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geleitet werden müssen. Verdeutlicht wird


dies mit den Prinzipskizzen in Abb. 2, in der
Stahlstützen und typische Anschlüsse an
PLANUNG

Stahlbetonfundamente sowie die entspre-


chenden Bodenpressungen in der Funda-
mentsohle dargestellt sind.
Zur Bestimmung der erforderlichen Ein-
spanntiefe sowie zum Nachweis der Tragsi-
cherheit des Stützenprofils im Einspannbe-
reich wird in [1] von Kindmann/Stracke ein
Lastabtragungsmodell vorgestellt, das von
Kindmann/Laumann in [2] aufgegriffen, wei-
terentwickelt und bezüglich der zweiachsi-
gen Biegung erweitert worden ist. Unter Be-
rücksichtigung ergänzender Erkenntnisse
von Wöllhardt [3] ist es damit möglich, Stahl-
stützen aus den in Abb. 3 dargestellten Profi-
len und den in Abb. 4 angegebenen Schnitt-
größen zu bemessen.

Modelle zur Übertragung von


Biegemomenten
Stellt man einen Stab in den Köcher eines
Fundamentes und setzt ihn wie in Abb. 5a
dargestellt oben und unten fest, entsteht
durch die Belastung H an der Einspannstelle
ein Biegemoment, das durch ein horizontales
Kräftepaar Do und Du abgetragen wird.
Ausgehend von diesem Beispiel wird in
den Abb. 5b bis d die Biegung eines I-Profils
Abb. 1: Stahlstütze in Betonfundament. Foto: J. Wienke
um die starke Achse betrachtet. Das Biege-
moment am Stützenfuß kann durch verschie-
Neue Bemessungsmodelle dene Lastabtragungsmechanismen in Beton-
fundamente eingeleitet werden. Unter Be-
rücksichtigung der Profilhöhe wird das Biege-
Einspanntiefen von moment M vom Stützenprofil hauptsächlich
durch Gurtkräfte NG übertragen. Wie in Abb.

Stahlstützen 5b dargestellt können diese, sofern die Gurt-


kräfte nicht allzu groß sind, durch vertikale
Kräfte ND und NZ in das Fundament eingelei-
tet werden. Dabei dürfen die zulässigen Be-
Zur Realisierung biegesteifer Fußpunkte tützen sind dadurch charakterisiert, dass tonpressungen nicht überschritten werden.
von Stahlstützen werden diese häufig in
Betonfundamente eingespannt (Abb. 1).
S sie überwiegend durch Drucknormal-
kräfte beansprucht werden. Sie dienen in
Darüber hinaus ist der Ausbruch der Stütze
aus dem Beton infolge der Kräfte NZ ggf.
Die Stützen werden dabei in köcherarti- erster Linie dazu, die Druckkräfte in den durch eine Rückverankerung zu verhindern.
ge Ausnehmungen der Fundamente ge- Baugrund abzuleiten. Häufig treten jedoch In Abb. 5c wird der Lösungsansatz gemäß
steckt. Nach dem Ausrichten der Stützen zusätzlich große Biegemomente und Quer- Abb. 5a nochmals aufgegriffen (horizontales
werden die Ausnehmungen i.d.R. mit Be- kräfte auf, die in die Betonfundamente ein- Kräftepaar) und es werden zusätzlich Rei-
ton vergossen und verdichtet. Bei dieser
Konstruktionsart müssen die erforder-
liche Einspanntiefe festgelegt und ein Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing.
Betonversagen ausgeschlossen werden. Rolf Kindmann Matthias Kraus
Studium Bauingenieurwesen, Studium Bauingenieurwesen
Darüber hinaus muss die Tragfähigkeit Promotion 1981; danach in an der Technischen Univer-
der Stahlstützen im Bereich der Beton- versch. Funktionen bei Thys- sität Darmstadt; seit 2001
fundamente nachgewiesen werden. Zu sen Engineering; seit 1990 wissenschaftlicher Mitarbei-
diesem Zweck sind in aktuellen Untersu- Ordinarius des Lehrstuhls für ter am Lehrstuhl für Stahl-
chungen das Tragverhalten von Stahl- Stahl- und Verbundbau der und Verbundbau der Ruhr-
Ruhr-Universität Bochum; Prüfingenieur für Bau- Universität Bochum; 2005 Promotion; ab 2005
stützen im Fundamentbereich analysiert statik; staatlich anerkannter SV für Prüfung der Oberingenieur; an zahlreichen Projekten und Ent-
und konsistente Lastabtragungsmodelle Standsicherheit, FR Massiv- u. Metallbau; Gesell- wicklungen beteiligt.
entwickelt worden, die geringe Ein- schafter der Ingenieursozietät Schürmann-Kind-
spanntiefen zulassen und zu wirtschaftli- mann und Partner, Dortmund.
chen Konstruktionen führen.

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bungskräfte angesetzt. Diese wirken in ent- Abb. 2: Stahlstützen
gegengesetzter Richtung zu den Gurtkräften mit Stahlbetonfunda-
menten [2].
NG, so dass sie unter Berücksichtigung der

PLANUNG
Profilhöhe einen Teil des Biegemoments auf-
nehmen können.
Aufgrund von Haftung des Profils entste-
hen an den Gurtwandungen Verbundspan-
nungen und damit eine weitere Möglichkeit
zur Einleitung von Biegemomenten, s. Abb.
5d. Wegen des Hebelarms und ihrer Richtung
sind die Verbundspannungen in der Lage, zu-
mindest kleinere Biegemomente oder Mo-
mentenanteile zu übernehmen.
Abb. 3: Querschnitte
der Stahlstützen.
Lastabtragungsmodell
für eingespannte Stahlstützen
Die Schnittgrößen an der Einspannstelle der
Stahlstütze müssen im Einspannbereich ab-
getragen und durch Betonpressungen in die
Betonfundamente eingeleitet werden. Zur
Klärung des Tragverhaltens im Einspannbe-

Abb. 4: Schnittgrößen an der Einspannstelle. Abb. 5: Einleitung von Biegemomenten aus Stahlstützen in Betonfundamente nach [2].

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PLANUNG 07-08 I 07

Abb. 6: Vergleichsspannungen im IPE 300. Abb. 7: Ansatz der Betonpressungen im Lastabtragungsmodell für I-Quer-
schnitte.

reich sind zahlreiche Berechnungen mit der


Methode der finiten Elemente (FEM) durch-
geführt worden. Abbildung 6 zeigt beispiel-
haft die Vergleichsspannungsverteilung für
ein Stahlprofil IPE 300 im Grenzzustand der
Tragfähigkeit. Im Bereich der Einspannstelle
ist die Stütze aufgrund der Biegebeanspru-
chung My weitgehend durchplastiziert. Im
Fundamentbereich ist eine hohe Bean-
spruchung des Steges erkennbar, die sich in-
folge der Querkraft Vz ergibt. Hier wird die
vollplastische Querkraft des Querschnitts er-
reicht.
Erkenntnisse über das Tragverhalten, die
mit den FE-Berechnungen gewonnen werden
konnten, sind in die Entwicklung durchgän- Abb. 8: Schnittgrößenverläufe und Querschnittsausnutzung Sd/Rd im Fundamentbereich für ein Bei-
spiel.
gig konsistenter Bemessungsmodelle einge-
flossen. Zur Einleitung des Biegemoments
werden bei den Modellen ein horizontales
Kräftepaar, Reibungskräfte und Verbund- nahme für diese Pressungen enthalten die Die entsprechenden mittragenden Gurtberei-
spannungen angesetzt, vgl. Abb. 5c und d. Lastabtragungsmodelle Spannungsverteilun- che werden unter der Annahme konstanter
Verbundspannungen werden nur dort ange- gen, die dem Parabel-Rechteck-Diagramm in Betonspannungen Xc in Querrichtung des
nommen, wo keine Reibungskräfte wirken. der Biegedruckzone des Betons entsprechen Trägers bestimmt.
Vertikale Kräfte wie in Abb. 5b werden ver- (Bruchzustand, s. DIN 1045-1). In Abb. 7 Mit dem Beispiel in Abb. 8 wird die Einlei-
nachlässigt, weil sie nur bei Stützen mit gro- sind die Betonpressungen für das Modell tung der Schnittgrößen in das Betonfunda-
ßer Profilhöhe einen nennenswerten Beitrag „I-Profil mit Biegung um die y-Achse (starke ment verdeutlicht. Die Lastabtragungsmo-
leisten können. Die in Abb. 5c dargestellten Achse)“ dargestellt. Aufgrund der begrenzten delle gewährleisten, dass das Biegemoment
horizontalen Einzellasten sind resultierende Biegetragfähigkeit der Gurte werden sie an der Einspannstelle bis zum unteren Ende
Kräfte infolge der Betonpressungen. Als An- nicht über die gesamte Gurtbreite angesetzt. der Stahlstütze vollständig in das Funda-

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ment eingeleitet wird und am Stützen- Einspanntiefen
fuß Vz und My gleich Null sind. Die dar- Zur Beurteilung der Tragfähigkeit der
gestellte Linie Sd/Rd zeigt die Ausnut- eingespannten Stützen in Betonfunda-
zung der Querschnittstragfähigkeit für menten werden folgende Fälle unter-

<
das gewählte Beispiel (1 = 100 %). schieden:
Für die Übertragung der Drucknor-
malkraft wird davon ausgegangen, dass ƒ Betonversagen
die Kraft im Bereich des Fundaments Die maximalen Betonpressungen
vollständig bis zum Stützenfuß durch- werden auf die Grenzpressung grenz
geleitet wird, s. Abb. 8. Verbundspan- Xc begrenzt und mit Hilfe der Bedin-
nungen an den Gurtwandungen leisten gung für die Einspanntiefe f v ao + au
keinen Beitrag bei der Einleitung der ein Betonversagen ausgeschlossen, s.
Normalkraft in das Fundament. Die Abb. 7.
Übertragung der Druckkraft vom Stüt-
zenfuß in das Fundament wird von den ƒ Versagen der Stahlstütze
Lastabtragungsmodellen nicht weiter Die Schnittgrößen müssen von der
verfolgt, entsprechende Nachweise Stahlstütze an der Einspannstelle
werden in Abschn. 3.12 von [1] aus- und im gesamten Einspannbereich
führlich behandelt. aufgenommen werden. Die Nach-
weise werden auf Grundlage der Pla-

Abb. 9: Bezoge-
ne Einspanntie-
fen f/h für
I-Querschnitte
und einachsige
Biegung.

Abb. 10: Bezo-


gene Einspann-
tiefen f/h für I-
Querschnitte
und zweiachsi-
ge Biegung.

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stizitätstheorie nach [4] mit dem Teil-
schnittgrößenverfahren (TSV) geführt, s.
auch Sd/Rd in Abb. 8.
PLANUNG

Zur Einleitung der Schnittgrößen in das


Fundament sind gewisse Einspanntiefen er-
forderlich. Für in Beton eingespannte I-Profi-
le werden in baupraktischen Anwendungs-
fällen häufig die Stahlsorte S235 und die Be-
tonfestigkeitsklasse B 25 bzw. C25/30 ver-
wendet. Für diese Werkstoffe werden in
Abb. 9 die sich mit dem Bemessungsmodell
ergebenden und auf die Profilhöhe h bezoge-
nen Einspanntiefen f/h für I-Profile darge-
stellt, wobei die Schnittgrößen an der Ein-
spannstelle mit

My,E = Mpl,y,d,

Vz,E = 0,33 Vpl,z,d und

NE = 0,1 Npl,d

berücksichtigt werden. Darüber hinaus wer-


den die Reibung mit Rd = 0,333 sowie Ver-
bundspannungen von Yvb,d = 0,03 kN/cm2 be-
rücksichtigt. Für kleinere Biegemomente als
Mpl,y,d ist eine Reduzierung der Einspanntiefe
möglich.
Für die zweiachsige Biegung von I-Profilen
werden entsprechende bezogene Einspann-
tiefen in Abb. 10 dargestellt. Im Unterschied Abb. 11: Bezogene Einspanntiefen f/h für quadratische und rechteckige Hohlprofile mit einachsiger
zu Abb. 9 werden hier die Schnittgrößen Biegung.

My,E = 0,7 Mpl,y,d, NE = 0,1 Npl,d Literatur


[1] Kindmann, R., Stracke, M.: Verbindungen im
Vz,E = 0,33 Vpl,z,d, angenommen. Im Übrigen gelten die vorge- Stahl- und Verbundbau. Verlag Ernst & Sohn,
Berlin 2003.
nannten Bemessungsparamter bzgl. Beton, [2] Kindmann, R., Laumann, J.: Erforderliche
Mz,E = 0,5 Mpl,z,d, Reibung und Verbundspannungen. Einspanntiefe von Stahlstützen in Betonfun-
Die hier angesprochenen Bemessungsmo- damenten. Stahlbau 74 (2005), Heft 8, S. 564-
579.
Vy,E = 0,05 Vpl,y,d und delle nach [2] und [3] lassen geringere Ein- [3] Wöllhardt, A.: Tragverhalten von Hohlprofilen
spanntiefen zu, als das bisher bei der Ver- im Einspannbereich von Betonfundamenten.
NE = 0,1 Npl,d berücksichtigt. wendung anderer Modelle der Fall gewesen Unveröffentlichtes Manuskript, Lehrstuhl für
Stahl- und Verbundbau, Ruhr-Universität Bo-
ist. Verglichen wurden die Berechnungser- chum 2007.
In Abb. 11 werden bezogenen Einspann- gebnisse der Bemessungsmodelle mit experi- [4] Kindmann, R., Frickel, J.: Elastische und plas-
tiefen für quadratische und rechteckige Hohl- mentellen Untersuchungen von Petersen [5] tische Querschnittstragfähigkeit; Grundlagen,
Methoden, Berechnungsverfahren, Beispiele.
profile angegeben. Da Hohlprofile häufig in und Mang/Koch/Stiglat/Seiler [6]. Es konnte Verlag Ernst & Sohn, Berlin 2002.
der Stahlgüte S355 zur Anwendung kom- eine gute Übereinstimmung festgestellt wer- [5] Petersen, C.: Stahlbau. Verlag Vieweg & Sohn,
men, wird dies, im Unterschied zu den Abb. den. Damit stehen Bemessungsmodelle zur Wiesbaden 1993.
[6] Mang, F., Koch, E., Stiglat, K., Seiler, J.: In Be-
9 und 10, berücksichtigt. Die Schnittgrößen Verfügung, die zu deutlich wirtschaftlicheren tonfundamente eingespannte Stahlstützen
an der Einspannstelle werden zu Konstruktionen führen als bisherige Modelle, aus I-Profilen. Stahlbau 71 (2002), Heft 9, S.
wobei die Entwicklungen noch nicht abge- 653-660.
My,E = Mpl,y,d, schlossen sind und derzeit weitergeführt
werden. Dies gilt insbesondere bezüglich der
Vz,E = 0,1 Vpl,z,d und Hohlprofile.

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