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rem Dorf, ja." Martha Flinz grilndet kanischer Student namens Norman Mal­
eine landwirtschaftliche Produktions­ colm, der im Auditorium sitzt, bemerkt,
genossenschaft - und �ieht sich plotz­ dal3 die sonst nicht eben respektvollen
lich- zum Vorbild filr jene Kollektivie­ Zuhorer gegeni.iber dem sonderbaren
rung gemacht, die in der DDR spater Schauspiel, das sich ihnen bietet, ,,ge­
i.iberall propagiert wird spanntes und erwartungsvolles Schwei­
Die listige Martha Flinz kann, so be­ gen" bewahren. Flilsternd erkundigt er
ruhigt das Programmheft, ,,hochstens sich nach dem .Namen des stummen
den einzelnen Funktionar des Unsinns Redners. Die Antwort lautet: Ludwig
ilberfi.ihren" (und sie macht von dieser Wittgenstein.
Fahigkeit zum Entzilcken des Publi­ Der vortragende Wittgenstein, der
kums reichlich Gebrauch), aber sie vor lauter Sorge, seme Gedanken nicht
findet sich dennoch ,,zu ihrem Erstaunen prazis genug zu formulieren, auf dem
und zu ihrem Zorn. auf der Seite der Katheder ilberhaupt keine Formulie­
Partei". Aus diesem Sachverhalt zteht rung zustande bringt, ist - nach dem
sie endlich die Konsequenzen: ,,Man Urteil des Tilbinger Philosophen
kann als armer Mensch nicht ungestraft Ewald Wasmuth - der ,,berilhmteste
seine eigenen Interessen bekampfen." und zugleich am wenigsten bekanntc
Auch der im Grunde gutwillige Funk­ Philosoph unserer Epoche". Der Got­
tionar Weiler kommt zu seinem Frie­ tmger Philosophie-Professor Hermann
den. Er geht zu Martha Flinz beichten Wein zahlte ihn zu den ,,grandiosesten
- Kommentar des Programmheftes: Outsidern unseres konformistischen Zeit­
,,Die Beichte Friedrich Weilers vor Frau alters" und setzte hinzu: ,,Vielleicht ist
Flinz ... ist eine Beichte, die' der katho­ er der reinste und tragischste philoso­
lischen in einem Punkt ilberlegen ist: phus nach Nietzsche." Der britische Phi­
Sie niltzt dem Menschen. Sie richtet ihn Josoph Bertrand· Earl Russell befand,
nicht auf das Jenseits ab, sondern be­ daB es sich kein ernsthafter Philosoph
re1tet 1hn vor auf das neue Diesseits." Die mehr leisten konne, an Wittgenstein vor­
beiden versohnen sich, zumal ihrer bei­ beizugehen, und Herbert Zdarzil atte­
der Ziele · von Anfang an miteinander stierte, Wittgenstein sei ,,zweifellos der
verwandt waren: Frau Flinz wollte ftir in den· angelsachsischen Landern be­
ihre kleine Familie sorgen, Weiler ftir kannteste zeitgenossische Philosoph
die grol3ere, fi.ir die Gesamtheit aller deutscher Zunge".
Werktatigen. Fast 2iehn Jahre nach seinem Tode
Das Stuck endet mit Weilers Triumph: wird Wittgenstein nun auch deutschen
Eine Filmprojektion zeigt eine Menge Lesern zuganglich. Der Frankfurter
Menschen, die rhythmisch klatschend Suhrkamp Verlag hat damit begonnen,
ihre Hande ilber dem Kopf zusammen­ Wittgensteins Schriften in deutscher
schlagen: Soeben hat Walter Ulbricht Sprache herauszugeben.
auf der Zweiten Parteikonferenz der Bei der fast mil3trauischen Vorsicht
SED den Aufbau des Sozialismus pro­ Wittgensteins gegenilber der Sprache ist
klamiert, auf den Weiler so lange ver­ nicht verwunderlich, dal3 schon ein
gebens gewartet hatte. Eine Lautspre­ erster, 548 Seiten starker Band* ge­
cher-Stimme verki.indet: ,,Es spricht nilgt, die Hauptwerke des hier fast un­
jetzt die Vorsitzende der ersten Land­ bekannten Denkers wiederzugeben: die
wirtschaftlichen Produktionsgenossen­ ,,Logisch-philosophische Abhandlung"
schaft in der DDR, die Gastdelegierte (1922) - Wittgenstein ilbersetzte den
Martha Flinz." Titel auf Vorschlag des britischen Phi-
Erst nachdem der Schlul3vorhang be­
reits gefallen war, kam Autor Baierl
noch einmal auf den enteigneten Fabri­
kanten zurilck. Vor der Bilhne entlang
bewegen sich auf einem Fliel3band der
Fabrikant Neumann, dessen Frau und
zwei zwielichtige Figuren - sie tragen
ein Schild mit der Aufschrift: ,,Nach
Hannover."
Baierl auf Befragen: ,,lch bin ilber
diesen Gag auch nicht ganz glilcklich;
ich werde ihn kilnftig weglassen."

PHILOSOPHIE
WITTGENSTEIN

Verhexter Verstand
D er Mann auf dem Katheder versucht
etwas zu sagen, aber er bringt kein
Wort heraus. Er ist groB,
schlank, hat
lockiges Haar und ein sonnengebraun .:.
tes Gesicht. Seine Hande bewegen sich
lebhaft, als unterstiltzten s,ie irgend­
welche Bemerkungen, die aber nicht ge­
macht werden. SchlieBlich stammelt der
Mann einige halbe Worte und einen
Satz, der unverstandlich bleibt.
Die Szene spielt in der englischen
Universitat Cambridge, im Moral
Science Club; es ist das dritte Trime­
ster des Jahres 1938. Ein junger ameri-
• Ludwig Wittgenstein: ,,Schriften". Suhr­
kamp Verlag, Frankfurt am Main; 548 Selten;
Philosoph Wittgenstein
34 Mark. Tucke der Logik

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losophen Moore ins Lateinische: ,,Trac­


tatus logico-philosophicus" - und die
,,Philosophischen Untersuchungen". Fer­
ner enthalt der Band Philosophische
Tagebi.icher aus dem Ersten Weltkrieg.
Zugleich mit dem ersten Band der
Wittgenstein-Werke hat der Verlag
Suhrkamp ein ,,Beiheft"* veri:iffentlicht,
das einige Essays i.iber Wittgenstein ent­
halt, und in diesem Fri.ihjahr erschienen
in Deutschland die Erinnerungen an
Wittgenstein**, die sein Schiller Norman
Malcolm bereits 1958 in England ver­
i:iffentlicht hatte.
Thema beider W1ttgenstem-Werke,
des ,,Tractatus" wie der ,,Abhandlun­
gen", ist das Verhaltnis der Sprache zur
Philosophie, zum Denken. Wahrend sich
zum Beispiel die Naturwissenschaften
bei ihrem Bemi.ihen, zu exakten, allge­
meingilltigen Resultaten zu kornmen,
gewissermal3en einer ihren Zwecke-n
angemessenen Zeichensprache bedienen
ki:innen - etwa die Mathematik der Zah­
len, die Physik zusatzlich anderer Sym­
bole -, ist die Philosophie, nicht min­
der um allgemeingilltige Aussagen be­
mi.iht, allein auf die Sprache angewiesen,
auf ein Instrument also, das im all­
gemeinen nicht nur zum Philosophieren
benutzt wird.
Nun hat zwar auch die Philosophie
in 2500 Jahren eine eigene, sub­
lime u,nd differenzierte Fachsprache
entwickelt, in cter viele Wi:irter eine
vom Alltags-Sprachgebrauch abwei­
chende Bedeutung haben. Trotzdem
unterliegt jede Sprache bestimmten
aul3erphilosophischen Gesetzmal3igkei­
ten, die etwa aus ihren ethnischen Ur­
spri.ingen und aus der Grammatik
resultieren. Zu den aUgemeinen und
ohn-ehin betrachtlichen Schwierigke1ten
jeder Wissenschaft, irgend etwas All­
gemeingilltiges zu erkennen und zu for­
mulieren, bereHet also die Sprache den
Philosophen, denen es darum zu tun ist,
die Wirklichkeit in Satzen abzubilden,
zusatzliche Schwierigkeiten und Hinder­
nisse.
Wo die Philosophie als exakte Wis­
senschaft verstanden wer-den soil -
und nicht etwa nur als subjektivc Welt­
anschauung -, mul3 demnach unter­
sucht werden, ob und inwieweit sie sich
von Gesetzen der Sprache, von Gram­
matik und Syntax, leiten, bestimmen
oder beeinflussen lal3t.
Die Frage nach den Zusammenhan­
gen und der Abhangigkeit von Sprache
und Denken war Wittgenstems Haupt­
bhema, und es ist kein Zufall, dafl er
sich einer modernen philosophischen
Schule anschlol3, die zumindest in einer
philosophischen Disziplin, in der Logik,
die Sprache durch Symbole, wie sie die
Mathematik hat, erganzt sehen will:
der sogenannten Logistik.
Wittgenstein, 1889 in Wien als ji.ing­
stes von insgesamt acht Geschwistern
geboren - drei seiner Bruder endeten
durch Selbstrnord -, stammte aus eine1·
reichen Wiener Industriellenfamilie;
sein Groflvater war vom mosaischen
Glauben zur protestantischen Koqfession
konvertiert, seine Mutter war Katho-
1ikin. Johannes Brahms und dessen
Freund, der Geiger Joseph Joachim,
zahlten zu den engsten Bekannten der
Familie. Der franzi:isische Komponist
Maurice Ravel (.,Bolero") schrieb filr
· • Ludwig Wittgenstein: ,,Schrlften/Be1heft·'.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 100
Selten; 6,80 Mark.
•• Norman Malcolm: ,.Ludwig Wittgenstein".
R. Oldenbourg Verlag, Mtinchen; 128 Selten;
8,80 Mark.

DER SPIEGEL, Nr. 2211961 85


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einen Bruder Ludwigs, den· Pianisten
Paul Wittgenstein, der im Ersten Welt-
krieg den rechten Arm -verlor und vor
zwei Monaten gestorben ist, sein be-
rühmtes ,,Klavierkonzert für die linke
Hand".
Nach zwei Jahren Maschinenbau-
Studium an der Technischen Hochschule
Berlin ging Ludwig Wittgenstein auf
drei weitere Studienjahre an die eng-
lische Universität Manchester, wo er
aeronautische Experimente betrieb: Nach
Versuchen -mit Drachen studierte Witt-
genstein den Reaktionsantrieb bei Flug-
zeugen, wobei ihn sdiließlicb die mathe-
matische Grundlegung der V ersucbs-
anordnungen weitaus mehr als die tech-
r
1
nische Anwendung interessierte.
Von der angewandten Mathematik
wechselte Wittgenstein zum Studium der
reinen Mathematik über, betrieb dann
eine Philosophie der Mathematik, und
von da war der Weg nicht mehr weit
zu· einer mathematisch betriebenen
Philosophie. Wittgenstein reiste nach
Jena, um sich dort Rat zu holen - bei
Professor Gottlob Frege, dem deut-
schen Begründer der Logistik, eben
jener Logik, die im Gegensatz zur
traditionellen Logik die Sprache durch
Symbole ergänzt. Frege abe_r schickte
den ratsuchenden Wittgenstein nach Eng-
land zurück - zu dem Cambridger Phi-
losophie-Dozenten Bertrand Russell, der
bereits 1903 seine "Gnmdlagen der Wrttgenstein-Bau in Wien: Der Verstand holt sich Beulen
Mathematik" veröffentlicht hatte.
liehe Nachprüfbarkeit hinausgehenden Von nun an lebte Wittgenstein ohne
In den Jahren 1912 und 1913 studierte Sätze als „sinnlos" zu disqualifizieren. jedes Attribut der ihm widerwärtigen
Wittgenstein bei Russell in Cambridge Wohlsituierten; er verschmähte Hut und
und zog sieb dann nach Skandinavien Wittgensteins „Tractatus" schließt mit
dem Satz: ,.Wovon man nicht sprechen Krawatte. Er arbeitete als Volksschul-
zurück. In einem Blockhaus, das er sich lehrer und gab diese Stellung auf, als
in der · Nähe der norwegischen Stadt kann, darüber muß man schweigen."
Philosophie ist für ihn - durchaus im er Differenzen mit den Eltern seiner
Bergen selbst baute, lebte er allein Schüler bekam, dann als Gärtnergehilfe
Gegensatz zu der Praxis namhafter
philosophischer Meditation hingegeben Philosophen - eine Tätigkeit, die jeg- im Kloster Hütteldorf bei Wien und.
- bis zum Ausbruch des Ersten Welt- lichem Denken die Fähigkeit abspricht, gab diese Stellung auf, als ihm bewußt
. kriegs, den er zuletzt als Offizier im jenseits der Erfahrung liegende Sach- wurde, daß er für em Klosterleben nicht
osterreichischeri Heer mitmachte. verhalte exakt auszusprechen. geeignet sei.
Noch während des Ersten Weltkriegs Bereits im Vorwort zu seinem „Trac- Seine englischen Freunde hatten
beendete er seinen knapp hundert tatus", der die Unzulänglichkeit der unterdes die Hoffnung· nicht aufgege-
Druckseiten starken „Traktat", an dem traditionellen Logik nachweisen sollte, ben, ihn für ein philosophisches Lehr-
er bereits in der norwegischen Eremi- hatte Wittgenstein formuliert: .,Dagegen amt zu gewinnen. 1925 reiste Wittgen-
tage geschrieben hatte, und schickte scheint mir die Wahrheit der hier mit- sttiin auf Einladung des Nationalöko-
ihn, noch bevor · er aus italienischer geteilten Gedanken unantastbar und nomen Keynes nach. England, ohne
Kriegsgefangenschaft nach Hause ge- definitiv. Ich bin also der Meinung, die jedoch vorerst zur Philosophie zurück-
kommen war, durch Vermittlung eines Prob1eme im Wesentlichen endgültig
gelöst zu haben. Und wenn ich mich zukehren. Im Herbst 1926 bat ihn eine
Cambridger Bekannten - des später seiner Schwestern, ihr in Wien ein Haus
durch seine Theorie der Vollbeschäfti- hierin nicht irre, so besteht nun der
Wert dieser Arbeit zweitens darin, daß zu bauen: Es wurde ein strenger, wohl-
gung berühmt gewordenen britischen proportionierter und völli-g omament-
Nationalökonomen Keynes - an seinen sie zeigt, wie wenig damit getan ist, daß
diese Probleme gelöst sind." freier Bau aus Glas, Stahl und Beton
Lehrer Russell. mit flachem Dach, der nodl heute
Das im „Traktat" formulierte Denken Wittgenstein zögerte keinen Moment, existiert. Um diese Zeit beschäftigte
des jungen Wittgenstein basiert ·auf aus seinen Schlußfolgerungen die Kon- sich Wittgenstein auch im Atelier eines
sequenzen zu ziehen. Er hielt das Sag- Freundes mit Bildhauerei.
zwei von der herkömmlichen Philosophie bare für gesagt und wandle der Philo-
ab,veichenden Voraussetzungen: · sophie den Rücken, ebenso dem groß- Biograph Georg Henrik von Wright
[> Das inenschliche Denken ist nur im bürgerlichen Milieu, aus dem er gibt die Meinung wieder, Wittgenstein
Bereich naturwissenschaftlich nach- stammte. No'ch zur Zeit des Ersten Welt- habe sich der Philosophie abermals zuge-
prüfbarer Erfahrung imstande, mit kriegs hatte er anonym - durch Ver- wandt unter dem Eindruck von Vor-
zureichender Exaktheit zu operieren.· mittlung der Innsbrucker Zeitschrift trägen, die der holländische Mathe-
„Der Brenner" - junge Dichter mit matiker Brouwer im Jahre 1928 an der
[> Die traditionelle Logik ist nicht exakt Wiener Universität über die Grundlagen
genug, sie_ muß durch ein System größeren Geldbeträgen unterstützt, zum
Beispiel Rainer Maria Rilke, dessen der Mathematik hielt. Wittgenstein da-
v'on Symbolen und Zeichen ergänzt gegen gibt an, sein Entschluß habe fest-
.w'erden, die sich mit mathematischer Werk er später „gekünstelt" fand, und gestanden, als er sicher gewesen sei,
Pr§zision kombinieren lassen. Georg Trakl, den er zeit seines Lebens wieder produktive Arbeit leisten zu
hodlschä tzte. können.
Wittgenstcin erklärte; Die „Philoso-
phie ist keine der Naturwissenschaf- Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs Zu Anfang des Jahres 1929 immatri-
tet1 ";. ihr Zweck ;,ist die Iogache Klä- aber verschenkte er unter dem Eindruck kulierte er sich, · inzwischen 40jährig,
rung der Gedanken". Sie ist · also der Werke Leo Tolstois sein gesamtes, als Student in Cambridge. Selu:
.,keine·. Lehre, sondern eine Tätigkeit", beträchtliches Vermögen - allerdings bald wurde der "Traktat" als Disser-
sie ist ··logische Kritik des Sprachge- an seine Geschwister, die selber reich tation anerkannt. Im Juni 1929 promo-
briauchs, insofern sie „das Sagbare klar waren. Er meinte, Arme würden durch vierte Wittgenstein, ein .Jahr später
darstellt". Ihre· einzige Aufgabe kann unverhofften Reichtum korrumpiert dozierte er bereits im berühmten Tri-
nur sein, alle über naturwissenschaft- werden. nity College der Universität Cambridge.

8-6
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Sechzehn Jahre lang arbeitete Witt­ Aussagen zu machen, die - nach Witt­
genstein nach seiner Rilckkehr m den ge.�tein - sinnlos sind, weil sie mit
englischen Universitiitsbetrieb an sei­ Grammatik und Syntax in einer Weise
nem zweiten Hauptwerk, den ,,Philoso­ operieren, als seien diese Hilfsmittel im­
phischen Untersuchungen". 1hr Leitge­ stande. den Kosmos zu spiegeln.
danke ist der Satz: ,,Die Philosophie ist Das Fazit einer solchen Philosophie ist,
ein Kampf gegen die Verhexung unseres daB alle Denkbemilhungen nur ausrei­
Verstandes durch die Mittel unserer chen, die Un-'.lliinglichkeit der Sprache
Sprache." als Medium zu erkennen, wobei als zu­
Die Philosophie ist auch bier, und zwar­ siitzliche Scbwierigkeit hinzutritt, daB
noch scharfer und schonungsloser als im alle Kritik an der Sprache wiederum
,, Tractatus", als eine Tatigkeit beschrie­ nur sprachlich bewerkstelligt werden
ben, diesmal als eine Therapie, die von kann: daJ3 also Objekt der Untersuchung
alien Schattenspielen befreien soll, und Instrurnentar der Untersuchung
welche die Sprache dank der in ihr ent­ identisch sind. So entsteht ein Circulus
haltenen Grammatik und Syntax mit vitiosus, aus dem es- fur Wittgenstein -
den Denkenden spielt: kein Entrinnen gibt. Reicht die Sprache
,,Die Er.gebnisse der Philosophie sind nicht dazu aus, priizise Aussagen Uber
die Entdeckung irgendeines schlichten die Wirklichkeit zu machen, so mag sie
Unsinns und Beulen, die sich der Ver­ ebensowenig zureichen, prazise Aussagen
stand beim Anrennen an die Grenze iiber sich selbst zu machen.
der Sprache geholt hat. Sie, die Beulen, Das Gefiihl, solcherart in einen Kafig
lassen uns den Wert jener Entdeckung gesperrt zu sein, liell bei Wittgenstein
erkennen." oft den jahen Wunsch nach Zerstreuung
,,Die Philosophie", meint Wittgenstein, und Abl£Dkung aufkommen. Wahrend
,,darf den tatsachlichen Gebrauch der noch die Studenten i hre Stiihle wegtru­
Sprache in keiner Weise antas�en, sie gen - Wittgenstein lehrte im Cambrid­
kann ihn am Ende also nur beschreiben. ger Trinity-College in seiner Wohnung,
deren Mobillar sich auf das Notwen­
,,Denn sie kann ihn auch nicht be­ digste beschrankte: Klappstuhl, Feld­
griinden. bett, Tisch und, da Wittgenstein Feuer be­
,,Sie liil3t .alles wie es ist." filrchtete, ein S.afe fur die Manuskripte -,
Das Philosophieren dient also nur bat der Philosoph zuweilen einen seiner
dazu, festzustellen, daB sich alle Denk­ Freunde, mit ihm ins Kino zu gehen.
bemilhungen in den Regeln der Sprache Wittgenstein betrachtete solche Kino­
,,verfangen ". besuche als ,,kalte Dusche"; er sail
,;Dieses Verfangen in unseren Regeln stets in der ersten Reihe und bevor­
ist, was wir verstehen, d. h. ilbersehen zugte primitive amenkanische Filme.
wollen." Und: ,,Du· denkst, du mu13t Britische verabscheute er, weil er
<loch einen Stoff weben: weil du vor meinte, es gebe nicht einen einzigen
einem - wenngleich leeren - Web­ anstandigen englisc hen Film.
stuhl sitzt und die Bewegung des Als eine andere Art der Ablenkung
Webens machst." schatzte Wittgenstein Detektivgeschich­
Wittgenstein sagt: ,,Was ich lehren ten. Wahrend des Krieges schickte ihm
will, ist: von einem nicht offenkuodigen sein Schiller Malcolm Packchen mit Kri­
Unsinn zu einem offenkundigen tiber­ rninalmagazinen.
gehen." Die Philosophie soll die Ver­ In einem Dankbrief verglich Witt­
geblichkeit cler Anstrengung entlarven, genstein se-ine Detektivhefte mit der
niprasentativen britischen Philosophie­
Zeitschrift "Mind": ,,Wenn die Phi­
losophie irgend etwas mit Weisheit zu
tun hat, so gibt es sicherlich nicht ein
Kornchen davon in ,Mind', aber sehr oft
in den Detektivgeschichten."
:Mit aul3erster Skepsis betrachtete
Wittgenstein das akademische Lehramt
eines Philosophie-Professors und suchte
standig seine Schiller von dem Gedan­
ken abzubringen, Philosophie zu Jeh­
ren. Als Malcolm zum Doktor der Phi­
losophie promovierte - der angelsach­
sische Ph. D. (Doctor of Philosophy)
entspricht mehr dem deutschen Dr. ha­
bil., mit dem die Lehrbefiihigung aus­
gesprochen wird -, schrieb ihm Witt­
genstein: ,,Herzliche Gliickwunsche zu
I hrem Ph.D.! Und nun: Magen Sie gu­
ten Gebrauch von ihm machen! Damit
meine ich: Betrii�en Sie weder sich
selbst noch Ihre Studenten. Ich miiBte
mich sehr tauschen, wenn nicht gerade
das von Ihnen erwartet wird. Und es
diirfte sehr schwierig sein, es nicht zu
tun, vielleicht ist es unmiiglich, Fiir die­
sen Fall wtin.sche ich Ihnen die Kraft
zu entsagen."
Wittgenstein besal3 die Kraft, einen
der beriihmtesten philosophischen Lehr­
stilhle GroJ3britanniens - der Philo­
soph war 1939 als Nachfolger Moores
auf den Lehrstuhl fiir Philosophie an
der Universitat Cambridge berufen war­
,V ollbeschaftigungs-Theoretiker Keynes den - aufzugeben, als ihm bewul3t
Die Philosophie lii5t alles wie es ist wurde, dal3 er zu erschopft war, um noch

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weiterhin auf seine Weise Philosophie


lehren zu kbnnen. 1947 trat er von sei­
nem Lehramt zuruck.
Wahrend eines Aufenthalts in Ame­
rika erkrankte er - die A.rzte natten
bei ihm bereits vorher eine schwere
Anamie diagnostiziert. Er fli�chtete
mcht den Krebs, an dem einige Mitglie­
der seiner Familie gestorben waren,
wohl aber eine Operation, die 1hn zu
einem seiner Meinung nach vi:illig nutz­
losen 1nvaliden machen wi.irde, dessen
Tod nur hinausgezi:igert warden sei.
Tatsachlich litt auch Ludwig Wittgen­
stein an Krebs. Anfang 1951 siedclte
der Philosoph in das Haus s,eines Cam­
bridger Arztes Dr. Bevan iiber, der ihm
semerzeit die Art seiner Krankhe:t mit­ ...
gete1lt hatte. Da Wittgenstein seine

-,

letzten Tage nicht in einem Kranken­


haus verbringen wollte, hatte ihm Dr.
Bevan sein Haus als letzten Zufluchts­
ort angeboten.
In der Nacht zum 28. April 1951 wurde
Wittgensteins Zustand hoffnungslos. Als
ihm vom Arzt eri:iffnet wurde, er habe
nur noch wenige Tage zu leben, erwi­
derte Wittgenstein: ,,Gut!" Bevor er be­
wuBtlos wurde, sa,gte er zu Frau Bevan,
die bei ihm wachte: ,,Sagen Sie ihnen
(den Freunden): :.viein Leben war wun­
derbar!"
Das Londoner Literaturblatt .,Times
Literary Supplement" attestierte ihm
spater: ,,Es ist ein Maflstab filr die Ent­
schiedenheit und Integritat von Wittgen­
steins Charakter, daB es eine so groBe
Zahl von Dingen. gibt, die man sich bei
ihm mcht vorstellen kann."
Am wenigsten vorstellbar sei, meinte
das Blatt - sicher ohne jede Anspie­
lung auf Karl Jaspers -, ,,daB er auf
dem Fernsehschirm erschienen ware".

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