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PZ Pforzheim vom 11.02.

2017
G E S C H I C H T E N AU S DE R RE GI ON Stark! UN D VO N DA H E I M
38 SAMSTAG, 11. FEBRUAR 2017 PFORZHEIMER ZEITUNG NUMMER 35

Pforzheimer Spuren
BIL D ERBUCH-
WET TER

Das Buch
zum Battert am steilen Fels
Knapp zwei Jahre haben die
Baden-Badener Stadtarchivarin
TEXT: SVEN BERNHAGEN | FOTOS: JÜRGEN BERGMANN/PZ-ARCHIV
Dagmar Rumpf und Fotograf
Jürgen Bergmann am 140 Sei- Der Battert – majestätisch thront das Felsmassiv über Baden-Baden.
ten starken, reich bebilderten
Buch „Battert – klettern, wan-
Gut 50 Meter hoch sind die Wände. Auch für Kletterer aus der Region –
dern, schauen“ gearbeitet. Das der Pforzheimer Alpenverein hat immerhin über 3000 Mitglieder – ist
ist für Kletterer und Wanderer der Battert seit jeher ein Anziehungspunkt. Zahlreiche Erstbegehungen
gleichermaßen interessant und
widmet sich neben Sport und
gehen auf das Konto Pforzheimer Bergsteiger. In einem Buch hat nun
Geschichte auch der Flora und die Baden-Badener Stadtarchivarin Dagmar Rumpf – selbst eine
Fauna des Battert. Die Texte ba- begeisterte Kletterin – die Geschichte des Battert aufgearbeitet.
sieren auf Rumpfs Recherchen

A
für eine große
Battert-Aus- m Battert sind Pforzheimer Türmchen – eröffneten 1941 Manfred Schä-
stellung Kletterer in den 1920er- und fer und Hermann Vetter aus der Jung-
2014/15 im Ba- 30er-Jahren eigene Wege ge- mannschaft des Pforzheimer Alpenvereins.
den-Badener gangen, haben neue Routen Bereits in den 1920er- und 30er-Jahren
Stadtmuse- erschlossen und ihre Spuren gehörte der Pforzheimer Volksschullehrer
um. Die Fotos hinterlassen. Noch heute zeugen Namen Walter Stösser nicht nur am Battert zu den
zusammenzu- wie Alter Pforzheimer Weg oder Neuer Pionieren, sondern überhaupt zu den ganz
Dagmar Rumpf. kriegen war Pforzheimer Weg von ihren Taten. Es sind großen Alpinisten seiner Zeit. So gelang
ungleich Kletterrouten, die nichts von ihrer Anzie- ihm 1932 zusammen mit seinem Pforz-
schwieriger. „Wir hätten gerne hungskraft, aber auch von ihrer heimer Bergkameraden Fritz Kast
auch Pforzheimer Kletterer im Ernsthaftigkeit verloren haben. die Erstbegehung des Südost-
Buch gehabt, aber die Termine „Das waren Wahnsinnstaten, grats und der Nordwand des
sind immer wieder geplatzt, die die damals vollbracht ha- 3934 Meter hohen Bietsch-
weil das letzte Jahr so verregnet ben, vor allem, wenn man horns in den Schweizer Al-
war“, sagt Rumpf. So hätten sie sich das Material anschaut, pen. Am 1. August 1935
auch den berühmten Bühler mit dem die unterwegs wa- stürzte Stösser im Alter von
8000er-Bergsteiger Ralf Dujmo- ren“, sagt Dagmar Rumpf: nur 34 Jahren in der Mor-
vits, dessen Hausgebiet der „Bis in die 50er-Jahre hinein genhorn-Nordwand im Ber-
Battert ist, erst auf den letzten waren Seilrisse bei einem ner Oberland zusammen mit
Drücker in den Kochüberhän- ernsthaften Sturz ja gang und seinem Pforzheimer Seilpartner
gen (6) ablichten können: „Es gäbe.“ Theo Seybold tödlich ab.
war trüb, der Fels war nass und Heute haben Kletter- Der Pforzheimer Battert-Pionier 1923 war Stösser neben Lud-
noch während er geklettert ist, schuhe mit dünnen Gum- Walter Stösser, der 1935 in den wig Hall Mitbegründer der
hat’s wieder angefangen zu reg- misohlen, Sicherheitsseile Alpen abstürzte. Klettergilde Battert (KGB),
nen – aber es musste sein, weil und Bohrhaken die schwe- der auch Ernst Seifried aus
er am nächsten Tag zur Expedi- ren Bollerschuhe, Hanfseile und geschlage- Pforzheim angehörte. „Ein lockerer Zusam-
tion nach Pakistan aufgebro- nen Haken abgelöst. Das Klettern am Bat- menschluss Gleichgesinnter aus allen
chen ist.“ tert bleibt aber trotzdem eine Herausforde- Schichten – aber allesamt herausragende
rung. „Da sollte man schon genau wissen, und wagemutige Kletterer“, sagt Rumpf.
was man tut, denn die Hakenabstände sind Stösser, dem die Archivarin nach ihren um-
zum Teil recht groß“, sagt die Baden-Bade- fangreichen Recherchen „starken Ehrgeiz,
ner Stadtarchivarin, die regelmäßig selbst eisernes Durchhaltevermögen, aber auch
Hand an den Fels legt. ein deutliches Geltungsbedürfnis“ attes-
Routen bis zum siebten Schwierigkeits- tiert, habe sich schnell zum Wortführer der
grad klettert die 46-Jährige. Von der Fal- KGB entwickelt. Allerdings habe sich der
Dagmar Rumpf/Jürgen Berg- kenkante, die 1947 der Pforzheimer Hans Pforzheimer, der Bergsteigen als Kampf
mann: „Battert – klettern, Scherrieble (1928 – 1970) erstmals hinauf- mit den Naturgewalten sah, auch schnell
wandern, schauen“; gestiegen ist – ebenfalls im siebten Grad –, angesprochen gefühlt von der Nazi-Ideolo-
Panico-Verlag 2016; 140 Seiten; lässt sie trotzdem lieber die Finger: Zu gie. Bereits 1923 sei Stösser der illegalen
29,80 Euro; erhältlich im Buch- schwierig, zu schlecht abzusichern. „Da schwarzen Reichswehr beigetreten und sei
handel, unter www.panico.de braucht man eine robuste Psyche. Die Erst- später Mitglied der SS gewesen.
oder beim Pforzheimer Out- begehung war damals eine abartige Leis- Auf sein Erstbegehungskonto gehen am
door-Ausrüster Fels und Eis Auch heute noch beliebt: Der Alte Pforzheimer Weg (4+) an der Badener Wand ist ein Klassiker, tung von ihm“, sagt Rumpf über Scherrie- Battert unter anderem der Alte und der
(Ebersteinstraße 16) den Walter Stößer 1929 erstmals geklettert ist. Die Route hat er zu Ehren seiner Heimatstadt so benannt. ble, genannt „Jackill“, der in der Nach- Neue Pforzheimer Weg (4+/6), aber auch
kriegszeit in der Baden-Badener Klettersze- die Schleierwand (7-). Gemeinsam mit Fritz
ne bekannt war wie ein bunter Hund. „Den Kast erschloss er um 1929 die Stösser-Kast-
Beschreibungen nach muss er völlig angst- Verschneidung (5) und die Wespenkante
frei gewesen sein. So hat er wohl auch (5-). „Nach dem Krieg ist Fritz Kast meines
„Schleierwand (7-): Handstände vorn an der Felskante ge- Wissens am Battert nicht mehr so viel ge-
Eine der berühmten macht“, erzählt Rumpf. klettert“, sagt Rumpf. In Pforzheim enga-
,Rollstuhl-Routen‘ und Zu den prägenden Figuren in der Nach- gierte er sich im Kreissportausschuss und
kriegszeit am Battert gehörten neben ab 1956 als Hüttenwart des Pforzheimer Al-
eines der Stösser’schen Scherrieble auch die Pforzheimer Erich penvereins. 1995 starb Kast mit 86 Jahren.
Meisterwerke. An Groß- Eißler (1929 – 2005) und Elmar Haggenjos, Ab Mitte der 1960er-Jahre war Rumpfs
zügigkeit und direkter genannt „Dompteur“. „Eißler hat zum Bei- Recherchen zufolge die Zeit großer Pforz-
spiel 1956 die Frühstückskante, 1960 den heimer Namen am Battert vorbei – die der
Linienführung kaum Bergwachtriss und 1963 den Altherrenweg Pforzheimer Kletterer aber noch lange
zu überbieten.“ eröffnet – heute noch eine der am häufigs- nicht: „Das sieht man nicht nur an den
Der Panico-Kletterführer über die
Luftig: Die Schleierkante (5) am Felsmassiv Cima Markant: Die Stösser-Kast-Verschneidung (5) in ten begangenen Routen am Battert“, sagt massenhaften Einträgen in Wandbüchern,
Schönheit, aber auch die Gefährlichkeit della Madonna – Stössers wohl berühmteste Tour der Fermeda (links), 1931 erstmals geklettert von Rumpf. Eine heute weitgehend vergessene sondern auch an den vielen Pforzheimer
der 1933 erstbegangenen Route. am Battert, 1931 eröffnet. den beiden Pforzheimer Namensgebern. Route – das Juliwandl am Hellminger Kennzeichen auf dem Parkplatz.“

Ein Ziel für Wanderer und Kletterer hoch über Baden-Baden


 Die Anfänge: Schon 1887 be- 




Schwierigkeitsgrad gibt es heute. Die 




 Wandern und schauen: Im Ba- 









Walter Stösser“. In Dillweißen-
gann der Baden-Badener Gymna- Hakenabstände sind zum Teil groß, den-Badener Ortsteil Ebersteinburg stein führt der Walter-Stößer-
   
   
   
   
   
   

siast Wilhelm Paulcke, am Battert der Umgang mit mobilen Siche- (von Pforzheim mit dem Auto eine Weg ins „Täle“ zum kleinen, aber
   
   
   
   
   
   
   

zu klettern. Damit gehört das rungsmitteln wie Keilen, Friends oder knappe Stunde) gibt’s einen Wan- feinen Klettergebiet „Hängende
   
   
   
   
   
   
   

Felsmassiv zu den ersten für den Schlingen sollte geübt sein. Beschrie- derparkplatz (fürs Navi: Herren- Gärten“. In München gibt es die
   
   
   
   
   
   
   

Klettersport erschlossenen außer- ben sind die Routen zum Beispiel im äckerstraße 45). Von dort kommt Stösserstraße, in den Dolomiten
   
   
   
   
   
   
   

alpinen Felsmassiven in Deutsch- Kletterführer „Schwarzwald – Band man direkt von Osten in wenigen Mi- einen Stösser-Turm.
   
   
   
   
   
   
   

land. Nur im Elbsandstein wurde Nord“ aus dem Panico-Verlag nuten zu den Battert-Felsen. Von Aber die Battert-Kletterer trugen
   
   
   
   
   
   
   

noch früher geklettert. 1926 hat (2. Auflage 2013; 320 Seiten; 29,80 Westen führt der Zugang über den den Namen ihres heimischen Fels-
   
   
   
   
   
   
   
   

die Karlsruher Alpenvereinssekti- Euro). Die DAV-Sektion Pforzheim Parkplatz beim Alten Schloss (fürs massivs auch hinaus in die Alpen.
   
   
   
   
   
   
   

on den ersten Kletterführer für veranstaltet immer wieder Felsklet- Navi: Alter Schlossweg 10). Eine So benannte beispielsweise Stös-
   
   
   
   
   
   
   

den Battert veröffentlicht – es terkurse am Battert. Eine Übersicht schöne Wanderrunde ergeben der ser 1928 eine Erstbegehung an
   
   
   
   
   
   
   

war der erste seiner Art über- über das Angebot gibt’s auf www.al- Obere- und Untere Felsenweg. Ein- der Gehrenspitze in den Tann-
   
   
   
   
   
   
   

haupt für Felsgebiete deutscher penverein-pforzheim.de und Tiefblicke bieten sich von den heimer Bergen Battertriss. Im
   
   
   
   
   
   
   

Mittelgebirge. vielen Türmen und Massiven in die Rosengarten in den Dolomiten


   
   
   
   
   
   
   

Schluchten und Wände – Ausblicke heißt eine Kletterroute Battert-


   

Feierabend: Ein Kletterer im Schein der Stirnlampe hoch oben auf den Felsen,
   
   
   
   
   

 Klettern, Kurse, Führer: Der


   

auf die Schwarzwaldgipfel, auf Ba- weg – 1933 mit erstbegangen


   

während unten im Tal die Lichter von Baden-Baden (links) leuchten.


   
   
   
   
   
   

Battert besteht aus Quarzpor- den-Baden und aufs Rheintal. Unter- vom Pforzheimer Erwin Kraus.
   
   
   
   
   
   

 Namen und Wege: Dem Namen


   

phyr– also verkieseltem Konglo- wegs warten die Untere Batterthüt- sentreppe und mehrere kleine Pfade, Über 1000 Fotografien, die wäh-
   

   
    
    
    
    
    

merat. Knapp 400 Kletterrouten, te, die Bergwachthütte, das Alte die direkt ins Felslabyrinth hineinfüh- Walter Stösser begegnet man vieler- rend Stössers Bergtouren ent-
    
    
    
    
    
    
    

zwischen 15 und 55 Metern Schloss Hohenbaden, die Felsenbrü- ren, wo man den Kletterern bei ihrem orts. So widmete Paul Hübel ihm standen sind, sind im Pforzhei-
    


Tatsächlich mit „ß“: Der Walter-Stößer-


   
    
    
    
    
    

hoch, im dritten bis zehnten cke an der Badener Wand, eine Fel- Treiben zuschauen kann. 1940 das Buch „Der Bergsteiger mer Stadtarchiv einsehbar.
    
    

Weg in Dillweißenstein.