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17.01.

2018 Jannik Ohrndorf

Der soziologische Blick


WS 2017/18

Reproduziert das Bildungssystem gesellschaftliche Klassen?

Matr.Nr. 35005137 Bachelor Kombinationsprüfung


Am Hang 5 Politikwissenschaft und Soziologie
36286 Neuenstein 3. Semester
j-ohrndorf@web.de
Reproduziert das Bildungssystem gesellschaftliche Klassen?

Grundsätzlich ermöglicht das deutsche Schulsystem jedem Kind jeden Schulabschluss zu machen
und somit alle Möglichkeiten der freien Entfaltung wahrzunehmen. Egal aus welchem Umfeld man
kommt, man kann theoretisch ein Abitur erreichen und sich somit für ein Studium qualifizieren. Es
gibt keine Gebühren für das besuchen einer Schule, im Gegenteil, es ist die Pflicht jedes Kindes,
sich eine Mindestanzahl an Jahren bilden zu lassen. Dadurch soll verhindert werden, dass Kinder
aus einkommensschwächeren Familien durch das fehlende Kapital zwangsläufig in dieselbe
Lebenssituation rutschen. Die Chancen sind also für jedes Kind gleich. Die Beurteilung, wer für die
Oberstufe geeignet ist und wer lieber eine Hauptschule besuchen sollte wird nach möglichst
objektiven Kriterien getroffen damit das Kind in eine Lernumgebung kommt, die seiner
Lernleistung entspricht ohne es zu unter- oder überfordern. Sollte es sich rausstellen, dass eine
Schülerin oder ein Schüler den Anforderungen nicht gewachsen ist oder unterfordert wird gibt es
jederzeit Möglichkeiten sie oder ihn die Klasse wiederholen oder überspringen zu lassen oder die
Schule zu wechseln. Auch rechtfertigt ein bestandener Abschluss das weiterführen der Schulzeit um
den nächsthöheren Abschluss zu erreichen, was selbst Hauptschülern das Potential gibt ein Abitur
zu machen. Auch auf Kinder mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen wird Rücksicht
genommen und vielfältige Förderungs- und Unterstützungsmaßnahmen angeboten um ihnen
dieselben Chancen zu ermöglichen.
Privatschulen und Internate, wie sie in dem Panorama-Report gezeigt werden ermöglichen keinen
hochwertigeren Abschluss als staatliche Schulen und ihre Schülerinnen und Schüler sollten somit
kaum einen Vorteil gegenüber den Kindern haben, die nicht die finanziellen Möglichkeiten haben
eine Privatschule zu besuchen.
Über all diese Möglichkeiten und die Entscheidung, mit welchem Abschluss ein Kind die Schule
verlässt, entscheidet im Idealfall lediglich die Leistung des Kindes. Die Anforderungen sind für alle
Schüler gleich und werden von ausgebildeten Lehrkräften nach fachlichen oder pädagogischen
Kriterien beurteilt.

Trotz alledem beinhaltet unser Bildungssystem viele immense Probleme. Das geringste davon bleibt
dabei das Leistungsbewertungssystem, dessen größter Fehler der Zusammenhang zwischen
erbrachter, oder genauer gesagt ersichtlicher, Leistung und tatsächlichem Wissensstand oder
Lernleistung ist. Das Konzept von Klausuren, Tests, Bewertung von mündlicher Leistung usw. ist
komplett überholt und ermöglicht es nur ansatzweise, den tatsächlichen Wissensstand des Kindes zu
ermitteln. Beispielsweise setzt die gesamte mündliche Benotung voraus, dass alle Schülerinnen und
Schüler kein Problem mit dem Sprechen vor größeren Gruppen haben, Extremfälle wie geistige
Erkrankungen werden zwar berücksichtigt, aber falls ein Kind tatsächlich einfach nicht reden
möchte ist dies mit einer schlechten Leistung gleichzusetzen. Das Gegenteil dazu stellen die
Schülerinnen und Schüler da, die sehr gesprächig oder charismatisch sind und einen guten Eindruck
hinterlassen oder schlichtweg viel und gerne reden. Oftmals werden ihnen bessere Noten
zugeschrieben, ohne dass sie den Unterricht vorran gebracht hätten. In den extremsten Fällen
kommt es dazu, dass mehrere Schülerinnen und Schüler dem Lehrenden jedes Wort nachsprechen
und sich dabei gegenseitig wiederholen statt dem gesagten etwas sinnvolles hinzuzufügen. Fragen
nach nebensächlichem oder schlicht prüfungsunrelevantem Wissen kosten Zeit und werden selten
behandelt. Wieviel ein Kind tatsächlich weiß oder verstanden hat wird in dem gesammten Prozess
kaum berücksichtigt.
Ähnlich verhält es sich mit schriftlichen Leistungen. Eine Klausur ist immer eine
Momentaufnahme. Sie steht immer im Kontext zu dem Zeitpunkt an dem sie geschrieben wurde.
Ein schlechter Tag, persönliches Befinden, psychischer Druck oder ähnliche Einflüsse werden nicht
berücksichtigt. Zudem ist es immer bloß eine Stichprobe. Nie kann das gesammte Wissen eines
Kindes erfasst werden. Aber das wahre Problem der Klausuren liegt darin, wie sie den Unterricht
beeinflussen. Wenn die gesammte zu beurteilende Lernleistung sich in Zwei Klausuren pro Halbjahr
ausdrückt, ist es offensichtlich, dass sowohl Lernende als auch Lehrende lediglich darauf
hinarbeiten werden, diese Leistungsabfragen bestmöglich zu bestehen. Dementsprechend wird
längerfristiges Lernen, Wissenserhaltung, oder nicht zwingend zur Leistungserbringung
notwendiges Wissen komplett vernachlässigt. Stattdessen wird lediglich auf den Moment der
Prüfung hin gelernt und auch nur das, was notwendig ist. In manchen Fächern führt dies auch zu
sturrem Auswendiglernen von Zahlen und Fakten, ohne die Zusammenhänge oder den Sinn dahinter
zu verstehen. Zwar kann einem ein allgemeines Verständins helfen die Prüfungen zu überstehen,
aber nur durch repetetives und sturres Auswendiglernen ist es möglich die besten Bewertungen zu
erreichen. Würde das System die tatsächliche Überprüfung von Gelerntem als oberste Priorität
haben, hätte man diese Kritikpunkte schon längst geändert.
Das nächste Problem bilden die Lehrkräfte. Trotz einer umfangreichen Ausbildung können
unterbewusste Entscheidungen, persönliche Preferenzen und in die Arbeit einfließende
Charaktereigenschaften kaum verhindert werden. Die Beziehung zwischen Lehrendem und
Lernendem ist, wenn auch je nach Situation unterschiedlich stark, ausschlaggebend für die
Bewertung. Meist haben die Schülerinnen und Schüler kaum Einflussmöglichkeiten darauf, von
welchen Lehrkräften sie unterrichtet werden und falls sie diese durch individuelle Fächerbelegung
haben sollten, stehen sie in Konkurrenz mit den Fachinteressen der Jugendlichen. Ein Lehrer sollte
trotz persönlicher Angriffe, respektlosem Verhalten und ähnlichen Schikanen einen Schüler objektiv
benoten können. Dass dies praktisch nicht umsetzbar ist ist nicht das Problem der Lehrkräfte,
sondern der Ansprüche, die das Bewertungssystem an die Lehrkräfte stellt. Durch die
Machtverhältnisse zwischen Lehrenden und Lernenden entstehen weitere Probleme, ob es das
absichtliche Manipulieren der Lehrkräfte durch Schülerinnen und Schüler ist oder das bewusste
oder unterbewusste Druckausüben auf die Lernenden von den Lehrerinnen und Lehrern, beides ist
für eine objektive Bewertung hinderlich. Der Bildungsaspekt bleibt bei alledem unerwähnt aber es
ist offensichtlich, dass das ursprünglichen Konzept der Wissensvermittlung gänzlich an Bedeutung
verliert.
Ein weiteres großes Problem ist der mit der Leistungsabfrage einhergehende Leistungsdruck, der
auf jeder Schülerin und auf jedem Schüler lastet. Die Angst vor dem Sitzenbleiben und der Druck,
den besten Schnitt für die Zeugnisse, den Abschluss und den späteren Studiengang oder die
Bewerbung zu bekommen wirkt sich äußerst negativ auf die Psyche der Lernenden aus. Das frühe
Konkurrenzdenken, dass von diesem System gefördert wird ist sicherlich nicht allein, aber
mitverantwortlich für eine Atmosphäre des „Gegeneinander“ unter den Lernenden. Soziale oder
Gemeinschaftliche Werte werden höchstens am Rande oder in freiwilligen Veranstaltungen
vermittelt und die Kombination aus einem sozialen Konkurrenzdenken und einem
leistungsfordernden System hat nicht wenige junge Menschen psychisch erkranken lassen und im
schlimmsten Fall zu Gewaltausbrüchen gegen sich selbst oder Mitmenschen geführt.
Das Leistungssystem nach dem Vorbild des Kapitalismus führt darüber hinaus zu den bereits aus
der Wirtschaft bekannten Problemen. Wenn es bei der Entscheidung nach der Art der
weiterführenden Schule noch kaum zu sehen ist wird es doch bei jedem weiteren Abschluss immer
klarer und wird spätestens bei den Studiengängen offen kommuniziert: Jeder kann theoretisch der
beste sein, aber nicht alle. Nach der historischen Tradition des Kapitalismus gilt auch bei der
Bildung, dass es immer genug Gewinner und genug Verlierer geben muss. Wie sonst ist zu erklären,
dass nicht jedes Kind die Chance auf ein Abitur bekommt? Zwar ist das System prinzipiell
durchlässig und jede hauptschülerin und jeder Hauptschüler könnten sich von Abschluss zu
Abschluss hocharbeiten, aber es wird deutlich asoziiert, dass ein Gymnasiast ein Abitur macht und
ein Realschüler einen Realschulabschluss. Darüberhinaus lässt sich beobachten,wenn auch von
Schule zu Schule unterschiedlich, wie Gymnasiastinnen und Gymnasiasten beispielsweise die
mittlere Reife ohne eine Prüfung durch bloßes Versetzen in die nächsthöhere Klasse erlangen,
während Realschülerinnen und Schüler eine eigene Prüfung bestehen müssen, um sich für die
Oberstufe und das Abitur zu qualifizieren. Diese Aspekte legen den Gedanken nahe, dass das
System zwar den problemlosen Abstieg zulässt, aber den Aufstieg erschwert. Darüberhinaus lässt
die hohe Quote der bestandenen Abiturprüfung die Vermutung offen, dass auch Real- und
Hauptschülerinnen und Schüler zu einem nicht unbedeutenden Anteil die Abiturprüfung, inklusive
der Oberstufe, bestehen würden, wenn man ihnen denn die Chance dafür geben würde.
Was dies alles aber besonders verheerend macht, ist die Tatsache dass diese gesammten Chancen,
inklusive der späteren beruflichen Perspektive bereits nach der Grundschule, wenn auch nicht
unabänderbar, beschlossen werden. Die Kinder sind zu diesem Zeitpunkt 9 bis 11 Jahre alt und ihre
bisher erbrachten Leistungen sowie die in den nächsten acht Jahren zu erbringenden Leistungen
werden ihre gesammte Berufslaufbahn maßgeblich beeinflussen. Erschwerend kommt hinzu, dass
die Jugendlichen innerhalb dieser acht Jahre eine schwere Selbstfindungsphase durchleben und
somit zusätzlich emotional belastet sind.
Weitere Aspekte, die die Chancenungleichheit dieses Systems weiter ausbauen bestehen
hauptsächlich aus der An- oder Abwesenheit von genug finanziellen Mitteln. Eine Privatschule oder
ein Internat beispielsweise erlauben wie oben erwähnt zwar keinen besseren Abschluss als eine
öffentliche Schule, können aber durch bessere Betreuung, bessere pädagogische Leistungen oder
zusätzliche außerschulische Angebote die Chancen auf eine positive Leistungserbringung
verbessern. Darüber hinaus steht bei solchen Schulen die private Finanzierung trotz aller Standarts
komplett entgegen dem Ideal der neutralen Leistungsbewertung. Auf der anderen Seite kann das
Fehlen von Geld gerade in den extremsten Fällen hinderlich für das Schulkind sein. Beispielsweise
kann das beste, oder einzige, Gymnasium außerhalb des abgedeckten Fahrtbereiches liegen,
wodurch die Fahrkarten nicht von der Schule bezahlt werden. Dies kann zusätzliche Kosten in Höhe
von bis zu 90€ pro Monat bloß für den Transport des Schulkindes fordern. Davon werden bei
erfolgreichem Nachweis der Kosten die Hälfte erstattet. Die Kosten für Schulutensilien klingen
vernachlässigbar aber sie bleiben vorallem bei mehreren Kindern ein weiterer Kostenfaktor der sich
nur in den extremsten Fällen durch mit weiterer Bürokratie verbunden staatlichen Geldern
ausgleichen lässt.

Um die Frage dieses Essays zu beantworten muss man das Bildungssystem im größeren
Zusammenhang sehen. Es steht nicht alleine sondern ist Produkt einer kapitalistischen Gesellschaft,
deren Werte es verkörpert. Somit hat es die selben Probleme wie unsere Gesellschaft und
Wirtschaft. Es ist ein konkurrenzgetriebenes Leistungssystem und infolgedessen ist die
Chancengleichheit stark durch finanzielle Grundvorraussetzungen, den persönlichen Charakter und
ähnliche Leistungshindernisse oder Begünstigungen beeinträchtigt. Doch trotz all dieser Probleme,
die einen fairen Wettbewerb verzerren, ist das wahre Problem der Wettbewerb an sich. Das
Bildungssystem ist nicht darauf ausgelegt, jedem Kind ein Abitur und ein Studium bereit zu stellen
bevor es auf den Arbeitsmarkt gelangt. Das System ist im Gegenteil durch die unterschiedlichen
weiterführenden Schulen und Abschlüsse, die Aufstiegsbarrieren und die
Leistungsmindestanforderungen klar darauf ausgerichtet die gesellschaftlichen Klassen zu
reproduzieren. Es macht stark den Anschein als ob das System gezielt drauf aus ist leistungsstarke,
zum Studium berechtigte Eliten sowie eine breite Masse an Arbeitern hervorzubringen. Allerdings
tut es dies nur als Werkzeug unter dem Einfluss einer Wirtschaft, die genau diese Klassen benötigt.
Und ohne Kritik zu äußern lässt sich feststellen, dass das System versucht die Schülerinnen und
Schüler bestmöglich auf ihre Rolle in der später kommenden Arbeitswelt vorzubereiten, in dem sie
von Grund auf mit dem Leistungsgedanken erzogen werden ohne die Chance zu haben diesen zu
hinterfragen, ohne sich dadurch sofort gegen das gesammte System zu stellen und die eigene
Zukunft zu gefährden. Das Bildungssystem ist ein pragmatisches und zweckmäßiges System, das es
schafft die bestehenden Verhältnisse zu reproduzieren und die Bildungsideale stehts dem
Machbarem, dem wenigstem Aufwand und den alles diktierenden Strukturen des freien Marktes
und dessen Anforderungen an die Schulabgänger unterordnet. Die Schuld für diese fatale
Fehlausrichtung trägt aber nicht das Bildungssystem selber, sondern die gesammte Gesellschaft, die
durch ihr Leistungsdenken und ihre Akzeptanz des kapitalistischen Systems genau dieses
Bildungssystem geformt haben. Die Reproduktion der Klassen im Bildungssystem ist nicht die
Ursache sondern eins von vielen Symptomen der kapitalistischen Gesellschaft. Das Problem lässt
sich also nicht beheben, solange wir nicht die wirtschaftspolitische Ausrichtung unserer
Gesellschaft ändern.
Literaturverzeichnis:

Becker, Rolf, Hrsg. 2017. Lehrbuch der Bildungssoziologie. Wiesbaden; Springer Fachmedien
Wiesbaden, S. 89-150

Löw, Martina, und Thomas Geier. 2014. Einführung in die Soziologie der Bildung und Erziehung.
Opladen [u.a.]: Budrich, S. 21-27

Marx, Karl (2009). Das Kapital : Kritik der politischen Ökonomie. Mit einem Geleitw. von Karl
Korsch aus dem Jahre 1932. Nachdr. der Ausg. Berlin, Kiepenheuer, 1932 , Köln: Anaconda Verlag
GmbH. ISBN: 978-3-86647-325-6

MediascannerReloaded (2010): 1/2 Wie Bildung Klassen schafft – Bildungsreport Deutschland


(Panorama-Report). Youtube, 08.12.2010, Web, 23.12.2017 um 17:00 Uhr, in
https://www.youtube.com/watch?v=kuUg84JkErE