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Literatur kompak t Alkoholkrankheit

Genetische Polymorphismen als Biomarker für der Trinkmenge konnte in allen Grup-
pen festgestellt werden.
das Ansprechen auf Naltrexon?
Kommentar
Der Asn40Asp-Polymorphismus im Gen für den μ-Opioidrezeptor eignet In dieser Studie wurde die Bedeutung des
sich nach neueren Untersuchungen doch eher nicht als Biomarker für das Asn40Asp-Polymorphismus für die Behand-
lung der Alkoholabhängigkeit mit Naltre-
Therapieansprechen auf Naltrexon.
xon untersucht. Die Asn40Asp-Variante
konnte als Biomarker für das Therapiean-

A lkoholabhängigkeit zeigt weltweit


eine der größten Krankheitslasten.
Obwohl es einige pharmakologische Be-
Probanden wurden basierend auf der
Anzahl der vorhandenen Asp40-Allel-
kopien im Vergleich zu Teilnehmern mit
sprechen auf Naltrexon nicht bestätigt
werden. Einschränkend sind die kurze Be-
handlungsdauer und die Dosierung von
handlungsmöglichkeiten gibt, sind diese homozygotem Asn40-Allel auf vier Stu- Naltrexon mit 50 mg zu nennen; in früheren
nur bei bestimmten Individuen wirksam dienarme (Asn40/Naltrexon, Asn40/ positiven Studien wurde teils mit 100 mg
und somit nur eingeschränkt einsetzbar. Placebo, Asp40/Naltrexon, Asp40/Pla- Naltrexon behandelt. Zudem führte der
In retrospektiven Analysen von klini- cebo) randomisiert verteilt. überproproportionale Einschluss des
schen Studien konnte bei alkoholabhän- Die Teilnehmer erfüllten die DSM- Asp40-Allels zu einer geringeren Anzahl an
gigen mit Naltrexon behandelten Pro- IV-Kriterien für Alkoholabhängigkeit. Teilnehmern mit homozygoten Asn40 und
banden mit hetero- oder homozygotem Ausschlusskriterien waren eine psycho- der Ausschluss von afroamerikanischen
Asp-Trägerstatus der Asn40Asp-Varian- tische oder manische Symptomatik, die Teilnehmern eventuell zu einer Verzerrung
te des μ-Opioidrezeptors ein signifikant Einnahme von psychotropen Substan- der Ergebnisse. Wesentliche Stärken dieser
geringeres Risiko für einen Rückfall im zen sowie die Abhängigkeit von illega- Studie sind die nur geringe Anzahl an feh-
Vergleich zu Probanden mit homozygo- len Substanzen zum Zeitpunkt der Er- lenden Daten und die methodische Genau-
tem Asn40-Allelen festgestellt werden. hebung. Als primärer Endpunkt wurde igkeit. Die Studie zeigt einmal mehr, dass
Ziel dieser Studie war es, den Zusam- ein schwerer Alkoholrückfall definiert. sich Ergebnisse aus Laboruntersuchungen
menhang zwischen dem Asp40-Allel Bezüglich des primären Endpunktes und retrospektiven Analysen von klinischen
und dem Ansprechen auf eine Behand- zeigte sich keine signifikante Assoziati- Studien in prospektiven klinischen Studien
lung mit dem Opioidantagonisten on zwischen Genotyp und Behandlung. oftmals nicht replizieren lassen. Eine Reeva-
Naltrexon zu untersuchen. In der Asn40-Gruppe war der Effekt bei luation der Methodik von pharmakogene-
Es handelte sich um eine zwölfwöchi- der Behandlung mit Naltrexon ver- tischen Studien und Anwendung von gene-
ge, doppelblinde, randomisierte, klini- gleichbar mit vorherigen Studien. Der tischen Informationen erscheint daher
sche Untersuchung. Die Rekrutierung Effekt in der Asp40-Gruppe erwies sich sinnvoll.
fand zwischen Januar 2009 und Septem- als gering, entgegen der postulierten Polyxeni Bouna-Pyrrou
ber 2013 im ambulanten Setting statt. Es Hypothese, die von einem stärkeren
erfolgte ein überproportionaler Ein- Ansprechen bei Individuen, die mindes- 1. Oslin DW et al. Naltrexone vs placebo for the
treatment of alcohol dependence: a rando-
schluss (Oversampling) von Probanden tens eine Kopie des Asp-Allels trugen, mized clinical trial. JAMA Psychiatry 2015; 72
mit Asp40-Allel. Die verbliebenen 221 ausging. Eine signifikante Reduktion (5): 430 – 7

Entwicklung von Alkoholabhängigkeit verabreicht. Danach wurden stimulie-


rende, belohnende sowie sedierende Ef-
fekte der jeweiligen Getränke mithilfe
Eine Längsschnittstudie unterstreicht die langfristige Bedeutung positiv standardisierter Fragebögen erfasst. Zu-
verstärkender Substanzeffekte bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung sätzlich wurden die Kortisolkonzentra-
problematischen Trinkens. tionen im Speichel als Stressmarker be-
stimmt. Im Intervall zwischen den Test-

I m Rahmen eines randomisierten, dop-


pelblinden, placebokontrollierten Stu-
diendesigns wurden Alkoholeffekte bei
folgte die Einteilung in eine Gruppe mit
gemäßigtem und eine mit ausgeprägtem,
jedoch nicht abhängigem Konsum sowie
phasen wurden die Studienteilnehmer
jährlich interviewt, um das Konsumver-
halten im Verlauf zu erfassen.
Probanden mit ausgeprägtem (n = 86) Binge-drinking-Muster. Letztere Grup- Die jeweiligen Alkoholeffekte waren in
und gemäßigtem Alkoholkonsum pe wurde hinsichtlich des Schweregrades den beiden Gruppen zu beiden Zeit-
(n = 70) jeweils im Abstand von fünf Jah- in drei Verlaufstypen unterteilt. punkten signifikant unterschiedlich
ren vergleichend untersucht [1]. Die kör- Zu beiden Testphasen (Beginn und stark ausgeprägt. Probanden mit hohem
perlich und psychisch gesunden Teilneh- nach fünf Jahren) wurde den Probanden Alkoholkonsum und Binge-drinking-
mer waren zwischen 21 und 35 Jahre alt. sowohl ein alkoholhaltiges Getränk als Verhalten zeigten sowohl bei Studienbe-
Hinsichtlich ihres Trinkverhaltens er- auch ein gering alkoholhaltiges Placebo ginn als auch nach fünf Jahren eine grö-

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ßere Sensibilität gegenüber stimulieren- als negativ verstärkende Effekte. Je stärker für Alkoholabhängigkeit nach DSM noch
den und belohnenden Alkoholeffekten der Konsum desto ausgeprägter scheint die nicht erfüllten. Die Ergebnisse lassen sich
im Vergleich zu Probanden mit gemäßig- stimulierende und belohnende Wirkung somit nicht ohne weiteres auf alkoholab-
tem Alkoholkonsum. Sedierende Effekte des Alkohols zu sein. Dies gilt auch im hängige Patienten übertragen. Dennoch ist
und Kortisolkonzentrationen waren je- langfristigen Verlauf des Konsums und die Studie interessant, da sie zum Verständ-
doch bei den Vieltrinkern vergleichswei- steht im Kontrast zu anderen Hypothesen, nis neuroadaptiver Vorgänge bei der Ent-
se geringer ausgeprägt. Je ausgeprägter die die Bedeutung negativer Verstärkungs- wicklung und Aufrechterhaltung problema-
das problematische Trinkverhalten war, vorgänge in den späteren Stadien sowie in tischen Trinkens als Vorstufe der Alkoholab-
desto deutlicher fielen die Unterschiede der Aufrechterhaltung von Alkoholabhän- hängigkeit beiträgt. Weiterführende Studi-
im Vergleich zur Kontrollgruppe aus. gigkeit hervorheben. en mit längerfristigen Laufzeiten und grö-
Einschränkungen der Studie ergeben sich ßeren Kollektiven sowie die Einbeziehung
Kommentar zum einen durch die experimentellen Rah- alkoholabhängiger Patienten könnten die
Die Studie von King et al. untersuchte erst- menbedingungen, in denen die jeweiligen Daten bestätigen und somit als Grundlage
malig Alkoholeffekte bei Probanden mit Alkoholeffekte untersucht wurden, da sie für präventive und therapeutische Ansätze
problematischen Konsum und Binge-drin- nicht realen Konsumbedingungen entspre- dienen. Dr. med. Christian Weinland
king-Verhalten im Abstand von fünf Jahren chen. Zudem ist ein Untersuchungszeit-
und verglich sie mit einem gering konsu- raum von fünf Jahren möglicherweise zu
mierenden Kontrollkollektiv. Die Ergebnisse kurz, um langfristige Veränderungen subs- 1. King AC et al. A prospective 5-year re-
zeigen, dass positiv verstärkende Mechanis- tanzvermittelter Effekte zu erfassen. Die examination of alcohol response in heavy
drinkers progressing in alcohol use disorder.
men der Alkoholwirkung beim problemati- Untersuchungen wurden an Probanden Biol Psychiatry 2015 May 14; pii: S0006-
schen Konsum eine größere Rolle spielen durchgeführt, welche die Diagnosekriterien 223(15) 00404–7 [Epub ahead of print]

Cognitive Bias Modification Training beeinflusst neuronale Cue Reactivity


bei Alkoholabhängigkeit
Ein Annäherungs-/Vermeidungstraining zur Veränderung kognitiver
Verzerrung reduziert in einer doppelblinden randomisierten Studie bei
alkoholabhängigen Patienten mesolimbische Überaktivität.

O bwohl sich alkoholabhängige Pati-


enten der negativen Konsequenzen
ihres Verhaltens bewusst sind, leiden
einflusst, war bisher nicht bekannt und
daher Fokus dieser doppelblinden ran-
domisierten Studie [1].
viele unter einem chronischen Verlauf. Alkoholabhängige Patienten mit ei-
Man geht davon aus, dass konditionier- ner Abstinenz von länger als vier Mo-
© donfiore / Fotolia.com

tes Verhalten mit selektiver Aufmerk- naten wurden in einer Interventions-


samkeitsfokussierung und automatisier- gruppe (n = 15) oder unter Kontrollbe-
ten Reaktionen hierbei eine Rolle spielt. dingungen (n = 17) mit je sechs Cogni-
Alkoholabhängige Patienten zeigen bei- tive Bias Modification Sitzungen über
spielsweise eine beschleunigte Annähe- drei Wochen behandelt. In der Inter-
rung an und eine verlangsamte Ableh- ventionsgruppe drückten die Patienten
Das Cognitive Bias Modification Training
nung von Schlüsselreizen in Form von 90 %, in der Kontrollbedingung nur erreicht, dass alkoholabhängige Patien-
Alkohol darstellenden Bildern. Studien 50 % der Bilder mit alkoholischen Ge- ten auf Schlüsselreize wie Fotos von alko-
deuten an, dass Strategien zur Redukti- tränke weg. Die durch die Stimuli aus- holischen Getränken weniger stark mit
on dieser kognitiven Verzerrung (Cog- gelöste mesolimbische Aktivierung neuronaler Aktivierung reagieren.
nitive Bias) das Verlangen nach Alkohol wurde mittels funktioneller Kernspin-
und Rückfallraten reduzieren können. tomografie vor und nach der Interven-
Neuroanatomisch aktiviert das Be- tion erfasst. dification Training reduzierte das Alko-
trachten von Bildern mit Alkoholsti- Vor der Intervention aktivierten Alko- holverlangen. In der Kontrollbedingung
muli bei alkoholabhängigen Patienten holstimuli in der Gesamtgruppe beide gab es keinen solchen Effekt. Im Ver-
das mesolimbische System. Inwieweit Amygdalae. Diese Effekte korrelierten gleich zur Kontrollgruppe kam es in der
Cognitive Bias Modification durch ein mit dem Alkoholverlangen und der sub- Interventionsgruppe zu einer stärkeren
Annäherungs-/Vermeidungstraining jektiven Stimulation durch Bilder alko- Reduktion der Aktivierbarkeit der
die mesolimbische Aktivierbarkeit be- holischer Getränke. Cognitive Bias Mo- Amygdalae. Die Abnahme der Aktivität

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