Sie sind auf Seite 1von 4

24/12/2017 Atomkraft: Atommüll - Atomkraft - Technik - Planet Wissen

Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.planet-wissen.de/technik/atomkraft/atommuell/index.html

Atomkraft

Atommüll

Seit dem Einsatz der Kernenergie in den 1950er Jahren hat die Technologie ein bislang
ungelöstes Problem: hochradioaktiven Atommüll. Jährlich fallen in deutschen
Kernkraftwerken Hunderte Tonnen ausgedienter Brennelemente an. Hinzu kommen
Abfälle aus Wiederaufbereitungsanlagen, Brennfabriken, Urananreicherungsanlagen und
stillgelegten Reaktoren.

Atomarer Müll war ursprünglich nicht eingeplant.


Wie Brennstäbe wiederaufbereitet werden.
Jeden Tag finden Transporte mit radioaktivem Material statt.
In Deutschland gibt es noch keinen Standort für ein Endlager.
Müll entsteht nicht nur durch Brennelemente.
Was ist besser: direkter Rückbau oder sicherer Einschluss?

Utopie Brennstoffkreislauf

Nach dem deutschen Atomgesetz darf kein Kernkraftwerk ohne Entsorgungsnachweis


betrieben werden. Ein Export deutschen Atommülls ist nicht erlaubt.

Immer wieder weisen Atomkraftgegner deshalb darauf hin, dass die derzeitige Entsorgung des
Atommülls nicht den Anforderungen des Atomgesetzes entspricht, welches eine schadlose
Verwertung oder geordnete Beseitigung radioaktiver Abfälle fordert.

Die gängigen Praktiken erfüllen diese Anforderungen nicht. Ein Großteil der Brennstäbe wurde
bis 2005 zur Wiederaufbereitung ins Ausland – nach Großbritannien oder Frankreich –
geschickt.

Der bei der Wiederaufbereitung anfallende Müll muss zurückgenommen und in Zwischenlager
transportiert werden. Seit Mitte 2005 sind Transporte zur Wiederaufbereitung gesetzlich
verboten – Rücktransporte von aufbereitetem Atommüll gibt es jedoch nach wie vor.

Heute bleibt also nur die Aufbewahrung der Brennstäbe in Zwischenlagern, bis der radioaktive
Abfall irgendwann in ein Endlager transportiert werden kann. Die Zwischenlager sind riesige
überirdische Hallen. Sie befinden sich zum Großteil direkt auf dem Gelände der Kernkraftwerke.

Außerdem gibt es abseits von Kernkraftwerksstandorten drei zentrale Zwischenlager in Ahaus,


Lubmin und Gorleben. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) geht davon aus, dass bis 2050
ein betriebsbereites Endlager verfügbar sein wird.

Ursprünglich ging die Nutzung der Kernenergie von einer Wiederaufbereitung der
Kernbrennstoffe aus, dem sogenannten Brennstoffkreislauf.

Die Wiederaufbereitung hat sich jedoch nur als Verschiebung des Atommüll-Problems
herausgestellt. Nur ein Teil des Materials kann in neu hergestellten Brennelementen wieder
verwertet werden – als Rest bleibt atomarer Müll, der vom Volumen her noch größer als die

https://www.planet-wissen.de/technik/atomkraft/atommuell/index.html 1/4
24/12/2017 Atomkraft: Atommüll - Atomkraft - Technik - Planet Wissen
ursprünglichen Brennelemente ist und von Deutschland wieder zurückgenommen werden
muss.

Abläufe in der Wiederaufbereitung

In einer Wiederaufbereitungsanlage
werden die verbrauchten Brennelemente
in ihre Bestandteile zerlegt. Das Ziel: Aus
den Elementen soll wieder spaltbares
Material gewonnen werden wie etwa Uran
235 und Plutonium 239.

Nachdem die Brennelemente in ihre


einzelnen Brennstäbe zerlegt worden
Spezialfahrzeug im Erkundungsbergwerk sind, wird ihr Inhalt in Salpetersäure
Gorleben aufgelöst. Durch chemische Prozesse
werden anschließend Uran und Plutonium
isoliert.

Technisch haben sich Wiederaufbereitungsanlagen als gefährlichster Schritt in der


Atomenergienutzung erwiesen. Im Vergleich zu Kernkraftwerken geben sie im Normalbetrieb
erheblich größere Mengen radioaktiver Substanzen an die Umwelt ab.

Hinzu kamen die Transporte – in die Wiederaufbereitungsanlagen ebenso wie zurück in die
deutschen Zwischenlager –, die immer wieder große Proteste in der Bevölkerung hervorrufen.

In Europa sind zwei Wiederaufbereitungsanlagen in Betrieb: Sellafield in Großbritannien und La


Hague in Frankreich.

Angst vor strahlenden Transporten

Je höher die Zahl der Transporte und je


länger die Transportstrecken, desto
größer die Gefahr von Unfällen – so lautet
ein Hauptargument der Atomkraftgegner
gegen die Transporte.

Atommaterial ist weltweit ständig


unterwegs – auf der Straße, der Schiene,
in der Luft oder im Wasser. Auf dem Weg
Die Atomanlage La Hague im Nordwesten zum Brennelement wird Uran aus
Frankreichs Abbaugebieten in Kanada, Australien oder
Afrika in sogenannte Konversionsanlagen
befördert, anschließend in eine
Urananreicherungsanlage, die es auch in
Deutschland (Gronau) gibt.

Von dort wird das Material in Brennelementfabriken geschickt – etwa ins nahe gelegene Lingen
oder zurück ins Ausland. Die hergestellten Brennstäbe müssen ihrerseits in Kernkraftwerke
transportiert werden. Sind sie nach drei bis fünf Jahren "ausgebrannt", müssen sie in
Zwischenlager transportiert werden. Kurzum: Jährlich finden mehrere Hunderttausend
Transporte mit radioaktivem Material statt.

Neben Unfallgefahren haben Atomkraftgegner die grundsätzliche Sicherheit der


Transportbehälter im Visier. Die Castoren können die radioaktive Strahlung nicht vollständig
abschirmen, insbesondere die Neutronenstrahlung, die nach Untersuchungen des Marburger
Nuklearmediziners Professor Horst Kuni von 1995 wesentlich gefährlicher ist als bis dato
angenommen.

Grundsätzlich senden radioaktive Stoffe zwei Arten von Strahlung aus, deren sogenannte
ionisierende Wirkung in lebenden Zellen verschiedene schädliche Folgen haben kann – etwa
Krebs auslösen oder zu Genveränderung führen.

Neutronen-, Alpha- oder Betastrahlungen zählen zur Teilchenstrahlung. Alpha- und


Betastrahlen haben nur eine geringe Reichweite: bei Alphastrahlung einige Zentimeter in der
Luft und im menschlichen Gewebe Bruchteile von Millimetern, bei Betastrahlung eine
Reichweite bis zu einem Zentimeter. Sie sind vor allem dann schädlich, wenn sie eingeatmet
oder über die Nahrung aufgenommen werden. Sind die Transportbehälter undicht, können sie
zur Gefahr werden.

Neutronenstrahlungen haben dagegen in der Luft eine Reichweite von mehreren Hundert
Metern und wirken von außen auf den Körper ein. Es wird daher befürchtet, dass die Belastung
des Begleitpersonals von Castor-Transporten durch die Neutronenstrahlung erheblich
unterschätzt wird.

Zur Strahlenbelastung von Castor-Behältern tragen auch Gammastrahlen bei, die wie
Röntgenstrahlen als elektromagnetische Wellenstrahlung mit sehr hoher Reichweite auftreten.
Sie können das menschliche Gewebe leicht durchdringen und wirken von außen auf den Körper
ein.

Gesucht: Sicherheit für Millionen Jahre

Bei der Entsorgungsproblematik geht es nicht nur um eine mehr oder weniger akute Gefahr: Die
Schlüsselrolle spielt die Zeitdimension. Radioaktive Stoffe müssen auf Dauer sicher eingelagert
werden – und das kann Millionen von Jahren dauern. Als radioaktiv werden die chemischen
Elemente bezeichnet, die unter Aussendung einer unsichtbaren Strahlung zerfallen.

https://www.planet-wissen.de/technik/atomkraft/atommuell/index.html 2/4
24/12/2017 Atomkraft: Atommüll - Atomkraft - Technik - Planet Wissen
Diese Strahlung ist so lange gefährlich, bis
die radioaktiven Stoffe in andere, nicht
radioaktive Stoffe zerfallen sind. Der damit
verbundene Zeitraum gibt die Halbwertzeit
an: die Zeit, in der eine gegebene Menge
eines radioaktiven Strahlers zur Hälfte
zerfallen ist.

Für die im Zusammenhang mit der


Tschernobyl-Katastrophe bekannt
gewordenen Stoffe Cäsium-137 und
Strontium-90 liegt sie bei 30 und 28,1
Der Castor rollt Jahren. Andere Bestandteile vieler
radioaktiver Abfälle brauchen wesentlich
länger, etwa Technetium-99 (210.000
Jahre) oder Neptunium-237 (2,1 Millionen Jahre).

Angesichts dieser Zeitdimensionen erscheint die Suche nach einem geeigneten Endlager
nahezu aussichtslos. Wer kann schon vorhersagen, was in 500.000 Jahren am Standort X
passiert? Dennoch: Im März 2010 veranlasste der damalige Umweltminister Norbert Röttgen
(CDU) eine erneute Erkundung des Salzstocks Gorleben als potenzielles Endlager.

Zehn Jahre zuvor war die Prüfung von der rot-grünen Umweltregierung gestoppt worden.
Röttgen betonte, dass das Ergebnis des Verfahrens noch offen sei und dass auch über
Standortalternativen nachgedacht werde.

Parallel dazu solle Ton- und Granitgestein auf seine Eignung als Endlager untersucht werden.
Dennoch wollte man sich nicht allein auf Gorleben als mögliches Endlager beschränken.

2013 wurde mit Inkrafttreten des Standortauswahlgesetzes die Suche nach einem Atommüll-
Endlager erneut in Gang gesetzt. Bis Mitte 2016 will die Expertemkommission Kriterien für
bundesweite Suche eines Endlagers vorlegen. Der Standort Gorleben bleibt in dieser Zeit offen,
der Betrieb wird jedoch auf ein Minimum reduziert. Ziel ist es, Alternativen zum Salzstock
Gorleben zu finden.

Müll entsteht nicht nur durch


Brennelemente

Im Betrieb von Kernreaktoren fällt


radioaktiver Müll nicht nur durch
Brennelemente an. Allein bei der
jährlichen Revision kommen regelmäßig
schwache und mittelaktive Abfälle durch
Kleidung, Putzwolle, Papier, Wischtücher,
Messgeräte, Schrauben, Folien,
Werkzeug und Ähnliches zusammen.
Streng bewacht Auch Materialfehler und -mängel erhöhen
den Müllberg.

In einigen Kernkraftwerken waren


beispielsweise die Frischdampf- und Speisewasserleitungen aus ungeeignetem Material
gefertigt. In Brunsbüttel mussten Ende der 1980er Jahre deshalb 12.900 Meter Rohrleitungen
und 760 Armaturen ausgetauscht werden, was nebenbei einige hundert Millionen Euro kostete.

Direkter Rückbau oder sicherer Einschluss?

Nach durchschnittlich 32 Jahren hat ein deutscher Kernreaktor sein Soll erfüllt. Für die
anschließende Stilllegung gibt es zwei Varianten: den direkten Rückbau nach der Abschaltung
und den Rückbau nach sicherem Einschluss über 30 Jahre, in denen die Radioaktivität sinkt.

Für das Atomkraftwerk Stade bei Hamburg, das im Herbst 2003 abgeschaltet wurde, war ein
direkter Rückbau vorgesehen. Nach Angaben des Betreibers "E.ON Kernkraft GmbH" in
Hannover soll der Abriss im Laufe des Jahres 2016 komplett beendet sein. Kosten: mindestens
eine halbe Milliarde Euro.

Solche Ausgaben werden übrigens kalkulatorisch im Strompreis berücksichtigt. Im Zuge des


Rückbaus fallen Castor-Transporte von 35 bis 40 Behältern allein für die abgebrannten
Brennelemente und hochradioaktiven Abfälle für die Wiederaufbereitung und in die zentralen
Zwischenlager an. Insgesamt müssen etwa 100.000 Tonnen Beton und Stahl beseitigt werden.

2000 bis 3000 Tonnen schwach- und mittelradioaktiven Materials sollen für etwa 40 Jahre in
einem neuen Zwischenlager auf dem Gelände untergebracht werden. E.ON kann auf
Erfahrungen in Würgassen (Nordrhein-Westfalen) zurückgreifen. Dort wurde 1997 damit
begonnen, den zwei Jahre zuvor stillgelegten Reaktor abzubauen.

Auch das 1990 stillgelegte KKW Rheinsberg befindet sich im Abbruch, der voraussichtlich 2028
vollständig abgeschlossen ist. Mit 70 Megawatt (MW) Bruttoleistung war das Werk aber
wesentlich leistungsschwächer als die KKWs in Stade und Würgassen mit jeweils rund 670 MW
Leistung.

Die zweite Variante der Stilllegung wurde für den Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop
(NRW) gewählt. Nach nur dreijährigem Betrieb wurde er 1988 stillgelegt. Schon damals wurden
die reinen Abbruchkosten auf 400 Millionen Mark geschätzt, wofür die Rücklagen aus dem
reinen Stromverkauf nicht ausreichten.

Wesentlich kostengünstiger erwies sich der "sichere Einschluss". Nachdem die hochaktiven
Brennelemente ins Zwischenlager Ahaus transportiert worden waren, wurden alle Zugänge zum

https://www.planet-wissen.de/technik/atomkraft/atommuell/index.html 3/4
24/12/2017 Atomkraft: Atommüll - Atomkraft - Technik - Planet Wissen
ehemals heißen Bereich hermetisch abgeschlossen, sodass eine Wiederinbetriebnahme nicht
möglich ist. Bis 2045 soll das Atomkraftwerk vollständig abgerissen sein.

Autorin: Silke Rehren

Schon nach drei Jahren stillgelegt: der


Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop

Das schwere Erbe des Atomausstiegs | mehr

[http://www1.wdr.de/sendungen/sendung-atomausstieg-100.html]

30 Jahre nach Tschernobyl – Kein Ende der Atomkraft | mehr

[http://www1.wdr.de/sendungen/sendung-tschernobyl-100.html]

Grundlagen der Atomkraft | mehr

[http://www1.wdr.de/technik/atomkraft/grundlagen_der_atomkraft/index.html]

Stand: 26.09.2017, 17:05

Videos | mehr
[http://www1.wdr.de/technik/atomkraft/atommuell/pwvideoplanetwissenvideoasseiiatomlagerausserkontrolle100.html]

Castor | mehr
[http://www1.wdr.de/technik/atomkraft/atommuell/pwiecastoreinumstrittenerbehaelter100.html]

Problem Atommüll | mehr


[http://www1.wdr.de/technik/atomkraft/atommuell/pwieproblematommuell100.html]

Wiederaufbereitung | mehr
[http://www1.wdr.de/technik/atomkraft/atommuell/pwiewiederaufbereitungsanlagen100.html]

Salzstöcke als Atommülllager | mehr


[http://www1.wdr.de/technik/atomkraft/atommuell/pwiesalzstoeckealsatommuelllager100.html]

Radioaktiver Ölschlamm | mehr


[http://www1.wdr.de/technik/atomkraft/atommuell/pwieoelschlammklebrigschwarzundradioaktiv100.html]

Link-Tipps | mehr
[http://www1.wdr.de/technik/atomkraft/atommuell/pwielinktipps380.html]

Tschernobyl | mehr
[http://www1.wdr.de/technik/atomkraft/das_reaktionsglueck_von_tschernobyl/index.html]

Grundlagen der Atomkraft | mehr


[http://www1.wdr.de/technik/atomkraft/grundlagen_der_atomkraft/index.html]

Hier geht‘s zur Übersicht

Atomkraft | mehr

https://www.planet-wissen.de/technik/atomkraft/atommuell/index.html 4/4