You are on page 1of 5

Facebook, unser Schicksal?

Von Peter Varsek

Derzeit steht kein anderes soziales Netzwerk im Internet so stark in der Kritik wie Face-
book. Von allen Seiten wird es argwöhnisch begutachtet. Groß ist das Geschrei nach dem
zu laschen Datenschutz der User (Nutzer). Dann kommt, hauptsächlich von christlicher
Seite, die Kritik, dass Facebook Freundschaften oberflächig halte. Also der persönliche
Nutzen nicht wirklich vorhanden ist. Dabei stehen wir mitten in einer Revolution, in der
Menschen von reinen Konsumenten zu aktiven Produzenten von Web-Content werden.
Es geht um das veränderte Verhalten von Internetnutzern.

Dass Facebook derzeit stark unter Beobachtung steht, ist kein Wunder. An die 500 Mitglie-
der hat dieses Netzwerk bereits. Und als Land mit 500 Einwohnern, wäre Facebook inzwi-
schen das drittgrößte Land auf der Erde. Gleichzeitig sind die Ausmaße des Internetriesen
unerschöpflich. Wohin man auch im Internet schaut, an Facebook kommt keiner mehr vor-
bei. Erkennbar unter anderem an den blauen Facebook-Buttons oder auch den „Gefällt mir“-
Buttons in nahezu jeder Webseite.

Zwei hauptsächliche Kritikpunkte sind in Bezug zu Facebook stets zu hören: 1. Die laxe
Handhabung der persönlichen Daten, und 2. Die (vermeintliche) Oberflächigkeit. Uns inte-
ressiert besonders der zweite Punkt. Zum ersten Punkt wurde schon sehr viel geschrieben.
Der zweite Punkt wird zwar als diskutiert, jedoch meines Erachtens nicht erschöpfend genug 1/5
beleuchtet (abgesehen von Unternehmen, die an Social Media Marketing interessiert sind).
Deswegen gehe ich hier auf die Frage nach der vermeintlichen Oberflächigkeit der Freund-
schaften ein. Vorwiegend allerdings auf den persönlichen Nutzen in Facebook.

I. Die Kritik gegen die Medien ist so alt wie die Menschheit selbst
Es ist keine neue Erkenntnis, dass etwas Neues zunächst Kritiker hervorruft. Ein Blick in der
Vergangenheit zeigt uns, dass selbst gegen das Schreiben an sich kritisiert worden ist. So
meinte Platon, dass mit dem allgemeinen Aufkommen der Schrift die Menschen Texte nur
noch repetieren würden, statt sie zu verinnerlichen. Platon nannte sie Doxosophen, Mei-
nungsträger. Im 18. Jahrhundert wurde das schnell ausbreitende Printprodukt als verderbtes
Kulturprodukt angesehen. So klagte Gottfried Wilhelm Leibnitz, dass die anschwellende Zahl
der Dispute und die vielen Untersuchungen ohne nennenswerten Nutzen zu einem heillosen
Chaos und in den Rückfall in die Barbarei führe. Nach dem 2. Weltkrieg sah man im Radiohö-
ren die Gefahr einer Isolation des Einzelnen. Und als das Fernsehen so langsam den Sieges-
zug in die Wohnzimmer antrat, wurden Stimmen laut, dass es zur Passivität verdamme. So
gesehen ist alles schon mal dagewesen, und was wir an Kritik gegen das Internet allgemein
und speziell zu Facebook hören nichts Neues. Dennoch braucht es zu jedem neuen Medium
eine nüchterne Betrachtung, in der auch Kritik angebracht ist.
II. Facebook – ein Phänomen: Was ist dran an Facebook?
Facebook gehört in die Kategorie Soziales Netzwerk, in der auch andere Webseiten gehören.
Darunter Kwick, Localisten, Netlog, Wer-kennt-wen, SchülerVZ, Studi VZ, MeinVZ, Jappy und
andere. Manche von ihnen sind eher statische Seiten, andere dagegen eher dynamische Sei-
ten. Facebook ist eine „hyperdynamische“ Seite. Das ist einer der Gründe, weshalb Facebook
so attraktiv unter den Usern ist. Weshalb allerdings konnte Facebook einen solchen Sieges-
zug erreichen, und das innerhalb kürzester Zeit? Worin unterscheidet sich Facebook von
anderen Seiten?

Die Stärke von Facebook ist, dass quasi alles, was sich im Netz findet, entsprechend sichtbar
auf „meine“ Seite gestellt werden kann (teilen bzw. sharing). Ob das jetzt ein Artikel, ein Bild
oder auch ein Video ist. Das was ich für mich interessant finde, und ich meinen Freunden
und Bekannten zeigen möchte, kann ich auf meine Seite in Facebook stellen. Entweder
durch teilen von anderen Seiten oder indem ich sie selber hoch lade. Gleichzeitig kann ich
meine Kommentare dazu abgeben. Bilder, Filme, Präsentationen und teils Dokumente kön-
nen dann direkt in meiner Seite angeschaut bzw. auch gelesen werden (je nach dem auch
heruntergeladen werden). Alles ohne Umleitung. Und ein weiterer Vorteil ist, dass meine
Einträge nicht allein in meiner Seite auftauchen, sondern parallel im Newsfeed, also der
Startseite von meinen Freunden und Bekannten.

Vor nicht allzu langer Zeit musste man Bilder, Präsentationen, teils Videos, Dokumente oder
auch Links von anderen Webseiten in seine E-Mail packen und sie dann an seine Kontakte 2/5
verschicken. Erst mal quälte sich seine schwere E-Mail, die schnell auf 5 MB anwachsen
konnte, durch seine Leitung, um anschließend die Leitung seiner Empfänger für eine Weile
zu blockieren (um nicht zu vergessen, gar deren PCs zu belasten). Über den Kanal Facebook
geht das bequem und in Sekundenschnelle. Und man läuft nicht mehr Gefahr mit seiner Mail
eventuell jemanden zu belästigen. Ich erreiche also mit quasi einem Klick viele Menschen auf
einmal. Mehr noch: Findet jemand etwas von mir wichtig oder ebenfalls so interessant, dass
er es weitergeben „muss“, erreiche ich über eben diesen Kanal mehrere Menschen.

Ein Rechenbeispiel: Nachweislich hat jeder User durchschnittlich 120 Freunde. Stelle ich
mein Content rein, erfahren davon meine 120 Freunde. Ist nur einer davon so begeistert,
dass er das teilt, und wir beide keine gemeinsamen Freunde haben, habe ich damit 240
Menschen erreicht. Bei drei Freunden, und keinen gemeinsamen Freunden, wären das rech-
nerisch gesehen 480 Menschen. Ein Aspekt, der im Grunde genommen engagierte Christen
aufhorchen lassen müsste.

Allein diese Funktionen sind ein starker Wettbewerbsvorteil für Facebook im Vergleich mit
anderen sozialen Netzwerken. Nicht zu unterschätzen ist natürlich auch, dass Facebook eine
ausgeklügelte und sehr strategische Marketingschiene fährt, die mit dessen Erfolg zusam-
menhängt.
III. Facebook gehört zur Gruppe Social Media – Die Regeln der Social MediaI
III.a. Dialog statt Monolog
Im Zentrum von Social Media steht der Austausch von Informationen, Erfahrungen und
Sichtweisen. Hier geht es um den Dialog, sprich: Um Kommunikation. Wie bereits im Begriff
Social Media durchklingt, ist es tatsächlich durch und durch sozial. Respektiert werden nur
User, die geben. Wer sich selber oder auch sein Produkt derart in den Mittelpunkt stellt, hat
bereits verloren bevor er überhaupt angefangen hat. Daher gilt in sozialen Netzwerken: Ge-
ben, was anderen hilft bzw. nützt, und zuhören, zuhören, zuhören. Und auf angenehme Wei-
se Antwort geben. Das schließt nicht aus, dass ich auch zuerst was sage. Dann gilt zuzuhören.
Als No-Go gilt auf direkte Anfrage nicht zu reagieren, was leider heute noch zu häufig anzu-
treffen ist (sogar von professionellen Journalisten).

III.b. Authentität statt Anonymität


In der Welt der Social Media verstecke ich mich nicht, das heißt dass ich meine Identität
preis gebe. Die Anonymität vor noch einigen Jahren ist heute ein No-Go in sozialen Netzwer-
ken. Agiert jemand anonym oder eben mit einem Pseudonym, wertet man dessen Beiträge
als minderwertig, polemisch oder schlecht recherchiert. Vielmehr werden User geschätzt,
die zu ihrer Meinung stehen.

III.c. Den Dialog aufrechthalten


Wer nur alle paar Mal einen Beitrag leistet oder auf einen Beitrag eingeht, braucht sich nicht
zu wundern, dass Social Media nicht „funktioniert“ – oder eben oberflächig ist. Dass Social 3/5
Media „funktioniert“ braucht es eine rege Beteiligung. Dabei muss das nicht täglich sein.
Doch regelmäßig und mehrmals in der Woche sollte es schon sein.

III.d. Humorvoll statt verbissen reagieren


Kritiken und unangenehme Einträge gilt es auszuhalten bzw. souverän damit umzugehen.
Auf keinen Fall sollten diese gelöscht werden, denn Zensuren sind den Usern suspekt. Statt-
dessen sollte man eher mit Humor darauf reagieren. Denn entscheidend ist die Reaktion,
und nicht der Eintrag (Ausnahmen sind natürlich rassistische und pornografische Einträge).

III.e. Nicht nerven


User können in vielfältiger Weise (unbewusst) nerven. So reicht es oftmals, wenn immer
derselbe Content reingestellt wird, der letztendlich als aufdringlich empfunden wird. Oder es
werden Beiträge in die Pinnwand gestellt, reagiert aber nicht auf Kommentare. Dann die
Spiele, die in der Tat sehr viele User nerven. Man könnte diese User in der Pinnwand ignorie-
ren (also vom Newsfeed entfernen), was man allerdings eigentlich nicht tun möchte, und
was auch nicht der Zweck eines sozialen Netzwerks ist.

IV. Wie ist Facebook (sinnvoll und effizient) zu nutzen?


Wer Facebook sinnvoll nutzen möchte, sollte sich im Vorfeld überlegen, was er erreichen
möchte. Gerade weil mit Facebook sehr vieles Möglich ist. In Facebook steckt sehr viel Po-
tential, das man für sich nutzen kann. So kann ich z.B. auch beruflich auf mich aufmerksam
machen und mir unter Umständen einen Namen machen, indem ich mein Know-how ande-
ren weitergebe, oder von meinen Arbeiten Einblick gebe. Auch wenn ich es privat nutze,
kann ich mich entsprechend profilieren bzw. inszenieren.

Noch vor ca. einem halben Jahr kamen erste Spekulationen, dass irgendwann Stellenangebo-
te auch in Facebook zu finden sind. Dies wurde dann hierzulande gleich als nicht realistisch
abgetan. Vor ca. zwei Monaten konnte man die ersten Stellenangebote sichten. Darunter
auch vom SCM (Stiftung Christliche Medien). Bleibt abzuwarten inwieweit Facebook hier
eine gute Chance für berufliche Wege bietet, auch wenn Facebook jetzt explizit keine Busi-
ness-Plattform ist wie Xing.

Trotzdem kann ich, wenn ich es möchte, meinen potenziellen Arbeitgebern oder auch po-
tenziellen Kunden Einblick in mein Leben geben. Das ist etwas, das mehr über mich aussagt,
als es je ein Lebenslauf für mich tun kann. Und letztendlich können meine Kompetenzen un-
ter Umständen besser erkannt werden. So liegt es an mir, meine Seite entsprechend zu ge-
stalten und entsprechend auf eingehende Beiträge einzugehen.

Für meine Freunde und Bekannte heißt das, dass ich hier auch mehr Einblick in mein Leben
geben kann. Was begeistert mich? Wofür setze ich mich ein? Was ist mir wichtig? Was ärgert
mich? Was gibt es Neues? Alles das können Freunde von mir erfahren, was sie zwar auch
durch das reale Leben erfahren, jedoch nicht in dem Ausmaß. Und sie sind stets up to date.
Das funktioniert allerdings nur, wenn ich das soziale Netzwerk entsprechend nutze. 4/5

Habe ich Freunde und Bekannte, die nicht gerade um die Ecke wohnen, so nehme ich im-
merhin über diese Plattform Anteil am Leben meiner Freunde und umgekehrt. Ist Nach-
wuchs unterwegs, erfahre ich davon, ist es gekommen, werden in der Regel Bilder reinge-
stellt. So nehme ich trotzdem Anteil am Leben von meinen Freunden. Das gleiche gilt für
Urlaub, Veranstaltungen und andere „Events“ in deren Leben – und meinem natürlich.

Wie gesagt, die Frage ist, was möchte ich mit Facebook erreichen? Was will ich davon ha-
ben? Die Nutzung von Facebook ist freiwillig. Wie weit ich Privates von mir preis geben
möchte, liegt an mir. Will ich es nur bestimmten Leuten preis geben, kann ich das entspre-
chend einstellen.

Dass reale Freundschaften darunter leiden sollen, lässt sich nicht bestätigen. Tatsächlich
werden weiterhin reale Freundschaften gepflegt. Teilweise würde ich sogar behaupten, dass
sie intensiviert werden. E-Mails kann ich auch über diese Plattform schreiben, ob jetzt direkt
in Facebook oder von einer externen Webseite aus. Das sogar mit Anhang. Und selbst Face-
book-Kontakte trifft man irgendwann mal bestimmt. Gerade wenn man gleiche Interessen
teilt, und eine entsprechende Veranstaltung stattfinden wird, werden solche Kontakte die
Gelegenheit nutzen sich real zu treffen.
V. Zahlen und Bemerkenswertes zu Facebook
 96 % der Generation Y sind Mitglied in einem sozialen Netzwerk
 Zwei Drittel dieser Nutzer loggen sich täglich mindestens einmal ein
 Im Jahr 2009 nutzen allein in Deutschland 26,4 Millionen aktive Teilnehmer Soziale
Netzwerke
 Social Media Angebote haben Porno als Haupt-Aktivität im Netz abgelöst
 Generation Y und Z bezeichnen E-Mails als Relikt der Vergangenheit, sie kommunizie-
ren via Social Networks (z.B. gibt es in den USA erste Universitäten, die ihren neuen
Studenten keine eigene E-Mail-Adresse mehr anbieten, da diese kaum mehr genutzt
werden)
(Entnommen aus: Holzapfel, Felix / Holzapfel, Klaus: facebook. marketing unter freunden.
Göttingen (BusinessVillage) 2010, 12.)

VI. Fazit
Eine gesunde Kritik ist immer angebracht und notwendig. Jedoch muss mir immer bewusst
sein, dass Umwälzungen auch den Verlust von Altem und Bekanntem bedeutet. Und etwas
gleich als nutzlos oder gar als oberflächig abzutun, wenn man planlos oder eben einfach
drauflos gegangen ist, zeugt nicht von einer kompetenten Beurteilung. Tatsache ist, dass
Facebook sich vielseitig nutzen lässt, und dass man sich hier auch verzetteln kann. Ich per-
sönlich sehe hier gute Möglichkeiten und Chancen für meinen persönlichen Nutzen. Auch
sind meine Freundschaften bzw. Kontakte nicht oberflächiger als sie es im realen Leben auch
wären. 5/5

Dass Facebook quasi ein Monopolunternehmen ist, stimmt mich nachdenklich. Allerdings
hätte ich keine wirkliche Lösung. Sicher, andere Anbieter wären ein Weg. Doch es ist etwas
Schönes sich dort zu versammeln, wo alle meine Freunde und Bekannte eben auch sind. Und
ich möchte eigentlich nicht von Netzwerk zu Netzwerk springen müssen, um ja alle Freund-
schaften und Bekanntschaften gepflegt zu haben.

Peter Varsek
2. Vorsitzender der Christlichen Lebensberatung e.V.
www.christliche-lebensberatung.de // www.christliche-lebensberatung.blogspot.com