zusammenarbeit ein vordringliches Mittelmeerunion, die aber nur Mittelmee-
Anliegen geworden. ranrainern offen stehen sollte, wurde von
Deutschland im Frühjahr 2008 abgelehnt. Während Frank-
reich sich von deutsch-russischen Annäherungsprozessen
wie der Siemens-Rosatom-Kooperation oder dem Einstieg
Gerhard Schröders bei Gazprom beunruhigt zeigte, schien
auch Frankreich über einen eventuellen Partnerwechsel
nachzudenken, indem mit Großbritannien ein gemein-
samer Fahrplan gegen die Krise angestrebt wurde.

Der 20. Jahrestag des Mauerfalls wurde jedoch auf der


Pariser Place de la Concorde mit aufrichtiger Freude und
beeindruckender Atmosphäre gefeiert, was in Deutschland
aufmerksam registriert wurde. Genau so aufmerksam
registriert wurde in Frankreich demgegenüber auch die
Anwesenheit der Bundeskanzlerin bei den Feierlichkeiten
zum 11. November 2009, dem Tag des armistice, in Paris.

Unter dem Eindruck der Finanz- und Wirtschaftskrise ist im


Jahr 2009 die Stärkung der deutsch-französischen Zusam-
menarbeit ein vordringliches Anliegen geworden. Sie hat in
beiden Ländern wohl die Überzeugung gefestigt, dass nati-
onale Alleingänge ein Irrtum wären. Sie hat jedoch einmal
mehr deutsch-französische Unterschiede in Diagnose und
Therapie verdeutlicht, die zu einer sehr kritischen Bericht-
erstattung in Frankreich führten. Trotz unterschiedlicher
wirtschaftlicher Strukturen hängen beide Länder in ihrem

13 | Ebd., 21.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 91

Wachstum von einer freien, aber geregelten Marktwirt-


schaft ab, die sozialen Zusammenhalt ermöglicht und auf
einem geordneten internationalen System beruht.

Innerhalb der letzten Monate haben beide Regierungen


bedeutende Sparpakete vorgestellt und ihren Willen
bekräftigt, bis 2013 die Konvergenzkriterien des euro-
päischen Stabilitäts- und Wachstumspakts wieder einzu-
halten. Auch zu dem von Deutschland zunächst skeptisch
betrachteten französischen Projekt einer europäischen
Wirtschaftsregierung fanden Merkel und Sarkozy Mitte Juni
2010 einen Kompromiss. Nur wenig verstanden wird indes,
dass Deutschland eine eher marktwirtschaftlich-ordnungs-
politische und Frankreich eine mehr interventionistisch
orientierte Wirtschaftspolitik verfolgen.

Die deutsch-französische Agenda 2020, die im Rahmen


des 12. Deutsch-Französischen Ministerrats am 4. Februar
2010 in Paris vorgestellt wurde, signalisiert, dass dies ein
neuer Anfang einer sich über ein Jahrzehnt erstreckenden
Kooperation ist. Mit 80 konkreten Vorhaben in sechs wich-
tigen Bereichen der bilateralen Zusammenarbeit sollen
deutsch-französische, vor allem aber auch europäische
Projekte vorangebracht werden.

Rückkehr zur Normalität: Exkurs zum


französischen Deutschlandbild

Bei dem Rückblick auf die deutsch-französi- Franzosen neigen zur Vorsicht. Die
schen Beziehungen wird deutlich, dass das Wurzeln ihres Sicherheitsbedürfnis-
ses gehen zurück in die frühe Ge-
bilaterale Verhältnis teilweise starken Turbu- schichte Frankreichs, als das Land um
lenzen ausgesetzt war. Dies beeinflusste die Festigung seiner Mittellage be-
müht war.
verständlicherweise auch die gegenseitige
Wahrnehmung.

Um das aktuelle französische Deutschlandbild nachvoll-


ziehen zu können, ist ein Blick in die Geschichte unerläss-
lich. So spielte historisch der Sicherheitsgedanke im fran-
zösischen Volksbewusstsein eine wichtige Rolle. Franzosen
neigen zur Vorsicht. Die Wurzeln ihres Sicherheitsbedürf-
nisses gehen zurück in die frühe Geschichte Frankreichs,
als das Land, umklammert von den beiden Habsburgischen
Mächten, um die Festigung seiner Mittellage bemüht war.
Von Richelieu über Turenne, Danton bis zu Clemenceau
92 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

und Poincaré wurde versucht, durch vorgeschobene terri-


toriale Sicherheitsgrenzen das Kernland vor Angriffen zu
schützen. Diesem Ziel dienten auch die politischen Bünd-
nisse des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Beides war das Ergebnis der historischen individuellen
und politischen Sicherheitshaltung, die vor allem auch aus
einer Angst vor Deutschland entstanden war.

Nach dem Ersten Weltkrieg basierte das französische


Deutschlandbild auf diesem Sicherheitsmotiv. Dabei
trafen zwei innerfranzösische Konzepte aufeinander: Die
politische Rechte strebte einen Ausbau der aus Zeiten
des Versailler Vertrages stammenden französischen
Vormachtstellung an und wollte den ehemaligen deut-
schen Kriegsgegner in seiner Entwicklung begrenzen. Sie
gründeten ihr Konzept auf ein angeblich pan-germanistisch
ausgerichtetes Deutschland, das unwandelbar von einem
aggressiven Eroberungswillen und vor allem durch einen
„Militär- und Herdengeist‟14 geprägt sei. Auf der anderen
Seite vertrat die politische Linke ein Konzept der deux Alle-
magne. Danach stand das militärisch-autoritär geprägte
Deutschland des Krieges dem Vorkriegs-
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand in deutschland mit seinen historischen Wurzeln
beiden Ländern eine eher integrierende in der europäischen Aufklärung und der
als ablehnende Wahrnehmung. Dazu
trug besonders der Ost-West-Konflikt deutschen Klassik gegenüber. Insofern
bei, der Deutschland und Frankreich in strebte diese Gruppe einen politischen und
das westliche Lager führte.
wirtschaftlichen Interessenausgleich an, um
Deutschland eine Rückkehr zu den Werten der deutschen
Vorkriegszeit zu ermöglichen. Bis 1945 diente die jewei-
lige Nachbarnation aufgrund der häufigen Kriege als eine
Art „Kontrastfolie‟15 für die Eigenschaften, die man für die
jeweils eigene Nation beanspruchen wollte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand in beiden Ländern


eine eher integrierende als ablehnende Wahrnehmung.
Dazu trug besonders der Ost-West-Konflikt bei, der
Deutschland und Frankreich in das westliche Lager führte.
Das französische Deutschlandbild war jedoch in den fünf-
ziger Jahren von Ambivalenz geprägt. Sie äußerte sich
sowohl in dem Willen, den danger allemand, also den
unberechenbaren deutschen Nachbarn, zu kontrollieren,
ihn aber auch in die europäische Integration einzubinden.

14 | Bock (2008), 726.


15 | Ebd., 725.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 93

Letzteres entsprach dem damaligen deutschlandpolitischen


Leitsatz Frankreichs, „Kontrolle durch Integration‟.16 Die
Sorge vor der Unberechenbarkeit des Nachbarn gründete
auf dem so genannten Rapallo-Komplex und sicherlich
überbewerteten neonazistischen Tendenzen. Die skep-
tische Haltung der Bevölkerung konnte jedoch durch die
zunehmenden zivilgesellschaftlichen Begegnungen und
den Dialog in den siebziger Jahren abgebaut werden.

In den achtziger Jahren wandelte sich Vor allem die geografische Dimension
die Befürchtung der Medien vor einem zu der Wiedervereinigung sorgte für
mancherlei Verzerrungen und schien
starken Deutschland zur Sorge um einen historische Erinnerungen an das Bis-
zu schwachen deutschen Nachbarn. Ein in marck-Reich zu wecken.
französischen Augen latenter Pazifismus und
der Geburtenschwund wurden auf französischer Seite mit
Befremden zur Kenntnis genommen: „Das ‚romantische‛
Deutschlandbild war also wieder angesagt, diesmal aber
weniger als Objekt der Sehnsucht oder puren Faszination,
sondern als Stein des Anstoßes oder als Quell der Sorge.‟17

Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, reagierte


die französische Bevölkerung mit aufrichtiger Anteilnahme,
was nicht der eher ambivalenten Reaktion der französi-
schen Medien entsprach. Nach einer anfänglichen Phase
der Sympathie verwiesen besorgte Kommentare auf eine
Verschiebung des europäischen Gleichgewichts und das
mögliche Entstehen eines „Groß-Deutschlands‟, eines
„Wirtschaftsimperiums‟ und eines „politischen Riesen‟.18
Vor allem die geografische Dimension der Wiedervereini-
gung sorgte für mancherlei Verzerrungen und schien histo-
rische Erinnerungen an das Bismarck-Reich zu wecken.
Frankreich wünschte einen „kontrollierten, langfristigen
Übergang‟19, um bei der damals noch nicht einschätzbaren
europäischen Neuordnung nicht an den Rand gedrängt zu
werden.

16 | Vgl. Bock (2008), 727.


17 | Ingo Kolboom, Vom geteilten zum vereinten Deutschland.
Deutschland-Bilder in Frankreich (Bonn: Europa Union Verlag,
1991), 39.
18 | Vgl. Kolboom (1991), 44.
19 | Ebd., 45.
94 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Andererseits sah Paris realistisch die enormen finanzi-


ellen Schwierigkeiten und Herausforderungen, die für
Deutschland mit der Wiedervereinigung verbunden waren.
Die beachtliche Verbesserung der französischen Außen-
handelsbilanz nach der Wiedervereinigung dank hoher
Exporte in die ehemalige DDR gab dem Wunsch nach einer
wirtschaftlich stabilen Bundesrepublik erneut Aufwind.20
Gleichzeitig bestand kein Zweifel mehr an der deutschen
Westbindung. All dies trug zu einem weitgehend normali-
sierten Deutschlandbild bei, das von freundlicher Zustim-
mung, verstärkter Neugier und dem Bewusstsein geprägt
war, Gemeinsamkeiten zu haben.21

Es wird von deutscher Seite allerdings in Frage gestellt,


ob dieses positive Bild tatsächlich zu einem tieferen
Verständnis des deutschen Nachbarn und seiner Kultur
geführt habe.22 Dennoch bleibt die Einschätzung positiv:
„Dass sich die meisten Befürchtungen, die gerade auch die
französische Presse während der Wiedervereinigung und
in deren Folgejahren artikulierte, nicht bestätigt haben,
veränderte das Bild und wird langfristige Wirkungen
hervorbringen.‟23

Wie sehr sich jedoch bereits vor der Wiedervereinigung das


Deutschlandbild der französischen Bevölkerung geändert
hatte, zeigte eine Umfrage des Institut fran-
Erfreulicherweise nimmt die franzö- çais d’opinion publique (Ifop) vom Februar
sische Bevölkerung Deutschland nicht 1989. Danach gaben nur 25 Prozent der
mehr als Bedrohung oder als undemo-
kratischen Staat wahr. Franzosen an, mindestens einmal vier aufein-
ander folgende Tage in Deutschland verbracht
zu haben. Von den Befragten, die zuvor noch nicht in der
Bundesrepublik waren, bewerteten nur 37 Prozent einen
Besuch als interessant, 56 Prozent als überhaupt nicht. Bei
Fragen zu gebräuchlichen Assoziationen zu Deutschland
standen Feindbilder von einst bereits weit unten in der
Rangliste und ein Vergleich der französischen und deutschen
Kultur förderte ein relativ ausgewogenes Meinungsbild
zutage, was nach Kolboom sowohl einer ­fortschreitenden

20 | Vgl. Cary von Buttlar, Das vereinigte Deutschland in der


überregionalen Presse Frankreichs 1989 bis 1994. Kontinuität
und Wandel französischer Deutschlandbilder (Berlin: Duncker
& Humblot, 2006), 211 f.
21 | Vgl. Kolboom (1991), 62.
22 | Ebd., 63.
23 | von Buttlar (2006), 344.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 95

Banalisierung der Deutschlandwahrnehmung als auch


einer Europäisierung französischer Mentalitäten Rechnung
trägt.24

Erfreulicherweise nimmt die französische Bevölkerung


Deutschland nicht mehr als Bedrohung oder als undemo-
kratischen Staat wahr: „Heute scheint das eher negative
Alt-Bild vom Nachbarn in der breiten Öffentlichkeit so sehr
ein Relikt der Vergangenheit zu sein, dass neue Generati-
onen Mühe haben zu begreifen, warum da eigentlich in der
Vergangenheit eine Gegnerschaft bestanden hatte.‟25

Ausweitungsmöglichkeiten der
Zusammenarbeit

„In einer Welt, in der neue globale Akteure zunehmend


selbstbewusst agieren, sind wir überzeugt, dass eine
möglichst enge deutsch-französische Partnerschaft für
unsere beiden Länder und für Europa von höchster
Bedeutung ist.‟26 Dies ist der Leitgedanke der deutsch-
französischen Agenda 2020, die im Februar 2010 vom
12. Deutsch-Französischen Ministerrat in Paris vorgestellt
wurde. Beide Länder haben dabei ein besonderes Augen-
merk auf die Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise
und die Wiederherstellung eines nachhaltigen Wirtschafts-
wachstums gelegt. Die Agenda beschreibt zum Teil detail-
liert künftige Maßnahmen in den Bereichen

▪▪ Wirtschaft, Finanzen, Beschäftigung;


▪▪ Energie, Klima, biologische Vielfalt;
▪▪ Wachstum, Innovation, Forschung, Bildung;
▪▪ Außen-, Verteidigungs- und Sicherheitspolitik;
▪▪ engere Kontakte zwischen den Bürgern und
▪▪ institutioneller Rahmen.

24 | Genauer zu den Umfrageergebnissen vgl. Ingo Kolboom,


„,Ist der Teufel deutsch?‛ – Sorgen und skeptischer Konsens
in Frankreich. Deutschlandbilder der Franzosen: Der Tod des
,Dauerdeutschen‛‟, in: Günter Trautmann (Hrsg.), Die häss-
lichen Deutschen? Deutschland im Spiegel der westlichen
und östlichen Nachbarn (Darmstadt: Wissenschaftliche Buch-
gesellschaft, 1991), 223 ff.
25 | Kolboom (Darmstadt, 1991), 219.
26 | O.A., Deutsch-Französische Agenda 2020,
http://bundesregierung.de/nn_774/Content/DE/Artikel/2010/
02/2010-02-04-deutsch-franzoesische-agenda-2020.html
[17.06.2010]
96 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Hervorzuheben ist der Wille einer Intensivierung der


deutsch-französische Zusammenarbeit auf EU-Ebene. Auf
den ersten Blick mögen die benannten sechs Aktionsfelder
recht breit gefächert scheinen, aber sie benennen doch alle
Bereiche, in denen Deutschland und Frankreich Kommuni-
kations- bzw. Kooperationsdefizite aufweisen.

Als weitere wichtige Zukunftsbereiche deutsch-franzö-


sischer Initiativen sehen die Autoren der KAS/Ifri-Studie
Deutschland  – Frankreich: Fünf Visionen für Europa die
Wirtschafts- und Finanzpolitik, die Industrielle Zusam-
menarbeit, die Energiepolitik, eine Interparlamentarische
Zusammenarbeit im Rahmen des Vertrags von Lissabon
sowie die Außen- und Sicherheitspolitik an27. Bei der Wirt-
schafts- und Finanzpolitik, so die Autoren
Im Rahmen der G20 sollten sich Jacques Mistral und Henrik Uterwede,
Deutschland und Frankreich für eine drängt sich vor dem Hintergrund der Wirt-
bessere Behandlung globaler Ungleich-
gewichte und eine intensivere Steu- schafts- und Finanzkrise eine verstärkte
erung der Wechselkursentwicklung deutsch-französische Zusammenarbeit als
einsetzen.
Krisenlösung auf. So sei eine haushaltspoli-
tische Abstimmung zwischen Frankreich und Deutschland
unerlässlich. Sie heben hervor, dass eine Synchronisierung
der Zeitpläne der Haushaltsverfahren in beiden Ländern
durch gemeinsame Treffen der Ministerien und der Parla-
mente sowie eine pragmatische Rückkehr zur Anwendung
des Stabilitäts- und Wachstumspaktes nötig seien. Es
gelte ebenfalls, geeignete Verfahren und Instrumente zu
entwickeln, die es erlauben, die für die Sanierung eines
Mitgliedslandes notwendigen Anpassungsmaßnahmen zu
erarbeiten und umzusetzen. Im Rahmen der G20 sollten
sich Deutschland und Frankreich für eine bessere Behand-
lung globaler Ungleichgewichte und eine intensivere Steu-
erung der Wechselkursentwicklung einsetzen. Schließlich
ist es wünschenswert, dass sich Paris und Berlin mit der
Frage einer finanziellen Infrastruktur, die für Europa erfor-
derlich ist, auseinandersetzen.

Eine bessere Zusammenarbeit im Bereich der Indus-


trie- und Technologiepolitik könnte die europäische
Wirtschaftsposition optimieren. Dafür ist jedoch auch
eine Harmonisierung von nationalen Rechtsvorschriften,
auch für außereuropäische Investitionen, notwendig. Der

27 | Die folgende Darstellung lehnt sich an Stark (2010), 10-16 an.


9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 97

Autor, Louis-Marie Clouet, schlägt im Zusammenhang mit


einem notwendigen deutsch-französischen Industrie- und
Technologiedialog die Einrichtung eines entsprechenden
Beraterstabes in Kanzleramt und Élysée
vor. Parallel dazu wäre zu empfehlen, dass Hinsichtlich der Frage der Versor-
Deutschland und Frankreich in enger Zusam- gungssicherheit sollten beide Länder
die Verbesserung der ukrainischen
menarbeit neue Rüstungsprogramme entwi- Transit-Strecke als Priorität anse-
ckelt, die einen strukturierenden Nebenef- hen. Außerdem müssten beide Länder
auf eine Revision der Energiecharta
fekt für die europäische Industrie und die
hinwirken.
nationalen Streitkräfte haben könnten. Dabei
sei es wichtig, das Prinzip des juste retour
hinter sich zu lassen und eine Spezialisierung jenseits von
nationalen­ Proporzüberlegungen voranzutreiben. Nicht
zuletzt brauchen Deutschland und Frankreich eine gemein-
same Technologiepolitik.

Im Bereich der Energiepolitik schlägt die Autorin Susanne


Nies ein bilaterales Pionierprojekt ‚Erneuerbare Energien‛
vor. Ebenso bedarf es einer Harmonisierung der Energie-
steuern, um die Transparenz der Preise zu verbessern und
die Konkurrenz zwischen den europäischen Anbietern zu
stärken. Hinsichtlich der vitalen Frage der Versorgungssi-
cherheit sollten beide Länder die Verbesserung der ukra-
inischen Transit-Strecke als Priorität ansehen. Außerdem
müssten beide Länder auf eine Revision der Energiecharta
hinwirken, die sowohl die Positionen der Produzenten als
auch die der Konsumenten berücksichtige. Bei der Energie-
Effizienz sollten grenzüberschreitende Initiativen erfolgen.

Die europäische Gesetzgebung bedarf einer engeren


Zusammenarbeit der Parlamente Frankreichs und
Deutschlands. Die Autorinnen Anne-Lise Barrière und
Céline Caro schlagen die Schaffung eines Mechanismus zur
gegenseitigen Information und Koordination zwischen den
Ausschüssen vor. Dies entspreche auch den Kontrollanfor-
derungen des Subsidiaritätsprinzips durch die nationalen
Parlamente, wie sie im Vertrag von Lissabon vorgesehen
sind. Diese Maßnahme würde es ermöglichen, gemeinsame
parlamentarische Berichte zu verfassen. Darüber hinaus
sollten bilaterale Gesetzesinitiativen ausgearbeitet werden,
die mit der Anwendung der EU-Richtlinien verbunden sind.
Ein abgestimmtes Handeln auf der Gesetzgebungsebene
zwischen beiden Parlamenten im Bereich der Haushalts-
und Finanzpolitik wäre ebenfalls ein positives Signal im
98 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Hinblick auf die Notwendigkeit einer größeren Abstim-


mung innerhalb der EU. Ebenfalls wünschenswert wäre ein
Austausch zwischen deutschen und französischen Abge-
ordneten über die Fragen der Information der Bürger zur
EU, um die Transparenz und demokratische Legitimität der
europäischen Institutionen zu stärken.

Nach Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon müssen


Deutschland und Frankreich Pfeiler einer verstärkten
Zusammenarbeit im Bereich der Europäischen Außen- und
Sicherheitspolitik sowie der Gemeinsamen Sicherheits-
und Verteidigungspolitik werden. Daher sollte auch die
Deutsch-Französische Brigade als Teil der ESVP wahrge-
nommen werden. Es empfehle sich, so der Autor Stephan
Martens, eine ständige deutsch-französische parlamen-
tarische Arbeitsgruppe zur Außen- und Sicherheitspolitik
einzurichten. Deutschland und Frankreich müssten eine
gemeinsame Sprache gegenüber Drittländern entwickeln.
Foren wie das Weimarer Dreieck oder der Dialog mit Russ-
land müssten neu belebt und weiterentwickelt werden. Die
außenpolitischen Interessen beider Länder seien, sofern
sie die Außenpolitik der EU betreffen, identisch. Umso
mehr müssten die Prioritäten für die deutsch-französische
Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Außenpolitik definiert
werden.

Ausblick: Die deutsch-französische Zusammen-


arbeit und Europa

Seit dem Beginn des europäischen Projektes konnten


Deutschland und Frankreich trotz allem immer eine
Motorfunktion für Europa einnehmen.
Ganz im Sinne der Begründer der Ver- Dies war möglich, weil die trotz manchmal
söhnung Charles de Gaulle und Konrad unterschiedlicher Konzeptionen gefundenen
Adenauer ist die deutsch-französische
Partnerschaft von gemeinsamen Wer- Kompromisse für die übrigen EU-Mitglieder
ten und einer gemeinsamen Verant- meist akzeptabel waren. So wurden beide
wortung getragen.
Länder ein zentraler Ideen- und Impuls-
geber der europäischen Integration. Ihre Fähigkeit, selbst
bei Konflikten gemeinsame Lösungen zu finden, war für
Europas Entwicklung wegweisend: „Nicht die Diver-
genzen als solche sind wichtig, sondern der produktive
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 99

Umgang mit ihnen, d.h. die Fähigkeit, gegensätzliche Posi-


tionen durch geduldige, zähe Arbeit zusammenzuführen.‟28

So zeigt die Bilanz der bilateralen Beziehungen, dass die


deutsch-französische Partnerschaft zwar Turbulenzen und
Irritationen, aber auch zahlreiche bemerkenswerte Erfolge
erlebte. Was nach dem Ende des Zweiten
Weltkrieges zunächst zaghaft seinen Anfang Bilaterale Projekte und Initiativen tru-
nahm und durch den Elysée-Vertrag weit- gen zur Dynamik der Zusammenarbeit
bei, während gemeinsame Impulse
sichtig formalisiert wurde, ist heute zu einer entscheidend die europäische Integra-
außerordentlich engen und vertrauensvollen tion bestimmten. Am 22. Januar 2013,
begeht der deutsch-französische „Ehe-
Partnerschaft geworden. Ganz im Sinne der
vertrag‟ seinen fünfzigsten Jahrestag.
großen Staatsmänner und Begründer der
Versöhnung Charles de Gaulle und Konrad Adenauer ist sie
von gemeinsamen Werten und einer gemeinsamen Verant-
wortung getragen. Die deutsch-französischen Beziehungen
sind daher weder vom europapolitischen Parkett, noch
aus der zivilgesellschaftlichen Verflechtung wegzudenken.
Bilaterale Projekte und Initiativen trugen zur Dynamik
der Zusammenarbeit bei, während gemeinsame Impulse
und Interessen entscheidend die europäische Integration
bestimmten. In zwei Jahren, am 22. Januar 2013, begeht
der deutsch-französische „Ehevertrag‟ seinen fünfzigsten
Jahrestag. Er gibt Anlass, Bilanz zu ziehen, die Ausgestal-
tung der weiteren Zusammenarbeit der beiden größten
Länder Europas zu überprüfen und die ursprüngliche
Vision des Vertrags in die Bedingungen einer veränderten
europa- und geopolitischen Welt einzuordnen, vielleicht
auch neu zu formulieren.

Wie in diesem Beitrag dargestellt wurde, sind viele bilaterale


deutsch-französische und vor allem europäische Politikbe-
reiche in ihrer Substanz voranzubringen. Vor allen Dingen
muss Europa jedoch mit einer Stimme sprechen, wenn es
vor dem Hintergrund des dramatischen weltpolitischen und
weltwirtschaftlichen Paradigmenwandels bestehen, seine
Interessen wahren und seine Werte aufrechterhalten will.
Dies ist in Form der europäischen Nationalstaaten nicht
mehr möglich. Das Entstehen der neuen multipolaren

28 | Henrik Uterwedde, „Deutsch-französische Wirtschaftsbezie-


hungen seit 1945‟, in: Ingo Kolboom, Thomas Kotschi und
Edward Reichel (Hrsg.), Handbuch Französisch. Sprache,
Literatur, Kultur, Gesellschaft. Für Studium, Lehre, Praxis
(Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2008), 695.
100 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Ordnung stellt immer mehr die Frage nach der Rolle


Europas in der Welt. Darauf hat EU-Kommissar Günther
Oettinger im Juni 2010 bei einer gemeinsamen Veran-
staltung der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Robert
Schuman Stiftung in Paris in beeindruckender Weise hinge-
wiesen. Gerade in Zeiten des Umbruchs ist dazu innere
Geschlossenheit, das Hinauswachsen über nationale Inte-
ressen und die Akzeptanz eines Gemeinschaftsinteresses
notwendig.

Dem deutsch-französischen Tandem kommt dabei eine


Führungsrolle zu. Diese wird von Europa akzeptiert und
auch erwartet. Beide Länder haben in der Vergangenheit
bewiesen, dass sie diese Verantwortung als historische
Aufgabe wahrnehmen. In diesem Sinne haben, wie der
Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Hans-Gert
Pöttering, kürzlich bei einem hochrangigen Forum im
französischen Parlament ausführte, die verantwortlichen
Politiker beider Länder in voller Überzeugung ihr Handeln
danach ausgerichtet, dass „nur ein gemeinsamer Weg in
die Zukunft führt‟.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 101

Die Beziehungen zwischen


GroSSbritannien und dem
wiedervereinigten
Deutschland

Claudia Crawford

Die Ergebnisse der Vorrunde bei den Fußballweltmeis-


terschaften 2010 ergaben für die Achtelfinalspiele eine
Klassiker-Begegnung: Deutschland gegen England. Ohne
auf die Details einzugehen: am Ende gewannen die Deut-
schen mit 4:1. Nach allem, was man aus früheren Zeiten
kannte, konnte eine hitzige Debatte mit reichlich deutsch-
feindlichen Tönen in England, vor allem in den einschlä-
gigen Zeitungen, erwartet werden. Doch diese blieben bis Claudia Crawford,
auf wenige Ausnahmen in der Boulevardpresse aus. Nicht Bundesministerin a.D.,
ist Auslandsmitarbei-
nur die Schlagzeilen, auch die Leserkommentare waren an terin der Konrad-
die eigene Mannschaft gerichtet. Sie machten die Enttäu- Adenauer-Stiftung
schung deutlich – aber keinerlei Ressentiments gegenüber in London.

Deutschen, keine wütenden Autofahrer oder Ausbrüche


auf den Straßen Londons und selbst in den Pubs konnte
man sich ungestraft als Deutscher zu erkennen geben. Es
hat den Anschein, dass sich die Beziehungen zwischen den
beiden Nationen atmosphärisch entspannt haben. Vielleicht
hat der Fußball durchaus mit dazu beigetragen, genauer
die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, die von vielen
jungen Briten besucht wurde. Vor Ort konnten sie sich ein
eigenes Bild vom heutigen Deutschland machen. So manch
einer mag überrascht gewesen sein, dass die alten Stereo-
type, die viele Jahre in den britischen Medien wach gehalten
wurden, nichts mit der Realität zu tun haben, dass dieses
Land modern und offen ist. Mit Sicherheit tragen aber auch
die vielen deutschen Studenten an britischen Universitäten
zu einem veränderten Deutschlandbild bei.
102 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Lange Zeit war das Bild in den britischen Printmedien


reichlich mit Rückgriffen auf das Dritte Reich bestückt.
Die Deutschen, so die Botschaft, sind unverbesserliche
Militaristen, denen der Sinn nach Dominanz steht. Die
Entwicklungen in Deutschland, die aktive und kritische
Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, wurden
kaum transportiert.

Natürlich war der Einfluss dieser Art der Berichterstattung


nicht so groß, dass dadurch die politische, wirtschaftliche
oder auch kulturelle Zusammenarbeit zwischen beiden
Staaten gefährdet war. Diese entwickelte sich bei allem
Auf und Ab gut, wobei hier die Beziehung zwischen Groß-
britannien und Westdeutschland gemeint ist. Deutschland
wurde ein wichtiger Handelspartner für Großbritannien
und umgekehrt, viele Unternehmen investierten und auch
auf politischer Ebene wurde im Rahmen der Europäischen
Gemeinschaft vieles in gemeinsamen Anstrengungen
vorangebracht. Dabei reichte die Partnerschaft nicht an
etwas Vergleichbares wie die deutsch-französische heran,
die innerhalb Europas nicht zuletzt wegen des bedeutenden
Aussöhnungsprozesses eine Sonderstellung einnimmt.
Aber es waren tragfähige Beziehungen.

1990 wurde für Deutschland und Europa ein neues Kapitel


aufgeschlagen. Die Deutsche Einheit, für die Deutschen
eins der glücklichsten Ereignisse, wurde in Großbritannien
mit Skepsis begleitet, zumindest von der
Die Deutsche Einheit wurde in Groß- Politik, aber vor allem von den Medien. Die
britannien mit Skepsis begleitet, vor alten Bilder der kriegshetzerischen Deut-
allem von den Medien. Die alten Bil-
der der kriegshetzerischen Deutschen schen und ihrer Großmannssucht tauchten
tauchten wieder auf. wieder verstärkt auf. Filme über das Dritte
Reich im klaren Schwarz-Weiß-Schema wurden populär.
Und so nimmt es nicht Wunder, dass britische Jugend-
liche selbst im beginnenden neuen Jahrtausend solch ein
Deutschlandbild mangels Alternativen adaptierten. Noch
2004 sagte der damalige deutsche Außenminister Fischer
in einem Spiegel-Interview: „Wenn man den traditionellen
preußischen Stechschritt lernen will, dann muss man sich
das britische Fernsehen ansehen, denn in Deutschland
weiß in der jüngeren Generation – sogar in meiner Gene-
ration – niemand mehr, wie das geht.‟1

1 | http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,324047,00.html
[13.07.2010].
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 103

Man mag dem entgegenhalten, dass die britischen Medien


generell etwas rauer sind. Aber es hätte auch andere
Stereotype über die Deutschen gegeben, derer sie sich
hätten bedienen können. Der in Cambridge lehrende Zeit-
historiker Richard J. Evans ist der Frage nachgegangen,
weswegen das Bild der Naziherrschaft zur Zeit der Wieder-
vereinigung in den britischen Medien dominierte. Unter
anderem führt er aus: „Eben deshalb, weil namhafte
britische Politiker nun ganz offen Parallelen zwischen der
Bundesrepublik und der Europäischen Union auf der einen
Seite und dem Dritten Reich auf der anderen Seite ziehen,
ist es für die Massenmedien akzeptabel geworden, auch in
ihrer eigenen Art und Weise ähnliche Parallelen zu ziehen.‟2

DIE POLITISCHEN BEZIEHUNGEN

Seit 1990 unterlag das Verhältnis zwischen Premierministerin Thatcher bemühte


Großbritannien und Deutschland immer sich um Verbündete, um den Wieder-
vereinigungsprozess wenigstens zu
wieder Schwankungen. Sie waren begründet verlangsamen. Grund für Ihre Skepsis
in den unterschiedlichen Regierungen mit war auch ihr Deutschlandbild.
ihren jeweiligen sehr charakteristischen
Persönlichkeiten an der Spitze, beeinflusst von der Selbst-
und Fremdwahrnehmung der beiden Länder, aber vor allem
in der Sicht auf das europäische Projekt einer politischen
Union.

Thatcher und der deutsche Einigungsprozess

Es ist kein Geheimnis, dass die damalige Premierministerin


Thatcher große Ressentiments gegenüber der Aussicht
auf ein wiedervereinigtes Deutschland hatte. Das war
durchaus nicht einfach dem Umstand geschuldet, dass
ihr Verhältnis zum damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl
nicht gerade das herzlichste war. Sie war ernsthaft darum
besorgt, wie sich ein Deutschland, dann mit über 80 Milli-
onen Einwohnern das größte und wirtschaftlich schon
lange das stärkste Land Europas, in die Gemeinschaft
einfügen würde. Ihr war klar, dass das Land umso mäch-
tiger sein würde, wenn einmal die Belastungen, die mit der
Wiedervereinigung zweifellos auf Deutschland zukommen
würden, ausgestanden sind. Sie äußerte ihren Zweifel

2 | Richard. J. Evans, Mythen in den deutsch-britischen


Beziehungen seit 1945 (Stuttgart, 1999). Vortragsreihe der
Robert Bosch Stiftung „Umbrüche und Aufbrüche. Europa
vor neuen Aufgaben‟, Stuttgart, März 2000, 28-34.
104 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

deutlich und bemühte sich um Verbündete, um den Wieder-


vereinigungsprozess, wenn schon nicht aufzuhalten, dann
doch wenigstens zu verlangsamen. Grund für Ihre Skepsis
war neben anderem sicherlich auch ihr Deutschlandbild.
Lord Douglas Hurd, der damalige britische Außenminister,
beschrieb dies so: „Aus ihren Memoiren wird deutlich,
dass Margaret Thatcher eine genaue Vorstellung von
Deutschland hatte, die allerdings nicht auf einer beson-
ders fundierten Kenntnis des Wesens des neuen deutschen
politischen Systems beruhte.‟3 Berühmt geworden ist das
Seminar in ihrem Landhaus in Chequers im März 1990,
wo sie mit Historikern mögliche Folgen einer deutschen
Wiedervereinigung diskutierte. Das Protokoll, das an die
Presse lanciert wurde, warf ein bezeichnendes Licht auf ihr
Deutschlandbild. Es ist nicht unvermessen zu sagen, sie
kannte das Westdeutschland aus dem Jahr 1990 nicht sehr
gut und konnte sich den Wandel, den die Deutschen seit
1949 vollzogen hatten, nicht wirklich vorstellen.

Für die Deutschen waren Thatchers Ängste schwer nach-


vollziehbar. Der Wille zur Westintegration und zur Vertie-
fung der europäischen Einigung war schon tief in der Bevöl-
kerung verankert. Die Vorstellung, dass Deutschland sich
jemals wieder militärisch engagieren würde, lag außerhalb
jeglicher Betrachtung. In dieser Zeit waren
Bundeskanzler Kohl betonte den Wil- die Fragen um die wirtschaftlichen Herausfor-
len Deutschlands zur weiteren Inte­ derungen der Deutschen Einheit dominant.
gration der europäischen Staaten. Für
ihn waren die Deutsche Einheit und die Angesichts der vermuteten Friedensdivi-
Europäische Einigung die zwei Seiten dende durch den Fall des Eisernen Vorhangs
einer Medaille.
wurde die Zusammenführung der Natio­nalen
Volksarmee der ehemaligen DDR mit der Bundeswehr vor
allem auch für die Verkleinerung und Abrüstung der Armee
genutzt.

Bundeskanzler Helmut Kohl war die Skepsis der Briten  –


und auch der Franzosen  – sehr bewusst. Umso mehr
betonte er den Willen Deutschlands zur weiteren Integ-
ration der europäischen Staaten. Für ihn waren die Deut-
sche Einheit und die Europäische Einigung die zwei Seiten
einer Medaille. Es war eine Hilfe, dass nicht alle innerhalb
der Regierung Thatchers ihre negative Sicht teilten. Das 

3 | Hartmut Meyer und Thomas Bernd Stehling (Hrsg.) Deutsch-


Britische Beziehungen und ‚der Mythos Cadenabbia‛, Konrad-
Adenauer-Stiftung 2005, 159.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 105

Foreign Office in London sah den Wiedervereinigungspro-


zess weitaus positiver. Lord Hurd beschrieb seine eigene
Haltung in folgender Weise: „Ich selbst teilte Margaret
Thatchers Bedenken nicht. Anders als sie hatte ich viele
Jahre Gelegenheit gehabt, positive Erfahrungen mit der
Offenheit und Großzügigkeit der deutschen Demokratie zu
sammeln, vor allem bei den Königswinter-Konferenzen und
bei zahlreichen von der CDU/CSU organi-
sierten Anlässen. Zwar überraschten die sich Im Zuge der Wiedervereinigung betrie-
überstürzenden Ereignisse auch mich, aber ben vor allem Frankreich und Deutsch-
land eine Beschleunigung des EU-Inte-
ich brachte es nicht über mich, Kanzler Kohl grationsprozesses, die schließlich in die
dafür zu kritisieren, dass er eine Gelegen- Vertragsverhandlungen von Maastricht
mündete.
heit beim Schopf ergriff, die sonst vielleicht
verloren gewesen wäre. Ich empfand seine
Überzeugung und die seiner Kollegen als echt, dass die
allmähliche Integration eines vereinigten Deutschlands in
einem sich vereinigenden Europa am besten geeignet wäre,
die Geister der deutschen Vergangenheit zu bannen.‟4 So
war es ihm möglich, gemeinsam mit seinem Arbeitskol-
legen auf der deutschen Seite, Hans-Dietrich Genscher, die
Verhandlungen konstruktiv zu führen.

Im Zuge der Wiedervereinigung betrieben vor allem


Frankreich und Deutschland eine Beschleunigung des
EU-Integrationsprozesses, die schließlich in die Vertrags-
verhandlungen von Maastricht und in die Verabschiedung
am 7. Februar 1992 mündete. Mit ihm wurde die Europäi-
sche Union als Dach für die Europäischen Gemeinschaften,
die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik und die
Zusammenarbeit im Bereich Inneres und Justiz begründet.
Ein großer Teil der Konservativen Partei Großbritanniens
geriet demgegenüber in eine immer stärkere europaskep-
tische Position. Dies korrespondierte mit einem stärker
werdenden englischen Patriotismus, der sich parallel zu
den stärkeren schottischen und walisischen Unabhängig-
keitsbemühungen entwickelte und bereits unter Margaret
Thatcher begann. Dies machte dem pro-europäischen John
Major das Premierministeramt schwer.

4 | Ebd. 162.
106 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

John Major und Helmut Kohl

Als im November 1990 John Major die Nachfolge von


Margaret Thatcher antrat, wurde dies in der deutschen
Politik mit der Hoffnung begleitet, dass dadurch der
europäische Integrationsprozess seitens der britischen
Regierung eine größere Unterstützung erfahren würde.
Bereits bei seinem Besuch als Premierminister in Bonn im
März 1991 sprach er davon, dass er Großbritannien „ins
Herz Europas‟ führen möchte, „wohin es gehöre‟. Die
neue Regierung werde eine aktive und konstruktive Rolle
spielen, nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Vertrag
von Maastricht.5 Deutschland war aus der Sicht Majors der
entscheidende Partner für dieses Vorhaben. Von Vorteil
war zudem, dass sich Helmut Kohl anders als mit Thatcher
persönlich sehr gut mit Major verstand und ein europa­
freundliches Großbritannien wünschte.

Dem Aufbruch folgte allerdings schon bald die Enttäu-


schung. Die Unterhauswahlen 1992 erbrachten für die
Konservativen nur eine knappe Mehrheit. Damit stiegen
die Blockademöglichkeiten einzelner Abgeordneten bzw.
Abgeordnetengruppen, die vor allem die europaskep-
tischen Vertreter nutzten. Der Handlungsspielraum für
Major beim Maastrichter Ratifizierungsprozess wurde
dadurch sehr klein. Es gelang ihm, einige Zugeständnisse
für Großbritannien zu erwirken. Ihm wurde die Möglich-
keit eines opt-out bei der Sozialcharta und der europäi-
schen Währungsgemeinschaft geschaffen. Hilfe für diese
Verhandlungsergebnisse bekam Major vor
Der Jugoslawienkonflikt brachte eine allem von Deutschland. Allerdings machten
zusätzliche Spannung in die deutsch- diese Schwierigkeiten deutlich, dass Groß-
britischen Beziehungen. Die schwerste
Belastung allerdings entstand durch britannien nicht zu den Partnern in der EU
die schlechte wirtschaftliche Situation gehören würde, die Motor im Integrations-
Großbritanniens.
prozess sind.

Der Jugoslawienkonflikt brachte eine zusätzliche Spannung


in die deutsch-britischen Beziehungen. Die Sichtweise
Deutschlands einer notwendigen schnellen Anerkennung
der Unabhängigkeit von Slowenien und Kroatien wurde nicht
geteilt. Die schwerste Belastung allerdings entstand durch
die schlechte wirtschaftliche Situation Großbritanniens. 

5 | Vgl. Sabine Lee, Victory in Europe. Britain and Germany since


1945, London 2001, 216.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 107

Das Pfund verlor 1992 erheblich an Wert, so dass es am


16. September, dem „schwarzen Mittwoch‟ für die Briten,
den Wechselkursmechanismus verlassen musste. Die
britischen Medien machten dafür vor allem die deutsche
Bundesbank verantwortlich, die, so die Kommentare,
durch ihre Hochzinspolitik die Nachbarn Deutschlands für
die Wiedervereinigung bezahlen ließen6.

Noch manch andere Querelen Großbritanniens mit der EU,


bei denen Deutschland involviert war, führten schließlich zu
einer Art „Nicht-Kooperationspolitik‟ der Regierung Major.
Erinnert sei an die strittige Besetzung des Präsidentenamts
der EU-Kommission 1994 und an den Ausbruch der BSE-
Krise mit der Folge eines Ausfuhrverbots für britisches
Rindfleisch durch die EU.

Regierungswechsel in London und Bonn

Das Ende der neunziger Jahre brachte für beide Länder


tiefe Einschnitte. Während sich 1997 der Wechsel von der
konservativen zur Labour-geführten Regierung vollzog,
übernahm im Herbst 1998 erstmals eine rot-grüne Regie-
rung in Deutschland Verantwortung. Die beiden Regie-
rungschefs, Blair und Schröder, standen für
einen Generationswechsel  – nicht nur was Blair und Schröder standen für einen
deren Alter anbelangte, sondern ihren Stil Generationswechsel – nicht nur was
deren Alter anbelangte, sondern ihren
und ihre Resolutheit, ihre Parteien zu verän- Stil und ihre Resolutheit, ihre Parteien
dern. Tony Blair steht wie kein anderer für zu verändern.
New Labour. Er entwarf ein neues, modernes
Programm einer Mitte-links-Partei mit dem Anspruch,
einen Sozialstaat zu schaffen, der sich aus den Früchten
der neoliberalen Marktwirtschaft finanziert. Damit schuf er
aber auch eine Blaupause für die Sozialdemokratie weit
über Großbritannien hinaus. Nicht zuletzt Gerhard Schröder
fühlte sich stark inspiriert und führte seinen Wahlkampf
mit dem Begriff der „Neuen Mitte‟, der ein bisschen Blair-
feeling vermittelte.

Von daher war auch mit diesem Regierungswechsel wieder die


Hoffnung verbunden, die deutsch-britischen Beziehungen
könnten einen Neuanfang erleben. Zusätzliche Nahrung 

6 | Vgl. Anthony Glees, „The diplomacy of Anglo-German


relations: A study of the ERM crisis of September 1992‟,
in: German Politics, Nr. 3, April 1994 , 75-90
108 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

bekamen die positiven Erwartungen dadurch, dass sich die


Labourpartei in den harten Jahren der Opposition eine neue
Europapolitik zu eigen machte. Nicht nur um als Alternative
zur Regierung wahrgenommen zu werden, sondern auch
aus der Sorge, an den Rand Europas gedrängt zu werden,
hatte sich Labour pro-europäisch gegeben. Sein Ziel sei
es, „dass Großbritannien in den nächsten Jahren ein für
allemal seine Ambivalenz gegenüber Europa ablegt‟, sagte
Premierminister Blair 1999 bei der Verleihung des Inter-
nationalen Karlspreises in Aachen. „Ich will ein Ende der
Unsicherheit, des Mangels an Vertrauen, der Europhobie.‟7

Somit schien viel Potenzial für gemeinsame Projekte im


bilateralen und europa-politischen Kontext vorhanden zu
sein. Nicht nur das persönliche Verhältnis von Blair und
Schröder war freundschaftlich, sondern auch das von
Peter Mandelson und Bodo Hombach, den Männern hinter
den Regierungschefs. Da Bundeskanzler
Die Vorlage des Schröder-Blair-Papiers Schröder, sicherlich nicht zuletzt im Bemühen
kurz vor den Europawahlen 1999 unter- um eine deutliche Abgrenzung zu seinem
strich die engen Beziehungen. Aber
letztendlich ergab es nichts Greifbares. Vorgänger, mit einer relativen Unterküh-
lung die Beziehungen zu Frankreich begann,
schien sogar eine Verschiebung der Gewichte möglich  –
statt der Achse Bonn-Paris eine Achse Bonn-London. Die
Vorlage des Schröder-Blair-Papiers kurz vor den Europa-
wahlen 1999 unterstrich die engen Beziehungen. Aber
letztendlich ergab es nichts Greifbares. Vielmehr machte
das Papier deutlich, dass Labour und die deutsche Sozi-
aldemokratie jeweils etwas Anderes unter dem „dritten
Weg‟ verstanden. Innerhalb der SPD gab es viel Kritik, die
damals schon deutlich werden ließ, dass Schröder nicht im
Herzen seiner Partei stand. Am 10. Mai 2000 schrieb der
Tagesspiegel zu dem Schröder-Blair-Papier: „Heute spricht
keiner mehr über dieses Papier, auch im Kanzleramt nicht.
Das stille Abrücken gilt dabei weniger den Inhalten als der
Methode. Das Schröder-Blair-Papier, im Kanzleramt ausge-
arbeitet vom damaligen Kanzleramtschef Bodo Hombach,
ist der Versuch, Schröders Schlagworte von der „Neuen
Mitte‟ theoretisch zu fundieren. Vor allem aber ist es
Schröders letzter Versuch, die SPD von außen zu umgehen
und zu bewegen.‟8

7 | Philip Stephens, Tony Blair. The Price of Leadership, London


2004, 163 f.
8 | Tissy Bruns, „Schröder-Blair-Papier‟, in: Der Tagesspiegel,
10.05.2000.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 109

Auf der europäischen Bühne war die Reaktion gemischt.


Großbritannien wirkte aktiv am Amsterdamer Vertrag
(unterzeichnet im Oktober 1997) und dem Vertrag von
Nizza (unterzeichnet im Februar 2001) mit. Beide Verträge
dienten der Anpassung der EU an die erwartete Erweite-
rung der Union, die 2004 erfolgen sollte. Das Parlament
erhielt mehr Mitbestimmungsrechte, die Mehrheitsent-
scheide wurden auf weitere Bereiche ausgeweitet und
die Stimmgewichte der Mitgliedstaaten verändert. Blair
stimmte vielen Vertragsänderungen zu und unterzeichnete
sogar die Europäische Sozialcharta. Damit schien er den
pro-europäischen Kurs seiner Partei einzulösen. Proble-
matisch war, dass die britische Wählerschaft längst nicht
folgte und eher euroskeptisch blieb. Mit ihrem offensiven
Kurs geriet die Regierung ziemlich schnell in einen unlös-
baren Konflikt mit der Bevölkerung. So vermied die Blair-
Regierung Bemühungen, Großbritanniens
Beteiligung an einer gemeinsamen Währung Vollkommen zum Erliegen kamen die
vorzubereiten. Auch wenn Blair dem Euro deutsch-britischen Beziehungen im
Zuge des Irak-Konflikts. Die Spal-
positiv zugewandt war, so war er doch nicht tung in ein „altes‟ und in ein „neues‟
in der Lage, seinen Finanzminister Brown, Europa bleibt ein bitteres Ergebnis
einer erfolglosen gemeinsamen Außen-
seine Partei, geschweige denn die Bevölke-
und Sicherheitspolitik.
rung für dieses Projekt zu gewinnen.

Die britische Regierung war stark auf das eigene Land


konzentriert, wobei sie den wirtschaftspolitischen Kurs der
konservativen Vorgängerregierung keineswegs änderte.
Vielmehr sah sie die Freizügigkeit für Dienstleistungen, vor
allem im Finanzsektor, als Quelle für neue Arbeitsplätze
und Wirtschaftswachstum. London entwickelte sich zum
größten Finanzplatz Europas. Die Politik in London, allen
voran der damalige Finanzminister und spätere Premier-
minister Gordon Brown, sah Deutschland als veraltetes
Wirtschaftsmodell, dass den neuen Herausforderungen
nicht gewachsen sei.

Vollkommen zum Erliegen kamen schließlich die deutsch-


britischen Beziehungen im Zuge des Irakkonflikts. Bundes-
kanzler Schröder stellte sich strikt gegen einen Angriff auf
Irak, er suchte und fand dabei engsten Schulterschluss
mit Frankreich. Wie viel der Rhetorik in dieser Zeit dem
Wahlkampf und wie viel den wirklichen Überzeugungen
geschuldet war, ist hier nicht Gegenstand der Betrachtung.
Dass allerdings im September 2002 Bundestagswahlen
110 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

waren, könnte durchaus dazu beigetragen haben, dass


nicht alle Möglichkeiten europäischer Diplomatie genutzt
wurden, um zumindest den Versuch zu unternehmen, eine
gemeinsame europäische Haltung zu erzielen. Die Spal-
tung in ein „altes‟ und in ein „neues‟ Europa, wie sie durch
den damaligen US-amerikanischen Verteidigungsminister
Donald Rumsfeld vorgenommen wurde, bleibt ein bitteres
Ergebnis einer erfolglosen gemeinsamen Außen- und
Sicherheitspolitik, wie man sie sich zehn Jahre vorher bei
der Verabschiedung des Maastrichter Vertrages sicher-
lich nicht gedacht hat. Nicht nur die Tatsache, dass der
Ausdruck „das alte Europa‟ in 2003 zum Wort des Jahres in
Deutschland wurde, macht die Tiefe des Risses in Europa
deutlich. Noch lange Zeit wirkten das Zerwürfnis und der
Vertrauensverlust innerhalb der EU nach.

Mit ihrer Erweiterung um zehn neue Mitgliedstaaten erhielt


die EU 2004 ein neues Gesicht. Die Verträge der Vorjahre
konnten nicht alle Erwartungen an die Effizienz der
EU-Strukturen erfüllen, besonders die Stimmengewichtung
blieb umstritten. Da schon während der Verhandlungen
zum Vertrag von Nizza die Defizite gesehen wurden, beauf-
tragten im Dezember 2001 die Regierungschefs einen
großen Konvent mit der Ausarbeitung eines Verfassungs-
vertrages. Damit begann ein Vorhaben, das in Deutschland
vor allem auf politischer Ebene große Unterstützung fand,
in Großbritannien dagegen mehrheitlich abgelehnt wurde.
Der Umstand, dass der im Oktober 2004 unterzeichnete
Vertrag in den Referenden in Frankreich (im Mai 2005)
und den Niederlanden (im Juni 2005) abgelehnt wurde,
bewahrte die Regierung Blair vor einem eigenen, schon
angekündigten Referendum und somit vor einer schwie-
rigen innenpolitischen Debatte. Während damit auf der
EU-Ebene eine Phase des Nachdenkens eintrat, blieben die
Beziehungen zwischen Deutschland und Großbritannien
auf dem Null-Punkt.

Die neue Regierung in Berlin unter Angela


Merkel im Jahr 2005

Die Beziehungen konnten erst wieder neu aufgebaut


werden durch den Führungswechsel in Berlin. Angela
Merkel übernahm als Bundeskanzlerin die Regierung
einer großen Koalition aus CDU und SPD. Sie hatte als
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 111

eine ihrer ersten Aufgaben die schwierigen Haushalts-


verhandlungen über den EU-Haushalt gemeistert und mit
viel Geschick eine Konfrontation verhindert,
die nicht zuletzt mit Großbritannien über Die Beziehung zwischen Tony Blair
den Agrarhaushalt und den Britenrabatt zu und Angela Merkel war nicht durch den
Irakkonflikt belastet. Trotz der Zugehö-
befürchten war. Das half sicherlich schon zu rigkeit zu unterschiedlichen Parteifami-
Beginn ihrer Amtszeit, die Spannungen aus lien stimmte die Atmosphäre zwischen
beiden.
der Zeit der Vorgängerregierung abzubauen.
Zudem war die Beziehung Blair-Merkel nicht
durch den Irakkonflikt belastet. Trotz der Zugehörigkeit
zu unterschiedlichen Parteifamilien stimmte die Atmos- 
phäre zwischen beiden.

Beide arbeiteten vor diesem Hintergrund konstruktiv


zusammen, vor allem auf europäischer Ebene. Ein Beispiel
ist die Schaffung der neuen Regelungen für das Asylrecht.
Ebenso wurde in dieser Zeit ein Ausweg für die verfahrene
Situation um den Verfassungsvertrag gefunden. Während
des EU-Rates in Brüssel unter deutscher Ratspräsident-
schaft im Juni 2007 wurden die Grundzüge des Vertrags
von Lissabon beschlossen. Es war der letzte Gipfel, auf
dem Tony Blair als britischer Regierungschef vertreten war.

Der Wechsel von Tony Blair zu Gordon Brown

Sein Nachfolger, Gordon Brown, war Merkel aufgrund


früherer Begegnungen nicht unbekannt. Beide waren
als Kinder protestantischer Pfarrer aufgewachsen. Dass
sie sich gut verstanden, hing wohl aber mehr mit dem
Umstand zusammen, dass sie eine Reihe von politischen
Ansichten teilten. Beide unterstützten die stärkere Libe-
ralisierung des Handels und beiden war die Umweltpolitik
wichtig. Nicht zuletzt spielten sicherlich auch persönliche
Eigenschaften, wie zum Beispiel ihr beiderseitiges großes
Interesse am Detail, eine Rolle.9

Deutlich stärker als Blair richtete Gordon Brown seine


EU-Politik an britischen Interessen aus. Das mag seinen
eigenen Überzeugungen entsprochen haben, war aber
sicherlich auch an die britische Wählerschaft gerichtet. Er
stellte sicher, dass Großbritannien im Lissaboner Vertrag 

9 | Vgl. Simon Green und William Paterson, After Tony –


British-German Relations Under Gordon Brown, AICGS
Advisor, 25.05.2007.
112 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

die opt-out-Klausel bezüglich der Grundrechtecharta einge-


räumt bekam, was aber auch für Polen und Tschechien gilt.
Um die Ratifizierung des Vertrages sicherzustellen, hatte
Brown die Überlegungen für ein Referendum, wie es für
den Verfassungsvertrag angedacht war, nicht
In der Finanzkrise 2008 offenbarte aufgegriffen. Stattdessen stimmte das House
sich die Anfälligkeit der britischen Wirt- of Commons nach einer hitzigen Debatte über
schaft, die stark auf den Finanzsektor
konzentriert war. Währenddessen hatte den Vertrag ab. Zur Popularitätssteigerung
die Wirtschaft in Deutschland an Wett- seiner Amtsführung hat dieses Verfahren
bewerbsfähigkeit gewonnen.
sicherlich nicht beigetragen.

Vor größere Herausforderungen gestellt sah sich Brown


allerdings bei der im Herbst 2008 hereinbrechenden Finanz-
krise. Nun offenbarte sich die Anfälligkeit der britischen
Wirtschaft, die so stark auf den Finanzsektor konzentriert
war. Fast alle Regierungen Europas waren gezwungen,
den Banken massive Unterstützungen zu gewähren. Groß-
britannien war allerdings im Vergleich zu Deutschland
stärker betroffen, da sich die Krise direkt auf die dortige
Realwirtschaft niederschlug und zu einer spürbaren Erhö-
hung der Arbeitslosigkeit führte. Währenddessen hatte
die Wirtschaft in Deutschland aufgrund strikter Haus-
haltspolitik und moderater Tarifvereinbarungen zwischen
Gewerkschaften und Arbeitgebern in den Jahren zuvor
stark an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen. Brown musste
sein Urteil über die deutsche Wirtschaft revidieren, denn es
zeigte sich, dass die auf einen breiten Mittelstand gestützte
produzierende Wirtschaft Deutschlands der Krise robuster
stand hielt. Die notwendigen Maßnahmen fanden auf
europäischer Ebene unter enger Abstimmung statt. Das
gute Verhältnis zwischen Großbritannien und Deutschland
zahlte sich gerade in den kritischen Monaten in 2008 und
2009 aus.

Sowohl die Bundestagswahlen im Herbst 2009 in Deutsch-


land als auch die Unterhauswahlen im Mai 2010 im Verei-
nigten Königreich ergaben Regierungswechsel: Bundes-
kanzlerin Merkel konnte ihr Amt verteidigen, regierte
nun aber mit der FDP zusammen. Das Wahlergebnis in
­Großbritannien war deutlich spannender. Es brachte die
erste Koalitionsregierung seit dem zweiten Weltkrieg.
Labour musste eine herbe Niederlage hinnehmen, die
Konservative Partei konnte aber die Wahl nicht mit einer
eigenen absoluten Mehrheit für sich entscheiden. So
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 113

brauchte sie einen Koalitionspartner zum Regieren und


fand ihn in den Liberaldemokraten. Eine programmatische
Schnittmenge beider Parteien ist zwar vorhanden, die
Differenzen sind aber doch sehr beträchtlich. Vor allem
im Bereich der Europapolitik könnten die Parteien unter-
schiedlicher nicht sein. Die Liberaldemokraten, vor allem
ihr Vorsitzender Nick Clegg, sind die pro-europäischen
Politiker in Großbritannien schlechthin. Die Konservativen
haben sich demgegenüber in den langen Jahren der Oppo-
sition in eine immer euroskeptischere Rich-
tung bewegt. Im Wahlkampf in Großbritan- Im Bereich der Europapolitik könnten
nien stand die Europapolitik allerdings nicht die Koalitionsparteien unterschiedlicher
nicht sein. Die Liberaldemokraten sind
im Mittelpunkt, sondern vielmehr die bange die pro-europäischen Politiker in Groß-
Frage nach der Bewältigung der anhaltenden britannien schlechthin. Die Konservati-
ven haben sich in eine immer euroskep-
Wirtschafts- und Finanzkrise  – wie schon
tischere Richtung bewegt.
in den Monaten vorher im Wahlkampf in
Deutschland. Trotzdem mag so manch einer außerhalb
Großbritanniens gehofft haben, dass es für die Konserva-
tiven vielleicht doch nicht reicht, auch wenn die Umfragen
schon seit Monaten etwas anderes sagten.

Die konservativ-liberale Regierung Cameron –


Erwartungen an den Regierungswechsel

David Cameron, der neue Premierminister, ist mit Amts-


antritt noch jünger als es Tony Blair damals bei seinem
Amtsantritt war. Und auch er hat seiner Partei eine neue
Ausrichtung gegeben, seit er 2005 deren Führung über-
nahm. Als Lehre aus den Thatcher-Jahren machte er
soziale Fragen, die Unterstützung der Familien und der
Zivilgesellschaft zu programmatischen Schwerpunkt-
themen. Um als Parteivorsitzender gewählt zu werden,
suchte er nach Möglichkeiten, den rechten Parteiflügel
einzubinden, und gab das Versprechen, aus der EVP-
Fraktion im Europäischen Parlament auszutreten, falls es
für eine eigene Gruppierung nach der Europawahl 2009
reicht. Den Europaskeptikern der Tories war die EVP schon
immer zu europa­freundlich und zu sehr an einer Vertiefung
der Integration ­interessiert. Des Weiteren sagte Cameron
zu, bei einem Wahlsieg für ein Referendum zum Lissabon-
Vertrag im Vereinigten Königreich zu sorgen. Nachdem
Tschechien als letzter Mitgliedstaat den Vertrag ratifiziert
und ihn damit in Kraft gesetzt hatte, musste Cameron sein
Versprechen zurückziehen, da ein Referendum nun sinnlos
114 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

geworden war. Allerdings hatte er zu diesem Zeitpunkt


bereits das andere Versprechen eingelöst und die Konser-
vative Partei nach der Europawahl aus der EVP-Fraktion
zurückgezogen. Vor allem die CDU innerhalb der EVP und
nicht zuletzt Frau Merkel persönlich unternahmen große
Anstrengungen, diesen Schritt zu verhindern. Umso größer
war die Enttäuschung – nicht gerade die beste Ausgangs-
lage für ein gemeinsames Zusammenspiel, nachdem
Cameron nun Premier wurde.

Die neue britische Regierung machte allerdings von Beginn


an deutlich, dass sie einen aktiven Part in Europa spielen
werde. Und es gibt Gründe, dies zu glauben. Zum einen
hat sich sehr häufig gezeigt, dass die Briten im Regelfall
pragmatisch und nicht ideologisch handeln –
Cameron hat für seine ersten Aus- unabhängig, welche Partei regierte. Zum
landsreisen Paris, Berlin und Brüssel anderen ist die Ernennung des als pragma-
ausgewählt. Seine Vorgänger traten
üblicherweise den ersten Weg nach tisch bekannten David Lidington zum Euro-
Washington an. paminister anstelle des für diese Position
vorgesehenen, ausgesprochen euroskeptischen Schatten-
ministers Mark Francois ein deutliches Zeichen. Vor allem
aber dürften die Liberalen ein ausgleichender Faktor in der
Regierung sein, der Cameron hilft, die Rechten in seiner
Partei in Schranken zu halten. In den Koalitionsvereinba-
rungen ist zu finden, dass es zu keinem Beitritt zur Euro-
zone in der laufenden Legislaturperiode kommen wird und
für jeglichen Machttransfer von den Mitgliedstaaten auf
Brüssel zwingend ein Referendum stattzufinden hat. Ange-
sichts der derzeitigen Verfasstheit der EU sind dies beides
keine Punkte, die in nächster Zeit anstehen würden – auch
ohne diese Festlegungen. Cameron hat für seine ersten
Auslandsreisen Paris, Berlin und Brüssel ausgewählt. Seine
Vorgänger traten üblicherweise den ersten Weg nach
Washington an. Die Auftritte des Premierministers bei den
bisherigen europäischen Zusammenkünften waren von
einem sicheren Auftreten geprägt. Sehr wohl wusste er
die britischen Anliegen zu vertreten, aber ohne deswegen
andere vor den Kopf zu stoßen  – was selbst in den briti-
schen Medien mit einigem Staunen verfolgt wird. Und auch
die Begegnung mit Bundeskanzlerin Merkel in Berlin verlief
in freundlicher und konstruktiver Atmosphäre, was ange-
sichts der Vorgeschichte positiv zu bewerten ist.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 115

Am 1. Juli 2010 zeigte der neue Außenminister William


Hague in einer Grundsatzrede die Linien für seine zukünftige
Politik auf. Diesen ist vor allem zu entnehmen, dass Groß-
britannien britisch bleibt, was bedeutet, dass Hague die
britischen Interessen für seine Außenpolitik vorne anstellt:
„Diese Regierung ist der Auffassung, dass Außenpolitik
und das Foreign and Commonwealth Office vorrangig dafür
existieren, den Interessen und Bedürfnissen der britischen
Bürger im weitesten Sinn zu dienen und sie zu schützen
[…].‟10 Er betonte dabei, die Welt habe sich verändert
und wenn sich das Land nicht mit verändere, bedeute das
einen Bedeutungsverlust Großbritanniens mit den Folgen
für seinen Einfluss in der Welt, seine Sicherheit und seine
Wirtschaft. Hague will vor allem auf bilaterale Bezie-
hungen setzen und hat dabei nicht zuletzt die Länder im
Blick, die zunehmend auf der Weltbühne eine Rolle spielen
werden: China, Indien und Brasilien. Natürlich bleibt auch
für ihn das Verhältnis zu den USA ein besonderes, wobei
nicht diese Unbedingtheit mitschwingt, wie sie unter Blair
zu spüren war. Hague misst der EU, aber auch anderen
regionalen Bündnissen, Gewicht bei. Er macht aber auch
hier deutlich, dass es sich lohnt, gezielt bilaterale Bezie-
hungen, zum Beispiel zu Polen, zu pflegen. Zwei Aspekte
in der Europapolitik sind ihm dabei besonders wichtig: die
Fortführung des Erweiterungsprozesses mit Blick auf die
Balkanländer und die Türkei und die Erhöhung des Anteils
britischer Vertreter in den EU-Institutionen.

Mit dieser Ausgangsposition ist zu erwarten, dass in vielen


Bereichen Deutschland und Großbritannien in den nächsten
Jahren konstruktiv zusammenarbeiten
werden. Nach der Verabschiedung des Lissa- Mit großer Aufmerksamkeit wurde
bonner Vertrages treten Grundsatzfragen erst wahrgenommen, dass Deutschland nicht
mehr in jedem Fall bedingungslos bereit
einmal in den Hintergrund. Viel mehr stehen ist, notfalls zu bezahlen. Manchmal wird
für die Europabürger sehr entscheidende schon behauptet, die Deutschen werden
britischer.
praktische Fragen auf der Tagesordnung:
die Bewältigung­ der Wirtschaftskrise und
des Klimawandels sowie Sicherheitspolitik, vor allem der
Einsatz in Afghanistan. Mit großer Aufmerksamkeit wurde
in Großbritannien wahrgenommen, dass Deutschland nicht 

10 | William Hague Britain‛s Foreign Policy in a Networked


World, Rede im Foreign and Commonwealth Office,
01.07.2010, zu finden unter: http://fco.gov.uk/en/news/
latest-news/?view=Speech&id=22462590 [14.07.2010].
116 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

mehr in jedem Fall bedingungslos bereit ist, einzuspringen


und notfalls zu bezahlen. Manchmal wird schon behauptet,
die Deutschen werden britischer. Die Griechenlandkrise
machte sehr deutlich, dass die Deutschen ihrerseits
Erwartungen an die anderen Mitgliedsstaaten haben. Die
Forderung nach größerer Haushaltsdisziplin wird dabei
von der britischen Regierung geteilt, obwohl sie sich sonst
wohlweislich aus der Suche nach einer Problemlösung für
die Eurozone heraushält. Anbetracht eines eigenen Defi-
zits von guten elf Prozent im laufenden Haushaltsjahr und
einem in den letzten Jahren deutlich geschwächten Pfund
ist die Regierung in London ihrerseits sehr um Haushalts-
disziplin bemüht.

Würden die Deutschen wirklich britischer, was in diesem


Kontext bedeutet, dass sie Europapolitik vor allem aus
ihrem nationalen Interesse heraus wahrnähmen und Inte-
grationsbemühungen, die Souveränitätsverzicht mit sich
bringen, zurücknähmen, könnte das durchaus engeren
Beziehungen zu Großbritannien zugutekommen. Das
würde allerdings einen klaren Bruch mit
Setzt Deutschland seine traditionelle der bisherigen Europapolitik Deutschlands
Europapolitik fort, so sind Konfronta- bedeuten. Setzt Deutschland demgegenüber
tionen und Enttäuschungen nicht aus-
zuschließen. Solange die Europapolitik auch künftig seine traditionelle Europapolitik
beider Länder nicht stärker kongruent fort, dann sind Konfrontationen und Enttäu-
zu bringen ist, wird es immer wieder
schungen wohl nicht auszuschließen. Denn
Konflikte geben.
solange die Europapolitik beider Länder nicht
stärker kongruent zu bringen ist, wird es immer wieder
Konflikte geben. Umso mehr sollten die nächsten Jahre,
in denen weniger grundsätzliche Entscheidungen in der
EU anstehen, genutzt werden, durch eine enge Zusam-
menarbeit auf konkreten Feldern die Beziehungen beider
Länder so stark wie möglich werden zu lassen. Durch
konkrete Politiken wie Reformen des Binnenmarktes etwa
im Bereich der Finanzmarktaufsicht, aber auch der Marktli-
beralisierung und durch Fortschritte im Klimaschutz und in
der Umsetzung des Lissabonner Vertrages im Bereich der
Strukturreformen können letztlich Entwicklungen ermög-
licht werden, die im Ergebnis die EU stark machen – ohne
dass im Vorfeld viel darüber gestritten werden muss, ob
man das eigentlich will oder nicht.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 117

Union für das Mittelmeer –


Realitäten anerkennen und
Chancen nutzen!

Gerrit F. Schlomach

Durch die Gründung der Union für das Mittelmeer (UfM)


vor zwei Jahren, im Juli 2008, haben sich neue Chancen
für eine konstruktive Gestaltung der multilateralen Euro-
Mittelmeerbeziehungen ergeben. Die UfM wurde auf einem
Gipfeltreffen von 44 Staats- und Regierungschefs in Paris
als eine „Union der Projekte‟ aus der Taufe gehoben und
umfasst aktuell 43 Staaten mit 756 Millionen Einwohnern.
Entwickelte sich diese Union aus der seit 1995 beste- Gerrit F. Schlomach
henden Euro-Mittelmeer-Partnerschaft (EMP), so traten ist Parlamentarischer
Assistent von MdEP
der Partnerschaft sechs neue Staaten bei, Albanien, Michael Gahler und
Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Kroatien, Monaco Doktorand an der
und Mauretanien. Der Arabischen Liga und Libyen wurde Universität der Bun-
deswehr München.
jeweils ein Beobachterstatus eingeräumt. Obgleich die UfM
inzwischen über einen Hauptsitz mit einem Generalse-
kretär und Sekretariat in Barcelona verfügt, ist sie weder
eine internationale Organisation noch verfügt sie über eine
eigenständige Rechtspersönlichkeit. Vielmehr ist die UfM
ein internationaler Zusammenschluss auf Basis der beiden
politischen und rechtsunverbindlichen Erklärungen von
Barcelona aus dem Jahr 1995 und von Paris aus dem Jahr
2008.

Am zweiten Jahrestag der UfM stellen sich die folgenden


Fragen: Welche Effekte konnte die Union entfalten? Welchen
zukünftigen Weg gilt es einzuschlagen? Zur Beantwortung
der Fragen werden in einem ersten Schritt die regionalen
Rahmenbedingungen und bisherigen Beziehungsmuster
dargelegt, bevor in einem zweiten Schritt Maßnahmen und
Aktionen, die sich aus der Gründung der Union ergaben,
betrachtet werden. Vor dem Hintergrund dieser Ausfüh-
rungen wird in einem dritten Schritt eine Bewertung der
118 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

UfM im Rahmen einer Analyse des politischen Prozesses


und einer Kritik der institutionellen Struktur vorgenommen,
die in Handlungsempfehlungen und einen
Nach wie vor schreiten die meisten Ausblick auf die weiteren Beziehungen
südlichen Mittelmeeranrainerstaaten münden. Diese Vorschläge lassen sich mit
im regionalen Vergleich in demokrati-
schen Transformationsprozessen nur den folgenden Stichworten umreißen: politi-
langsam voran. schen und finanziellen Realitäten Rechnung
tragen, Alternativlosigkeit regionaler und trans-regionaler
Zusammenarbeit anerkennen.

Rahmenbedingungen im Mittelmeerraum

Wird die aktuelle Lage im Mittelmeerraum entlang


demokratischer, sozioökonomischer und sicherheitspoli-
tischer Rahmenbedingungen betrachtet, so zeichnet sich
folgendes Bild ab: Nach wie vor schreiten die südlichen
Mittelmeeranrainerstaaten im regionalen Vergleich in
demokratischen Transformationsprozessen langsam voran,
mit Ausnahme Israels, des Libanon und der Türkei. Mit
Blick auf den Bertelsmann Transformations Index belegen
arabische Mittelmeerländer gemessen am Demokratisie-
rungsgrad hintere Platzierungen.1 Ursachen der „Stabi-
lität‟ autoritärer Herrschaftsweisen und des Ausbleibens
von Demokratie werden in folgenden Umständen erkannt:2
rentierstaatliche Wirtschaftsstrukturen; neopatrimoniale
politische Systeme, die in patriarchalen Gesellschafts-
strukturen eingebettet sind; und schließlich ein internatio-
nales System, das aus sicherheitspolitischen Erwägungen
ein Interesse an Regimestabilität hat.

Ein Vergleich der Platzierungen der südlichen Mittelmee-


ranrainer unter Zuhilfenahme des Indexes menschlicher
Entwicklung, der von den Vereinten Nationen erhoben
wird, offenbart das mittelmäßige Abschneiden der arabi-
schen Staaten, wobei wiederum Israel und die Türkei

1 | Bertelsmann Stiftung, Bertelsmann Transformation Index BTI


2010. (Gütersloh: Bertelsmann Stiftung, 2009), abrufbar
unter http://www.bertelsmann-transformation-index.de/
[06.08.2010]
2 | Nadine Kreitmeyr, Oliver Schlumberger. „Autoritäre
Herrschaft in der arabischen Welt‟, in: Aus Politik und Zeit-
geschichte 24 (2010): 16-22, 19. Vgl. grundlegend: Martin
Beck et al. (Hrsg.) Der Nahe Osten im Umbruch – Zwischen
Transformation und Autoritarismus. (Wiesbaden: VS Verlag
für Sozialwissenschaften, 2009).
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 119

Ausnahmen darstellen.3 Im wirtschaftlichen Bereich


gelingt es den Staaten nicht in vollem Umfang, bis auf die
genannten Ausnahmen, sich in die globalen Wirtschafts-
strukturen zu integrieren. Vielmehr wirken sich die Effekte
der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise verstärkt auf
die bereits angespannten Arbeits- und Finanzmärkte aus.
Im Ergebnis kommen die Reformprozesse, um die Abhän-
gigkeit von ausländischen Finanzhilfen zurückzuführen und
der stark heranwachsenden jüngeren Generation Jobper-
spektiven und Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, langsam
voran. Verstärkend kommt hinzu, dass die
meisten arabischen Länder hinsichtlich der Den Staaten gelingt es nicht, sich voll
sozialen, gesellschaftlichen und politischen in die globalen Wirtschaftsstrukturen
zu integrieren. Vielmehr wirken sich die
Möglichkeiten im Vergleich zu anderen Effekte der weltweiten Wirtschafts- und
Ländern auf demselben Entwicklungsniveau Finanzkrise verstärkt auf die bereits
angespannten Märkte aus.
hinterherhinken.4

Mit Blick auf die sicherheitspolitische Lage ist in der Region


des südlichen Mittelmeerraums ein gewaltsamer Konfliktso-
ckel erkennbar, der sich um zwei hoch explosive Ausei-
nandersetzungen bildet:5 zum einen der Nahostkonflikt
und zum anderen die gewaltsamen Spannungen zwischen
der türkischen Regierung und kurdischen Separatisten.
Darüber hinaus sind der Westsahara-Konflikt sowie der
Umgang mit algerischen und ägyptischen Terroristen von
gewaltsamen Konfrontationen geprägt.

Unterschiedliche Erfolge in den Euro-


Mittelmeer-Beziehungen

Die Beziehungen zwischen der EU und den südlichen


Mittelmeeranrainerstaaten erfolgen sowohl über bilaterale
als auch über multilaterale Kontakte.6 Auf bilateraler Ebene

3 | United Nations Development Programme, Summary Human


Development Report 2009 (New York, 2009), abrufbar unter
http://hdr.undp.org/en/media/HDR_2009_EN_Summary.pdf
[10.07.2010].
4 | Markus Loewe, „Die Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher und
menschlicher Entwicklung in der arabischen Welt‟, in: Aus
Politik und Zeitgeschichte 24 (2010): 10-22, 10.
5 | Heidelberg Institute for International Conflict Research,
Conflict Barometer 2009 (2009), 71-73.
6 | Vgl. Gerrit F. Schlomach, „Der Fisch stinkt vom Kopf:
Europäische Kopflosigkeit gegenüber der arabischen Welt.‟
in: Ingo Wetter (Hrsg.). Die Europäische Union und die
Türkei. Band II: Expansion in den islamischen Raum?
(Hamburg: Kovac, 2006), 133-158.
120 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

wurden mit den Partnerländern Assoziierungsabkommen


geschlossen, um die südlichen Staaten in ihren Reform­
anstrengungen bei der Umsetzung von demokratischen,
rechtsstaatlichen und marktwirtschaftlichen
Die Erwartungen ruhten auf der Euro- Prinzipien zu unterstützen. Bis heute wurden
Mittelmeer-Partnerschaft, die auch als alle angestrebten Assoziierungsabkommen
Barcelona-Prozess bezeichnet wird.
Das Gründungsdokument zielte dar- in Kraft gesetzt, wobei dieser Schritt mit
auf ab, den Mittelmeerraum in eine Syrien noch nicht vollzogen wurde und
gemeinsame Friedens-, Wohlstands-
Libyen sich der Aushandlung eines solchen
und Stabilitätszone zu überführen.
Abkommens widersetzt. Tripolis strebt in den
Beziehungen zur EU an, ein Rahmenabkommen zu unter-
zeichnen, das jedoch inhaltlich die gleichen Schwerpunkte
wie die Assoziierungsabkommen abdecken soll.

Im multilateralen Kontext ruhten die Erwartungen auf


eine Verbesserung der regionalen Lage und eine Stärkung
der trans-regionalen Verbindungen auf der 1995 gestar-
teten Euro-Mittelmeer-Partnerschaft (EMP), die auch als
Barcelona-Prozess bezeichnet wird. Das grundlegende,
rechtsunverbindliche Gründungsdokument zielte darauf
ab, den Mittelmeerraum in eine gemeinsame Friedens-,
Wohlstands- und Stabilitätszone zu überführen. Dies sollte
durch eine verstärkte Zusammenarbeit in drei Bereichen
erfolgen: politischer und sicherheitspolitischer Dialog,
partnerschaftliche Zusammenarbeit im Wirtschafts- und
Finanzbereich sowie auf sozialer, kultureller und mensch-
licher Ebene. Seit Beginn der EMP hat die Europäische
Kommission bis heute eine Gesamtsumme von 1,66 Milli-
arden Euro für regionale Projekte zur Verfügung gestellt.7

Gegenüber den ambitionierten Zielen der Barcelona-


Erklärung stellte sich schnell Realismus ein, da sich die
Erkenntnis durchsetzte, den ursprünglichen Erwartungen
nicht im vollen Umfang gerecht zu werden. Der begrenzte
sicherheitspolitische, demokratische und wirtschaftliche
Erfolg lässt sich auf vielerlei Faktoren zurückführen.8

Zwar ist es richtig, dass in manchen Phasen des Nahost-


Konflikts der einzige funktionierende Rahmen innerhalb der

7 | Stefan Füle, „Adress to the ‚For’UM‛ meeting‟,


Speech/10/269. European Comission, (2010), 3.
8 | Vgl. Andreas Jacobs und Hanspeter Mattes (Hrsg.),
Un-politische Partnerschaft. Eine Bilanz politischer Reformen
in Nordafrika/Nahost nach zehn Jahren Barcelonaprozess,
(Sankt Augustin: Konrad-Adenauer-Stiftung, 2005).
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 121

EMP bestand, wo sich Araber und Israelis gemeinsam an


einen Tisch setzten. Doch folgte meist auf eine Verschlech-
terung der israelisch-arabischen Beziehungen eine Störung
im Euro-Mittelmeergefüge, obgleich der Austausch über
das Mittelmeer hinweg nie vollständig zum Erliegen kam.
Mittelfristig konnte die europäische Politik das Dilemma
zwischen dem Interesse an innerstaatlichen Reformen und
Wandel auf der einen Seite sowie dem Interesse an Europas
Sicherheit auf der anderen Seite nicht konstruktiv auflösen.
Aus europäischer Sicht ist es legitim, eigene Sicherheits-
interessen und den Wunsch nach Wandel und politischer
Reform zu formulieren. Doch ist auch die Zurückhaltung
der südlichen Verantwortungsträger zu verstehen, die in
diesem Fall das auszuwechselnde Objekt sind. Schließlich
war es verschiedenen Reform- oder Revita-
lisierungsinitiativen von europäischer Seite 2004 etablierte die EU einen neuen
im Kontext der EMP nicht vergönnt, einen politischen Ansatz im Rahmen der Euro-
päischen Nachbarschaftspolitik (ENP).
signifikanten innerstaatlichen Reformwandel Nach Ausweitung auf die südlichen
bei den südlichen Partnerländern und eine Mittelmeeranrainerstaaten wurden die
bilateralen Beziehungen zur EU durch
Verbesserung der regionalen Beziehungen
Aktionspläne neu ausgerichtet.
herbeizuführen. Hinzu kam, dass der perma-
nente Streit um den strategischen Einsatz
finanzieller Ressourcen innerhalb der EU zwischen südli-
chen sowie zentral- und mitteleuropäischen Mitglied-
staaten nicht langfristig eingehegt wurde.

Im Schlepptau der Erweiterungsrunde 2004 etablierte die


EU einen neuen politischen Ansatz im Rahmen der Euro-
päischen Nachbarschaftspolitik (ENP).9 Nach Ausweitung
dieses politischen Instruments auf die südlichen Mittelmee-
ranrainerstaaten wurden die bilateralen Beziehungen zur EU
durch Aktionspläne neu ausgerichtet. Besonderes Augen-
merk wurde darauf gerichtet, unterstützende Maßnahmen
in die jeweiligen Reformagenden der Partnerländer zu inte-
grieren. Neben strukturellen Mängeln in der Ausgestaltung
der ENP bestehen spezifische Reformwiderstände bei den
südlichen politischen Verantwortungsträgern. Die jüngsten
Fortschrittsberichte der Europäischen Kommission zur
Umsetzung der Aktionspläne weisen jedoch insgesamt eine
positive Entwicklungsrichtung auf. In ausgewählten Fällen
wurde von der EU ins Auge gefasst, die bestehenden guten 

9 | Vgl. Steffen Erdle, „Die europäische Nachbarschaftspolitik.


Ein Motor für Reformen im Mittelmeerraum?‟, in: KAS
Auslandsinformationen 4/2007, (2007): 4-40.
122 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Beziehungen im Rahmen eines fortgeschrittenen Status


weiter zu vertiefen. Marokko erhielt als erster südlicher
Partnerstaat diesen privilegierten Status im Oktober 2008.

Vor dem Hintergrund dieser wechselhaften Entwicklungen


verstärkten sich ab 2005, zum zehnjährigen Geburtstag
der EMP, die Stimmen, die EMP und die ENP im südlichen
Kontext zu reformieren.10 Diese kritische Stimmung wurde
2007 vom damaligen französischen Präsidentschaftskan-
didaten Nicolas Sarkozy aufgegriffen, der im Wahlkampf
die Gründung einer Mittelmeer-Union forderte. Handelte
es sich zunächst um sehr ungenaue und zum Teil wider-
sprüchliche Vorstellungen, so wurden im Vorfeld und
während der französischen EU-Ratspräsidentschaft in
der zweiten Jahreshälfte 2008 Fakten geschaffen, um im
Rahmen einer Union für das Mittelmeer einen Neustart in
den gemeinsamen Beziehungen zu wagen.11

Ambitionierter Start der Union für das


Mittelmeer

Auf dem Frühjahrsgipfel am 14. März 2008 in Brüssel


einigten sich die europäischen Staats- und Regierungs-
chefs darauf, der Europäischen Kommission den Auftrag zu
erteilen, die Modalitäten des neuen europäischen Ansatzes
für den Mittelmeerraum „Barcelona-Prozess:
Nicolas Sarkozy forderte im Wahlkampf Union für das Mittelmeer‟ zu definieren und
die Gründung einer Mittelmeer-Union. festzulegen.12 Mit diesem Schritt gelang es,
Handelte es sich zunächst um sehr
ungenaue Vorstellungen, so wurden im die ursprünglichen Ideen von Sarkozy auf die
Vorfeld und während der französischen Ebene der Europäischen Union zu überführen
EU-Ratspräsidentschaft 2008 Fakten
und in den bestehenden Barcelona-Prozess
geschaffen.
zu integrieren. Die Eckpfeiler der deutsch-
französischen Überlegungen, die die Grundlage der euro-
päischen Einigung bildeten, beruhten zunächst darauf, die
EU-27 und zehn südliche Mittelmeeranrainerstaaten sowie

10 | Vgl. EuroMeSCo Secretariat, Barcelona Plus / Towards a


Euro-Mediterranean Community of Democratic States,
(Lissabon, 2005).
11 | Gerrit F. Schlomach, „Deutsche Erfahrungen in der Nahost-
Mittelmeer-Region verstärkt für die europäische Außen- und
Sicherheitspolitik nutzen‟, in: KAS Auslandsinformationen
3/2008, (2008): 55-59.
12 | Vgl. Council of the European Union. Presidency Conclusions.
Brussels European Council 13/14 March 2008, Annex 1,
7652/08, (Brüssel, 2008), 19.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 123

Jordanien und Mauretanien einzubinden.13 Institutionell


einigte man sich darauf, ein Sekretariat und einen zwei-
jährigen ständigen Ko-Vorsitz einzurichten, den sich ein
EU-Mitgliedsstaat und ein südlicher Partner teilen.

Am 13. Juli 2008 traten unter französisch-ägyptischem


Ko-Vorsitz 44 Staats- und Regierungschefs der EU und der
südlichen Mittelmeeranrainerstaaten in Paris zusammen
und unterzeichneten eine gemeinsame Erklärung.14 Der
damaligen französischen EU-Ratspräsidentschaft gelang
es, die Schmach der zehnjährigen Geburtstagsfeier der
EMP und eine mögliche erneute Abwesenheit
der meisten südlichen politischen Führer Auf Ebene der Staats- und Regierungs-
abzuwenden. Der Kreis der anwesenden chefs werden in Zukunft alle zwei Jahre
Gipfeltreffen abgehalten. Man einigte
südlichen Repräsentanten umfasste unter sich ferner auf einen Ko-Vorsitz für
anderem sowohl den israelischen Premi- zwei Jahre und die Einrichtung eines
gemeinsamen Sekretariats unter Lei-
erminister Ehud Olmert, den palästinensi-
tung eines Generalsekretärs.
schen Präsidenten Mahmoud Abbas als auch
den syrischen Staatspräsidenten Bashar
al-Assad. Fern geblieben waren lediglich der jordanische
König Abdallah II., der marokkanische König Mohammed
VI. und der libysche Staatschef Mouammar Gadhafi.

Thematisch wurden die Schwerpunkte der UfM auf


folgende sechs Projekte gelegt: Säuberung des Mittel-
meers, Meeresautobahnen und Autobahnen an Land,
Zivilschutzinitiativen, mediterranes Solarenergiepro-
gramm, Euro-Mittelmeer-Universität in Slowenien und eine
Mittelmeer-Wirtschaftsentwicklungsinitiative mit dem Ziel
der Stärkung von kleinsten, kleinen und mittleren Unter-
nehmen.

Auf Ebene der Staats- und Regierungschefs werden in


Zukunft alle zwei Jahre Gipfeltreffen abgehalten. Entspre-
chend der Funktion des Europäischen Rates obliegt es
den hochrangigen Staatsvertretern, politische Richtungs-
entscheidungen zu treffen und die Arbeitsprogramme der 

13 | Gerrit F. Schlomach, „‚Overview‛ Regional Dialogue and


Cooperation in 2008 – Any Opportunities?‟, in: Konrad-
Adenauer-Stiftung, Regional Centre on Conflict Prevention
(Hrsg.), EAG Policy Paper number 3, July 2008, (Amman:
Konrad-Adenauer-Stiftung, 2008): 1-2.
14 | President of the French Republic and the President of the
Arab Republic of Egypt. 2008. Joint Declaration of the Paris
Summit for the Mediterranean, 13.07.2008, Paris.
124 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

UfM zu verabschieden. Man einigte sich ferner auf einen


Ko-Vorsitz für zwei Jahre und die Einrichtung eines gemein-
samen Sekretariats unter Leitung eines Generalsekretärs.
Ein gemeinsamer ständiger Ausschuss bereitet die Treffen
der Hohen Beamten vor und wird dem Ko-Vorsitz assis-
tieren, um die regelmäßigen Treffen der Außenminister
auszurichten.

In der Erklärung von Paris wurde die bisherige Liste der


Teilnehmerstaaten im Vergleich zur EMP erweitert. So
traten der Partnerschaft sechs neue Staaten bei Albanien,
Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Kroatien, Monaco und
Mauretanien. Der Arabischen Liga wurde ein Beobachter-
status eingeräumt. Libyen entschloss sich, als Beobachter
den regelmäßigen Sitzungen beizuwohnen.

Umsetzung der Beschlüsse nach dem Gipfel

Die bereits auf dem Pariser Gipfel zur Gründung der Union
für das Mittelmeer angelegte Folgekonferenz auf Ebene
der Außenminister erfolgte vom 3. bis 4. November 2008.
Der ursprüngliche Termin im Oktober 2008 konnte nicht
gehalten werden, da die arabischen Staaten ihre Teilnahme
an dem geplanten Außenministertreffen mit dem Hinweis
in Frage stellten, nicht mit dem israelischen Außenminister
Avigdo Lieberman an einem Tisch sitzen zu wollen.

Ziel dieses erstens Treffens unter der Leitung des fran-


zösischen Außenministers Bernard Kouchner und seines
ägyptischen Kollegen Ahmed Aboul Gheit war, die neue
Union zu festigen und offene Fragen zu bearbeiten. In der
Abschlusserklärung15 festigten die Außenminister die insti-
tutionelle Struktur, legten das Arbeitsprogramm und die
Kooperationsfelder für das Jahr 2009 fest und vollzogen
eine Überprüfung der letzten Aktivitäten. Die Außenmi-
nister beschlossen als neuen offiziellen Namen „Union für
das Mittelmeer‟. Dabei wurde der bisherige Bezug zum
Barcelona-Prozess, den erst die deutsche Kanzlerin Merkel
in der Projektfindungsphase einfügen ließ, fallengelassen.

15 | Council of the European Union, Union for the Mediterranean


ministerial conference, Marseille, 03./04.11.2008, 15187/08
(Presse 314), (Barcelona Press 2008), 6-10.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 125

Die Frage, wer von Seiten der Europäischen Union bzw. der
europäischen Mitgliederstaaten dem Gremium vorsitzen
wird, wurde ebenfalls auf der Außenministerkonferenz
diksutiert, um eine kohärente Politikgestaltung zu garan-
tieren. Die gemeinsame Erklärung präzisierte, dass von
europäischer Seite die Besetzung der Ko-Präsidentschaft
im Rahmen der in Kraft gesetzten Verträge stehen müsse.
Dies wurde mit der Interpretation verbunden, wonach die
Präsidentschaft und die Europäische Kommission die EU in
den auswärtigen Beziehungen repräsentiert. Unklar blieb
jedoch, welcher europäische Staat nach der zweijährigen
französischen Ko-Präsidentschaft den Sitz für die EU-Präsi-
dentschaft übernehmen würde und wie die Abstimmung
zwischen EU-Präsidentschaft und Kommission zu erfolgen
hat.

Darüber hinaus wurde die Position eines Generalsekretärs


geschaffen, die zunächst jedoch nicht besetzt werden
konnte, da sie im Zusammenhang mit der
Standortfrage des Sekretariats gesehen Das gemeinsame Sekretariat verfügt
wurde. Aufgrund der politischen Einfluss- über keinerlei politischen Auftrag. Es
beschränkt sich darauf, dem Prozess
nahme Syriens wurde Tunesien als Standort neue Impulse zu geben und Projekte
des Sekretariats verworfen.16 Die tunesische vorzubereiten, durchzuführen sowie
nachzubereiten.
Regierung widersetzte sich daraufhin dem
Kompromissangebot, statt des Standorts
den ersten Generalsekretär stellen zu dürfen, und verwei-
gerte sich, einen Vorschlag zur Besetzung dieses herausra-
genden Postens zu unterbreiten. Lediglich Jordanien hielt
an einem eigenen Kandidaten fest, der jedoch aufgrund
der überwölbenden Spannungen im Nahost-Konflikt nicht
zügig gewählt werden konnte.

Das gemeinsame Sekretariat hat eine rein technische


Aufgabe zugesprochen bekommen und verfügt somit über
keinerlei politischen Auftrag. Es beschränkt sich darauf,
dem Prozess neue Impulse zu geben und Projekte vorzu-
bereiten, durchzuführen sowie nachzubereiten. Finan-
ziert wird das Sekretariat (Unterstützungspersonal und
Ausstattung)­ aus einem gemischten Haushalt. Dabei trägt
die EU einen Anteil und die weiteren Anteile werden von
den südlichen Partnerstaaten übernommen, die jedoch
freiwillig ihre Beiträge zur Verfügung stellen können.

16 | Vgl. Florence Beaugé, „La France arrache un accord global


sur l’Union pour la Méditerranée‟, in: Le Monde, 05.11.2008.
126 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Obgleich sich die Konferenzteilnehmer in Paris darauf


einigten, die Arabische Liga in die Union für das Mittelmeer
als Beobachter einzubinden, widersetzte sich fortgesetzt
die israelische Regierung, diese Vereinbarung umzu-
setzen. Diese Ablehnung führte zur Verschiebung eines
Treffens der Umweltminister, die für Ende Oktober 2008 in
Jordanien vorgesehen war. Ein Scheitern des Außenminis-
tertreffens im November 2008 stand wegen des Nahost-
Konflikts und der Frage nach der Beteiligung Israels und
der Arabischen Liga an der UfM im Raum, konnte jedoch
verhindert werden.17 Die fortgesetzte Anwesenheit der
Arabischen Liga wirft die Frage auf, welche
Nach den kriegerischen Auseinander- Begründung geliefert wird, indirekt allen
setzungen im Gaza-Streifen zum Jah- arabischen Staaten, auch denen, die nicht
reswechsel 2008/2009 und den Wahlen
in Israel setzte ein Stillstand in den Mit- mittelbar- oder unmittelbar an das Mittel-
telmeer-Beziehungen ein. Das führte meer grenzen, einen Zugang zu einer euro-
zur totalen Einstellung der diploma-
mediterranen Organisation zu gewähren.
tischen Treffen im Rahmen der UfM.
Die kritische Haltung Israel wurde zum Preis
einer Ausweitung der stellvertretenden Generalsekretäre
überwunden. Jeweils ein Posten wurden einem Vertreter
aus den südlichen Hauptstädten Tel Aviv, Ramallah, Athen,
Rom und Valletta zugesprochen.

Erste Wiederbelebungsversuche erweisen


sich als begrenzt

Während und kurz nach den kriegerischen Auseinanderset-


zungen im Gaza-Streifen zum Jahreswechsel 2008/2009
und nach den Wahlen in Israel setzte ein Stillstand in
den Mittelmeer-Beziehungen ein. Dies führte zur totalen
Einstellung der technischen und diplomatischen Treffen im
Rahmen der UfM. Im Ergebnis musste selbst die Europäi-
sche Kommission die Aufschiebung der geplanten Treffen
öffentlich zugeben.18

Im Juni 2009 startete der französische Energieminister


Jean-Louis Borloo eine Initiative, um nach einer weiteren
Verschiebung eines Treffens aufgrund des Nahost-Konflikts,
welches für Anfang Juni in Monaco vorgesehen war, mit 

17 | Ebd.
18 | „The crisis in Gaza at the end of 2008 resulted in a suspension
of the UpM meetings during some months.‟ in: European
Commission, Union for the Mediterranean, Brüssel,
10.07.2009, MEMO/09/333 (2009).
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 127

seinen Kollegen am 25. Juni 2009 in Paris zusammenzu-


treffen. Ziel dieses Treffens war es, weitere Schritte nach-
haltiger Entwicklung in der Region zu diskutieren.

Die Frage des wechselnden Ko-Vorsitzes auf Seiten der EU


wurde im Juli 2009 erneut aufgeworfen, da der damalige
belgische Außenminister Karel de Gucht es nicht akzep-
tierte, dass europäische Mittelmeeranrainer automatisch
an der Ko-Präsidentschaft nach Beendigung der EU-Rats-
präsidentschaft festhalten. Dieses informelle Verfahren
entstand unter dem französischen Ko-Vorsitz, der von Juli
2008 bis Ende Dezember 2009 für die EU der UfM vorsaß.
Der französischen Regierung war es gelungen, mit den
folgenden EU-Ratspräsidentschaften Tschechiens und
Schwedens erfolgreich zu verhandeln, um den Ko-Vorsitz
zu behalten. Doch führte dies zu Unklarheiten, als zu
Jahresbeginn 2009 zwei Delegationen – eine unter tsche-
chischer Führung als damalige EU-Ratspräsidentschaft
und eine unter französischer Führung im Rahmen des
Ko-Vorsitzes – versuchten, im Gaza-Israel-Konflikt vor Ort
zu vermitteln. Belgien fürchtete damals, dass Madrid auch
nach dem Ende der spanischen EU-Ratspräsidentschaft
Ende Juni 2010 einen Anspruch auf den Ko-Vorsitz erheben
könnte. Diese Befürchtung führte zu einem Briefverkehr
zwischen den belgischen und spanischen Außenministern.

Zweierlei Aspekte kommen in Bezug auf die Frage nach


der europäischen Besetzung des Ko-Vorsitzes zum Tragen:
Erstens wurde bis zum Beginn der belgischen Ratspräsi-
dentschaft im Juli 2010 keine Entscheidung
über dieses Thema getroffen. Vielmehr ist Der Prozess der Entscheidungsfin-
es absehbar, dass in Brüssel erst noch ein dung wird sich vor der Grundsatzent-
scheidung abspielen, außenpolitische
Verfahren gefunden werden muss, wie eine Fragen Cathrin Ashton und dem neuen
französische Nachfolge erfolgen soll. Zwei- Europäischen Auswärtigen Dienst zu
überlassen.
tens wird sich der Prozess der Entschei-
dungsfindung vor der belgischen Grundsatz-
entscheidung abspielen, außenpolitische Fragen der Hohen
Beauftragten Cathrin Ashton und dem neuen Europäischen
Auswärtigen Dienst zu überlassen. Mit Blick auf diese
beiden Faktoren ist davon auszugehen, dass die europä-
ische Besetzung des Ko-Vorsitzes den Rat noch im Herbst
2010 beschäftigen wird.
128 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Darüber hinaus bewirkten die politischen Effekte des


Nahost-Konflikts Verzögerungen bei der Benennung des
ersten Generalsekretärs. Als Ergebnis eines intergouver-
nementalen Verfahrens wurde im März 2010 der jordani-
sche Diplomat und ehemalige EU- und NATO-Botschafter
Ahmad Masadeh zum ersten Generalsekretär
Das vierte ministerielle Treffen zum der UfM erklärt. Mit Blick auf die gestärkte
Thema Wasser blieb im April 2010 ohne Rolle des Europäischen Parlaments in außen-
Ergebnis. Hintergrund war die israeli-
sche Ablehnung des Begriffs „besetzte politischen Fragen und Entscheidungen muss
Gebiete‟ im Schlussdokument. bemängelt werden, dass die Einbindung
der parlamentarischen Euro-Med-Ebene bei
der Besetzung dieses Postens nicht erfolgt ist. Hätten die
Staats- und Regierungschefs an ihren eigenen Absichtser-
klärungen festgehalten, die Euro-Mittelmeer-Parlamenta-
rier-Versammlung (EMPA) voll in die UfM zu integrieren, so
wäre eine parlamentarische Anhörung des Kandidaten für
den Posten des Generalsekretärs wünschenswert gewesen.

Ungeachtet der Wiederbelegungsversuche verlief das


vierte ministerielle Treffen zum Thema Wasser vom 13.
bis 14. April 2010 ohne Ergebnis. Hintergrund war die
israelische Ablehnung des Begriffs „besetzte Gebiete‟ im
Schlussdokument. Israel widersetzte sich der international
anerkannten Bezeichnung der besetzten palästinensischen
Gebiete und verhinderte so die Verabschiedung einer
gemeinsamen Wasserstrategie.19

Vor dem Hintergrund der Drohung Syriens und Ägyptens,


dem für den 7. bis 8. Juni 2010 vorgesehenen Gipfel der
Staats- und Regierungschefs fernzubleiben, wurde er Ende
Mai auf November 2010 verschoben.20 Vorausgegangen
war die Erklärung des israelischen Außenministers Avigdo
Liebermann, selbst am Gipfeltreffen teilnehmen zu wollen,
was arabische Boykottdrohungen nach sich zog, da Lieber-
mann von syrisch-ägyptischen Vertretern als anti-arabi-
scher Vertreter wahrgenommen wird. Zwar versuchte der
spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero,
damaliger Vertreter der rotierenden EU-Ratspräsident-
schaft, Liebermann zum Fernbleiben zu bewegen, jedoch

19 | Eberhard Rhein, „Union for the Mediterranean has to get


serious‟, in: Blogactiv (23.04.2010), http://www.euractiv.com/
en/east-mediterranean/union-med-has-get-serious-analysis-
473553 [10.07.2010].
20 | Vgl. „Mittelmeer-Gipfel wegen Nahost-Streit verschoben‟,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (22.05.2010).
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 129

lehnte dies Israel ab. Es ist geplant, das verschobene


Treffen in der dritten Novemberwoche zum 15. Jahrestag
der EMP nachzuholen.

Analyse des politischen Prozesses und Kritik


der institutionellen Struktur

Startete das französische Projekt einer Mittelmeerunion


mit dem Ziel, die Defizite und Mängel des Barcelona-
Prozesses und der ENP anzugehen und zu beseitigen, so
fällt ein erstes Urteil der Implementierung der Ideen eher
pessimistisch aus. Demnach wäre es schwierig, bei der
UfM Erfolge zu sehen, wo bereits der Barcelona-Prozess
versagt hätte.21 Wird auf die politischen Ereignisse und
Verzögerungen im Umgang der UfM zurückgeblickt, so
bieten sich erstens eine Analyse des politischen Prozesses
und zweitens eine Kritik der institutionellen Struktur an.22

Zwar kann es aus prozessualer Sicht als Erfolg gewertet


werden, dass sich die Staatschefs in Paris trafen und sich
gegenseitig versicherten, wie wichtig die Mittelmeerdimen-
sion auf beiden Seiten des Meeres sei,23 doch als hinreichend
kann dies nicht betrachtet werden. Auch die Folgetreffen
sind nicht von Kritik frei geblieben: Die Meinungen zur
Beurteilung der Fortschritte der Außenminister-Konferenz
in Marseille gingen auseinander: Es wurde einerseits als ein
Erfolg betrachtet, dass sich die Konferenzteilnehmer auf
ein Arbeitsprogramm für 2009 einigen konnten. Darüber
hinaus wurde einiger Fortschritt24 auf den Gebieten der

21 | Roberto Alliboni, und Fouad M. Ammor, „Under the Shadow


of Barcelona: From the EMP to the Union for the Mediterra-
nean‟, in: EuroMeCSo Paper 77 (2009).
22 | Im Rahmen einer sicherheitspolitischen Analyse multilateraler
Ansätze im Mittelmeerraum wurde jüngst eine gewisse Müdig-
keit festgestellt: „[W]e observe a kind of Mediterranean
fatigue when it comes to multilateral initiatives.‟, Carlo
Masala und Sarah Anne Rennick, „‚Overview‛ Mediterranean
Fatigue? The State of Multilateral Frameworks in the Middle
East.‟, EAG Policy Paper 9, (Kairo: Konrad-Adenauer-Stiftung,
2010), 1-2, 1.
23 | Vgl. Hardy Ostry, Hochglanzbilder und Gipfelstimmung. Die
Union für das Mittelmeer und der Nahost-Konflikt, (Berlin:
Konrad-Adenauer-Stiftung, 2008).
24 | Michael Reiterer, „From the (French) Mediterranean Union
to the (European) Barcelona Process: The ‚Union for the
Mediterranean‛ as Part of the European Neighbourhood
Policy.‟ in: European Foreign Affairs Review 14 (2009):
313-336, hier: 327.
130 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Säuberung des Mittelmeeres, neuer See- und Landwege,


Zivilschutzprojekte, alternative Energie, Mittelmeersolar-
plan und höhere Bildung sowie eines Mittel-
Allgemein stellt sich die Frage, wie es meerentwicklungsplans für Geschäftsleute
gelingen kann, den Geist der EMP in erkannt. Andererseits wurde die Meinung
neue Initiativen zu übersetzen und dar-
über hinaus institutionelle und projekt- vertreten, dass in den sechs grundlegenden
bezogene Fortschritte zu erlangen. Projekten der Union keine weiteren Fort-
schritte erzielt worden seien, da sich die
Außenminister weder auf Durchführungsmodalitäten noch
auf weitergehende konkrete Schritte einigten.25

Allgemein stellt sich die Frage, inwieweit es mit dem


nun gewählten Weg der UfM gelingen kann, den Geist
der EMP in neue Initiativen zu übersetzen und darüber
hinaus institutionelle und projektbezogene Fortschritte
zu erlangen.26 Mit Blick auf die Projekte wurde die Kritik
laut, dass substanziell keine neuen Projekte angeschoben
wurden, mit denen auch nur „partiell auf die strukturellen
Probleme und Entwicklungen im Mittelmeerraum‟27 einge-
gangen worden wäre und die den südlichen Interessen
entsprochen hätten. Die als neue Projekte angekündigten
Maßnahmen wurden zum Teil bereits in der Vergangenheit
von den bestehenden Euro-Mittelmeerbeziehungen und
-institutionen bearbeitet. Unter Leitung der Europäischen
Kommission wurde bereits seit 2005 mit der Initiative
„Horizon 2020‟ grenzüberschreitend daran gearbeitet, die
Wasserqualität des Mittelmeeres zu erhöhen. Ähnliches
kann auch im Bildungsbereich beobachtet werden, wo sich
die Bildungsminister bereits im Juni 2007 in Kairo darauf
geeinigt hatten, einen gemeinsamen Forschungsraum zu
gründen und den Austausch von Wissenschaftlern stärker
zu fördern.

Im Vergleich zum Barcelona-Prozess wurde der UfM ein


schlechtes Zeugnis im Umgang mit dem Nahost-Konflikt
ausgestellt. Einer Ansicht nach konnte der Barcelona- 

25 | Didier Billion, „L’Union pour la Méditerrannée, nouvel acteur


des relations internationales? L’Union pour la Méditerrannée
un an après.‟ http://affaires-strategiques.info [10.06.2010].
26 | Vgl. Ahmed Driss, „North-African Perspectives‟, in: Roberto
Aliboni (Hrsg.), Putting the Mediterranean Union in Perspec-
tive (EuroMeSCo Paper 68), 19-24, hier: 23.
27 | Vgl. Daniela Schwarzer, und Isabelle Werenfels, „Formel-
kompromiss ums Mittelmeer‟ in: SWP-Aktuell (Berlin, 2008/
A24), 4-5.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 131

Prozess trotz aller Rückschläge im Friedensprozess in


Bewegung bleiben. Die neue institutionelle Situation würde
es den arabischen Staaten erlauben, die gesamte UfM für
eigene Interessen zu „kidnappen‟.28 Ein Grund wurde darin
erkannt, dass innerhalb der EMP die arabischen Staaten
und Israel lediglich Gäste eines von der EU angetriebenen
Prozesses waren.29 Mit Beginn der UfM, dem Ko-Vorsitz und
dem Generalsekretariat hätten die südlichen Mittelmeeran-
rainerstaaten Miteigentümerschaft übernommen, was eben
auch bedeuten kann, sich zu verweigern. Konnte sich die
EU bislang über die wechselseitigen Proteste und Verwei-
gerungen von Arabern und Israelis hinwegsetzen, so geht
dies nun nicht mehr. Vor dem Hintergrund dieser gewollten
Entwicklung muss die europäische Grundposition, wonach
EMP und UfM keine direkten Instrumente zur Behandlung
des Nahost-Konflikts seien, in Frage gestellt werden.

Ungeachtet dieser pessimistischen Bewertungen gelang


es im institutionellen Bereich, die EMP im Rahmen der
UfM weiterzuentwickeln und konkrete Projekt­ideen zu
schaffen. Ein Sekretariat wurde in Barcelona eingerichtet
und die Ko-Präsidentschaft nahm ihre Arbeit
auf. Vor dem Hintergrund der bestehenden Konnte sich die EU bislang über die
europäischen finanziellen Vorausschau bis wechselseitigen Proteste und Verwei-
gerungen von Arabern und Israelis
2013 führte der europäische Erweiterungs- hinwegsetzen, so geht dies nun nicht
und Nachbarschaftskommissar Füle aus, mehr.
dass die Kommission die bereitstehenden
Mittel entlang der Prioritätenliste von Paris und Marseille
umorientierte:30 2009 wurden 92 Millionen Euro für regio-
nale Projekte ausgegeben. Gemäß den Schwerpunkten von
Paris entfielen auf den Wassersektor 22 Millionen Euro, den
Transportsektor zehn Millionen Euro und den Zivilschutz
4,4 Millionen Euro. Die EU finanzierte mit fünf Millionen
Euro die vorbereitenden Maßnahmen des Mittelmeer-
Solarprogramms und unterstützte Wirtschaftsmaßnahmen
im Umfang von neun Millionen Euro.

28 | Tobias Schumacher, „A fading Mediterranen dream‟


in: European Voice, 16.07.2010.
29 | Roberto Aliboni, „The Union for the Mediterranean. Evolution
and Prospects‟, Documentati IAI 09, 39e-December 2009, 3.
30 | Stefan Füle, „Adress to the ‚For’UM‛ meeting‟,
Speech/10/269. European Comission, (2010), 3.
132 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Gerade die Kooperation im Bereich der regenerativen


Energie erweist sich als zukunftsgerichtete Maßnahme. 
Der Mittelmeer-Solarplan zielt darauf ab, Strom im Umfang
von 20 Gigawatt aus erneuerbaren Energien zu generieren
und bis im Jahr 2020 energiesparende Programme im
Mittelmeerraum umzusetzen. Im Januar
„Gute‟ Institutionen, im Sinne der 2010 legte die Europäische Kommission eine
strukturellen Fähigkeit zur Generie- Machbarkeitsstudie vor, die im Februar 2010
rung von gewünschten Ergebnissen,
können keinen gemeinsamen politi- um ein Strategiepapier einer Expertenarbeits-
schen Handlungswillen ersetzen. gruppe erweitert wurde. Im Rahmen einer
privatwirtschaftlichen Initiative gründeten
zwölf Unternehmen am 30. Oktober 2009 die Desertec-
Stiftung, um eine klimafreundliche Energieversorgung aus
dem Nahen Osten und Nordafrika sicherzustellen. Ziel des
Konzepts ist es, aus Solar- und Windenergie mittelfristig
den lokalen Strommarkt Nordafrikas und langfristig Europa
zu versorgen.

Schlussbetrachtung

Das auf die dritte Novemberwoche verschobene Treffen der


Staats- und Regierungschefs zum 15. Jahrestag der EMP
wird die Chance bieten, sich den gemeinsamen Heraus-
forderungen im Mittelmeerraum zu stellen. Mittelfristig
wird es gelingen, erstens innerhalb der EU und bei den
südlichen Partnerstaaten im Rahmen der neuen institutio-
nellen Architektur ausreichenden gemeinsamen Willen zu
entwickeln, um die neuen Möglichkeiten auch tatsächlich
zu nutzen. Eins ist klar, „gute‟ Institutionen, im Sinne der
strukturellen Fähigkeit zur Generierung von gewünschten
Ergebnissen, können keinen gemeinsamen politischen
Handlungswillen ersetzen. Zweitens sollte die Schwer-
punktsetzung der UfM mit ihrer starken Projektorientie-
rung als Mehrwert verstanden werden, um in quasi unpo-
litischen bzw. technischen Bereichen die Vertrauensbasis
der südlichen Staaten untereinander und im Verhältnis zur
EU auszuweiten.

Damit dieser Zielhorizont erreicht werden kann, müssen


die EU, ihre Mitgliedstaaten und die südlichen Partner-
staaten die Realitäten anerkennen. Im Zusammenhang
zwischen der Projektbetonung und der Auslagerung von
politischen, sicherheitspolitischen und menschenrechtli-
chen Fragen gibt es zwei Denkrichtungen, die beide an den
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 133

begrenzten Erfolgen der EMP ansetzen: Die eine empfiehlt,


an unpolitischen Projekten mittelfristig festzuhalten, bis
sich die regionale Lage so weit entspannt hat und gegen-
seitiges Vertrauen existiert, um dann die
kritischen Fragen im gemeinsamen Rahmen Die EU und ihre Mitgliedstaaten müs-
zu behandeln. Argumentativ beziehen sich sen lernen, unangenehme Themen
aktiv anzugehen und den politischen
Vertreter dieser Sichtweise auf den erfolg- Dialog auszuweiten anstatt die Augen
reichen Verlauf der europäischen Integrati- vor den regionalen Realitäten zu ver-
schließen.
onsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg
und der supranationalen Aufsicht über die
kriegswichtigen Industrien für Kohle und Stahl, die die
EGKS begründete. Kritisch gilt es hier anzumerken, dass
die weltpolitischen Gesamtzusammenhänge nach 1945 in
Europa und in den neunziger Jahren im Mittelmeerraum
kaum historische Parallelen aufweisen.

Die andere Denkrichtung erachtet es als einen Nach-


teil, dass die EMP und die darauf aufbauende UfM nicht
direkt als Instrument zum Einwirken auf die Parteien im
Nahost-Konflikt eingesetzt werden. Israel und die arabi-
schen Parteien hingegen nutzen die gemeinsamen Treffen
als Foren, ihre jeweiligen Sichtweisen im Konflikt zu
vertreten. Sie scheuten sich nicht, dem jeweiligen Inter-
esse folgend an bestimmten Sitzungen teilzunehmen oder
die Teilnahme abzusagen. Insofern müssen die EU und
ihre Mitgliedstaaten endlich lernen, unangenehme Themen
aktiv anzugehen und den politischen Dialog auszuweiten
anstatt, einer Vogelstraußpolitik folgend, die Augen vor
den regionalen Realitäten zu verschließen.

Mit Blick auf die UfM bedeutet dies, aktiv die externen
Herausforderungen anzugehen, die an die Union herange-
tragen werden. Aus arabischer Sicht ist dies an erster Stelle
der Nahost-Konflikt, wobei ein stärkeres Engagement der
EU gefordert wird. Es ist Aufgabe der EU, vor allem der
Hohen Beauftragten Ashton, mit der Stärkung der part-
nerschaftlichen Komponente im Rahmen des Ko-Vorsitzes
und dem gemeinsamen Sekretariat konstruktiv zu wirken.
Genauso wenig wie die israelische Regierung regionale
Gegebenheiten missachten kann, kann die arabische Seite
langfristig eine Politik der Isolierung Israels betreiben. An
alle drei Seiten richtet sich der Auftrag, politische Reali-
täten und regionale Gegebenheiten anzuerkennen.
134 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Darüber hinaus gilt es, gemeinsame Schlussfolgerungen


und Handlungsempfehlungen aus den Auswirkungen der
weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise, des Klimawandels
und der wechselseitigen Energiebeziehungen zu ziehen.
Alle drei Themen verweisen auf den hohen Grad der poli-
tisch gewollten wechselseitigen Verflechtung und gegen-
seitigen Abhängigkeit. Vor diesem Hintergrund muss die
Alternativlosigkeit regionaler und transregionaler Zusam-
menarbeit festgestellt werden. In diesem Zusammenhang
weisen die ausgewählten Kooperationsprojekte der UfM
in die richtige Richtung, um das gegenseitige Vertrauen
weiter zu stärken.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 135

Die Philippinen nach den


Wahlen vom 10. Mai 2010

Peter Köppinger

Dr. Peter Köppinger ist


Auslandsmitarbeiter
Am 10. Mai 2010 fanden in den Philippinen Wahlen statt. der Konrad-Adenauer-
Stiftung auf den
Gewählt wurden der Präsident, der Vizepräsident, die erste
Philippinen.
Parlamentskammer (Kongress), die Hälfte der 24 Sena-
toren (zweite Parlamentskammer), die Gouverneure der
80 Provinzen sowie Bürgermeister und Ratsmitglieder in
den Städten und Gemeinden (Municipalities) des Landes.
In dem weitgehend der ehemaligen amerikanischen Kolo-
nialmacht nachgebildeten politischen System des Landes
stellen die alle sechs Jahre stattfindenden Präsidentschafts-
wahlen einen bedeutenden Einschnitt im politischen Leben
dar, da der mit außerordentlicher Machtfülle ausgestattete
Präsident – anders als in den Vereinigten Staaten – nicht
erneut kandidieren darf, und da in dem vollständig perso-
nalisierten Wahlsystem des Landes politische Parteien
keine wesentliche Rolle spielen.

Ausgangslage vor den Wahlen

Durch einen von den mittelständischen Schichten des Groß-


raums Manila und der Kirche getragenen Volksaufstand
gegen den korrupten Präsidenten Josep Estrada, ein in der
armen Bevölkerung populärer Schauspieler, war im Jahr
2001 die Vizepräsidentin Gloria Macapagal Arroyo (GMA)
in das Präsidentenamt gelangt. Die Ökonomin aus einer
der reichsten Familien des Landes genoss hohes Ansehen.
Ihr wurde allgemein zugetraut, an die erfolgreiche Präsi-
dentschaft von Fidel V. Ramos anknüpfen zu können,
der die erst 1986 nach dem Ende der Marcos-Diktatur
wiedererrichtete Demokratie in den sechs Jahren seiner
Amtsperiode von 1992 bis 1998 stabilisiert und dem Land
mit mutigen Reformen einen wirtschaftlichen Aufschwung
ermöglicht hatte. Im Parlament stützte GMA sich auf eine
136 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Koalition ihrer eigenen, relativ kleinen, ursprünglich libe-


ralen Partei Kampi mit dem christdemokratischen Partei-
enverbund Lakas-CMD.

Schon nach kurzer Zeit im Amt begannen ihre Popularitäts-


werte dramatisch zu sinken. Bei der nächsten regulären
Präsidentenwahl 2004 konnte sie sich nur mit knappem
Vorsprung gegen ihren wichtigsten Konkur-
Die derzeitige philippinische Präsidial- renten, einen Schauspieler und Verbündeten
Verfassung lässt eine Wiederwahl des von Estrada, durchsetzen. Ein Jahr später
Präsidenten nach Ende der sechsjähri-
gen Amtszeit nicht zu. wurden Telefongespräche veröffentlicht,
aus denen hervorging, dass sie offenbar mit
Hilfe der staatlichen Wahlkommission das Wahlergebnis
gefälscht hatte. Dies sowie ein selbst für die Philippinen
außergewöhnliches Maß an Korruption, Bereicherung und
Paktieren mit machtbesessenen und menschenverach-
tenden Clans in zahlreichen Provinzen des Landes machten
sie im Laufe der folgenden Jahre zur unbeliebtesten Poli-
tikerin in der jüngeren Geschichte des Landes. Sie über-
stand neun Putschversuche aus den Reihen reformorien-
tierter jüngerer Militärs und kandidierte in den Wahlen im
Mai 2010 für ihren Heimatwahlkreis im Kongress (erste
Kammer des philippinischen Parlaments)  – nach allge-
meiner Einschätzung mit dem Ziel, anschließend über
eine Verfassungsreform ein parlamentarisches System
herbeizuführen, in dem sie als Ministerpräsidentin weiter
an der Macht bleiben könnte. Die derzeitige philippinische
Präsidial-Verfassung lässt eine Wiederwahl des Präsidenten
nach Ende der sechsjährigen Amtszeit nicht zu.

Ablauf und Ergebnisse der Wahlen1

Zur Präsidentenwahl, die am 10. Mai 2010 gleichzeitig mit


den Wahlen zum Kongress und Senat und den Kommunal-
wahlen stattfand, wurden von der staatlichen Wahlkom-
mission insgesamt acht Bewerber zugelassen, darunter
auch der ehemalige Präsident Estrada, der nach seiner

1 | Die in diesem Artikel genannten Zahlen im Zusammenhang


mit den Wahlen vom 10. Mai 2010 sind den vorläufigen
Wahlergebnissen aus der offiziellen Website der Nationalen
Philippinischen Wahlkommission entnommen. Endgültige
Ergebnisse liegen in vielen Fällen noch nicht vor. Die Bewer-
tungen und Einschätzungen in diesem Artikel gründen sich
vor allem auf persönliche Gespräche, die der Autor im Verlauf
der letzten neun Monate mit vielen einflussreichen Akteuren
im politischen Leben der Philippinen auf nationaler Ebene
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 137

Amtsenthebung 2001 wegen Diebstahls von Staatsgeldern


in großem Umfang und Korruption zu lebenslanger Haft
verurteilt, dann aber von GMA begnadigt
worden war. In regelmäßigen Meinungsum- Erstmals wurden in den rund 80.000
fragen lag vom Herbst 2009 an „Noynoy‟ Wahllokalen Maschinen eingesetzt, wel-
che die Ergebnisse per Funk weiterleiten
Aquino vorn, ein bis dato wenig bekannter, sollten. Rund 75 Prozent der 51 Millio-
politisch vergleichsweise passiver Senator, nen Wahlberechtigten beteiligten sich
an der Wahl.
der nach dem Tod seiner von der Bevölke-
rung verehrten Mutter Cory Aquino (Präsi-
dentin in den Jahren der Wiedererrichtung der Demokratie
nach dem Sturz des Diktators Marcos) im August 2009 von
der liberalen Partei als Kandidat aufgestellt worden war.

Im Vorfeld der Wahlen und auch am Wahltag kam es


an manchen Orten zu politisch motivierten Gewalttaten
und Morden, die meist auf das Konto von herrschenden
Clans in einzelnen Provinzen und Städten gingen. Sieht
man von dem Massaker in Maguindanao im November
2009 ab, bei dem Vertreter des dort herrschenden Clans
57 Menschen  – Angehörige einer rivalisierenden Familie
sowie fast 30 begleitende Journalisten  – ermordet
hatten, lag die Zahl der Toten mit rund 60 deutlich unter
den Opferzahlen bei früheren Wahlen. Nachdem es in
früheren Wahlen regelmäßig zu massiven Unregelmä-
ßigkeiten gekommen war  – Stimmenkauf, Einschüch- 
terungen von Wählern, Betrug und Fälschungen bei der
Auszählung und Übermittlung der ausgezählten Ergeb-
nisse  – wurden bei dieser Wahl erstmals in den rund
80.000 Wahllokalen Maschinen eingesetzt, welche die
manuell ausgefüllten Stimmzettel elektronisch einlesen
und die Ergebnisse per Funk weiterleiten sollten. Rund 75
Prozent der 51 Millionen Wahlberechtigten beteiligten sich
an der Wahl. Aufgrund unzureichender Vorbereitung der
Wahlhelfer und unzulänglicher Verfahrensvorgaben kam es
an vielen Orten zu stundenlangen Wartezeiten. Viele Wahl-
lokale wurden wegen der langen Schlangen von Wartenden
erst eine Stunde nach der vorgegebenen Zeit geschlossen. 

führen konnte (darunter Präsident a.D. F. V. Ramos, General


Jose Almonte, Vizepräsident Binay, Gilberto Teodoro, Francis
Manglapus sowie Berater und enge Mitarbeiter von Präsident
Benigno Aquino und Senator Manny Villar). Daneben wurden
Berichterstattung und Kommentare in den wichtigsten großen
Tageszeitungen des Landes sowie Analysen in verschiedenen
angesehenen Internetmedien (unter anderem Newsbreak,
Malaya) ausgewertet.
138 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Eine nicht näher quantifizierbare Zahl von Wählern konnte


von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch machen, weil sie bei
Schließung des jeweiligen Wahllokals noch in der Warte-
schlange standen.

Vor der Wahl waren von Medien und politischen Beob-


achtern massive Zweifel geäußert worden, ob die Wahl
überhaupt stattfinden oder zu einem
Es gibt Informationen, dass der ehe- Ergebnis führen würde. Es gab zahlreiche
malige Präsident Fidel Ramos und sein Anzeichen dafür, dass GMA nach Wegen
früherer Sicherheitsberater Militär und
Polizei davon abgebracht haben, die suchte, um trotz des Verfassungsverbots
Wahlen zu verhindern. einer erneuten Kandidatur an der Macht
zu bleiben oder zumindest sicherzustellen,
anschließend nicht wegen Korruption vor Gericht gestellt
zu werden. Spekuliert wurde über ein Versagen der Hard-
oder Software bei der elektronischen Stimmenauszählung,
über landesweite Unterbrechungen der Stromversorgung
und über gewalttätige Auseinandersetzungen, die zu einer
Ausrufung des Ausnahmezustandes oder Kriegsrechts
mit der Folge der teilweisen oder vollständigen Absage
der Wahlen hätten führen können. Nichts von alledem ist
eingetreten. Allerdings gibt es glaubwürdige Informationen
darüber, dass wenige Tage vor der Wahl der ehemalige
Präsident Fidel Ramos und sein früherer Sicherheitsberater
General Almonte gemeinsam die Führung von Militär und
Polizei davon abgebracht haben, zu intervenieren und die
Wahlen zu verhindern, da sie offenbar massive Probleme
und einen neuen Volksaufstand (People’s Power) seitens
der Aquino-Anhänger bei einer manipulierten Wahlnieder-
lage fürchteten. Und noch in der Nacht vor der Wahl hätte
die staatliche Wahlkommission die Wahl möglicherweise
abgesagt, wenn nicht ein ehemaliger General, der eine
wichtige Funktion in der Kommission übernommen hatte,
die Dinge in die Hand genommen und für die endgültige
Durchführung der Wahl in den zahlreichen Wahllokalen
grünes Licht gegeben hätte. Hintergrund waren Speku-
lationen über Vorbereitungen eines Putschs seitens des
kurz zuvor von GMA eingesetzten Armeechefs Bangit und
dadurch ausgelöste hektische Aktivitäten verfassungs-
treuer Generäle für einen präventiven Gegenputsch.

Schon wenige Stunden nach der Schließung der Wahllokale


lagen Ergebnisse aus rund zwei Dritteln der Wahllokale
vor – bei früheren Wahlen mit Handauszählung hatte das
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 139

regelmäßig mehrere Wochen gedauert. Danach lag Aquino


bereits fast uneinholbar vorn. Am Ende erzielte er mit
42,08 Prozent das beste Ergebnis, das ein Präsident unter
der Verfassung von 1987 jemals erreichte.

Bei der unabhängig von der Stimmabgabe  Aquino erzielte mit 42,08 Prozent das
für den Präsidenten erfolgten Wahl des Vize- beste Ergebnis, das ein Präsident unter
der Verfassung von 1987 jemals er-
präsidenten gewann überraschend Jejomar  reichte. Die Wahl zum Vizepräsidenten
Binay, langjähriger Bürgermeister der reichsten  gewann überraschend Jejomar Binay.
Stadt des Landes, „Makati‟, in Metro Manila.
Er hatte  – nachdem eine von ihm erhoffte Präsident-
schaftskandidatur durch seine Partei Lakas-Kampi nicht
zustande gekommen war  – im Tandem mit Estrada den
Wahlkampf bestritten. Der Vizepräsidentschaftskandidat
und Parteivorsitzende der Liberalen, Mar Roxas, der bis
zuletzt in den Umfragen geführt hatte, kam mit rund zwei
Prozent Rückstand nur als zweiter ins Ziel.

Bei den Wahlen zum Kongress waren mehr als 110 Abge-
ordnete erfolgreich, die ihren Wahlkampf als Mitglieder der
bisherigen Regierungspartei Lakas-Kampi-CMD geführt
hatten (die Gesamtzahl der in Wahlkreisen gewählten
Abgeordneten beträgt 229). Inzwischen zeigt es sich aber,
dass – ebenso wie nach früheren Wahlen – viele von ihnen
der Partei des neuen Präsidenten beitreten oder sich als
Unabhängige erklären und mit den Liberalen koalieren, um
in den Genuss lukrativer Positionen in den Parlamentsaus-
schüssen sowie der massiven Geldzahlungen zu kommen,
die vom Präsidenten an die Abgeordneten für von ihnen
vorgeschlagene Projekte in ihren Wahlbezirken jährlich aus
dem nationalen Haushalt angewiesen werden. Neben den
Wahlkreisabgeordneten wurden mehr als 40 weitere Abge-
ordnete von Parteienlisten so genannter marginalisierter
Bevölkerungsgruppen nach Proportionalverfahren gewählt.
Insgesamt waren seitens der staatlichen Wahlkommission
mehr als 160 solcher Parteilisten „marginalisierter‟ Bevöl-
kerungsgruppen zur Wahl zugelassen worden, jede konnte
maximal zwei Vertreter im Kontingent der Parteilisten in
den Kongress entsenden. Diese Parteilisten wurden vielfach
von Politikern der Oligarchie als Sprungbrett ins Parlament
genutzt, die aus irgendwelchen Gründen in ihren eigenen
Parteiorganisationen nicht aufgestellt werden konnten,
darunter der Sohn von Präsidentin GMA als Vertreter der
„Wachmänner-Partei‟.
140 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Analyse der Wahlergebnisse

Der alles dominierende Faktor in den Wahlen war der


Wunsch in der Bevölkerungsmehrheit, die Ära GMA
definitiv zu beenden. Aquino, der zunächst nach dem
Tod seiner Mutter auf einer Welle der Nostalgie und der
Sehnsucht nach einer sauberen politischen
Aquino konnte sich dauerhaft bei 40 Führung mehr als 60 Prozent Zustimmungs-
Prozent halten, weil er die Rückkehr zu werte in den Umfragen erhielt, konnte sich
einer ehrlichen und sauberen Regie-
rungspolitik zum Kernpunkt seiner auch nach dem Abflauen dieser Stimmung
Kampagne machte. dauerhaft bei 40 Prozent halten, weil er die
Rückkehr zu einer ehrlichen und sauberen Regierungs-
politik zum Kernpunkt seiner Kampagne machte und sich
am deutlichsten von allen aussichtsreichen Kandidaten für
eine Untersuchung der Korruptionsfälle in der Amtszeit
von GMA aussprach. Sein lange Zeit stärkster Mitbewerber
um das Präsidentenamt, Senator Villar, ein aus einfachen
Verhältnissen stammender Self-Made-Multi-Millionär,
verlor drastisch an Boden und fiel am Ende sogar auf den
dritten Platz zurück, nachdem gut zwei Monate vor der
Wahl das – offensichtlich begründete – Gerücht die Runde
machte, die Präsidentin finanziere seinen Wahlkampf mit
und habe mit ihm einen Deal verabredet, wonach sie nach
der Wahl Sprecherin im Kongress und später nach einer
entsprechenden Verfassungsreform Ministerpräsidentin
werden könne. Der Kandidat der Regierungspartei Lakas-
Kampi-CMD, der ehemalige Verteidigungsminister und
angesehene Anwalt Gilberto Teodoro, hatte von vornherein
als Kandidat der GMA-Partei keine Chance: Seine Unter-
stützung durch GMA wurde in den Medien allgemein als
„kiss of death‟ bezeichnet. Und auch seine persönliche
Integrität, hohe Kompetenz und Beliebtheit unter gebil-
deten jüngeren Wählern konnte das zu keinem Zeitpunkt
kompensieren.

Dass der in der armen Bevölkerung weiterhin populäre


ehemalige Präsident Estrada trotz seiner früheren Verur-
teilung mit mehr als 25 Prozent der Stimmen eine Art
politisches Comeback feiern konnte, zeigt darüber hinaus,
dass sich große Teile der armen Bevölkerungsschichten
durch die von den reichen Familien dominierte politische
Kaste ausgebeutet fühlen und einen Wechsel wollen – ein
Faktor, der zunächst auch Villar zugute kam. Wie stark
die Unzufriedenheit mit der derzeitigen politischen und
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 141

wirtschaftlichen Situation ist, zeigt sich auch daran, dass


der Sohn des Diktators Marcos, der seinen Vater öffent-
lich glorifiziert, in der landesweiten Wahl von
zwölf Senatoren ganz vorne lag, und dass Sowohl der Präsident und der Vizeprä-
Imelda Marcos, die 80-jährige Witwe des sident wie auch eine sehr große Zahl
von Senatoren, Provinzgouverneuren,
Diktators, die zum ersten Mal seit dem Ende Kongressabgeordneten und Bürger-
der Diktatur 1986 wieder für ein politisches meistern stammen aus den reichsten
Familien des Landes oder aus Familien,
Amt kandidierte, mühelos in ihrem Heimatort
die seit Jahrzehnten das politische und
den Kongresswahlkreis gewann. gesellschaftliche Leben dominieren.

Ein weiteres herausragendes Merkmal der Wahlen war


die gegenüber den vorhergehenden Wahlen sogar wieder
verstärkte Dominanz der so genannten politischen Dynas-
tien. Sowohl der Präsident und der Vizepräsident wie auch
die Mehrzahl der gewählten Senatoren und Provinzgou-
verneure und eine sehr große Zahl von Kongressabgeord-
neten und Bürgermeistern stammen entweder aus den
reichsten Familien des Landes oder aus Familien, die in
ihren Heimatprovinzen seit Jahrzehnten das politische und
gesellschaftliche Leben dominieren und in der Regel auch
wirtschaftliche Machtpositionen einnehmen.

Bei den national gewählten Positionen (Präsident, Vizeprä-


sident und Senatoren) ist ohnehin klar, dass aufgrund des
landesweit erforderlichen Wahlkampfes in dem 95-Milli-
onen-Volk mit mehr als 7000 Inseln und der Nichtexistenz
von staatlicher Wahlkampfkostenerstattung wie auch
organisatorisch und finanziell schlagkräftiger politischer
Parteien nur Bewerber eine Chance haben, die selbst
prominent und reich genug sind, um zweistellige Dollar-
Millionen-Beträge aufzubringen, oder die von reichen
Familien entsprechend gefördert werden.

Bei den bedeutsamen regional oder örtlich gewählten


Positionen stellen die in den jeweiligen Provinzen wirt-
schaftlich und politisch herrschenden Dynastien in der
Mehrzahl der Fälle sowohl den Gouverneursposten wie
auch die Wahlkreisabgeordneten für den Kongress und
die wichtigsten Bürgermeisterpositionen in der jewei-
ligen Provinz. Die Sicherung dieser Positionen erfolgt
meist durch die Fortführung des alten, aus der spani-
schen Kolonialzeit übernommenen Patronagesystems,
in dem finanzielle Begünstigungen, die Vergabe wich-
tiger Positionen und auch soziale Fürsorge zur Sicherung 
142 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

von Mehrheiten eingesetzt werden, daneben aber auch


Einschüchterung und in manchen Fällen auch brutale
Gewalt, wenn die Besetzung dieser Positionen durch die
eigene Dynastie von konkurrierenden Familien oder auch
charismatischen Außenseitern oder Aktivisten in Medien
und Nichtregierungsorganisationen in Frage gestellt wird.

Die politische Lage nach den Wahlen

Der neue Präsident Benigno „Noynoy‟ Aquino, der am 30.


Juni sein Amt angetreten hat, steht vor großen Herausfor-
derungen:

▪▪ In seinem politischen Lager bekämpfen sich öffentlich


vier verschiedene Flügel:
1. die führenden Vertreter der liberalen Partei, die nach
der Niederlage ihres Parteivorsitzenden Mar Roxas bei
der Vizepräsidentenwahl besonders sensibel reagieren
und den Verdacht haben, dass sie von anderen Teilen
des Aquino-Lagers bewusst betrogen worden sind;
2. die Mitglieder und Einflusspersonen der reichen
Aquino-Familie;
3. die zahlreichen ehemaligen Kabinettsmitglieder und
einflussreichen Mitarbeiter GMAs, die im Laufe der
Jahre und insbesondere angesichts der absehbaren
Lakas-Kampi-CMD-Niederlage in den letzten Monaten
ins Aquino-Camp übergelaufen sind;
4. die große Gruppe der meist jungen und enthusias-
tischen Noynoy-Anhänger aus Zivilgesellschaft und
Nichtregierungsorganisationen, die die anderen drei
Gruppen mit großem Misstrauen als Trapos (traditio-
nelle Politiker) ansehen.
Ihre Vorstellungen zur zukünftigen Regierungspolitik
gehen weit auseinander und sind vielfach sogar gegen-
sätzlich.

▪▪ Es wird für Aquino trotz der nach den Wahlen übli-


chen großen Zahl von Parteiwechslern und Überläufern
aus allen anderen Lagern sehr schwer sein, sich eine
Mehrheit im Kongress für seine zukünftigen Gesetzes-
vorhaben zu sichern, nachdem seine liberale Partei bei
den Wahlen weniger als 50 der 229 Wahlkreismandate
gewinnen konnte. Will er nicht als handlungsunfähiger
und passiver Präsident in die Geschichte eingehen, muss
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 143

er wahrscheinlich Koalitionen mit anderen Gruppen im


Kongress eingehen, die die ohnehin zu überbrückenden
Meinungsverschiedenheiten in seinem Regierungslager
weiter verschärfen werden.

▪▪ Sein wichtigstes Wahlversprechen, eine saubere Regie-


rung, der Abbau von Korruption, Vetternwirtschaft und
Begünstigungen, wird nur schwer erfolgreich einzulösen
sein, weil er die erforderlichen Mehrheiten für gesetz-
liche Regelungen in Kongress und Senat
sowie die Unterstützung in der staatli- Sollte Aquino versuchen, die dringend
chen Bürokratie und in einflussreichen notwendigen Reformen zur Öffnung
der Märkte anzugehen, wird er auf den
gesellschaftlichen Kreisen wahrscheinlich massiven Widerstand seiner eigenen
nur sichern kann, wenn er hierzu die in Familie und der philippinischen Oligar-
chie stoßen.
den vergangenen Jahren üblichen Instru-
mente einsetzt, nämlich: Begünstigungen,
Zuwendungen aus dem Staatshaushalt, Korruption. Die
Gefahr ist groß, dass er im Dilemma zwischen Wirkungs-
losigkeit und Verlust seiner Glaubwürdigkeit zerrieben
wird.

▪▪ Sollte er versuchen, die größeren, dringend notwendigen


Reformen zur Öffnung der Märkte nach außen und inner-
halb des Landes, zur Verbesserung des repräsentativen
und partizipativen Charakters und der Effektivität des
politischen Systems anzugehen  – was im Wesentlichen
nur über Verfassungsänderungen möglich ist –, wird
er nicht nur mit der aus seinem eigenen Lager vor den
Wahlen geschürten Dämonisierung von Verfassungs-
änderungen zu kämpfen haben, sondern auch auf den
massiven Widerstand seiner eigenen Familie und mit
ihr verbundener Familien aus der philippinischen Olig-
archie stoßen, die in der Nach-Marcos-Ära die Verfas-
sung erfolgreich so beeinflusst haben, dass Staat und
Wirtschaft fest in ihrem Griff bleiben. Selbst die schlichte
Umsetzung von wichtigen, längst beschlossenen Reform-
vorhaben kann ihn in große Schwierigkeiten bringen.
So bleibt zum Beispiel abzuwarten, ob er die Blockade
der Landreformvorschriften auf dem Stammsitz seiner
Familie, die mit juristischen Mitteln in den vergangenen
Jahrzehnten durch seine Familie betrieben worden ist, in
absehbarer Zeit aufgeben wird.
144 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Im Übrigen bleibt nur zu hoffen, dass es ihm gelingt, neben


reformbereiten Kräften in seinem eigenen Lager auch
reformorientierte Gruppen aus anderen politischen Lagern
in seine Politik einzubinden, und dass er sich als entschei-
dungsstarker und geschickter Führer des Landes profi-
lieren kann  – wofür es bislang nicht allzu viele Hinweise
gab. Positiv ist zu vermerken, dass bei den im Juni publik
gewordenen Kandidaten für die wichtigsten Ämter in der
neuen Administration (Justizminister, Finanzminister und
andere) Persönlichkeiten überwiegen, die als sauber und
kompetent gelten.

Die Lage der Christdemokraten

Die Parteien im traditionellen System nach der Unabhängig-


keit – Nationalistische Partei und Liberale Partei – haben sich
in der Vergangenheit zu keinem Zeitpunkt als Mitglieder-
und Programmparteien wirklich landesweit etabliert. Die
Christdemokraten, die sich seit Ende der sechziger Jahre
aus verschiedenen christlich-sozialen Bewegungen als
Programmpartei gebildet hatten  – geführt vor allem von
Raul Manglapus  – konnten sich nicht zu einer wirklichen
Mitgliederpartei entwickeln, nachdem Marcos Anfang der
siebziger Jahre die demokratische Verfassung außer Kraft
setzte und Manglapus sowie viele seiner Mitstreiter ins
Exil oder in den zunehmend von den Kommunisten domi-
nierten Untergrund gingen. Nach dem Fall der Marcos-
Diktatur schlossen sich die seit Anfang der achtziger Jahre
wieder aktiven christdemokratischen Gruppen der breiten
demokratischen Koalition unter Präsidentin Cory Aquino
an. Ihre Führungspersönlichkeiten wurden
Die ersten Reden der Präsidentin Gloria in die Regierung eingebunden, ohne dass
Macapagal Arroyo waren 2001 stark eine systematische Parteiarbeit zur Schaf-
von christdemokratischem Gedanken-
gut geprägt. Die Partei selbst aber fung einer Mitgliederbasis stattfand. Nach
kümmerte vor sich hin. dem Ende der Regierungszeit von Cory
Aquino wurde unter ihrem von dem christdemokratischen
Parteienbündnis „Lakas-CMD‟ getragenen Nachfolger Fidel
V. Ramos zwar die Programmarbeit verstärkt, insbeson-
dere durch seinen Sicherheitsberater, den als „denkender
General‟ titulierten christdemokratischen Vordenker Jose
T. Almonte. Sie kam aber fast ausschließlich der Regierung
zugute, die Partei fand kaum mehr statt, zumal auch die
verschiedenen in die Koalition einbezogenen christdemo-
kratischen Mini-Parteien nie wirklich fusioniert hatten.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 145

Nach der massiven Niederlage des wenig charismatischen


Parteiführers Jose de Venecia im Präsidentenwahlkampf
1998 gegen den Schauspieler Josep Estrada ruhten die
Hoffnungen der Christdemokraten auf politischen Einfluss
verstärkt auf der gewählten Vizepräsidentin Gloria Maca-
pagal Arroyo, die mit ihrer kleinen ehemals liberalen Partei
Kampi eine Koalition mit den Lakas-Christdemokraten
unter Jose de Venecia eingegangen war. Mit dem Volks-
aufstand gegen Estrada und der Übernahme des Präsiden-
tenamtes durch GMA 2001 wurde Lakas-Parteiführer de
Venecia erneut Sprecher des Kongresses und sicherte für
GMA die Mehrheit im Parlament. Auch die ersten Reden
und die Regierungserklärung von GMA waren stark geprägt
von christdemokratischem Gedankengut. Die Partei selbst
aber kümmerte vor sich hin, ohne dass der Versuch unter-
nommen wurde, sie systematisch als Programm- und
Mitgliederpartei aufzubauen und zu etablieren.

Mit dem vor allem durch Wahlfälschungen und Korruption


bedingten Ansehensverlust von GMA in den Jahren ab
2003 kamen auch die Christdemokraten in der Regierungs-
koalition in eine schwierige Lage. Als zentrale Verbündete
der Präsidentin waren sie von dem Popularitätsschwund
mit betroffen. Fidel Ramos, der 2005/2006 mit massivem
persönlichem Einsatz die angeschlagene Präsidentin noch
einmal vor dem Sturz bewahrt hatte, sah sich anschließend
von ihr getäuscht und begann, sich zu distanzieren. Im
Jahr 2008 wurde Jose de Venecia von GMA aus dem Amt
des Sprechers des Kongresses verdrängt, nachdem er sich
mit seinem Sohn solidarisiert hatte, der einen der zahlrei-
chen Korruptionsskandale der Präsidentenfamilie öffentlich
gemacht hatte. Gleichzeitig ließ GMA Beschlüsse über eine
formelle Fusion von Lakas-Kampi-CMD von satzungsmäßig
hierzu nicht legitimierten Führungsgremien fassen und
schloss de Venecia aus der Partei aus. Da Lakas-CMD
als Mitglieder- und Programmpartei unter de Venecia
nie entwickelt worden war, konnte er sich dagegen auch
innerparteilich nicht wehren. Sein Versuch, die Fusion vor
staatlicher Wahlkommission und oberstem Gerichtshof für
ungültig erklären zu lassen, war nicht erfolgreich.

Ende Oktober 2009 beschloss der Nationalrat von Lakas-


Kampi-CMD, die Spitzenkandidatur für die Präsident-
schaftswahlen 2010 Verteidigungsminister Gilberto Teodoro
146 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

(„Gibo‟) anzutragen, der sich als Harvard-Absolvent und


angesehener Anwalt sowie als hochkompetenter, sauberer
und entscheidungsstarker Politiker einen sehr guten Ruf
erworben hatte. Die Lage der Christdemo-
Ende Oktober 2009 beschloss der kraten insgesamt blieb konfus. Die christde-
Nationalrat von Lakas-Kampi-CMD, die mokratischen Lakas-CMD-Persönlichkeiten
Spitzenkandidatur für die Präsident-
schaftswahlen 2010 Verteidigungsmi- waren teilweise mit de Venecia aus der Partei
nister Gilberto Teodoro anzutragen. ausgestiegen und unterstützten im Wahl-
kampf Noynoy Aquino, Villar, Senator Gordon
oder sogar Estrada. Ein Teil verblieb weiterhin in der Lakas
und unterstützte Gibo. Es war aber bereits abzusehen,

▪▪ dass Lakas-Kampi-CMD nach der kaum zu gewinnenden


Wahl auseinanderfallen würde,
▪▪ dass Jose de Venecia, der im Land nicht populär ist,
keine Chance mehr haben würde, eine relevante Partei
der „Lakas-Originals‟ wieder aufzubauen,
▪▪ und dass andererseits christdemokratische Persön-
lichkeiten, die sich im Wahlkampf ins liberale Lager
von Noynoy oder ins Lager von Senator Villar begeben
hatten, nach der Wahl daran interessiert sein würden,
wieder einer eigenständigen, zentristisch (christlich/
muslimischen) demokratischen Bewegung anzugehören.

Bereits im März 2010 trat Gibo vom Amt des „Party-


Chairman‟ der Lakas-Kampi-CMD zurück, das er mit seiner
Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Partei über-
nommen hatte. Grund war vor allem, dass GMA damit
begonnen hatte, Mittel, die für die Unterstützung des
Wahlkampfs kommunaler Kandidaten der Lakas vorge-
sehen waren, statt dessen direkt oder über ihren Ehemann
in den Wahlkampf von Senator Villar umzuleiten, dem zu
diesem Zeitpunkt noch gute Chancen eingeräumt wurden,
die Präsidentenwahl zu gewinnen. Francis Manglapus,
Sohn des ehemaligen christdemokratischen Führers und
Außenministers Raul Manglapus und enger Vertrauter von
Gibo, verblieb weiterhin als hauptamtlicher Parteipräsident
in der Lakas-Führung, trat von seinem Amt aber unmit-
telbar nach den Wahlen zurück, nachdem GMA das Amt
des ehrenamtlichen „Party-Chairman‟ wieder ­übernahm.
Ob die Christdemokraten  – im Verbund mit wertorien-
tierten Muslim-Gruppen  – in absehbarer Zeit wieder
wesentlichen Einfluss in der philippinischen politischen
Landschaft gewinnen können, wird maßgeblich davon
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 147

abhängen, ob es gelingt, unter jüngeren, wertorientierten


Multiplikatoren aus akademischen Kreisen, Privatwirtschaft
und Zivilgesellschaft Anhänger für einen unbelasteten poli-
tischen Neubeginn zu mobilisieren und eine solche neue
„zentristische‟ demokratische Bewegung auch mit klarer
Programmatik und straffer Organisation aufzubauen.

Perspektiven

In den vergangenen 20 Jahren ist deutlich geworden,


dass das politische System der Philippinen, wesentlich
geprägt durch die Verfassung von 1987, echte demokra-
tische Repräsentation und Partizipation massiv behindert
und die Geiselnahme des philippinischen Staates sowie
die Beherrschung der philippinischen Wirtschaft durch die
herrschenden Familien des Landes festschreibt. Zu den
wesentlichen institutionellen Schwächen des philippini-
schen Systems gehören vor allem folgende Faktoren:

1. Zum einen sind da die lange Amtsperiode und enor- 


men finanziellen und personellen Entscheidungs-
spielräume des Präsidenten, die kaum vorhandene
parlamentarische und juristische Kontrolle seines
Handelns und das Verbot einer erneuten Kandidatur
für eine zweite Amtszeit. Einerseits sind politische und
auch personelle Korrekturnotwendigkeiten in einem
solchen System stark erschwert, des Weiteren fehlt
ein wesentlicher Anreiz für eine am Volk
orientierte Politik (das Bemühen um Ob die Christdemokraten wieder we-
Wiederwahl), und schließlich sind auch sentlichen Einfluss gewinnen können,
wird maßgeblich davon abhängen, ob es
durch die insgesamt kurze Einfluss­ gelingt, jüngere, wertorientierte Multi-
periode des jeweiligen Präsidenten die plikatoren aus akademischen Kreisen,
Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft
Möglichkeiten einer mittelfristigen und
für einen unbelasteten politischen Neu-
somit nachhaltigen Reformpolitik massiv beginn zu mobilisieren.
eingeschränkt.

2. Nachteilig ist auch das Wahlrecht, das die Abge-


ordneten der ersten Kammer des Parlaments (mit
Ausnahme der Parteilistenkandidaten) ausschließlich
über Persönlichkeitswahl in den Wahlkreisen bestimmt.
Hiermit haben – vor dem Hintergrund der vielfach noch 
intakten alten Patronagestrukturen – politische Parteien 
keine Einflussmöglichkeiten auf die Auswahl der Volks-
vertreter, keine Anreize für programmatische Ansätze
148 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

auf nationaler Ebene und im Grunde wenig Existenzbe-


rechtigung neben der Durchführung des Wahlkampfs
im Auftrag und mit dem Geld ihrer jeweils selbster-
nannten Führer und Sponsoren.

3. Nach Proportionalwahlrecht werden 20 Prozent der


Kongressabgeordneten aus so genannten Parteilisten
„marginalisierter Bevölkerungsgruppen‟ gewählt. Da
es an rechtlich belastbaren Kriterien für die Definition
„marginalisierter Bevölkerungsgruppen‟ fehlt, hat die
nationale Wahlkommission inzwischen mehr als 180
solcher Parteilisten zugelassen, von denen sich mehr
als 160 an den Wahlen am 10. Mai beteiligt haben.
Jede von ihnen darf maximal zwei Abgeordnete in
den Kongress entsenden, auch wenn ihr prozentualer
Anteil nach dem Proportionalsystem eine größere Zahl
begründen würde. Folge sind die weitere Fragmen-
tierung des Parlaments, die Nichtberücksichtigung
der Interessen echter marginalisierter Bevölkerungs-
gruppen in den so genannten regulären Parteien und
die Instrumentalisierung dieser Parteilisten durch
Mitglieder der Familien-Dynastien, die sich als
Durch das Wahlrecht haben politische Preis für die Finanzierung des aufwendigen
Parteien keine Einflussmöglichkeiten landesweiten Wahlkampfs einzelner Partei-
auf die Auswahl der Volksvertreter,
keine Anreize für programmatische listen für die Spitzenposition nominieren
Ansätze und wenig Existenzberech- lassen. Insgesamt hat dieses Proportional-
tigung neben der Durchführung des
Element im philippinischen Wahlrecht somit
Wahlkampfs.
gegenteilige Auswirkungen als ein echtes
Proportional-Element, das neben der Direktwahl in
Wahlkreisen auch die Wahl einer relevanten Zahl von
Vertretern aller zur Wahl zugelassenen Parteien über
regionale oder nationale Parteilisten vorsehen und
somit zur Integration von Minderheiteninteressen in
die Programme der großen Parteien und zur Stärkung
der politischen Stellung der Parteien auch in der Parla-
mentsarbeit beitragen kann.

4. Der aufwendige landesweite Wahlkampf für die 24


Senatorenposten in der zweiten Parlamentskammer
kann angesichts des Fehlens von Parteien- und öffent- 
licher Wahlkampfkostenfinanzierung fast nur von Vertre-
tern der Dynastien oder von durch sie unterstützten
öffentlich bekannten Personen (Schauspieler, Medien-
persönlichkeiten usw.) erfolgreich bestritten werden. 
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 149

Die weitreichenden Blockaderechte des Senats bei


allen nationalen Gesetzgebungsvorhaben geben damit
den dominierenden Familien des Landes ein wirkungs-
volles Instrument an die Hand, mit dem sie alle unlieb-
samen Reformen abblocken können, auch wenn sie
durch einen reformorientierten Präsidenten und eine
Mehrheit im Kongress getragen werden.

5. Die Direktwahl des Vizepräsidenten durch das Volk


unabhängig von der Wahl des Präsidenten kann
im günstigsten Fall dazu beitragen, dass sich eine
Regierung auf eine breitere Mehrheit in den ebenfalls
unabhängig vom Präsidenten gewählten
beiden Kammern des Parlaments stützen Der aufwendige landesweite Wahl-
kann. In der Regel führt sie aber dazu, kampf für die 24 Senatorenposten kann
fast nur von Vertretern der Dynastien
dass der Präsident von Beginn seiner oder von durch sie unterstützten öffent-
Amtszeit an einen Konkurrenten neben lich bekannten Personen erfolgreich
bestritten werden.
sich hat, dessen Hauptinteresse die
Verbesserung seiner politischen Aus- 
gangsposition für die kommenden Präsidentschafts-
wahlen oder gar das Hinarbeiten auf das Scheitern der
Politik des Präsidenten und seine vorzeitige Ablösung
durch ein Absetzungsverfahren ist.

6. Problematisch sind die so genannten Pork barrels,


jährliche Mittelzuweisungen aus dem nationalen Haus-
halt direkt an die Mitglieder des Abgeordnetenhauses
(Kongress) für von ihnen persönlich ausgesuchte und
vorgeschlagene „Projekte‟ in ihrem jeweiligen Wahl-
kreis. Diese Projekte sind weder notwendigerweise mit
den staatlichen Entwicklungsplänen noch mit den im
Local Government Code vorgesehenen partizipativen
Entwicklungsmechanismen auf örtlicher Ebene abge-
stimmt. Angesichts der beträchtlichen Gesamtsumme
von umgerechnet zwischen 200 und 300 Millionen
Euro, der Möglichkeit, die einzelnen Kongressmit-
glieder mit unterschiedlichen Summen zu berücksich-
tigen und des direkten Einflusses des Präsidenten auf
diese Zuteilung sind sie ein ideales Instrument zur
Kontrolle der ersten Parlamentskammer durch den
Präsidenten und zur Schwächung von deren Kont-
rollfunktion gegenüber der Exekutive. Die Frage der
Akquisition nationaler Haushaltsmittel für Projekte im
jeweiligen Wahlkreis ist ja ein wichtiges Kriterium für
150 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

die Wiederwahlchancen des jeweiligen Abgeordneten –


neben seiner Zugehörigkeit oder Unterstützung durch
die örtlich dominierenden Familien oder Dynastien.

7. Das Fehlen eines Parteiengesetzes und insbesondere


einer staatlich regulierten und unterstützten Partei-
enfinanzierung und Wahlkampffinanzierung führt zu
einer totalen Abhängigkeit aller Kandidaten von der
Finanzierung durch reiche Sponsoren. Es zementiert
den Einfluss der Dynastien und reichen Familien
auf regionaler wie nationaler Ebene und
Das Fehlen einer staatlich regulierten fördert die Korruption der einmal gewählten
Parteienfinanzierung und Wahlkampffi- Mandatsträger, die ja nach der Wahl versu-
nanzierung zementiert den Einfluss der
Dynastien und fördert die Korruption chen, mindestens das in den Wahlkampf
der einmal gewählten Mandatsträger. investierte Geld wieder zurückzuerhalten.

8. Ein Schwachpunkt ist das Fehlen ordnungspolitischer


Rahmengesetzgebung im Hinblick auf die Offenhaltung
des Zugangs zu nationalen und regionalen/lokalen
Märkten, den Schutz gegen unlauteren Wettbewerb,
die Vermeidung oder Kontrolle von Kartellen und Mono-
polen. Hintergrund ist die Beherrschung lukrativer
nationaler und lokaler Märkte und Teilmärkte durch
die reichen Familien, die kein Interesse an offenem
Wettbewerb haben – der aber zu mehr Wachstum und
Arbeitsplätzen und zu besseren Voraussetzungen für
wirksame Armutsbekämpfung führen würde.

9. Weiterhin völlig unzureichend verläuft die Dezentra-


lisierung der politischen Entscheidungskompetenzen
auf die Regionen, Provinzen, Städte und Gemeinde-
verbände, inklusive der entsprechenden fiskalischen
Dezentralisierung. Nach dem ersten großen Schritt mit
der Erarbeitung und Inkraftsetzung des Local Govern-
ment Codes im Jahr 1991 sind keine weiteren Schritte
mehr erfolgt. Die Umsetzung der Vorschriften des
Codes erfolgt nur punktuell an Orten mit besonders
engagierten politischen Führungspersönlichkeiten.
Auch die dringend notwendige Regionalisierung von
Entscheidungskompetenzen, Verwaltungsstrukturen
und Finanzmitteln kommt trotz intensiver Diskussion
seit vielen Jahren nicht vom Fleck. Schließlich können
auch die Minderheitenprobleme des Landes im Grunde 
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 151

nur über die Schaffung verfassungsrechtlicher Voraus-


setzungen für echte Autonomie-Regelungen oder den
Aufbau föderalistischer Strukturen gelöst werden.

Es hat sich gezeigt, dass viele sehr konkrete Erfahrene philippinische Christdemo-
und in der philippinischen Öffentlichkeit kraten bezeichnen es inzwischen als
ihren größten Fehler, den Aufbau
durchaus wahrgenommene Initiativen inlän- einer programmorientierten, Mitglie-
discher wie auch ausländischer Akteure zur der-basierten Partei nicht ernsthaft
betrieben zu haben. Es führt kein
Reform dieser Systemschwächen leer laufen,
Weg daran vorbei, damit jetzt syste-
weil es keine organisierte philippinische matisch und ernsthaft zu beginnen.
politische Kraft gibt, die diese Reformen mit
Nachdruck im politischen Tagesgeschäft verfolgt. Dies wäre
naturgemäß Aufgabe zentristischer politischer Parteien,
die angesichts des weiterhin sehr lebendigen christlichen
Wertefundaments in der philippinischen Gesellschaft sehr
gute Existenzbedingungen hätten.

Erfahrene philippinische Christdemokraten, die bereits in


den sechziger Jahren mit Bruno Heck und Raul Manglapus
zusammen den Aufbau einer solchen Partei begonnen
haben, bezeichnen es inzwischen als ihren größten Fehler,
dass sie dies, den Aufbau einer programmorientierten,
Mitglieder-basierten Partei, nicht ernsthaft betrieben
haben. Zwar wird ein solches Vorhaben wegen der im
philippinischen Wahlrecht fehlenden Anreize für aktive
politische Parteien nicht einfach sein, andererseits führt
aber kein Weg daran vorbei, damit jetzt systematisch
und ernsthaft zu beginnen, wenn man die politischen und
ökonomischen Probleme der Philippinen wirklich mittel-
und langfristig lösen will.

Eine solche neue zentristisch-demokratische Bewegung


könnte auch die immer noch zahlreichen christdemokra-
tischen und muslim-demokratischen Kongressabgeord-
neten, Provinzgouverneure, Bürgermeister und örtlichen
Ratsmitglieder ansprechen und einbinden, die sich weder
unter die Fittiche der liberalen Präsidentenpartei begeben
noch in der erneut von der politisch völlig diskreditierten
ehemaligen Präsidentin GMA geführten Lakas-Kampi-CMD
verbleiben wollen. Hierbei könnte durchaus auch Gilberto
Teodoro wieder ins Spiel kommen, der als Persönlichkeit
trotz seines enttäuschenden Wahlergebnisses aufgrund
seiner hohen Kompetenz und seines sauberen Wahlkampfes 
152 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

vor allem bei jungen gebildeten Philippinos hohe Zustim-


mungsraten hat. Abzuwarten bleibt allerdings, inwieweit
der neu gewählte Vizepräsident Binay mit seinem Versuch
Erfolg haben wird, die PDP – eine der christdemokratischen
Gruppen bei der Wiedererrichtung der Demokratie in den
achtziger Jahren – von oben her, mit massivem Mittelein-
satz wiederzubeleben und als Instrument für seinen Wahl-
kampf um die Position des Präsidenten im Jahr 2016 zu
nutzen.

Ein Zusammengehen liberaler, sozial- Auch im liberalen Spektrum  – insbesondere


demokratischer und christdemokra- in der liberalen Partei um ihren bei den Vize-
tisch-muslimischer Bewegungen zur
Formulierung und schrittweisen Durch- präsidentschaftswahlen unterlegenen Präsi-
setzung einer nachhaltigen Reform- denten Mar Roxas – und im Bereich sozialde-
politik erscheint nicht ausgeschlossen.
mokratisch orientierter Gruppen, die sich im
Rahmen von „Parteilisten‟ organisiert haben,
gibt es inzwischen Tendenzen, sich gezielt um den Aufbau
seriöser, Programm-orientierter und Mitglieder-basierter
Parteien zu bemühen, um damit Instrumente zur Stabili-
sierung von Demokratie, Rechtsstaat und sowohl gerechter
wie funktionsfähiger Wirtschafts- und Sozialordnung zu
schaffen. Ein Zusammengehen solcher liberaler, sozialde-
mokratischer und christdemokratisch-muslimischer Bewe-
gungen zur Formulierung und schrittweisen Durchsetzung
einer nachhaltigen Reformpolitik erscheint somit nicht
ausgeschlossen.

Von besonderer Bedeutung für die nähere Zukunft ist


natürlich der Erfolg der neuen „Aquino-Administration‟ im
Hinblick auf die Korrektur institutioneller Schwächen der
philippinischen Demokratie. Vor allem

▪▪ die Korrektur des geltenden Wahlrechts für den Kongress


und die Umwandlung des Parteilistensystems in ein
echtes proportionales Element,
▪▪ eine rechtliche Regelung von Parteien- und Wahlkampf­
finanzierung, die eine gewisse Unabhängigkeit von Spon- 
soren aus den herrschenden Familien und Dynastien
ermöglicht, sowie
▪▪ die Schaffung von Rechtsvorschriften und Aufsichtsbe-
hörden, die Märkte öffnen und Vermachtungen verhin-
dern,
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 153

müssen als Prüfsteine für die Reform- und Zukunftsorien-


tierung der neuen Administration angesehen werden.

Daneben muss ein massiver Mitteleinsatz zur Verbesse-


rung der Infrastruktur im Bildungs-, Gesundheits- und
Forschungsbereich Priorität haben, wenn Aquino seinem
Anspruch gerecht werden will, ein Präsident aller Philippinos
zu sein, nicht nur der oberen und mittleren Schichten. Der
unzweifelhaft vorhandene gute Wille, sauber und gerecht
zu regieren, kann in seiner Bedeutung für das Land gar
nicht überschätzt werden. Aber alleine wird er nicht ausrei-
chen, eine Wende zu demokratischer Stabilisierung und
erfolgreicher Armutsbekämpfung herbeizuführen.

Das Manuskript wurde am 30. Juni 2010 abgeschlossen.


154 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Vom Uribismo zur


Unidad Nacional
Kolumbien nach den Kongress- und
Präsidentschaftswahlen

Prof. Dr. Stefan Jost  


Stefan Jost
ist Auslandsmitarbeiter
der Konrad-Adenauer-
Stiftung in Kolumbien.

Mit einem Referendum im Frühjahr hatte sich Staatsprä-


sident Alvaro Uribe eine zweite Wiederwahl ermöglichen
wollen. Die Auseinandersetzung darum prägte die politi-
sche Entwicklung in Kolumbien seit Ende 2008, eine sach-
politische Diskussion fand so gut wie nicht mehr statt. Eine
erneute Kandidatur des seit 2002 amtierenden Uribe, an
dessen Wiederwahl mit breiter Mehrheit bereits im ersten
Wahlgang nach allgemeiner Einschätzung auch nicht der
geringste Zweifel bestanden hätte, schwebte wie ein
Damoklesschwert über den personalpolitischen Strategie-
überlegungen aller Parteien. Ende Februar 2010 erteilte
das Verfassungsgericht dem Wiederwahlreferendum auf- 
grund einfachgesetzlicher wie verfassungsrechtlicher Ver- 
stöße eine Absage. Damit war knapp zwei Wochen vor den
Kongresswahlen zur Abgeordnetenkammer und zum Senat
am 14. März, aber vor allem natürlich für die Präsident-
schaftswahlen am 30. Mai eine neue und klare Ausgangs-
lage geschaffen. Die Post-Uribe-Phase war eingeleitet.

Die Kongresswahlen – Auftakt zur Kontinuität

Die Kongresswahlen am 14. März wurden zum ersten poli-


tischen Kräftemessen in einem Kontext, in dem Uribe noch
immer präsent war, zwar nicht mehr als künftiger Präsident-
schaftskandidat, jedoch als nicht zu unterschätzender, aber
auch nicht genau einzuschätzender politischer Faktor. Die
entscheidende Frage lautete, ob ein „Uribismo ohne Uribe‟
mehrheitsfähig ist oder das bevorstehende Ende der Ära
Uribe der Opposition einen unerwarteten Aufwind verschafft. 
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 155

Das Ergebnis war eindeutig. Die beiden größten Parteien


der bisherigen Uribe-Koalition, die Uribe-Partei Partido
Social de Unidad Nacional, kurz „la U‟ genannt, sowie die
Konservative Partei (PCC) erreichten 50 der 102 Senats-
sitze und 81 der 166 Abgeordnetensitze. Aufgrund eines
chaotischen Auszählverfahrens am Wahlabend und zahl-
reicher Anfechtungen ist die amtliche Auszählung jedoch
noch nicht abgeschlossen, so dass die nachfolgenden
Tabellen noch nicht das amtliche Endergebnis darstellen.1

Tabelle 1
Das Wahlergebnis für den Senat: Die Kongresswahlen
2010 und 2006 im Vergleich2

Kongresswahlen 20103 Kongresswahlen 2006

Partei Stimmen in % Sitze4 Stimmen in % Sitze

Partido Social de 20
2.804.123 25,17 28 1.642.256 17,49
Unidad Nacional (29)
Partido 18
2.298.748 20,63 22 1.514.960 16,13
Conservador (22)

Partido Liberal 1.763.908 15,83 17 1.457.322 15,52 17

15
Cambio Radical 888.851 7,98 8 1.254.294 13,36
(12)
Polo Democrático
848.905 7,62 8 914.964 9,74 11
Alternativo
Partido de Inte- 
907.468 8,14 9 — — —
gración Nacional

Partido Verde 531.293 4,77 5 — — —

34

1 | Der Beitrag wurde am 04.07.2010 fertiggestellt.


2 | Die Ergebnisse basieren auf den Angaben der Registraduría
Nacional vom 16. März 2010 (Zusammenstellung und
Vergleich mit 2006, sofern aufgrund der offiziellen Daten
möglich, durch den Verfasser). Aufgeführt sind die stärksten
Parteien.
3 | Angaben beruhen auf der Auszählung von 93,27 Prozent
der Stimmen.
4 | Die restlichen fünf Sitze gehen an MIRA (zwei), Compromiso
Ciudadano (einer) und zwei noch zuzuordnende für die
indigene Vertretung.
156 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Tabelle 2
Das Wahlergebnis für die Abgeordnetenkammer: Die
Kongresswahlen 2010 und 2006 im Vergleich

Kongresswahlen 20105 Kongresswahlen 2006

Partei Stimmen in % Sitze Stimmen in % Sitze

Partido Social de 29
2.230.914 25,42 45 1.244.835 o.A.
Unidad Nacional (40)
Partido 29
1.886.965 21,50 36 1.297.787 o.A.
Conservador (33)

Partido Liberal 1.616.208 18,41 35 1.505.950 o.A. 35

21
Cambio Radical 669.830 7,63 12 824.073 o.A.
(17)
Polo Democrático
482.685 5,49 4 442.607 o.A. 7
Alternativo
Partido de Inte- 
506.139 5,76 12 — — —
gración Nacional

Partido Verde 265.593 3,02 3 — — —

Diese Wahlen wurden nicht als vorgezogene Präsident-


schaftswahlen interpretiert, dafür sind die bei diesen
Kongresswahlen vorherrschenden lokalen, regionalen
und personellen Einflüsse der Kandidaten zu stark. Viel-
mehr wurde das Ergebnis in erster Linie als ein Votum für
Uribe und seine Politik verstanden, nicht als unmittelbares
Votum für Santos, den ehemaligen Verteidigungsminister
und Präsidentschaftskandidaten der „la U‟. Dennoch war
damit klar, dass ein „Uribismo ohne Uribe‟ mehrheits-
fähig ist. Dieses Wahlergebnis bedeutete für Santos eine
Stärkung seiner Position in den Reihen der „la U‟ und in
der Wählerschaft einen breiten Auftrieb. Jetzt wurde ihm
ein Sieg zugetraut.6 Noch wenige Tage vor den Kongress-
wahlen hatte er sich aus den eigenen Reihen öffentlich
abstruse Vorschläge zur Steigerung seiner Wahlchancen
geben lassen müssen.

5 | Die Angaben beruhen auf der Auszählung von 88,71 Prozent


der Stimmen.
6 | Zu einer detaillierten Analyse der Kongresswahlen siehe den
Länderbericht vom 17. März („Kolumbien hat gewählt‟):
http://kas.de/wf/doc/kas_19085-544-1-30.pdf [04.07.2010].
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 157

Der erste Wahlgang – An den Urnen wird


gewonnen

Nachdem in consultas populares, einer Art offener Vor-


wahlen, auch die Konservative Partei und der Partido
Verde (Grüne Partei) ihre Spitzenkandidaten gewählt
hatten, stand das Kandidatentableau für den
ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen Anfang April kam es zu dem Phänomen
am 30. Mai fest.7 Neben Santos für die „la der „grünen Welle‟. Der Kandidat des
Partido Verde, Antanas Mockus, legte
U‟ gab es insgesamt fünf weitere ernst zu rasant in den Umfragen zu.
nehmende Kandidaten: Rafael Pardo für die
Liberalen (PL), Gustavo Petro für das linke Bündnis Polo,
Germán Vargas Lleras für den Cambio Radical (CR) sowie
Noemi Sanín für die Konservative Partei (PCC) und Antanas
Mockus für den Partido Verde (PV).

Seit Wochen belegten Santos und Sanín in den Umfragen


die beiden vorderen Plätze. Dies schien, nachdem Sanín
in einer erbitterten Auseinandersetzung knapp die inner-
parteilichen Vorwahlen der Konservativen Partei für sich
entschieden hatte, für den PCC die Chance zu bieten, erst-
mals seit der Präsidentschaft Pastranas (1998 bis 2002)
wieder ernsthaft in den Kampf um die Präsidentschaft
eingreifen zu können. Das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen
Santos und Sanín währte jedoch nur bis Anfang April.

Dann kam es zu dem Phänomen der „grünen Welle‟. Der


Kandidat des Partido Verde, Antanas Mockus, legte rasant
in den Umfragen zu. Mockus, ehemaliger Bürgermeister
von Bogotá, hatte sich mit früheren Amtskollegen sehr
unterschiedlicher politischer Provenienz verbündet und den
PV als politische Plattform für seine Kandidatur genutzt.

Mockus profitierte von mehreren Faktoren. Zentrale


Themen seiner Kampagne  – Korruptionsbekämpfung,
Haushaltsseriosität, Achtung der Institutionen, delibera-
tiver Politikstil – legten zu Recht den Finger in so manche
Wunde kolumbianischen Politikverständnisses und traditi-
oneller Politikpraktiken. Die Botschaft eines Stil- und Poli-
tikwechsels verfing, vor allem dank der in dieser Massivität
in Kolumbien erstmals feststellbaren Nutzung der neuen 

7 | Die liberale Partei und der Polo hatten, ebenfalls in consultas


populares, bereits im September 2009 ihre Kandidaten
nominiert.
158 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

sozialen Netzwerke via Facebook und Twitter vor allem


durch die als „primivotos‟ bezeichneten Erst- und Jung-
wähler, nicht zuletzt aber auch dank einer signifikanten
Unterstützung durch Leitartikelschreiber und politische
Kommentatoren.

Mockus gilt als autoritär und zeigt Die Stärke des Kandidaten Mockus lag
keinerlei Berührungsängste mit dem geraume Zeit in seiner Fähigkeit, Unverein-
Thema der „demokratischen Sicher-
heit‟. Gleichzeitig werden ihm von der bares zusammenzuführen und Schwächen in
Linken positive Attribute zugerechnet. Stärken zu verwandeln. So wird Mockus eher
verbunden mit einer „rechten Agenda‟. Er hat
sowohl die Universidad Nacional als Präsident wie Bogotá
als Bürgermeister mit harter Hand regiert. Der Partido
Verde hat als erste Partei das Thema „urbane Sicherheit‟
auf die Tagesordnung gesetzt. Mockus gilt als autoritär
und zeigt keinerlei Berührungsängste mit dem Thema der
„demokratischen Sicherheit‟: „Wenn ich die FARC wäre,
würde ich zu Uribe rennen und verhandeln, denn was
nach Uribe kommt, ist noch schlimmer für sie‟, so Mockus.
Gleichzeitig werden ihm von der Linken bestimmte positive
Attribute zugerechnet. So gilt Mockus trotz seiner bishe-
rigen politischen Laufbahn noch immer als „Outsider‟ oder
„Unabhängiger‟. Er sammelte alle „Antis‟ und eröffnete
sich Zugänge zu traditionellen Enthaltungswählern.

Über eine beachtliche Strecke des Wahlkampfes erwies


sich Mockus zunächst als „Teflon‟-Kandidat. Widersprüche,
Uninformiertheiten, unverständliche, da philosophisch
verschachtelte Aussagen: alles schien ihm verziehen zu
werden. Das Bekenntnis, an Parkinson zu leiden, nutzte
ihm. Erst gegen Ende der Kampagne gewannen zuneh-
mend Zweifel Raum, ob die Wahlbevölkerung angesichts
der offensichtlichen Schwächen des Kandidaten die mit
seiner Wahl verbundenen Unwägbarkeiten nicht letztend-
lich doch scheuen würde.

Der Wahlkampf war von einem deutlich geringeren Pola-


risierungsgrad geprägt als erwartet. Interessanterweise
kam es eher zwischen affinen politischen Kräften zu Pola-
risierungen. So entwickelte sich beispielsweise zwischen
dem Partido Verde und dem Polo ein Schlagabtausch
aufgrund des durch Mockus im Polo ausgemachten Gewalt-
potenzials und einer nicht hinreichenden Abgrenzung zu
der ­Guerrillaorganisation FARC durch einige Teile des Polo.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 159

Sanín wiederum schien streckenweise eher in Santos den


bevorzugten politischen Gegner zu sehen.

Insgesamt entwickelte sich der Wahlkampf zunehmend


themenorientiert, was nicht zuletzt durch eine Fülle von
Fernsehduellen der Kandidaten befördert
worden sein dürfte. Ein dominierendes Thema Santos entpersonalisierte den bis dahin
war jedoch nicht feststellbar. Dies schloss die allein auf ihn abgestellten Wahlkampf,
stellte die Partei in den Mittelpunkt und
„Politik der demokratischen Sicherheit‟, das akzentuierte stärker den Kontinuitäts-
Markenzeichen der acht Uribe-Jahre, mit ein. gedanken zur Uribe-Regierung.

Hervorzuheben in dieser Phase des Wahlkampfes ist der


Strategiewechsel durch Santos. Er entpersonalisierte den
bis dahin allein auf ihn abgestellten Wahlkampf, stellte
die Partei „la U‟ stärker in den Mittelpunkt, forcierte eine
Regionalisierung seiner Wahlkampagne und akzentuierte
stärker den Kontinuitätsgedanken zur Uribe-Regierung.

Allerdings beließ er es nicht dabei, sondern setzte, teils


behutsam, eigene Akzente. Überraschend rief Santos zu
einer Regierung der Unidad Nacional (Nationale Einheit)
auf, die alle Parteien mit einschließen sollte, um die zent-
ralen Problemfelder der kolumbianischen Politik anzu-
gehen.

Das Programm der Unidad Nacional umfasst folgende


inhaltliche Politikfelder:

1. Arbeit: Angemessene Arbeitsplätze und Löhne. Zumin-


dest ein Mitglied jeder Familie soll in einem formalen
Beschäftigungsverhältnis stehen. Sozialer Dialog
zwischen Arbeitnehmern, Arbeitgebern und der Regie-
rung. Verringerung der Armuts- und Arbeitslosen-
quote.
2. Demokratischer Wohlstand für alle: Gesundheit und
qualitativ hochwertige Bildung im privaten Leben
sowie am Arbeitsplatz, würdige Wohnbedingungen und
Einkommensmöglichkeiten.
3. Politik der demokratischen Sicherheit: Konsolidierung
dieser Politik und Stärkung der städtischen Sicherheit
auf der Grundlage der Verfassung und der Achtung der
Menschenrechte. Kampf gegen den Terrorismus.
4. Transparenz und keine Korruption: Geltung ethischer
Prinzipien in öffentlichen Angelegenheiten; Kultur der
160 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Legalität und Intoleranz gegenüber Korruption, sowohl


im privaten als auch im öffentlichen Sektor.
5. Gute Regierungsführung: exzellente, sachorientierte,
effiziente, dezentralisierte, partizipative und verant-
wortungsvolle öffentliche Verwaltung auf allen Ebenen.
Zusammenarbeit mit der lokalen Führung, um die
Entwicklung der Regionen zu fördern.
6. Demokratische Institutionalität: Stärkung des demo-
kratischen Staates mit Unabhängigkeit, Gleichgewicht
und harmonischer Zusammenarbeit der Gewalten.
7. Gerechtigkeit und keine Straffreiheit: Stärkung des
Rechtsstaats durch striktes Vorgehen gegen Straf-
freiheit und eine unmittelbare und effiziente Justiz.
Garantie des Rechtszugangs der Gesellschaft und
der Individuen. Verteidigung der Rechte der Opfer
durch die Prinzipien der Wahrheit, Gerechtigkeit und
Entschädigung.
8. Urbane und ländliche Agenda: Verbesserungen der
Lebensbedingungen in den Städten durch Mobilität,
Wohnraum, öffentliche Räume und Dienstleistungen
für alle. Prosperierende und sichere ländliche Regi-
onen zur Sicherstellung der umfassenden, legalen
und nachhaltigen Bewirtschaftung des kultivierbaren
Bodens (Land als Vorratskammer der Welt).
9. Umwelt: Nachhaltige Nutzung des Umweltpoten-
zials. Verteidigung des Wassers als lebenswichtige
Ressource. Kolumbien auf globaler Ebene als „Macht
der Biodiversität‟ positionieren.
10. Internationale Beziehungen: Die Eingliederung des
Landes in die Weltordnung verstärken und die Bezie-
hungen zu den Nachbarstaaten auf der Grundlage des
Respekts und der Zusammenarbeit enger gestalten.
Die politische Führung Kolumbiens soll auf der inter-
nationalen Bühne anerkannt sein.

Mit diesem Programm und der Ankündigung der Unidad


Nacional konnte Santos glaubhaft vermitteln, dass er trotz
aller Kontinuität zur Regierung Uribe über mehr Gespür für
soziale und über die „Politik der demokratischen Sicherheit‟
hinausgehende Probleme hat, als ihm zugeschrieben wurde.
Diesem Ziel diente auch die in den eigenen Reihen nicht
unumstrittene Ernennung des ursprünglich aus der Kommu-
nistischen Partei kommenden Gewerkschafters Angelino
Garzón zum Kandidaten für das Amt des Vize-Präsidenten. 
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 161

Das Rennen um die Präsidentschaft spitzte sich zuneh-


mend zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Santos und
Mockus zu. Während Mockus in manchen Umfragen Santos
vom ersten Platz verdrängte, landete Sanín seit Anfang
April abgeschlagen auf dem dritten Platz, allen anderen
Kandidaten wurden ebenfalls kein ernsthaftes Eingreifen
mehr zugetraut. Das Ergebnis des ersten Wahlganges am
30. Mai war schließlich in vielfacher Hinsicht überraschend.

Tabelle 3
Die Ergebnisse des ersten Wahlgangs und der
Kongresswahlen im Vergleich

Präsident- Kongresswahlen
schaftswahlen am 14.03.20109
am 30.05.20108
Kandidat (Partei) Stimmen in % Stimmen in %

Santos
6.758.539 46,56 2.804.123 25,17
(Partido de la U)
Mockus
3.120.716 21,49 531.293 8,14
(Partido Verde)
Vargas Lleras
1.471.377 10,13 888.851 7,98
(Cambio Radical)
Petro
1.329.512 9,15 848.905 7,62
(Polo Democrático)
Sanín
892.323 6,14 2.298.748 20,63
(Partido Conservador)
Pardo
636.624 4,38 1.763.908 15,83
(Partido Liberal)
Calderon
33.924 0,23 95.157 o.A.
(Apertura Liberal)
Devia
32.080 0,22 — —
(La Voz de la Consciencia)
Araujo (Alianza Social
15.701 0,10 11.767 o.A.
Afrocolombiana)

89

Wieder einmal bestätigte sich ein Gesetz der kolumbiani-


schen politischen Kultur: Kongresswahlergebnisse lassen
sich nicht auf Präsidentschaftswahlen übertragen. Die
Wähler fühlen sich bei Präsidentschaftswahlen sehr viel
freier als bei Kongress- oder gar Regional- und Kommu-
nalwahlen, wo lokale und personale Strukturen deutlich
stärker zum Tragen kommen.

8 | Auf der Basis von 99,7 Prozent der Wahllokale.


9 | Das amtliche Endergebnis steht noch nicht fest.
162 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Santos erzielte ein in dieser Höhe nicht erwartetes Ergebnis.


Dies zeigte noch deutlicher als die Kongresswahlen,
dass der „Uribismo nach Uribe‟ signifikant stärker ist als
erwartet. Santos gelang es besser als nach den Umfragen
zu erwarten war, das positive Potenzial der
Santos wurde zu einem Kandidaten einer Regierung Uribe und das hohe Ansehen von
gewünschten Kontinuität. Dies zeigt Uribe selbst für seine „Kandidatur der Konti-
auch, dass sich die häufig beschworene
unversöhnliche Spaltung der kolumbia- nuität‟ zu nutzen, und weniger als erwartet
nischen Gesellschaft in „pro und contra für die ebenfalls existente Negativ-Bilanz der
Uribe‟ prioritär auf die politische Klasse
Regierung Uribe abgestraft zu werden.
bezieht.

Santos wurde von einem Kandidaten mit begrenzter, wenn


nicht sogar potenziell gefährlicher Erbschaft zu einem
Kandidaten einer gewünschten Kontinuität. Dies zeigt auch,
dass sich die häufig beschworene unversöhnliche Spaltung
der kolumbianischen Gesellschaft in „pro und contra Uribe‟
prioritär auf die politische Klasse bezieht, während in der
breiten Bevölkerung Uribe und sein Regierungslegat in
hohem Ansehen stehen.

Auch wenn eine schlichte Addition der Ergebnisse poli-


tisch nur begrenzt aussagefähig ist, sind auch die Ergeb-
nisse von Vargas Lleras und Noemi Sanín dem uribismo
zuzurechnen. Dies bedeutet rund 9,1 von 14, 3 Millio­nen
Stimmen. Beide Parteien, Cambio Radical (CR) und
Partido Conservador Colombiano (PCC), waren zuverläs-
sige Verbündete der Regierung Uribe. Es war daher nicht
verwunderlich, dass Santos am Wahlabend PCC und CR an
erster Stelle einlud, Partner seiner Regierung zu werden. 

Mockus erzielte ein beachtliches, wenn auch deutlich


hinter den Umfragen zurückbleibendes Ergebnis und kam
damit in die Stichwahl. Aus der „grünen Welle‟ wurde kein
„grüner Tsunami‟, wie noch in den letzten Tagen vor der
Wahl spekuliert wurde. Es ist „sein‟ Ergebnis und sollte
nicht als Ergebnis des Partido Verde gedeutet werden.
Diese Partei diente Mockus lediglich als politisches Vehikel
einer Kandidatur. Er, nicht die Partei, war die zentrale
„Botschaft‟, auf die viele ihre sehr heterogenen Vorstel-
lungen und Erwartungshaltungen projizierten. Die Gründe
für das gegenüber den Umfragen deutlich schlechtere
Abschneiden sind vielfältig. An Hinweisen darauf hat
es jedoch nicht gefehlt. Erkennbar wurde, dass Mockus
und der Anstieg der „grünen Welle‟ noch deutlicher als
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 163

erwartet ein Ergebnis des „voto de opinión‟ waren, eines


„Meinungsphänomens‟, dem auf der Zielgeraden die Luft
ausging. Im Zuge einer stärkeren thematischen Debatte
traten die Schwachstellen des Projekts Mockus kontu-
rierter hervor. Dies führte offensichtlich zu einer „Rationa-
lisierung des Stimmverhaltens‟, das in einem Sieg Mockus‛
einen „Sprung ins Leere und Ungewisse‟ (salto al vacío)
sah und in letzter Konsequenz davor zurückschrecken ließ. 

Die Überraschungen des ersten Wahlgangs waren neben


Santos vor allem Vargas Lleras und Gustavo Petro, die
beide deutlich besser als in den Umfragen und auch bei
den Kongresswahlen abgeschnitten haben. Vargas Lleras
konnte sich zunehmend als programmatischer Kandidat
profilieren und landete knapp vor Petro auf dem dritten
Platz. Petro wiederum kann sich in seinem
Modernisierungskonzept einer Mitte-links- Vargas Lleras wie Petro haben ihren
Option mit Koalitionsbereitschaft bestärkt politischen Gestaltungsanspruch unter-
mauert und einen weiteren wichtigen
sehen. Ob daraus eine Spaltung des Polo Schritt auf dem Weg zur angestrebten
entstehen kann, die fundamentalistischen Präsidentschaft zurückgelegt.
Sektoren eigene Wege gehen und sich daraus
eine Option für eine Neuformierung der parteiorganisatori-
schen moderaten Linken ergibt, bleibt abzuwarten. Vargas
Lleras wie Petro haben mit diesem Wahlergebnis jedenfalls
ihren politischen Gestaltungsanspruch untermauert und
einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Weg zur ange-
strebten Präsidentschaft zurückgelegt.

Für eine in diesem Ausmaß nicht erwartete negative


Überraschung sorgte der liberale Kandidat Rafael Pardo.
Er landete abgeschlagen auf dem sechsten Platz, mit 4,38
Prozent knapp über der Grenze, die die Partei noch für
die Wahlkampfkostenerstattung legitimiert. Auch wenn
man nicht viel erwartet hatte, dieses Wahlergebnis ist
nach den erfolgreichen Kongresswahlen ein dramatischer
Rückschritt. Der Partido Liberal (PL) sah sich damit vor die
Situation gestellt, auf weitere vier und damit insgesamt
16 Jahre von der Beteiligung an der Macht ausgeschlossen
zu sein oder den Sprung ins Santos-Lager zu wagen.
Vor diesem Hintergrund ist die Betonung von Santos am
Wahlabend, dass er aus dem liberalen Lager komme, zu
verstehen.
164 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Die Konservative Partei (PCC) steht vor einem Scher-


benhaufen: Knapp sechs Prozent der Stimmen für die
Kandidatin Sanín und der fünfte Platz unter sechs ernst-
haften Kandidaten. Mit der Kandidatur Saníns hoffte der
PCC, seinen Anspruch auf politische Führung durchsetzen,
zumindest aber seinen eigenständigen „Willen zur Macht‟
manifestieren zu können. In der letzten Phase des Wahl-
kampfes hoffte der PCC zumindest auf eine votación
decente, also ein „akzeptables Abstimmungsergebnis‟,
das auf etwa zwei Millionen Stimmen angesetzt wurde.
Beide Ziele wurden verfehlt. Nun steht der PCC vor
einem Wahlergebnis, das die schlimmsten Befürchtungen
noch übertrifft. Im Vergleich zur Kongresswahl verlor er
rund 1,3 Millionen Stimmen, im Verhältnis
Die Sanín-Strategie konnte weder eine zur consulta popular zur Bestimmung des
pro- noch eine contra-uribistische Linie Präsidentschaftskandidaten sogar rund 1,6
entwickeln. Dies führte dazu, dass uri-
bistische PCC-Wähler direkt zu Santos Milionen Stimmen. Die Kandidatin Sanín
gingen. war nicht einmal in der Lage, ihre rund 1,1
Millionen Stimmen bei der Urwahl zu erreichen. Selbst in
Hochburgen des PCC wie beispielsweise Antioquia kam sie
nur auf knapp über neun Prozent.

Die Gründe für dieses Wahlergebnis sind vielfältig.


Zum einen konnte Sanín nicht vermitteln, dass der PCC
geschlossen hinter ihr stand. Die erbitterte Auseinander-
setzung um die Spitzenkandidatur der Partei hatte tiefe
Wunden geschlagen. Teile der Parteimaschinerie dürften
dem spät geschlossenen Burgfrieden zwar zugestimmt,
sich aber nicht mit voller Konsequenz im Wahlkampf betei-
ligt haben. Die Sanín-Strategie konnte auf Dauer weder
eine pro- noch eine contra-uribistische Linie entwickeln, die
als authentisch empfunden worden wäre. Dies führte dazu,
dass uribistische PCC-Wähler, nicht zuletzt aufgrund der
Angriffe von Sanín gegen Santos, direkt zu Santos gingen,
während die unabhängigen Wähler zu Mockus wechselten.
Gerade sie waren für Saníns Sieg in der consulta popular
entscheidend.

Die absoluten Verlierer des Wahlabends waren die Umfrage-


institute. Bis heute gibt es keine plausible Erklärung dafür,
wie alle Institute mit ihren Prognosen derart neben dem
tatsächlichen Wahlergebnis liegen konnten.
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 165

„Tocosan‟ – Auf dem Weg zum zweiten Wahlgang

Die drei Wochen bis zum zweiten Wahlgang am 20. Juni


2010 waren nicht mehr als eine Pflichtübung. An einem
Wahlsieg Santos‛ zweifelte keiner mehr, Wetten wurden
nur noch über die Höhe des Sieges abge-
schlossen. Sollte Mockus je eine ernsthafte Nach dem fulminanten Wahlergebnis
Chance gehabt haben, Santos im zweiten von Santos im ersten Wahlgang und sei-
nem erkennbar ernst gemeinten Aufruf
Wahlgang gefährlich zu werden, verspielte zur Unidad Nacional entstand nun eine
er diese auch nach Ansicht wohlmeinender Konstellation des „Todos con Santos‟ –
„Alle mit Santos‟.
Beobachter noch am Wahlabend des 30. Mai.
In einer Manier, die an einen Urlaubsanima-
teur erinnerte, verknüpfte er Gesänge mit fundamenta-
listischen Botschaften. Dieser erratische Auftritt war für
viele der Schlusspunkt einer nicht mehr zu gewinnenden
Kampagne.

Der Wahlkampf selbst brachte keine besonderen Höhe-


punkte mehr. Santos konnte sich noch stärker als ein
souveräner Kandidat profilieren, während die bereits in
den vorangegangenen Wochen erkennbaren Schwächen
des Gegenkandidaten Mockus einen deutlichen Kontrast
markierten.

Dass es am Wahlausgang keinerlei Zweifel gab, war


vor allem auf den Bedeutungswandel der über Wochen
beschworenen Formel „tocosan‟ zurückzuführen. Diese
hatte ihren Ursprung in der Phase, in der laut Umfragen
Santos und Sanín in den zweiten Wahlgang einziehen
würden und sich in dieser Konstellation alle Oppositions-
kräfte um Sanín scharen würden, um Santos zu verhin-
dern: Todos contra Santos  – „Alle gegen Santos‟. Nach
dem fulminanten Wahlergebnis von Santos im ersten
Wahlgang und seinem erkennbar ernst gemeinten Aufruf
zur Unidad Nacional entstand nun eine Konstellation des
„Todos con Santos‟ – „Alle mit Santos‟.

Die Konservative Partei sowie die große Mehrheit der libe-


ralen Partei und deren Kongressmitglieder schlossen sich
Santos an. Der Cambio Radical folgte wenig später. Mockus
dagegen lehnte ein Koalitionsangebot des Polo ab und ging
ohne zusätzliche formalisierte Unterstützung alleine in 
166 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

den zweiten Wahlgang. Vor diesem Hintergrund war das


Wahlergebnis vom 30. Mai keine Überraschung. Selbst die
Umfrageinstitute lagen mit ihren Prognosen gut.

Tabelle 4
Ergebnisse des ersten und zweiten Wahlganges
der Präsidentschaftswahlen

Zweiter Wahlgang Erster Wahlgang am


am 20.06.2010 30.05.2010
Kandidat Ergebnis Ergebnis Ergebnis Ergebnis
(Partei) (absolut) (in %) (absolut) (in %)

Santos
9.004.221 69,05 6.758.539 46,56
(Partido de la U)
Mockus
3.588.819 27,52 3.120.716 21,49
(Partido Verde)

Bewertung des Wahlergebnisses

Wenige Wochen nach der Wahl ist es selbstverständlich


verfrüht, angesichts des neuen und in vielfacher Hinsicht
im Fluss befindlichen politischen Kontextes gesicherte
Erkenntnisse formulieren zu wollen.

Dennoch sollen einige erste Schlussfolgerungen und Über-


legungen mit Blick auf denkbare künftige Entwicklungsli-
nien formuliert werden.

1. Santos wurde in mehrfacher Hinsicht falsch einge-


schätzt. Dies betrifft seine eigenen Fähigkeiten als Wahl-
kämpfer. Im Wahlkampf begann Santos eher verhal- 
ten, war aber rasch zu einem Strategiewechsel in der
Lage, gewann sichtbar an Statur und wurde
Im Wahlkampf begann Santos eher trotz seiner Anknüpfung an die Regierung
verhalten, war aber rasch zu einem Uribe nicht als von Uribe aus dem Präsiden-
Strategiewechsel in der Lage, gewann
sichtbar an Statur und wurde nicht als tenpalast ferngesteuerter Strohmann wahr-
Strohmann von Uribe wahrgenommen. genommen.

Santos ist es gelungen, sich als Kandidat der Kontinu-


ität der Ära Uribe zu präsentieren und deren positives
Erbe für sich politisch zu kapitalisieren ohne, wie lange
befürchtet oder erhofft, für die Negativperzeption der
Regierung Uribe verantwortlich gemacht zu werden.
Eigene Ansätze konnte er glaubhaft vermitteln. Seine
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 167

thematische Bandbreite und Sensibilität verhinderten


es, dass er als auf die „Politik der demokratischen
Sicherheit‟ reduzierter Kandidat wahrgenommen
wurde. Der Aufruf zu einer Regierung der Unidad
Nacional und das Zehn-Punkte-Programm, wenngleich
sehr allgemein gehalten, haben dabei eine gewichtige
Rolle gespielt.

2. Nach dem klaren Ergebnis des ersten Wahlgangs gab


es auch Überlegungen, dass alle anderen Kandidaten
ihre Kandidatur zurückziehen sollten, um Santos ohne
zweiten Wahlgang die Präsidentschaft zu ermöglichen.
Santos ist mit dem jetzigen Ergebnis jedoch mehr
gedient als mit dem Ergebnis des ersten Wahlganges.
Der Plebiszitcharakter des zweiten Wahlganges
eröffnet ihm einen äußert breiten Handlungsspielraum
und eine Unabhängigkeit, die er in seiner Rede in der
Wahlnacht des 20. Juni auch zum Ausdruck brachte.

3. Die Regierung Santos verfügt im neuen Kongress über


rund 85 Prozent der Sitze. Allein die Partei „la U‟ und
die Konservative Partei nähern sich in der Abgeord-
netenkammer und dem Senat der absoluten Mehr-
heit. Das Problem der „Regierbarkeit‟
(gobernabilidad) dürfte sich vor diesem Santos hat einen großen strategischen
Hintergrund zunächst für Santos nicht Vorteil aufgrund der Breite des Bünd-
nisses der Unidad Nacional, die jeden
stellen. Allerdings ist die Heterogenität einzelnen Partner für sich gesehen
dieser Koalition nicht zu unterschätzen. verzichtbar macht.
Hinzu kommt, dass die jeweiligen Koali-
tionspartner keinen übergreifenden gemeinsamen
Koalitionsvertrag geschlossen haben, sondern der
Anschluss an Santos auf jeweils bilateraler Ebene
erfolgte. Dies erleichterte zunächst den Abschluss des
jeweiligen Abkommens, beinhaltet jedoch auf längere
Sicht eine ganze Reihe von Sollbruchstellen. Diese
betreffen die Machtaufteilung zwischen den Parteien,
die so genannte „bürokratische Quote‟, aber auch
inhaltliche Fragen und unvermeidbare Kompromisse.
Wie es ein konservativer Politiker ausdrückte: „Wo wir
stehen, stehen wir gut, aber mit zu vielen.‟

Santos hat in dieser Gemengelage für geraume Zeit


einen großen strategischen Vorteil. Zum einen in Form
seines Wahlergebnisses. Zum anderen aufgrund der
168 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Breite des Bündnisses der Unidad Nacional, die jeden


einzelnen Partner für sich gesehen verzichtbar macht.
Das Drohpotenzial einer Aufkündigung der Koalition
ist damit auf absehbare Zeit denkbar gering. Gelingt
es Santos, in den ersten Monaten durch bestimmte
Entscheidungen, Verhaltensweisen und einen stärker
konsensorientierten Politikstil eine post-elektorale
Akzeptanz bei der Bevölkerung zu gewinnen, wird er
auf absehbare Zeit die Unidad Nacional zusammen-
halten können. Die Zeichen dafür stehen gut.

4. In diesem Kontext kommt es entscheidend darauf


an, wie Santos sein Institutionenverständnis in die
Praxis umsetzt. Sein Bekenntnis zur Gewaltenteilung
und insbesondere zu einer unabhängigen
Unmittelbar nach seiner Wahl traf sich Justiz hat einen sehr konkreten Hintergrund.
Santos mit allen Präsidenten der Obers- Das gespannte bis konfliktive Verhältnis
ten Gerichte. Dies scheint den Weg
freizumachen für eine konfliktfreiere zwischen Staatspräsident Uribe und Teilen
Beziehung zwischen der Justiz und dem der Gerichtsbarkeit hat zu einem choque
Staatspräsidenten.
de trenes, zu einem „Aufeinanderprallen
der Züge‟ mit problematischen Begleiterscheinungen
geführt. So harrt die Wahl des Generalstaatsanwalts
seit über einem Jahr der Durchführung.

Unmittelbar nach seiner Wahl traf sich Santos mit allen


Präsidenten der verschiedenen Obersten Gerichte des
Landes. Dies scheint den Weg freizumachen für eine
signifikant konfliktfreiere Beziehung zwischen der
Justiz und dem Staatspräsidenten.

5. Das Projekt Unidad Nacional sollte nicht allein als kurz-


fristiger Wahlkampfschlager missinterpretiert werden.
Dieser Aufruf ist als ein Signal an die Gesellschaft wie
die politischen Eliten zu verstehen. Santos hat Taten
folgen lassen. Dies betrifft die Abkommen mit verschie-
denen Parteien, die Offenheit selbst einer Zusammen-
arbeit mit dem Polo und dem Partido Verde gegenüber.

Dies ist aber auch in seinen Ankündigungen über die


Struktur seiner Regierung zu entnehmen. So wird die
unter Uribe vorgenommene Zusammenlegung einer
Reihe von Ministerien rückgängig gemacht. Santos hat
unter anderem die Schaffung eines eigenständigen
Justiz- und Umweltministeriums angekündigt. Auch
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 169

der Sozialbereich soll durch verschiedene Ministerien


abgedeckt werden.

Abgesehen davon, dass ihm diese Schaffung neuer


Ministerien natürlich auch personellen Handlungsspiel-
raum verschafft, macht es doch deutlich, dass Santos
den im Wahlkampf und in den Abkommen eingegan-
genen Verpflichtungen nachkommen und thematische
Schwerpunkte verfolgen will.

Ob sich die Unidad Nacional zu einer Regierung ohne


Opposition entwickelt, bleibt abzuwarten. Parteiorga-
nisatorisch besteht die Opposition im Wesentlichen
aus dem Polo und dem Partido Verde.
Hinsichtlich des Polo muss sich erweisen, Es ist nicht auszuschließen, dass sich die
ob und inwieweit er zu einem geschlos- eigentliche Opposition aus dem Kontext
der Unidad Nacional selbst entwickelt.
senen parlamentarischen Handeln in Vor allem ist nicht zu erwarten, dass
der Lage sein wird, der Partido Verde Parteiführer wie Vargas Lleras ihren
Präsidentschaftsambitionen abschwö-
wiederum verfügt über keine größere
ren werden.
parlamentarische Erfahrung. Zudem
kommt Mockus der Begriff „Opposition‟ schwer über
die Lippen. Er schließt nicht aus, die Regierung dort
zu unterstützen, wo sie die richtigen Ansätze verfolgt.

Das Zehn-Punkte-Programm der Unidad Nacional ist in


seiner Allgemeinheit unterschriftstauglich, hier muss
sich jedoch erst noch erweisen, welche konkrete Linie
der künftige Staatspräsident im Einzelnen verfolgt,
und wie es ihm gelingt, die unterschiedlichen Inter-
essen der verschiedenen Bündnispartner kompromiss-
fähig zu gestalten.

Es ist mittelfristig nicht auszuschließen, dass sich die


eigentliche Opposition aus dem Kontext der Unidad
Nacional selbst entwickelt. Vor allem ist nicht zu
erwarten, dass Parteiführer wie beispielsweise Vargas
Lleras nur wegen ihrer Beteiligung in der Unidad Nacio­nal
für die nächsten acht Jahre, Santos Ehrgeiz zur Wieder- 
wahl unterstellt, ihren Präsidentschaftsambitionen ab- 
schwören werden.

6. Santos hat bereits in der Wahlnacht deutlich gemacht,


dass er die Parteien als Institutionen sehr ernst nimmt,
dies jedoch nicht bedeutet, dass er an traditionellen
170 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Vergabekriterien politischer Macht festhalten will.


Stattdessen müssten sich Parteien ihres dienenden
Charakters bewusst werden. Angesichts der politisch-
kulturellen Traditionen Kolumbiens eine große Ankün-
digung.

Die ersten bekannt gewordenen Personalentschei-


dungen des künftigen Präsidenten geben jedoch einen
Vorgeschmack darauf, dass es Santos, anstatt sich
auf eine Quotendiskussion einzulassen, eher darauf
ankommt, sich mit fachlich ausgewiesenen Personen
zu umgeben. Diese können im Einzelfall durchaus
einen parteipolitischen Hintergrund haben, müssen
jedoch nicht zu den einflussreichen Politikern der
jeweiligen Parteien zählen.

7. Auch wenn die „grüne Welle‟ Mockus nicht bis in


den Präsidentenpalast gespült hat, sollten weder die
anderen Parteien noch Santos die Botschaft unter-
schätzen, die mit diesem noch vor wenigen Monaten
unerwarteten Erfolg einer Splitterpartei
Santos wird ein Politikstil bescheinigt, verbunden ist. Vielmehr sollten sie ihn in
der weniger caudillohaft ist als der Stil ihrer mehrfacettigen Bedeutung für die Politik
Uribes, stattdessen institutionenorien-
tierter, stärker delegierend und stärker und Demokratie des Landes sehr intensiv
am Konsens orientiert. analysieren. So heterogen bis diffus die auf
Mockus projizierten Erwartungen auch waren, kommt
darin ein partizipa­tionsbereites Protestpotential zum
Ausdruck, dessen Inhalte ernst genommen werden
sollten, und dessen Unterstützer für die kolumbiani-
sche Demokratie nicht verloren gehen sollten.

8. Nicht erst seit dem Triumph von Santos ist die


Frage, wie uribistisch Santos ist und ob er es bleiben
wird, oder ob sich eine Konstellation „Santismus vs.
Uribismus‟ herauskristallisieren wird, ein beliebtes
Spekulationsthema.

Der Kern dieser Spekulation birgt die Überzeugung, dass


Santos mehr ist oder werden kann als eine Uribe-Verlän-
gerung. Ihm wird ein Politikstil bescheinigt, der weniger
caudillohaft ist als der Stil Uribes, stattdessen institutionen-
orientierter, stärker delegierend und stärker am Konsens
orientiert. Vieles spricht für die These, dass Santos,
aufbauend auf den Errungenschaften der ­Uribe-Ära, einen
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 171

continuismo básico verfolgt, darüber hinaus aber seine


eigenen Schwerpunkte setzt.

Abschließend soll auf die Frage eingegangen werden,


welche Auswirkungen und Herausforderungen diese Präsi-
dentschaftswahlen und die Bildung der Unidad Nacional auf
die jeweiligen Parteien und das Parteiensystem insgesamt
zeitigen werden.

Auswirkungen auf die Parteien

In einer Phase, in der ein Sieg von Manuel Santos nicht


als gesichert gelten konnte, wurden bereits Überlegungen
darüber angestellt, ob die Uribe-Partei „la U‟ als Oppo-
sitionspartei eine Überlebenschance hätte. Die „la U‟ als
stärkste Regierungs- und Präsidentenpartei
steht vor einer doppelten Herausforderung. Die „la U‟ muss sich als Präsidenten-
Zum einen muss sie sich als Präsidenten- partei neu ausrichten und nachhaltige
und tragfähige Parteistrukturen auf-
partei neu ausrichten, zum anderen geht bauen.
es auf einer viel niedrigeren, aber umso
anspruchvolleren Ebene darum, nachhaltige und tragfähige
Parteistrukturen aufzubauen. Auch nach Aussagen eigener
Kongressmitglieder ist die „la U‟ parteiorganisatorisch eher
eine Walkampfmaschine denn eine strukturierte Partei.

Die Konservative Partei steht vor sehr viel schwierigeren


Zeiten. Die innerparteiliche Aufarbeitung der letzten
Monate, beginnend mit der die Partei spaltenden Ausei-
nandersetzung um die Präsidentschaftskandidatur bis hin
zum desaströsen Wahlergebnis von Sanín, wurde durch
den zweiten Wahlgang und die Koalition mit Santos überla-
gert, dürfte aber nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Welche Kräfte und Strömungen sich hier wie gruppieren,
ist aktuell nicht einschätzbar.

Die Partei muss sich neu aufstellen. Erleichtert wird ihr dies
durch eine starke Präsenz im Kongress und in den Regionen.
Erschwert wird ihr dies durch ein geringeres Gewicht im
Gefüge der Unidad Nacional. Auch der PCC ist verzichtbar
geworden. Darüber darf die Beschwörung der tragenden
Rolle in der Uribe-Koalition nicht darüber hinwegtäuschen.
In den nächsten Jahren muss der PCC über eine Stärkung
seines programmatischen Eigenprofils sowohl der Partei
wie der Fraktionen in der ­Abgeordnetenkammer und dem
172 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Senat, aber auch durch eine parteiorganisatorische Moder-


nisierung bis in die Regionen hinein die Grundlage für einen
glaubhaften nationalen Führungsanspruch legen.

In keiner einfachen Situation befindet sich der Cambio


Radical. Diese Partei ist überaus stark personenkonzent-
riert und verfügt ebenfalls über wenige Parteistrukturen.
Als der kleinste der Koalitionspartner dürfte ihm eine
personelle Profilierung in der Koalition erschwert werden.
Bleibt die Frage, inwieweit er sich inhaltlich konturieren
kann. Hinzu kommt aber vor allem, dass Vargas Lleras im
Reigen der führenden Koalitionspolitiker, Santos ausge-
nommen, ohne Frage einer der profiliertesten Persönlich-
keiten ist und seine Ambitionen auf das Präsidentenamt
kaum aufgeben wird. Ob und wie lange eine solche Kons-
tellation in die Unidad Nacional eingebunden werden kann,
bleibt abzuwarten.

Die Liberale Partei (PL) konnte ihren Beitritt zur Unidad


Nacional nicht geschlossen vollziehen. Einige Abgeordnete
und Senatoren verweigerten sich diesem Schritt. Inwieweit
dies zu einem offiziellen Übertritt zum PV oder zum Polo
führt, kann noch nicht abgeschätzt werden. Für den PL
bietet die Unidad Nacional nach langen Jahren der Opposi-
tion die Möglichkeit, an der Regierungsmacht
Santos betont häufig seine Herkunft beteiligt zu sein, wenngleich in begrenzter
aus dem liberalen Lager. Fraglich ist, Form. Zunächst ungeklärt bleibt, inwie-
ob die Wiederannäherung der drei
liberalen Gruppierungen in der Unidad weit die heterogenen parteiinternen Strö-
Nacional die Keimzelle einer neuen mungen, überwiegend repräsentiert durch
liberalen Formation darstellen kann.
zwei ehemalige liberale Staatspräsidenten,
Gaviria und Samper, ihre Interessen verwirk-
licht sehen, wenn nach dem Honeymoon mit Santos erste
Kompromisse anstehen.

In diesem Zusammenhang ist auf eine andere, in Kolum-


bien noch nicht debattierte denkbare Entwicklung hinzu-
weisen. Santos betont im Gegensatz zu Uribe häufig seine
Herkunft aus dem liberalen Lager. Santos denkt weitaus
langfristiger und strategischer als ihm das politische Beob-
achter zugetraut haben. In einem ersten Schritt ist es ihm
gelungen, alle drei liberalen oder aus dem liberalen Lager
entstandenen Parteien, „la U‟, PL und CR, unter dem Dach 
der Unidad Nacional zusammenzubringen. Fraglich ist, ob
diese Wiederannäherung der drei liberalen Gruppierungen
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 173

in der Unidad Nacional die Keimzelle einer neuen liberalen


Formation darstellen kann.

Eine solche Strategie könnte für Santos realistischer


sein als darauf zu hoffen, dass es zu einer über Koaliti-
onsabsprachen hinausgehenden Kooperationsform mit
der Konservativen Partei kommen könnte. Zwar ist eine
programmatische Nähe zur Konservativen Partei gegeben,
was nach konservativer Lesart nur das historische Bonmot
bestätigt, dass ein Liberaler nichts anderes sei als ein intel-
ligenter Konservativer. Doch auch wenn es im PCC eine
gewisse Strömung gibt, die durchaus bereit wäre, in eine
andere Form der Kooperation mit „la U‟ einzutreten, dürfte
die Partei insgesamt kaum bereit sein, 160 Jahre eigene
Parteigeschichte über Bord zu werfen.

Das beachtliche Ergebnis für den Polo hat nicht Ganz offensichtlich hat sich das Links-
zu einem unumstrittenen Führungsanspruch bündnis gespalten: Hier die linksfun-
damentalistischen Kader und dort eine
von Petro geführt. Vielmehr hat dessen nach gemäßigte, auf Kooperation und Koali-
der Wahl bekundete Bereitschaft, Santos in tion setzende Strömung.
den für den Polo zen­tralen Politikbereichen
wie zum Beispiel der Landfrage zu unterstützen, zu einer
offiziellen Desautorisierung und zu Spekulationen über
einen Parteiausschluss oder einen Austritt geführt.

Ganz offensichtlich hat sich das Linksbündnis gespalten:


Hier die alten, traditionellen und linksfundamentalistischen
Kader, deren Verhältnis zur Gewalt in der Tat nicht durch-
gängig zweifelsfrei ist und die mit ihrem absoluten Wahr-
heitsanspruch die Oppositionsrolle bevorzugen, und dort
eine gemäßigte, auf Kooperation und Koalition setzende
Strömung. Das Kräfteverhältnis dieser Strömungen ist
allerdings schwer abschätzbar.

Ob aus der innerparteilichen Spaltung auch kleinere Abspal-


tungen oder eine gesamtorganisatorische Spaltung hervor-
gehen, bleibt abzuwarten. Dies könnte zu einer Wiederfor-
mierung der radikalen Linken auf der einen Seite führen und
auf der anderen zu einer Art sozialdemokratischer Partei
zusammen mit denjenigen Teilen der liberalen Partei, die
den Santos-Anschluss ablehnen. Dies wiederum könnte,
eine Stabilisierung des Partido Verde vorausgesetzt, zu einer
weiteren Option der Zusammenarbeit oder Fusion führen. 
Der Partido Verde hat trotz seines Namens mit „grüner
174 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|2010

Bewegung‟ recht wenig zu tun. Es handelt sich um eine


Splitterpartei, die mittels der Kandidatur von Mockus, der
eine rechtlich gesicherte Plattform für seine Präsident-
schaftskandidatur benötigte, in eine Sphäre geschleudert
wurde, in der die Voraussetzungen aktuell nicht gegeben
sind, die für das politische Überleben erforderlich sind.

Mockus hat in einer ausgesprochen guten Rede am Wahl-


abend des 30. Mai klar gemacht, dass nun der Ausbau des
Partido Verde prioritäre Aufgabe ist, vor allem mit Blick auf
die im nächsten Jahr anstehenden Kommunal- und Regio­
nalwahlen, zu denen man breit mit eigenen Kandidaten
antreten wolle. Der Umstand, dass Mockus mit seinem
Stimmenanteil nicht wie befürchtet abgefallen ist, sondern,
wenngleich in begrenztem Umfang, zulegen konnte, bietet
eine durchaus gute Ausgangslage für dieses
Der Partido Verde steht vor der men- Unterfangen. Einer der wichtigsten Mitstreiter
talen Hürde, von Alleinvertretungsan- Mockus‛, Peñalosa, kündigte bereits an, dass
sprüchen Abstand nehmen und sich
koalitionsbereit zu zeigen. Das gilt vor man diese Partei als „Partei des Zentrums‟
allem für Mockus selbst. aufstellen wolle. Hier wird abzuwarten sein,
wie sich die ideologisch durchaus hetero-
genen Kräfte dieser Bewegung bei dieser Aufgabe posi-
tionieren und ob eine solche Aussage mehrheitsfähig ist.
Interne Sollbruchstellen personeller wie programmatischer
Natur sind hinreichend vorhanden.

Die Aussage, man sei nach den Präsidentschaftswahlen


die zweite politische Kraft im Land, ist allzu simplifizie-
rend. Die kolumbianische Geschichte kennt einige in
Präsidentschaftswahlen erfolgreiche Wahlbewegungen,
die eine Konsolidierung oder gar einen weiteren parteior-
ganisatorischen Ausbau und entsprechende Wahlerfolge
nicht erreichten. Der Weg von einer aktuell nicht mehr als
konjunkturellen Oppositionsbewegung zu strukturierteren
Organisationsformen ist schwierig. Die parlamentarische
Basis hierfür ist äußerst gering. Auch steht der Partido
Verde vor der mentalen Hürde, von Alleinvertretungsan-
sprüchen Abstand nehmen und sich koalitionsbereit zeigen
zu müssen. Das gilt vor allem für Mockus selbst, sollte
er eine führende Rolle bei dieser Herkulesaufgabe über-
nehmen.

 
9|2010 KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 175

Auswirkungen auf das Parteiensystem

Für eine fundierte Einschätzung der Auswirkungen dieser


Präsidentschaftswahlen und der Bildung der Unidad
Nacional ist es deutlich zu früh. Das Wahlergebnis und
die anschließende Entwicklung haben Sollbruchstellen in
einigen Parteien offengelegt. Deren Aufarbeitung wird
noch geraume Zeit in Anspruch nehmen. Ergebnisse
dieser internen Prozesse sind schwer abschätzbar. Neben
diesen innerparteilichen Entwicklungen in den betroffenen
Parteien und dem Funktionieren der Unidad Nacional hängt
auch viel vom Ausgang der Kommunal- und Regional-
wahlen in der zweiten Jahreshälfte 2011 ab.

Vielfach wird die Auffassung vertreten, mit der Unidad


Nacional trete Kolumbien in eine mit der Frente Nacional
zwischen 1958 und 1974 vergleichbare Phase ein. Diese
„Nationale Front‟ bestand aus der liberalen und konser-
vativen Partei, die sich turnusgemäß in
der Staatsführung abwechselten und alle Diese Präsidentenwahl hat latente Soll-
anderen politischen Machtebenen unter sich bruchstellen in den Parteien aufgedeckt
und vergrößert, und auch neue geschaf-
aufteilten. Verbunden wird diese Sicht mit fen. Eine teilweise Umgestaltung des
der Einschätzung, dass mit dieser Präsiden- Parteiensystems wird diese Entwick-
lung fortsetzen.
tenwahl und der Unidad Nacional das Mehr-
parteiensystem in der Substanz beschädigt
und eine Rückkehr zum traditionellen Zwei-Parteiensystem
vorhersehbar sei. Erfahrungswerte aus der kolumbia-
nischen Geschichte prägen diese Analyse. Es erscheint
jedoch problematisch, diese Erfahrungen auf einen Jahr-
zehnte später relevanten Kontext zu übertragen.

Wie oben ausgeführt, hat diese Präsidentenwahl latente


Sollbruchstellen in den bestehenden Parteien aufgedeckt
und konfliktiver gemacht, und auch neue Sollbruchstellen
geschaffen. Darin liegt fraglos das Potential einer partiellen
Umgestaltung des aktuellen kolumbianischen Parteiensys-
tems. Die Ausdifferenzierung der kolumbianischen Gesell-
schaft und Politik ist jedoch zu sehr fortgeschritten, als
dass die These einer durch die Unidad Nacional nahezu
zwangsläufigen Rückkehr zu einem Zweiparteiensystem
überzeugen könnte. Das Funktionieren der Unidad Nacional
muss sich im Alltag der kolumbianischen Politik erst noch
erweisen.
9|10 9|10

KAS AUSLANDSINFORMATIONEN 9|10


AUSLANDSINFORMATIONEN Polen – Nachbar, Partner
und Freund im Osten.
Die deutsch-polnischen
Beziehungen seit 1989
Stephan Georg Raabe

Neue Partner, bewährte


Partnerschaft – Die Bezie-
hungen Deutschlands zu
Tschechien und der
Slowakei
Hubert Gehring / Tomislav
Delinić / Andrea Zeller

Die Beziehungen Deutsch-


lands zu den baltischen
Ländern seit der Wieder-
vereinigung
Andreas M. Klein /
Gesine Herrmann

Über die Befindlichkeiten


des deutsch-französischen
Paares zwei Jahrzehnte nach
der Wiedervereinigung
Jörg Wolff / Laura-Theresa
Jaspers

Die Beziehungen zwischen


Großbritannien und dem
wiedervereinigten Deutsch-
land
Claudia Crawford

Union für das Mittelmeer –


Realitäten anerkennen und
Chancen nutzen!
Gerrit F. Schlomach

Die Philippinen nach den


Wahlen vom 10. Mai 2010
Peter Köppinger

Vom Uribismo zur Unidad


Nacional – Kolumbien nach
den Kongress- und Präsi-
dentschaftswahlen
Stefan Jost