Sie sind auf Seite 1von 212

Rainer Schmalz-Bruns

Ansätze und Perspektiven der Institutionentheorie

E ine bibliographische und konzeptionelle Einführung

Reiner Schmalz-Bruns

Ansätze

und Perspektiven

der Institutionentheorie

Rainer

Schmalz·Bruns

unter Mitarbeit von Rainer Kühn

Ansätze und Perspektiven

der Institutionentheorie

Eine bibliographische und konzeptionelle

Einführung

~ Springer Fachmedien Wiesbaden

GmbH

CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek

Schmal:z:-Bruns, Rainer:

Ansätze und Perspektiven der Institutionentheorie : eine bibliographische und konzeptionelle Einführung/ Reiner Schmalz-Bruns. Unter Mitarb. von Reiner Kühn. -Wiesbaden: Dt. Univ.-Verl., 1989

ISBN 978-3-8244-4013-9 DOI 10.1007/978-3-322-93831-2

ISBN 978-3-322-93831-2 (eBook)

Der Deutsche Universitäts-Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann.

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1989 Ursprünglich erschienen bei Deutscher Universitäts-Verlag GmbH, Wiesbaden 1989

bei Deutscher Universitäts-Verlag GmbH, Wiesbaden 1989 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich ge- schützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Ur- heberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzul.~ssig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Uber- setzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verar- beitung in elektronischen Systemen.

0. Vorwort

Die vorliegende Arbeit ist aus dem Diskussionszusammenhang der Sektion "Politi- sche Theorie und Ideengeschichte" in der DVPW hervorgegangen, die seit einigen Jah- ren auf kontinuierlich stattfindenden Arbeitstagungen in fachübergreifender Perspektive das Projekt einer Theorie politischer Institutionen verfolgt hat. Dabei haben gerade die Diskussionen mit Vertretern sozialwissenschaftlicher Nachbardisziplinen schnell gezeigt, daß auch die politikwissenschaftliche Durchführung eines solchen Projekts von vorn- herein durch die konzeptuellen Unschärfen belastet ist, die die Verwendung des Institu- tionenbegriffs fast durchgängig begleiten. Deshalb habe ich gern die Anregung der Pro- fessoren Herrnbach und Göhler aufgegriffen, die politikwissenschaftlichen Fragestellun- gen in der allgemeinen sozialwissenschaftliehen Diskussion zu situieren, nach möglichen konzeptuellen Anschlüssen zu suchen und dies mit einem bibliographischen Überblick über die einschlägige Literatur zu verbinden.

Herr Prof. Dr. Gerhard Göhler hat es übernommen, dieses Projekt, das dankens- werter Weise von der DFG durch eine Sachbeihilfe gefördert wurde, zu betreuen. Damit hat er nicht nur für den institutionellen Rahmen der Durchführung gesorgt, sondern er hat die Arbeit über den gesamten Zeitraum interessiert und kritisch begleitet und so ent- schieden zu deren Abschluß beigetragen.

Der Bericht, den ich nunmehr vorlegen kann, wäre so allerdings ohne das weit über seine Verpflichtungen hinausgehende Engagement Rainer Kühns nicht entstanden. Rainer Kühn war nicht nur wesentlich an den bibliographischen Arbeiten beteiligt, son- dern er hat darüber hinaus das Register erstellt und war schließlich in mühevoller Klein- arbeit auch für die Herstellung einer publikationsfähigen Druckvorlage verantwortlich. Ihm ist vor allem und in erster Linie zu danken.

Lüneburg, August 1988

Rainer Schma/z-Bruns

INHALT

I. EINLEITUNG

II. NOTIZEN ZUM FORSCHUNGSSTAND

II.l. ALWEMEINE HINWEISE

11.2. POLITIKWISSENSCHAFfLICHE ANSÄTZE

1

18

18

29

11.2.a. Modernisierungs- und Entwicklungstheorien

30

11.2.b. Institution-buHding

37

11.2.c. Neo-Institutionalismus

39

11.2.d. Staatstheorie

43

11.3.

SOZIOLOGISCHE ANSÄTZE

47

11.3.a. Ordnungstheorie und Handlungstheorie - Zur Beschreibung des Problems

50

11.3.b. Systemtheoretische Ansätze

53

11.3.c. Handlungstheoretische Ansätze

58

11.3.d. Rationalisierungstheorien

68

11.4. ERWEITERUNG DES DISZIPLINÄREN FOKUS

11.4.a. Biopolitics

11.4.b. Ökonomische Institutionentheorie

11.4.c. Politische Institutionen und das Recht

11.4.d. Politische Anthropologie

11.4.e. Praktische Philosophie

11.5. ZUSAMMENFASSUNG

73

74

78

86

95

98

100

vm

III.

BIBLIOGRAPHIE

103

III.l. ALLGEMEINES

103

111.2.

POUTIKWISSENSCHAFfUCHE ANSÄTZE

107

Politische Theorie und Institutionen

107

III.2.a. Modernisierungs- und Entwicklungstheorien

116

III.2.b. Institution-buHding

123

III.2.c. Neo-Institutionalismus

125

III.2.d. Staatstheorie

128

111.3.

SOZIOLOGISCHE ANSÄTZE

132

III.3.a. Klassiker

132

Ill.3.b. Systemtheoretische Ansätze

139

III.3.c. Handlungstheoretische Ansätze

143

111.3.d. Rationalisierungstheorien

149

III.4. WEITERE SOZIALWISSENSCHAFILICHE ANSÄTZE

155

III.4.a. Biopolitics

155

111.4.b. Ökonomische Institutionentheorie

157

111.4.c. Rechtstheorie

171

III.4.d. Politische Anthropologie

177

III.4.e. Praktische Philosophie

185

IV.

INDEX

191

I. EINLEITUNG

"Der Begriff der Institution hat eine große Vergangenheit und eine unsichere Zukunft."

Mit dieser lapidaren Feststellung leitet WILLKE (1987: 162) einen neueren Lexikonartikel -zum Begriff 'Institution' ein, und man kann dies durchaus fast als Warnung lesen, von diesem Thema doch lieber die Finger zu lassen. Versucht man es trotzdem, könnte es einem wie jenem Anthropologen gehen, von dem CLAESSENS (1980:

llf) berichtet: Der Forscher, der in das Gebiet der Anthropologie einzudringen versucht, wirdangesichtsder fast überirdischen Gewalt großer Vordenker und der Viel- fältigkeit der Erscheinungsformen evolutionistischer Theoriebildung niedergedrückt und zur bescheidenen Einkehr gezwungen.

Das ist aber nur die eine Seite des Problems einer 'großen Vergangenheit'. Die andere Seite ist häufig die, daß die Väter ihr Erbe nicht eindeutig geregelt haben und so den Streit der Erben - und damit die Neuaufnahme des Themas - regelrecht provozie- ren.

Schlimmer noch wird die Lage, wenn - um im Bild zu bleiben - unterschiedliche Testamente auftauchen, und man keine Möglichkeit hat, deren Echtheit (oder wie es in wissenschaftlichen Kontexten heißen sollte: deren Wahrheit) zu prüfen. Eine oft ge- wählte Lösung ist dann, die unüberschaubare Lage durch Sichtung und Auswertung von Definitionen wie durch die Sichtung und Auswertung der unterschiedlichen Sichtungs- versuche aufzuklären und sich dadurch langsam so etwas wie einem kleinsten gemein- samen Nenner zu nähern. Das ergibt dann die Situation, die schon MAssiNG in bezugauf die Institutionentheorie beklagt hat, wenn er schreibt, daß der Institutionenbegriff

"in der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur häufig nicht nur unscharf und mit verschiedenen Bedeutungen gebraucht (wird), sondern auch in einer sprach- lichen Allgemeinheit, die sich kaum präzisieren läßt" (Massing 1979: 184f).

Soweit zur Vergangenheit, nun zur Zukunft. Da ist zunächst einmal festzustellen, daß sich im Bereich systematisch angelegter Gesellschaftstheorien Ansätze in den Vor- dergrund geschoben haben, in denen der Institutionenbegriff kategorial marginalisiert ist und nur noch illustrativ, sozusagen als Referenz an umgangssprachlich gesteuerte Wahrnehmungen, verwendet wird.

Dabei ist nun nicht entscheidend, sich darauf festzulegen, ob diese Tendenz ent- gegen dem ersten Anschein schon mit PARSONS eingesetzt hat, oder ob erst die Werke von HABERMAS und LUHMANN hier so etwas wie einen Schlußstrich ziehen -

2

nachdenklich stimmen sollte jedoch, daß der Institutionenbegriff gerade in jenen theore- tischen Kontexten, in denen er seine Karriere begann, keine tragende Verwendung mehr findet. Das ist nun soweit erklärlich, als sich offensichtlich die Attraktivität des Begriffs in gesellschaftstheoretischen Kontexten aus den tatsächlichen (oder vermeint- lichen) Stabilisierungsleistungen von Institutionen selber speiste - indem sich dies aber zunehmend als moderne Fiktion erwies, und die Stabilität der Institutionen als nur scheinbare herausstellte, konnte davon die Attraktivität des Begriffs nicht unberührt bleiben.

Soweit die groben Züge einer möglichen theoriegeschichtlichen Diagnose, die, sollte sie sich als zutreffend herausstellen, in der Tat keine gute Prognose für das hier zu vertretende Projekt einer Theorie politischer Institutionen zuließe oder dieses zumin- dest unter starken Rechtfertigungsdruck stellte.

Nun kann man andererseits wohl zu Recht dagegen einwenden, daß auch theore- tische Begriffe Konjunkturen haben, die keineswegs ausschließlich von innerwissen- schaftlichen Aspekten bestimmt sind: Vielmehr sind gerade die Sozialwissenschaften darauf angewiesen, ihre Begrifflichkeit in Anschluß an gesellschaftliche Entwicklungen und sozusagen im Dialog mit sozialen und politischen Akteuren sowie in Auseinander- setzung mit deren Versuchen der Selbstthematisierung auszuarbeiten - darauf haben jüngst noch einmal ausdrücklich EVERs/NowoTNY in einer historisch angelegten Studie zu den Konstitutionszusammenhängen sozialwissenschaftliehen Wissens hingewiesen (Evers/Nowotny 1987).

Und so zeigt sich an Themen wie der Dialektik wohlfahrtsstaatlicher Emanzipa- tion, die unversehens in eine bürokratische "Kolonialisierung der Lebenswelt" (Haber- mas 1981 und 1985) umzuschlagen droht, wie an der Frage nach dem Verhältnis von ge- sellschaftlicher und technischer Entwicklung unter Stichworten wie der 'Sozialverträg- lichkeit von Technologien' resp. der 'Technikverträglichkeit der Gesellschaft', wie an der Frage nach den Steuerungskapazitäten moderner und komplexer Gesellschaften, die mit dem Problem der 'Rationalisierung des Zusammenspiels zwischen rationalisierten Teilsystemen', das Offe (1986: 163) als 'Modernisierungsproblem zweiter Ordnung' cha- rakterisiert, daß der praktische wie theoretische Anlaß einer Theorie der Institution, den SCHELSKY allgemein als Frage nach der Vermittlung von Individuum und Gesell- schaft beschrieben hat (Schelsky 1980), keineswegs obsolet ist.

Es scheint also insgesamt ausreichende Gründe dafür zu geben, die Formel WILL- KES von der "offenen Zukunft" des Institutionenbegriffs programmatisch umzukehren

3

und von einer zu eröffnenden Zukunft zu sprechen - dem Rechtfertigungsdruck auf ein

Projekt

Recht-

fertigungsgründe gegenüber.

zur

Theorie

politischer

Institutionen

stehen

vermutlich

fundierte

Ich möchte diesen Eindruck nunmehr in vier Schritten kurz soweit präzisieren, daß

dabei eine Vorstellung des Argumentationsbedarfs wie der damit verbundenen theore-

der bibliographischen

tischen

Suchbewegungen und

also zunächst die Selektionskriterien zusammen, die uns bei der Erstellung der Biblio-

graphie

prinzi-

(3). Ab-

stelle

Perspektiven

geleitet

entsteht

(1),

so daß

daraus die

Struktur

Kommentare

im Hauptteil abgeleitet werden können.

den Aufbau der

Arbeit

zu

erläutern

dem

unvermeidlichen Hinweis

auf die

Ich

haben (2),

ich die

um dann

mit

schließen werde

Einleitung

piellen Einschränkungen, denen

explorierten Forschungsfeldes unterliegt (4).

die bibliographische Besichtigung eines

noch nicht

Institutionen

der Gegenüberstellung einer kompakten phänomeno-

logischen

Verwendungsweise, den methodischen Einführungskontext und die normativen Bezugs-

punkte des Institutionenbegriffs andererseits ergeben.

der

in denen die Einführung und Entwicklung

des Institutionenbegriffs

damit an eine methodische Selbstreflexion der Theoriebildung gebunden war, lange Zeit

als Referenzpunkt politischer

schon

Theoriebildung als Inbegriff eines Institutionenverständnisses gelten konnte,

Be-

deutungsexplikation anschließen konnte.

es

selbstverständlich und

mitgeschleppt

Erklärungszwecken aktiviert wird, scheint es möglich, gerade auf der Basis der zitierten

des

Begriffs eine neue Runde der politikwissenschaftlichen Institutionentheorie zu eröffnen.

und

Entwicklungen nachgehen, durch die nun gerade auch die normativen Präokkupationen einer sich institutionalistisch verstehenden Politikwissenschaft nachhaltig irritiert wur-

Differenzerfahrung zwischen

an das sich

von vornherein an wissenschaftliche Erklärungsprobleme und

(1)

Am

Anfang

der

Beschäftigung

aus

mit

einer Theorie

politischer

stehen Irritationen,

die sich

Gegenstandsgewißheit einerseits, und

der Unsicherheit über

die analytische

·Diese Spannung konnte in der

oder der

Politikwissenschaft,

anders als in der

Soziologie,

ökonomischen Theorie

Rechtstheorie,

weil

deshalb unterdrückt

eine

intuitive

werden,

hier der

Staat

- assoziativ -

und durch eine

etwas

naive

politischen

der

lange Tradition

fraglos gewordene

hat

Obwohl dieses

wird

theoretisch

zentral mit

und

u.a.

in

Verständnis (Politikwissenschaft

Institutionen

zu

tun!)

auch heute noch

Policy-Analyse

zu

neo-institutionalistischen

methodischer

und phänomenologischer Einführung

Prozessen

Man kann zu

diesem

Zweck zunächst einmal jenen politischen

4

den (a). Das böte dann Anlaß dazu, die politische Theorie selbst den Herausforde- rungen moderner Gesellschaftstheorien zu öffnen und eine methodische Selbstreflexion in Gang zu setzen, über die der Anschluß an die theoretischen Entwicklungen in den Nachbardisziplinen erst gesucht werden könnte - dies möchte ich anhand der metho- dischen Grundentscheidungen, die der Einführung und Entwicklung der Konzepte von Handlungs- und Systemtheorie zugrundeliegen, kurz andeuten (b).

Aber selbst wenn diese Argumente, die für Institutionentheorie sprechen, soweit zu akzeptieren sind, bleibt das Problem, ob und ggf. in welcher Weise eine Theorie poli- tischer Institutionen als besonderer Gesichtspunkt eingeführt werden sollte (c).

( a) Mit der lapidaren Feststellung, daß "Politikwissenschaft es zentral mit Institu- tionen zu tun habe", charakterisiert GöHLER (1987) zutreffend sowohl die kompakte Gegenstandsgewißheit einer sich nach den institutionellen Ausdrucksformen des politi- schen Prozesses (Regierung, Parteien, Parlament, Verbände etc.) organisierenden und differenzierenden Politikwissenschaft, als auch deren ordnungstheoretische Präokkupa- tionen, der die politische - und d.h. schließlich auch herrschaftsbezogene - Form der Selbstorganisation und -steuerung einer sich zunehmend individuierenden Gesellschaft selbstverständlich geworden ist.

Auf dieser Linie liegen auch noch gänzlich jene normativen Traditionen, die, in- dem sie von der Notwendigkeit der externen Steuerung von Gesellschaft ausgehen und aus diesem Grund implizit an der Differenz von Staat und Gesellschaft festhalten, die normative Bindung der Institutionen an Verfassungstraditionen oder - in Anknüpfung an das klassische Erbe - an Prinzipien des guten und gerechten Lebens einklagen.

Nicht erfaßt sind damit allerdings Traditionen, die auf die Fähigkeit der sozialen Selbstorganisation setzen und in gewisser Weise von der Komplementarität von Pro- zessen der Individuation und der Vergesellschaftung (HABERMAS) ausgehen - die Aus- arbeitung einer solchen Perspektive hat man weitgehend der Soziologie überlassen, um sie dann, aus der Sicht der institutionell orientierten Politikwissenschaft, mit dem Ver- dikt des "institutionellen Defizits" (so etwa u.a. Bermbach 1984) zu belegen.

Wenn also Politikwissenschaft es in dieser Weise traditionell mit Institutionen zu tun hat, dann hat sie es konzeptionell vor allem mit der Beschreibung der Mechanismen der gesellschaftlichen Implementation politischer Herrschaft - also mit Steuerung - zu tun. In diesem Kontext figuriert dann zentral der Topos der "Herstellung und Durch- führung allgemeinverbindlicher Entscheidungen" (beispielhaft: Göhler 1987, vgl. unten), legitimatorisch abgestützt durch das Paradigma der repräsentativen oder Mehrheits- demokratie und realisiert im Medium des Rechts in der Rechtsform des Legalismus.

5

Nun sind Zweifel an dieser institutionalistischen Orientierung nicht nur unter dem Titel einer 'Theorie der Modeme' - paradigmatisch etwa in der WEBERsehen Differenz von kultureller Rationalisierung einerseits und gesellschaftlicher Modernisierung als bürokratischer Selbststeigerung andererseits - seit langem bekannt, sondern es scheint so, daß faktische Entwicklungen der letzten Jahre gleichsam auch die Voraussetzungen einer solchen Ausrichtung zu erodieren beginnen. Ich nenne stichwortartig

zum einen die im Zusammenhang gesellschaftlicher Differenzierung manifest gewor-

denen Zweifel an der Funktionstüchtigkeit des Mehrheitsprinzips (Guggenberger/Offe

1984). Die von OFFE m.E. auf den Begriff der "reflexiven Mehrheitsregel" gebrachte Pointe dieser Diskussion ist, daß die Fähigkeit zur Herstellung von Entscheidungen in zunehmendem Maße an deren Entparlamentarisierung und Dezentralisierung - wenn man so will: an eine Vergesellschaftung von Politik- gebunden ist;

zum zweiten sind die Erfahrungen mit der Dialektik der politischen Steuerung gesell- schaftlicher Prozesse qua interventionistischem Recht (Bürokratisierung, Kolonialisie-

rung der Lebenswelt, Implementationsprobleme) so massiv geworden, daß die Politikwissenschaft genötigt war, dieser 'konventionellen' Rechtsorientierung Vor- stellungen 'postkonventionellem' Rechts (vgl. Görlitz 1987) entgegenzusetzen. Diese Entwicklung kann man - wenigstens was Theorien des prozessualen und des reflexi- ven Rechts angeht - ebenfalls auf der Linie einer Entinstitutionalisierung des Rechts und damit der Vergesellschaftung des zentralen Steuerungsmediums abtragen; schließlich wird damit die Vorstellung einer an die Wirkung politischer Institutionen gebundenen Steuerung der Gesellschaft insgesamt problematisch, und zwar nicht nur in Hinblick auf die Frage der Rationalitätskriterien politischer Steuerung (Kitschelt 1985: 202), sondern in bezug auf die Frage nach der Steuerbarkeit komplexer Gesell- schaften überhaupt (Luhmann 1986b, Offe 1986 und 1987 sowie Willke 1987a/b).

OFFE geht im Kern davon aus, daß es gerade jene Institutionen sind, mit denen moderne Gesellschaften ihre Optionalität durch Kontingenzerweiterung und Tradi- tionsvernichtung gesteigert haben, wie Markt, demokratischer Rechtsstaat und bürokra- tische Verwaltung, welche die Gesellschaft zugleich mit einer ungeahnten Rigidität und Starrheit überzogen haben. Und dies aus zwei Gründen: Einmal, weil die Institutionen der sektoralen Optionssteigerung selbst nicht mehr disponibel sind, und zum zweiten, weil sie in der Steigerung je spezifischer Optionen einer jeweils spezifischen Rationalität

folgen.

Das ruft nun wiederum das Problem der Koordinierung und der Kompatibilität hervor, so daß man mit guten Gründen -wie OFFE- von einer institutionellen Selbst- blockade moderner Gesellschaften sprechen kann (Offe 1986: 149ff). In dieser Situation tritt dann die Vorstellung einer Null-Option als Utopie moderner Gesellschaften her- vor: Nur im Verzicht -so die These OFFEs- auf Optionssteigerungen werden Prozesse der Deinstitutionalisierung als Dezentralisierung o.ä. möglich, mit denen die Gesell-

6

schaft eine gewisse Elastizität und damit eine Optionalität in bezug auf Zukunfts- entwürfe zurückerlangen könnte (Offe 1986: 166ff).

So etwa sind wohl die Herausforderungen zu skizzieren, denen sich eine Theorie politischer Institutionen zu stellen hätte. Meine These ist also, daß es in einem solchen Projekt nicht darum gehen kann, lediglich das klassische Institutionenverständnis der Politikwissenschaft mit neuen Argumentationsstrategien zu untermauern und so 'alten Wein lediglich in neue Schläuche zu gießen', sondern es sollte eine neue Runde der Institutionentheorie eröffnet werden.

Eine solche Diskussion hätte - so möchte ich den vorgetragenen Gedanken zu- sammenfassen - an Institutionalisierungsproblemen zweiter Ordnung anzusetzen, also an der Frage nach den Bedingungen gesellschaftlicher Selbstorganisation und Selbst- steuerung. Institutionen wären dann vielleicht als Systeme der Organisation sekundärer Elastizitäten gesellschaftlicher Modernisierungs- und Entwicklungsprozesse zu konzipie- ren.

Unter diesem Aspekt erschließen sich nicht nur interessante neue Fragestellungen, wie sie etwa in einer jüngeren Studie bei DouGIAS (1986) unter dem Titel "How Institut- ions Think" durch den Versuch einer kognitivistischen Deutung des Institutionenbegriffs hervortreten, sondern ich vermute, daß erst auf dieser Ebene die Rezeption vor allem der neueren Theorieentwicklungen in der Soziologie fruchtbar wird.

(b) Eine systematische Theorie politischer Institutionen sollte beanspruchen

können, die Geschichte der Institutionen sowie die Geschichte der Theorie über Institu- tionen als Entwicklung zu rekonstruieren. Dieser Anspruch ist nun nicht selbstverständ- lich und muß begründet werden, bevor die sich daraus ergebenden Konsequenzen als

Anforderungsprofil einer Theorie politischer Institutionen zu skizzieren sind.

So ließen sich in diesem Zusammenhang drei Typen von Gründen vorstellen:

- Zunächst könnte ein forschungsstrategisches Argument lauten, daß nur so der Fragehorizont historisch-deskriptiver Analysen überschritten werden kann in Richtung auf die Entzifferung von Strukturen, die gleichsam als Grammatik der Ereignis- geschichte fungieren. Die Mittel der geschichtlichen Analyse und Darstellung sind auch in der Politikwissenschaft unter theoriegeschichtlichen Gesichtspunkten längst elabo- riert und erprobt.

Andererseits besitzen wir keine zureichenden Kenntnisse über die begrifflichen Konsequenzen, die ein strukturanalytischer Ansatz in sozialwissenschaftlicher Perspek- tive nach sich zieht sowie über deren mögliche Bearbeitung: Hier besteht sowohl die

7

Herausforderung wie auch die Möglichkeit des sozialwissenschaftliehen Anschlusses an große philosophische Traditionen.

- Mit der Beschreibung eines solchen Bezugshorizonts von Institutionentheorie ergeben sich zwei weitere methodisch relevante Probleme, die dann ihrerseits einsichtig machen, warum man einen derart anspruchsvollen Theorietypus anstreben sollte, will man ernsthaft von einer Theorie politischer Institutionen reden. Einerseits verhalten sich systematische Theorie und ein ideengeschichtlicher Ansatz zueinander selbst wie Struktur zu Prozeß.

Das hat zur Folge, daß kein originär theoriengeschichtlicher Beitrag zu einer Theorie politischer Institutionen möglich ist, weil in systematischer Perspektive histo- rische Theorieformen nur noch als Bezugspunkte der methodischen Selbstreflexion systematischer Theorie fungieren, an denen diese dann gleichsam ihre eigene Ge- schichte erläutern kann. Damit aber ist man auf einen nicht-deskriptiven, rekonstrukti-

ven Theorietyp festgelegt: Wie fast alle Utopien letztlich zeigen, läßt sich Theorie nicht er- zählen.

- Das aber bedeutet nun andererseits, daß die Differenz von normativer und

analytischer Theorie durch einen - wie das hier genannt werden soll - gesellschaftstheo-

retischen Ansatz einzubeziehen ist: Die normativen Implikationen einer systematischen Theorie der politischen Institutionen dürfen nicht mehr durch voluntative oder durch bloß philosophische Begründungsakte gleichsam von Außen in die Theorie eingeführt werden; sie müssen sich vielmehr aus der Struktur institutioneller Entwicklung material ergeben und sich in diesen methodisch objektivieren Jassen.

Die Theorietypen, die auf diese Anforderungen einer reflexiven Ge- sellschaftstheorie reagieren und die in der Person ihrer Protagonisten HABERMAS und LUHMANN die Diskussion (wohl nicht nur in der Bundesrepublik) beherrschen (vgl. Giddens 1984: Einleitung), sind die Handlungstheorie einerseits und die Systemtheorie andererseits.

Systemtheorie und Handlungstheorie (in ihren unterschiedlichen Ausformungen) stellen unterschiedliche Strategien dar, auf die Frage der Möglichkeit sozialer Ordnung unter der Bedingung von Komplexität (und das heißt vor allem auch: der geschichtlich zunehmenden Individualisierung sozialer Handlungssubjekte) zu reagieren. Dabei setzt Handlungstheorie allgemein auf die Emergenz von Interaktionsstrukturen und versucht, im Bezugsrahmen von Intersubjektivität Vergesellschaftung und Individuierung als simultane Prozesse zu erfassen; Systemtheorie setzt dagegen generell auf die Eigen- sinnigkeit höherstufiger Ordnungsleistungen, die sich hinter dem Rücken von Subjekten aufbauen und die als unverfügbare Horizonte von Handeln zugleich die Bedingung der

8

Möglichkeit von Handeln als eines singulären Aktes darstellen - das Faktum der Indi- vidualität verweist paradoxerweise auf die Objektivität sozialer Ordnung.

Beide Strategien nun haben reziproke Schwächen, die sich für die Zwecke eines institutionentheoretischen Ansatzes ausbeuten ließen: Einerseits sitzen interaktioni- stische Theorien in der Generalisierung von 'face-to-face' Beziehungen leicht einem hermeneutischen Idealismus auf, der in gewisser Weise durch die seit der MARXschen Kapitalanalyse unabweisbare Tatsache diskreditiert ist, daß es objektive gesellschaft- liche Strukturen gibt, die durch individuelle Handlungsmotive hindurchgreifen; anderer- seits muß es aus handlungstheoretischer Sicht als Reifikation eines Systemprogramms erscheinen, die Genese und Stabilisierung gesellschaftlicher Ordnungen als subjektloses Prozessieren von Differenzen zu fassen, wie dies LUHMANN in seiner "Theorie sozialer Systeme" plausibel machen möchte.

In einer solchen Lage wird die Frage nach der Möglichkeit einer Theorie poli- tischer Institutionen zur Frage nach der begrifflichen Vermittelbarkeit dieser eben kurz skizzierten Paradigmen. Weder darf Institutionentheorie auf den Systembegriff einfach verzichten, soweit dieser ein Moment an Objektivität festhält, das man nicht normativ zum Verschwinden bringen kann; noch kann Ordnungstheorie andererseits die Vorstel- lung emergenter Subjektivität aufgeben, und das nicht nur, um ihre Anschlußfähigkeit an große Traditionen der soziologischen Theoriebildung herzustellen - sowohl unter genetischen Aspekten als auch als Teil der Plausibilisierung eines immanenten Normativitätsbezugs gesellschaftlicher Ordnung ist der handlungstheoretische Bezugs- rahmen unaufgebbar.

Man könnte vielleicht sagen, daß Ordnungstheorie systemtheoretische Ansätze unter der Führung von Handlungstheorie auszubeuten hat- 'Institution' wäre dann sozusagen die perspektivische und begriffliche Vennittlung. Dies vorausgesetzt, bieten sich mehrere Strate- gien der Verknüpftmg von Handlungs- und Systemtheorie an.

Zunächst einmal gäbe es die Möglichkeit, beide Ansätze analytisch gleichsam hintereinanderzuschalten, um sich so additiv die Vorteile der jeweiligen Theoriestrate- gien zu sichern - die Gefahr liegt hier eindeutig in der Reifikation nicht vermittelter Be- grifflichkeiten zu einem dualistischen Gesellschaftskonzept (so angelegt bei der, fast zur Trennung werdenden Unterscheidung von System und Lebenswelt bei HABERMAS, die in gewisser Weise auch EDER in seinem jüngsten Versuch übernimmt, Gesellschafts- geschichte als Lernprozeß zu beschreiben).

Eine andere Strategie könnte darin bestehen, handlungstheoretische Annahmen konzeptionell in die Systemtheorie einzubauen - man müßte dann wohl an LUHMANN vorbei zurück zu PARSONS und dessen Fassung des Institutionenbegriffs

9

kommunikationstheoretisch erläutern

dem Titel:

(und nicht voluntaristisch, wie das getan hat).

''Die Struktur der Modeme"

MONcH unter

Eine dritte Variante ergibt sich m.E.

anhand der Bemühungen von HoNNETH und

JoAs, aber auch von REHBERG, intersubjektivitätstheoretisch direkt zu einem Begriff der

Institution vorzustoßen,

müssen.

dings den Eindruck, als bereite sich hier die Durchführung eines handlungstheoretischen

Paradigmenwechsels von Kommunikation zu

Diese Strategie scheint im Augenblick noch wenig elaboriert - ich habe aller-

in Kauf nehmen zu

ohne

die

Nachteile verstehender Ansätze

Mimesis vor, mit dem man. dann u.a.

an

den Darstellungsbegriff bei GEHLEN und an Entwicklungen in der französischen Gesell-

schaftstheorie, die mit dem Namen CASTORIADIS' verbunden sind, anknüpfen könnte.

Natürlich kann und soll die Diskussion hier nicht entschieden werden - die Funk- tion dieser kurzen Skizze besteht vielmehr darin, das Feld für eine Theorieexploration abzustecken, auf dem institutionentheoretisch relevante Funde vermutet werden dürfen.

auf die

noch

(immer wieder geforderte) Interdisziplinarität systematisch einzustellen, zeigt sich schon

die häufig von ekklektizistischen De-

ich bei-

daran, daß

finitionsversuchen begleitet ist, noch

spielhaft an einem Vorschlag erläutern, den GöHLER gemacht hat.

(c)

Daß

die

politische Theorie

einige

Schwierigkeiten hat, sich

scheint.

Dies möchte

die Phase des vorsichtigen Abtastens,

nicht überwunden

~ (1987a:

17/18} setzt mit folgender Definition ein:

"Institutionen sind relativ auf Dauer gestellte, durch Internalisierung verfestigte

stabil und

temporären Verfestigung von Verhaltensmustern.

daß die Adressaten ihre Erwartungshaltung, bewußt oder unbewußt, auf den ihnen innewohnenden Sinn ausrichten. Institutionen sind prinzipiell überpersönlich und

sie

damit auch

auf der

Sie sind insoweit verinnerlicht,

Verhaltensmuster mit regulierender

sozialer Funktion.

ihre

üben insoweit

Sie sind relativ

Stabilität beruht

von einer

gewissen zeitlichen Dauer;

Verhalten;

strukturieren menschliches

eine Ordnungsfunktion

aus.

In diesem

Sinne

sind politische Institutionen Regelsysteme

der Herstellung

und

Durchführung allgemeinverbindlicher Entscheidungen;

"

und führt dann aus, was er mit dieser Definition beschreiben will:

im engeren Sinne den Staat mit Regierung (Staatsoberhaupt, Kabinett, Mini-

sterien}, Parlament, Verwaltung, Gerichten, föderativen und kommunalen Einrich-

tungen;

Massenmedien

gesellschaftliche Organisationen (Parteien, Verbände,

"

im weiteren

)

"

Sinn

dieser Versuch

symptomatisch die Schwierigkeiten ausdrückt, vor der eine Theorie politischer Institu-

tionen steht. Welche nun sind diese Symptome?

Ich habe

hier ausnahmsweise

deshalb

so ausführlich zitiert, weil

10

So werden in

der einleitenden Bestimmung Elemente aus

dem Ansatz der PARSONSschen Theorie einfach zusammengelesen,

dem psychischen Mechanismus der Internalisierung zu bestimmen, so daß die eben nicht

sehr klare Vorstellung provoziert wird, Institution zur Institution.

erst die

die

Institutionen analog

interaktionistischen Zusammenhängen mit

Zunächst fällt

eine Vermischung

mehrerer Theorietraditionen auf:

psychische Implementation mache

In .einem zweiten Schritt wird dann sozusagen eine Autonomievorstellung der

In-

und Konditionierungsleistung

stitution nachgeschoben, indem

gegenüber individuellem Bewußtsein behauptet wird - womit die Definition dann dem

systemtheoretischen Ansatz in einer Weise Rechnung trägt, die sie zu ihrem interaktio-

nistischen Moment in

äußerlichen Einführung des Struktur- und Ordnungsbegriffs abzulesen ist.

gegenüber 'Verhalten'

deren Strukturierungs-

Widerspruch geraten läßt,

was

an der

Der Ordnungsbegriff, der in dieser Fassung gar keinen Pfeiler mehr auf dem Ge-

lände der interaktionistischen Theorie hat, soll als Brückenbegriff im Übergang von so-

eine Brücke, die jedoch nur noch von einer

zialen zu politischen Institutionen fungieren:

Seite her- von der systemtheoretischen - betreten werden kann.

Das

GöHLER

wird

erhellt

durch

und ganz

die

phänomenologischen

her erhält

denen

Begriff der politischen Institution zu

der Ordnungsbegriff seine

der methodisch-theoretischen Etablierung des

Bestimmungen,

mit

anschließend

und

nicht von

traditionell den

erläutern sucht: Von

Konturen

Gegenstands im Rahmen eines verstehend-interaktionistischen Ansatzes.

diesen Konkretisierungen

Versuch

dem

prinzipiellen

Schwierigkeiten also, über die uns dieser Versuch informiert? Ich nenne drei Aspekte:

der Hauptschwierigkeiten schon auf der Ebene des

darin besteht, daß Institution offensichtlich als Be-

wußtseinsstruktur und als Organisation gefaßt werden muß.

dem Zusammenhang der kognitiven und der sozialen Dimension oder der Rational- und der Sozialstruktur sowie nach den begrifflichen Möglichkeiten der Erfassung die- ses Zusammenhangs aufgeworfen.

- Dann aber ist offensichtlich, daß - vorausgesetzt, man sucht den Anschluß auch an das

Damit ist die Frage nach

- Zunächst scheint es so, daß eine allgemeinen Institutionenbegriffs

Soweit

zu den

Symptomen.

Wo

aber liegen

die

Ursachen,

jene

Niveau

formu-

liert - von der Realität 'düpieren' lassen und einfach

tischer Akteure anschließen, noch erscheint es stisch zuzurichten.

daß

'Institution' als Beschreibungstitel für das Problem der Selbstorganisation und Selbst- steuerung komplexer Gesellschaften im Sinne der "Rationalisierung des Zusammen-

spiels zwischen schon rationalisierten Teilsystemen"

soziologischer Theoriebildung -

dieses

darin

steckende Problembewußtsein

LUHMANN

das Selbstverständnis poli-

nicht realistisch zu unterbieten ist. D.h. man sollte sich weder - wie

Vielmehr sollte

man sich

klarmachen (und

so

an

zweckmäßig, diese Realität nominali-

könnte

Theorie

(Offe

1986:

dann einsetzen),

163) fungiert.

11

- Schließlich artikuliert sich hier offensichtlich auch die Frage, ob es überhaupt ein ein- heitliches Theoriedesign zur Erklärung sozialer Mikro- und gesellschaftlicher Makro- prozesse geben kann. Diese Frage ist solange offen, wie auch nicht geklärt ist, ob interaktionistische oder intersubjektivitätstheoretisch orientierte Ansätze eine Mög- lichkeit bieten, mit eigenen Mitteln nicht nur das Entstehen sozusagen basaler Insti- tutionen als Handlungs- oder Verständigungsformen zu begreifen, sondern auch den Prozeß der Selektion und Transformation basaler in politische Institutionen zu beschreiben: Es geht um das, was man das ordnungstheoretische Problem hand- lungstheoretischer Ansätze nennen könnte.

Die Überlegung GöHLERS, von der ich ausgegangen bin, ist also in doppelter Weise instruktiv. Zum einen insistiert GöHLER m.E. zu Recht darauf, einen Begriff politischer Institutionen aus einem handlungstheoretischen Kontext heraus zu entwickeln. Ein solcher Schritt ist gegenüber einem möglichen systemtheoretischen Einstieg dadurch gerechtfertigt, daß er immer noch die überzeugendere Möglichkeit anbietet, normative Fragestellungen in ein sozialwissenschaftliches Erklärungsprogramm zu transformieren. Darüber hinaus scheint damit der Theorievorteil verbunden, über den Handlungsbegriff die fundamentalen Kategorien der Institutionenanalyse selbst schon prozessual fassen zu können.

Allerdings. ist das noch zu unbefangene Ineinanderlesen von handlungs- und systemtheoretischen Theorieelementen in einer kompakten Definition überhaupt nur deshalb möglich, weil GöHLER den methodischen Einführungskontext der unterschied- lichen Begrifflichkeiten übersieht und diese quasi nominalistisch liest. So richtet er die Rezeption auf einer Ebene ein, auf der sich dann politikwissenschaftliche Präokkupa- tionen, wie jene der Beschreibung politischer Institutionen als "Regelsysteme zur Her- stellung und Durchführung allgemeinverbindlicher Entscheidungen" bequem eintragen lassen.

Das mag zunächst legitim erscheinen, nur gehen darin sowohl einerseits das Pro- blem unter, daß der Anlaß eine Theorie politischer Institutionen ist - nämlich die Frage, ob wir über Begriffe verfügen, die diese Selbstdeutung des politischen Systems tragen oder ob diese nicht doch modifiziert werden muß - andererseits wird eine m.E. allein methodisch zu organisierende, interdisziplinäre Orientierung aufgegeben. M.a.W. wird die Möglichkeit verschenkt, im Rahmen einer umfassender ansetzenden Theorie über- kommene objekttheoretische Annahmen selbst zu überprüfen.

Zum anderen aber - und das scheint mir ein theoriestrategisch noch gravieren- deres Problem - wird implizit unterstellt, daß eine Theorie politischer Institutionen als Spezifikation der soziologischen Theoriebildung, sozusagen als deren bloßer

12

scheint mir die

orientierten Gesellschaftstheorien gerade unter

Aspekten des Zusammenhangs vonSystem- und Handlungstheorie selbst zu offen: Insti-

tutionentheorie ist - unter

und

nehmen.

über-

- erst wieder aufzunehmen,

Diskussionslage

Anwendungsfall, zu

haben wäre.

Um eine

solche Deutung zuzulassen,

Bedingungen

Programm durchaus

die

in den

soziologisch

allerdings neuen

hier könnte ein

politikwissenschaftliches

Regie

Programm vorzu-

stellen, mit dem sich sowohl traditionelle objekttheoretische Annahmen zunächst ein-

den

eine Theorie

politischer Institutionen nicht sehr vielversprechend

nahe,

einen besonderen Teil aufzuspalten, sondern diese von vornherein als interdisziplinäres Problem zu behandeln (vgl. Willke 1987).

allgemeinen und

Nachbardisziplinen vermeiden lassen, wenn

Die Fragestellung legt

mal suspendieren und

Wie

aber hätte man

sich, zumindest

in Umrissen,

ein solches

bloß begriffsrealistische Anschlüsse

schon

an Diskussionen

in

in

ein Seiteneinstieg

erscheint?

einen

den Bereich

der Institutionentheorie

nicht sogleich in

For-

schungsstandanalyse (Punkt II.) zu präzisieren und zu substantialisieren sind.

- An die Unterscheidung von phänomenologischer und methodologischer Verwendung

des Institutionenbegriffs anknüpfend, scheint es mir zunächst einmal sinnvoll, erstere

einzuklammern und sich auf methodische Fragen zu konzentrieren, denn ohnehin ist

die phänomenologische Bandbreite dessen,

was man im einzelnen als Institution an-

sieht,

Abstraktionen nur schwer zu erreichen sind. Darauf sind letztlich die schon zitierten

dem Institutionenbegriff zurückzu-

den Begriff in theore-

er-

führen,

Verwirrungen und Irritationen

theoretisch aussagekräftige Reduktionen und

Ich

kann

hier

nur

drei

kurze

Hinweise

geben,

die

dann

in

der

so groß, daß

auf diesem Wege

im Umgang mit

die dann ja schließlich auch der Anlaß dafür waren,

und durch

tischen Kontexten überhaupt fallenzulassen

setzen - dies betrifft sowohl die System- als auch die Handlungstheorie.

formalere Kategorien zu

Diese Feststellung kommt nun aber andererseits auch einer interdisziplinären Fra-

gestellung insofern entgegen,

als man genötigt ist, eben auf die Erklärungsprobleme zu

rekurrieren,

wurde.

Theoriebildung

organisiert wird, was zugleich heißt, daß es den Einzelwissenschaften ermöglicht ist, zum

Teil liebgewordene Selbstverständlichkeiten zu ren.

sich unter

revidie-

bloße Multidisziplinarität

Damit stößt man aber zu einer fundamentaleren Ebene sozialwissenschaftlicher

in den einzelnen Disziplinen mit dem Begriff 'Institution' reagiert

auf die

durch,

auf der

Interdisziplinarität

nicht

als

kontrollieren und vielleicht zu

- Zum anderen gibt diese Perspektive speziell der Politikwissenschaft Anlaß,

Ge-

ihren Traditionen jener

brauch

tionen eingeführt sowie z.T. überprüft haben (ich denke hier besonders an Moderni-

Konzep-

zu versichern, die

über

Erfahrungen

bereits

im

analytischen

des Institutionenbegriffs

verfügen und

empiriegerichtete

-

13

sierungs- und Entwicklungstheorien, aber auch an institutionalistische resp. neo-insti-

tutionalistische Fragestellungen in

Offe 1986, Beyme 1987 und Sehnlid 1987).

Drittens aber

einen ausweisbaren Bedarf für die analytische Verwendung des Institutionenbegriffs

gibt.

man erneut an den

Institutionen-

begriff in seiner grundbegriffliehen Funktion durch Konzepte wie Intersubjektivität,

Kommunikatiön, Organisation, Struktur u.ä. substituiert haben.

Dies bedeutet dann

zugleich, daß man diese Konstruktionsprobleme als Daten für den genauen Zuschnitt

des Institutionenbegriffs nutzen könnte - Ausgangspunkt und

für einen solchen Ansatz wäre das, was unter dem Titel einer Theorie der Moderne diskutiert wird.

Konstruktionsproblemen jener Gesellschaftstheorien ansetzt,

der Policy-Analyse: Kitschelt

zu überprüfen, ob

1985,

Jann

1986,

scheint es

mir unumgänglich

es überhaupt (noch)

Diese Frage läßt sich zum einen dadurch aufnehmen,

daß

die den

Bewährungskriterium

Damit hoffe ich, die Skizze der Ansatzprobleme einer Theorie politischer Institu-

tionen so weit ausgezeichnet zu haben, daß zumindest die Konturen der bibliographisch zu erfassenden Forschungslandschaft sichtbar werden. Ich möchte nunmehr dazu über-

gehen, diese

Problemperspektiven in

Suchkriterien zu

übersetzen, anband derer dann

der Fundus

an Ansätzen

und

Forschungsstrategien,

der für

den hier zu vertretenden

Zweck auszubeuten wäre, präziser gefaßt werden kann.

Ich habe einleitend schon auf die ekklektizistische Form der Aneignung der

Beiträge von Nachbarwissenschaften zu einer Theorie der Institutionen durch die Poli-

tikwissenschaft

aber nicht

darum gehen, disziplinenkomparativ gleichsam nur Zensuren auf Rezeptionsleistungen

zu

und systematisch

interdisziplinär angelegt sein - dem galten die unter Punkt

gen. Erst auf der Folie einer solchen

Ansätze mit Bezug auf die formalen und materialen Grundprobleme einer Theorie poli- tischer Institutionen erläutert und Forschungsdesiderate ausgemacht werden.

können der Entwicklungsstand einzelner

(2)

hingewiesen. In

der Forschungsstand-Analyse kann

sollte vielmehr

Skizze

von vornherein

es nun

vergeben. Eine

solche Analyse

1. präsentierten Überlegun-

Als

Kriterium der Selektion relevanter Literatur soll deshalb nicht die Frage:

Was

sind politische Institutionen?

fungieren, sondern die sehr viel weitergehende Überlegung:

Wie muß eine Theorie

angelegt sein,

die beanspruchen will,

politische

Institutio-

und die sich nor-

nen in ihrer Genese und Entwicklung zu

mativ einen Standpunkt objektiver Kritik erarbeiten will?

erklären und zu begründen,

Eine elaborierte Theorie politischer Institutionen müßte somit

- auf das Problem der methodischen Einführung des Institutionenbegriffs reagieren und

phäno-

Argumente entweder

für einen

funktionalen, erkenntnistheoretischen oder

menologischen Einstieg anbieten oder zumindest ermöglichen;

14

- kategorial auf den genetisch-historischen Aspekt von Institutionen abgestimmt sein und strukturelle Merkmale auf einen solchen Kontext begrifflich beziehen können;

- sich reflexiv zu ihren normativen Prämissen verhalten und diese sozialwissenschaftlich ausweisen, d.h. objektivieren.

Wenn wir also auf allen Ebenen Informationen dringend benötigen, weil eine sol- che Theorie angesichts des bisherigen Diskussionsstandes nur antizipiert werden kann, kandidieren für eine systematisch angelegte Bestandsaufnahme der institutionentheore- tischen Forschungssituation vor allem Theorietypen, in denen diese Ebenen implizit oder explizit thematisiert und im Idealfall sogar begrifflich integriert sind.

In zweiter Linie sind aber auch Forschungen über Institutionen allgemein oder im Besonderen daraufhin aufzuarbeiten, ob sich nicht implizite Beiträge zu den aufgewor- fenen Problemen ergeben. Entsprechend soll sich die Aufmerksamkeit vor allem auf solche Ansätze richten, die

- das Problem gesellschaftlicher Integration am Leitfaden von Theorien kollektiver Rationalität entfalten und explizieren;

- zu einer konsequenten Funktionalisiernng der Institutionentheorie vorstoßen und über die Organisationsaspekte politischer Institutionen hinaus diese als Medien gesell-

schaftlicher Integration, gesellschaftlichen Wandels oder der Stabilisiernng von Herr- schaftsverhältnissen behandeln;

- das Problem soziogenetisch-entwicklungsgeschichtlich angehen

- oder schließlich einen anthropologisch-biowissenschaftlichen Zugriff ausarbeiten.

Mit dieser Bestimmung läßt sich dann schon das Explorationsfeld vorläufig ab- stecken (wobei es sich um eine Form der Grenzziehung handelt, die dann sozusagen mit den Explorationsergebnissen mitwandern kann). Wir werden uns in der bibliogra- phischen Erfassung und im Kommentar auf folgende Forschungsfelder und -ansätze konzentrieren:

- Institutionalismus, Neo-Institutionalismus und institutioneller Ansatz

- New Political Economy

- Modernisierungstheorie, Institution-buHding und Entwicklungstheorien, in denen sich die Politikwissenschaft bisher noch am ehesten an die soziologische Großtheorie an- schließt

- Handlungstheorie (in ihren Differenzierungen in Kommunikations-, Intersubjektivitäts-

und Interaktionstheorie)

- Systemtheorie

- Biopolitics

- politische, Kultur- und Rechtsanthropologie

- Theorien sozialer Evolution und Aspekte der vergleichenden Kulturforschung, die auf

genetischen Entwicklungstheorien aufbauen.

15

(3)

Da angesichts

der Fülle des

auf die

Sinne kommen-

Übersicht zweigeteilt

zum

zur Verfügung stehende Uteratur anzubieten und deshalb

zu sichtenden Materials und mit Bezug

im strengen

paradigmatische Qualität der zu

tierte Bibliographie weder möglich

sein:

Thema 'lnstitutionentheorie'

klärenden Fragen eine

noch sinnvoll ist,

wird diese

Ich werde

einerseits versuchen, einen möglichst breiten Überblick über die

zwischen

Kommentarteil

und Bibliographie

einen zweiten

Selektionsfilter einbauen

müssen.

Der Kommentar wird sich dann nicht auf die

gesamte verzeichnete Uteratur be-

ziehen, sondern kann nur versuchen, die wichtigsten Ansätze in den aufgespannten Pro-

-desiderate selektiv zu illustrie-

blemhorizont zu stellen und Forschungsergebnisse wie

ren - Kommentar- und bibliographischer Teil werden folglich in der Struktur nicht kon-

gruent sein.

Kommentarteil werde ich zunächst den Versuch unternehmen, die unter dem

bibliographischen Suchbegriff 'Institution' selbst zu erreichende Uteratur zu charakteri-

sieren und

der Bundesrepublik zu

liefern. Diese Skizze wird nun nicht nur sehr grob, sondern letztlich wenig aussagekräftig

sein, was

sondern im

selbst zu tun hat

Kern mit dem problematisch gewordenen Begriff politischer Theorie

Im

eine

(sehr

grobe) Skizze der

mit

diesem

Titel

verbundenen Forschungs-

schwerpunkte in den USA,

aber m.E.

in Großbritannien, Frankreich und

nicht nur mit der Hybris

eines solchen Unterfangens,

(Punkt 11.1.).

auf paradigmatische Suchkriterien umzustellen und

jene Ansätze in der PolitikWissenschaft durchzusehen, die den Institutionenbegriff analy-

insofern Auskünfte

Verwendungsweise erwarten lassen

Das ist dann der Anlaß dafür,

nicht

tisch und

über konzeptionelle lmplikationen einer (Punkt 11.2.).

lediglich phänomenologisch gebrauchen,

solchen

und die

Diese Sichtweise möchte ich nutzen, um die Entwicklung system- und handlungs-

theoretischer

erwarten ist,

einer Theorie politischer Institutionen am klarsten hervortritt (Punkt 11.3.).

abschließenden

Schritt

Ansätze zu einer Institutionentheorie,

und - last but not least - der praktischen Philosophie (Punkt 11.4.)

Damit werde ich durchgängig so verfahren, daß jeweils auf eine kurze Darstellung der einzelnen Ansätze die Herausarbeitung des Paradigmakerns folgt, an dem dann die

der Rechtstheorie, der politischen Anthropologie

Biopolitics, ökonomischer

Ansätze

sowie Vorschläge

weil

zu

zu

deren Vermittlung

daß dabei

in

der soziologischen

Diskussion nachzuzeichnen,

Das so

das methodische Gerüst

einem

erreichte Problembewußtsein strukturiert dann in

Nachbardisziplinen

wie der

die Befragung anderer

Evaluationsschritte ansetzen können. Wenn möglich, sollen so zugleich die immanenten

Anknüpfungspunkte

für

Vermittlungen

mit anderen

Ansätzen markiert werden,

um

16

dann auf mögliche Fluchtpunkte der Entwicklung wenigstens hinweisen zu können. Auf diese Weise soll insgesamt der interdisziplinäre Ansatz einer Theorie politischer Institu- tionen herausgestrichen werden.

Die Gliederung des bibliographischen Teils wird zwar einerseits den eben benann- ten Gesichtspunkten folgen; andererseits aber stellt sich heraus, daß ein Teil der er- faßten Literatur (wie immer) nicht nur quer zu der unterlegten Systematik liegt, sondern daß der Anspruch aufzugeben ist, damit überhaupt die ganze Breite der institutionen- theoretisch möglicherweise informativen Literatur - und das gilt gerade unter histo- rischen und ideengeschichtlichen Aspekten - zu erfassen.

Deshalb haben wir hier Restkategorien gebildet, unter denen aufgenommen wurde, was auffiel, aber kaum mehr als illustrativen Charakter besitzt. Dieses Verfahren läßt sich allerdings mit dem Hinweis darauf rechtfertigen, daß ein Einstieg zu ermög- lichen, aber keineswegs eine Summe zu ziehen war: Was aus dem umfangreichen Mate- rial historischer und ideengeschichtlicher Provenienz heranzuziehen ist, wird letztlich von der Entwicklung einzelner Fragestellungen abhängen. Dies vorausgesetzt, gibt es keinen Grund mehr, das wie immer unvollständig gesichtete Material nicht dennoch aufzunehmen.

(4) Das führt mich dazu, die prinzipiellen Einschränkungen, denen diese Arbeit unterliegt, noch einmal ausdrücklich zu nennen, um nach den vorangegangenen Kläron- gen dessen, was zu machen wäre, nun die Grenzen dessen, was hier erreichbar ist, deut- lich abzustecken.

Nach dem bisher Gesagten ist es unvermeidlich, daß die Arbeit einen bloß tenta- tiven Charakter hat, denn es handelt sich zum einen darum, ein Forschungsfeld zu mar- kieren, und es zum anderen dann auch noch bibliographisch zu bearbeiten. D.h., da es hier nicht um ein etabliertes und distinktes Forschungsfeld mit klar umrissenen Grenzen oder gar geschichtlich bereits sedimentierten Theoriegebilden handelt, kann es in einem vernünftigen Sinne auch keine Vollständigkeit der Angaben geben - wir jedenfalls wollen diesen Anspruch ausdrücklich nicht erheben! Diese Einschränkung ergibt sich auch schon deshalb, weil wahrscheinlich jeder Versuch einer Bibliographie zur Theorie politischer Institutionen vor einem 'Alles-oder-Nichts'-Dilemma steht: Irgendwie hat wohl fast alles, was mit dem Anspruch politischer, politik- oder gesellschaftsbezogener Theorie auftritt und historisch aufgetreten ist, auch mit Institutionen zu tun; anderer- seits ist die Theorie politischer Institutionen - aus welchen Gründen auch immer - nicht sichtbar. Beide Extreme nun lassen sich offensichtlich nicht in sinnvolle Vorgaben für eine bibliographische Arbeit umsetzen: 'Alles' braucht und kann man nicht noch einmal

17

aufschreiben, weil das keine Orientierungsfunktion mehr hätte. Zwischen beiden Extremen vermittelt nun in diesem Fall eine begrenzte Zwecksetzung.

Diese Arbeit steht im Kontext der Bemühungen der Sektion für "Politische Theo- rie und Ideengeschichte" in der DVPW, in theoretischer Absicht interdisziplinäre For- schungsperspektiven auf das Thema 'Theorie politischer Institutionen' zu organisieren.

Trotz dieser Einschränkungen hoffen wir, daß das, was machbar war, einige für den Benutzer der Bibliographie brauchbare Informationen oder Hinweise ergibt.

18

II. NOTIZEN ZUM FORSCHUNGSSTAND

Die folgende Darstellung hat im Unterschied zur Einleitung, in der ich versucht habe, einige konzeptionelle Überlegungen sehr allgemeiner Art anzustellen, die Funk- tion, die Erfahrungen der bibliographischen Arbeit zum Thema 'Theorie der politischen Institutionen' zu systematisieren. Dabei werden in der Gliederung die Schritte nach- vollzogen, die wir unternommen haben, um die in diesem Zusammenhang relevante Literatur aufzufinden:

In einem ersten Schritt sind wir die wichtigsten bibliographischen Quellen darauf- hin durchgegangen, was direkt unter dem Titel 'Institutionen' resp. 'politische Institutio- nen' verzeichnet ist (1), um dann den Fokus in der Weise zu erweitern, daß die poli- tikwissenschaftlichen Forschungsfelder oder -ansätze in den Blick kamen, von denen man erwarten durfte, daß hier Institutionen entweder einen konstitutiven Teil der Gegenstandsauffassung bilden oder aber konzeptuell als analytisches Instrument eine begriffliche Verwendung finden (2); abschließend haben wir dann die konzeptuelle Ver- wendungsweise des Institutionenbegriffs noch einmal zu einem Suchkriterium spezifi- ziert, daß es erlauben sollte, die sozialwissenschaftliehen Theorieansätze und Diskussionszusammenhänge zu bestimmen, in denen die Grundlagen einer modernen Institutionentheorie angelegt werden (3 und 4) - die beiden letztgenannten Schritte boten eine bibliographisch relevante Möglichkeit, unter Sachgesichtspunkten Informa- tionsquellen zu erschließen, die sich mit dem stichwortorientierten Suchverfahren des ersten Schrittes nicht erreichen ließen.

II.l. ALLGEMEINE HINWEISE

Wenn man versucht, die Ergebnisse des ersten Literaturdurchgangs in einem Satz zusammenzufassen, kommt man an der ernüchternden Feststellung nicht vorbei, daß im Rahmen der politischen Theorie, so wie sie in der modernen Politikwissenschaft als eigenständiger Bereich etabliert ist (GUNNELL 1983a betrachtet 'political theory' einmal unter der Abkürzung: "PT' im Sinne empirisch orientierter Theoriebildung innerhalb des Fachs Politikwissenschaft und zum anderen unter der Bezeichnung: "pt" als eine normativ orientierte Anstrengung, die wenig oder kaum auf die empirischen Bedürfnisse der politikwissenschaftlichen Forschung reagiert und sich eher mit politischer Ideen- geschichte und politischer resp. praktischer Philosophie assoziiert; vgl. in diesem Sinne auch Falter/Göhler 1986), die Institutionentheorie der politischen Klassik keine eigent- liche Fortsetzung gefunden hat.

19

Was heißt das? Nun, ich gehe davon aus, daß 'lnstitutionentheoretische Klassik' grundsätzlich durch die eher philosophische Anstrengung zu beschreiben ist, unter nor- mativen Gesichtspunkten eine substantielle Idee des 'guten und richtigen Lebens' so weit auszuzeichnen, daß sich daraus Arrangements der institutionellen Ordnung einer Gesellschaft ergeben. Damit ist Institutionentheorie primär ein Begründungsverfahren, daß sich auf einen substantiellen Vernunftbegriff stützen können muß, über den wir heute aufgrund seiner ontologischen und metaphysischen Implikationen nicht mehr ver- fügen (vgl. Schnädelbach 1984 und Martens/Schnädelbach 1985).

Das aber heißt m.E., daß dieses Verfahren unter Bedingungen der wissen- schaftlichen und kulturellen Moderne - die nach allgemeinem Konsens erkenntnistheo- retisch durch das Reflexivwerden des Begriffsapparats und kulturell dadurch ausge- zeichnet ist, daß sie die Normen und damit ihre Wertordnung aus sich sich selber schöp- fen muß und daß sie dies auch weiß - durch die Koppelung eines formalen Vernunft- begriffs mit einer. normsoziologischen Perspektive substituiert werden muß, und nur so das Projekt 'Institutionentheorie' überhaupt fortgesetzt werden kann (vgl. Schülein

1987).

Als Indiz für diese Situation mag dann gelten, daß die konzeptuelle Arbeit auch und gerade im Bereich von Ordnungstheorie aus der politischen Theorie ("pt") ausge- lagert und an die Soziologie abgegeben wurde, von wo sie dann sozusagen 'reimportiert' wird (Ashcraft 1983, GunneU 1983b, Miller/Siedentop 1983, Nelson 1983, Easton 1985; symptomatisch auch die Trennung von "Politischer Theorie" als Ideengeschichte und "politischer Theorie" in dem Versuch, den 'state-of-the-art' der bundesrepublikanischen Diskussion zu beschreiben- Herrnbach 1986, Falter/Göhler 1986): Pointiert könnte man sagen, das Ordnungstheorie (und also: Institutionentheorie) in der Politischen Theorie entweder die Form einer bloßen Erinnerung an Theorie (im Falle der Ideengeschichte) oder die Form einer einfachen "Imitation" (Nelson 1983) soziologischer Theoriebildung angenommen hat.

Das Problem, auf das die Politische Theorie mit dieser methodisch unfruchtbaren Dualisierung der Orientierungen reagiert hat, ist das des Relativismus. Einerseits ist es für eine Theorie politischer Institutionen, die sich gegen den Druck des sozialwissen- schaftliehen Positivismus weigert, zu einem Handbuch sozialtechnologisch orientierter Machtpraxis zu verkommen, unverzichtbar, an moralische Intuitionen wie Gerechtigkeit, Freiheit, Solidarität und Emanzipation anzuknüpfen und diese als normative Bewertungskriterien an die Wirklichkeit politischer Institutionen anzulegen - ganz in

20

diesem Sinne muß man etwa die emphatische Stellungnahme von RIDLEY {1975: 371) lesen:

"lts (die der 'political science'; RSB) crowning glory lies in the discussion of ideas, in analyzing the purpose of institutions, in measuring reality against purpose and in suggesting ways in which the real can be changed to harmonize with the ideal." Andererseits muß politische Theoriebildung denn doch auch mit der Erfahrung der Entkoppelung von Normbegründung und des Wahrheitsanspruchs wissenschaftlicher Aussagen rechnen: Die Sozialwissenschaften haben sich auf diese Differenz dadurch eingerichtet, daß sie in objektivierender Einstellung die Frage des Sinns oder der Ver- nunft als Frage nach dem Sinn von Sinn oder der Vernunft der Vernunft aufnehmen. Beispielhaft (auch in ihrer Radikalität) für diese Position wird die Bemerkung LUH- MANNS (1984a: 319) zitiert, die zwar auf die Ethik zielt, aber auch die hier benannte Kontroverse ganz gut markiert:

Die Ethik (mag) fordern, das Sittengesetz um seiner selbst willen zu beach- ten. Für den Soziologen wird solche Extravaganz aber eher ein Krisensymptom sein als eine wissenschaftliche Erleuchtung."

"

Wenn man GUNNELL folgt (Gunnell 1979a/b, 1983a/b und 1986), so ist diese Kon- troverse geradezu das Signum der Politischen Theorie (wofür er - zumindest für die USA - auch eindrucksvolle Beispiele anbietet), die so sehr in metatheoretische und methodologische Debatten verstrickt ist, daß sie zu objekttheoretischen Aussagen kaum noch Gelegenheit findet (Gunnell1986: 1).

Diese Diagnose ist, wie der sich anschließende Therapievorschlag, Begründungs- und Objektivitätsansprüche als nicht lösbare aber auch nicht lösungsbedürftige Pro- bleme einfach liegenzulassen und sich endlich wieder einzumischen, nur eine der mög- lichen Konsequenzen, die aus der Relativismusproblematik zu ziehen sind. Sie hat, neben anderen Schwächen, auch den strategisch nicht zu unterschätzenden Nachteil, daß sie auf die Probleme Politischer Theorie mit der Abschaffung von Theorie reagie- ren möchte.

Es ist offensichtlich, daß eine solche Einstellung jedenfalls für eine Theorie poli- tischer Institutionen kaum fruchtbar zu machen sein dürfte, weil für dieses Projekt nach meinem Verständnis die Frage, wie normative (metatheoretische) Orientierungen methodisch überzeugend in objekttheoretische Aussagen zu implementieren sind, schlechthin konstitutiv ist.

Es bietet sich also an, wenigstens kurz auf Überlegungen hinzuweisen, die her an die letztgenannte Sichtweise anschließen, und die auch dann, wenn sie im einzelnen

21

unterschiedliche Lösungen des Problems anstreben, zum Ausgangspunkt weiterer Re- flexionen gemacht werden können:

- VoLLRATH geht es in seinem Aufsatz darum, die "Theoriefähigkeit einer Philo- sophie des Politischen" (Vollrath 1982: 117) zu überprüfen. Dabei setzt er mit seiner Untersuchung nicht sofort frontal an, sondern schafft sich den für seine Argumente not- wendigen Raum dadurch, daß er den Theoriebegriff der empirisch-analytisch ausgerich- teten Politikwissenschaft auf dessen philosophische Gehalte und Implikationen hin ab- klopft. Von der Einsicht bestimmt, daß eine Theorie des Politischen (und damit die An- wendung formaler Begriffe auf den Gegenstand: 'Politik') von einer vorgängigen Gegen- standserfahrung begleitet sein muß, wenn sie nicht leerlaufen will (Vollrath 1982:

122/127) unternimmt er es, diese vorgängige Gegenstandserfahrung zu explizieren: Poli- tische Phänomene ließen sich nicht inhaltlich ausweisen, vielmehr sei das Phänomen des Politischen als eine bestimmte Praktik zu begreifen. Diese Praktik charakterisiert er im folgenden als Urteilskraft und bereitet so die aristotelische Schlichtung des Theo- rienstreits in der Politikwissenschaft vor (Vollrath 1982: 130, vgl. zum Neoaristotelismus Schnädelbach 1986).

- Ebenfalls von der Spannung zwischen der Erfahrung des Relativismus und dem

Objektivitätsanspruch von Wahrheit geht ZIMMERMANN aus. Anders als VoLLRATH nimmt er jedoch an, daß die sozialwissenschaftliche Objektivierung der Sinnfrage theoretisch nicht mehr zu hinterschreiten ist, weil sich darin der historische Diffe- renzierungsprozeß der Gesellschaften selbst spiegele (Zimmermann 1986: 3). Das

Problem, das sich ihm dann stellt, ist, wie unter Bedingungen der Objektivierung von praktischer Philosophie zu Norm- und Moraltheorie eine rationale Parteinahme für Demokratie, Freiheit und Emanzipation noch möglich ist (Zimmermann 1986: 15).

Die Übersetzung dieses Problems in den Zusammenhang einer Theorie politischer Institutionen bietet sich förmlich an, weil es die Anlage normativ-analytischer Theorien

überhaupt berührt: Wie muß eine Theorie politischer Institutionen angelegt sein, die ihre normativen Fundamente objektiv ausweisen kann? Darin ist eine deutliche Anlehnung an

das HABERMASsche Theorieprogramm zu erkennen, auch wenn ZIMMERMANN letztlich doch auf eine voluntaristische Lösung zustrebt (Zimmermann 1986: 18). Es bietet den- noch in dieser entschieden methodischen Lesart den Vorteil, auf das An- regungspotential der "Theorie des kommunikativen Handelns" (Habermas 1981) auch für das hier vertretene Projekt hinweisen zu können und die Rezeption auf einer fundamen-

talen Ebene

einzurichten,

was

es

22

erlaubt,

sich zunächst einmal

nicht von den Kontro-

versen um den politischen Realitätsgehalt des Diskursprinzips ablenken zu lassen.

- Noch einen Schritt weiter in Richtung auf eine Substantüerung des HABERMAS-

seben Theorieangebots für eine Theorie politischer Institutionen geht ScHEIT.

daß politisches Handeln immer auf rechtliche Institutio-

nen bezogen sei, das Konsens- und Diskursprinzip direkt als Legitimationskriterium für

politische Institutionen einzuführen (Scheit

Interpretation als Klammer zwischen Meta- und Objekttheorie i.d.S., daß über die Auf-

hellung des Rationalitätsbezugs politischer Institutionen selber der

der Begründung

stellt werden kann (Scheit 1987: 387).

herge-

auf die Form

sucht über die Brückenthese,

Er ver-

1987: 377f). 'Legitimation' fungiert in dieser

Be~

schlecpthin

von

Normen gesellschaftlichen Zusammenlebens

materiale An-

einer Theorie politischer Institutionen über

eröffnen wäre. Sie ent- der politischen Ideen- dieses Programm einge-

halten darüberhinaus aber

geschichte als

führt werden kann, ohne sich dem Verdikt der bloßen Erinnerung

setzen.

Poli-

tische

manöver (Gunnell1979a: 161), so gilt das (und so ist die Kritik bei GVNNELL selbst auch adressiert) im wesentlichen für die Form der Ideengeschichte, in der sie uns als Korpus kanonisierter Texte gleichsam autoritativ entgegengesetzt wird. Ein solches Verständnis von Ideengeschichte, das sich oft mit essentialistischen Ansprüchen verbindet, ist sicher- lich für eine sozialwissenschaftlich orientierte Theorie politischer Institutionen nicht an- schlußfähig.

Imple-

mentationszusammenhänge historischer Theorieformen untersucht werden. In einer sol-

rekon-

struieren, daß

können - diese speziell auf den Bedarf einer Institutionentheorie zugeschnittene Ideen-

darin liegen erhebliche Chancen für die Vertiefung und

angedeuteten Probleme: Wenn eine bekannte Definition von

'Klassiker' ausführt,

lediglich ein Ausweich-

Denn wenn ich oben die provokante Formel GVNNELLS aufgenommen habe,

an Theorie auszu-

Diese knappen Hinweise sollen und können hier nur dazu dienen,

wie die geforderte neue Runde

regungen,

methodisch orientierte Selbstreflexionen politischer Theorie zu

des

auch Stichworte, wie

das Potential

Hauptbezugspunkts

politischer Theorie in

Theorie

in ihrer ideengeschichtlichen Orientierung sei

Das

gilt

aber

m.E.

es

nicht

für

die

Form,

in

der

Konstitutions-

und

so

chen Perspektive

käme

darauf an,

klassische,

zu moderner Theorieprobleme fungieren

aber historische Texte

sie gleichsam als Reflexionsform

geschichte existiert noch nicht;

Bearbeitung der hier nur

daß

es sich um Texte handele,

die

uns auch heute

noch etwas

zu

sagen haben, dann ist klar, daß mit einem solchen Begriff immer eine bestimmte Selek- tivität organisiert wird, und daher die Festlegung der Selektionskriterien entscheidende

23

Bedeutung erhält. Ich denke, um damit diese kurzen Bemerkungen abzuschließen, daß sich genau an dieser Arbeit der Impuls politischer Theorie zu bewähren hat, der dazu drängt, nach Untersuchung des politischen und sozialen Prozesses eine Form zu ent- wickeln, die als von unseren moralischen Intuitionen bestimmter Fluchtpunkt handlungsanleitend sein soll.

Ich habe die in den letzten Jahren häufiger werdenden Selbstreflexionen poli- tischer Theorie auch deshalb in dieser relativen Ausführlichkeit dargestellt, weil ich denke, daß von diesem Diskussionsstand aus Schlüsse auf die Forschungslage im Be- reich von Institutionentheorie möglich sind: Wenn der Befund ist, daß im Zuge der Be- haviorismusdiskussion zunächst in der amerikanischen Politikwissenschaft ab etwa 1945, die dann - mit einer Phasenverschiebung - auch zur Empirisierung des wissen- schaftlichen Selbstverständnisses in Buropa geführt hat (Falter 1982), der Zusammen- hang zwischen allgemeiner Theorie und empirisch orientierter Theoriebildung gelockert wurde, und wenn man hinzunimmt, daß politische Theorie da, wo sie nicht ideen- geschichtlich orientiert war, sich fast ausschließlich rezeptiv zu den Diskussionen vor allem in der Soziologie, Anthropologie und Sozialphilosophie verhalten hat, dann sind das Strukturen, innerhalb derer sich der eingangs erwähnte, allgemeine bibliographische Befund erst interpretieren läßt.

Man kann sich also ziemlich sicher sein, daß die Fehlanzeige nicht nur der Zu- fälligkeit und unvermeidbaren Selektivität des Bibliographierens geschuldet ist. Dazu kommt, daß auch in der soziologischen Theoriebildung dem Institutionenbegriff die Prominenz, die er sowohl in den USA als auch in Großbritannien und Frankreich in der ersten Jahrhunderthälfte besessen hatte, längst nicht mehr zugewiesen wird (Schülein 1987, und auch schon Znaniecki 1945): Sowohl der Operationalisierungsdruck in der empirischen Theoriebildung als auch der Abstraktionsdruck fachübergreifender allge- meiner Theorien (vgl. als gewissen Endpunkt einer Entwicklung: Luhmann 1984a, aber auch auf der Seite subjektorientierter Ansätze: Habermas 1981) scheinen das Ergebnis gefördert zu haben, das ScHÜLEIN so zusammenfaßt, daß der Institutionenbegriff konzeptuell ausgereizt sei (Schülein 1987: 70). Es scheint sich also auch von dieser Seite her zu bestätigen, daß die politische Theorie allen Anlaß hat, das Thema: Theorie politi- scher Institutionen weitgehend in eigener Regie, aber mit Bezug auf den so- zialwissenschaftlichen Forschungsstand aufzunehmen.

So läßt sich denn auch das, was unter dem Suchbegriff 'Institutionen' angezeigt wird, relativ knapp charakterisieren.

24

- USA I Großbritannien; Neben den Tendenzen, auf die ich unter Punkt 11.2. zu- rückkommen werde - also dem, was man unter Entwicklungs- und Modernisierungstheo- rien, unter Neo-Institutionalismus, 'Institution-building' und neuerdings etwa unter 'Cultural analysis' versteht- herrscht ein pragmatischer Ansatz vor (Anderson 1983), der das Thema in einer phänomenologisch orientierten Gegenstandsauffassung in naiv- realistischer Weise eher stillstellt (vgl. Dyson 1980: 215 und Albrow 1982) als eigentlich behandelt, und der sich unter dem Stichwort: 'Institutional politics' zusammenfassen läßt: Es geht um organisationssoziologisch informierte Funktionsanalysen einzelner In- stitutionen (wobei man hierfür dann durchaus auch Organisation, Einrichtung oder An- stalt setzen könnte), die institutionelles Handeln entweder unter Optimierungs- oder kritisch unter Repressionsgesichtspunkten analysieren, was auf die breite Wirkung der Untersuchungen von GoFFMAN, auch in der Politikwissenschaft, verweist (vgl. den Survey von Williams 1973, der durch die eigenen Befunde fortgeschrieben werden kann:

Danach beschäftigt sich in den USA der weit überwiegende Teil der Literatur, die unter dem Stichwort 'Institution' angezeigt wird, mit Funktions- und Wandlungsanalysen von Universitäten oder anderen Einrichtungen des Bildungssystems sowie mit Einrichtungen und Anstalten im Sozialbereich!).

Diese Einschätzung bezieht sich selbstverständlich auf die oben eingeführte Unterscheidung zwischen einer phänomenologischen und einer analytischen Ver- wencllmgsweise des Institutionenbegriffs und ist nur dann plausibel, wenn man das Interesse einer Theorie politischer Institutionen an der mit analytischen Verwendungs- zusammenhängen bedingten notwendigen begrifflichen Konzeptualisierung voraussetzt. Und hier scheint es in der Tat nun so, daß die These ScHüLEINS, der Institutionenbegriff sei ausgereizt (Schülein 1987: 70) und werde weitgehend durch formalere Konzepte wie jenes der Organisation oder der Struktur (Willke 1987a) ersetzt, zutrifft -jedenfalls ist allem Anschein nach auch in den zum klassischen Repertoire der Politikwissenschaft gehörenden 'Government'-Studien (Brisbin 1982) die Organisationstheorie eindeutig in Führung gegangen 1 .

Darüber hinaus ist offensichtlich, daß die Diskussion, die von RAWLS (1975) unter dem Titel "Eine Theorie der Gerechtigkeit" ausgelöst wurde, im Hinblick auf die Begrün- dungsproblematik für das Projekt Institutionentheorie einschlägig ist. In diesen Kontext gehören sicherlich auch Studien wie die von DwoRKIN (1984), FISHKIN (1979, 1982 und 1984) und NoziCK (1976), doch mit diesen wenigen Hinweisen läßt sich das Diskussions-

1) Einen hervorragenden überblick der Entwicklung organisationstheoretischer Ansätze liefert Scott 1981; auf Gegentendenzen werde ich unten bei der Behandlung systema- tischer Aspekte ausführlicher zu sprechen kommen.

25

feldvielleicht markieren, aber nicht erfassen (vgl. Höffe 1977): Die Diskussion über die Möglichkeiten liberaler Gesellschaftstheorie ist ja vor allem auch mit den begrifflichen Mitteln ökonomischer Theorie geführt worden, so daß es sich anbietet, sie unter diesem Titel weiter unten aufzunehmen.

- Frankreich: Auch in Frankreich stammen, ähnlich wie in den USA mit der funk- tionalistisch orientierten Soziologie aus der kulturanthropologischen Schule, die Werke, die sich explizit um eine Theorie der Institutionen bemühen, aus den 20er und 30er Jahren.

Die hier vor allem zu nennenden Arbeiten von HAURIOU (1925) und RENARD (1930) sind allerdings rechtstheoretisch orientiert und stellen methodisch - als Antwort auf den soziologischen Objektivismus des 'chosisme' bei DURKHEIM - eher einen Rückfall in ontologische Traditionen dar - vermutlich werden sie heute, jedenfalls in systematischen Zusammenhängen, nur noch der einschlägigen Titel wegen immer wieder zitiert (vgl. Lourau 1970).

Auch die institutionentheoretisch interessanten neueren Entwicklungen im Be- reich von Strukturalismus und Poststrukturalismus haben - bis auf wenige Ausnahmen, wie etwa die zweibändige "Science administrative" von CHEVALLIER/LoscHAK (1978), die sich im ersten Band um eine "Theorie generale de l'institution administrative" bemühen (vgl. außerdem Chevallier u.a. 1981)- kaum Niederschlag gefunden.

Das weitaus meiste, was unter dem Begriff: Institutionentheorie firmiert, sind ver- fassungsrechtlich bestimmte Beschreibungen des politischen Systems - also Regierungs- lehre im klassischen Sinne (Beispiele hierfür sind beliebig, s. aber etwa Pactet 1983). Daneben finden sich natürlich auch, wie in den anderen Ländern, eher organisations- soziologisch orientierte Studien, die meistens unter Effektivitätsgesichtspunkten die organisatorischen Strukturen von Verwaltungen, Betrieben u.ä. untersuchen und die, auch wenn sie unter dem Titel: 'Institutionenanalyse' aufgeführt werden, den Begriff nicht theoretisch, sondern alltagssprachlich verwenden (so z.B. die Dokumentation eini- ger solcher Studien in einem Sonderheft der Annee Sociologique 33/1983).

Darüberhinaus gibt es in der französischen Diskussion einige Ansätze,; die, gespeist aus marxistischen Traditionen, sich mit poststrukturalistischen und phänoll}enologischen Intuitionen verbinden und einen m.E. durchaus gewichtigen Beitrag zur 1 Institutionen- kritik leisten: Hier sind vor allem CASTORIADIS (1975), DELEUZE (1953), TüVRAINE

l

26

(1960) zu

nennen, der mit seiner Unterscheidung von Serialisierung und Gruppenbildung auf die Differenz institutioneller Vergesellschaftung einerseits und autonomer Vergemeinschaf-

der Entstehung moderner

den Blick

nimmt.

von

tung andererseits hinweist

Formen der Individualität als Vereinzelung und institutioneller Ordnung in

eher subjektivistisch orientierter

konstitutionstheoretischer Ansatz,

'instituant' und 'institue' entwickelt, und auf der Basis des praxistheoretischen Konzepts

von 'Poiesis'

griffs in kritischer Absicht durchbrechen will.2

Institutionenbe-

{1978), GuAITARI (Oury/Guattari/ Tosquelles

Gemeinsam

und dabei

ist

diesen

1985) aber auch schon

SARTRE

den Zusammenhang

Autoren

ein

der

Institutionentheorie

MachtfiXierung

aus

der

Differenz

die Stabilitäts- und

des herkömmlichen

In

diesen Zusammenhang gehört

auch

die Bewegung der

'analyse

institutionelle'

(Lourau

der

sprechen, weil es um die Praxis der gruppentherapeutischen Selbstaufklärung institutio-

die Tiefenstruktur von Verhalten in Institu-

neller Verhaltensweisen geht,

1975) und

Es bietet sich hier durchaus an, von einer Bewegung zu

1969,

1970,

1973 und

1975

sowie Lappassade

1967, 1971,

1973 und

'pedagogie institutionelle'.3

also darum,

tionen mit dem Ziel der Verhaltensänderung zu analysieren und zu beschreiben:

ce qu'elle {die 'analyse institutionelle', RSB) vise a decouvrir, au contraire, c'est

le negatif non integre,

provoquent l'impense de la structure sociale a se manifester"

in der

Regel

sich in

den

konzeptuellen Aufbau der 'analyse institutionelle' zu charakterisieren.

So unterscheidet er eine "Phänomenologie der Institution", die auf den drei Reali- tätsebenen, auf denen uns das Phänomen der Institution begegnet: jener der einzelnen

über

diesen Ansatz bietet CHEVALLIER {1981),

Institutionen

non recupere, non depasse, par l'intermediare des analyseur qui

"

(Lourau 1973: 26)

Die

mit

Methode

dieser

'sociopsychanalyse'

(Hess

(Groupe Desgenettes 1980) wird

1975)

belegt.

Einen

guten

Überblick

der, ausgehend von der Einsicht, daß

und

Gesellschaft

vollzieht,

dem Titel:

die

'socianalyse'

von

Vermittlung

Individuum

Institution, der des Institutionensystems und der des Individuums, anzusetzen hat {Che-

vallier

auf der Dialektik von 'instituant' und 'institue' beruht.

14-32), und der Dynamik des Institutionalisierungsprozesses, die im Kern

1981:

Die

Pointe

besteht

dann

darin,

gleichsam

In-

herauszuarbeiten

Spiel zu bringen: Institutionalisie-

auf

dem

Umweg

über

die

stitutionenanalyse

und diese

die gesellschafts-konstitutive Rolle

institutioneller Adaption

ins

des Subjekts

als Medium

rung ist - ganz im Sinne des von CASTORIADIS in die

Institutionentheorie

eingeführten

2)

Auf

den

m.E.

bedeutendsten

dieser

Ansätze

werde

ich

unter

Punkt

II.3.

zurückkommen.

 

3)

Vgl.

die

Arbeit

von

Weigand

1983:

"Erziehung

trotz

In-

stitution?

Die

'pedagogie

institutionelle'

in

Frankreich".

27

Poiesis-Konzepts- der "Prozeß der unaufhörlichen Dekonstruktion und Rekonstruktion sozialer Formen" (Chevallier 1981: 55).

In enger Verbindung damit sind dann auch Versuche zu lesen, die auf eine psychoanalytisch orientierte Institutionentheorie abzielen: DRAr geht es um eine Rekon- struktion fundamentaler institutioneller Einrichtungen moderner Demokratien wie der des Vertragsgedankens oder der Gewaltenteilung im Medium des Dialogs- der Flucht- punkt dieser Überlegungen ist, inspiriert durch eine dialogisch gefaßte psychoanaly- tische Praxis, die Aufhebung asymmetrischer politischer Strukturen im Dialog (Drai 1981a/b); ENRIOUEZ schließlich konzipiert Institutionen als Form der Naturalisierung politischer Herrschaft, die mit Mitteln des libidinösen Objektbezugs gesichert wird (En- riquez 1980: 99ff). In dieser Form der Herrschaftssicherung liegt dann aber auch zugleich der Keim des Wandels, insofern sich libidinöse Objektbesetzungen nicht völlig funktionalisieren lassen, Institutionen also nicht 'total' sein können - mit diesen Über- legungen bereitet er seine These vor, daß die eigentliche Leistung von Institutionen in der Erzeugung einer Art Ultrastabilität besteht, die auf einer Institutionalisierung der Prinzipien des Wandels ruht (Enriquez 1980: 100).

- Bundesrepublik Deutschland: Den 'state of the art' der bundesrepublikanischen Diskussion hat jüngst GöHLER (1987) einer umfassenden und eingehenden Untersuchung unterzogen, die, was die politikwissenschaftlichen Aspekte angeht, die hier getroffene Einschätzung der Diskussionslage in den USA, in Großbritannien und in Frankreich auch für die Bundesrepublik im wesentlichen bestätigt: Mit der Unterscheidung von allgemeiner Institutionentheorie und einer Theorie politischer Institutionen macht GöHLER deutlich, daß es theoretisch relevante Entwicklungen fast ausschließlich in den sozialwissenschaftliehen Nachbardisziplinen gegeben hat (zu zitie- ren sind hier insbesondere die philosophische wie die Sozial- und Kulturanthropologie und die Systemtheorie LUHMANNS), über deren Bedeutung für eine Theorie politischer Institutionen allerdings aus zwei Gründen Unklarheit besteht.

Zum einen war Institutionentheorie lange Zeit kein Thema - man begnügte sich, wie auch in der internationalen Politikwissenschaft in ihren spezialisierten Bereichen, mit einem pragmatisch realistischen Gegenstandsverständnis, was sich u.a. an der institutionell orientierten Policy-Forschung zeigt, die auch da, wo der Institutionen- begriff konzeptionell wichtig wird, einen solchen mehr unterstellt als klärt; oder aber der Institutionenbegriff war auf die Bedürfnisse einer pädagogisch ausgerichteten Demokratiewissenschaft zugespitzt, wo er in Form der Regierungslehre vor allem die

28

Zum anderen bleibt die Rezeption der allgemeinen Institutionentheorie selbst da, wo sie als Informationsquelle für theoretische Bestimmungen explizit herangezogen wird, höchst selektiv - eine Thematisierung des Zusammenhangs von allgemeiner und spezifischer Institutionentheorie in theoretischer Absicht findet nicht statt - vielleicht mit Ausnahme der Arbeit von Waschkuhn (1974, 1984 und 1987).

Immerhin aber gelingt es GöHLER trotz aller Schwierigkeiten so etwas wie eine "Typologie des institutionentheoretischen Potentials der wiederbegründeten deutschen Politikwissenschaft" (Göhler 1987: 31 nennt einen formalen, einen historisch-funktiona-

len, einen maclzttheoretischen, einen normativ-ontologischen und einen funktional-ideen-

geschichtlichen Ansatz) herauszuarbeiten, die durchaus als Anregung zur Systematisie- rung ideengeschichtlicher Grundpositionen dienen kann.

lnsitutionentheoretisch muß allerdings auch diese Spurensicherung defizitär blei- ben, zum einen, weil Institutionentheorie mit einer phänomenologischen Gegen- standsauffassung beginnen, aber nicht schließen kann, zum anderen, weil Theoriean- leihen gemacht werden, die dem Stand der Diskussion in den Nachbardisziplinen nicht immer angemessen sind und eher selektiv als rekonstruktiv verfahren - insofern können sie als Indikatoren für einen strukturellen Innovationsbedarf fungieren.

Auch wenn offensichtlich ist, daß die Eindringtiefe der GöHLERSchen Untersuchung in einer so breit angelegten und - wenn auch mit systematischem Anspruch - primär bibliographisch orientierten Arbeit nicht einzuholen ist, muß man dennoch aus den bisher zusammengetragenen Beobachtungen Konsequenzen ziehen, die der - wie GöHLER an ausgewählten Beispielen gezeigt hat - richtigen Intuition folgen, daß es einer problemorientierten Spezifikation der Suchkriterien bedarf, um eine in Grenzen angemessene Repräsentation des Diskussionsstandes zu erreichen.

Festzuhalten bleibt also zunächst die Beobachtung, daß sich im Bereich dessen, was GUNNELL mit "pt" umschreibt, eine bemerkenswerte institutionentheoretische Fehlanzeige ergibt, und zwar international und das zweitens ein Großteil der Literatur, die unter dem Titel: Institution läuft, für theoretische Zwecke zu unspezifisch ist.

Deshalb möchte ich im nächsten Schritt ein Stück weit der Vermutung nachgehen, daß die "pt" einen Teil der relevanten theoretischen Kompetenz an die "PT' abgegeben haben könnte und dies an einigen paradigmatisch einschlägigen politikwissen- schaftlichen Ansätzen überprüfen.

29

11.2. POLITIKWJSSENSCHAFfLICHE ANSÄTZE

Die schon zitierte Einschätzung ScHDLEINS, daß die konzeptuelle Kapazität des In- stitutionenbegriffs für die soziologische Theorieentwicklung schon Ende der 30er Jahre

der Operationalisierungsvorteile,

welche

der soziologischen Theorie mit der Orientierung

auf Mikroprozesse zunächst erbrachte), trifft so für die Politikwissenschaft nicht zu.

der funktionalistischen

ausgeschöpft scheint

(und dies vor

allem aufgrund

die elementaristische Wende

Hier haben holistische Ansätze in der MARxschen wie

in

Tradition ihre theoretische Faszination schon deshalb behalten, weil intuitiv klar ist, daß

'Politik' am ehesten zu spezifizieren ist als

thesis, die

bleibt und als Phänomen aus der Perspektive kleiner und kleinster Teile nicht angemes-

sen

aktionistischer Theorieelemente und

1981). Es ist denn auch m.E. dieser Zusammenhang, der dafür

ausschlaggebend

methodische und analytische Sonderstellung nicht verloren hat.

Intuition methodisch umzu-

setzen ist, und warum darüberhinaus politische Institutionen immer noch eine heraus-

ragende

auf den -

auf den

als Antwort auf Probleme der empirisch orientierten Policy-For-

schung (und

analysis')

für eine Theorie der politischen Institutionen informativ sind.

auf eine vollständige Erfas-

sung aller relevanten Informationen verbunden sein kann - ich möchte hier vielmehr in erster Unie eine Argumentationssystematik plausibilisieren, mit der relevante Informa- tionen überhaupt erst zu selegieren sind.

soweit diese

Ich

als Begriff seine

eine besondere Form gesellschaftlicher Syn-

sozialer

ist die

Selbstvermittlung bezogen

Zusammenführung inter-

einer

"Theorie

allerdings legitimatorisch

sein dürfte

auf Formen

zu begreifen

(ein Indikator hierfür

CARL-ScHMITTScher Theoreme zu

1976:

diese

3) auch

der Politik"

bei BucHHEIM

ist,

daß

"institutionality" (Braibanti

wie

Ich möchte nun

an vier Beispielen zeigen,

Gegenstandsmarkierung politikwissenschaftlicher

Modemisierungs-

und

Forschung darstellen.

(a),

(b),

gehe nacheinander kurz auf

Entwicklungstheorien

'Institution-building'

neuerdings so

der

Staatsdebatte

eher organisationstheoretisch getragenen- Ansatz des

Neo-Institutionalismus

in diesem

Zusammenhang

auf die

(c) und schließlich auf einige Aspekte

Es versteht sich von selbst,

bezeichnete 'cultural

ein (d),

daß damit kein Anspruch

30

11.2.a.

Modernisierunes- und Entwicklunestheorien

dieser Theorie-

entwicklung beleuchten und jene zentralen Theoriemotive freilegen, welche die theore-

tischen Ausarbeitungen in doppelter Weise bestimmen:

auch wenn - wie immer - einzuräumen ist, daß sie wohl analytisch zu unterscheiden nicht

sie limitieren,

Es

gibt

zwei Perspektiven,

die

den

Konstitutionszusammenhang

Sie legen

fe~tund

aber zu trennen sind.

als ver-

gleichende Regierungslehre verstand, in dem Augenblick,

politische Systeme hinaus- vor allem auf solche der sogenannten 'Dritten Welt' - ausge- weitet wurde, ein Bedarf an einer erheblichen Abstraktion der Grundbegriffiichkeit, die

eine komparative Perspektive zu

rücken.

sam

kultur-,

forschungsprogrammatische Ausgangspunkt war, das Be-

(1980) und MIGDAL (1983) haben übereinstimmend darauf aufmerk-

es erlaubte, formal

Zum

einen ergab sich

für die

politische Wissenschaft, soweit

als

sie sich

der Fokus über westliche

so unterschiedliche Systeme

dies der

durch

die

Adaption

in

HARTMANN

daß

gemacht,

griffsinstrumentarium

kommunikations- und geschichtswissenschaftlicher Begriffsstrategien zu verfeinern - das

ist der methodologische Aspekt.

Institu-

tion,

man

weitgehend verengt" (Hartmann

formalrechtlich definierte Komplexe

psychologischer,

soziologischer,

Zum anderen bot dieses Unterfangen die

in

der

klassischen Politikwissenschaft

1980:

39),

auf

Möglichkeit,

neu

"das Konzept der

zu

begrifflich

disponieren. Indem

sich vor allem mit der Frage auseinandersetzte, wie "Sozialsysteme Fortschritt institutio-

nalisieren"

der Begriff der Institutionalität zur zentralen

(Endruweit

1987:

309), wurde

Variable

der Erklärung

des Zusammenhangs

sozialer und

politischer Dynamik profi-

liert.

Dabei

bot

gerade

der

Rückgriff

auf

funktionalistische

und

rationali-

sierungstheoretische Traditionen in

Pro-

zeßcharakter politischer Entwicklung mit evolutionärenAnnahmen so zu verbinden, daß

die institutionelle Struktur moderner westlicher Demokratien gleichsam zum 'terminus

(zur Kritik dieses

Aspektes der Modernisierungstheorie aus historischer Sicht vgl. Wehler

der

Soziologie

die

Möglichkeit,

den

ad quem'

einer universalgeschichtlichen Entwicklung werden konnte

1975).

Diese Strategie

allem bei

von analytischen und ideologischen Interessen,

orientierten Ent-

auf den

die insbesondere den okzidentalen Bias wie auch neo-darwinistische Ein-

1972, Eisenstadt 1979,

der Verknüpfung

vor

wicklungstheorie:

Plan gerufen,

schübe

Groth 1979 aber auch, um Moderation bemüht, Hartmann

einem der prominentesten

HUNTJNGTON

Theorien

(1968),

Vertreter

der

institutionell

hat dann natürlich

u.a.

zahlreiche Kritiker

dieser

herausstellen (vgl.

Macpherson

1980: 22f).

Nun

sind

diese teleologischen Konnotationen

des Entwicklungsgedankens

nicht

31

akzidentiell, sie spielen vielmehr auch beim zweiten zentralen Theoriemotiv der Modernisierungsforschung eine zentrale Rolle. In deren Version, die z.B. ZAPF (1977:

3ff) gegen aus der marxistischen Tradition stammende krisenanalytische Konzepte ver- teidigt (zu diesem Aspekt vgl. auch die Arbeiten von Brandt 1972 und Kitschelt 1985), wird deutlich, daß der Rationalisierungspfad der okzidentalen Moderne, wie ihn vor allem Max WEBER beschrieben hat (einen expliziten Anschluß stellt Lepsius 1977 her), zum Grundmuster von Modernisierung und institutioneller Adaption schlechthin wird - darin liegt u.a. auch der theoriestrategische Sinn der Verknüpfung der Konzepte von 'Partizipation' und 'Institution' bei HUNTINGTON, in der Partizipationssteigerung identisch wird mit institutioneller Differenzierung und Spezifikation (Huntington 1968).

Damit sind m.E. die wesentlichen Quellen benannt, aus denen sich die Modernisierungs- und Entwicklungstheorie (zur Ausdifferenzierung vgl. Migdal 1983:

323ff) speist: Das Konzept der Modernisierung geht, vermittelt über PARSONS und ALMoND (1960), auf WEBER und dessen Theorem der Differenzierung, eigensinnigen Entfaltung und institutionellen Spezifikation der Wertsphären von Moral, Wissenschaft, Politik und Kunst zurück (zur Kritik der handlungstheoretischen Grundlagen der Weber-These vgl. Habermas 1984: 450ff)- die Pointe besteht darin, Institutionalisierung

als Etablierung eigensinniger Formen von Handlungsrationalität zu begreifen, die gerade in

der Abschottung gegen situationsorientierte soziale Interaktionen ihre Stei- gerungsfähigkeit erhält. Der Begriff der politischen Entwicklung folgt dem strukturfunk- tionalen Modell von PARSONS und dessen zentraler Intuition der Komplexitätssteigerung qua institutioneller Differenzierung und Spezifikation.

Dabei hat PARSONS wohl zunächst stärker als WEBER in seiner Systemtheorie den Rückbezug auf einen allgemeinen handlungstheoretischen Rahmen gesucht (Parsons 1937 4 ; vgl. aber auch Schluchter 1980 und für eine sich in diesem Punkt von der Habermasseben Auffassung unterscheidende Weber-Rezeption Schluchter 1979), so daß seine Institutionentheorie, analog zum Sinnbezug sozialen Handelns, den fundamenta- len Anschluß an die Narrnativität gesellschaftlicher Vermittlung nicht aufgegeben hat {Münch 1982: 38ff).

Die Bedeutung von PARSONS zeigt sich nun nicht allein im Theoriedesign, sondern reicht bis zu direkten inhaltlichen Übernahmen, wie sie sich an der für diese Ansätze durchaus repräsentativen Definition politischer Institutionen durch BRAIBANTI ablesen lassen:

4)

Auf

den

Ansatz

genauer ein.

von

PARSONS

gehe

ich

unter

Punkt

II. 3.

32

structured in a manner conditioning

the behavior within the institutions, shaping a particular value or set of values and

"Institutions are pattems of recurrent acts

projecting value(s)

in the

social system in terms of attitudes

or

acts" (Braibanti

1976: 7).

Wenn dies

eine einigermaßen angemessene Beschreibung der theoretischen Aus-

gangssituation ist,

die weitere Entwicklung im

state-centered

als Entfaltung und wenigstens partielle

kann man ein

kulturalistisches (das sich mit PARSONS verbindet) von einem ökonomischen und einem

Vermittlungdreier

approach"

Unterschied zu

sollte mein Vorschlag plausibel werden,

MIGDAL

(1983: 328f), der

einen "society-centered

In

vs.

der Entwicklungstheorie konstatiert,

Paradigmen zu beschreiben:

starker Pointierung

politischen Paradigma speist) unterscheiden.

(das sich

vor allem

aus der

WEBERsehen

Bürokratietheorie

-

Mit dem

kulturalistischen

Ansatz verbindet sich die Intuition,

daß lnstitutiona-

lisierungsprozesse

Besonderheit nur mit

Bezug auf den in Weltbildern festgehaltenen und kulturell tradierten Bestand an mora- lisch-praktischem und technischem Wissen erklärt werden können. Zentral wird der Be-

des Lernens, der entweder eine eher sozialisationstheoretische Fassung annehmen

allge-

kann oder aber sich auf die Veränderung und Entwicklung der Bestandteile des meinen kognitiven Orientierungssystems selbst bezieht.

eines zentralen Parameters gesell-

schaftlicher Modernisierung beziehen, hat

gerade in

ihrer historischen

und räumlichen

griff

Die Diskussion,

die sich auf 'Sozialisation'

als

man unter

dem Titel der

"individuellen

Modemisierung"

(Hsiao

1979) zusammengefaßt. Auf dieser Basis hat LERNER (1958) ein

in dem Urbanisierung, Alphabetisierung

3-Phasen Modell der Entwicklung konzipiert,

und Demokratisierung in einen linearen Zusammenhang gebracht werden (vgl. Winham

1970), während es INKELES in seinen Arbeiten darauf ankommt, die Annahmen über die

spezifizieren. Individuelle Modernität ist

die Erfordernisse der modernen

Industriegesellschaft, die sich vor allem über Familie, Betrieb und Schule vollzieht - in-

dividuelle

Prozesse ange-

sehen (lnkeles

wird

Auslöser gesellschaftlicher Modernisierung,

entscheidenden Sozialisationsagenturen

zu

dann die Assimilation der Persönlichkeitsstruktur an

aber

Modernität

ist

hier

zwar

als wesentliches

Medium

1984: 376 und Inkeles/Smith 1974).

nicht

der Selbstbeschleunigung sozialer

Die zweite Variante der Vermittlung von individueller und gesellschaftlicher Ent-

wicklung hat in Anlehnung an PIAGET u.a. EISENSTADT so ausgearbeitet, daß er sie in ein

umfassendes Modell

spektive einarbeiten konnte. 5

institutioneller Per-

der Erklärung

gesellschaftlichen Wandels

in

5)

Näher

dazu

unten;

vgl.

zur

Bed.eutung

der

kognitivi-

33

Blick-

die kon-

textualistische und die strukturelle nennen könnte.

bekannt geworden

und geht von der Annahme aus, daß die ökonomisch-ökologische Situierung eines poli-

tischen Systems wesentlich die

zialer und politischer Institutionen im Sinne einer Assimilation an Strukturvorgaben des

Marktes beeinflußt (so etwa Caporaso 1978). Der wesentliche theoretische Beitrag liegt

in einem Wechsel

tionen analysiert wird (vgl. etwa Wallerstein 1974 und

-

Im Rahmen

ökonomischer

Ansätze

muß

gerade

unter institutionellem

werden, die

man

winkel nochmals zwischen

Die

zwei Varianten

unterschieden

erste Variante ist u.a. unter dem Titel

'Dependenztheorie'

Entwicklungschancen und

die Entwicklungsrichtung so-

der Ebene, auf der die Entwicklung sozialer und politischer Institu-

1980).

Davon

zu

unterscheiden ist der Versuch, die

Produktionsverhältnisse unmittelbar als

strukturbildend

für

das politische Institutionensystem

zu

begreifen - ökonomische Reduk-

Innovationsdrucks, auf

den Gesellschaften mit kulturellen und politischen Mitteln adaptiv reagieren, sondern

tionsprobleme beschreiben dann nicht mehr nur eine Form des

sie limitieren

in dieser

Sicht

zugleich

die Spielräume

des Antwortverhaltens: Diese

Aktualisierung

des

MARxschen Basis-Überbau-Theorems hat

BREUER

etwa

in einer

WEBER-Rekonstruktion in einem Aufsatz zur

"Soziogenese des Patrimonialstaats"

zu

plau-

sibilisieren versucht (Breuer 1982), wobei anthropologischen Forschung entnimmt.

er

die Anregungen

wie

das Material der

- Der institutionentheoretische Gehalt des

politischen

Paradigmas

Verfahren

läßt sich m.E. (also institu-

am ehesten noch auf die Formel der

Komplexitätssteigerungdurch

tioneller Formalisierung) nentheorie HUNTINGTONS.

bringen. Einschlägig hierfür ist

vor allem die

Institutio-

HUNTINGTON

begreift

politische

Entwicklung

ausdrücklich

als

Insti-

von Wandel und

tutionalisierungsprozeß,

Stabilität leitend ist.

von Institutionensystemen: Adaptivität, Autonomie und

tionsbegriff, der eng an die WEBERsehe Vorstellung institutioneller Rationalisierung ge-

bunden ist.

Adap-

drei fundamentalen Eigenschaften

wobei der

Gesichtspunkt des

Verhältnisses

Kohärenz

Daraus ergeben sich dann die

(mit einem

Und hierin unterscheidet sich dieser Ansatz denn

auch wesentlich von den

beiden anderen,

insofern

als

die

Entwicklung von

politischen

Institutionen

einer

eigenständigen,

immanenten

Logik

der

Rationalisierung

von

Herrschaft

als

Bürokratisierung folgt.

stischen

Entwicklungspsychologie

P~GE~

in

der

Entwicklungs- und

Modernisierungsforschung

thalerjGoldschmidt

1984.

komparativen

auch

Schöf-

34

Als politische Ansätze im engeren Sinne könnte man auch jene Arbeiten ver- stehen, die im Gegenzug zum normativen Funktionalismus wie zum evolutionären Den- ken überhaupt unter konkurrenz- und machttheoretischen Annahmen den Kontin- genzaspekt politischer Entwicklung zu betonen suchen, sich dabei aber auf ein m.E. reduktionistisches Politikverständnis als eines lediglich im Medium von Macht vermit- telten Prozesses einlassen (vgl. etwa Merton 1957 sowie Dahrendorf 1959 und Rex 1961; zu dieser Debatte nimmt Stellung Lockwood 1979). In diese Richtung zielt - mit einer allerdings institutionenkritischen Pointe - auch der Diskussionsbeitrag GREVENS (1987)

"Über lnstitutionalisierung, verbleibende Kontingenz und mögliche Freiheit".

Nun gibt es durchaus einige interessante Vermittlungsversuche, die die Einseitig- keiten der genannten Paradigmen nicht nur forschungspragmatisch, sondern in institutionentheoretisch relevanter Weise zu überwinden suchen. Ich möchte hier nur zwei herausgreifen, die ich für besonders anregend halte und von denen mindestens schon der erste eine eigene Wirkungsgeschichte entfaltet hat, die - über die vielleicht politischste Arbeit von HABERMAS (sieht man einmal vom "Struktunvandel der Öffentlich-

keit" von 1961 ab), die "Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus" (Habermas 1973)-

auch eng mit der bundesrepublikanischen Diskussion der 70er Jahre verbunden ist: Ich gehe nacheinander kurz auf LOCKWOODS (1979) Aufsatz "Soziale Integration und System- integration" sowie auf EISENSTADTS (1980) Auffassungen ein, wie sie vor allem in der Stu-

die "Comparative Analysis of State Formation in Historical Contexts" zusammengeiaßt

sind.

- LOCKWOOD (1979) markiert in zweierlei Hinsicht eine entscheidende Ent- wicklung in der modernen Institutionentheorie. Zum einen unterläuft er mit der an DURKHEIM anknüpfenden (vgl. Müller 1983: 111ff) methodischen Unterscheidung zwischen Aspekten der System- und der Sozialintegration den Antagonismus von System- und Handlungstheorie:

"Während beim Problem der sozialen Integration die geordneten oder konflikt- beladenen Beziehungen der Handelnden eines sozialen Systems zur Debatte stehen, dreht es sich beim Problem der Systemintegration um die geordneten oder konfliktbeladenen Beziehungen zwischen Teilen eines sozialen Systems" (Lock- wood 1979: 125). Zum anderen versucht er diese Unterscheidung auf dem Hintergrund des MARx- schen Theorems vom Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhält- nissen so zu erläutern, daß theoriestrategisch eine Verknüpfung funtkionalistischer und marxistischer Traditionen möglich wird. Die institutionentheoretische Pointe, die sich aus der Übersetzung der MARXschen Kategorien in Begriffe der System- und der Sozial- integration ergibt, besteht dann darin, die institutionelle Struktur einer Gesellschaft auf

35