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PZ Pforzheim vom 01.04.

2017
40 SAMSTAG, 1. APRIL 2017 G E S C HICH TE N AU S D E R R E G I O N Stark! U N D VON DA H E I M PFORZHEIMER ZEITUNG NUMMER 77

Der heißeste Sommer


ILLUSTRATION: PZ / FOTOLIA

Der Mann
für Stürme,
Fluten und Dürre
Die Hitze hatte 2003 nicht nur die Region, sondern ganz Europa im
Griff. Der Juni war der Wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnun-
TEXTE: ALEXANDER HEILEMANN durch Pforzheim zog te er erst in seiner Berufslaufbahn bei einem gen. In Mühlacker wurde am 23. Juni der Spitzenwert von 35,1 Grad
UND SVEN BERNHAGEN und zwei Menschen Lebensversicherer ein. Doch 2014 schlug die gemessen. Wegen der hohen Ozonwerte riet die PZ: „Ausruhen statt
das Leben kostete. Leidenschaft von Neuem zu. Und seitdem re- sporteln.“ Gegen Ende des Monats gingen die Temperaturen zurück
Wetter ist oft Gefühlssache: „Früher „Die Windgeschwin- cherchiert er noch akribischer, steckt noch „Nun bekommt die Hitze hitzefrei“, war eine der Schlagzeilen. Das
digkeiten dieses viel mehr Zeit in seine Forschung. Damals hat- Aufatmen war allerdings von kurzer Dauer, denn der absolut wärms-
gab’s viel mehr Schnee“, heißt es ger- Sturms sind auf über te der Deutsche Wetterdienst seine Klimada- te August schloss sich an. Der Ausnahmemonat führte zu einem
ne. Oder wahlweise: „Früher war der 300 Stundenkilome- ten freigegeben – für Bramm eine Quelle vol- „Bade-Boom“. In Pforzheim gönnten sich Bauarbeiter beim Pflastern
Sommer viel schöner.“ Der Sersheimer ter berechnet wor- ler Informationen über extreme Wetterlagen. eine Erfrischung aus dem Eimer (Foto). FOTO: KETTERL/PZ-ARCHIV
den“, sagt Bramm. Und so hat er gesammelt, welche Werte er zu
Autor Bernd Bramm bietet nun die Eine Katastrophe un- Hochwassern findet, zu Dürren, zu Hitzewel-
Datenbasis für all jene, die gern übers
Wetter reden. In seinem Buch hat er
geheuren Ausmaßes.
Solche Daten zu Bernd Bramm
len und Kälteeinbrüchen.
Seine Arbeit zeigt natürlich, dass es Extre-
Die dickste Schneedecke
verheerenden Wet- me zu allen Zeiten gegeben hat. Aber der Sers-
Wetterdaten aus dem Raum Pforz- terlagen hat der 54-Jährige in den vergange- heimer stellt auch fest, dass sie zugenommen
heim, Bretten, Besigheim zusam- nen zweieinhalb Jahren akribisch zusammen- haben. Das gelte sowohl für Tage, an denen
mengetragen und die extremen getragen. In seinem Buch „Wetterextreme zwi- wahre Regenfluten über manche Orte in der
schen Pforzheim, Bretten und Besigheim“ hat Region kommen. Aber es gebe eben auch
Ereignisse herausgearbeitet – vom
er sie dokumentiert – vor allem auf einer CD- mehr längere und intensivere Hitzeperioden.
Hochwasser 1824 bis zum verhee- ROM, die dem Werk beiliegt. Dort finden sich Seit 1990 hätten die Monate, die gemessen am
renden Tornado 1968. „Heimatstark“ Wetteraufzeichnungen aus dem östlichen Teil Durchschnitt zu warm sind, merklich zuge-
der Region über Jahrhunderte hinweg. Über nommen. Und die wirklich hohen Schneemar-
hat mit ihm gesprochen und einen
schlimme Hochwasser in den Jahren 1824 und ken sind bereits viele Jahrzehnte alt: Im Feb-
Blick in die Geschichte geworfen. 1851 zum Beispiel. Damals seien als Reaktion ruar 1942, so Bramm, habe die damalige Wet-
Flutmarken angeordnet worden, die Auf- terstation in Wimsheim den Rekordwert ge- Das beschauliche Wimsheim ist – das zeigen die Daten, die Bernd
schluss über die damaligen Fluten im Ver- meldet: 68 Zentimeter hoch habe der Schnee Bramm in seinem Buch zusammengetragen hat – Rekordhalter in Sa-

W
enn der Sersheimer Bernd Bramm gleich zu späteren Hochwassern geben. Und dort gelegen. Ein Rekord, der freilich nur für chen dickste Schneedecke seit Beginn der Pegelmessungen. Dem-
sich auf das extremste Wetterphä- damit gab es neue Daten, die Vergleiche zwi- den von Bramm betrachteten Teil der Region nach lagen im Heckengäu am 17. Februar 1942 insgesamt 68 Zentime-
nomen festlegen müsste, das die schen schlimmen Unwettern zulassen. gilt – die Höhenlagen des Nordschwarzwalds ter Schnee. Schon Ende Januar war die Schneedecke deutlich ange-
Region in den vergangenen Jahrzehnten und Temperaturen, Regenmengen, das waren sind bei ihm ausgeklammert. wachsen. Am 4. und 16. Februar kam es dann zu weiteren ergiebigen
sogar Jahrhunderten getroffen hat, dann wäre immer Dinge, die Bernd Bramm fasziniert ha- Schneefällen. An den Rekordhalter Wimsheim kam zwar keiner ran,
das für ihn der Tornado. Der verheerende Wir- ben. Schon in der Jugend und bis in die Studi- Bernd Bramm: „Wetterextreme“; aber trotzdem pendelte sich die Schneedecke in der gesamten Region
belsturm, der am Abend des 10. Juli 1968 eine enzeit habe er täglich notiert, welche Tiefst- Verlag Regionalkultur 2017; – so wie auf dem Foto zwischen Eutingen und Kieselbronn, wo die
Schneise der Verwüstung von Ittersbach über und welche Höchsttemperaturen er gemessen 80 Seiten plus CD-ROM mit 800 Seiten, Straße mit einem sechsspännigen Schneepflug geräumt wurde – bei
Ottenhausen, Gräfenhausen, Birkenfeld bis hat. Eine Pause als Hobby-Wetterforscher leg- 168 Abbildungen und 19 Tabellen; 17,90 Euro. gut 30 Zentimetern ein. FOTO: ARCHIV ORTSVERWALTUNG EUTINGEN

Der kälteste Winter Der stärkste Sturm Das schwerste Hochwasser

Der kälteste Wintermonat seit Beginn der Aufzeichnungen 1755 war Der 10. Juli 1968 war heiß. In Pforzheim hatte es schwüle 30 Grad. Am Nach einem nassen Sommer, in dem sich Böden schon vollgesaugt
der Februar 1929. Das durchschnittliche Minimum über den ganzen Abend bildete sich über den Nordvogesen ein Tornado, der von Westen hatten, war der Oktober 1824 eigentlich von schönem Herbstwetter
Monat hinweg belief sich beispielsweise in Knittlingen auf minus nach Osten zog. Mit seiner zerstörerischen Wirkung zog er gegen 22 Uhr geprägt – bis zum 28. An diesem Tag begann es zu regnen und es soll-
16,4 Grad. Die tiefste Temperatur wurde am 13. des Monats mit minus von Ittersbach über Ottenhausen und Gräfenhausen nach Birkenfeld, te bis zum 6. November praktisch nicht mehr aufhören. Das Enztal
28,9 Grad gemessen. Fast den ganzen Monat über lag in der Region überquerte die südlichen Stadtteile von Pforzheim und endete nur we- zwischen Neuenbürg und Besigheim sei ein einziger See gewesen. An
eine mäßig hohe Schneedecke. Sämtliche Seen und Flüsse – wie auch nig östlich von Neubärental. Berechnungen zufolge lag die Windge- der Enz in Pforzheim bei der Altstädter Brücke wurde eine Wasser-
die Enz auf dem Foto an der alten Wehrfalle in Mühlacker – in schwindigkeit zwischen 270 und 350 Stun- menge von 1350 Kubikmetern in der Sekunde gemessen. Dies war
Deutschland waren komplett vereist. Zu den schönen Seiten gehörte denkilometern. Der Pforzheimer mehr als das Zehnfache der normalen Wassermenge und fast drei-
das Eislaufen auf der zugefrorenen Enz. Aber viele Bereiche des öf- Tornado wurde in die zweit- mal so viel wie bei einem gewöhnlichen Hochwasser. Der Wasser-
fentlichen und privaten Lebens wurden lahmgelegt. Da durch die höchste Stufe „F4“ eingeord- stand der Enz stieg auf 4,30 Meter – das Maximum von 1784 lag zu-
Vereisung der Flüsse die Binnenschifffahrt unmöglich wurde, kam es net. Die Schneise der Zer- vor bei 3,10 Meter. Sämtliche Brücken in Pforzheim wurden zerstört,
zu Problemen in der Kohlenversorgung. Kohleferien wurden ange- störung war etwa 27 Kilo- ebenso wie in Brötzingen, Würm, Eutingen oder Niefern. Paradox: In
ordnet, Schulen geschlossen. Brandfälle beim Auftauen der Leitun- meter lang und 200 bis Vaihingen brach bei einem Gerber ein Feuer aus, das wegen der um-
gen nahmen „in erschreckender Weise zu“. Sogar um die Kirchenglo- 600 Meter breit. Zwei gebenden Wassermassen nicht gelöscht werden konnte. Als die Flu-
cken fürchtete man. Um das Zerspringen durch den Frost zu vermei- Tote wurden gezählt. Es ten nachließen, türmten sich Enz-abwärts die Trümmerberge – und
den, wurde am Sonntag, dem 17., in Pforzheim nicht wie üblich vor gab rund 300 bis 400 in den Zeitungen gab es Suchanzeigen wie diese: „Durch die Ueber-
Beginn der Gottesdienste geläutet. In einem Zeitungsbericht hieß es Verletzte. Über 4000 schwemmung am 29. Oktober wurde Rößleswirth Urbans Wittwe von
damals: „Genug der Kälte! Das unerschöpfliche Tagesgespräch ist die Gebäude wurden be- Pforzheim ihr mit 6 kupfernen Hacken versehener, neuer Bierbrau-
Kälte. Selbst den Ausdauerndsten fällt sie auf die Nerven. In den vor- schädigt, 130 Autos hat- kessel, so wie ein Branntweinkessel nebst zwei Kuppeln, vom Wasser
hergehenden Jahren hatten sie sich schon mit dem Problem beschäf- ten Totalschaden und fortgerissen. Dem redlichen Auffinder dieser Objekte wird auf gefäl-
tigt, ob sich in Deutschland ein Klimawechsel vorbereite. ‚Wir haben 440 Hektar Wald mussten ligst Nachricht eine angemessene Belohnung zugesichert.“ Bilder
ja keinen Winter mehr‘, meinten sie, ‚unsere Temperaturen nähern neu aufgeforstet werden. vom Rekordhochwasser liegen nicht vor, aber auch das Foto des
sich denen in Italien‘. Diese Phantasten dürfen wohl endlich eines FOTOS: STADTARCHIV PFORZHEIM / KREISARCHIV - Hochwassers von Mai 1931, als der Marktplatz in Dürrmenz unter
Besseren belehrt worden sein.“ FOTO: STADTARCHIV MÜHLACKER DES ENZKREISES Wasser stand, ist schon ganz eindrucksvoll. FOTO: STADTARCHIV MÜHLACKER