Sie sind auf Seite 1von 3

“Valery Yurlov.

Das Tagebuch des Künstlers” in der Nadja Brykina Gallery

“Valery Yurlov. Das Tagebuch des Künstlers” zeigt die Nadja Brykina Gallery in
Zürich in einer Ausstellung vom 26. August bis 9. Oktober 2010. Die Ausstellung
präsentiert und erläutert – einem Tagebuch ähnlich – anhand von Skizzen und
persönlichen Aufzeichnungen die Ideen von Valery Yurlov, einem grossen
konzeptualistischen Künstler und russischen Nonkonformisten.

Von Jürg Vollmer / maiak.info

Mit bestimmten Schritten geht Valery Yurlov im Sommer 2010 von der Metrostation
Ploschtschad Iljitscha auf das Andronikow-Kloster zu. Dessen dicken Klostermauern
schlucken allen Lärm und Hektik von Moskau. Hier in malerischer Umgebung auf einer
Anhöhe im Osten der Metropole “erfahre ich wirkliche Ruhe, die lästigen Probleme des
Alltags bleiben ausserhalb der Klostermauern”, erklärt der 78jährige Künstler, der viel
jünger wirkt.

Valery Yurlov findet hier auch die Ikonen des bedeutendsten russischen Ikonenmalers
Andrei Rubljow, der im 15. Jahrhundert im Andronikow-Kloster als Mönch lebte, arbeitete
und nach seinem Tod 1430 begraben wurde. Rubljows “Dreifaltigkeitsikone” gilt als ein
Höhepunkt der russischen Malerei und beeinflusste Generationen von russischen
Künstlern. Auch Valery Yurlov suchte in den frühen 1950er Jahren bei Rubljow nach
“seiner” Farb- und Formensprache.

Gitter und Mauern statt künstlerische Freiheit

Valery Yurlov wurde 1932 im zentralasiatischen Alma-Ata geboren und zog 1948 als
Kunststudent nach Moskau, wo er schon während seines Studiums bis 1953 die Symbolik
und die bestimmenden Farben der russischen Ikonen als sein Lebensthema wählte. “Die
Farben der russischen Ikonen – Blau, Rot, Gold (respektive Gelb) – stehen der
gegenstandslosen Kunst sehr nahe!”

Nur wenige Professoren am Polygraphischen Institut in Moskau unterstützten ihn dabei,


denn “meine abstrakte Kunst galt in der Sowjetunion als Verbrechen”. Stalin verlangte,
dass die Kunst “für das Volk verständlich” sein muss und liess neben dem Sozialistischen
Realismus keine andere Kunst zu. Ein Treppenwitz der Geschichte: Das Andronikow-
Kloster war zur Stalin-Zeit eine Strafkolonie, in die auch Nonkonformisten gesteckt
wurden, die ihre künstlerische Freiheit leben wollten.

Valery Yurlov entdeckt das Formenpaar und die Dreifaltigkeit


Valery Yurlov war dieser Preis zu hoch. Nach dem Studium arbeitete er für verschiedene
sowjetische Buchverlage als Illustrator – sein eigentliches Werk entstand aber in einem
schlichten Holzhäuschen im Vorort Nowogirejewo im östlichen Moskauer
Verwaltungsbezirk. Rund 15 Kilometer ausserhalb des Stadzentrums von Moskau
entwickelt er seine eigene “Sprache”, seine Theorie vom Formenpaar und der Dreieinigkeit
oder Dreifaltigkeit: “Im Formenpaar werden die Unterschiede betont, in der Dreifaltigkeit
hingegen die Harmonie.”

Völlig abgeschieden von der sowjetischen Realität ging Valery Yurlov “auf dem Weg von
Kasimir Malewitsch und Wassily Kandinsky“, erklärt der angesehene Kunsthistoriker Dmitri
Sarabjanow in Moskau, “und er brachte damit die russische Kunst ein grosses Stück
weiter”. In dieser Zeit entwickelte er sein auf das Maximum reduzierte Hauptwerk, das bis
heute seine Arbeit bestimmt: Zwei Tropfen, deren Spitzen sich berühren, und eine schmale
Raute.

Die Werke von Valery Yurlov: Vom Keller direkt in die Tretjakow-Galerie

In den 1980er Jahren wurde Yurlov das Thema Kommunikation immer wichtiger und er
widmete ihm zahlreiche Arbeiten und Installationen. Seit vierzig Jahren arbeitete er nun
schon unbeachtet im Hinterzimmer, denn als Nonkonformist hätte Valery Yurlov seine
Bilder nie malen dürfen, geschweige denn verkaufen. Er stapelte seine Bilder im Keller,
während sogar enge Freunde den “Spinner” belächelten.

Als die Sowjetunion implodierte, konnte Valery Yurlov mit 60 Jahren sein Lebenswerk
endlich zeigen – und dann gleich als Einzelausstellung in der international renommierten
Tretjakow-Galerie. Ungläubig bestaunte er selbst 1992 seine Werke in der neu gebauten
Abteilung für Moderne Kunst der Tretjakow-Galerie an der Moskwa, direkt gegenüber dem
Haupteingang des Gorki-Parks.

Doch 1994 zog es ihn dahin, wo er die absolute künstlerische Freiheit vermutete, nach
New York. Das Heimweh nach Russland war stärker und unbeschränkte Freiheit ist letzten
Endes nur ein anderes Wort dafür, dass man nichts mehr zu verlieren hat. 2002 kehrte
Valery Yurlov nach Moskau zurück.

“Valery Yurlov. Tagebuch des Künstlers” in der Nadja Brykina Gallery

Dort hat er in den vergangenen Monaten zusammen mit der schweizerisch-russischen


Galeristin und Kunsthistorikerin Nadja Brykina sein Lebenswerk gesichtet, ausgewählt und
restauriert, um es in einer Art “Tagebuch des Künstlers” zusammenzustellen. “Einige
spannende Bilder aus den 1950er Jahren habe ich selbst vergessen und war völlig
überrascht, dass ich sie einmal gemalt hatte”, lacht Valery Yurlov. Zudem ist ihre Wirkung
im Transformationsstaat Russland 2010 ganz anders als ein halbes Jahrhundert zuvor in
der Stalin-Zeit.

Dabei stand nicht der Wunsch im Vordergrund, das zu erklären, was er gemacht hat.
Valery Yurlov kommentiert aus heutiger Position seine Theorie und Erlebnisse, sieht neue
Lösungen, macht Entdeckungen und Offenbarungen. Seine Illustrationen und
Kommentare ergänzen einander, die Beobachtungen und Gedanken des Künstlers fügen
sich zu einer stimmigen Theorie.

Die Nadja Brykina Gallery in Zürich zeigt in einer Ausstellung vom 26. August bis 9.
Oktober 2010 mit “Valery Yurlov. Tagebuch des Künstlers” das Lebenswerk des grossen
konzeptualistischen Künstlers und russischen Nonkonformisten der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts. Zur Ausstellung erscheint ein 250 Seiten dickes Buch mit dem
gleichnamigen Titel “Valery Yurlov. Das Tagebuch des Künstlers”:

“Valery Yurlov. Das Tagebuch des Künstlers”


Hrsg.: Nadja Brykina, Beiträge: Valery Yurlov
Nadja Brykina Editions, 2009, 250 Seiten

ISBN 978-3-9523523-9-7 Deutsch/Französisch


ISBN 978-3-9523523-8-0 Russisch/Englisch

HONORARFREIER ABDRUCK

Dieser Text ist lizenziert unter Creative Commons BY-SA 3.0.

Sie dürfen diesen Text inklusive Fotos mit Nennung des Autors und von maiak.info
honorarfrei vervielfältigen, verbreiten und öffentlich zugänglich machen (aber nicht
anderen Medien verkaufen!).

Den Originalbeitrag und Fotos finden Sie hier:

www.maiak.info/valery-yurlov-nadja-brykina-gallery
www.flickr.com/photos/maiakinfo/sets/72157624692601847