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Bürgerkundgebung in Stuttgart

Volk der Widerborste


Eine Protestwelle rollt durch Deutschland. Allerorten kämpfen Bürger gegen die Projekte
von Politikern. Die Demokratie wirkt lebendig, aber manchmal prallen auch Allgemeinwohl und
Egoismus aufeinander. Die Modernisierung des Landes könnte aufgehalten werden.

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MARIJAN MURAT / DPA

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ama, jetzt hat der Bagger gerade kingschuhe und fährt mit ihrem Sohn in Abend half sie mit, die Abfahrt eines Zu-
in den Bahnhof gebissen“, ruft die Innenstadt. ges aus dem Bahnhof um fast eine Drei-
der jüngste Sohn von Sylvia Seit Monaten engagiert sich Sylvia viertelstunde hinauszuzögern. Erst gegen
Heimsch. Es ist Mittwochnachmittag in Heimsch, 47, gegen das Großprojekt halb zwölf Uhr in der Nacht war sie wie-
Stuttgart, die Sonne scheint, der Rasen „Stuttgart 21“. Sie gehört dem Organisa- der zu Hause. Achteinhalb Stunden spä-
müsste mal wieder gemäht werden, aber tionskreis der „Parkschützer“ an, die ver- ter stand sie schon wieder mit ihrer Iso-
Heimsch weiß, dass sie jetzt anderswo hindern wollen, dass fast 300 alte Bäume matte am Bauzaun hinter dem Nordflügel
gefordert ist. Sie wirft einen kurzen Blick im Schlossgarten abgeholzt werden. des Bahnhofs.
auf die Bilder der Webcam, die ihr die Am vergangenen Mittwoch versam- „Inzwischen stapelt sich hier die Wä-
Bauarbeiten am Stuttgarter Hauptbahn- melte sich Heimsch mit rund hundert wei- sche, weil ich fast jeden Tag unterwegs
hof live ins Wohnzimmer überträgt. Dann teren Demonstranten zur Sitzblockade bin“, sagt Heimsch. Ihr Ehemann, wie sie
schnappt sie sich Trillerpfeife und Trek- auf der Bundesstraße 14 in Stuttgart. Am Architekt, sei am Anfang für das Projekt
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gewesen, „aber wer sich genauer infor- Aber das heißt nicht, dass eine bessere Horst Seehofer oder Guido Westerwelle
miert, dem wird schnell klar, dass hier Gesellschaft dabei herauskommt. Viele prägen den Eindruck, den die Bürger von
nur ein Milliardengrab entstehen wird“. Proteste richten sich gegen Projekte in der Qualität der repräsentativen Demo-
Heimsch ist nicht so, wie Protestler in den Bereichen Verkehr und Energie und kratie haben.
der Bundesrepublik oft waren. Sie ist damit auch gegen eine Modernisierung Die Unzufriedenheit könnte kaum grö-
nicht gegen das Establishment, sondern des Landes. ßer sein. Bei der Bundestagswahl 2009
Teil davon. Mit ihrem Mann und den drei Was für ein Bürger zeigt sich also hier? beteiligten sich 70 Prozent der Wahl-
Kindern lebt sie in einem sanierten Ju- Der Staatsbürger, der auch das Allgemein- berechtigten, 1972 waren es 90 Prozent.
gendstilhaus, im Urlaub geht es an die wohl im Blick hat, „das größtmögliche In einer Umfrage von Allensbach aus
Nordsee. „Bei unseren Montagsdemon- Glück der größtmöglichen Zahl“, wie es dem Jahr 2008 sagten nur 27 Prozent der
strationen versammeln sich Ärzte, Leh- Befragten, Politiker wollten das Beste für
rer, Ingenieure und Anwälte“, sagt sie, das Land.
„das sind Leute, die unsere Gesellschaft Mitgliederschwund Diese Zahlen schlugen sich jüngst nie-
tragen – aber diesen politischen Amok- Entwicklung der Mitgliederzahlen bei der in der Begeisterung für Joachim
lauf nicht länger hinnehmen wollen.“ den Volksparteien, dem Deutschen Gauck. Als ihn SPD und Grüne für die
Die Deutschen präsentieren sich gera- Gewerkschaftsbund und den Kirchen Wahl des Bundespräsidenten aufstellten,
de als ein Volk von Widerborsten. Pro- in Deutschland fand er große Zustimmung bei Bürgern
teste gibt es fast überall und gegen bei- und Medien, weil er kein Politiker ist,
nahe alles. Ob gegen einen neuen Bahn- weil er ein anderes Leben hatte und hat
hof in Stuttgart, eine Schulreform in und ihm deshalb unterstellt wurde, er
Hamburg, für ein Nichtrauchergesetz in
Bayern – es wird demonstriert, geklagt 1990: 949550 –46 % könne die Interessen der Bürger besser
erkennen und vertreten.
und abgestimmt, als sollten die Politiker 2009: 512520 Da zeigte sich in aller Deutlichkeit die
entmachtet werden. Ihre Beschlüsse zäh- tiefe Krise der Politiker, die Bürger gera-
len nur noch wenig, das Volk baut seine dezu auffordern muss, das Heft selbst in
Macht aus. Es entsteht die Dagegen-Re- die Hand zu nehmen.
publik. Die schwarz-gelbe Koalition ist bald
Nach einer Zählung des Vereins Mehr
1990: 777 767 –33 % seit einem Jahr an der Macht, hat aber
Demokratie gibt es im Schnitt 350 Bür- noch nichts Wesentliches entschieden.
gerbegehren pro Jahr, mit steigender Ten- 2009: 521149 Erst mutete sie dem Land eine lange War-
denz seit 1990. Ähnlich ist der Trend bei tezeit zu, weil die Bundespolitiker die
den Volksbegehren auf Länderebene. Wahl in Nordrhein-Westfalen im Mai
Zwischen 1946 und 1989 gab es 28 Ver- fürchteten und die Wähler nicht mit un-
fahren. Seitdem ist die Zahl stark ange- liebsamen Entscheidungen verprellen
stiegen: Von 1990 bis 2009 waren es 210 1990: 7937 923 – 21 % wollten. Dieser Politik der Leere folgt ein
Verfahren. schauerliches Theater, Beschimpfungen,
Die Bürger sind so umtriebig wie lange 2009: 6264 923 Grabenkämpfe, tausend Vorschläge, aber
nicht mehr, während viele Politiker von keine Entscheidungen. Die Politik wirkt
Lustlosigkeit befallen scheinen. Roland KIRCHEN nicht kompetent, die Probleme des Lan-
Koch, Ministerpräsident in Hessen, Ole Katholiken und des zu lösen.
von Beust, Erster Bürgermeister in Ham- Protestanten Wenn dann doch entschieden wird,
burg, Horst Köhler, Bundespräsident – sie 1990: 57694000 – 15 % heißt das nicht viel. Die Bürger haben ge-
alle haben hingeschmissen und den Ein- 2009: 49104000 lernt, dass Gesetze recht eingeschränkt
druck vermittelt, als sei ihnen die Gestal- gültig sind. Ob die Rente mit 67 oder die
tung dieses Landes nicht mehr wichtig Laufzeiten der Kernkraftwerke, die Op-
genug, um ihr Leben damit zu füllen. der englische Philosoph Jeremy Bentham positionspartei SPD und die Regierungs-
Diese Politikmüdigkeit ist einer Sylvia ausgedrückt hat. Oder ist es das Individu- parteien CDU, CSU und FDP sind derzeit
Heimsch aus Stuttgart fern, genauso ei- um, der Egoist, der es nicht ertragen kann, vor allem damit beschäftigt, Beschlüsse
nem Sebastian Frankenberger, der in Bay- wenn sich seine saturierten Lebensver- über den Haufen zu werfen, die erst ein
ern ein schärferes Nichtrauchergesetz hältnisse zu Gunsten der Gesellschaft än- paar Jahre alt sind. Zudem zwingt das
durchsetzen konnte, einem Walter Scheu- dern sollen? Dann wäre das kein Fort- Bundesverfassungsgericht den Gesetzge-
erl, der den Widerstand gegen eine Schul- schritt, dann würde gelten, was Franz Jo- ber immer wieder nach Klagen von Bür-
reform in Hamburg organisiert hat, oder gern zur Korrektur, beispielsweise bei
einem Jochen Stay, der den Protest gegen den Themen Pendlerpauschale, Vorrats-
die Atomkraft vorantreibt.
HEILIGER TON, SCHAUDERNDE datenspeicherung, Wahlcomputer, Hartz
Das sind die neuen Politiker. Sie nen- EMOTION – DAS GELÖBNIS IV, Sorgerecht, Homo-Ehe.
nen sich nicht so, sie haben andere Beru- IST POLITISCHE KIRCHE. Diese Gültigkeitskrise schlägt sich in
fe, aber sie tun das, was eigentlich die den Bürgerprotesten nieder. Niemand
Aufgabe der Profis ist: Einfluss nehmen sef Strauß zu sagen pflegte: vox populi – muss den Eindruck haben, dass das, was
auf die Gestaltung der Lebensverhältnis- vox Rindvieh. beschlossen wurde, den Anspruch auf
se. Sie tun das gegen die Ministerpräsi- Was also ändert sich gerade in Deutsch- Dauer erfüllt. Wenn Gesetze so oft einer
denten, Bürgermeister und Parlamenta- land? Wie sieht die Dagegen-Republik Revision unterzogen werden, bekommt
rier, sie stellen deren Beschlüsse in Frage, aus? jede Politik den Ruch des Vorläufigen,
kämpfen gegen deren Projekte und Ge- Die Proteste und Referenden richten Unausgegorenen. Man darf sich eingela-
setze. Das ist gerade die Hauptkampflinie sich fast immer gegen die Politik von den fühlen, selbst an der Gültigkeit eines
im Land: Bürger gegen Politiker. Kommunen und Ländern. Gleichwohl politischen Beschlusses zu nagen.
Auf den ersten Blick ist das eine gute geht es in diesem Konflikt auch um die Und das tun die Bürger dann auch, in
Entwicklung. Die Demokratie lebt, die Bundespolitik, um die politische Kaste als kleinen wie in großen Angelegenheiten.
Menschen mischen sich ein, machen mit. Ganzes. Spitzenkräfte wie Angela Merkel, In Frankfurt am Main wollte die Stadt-
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verwaltung eine beliebte Imbissbude
schließen, die Kinogänger in der Innen-
stadt bis morgens um vier Uhr mit Pizza,
Gyros und Burgern versorgt. Der mit grel-
ler Neonreklame aufgepeppte Laden stö-
re eine „Blickachse“ zu einem benach-
barten historischen Gebäude, dem
Eschenheimer Turm.
Als die Inhaberin ihren Kunden das
nahe Ende der Bude verkündete, grün-
deten einige von ihnen im vergangenen
Jahr auf der Internetplattform Facebook

HENNING SCHACHT / ACTION PRESS


MARKUS HANSEN / ACTION PRESS die Gruppe „Hamburger am Turm“ und
sammelten innerhalb von zwei Tagen 730
Unterstützer. Das Stadtparlament knickte
ein und beschloss einmütig die Verlänge-
rung des Pachtvertrags. Die „Frankfurter
Rundschau“ verkündete den „Triumph
des Burgerwillens“.
Politiker Beust, Koch: Den Kontakt zum Volk verloren Die Bürgerinitiative „Köln kann auch
anders – Schluss mit lustig“ demonstriert
jeden Montag von 18 bis 18.30 Uhr vor
dem Historischen Rathaus. „Wir halten
das nicht mehr aus, was in dieser Stadt
passiert“, sagt Frank Deja, einer der
Gründer. Der Einsturz des Kölner Stadt-
archivs war für ihn ein „Weckruf“. Das
Vertrauen der Bürger in die Entschei-
dungsträger der Stadt sei verschwunden.
Seine Gruppe wolle den Stadtoberen ge-
nauer auf die Finger schauen.
Nach Protesten der Bürger musste
der ehemalige Oberbürgermeister Fritz
Schramma auf einen einflussreichen Pos-
ten verzichten, er sollte in den Aufsichts-
rat der Kölner Messe berufen werden.
„Die Themen gehen uns leider nicht
aus“, sagt die Schreinerin Sabine Röser,
die die Montagsdemos organisiert. Sie
und ihre „ständigen Bürgervertreter“,
so nennen sich die Demonstranten,
kämpfen aktuell dagegen, dass der
Klingelpützpark in der Stadt bebaut
werden soll.
Der ganz große Fall ist derzeit der Pro-
test gegen den Umbau des Stuttgarter
Bahnhofs. Das Projekt wurde 1994 erst-
mals der Öffentlichkeit vorgestellt. CDU,
SPD und FDP sind dafür, aber dieser brei-
te politische Konsens hält viele Bürger
nicht davon ab, zu protestieren.
„Science-Fiction-Phantasie“, „Käse-
reibe“, „Glubschaugenwall“ – die Stutt-
garter kennen viele böse Namen für den
unterirdischen Bahnhof, der rund vier
Milliarden Euro kosten soll. Die Gegner
fürchten um die Qualität der Mineralwas-
serquellen und um bis zu 300 alte Park-
bäume. Sie wollen lieber den denkmal-
geschützten Bahnhof erhalten. Viele Po-
litiker sehen dagegen die ökonomischen
Chancen, weil mit dem neuen Bahnhof
auch schnellere Bahnverbindungen ein-
hergehen sollen.
LENNART PREISS / DDP

Der Protest hat fast schon eine religiöse


Dimension. Bei YouTube ist ein Video zu
sehen, das ein sogenanntes Gelöbnis vor
dem alten Bahnhof zeigt. Ein Redner ruft
Bundespräsident Köhler, Gattin am 31. Mai: Umtriebige Bürger, lustlose Politiker „wir geloben“, die Demonstranten ant-
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worten mit „wir geloben“. Der Redner: hinter dem Zapfhahn hervor. „Des is
„den Park zu schützen“. Die Demon- doch? Frankenberger! Raus!“ Die Män-
stranten: „den Park zu schützen“. „Jeden ner am Tisch setzen ihre Bierkrüge ab.
Baum“ – „jeden Baum“. So wird alles Es wird still. Sie brüllen: „Frankenberger,
Mögliche gelobt, in heiligem Ton, mit du Schwein, dich bringen wir um!“ Der
schaudernder Emotion, als wäre dies poli- Wirt geht auf ihn zu. „Von dir lass i mir
tische Kirche. meine Wirtschaft ned kaputtmachen.“ Er
Dahinter steckt die Frage: Was sind die schlägt die Tür ins Schloss. Auch im „Cal-
Formen einer Demokratie? Die bundes- vados“ und der „Camera“ ist Franken-
deutsche Politik hat eine eher kühle Tem- berger nicht erwünscht.
peratur. Die drei emotionalsten Begriffe Als Jugendlicher war Frankenberger
dieses Jahres sind „spätrömische Deka- Ministrant, Organist und Lektor in der
denz“, „Wildsau“ und „Gurkentruppe“. Pfarrei St. Josef in Passau. Er hat Mathe-
Das waren keine schönen Debatten, aber matik, Physik und Theologie studiert und
abgebrochen. Er war Vorsitzender der
örtlichen Schüler-Union und lief einmal
„VON DIR LASS I nach einer verlorenen Wette nackt über
MIR MEINE WIRTSCHAFT NED eine Brücke. Frankenberger trägt seine
KAPUTTMACHEN.“ braunen Haare lang, mal offen, mal als
Zopf. Er fährt einen Toyota mit dem
es könnte schlimmer sein. Selbst im Dau- Kennzeichen „O 2020“. 2020 möchte er
erstreit zeigt sich die Abgeklärtheit der Oberbürgermeister von Passau sein. Er
Profis, cool Germany. sagt Sätze wie: „Ich bin eine Art Licht-
Hiesige Politiker wollen in der ganz kugel, die einfach Energie verströmt.“
großen Mehrheit eher beruhigen als auf- Im April 2009 fand Frankenberger eine
regen. Protest dagegen braucht die Emo- Mission: das Rauchverbot. Drei Monate
tionen. Der Systemtheoretiker Niklas zuvor hatte die schwarz-gelbe Regierung
Luhmann hat im Zusammenhang mit den in Bayern ein Gesetz dazu verabschie-
Protestbewegungen der siebziger und det – es war das dritte in gut einem Jahr.
achtziger Jahre von der „Kommunikation Erst wurde das Rauchen in der Kneipe
von Angst“ gesprochen. Angst vor der verboten, dann teilweise erlaubt, und am
atomaren Verstrahlung, Angst vor dem Ende kümmerte sich keiner mehr um das
nächsten Weltkrieg. Verbot. „Die CSU war nicht in der Lage, Protest gegen die Hamburger Schulreform: Die
Das machte den Protest besonders ra- klare Regeln zu schaffen. Also habe ich
dikal, bis hin zur brutalen Schlacht um es getan“, sagt Frankenberger. er für den Volksentscheid. Als er im De-
das Atomkraftwerk Brokdorf. Heute ist Er sicherte sich die Hilfe der Ökolo- zember 1,3 Millionen zusammenhatte,
die Angst nicht mehr so groß, der Protest gisch-Demokratischen Partei (ÖDP) und hörte Frankenberger auf zu sammeln.
nicht mehr so radikal. Aber es geht im- plakatierte seinen Slogan an Hauswände: Am 4. Juli stimmte Bayern ab. Als klar
mer noch um Emotionen, um „Betrof- „Bayern atmet auf“. Er hielt Reden auf war, dass Frankenberger gewonnen hatte,
fenheiten“, wie sie sich in dem seltsamen Marktplätzen: „Bürger! Wehrt euch!“ Er sprang er auf einen Tisch. „Wir sind das
Gebet gegen einen Bahnhof ausdrücken. programmierte eine Internetseite und Volk!“, brüllte sein Publikum.
Wenn sich die Bürger mehr engagieren, gründete die Facebook-Gruppe „Volks- Das Ergebnis schien eindeutig: 61 Pro-
wird der deutsche Diskurs emotionaler, begehren für echten Nichtraucher- zent für das Rauchverbot. Doch nur etwas
heftiger. schutz“, sie hat fast 20 000 Mitglieder. Er mehr als jeder dritte Wahlberechtigte in
Die Politiker in Stuttgart dagegen wa- rannte von Haustür zu Haustür und bat Bayern hatte abgestimmt. In Wirklichkeit
ren zu abgeklärt. Bürger haben 2007 um Unterschriften. Eine Million brauchte hatten sich also nur 23 Prozent der Wäh-
mehr als 60 000 Unterschriften für einen
Bürgerentscheid gesammelt, er scheiterte
trotzdem, an juristischen Gründen. Die Volkes Wille Formal erfolgreiche Volksentscheide – und was die Politik daraus machte
Politik hat es danach nicht mehr ge- Einführung des kommunalen
Okt. 1995 Bayern Volksentscheid respektiert
schafft, diese Leute doch noch für das Bürgerentscheids
Projekt zu gewinnen. Die Kommunika- Abschaffung des
tion mit den Bürgern ist nicht gelungen, Febr. 1998 Bayern Volksentscheid respektiert
Bayerischen Senats
für eine Demokratie ein schweres Ver-
Einführung bezirklicher
säumnis. Sept. 1998 Hamburg
Bürgerentscheide
Volksentscheid respektiert
Aber damit sind die Bürger noch nicht
im Recht. Was heißt es, wenn 30 000 de- Sept. 1998 Schleswig- Gegen die Rechtschreibreform Landtag macht den Volksentscheid
monstrieren in einer Stadt, in der 600 000 Holstein 1999 rückgängig
Menschen leben? Gewählte Politiker re- Okt. 2001 Sachsen Gegen Sparkassenverbund Volksentscheid ausgehebelt
präsentieren eine große Zahl von Men- durch neuen Verbund
schen, jeder protestierende Bürger steht Gegen Privatisierung von
für sich. Deshalb führt das Wort Bürger- Febr. 2004 Hamburg Aushebelung durch Verkauf
städtischen Krankenhäusern
protest ein wenig in die Irre, weil an- Abwandlung des Ergebnisses
klingt, dass alle Bürger protestierten. Juni 2004 Hamburg Für Wahlrechtsreformen
des Volksentscheids
Aber es geht auch um Bürger gegen Bür-
ger. In Bayern wird das dieser Tage be- Juli 2010 Bayern Nichtraucherschutz Volksentscheid respektiert
sonders deutlich.
Sebastian Frankenberger öffnet die Tür Juli 2010 Hamburg Gegen Schulreform Volksentscheid Quelle:
des „Stadtbeisl“ in Passau. Der Wirt tritt respektiert Mehr Demokratie e.V.

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Gerade das Bürger- oder das Volksbe-
gehren sorgt oft für eine Unterscheidung
in Sieger und Verlierer. Die politischen
Fragen werden auf simple Ja/Nein-Ent-
scheidungen heruntergebrochen, während
die professionelle Politik eher nach dem
Kompromiss sucht, dem kleinstmöglichen
Unglück für die kleinstmögliche Zahl.
Das bayerische Rauchverbot ist dafür
ein gutes Beispiel. Die Landesregierung
hätte sich gern durchgemogelt, ein biss-
chen Verbot, ein bisschen Erlaubnis, kei-
ne scharfen Kontrollen. Frankenberger
wollte die radikale Entscheidung. Ihr Vor-
teil sind die klaren Verhältnisse, ihr Nach-
teil ist der Unfriede, der mit der Gewöh-
nung allerdings kleiner wird und womög-
lich ganz verschwindet.
Wenn man davon ausgeht, dass ärmere
Schichten stärker rauchen als wohlhaben-
de, hat der bayrische Volksentscheid auch
eine soziale Komponente. Die Mittel-
schicht hätte sich durchgesetzt, und das ist
nicht untypisch für Bürgerbewegungen.

JENS RESSING / PICTURE-ALLIANCE / DPA


Walter Scheuerl, 49, ist Anwalt für Me-
dienrecht, Vater zweier Kinder und El-
ternvertreter am Gymnasium Hochrad im
feinen Hamburger Stadtteil Othmar-
schen. Bei der Wahl zur Bürgerschaft
2008 vertraute er dem Versprechen der
CDU, dass die Hamburger Kinder wei-
terhin nach vier Grundschuljahren auf
Architektur der Gesellschaft ändert sich Stadtteilschule oder Gymnasium wech-
seln können.
ler gegen das Rauchen entschieden. Der „Mit so viel Ärger hätte ich nicht ge- Aber dann bildete die CDU eine Ko-
Rest war zu Hause geblieben. rechnet“, sagt Frankenberger. Er will sich alition mit den Grünen, und die Grüne
Von einigen Bürgern wird Frankenber- jetzt auch außerhalb Bayerns für ein to- Bildungssenatorin Christa Goetsch arbei-
ger gejagt wie eine Hexe: Er erhält Mord- tales Rauchverbot einsetzen. In Berlin, tete ein Gesetz aus, nach dem die Kinder
drohungen, auf Facebook schreiben seine Hamburg und Nordrhein-Westfalen gibt erst nach sechs Jahren wechseln können,
Feinde: „Wenn’s dir nicht passt, dass ich es erste Initiativen. Weitere sollen folgen. weil das die Chancengleichheit erhöhe.
rauche, vergase ich dich.“ Und: „Ihr Öko- Frankenberger hat schon den nächsten Alle Parteien, die in der Hamburger Bür-
Faschisten mit langen Haaren. Ihr gehört Termin. Ein Kamerateam des Bayerischen gerschaft vertreten sind, sprachen sich
daran aufgehängt.“ In Passau kleben Pla- Rundfunks begleitet ihn aufs Volksfest in später für diese Reform aus.
kate an den Hauswänden: „Tötet Fran- Deggendorf, Niederbayern. Sie wollen Aber ein Großteil der Bürger machte
kenberger!“ Er geht nicht mehr ohne schauen, ob das Rauchverbot greift. nicht mit. Scheuerl organisierte den Pro-
Pfefferspray vor die Tür. Die Volksfestgäste klatschen und kip- test, und im Juli dieses Jahres stimmten
pen Bier in ihre roten Köpfe hinein. 276 000 Hamburger in einem Volksent-
„Oans, zwoa, gsuffa!“, ruft der Kapell- scheid gegen das Gesetz, das damit tot
meister. Sebastian Frankenberger steigt war.
in eine Lederhose und folgt dem Reporter Fünf Wochen nach dem Entscheid sitzt
des Bayerischen Rundfunks. Vor dem Scheuerl aufgeräumt im gediegenen Kon-
Festzelt „Zum Ochsenknecht“ versperren ferenzraum seiner Kanzlei und versagt
ihm Kellnerinnen im Dirndl den Weg. sich jedes Triumphgeheul. Er trägt einen
„Raucher-Fuzzi, schleich di!“, rufen sie. schwarzen Anzug, eine grün-weiß ge-
Eine rundliche Frau mit kurzen, grauen streifte Krawatte und eine Hornbrille. Er
Haaren und fleischigen Armen geht mit ist ein gebildeter, wohlhabender Bürger
einem Besen auf ihn los. „I hau die zam!“ Hamburgs. Man könnte es auch so sagen:
So würde sie wahrscheinlich mit einem Er ist durch und durch Gymnasium.
Horst Seehofer oder einer Angela Merkel Zwar haben die Hamburger Stadtteile
nicht reden. Bürger können sich zwar mehrheitlich gegen das Gesetz gestimmt,
schnell darauf verständigen, dass die Poli- auch ärmere, aber Herzenssache war es
tiker wenig taugen, aber es gibt doch ei- den Bürgern, die aus der Gymnasialwelt
nen gewissen Respekt. Jedenfalls werden kommen und die ihre Kinder möglichst
politische Entscheidungen, die von Bür- lange die Vorteile dieser Gymnasialwelt
gern ausgehen, nicht besser von anderen erleben lassen wollen. Diese Leute haben
ANDY RIDDER

Bürgern akzeptiert als politische Ent- auch die Mittel, finanziell wie geistig, um
scheidungen, die von Politikern ausge- einen solchen Protest zu organisieren.
Aktivistin Heimsch hen. Es gibt auch den Protest gegen den Fast alle Proteste werden von wohl-
„Der Bagger hat in den Bahnhof gebissen“ Protest. habenden und gebildeten Bürgern getra-
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gen. Die ärmeren Schichten brauchen Ge- Nordrhein-Westfalen zu Besuch, um


werkschaften und Politiker, damit ihre sich über die Hamburger Kampagne zu
Interessen zur Geltung kommen, sie brau- informieren.
chen Repräsentanten. Wenn also der Bür- „Bei vielen Wählern hat sich der Ein-
gerprotest Einfluss gewinnt zu Lasten der druck verstärkt, dass eine Gruppe von
Politik, dann gewinnt die Mittelschicht Berufspolitikern den Kontakt zum Volk
an Einfluss. Die Architektur der Gesell- verloren hat“, sagt Scheuerl. Diese Be-
schaft ändert sich. rufspolitiker entschieden über Sachfragen
Scheuerl hat gemerkt, dass es an- nur nach taktischen Gesichtspunkten, im-
genehm ist, Einfluss zu haben. Er will mer den eigenen Machterhalt im Blick,
weitermachen. Durch den Volksentscheid nicht immer die Interessen der Wähler.
sieht er sich legitimiert, der Schulsena- Gleich dutzendweise, sagt er, hätten
torin Goetsch weiterhin auf die Finger ihn in den vergangenen Monaten ent-
zu schauen. „Das, was wir erreicht haben, täuschte Anhänger der Union angeschrie-
muss nun auch wirklich umgesetzt ben, es gebe da offenbar „ein gewisses
werden.“ Vakuum in der politischen Mitte“. Da sei
Die Menschen seien es leid, dass Platz für eine neue Partei. Scheuerl und
sich die Landesregierungen ständig über seine Mitstreiter denken nun darüber
bildungspolitische Reformen profilie- nach, eine Partei zu gründen. Man müsse
ren müssten, sagt Scheuerl. Gerade war dann neben der Bildung noch andere
bei ihm eine Gruppe von Eltern aus Themen besetzen, Wirtschaft, Stadtent-
wicklung, Sozialpolitik.
Das ist oft eine Versuchung: Aus den
Kritikern der Politiker werden Politiker.

GAULS / DIE FOTOGRAFEN


In Hamburg gibt es dafür zwei Beispiele.
Der Verleger Markus Wegner und der
Richter Ronald Schill gründeten beide
Protestparteien und zogen für kurze Zeit
in die Hamburger Bürgerschaft ein. Beide
MAURIZIO GAMBARINI / DPA

scheiterten, Schill auf üble Weise. Als In- Schlacht um das Kernkraftwerk bei Brokdorf 1981:
nensenator versuchte er, Bürgermeister
Beust wegen dessen Homosexualität zu wiederaufarbeiten sollte. Sein ganzes Le-
erpressen. Als man zuletzt von ihm hörte, ben ist mit der bundesdeutschen Protest-
war er koksend in einem Video aufge- bewegung verwoben, in Gorleben hat er
Aktivist Scheuerl taucht. sich verliebt, im Wendland lebt er jetzt.
Durch und durch Gymnasium Scheuerl ist klar, dass ein guter Pro- Seit acht Jahren ist er „Bewegungsar-
testierer noch längst keinen guten Politi- beiter“, die Bewegungsstiftung aus Ver-
116 ker abgibt. Einen Sitz in der Hamburger den hat ihm diese Stelle vermittelt. Stay
Bürgerschaft kann er sich aber schon vor- protestiert, etwa 50 Paten zahlen ihm da-
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stellen.
So wie es Berufspolitiker gibt, gibt es
für regelmäßig Geld. Stay ist Freiberufler,
um seine Versicherungen muss er sich
Demokratie auch Berufsprotestierer. Bürgerprotest ist selbst kümmern, aber er ist auch frei in
Eingeleitete Volksbegehren nicht immer spontan und amateurhaft. seiner Arbeit. Die Stiftung berät ihn und
in Deutschland Seit 1988 gibt es den Verein Mehr Demo- seine Kollegen, sechs weitere Männer und
kratie, der Bürger bei ihren Protesten und zwei Frauen. „Alles Schlüsselpersonen
Quelle: Mehr Demokratie e.V. Begehren berät. Und es gibt einen Mann aus der Protestbewegung“, sagt Stay.
wie Jochen Stay. Die Leute, die sich in einem Protest-
Am Donnerstag war Stay in Lingen, gebiet am besten auskennen, sollen nicht
am Atomkraftwerk, obwohl er ziemlich aufhören, weil sie mit normaler Arbeit
erkältet war. Job ist Job. Die Kanzlerin Geld verdienen müssen. Das ist die Idee.
10 12 war in Lingen, um das Werk zu besichti- Stay fährt vier Tage in der Woche mit
6 gen, also musste Stay in Lingen sein. Kein dem Zug durch Deutschland, von Demo
0 einfacher Termin, sagt er, „Diaspora, un- zu Demo, in wetterfester Kleidung, mit
1950 1960 1970 1980 1990 2000 ter der Woche“, aber am Ende haben sie Laptop, zwischendurch sitzt er in den
bis bis bis bis bis bis es wieder in die „Tagesschau“ geschafft. Bahnhöfen in der DB Lounge, schickt
1959 1969 1979 1989 1999 2009 Jochen Stay kämpft gegen die Atom- E-Mails über seinen großen Verteiler,
kraft, nicht nebenher, sondern Vollzeit. stößt SMS-Ketten an. Manchmal fragt er
Als Schüler demonstrierte er gegen sich, wie das früher ging, wie sie Mutlan-
Apartheid und Krieg, damals noch in sei- gen gemacht haben, ohne Internet.
ner Freizeit, nach dem Abitur zog er nach Es geht zurzeit allerdings auch beson-
Mutlangen, in das Camp der Leute, die ders gut, die Anti-Atomkraft-Bewegung
gegen die Stationierung von Pershing-2- sei stark wie nie, sagt Stay. 120 000 im
Raketen kämpften. Zwei Jahre lebte Stay April bei der großen Menschenkette, „die
FELIX HÖRHAGER / DPA

vor der Raketenbasis, schlief im Zelt, Alten aus Brokdorf waren da, ganz viele
machte bei allen möglichen Aktionen Junge“. In Deutschland gebe es heute in
mit, „meine Ausbildung“ nennt er diese jedem Alter Leute mit Protesterfahrung,
Zeit. sagt er. „Die Leute können das abrufen,
Aktivist Frankenberger Nach Mutlangen kam Wackersdorf, der die haben das schon mal gemacht.“ Nur
„Raucher-Fuzzi, schleich di“ Kampf gegen die Anlage, die Atommüll sind sie jetzt bürgerlicher, wohlhabender.
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Ein universelles Ziel, um den Planeten zu retten

Es ist eine gute Zeit für Stay, die Re- deutsche Bürgerbewegung, nicht in der Dies ist der beste Weg, um zu verhindern,
gierung kann sich seit Monaten nicht über Bundesrepublik, sondern in der DDR. dass ein Nachbargrundstück bebaut wird.
die Atompolitik einigen, „in so einer Lage Die Revolution von 1989 fegte die Dikta- Solche Bürger wollen nicht den Hamster
kann man schön Druck machen“, etwa tur der SED hinweg. Ein Mittel des Kamp- retten, sondern ihren Ausblick ins Grüne.
mit einer Großdemo in Berlin im Sep- fes waren die Montagsdemonstrationen. Natürlich ist es nicht schön, wenn vor
tember. Im November ist der nächste Cas- Die neue bürgerliche Bewegung über- dem Ferienhaus ein Windpark in die
tor-Transport geplant. Jochen Stay glaubt, nimmt dieses Mittel häufig, genauso den Höhe schießt oder ein neues Kohlekraft-
die Sache wird so groß wie noch nie. Spruch „Wir sind das Volk“. werk die Ruhe des ruhigen Landsitzes
Da muss sie schon ziemlich groß wer- Aber sonst finden sich nicht viele Par- zerstört. Doch mittlerweile gibt es Pro-
den, weil gerade die Atomkraft sehr viel allelen zu den Vorgängern. Bei den gro- teste gegen alle Formen der Energie-
Protest angezogen hat. Sie ist eines der ßen Protestbewegungen bis 1989 gab es Infrastruktur, gegen Atomkraftwerke,
Hauptthemen in der Protestgeschichte jeweils einen übergeordneten Zusam- Hochspannungsleitungen, Biogasanlagen.
der Bundesrepublik. menhang, ein universelles Ziel, zum Bei- Hans Fliege, Elektroingenieur im Ru-
„Stärker noch als das Bekenntnis zur spiel Freiheit, Frieden oder ökologische hestand, wehrte sich gegen einen Solar-
sozialen Marktwirtschaft und zu ihrer de- Lebensweise, um den Planeten zu retten. park in Obertheres in Unterfranken, weil
mokratischen Dividende hat die Gewohn- Die Akteure in der Bundesrepublik wa- er dann nicht mehr so schöne Spaziergän-
heit zu protestieren einen festen Platz in ge machen könnte. Die Solarkraft gilt als
der Geschichte der Bundesrepublik“, hat MANCHE BÜRGER WOLLEN Hoffnung gegen eine Klimakatastrophe,
der Systemtheoretiker Luhmann 1990 ge- auch Fliege sieht das so, aber die Anlagen
schrieben. „Und damit treten wir auch NICHT DEN HAMSTER RETTEN, sollten doch besser in der Wüste stehen.
weltweit hervor.“ SONDERN IHREN AUSBLICK. Fliege hat genug Unterschriften für einen
Die erste große Protestwelle gab es in Bürgerentscheid gesammelt. Mit 55 Pro-
den fünfziger Jahren, als sich viele Bürger ren meist jung, sie waren Gegner des zent der Stimmen wurde der Beschluss
gegen eine Wiederbewaffnung wehrten. Establishments. des Gemeinderats für ein Jahr gekippt.
„Kampf dem Atomtod“ hieß damals eine Heute ist das anders. Die meisten Pro- Obertheres bleibt zumindest vorerst ein
Parole. Ein Jahrzehnt später revoltierte teste sind lokal begrenzt, die Akteure Paradies für Spaziergänger, leistet aber
ein Großteil der Studenten gegen alle Ob- sind vielfach gutsituierte Bürger, die nicht keinen Beitrag gegen den Klimawandel.
rigkeiten, einschließlich die Eltern. Das die Welt retten wollen, sondern den klei- Die Profipolitiker der Bundesregierung
Ziel war ein freiheitliches Leben, auch nen Ausschnitt, den sie bewohnen. möchten die deutsche Stromversorgung
wenn manchmal das Gegenteil heraus- Nur beim Thema Kernkraft lebt der bis 2050 weitgehend auf erneuerbare
kam. Heute heißt die Zeit „68“. Weltrettungsgedanke der siebziger Jahre Energien umstellen, aber ein Teil der Bür-
Ende der siebziger Jahre begann die fort. Oft geht es nun um individuelle Pro- ger macht nicht mit. Man protestiert, ob-
hohe Zeit der „neuen sozialen Bewe- bleme, manchmal ist es nur Egoismus. Bei wohl es darum geht, den Klimawandel
gungen“, gegen die Kernenergie, gegen den Naturschutzverbänden kennt man die zu verlangsamen. Kann man machen,
Atomwaffen, gegen die Unterdrückung Anrufer, die darum bitten, dass mal je- aber nicht vor meinem Haus – das ist eine
der Frauen. Die Grünen sind eine Folge mand vorbeischaut, um im Garten nach weitverbreitete Haltung.
dieses Protests. Wieder ein Jahrzehnt spä- einem seltenen Tier zu fahnden, einer Hier zeigt sich der Bürger nicht als
ter entstand die bislang erfolgreichste Gelbbauchunke oder einem Feldhamster. Staatsbürger, sondern als Bewohner eines
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Titel

HENNING SCHACHT / ACTION PRESS


Kanzlerin Merkel, Bürger: Angst vor dem Machtverlust

Landes. Denn der Staatsbürger sieht sich die Parteien nicht mehr leisten. Erst vo- stehen immer stärker vor der Frage: wel-
selbst in einem größeren Zusammenhang, rige Woche habe ihn Sigmar Gabriel zu che Form kommunaler Leistung kann
als Teil einer Gesellschaft. Der Bewohner einer Diskussionsrunde auf einem Rhein- man noch anbieten?“, sagt Bürgermeister
sieht sich selbst. Dampfer eingeladen, sagt Efler. Dieter Dzewas von der SPD. Die Legiti-
So ist wachsender Protest auch ein Zei- Es geht jetzt darum, die Legitimität mation durch Gemeinderatswahlen reicht
chen von nachlassendem Zusammen- und damit die Gültigkeit von Politik ihm für den Sparkurs nicht aus. Damit
hang. Die Kirchen, die Sportvereine, die zu erhöhen, indem die Bürger auf kom- die Einschnitte möglichst wenig Ärger be-
Gewerkschaft und die Volksparteien munaler Ebene frühzeitig in politische reiten, will er von den Bürgern wissen,
schrumpfen seit Jahren (siehe Grafik Sei- Entscheidungen einbezogen werden. Der wo sie den Rotstift ansetzen würden.
te 66), die Menschen vereinzeln sich. Berliner Professor für Zeitgeschichte In Deutschland stellen inzwischen rund
Damit könnte auch die Bereitschaft sin- Paul Nolte sieht es so: „Die Demokra- 140 Städte und Gemeinden Bürgerhaus-
ken, ein Opfer für die Gesellschaft zu tie fächert sich auf: Es wird immer noch halte auf. Die Regierungen von Hessen
bringen. die repräsentative Demokratie geben, und Baden-Württemberg überlegen end-
Aber einer Bevölkerung muss immer daneben aber eben auch andere Formen. lich, es den Bürgern leichter zu machen,
mal wieder etwas zugemutet werden, Ich nenne das eine ,multiple Demo- Volksbegehren und Volksentscheide
sonst kann ein Land sich nicht entwi- kratie‘.“ durchzusetzen. Bei den Volksparteien
ckeln. Solche Zumutungen kann nur die Diana Owen macht da schon mit. An werden sogenannte Regionalkonferenzen
Berufspolitik verordnen. Aber wenn der ihrem Handgelenk blitzt die Schmuckuhr immer beliebter, bei denen die Spitzen-
Protest zu stark wird, schafft sie das nicht. von Dolce & Gabbana und im Dekolleté politiker mit der Basis diskutieren. Sig-
Deutschland würde zum Land der Be- mar Gabriel lässt gerade ein Konzept aus-
wohner, Stillstand wäre die Folge. DIE BESTE GESELLSCHAFT IST arbeiten, wie er die SPD für Nicht-Mit-
Die beste Gesellschaft ist die, die Poli- glieder öffnen kann.
tiker und Bürger miteinander verzahnt. DIE, DIE POLITIKER UND BÜRGER Etwas besonders Schlaues hat sich der
Bürgerliche Emotionalität muss durch MITEINANDER VERZAHNT. Bürgermeister von Hessisch Lichtenau
politische Abgeklärtheit aufgefangen ausgedacht. Er ließ Bürgerprotest mit
werden, Mittelschichtseinfluss durch Re- ein Kettchen von Jette Joop. Diana Owen Bürgerprotest beantworten.
präsentation der ärmeren Schichten, Kon- sagt von sich selbst schmunzelnd, sie Seit vielen Jahren protestieren Um-
frontationswille durch Konsenssuche – wäre lieber in Düsseldorf geboren als in weltverbände gegen den Bau der A 44
und umgekehrt. Die Politik braucht den Lüdenscheid. Doch gleichgültig ist ihr die von Kassel nach Eisenach. Der Bürger-
Protest als Mahnung, damit sie besser Heimatstadt nicht. Nach Feierabend ist meister, der sich von der Autobahn eine
arbeitet. Wie so oft ist es eine Frage des die Mutter einer 16-jährigen Tochter am erhebliche Entlastung seiner Stadt vom
Maßes. Mittwoch ins Rathaus gekommen, um Durchgangsverkehr verspricht, entschied
An der Verzahnung wird gerade gear- sich mit den Finanzen der Gemeinde zu sich schließlich zum Gegenschlag: In ge-
beitet. „Wir hatten viele trockene Jahre“, beschäftigen. Bürgermeister und Dezer- charterten Reisebussen karrte er 400 Bür-
sagt Michael Efler, Vorstandsmitglied nent referieren zum Thema Bürgerhaus- ger aus Nordhessen zur Gegendemon-
beim Verein Mehr Demokratie. Früher halt. Owen kennt sich mit Bilanzen aus – stration vor den Hauptsitz eines Umwelt-
hätten Politiker abgewinkt. „Die Angst sie ist Bankangestellte. verbands in Frankfurt.
vor dem Machtverlust“ und ein „elitäres Was die Stadtväter einem knappen M ATTHIAS BARTSCH , SVEN B ECKER , K IM B ODE ,
Politikverhältnis“ hätten viele Politiker Dutzend Bürger zu sagen haben, ist er- JAN F RIEDMANN, W IEBKE H OLLERSEN,
S IMONE KAISER , D IRK K URBJUWEIT, P ETER M ÜLLER ,
gegen jede Form der direkten Demokra- nüchternd, die Stadt schließt mit einem M AXIMILIAN P OPP, BARBARA S CHMID
tie aufgebracht. Doch das könnten sich Minus von 59 Millionen Euro ab. „Wir
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