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Die Geburt der neuen Naturwissenschaft im Mittelalter: Gedanken beim Lesen eines Buches
Author(s): P. Hoenen
Source: Gregorianum, Vol. 28, No. 1 (1947), pp. 164-172
Published by: GBPress- Gregorian Biblical Press
Stable URL: http://www.jstor.org/stable/23569643
Accessed: 27-06-2016 06:00 UTC

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Die Geburt der neuen Naturwissenschaft
im Mittelalter
Gedanken beim Lesen eines Buche?1

Unter dem Sammelnamen An der Grenze von Scholastik und


Naturwissenschaft verôffentlicht die durch ihre historischen Un
tersuchungen bereits bekannte Verfasserin, Frl. Anneliese Maier,
drei breit veranlagten Studien zur Naturphilosophie des 14. Jahr
hunderts. Die erste handelt iiber die Struktur der materiellen Sub
stanz, d. h. iiber die Frage der scholastischen Mixta und deren
Aufbau aus den Elementen ; die zweite iiber das Problem der Gra
vitation, die dritte liber die « Mathematik der Formlatitudinen ».
Die zwei lezten Studien sind Zugaben zu friiheren Arbeiten der
Verfasserin: Das Problem der intensiven Grossen (1939) und Die
Impetustheorie der Scholastik (1940). Diese Untersuchungen be
niitzen eine imposante Reihe von meistens handschriftlichen Ouel
len; sie geben ein beredtes Zeugnis von Fleiss und Scharfsinn.
Die historischen Ergebnisse der ersten Studie bestàtigen im
Grossen und Ganzen die allgemein schon angenommene Ansicht ;
es gibt drci Antvvorten auf die Frage « quomodo elementa (oder
die substantialen Formen der Elemente) maneant in mixtis » ; man
kann sie kennzeichnen mit den Namen Avicenna, Averroes, und
Thomas v. Aquin; und die am meisten verbreitete, in verschiede
nen Schulen, ist die thomistische. Das wird durch die neuen Un
tersuchungen bestatigt ; sie bringen aber auch eine Reihe von neuen
Einzelheiten, und decken mit Scharfsinn noch verschiedene Nuan
cen in den Lehrmeinungen auf.
Die Verfasserin iibt auch metaphysische Rritik in diesen Fra
gen, ist aber in dieser Hinsicht nicht so gliicklich. Wir geben einen
raschen Ueberblick. Schon am Anfang erfahren wir (S. 16) : « Das
Lehrscuck von der substantiaien Form ist ja iiberhaupt eine Zutat,

1 Anneliese Maier. An der Gretize von Sckolastik vsnd Naturmssen


schaft- Studien zur Naturphilosophie des 14. Jahrhunderts. Verôfïentlichun
gen dès Kaiser-Wilhelms-Institut fiir Kulturwissenschaft im Palazzo Zuc
cari Rom, Essen 1943.

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DIE GEBURT DER NEUEN NATURWISSENSCHAFT IN MITTELALTER 165

die die Scholastik zum Aristotelismus hinzugefiigt hat, und die,


mindestens in der ausgeprâgten und beherrschenden Form, in der
de sich in der Metaphysik der Scholastik findet, bei Aristoteles
nicht anzutreffen ist ». Dies wird uns, ohne Belege, gesagt, es wird
aber aile Aristoteliker, und nicht nur diese, wundern. Und am Ende
heisst es (S. 137) : « Die Scholastik hat das Problçpi nicht gelost,
weil es fur si.e nicht lôsbar war. Der Gedanke eînes Aufbaus der
physischen Weltaus den Elementen ist, von welcher Seite er auch
in Angriff genommen wurde, nicht vereinbar mit fundamentalen
Prinzipien der scholastischen Metaphysik ».
Diese kategorische Verurteilung, die im Laufe der Auseinan
dersetzung mit den verschieden nuanzierten Losungen der Scho
lastiker vorbereitet wurde, scheint uns jedoch zu beruhen auf ei
nen Missverstàndnisse der Metaphysik der Veranderlichkeit, der
aristotelischen sowie der scholastischen, die, jedenfalls beim Hl.
Thomas eine reine Entwicklung der aristotelischen Prinzipien war.
Wir môchten die Aufmerksamkeit der Verfasserin auf einige fun
damentalen Punkte lenken die sie ubersehen zu haben scheint, je
denfalls nicht mit einem Wort beriihrt. Da ist etstens die -Grund
bedeutung der aristotelischen Théorie, der Metaphysik der inneren
Veranderlichkeit: sie ist eine Lôsung des beriihmten Dilemma des
Parmenides ; eine bessere Antwort als der Atomismus es war, der
dasselbe Dilemma zu lôsen versuchte ; was den Scholastikern be
kannt war. Diese Bedeutung der Théorie von Potènz und Akt,
Materie und Form, darf man nie aus dem Auge verlieren. Sodann
hat Aristoteles sehr scharfe und tiefschiirfende Theoreme tiber die
Eigenart dieser Formen, auch der substantialen ; sie « sind und sind
nicht, ohne zu entstehen und zu vergehen » ; und dies gilt von den
individuellen, konkreten Formen ; als Formen fordern sie keine
Wirkursache, oder nur eine « kata symbebekos ». Und diese Theo
reme sind wesentlich, in der Théorie von Materie und Form, in der
Metaphysik der Veranderlichkeit, in der Théorie von Elementen
und Mixta ; mit diesen steht und fàllt diese Metaphysik, was Aristo
teles beweist. Aber sie scheinen uns auch zu den schônsten Errun
genschaften des menschlichen Geistes zu gehôren. Doch scheint mir
die Verfasserin diese rein aristotelischen Ergebnisse zu vernachlàs
sigen (ζ. B. S. 18 und oftërs).
Damit hiingt zusammen ein Prinzip, das der Hl. Thomas ofters
anwendet: je grosser der kausale Einfluss der Materialursache ist,.
umso weniger ist der Wirkursache zuzuschreiben, und umgekehrt.
Und in unserem Problem sind die Elemente und ihre verânderte

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« Disposition » eine Materiaiursache fiirs Mixtum, und umgekehrt


bei der Corruption desselben. Wenn also gesagt wird, dass in dieser
Théorie der KousalsusatnmenJiang wegfâllt (u. a. S. 108), so ist
dies ungenau.
Die Geschichte dieser aristotelischen Theoreme ist eine sehr
eigenartige gewesen ; wir haben dafiir Material gesammelt und her
ausgegeben in einer Nummer der Sammlung Textus et Documenta
(Sériés Philosophica n. 2, 1932). Daraus geht hervor, dass der
Hl. Thomas als erster (vielleicht mit Ausnahme des Alexander von
Aphrodisias) Aristoteles ' Théorie vôllig verstanden hat ; darum
ist es nicht zu wundern, dasz er auch im Problem der Mixta die
richtige Losung gefunden hat ; den diese Theoreme sind da aus
schlaggebend. Daraus geht auch hervor, dasz die sicherlich fehler
hafte Auffassung der hellenistischen Kommentatoren (wir haben
sie nachher die Substantification der materiellen Formen genannt)
nach dem Mittelalter wieder auftaucht ; sie wurde die Hauptursache
des Kampfes gegen die aristoteiische Naturbetrachtung im 17.
Jahrhundert ; und dieselbe Auffassung findet man wieder in unse
rer Zeit ; es scheint, dass auch die Verfasserin, von dieser Auffas
sung geleitet, zu ihrem Verdikt gekommen ist.
Wir haben ferner diese aristoteiische Metaphysik der innerli
chen Verànderlichkeit, unter Hinzunahme der modernen physischen
und chemischen Tatsachen und Theorien, untersucht und ausgear
beitet, auch fur den Fall der Mixta, und sie scheint diese Probe
vollstandig zu bestehen Die Ergebnisse dieser Untersuchungen
haben wir beschrieben in zwei Werken, einem lateinischen (Cosmo
logia 2" Aufl. 1936, 3e 1945) und einem hollàndischen (Philosophie
der anorganischc notuur, Ρ Aufl. 1938, 3e 1947) ; diese scheinen
dem Spiirsinne der Verfasserin entgangen zu sein ; vielleicht wird
sie hier die Losung ihrer Schwierigkeiten finden.
Es ist klar, dasz, bei der Betrachtung des modernen Materials,
auch die Atomthéorie zur Sprache kommt (daneben natûrlich
auch die Ursàchlichkeit des « Feldes »: das schliesst in philosophi
scher Betrachtung, das Substrat des Feldes, den Aether, ein). Auch
hier konnten wir scholastisches Gedankengut weiter ausarbeiten,
nicht einen demokritischen Atomismus, sondera die Lehre der Mi
nima naturalia. Bei Aristoteles im Keime, aber bestimmt, anwesend,
wurde diese Lehre von Simplicius und, in gleicher Weise vom hl.
Thomas ausgearbeitet. Im spâteren Mittelalter, speziell von spate
ren Averroisten, wurde diese Lehre auch bei der Erklàrung vom
Entstehen der Mixta zur Hilfe gerufen; (hier musstzen wir eine,

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DIE GEBURT DER NEUEN NATURWISSENSCHAFT IN MITTELALTER 107

in historischer sowie systematischer Hinsicht irrtumliche, Deutung


Duhems abweisen). Wir konnten zeigen, dasz die Théorie Daltons,
der Anfang der wissenschaftlichen Atomtheorie, in systematischem
Sinne, nicht demokritische Atome éinfiihrte, sondern aristotelische
Minima; aber auch hier ist ein historischer Einfluss nicht abzu
weisen. Prof. A. van Melsen in Holland {H et wijsgeerig verleden
der atoomtheorie,· Amsterdam 1941) hat den Nachwëïs gebracht,
dass das spàtaverroistische Gedankengut der aristotelischen Minima
iibernommen ist von Forschern, die bisher als Vertreter der Ato
/

mistik galten, dass diese nachweislich Einfluss gehabt haben auf


Robert Boyle, dessen Gedanken von Dalton ausgearbeitet wurden.
So scheint das Problem der Mixta in der Scholastik doch lôsbar
zu sein, wenn man die Prinzipien der scholastischen Metaphysik
mit modernen Mitteln spezifiziert ; gerade diese Idee der Spezifi
cation scheint uns sehr wichtig zu sein. Wir haben die Lôsung zu
sammengefasst in dem einen Schlagwort: das virtuelle Atom.
In der geschichtlichen Entwicklung der spâteren mittelalterli
chen Scholastik s:nd einige Umstânde noch nicht gentigend geklârt ;
in allererster Stelle : das Schicksal der genauen thomistischen
Formenlehre, die jedenfalls zu Anfang des neuen Zeitalters von
den Neuerern allgemein nicht mehr verstanden wurde; (bei Suarez
ist sie noch sehr rein). Sodann kann die Rolle der Verteilung in
Minima, bei der Entstehung der Mixta noch weiter erforscht wer
den. Hier musz nicht im Pariser Kreise gesucht werden ; wohl auch
nicht bei den Skotisten; hier konnte Verfasserin, mit ihren ausge
zeichneten Kenntnisse der einschlâgigen Literatur, wohl mehr Licht
bringen ; was vor allem im ersten Problem sehr wiinschenswert sein
mochte.
Der zweite Teil handelt uber das Problem der Gravitation, die
Eallgesetze, die Fallbeschleunigung, den freien Fall im Vakuuiti.
Die groszen Schwierigkeiten, womit das Problem belastet ist, schori
bei Aristoteles, sind bekannt; sie werden hier in Einzelheiten be
sprochen. Auf diese Einzelheiten werden wir nicht eingehen ; die
meisten haben nur historisches Interesse, weil die aristotelische Dy
namik im Grossen und Ganzen verfehlt war. Einiges hat jedoch
auch jetzt noch systematisches, und sogar bedeutendes, Gewicht.
Denn die Impetustheorie des Buridanus lâsst sich verbesseren; und
dann kommt man zu dem uberraschenden Ergebnis, dasz die ein
sigc direktc Bewegungsursache (nicht natiirlich Kraft im techmsch
physikalischen Smne) der Impetus ist ; die eigentlichen « Krâfte »
(Ursachen von Beschleunigung) sind keine direkte Bewegungsur

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sachen, sondern bewirken direkt eine Aendcrung des Impetus. Dann


und nur dann wird das Trâgheitsprinzip der newtonschen Mecha
nik, (das ubrigens schon dem Sinne nach nicht so einfach ist),
verstândlich. Das verursacht keine Aenderung in den Formeln der
ldassischen Mechanik, wohl aber in deren Verstândnis ; vvie es viel
fach, oder sogar gewohnlich aufgefaszt wird, enthâlt es eine Absur
ditât, in zweifacher Hinsicht. (Siehe Philosophie der anorganischen
natuur S. 168-179, 230-231 ; Cosmologia ed. 3 S. 479-488).
Einen zweiten Punkt môchten wir hervorheben. In dem Pro
blemekreis von « Gegeiiwart und Abstand und Bewegungsmoglich
keit » treffen wir eine, auf Aristoteles fussende, scholastische
Lehrmeinung an, die aile diese Beziehungen aus einem Urgegebe
nen, dem unmittelbaren Kontakt, hervorgëhen liiszt; eine Auffas
sung die sogar von Einstein vertreten wird. In dieser Vorausset
zung ist, im absoluten Vakuum, Abstand und Bewegung unmôglich,
sogar dem Sinne nach. Diese These wurde von Duhem im Vorti
bergehen gestreift ; bei der Verfasserin treffen wir sie nicht an,
obwohl sie gerade im Pariser Kreise verteidigt wurde (siehe die
Dissertation des Dr. F. Dalla Zuanna Doctrina de s patio in schola
nominalistico Parisiensi saec. XIV Rom 1936). Diese These kann
wichtig sein fiir das Verstândnis von Buridan und seiner Schiller.
Jedenfalls ist sie sehr wichtig fiir eine moderne Naturphilosophie ;
was wir anderswo ausgearbeitet haben.
Der dritte Teil ist der « Mathematik der Formlatitudinen » ge
widmet. Diese Mathematik hat zwei Formen, die aus Oxford stam
menden Calculationes, und die mehr geometrische der Latitudines
Fôrmarum von Nicolaus Oresme; der Calculator ist wohl Richard
Swineshead oder Suisset. Den reichen Inhalt dieser Kapitel, die
auch die Geschichte dieser Methoden in der. Folgezeit beschrei
ben, konnen wir hier nicht im Einzelnen besprechen, wir beschrân
ken uns auf einige Bemerkungen.
Aus den Calculationes hat sich (so lesen wir S. 264 ff.) eine
ganze Literatur von « physikalischen Sophismata » entwickelt, die
noch manche Schâtze enthalten môchte; speziell was die Geschichte
der Antinomien vom Kontinuum anbelangt. Dann sagt die Verfas
serin : « Man pflegt im allgemeinen in der Geschichte des Antino
mienproblems zwischen der antiken und der neuzeitlichen Philoso
phie, d. h. zwischen Zeno und Kant, einfach eine grosze Lucke
anzunehmen ». Im allgemeinen ist dies sehr wahr (und nicht nur
in diesem Problem) ; aber diese Lucke ist doch zum Teile ausge
fiillt; E. Cassircr hat die erkcnntnistheoretische Seite dieser Fra

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DIE GEBURT DER NEUEN NATURWISSENSCHAFT IN MITTELALTER IÔÇ

gen untersucht fiir die Zeit zwischen Bayle und Kant. Und
Bayle fusst noch ganz auf scholastischen Boden ; er beschreibt so
gar, skeptisch natiirlich und witzig, scholastiscbe Disputationen
iiber diese Problème, aber nur um zu seinen eigenen skeptischen
Folgerungen zu kommen. Auch Leibniz, wenn das Kontinuum zur
Sprache kommt, nennt es gewôhnlich ein Labyrinth, was ein Worl:
is, das aus scholastischem Kreise stammt. Mit den Antinomien
steht «in natùrlicher Verkniipfung das Problem des Infinitesima
len ». Die Sammlungen der physikalischen Sophismata sollen « eine
fast erschôpfende, in ihrer Erkenntnisfulle oft ùberraschende Be
handlung der Antinomien geben ». Wir mochten hier fragen : kom
men hier (und in den « logiscehn Sophismata ») auch nicht die
Problème zur Sprache, die heute in der Mengenlehre auftauchen,
und die ihre Lôsung noch bei weitem nicht gefunden haben? Die
aristotelischen Begriffe von Potenz und Akt miissen hier ohne
Zweifel eingefuhrt werden ; es wiirde intéressant sein, wenn das
Mittelalter auch hier in dieser modernen Problematik das ihrige
z.u sagen hâtte.
Die Méthode von Oresme wird weitgehend analysiert. Durch
gehends in polemischer Haltung gegen Duhem ; vielleicht ein wenig
zu viel in dieser Haltung. Dasz Duhem korrigiert werden muss,
werden wir nicht leugnen ; wir hàben selbst gegen Duhem Beden
ken erhoben, und u. E. schwerwiegendcre Bedenken ; so gegen seine
Geschichte der Impetustheorie. seine Darstellung und Wiirdigung
der Minimalehre; so auch in der Frage der intensio und remissio
qualitatum und deren Messung, hier scheinen uns sogar seine, histo
rischen Betrachtungen in Konflikt zu geraten mit den systematischen
seiner Théorie physique; auch in diesem Bûche selbst scheint nicht
ailes zu stimmen. Die Verfasserin erhebt also Einspruch gegen Du
hems Auffassung der Méthode Oresmes. Nicht wie friiher Wie
leitner, der Duhem die Meinung zuschrieb, dass Oresme die ana
lytische Geometrie im strengen Sinn gefunden hatte; sondern Du
hem hatte nur sagen wolîen, dasz Oresme « den Grundgedanken
der analytischen Geometrie vorweggenommen habe ». Aber auch
dies trifft nach der Verfasserin nicht zu. Wir glauben wohl, dasz
sie im Grossen und Ganzen Recht hat, aber doch betrachten wir
ihre Haltung (besonders S. 298-300) als zu negativ gegeniiber
Oresme, der iibrigens auch fur sie « der zweifellos genialste Natur
philosoph des 14. Jahrhunderts » ist. Wir mochten den Einflusz der
Oresme ' schen mathematischen Méthode auf das Entstehen der
analytischen Geometrie, den die Verfasserin nicht leugnet, doch ein

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wenig hôher veranschlagen als dies geschieht im Schlussatze des


Bûches : « Und doch haben wir aiien Grund anzunehmen, dass die
Oresme ' schen Lehre, gerade in dieser bescheidenen Gestalt, mit
zu einem Keim geworden ist, aus dem eineder wichtigsten und fun
damentalsten Methoden der modernen Physik herausgewachsen ist :
die analytische Geometrie ».
Oresme hat nicht beabsichtigt etwas in der analytischen Geo
metrie zu konstruieren. Dies ist wohl die Hauptthese der Verfas
serin, und diese These hat sie, glauben wir, endgijltig bewiesen.
Oresme wollte aus den « difformitates » der Qualitaten Figuren
der Qualitaten konstruieren, figurationem oder configurationës. Und
diese haben eine konkrete, physische Gestalt. « Das ist die Entdek
kung Oresmes, wenn wir sie mit seinen eigenen Augen betrachten ;
die Erkenntnis, dass die Qualitaten genau so wie die Kôrper Fi
guren haben und dass aus diesen Figuren sich eine grosze Zahl
ihrer Wirkungsweisen erklâren lasst ».
Schade dasz die Verfasserin dann in dieser Betrachtungsweise
nur Symbolismus sieht ; so kônnte man in den Oresme ' schen Be
trachtungen vielleicht nur Phantastereien lesen ; wir glauben aber
— und vielleicht ist die Verfasserin damit einverstanden — dass
es mehr ist, dass diesen Konfïgurationen physischer, kausaler
Einfluss zugeschrieben wird ; und das geschieht mit vollem Recht.
Wir gestehen sogar, dasz wir staunen iiber den Stolz und die Ge
nialitât dieser Gedanken, in jener Zeit. Diese Gedanken konnten
damais leider keinen weitern Einflusz haben : hat es doch noch fiinf
Jahrhunderte, und mehr, gedauert, bevor die Gedanken des Bischofs
von Lisieux sich verkôrperten in physikalischen Theorien; und
diese sind natiirlich nicht beeinflusst vom mittelalterlichen Denker.
Sehen wir· einige Vorbilder.
Wir kehren nochmals zu den Mixta zuruck, in den Oresme
nicht nur, wie die friiheren, eine complexe Qualitât, die nur vom
Mischungsverhâltnis abhângt, annimmt, sondern dariiber eine con
figuratio, also eine Heterogeneitât. « Dies ist ein Schritt von prin
zipieller Tragweite, der aile folgenden Ueberlegungen bestimmt »
(S. 309). « Beides zusammen : der Unterschied einerseits im Mi
schungsverhâltnis der Qualitaten, anderseits in der Konfiguration,
macht die Verschiedenheit der einzelnen spezifischen oder indivi
duellen complexiones aus » (ibid.). Und weiter : « es kann vorkom
men... dass zwei physische Substanzen dieselbe Zusammensetzung
aus den Elementen bezw. den primâren Qualitaten aufweisen und
sich trotzdem nach Spezies und Vollkommenheit unterscheiden pro

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DIE GEIÎURT DER NF.UEN NATURWISSF.NSCHAFT IN MITTELALTER 171

pter diversitatem configuration^ complexalium qualitatum ». Das


ist aber genau das, was als Prinzip in den Strukturtheorien von
Chemie und Stereochemie verarbeitet worden ist. Hatte man, am
Ende des vorigen Jahrhunderts, noch Zweifel, diese sind gelôst
durch ein noch schàrferes Untersuchungsmittel : die X-Strahlen
analyse, die zuerst die Kristallstruktur, dann aber auch die Struk
tur der Molekel offenbarte. Und mit Plilfe des Eliminationsprin
zips kann man zeigen, dasz in diesen Theorien nur Struktur nach
Qualitâten gefordert wird, nicht nach getrennten Substanzen. Dies
verbunden mit der mittelalterlichen Lehrc der minima. naturalia,
fuhrt zu unserem « virtuellen Atom ».
Oresme ist noch weiter gegangen. Er hat auch eine diffor
mitas im zeitlichen Ablauf von Ergebnissen betrachtet, die zu Kon-.
figurationen fiihren kônnen : « configurationes secundum tempora
lem durationem » ; sowohl bei lokalen Bewegungen und ihren Ge
schwindigkeiten, als bei Intensitâtsânderungen von reinen Qualitâ
ten. Und auch dies findet sich in der modernen Physik wieder, in
Schwingungen und Wellen. Hâtte Oresme diese gekannt so wie
wir sie kennen, er hâtte sie wohl « sinusoïdale » Difformitâten ge
nannt. Wir finden diese — obwohl die Physik diese Betrachtungen
nicht, oder nicht so, an zu stellen pflegt — in der Akustik und in der
Lichtlehre, wo sie elektromagnetische « Schwingungen » d. h. pe
rïodische Qualitâtsânderungen im elektromagnetischen Felde an
nimt. In den akustischen, echten lokalen Schwingungen, haben wir
auch — so haben wir es frtiher ausgearbeitet — gerade nach den
mittelalterlichen Theorien, Aenderungen mit derselben Période im
Intensitâtswechset des Impetus. Und die Oualitâtsstruktur im Sub
jekt, im Kristall und in der Molekel, hat Einfluss auf die Strah
lungen, Lichtstrahlen und Rôntgenstrahlen. Das ailes ist in der
Physik gefunden unabhângig von Oresmes Gedanken, die ja bisher
ganz unbekannt waren und von der Verfasserin entfleckt worden
sind : aber doch sind es wieder Verkorperungen dieser Gedanken.
Kein Wunder dass wir iiber die Genialitât des Mannes staunten.

Die Auseinandersetzungen der Verfasserin, die tiber sovieles


Tasten und Irren und Fortschreiten auf allen diesen Gebieten zu
berichten weiss, brachten uns das letzte Kapitel der zweiten Ana
lytik des Aristoteles vor dem Geist. Hier beschreibt der Philosoph,
wie, im individuellen menschlichen Geist eine lange und vielbewo
gene Vorbereitung gefordert wird, durch Aisthesis und Mneme und
Empeiria, bevor im Geist, aus der Bewegung und der Flucht, eine

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neue, feste Phalanx entsteht ; das ist das Aufleuchten eines Prin
zips, dann kommt der Geist zur Ruhe in der Anschauung dieses
Prinzips. AVer hat das nicht empfunden, wenn es sich um die
Geburt eines neuen Gedanken handelt. Genau so scheint es zu
gehen bei den Entdeckungen der Wissenschaft, die nachher so
einfach zu sein scheinen, in der menschlichen Gesellschaft. Das
ist jedenfalls der Eindruck der uns aus der Lesung dieses Bûches
geblieben ist, iiber die Geburt der neueren Naturwissenschaft im
Mittelalter.
P. Hoenen S. I.

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