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1.

Wort- und Sacherklärungen

Die folgenden Wort- und Sacherklärungen beziehen sich auf


die Ausgabe: Friedrich Dürrenmatt, »Romulus der Große.
Eine ungeschichtliche Komödie in vier Akten. Neufassung
1980«, Zürich: Diogenes Verlag, 1980 (Werkausgabe in drei-
ßig Bänden, Bd. 2; Diogenes Taschenbuch, 20832; hier ab-
gekürzt: WA), die einen seitengleichen Nachdruck von Bd. 2
der »Werkausgabe« Dürrenmatts im Verlag der Arche,
Zürich 1980, darstellt. Um die Benutzung der vorliegenden
Erläuterungen in Verbindung mit anderen Ausgaben zu
erleichtern, wurden Dürrenmatts dort mit abgedruckte
»Anmerkungen« sowie seine »Zehn Paragraphen zu >Romu-
lus der Große«( hier ebenfalls aufgenommen (s. Kap. V,1).

Motto
Differentialrechnung: Teilgebiet der Mathematik, der Ana-
lysis, deren Hauptmethode die Untersuchung von
Grenzwerten ist. Die Differentialrechnung bemüht sich
um die präzise Fassung der intuitiven Vorstellungen
über die Änderung einer mathematischen Funktion in
einem Punkt.
witzigen: geistreichen, einfallsreichen; in dieser Bedeutung
seit Beginn des 18. Jh.s. In dessen Verlauf nimmt witzig
die Bedeutung von >scherzhaft( an, die im 19. Jh. in den
Vordergrund tritt.
Lichtenberg: Georg Christoph L. (1742-99), Vertreter der
deutschen Aufklärung; Professor für Physik in Göttin-
gen und Schriftsteller, der sich besonders mit seinen
geistreichen Aphorismen einen Namen machte. In ihnen
veranschaulichte er komplexe Gedanken in knappster
Form. Der hier als Motto vorangestellte Aphorismus
stammt aus dem ersten, zwischen 1765 und 1770 ent-
standenen sog. »Sudelbuch« Lichtenbergs.
6 I. Wort- und Sacherklärungen l. Wort- und Sacherklärungen 7

Personen vornehmsten plebejischen Geschlechter; aus ihnen re-


krutierten sich die führenden Beamten, Priester und Se-
Romulus Augustus: geb. um 460; am 31. Oktober 475 von natoren. Seit Konstantin d. Gr. (reg. 306-337) war »pa-
seinem Vater, dem Heerführer Orestes, als weströmi- tricius« auch ein persönlicher, auf Lebenszeit verliehener
scher Gegenkaiser gegen den von Ostrom anerkannten Ehrentitel.
Julius Nepos (reg. 474-475) eingesetzt. Nach der Er- Mares: Zusammenziehung der Namen von Mars, dem rö-
mordung seines Vaters, der für den unmündigen Romu- mischen, und Ares, dem griechischen Kriegsgott.
lus regierte, wurde dieser am 28. August 476 von dem Tullius Rotundus: von lat. »rotundus« >rund<; also etwa
germanischen Heerführer Odoaker abgesetzt. Odoaker >Tullius der Dicke<.
wies ihm die berühmte Villa des Lukull in Kampanien Spurius Titus Mamma: von lat. »mamma« >Brust, Euter<;
und eine Pension zu. Über sein weiteres Schicksal ist Anklänge an »Memme«.
nichts bekannt. Den spottenden Beinamen »Augustu- Reiterpräfekt: Befehlshaber der Reiterei. »Praefectus«
lus«, >Kaiserlein<, erhielt er erst nach seinem Sturz. Vgl. (eigt!. >Vorgesetzter<) war in der römischen Kaiserzeit
Kap. 11. ein häufiger Amtstitel, besonders für die aus dem Ritter-
Westrom/Ostrom: Der römische Kaiser Theodosius d. Gr. stand stammenden hohen kaiserlichen Beamten.
(reg. 379-395) bestimmte als Nachfolger seine Söhne Achilles: in Homers »Ilias« Name des tapfersten der grie-
Arkadios für den Osten und Honorius für den Westen. chischen Helden vor Troja.
Sein Tod markiert damit die Teilung des römischen Rei- Pyramus: Name des männlichen Helden in der Sage von
ches in ein west- und ein oströmisches (Teil-)Reich. einem babylonischen Liebespaar, »Pyramus und This-
Julia: Dass der junge Romulus verheiratet war, ist histo- be«, die Ovid im 4. Buch seiner »Metamorphosen« er-
risch nicht belegt. In der Namengebung Anspielung auf zählt.
Shakespeares Liebespaar Romeo (vgl. »Romulus«) und Cäsar Rupf groteske römisch-deutsche Namenkombina-
Julia. tion aus »Caesar« >Kaiser< und »Rupf«, von »rupfen«
Zeno der Isaurier: Kaiser des oströmischen Reiches 474- >übervorteilen, jemanden um sein Geld bringen<.
491, der aus der Landschaft Isaurien im Taurus-Gebirge Odoaker: germanischer Heerführer aus dem Volk der Ski-
in Kleinasien stammte. Er wurde 475 durch den Gegen- ren; Mitglied der · kaiserlichen Leibwache in Ravenna;
kaiser Basiliskos, den Bruder seiner Schwiegermutter lebte von 433 bis 493. Als die germanischen Söldner in
Verina, vertrieben, doch gelang es ihm 477 mit ostgoti- Italien Ansiedlung forderten, wurde er von ihnen 476
scher Hilfe, sich wieder in Besih seiner Herrschaft zu zum König ausgerufen. Er setzte den letzten weströmi-
setzen. Er beförderte 488 den Abzug der Ostgoten aus schen Kaiser Romulus Augustus ab, wurde aber von
Pan nonien (der römischen Donauprovinz) unter Theo- dem oströmischen Kaiser Zeno nur zögernd anerkannt.
derich und beauftragte sie mit der Eroberung von Ita- Er wurde von den Ostgoten unter Theoderich wieder-
lien. Während seines kurzen Exils hielt er sich in Isau- holt geschlagen (489 und 490) und schließlich bei Ra-
rien auf, nicht in Italien. Vgl. Kap. 11. venna eingeschlossen. Nach zweieinhalbjähriger Belage-
Patrizier: Die »patricii« waren in Roms Frühzeit die An- rung übergab er am 5. März 493 die Stadt unter der Be-
gehörigen des Geburtsadels, dann auch Mitglieder der dingung, dass beide Könige gemeinsam über Italien
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herrschen sollten, wurde aber nach zehn Tagen von Pavia: Stadt in Norditalien am Zusammenfluss von Ticino
Theoderich eigenhändig ermordet. Vgl. Kap. 11. und Po.
Theoderich: ostgotischer König; lebte von 471 bis 526. Purpurtoga: eines der Insignien des römischen Kaisers.
Nachdem Theoderich d. Gr. zunächst gegen Ostrom ge- Die Toga war das nationale altrömische Obergewand
kämpft hatte, zog er 488 mit seinem Volk im Auftrag (iiber dem Untergewand, der Tunika), das nur römische
des oströmischen Kaisers Zeno von Pannonien nach Ita- Bürger tragen durften. Die gewöhnliche Toga war weiß,
lien, wo er Odoaker besiegte und im Jahre 493 eigen- die der Knaben, aber auch der Priester und höheren Be-
händig ermordete (vgl. S.7, Anm. zu Odoaker). Als amten hatte purpurne Besatzstreifen, während die Pur-
Stellvertreter des oströmischen Kaisers und als König purtoga zur Triumphaltracht gehörte.
der Ostgoten herrschte er von 493 bis 526 über Italien Lorbeerkranz: seit dem klassischen Altertum Symbol des
(mit Sizilien), Dalmatien und einen Teil Pannoniens. Sieges und des Ruhms. Herrscher, Feldherren, Künstler
Vgl. Kap. 11. und Sportler wurden mit Lorbeer bekränzt.
sein Neffe: Mit dem historischen Odoaker war Theoderich Salve Cäsar: »Salve Caesar«; lateinischer Gruß: »Sei ge-
nicht verwandt. grüßt, sei willkommen, Caesar (Kaiser)«.
Phosphoridos/Sulphurides: von »Phosphor« und Jat. »sul- Iden des März ... Ein historisches Datum: »Idus« war nor-
phur« >Schwefel<; in beiden Namen also Hinweis auf malerweise der 13. Tag eines Monats, im März, Mai, Juli
den unangenehmen Charakter ihrer Träger. und Oktober jedoch der 15. An den Iden des März
Zeit: Vom Morgen des 15. bis zum Morgen des 16. März: (15. März) des Jahres 44 v. Chr. war Julius Cäsar ermor-
vgl. S. 9, Anm. zu Iden des März. det worden.
vierhundertsechsundsiebzig: Mit der Absetzung des letz- Prokurist: Bevollmächtigter, Angestellter eines Betriebs
ten weströmischen Kaisers Romulus Augustus durch mit dem Recht, den Geschäftsinhaber in allen Arten von
Odoaker markiert das Jahr 476 das Ende des Römischen Rechtsgeschäften und -handlungen zu vertreten.
Reiches, damit für viele Schulhistoriker gleichzeitig das Syrakus: Stadt im Südosten Siziliens.
Ende der Antike und den Beginn des Mittelalters. Vgl. Sesterzen: Der >~sestertius« war eine altrömische Silber-
auch S. 26. münze (etwa 17 Pfennig).
Campanien: Kampanien, ital. »Campania«: historische Morgenessen/Frühstück: Wortspiel des Schweizers Dür-
Landschaft in Italien (südlich von Rom), die die Provin- renmatt: In der deutschen Schweiz sagt man »Morgenes-
zen Avellino, Benevent, Caserta, Neapel und Salerno sen«.
umfasst. Spargelwein »wurde aus Spargelwurzeln gewonnen« (Dür-
renmatt, »Zehn Paragraphen zu >Romulus der Große<<<;
s. S. 83 f.).
Erster Akt
Was in meinem Hause klassisches Latein ist, bestimme ich:
Imperatoren: »Imperator« (eigtl. >Gebieter<, >Herrscher<) Anspielung auf den Ausspruch des antisemitischen Wie-
war der römische Titel für Feldherren und seit Augustus ner Bürgermeisters Karl Lueger (1844-1910): »Wer a
(63 v. - 14 n. Chr.) Bestandteil des Namens der römi- Jud is, bestimm i«.
schen Kaiser. Augustus: Beiname des ersten römischen Kaisers, Gaius
I. Wort- und Sacherklärungen 11
10 I. Wort- und Saeherklärungen

Octavianus, der nach der Ermordung seines Großonkels Anm. zu Romulus Augustus, S. 7, Anm. zu Odoaker,
JuliusCäsar (4~ v. Chr.) als dessen Adoptivsohn und und Kap. 11.
Haupterbe an die Macht kam. Er regierte bis 14 n. Chr.; Caracalla: römischer Kaiser 211-217.
.27 :. Chr. er~ielt er den Titel »Augustus«. Philippus Arabs: Sohn eines nordarabischen Scheichs; rö-
Ttbenus ClaudlUs Nero, römischer Kaiser 14-37 n. Chr., mischer Kaiser (reg. 244-249).
aus dem Geschlecht der Claudier; Nachfolger seines Julius Nepos: römischer Kaiser 474-4~5, Vorgänger des
Stiefvaters Augustus. Romulus. Von dem oströmischen Kaiser Leo d. Gr. als
Die Julier: altes römisches Patriziergeschlecht, dem Julius weströmischer Kaiser eingesetzt, wurde er 475 von
Cäsar entstammte; gemeint sind die Kaiser der von ihm Orestes, einem seiner Feldherren, abgesetzt. Julius Ne-
begründeten julisch-daudischen Dynastie (31 v. - 68 pos lebte danach im Exil in Dalmatien, wo er 480 ermor-
n. Chr.): Cäsar, Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius det wurde. Vgl. S. 10, Anm. zu Orestes, und Kap. Il ..
und Nero. Ritter: Die »equites« (lat. »eques« >Reiter<), ursprünglich
Di~ FlavJer: altes .römisches Plebejergeschlecht; gemeint
die Berittenen des römischen Heeres, waren nach den
smd die ~ur flavlschen Dynastie (69-96 n. Chr.) gehöri- Senatoren der sog. zweite Stand, seit dem 4. Jh. n. Chr.
gen römischen Kaiser: Vespasian, Titus und Domitian. nur noch eine gehobene Gesellschaftsklasse.
Domitian: Titus Flavius Domitianus, römischer Kaiser 81- Alexandrien: ägyptische Hafenstadt, im Altertum Welt-
96 n. Chr. stadt; im 5. Jh. zum oströmischenReich. gehörig. .
Mare Aurel: Marcus Aurelius, römischer Kaiser 161-180 Konkurs: Zahlungsunfähigkeit, Zahlung~emstellung; Plei-
der in fast unaufhörlichen Kriegen das Reich vor de: te, Bankrott; von lat. »concursus (credltorum)« >Zusam-
K~tas~rophe bewahren musste. Seine Philosophie war, menlaufen (der Gläubiger)<.
wie die Haltung des Romulus im Stück, von der Stoa Imperium: Weltmacht, Weltreich.
beeinfl~sst, sein Leben von strenger Selbstbeherrschung
Cicero: Marcus Tullius C. (106-43 v. Chr.), römischer
und Pflichterfüllung bestimmt. Redner, Philosoph und Politiker. .
Orestes: Vater des historischen Romulus, römischer Feld- in den germanischen Urwäldern: Der römische ~e­
herr zur Zeit der Dramenhandlung. Aus Pannonien schichtsschreiber Tacitus (um 55 - nach 116) beschreibt
stammend, wurde er Geheimschreiber des Hunnenkö- in seiner »Germania« Germanien als ein Land, das aus
nigs Attila, ging nach dessen Tod 453 in den Dienst Wäldern und Sümpfen besteht. V gl. Kap. Ir.
der weströmischen Kaiser, wurde römischer Patrizier Gallien: in römischer Zeit das Gebiet zwischen Pyrenäen,
und Anführer der »barbarischen« Hilfstruppen. Im Alpen, Atlantik und Germanien, dazu ein Teil Oberita-
Jahre 475 erhob er an Stelle des Julius Nepos seinen liens.
Sohn Romulus zum Kaiser. Nach kurzer Zeit stellten Hetären: Freudenmädchen, Dirnen (von griech. hULQU
ihm seine Truppen aus Unwillen darüber dass sie >Gefährtin, Freundin, Geliebte<).
die erwarteten Ländereien nicht erhalten hatt'en, Odoa- Äbius/Äbi: typisch schweizerischer Name, zunächst in ko-
ker .als Führer entgegen, der Orestes zwang, sich nach misch wirkender latinisierter Form . .
Pavia zurückzuziehen, und ihn nach Eroberung der germanophil: eine Vorliebe für alles Germanische, Deut-
Stadt am 28. August 476 enthaupten ließ. Vgl. S.6, sche zeigend.
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Das Klagelied der Antigone: aus der Tragödie »Antigone« bezeichnete seit dem 17. Jahrhundert den höchsten mili-
des So"phokles (um 496-406 v. Chr.), V. 806 ff. tärischen Rang. Hier der Person nach Anspielung auf
übe dich in der Komödie: siehe folgende Anm. Hitlers »Reichsmarschall« Göring, der Situation nach
Wer so aus dem letzten Loch pfeift wie wir alle, kann nur darauf, dass Hitler den Oberbefehlshaber der bei Stalin-
:zoch Komödien verstehen: vg1. Dürrenmatts Erklärung grad eingeschlossenen 6. Armee, Friedrich Paulus, 1943
10 den »Theaterproblemen«, dass unserem Zeitalter die zum Generalfeldmarschall beförderte.
Komödie angemessener sei als die Tragödie (s. S. 87-89). Kommunique: (frz.) amtliche Verlautbarung, (Regie-
martialisch: kriegerisch, wild, grimmig; von »Mars«, dem rungs-)Bekanntmachung.
Namen des römischen Kriegsgotts. Ovid: Publius Ovidius Naso (43 v. - um 17 n. Chr.), römi-
legitim: rechtmäßig, gesetzlich zulässig, anerkannt. scher Dichter; u. a. Verfasser der »Metamorphosen«.
seit die Gänse das Kapitol gerettet haben: Da die Gänse der Valentinianus: Flavius Placidus V. III., weströmischer Kai-
Göttin Juno geweiht waren, wurden sie in Rom bei de- ser 425-455, der die kaiserliche Gewalt allerdings nie
ren auf dem Kapitolshügel gelegenen Tempel gehalten. selbst ausgeübt hat; für ihn regierten seine Mutter und
Der Sage nach hatten sie im Jahre 390 v. ehr. durch ihr der Feldherr Aetius.
wachsames Geschnatter das Kapitol vor einem Angriff Byzantinische Kämmerer: siehe folgende Anm.
der Gallier gerettet. das byzantinische Zeremoniell: Hof und Verwaltung von
denn das Huhn ... hat drei Eier gelegt ... Übereinstim- Byzanz (seit 330 Konstantinopel), der Hauptstadt des
mung '" in der Natur: Hier werden wohl die antiken oströmischen Reiches, waren für kriecherische Unter-
Augurenorakel persifliert, bei denen Priester u. a. aus würfigkeit gegenüber Vorgesetzten und übertriebene ze-
d~m yerhalten von Hühnern einen günstigen oder un- remonielle Förmlichkeit bekannt.
gunsugen Verlauf bevorstehender Ereignisse herausdeu- düpieren: täuschen, übertölpeln, betrügen.
teten. Angespielt wird ferner auf den in der antiken Phi- emigrierter: ausgewanderter.
los?phie (Platon) pop,!lären Glauben an eine Analogie Hilfe erbitt ich, 0 Mond in des Weltalls ... : Nachahmung
zWIschen Mensch (MIkrokosmos, die »kleine Welt«) des antiken sechshebigen Hexameters, allerdings mit
und Weltall (Makrokosmos, die »große Welt«). weniger häufiger männlicher Versendung.
Solange noch eine Ader in uns lebt, gibt keiner nach: Der meiner isaurischen Väter: vgl. S. 6, Anm. zu Zeno der Isau-
Ausspruch geht auf Adrian von Bubenberg (um 1431 bis rzer.
1479) zurück, der 1476 die schweizerische Stadt Murten Dalmatien: jugoslawische Landschaft an der adriatischen
e~olgreich gegen Karl den Kühnen von Burgund vertei- Küste.
dIgte, so dass das eidgenössische Entsatzheer in der in der letzten Reichsteilung: Nach der ursprünglichen
. Feldschlacht bei Murten siegen konnte. Reichsteilung im Jahre 395 (vgl. S. 6, Anm. zu Westroml
Proklamation: Aufruf, öffentliche Bekanntmachung. Ostrom) waren die Grenzgebiete der Balkanhalbinsel,
Legionen: Die Legion war die größte Einheit des römi- besonders Dalmatien, weiterhin umstritten: Dalmatien
schen Heeres; in der Regel 4000-5000 Mann neben rund war wechselnd unter west- und oströmischer Herr-
300 Reitern. schaft.
Reichsmarschall: Der Titel des (Generalfeld-)Marschalls Konstantinopel: Das alte Byzanz wurde 330 unter Kon-
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stantin 1. umbenannt und als neue Hauptstadt des Rö- wort von der »Welt gefahr des Kommunismus« zu Be-
mischen (seit 395 des oströmischen) Reiches ausgebaut. ginn des Kalten Krieges ·(vgl. die Hinweise Kurt Martis
Vgl. S. 6, Anm. zu WestromlOstrom. und Henning Rischbieters, S. 59f. und 61); darüber hin-
Verina: Gemahlin des oströmischen Kaisers Leo d. Gr. aus ist wohl auch an die Weltherrschaftspläne des Drit-
(reg. 457-474), deren Tochter Ariadne Zenos Gemahlin ten Reiches zu denken.
war. Eine mächtige und gleichzeitig intrigante Frau, war materiellen: sachlichen, objektiv-äußerlichen.
Verina an der Revolte ihres Bruders Basiliskos gegen Wir müssen ... uns auf unsere alte Größe besinnen: hier
Zeno maßgeblich beteiligt. V gl. Kap. 11. und im Folgenden Häufung nichtssagender patriotischer
am byzantinischen Stuhl: »Stuhl« hier in der ursprüng- Phrasen (Glauben an uns und an unsere weltpolitische
lichen Bedeutung von >Thron, Amtssitz<. Bedeutung; geschichtliche Sendung).
getrennt marschieren: Anspielung auf den strategischen Cäsar: Gaius Iulius Caesar (100-44 v. Chr.), römischer
Grundsatz »Getrennt marschieren und vereint schla- Feldherr und Staatsmann.
gen«, d. h. getrennt vorrückende Heere im entscheiden- Trajan: Marcus Ulpius Traianus, römischer Kaiser 98-117
den Augenblick auf dem Schlachtfeld zu vereinen; n. Chr.
Grundlage der Strategie des preußischen Heerführers Konstantin I., der Große: Flavius Valerius Constantinus,
Helmuth Graf von Moltke (1800-91). römischer Kaiser 306-337, der Konstantinopel (Byzanz)
die beiden Gracchen: Tiberius Sempronius Gracchus (162- zur neuen Reichshauptstadt machte und das Christen-
133 v. Chr.) und sein Bruder, Gaius Sempronius Grac- tum als Staatsreligion einführte.
chus (153-121 v. Chr.), römische Volkstribunen, die sich Ich will . .. meinen unbeugsamen Kampf gegen den Ger-
für eine Bodenreform einsetzten. manismus fortsetzen: Die Wortwahl lässt entfernt an
Pompejus: Gnaius Pompeius Magnus (106-48 v. Chr.), rö- den sog. Rütli-Rapport des Oberbefehlshabers des
mischer Heerführer und Politiker, Gegner Cäsars. schweizerischen Heeres, Henri Guisan, vom 25. Juli
Scipio: Publius Cornelius S. d. Ä., gen. Africanus (um 235- 1940 denken, in dem er für den Fall eines deutschen An-
183 v. Chr.), römischer Feldherr und Politiker, Besieger griffs zum unbedingten Widerstand aufrief und sich ge-
Hannibals in der Schlacht bei Zama (202 v. Chr.). gen »Gefahren im Innern wie Erschlaffung und Defai-
Cato: Marcius Porcius C. (95-46 v. Chr.), römischer repu- tismus« wandte.
blikanischer Staatsmann. Adjutant: Offizier, der dem Kommandeur einer Truppe
Marius und Sulla: Gaius Marius (156-86 v. Chr.), römi- persönlich zugeordnet ist.
scher Feldherr und Politiker; Lucius Cornelius Sulla Fe- Aber mein Namensvetter hat doch schließlich Rom ge-
lix (138-78 v. Chr.), römischer Feldherr und Politiker, gründet: Romulus war der Sage nach der Gründer
Gegner des Marius. Im Bürgerkrieg von Sulla besiegt, Roms. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Remus
beging Marius Selbstmord. ausgesetzt und von einer Wölfin gesäugt, hatte er seinen
Barbaren: bei den Römern alle außerhalb des griechisch- Bruder bei der Gründung Roms im Streit erschlagen.
römischen Kulturkreises lebenden Völker; von griech. Antiquar: hier: Antiquitätenhändler.
ßUQßuQOC; >Nichtgrieche, Ausländer< (eigtl. >Stammler<). Hosenfabrikant: Hosen waren ursprünglich ein orientali-
Weltgefahr des Germanismus: Anspielung auf das Schlag- sches Kleidungsstück und wurden erst zur Kaiserzeit
16 I. Wort- und Sacherklärungen I. Wort- und Sacherklärungen 17

von den Römern eingeführt. In Europa wurden sie zu- Archive: Urkundensammlungen.
erst von den Galliern und Germanen getragen. Endsieg: Anspielung auf die Verwendung des Ausdrucks
Textilbranche: Branche (frz.): Geschäfts- und Wirtschafts- in der Durchhaltepropaganda des Dritten Reiches.
zweig; bewusst parodierende Verwendung moderner Elan: innerer Schwung, Begeisterung.
Wirtschaftssprache. repetieren: wiederholen, durch Wiederholung einüben.
Bonmot: (frz.) treffende, geistreiche Wendung, witzige Be- konzipieren: eine erste Niederschrift entwerfen, verfassen.
merkung. Strategie: Feldherrnkunst.
Flausen: dummes Gerede, Geschwätz; Ausflüchte. Intuition: Eingebung, Fähigkeit, verwickelte Vorgänge so-
Renovation: Erneuerung. fort richtig zu erfassen.
das rentiert besser: das bringt eher Gewinn, wirft mehr Er- Helvetien: Land der Helvetier, eines keltischen Volksstam-
trag ab; »rentieren« meist reflexiv. mes; heute die Schweiz.
Liaison: (frz.) Verbindung, Liebesverhältnis. Sabotage: planmäßige Beeinträchtigung militärischer Ope-
obligatorisch: verbi!:1dlich, vorgeschrieben. rationen oder eines wirtschaftlichen Produktionsablaufs.
Forum: Gericht, Offentlichkeit. Das »forum« war ur- Defaitismus: fehlender Glaube an den Sieg, Schwarzsehe-
sprünglich der Markt- und Gerichtsplatz im antiken rei, Miesmacherei. Vgl. S. 15, Anm. zu Ich will ... mei-
Rom. nen unbeugsamen Kampf gegen den Germanismus fort-
Provinzler: Menschen mit engem Gesichtskreis; Anspie- setzen.
lung Dürrenmatts auf seine Schweizer Mitbürger. Die strategische Lage wird stündlich günstiger: Anspielung
mobilisieren: einsatzbereit, kriegsbereit machen. auf die beschönigende Umdeutung von Niederlagen
Pergamentrolle: Pergament: Beschreibstoff aus enthaarten, und Rückzügen durch die Propaganda des Dritten Rei-
geglätteten, ungegerbten Tierhäuten; nach der kleinasia- ches.
tischen Stadt Pergamon, deren Bibliothek viele Schrift- Brigg: kleines Segelschiff mit zwei Masten; von engl.
rollen aus Pergament besaß. »brig« (Abk. von »brigantine«, aus ital. »brigantino«
>Raubschiff<).
Zweiter Akt Patrioten: Vaterlandsfreunde, vaterländisch Gesinnte.
Venus: altrömische Göttin, u. a. des Gartenbaus.
Weltuntergangszauber: Anspielung auf die Atmosphäre Horaz: Quintus Horatius Flaccus (65-8 v. ehr.), römi-
der während des Dritten Reiches populären germanisch- scher lyrischer Dichter.
mythischen Opern Richard Wagners. Seht ihr, des Vaterlandes Bürger: vgl. S. 12, Anm. zu Das
apres nous le diluge: (frz.) »nach uns die Sintflut«; angeb- Klagelied der Antigone. pürrenmatt benutzt in seinen
licher Ausspruch der Marquise von Pompadour, als »Antigone«-Zitaten die Ubersetzung Friedrich Hölder-
Ludwig xv. über die Niederlage bei Roß bach (5. No- lins unter leichter Abwandlung des Wortlauts.
vember 1757; im Siebenjährigen Krieg gegen Friedrich Klassiker: Künstler (hier: Dichter), die über ihre Zeit hin-
d. Gr.) bestürzt war. aus als mustergültig anerkannt worden sind (von lat.
Marschallstab: Stab als Zeichen der Marschallwürde (vgl. »scriptor classicus« >Schriftsteller ersten Ranges<).
S. 12 f., Anm. zu Reichsmarschall). Hymenäen: Hymenäus (griech. iJfA.EVmo~): das Hochzeits-
18 . J. Wort- und Sacherklärungen 1. Wort- und Sacherklärungen 19

lied der Griechen, gesungen beim Hochzeitsmahl oder Stimmung. In der griechischen Dichtung stand <poil
auf dem Wege vom Haus des Brautvaters zu dem des ganz allgemein für >Lied< und >Gesang<. So entsprechen
Bräutigams. Hymen war der griechische Gott der Hoch- auch die folgenden Strophen in Ton und Thematik der
zeit. antiken Ode, weisen aber kein feststehendes metrisches
Acheron: in der griechischen Sage der Fluss der Unterwelt Schema einer bestimmten klassischen Odenform auf.
(Hades), den die Toten bei ihrem Eintritt in die Unter- wenn er fallen läßt, was zerbrechen muß: Anspielung auf
welt überqueren mussten. Friedrich Nietzsches »Also sprach Zarathustra«, Kap.
deklamierenden: ausdrucksvoll vortragenden. »Von alten und neuen Tafeln«, 20: »Aber ich sage: was
Mein Name ist in meine linke Hand geschrieben: Anspie- fällt, das soll man auch noch stoßen!«
lung auf die Nummern, die KZ-Häftlingen im Dritten Hadrian: Publius Aelius Hadrianus, römischer Kaiser
Reich auf den Arm eintätowiert wurden. 117-138 n. Chr.
Menschen können kämpfen: Anspielung auf die Aufbie-
tung des Volkssturms am Ende des Zweiten Weltkriegs,
Dritter Akt
zu dem alle 16-60jährigen Männer einberufen wurden,
und die Heranziehung von Frauen zur letzten Verteidi- Diwane: Sofas, Ruhebetten ohne Rückenlehne.
gung. pathetischer: übertrieben feierlicher, gefühlvoller; von
Hiobsbotschaft: Schreckensnachricht (nach dem Buch Hiob griech. :!ta{}oc:; >Gemütsbewegung, Leidenschaft; Lei-
des Alten Testaments). d(en)<.
Via Appia: vom Zensor Appius Claudius Caecus 312 Kaisertoga: vgl. S. 9, Anm. zu Purpurtoga.
v. Chr. angelegte Militärstraße von Rom nach Süden, Catull: Gaius Valerius Catullus (um 85-55 v. Chr.), römi-
nach Capua; später über Beneventum, Tarenturn bis scher Dichter, Verfasser berühmter Liebeslieder.
Brundisium (Brindisi) fortgesetzt (Gesamtlänge rund Falerner: italienischer Rotwein, der bei Falerno in Kampa-
540 km); eine von sieben sternförmig von Rom ausge- nien nördlich von Neapel angebaut wird. In der Antike
henden Fernstraßen des Römischen Reiches. bereits von Horaz besungen.
am eigenen Schopf herausziehen: In einer der Geschichten Syrakuser: Wein aus der Gegend um Syrakus (Sizilien).
des Lügenbarons von Münchhausen zieht sich der Ba- Unsere Ehe war fürchterlich: Das Motiv der »fürchter-
ron am eigenen Haarschopf aus einem Sumpf. lichen Ehe«, die der in Frank Wedekinds (1864-1918)
Offerte: (Preis-)Angebot. . Drama »Schloss Wetterstein« (1910) ähnlich ist, verwen-
einem goldenen Kalb: Das Goldene Kalb war nach der bi- dete Dürrenmatt auch in seinem nächsten Drama, »Die
blischen Überlieferung ein Kultsymbol, das von Aaron Ehe des Herrn Mississippi« (1952).
am Sinai hergestellt und von den Israeliten umtanzt Tochter des Kaisers Valentinianus: unhistorische, fiktive
wurde (2. Mose 32). Symbol für die Anbetung materiel- verwandtschaftliche Beziehung. Vgl. S. 13, Anm. zu Va-
len Reichtums. lentinianus.
Jungfernkranz: Brautkranz als Symbol der Jungfräulich- legitimier~: rechtlich, sozial anerkannt, als gleichberechtigt
keit. ausgewiesen.
Rettungsode: Ode: lyrisches Gedicht in erhaben-feierlicher Julians, des letzten großen Kaisers: Flavius Claudius Iulia-
20 I. Wort- und Sacherklärungen I. Wort- und Sacherklärungen 21

nus (gen. Apostata), römischer Kaiser 361-363, der sich Jer. 7,11: »Haltet ihr denn dies Haus, das nach meinem
um eine gute Reichsverwaltung bemühte. Namen genannt ist, für eine Mördergrube?«
Sohn eines bankrotten Patriziers: Fiktion Dürrenmatts; in Gerechtigkeit: vgl. S. 20, Anm. zu ich bin Roms Richter.
Wirklichkeit war Romulus der Sohn des Heerführers Tablar: (schweiz.) Brett in Regalen, Gestellbrett.
Orestes. V gl. S. 6, Anm. zu Romulus Augustus, und Koch, auch du?: wörtliche, parodierende Anspielung auf
Kap. 11. die letzten Wqrte Cäsars in Shakespeares »Julius Cae-
Witz: Einfallsreichtum, Schlauheit, Intelligenz. V gl. S. 5, sar« (I1I,1): »Et tu, Brute? Then fall Caesar!« Dürren-
Anm. zu witzigen. matt verwendet dieselbe Wortstellung wie August Wil-
Nero: römischer Kaiser 54-68 n. Chr. helm Schlegel (1767-1845) in seiner Shakespeare-Über-
Brandschatzung: Erpressung einer Stadt zu einer Geldzah- setzung und nicht die geläufigere, in der das Zitat zur
lung durch Androhung von Brand und Plünderung. Redensart geworden ist: »Auch du, (mein [Sohn]) Bru-
liquidieren: auflösen, beseitigen (von lat. »liquidare« >flüs- tus?« .
sig machen<). Wir verlangen die Provinzen zurück . ... Deine Legionen:
Zyniker: Die griechische Philosophenschule der Kyniker Anspielung auf den angeblichen Verzweiflungsausruf
lehrte die Bedürfnislosigkeit und eine spöttisch-überle- des Augustus, den er bei der Nachricht von der römi-
gene Haltung gegenüber der Welt. schen Niederlage gegen die Germanen im Teutoburger
Hanswurst: Narr, Spaßmacher; im 17. und 18. Jh. lustige Walde (9 n. Chr.) ausstieß: »Varus, gib mir meine Legio-
Person in einem Schauspiel. nen wieder!« (nach Sueton, »Vita Augusti«, Kap. 23).
ich bin Roms Richter: vgl. die Rolle des Richters, des Ge- Katarakte: Stromschnellen, Wasserfälle.
richts und der Gerechtigkeit in vielen anderen Werken Kadavern: (Jat.) toten Körpern, (Tier-)Leichen:
Dürrenmatts, z. B. »Die Ehe des Herrn Mississippi« Hekatomben von Opfern: riesige Mengen von Opfern.
(1952), »Der Richter und sein Henker« (1952), »Die Die »Hekatombe« (aus griech. EXU"tOV >hundert< und
Panne« (1956), »Der Besuch der alten Dame« (1956). ßoij~ >Rind<) war ursprünglich ein Festopfer von hun-
Capua: in der Antike die Hauptstadt Kampaniens (Südita- dert Stieren. Der Ausdruck bezeichnet heute große Ver-
lien). luste an Menschenleben.
kapitalen: enorm großen. wilde Tiere zu Roms Vergnügen: Anspielung auf die Zir-
Wermut: Der mit dem bitteren Wermutkraut gewürzte kusspiele, in denen wilde Tiere auf Menschen gehetzt
Wermutwein oder Wermut versinnbildlicht Bitternis wurden.
und Schmerzliches (meist in der Formulierung »Wer- Die Axt ist an den Stamm gelegt: siehe folgende Anm.
mutstropfen«). ich lege Feuer an eure Wurzeln: Sprache der Lutherbibel;
Schüttle den Staub von deinen Füßen ... Mördergrube ... vgl. Mt. 3,10: »Es ist schon die Axt an die Wurzel gelegt.
Henkerstätte: Sprache der Lutherbibel; vgl. Mt. 10,14: Darum welcher Baum nicht gute Frucht bringet, wird
»Und wo euch jemand nicht annehmen wird, noch eure abgehauen und ins Feuer geworfen.« Ähnlich Lk. 3,9.
Rede hören, so gehet heraus von demselben Hause oder Nola: Stadt in der Nähe von Neapel, nordöstlich des Ve-
Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen«, und suvs.
den im Neuen Testament des Öfteren zitierten Vers
22. I. Wort- und Sacherklärungen I. Wort- und Sacherklärungen 23

Vierter Akt Praxiteles: einer der bedeutendsten Bildhauer der spätklas-


sischen Epoche (4. Jh. v. Chr.).
Ich wasche meine Hände in Unschuld: vgl. Mt. 27,24: »Da Neffe: vgl. S. 8, Anm. zu sein Neffe, und Kap. H.
aber Pilatus sahe, daß er nichts schaffete, sondern daß einmal, in wenigen Jahren, wird er mich ermorden: vgl.
viel ein größer Getümmel ward, nahm er Wasser und S. 7, Anm. zu Odoaker, und Kap. H.
wusch die Hände vor dem Volk und sprach: >Ich bin un- Dein Neffe wird auch mich töten: Uber den Tod des histo-
schuldig an dem Blut dieses Gerechten; sehet ihr zu!« rischen Romulus ist nichts bekannt. Vermutlich starb er
Jetzt ist die Antike zu Ende: vgl. S. 8, Anm. zu vierhun- in der ihm zugewiesenen Villa des Lukull.
dertsechsundsiebzig, und Kap. II, S. 26. Feldhauptleute: im 16. und 17. Jh. Führer von Verbänden
>Arma virumque cano<: (Jat.) »Ich singe von Waffen und von Landsknechten.
M~nnern«; die Anfangsworte von Vergils Epos »Ae- Richtbeile: Beile des Scharfrichters, mit gekrümmter
nelS«. Schneide; indirekter Hinweis auf den Gerichtscharakter
Vergil: Publius Vergilius Maro (70-19 v. Chr.), römischer des 4. Akts.
Dichter. die Villa des LukulI: Lucius Licinius Lucullus (117-57
>Menin aeide, thea<: MfivLV UELÖE, {}Ea: (griech.) »Singe, v. Chr.), römischer Feldherr, der sich auch als Lebemann
Göttin, den Zorn [des Peleiaden AchiJleus]«; die An- und Genießer einen Namen machte. Die berühmte von
fangs worte von Homers »Ilias« (8. Jh. v. Chr.). Lukull erbaute Villa, das sog. Lucullanum, befand sich
So richtiges dunkles Mittelalter: Die Aufklärung verachtete am Kap Misenum in der Nähe von Neapel.
das Mittelalter als »finster«. Katakomben: unterirdische Begräbnisstätten der frühen
Audienzen: offizielle Empfänge (von lat. »audientia« >Auf- Christen in Rom.
merksamkeit, Gehör<).
Henkersmahlzeit: letzte Mahlzeit vor der Hinrichtung.
Memoiren: zeitgeschichtlich interessante Lebenserinnerun-
gen.
das Reichsschwert: im deutschen Mittelalter eines der
Reichs- oder Krönungsinsignien des Kaisers als Zeichen
seiner Herrschaft (neben Krone, Reichsapfel, Zepter
u. a.).
Pfandleihe: gewerbsmäßiges Leihhaus.
Sind Majestät serviert: »Servieren« wird 1m Schweizer-
deutsch auch transitiv verwendet.
Tacitus beschreibt euch als Menschen mit . .. Riesenleibern:
vgl. die Beschreibung der Germanen durch den römi-
schen Geschichtsschreiber Tacitus in seiner »Germania«
(Kap. 2).
Botaniker: Pflanzenkundler.
II. Historischer Hintergrund; literarische Anregungen 25

Ir. Historischer Hintergrund und sie schließlich im Jahre 455 nach Süditalien über und mar-
literarische Anregungen schierten auf Rom zu, das sie eroberten und plünderten.
Nur mit Mühe gelang es den Überredungskünsten Papst
Leosl., des Großen (440-461), sie zumindest von der völ-
Während des 4. und 5. Jahrhunderts n. ehr. verfiel die ligen Zerstörung Roms abzuhalten. Etwa zur selben Zeit
Macht des Römischen Reiches allmählich, nachdem sie un- brachen die Hunnen unter ihrem KÖhig Attila (gest. 453)
ter den Kaisern Trajan (reg. 98-117 n. ehr.) und Hadrian von der unteren Donau auf und stießen in ihren Erobe-
(reg. 117-138 n. ehr.) ihren Höhepunkt erreicht hatte. Ei- rungszügen durch Germanien und Norditalien vor. Ihr
ner der Hauptgründe für diesen politischen und wirt- Andringen konnte 451 zum Halt gebracht werden.
schaftlichen Niedergang waren die wiederholten Angriffe Das römische Kaisertum war inzwischen mit dem Reich in
kriegerischer germanischer Stämme aus dem Norden, die eine schwere Krise geraten. Das Prinzip der Erblichkeit
im Zuge der Völkerwanderung die Grenzen des Reiches des Kaisertitels (zwar nie verfassungsrechtlich verankert,
berannten und bei immer neuen Einfällen nur mit Mühe aber in der Praxis weitgehend angewandt), wurde nun auf-
zurückgeschlagen werden konnten. Nach und nach er- gegeben, und eine Reihe von meist nur kurze Zeit regie-
lahmten die Widerstandskraft und der Wille des Römi- renden Kaisern folgte, auf den Schild gehoben und unter-
schen Reiches, sich diesem Ansturm zu widersetzen, und stützt von der Armee, die sich immer mehr aus ausländi-
immer mehr germanische Stämme wurden als sogenannte schen Söldnern rekrutierte.
»foederati«, als Bundesgenossen und Söldner, ins Reich Genau dies war der Fall bei Romulus Augustus: Sein Vater
eingelassen, mit dem Resultat einer langsamen Überfrem- Orestes stammte aus Pannonien, einer römischen Provinz
dung von Armee und Reich. zwischen Ostalpen, Donau und Save. Als seine Heimat
Bereits in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts hatte Kai- von den Hunnen erobert wurde, begab er sich um 450 in
ser Konstantin d. Gr. (reg. 306-337) Konstantinopel als die Dienste Attilas, dessen Sekretär er wurde und in des-
neue (zweite) Hauptstadt des Reiches gegründet, und beim sen Auftrag er mehrfach in diplomatischer Mission nach
Tode Kaiser Theodosius' I. im Jahre 395 wurde das Reich Konstantinopel geschickt wurde. Nach dem Tode Attilas
in ein weströmisches (unter seinem Sohn Honorius) und und der Eroberung Pannoniens durch die Ostgoten nahm
ein oströmisches (unter seinem Sohn Arkadios) geteilt. er weströmische Dienste an und stieg infolge seiner Fähig-
Während sich das oströmische Reich bis zur Eroberung keiten schnell zum Feldherrn auf. Kaiser Julius Nepos
Konstantinopels durch die Türken 1453 erfolgreich be- (reg. 474-475), der von Ostrom unterstützt wurde, verlieh
hauptete, zerfiel das weströmische unter den Angriffen ihm gar den begehrten Titel »patricius«. Es gelang ihm, die
germanischer Völkerschaften. Rom selbst wurde 410 zum zumeist germanischen Truppen zum Aufruhr gegen Julius
ersten Mal von den Westgoten unter ihrem König Alarich Nepos anzustacheln und dazu zu bewegen, im Jahre 475
(um 370-410) erobert und geplündert. Spanien und Gal- seinen fünfzehnjährigen Sohn Romulus als Kaiser des Wes-
lien - etwa das Gebiet des heutigen Frankreich - wurden tens anzuerkennen. Doch er selbst sollte Opfer dieser ihn
bald darauf von den Wandalen überrannt, die unter ihrem ursprünglich unterstützenden Truppen werden, die darauf
König Geiserich (428-477) in den nordafrikanischen Pro- bestanden, dass ein Drittel aller Ländereien Italiens unter
vinzen Roms ein Reich begründeten. Von dort aus setzten sie verteilt würde. Orestes wies dieses Ansinnen zurück
26 .II. Historischer Hintergrund; literarische Anregungen 11. Historischer Hintergrund; literarische Anregungen 27

und spielte damit seinem Rivalen Odoaker (433-493), ei- der mit Umsicht und Erfolg Italien regierte, und zwar wei-
nem germanischen Heerführer aus dem Volk der Skiren, terhin mit römischen Verwaltungs institutionen. Doch
d~r Mitglied der kaiserlichen Leibwache in Ravenna war, wurde er schließlich von dem in Pannonien geborenen ost-
die Macht in die Hände. Odoaker gewann die Gunst der gotischen König Theoderich (471-526), der mit seinem
Truppen dadurch, dass er ihnen die Erfüllung aller ihrer Volk im Auftrag des oströmischen Kaisers Zeno nach ita-
Forderungen versprach. Orestes musste sich mit seinen lien geschickt worden war, wiederholt geschlagen (489/
Getreuen nach Pavia (damals Ticinum) zurückziehen, das 490) und bei Ravenna eingeschlossen. Nach zweieinhalb-
sofort belagert wurde. Die Stadt fiel, und Orestes wurde jähriger Belagerung übergab er am 5. März 493 die Stadt
am 28. August 476 auf Befehl Odoakers enthauptet. unter der Bedingung, dass beide Könige gemeinsam über
Sein Sohn Romulus, dessen Hof sich in Ravenna befand, Italien herrschen sollten, wurde aber nach zehn Tagen von
war damit der Gnade Odoakers ausgeliefert, der auf Ra- Theoderich eigenhändig ermordet. Nach dieser Mordtat
venna zumarschierte. Dort angelangt, setzte er Romulus sollte Theoderich eine Generation lang (bis 526) über Ita-
ab und wies ihm die berühmte luxuriöse Villa des Lukull lien, Sizilien, Dalmatien und einen Teil Pannoniens regie-
bei Neapel als Wohnsitz zu, nebst einer jährlichen Pension ren, als Stellvertreter des oströmischen Kaisers (»patri-
von 6000 Solidi. Hier lebte Romulus mit seiner Mutter und cius«) und als König der Goten, von seinen Zeitgenossen
anderen Verwandten wahrscheinlich bis zu seinem Tode, als vorbildlicher, gerechter Herrscher gepriesen.
dessen Datum nicht bekannt ist. Erst nachträglich wurde Oströmischer Kaiser war während der Ereignisse der Dra-
sein Name von den Soldaten in die verkleinernde, bespöt- menhandlung der schon erwähnte Zeno der Isaurier, der
telnde Form »Augustulus«, >Kaiserlein<, geändert. aus der Landschaft Isaurien im kleinasiatischen Taurus-Ge-
Mit der Absetzung des Romulus durch Odoaker war nach birge stammte. Er war der Nachfolger Kaiser Leos I. (reg.
Ansicht vieler Schulhistoriker das Römische Reich als poli- 457-474). Im Jahre 475 wurde Zeno durch den Gegenkaiser
tisch-historische Einheit an ein Ende gelangt. Andere wei- Basiliskos vertrieben, der auf Betreiben der intriganten
sen jedoch darauf hin, dass Romulus in Wirklichkeit nicht Verina, der Schwiegermutter Zenos - er war mit ihrer Toch-
der rechtmäßige Kaiser des Westens war, sondern Julius Ne- ter Ariadne verheiratet -, als Gegenkaiser eingesetzt wor-
pos, der bis zu seiner Ermordung im Jahre 480 von Ostrom den war. Zeno floh in die Berge Isauriens, nicht nach ita-
als solcher anerkannt wurde. Auch wurde das Jahr 476 von lien. Da sich Basiliskos als Herrscher nicht bewährte, war
den Zeitgenossen nicht als ein derart gravierender Ein- Zeno bereits 477 wieder im Besitz der Herrschaft.
schnitt angesehen: die Verwaltung funktionierte weiterhin, Über all diese Ereignisse sind wir vor allem durch Ge-
und es schien, als habe lediglich ein Machtwechsel von Ores- schichtsschreiber des 6. Jahrhunderts informiert, die wohl
tes, der de facto regierte, zu Odoaker stattgefunden, der sich auch Dürrenmatt als Quellen gedient haben. Besonders zu
von seinen Truppen zum König ausrufen und von dem ost- nennen sind der byzantinische Historiker Prokop von Cä-
römischen Kaiser Zeno dem Isaurier (reg. 474-491) schließ- sarea (um 500 - nach 562) mit seiner Geschichte der Go-
lich den Titel »patricius« verleihen ließ. - Der römische tenkriege sowie der sogenannte Anonymus Valesianus.
Senat erkannte den oströmischen Kaiser als einzigen Kaiser
an und damit dessen Oberherrschaft auch über Italien. In seiner »Anmerkung III zu >Romulus der Große«< (s.
Odoaker war der erste germanische, »barbarische« König, S. 81 f.) weist Dürrenmatt darauf hin, dass ihn August
28 . I I. Historischer Hintergrund; literarische Anregungen I I. Historischer Hintergrund; literarische Anregungen 29

Strindbergs (1849-1912) Novelle »Attib« zu seinem Stück dem Kaiser Honorios, dass Roma zugrunde gegangen sei.
inspiriert habe. Und der Herrscher soll mit lauter Stimme gerufen haben:
In einzelnen Motiven lassen sich Ähnlichkeiten zu zwei ,Aber er hat doch erst jüngst noch aus meinen Händen ge-
Dramen Frank Wedekinds (1868-1914) ausmachen: Im er- fressen!' Der Kaiser besass nämlich einen sehr grossen
sten Teil seiner »Lulu-Tragödie« (»Der Erdgeist«, 1895) Hahn namens Roma [.. .]. Als nun der Eunuche dies hörte,
verstecken sich die Akteure vor Lulus Mann, Dr. Schön, erklärte er, die Stadt Rom sei durch Alarich zugrunde ge-
hinter Vorhängen und einem Kaminschirm und unter dem gangen, worauf Honorios erleichtert aufatmete und zur
Tisch, ähnlich wie die Kaisermörder im 3. Akt von »Ro- Antwort gab: ,Ich glaubte, lieber Freund, mein Vogel
mulus der Große«; in seinem Drama »HidalIa« (»Carl Roma sei eingegangen. ' So unwissend soll dieser Kaiser ge-
Hetmann, der Zwergriese«) (1904/05) will Hetmann, wie wesen sein.'! In der Tat - welch ein Ausbund an Ignoranz
Romulus, den Märtyrertod sterben, um seinen Ideen zum und Indifferenz! Was für ein schändlicher Kaiser! [... ]
Durchbruch zu verhelfen, wird aber von einem seiner An- Was die zitierte Stelle aber erst zu einer Hauptquelle für
hänger daran gehindert. die Dramaturgie von Dürrenmatts ,Romulus< macht, ist
Die nächtliche Szene im Schlafzimmer des Romulus im Honorius' private Hühnerleidenschaft, die in der Darstel-
3. Akt schließlich parodiert die Ermordung des Cäsar in lung Prokops alles politische Kalkül dieses Kaisers radikal
Shakespeares »Julius Cäsar« (vgl. S.19, Anm. zu Koch, verdrängt. [.. .]
auch du?). >Romulus der Grosse< ist also in einem weitergehenden
Sinn eine >historische Komödie<, als man bisher annahm:
Die dramaturgische Grundidee (der Kaiser als Landesver-
WALTER BOSSARD hat den weströmischen Kaiser Hono- räter) und ein zentrales komödiantisches Motiv (der Kaiser
rius als eigentliches Vorbild für Romulus identifiziert: als Hühnerzüchter) sind im historischen Stoff vorgebildet.
»Es ist also nicht Romulus, der letzte weströmische Kaiser, [... ]
der als .Hühnerzüchter in die Geschichte eingegangen ist, Dürrenmatt hat in Prokop seinen Plutarch gefunden und
auch mcht Romulus, der erste König, und ebensowenig sich so seiner Souveränität gegenüber der Historie Roms
Augustus, der erste Kaiser, nein, es ist Honorius, der erste versichert. Dass dabei gerade das Ungeschichtliche - die Pa-
weströmische Kaiser nach der Reichsteilung, dessen Lieb- rodie des Romulus - sich im Quellenbefund als historisch er-
lingshuhn nach verbürgter historischer Überlieferung weist - nämlich als Parodie des Honorius -, verleiht der Pa-
,Roma< geheissen haben soll [...]. radoxie des Untertitels einen neuen, schillernden Aspekt.«
Honorius, eigentlich Flavius Honorius, lebte von 384 bis Walter Bossard: Der Kaiser als Hühnerzüchter.
423. Er war der jüngere Sohn Theodosius' I., des letzten Eine neue Quelle bringt Licht in die Entstehungs-
geschichte von Dürrenmatts Komödie »Romulus
gesamtrömischen Kaisers und übernahm in dessen Todes- der Grosse«. In: Schweizer Monatshefte für Poli-
jahr 395 die Herrschaft über das westliche Reich. Von ihm tik, Wirtschaft, Kultur 78 (1998) Nr. 2. S. 49-53. -
erzählt Prokop von Kaisareia, der Geschichtsschreiber Ju- © 1998 Schweizer Monatshefte. Mit Genehmigung
stinians 1., im 6. Jahrhundert n. Chr. folgende höchst un- von Walter Bossard, Zürich.
rühmliche Anekdote: >Wie man sich erzählt, meldete da- 1 Prokop von Kaisareia, Werke, griech.ldt., Bd. 4: Vandalenkriege, übers.
mals in Ravenna ein Eunuche, offenbar ein Vogelwärter, und hrsg. von Otto Veh, München 1971, S. 17.
1. Entstehung, Fassungen, Aufnahme 31

111. Zur Wirkungsgeschichte c) 3. Fassung von 1961, veröffentlicht 1961;


d) 4. Fassung von 1963, Bearbeitung für das Theatre
National Populaire Paris; veröffentlicht 1964.
1. Zur Entstehung, zu den verschiedenen Fassungen e) 5. Fassung, »Neufassung« von 1980, die »im wesent-
und zur Aufnahme des Stücks lichen« auf der zweiten und vierten Fassung beruht.
Die jeweiligen Veränderungen betreffen, von Details ab-
GERHARD P. KNAPP berichtet Folgendes über die Entste- gesehen, vor allem den IV. Akt. Die Fassung der Urauf-
hung und die verschiedenen Fassungen des »Romulus«: führung zeigt Romulus als planvoll Handelnden, als Poli-
tiker des Friedens. Hier dominiert eine Komik, die in den
»Kein anderer Text Dürrenmatts ist so häufig einer Revi- späteren Fassungen seit 1957 durch Anflüge einer persön-
sion unterzogen worden wie die erste Komödie >Romulus lichen Tragik, des Scheiterns eines nun nicht mehr so
der Große. Eine ungeschichtliche historische Komödie<. gradlinig handelnden .;Kaisers gebrochen erscheint. Inso-
Kein anderes Stück bietet ein vergleichbar anschauliches fern reflektieren die Uberarbeitungen die immer konse-
Beispiel für den theoretischen Refiexionsprozeß, der die- quentere Übertragung der theoretischen Schriften zum
sen Änderungen zugrunde liegt. Geschrieben wird diese Theater auf den Text, die sich in der sukzessiven Entwer-
erste Komödie in Ligerz am Bieler See, gefördert wird ihr tung des individuellen Handlungsspielraums ausdrückt.
Entstehen durch die bescheidene finanzielle Hilfe, die Läßt a) die Konzeption eines humorvollen >Landesverrä-
Dürrenmatt mit seiner ersten öffentlichen Anerkennung - ters< in der Figur des Romulus erkennen (so vermerkt
dem Preis des Berner Gemeinderats für sein Erstlings- Dürrenmatt in der [zweiten] >Anmerkung<: >Ich recht-
drama [>Es steht geschrieben<] - erhält. Der Autor bricht fertige einen Landesverräter. [... ] aber einen von denen,
die Arbeit an dem später von ihm selbst vernichteten die es nie gibt<) [so S. 80], des humanitären Endzeitpoliti-
>Turmbau von Babel< ab und wendet sich dem Stoff des kers, so wird diese in b) bereits dem Bild des >mutigen
Untergangs des Römischen Reiches zu. Die Komödie wird Menschen< angepaßt, des Schwärmers, der in c) und d)
am 25. 4. 1949 in Basel uraufgeführt; Regie führt Ernst dann zum Narren hin tendiert. So verändert sich das
Ginsberg. Im gleichen Jahr wird in Zürich das Stück in ei- Stück in seinen fünf Fassungen vom utopischen Gegen-
ner leicht modifizierten Fassung inszeniert. [Premiere entwurf einer Politik der Menschlichkeit (der >bewußt
im Schauspielhaus Zürich am 10. Dezember 1949; Regie: utopische[n] Politidylle< [Scholdt])l zur resignativen Sa-
Werner Kraut.] Beide Aufführungen haben nur bedingt tire, deren letzter Befund nur die Machtlosigkeit des ein-
Erfolg. Das gilt auch für die Göttinger Inszenierung vom zelnen angesichts der Willkür weltpolitischer Umbrüche
Oktober 1949, der ersten Dürrenmatt-Aufführung in sein kann.
Deutschland. [. ..] Die lehrstückhafte Anlage der Erstfassung drängt,
Der Text liegt in fünf verschiedenen Fassungen vor: wiewohl das Ganze bereits im ungeschichtlichen Raum
a) Fassung der Basler Uraufführung (Typoskript des suspendiert erscheint, noch auf eine zumindest spielerische
Reiss-Bühnenvertriebs Basel, 1956); Anwendung hin. Diese wird dann, entsprechend der spä-
b) 2. Fassung von 1957, uraufgeführt am 24. 10. 1957 im
Schauspielhaus Zürich; veröffentlicht 1957; 1 Vgl. S. 37.
32 I II. Zur Wirkungsgeschichte 1. Entstehung, Fassungen, Aufnahme 33

teren Komödientheorie, in den Revisionen zurückgenom- Die einschneidendste Umarbeitung gegenüber der Erstfas-
men: Es tritt die schlimmstmögliche Wendung ein. sung von 1949 erfuhr in den späteren Fassungen der
Weniger gesch)ossen als die Urfassung erscheinen dagegen 4. Akt. Da alle anderen Änderungen demgegenüber unbe-
alle späteren Uberarbeitungen, auch wenn sie im drama- deutend sind, sei hier nur der 4. Akt der ersten Fassung in
turgischen Detail überzeugender wirken. Zu b) merkt der den Worten von CHRISTIAN MARKUS JAUSLIN zusammen-
Autor an, daß der Kaiser >[ ...] dem Publikum nicht allzu gefasst:
schnell sympathisch erscheinen darf< [so S. 79]. In der Tat »Zu Beginn gewährt der Kaiser seinen beiden Kammerdie-
wird so die Verfremdung, die in a) Resultat der Gesamt- nern die gewünschte Entlassung. Dann tritt ein erster Ger-
konzeption ist, auf den Exponenten übertragen, der nun mane auf, den Romulus sogleich in ein Gespräch über Ho-
als tragisch Handlungsunfähiger aus dem Geschehen her- senträger verwickelt und anschließend zum Statthalter ei-
aus bzw. neben das Geschehen tritt. Romulus wird zum ner römischen Provinz ernennt. Durch Erhebung in den
Bärlach der Detektivromane und verliert an Geschlossen- römischen Adelsstand kann er noch zwei weitere Gruppen
heit, indem er eine Tragik annimmt, die >[... ] in der Komö- von Germanen für sich gewinnen. Auch mit Odoaker läßt
die seines Endes, in der Pensionierung liegt [... ]< [so S. 80]. er sich in ein Gespräch ein. Wie dieser einsieht, daß er der
In Fassung d), die etwa mit der Arbeit am >Meteor< zusam- Gefangene des Kaisers ist, verliert er zunächst jeden Mut.
menfällt, überlagert sich ihr dann zusätzlich der Zug der Aber Romulus schlägt ihm vor, ruhig in Italien zu bleiben,
Ohnmacht in der Lächerlichkeit: Romulus, nachdem alle da er nun schon einmal da sei. Darauf unterwirft sich
seine Pläne gescheitert sind, nachdem er sein Volk geopfert Odoaker und ernennt Romulus zum Kaiser von Germa-
hat, darf (wie Schwitter im >Meteor<) nicht sterben. Sein nien. Den von einem Germanen am Lasso hereingeführten
Kalkül hat sich gegen ihn gewendet, er kann sich nur - wie Kaiser von Ostrom läßt Romulus ebenfalls wieder frei.
der Möbius der >Physiker< im Irrenhaus - in der Villa des Dann erklärt er gelassen:
Lukull zur Ruhe setzen. Der Wandel in der beabsichtigten
Tendenz der vier Fassungen des Stücks signalisiert Schritt ROMULUS [lächelnd}: Der Kaiser hat sein Imperium ganz
für Schritt den Weg vom komödiamischen Entwurf eines einfach noch einmal wie eine Seifenblase aufgeblasen,
Lehrstücks einer Politik der Humanität über die Einsicht mit der ein Kind spielt. Er hat aus dem Nichts ein Welt-
in die Unmöglichkeit einer Einflußnahme des einzelnen reich gemacht. Seht euch diese farbige Kugel noch ein-
auf weltgeschichtliche Zusammenhänge - es sei denn mal an ...
im Solipsismus2 des >mutigen<, aber tragisch-scheiternden Damit dankt er ab, indem er Odoaker zum König von ita-
Menschen - zu der für die frühen sechziger Jahre typischen lien ernennt und Zeno wieder als Kaiser von Ostrom ein-
Position der totalen ideologischen Verweigerung.« setzt. Er selber geht erfreut in den Ruhestand und läßt sich
Gerhard P. Knapp: Friedrich Dürrenmatt. Stutt- eine Pension auszahlen.«
ganlWeimar: Metzler. 2. überarb. und erg. Auf!. Christian Markus Jauslin: Friedrich Dürrenmatt.
1993 (Sammlung Metzler. 196.) S. 59-62. Zur Struktur seiner Dramen. Zürich: Juris-Verlag,
1964.S.51.

2 Lehre, daß das subjektive Ich das aJlein wirkliche sei und alle anderen Ichs
nur dessen Vorstellungen.
34 II I. Zur Wirkungsgeschichte 1. Entstehung, Fassungen, Aufnahme 35

Kritisch setzt sich GÜNTER SCHOLDT mit den späteren vergessenheit die Schuld seines Volkes zu tilgen 5! so.wertet
Fassungen (seit 1957) auseinander: das zwangsläufig seine römischen Gegner auf biS hm zum
patriotisch verschworenen. Koch. Denn ?ies wä~~ eine f~­
»Dieser >Romulus H.<, den Elisabeth Brack-Sulzer anläß- tale Lehre, die dieser >mutige Mensch< hIer verkundet: elO
lieh der Zürcher Premiere von 1957 mit gutem Grund als seinen Untertanen oktroyiertes masochistisches Demuts-
>neu es Stück<einstufte3 , läßt doch einige Fragen offen, was ideal, das mit politischer Vernunft wenig.z~ tun hat .. ~... ].
die Homogenität der gedanklichen Konzeption betrifft. Daß Romulus sich selbst als Opfer mit ms Kalkul em-
Warum sollte eigentlich ein so versierter Menschenkenner bezieht, macht seine Handlungsweise dabei nicht weni&er
wie Romulus sich ausgerechnet bei dem kriegerischen Volk anfechtbar' ist sie doch bloße negative Heldenpose, Im
der Germanen politischen Illusionen hingeben, so daß er Prinzip ve~gleichbar der des von ihm selbs: ausg~ebig v~r­
glauben kann - unter Verzicht auf diplomatische Einfluß- spotteten Spurius Titus Mamma. Von semer vlelgepne-
nahme -, allein durch die Liquidation des römischen Rei- senen Humanität' bleibt in dieser mehr an >Hamlet<7
ches und seines Repräsentanten eine gerechtere Weltord- orientierten Fassung also ebensowenig wie. vo.n se!ner
nung (wieder)herzustellen? Wie ist es denkbar, daß ein staatsmännischen Klugheit. Dieser Romulus Ist 10 sem~r
(angeblich) so menschlicher Kaiser die Gegenwart völlig allenfalls abstrakten Menschlichkeit nicht viel mehr als em
ignoriert und die eigene Generation um der Sünden der verbohrter, weltfremder >Ideologe< und ein gefährlich~r
Väter und Vorväter willen, den >kleinen Mann< der Politik dazu, der bereits manches vom >Schlächter< Titus AndroOl-
seiner Herrschaft wegen bedenkenlos zu opfern bereit cus vorwegnimmt. [...] . .
ist? Ist das wirklich (noch) Größe? Und soll sie nunmehr em-
Wenn Romulus ungerührt die Verwüstungen seines Lan- zig in der Tatsache begründet liege?, daß ei? g~scheiter~er,
des und Mißhandlungen seiner Bewohner sowie den Tod auf den Tod fixierter Ideologe seme PenslOOlerung hlO-
nächster Verwandter registriert, solange dies seinem pseu- nimmt? Ist das Tragik? Im philosophischen, d. h. hier im
dohumanitären Geschichtskonzept nicht zuwiderläuft, da- formalen Sinne vermutlich ja, doch wie läßt sich das dra-
bei seiner Tochter aber den Rat erteilt hatte, politische Ge- maturgisch realisieren? Welches durchschnittliche Theater-
gebenheiten wie Staat oder Vaterland den menschlichen
wie Freundschaft oder Liebe unterzuordnen, so klingt das 5 Anm. Scholdts: »Der Text läßt beide Interpretationen zu. «
in diesem Zusammenhang eher doppelzüngig. Wenn Ro- 6 Anm. SchoJdts: . Spätestens in diesem Zusammenhang sind Zwe.ifel ange-
mulus allerdings mit solch verbohrtem >Idealismus<\ mit bracht an Jacob Steiners emphatischer Formulierung: >Nur wer dIe K~nse­
quenz der Menschenzeichnung sieht, vermag auch dIe dramaturgl~c~e
solcher Realitätsblindheit geschlagen ist, daß er sich vom IUchtigkeit der Handlungsführung elflzusehe~. ,~omulus der Große Ist
Imperium Germanicum allein bereits eine humanitäre die menschlichste Komödie Dürrenmatts, weIl sIe der Versuchung zum
Besserung der Welt erhofft oder wenn er nicht einmal dies Pathetisch-Literarischen, der der Mensch in der Geschichte immer wieder
erliegt, entlarvt<.« (»Die Komödie Dürrenmatts«, in: »Der D eutschunter-
erwartet und lediglich darauf aus ist, in moralischer Selbst-
richt. 15, 1963, S. 88.] . .
3 Elisabeth Brock-Sulzer, . Dürrenmatt: RomuJus 11.«, in: »Die Tat« vom 7 Anm. Scholdts: »Vgl. Anmerkungen II zu ,Romulus<: ,Es. geh.t mIr flicht
28. Oktober 1957, S. 5. darum, einen witzigen Mann zu zeigen. HamJets Wahn~lfln Ist das r<;>te
4 Anm. Scholdts: »Hans Ulrich Voser (Notizen zur Neufassung von Dür- Tuch hinter dem sich der Degen verbirgt, der CJaudlUs gJlt, Romulus gIbt
renmatts >RomuJus der Große', in: Programmheft d. Schauspielhauses Zü- eine~ Weltreich den Todesstoß, das er mit seinem Witz hinhält.<. [Vgl.
rich, 1957/1958, S. 5) nennt RomuJus einen >gescheiterten Idealisten<.« S. 80.]
36 . 11l. Zur Wirkungsgeschichte 2. Kritiken der Aufführungen 37

publikum Philologen ausgenommen - läßt sich wohl druck kommende Dürrenmattsehe Geschichtsbild reali-
dazu bringen, in dem wohlbesoldeten Ruhedasein, das tätsnäher, doch war - so müssen wir uns fragen - nach-
man diesem kaiserlichen Hühnerzüchter von Herzen prüfbare Wirklichkeits- oder Historienabbildung über-
gönnt, seine eigentliche Katastrophe zu erblicken? [... ] haupt Ziel dieses ersten Komödienentwurfs? Diese ein-
Man ahnt auch noch in den späteren Fassungen, was vor- fache Lösung, in der Romulus sein Weltreich binnen
dem einmal im ursprünglichen Text angelegt war, eine weniger Minuten allein durch Diplomatie zurückerobert
Hauptperson nämlich, der es nicht nur darum ging, aus und sofort wieder verschenkt, sollte ja wohl ohnehin nie-
moralischen Skrupeln die Herrschaft so schnell wie mög- mals ernsthaft als politische angeboten werden. Sie war
lich den Germanen zu übergeben, sondern die sich auf der von Anfang an eine - zuweilen mit Realitätspartikeln und
Basis einer vorurteilslos internationalen Sehweise darum satirischen Wahrheiten versehene - bewußt utopisches Po-
bemühte, im Zusammenleben beider Völker eine qualitativ litidylle, genial und befreiend als Denkspiel, reizvoll als
neue Situation zu schaffen, was den durch die politischen vernünftig-unvernünftige Alternative zu grausamen Herr-
Gegebenheiten in jedem Fall geforderten Opfern immer- schaftspraktiken, deren sozialkritische Provokation gerade
hin noch einen gewissen Sinn verlieh. Und nicht zuletzt in in der Naivität des Grundgedankens beruht.«
dieser erfolgreichen Vermittlungsaktion, welche den Über- Günter Scholdt: Romulus der Große? Dramaturgi-
gang zu einer neuen historischen Epoche relativ schonend sche Konsequenzen einer Komödien-Umarbei-
gestaltet, dokumentiert sich Romulus~ wirkliche Größe. tung. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 97
(1978) S. 280-285.
Wenn Dürrenmatt nun auf eine solche theaterwirksame
und gefällige Lösung in späteren Umarbeitungen verzich-
tet hat, so geschah dies, weil dem Autor schon sehr bald
2. Kritiken der Aufführungen
Bedenken gegen diese Art von weltanschaulichem · Opti-
mismus gekommen sind. Er widerrief damit die mehr oder
MAX FRISCHS vielzitierte Kritik der Uraufführung in der
weniger unbeabsichtigt verkündigte Einheit von Vernunft
Zürcher» Weltwoche« vom 6. Mai 1949 sei hier ungekürzt
und Humanität, von Handeln und Sinn, Kategorien, deren
Beziehung zueinander er im früheren wie im späteren wiedergegeben:
Schaffen beinahe ausschließlich als das der Antinomie be- ,.Eine Kritik wie sie sich gehört, eine wirkliche Kritik, die
schrieben oder dargestellt hatte. Religiös bestimmte, er- Einblicke eröffnete und wertvoller wäre als eine persön-
kenntnisskeptizistische und geschichtspessimistische Ten- liche Huldigung, wäre mir auch auf größerem Raume
denzen, vor allem der nicht nur provokatorisch eingesetzte kaum möglich, weil ich zum wesentlichen Anliegen gerade
Zweifel an den geschichtsbeeinflussenden Möglichkeiten dieses Dichters, trotz persönlicher Bekanntschaft, letztlich
des Individuums - bei grundsätzlich idealistischem Denk-
ansatz - traten hinzu. Sie zeigen den Autor als typischen 8 Anm. Scholdts: »Der Autor selbst war sich zweifelsohne des grundsätzlich
Vertreter des totalen Ideologieverdachts, wie er die geistig- utopischen Charakters seiner Fabel bewußt, wenn er Romulus einen von
ihm gerechtfertigten Landesverräter nannte, )aber einen von denen, die es
politische Szenerie im Westeuropa der SOer und frühen nie gibt<. Weiter heißt es in den )Anmerkungen Ik )Kaiser rebellieren
60er Jahre kennzeichnet. [. ..] nicht, wenn ihr Land unrecht hat. Sie überlassen dies den Laien und nen-
Fraglos erscheint das in den Veränderungen zum Aus- nen es Landesverrat<. ~ [Vgl. S.80J
38 111. Zur Wirkungsgeschichte 2. Kritiken der Aufführungen 39

keinen Zugang habe, so daß auch die Bewunderung, die schaft kommt, ist nicht die einzige grandiose Szene, aber
ich seinem Schaffen gegenüber empfinde, nicht über die die erste, wo Romulus, bisher ein halb witziger und halb
literarischen Vorhöfe hinausführt. weiser Unheld, seine wirkliche Perspektive gewinnt; hier
Das wesentliche Anliegen, das Dürrenmatt zur Gestaltung brichts herein, was nicht mehr Burleske ist, das Grauen-
treibt, ist das Religiöse; offensichtlich schon in seinem er- hafte, und Romulus hält stand.
sten Werk >Es steht geschrieben<, dessen bildnerische Kraft Er ist kein geistreicher Scharlatan, wie man vielleicht im
bei jedem Wiederlesen verblüfft; offensichtlich auch in sei- ersten Akt, der zuweilen an Shaw9 erinnert, noch meinen
nem zweiten Werk >Der Blinde<, wo sich, was kein Grund konnte; er ist ein Vol/strecker, passiv, aber durchaus ein
zur Enttäuschung ist, gewisse Grenzen und Gefahren sei- Vollstrecker, ein bewußter Wille; er will, daß dieses Impe-
ner Anlage abzeichneten. rium untergeht. Ein schändlicher Kaiser, wie die Vaterlän-
In seiner neuen Komödie, wo von Gott kaum die Rede ist, dischen ihn nennen. In einem dritten Akt, der sich an thea-
offenbart sich das Religiöse, wie mir scheint, allein schon tralischem Wurf mit Wedekind 10 messen kann, scheitert die
in der Tatsache, daß einer, ohne unserer Zeit und unserer vaterländische Verschwörung; Romulus der Große, von
Lage auszuweichen, überhaupt imstande ist, eine Komödie seinen Mördern umstellt, soll sich rechtfertigen; ein Ange-
zu geben. Nicht irgendeine Komödie, sondern unsere Ko- klagter, der zum Ankläger wird: Rom kannte die Wahr-
mödie. heit, aber es wählte die Macht, und woher nähme es das
Zwar ist es, um die Nerven zu schonen, nicht unsere Kul- Recht, sich zu wehren?
tur, die da unter den Hammer kommt, sondern die römi- Seine Anklage, die wörtlich an unser unchristlich-christ-
sche Antike; aber die Situation ist die unsere: Ausverkauf liches Europa gerichtet werden könnte, hindert seine Mör-
einer Kultur - und da sitzt nun dieser Romulus, der letzte der zwar nicht, ihre sinnlosen Dolche zu erheben; nur die
Kaiser eines Weltreiches, löffelt sein tägliches Ei und fragt Ankunft der Germanen hindert sie an ihrer zwecklosen
so gelassen-beiläufig, ob Kultur denn etwas sei, was man Tat; das ist, vom Geistigen her, eine durchaus folgerichtige
retten könne; nämlich retten vor den barbarischen Germa- Lösung; woher kommt es, daß es theatralisch, wie mir
nen, die drei Akte lang im Anmarsch sind, während er, un- scheint, keine Lösung ist?
erschütterlich passiv, in einer verfallenden Villa sitzt, um- Deus ex machinall; ich muß es hinnehmen, wie wenn
gackert von Hühnern, die römische Namen tragen. Das plötzlich ein Bild von der Wand fällt, und die Szene bleibt
ist, und zwar auch auf der Bühne, eine Groteske von visio-
närem Format. Der ganze zweite Akt, eine Begegnung von 9 George Bernard Shaw (1856-1950), anglo-irischer Schriftsteller, der u. a.
blutigem Ernst, spielt vor der Folie dieses Gegackers; die ironische Gesellschaftskomödien und geistvolle historische Dramen ver-
kaiserliche Tochter, Rea, verbringt ihre Zeit, indem sie An- faßte.
10 Zu den Ähnlichkeiten, die in einzelnen Motiven zwischen »Romulus der
tigone rezitiert: >Vaterlandes Bürger, seht wandeln mich Große« und zwei Dramen Frank Wedekinds bestehen, siehe Kap. II,
den letzten Pfad.< So wohl gesprochen und so ahnungs- S. 28.
los, als käme sie von unsrer Universität. >Dagegen dem 11 (Iat.) ,der Gott aus der Maschine<; im antiken Theater die durch eine be-
sondere Maschine bewerkstelligte Erscheinung eines Gottes, der die dra-
Acheron bin ich vermählt.< Und sie ist es; die Begegnung matische Verwicklung löste. Heute bezeichnet der Ausdruck allgemein
mit der Realität, die Begegnung mit Aemilian, ihrem Bräu- die unerwartete oder künstlich bewirkte Lösung von Verwicklungen
tigam, der als Verstümmelter aus germanischer Gefangen- oder Problemen.
40 111. Zur Wirkungsgeschichte 2. Kritiken der Aufführungen 41

irgendwie verpufft, auch wenn ich sie hinterher, sobald lerische Leistung von Kurt Horwitz, der in diesem Romu-
Romulus wieder allein ist, als notwendig begreife. >Wenn lus eine seiner besten Rollen gefunden hat; eine Kongru-
dann die Germanen da sind<, sagt Romulus, >sollen sie her- enz der eigenen Persönlichkeit. Von den übrigen Darstel-
einkommen.< Nicht weil die Germanen besser sind; aber lern sind es Margrit Winter und Bernhard Wicki, die als
weil das römische Imperium, so wie es sich verschuldet Rea und Aemilian eine der großartigsten Szenen zur Er-
hat, unaufhaltsam zu Ende ist. füllung bringen.
>Gerechtigkeit ist etwas Fürchterliches<, sagt Romulus ein- Erwähnt sei auch das glückliche Bühnenbild, das von Edu-
mal. Seine Haltung ist von einer Unerbitterlichkeit, die un- ard Gunzinger stammt, und die Tatsache, daß die Premiere
ser Lachen durchaus zum Einfrieren brächte, wäre nicht zu einem Triumph wurde - und das für einen Dichter, der
der burleske Schluß. Wieso, fragt man sich später, konnte das gefällige Mittelmaß so rücksichtslos überragt! Nun
ich überhaupt lachen? Jede große Komödie setzt eine Beja- müßte es bloß noch so sein, daß dieser Mann nicht zum
hung voraus, eine durchaus zweifellose, und vielleicht gibt Auswandern genötigt wird, weil seine Heimat, das reichste
es drum kaum eine moderne Komödie; es scheint mir ent- Land in Europa, ihn nicht zu ernähren vermag.«
scheidend, daß Dürrenmatt nicht einfach den Ausverkauf Max Frisch: Friedrich Dürrenmatt. Zu seinem
einer Kultur zeigt, was eine zynische oder sarkastische neuen Stück »Romulus der Große«. In: M. E: Ge-
Farce lieferte und weiter nichts, sondern im Mittelpunkt sammelte Werke in zeitlicher Folge. Hrsg. von
Hans Mayer unter Mitw. von Walter Schmitz.
einen Menschen, der diesen Ausverkauf vollzieht im Sinne Bd. 2. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1976. S. 344-
einer Erkenntnis, im Sinne einer unerschütterlichen Be- 346. - © Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M.
jahung, die allein alles andere was geschieht, als Komödie
erscheinen läßt.
WOLFGANG DREws kritisiert in der »Frankfurter Allge-
Woher aber die Bejahung? Zweierlei ließe sich denken. Ein
meinen Zeitung« vom 29. Mai 1958 die »Deutsche Erstauf-
Revolutionärer, der den Untergang einer Kultur bejaht,
führung der [ersten] Neufassung« in München:
weil er eine bekömmlichere erwartet; nur ist die Bejahung
der Revolutionäre, wie es scheint, selten so krampflos, daß »Früher wurde Geschichte geschrieben, heute wird sie ent-
ihnen das Verneinte wirklich zur Komödie würde. Wie larvt. Der verschmitzte Shaw kichert hinter den Kulissen,
viele Revolutionäre gibt es, die Humor haben? und seine Schüler merken es nicht. [... ] Cleopatras Julius
Das andere ist die Bejahung, wie sie Dürrenmatt besitzt, Cäsar: ein MenschY Romulus Augustus: eine Schwankfi-
die religiöse - die zu erläutern, wie gesagt, nicht meine gur. Wenn Shaw den ersten römischen Kaiser belächelt: so
Sache ist; nur wissen wir, daß das Religiöse, wo es ernst könnte es gewesen sein. Wenn Dürrenmatt den letzten
wird, immer eine erschreckende Erscheinung ist, ein Ding, weströmischen Kaiser bespaßt: so kann es nicht gewesen
das nicht unterzubringen ist in unserer christlichen Gar- sein. >Der Dichter ist Herr über die Geschichte<, erklärt
tenlaube, ein Ärgernis. Lessing, aber er betont das Wort Herr, unterstreicht dop-
Die Uraufführung, die das Stadttheater Basel heraus- pelt das Substantivum Dichter. Der, ansonsten hochge-
brachte, ist durch zwei hervorragende Leistungen be- schätzte, Dramatiker Friedrich Dürrenmatt nimmt für
stimmt: die Regie von Ernst Ginsberg, der dem Wesen
dieser Dichtung spürbar verbunden ist, und die schauspie- 12 Gemeint ist Shaws Schauspiel »Caesar und Cleopatra ~ (1901; dt. 1904).
42 I I I. Zur Wirkungsgeschichte 2. Kritiken der Aufführungen 43

diesmal das Herrenrecht in Anspruch, ohne die Verpflich- ohne Text. Er sprach die Bonmots, als ob sie geschrieben
tung zu erfüllen. wären; er schliff den Witz; der fehlte. Er spielte die ima-
[...] Für seine abendfüllende Tätigkeit [das Verzehren von ginäre Rolle wie eine Realität. Der gefolterte Patrizier
Hühnereiern] braucht Majestät zunächst einmal zwei Wölfgang Kieling, der abenteuerlich der Gefangenschaft
Akte, von denen mindestens einer zuviel ist, weil der Witz entrann, kam aus MeiningenlS, scheußlich verstümmelt,
nicht reicht, die Satire flach bleibt und außerdem nur al- blutbesudelt, vom echtheitsbesessenen Theaterherzog ge-
bernde Mätzchen gereicht werden, die Dietrich Haugk un- schminkt. Um so überraschender, daß er ganz vernünftig
ter angestrengtem Verleugnen seiner Begabung harmlos redete und spielte. Die langerwarteten Germanen traten,
und heftig ausbreitet. die längstermüdeten Zuschauer atmeten auf. Peter Lührs
Im dritten Akt erinnert Dürrenmatt zurückhaltend an den vollbärtiger Fürst Odoaker gab, den Baedeker in der
tüchtigen Autor mit dem selben Personalausweis. Er ver- Hand, eine Lektion Kunst- und Kriegsgeschichte; saftige
rät uns, was er beabsichtigte. Er hat seinen Goethe gelesen und sachliche, schmunzelnd-intelligente Komik. Sein Nef-
und sich gemerkt, daß der Täter kein Gewissen besitzt, fe Theoderich: Horst Rüschmeier, ein strammer Kriegs-
daß Handeln leicht, Denken schwer ist. Romulus, vom bold mit Gehorsamkeitskomplex. Ein paar Minuten lang,
Augustulus zum Augustus befördert, beschließt, sein die fünfzehnhundert Jahre zusammenraffen, führt uns der
Reich durch Indolenz 13 zu retten. Ein hübscher Zug, der Autor auf die Höhe der Situation. Gerd Richters Ausver-
propagiert werden müßte; die wahre Souveränität eines kaufs-Imperium, durch die kaiserliche Villa in Campanien
Souveräns, dem für dieses Übermaß altrömischer Tugend repräsentiert, roch überzeugend nach Pappe und Leim.
nur die standfeste Berner Gelassenheit fehlt. Schade, wie- Ende eines Weltreichs, Schluß des Kabaretts.«
der eine Enttäuschung. Nach dem blutigen Massaker, mit Wolfgang Drews: Rettung durch Indolenz. Dür-
dem die gotischen Schwerter ihrem geschichtlichen Auf- ren matts »Romulus der Große~ in München. In:
trag Genüge tun, behauptet der weise Herrscher, seines Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nr. 122. 29. Mai
1958. S. 8.
Amtes sei es, Roms Richter zu sein. Daher der Entschluß
zur Unentschlossenheit, die schöne prinzipielle Faulheit
wird gerechtfertigt. Jammerschade. Das ist keine dramati- Am 10. Januar 1962 fand im Music Box Theatre am New
sche Idee, sondern eine Ausrede. Der Vorhang schließt Yorker Broadway die Premiere von Gore Vidals (geb.
sich, und jetzt lachen die Hühner. 1925) amerikanischel' Bearbeitung des Dürrenmattschen
Dürrenmatt ist ein erfindungsreicher Dramatiker, zu sei- Dramas unter dem Titel »Romulus« statt. »Romulus«
nen nützlichsten Einfällen gehört die Reprise 14 als Urauf- brachte es auf immerhin 69 Aufführungen am Broadway,
führung. Die Kammerspiele brachten die »Deutsche Erst- obwohl die Kritiken, die zumeist Dürrenmatts Original-
aufführung der Neufassung«. E. F. Fürbringers Titelheld drama lobten und sich lediglich gegen die seinen Gehalt
ist zynisch-elegant, nicht behaglich-feist. Ein salonfähiger
Mare Aurel mit guten Denkermanieren, ein Philosoph 15 Die ~ Meininger., das Schauspielensemble des Hoftheaters des Herzog-
tums Sachsen-Meiningen, zeichneten sich durch Streben nach historischer
13 Unempfindlichkeit (gegen Schmerz); Gleichgültigkeit. Echtheit und Realismus in Kostüm und Dekoration aus, wodurch sie in
14 Wiederaufnahme eines älteren (eventuell überarbeiteten) Bühnenstücks zahlreichen Gastspielen (1874-90) einen großen Einfluß auf die Entwick-
in den Spielplan. lung des europäischen Theaters ausübten.
44 IJI. Zur Wirkungsgeschichte 2. Kritiken der Aufführungen 45

verwässernde Bearbeitung richteten, vernichtend waren. GÜNTER SEUREN weist in seiner Kritik einer Düsseldorfer
Der folgende Auszug aus einer anonymen Kritik in der Inszenierung auf Schwächen in der Konzeption der Ge-
~ew Yorker Zeitschrift »Theatre Arts« möge als Beispiel stalt des Romulus hin:
dIenen:
»Romulus, as Gore Vidal & Co. have rechristened Fried- »Von Dürrenmatts Farce >Romulus der Große< in der
rich D?rrenmatt's ~omulus the Great, has justly under- ~er Aut<;>r die Dek~d~nz des römischen Imperiu~s prak-
tIs~h.glelchsetz.t mIt emem bankerotten Gegenwartsgeist,
go.ne tItular. truncatIOn. For there is nothing great about
thls evacuatlon on Dürrenmatt's remarkable original. eXIStIeren zweI Fassungen. In der ersten disqualifiziert
Romulus, der letzte Kaiser Roms, der 476 von dem Ger-
What hath Gore wrought? T? give a mere rudimentary ac-
count of the changes the emment author of The City and manen Odowaker abgesetzt wurde, die feindlichen Hor-
the Pillar and Visit to a Small Planet has made, I would den, erscheint er noch als der ungebeugte moralische Sie-
need at least every page of this magazine, just as I had to ger. In der zweiten Fassung, deren Vorzüge gegenüber
cover every available white space on my program with der erst~n auf der Hand liegen und die Hansjörg Utze-
some - only so me -: of t.he utterly inexcusable departures. rath mIt Recht auf das Programm der Düsseldorfer
The changes ~all mamly .mto the following four categories. >Kammerspiele< setzte, bleiben Romulus nur noch die
Gest~n und Worte der militärischen und geistigen Kapi-
Cuts: Anythmg that mtght tax the comprehension of an
average .audience, or did tax that of the adapter and his tulatIon.
Dürren~att .machte aus. ihm eine schillernde Figur mit ei-
crew ~dIrector, actors, producers). Additions: Absolutely
nem kaIserlIchen FatalIsmus und einem ironischen Be-
anythmg t~at struck the adapter and company as amusing,
wußtsein dessen, was Wahrheit und was Verblendung ist.
or that bUllds up the part of a star to suit his specialties
Dürrenmatt konzipierte diesen ersten Mann des Staates als
and eg?, or. that p~ovides ~or a local joke such as traveling
Gegner von späten, unwirksam gewordenen Idealen: Hel-
comedlans ms~rt mto theIr ~aterial according to the city
d~ntum, Vaterlan?sliebe, Kampfeswille. Es wird allerdings
they are playmg. Explanatwns: countless dues hints
pl~nts, elaborations to make whatever might elude' or sur~ mcht g~nz plausibel, daß Dürrenmatt in dem passiven,
g~nz seIn~n Alltagsbanalitäten ergebenen Romulus den
prIse an uneducated playgoer understandable and predict-
ahle, unsubtle and unstunning. Atmosphere: Substitution RIchter semes heruntergekommenen Reiches sieht. Dür-
for a tone of intense, grotesque, bitter wit (>a difficult, renmatts Protagonist sieht zu sehr von der hohen Warte
i~s peinlich.~ Ge~räng~; Ro.mulus wird nicht heimgesucht,
h~avy co~~dy< !?ürrenmatt calls his play) of a magma of
fhmsy, fhttmg fhppancy, far too facile to be funny - in mcht gequalt, mcht In semer überlegenen Rhetorik er-
s~ort, a camp~ n.ot as the word was used by the Roman le-
sch?tt:rt. Nic~t ~inmal de~ in der Misere des Krieges desil-
gIOns, but as It IS understood by legions of ballet dancers lusIOnIerte romtsche KrIeger, der von Romulus eine
Recht~e~tigung for~ert, kann den >Keep-smiling<-Stil des
fashion designers, interior decorators, and members oE
other entertainment industries.« morallSlerenden KaIsers ändern. Er hat ja so recht, der ein-
sa~e, verkannte, nonchalante Mann an der brüchigen
[Anon.:] Romulus. In: Theatre Arts (New York) 46
(März 1962) S. 62.
SpItze des Staates. Dürrenmatts tragisch gemeinter Romu-
lus ist oft nahe daran, eine Kokotte seiner Selbsterkenntnis
46 I Il. Zur Wirkungsgeschichte 2. Kritiken der Aufführungen 47
zu werden, wo man eigentlich mehr eine sich tragisch win- Ausverkauf des Imperiums ist ein Teil seiner Absage an die
dende Marionette erwarten dürfte. [...] imperialistische Welt enthalten. ,Ich bezweifle nicht die
Dürrenmatts Stück ist Theater für Ohr und Auge. Es ent- . Notwendigkeit des Staats, aber ich bezweifle die Notwen-
hält die Binsenwahrheiten von Lakaien, die in der Branche digkeit unseres Staats<, des Staats nämlich, der >die Gewalt<
grau geworden sind, es hat jenen weltverachtenden Gestus, und >die Tyrannei< wählte, obwohl er >die Wahrheit<
mit dem der Pleite-Imperator die letzten goldenen Lor- kannte. Aber in diesem Dilemma entscheidet sich Romu-
beerblätter seines Cäsarenkranzes verteilt, es versinkt lus, >ein untragischer Mensch<, dazu, >nichts zu tun<, und
schließlich in die Melancholie und Resignation von Fein- das erhebt er zu seiner ,politischen Einsicht<; er rät deshalb:
den - Romulus und Odowaker -, die sich auf den Trüm- ,Lerne die Furcht zu besiegen. Das ist die einzige Kunst,
mern ihrer Ideale begegnen, Gemeinsamkeiten feststel- die wir in der heutigen Zeit beherrschen müssen.< Diese
lend. Ihr Gespräch wird zum Dialog über Menschlichkeit, Haltung des hühnerzüchtenden Kaisers ist eine durchaus
der leider in der Inszenierung von Bogdan Jerkovic unter mögliche, eine für die Komödie reizvolle und ergiebige
der mangelnden Ebenbürtigkeit der Spiel partner leidet. Haltung für Situationen und geistreiche Aper~us, aber der
Wankas [Darsteller des Romulus] philanthropische Hei- in der Endkonsequenz angezweifelte Sinn allen histori-
terkeit kann man hier akzeptieren, sein Gegenüber aber schen HandeIns, die absolute Verwerfung ethischer Be-
bleibt, dank gewisser rheinischer Charakteristika, ein Düs- griffe - hier ist es vor allem der Vaterlandsbegriff -läßt für
seldorfer Teutone. Mit Romulus, dem Individualisten, hat mich kein ungetrübtes Vergnügen zu. Vielleicht ist das
Dürrenmatt die Fahne einer besseren Welt nicht ganz ein- auch eine Antwort auf die Frage des Hildesheimer Inten-
gezogen.« danten, der in einer Pressekonferenz feststellte, daß unser
Günter Seuren : Theater für Auge und Ohr. Dür-
ren matts »Romulus der Große« in den Düsseldor- vor allem jugendliches Publikum wenig über die >Pointen<
fer Kammerspielen. In: Handelsblatt. Nr. 184. gelacht habe. Warum sollte ein junger Arbeiter oder ein
24. September 1964. S. 14. Student bei uns aber lachen, wenn Romulus >philoso-
phiert<: , Vaterland nennt sich der Staat immer dann, wer:n
Aus der Sicht marxistischen Glaubens an Sinn und Ziel der er sich anschickt, auf Menschenmord auszugehen< - das 1st
Geschichte setzt sich die folgende ostdeutsche Rezension nicht ihre Meinung über das Vaterland. «
von INGRID SEYFARTH mit der Ost-Berliner Gastspielauf- Ingrid Seyfanh: Berlin: Theater der Freundschaft.
führung der Städtischen Bühnen Hildesheim auseinander: Gastspiel Städtische Bühnen Hildesheim. »Romu-
lus der Große« von Friedrich Dürrenmatt. In:
»Eines ist an dieser >unhistorisch historischen Komödie<, Theater der Zeit 13 (1965) H. 20. S.30.
von der bis jetzt drei Fassungen vorliegen, die zweifellos
auf die Unzufriedenheit des Autors mit der Formung die-
ses Werks hinweisen, unverkennbar: Es geht Dürrenmatt OITO KUHN berichtet über eine Fernsehinszenierung Hel-
bei der außerordentlich >freien< Behandlung der Ursachen mut Käutners für den Sender Freies Berlin:
und Fakten, die zum Untergang des weströmischen Reichs »Helmut Käutner konnte sich leider in seiner Fernseh-In-
unter dem Kaiser Romulus im Jahre 476 führten, nicht um szenierung nicht recht entscheiden zwischen Schauder und
die exakte Darstellung historischer Vorgänge; in diesem Scherz: aus den Mündern einiger seiner Darsteller klangen
48 111. Zur Wirkungsgeschichte 2. Kritiken der Aufführungen 49

Dürrenmatts Worte wie Boulevard-Philosophie. So blieb Der erste sagt: Nehmt nicht ernst, was nun kommt; der
es den beiden kolossalen Hühnerzüchtern Romuald Pekny zweite: Lacht aber erst, wenn ihr's versteht.
(Romulus) und Wolfgang Lukschy (Odoaker) vorbehal- Gelacht wird freilich über die einzelnen Pointen - und
ten, die Philosophie zum bissigen Scherz zu machen. Zwi- Klingenberg ist man dankbar, daß er sie unbeeilt kommen
schen Hühnervolk und Hosenträgern, inmitten übermü- und gehen läßt, ihrer Wirkung aus dem Wortlaut von Rede
deter Helden, alle Kaiser und Regime überdauernden und Gegenrede vertraut und nie die Situationskomik über-
Kammerdienern, den Machthabern einer neuen Zeit wie dosiert. [...]
Cäsar Rupf und Odoakers Neffen Theoderich, allgegen- Jetzt aber, im vierten Akt, geht auch die Rechnung des Kai-
wärtigen Mitläufern im Kostüm des >kleinen Mannes< und sers nicht auf; seine Richterrolle gerät ihrerseits ins Absurde;
>Berufsflüchtlingen< wie Zeno, dem Isaurier, lasen sie dem die Opfer, die er hat bringen lassen, werden von der Ge-
Zeitalter der Macht und Staatsvergötzung die Leviten. schichte nicht honoriert, sein Selbstopfer wird nicht einmal
Es spricht für Dürrenmatts ätzenden Humor, daß er den angenommen. - Charles Regnier ist der dritte Zürcher Ro-
Hühnerhof zum Tribunal machte. Käutners Kameramann mulus und, wenn das Gedächtnis nicht trügt, der erste, dem
wußte mit dieser erweiterten Szenerie nicht so viel anzu- zum Schluß die Wendung ins Komisch-Vergebliche glückt-
fangen - er verharrte zumeist in der Halbtotalen. Zu we- der nicht verharrt im >Überlegenheits gefühl des ethisch
nig Großaufnahmen gab es, und der Schnitt war gemäch- Rückversicherten< (eine Formulierung Max Rychners 16), in
licher, als es das Stück erlaubte. Dennoch mußte man dem eben der Richterpose des Kaisers, die manchen wohl impo-
Sender Freies Berlin danken, daß man die selten gespielte nieren könnte, aber auf Kosten der vollen Mehrdeutigkeit.
>ungeschichtlich-historische Komödie< endlich einmal zu Verspielt fängt er an, verschärft seine Nachlässigkeit ins
sehen bekam.« scheinbar Zynische, richtet sich auf zu momentweise fast
Dtto Kuhn: »Ausverkauf einer Kultur«. Helmut bestechender Größe und sinkt zurück in kopfschüttelndes
Käutner inszenierte Dürrenmatts »Romulus der
Große«. In: Ruhr-Nachrichten. 8. Juni 1965. Staunen vor den krausen Einfällen der Geschichte.
Neben dieser reifen, durchgestalteten Leistung tut sich
Ansprechendes hervor: der Hosenfabrikant Cäsar Rupf, ak-
kurat und witzig von Peter Ehrlich dargestellt, der Germa-
Die folgende Rezension einer Züricher Premiere vom
nenfürst Odoaker, von Wolfgang Reichmann mit biederer
31. 12. 1980 ist voller Lobes über Autor und Inszenierung:
Hellsicht humorvoll ausgestattet, die Kammerdiener Achil-
»>Romulus der Große< gehört zu den besten Stücken von Ies und Pyramus (Heinrich Trimbur und Erwin Parker), der
Friedrich Dürrenmatt: die Inszenierung zu den stimmig- Kunsthändler Apollyon (Wolfgang Stendar). Und durch-
sten, die wir von Gerhard Klingenberg kennen. Am Büh- aus Achtbares, wie der Kriegsminister, von Klaus Knuth,
nenbild von Järg Zimmermann können wir einen Superla- oder der Ostkaiser Zeno, von Rene Scheibli gespielt.«
tiv sparen: weil dieser Künstler ohnehin nie enttäuscht hat, Hg. [d. i. Hanno HelblingJ: Wiedersehen mit »Ro-
oder es ist schon so lange her, daß man sich nicht mehr er- mulus«. Silvesterpremiere im Schauspielhaus Zü-
innert. Von Bühnenbild und Regie und Text erhält der Zu- rich. In: Neue Zürcher Zeitung. 3. April 1981.
schauer einen ersten Wink; und dann einen zweiten; die 16 Max Rychner (1897-1965), schweizerischer Schriftsteller und Literarur-
Gleichheit der Winke zeugt von der Einheit des Ganzen. kritiker.
IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) 51

IV. Zur Interpr etation (Literaturkritik) An anderem Orte weist sie auf die gattungs mäßige Bedeu-
tung der Hühner hin: .

»Romulus scheint sich nur für Hühnerz ucht zu interessie-


ELIsABETH BRocK-SuLzER sieht im »Romulus« zwei ren. Züchtete er Rosen oder Pferde, so wäre er viel gesell-
Neuerun gen im Schaffen Dürrenm atts verwirklicht: schaftsfähiger. Warum gerade Hühner? Dürrenm att fand
»Mit >~omulus der Große< geschieht ein wichtiger Um- das Motiv in einer Überlief erung, aber das Huhn ist auch
bruch Im Schaffen Dürrenm atts: er bekennt sich eindeutig bei näherem Zusehen eine enorm theatergemäße Figur: es
zur Komödie, ein Standpu nkt, den er streng durchgehal- folgt der Regel von der Einheit der Zeit mit höherem Ge-
ten hat. Immerh in hat er aber den >Meteor< nur noch Ko- schick als die meisten Klassiker. Jeden Tag legt es sein Ei,
mödie genannt, weil sich eben >kein anderer Ausdruc k als oder sollte es wenigstens. Nun dauert diese Komödi e von
ebenso praktisch< erweise. Warum nun nicht einfach einem Frühstüc k zum nächsten - weder Rosen noch
>Stück< oder >Drama<? Wahrscheinlich deswegen, weil Pferde könnten sich in diesem Zeitraum so beweiskräftig
Dürrenm att nicht in die Unverbindlichkeit, die diesen bei- legitimieren. Es ist nötig, hier solches Küchenlatein der
den Wörtern anhaftet, abbiegen möchte und weil im Be- Ästhetik anzubrin gen, denn nur so ist dem Vorwurf zu be-
griff der Komödi e der Gegenpol des Tragischen, auf das gegnen, Dürrenm att habe mit seinem Hühnerh of, der zu-
!?ürrenm att nie verzichtet hat, greifbarer bleibt. Noch dem kaiserlich benamst wird, seinem Hang zum Kalauer
eIne andere Wendun g geschieht im >Romulus<: Dürren- gefrönt. Die Hühnerz ucht hat unter allen bäuerlichen Be-
matt versagt sich jegliche Selbstherrlichkeit des Wortes es schäftigungen jene Prompth eit, die dem dramatischen
!st nun .streng bezogen auf die Theaterf igur und darf n{cht Zeitraffer angemessen ist. Immerh in wird das natürlich
InS ~rnsche ausbre~hen. Zweifellos bedeutete das ein Op- nicht unmittel bar klar; ein unwilliges Lachen ist denn auch
fer fu~ den Autor, eIne selbstgewählte Zucht, der Dürren- meistens die erste Reaktio n des Publikum s, wenn es Ro-
matt sich aber mehr und mehr unterwo rfen hat. Daß seine mulus und seinen Hühner n zum erstenmal begegnet.«
Gestalten >Sprache werden und sonst nichts<, daß das ein Elisabeth Brack-Sulz er: Friedrich Dürrenmat t. Sta-
tionen seines Werkes. 3., erg. Auf] . Zürich: Verlag
Theaterschriftsteller >immer wieder anzustre ben habe< das der Arche, 1970. S. 48 f. © 1960, 1964, 1970 und
geschieht nun verschwiegener, unauffälliger, aber ~icht 1973 by Verlags AG Die Arche, Zürich.
weniger rein. Die Sprache bricht nicht mehr aus der Ge-
stalt aus, sie reißt die Gestalt mit sich als deren innerstes
Wesen.« ARMIN ARNOLD arbeitet die Untersch iede zu den früheren
Elisabeth Brack-Sulz er: Dürrenma tt in unserer Werken heraus und weist auf die verfrem dende Wirkung
Zeit. Eine Werkinterp retation nach Selbstzeug nis- der Anachro nismen hin:
sen. 5.-7. Tsd. Basel: Friedrich Reinhardt, 1971.
S.24f.
»Zwischen den Urauffü hrungen von dem Blinden und Ro-
mulus dem Großen (am 25. April 1949 in Basel) liegen nur
fünfzehn Monate, aber Dürrenm att scheint in dieser Zeit
ein völlig anderer Mensch geworde n zu sein. Romulu s hat
- auf den ersten Blick - mit den früheren Werken kaum
52 IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) I V. Zur Interpretation (Literaturkritik) 53
l
mehr etwas gemeinsam. Aus einem !<-ierkegaard ist ein Für KARL S. GUTHKE »schwenkt das Stück unzweideutig
Spengle~ geworden, ein ~pengler m~t dem Humor von in die Komödie hinüber«:
3
Parkinson • Von Gott ist mcht mehr die Rede; auf der Welt
geht es nach wie vor übel zu, aber Gott wird nicht me~r »In Romulus dem Großen, >einer ungeschichtlichen histo-
dafür verantwortlich gemacht, sondern der Mensch, dIe rischen Komödie< (1949, 2. Fassung 1957), die den Unter-
Natur des Menschen, der Zufall. Neben di~ser Wandlung gang des römischen Reiches als Leistung eines Kaisers
im Gedanklichen hat sich eine Wandlung m der Sprache sieht, der es für seine Pflicht hält, den Niedergang durch
und in der Bühnentechnik vollzogen. Die Personen. ~er­ systematisches Nichtstun zu beschleunigen, streift Dür-
den zum ersten mal durch ihre Sprache charaktenslert. renmatt hin und wieder die bekannte tragikomische Bau-
Während vorher die eine oder andere Figur das Publikum form der Entgegensetzung von tragischem Hintergrund
durch gelegentlichen Jargo~ oder Dialekt~usdrücke s~ho­ und lachenerregender Hauptperson, aber indem sich nach
ckierte, sprechen nun gewIsse Personen mnerhalb emes und nach die Wertakzenruierung verschiebt, Romulus als
bestimmten Sprachbereichs. [... ] Statt daß also der gele- der wahrhaft humane Mensch sichtbar wird und der Ver-
gentliche Jargon- o~er Dialekta~sdruck aus dem Munde fall als Untergang des nicht Lebenswerten, schwenkt das
irgendeines Schauspleler~ sc~?cklert, verfremdet nun d:r Stück unzw?ideutig in die Komödie hinüber, die zwar
Auftritt von Personen wIe Casar Rupf und Apollyon, dIe noch ihren tiefen Ernst besitzt, aber keine Tragik. >Eine
laut Vorwissen des Publikums im fünften Jahrhu~~ert s~ schwere Komödie< nennt sie Dürrenmatt, nicht eine tragi-
sche [...].«
fehl am Platze sind wie die Sprache des MerkantIlIsmus Karl S. Guthke: Geschichte und Poetik der deut-
des zwanzigsten Jahrhunderts, ~ie s.ie ~ebrauche~. Der Zu- schen Tragikomödie. Göttingen: Vandenhoeck &
schauer wird immer wieder destlluslOmert: er weiß, daß. et- Ruprecht, 1961. S. 381 f.
was mit dem fünften Jahrhundert auf der Bü.hne m~ht
stimmt daß Parallelen mit der Gegenwart zu zIehen smd
und - daß er sich im Theater befindet.« CHRISTIAN MARKUS ]AUSLIN sieht hingegen im letzten Akt
»eine Wendung zur Tragödie«:
Armin Arnold: Friedrich Dürrenmatt. Berlin: Col-
loquium-Verlag, 5. erg. Auf]. 1986. (Köpfe des »Wie hat Romulus sich die Welt vorgestellt? Er hat die
20. Jahrhunderts. 57.) S. 33 f.
Sinnlosigkeit allen Heldentums durchschaut. Er wollte
Sören Aabye Kierkegaard (1813-55), dänis~her Theol.oge un.d Philos?ph, deshalb >zerfallen lassen, was zerbrechen mußte, und
über den der Student Dürrenmatt ursprünghch eme Dlssertatlon schreIben wollte zertreten, was dem Tode gehörte<. Aber diese
wollte. h'l h, ~ Handlung erweist sich als sinnlos, weil nach dem Unter-
2 Oswald Spengler (1880-1936), deutscher Geschichtsp IOSOP u. a. er-
fasser von »Der Untergang des Abendlandes.~ (2 Bde:, 19~ 8-22). .
gang seines Reiches wieder ein neues Reich entsteht; das
3 Cyril Northcote Parkinson (geb. 1909), enghs~.her H!stonke~ und PublI- Volk bleibt sich immer gleich, >es will das Heldentum<, und
zist, der durch seine humorvollen "Gesetze« uber dIe EntwIcklungsten- auf einen toten Theoderich folgen >tausend neue Theode-
denzen von Bürokratien bekannt wurde. . . riche<.
4 Eigtl. die Bezeichnung für das ökonomische System des .Abs.olutlsmus Im
17. und 18. Jh ., das zur Gewinnung ~~n Geldquellen dIe Fo:derung des Das Stück nimmt hier eine Wendung zur Tragödie, deren
Außenhandels und damit die IntenslVlerung der eigenen Wmschaft er- Katastrophe aber derjenigen der klassischen Tragödie ge-
strebte. nau entgegengesetzt ist, denn nicht der Tod, sondern das
54 IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) 55
Weiterleben ist für Romulus, der ja im Tod die Erfüllung denschaft des Kaisers. Die hühnerzüchtenden Kaiser (Ro-
seines Lebens sah, zur Tragik geworden. Dies meint wohl mulus und Odoaker) haben zweifellos eine große, gro-
Dürrenmatt, wenn er von Romulus sagt, daß seine >Tragik teske Wirkung. Die Parodie wird hier also durch ein gro-
gen au in der Komödie seines Endes, in der Pensionierung< teskes Mittel hervorgerufen.«
liege [so S. 80]. Von hier aus läßt sich nun auch feststellen,
Christian Markus Jauslin: Friedrich Dürrenmatt.
daß das ganze Leben von Romulus auf einem tragischen Zur Struktur seiner Dramen. Zürich: Juris-Verlag,
Irrtum aufgebaut war. Er ist der Ansicht, daß der Helden- 1964. S. 54 f.
tod für das Imperium sinnlos ist. Aber er sieht zunäc~st
nicht ein, daß auch der von ihm gewählte Opfertod II?
Grunde ein Heldentod ist; er baut also sein Leben auf eI- In Anlehnung an Dürrenmatts eigene Klassifizierung in
nem Irrtum auf, für den er bereit ist, seine Familie aufzu- den »Theaterproblemen« (vgl. S.97) wird Romulus auch
opfern, und muß am Schluß einsehen, daß dieser Verzicht in der Sekundärliteratur mehrfach als »mutiger Mensch«
sinnlos war. interpretiert, so Z. B. von ]OSEF SCHERER:
[... ] Man kann daher nicht einfach wie Guthke behaupten, »[Dürrenmatts] Werk ist nicht nur Protest gegen eine ab-
daß das Stück >unzweifelhaft in die Komödie<hinübergeht strakte (entleerte) Bühne, sondern ebenso sehr gegen die
[so S.53], denn einen gewissen Spielraum behaup~et das Anonymität der Masse. Immer wieder stellt sich in seinen
Tragische, wie wir feststellten, so~ohl am. Ende WIe auch Komödien ein einzelner >mutiger< Mensch gegen die Masse
durch das ganze Stück hindurch In der FIgur des Romu- derer, die nur mehr Geschobene ihrer Wahnideen sind,
lus. heißen diese nun Staat, Gerechtigkeit, Macht oder Brüder-
Ein letztes ist noch nachzutragen, nämlich eine Bemerkung lichkeit.
zur formalen Struktur des Stückes. Dürrenmatt versteht es Da ist Romulus, ein Kaiser, der sich in scheinbarer Behag-
hier, die klassische Forderung nach Einheit von Ort und lichkeit an seine Hühnerzucht verliert, während sein Welt-
Zeit scheinbar weitgehend zu erreichen. Das Stück dauert reich in Trümmer geht. Und doch steigert er sich in seiner
genau von einem Frühstück des Kaisers bis zum nächsten; weisen Nar.~heit zu beängstigender Größe, erweist sich als
dieses nimmt er beide Male im Arbeitszimmer ein. Die da- der einzig Uberlegene, neben dem die Bravourleistung ei-
zwischen liegenden Akte spielen am ~ac~mit~ag im Park nes Spurius Titus zu einer bloßen Farce ausartet. Diese
und nachts im Schlafzimmer. Durch die EInheIt des Ortes Helden von Römern glauben mit ihren >heroischen< Leis-
zu Beginn und am Ende des Stückes wird diese E.inhe~~ f~r tungen eine auf Lüge und Tyrannei gebaute Machtidee zu
das ganze Stück zu~indest .vorgetäu~cht. ~as 1:1Itte~. ubn- retten und zerschellen an dem einen, der nicht die Macht,
gens, um die EinheIt der Zelt zu erreichen, 1st dIe Huhner- sondern den Menschen will. Sie hatten die Wahrheit ge-
zucht, wie E. Brock klar festgestellt hat [so S.51]. Der kannt, aber den leichteren Ausweg der Gewalt gewählt,
Hühnerzucht dürfen wir aber noch eine zusätzliche Auf- wußten um die Menschlichkeit und verlegten sich auf die
gabe zuschreiben. Indem Dürrenmatt deutlich werde!1 Tyrannei. Aber dort, wo die äußere große Geste nicht
läßt, daß das Huhn in der Lage ist, die Einheit der KlaSSI- mehr von der inneren Größe des Menschen getragen wird,
ker einzuhalten, stellt er diese Einheit als künstlerisches verfällt eben dieses Mühen der Lächerlichkeit. Man mag
Ideal in Frage, d. h., er parodiert sie mit eben dieser Lei- sich dann kleiner Buben erinnern, die in den überlangen
56 IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) 57

Kleidern ihrer Eltern die Welt der Großen mimen wollen. against Rome only to submit his Teutons to Romulus, an
Aber während die Kleinen um ihr Spiel wissen, haben die avowed pacifist. Both find themselves in an utterly absurd
Großen gar nicht bemerkt, daß ihr Heldentum längst zu situation. Romulus has to beg Odoaker to kill hirn - yet
einer Pose geworden ist. Aemilian sucht seine geschändete this is only a panic reaction, for killing Romulus would
Offiziersehre zu retten und spürt nicht, daß er nichts an- not deter Theodoric from entering into power, it would
deres als ein geschändetes Opfer eben jener Macht ist, die . only smooth his path. The situation questions man's abi-
er mit seinem und dem Opfer seiner Braut zu >retten< lity to reason: [... ]
sucht. Aber Romulus opfert keine Menschen für ein Idol, This absurd situation is brought about by chance. It was
verschachert nicht seine Tochter an einen Hosenfabrikan- pure chance, not included in Romulus' calculations, that
ten, nur damit das >Reich< gerettet wird, eher gibt er eben his adversary would also be a chicken farmer and a paci-
dieses Reich aus der Hand wie eine Münze, die sich selbst fist. No~ did Odoaker suppose that his adversary would
verraten hat. expect hirn to act the role of executioner. Dürrenmatt has
Damit läßt Dürrenmatt die Wahnidee des Machtstaates an called chance an ambiguous concept, open to several inter-
einem einzigen Menschen zerbrechen, der noch den Mut pretations. [...] It also drives Dürrenmatt's plots into their
hat, wirklich ein Mensch zu sein.« >worst possible turn< [... ]. Retirement is for Romulus, as
Josef Scherer: Der mutige Mensch. Versuch einer mentioned above, the worst >of all possible fates<. Yet he
Deutung von F. Dürrenmatts Menschenbild. In: resigns hirnself to it, not as a proud hero of tragedy, but as
Stimmen der Zeit 169 (1962) S. 308.
a humble hero of modern tragicomedy. Dürrenmatt's pro-
tagonists, both on the stage and in the novels, are over and
Mit der Rolle von Zufall und »schlimmstmöglicher Wen- over again brought to a breaking-point, where they have
dung« im »Romulus« setzt sich TIMO TIUsANEN auseinan- to admit that human reason is not in control over this
der: world of ours. A genuine tragicornedian, Dürrenmatt is
questioning the existence of a world order. >The absolute
» When piloting his ship along the winding fairway into grotesque<, as the problem of the sense or senselessness of
the harbor, Dürrenmatt introduces or implies several con- our lives, can be seen behind the constellation of Romulus
cepts which were to play focal roles in his later practice the Great. There is an absurd, incalculable element in life,
and theory as a tragicomedian. there is chance as a limit to man. Dürrenmatt needs this
These concepts are >absurd<, >chance<, and >the worst possi- limit; his own relation to chance is ambiguous. The posi-
ble turn<. Both Romulus and Odoaker find themselves in tive side of chance is that it means a gap in the chain of
an absurd situation, as the calculations on which they have logic, and a weapon to fight formulas with. Whether for
based their entire line of action prove to be wrong. Romu- good or bad, chance has a role on Dürrenmatt's stage. The
lus' lifelong ambition has been to be a judge of his own train may rush into a vacuum, the ruler of the Teutons
case, the case of the other nations of antiquity versus the may prove to resemble a peace-Ioving Swiss farmer. Not
empire of Rome. He has condemned to death both the to despair in the absurd situations caused by chance, not to
empire and hirnself. On the other hand, Odoaker has give in when facing the worst possible turn in their fate, is
given in to his beJligerent nephew and started the war the solution for Dürrenmatt's >men of courage<. Romulus
58 IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) 59

and Odoaker are men of courage. In Romulus the Great genommen werden.) Die höchste Form der Re-aktion auf
there is courage in the middle of quasi-courageous attitu - die Ausweglosigkeit der Situation ist hier die Einsicht,
des, and real heroism behind the masks of clowning and >Sinn in den Unsinn zu legen<, so zu tun, >als ginge hienie-
mockheroism. There is a kind of world order re-estab- den die Rechnung auf, als siegte der Geist über die Materie
lished in Romulus' and Odoaker's minds - an order in- Mensch<, das heißt, man möge mit dem vollen Bewußtsein
cluding the possibility of blind and absurd chance. « der Lächerlichkeit und des Vergeblichen >versuchen . .. die
Timo Tiusanen: Dü rrenmatt. A Study in Plays, Welt treu zu verwalten<.
Prose, Theory. Princeton (N. J.): Princeton Uni- So wird die Frage nach der >Schuld<des Menschen zu einer
versity Press, 1977. S. 85 f. Frage an die Schuld der Welt, die in die Einsicht mündet,
daß diese Welt aus sich und aus der unvermeidlichen Mit-
Für HANs-JüRGEN SYBERBERG ist die ,>eigentliche Inten- schuld des Menschen, den Menschen immer wieder in die
tion des Dramas, und damit der >Anspruch<, den die Pro- Situation der Ausweglosigkeit aussetzt, auf die er nur noch
blematik erhebt, [...] Weltdeutung und Sinndeutung des die Wahl hat, sie anzuerkennen und zu tun, was noch
Lebens. Die Frage nach der ,Schuld< des Romulus, Odoa- möglich ist, oder zu verzweifeln. Dieses Noch-Mögliche
kers, des Ämilian oder der Spukgestalten des Hofes muß zeigt sich hier als die Beschränkung auf den kleinen Be-
undeutbar bleiben, da sie zu vielgesichtig ist, vielmehr lei- reich (z. B. die Liebe zum Menschen, nicht zum Vaterland)
tet sie auf die zentrale Frage über: ist die Welt so beschaf- oder die persönliche Tapferkeit im Bestehen des Unver-
fen, nämlich ausweglos, und wenn, wie soll man ihr begeg- meidlichen, ohne Absicht, für eine Allgemeinheit retten
nen? Die besondere Antwort, die das Drama gibt, durch- oder opfern zu wollen. Aber diese Möglichkeit wird im
bricht den Gefügecharakter des Werkes durchaus, aber die vollen Bewußtsein gewählt, daß dies nur eine Variable vie-
besondere Zurückhaltung ihrer Verkündigung (im Ge- ler Möglichkeiten sein kann. Es haftet ihr das Hinfällige
spräch Romulus-Odoaker) verhindert jede Didaktik, sie eines tragischen und lächerlichen Versuchs an. «
erscheint vielmehr als unverbindliche Variable vieler Er- Hans-Jürgcn Syberberg: Zum Drama Friedrich
kenntnis- und Deutungsmöglichkeiten. Dürrenmatts. Zwei Modellinterpretationen zur
Die variable Haltung der denkbaren Möglichkeiten, die Wesensdeutung des modernen Dramas. München:
Verl ag Un i-Druck. ' 1965. S. 80f.
das Drama anbietet, ist: Das Schicksal wird als teilweise
selbstverschuldet, aber doch ohne andere Wahl, als unab-
wendbarer Zwang auf sich genommen. Jede Gegenwehr ist
Für KURT MARTI ist »Romulus « ein »provozierendes
nutzlos, >sinnlos<. Man muß sein Geschick tragen mit aller
Stück wider die Verteidigungs-Neurose« der Schweiz:
Lächerlichkeit und Tragik, die der Ausweglosigkeit inne-
wohnt. (Daß diese Ausweglosigkeit nicht nur das bewußte »Nachdem die Aggressionsdrohung [des Dritten Reiches]
Werk der Zerstörungsabsichten des Romulus ist, beweist dahin gefallen war, wirkte und wirkt der erlebte Schock
die in der Zukunft von Odoaker vorausgesehene Ausweg- traumatisch bis heute nach. Viele Schweizer litten an >Ver-
losigkeit der Germanen. Die Ausweglosigkeit ist nicht nur teidigungs-Neurose< (Arnold Künzli), fühlten sich dau-
willentlich heraufbeschworene Situation des Romulus. Sie ernd bedroht und hielten alsbald den russischen Kommu-
muß als ein Grundzustand der menschlichen Existenz an- nismus für jene Macht, die die Existenz der Schweiz nicht
60 IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) 61

weniger bedrohte als seinerzeit die Nazis - ungeach~et der HENNING RISCHBIETER sieht »Romulus« als »Satire auf
Tatsache, daß von einem inneren oder äußeren Angnff des den frühen Anti-Kommunismus«:
Kommunismus auf die schweizerische Unabhängigkeit seit
1945 im Ernst nie die Rede sein konnte. 1949 entwarf »Merkt der heutige Leser noch, daß Dürrenmatt damals,
Friedrich Dürrenmatt in der ungeschichtlichen histori- vor .nun schon fast zwei Jahrzehnten, ein Zeitstück ge-
schen Komödie >Romulus der Große< ein Gegenbild zu schneben hat? Daß er eine Satire schrieb auf den frühen
der Verteidigungs-Neurose: er stellte in Romulus einen Anti-~ommunismus, auf die erste Nervosität angesichts
Herrscher auf die Bühne, der vor den anstürmenden Ger- des >Eisernen Vorhangs< (Churchill 1946), des Scheiterns
manen unter Verzicht auf alle sich in solchem Fall anbie- der Allianz des zweiten Weltkriegs, der Atombombe in
tende Verteidigungsphraseologie mit human-christlicher sowjetischem Besitz? Daß die erstaunte Replik seines
Dialektik freiwillig kapituliert. Die komödiantische Irrea- >Helden<: >Ist Kultur etwas, das man retten kann?< auf die
lität dieses Machthabers erklärt am ehesten das verwun- späteren kalten Krieger gemünzt war, die sich damals
derliche Faktum, daß dieses provozierende Stück wider die schon anschickten, das >Abendland< zu retten?
Verteidigungs-Neurose dennoch den fast ungeteilten Bei- Inzwischen rückte >Romulus der Große< aus dem Zeitbe-
fall des schweizerischen Publikums finden konnte. Nur zug heraus, das Stück erscheint heute als eigentümlich ele-
A. H. Schwengeler, die Tendenz der Komödie richtig err~­ gante, fast glatt-witzige Bekundung der Dürrenmattschen
tend, aber als frivoles Spiel mit höchsten Werten verurtei- Weitsicht: fatalistische Erwartung des Untergangs, der Ka-
lend, rief ein flammendes >Nein!< und schrieb: >Mag er in tastrophe, die Sinnlosigkeit als Signum des Geschichtlichen
seiner Komödie Bubenbergs Wort: ,So lang in uns eine -. un? stoischer Glaub~ des >mutigen<, des untergangs-ein-
Ader lebt, gibt keiner nach!' mit vielen andern ins Läch~r­ Sichtigen Menschen, hier des kaiserlichen Hühnerzüchters
liche ziehen: 5 - der das Wort sprach, überdauerte Im Romulus, der es geradezu als seine Aufgabe betrachtet, fal-
Geist Generationen von Nihilisten. Er wird auch Dürren- len zu lassen, was zum Fall bestimmt ist - und sei es ein
matts ,Romulus' überdauern ... < (>Der Bund<, 18. Januar Weltreich, die zivilisierte Welt. Auf die wunderbare Weise
1951.) der Konversations-Komödie gehen dem Romulus auch bei
Trotz des Beifalls, den Dürrenmatts komödiantische The- diesem sinistren Geschäft die Pointen nicht aus, verläßt
rapie der Verteidigungs-Neurose fand, blieb die Neurose ihn seine schier übermenschliche Gelassenheit nicht. Wie
und konnte sich bei Gelegenheit in einer >Hexenjagd< ernst gemeint ist dieser Untergang, wenn ihm so weise be-
äußern, wie sie Walter Matthias Diggelmann in seinem gegnet (und nachgeholfen) wird?
Roman >Die Hinterlassenschaft< (1965) dargestellt hat am Dür~en.matt läßt kein~ der explosiven (surrealistischen, gar
Modell des >Pogroms von T.<.« dadaistischen) Techlllken, denen Peter Weiss sich auslie-
Kurt Marti: Die Schweiz und ihre Schriftsteller.
fert, in sein nach Mustern des 19. Jahrhunderts, von der
Die Schriftsteller und ihre Schweiz. Zürich: EVZ- Salonkomödie bis zur Posse, verfertigtes Stück ein - er
Verlag, 1966. (Polis. Evangelische Zeitbuchreihe.) >rettet< dadurch die Figur (die Person?) des weisen Kaisers
S.28f. die sein Stück durchaus trägt. Immerhin: mindestens zu;
Entstehungsze~t schockierte sein Werk, wenigstens das
5 Vgl. S. 12, Anm. zu Solange noch eine Ader in uns lebt, gibt keiner nach. deutsche Publikum, nämlich als mitten in der Pointen-
IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) 63
62

Posse ein geschundener Heimkehrer, .ein lädierter? leiden- geht ihm um die Verurteilung des Mißbrauchs von Macht-
der Held auftrat, Ämilian. Ein Publikum, das SIC~ eben
und Gewaltpolitik jeden Staates, des deutschen und/oder
mit der expressiven Larmoyanz von Bor~erts Helm~e~­
auch des römischen, der als Spiegel des 20. Jahrhunderts
dient. Anspielungen auf das Dritte Reich konkretisieren
rer Beckmann 6 identifiziert hatte, fühl~e sICh doch arg Irri-
diese Kritik lediglich durch Bezug auf ein jüngstes histori-
tiert, als dieser andere entlassene Knegsgef~ngene unter
die kalte Dusche der Witze des Romulus genet. Aber das sches Beispiel, vor dessen Wiederholung er implizit war-
nen möchte.
ist, wie gesagt, fast zwanzig Jahre her.« .
[...] Die Botschaft ist klar. Mit pädagogisch erhobenem
Henning Rischbieter: Nachwort. In: Karlhemz
Braun (Hrsg.): Deutsches Theater der Gegenwart. Zeigefinger erteilt uns Romulus/Dürrenmatt hier eine
Bd. 1. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1967. 5. 631 f. Lektion in Sachen Patriotismus, rechnet er ab mit dem
© Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. emotionalen Mißbrauch von pseudoheiligen Begriffen,
unter deren Zeichen die deutschen Armeen zur Schlacht-
bank marschiert waren. In der Verfolgung der durch Ge-
HANS WAGENER arbeitet die zeitkritischen Aspekte. des
spräche aufklärenden Hebammenmethode fungiert Ro-
Stückes im Hinblick auf die jüngste deutsche Geschichte
mulus als ein aufgeklärter und aufklärender Sokrates.
heraus: Und mehr noch: Indem er Rea die Ehe mit dem Hosen-
»Das Dritte Reich spiegelt sich kaleidoskop~rtig .sowohl fabrikanten verbietet und die Liebe zu einem Menschen
in Germanien als auch in Ro~. Romulus 1st eme Art höher stellt als die Vaterlandsliebe, redet er hier einer
Antihitler ein Herrscher über emen tota~en Staat, der a~s ethischen Wertskala das Wort, die dem eben überlebten
dessen Richter den Totalitarismus sa.b ouert ~n~ be~uh t >Du bist nichts, dein Volk ist alles< diametral entgegenge-
zu runde richtet. Er ist eine konstru~erte ~ntl-hlstons~ e setzt ist. Sinnvolles Leben wird hier als nur im Kleinen,
F g r die _ leider - nur Denkmöghchkelt war und 1st. im Privatbereich noch möglich gesehen, während sich der
T~~~; dieses unhistorischen, konstruierten Char~kt.~~s hat staatlich-politische Bereich für Dürrenmatt als unkontrol-
Dürrenmatt aber immer wieder bewu~t a~f die Jungste lierbarer, unaufhaltsamer Walzgang von Ungeheuern dar-
deutsche Geschichte angespielt, um zwei (mcht nur) e~lro~ stellt .
.. ' h Krankheiten unseres Jahrhunderts abzuurtel en. Abrechnung mit Nationalismus und martialischem Geist
palSC e ff . h I' h b .d g
Nationalismus und Krieg, die 0 enS1C t IC el e .en waren in den endvierziger und fünfziger Jahren im Nach-
zusammengehören, und um dies zu tun, hat er selfo1en kriegseuropa der Heimkehrenden und knapp Überleben-
Romulus das >System unterwanden~( la~sen. Das Dntte den an der Tagesordnung, und auch Dürrenmatts Anti-
. h 'bt ihm nur die konkrete hlstonsche Handhabe, militarismus und Pazifismus ist wie der vieler seiner
R elC gl . kr' 'k d' H d
das Anschauungsmaterial zur Zelt .1t1 . an le an, Zeitgenossen aus dem Erlebnis des Zweiten Weltkrieges
denn da es sich um eine eben erst. hls:onsc~. gewordene geboren. Wie sich die Heftigkeit dieser allgemeinen Milita-
Epoche handelt, wissen wir, wohm sie gef~hrt h~t .. Es rismuskritik Mitte der fünfziger Jahre mit dem Abschluß
geht Dürrenmatt also nicht (nur) um das Dntte Reich, es der Pariser Verträge (Oktober 1954) und der Integrierung
der europäischen Verteidigung in die NATO legte, so eben
. Wolfgang BorchertS (1921-47) Heimkehrerdrama »Drau-
6 H auptgesta1t 1ß auch bei Dürrenmatt: Antimilitarismus und Mißtrauen ge-
ßen vor der Tür« (1947).
64 IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) 65
genüber dem Patriotismus spielen in seinem Werk nur von beitet er bei Dürrenm att az:! der Destruk tion, aber im
1947 bis 1955 eine hervorragende Rolle.« Grundsätzlichen liegt Überein stimmun g vor: Dem einzel-
Hans Wagener: Heldentum heute? Zum Thema nen wird offensichtlich die Möglichkeit zugestanden, in
Zeitkritik in Dürrenmat ts »Rornulus der Große«. den Lauf der Geschichte einzugreifen und ihn zu beein-
In: Facetten. Studien zum 60. Geburtstag Friedrich
Dürrenma m. Hrsg. von Gerhard P. Knapp und flussen . [... ]
Gerd Labroisse. Bern / Frankfurt a. M. / Las Ve- Freilich darf trotz dieser nicht zu bezweifelnden Aus-
gas: Lang, 1981. 5.195-197 . gangslage von Dürrenm atts Romulus-Drama nicht unter-
schlagen werden, daß Dürrenm att seine These bereits in
Mit dem im »Romulus« enthaltenen Geschichts- und der zweiten Fassung von 1957 zu korrigieren versucht.
Menschenbild Dürrenm atts setzt sich MANFRED DURZAK Denn Romulu s' Rechnung geht keineswegs auf. Als auf
kritisch auseinander: Grund seiner Untätigk eit dem Siegeszug der German en
keinerlei Widerstand entgegengesetzt wird und Odoake r
» Wenn Dürrenm att in seiner >Anmerk ung II< ihn schließlich als Sieger in seinem Sommersitz in Campa-
schreibt:
>Auch lockte es mich, einmal einen Helden nicht an der nien aufsucht, erwartet ihn nicht der Tod, mit dem er ge-
Zeit sondern eine Zeit an einem Helden zugrund e gehen rechnet hat, sondern die menschliche Anerken nung Odoa-
zu l~ssen [...]< [so S. 80], so ist gerade diese Absicht in den kers, der seiner Weisheit Reverenz erweist, sich ihm als
beiden ersten Akten des Stückes kaum verwirklicht wor- Kaiser unterwe rfen will und ihn - bei Romulu s' Weige-
den. Ja, man könnte in der hier vorgebrachten Kritik sog~r rung - mit einer fürstlichen Rente in den idyllischen Ruhe-
noch weiter gehen und die These vom Zugrun? eg:hen ei- stand schickt. Unter diesem Aspekt richtet sich die histori-
ner Zeit an einem Helden als einen Rückfall m elOe Ge- sche Entwick lung letzten Endes doch gegen Romulus,
schichtskonzeption ansehen, die Dürrenm att ?ereits in sei- indem sie ihn mit einer völlig unerwar teten Konsequ enz
nem Erstlingsstück überwun den hat. Ka~ es Ihm.dor~ dar- seiner Politik des Nichtstu ns konfron tiert und seine De-
auf an nachzuweisen, daß der einzelne Im geschIChtltchen struktion des Imperiu ms mit einem ruhigen, wirtschaftlich
Prozeß sinnlos agiert, daß das geschichtliche Geschehen abgesicherten Lebensabend belohnt. Unter der Perspektive
nicht von der Absicht einzelner, sondern von unkontr ol- der historischen Entwick lung erweist sich Romulu s also
lierbaren Zufalls moment en vorangetrieben wird, so er- gegen seine bessere Einsicht doch als Werkzeug der Ger-
scheint im Romulus, wenn auch freilich in der Negation, manenexpansion, die an die Stelle des römischen Imperi-
das alte Postulat von der geschichtsprägenden Kraft des ums ihr germanisches Imperiu m setzen wird.
einzelnen. Allerdings tritt ein Unterschied. hervor: R~mu­ Die beiden Weisen, Romulu s und Odoaker , dem bereits
lus handelt nicht im Dienste der GeschIChte und Ihrer vor seinem Neffen Theoder ich graut, der zum Idol der
Fortentw icklung, sondern arbeitet gegen s~e, um ~~e .be- Germanen geworden ist und das neue Imperiu m aufbauen
wußt zu ruinieren. Was sich nach außen hm als narnsch will, sind letztlich >gescheiterte Politiker<. Das Resümee,
präsentiert, nämlich .seine Hühn~rleidenschaft, s?ll sich das Romulus gegen Ende des Stückes formuliert, stellt zu-
dennoch als Kalkül elOer systematischen DestruktIOn von . gleich seine Einsicht in die Täuschung dar, die sein Nichts-
Geschichte offenbaren. Hat der große einzelne bisher also tun gegen seinen Willen heraufführte: >[... ] ich wollte
stets an der Progression der Geschichte mitgewirkt, so ar- . Schicksal spielen, und du wolltest das deine vermeiden,
66 IV. Zur Interpretation (Literaturkritik)
IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) 67
nun ist es unser Schicksal geworden, gescheiterte ~olitiker Mens.ch<, wie steht es um diese so pauschal behauptete Ka-
darzustellen.< [...] Der einzelne gesteht also let~tlich d~ch tegone der Me?schlichkeit als Bedingung seiner Dramen-
seine Ohnmacht vor dem historischen Prozeß eIn, der sIch charaktere? Bnngt Dürrenmatt hier nicht ein moralisch
wider alle Erwartung autonom entwic~elt. .. . akzentuiert~s, .von ~iner Wertentscheidung gezeichnetes
In diesem Sinne stellt der konventIOnelle KomodIen-
Menschenbdd InS SPIel, das eine Alternative Zum chaoti-
schluß, das Happy-End des Romulus, die schlimmst-m~g­ schen. Gesc~ichtsprozeß aufzeigen soll, das den einzelnen
liche Wendung dar, die die Dinge nehmen konnten: eIne angeSIchts eIner sinnlosen Geschichte in einer Art Trotz-
Wendung nämlich, die Romulus' gesamte~ v~ran~egange­ reaktion als Wert verabsolutiert?«
nes Tun oder vielmehr Nichtstun als unSInnig WIderlegt.
Er gesteht selbst ein: >Es ist alles absu.rd g~.worden, ,,:,as ich Manfred Durzak: Dürrenmatt, Frisch, Weiss.
Deutsches Drama der Gegenwart zwischen Kritik
getan habe<. Hatte sich Romulus, wIe Durrenmatt I.n der und Utopie. Stuttgart: Reclam, 1972. S. 61-63.
>Anmerkung !< dargelegt hat, als ein >als ~arr ~erkleI.deter
Weltenrichter< gesehen [so S. 71], so h~t SIch dIe ~enchts­
situation der Wirklichkeit gegenüber, In der er SIch selbst Einen detaillierten Vergleich zwischen »Romulus« und
dominierend glaubte, gegen Ende gru~dlegend geändert. dem Drama »Die Physiker« nehmen WOLFRAM BUDDECKE
Aus dem Richter ist sozusagen der Debnquent geworden, und HELMUT FUHRMANN vor:
mit dem die Wirklichkeit abrechnet. [... ] »Als eine Art Vorstudie zu den Physikern hat man die >un-
Mag also Dürrenmatt v,?m Ende ~eines Stück~s her. die geschichtliche historische< Komödie Romulus der Große
vergleichsweise restauratIve Geschlchtskonzepuon seIner (1949,4. F. 1964) verstanden [... ], das erste Stück mit dem
Hauptfigur Romulus widerlegen, der glaubt, den ge- Dürrenmatt nach seinen frühen Dramen Es steh; geschrie-
schichtlichen Prozeß beeinflussen zu können und dennoch ben (1947) und Der Blinde (1948) in der Schweiz und in
letztlich von ihm beeinflußt wird und ihm überantwortet Westdeutschland nennenswerte Aufführungserfolge erzie-
ist so ist unter anderm Aspekt dennoch an dieser Kritik l~n k~nnte. Tatsächlich sind gewisse strukturelle Analo-
ge~enüber der überbetonten Rolle ~es einzelnen ~estzuhal­ gIen flicht zu ü~ersehen. Wie Ro~ulus durch die Liquidie-
ten. Der einzelne wird nicht nur 1m Rahmen dIeser Ge- rung des Impenum Romanum dIe Völker der Erde von ei-
schichtskonzeption stilisiert, wobei frei!ich diese Stilisie- n~r blutigen Hypothek befreien möchte, so will Möbius
rung gegen Ende wieder aufgehoben. wIr~? sondern auch ~le Welt vor den katas.trophalen Konsequenzen seiner Er-
von der moralischen Wertung her, dIe Durrenmatt allzu fmdung bewahren. Belde flüchten, um ihre Mission erfül-
unvermittelt in die Person des Romulus projiziert. [...] len zu können, in eine Maske: Romulus in die des vertrot-
Und in der Charakteristik von Romulus selbst heißt es telten Hühnerzüchters, Möbius in die des Irren. Für beide
noch genauer: >Man sehe gen~u. hin, v::as für einen Me.n- ko.m~t die Stunde der Demaskierung, in der sie mit ein-
schen ich gezeichnet habe: WItZIg, gelost, human, geWIß, dnnghchen Reden ihre Haltung rechtfertigen. Beide haben
doch im Letzten ein Mensch, der mit äußerster Härte und um der Verwirklichung ihrer Ziele willen Schuld auf sich
Rücksichtslosigkeit vorgeht, [... ] ein gefährlicher Bursche, laden I?üssen. Romulus trägt die Verantwortung für den
der sich auf den Tod hin angelegt hat [... ]< [soS. 79 f.]. Aber Tod >VIeler Unglücklicher<, Möbius ist Zum Mörder einer
wie steht es mit dieser Formulierung >im Letzten ein Krankenschwester geworden, die ihn liebend durchschaut
68 IV Zur Interpretation (Literaturkritik) IV Zur Interpretation (Literaturkritik) 69
hat. Beide müssen am Ende erkennen, daß ihr Einsatz ver- der Germanen, zum wahrhaft >mutigen Menschen< wird.
geblich war. Romulus hat zwar Rom liquidieren können, Sich nicht der Verzweiflung zu überlassen, sondern dem
nicht aber das Prinzip der Macht, nach dem es angetreten Sinnlosen dieser Welt ein unpathetisches Ja zu den be-
war; denn das germanische Weltreich, das zu g:ünden g:enzten humanen Möglichkeiten entgegenzusetzen _
Theoderich sich berufen fühlt, ist das neue Rom, die neue dIese Kraft, die Romulus mit wenigen anderen Gestalten
Schädelstätte der Menschheit. Möbius hat zwar seine Ma- Dürrenmatts teilt, vermögen Möbius und seine Physiker-
nuskripte vernichtet, aber die Auswertung der entschei- Kollegen angesichts der Totalität der Katastrophe nicht
denden Formeln nicht zu verhindern vermocht. Gravie- mehr aufzubringen. Ihre ins Publikum gesprochenen
render als diese Analogien sind freilich die Unterschiede, ~chlußwort~, mi~ de?en. sie mechanisch ihre Rollen repe-
die im Werk vergleich festzustellen sind. In den Physikern, tieren, als selen sie wlrkhch zu dem geworden, was sie bis-
wo der Zufall objektiv die >schlimmstmögliche Wendung< lang nur simulierten, schließen jede Sinngebung aus.«
herbeiführt, während er in der Romulus-Komödie allen-
Wolfram Buddecke / Helmut Fuhrmann: Das
falls für das Scheitern des subjektiven Sühne- und Opfer- deurschsprach~ge Drama seit 1945: Schweiz, Bun-
dranges der Titelfigur verantwortlich ist, konzentriert sich desrepublik, Osterreich, DDR. Kommentar zu ei-
die Darstellung konsequent auf die Profilier~.lOg der K:rn- ner Epoche. München: Winkler, 1981. S. 37f.
paradoxie, die eben darin besteht, daß Möb1U~ kraft elOes
nicht vorhersehbaren Zufalls gerade das bewirkt, was er ALUN STEER sieht das Rom des Romulus als Spiegelbild
verhindern möchte. Im Romulus dagegen ist das primäre des heutigen Europa und Amerika, und verwendet ab-
Interesse auf die Aufklärung der Frage gerichtet, wie die schließend den Marxismus als Beispiel:
Figuren des Stückes auf die extreme Ausgangssituation
reagieren. Der vom Kaiser forcierte totale Konkurs des »And the effect of this kind of juxtaposition of the ancient
Imperiums zwingt die Menschen seiner Umwelt, ihr wah- and modern worlds si to persuade us to see the world of
res Gesicht zu zeigen. Scharenweise enthüllen sie sich. als Romulus as the mirror-image of our own: this crumbling
falsche oder als irregeleitete Helden, als bloße RhetorIker Roman Empire is transmuted into a symbol of the deca-
des Widerstandes, die ihr persönliches Sicherheitsbedürf- dent, materialistic societies of contemporary Europe and
nis rationalisierend zum Ausdruck der Virtus Romana7 America. [... ]
umzufälschen versuchen, oder als subjektiv aufrichtige, Romulus, haggling with the art-dealer Apollyon, asks
objektiv aber höchst fragwürdige, weil überholte~ si.tt- whether he wants to buy the remaining busts of the Ro-
lichen Prinzipien fanatisch folgende Märtyrer. Der elOzlge man emperors. Apollyon replies that he will have to take
wirkliche Held scheint Romulus selbst zu sein, der freilich another look at them, because (he explains) >Für Büsten ist
erst in dem Augenblick, als er die Nichtigkeit seines An- die Nachfrage gering, eigentlich gehen heute nur die von
spruches auf einen heroischen Sühnetod akzeptiert und das großen Boxern und üppigen Hetären. <8
(wie er sagt) >Ensetzlichste< auf sich n~mmt: nämlich ,,:,eit~r It is the juxtaposition of the two words >boxer< and >het-
zu leben als Gescheiterter, als lächerlicher StaatspenslOnar a::ra<that does the trick here. The anachronism transforms
8 Friedrich Dürrenmatt, Werkausgabe in dreißig Bänden, hrsg. in Zsarb. mit
7 {Jat.} römischen Tugend. dem Autor, Bd. 2, Zürich 1980, S. 22.
70 IV Zur Interpretation (Literaturkritik) IV Zur Interpretation (Literaturkritik) 71

the anclent world into a reflection of our own, for we rec- And finally, if Marx is far more sanguine than Romulus in
ognize that it is in our world that the people's heroes are the final outcome he predicts - the creation of a classless
not statesmen, poets or philosophers but athletes, pin-ups s?ciety - Romulus too regards his goal as a definitive solu-
and pop-stars; and it is in our world, after alt, that a film tion and a validation of his existence.
star rose to become leader of the most powerful nation on The fact that these paraJlels can be drawn will convey
earth. [... ] s~me idea of the relevance of this play to the modern pre-
Romulus der Große is, I believe, very much a play for our dlcament. Of course, the play is not about Marxism. But
times. In his essay on the theatre, entitled Theaterpro- what it is c<:,~cerned to demonstrate is Dürrenmatt's pro-
bleme, Dürrenmatt wrote: >... das Allgemeine entgeht found sceptIClsm about the capacity of any such doctrine
meinem Zugriff. Ich lehne es ab, das Allgemeine in einer - Marxism, Freudianism, neo-Darwinism, Exlstentialism,
Doktrin zu finden, ich nehme es als Chaos hin<.9 what~ver - to give a satisfactory, workable interpretation
[. . .] By >das Allgemeine< Dürrenmatt means, I think, a mo- of eXlstence. [. ..]
ral synthesis, an overall interpretation of existence that Of course satire too presupposes a moral vision. But what
gives meaning and purpose to life, such as was once pro- this play shows is that anyone who attempts to translate
vided for Western civilization by the Christian faith. Dür- such avision into a programme of action or a total inter-
renmatt asserts that he cannot find such an interpretation pretation of life is reaching beyond the narrow limits
- or, at least, a satisfactory interpretation - in any doctrine; within which human understanding may hope to compre-
instead, he accepts the fact that we live in Babel, among a hend the real world in its unyielding intractability.
chaos of -isms all competing for our credence. Take one of AJun Steer: Delusion and ReaJity in Friedrich
them, Marxism. Like Romulus, Karl Marx was morally re- Dürrenmatts »Romulus the Great«. In: Journal
pelled by the societies in which he Jived. He constituted of European Studies 18 (1988) S.240, 250f. -
© 1988 Sales Publications Ltd, London.
hirnself into as severe a judge of capitalist society as Ro-
mulus is of the decadent Roman Empire. Like Romulus,
Marx believed in the historical inevitability of the down-
MICHAEL SCHMITZ zufolge gelingt Dürrenmatt »jene typi-
fall of his society. Like Romulus, he believed it to be the
s~he ~lastizität seiner Komödiengestalten, insbesondere
duty of the intellectual not merely to understand this, but d~e selller mutigen Menschen«, indem er sie durch »polare
to align hirnself with the ineluctable forces of history and fIgurenkonzeptionen« (Spurius Titus Mamma und Ämi-
to hasten the process of disintegration. Like Romulus, he lian) sowie durch Perspektivenwechsel charakterisiert:
believed in translating a moral stance into a programme of
positive action: it was his proud boast, after all, that his »Die Peripetie und die Katastrophe des >Romulus<, erster
philosophy went beyond all past philosophies in seeking und zweiter Perspektivenwechsel folgen kurz aufeinander.
not merely to interpret the world, but also to change it. 10 Ende des dritten Aktes zeigt sich das vermeintliche Opfer
Romulus, der ~em Anschlag der Patrioten zum Opfer fal-
9 Friedrich Dürrenmatt, TheaterprobJeme, Zürich 1955, S. 49. len soll, als Richter Roms und Herr der Lage, der sein
10 Karl Marx, »Thesen über Feuerbach«, in : K. M., Early Writings, introd.
by Lucio Colletti and transl. by Rodney Livingstone, Harmondsworth Handeln. auf .d~n Ei?marsch der Germanen hin angelegt
1975, S. 423. hat. Gleichzeitig gellOgt es Romulus, seine Passivität zu
72 IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) 73
legitimieren. Der Untergang Roms ist durch die unre~ht- S~hei.t~rn an, schränkt sein,e Ziele auf das >Eigene< - eine
'mäßig an geeignete Macht, die vor Menschenmor? nicht vle]zltlerte Formel Dürrenmatts für das beschränkte Betä-
zurückschreckte, gerechtfertigt. Der Unt~rga?g wlr.d von tigungsfeld seiner reduzierten Helden - ein und vermag im
Romulus als Sühne gedeutet, als Sühne, m die er sich als Verzicht auf das heldische Selbstopfer und durch das be-
letzter Kaiser Roms einbezieht. Er bietet sich selbst als wußte Weiterleben auf unerwartete Weise zu sühnen. Die
Opfer an. [WA 11, S. 91 ff) . äußere Situation ist zwar aussichtslos für Romulus doch
Doch bereits Mitte des vierten Aktes erfolgt eme erneute die >verlorene Weltordnung wird in [seiner] Brust ';'ieder
Korrektur des Romulus-Bildes durch Odoaker, der Ro- hergestellt<, wie Dürrenmatt eines seiner Hauptanliegen in
mulus' Pläne durchkreuzt und ihn scheinbar endgültig den >Theaterproblemen< resümiert. [WAXXIV, S. 63.]«
zum Narren werden läßt (zweiter Perspektivenwechsel).
Michael Schmitz: Friedrich Dürrenmatts Aristo-
Dürrenmatt faßt die Entdeckungsszene Odoakers und die phanes-Rezeption, Eine Studie zu den mutigen
Erkenntnis des Romulus in wenigen Worten zusammen - Menschen in den Dramen der 50er und 60er Jahre.
Romulus' Reaktion in einer interpretierenden Regieanwei- St.Ottilien: EOS-Verlag, 1989, (Dissertationen,
sung: >ODOAKER. Ich bin nicht gekommef!' dic~ zu t?ten, Philosophische Reihe, 5.) S,99-101. - © 1989
EOS-Verlag, St, Ottilien.
Kaiser von Rom. Ich bin gekommen, mzch mzt memem
ganzen Volk dir zu unterwerfen. ROMULUS ist tödlich er-
schrocken. [Ebd. S. 106.] Unter der Überschrift »Friedrich Romulus der Große«
Die Regieanweisung markiert nicht nur den abrup~en charakterisiert BENJAMIN HENRICHS Romulus als »Vor-
Übergang vom bisher burlesken Wortwechsel der Sich und Doppelgänger« Dürrenmatts:
spielerisch nähernden Hauptfiguren Romulus und Odoa- »>Romulus der Große<, 1949 in Basel uraufgeführt, ist (bei
ker zum ernsthaften Duktus der monologischen Standort- den Göttern!) nicht Friedrich Dürrenmatts bestes Stück
bestimmungen des Römers und des Ger~anen, sond~rn gewesen und schon gar nicht sein berühmtestes. Aber viel-
eröffnet in der neuen Situation Romulus eme neue Mog- leicht sein heiterstes, humanstes und aufschlußreichstes _
lichkeit, sich als mutiger Mensch zu bestätigen und endgül- denn es enthält ein Selbstportrait des Dichters Dürren-
tig der Narrheit zu entledigen. Er ~ei~t sich erneut ?er ma.tt,. das. gen~uer besehen .ein verwirrendes Doppelpor-
Lage gewachsen, als er seine >PenslOmerung< akzeptiert tralt 1St, em gbtzerndes, spnngendes Vexierbild.
und Odoaker ermutigt, sich ebenfalls der neuen >Aufgabe Der letzte Kaiser im Stück des jungen Dürrenmatt tritt auf
!
als König von Italien< zu stellen. [Ebd., S. 11 ff.] C?,doaker wie ein Vor- und Doppelgänger des alten Dürrenmatt. Re-
bestätigt die wiederhergestellte menschlIche Große des gieanweisung: >Seine Majestät kann, der bitteren Weltlage
Romulus, indem er die germanischen Truppen vor Romu- zum. Hohn, ganz unvergleichlich scherzen und plaudern,
lus salutieren läßt. [Ebd., S. 113] fast Jeder Satz ein funkelnder Aphorismus - eine kleine
Damit wird auch Dürrenmatts Kriterium für Romulus' Unsterblichkeit inmitten der hinfälligen Welt.< [... ]
Existenz als mutiger Mensch - das gleich.e gilt fü~. C?doak:r Der Kaiser Romulus muß aber auch schon Friedrich Dür-
- deutlich: seine Reaktion auf das Scheitern, praZlser, die renmatts Schriften zum Theater gekannt haben, denn wie
gelassene Art, mit der Romulus auf das Scheitern sein~r sein Schöpfer befindet er kategorisch: >Wer so auf dem
Pläne reagiert. Der mutige Mensch Romulus erkennt sem letzten Loch pfeift wie wir alle, kann nur noch Komödien
74 IV. Zur Interpretation (Literaturkritik)
IV. Zur Interpretation (Literaturkritik) 75
verstehen. < Auch Dürrenmatts berühmtestes Aper~u (das gedacht, wenn sie ihre schlimmst-mögliche Wendung ge-
kein Nachrufer nicht zitieren darf) könnte schon des Kai- nommen hat. « .
sers kaiserlichen Lippen entschlüpft sein: >Eine Geschichte Benjamin Henrichs: Friedrich Romulus der Große.
ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst-mög- In: Michael Haller (Hrsg.): Friedrich Dürrenmatt.
liche Wendung genommen hat. < ... Uber die Grenzen. Fünf Gespräche. München/Zü-
rich: Piper, 1993. S. 152-156. [Zuerst in: Die Zeit.
Welch eine wundervolle, liebenswerte Figur Ist dieser 21. Dezember 1990.J - Mit Genehmigung von
letzte Kaiser! Und welch ein wundervoller, liebenswerter, Benjamin Henrichs, Berlin.
mitreißender Komödiendichter war Friedrich Dürren-
matt! Romulus und Friedrich feiern zwillingsbrüderlich
den Sieg des Witzes über den grämlichen Weltgeist, den Hatte Alun Steer bereits auf aktuelle Parallelen zwischen
Triumph der Hühner über ~as H~ldentum . Alle Phrasen Rom und Europa bzw. Amerika hingewiesen, so führt
getötet, alle stolzen Posen lacherlich g~macht: Dem. bru- HANSGERD DELBRücK diese, das Stück weiterhin aktuali-
talen Vernichtungseifer der Weltgeschichte eIne beInahe sierend, fort:
göttliche, also ganz und gar menschliche Faulheit entge-
>~.Man hat, was A.merika an.langt, in Romulus der Große
gengesetzt. [. ..] . langst so etwas wie prophetische Qualitäten entdeckt. Als
Gewiß ist nur: Dürrenmatt selber war so etwas wie der
Alun .Steer in seinem Aufsatz von 1988 auf die Spiegel-
letzte Kaiser im untergehenden Reich des Nachkriegs- funktion der Komödie für unsere Zeit hinwies, sah er das
Welttheaters. [... ] zusammenbrechende Römische Reich in der Komödie
Dürrenmatt war vielleicht der letzte, der das Monumental- >transmuted into a symbol of the decadent, materialistic
projekt >Welttheater<entschlossen weitertrieb, der (wie ~in societies .of contemporary Europe and America,< und ' er
Astronom aus der Ferne) die ganze große Weltkugel Im belegte diese Interpretation damit, daß seither ein Filmstar,
Blick haben wollte, nicht nur die kleine Kugel des mensch- Ronald Reagan, zum Führer der mächtigsten Nation der
lichen Kopfes. Denn nicht einfach >Komödien< wo~lte er Erde aufgerückt war. Dabei bezog sich Steer nur auf ein
schreiben, sondern >Weltgleichnisse< - ~nd deren .Z elt w~r W<;'rt des Antikenhändlers Apollyon, dem zufolge sich der
abgelaufen, als der Dichter gerade vierZig war. >Die p.?ysl- Zeitgeschmack mehr für Boxer (also fürs Showbusiness)
ker< (1962) waren sein letzter >Welterfolg< - der Stucke- als für Kaiserbüsten interessiere. Darüber hinaus gibt es
schreiber hat ihn um beinahe drei Jahrzehnte überlebt. aber natürlich die Parallele, daß es sich bei Romulus selbst
Ohne sichtbare Anzeichen von Verzweiflung oder Verbit- g~nau wie bei Reagan um einen Schauspieler handelt. Und
terung. Eine Majestät über fünfzig .eben, dann über sech- die Parallele geht weiter, da ja derselbe Präsident Reagan,
zig, beinahe siebzig - ruhig, behaglIch u~.d klar. [...] der auf den Gegensatz von Gut und Böse so fixiert war
Den Zwilling des Romulus, den Autor Durrenmat~, h~ben ~ie Romulus, wiederum wie dieser fähig war umzulernen:
unsere Theater in den letzten Jahren behandelt Wle emen m Gorbatschow, dem Präsidenten der bedrohlichsten Ge-
kaiserlichen Pensionisten - sie haben ihn mit aller gebüh- genmacht Amerikas, sah er zuletzt ebenso den Freund wie
renden Verehrung vergessen. Das ist grausam und unge- Romulus in dem Germanenführer Odoaker.
recht, aber im Dürrenmattschen Sinne auch vollkommen Seither sind beide Präsidenten in Pension, und da das
logisch: Auch die Theatergeschichte ist erst dann zu Ende Reich der Sowjetunion schneller verfiel als das Reich der
76 IV Zur Interpretation (Literaturkritik)
IV Zur Interpretation (Literaturkritik) 77
Amerikaner, fühlt man sich fünf Jahre nach dem Aufsatz
wenn andere es anders versuchen zu dem gle' h .
von Steer durch Dürrenmatts Komödienversion des zer- w: h h . h . , IC en m
. a ~ elt ~u: sc em~aften Neuanfang wie ZUvor. Mö' en
fallenden römischen Reichs nicht mehr nur an die materia- SIe sich mIt Ihren Zielen und Idealen auch' . Ig
listischen Gesellschaften des Westens erinnert, sondern von' d h . Im emze nen
mindestens ebenso an die kommunistischen Gesellschaften eman e: untersc eld~n - und das Stück lebt davon
des Ostens. Man ist mithin eher geneigt, Gorbatschow - !aßdetwa seme .AnachroOlsmen als solche wahrgenomme~
selbst wenn er kein Schauspieler war - als Reagan mit Ro- ~r .en -, so gl.bt ~s doch nach dem Verständnis der Ko-
mulus zu parallelisieren, zumal es sich bei der Pensionie- rO~le sut spec: e hlsto.riae nichts Neues unter der Sonne
ti~ch~m~ us sPheg~ln sIch wie in einem Brennglas die poli~
rung Gorbatschows wie bei Romulus zugleich um die Ab-
schaffung des Amtes handelte. Die Stelle des Odoaker der Ro 1 ~.rrsc erflguren der Historie, vom Rom-Gründer
. m~ uso uber Caesar und Augustus zu Nero und Hitler
Komödie wurde aus solchem Blickwinkel von Gorbat-
Ja, WIe WIr gesehen haben, noch über diese h' R'
schows Nachfolger Jelzin besetzt, dessen Amt im Vergleich gan ' .Gorb t h J1. maus zu ea-
. a sc ow, e zm und so fort. Alle im Stück d' k
zu dem Gorbatschows um ebenso vieles kleiner wurde wie oder Indirekt vertreten F h b' Ire t
das Königsamt des Odoaker im Vergleich zu dem Kaiser- Individ r" . p. e~ Iguren a en Ihre persönliche
amt des Romulus. Id .. ~a ~tat bI~ß nnzlp Zugunsten einer kollektiven
entltat emge u t.«
In Wahrheit ist aber, selbst wenn sich da neben den dia-
gnostischen auch prognostische Qualitäten von Dürren- Hansgerd DeJbrück: Antiker und moderner Hel-
matts Komödie bewährt haben sollten, natürlich aus dem den~Mythos In I)u.rrenmatts »ungeschichtlicher hi-
stonscher Komodle« »Romulus der Große« In'
Stück in keiner Weise eine Prognose für die Frage abzulei- The Ge:man Qua~e.rly 66 (1993) S. 308-31'0. ~
ten, ob die Regierungsjahre Jelzins und seiner Nachfolger © Amencan Assoclatlon of Tcachers of German.
einmal >zu den glücklichsten dieser wirren Erde zählen<
werden oder ob sich im Gegenteil, nach Art des Theode-
rich der Historie (oder der ersten Führer der Sowjet-
union), die Fehler der Führer des gerade untergegangenen
Reichs in den Fehlern des neuen wiederholen und vermeh-
ren werden. Nicht umsonst ist es unmöglich, Romulus in
einem eindeutigen (ausschließenden) Sinne entweder mit
einem amerikanischen oder mit einem sowjetischen Präsi-
denten zu parallelisieren: Dürrenmatt war in seiner Komö-
die im Unterschied zu Brecht an einer Stellungnahme für
oder gegen eine bestimmte Wirtschaftsordnung, oder gar
für oder gegen eines der beiden großen politischen Sys-
teme seiner Zeit, nicht interessiert. [... ]
Der immer wieder neue Versuch aller Dramenfiguren, ihre
Geschichte in den positiven Mythos der Vaterlandsretter
zu heben, endet in immer erneutem Scheitern und führt,
1. »Anmerkungen I-IV« und »Zehn Paragraphen« 79

V. Äußerungen Dürrenmatts zu seinem Stück Schleichwegen, durch zerstörte Städte, und nun erreicht er
d~s H~us des Kai~ers, ~as er doch kennt, und nun fragt er:
~Ie Villa des Kaisers In Campanien? Ist in diesem Satz
1. »Anmerkungen I-IV« und »Zehn Paragraphen « Dicht das ungläubige Erstaunen spürbar über den verhüh-
zu »Romulus der Große« nerten und heruntergekommenen Zustand der Villa die
doch die Residenz darstellt, wird die Frage rhetorisch 'wir-
Die folgenden vier »Anmerkungen« zu seinem Stück hat ken und auch? wenn er seine Geliebte fragt, bang und ge-
Dürrenmatt in der Werkausgabe in dieser Reihenfolge zu- bannt: Wer bist du? Er kennt sie wirklich nicht mehr er
sammengestellt. »Anmerkung I« wurde für den Sammel- hat sie wirklich vergessen, ahnt, dass er diesen Menschen
band »Komödien I« (Zürich: Verlag der Arche, 1957) ge- einmal kannte, liebte. Ämilian ist die Gegengestalt zu
schrieben; »Anmerkung II« 1949 für das Programmheft Romulus. Sein Schicksal ist menschlich zu sehen, mit den
der Uraufführung am Stadttheater Basel. »Anmerkung Augen des Kaisers gleichsam, der hinter der Fassade der
III « wurde 1973 verfasst, und »Anmerkung IV« 1980 für geschändeten Offiziersehre »das tausendfach besudelte
den zweiten Band der Werkausgabe. Opfer der Macht« erspäht. Romulus nimmt Ämilian ernst,
Die »Zehn Paragraphen zu >Romulus der Große«< wurden als den Menschen, der gefangen, gefoltert wurde der un-
1949 für das Programmheft der Uraufführung geschrieben. glücklic~ ist. ~as er nicht akzeptiert ist die F~rderung:
»Geh, DI~m eIn Messer«, die Verschacherung der Gelieb-
Anmerkung I ten, damit das Vaterland lebe. Menschlichkeit ist vom
zu »Romulus der Große« Schauspieler hinter jeder meiner Gestalten zu entdecken
so~st lassen sie sich gar nicht spielen. Dies gilt für all;
Eine schwere Komödie, weil sie scheinbar leicht ist. Damit meme Stücke.
kann der Literaturbeflissene deutscher Sprache schon gar ~.ine besondere, zusätzliche Schwierigkeit ergibt sich noch
nichts anfangen. Stil ist, was feierlich tönt. So wird er im fur den Darsteller des Romulus selber. Ich meine die
Romulus nichts als eine bloße Witzelei sehen und das Schwierigkeit, die darin liegt, daß er dem Publikum nicht
Stück irgendwie zwischen Theo Lingen 1 und Shaw ansie- allzu schne}l sy:mpathisc~ erscheinen .darf. Das ist leicht ge-
deln. Dieses Schicksal ist jedoch für Romulus nicht ganz so sagt und Vielleicht fast Dicht zu erreichen doch als Taktik
unpassend. Er spielte zwanzig Jahre den Hanswurst, und im Auge zu behalten. Das Wesen des Kai;ers darf sich erst
seine Umgebung kam nicht darauf, daß auch dieser U n- im dritten Akt enthüllen. Im ersten Akt muß der Aus-
sinn Methode hatte. Dies sollte zu denken geben. spruch des Präfekten: »Rom hat einen schändlichen Kai-
Meine Figuren sind nur von der Gestalt her darzustellen. ser", ~~ zwei~en je~er ~mili~ns; »Der Kaiser muß weg",
Dies gilt für den Schauspieler und .für den Regisseur. Prak- begreiflIch sem. Halt Im dntten Akt Romulus Gericht
tisch gesprochen: Wie soll etwa Amilian dargestellt wer- über die Welt, hält im vierten die Welt Gericht über Ro-
den? Er ist tage-, vielleicht wochenlang marschiert, auf mulus. Man sehe genau hin, was für einen Menschen ich
gezeichnet habe, witzig, gelöst, human, gewiß, doch im
1 Theo Lingen (1903-78), deutscher Film- und Bühnenschauspieler; Komi- letzten ein Mensch, der mit äußerster Härte und Rück-
ker. sichtslosigkeit vorgeht und nicht davor zurückschreckt,
80 v. Außerungen Dürrenmatts zu seinem Stück 1. »Anmerkungen I-IV« und »Zehn Paragraphen« ' 81

auch von andern Absolutheit zu verlangen, ein gefähr- manen kommen. Dies sei gelegentlich zur Nachahmung
licher Bursche, der sich auf den Tod hin angelegt hat; das empfohlen.
ist das Schreckliche dieses kaiserlichen Hühnerzüchters, Ich will mich präzisieren. Ich klage nicht den Staat, der
dieses als Narr verkleideten Weltenrichters, dessen Tragik recht, sondern den Staat an, der unrecht hat. Das ist ein
gen au in der Komödie seines Endes, in der Pensionierung Unterschied. Ich bitte, den Staaten scharf auf die Finger zu
liegt, der dann aber - und nur dies macht ihn groß - die sehen, und sehe ihnen scharf auf die Finger. Es ist nicht ein
Einsicht und die Weisheit hat, auch sie zu akzeptieren. Stück gegen den Staat, aber vielleicht eins gegen den Groß-
Friedrich Dürrenmatt: Werkausgabe in dreißig staat. Man wird meine Worte sophistisch nennen. Das sind
Bänden. Hrsg. in Zsarb. mit dem Autor. [In diesem s~e nicht. Dem Staat gegenüber soll man zwar klug wie
und im folgenden Kapitel zit. als: WA.] Bd. 2. Zü-
eme Schlange, aber um Gottes willen nicht sanft wie eine
rich: Diogenes Verlag, 1980. S. 119 f. - © Diogenes
Verlag AG, Zürich.
Taube sein.
Es handelt sich nur um Binsenwahrheiten. Aber heute ist
eine Zeit, in der es leider nur noch um Binsenwahrheiten
Anmerkung 11 geht. Tiefsinn ist Luxus geworden. Das ist das etwas Pein-
zu »Romulus der Große« liche unserer Situation und die besondere Schwierigkeit,
sich schriftstellerisch mit ihr auseinanderzusetzen. Ich will
Romulus Augustus war 16, als er Kaiser wurde, 17, als er nicht unsere Mängel mit der Zeit ausreden, doch sollte
abdankte und in die Villa des Lukull nach Champanien auch die Zeit uns ausreden lassen. Sie fährt uns aber immer
zog. Die Pension betrug 6000 Goldmünzen, und seine wieder mit ihren Handlungen über den Mund. Wir haben
Lieblingshenne soll Roma geheißen haben. Das ist das es nicht leicht.
Historische. Die Zeit nannte ihn Augustulus, ich machte Ebd. S. 120f.
ihn zum Mann, dehnte seine Regierungszeit auf 20 Jahre
aus und nenne ihn den >Großen<.
Es ist vielleicht wichtig, daß man mich gleich versteht: Es Anmerkung III
geht mir nicht darum, einen witzigen Mann zu zeigen. zu »Romulus der Große«
Hamlets Wahnsinn ist das rote Tuch, hinter dem sich der Bevor ich den Romulus schrieb, hatte ich mich monatelang
Degen verbirgt, der Claudius gilt, Romulus gibt einem mit dem Turmbau zu Babel herumgeschlagen und eben
Weltreich den Todesstoß, das er mit seinem Witz hinhält. den vierten Akt begonnen, als ich das Manuskript ver-
Auch lockte es mich, einmal einen Helden nicht an der . brannte. Ich stand ohne Stück da, doch hatte das Basler
Zeit, sondern eine Zeit an einem Helden zugrunde gehen Theater den Turmbau zu Babel schon geplant, Horwitz
zu lassen. Ich rechtfertige einen Landesverräter. Nicht ei- erwartete von mir ein Stück.
nen von denen, die wir an die Wand stellen mußten, aber Der Zufall kam mir zu Hilfe. Ich hatte eine Novelle
einen von denen, die es nie gibt. Kaiser rebellieren nicht, St~indbergs gelese?, »Attila«. Am Schluß dieser Erzählung
wenn ihr Land unrecht hat. Sie überlassen dies den Laien Wird von der Heimkehr zweier Männer nach dem Tode
und nennen es Landesverrat, denn der Staat fordert immer Attilas berichtet, eines Römers und eines Fürsten der
Gehorsam. Aber Romulus rebelliert. Auch wenn die Ger- Rugier, und dann schließt Strindberg: »Später erneuerten
82 . v. Äußerungen Dürrenmatts zu seinem Stück 1. »Anmerkungen I-IV« und »Zehn Paragraphen « 83

sie die Bekanntschaft, aber unter anderen und größeren Anmerkung IV


Verhältnissen, denn Edekos Sohn war Odoaker, der den zu »Romulus der Große«
Sohn Orestes stürzte, und der war kein anderer als der
letzte Kaiser Romulus Augustus. Er hieß sonderbarer- Romulus der Große wurde von mir 1957 für das Schau-
weise Romulus, wie Roms erster König, und Augustus, spielhaus Zürich neu bearbeitet, wobei ich besonders den
viert~n Akt umgestaltete. Doch scheint mir die Urfassung
wie der erste Kaiser. Und er beschloß sein Leben als Ver-
abschiedeter, mit einer Pension von sechstausend Gold- des vIe~en ~ktes wert~ nich~ ganz in Vergessenheit zu ge-
~aten; sie seI deshalb hIer WIedergegeben. Er erweckte, als
münzen, in einer Villa in Campanien, die vorher Lucullus
Ihn das Basler Theater in Stuttgart spielte, erheblichen
besessen hatte. «
Wir wohnten damals in einem Weinbauernhaus, jeden Pr.otest .. Besonders Odoakers Ankündigung: »Ich kehre
Abend holte ich im Bauernhaus, das jenseits der Straße in mit melOen hunderttausend Soldaten im Trauermarsch
einer Wiese lag, Milch. Es war ein Wintermonat, Dezem- nach G~rmanien zurück und klettere mit meinem ganzen
ber oder Januar, und ich holte die Milch in tiefer Dunkel- Volk ".'Ieder auf die Bäume« stieß auf laute Mißbilligung.
heit, doch kannte ich auch so den Weg. Während des Zu m~lOem Er~taunen sah ich auf meiner folgenden aben-
Milchholens nun, die fünfzig Meter hin, während des kur- teuerltchen ReIse Carossas3 Rat: »Kehrt wieder zurück in
zen Gesprächs mit dem Bauern, darauf während der fünf- die heiligen :x'älder? lernt wieder den alten Gesang« als
zig Meter, die ich zurücklegen mußte, um heimzukehreri, Spruchband uber elOe Straße gespannt. Wenn zwei das
konzipierte ich die ganze Komödie, in der Weise, daß mir gleiche schreiben ...
Ebd . S. 123.
als erstes die Schlußsätze jedes Aktes klar wurden: »Rom
hat einen schändlichen Kaiser.« »Dieser Kaiser muß weg.«
»Wenn dann die Germanen da sind, sollen sie hereinkom- Zehn Paragraphen zu »Romulus der Große«
men. « »Damit hat das römische Imperium aufgehört zu §1
existieren.« Auf diesen vier Schlußsätzen konstruierte sich Der Verfasser ist kein Kommunist, sondern Berner.
die Handlung wie von selbst.
§2
Strindberg verdanke ich deshalb zwei Stücke, den Romulus
Der Verfasser ist von Natur aus gegen die Weltreiche.
und Play Strindberg. Dazu kam, daß ich vor dem Romulus
Fontanes »Der Stechlin«2 gelesen hatte: Auch der alte §3
Dubslav von Stechlin, eine meiner Lieblingsfiguren, ist ein Romulus, Zeno der Isaurier und Odoaker sind historische
geistiger Vater meines letzten Kaisers von Rom gewor- Persönlichkeiten.
den. §4
Ebd. S. 122f. Ebenso die Schwiegermutter Verina.
§5
Dagegen war Romulus fünfzehn, als er Kaiser wurde und
sechzehn, als er Kaiser gewesen war. '

2 Theodor Fontanes Roman »Der Stechlin« erschien 1899. 3 Hans Carossa (1878-1956). deutscher Schriftsteller.
84 v. Äußerungen Dürrenmatts zu seinem Stück 2. Aus: »Friedrich Dürrenmatt interviewt F. D. « 85

§6 Lucullus besessen hatte.< Die absurde Diskussion, die in


Der Feldherr Orestes war eigentlich sein Vater. Deutschland schon aufkam, ob die Attentäter vom 20. Juli
1944 Landesverräter gewesen seien oder nicht, brachte
§7 F. D. auf die Idee, den letzten Kaiser Westroms, >Romulus
Zwar haben römische Soldaten schon Jahrhunderte vorher Augustulus<, ein fünfzehnjähriges Unschuldslamm, in ei-
in Germanien Hosen getragen. nen mehr als fünfzigjährigen Landesverräter auf dem
§8 Thron zu verwandeln, der sein Reich den Germanen aus-
Schon Nero soll ein Monokel gehabt haben. liefert, weil er nicht mehr an das Recht des römischen Im-
periums glaubt, sich zu verteidigen. Wie Hamlet den
§9 Wahnsinnigen spielt, spielt Romulus den >schlechten< Kai-
Romulus und Julia. ser. Dominiert Romulus in der ersten Fassung absolut,
§ 10 setzt ihm F. D. in der 1957 geschriebenen zweiten Fassung
Spargelwein wurde aus Spargelwurzeln gewonnen. im vierten Akt seine dialektische Gegenfigur entgegen:
Ebd. S. 124. Odoaker; in der ersten Fassung eine der komödiantischen
Gestalten der Handlung, ist er nun - 'im Gegensatz zu Ro-
mulus, der an das Recht glaubt, ein Weltreich zu vernich-
ten - jener, der nicht an das Recht glaubt, ein Weltreich zu
2. Aus: »Friedrich Dürrenmatt interviewt F. D.« errichten. Romulus verdammt die Vergangenheit, Odoaker
fürchtet die Zukunft, aber beide müssen als Politiker han-
Als Beitrag zu einer Festschrift des Basler Theaterverlags deln: Romulus liquidiert das weströmische, Odoaker er-
Reiss zum 60. Geburtstag DÜRRENMATIS äußerte dieser richtet das germanische Imperium und ruft einen ge-
sich 1980 in einem >Selbstinterview< zu seinen Komödien. schichtslosen "Frieden aus, der nur einige wenige Jahre
Über den »Romulus« heißt es: dauern kann, da hinter beiden, Romulus und Odoaker, der
»Romulus der Große ist F. D's erste Komödie. Er schrieb Henker beider lauert: Theoderich. In dieser zweiten Fas-
sie im Winter 1948/49. Den Stoff fand er angedeutet in der sung wird F. D's dramaturgische Neigung deutlich: die
Novelle Strindbergs, Attila, die endet: >Orestes und Edeko Personen seiner Komödie vor einen tragischen Hinter-
reisten am selben Morgen; und sie vergaßen niemals diese grund zu setzen, sie gleichsam tragisch zu grundieren.
Hochzeit, die sie zum ersten Male zusammengeführt hatte. Seine Menschen werden in einigen Komödien durch ihr
Später erneuerten sie die Bekanntschaft, aber unter andern Denken gerechtfertigt und durch ihr Schicksal zwar gefällt,
und größeren Verhältnissen. Denn Edekos Sohn war Odo- aber nicht widerlegt, oder aber, in anderen Komödien,
aker, der den Sohn des Orestes stürzte, und der war kein durch ihr Schicksal ad absurdum geführt. Romulus gehört
anderer als der letzte Kaiser Romulus Augustus. Er hieß ~er ersten Gattung an. Romulus' Heiterkeit liegt in seiner
sonderbarer Weise Romulus, wie Roms erster König, und Uberzeugung, Odoaker werde ihn töten; er opfert Rom,
Augustus, wie der erste Kaiser. Und er beschloß sein Le- weil er sich selbst opfern will, aber er opfert unfreiwillig
ben als Verabschiedeter, mit einer Pension von sechstau- jene, die fliehen und die er hätte retten wollen; und indem
send Goldmünzen, in einer Villa in Campanien, die vorher ihn Odoaker pensioniert, wird er, der vorher komisch tra-
86 V. Äußerungen Dürrenmatts zu seinem Stück

gisch war, tragisch komisch. Nicht umsonst gab F. D. auf VI. Texte zur Diskussion:
meine Frage, warum er seine Stücke Komödien nenne, zur Zur Dramaturgie Friedrich Dürrenmatts
Antwort: >Stücke sind wie ein rollender Ball: die eine
Hälfte bezeichnet die Ästhetik als Tragödie, die andere als
Komödie. Da bei einem rollenden Ball nicht auszumachen 1. Dürrenmatts Korriödienbegriff: Über Einfall und
ist, welche Hälfte oben und welche unten ist, nenne ich Distanz; Zufall und schlimmstmägliche Wendung
meine Stücke eben Komödien.<<<
WA xxv. S. 143-145.
In seinem Vortrag »Theaterprobleme« (1954) führt DÜR-
REN MATT aus:
»Doch die Aufgabe der Kunst, soweit sie überhaupt eine
Aufgabe haben kann, und somit die Aufgabe der heutigen
Dramatik ist, Gestalt, Konkretes zu schaffen. Dies vermag
vor allem die Komödie. Die Tragödie, als die gestrengste
Kunstgattung, setzt eine gestaltete Welt voraus. Die Ko-
mödie - sofern sie nicht Gesellschaftskomödie ist wie bei
Moliere! - eine ungestaltete, im Werden, im Umsturz be-
griffene, eine Welt, die am Zusammenpacken ist wie die
unsrige. Die Tragödie überwindet die Distanz. Die in
grauer Vorzeit liegenden Mythen macht sie den Athenern
zur Gegenwart. Die Komödie schafft Distanz, den Versuch
der Athener, in Sizilien Fuß zu fassen, verwandelt sie in
das Unternehmen der Vögel, ihr Reich zu errichten, vor
dem Götter und Menschen kapitulieren müssen. Wie die
Komödie vorgeht, sehen wir schon in der primitivsten
Form des Witzes, in der Zote, in diesem . gewiß bedenk-
lichen Gegenstand, den ich nur darum zur Sprache bringe,
weil er am deutlichsten illustriert, was ich Distanz schaffen
nenne. Die Zote hat zum Gegenstand das rein Geschlecht-
liche, das darum, weil es das rein Geschlechtliche ist, auch
gestaltlos, distanzlos ist und, will es Gestalt werden, eben
Zote wird. Die Zote ist darum eine U rkomödie, ein Trans-
ponieren des Geschlechtlichen auf die Ebene des Komi-
schen, die einzige Möglichkeit, die es heute gibt, anständig

1 Eigtl. Jean-Baptiste Poquelin (1622-73), französischer Komödiendichter.


88 V I. Texte zur Diskussion 1. Dürrenmatts Komädienbegriff 89
2
darüber zu reden, seit die Van de Veldes hochgekommen tung, als religiöse Tat. Uns kommt nur noch die Komödie
sind. In der Zote wird deutlich, daß das Komische darin bei. Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt wie zur
besteht, das Gestaltlose zu gestalten, das Chaotische zu Atombombe, wie ja die apokalyptischen Bilder des Hiero-
formen. nymus Bosch 3 auch grotesk sind. Doch das Groteske ist
Das Mittel nun, mit dem die Komödie Distanz schafft, ist nur ein sinnlicher Ausdruck, ein sinnliches Paradox, die
der Einfall. Die Tragödie ist ohne Einfall. Darum gibt es Gestalt nämlich einer Ungestalt, das Gesicht einer ge-
auch wenige Tragödien, deren Stoff erfunden ist. Ich will sichtslosen Welt, und genau so wie unser Denken ohne den
damit nicht sagen, die Tragödienschreiber der Antike hät- Begriff des Paradoxen nicht mehr auszukommen scheint,
ten keine Einfälle gehabt, wie dies heute etwa vorkommt, so auch die Kunst, unsere Welt, die nur noch ist, weil die
doch ihre unerhörte Kunst bestand darin, keine nötig zu Atombombe existiert: aus Furcht vor ihr.
haben. Das ist ein Unterschied. Aristophanes dagegen lebt Doch ist das Tragische immer noch möglich, auch wenn
vom Einfall. Seine Stoffe sind nicht Mythen, sondern er- die reine Tragödie nicht mehr möglich ist. Wir können
fundene Handlungen, die sich nicht in der Vergangenheit, das Tragische aus der Komödie heraus erzielen, hervor-
sondern in der Gegenwart abspielen. Sie fallen in die Welt bringen als einen schrecklichen Moment, als einen sich öff-
wie Geschosse, die, indem sie einen Trichter aufwerfen, die nenden Abgrund, so sind ja schon viele Tragödien Shake-
Gegenwart ins Komische, aber dadurch auch ins Sichtbare speares Komödien, aus denen heraus das Tragische auf-
verwandeln. Das heißt nun nicht, daß ein heutiges Drama steigt. [...]
nur komisch sein könne. Die Tragödie und die Komödie Endlich: Durch den Einfall, durch die Komödie wird das
sind Formbegriffe, .?ramaturgische Verhaltensweisen, fin- anonyme Publikum als Publikum erst möglich, eine Wirk-
gierte Figuren der Asthetik, die Gleiches zu umschreiben lichkeit, mit der zu rechnen, die aber auch zu berechnen
vermögen. Nur die Bedingungen sind anders, unter denen ist. Der Einfall verwandelt die Menge der Theaterbesucher
sie entstehen, und diese Bedingungen liegen nur zum klei- besonders leicht in eine Masse, die nun angegriffen, ver-
neren Teil in der Kunst. führt, überlistet werden kann, sich Dinge anzuhören, die
Die Tragödie setzt Schuld, Not, Maß, Übersicht, Verant- sie sich sonst nicht so leicht anhören würde. Die Komödie
wortung voraus. In der Wurstelei unseres Jahrhunderts, in ist eine Mausefalle, in die das Publikum immer wieder ge-
diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es keine Schuldigen rät und immer noch geraten wird. Die Tragödie dagegen
und auch keine Verantwortlichen mehr. Alle können nichts setzt eine Gemeinschaft voraus, die heute nicht immer
dafür und haben es nicht gewollt. Es geht wirklich ohne je- ohne Peinlichkeit als vorhanden fingiert werden kann: es
den. Alles wird mitgerissen und bleibt in irgendeinem Re- gibt nichts Komischeres etwa, als in den Mysterienspielen
chen hängen. Wir sind zu kollektiv schuldig, zu kollektiv der Anthroposophen· als Unbeteiligter zu sitzen.
gebettet in die Sünden unserer Väter und Vorväter. Wir WA XXIV. S. 20f., 24f., 60-64.
sind nur noch Kindeskinder. Das ist unser Pech, nicht un-
sere Schuld: Schuld gibt es nur noch als persönliche Leis-
2 Theodor Hendrik van de Velde (1873-1937), niederländischer Frauenarzt 3 Hieronymus Bosch (um 1450-1516), niederländischer Maler.
und Sexualforscher, berühmt geworden durch sein Buch »Die vollkom- 4 Vertreter der von Rudolf Stein er (1861-1925) begründeten Lehre vom
mene Ehe. (1926), das vi ele Auflagen erl ebte. Menschen in seiner Beziehung zur übersinnlichen Welt.
90 VI. Texte zur Diskussion 1. Dürrenmatts Komödienbegriff 91

In der Erzählung »Die Panne« (1955) entwickelt DÜRREN- »Nein,ich ärgere mich vielmehr über die Handlung in eu-
MATT geradezu eine Art >Dramaturgie der Panne<: ren Romanen. Hier wird der Schwindel zu toll und zu un-
verschämt Ihr baut eure Handlungen logisch auf; wie bei
»Das Schicksal hat die Bühne verlassen, auf der gespielt einem Schachspiel geht es zu, hier der Verbrecher, hier das
wird um hinter den Kulissen zu lauern, außerhalb der Opfer, hier der Mitwisser, hier der Nutznießer; es genügt,
gülti~en Dramaturg.ie, im. Vor?ergrund wird al~es z~m daß der Detektiv die Regeln kennt und die Partie wieder-
Unfall die KrankheIten, dIe Knsen. Selbst der Kneg wIrd holt, und schon hat er den Verbrecher gestellt, der Gerech-
abhän~ig davon, ob die Elektronen-Hirne sein Rentieren tigkeit zum Siege verholfen. Diese Fiktion macht mich
voraussagen, doch wird di~s nie der ~all. sein, weiß man, wütend. Der Wirklichkeit ist mit Logik nur zum Teil bei-
gesetzt die Rechenmaschmen funkuomeren, nur noch zukommen. Dabei, zugegeben, sind gerade wir von der
Niederlagen sind mathematisch denk~)ar;.we~e n~r, ~enn Polizei gezwungen, ebenfalls logisch vorzugehen, wissen-
Fälschungen stattfinden, ~erbote~e Em~n~fe 10 dI~ ku~.st­ schaftlich; doch die Störfaktoren, die uns ins Spiel pfu-
lichen Hirne doch auch dIes wemger pemhch als dIe Mog- schen, sind so häufig, daß allzu oft nur das reine Berufs-
lichkeit daß eine Schraube sich lockert, eine Spule in glück und der Zufall zu unseren Gunsten entscheiden.
Unord~ung gerät, ein Taster falsch reagiert, Weltunterga~g Oder zu unseren Ungunsten. Doch in euren Romanen
aus technischem Kurzschluß, Fehlschaltung. So droht kem spielt der Zufall keine Rolle, und wenn etwas nach Zufall
Gott mehr, keine Gerechtigkeit, kein Fatum wie in der aussieht, ist es gleich Schicksal und Fügung gewesen;
fünften Symphonie, sond.ern Verkeh.rsun~älle, Deichbrü- die Wahrheit wird seit jeher von euch Schriftstellern den
che infolge Fehlkonstruktion, ExplOSIOn emer Atombom- dramaturgischen Regeln zum Fraße hingeworfen. Schickt
benfabrik, hervorgerufen durch einen zerstreuten Labo- diese Regeln endlich zum Teufel. Ein Geschehen kann
ranten, falsch eingestellte Brutmaschinen .. In diese Welt der schon allein deshalb nicht wie eine Rechnung aufgehen,
Pannen führt unser Weg, an dessen staubIgem Ran~e nebst weil wir nie alle notwendigen Faktoren kennen, sondern
Reklamewänden für Bally-Schuhe, Studebaker, EIscreme nur einige wenige, meistens recht nebensächliche. Auch
und den Gedenksteinen der Verunfallten sich noch einige spielt das Zufällige, Unberechenbare, Inkommensurable
mögliche Geschichten ergeben, indem aus einem D~tze~d­ eine zu große Rolle. Unsere Gesetze fußen nur auf Wahr-
gesicht die Menschheit blickt, Pech sich o~ne ~bsl~ht lOS scheinlichkeit, auf Statistik, nicht auf Kausalität, treffen nur
Allgemeine weitet, Gericht und ~e~echtlgkeit slchtb~r im allgemeinen zu, nicht im besonderen. Der Einzelne
werden, vielleicht auch Gnade, zufalhg aufgefangen, WI- steht außerhalb der Berechnung. Unsere kriminalistischen
dergespiegelt vom Monokel eines Betrunkenen.« Mittel sind unzulänglich, und je mehr wir sie ausbauen,
WA xx. $.39. desto unzulänglicher werden sie im Grunde. Doch ihr von
der Schriftstellerei kümmert euch nicht darum. Ihr ver-
In DÜRRENMATTS Kriminalroman »Das Versprechen« sucht nicht, euch mit einer Realität herumzuschlagen, die
(1958) stellt Dr. H., der Kommandant der Kantonspolizei sich uns immer wieder entzieht, sondern ihr stellt eine Welt
Zürich, der Logik des traditionellen Kriminalromans den auf, die zu bewältigen ist. Diese Welt mag vollkommen
Zufall entgegen: sein, möglich, aber sie ist eine Lüge. Laßt die Vollkommen-
heit fahren, wollt ihr weiterkommen, zu den Dingen, zu
92 VI. Texte zur Diskussion 1. Dürrenmatts Komödienbegriff 93

der Wirklichkeit, wie es sich für Männer schickt, sonst kommenheit wäre seine tödliche Lüge und ein Zeichen der
bleibt ihr sitzen, mit nutzlosen Stilübungen beschäftigt.« schrecklichsten Blindheit.«
WA XXII. S. 18f., 145f.
»Denn gerade dadurch, daß es nun eben diese grausige
Pointe leider Gottes gibt, als das Unvorauszuberechnende, Anläßlich seines Dramas »Die Physiker« schrieb DÜRREN-
als das Zufällige, wenn Sie wollen, werden seine [des Kri- MAlT für den Sammelband »Komödien 11« (Zürich, Verlag
minalkommissars Dr. Matthäi] Genialität, sein Planen und der Arche, 1962) einige Thesen zu seiner Dramaturgie nie-
Handeln nachträglich um so schmerzlicher ad absurdum der.
geführt, als dies vorher der Fall war, da er nach der Mei-
21 Punkte zu den Physikern
nung der Kasernenstraße irrte: Nichts ist grausamer als ein
1
Genie, das über etwas Idiotisches stolpert. Doch hängt bei
Ich gehe nicht von einer These, sondern von einer Ge-
einem solchen Vorkommnis alles davon ab, wie sich nun
schichte aus.
das Genie zu dem Lächerlichen stellt, über das es fiel, ob
es dieses hinnehmen kann oder nicht. Matthäi konnte es 2
nicht akzeptieren. Er wollte, daß seine Rechnung auch in Geht man von einer Geschichte aus, muß sie zu Ende ge-
der Wirklichkeit aufgehe. Er mußte daher die Wirklichkeit dacht werden.
verleugnen und im Leeren münden. So endet denn meine
3
Erzählung auf eine besonders triste Weise, es ist eigentlich
Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre
geradezu die banalste aller möglichen >Lösungen< einge-
schlimmstmögliche Wendung genommen hat.
treten. Nun, das gibt es eben bisweilen. Das Schlimmste
trifft auch manchmal zu. Wir sind Männer, haben damit zu 4
rechnen, uns dagegen zu wappnen und uns vor allem klar Die schlimmstmögliche Wendung ist nicht voraussehbar.
darüber zu werden, daß wir am Absurden, welches sich Sie tritt durch Zufall ein.
notwendigerweise immer deutlicher und mächtiger zeigt,
5
nur dann nicht scheitern und uns einigermaßen wohnlich
Die Kunst des Dramatikers besteht darin, in einer Hand-
auf dieser Erde einrichten werden, wenn wir es demütig in
lung den Zufall möglichst wirksam einzusetzen.
unser Denken einkalkulieren. Unser Verstand erhellt die
Welt nur notdürftig. In der Zwielichtzone seiner Grenze 6
siedelt sich alles Paradoxe an. Hüten wir uns davor, diese Träger einer dramatischen Handlung sind Menschen.
Gespenster >an sich< zu nehmen, als ob sie außerhalb
7
des menschlichen Geistes angesiedelt wären, oder, noch
Der Zufall in einer dramatischen Handlung besteht darin,
schlimmer: Begehen wir nicht den Irrtum, sie als einen ver-
wann und wo wer zufällig wem begegnet.
meidbaren Fehler zu betrachten, der uns verführen
könnte, die Welt in einer Art trotziger Moral hinzurichten, 8
unternähmen wir den Versuch, ein fehlerloses Vernunftge- Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer
bilde durchzusetzen, denn gerade seine fehlerlose Voll- vermag sie der Zufall zu treffen.
94 VI. Texte zur Diskussion 1. Dürrenmatts Komädienbegriff 95

9 Zu seinem Drama »Die Wiedertäufer« 1967) verfaßte


Planmäßig vorgehende Menschen wollen ein bestimmtes DÜRRENMATT »Dramaturgische Überlegungen«, in denen
Ziel erreichen. Der Zufall trifft sie dann am schlimmsten, er einleitend verschiedene Formen der Dramatisierung ei-
wenn sie durch ihn das Gegenteil ihres Ziels erreichen: nes Stoffs anhand eines »Modells Scott« skizziert:
Das, was sie befürchten, was sie zu vermeiden suchten »Shakespeare hätte das Schicksal des unglücklichen Robert
,(z. B. Oedipus). Falcon Scotr doch wohl in der Weise dramatisiert, daß der
10 tragische Untergang des großen Forschers durchaus dessen
Eine solche Geschichte ist zwar grotesk, aber nicht absurd Charakter entsprungen wäre, Ehrgeiz hätte Scott blind ge-
(sinnwidrig). gen die Gefahren der unwirtlichen Regionen gemacht, in
die er sich wagte, Eifersucht und Verrat unter den anderen
11
Expeditionsteilnehmern hätten das Übrige hinzugetan, die
Sie ist paradox.
Katastrophe in Eis und Nacht herbeizuführen; bei Brecht
12 wäre die Expedition aus wirtschaftlichen Gründen und
Ebensowenig wie die Logiker können die Dramatiker das Klassendenken gescheitert, die englische Erziehung hätte
Paradoxe vermeiden. Scott gehindert, sich Polarhunden anzuvertrauen, er hätte
13 zwangsläufig standesgemäße Ponys gewählt, der höhere
Ebensowenig wie die Logiker können die Physiker das Preis wiederum dieser Tiere hätte ihn genötigt, an der
Paradoxe vermeiden. Ausrüstung zu sparen; bei Beckett6 wäre der Vorgang auf
das Ende reduziert, Endspiel, letzte Konfrontation, schon
[ ... ]
in einen Eisblock verwandelt, säße Scott anderen Eisblö-
17 cken gegenüber, vor sich hinredend, ohne Antwort von
Was alle angeht, können nur alle lösen. seinen Kameraden zu erhalten, ohne Gewißheit, von ihnen
18 noch gehört zu werden.
Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle Doch wäre auch eine Dramatik denkbar, die Scott beim
angeht, muß scheitern. Einkaufen der für die Expedition benötigten Lebensmittel
aus Versehen in einen Kühlraum einschlösse und in ihm
19
Im Paradoxen erscheint die Wirklichkeit. erfrieren ließe. Scott, gefangen in den endlosen Gletschern
der Antarktis, entfernt durch unüberwindliche Distanzen
20 von jeder Hilfe, Scott, wie gestrandet auf einem anderen
Wer dem Paradoxen gegenübersteht, setzt sich der Wirk- Planeten stirbt tragisch, Scott, eingeschlossen in den Kühl-
lichkeit aus. raum durch ein läppisches Mißgeschick, mitten in einer
21 Großstadt, nur wenige Meter von einer belebten Straße
Die Dramatik kann den Zuschauer überlisten, sich der
Wirklichkeit auszusetzen, aber nicht zwingen, ihr stand- 5 Roben Falcon Scott (1868-1912), englischer Polarforscher, der bei einer
Expedition zum Südpol auf dem Rückweg mit seinen Begleitern umkam.
zuhalten oder sie gar zu bewältigen. 6 Samuel Beckett (1906-1989), irischer Schriftsteller.
WA VII. S. 91-93.
96 VI. Texte zur Diskussion 2. Der mutige Mensch 97
entfernt, zuerst beinahe höflich an die Kühlraumtüre sollen wir die Welt nicht zu retten suchen sondern zu be-
klopfend, rufend, wartend, sich eine Zigarette anzündend, st~?en, da.s einzige wahrhafte Abenteuer, das uns in dieser
es kann ja nur wenige Minuten dauern, dann an die Türe spaten Zeit noch bleibt.«<
polternd, darauf schreiend und hämmernd, immer wieder, WA XIX S. 264.
während sich die Kälte eisiger um ihn legt, Scott, herumge-
hend, um sich Wärme zu verschaffen, hüpfend, stampfend,
Auch i.~ seinem Vo~rag »Theaterprobleme« (1954) behan-
turnend, radschlagend, endlich verzweifelt Tiefgefrorenes delt DURRENMATI dIe Frage des >mutigen Menschen<:
gegen die Türe schmetternd, Scott, wieder innehaltend, im
Kreise herumzirkelnd auf kleinstem Raum, schlotternd, »Nun liegt der Schluß nahe, die Komödie sei der Aus-
zähneklappernd, zornig und ohnmächtig, dieser Scott druck der Verzweiflung, doch ist dieser Schluß nicht zwin-
nimmt ein noch schrecklicheres Ende, und deshalb ist Ro- gend. ~ewiß, wer das Sinnlose, das Hoffnungslose dieser
bert Falcon Scott im Kühlraum erfrierend ein anderer als ~elt sI~ht, kann v~rzweifeln, doch ist diese Verzweiflung
Robert Falcon Scott erfrierend in der Antarktis, wir spü- mcht eIne Folge dIeser Welt, sondern eine Antwort die
ren es, dialektisch gesehen ein anderer, aus einer tragischen man auf diese Welt gibt, und eine andere Antwort ~äre
Gestalt ist eine komische Gestalt geworden, komisch nicht das Nichtverzweifeln, der Entschluß etwa die Welt zu be-
wie einer, der stottert, oder wie einer, der vom Geiz oder stehen, in d~r wir oft leben wie Gulliver dnter den Riesen.
von der Eifersucht überwältigt worden ist, eine Gestalt, Auch der mmmt Distanz, auch der tritt einen Schritt zu-
komisch allein durch ihr Geschick: Die schJimmstmögliche rück, der. s~inen Gegner einschätzen will, der sich bereit
Wendung, die eine Geschichte nehmen kann, ist die Wen- ?1 acht, mit Ih~ z~ kämpfen ~der ihm zu entgehen. Es ist
dung in die Komödie.« WA X. S. 127f. lIl~me~ noch mogItch, de.n mutlg~n Menschen zu zeigen.
DI.es 1st denn au~? emes memer Hauptanliegen. Der
BI.lßde, Romulus, Ubelohe, Akki sind mutige Menschen.
DIe verlorene Weltordnung wird in ihrer Brust wieder
2. Der mutige Mensch hergestellt, das Allgem~ine. en~geht meinem Zugriff. Ich
lehne es ab, das Allgememe m ewer Doktrin zu finden ich
In DÜRRENMATIS Kriminalroman »Der Verdacht« (1951) n~hme es als Chaos hin. Die Welt (die Bühne somit: die
sagt der Jude Gulliver zu dem Kriminalkommissar Bär- dIes~ We~~ bedeutet) st:ht für mich als ein Ungeheures da,
lach: als ew Ratsel an UnheIl, das hingenommen werden muß
>>>Wir können als einzelne die Welt nicht retten, das wäre ~or d.~m es jedoch kein Kapitulieren geben darf. Die Wel;
eine ebenso hoffnungslose Arbeit wie die des armen Sisy- 1st gr<?ßer denn der Mensch, zwangsläufig nimmt sie so be-
phos; sie ist nicht in unsere Hand gelegt, auch nicht in die drohlIche Züge an, die von einem Punkt außerhalb nicht
Hand eines Mächtigen oder eines Volkes oder in die des bedrohlich wären, doch habe ich kein Recht und keine Fä-
Teufels, der doch am mächtigsten ist, sondern in Gottes ?igkeit, mich außerhalb zu stellen. Trost in der Dichtung
Hand, der seine Entscheide allein fällt. Wir können nur im 1st oft nur allzu billig, ehrlicher ist es wohl den mensch-
einzelnen helfen, nicht im gesamten, die Begrenzung des lichen Blickwinkel beizubehalten.« '
armen Juden Gulliver, die Begrenzung aller Menschen. So WA XXIV. S. 63 f.
VII. Literaturhinweise 99

VII. Literaturhinweise (Hrsg): Über Fri~drich Dürrenmatt. Essays und Zeugnisse von
Gottfned Benn biS Saul BeJlow. 4. verb. und erw. Auf!. Zürich
1990. (Friedrich Dürrenmatt: Werkausgabe in dreißig Bänden.
1. Ausgaben Bd. 30.) S. 469-523.
Wilbert-Collins, Elly: [Friedrich Dürrenmatt.] In: E. w.-C.: A
»Romulus der Große. Eine ungeschichtliche Komödie in vier Ak- Bibliography of Four Contemporary German-Swiss-Authors.
ten« erschien in folgenden Fassungen und Ausgaben: Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Robert Walser, Albin Zollin-
ger. The authors' publications and the Iiterary criticism relating
[Erste Fassung von 1949:] Basel: Reiss Bühnenvertrieb, 1956. (Ty- to their works. Bem 1967. S. 13-32.
poskript.] ...
[Zweite Fassung von 1956:] Zunch: Verlag der Arche, 1958.
[Dritte Fassung von 1961:] Zürich: Verlag der Arche, 1961. - Auch b) Zu Autor und Werk allgemein
in: Spectaculum IV. Sechs moderne Theaterstücke. Frankfurt a. M.: Allemann, Beda: Die Stniktur der Komödie bei Frisch und Dür-
Suhrkamp, 1961. S. 81-133. renmatt. In: Hans Steffen (Hrsg.): Das deutsche Lustspiel. Tl. 2.
[Vierte Fassung von 1963:] Zür.ich: Verlag der Arche, 1964. Göttingen 1969. S.200-217.
[Fünfte Fassung von 1980:] Zünch: Verlag der Arche, 1980. (Wer~­ Arnold, Armin: Friedrich Dürrenmatt. Berlin 1969. 5. erg. Auf!.
ausgabe. Bd. 2.) - Das~.: Friedrich. Dürrenmatt: We~kausgabe 10 1986. (Köpfe des 20. Jahrhunderts. 57.) - Rev. engl. Ausg. New
dreißig Bänden. Hrsg. 10 Zsarb. mit dem Autor. [DIese Ausgabe York 1972.
wird zitiert als: WA.] Bd. 2. Zürich: Diogenes Verlag, 1980. Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Friedrich Dürrenmatt I. München
Neben deutschsprachigen Schul ausgaben (besorgt von S. A. M. 1976,21980 (text + kritik. 50/51.)
Gaastra, Amsterdam 1961, l1966; Hugh F. Garten, Boston 1962) - (Hrsg.): Friedrich Dürrenmatt H. München 1977,21984. (text +
erschienen Übersetzungen ins Englische (London 1964; New Y?rk kritik. 56.)
1965), Französische (Paris 1961) und Portugiesisc~e (Buenos Alf~s - Friedrich Dürrenmatt. Gespräch mit Heinz Ludwig Arnold.
1960). Außerdem erschien eine Broadway-Bearbeitung des amen- Zürich 1976.
kanischen Schriftstellers Gore Vidal (New York 1962, 1966). Badertscher, Hans: Dramaturgie als Funktion der Ontologie. Eine
U~tersuchung zu Wesen und Entwicklung der Dramaturgie
Fnedrich Dürrenmatts. BernlStuttgart 1979. (Sprache und Dich-
2. Forschungsliteratur tung. N. F. 27.)
Bänziger, Hans: Frisch und Dürrenmatt. Bem/München 1960.
a) Bibliographien 71976.
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Auch (u. d. T.: Friedrich Dürrenmatt: »Romulus der Große«) in: VI liegt beim Diogenes Verlag, Zürich.
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sionismus bis zur Gegenwart. Bamberg 1970. 21972. S. 182-198. Hier ist der Verlag bereit, nach Anforderung rechtmäßige Ansprü-
- Erw. Ausg. 41977. S. 224-240. che abzugelten.