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in: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung. Bd. 6. Die Soziologie und der Mensch.

Opla-
den 1995 (Westdeutscher Verlag), 142-154

Die Form „Person“

I.

Die moderne Literatur scheint wenig Neigung zu verspüren, einen besonderen Begriff der Person bei-
zubehalten oder auch nur, mit einer alten Tradition, Person und Mensch zu unterscheiden. Daß Men-
schen Subjekte, Subjekte Individuen und Individuen Personen sind (aber was heißt: „sind“?), gilt als
selbstverständlich. Vermutlich hat diese Begriffsverschmelzung damit zu tun, daß in der modernen
Welt Individuen durch Selbstbeobachtung definiert sind und Selbstbeobachtung präzise als Beob-
achtung des eigenen Beobachtens, also als Beobachtung zweiter Ordnung verstanden werden muß.
Dann geben die ontologischen, animalischen oder, was Person betrifft, juristischen Unterscheidungen
der alten Welt in der Tat wenig Sinn. Im Sprachgebrauch des Deutschen Idealismus und der Romantik
müßten sie als „brutal“, also tierbezogen verurteilt werden.
Statt dessen besetzen andere Unterscheidungen das Problem. Vor allem unterscheidet man
heute das Individuum von seiner ihm angenehmen oder lästigen, jedenfalls zugemuteten „sozialen
Identität“, das I vom me oder das für sich selbst nur fragmentarisch und situativ gegebene Ich vom
aufgerundeten Normalich, das sozialen Erwartungen zu genügen hat, die sich speziell darauf richten,
daß es mit sich selbst identisch zu bleiben hat.1 Diese Doppelich-Version führt zu Problemen bei der
Abgrenzung psychischer und sozialer Systeme. Will man auf eine Theorie hinaus, die die Unterschied-
lichkeit psychischer und sozialer Systeme, ja ihre jeweilige operative Geschlossenheit betont, ist man
deshalb gut beraten, sich nach Theorien mit höherem Auflösevermögen umzusehen.
Einer von vielen Anlässen ist eine Reformulierung des Formbegriffs, die diesen aus einem
Einheitsbegriff in einen Differenzbegriff transformiert. Das betrifft unter anderem die Art, wie über
Ich und Selbst, über personale

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1
Maßgeblich hierfür sind Autoren wie William James, Georg Simmel und George Herbert Mead. Für eine neuere Darstel-
lung, die sich aber fast nur auf Mead stützt, siehe Lothar Krappmann, Soziologische Dimensionen der Identität: Strukturelle
Bedingungen für die Teilnahme an Interaktionsprozessen, Stuttgart 1971. Auch seitdem gibt es fast nur autorenorientierte
und nicht problemorientierte Darstellungen, was zu einem weitgehenden Verzicht auf Theoriearbeit geführt hat.
und soziale Identität, über Individuum und Person zu reden ist. Im Anschluß an Anregungen, die man
dem Formenkalkül von George Spencer Brown entnehmen kann2, verstehen wir unter Form die Mar-
kierung einer Grenze mit der Folge, daß zwei Seiten entstehen und nur eine von ihnen als Anknüp-
fungspunkt für weitere Operationen benutzt werden kann. Der Übergang zur anderen Seite ist damit
nicht ausgeschlossen; aber er erfordert eine spezielle Operation, braucht also Zeit und unterscheidet
sich in seinen logischen Implikationen von dem, was geschieht, wenn man auf derselben Seite bleibt
und die Bezeichnung dieser Seite nur kondensiert und konfirmiert.3 Eine Form ist demnach immer
eine Zwei-Seiten-Form. Sie kann als Form immer nur auf einer Seite (also immer nur unvollständig)
benutzt werden. Aber mit gleichem Recht gilt, daß ein Beobachter (und das kann auch der Benutzer
der Form sein) die Form nur sehen kann, wenn er sie als Zwei-Seiten-Form sieht.
Wie kann man, von diesem Formbegriff ausgehend, die Form „Person" beschreiben? Was ist
der Unterschied, auf den es hier ankommt?

II.

Als erstes müssen wir psychische Systeme und Personen deutlich unterscheiden, denn für beide Refe-
renzen (unserer Theorie) kommen unterschiedliche Formbegriffe in Betracht.
Bei psychischen Systemen kann man sich am ehesten an die Tradition halten, die von einer
Ich/Nichtich- oder einer Innen/Außen-Unterscheidungen ausging. Das setzte allerdings einen externen
Beobachter voraus, der diese Unterscheidung erzeugt. Fichte hatte zwar versucht, dieses Problem für
das Ich selbst zu lösen, konnte aber damit nicht wirklich überzeugen. Das Ich wurde zum externen (die
Romantiker sagten dann: „nüchternen“, „besonnenen“) Beobachter seiner selbst. Schon damit war
klar, daß das psychische System eine andere Seite seiner Form hat, nämlich eine Außenseite: die Welt.
Unklar blieb damit, wie das System von innen nach außen gelangen, wie es überhaupt von der Welt
Kenntnis nehmen und zu ihr hin handeln kann. Das Problem der Referenz, wie man es heute nennt,
blieb ungelöst. Das könnte mit der Angewiesenheit auf einen externen Beobachter zusammenhängen.
Man muß, in dieser Theorie, den externen Beobachter beobachten, wenn man wissen will, wie er das
Problem für ein anderes System löst. Philosophen werden zu Philosophieexperten, Philosophie zur
Philosophiegeschichte, Theorien zur Beschreibung

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2
Siehe George Spencer Brown: Laws of Form, Neudruck New York 1979.
3
Spencer Brown, a.a.O., S. lf. unterscheidet entsprechend „the law of calling” und „the law of crossing”.
von Theorien - und das gestellte Problem wird auf die Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung, der
Beobachtung von Beobachtern verlagert.
Das soll hier weder kritisiert noch rückgängig gemacht werden. Man kann aber die Theorie
selbst besser darauf einstellen. Der Philosophie ist, wenn man es salopp sagen darf, nur passiert, was
ihr als externem Beobachter passiert ist. Die Systemtheorie löst dieses Problem mit der Figur des „re-
entry“.4 Sie bezeichnet den Wiedereintritt einer Form in die Form, also einer Unterscheidung in das
Unterschiedene; im Falle von Systemen (und wir haben es mit psychischen Systemen zu tun) den Wie-
dereintritt der Differenz von System und Umwelt in das System. Für den Fall der Systemform kann
man das re-entry der Form in die Form durch die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdrefe-
renz bezeichnen. Demnach gibt es kein Problem „der Referenz“ in abstracto, sondern immer nur die
Zwei-Seiten-Form von Selbstreferenz und Fremdreferenz und das Wiederholen bzw. das Kreuzen zwi-
schen beiden Seiten. Dabei bleiben die Operationen stets interne Operationen. Es gibt keinen Durch-
griff nach außen. Das System arbeitet als ein operativ geschlossenes System. Es kann nur sich selber
transformieren, das heißt: nur die Unterscheidungen ändern, mit denen es das eigene Beobachten er-
möglicht. Und das weiß man denn auch: das Denken allein ändert nichts an der Außenwelt, sondern
nur sich selber.
Wir können deshalb sagen: Die Form psychischer Systeme ist der Unterschied von Selbstrefe-
renz und Fremdreferenz.5 Dies war, wenn auch in anderer Formulierung, die Kernaussage der Husserl-
schen Phänomenologie gewesen: Bewußtsein und Phänomen ist für Husserl ein und dieselbe Realität
und „Intention“ der Begriff, der diese Einheit zum Ausdruck bringt, also der Formbegriff des Bewußt-
seins.6 Man kann psychische Systeme daher nur beobachten, wenn man sich auf die Unterscheidung
von Selbstreferenz und Fremdreferenz beziehen und sehen kann, wie das beobachtete System damit
umgeht. („Damit umgeht“ soll heißen: welche Strukturen beim Wiederholen und beim Kreuzen kon-
densieren, was bestätigt bzw. durch Nicht-wiederbenutzung ausgeschieden, also vergessen wird und
grundsätzlicher: welche Gewichtung Selbstreferenz im Verhältnis zu Fremdreferenz in den täglichen
Operationen des Systems bekommt). Eine Beobachtungs-

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4
Ebenfalls Spencer Brown. Siehe a.a.O., S. 56f., S. 69ff.
5
Wir lassen hier beiseite, daß die gleiche Aussage auch auf soziale Systeme zutrifft, hier dann allerdings für einen anderen
Typus von Operation, nämlich Kommunikation.
6
Daß wir hier die transzendentaltheoretische Interpretation des Bewußtseins durch Husserl selbst beiseite lassen ebenso wie
die Allerweltsphänomenologie der amerikanischen Alltagssoziologen, versteht sich von selbst. Es kommt uns auf den Ur-
sprungsgedanken an, der dann in kaum noch erkennbare Derivate abgewandelt worden ist.
weise, die dieses Diffenzschema benutzt, entspricht ungefähr dem, was man alltäglich als „Verstehen“
bezeichnet.7
Die Form Selbstreferenz/Fremdreferenz individualisiert das System. Das liegt allein schon
daran, daß es sich um eine innere Form handelt, die nur eigene Operationen orientiert und diese auf
den Modus der stets auch selbstreferentiellen Reproduktion festlegt. Es liegt aber auch rein formal an
der Bistabilität der Form, nämlich daran, daß sie für die Fortsetzung der eigenen Operation zwei Aus-
gangspunkte bietet, nicht mehr als zwei und nicht weniger. Das System ist nicht auf Einwertigkeit der
Operation festgelegt, denn dann könnte es sich nicht von der Umwelt unterscheiden und wäre nur für
einen Beobachter als selektiv, als diskriminierfähig erkennbar.8 Es hat auf der Ebene seiner elementa-
ren Selbstreproduktion aber auch nicht mehr als zwei Referenzen zur Verfügung: sich selbst und die
Umwelt. Es kann daher gar nicht der Versuchung ausgesetzt sein, die Komplexität der Umwelt ad-
äquat in sich selbst abzubilden, sondern es oszilliert statt dessen zwischen den beiden möglichen Refe-
renzrichtungen. Es ist dadurch strukturell über extreme Reduktion von Komplexität zum Aufbau eige-
ner Komplexität gezwungen. Daher sieht für jedes psychische System die Welt anders aus.
Zu beachten ist schließlich, daß die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz in
jeder einzelnen Operation des Systems reproduziert werden muß, mag die Operation nun die eine oder
die andere Seite, das System oder seine Umwelt bezeichnen. Keine Seite ist ohne die andere möglich.
Was es auch tut, das System behält seine Form. Es muß, anders gesagt, die Unterscheidung als Unter-
scheidung reproduzieren. Da aber die Unterscheidung als Grenze und Differenz weder auf ihrer einen
noch auf ihrer anderen Seite bezeichnet werden kann, kann das System die eigene Form zwar benut-
zen, nicht aber bezeichnen. Es muß sich somit blind reproduzieren, weil es zum Beobachten immer
schon die eine oder die andere Seite seiner Form gewählt haben muß. Die Einheit des Systems ist für
das System unzugänglich. Von daher gibt es also auch keinen Widerstand gegen Personifikation.
Wenn das System zu sich selbst oder von sich selbst „ich“ sagt, bezeichnet es immer schon die
eine Seite dieser Unterscheidung: es aktualisiert seine Selbstreferenz und führt die Fremdreferenz als
im Moment unerwähnt mit. Sobald ein System beobachten und dabei die Unterscheidung Selbstrefe-
renz/Fremdreferenz benutzen kann, ist es für sich selbst nur

-- 145 --

7
Hierzu ausführlicher: Niklas Luhmann, Systeme verstehen Systeme, in: ders. und Karl Eberhard Schorr (Hg.), Zwischen
Intransparenz und verstehen: Fragen an die Pädagogik, Frankfurt am Main 1986, S. 72-117.
8
Das gilt für alle lebenden Systeme, inclusive Immunsysteme und Nervensysteme, die auf Beobachtung des sie erhaltenden
Organismus spezialisiert sind.
noch die eine Hälfte dessen, was es selbst als operativ geschlossenes, autopoietisches System ist. Es
bleibt zwar möglich, das re-entry im re-entry zu wiederholen, das heißt die Selbstreferenz als diejenige
Seite auszuzeichnen, die über die höhere Reflexionskapazität verfügt und auch noch die Differenz von
Selbstreferenz und Fremdreferenz als Eigenleistung konstituieren kann. Nur führt das nie aus dem
System heraus und befreit das System auch nicht von der Blindheit im Einsatz derjenigen Unterschei-
dung, deren eine Seite jeweils bezeichnet wird.
Während diese Form Selbstreferenz/Fremdreferenz die Bewußtseinsprozesse psychischer Sys-
teme steuert, hat die Psychoanalyse eine andere Unterscheidung dagegengesetzt, nämlich die von un-
bewußter und bewußter Steuerung. Das war unglücklich formuliert und hat deshalb wild aus-
schweifende Imaginationen angeregt. Unbewußtes kann es, wie Negatives schlechthin, nicht geben -
es sei denn im Kontext eines Beobachtungsschemas, also als positiver Zustand eines Beobachters.
Vielleicht kann man den Grundgedanken jedoch so rekonstruieren, daß man Bewußtsein als Medium
(= „unbewusst“) und Bewußtsein als Form (= „bewusst“) unterscheidet. Als Medium wäre das Be-
wußtsein dann die lose Kopplung möglicher Bewußtseinszustände, die nur durch Grenzen der Kompa-
tibilität von Sinn beschränkt wäre; als Form wäre Bewußtsein dann die strenge Kopplung aktualisier-
ter Sinnelemente, die als Gedanke ausgewählt und als Struktur erinnert wird. Und Therapie wäre damit
zu begreifen als der Vorschlag anderer Formkonstruktionen anhand von Hilfshypothesen, die von Li-
bidoverdrängung bis hin zur Inkarnation in einem früheren Leben reichen mögen, sofern sie nur die
für die Umformung nötige Plausibilität erreichen können.
Auch bei dieser theoretischen Rekonstruktion hätte man es mit der Form des psychischen Sys-
tems zu tun, und zwar mit der Form eines Formen bildenden und Formen wiederauflösenden Systems.
Auch die bewußt werdenden Formen sind Zwei-Seiten-Formen. Sie unterscheiden sich durch feste
Kopplung von Sinnelementen von dem Medium Sinn, das dem Bewußtsein als überreicher Kombinati-
onsraum eigener Möglichkeiten zur Auswahl von Formen zur Verfügung steht. Und auch hier läge die
Figur des re-entry einer Unterscheidung in das Unterschiedene zugrunde, da die Unterscheidung von
Medium und Form ja selbst eine Form ist, die in sich selbst wieder vorkommt.

III.

Diese Skizzierung des Formproblems psychischer Systeme war notwendig, um jeder Verwechslung
von psychischen Systemen und Personen vorzubeugen. Personen sind Identifikationen, die auf keinen
eigenen Opera-

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tionsmodus Bezug nehmen. Sie sind also keine Systeme. Im Anschluß an einen alten Sprachgebrauch
geht es bei Personalität um Regelung von sozialer Interaktion.9 „Persona est conditio status, munus,
quod quisque inter homines et in vita civili gerit“ - so faßt ein Lexikon den erweiterten Sinn des latei-
nischen Wortes im römischen Sprachgebrauch zusammen.10 Auch Rollen oder Positionen in besonde-
ren Interaktionskontexten, zum Beispiel in Gerichtsverhandlungen, konnten gemeint sein, jedenfalls
aber nicht der körperlich und seelisch voll individuierte Mensch im ganzen. Gelegentlich wird zwar
bereits in der Spätantike auch das menschliche Individuum mit dem Allgemeinbegriff persona be-
zeichnet, wenn man von besonderen Merkmalen absehen wollte;11 aber das darf man vielleicht, so wie
das ältere „caput“, als pars-pro-toto Wendung verstehen. Erst im Mittelalter kommt es zu einer durch-
gehenden Individuierung des Personenbegriffs, wenn der Mensch im allgemeinen und unabhängig von
seinen spezifischen sozialen Kontexturen als Individuum bezeichnet werden soll. Und dann reißt die
Wertkarriere des Individuums den Begriff mit. Die Jurisprudenz adoptiert und adaptiert seit dem 17.
Jahrhundert den Personenbegriff, um sich mit seiner Hilfe aus den ständisch gebundenen Rechts-
statuszuweisungen herauszulösen, so wie die philosophische Psychologie wenig später ihn benutzt, um
den theologisch besetzen Leib/Seele-Dualismus zu überwinden. Offenbar wird der Begriff jetzt wegen
seiner gegen Traditionen gerichteten Distanzierleistung geschätzt. In dem Maße, als die Besonderhei-
ten einer ständisch bestimmten Inklusion des Individuums in die Gesellschaft schwinden, entfällt dann
aber auch der Bedarf für die spezifische, wenn nicht begriffliche so doch terminologische Abstrakti-
onsleistung des Begriffs, vielleicht mit der Beibehaltung eines eher abwertenden Nebensinns. Jeden-
falls sucht der Begriff nicht die individuelle Einzigartigkeit der konkreten Natur des Einzelmenschen
zu treffen. Er bleibt seinem Sinn nach eine Kollektividee. Um so schwieriger wird die Suche nach ei-
nem treffenden Gegenbegriff, also nach dem, wovon jemand ei-

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9
Vgl. Hans Rheinfelder, Das Wort „Persona“: Geschichte seiner Bedeutungen mit besonderer Berücksichtigung des französi-
schen und italienischen Mittelalters, Halle 1928. Zur Rechtstradition Helmut Coing, Der Rechtsbegriff der menschlichen Per-
son und die Theorien der Menschenrechte, in: ders., Zur Geschichte des Privatrechtssystems, Frankfurt am Main 1962, S.
56ff. Zur Übernahme in die Theologie auch Siegmund Schlossmann, Persona und ΠΡΟΣΩΠΟΝ im Recht und im christlichen
Dogma (1906), Nachdruck Darmstadt 1968. Ferner ausführlich die Artikel s.v. Person im Historischen Wörterbuch der Philo-
sophie, Bd. 7, Basel 1989, Sp. 269-338.
10
Egidio Forcellini, Lexicon totius latinitatis, curante I. Perm, Neudruck 1965, Bd. III, S. 677.
11
Man erkennt das an Fällen, in denen auch Sklaven als Personen bezeichnet werden.
gentlich unterschieden wird, wenn er speziell als Person bezeichnet wird. Hat also die Person keine
Form, ihre Innenseite keine Außenseite?
Eine Rekonstruktion dieser komplexen Tradition unter heutigen Bedingungen wird möglich,
wenn man den Formbegriff als Leitfaden benutzt. Unter „Person“ ist dann nicht ein besonderes Objekt
zu verstehen, auch nicht eine Art von Objekten oder eine Eigenschaft von Objekten (und seien es in
diesem Falle „Subjekte“), sondern eine besondere Art von Unterscheidung, die als Form mit zwei Sei-
ten das Beobachten leitet. Eine Person ist dann nicht einfach ein anderer Gegenstand als ein Mensch
oder ein Individuum, sondern eine andere Form, mit der man Gegenstände wie menschliche Individu-
en beobachtet. Es kommt dann alles darauf an, herauszufinden, was die andere Seite dieser Form ist, in
welcher spezifischen Hinsicht eine Person also Unperson sein kann, ohne deswegen nicht Mensch,
nicht Individuum zu sein.
Dies Ziel läßt sich erreichen, wenn man die Form „Person“ bestimmt als individuell attribu-
ierte Einschränkung von Verhaltensmöglichkeiten. Dabei soll es nicht auf die Unterscheidung von as-
cribed/achieved Status ankommen, die Ralph Linton eingeführt hat12, aber auch nicht auf ihre Weiter-
entwicklung durch Parsons als pattern variable „quality/performance“. Es werden ja beide Gründe für
die Einschränkung, nämlich Herkunft und Leistung, individuell attribuiert. Der Akzent liegt vielmehr
auf der Einschränkung von Verhaltensmöglichkeiten und die Form also darin, daß durch diese Ein-
schränkung etwas als die andere Seite, als nicht zur Person gehörig ausgewiesen wird. Auch die Unter-
scheidung von marked/unmarked könnte helfen, die man in der linguistischen Semantik findet.13 Durch
„Markierung“ wird das für weitere Kommunikation hervorgehoben und bereitgestellt, was interessant,
weiter klärbar, eventuell auch bezweifelbar ist - eben die Person. Anderes bleibt auf der unmarkierten
Seite, weil man nicht erwartet, daß dies zum Gegenstand von Kommunikation wird. Daher ist das, was
zur Unperson gehört, ebenso unbestimmt wie die Unmasche beim Stricken oder das Unloch beim Bil-
lard.
Der Genauigkeitsanspruch der Formbegriffs zeigt sich darin, daß man nun sorgfältig unter-
scheiden muß zwischen dem, was auf die andere Seite der Unterscheidung gehört, aber im Moment
oder im Normalgang der Kommunikation nicht gemeint ist, und dem, was durch die Unterschei-

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12
In: The Study of Man: An Introduction, New York 1936, S. 115. Siehe auch ders., The Cultural Background of Personal-
ity, New York 1945. Hinweise auf spätere Verwendungen dieser Unterscheidung bei Ralph Dahrendorf, Homo Sociologi-
cus, 3. Aufl. Köln 1961, S. 38ff. Rückblickend wird man sagen können, daß sie besser auf das Abstammung/Tugend-Schema
von Adelsgesellschaften paßt als auf die moderne Gesellschaft.
13
Vgl. John Lyons, Semantics, Bd. 1, Cambridge 1977, S. 305ff.; Steve Fuller, Social Epistemology, Bloomington Ind.
1988, S. 155ff.
dung selbst ausgeschlossen ist. Wir sehen das Kriterium dieser Unterscheidung in der individuellen
Attribution. Als Unperson auf der anderen Seite kann nur etwas zählen, was nicht die Person selbst be-
zeichnet, aber ihr attribuiert werden könnte und gegebenenfalls auf sie durchschlägt - etwa lange ver-
borgene Enklaven in der bürgerlichen Lebensführung eines angesehenen Mitmenschen oder die Nei-
gung zu epileptischen Anfällen, die, wenn sichtbar geworden, dann unvermeidbar auf die Person ange-
rechnet wird. Alles andere ist Zustand oder Vorkommnis in der Welt und kommt weder für die eine
noch für die andere Seite des Personenschemas in Betracht. Es ist das durch die Unterscheidung selbst
ausgeschlossene Dritte. Es muß, anders gesagt, immer auch einen Anlaß geben14, überhaupt im Form-
schema Person/Unperson zu beobachten und nicht irgendwie anders. Und was wäre dieser Anlaß?
Wir schlagen mit dieser Frage die Brücke zum sozialen System. Denn die Antwort wird lau-
ten: doppelte Kontingenz sozialer Situationen als dasjenige Problem, das die Entstehung sozialer Sys-
teme autokatalysiert.15 In einer Situation mit doppelter Kontingenz, in der jeder Teilnehmer sein Ver-
halten gegenüber anderen davon abhängig macht, daß diese ihm gegenüber zufriedenstellend handeln,
besteht ein zwingendes Bedürfnis nach Einschränkung des Spielraums der Möglichkeiten. Es ist diese
instabile, zirkuläre Notlage der doppelten Kontingenz, die die Entstehung von Personen provoziert:
oder genauer: die die Beteiligten, was immer psychisch in ihnen abläuft, dazu bringt, sich im Sozial-
system, also kommunikativ, als Person zu geben und die Überraschungsqualitäten ihres Verhaltens
entsprechend vorsichtig zu dosieren - sei es von vornherein hoch anzusetzen, um nicht an zu enge
Grenzen zu stoßen; sei es so zu segmentieren, daß andere Möglichkeiten als nicht zur Rolle gehörig
abgewiesen bzw. ignoriert werden können;16 sei es gesellschaftliche Formen (inklusive Humor) so zu
handhaben, daß erkennbar wird, daß die Person selbst sich aus ihnen zurücknimmt und nur ihre gute
Erziehung für sich sprechen läßt.
Personen kondensieren demnach als Nebeneffekt der Notwendigkeit, das Problem der doppel-
ten Kontingenz sozialer Situationen zu lösen, wenn es überhaupt zur Bildung sozialer Systeme kom-
men soll. Deshalb Erwartungsdisziplin, deshalb Einschränkung der Verhaltensrepertoires,

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14
Spencer Brown, a.a.O., S. 1 sagt sogar „motive“, verrät damit aber nur, daß selbst der Begriff der Form eine Form ist, also
eine andere Seite hat, mit der zusammen er etwas Drittes ausschließt.
15
Hierzu ausführlich Niklas Luhmann, Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie., Frankfurt am Main 1984, S.
148ff.
16
Dies macht es in komplexen Gesellschaften sinnvoll, zwischen Person und Rolle zu unterscheiden, und zwar die Personen
nicht aber die Rollen zu individualisieren. Vgl. Niklas Luhmann, Soziale Systeme, a.a.O., S. 428ff.
deshalb die Notwendigkeit, der zu bleiben, der zu sein man vorgetäuscht hatte. Und deshalb auch das
Mitgemeintsein einer anderen Seite, zu der hinüber man kreuzen könnte im Rahmen der weiteren
Möglichkeiten, über die ein psychisches System verfügt. Die Form selbst dient also nicht psychischen
Bedürfnissen, sondern löst - zusammen mit anderen Referenzen - ein Problemen aller sozialen Syste-
me.
Damit erschließen sich auch gesellschaftsgeschichtliche Analysen. Denn das Ausmaß, in dem
Personalität zur Lösung des Problems der doppelten Kontingenz herangezogen wird, und vor allem die
Bandbreite möglicher Individuierungen variieren mit der Komplexität des Gesellschaftssystems. Für
viele Zwecke genügt ja der erkennbare, gegebenenfalls der wiedererkennbare Körper des anderen, des-
sen Wahrnehmung es ermöglicht, einzuschätzen, womit man zu rechnen hat. Viele Gesellschaften tei-
len denn auch durch Ausstaffierung der Körper mit, was zu erwarten ist, und benötigen keine darüber
hinausgehende Form von Person. Wenn es etwa um Pilgerer geht, so erkennt man sie an Kleidung und
Gebärde und weiß, was man ihnen schuldet. Erst im Hochmittelalter wird dann auch die Frage akut,
ob es sich um echte, bußfertig eingestellte Pilgerer handelt, oder nur um Reisende, die nur die Service-
leistungen der Pilgerstraße unentgeltlich zu benutzen suchen.17 Für manche Zwecke reicht der immer
schon individualisierte Körper aus, für andere nicht. Und entsprechend mag variieren, ob und in wel-
chen Hinsichten man sich auf das körperliche Erscheinen verlassen kann und wie weit man Einstellun-
gen präsentieren bzw. ermitteln muß, um Personalität zu konstituieren.
Die prekäre kommunikative Existenzweise von Personen wird spätestens seit dem 17./18.
Jahrhundert auch zum Problem der Moral. War vorher nur Ethos, nur Haltung gefordert im Sinne einer
moralischen Disziplinierung des körperlichen und psychischen Repertoires von Individuen, so verla-
gern sich jetzt moralische Anforderungen auf die Schonung der Person des Kommunikationspartners.
Mehr und mehr individuelles Verhalten wird freigegeben, und um so mehr kommt es darauf an, nicht
erkennen zu lassen, daß man die Selbstdarstellung des anderen als Sozialkosmetik durchschaut. Takt
wird zum entscheidenden Regulativ, Humor (vorzugsweise in Selbstanwendung) entwickelt und als
Ventil erlaubt. Höchste Norm der Konversation ist es nun, dem anderen Gelegenheit zu geben, als Per-
son zu gefallen, was dieser, wie man hofft, mit entsprechenden Gegenleistungen entgelten wird. Und
gerade weil es nicht nur auf körperliche, sondern auch auf geistige Haltungen ankommt, werden die

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17 Dies Beispiel bei Friederike Hassauer, Extensionen der Schrift: Textualität, Ritual und Raumvollzug im Mittelalter: Das
Paradigma Santiago de Compostela: Fallstudie zu den Bedingungen der Möglichkeit medienhistorischer Rekonstruktion, Ha-
bilitationsschrift Siegen 1989.
Explorationsmöglichkeiten scharf beschnitten, selbst, wie man realistischerweise vermuten darf, in
Liebesangelegenheiten. Daß daraufhin angestrengte Bemühungen um „Natürlichkeit“ aufkommen und
daß „Authentizität“ vor Augen geführt werden muß, bezeugt nur die entstandene Diskrepanz.18 Eine
Ethik, die zwischen psychischem System und Person nicht unterscheidet, weil sie beides im Subjekt-
begriff zusammenzieht, muß solche Feinheiten ignorieren oder ethisch als Unaufrichtigkeiten abwer-
ten. Wer sich darüber informieren will, sollte Goffman lesen.19

IV.

Abschließend kehren wir zu psychischen Systemen zurück mit der Frage, was es für sie bedeutet,
wenn sie die Form einer Person annehmen müssen. Dies ändert natürlich nichts an der psychischen
Autopoiesis des Bewußtseins. Es ändert nichts daran, daß das psychische System sowohl Selbstrefe-
renz als auch Fremdreferenz zur Verfügung hat und die Einheit dieser Unterscheidung blind reprodu-
ziert, indem es zwischen beiden Referenzrichtungen oszilliert oder auch eine Zeitlang selbstvergessen
bei der Außenwelt oder weltvergessen bei sich selbst bleibt. Auch ist Personalität nicht nötig, um es
dem psychischen System zu ermöglichen, sich selbst zu beobachten. Dazu genügt, als zunächst sich
aufdrängender Ersatz, die Beobachtung des eigenen Körpers, soweit man ihn von außen sehen und von
innen (zum Beispiel in der Form von Schwere oder von Schmerz) empfinden kann. Kein Bewußtsein
kann, auch wenn es bei der Außenwelt weilt, sich von der strukturellen Kopplung an den eigenen Kör-
per lösen: wenn der Körper sich bewegt, muß es mit. Deshalb entwickelt sich Bewußtsein von Anfang
an in Identifikation mit dem eigenen Körper, und auch deshalb lernt man rasch und unausweichlich,
daß man nicht jemand anderes ist.
In einer Art Zwischenbetrachtung sei zunächst festgehalten, daß die Identifikation von Person
und Körper letztlich daran scheitert, daß auch der Körper nur als Form, also nur als Differenz gegeben
ist. Das gilt auf noch harmlose Weise für die sichtbaren Außengrenzen des eigenen Kör-

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18
Hierzu Dean MacCannell, Staged Authenticity: Arrangements of Social Space in Tourist Settings, American Journal of So-
ciology 79 (1973), S. 589-603. Auch in der Kunst findet man Bemühungen, sich selbst im Herstellungsprozeß und so als au-
thentischen Vollzug beobachtbar zu machen, ohne daß das Beobachtetwerden in der Darstellung reflektiert wird. Siehe die
Aufnahmen von Frederick Bunsen, in: Niklas Luhmann/Frederick D. Bunsen/Dirk Baecker, Unbeobachtbare Welt, über
Kunst und Architektur, Bielefeld 1990, S. 46ff.
19
Besonders den inzwischen klassischen Text: Erving Goffman, The Presentation of Self in Everyday Life, 2. Aufl., Garden
City, N.Y. 1959.
pers, jenseits derer die Unempfindlichkeit, aber auch die Bewegungsmöglichkeit beginnt. Es gilt aber
auch dann, wenn besondere Anstrengungen unternommen werden, um die Person vom Körper her zu
bestimmen. Der Hochleistungssportler unterstellt sich dem Code Gewinnen/Verlieren20 und erlebt er-
freut oder bestürzt, daß sein Körper ihn auf die eine oder die andere Seite dieser Differenz trägt. Als
psychisches System muß er dann die Einheit dieser Differenz, also ihre Form, akzeptieren - oder re-ji-
zieren und das Terrain verlassen. Ganz ähnlich war es dem Hochleistungsasketen ergangen, dem die
Peinigung seines Körpers unerwartet Lust bereitete, so daß der dies Erlebende einen Umschlag von
Verdienst in Sünde hinnehmen - oder ebenfalls das Terrain wechseln und sich de-asketisieren mußte.21
Auch weitere, weniger bedeutsame Formen der Hingabe an den eigenen Körper bestätigen diese Ana-
lyse22: Immer wenn der Körper zur Person werden soll, zeigt er Form, zeigt er zwei Seiten, zeigt er
sich im Sinne von Gotthard Günther als Kontextur, die dann ihrerseits zum Gegenstand von Annahme-
und Ablehnungsentscheidungen einer höheren logischen Ordnung wird.23 Nach durchgemachter Zwei-
Seiten-Erfahrung kann das psychische System die Person stärker vom Körper distanzieren oder auch
nicht und es weiterhin aushalten. Aber wieso geschieht das in der Form einer Fixierung des Person-
seins?
Die Form der Person dient ausschließlich der Selbstorganisation des sozialen Systems, der Lö-
sung des Problems der doppelten Kontingenz durch Einschränkung des Verhaltensrepertoires der Teil-
nehmer. Das heißt aber nicht, daß sie nur als kommunikative Fiktion fungierte und psychisch keine
Bedeutung hätte. Psychische und soziale Systeme operieren zwar getrennt und jeweils für sich opera-
tiv geschlossen. Es gibt in den Operationen keine Überschneidungen (obwohl ein Beobachter natürlich
Bewußtseinsleistungen und kommunikatives Geschehen zusammenziehen und als

-- 152 --

20
Diese Interpretation bei Uwe Schimank, Die Entwicklung des Sports zum gesellschaftlichen Teilsystem, in: Renate
Mayntz et al., Differenzierung und Verselbständigung: Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme, Frankfurt am Main
1988, S. 181-232.
21
Vgl. dazu Alois Hahn, Religiöse Dimensionen der Leiblichkeit, in: Volker Kapp (Hg.), Die Sprache der Zeichen und der
Bilder: Rhetorik und nonverbale Kommunikation in der frühen Neuzeit, Marburg 1990, S, 130-140.
22
Siehe dazu Karl-Heinrich Bette, Körperspuren: Zur Semantik und Paradoxie moderner Körperlichkeit Berlin 1989, mit der
wichtigen These: daß die Aufwertung des Körpers es gerade unmöglich mache, sich mit ihm zu identifizieren: und dies auch
dann, wenn es in sozial protegierten Nischen wie Sport Bodybuilding, Varianten von Dandyismus, Unterschichtendandyis-
mus (Punk) etc. geschieht.
23
Siehe Gotthard Günther, Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, 3 Bde., Hamburg 1976-1980, beson-
ders die in Bd. 2 gesammelten Studien zu Wirklichkeit und Polykontexturalität.
ein einheitliches Ereignis identifizieren kann). Die unterschiedlichen Rekursionen der psychischen und
sozialen Systeme zwingen zur Trennung.24 Das heißt aber nicht, daß keine Realzusammenhänge be-
stünden, keine kausalen Wechselwirkungen möglich wären, keine Co-evolution ablaufen könnte. Die
unentbehrlichen Zusammenhänge werden durch strukturelle Kopplungen vermittelt, die mit der auto-
poietischen Autonomie der getrennt operierenden Systeme voll kompatibel sind.25
Strukturelle Kopplungen vermitteln Interpenetrationen und Irritationen. Sie dienen insofern ih-
rerseits als Formen, die dies leisten und zugleich andere Bahnen des Interpenetrierens und Irritierens
ausschließen. Unter „Interpenetration“ soll verstanden sein, daß ein autopoietisches System die kom-
plexen Leistungen der Autopoiesis eines anderen Systems voraussetzen und wie ein Teil des eigenen
Systems behandeln kann. So verläßt sich jede Kommunikation, ohne eingreifen zu können, auf die
Aufmerksamkeits- und Aufzeichnungskapazitäten der teilnehmenden Bewußtseinssysteme. Unter „Ir-
ritation“ soll verstanden sein, daß ein autopoietisches System auf dem eigenen Bildschirm Störungen,
Ambiguitäten, Enttäuschungen, Devianzen, Inkonsistenzen wahrnimmt in Formen, mit denen es wei-
terarbeiten kann. (Piaget hatte bekanntlich an dieser Stelle von Assimilation und Akkommodation ge-
sprochen.) Die Pauschalierung (Generalisierung) der Interpenetration wird durch die Irritabilität des
Systems kompensiert und gegen ein andernfalls sehr rasch zunehmendes Aus-dem-Gleichschritt-Kom-
men abgesichert. Im Gesamteffekt operieren autopoietische Systeme daher schon immer umwelt-ange-
paßt, weil sie durch diese Doppeleinrichtung von Interpenetration und Irritabilität in der Zone realer
Möglichkeiten gehalten werden. Und dies geschieht, ohne daß die autopoietische Autonomie und
Strukturdeterminiertheit der Eigendynamik der Systeme dadurch beeinträchtigt würde. Es geschieht
ausschließlich auf der Grundlage der systemeigenen Operationen.
Diesen nur umständlich zu gewinnenden Begriffsapparat brauchen wir, um nun sagen zu kön-
nen: Personen dienen der strukturellen Kopplung von psychischen und sozialen Systemen. Sie ermög-
lichen es den psychischen Systemen, am eigenen Selbst zu erfahren, mit welchen Einschränkungen im

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Hierzu ausführlicher Niklas Luhmann, Soziale Systeme, a.a.O., S. 354ff.; ders., Die Autopoiesis des Bewußtseins, in:
Alois Hahn/Volker Kapp (Hg.), Selbstthematisierung und Selbstzeugnis: Bekenntnis und Geständnis, Frankfurt am Main
1987, S. 25-94; ders., Wie ist das Bewußtsein an Kommunikation beteiligt?, in: Hans Ulrich Gumbrecht/K. Ludwig Pfeiffer
(Hg.), Materialität der Kommunikation, Frankfurt am Main 1988, S. 884-905; in diesem Band S. 55ff. bzw. 37ff.
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Siehe hierzu Humberto R. Maturana, Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit: Ausgewählte Ar-
beiten zur biologischen Epistemologie, Braunschweig 1982, insb. S. 150ff., S. 251ff.
sozialen Verkehr gerechnet wird.26 Das Bewußtsein, eine Person zu sein, gibt dem psychischen System
für den Normalfall das soziale o.k.; und für den abweichenden Fall die Form einer im System noch
handhabbaren Irritation. Es merkt gewissermaßen, wenn es mit sich selbst als Person in Schwierigkei-
ten kommt, und hat daher eine Gelegenheit, nach Auswegen zu suchen. Das Selbstkonzept der Unter-
scheidung Selbstreferenz/Fremdreferenz wird durch das Personsein eingeschränkt, wird durch eine an-
dere Form überformt; und dies nicht im Sinne einer Verunstaltung oder Entfremdung, sondern im Sin-
ne einer hinzugesetzten weiteren Unterscheidung, einer anderen Form, einer anderen Möglichkeit,
Grenzen zu kreuzen und zum Gegenteil überzugehen - oder dies zu vermeiden.
Dieser Sachverhalt wird verkürzt und verfälscht wiedergegeben, wenn man sagt, das Person-
sein unterwerfe ein zunächst freies, rousseauisches Selbst sozialen Zwängen; es sei bestenfalls ein vor-
teilhafter, oft aber unvorteilhafter Tausch psychischer gegen soziale Chancen. Der hier vorgeschlagene
Formbegriff ermöglicht komplexere Einsichten. Die Form „Person“ überformt das psychische System
durch eine weitere Unterscheidung, eben die des eingeschränkten und des dadurch ausgegrenzten Ver-
haltensrepertoires. Psychisch kann man beide Seiten dieser Unterscheidung sehen und das persontreue
Verbleiben auf der einen Seite ebenso wie das Kreuzen der Grenze genießen. Man kann Drogen neh-
men, um die andere Seite zu erreichen, wenn das Bewußtsein aus sich heraus es nicht schafft. Man
kann die Versuchung spüren, mal nicht man selbst zu sein, Urlaub zu machen, incognito zu reisen, an
der Bar stories zu erzählen, die keiner prüfen kann; 27 oder man kann schaudernd von solchem Sich-
selbst-Entkommen zurückschrecken. Personsein ermöglicht beides. Denn Personsein ist eine Form.