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PZ Pforzheim vom 09.09.2017

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SAMSTAG, 9. SEPTEMBER 2017

GESCHICHTEN AUS DER REGION UND VON DAHEIM
GESCHICHTEN AUS DER REGION
UND VON DAHEIM

PFORZHEIMER ZEITUNG

NUMMER 209

DER REGION UND VON DAHEIM PFORZHEIMER ZEITUNG NUMMER 209 Manfred Eiselein ist Kenner und Fan von

Manfred Eiselein ist Kenner und Fan von Kernobst. Einem frisch gepflückten, knackigen, leicht süßen Apfel ist er nicht abgeneigt. Noch lieber mag er aber die Butterbirne.

Auf einen Biss mit Kaiser Wilhelm

TEXT UND FOTOS: SABINE RIES

Ein preußischer Monarch hat nicht nur in der deutschen Geschichte seine Spuren hinterlassen, sondern auch in der Flora. 1875 biss Wilhelm I. in einen mittelgro- ßen, saftig-süßen, goldgelben Apfel mit roter Farbe auf der Sonnenseite – fortan hieß die Sorte Kaiser Wilhelm. Auch in der Region gibt es traditionelle aber selten gewordene Apfeltypen. „Heimat- stark“ war im Kieselbronner Obstsorten- museum auf Entdeckungstour der wieder im Trend liegenden Sorten.

M anfred Eiselein, seit 25 Jahren Vorstand des Obst- und Gartenbauvereins Kieselbronn und Gartenfreund durch und durch, wartet

schon am Obstsortenmuseum auf den „Heimatstark“- Besuch. Dieses startete 1994 mit rund 40 Ostbäumen. Ziel war und ist das Sammeln und Aufpfropfen der Lo- kalsorten unter Aufsicht der Obstbauberatungsstelle beim Landwirtschaftsamt des Enzkreises. Eiselein sitzt entspannt auf einer in die Jahre gekommenen Holz- bank gleich neben der verwitterten Holztafel, die den Besuchern erklärt, was es mit dem Obstsortenmuseum auf sich hat. In Reih und Glied tummeln sich hier hauptsächlich Apfel- und Birnen-, aber auch Kirschen- und Zwetsch- genbäume. Die meisten sind mit einem Schildchen versehen, auf dem steht, um welche Sorte es sich han- delt. Mitunter finden sich auch außergewöhnliche Ex- emplare. Etwa, wenn aus einem Stamm verschiedene Sorten sprießen. Da lohnt es schon, genauer hinzu- schauen. Experte Eiselein erklärt dies an einem etwas größeren Schild, welches er nach Norden ausrichtet. „Bei diesem Eberdinger Sämling ist der linke Ast Ba- sches Apfel, der rechte Bratzelapfel, der hinten raus Gelbe Schafsnase und der hoch hinaus der Eberdinger Sämling.“ Ein Stamm, vier Sorten. Das nennt man Vielfalt auf kleinster Fläche. So recht zufrieden ist Manfred Eis- elein mit dem Zustand des Obstsortenmuseums in die- sem Jahr allerdings nicht. „Der späte Frost, als der

STANDARDSORTEN

Aus aller Welt

Bekannte und verbreitete Sorten bei Äpfeln sind Boskoop, Renette, Gewürzluiken, Goldparmäne, Gräfin von Paris, Zabergäu Renette oder Gravenstei- ner. Bei Birnen stehen beispielsweise Geißhirtle (Hutzelbirne), Bratbirne und Butterbirne beim Ver- braucher hoch im Kurs.

LOKALSORTEN

Ein Stück Heimat

Sorten, die aus dem Landkreis kommen, sind Mühl- häuser Grüner und Dammapfel, Winterhimbeerapfel (Birkenfeld) und Pflegmüllerapfel (Knittlingen). Die Illinger Schnitzbirne, Birkenfelder Hakenbirne oder Lederhosenbirne (Birkenfeld) sind Birnen aus hei- mischen Gefilden.

Austrieb schon sehr weit war, hat auch hier viel Schaden angerichtet“, stellt er bedauernd fest. Tatsächlich muss man die Früchte suchen, die nur vereinzelt an den Ästen hängen. Ab und an wird er trotzdem fündig, schnappt sich eine Bau- manns Renette und beißt be- herzt hinein. „Schmeckt gar nicht so schlecht“, teilt er mit vollen Backen mit und hat auch gleich Wissenswertes zum benachbarten Öhringer Blut- streifling parat: „Der ist hart, süß und sehr lange haltbar.“ Die Haltbar- keit war ehemals in Zeiten ohne Kühl- räume sehr wichtig. Stellte das frische Obst doch eine Vitaminversorgung und Abwechslung auf dem Ernäh- rungsplan über den Winter dar.

Abwechslung auf dem Ernäh- rungsplan über den Winter dar. Vier auf einen Streich: Welche Sorten an

Vier auf einen Streich:

Welche Sorten an einem Stamm gedeihen, zeigt das Schild am Baum (oben). Die Feuerbrand- krankheit schadet den Kernobst- arten und muss durch Rückschnitt bekämpft werden (unten).

be werden schwarz.“ Hier helfe nur ein rabiater Rückschnitt. Die Gerätschaf- ten, die an kranken Bäumen einge- setzt waren, gehören zudem des- infiziert. „Manch einer nimmt deshalb Schnaps mit in seinen Garten“, stellt er augenzwin- kernd fest. Wer einen weitge- hend resistenten Apfelbaum erwerben möchte, sollte des- halb eine von der Versuchsan- stalt Dresden-Pillnitz mit Re beginnende Sorte wählen, wie Rewena, Resi, Regine oder Reka, rät er aus Erfahrung. Der nächste Halt ist bei Kaiser Wil- helm, einer alten Apfelsorte, die noch heute beliebt ist und eine besondere Geschichte hat. Um 1864 wurde er als Zufallssämling des säuer- lich-süßen Tafelapfels im Kreis Solingen gefunden und war zunächst unter dem Namen Peter Broich in vieler Munde. Angeblich verkostete 1875 Kai- ser Wilhelm I. höchstpersön- lich den mittelgroßen, saftig- süßen, goldgelben Apfel mit ro- ter Farbe auf der Sonnenseite. Er genehmigte, ihn nach seinem Na- men zu benennen. So eine berühmte Geschichte hat der Wimsheimer Augapfel nicht vorzuwei- sen. Macht aber nichts, seinen Platz be- hauptet diese Lokalsorte im Museum ebenso stolz wie die Renette von Serres oder der Iptinger Krummstiel. Immer- hin sind sie die Überbleibsel von einst über 1200 lokalen Apfelsorten in Deutschland. Wie diese alten Sorten er- halten werden können, ist indes schnell

erklärt. „Im Dezember, Januar nimmt man Triebe von alten Bäumen und pfropft diese auf ei- nen jungen Baumstamm auf.“ Optimal sei ein Baum dann gewachsen, wenn das Grundgerüst stimme. „Der Baum braucht eine Spitze sowie drei, manchmal auch vier Leitäste“, so der Obstexperte. Wie groß und mäch- tig ein Baum werde, bestimme die Wurzel.

Sorgen der Obstliebhaber

Der Brettacher dagegen sei ein typisch säuerlich-haltbarer Ku- chenapfel und zähle zu den Standardsorten, ebenso wie der Rheinische Bohnapfel. An letz- teren hat Manfred Eiselein, der auf einem Hof bei Bad Mergent- heim aufwuchs und schon als Bub einen eigenen Garten bestellte, nicht so gute Erinnerungen. „Das ist eine wirk- lich ganz, ganz alte Sorte, die hatten wir schon als Kinder“, stellt er mit einem Schmunzeln fest. Geschmeckt hätten ihm diese – aus seiner Sicht – faden Äp- fel, die erst im Februar, März auf den Tisch kamen und eigentlich keine Tafel- äpfel sind, aber nie, verrät er. Und er- gänzt, dass er eher der Birnenliebhaber sei und Gellerts Butterbirne sein Favorit

wäre. Auch einem guten Most gegen- über wäre er nicht abgeneigt. Auf dem Weg durch die Anlage macht Manfred Eis- elein auf die Feuerbrandkrankheit aufmerksam, die je- dem Obstliebhaber die Sorgenfalten auf die Stirn treibt. „Diese meldepflichtige Krankheit schädigt die Bäume massiv, die Äpfel schrumpeln, Blätter und Trie-

die Bäume massiv, die Äpfel schrumpeln, Blätter und Trie- In Kieselbronn versucht man die alten, traditionellen

In Kieselbronn versucht man die alten, traditionellen Sorten zu erhalten.

FACH-ABC

Mitreden mit den Obst-Experten

ZUFALLSSÄMLING: Zufällig entdeckte Pflanzenpopu- lation, die sich für Züchtungen und Vermehrungen eignet.

KOPULATION: Ein Edelreis und einen etwa gleich di- cken Wildling schräg anschneiden und miteinander verbinden.

OKULATION: Edelauge unter die Rinde des Wildlings schieben.

PFROPFEN: Edelreis anspitzen und unter die Rinde des Wildlings schieben.

Viele Fragen rund ums Obst im Haus- und Kleingarten kann Fachmann Eiselein auch im Lehrgarten des Kie- selbronner Obst- und Gartenbauvereins beantworten. Dieser gleicht einem liebevoll, herausgeputztem Para- dies, in dem nur mit Mist gedüngt Feigen ebenso gedei- hen wie Indianerbanane (Papau), Mispeln, Nashi, Kiwi, Kaki oder Goji-Beeren. Hinzu kommen die altbekann- ten und beliebten Beeren, Äpfel, Birnen und Pfirsiche. Die Kindergruppe des Vereins hegt derweil einen bun- ten Gemüse- und Blumengarten und zieht erfolgreich Obstbäume aus Kernen groß. Rückblickend auf die ver- gangenen 25 Jahre als Vorstand, in den Verein war er spontan eingetreten, blickt er stolz auf alles in der Zwi- schenzeit entstandene. Der Verein besitzt eine sehens- werte, eigene Anlage mitsamt Vereinsheim und aktivem Programm. Zudem sei durchschnittlich jeder neunte Bürger von Kieselbronn Mitglied. Dass der zwischen- zeitliche Ruheständler Manfred Eiselein das Garten- Gen im Blut hat, lässt sich nach dem Rundgang durch das Obstsortenmuseum und den Lehrgarten nicht mehr von der Hand weisen. Dass er als kleiner Bub sein gan- zes Taschengeld in Sämereien investiert und jede freie Minute in seinem Garten verbracht hat, hat durchweg positive Spuren hinterlassen.

OBSTSORTENMUSEUM

Weitere Infos für Neugierige

Das Obstsortenmuseum in Kieselbronn ist frei zu- gänglich. Parkmöglichkeiten finden sich im Neubau- gebiet an der Hans von Hirschhornstraße. Von dort sind es zu Fuß rund 1000 Meter. Infos zum Museum, für Führungen und Reiserabgabe erteilt das Land- ratsamt Enzkreis unter der Telefonnummer (07231) 3 08 18 31, das Bürgermeisteramt Kieselbronn unter (07231) 9 53 40 und der Obst- und Gartenbau- verein Kieselbronn unter (07231) 5 21 80. Zudem hält die von Streuobst umgebene Gemeinde weitere In- formationen zum Obstsortenmuseum auf ihrer Homepage bereit: www.kieselbronn.de/gemein- de/obstmuseum. Wer mehr über den Obst- und Gar- tenbauverein Kieselbronn erfahren möchte, nutzt deren Internetauftritt: www.ogv-kieselbronn.de.