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Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht

methodischer Pluralismus, z.B.

- analytisch orientierte Konzepte (z.B. „Textnahes Lesen“)


- Handlungs- und produktionsorientierte Konzepte
- Spiel- und theaterpädagogische Konzepte
- Medienintegrative Konzepte

(vgl. Bogdal / Korte 2002, Grundzüge der Literaturdidaktik. München: dtv 2002, Kap. V)

Hintergründe der Handlungs- und produktionsorientierte Konzepte

1. Hintergrund: Handlungstheorie (Herbert Gudjons)

Literatur:
Herbert Gudjons (2008): Handlungsorientiert lehren und lernen: Schüleraktivierung. Selbsttätigkeit.
Projektarbeit. 7. Aufl. Bad Orb (Klinkhardt). 頴瞨㍪蘟瞮瞮瞮

„Handlungsorientierter Unterricht ist (...) der (...) Versuch, tätige


Aneignung von Kultur in Form von pädagogisch organisierten
Handlungsprozessen zu unterstützen. Über die ikonische Aneignungsweise
hinaus bietet er die Möglichkeit, handelnd Denkstrukturen aufzubauen und
den Zugang zur Welt nicht über ihre Abbilder, sondern durch vielfältige
sinnliche Erfahrungen zu schaffen. Kompensatorisch zur tendenziellen
»Entwirklichung der Wirklichkeit« dient er dem Aufbau einer
umfassenden Handlungskompetenz (...). Er bezieht sich auf Handeln als
tätigen Umgang mit Gegenständen, Handeln in sozialen Rollen und
Handeln auf symbolisch-geistiger Ebene.“ (Gudjons 1986, 49)
Merkmale des Handlungsorientierten Unterrichts:

- Ganzheitlichkeit
- Öffnung des Unterrichts / offener Unterricht:
o Inhaltliche und institutionelle Öffnung
o Curriculare und methodische Öffnung
- Lernerorientierung
- Inhaltsorientierung
- Lern- und Prozessorientierung
- Produktorientierung

Methoden der Handlungsorientierung (u.a.):


- Projektunterricht
- Freiarbeit
- Stationenlernen
- Lernen durch Lehren

2. Hintergrund: Literaturtheorie
Text als offenes Kunstwerk (Literarische Texte lassen sich nicht auf eine
einzige Bedeutung reduzieren)
Rezeptionstheorie / Rezeptionsästhetik (Wolfgang Iser: „der implizite
Leser“) / Leser als Ko-Autor – Theorie der Leerstellen

Literatur:

W. Iser: Die Appellstruktur der Texte, in: R. Warning (Hg.): Rezeptionsästhetik, München 41994, S. 228-
252.

H.R. Jauß: Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft, in: R. Warning (Hg.):
Rezeptionsästhetik, München 41994, S. 126-162.

H. Weinrich: Für eine Literaturgeschichte des Lesers, in ders.: Literatur für Leser, Stuttgart 1970, S. 23-
34.
Thesen zum handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterricht:

1. Das Spezifische des handlungs- und produktionsorientierten


Literaturunterrichts sind ästhetisch-künstlerische Tätigkeiten.

2. Dabei ist von Produktionsorientierung im Zusammenhang mit


schreibenden, von Handlungsorientierung im Zusammenhang mit
anderen (z.B. inszenierenden) Tätigkeiten die Rede.

3. Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht ist nur


sinnvoll in Verbindung mit textanalytischen Verfahren. („vom Text
zum Text“)

4. Die Chancen des handlungs- und produktionsorientierten


Literaturunterrichts bestehen darin, dass er (im Gegensatz zum rein
analytischen Literaturunterricht) mehreren Begabungstypen (vgl. F.
Vester) gerecht wird.

5. Handlungs- und produktionsorientierte Verfahren eröffnen


unterschiedliche Zugänge zum Text, geben unterschiedlichen
Interpretationen Raum

6. Die Risiken des handlungs- und produktionsorientierten


Literaturunterrichts bestehen darin, dass er Literatur zum Objekt
einer Spaßkultur degradiert und die Fähigkeit des Verstehens
literarischer Texte unzureichend fördert.
(Perspektive der Kritiker)
Ziele des handlungs- und produktionsorientierten Konzepts

Der Handlungs- und produktionsorientierte Literaturunterricht

- will durch ästhetische Eigenaktivität intensivere Lernprozesse


ermöglichen als die bloße Instruktion und Unterrichtsgespräch

- will die Produziertheit von Texten ins Bewusstsein heben

- will auch durch nicht-analytische Zugangsweisen zu Texten die


Verstehens- und Interpretationsleistung fördern

- zielt auf die Förderung der Imaginationskraft als wesentlicher


Voraussetzung literarischen Verstehens ab

- will tendenziell individualisierender Unterricht sein

- verbindet lese- und schreibdidaktische Ziele


Quelle: Gerhard Haas, Wolfgang Menzel, Kaspar H. Spinner: Handlungs- und
produktionsorientierter Literaturunterricht. In: Praxis Deutsch Heft 123 / 1994, S. 24.

Auswahlverzeichnis der wichtigsten Verfahrensweisen des handlungs- und


produktionsorientierten Literaturunterrichts

l. Textproduktive Verfahren
1.1 Restaurieren und Antizipieren
1.1.1 Einen Text aus seinen Teilen selber zusammensetzen (z. B. ein in seine einzelnen
Verse auseinandergeschnittenes Gedicht - oder aus den alphabetisch aufgelisteten Wörtern
ein eigenes Gedicht verfassen)
1.1.2 Texte entflechten (z. B. ein Gedicht, das von der Lehrkraft aus zwei Gedichten
zusammengefügt worden ist)
1.1.3 Versgliederung herstellen (wenn ein Gedicht wie Prosa geschrieben vorgelegt wird)
1.1.4 Die syntaktische Struktur herstellen (bei einem Text, der mit veränderter
Satzstellung vorgelegt wird - z. B. eine Gedichtstrophe von Hölderlin)
1.1.5 Ausgelassene Wörter/Sätze einfügen
1.1.6 Mit vorgegebenen Reimwörtern eines Gedichtes ein eigenes Gedicht machen
1.1.7 Ein reimloses Akrostichon schreiben, z. B. zu FRIEDE, KRIEG, LIEBE, FREUDE
usw.
1.1.8 Zu einem Titel oder zu Schlüsselwörtern einen eigenen Text verfassen
1.1.9 Montage-Gedichte gestalten: aus vorliegenden Texten (z. B. Schlagzeilen,
Kurzmeldungen, Anzeigen/Werbetexten usw.) ein Gedicht aufbauen
1.1.10 Den Schluß eines Textes selber verfassen
1.1.11 Während der Lektüre eines Textes an einer Stelle einhalten und eine Fortsetzung
entwerfen
1.1.12 Sich durch eine Phantasiereise („Stell dir vor, du...“) in eine Textsituation
hineinführen lassen und dazu einen Text verfassen

1.2 Transformieren
1.2.1 Eine mögliche Fortsetzung zu einem Text schreiben
1.2.2 Eine mögliche Vorgeschichte zu einem Text (bzw. zu einer einzelnen Figur)
schreiben
1.2.3 Eine im Text nur angedeutete Handlung ausfabulieren
1.2.4 Paralleltexte verfassen. Z. B. schreiben die Schüler zu einem Gedicht mit dem
Thema ‚Sommer’ oder ‚Krieg’ oder ‚Haß’ usw. thematische Varianten in analoger Form
1.2.5 Einen inneren Monolog, eine erlebte Rede, einen Brief oder eine Tagebuchnotiz
einer Figur verfassen
1.2.6 In Ich-Form Figuren des Textes vorstellen („Ich heiße Pippi...“)
1.2.7 Sich selber in einen Text hineindichten und eine Szene gestalten
1.2.8 Eine Figur aus einer Geschichte herauslösen und in einer anderen Welt auftreten
lassen (z. B. Eulenspiegel sitzt eines Morgens in unserer Klasse)
1.2.9 Einen Text verkürzen (z. B. ein langes Gedicht verknappen) oder einen Text
ausbauen (z. B. eine Kürzestgeschichte zu einer kleinen Erzählung ausbauen)
1.2.10 Einen Text für andere Adressaten bzw. in einem anderen Stil nacherzählen
1.2.11 Einen Text in eine andere Sprachvarietät umschreiben (z.B. eine Dramenszene in
Dialekt setzen)
1.2.12 Einen Text aus veränderter Perspektive umschreiben
1.2.13 Dem Text eine andere Aufbaustruktur geben (z. B. vom Schluß der Geschichte her
erzählen)
1.2.14 Einen Text in eine andere Textsorte umschreiben (z. B. aus einem Kurzprosatext
ein Gedicht machen)
1.2.15 Interpretierendes Schreiben von Gedichten: Zwischen die originalen Zeilen werden
Kommentare, Bemerkungen, Zwischenrufe, Gegenaussagen, Beschwichtigungen usw.
eingefügt
1.2.16 Einen Gegentext schreiben, z. B. zu einem idyllisierenden Naturgedicht einen Text
über Umweltzerstörung
1.2.17 Textcollagen herstellen
1.2.18 Nach dem Muster eines Textes selbst einen Text schreiben
1.2.19 Eine Hörszene zu einem Text erarbeiten
1.2.20 Ein Karten-/Würfel-/Quizspiel zu einem Text herstellen und durchführen (z. B. ein
Würfelspiel zu einem Abenteuerbuch oder ein Quartett zu bekannten Kinderbüchern).

2. Szenische Gestaltungen
2.1 Eine Textsituation als lebendes Bild darstellen (als wenn ein Fotograf ein Foto einer
Spielszene gemacht hätte)
2.2 Pantomimisch eine stillgestellte Ausdrucksfigur (Statue) gestalten, die die Botschaft
eines Textes (im genauesten Sinn des Wortes) zur Anschauung bringt (zwei bis sechs
Personen)
2.3 Eine Textstelle pantomimisch darstellen
2.4 Innere Dialoge unter Anleitung eines Spielleiters führen (Leiter fragt z.B. eine Figur,
was sie über eine andere denkt, fragt dann die andere, was sie zu diesen Gedanken sagt
usf.)
2.5 Abstrakte Begriffe auftreten und sprechen lassen (z.B. zu Aschenbachs Versuch,
Venedig zu verlassen: Der Tod, das Meer, die Liebe, die Kunst treten auf und reden zu
Aschenbach, raten ihm zur Abfahrt oder zum Hierbleiben)
2.6 Einen Text oder Textteil aufspielerische Weise darstellen, auch als Puppen-,
Marionetten-, Schattenspiel oder als Videoszene

3. Visuelle Gestaltungen
3.1. Einen Text in eine seine Aussage bezeichnende Schreib- oder Druckform übersetzen
(Größe, Volumen, Farbe, Form der Buchstaben, Wörter, Sätze): sog. Schreibgestaltung
3. l Bilder zu einem Text zeichnen/malen
3.2 Bildcollagen zu einem Text erstellen
3.3 Für eine Erzählung die graphische Verlaufskurve mit eingefügten Schlüsselsätzen oder
-wörtern gestalten
3.4 Eine Literaturzeitung herstellen. Der mögliche Inhalt am Beispiel von Wedekinds
Frühlings Erwachen: eine Inhaltsangabe - ein fiktives Gespräch mit einem Regisseur - die
Charakterisierung der Figuren des Dramas anhand von fiktiven Tagebucheinträgen,
Briefen, Dialogen, Verhören, Nachrufen u. a. - fiktive Szenenfotos - die
Personenkonstellation in Form einer Collage - ausgewählte Gedichte mit thematischen
Anklängen - Dialog eines damaligen mit einem heutigen Lehrer - Äußerungen fiktiver Le-
ser/Zuschauer - die Biographie Wedekinds u. a.

4. Akustische Gestaltungen
4.1. Mit verschiedenen Vortragsweisen experimentieren (einen Text z. B. ärgerlich,
pathetisch, befehlend vorlesen)
4.2 Einen Text vertonen (z. B. mit Orff-Instrumenten)
4.3 Zum Vorlesen/Lesen eines Textes die passende Hintergrundmusik suchen, in der sich
der Inhalt in gewisser Weise spiegelt oder in der sich die Gefühle der Hörer ausdrücken
bzw. mit deren Hilfe Hörer den Text ‚interpretieren’
Systematik: Verfahren des handlungs- und produktionsorientierten
Literaturunterrichts:

• pre-reading activities:
o Vorwissen, Erfahrungen, Meinungen äußern
o Vorerwartungen formulieren
o Begegnung mit einem Buch (Titelbild, Klappentext)
o erste Textbegegnung als Schreibanlass (z.B. Titel eines
Gedichts, Romans…)
o …

• reading activities:
o Einschreibungen in einen Text (z.B. Brief an eine Figur,
Tagebucheintragung, …)
o Szene erspielen
o …
Lernziel (u.a.): Perspektivübernahme, Fähigkeit zur Empathie

• post-reading activities:
o aus einer anderen (Figuren-)Perspektive umschreiben
o Umgestaltung in eine andere Textsorte
o Oicht genannte Titel / Überschriften formulieren
o Entwicklung inhaltlicher Alternativen
o …

Literaturhinweise

Eggert, Hartmut / Garbe, Christine (2003): Literarische Sozialisation. Stuttgart/Weimar. 2. Auflage.


Eggert, Hartmut (2002): Literarische Texte und ihre Anforderungen an die Lesekompetenz. In: Oorbert
Groeben / Bettina Hurrelmann (Hgg.): Lesekompetenz. Bedingungen, Dimensionen, Funktionen.
Weinheim / München: Juventa. S. 186-194.
Haas, Gerhard (1997): Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht. Theorie und Praxis
eines „anderen“ Literaturunterrichts für die Primar- und Sekundarstufe Seelze (Kallmayer).
Menzel, Wolfgang (Hg.) (2000). Handlungsorientierter Literaturunterricht. Praxis Deutsch Sonderheft.
Bertold Brecht: Der hilflose Knabe

Herr K. sprach über die Unart, erlittenes Unrecht stillschweigend in sich


hineinzufressen, und erzählte folgende Geschichte:

Einen vor sich hin weinenden Jungen fragte ein Vorübergehender nach
dem Grund seines Kummers. „Ich hatte zwei Groschen für das Kino
beisammen“, sagte der Knabe, „da kam ein Junge und riß mir einen aus
der Hand“, und er zeigte auf einen Jungen, der in einiger Entfernung zu
sehen war. „Hast du denn nicht um Hilfe geschrien?“ fragte der Mann.

„Doch“, sagte der Junge und schluchzte ein wenig stärker. „Hat dich
niemand gehört?“ fragte ihn der Mann weiter, ihn liebevoll streichelnd.
„Oein“, schluchzte der Junge. „Kannst du denn nicht lauter schreien?“
fragte der Mann. „Oein“, sagte der Junge und blickte ihn mit neuer
Hoffnung an. Denn der Mann lächelte. „Dann gib auch den her“, sagte er,
nahm ihm den letzten Groschen aus der Hand und ging unbekümmert
weiter.

(aus: Geschichten vom Herrn Keuner)