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MEDIZINISCHE THEOLOGIE

STUDIES IN THE HISTORY


OF
CHRISTIAN TRADITIONS
FOUNDED BY HEIKO A. OBERMAN †

EDITED BY
ROBERT J. BAST, Knoxville, Tennessee
IN COOPERATION WITH

HENRY CHADWICK, Cambridge


SCOTT H. HENDRIX, Princeton, New Jersey
BRIAN TIERNEY, Ithaca, New York
ARJO VANDERJAGT, Groningen
JOHN VAN ENGEN, Notre Dame, Indiana

VOLUME CXXI

JOHANN ANSELM STEIGER

MEDIZINISCHE THEOLOGIE
MEDIZINISCHE THEOLOGIE
CHRISTUS MEDICUS UND THEOLOGIA MEDICINALIS
BEI MARTIN LUTHER UND IM LUTHERTUM DER
BAROCKZEIT

Mit Edition dreier Quellentexte:

Wilhelm Sarcerius, Der Hellische Trawer Geist (1568)


Simon Musäus, Nützlicher Bericht [...] wider den Melancholischen Teuffel (1569)
Valerius Herberger, Leichenpredigt auf Flaminius Gasto (1618)

VON

JOHANN ANSELM STEIGER

BRILL
LEIDEN • BOSTON
2005
This book is printed on acid-free paper.

Library of Congress Cataloging-in-Publication Data

Steiger, Johann Anselm.


Medizinische Theologie : Christus medicus und theologia medicinalis bei Martin Luther
und im Luthertum der Barockzeit : mit Edition dreier Quellentexte … / von Johann
Anselm Steiger
p. cm. - (Studies in the history of Christian traditions, ISSN 1573-5664 ; v. 121)
Includes bibliographical references (p. ) and indexes.
ISBN 90-04-14156-1 (alk. paper)
1. Medicine-Religious aspects-Lutheran Church-History of doctrines. 2. Luther,
Martin, 1483-1546. I. Title. II. Series.

BX8074.H42S74 2005
261.5'61'0882841-dc22
2004062926

ISSN 1573-5664
ISBN 90 04 14156 1

© Copyright 2005 by Koninklijke Brill NV, Leiden, The Netherlands


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printed in the netherlands


INHALT

Einleitung .................................................................................... vii

TEIL I
Martin Luthers theologia medicinalis
1. Der Sünder vor Gott als Patient — Christus medicus .... 3
2. medicina corporalis et spiritualis ........................................ 7
3. Die Verwandtschaft von Medizin und Theologie ............ 11
4. Sündhaftigkeit als Urkrankheit — remissio peccatorum
als Radikalkur ...................................................................... 16
5. Das verbum Dei als Arznei .............................................. 19
6. Prediger und Bischöfe als ,Spitalmeister‘ .......................... 24
7. Die christologische Koinzidenz von medicus und
medicina .............................................................................. 28
8. Gesetz und Evangelium: Diagnose und Therapie ............ 32
9. Medizin und Theologie: Erfahrungswissenschaften .......... 37
10. pharmacologia sacra: Das Wort Gottes in den
Arzneien .............................................................................. 39
11. Christus, der Arzt und Apotheker: Arztpraxis und
Apotheke als Erfahrungsräume des Glaubens .................. 42

TEIL II
Die theologia medicinalis in der lutherischen Orthodoxie

1. Vorbemerkungen .................................................................. 51
2. Johannes Vietor .................................................................. 54
3. Christus als Arzt und Apotheker — Jes 55,1 und
Mt 11,28 .............................................................................. 59
vi inhalt

4. Die Kombination von leiblicher und geistlicher


Kräuterkunde ...................................................................... 66
5. Johannes Vietor (Fortsetzung), Johann Jakob Beurer
und Johann Conrad Dannhauer ........................................ 75
6. Johannes Wagner ................................................................ 82
7. Justus Söffing ...................................................................... 93
8. Melchior Lehen .................................................................. 96
9. Caspar Huberinus .............................................................. 98
10. Johannes Mathesius ............................................................ 107
11. Valerius Herberger .............................................................. 114
12. Friedrich Rothe .................................................................. 117
13. Valerius Herberger (Fortsetzung) ...................................... 123

Epilog .......................................................................................... 137

TEIL III
Editionen
1. Wilhelm Sarcerius, Der Hellische Trawer Geist (1568) ...... 149
2. Simon Musäus, Nützlicher Bericht [. . .] wider den
Melancholischen Teuffel (1569) .......................................... 210
3. Valerius Herberger, Leichenpredigt auf Flaminius
Gasto (1618) ........................................................................ 257
Abbildungen ................................................................................ 323
Quellen- und Literaturverzeichnis zum Editionsteil ................ 329
Quellen- und Literaturverzeichnis zu Teil I und II .............. 339
Abkürzungsverzeichnis ................................................................ 353
Bibelstellenregister ...................................................................... 357
Namenregister ............................................................................ 364
Dank ............................................................................................ 369
EINLEITUNG

Ein vieldiskutiertes Thema ist die Frage, wie sich die Reformation
auf das Verständnis der Berufsarbeit ausgewirkt hat1. Bekannt ist,
daß Luther die weltliche Berufstätigkeit als eine Konkretion der
christlichen Nächstenliebe angesehen hat. Gottesdienst findet nach
Luther nicht im Rückzug von der Welt statt, sondern auch und ge-
rade im Reich der Welt, also dadurch, daß sich der Mensch der
Lebenswelt des Alltags zuwendet. Zwar sind nach Luther zwei Reiche
bzw. Regimente zu unterscheiden: Ein Christenmensch lebt als Welt-
person unter dem weltlichen Regiment, das Gott eingesetzt hat, damit
die äußeren Koordinaten für das soziale Miteinander gesetzt und
Frieden und Gerechtigkeit gewahrt werden. Als Glaubender aber
lebt der Mensch hier und jetzt bereits im Reiche Gottes. Gleichwohl
dient ein jeder auch im weltlichen Bereich Gott, indem er dem
anderen ein Christus wird, einer beruflichen Tätigkeit nachgeht und
so das Gebot der Nächstenliebe befolgt. So betrachtet ist das arbeits-
teilige Prinzip Ausfluß des Doppelgebotes der Liebe.
Es ist kein Geheimnis, daß Luther im Rahmen seiner Berufsethik
einen ursprünglich geistlich, näherhin monastisch konnotierten Begriff,
nämlich den der vocatio, säkularisiert hat. ,Beruf ‘ ,,als Spezialausdruck
für rein weltliche Tätigkeit“2 verwendet Luther erstmals in der
,Kirchenpostille‘ (1522). Luther gilt damit als derjenige, der die heutige
Verwendung des Lexems ,Beruf ‘ für ,weltliche Arbeit‘ geprägt hat.
,,Die Geschichte des Worts zeigt also eine völlige Umdrehung seiner
Bedeutung. Erst hieß es: allein das Mönchtum hat einen Beruf; Luther
sagt umgekehrt: gerade das Mönchtum hat keinen Beruf; der wahre
Gottesberuf verwirklicht sich innerhalb der Welt und ihrer Arbeit“3.

1
Vgl. aus der reichhaltigen Lit. Gustaf Wingren, Art. Beruf II, in: TRE 4 (1980),
S. 657–671, hier: S. 660–666. Ders., Luthers Lehre vom Beruf (= FGLP 10/3),
München 1952. Herbert Olsson, Grundproblemet i Luthers socialetik, Bd. 1, Lund
1934. Karl Holl, Die Geschichte des Worts Beruf, in: Ders., Gesammelte Aufsätze
zur Kirchengeschichte III. Der Westen, Tübingen 1928, S. 189–219.
2
Wingren, Art. Beruf (wie Anm. 1), S. 660f. Vgl. Holl, a.a.O. (wie Anm. 1),
S. 217.
3
Holl, a.a.O. (wie Anm. 1), S. 219.
viii einleitung

Umgekehrt aber — und hierauf ist das nötige Augenmerk noch nicht
genügend gerichtet worden — ist diese Säkularisierung des Begriffes
,Beruf ‘ die Bedingung der Möglichkeit einer Sakralisierung des
weltlichen Bereichs, die wiederum Folgeerscheinung der Dialektik der
Zwei-Reiche-Lehre ist: Wer beruflich tätig ist, läßt die Nächstenliebe,
die Funktion, ja Ausdruck der Liebe zu Gott ist, Gestalt gewinnen
und somit das Reich Gottes sichtbar werden.
Ebenfalls weitgehend unerforscht ist die Frage, wie sich das refor-
matorische Berufsverständnis auf die Bewertung einzelner beruflicher
Sparten ausgewirkt hat. Darum soll in diesem Buch anhand eines
Beispieles, nämlich an der Bewertung der Tätigkeit von Ärzten und
Apothekern, aufgewiesen werden, welche Konsequenzen die Dialektik
von Säkularisierung des vocatio-Begriffes einerseits und Sakralisierung
der Berufsarbeit andererseits im 16. und 17. Jahrhundert zeitigten.
Um sich diesem Thema nähern zu können, bedarf es einer einge-
henden Analyse der Tradition der theologia medicinalis bei Luther
und im Luthertum.
TEIL I
MARTIN LUTHERS THEOLOGIA MEDICINALIS
1. DER SÜNDER VOR GOTT ALS
PATIENT — CHRISTUS MEDICUS

Sehr häufig vergleicht Luther die Sündenvergebung und Heil ver-


mittelnde Tätigkeit Christi mit derjenigen eines Arztes. Bekanntermaßen
schreibt Luther hiermit die bis in das frühe Christentum zurückrei-
chende Tradition des Christus-medicus-Topos fort4, die sich mitun-
ter ikonographisch in der Sarkophag-Skulptur niederschlug5 und
zudem in der patristischen Theologie, nicht zuletzt in derjenigen
Augustins und Gregors des Großen, eine prominente Rolle spielte6.
Es waren insbesondere die pseudo-augustinschen Schriften, die im

4
Vgl. zum Christus-medicus-Motiv: Adolf Harnack, Medicinisches aus der älte-
sten Kirchengeschichte (= TU 8,4), Leipzig 1892, S. 37–152. Hermann Josef Frings,
Medizin und Arzt bei den griechischen Kirchenvätern bis Chrysostomos, Phil. Diss.
Bonn 1959. Heinrich Schipperges, Zur Tradition des ‚Christus Medicus‘ im frühen
Christentum, in: ArztChr 11 (1965), S. 12–19. Gerhard Müller, Arzt, Kranker und
Krankheit bei Ambrosius von Mailand (334–397), in: SAGM 51 (1967), S. 193–216.
Gerhard Fichtner, Christus als Arzt. Ursprünge und Wirkungen eines Motivs, in:
FMSt 16 (1982), S. 1–18. Martin Honecker, Christus medicus, in: KuD 31 (1984/85),
S. 307–323. Jörg Hübner, Christus medicus. Ein Symbol des Erlösungsgeschehens
und ein Modell ärztlichen Handelns, in: KuD 31 (1985), S. 324–335. Michael
Plathow, Christus als Arzt. Zu Luthers integrierendem Verständnis von Diakonie
und Seelsorge, in: Ders., Freiheit und Verantwortung. Aufsätze zu Martin Luther
im heutigen Kontext, Erlangen 1996, S. 105–117. Fritz Krafft, Christus ruft in die
Himmelsapotheke. Die Verbildlichung des Heilandsrufs durch Christus als Apotheker.
Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung im Museum Altomünster (29. November
2002 bis 26. Januar 2003) (= Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie
81), Stuttgart 2002, S. 15–24 (mit weiterer Lit.).
5
Vgl. David Knipp, ‚Christus medicus‘ in der frühchristlichen Sarkophagskulptur.
Ikonographische Studien der Sepulkralkunst des späten vierten Jahrhunderts
(= SVigChr 37), Leiden u.a. 1998. Vgl. zudem Elfriede Grabner, ‚Ein Arzt hat
dreierlei Gesicht . . .‘. Zur Entstehung, Darstellung und Verbreitung des Bildgedankens
‚Christus coelestis medicus‘, in: Materia Medica Nordmark 24 (1972), S. 297–317.
6
Vgl. hierzu, um jeweils nur eine Belegstelle zu nennen: Augustin, Enarratio in
Ps 130,7, CCSL 40, S. 1903,19f: „Dominus Iesus Christus, medicus et saluator
noster [. . .]“. Vgl. Petrus Cornelis Josephus Eijkenboom, Het Christus-Medicusmotief
in de preken van Sint Augustinus, Assen 1960 sowie Rudolf Schneider, Was hat
uns Augustins ‚theologia medicinalis‘ heute zu sagen?, in: KuD 3 (1957), S. 307–315.
Vgl. Gregor d. Gr., Homiliae in Evangelia. Evangelienhomilien, Teilbd. 2, übers.
und eingeleitet von Michael Fiedrowicz (= FC 28/2), Freiburg i.B. u.a. 1998, Homilia
32 (zu Lk 9,23–27), S. 594: „Sed coelestis medicus singulis quibusque vitiis obvi-
antia adhibet medicamenta.“
4 teil i ‒ luthers theologia medicinalis

Mittelalter wie in der Frühen Neuzeit (konfessionsübergreifend) brei-


teste Wirkung zeitigten und diesen Epochen die Tradition der medi-
zinischen Theologie übermittelten. Insofern wird die These von der
im ausgehenden Mittelalter sich vollziehenden Verflachung der
Christus-medicus-Topik kritisch zu überdenken sein. Denn diese These
läßt zum einen die Rezeption der Augustinschen medizinischen
Theologie durch die sog. unechten Schriften des Kirchenvaters als
auch die reformatorische Adaption dieser Tradition aus dem Blick.
Es ist keineswegs zutreffend, daß allein Paracelsus (1493/4–1541)
und sein Umkreis die in Rede stehende medizinisch-theologische
Überlieferung wieder aufgegriffen und verlebendigt haben7. Vielmehr
wird man umgekehrt davon auszugehen haben, daß Paracelsus einen
Aspekt reformatorischer Theologie aufgenommen und sodann in selb-
ständiger Weise verarbeitet hat8.
Als einen medizinisch-theologischen locus classicus bei Luther wird
man dessen Auslegung von Röm 4,7f ansehen dürfen, in der er die
Relation Christi zum peccator mit dem Verhältnis zwischen Arzt
und Krankem vergleicht. Ein Kranker, dem der Arzt verspricht, daß
er ihn heilen wird, ist — so Luther — nicht mehr nur krank, son-
dern krank und geheilt zugleich — „egrotus in rei veritate, sed sanus
ex certa promissione medici“9. Entscheidend hierbei ist, daß der
Kranke der promissio des Arztes Glauben schenkt, sich also gegen
den Augenschein im Lichte der Verheißung als einen bereits Geheilten
betrachtet, obgleich der empirische Augenschein völlig dagegen spricht.
Die promissio10 des Arztes aber besteht darin, daß dieser — eben-
falls kontrafaktisch — dem Kranken seine Krankheit nicht zurech-
net, jedenfalls nicht als Krankheit zum Tode („nec imputavit ei
egritudinem ad mortem [vgl. Joh 11,4]“11). So handelt auch Christus,
den Luther in seiner Exegese von Röm 4 nicht medicus nennt, son-

7
Vgl. hierzu und zum Vorangegangenen Schipperges, Tradition (wie Anm. 4),
S. 17f.
8
So auch Fritz Krafft, ‚Die Arznei kommt vom Herrn, und der Apotheker berei-
tet sie‘. Biblische Rechtfertigung der Apothekerkunst im Protestantismus. Apotheken-
Auslucht in Lemgo und Pharmako-Theologie (= Quellen und Studien zur Geschichte
der Pharmazie 76), Stuttgart 1999, S. 43–48.
9
BoA 5,241,4f (Römerbriefvorlesung 1515/1516).
10
Vgl. Oswald Bayer, Promissio. Geschichte der reformatorischen Wende in
Luthers Theologie, Darmstadt 1989 (Göttingen 11971).
11
BoA 5,241,6f.
der sünder vor gott als patient 5

dern im Anschluß an Lk 10,33ff „Samaritanus“12. Der Sohn Gottes


therapiert den Sündenkranken dadurch, daß er ihm das peccatum
nicht zurechnet, sondern die ihm fremde Gerechtigkeit imputiert, so
daß der geistliche Patient zwar weiterhin Sünder ist (und dies ganz),
zugleich aber von Gott aufgrund der reputatio als ein Gerechter
angesehen wird. „Nunquid ergo perfecte iustus? Non, sed simul pec-
cator et iustus; peccator re vera, sed iustus ex reputatione et pro-
missione Dei certa“13.
Doch nicht nur in der Römerbriefvorlesung, sondern auch andern-
orts operiert Luther mit medizinischer Begrifflichkeit, um das Proprium
des göttlichen Heilshandelns zu veranschaulichen. Darum bezeich-
net Luther den Sohn Gottes häufig als ‚medicus‘14. Christus ist Heiland,
salvator, ein Arzt, jedoch ein solcher, der im Unterschied zu mensch-
lichen Ärzten nicht allein leibliche Gebrechen heilt, sondern oben-
drein die geistlichen. Luther stützt sich mit der Bezeichnung Christi
als salvator primär auf die entsprechenden neutestamentlichen Texte
( Joh 4,42; Phil 3,20; 1Joh 4,14 u.ö.) und steht damit in der Tradition
der schon in der Alten Kirche zu weiter Verbreitung gekommenen
Übertragung des ursprünglich Asklepios zugedachten Titels „svtÆr“
auf Christus15. Der Sohn Gottes ist der einzige „sünden Artzet“16
und Ursprung aller Medizin, sowohl derjenigen, die das irdische
Leben erhält, als auch derjenigen, die den Weg zum ewigen Leben
weist. Dies wiederum hat seinen Grund darin, daß Christus „warer
mensch und ewiger Got“17 ist. An dieser Stelle wird deutlich, wie

12
BoA 5,241,7. Vgl. WA 11,171,35 (Predigten des Jahres 1523 [30.8.]): „Samaritanus
est Christus“. Vgl. weiter WA 12,661,25 (Predigten des Jahres 1523 [30.8.]). Vgl.
Lazarus Spengler, Schriften, Bd. 1: Schriften der Jahre 1509 bis Juni 1525, hg. und
bearb. von Berndt Hamm und Wolfgang Huber (= QFRG 61), Gütersloh 1995, S.
226f, der Christus den „rechten warhafften artzt, hailmacher und gütigen Samaritan“
nennt.
13
BoA 5,241,13–15.
14
Vgl. WA 5,311,1 (Operationes in Psalmos 1519–1521); 31/II,311,12 (Vorlesung
über Jesajas 1527–1530).
15
Vgl. hierzu Karl Heinrich Rengstorf, Die Anfänge der Auseinandersetzung zwi-
schen Christusglaube und Asklepiosfrömmigkeit (= Schriften zur Förderung der
Westfälischen Landesuniversität zu Münster 30), Münster 1953. Vgl. Heinrich
Schipperges, Tradition (wie Anm. 4), S. 12–15. Heinrich Schipperges, Art. Krankheit
IV, in: TRE 19 (1990), S. 686–689, hier: S. 687f. Josef N. Neumann, Art. Medizin
5. Christentum, in: RGG4 5 (2002), Sp. 983–985, hier: Sp. 985.
16
WA 52,711,17 (Hauspostille 1544).
17
WA 52,709,17f.
6 teil i ‒ luthers theologia medicinalis

stark Luthers theologia medicinalis eine Funktion der Zwei-Naturen-


Lehre ist. Die nachhaltige soteriologische Interpretation der altkirch-
lichen Christologie konkretisiert sich bei Luther bekanntermaßen auf
Schritt und Tritt, auch und gerade innerhalb seiner theologia medi-
cinalis, die letztlich eine Christologia medicinalis ist, die den in zwei
Naturen zugleich subsistierenden und daher als Leibes- und Seelenarzt
fungierenden Sohn Gottes zum Gegenstand hat.
2. MEDICINA CORPORALIS ET SPIRITUALIS

Die Schwäche bzw. Begrenztheit aller menschlichen Arzneikunst liegt


nach Luther darin begründet, daß sie nur Krankheiten des Leibes
(— wenngleich nicht alle —) zu diagnostizieren und zu heilen im
Stande ist, nichts aber tun kann gegen die schlimmste Krankheit
überhaupt: die Sünde. Da aber Tod und Krankheiten nichts ande-
res sind als Epiphänomene der Sündhaftigkeit des Menschen18, also
seiner auf ihn fortgeerbten inneren Krankheit, kuriert die Medizin
ständig nur an den Symptomen der Ursache aller Krankheit herum,
ohne wirkliche, d.h. endgültige Heilung bewerkstelligen zu können.
„nullum est humanum remedium contra mortem, peccatum et legem“19.
Hierin liegt die Begrenztheit der menschlichen Arzneikunst: Der
conscientia20 kann nur ein Arzt helfen, Christus selbst, denn nur er
vermag das Gewissen von den Verderbensmächten Sünde, Tod und
Teufel zu befreien. Allein der Sohn Gottes kann die conscientia
befreien — dadurch nämlich, daß er sie selbst in Besitz nimmt und
so von allen anderen Mächten befreit. „Sed in angustiis conscien-
tiae nemo mortalium, sapientium, potencium, medicorum, Iuristarum,
Regum potest iuvare. Die konnen yn zceytlichen helffen, sed in rebus
conscienciae non possunt. Nota: Er heyst nicht S. Franciscus, S.
Hieronymus, Cartusianus, sed Iesus. Seyn nhame gehoret zw den
gewissen, ubi nulla opera, nullae preces, nullae elemosinae quicquam
possunt. Do hilfft alleyne der heylandt Hiesus“21. Darum gilt: „In
conscienciae periculis solus et unicus est salvator, est Christus“22.
Die Heilkunst der Leibesärzte ist nach Luther hochzuschätzen,
denn ein Arzt ist „vnsers Herr Gots flicker“23, und er „hilft also der

18
Vgl. WA 34/II,330,7f (Predigten des Jahres 1531 [Nr. 93]). Vgl. Peter Meinhold,
Zur Theologie der Krankheit bei Martin Luther, in: Saec. 23 (1972), S. 15–29.
Joachim Mehlhausen, Art. Krankheit VI, in: TRE 19 (1990), S. 694–697, hier: S.
694f mit weiteren Lit.-Angaben.
19
WA 31/II,571,16.
20
Vgl. Gerhard Ebeling, Lutherstudien Bd. 2: Disputatio de homine. 3. Teil: Die
theologische Definition des Menschen, Kommentar zu These 20–40, Tübingen 1989,
bes. S. 108–125.
21
WA 34/I,17,17–23 (Predigten des Jahres 1531 [Nr. 2]).
22
WA 34/I,18,18f.
23
WA.TR 1,151,5 (Nr. 360).
8 teil i ‒ luthers theologia medicinalis

Creatur (dem Menschen) durch Creatur (die Arznei)“24. Die Heilkunde


und die Tätigkeit des Arztes also haben ihren Ort — theologisch
betrachtet — in der Schöpfungslehre bzw. in der Lehre von der pro-
videntia Dei, die ein Teil der ersteren ist und u.a. von der göttli-
chen conservatio der Kreatur handelt. Gott bedient sich des Arztes
als seiner Kreatur, damit dieser durch kreatürliche Mittel anderen
Kreaturen hilft. Auf diese Weise grenzt sich Luther u.a. von Andreas
Karlstadt (1480–1541) ab, der dem Wittenberger Bürgermeister Johann
Hohndorf († 1534) dringend davon abgeraten hatte, mit Hilfe von
Arzneimitteln gegen eine Erkrankung vorzugehen und somit Gott ins
Handwerk zu pfuschen. In diesem Rat konkretisiert sich Karlstadts
schroffer Dualismus, der von einer Diastase zwischen der geistlichen
und leiblich-kreatürlichen Sphäre, Innerlichem und Äußerlichem und
darum auch zwischen (abzulehnender) leiblicher Heilkunst und der
(vorzuziehenden) geistlichen, allein bei Gott zu findenden Heilung
geprägt ist. Dies ist eine Position, die u.a. an die Haltung der früh-
christlichen Apologeten erinnert, nicht zuletzt an Tertullian und Tatian25,
aber auch an Makarios, der zwar zugibt, daß die Heilmittel göttli-
che Gaben sind, zugleich aber propagiert, daß solche nur von den
Schwachen und Ungläubigen, kurz: von den Kindern der Welt genutzt
werden, nicht aber vom Mönch, der sein Vertrauen allein auf Gott
setzt26. Die von Hohndorf an Luther gerichtete Frage, ob es erlaubt
sei, Arzneien zu sich zu nehmen, beantwortet Luther mit einer schlich-
ten Gegenfrage, die deutlich macht, daß der Mensch tagtäglich äußer-
liche Mittel braucht, die Gott gegeben hat, um das Leben der
Menschen zu erhalten — Lebensmittel: „Sicut respondi dem Hondorff,
qui cum ex Carlstadio audisset non licere uti medicina et me inter-
rogaret, dixi ad eum: Esset yhr auch, wenn euch hungert?“ 27 Wer

24
WA.TR 1,151,36–152,1.
25
Vgl. Richard Toellner, Art. Heilkunde/Medizin II, in: TRE 14 (1985), S.
743–752, bes. S. 747 und Hans Schadewaldt, Die Apologie der Heilkunst bei den
Kirchenvätern, in: Die Vorträge der Hauptversammlung der Internationalen
Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie e.V. während des Internationalen
Pharmaziegeschichtlichen Kongresses in Rotterdam vom 17.–21. September 1963
(= Veröffentlichungen der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie
26), Stuttgart 1965, S. 115–130, hier: S. 126 sowie Krafft, Arznei (wie Anm. 8),
S. 44f.
26
Vgl. Die 50 Geistlichen Homilien des Makarios, hg. und erläutert von Hermann
Dörries, Erich Klostermann, Matthias Kroeger (= PTS 4), Berlin 1964, S. 314f.
27
WA.TR 1,151,16–18. Vgl. WA.TR 1,152,13–18: „Einst fragte mich unser
medicina corporalis et spiritualis 9

medizinische Hilfe ausschlägt, verachtet nach Luther die Gaben des


Schöpfers und damit diesen selbst. Mit dieser Argumentation greift
der Reformator einen Topos aus der patristischen Apologie der
Arzneikunst auf, wie er sich z.B. bei Basilius d. Gr. findet28.
Luther sieht Gott im Rahmen seiner providentia als einen solchen
handeln, der sich vielfältiger leiblich-kreatürlicher media bedient. Das
heilende Handeln Gottes mit Hilfe von Arzneien ist Teil der göttli-
chen conservatio. Der Schöpfer überläßt die Schöpfung nicht sich
selbst, sondern betätigt sich im Sinne der creatio continuata, nimmt
zwecks Erhaltung des von ihm Geschaffenen seine guten Kreaturen
in den Dienst und hat Lust und Freude daran, wenn sich die Kreaturen
gegenseitig helfen29. „Das ist vnser Herr Gott. Ipse creavit omnia, et
sunt bona. Quare medicina etiam licet uti tanquam creatura Dei“30.
Karlstadt dagegen reduziert das Heilshandeln Gottes auf die rein
geistlich-innerliche Dimension und läuft dabei Gefahr, die gute
Schöpfung Gottes geringzuschätzen. Zwar kann auch Luther im
Anschluß an Sir 38,9 davon sprechen, daß dem Gebet mehr Kraft
zuzutrauen ist als jeglichem Arzneimittel31. Dies bedeutet jedoch nicht,
daß man die letztlich sakramentstheologische Dialektik von Innerlichem
und Äußerlichem, Geistlichem und Leiblichem im Sinne spirituali-
stischer Eindeutigkeit auflösen kann, wie dies Karlstadt tut. Vielmehr
verbinden sich die medicina corporalis und die „höhere Arzney“32,

Bürgermeister: ‚Obs wider Gott wäre, Aerznei zu brauchen?‘ Denn Doct. Carlstadt
hatte offentlich geprediget: Wer krank wäre, der sollt keiner Aerznei brauchen, son-
dern Gott die Sache heim geben und beten, daß sein Wille geschehe etc. Fragte
ich ihn wieder: Ob er auch esse, wenn ihn hungerte? ‚ Ja,‘ sprach er. Da sagte ich
ihm: So möget Ihr auch wol Aerznei brauchen, die Gottes Creatur eben so wol ist
als Essen, Trinken und anders, so wir zu Erhalten dieses Lebens brauchen“.
28
Vgl. MPG 31, Sp. 1051 sowie Schadewaldt, Apologie (wie Anm. 25), S. 127.
29
Vgl. zur creatio continuata z.B. WA.TR 5,17,10f (Nr. 5227): „Das Gott cre-
ator heist, das ist ein vnerforschlich ding, vnd Gott schaffts doch teglich“. Zu letzt-
genanntem Aspekt vgl. WA 52,713,8–13: „Nach solcher kranckheit sind auch leibes
kranckheyten, schwermut und anders, da kanst du auch mancherley weyse deinem
nechsten helffen und dienen, wo nicht mit gelt unnd gut, doch mit einem gutten
wort und mit einem freundtlichen hertzen, das du gern woltest helffen, wo du nur
köndtest. Unnd ist gewiß, wo du es thust, das Gott im hymel drüber lachet, frö-
lich und gutter ding ist und sagt: Recht, mein Son, far also fort, solches gefellt mir,
ich habe lust unnd liebe daran.“
30
WA.TR 1,151,15f.
31
Vgl. WA.TR 1,443,10f (Nr. 886): „ Jesus Sirach sagt: Der gottseligen, from-
men Christen Gebet thut mehr zur Gesundheit denn die Arznei der Aerzte“. Zur
wissenschaftshistorischen Einordnung von Sir 38 und Luthers Übersetzung vgl. Krafft,
Arznei (wie Anm. 8), S. 33–36.
32
WA.TR 4,26,38 (Nr. 3945).
10 teil i ‒ luthers theologia medicinalis

die Luther auch „geistlich Arzney aus Gottes Wort“33 nennt, zu einer
spannungsreichen Einheit, die dem Verhältnis von Heiligem Geist
und verbum externum sowie letztlich demjenigen von göttlicher und
menschlicher Natur in Christus analog ist. Hieraus ergibt sich, daß
der Berufsstand des Arztes mit Sir 38 in Ehren zu halten ist34, wenn-
gleich Luther, der von sich selbst sagt, nur höchst ungern Medikamente
zu sich zu nehmen35, eine gewisse Distanz zur Ärzteschaft zu wah-
ren befleißigt ist und exempla solcher Heilungen erzählt, die sich
ereignet haben, obwohl bzw. weil sich die Patienten gerade nicht an
die diätetischen Vorschriften der behandelnden Ärzte gehalten haben36.
Luther selbst hat bekanntermaßen unter Harnsäurestein und Gicht
gelitten. Im Jahre 1537, als Luther unter einer höchst schmerzhaf-
ten totalen Harnsperre37 und den Folgen einer beginnenden Harn-
vergiftung zu leiden hatte, ließ er sich — gegen den diätetischen Rat
seiner Ärzte — kalte Erbsen und Bratheringe auftischen und konnte
kurz darauf wieder urinieren38. Dieses Erlebnis dürfte Luthers seit
jeher ausgeprägte Skepsis den Ärzten und ihrer Kunst gegenüber
nur bestärkt haben.

33
WA.TR 4,26,39–27,1.
34
Zu Sir 38 bei Luther vgl. WA 30/II,580,9–581,9 (Eine Predigt, daß man
Kinder zur Schulen halten solle 1530): „Das aber die ertzte herrn sind, das sihet
man fur augen wol, Vnd das man yhr auch nicht emperen kann, leret die erfa-
rung wol, Das es aber der wellt ein nutzlicher trostlicher, heilsamer stand, dazu ein
angenemer Gottes dienst sey, von Gott geschaffen vnd gestifft, gibt nicht allein das
werck an yhm selber, Sondern zeugt auch die schrifft Ecc. 38. da schier ein gantz
Capitel von denn ertzten daher rhumet. Vnd spricht Du solt den artzt ehren, denn
man kan sein nicht geraten, Vnd Got hat yhn gestifft, Denn alle ertzney ist von
Gott, die kunst des artztes bringt yhn zu ehren, vnd er wird fur den grossen herrn
werd gehalten, Gott hat die ertzney aus der erden geschaffen, vnd kein vernunfftiger
mensch ist, der sie veracht, Denn gleich wie zu zeit Mose, das bitter wasser vom
holtz susse ward Also hat er wollen auch hierin den menschen kund thun, was ertz-
ney vermag, Vnd hat solche kunst darumb auch den menschen gegeben, das man
seine wunder preisen solle, Den hiemit kan der artzt, allerley schmertzen lindern,
vnd viel susser guter confect machen, vnd salben zurichten, dauon die krancken
gesund werden, vnd solcher seiner werck ist kein zal etc. Wolan es ist mir itzt zu
viel, die prediger konnen alle diese stuck wol reichlicher ausstreichen vnd den leü-
ten einbilden was schadens vnd nutzs sie hie schaffen konnen der gantzen wellt vnd
vnsern nachkomen besser denn ichs schreibenn kann“.
35
Vgl. WA.TR 6,299,2f (Nr. 6968).
36
Vgl. WA.TR 6,299,3–19.
37
Vgl. WA.B 8,51,5–8 (Nr. 3140).
38
Vgl. Richard Toellner, Heil und Heilung bei Martin Luther. Luthers Verhältnis zur
Medizin als Anfrage an die heutige Medizin, in: Hans-Jürgen Hoeppke u.a. (Hgg.),
Glaubend leben. Gerhard Ruhbach zum 60. Geburtstag, Wuppertal u.a. 1994, S.
140–152, hier: S. 142. Vgl. WA.TR 6,299,3–9 und WA.B 8,50,15 (Nr. 3139).
3. DIE VERWANDTSCHAFT VON
MEDIZIN UND THEOLOGIE

Luther hat des öfteren von einer engen Verwandtschaft von medi-
zinischer und theologischer Wissenschaft gesprochen. Der Physik, also
der Lehre von der Natur, die mitunter die Natur des Menschen und
seine „partes“ zu erforschen und zu beschreiben hat, entspricht die
theologische Anthropologie, die die nicht von der Sünde verdorbene
menschliche Natur, also den Menschen in statu integritatis, zum
Gegenstand hat. Mit der medicina „afitiologikÆ“ vergleichbar ist die
Hamartiologie, die den sündigen Menschen, also das demolierte
Ebenbild Gottes zum Thema macht. Die therapeutische Medizin,
die sich um die Heilung Kranker kümmert, hat ihr theologisches
Gegenstück in der Lehre ‚de mediis salutis‘, während die Diätetik
zu vergleichen ist mit der Lehre von der sanctificatio und den guten
Werken. Wenngleich Luther die verschiedenen medizinischen Teil-
disziplinen nicht ganz trennscharf zu differenzieren scheint, wird
doch die Parallelität und die enge Verwandtschaft („cognatio“) der
beiden Wissenschaften deutlich, wenn er sagt: „Magna est cognatio
medicinae et theologiae, nam utraque quatuor partibus absolvitur.
Prima pars t∞w fiatrik∞w vocatur fusiologikÆ; haec describit naturam
et partes hominis et absolutissimam ideam humani corporis propo-
nit. Secunda afitiologikÆ; haec remedia adhibet aegrotantibus et mor-
bos pellit. Haec dicitur yerapeutikÆ. Tertia diaithtikÆ, quae praescribit
certam victus rationem et alia exercitia. Quarta est yerapeutikÆ, quae
de morbis disputat, id est, de accidentibus conturbantibus èrmon¤an;
causas morborum quaerit. Haec dicitur afitiologikÆ. Ad hanc metho-
dum pulchre congruit doctrina christiana. Primum dici solet de homi-
nis natura, qualis fuerit ea ante lapsum. Secundo consideranda est
tristis étaj¤a, quae imaginem Dei horribiliter deformavit; quae voca-
tur peccatum. Tertio monstrantur efficacia remedia, quae letalem
morbum depellunt. Quarto traditur doctrina de bonis operibus“39.
An diesem Punkt wird später die lutherisch-orthodoxe Theologie neu
ansetzen und — unter Verarbeitung und Ausgestaltung der Lutherschen

39
WA.TR 5,648,21–34 (Nr. 6408).
12 teil i ‒ luthers theologia medicinalis

Vorgaben — die Theologie als eine zuvörderst praktische Wissenschaft


definieren, da es ihr — wie der Medizin — um die Heilung der Men-
schen zu tun ist, sie also einen praktischen Zweck (finis) verfolgt40.
Analysiert man Luthers Traktat ‚Ob man vor dem Sterben fliehen
möge‘, so zeigt sich, daß der Reformator in diese poimenische
Gelegenheitsschrift eine ganze Reihe von zentralen Aussagen zur
Medizin eingewoben hat. Luther gibt den Breslauern, die ihn um
eine Stellungnahme zu der Frage gebeten hatten, ob man zu Pestzeiten
das Weite suchen dürfe oder nicht, seelsorglich Anweisung, wie man
sich zu verhalten hat. Luther empfiehlt seinen Adressaten, gewisser-
maßen durch einen Selbstexorzismus dem Machtbereich des die Pest
bringenden Teufels geistlich zu entfliehen und sich in die Obhut des
ersten Arztes zu begeben. Satan operiert mit Gift, bei Christus aber
ist das notwendige Gegengift zu finden. Den Breslauer Seelsorgern
legt Luther, wie er dies in ähnlich gelagerten Fällen häufig tut, eine
direkte Anrede an den Teufel in den Mund, mit deren Hilfe sie die-
sen Exorzismus vornehmen sollen: „Heb dich teuffel mit deim schrek-
ken [. . .]. Kanstu schrecken, so kan mein Christus stercken; kanstu
tödten, so kan Christus leben geben. Hastu gifft ym maul, Christus
hat noch viel mehr ertzney. Solt mein lieber Christus mit seim gepot,
mit seiner wolthat und allem trost nicht mehr gelten ynn meinem
geist denn du leydiger teuffel mit deinem falschen schrecken ynn
meinem schwachen fleisch, das wolt Gott nymer mehr. Heb dich
teuffel hinder mich, Hie ist Christus vnd ich sein diener ynn diesem
werck, der solls wallten AMEN“41. Die Worte, mit denen der Teufel
vertrieben werden soll, werden getragen von der Exorzismusformel,
die der Sohn Gottes selbst mehrfach verwendet hat, u.a. während
er vom Teufel in der Wüste versucht wurde: Ïpage, satanç (Mt 4,10).
Diese Formel verwendet Luther in dem genannten Textausschnitt
gleich doppelt.
Die fuga corporalis, das Verlassen der Stadt, in der die Pest tobt,
ist nach Luther all denen verboten, die als Seelsorger, Ärzte und

40
Vgl. Johann Gerhard, Meditationes Sacrae (1606/7). Lateinisch-deutsch, kri-
tisch hg., kommentiert und mit einem Nachwort versehen von J.A. Steiger, 2 Bde.
(= DeP I, 3), Stuttgart-Bad Cannstatt 2000, S. 19: „Quod si Theologia est doc-
trina practica, utique etiam finis eius non erit nuda gn«siw & subtilis yevr¤a, sed
potius praxis. Haec si sciveritis, beati si feceritis, dicit Salvator ad discipulos. Non
in verbis, sed in factis res nostrae religionis consistunt, dicit Justinus, oÈ l°gein mÒnon,
éllå ka‹ e‰nai poie› xristianoÁw, dicit Ignatius. Summa Christianae religionis est,
imitari eum quem colis, dicit Augustinus. t‹ ¶sti xristianismÚw; yeoË ımo¤vsiw katå
tÚ §ndexÒmenon ényr≈pou FÊsei, dicit Basilius“.
41
WA 23,357,11.27–359,2 (Ob man vor dem Sterben fliehen möge 1527).
die verwandtschaft von medizin und theologie 13

Angehörige Pflichten, also ein Amt den Kranken gegenüber haben.


Gestattet und vonnöten indes ist eine andere Art der Flucht, die
fuga spiritualis, durch die man dem Machtbereich des Teufels ent-
kommt und Zuflucht findet bei Gott, der die notwendigen antidota
bereithält. Unbeschadet dessen jedoch soll man die verfügbaren leib-
lichen Medikamente nutzen, Maßnahmen zur Wiederherstellung der
Hygiene ergreifen und sich nicht unnötig der Ansteckungsgefahr aus-
setzen, die von Pestkranken ausgeht: „brauche der ertzney, nym zu
dir was dich helffen kan, reuchere haus, hoff und gassen, meyde
auch person und stet, da dein nehester dein nichts bedarff “42. Luther
steht hiermit in einer weit in die Alte Kirche zurückreichenden
Traditionslinie. Denn die frühchristliche Adaption des antiken medi-
zinischen Wissensstandes erfuhr dadurch eine karitativ-diakonische
Zuspitzung und somit eine zuvor unbekannte Dimension, daß man
gewiß sein durfte, im Kranken dem leidenden Christus selbst zu
begegnen (Mt 25,36.43). In der Tat wird man davon sprechen müs-
sen, daß die ars medica sich schon im frühesten Christentum in eine
ars caritativa verwandelt43, bzw. sich durch die letztere komplettiert
und somit grundsätzlich neu definiert. Die heidnische Praxis, die auf-
grund einer Epidemie Erkrankten sich selbst zu überlassen, verbot
sich schon aufgrund von Mt 25 strikt.
Die Medizin hat nach Luther als eine Gabe Gottes, als ein „donum
Dei“44 zu gelten, da Gott dem Menschen den Verstand eingestiftet
hat, der die Voraussetzung dafür ist, daß er medizinisch tätig werden
kann — sowohl theoretisch als auch praktisch. Wie die juristische

42
WA 23,365,24f. Wie breit diese Ratschläge Luthers und ihr argumentativer
Begründungszusammenhang in den Pestschriften des Luthertums der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts gewirkt haben, läßt sich exemplarisch ablesen an: Simon
Musäus, Kurtze Auslegunge des ein vnd neuntzigsten Psalms / vnd Simeons Gesangs
/ Zu trost vnd vnterricht / wider die geschwinde seuche der Pestilentz, o.O. 1565
(HAB Wolfenbüttel QuN 719), fol. B 3v/4r: „Die vernunfft in den Philosophis vnd
Medicis / dieweil sie meinet / das diese plage allein aus den causis secundis / das
ist / aus den gifftigen mitteln / vnd schedlichen Creaturen herfliesse / So suchet
sie auch in andern guten vnd heilsamen Creaturen hülffe vnd raht / Als in den
Ertzeneyen / reynigung der lufft / weiter flucht / vermeydung der vergifften
Menschen vnd dergleichen.“
43
Vgl. Schadewaldt, Apologie (wie Anm. 25), S. 120. Dieser Aspekt verblaßt bei
Vivian Nutton, Art. Medizin, in: Der Neue Pauly 7 (1999), Sp. 1103–1117, hier:
Sp. 1115.
44
WA.TR 3,578,14 (Nr. 3733). Vgl. WA 47,797,36f (Predigten des Jahres 1539
[Nr. 27]): „Eruditio Theologica, item Iuridica et politica, medica etc. sunt dona
Dei.“
14 teil i ‒ luthers theologia medicinalis

Wissenschaft, so geht auch die medizinische auf die natürliche


Offenbarung Gottes zurück und gehört zum angestammten Aufga-
benfeld der Vernunft: „Est enim medicina divinitus revelata, non ex
libris profecta, sicut etiam iuris scientia non est ex libris, sed ex
natura hausta“45. Von Heilung im wahren Sinne des Wortes kann
indes erst die Rede sein, wenn sie den ganzen Menschen umfaßt
und ergreift. Auch dieser Gedanke, der aus Luthers biblisch-ganz-
heitlicher Anthropologie resultiert, die wiederum eine den ganzen
Menschen betreffende Heilkunde nach sich zieht46, die Ansätze zur
Psychosomatik erkennen läßt47, spiegelt sich u.a. in Luthers Pestschrift.
Aus dem Glauben an Gott, den höchsten und ersten Arzt, kann
nach Luther nicht abgeleitet werden, daß man die Patienten zu
Pestzeiten sich selbst überlassen darf. Vielmehr gilt umgekehrt: Gerade
weil Gott der Ursprung aller Heilung ist, haben Seelsorger und Ärzte
die Pflicht, die Versorgung der an der Pest Erkrankten sicherzustel-
len. Wer aber seinen seelsorglichen, ärztlichen, elterlichen etc. Pflichten
in Zeiten der Pestepidemie nachkommt, „hat hie widderumb einen
grossen trost, das sein sol widdergewartet werden. Gott wil selbs sein
warter sein, dazu auch sein artzt sein. O welch ein warter ist das.
O welch ein artzt ist das. Lieber was sind alle ertzte, apoteken und
warter gegen Gott? Solt einem das nicht einen mut machen, zu den
krancken zu gehen vnd yhn dienen, wenn gleich so viel druse [scil.
Beulen] vnd Pestilentz an yhn weren als hare am gantzen leibe, und
ob er gleich müste hundert Pestilentz an seym halse eraus tragen.
Was sind alle Pestilentz vnd teuffel gegen Gott, der sich hie zum
warter vnd artzt verbindet vnd verpflicht? [. . .] Darumb, lieben
freunde, lasst uns nicht so verzagt sein vnd die unsern, so wir verpflicht
sind, nicht so verlassen und fur des teuffels schrecken so schendlich
fliehen“48. Genießt also die geistliche, durch die remissio peccatorum
hergestellte Gesundheit bei Luther absoluten Vorrang, so bedeutet

45
WA.TR 1,151,8f. Vgl. WA 39/I,175,11–13 (Die Disputation de homine 1536):
Die Vernunft ist „inventrix et gubernatrix omnium Artium, Medicinarum, Iurium,
et quidquid in hac vita sapientiae, potentiae, virtutis et gloriae ab hominibus
possidetur.“
46
Vgl. Toellner, Heil (wie Anm. 38), S. 147.
47
Vgl. Hans Schadewaldt, Medizinisches in Luthers Tischgesprächen, in: Joachim
Mehlhausen (Hg.), Reformationsgedenken. Beiträge zum Lutherjahr 1983 aus der
Evangelischen Kirche im Rheinland (= SVRKG 81), Köln 1985, S. 47–54, hier:
S. 51.
48
WA 23,359,28–361,5.18–20.
die verwandtschaft von medizin und theologie 15

dies nicht, daß darum die sanitas corporalis vernachlässigt werden


darf — im Gegenteil. Denn der Sohn Gottes selbst war als Arzt des
Leibes und der Seelen zugleich tätig, wobei die von ihm vorgenom-
menen Wunderheilungen leiblicher Gebrechen nicht nur als sicht-
bare Kommentare zur Verkündigung der Sündenvergebung fungieren,
sondern zugleich die promissio in sich tragen, daß diejenigen, die
hier und jetzt sola fide die Rechtfertigung und das Heil der Seele
erlangen, am Ende der Zeiten auch leiblich vollkommen gesunden
werden, wenn der Tod und mit ihm alle Krankheiten überwunden
sein werden49.

49
Dieser Aspekt findet sich z.B. auch bei Melchior Bischoff, PASSIONALE
ESAIAE. Das ist: VBer das drey vnd funfftzigste Capitel deß heiligen Propheten
Esaiae / Darinnen Er von dem vnschuldigen Leiden vnnd Sterben / auch von der
frölichen Aufferstehung vnd ewigem Reich vnsers HErrn IESU CHRISTI, auffs
herrlichste Weissagt [. . .], Coburg 1605 (HAB Wolfenbüttel QuN 289), S. 69. Die
von Christus als „Medicus“ vorgenommene Heilung leiblicher Krankheiten ist als
promissio dahingehend zu verstehen, daß er die „selige Cur vnsers Leibs vnd der
Seelen vollziehen [scil. werde] am Jüngsten Tage“.
4. SÜNDHAFTIGKEIT ALS URKRANKHEIT — REMISSIO
PECCATORUM ALS RADIKALKUR

Bemerkenswert ist die Art und Weise, wie Luther in diesem Zusammen-
hang diejenigen Evangelientexte auslegt, die von Krankenheilungen
erzählen. Ein Beispiel sei hier herausgegriffen. An der Erzählung von
der Heilung des Paralytischen weist Luther auf, daß der Sohn Gottes
keineswegs einerseits Kranke leiblich heilt und andererseits als Heiland
durch die Vergebung der Sünde auch als geistlicher curator auftritt.
Vielmehr, so arbeitet Luther anhand von Mt 9,2 heraus, ist die
Sündenvergebung als geistlich-innerliche Kur die conditio sine qua
non für die Beseitigung auch der äußerlich-leiblichen Gebrechen.
Erst die Heilung der schwersten, weil innerlichen Krankheit, der
Sünde, gibt den Weg frei für die Überwindung der Lähmung.
„Remittuntur tibi peccata tua. Priusquam sanat (ut medicus perfec-
tus) morbum paralysis, causas morbi (ut dicitur) tollit, scilicet pecca-
tum“50. So betrachtet, ist die Sündenvergebung das eigentliche Wunder
und die Heilung leiblicher Gebrechen nur eine Sichtbarwerdung,
eine empirische Manifestation der remissio peccati. Christus als der
salvator mundi kuriert nicht an den äußerlichen Symptomen der im
Innersten des Menschen sitzenden Krankheit herum, sondern geht
der Sache mit einer Radikalkur auf den Grund, indem er die Sünde
als causa und Wurzelgrund aller Krankheit überwindet: „Dieser medi-
cus Christus greifft dieser kranckeit nach dem hals non sanaturus a
paralysi, nisi prius a peccatis sanarit“51. Nicht nur der Tod ist der
Sünde Sold (Röm 6,23), sondern auch die Krankheiten, die — schon
in der antik-heidnischen Sicht der Dinge — als Vorboten des Todes
galten. Wird aber die Sünde dadurch überwunden, daß sie aufgrund
der iustificatio nicht mehr zugerechnet wird, so schwinden damit
auch alle Krankheiten. „Morbus et mors nostra ist allein ein plag

50
WA 38,477,39f (Annotationes in aliquot capita Matthaei 1538). Vgl. analog
hierzu den Text von J.S. Bachs Kantate zum 19. Sonntag nach Trinitatis (Werner
Neumann [Hg.], Sämtliche von Johann Sebastian Bach vertonte Texte, Leipzig
1974, S. 139): „Vergibt mir Jesus meine Sünden, | So wird mir Leib und Seel
gesund“.
51
WA 34/II,329,26f.
sündhaftigkeit als urkrankheit 17

und straffe umb der sunde willen. Ablato autem peccato omnis mor-
bus ablatus est“52.
Wie aber fügt sich dies zu Luthers Anthropologie, der zufolge der
Christenmensch nach der Rechtfertigung simul iustus et peccator ist?
Der Zuspruch der Sündenvergebung bedeutet nicht, daß der Hei-
lungsprozeß bereits abgeschlossen ist. Vielmehr bringt es die impu-
tatio der fremden Gerechtigkeit Christi mit sich, daß die Sünde nicht
mehr zugerechnet wird, obgleich der Gerechtfertigte zugleich Sünder
ist. Die sanatio indes wird sich erst eschatologisch vollenden, wäh-
rend sie bis zum Jüngsten Tag eine imputative ist: „Christus sana-
vit nos imputatione, non ut etiam radicem peccati tolleret; sed ut ea
pullulans et erumpens non imputaretur nobis [. . .] Perpetuam sana-
tionem servavit sibi in alteram vitam. Hic satis fuit, inchoatione et
imputatione abesse peccatum at adesse iustitiam“53. Daß die sanatio
eine imputative ist, wird insbesondere an dem Umstand erfahrbar,
daß es weiterhin Krankheiten gibt und diese erst am Jüngsten Tage
endgültig überwunden werden. In einer Predigt über Lk 10 veran-
schaulicht Luther die Dialektik der Existenz eines Christenmenschen,
der zugleich Sünder und Gerechter, Geheilter und Kranker ist, indem
er sie vergleicht mit der Situation des in der Herberge liegenden
Rekonvaleszenten aus Lk 10,34, der sich auf dem Wege der Besserung
befindet. Der gerechtfertigte Sünder gleicht einem Verwundeten, des-
sen Wunden verbunden, aber noch nicht ausgeheilt sind. „Semper
manent die vulnera offen et tamen ligata, donec revertatur und hol
uns heim in die iudicii“54. Bis zum Jüngsten Tag also befindet sich

52
WA 34/II,330,7f. Vgl. hierzu Toellner, Heil (wie Anm. 38), S. 140. Ähnlich
Johann Olearius, Heylsame Betrachtung deß unschuldigen Leidens und Sterbens
Unsers HErrn und Heylandes JESU CHRJSTJ / Auß GOttes Wort Nechst hertz-
lichen Seufftzern / Gebet und Andachten Zu Beförderung der waren Gottseligkeit
wiederholet [. . .], Leipzig 1666 (HAB Wolfenbüttel Th 1950), S. 430: Christus hat
„alle Sünden Kranckheit / und deren wohlverdiente Straffe auff sich genommen
und getragen / Esa. 53. und zugleich den Brunquell aller zeitlichen Kranckheiten
und Leibes Beschwerungen damit verstopfft und abgewendet.“ Darum heißt der
Sohn Gottes bei Olearius „bester Leib=Artzt“, „bester Seelen=Artzt“ und „bester
Leibes= und Seelen=Artzt“ (ebd., S. 430f ).
53
WA 39/II,153,20f.23f (Die Promotionsdisputation von Johannes Macchabäus
Scotus 1542). Vgl. WA 40/I,369,19–23 (In epistolam S. Pauli ad Galatas Commentarius
1531): „Sed quomodo liberabor a peccato? Accurre ad Christum Medicum qui sanat
contritos corde et salvat peccatores. In hunc crede; si credis, es iustus, Quia tribuis glo-
riam Deo, quod sit omnipotens, misericors, verax etc. Iustificas et laudas Deum, Summa:
tribuis ei divinitatem et omnia. Quod reliquum in te peccati est, non imputatur“.
54
WA 29,537,15f (Predigten des Jahres 1529 [Nr. 62]).
18 teil i ‒ luthers theologia medicinalis

der Glaubende in einem Prozeß medizinischer Rehabilitation, die


erst im himmlischen Jerusalem zum Abschluß kommen wird, wo kein
Leid, Geschrei noch Schmerz mehr sein (Apk 21,4) und das Holz
des Lebens als Apotheke des Leibes wie der Seele für ewige sanitas
sorgen wird (Apk 22,2).
5. DAS VERBUM DEI ALS ARZNEI

Zu den prominentesten biblischen Grundlagen für die Bezeichnung


Christi als Arzt zählt neben Mt 9,12 (‚Die Starcken dürffen des
Artztes nicht / Sondern die krancken‘) seit Luthers Bibelübersetzung
Ex 15,26 (‚Ich bin der HERR, dein Artzt‘). Auch das Handeln Gottes
am Menschen mit Hilfe von Gesetz und Evangelium kann Luther
mit demjenigen eines Arztes vergleichen55. Da der Sohn Gottes allen
voran durch das Wort der Predigt wirkt, nennt Luther das Evangelium
folgerichtig „medicina sanativa et preservativa“56. Demnach ist Christus
nicht nur ein solcher Arzt, der Gesundheit dort herstellt, wo lauter
Krankheit und Tod sind, vielmehr bewahrt er den Patienten auch
nach dessen Genesung vor neuerlicher Erkrankung. Das wichtigste
Medium innerhalb der göttlichen Therapie ist das verbum Dei, das
Luther darum oft ‚remedium‘ nennt. Das „officium [. . .] proprium“57
des Evangeliums besteht darin, daß es dem erschrockenen und von
der Anklage des Gesetzes gedrückten Gewissen „auxilium et reme-
dium“58 zusagt, was u.a. im Heilandsruf greifbar wird (Mt 11,28).
Die lex dagegen überführt den Menschen seiner Sündhaftigkeit, d.h.
bewirkt, daß der Kranke „wisse, was seyn kranckeyt ist“59. Zu Joh
8,51 notiert Luther: „Nullum est aliud contra mortem remedium nisi
verbum Christi Seruatum, id est fideli corde et non dubitante appre-
hensum“60. Die Erzählung von der Verwandlung des bitteren Wassers
zu Mara in süßes (Ex 15,23–27) interpretiert Luther allegorisch und

55
Vgl. z.B. WA 49,11,17–23 (Predigten des Jahres 1540 [Nr. 2]): „Medicus mus
erstlich aegroto infirmitatem anzeigen vel dat gifft pro medicina. 1. ut dicat: das
ist die kranckeit. 2. contra hanc dienet die ertzney, wo ers nicht recht weis, gibt
ein bose etc. Sic praedicator mus 10 praecepta, das hohe recht behalten in Ecclesia,
ut homines agnoscant sua peccata, ut avidius audiam gratiae praedicationem, ut
credant et faciant bona opera etc. non quidem dant gratiam, sed geben zuerken-
nen, wie seer wir der gnade durffen.“ Vgl. auch WA 49,207–211 (Predigten des
Jahres 1540 [Nr. 4]).
56
WA 5,302,8.
57
WA 1,105,19 (Sermone aus den Jahren 1514–1517 [7.12.1516]).
58
WA 1,105,20.
59
WA 7,204,19 (Eine kurze Form der zehn Gebot, eine kurze Form des Glaubens,
eine kurze Form des Vaterunsers 1520).
60
WA 48,164,4f (Nr. 213).
20 teil i ‒ luthers theologia medicinalis

findet — ähnlich wie Sir 38,5 dies tut — hier das Handeln Gottes
als Arzt abgebildet61, der den bitteren Tod in einen süßen Schlaf
verkehrt. In diesem Zusammenhang fordert Luther seine Hörer auf,
beim verbum Dei zu bleiben und in ihm den medicus divinus zu
finden: „So bleibe allezeit bey dem Wort, so wird Gott dein Medicus
sein und wird dich schützen für aller betrübnis“62. Dieses verbum
indes kann vielfältige Gestalt annehmen, nämlich überall dort, wo
das Wort Gottes getrieben wird: in Gebet, Lektüre der Heiligen
Schrift, Predigt und Abendmahl. „Interim patimur vivi medici, id
est, Christi medelam, audimus verbum, oramus, legimus, quantum
possumus, sanamus per verbum. Nam quotidie orare, quotidie audire
et meditari verbum et accedere ad sacramentum et purgare saniem
et putredinem debemus; ergo debemus uti his instrumentis, ut pur-
gemur, mundemur ex sanie peccati, donec vere et prorsus purge-
tur“63. Derjenige, der die Heilige Schrift meditiert und betet oder
ein geistliches Lied singt, appliziert sich Gottes Arznei, betreibt also
geistliche Selbstmedikation. Damit dies gelinge und eingeübt werden
könne, hat Luther im Jahre 1521 eine kurze Trostschrift mit dem
Titel ‚Tröstung für eine Person in hohen Anfechtungen‘64 veröffentlicht.
In ihr gibt der Reformator Angefochtenen einen Leitfaden, ein Rezept
an die Hand, wie in der Situation der tentatio Trost zu finden ist.
Kristallisationspunkt der Therapie ist die Arznei des Gebetes65, durch

61
Ausführliches Augenmerk wird der intertextuellen Verknüpfung von Sir 38 und
Ex 15 geschenkt bei Johannes Mathesius, Sÿrach Mathesij Das ist / Christliche,
Lehrhaffte / Trostreiche vnd lustige Erklerung vnd Außlegung des schönen Haußbuchs
/ so der weyse Mann Syrach zusammen gebracht vnd geschrieben [. . .], 3 Teile,
Leipzig 1586 (HAB Wolfenbüttel C 194. 2° Helmst.), II, fol. 117v/118r.
62
WA 16,286,26f (Predigten über das 2. Buch Mose 1524–1527).
63
WA 39/I,113,25–114,3 (Die Disputation de iustificatione 1536).
64
WA 7,785–791 (Tröstung für eine Person in hohen Anfechtungen 1521).
65
Vgl. zum Gebet bei Luther Traugott Koch, Johann Habermanns ‚Betbüchlein‘
im Zusammenhang seiner Theologie. Eine Studie zur Gebetsliteratur und zur
Theologie des Luthertums im 16. Jahrhundert (= BHTh 117), Tübingen 2001, S.
17–132 sowie Friedrich-Otto Scharbau (Hg.), Das Gebet (= VLAR 33), Erlangen
2002. Vgl. ferner folgende ausgewählte Studien: Bruno Jordahn, Luther und das
gottesdienstliche Gebet, in: Lu 33 (1962), S. 116–127. Kurt Dietrich Schmidt, Luther
lehrt beten, in: Lu 34 (1963), S. 31–41. Horst Beintker, Zu Luthers Verständnis
vom geistlichen Leben des Christen im Gebet, in: LuJ 31 (1964), S. 47–68. Ders.,
Die Bedeutung des Gebetes für Theologie und Frömmigkeit unter Berücksichtigung
von Luthers Gebetsverständnis, in: NZSTh 6 (1964), S. 126–153. Vilmos Vajta,
Luther als Beter, in: Helmar Junghans (Hg.), Leben und Werk Martin Luthers von
1526 bis 1546. Festgabe zu seinem 500. Geburtstag, Göttingen 1983, S. 279–295.
806–811. Gerhard Ebeling, Beten als Wahrnehmen der Wirklichkeit des Menschen,
wie Luther es lehrte und lebte, in: LuJ 66 (1999), S. 151–166.
das verbum dei als arznei 21

das der Beter der Melancholie den göttlichen Affekt der geistlichen
Freude entgegensetzt: „Kein stercker ertzney ist hierin, denn das sie
[scil. die angefochtene Person] anhebe irgend ein Gespreche, Wie
David Psal. 18. sprach: ‚Ich wil den HERRN loben und anruffen,
so werde ich erlöset von allem, das mich anficht‘. Denn der böse
Geist der schwermütigkeit mag nicht verjagt werden mit betrübnis
und klagen und sich engsten, sondern mit Gottes lobe, davon das
hertz frölich wird“66. Als ein Beispiel, wie sich solches Gebet vollzie-
hen kann, bietet Luther seinem Leser Ps 142 dar und kombiniert
diesen Text mit kurzen Erläuterungen, um einen Weg zu weisen,
wie die oratio dieses Psalms in die meditatio desselben überführt
werden kann.
Der Sohn Gottes als der erste Arzt hantiert und therapiert sowohl
mit scharfen, bitteren Arzneien, mit dem Gesetz, als auch mit den
süßen Medikamenten des Evangeliums. Nun wäre es aber ein
Mißverständnis, zu meinen, die bittere Arznei hätte nach Luther
lediglich innerhalb der Gesetzespredigt, mithin also nur in der
Vorbereitung des Gnadenempfanges durch die Stiftung von Sündener-
kenntnis (Röm 3,20) ihren Platz. Nach Luther steht fest, daß je stär-
ker der Glaube ist, desto vehementer auch die Anfechtungen sind,
die den Glaubenden je und stets neu auf den Anfang, insbesondere
auf die Taufe, zurückwerfen67. Gerade also dem Glaubenden verab-
reicht Gott bittere Arzneien — Kreuz, Leiden und tentatio —, um
ihn dadurch einer Auszeichnung teilhaftig werden zu lassen und ihn
in seinem Glauben zu üben. Darum interpretiert Luther die Erzählung
vom Samariter, der die Wunden des halb Toten zunächst mit Öl
und sodann mit Wein behandelt, dahingehend, daß er sagt, daß die
tröstlich-gelinde Therapie des Evangeliums in der Kreuzschule
ihre Fortsetzung findet68. Das Evangelium der Rechtfertigung allein

66
WA 7,785,19–23.
67
Vgl. J.A. Steiger, Art. Versuchung, in: TRE 35 (2003), S. 52–64, hier: S. 55.
68
So später auch Johann Gerhard, Postilla: Das ist / Erklärung der Sontäglichen
vnd fürnehmesten Fest=Euangelien / vber das gantze Jahr [. . .], Jena 1613, 3 Teile
und Appendix (HAB Wolfenbüttel 419–420 Theol.), II, S. 245: „Derselbe trewe
Samariter ist zu vns kommen / hat wahre menschliche Natur an sich genommen
/ ist in derselben geschlagen vnd verwundet / daß aus göttlicher vnd menschlicher
Natur in Christo vns eine heilsame Artzney zubereitet würde / er lindert vnsere
Wunden mit dem Oel des heiligen Euangelij / vnnd wegen der noch hinderstelli-
gen Sünde brauchet er den scharffen Wein des Creutzes / Er leget vns auff seine
Achseln / führet vns in die Herberge seiner Kirchen / lesset vnser pflegen vnd
warten / vnd was seine Diener an die Seelen der Menschen / dieselbe zu curiren
22 teil i ‒ luthers theologia medicinalis

aus Gnade ist vergleichbar dem Öl, das als Wundarznei lindernd
wirkt69: „Ole geüst er darein, wenn die gnad gepredigt wird, wenn
man sagt: Sihe da, du armer mensch, da ist dein unglaub, da ist
dein verdamnis, da bist du verwundt und ungesundt, halt, das wil
ich dir alles haylen mit dem Euangelio, Sihe da helt dich der herre,
an disen Samariter, an Christum den Hayland, der wirt dir helffen,
sonst nichts. Ole wist jr wol, das macht linde, also macht auch die
süsse linde predig des Euangelions, das ich ein fein linndes hertz
gegen Got und dem nechsten [habe]“70. Sodann aber folgt die
Behandlung mit schärferen Medikamenten, mit Leiden und Kreuz
im Sinne der imitatio Christi. „Wein ist scharpff und bedeüt das
heylige Creütz, welchs balde hernacher folgt. Ein Christ darff sich
nicht nach dem Creutz umbsehen, es ist jm ehe auff dem halse,
denn er gedencket, wye Sant Paul sagt: Alle die gotfälig leben wöl-
len inn Christo Jesu, müssen verfolgunge leydenn [scil. 2Tim 3,12]“71.
Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, daß Luther in der
‚Hauspostille‘ im Wein, den der himmlische Samariter dem halb
Toten in die Wunden träufelt, nicht Kreuz und Leidensnachfolge
gespiegelt sieht, sondern die Gesetzespredigt. Indem Luther die in
Lk 10,34 genannten Etappen der Behandlung mit Hilfe von Öl und
Wein umkehrt, sagt er: „er wescht unsere wunden auß mit wein und
geust das selige öll seiner gnaden drein und nimbt unsere sünde, die
tregt er an seinem leyb“72.
Christus heilt durch sein Wort, das in Gebet, Gehör des Wortes
Gottes, Meditation und Abendmahlsempfang appliziert wird. Dies
sind gewissermaßen die unterschiedlichen Applikationsformen ein und
derselben medizinischen Substanz. Im Anschluß an eine Tradition,
die bis auf Ignatius von Antiochien73 zurückgeht, spricht Luther vom

/ wenden / wird er in seiner Widerkunfft reichlichen belohnen / Diesem vnserm


getrewen Artzt sey Lob vnd Preiß in Ewigkeit / Amen“.
69
Vgl. EKG 176,3 ( Johann Georg Albinus [?]): „Zeig mir deine Vaterhuld |
stärk mit Trost mich Schwachen; | ach Herr, hab mit mir Geduld, | wollst gesund
mich machen; | heil die Seel mit dem Öl deiner großen Gnaden, | wend ab allen
Schaden“.
70
WA 10/I,2,365,32–39 (Sommerpostille 1526 [13. Sonntag n. Trin.]).
71
WA 10/I,2,366,3–6.
72
WA 52,463,10–12.
73
Vgl. Ignatius, An die Epheser, cap. 20, in: Die apostolischen Väter. Neubear-
beitung der Funkschen Ausgabe von Karl Bihlmeyer. Zweite Auflage mit einem
Nachtrag von Wilhelm Schneemelcher, Teil 1 (= SQS 2. Reihe, 1. Heft, 1. Teil),
Tübingen 21956, S. 88,14–16: „[. . .] ßna êrton kl«ntew, ˜w §stin fãrmakon éyanas¤aw,
ént¤dotow toË mØ époyane›n, éllå z∞n §n ÉIhsoË Xrist“ diå pantÒw“.
das verbum dei als arznei 23

Abendmahl als einem „remedium efficacissimum“74. Die römische


Kirche dagegen habe das Sakrament des Altars zu Gift pervertiert,
indem sie die Würdigkeit des Empfängers zur Vorbedingung der
Kommunikation gemacht und dadurch die Gabe Gottes in ein
Menschenwerk verkehrt habe. „In Euangelio est mera gnadanbie-
tung, ergo non est sacramentum venenum, sed remedium gratiae,
liberatio malae conscientiae adest“75. In unterschiedlichen Medien
wirkt das eine, ja einzige remedium, das verbum Dei76. Da der Sohn
Gottes jedoch selbst das Wort Gottes ( Joh 1,1ff ) ist, kann Luther
auch Christus selbst „remedium“ nennen, „quem sola fides appre-
hendit“77. Pars pro toto ist bei Luther auch vom Blut Christi als
„remedium“78 die Rede. Dieser Sachzusammenhang prägt u.a. auch
Luthers Katechismuslied zur Taufe, in dem vom Blut Christi die
Rede ist, das heilende Qualität hat: „[. . .] ist vor ihm ein rote Flut,
| von Christi Blut gefärbet, | die allen Schaden heilen tut, | von
Adam her geerbet, | auch von uns selbst begangen“79.
Aus eigener Kraft aber kann der Sünder keine Heilung erlangen,
im Gegenteil: Wollte er, was seine geistliche Krankheit betrifft, ver-
suchen, sich selbst zu behandeln, würde er seinen Zustand nur ver-
schlimmern. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter geistlich
applizierend, sagt Luther darum: „Das gleichnus steet starckt da und
malet uns fein abe, was wir sind und vermügen mit unser hohen
vernunft und freyem willen. Wenn jm der arme verwundte mensch
selbs hette wöllen helffen, were es erger mit jm worden, er het jm
selbs geschadet, hette die wunden auffgekratzet, und wer jamer und
not worden, were er dann ligen pliben, so wers gleich sovil gewesen“80.

74
WA 29,212,18 (Predigten des Jahres 1529 [Nr. 18]). Vgl. WA 30/I,122,7
(Katechismuspredigten, 3. Reihe, Abendmahl 1528). So auch im Marburger Gespräch
über das Abendmahl Zwingli gegenüber (vgl. WA 30/III,128,12 [Das Marburger
Gespräch und die Marburger Artikel 1529]).
75
WA 17/I,172,24–26 (Predigten des Jahres 1525 [Nr. 26]).
76
Ähnlich auch Gerhard, Postilla (wie Anm. 68), II, S. 186: „Gottes Wort ist
die einige Artzney / dadurch vnsere krancke Seele möge gesundt gemacht werden
/ wenn ein Patient die Mittel der Ar[tz]ney / welche Gott der HErr verordnet /
beginnet zu verachten / ist nichts gewissers als der Tod zu hoffen / Also ist eine
Stadt vnnd Land dem Verderben nahe / welches die Artzney göttliches Worts
verwirfft“.
77
WA 39/II,196,15. Vgl. WA 40/III,734,11, wo Luther Christus als „unicum
remedium“ und „via unica“ bezeichnet.
78
WA 20,619,1 (Vorlesung über den 1. Brief des Johannes 1527).
79
EKG 146,7.
80
WA 10/I,2,364,32–36.
6. PREDIGER UND BISCHÖFE ALS ‚SPITALMEISTER‘

Luther hat sein eigenes predigendes und tröstendes Tun und dasje-
nige eines jeden Seelsorgers als ärztlich-geistliche Aufgabe interpre-
tiert. Hier zeitigt die theologia medicinalis pastoraltheologische
Konsequenzen. Da die Prediger in erster Linie die göttliche Arznei,
also die von der Sündenkrankheit befreiende Botschaft in unterschied-
lichen Verabreichungsformen weitergeben, sind auch sie Ärzte —
gewissermaßen Ärzte im Dienste des Oberarztes Christus, der allein
dieses Amt innehaben kann, weil er Jes 53,4 zufolge alle Krankheiten
trägt: „Christus treget unsere gebrechen und kranckheytten, unser
sünde nimpt er auf sich“81. Nur diese Gewißheit erlaubt es, daß
Menschen geistlich-ärztlich tätig werden können, indem sie die
Botschaft des Oberarztes ausrichten: „Medici sunt praedicatores,
regentes Christianorum, ut liberentur a peccatis“82. Oder ähnlich:
„Hic sunt praedicatores als die spitelmeister, semper habent, quibus
cura opus est, haben alzeit newe krancken und werden etlicher los,
etliche komen widder etc.“83
In seiner Predigt über Lk 10 in der Sommerpostille entwickelt
Luther (ähnlich wie dies im Bereich der Alten Kirche schon Cyprian
getan hatte84) aus dem zu predigenden Text eine kurze pastoraltheo-
logische Dienstanweisung, die zeigt, welche geistlich-medizinischen
Aufgabengebiete ein Seelsorger hat. „Die Prediger inn disem reich
sollen die gewissen trösten, sollenn freündtlich mit jnen umbgeen,
sollen sie speysen mit dem Euangelio, sollenn dy schwachenn tra-
gen, die kranckenn heylen, und sollen das wort fein wissen zu schnei-
den und einem yegklichen, nach dem es ym von nöten, fürtragen
[. . .] Ein Bischoff unnd Prediger sol sich stellen wie einer, der der
krancken wartet, der get gar seüberlich mit jn umb, gibt gute wort,
redet fein freündtlich mit den krancken und thut allen vleyß bey jn.
Also sol ein Bischoffe unnd Pfarrer auch thun, und sol nicht anders

81
WA 10/I,2,366,20.
82
WA 17/I,473,7f (Predigten des Jahres 1525 [Nr. 66]).
83
WA 11,172,37–39.
84
Vgl. Schadewaldt, Apologie (wie Anm. 25), S. 119.
prediger und bischöfe als ,spitalmeister‘ 25

gedencken, denn das sein Bistumb und Pfarre ein Spital und siech-
hauß sey, darinne er gar vil und mancherley krancken habe“85. Zwar
kranken alle letztlich an derselben Krankheit — an der Sündhaftigkeit.
Da sich diese Krankheit jedoch höchst unterschiedlich äußert, also
sehr individuelle Symptome zeitigt, ist es die Aufgabe des Seelsorgers,
die in den betreffenden Einzelfällen jeweils adäquate Diagnose zu
stellen und sodann jedem Kranken die ihm nötige Arznei zukom-
men zu lassen, das Wort Gottes und die mit ihm verbundene con-
solatio also auf seine spezielle Situation hin (d.h. am jeweiligen
Adressaten orientiert) zuzuschneiden. An dieser Stelle bezieht sich
Luther deutlich auf das paulinische Programm der Orthotomie des
Wortes Gottes (2Tim 2,15), aber auch auf die Einsicht, daß dem
verbum Dei selbst heilsame Qualität eignet (1Tim 6,3). Dieses
Miteinander von geistlich-medizinischer Topik und orthotomischer
Orientierung an den Adressaten hat die Pastoraltheologie des
Luthertums zutiefst geprägt, wie sich u.a. bei Nikolaus Selnecker
beobachten läßt86.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, daß Luther eine
seiner frühen Trostschriften folgendermaßen betitelt: ‚Eynn trostliche
ertzney, fur leut, die inn grossenn anfechtungen ligen, von anfech-
tungen des bosen feindts‘ (1521)87. Im selben Jahr gab der Nürnberger
Reformator Lazarus Spengler (1479–1534)88 eine Schrift in den Druck
mit dem Titel: ‚Ein trostliche christenliche anweisung und artzney
in allen widerwertigkaiten‘89. Von hieraus entwickelte sich rasch die
reformatorisch-literarische Gattung geistlicher Arznei-Schriften. Auch
Urbanus Rhegius (1489–1541)90 verfaßte eine solche und gab ihr den

85
WA 10/I,2,366,22–26.29–34.
86
Vgl. Nikolaus Selnecker, Der herrliche Prophet Ezechiel / frommen Christen
zum Vnterricht vnd trost / zu diesen schweren vnd gantz gefehrlichen zeiten /
Ausgelegt, Leipzig 1567 (HAB Wolfenbüttel Tc 317), fol. m 4r/v (zu Ez 34): „ Jn
solchem dienst sol der schwachen gewartet werden / die krancken geheilet / das
verwundte verbunden / das verirte geholet / vnd das verlorne gesucht werden /
das ist / in diesem dienst sol nur gehen / lehren / vermanen / trösten / drowen
/ straffen / nach gelegenheit der leut / mit denen vmbzugehen ist. Denn etliche
sind schwach im glauben / etliche kranck in anfechtung / etliche verwund mit
grossen sünden / etliche verirret mit falscher lehre vnd Ketzerey / etliche verlorn
vnd verfüret durch lose leute. Mit diesen allen sol ein rechter Lehrer wissen vmbzu-
gehen / vnd sanfftmütig / vnd / wo es von nöten / ernstlich sein“.
87
WA 7,784–791.
88
Vgl. Berndt Hamm, Art. Spengler, Lazarus, in: TRE 31 (2000), S. 666–670.
89
Spengler, Schriften (wie Anm. 12), S. 226–243.
90
Vgl. Hellmut Zschoch, Art. Rhegius, Urbanus, in: BBKL 8 (1994), Sp. 122–134.
26 teil i ‒ luthers theologia medicinalis

Titel: ‚Seelen ertzney fur die gesunden vnd krancken / jnn todes
nötten‘91. Dieses Erbauungsbüchlein, das eine Vielzahl von Auflagen
erlebte, dürfte die erfolgreichste geistliche Arznei-Schrift des 16.
Jahrhunderts gewesen sein. Doch auch Hieronymus Weller (1499–1572)
betätigte sich auf diesem Segment der literarischen Produktion und
gab 1553 sein ‚Antidotum adversus tentationes omnis generis‘ in den
Druck. In seiner Vorrede vergleicht Weller das Tun eines Geistlichen
recht ausführlich mit demjenigen eines Arztes, indem er sagt: „Vidi
enim aliquoties, atque expertus sum, quàm inepti quidam sint mini-
stri Ecclesiae, in erudiendis & confirmandis conscientijs. Praeclarè
enim se officio suo fungi arbitrantur, si modo insignes quasdam
Scripturae sententias in consolandis afflictis & aegrotis coaceruaue-
rint, nec uident, nec aduertunt se hoc pacto animos telis ignitis
Diaboli sauciatos, magis perturbare, quàm confirmare. Perinde faci-
unt, ac si quis indoctus medicus eadem pharmaca, seu certum quod-
dam genus remedij omnibus aegrotis, nullo delectu, nec ratione
complexionum habita, praeberet. Omnino similis esse debet pius, &
doctus minister Ecclesiae perito & sapienti medico. Vt enim primum
aegroti complexionem, uitae consuetudinem, & causam morbi con-
siderat, deinde remedium uiribus aegroti conueniens parat: Ita &
medicus Spiritualis primum ex afflicto, seu tentato, ut ita dicam,
quaerat: quae ipsum tentatio premat. Postea dicta Scripturae tenta-
tioni eius congruentia afferat, eaque probè interpretetur & inculcet.
Sed est magnae sapientiae, ac experientiae, scitè et commodè paui-
das mentes tractare, & ambigentes conscientias erudire, & â dubita-
tione ac moestitia reuocare“92.

91
Wittenberg 1534 (Augsburg 11529). Vgl. Gunther Franz, Huberinus — Rhegius
— Holbein. Bibliographische und druckgeschichtliche Untersuchung der verbreitet-
sten Trost- und Erbauungsschriften des 16. Jahrhunderts (= BHRef 7), Nieuwkoop
1973.
92
Hieronymus Weller, ANTIDOTVM ADVERSVS TENTATIONES OMNIS
GENERIS. QVIBVS piae mentes exerceri solent, o.O. o.J. [ca. 1553] (HAB
Wolfenbüttel Yv 1210 Helmst. 8° [1]), fol. A 3r/v. Eine Parallelisierung von Medizin
und Theologie findet sich auch bei Philipp Melanchthon, Loci (1521), in: Werke
in Auswahl, hg. von Robert Stupperich, Bd. II/1, hg. von Hans Engelland, Gütersloh
1952, S. 7,14–19; 66,15–18 sowie in dessen Enarratio epistulae prioris ad Timotheum,
CR 15, Sp. 1367f. Vgl. zur Thematik Ralf-Dieter Hofheinz und Ralf Bröer, Zwischen
Gesundheitspädagogik und Kausalitätstheorie. Melanchthons ‚Theologie der Krankheit‘,
in: Günter Frank und Sebastian Lalla (Hgg.), Fragmenta Melanchthoniana. Zur
Geistesgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, Bd. 1, Heidelberg 2003,
S. 69–86.
prediger und bischöfe als ,spitalmeister‘ 27

Im Gefolge dieser durch das Reformationsjahrhundert eingebür-


gerten Tradition stehen all diejenigen Schriften lutherischer Theologen
der folgenden Zeit, die das Stichwort ‚Seelenarznei‘ im Titel tra-
gen93. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch der Umstand, daß
die Bezeichnung ‚Seelenarzt‘ für Pastoren üblich wurde94.

93
Vgl. z.B. Sigismund Scherertz, FVGA MELANCHOLIAE. Seu: Refectio
Animarum, in Tristitiâ Spiritus. Das ist: SEelen Artzney: Wider die Melancholey
vnd Schwermuth des Geistes / auch wider die Furcht vnd Zaghafftigkeit des Hertzens
/ damit viel Leute geplaget werden. Darinnen Christlicher Bericht zu finden / wie
die Trawrigkeit vnd Kleinmuth vertrieben / vnd ein frölichs Hertz in Gott erhal-
ten werden möge. Auff jetzige betrübte Zeiten gerichtet, Lüneburg 1633 (FB Gotha
Theol. 8° 630/7 [1]). Vgl. hierzu J.A. Steiger, Melancholie, Diätetik und Trost.
Konzepte der Melancholie-Therapie im 16. und 17. Jahrhundert, Heidelberg 1996,
S. 73–79. Zu Scherertz vgl. weiter Alexander Bitzel, Anfechtung und Trost bei
Sigismund Scherertz. Ein lutherischer Theologe im Dreißigjährigen Krieg (= SKGNS
38), Göttingen 2002. Vgl. zur Seelenarznei-Literatur weiter Krafft, Christus ruft in
die Himmelsapotheke (wie Anm. 4), S. 25–36.
94
Vgl. z.B. Sebald Krug, Christliche Predigt / Von der Trew vnd Pflicht Geistlicher
SeelenArtzte Das ist / Trewer Lehrer vnd Prediger / So wohl Christlicher Patienten
vnd Pfarrkinder / Als [. . .] Herr / Magister Johan Langer [. . .] zu einen Seelen
Artzt / vorgestellet / vnnd [. . .] investirt worden [. . .] Auß dem Evangelio Matth:
8. vom Aussetzigen Patienten, Coburg 1624 (FB Gotha Theol. 4° 118/1 [9]).
7. DIE CHRISTOLOGISCHE KOINZIDENZ VON
MEDICUS UND MEDICINA

Nach Luther sind im Rahmen der medicina spiritualis zwar Arzt


und Arznei, Christus und sein Wort zu unterscheiden. Da der Sohn
Gottes jedoch das ewige Wort des Vaters ist ( Joh 1,1ff ), ist er nicht
nur „medicus“, der heilt, indem er das Evangelium predigt und
Sündenvergebung zuspricht, sondern zudem „medicamentum“95 in
Personalunion, da er das Wort, das er spricht, selbst ist ( Joh 1,1).
Mit diesem Aspekt greift Luther einen Gedanken auf, der schon in
der patristischen Tradition, insbesondere bei Augustin96, Beachtung
gefunden hat. Kann also die geistliche Therapie des Heilandes in
der Art und Weise, wie ein Leibesarzt heilt, gleichnishaft angeschaut
werden, so liegt doch eine entscheidende Differenz zwischen medi-
cina corporalis et spiritualis darin, daß der menschliche Arzt niemals
auch und zugleich Arzneimittel sein kann. Die christologisch-medi-
zinische Koinzidenz von Person und Sache, von Amt und Heilmittel
illustriert Luther anhand des Hebräer-Briefes: Christus ist nicht irgend-
ein Hoherpriester, der ein Opfer darbringt, sondern er vollendet das
hohepriesterliche Amt dadurch, daß er sich selbst als Opfer darbringt
(Hebr 9,12): „Ita Christus est pharmacon et medicus, sacerdos et
victima semel oblata, ut omnis qui credit in eum, hoc est credit
Christum sibi esse idipsum, non pereat, sed habeat vitam aeternam“97.
So wie der Sohn Gottes Opferpriester und Opfer zugleich ist, ist er
auch der Arzt, der seinen Leib als remedium98 gegen Tod, Sünde

95
WA 5,311,1.
96
Vgl. z.B. Augustin, MPL 38, Sp. 1387: „Medicus etiam cum occideretur, suo
sanguine aegrotos sanabat“. Vgl. weiter Augustin, MPL 38, Sp. 847: „Venit ergo
Salvator ad genus humanum, nullum sanum invenit, ideo magnus medicus venit“. Vgl.
zur Thematik Hübner, a.a.O. (wie Anm. 4), S. 325. 327 sowie Rudolph Arbesmann,
The Concept of ‚Christus Medicus‘ in St. Augustine, in: Tr. 10 (1954), S. 1–28.
97
WA 4,609,14–17 (Sermone aus den Jahren ca. 1514–1520). Vgl. Johann
Gerhard, APHORISMI SACRI PRAECIPUA THEOLOGIAE PRACTICAE COM-
PLECTENTES Ex Scriptoribus Ecclesiasticis collecti & proprio studio aucti, Jena
1616 (HAB Wolfenbüttel G 151 Helmst. 8° [3]), S. 79: „Fusus est sanguis Medici
& factus est medicamentum aegroti“.
98
WA 30/I,121,12f: „Sacramentum non est datum ad venenum iis, qui habent
infirmitatem, sed pro remedio“.
die christologische koinzidenz von medicus und medicina 29

und Teufel hingibt („medicus, qui dedit tibi corpus suum“99). Hier
wird deutlich, daß die nicht zuletzt auf dem Hebräerbrief basierende
Versöhnungslehre Luthers die Matrix seiner theologia bzw. christo-
logia medicinalis bildet. Hat die Arzneikunst die Aufgabe, Leben zu
schützen und zu erhalten, so besteht das hohepriesterliche Amt des
Arztes Christus, der das Leben selbst ist ( Joh 14,6), darin, sein Leben
zu lassen, um ewiges Leben zu stiften. Genau diesen Aspekt bringt
auch der Choral ‚Nun laßt uns Gott dem Herren [. . .]‘ (EKG 227)
von Ludwig Helmbold (1532–1598) zur Geltung, indem er in der
vierten Strophe formuliert: „Nahrung gibt er dem Leibe; | die Seele
muß auch bleiben, | wiewohl tödliche Wunden | sind kommen von
der Sünden. || Ein Arzt ist uns gegeben | der selber ist das Leben;
| Christus, für uns gestorben, | der hat das Heil erworben“100.
Der Heilungsprozeß, den der medicus Christus in Gang setzt und
zum Abschluß bringt, ist die iustificatio allein aus Glauben, die sich
durch die Zurechnung der den Menschen fremden Gerechtigkeit voll-
zieht. In den ‚Operationes in Psalmos‘ beschreibt Luther diesen
Vorgang als transfiguratio des Menschen in Christus. Die Heilung
des sündenkranken Menschen geht vor sich, indem Christus, und

99
WA 30/I,121,7.
100
EKG 227,3f. Dieses Lied hat eine auffällig breite Wirkung auch im Medium
der Predigt gezeitigt. Vgl. z.B. folgendes aus Schmucks Wochenpredigten hervorge-
gangenes Werk: Vincentius Schmuck, EXODI PARS II. Außlegung des XIV. vnd
der folgenden Capitel biß auff das XXI. im andern Buch Mose / Darinnen der
Kinder Jsrael durchgang durch das rothe Meer / die Erseuffung Pharaonis / Mosis
Lobgesang / etliche des Volcks Reisen / die bescherung des HimmelBrots / vnd
wie Gott am Berg Sina das Gesetz gegeben / etc. ördentlich beschrieben werden,
Leipzig 1614 (HAB Wolfenbüttel 400.4 Theol.), S. 172. Zu Ex 15,26 führt Schmuck
aus, daß Christus „vnser aller Artzt worden [ist] / sonderlich wider das schädliche
Gifft der Sünden / daß wir durch krafft seines Verdiensts daran genesen / vnd
ewig leben können vnd sollen / davon wir singen: Ein Artzt ist vns gegeben / |
Der selber ist das Leben / | Christus für vns gestorben / | Hat vns das Heil
erworben.“ Dieser Choral auch in Olearius, Heylsame Betrachtung (wie Anm. 52),
S. 431 im Rahmen einer oratio ficta Christi: „Jch bin und bleibe allein dein bester
Leibes= und Seelen=Artzt / der ich allein mit Warheit sagen kan: Alles was dir
mangelt / findest du bey mir. B. Richt. 19. 20. Gesundheit / Leben / Segen / ja
ewiges Leben / Heil / Trost und Seligkeit / daß es heist: Ein Artzt ist uns gege-
ben / Der selber ist das Leben“. Ebenso bei Salomo Glassius, Prophetischer
Spruch=Postill Erster Theil / Darinnen auff alle vnd iede Fest= vnd Feyr=Tage
durchs gantze Jahr / zweene Prophetische Sprüche / Einer aus dem Esaia / der
ander aus der folgenden Propheten einem / erkläret / mit dem gewöhnlichen
Evangelio verglichen / vnd zu Christlichem Nutzen / im Glauben vnd Leben /
angeführet werden [. . .], Jena/Nürnberg 1642 (Bibliothek des Fachbereichs Evangelische
Theologie der Universität Hamburg G VI v 331), S. 262.
30 teil i ‒ luthers theologia medicinalis

d.h. Arzt und Medikament zugleich, im Menschen tätig und wirk-


sam werden, den Patienten also von innen heraus gesunden lassen.
„Fides enim in Christum facit eum in me vivere et moveri et agere,
non secus atque salutare ungentum in aegrum corpus agit“101. Wer
glaubt, wird in Christus inkorporiert, in ihn hinein verwandelt, dadurch
daß der Gottessohn selbst in ihm Gestalt annimmt. Auffälligerweise
lehnt sich Luther an dieser Stelle an die von ihm wenig später (in
‚De captivitate Babylonica‘) innerhalb der Sakramentstheologie abge-
lehnte Lehre von der Transsubstantiation von Brot und Wein in Leib
und Blut Christi an, um begreifbar werden zu lassen, wie es um die
transformatio des Sünders in Christus bestellt ist. Durch den Glauben
wird — so Luther — die mystische Union mit Christus aufgerich-
tet, die die transmutatio der Sünde in die Gerechtigkeit Christi zur
Folge hat: „efficimurque cum Christo una caro et unum corpus per
intimam et ineffabilem transmutationem peccati nostri in illius iusti-
tiam, sicut nobis repraesentat venerabile altaris sacramentum, ubi
panis et vinum in Christi carnem et sanguinem transformantur“102.
Der Sünder hat es nach Luther an sich, daß er von seiner Sünd-
haftigkeit nichts weiß, ja aus eigener Kraft und Einsicht nichts wis-
sen will noch kann. Der Sünder gleicht darum einem Kranken, der
um seine Krankheit nicht weiß und darum den Arzt, der ihn hei-
len kann, nicht sucht. „Miseri non agnoscunt verum medicum“103.
Oder anders: „Si quis est aegrotus, kan er die Apoteken bald finden,
doctorem. Quis quaerit hunc medicum, qui dedit tibi corpus suum?“104
Der sündige Mensch ist zudem dadurch gekennzeichnet, daß er die
Sorge um leibliche Belange derjenigen um seine Seligkeit überord-
net, d.h. zwar immer dann sofort nach dem Arzt ruft, wenn ihn
leibliche Gebrechen treffen, nicht aber dann, wenn er geistlich in
Mitleidenschaft gezogen ist. „Hie hastw nue erczney, keyne gifft.

101
WA 5,311,12–14.
102
WA 5,311,14–17.
103
WA 20,671,34f.
104
WA 30/I,121,6f. Vgl. auch WA 47,44,15–18 (Auslegung des dritten und vier-
ten Kapitels Johannis 1538–1540): „Wir thun nicht viel anders denn als die kran-
cken, die gerne gesunth werden wollen und gleichwohl dem Artzt nicht folgen wollen,
noch seiner Ertznej gebrauchen, sondern den artzt und die Apotecken verachten
und sprechen: Ej, soll ich gesunth werden, so schadet mirs nicht, ob gleich allerlej
esse und trincke, was mir meine Eldtern geben, obs gleich der Artzt verbotten hab“.
die christologische koinzidenz von medicus und medicina 31

Nonne citissime quaeris doctores et Apotecam in morbo aliquo?


Quomodo hunc doctorem Christum adeo spernis et eius medicinam?
Sihestw noch nicht deyne kranckheyt, begerestw nicht vorgebung der
ßunde?“105

105
WA 30/I,121,20–23.
8. GESETZ UND EVANGELIUM:
DIAGNOSE UND THERAPIE

Luther ist nicht der Meinung, daß man die irdisch-leiblich-mensch-


liche Arzneikunst ungenutzt lassen oder gar verachten soll. Vielmehr
sind seiner Ansicht nach die medizinische Wissenschaft und die aus
ihr resultierende Praxis gleichermaßen göttlichen Ursprungs und dem
Menschen vermittels einer vernünftig begreifbaren Weise natürlich
offenbart. Auch den leiblichen Selbsterhaltungstrieb und dessen
Schutzfunktion hat Gott — so Luther — dem Menschen von Natur
aus eingepflanzt106. Darum argumentiert Luther a minore ad majus:
Wenn der Mensch schon, plagt ihn ein leibliches Gebrechen, ohne
Zögern einen Arzt aufsucht, um wieviel mehr müßte er dies auch
angesichts seiner geistlichen Krankheit tun, die viel schwerer ist als
alle leiblichen Gebrechen zusammengenommen. „Also mag leicht
sich ettwa ein ungeschicklicheit im leyb eugnen, so lauffen wir hin
zun Ertzten, suchen rath und hilff, das wir dem unglück in zeyt für-
kommen, und es nit erger werd. Warumb thun wir aber solches hie
nicht auch, da tausent mal mer fahr bey ist? Denn leybliche kranck-
heyt schadet nur dem leyb und muß endtlich ein mal auffhören.
Aber der seelen kranckheit, die sünde, bringet den ewigen tod, wo
man nicht vor kombt und den rechten Artzt brauchet. Aber da sihet
man, wie yederman solche fahr verachtet“107.
Weil der Sünder ein Kranker ist, der von seiner Krankheit nichts
weiß, bedarf es zunächst der Predigt des Gesetzes, die überhaupt
erst Erkenntnis der Sünde stiftet und den Sünder seiner Sündhaftigkeit
überführt (Röm 3,20). Zwar kann die lex selbst nicht Gerechtigkeit
stiften, wo nichts als Sünde ist. Sehr wohl aber überführt die lex

106
Vgl. z.B. WA 23,347,6–12: „Denn sterben und tod zufliehen und das leben
zurretten ist naturlich von Gott eingepflantzt und nicht verboten, wo es nicht wid-
der Gott und den nehesten ist, wie S. Paulus sagt Eph. 4. ‚Niemand hasset sein
fleisch, sondern wartet und pfleget sein‘. Ja es ist geboten, das ein iglicher sein leib
und leben beware und nicht verwarlose, so viel er ymer kan, wie S. Paulus sagt .j.
Cor. 12. Das Gott die geliedmas gesetzt hat ym leibe, das ymer eins fur das ander
sorget und schaffet“.
107
WA 52,708,34–709,3.
gesetz und evangelium: diagnose und therapie 33

den Menschen seiner Sündhaftigkeit (usus elenchticus), weist mithin


als paidagvgÒw (Gal 3,24) den Weg zu demjenigen, der Prototyp der
Gerechtigkeit ist und diese denen zu schenken bereit ist, die dersel-
ben ermangeln. Diese elenchtische Funktion des Gesetzes beschreibt
Luther ebenfalls mit Hilfe von medizinischen Kategorien: Das Gesetz
diagnostiziert die Krankheit, kann aber selbst nicht therapeutisch
tätig werden, sondern überweist den Kranken dem Therapeuten und
medicus Christus: „Alßo leren die gepott den menschen seyn kranck-
heit erkennen, das er siht und empfindet, was er thun und nit thun,
lassen und nit lassen kan, und erkennet sich eynen sunder und bößen
menschen. Darnach helt yhm der glaub fur und leret yhn, wo er
die ertzney, die gnaden, finden sol, die yhm helff frum werden, das
er die gepott halte“108.
Die lex Mosaica also bewirkt, daß der Sündenkranke seine Krankheit
nicht als eine zu ewigem Verderben führende begreift, sondern deren
pädagogisch-christologische Valenz erkennt, so daß er mit Paul Fleming
(im Anschluß an Hld 2,5) sagen kann: „Artzt / Jch bin kranck nach
dir“ bzw. mit Johann Sebastian Bachs unbekanntem Textdichter: „O
Jesu, lieber Meister, | Zu dir flieh ich; | Ach, stärke die geschwäch-
ten Lebensgeister! | Erbarme dich, | Du Arzt und Helfer aller
Kranken, | Verstoß mich nicht | Von deinem Angesicht!“109 Hierin
wird die Güte epiphan, die dem Gesetz, nicht aber dem Satan

108
WA 7,204,22–27 (vgl. hierzu Albrecht Peters, Kommentar zu Luthers
Katechismen, Bd. 1: Die Zehn Gebote, hg. von Gottfried Seebaß, Göttingen 1990,
S. 41). Ähnlich Melanchthon, Loci (wie Anm. 92), S. 66, 15–18: „Duae in univer-
sum scripturae partes sunt, lex et evangelium. Lex peccatum ostendit, evangelium
gratiam. Lex morbum indicat, evangelium remedium.“ Auch hiermit dürfte Luther
in Augustinscher Tradition stehen. Vgl. Hübner, a.a.O. (wie Anm. 4), S. 331. Vgl.
Augustin, CCSL 36,26,1–4: „Non erat ista [scil. gratia] in Veteri Testamento, quia
lex minabatur, non opitulabatur; iubebat, non sanabat; languorem ostendebat, non
auferebat; sed illi praeparabat medico uenturo cum gratia et ueritate“. Vgl. Gerhard,
Postilla (wie Anm. 68), I, S. 524f: „Es handelt Gott der HErr mit vns wie ein trew-
er verstendiger Artzt / welcher dem Patienten seine schwere Kranckheit erst zu
erkennen gibt / hernach scharffen Wein in die Wunden geusset / auff daß er
dadurch jhm den Weg zur Heilung bereiten möge / so handelt auch Gott mit vns
in vnserer Bekehrung / er gibt vns erst vnserer Seelen Kranckheit zu erkennen /
Auff daß wir vns von Hertzen nach der himlischen Artzney sehnen mögen“.
109
Paul Fleming, Teütsche Poemata, Lübeck o.J. (Reprint Hildesheim 1969), S.
546. Neumann (wie Anm. 50), Kantate auf den 14. Sonntag nach Trinitatis (BWV
25), S. 127. Vgl. hierzu Renate Steiger, Dialogue Structures in J. S. Bach’s Cantatas.
The Basic Form of Worship and a Model for Artistic Shaping, in: Bach. Journal
of the Riemenschneider Bach Institute Baldwin-Wallace College 33 (2002), S. 35–70,
bes. S. 37ff.
34 teil i ‒ luthers theologia medicinalis

eignet. Während der Satan dem peccator lediglich seine Sünden und
seine Verlorenheit vor Augen hält, geht die lex einen, aber den ent-
scheidenden Schritt weiter. Der Satan diagnostiziert die Krankheit,
heilt diese jedoch nicht, sondern imputiert diese noch dazu dem
Kranken zum Tode. Das Gesetz stellt zwar auch eine Diagnose und
ist wie der Teufel unfähig, einen Heilprozeß in Gang zu setzen, zeigt
aber auf Christus, den medicus, fungiert also als Wegweiser: „Non
facit lex ut Satan, qui vulnerat et non sanat. Lex facit contrarium,
macht erschlagen hertzen et indicat Christum medicum: durt ghe
hin“110. Im Gegensatz zum Gesetz setzt der Teufel sich und seine
Anklage des Sünders absolut: Es gibt keinen Ausweg. Das mosaische
Gesetz dagegen, dessen accusatio nicht minder scharf ist, relativiert
sich, indem es einen Ausweg weist und die Flucht zum salvator
ermöglicht. Was ihre Funktion betrifft, sind Gesetz und Krankheit
eng verwandt, und letztere kann als eine empirische Sinnenfällig-
werdung der Gesetzespredigt begriffen werden. Wie die lex den sün-
digen Menschen zu dem Retter führt, der nur darum von der Anklage
der lex befreien kann, weil er selbst unter das Gesetz getan ist (Gal
4,4), dessen gesamte Anklage auf sich nimmt, mithin zum Inbegriff
des von diesem Verfluchten wird (Gal 3,13), so führt auch die durch
das Gesetz gestiftete Erkenntnis der Sündenkrankheit den Menschen
zum Heiland, der wiederum Inbegriff, ja Personifikation der Krankheit
selbst ist, weil er alle languores trägt ( Jes 53,3f ). Nur vor diesem
Hintergrund wird die Dialektik des göttlichen Handelns erkennbar,
die sich wiederum an derjenigen des Arztes abbilden läßt: Der sich
im Gesetz offenbarende Zorn Gottes ist eine Funktion von dessen
misericordia und nicht das Gegenteil derselben. Diese Paradoxie ist
abbildbar an dem Umstand, daß Gott wie ein Arzt handelt, der
einen operativen Eingriff vornimmt, den Körper des Patienten ver-
letzen muß, um zu heilen, während der Teufel verletzt, um zu
schaden. „Talis medicus est deus, qui corripit, ut emendet, irascitur,
ut misereatur, secat, ut sanet. Contra satan tantum vulnerat, non
rursum medetur“111.
Dieses Verständnis der mosaischen lex als Arznei prägt auch Luthers
Ausführungen zum Kirchenbann. Der Bann darf nach Luther nur
als ultima ratio eingesetzt werden und muß seelsorglich stets auf die

110
WA 17/I,275,3–5 (Predigten des Jahres 1525 [Nr. 40]).
111
WA 13,698,22–699,1 (Praelectiones in prophetas minores 1524–1526).
gesetz und evangelium: diagnose und therapie 35

„beßerung“ abzielen, darf aber niemals Ausdruck der „rache“112 sein.


Den großen Bann, der den in Sünde Gefallenen nicht nur aus der
kirchlichen Gemeinde, sondern auch aus dem weltlich-bürgerlichen
Gemeinwesen ausschließt und diesen womöglich obendrein mit leib-
lich-zeitlichen Strafen belegt, hat Luther darum abgelehnt113. Hier
konkretisiert sich nicht nur Luthers Unterscheidung der beiden
Regimente, sondern auch seine Definition des Bannes als eines poi-
menischen Mediums. Wird jemand gebannt, so zieht dies nach Luther
lediglich die Absonderung der betreffenden Person von der Gemeinde
als äußerlicher Institution nach sich114. Niemals aber kann ein Bischof
oder eine andere kirchliche Amtsperson die innere, im Glauben wur-
zelnde Gemeinschaft mit Gott aufkündigen. Darum ist stets damit
zu rechnen, daß jemand äußerlich gebannt ist, innerlich jedoch nicht
und umgekehrt, da das letzte Urteil in dieser Hinsicht nicht Menschen
obliegt, sondern Gott allein. Ein Mißverständnis aber wäre es, zu
meinen, der Kirchenbann habe die Qualität eines letztgültigen Urteils,
weil man damit Gott in sein Richteramt eingriffe. „Es mag offt
geschehen, das eyn vorbanter mensch werd beraubt des heyligen
sacramentis, darzu auch des begrebniß, und sey doch sicher und
selig yn der gemeynschafft Christi und aller heyligen ynnerlich, wie
das sacrament antzeygt. Widderumb ist yhr vill, die eußerlich unvor-
bannet des sacraments frey nießen, und doch ynnewendig der
gemeynschafft Christi gantz entfrembdet und vorbannet [. . .] Derhalben
niemant zu urteyllen ist, er sey ym bann odder draussen, ßonder-
lich, ßo er nit umb ketzerey odder sund willen sich zu besseren vor-
bannet ist“115. Jegliche Reflexion über die Kirchenzucht und genauso
deren Handhabung hat darum nach Luther stets zu berücksichtigen,
daß sie umgriffen wird von der Differenzierung zwischen ecclesia
visibilis und geglaubter Kirche (im Sinne von CA 8). Allein dies
gewährleistet, daß der Bann nicht als Mittel der Rache mißbraucht
wird, das auf das Verderben des Gebannten bedacht wäre, sondern
als eine „mutterlich straffe“116 — eben als „ertzney“117. Da der Bann

112
WA 6,65,17f (Ein Sermon von dem Bann 1520).
113
Vgl. WA 6,64,30–37. Vgl. Christoph Link, Art. Bann V., in: TRE 5 (1980),
S. 182–190, hier: S. 186f.
114
Vgl. WA 6,64,22–26.
115
WA 6,65,26–34.
116
WA 6,67,15. Vgl. WA 6,68,8 („gutige mutterlich geyssell“); 6,68,27 („eyn mut-
terliche ruten“); 6,71,6 („ein mutterlich, unschedliche, heylsam straf “).
117
WA 6,67,34.
36 teil i ‒ luthers theologia medicinalis

ähnlich dem Gesetz nach Luther medizinische Qualität haben muß,


ist es unzulässig, dem Gebannten das wichtigste geistliche Pharmakon,
nämlich die Predigt des Evangeliums, vorzuenthalten. Darum darf
dem Gebannten die Teilnahme am Gottesdienst nicht verwehrt wer-
den, weil allein die Predigt den Glauben stiftet (Röm 10,17). „Dan
von dem Evangelio und prediget soll und mag niemant bannen noch
vorbannet werden, das wort gottis soll frey bleyben yderman zuhö-
ren, Ja die sollens am meysten hören, die ym rechten ban seyn, ob
sie villeycht da durch bewegt sich erkennen und bessern mochten“118.
Der Bann schließt den Gebannten nach Luther nicht von der
Wortverkündigung aus, sondern nur vom Sakrament des Altars, wenn-
gleich lediglich von dessen äußerlichem Vollzug. Die therapeutische
Kraft des Pharmakons der Unsterblichkeit indes kann der Gebannte
im Glauben, mithin innerhalb der manducatio spiritualis, sehr wohl
ergreifen119. Der Bann erweist sich demnach dadurch als ein medi-
camentum, daß er den Zugang zu den geistlichen Arzneien nicht
versperrt, sondern offenhält bzw. neu eröffnet. Nur darum kann
Luther die zu intendierende Wirkfunktion des Bannes folgenderma-
ßen paradox formulieren: „were es schyr nott, das wyr dye leutt yn
die kirchen und nit erauß banneten“120.
Die wahre medikamentöse Kur vermag nur das Evangelium zu
bringen. Schlechthinnige Voraussetzung aber für die evangelische
Therapie ist die Diagnose der Krankheit. Sie wiederum kann einzig
und allein die lex leisten, weswegen die Gesetzespredigt integraler
Bestandteil der geistlichen Therapie ist. Daher ist es nicht verwun-
derlich, daß Luther auch dem Gesetz den Rang einer Arznei
zuschreibt121.

118
WA 6,75,28–31.
119
Vgl. WA 6,75,34–38.
120
WA 6,75,24f.
121
Vgl. WA 52,710,19–25: „Wenn aber Christus kombt und sein ärtzney, das
ist: sein wort, dadurch der hellig Geist die welt der sünden, der gerechtigkeit und
des gerichts halb straffet, uns mitteylet, da wirdt uns erstlich offenbaret der zorn
Gottes, das ein mensch sein sünd erkennet und einen mißfallen dran hat und wolt,
er hets nit gethun. Dadurch aber ist der kranckheyt noch nit geholffen, und muß
doch sein, Denn on solches erkentnuß achtet man der genad und des trostes gar
nichts“.
9. MEDIZIN UND THEOLOGIE:
ERFAHRUNGSWISSENSCHAFTEN

Ihre Vollendung findet die medizinische Wissenschaft nach Luther


in der geistlichen Arzneikunst, die Gott allein zu betreiben im Stande
ist. Dies jedoch zieht keine Herabsetzung oder Abwertung der leib-
lichen Medizin nach sich. Vielmehr kann umgekehrt im Tun eines
Arztes gleichnishaft betrachtet werden, wie es um das Heilshandeln
Gottes durch den Heiland bestellt ist. Hiermit hängt eng zusammen,
daß Luther eine starke Affinität zwischen der theologischen und der
medizinischen Wissenschaft sieht, z.B., wenn er sagt: „Sic medicus
ist vnsers Herr Gots flicker in corpore, sicut nos theologi in spiritu,
das wir die sach gut machen, wenn es der Teuffel verderbt hat“122.
Wie in den Evangelien die Krankenheilungen als verba visibilia und
bildhafte Kommentare zur Verkündigung der Sündenvergebung fun-
gieren, so wird auch in der Tätigkeit von Ärzten gleichnishaft etwas
davon wahrnehmbar, wie Gottes Therapie sich vollzieht. So avan-
cieren die ärztliche Praxis und die Apotheke zu Erfahrungsräumen,
in die etwas hineinscheint bzw. durch die etwas hindurchscheint von
der göttlichen Heilmethode, die eschatologisch darauf hin angelegt
ist, endgültige Heilung zu bewerkstelligen und die Arzneikunst
überflüssig zu machen. Zudem erkennt Luther im Miteinander von
leiblicher und geistlicher Medizin eine sinnvolle Aufgabenteilung: Die
medicina corporalis ist Lebenswissenschaft, insofern sie es mit der
Herstellung und Bewahrung von sanitas zu tun hat, während die
Theologie Wissenschaft vom ewigen Leben ist123. Unabdingbar ist es
daher, daß ein Leibesarzt die Grenzen seiner Kunst kennt. Die unter
Ärzten geläufige Redensart „Ubi desinit philosophia, ibi incipit medi-
cina“124 muß darum, so Luther, ergänzt werden durch den Zusatz:
„Ubi desinit humanum auxilium, ibi divinum incipit“125.

122
WA.TR 1,151,4–6.
123
Vgl. WA.TR 1,178,7–9 (Nr. 411).
124
WA.TR 2,255,19f (Nr. 1898).
125
WA.TR 2,255,20f. Vgl. den Choral ‚Wenn Menschenhülff scheint aus zu sein,
| So stellt sich Gottes Hülfe ein‘ (1667) von Anton Ulrich, Herzog zu Braunschweig
und Lüneburg (1633–1714) (vgl. Fischer, Kirchenlieder-Lexicon 2, S. 353). Vgl.
38 teil i ‒ luthers theologia medicinalis

Eine weitere Verwandtschaft von Medizin und Theologie ist darin


zu erkennen, daß sie beide auf lÒgow und pe›ra gründen126. Die leib-
liche Medizin entspringt dem von Gott begabten natürlichen Verstand
des Menschen, die geistliche dem biblischen Logos. Beide artes sind
zudem Erfahrungswissenschaften. Denn wie die medizinische Kom-
petenz nicht allein akademisch erworben werden kann, die Aus-
bildung eines Arztes vielmehr in der Praxis ja fortgesetzt wird,
so wird auch die Gottesgelahrtheit erst in der tentatio geübt und in
die Glaubenserfahrung hinein übersetzt. „Meine Theologiam hab ich
nicht gelernet auf einmal, sondern ich habe immer tiefer und tiefer
darnach forschen müssen. Da haben mich meine Anfechtung zu
gebracht; denn die heilige Schrift kann man nimmermehr verstehen,
außer der Practiken und Anfechtungen [. . .] Kann man doch andere
gute Künste oder Handwerke nicht lernen ohne Ubung. Was wäre
doch das fur ein Medicus oder Arzt, der stets für und für allein in
Schulen bleibet und lieset? Er muß wahrlich die Kunst in Brauch
bringen und anfahen, sie zu practicirn, und je mehr er denn mit
der Natur handelt, je mehr er siehet und erfähret, daß er die Kunst
noch nicht recht und vollkommen hat“127. Ist Luther einerseits darum
bemüht, die Aufgabenbereiche von Leibes- und Seelenarzt genau
abzugrenzen, so ist ihm auch und zugleich daran gelegen, aufzuwei-
sen, wie sich die Tätigkeit des einen an derjenigen des anderen abbil-
det. Darum ist es nur folgerichtig, daß Luther den idealen Arzt in
demjenigen erkennt, der zugleich theologische Kompetenz vorzuwei-
sen hat, im medicus theologice doctus also128.

noch WA 7,586,12f (Das Magnificat verdeutschet und ausgelegt 1521): „Denn wo


menschen krafft auszgaht, da geht gottis krafft ein, szo der glaub da ist und wart-
tet des.“
126
Vgl. hierzu u. S. 108 und Anm. 353.
127
WA.TR 1,147,3–6.15–19.
128
Vgl. WA.TR 6,345,2–5 (Nr. 7030): „Ein Jurist, wenn er nicht illuminatus ist
doctrina christiana; ein Medicus, wenn er nicht instructus ist doctrina christiana;
dergleichen auch ein Poet; so heißet es denn recht: Ein Jurist, ein böser Christ;
item: Die Gelehrten, die Verkehrten“.
10. PHARMACOLOGIA SACRA:
DAS WORT GOTTES IN DEN ARZNEIEN

Bei Luther gibt es keinen Dualismus von leiblicher Medizin hier und
medicina spiritualis dort. Dies wird nicht zuletzt anhand der
Beobachtung deutlich, daß nicht nur innerhalb der zu ewiger
Gesundheit führenden cura Dei einzig und allein das Wort wirkt.
Vielmehr trifft genau dies auch auf die leibliche Medizin zu. Nicht
zuvörderst die Medikamente wirken Gesundheit — so arbeitet Luther
anhand von Jes 38 heraus — sondern das verbum Dei in ihnen.
„Non quod medicina nihil ad curandum morbum faciat sed quod
ipsa curatio non sit in medicina et remediis sita sed in verbo. Per
et in creaturis operatur verbum“129. Hier bringt sich Luthers funda-
mental-hermeneutische Grundeinsicht zur Geltung, der zufolge sich
der trinitarische Gott an äußerliche media bindet, durch die hin-
durch er sich kommuniziert: durch das verbum externum, durch
äußerlich-leibliche Elemente in den Sakramenten, durch Kreaturen.
Ist schon die Tatsache, daß sich das verbum Dei mit kreatürlichen
Dingen, in diesem Falle mit Pflanzen und Kräutern, verbindet, Grund
der Verwunderung, so ist staunenswerter allemal der Umstand, daß
Gott keine Scheu hat, selbst dem Tiermist und Menschenkot Heilkräfte
dadurch einzustiften, daß er sein heilendes Wort in ihnen verbirgt.
„Mich wundert, daß Gott so hohe und edle Arznei in Mist gesteckt
hat; denn man hats aus Erfahrung, daß Säumist das Blut verstopft;
Pferdemist dienet fur Pleuresin; Menschenmist heilet Wunden und
schwarze Blattern; Eselsmist braucht man neben andern fur die rothe
Ruhr, und Kühmist mit eingemachten Rosen dienet fur die Epilep-
siam der Kinder“130. Noch also in den Heilmitteln kann man Gottes

129
WA 25,245,20–22 (Vorlesung über Jesaja, Scholia 1532–1534). Ähnlich spä-
ter Gerhard, Postilla (wie Anm. 68), I, S. 357: „Das Brot an vnd vor sich selbst
nehret nicht / sondern das krefftige Wort Gottes im Brot erhelt vns. Die Artzney
an vnd vor sich selbst macht nicht gesund / sondern das krefftige Wort Gottes in
der Artzney“.
130
WA.TR 1,29,21–25 (Nr. 78). Das Lob der therapeutischen Effizienz von Kot
ist auch patristisch belegbar, etwa bei Hieronymus. Vgl. Hieronymus Stridonensis,
MPL 23, Sp. 292: „Et (quod forsitan legenti mirum sit) hominis fimus quantis cura-
tionibus proficiat, Galenus §n èplo›w docet“. Vgl. Schadewaldt, Apologie (wie Anm.
40 teil i ‒ luthers theologia medicinalis

exinanitio und Knechtsgestalt aufspüren und entdecken. Dies ist gewis-


sermaßen die pharmakologisch-theologische Variante der theologia
crucis. Der Glaube, der in der schändlichen Hinrichtung eines zum
Tode Verurteilten am Kreuz die Überwindung des Todes und aller
Verderbensmächte zu erblicken im Stande ist und sub contraria spe-
cie die Verwesung als promissio des ewigen Lebens ansieht, hat keine
Scheu davor, anzunehmen, daß Gott, der um willen der Menschen
in die Hölle gefahren ist, in, mit und unter Kot zugegen sein und
leiblich Heil wirken kann.
Die sakramentstheologische Dimension von Luthers pharmacolo-
gia sacra wird auch in folgendem sichtbar: Zwar unterscheidet Luther
begrifflich zwischen Gott als der causa prima und den causae secun-
dae, die erstere in ihren Dienst stellt. Jedoch kennt Luther keine
Diastase von Erstursache und Zweitursachen, er ist vielmehr der
Auffassung, daß die causa prima in letzteren selbst realiter gegen-
wärtig ist, wenngleich unsichtbar. „Gott ist in der creatur, die wirckt
vnd schafft er. Aber wir achtens nicht vnd suchen dieweyl secundas
vnd philosophicas causas“131. Die philosophische Unterscheidung von
Erst- und Zweitursachen formuliert Luther somit ausgehend vom
Theologumenon der ubiquitas Gottes neu: Gott, die schlechthinnige
Prinzipalursache, ist in allen kreatürlichen Dingen gegenwärtig wie
er auch im Abendmahl greifbar wird. Zwar gilt philosophisch betrach-
tet, daß die Zweitursachen die Erstursache verdunkeln („secundae
causae obscurant primas“132). Der Glaubende jedoch ist fähig, die

25), S. 122. Seit dem Ausgang des 17. Jahrhunderts wird diese Tradition in ver-
schiedenen ‚Dreckapotheken‘ zusammengefaßt. Vgl. z.B. Christian Franz Paullini,
Heilsame Dreck=Apotheke; Wie nemlich mit Koth und Urin Fast alle / ja auch
die schwerste / gifftige Kranckheiten / und bezauberte Schaden / vom Haupt biß
zun Füssen / inn= und äusserlich / glücklich curirt worden; Durch und durch mit
allerhand curieusen / so nutz= als ergetzlichen / Historien / und andern feinen
Denckwürdigkeiten / bewährt und erläutert, Frankfurt a.M. 1696 (HAB Wolfenbüttel
Xb 2571 [2]). Eine überarbeitete und erweiterte Fassung dieses Werkes erschien
schon ein Jahr später: Christian Franz Paullini, Neu=Vermehrte / Heilsame
Dreck=Apotheke / Wie nemlich mit Koth und Urin Fast alle / ja auch die schwer-
ste / gifftigste Kranckheiten / und bezauberte Schaden / vom Haupt biß zun
Füssen / inn= und äusserlich / glücklich curiret worden; Durch und durch mit
allerhand curieusen / so nütz= als ergetzlichen / Historien und Anmerckungen /
auch andern Feinen Denckwürdigkeiten / Abermals bewährt / und üm ein merck-
liches vermehrt / und verbessert, Frankfurt a.M. 1697 (FB Gotha Med. 8° 78/3).
131
WA.TR 5,17,20–22 (Nr. 5227).
132
WA.TR 5,17,15.
pharmacologia sacra 41

Prinzipalursache selbst in den Zweitursachen und durch sie hindurch


per analogiam fidei zu erblicken.
Ganz in diesem Sinne spricht Johannes Mathesius von zweierlei
fines der Arzneimittel. Kräuter und Medikamente sind von Gott
erschaffen, um Heilung zu ermöglichen, jedoch ist dies nicht die
qualitativ wichtigste Zweckbestimmung derselben133. Der finis ultimus
besteht vielmehr darin, daß der Geheilte Gott in der Natur und des-
sen Allmacht in der Wirkkraft der Kräuter erkennt, mithin die Präsenz
Gottes in jeglichem Geschöpf zu entziffern lernt, um dadurch zum
Lobpreis Gottes angestiftet zu werden. „Also sollen sie in den Creaturen
den gegenwertigen helffenden Gott erkennen / vnnd jhm die Ehre
geben / welcher durch vnnd ohne mittel hilffet / heylet vnnd gesund
macht / vnnd jhm von Hertzen dancken“134.
Die Wirkung der Medikamente also rührt her von der efficacia
des Wortes Gottes, das in sie eingesenkt ist. Wirklich begreifbar wird
diese Aussage erst, wenn man sie in Beziehung zu Luthers Abend-
mahlsverständnis setzt. Liegt die efficacia im Hinblick auf die sün-
denvergebende Qualität des Abendmahls darin begründet, daß
sich das göttliche Wort mit den Elementen Brot und Wein verbin-
det, so trifft etwas ähnliches auch auf die Arznei zu. Sie kann als
äußerliches Medium nur wirken, insofern sich das verbum Dei mit
ihr verbindet und die natürliche Dynamis zur Entfaltung bringt.
Den äußerlichen media curationis eignet demnach eine letztlich
sakramentale Relevanz, insofern Gott frei ist, sein verbum in sie
einzuwickeln.

133
Vgl. Mathesius, a.a.O. (wie Anm. 61), II, fol. 119v: „GOtt die vornemeste
vnnd erste vrsach aller Creaturen hat die mittel vrsachen verordnet / die Kreuter
/ den Artzt vnd den Apotecker / vnnd giebt Kunst / verstand vnnd geschicklig-
keit / von den Kranckheiten / Artzneyen / vnnd wie man sie appliciren vnd
gebrauchen sol / zu iudiciren vnnd zuschliessen / welcher Artzney gebrauch vnd
application mit dem Gebet [. . .] geschehen sol. Das ist nu das gemittelte ende der
Kreuter vnd Artzney: Gott lesset auff den Gebirgen Kreuter zu des Menschen dienst
wachsen / das sie die verletzten vnd beschedigten gliedmaß heylen / vnd die
schmertzen lindern / wie solches die erfarung giebet. Aber das letzte ende der
Artzney ist / das in den Menschen / welche gesund gemacht werden / Gotte aus
den Creaturen erkennet / jhme gedienet / vnnd er gelobet vnnd gepreyset möge
werden.“
134
Ebd., fol. 120r.
11. CHRISTUS, DER ARZT UND APOTHEKER:
ARZTPRAXIS UND APOTHEKE ALS
ERFAHRUNGSRÄUME DES GLAUBENS

Luther ist daran gelegen, seinen Hörern und Lesern vor Augen zu
malen, wie Gott den Sünder allein aus Glauben um seines Sohnes
willen rechtfertigt und heilt. Im Zuge dessen verarbeitet Luther ins-
besondere diejenigen biblischen Texte, die das Wirken Gottes mit
ärztlicher Behandlung vergleichen. Dabei wird sinnlich und im Kontext
des alltäglichen Lebens spurenhaft erfahrbar, wie es um Gottes
Heilsplan und Heilshandeln bestellt ist. Insofern liegt die Bezeichnung
Gottes als Arzt genau auf der Linie von Luthers typischer, um
Bildhaftigkeit und Anschaulichkeit bemühten Predigtweise, die den
Reformator auch veranlaßt, Christus Mt 23,37 folgend in der Tierwelt
gespiegelt zu sehen — in der Gluckhenne, die ihren Jungen unter
ihren Flügeln Schutz und Zuflucht bietet: „Ideo mus so zu ghen, ut
glorientur sub alis Christi, ut simus sub gluckhenne. Ut quando
Ieremias locutus, quae placuit. Sed fac mecum secundum misericor-
diam. Ibi fleuget er unserm herr Gott unter sein gnadenflügel“135.
Zwar trifft es zu, daß sich der Topos von Christus als Apotheker,
der sich nicht zuletzt in der recht verbreiteten Abbildung des Sohnes
Gottes als apothecarius manifestiert (— als Schöpfer dieses Bildmotivs
darf Michael Herr [1591–1661] mit seinem Öltafelbild aus dem Jahre
1619 gelten136 —), vollends erst im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts

135
WA 41,665,14–17 (Predigten des Jahres 1536 [Nr. 33]). Vgl. WA 41,667,23.
136
Vgl. Abb. 1 und weitere Beispiele für diesen Bildtypus im Abbildungsteil. Vgl.
hierzu ausführlich Fritz Krafft, Christus als Apotheker. Ursprung, Aussage und
Geschichte eines christlichen Sinnbildes (= Schriften der Universitätsbibliothek
Marburg 104), Marburg 2001, S. 197ff. Aus der älteren Forschungsliteratur vgl. v.a.
Wolfgang-Hagen Hein, Christus als Apotheker (= Monographien zur pharmazeuti-
schen Kulturgeschichte 3), Frankfurt a.M. 1974 (21992). Zu Michael Herr vgl. wei-
ter Michael Herr 1591–1661. Ein Künstler zwischen Manierismus und Barock.
Katalog der ausgestellten Werke. Ausstellung anläßlich seines 400. Geburtstages im
Rathaus der Stadt Metzingen vom 15. November bis 4. Dezember 1991, hg. von
der Stadt Metzingen. Mit Beiträgen von Silke Gatenbröcker u.a., Metzingen 1991,
S. 11–28. 57–116 sowie Silke Gatenbröcker, Michael Herr (1591–1661). Beiträge
zur Kunstgeschichte Nürnbergs im 17. Jahrhundert. Mit Werkverzeichnis (= Uni
Press Hochschulschriften 76), Münster 1996.
christus, der arzt und apotheker 43

ausprägt137. Gleichwohl darf nicht übersehen werden, daß Luther


dieser Entwicklung in äußerst intensiver Weise vorgearbeitet hat. In
einer Predigt zum ersten Adventssonntag 1525 entfaltet Luther zunächst
den Umstand, daß die menschliche Vernunft niemals aus sich her-
aus zu denken fähig ist, daß eine Aussöhnung zwischen Gott und
den Menschen stattfinden kann. „Ratio non putavit medium inter
deum et hominem. Non crediderunt esse medium, ut pervenirent ad
deum“138. Das menschlicher ratio nicht zugängliche Medium zwi-
schen Gott und den Menschen apostrophiert Luther sodann als
Apotheke, indem er sagt: „Apoteca ista inveniri non potuit“139. Im
Anschluß daran jedoch fällt Luther in die direkte Rede Christi und
läßt ihn sagen, daß er diese Apotheke, dieses Arzneidepot (und diese
Arzneimittel) besitze: „Aber ich beut euchs an. Tales herbas habeo,
ut nunquam moriamini, et fere fur der thur etc. Sed mundus non
accipit, immo persequitur“140. Luther liest an dieser Stelle das euan-
gelium proprium zum ersten Advent synoptisch mit Joh 1,11 (‚ER
kam in sein eigenthum / Vnd die seinen namen jn nicht auff ‘) und
bildet die Ablehnung der Heilsbotschaft durch deren Adressaten an
einem Kranken ab, der den Arzt nicht nur nicht sucht, geschweige
denn sich von ihm helfen läßt, sondern diesen zudem umbringt141.
In einer anderen Predigt zum ersten Advent bezeichnet Luther
Christus als einen solchen, der das medizinische Wissen und die
Mittel (die bevorratete Arznei) dazu hat, indem er fragend ausruft:
„Qualem habet scientiam et apotecam, ut sic iustificet?“142 Auch um
Gesetz und Evangelium anschaulich zu differenzieren, zieht Luther
einen Vergleich heran, der mit der Apotheke zu tun hat: Während
das Gesetz die Aufgabe hat, die Diagnose zu stellen, ist es das Amt
des Evangeliums, als Apotheke zu fungieren, d.h. die entsprechende
Arznei bereitzustellen und zu verabreichen. „Das gesatz ist das da
fürgybt was man thun soll, das Euangelium das wa manß nemen
soll, dann es ist vil ain anders wissen was man haben sol, und wann
manß nemen sol, gleich wann ich in die Apetecken gee: da ist ain

137
Vgl. Krafft, Arznei (wie Anm. 8), S. 50f.
138
WA 17/I,477,25f.
139
WA 17/I,477,26.
140
WA 17/I,477,26–28.
141
Vgl. WA 17/I,477,28–478,2: „Stultus esset homo eger, quando veniret medi-
cus ad eum et vellet sanare et ipse apportaret gladium occisurus medicum“.
142
WA 20,544,39f (Predigten des Jahres 1526 [Nr. 68]).
44 teil i ‒ luthers theologia medicinalis

ander kunst zu sagen, was die kranckhait sey, und ain ander kunst
zu sagen, was man dartzu haben sol, das manß loß werde. So ist
es hye jnnen auch: das gesetz endeckt die kranckhait, das Euangelium
gibt die ertzney“143.
Luther setzt auch die remissio peccatorum mit einer solchen
Apotheke gleich, die für gründliche, weil sofortige Abhilfe sorgt. Die
tröstliche Botschaft des Evangeliums weckt bei demjenigen, dem seine
Sünden allein um des Glaubens willen vergeben werden, die Einsicht
„quod mea peccata non sunt amplius peccata, quia sie sind hinweg
gerissen durch ein Apotecken. Remittuntur tibi etc.“144 Mit ‚Apotheke‘
(Arzneimitteldepot) bezeichnet Luther also regelrecht das ‚Heilmittel‘.
In diesem Zusammenhang nimmt es kaum wunder, daß Luther
nicht nur implizit von Christus als Apotheker spricht, indem er ihn
als denjenigen vor Augen malt und ‚fürbildet‘, der sich einer geist-
lichen Apotheke, will sagen: eines geistlichen Heilmittels bedient, son-
dern dies auch explizit zur Sprache bringen kann. Dies ist in einer
Bucheinzeichnung zu Joh 8,51 (‚Warlich / warlich / Jch sage euch
/ So jemand mein Wort wird halten / der wird den Tod nicht
sehen ewiglich‘) der Fall, wo es heißt: „DAs mag heissen ein guter
Apoteker, der sölche Ertzney geben kan, das der Todt nicht alleine
vberwunden sein sol, sondern auch nicht vnd nimmermehr sol gese-
hen werden. Vnd ist ein wünderlichs, das ein Mensch mus sterben
vnd doch den Tod nicht sehen sol, wo er Gottes wort im hertzen
hat vnd daran gleubet. Solche starcke Ertzney ist Gottes Wort, im
glauben behalten, das es aus dem Todt ewiges leben machet. O wer
das köndte gleuben, wie selig were er auch hie jnn diesem leben!“145
Da es sich bei diesem Text nicht um einen solchen handelt, der
im Verborgenen geblieben ist, dieser vielmehr in den entsprechen-

143
WA 10/III,338,4–10 (Predigten des Jahres 1522 [14.9.]).
144
WA 29,574,7–9 (Predigten des Jahres 1529 [Nr. 67]). Vgl. WA 29,574,24–30:
„Darümb ob ich gleich nichts anders füle denn viel und grosse sunde, so sind sie
doch nicht mehr sunde, Denn ich habe dargegen ein köstlich tyriak und Apoteken,
so der sunde yhr krafft und gifft nimpt und dazu tödtet, welchs ist das wort
Vergebung, fur welchem die sund zurgehet wie die stoppeln, wenn das fewer drein
kompt, sonst hülffe kein werck, kein leiden odder marter widder die aller gering-
ste sund“. Vgl. auch WA 30/I,15,22–24 (Katechismuspredigten, 1. Reihe, 5.
Vaterunser-Bitte 1528): „Ideo hat er uns den trost gestellt: Ich sol wol heilig
sein, sed etc. ein apotecken gestellt cum promissione: Si vis remitti tibi, remitte etc.
Luc. 7“.
145
WA 48,153f, Nr. 199 (Bibel- und Bucheinzeichnungen).
christus, der arzt und apotheker 45

den Sammlungen von Georg Rörer, Johannes Aurifaber und Andreas


Wanckel sowie in allen Luther-Gesamtausgaben nachweisbar ist und
somit der Öffentlichkeit schon früh zur Verfügung stand146, dürfte es
nicht übertrieben sein, anzunehmen, daß diese Notiz Luthers die
Entwicklung des Topos von Christus als Apotheker zumindest mit-
angeregt haben könnte. An Popularität dürfte die Bezeichnung des
Sohnes Gottes als apothecarius zudem durch Caspar Huberinus’
Sirach-Auslegung (1555) gewonnen haben, die im Kontext der
Geschichte der lutherischen Hausväterliteratur einen wichtigen Platz
einnimmt und recht verbreitet war147. Auffällig ist zudem, daß auch
die Rede von der göttlich-geistlichen Apotheke im Luthertum der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sehr beliebt gewesen ist148.
Wie Luther die Wirkung des Abendmahls mit medizinischen
Kategorien beschreibt, so auch diejenige des Taufsakraments, das
die regeneratio des Menschen wirkt (vgl. Tit 3,4). „Ergo in baptismo
est medicina, quae dat vitam et mortem superat“149. Wiederum greift
Luther mit der Apostrophierung der Taufe als Arznei einen Topos
auf, der auf die frühe Kirchengeschichte zurückgeht und z.B. schon
bei Tertullian greifbar ist150. Allerdings unterzieht Luther den altge-
dienten Topos insofern einer weitergehenden Interpretation und damit
einer reformations-theologischen Transformation, daß er ihn mit sei-
nem spezifischen Taufverständnis verknüpft. Im Vordergrund steht
nämlich bei Luther die Langzeitwirkung der Taufe, die gewisserma-
ßen als Retardmedikament wirkt, mithin ein medizinisches Bad ist,
das zwar nur einmal stattfindet, dessen heilende Kraft aber durch

146
Vgl. die entsprechende editorische Notiz: WA 48,153 zu Nr. 199.
147
S. u. S. 101ff.
148
Vgl. z.B. Nikolaus Selnecker, Tröstliche schöne Sprüche für die engstigen
Gewissen, Leipzig o.J. [ca. 1570] (HAB Wolfenbüttel Yv 1516 Helmst. 8° [2]), fol.
M 6v: „Da findet sich allein der Ertzartzt / Jhesus Christus / Gottes vnd Marie
Son. Dieser erbarmet sich vber vns / vnnd bringt von oben herab aus der Himlischen
Apoteken / ein Göttlichs vnnd lebendigs Recept / nemlich / sich selbs / gibt sich
für vns in den Todt“.
149
WA 30/I,51,23f (Katechismuspredigten, 2. Reihe, Taufe 1528). Vgl. WA
30/I,217,20–26 (Großer Katechismus 1529): „Denn rechne du, wenn yrgend ein
artzt were, der die kunst künde, das die leute nicht stürben odder, ob sie gleich
stürben, darnach ewig lebten, wie würde die welt mit gelt zuschneyen und rege-
nen, das fur den reichen niemand künde zukomen? Nu wird hie yn der Tauffe
yderman umb sonst fur die thür gebracht ein solcher schatz und ertzney, die den
tod verschlinget und alle menschen beym leben erhelt“.
150
Vgl. Schipperges, Tradition (wie Anm. 4), S. 15, wo allerdings kein Beleg
genannt wird.
46 teil i ‒ luthers theologia medicinalis

die Tauferinnerung je neu im Glauben ergriffen wird und täglich


erneut zur Entfaltung kommt. „Ideo Christianus hat gnug sein leben
lang an einer Tauff, quia satis habet ad credendum hoc quod bap-
tismus promittit: nempe gratiam et misericordiam dei, remissionem
peccatorum, vitam aeternam“151.
Hebt Luther in diesem Kontext hervor, daß es keine irdische
Apotheke gibt, die eine auch nur annähernd vergleichbare, will sagen:
tiefgreifende und umfassende Heilung gewährleisten kann wie die
Taufe dies tut152, so qualifiziert er dieses Sakrament andernorts expli-
zit als geistliche Apotheke. Der Grund aber dafür, daß in der Taufe
nicht „schlecht Wasser“153 ist, sie vielmehr als Apotheke des ewigen
Lebens fungieren kann, liegt darin, daß Gott sich ins Element ‚ein-
gemengt‘ hat. Auffällig ist, daß Luther hierbei apothekarische
Terminologie verwendet: Die Realpräsenz Gottes im Sakrament der
Taufe gleicht der Einmischung eines medizinischen Wirkstoffes in
eine Trägersubstanz. „Ideo est aqua, das sunde, tod und alle trau-
rickeit weg nimpt und hilfft jnn den himel, So ein kostlich aroma-
ticum und Apoteck ist draus worden, da Gott sich selb ein gemenget
hat, Pater potest vivificare, ille est in hac aqua, Ideo est vere aqua
vitae“154.
Die geistliche Apotheke, deren sich der Sohn Gottes bedient,
umfaßt also genau die Mittel, die auch die spätere lutherische
Lehrbildung als media salutis155 bezeichnen wird. Zu beachten hier-
bei ist jedoch, daß diese göttliche Apotheke nicht ohne Konkurrenz
ist. Denn auch der Satan hat eine gut ausgestattete Apotheke156, die
allerdings ganz andere Drogen vorhält, nämlich solche, die dem
Menschen das Verderben bringen. Zugleich aber hat der Teufel auch
die Macht, die Wirkweise der Heilkräuter durch Intoxikation in ihr
Gegenteil zu verkehren. „Herba, quae hodie salubris est, cras leta-
lis esse potest, quia a Daemone intoxicatur“157. Auch, so Luther, muß

151
WA 30/I,51,15–17.
152
Vgl. WA 30/I,51,18–20: „Natura mocht wol dran zweifeln, obs war were etc.
wenn ein apoteken wer irgend an einem ort, die so reichlich und gros ding ver-
hiesse etc. quam dives esset ille doctor futurus, qui sciret artem, ne homines more-
rentur“.
153
BSLK, S. 515,25.
154
WA 37,253,2–5 (Predigten des Jahres 1534 [Nr. 1]). Ganz ähnlich WA
52,102,27–32.
155
Zur Verwendung dieses Terminus bei Luther vgl. WA 20,797,31.
156
Vgl. z.B. WA 34/II,412,10f (Predigten des Jahres 1531 [Nr. 98]).
157
WA.TR 3,298,15f (Nr. 3383b).
christus, der arzt und apotheker 47

damit gerechnet werden, daß der Teufel das Mischungsverhältnis


von Wirkstoffen verändert, indem er die Teilquantitäten ändert und
so die Wirkung eines Medikamentes umkehrt158.
Die von Christus angewandte geistliche pharmacologia ist nach
Luther eschatologisch darauf angelegt, dereinst am Jüngsten Tag in
voll- und endgültige Heilung überführt zu werden. Bedient sich Gott
hier und jetzt einer großen Anzahl von Medien, um das Leben der
Menschen im Rahmen seiner providentia zu erhalten, so wird das
einzige Lebensmittel im neuen Äon die beata visio Dei (1Kor 13,12;
vgl. 2Kor 5,7) sein. „Da werden wir kein brod noch wein ansehen,
kein apoteck noch ertzney dürffen noch begeren, sondern gnug haben
allein an dem blick und anschawen, der wird den gantzen leib so
schon frisch und gesund machen, ja so leicht und behend, das wir
daher faren werden wie ein füncklin, ja wie die sonn am himel
leufft“159. Wirkt und regiert Gott bis zum Jüngsten Tag durch eine
Vielzahl von media und causae secundae, so wird dies im himmli-
schen Jerusalem anders werden. Hier wird Gott einzig und allein als
causa prima wirken, weswegen es kein weltliches Regiment, auch
kein von Menschen versehenes Predigtamt mehr geben wird. „Darumb
wird auch auffhören, wie ich gesagt habe, predig odder pfarrher
ampt, dazu Fürsten odder weltlich herrschafft und regiment, und jnn
Summa kein ampt noch stende mehr sein [. . .] sondern wird ein
jglicher ein volkomen mensch sein und alles fur sich selbs jnn Gott
haben, das er keinen Vater, mutter, herrn, knecht, speis, kleid, haus
etc. bedürffen wird“160. Hat der gerechtfertigte Sünder sich selbst
insofern in einem anderen, als er seine Gerechtigkeit nicht in sich
selbst trägt, sondern dieselbe in Christus hat, weswegen Luther sagen
kann, daß der Glaube, der die iustitia Christi ergreift, uns „extra
nos“161 setzt, so wird die eschatologische Vollendung des Heilungs-
prozesses darin bestehen, daß der Mensch nicht nur seine iustitia,
sondern auch alle übrigen Güter — sowohl die geistlichen als auch
diejenigen der „Leibsnahrung und -notdurft“162 in Gott haben wird.

158
Vgl. WA.TR 3,429,3f (Nr. 3580): „Denn der Teufel ist also kräftig, er kann
Arznei und Apotheken wandeln, und Staub in die Büchsen thun“.
159
WA 36,594,38–595,16 (Predigten des Jahres 1532 [Nr. 9]).
160
WA 36,595,24–26.28–30.
161
Vgl. WA 40/I,589,8–10: „Ideo nostra theologia est certa, quia ponit nos extra
nos: non debeo niti in conscientia mea, sensuali persona, opere, sed in promissione
divina, veritate, quae non potest fallere“. Vgl. Gerhard Ebeling, Luther. Einführung
in sein Denken, Tübingen 1964, S. 197. 301.
162
BSLK, S. 514,3f.
TEIL II
DIE THEOLOGIA MEDICINALIS IN DER
LUTHERISCHEN ORTHODOXIE
1. VORBEMERKUNGEN

Innerhalb der lutherischen Orthodoxie ist Luthers theologia medici-


nalis breit rezipiert und ausgebaut worden — nicht zuletzt dadurch,
daß die hier einschlägigen älteren, vor allem patristischen Traditions-
linien aufgearbeitet und in die reformatorische Botschaft integriert
wurden. Die medizinische Theologie zeitigte schon im ausgehenden
16., verstärkt aber im 17. Jahrhundert eine ungeheure Wirkung —
nicht nur in Predigten, Erbauungsschriften, Gebetbüchern, im
Kirchenlied163 und in der Hausväterliteratur, um nur einige literarische
Gattungen zu nennen, sondern auch im Rahmen der Ikonographie.
Wie eng theologische und medizinische Wissenschaft miteinander

163
Vgl. z.B. EKG 154,7 (Martin Luther); 227,4 (Ludwig Helmbold); 299,3 (Samuel
Rodigast); 394,9 (Benjamin Schmolck). Vgl. darüber hinaus etwa Johann Heermanns
Abendmahlslied „O Jesu, du mein Bräutigam“, in dem es in den Strophen 2 und
3 heißt: „Ich kom zu deinem Abendmal, | Verderbt durch manchen SündenFall.
| Ich bin kranck, vnrein, nackt vnd blos, | Blind und arm. Ach mich nicht ver-
stoß! || Du bist der Artzt, du bist das Liecht, | Du bist der HERR, dem nichts
gebricht. | Du bist der Brunn der Heiligkeit, | Du bist das rechte HochzeitKleid“
(Albert Fischer / Wilhelm Tümpel, Das deutsche evangelische Kirchenlied des 17.
Jahrhunderts, 6 Bde., Gütersloh 1904–1916 [Reprint Hildesheim 1964], hier: Bd.
1, S. 291). Vgl., um ein weiteres Beispiel zu nennen, Johann Rists Lied eines
Kranken ebd., Bd. 2, S. 280, insbesondere die Strophen 4 und 5.
Ein Beispiel für die Aneignung der medizinisch-theologischen Thematik im Gebet
eines Kranken bietet Christian Chemnitz, Jenisches Handbuch / Darinnen enthal-
ten I. Morgen= und Abendsegen auf alle Tage in der Wochen / wie auch Beicht=
Buß= Communion= und andere Gebetlein / nach eines ieden Noth und Anliegen.
II. Köstliche Trostsprüche in aller Noth und Anfechtung / von D. Johann Gerhard
seeliger zusammen getragen. III. Catechismus D. Lutheri. IV. Ein Gesangbuch /
welches in neuen Geistlichen Liedern bestehet, [ Jena] 131688 (Privatbesitz), S. 409f:
„O du himlischer Artzt / HErr JESU Christe / nimm mich in deine Cur / lin-
dere mir meine Schmertzen / und heile mich durch deine Wunden / laß dein bit-
ter Leiden und Sterben meine Artzney seyn. HErr / laß mich deines Kleides Saum
anrühren / das ist / dein heiliges Wort und Sacrament / darein du dich verklei-
dest / und heile mich / daß ich durch deine heilige krafft / die von dir ausge-
het / gesund werde“.
Bekanntermaßen spielt die medizinische Topik auch bei Johann Arndt eine wich-
tige Rolle. Auf dem Hintergrunde der Tatsache, daß in den letzten Jahren immer
deutlicher geworden ist, daß Arndt im Rahmen des Luthertums eine Sonderrolle
zuzuweisen ist, bleibt dieser Autor in vorliegender Studie absichtlich unberücksich-
tigt. Zu Arndts medizinischer Theologie wäre eine eigene Monographie zu schrei-
ben. Klar aber dürfte sein, daß es unangemessen wäre, jegliche medizinische
Metaphorik bei Arndt auf das Konto des Paracelsismus zu buchen.
52 teil ii – lutherische orthodoxie

verzahnt waren, konkretisiert sich u.a. darin, daß nicht wenige


Theologen der frühen Neuzeit beide Fächer studiert hatten (—
genannt seien an dieser Stelle nur Johann Gerhard [1582–1637] und
Johann Rist [1607–1667]164 —), so daß sich auch von hieraus die
Frage nach der Applikabilität des jeweils einen Faches in bezug auf
das andere nahelegte, ja aufdrängte.
Die theologia medicinalis der lutherischen Orthodoxie — Johann
Olearius spricht von „Medicina sacra“165 — basiert auf der Lehre von
der Heiligen Schrift, die oft — ähnlich wie bei Luther, aber auch
im Rückgriff auf die Kirchenväter — Apotheke der Seele, ‚Apotheca
spiritualis‘, ‚Seelen-Arznei‘166 o.ä. genannt wird. Darum sagt Johann
Gerhard: „GLeich wie in einer wolbestellten Apotecken nicht nur
für eine oder zwo / sondern für allerley Kranckheiten Labsal vnnd
Artzney zubefinden / also hat auch Gott der HErr / welcher sich
vnsern Artzt nennet Exod. 15. in seinem Heiligen Wort / welches
ist communis Medica animarum nostrarum officina, eine rechte Seelen
Apoteck / wie es Basilius über den 1. Psalm beschreibet / nicht nur
für eine oder zwo / sondern für allerley Seelen Kranckheiten /

164
Vgl. Eberhard Mannack, Johann Rist. Gelehrter, Organisator und Poet des
Barock. Festvortrag zur 89. Jahresversammlung der Gesellschaft der Bibliophilen
e.V. am 5. Juni 1988 in Kiel, München 1988, S. 8. Der Beitrag von Anne-Charlott
Trepp, Zur Pluralisierung im Luthertum des 17. Jahrhunderts und ihrer Bedeutung
für die Deutungen der ‚Natur‘, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 26 (2003),
S. 183–197 stellt eine ganze Reihe von historisch nicht haltbaren Scheinalternativen
auf — etwa diejenige, daß die Lektüre im Buch der Natur (nicht nur bei Rist)
Ausweis einer Distanzierung von der ‚lehrhaft‘-akademischen Theologie der Ortho-
doxie sei.
165
Olearius, Heylsame Betrachtung (wie Anm. 52), S. 429.
166
Vgl. Michael Ziegenhorn, APOTHECA SPIRITUALIS, Hoc est: LIBELLUS
ORATORIUS, PRECATIONES INSIGNIORES, SELECTISSIMAEQUE SACRO-
SANCTAE SCRIpturae ac D. Patrum, ut Augustini, Bernhardi, Hieronymi, Ambrosii,
Gregorii, Athanasii, Basilii, Chrysostomi, Cyrilli, Cypriani, Isidori, Origenis, Anshelmi,
Theodoreti, Bedae & Clementis Alexandrini, complectens dicta, inprimisque annuae
Festorum celebrationi [. . .], Halle/S. 1613 (HAB Wolfenbüttel Yv 317.8° Helmst.
[2]). Das Buch enthält Gebete, Bibelsprüche und Vätersentenzen und ist eingeteilt
in die folgenden sich an den hohen Festzeiten des Kirchenjahres ausrichtenden
Rubriken: Weihnachten, Passion, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, Trinitatisfest. Vgl.
neben Urbanus Rhegius’ berühmter ‚Seelen-Arznei‘ (vgl. o. Anm. 91) etwa Matthäus
Orneus, Trost Oder Seelartzneibuch Jn welchem fast wider alle Anfechtungen /
vnd Trübsalen / so sonderlich den waren Christen in dieser Welt begegnen /
Jnsonders heilsame / vnd edle Recept / oder Artzneytrünck / Seelsterck vnd Labung
/ aus den fürnembsten Trostsprüchen heiliger Göttlicher Schrifft / als gesunden
Kräutern / nach Rath des einigen waren SeelArtzs Christi / getrewlich zubereitet
[. . .], Frankfurt a.M. 1571 (HAB Wolfenbüttel G 71 Helmst. 2 [1]).
vorbemerkungen 53

Himmlische Artzney vnnd Labsal vns fürgestellet / also daß keine


Noth so groß / so manigfaltig / so wunderlich / man kan dawider
einen sonderbaren Trost in Gottes Wort finden“167. Gerhard bezieht
sich hier — wie auch andernorts — auf Basilius d. Gr., von dem
er die Bezeichnung der Heiligen Schrift als „animarum curandarum
officina“168 übernimmt. Leonhart Hütter (1563–1616) äußert sich,
ebenfalls im Anschluß an Basilius, den er als Quelle freilich nicht
angibt, ähnlich169.

167
Johann Gerhard, Sämtliche Leichenpredigten nebst Johann Majors Leichenrede
auf Gerhard, kritisch hg. und kommentiert von J.A. Steiger (= DeP I, 10), Stuttgart-
Bad Cannstatt 2001, S. 93.
168
Basilius d. Gr., Homilia in Ps 1, MPG 29, Sp. 210f: „Omnis Scriptura est
divinitus inspirata atque utilis, ideo a Spiritu sancto conscripta, ut velut in com-
muni animarum curandarum officina, nos omnes quotquot sumus homines ad
nostrum morbum sanandum medelam seligere possimus.“
169
Vgl. Leonhart Hütter, COMPENDIUM LOCORUM THEOLOGICORUM,
EX SCRIPTURIS SACRIS ET LIBRO CONCORDIAE Antehac collectum OPERA
ET STUDIO LEONHARDI HUTTERI Jst aber jetzo / allgemeiner Christenheit
/ und sonderlich der lieben Schul=Jugend / zum besten / Die Deutsche Version
/ Wie sie der Autor Seel. selbst übersetzet hat / auff jedem Blat hiebey gefüget,
Braunschweig 1661 (HAB Wolfenbüttel Te 607), fol. )( 7v: „Dann weil solch Erkäntniß
Gottes / in der That und Warheit ist communis medica animarum officina, das ist
/ eine allgemeine heilsame Apotheke der Seelen / ja die einige bewehrte Panacaea,
wider alles Creutz / Trübsal / Angst und Noth / im Leben und Sterben / So muß
es ja sehr übel stehen / üm einen solchen Menschen / der sich üm wahre Erkäntniß
Gottes / und die reine seligmachende Religion / in seinem Leben wenig beküm-
mert.“ Daß die Verwendung medizinisch-theologischer Topik im Rahmen von
Vorreden zu Lehrbüchern der Loci-Dogmatik zur Zeit Hütters bereits auf eine
beachtliche Tradition zurückblicken konnte, belegt ein Blick in die Kompendien
von Heerbrand und Hafenreffer. Vgl. Jacob Heerbrand, Compendium THEOLO-
GIAE Methodi quaestionibus tractatum [. . .] Jdem à MARTINO CRVSIO,
VTRIVSQVE LINGVAE IN EADEM Academia Professore, Graecè versum,
Wittenberg 1582 (Bibliothek des Fachbereichs Evangelische Theologie der Universität
Hamburg G VI v 465), fol. ):( 1r. Hier nennt der Autor der griechischen Überset-
zung des Heerbrandschen Compendiums dieses ein „animi Pharmacopolium viuificum“.
Vgl. weiter Matthias Hafenreffer, Loci Theologici, CERTA METHODO AC RAtione,
in Tres Libros tributi. QVI THEOLOGICARVM RERVM SVMMAS, SVIS
VBIQVE DILVCIDIS SCRIPTVRAE TESTImonijs confirmatas, breuiter conti-
nent: earundem Christianam Praxin, paucis commonstrant: ac nostri denique Seculi,
praecipuas ÑEterodidaskal¤aw fideliter exponunt [. . .], TERTIA CVRA Ab Auctore
Recogniti, & Prioribus auctiores [. . .], Tübingen 1603 (Bibliothek des Fachbereichs
Evangelische Theologie der Universität Hamburg G VI v 581), fol. ):( 2v/3r: „Ad
huius igitur amplißimae & Diuinißimae Scientiae, quae Omnia tum ad huius, tum
alterius Vitae Incolumitatem pertinentia, ac nobilißimam & diuinißimam animae
Medicinam, complexu suo continet, meritò omnes Christiani, animos studiaque
nostra conuertimus; memores quàm simus AEVI BREVIS.“
2. JOHANNES VIETOR

Auffällig häufig erfährt die geistliche Arzneikunst im Rahmen von


Leichenpredigten breite Entfaltung170. Besonders oft ist dies in Lei-
chenpredigten auf Ärzte und Apotheker der Fall. Die 1616 anläß-
lich der Bestattung der Darmstädtischen Hof-Apothekerin Anna Pfaff
(1559–1616) von Johannes Vietor (1574–1628) gehaltene Predigt über
Sap 16,12f 171 ist hierfür ein beredtes Beispiel. Wo immer jedoch das
Heilshandeln Gottes als medicus spiritualis zum Thema gemacht
wird, zeigt sich: Den Predigern und Schriftstellern ist es zugleich
darum zu tun, ihre Adressaten dazu anzuhalten, den Berufsstand der
Ärzte und Apotheker in Ehren zu halten. Diese Ehre aber gebührt
den genannten Berufsgruppen nicht in erster Linie aufgrund von
Qualifikation, Erfahrung und Geschick ihrer Fachvertreter, sondern
zuvörderst aufgrund des Umstandes, daß Gottes Arzneikunst, Weisheit
und Macht in ersteren und durch sie hindurch wirkt.
Die lutherischen Theologen suchen dem schon von Luther172 beob-
achteten Umstand entgegenzuwirken, daß die Menschen zwar ohne
Zögern einen Arzt aufsuchen, wenn sie leiblich in Mitleidenschaft
gezogen sind, was ihre Sündenkrankheit angeht, die dringend not-
wendige Kur jedoch anstehen lassen. Darum bedienen sich die luthe-

170
Vgl. zur medizin- und pharmaziehistorischen Relevanz der Leichenpredigten
die bei Irmtraut Sahmland, Beschreibung und Bewertung von Krankheit in der
Predigtliteratur des 16. und 17. Jahrhunderts am Beispiel der Bergpredigten, in:
Udo Benzenhöfer und Wilhelm Kühlmann (Hgg.), Heilkunde und Krankheitserfahrung
in der frühen Neuzeit. Studien am Grenzrain von Literaturgeschichte und Medi-
zingeschichte (= Frühe Neuzeit 10), Tübingen 1992, S. 228–246, hier: S. 228, Anm.
5 angeführte Literatur.
171
Johannes Vietor, Panacea Biblica: Das ist / EJn Christlicher Sermon / von der
alleredlesten vnd gewissesten Artzney / mit welcher der beste Leibs vnd Seelen
Medicus, CHRISTUS IESUS, allen glaubigen Patienten am sichersten zuhelffen
pfleget / auß dem XVI. Cap. deß Büchleins der Weißheit / Gehalten Zu Darmbstatt
bey Begräbnuß der Ehrn vnd Tugendsamen Frauwen ANNAE / Fürstlicher
HofApoteckerin / weyland deß Ehrnhafften vnd Vornehmen Caspar Pfaffen / seli-
gen / gewesenen Kellners zu Senßfeld / hinderlassener Wittiben / welche den 10
Augusti seliglich in Christo verschieden vnd folgenden 13. Tag gemeldtes Mondes
ehrlich zur Erden bestattet worden, Darmstadt [1616] (HAB Wolfenbüttel 253.5
Th. [5]).
172
S. o. S. 30f.
johannes vietor 55

rischen Prediger auffällig oft der Gattung der Lobrede, um die


Arzneikunst Gottes bekannt zu machen und ihre Hörer zu locken,
diese in Anspruch zu nehmen.
Vietor ist ähnlich wie Luther der Ansicht, daß alle Pharmazie
nutzlos und blind bleiben muß, wenn nicht deren Einbettung in die
pharmacia Dei mitbedacht wird. Die Unterscheidung von causa prima
und causae secundae voraussetzend, schreibt Vietor den Arzneien
natürliche Wirkung und den Menschen die ihnen natürlich offenbarte
Kompetenz zu, diese nutzbar zu machen. Die erste Wirkursache
jedoch ist Gott der Schöpfer, der den Kräutern, die zu Arzneien
verarbeitet werden, heilsame Wirkung eingestiftet und den Menschen
den Verstand gegeben hat, diese in den Dienst der medikamentö-
sen Therapie zu stellen. Die medicina corporalis aber muß nutz-
und wirkungslos bleiben, wenn man sich nicht dessen erinnert, daß
sie umgriffen ist von der medicina spiritualis, deren Autor der Arzt
Christus ist, weil er allein über den Baum des Lebens (Gen 2,9)
Verfügungsgewalt hat, dessen Heil stiftende Kraft für die Endzeit
verheißen ist (Ez 47,12; Apk 22,2)173: „Es ist alles vmbsonst vnd ver-
gebens / wo nit dieser Himlische Medicus Christus Jesus das beste
thut: er hat allein den accessum vnnd zugang zum Baum deß Lebens
/ welcher sonst allen Medicis verschlossen / Gen. 3. Er allein ist
der beste Botanicus, der sich vff alle Kräuter versteht / der nicht
allein jre Tugend vnd Krafft weiß / sondern auch der sie als der
rechte Plantator paradisi geschaffen / hat darzu den Todt vnd alle
Kranckheiten in seiner Macht vnnd Gewalt“174.
Diese Einsicht soll nach Vietor auch die Praxis der Einnahme von
Arzneien bestimmen. Wer zur Pillendose greift und Medikamente zu
sich nimmt, soll dessen eingedenk sein, daß diese als Zweitursachen
nur dann ihre Wirkung entfalten können, wenn Gott mit und durch
sie am Menschen heilend tätig wird. Darum soll man, so Vietor, die
Praxis der Medikation mit der praxis pietatis verbinden. Man soll
nicht „das Vertrawen drauff [scil. auf die Medikamente] setzen /
sondern vff Gott / vnd den vmb Christi willen bitten / daß er zu
derselben seinen Segen gebe: sonsten ist in Warheit all Pulveren

173
Vgl. Gerhard, Meditationes (wie Anm. 40), S. 108: „hîc parata vicissim vera
arbor vitae, dulce illud lignum, cujus folia sunt in medicinam, fructus in salutem:
eius dulcedo omnem malorum, ipsius etiam mortis amariciem tollit“.
174
Vietor, a.a.O. (wie Anm. 171), S. 10.
56 teil ii – lutherische orthodoxie

vnd Artzneyen vmbsonst / all Kraut vnd Pflaster wirt vergebens


vffgeschlagen / vnd appliciret“175. Indem Vietor das Einnehmen von
Arznei mit dem Sprechen von Gebeten verbunden wissen will, ergänzt
er die leibliche Kur durch eine geistliche Therapie, da das Gebet,
wie bereits gezeigt, eine der unterschiedlichen Verabreichungsformen
der geistlichen Arznei, des Wortes Gottes, darstellt. Auch Vietor ver-
deutlicht, daß die medicina spiritualis der leiblichen Medizin weit
überlegen ist, da erstere auf Gottes Wort aufruht. Und dieses ist „die
recht berümbte Panacea vnnd allgemein Artzeney [. . .] / die alles
heylet. Ach Christi Wort sind recht Keyserische MachtWort / sag
nur ein Wort / so wirt mein Knecht gesundt [scil. Mt 8,8]“176.
Innerhalb der „animae morbi incurabiles“ tritt der Teufel auf und
präsentiert dem Kranken sein Sündenregister. Dagegen aber ist kein
irdisches Kraut gewachsen; hier muß die leibliche Schulmedizin kapi-
tulieren: „Da kan warlich weder Galenus, noch Hippocrates, noch
Auicenna, noch jrgend ein ander helffen / sondern Gottes trostrei-
che [sic!] Wort muß da das beste thun“177. Hier sind „schöne
Evangelische Verheissungen vnd Trostsprüch“ als „heylsame potio-
nes medicas vnd starcke Tränck“178 nötig.
Aber ähnlich wie bei Luther resultiert aus der Betonung der
Höherwertigkeit der medicina coelestis keine Abwertung der medi-
cina corporalis, sondern umgekehrt eine Aufwertung derselben. Hiermit
hängt auch aufs engste zusammen, daß im lutherisch-orthodoxen
Kulturkreis die Apotheke zum gleichnishaften Erfahrungsraum geist-
lich-himmlischer Dimensionen avanciert. Denn nach lutherischer
Ansicht ist der Sohn Gottes nicht nur ein Gärtner, der im Arznei-
Garten ganz unterschiedliche geistliche Kräuter anbaut, sondern auch
ein apothecarius coelestis, der dieselben so verarbeitet, daß sie appli-
kabel werden und ihre heilenden Kräfte zur Entfaltung kommen
können. Den geistlichen „Hortus medicus“179 beschreibend, sagt Vietor:
„Es ist drinn das rechte Hertzkraut / daß die matte Hertzen ster-
cket zur Seligkeit / Rom. 1. Psal. 19. Engelsüß vnd Angelica wurt-
zel / Ps. 34. 91. das Edel Kraut der Gedult / welches nit in einem
jeden Garten wächst / Rom. 15. H. Dreyfaltigkeit Blumen / das

175
Ebd., S. 13.
176
Ebd., S. 17.
177
Ebd., S. 18. Vgl. WA.TR 1,406,27–29 (Nr. 834).
178
Vietor, a.a.O. (wie Anm. 171), S. 18.
179
Ebd., S. 16.
johannes vietor 57

rechte Centaurium, Himmelsschlüssel / Grundtheyl / Gottesheyl /


Vergiß mein nit / Marien Magdalenen Blümlein / Lilium conual-
lium, vnd wie die heylsame wolriechende Kräuter vnd Blümlein mehr
heissen. Es findt sich auch drinn das rechte Aqua vitae, solch leben-
dige heylsame Gewässer / die da quellen in das ewige Leben / Joh.
7. deßgleichen allerley köstliche Olea, oleum misericordiae, quod
non infunditur nisi in vascula cordium contritorum, Das recht Geist-
lich Muscaten Oel / welcher allerhand Symptomata vnnd Geist-
liche Ohnmächten deß Hertzens vertreibet. Die Confortantia vnd
Hertzsterckungen der Manus Christi in dieser Apotecken / seynd
die H. Sacramenta, sonderlich das H. Abendtmal / als in welchem
wir zu Sterckung vnsers schwachen Glaubens vermittelst Brod vnd
Wein mit dem wahren Leib vnnd Blut vnsers HERRN Jesu Christi
gespeiset / getrencket vnd erlabet werden. Gantz herrliche Emplastra,
Malagmata vnnd Kühlpflaster hat man auch darinnen / welche
trefflich wol thun den hitzigen Wunden vnsers betrübten sündhafften
Gewissens / vnd das seynd die Wunden vnsers HErrn Christi / mit
welchen sich Augustinus der H. Lehrer curirete, da er spricht / tur-
babor sed non perturbabor, sed vulnerum Christi recordabor, das
ist / wie es der Kirchengesang außlegt: Mein Sünd sind schwer vnd
krencken mich / mein Gewissen thut mich nagen / dann jhr sind
viel wie Sand am Meer / doch wil ich nit verzagen / gedencken
wil ich an deinem Tod / HERR Christ dein fünff Wunden rot /
die werden mich erhalten. Jn summa der stattliche Vorraht in die-
ser Geistlichen Apotecken ist gar zu groß / daß er in so kurtzes
Inuentarium nit kan gebracht werden“180.
Die leibliche Apotheke und die in ihr befindlichen Heilmittel sowie
die Tätigkeit des Apothekers eröffnen, mit den Augen des Glaubens
betrachtet, eine Perspektive in den hortus medicus sowie in die Offizin
des ersten Arztes und Apothekers. Hierin konkretisiert sich die Art
und Weise, in der lutherische Theologen des 17. Jahrhunderts (im
Anschluß an Luther) die Natur als Buch voller Zeichen begriffen
und sie als Raum biblischer Predigt dechiffriert haben. Die Analogie
des Glaubens (Röm 12,7) setzt eine geistliche Phänomenologie des
Irdisch-Alltäglichen aus sich heraus und sucht nach den Spuren des
Himmlisch-Ewigen in der Zeit. Nach lutherischer Anschauung ver-
mittelt sich der Geist nicht anders als durch das äußere, leibliche

180
Ebd., S. 16f.
58 teil ii – lutherische orthodoxie

Wort. Hiermit korreliert, daß der Deus revelatus einzig und allein
greifbar wird in Christus, also in demjenigen, der Gott und Mensch
zugleich ist. Weil es von hier aus betrachtet ein Korrespondenz- und
Kommunikationsverhältnis gibt zwischen Göttlichem und Menschli-
chem, Ewigem und Zeitlichem, Himmlischem und Irdischem, Geist
und Fleisch, nimmt es nicht wunder, daß lutherische Theologen nach
der geistlich-göttlichen Signatur der gesamten empirischen Wirklichkeit
fragen und herausarbeiten, wo Gott dem Blick des Glaubens faßbar
wird: nämlich überall. Die geistliche Dechiffrierung der Berufsarbeit
von Ärzten und Apothekern rührt her von dieser typisch reforma-
torischen Hermeneutik und dem sich aus ihr ergebenden Wirklichkeits-
verständnis im Lichte des Glaubens.
3. CHRISTUS ALS ARZT UND
APOTHEKER — JES 55,1 UND MT 11,28

Aufgrund der Botschaft der Rechtfertigung allein aus Glauben haben


Luther und seine Erben die Tradition der theologia medicinalis beson-
ders breit rezipiert und im reformatorischen Sinne expliziert. Daraus
ergibt sich, nicht zuletzt aufgrund der diesbezüglich durch Luthers
Berufsethik vorgegebenen Eckdaten, eine Hochschätzung des beruflichen
Amtes des Arztes. Da jedoch der Arzt angewiesen ist auf die
Kooperation des Apothekers und dies nicht nur in weltlicher, son-
dern auch in geistlicher Hinsicht gilt, rückt innerhalb des orthodo-
xen Luthertums zunehmend auch die Pharmazie als ein Feld ins
Zentrum des Interesses, auf dem sich die heilende Wirkweise Gottes
spiegelt, der sich der geistlichen media salutis bedient. Hierin dürf-
ten sich die zunehmende Professionalisierung des Apothekerberufes
sowie die zu Beginn des 17. Jahrhunderts wachsende Ausdifferenzierung
der Tätigkeitsfelder von Ärzten und Apothekern spiegeln. Die in die-
sem Kontext entwickelte pharmacologia sacra jedoch bewirkte, daß
auch und gerade die Berufstätigkeit des Apothekers eine spirituelle
Aufwertung erfuhr, was darin greifbar wird, daß Christus immer
häufiger nicht nur unter der Metapher ‚Arzt‘, sondern auch unter
derjenigen des Apothekers erscheint. Dieser Umstand wiederum äußert
sich ikonographisch darin, daß sich seit dem ersten Drittel des 17.
Jahrhunderts die Abbildung Christi als Apotheker einbürgerte — und
zwar nicht nur in lutherischen Kirchenräumen, sondern auch in
Hospital- und Klosterapotheken181 (vgl. Abb. 1–5). So weisen die
Räume, in denen gegen Geld antidota wider leibliche Gebrechen
erworben werden können, über sich hinaus auf den Apotheker, der
im Sinne der „mercatura spiritualis“ bzw. des „recht wunderbare[n]
Kauffhandel[s]“182 umsonst (gratis, sola gratia) heilt, indem er geistliche

181
Vgl. Krafft, Arznei (wie Anm. 8). Vgl. weiter Krafft, Christus (wie Anm. 136).
Ders., Christus ruft in die Himmelsapotheke (wie Anm. 4).
182
Vgl. Georg Moebius (Praes.), Johann Christian Sprenger (Disp.), MERCA-
TURA SPIRITUALIS Esaiae LV. cap. vers. 1, 2, 3. descripta, QVAM ATHENIS
PHILYREIS IN DISPUTATIONE PUBLICA EXPLANATAM, SUMMI NUMI-
NIS AUSPICIIS, PRAESIDE [. . .] DN. GEORGIO MOEBIO [. . .] exhibet
60 teil ii – lutherische orthodoxie

Arzneimittel verabreicht: ‚WOlan alle die jr Dürstig seid / komet


her zum Wasser / Vnd die jr nicht Gelt habt / kompt her / keuffet
vnd esset / Kompt her vnd keufft on gelt vnd vmb sonst / beide
wein vnd milch‘ ( Jes 55,1). In lutherischer Sicht handelt es sich bei
Jes 55,1 um einen die Lehre von der iustificatio sola fide zusam-
menfassenden locus classicus (— Robert Bellarmin bestritt dies vehe-
ment183 —), der sich (oft in typischer Kombination mit dem sog.
Heilandsruf Mt 11,28) als inscriptio in bildlichen Darstellungen des
Gottessohnes als Apotheker stets dann findet, wenn sie aus dem luthe-
rischen Kulturkreis stammen184. Umgekehrt aber verweisen die in
Kirchenräumen zu findenden Abbildungen des Sohnes Gottes als
Apotheker hinaus in die Welt des alltäglichen Lebens, in dem sich
dem glaubenden Betrachter und Beobachter vielfältige geistliche
Perspektiven eröffnen.
Nicht nur die Bezeichnung des Sohnes Gottes als Apotheker, son-
dern auch die Kombination von Jes 55,1 und Mt 11,28, für die es
in lutherischen Quellen des 17. Jahrhunderts vielfältige Belege gibt185,

JOHANNES CHRISTIANUS SPRENGER [. . .], Leipzig 1678 (BSB München 4


Diss. 2339, Beibd. 25). Das zweite Zitat aus Glassius, a.a.O. (wie Anm. 100), S.
260. Ein weiteres Beispiel für die Behandlung von Jes 55,1ff als eines biblischen
Schlüsseltextes im Rahmen des akademischen Disputationswesens bietet folgender
Text: Johann Schmidt (Praes.), Kilian Riehl (Disp.), Pia Consideratio DICTI ESAIAE
55. vers. 1. Omnes sitientes venite ad aquas, &, qui non habetis argentum, prope-
rate, emite & comedite: venite, emite absque argento & absque ulla commutatione
vinum & lac: De cujus subjectis thesibus, Auspicio divini Numinis, Praeside IOHANNE
SCHMIDT [. . .] Publicè & solenniter respondebit M. CHILIANUS RIEHL [. . .],
Straßburg 1624 (HAB Wolfenbüttel 294.8 Theol. [23]).
183
Vgl. Anm. 185.
184
Vgl. Krafft, Christus (wie Anm. 136), S. 65–68 sowie ders., Die Pharmazie
im Dienste der Propagierung lutherischer Rechtfertigungslehre. Zur Bildaussage
eines weitverbreiteten protestantischen Sinnbildmotivs, in: Berichte zur Wissenschaftsge-
schichte 26 (2003), S. 157–182.
185
Von Beginn an werden in protestantischen Bildwerken, die Christus als
Apotheker darstellen, Jes 55,1 und Mt 11,28 kombiniert. Die Kombination dieser
beiden Bibelstellen findet sich im Kontext der Bezeichnung des Sohnes Gottes als
Arzt z.B. bei Martin Chemnitz und Polycarp Leyser d.Ä., HARMONIA QVATUOR
EVANGELISTARVM, A THEOLOGIS CELEBERRIMIS, D. MARTINO
CHEMNITIO PRIMUM INCHOATA: D. POLYCARPO LYSERO POST
CONTINUATA: ATQVE D. JOHANNE GERHARDO tandem felicissimè abso-
luta. QVAE NVNC PERFECTA, IVSTO COMMENTARIO illustrata, duobus
Tomis comprehensa, multùm auctior, juxtà & Indicibus variis ac necessariis ornata
prodit. Et hîc ejus TOMUS PRIMUS. QVI EST CHEMNITII ET LYSERI,
Frankfurt a.M./Hamburg 1652 (Privatbesitz), S. 744a: „Hoc remedium (scil. san-
guis Christi) non magna pecunia redimitur, non multis impensis comparatur, sed
gratis datur omnibus venientibus, datur absque argento, & absque ulla commuta-
christus als arzt und apotheker 61

dürfte letztlich auf Luther zurückgehen. Im Werk des Reformators


findet sich eine Predigt, die über die 1564f in Eisleben gedruckten
Ergänzungsbände zur Jenenser Luther-Ausgabe bequem zugänglich

tione, Jesa. 55. v. 1. Apoc. 22. v. 17. Ideò supra Matth. 11. v. 28. amicissime invi-
tavit ad se omnes laborantes & oneratos, promittens se eos reficere velle. Hic ergo
habemus Medicum, qui morbos animae & conscientiarum plenè & perfectè curare
potest.“ Der Erstdruck dieses von Leyser weitergeführten Werkes Chemnitz’ erfolgte
in den Jahren 1604–1611 (vgl. Theodor Mahlmann, Bibliographie Martin Chemnitz,
in: Der zweite Martin der Lutherischen Kirche. Festschrift zum 400. Todestag von
Martin Chemnitz, Braunschweig 1986, S. 368–425, hier: S. 417). Vgl. zudem Johann
Gerhard, Frommer Hertzen Geistliches Kleinod. Das ist: Vier unterschiedene
Tractätlein / Deren Das erste in sich begreifft eine Erklärung des Catechismi /
durch außerlesene Sprüche heiliger Schrifft. Das ander / geistliche Gespräch Gottes
des HErrn / und einer gläubigen Seele. Das dritte / Trostsprüche und Trost=Gründe
in allerhand Noht und Anfechtung. Das vierdte / die Litaney mit andächtigen
Hertzens Seufftzern erkläret. Auf gnädige Anordnung einer hohen Fürstlichen Person
zusammen getragen [. . .], [Lüneburg] 1670 (HAB Wolfenbüttel Xb 2460 [1]), wo
sich im dritten Traktat, der 1618 erstmals gedruckt worden ist (vgl. Bibliographia
Gerhardina [1601–2002]. Verzeichnis der Druckschriften Johann Gerhards [1582–1637]
sowie ihrer Neuausgaben, Bearbeitungen und Übersetzungen, bearb. von J.A. Steiger
unter Mitwirkung von Peter Fiers [= DeP I,11], Stuttgart-Bad Cannstatt 2003, Nr.
216), unter der Rubrik „Klag eines geängsteten Hertzens / und göttlicher Trost“
(S. 183–187) Jes 55,1 und Mt 11,28 finden lassen (S. 185 bzw. 187). Einen frühe-
ren Beleg für die Kombination dieser beiden Zitate in Trostspruchsammlungen
konnte ich bislang nicht ausfindig machen. Die älteren hier einschlägigen Büchlein
enthalten jedoch häufig Mt 11,28, was mitunter auf Luthers Vorliebe für diese
Kernstelle zurückzuführen sein dürfte (WA / 17/II,394,33f [Festpostille 1527]: „[. . .]
welches gar ain treflicher, mechtiger tröstspruch ist in der anfechtung, es sey für
ain anfechtung, wie sie wölle“). Vgl. z.B. Veit Dietrichs ‚Sehr schöne Trostsprüche
für die engstigen gewissen‘ (in: Veit Dietrich, Etliche Schrifften für den gemeinen
man / von vnterricht Christlicher lehr vnd leben / vnnd zum trost der engstigen
gewissen. Durch V. Dietrich. Mit schönen Figuren. Nürmberg. M.D.XLVIII., hg.
von Oskar Reichmann [= QFEL 5], Assen 1972, S. 181–191), wo diese Bibelstelle
schon auf dem Titelblatt gewissermaßen als Motto zitiert wird und im späteren
Verlauf nochmals vorkommt (ebd., S. 183 — hier in Verbindung mit Mt 9,12). Als
einen weiteren Beleg für die enge Verbindung von Jes 55,1 und Mt 11,28 vgl.
Glassius, a.a.O. (wie Anm. 100), S. 242f: „Desselben vnsers hochverdienten Heylandes
Wort sind es / die allhier [scil. Jes 55,1–3] stehen / vnd kommen eigentlich
vberein mit dem / was aus seinem heiligen Munde Matthaeus setzet / Cap. 11. v. 28.
Kompt her zu mir / alle die jhr müheselig vnd beladen seyd / ich wil euch erquik-
ken. Vnd Johannes Cap. 7. v. 37. Wen da dürstet / der komme zu mir / vnd
trincke. Jn der Offenb. 22. v. 17. Wen dürstet / der komme / vnd wer da wil /
der nehme das Wasser des Lebens vmbsonst.“ Die enge Verknüpfung von Jes 55,1
und Mt 11,28 ist auch belegt bei Johann Olearius, Biblischer Erklärung Vierdter
Theil / Darinnen Die vier Grossen und zwölf Kleinen Propheten ebenmäßig Aus
der Grund=Sprache deß Heiligen Geistes betrachtet / und mit nothwendiger Lehre
/ Trost und Vermahnung / zu Gottes Ehre / vnd täglicher Beförderung der waren
Gottseeligkeit / Sammt dem Anhange Der Biblischen Zucht=Bücher vorgestellet
werden, Leipzig 1680 (Privatbesitz), S. 285a (zu Jes 55,1): „Zu der Evangelischen
Gnade in Christo wird jederman eingeladen. davon NB. Matth. 11.“
62 teil ii – lutherische orthodoxie

war, die man geradezu als direkte verbale Vorlage für Michael Herrs
Verbildlichung deuten könnte. In seiner Predigt zum 5. Sonntag nach
Trinitatis des Jahres 1527 über Mt 11,25–30 zitiert Luther Mt 11,28
und paraphrasiert die Worte des Sohnes Gottes im Rahmen einer
oratio ficta unter klar erkennbarer Bezugnahme auf Jes 55,1, woran
sich exemplarisch zeigt, daß es nach Luther Christus selbst ist, der
durch die prophetischen Texte des Alten Testamentes spricht. „Denn
er spricht yhe ‚kompt her zu mir alle, die yhr müheselig und bela-
den seyt, ich wil euch erquicken‘, Als solt er sagen: kömpt her umb
sonst, one verdienst, dürfft darümb nicht viel fasten odder erbeyten,
nicht viel werck thun odder gros verdienst mit euch bringen, gehet
nur mit dem Glauben des hertzens zu mir, haltet mich für einen
solchen güetigen gnedigen erlöser, wie ich mit euch rede, so hats
keine not, kompt doch nur, ich wil euch erquicken, es sol bald bes-
ser umb euch werden“186. Im weiteren Verlauf ist zwar nicht von

Robert Bellarmin dagegen bestreitet, daß Jes 55,1 die reformatorische Recht-
fertigungslehre zu stützen geeignet ist, indem er die Ansicht vertritt, hier sei nur
von leiblich-irdischen, nicht aber von geistlichen Gütern die Rede. Vgl. Robert
Bellarmin, DISPVTATIONVM DE CONTROVERSIIS CHRISTIANAE FIDEI,
ADVERSVS HVIVS TEMPORIS HAERETICOS Opus [. . .], 4 tom., Ingolstadt
1601, tom. 4, Sp. 1266f. Gegen Bellarmin wendet sich Johann Gerhard, LOCI
THEOLOGICI, ed. Eduard Preuß, 9 Bde. und Registerband, Berlin bzw. Leipzig
1863–1885, IV, S. 57b. Ebd., S. 57a charakterisiert Gerhard Jes 55,1 als rechtfer-
tigungstheologisches Summarium: „ubi proponit Deus se ipsum quasi inexhaustum
omnis gratiae ac benedictionis fontem, invitat omnes sitientes, hoc est agnoscentes
suam egestatem ac proinde esurientes et sitientes justitiam, ut exponitur Matth. 5,
v. 6. promittit denique vinum et lac, hoc est omnis generis corporalia et spiritua-
lia, temporalia et aeterna bona animam nostram nutrientia et laetificantia, promit-
tit autem gratis, sine argento et pretio, hoc est non ob aliquod nostrum meritum,
sed ex sola gratia se ea collaturum; ex quo ita colligimus: Quicquid gratis nobis
confertur, non propter merita nostra nobis redditur.“ Zur geistlich-poetischen Relevanz
von Jes 55,1 vgl. Fleming, a.a.O. (wie Anm. 109) (Buch 1, Gedicht Nr. 8: „Käuffet
ohne Geld“).
186
WA 23,690,34–691,2 (Predigten des Jahres 1527 [Nr. 1]). Zum Abdruck die-
ser Predigt in der Eislebener Ausgabe vgl. WA 23,680. Anders als in der Textfassung
der WA findet sich in der Eislebener Ausgabe eine Marginalie, die eindeutig auf
Jes 55,1 hinweist. Vgl. Ein Sermon Doct. Martin Luthers / am fünfften Sontag
nach der heiligen drey Könige tage / Anno M. D. XXVII., in: Der Erste Theil
Der Bücher / Schrifften / vnd Predigten des Ehrwirdigen Herrn / D. Martin
Luthers deren viel weder in den Wittenbergischen noch Jhenischen Tomis zufinden
/ vnd doch von dem Tewern Man Gottes / zum teil im Druck ausgangen / vnd
sonst geschrieben vnd geprediget worden sind / jtzt nach ordenung der Jarzal /
als vom M.D.XVI. bis in das M.D.XXIX. jar / dem Christlichen Leser zu aller-
ley Lere vnd Trost / mit vleis zusamen getragen, Eisleben 1564 (HAB Wolfenbüttel
Yv 13.4° Helmst. [1]), S. 401–407, hier: S. 405: „Denn er spricht je / komet her
zu mir alle die jr müheselig vnd beladen seid / ich wil er [sic!] erquicken / Als
christus als arzt und apotheker 63

Christus als Apotheker die Rede, sehr wohl aber greift Luther auf
die Christus-medicus-Topik zurück, indem er in der recht weit aus-
greifenden direkten Rede des Sohnes Gottes diesen mitunter durch
Rückbezug auf Ex 15,26 und Mt 9,12 (auch diese Texte werden in
Herrs Bild zitiert) als Arzt auftreten läßt: „Darümb zeyge ich euch
den nehisten weg an, kompt nur her, erkennet ewer armselig böses
leben, das yhr verdampt und sünder seyt, Solche schüler begere ich
zu haben, solche leutte fordere ich zu mir, Mit den gesunden hab
ich nichts zu thun [vgl. Mt 9,12], mit den gerechten und frommen
hab ich keine gemeynschafft, Mein reich ist ein spital der siechen,
da selbs bin ich ein artzte [vgl. Ex 15,26]. Darümb wer da begert
gesuntheit, ein fridsam gewissen und ein rugig hertz, der lauff nicht
weit hin und her, an dis odder jhenes ort, er kome zu mir, Denn
er ist mir ein rechter gast ynn meinem spital, der seine kranckeit
erkennet und der sünden zwang fület, Zum andern der da hülff und
trost aus hertzen von mir begeret und gleubt, ich wölle yhm helffen,
den ich auch frölich und bestendig erquicken wil, so das er auch
nymer mehr des todes sol sterben Johan. 8 [scil. v51]“187. Zwei wei-
tere wesentliche Merkmale des Bildes von Michael Herr finden sich
in der besagten Predigt Luthers wieder: Die Kundschaft des geistli-
chen Arztes will so gar nicht zu der betuchten Klientel passen, die
in der Frühen Neuzeit gewöhnlicherweise in einer leiblichen Apotheke
anzutreffen war. Zudem spricht Luther im selben Atemzug von einem
‚seltsamen Laden‘, um den sich nicht die Reichen, sondern eben die
Elenden tummeln. Dies könnte der Anlaß für Michael Herr gewe-
sen sein, den Sohn Gottes nicht als einen in einer standesgemäß aus-
gestatteten Apotheke Agierenden darzustellen — auch dieser Bildtypus
ist belegt —, sondern als einen solchen, der in einem Eckladen seine
Ware über die Straße verkauft, besser: verschenkt. „Ey wie ein selt-
zam laden ist das? Warümb berufft er nicht die starcken, reichen,
gesunden, gelerten, könige, fürsten und herren? Was wil er der armen

solt er sagen / komet her vmb sonst / one verdienst dürffet darumb nicht fasten
/ viel thun oder arbeiten / nicht viel werck heuffen / oder gros verdienst mit euch
bringen / gehet nur mit dem Glauben des hertzens zu mir / haltet mich fur ein
solchen / gütigen / gnedigen Erlöser / wie ich mit euch rede / so hats keine not.
Komet doch nur / ich wil euch erquicken / es sol bald besser mit euch werden.
Es wird nicht heucheley sein / ich wil euch das hertz vnd den Geist mutig machen
/ wider Helle / Sünde / Tod vnd Teufel / das jrs fülen werdet.“ Marginal hierzu:
„Des HErrn selbs ladung Esaie 55.“
187
WA 23,691,9–19.
64 teil ii – lutherische orthodoxie

müheseligen und beladenen menschen? Nichts anders denn das es


yhm also wol gefelt, ficht dich nu an dein unglaub, hunger, armut,
schand odder ander trübsal, wo wiltu anders hin lauffen? Christus
hat vorhyn gesagt, er hab alle ding ynn seiner hand, ytzt rufft er
dich elenden zu yhm. Er verheisset hie, wie ers kan thuen, also wil
er es auch gerne thuen, dir, dir verheisset ers, kome du nur zu
yhm“188.
Es wird kaum zu weit gegriffen sein, zu behaupten, daß die geist-
liche Interpretation der Berufstätigkeit von Apothekern eine Stärkung
von deren sozialem Ansehen zur Folge hatte. Nicht gering dürfte
hierbei der Einfluß der an vielen Orten betriebenen Predigt des
Buches Sirach gewesen sein, denn die Prediger stimmen auf den
Berufsstand der Apotheker wahre Loblieder an. So heißt es etwa in
den Ausführungen zu Sir 38 bei Mathesius: „DAs reden wir zum
trost den Apoteckern / denn ein jeglicher frommer Christ sol gewis
sein / das er in einem Göttlichem vnd ehrlichem beruff ist / in wel-
chem er mit gutem gewissen Gott anruffen vnd andern dienen
könne“189. Das mitunter dem Rückenwind aus der theologischen
Wissenschaft, näherhin der theologia medicinalis geschuldete Aufstreben
eines in früheren Zeiten vergleichsweise geringgeschätzten Berufsstandes
koinzidiert mit einer anderen, hiermit eng zusammenhängenden
Entwicklung: mit der Akademisierung bzw. der universitären Etablierung
der Pharmazie im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts, wie sie sich
z.B. an der Universität Marburg vollzogen hat, wo im Jahre 1609
die erste Professur für Chymiatrie für Johannes Hartmann (1568–1631)
eingerichtet wurde190. Haben sich Paracelsismus und Luthertum u.a.
infolge der Streitigkeiten um Johann Arndt (1555–1621)191 mehr und
mehr auseinander- und zu schroffen Gegensätzen entwickelt, so ist
doch deutlich, daß es zunächst eine überraschende Affinität der
damals modern-empirischen, ja wegweisenden medizinischen Schule
und des noch jungen Luthertums gab. Johann Gerhard etwa scheute
sich nicht, paracelsische Ideologeme aufzunehmen und die Identi-

188
WA 23,689,19–26.
189
Mathesius, a.a.O. (wie Anm. 61), II, fol. 120v.
190
Vgl. Fritz Krafft, Arzneien ‚umb sonst und on gelt‘ aus Christi Himmelsapotheke,
in: Pharmazeutische Zeitung 146 (2001), S. 10–17, hier: S. 13 sowie ders., Arznei
(wie Anm. 9), S. 59–74.
191
Vgl. Hans Schneider, Johann Arndt als Paracelsist, in: Peter Dilg und Hartmut
Rudolph (Hgg.), Neue Beiträge zur Paracelsus-Forschung, Stuttgart 1995, S. 89–110.
christus als arzt und apotheker 65

fizierung Christi mit dem Stein der Weisen nachzusprechen192. Vor


diesem Hintergrund der sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts erst
sehr allmählich entwickelnden Kontrapositionierung von Luthertum
und Paracelsismus drängt sich der Eindruck auf, daß das im Gefolge
der Reformation stehende zentrale Interesse an der medizinischen
Theologie zunächst jedenfalls mitverantwortlich dafür war, daß der
Paracelsismus (auch akademisch) Bedeutung gewinnen konnte. Zu
intensiven Streitigkeiten kam es indes verstärkt zu dem Zeitpunkt,
als deutlich wurde, daß sich genau diejenigen Bewegungen mit dem
Paracelsismus identifizierten, die auch bei wohlwollender Betrachtung
mit den Grunddaten lutherischer Theologie nicht nur nicht harmo-
nierten, sondern denselben polemisch widersprachen.

192
Vgl. Gerhard, Meditationes (wie Anm. 40), S. 16f.
4. DIE KOMBINATION VON LEIBLICHER
UND GEISTLICHER KRÄUTERKUNDE

Im Rahmen der lutherischen theologia medicinalis wurde intensiv


sowohl nach der den Heilkräutern von Gott eingestifteten Kraft als
auch nach deren geistlicher Bedeutung und Applikabilität gefragt.
Im Zuge dessen wurde die literarische Gattung der Herbarien193 —
als besonders wirkungsträchtige frühneuzeitliche Kräuterbücher dür-
fen diejenigen von Hieronymus Bock (1498–1554) (Straßburg 11539)194,
Leonhard Fuchs (1566–1619) (Basel 11543)195 und Adam Lonitzer
(1528–1586) (Frankfurt a.M. 11557)196 gelten197 — fruchtbar gemacht

193
Vgl. hierzu Reinhard Feldmann, Blüten und Blätter. Illustrierte Kräuter- und
Pflanzenbücher aus fünf Jahrhunderten (= Schriften der Universitäts- und
Landesbibliothek 13), Münster 1996. Regine Tillmann, Neue Erkenntnisse zur
Kräuterbuchliteratur des 16. Jahrhunderts, Marburg 1988. Werner Dobras (Bearb.),
Botanik, Kräuter und Arzneien in alten Büchern. Kostbarkeiten aus 5 Jahrhunderten
im Besitz der ehemals Reichsstädtischen Bibliothek Lindau [Ausstellungskatalog],
Lindau 1987. Von Dioskurides bis Mességué. Alte und neue Heilpflanzbücher
[Ausstellungskatalog], Darmstadt 1981. Wilhelm Ludwig Schreiber, Die Kräuterbücher
des XV. und XVI. Jahrhunderts, Stuttgart 1982 (München 11924).
194
Hieronymus Bock, New Kreütter Buch von underscheydt, würckung und
namen der Kreütter so in Teutschen Landen wachsen [. . .], Straßburg 1539 (ULB
Jena 2 Bot. II,6 [2]). Vgl. Brigitte Hoppe, Das Kräuterbuch des Hieronymus Bock.
Wissenschaftshistorische Untersuchungen. Mit einem Verzeichnis sämtlicher Pflanzen
des Werkes, der literarischen Quellen der Heilanzeigen und der Anwendungen der
Pflanzen, Stuttgart 1969.
195
Leonhard Fuchs, NEw Kreüterb%ch / in welchem nit allein die gantz histori
/ das ist / namen / gestalt / statt vnd zeit der wachsung / natur / krafft vnd
würckung / des meysten theyls der Kreüter so in Teütschen vnnd andern Landen
wachsen / mit dem besten vleiß beschriben / sonder auch aller derselben wurtzel
/ stengel / bletter / bl%men / samen / frücht / vnd in summa die gantze gestalt
/ allso artlich vnd kunstlich abgebildet vnd contrafayt ist / das deßgleichen vor-
mals nie gesehen / noch an tag kommen [. . .], Basel 1543 (SUB Hamburg Scrin.
C/88) (Reprint o.O. 2002). Vgl. hierzu Brigitte Baumann, Helmut Baumann, Susanna
Baumann-Schleihauf (Hgg.), Die Kräuterbuchhandschrift des Leonhart Fuchs, Stuttgart
2001. Zu Fuchs vgl. Fritz Krafft, Art. Fuchs, in: Biographisches Lexikon der Ludwig-
Maximilians-Universität München, Bd. 1, Berlin 1998, S. 135–142.
196
Adam Lonitzer, Kreuterbuch, new zugericht [. . .], Frankfurt a.M. 1557 (HAB
Wolfenbüttel 38.1 Med. 2°).
197
Vgl. Fritz Grossmann, Adam Lonicers Kräuterbuch, Zürich 1991. Zu Lonitzer
vgl. Wolf-Dieter Müller-Jahncke, Art. Lonitzer, Adam, in: Walther Killy (Hg.),
Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache, 15 Bde., Gütersloh/München
1988–1993, Bd. 7, S. 341. Lonitzers Kräuterbuch erschien in deutscher Sprache
seit 1557 in zahlreichen Auflagen.
leibliche und geistliche kräuterkunde 67

für die spirituelle Meditation und somit gleichsam in die Erbauungslite-


ratur importiert. Die Frömmigkeit des späten Mittelalters war recht
stark geprägt von einem Gebetbuch, das den Titel ‚Hortulus animae‘
trug. Luther übte an diesem Büchlein scharfe Kritik, nicht zuletzt
weil es die von ihm abgelehnte scholastische Gnadenlehre in die
Gebetsliteratur hinein verlängerte. Im Gefolge der Reformation wur-
den nicht wenige Gebetbücher gedruckt, die ebenfalls ‚Seelengärtlein‘
o.ä. betitelt waren ( Johannes Drach, Georg Rhaw, Georg Walther,
Daniel Cramer). Ziel war es, die alte Gattung des Hortulus animae
wieder aufleben zu lassen, den Seelengarten jedoch im Sinne der
reformatorischen Grunddaten vom Unkraut zu reinigen und, wo
nötig, neu anzupflanzen198.
Die Interaktion von medicina corporalis und spiritualis zeigt sich
besonders markant an Conrad Rosbachs (*1535) ‚Paradeißgärtlein /
Darinnen die edleste vnnd fürnembste Kräuter nach jhrer Gestalt
vnd Eigenschafft abcontrafeyet / vnd mit zweyerley Wirckung /
Leiblich vnd Geistlich / auß den besten Kräuterbüchern vnd H.
Göttlicher Schrifft zusammen geordnet vnd beschrieben sind‘199.
Rosbachs Kräuterbüchlein kombiniert gewissermaßen die weltlich-
literarische Gattung ‚Herbarium‘ mit der im reformatorischen Sinne
umgedeuteten Hortulus-animae-Tradition. Schon der Titel des Büch-
leins indiziert, daß sowohl die leibliche als auch die geistliche Heilkunst
ihren Ursprung im Paradies, im Baum des Lebens, haben. Zudem
wird hieran sinnenfällig, daß der Rat, die Einnahme von Medikamenten
mit geistlicher Meditation zu kombinieren, keine bloße Forderung
war, der man nicht auch durch entsprechende praktische Leitfäden,
ja Rezepte nachkam. Medikation und Meditation gehören hier zusam-
men. Rosbach nämlich stellt in poetischer Form eine Fülle von
Heilkräutern vor, die sämtlich in Gestalt von Holzschnitten200 dem

198
Vgl. hierzu Angela Baumann-Koch, Frühe lutherische Gebetsliteratur bei
Andreas Musculus und Daniel Cramer (= EHS.T 725), Frankfurt a.M. u.a. 2001,
S. 442ff.
199
Frankfurt a.M. 1587 (HAB Wolfenbüttel Mf 101) (Reprint Hannover 1982).
Es handelt sich um Rosbachs Erstlingswerk. Vgl. Krafft, Christus ruft in die
Himmelsapotheke (wie Anm. 4), S. 77. Im selben Jahr wie das ‚Paradeißgärtlein‘
erschien: Conrad Rosbach, Rosa D. Mariae. Das ist Christlichs und Geistliches
Rosengärtlein [. . .], Frankfurt a.M. 1587 (HAB Wolfenbüttel 751.22 Theol. [2]).
200
Vgl. zur Bildausstattung von Kräuterbüchern: Susanne Baumann, Pflanzenab-
bildungen in alten Kräuterbüchern. Die Umbelliferen in der Herbarien- und Kräuter-
buchliteratur der frühen Neuzeit (= Heidelberger Schriften zur Pharmazie- und
68 teil ii – lutherische orthodoxie

Auge dargeboten werden. Der Autor beschreibt zunächst eingehend


die leibliche Heilwirkung der jeweiligen Pflanze, ihre Anwendungs-
gebiete und Verabreichungsformen. Hier artikuliert sich ein beein-
druckendes empirisch-pharmazeutisches Interesse. Sodann aber stellt
Rosbach metaphernhaft-allegorisch die „Geistliche Wirckung“ des
jeweiligen Krautes vor Augen.
Rosbachs Buch, das die bereits benannte, typisch frühneuzeitliche
theologisch-medizinische Doppelkompetenz illustriert, ist beides:
Einerseits — wie viele andere diesbezügliche Manualia201 — eine ver-
gnügliche und höchst informative Einführung in die Kräuterkunde,
mithin auch Leitfaden für den Aufbau einer Hausapotheke202 und
deren Handhabung sowie Nachschlagewerk in einem. In dieser
Hinsicht treibt Rosbach die frühneuzeitliche Popularisierung der
Pharmazie203 voran — eine Programmatik, die sich auch bei Leonhard
Fuchs greifen läßt und diesen veranlaßt hat, sein ursprünglich in
lateinischer Sprache abgefaßtes Herbarium in deutscher Übertragung
und Bearbeitung vorzulegen204. Andererseits ist Rosbachs Kräuterbuch
auch ein Meditationsbuch, das lehrt, wie man die leibliche und geist-
liche Medikation miteinander verbinden kann. Rosbachs leiblich-
geistliches Herbarium richtet sich an die „Haußvätter / Frauwen
vnd Jungfrawen“205, ist also eindeutig der Hausväter- und Hausmütter-

Naturwissenschaftsgeschichte 15), Stuttgart 1998. Minta Collins, Medieval Herbals.


The Illustrative Traditions (= The British Library Studies in Medieval Culture o.Nr.),
London 2000.
201
Vgl. z.B. Anonym, Manuale Medicum, Das ist: Ein newes / kurtzes / hoch-
nützlichs Handbüchlein vieler vortrefflichen Artzneyen und Experimenten zu allen
deß Menschlichen Leibs Kranckheiten vom Haupt an biß auff die Fußsohlen Sampt
Eim schönen Herbario der vornembsten Kräuter / deren Bildnuß / Natur unnd
Würckung erklärt wirdt / Mehrertheils nach H. Leonhardi Fuchsii Kräuterbuch
informirt und beschrieben. Dabey auch der Kräuter Namen zu Latein / Griechisch
/ Frantzösisch und Italianisch gesetzt. Allen Haußvättern sehr nützlich [. . .], Frankfurt
a.M. 1602 (HAB Wolfenbüttel 109.22 Med.).
202
Sich eine solche anzulegen, rät im übrigen auch Mathesius, a.a.O. (wie Anm.
61), II, fol. 121r und gibt Empfehlungen, wie man sie bestücken soll.
203
Vgl. hierzu Joachim Telle (Hg.), Pharmazie und der gemeine Mann. Hausarznei
und Apotheke in deutschen Schriften der frühen Neuzeit. Ausstellung der Herzog
August Bibliothek Wolfenbüttel in der Halle des Zeughauses vom 23. August 1982
bis März 1983, Wolfenbüttel 21988 (1982).
204
Vgl. Fuchs, a.a.O. (wie Anm. 195), fol. 2v: „[. . .] das die kreüter nit allein
von den ärtzten / sonder auch von den Leyen vnd dem gemeinen mann in gär-
ten hin vnd wider vleissig gepflantzt vnd aufferzogen werden / darmit derselben
erkantnuß in Teütschen landen dermassen täglich wachs vnd z%neme / das sie nim-
mer in vergessung möge gestelt werden“.
205
Rosbach, Paradeißgärtlein (wie Anm. 199), fol. a 1r (Titelblatt).
leibliche und geistliche kräuterkunde 69

literatur zuzuordnen. Es erinnert Hausvater und -mutter zum einen


daran, daß sie durch die Einrichtung und Handhabung einer geeig-
neten Hausapotheke dafür Sorge zu tragen haben, daß ihre eigene
Gesundheit sowie diejenige der Kinder und des Gesindes bewahrt
bzw. wiederhergestellt werden kann. Andererseits aber gemahnt die-
ses Handbüchlein auch daran, daß Luther zufolge Vater und Mutter
Bischof und Bischöfin im Hause sind206 und darum die katechetische
Unterweisung der Kinder und des Gesindes mitsamt den aus dieser
resultierenden Frömmigkeitspraxis zu gewährleisten haben. Rosbach
schlägt gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe und stößt somit,
worauf auch der Drucker in seiner Vorrede explizit hinweist207, in
eine Lücke auf dem Buchmarkt vor. Oder anders: Rosbach macht
eine im Gefolge von Hieronymus Brunschwigs (ca. 1450–1512/13)
„Hauß apoteck“ (1538)208 zur Blüte und Popularität gekommene lite-
rarische Gattung209 für das Segment der Erbauungsliteratur frucht-
bar. Hierbei nutzt Rosbach die Heilkräuter keineswegs als bloße
Aufhänger für die dann folgende geistliche Interpretation derselben.
Vielmehr ist das Bestreben erkennbar, Beschaffenheit, Wirkfunktion
und Anwendungsbereiche der Kräuter genau zu analysieren. Ja,
Rosbach geht sogar so weit, daß er empfiehlt, sein Herbarium auf
Spaziergängen bei sich zu führen, um eine Hilfestellung beim Auffinden,
Identifizieren und Sammeln von Kräutern für die Hausapotheke zu

206
Vgl. WA 30/I,58,8–10 (Katechismuspredigten, 3. Reihe, 1. Gebot 1528). Vgl.
Ivar Asheim, Glaube und Erziehung bei Luther. Ein Beitrag zur Geschichte des
Verhältnisses von Theologie und Pädagogik, Heidelberg 1961, S. 46.
207
Vgl. Rosbach, Paradeißgärtlein (wie Anm. 199), fol. a 8r.
208
Hieronymus Brunschwig, Hauß apoteck. Zu yeden leibs gebresten / für den
gemainen mann / vnd das arm Landtuolck [. . .], Augsburg 1538 (HAB Wolfenbüttel
T 644 Helmst. 4° [12]).
209
Vgl. hierzu Telle, Pharmazie (wie Anm. 203), S. 60–65. Ein in Telles Katalog
nicht vorkommendes Beispiel für eine populäre Arzneikunde aus dem folgenden
Jahrhundert ist: Andreas Mack, ANTIDOTARIUM PRIVATUM, Das ist Wohlbestalte
Hauß= Rhäiß= vnd Feld=Apothecken; Worinnen zubefinden allerhand nützliche
vnd kräfftige Artzeney=Mittel / deren man / für sich / zu Hauß / vff Rhäisen /
auch im Feldzug / als welche mehrentheils wohl fort zu bringen vnd ein lange Zeit
kräfftig bleiben / wider allerhand Leibsbeschwerungen / vnd sonderlich ansteckende
vnd offt geschwind an= vnd zustossende Kranckheiten / So woln in verhüt= als
heilung derselben / sich bedienen / vnd nechst göttlicher Gnad / wohl sicher
gebrauchen kan; Nechst diesem ist auch beyfälliger Nachricht / das Malum
Hypochondriacum, wie auch der Schorbock / als jetziger Zeit hochbeschwerte /
vnd manchen als frembte / den Medicis aber / leyder / gemein vnd öffters vor-
kommende Kranckheiten / etwas zu erkennen / vnd wie etwa solche zuverhüten
vnd auch zu benehmen, Coburg 1647 (FB Gotha Med. 8° 165/4 [1]).
70 teil ii – lutherische orthodoxie

haben210. Diesem Behufe dient auch die vergleichsweise aufwendige


Buchausstattung — je ein Holzschnitt pro Heilkraut —, die nicht
nur einen gewissen Unterhaltungswert sicherstellt bzw., um mit den
Worten des Druckers zu sprechen, für „Kurtzweil“211 sorgt, sondern
auch konkrete Hilfe beim Kräutersammeln an die Hand gibt.
Die Interaktion von medicamenta corporalia et spiritualia kommt
darin zum Ausdruck, daß Rosbach zu Anfang eines jeden Kapitels
zunächst ein Heilkraut nennt und — noch vor dessen Abbildung in
Form eines Holzschnittes — ein Bibelzitat (oder mehrere) anführt.
Die Vorstellung des Krautes „Schlangentritt“ eröffnet Rosbach mit
der Zitation des Protevangeliums Gen 3,15 („Deß Weibs Same soll
der Schlangen den Kopff zertretten / vnd du wirst jn in die Versen
beissen“212), wodurch der Skopos der geistlichen Betrachtung prälu-
diert wird. Zunächst aber beschreibt Rosbach (offenbar im Anschluß
an Leonhard Fuchs’ Kräuterbuch213) die „Leibliche Wirckung“ des
Schlangentritts. Der Sud aus diesem Kraut und Honig hilft gegen
„Keichen / Husten / Gicht vnd Krampff“, während es mit Öl ver-
mischt „Ohrenschmertzen“214 zu stillen in der Lage ist. Doch auch
andere Indikationen für die Behandlung mit Schlangentritt gibt es,
z.B.:
„Diß Wurtz mit Bertram vnd Alaun
Mit Honig mischt / heylt böse Zän /
Das geronnen Blut zertheylets fein /
Doch muß hiezu genommen seyn
Das außgebrannte Wässerlein /
Senff Samen auch gestossen rein /
Vnd Kerbeln Wasser alles sampt /
Davon der Mensch eintrinck zuhandt

210
Vgl. Rosbach, Paradeißgärtlein (wie Anm. 199), fol. b 3v: „Drumb magst diß
Büchlein brauchen bald / | Zur FeldtSpatzierung vnnd im Wald / | Vnd magst
es lesen wol mit fleiß / | Viel guter Ding kanst werden weiß / | Hie findstu sol-
che Kräuter stehn / | Die alle Menschen fast angehn / | Viel guter Kräuter es
dir nennt“. Zur Hausapotheke in der frühen Neuzeit vgl. Telle, Pharmazie (wie
Anm. 203).
211
Rosbach, Paradeißgärtlein (wie Anm. 199), fol. b 1r. Auch dieser Aspekt findet
sich im übrigen bei Leonhard Fuchs (vgl. a.a.O. [wie Anm. 195], fol. 2v).
212
Rosbach, Paradeißgärtlein (wie Anm. 199), S. 140.
213
Vgl. Fuchs, a.a.O. (wie Anm. 195), cap. 85.
214
Rosbach, Paradeißgärtlein (wie Anm. 199), S. 142.
leibliche und geistliche kräuterkunde 71

Drey Loht alln Tag / das ist mein Rath /


Deß morgens frü vnd zAbendts spat“215.
Die naturallegorisch-mystische Entzifferung des in Rede stehenden
Krautes, die nun folgt, hat ihr biblisches Fundament in Gen 3,15.
Somit wird das Heilkraut mit Namen ‚Schlangentritt‘ zum Merkzeichen
und kreatürlichen Symbol des Schlangentreters Christus, der den
Erzeltern schon kurz nach dem lapsus Adae als Grund ihres Trostes
verheißen worden ist.
„DJe Schlangen Wurtz sich selbst verklärt /
Wie in der Schrifft da wirdt gelehrt /
Die alte Schlang mit jrer List
Der Teuffel sey / also vergwist
Vns Christus selbst / vnd wirdt gemeldt /
Wie er die ersten Eltern gfällt /
Geführt in Sündt vnd Todtes Noht /
Welchs doch baldt wendt der liebe Gott
Jm Paradeiß / da er verhieß
Deß Weibs Samen zuschicken gwiß /
Christum versteh / sein Einigen Sohn /
Der solt dem Teuffel seinen Lohn
Recht geben / jm da seinen Kopff
Zerknirschet wol den schnöden Tropff /
Vnd vns erlösen von der Macht /
Drein vns der Teuffel hat gebracht /
Diß ist der Schlangentretter frey /
Der nimpt jhr Gifft vnd Tyranney“216.
Rosbachs Büchlein ist leibliches und geistliches Kräuterbuch zugleich,
und die Belehrung über die leiblich-therapeutische Nutzbarkeit der
Gewächse mündet in die Meditation der Heiligen Schrift, die sich
aus der Naturallegorese ergibt. Die häusliche Kräuterapotheke ver-
weist auf die apotheca coelestis, in der der himmlische Arzt mit Hilfe
des Predigtamtes gratis agiert, wie Rosbach (ebenfalls in deutlichem
Anschluß an Jes 55,1) betont:
„Solch Artzeney / wem sie gefellt /
Jm Predigampt wirdt fürgestellt /

215
Ebd.
216
Ebd., S. 143f.
72 teil ii – lutherische orthodoxie

Das ist die Himmlisch Apoteck /


Da man vns zeigt den rechten Weg
Zu diesem Artzt / veracht es nicht /
Mach dich herbey / darnach dich richt /
Du darffst doch weder Gelt noch Gut /
Denn dieses heylt allein sein Blut“217.
Zwei Register erschließen dieses Handbuch — wiederum in doppel-
ter Perspektive: Mit ihrer Hilfe kann nicht nur recherchiert werden,
in welchem Krankheitsfall welches Medikament in welcher Weise zur
Anwendung gelangen kann. Es kann vielmehr auch danach gesucht
werden, welche Abhilfe die apotheca spiritualis bezüglich der geist-
lichen Gebrechen bietet: Im Register stehen darum z.B. folgende
Lemmata beisammen: „Trifaltigkeit Blum vnnd jhre Wirckung. 90.
Trost wider die Sünde bey Christo zusuchen 60. 68. wider der Welt
anfechtung. 121“218. Es wäre näher zu untersuchen, inwiefern die
mannigfachen, aus dem Bestreben um Volksaufklärung herrührenden
popularmedizinischen Schriften des 18. und frühen 19. Jahrhun-
derts dadurch definiert sind, daß sie zwar auf den hier beschriebenen
Erfahrungsschatz zurückgreifen und ihn aufgrund zeitgemäßer Erkennt-
nisse erweitern, die geistliche Dimension jedoch schlicht weglassen.
Wie eng miteinander verzahnt die theologia medicinalis und die
Hermeneutik der biblisch-sprachbegabten Schöpfung sind, zeigt
Rosbachs geistliches Herbarium besonders markant. Indem Rosbach
nicht nur den leiblichen, sondern auch den geistlichen Nutzen der
Heilkräuter aufzeigt, leistet er, wie die Vorrede des in Frankfurt am
Main tätigen Buchdruckers Johann Spieß (1540–1623)219 formuliert,
einen Beitrag zur Aufschlüsselung des Buches der Natur. „Darnach
daß wir auch GOTtes Krafft darauß erkennen / vnd jn in seinen
Wunderthaten preysen lehrnen / das ist / wie S. Paulus Rom. 1.
sagt / Gottes vnsichtbares Wesen / seine ewige Allmächtigkeit vnnd
Gottheit darauß ersehen. Welches ist der Geistliche Nutz vnd Brauch
/ den wir von den schönen / wolgefärbten / lieblichen vnd wolrie-
chenden Blümlein vnd kräfftigen Kräutlein oder Gewächsen suchen

217
Ebd., S. 67f.
218
Ebd., fol. X 1v.
219
Vgl. Josef Benzing, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deut-
schen Sprachgebiet (= BBBW 12), Wiesbaden 21982, S. 126f.
leibliche und geistliche kräuterkunde 73

vnnd nemmen sollen / nemlich / daß wir auß den sichtbaren vnd
wolbekandten Creaturen die vnsichtbare vnnd von Natur vnbekandte
Geheimnuß vnnd Haußhaltung Gottes zu vnserer Lehr / Trost /
Vermahnung vnd Besserung betrachten [. . .] sollen“220. Die geistli-
che Entzifferung des Gegenständlichen, Keatürlichen, hier der Kräuter,
läßt sich leiten von der Erzählwelt der biblischen Gleichnisse, genauer
von der Heilmethode des Sohnes Gottes, der u.a. die Lilien auf dem
Felde als Heilkraut gegen die Sorge des alten Adam verordnet und
verabreicht (Mt 6,28). „Wie vns denn Gott gemeiniglich die Geistliche
Artzeney wider die Sicherheit / Vnglauben / vnd andere Sünde /
durch eusserliche Mittel vnnd leibliche Creaturen fürbildet vnnd leh-
ret / Als Exempels weiß darvon zu reden: Wer schwach vnnd kranck
ist an dem Glauben / vnd mit der Bauchsorge angefochten wirt /
der schawe an die Lilien auff dem Felde / wie sie wachsen / sie
arbeiten nicht / auch spinnen sie nicht“221. Derjenige aber, der durch
Kleinglauben angefochten ist, soll anhand der Betrachtung des bib-
lisch konnotierten Senfkorns (Mt 13,31; 17,20) erfahren, daß gerade
die Schwäche der fides deren Stärke ist und das Senfkorn nicht nur
als Gewürz Verwendung finden kann, sondern auch eine Funktion
als Heilkraut hat222.
Die leiblich-geistliche Kräuterkunde, von der Rosbachs Herbarium
ein beredtes Zeugnis ablegt, steht im engen Zusammenhang mit der
reformatorischen theologia medicinalis und mit der sich aus ihr ent-
wickelnden pharmacologia sacra. Selbstverständlich wurden auch in
der zweiten Hälfte des 16. und im Laufe des 17. Jahrhunderts Herbarien
produziert, die lediglich die leibliche Heilkraft der Kräuter beschrei-
ben. Rosbachs Verquickung von Herbarium und geistlicher Pharmazie
ist gewiß kein Einzelfall. Deutlich aber ist: Viel zahlreicher sind die
geistlichen Kräuterkunden, die auf die leibliche Wirkung der Heilkräuter
nicht derart stark Rücksicht nehmen. Die geistlichen Herbarien (wie
etwa diejenigen von Nikodemus Kramer, Wilhelm Sarcerius223, David

220
Rosbach, Paradeißgärtlein (wie Anm. 199), fol. a 5v/6r.
221
Ebd., fol. a 6r/v.
222
Ebd., fol. a 6v.
223
Nikodemus Kramer, Wurtzgaertlein der Seelen. Auß der schönen Lustawen
deß Herrn, Etliche wolgestalte Kreutlin, mit jren lieblichen farben, in geistlicher
krafft vnd wirckung, neben etlichen Trostspruechlin, und notwendigen Gebetlin
[. . .], Frankfurt a.M. 1573 (UB Rostock Fm-3176). Wilhelm Sarcerius, Geistlicher
Herbarius, oder Kreuterbuch Jn welchem erzehlet / vnd allerhand vmbstenden
nach beschrieben werden / allerley Erdgewechs / Samen / Kreuter / Bäume /
74 teil ii – lutherische orthodoxie

Wolder224, Johann Christoph Beer225) bzw. die sich von ihnen her-
schreibenden Leichenpredigten226 indes ermangeln der höchst span-
nenden Dialektik von leiblicher und geistlicher Heilmethode und
deren gegenseitiger Abbildbarkeit.

vnd Früchte / deren in heiliger Göttlicher Schrifft zuförderst / vnd demnach in


den Deutschen Büchern D. Martin Luthers seligen / gedacht wirdt / wie dieselbi-
gen recht anzuschawen / vnd eigenschafft halben / einem jeden Christen Menschen
zu betrachten sind / Auch weß man sich bey denselben / mit sonderlichem lust
vnd nutz / zur lehre / vermanung / trost / vnd besserung des lebens / habe zuer-
innern. Alles mit höchstem fleiß vnd trewen zusamen gefasset / vnd dem Christlichen
Leser zu gut beschrieben [. . .], 3 Teile, Frankfurt a.M. 1573 (HAB Wolfenbüttel
Mf 4° 21).
224
David Wolder, Seelen Paradyß. Edder Lustgarden, vull beeffliker und heilsa-
mer Planten unde wolrükenden Blömeken des christliken Gebedes in allerley Nodt
und thostande [. . .], Hamburg 1602 (HAB Wolfenbüttel Th 2849).
225
Johann Christoph Beer, Geistlicher Seelen-Garten. Darinnen, an statt irrdi-
scher fruchtbarer Bäume und wolriechender Kräuter, allerhand zu diesen schweren
Zeiten höchstnöthige geistreiche und Seelen-erbauliche Gebet [. . .] zu finden,
Nürnberg 1673 (HAB Wolfenbüttel Th 212).
226
Vgl. z.B. Caspar Heunisch, BOTANICA SACRA, Die Geistliche Kräuter=Kunst
/ Aus Esa XXVI, 19. Bey hochansehnlicher Leichbestattung Des weyland WolEdlen
/ Vesten / Hochgelahrten und Wolerfahrnen / auch Fürsichtigen und Hochweisen
HERRN Johann Michael Fehrn [. . .], Nürnberg 1688 (BSB München Res 4 Or.
fun. 270,40).
5. JOHANNES VIETOR (FORTSETZUNG), JOHANN JAKOB
BEURER UND JOHANN CONRAD DANNHAUER

Zu den vielfältigen Arzneien, die der Apotheker Christus bereithält,


gehören neben dem Abendmahl, das Vietor als geistliches Pharmakon
ansieht, auch seine Wunden. An dieser Stelle verarbeitet Vietor (wie
mit ihm viele andere lutherische Theologen) Jes 53,5 (‚Vnd durch
seine Wunden sind wir geheilet‘) und schreibt den vulnera Christi
und dem aus ihnen zur Sündenvergebung geflossenen Blut, das im
Sakrament des Altars zur applicatio gelangt, heilende Kraft zu. In
der Betonung dieses Aspektes und in dessen Zuspitzung auf das
Paradoxon, daß Christi Wunden Wunden heilen (vgl. EKG 96,7;
66,3) und der Sohn Gottes, der alle Krankheit trägt, selbst also krank
ist, Heilung stiftet, konkretisiert sich die an der Wende vom 16. zum
17. Jahrhundert im Luthertum zu beobachtende Intensivierung der
Blut-und-Wunden-Frömmigkeit, die wiederum mit der verstärkten
Rezeption mittelalterlich-mystischer Traditionen zu tun hat227.
In etwas anderer Weise nutzt Johann Jakob Beurer (1587–1663)
die Berufstätigkeit des Apothekers als Spiegel, in dem gleichnishaft-
allegorisch das Heilshandeln Gottes angeschaut werden kann. Viele
Kräuter, so Beurer, entfalten weder Duft noch Wirkung, wenn sie
nicht zuvor in einem Mörser zerstampft werden. So ist — und dies
formuliert Beurer in Übereinstimmung mit CA 12228 — auch die
Zerknirschung des Herzens (contritio cordis) Voraussetzung von Buße
und Glauben und das Bekenntnis der absoluten Unfähigkeit des
Sünders in geistlicher Hinsicht — der zerschlagene Geist nach Ps
51,20 — ein Gott wohlgefälliges Opfer. Darum handelt, wie Beurer
weiter ausführt, Gott wie ein Apotheker, wenn er die Menschen
durch Anfechtung und unter Zuhilfenahme der Verderbensmächte
preßt, um sie hierdurch in die Zuflucht zu Gott zu locken, d.h. zum

227
Vgl. J.A. Steiger, Johann Gerhard (1582–1637). Studien zu Theologie und
Frömmigkeit des Kirchenvaters der lutherischen Orthodoxie (= DeP I, 1), Stuttgart-
Bad Cannstatt 1997, S. 53–94.
228
„Constat autem poenitentia proprie his duabus partibus: altera est contritio
seu terrores incussi conscientiae agnito peccato, altera est fides, quae concipitur ex
evangelio seu absolutione“ (BSLK, S. 66f ).
76 teil ii – lutherische orthodoxie

Glauben, der Gott wohlgefällig ist. „Die Opffer die Gott gefallen /
etc. Er sihet mit lust an den Elenden / vnnd der zerbrochens Geistes
ist: Jn Apotecken befindet mans ja: Das Weyrauch / Mastigs /
Augstein vnnd dergleichen sachen / man reibe oder halte sie an die
Nasen / wie man wolle / doch für sich selbsten den geringsten
geruch nit haben. Wann sie aber in dem Mörser zerstossen / auff
glüende Kolen gelegt vnd angezündt werden / da gibt es erst ein
lieblichen gesunden vnd starcken geruch / dardurch nicht allein die
Lufft gereinigt / sondern auch vil beschwer: vnd gefehrlicher flüß
im Menschen getrücknet / grosse vnkräfften vertriben / vnnd die
Spiritus Vitales erfrischet werden. So machts ja der liebe Gott auch
offt mit vns / greifft einen Menschen bißweilen an wo er am weich-
sten ist / stämpfft vnd stöselt jhn wol im Mörser der widerwertig-
keit / legt jhn auff die Kolen der Bekümmernus vnd Traurigkeit /
damit durch sein hertzlich vnnd ängstiglich ruffen / beten / vnnd
schreyen / jhm ein lieblicher angenemmer geruch vor seinem hey-
ligen Angesicht gemachet vnd angerichtet werde“229.
Im Rahmen der Personalia lobt Vietor die verstorbene Anna Pfaff
als eine im höchsten Maße kompetente Apothekerin und als eine
Person, die sich auf ihre Berufstätigkeit verstand. Pfaff, eine eman-
zipierte Frau fürwahr, hat nach dem Tode ihres Mannes acht Jahre
lang die fürstliche Hofapotheke in Darmstadt geleitet. „Als ein Artzney
verständiges Weib“ habe sie mit den Kranken Mitleid gehabt und
ihnen nach fürstlicher Verordnung geholfen — dies umso engagier-
ter in der Zeit, als sie selbst „an jhrem Leib bawfellig“230 wurde. Der
laudatio der Verstorbenen jedoch widmet der Prediger keineswegs
das Hauptaugenmerk. Vielmehr richtet Vietor dieses auf die Art und
Weise, wie sich die Apothekerin als Christperson auch der geistli-

229
Johann Jacob Beurer, Geistliches Kül: vnd Labtrüncklein / Auß der Apotecken
deß H. Geistes vnd heyligen Göttlichen Schrifft: Bey zugestandener geher Hitz /
schwerer traurigkeit vnd betrübnuß; Als nach gnedigem vnd gerechtem willen Gottes
/ die Weyland Ehrn= vnd Tugendtsame Junckfraw Catharina Beßlerin: deß Erbarn
vnd Fürnemmen Herrn Basilij Beßlers Apoteckers in Nürnberg geliebte Ehrliche
EhrnTochter / Donnerstags den 28. Decemb. deß nunmehr abgewichenen 1626.
Jahrs / in warer erkandnuß vnd beständigem Glauben an jhren Newgebornen
Heyland Jesum Christum / sanfft vnd selig eingeschlaffen vnnd verschiden. Auß
Christmitleydenlichem affect, betrübten Hertzen zu Trost / wolmeinend zusamen
getragen. Durch M. Johann Jacob Beurer Pfarrer zu Heydeck Miscin vnd von dero
Geschwistrigten vnd Freundschafft zu trucken verordnet, Oettingen 1627 (HAB
Wolfenbüttel 184.26 Theol. 4° [1]), fol. B 2v/3r.
230
Vietor, a.a.O. (wie Anm. 171), S. 26.
vietor, beurer und dannhauer 77

chen Apotheke bedient hat. In ihrem Leben hat Pfaff die Medikamente,
die ihr Predigt und Abendmahl boten, intensiv genutzt „[. . .] vnd
darinnen als in der recht Geistlichen Apoteck für jhr betrübte Seel
Trost vnd Labsal gesucht vnnd gefunden“231. Einer Überschätzung
der leiblichen Medizin, so betont Vietor, hat die Verstorbene nicht
das Wort geredet, sondern: „Auß dieser Apotecken [scil. der geistli-
chen] hat sie sich auch selbst besser erkennen lernen / daß sie nem-
lich sey ein arme Sünderin / deren Seel ohn Christi deß Himmlischen
Medici Cur vnnd Segen nicht kön oder mög genesen“232. Das
Lebensende von Anna Pfaff war dadurch gekennzeichnet, daß sie
sich, der Grenzen ihrer Kompetenz eingedenk, dem Apotheker
Christus anheimgegeben hat. Als die irdischen Arzneien nicht mehr
helfen wollten, „hat sie sich jedoch steiff vnd fest gehalten / einig
vnnd allein verlassen auff Christum Jesum jhren Himmlischen Medicum
vnd besten Helffer“ und dessen „Officina oder Apoteck deß lieben
seligmachenden Worts“233 genutzt. So bestimmt die Inanspruchnahme
der geistlichen Apotheke auch die Sterbeszene der Apothekerin, die
die Leichenpredigt schildert. Im letzten Stündlein nahm sie das
Sündenbekenntnis und die Absolution als ein „Confortatif“234 ein.
Wie eng der Zusammenhang zwischen der im Luthertum des 17.
Jahrhunderts sich verstärkend zur Geltung bringenden theologia medi-
cinalis und der sich intensivierenden Blut- und Wundentopik ist, zeigt
sich u.a. auch bei Johann Conrad Dannhauer (1603–1666)235. Dann-
hauer zitiert in einer Predigt über Joh 19,34 neben anderen Autoritäten
den Kirchenvater Ambrosius, der das Blut Christi als Medizin bezeich-
net, und verwendet in einer Paraphrase das Stichwort ‚apotheca‘. Es
„haben die lieben Alten den Wunden Christi herrliche / schöne und
Trostreiche elogia ertheilt / und genennet / Apothecam, Heil=Wunden
/ Heil=Balsam für die Sünde / Vulnus est, quod Christus accepit;
sed medicina est, quae effudit schreibt Ambrosius. Das ist / Eine
Wund hat zwar Christus empfangen / aber lauter heilsame Artzney

231
Ebd., S. 24.
232
Ebd., S. 25f.
233
Ebd., S. 26.
234
Ebd.
235
Vgl. Johannes Wallmann, Art. Dannhauer, Johann Konrad, in: RGG4 2 (1999),
Sp. 563f und ders., Die Eigenart der Straßburger lutherischen Orthodoxie im 17.
Jahrhundert. Apokalyptisches Endzeitbewußtsein und konfessionelle Polemik bei
Johann Conrad Dannhauer, in: Ders., Theologie und Frömmigkeit im Zeitalter des
Barock. Gesammelte Aufsätze, Tübingen 1995, S. 87–104.
78 teil ii – lutherische orthodoxie

ist heraus geflossen“236. Der Sohn Gottes, den Dannhauer unter


Bezugnahme auf Ex 4,25 ‚Blutbräutigam‘ nennt237, hat nicht nur sei-
ner menschlichen, sondern auch seiner göttlichen Natur nach für die
Menschen gelitten. Hiermit propagiert Dannhauer aus soteriologi-
schem Interesse das genuin lutherische Verständnis der Passion, dem
zufolge die göttliche Natur am Leiden Christi teilhat, da nur so die
Gewißheit der Sündenvergebung konstituiert werden kann. Zugleich
grenzt sich Dannhauer gegen die reformierte Lehrmeinung ab, die
aufgrund der Ablehnung eines vollgültigen Austausches der Wesensei-
genschaften zwischen natura divina und natura humana die erstere
nicht vom Leiden affiziert wissen will. Zudem verteidigt sich Dannhauer
gegen den reformierten Theologen Samuel Maresius (1599–1673),
der ihm vorgeworfen hatte, er rede von „Götter und Götzen Blut“238.
Unter Bezugnahme auf Apg 20,28 — das ist der locus classicus der
lutherischen Lehre vom Leiden Gottes in Christus — repliziert
Dannhauer, indem er das bereits von Luther vielfältig verwendete
Argument239 benutzt, daß die Verkündigung der totalen Sündenver-
gebung diejenige des Leidens Gottes in Christus notwendig voraus-
setzt: „Wehe uns wann allein die Menschliche Natur gelitten / und
Blut vergossen hätte / so were die Sünde der Menschen nicht satt-
sam gebüst“240. Dies spitzt Dannhauer wenig später zu, indem er die
Kreuzigung Christi in den Farben einer göttlichen Selbstverwundung
um willen des Heils der Menschen zeichnet und die Seitenwunde
„ein Wund Gottes von GOTT gehauen“241 nennt. Wenn Dannhauer
die Wunde Christi als geistliche Apotheke des ewigen Lebens bezeich-
net, so steht dies notwendig im Kontext des Sachzusammenhanges
der Rechtfertigungslehre. Die Seitenwunde Christi kann ihre thera-
peutische Kraft nur haben, weil Gott ihm sämtliche Sünden des
Menschengeschlechts zurechnet, woraus — im Sinne des fröhlichen

236
Johann Conrad Dannhauer, CATECHJSMVS MJLCH Oder der Erklärung
deß Christlichen Catechismi Achter Theil, Straßburg 1666 (HAB Wolfenbüttel Th
511), S. 11.
237
Ebd., S. 2.
238
Ebd., S. 7.
239
Vgl. Luther, StA 4,82,5–7 (Vom Abendmahl Christi, Bekenntnis 1528): „Denn
wenn ich das gleube / das allein die menschliche natur fur mich gelidden hat /
so ist mir der Christus ein schlechter heiland / so bedarff er wol selbs eines
heilands“.
240
Dannhauer, a.a.O. (wie Anm. 236), S. 7.
241
Ebd., S. 8.
vietor, beurer und dannhauer 79

Wechsels und Streits — die non-imputatio peccati und mithin die


imputatio der fremden Gerechtigkeit Christi resultiert. „Solte nun
die geschlagene und selbst gemachte Sünden=Wund gebüsset und
ausgewetzt werden / so müste der Sohn Gottes verwundet werden
/ Tausch=weise / rantzions weise [d.i. im Sinne eines Lösegeldes]
an unser Stadt / Wechselsweise / Christus ist ümb unser Sünde wil-
len verwundet Esa. 53/5. [. . .] Er hat die Sünden an sich / die
Blut=Schulden in sich gezogen und gesogen“242. Christi Wunden sind
die einzigen Wunden, die als geistliche Wundarznei fungieren kön-
nen, da Gott selbst an ihnen gelitten hat, wie Dannhauer im Anschluß
an Röm 5,12 und unter Zitation eines Teils der zweiten Strophe
von Lazarus Spenglers Choral ‚Durch Adams Fall ist ganz verderbt‘
ausführt: „wie uns ein frembde Schuld in Adam all verhönet / also
auch ein frembde Huld in Christo all versöhnet; Daß Christi Wunden
unserige Wunden heilen und uns zur Gesundheit verhelffen“243. Insofern
ist die Seitenwunde Christi nicht eine solche, die nach Heilung ver-
langt, sondern paradoxerweise selbst das Heilmittel244, womit Dannhauer
an die schon altkirchliche sakramentstheologische Interpretation von
Joh 19,34 anknüpft. Die Seitenwunde ist „Vulnus medicinale, es ist
ein heilsame Wunder=Wund [. . .] eine Heyl=Wunde Esa. 53/6.“245
Dies illustriert Dannhauer mit dem u.a. aus dem ‚Physiologus‘246

242
Ebd., S. 10f.
243
Ebd., S. 11. Vgl. EKG 243,2. Vgl. Fleming, a.a.O. (wie Anm. 109), S. 9:
„Du bist Emanuel / von unsern Wunden wund / | Durch welche Wunden du die
vnsern machst gesund.“
244
Vgl. ähnlich Christophorus Gaudichius, Grundfest der Seelen Seligkeit / Das
ist: Gründliche Erklerung des 53. Capitels Esaiae / darinnen der Grund vnd
Fundament vnser Seligkeit angezeiget wird / welcher ist Christus Jesus / das vnschul-
dige Lämblein [. . .], Leipzig 1625 (HAB Wolfenbüttel Th 883), S. 125. Auch hier
findet sich der Topos von der Heilung der Sündenwunden der Menschen durch
die Wunden Christi, wobei Gaudichius ähnlich wie Dannhauer recht intensiv auf
Bernhard von Clairvaux zurückgreift und mitunter folgende Passage zitiert: „Omnia
quae de Christo Servatore legimus, medicamina sunt animarum nostrarum“. Der
Beleg findet sich: Bernhard, Opera, 8 Bde., ed. J. Leclercq, C.H. Talbot et H.M.
Rochais (Bde. 1–2), ed. J. Leclercq, O.S.B. et H.M. Rochais (Bde. 3–8), Rom 1957–
1977, Bd. 5, S. 110,4f.
245
Dannhauer, a.a.O. (wie Anm. 236), S. 9.
246
Vgl. Physiologus latinus. Éditions préliminaires versio B, ed. Francis J. Carmody,
Paris 1939, cap. 6, S. 17: „Physiologus dicit de pelicano quoniam amator est filiorum
nimis; cum autem genuerit natos et coeperint crescere, percutiunt parentes suos in
faciem; parentes autem eorum repercutiunt eos et occidunt. Tertia uero die mater
eorum percutiens costam suam aperit latus suum, et incumbit super pullos, et effundit
sanguinem suum super corpora filiorum mortuorum; et sic sanguine suo suscitat eos
a mortuis“.
80 teil ii – lutherische orthodoxie

bekannten Bild des Pelikan, der um willen seiner getöteten Jungen


sich selbst die Seite öffnet und den Nachwuchs durch sein Blut zu
neuem Leben erweckt247, um sodann — auch dies ein im orthodo-
xen Luthertum beliebter Topos248 — den Glaubenden ( Joh 19,34
auf Hld 2,14 beziehend und im Anschluß an die 61. Predigt über
das Hohelied Bernhards von Clairvaux) unter dem Bild der in die
Felsenritze fliehenden und dort Schutz suchenden Taube erscheinen
zu lassen. „Die Felß=Löcher oder Stein=Ritzen bedeuten die Wunden
Christi / in welchen die Vögel ihre Näster / und die Turtel=Taub
ihr Hauß findet / in denselben wird das Täublein beschützet / und
sihet ohne Gefahr den Raub=Vogel herumb fliegen. Jn diesen siche-
ren Felß=Löchern und Stein=Ritzen / darein sich ein verscheuch-
tes Täublein ein angefochtene Seele verstecket / kan dasselbe alle
Wetter und Raub=Vögel trutzen und sicher darin bleiben Cant.
2,14.“249 Was sich anschließt, ist gleichsam ein Gespräch zwischen
Christus, den Dannhauer in einer oratio ficta auftreten läßt, und
dem Glaubenden, der gebetsweise antwortet: Auf die an Mt 27,25
anknüpfenden Worte des Christus praesens: „Schaut hinein durch

247
Vgl. Dannhauer, a.a.O. (wie Anm. 236), S. 11. Ähnlich Johann Gerhard,
Erklährung der Historien des Leidens vnnd Sterbens vnsers HErrn Christi Jesu nach
den vier Evangelisten, kritisch hg. und kommentiert von J.A. Steiger (= DeP I, 6),
Stuttgart-Bad Cannstatt 2002, S. 330f: „Wir alle sämptlich sind numehr nach dem
Fall für Gott dem Herrn eitel Mörder / als die wir von dem ersten Ertzmörder
dem Adam herkommen / darumb sind wir für Gott verworffene verdorrete
Todenköpffe / aber da kompt Christus zu vns / stellet sein Creutz auff / vnd les-
set am Creutz sein heiliges Blut auff vns herab röhren / auff daß die verdorreten
Todenköpffe wiederumb lebendig gemacht würden / wie dann daher die Väter den
HErrn Christum dem Vogel Pelican vergleichen / welcher mit Besprengung seines
Bluts seine ertödtete Jungen sol wiederumb lebendig machen“. Vgl. weiter Hermann
Heinrich Frey, Therobiblia. Biblisch Thier-, Vogel- und Fischbuch (Leipzig 1595),
hg. von Heimo Reinitzer (= Naturalis historia bibliae 1), Graz 1978, hier: Vogelbuch,
fol. 144. Vgl. Arthur Henkel und Albrecht Schöne (Hgg.), Emblemata. Handbuch
zur Sinnbildkunst des XVI. und XVII. Jahrhunderts, Stuttgart 1987 (11967), Sp.
811–813 sowie LCI 3 (1971), Sp. 390–392.
248
Vgl. Gerhard, Meditationes (wie Anm. 40), S. 33. 152. Vgl. Steiger, Gerhard
(wie Anm. 227), S. 67–74 u.ö. (u.a. mit dem Hinweis darauf, daß Hld 2,14 der
biblische Wahlspruch Johann Michael Dilherrs gewesen ist. Adolph Saubert hat
seine Leichenpredigt auf Dilherr über diesen Text gehalten [vgl. ebd., S. 70f ]). Vgl.
weiter Sven Grosse, Fünffeckichte Brustwehr, Schmerzens-Schauspiel, gespießte
Fledermaus. Die Passionsbetrachtung im Pentagonum Christianum des Johann
Hülsemann, in: Johann Anselm Steiger u.a. (Hgg.), Passion, Affekt und Leidenschaft
in der Frühen Neuzeit. Akten des 11. Internationalen Barockkongresses 2003 in der
Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Wiesbaden 2005 (in Vorbereitung).
249
Dannhauer, a.a.O. (wie Anm. 236), S. 12.
vietor, beurer und dannhauer 81

mein eröffnete Seiten in mein liebflammendes Hertz hinein / ihr


seyd unschuldig nicht an diesem Blut / sondern in diesem Blut /
mein Blut / nicht Rach= sondern ranzion=Blut / sey über euch
und euren Kindern!“250 repliziert der Glaubende „Jn die Ritzen dei-
ner eröffneten Wunden HERR Jesu / dahin wil ich flihen / zu
entflihen / auff zu flihen: Flihen in die sichere Stein=Ritzen / allwo
die Seelen=Feind nicht hin kommen können“251. Zudem verbindet
Dannhauer das Protevangelium (Gen 3,15), also die Verheißung, daß
der Sohn Gottes als Schlangentreter den Teufel überwinden wird252,
mit dem im Sinne von Joh 3,14f typologisch entzifferten Text Num
21,8f: Christus ist nicht nur Schlangentreter, sondern auch und zu-
gleich diejenige Schlange, die — erhöht ans Kreuz — das Gegengift
gegen das Gift der Sünde verabreicht. Darum soll man — so Dann-
hauer — zu „dem verwundeten HERRN Jesu am Creutz“ fliehen.
„[. . .] den sol man im Glauben brünstiglich anschauen / seine uns
heilsame Wunden / da findet man das rechte Gifft=Heil wider den
vergifften tödtlichen Schlangen=Biß der Sünden“253.

250
Ebd., S. 28.
251
Ebd., S. 29.
252
Vgl. ebd., S. 8: „die alte Paradiß=Schlange hat ihm hie den grimmigen
Versen=Stich gegeben / und seinen grimmigen Zorn über diesem Schlangen=Tretter
ausgegossen und erkühlet“.
253
Ebd., S. 16.
6. JOHANNES WAGNER

Betrachtet man die Leichenpredigt, die der Braunschweiger Superin-


tendent Johannes Wagner (1559–1622) anläßlich des Todes des Arztes
Justinus Wilhelmi (1572–1609) gehalten hat254, so wird bei weitge-
hender inhaltlicher Übereinstimmung mit der Predigt Vietors eine
Reihe von unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen deutlich. Der
Arzt Wilhelmi ist, wie die Predigt erkennen läßt, in Ausübung sei-
nes Amtes zu Zeiten der Pest ein Opfer derselben geworden255. Diese
Situation nimmt der Prediger zum Anlaß, Vermessenheit und Wag-
halsigkeit derjenigen scharf zu kritisieren, die sich — anders als der
verstorbene Arzt — ohne Not der Ansteckungsgefahr aussetzen und
unter dem Hinweis, es stürben zu Pestzeiten ja auch die Ärzte,
jegliche medizinische Behandlung ablehnen und von sich weisen.
„Denn man findet der Leute viel / die entweder aus vnverstandt /
oder aus vermessenheit so verkehret vnd vorwegen sein / das sie
zur Pestilentz zeit in alle Winckel vnd Orter lauffen / vnd sagen /
was Apotecken / was Kreuter / Gott kan vnd wird mich wol ohne
Artzney bewahren. Vnd wenn man solchen Leuten sagt / GOtt der
Allmechtige habe die Kreuter vnd Artzney zu gebrauchen geordnet
/ antworten sie / sterben doch die Medici vnd Artzten selber / Jtem
/ Medice vivere est misere vivere, Ja sprechen sie / eine schussel
voll Kraut / vnd ein haußbacken Brodt / vnd dabey ein guter Muth
/ das sey eine gute Artzney wider die Pestilentz / vnd was derglei-
chen Spottreden mehr sein“256.
Ziel Wagners ist es, der populären Verachtung der Arznei entge-
genzuwirken. Die Arzneien sind, so Wagner, Gaben des Schöpfers257,

254
Johannes Wagner, IERODIDASKALIA De licito & salutari medicorum & medi-
camentorum usu. Das ist: Eine Christliche Lehr vnnd Vnterricht / wie man der
Arzte vnd der Artzney / heilsam vnd nützlich gebrauchen möge. BEY der
Leichbegengnüß des Erbarn vnd Wolgelarten Herrn M. Justini Vvilhelmi, der Stadt
Braunschweig gewesenen Physici vnnd Medici, so neben seiner lieben Haußfrawen
den 1. Maij dieses 1609. Jarß selig im HErrn Christo entschlaffen [. . .], Braunschweig
1609 (HAB Wolfenbüttel J 73.4 Helmst. [2]).
255
Ebd., fol. B 1v.
256
Ebd.
257
Vgl. zur Bezeichnung der Medizin als ‚donum Dei‘ folgende Belegstellen:
johannes wagner 83

die er bereitstellt, damit die Menschen sich durch sie der göttlichen
Hilfe gegen Krankheiten bedienen. Wer diese Medien jedoch ablehnt
und sein Vertrauen darauf setzt, daß Gott ihn auch außerhalb der
göttlich gesetzten Ordnung heilen oder bewahren kann, versucht
Gott, versündigt sich gegen ihn und verachtet die Gaben des
Schöpfers258. Gott „leistet vns Schutz vnd bezeiget vns hülffe durch
die Mittel / die Er dazu geordnet hat. Wer dieselbige verachtet / der
versuchet GOtt / welches durch den Mann Gottes Mosen ernstlich

Victorin Strigel, SIRACH SAPIENTIA, Leipzig o.J. (Vorrede: Heidelberg 1569)


(HAB Wolfenbüttel 697.59 Theol. 8° [1]), S. 197f: „Medico tribuendum est honos,
id est, agnoscendum est artem medicam Dei donum esse, & depulsionem morbo-
rum & conseruationem vitae, esse beneficia Dei, quae per hanc artem & artificem
exhibet, & haec comprobatio artis & artificis complecti debet gratiarum actionem
Deo tribuendam, & deinde ministro“. Vgl. weiter Conrad Dieterich, Das Buch der
Weißheit Salomons also: In vnterschiedenen Predigen erkläret und außgelegt / darinn
so wol allerhand gemeine Lehren / als auch mancherley sonderbare Theologische
/ Ethische / Politische / Physische / Elementarische Materien / so sonst in popu-
larn Predigen nicht vorfallen / begriffen werden. Gehalten zu Vlm im Münster /
und auff einständiges Begehren in offenen Truck geben / Durch Cunrad Dieterich
/ der H. Schrifft Doctorn / Vlmischer Kirchen Superintendenten, 2 Teile, Ulm
1627 (HAB Wolfenbüttel 182.1 Theol. 2°), II, S. 867: „Es hat GOTT besondern
Kräutern / Wurtzeln / Oelen / besondere Krafft inn der Natur mit getheilet / daß
sie den Menschen in Träncken / Pulvern / Pflastern vnnd Vberschlägen / so durch
der Medicorum Kunst vnd Wissenschafft darauß praeparirt vnnd gemacht werden
/ heylen vnnd gesund machen können / will auch / daß der Mensch deren zu sei-
ner Gesundheit gebrauchen soll / wie dann die Medicin vnd Artzneykunst für ein
besondere Gab Gottes gehalten vnnd gerühmet in der Schrifft / Syr. 38. 1. seq.
Aber es hat weder Kraut noch Pflaster die Krafft zuhelffen von sich / sondern von
deß HERRN Wort / der jhnen solche durch sein Wort mitgetheilet. Ebenmessig
weder der Medicus noch Artzt die Kunst zuheylen von sich / oder in sich / son-
dern von deß HErrn Wort / Gnad vnd Segen / so er darzu versprochen.
Non est in Medico, semper relevetur ut aeger,
Interdum docta plus valet arte malum.
Ein Artzt der kan nicht alle zeit /
Gsund machen schwache krancke Leut:
Dann vnterweil der Kranckheit gifft.
Deß Doctors Kunst weit vbertrifft“.
Vgl. zudem Chemnitz/Leyser, a.a.O. (wie Anm. 185), S. 742b: „Et quidem est
medicina praeclarum DEI donum, quod Syracides cap. 38. magnifice commendat,
& confirmat DEUM esse, qui tum plantis, tum aliis rebus innumeris salutares vires
inseverit, & Medicos ingenii acrimonia & dexteritate donarit, ut occultam & inge-
nitam creaturis vim indagare, atque ad usum hominum accommodare possint.“
258
Vgl. ähnlich Hoë von Hoënegg, a.a.O. (wie Anm. 296), fol. C 1v sowie
Mathesius, a.a.O. (wie Anm. 61), II, fol. 114v: „DArumb wil nu Syrach ferner hie
lehren / das ein Christen Mensch Artzney brauchen könne / vnd wer einen Artzt
oder Artzney verachtet / der sündiget wider Gottes Geschöpff / ordnung vnd
Creaturen / vnd er ist ein vnuernünfftig vnuerstendiger Mensch.“
84 teil ii – lutherische orthodoxie

verbotten ist [vgl. Dtn 6,16]“259. Hier artikuliert sich das Luthersche
Verständnis der Versuchung Gottes durch die Menschen. Um eine
solche handelt es sich, wenn man Gottes promissiones außerhalb der
von ihm gesetzten äußeren Bedingungen auf den Prüfstand stellt,
ihm also Zeit und Maß der Erfüllung des Verheißenen vorschreibt260.
Wer nun auf die Hilfe Gottes ohne Nutzung der von ihm zur
Verfügung gestellten und verordneten Mittel vertraut, ist vermessen
und versucht Gott, indem er sich herausnimmt, Gott die Rahmenbe-
dingungen seines Handelns vorzugeben.
Ganz ähnlich argumentiert auch Luther in seiner Pestschrift. Indem
der Reformator an die schon patristische Apologie der Heilkunst261
anknüpft, greift er diejenigen, die meinen, die Pest „sey Gotts straffe,
wolle er sie behueten, so wird ers wol thun on alle ertzney und
unsern vleis“262, scharf an, indem er sagt: „Solchs heist nicht Gott
trawen, sondern Gott versuchen. Denn Gott hat die ertzney geschaffen
und die vernunfft gegeben, dem leibe fur zustehen und sein pflegen,
das er gesund sey und lebe“263. Luther scheut sogar nicht davor
zurück, denjenigen, der zu Pestzeiten die Hilfe der Ärzte nicht in
Anspruch nimmt, als Selbstmörder zu bezeichnen. „Wer derselbigen
[scil. der Arznei] nicht braucht, so er wol hat und kan on seines
nehesten schaden, der verwarloset seinen leib selbs und sehe zu, das
er nicht sein selbs mörder erfunden werde fur Gott“264. Schon bei
Luther begegnet die uns bereits bekannte Argumentation, daß der-
jenige, der meint, Gott habe schließlich die Freiheit, ihn auch ohne
Arzt und Arznei zu retten, demjenigen gleichzuachten ist, der die
Nahrungsaufnahme unter dem Hinweis darauf verweigert, Gott könne
ihn ja auch ohne leibliche Lebensmittel am Leben erhalten. „Denn

259
Wagner, a.a.O. (wie Anm. 254), fol. B 2r. Vgl. Jacob Honold, TOBJAS Das
ist / SChrifftmässige Erklärung des Büchleins Tobiae in 364. Predigten der Gestalt
ordenlich abgehandelt / daß erstlich ein bequemer Eingang gemacht / darnach der
Text auß dem Grund erkläret / über das ein gründliche HauptLehr herauß gezo-
gen / und dann endlich vermeldet wird / worzu solche nutzlich in unserem
Christenthumb zugebrauchen. Allen Lehrern und Predigern / sowohl auch dersel-
ben Zuhörern besonders allen HaußVäter [sic!] / und HaußMüttern / die wahre
Gottesforcht zupflantzen / und mit Frucht zulesen / sehr erbräuchlich. Gehalten
zu Vlm [. . .], Bd. 2, Ulm 1653 (Privatbesitz), hier: II, S. 304.
260
Vgl. Steiger, Versuchung (wie Anm. 67), S. 56.
261
Vgl. hierzu Schadewaldt, Apologie (wie Anm. 25), S. 115–130.
262
WA 23,365,4f.
263
WA 23,365,5–8.
264
WA 23,365,8–10.
johannes wagner 85

mit der weise mocht yemand auch essen und trincken, kleider und
haus lassen anstehen und keck sein ynn seym glauben und sagen,
Wolle yhn Gott behueten fur hunger und frost, werde ers wol on
speise und kleider thun. Der selbige were freylich sein selbs mör-
der“265. Luthers Erben haben viel Kraft daran gewandt, der Verachtung
der Heilkunst aus vermeintlich frommen Gründen entgegenzuwirken,
so auch der Ulmer Münsterpfarrer Conrad Dieterich (1575–1639),
der sich in seinen Predigten über die Sapientia Salomonis diesbe-
züglich sehr deutlich vernehmen läßt, indem er diejenigen, die medi-
zinische Hilfe ablehnen, scharf kritisiert266 und sich explizit gegen die
u.a. von Bernhard von Clairvaux (ca. 1090–1153) vertretene Ansicht
wendet, der zufolge ein wahrer Christ keine ärztliche Hilfe in Anspruch
nimmt267. Hieran zeigt sich — nebenbei bemerkt — exemplarisch,
daß die im Luthertum höchst breite Rezeption der Bernhardschen
Theologie268 keineswegs dazu geführt hat, daß man diesem Autor
unkritisch in allem folgte. Unbestreitbar ist, daß Bernhard gerade im
Hinblick auf die Ausbildung der lutherischen theologia medicinalis
eine eminent wichtige Quelle war. Dies wird z.B. daraus ersichtlich,

265
WA 23,365,10–14. Vgl. Gerhard, Loci (wie Anm. 185), VIII, S. 41a. Nach
der Zitation von Sir 38,1 heißt es hier: „Si nullus locus medicamentorum usui dan-
dus, utique nec cibi et potus usui. Ut enim per alimenta vigor corporis conserva-
tur, ita per medicamenta sanitas amissa recuperatur, quare de medicamentis etiam
usurpari potest illud apostolicum 1. Tim. 4, v. 4: Omnis creatura Dei bona est et
nihil rejiciendum, quod cum gratiarum actione percipitur, v. 5. sanctificatur enim
per verbum Dei et orationem.“
266
Vgl. Dieterich, Weisheit (wie Anm. 257), S. 868. Menschen, die medizinische
Hilfe rundweg ablehnen, „gibts auch vnter vns / welche / wann sie schwach /
kein Artzneymittel brauchen wollen / sagen / wann GOTT haben will / daß ich
soll gesund werden / vnd wider auffkommen / wird er mich wol gesund machen
/ wann ich schon nichts brauche / etc.“
267
Ebd., S. 868, wendet sich Dieterich gegen Bernhard, der die Meinung ver-
tritt, es sei der „Religion zuwider [. . .] Leibliche Artzney zugebrauchen / es sey
auch nicht nutzlich zur Seligkeit: von geringen Kräutern bißweilen was gebrauchen
/ gehe noch hin / aber diese vnnd jene species kauffen / Artzte suchen / Träncke
einnehmen / das stehe Religiosen vnd Ordenspersohnen nicht an / sey zuwider
der Reinigkeit / stimme nicht vberein mit der Erbarkeit. Dann nach dem allem
trachten die Heyden“. Dieterich bezieht sich auf: Bernhard von Clairvaux, Epistola
345, in: Ders., Opera (wie Anm. 244), Bd. 8, S. 287,22–24: „At vero species emere,
quaerere medicos, accipere potiones, religioni indecens est et contrarium puritati,
maximeque Ordinis nostri nec honestati congruit, nec puritati“.
268
Vgl. Ernst Koch, Die Bernhard-Rezeption im Luthertum des 16. und 17.
Jahrhunderts, in: Kaspar Elm (Hg.), Bernhard von Clairvaux. Rezeption und Wirkung
im Mittelalter und in der Neuzeit (= Wolfenbütteler Mittelalter-Studien 6), Wiesbaden
1994, S. 333–351.
86 teil ii – lutherische orthodoxie

daß Johann Gerhard im Anschluß an Bernhard die Applikation von


drei geistlichen Salben (unguenta) empfiehlt: Reue (contritio), Andacht
(devotio) sowie Frömmigkeit (pietas)269 und hiermit auf Bernhards
‚Sermones super Cantica‘ zurückgreift, wo es heißt: „Et pono diver-
sas species unguentorum, quo ex pluribus ea, quae potissimum spon-
sae uberibus congruant, eligamus. Est unguentum contritionis, et est
unguentum devotionis, est et pietatis. Primum pungitivum, dolorem
faciens; secundum temperativum, dolorem leniens; tertium sanati-
vum, etiam morbum expellens“270. So sehr lutherische Theologen

269
Vgl. Gerhard, Erklährung (wie Anm. 247), S. 61–63: „sihe so nim zu dir 1.
das Unguentum contritionis, welches Bereitung von einem geistlich vnnd woluer-
suchten Artzt vns also beschrieben wird / daß dazu genommen werden die gros-
sen fasciculi vnnd Bürden vnserer Sünden / derer du im Garten deines Gewissens
jederzeit viel vnd vberflüssig wirst können samlen. Diese mancherley Kreuter dei-
ner mancherley Sünden / soltu in dem Mörser deines Hertzens mit wahrer Rew
vnnd innigem Trawren zerstossen / vnnd durch die Hitze des Schmertzens zu einer
köstlichen Salben bereiten / vnd dann mit Maria Magdalena / die Füsse deines
HErrn salben / solche beyde Füsse seyn / Judicium & Misericordia, Gerechtigkeit
vnnd Barmhertzigkeit / must dir erstlich vor Augen stellen die gestrenge Gerechtigkeit
GOttes / welcher von Natur der Sünde vnd den Sündern feind ist / welcher mit
ewigem Fewer alle Sünde an den Vnbußfertigen heimsuchen wird / du must aber
an diesem Fuß nicht hangen bleiben / sondern auch den andern Fuß der
Barmhertzigkeit ergreiffen vnnd dich des trösten / daß Christus für deine Sünde
bezahlet vnnd allen Gleubigen eine ewige Erlösung erworben. 2. So ist noch ein
ander Unguentum devotionis, wann du nemlich bedenckest alle Wolthaten vnnd
Gaben / welche dir Gott der HERR verliehen / vnd dieselbige himlische Blümlein
in dem Gefeß deines Hertzens durch innigliche Betrachtung erwermest / vnnd
darauff das geistliche Freudenöl geust / vnd solches mit dem Fewer der brünstigen
Liebe GOttes bereitest zu einer geistlichen Salbe / sihe damit magstu das Heupt
deines HErrn / gleich wie alhie dieses Weiblin salben. Dieses Unguentum ist viel
höher vnd werther denn das erste / sintemal die Kreuter vnd Blümlein / welche
hierzu kommen / nicht in vnserm Garten des Hertzens zu finden / sondern aus
dem himlischen Paradeiß herkommen. 3. Das dritte ist / Unguentum pietatis, des-
sen Bild wir haben an den dreyen Weiberlein / welche ausgiengen den Leib des
HErrn zu salben / wie nun mit dem ersten die Füsse des HErrn / mit dem andern
das Heupt des HErrn zu salben / also kan man hiemit den gantzen Leib des HErrn
salben / Zu dieser Salbung werden genommen alle Gebrechen / alle Noht vnd
Mangel vnsers Nechsten / dieselben müssen in dem Mörser des Erbarmens vnd
Mitleidens gesamlet / durch Behertzigung betrachtet / vnnd mit dem Oel der Liebe
begossen werden / auch durchs Fewer rechter brüderlicher Affection erwermet wer-
den / sihe so wird daraus eine köstliche Salbe bereitet / damit du den gantzen
Leib Christi / welcher ist die Christliche Kirche / das mysticum Corpus Christi
kanst salben“.
270
Bernhard, Sermones super Cantica, Sermo 10, cap. 3, Opera (wie Anm. 244)
1, S. 50,18–22. Vgl. Bernhard, Sermones de diversis, Sermo 87, cap. 6, Opera 6/1,
S. 333,9–12: „Primum itaque unguentum vocatur unguentum compunctionis, et
absumitur igne contritionis; secundum devotionis, et absumitur igne caritatis; ter-
tium vocatur unguentum pietatis, quod non absumitur, sed integrum conservatur.“
johannes wagner 87

Bernhards geistliche Arzneikunde beerbten, so wenig konnten sie ihm


jedoch in der Abwertung der medicina corporalis beipflichten.
Vor dem Sündenfall, so Wagner, gab es noch keine Krankheiten271.
Erst mit der Sünde kam der Tod in die Welt und so auch „aller-
ley Kranckheiten vnnd plagen / als des Todes Vorbotten“272. Gnade
und Barmherzigkeit Gottes aber werden nicht nur in der von Christus
erworbenen Vergebung der Sünden epiphan, sondern schon in dem
Umstand, daß Gott der Schöpfer und Erhalter aller Kreatur Mittel
bereitgestellt hat, den Krankheiten entgegenzuwirken. „Erstlich so
rühren die Kreuter vnnd species so zu rechtmessiger medicin vnd
Artzneyen gebraucht werden / von Gott selber her / Welcher / was
Er geschaffen vnd gemacht hat / alles gut gemacht / vnnd den
Menschen zum besten geschaffen hat“273.
In der Ansicht, daß die Arzneikunst göttlichen Ursprungs ist, stim-
men die antik-heidnische Tradition274 und die Heilige Schrift mit-
einander überein. So wie die Unvergleichlichkeit der medicina coelestis
die Bedingung der Möglichkeit dafür ist, der leiblichen Medizin die
ihr gebührende Hochschätzung angedeihen zu lassen, so trifft dies
auch auf das Verhältnis der allein kanonischen Heiligen Schrift zur
außerbiblisch-antiken Tradition zu. Ausgehend von der letztlich bib-
lisch-theologisch motivierten medizinischen Theologie findet darum
auch die bis in die Antike zurückreichende medizinische Wissenschaft
das ihr gebührende Interesse. Der Heilige Geist bezeichnet Gott als
einen Arzt (Ex 15,26). Gott aber, so Wagner, würde sich diesen Namen
nicht geben (lassen), wenn er die Arzneikunst geringschätzte. Zudem
habe Gott allen Kreaturen einen Selbsterhaltungstrieb eingepflanzt,

271
Vgl. Wagner, a.a.O. (wie Anm. 254), fol. B 2v.
272
Ebd., fol. B 3r. Vgl. ähnlich Honold, a.a.O. (wie Anm. 259), II, S. 301: „Er
[scil. der Mensch in statu corruptionis] ist auch vnterworffen dem zeitlichen Tod
/ sampt allen Vnglück vnd Vbel / welches lauter Vorboten deß Tods vnd alles
dessen seyn / daran man sterben kan / als Hitz / Frost / Blösse / Hunger /
Durst / Arbeit / Vnfall am Leib / Weib / Kindern / Vnsicherheit vor allen
Thieren / Vntrew von den Menschen / Vnverstand vnd Jrrthumb auch in weltli-
chen Sachen / Trawrigkeit / Angst / Sorg / vngerathene Kinder / Anfechtung
vom Teuffel vnd der Welt / biß er endlich deß zeitlichen Tods stirbt / da der
Leib in die Erde begraben vnnd zu Aschen wird“.
273
Wagner, a.a.O. (wie Anm. 254), fol. B 3r.
274
Vgl. ebd., fol. B 3v: „Es haben auch die Heiden bezeuget / das die Artzney
von Gott herkomme / wenn sie gesagt: Die Artzte als Chiron AEsculapius vnnd
andere sein von den Göttern geleret“.
88 teil ii – lutherische orthodoxie

wie schon ein Blick in das Tierreich verrate275. Auch könne beob-
achtet werden, daß sogar die Tiere, obgleich sie der ratio erman-
geln, sich gewisser Kräuter zum Zwecke der Selbstmedikation bedienen:
„Die Esel sollen suchen vnd gebrauchen Asplenum oder Hirschzungen
/ damit sie die beschwerung der Miltz sollen lindern. Die Beeren
sollen Amiesen [sic!] fressen / wenn sie Mandragorae apffel gena-
schet / damit jhnen der Gifft nicht schade“276.
Wagner also bemüht exempla der tierischen Kreatur, um den ver-
nunftbegabten Menschen, die dem Tier doch überlegen sein sollten,
ihre stultitia vor Augen zu führen, die darin besteht, daß sie die
Schöpfergaben verachten und diese nicht in Anspruch nehmen.
Hieraus resultiert eine argumentatio a minore ad majus: „Brauchen
nun die vnuornünfftige Thiere die Artzney solte den der Mensche
solche mittel verachten? ja wer dieselbige als Gottes gabe verachtet
/ bezeuget damit das er vnvorstendiger sey als das vnuornünfftige
vihe“277. Nachdem Wagner seine Argumentation mit Hilfe von exem-
pla aus dem Buch der Natur vorangetrieben hat, nimmt er Bezug
auf einige „Exempel in der heiligen Schrifft“278, u.a. auf die Heilung
Hiskias durch den Propheten Jesaja ( Jes 38,1–22). Daß die Medizin
eine göttliche Kunst ist, zeigt sich auch darin, daß es Engel sind,
die den Menschen in dieser himmlischen Wissenschaft unterweisen.
Dies wird — so Wagner — darin sichtbar, daß ein Engel dem jun-
gen Tobias die Heilkraft von Herz, Galle und Leber des von die-
sem gefangenen Fisches offenbart und diese Innereien aufzubewahren
rät, damit mit deren Hilfe die Blindheit des alten Tobias geheilt wer-
den könne (Tob 6,6ff ): „So haben auch [. . .] die Engel die Artzney
den Menschen gezeiget / vnd zugebrauchen bevolen / wie Raphael
/ das ist Gottes Artzte / des FischesGall vnd Leber als gut zur
Artzney auffzuheben / vnnd hernach zu des Tobiae gesicht zuge-
brauchen befohlen hat“279.
Der Berufsstand der Ärzte und Apotheker verdankt sich dem lap-
sus Adae, mit dem die Sünde und mit ihr sowohl Tod als auch

275
Vgl. ebd., fol. B 4r: „das die Natur auch in den vnuernünfftigen Thieren jhre
erhaltung zum höhesten begere“.
276
Ebd. Eine ganze Reihe von Exempeln der Nutzung von Heilkräutern durch
Tiere nennt Honold, a.a.O. (wie Anm. 259), II, S. 303.
277
Wagner, a.a.O. (wie Anm. 254), fol. B 4r.
278
Ebd., fol. B 4v.
279
Ebd., fol. C 1r.
johannes wagner 89

Krankheiten in die Welt gekommen sind280. So lastet auf der Berufsar-


beit von Ärzten und Apothekern einerseits der Fluch der aus dem
Paradies Vertriebenen, die im Schweiße ihrer Angesichter ihr Brot
verdienen müssen (Gen 3,19)281. Andererseits aber wird durch die
medizinische und pharmazeutische Kompetenz diejenige Weisheit
nutzbar gemacht, die Gott dem menschlichen Verstand eingepflanzt
hat, um das Leben in statu corruptionis meistern zu können. Aber
auch insofern sind Ärzteschaft und Apothekenwesen infralapsarische
Erscheinungen, als sie hindeuten auf die Verfinsterung der mensch-
lichen Vernunft, die mit dem Sündenfall Platz gegriffen hat. Da
Verstand und Geisteskräfte des Menschen nach dem Verlust der
Urgerechtigkeit im höchsten Maße eingeschränkt sind, ist er nun
darauf angewiesen, daß Gott ihm die Heilkraft der Kräuter offenbart
und (mitunter durch Ärzte und Apotheker) kundtut. „Wenn wir
Adams und Salomonis Augen hetten / vnd könten aller Kreuter Art
vnd eigenschafft erkennen / könte man mancher Kranckheit für-
kommen / weil aber durch die Sünde vnser erkentniß schwach vnnd
geringe / müsse [sic!] wir [. . .] Gott dem Allmechtigen dancken /
das er vns noch vieler Kreuter krafft gezeiget vnd gewiesen hat“282.
Hier lebt der auch bei Luther begegnende Topos von der in Gott-
ebenbildlichkeit und Urgerechtigkeit wurzelnden Weisheit Adams
weiter, der keiner übernatürlichen Offenbarung und auch keiner
Belehrung durch Bücher bedurfte als allein derjenigen aus dem Buch
der Natur283.

280
Vgl. Mathesius, a.a.O. (wie Anm. 61), II, fol. 114r: „Aber mit der Sünden ist
der Todt / vnd viel grosse vnnd auch vnheilbare Kranckheiten / die man gantz
vnd gar nicht curiren vnd heylen kan / sondern sich mitte bis ins Grab schleppen
mus / in die Welt kommen“.
281
Vgl. hierzu etwa die Ausführungen bei Johann Gerhard, COMMENTARIUS
super GENESIN, IN QVO Textus declaratur, quaestiones dubiae solvuntur, obser-
vationes eruuntur, & loca in speciem pugnantia conciliantur. Editio novißima &
emendatior, Jena 1653 (Privatbesitz), S. 118. Gerhard spricht von der „laboris anxie-
tas“ und hält die infralapsarische Dialektik der Arbeit, einerseits Sündenstrafe zu
sein, andererseits aber auch zum Segen gereichen zu können, folgendermaßen the-
tisch fest: „Labor in se ac per se peccati paena, sed timentibus Deum cedit in bene-
dictionem, Ps. 128. v. 3. Caveamus ergò ignavum otium, ac sciamus, hominem post
lapsum natum ad laborem, sicut avis nascitur ad volatum, Job. 5. v. 7.“ (ebd.,
S. 121).
282
Wagner, a.a.O. (wie Anm. 254), fol. C 1v. Vgl. ähnlich Honold, a.a.O. (wie
Anm. 259), II, S. 303.
283
Vgl. WA.TR 5,88,11f (Nr. 5359): „Adam durfft kein buch, quia habebat
librum naturae“. Vgl. auch WA 42,80,3–7 (Vorlesungen über 1. Mose 1535–1545)
und dazu Holger Flachmann, Martin Luther und das Buch. Eine historische Studie
90 teil ii – lutherische orthodoxie

Ähnlich wie Vietor empfiehlt auch Wagner, der medicina corpo-


ralis durch die medicina spiritualis Nachdruck zu verleihen. Für die
Wirkungslosigkeit von Medikamenten gibt es zwar vielfältige Gründe
— fehlerhafte Einnahme und Dosierung, Nichtbeachtung des ‚Bei-
packzettels‘ sowie diätetischer Vorschriften, verspäteter Beginn der
Therapie etc. Auch kann Gott den Heilmitteln ihre natürliche Kraft
entziehen. Daß die Wirkung einer Arznei ausbleibt, hängt aber nicht
selten — so Wagner — auch damit zusammen, daß es an Frömmigkeit
mangelt. Fehlt der Glaube, so verkehrt sich der den Kräutern und
Medikamenten eingestiftete göttliche Segen in Fluch, wird das Gegengift
zum Gift: „[. . .] werden die Artzneyen offt nicht mit warer anruffung
Gottes / noch mit Dancksagung gebraucht / als dann ist ein fluch
auff den Kräutern vnnd der Artzney / denn gleich wie die Erde
vmb der Sünde willen verflucht / also auch alles was aus der Erden
wechset / derhalben ohne wahre anruffung vnd Segen Gottes / ver-
mag die Artzney nichts gutes wircken / aber durch das gebet wird
der fluch hinweg getrieben“284.
Gott als conservator des Lebens, so Wagner, wirkt, wenn es sein
Wille ist, durch die Arzneikunst285; es gibt jedoch keinen Wirkauto-
matismus der Medikamente. Wenn die medikamentöse Behandlung
nicht anschlägt, so ist dies nicht ihnen oder den Ärzten anzulasten,
so diese ihre Kunst in rechter Weise angewandt haben. Darum sagt
Wagner unter Bezugnahme auf Senecas Schrift ‚De beneficiis‘:
„Demnach wenn die Medicin nicht allezeit die gesundheit wircket /
sol man die Schult nicht auff den Artzten oder die Artzney legen.
Denn Seneca286 sagt: Medicus quando omnia fecit ut sanaret partes
suas praestitit, das ist: Wenn ein Artzte alles gethan das er möchte
heilen vnnd gesund machen / hat er sein Ampt ausgerichtet“287. Die
besten Voraussetzungen aber dafür, daß die Arznei ihre Wirkung
entfalten kann, schafft man dadurch, daß man sich zuerst durch

zur Bedeutung des Buches im Handeln und Denken des Reformators (= SuR NR
8), Tübingen 1996, S. 282: „Demnach sind Papier, Tinte, Schreibfeder und eine
Unmenge von Büchern Charakteristika der verlorenen Unschuld des Menschen und
des Sündenstandes“.
284
Wagner, a.a.O. (wie Anm. 254), fol. C 4r.
285
Vgl. ebd., fol. C 4v.
286
Vgl. Seneca, De beneficiis, lib. 7, cap. 14, in: L. Annaeus Seneca, Philosophische
Schriften. Lateinisch und deutsch. Sonderausgabe Bd. 5, hg. von Manfred Rosenbach,
Darmstadt 1999, S. 566: „Si omnia fecit, ut sanaret, peregit partes suas medicus“.
287
Wagner, a.a.O. (wie Anm. 254), fol. D 1r.
johannes wagner 91

Gebet, Sündenbekenntnis und Buße in die Behandlung Christi, des


ersten Arztes, begibt: „Man sol am allerersten den Höhesten Artzten
Christum / der aller Artzney mus safft vnnd Krafft geben / zum
Freunde haben / sich mit Gott außsühnen vnd vertragen / erken-
nen vnd bekennen / das man die Kranckheit durch die Sünde vnd
vbertrettung der geboten Gottes / sich habe zugezogen“288. Das Gebet
um geistliche Gesundung muß jedoch dem Duktus des Vaterunser
folgen und der Betende sich in Gottes Willen schicken. Wie dies
geschehen kann, zeigt am besten die Heilige Schrift — etwa das
Exempel des Aussätzigen, der zu Jesus sagt: „HErr so du wilt / kan-
stu mich wol reinigen“289 (Mt 8,3).
Doch nicht nur mit exempla aus dem Buch der Natur und der
Heiligen Schrift operiert Wagner, um Würde, Nutzen und Göttlichkeit
der Medizin vor Augen zu malen. Vielmehr berichtet der Prediger
auch von der Verfahrensweise des Arztes „D. Henricus Brucaeus290
zu Rostock“291. Weil die cura des menschlichen Arztes erst fruchten
kann, wenn man zuvor den ersten medicus konsultiert hat, hat Brucaeus
mit seiner Untersuchung und Therapie stets und grundsätzlich erst
dann begonnen, wenn sichergestellt war, daß sich der betreffende
Patient zuvor durch Buße und Empfang des Altarsakraments in die
Arztpraxis Gottes begeben hat. „Zu solchen Proceß rathen vernünfftige
vnnd Gottselige Medici selbst / wie von einem fürnehmen Medico
in einer fürnehmen vniuersitet vermeldet / das er allewege / wenn
er zu einen [sic!] Patienten gefodert / gefragt habe / ob er mit Gott
versehen were / das ist: Ob er mit Gott ausgesöhnet vnnd vertra-
gen / vnd mit dem waren Leibe vnnd Blut Christi versehen / wo

288
Ebd. Vgl. ähnlich Felix Bidembach, PROMPTUARII EXEQVIALIS PARS
PRIOR, In qua continentur CENTVRIAE III. DISPOSITIONUM, QVIBUS THE-
MATA FUNEBRIA SIVE SCRIPTURAE DICTA varia (quae in MANUALI
BIDEMBACHIANO Anno 1603. primùm edito, ceu Indice quodam annotata, &
pro varietate Casuum ac Personarum qualitate, in NOVEM CLASSES distributa,
extant) breviter ac solidè explicantur [. . .], EDITIO TERTIA [. . .], Lübeck 1611
(Privatbesitz), S. 190: „Docere debet hic locus [scil. Lk 8,40], quis Medicus in omni
genere morbi quaerendus, ante omnes alios, Christus Dei filius. Is sc. qui omnipo-
tens, ad quem accurrere possumus piis precibus. Is verus Medicus. Exod. 15. v. 26.
Et Magister ad juvandum. Esa. 63. Deindè verò media adhibenda legitima. Vide
Syr. 38. Iac. 5.“ Vgl. ebd., S. 225. 276. Vgl. auch Mathesius, a.a.O. (wie Anm.
61), II, fol. 122r.
289
Wagner, a.a.O. (wie Anm. 254), fol. D 2v.
290
Zu Henricus Brucaeus (1530–1593) vgl. Krause, in: ADB 3 (1876), S. 374f
und DBA 149,70–77.
291
Wagner, a.a.O. (wie Anm. 254), fol. D 3r.
92 teil ii – lutherische orthodoxie

solches nicht geschehen / hat er dazu ermanet vnd gesaget: Divina


praecedant humana sequantur, das ist: Göttliche dinge sollen fürher
gehen / Menschliche cura sol darnach folgen“292.
Ähnlich wie Vietor nutzt auch Wagner die Rubrik ‚Personalia‘ sei-
ner Leichenpredigt nicht dazu, um dem Verstorbenen eine panegy-
rische Rede angedeihen zu lassen. Nicht vornehmlich von Justinus
Wilhelmis Verdiensten im Hinblick auf das Ansehen des Berufsstandes
der Ärzte ist die Rede. Vielmehr rückt Wagner den verstorbenen
Arzt als ein exemplum fidei und somit als eine nachahmenswerte
Christperson ins Blickfeld. Der sich auf das Sterben vorbereitende
Arzt hat in Sündenbekenntnis, Absolution und Abendmahlsempfang
den Arzt Christus zu sich gelassen: „Da jhm die Kranckheit ange-
stossen / hat er sich alßbald den folgenden tag / mit seinen lieben
Gott außgesünet / vnd zur verwisserung seiner Seligkeit in wahrer
Busse vnd Christlichen Glauben / den wahren Leib / vnnd das thewre
Blut JEsu CHristi entpfangen“293.
Ebenso ist Wilhelmis Ehefrau Margaretha vorgegangen, die offenbar
kurz vor ihrem Gatten verstorben ist. Sie hat „sich nach dem höhe-
sten Artzten Christo vmbgesehen / sich mit demselbigen wegen jhrer
Schulden vnd Sünden außgesöhnet vnd vertragen / vnd zu ster-
ckung jhres Glaubens / den waren Leib vnd Blut Christi genossen
vnd entfangen. Sie hat auch darnach die leibliche Mittel / so Gott
zu des Menschen gesundheit verordnet / neben jhren Herrn Magistro
nicht verachtet / Sondern so viel sie geniessen könen / gebrauchet
/ wie denn der Ehrnvester vnd Hochgelarter Herr D. Zacharias
Wechinger sein getrewer Collega allen müglichen fleis angewendet
/ vnd die allerbeste vnd werdeste Artzney bey jnen gebrauchet. Weil
sie aber vermercket / das Gott zu der Artzney nicht wolte Segen /
zur zeitlichen gesundheit / vorleihen / hat sie Gott vmb einen
Sanfften vnd Seeligen abscheid gebeten“294.

292
Ebd.
293
Ebd., fol. D 4r.
294
Ebd., fol. E 1v/2r.
7. JUSTUS SÖFFING

Justus Söffing († 1695) stellt in seiner Leichenpredigt auf den


Rudolstädter Leib- und Hofarzt Andreas Mack (1606–1683) Sir 38,1
(‚EHre den Artzt mit gebürlicher Verehrung‘) in den Mittelpunkt des
Exordiums. „Ehre den Artzt; Und zwar den / welcher den Nahmen
und die That hat / den Artzt / der mit göttlicher Hülffe so man-
che Schmertzen stillet / den Artzt / der die unschätzbare Gesundheit
bewahren und erhalten hilfft“295. Die Lobrede auf den Arzt und des-
sen Berufsstand hat auch bei Söffing nicht zuerst die menschliche
Kompetenz des Verstorbenen zum Gegenstand. Vielmehr ist es das
vornehmliche Anliegen des Predigers, Gott Ehre zu zollen, weil er
es ist, der vermittels des ärztlichen Handelns tätig ist. Somit schlägt
die Lobrede auf die Arzneikunst um in einen Hymnus auf Gott als
Quelle aller Heilung. Indem man — so Söffing — den Arzt in Ehren
hält, verehrt man Gott, der wiederum den Arzt dadurch ehrt, daß
er ihm Sachverstand und Kompetenz verleiht. Die der Arzneikunst
entgegengebrachte Wertschätzung ist demnach ein Reflex des
Lobes, das Gott der Medizin zollt296. Die höchste Ehre aber wird

295
Justus Söffing, Der auf Erden und im Himmel Geehrte Artzt / Aus dem
Spruch 1. Joh. III. v. 1 / 2. Sehet / welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget
/ etc. Als Der Wohl=Edle / Groß=Achtbare und Hoch=Gelahrte Herr Andreas
Mack / Der Artzeney Hoch=Erfahrner DOCTOR, Hoch=Gräfl. Schwartzburgischer
Hochverdienter Leib= und Hof=MEDICUS zu Rudolstadt und weitberühmter
PRACTICUS, Jm Jahr Christi MDCLXXXIII. den 21. Martii, Seinem sehnlichen
Begehren nach / selig aufgelöset / und die Seel zu CHRJSTO erhaben / Der
Leichnam aber in die neu=erbauete GOttes=Acker=Kirche und darinn bereitete
Begräbniß=Stätte Bey Hochansehnlicher / vornehmer und sehr Volckreicher
Versammlung / gebracht und beerdiget ward / Beschrieben und auf Begehren zum
Druck übergeben, Rudolstadt [1683] (HAB Wolfenbüttel LP 16129 [Slg. Stolberg]),
S. 4.
296
Vgl. hierzu z.B. auch Matthias Hoë von Hoënegg, STATUS MEDICI HONO-
RATISSIMUS. Eines Kunstreichen bewährten vnd fürtrefflichen Artztes Ehren=Stand
Außgeführet / bey dem Begräbnüß Des weiland Ehrenvesten / Großachtbarn /
vnd Hochgelahrten Herrn PETRI HEIGII, Der Artzney berühmbten Doctoris, auch
Churfürstlicher Durchl. zu Sachsen wolbestalten Leib=Medici seligen. Welcher den
20. Decembris Anno 1634. zum GrossenHayn in Gott verschieden / vnd den 4.
Januarii Anno 1635. Christlich / vnd ansehnlich / in der Churfürstl. Residentz
Dreßden / in sein Rhuebettlin gebracht worden. Auff begehren in Druck gegeben
[. . .], Leipzig 1635 (HAB Wolfenbüttel LP 12681 [Slg. Stolberg]), fol. B 1v: „Eben
94 teil ii – lutherische orthodoxie

dem Berufsstand der Ärzte dadurch zuteil, daß Gott selbst Arzt ist,
zudem in seinem Sohn die Gattung ‚Menschheit‘ annimmt und so
zum Kollegen innerhalb der irdischen Ärzteschaft wird. „Das erin-
nert Sirach / und wie ists auch an sich so billig, daß man solchem
Wort nachlebe? Denn GOtt selbst ehret den Artzt / wenn Er ihn
schaffet / und segnet; Unser JEsus / der Welt Heiland / wird selbst
ein Artzt / und heilet die Patienten auch mit seinen eigenen Blut
und Wunden“297.
Der Ärztestand also ist zu loben — nicht an und für sich, son-
dern um Gottes willen. So wird es Söffing möglich, die panegyri-
sche Rede auf den verstorbenen Arzt so zu gestalten, daß sie
durchgängig auch eine Lobrede auf Gott ist. Des Lobes wert ist die
Medizin nach Söffing, weil Gott deren Ursprung ist und zwar sowohl
der natürlichen als auch der übernatürlichen298. Zu loben ist die
medizinische Wissenschaft überdies aber aufgrund ihrer antiquitas,
die bis in das Paradies zurückreicht. Denn zwar haben Tod und
Krankheiten erst nach dem Verlust des status integritatis und dem
Sündenfall Platz gegriffen. Im Urstand jedoch waren die Menschen
aufgrund ihrer Urgerechtigkeit und ihrer uneingeschränkten Gott-
ebenbildlichkeit von keinerlei Krankheit affiziert. Gleichwohl hat es
schon im Paradiesesgarten eine Apotheke gegeben, nämlich den Baum
des Lebens (Gen 2,9), der dazu diente, die Gesundheit der Kreaturen
zu bewahren.
Nach griechisch-antiker Auffassung hat die Medizin bekannterma-
ßen zweierlei Aufgabenbereiche: Gesundheit herzustellen, zu thera-
pieren also, einerseits und Gesundheit zu bewahren andererseits: cura
und conservatio. Darum bietet Galenus (129–ca. 216), neben Hippo-
krates (ca. 460–ca. 370 v. Chr.) gewiß der prominenteste Arzt der
griechischen Antike, folgende Definition: „Quum una sit ars, quae
circa corpus hominis occupatur, ut in alio libro demonstratum est,
ejus primae ac maximae partes sunt duae; quarum altera sanitatis
conservatrix, altera curatrix appellatur“299. Die Kirchenväter, aber

also heist es nun auch von einem geschickten Medico, der die Kunst der Medicin
wol gelernet hat. Ehre den Artzt / vnd muß demnach sein Stand ein geehrter
Stand seyn / weil Jhn Gott selb darfür erkläret / vnd erkennet hat.“
297
Söffing, a.a.O. (wie Anm. 295), S. 4.
298
Vgl. ebd., S. 7.
299
Galenus, De sanitate tuenda, lib. 1, cap. 1, in: Ders., Opera omnia, ed. Carl
Gottlob Kühn, tom. 6 (= Medicorum Graecorum Opera quae exstant 6), Leipzig
1823, S. 1.
justus söffing 95

auch lutherische Theologen 300, haben sich diese Sicht zueigen


gemacht301. Daß die Medizin ein solches zwiefaches Aufgabenfeld
hat, gilt jedoch nur infralapsarisch, denn vor dem Fall gab es keine
Krankheiten. Darum hatte die Arzneikunst im Paradies lediglich mit
der conservatio von Gesundheit zu tun, also nur ein einziges
Tätigkeitsfeld. „Denn GOTT schuff den Menschen / Jhm zum Bilde
/ in rechtschaffener Gerechtigkeit / und Heiligkeit / auch in
Gesundheit / und andern Seelen= und Leibes=Gaben. Doch stund
der Baum des Lebens da / und waren die andern Bäume des
Menschen Speise=Kammer zur Nahrung / der Baum der Erkäntniß
seine Kirch / zum GOttes=Dienst: Der Baum des Lebens aber seine
Apotheck zur Artzeney: Ob dadurch gleich keine Kranckheit zu curi-
ren, solte doch alle Schwachheit hergegen verhütet und beständige
Gesundheit biß zur Vorsetzung in das himmlische Wesen erhalten
werden“302.

300
Vgl. Gerhard, Meditationes (wie Anm. 40), S. 13f.
301
Vgl. Gregor von Nazianz, Oratio 2 apologetica, cap. 22, MPG 35, Sp. 431:
„Jam quod utriusque medicinae fines attinet, id enim nobis conferendum adhuc
superest: illa nihil aliud spectat, quam ut sanitatem, aut bonam carnis habitudinem,
vel praesentem conservet, vel absentem revocet [. . .]“. Vgl. Augustin, Enarratio in
Ps 7, 10, CCSL 38, S. 43,2f: „Duo sunt officia medicinae, unum quo sanatur
infirmitas, alterum quo sanitas custoditur“.
302
Söffing, a.a.O. (wie Anm. 295), S. 8.
8. MELCHIOR LEHEN

Nach einem seiner Umstände wegen absonderlichen Todesfall über-


nahm Melchior Lehen (1568–1626) die Pflicht, die Leichenpredigt303
zu halten. Lehen hatte den Arzt Johann Philipp Brendel (1582–1615)
zu Grabe zu tragen, der infolge eines von ihm selbst vorgenomme-
nen, jedoch mißglückten Aderlasses zwar nicht verblutet, aber an
den Folgen sehr hohen Blutverlustes gestorben war304. Seiner Predigt
legt Lehen Ps 51,16 zugrunde (‚ERrette mich von den Blutschulden
Gott / der du mein Gott vnd Heiland bist / Das meine Zunge deine
Gerechtigkeit rhüme‘) und verbindet diesen Text mit dem euange-
lium proprium des Tages der Beisetzung des Leichnams, die am 24.
Sonntag nach Trinitatis vorgenommen wurde, nämlich mit der
Erzählung der Heilung des blutflüssigen Weibes (Mt 9,18–26)305. Das
Sonntagsevangelium, der Predigttext und die Ursache des Todes des
Verstorbenen beleuchten sich somit gegenseitig. Muß der Leibesarzt
selbst sterben, wenn er zu viel Blut verliert, so ist Christus der wahre
Arzt, der durch sein Blutvergießen allen Menschen die Genesung

303
Melchior Lehen, SANGVINES PECCATORVM. Der Sünder Blutschulden
/ Das ist: Eine Christliche Predigt / vom schönen Spruch des 51. Psalms: Errette
mich von den Blutschulden / Gott etc. Beym volckreichen Leichbegängnüß / Des
Ehrnvesten / Achtbarn vnd Wolgelarten Herrn M. JOHANNIS-PHILIPPI BREN-
DELII, weiland wolverordneten Hoff= vnd Stad Medici zu Schlaitz in Reusischer
Herrschafft / Welcher zur Newstadt an der Orla / dahin er von etlichen Adelspersonen
vnd inwonenden Bürgern zur Praxis Medica erfordert worden / den 17. Novemb.
im Jahr 1615. selig in Gott verschieden / vnd des drauff folgenden 19. Novemb.
am XXIV. Sontag nach Trinitatis Christlich zur Erden bestattet worden, Jena 1616
(HAB Wolfenbüttel LP 5044 [Slg. Stolberg]).
304
Vgl. ebd., fol. A 3r: Nach einem ersten Aderlaß nahm Brendel am folgenden
Tag einen zweiten vor: „Folgendes Tages aber am lincken Arm zu gehoffter sei-
ner Gesundheit ein ander Ader selbst geöffnet hat / Welches Aderlassen aber jhme
gar vbel gelungen / weil er aus vnuermerckter zufelliger Mattigkeit sich darüber
dermassen verblutet hat / daß er hierauff von Tag zu Tag so hinfellig vnnd schwach
geworden / daß er hat seinen Geist drüber auffgeben / vnd sein zeitlich Leben
beschliessen müssen. Weil er denn bey solchem seinem zufelligen Blutgang sich sei-
ner Blutschulden vnnd Sünden erinnert / vnnd Gott vmb Vergebung derselben
nach des Königs Davids Exempel gebeten hat / so nehmen wir billich seinet wegen
diesen Text für vns / daß wir jhn am heutigen Sontag recht erklären mögen /
beuoraus weil er sich nicht allein auffs heutige Euangelium / sondern auch auff
vnsern in Gott selig abgestorbenen Mitbrudern gar fein schicket“.
305
Vgl. o. Anm. 303.
melchior lehen 97

von ihrer Sündenkrankheit verdient hat ( Jes 1,18; 1Joh 1,7) — auch
dem Verbluteten. „Denn dessen Blut [scil. Christi] / wie Hieronymus
schreibet / ist Clavis Paradisi, der Schlüssel zum Himmlischen Paradeiß
/ oder wie Bernhardus redet: Est pretiosum Balsamum vulnerum
nostrorum; Das köstliche Balsamöl zur Heilung vnserer Sünden
Wunden / oder wie ein ander Christlicher Kirchenlehrer redet /
Rubrica Dei, Gottes rothe Dinte / mit welcher alle seine Heiligen
canonisirt, vnd ins Calendarium oder Buch der Lebendigen einge-
schrieben werden“306.

306
Lehen, a.a.O. (wie Anm. 303), fol. B 2r.
9. CASPAR HUBERINUS

Eine zentrale Bedeutung bezüglich der Entfaltung der theologia medi-


cinalis kommt neben den Leichenpredigten der sog. Hausväterliteratur
zu, insbesondere den Auslegungen des Buches Jesus Sirach. Die luthe-
rische Auslegungstradition zu diesem apokryphen Buch ist erstaun-
lich breit307. Überhaupt ist auffällig, wie starkes Augenmerk vor allem
innerhalb von großangelegten Predigtreihen, aber auch in Kasual-
predigten der weisheitlichen und apokryphen Literatur geschenkt
wurde308. So paradox es klingen mag: Indem Luther den Kanon der
Biblia Vulgata verkürzte und einige Schriften zu Apokryphen abwer-
tete, schuf er die Voraussetzung für eine zuvor wohl kaum dagewe-
sene Aufwertung vor allem des Buches Sirach und der Sapientia
Salomonis. So steht für Friedrich Rothe († 1598) die Theopneustie
des Buches Sirach keineswegs in Frage — im Gegenteil. Darum sagt
Rothe über Sir 38: „Hie redet nicht Galenus oder Hippocrates /
Sondern der heilige Geist / der ein Werckmeister ist dieses gantzen
Buchs / der befihlet / das man den Artzt sol ehren“309. Auch Matthias
Hoë von Hoënegg (1580–1645) spricht von der Theopneustie des
Buches Sirach und stellt dessen Autor auf die Ebene der vom Heiligen
Geist getriebenen biblischen Skribenten nach 2Petr 1,21: „Ehre den
Artzt stehet allhier. Syrach redets nicht für sich / sondern nach
Antrieb und Anleitung GOttes des heiligen Geistes / durch welchen
solche heiligen Männer GOttes geredet haben / 2. Petr. 1. cap.“310
Dies geht mit der lutherisch-dogmatischen Behandlung der Schriftlehre

307
Vgl. nur die Übersicht bei Martin Lipenius, BIBLIOTHECA REALIS THE-
OLOGICA OMNIVM MATERIARVM, RERUM ET TITULORUM [. . .], 2
Bde., Frankfurt a.M. 1685 (Reprint Hildesheim/New York 1973), Bd. 2, S. 769–771.
308
Vgl. Ernst Koch, Die ‚Himlische Philosophia des heiligen Geistes‘. Zur Bedeutung
alttestamentlicher Spruchweisheit im Luthertum des 16. und 17. Jahrhunderts, in:
ThLZ 115 (1990), Sp. 706–720, hier: Sp. 707f.
309
Friedrich Rothe, Das Buch Jesus Syrach Jm Latein ECCLESIASTICVS. Auff
Deutsch / Die Geistliche Zucht genant. Jn hundert vnd zwey vnd dreyssig Predigten
erkleret / Vnd auff die Lere des heiligen Catechismi gerichtet / Jn der Pfarrkirchen
zu S. Andres / in der alten Stad Eißleben [. . .] Mit einer Vorrede D. M. Hieronymi
Mencelij [. . .], Eisleben 1596 (HAB Wolfenbüttel 250.1 Theol. 2° [1]), II, fol. 70r.
310
Vgl. Hoë von Hoënegg, a.a.O. (wie Anm. 296), fol. B 1r (mit Bezug auf Sir
38).
caspar huberinus 99

durchaus konform, insofern diese keineswegs behauptet, der apokry-


phen Literatur gehe jegliche Geistbegabung ab. Für die Einstufung
einer Schrift als apokryph gelten vielmehr andere Kriterien, nämlich
zuvörderst der fehlende bzw. nicht sicher feststellbare prophetisch-
apostolische Ursprung311, die damit verbundene Zweifelhaftigkeit der
auctoritas dieser Schriften sowie deren Untauglichkeit bezüglich der
Fundierung dogmatischer Lehrbildung312. Nach Johann Gerhard sind
zudem all diejenigen Schriften Alten Testaments, die nicht in der
„lingua prophetica“313, also der hebräischen Sprache, geschrieben
sind, als apokryph einzustufen. Sind die Apokryphen mithin für die
dogmatisch-theologische Arbeit insofern untauglich314, als aus ihnen
allein und ohne Rücksicht auf die kanonischen Schriften keine
Lehrsätze gewonnen werden können, so sind sie andererseits vor
allem im Hinblick auf die Formulierung einer materialen Ethik („ad
morum aedificationem“315) von höchstem Belang. Daher rührt das
Bestreben lutherischer Theologen, das Buch Sirach gewissermaßen
als einen ausführlichen Kommentar zum Dekalog zu entziffern.
Dennoch: Eine gewisse Spannung bleibt zwischen der nicht selten
anzutreffenden Bezeichnung des Buches Sirach als Predigt des Heiligen
Geistes einerseits und der etwa von Gerhard artikulierten Ansicht,
der zufolge diese Schrift nicht „ex inspiratione prophetica“316 geschrie-
ben ist. Mit anderen Worten: Gilt das Buch Sirach nach Gerhard

311
Vgl. Hütter, Compendium (wie Anm. 169), S. 4: „Qui sunt libri Apocryphi?
Illi, quorum occulta origo non claruit illis, quorum testificatione autoritas verarum
Scripturarum ad nos pervenit“.
312
Conrad Dieterich, INSTITUTIONES CATECHETICAE, Leipzig o.J. [1640]
(Privatbesitz), S. 20: „Ita & haec Apocrypha scripta, ne publicae autoritatis fierent,
abscondita qvasi & occulta in Ecclesia fuêre. Idque ideò vel 1. qvia nomina scrip-
torum istorum latebant: vel 2. qvia autoritas eorum obscura & dubia erat: vel 3.
qvia nonnulla Propheticis & Apostolicis libris partim ignota, partim contraria con-
tinebant“.
313
Gerhard, Loci (wie Anm. 185), I, S. 37b.
314
Hütter, Compendium (wie Anm. 169), S. 2 formuliert: „Alii enim sunt Canonici:
alii Apocryphi: quorum illi certam atque classicam habent autoritatem: hos verò
quamvis Ecclesia legit ad aedificationem plebis: tamen ad confirmandam dogma-
tum Ecclesiasticorum autoritatem non adhibentur“. Hiermit bezieht sich Hütter auf:
Hieronymus, Praefatio in libros Salomonis, MPL 28, Paris 1845, Sp. 1242f: „Sicut
ergo Judith, et Tobi, et Machabaeorum libros legit quidem Ecclesia, sed inter cano-
nicas Scripturas non recipit: sic et haec duo volumina legat ad aedificationem ple-
bis, non ad auctoritatem Ecclesiasticorum dogmatum confirmandam.“
315
Gerhard, Loci (wie Anm. 185), I, S. 36b.
316
Ebd., S. 94a: „Non est scriptus a propheta, quia Siracides hujus libri auctor
non scripsit ex inspiratione prophetica“.
100 teil ii – lutherische orthodoxie

u.a. darum als apokryph, weil es nicht weniges enthält, dessen


Kongruenz mit der analogia fidei in Frage steht317, so folgert Dieterich
(und mit ihm z.B. von Hoënegg) daraus offenbar, daß dort, wo eine
inhaltliche Analogie zwischen Sirach und den kanonischen Schriften
besteht, der Heilige Geist zu Worte kommt.
Welch intensives Augenmerk lutherische Theologen der apokry-
phen (— es wäre nicht korrekt, von deuterokanonischer zu spre-
chen!318 —) Literatur angedeihen ließen, läßt sich z.B. bei Conrad
Dieterich (1575–1639) greifen, der die Sapientia Vers für Vers in
Predigten auslegt319. Die Weltweisheit ist — so Dieterich — hoch-
zuschätzen, vor allem darum, weil sich der Heilige Geist ihrer ange-
nommen und sie im Sinne der himmlischen Philosophie vollendet
hat320. Sehr intensive Auslegungsbemühungen wurden jedoch auch
durch das Buch Sirach motiviert, zumal innerhalb der sog. Hausväter-
literatur. Die alttestamentlich-weisheitliche Literatur wurde als ein
Bindeglied zwischen der Botschaft der Heiligen Schrift einerseits und
der antik-heidnischen Tradition, etwa der hippokratisch-galenischen
Medizin und der Diätetik, andererseits verstanden. Dies läßt sich
unter anderem an der Art und Weise ablesen, in der orthodoxe
Theologen sowohl geistliche als auch medizinisch-diätetische Strategien
entwickelten, um die Melancholie zu überwinden321. Indem diese
Epoche die alttestamentlich-weisheitliche und antik-heidnische Tradition
synoptisch las, entstand eine materiale Ethik, die von den tradierten
Erfahrungsschätzen intensiv Gebrauch machte, um lebenspraktische,
alltagsnahe Ratschläge zu geben. Die Sirach-Auslegung von Johannes
Mathesius (1504–1565)322 etwa ist Ethik-Handbuch, Ratgeber, Trost-

317
Vgl. ebd.: „Insunt quaedam huic libro fidei analogiae minus congrua“.
318
Vgl. ebd., S. 48a.
319
Vgl. Dieterich, Weisheit (wie Anm. 257).
320
Auch nach Bartholomäus Gernhard, LehreBuch / Himlischer Weisheit / fur
allerley Stende / aus den vier Edlen Büchern Salomonis / vnd Jhesu Syrachs. Jn
gantz richtige Ordenung gebracht / vnd auff die zehen Gebot Gottes / in allerley
derselben Tugende oder gute Wercke / hiergegen auch Sünde vnd Laster gerich-
tet, Eisleben [1575] (HAB Wolfenbüttel Yv 634 Helmst. 8°), fol. f 2r traktieren die
Sapientia Salomonis und Sirach die „Himlische Philosophia vnd Weisheit“.
321
Vgl. Ernst Koch, Die höchste Gabe in der Christenheit. Der Umgang mit
Schwermut in der geistlich-seelsorgerlichen Literatur des Luthertums im 16. und
17. Jahrhundert, in: Monika Hagenmaier und Sabine Holtz (Hgg.), Krisenbewußtsein
und Krisenbewältigung in der Frühen Neuzeit — Crisis in Early Modern Europe,
Festschrift für Hans-Christoph Rublack, Frankfurt a.M. u.a. 1993, S. 231–242 und
Steiger, Melancholie (wie Anm. 93).
322
Vgl. Herbert Wolf, Art. Mathesius, Johannes, in: Killy, Literaturlexikon (wie
Anm. 197), Bd. 8, S. 9f.
caspar huberinus 101

buch und Nachschlagewerk in alltäglichen Fragen gleichermaßen.


Hier wird sichtbar, wie die evangelische Verkündigung im Sinne von
Lebenshilfe und Alltagsbewältigung konkret wurde. Einen weiteren
prominenten Sitz im Leben hatte die alt- und zwischentestament-
liche Spruchweisheit im schulischen Unterricht323.
Die Geschichte der sehr eingehenden Exegese des Buches Sirach
im Luthertum beginnt mit Caspar Huberinus’ (1500–1553) ‚Spiegel
der Haustzucht. Jhesus Syrach genant [. . .]‘. Das umfangreiche Werk
wurde 1555 zum erstenmal gedruckt324. Besonderes Augenmerk schenkt
Huberinus u.a. Sir 38, einem Text, auf den Luther verhältnismäßig
selten Bezug nimmt, der aber für die lutherische theologia medici-
nalis — wie bereits dargelegt — im höchsten Maße zentral ist. Indem
Huberinus den Skopos dieses Kapitels beschreibt, sagt er: „So will
nun SYRACH hie ein Geystlicher Appotecker sein / vnnd ein trewer
Artzt / die Haußuätter vnd jhr gesindt zu vnterrichten / wie sie
jhren gesund bewaren vnnd erhalten sollen / Beschreybt also hie ein
kurtze Geystliche Haußappoteck / darinnen er vnns verordnet / etli-
che Praeseruatiua, vnnd etliche Curatiua. Wie dann der leyblichen
artzney zweyerley ist / eine Conseruatiua. Die ander Purgatiua“325.

323
Vgl. E. Koch, Philosophia (wie Anm. 308), Sp. 709f.
324
Caspar Huberinus, Spiegel der Haustzucht. Jhesus Syrach genant / Sambt
einer kurtzen Außlegung. Für die armen Haußväter / vnd jre gesinde / Wie sie
ein Gottselig leben / gegen menigklich sollen erzeygen. Darinnen der welt Lauff
begriffen / vnd wie sich ein jedlicher Christ / inn seinem beruff / vnd in der
Policey / ehrlich vnnd löblich solle halten, Nürnberg 1555 (HAB Wolfenbüttel C
190 Helmst. 2°). Im selben Jahr erschien: Georg Lauterbach, Jesus Syrach zu
Wittenberg verdeutscht. Jn eine newe vnd richtige ordnung gebracht, Nürnberg
1555 (HAB Wolfenbüttel A 142.8° Helmst. [unvollständig]). Lauterbach sieht den
Skopos des Buches Sirach in der Erteilung von Lebenshilfe und der Begründung
einer christlichen Ethik. Vgl. fol. A 2v: „Denn wie man one sorg sol leben / |
Stets nach Gottes willen streben. | Das lehret Syrach in diesem Buch / | Durch
manchen feinen Gottes spruch“. Lauterbachs Schrift bietet nach Lemmata geord-
nete Auszüge aus Sir, vor allem für den Schulgebrauch. Als Strukturprinzip der
von Lauterbach vorgenommenen Ordnung dienen die beiden Tafeln des Dekaloges
(vgl. fol. A 3v). Als Motiv für seine kompilierend-strukturierende Aufbereitung des
Sirachschen Stoffes gibt Lauterbach folgendes an: „Nach dem diß gegenwertig Buch
/ bißher so vnordentlich durch einander geworffen gewest / das sich auch kein
stück fast auffs ander gereymet / dardurch es möcht als für ein meisters werck
erkand vnd angesehen werden / sonder ist geblieben / wie es erstlich auß vielen
Büchern zusammen gelesen / Wie denn solchs der Ehrwirdig D. M. Luther seli-
ger / in seiner Vorred vber diß Buch auch bekendt vnd anzeucht. Vnd es aber
gleich wol ein solch Buch ist / darauß sich viel Leute bessern / vnd jre Haußzucht
darnach anstellen können / Vnd derwegen wol einer bessern Ordnung wirdig wer
/ So hab ich auff bitt [. . .] mich für dieser zeyt / solcher arbeyt vnterstanden“
(fol. A 3r/v).
325
Huberinus, Sirach 1555 (wie Anm. 324), fol. 192r.
102 teil ii – lutherische orthodoxie

Huberinus’ Sirach-Auslegung versteht sich als Ratgeber für Haus-


väter326 und für den o‡kow sowie als geistliche Hausapotheke. Keineswegs
jedoch ist in den nun folgenden Ausführungen Huberinus’ nur von
der geistlichen Arznei die Rede. Vielmehr nimmt der Autor Sir 38
zum Anlaß, auch ganz konkrete, die leibliche Gesundheit der Menschen
angehende Ratschläge zu geben, so z.B. die Nahrungsaufnahme
betreffend. Wichtig sei es, Diät zu halten und auf die Gesundheit in
Eß- und Trinkgewohnheiten zu achten, nicht zu viel zu essen und
das Schlingen zu vermeiden: „So bringt auch das zu gyrig vnnd
schnell essen / viel kranckheyt / da du die speyß nicht wol masti-
cierst / Sondern schlucks schnell durch den schlundt hinab / vnge-
keuet / das kan dann der Magen nicht verkochen / vnnd die leber
nichts guts an sich ziehen / so must du dann mit kranckheyt bela-
den werden / dann viel fressen (sagt SYRACH) macht kranck / vnd
ein vnsettiger Fraß / vberkompt Colicam passionem, das Grimmen
/ das Darmgicht / Stechen / Verstopffen etc.“327 Schon hieran zeigt
sich, daß die geistliche Arzneikunst, die Huberinus innerhalb der
Exegese von Sir 38 entfaltet, einen ganzheitlichen Ansatz insofern
verfolgt, als sie Leib und Seele gleichermaßen betrifft. Gewiß ist die
Heilung der Seele nach lutherischem Verständnis das vorrangige, ja
wichtigste Unterfangen. Ein manichäisch-dualistisches Mißverständnis
aber wäre es, zu meinen, die Gesundheit des Leibes könne darum
vernachlässigt werden. So läßt sich z.B. bei Hoë von Hoënegg beob-
achten, daß vor allem der Glaubensartikel von der leiblichen
Auferstehung, mithin die Eschatologie, innerhalb der theologia medi-
cinalis wirksam wird dergestalt, daß Seelsorge und Leibsorge, Seelen-
und Leibesheil als untrennbar zusammengehörig bezeichnet werden
— auch insofern, als das Versöhnungswerk Christi nicht nur den
inneren Menschen, sondern auch den äußeren betrifft. „Der Leib ist
GOttes edle Creatur / vnd Gebäw. Der Leib ist so wol thewer
erkaufft [scil. 1Kor 6,20; 7,23] vnd erlöset / durch Jesum Christum /

326
Vgl. Caspar Huberinus, Spiegel der Haußzucht. Jesus Sirach genandt / Sampt
einer kurtzen Außlegung. Für die armen Haußuäter / vnd jhr Gesinde / Wie sie
ein Gottselig leben / gegen menigklich sollen erzeygen. Darinnen der Weltlauff
begriffen / vnd wie sich ein jeglicher Christ / in seinem beruff / vnd in der Policey
/ ehrlich vnd löblich solle halten, Nürnberg 1558 (HAB Wolfenbüttel 440 Th. 2°
[1]), fol. B 1v: „Syrach wil hie einen Gottsförchtigen Haußuatter vnterrichten / wie
er vor allen dingen / nach der Himlischen Götlichen weißheyt trachten solle / wel-
che allein auß Gottes wort gelernet werden muß“.
327
Huberinus, Sirach 1555 (wie Anm. 324), fol. 193r.
caspar huberinus 103

als die Seele. Der Christen Leib ist ein Tempel GOttes des heiligen
Geistes [scil. 1Kor 6,19]. Der Leib hat die Hoffnung der Aufferstehung
zum ewigen Leben / vnd daß er gleichförmig werden solle / dem
verklärten Leib JEsu Christi / Phil. 3. cap. [scil. Phil 3,21]“328. Damit
stimmt überein, daß Johann Olearius (1611–1684) im Anschluß an
Sir 34,20 die leibliche Gesundheit eine Gottesgabe nennt329 und die
These, wonach von der Krankheit des Leibes zurückgeschlossen wer-
den könne darauf, daß der von ihr Geplagte von Gott bestraft sei,
scharf zurückweist330. Nur in diesem Kontext läßt sich das nicht
zuletzt in Predigten des Luthertums des 17. Jahrhunderts häufig
aufzufindende äußerst stark ausgeprägte empirische Interesse331 an
Krankheiten, dem Verlauf derselben sowie an Krankheitsbildern erklä-
ren. All dies stiftet nicht die Neugierde ein, all dies ist vielmehr the-
ologisch motiviert und verdankt sich der Leibfreundlichkeit der
reformatorischen Theologie.
Der erste Stifter der Heilkunst ist auch nach Huberinus Gott. Der
„Artzet [ist] von Gott dem Herrn selber erschaffen / verordnet /
begabet vnnd verlihen“332 wie die Arzneikunst auch, weswegen man
sich an die professionell ausgebildeten Ärzte wenden und nicht „zu
einem schwartzkünstige[n] / Beschwerer / Segner / gauckler / vnnd
Teuffels affen“333 gehen soll. Zudem habe Gott der Natur die Heilkräfte
eingestiftet, so daß „ein jedlichs kreutlin / wurtz / bäumlin / frücht-
lin / Edel gestein / vnnd mancherley gewechs / auch thier vnnd
Element / jhre sondere natur / art vnd wirckung haben“334. Als
biblisches Vorbild geflissentlich nachzuahmender naturkundlicher

328
Hoë von Hoënegg, a.a.O. (wie Anm. 296), fol. B 2r.
329
Vgl. Johann Olearius, NOSOSOPHIA Beständiger Krancken=Trost / Aus
der heimlichen Weißheit der Kinder Gottes gezeiget, Leipzig 1669 (HAB Wolfenbüttel
Th 1959 [2]), S. 581: „So ist doch allhier keines Weges die Frage / I. Ob die
Gesundheit an sich selbst eine edle Gabe Gottes sey? Denn der HErr ists der das
Hertz erfreuet / und das Angesicht frölich macht / und giebt Gesundheit / Leben
und Seegen. Sir. 34. 20.“
330
Vgl. ebd., S. 583f. Ähnlich Johann Michael Dilherr, Kurtze Anweisung / Zu
Christschuldiger Gebühr / In Gesundheit / In Kranckheiten / Und Im Sterben,
Nürnberg 1655 (HAB Wolfenbüttel Th 542), S. 130: „Denn es wil GOTT gantz
und gar nicht haben / daß man / weder aus zeitlichem Glück solle schliessen /
daß einer einen gnädigen GOTT habe; noch auch aus zeitlichem Unglück muth-
massen / daß einer einen ungnädigen GOtt habe.“
331
Vgl. Sahmland, a.a.O. (wie Anm. 170), S. 236.
332
Huberinus, Sirach 1555 (wie Anm. 324), fol. 193v.
333
Ebd., fol. 196r.
334
Ebd., fol. 194r.
104 teil ii – lutherische orthodoxie

und pharmazeutischer Empirie führt Huberinus König Salomo ins


Feld („wie auch Salomo von hohen Cedro an / biß auff den Hysopen
disputirt / vnnd derselben Natur vnnd wirckung erforschet / 3.
Regum 4.“335) und bezieht sich hiermit offenbar auf die Vorrede zu
Leonhard Fuchs’ Kräuterbuch336. Damit die Menschen die in den
Kräutern und anderem schlummernden Kräfte nutzen können, stif-
tet Gott die Künste der Medizin und Pharmazie. Der Endzweck all
dessen ist die gloria Dei, die nach orthodoxer Anschauung auch
causa finalis des gesamten Schöpfungswerkes ist337. Ziel von Pharmazie
und Medizin ist es, daß Gott als „der rechte / weyse / wunderbar-
liche Schöpffer / vnnd Geber alles guten / dardurch gepreyset vnnd
gelobet werde / das er ein solcher Wunderthetter ist / der da hey-
let / die schmertzen lindert / die kranckheyt vertreybt / vnd die
vorige gesundtheyt widerumb erstattet“338. Anders gewandt: Die
Tätigkeit von Apothekern und Ärzten ist Dienst am Menschen, mit-
hin Konkretion der Nächstenliebe und mündet zugleich in den
Gottesdienst. So betrachtet befolgt die Berufstätigkeit also das
Doppelgebot der Liebe und verwandelt den Gottesdienst in den
Alltag, der somit zur Kulisse des alles andere als Alltäglichen erho-
ben wird.
Ähnlich wie die zuvor analysierten Leichenpredigten propagiert
auch Huberinus die Interdependenz von geistlicher und leiblicher
Therapie. Wenn man krank wird, soll man sich zuerst an den
Apotheker Christus wenden und die medicina spiritualis einnehmen.
„Zum ersten / sollen wir nach der Geystlichen / vnd hymlischen /
artzney trachten / nemlich / nach dem hymlischen artzet / vnnd

335
Ebd.
336
Vgl. Fuchs, a.a.O. (wie Anm. 195), fol. 3r: „Vnd wer ist vor vnd nach vnder
allen Königen so mechtig vnd gewaltig gewesen als Salomon / noch wolt er nichts
dester weniger sich allso seer in der erkantnuß der kreüter bemüen / das er / wie
vns sölches die heylig Götlich schrifft offenbarlich bezeugt / vom Cederbaum an
biß zu dem Hysopkraut / das aus der mauren wechßt / artlich vnd weißlich kündte
reden vnnd disputieren“.
337
Vgl. Hütter, Compendium (wie Anm. 169), S. 55f: „Quae fuerunt causae prae-
cipuae, propter quas Deus creavit hoc universum? Causa impulsiva fuit immensa
Dei bonitas, qui, uti in se est summè bonus, ita Bonitatis etiam hujus suae partem
nobiscum communicare voluit liberrimè. Joh. 1, 3. Heb. 1, 2. Causa finalis est, ut
à creaturis vicissim agnosceretur, & celebraretur: Ps. 19, 1. Coeli enarrant gloriam
Dei, & opera manuum ejus annunciat firmamentum.“
338
Huberinus, Sirach 1555 (wie Anm. 324), fol. 194r.
caspar huberinus 105

Apotecker“339. Dies geschieht auf dreierlei Weise: Zuerst soll man


wie der schwer erkrankte Hiskia bei Gott Zuflucht suchen (vgl. Jes
38,2f ). Zweitens soll man „zum gebet greyffen“340 und sich drittens
nach der Ursache der Krankheit umsehen, nämlich der Sünde341.
Hieran wird erkennbar: Die im 17. Jahrhundert recht häufig anzutref-
fenden Darstellungen des Sohnes Gottes als Apotheker342 bieten den
Betrachtern Gelegenheit, sich dessen zu erinnern, daß praxis pieta-
tis und Einnahme von Medikamenten miteinander verbunden wer-
den sollen. Oder anders: Die Abbildung Christi als Apotheker faßt
als Merkbild — gewissermaßen als Piktogramm — die Summa der
medicina spiritualis und pharmacologia sacra zusammen und greift
so auf Inhalte zurück, die dem Betrachter in vielen Fällen schon
zuvor aus Predigten bzw. aus der Hausväterliteratur bekannt gewe-
sen sein dürften.
Sodann stellt Huberinus seinen Lesern ein Rezept aus, mit dem
er drei Medikamente verordnet: Buße, Glaube und Früchte der Buße
(bona opera). Mit diesem Rezept schickt er seine Patienten sodann
in die, wie er sagt, himmlische Apotheke, die jedoch zugleich eine
Hausapotheke ist, weil sich die geistliche Therapie im Rahmen von
häuslichen Frömmigkeitsübungen vollziehen kann: „da nimb in der
Hymmelischen Appoteck / drey sondere simplicia / vnnd mach ein
composition drauß. Nimb erstlich das kreutlin / heysset nimmer thun
/ thu buß / das ist ein rechter beyfuß / der öffnet / vnnd treybt
die verstopffung der sünd hinwegk / derhalb so stehe ab von sün-
den / so stehet dir die seuch der kranckheyt. Darnach recipe, nimb
ein glaubig hertz / vnnd vertrawe Gottes gnad vnd zusagung in
Christo / so wirdt dein hertz dardurch gereiniget / von allem schlam
der sünden / das wirt eine feine purgation sein / zu euacuiern /
dann dadurch werden alle fleyschliche begirden außgetrieben / der
vorigen alten sünden. Zum dritten / recipe noch ein simplex so wirt
ein fein compositum drauß / das ist ein köstlich mirabulon / nem-
lich / rechtschaffne frucht der buß“343.
Hierbei handelt es sich um eine geistliche Selbstmedikation, der
jedoch die Produktion der Arzneien im eigenen Haus zu Zwecken

339
Ebd., fol. 195r.
340
Ebd.
341
Vgl. ebd., fol. 195v.
342
Vgl. hierzu Krafft, Christus (wie Anm. 136).
343
Huberinus, Sirach 1555 (wie Anm. 324), fol. 195v.
106 teil ii – lutherische orthodoxie

des Eigenbedarfs vorausgeht. Denn wie ein Apotheker Medikamente


herstellt, indem er aus einzelnen Substanzen (simplicia) composita
mischt, so soll auch der Christenmensch vorgehen. Nicht also nur
Christus erscheint unter dem Bild des Apothekers, vielmehr wird der
Kranke im Rahmen von Buß- und Frömmigkeitspraktiken selbst zum
Apotheker und betreibt spirituell-meditative Selbstmedikation. Dieses
Verfahren nennt Huberinus auch „Geystlichen proceß“, in dem ein
„newer Mensch“344 entsteht. Erst nach dieser geistlichen Kur — und
auch dies kann man von dem biblischen exemplum Hiskias erlernen
— kann und soll nach Huberinus die leibliche Arznei zur Anwendung
gelangen.

344
Ebd., fol. 196r.
10. JOHANNES MATHESIUS

Die zweite345 umfangreiche lutherische Auslegung des Buches Jesus


Sirach stammt von dem Joachimsthaler Prediger und Luther-Schüler
Johannes Mathesius (1504–1565)346. In seinem Kommentar zu Sir
38 entfaltet Mathesius sehr breit die Göttlichkeit der Arzneikunst.
Daß Gott als Schöpfer zugleich Stifter der Arzneikunst ist, ist nach
Mathesius integraler Bestandteil des ersten Glaubensartikels. Da Gott
in Kräuter und andere kreatürliche Dinge Heilkräfte eingesenkt hat,
ist es sein Wille, daß sich der menschliche Verstand pharmazeutisch
und medizinisch betätigt und die heilsame Wirkung von Pflanzen
u.a. durch Forschung und Experiment aufspürt. „DJß sagt nu Syrach
in diesem Capitel: Der HERR der Allmechtige Gott hat den Artzt
erschaffen / vnd er giebt gelerte / erfarene / verstendige / glück-
selige Ertzte / vnnd der HERR lesset die Artzney aus der Erden
wachsen / vnnd wil das man dieser krafft / die Gott in die Creaturen
versenckt / nachtrachte / vnnd jhre eigenschafft / art vnd krafft
erkenne / damit man die schmertzen heylen / lindern vnd vertrei-
ben könne“347.
Weil also die medizinische Wissenschaft und die Heilmittel zu
Gottes guter Schöpfung zählen, dürfen und sollen Christen die Hilfe
von Ärzten in Anspruch nehmen, während diejenigen, die Ärzte und
Arznei verachten, sündigen, weil sie Gottes Schöpfungsgaben miß-
achten. Zugleich warnt Mathesius vor Quacksalbern und Kurpfuschern,
in deren Obhut man sich besser nicht begeben solle, und berichtet,
ein solcher habe seinen Vater zu Tode gebracht348. „Weil nu sol-
cher Artzte vnd bescheisser / sagt Syrach / gar viel sein / so mag
man wol beten: A malo medico, libera nos Domine, O lieber HErr
Gott behüte vnd erlöse vns von einem bösen vnerfarnen Artzt“349.

345
Nach Huberinus’ und vor Mathesius’ Sirach-Auslegung erschien diejenige
Victorin Strigels, der aufgrund seines Kryptocalvinismus von sich reden gemacht
und 1567 einen Ruf nach Heidelberg erhalten hatte. Vgl. o. Anm. 257.
346
Vgl. Anm. 61.
347
Mathesius, a.a.O. (wie Anm. 61), II, fol. 114v.
348
Vgl. ebd., fol. 115r.
349
Ebd., fol. 115v.
108 teil ii – lutherische orthodoxie

Dagegen stellt Mathesius mit Cato die Regel auf: „Corporis auxi-
lium, medico committe fideli. Die Cura vnnd pflegung deines Krancken
Leibes / vertrawe / sagt Cato350, einem getrewem vnd fleissigem
Artzt“351. Mathesius betreibt hier aus berechtigter Sorge um die
Volksgesundheit Volksaufklärung im wahrsten Sinne des Wortes,
indem er seinen Hörern und Lesern die Kriterien nennt, die ein
Arzt erfüllen muß, um als ein rechter medicus zu gelten.
Man soll sich, so Mathesius, nur von den von Amts wegen appro-
bierten, niedergelassenen Ärzten behandeln lassen. Ein Arzt muß
zudem „ein zeugnis seiner promotion“352 vorlegen können. Schon
nach antiker Sicht der Dinge ruht die medizinische Wissenschaft auf
zweierlei auf: auf lÒgow ka‹ pe›ra353. Dieses doppelte Wissenschafts-
prinzip zugrundelegend, erwartet Mathesius von einem guten Arzt
zweierlei: medizinische eruditio einerseits und praktisch-empirische
Kompetenz andererseits. Ein guter Arzt muß gelehrt sein und „die
Arabischen / Griechischen vnnd Lateinischen autores vnd scriben-
ten neben seiner Philosophia wol wissen vnd können“354. Er muß
aber zugleich ein hohes Maß an „erfarung“ („Experientia“) und mög-
lichst viele der potentiellen Behandlungsfehler, insbesondere solche,
die schwerwiegende und letale Folgen zeitigen, bereits hinter sich
haben, oder, wie Mathesius sich ausdrückt: Ein guter, erfahrener
Arzt muß „zuuor etliche Spital geleeret / vnd Kirchhöfe erfüllet
haben“355.
Die Volksaufklärung des 18. Jahrhunderts jedenfalls hat eine
Vorgeschichte, deren Relevanz noch kaum zum Gegenstand der
Forschung gemacht worden ist. Zu unkritisch wird innerhalb der

350
Cato, Disticha, rec. Marcus Boas, Amsterdam 1952, S. XV: „Consilium arca-
num tacito committe sudali | corporis auxilio socio committe fideli“.
351
Mathesius, a.a.O. (wie Anm. 61), II, fol. 115v.
352
Ebd.
353
Vgl. hierzu Heinrich Schipperges, Zum Topos von ‚ratio et experimentum‘
in der älteren Wissenschaftsgeschichte, in: Fachprosa-Studien, hg. von Gundolf Keil,
Berlin 1982, S. 25–36, hier: S. 26–28, wo die platonischen als auch die aristoteli-
schen und galenischen Wurzeln dieses Topos skizziert und belegt werden. Zur
Rezeption dieser Definition vgl. Gerhard, Meditationes (wie Anm. 40), S. 15: „Habet
Medicina certa sua principia, lÒgon scilicet, ka‹ pe›ran, quae ob id crura quaedam
eiusdem appellantur, cum quibus quod consonum, acceptat; quod dissonum, respuit“.
Vgl. weiter Olearius, Biblische Erklärung (wie Anm. 185), IV, S. 395: „Denn bey
dieser Kunst gehöret zusammen Logos und Peira. Verstand und Erfahrung“.
354
Mathesius, a.a.O. (wie Anm. 61), II, fol. 115v.
355
Ebd.
johannes mathesius 109

Erforschung der Volksaufklärung bisweilen deren eigenes Selbstver-


ständnis übernommen, so daß ein Epochenbruch fingiert wird, der
— jedenfalls in der unterstellten Radikalität — kaum Anhalt an der
historischen Wirklichkeit hat. Gerade um willen einer zutreffenden
Profilierung der Volksaufklärung im 18. Jahrhundert wäre es nötig,
diese mit ähnlichen Bestrebungen im 17. Jahrhundert zu vergleichen
und auf komparatistische Weise Kontinuitäten, Brüche und Neuansätze
zu beschreiben. Die nicht selten anzutreffende Unbelecktheit der
Aufklärungsforschung in bezug auf die Kenntnis frühneuzeitlicher
Quellen hat ihr noch nie wirklich gutgetan.
Neben der medizinischen Kompetenz ist auch die Gottesfurcht
eine unabdingbare Voraussetzung dafür, daß der Arzt sein Amt recht
führen kann. Wie die Patienten sich zuerst in die Therapie Gottes
zu begeben haben, um die Voraussetzungen zu schaffen für eine
gelingende leibliche Kur, so muß auch ein Arzt unterscheiden kön-
nen zwischen der causa prima jeglichen Heilprozesses und den vom
Leibesarzt verordneten und applizierten causae secundae. „ZVletzt
gehöret auch darzu Gottesfurcht / das die Ertzte die erste vrsache
wol erkennen vnd betrachten / vnd wissen das die andern vrsachen
oder mittel vnd Artzney one die erste / als nemlich Gotte / nichts
ausrichten noch schaffen können / Wie auch die Heidnischen Artzte
bekand / vnd jhre AEsculapios oder Götter der Artzney geehret
haben“356.
Was die Situation der Begegnung von Krankem und Arzt im
Sprechzimmer anbetrifft, so rät Mathesius dazu, vor Beginn der
Untersuchung gemeinsam ein Vaterunser zu beten. Somit wird gleich-
sam Gott, der oberste Arzt, als Consiliarius hinzugezogen, so daß
nun Leibes- und Seelenarzt gemeinsam tätig werden können. Indem
Mathesius mit der Polysemie des Lexems ‚Ingredienz‘ spielt, bezeich-
net er das Vaterunser als ein gutes Ingredienz (im Sinne von ‚Eingang‘),
d.h. Vorbereitung der ärztlichen Behandlung: „Denn ein starck Vater
vnser ist eine sehr gute Ingredientz vnnd eingang zur Artzney /
wenn beyde der Artzt vnd der Patient oder Krancke miteinander /
oder sonderlich beten [. . .] da ist Gott der Artzt selbst / Denn wo
Gott nicht selber mit seinem Worte hilffet vnnd heilet / da schreibt
vnnd stellet der Artzt vergeblich Recept / vnd der Apotecker rich-
tet die Artzney vmb sonst vnnd vergeblich zu / vnd wenn der

356
Ebd.
110 teil ii – lutherische orthodoxie

Krancke gleich die gantze Apotecke in sich fresse“357. Es ist dem-


nach nicht nur Aufgabe des Kranken, Sir 38,10–12 zufolge zunächst
im Gebet Gott als Stifter aller Heilkunde anzurufen. Vielmehr soll
auch der Arzt nach Sir 38,14 Gott anrufen, bevor er seine Behandlung
beginnt, weswegen das Gebet als integraler Bestandteil zum officium
des Arztes hinzugehört. Abraham Calov (1612–1686) weist im übri-
gen darauf hin, daß diese Einsicht auch bei Hippokrates zu finden
ist, was einmal mehr das Interesse der lutherischen Theologie an
einer Sichtung und Beerbung der antik-heidnischen medizinischen
Wissenschaft belegt: „Officium hoc Medici agnovit etiam Hippocrates
etsi Ethnicus, in Prooemio artis suae, non solum, inquiens, aegrotus
praestare se debet opportuna facientem, sed & Medicus, scilicet adhi-
bere curationem, & DEUM deprecari, ut dirigat opera sua“358.
Indem Mathesius Sir 38,4 (‚DEr HERR lesst die Ertzney aus der
Erden wachsen / vnd ein Vernünfftiger veracht sie nicht‘) auslegt,

357
Ebd., fol. 116r. Diese Passage zitiert Olearius, Biblische Erklärung (wie Anm.
185), IV, S. 399 unter Hinweis auf Mathesius als Quelle. Vgl. zum Sachzusammenhang
der Prävalenz der göttlichen medicina auch Joachim Mörlin, Erste [— Dritte] Teil
Aller Predigten Vnd Außlegungen vber die Psalmen deß Königlichen Propheten
Dauids / Jn welchem viel Stück vnd Artickel Christlicher Lehr / auß Gottes Wort
vnnd Heiliger Schrifft nottürfftiglich erkläret werden. Allen Christen / so die Warheit
lieb haben: Auch allen angefochtenen / vnd betrübten Gewissen / ein sehr nütz-
lich vnd tröstlich Buch [. . .], Erfurt 1580 (HAB Wolfenbüttel 368 Theol.), III, S.
314, die Auslegung von Ps 107,21: „Was ist das? Sagt Dauid / sein heiliges Göttliches
wort / das hat er darumb gegeben / vns von solcher Seuch vnd allem Vnfall zu
retten. Jst derhalben nu hier die köstliche Ertzney / der edle Balsam / nicht aus
dem Paradiß allein / Sondern auß Gottes Hertzen zubereitet vnd distilliret / dadurch
vns allen mus geraten werden. Denn wenn es die nicht thut / so wird vns durch
kein ander Ertzney geholffen / oder aber dazu geholffen / das wir lenger auff
Erden sind / vnser Sünde zuuberheuffen / vnd das maß vol zumachen / Matth.
23. auff das vnser Verdamnis deste grösser sey. Jst darumb ohn diese kein andere
Ertzney krefftig / weil alles von Gottes wort / krafft / safft vnd Leben hat / oder
wircket vns zum verderben vnd ewigen verdamnis“ [marginal hierzu: „Gottes
Apotecken.“]. Zu Mörlin vgl. Jürgen Diestelmann, Joachim Mörlin. Luthers Kaplan
— ‚Papst der Lutheraner‘. Ein Zeit- und Lebensbild aus dem 16. Jahrhundert,
Neuendettelsau 2003. Auch nach Christoph Pelargus, In secundum Librum Mosaicum,
EXODVM SACRAM, Commentarius breuis, Leipzig 1604 (HAB Wolfenbüttel Alv.
Di 157 [1]), S. 145 (zu Ex 15,26) arbeiten die Ärzte vergeblich, wenn Gott nicht
heilt: „Omnipotenti huic medico nihil est insanabile, inquit Augustinus in Psal. 58.
& 102. Hieron. in 26. Esa. cap. Nisi Dominus languorem curauerit, in vanum labo-
rant medici, qui cupiunt sanare languentes. Nisi Dominus custodierit sanitatem,
invanum custodiunt, qui etiam praecepta custodiendae salutis propriis edunt libris:
semperque dicendum est, non solùm in corporis, sed etiam in animae sanitate:
Benedic anima mea Domino, qui sanat omnes languores tuos.“
358
Abraham Calov, BIBLIA TESTAM. VETERIS ILLUSTRATA [. . .], Dresden/
Leipzig 21719 (Privatbesitz), III, S. 142b.
johannes mathesius 111

rät er, diesen Spruch als Inschrift an alle Apotheken zu schreiben,


damit die Menschen ermuntert werden, Gott in seinen Kreaturen
zu erkennen und zu preisen. „Freylich solt man diesen Spruch an
alle Apotecken schreiben / damit man nicht allein die Artzney für
Gottes Güte vnd nützliche Gabe erkenne / sondern auch Gotte in
seinen Creaturen erkenne vnd preise“359. Daß Sir 38 in der Tat als
Quelle für Inschriften an Apothekengebäuden genutzt wurde, läßt
sich an der wohl von Georg Crossmann begonnenen und von
Hermann Roleff fertiggestellten Apotheken-Auslucht in Lemgo360 buch-
stäblich ablesen. Unterhalb des Giebels, der die Jahreszahl 1612 trägt,
ist folgender Text zu erblicken: „WEN DV KRANK BIST, SO ver-
achte dis nicht, sondern BITTE DEN HERN / VND LAS AB VON
SVNDEN, SO WIRD ER DICH GESVND MACHEN // DAR-
NACH LAS DEN ARTZ ZV DIR, DEN DER HOCHST HAT
IN GESCHAFF[en] / DIE ARTZNEI KOMPT VOM HER[n],
Damit heilet er vnd vertreibt die schmertzen, V[n]D DER AP[o]TE-
KER BEREIT[et] SIE“361. Hierbei handelt es sich um eine gekürzte
Fassung von Sir 38,9–12: Die Apothekenfassade als kurzgefaßte
Gebrauchsanweisung im Hinblick auf die göttliche und menschliche
Arzneikunst, Ermahnung und Einladung zu Gebet und pietas einer-
seits, aber auch Werbeslogan andererseits.
Indem sich Mathesius auf Platon beruft, entfaltet er den Gedanken,
daß in jeglicher Kreatur eine göttliche virtus verborgen liegt. „Denn
es ist keine heilsame Creatur / die nicht ein Particklein vnd Füncklein
der Gottheit in sich hette / oder ein gerücht vnnd geschrey von
Gott in sich / wie Plato redet / gesprenget begriffe“362. Es ist jedoch
zu vermuten, daß sich Mathesius keineswegs unmittelbar auf Platon
bezieht, sondern sich hier eine Einwirkung der frühneuzeitlich-neu-
platonischen Spekulation zur Geltung bringt, die unter Umständen
auf die Einwirkung Jacob Böhmes (1575–1624) zurückzuführen ist.
Sir 38 begreift Mathesius nicht nur als ein Loblied auf die medi-
zinische Wissenschaft und den Berufsstand des Arztes, sondern auch
als ein solches auf die Kunst der Apotheker. Gottesdienst ist die

359
Mathesius, a.a.O. (wie Anm. 61), II, fol. 116v. Diesem Rat folgte Anfang des
20. Jahrhunderts Franz Priester bei der Restaurierung der Detmolder Hofapotheke.
Vgl. Krafft, Arznei (wie Anm. 8), S. 20–22.
360
Vgl. Krafft, Arznei (wie Anm. 8), S. 76ff.
361
Vgl. die Abbildung ebd., S. 81 sowie S. 120.
362
Mathesius, a.a.O. (wie Anm. 61), II, fol. 116v.
112 teil ii – lutherische orthodoxie

Berufstätigkeit des Apothekers insofern, als sie das Gebot der Näch-
stenliebe befolgt und dem Mitmenschen zu Diensten steht, womit zu-
gleich Gott der Schöpfer verehrt wird. „DAs reden wir zum trost
den Apoteckern / denn ein jeglicher frommer Christ sol gewis sein
/ das er in einem Göttlichem vnd ehrlichem beruf ist / in welchem
er mit gutem gewissen Gott anruffen vnd andern dienen könne“363.
Daß hier Luthers Berufsethik virulent ist, liegt auf der Hand. Umgriffen
wird diese Rezeptionslinie jedoch — ganz in Luthers Sinne — von
der Überzeugung, daß die Tätigkeit eines Apothekers auch insofern
eine gottesdienstliche Dimension aufweist, als in ihr gleichnishaft das
Heilshandeln Gottes selbst greifbar wird.
Ähnlich wie die bisher vorgestellten lutherischen Theologen rät
auch Mathesius, sich im Gebet zu Gott zu kehren, bevor man ärzt-
liche Hilfe in Anspruch nimmt364. Zuerst ist es nötig, ein Sünden-
bekenntnis abzulegen, denn Gott straft die Sünde durch Krankheit.
Sodann soll man Christus, den Arzt des Leibes und der Seele, im
Glauben ergreifen und Gott darum bitten, auch gute leibliche Ärzte
zu geben.
Um dem Arzt die Behandlung zu erleichtern, ist es — so Mathe-
sius — unabdingbar, daß der Patient einen „gute[n] vnnd warhafftige[n]
bericht“365 erstattet. Innerhalb dessen, was man heute als Anamnese
bezeichnen würde, soll man nichts verschweigen, sondern dem Arzt
„lautern Wein“366 einschenken. Auffällig ist, daß Mathesius die
Anamnese auch „Beichte“367 nennt, wodurch er einmal mehr inner-
halb der Beschreibung des ärztlichen Tätigkeitsfeldes eine geistliche
Kategorie zur Geltung bringt. Genauso starke Aufmerksamkeit soll
der Patient jedoch auch dem schenken, was der Arzt nach Unter-
suchung und Diagnose bezüglich Therapie und diätetischer Direk-
tiven zu sagen hat, damit es nicht aufgrund von Mißverständnissen
zu mitunter gefährlichen Verwechslungen kommt. „Alleine mercket
/ das ein Patient mit fleis auffmercke / was er einnehme / das er
nicht / was von jhm kaum gebracht / austrincke / oder damit er
sich sol salben vnd schmieren lassen / verschlinge / oder vor Pillulis
/ Pullos / oder junge Hüner / oder vor Coriander / verstehe vnd

363
Ebd., fol. 120v.
364
Vgl. ebd., fol. 122r.
365
Ebd., fol. 123v.
366
Ebd.
367
Ebd.
johannes mathesius 113

gebrauche / Calender / oder das Briefflein vnd Zettelein / darauff


die Artzney auffgeschrieben / vor die Artzney selbst verstehe vnd
einnehme“368.
Wie dies später auch Herberger tun wird, spricht Mathesius die
dringende Mahnung an die Patienten aus, dem Arzt das ihm zuste-
hende Honorar zukommen zu lassen. Umgekehrt aber wendet er
sich auch paränetisch an die Ärzte, die er zu Gelindigkeit aufruft,
was die Eintreibung der Honorare insbesondere bei Armen betrifft369.
Hier sollen sie notfalls auf eine Entlohnung ganz verzichten und sich
ein Vorbild an den Pfarrern nehmen, die bei den Reichen Beicht-
pfennige abkassieren und sie sozial-karitativen Zwecken zuführen, d.h.
den Armen zukommen lassen370. Hier zeigt sich: Mathesius propa-
giert ein Verfahren, das an das Prinzip der Umverteilung aus Gründen
der sozialen Gerechtigkeit erinnert. Darüber hinaus wird ersichtlich,
daß die geistliche Dechiffrierung der alltäglichen Berufsarbeit des
Arztes auch konkrete sozialethische Folgen insofern zeitigt, als Mathesius
von den Ärzten ein Verhalten fordert, das sich an demjenigen von
Pfarrern messen lassen muß. Die theologia medicinalis in ihren facet-
tenreichen Ausprägungen sorgte nicht nur für einen Hinzugewinn
bezüglich des Ansehens und des sozialen Status der Ärzteschaft, son-
dern nahm dieselbe zugleich diakonisch-karitativ in die Pflicht.

368
Ebd., fol. 124r.
369
Vgl. hierzu Barbara Elkeles, Arzt und Patient in der medizinischen Standes-
literatur der Frühen Neuzeit, in: Benzenhöfer/Kühlmann, a.a.O. (wie Anm. 170),
S. 131–143, hier: S. 141 und Barbara Elkeles, Das Ende eines Mythos? Die Frage
der unentgeltlichen Behandlung armer Kranker in deontologischen Texten vornehm-
lich des 17. Jahrhunderts, in: SAGM 74 (1990), S. 130–147.
370
Vgl. Mathesius, a.a.O. (wie Anm. 61), II, fol. 124v.
11. VALERIUS HERBERGER

Auch Valerius Herberger (1562–1627) hat eine umfassende Auslegung


des Buches Sirach verfaßt371 und in ihr Sir 38 besonders intensives
Augenmerk geschenkt. Auffällig ist, daß Herberger sehr stark aus
Mathesius’, aber auch aus Huberinus’ Sirach-Exegese schöpft, ja die
genannten Werke passagenweise regelrecht ausschreibt.
Ähnlich wie Mathesius gibt Herberger diätetische Direktiven, etwa
die folgende: „Viel Fressen macht kranck / und ein unersättiger Fraß
krieget das Grimmen. Viel haben sich zu Tode gefressen. Wie Boleslaus
Hertzog zu Brieg / der am Oster=Tage wollte einbringen / was er
in der Fasten versäumet hatte / und dreyzehen gebratene Hühner
auf einmal auffraß / aber drüber die Erde kauen muste“372. Da kei-
ner weiß, wie lange er gesund ist und zu leben hat („heute roth /
morgen todt“373), soll man, so rät Herberger mit Sir 38,1, die Ärzte
in Ehren halten, nicht erst, wenn man ihrer bedarf, sondern schon
in Zeiten der Gesundheit. „So vermahnet Sirach bald darauf / daß
man auch bey gesundem Leibe einen bescheidenen / Gottsfürchtigen
und erfahrnen Artzt / so wol einen fleissigen Apothecker ehren und
für Gottes Gaben erkennen soll / und daß sich ein ieder auff eine
feine Hauß=Apothecken befleissige. Hauß=Mütter sollen Apotheckerin
seyn / ihre Würtze / Wasser und gute Säfftlein für Kinder und
Gesinde im Vorrath halten“374.
In Sir 38,1 erkennt Herberger gleichsam ein Berufsstands-Motto
der Ärzteschaft, das er mit der antik-heidnischen Bezeichnung des
Arztes als Hand Gottes375 verknüpft. „Da haben Medici und Apothecker
ihr Encomium und schönen Lob=Spruch. Ein Medicus ist ein rech-
ter Dorotheus, oder Gottes Gabe / Manus Dei, Gottes Hand“376.

371
Valerius Herberger, Sirachs Hohe Weißheit=und Sitten=Schule / Oder Jesus
Sirach Jn XCVII. Predigten deutliche erklähret [. . .], Leipzig 1698 (HAB Wolfenbüttel
Th. 4° 28).
372
Ebd., S. 522.
373
Ebd., S. 523.
374
Ebd.
375
Vgl. u. S. 264.
376
Herberger, Sirach (wie Anm. 371), S. 523. Vgl. Rothe, Sirach (wie Anm. 309),
II, fol. 70v, der ebenfalls dazu ermahnt, den Arzt zu ehren, weil in ihm Gott geehrt
valerius herberger 115

Doch auch Herberger erinnert daran, daß die Ehre, die Ärzten zu
zollen ist, nur dann mit Recht eine „gebührliche Verehrung“377
genannt werden kann, wenn man sein Vertrauen zuvörderst auf Gott
bzw. auf die Heilige Schrift als geistlichem Arzneibuch378 und nicht
auf den Arzt alleine setzt. Ein diesbezüglich negatives biblisches
Exempel bietet König Assa, der in seiner Krankheit Hilfe nur bei
Ärzten, nicht aber bei Gott suchte: ‚Vnd Assa ward kranck an sei-
nen Füssen im neun vnd dreissigsten jar seines Königreichs / vnd
seine kranckheit nam seer zu / Vnd sucht auch in seiner kranckheit
den HERRN nicht / sondern die Ertzte. Also entschlieff Assa mit
seinen Vetern / vnd starb im ein vnd vierzigsten jar seines Königreichs‘
(2Chr 16,12f ). Die Sünde König Assas besteht darin, daß er die
causa prima der Heilung, nämlich Gott, verachtete, sein Vertrauen
lediglich auf die causae instrumentales setzte, mithin gegen das erste
Gebot verstieß, indem er dem Arzt mehr Vertrauen schenkte als
Gott379.
Die Ermahnung, die Ärzte in Ehren zu halten, hat auch ganz
handfeste, alltägliche Aspekte. Recht häufig begegnen daher im
Rahmen der lutherischen Auslegungen von Sir 38 kritische Töne
bezüglich der offenbar recht niedrigen Zahlungsmoral, was die
Honorierung von Ärzten betrifft. So auch bei Herberger: „Thue nicht
wie D. Esche hat pflegen zu klagen: Die Patienten sähen den Medicum
an zum ersten als einen GOtt / wenn er kömmt: Zum andern als
einen Engel / wenn die Hülffe sich zeiget: Und zum dritten als einen
Teuffel / wenn man zahlen soll“380.

wird, der der Stifter der Medizin ist. Man soll erkennen, „das solche Leute nicht
aus einem Stein gesprungen / oder on gefehr herkommen sind / Sondern sie wer-
den von Gott gegeben / vnd Er brauchet sie als seine Hand vnd Mittel / den
Leuten zu helffen / aus jren Nöthen“.
377
Herberger, Sirach (wie Anm. 371), S. 523.
378
Vgl. Herberger, Sirach (wie Anm. 371), S. 3f: „Biblia comparate, (sagt Chryso-
stomos) quae medicina animae sunt; omnium enim malorum causa est, ignorare
scripturas. Schafft euch doch eine Bibel ins Hauß / als welche eine Artzney der
Seelen ist; denn das ist alle Ubels Ursach / wenn man die Schrifft nicht weiß /
wenn man in der Bibel bekannt ist / wie im Böhmer Walde.“
379
Vgl. Mathesius, a.a.O. (wie Anm. 61), II, fol. 122r: „Diß ist die Sünde Assae
/ sich auff der Artzte hülffe stewren vnd verlassen / vnnd Gott außschliessen / das
mercket wol. Weil nu Gott also verachtet wird / zeucht er die Hand an sich /
weil aber nu die erste vrsach feyert / vnnd nicht wircket / können freylich wider
Artzt noch Artzney etwas schaffen noch außrichten“. Vgl. Chemnitz/Leyser, a.a.O.
(wie Anm. 185), S. 742b.
380
Herberger, Sirach (wie Anm. 371), S. 525. (Als literarische Vorlage verarbei-
tet Herberger hier Mathesius, a.a.O. [wie Anm. 61], II, fol. 124r). Vgl. Olearius,
116 teil ii – lutherische orthodoxie

Herberger lobt Gott als den Urheber nicht nur der Medizin, son-
dern auch der Pharmazie381. Hierbei nimmt Herberger jedoch nicht
nur Gott als den Schöpfer der Heilkräuter in den Blick, sondern
auch und vor allem als denjenigen, der im Rahmen der creatio con-
tinuata Jahr für Jahr neu die nötigen Heilmittel bereitstellt. Gott
arbeitet im Zuge der stetigen conservatio der Schöpfung u.a. als
Apotheker: „Die gantze Welt ist Gottes Apotheca / die steht voller
Büchsen und Flaschen. GOtt ist ein fleissiger Apothecker / er reno-
viret durch sein kräfftiges Wort seine Materialien alle Jahr / (spricht
der Herr Matthesius) und giebt einem ieden Lande nach Gelegenheit
der Leiber und der Lufft eigene Artzney“382.

Biblische Erklärung (wie Anm. 185), IV, S. 394f: „Man muß aber den Artzt nicht
nur ehren / wenn er helffen soll / sondern auch / wenn er geholffen hat / daß es
nicht heisse: Tres Medicus facies habet, unam qvando rogatus Angelicam: mox est,
cum juvat, ipse Deus. Ast cùm curato poscit sua praemia morbo, Horridus appa-
ret, terribilisqve Satan“. Vgl. hierzu Grabner (wie Anm. 5) sowie u. S. 289f, Anm.
260.
381
Vgl. Herberger, Sirach (wie Anm. 371), S. 523: „Die Artzney ist auch von
GOtt: Der Blümlein Krafft ist von GOtt / GOtt läst sie dem Menschen zum besten
aus der Erden wachsen“.
382
Herberger, Sirach (wie Anm. 371), S. 523 (Hier verarbeitet Herberger Mathesius,
a.a.O. [wie Anm. 61], II, fol. 116r).
12. FRIEDRICH ROTHE

Ein weiterer Meilenstein innerhalb der lutherischen Auslegungsge-


schichte des Buches Sirach ist die Predigtsammlung aus der Feder
von Friedrich Rothe383 († 1598). Sie erschien mit einer Vorrede von
Hieronymus Mencelius (1517–1590) im Jahre 1596384. In ihr weist
der Mansfelder Superintendent darauf hin, daß man sich zur Druckle-
gung dieses Werkes entschieden hat, obgleich der Sirach-Kommentar
von Mathesius kürzlich erschienen sei385. Mencelius rechtfertigt die
Publikation von Rothes Werk u.a. damit, daß das Bedürfnis nach
auf dem Buch Sirach fußender Ratgeberliteratur sowie die entspre-
chende Nachfrage groß seien, der Sirach-Kommentar von Huberinus
indes nicht mehr greifbar sei und zudem die hiervon noch vorhan-
denen Exemplare häufig zerlesen, also verschlissen seien386. Auf-
schlußreich ist zudem Mencelius’ Hinweis darauf, daß das Predigen
über Sirach in Eisleben eine die Generationen übergreifende Tradition
hat. Schon die drei Amtsvorgänger Rothes hätten über einzelne
Perikopen des Sirach-Buches gepredigt, doch erst Rothe habe den
ganzen Sirach Stück für Stück in Predigten kommentiert387.
Besonders markant läßt sich an Rothes Predigten über Sirach ein
gattungshistorischer Umstand ablesen, der bezüglich der lutherischen

383
Rothe, Sirach (wie Anm. 309).
384
Schon ein Jahrzehnt zuvor war Rothe mit folgender Sir betreffenden Schrift
an die Öffentlichkeit getreten: Friedrich Rothe, Zwo Predigten AVs dem dritten
Capitel des weisen Mans Jesu Syrachs. Die Erste / Von der Kinderzucht. Die Ander
/ Von Warer Demuth. Geschehen in der Pfarkirchen zu S. Andres in der alten
Stad Eisleben, Eisleben 1586 (Kolophon: 1585) (HAB Wolfenbüttel Alv. 854.1 Theol.
[2]).
385
Vgl. Rothe, Sirach (wie Anm. 309), I, fol. )( 5v.
386
Vgl. ebd., I, fol. )( 5r: „[. . .] sind von wegen der langen zeit / dieselben
gedruckten Exemplar vnd Bücher / fast alle verruckt / vnd den Leuten / so gar
aus den Henden kommen / das man jetzt derselben gar selten eins finden / vnd
zu sehen bekommen kan“.
387
Vgl. ebd., I, fol. )( 5v: „Es haben für jme [scil. Friedrich Rothe] / dieses Buch
/ in vnserer Kirchen zu predigen / vnd ausszulegen angefangen / M. Heinrich
Rhote [. . .] Der ist mit seiner Außlegung durch die ersten viertzehen Capitel kom-
men. Nach jme / hat M. Zacharias Praetorius, auch seliger / die nechstfolgende
drey Capitel geprediget vnd erkleret. Endlich ist an M. Heinrich Rothen stat / M.
Bartholomaeus Gernhard / ein Jahrlang im Pfarampt gewest / vnd hat dieselbe
zeit vber / folgende fünff Capitel außgeleget“.
118 teil ii – lutherische orthodoxie

Hochschätzung dieses apokryphen Buches von großer Bedeutung ist.


Die Traktierung des Buches Sirach in Form von ausführlichen
Predigtreihen versteht sich als vertiefende Fortsetzung der Katechismus-
Predigt, was nicht zuletzt anhand der Titelformulierung der Rotheschen
Predigtsammlung zu erkennen ist ( „ Jn hundert vnd zwey vnd dreys-
sig Predigten erkleret / Vnd auff die Lere des heiligen Catechismi
gerichtet“). Auch Bartholomäus Gernhard (1525–1600) hebt diesen
Aspekt in den Vordergrund, wenn er sagt, die Sapientia Salomonis
und das Buch Sirach bildeten gemeinsam ein „Lerebuch [. . .] zu
gewisser / richtiger erklerung der heiligen Zehengebot GOTTES“388.
In gedruckter Form dienen die Sirach-Predigten sodann der häusli-
chen Aneignung des katechetischen Stoffes sowie der applicatio des-
selben auf konkrete Lebenssituationen, was u.a. daraus ersichtlich
wird, daß sich im Anhang von Rothes Werk ein „Register auff die
Heubtstücke des heiligen Catechismi gerichtet“ befindet389. Wenn
man bedenkt, daß auch in den Schulen neben Luthers Kleinem
Katechismus das Buch Sirach intensiv traktiert wurde390, wird erkenn-
bar, daß es den Predigern nicht nur in ihren Katechismuspredigten,
sondern auch in denjenigen über Sirach darum zu tun war, das in
der Schule von Kindesbeinen an Erlernte in Erinnerung zu rufen
und auf dieses aufzubauen.
Zudem wollen die gedruckten Sirach-Predigten als Nachschlagewerk
im Hinblick auf alle möglichen Lebenslagen und alltäglichen Situationen

388
Gernhard, a.a.O. (wie Anm. 320), fol. f 4r.
389
Rothe, Sirach (wie Anm. 309), II, fol. Dd 1v.
390
Dies zeigt sich nicht nur in den mannigfachen Schulordnungen schon des 16.,
aber auch des 17. Jahrhunderts, sondern u.a. auch bei Johannes Placotomus, Wie
man Christliche Deudsche Kinder=Schulen halten / vnd die Jugent recht vnder-
weisen sol. Mit etzlichen Gesengen vnd andern nützbarlichen leren. Von etzlichen
Misbreuchen in Latinischen particular Schulen, Rostock 1568 (HAB Wolfenbüttel
509 Quod. [9]), fol. A 8v. Placotomus zufolge sollen die Kinder den Katechismus
und die Haustafel auswendig lernen. „Nach dem Catechismo / den gantzen Jesus
Syrach / oder die sprüch Salomonis / Eins nach dem andern lesen / vnd aus-
schreiben“. Doch auch in den Lateinschulen hatte das Buch Sirach vielenorts sei-
nen festen Platz. Vgl. exemplarisch die Schulordnung des Hamburger Johanneums
aus dem Jahre 1634: Richard Hoche, Beiträge zur Geschichte der St. Johannis-
Schule in Hamburg III: Die Ordnungen der St. Johannis-Schule im 16., 17. und
18. Jahrhundert (= Festschrift zur dreihundert und fünfzigjährigen Jubelfeier des
Johanneums am 24. Mai 1879), Hamburg 1879, S. 116. Aus der Stundentafel geht
hervor, daß Sirach in der Secunda in lateinischer Sprache, in der Prima indes in
griechischer Version traktiert wurde. Welch großer Beliebtheit sich das Buch Sirach
im Schulwesen erfreuen durfte, hat E. Koch, Philosophia (wie Anm. 308), S. 709f
herausgearbeitet und u.a. nachgewiesen, daß diese weisheitliche Schrift sogar in den
Mädchenschulen behandelt wurde.
friedrich rothe 119

fungieren (als „liebes Hausbuch / ja Haustaffel“391, wie Gernhard


formuliert) und eine am Alltag orientierte materiale Ethik darbie-
ten392. Wenn man bedenkt, daß Rothe selbst eine umfängliche
Sammlung von Katechismus-Predigten publiziert hat393 und ihm inner-
halb der Geschichte dieser Predigtgattung394 ein prominenter Platz
zuzuweisen sein dürfte, schließt sich der Kreis. Ganz deutlich also
ist, daß die Sirach-Predigten darauf aus waren, ihre Rezipienten im
status oeconomicus zu finden, womit man einen Gedanken Luthers
aufgriff, der die Meinung vertreten hat, das Buch Sirach sei „ein
Buch von der Hauszucht / oder von Tugenden eines fromen Haus-
herrn“395. Gleichwohl wird man jedoch im Auge behalten müssen,
daß diese literarische Gattung keineswegs einem im falschen Sinne
individualistisch geprägten Rückzug in die Privatsphäre das Wort
redet. Vielmehr sind die Sirach-Prediger stets auch darum bemüht,
herauszuarbeiten, daß aus keinem anderen Buch der Bibel so gut
gelernt werden kann, wie im Reich der Welt ein gutes Regiment zu
führen ist wie eben aus dem Buch Sirach. Darum wendet sich
Gernhard in der Vorrede zu seiner Sirach-Auslegung direkt an die
Regenten und lobt die von Sirach zu erlernende Weisheit als dieje-
nige Tugend, die einem jeden nötig ist und gut zu Gesicht steht,
dessen Amt es ist zu regieren: „Wolt jr nu gerne Könige vnd Fürsten
sein / so haltet die Weisheit in ehren / auff das jr Ewiglich herr-
schet. Vnd abermal stehet geschrieben: Wenn die Gewaltigen klug

391
Gernhard, a.a.O. (wie Anm. 320), fol. f 6r.
392
Hierauf weist auch Gernhard hin, wenn er ebd., fol. f 3v sagt, Sap und Sir
enthielten vor allem „Lere vnd Vnterweisung / sonderlich fur dis gemeine zeitliche
Leben“.
393
Heinrich Rothe, CATECHISMI Predigt. Durchaus gericht auff den Catechismum
D. Mart. Lutheri / darinnen die fünff Heubtstück Christlicher Lere / sampt dem
Morgen vnd Abendsegen / dem Tischsegen / vnd entlich der gantzen Hausstaffel
/ verfasset sind / mit einer Vorrede. M. Hieron: Mencelij / der alten löblichen
Graffschafft Mansfelt Superintendenten, Eisleben 1573 (HAB Wolfenbüttel Alv. Dm
217).
394
Vgl. als Überblick, in dem Rothe freilich nicht vorkommt: Werner Jetter, Art.
Katechismuspredigt, in: TRE 17 (1988), S. 744–786.
395
Gernhard, a.a.O. (wie Anm. 320), fol. c 1v. Vgl. Luther, WA.DB 12,147,16–22
(Vorrede auf das Buch Jesus Sirach 1545): „ES ist ein nützlich Buch, fur den gemei-
nen Man, Denn auch alle sein vleis ist, das er einen Bürger oder Hausuater gott-
fürchtig, from vnd klug mache, wie er sich gegen Gott, Gottes wort, Priester, Eltern,
Weib, Kindern, eigen Leib, Knechten, Güter, Nachbarn, Freunden, Feinden, Oberkeit
vnd jederman, halten sol. Das mans wol möcht nennen ein Buch von der Hauszucht,
oder von den Tugenden eines fromen Hausherrn, welchs auch die rechte geistliche
Zucht ist, vnd heissen solt“.
120 teil ii – lutherische orthodoxie

sind / so gedeiet die Stad / Ein vnweiser Regente aber verderbet


Land vnd Leute [scil. Sir 10,3]. Diese Sprüche zeigen an / das
rechtschaffene weisheit / die höchste Zier sey an Fürstlichen vnd
andern Regimentspersonen / auch Niemand nötiger / denn eben
jnen“396. Jesus Sirach also lehrt nicht nur häusliche, sondern auch
politische Ethik, indem er ein „Regentenbuch“ verfaßt für die, „die
im Weltlichen Regierstande“397 sind. Der zweite wichtige Adressatenkreis
der Sirach-Hausbücher neben dem status oeconomicus bildet mithin
der status politicus398. In diesem Kontext erst ist es zu verstehen,
weswegen zwischen den Sirach-Auslegungen und der im frühneuzeit-
lichen Luthertum in besonderem Maße gepflegten Fürstenspiegel-
Literatur399 eine derart starke Affinität besteht.
Rothes Sir-Auslegung enthält selbstverständlich auch eine ausführ-
liche Interpretation von Sir 38. Wie die bereits vorgestellten Theologen
ist auch Rothe der Meinung, daß man den Arzt ehren muß um der
von Gott herrührenden Kunst willen, die er ausübt. Auffällig hier-
bei aber ist, daß sich Rothe ausführlicher als die bislang betrachte-
ten Sirach-Exegeten mit den einzelnen ärztlichen Handlungsfeldern
befaßt, indem er sagt: „Denn ein rechtschaffener Medicus muß viel
wissen / Es ist nicht so ein ding drümb / einem Artzney eingeben
/ als wenn man dem Viehe fürgibt / Sondern es gehöret mehr darzu
/ Man muß haben erkündigung der gantzen Natur / Man muß
erforschen vnd wissen alle Gewechse / Kreuter / Früchte / Metallen
/ vnd alles was zur Artzney gehöret / sampt allen Eigenschafften /
vnd der Complexion des Menschen / Auch alle gelegenheit aller
Gliedmassen / auswendiger vnd inwendiger / Man muß wissen die
vrsach vnd vrsprung der Kranckheiten / wie vnd was man für Artzney
dawider geben sol / Summa / Es gehöret viel Erfahrung vnd grosse
Mühe vnd Arbeit dazu. Das ist ja / eine schöne herrliche vnd
fürtreffliche Kunst / vnd wie nu andere Künste von Gott jren anfang
haben vnd herkommen / vnd auff jn weisen / Wie auch der Heide

396
Gernhard, a.a.O. (wie Anm. 320), fol. b 1v.
397
Ebd., fol. f 5v/6r.
398
So auch Strigel, a.a.O. (wie Anm. 257), fol. A 3v: „Nec verò priuatos tan-
tum alloquitur, sed nominatim compellat reges & principes, vt testetur hos quoque
legi diuinae subiectos esse, nec licere ipsis quicquid libet“.
399
Vgl. Bruno Singer, Art. Fürstenspiegel, in: TRE 11 (1983), S. 707–711, hier:
S. 709f sowie ders., Die Fürstenspiegel in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
und der Reformation (= Humanistische Bibliothek I/34), München 1981.
friedrich rothe 121

/ Plato gesagt hat / Gratam de Deo famam in artibus spargi, Das


alle gute Künste von Gott ein herrlich zeugnis geben / Vnd derwe-
gen billich geehret werden. Also sol man auch von der Ertzney
vrtheilen / welche mit des Menschen Leib vnd Leben vmbgehet /
das sie von Gott herkomme vnd geordnet sey / vmd vmb desselben
willen billich geehret werde“400.
Hinzu tritt bei Rothe ein Aspekt, der im Hinblick auf das zuwei-
len von recht massiver Kritik bestimmte Verhältnis der lutherischen
Pfarrerschaft zur weltlichen Obrigkeit von Belang ist. Rothe nimmt
sein Wächteramt der Obrigkeit gegenüber wahr, indem er diese dazu
ermahnt, dafür Sorge zu tragen, daß sich erfahrene Ärzte ansiedeln,
niederlassen und Praxen öffnen. „Hiebey wird nu Christliche Obrigkeit
erinnert / das es in jr Ampt gehöre / erfahrne vnd geschickte Medicos
/ in der Gemeine zu halten / Damit niemand an seiner Gesundheit
vnd Leben / so viel Menschen hülffe anlanget / verkürtzt werde“401.
Auch Rothe kritisiert diejenigen, die sich einbilden, sie bedürften
des Arztes und der Arznei nicht, und meinen, „wenn jnen Gott
helffen wolle / so könne ers auch wol one Artzney tun“402. Diese
Ansicht aber ist darum verfehlt, weil sie Gottes Schöpfung gering-
schätzt, denn — so Rothe — die Medikamente gehören zu „Gottes
gute[n] Creaturen“403, und die Wirkung der Medikamente ist die
Wirkung Gottes in ihnen404. Gott kann zwar auch ohne Mittel hei-
len, er will aber doch, „das eine Creatur der andern dienen sol“405.
Wer verlangt, von Gott ohne media geheilt zu werden, versucht Gott
und mißachtet zudem die von Gott geordnete Dienstbarkeit der
Kreaturen untereinander. Darüber hinaus hat derjenige, der meint,
der Schöpfer würde ihn gleichsam direkt vor Krankheit bewahren
oder heilen, den locus de providentia nicht begriffen. Denn Gottes
die Schöpfung erhaltende Tätigkeit bedient sich einer Vielzahl von
Mittelursachen (causae secundae). Zwar stünde es durchaus in Gottes
Macht, die Kreaturen auch ohne Nahrung zu erhalten, der Schöpfer

400
Rothe, Sirach (wie Anm. 309), II, fol. 71r.
401
Ebd.
402
Ebd., II, fol. 71v.
403
Ebd.
404
Vgl. ebd.: „Denn vnser HERR Gott hat nichts / wie gering vnd klein es auch
ist / vmb sonst vnd vergeblich geschaffen [. . .] wie solches die erfahrung bezeuget
/ das auch kein Kreutlein ist / es hat seine sondere Krafft vnd Wirckung / Ein
Kraut dienet dem Heupt / eines dem Gehirn / das ander der Leber etc.“
405
Ebd., II, fol. 72r.
122 teil ii – lutherische orthodoxie

und Erhalter alles Daseins hat jedoch einen anderen ordo gewählt.
So betrachtet kommt — so Rothe im Anschluß an Luther406 — die
Weigerung, Arzneien in Anspruch zu nehmen, der Verweigerung der
Nahrungsaufnahme gleich. „Wie nu die jenigen Sündigten vnd Vnrecht
theten / welche nicht Essen wolten / vnd drüber verschmachten /
da sie doch Essen vnd Trincken hetten vnd köndten / Also Sündigen
auch die jenigen vnd thun Vnrecht / welche die Artzney verachten
/ die sie / dieselbe zu erhaltung der Gesundheit haben können“407.

406
Vgl. o. S. 8f.
407
Rothe, Sirach (wie Anm. 309), II, fol. 72r.
13. VALERIUS HERBERGER (FORTSETZUNG)

Herberger hat nicht nur in seiner Sirach-Auslegung über die theo-


logia medicinalis gehandelt, sondern auch in anderen Zusammen-
hängen, u.a. in einer Leichenpredigt auf den Liegnitz-Briegschen
Hofarzt Flaminius Gasto († 5.2.1618)408. Mit Gasto war Herberger
eng befreundet. Herberger wählt als Predigttext den locus classicus
Ex 15,26, denn diese Stelle „reimet sich artig auff des jetzo seligen
Herrn D. Flaminii Beruff vnd Profession“409. Ehre gebührt dem
Berufsstand der Ärzte — so Herberger — vornehmlich darum, weil
der Sohn Gottes diesen insofern ehrt, als er der Urheber aller Gesund-
heit ist. „Der HERR Jesus ehret das Handwerck [scil. des Arztes].
Dem sey aber wie jhm wolle: Sanitatis autor Deus est, Dei instru-
mentum natura, utriusque minister medicus, saget Gregorius Tolosanus
de Republica. Darumb ward vor zeiten ein glückseliger Medicus
genennet: Manus Jehovaeh, GOttes gnädige heilsame Hand“410. Mit
der metaphorischen Bezeichnung des Arztes als Hand Gottes greift
Herberger einen antik-heidnischen Topos auf. Schon Herophilos
(335–280 v. Chr.) hat die Arzneien ‚Hände Gottes‘ genannt, wie
der römische Arzt Scribonius Largus (1. Hälfte des 1. Jhs. n. Chr.)
berichtet411.
Die Heilige Schrift bietet, so Herberger, eine Fülle von exempla
solcher Gestalten, die, von Gott begabt, medizinisch tätig waren.
Salomo etwa war „ein hochverständiger KräutelDoctor“412, wie 1Kön

408
Valerius Herberger, JESUS OMNIUM MEDICORUM PRINCEPS ET DOMI-
NUS. SANATOR Fidelium aegrorum & aegrotorum, ipsorum quoque Medicinae
Doctorum. JESVS Der HERR mein Artzt / der fürnemeste / klügeste vnd aller-
glückseligste Doctor, welchem keiner vnter seinen Patienten ist gestorben. Beschawet
aus der letzten Zeil / Exod. 15. Jch bin der HERR dein Artzt. I. Zu Ehren / sei-
ner grossen Trew / II. Zu gefallen / allen Doctoribus Medicinae, III. Zum Gedechtnis
aber / des tewren H. DOCTORIS FLAMINII GASTONIS, Fürstlicher Gnaden
von Lignitz vnd Brieg / so wol auch der löblichen Stadt Guraw trewen MEDICI.
Welcher seliglich entschlaffen Anno 1618. den 5. Februarii, vnd den 21. hernach
in grosser Versamlung begraben worden, Leipzig 1618 (UB Rostock Fl-3384 [7]).
409
Ebd., S. 10.
410
Ebd., S. 12f.
411
Vgl. Krafft, Christus (wie Anm. 136), S. 170 und Schadewaldt, Apologie (wie
Anm. 25), S. 115.
412
Herberger, Jesus (wie Anm. 408), S. 22.
124 teil ii – lutherische orthodoxie

4,33 zu entnehmen ist. Der Prophet Jesaja war nicht nur damit
befaßt, Gottes Wort auszurichten, sondern war „zugleich ein Wund-
artzt“, der den König Hiskia mit einem Feigenpflaster behandeln
ließ ( Jes 38,21)413. Der Evangelist Lukas betätigte sich als Leibes-
und Seelenarzt gleichermaßen und bediente sich seines Evangeliums
als „Kräuter=Buch“414. Die enge wissenschaftstheoretisch begründete
Verquickung von Theologie und Medizin erfährt hiermit eine bibli-
sche Legitimation. Ähnlich wie Herberger betont auch Jacob Honold
(1599–1664), daß zu biblischer Zeit „vnter dem Volck Gottes Medicina
vnd Theologia, conjunctae artes gewesen seyen, vnd daß die Priester
/ Leviten / Propheten auch Aertzt gewesen seyen“415. Doch nicht
nur die biblische, sondern auch die heidnische Antike bietet eine rei-
che Ahnengalerie prominenter Ärzte. Von ihnen nennt Herberger
Aeskulap, Hippokrates, Galenus und Avicenna416.
Aufschlußreich in medizinhistorischer Hinsicht ist der Umstand,
daß sich — wie Herberger berichtet — der verstorbene Gasto nicht
nur mit der galenischen Schulmedizin, sondern auch mit der alche-
mischen Methode des Paracelsus befaßt hat417. Gasto war ein „zu-
gleich in Galenischer vnnd Paracelsischer Medicin erfahrner Mann“418.
Dies wird bestätigt, wenn man in die von Matthäus Vechner
(1587–1630) auf Gasto gehaltene Leichabdankung blickt, die dem
Druck der Herbergerschen Leichenpredigt beigegeben ist. Vechner
sagt, Gasto sei Galenus und Hippokrates gefolgt, jedoch „liberali-
ter“419. Was die Arzneikunde betrifft, so habe Gasto auch die „Her-
meticorum Magisteria vnd arcana, Essentias vnd Tincturas“420 nicht
ungenutzt gelassen.

413
Ebd., S. 24.
414
Ebd., S. 25.
415
Honold, a.a.O. (wie Anm. 259), II, S. 302.
416
Vgl. Herberger, Jesus (wie Anm. 408), S. 26.
417
Vgl. ebd., S. 26f: „ Jch wil hier geschweigen des berühmeten AEsculapii, des
tieffsinnigen Hippocratis, des fürtrefflichen Galeni vnd Avicennae, vnd des weltkün-
digen Theophrasti Paracelsi. Die Gelehrten wissen das sehr lange Register alter vnd
newer Medicorum, aus dem Theatro Humanae vitae zu Basel gedruckt / etc. Was
vnser jetzo selige Herr Flaminius Gasto für ein trefflicher vnd zugleich in Galenischer
vnnd Paracelsischer Medicin erfahrner Mann gewesen / wird in den nechsten pahr
Tagen in diesen vnd benachbarten Orten nicht leicht vergessen werden“.
418
Ebd.
419
Ebd., S. 148.
420
Ebd., S. 149f.
valerius herberger 125

Die hermetisch-paracelsische Naturphilosophie sowie die aus ihr


resultierende Arzneikunst421, die nicht zuletzt in Schlesien eine recht
breite Anhängerschaft gefunden hatte, verstand sich als Alternativent-
wurf zur herrschenden galenischen Schulmedizin. Die Traditionslinie
des Neuplatonismus neu aufgreifend, wandten sich Hermetismus und
Paracelsismus zuweilen in höchst schroffer Weise gegen die aristote-
lische Schulphilosophie, die Methode und Inhalt des zeitgenössischen
akademischen Lehrbetriebes weitgehend prägte. Unter Rekurs auf
spiritualistisches Gedankengut, das nicht zuletzt durch den sog. lin-
ken Flügel der Reformation geprägt war, verwarf die hermetisch-
paracelsische Bewegung in ihrer Kritik den Aristotelismus und hielt
ihm vor, in der Sphäre des Äußerlichen, Leiblichen steckenzublei-
ben, ohne die tieferen Gründe des Geistigen, Magischen, Himmlischen
durchdringen zu können. Hierzu nämlich sei eine innere Geistbega-
bung notwendig, die dem geistlosen Aristotelismus jedoch abgehe.
Bekanntermaßen ist diese Sicht der Dinge eine der tragenden Säulen
der Theologie Johann Arndts422, der während seines Studiums in
Basel mit der paracelsischen Medizin in Berührung gekommen und
von ihr entscheidend geprägt worden war423. Liest man die überaus
kämpferische Abrechnung mit der herrschenden Schulmedizin aus
der Feder von Oswaldus Crollius (ca. 1560–1609), so zeigt sich, daß
sie im Grunde nichts anderes ist als eine Parallele zur spiritualistisch-
theologischen Aristotelismus-Kritik auf dem Gebiet der Medizin.
Crollius z.B. wendet sich gegen die Schulmedizin, die seiner Ansicht
nach lediglich „alle Dinge nach dem eusserlichen Ansehen vrtheylet
/ vnd sich allein vmb die eusserliche bittere Rinden bemühet“
und darum nur die „eusserliche Zierde der Kräuter“ zu beschreiben
fähig sei424. (Ähnlich kritisiert Arndt, u.U. auf Andreas Karlstadt [ca.

421
Vgl. hierzu grundlegend folgende Edition: Corpus Paracelsisticum. Dokumente
frühneuzeitlicher Naturphilosophie in Deutschland. Der Frühparacelsismus, bislang
2 Teile, hg. und erläutert von Wilhelm Kühlmann und Joachim Telle (= Frühe
Neuzeit 59 und 89), Tübingen 2001/2004.
422
Vgl. Hermann Geyer, Verborgene Weisheit. Johann Arndts ‚Vier Bücher vom
Wahren Christentum‘ als Programm einer spiritualistisch-hermetischen Theologie,
3 Bde. (= AKG 80/I–III), Berlin u.a. 2001, Bd. 1, S. 79ff u.ö.
423
Vgl. hierzu Hans Schneider, Johann Arndts Studienzeit, in: JGNKG 89 (1991)
(= FS Hans-Walter Krumwiede), S. 133–175 sowie ders., Johann Arndt als Paracelsist
(wie Anm. 191).
424
Oswaldus Crollius, De signaturis internis rerum. Die lateinische Editio prin-
ceps (1609) und die deutsche Erstübersetzung (1623), hg. und eingeleitet von Wilhelm
Kühlmann und Joachim Telle (= Heidelberger Studien zur Naturkunde der frühen
Neuzeit 5), Stuttgart 1996, S. 167.
126 teil ii – lutherische orthodoxie

1480–1541] zurückgreifend425, an der akademischen Theologie seiner


Zeit, daß viele von ihren Vertretern „in cortice“ hängen blieben426.)
Dies aber habe zur Folge, daß die den Kräutern innewohnende
wahrhafte Heilkraft und mithin die ihnen eignende göttliche Signa-
tur weder erkannt noch genutzt würden. „Der Jnnwohner aber / als
das vestigium oder Wahrzeichen deß vnsichtbahren Gottes in seinen
Creaturn / den Schatten / Ebenbild deß Schöpffers den Creaturen
eingeprest / oder die jnnerliche Gewalt vnd geheyme Krafft zuwür-
cken / gleich als ein Gab der Natur den Gewächsen oder deren
Seelen von GOtt dem Allerhöchsten eingegossen / deren ein jeder
rechtschaffener Medicus erstlich durch die Signaturn oder Zeichen
vnd die angeborne verwandschafft der Kräuter vnd Menschlichen
Glieder fleissig nachforschen sollen / vnd nachmals durch das Feuwer
oder Messer der Anatomy gleichsamb herauß graben / wirdt von
jhnen mit grosser vnd verdamlicher Vnachtsambkeit vbergangen vnd
gantz nicht geachtet“427.
Crollius dagegen entwirft ausgehend von der paracelsistischen
Makro-Mikrokosmos-Spekulation eine Hermeneutik der magischen
Dechiffrierung der innerlich-göttlichen Wirkkraft der Kräuter, indem
er Analogien zwischen der Gestalt einzelner herbae und dem Aussehen
menschlicher Glieder aufzeigt und hieraus weitreichende Schlüsse
bezüglich der Medikation zieht. Der Kern der Walnuß etwa ähnele
seinem Aussehen nach dem menschlichen Gehirn, die Haut der Nuß
der Hirnhaut, während die Nußschale die Hirnschale abbilde. Aus
dieser äußerlich-morphologischen Korrespondenz leitet Crollius ein
solches der inneren Wirkmöglichkeit ab: Aus der Walnuß könnten
Medikamente zur Stärkung des Gehirns gewonnen werden428. Zugleich
aber — so Crollius im Anschluß an Paracelsus — steht die sublu-
nare Welt in einem Korrespondenzverhältnis mit der himmlischen
Sphäre insofern, als die Gestirne die Heilkräuter abbilden429. Mit

425
Vgl. Geyer, a.a.O. (wie Anm. 422), Bd. 1, S. 120f.
426
Vgl. Johann Arndt an Johann Gerhard, 15.3.1603, in: Erdmann Rudolf Fischer,
VITA IOANNIS GERHARDI [. . .], Leipzig 1723 (HAB Wolfenbüttel Db 1525),
S. 23: „Quidam adeo sunt populares, vt nihil rerum habeant: quidam tantum in
cortice haerent: plurimi, quod pace aliorum dixerim, non ex spiritu, sed ex carne
scribunt“.
427
Crollius, a.a.O. (wie Anm. 424), S. 167f.
428
Vgl. ebd., S. 188.
429
Vgl. ebd., S. 176.
valerius herberger 127

Hilfe der „Magia“, einer Kunst, die dem Menschen durch das lumen
naturale eingestrahlt ist, ist es nach Crollius möglich, aufzudecken,
wie sich Gott den natürlichen Dingen eingeprägt hat und wo in
ihnen die vestigia Gottes und somit auch die übernatürlichen Heilkräfte
zu entdecken sind.
Vergleicht man nun die paracelsische mit der geistlichen Kräuter-
kunde lutherischer Provenienz, so wird deutlich, daß es beiden um
die Dechiffrierung der innerlichen, zunächst unsichtbaren efficacia
der Kräuter zu tun ist. Crollius spürt unter Anwendung der Magia,
also der geistlich-wahren Naturkunde, die ‚Impression‘ Gottes in den
kreatürlichen Dingen und deren überirdische Signatur auf. Conrad
Rosbach — und nicht nur er — dagegen arbeitet auf dem Wege
der Naturallegorese die biblische Signatur der Heilkräuter heraus. Nach
Crollius ist die Magia eine Kunst, die dem (entsprechend geübten)
menschlichen Verstand im Sinne einer natürlichen Offenbarung
zugänglich ist. Der geistliche Herbarismus des Luthertums dagegen
ist der Überzeugung, daß unabdingbare Voraussetzung für die Ent-
zifferung des sensus spiritualis äußerlicher Dinge der Glaube ist,
der es ermöglicht, der Wirklichkeit — ausgehend von der Heiligen
Schrift — eine tiefere Bedeutung abzugewinnen. Gleichwohl besteht
trotz dieser gravierenden Unterschiede eine Strukturanalogie zwi-
schen dem paracelsischen und dem lutherischen Ansatz, so daß es
nicht verwunderlich ist, daß nicht wenige lutherische Theologen noch
zu Beginn des 17. Jahrhunderts beim Paracelsismus Anleihen mach-
ten. So erwartet etwa Matthias Hoë von Hoënegg von einem rech-
ten Arzt, daß er „einen guten Botanicum“, „einen guten Pathologicum“,
„einen guten Therapevticum“, „einen guten Physiologicum, einen
guten Anatomicum“430 abgibt. Und Hoë von Hoënegg fügt hinzu:
„Der da giebet einen guten Chymicum, vnd der die Kunst begrieffen
/ daß Er aus den manchfältigen Creaturen GOttes / die qvintam
essentiam, die beste Krafft vnd Safft weis auszubringen / darmit den
Krancken desto bälder / desto gewisser / desto bestendiger / vnd
desto kräfftiger geholffen werden möge“431.
Gerade in diesem Zusammenhang dürfte Flaminius Gastos sowohl
an der galenischen als auch an der paracelsischen Medizin orien-
tierte Interessenlage von einiger Bedeutsamkeit sein. Hieran wird

430
Hoë von Hoënegg, a.a.O. (wie Anm. 296), fol. A 4v.
431
Ebd., fol. B 1r.
128 teil ii – lutherische orthodoxie

sichtbar, daß sich die schroffe Kontraposition von althergebracht-


galenischer und fortschrittlich-hermetischer Medizin in praxi nicht in
der Weise fortsetzte, wie man dies aufgrund der vor allem im aka-
demischen Kontext und in der Fachliteratur geführten Debatten
erwarten könnte. Vielmehr war es anscheinend üblich, im Rahmen
der ärztlichen Praxis die paracelsische Medizin zu nutzen und aus-
zuprobieren, auch wenn man grundsätzlich im Geiste der herrschen-
den Schulmedizin ausgebildet war.
Zunächst interpretiert Herberger Ex 15,26 christologisch, indem
er diesen Text mit Mt 9,12, Lk 10,33ff und den Heilungsgeschichten
der Evangelien synoptisch liest. Sodann stellt Herberger in einer lan-
gen Kette von Vergleichen die von Menschen betriebene medizini-
sche Kunst derjenigen gegenüber, die der erste und oberste Arzt
Christus betreibt. Grundlegend hierbei ist wiederum der Gedanke
der Überbietung: Die von Christus betriebene Heilkunst übertrifft
die menschliche Kompetenz bei weitem432. Gleichwohl wird hierbei
umgekehrt das Tätigkeitsfeld von Ärzten als Gleichnisraum erschlos-
sen, in dem sichtbar wird, wie der erste Arzt praktiziert. Als ein
Beispiel sei angeführt, wie Herberger das hippokratische Gebot ärzt-
licher Verschwiegenheit geistlich interpretiert: „Einen verschwiege-
nen Mund haben / eine Klincke fürm Maul haben / das ist bey
einem Artzt hochnöhtig / damit der Patient jhm frewdig alles heim-
liche Leiden möge offenbahren. Fürwar vber den HERRN JEsum
darff niemand klagen / daß er vnsere Heimligkeit jemals verrahten
/ oder bey vns aus der Schule geschwatzet habe / er helt sich nach
dem Juramento Silentii Hippocratis“433. Die Verschwiegenheit des
ersten Seelsorgers, des Sohnes Gottes, läßt sich abbilden an der ärzt-
lichen Schweigepflicht.

432
Ähnlich auch Schmuck, a.a.O. (wie Anm. 100), S. 172: „Gleich wie er aber
der Seelen hilfft / also ist er auch in Leibesgebresten der öberste Artzt / vnd ohne
jhn vermag kein Leibes Medicus etwas außzurichten. Das bezeuget er hie / da er
auch in leiblichen Plagen vnd Kranckheiten sein Volck an jhm hangend haben wil
/ daß er heil vnd hülff von seiner Hand gewarte. Darumb sol er ersucht werden
auch in Leibeskranckheiten / vnd alßdenn der Medicus gebraucht / Wenn dessen
Fleiß vnd des HERRN Segen zusammen kommen / da ist die Cur glückselig /
Feilet es aber am Segen Gottes / so ist all Arbeit vnd Mühe des Medici vmbsonst
/ vnd wird nichts außgerichtet. Denn auch hieher gehöret was Petrus sagt / Es ist
in keinem andern Heil etc. Act. 4. Ipsi gloria, &c.“
433
Herberger, Jesus (wie Anm. 408), S. 45f.
valerius herberger 129

Der Umstand, daß sich die medicina corporalis der Heilmittel zu


bedienen hat, verweist auf Höheres, denn auch der Sohn Gottes
praktiziert mit Hilfe eines Mediums, nämlich seines Wortes. Ein
Unterschied aber liegt darin, daß menschliche Ärzte auf unterschied-
liche materielle Medien angewiesen sind, Christus indes mit einem
einzigen Medium auskommt434. Eine wesentliche Differenz zwischen
leiblicher und geistlicher Heilkunst besteht aber auch darin, daß die
erstere auf Schritt und Tritt die Erfahrung der Erfolglosigkeit machen
muß, da gegen den Tod kein Kraut gewachsen ist, dem Arzt Christus
jedoch noch nie auch nur ein Patient unter den Händen weggestor-
ben ist, weil der Heiland den Tod in sein Gegenteil verkehrt und
ihn in einen Schlaf verwandelt hat. „Vnd das ist der einige Artzt
vnter allen / welchem kein Patient / so lange die Welt gestanden
/ ist gestorben. Denn / sonst gehets nach dem Wort: Non est in
medico, semper relevetur ut aeger. Aber bey des HERRen Jesu Cura
bleiben wir alle leben / kömpt gleich der Todt / so wird er vns
doch in einen süssen Schlaff verwandelt / nach des HErren JEsu
Zeugniß / Matthaei 9. Das Mägdlein ist nicht todt / sondern es
schläfft“435. Daß Christi Heilkunst aller anderen weit überlegen ist,
wird nach Herberger zusätzlich darin sinnenfällig, daß der Sohn
Gottes nicht an der Sorbonne zu Paris, sondern „im himlischen
Paradiß“ als der „allerhöchsten Schule“ promoviert und auf dem
Berg der Verklärung von Gott selbst zum Doktor „proclamiret“436
worden ist.

434
Vgl. ebd., S. 48f: „Andere Doctores müssen jhre Artzneyen aus Kräutern oder
andern materialien zurichten. Vnserm himlischen Doctori Jesu / ists nur vmb ein
Wort zu thun / so ist dem Patienten geholffen. Darumb sagte der Häuptmann zu
Capernaum / Matth. 8. HERR / ich bin nicht werth / dz du vnter mein Dach
gehest / sondern sprich nur ein Wort / so wird mein Knecht gesund / etc. Sein
Wort läufft schnell / Psal. 147. Als der HERR Jesus zu dem Königischen sagete
/ Joh. 4. Gehe hin / dein Sohn lebet / das hatte alsbald dasselbe Augenblick seine
WunderKrafft vber fünff Meilweges“.
435
Ebd., S. 50f. Die Einsicht, daß gegen den Tod kein Kraut gewachsen ist, das
sich die irdische Medizin zunutze machen könnte, bestimmt auch das Trauergedicht,
das Simon Dach aus Anlaß des Ablebens des Apothekers Caspar Pantzer 1656 ver-
faßt hat: „NEin, nein, ist unsre Zeit gekommen, | So werden wir nur hingenom-
men, | Hie hilfft kein Artzeney, | Vnd keine Kunst die je zu lernen, | Kein Bezoar,
kein Tranck von Perlen, | Wie kräfftig er auch sey.“ Simon Dach, Gedichte, hg.
von Walther Ziesemer. 4 Bde., (= Schriften der Königsberger Gelehrten Gesellschaft
4–7), Halle/S. 1936–1938, hier Bd. 4: Geistliche Lieder. Trostgedichte, 2. Teil,
S. 336.
436
Herberger, Jesus (wie Anm. 408), S. 57.
130 teil ii – lutherische orthodoxie

Gemeinhin — so Herberger — werden diejenigen Ärzte am mei-


sten geschätzt, aufgesucht und um Hilfe gebeten, die eine große
Anzahl von Patienten haben437. Christus allerdings gebührt die höch-
ste Ehre, weil er „Salvator & Sanator omnium hominum“438 ist,
zudem als ‚Arzt der Ärzte‘ praktiziert und schon im Paradies damit
angefangen hat, sein „Receptbuch zu schreiben“, nämlich das Prot-
evangelium (Gen 3,15)439.
Die unvergleichliche efficacia der von Christus betriebenen medi-
cina spiritualis liegt darin begründet, daß er nicht lediglich unter
Anwendung von Drittem heilt, sondern sich selbst als remedium ver-
ordnet, indem er sein Blut vergießt. Nur hier wird der Arzt selbst
zum Arzneimittel, und Christi Blut ist die beste, wirkungsvollste
Arznei, weil deren Spender wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich
ist. In diese Richtung weist auch das, was Johann Gerhard sagt:
„Deus moritur, Deus patitur, Deus sanguinem fundit. Ex precij mag-
nitudine periculi aestima quantitatem: ex remedij precio, morbi aestima
periculum. Magna omninò vulnera, quae non nisi vulneribus vivificae
& vivificantis carnis potuerunt sanari: magnus certè morbus, qui non
nisi morte Medici curari potuit“440.
Eine der wichtigsten Methoden, dieses medicamentum vitae aeter-
nae zu erlangen, ist nach Herberger die Betrachtung des Leidens
Christi. Innerhalb der Meditation der Passion Christi sucht der
Sündenkranke die geistliche Apotheke auf und appliziert sich das
Blut Christi, das allein von der schwersten Krankheit befreien kann
( Jes 53,5). „WAs brauchet denn der HErr vnser Artzt für köstliche
Artzneyen? Darauff giebet S. Johannes Antwort / 1. Cap. 1. [scil.
1Joh 1,7] Das Blut JEsu Christi des Sohns Gottes / macht vns rein
von allen vnsern Sünden. Wiltu seine wolbestelte Apotheken visiti-
ren, so beschawe jhn / wie er am Creutz mit Händen vnnd Füssen
ist außgespannet. Sein allerheiligster Leib ist voll thewrer Apotheker=
Büchsen vnd Kräuselin / da sind lauter Striemen / Beulen vnd
Wunden / daraus rinnet / sickert vnnd fleusset eitel edler Balsam

437
Vgl. ebd., S. 64.
438
Ebd., S. 65.
439
Ebd., S. 66f. Zur Gestalt des Sohnes Gottes als Arzt, der Adam und Eva
geistliche Arznei verschreibt, in einer bildlichen Darstellung (zwischen 1519 und
1528) vgl. Krafft, Christus ruft in die Himmelsapotheke (wie Anm. 4), S. 23,
Abb. 1.
440
Gerhard, Meditationes (wie Anm. 40), S. 35.
valerius herberger 131

für vnsere beschädigte Seelen / seine allerheiligste Blutströpfflin sind


die preciosae medicinae, die hochwichtigen Artzneyen / die vns zu
ewiger Gesundheit helffen. Davon hat die verdackte Rede in Mose
gezeuget: Genes. 9. In sangvine vita, Das Leben ist im Blut (vgl.
Gen 9,4–6)“441. Um die metaphorische Redeweise, die durch die
Bezeichnung der Passionsmeditation als geistlichem Apothekenbesuch
entsteht, noch zu verstärken, greift Herberger auf die antik-christ-
liche allegorische Abbildung Christi als Pelikan zurück, dem der
‚Physiologus‘ nachsagt, er könne seine toten Jungen mit seinem Blut
zum Leben erwecken442.
Auch in Herbergers theologia medicinalis stehen die Sakramente
und die Predigt als media salutis im Zentrum. So beginnt die geist-
liche „Cura“ mit der „heiligen Tauffe“443, in der der Sünder nicht
mit „schlecht Wasser“444, wie Herberger im Anschluß an Luthers
Kleinen Katechismus445 formuliert, sondern mit dem Blut Christi
gewaschen und im „Bad der Widergeburt“446 (Tit 3,5) der Sündenver-
gebung teilhaftig wird. Die geistliche Therapie setzt sich sodann
jedoch fort im Rahmen der Predigt, die allen voran Zusage der
remissio peccatorum zu sein hat. „Drumb nennet S. Petrus die Predigt
eine Besprengung des Bluts Jesu Christi [scil. 1Petr 1,2]“447. Auch
im Abendmahl wird der Christus praesens greifbar und vergegen-
wärtigt sich als Arzt, indem er in, mit und unter den Elementen
Brot und Wein seinen Leib und sein Blut gibt. Wer am Abendmahl
teilnimmt, so Herberger, begibt sich in die Therapie des himmli-
schen Samariters. „Endlich im hochwürdigen Abendmal / da tren-
cket vns der HErr Jesus mit seinen thewren Blutströpfflin / da flösset
der himlische Samariter sein heilsames Balsamöle in die Wunden
vnsers Gewissens / so werden wir geheilet“448. Vergleichbar hiermit
sieht auch Gerhard im Sakrament des Altars die heiligste Medizin,
weil mit ihr das lebendigmachende Fleisch Christi ( Joh 6,54) verab-
reicht wird: „haec sanctissima medicina sanat omnia peccatorum
vulnera: haec vivifica caro omne mortale peccatum superat: hoc

441
Herberger, Jesus (wie Anm. 408), S. 71–73.
442
Vgl. ebd., S. 73. Zum Physiologus-Beleg vgl. o. Anm. 246.
443
Herberger, Jesus (wie Anm. 408), S. 78.
444
Ebd.
445
Vgl. BSLK, S. 515,25.
446
Herberger, Jesus (wie Anm. 408), S. 78.
447
Ebd., S. 79f.
448
Ebd., S. 84f.
132 teil ii – lutherische orthodoxie

sanctissimum promissionum divinarum sigillum est, quod coram judi-


cio divino ostendere possumus“449. Gerade die Überlegenheit der
geistlichen Medizin ist auch bei Herberger Motivation für das Plädoyer,
diese und die medicina corporalis miteinander zu betreiben und auf-
einander zu beziehen. Wer Heilung begehrt, muß sich darum zuerst
in die geistliche Therapie begeben, da die leibliche sonst nicht fruch-
ten kann, „ob du schon die gantze Apotheke außfressest“450. Nicht
nur die applicatio des Blutes Christi als des wichtigsten, weil wir-
kungsvollsten Arzneimittels, also nicht nur die Verkündigung des
Evangeliums ist das Ziel der Herbergerschen Predigtweise. Vielmehr
hat es der geistliche Therapieprozeß — und hiermit folgt Herber-
ger Luther — mit mehreren Phasen zu tun, zu denen auch die
Gesetzespredigt gehört, die Herberger „Creutzbittere Purgierträncke“451
nennt.
Zwar kommt der geistlichen Medizin nach Herberger die abso-
lute Priorität zu. Da Gott jedoch auch Ursprung der leiblichen
Medizin ist, gilt (mit Sir 38,12): „Darnach laß den Arzt zu dir /
denn der HErr hat jhn geschaffen / vnnd laß jhn nicht von dir /
weil du sein doch bedarffest“452. Dies führt dazu, daß Herberger den
geistlichen Heilprozeß sehr ausführlich an der Heil-Methodik der
medicina corporalis abbildet. So kann die Heilung nur gelingen,
wenn der Patient den diätetischen Anweisungen folgt, d.h. in geist-
licher Hinsicht: sich der Heiligung befleißigt453. Am Ende der Therapie
indes soll man nicht vergessen, den „Doctorgroschen“454 zu zahlen,
d.h. ein Dankgebet zu sprechen, z.B. Ps 103, in dem der Beter Gott
als denjenigen preist, der alle Gebrechen heilt (Ps 103,3).
Ähnlich wie die zuvor thematisierten Leichenprediger lobt auch
Herberger den verstorbenen Arzt Gasto, da dieser die Grenzen der
leiblichen Arzneikunst gekannt und sich während der Bereitung zum
Sterben in die Kur des Arztes Christus begeben hat455. Daß Gasto
sich neben der Arzneikunst stets auch die Sterbekunst hat angelegen
sein lassen, wird u.a. darin sichtbar, daß er sein Haus mit dem
Spruch „HODIE MORIERIS“456 zieren ließ. Bereit zu sein, schon

449
Gerhard, Meditationes (wie Anm. 40), S. 115.
450
Herberger, Jesus (wie Anm. 408), S. 95.
451
Ebd., S. 101.
452
Ebd., S. 103.
453
Vgl. ebd., S. 105.
454
Ebd., S. 106.
455
Vgl. ebd., S. 108.
456
Ebd., S. 114.
valerius herberger 133

heute zu sterben und nicht erst morgen, ist der Inbegriff der wah-
ren ars moriendi. Gastos Hausinschrift ist darum als Radikalisierung
des Spruches anzusehen, der sich häufig auf frühneuzeitlichen Grab-
steinen sowie anderswo findet und dort dem Verstorbenen in den
Mund gelegt wird: ‚hodie mihi, cras tibi‘.
Nicht nur die empirische Wirklichkeit der Arzneikunst erhebt
Herberger im Rahmen seiner metaphorischen Hermeneutik zum
Raum der Erfahrung geistlicher Inhalte. Ähnliches gilt vielmehr auch
von seiner Methodik der geistlichen Interpretation von Personennamen.
Innerhalb einer inventio a nomine nennt Herberger Flaminius Gasto
ein „templum divini Flaminis“ und „Divini Flaminis Flaminica domus,
des heiligen Geistes werther Gasthoff “457. Sein Familienname, so
berichtet Herberger, gab Gasto vielfältigen Anlaß, sich dessen zu
erinnern, daß er in seiner irdischen Existenz tatsächlich nur Gast,
„Weltgast“458 ist, sich auf der Wanderschaft (peregrinatio) befindet
und seine wahre Heimat allein im Himmel hat (vgl. Hebr 13,14).
Der Name Gasto avanciert hier zur Motivation, den Sachzusammen-
hang der Lehre von der ecclesia militans zu meditieren. „Darnach
hat er auch solche Todesgedancken geschöpfft aus seinem eignen
Zunamen Gast. Dabey hat er bedacht / daß er ein Gast auff Erden
sey / Ps. 119. v. 19. vnd daß seines bleibens hier nicht sey / Ebr.
11. v. 13. Levit. 25. v. 23.“459 Ergreifend ist die Art und Weise, wie
Herberger davon erzählt, daß er seinen Freund Gasto durch eine
ähnliche inventio a nomine einst dazu überredet hat, nicht mehr am
selben Tag die Heimreise anzutreten, sondern als Gast beim Herberger
zur Herberge zu sein. „Er wolte einmal zur Frawstadt vber Nacht
nicht bleiben / weil ich nun in der Kirchen zu thun hatte / gieng
ich zu jhm / vnd bat / er wolte mich doch zuvor lassen fertig wer-
den / vnd sprach: Herr Doctor / wo der Gast nicht mehr wil bey
dem Herberger bleiben / so wirdts in der Welt nit gut werden /
oder der jüngste Tag muß bald kommen. Da wandte er sich zu sei-
ner lieben Frawen Barbara / vnd sprach: Liebes Hertz / fürwar /
diese invention zu ehren / muß ich lassen außspannen. Wir haben
vns ja viel Frewdenstunden darüber gemacht / daß ich ein gebor-
ner Herberger / vnd er ein geborner Gast war“460.

457
Ebd., S. 112.
458
Ebd., S. 120.
459
Ebd., S. 117f.
460
Ebd., S. 119f.
134 teil ii – lutherische orthodoxie

Der verstorbene Arzt mit Namen Gasto, der auf Erden nur Gast
gewesen ist, ist durch den Tod, wie Herberger nun seine geistliche
Interpretation des Wortfeldes um Gast und Herberge(r) weiter fort-
spinnt, zum „selige[n] Himmelsgast“461 dessen geworden, der in Mt
25,36 in der Rolle des Weltenrichters das Beherbergen von Fremden
als eines der sieben Werke der Barmherzigkeit nennt und auf Erden
selbst ein Gast gewesen ist: „Mein lieber Gast / der geborne Weltgast
/ ist nun ein seliger Himmelsgast worden. Der HErr mein Artzt
Jesus / der auch ein Gast gewesen / Matth. 25. v. 36. helffe mir
seliglich hernach / damit Gast vnd Herberger wieder mit frewden
zusammen kommen. Am Jüngsten Tage / wird mein HERR Jesus
/ der auch weiland ein Gast gewesen / kommen / alle Gäste zu
besehen / wie das Evangelium saget Matth. 22. da wird er spre-
chen / wie Job cap. 31. v. 32. Draussen muß mir der Gast nicht
bleiben. Vnd weiter: Gehe ein zu deines HERRN Frewde Matth.
25. Gehe ein in den grossen geraumen Gasthoff des ewigen Lebens
/ da wird dieser Himmelsgast nicht mehr ein schlechter Gast seyn
/ sondern ein Bürger mit den Heiligen Ephes. 2. v. 19.“462
In eine ähnliche Richtung weist Herbergers Predigt auf die Frau
eines Apothekers463, die in den ‚Trauerbinden‘ abgedruckt ist. Auch
hier bringt Herberger seine Programmatik der geistlich-biblischen
Dechiffrierung der alltäglichen Berufsarbeit zur Anwendung und
zeichnet das Tätigkeitsfeld des Apothekers in die geistliche Phäno-
menologie des Alltags ein. Den Leichenzug vom Haus der Verstorbenen
zur Kirche interpretiert Herberger als einen Weg von einer Apotheke
zur anderen: „MEine geliebten Freunde / wir sind jetzt gegangen
von einer Apotheken zu der andern. Aus vnsers Herrn Apothekers
hauß haben wir eine Leiche fortgetragen in des HErrn Jesu Christi

461
Ebd., S. 120.
462
Ebd., S. 120–122.
463
Valerius Herberger, APOTHECA MORIENTIUM, UEL PANACEA AGO-
NISANTIUM. Der Sterbenden Christen Apotheken / Oder Ein Kräutlein aus des
HErrn JEsu Garten / welches wider den schwartzen Sontag des Todes kan arten.
Gepflückt aus einem Sprüchlin JESV Iohan. 8. Warlich warlich etc. vnd gepredi-
get Anno 1601. am schwartzen Sontag / IUDICA. Bey dem schönen Begräbnis
der tugentsamen Frawen Evae / des weisen Herrn Christophori Nesselhauffens /
Rathsfreundes vnd Apothekers ersten Haußwirtin, in: Ders., Der Ander Theil Der
Geistlichen Trawrbinden [. . .] Gewircket von lauter safftigen / schmackhafftigen /
nützlichen vnd tröstlichen Leichpredigten / derer zahl bald nach der Vorrede zu
finden. Zu ehren etlichen frommen / Christlichen / jetzo in Gott ruhenden Hertzen,
Leipzig 1605 (HAB Wolfenbüttel 468 Th. [2]), S. 150–172.
valerius herberger 135

geistliches Apotheker hauß. Kein kunstreicher Apotheker ist in der


Welt als Jesus Christus / der hat Artzney wider alle Kranckheiten.
Vnsere Kirche ist sein hauß / darin hat er seine Apotheken / das
ist der Tauffstein / der Predigstuel / die Beichtstüle / vnd das Hohe
Altar“464. Da zur geistlichen Apotheke auch die Kanzel gehört, definiert
Herberger sein Predigtamt als dasjenige eines geistlichen Apothekers,
der im Dienste des Apothekers Christus steht. „Jn jener Apotheken
stunden viel Büchsen / Kräuselin vnd Schachteln mit allerley nütz-
lichen simplicibus vnnd compositis gefüllet: Allhier gefallen viel nütz-
licher / heilsamer / tröstlicher Predigten mit viel warnung / lehr
vnd trost gefüllet“465. In dieser Perspektive rücken die Kollegialität
des Predigers Herberger und der Verstorbenen in den Blick. Die
Arzneien der leiblichen Apotheke dienen dem Leib und sind darum
nicht zu verachten (Sir 38,4: ‚DEr HERR lesst die Ertzney aus der
Erden wachsen / vnd ein Vernünfftiger veracht sie nicht‘)466, wäh-
rend „Vnsere Kirch= vnd Cantzelartzneyen [. . .] vnseren Seelen im
Gebet / in Creutz vnd leiden / in anfechtung / im leben vnd tode
[dienen]“467. Der Unterschied zwischen den beiden Apotheken besteht
darin, daß es in der leiblichen kein Kraut gegen den Tod gibt, sehr
wohl aber in der geistlichen. „Hier aber auff der Cantzel wird das
edle blümlin aus der Wurtzel Jesse Jesus Christus gerühmet / das
dienet wider noth vnd todt [. . .] was jene Apotheken nicht kan geben
/ das finden wir allhier reichlich“468.
Herberger legt seiner Leichenpredigt auf die Apothekergattin Joh
8,51 (‚So jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht
sehen ewiglich‘) zugrunde469, also genau den Bibelvers, auf den sich
Luthers einzige explizite Apostrophierung Christi als Apotheker470
bezieht. In diesem Bibeltext, der — so Herberger — eine „Apotheca
morientium“471 ist, „weiset JESVS der himlische Apotheker selber
auff die köstliche Apothekerbüchse seines Wortes“472. Hatte Herberger
in seiner Leichenpredigt auf Gasto dazu geraten, sich durch die

464
Ebd., S. 151.
465
Ebd.
466
Vgl. ebd., S. 151f.
467
Ebd., S. 152.
468
Ebd.
469
Vgl. ebd., S. 153.
470
S. o. S. 44.
471
Herberger, Apotheca (wie Anm. 463), S. 155.
472
Ebd.
136 teil ii – lutherische orthodoxie

Passionsmeditation die geistliche Arzneikunst zu applizieren, so


anempfiehlt er nun die meditatio mortis anhand von Ps 90, mit der
die Weltliebe überwunden werden kann. „Todes gedancken sind ein
heilsames Pflaster auff die bösen Weltgrinde“473. Wenn der Tod
(„Streckebein“) kommt, „ists gut / wenn das hertz / wie eine wol-
bestelte Apotheken / mit den worten des Lebens Christi Jesu in allen
winckeln besetzet ist“474. Diesbezüglich ist die verstorbene Apothekerin
ein exemplum rechter Nutzung der geistlichen Apotheke475.
Doch nicht nur die leibliche Apotheke ist gekennzeichnet durch
einen Verweisungscharakter, sondern auch die Kirche als apotheca
spiritualis. Das Haus, in dem die Verstorbene gearbeitet hat, ver-
weist auf die Kirche, diese wiederum jedoch auf zweierlei Apotheken:
auf den Himmel, in dem die Seele die endgültige medizinische
Versorgung findet, und auf das Grab, in dem der Leib der Verstor-
benen vom Apotheker Christus bis zum Tag der resurrectio carnis
aufbewahrt wird. „Gott lob vnd danck / sie hat vberwunden / sie
ist hinauff gezogen mit jhrer Seel in die himlische Apotheken / da
lieblich wesen ist zur Rechten Gottes ewiglich. Jhre knochen wer-
den jetzt in die Apotheken des grabes gesetzet werden / da wird sie
der himlische Apotheker JESVS wol wissen zum ewigen Leben zu
verwaren“476.

473
Ebd., S. 157.
474
Ebd., S. 165.
475
Vgl. ebd., S. 170: „Sie hat aber jhr hertz / gleich wie eine geistliche Apotheken
/ mit den worten Christi durch vnd durch gefüllet / das mag eine herrliche künst-
liche Apothekerin seyn!“
476
Ebd., S. 172.
EPILOG

Die Lehre von der Ubiquität477 und leiblichen Realpräsenz Christi


im Abendmahl ist Ausgangspunkt und Grundlage der lutherischen
Naturtheologie, die Christus allenthalben weiß und darum das Buch
der Natur als Erfahrungs- und Kommunikationsraum der biblischen
Botschaft zu entschlüsseln sich zur Aufgabe macht478. Diesen Zusam-
menhang entfaltet Luther bekanntlich wohl am deutlichsten in sei-
ner großen Abendmahlsschrift aus dem Jahr 1528. Gleichwohl verfällt
Luther nicht der Gefahr des Panentheismus, wiewohl nicht wenige
Passagen bei Luther sich (gewiß absichtlich) genau diesem Verdacht479
aussetzen, um die Unerhörtheit der Präsenz Christi allenthalben zu
akzentuieren. Denn Gott geht in Christus zwar in die Schöpfung
ein, bleibt jedoch zugleich deren Gegenüber. Der Sohn Gottes ist
sowohl seiner göttlichen als auch seiner menschlichen Natur nach
allgegenwärtig, weil sich die in einer stetigen Antidosis befindlichen
beiden Naturen nicht voneinander trennen lassen. „Drumb mus er
ja ynn einer iglichen creatur ynn yhrem allerynnwendigsten, auswen-
digsten umb und umb, durch und durch, unden und oben, forn und
hinden selbs da sein, das nichts gegenwertigers noch ynnerlichers
sein kan ynn allen creaturen denn Gott selbs mit seiner gewallt“480.
Zugleich jedoch ist Christus als deren Schöpfer außerhalb der
Kreaturen. Er „kan also sein ynn vnd bey den Creaturn / das sie
yhn nicht fulen / ru(e)ren / messen noch begreiffen [. . .] Denn du
must dis wesen Christi / so er mit Gott eine person ist / gar weit
weit ausser den Creaturn setzen / so weit als Gott draussen ist /

477
Vgl. Jörg Baur, Art. Ubiquität, in: TRE 34 (2002), S. 224–241.
478
Vgl. J.A. Steiger, Fünf Zentralthemen der Theologie Luthers und seiner Erben.
Communicatio — Imago — Figura — Maria — Exempla. Mit Edition zweier chri-
stologischer Frühschriften Johann Gerhards (= SHCT 104), Leiden u.a. 2002, S.
23–74.
479
Vgl. treffend Ebeling, Luther-Einführung (wie Anm. 161), S. 303f: „Um der
Glaubhaftigkeit des Wortes und um der Worthaftigkeit des Glaubens willen müs-
sen Gott und Welt so zusammengedacht werden, daß zuweilen der Verdacht pan-
theistischer oder gar atheistischer Redeweise entstehen könnte“.
480
WA 23,135,3–6 (Daß diese Wort Christi ‚Das ist mein Leib‘ noch fest stehen
1527).
138 teil ii – lutherische orthodoxie

widderumb so tieff vnd nahe ynn alle Creatur setzen / als Gott
drynnen ist“481. Auf diese Weise durchbricht Luther den philosophi-
schen Lehrsatz, wonach Endliches Unendliches nicht fassen kann
(‚finitum non capax infiniti‘), indem er das ‚non‘ ausläßt: ‚finitum
capax infiniti‘. Bei dieser einfachen Negation indes bleibt es nicht.
Vielmehr kann die menschlichen Verstand und Sprache überstei-
gende ineffabilitas der Allgegenwart Gottes nur in der Negation der
Negation zur Sprache gebracht werden: Kreatürliche Dinge sind
nicht nur nicht zu klein, als daß Gott in ihnen sein könnte, sie sind
vielmehr „viel viel zu weit“482. Hier ist es gewiß möglich, von einem
‚Extra Lutheranum‘ zu sprechen483, jedoch nur, wenn — simul! und
mit demselben Nachdruck — von der Realpräsenz Christi, und d.h.
beider Naturen, in den Schöpfungswerken gesprochen wird. Dieses
simul läßt sich genauso wenig in die eine oder andere Richtung hin-
ein auflösen wie das Miteinander und die communicatio der beiden
Naturen in Christus oder das simul von Gerechtfertigt- und Sündersein.
Das ‚Extra Lutheranum‘ ist demzufolge nur die andere Seite des
Theologumenons der Realpräsenz, was nicht erst anhand von Luthers
großer Abendmahlsschrift, sondern schon mit Hilfe der früheren
Schrift ‚Daß diese Worte [. . .]‘ vielfältig zu belegen ist, etwa, wenn
Luther sagt: „Hat er nu die weise funden, das sein eigen göttlich
wesen kan gantz und gar ynn allen creaturn und ynn einer iglichen
besondern sein, tieffer, ynnerlicher, gegenwertiger denn die creatur
yhr selbs ist, und doch widderumb nirgent und ynn keiner mag und
kan umbfangen sein, das er wol alle ding umbfehet und drynnen ist,
Aber keines yhn umbfehet und ynn yhm ist, solt der selbige nicht
auch etwa eine weise wissen, wie sein leib an vielen orten zu gleich
gantz und gar were, vnd doch derselbigen keines were, da er ist?“484
Die Unerhörtheit der leiblichen Präsenz Christi in allen Dingen und
deren rationale Nichtbegreifbarkeit besteht darin, daß der ubique
realpräsente Christus auch und zugleich nicht ist, worin er ist, ja in
allem gegenwärtiger ist als es die Dinge sein können, in denen er
sich vergegenwärtigt. Daß man auch, wenn man — ungetrennt und
ungesondert — diesen Aspekt der praesentia Christi, die zugleich

481
StA 4,96,18f.22–97,1 (Vom Abendmahl Christi, Bekenntnis 1528). Vgl. WA
23,137,25–31.
482
StA 4,102,10. Vgl. Baur, a.a.O. (wie Anm. 477), S. 232.
483
Vgl. Baur, a.a.O. (wie Anm. 477), S. 234.
484
WA 23,137,31–138,2.
epilog 139

eine Nichtgegenwart ist, weil sie die Zeiten transzendiert, gebührend


beachtet, nicht zwangsläufig der Gefahr des Panentheismus unterlie-
gen muß, wird dadurch gewährleistet, daß nach Luther Christus zwar
allenthalben gegenwärtig ist, er sich jedoch nur dort mit Gewißheit
fassen läßt, wo er sein Wort an die kreatürlichen Elemente anbin-
det und hörbar macht, nämlich im Abendmahl485.
Ein Ausdruck dieser extensiven Fruchtbarmachung der Christologie,
näherhin der Kommunikativität und des simul von Gottheit und
Menschheit ist auch in Luthers hermeneutischer Programmatik zu
entdecken, der zufolge sich die dritte trinitarische Person, der Heilige
Geist, äußerlich-menschlich artikuliert, indem er sich des verbum
externum bedient, um innerliche Güter, allen voran den Glauben,
zu kommunizieren. Die zeitigt u.a. auch eine Hochschätzung des
Mediums ‚Bild‘486, was etwa in der geistlich-lutherischen Emblematik,
in Bibelillustrationen und in Kirchenausstattungen greifbar wird.
Das Bestreben, die sakramental-göttliche Signatur der empirischen
Wirklichkeit zu erfassen, führt aber — wie beobachtet — auch dazu,
daß die alltägliche Berufswelt auf ihre Gleichnisfähigkeit und somit
auf ihre geistlichen Dimensionen hin befragt wird. Daß dies keines-
wegs nur für die Tätigkeitsfelder von Ärzten und Apothekern gilt,
sondern z.B. auch für Buchdrucker487 und Militärs488, ist bereits gese-
hen worden. Lohnenswert wäre es allemal, eingehender zu erfor-
schen, welche geistlichen Perspektiven lutherische Theologen bezüglich
anderer Berufssparten eröffnen. Wie eng miteinander verschränkt die
Schöpfungshermeneutik und die Entzifferung der Berufswelt sind,
läßt sich schon bei Luther mit Händen greifen. Nicht nur die
Schöpfungswerke sind nach Luther ‚larvae‘489, in denen sich Gott
verbirgt, zugleich aber den Augen des Glaubens sichtbar wird, son-
dern auch die unterschiedlichen Berufstätigkeiten. „Was ist aber alle

485
Vgl. WA 19,492,19–493,8 (Sermon von dem Sakrament 1526).
486
Vgl. Steiger, Zentralthemen (wie Anm. 478), S. 118–139.
487
Vgl. J.A. Steiger, Der Mensch in der Druckerei Gottes und die imago Dei.
Zur Theologie des Dichters Simon Dach (1605–1659), in: Daphnis 27 (1998), S.
263–290.
488
Vgl. J.A. Steiger, Nachwort, in: Gerhard, Leichenpredigten (wie Anm. 167),
S. 317–334.348–363, hier: S. 329f.
489
Vgl. z.B. WA 40/I,463,9–464,2 (In epistolam S. Pauli ad Galatas Commentarius
1531): „Omnes ordinationes creatae sunt dei larvae, allegoriae, quibus rethorice pin-
git suam theologiam: sol als Christum in sich fassen“. Vgl. hierzu Herbert Olsson,
Schöpfung, Vernunft und Gesetz in Luthers Theologie (= AASU.SDCU 10), Uppsala
1971, S. 375ff.393ff.
140 teil ii – lutherische orthodoxie

unser erbeit auff dem felde, im garten, jnn der stad, im hause, im
streit, im regiern anders gegen Gott, denn ein solch kinderwerck,
dadurch Gott seine gaben zu felde, zu hause und allenthalben geben
wil? Es sind unsers herrn Gotts larven, darunter wil er verborgen
sein und alles thun“490. Wer arbeitet — gleichgültig in welchem
Stand — verleiht, so führt Luther weiter aus, Gott larvae, unter
denen er sich verbirgt. Da aber Offenbarung nach Luther nicht mit
einer platten Offenbartheit gleichzusetzen ist, sondern immer mit
Verborgenheit zu tun hat, folgt hieraus: Derjenige, der einer Berufs-
arbeit nachgeht, verhilft Gott dazu, im Alltag sichtbar zu werden.
„Man spricht: ‚Dat deus omne bonum, sed non per cornua taurum‘,
Gott bescheret alles gut, aber du must zu greiffen und den ochsen
bey den hörnern nemen, das ist, du must erbeiten und damit Gotte
ursachen und eine larven geben“491. Wohlgemerkt obwaltet hier eine
doppelte dialektisch qualifizierte Verborgenheit. Denn nicht nur Gott
offenbart sich dadurch, daß er sich im Alltag verbirgt, sondern auch
der Christenmensch betreibt seine Heiligung bzw. seine Tätigkeit im
Sinne des Gebotes der Nächstenliebe, indem er diese unter alltägli-
chen Dingen verdeckt492.
So wie die Kreaturen per analogiam fidei zu Predigern der gött-
lichen Botschaft werden und die Natur darum als biblisches Bilderbuch
gelten kann, so trifft ähnliches auch auf die Berufswelt zu: Das
Handwerkszeug in einer Werkstatt oder Schneiderei, die Ladenaus-
stattung, das Bierfaß oder was es auch sei — alle diese während der
beruflichen Arbeit in Brauch befindlichen Dinge sind — so Luther
— Prediger und fordern den Menschen auf, in Befolgung des Gebotes
der Nächstenliebe dem Nächsten zu dienen. Der hermeneutische

490
WA 31/I,436,7–11 (Der 147. Psalm, Lauda Jerusalem, ausgelegt 1532).
491
WA 31/I,436,16–19. Vgl. WA 16,263,5–7.
492
Vgl. WA 10/I,1,137,18–138,5 (Adventspostille 1522 [Epistel am 3. Advent]):
„Denn eynn Christlich weßen steht nit ynn eußerlichem wandel, es wandellt auch
den menschen nit nach dem eußerlichen stand, ßondernn nach dem ynnerlichen,
das ist, es gibt eyn ander hertz, eyn andernn mutt, willen und synn, wilcher eben
die werck thut, die eyn ander on solchen mutt und willen thutt; denn eyn Christen
weyß, das es gar am glawben ligt; drumb geht, steht, ysset, trinckt, kleydet, wirckt,
wandellt er wie ßonst eyn gemeyn man ynn seynem stand, das man nit gewar wirt
seyniß Christenthumß, wie Christus sagt Luce. 17: Das reich gottis kumpt nit mit
eußerlicher weyße unnd leßt sich nit sagen: Sihe hie odder da, ßondern das reych
gottis ist ynn ewrem ynwendigsten“. Vgl. Wingren, Luthers Lehre (wie Anm. 1), S.
57: „Wer dem Beruf folgt, dessen Heiligung wird verborgen unter anstößlich all-
täglichen Dingen, sodaß man kaum gewahr wird, daß er überhaupt ein Christ ist“.
epilog 141

Schlüssel indes, der notwendig ist, um die alltäglichen Dinge geist-


lich zu dekodieren, ist der Glaube, der Augen und Ohren für diese
ungeahnte Botschaft öffnet. Hier wird die Werkstatt zum Kirchenraum,
ja selbst die Brauerei: „Bistu ein handwercks man, so findestu die
Bibel gelegt jnn deine werckstat, jnn dein hand, jnn dein hertz, die
dich leret und furpredigt wie du dem nehesten thun solt: Sihe nur
an deinen hand zeug, deine nadel, finger hut, dein bierfas, deinen
kram, deine woge, ellen und mas, so liesestu diesen spruch [scil. Mt
7,12] darauff geschrieben, das du nirgend hin sehen kanst, da dirs
nicht unter augen stosse, und kein ding so gering ist, damit du teg-
lich umgehest, das dir solchs nicht on unterlas sage, wenn du es
horen wilt, Und mangelt ia am predigen nicht, denn du hast so
manchen prediger, so manchen handel, warhre, handzeug und ander
bereitschafft jnn deinem haus und hofe, das schreyet alzumal uber
deinen hals: Lieber, handele mit mir also gegen deinem nehesten,
wie du woltest das dein nehester gegen dir handlen solt mit seinem
gut“493.
Bestimmend ist auch hier das Theologumenon von der exinanitio
und Kondeszendenz Gottes in Christus. Aufgrund der Tatsache, daß
sich Gott mit der Inkarnation ins Fleisch, in die Kreatur und in die
Zeit hinein entäußert, wird er faßbar in jedem noch so unscheinba-
ren Ding, auch in der alltäglichen Berufsarbeit, ja selbst in Werkzeugen
und Produktionsmitteln494. Der durch den Glauben neu- und freige-
wordene Christenmensch begibt sich aus Freiheit in die Bindung, in
den Dienst am Mitmenschen und ahmt die Entäußerung Christi
nach, indem er dem Nächsten zum Christus wird. Dies ist der Grund
dafür, daß eine jegliche berufliche Tätigkeit, auch die niedrigste, etwa
wenn die Magd den Hof fegt, als gleichwertig betrachtet werden
muß495. Die Unterschiede der sozialen Stellung coram mundo fallen
coram Deo dahin. Aber gerade durch diese exinanitio des Christen-
menschen in die Berufswelt hinein wächst diesem die Erfahrung zu,

493
WA 32,495,29–496,2 (Wochenpredigten über Matth. 5–7 1532). Vgl. Wingren,
Luthers Lehre (wie Anm. 1), S. 57.
494
Vgl. ebd., S. 187, Anm. 163: „Wie Gott in Christus sich herabbeugt unter
das Kreuz, so geht Gott auch hinein in die Glanzlosigkeit des Berufes durch Glaube
und Liebe“.
495
Vgl. Holl, a.a.O. (wie Anm. 1), S. 215, der zutreffend, allerdings ohne genü-
gende Profilierung der christologischen Dimension, sagt: „Das Kleinste, an seinem
Ort getan und im Bewußtsein, einen göttlichen Auftrag zu erfüllen, steht sittlich
auf derselben Höhe, wie das, an seinen Wirkungen gemessen bedeutendste Werk“.
142 teil ii – lutherische orthodoxie

daß der Bereich des Alltäglichen durch Christus eine hermeneuti-


sche Aufwertung erfahren hat. Zwar trifft es zu, daß die Berufsarbeit
nach Luther in den Bereich der lex gehört496 und dabei zugleich
bestimmt ist von dem Fluch, der darin besteht, daß der Mensch
nach dem Fall im Schweiße seines Angesichts seinen Lebensunterhalt
zu erarbeiten hat. Gleichwohl dürfte deutlich geworden sein: Das
Evangelium bricht in diesen Bereich des Gesetzes ein, infiltriert ihn
gleichsam und artikuliert sich hier auf ungeahnte Weise. Zudem wird
so die Grenzziehung zwischen Reich Gottes auf der einen und Reich
der Welt auf der anderen Seite durchbrochen497. Die Botschaft des
Evangeliums erklingt im Reich der Welt, das vom Reich Gottes
durchdrungen und somit unterlaufen wird.
Zutreffend ist, daß die Reformation auf vielen Gebieten eine
Entsakralisierung, ja Säkularisierung gezeitigt hat. Hierher gehört die
Luthersche Unterscheidung des weltlichen und geistlichen Regiments,
also die Aufsprengung des homogen-mittelalterlichen corpus Chri-
stianum, aber auch die Entsakramentalisierung der Ehe und deren
Bezeichnung als ein ‚weltlich Ding‘ sowie die ethische Neubewertung
der alltäglichen Berufsarbeit. Gleichwohl neigt die reformations-
geschichtliche Forschung — mitunter nachhaltig bestimmt von liberal-
theologischen Überzeugungen etwa Ernst Troeltschs — dazu, diesen
Prozeß der Verweltlichung einseitig als Vorgeschichte der eigentlich
erst im Kontext der Epoche der Aufklärung sich vollendenden Säku-
larisierung zu betrachten. Hierbei wird übersehen, daß die reforma-
torische Säkularisierung die Bedingung der Möglichkeit dafür war,
sich aufgrund der zuvor gemachten Unterscheidung (nicht Trennung!)
von geistlicher und weltlicher Sphäre gerade der letzteren mit neuem
geistlichem Blick zuzuwenden. Dies betrifft nicht nur die Ehe, die
als in das Reich der Welt hineingehörende leiblich-weltliche Institution
(status oeconomicus) zugleich als gleichnishafte Abbildung der unio
mystica des Glaubenden mit Christus nach Eph 5,32 begriffen wird498.
Ähnliches gilt auch für die Differenzierung von weltlichem und geist-
lichem Regiment im Rahmen der sog. Zwei-Reiche-Lehre: Ein
Christenmensch, so Luther, bedarf, was seine eigene Person betrifft,
des weltlichen Schwertes nicht499 und führt darum keine Prozesse im

496
Vgl. Wingren, Luthers Lehre (wie Anm. 1), S. 55.
497
Vgl. ebd.
498
Vgl. Steiger, Gerhard (wie Anm. 227), S. 106–108.
499
Vgl. BoA 2,365,7ff; 368,24f (Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr
Gehorsam schuldig sei 1523).
epilog 143

eigenen Interesse500. Gleichwohl sollen und müssen sich Christen im


Reich der Welt engagieren, um der Sünde zu wehren, sei es, daß
sie Richter werden oder anderweitig staatliche Ämter übernehmen501.
Die entscheidende Motivation hierfür ist das Gebot der Nächstenliebe,
aufgrund dessen ein Christenmensch z.B. auch gehalten ist, trotz des
Verbotes zu schwören (Mt 5,34), als Zeuge vor Gericht aufzutreten
und seine Aussage zu beeidigen, wenn es dem Nächsten dient502.
Kurz: Die Entsakralisierung der weltlichen Lebensbezüge ist die Vor-
aussetzung dafür, daß das Reich der Welt als Feld der Konkretion
der christlichen Nächstenliebe eine geistliche Dimension erhält. Daher
verbietet es sich, diese weltliche Ethik als ein bloßes Säkularisat
einer wie auch immer gearteten ursprünglich christlichen Idealität
zu verbuchen.
Ähnliches gilt auch und gerade für die alltägliche Berufstätigkeit.
Die Säkularisierung des Begriffs ‚vocatio‘ ist zunächst die Voraussetzung
dafür, die weltliche Berufsarbeit als Dienst am Nächsten und somit
zugleich als Gottesdienst zu begreifen503. Dies setzt sich sodann fort
innerhalb der Ausbildung einer geistlichen Phänomenologie des Alltags,
die per analogiam fidei in den unterschiedlichen Berufen vielfältige
geistliche Dimensionen aufzudecken bestrebt ist. Aus dieser Kom-
munikativität zwischen Evangelium und empirischer Wirklichkeit resul-
tiert eine ungeahnte Aufwertung der alltäglichen Lebensbezüge im
allgemeinen und der beruflichen Tätigkeit im besonderen. Da sich
der Heilige Geist der Lutherschen Hermeneutik zufolge äußerlich
artikuliert, erschließen sich den Augen des Glaubens alle Bereiche
der Wirklichkeit als Räume der Kommunikation des Evangeliums
und somit des verbum Dei.
Insofern ist die geistliche Interpretation der irdischen Berufsarbeit
ein integraler Bestandteil eines hermeneutischen Programms, das die
Theologie Luthers und seiner Erben zutiefst prägt: nämlich das
Wirken Gottes in den phainomena, die Spuren (vestigia) der Trans-
zendenz in der Immanenz aufzuspüren, damit deutlich werde,
daß alles Sichtbare über sich selbst hinausweist auf Unsichtbares,

500
Vgl. BoA 2,374,20–23: „Das du wissest / wie die altzumal heyden sind vnter
Christlichem namen / die sich rechen odder fur gericht vmb yhr g%tt vnd ehre
rechten vnd zancken / Da wirt nicht anders auß / das sag ich dyr“.
501
Vgl. BoA 2,370,4–8.
502
Vgl. BoA 2,375,22–29.
503
Vgl. BoA 2,373,5–7.
144 teil ii – lutherische orthodoxie

endzeitlich noch Ausstehendes. Dies ist das Programm der geistli-


chen Phänomenologie, die ihren Grund in dem Glauben hat, daß
Gott sichtbar geworden ist dort, wo man es nicht vermutet hätte: in
einem Menschen, der doch über sich hinaus und den Weg weist zu
Gott, weil er selbst Gott ist.
TEIL III
EDITIONEN
EDITORISCHER BERICHT

Die Quellentexte werden nach den andernorts vorgestellten und mitt-


lerweile bewährten Prinzipien der Johann Gerhard-Edition1 ediert.

1
Vgl. Ralf Georg Bogner und J.A. Steiger, Prinzipien der Edition von theologi-
schen Texten der frühen Neuzeit. Mit einer Vorstellung und Begründung der
Prinzipien für die geplanten Editionen von Werken Johann Gerhards, in: editio.
Internationales Jahrbuch für Editionswissenschaft 12 (1998), S. 89–109 sowie J.A.
Steiger, Nachwort, in: Johann Gerhard, Meditationes Sacrae (1606/7), lateinisch-
deutsch, hg. und kommentiert von J.A. Steiger, 2 Bde. (= DeP I, 3), Stuttgart-Bad
Cannstatt 2000, S. 625–748, hier: S. 627–630.
1. WILHELM SARCERIUS, DER HELLISCHE
TRAWER GEIST (1568)

Einleitung

Wilhelm Sarcerius’ Geburts- und Sterbedatum sind unbekannt. Er


war zunächst Diakon an St. Andreas und Hofprediger in Eisleben,
wurde dann Pfarrer an St. Peter und Paul daselbst. 1574 wurde
Sarcerius seines Amtes enthoben, weil er ein Anhänger des zuerst
in Wittenberg, dann in Jena tätigen Theologieprofessors Matthias
Flacius Illyricus (1520–1575) war, der u.a. ins Gerede gekommen
war, weil er die Ansicht vertrat, daß mit dem Sündenfall die Sünde
zur Substanz des Menschen geworden sei, und darum 1561 seines
Amtes verlustig ging2.
Sarcerius’ ‚Hellischer Trawer Geist‘ — 1568 ohne Angabe von
Drucker und Erscheinungsort bei Urban Gaubisch3 in Eisleben
gedruckt4 — gehört zu den frühesten antimelancholischen Schriften
des Luthertums. Der zentrale Trostgrund gegen die durch den Teufel
verursachte Schwermut ist nach Sarcerius der zweite Glaubensartikel,
insbesondere die radikale Niedrigkeit des Sohnes Gottes und dessen
Passion, die die Macht des Teufels überwunden hat. Die wichtigsten
Hilfsmittel zur Bekämpfung der Melancholie, die zugleich eine
Auseinandersetzung mit dem Satan ist, sieht Sarcerius in der Predigt
des Wortes Gottes sowie in Taufe und Abendmahl, mithin in den
media salutis. Wie eng die theologia medicinalis mit der antimelan-
cholischen Seelsorge des Luthertums verkoppelt ist, zeigt sich u.a.
darin, daß Sarcerius das Taufwasser, in das Gott selbst „eingemen-
get“ ist, als „Apoteck“5 bezeichnet. Zudem greift Sarcerius in der
Art und Weise, wie er eine Strategie geistlichen Kampfes gegen den
Trauergeist entwickelt, recht stark auf Luthers diesbezügliche Ratschläge
zurück, insbesondere auf dessen Tischreden und die in ihnen ent-
haltenen Exempel-Erzählstoffe. Daher erklärt sich auch der Rat, den

2
DBA 1080, 331–333.
3
Vgl. Benzing, Buchdrucker, S. 100f.
4
VD16 S1797.
5
S. u. S. 163.
150 teil iii ‒ editionen

Sarcerius Angefochtenen gibt, den Teufel nicht nur mit dem göttli-
chen Wort sowie dem Gebet, sondern — im Glauben „keck stoltz
vnd vbermütig“ — auch mit „lecherlichen Possen“6 aus dem Feld
zu schlagen.
Wie sehr die theologia medicinalis bei Sarcerius im Zentrum des
Interesses steht, ist nicht nur seiner antimelancholischen Schrift, son-
dern u.a. auch seinem ‚Geistlichen Herbarius oder Kreuterbuch‘
(1573)7 zu entnehmen.

6
S. u. S. 178. Vgl. WA.TR 1,548,3–6 (Nr. 1089): „Die beste Arznei wider die
Anfechtung ist, daß du deine Gedanken davon abwendest, das ist, redest von andern
Dingen, von Markolfo, Eulenspiegel und dergleichen lächerlichen Possen, so sich
gar nichts zu solchen Händeln weder reimen noch dienen, damit du jener schwe-
ren Gedanken vergessest oder haltest dich stracks ans Gebet und einfältig an den
Text des Euangelii.“
7
S. o. S. 73f, Anm. 223.
<fol. A 1r>

Der Hellische Tra=


wer Geist.

Bericht vnd Vrsachen.

Das der Teufel vn=


ter dem schein vermeinter fröligkeit / alles trau=
rens vnd schreckens voll / auch ein rechter freu=
denbrecher sey / sampt erklerung des 47. Psalms /
wie man mit der Himelfart Christi diesem
schwerm%tigen bösen Geist begeg=
nen / vnd widerstand thun
sol.

Wilhelmus Sarcerius Pfarherr in Eis=


leben zu S. Peter.
Anno 1568.8
<fol. A 1v vacat>

8
Lippische Landesbibliothek Detmold Th 410.4°. HAB Wolfenbüttel J 250a. Helmst. 4°
(15) (unvollständig).
<fol. A 2r>

Den Erbarnn / Ehrn<=>


uesten / vnd Wolgelarten / auch Wol=
weisen vnd fürsichtigen9 / Herrn Johan Albrecht
Staduogt Herrn Alberto Gügeln / Herrn Ar=
nold Breunle / Herrn Caspar Han / Herrn Si=
mon Bawern zu Eisleben / vnd Herrn Wolffen
Hertling zu Halle / meinen Gros=
günstigen Herrn vnd be=
sondern guten Freun=
den.

GOttes Gnade vnd Barmhertzigkeit / sampt meinem Gebet vnd all-


zeit gefliessen diensten zuuorn / Erbare / Ernueste / Wolgelarte /
Auch Wolweise Fürsichtige Herrn / besondere gute freunde / Es
stellet sich zwar der böse Hellische Trawergeist / sonderlich in die-
sen letzten zeiten / vber die mass freudig vnd frölich / vnd feret
mit auffgerichtem Kopff daher / als wenn er auff eitel Rosen gieng
/ vnd keines Göttlichen vrtheils noch ewiger verdamnis zubefürch-
ten hette / vnd kan der listige vnd betriegliche Schalck meisterlich
sein schwermut vnd trawrigkeit hinterschlagen10 vnd bergen / als
were im gar nichts da= <fol. A 2v> rumb / oder wüste gar nichts
daruon / das er auff den Jüngsten tag / ein schrecklichs Gericht
mit seinem verfluchten hauffen warten vnd erfaren sol. Aber wie
dem allen / es stelle sich der hellische Geist so leichtsinnig als er
wil / vnd tantze gleich auff dem Kopffe / so ist er doch in der war-
heit / aller betrübnis / furcht vnd schrecken vol / vnd treget auch
bey sich / wie alle seine Werckzeuge / die Gottlosen / den Vnrühigen
nagenden Wurm11 / der jnh stets beisset vnd frisset / vnd jm weni-
ger frölicher stunden lest. Woher aber dem Teufel solche schwer-
mut vnd traurigkeit komme / ist leicht zuerachten vnd zuerraten.

9
fürsichtigen] vorausbedacht verständigen. Vgl. Grimm, DWb 4, Sp. 822.
10
hinterschlagen] listig verbergen, unterschlagen. Vgl. Grimm, DWb 10, Sp. 1516.
11
Vgl. Mk 9,44.46.48.
wilhelm sarcerius, trauergeist 153

Erstlich ist der Sathan darüber schwermütig vnd trawrig / das er


einen solchen grossen scheuslichen fall von Himmel gethan / vnd
aus dem Reich Göttlicher Maiestet in die Helle geworffen / aus
einem schönen lieblichem Engel / mit seinem anhang / zu einem
schwartzen vngestaltem Teufel oder hellischen Geist worden ist. Denn
der Teufel nach seiner Natur / anfenglich in einem Englischem
wesen ist erschaffen / Aber von seiner ersten herrligkeit herunter
gefallen / durch hoffart in Feindschafft wider Gott / vnd wie Christus
sagt / ist nicht bestanden in der <fol. A 3r> warheit12 / Auch wie
der Apostel Judas in seiner Epistel schreibet / haben die bösen Engel
jr Furstenthumb nicht behalten / sondern jre behausung verlassen13.
Daruon etzliche veter / vnd sonderlich14 Bernhardus15 / diesen
gedancken aus der offenbarung Johannis16 genommen vnd gehabt.
Das im anfang ehe der Teufel von Himmel gestossen / vnd Adam
in die sünde gebracht / da haben die heiligen Engel einen kampff
mit den andern gehabt / da sich der höheste Geist oder Sathan
wider den Son Gottes gesetzet / nach seiner ehr gestanden / vnd
im hat wollen gleich sein17 / vnd einen anhang gemacht18 / Aber
eben vber dem selben von Himel gestossen / das er nimer wider
dahin komen kan / welches auch Augustinus mit diesen worten wil
anzeigen / da er saget / Humilitas homines sanctis angelis similes facit,
& superbia ex angelis daemones fecit19. Die demut macht die men-
schen den Engeln gleich / vnd die hoffart hat aus Engeln Teufel
gemacht.
Hieher ziehen etzliche den Spruch des Propheten Esaie: Wie bistu
vom Himmel gefallen du schöner Morgenstern / wie bistu zur Erden
gefellet / der du die Heiden schwechest / gedachstu doch in deinem

12
Marginal: Johan. 8. Joh 8,44.
13
Jud 6.
14
sonderlich] Emendiert aus: sonlich
15
Bernhard von Clairvaux (ca. 1090–1153), 1113 Eintritt in das Kloster Cîteaux, 1115
Gründung des Klosters Clairvaux, dessen Abt Bernhard bis zu seinem Tode war. Leclerq, Art.
Bernhard.
16
Marginal: Cap. 12. Apk 12,9.13.
17
Vgl. Bernhard von Clairvaux, In natali Sancti Benedicti, cap. 11, Opera 5, S. 10,3–11,14.
18
einen anhang gemacht] sich Anhänger verschafft. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 369.
19
Ps-Augustin, Liber exhortationis, vulgo de salutaribus documentis ad quemdam comitem, cap.
18, MPL 40, Sp. 1053: „quia humilitas homines sanctis Angelis similes facit, et super-
bia ex Angelis daemones fecit.“ Ps-Augustin, Sermones ad fratres in eremo commorantes, Sermo
12, MPL 40, Sp. 1255: „Cavete, fratres mei, et vigilanter attendite, ne superbia infle-
mini de bonis commissis: scientes quod superbia de Angelis bonis daemones fecit;
sed humilitas homines similes Angelis constituit.“
154 teil iii ‒ editionen

hertzen / ich wil in den Himmel steigen / vnd meinen Stuel vber
die sterne Got= <fol. A 3v> tes erhöhen / ich wil mich setzen auff
den Berg des stifftes / an der seiten gegen Mitternacht / ich wil
vber die hohen Wolcken faren vnd gleich sein dem aller höhesten
/ ja zur Hellen ferestu zur seiten der Gruben20. Welche wort ob sie
gleich katå tÚ =htÒn dem Text nach / von dem Babilonischen König
dem Nebucadnezar können verstanden werden / so entwerffen sie
doch zugleich den fall des Sathans vnd seiner bösen Engel. Denn
wie das Sprichwort laut / Art lest von arte nicht21 / so der Teufel
hernachmals Christum vnd seine Kirche alzeit verfolget / hat er
gewis auch damals bald nach seiner erschaffung an Christo sich ver-
suchet vnd Ritter an jm werden wollen. Aber Christus ist im zu
starck vnd mechtig / vnd wirfft jn vom Himmel / vnd bindet jhn
vnd seine Engel die gesündiget hatten mit Ketten der Finsternis /
verstösset vnd vbergibt sie zur Helle22 / vnd kan in keinem wege
Christus nachmals leiden / das Juncker Sathan in seinem stuel sit-
zen vnd jm gleich sein wolte. Darumb da der Teufel von jm begerte
/ er sol nider fallen vnd jn anbeten / da trit im Christus gleich
vnter die augen / vnd weisset den stoltzen Geist ab mit harten wor-
ten / Teufel heb dich weg23 / vnd der schrecken gast könte nicht
lenger bleiben. Dieser hönh <fol. A 4r> vnd verstossung thut dem
Ehrndiebe dem Sathan mechtig wehe / vnd mögte für zorn bersten
/ das Gottes Son Jesus Christus jn sampt seinem vnartigen hauffen
aller ehren entsetzet24 / des Himmels verwiesen / vnd in Abgrund
der Helle geworffen hat / vnd könte diese schmach desta eh vnd
leichter etwan verschmertzen / wenn die andern Engel vnd Menschen
vmb solchen seinen fall vnd Exilium kein wissenschafft hetten25 /
Aber das die heiligen Engel vnd fromme Christen solches wissen /
vnd ausruffen in aller welt / vnd noch darüber Jubilieren / jm das-
selbige teglich noch auffrücken26 vnd fürwerffen / vnd singen darzu
mit Geist vnd Munde das schöne §pin¤kion oder Sieglied / welches
Johannes in seiner offenbarung settzet. Nu ist das heil vnd die krafft

20
Marginal: Cap. 14. Jes 14,12–15.
21
Sprichwörtlich. Vgl. Wander 1, Sp. 148.
22
2Petr 2,4.
23
Marginal: Matth. 4. Mt 4,9f.
24
entsetzet] beraubt. Vgl. Grimm, DWb 3, Sp. 621.
25
vmb solchen seinen fall <. . .> kein wissenschafft hetten] von solchem seinem Fall
<. . .> nichts wüßten. Vgl. Grimm, DWb 30, Sp. 781.
26
auffrücken] vorhalten, vorwerfen. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 713.
wilhelm sarcerius, trauergeist 155

vnd das Reich vnd die Macht vnsers Gottes seines Christus worden
/ weil der verworffen ist / der sie verklaget tag vnd nacht vor Gott27.
Das erzörnet jn erst recht vnd thut im das gebrandte leid28 an / das
er für angst vnd schwermüt nicht weis zubleiben / wie hieuon ein
Exempel in uitis patrum29 gelesen wird / das ein mal ein Altuater
sass vnd bete / da war der Teufel bald hinter jm her / vnd machte
ein gerumpel / das den Altuatter dauch= <fol. A 4v> te / er hörete
ein gantzen hauffen Sawen girren30 vnd grüntzen / darmit der Teufel
in schrecken / vnd sein Gebet verhindern wolte / da fieng der altt
Pater an vnd sprach / Ey Teufel wie ist dir so recht geschehen /
du solt sein ein schöner Engel / so bistu zu einer Saw worden /
da hörete das gedröne vnd gekire auff. Vnd in des Apostels S.
Andreas Legenda stehet / das der Teufel jm / in einer gestalt einer
schönen Jungfrawen / eine frage auffgegeben / nemlich wie weit
von der Erden gen Himmel were / sol Andreas geantwort haben /
das wuste er der Teufel selbs am besten / als der den weg gemes-
sen / da er vom Himmel gestossen worden / vnd darauff sey die
schöne Teufelsbraut verschwunden31.
Darnach / so krencket beisset vnd plaget den Teufel nicht ein
wenig das gnedige Erbieten32 / so bald nach dem fall vnserer ersten
Eltern / Gott den Menschen thut vnd fürtragen lest. Denn es hatte
dem Teufel der newlich vom Himmel gestossen / einmal glückt /
das er vnsere erste Eltern berucht33 vnd betrogen / vnd dahin mit
seiner schmeicheley vnd Zuckerworten beredet / das sie Gottes ern-
stes Gebot faren liessen / vnd von dem verbottenen Baum eine
rechte Hellische <fol. B 1r> Malzeit34 / vnd aller gifftigste Grundsuppen
frassen / vnd auff eine stunde Gott vnd sein Himmelreich sampt
allen herrlichen schetzen vnd gaben vernascheten / das war dem

27
Marginal: Cap. 12. Apk 12,10.
28
das gebrandte leid] Dieser Ausdruck schreibt sich von der für den Patienten schmerzhaf-
ten Technik des Cauterisierens, des Ausbrennens von Wunden mit einem glühenden Gegenstand,
her. Vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 304f. 366.
29
Bislang kein Beleg ermittelt.
30
girren] Ein Schallwort, hier in der Bedeutung von ‚quieken‘. Vgl. Grimm, DWb 7, Sp.
7549.
31
Jacobus de Voragine, Legenda aurea, S. 33–36 (dt. Edition: S. 23–25). Der in der Gestalt
einer schönen Frau erscheinende Teufel stellt diese Frage hier allerdings nicht Andreas, sondern er
läßt diese durch einen Dritten einem Pilger zur Beantwortung aufgeben.
32
Erbieten] Anerbieten. Vgl. Grimm, DWb 3, Sp. 724.
33
berucht] berückt, überlistet, betrogen. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 1529.
34
Vgl. Gen 3,6.
156 teil iii ‒ editionen

Neidhart35 dem Teufel / der den menschen die ehr vnd herrligkeit
misgönnete / darzu sie erschaffen / ein gewonnen spiel / vnd frew-
ete sich / quod socios poenarum haberet, Das er nicht allein / son-
dern auch die menschen von aussen den Himmel ansehen / vnd
Hellische Mitgenossen sein solten. Da erjammert vnsern lieben Herrn
Gott / solch elend vnd verdamnis des Menschlichen Geschlechts /
vnd dachte auff mittel vnd wege / wie seinem geschepffe den men-
schen möchte wider geraten vnd geholffen werden / vnd da nu
vnsere trawrige Groseltern / das verzerende Fewer Göttliches zorns
vnd Gerichtes / wider sich angezündet / vnd aus bösem Gewissen
für Gott zitterten vnd flohen / nicht anders wusten / denn sie müsten
sampt den Teufeln in Abgrund der Hellen geworffen / vnd von Gott
ewiglich geschieden werden. Da kömpt Gottes ewiger Son aus dem
wunderbarlichem Rath der heiligen Dreyfaltigkeit selbs / als ein
Mitler zu jnen / Tröstet sie wider den fall mit seiner Menschwerdung
/ vnd zeiget jnen an / wie er <fol. B 1v> als ein Same des Weibs
dem Teufel den Kopff zutretten36 / jren fall büssen / vnd wider die
Fewrige flammen Göttliches zorns jr Külwasser vnd vmbraculum /
jr schirm sein wolte / vnd erquicket vnd erfrewet sie also wider mit
der Euangelischen predigt / darmit sich den Adam vnd Eua mech-
tiglich trösteten37.
Vnd ob sie Gott wol mit sehr schwerem kreutze beladen / wirfft
den Adam in den Schweis des Angesichts / vber dem vnfruchtbarn
vnd dörnichten Acker / stösset die Euam in schmertzen / vber der
Kindergeburt / vnd verurtheilet endlich sie beide zum leiblichen
tode38 / das wenn sie sich lang auff Erden hetten gesület39 / gebeu-
let40 vnd abgemartert / solten sie zur erden wider werden / lest sie
auch mit hawenden Schwerd aus dem Paradis treiben41 / jedoch tra-
gen sie diss alles willig vnd gedüldig / allein das sie durch den ver-
heissenen Samen / vnd das zukünfftige Newgeborne Kindlein / mit
dem ewigen Gericht verschonet / nicht dörffen42 in die Helle faren

35
Neidhart] Ursprünglich ein Eigenname, der schon im 14. Jahrhundert im Sinne einer
Personifikation des Neides gebraucht wurde. Vgl. Grimm, DWb 13, Sp. 559.
36
Gen 3,15.
37
Marginal: Gen 3.
38
Gen 3,16–19.
39
gesület] gesuhlt, beschmutzt. Vgl. Grimm, DWb 20, Sp. 1007.
40
gebeulet] Beulen bekommen. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 1746.
41
Gen 3,23f.
42
nicht dörffen] nicht müssen. Vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 1725.
wilhelm sarcerius, trauergeist 157

/ nemen die zeitliche straffe vnd kreutze an / als ein heilsamen


Kelch43 zur tödtung des alten Adams / vnd als eine Veterliche züch-
tigung vnd erinnerung / darmit sie des jemmerlichen Fals nicht ver-
ges= <fol. B 2r> sen / vnd sich den Teufel widerumb in sicherheit
füren liessen.
Darumb wo sie nur gegangen vnd gestanden sind / haben sie von
dem verheissenen Samen / vnd künfftigem Christkindlein gesungen
vnd geredet / vnd mit so hitziger begierde vnd verlangen nach jm
gebrand44 / das sie Jhn auch gehofft haben noch zuerleben / wie
man sihet an vnser Grosmutter Eua da sie mit jrem ersten Kindlein
in die wochen kompt / meinet sie nicht anders / sie habe das
Newgeborne Kindlein / hebet derhalben in jrem Kindbeth an zufro-
locken vnd zu Jubilieren / O der güldenen zeit vnd seligen lieben
stunde / (spricht sie) habe ich doch schon krieget den trefflichen
Man den HErrn selbs45 / der vnsern fall büssen / vnd allen jam-
mer abschaffen wird / Aber es war nach zu früe / es müsten noch
andere mehr das Veni redemptor gentium46 beten / vnd Christus solte47
erst im letzten theil der zeit / von einer Jungfrawen geboren werden.
Es haben auch vnser erste Eltern / diese verheissung von des
Weibs Samen / jren Kindern trewlich eingebildet / vnd sie durch
jn als den Mitler vnd Heiland zu beten vnd zu opffern ge= <fol. B
2v> leret / wie das Exempel klar ausweiset. Denn Habel jhr from-
mer Son bekante jn mit einem geopfferten Lemblein48 / das er würde
für der Welt sünde geschlachtet werden / vnd Christus der verheis-
sene Schlangentretter bestetiget Habels Glauben mit herrlichen
Wunderzeichen / das sein opffer mit Fewer vom Himmel verzeret
würde49 / das machet dem Teufel wider ein gremen vnd trawrig-
keit / vnd lieget jhm noch auff dem hertzen / das Gott sich so
gnedig erbeut / durch Christum den Heiland des Teufelswerck zuuer-
stören50 / vnd denen in der Helle gefangenen / den weg weiset /

43
Marginal: Psalm 116. Ps 116,13.
44
nach jm gebrand] nach ihm verlangt. Vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 367.
45
Gen 4,1.
46
Vgl. den mit diesen Worten beginnenden altkirchlichen ‚Hymnus de adventu Domini‘ von
Ambrosius (Zoozmann, S. 26–28), der von Luther ins Deutsche übertragen worden ist (‚Nun
komm, der Heiden Heiland‘ [Wackernagel 2, S. 12f = EKG 1]).
47
solte] Emendiert aus: svlte
48
Gen 4,4.
49
Vgl. Gen 4,4; Hebr 11,4.
50
zuuerstören] Emendiert aus: zuueerstören
158 teil iii ‒ editionen

wie sie los werden sollen / ja jnen wider auffschleust die Gnadenthür
zum Himmel vnd ewiger Seligkeit.
Darumb da der hellische Geist / die verheissung nicht gar vertil-
gen noch vertunckeln konnte / da erwecket er doch etzliche leute
/ die von solcher zusage vnd Menschwerdung Christi abwichen /
vnd wenig ja wol gar nichts daruon hielten / als Cain verzweiffelte
aus bösem gewissen vnd f%rcht Göttliches gerichtes / da er spricht
/ Meine s%nde ist grösser / denn sie mir kan vergeben werden51 /
das würde Cain nicht geredt haben / wenn er hette gegleubet / das
des Weibes <fol. B 3r> verheissener Same / als der Mitler vnd
Heiland / der gantzen Welt sünde tragen52 vnd büssen53 w%rde.
Zum dritten / so verdreust den Teufel sehr / vnd macht jn gantz
vnmütig / die menschwerdung des Sons Gottes vnd die victoria oder
sieg so Christus wider jn erlanget vnd erhalten hat / vnd kan man
dem Schreckenteufel54 / nicht weher noch grösser leid thun / denn
so man von dem lieben Jesulein vnd seiner menschwerdung leret /
prediget / singet vnd sagt. Sonderlich sind diese wort jm eitel spit-
zige stacheln vnd dörn in seinen Fewerglötzenden Augen / da man
bekennet / vnd mit frölichem hertzen saget / Deus Homo factus est.
Et Verbum caro factum est55. Diese wenig wort kan der Teufel nicht
hören / mus vber etzliche meilen daruon fliehen / denn er fület
wol was sie in sich haben / vnd wenn wir menschen so hertzlich
vber diesen worten freudig würden / Das Wort ist Fleisch oder Gott
ist Mensch worden56 / so sehr der Teufel dafür erschrickt vnd erzit-
tert / stünde es sehr wol vmb vns. Es sollen auch die Gottseligen
sich nicht jrren lassen / wie gering vnd schlecht die Wort lauten /
sondern achtung haben auff die ewigen himlischen Schetze / so dar-
innen ge= <fol. B 3v> fasset / vnd fürgetragen vnd zu eigen ange-
boten werden / die vnseglich / ja so gros vnd herrlich sind / das
auch die lieben Engel sie gelüstet anzusehen.
Man hat sich aber dar%ber nicht zuuerwundern / das der Teufel
an der Menschwerdung Christi ein solchen Eckel vnd verdrus tre-
get / denn darbey erinnert er sich des spots oder der schand / so

51
Gen 4,13.
52
Vgl. Joh 1,29.
53
vnd büssen] Emendiert aus: vndbüssen
54
Schreckenteufel] Emendiert aus: Schreckeneufel
55
Joh 1,14.
56
Vgl. Joh 1,14.
wilhelm sarcerius, trauergeist 159

er eingeleget57 / vnd des Feilschlags58 den er an Christo hat erlitten


/ welcher dem Teufel zu trotz billich ans liecht gesetzet / vnd her-
für gezogen wird. Jst aber also darumb gelegen.
Die weissagung des Gottes Son / solte Menschliche Natur an sich
nemen / waren so tunckel beschrieben / das der Teufel schier nicht
hat wissen können / das Christus vom heiligen Geist empfangen /
vnd von der Jungfrawen Maria hat sollen geboren werden. Daher
spricht er zu Christo in der wüsten / da er jn versuchete / Bistu
Gottes Son59 / Nennet jn Gottes Son / nicht das er gehalten hat60
/ das er von Art vnd Natur Gottes Son sey gewest / sondern nach
der Schrifft weise / die auch Menschen Gottes Kinder heist / Jr
seid alzumal Gottes Kinder spricht Dauid61. Doch mögen dem Teufel
die sprüche der Schrifft bekant gewesen sein / Sihe <fol. B 4r> ein
Jungfraw wird schwanger: Ein Son ist vns geboren Ein Kind ist vns
gegeben62 / vnd hat sich daraus eins oder zwey düncken lassen /
Aber weil Christus sich so nidrig hielte / mit offentlichen Sündern
vnd S%nderin vmbgienge / sahe der Teufel oben hin63 / vnd ken-
nete jn nicht. Vnd würde also von Christo / vnter einer frembden
gestalt geeffet vnd betrogen / wie er zuuor vnsere Voreltern / vnter
der gestalt der Schlangen geeffet vnd betrogen hatte. Denn wens der
Teufel gewust hette / das dieser Christus der Jungfrawen Marien
Son / des Weibes Same / were ewiger allmechtiger Gott gewesen
/ so hette er sich an jhn nicht geleget64 / vnd die hende an jm ver-
brandt. Denn er hatte wol gesehen im Himmel / wie er Gottes
vaters einig hertze gewesen / hatte es auch erfaren / da er aus dem
Himmel in abgrund der Hellen gestossen ward.
Solches aber verbirget Gott dem Teufel / das er jhn in dem Son
so mensche worden / fahen65 wil66. Vnd thut wie ein Fischer der

57
eingeleget] heimgetragen. Vgl. Grimm, DWb 3, Sp. 224.
58
Feilschlags] fehlgegangenen Anschlags. Vgl. Grimm, DWb 3, Sp. 1431.
59
Marginal: Math. 4. Mt 4,6.
60
er gehalten hat] der Ansicht gewesen ist. Vgl. Grimm, DWb 10, Sp. 298.
61
Marginal: Psalm. 82. Ps 82,6.
62
Marginal: Esaie. 7. 9. Jes 7,14; 9,5.
63
oben hin] oberflächlich, flüchtig. Vgl. Grimm, DWb 13, Sp. 1072.
64
hette er sich an jhn nicht geleget] hätte er ihn nicht angegriffen; hätte er sich mit ihm
nicht eingelassen. Vgl. Grimm, DWb 12, Sp. 533.
65
fahen] fangen. Vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 1236.
66
Marginal: Augustinus sermone 10 de tempore. Vgl. Ps-Augustin, Sermones ad populum,
Sermo 193, MPL 39, Sp. 2103f: „Usus enim fuerat diabolus consilio malo, ut per ser-
pentem mulieri loqueretur, et diabolus non agnosceretur. Sed hinc ad nihilum redigit illum
160 teil iii ‒ editionen

Fisch fangen wil / der bindet eine schnure an einen stecken / vnd
vnten an die schnur ein scharpffe Angel / daran hengt er ein W%rm-
lein / vnd wirfft das ins Wasser / da kommet denn der Fisch /
sihet das <fol. B 4v> arme w%rmlein / sihet aber nicht die scharpffe
Angel in dem Würmlein verborgen / vnd beist drein / meinet er
bekome ein gut niedlich bislein / Aber die Angel bleibet jm im
Munde oder halse stecken / vnd wird also gefangen vnd ergriffen.
Also thut Gott der Vater auch / da nimpt er seinen eingebornen
geliebten Son / den henget er an die Linea oder schnur der Patriarchen
vnd Propheten / mus Adams / Abrahams / Dauids Fleisch vnd Blut
annemen / vnd lest jn aus dem hohen Himmel in die Welt kom-
men / da nu der Teufel sihet wie Christus als ein armer elender
Wurm / (wie er sich selbst also nennet67) das ist als ein armer geplag-
ter Mensch einher gehet / leidet hunger / durst / kelt / frost vnd
hitze / weinet vnd hat eitel elend vnd jammer in dieser Welt /
gebaret68 wie ein ander Mensch69 / weis aber nicht das in diesem
Christo verborgen / das er ewiger allmechtiger Gott ist / gleich dem
Vater / doch ein ander Person / da dencket er / ob wol Christus
Wunderzeichen gethan habe / so habens doch andere für jm mehr
gethan / er habe sie aber alle auffgefressen / wie hoch vnd heilig
sie gewesen / wolle den Christum auch wol verschlingen / vnd mei-
net er wolle an dem Man einen redlichen <fol. C 1r> bissen haben
/ hebt an frist den Christum vnd verschlinget jhn / Aber es bekömpt
jm wie dem hunde das Grass / denn der Christus bleibet jm im
halse stecken / vnd mus jhn wider speien / wie der Walfisch den

Deus Dei Filius, qui de coelo descendit, ut humanum susciperet corpus, tendens ei
laqueum mortis, per visionem videlicet carnis; ut quasi ad hominem solum tentator acce-
deret, et Dominum penitus ignoraret. Videbat carnem, sed ignorabat Domini majesta-
tem; cernebat infirmitatem, et non videbat deitatem. Remansit confusus diabolus, dum
in homine apparuit Dominus. Sic a Deo Patre descendit, unde nunquam discessit. In
terris erat; et coelos non deserebat, sicut ipse Dominus ait: Nemo ascendit in coelum,
nisi qui de coelo descendit, Filius hominis qui est in coelo (Joan. III, 13). In terris ut
homo loquebatur hominibus; et in coelo se esse fatebatur ut Deus. Deitas enim non
minoratur, cum infirmitas assumitur; et illud quod non erat accepit, et Deus mansit quod
ab initio fuit. Quod enim homo fuit, nobis profuit, sibi nihil minuit. Exinanivit plenitudinem
deitatis, formam suscepit humilitatis; et Patri mansit aequalis.“ Der betr. Text findet sich
als zehnte Predigt zum Weihnachtsfest z.B. in Bd. 10, S. 218 der Antwerpener Ausgabe der
Opera Augustins.
67
Marginal: Psalm 22. Ps 22,7.
68
gebaret] verhält sich, benimmt sich. Vgl. Grimm, DWb 4, Sp. 1636.
69
Vgl. Phil 2,7.
wilhelm sarcerius, trauergeist 161

Propheten Jonam70 / vnd eben mit dem fressen ermordet vnd erwür-
get sich der Teufel selbs / vnd wird von Christo gefangen71.
Dieser hohn vnd spot / lieget dem bösen Geist jmmerdar im sinne
/ vnd kan des nicht vergessen / das er also vbel an Christo
angelauffen72 / vnd mit schanden hat von jm lassen müssen / vnd
so er in den besessenen schrey zittere vnd bebete in Christi gegen-
wertigkeit / da er noch nicht wüste wie er mit Christo daran were
/ ob er jn für den heiligen Gottes Sone (wie er jhn damals nen-
nete73) oder für ein schlechten Zimmermans knecht halten solte /
viel mehr ist er nun erschrocken vnd furchtsam da er Christi gewalt

70
Marginal: Math. 12. Mt 12,39f; Jon 2,11.
71
Luther, WA 20,334,16–335,2 (Predigten des Jahres 1526 [2.4.]): „Derwegen verbir-
gets Gott dem teufel, das er in inn dem Son, der Mensch geworden, so fahen wil und
thut wie ein fischer, der fisch fangen wil, der bindet ein schnur an einen stecken und
unden an die schnur eine scharpfe angel, daran henget er ein würmlein und wirfft das
ins wasser, da kompt denn der fisch, sihet das arme würmlein, sihet aber nit die schar-
pfe angel, in dem würmlein verborgen, und beist drein, meint, er bekom ein guth nied-
lich bisslein, aber die angel bleibt im imm munde oder halse stecken, wird also gefangen
und ergriffen. Also thut Gott der vater auch, da nimpt er seinen eingepornen geliepten
Sohn, den henget er an die linea oder schnur der Patriarchen und Propheten, mus
Adams, Abrahams, Davids fleisch und bluth annemen, und lest in aus dem hohen himel
in die welt kommen, da der teufel sihet, wie Christus als ein armer, elender wurm, wie
er sich im 22. Psalm selber so nennet, das ist, als ein armer geplagter mensch einher-
gehet, leith hunger, durst, kelte, frost und hitze, weinet und hat eitel elend und jamer in
dieser welt, gebaret wie ein ander mensch. Es weis aber der Satan nicht, das dis in die-
sem Christo verborgen, das er ewiger almechtiger Gott ist, gleich dem vater, doch ein
ander person, darumb dencket er, ob wol Christus wunderzeichen thut, ‚haben doch die
propheten auch wunderzeichen gethan, ich habe sie aber all aufgefressen, wie hoch
und heilig sie gewesen, will den Christum auch wol verschlingen‘, und meinth, er wöl
an dem man ein niedlich bisslein haben, hebt an, frist den Christum und verschlinget
in, aber es bekompt im, wie dem hund das gras. Denn der Christus bleibt im im hals
stecken und mus in wieder speien, wie der walfisch den Propheten Jonas, und eben mit
dem fressen ermordet und erwürget sich der teufel selbst unnd wird von Christo gefan-
gen.“ Vgl. weiter Luther, WA 49,356,27–34 (Predigten des Jahres 1544 [Nr. 8]): „Jch bin
dem Teuffel inn der Hellen gewesen, erger hat man mich nit konnen zurichten, der todt,
sund, hell, Teuffel griffen mich gewaltiglich an, Aber der Teuffel versach sich nicht des
angels, der unter dem regenwurm war, drumb beis er drein, wie er denn die gantze welt
gefressen hat, Also beist er auch frey hinein und versachs und traff den angel, Do hat
er ein solch bißlin kriegen, das nichts gantz an ihm blieben, Er solt sterben, und war
doch das leben sein, Drumb musts da anders werden, Denn do war nicht Adam, Eva
oder ein Mensch allein, sondern Gottes son, Drumb ist Er billich verdampt.“ Dieses Motiv
findet sich in bildlicher Darstellung schon im ‚Hortus Deliciarum‘ (12. Jh.). Vgl. Stauch, Sp.
694. Zum Angelmotiv bei Luther vgl. (mit weiteren Luther-Belegen [die Stelle aus WA 49 fehlt
allerdings]) Plathow, bes. S. 127–132.
72
an Christo angelauffen] Christus angegriffen. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 393–396.
73
Marginal: Marci 1. Luce 4. Mk 1,24; Lk 4,41.
162 teil iii ‒ editionen

vnd vberwindliche74 macht im werck erfaren hat / vnd von jm berau-


bet / gefangen / gebunden / vnd spötlich im Triumph ist vmbge-
füret worden. Gleich wie es aber einen reichen gewaltigen Herrn
vbel verdreust vnd stetiges trawern vnd betrübnis machet / da er
von einem sterckern seinem widersacher vberwunden75 / vnd aller
dignitet / ehr / herrlig= <fol. C 1v> keit vnd wolfart entsetzet76 /
auch von land vnd leuten getrieben wird / Also ist es dem Teufel
ein geringe frewde / ja viel mehr ein ewiges hertzleid vnd klage /
das er die Welt nicht allein jnnen gehabt77 / wie sein eigen reich /
sondern hatte sie auch verwaret vnd bestetiget / in gentzlicher
hoffnung / das sie jm niemand nemen würde / vnd ist mit stiller
ruhe darinnen gesessen / vnd wird doch durch Christum vberwun-
den / vnd aus seinem freien Fürstlichem sitze so schendlich getrie-
ben / mus einem andern raum lassen / vnd sein vermeinetes Erbland
von aussen ansehen. Dieser verlust vnd schade stecket dem Teufel
noch jmerdar im kropff vnd wird den harten bissen nimmermehr
verdawen.
Zum vierdten ist es auch dem Teufel ein Bitterer Wermut / vnd
seines trawerns nicht die geringste vrsach / das Christus auffgefaren
in die höhe / vnd das liebe Predigampt hinter sich verlassen / hat
etzliche gesetzet zu Aposteln / etzliche aber zu Propheten / etzli-
che zu Euangelisten / etzliche zu Hirten vnd Lerer / das die hei-
ligen zugerichtet werden zum werck des Ampts / das ist / wolgerüst
vnd allenthalben versorget vnd zubereitet werden / das nichts feile
zum Ampt der <fol. C 2r> Christenheit / dadurch der leib Christi
erbawet werde / bis das wir alle hinan kommen zu einerley gaben
vnd erkentnis des Sons Gottes / vnd ein volkommen Man werden
/ der da sey in der masse des volkomenen alters Christi / auff das
wir nicht mehr Kinder sein / vnd vns wegen vnd wigen lassen von
allerley winde der Lere / durch schalckheit der Menschen vnd
Teuscherey / darmit sie vns erschleichen / zuuerfüren78.
Durch das Predig vnd Lereampt aber / wird dem Teufel noch
heutiges tages mechtiger vnd grosser schaden zugefüget. Denn der
Teufel ist vbersichtig79 / er kan nicht vnter sich sehen / er sihet nur

74
vberwindliche] sieghafte. Vgl. Grimm, DWb 23, Sp. 660.
75
Marginal: Luce 11. Lk 11,22.
76
S. o. S. 154, Anm. 24.
77
jnnen gehabt] innegehabt, besessen. Vgl. Grimm, DWb 10, Sp. 2127.
78
Marginal: Ephes. 4. Eph 4,11–14.
79
vbersichtig] stolz, anmaßend. Vgl. Grimm, DWb 23, Sp. 555.
wilhelm sarcerius, trauergeist 163

auff hohe ding / er gehet daher vnd sihet vber sich / so wirfft jm
denn vnser Herr Gott ein armes Predigerlein vnter die füsse / dar-
über stölpert denn der Teufel das er zu boden lieget. Vnd wenn
mans in Gottes furcht / vnd mit andacht bedencken wil / so sind
alle die wercke eines getrewen Seelsorgers in seinem Ampt / eitel
Geistliche schütz80 vnd Siegwehren81 wider den Teufel / dardurch
sein Hellisch Reich von Tag zu Tag geschwecht vnd geringert82 wird.
Ein diener Göttliches Worts / da er ein Kindlein teuffet / im
Namen des Vaters / Sons vnd <fol. C 2v> heiligen Geistes83 / ob
es gleich für Menschlicher vernunfft vnd vnsern augen scheinet /
ein schlecht vnd geringe Werck sein / so ist es doch ein recht heil-
sam Gottes werck84 / darbei die gantze heilige Dreifaltigkeit gegen-
wertig ist vnd wircket. Vnd gleich wie / da man Zucker vnd andere
Gewürtz ins Wasser wirfft / so ist es nicht mehr wasser / sondern
wird ein köstlich Claret85 / oder sonst etwas / Also dieweil Gott
selbs bey vnd in dem Tauffwasser ist / vnd Christus mit seinem ver-
dienst sich darein gelegt hat / so wird die Tauffe ein solch Wasser
/ das die Sünde / den Todt vnd alles vnglück hinweg nimpt / erret-
tet vns von der Gewalt vnd Tiranney des Teufels / hilfft vns in
Himmel vnd zum ewigen Leben. So ein köstlich Zuckerwasser
Aromaticum vnd Apoteck ist daraus worden / da Gott sich selbs ein-
gemenget hat / Gott aber ist ein Gott des lebens / weil der nu in
diesem Wasser ist / so mus dieses das Rechte Aqua vitae sein / das
den todt Teufel vnd Helle vertreibet / vnd ewig lebendig machet.
Jtem ein Kirchendiener da er das Abendmal Christi nach seiner
ordnung vnd einsetzung ausspendet86 / versichert er die so es im
Glauben brauchen / das Christi Leib für sie in Todt gege= <fol. C
3r> ben / vnd sein Blut für jre Sünde vergossen / vnd sie nu mit
Gott gentzlich ausgesönet sein / vnd des Teufels pochen vnd trot-
zen sich nicht weiter sollen schrecken oder jrren lassen.
Were derhalben kein Wunder nicht das der Teufel in den Kirchen
/ wie er sich wol vnterstehet / vorlengst alle Tauffstein Altar vnd

80
schütz] Geschütze. Vgl. Grimm, DWb 5, Sp. 3975.
81
Siegwehren] Bollwerke. Nicht bei Grimm.
82
geringert] geschmälert. Vgl. Grimm, DWb 14, Sp. 1008.
83
Mt 28,19.
84
Vgl. Luther, Großer Katechismus, BSLK, S. 698,7–10.
85
Claret] Wassermeth. Vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 628.
86
ausspendet] Emendiert aus: auspendet
164 teil iii ‒ editionen

den lieben Beichtstuel vmbgekeret vnd hernider gerissen hette. Denn


darmit geschiehet jm der meiste schaden vnd abbruch an seinem
hellischen reiche / durch die Tauffe werden die leut aus der Hellen
mitten in den Himel oder reich Christi erhaben vnd versetzet / im
nachtmal wird jnen vergebung der sünde leben vnd seligkeit ange-
boten vnd mit getheilet / vnd werden dardurch der Göttlichen gna-
den versichert vnd im Glauben gestercket / im Beichtstuel da sie
gleich gefallen / vnd dem Teufel wider in die Klüppen kommen87
sein / werden sie von Sünden entbunden vnd loss gezelet / vnd
durch die Gnadenthür wider in das Sancta Sanctorum / in das him-
lische Heiligthumb eingelassen vnd auffgenommen.
Vber diese stücke / haben die trewen Lerer vnd Prediger auch
zwey Wechterhörnlein88 bey sich / darmit sie die Leute von des
Teufels verdam= <fol. C 3v> lichen Holtzwegen / widerumb auff
dem Regiam viam auff die Mittelstrasse zum Ewigen Leben beruffen
vnd füren / vnd do sie etwan in sicherheit vnd vermessenheit gera-
then / oder in tieffe verzweiffelung gefallen / jnen wider aushelffen
vnd sie zu rechte bringen.
Das erste Wechterhornlein ist die Gesetzpredigt wider die vnbus-
fertigen vnd auch sichere vermessene Werckheiligen gerichtet / sie
zur erkentnis der Sünden / Gottes furcht vnd zu rechter warer demut
zubringen / das sie Gottes gestrenge Gerechtigkeit / vnd zukünfftige
beide zeitliche vnd ewige straffen bedencken / fürchten vnd anfan-
gen nach Christo zu seufftzen / vnd sich vmb zusehen nach dem
seligen mittel / dardurch sie von Sünden loss vnd Kinder Gottes
werden mögen.
Das ander Wechterhörnlein ist die Predigt des Euangelij / für alle
Busfertige erschrockene gewissen / sie aus jrem zittern vnd zagen /
zum frölichem Glauben vnd hoffnung auffzurichten / darinnen die
vnmesliche89 Barmhertzigkeit Gottes vnd vergebung der sünden / in
Christo dem Mitler wird angeboten / nicht allein in gemein dem
gantzen hauffen semptlich / sondern <fol. C 4r> auch durch die
Absolution vnd Sacramenta einem jglichen insonderheit / aus wel-
cher erlassung der Sünden hernachmals folget Gottes gunst / gerech-
tigkeit / fröliches gewissen / gemeinschafft der Kirchen vnd der

87
in die Klüppen kommen] in die Hände gefallen. Vgl. Grimm, DWb 11, Sp. 1305.
88
Wechterhörnlein] Wächterhörner wurden u.a. von Turmwächtern benutzt, um Signale zu
geben. Vgl. Grimm, DWb 27, Sp. 191.
89
vnmesliche] unermeßliche. Vgl. Grimm, DWb 24, Sp. 1182.
wilhelm sarcerius, trauergeist 165

heilige Geist / der die Christen auff dem wege zum Himlischen
Vaterland jhr gantzes Leben vber / also regieret vnd füret / das sie
dem Teufel vnd seinen wercken absagen vnd das vermögen erlan-
gen / hinförder in vnschuld vnd gerechtigkeit jrem Erbherrn Jhesu
Christo zudienen / vnd vnanstössig90 91 zum ewigen Leben zu wallen.
Durch diese für der Welt vnansehliche vnd doch krefftige werck
des Predigampts / wird dem Teufel grosser abbruch gethan / vnd
sein Reich zerstöret / er reucht auch Christum im Lerhampt vber
viel hundert meilen / vnd mus endlich fliehen vnd weichen / da
Gottes Wort lauter vnd rein geleret92 / vnd die rechten Gottes dien-
ste getrieben werden. Daher lesen wir bey dem Euangelisten Luca:
da der Herr die 70. Jünger aussante zu predigen / vnd sie mit freu-
den wider kamen vnd sprachen: Herr es sind vns auch die Teufel
vnterthan in deinem Namen / sprach Christus zu jnen / Jch sahe
wol den Sathanas von Him= <fol. C 4v> mel fallen als ein Blitz93
/ mit welchen Worten er wil anzeigen vnd weissen die krafft des
Göttlichen Worts oder Predigampts / es gehet nicht one frucht vnd
nutz ab / der Teufel wird dardurch ausgejaget vnd vertrieben plötz-
lich vnd in einem nu / gleich wie in einem Augenblick der plitz /
daher schlecht / vnd wider verlischet. Das mus nu alles fürwar dem
Teufel mechtig wehe thun / vnd so gleich nichts anders were das
jn plagete vnd betrübte / so hat er am Predigampt genugsam wider-
stand vnd verdries / darüber er hefftig entrüst vnd gequelet wird.
Zum fünfften / thut es auch dem Teufel zorn vnd mehret seine
schwermut / die grosse gewalt vnd Siegekrafft so alle getauffte gleu-
bige Christen wider jn erlanget haben / vnd mechtiglich gebrau-
chen können. Welche Rüstung vnd streit macht der gleubigen wider
den bösen Feind / nicht von der Welt oder aus der vernunfft kan
genommen werden / denn von der Welt haben wir nicht mehr /
denn so gros wir sind / was in Hosen vnd Wammes steckt / nem-
lich fleisch vnd blut / das gegen dem mechtigen Fürsten der Welt
dem Teufel / nicht bestehen noch sich auffenthalten94 kan. Sondern
ist ein wercke vnd ge= <fol. D 1r> schenck95 des heiligen Geistes

90
vnanstössig] ohne Anstoß zu erregen. Vgl. Grimm, DWb 24, Sp. 169.
91
Marginal: Philip. 1. Phil 1,10.
92
Vgl. Confessio Augustana 5, BSLK, S. 61,5f.
93
Marginal: Cap. 10. Lk 10,1.17f.
94
sich auffenthalten] wohnen, bleiben. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 637.
95
schenck] In Custode statt dessen: schencke
166 teil iii ‒ editionen

/ der in vnser hertze oder Geist die himlische krafft vnd den besten-
digen trost / als in ein Beutlein stechet96 / mit dem Teufel zu
kempffen vnd jm abzubrechen97 / in dem der Gnadengeist vnserm
Geist zeugnis gibt / das wir Kinder Gottes sein / vnd Abba lieber
Vater zu Gott ruffen können98. Diese Schutzwere99 sol vnd mus der
Teufel vns vnbetastet vnd vnuerruckt lassen / vnd keinen danck
darzu haben100.
Stehet derhalben der Christen Gewalt vnd Krafft wider den Teufel
fürnemlich hirinnen / das sie jn vnd alle seine tück101 vnd verlipte102
pfeil vberwinden vnd abwenden können / durch den Glauben. Denn
der Glaube / wie S. Johannes leret / ist der Sieg der die Welt vber-
wunden hat103 / vnd der Apostel Paulus wil / das wir für allen din-
gen ergreiffen sollen den Schild des Glaubens / mit welchem man
ausleschen kan alle fewrige Pfeil des Bösewichtes104. Darumb sagt
Lutherus105 gar fein: Lieber Gott wer diese Kunst nemlich Gleuben
wol köndte / dem were es zumal ein leichte sache / dem Teufel
mit allen seinen listen vnd tücken die feigen zuweisen106 / der sonst
darmit das er den Leuten jhre Sünde fürhelt / <fol. D 1v> machet
/ das sie sich zu tode gremen / vnd durch verzweiffelung zur Helle
faren müssen / es sey den das sie mit dieser Göttlichen kunst vnd
weisheit des Glaubens / wol gerüstet sein vnd jm widerstehen / denn
darmit allein wird die Sünde / der Todt vnd Teufel vberwunden.
Wer aber die Sünde aus dem sinn vnd gedechtnis nicht schlagen
kan / sondern behelt sie also bey sich / martert vnd plaget sich nur
mit seinen eigenen gedancken / wie er möge mit seinen eigenen
krefften vnd wercken jm selbst rathen vnd helffen / oder wil so lang
warten / bis das sein gewissen für sich selbst zu frieden werde / der
martert sich selbst jemmerlich / vnd felt mit der zeit / wenn die

96
stechet] stecket. Vgl. Grimm, DWb 17, Sp. 1298.
97
jm abzubrechen] ihm Einhalt, Abbruch zu tun. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 15.
98
Marginal: Rom <emendiert aus: Rmo> 8. Röm 8,15f.
99
Schutzwere] Schutzwaffe. Vgl. Grimm, DWb 15, Sp. 2139.
100
keinen danck darzu haben] ‚Dank‘ hier im Sinne von ‚Absicht‘, ‚Wollen‘, also: ohne
weitere Absichten zu hegen. Vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 728.
101
tück] Angriffe. Vgl. Grimm, DWb 22, Sp. 1517.
102
verlipte] vergiftete. Vgl. Grimm, DWb 25, Sp. 815.
103
Marginal: 1. Cap. 5. 1Joh 5,4.
104
Marginal: Ephes 6. Eph 6,16.
105
Marginal: Tom: tischreden fol. 287.
106
die feigen zuweisen] mit geballter Faust zu drohen. Sprichwörtlich. Vgl. Wander 1,
Sp. 962.
wilhelm sarcerius, trauergeist 167

anfechtung grösser wird vnd nicht auffhöret in verzweiffelung. Denn


der Teufel höret nicht ehe auff das Gewissen anzuklagen / er habe
denn sein Werck ausgerichtet / das ist ein Menschen in verzweiffelung
bracht107. Haec Lutherus.
Dieser Glaube aber sihet vnd füsset auff Christum / vnd nimmet
allerley in die hand den Teufel hiermit zujagen vnd zu schlagen.
1. Diesen grund das er nicht wider den Teufel gesündiget habe
/ vnd tröstet sich des / wenn er noch so böse listig vnd mechtig
were / das er nicht <fol. D 2r> schaden könne. Denn wider jn sey
nicht gesündigt / was es denn den Bösewicht angehe / das wir
gesündiget haben? haben wir jm doch kein leid gethan / viel weni-
ger wider jhn gehandelt / weil er vns kein Gesetz gegeben hat /
Sondern wider Gott haben wir leider gesündiget / vnd seine Gebott
vbertretten. Darumb gestehen wir dem Ertzschalck nichts / er masse
sich gleich an eines rechten oder gewalts wider vns zu vben / hat
er vns doch weder Leben / Weib / noch Kind / ja das geringste
nicht gegeben / ist auch vnser Herr nicht / viel weniger vnser lei-
ber vnd Seelen Schöpffer / auch hat er vns die Gliedmass / dar-
mit wir gesündiget nicht gemachet / wie darff er denn der böse

107
Luther, Tischreden (1566), fol. 287r/v: „LJeber Gott / wer diese Kunst (wie ange-
zeigt) wol könte / dem were es zumal ein leichte Sache / dem Teufel / mit allen seinen
Tücken vnd Listen / die Feigen zu weisen / der sonst damit / das er den Leuten jre
Sünde furhelt / machet / das sie sich zu tode gremen / vnd durch verzweiffelung zur
Helle faren müssen / Es sey denn / das sie mit dieser Göttlichen Kunst vnd Weisheit
wol gerüstet seien / vnd jm widerstehen / Denn damit allein / wird die Sünde / der Tod
vnd Teufel vberwunden. Wer aber die Sünde aus dem sinn vnd gedechtnis nicht schla-
gen kan / sondern behelt sie also bey sich / martert vnd plaget sich nur mit seinen eigen
Gedancken / wie er möge / mit seinen eigen krefften vnd wercken / jm selbs rathen vnd
helffen / Oder wil so lange warten / bis das sein Gewissen fur sich selbs zu frieden
werde / vnd martert sich selbs jemerlich / vnd felt mit der zeit / wenn die Anfechtung
grösser wird / vnd nicht auffhöret / in verzweiffelung / Denn der Teufelt <sic!> höret nicht
ehe auff / das Gewissen anzuklagen / er habe denn sein Werck ausgerichtet / das ist /
einen Menschen in verzweiffelung bracht.“ Dieser Passus fußt auf folgendem Text: WA
40/I,90,14–24 (In epistolam S. Pauli ad Galatas Commentarius 1535): „Qui hanc artem
sciret, facile eluderet astutias omnes diaboli qui recordatione peccati enecat et ad infe-
ros deducit hominem, nisi hac arte ac sapientia Christianorum resistat ei, Qua sola pec-
catum, mors, diabolus vincuntur. Qui vero peccati memoriam non excutit, sed retinet et
excruciat se suis cogitationibus, videlicet, quo modo suis viribus velit sibi consulere, Aut
tantisper vult expectare, donec conscientia pacata reddatur, ille incidit in laqueos Satanae
(quos ipse in hoc tendit, ut capiat homines) et perdit se tristicia ac tandem miserrime
vincitur; Quia Diabolus non cessat accusare conscientiam. Denique egregie novit astu-
tus Serpens Iesum Christum, Mediatorem ac Salvatorem nostrum, proponere tanquam
Legislatorem, Iudicem et damnatorem.“
168 teil iii ‒ editionen

falsche Geist so frech vnd thumkün108 sein / das er sich vnterwin-


det vber alles das wir sein vnd haben / mit aller gewalt / als were
er Gott zu herschen. Er besch%ldige stöcke109 vnd plöcke110 die
jenigen / die sich jm ergeben / vnd mit Eid vnd pflicht verhafftet
sein.
Vnd ob er gleich hiermit vns beykommen wolte / das wir wider
Gottes Gesetz gesündiget / vnd derhalben vnter sein Reich die Helle
vnd ewige verdamnis gehöreten / so kan man jm hier mit begeg-
nen / das er seines henckers oder stock = <fol. D 2v> meister ampts
/ was die Gleubigen belanget / benommen vnd entsetzet111 sey /
hiermit das Christus die Handschrifft ausgetilget hat / so wider vns
war / welche durch satzung enstunde / vnd vns entgegen war /
vnd hat sie aus dem mittel gethan / vnd an das Creutze gehefftet112.
Denn das ist gewislich war / Nichts ist so hart wider vns / als vnser
eigen Gewissen / darmit wir als mit eigener Handschrifft vberzeu-
get werden / wenn das Gesetze vns die Sünde offenbaret / damit
wir solche Handschrifft geschrieben haben. Aber Christus erlöset vns
von solchem allen durch sein Creutze / vnd vertreibet den Teufel
mit der Sünde113. Das wir zum Teufel sagen können vnd sollen /
Jch gestehe dir nicht / das ich von dir vmb meiner Sünde willen
als dein gefangener / vnd als ein verdampter Mensch / zum ewi-
gen Tode / vnd hellischer Qual vnd Marter sol verurtheilet werden
/ der du nu lang von Christo meinem HErrn vnd Heiland ausge-
zogen / aller macht beraubet / vnd mit ewigen Ketten vnd Banden
der Finsternus zur Helle verstossen vnd vbergeben bist / das du mit
allen deinen Gesellen zum Gericht des grössen tages behalten114 /
vnd endlich mit allen Gottlosen in abgrund der Hellen gestürtzt wer-
dest. <fol. D 3r>

108
thumkün] dummkühn, tollkühn. Vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 1521.
109
stöcke] ‚stöcken‘ bedeutet ‚in den Gefangenenstock (hierzu Grimm, DWb 19, Sp. 30) set-
zen‘ im Sinne von ‚ins Gefängnis werfen‘. Vgl. Grimm, DWb 19, Sp. 81.
110
plöcke] ‚blöcken‘ bedeutet ‚in den Block legen/setzen‘. Vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 137.
111
S. o. S. 154, Anm. 24.
112
Marginal: Colos. 2. Kol 2,14.
113
Marginal: Lutherus am rande daselbs. WA.DB 7,231 (Bibel 1546, Randglosse zu
Kol 2,14): „Nichts ist so hart wider vns, als vnser eigen Gewissen damit wir als mit eige-
ner Handschrifft vberzeuget werden, wenn das Gesetz vns die sunde offenbaret, damit
wir solche Handschrifft geschrieben haben. Aber Christus erlöset vns von solchem allen,
durch sein Creutze, vnd vertreibet auch den Teufel mit der sunde.“
114
2Petr 2,4.
wilhelm sarcerius, trauergeist 169

2. Sihet vnd füsset der Glaub auff die grosse vnaussprechliche


gnade vnd Barmhertzigkeit Gottes / die da weit alle Sünde der gleu-
bigen vbertriefft vnd vberschattet. Also das wenn der Teufel einen
Christen plaget / vnd jm f%rhelt / er sey ein grosser Sünder / dar-
umb sey er sein Mancipium vnd leib eigener Hellebrand115. Darauff
antwortet ein Christ / Ja ich bin armer Sünder / ich kans nicht
leugnen / Aber darumb bin ich noch lange nicht dein. Denn Gottes
gnade ist viel grösser / denn mein vnd aller welt Sünde / wil der-
halben nicht mehr vnd grewlichere Sünden vber die vorigen hauffen
/ das ich solte Gott meinen Herrn lügen straffen / der Barmhertzig
ist / vnd Christum verleugnen / der sich selbs für vnsere Sünde
gegeben hat. Warumb vnterstehestu dich du lesteriger Geist / mich
in meinem Gewissen der Sünden halben zu engsten / vnd in
Zweiffelmuth zusetzen / weissestu nicht das Gott spricht / vnd mit
einem Eide betewert / er wolle nicht den tod des Gottlosen / Sondern
das sich der Gottlose bekere von seinem wesen / vnd lebe116. Jst dir
Dauids Exempel vnbekant / der es vbel genug ausrichtet / nam
Vria sein Weib / brach die Ehe mit jhr / vnd lies den vnschüldi-
gen <fol. D 3v> fromen Mann auff die Schlachtbanck opfern117. Aber
er erkennete seine Sünde / vnd erlangete durch Christum verge-
bung seiner sunden118. Hastu vergessen das Christus mein Herr mir
verboten hat / dir nicht zu Gleuben / wenn du auch die warheit
sagest / in dem er dich Teuffet vnd nennet einen Mörder / Lügner
vnd Vater der Lügen119.
3. Sihet vnd f%sset der Glaub auff Christum vnd stellet dem Teufel
denn Herrn f%r der Emanuel120 heist / warer Gott vnd Mensch ist
/ denn der Teufel schlecht121 nicht wil regieren lassen / vnd mus
jn doch regieren lassen / es sey jhm lieb oder leid. Derhalben so
der Sathan dem Glauben mit grosser macht vnter augen gehet
/ vnd gedencket jn mit der sünden last / gleich als mit einer Sünd-
flut zu%berfallen / von Christo abzuschrecken / vnd endlich in
verzweiffelung zudringen / so feret mit demütigen hertzen vnd in

115
Hellebrand] Höllenbrand; einer, der in der Hölle brennt. Vgl. Grimm, DWb 10, Sp.
1749.
116
Marginal: Ezech. 18 33. Ez 18,23; 33,11.
117
2Sam 11,1–27.
118
2Sam 12,13.
119
Marginal: Johan. 8. Joh 8,44.
120
Jes 7,14.
121
schlecht] schlechterdings. Vgl. Grimm, DWb 15, Sp. 529.
170 teil iii ‒ editionen

starcker hoffnung der Glaube herausser / helt dem Teufel hiermit


Oppositum, Christus Gottes Son ist gegeben / nicht für der heiligen
gerechtigkeit / sondern für der armen sünder vngerechtigkeit / were
ich gerecht / vnd hette kein sünde / so bedürfft ich Christus des
mitlers nicht / der mich mit Gott versönete. Jch weis wol du hei-
loser Satan / das ich nur eitel Sünde <fol. D 4r> habe / vnd nicht
ertichte / sondern rechte warhafftige / nicht leichte vnd geringe /
sondern rechte grosse grobe vnd vberaus schwere sünde / Ja ich bin
ein vbertretter aller Gottes geboten / vnd können freilich meine
Sünde nicht alle auff ein grosse Kühaut geschrieben werden122 / vnd
ist vnmöglich das man sie zelen solte / denn jr sind mehr denn
Sandes an Meer123. Aber das tröste ich mich / das Christus mein
vnd aller Menschen sünde selbs geopffert an seinem leibe / auff das
wir der Sünden los sein / vnd der gerechtigkeit leben124. Jtem ich
tröste mich des waren vnd tewren werden worts / das Jesus Christus
komen ist / in die welt die sünder selig zu machen125 / vnd sich
einmal auffgeopffert wegzunemen vieler Sünde126 / vnd das wir durch
das blut Christi haben erlösung / nemlich vergebung der s%nden /
nach dem reichthumb seiner gnaden127 / vnd so wir nu Gott ver-
sönet sein durch den tod seines Sons / da wir noch sünder waren
/ viel mehr werden wir selig werden durch sein leiden / so wir nur
versönet sein128. Darumb jrret vnd gibt mir dein anklagen du loser
Teufel nichts zu schaffen / wie kanstu mich vnd andere auserwel-
ten Gottes beschuldigen / Gott ist hie /129 der gerecht machet130 /
wie kanstu vns verdammen? Christus ist hie der gestorben ist <fol.
D 4v> / ja viel mehr der auch aufferwecket ist / welcher ist zur
rechten Gottes vnd vertrit vns131. Vnd zwar eben mit dem das der
Teufel vns saget / wie wir arme grosse Sünder sein / gibt er vns
Schwerd vnd Waffen in die hand / darmit wir jn gewaltiglich vber-
winden / ja mit seiner eigenen Wehre132 erwürgen vnd darnider

122
Sprichwörtlich. Vgl. Wander 2, Sp. 1694.
123
Vgl. GebMan 9.
124
Marginal: 1. Pet. 2. 1Petr 2,24.
125
Marginal: 1. Timoth. 1. 1Tim 1,15.
126
Marginal: Heb. 9. Hebr 9,28.
127
Marginal: Ephes. 1. Eph 1,7.
128
Marginal: Rom. 5. Röm 5,10.
129
hie /] Emendiert aus: / hie
130
Marginal: Rom. 8. Röm 8,33.
131
Röm 8,34.
132
Wehre] Waffe. Vgl. Grimm, DWb 28, Sp. 148.
wilhelm sarcerius, trauergeist 171

legen können. Denn kan er vns sagen / das wir arme Sünder sein
/ so können wir jhm wider sagen / das Christus für die Sünder
gestorben ist / vnd er vns selbs verkündige / wider sein danck133
vnd willen / Gottes ehre vnd herrligkeit / hiermit / das er vns bey
der Sünden erinnert / der Veterlichen liebe Gottes / so er gegen
vns arme grosse vnd verdampte sünder treget / nemlich das Gott
also die Welt geliebet hat / das er seines eingebornen Sons nicht
verschönet / sondern denselben für vnsere S%nde gegeben134. Weiter
vermanet er vns auch hiermit an die wolthaten vnsers heilands Jesu
Christi / auff welches allein / nicht auff vnsern schüldern / alle
vnsere Sünde liegen. Denn der Herr hat alle vnsere sünde vnd vnge-
rechtigkeit auff jn gelegt / vnd vmb der sünde willen die sein Volck
gethan hatte / hat er jhn geschlagen135. Mit einem solchen Glauben
/ der auf136 Christum vnd sein verdienst <fol. E 1r> trotzet137 / wird
der Teufel also zu nicht gemacht / das er sich für einem jungen
Kindlein in der wiegen mus fürchten. Denn wo er den Jesum nur
höret nennen aus einem rechten Glauben / da kan er nicht bleiben
/ denn er gedencket diesen hab ich erwürget. Eben als wenn ein
Mordbrenner138 jrgends an ein ort keme / da ein gewaltiger Herr
were / dem er schaden gethan / so würde er fliehen vnd des Herrn
nicht erwarten / denn er weis das er jhn gebrennet hat. Also mus
auch der Teufel für Christo erschrecken / er lieffe ehe durch ein
Fewer denn er bliebe. Das heist Semen mulieris conteret caput serpen-
tis139, Jch mein er habe jm den Kopff zu tretten / das er den Jhesum
Christum weder hören / noch sehen mag.
Des haben wir ein herrlich glaubwirdiges Exempel / so sich in
Türinger lande sol zugetragen haben. Jm stetlein Frieburg / da lag
ein Bawersman hefftig vnd gefehrlich kranck / vnd da er dem tode
gar nahe / sehen die vmb jn waren einen langen schwartzen scheus-
lichen Man in die Kammer kommen / der sich bald zum Bette des
Krancken wandte / vnd jn mit diesen worten hart anfure / hörestu

133
S. o. S. 166, Anm. 100.
134
Marginal: Johan. 3. Joh 3,16.
135
Marginal: Esaie 53. Vgl. Jes 53,4f.
136
auf ] Emendiert aus: auch
137
der auf Christum vnd sein verdienst trotzet] der sein Vertrauen auf Christus und
sein Verdienst setzt. Vgl. Grimm, DWb 22, Sp. 1133.
138
Mordbrenner] Brandstifter. Vgl. Grimm, DWb 12, Sp. 2535f.
139
Gen 3,15.
172 teil iii ‒ editionen

/ du must heut sterben / da wird nichts anders aus / vnd von rechts
wegen <fol. E 1v> gebürt mir deine Seele. Der Krancke antwort
Kech140 vnd Vnerschrocken / Jch bin bereit vnd willig zu sterben /
da es mein lieber Gott haben wil / der mir141 ziel vnd mass mei-
nes lebens gesetzet hat / vnd befehle meine Seele / der du dich
anmassest / meinem Herrn Christo / der sie von der Sünden Todt
vnd ewiger verdamnis hat erlöset durch sein blut. Darauff antwort
der Teuffel / du bist gleichwol voller S%nder vnd Laster / vnd
ich bin darumb da / das ich deine sünde auffzeichnen sol / vnd
mit den worten zeucht er aus dem busen Feder vnd Dinte / vnd set-
zet sich zu Tische / vnd schicket sich zum schreiben142. Da fehet
der Bawer an / vnd spricht / Jch weis das ich ein armer Sünder
bin / vnd nichts guts an mir ist / Aber das weis ich dargegen /
das meine Sünde der Herr Christus alle an das Creutze mit sich
genomen / die gebüsset vnd mich mit Gott dem Vater versöhnet.
Doch so du wilt meine Sünde anschreiben / trage ich der keinen
schew / wil dir sie gern erzelen. Setze derhalben zum ersten / wir
sind alle wie die Vnreinen / vnd alle vnser gerechtigkeit ist wie ein
vnfletig Kleid / wir sind alle verwelcket wie die Bletter / vnd vnsere
Sünde füren vns dahin wie ein Wind143 / vnd können mit vnserm
<fol. E 2r> thun für Gottes sünden gericht nicht144 bestehen / das
hatte der Teufel bald in die Feder gefast vnd auffs papier bracht /
hielte auch an bey dem Krancken / er solt also fort faren. Der
Krancke saget weiter / Aber / du ewiger Barmhertziger getrewer
Gott145 / du hast gesagt / Jch Jch tilge deine vbertrettung vmb mei-
net willen / vnd gedencke deiner s%nde nicht146 / vnd du hast
verheissen / wenn gleich ewer Sünde blut rot ist / sol sie doch
schneeweis werden / vnd wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe / solle
sie doch wie wol werden147. Diese wort liess der Trügner148 Sathan
aussen / vnd hielt hefftig an / er wolle bey der vorigen erzelung
seiner s%nden bleiben. Darauff jm der Krancke mit sonderlicher

140
Kech] keck. Vgl. Grimm, DWb 11, Sp. 375.
141
mir] Emendiert aus: wir
142
schicket sich zum schreiben] fängt an zu schreiben. Vgl. Grimm, DWb 14, Sp. 2649.
143
Marginal: Esaie 43. (Erratum). Recte: Jes 64,5.
144
nicht] Emendiert aus: nich
145
1Kor 10,13.
146
Marginal: Esaie 43. Jes 43,25.
147
Jes 1,18.
148
Trügner] Betrüger. Vgl. Grimm, DWb 22, Sp. 1307.
wilhelm sarcerius, trauergeist 173

freude vnd bestendigkeit des hertzens begegnet vnd sprach. Darzu


ist erschienen der Son Gottes / das er die wercke des Teufels zer-
störete149. Vnd als bald verschwande der stoltze Hellische Schreiber
/ kam Feder Dinte vnd Papir alles hinweg / vnd der krancke
Bawersman entschlieff bald hernach friedlich im Herrn.
4. Ergreifft150 der Glaub die heilige Tauffe / vnd scheuchert151 den
Teufel mit dem rechten krefftigen Weihewasser der widergeburt durch
den heiligen Geist. Denn ob gleich wie wir singen / das <fol. E 2v>
Natürliche152 auge allein das Wasser sihet / wie Menschen wasser
giessen / der Glaube doch im Geist verstehet / die krafft des bluts
Jhesu Christi / vnd ist für jm ein rote flut / von Christus blut gefer-
bet / die allen schaden heilen thut / von Adam her geerbet / auch
von vns selbs begangen153. Vnd sollen alle ware Christen so da
Gleuben / das sie getaufft sein / auch gleuben das sie heilig vnd
gerecht sein f%r Gottes angesicht. Denn die heilige Tauffe hat sol-
che krafft (daruon zuuor auch gesagt) das sie die Sünde endert vnd
verwandelt / nicht das sie nicht mehr verhanden weren / vnd nicht
gefühlet würden / sondern das sie nicht verdammen / vnd so man
die Tauffe also bedencket / vnd mit festem glauben fasset / kan
man dem Teufel vnd allen anfechtungen begegnen / vnd darauff
trotzen154 / das durch die Tauffe vns Christen / gnade vnd verge-
bung der Sünden zugesagt / vnd mitgetheilt worden / vnd derhal-
ben der Teufel keine macht / noch zuspruch an vns haben sol.
Doctor Martinus Lutherus erzelet ein mal diss Exempel / das ein
Doctor der Artzney gewesen sey / der habe in der Kirchen zuge-
sehen / wie man ein Kindlein getaufft hatte / vnd hat die Wort
der einsatzung der Tauffe mit <fol. E 3r> vleis hören sprechen /
vnd daraus einen festen starcken Glauben geschöpfft / das er mit
grosser freudigkeit gesagt hatte / wenn ich wüste das ich mit die-
sen worten / gleich als diss Kindlein / getaufft were / so wolt ich

149
Marginal: 1. Johan. 3. 1Joh 3,8.
150
Ergreifft] Emendiert aus: Eegreifft
151
scheuchert] verscheucht. Vgl. Grimm, DWb 14, Sp. 2611.
152
In Custode : Natur
153
Luther, Christ unser Herr zum Jordan kam, Str. 7, Wackernagel 3, S. 26 (Nr. 43)
(=EKG 146, 7): „Das Aug allein das wasser siht, | wie Menschen Wasser giessen: |
Der Glaub im Geist die krafft versteht | des Blutes Jhesu Christi, | Vnd ist für im ein rote
Flut | von Christus Blut geferbet, | die allen Schaden heilen thut | von Adam her geer-
bet, | auch von vns selbs begangen.“
154
Vgl. o. S. 171, Anm. 137.
174 teil iii ‒ editionen

den Teufel nicht mehr fürchten / Als nun des Kindes Geuattern155
/ vnd die andern die sonst vmb die Tauffe stunden / sagten das er
eben auch also getaufft were / vnd man hette diese Wort vber sei-
ner Tauffe auch gesprochen / da gewan der Doctor noch einen
grössern muth vnd Geist / das er weder den Teufel / noch kein
vnglück fürchten wolte. Nu treget sichs zu / das diesem Doctor der
Teufel erschiene / in gestalt eines Zötigen156 Bocks / mit langen
Hörnern / vnd lies sich an der Wand also sehen / der Doctor mer-
cket / das es der Teufel were / vnd fasset ein hertz / erwüschet
den Bock bey den Hörnern / vnd reisset jn von der Wand / schlecht157
den Bock auff den Tisch / behelt die Hörner in der hand / vnd
der Leib verschwindet158. Daraus ist abzunemen / was die Tauffe
vermag wider den Teufel / sie machet die Christen keck vnd vber-
windlich159 / vnd schlecht160 den Teufel in die flucht / wolt Gott
das man sich nur starck darauff verliesse / vnd dem Teufel mit dem
geheilig= <fol. E 3v> ten Tauffstein vnter das Kolschwartze ange-
sicht f%re / es würde viel anfechtung vnd zweiffelmut zurrinnen161
vnd aussen bleiben.
5. Helt der Glaube dem Teufel ernstlich für die Absolution / vnd
stehnet162 vnd verlest sich darauff / das die Absolutio so von dem
Beichtuater in Christi namen mitgetheilt wird / bey Gott gelte vnd

155
Geuattern] Taufeltern und Taufzeugen. Vgl. Grimm, DWb 6, Sp. 4642.
156
Zötigen] zottigen. Vgl. Grimm, DWb 32, Sp. 139.
157
schlecht] schlägt. Vgl. Grimm, DWb 15, Sp. 347.
158
Marginal: Tom: tischreden fol: 289. Luther, WA.TR 6,208,28–209,5 (Nr. 6815):
„Darvon D. Luther dies Exempel erzählete: ‚Daß ein Doctor der Arznei gewesen sei, der
hab in der Kirche zugesehen, wie man ein Kindlein getauft hatte, und hatte die Wort
der Einsetzung der Taufe mit Fleiß hören sprechen und daraus einen festen starken
Glauben geschöpft, daß er mit großer Freudigkeit gesagt hatte: ‚Wenn ich wüßte, daß
ich mit diesen Worten gleich als dies Kindlein getauft wäre, so wollt ich den Teufel nicht
mehr fürchten.‘ Als nu des Kindes Gevattern und die Andern, die sonst um die Taufe
stunden, sagten, daß er eben also auch getauft wäre und man hätte diese Wort uber
seiner Taufe auch gesprochen, da gewann der Doctor noch einen größern Muth und
Geist, daß er wider den Teufel, noch kein Unglück fürchten wollte. Nu trägets sichs zu,
daß der Teufel diesem Doctor erschiene in Gestalt eines zötigen Bockes mit langen
Hörnern, und ließ sich an der Wand also sehen. Der Doctor merkete, daß es der Teufel
wäre, und fasset ein Herz, erwischet den Bock bei den Hörnern, und reißet ihn von der
Wand, schlägt den Bock auf den Tisch, behält die Hörner in der Hand und der Leib ver-
schwindet.“
159
S. o. S. 162, Anm. 74.
160
S. o. Anm. 157.
161
zurrinnen] zerrinnen. Vgl. Grimm, DWb 31, Sp. 749.
162
stehnet] ‚sich stöhnen‘ bedeutet ‚sich auf etwas stützen‘. Vgl. Grimm, DWb 19, Sp. 179.
wilhelm sarcerius, trauergeist 175

mechtig sey / vnd das rechte himlische Ablass mit sich bringe /
nach den worten Christi / was jhr auff Erden bindet / das sol im
Himmel gebunden sein / was jhr loss lasset / das sol im Himmel
loss sein163. Vnd ist nicht der Christen geringster schutz vnd streit-
wehre164 wider den hellischen Trawergeist / das jnen niemand den
Himmel versperren sol / auch jre eigene Sünde nicht / denn ob sie
gleich Sünde haben / wie andere Leute / so haben sie doch die
Schlüssel des Himmelreichs165 / das durch vergebung der Sünden /
welche so auff mancherley weise jnen zugesagt vnd gegeben wird /
der Himmel jnen wider wird auffgethan / vnd finden solche gnade
/ nicht allein bey denen / so Christus mit einem sondern befelch
seiner Kirchen fürzustehen / verordnet hat / sondern auch im fall
der noth bey einem jeden Christen menschen / da sol mans gleu-
ben <fol. E 4r> vnd annemen. Vnd solcher gnaden trösten sic<h>
auch mehr die rechtschaffenen Christen / denn das sie die Pforten
der Hellen166 mit jrem teglichen anlauffen sich schrecken liessen /
vnd gleuben gewis / wo da vergebung der S%nden ist / da habe es
nicht noth / der Himmel sol offen bleiben / das sol der Teufel vnd
Helle nicht wehren. Wo man auch mit dem lose Schlüssel dem Teufel
also für den ohren klinget / nimpt er die hinderklawe mit sich /
vnd weichet daruon.
6. Begegnet der Glaub dem Teufel mit dem Sacrament des altars
/ vnd da das gewissen blöd vnd erschrocken ist / vnd kan den trost
nicht fest genugsam ergreiffen / das Gott gnedig sein vnd Sünden
vergeben wolle / so sihet vnd füsset es auff das Abendmal / das
Christus verordnet / vnd schleust also / weil mir Christus sein leib
vnd blut zur speise vnd tranck gegeben hat / ich auch dasselbige
genossen / was wolt ich denn zweiffeln / das sein Leib f%r meine
Sünde hingegeben / vnd sein Blut für meine Sünden vergossen sey.
Du Teufel magst sagen / vnd mir der bösen gedancken eintragen
/ so viel als du wilt vnd kanst / so gleube ich vestiglich / der
Himmel sey mir vmb sonst gegeben / vnd sey mein ge = <fol. E
4v> schencke / dar%ber ich denn Brieff vnd Siegel habe / das ist
/ Jch höre Gottes wort / vnd bin getaufft / vnd gehe zum Sacrament

163
Marginal: Luce 24. Johan. 20. Mt 18,18; vgl. Joh 20,23. Lk 24 als Belegstelle ist
inkorrekt.
164
streitwehre] Kampfausrüstung. Vgl. Grimm, DWb 19, Sp. 1399.
165
Mt 16,19.
166
Mt 16,18.
176 teil iii ‒ editionen

/ brauche des natürlichen vnd wesentlichen Leibs vnd Bluts Christi


/ darmit bin ich wol versorget / vnd ob du mir gleich mit der
anfechtung ein loch in den Brieff machest / oder gar zurissest167 /
so ist nicht viel daran gelegen / Christus hat seine himlische Cantzeley
vnd Siegel bey der Kirchen hie auff Erden verlassen168 / das ich
diesen Brieff allzeit viedemieren169 / vnd auffs newe kan bestetigen
lassen / wenn vnd so offt ich es bedarff. Wo aber solcher Glaube
vnd vertrawen ist / da ists vnmöglich / das der Teufel lenger sei-
nen sitz behalten / vnd die Herberge nicht reumen müste.
7. Greifft der Glaube zum Gebet vnd anruffung wider den Teufel
/ vnd spricht / Himlischer Vater / vergibe vns vnsere schuld / füre
vns nicht in versuchung / erlöse vns von allem vbel170 / darzu der
Apostel Sanct Paulus die Christen auch weiset / vnd wil das sie
neben dem Helm des heils / vnd dem schwert des Geistes / wel-
ches ist das wort Gottes / stets beten sollen / in allem anliegen mit
bitten vnd flehen171. Denn was für ein starcke Mauer vnd Wahl172
der Kirchen / vnd <fol. F 1r> waffen der Christen vnd Gottseligen
das liebe Gebet sey / das weis vnd erferet niemand / denn ein
Christ vnd Gleubiger / der den Geist der gnaden vnd des Gebets173
hat. Gott spricht selber im Propheten Ezechiel: Jch suchte vnter jnen
/ ob jemand vmb sich eine Mawer machete / vnd wider den riess
stünde gegen mir für das land / das ichs nicht verderbete / Aber
ich fand keinen174 / als wolt er sagen / Jch wartete ob jemand mit
dem Gebet meine straffe abwenden wolte / welchs ich hette gesche-
hen lassen / Aber ich höret niemand beten. Denn gewis alle die
Gott im rechten Glauben mit ernst von hertzen anruffen / werden
erhöret175 / vnd empfahen was sie gebeten vnd begert haben176 /
wiewol nicht so bald auff dieselbige stunde / zeit / mass / oder
eben das darumb sie bitten / sondern wenn es Gott gefelt / vnd
kriegen offt viel ein bessers / grössers vnd herrlichers denn sie haben

167
S. o. S. 174, Anm. 161.
168
verlassen] hinterlassen. Vgl. Grimm, DWb 25, Sp. 730.
169
viedemieren] beglaubigen. Vgl. Grimm, DWb 26, Sp. 48.
170
Mt 6,12f.
171
Marginal: Ephes. 6. Eph 6,17f.
172
Wahl] Wall. Vgl. Grimm, DWb 27, Sp. 1256.
173
Marginal: Zach. 12. Sach 12,10.
174
Marginal: Cap. 12. (Erratum). Recte: Ez 22,30.
175
Vgl. Ps 91,15.
176
Vgl. Mt 7,8.
wilhelm sarcerius, trauergeist 177

d%rffen hoffen. Ja das Gebet ist allein die allmechtige Keiserin /


dadurch wir in menschlichen dingen alles ausrichten177:
Was geordnet ist das Regieren wir
Was gejrret ist endern vnd bessern wir
Was nicht kan geendert vnd gebessert werden leiden wir
Alles vnglück vnd den Teufel selbs vberwinden
Alles gute erhalten wir <fol. F 1v>
Jn summa wider gewalt ist kein Rath / sondern allein das Gebet /
wie Lutherus ein mal zu Philippo Melanthone sagt Anno 1540178.
Jm Büchlein Tobia lesen wir / das der junge Tobias / aus befelch179
des Engel Raphaels / Eine frische Leber auff gl%ende Kolen gelegt
/ vnd der böse Geist Astmodi würde dadurch vertrieben / das er
jm nicht schaden köndte180 / mit welchem gedicht die alten haben
die krafft des Gebets anzeigen wollen / denn das ist so starck / das
es die bösen Geister vertreibet / vnd dem Teufel sein krafft bricht
/ das er nichts bey den gleubigen kan ausrichten / vnd gleich wie
ein böser Rauch oder gifftiger nebel die Bienen wegscheuchert181 vnd
noch wol tödtet / also veriaget der seelen Rauch der in die lufft
gehn Himel feret / das Gebet / den Teufel / vnd machet jn gantz
krafftlos / ist jm ein rechte Gifft vnd Pestilentz182.
8. Lest der Glaub dem Teufel zum verdries / Gottes wort reich-
lich vnter den Christen wohnen / in aller weisheit / das sie nach
der Regel S. Pauli sich selbs leren / vnd vermanen mit Psalmen vnd
lobgesengen183 / vnd geistlichen liedern / die da tröstlich holdselig
vnd gnadenreich sein / vnd singen dem Herrn in jrem hertzen184.
Diese fröligkeit kan der Trawergeist / der nur heulet trauret <fol. F
2r> vnd leid in aller welt anrichtet / in keinem wege leiden. Daher
kompts auch das er von der Musica auffs weitest fleuhet / bleibet
nicht wenn man singet / sonderlich Geistliche lieder. Also hindert
Dauid mit seiner Harffen dem Saul die anfechtung / da jn der
Teufel plagte185 <.> Darumb gibt D. Mart. Luth. der Musica diss

177
Marginal: Durchs Gebet.
178
Bislang nicht ermittelt.
179
aus befelch] auf Befehl. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 1251.
180
Marginal: Cap. 8. Tob 8,2f.
181
S. o. S. 173, Anm. 151.
182
Vgl. Hos 13,14.
183
Marginal: Colos. 3. Kol 3,16.
184
Vgl. Eph 5,19.
185
1Sam 16,14–23.
178 teil iii ‒ editionen

zeugnis. Der schönesten vnd herrlichsten gaben Gottes eine ist die
Musica / der ist der Sathan sehr feind / darmit man viel anfechtung
vnd böse gedancken vertreibet / der Teufel erharret jr nicht. Jtem:
Musica ist der besten kunst eine / die Noten machen den Text
lebendig / sie veriagt den Geist der trawrigkeit / vnd ist das beste
labsal einem betrübten menschen / dardurch das hertze wider zufriede
gestellet / erquicket vnd erfrischet wird186. Da Luth. auch einmal
auff einem weglein in ein holtz / vnd auff die Acker hinaus spaci-
ren füre / sich zu erlüstigen187 / sang vnd war frölich / Gott zu
ehren / sprach er / vnser gesenge verdriessen den Teufel vbel /
vnd thun jm sehr wehe / widerumb vnser vngedult klagen vnd Awe
schreien / gefelt im wol / vnd lachet drüber in die faust / er hat
lust vns zuplagen / sonderlich wenn wir Christum rühmen / predi-
gen vnd loben. Denn weil er Furst der welt vnd vn= <fol. F 2v>
ser abgesagter Feind188 ist / so müssen wir jm durch sein Land pas-
siren / darumb wil er auch warlich den Zoll von vns haben / vnd
schleget vnsere leiber mit mancherlei plagen189.
Endlich wird der Glaub so keck stoltz vnd vbermütig / das er
auch mit lecherlichen possen / vnd grosser verachtung dem Teufel
begegnet / vnd von sich weiset / wie Luth. von jm selbs saget /
wenn er des Teufels mit der heiligen schrifft / vnd mit ernstlichen
worten nicht hette können loss werden / so hette er jn offt mit spit-
zigen worten vnd lecherlichen possen vertrieben / vnd wenn er jm
sein gewissen hett beschweren wollen / so hette er offt zu jm gesagt
/ Teufel ich habe auch in die hossen etc. hastu es auch gerochen

186
Luther, WA.TR 1,490,6–9.19f (Nr. 968): „‚Der schönsten und herrlichsten Gaben
Gottes eine ist die Musica. Der ist der Satan sehr feind, damit man viel Anfechtunge
und böse Gedanken vertreibet. Der Teufel erharret ihr nicht. Musica ist der besten Künsten
eine. Die Noten machen den Text lebendig. Sie verjagt den Geist der Traurigkeit, wie
man am Könige Saul siehet < . . .> Musica ist das beste Labsal einem betrübten Menschen,
dadurch das Herze wieder zufrieden, erquickt und erfrischt wird <. . .>‘.“
187
erlüstigen] belustigen. Vgl. Grimm, DWb 3, Sp. 909.
188
abgesagter Feind] Feind, dem man abgesagt hat, bzw. derjenige, der sich zum Feind
erklärt hat. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 47.
189
Luther, WA.TR 4,26,18–25 (Nr. 3945): „Doctor Martinus fuhr ein Mal auf eim
Wäglin hinaus in ein Holz und auf die Aecker spazieren, sich zu erlustiren, sang und
war fröhlich, Gotte zu Ehren, und sprach: ‚Unser Gesänge verdrießen den Teufel ubel
und thun ihm sehr wehe; wiederum unser Ungeduld, Klagen und Auweh schreien gefällt
ihm wol und lacht drüber in die Faust. Er hat Lust, uns zu plagen, sonderlich wenn wir
Christum bekennen, rühmen, predigen und loben. Denn, weil er ein Fürst der Welt und
unser abgesagter Feind ist, so müssen wir ihm durch sein Land passiren, darum will er
auch wahrlich den Zoll von uns haben und schlägt unsere Leibe mit mancherlei Plagen.‘“
wilhelm sarcerius, trauergeist 179

/ vnd zu den andern meinen sünden in dein Register geschrieben.


Jtem er hette gesagt zu jhm / Lieber Teufel / ists nicht genug an
dem blut Christi / so für meine sünde vergossen ist / so bitt ich
dich du wolst Gott für mich bitten190.
Hieuon lieset man ein historia so sich zu Magdeburg sol zugetra-
gen haben. Da war ein Bürger dem starb ein kind / dem liess er
nicht Vigilien vnd Seelmessen singen / denn es gestunde191 trefflich
viel / da fieng nu der Teuffel ein spiel an / vnd kam alle nacht
vmb 8. vhr in die kamer / vnd winselte <fol. F 3r> wie ein jung
Kind. Dem guten man war drüber leide / vnd wuste nicht wie er
jhm thun solte. Da schrien die pfaffen / ey da sehet jhr / wie es
gehet / wenn man nicht Vigilien helt etc. wie thut das arme seel-
chen. Darauff schicket der Bürger an Lutherum / vnd lies jn fra-
gen vmb rath. Denn es war Lutheri Sermon vber den spruch / Sie
haben Moisen vnd die Propheten192 / ausgegangen / den hat er
gelesen. Da schrieb jm Luth. er solte nichts halten lassen / denn er
vnd das gantze Hausgesinde / solts gewislich darfür halten / das es
der Teuffel were / der solchs anrichte / das theten die kinder vnd
gesinde / vnd verachten den Teufel vnd sprachen / Teufel was
machstu / hastu sonst nichts mehr zuthun? heb dich du verfluchter
Geist / dahin du gehörest in abgrund der helle. Wie nu der Teufel
dz mercket / da war er kein kind mehr / sondern er polterte /
st%rmete / vnd warff 193 vnd schlug / thet scheuslich / lies sich
offt sehen wie ein wolff / der da heulete. Aber die kinder vnd jeder-
man verachten jn / wenn jrgends ein Magd mit dem kinde die trep-
pen hinauff gienge / so dappete er mit den henden hinnach / so
sagt denn das gesinde hui bistu toll. Letzlich kömpt er ein mal zu
der wirtin im haus / die in einer kamer allein lag / mit der <fol.

190
Luther, WA.TR 6,210,7–15 (Nr. 6817): „Doctor Luther sagte: ‚Wenn er des Teufels
mit der heiligen Schrift und mit ernstlichen Worten nicht hätte können los werden, so
hätte er ihn oft mit spitzigen Worten und lächerlichen Possen vertrieben. Und wenn er
ihm sein Gewissen hätte beschweren wollen, so hätte er oft zu ihm gesagt: Teufel, ich
hab auch in die Hosen geschmissen, hast du es auch gerochen, und zu den andern
meinen Sünden in dein Register geschrieben?‘ Item er hätte zu ihm gesagt: ‚Lieber
Teufel, ists nicht gnug an dem Blut Christi, so fur meine Sünde vergossen ist, so bitte
ich dich, du wollest Gott fur mich bitten.“
191
gestunde] kostete. Vgl. Grimm, DWb 5, Sp. 4211.
192
Luther, WA 10/III,176–200 (Sermon von dem reichen Mann und dem armen Lazarus
1522).
193
warff ] Zur Verwendung von ‚werfen‘ ohne Objekt vgl. Grimm, DWb 29, Sp. 292f.
180 teil iii ‒ editionen

F 3v> schertzet er / leufft auff dem Bette daher wie eitel194 ratten
meuse / da er nu nicht wil auffhören / da ist das weib her / vnd
wendet das hindertheil zum bette hinaus / vnd lest jm ein redlichen
(mit züchten zu reden) für die Nasen tretten / vnd spricht / sihe da
Teuffel / da hastu einen stab / den nim in deine hand / vnd gehe
darmit walfart gehn Rom / zu deinem Abgott dem Bapste / vnd
hole dir Ablas von jm / spottet also des Teufels noch darzu / Nach
dem bleibe der Teuffel mit seinem poltern aussen. Denn es ist ein
stoltzer Gesell / verachtens vnd vexirens / kan er nicht leiden viel195.
Ein solchen wunderbarlichen sieg füren vnd erhalten die Christen
/ durch den glauben / wider den Teufel / vnd all sein macht vnd
gewalt. Gleich als wenn einer ein grosse Fewerglut vnd brand mit
einem leffel vol wassers / oder mit einem tröpfflein wassers solte
ausleschen / oder wenn ein armes schefflein viel reissende wolffe
vnd grimmige Lewen196 veriagen solte. Denn ein einiger Teuffel ist

194
wie eitel] Emendiert aus: wieeitel
195
Luther, WA.TR 6,210,21–211,6.18–27 (Nr. 6817): „Daß man ihn aber nirgends
besser vertreiben könne denn mit Verachtung, deß erzählet der Herr D. Luther eine
Historien, die sich hätte zu Magdeburg zugetragen, und sprach. ‚Im Anfang meiner Lehre,
da das Euangelium anging, da legte sich der Teufel fast drein, und ließ nicht gerne ab
von dem Poltern, denn er hätte zu Magdeburg das Purgatorium und den Discursum
animarum gerne erhalten. Nu war allda ein Bürger, dem starb ein Kind, dem ließ er nicht
Vigilien und Seelmesse singen, denn es stunde trefflich viel. Da fing nu der Teufel ein
Spiel an und kam alle Nacht um 8 Uhr in die Kammer und winselte wie ein jung Kind.
Dem guten Manne war drüber leide, und wußte nicht, wie er ihm thun sollte. Da schrien
die Pfaffen: ‚Ei, da sehet Ihr, wie es gehet, wenn man nicht Vigilien hält etc. Wie thut
das arme Seelchen!‘ Darauf schickt der Bürger an mich, und ließ mich um Rath fragen;
denn es war mein Sermon uber den Spruch: ‚Sie haben Mosen und die Propheten,‘
ausgegangen, den hatte er gelesen. Da schriebe ich ihme wieder: Er sollte nichts hal-
ten lassen, denn er und das ganze Hausgesinde sollts gewißlich dafür halten, daß es
der Teufel wäre, der solches anrichtete. Das thäten die Kinder und Gesinde und verach-
teten den Teufel, und sprachen: ‚Teufel, was machst du, hast du sonst nichts mehr zu
thun? Heb dich, du verfluchter Geist, dahin du gehörest, in Abgrund der Hölle!‘ Wie nu
der Teufel das merkete, da war er kein Kind mehr, sondern er polterte, stürmete, warf
und schlug, und thät scheußlich, ließ sich oft sehen wie ein Wolf, der da heulete; aber
die Kinder und jdermann verachteten ihn. Wenn irgends eine Magd mit dem Kinde die
Treppen hinauf ging, so trappete er mit den Händen hinnach; so sagete denn das Gesinde:
‚Hui, bist du toll?‘ <. . .> Letztlich kömmt er hinüber zu der armen Frauen, die in der
einen Kammer lag, mit der scherzet er auch also, läuft auf ihrem Bette daher wie eitel
Rattenmäuse. Da er nu nicht will aufhören, da ist das Weib her, vnd wendet den A- zum
Bette hinaus, und läßt ihm einen F- (mit Züchten zu reden), und spricht: ‚Siehe da,
Teufel, da hast du einen Stab, den nimm in deine Hand, und gehe damit wallfahrten gen
Rom zu deinem Abgott, dem Papst, und hole dir Ablaß von ihm!‘ Spottet also noch des
Teufels dazu. Nach dem bliebe der Teufel mit seinem Poltern außen, quia est superbus
spiritus et non potest ferre contemptum sui.“ Vgl. auch WA.TR 3,50,17–20 (Nr. 2884).
196
Lewen] Löwen. Vgl. Grimm, DWb 12, Sp. 825.
wilhelm sarcerius, trauergeist 181

stercker vnd klüger / denn alle menschen / als der vns auswendig
vnd inwendig kennet / vnd gegen jm zurechen197 sind wir Alphabet
schüler / schwache vnd arme sünder198 / wie wir aus der erfarung
teglich lernen. Doch können wir arme menschen <fol. F 4r> mit
vnser schwacheit gar grosse ding / im Glauben / wider den bösen
hellischen Geist ausrichten / wie jtz nach einander erzelt worden.
Das nu der Teufel solcher gewaltigen rüstung vnd vberwindlicher199, 200
macht / so ein jeder gleubiger Christ gegen jm hat / füret vnd brau-
chet / sich hoch erfrewen solte kan nicht sein / Sondern es brin-
get jm in der warheit stetiges trawren / vnd das rechte Hertzpoffen201
vnd zittern / das die Christen sich seiner so krefftiglich erwehren /
vnd alle seine t%ck / anfeindung / vnd verfolgung / so leichtlich
ausschlahen / vnd mit schanden abweisen können / vnd möchte
darüber tol vnd vnsinnig werden / Auch wo er sterblicher natur
were sich zu tode gremen.
Vnd das ich wider ad propositum komme / vnd mehr vrsachen
anzeige / woher der Teufel grosse trawrigkeit vnd schwermuth
schöpffe. So verdreust jn zum sechsten / vnd thut jm schmertzlich
wehe / das Gott noch sorge treget / für die so jhn fürchten / vnd
vber den gerechten vleissige vnd trewe wache helt. Denn wie Dauid
leret / so kommet der fromen hülffe von dem Herrn / der Himmel
vnd Erden gemacht hat202 / vnd der hüter Jsrael / der Christlichen
kirchen / schleffet noch schlummert nicht203 / er ist hinden vnd forn
/ vnd auff allen <fol. F 4v> seiten vmb sein volck / vnd behütet es
also / das weder Sonn203a noch Monde / die seinen zu tode stechen
sollen204 / Ja das auge des Herrn sihet auff die so jn fürchten / die
auff seine güte hoffen 205. Die augen des Herrn sehen auff die
gerechten206. Vnd brauchet zu derselbigen schutz / der lieben heili-
gen Engel / die sich zurings wie ein Wagenburg vmb die Christen

197
gegen jm zurechen] verglichen mit ihm. Vgl. Grimm, DWb 14, Sp. 351. Zu ‚rechen‘
für ‚rechnen‘ vgl. ebd. Sp. 347.
198
arme sünder] Emendiert aus: armesünder
199
vberwindlicher] Emendiert aus: vberwidlicher
200
S. o. S. 162, Anm. 74.
201
Hertzpoffen] Herzklopfen. Vgl. Grimm, DWb 13, Sp. 2210.
202
Ps 124,8.
203
Marginal: Psalm 120. Ps 121,4.
203a
Sonn] Emendiert aus: Sohn
204
Ps 121,6.
205
Marginal: Psalm 33. Ps 33,18.
206
Marginal: Psalm 34. Ps 34,16.
182 teil iii ‒ editionen

lagern207 / vnd jnen als hüter / geleitsleuten208 vnd Hackenschützen209


zugeben werden / auff das sie von Teufeln nicht beschediget vnd
vmbracht werden. Denn es sind viel Teufel in welden210 / wassern
/ wüsten / vnd an feuchten pfülichten211 örten / etzliche sind in
den schwartzen dicken wolcken / die machen wetter / hagel / plitz
vnd donner / vergifften die lufft vnd weide / vnd stellen alle augen-
blick on vnterlas listiglich nach vnserm leben heil vnd seligkeit. Aber
der lieben Engel hüte212 / besch%tzet vns wider sie / das sie nicht
können thun was sie gern wolten. Vnd da die Christen ein zeitlangt
jnen selbs gelassen werden / vnd etwan durch menschliche schwa-
cheit vbereilet / dem Teufel ein loch vnd thür auffsperren / dar-
durch er jnen schaden zufügen köndte / so stössen doch als bald
die lieben Engel jre fichtige213 für / vnd schlagen dem Teuffel nach
den klawen / das er mit schande die <fol. G 1r> pfoten zu rück
ziehen / vnd sich trollen mus. Vnd das thut dem Teufel zorn / wie
er sich des auch beklaget im buch Hiob / Ja lieber sagt er zu Gott
/ Hiob hat gut from / schlecht vnd gerecht zu sein / hastu doch
sein haus vnd alles was er hat rings vmbher verwaret / da du aber
deine hand wirdst ausstrecken / vnd mir erleuben / das ich jn
angreiffe / so sol man wol sehen / wie from er ist214.
Zum siebenden / so stichet den Teufel in die augen / vnd leget
darnider sein grosses pralen vnd frolocken / die ehr vnd herrligkeit
/ so allen gleubigen im ewigen leben fürbehalten ist / vnd gewis-
lich sol mitgetheilet werden. Denn so die Gottlosen / wie Salomo
zeuget im buch der Weisheit / grausam werden erschrecken / f %r
der gerechten seligkeit / derer sie sich nicht versehen hetten / vnd

207
Ps 34,8.
208
geleitsleuten] Begleiter. Vgl. Grimm, DWb 5, Sp. 3002.
209
Hackenschützen] Hakenschützen sind Kriegsleute, die Handrohrwaffen, näherhin sog.
Hakenbüchsen verwenden. Es handelte sich dabei um schwere Handfeuerwaffen (Kaliber von min-
destens 1,5 cm), die an der Laufunterseite (unterhalb des Schaftes in der Mitte oder im vorderen
Drittel) einen oder zwei Haken aufwiesen, um sie (wegen ihres hohen Gewichts und des erhebli-
chen Rückstoßes) auf Mauern oder Stützgabeln auflegen zu können. Aufgrund ihres hohen Gewichtes
spielten Hakenbüchsen vor allem in der stationären Verteidigung fester Plätze (Festungen, Lager)
eine große Rolle. Spätestens zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden die sperrigen ‚Handrohre‘
durch die wesentlich leichteren Musketen abgelöst. Vgl. Grimm, DWb 10, Sp. 178. 181f. Heinrich,
S. [21]. Gohlke, S. 58f. Ortenburg, S. 54.
210
welden] Wäldern. Vgl. Grimm, DWb 27, Sp. 1073.
211
pfülichten] sumpfigen. Vgl. Grimm, DWb 13, Sp. 1807.
212
hüte] Hut, Wachung. Vgl. Grimm, DWb 10, Sp. 1983.
213
fichtige] Fittiche. Diese Form nicht bei Grimm, DWb.
214
Marginal: Cap. 1. Hi 1,8–11.
wilhelm sarcerius, trauergeist 183

werden mit einander reden mit rewe / vnd für angst des Geistes
seufftzen215 / Jst kein zweiffel nicht / das der Teuffel schon darü-
ber seufftzet / vnd grausamen neid vnd schmertzen tregt / das noch
etzliche aus dem menschlichen geschlecht / sollen gen Himel auff-
genomen / vnd in die Gloria oder ehr gesetzt werden / daraus er
mit seinem anhang216 verstossen worden. Darumb köndte er es dahin
richten vnd bringen / das niemands selig würde / das were sein
höchste freude. Aber wider seinen danck217 / <fol. G 1v> mus er
Christo sein Kirchlein zu frieden lassen / welches wie es hiemit lei-
det / Also sol es mit zur herligkeit erhaben werden218 / vnd wird
einmal geschehen / das die gemeine der heiligen als eine geschmückte
braut219 wird bey Gott ewiglich sein vnd wohnen / vnd Gott wird
abwischen alle threnen von jren Augen / vnd der Todt wird nicht
mehr sein / noch leid / noch geschrey / noch schmertzen wird
mehr sein / denn das erste ist vergangen220 / vnd sie werden trin-
cken von dem brunnen des lebendigen wassers221 / vnd von der herr-
ligkeit Gottes erleuchtet werden222. Solchs kan one trawrigkeit vnd
betrübnis der Teufel nicht bedencken noch anschawen.
Zum achten letzlich / so lieget dem Teufel im sinne seine eigene
zukünfftige verdamnis / vnd machet jn erst recht voller vnruhe vnd
mehrer trawrigkeit. Denn wie beide Aposteln Petrus vnd Judas schrei-
ben / die bösen engel / so jr fürstenthumb nicht behielten / hat
Gott behalten zum gerichte des grossen tages mit ewigen banden im
finsternus223 / vnd wird endlich der Sathanas der aus seinem gefeng-
nis tausend Jar loss worden / vnd ausgegangen die heiden in den
vier örten der erden224 zuuerfüren225 / mit dem thier vnd falschen
Propheten (das ist dem Antichrist vnd seinem an= <fol. G 2r> hang)
in den Feurigen pfuel vnd schweffel geworffen vnd gequelet werden

215
Marginal: Cap. 5. Sap 5,2f.
216
anhang] Emendiert aus: angang
217
S. o. S. 166, Anm. 100.
218
Marginal: Rom. 8. Röm 8,17.
219
Apk 21,2.
220
Apk 21,4.
221
Marginal: Apocalip. 21. Apk 21,6.
222
Apk 21,23.
223
Marginal: 2. Pet. 2. Jud 6; 2Petr 2,4.
224
in den vier örten der erden] in allen vier Himmelsrichtungen. Vgl. Grimm, DWb 13,
Sp. 1354.
225
Apk 20,7f.
184 teil iii ‒ editionen

/ tag vnd nacht / von ewigkeit zu ewigkeit226. Daruon Johannes der


Euangelist in seiner offenbarung deutlich redet. Das also die Teuffel
jr schweres gerichte vnd ende vrtheil / auch letzte ewigwerende pein
/ noch für sich haben / vnd mit den vngerechten die schreckliche
stimme des zukünfftigen richters Jesu Christi hören sollen / gehet
hin von mir jr verfluchten in das ewige Fewer / das bereitet ist den
Teufeln vnd seinen Engeln227. Gleich wie aber ein mensch der zum
tode verdampt ist / vnd alle augenblick im gefengnis des Scharffrichters
gewarten228 mus / gantz verzweiffelt verstöckt vnd jmmer je böser
wird / Also gehen auch die Teuffel in einem verstockten verzweiffeltem
wesen dahin / vnd warten alle augenblick auff jhr gericht / vnd
haben wenig kurtzweil bey der furcht der zukünfftigen straffen.
Darumb der alte Lerer Jsidorus von dem Teufel also schreibet. Quanto
propinquius finem mundi Diabolus videt, tanto Crudelius persecutiones
exercet, ut quia229 se continuo damnandum conspicit, socios sibi multipli-
cet cum quibus gehennae ignibus addicatur 230, das ist / je neher der
Teuffel der welt ende sihet / ehe grewlicher verfolgung er anrich-
tet / auff das er / der da weis / das er bald <fol. G 2v> sol ver-
dampt werden / jm viel gesellen samle / mit denen er zum hellischen
Fewer verstossen werde.
Aus angezeigten acht vrsachen / die ich etwas weitleufftiger dem
Teuffel zu verdries / vnd mir vnd andern Christen zu trost erzelet
habe / ist nu leichtlich abzunemen vnd zuuerstehen / das der hel-
lische Geist / er stelle sich frölich als er wölle / vnd lache gleich
in beide Feustlein / so ist er doch ein trawriger / wehmütiger /
trostloser / verzagter vnd erschrockener Geist / welches auch seine
betrübte werck / ob gleich diese vrsachen nicht bekant weren /
genugsam zeugen231 vnd ausweisen.
Alle Trawrigkeit / Seuchen / vnd schwermut kompt gewislich von
dem Teuffel allein / doch durch Gottes verhengnus. Er hindert alle
frewde / vnd machet die leute trawrig vnd bekümmert / Sintemal

226
Marginal: Cap. 20. Apk 20,10.
227
Marginal: Matth. 25. Mt 25,41.
228
gewarten] ‚gewarten‘ meint ein „verstärktes warten“. Grimm, DWb 6, Sp. 5336.
229
quia] Emendiert aus: qui
230
Isidor Hispalensis, Sententiarum libri tres, lib. 1, cap. 25, MPL 83, Sp. 593C/594A:
„Quanto propinquius finem mundi diabolus videt, tanto crudelius persecutiones exercet,
ut quia se continuo damnandum conspicit, socios sibi multiplicet, cum quibus gehennae
ignibus addicatur.“
231
zeugen] zeigen. Vgl. Grimm, DWb 31, Sp. 853.
wilhelm sarcerius, trauergeist 185

er wol weis / das trawrigkeit jm ein gelegen Jnstrument oder Werckzeug


ist / dardurch er viel dings ausrichtet / vnd zu den Christen ein
freien zutrit hat. Denn wo es zuuor nass ist / da mag man leicht-
lich giessen / das es gar schlepfferig glat vnd nass werde232 / vnd
wo der zaun niderig vnd böse ist / da kan man bald hienüber233
steigen234 / Also wo trawrigkeit ist / da hat der Teufel gute sach /
vnd gewunnen spiel wider vns: Darumb wil er jmer zu mit vns
schwachen menschen <fol. G 3r> zuschaffen haben / vnd gleich wie
ein reisiges235 pferd oder hengst eines hamsters nicht kan loss wer-
den / wenn er jm an die keele kömpt / Sondern das kleine zör-
nige thierlein der Hamster erwürget das grosse pferd / es sey so
frewdig / reissig236 / oder beissig237 als es wolle. Jtem gleich als der
luchs einen hirsch vmbringet / wenn er jm auff den kopff springet
/ vnd sich zwischen seine hörner setzet / vnd jm das gehirn aus-
frist / oder greifft jn bey der keele / vnd beisset sie jm entzwei.
Also auch ist der Satan / wenn er einen menschen besitzet / so kan
man seiner nicht leichtlich loss werden / er füret den menschen in
verzweiffelung / trawrigkeit / vnd thut jm schaden an leib vnd seele.
Brauchet in dem fall Gott zu verdries / gar ein widersinnische weise
/ schrecket nicht erstlich / vnd tröstet darnach wider / wie vnsers
Herrngots Cantzley thut / Sondern kerets gar vmb / machet auffs
erste die leut sicher vnd küne / das sie on alle schew / furcht /
vnd schrecken vnrecht thun vnd sündigen / in sünden verharren /
freude vnd lust daran haben / vnd dencken sie richtens wol aus. Zu
letzt aber / wens vbel zugeht / oder Streckepein238, 239 kömpt / da
betrübet er vnd schrecket on alle massen / schüret zu / das entwe-
der der mensch f%r grossem leide stirbt / oder des bösen gewissens
halben endlich sich selber vmbringet / vnd on allen <fol. G 3v>
trost gelassen wird / vnd an Gottes gnade verzweiffelt.
Jn summa der Teufel ist gleich wie ein vogelsteller240 / welche
vögel er fehet vnd berückt denen drehet er allen die helse vmb /

232
Sprichwörtlich. Vgl. Wander 3, Sp. 965.
233
hienüber] Emendiert aus: hie nüber
234
Sprichwörtlich. Vgl. Wander 5, Sp. 510.
235
reisiges] ein zum Kriegsdienst ausgerüstetes. Vgl. Grimm, DWb 14, Sp. 746.
236
S. o. Anm. 235.
237
beissig] bissig. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 1402.
238
Streckepein] Emendiert aus: Sreckepein
239
Streckepein] Bezeichnung für den Tod. Vgl. Grimm, DWb 19, Sp. 1098.
240
vogelsteller] jemand, der Vögel fängt. Vgl. Grimm, DWb 26, Sp. 425.
186 teil iii ‒ editionen

vnd würget sie / behelt jr gar wenig / allein die da locken vnd singen
sein liedlein / vnd was er gerne hat / die setzet er in ein bewer-
lein241 / das sie seine lockuogel seien / andere mehr darmit zube-
rücken242 vnd zufahen / die vbrigen m%ssen alle herhalten. Darumb
so nach dem gemeinen sprichwort / das werck den meister lobet243
/ so schenden aus dem gegentheil diese böse schedliche werck den
Teufel / vnd weisen244 augenscheinlich / was er f%r ein schadengast
vnd gifftige schlang sey.
Also am mitwoch f %r Pfingsten / welcher war der ander tag
junij / dieses jtzigen 1568. jars / lies vns der hellische Trawergeist
auch ein schrecklichen gefehrlichen tück245 sehen / gönnet vns nicht
/ dz wir den freudenreichen trost / den wir aus der sieghafftigen
Himelfart Christi zunemen / gentzlich nach der weissagung des 47.
Psalms246 anhöreten / vnd mit vns heimtrügen / bliesse derhalben
ein sörglich247 fewer auff / dz wir mitten in der predigt von einan-
der gehn musten / dem nehesten zu helffen / vnd ein jeder das
seine zu retten / vnd kondte also nicht die auslegung des psalmens
/ wie ich <fol. G 4r> mir sie durch Gottes hülff vorgenommen /
volbracht werden. Ein solch pancket248 schencket vns damals der
Teufel. Aber Gott sey lob vnd danck / er richtet wenig darmit aus
/ das Fewer wurde bald gestilt / vnd gieng on sonderlichen scha-
den ab.
Dieweil aber Ewer Erbarkeiten vnd günsten zum theil mich münd-
lich vnd durch andere leute haben ansprechen lassen / dz ich die-
selbige damals gefaste vnd nicht vollendete predigt / dem Teufel zu
verdries schreiben / vnd in truck ordnen wolte / habe ich E. E.
vnd g%nsten wilfaren vnd zu dienstlichem gefallen folgen wollen
/ vnd in dieser vorred ein wenig die trawer haut249 dem Teuffel her-
für ziehen / vnd ans liecht stellen wollen / auff dz ich jm als ein
getauffter Christ / vnd sein abgesagter250 Feind auch ein dorn in die

241
in ein bewerlein] in einen kleinen Käfig. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 1175.
242
zuberücken] in die Falle zu locken. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 1529.
243
Sir 9,24. Sprichwörtlich. Vgl. Wander 5, Sp. 196.
244
weisen] zeigen. Vgl. Grimm, DWb 28, Sp. 1089.
245
S. o. S. 166, Anm. 101.
246
Ps 47,1–10.
247
sörglich] Sorge erregendes, gefährliches. Vgl. Grimm, DWb 16, Sp. 1800.
248
pancket] Banket, hier ironisch gebraucht. Vgl. Grimm, DWb 13, Sp. 1422f.
249
trawer haut] Nicht bei Grimm, DWb.
250
S. o. S. 178, Anm. 188.
wilhelm sarcerius, trauergeist 187

klawen stecke251 / wie er die Christen nicht vngezwackt vnd vnan-


gefochten lest / vnd jm wider ein trawer tag mache / wie er mit
dem Fewer jensmal vns zu machen sich vnterstunde.
So dienet auch sonst dieser bericht / dz man die Trawerart des
Teufels kennet vnd weis / zur lere vnd trost / Auff das wir alles
was schwermut vnd zweiffel mit sich bringet / vnd in vnsern hert-
zen anrichtet / dem Freuden brecher dem Teuffel / vnd nicht dem
Freudenmacher vnserm lieben Herrn Gott zumessen / vnd desta
kecker vnd getröster mit <fol. G 4v> dem Teufel / als einem
zaghafftigen erschrockenen Geist ein treffen thun252 / den wir durch
Gottes krafft vnd beistand wol in die flucht schlagen können. Ja dz
wir vns desta lieber vnd bestendiger zu Christo vnserm heiland hal-
ten / vnd des Teuffels müssig gehn / denn wie man von dem Teufel
nichts den nur ein böss gewissen / zweiffelmut / vnd ewige verdam-
nus zu lohn bekommet / Also finden wir bey Christo die rechte
hertzens freude / vnd den gewissen frieden / auch die ewige vnwan-
delbare ruhe für vnsere Seelen253.
Thue demnach E. E. vnd günsten dienstlich vnd freundlich bit-
ten / jnen solche meine geringe vnd doch wolgemeinte arbeit gefal-
len zulassen / vnd zum besten anzunemen. Bin nach vermögen
E. E. vnd G. weiter zudienen erbötig254 vnd gantz willig.
Der Barmhertzige Gott vnd Vater vnsers Herrn vnd heilands Jesu
Christi / wölle dem hellischen TrawerGeist krefftiglich weren / vnd
vns alle sampt durch seinen gnaden vnd Betgeist in warem besten-
digen trost bis an vnser ende zum ewigen leben erhalten / Amen.
Geschrieben zu Eisleben an S. Laurentij des heiligen vnd bestendi-
gen Merterers tag255 / Anno 1568.
E. E. vnd g%nsten alzeit willig.
Wilhelmus Sarcerius Pfarher in
Eisleben zu S. Peter.

251
ein dorn in die klawen stecke] die Schuld auf ihn schiebe. Sprichwörtlich. Vgl. Wander
1, Sp. 679.
252
ein treffen thun] in einen Kampf eintreten. Vgl. Grimm, DWb 21, Sp. 1656.
253
Marginal: Math. 11. Mt 11,29.
254
erbötig] erbietig. Vgl. Grimm, DWb 3, Sp. 734.
255
Das ist der 10. August.
<fol. J 1r>
Der xlvij. Psal. vor
zu singen der Kinder Korah.

FRolocket mit Henden alle Völcker / Vnd jauchtzet Gott mit frö-
lichem schall.
Denn der Herr der Allerhöheste ist erschrecklich / Ein grosser König
auff dem gantzen Erdboden.
Er wird die Völcker vnter vns zwingen / Vnd die Leute vnter vnsere
füsse.
Er erwelet vns zum Erbtheil / Die herrligkeit Jacob / den er liebet
/ Sela.
Gott fehret auff mit jauchtzen / vnd der Herr mit heller Posaunen.
Lobsinget / lobsinget Gott / Lobsinget / lobsinget vnserm Könige.
Denn Gott ist König auff dem gantzen Erdboden / Lobsinget jm
klüglich.
Gott ist König vber die Heiden / Gott sitzet auff seinem heiligen
Stuel.
Die Fürsten vnter den Völckern sind versamlet zu eim Volck dem
Gott Abraham / Denn Gott ist sehr erhöhet bey den Schilden
auff Erden256.

Kurtze vnd Einfeltige Auslegung


des 47. Psalms. <fol. J 1v>

GEliebten im Herrn / Es haben vnsere Christliche Vorfahren / bey


den hohen Heuptfesten / so man das jar vber in der Kirchen feier-
lich helt vnd begehet / drey notwendige ding oder stücke bedacht
vnd vleissig erwogen.
Erstlich die Schwerrheit Hoheit vnd Weisheit / der Artickel vnsers
Christlichen Glaubens / vmb welche es der massen geschaffen vnd
gestalt ist / das sie nur von Himlischen vnd vber natürlichen din-
gen predigen / die da zuuor nicht erhöret / noch in vnserer Hertzen

256
Ps 47,1–10. Zitate aus und Anspielungen auf diesen Text werden im folgenden nicht eigens
nachgewiesen.
wilhelm sarcerius, trauergeist 189

gedancken jemals kommen sein / auch alle menschliche Weisheit


vnd verstand / da sie gleich in einen klumpffen257 zusamen geschmeltzt
würden / vbertreffen.
Darnach haben sie sich errinnert der grossen Blindheit vnd Finsternis
/ die in aller Menschen Hertzen von Natur ist vnd herschet / Daher
die menschen also verdüstert vnd blind sein / das ob sie gleich von
solchen hohen dingen vnd Artickeln berichtet werden / ja vmbstende
vnd aus Gottes Wort erhebliche vrsachen derselbigen anhören / doch
one erleuchtung vnd krafft des heiligen Geistes / solche Göttliche
sachen verlachen / für ein vnwarheit vnd thorheit258 halten / vnd
wie einer der mit blöden Augen stracks in die Sonne sihet / je mehr
vnd lenger er darein sihet / je grössern schaden er jm thut am
Gesichte / Also auch je mehr sie die Artickel vnsers Glaubens mit
der vernunfft ausforsch<=> <fol. J 2r> en / gründen / vnd ermes-
sen wollen / je jrriger vnd verblenter259 sie werden.
Letzlich haben sie des Teufels bosheit bedacht / welcher sich zum
emsigsten befleissiget / wie er die erkante vnd gegleubte Artickel
vnsers Christlichen Glaubens entweder gantz vnd gar in zweiffel bey
den Christen setze / oder ja durch die Ketzer vnd Jrrgeister zer-
stümeln / verfelschen / verwirren / vnd verfinstern möge / Dieweil
er vnsere schöne tolle Vernunfft zu einem wilfertigen260 vnd trewen
gehülffen hat.
Durch betrachtung dieser dreier stück / sind vnsere Christliche
Vorfaren bewogen vnd verursacht worden / den hohen Heuptfesten261
/ darauff die Artickel vnsers Christlichen Glaubens gehandelt wer-
den / etliche viel tage vnd zeit zu zu legen / Darmit nur solche
Artickel aus vielen zeugnissen Göttlichs worts / herrlich erwiesen
vnd erkleret würden / vnd diese hohe vnd zur Seligkeit notwendige
Leren / durch wirckung des heiligen Geists / von den einfeltigen
erkand / gegleubt vnd gefast möchten werden. Also haben sie dem
Christfest darauff die Lere von der heilsamen Menschwerdung Christi
getrieben wird / viel wochen die gantze zeit bis auff die Fasten zuge-
geben. Jtem / dem Artickel vom Leiden vnd sterben Christi die
gantze Fasten zugeeignet / Der Aufferstehung Christi die zeit bis

257
klumpffen] Klumpen. Vgl. Grimm, DWb 11, Sp. 1293.
258
Vgl. 1Kor 1,18.
259
verblenter] verblendeter. Vgl. Grimm, DWb 25, Sp. 140.
260
wilfertigen] willfährigen. Vgl. Grimm, DWb 30, Sp. 179.
261
Heuptfesten] Emendiert aus: Heupfesten
190 teil iii ‒ editionen

hieher auff das Fest der Himmelfart gesetzet / vnd zu betrachtung


der Himelfart etliche tage bis auff die Pfingsten geordnet / das wir
auff ein jeder zeit ein sonder<=> <fol. J 2v> lichen Glaubens Artickel
bedencken vnd wol lernen sollen. Darumb hab ich auch der zeit jhr
recht thun wollen / vnd auff dismal ein zeugnis von der sieghafftigen
Himmelfart Christi aus dem 47. Psalm für gelesen vnd zu erkleren
für mich genommen. Denn das dieser Artickel guter betrachtung vnd
vleissiger nachforschung bedürffe / ist daraus zu sehen / das er so
viel anfechtung hat / vnd von vielen nicht recht verstanden / noch
gebraucht wird /
Die Jüden verleugnen gentzlich diesen Artickel von der Himmelfart
Christi in dem sie das Reich Christi für ein weltlich politisch Reich
halten vnd einbilden / in welchem Jrrthumb auch die Apostel waren
ein zeitlang / Darumb sie den Herrn Christum kurtz für seiner
Himelfart auff dem Oelberg frageten / Ob er zu der zeit das Reich
Jsrael auffrichten wolte262. Aber Christus fehret eben darumb von
der Erden in die höhe / das man sein Reich nicht jrrdisch noch
weltlich achten sol / Sondern für ein Geistlichs vnsichtbares Reich
halten / das da stehet im wort / Sacrament vnd Glauben.
Vnsere Papisten nemen den besten Kern aus der Himmelfart
Christi / lassen vns die hülsen vnd schalen / denn sie zwar mit vns
bekennen Christus sey gen Himel gefaren / aber die frucht seiner
Himmelfart verneinen sie / vnd sind in der Gottes lesteriger mei-
nung / als das vns Christus nicht dadurch263 die ewige Wohnung
des Himels erlangt / vnd zu wegen gebracht habe / sondern wir
müssen durch <fol. J 3r> vnsere eigene werck vnd fürbit der Heiligen
/ vns dazu befordern vnd bringen / wollen auch Christum / als
den einigen Mitler / zur rechten Hand Gottes nicht leiden / son-
dern setzen jm an die seiten vnd in gleiche Maiestet vnd Herrligkeit
/ die verstorbenen Heiligen wider den hellen Spruch S. Pauli: Es
ist nur ein Mitler zwischen Gott vnd den menschen / nemlich /
der Mensch Christus Jesus264.
Die Sacramentierer haben keinen rechten verstand der Himmelfart
Christi / sehen jn mit seiner Himelfart nicht anders an / als Henoch
vnd Eliam / geben derhalben für / Christus sey etliche viel tausend

262
Marginal: Actor. 1. Apg 1,6.
263
dadurch] Emendiert aus: daduich
264
Marginal: 1. Timoth. 2. 1Tim 2,5.
wilhelm sarcerius, trauergeist 191

meil von vns geschieden / auff das Firmament / das er mit seiner
Menschheit / weder im hochwirdigen Sacrament leiblich sein / noch
in der gleubigen Hertzen wohnen mög265 / machen also aus Christi
vnermeslichem Stuel / der da gehet vber Himel vnd Erden / einen
Kinderstuel / darinne er jr ewiger gefangener sein müsse. So doch
wie S. Paulus leret / Christus gen Himel auffgefaren / auff das er
alles erfülle266 / vnd hat sich gesetzt zu der Rechten / der Maiestet
in der höhe / so viel besser worden denn die Engel / so gar viel
ein höhern Namen er für jnen ererbet hat267.
Die Epicurer oder rochlose268 Weltkinder / spotten dieses Artickels
/ wie auch der andern / vnd geben mit jhren bösen vnchristlichen
Wercken zuuerstehen / das sie nichts weniger gleuben / denn das
Christus gen Himel gefaren / vnd jnen ein ewiges Erbe erworben
vnd bereitet habe / sonst würden sie <fol. J 3v> ja etwan die Hand
zum Hertzen schlagen / vnd auch dencken / wie sie zu Christo in
solch Erbe komen mögen / vnd sich hüten für den schedlichen din-
gen / die sie am Himmel hindern.
So tregt sichs vber das auch zu / das die rechte Christen manch-
mal diesen Artickel / ehe sie es gewar werden / in schwerer anfech-
tung vnd Creutz / aus dem hertzen vnd vnter den henden verlieren
/ das sie anfangen zu zweiffeln / als lege Christus noch im grabe
/ hette jrer vergessen / were nicht gen Himel gefaren / were nicht
ein Schutzherr seiner Kirchen vnd Gleubigen worden. Vnd sind die-
ses fals die lieben Ertzueter vnd Propheten vns weit für zuziehen
vnd zu loben. Denn sie haben von diesen vnd andern Artickeln
vnsers Glaubens / so gewis vnd vngezweiffelt geredt / das sie die-
selben one allen zweiffel gegleubet haben / ob sie wol noch lange
zeit hernach erst erfüllet / vnd ins werck gebracht sind worden /
widerumb wir / so da wissen / vnd teglich in vnserm Glauben
bekennen / das alles ergangen vnd volendet sey / vnd darzu der
Propheten / Aposteln vnd Euangelisten Schrifft teglich hören ausle-
gen / stellen vns darzu / als hielten wirs schier für Lügen / vnd
hörens nicht anders / als sonst ein Geschicht vnd Meerlein / las-
sens also zu einem ohr eingehen / zum andern wider aus269. Darumb

265
Vgl. Eph 3,17.
266
Marginal: Ephes. 4. Eph 4,10.
267
Marginal: Heb. 1. Hebr 1,3f.
268
rochlose] ruchlosen. Diese Form nicht in Grimm, DWb.
269
Sprichwörtliche Redensart. Vgl. Röhrich 4, S. 1115.
192 teil iii ‒ editionen

es nicht vnnötig vnd ein vergebliche mühe vnd arbeit ist / das man
die Zeugnis von der Himelfart Christi / aus der Schrifft zusamen
lese vnd wol einbilde / vnd diesen Artickel vleissig lerne / <fol. J
4r> auff das man den Lestermeulern begegenen könne / vnd an der
Himmelfart Christi in allen nöten ein bestendigen trost haben.
Also hören wir auch nu im vorgelesenem Psalm eine herrliche
Weissagung von dem Herrn Christo / wie er werde gen Himel faren
/ vnd ein HErr vnd König sein vber die Erden / Jm ein gewaltig
Reich anrichten werde / doch nicht durch eusserliche Waffen /
Schwerd / Büchsen / Stangen / vnd wie man jhm werde vnd sol
dienen / Nemlich / mit frolocken / mit jauchtzen / lobsingen vnd
Posaunen / das ist / durch die tröstliche Predigt des heiligen Euangelij.
Vnd wie zur zeit Josua / die Mauren von der Posaunen schal
vmbfielen270 / also was hoch ist vnd gewaltig sol nieder gerissen /
vnd vnter die gewald Christi gebracht werden. Vnd das ist die Summa
oder jnhalt dieses Psalms / der sich nach dem Text in zwey stücke
abtheilet.
Das erste stück ist / eine trewe Vermanung des Königlichen
Propheten Dauids an alle Völcker vnd Menschen auff Erden / das
sie sich frewen / frolocken / jauchtzen vnd dem Allmechtigen Gott
vnd herrlichen König lobsingen sollen.
Das ander stück / ist eine Erzelung etlicher erheblicher vnd genug-
samer vrsachen / die alle Menschen / vnd ein jedern Christen in
sonderheit bewegen sollen frölich zu sein / zu jauchtzen / zu loben
vnd in allen befohlenen Gottesdiensten sich vleissig zu vben vnd
zuuerhalten. Dis sind die fürnemsten stück in diesem Psalm / wel-
che vns nach anlei= <fol. J 4v> tung des Texts zubetrachten vnd
zu lernen fürfallen / wollen etwas daruon auff dismal reden vnd
anhören.

Von dem ersten theil des 47. Psalms.

Erstlich so hören wir in diesem Psalm / das der Königliche Prophet


Dauid seine Vnterthan271 / vnd zwar alle Christen (wie er sie denn
alle / keinen ausgenommen in die wörtlein omnes gentes plaudite

270
Jos 6,8–20.
271
Vnterthan] Emendiert aus: Vnterhan
wilhelm sarcerius, trauergeist 193

beschlossen haben wil) vermanet zum jauchtzen / frolocken mit den


henden / zum lobsingen / vnd andern Gottesdiensten. Nu ist vnd
felt anfenglich die frage für / was doch den Propheten Dauid zu
dem bewogen vnd angetrieben habe / das er eine ernste trewhert-
zige Vermanung zu den waren Gottesdiensten thut vnd272 fürnimpt.
Erstlich beweget jn darzu der ware vngefelschte Glaube. Denn des
rechtschaffenen Glaubens art vnd Eigenschafft ist / so er erkennet
vnd die herrlichen gaben wunder vnd wolthaten entpfindet273 / so
Gott jhm oder andern erzeiget / das er als denn nicht kan schwei-
gen / sondern mus heraus brechen / reden vnd rühmen. Vnd gleich
wie ein gross Wasser / das da mit starcken Fl%ten vberschwem-
met ist / ausreist / vnd jhm nicht lest wehren / ob mans gleich
zustopffet / so dringet es doch durch vnd vber / vnd wil vnuerhin-
dert sein Lauff haben / Also wenn das hertze mit erkentnis Göttlicher
güte / vnd der Himlischen wolthat vberschuttet ist / <fol. K 1r>
kans nicht lassen / es tritt heraus auff die Zunge / mit bekennen /
loben / dancken vnd vermanen274. Wie Dauid an einem andern ort
sagt / Credidi propter quod locutus sum: Jch gleube / Darumb rede
ich275 / wil sagen / Jch kan Gottes Lob vnd Wolthaten nicht ver-
schweigen / Jch mus andern die güte vnd gnade Gottes auch zuer-
kennen geben / das sie mit mir jm vertrawen vnd dancken.
Darnach treibet den König Dauid zu der vermanung die trewe
brünstige liebe gegen seine Vnterthanen vnd meniglichen276. Denn
das ist der recht schaffenen liebe brauch277 / das sie nicht neidisch
ist / vnd sucht nicht das jre / sondern sie ist willig / trewhertzig
vnd sorgfeltig für den Nehesten / hilffet jm gern mit rath vnd that
/ theilet gerne alles mit was dem Nehesten zum besten gereichen
mag / vnd dadurch Leib vnd Seelen schade verkommen278 werden
kan279. Vnd scheidet sich in diesem stück die Christliche liebe von
der Welt liebe. Die Welt liebe sihet nur auff das jre / vnd so sie
ein verborgnen Schatz hat / oder findet / dencket sie nur darauff

272
vnd] Emendiert aus: vn ( fehlender d-Strich über n).
273
entpfindet] empfindet. Vgl. Grimm, DWb 3, Sp. 426.
274
Vgl. Mt 12,34.
275
Marginal: Psalm 116. Ps 116,10; 2Kor 4,13.
276
meniglichen] jedermann. Vgl. Grimm, DWb 12, Sp. 1591.
277
brauch] Emendiert aus: drauch
278
Leib vnd Seelen schade verkommen] dem Schaden des Leibes und der Seele zuvor-
gekommen. Vgl. Grimm, DWb 25, Sp. 679.
279
Marginal: 1. Corinth. 13. Vgl. 1Kor 13,4ff.
194 teil iii ‒ editionen

/ wie sie jhn zu Eigen behalten / vnd niemands was daruon rei-
chen dürffe / aber die Christliche liebe ist / gutthetig / vnd beide
mit Geistlichen vnd leiblichen gütern milde / als / die da weis /
das sie darmit andern zu dienen schuldig ist / vnd jhrer freiwillig-
keit keinen verlust haben sol.
Zum dritten / der vnfleis vnd faulheit des grösten hauffens / zu
den waren Gottesdiensten. Denn gleich wie heutiges tages / also
würden auch zu je= <fol. K 1v> ner zeit mancherley Verechter
Gottes / vnd der befohlenen Gottesdienst gefunden.
Etliche280 lebten dahin wie das thumme281 Viehe / bedachten vnd
erkanten nicht ein mal die vielfaltigen Wolthaten so sie von GOtt
empfangen / viel weniger danckten sie jm dafür / vnd wusten der
Gaben Gottes nicht nützlich zugebrauchen.
Etliche ob sie wol anfiengen die Wolthaten Gottes zuerkennen /
vnd in den rechten Gottes diensten sich zu vben / wurden sie doch
von tag zu tag in dem vorsatz zum guten faul vnd verdrossen / lies-
sen sich die ékhd¤an die Geistliche Schlaffseuche also einnemen /
das die vorige lust vnd liebe zur ehre Gottes in jnen bald verlösche
vnd erkaltet.
Die letzten liessen die rechten Gottesdienste gar faren / vnd rich-
teten sonderliche Gottesdienste an / Gottes Huld vnd gnade darmit
zu erlangen / vnd durch eigen gesuchte vnd ertichte werck / den
Himmel zuuerdienen. Diesen allen wil Dauid mit dieser seiner ver-
manung dienen / vnd sie zu recht bringen.
Zum vierden verursacht jn zu dieser Exhortation, sein Königlich
Ampt / so er damals in verwaltung hette. Denn der Königliche
Prophet Dauid dencket weit hinter sich / vnd errinnert sich / warumb
jn Gott in die 10. jar wol habe tribuliern vnd verfolgen lassen / vnd
für der Tyranney Sauls doch so wunderbarlich beschützt / auch
endlich auff den Königlichen stuel gesetzet. Bedencket auch ferner
/ wie er in der Auffrhur seines Sons der jhm nach Leib vnd Leben
vnd nach dem Königreich stunde / <fol. K 2r> so gantz gnediglich
sey erhalten worden / vnd warumb jn Gott widerumb zum Regiment
bracht habe / nicht darumb / das er nu solte guter tage pflegen282
/ fressen / sauffen / jagen / spatziern reiten vnd allerley anderer

280
Etliche] Emendiert aus: Etl che
281
thumme] dumme. Vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 1510.
282
pflegen] ‚pflegen‘ mit Genitiv hier im Sinne von ‚haben‘. Vgl. Grimm, DWb 13, Sp.
1739.
wilhelm sarcerius, trauergeist 195

leichtfertigkeit vnd vppigkeit nachhengen / sondern er mit allem vleis


darin solte arbeiten / das Gottes wort geleret / die rechten Gottesdienst
getrieben / vnd ein Gottfürchtiges erbars leben bey seinen vntertha-
nen gepflantzet vnd angericht würde. Diese gedancken liegen dem
König Dauid hart an283 / vnd machen jm so viel zu schaffen / das
er an seine Vnterthanen vnd alle Christen in gemein diese trewe
Vermanung stellet. Vnd were wol zu wündschen / das heutigs tags
hohe vnd nidrigs standes Regenten das Exempel Dauids mit allem
vleis bedechten / vnd sich daran spiegelten / vnd sonderlich sehen
auff den finem auff das ende / warumb oder warzu sie Gott aus
dem staub auff den Regierstuel gesetzt / vnd erhaben / nicht das
sie jres mutwillens verfaren / vnd der welt frewde obligen sollen /
Sondern das sie allen möglichen vleis dahin wenden / das Gottes
wort rein geprediget / die rechten Gottesdienst im schwang gehen
/ vnd Christliche Zucht vnd Erbarkeit erhalten werde. Wenn solche
gedancken auch grosse Herren hetten / vnd sich ernstlich darmit
bekümmerten / würde es jetzund viel anders in der Kirchen Gottes
stehen / vnd könten erregete Ergernis vnd Spaltung leichtlich abge-
than vnd hinförder verhütet werden. <fol. K 2v>
Nu ists aber zeit / das wir hören / was das für Gottesdienste sein
/ oder warzu Dauid sein Vnterthanen vnd andere Christen verma-
net? Nemlich / zu zweien stücken. Erstlich darzu das sie sollen mit
Henden frolocken vnd jauchtzen mit frölichem schall. Darnach zu
einem vierfechtigen284 Sanctus, oder lobsingen / darmit sie Gott prei-
sen vnd ehren sollen.
Der erste Gottesdienst darzu der Prophet die gleubigen vermanet
ist / das sie sollen mit den Henden frolocken / vnd jauchtzen GOtt
mit frölichem schall / wil so viel anzeigen / das sie mit eusserlichen
geberden vnd zeichen die jnnerliche Hertzenfrewde darthun vnd
zuerkennen geben sollen / vnd sie also am meisten vermanet haben
zu einer jnnerlichen Hertzensfrewde / die da mit eusserlichem fro-
locken sich sehen lest. Denn wie jener Heide sagt Difficile est tristi
fingere mente iocos285.

283
liegen dem König Dauid hart an] bedrängen den König David stark. Vgl. Grimm,
DWb 1, Sp. 401.
284
vierfechtigen] vierfachen. Vgl. Grimm, DWb 26, Sp. 294f.
285
Albius Tibullus, Carmina, lib. 3, elegia 6, v34, S. 81: „Difficile est tristi fingere mente
iocum <. . .>.“
196 teil iii ‒ editionen

Ein trawriges Hertz


Das voller Schmertz
Treibet kein Schertz.
Wenn aber das hertz friedsam / vnd zu ruhe gestellet ist / da fol-
get eine eusserliche Frewde / daraus man zum theil sehen vnd spü-
ren kan / wie es vmb des Menschen hertz gelegen sey.
Diese jnnerliche freude des Hertzens vnd Gewissens / kömpt oder
fleust her aus286 der Erkentnis Göttliches willens / vnd aus einem
waren Glauben an Christum. Denn so ein Christ den gnedigen
Veterlichen willen Gottes erkent / anschawet <fol. K 3r> vnd betrach-
tet / das Gott jn von wegen seiner sünde nicht wil verloren noch
verdampt haben / vnd so er weis das der Himlische Vater Christum
seinen Son eben darumb in die Welt gesand / das er vnser Heiland
sein / die Sünde des Menschlichen geschlechts sol büssen / die straffe
auff sich nemen287 / die wir verschuldet vnd bezalen / das er nicht
geraubet288. Jtem / das vmb Christi willen Gott der Vater alle wolle
zu gnaden an vnd auffnemen / die an jn gleuben / so das ein Christ
weis vnd bedencket / auch festiglich gleubet / vnd sich des in allen
Anfechtungen annimpt / vnd vnerschrocken tröstet / so wird er
Geistlich im Gewissen frölich / das er für freuden wol auffhüpffen
/ springen / mit den henden klatzschen vnd jauchtzen möchte. Des
haben wir eine Figur / oder Bildnis im ersten theil von den Königen
/ da Salomo zum König von dem Priester Zadock gesalbt war /
bliese das volck mit Posaunen / vnd wündschte jederman glücke
dem Könige Salomo / vnd das Volck pfeiff mit Pfeiffen / vnd war
sehr frölich / das die Erde von jhrem geschrey erschall289 / Also
welche den Herrn Christum / den gesalbten des Herrn zu einem
Könige vnd Heiland erkand vnd angenomen haben / die frewen
sich mit frölichem schall / vnd hat alles trawren bey jnen ein ende.
Vnd so der Lame für dem Tempel zu Jerusalem / da er von Petro
auffgerichtet vnd geheilet würde / vnd da seine Schenckel vnd
Knöchel widerumb fest stunden / vmb her sprang vnd lobete Gott290
/ was haben die wol für ein <fol. K 3v> frewde vnd führen viel bil-

286
her aus] Emendiert aus: heraus
287
Marginal: Esaie 53 Jes 53,4f.
288
Marginal: Psalm. 69 Ps 69,5.
289
Marginal: Cap. 1 1Kön 1,39f.
290
Marginal: Act. 3. Apg 3,7f.
wilhelm sarcerius, trauergeist 197

licher für ein geberde die aus dem vnglauben vnd zweiffelung291 geris-
sen / nun fest im Glauben bestehen / vnd den vorschmack des
Himels reichlich bey sich entpfinden292 vnd fülen293.
Von dieser jnnerlichen frewden redet S. Paulus in der Epistel an
die Römer also: Iustificati fide pacem habemus. Nu wir denn sind
gerecht worden durch den Glauben / so haben wir friede mit Gott
/ durch vnsern Herrn Jhesum Christ / durch welchen wir auch
einen zugang haben im Glauben / zu dieser gnad / darinnen wir
stehen / vnd rhümen vns der hoffnung / der zukünfftigen herrlig-
keit die Gott geben sol294. Solcher frewde lesen wir auch ein Exempel
/ von der Monica der Mutter Augustini295 / da sie eins mals zum
Sacrament gieng / vnd solche himlische ding vnd schetze bedachte
/ nemlich / das sie mit Christi Leib vnd Blut da gespeiset vnd
getrencket würde / vnd gerechtigkeit / vergebung der Sünden / vnd
ewiges Leben erlangete / ward sie also frölich / das sie für frew-
den auffsprunge / vnd sagete / was zeihen wir vns296 / das wir so
lang hie begern zu leben / Viui uolemus in coelum. Last vns jmer
bald lebendig gen Himel fliehen. Dieses jnnerlichen frolockens des
Gewissens ist voll gewesen / der alte Simeon / der den getrewen
Heiland Christum nicht allein in die blossen Arm / sondern in das
hertze beschlossen hatte / vnd sagte.
Herr nu las mich in fried vnd ruh /
Hinfarn / vnd mein augen thun zu / <fol. K 4r>
Nu leg mich schlaffen in mein grab /
Dweil ich den Heiland gesehen hab /
Den du für vns hast all bereit /
Zum heil der gantzen Christenheit /
Das er das ewig Liecht sol sein /
Den Heiden zum seligen schein /
Vnd das auch Jsrael darob
Hab herrligkeit vnd ewigs Lob297.

291
zweiffelung] schwankendem Glauben bzw. Verzweiflung. Vgl. Grimm, DWb 32, Sp.
1035.
292
S. o. S. 193, Anm. 273.
293
Marginal: Act. 3. Vgl. Apg 3,10.
294
Marginal: Rom. 5. Röm 5,1f.
295
Bislang kein Beleg ermittelt.
296
was zeihen wir vns] was vermessen wir uns. Vgl. Grimm, DWb 31, Sp. 512.
297
Im Anschluß an Lk 2,25–32.
198 teil iii ‒ editionen

Diese hertzensfrewde haben auch befunden vnd gefühlet / Petrus


/ Johannes vnd Jacobus / da sie auff dem berge Thabor mit Christo
waren298 / da Petrus seiner Netze / Reussen / Kahn vnd aller Welt
lust vergisset vnd frey heraus saget zu Jhesu: Herr / hie ist gut sein
/ wiltu so wollen wir drey hütten machen / Dir eine / Mosi eine
/ vnd Elias eine299. Also frewet sich Paulus vnd spricht / Cupio dis-
solui & esse cum Christo, Jch habe lust abzuscheiden vnd bey Christo
zu sein300. Vnd hie ist nicht auszulassen der bestendige Merterer
Laurentius / der mit Henden vnd Füssen auff dem Rost frolocket
vnd jauchtzet / auch endlich vnter andern / wie Prudentius301 von
jhm schreibt / den Tyrannen Decium mit diesen worten anredet.
Conuerte partem corporis
Satis crematam iugiter,
Et fac periclum quid tuus
Vulcanus ardens egerit 302. <fol. K 4v>
Das ist der erste Gottesdienst darzu vns der Prophet Dauid verma-
net / das wir den Veterlichen willen Gottes / vnd seine gnade vnd
Barmhertzigkeit / die er vns erzeiget / vnd noch vber vns walten
lest erkennen / an Christum gleuben / vnd seines verdiensts vns
trösten vnd erfrewen sollen / ja das wir dem Teufel vnd seinem
hauffen mit eusserlichen frölichen geberden / worten vnd wercken
solche jnnerliche freude des Hertzens weisen vnd zuuerstehen geben
sollen. Denn das ist dem Teufel sehr leid / das die Christen vnter
so viel Creutz / Not / Angst vnd Trübsal frölich sein / vnd alles
mit gedult vertragen303 was jhn Gott zuschickt vnd wolte viel lieber
dieser Hellische Trawergeist / das die Christen mit eitel Schwermuth
jr leben verzereten vnd sich zu tode gremeten / wie die Gottlosen
die einem vngestümen Meer gleich sein304 / vnd keinen frieden haben.

298
Marginal: Matth. 17. Mt 17,1ff.
299
Mt 17,4.
300
Marginal: Phil. 1. Phil 1,23.
301
Aurelius Clemens Prudentius (gest. nach 405) war als Dichter tätig und von Beruf wahr-
scheinlich Rechtsanwalt, fungierte zweimal als Statthalter einer spanischen Provinz, war Inhaber
einer herausragenden Position im Militär oder bei Hofe, jedenfalls in der Nähe Theodosius’ I.,
unternahm 402/3 eine Reise nach Rom und zog sich sodann aus asketischen Beweggründen aus
dem öffentlichen Leben zurück. Vgl. Manser/Kurfess.
302
Prudentius, Liber Peristefanon, cap. 2: Passio Laurenti beatissimi martyris, CCSL 126,
S. 271, Z. 401–404: „‚Conuerte partem corporis | satis crematam iugiter | et fac peri-
clum quid tuus | Vulcanus ardens egerit.‘“
303
vertragen] ertragen. Vgl. Grimm, DWb 25, Sp. 1930.
304
Marginal: Esaie 57. Jes 57,20.
wilhelm sarcerius, trauergeist 199

Der ander Gottesdienst ist / das man dem HErrn ein geuierdes305
sanctus singen sol / wie im Text stehet: Lobsinget / lobsinget Gott
/ Lobsinget / lobsinget vnserm Könige.
Was ist das aber für ein geuierdtes Lobsingen?
Das erste Lobsingen oder Sanctus ist / die Bekentnis / das man
den Gott / so man erkennet hat frey herausser bekenne / jn rhüme
/ lobe vnd preise / vnd jm für seine Wolthat dancksage / vnd
seine güte vnd warheit andern offenbare vnd verkündige / auff das
auch andere neben vns jhn rhümen / vnd für den allerhöhesten vnd
waren Gott achten / vnd <fol. L 1r> halten / vnd also durch vnser
bekentnis Gottes lob weit gebracht / vnd ausgebreitet werde / wie
Dauid an einem andern ort saget: Jch wil dich loben in der versam-
lung306 / ich wil dem Herrn singen / das er so wol an mir thut307
/ vnd von einem solchen Sanctus redet er auch im 8. Psalm: HERR
vnser herrscher / du hast dir aus dem Munde der jungen Kindern
vnd Seuglingen eine Macht zugericht vmb deiner Feinde willen /
das du vertilgest den Feind vnd den Rachgirigen308. Ein solchen
Lobgesang oder Sanctus singet Moises / da Gott die Kinder Jsrael
aus Egyptenland erlöset hatte / das must jederman wissen vnd erfa-
ren / Jch wil (fehet er an) dem HErrn singen / denn er hat eine
herrliche309 That gethan / Ross vnd Wagen hat er ins Meer gestürtzt310.
Die frome heilige fraw Debora / da sie den Sisseram des Cananiter
Königes Feldheuptman einen Nagel durch seinen Schlaff 311 getrie-
ben hatte / vnd jhn also getödtet312 / da singet sie dem HErrn vnd
spielet dem Gott Jsrael ein fein Dancklied / vnd mus nicht ver-
schwiegen bleiben / das Debora dem Sissera seinen Schlaff zuquit-
schet vnd durchboret / vnd der Herr Jsrael wider frey gemacht
hatte313. Desgleichen Sanctus singet vnserm HErr Gott die Gottfürchtige
Matron Hanna / da er jr einen Son bescheret hatte314 / Jtem Judith315

305
geuierdes] vierfaches. Vgl. Grimm, DWb 6, Sp. 4684.
306
Ps 26,12.
307
Marginal: Psalm 13. Ps 13,6.
308
Ps 8,2f.
309
herrliche] Emendiert aus: heerliche
310
Marginal: Exodi 15. Ex 15,1.
311
Schlaff ] Schläfe. Vgl. Grimm, DWb 15, Sp. 270.
312
Ri 5,26.
313
Marginal: Jud. 5. Ri 5,1ff.
314
Marginal: 1. Samuel. 1. 1Sam 1,26–28.
315
Jud 9,1–15.
200 teil iii ‒ editionen

/ Zacharias316 / Maria317 / vnd sollen noch alle frome Christen


Gottes Lob bekennen / vnd seine Wolthat rhümen.
Das ander Sanctus oder Lobsingen ist die Inuo- <fol. L 1v> catio
das liebe gebet / das man Gott in allen nöten anruffe / vnd bey
jm durch ein gleubiges gebet / beide leibliche vnd Geistliche Güter
suche / dardurch abermals sein lob wird vermehret. Denn durch
die anruffung / so zu Gott gerichtet ist / bezeugen wir offentlich /
das er ein hertzen Erkündiger318 sey / der da abwesend das seufftzen
fromer Hertzen verstehet / jhr geschrey höret / vnd ein gnediger
Gott sey / der zu helffen willig / ja das er ein Allmechtiger Herr
sey / der da helffen kan / vnd bey dem nichts vnmöglich. Daher
denn die alten Lerer das gebet / oder die anruffung Censum animi 319
genennet / Das gleich wie die Vnterthanen Zins vnd Gülde zu erhal-
tung jrer Oberkeit reichen müssen / das also vnser Zins sey das
gebet / so zu erhaltung seiner ehre / dem lieben Gott sol von vns
gefallen vnd gereicht werden.
Das dritte Sanctus oder lobsingen ist / die Obedientia der gehor-
sam das die Christen / so viel als sie vermögen aus krafft vnd hülff
des heiligen Geistes / bey dieser Menschlichen Schwachheit / die
werck des fleisches tödten / vnd nach Gottes gebot jr leben anstel-
len / gute vnd heilige Werck thun sollen / auff das GOTTES Name
geheiliget werde / vnd also vnser Liecht leuchte / für den Leuten
/ das sie vnsere gute Werck sehen / vnd den Vater im Himmel
preisen320.
Das vierde Sanctus ist / das liebe Martyrium oder die gedult im
Creutz vnd Leiden / das wir auch <fol. L 2r> etwas vmb der erkan-
ten vnd bekanten Warheit willen gerne auff vns nemen / vnd mit
dem letzten gehorsam im Elende vnsern Herr Gott ehren sollen /
wie Petrus vnd Johannes / die da frewdig waren / Gott lobeten /
das sie wirdig gewesen schmach vmb des Namen Christi willen321 zu
leiden322. Jtem / wie Stephanus323 vnd andere Merterer daruon dis
Verslein redet.

316
Lk 1,68–79.
317
Lk 1,46–55.
318
Apg 15,8.
319
Vgl. z.B. Ambrosius, De poenitentia, lib. 2, cap. 9, SC 179, S. 184, Z. 15–17.
320
Marginal: Matth. 5. Mt 5,16.
321
willen] Emendiert aus: wilren.
322
Marginal: Act. 5. Apg 5,41.
323
Vgl. Apg 7,55–59.
wilhelm sarcerius, trauergeist 201

Ibant ouantes animis & spe sua damna leuabant.


Sie giengen mit frölichem hertzen
Mit hoffnung lindert allen schmertzen.
Vnd gereichet solche gedult vnd bestendigkeit im Leiden Gott zu
lob / Eins theils also / das viel dardurch zur Rechten Lere gebracht
vnd gewonnen. Darnach das die Schwachgleubigen dardurch gester-
cket werden / vnd einen muth erlangen nachzufolgen / wie Tertullianus
schreibet / das aus einem jeden Blutströpflein der Merterer viel
Christen wachsen324. Vnd endlich das Gottes krafft vnd Warheit /
an den seinen darbey erkant wird / als der damit seinen Gnadengeist
die Merterer regieret / vnd erhelt / das sie mit jrem tode jn prei-
sen können.
Es ist aber nicht zuuergessen / das der Prophet zum vnterricht
setzet wie man sol dieses vierfechtige325 Sanctus singen / vnd spricht
/ Lobsinget jm klüglich. <fol. L 2v>

Frage.
Wie lobsinget man aber dem Herrn klüglich?
Antwort also.

j. Wenn man sein Sanctus oder lobsingen / nach Gottes wort rich-
tet / das von Gott gleubet vnd bekennet / prediget / leret vnd rhü-
met / das er in seinem wort offenbaret hat / jhn auff die weise
anrufft / wie er wil angeruffen sein / vnd aus rechtem Ernst vnd
Eiuer / nicht aus Heucheley / auff ein schein / williglich vnd nicht
gezwungen GOtt dienet / Jtem / vmb Vnschuld vnd der Warheit
willen nicht als ein Mörder / oder Dieb / oder Vbeltheter leidet /
vnd schemet sich nicht als ein Christen Gott in solchem fal zu
ehren326. Darumb D. Lutherus das wörtlein Klüglich am rande also
glosieret / das man im predigen / das wort mit vleis handle / vnd

324
Tertullian, Apologeticum, cap. 50, CSEL 69, S. 120, Z. 60: „semen est sanguis
Christianorum.“ Vgl. den Kommentar hierzu von Juan Luis de la Cerda, MPL 16, Sp. 536C:
„Non possunt Christiani persecutionibus imminui, quia si semen est eorum sanguis,
cujusque plus effusum fuerit, eo major promittitur fidelium proventus, sicut messis copiosa,
amplioris segetis praeparatio est.“
325
S. o. S. 195, Anm. 284.
326
Marginal: 1. Petri 4. 1Petr 4,15f.
202 teil iii ‒ editionen

darauff bleibe / nicht einhin327 schreie vnd plaudere / wie die wil-
den wüsten schreier / vnd Speier / vnd frechen Prediger / die da reden
was sie düncket328.
ij. So solches lobsingen alles herkömpt aus einem waren Glauben
/ das man auff solch lobsingen nicht pochet / noch trotzet / noch
etwas verdienstliches daraus machet / wie die groben werckheiligen
thun / sondern erkennet man sey es zu thun schuldig / vnd lauffe
doch jmmer noch viel schwachheit mit vnter / ja wie328a es alles mit-
einander was wir daher lallen vnd singen / sey lauter bettelwerck
vnd nichts gegen den Wolthaten GOttes vnd ewigem Leben / Gefalle
aber doch Gott wol <fol. L 3r> vmb Jesu Christi willen / an des
verdienst wir vns festiglich halten / vnd durch jhn für GOtt gerecht
vnd angeneme Kinder329 worden sein.
Vnd das sind die Gottesdienste / so von allen Menschen / vnd
auch von vns in diesem Psalm erfordert werden / vnd sollen wir
diese trewe vnd guthertzige vermanung des Königlichen Propheten
Dauids behalten vnd derselben folge leisten / sollen für allen din-
gen / den waren Gott nach seinem wesen vnd willen lernen erken-
nen / seiner güte vns trösten / an Christum gleuben / Gott vnd
sein wort frewdiglich bekennen / jhn allein anruffen / seinen gebot-
ten gehorsam sein / vnd letzlich widerumb alles hertzlich gern vmb
seines Worts vnd Namens willen leiden vnd dulden.

Von dem andern theil des 47. Psalms.


FVr das ander sprenget330 vnd setzt der Königliche Prophet Dauid
in diesem Psalm mit vnter / etliche wichtige vnd erhebliche Vrsachen
/ warumb alle Menschen sollen frölich sein / jauchtzen / dem Herrn
lobsingen / vnd erzelter Gottesdiensten sich befleissigen.
Die erste vrsache stehet in diesen worten / Denn der Herr der
allerhöhest ist erschrecklich / Ein grosser König auff dem gantzen

327
einhin] hinein. Vgl. Grimm, DWb 3, Sp. 203.
328
Luther, WA.DB 10/I, 253 (Bibel 1545, Randglosse zu Ps 47,8): „(Klüglich) Das
man im predigen das wort mit vleis handele vnd drauff bleibe, nicht einhin schreie vnd
plaudere, wie die wilden, wüsten Schreier vnd Speier, vnd frechen Prediger, die da reden
was sie dünckt.“
328a
wie] Emendiert aus: die
329
Vgl. Eph 1,6.
330
sprenget] ‚sprengen‘ hier im Sinne von ‚einstreuen‘. Vgl. Grimm, DWb 17, Sp. 31f.
wilhelm sarcerius, trauergeist 203

Erdboden / Er wird die Völcker vnter vns zwingen / vnd die Leute
vnter vnsere füsse. Hie möchte nu einer fragen / ist das solcher gros-
ser frewde vnd hohes danckes werd / das GOtt erschrecklich ist /
vnd mit gewald vnd <fol. L 3v> zwang vmbgeht / Jch dechte das
solchs viel mehr den Menschen ein furcht vnd grawen machen solte
/ denn sie erfrewen? Antwort. Den Gottlosen machet es freilich eitel
hertzleid / vnd bekümernis / das Gott erschrecklich ist / Aber die
Gottseligen Leute trösten vnd frewen sich des. Denn Gott ist jnen
nicht erschrecklich / sondern gnedig / freundlich vnd gütig / vnd
an jm haben sie einen Allmechtigen vnd vnuberwindlichen Herrn /
der da wider seine / vnd jre der Kirchen feinde / den sieg allzeit
behelt / vnd die Sünde / den Tod / den Teufel / Helle vnd ewige
Verdamnis / also vberwindet vnd demütiget / das sie jm vnd allen
Gleubigen vnterworffen sein / vnd vnter seinen vnd jren füssen ligen
müssen / wie im 91. Psalm gesaget wird. Das die vnter dem schirm
des Allerhöhesten sitzen / vnd vnter dem schatten des Allmechtigen
bleiben / die sollen gehen auff Lewen vnd Ottern / vnd tretten auff
den jungen Lewen vnd Drachen331. So wil der Herr Herr auch stew-
ren332 / vnd der bösen Welt mit jhren Tyrannen in Zügel greiffen333
/ das sie nicht alles jres gefallens treiben müssen / vnd wider sei-
nen willen den Christen nicht sollen ein heerlein krümmen dürffen334
/ daher sie billich sich zu erfrewen haben vnd Gott lobzusingen vnd
zu dancken.
Die ander vrsache wird genommen / von der ewigen gnadenwalh
GOTTES / der wie S. Paulus schreibet / vns gesegenet mit aller-
ley Geistlichem Segen in Himlischen Gütern durch Chri= <fol. L
4r> stum / vnd vns erwhelet hat durch denselbigen / ehe der Welt
Grund geleget war / das wir sollen sein Heilig vnd Vnstreflich für
jhm / vnd hat vns verordenet zur Kindschafft CHRJSTJ / nach
dem wolgefallen seines willens335 / oder wie hie im Text stehet /
Der vns erwelet hat zum Erbtheil336 / das wir für seinen Augen nu
mehr die Herrligkeit Jacob / das ist / ein herrliches vnd angenemes

331
Ps 91,1.13.
332
stewren] lenken. Vgl. Grimm, DWb 18, Sp. 2639.
333
der bösen Welt < . . .> in Zügel greiffen] die böse Welt hemmen. Vgl. Röhrich 5,
S. 1778.
334
Marginal: Luce 12. Vgl. Lk 12,7.
335
Marginal: Eph. 1. Eph 1,3–5.
336
Ps 47,5.
204 teil iii ‒ editionen

Volck in CHRJSTO JHESV sein sollen / vnd den Himmel vnd


zukünfftige Seligkeit ererben. Diese Freiwalh337 GOTTES aber haben
wir nicht mit verdienst der Werck geursachet / sondern sie entsprin-
get her / aus lauter Gnade vnd Liebe des Beruffers / welche liebe
nach den worten Johannis darinnen stehet / nicht das wir Gott
geliebt haben / sondern das er vns geliebt hat / vnd gesandt sei-
nen Son zur versöhnung für vnser sünde338 / in dem wir leben sol-
len / das es also nicht lieget an jemands wollen oder lauffen /
sondern an GOTTES erbarmen339. Vnd weiset vns hiermit der
Prophete Dauid den rechten Brauch der Lere / von der Praedestination
oder Ewigen Gnadenwalh GOTTES / welche so sie recht betrach-
tet / vnd im Glauben angesehen wird / die Leute nicht in Sicherheit
/ oder Zweiffelung340 stecket (Wie etliche es darfür halten / vnd der-
halben mit dieser Lere wollen vnuerworren sein) Sondern viel mehr
ein rechten bestendigen Seelentrost gibet / vnd vns <fol. L 4v> zur
jnnerlichen freude vnd dancksagung reitzt / das wir den lieben getrew-
en vnd barmhertzigen Gott / ein Sanctus singen / oder Deo gratias
sprechen / der vns also fest gefasset / das vns niemand aus seinen
Henden reissen sol.
Die dritte vrsache das sich alle Menschen in Gott frewen / vnd
jn preisen vnd loben sollen ist diese / Dieweil Gott oder der Herr
auffehret / welche wort ob sie gleich von den Jüden / auff die Lade
des Bundes gezogen341 werden / so da mit gemeiner Frewde des
gantzen Volcks in den Tempel gebracht / vnd darbey nach etlicher
meinung dieser Psal. sol gesungen sein worden / jedoch / so gehö-
ren sie eigentlich auff Christum / der mit seiner Auffart Frewde /
Heil vnd Seligkeit erlanget hat. Denn die Himelfart Christi mus nicht
also angesehen werden / als wenn ein Vogel sich in die Lufft schwin-
get / oder ein Geuckler auff dem Seil eins her machet / so hilfft
vns auch die blosse Historia oder geschicht nichts / die den Gottlosen
vnd Teufeln selbs bekand ist / vnd der wenig gebessert sein. Sondern
rechtschaffene Christen sollen sehen auff die frucht oder den nutzen
/ was vns CHRJSTVS mit seiner Himelfart erworben vnd zu wegen
gebracht habe / nemlich.

337
Freiwalh] Erwählung zur Freiheit. Nicht in Grimm, DWb.
338
Marginal: 1. Cap. 4. 1Joh 4,10.
339
Marginal: Rom. 9. Röm 9,16.
340
S. o. S. 197, Anm. 291.
341
gezogen] bezogen. Vgl. Grimm, DWb 31, Sp. 984.
wilhelm sarcerius, trauergeist 205

j. Hat er durch seine Himmelfart / Gott der da billich nach seiner


Gerechtigkeit vber das Menschliche Geschlecht / einen schweren
Zorn hatte vnd hielte / mit vns versönet / vnd jhn vns zu einem
Vater vnd Schutzherrn gemacht / das wir vns nu al= <fol. M 1r>
les guts zu jm zuuersehen / vnd des Himels auch in allen nöten /
Göttlicher gnaden schutzs vnd schirms vns zugetrösten haben. Darumb
spricht Christus zu Maria / Jch fare auff zu meinem Vater vnd zu
ewrem Vater / zu meinem Gott vnd zu ewrem Gott342 / als wolt
er sagen / Nu hat alle fehde ein ende343 / Mein Vater ist ewer
Vater / Mein Gott ist ewer Gott / durch meine Himelfart habe ich
euch in gesampte Lehn vnd Erbschafft der Himlischen wohnung
gesetzt / das jr euch neben mir des Himels / als ewers Vaterlandes
möget anmassen344 / vnd ewer Bürgerrecht darinnen haben solt /
wie S. Paulus leret: Vnser Bürgerschafft ist im Himel345 / vnd daher
singen wir im Geistlichen Liede von Christo.
Für vns ein Mensch geboren /
Jm letzten theil der Zeit /
Der Mutter vnuerloren /
Jr Jungfrewlich keuscheit /
Den Todt für vns zurbrochen /
Den Himmel auffgeschlossen /
Das Leben widerbracht346.
ij. So hat Christus zwar alle vnsere Feinde die Sünde / den Todt
/ den Teufel / die Helle vnd ewige Verdamnis durch seine sieghafftige
Aufferstehung zurbrochen vnd vberwunden / Aber in der Himelfart
gefangen vnd gebunden gefüret / das sie den Christen so wenig sol-
len schaden / als ein gefangner Mörder / oder ein gebundener Dieb
an den Ketten. Wie Dauid sagt / Captiuam duxit captiuitatem347, Du

342
Marginal: Johan 20. Joh 20,17.
343
Vgl. Nicolaus Decius (Hovesch), Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’, Str. 1, Wackernagel
3, S. 566f (Nr. 616) (= EKG 131, 1): „ALlein Gott in der höhe sey ehr | vnd danck fur
seine gnade, | Darumb das nu vnd nimermehr | vnd rüren kan ein schade: | Ein wolge-
fallen Gott an vns hat, | nu ist gros fried on vnterlas, | All fehde hat nu ein ende.“
344
anmassen] ‚anmaßen‘ hier im Sinne von ‚sich annehmen‘. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp.
405.
345
Marginal: Philip. 3. Phil 3,20.
346
Elisabeth Creutziger, Eyn Lobsanck von Christo, Str. 2, Wackernagel 3, S. 46 (Nr. 67)
(= EKG 46, 2): „Fur vns ein mensch geboren | im letzten teil der zeyt, | Der mutter
vnuerloren | yhr yungfrewlich keuscheyt, | Den tod fur vns zu brochen, | den hymel auf-
geschlossen, | das leben wider bracht:“
347
Marginal: Psalm 68. Ps 68,19.
206 teil iii ‒ editionen

bist in die höhe gefaren / vnd hast das <fol. M 1v> gefengnis gefan-
gen. Das wir nu den vortheil vnd gewin aus Christi Himelfart haben
/ das vns die sünde ob sie gleich in vnseren Beinen / Marck vnd
fleisch stecket / vnd gewaltig wület vnd wütet nicht sol verdammen.
Der Teufel / er schleiche gleich vmb vns her / als ein Beerwolff 348
vnd grimmiger Lewe / so sol er vns doch nicht zureissen noch
auffreiben können / vnser tod sol ein sanffter schlaff sein349<.>
Hellisch fewer sol mit seinen flammen vns keinen schaden thun kön-
nen / Jn Summa für aller verdamlicher Tyranney der Geistlichen
Feinden sollen wir nu mehr gesichert vnd gefreiet sein.
iij. So hat er durch seine Himelfart erlanget seiner Kirchen den hei-
ligen Geist / der vns in alle warheit leitet350 vnd darinnen erhelt /
auch in der anfechtung vnd todes nöten vnser Aduocat beistand vnd
Tröster ist. Wie er selbs sagt / Es ist euch gut das ich hin gehe zum
Vater / das ist / Leide / sterbe / aufffahre / mich zur rechten des
Vaters setze / denn so ich nicht hin gehen werde / so kömpt der
Tröster nicht zu euch / so ich aber hin gehe / wil ich jhn senden351
/ vnd daher singet die Christliche Kirche mit frölichem Hertzen vnd
munde.
Christus fuhr gen Himel /
Da sandte Er vns hernieder /
Nach seinem Wort den heiligen Geist /
Zu trost der gantzen Christenheit /352
iiij. So nützet vns Christus mit seiner auffart dieses / das er vns von
Himel herunter / als aus einer reichen Schatzkamer / allerley güter
vnd Ga= <fol. M 2r> ben zusendet vnd zukomen lest / derer wir
an seel vnd Leib nicht entrathen353 können / wie Dauid im 68.
Psalm singet / Du hast gaben entpfangen354 für die menschen355 /
vnd Paulus zun Ephesern leret / das Christus vber alle Himmel

348
Beerwolff ] Bärwolf, Werwolf. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 1244.
349
Vgl. Joh 11,11–13.
350
Joh 16,13.
351
Marginal: Johan. 16. Joh 16,7.
352
Diese Strophe zitiert in leichter Abwandlung: Christophorus Solius, Christ fuhr gen Himmel,
Str. 1, Wackernagel 3, S. 956 (Nr. 1144) (vgl. EKG 90): „CHrist fuhr gen Himel, | was
sandt er vns erwider? | Den Tröster den heiligen Geist | zu trost der armen Christenheit.“
353
entrathen] entbehren. Vgl. Grimm, DWb 3, Sp. 580.
354
entpfangen] empfangen. Vgl. Grimm, DWb 3, Sp. 577.
355
Ps 68,19.
wilhelm sarcerius, trauergeist 207

auffgefaren sey / auff das er alles erfüllet356 / das ist (wie es Lutherus
glosiert) das er alles in allen dingen wircke / vnd on jn nichts gethan
/ geredt noch gedacht werde357 / vnd wie da folget / Er hat etli-
che zu Aposteln gesetzet Etliche aber zu Propheten / Etliche zu
Euangelisten etc.358 Vnd darauff sihet auch der Apostel S. Jacob da
er spricht: Alle gute gabe vnd alle volkomene gabe kömpt von oben
herab / von dem Vater des Liechts359.
v. Jst Christus im Himel vnser ewiger Hoherpriester / der gegen
dem Vater für vns mittelt / vnd vnser gebet fürbringt / das es ange-
nem vnd erhöret werde / wie S. Paulus schreibet: Christus aufferwecket
von den todten / ist zur rechten Gottes vnd vertrit vns360. Jtem /
Johannes in seiner 1. Epistel: Ob jemand sündiget so haben wir ein
vorsprecher bey dem Vater Jhesum Christum der gerecht ist361 /
vnd zun Hebreern am 9. Christus ist eingegangen in das Heiligthumb
/ nicht das mit Henden gemacht ist / sondern in den Himmel selbs
/ zuerscheinen für dem Angesicht Gottes für vns362.
vj. Hat Christus endlich durch seine Himelfart die Lufft gereinigt /
vnd die ban gebrochen vnd richtig gemacht / das / ob wir schon
sterben vnd begraben werden / doch im grab vnd tod nicht bleiben
sol<=> <fol. M 2v> len / sonder dermal eins wider herfür komen /
aufferstehen / gen Himel faren / vnd das ewige Vaterland einne-
men sollen. Denn das der Herr wunderlicher weise von seinen Jüngern
aufferet in die höhe / wie ein Vogel vnd / verschwindet in der Lufft
/ das ist / er feret so hoch das seine Jünger jhn nicht sehen kön-
nen / das ist ein anzeigung / was für leibe wir nach diesem abster-
ben vberkomen363 sollen. Jetzt sind vnsere Leib schwer / vngelenck
/ langsam / Aber wenn wir von toden aufferstehen / vnd newe
Leibe vberkomen werden / die werden wol rechte Leibe von fleisch
vnd bein / vnd allen gliedmassen sein / Aber sie werden nicht mehr
so schwer vnd vngelenck sein / sondern wie wir mit gedancken jetzt

356
Marginal: Cap. 4. Eph 4,10.
357
Luther, WA.DB 7, 201 (Bibel 1546, Randglosse zu Eph 4,10): „(Alles erfüllen) Das
er alles in allen dingen wircke vnd on jn nichts gethan, geredt, noch gedacht werde.“
358
Eph 4,11.
359
Marginal: Cap. 1. Jak 1,17.
360
Marginal: Rom. 8. Röm 8,34.
361
Marginal: Cap. 2. 1Joh 2,1.
362
Hebr 9,24.
363
vberkomen] empfangen, bekommen. Vgl. Grimm, DWb 23, Sp. 345.
208 teil iii ‒ editionen

behende da vnd dort sein / also werden wirs damals364 mit dem
Leibe thun können / neben dem das es fortan sollen vnsterbliche
Leibe365 sein / die weder essens noch trinckens bedürffen / vnd nim-
mermehr an gesundheit mangel haben werden366.
Welche nu also die krafft vnd frucht der Himmelfart Christi be-
trachten vnd anschawen / Die werden allerley schwermut vnd
trawrigkeit können ausschlagen / vnd vrsach gnug vnd vberflüssig
haben / sich zu frewen vnd Gott zu dancken.
Die vierde vrsache fleust aus der vorigen / das Gott aufferet mit
jauchtzen / vnd der Herr mit heller Posaun / das ist / das Christus
solche seine Auffart vnd Wolthat derselbigen / durch die Predigt des
Euangelij jedermenniglich367 lest verkündigen vnd fürtragen / wie
denn die Aposteln daruon weit <fol. M 3r> vnd breit geleret haben
/ vnd noch heutiges tages alle Prediger oder Kirchendiener in der
gantzen werden368 Christenheit / von dem nutzen des leidens / vnd
sterbens der Aufferstehung vnd Himmelfart Christi singen / vnd
sagen / rhümen / vnd predigen. Wenn die Himelfart Christi heim-
lich geschehen / vnd verborgen were gehalten worden / so hetten
wir billich zu trawren vnd kleinmütig zu sein / als die wir aller
hoffnung vnd trostes mangelten / Aber dieweil nach der Weissagung

364
damals] Hier mit Bezug auf die Zukunft. In dieser Bedeutung nicht in Grimm, DWb
2, Sp. 701, wo behauptet wird, ‚damals‘ trete erst im 17. Jahrhundert auf.
365
Vgl. 1Kor 15,42–44.
366
Marginal: Lutherus in der Hauspostill. Luther, EA 4, S. 2f (Hauspostille [nach Veit
Dietrich — dieser Text nicht in WA]): „Da ist erstlich das Wunderwerk billig zu beden-
ken, daß der Herr wunderbarlicher Weise von seinen Jüngern auffähret in die Höhe, wie
ein Vogel, und verschwindet in der Luft, das ist, er fähret so hoch, daß seine Jünger ihn
nicht sehen können. Denn in der Luft fahren ist den Menschen ein ungewöhnlich, ja gar
ein unmöglich Ding. Eines Menschen Leib hat von Natur die Art, daß er, wie ein Stein
oder ander schwer Ding, unter sich begehret. Nun aber hat Christus nach seiner
Auferstehung einen rechten Leib, der Fleisch und Bein hat, wie er selber sagt, Luc. 24,
und sich greifen läßt; dennoch ist’s ein solcher Leib, so der Natur halben, eben so wohl
kann in die Höhe, und über sich fahren, als unter sich. Das ist eine Anzeigung, dabei
wir lernen mögen, was für Leiber wir nach diesem Absterben überkommen sollen. Jetzt
sind unsere Leiber schwer, ungelenk, langsam; aber wenn wir von den Todten auferste-
hen, und neue Leiber überkommen werden, die werden wohl rechte Leiber, von Fleisch
und Bein, und allen Gliedmassen seyn; aber sie werden nicht mehr so schwer und unge-
lenk seyn: sondern gleich wie wir mit Gedanken jetzt behend da und dort sind; also wer-
den wir’s dazumal mit dem Leibe können thun <. . .> Der Herrlichkeit sollen wir an
unserm Leibe, nach diesem Leben, auch gewarten; neben dem, daß es fortan sollen
unsterbliche Leiber seyn, die weder Essens noch Trinkens bedürfen, und nimmermehr
an Gesundheit Mangel haben werden.“
367
S. o. S. 193, Anm. 276.
368
werden] werten. Vgl. Grimm, DWb 29, Sp. 446.
wwilhelm sarcerius, trauergeist 209

des Propheten Zacharie / Der Oelberg darauff Christus gen Himmel


gefaren / sich mitten entzwey gespalten369 / welches dazumal erfül-
let worden / da die Apostel widerumb von dem Oelberg gen Jerusalem
kereten / vnd haben von dannen da sie den heiligen Geist empfan-
gen / das Euangelion Christi in die gantze Welt ausgebreitet / so
sollen wir nu frölich sein / vnd singen Alleluia / denn wir wissen
nicht allein das Christus gen Himmel gefaren / Sondern werden teg-
lich durchs Wort vnd Sacrament berichtet vnd versichert / das er
vns durch seine Auffart viel genutzet vnd zuwegen gebracht habe.
Die fünffte vrsach ist / das solch jauchtzen vnd posaunen / die
Predigt von Christo vnd seiner Himmelfart nicht vergebens noch
vnkrefftig ist / Sondern dardurch werden die Heiden zu Gottes
Königreich beruffen / vnd grosse Fürsten werden dardurch versam-
let zu einem Volck / dem GOtt Abrahams / vnd bey den Schilden
der Erden (370das ist / bey den grossen Regenten / die da Schilde
<fol. M 3v> der Erden genennet werden / darumb / das sie das
Volck bey guten frieden vnd ein jeden bey seinem rechten schirmen
sollen) ist Gott sehr erhöhet / vnd so es für nötig vnd billich geach-
tet wird / das man Gott dancke für Essen vnd Trincken / vnd aller
leiblichen vnterhaltung / die wir von seiner milden güte nemen /
vnd er vns wol bekommen lest / viel mehr wil sichs gebüren / das
man mit Hertze vnd Munde frolocke vnd Gott lobsinge / der sein
wort nicht lest on frucht abgehen / vnd durch seinen gnedigen segen
das Euangelium von Christo / eine solche krafft sein lest / die da
selig macht alle die so daran gleuben371.
Das sind die zwey fürnemste stücke / so bey diesem Psalm vns
zubedencken vnd zu lernen fürfallen. GOtt verleihe vns seine gnade /
das wir diese Vermanung sampt angehengten vrsachen zu hertzen
nemen / vnd dem Hellischen Trawergeist / damit widerstand thun
mögen / bis wir endlich mit CHRJSTO / durch alles vnglück vnd
den tod brechen / vnd zum ewigen Leben erhaben werden / AMEN.

Gedruckt zu Eisleben durch Vrban


Gaubisch wonhafftig auff
dem Graben.
ANNO. 1568.

369
Marginal: Cap. 14. Sach 14,4.
370
( ] Emendiert aus: /
371
Röm 1,16.
2. SIMON MUSÄUS, NÜTZLICHER BERICHT [. . .] WIDER
DEN MELANCHOLISCHEN TEUFFEL (1569)

Einleitung

Simon Musäus wurde am 28./29.3.1521 in Vetschau bei Cottbus


geboren, studierte in Frankfurt/O. und in Wittenberg, u.a. bei Philipp
Melanchthon. 1547 wurde Musäus Griechischlehrer an der Sebald-
schule in Nürnberg, 1549 Prediger in Fürstenwalde, 1552 in Crossen
(Sachsen). 1554 wurde er Antistes und Pfarrer in Breslau, und im
Mai 1554 fand seine Promotion zum Doktor der Theologie in
Wittenberg statt. Es folgte 1557 die Berufung zum Superintendenten
nach Gotha, 1558 wurde Musäus Propst in Eisfeld (Franken) und
1559 Superintendent und Professor in Jena. Im Zuge der flaciani-
schen Streitigkeiten wurde Musäus am 10.9.1561 auf eigenen Wunsch
aus seinem Amt entlassen. 1561/62 war Musäus für kurze Zeit
Superintendent in Bremen und 1563/64 Superintendent in Schwerin.
1565 siedelte er nach Gera (Vogtland) über und fungierte dort eben-
falls als Superintendent, 1568 wurde er Prediger und Professor am
Gymnasium in Thorn, 1570 Superintendent in Coburg, 1573
Superintendent in Soest und schließlich 1576 Dekan in Mansfeld.
Am 11.7.1576 starb Musäus.1
Musäus’ „Melancholischer Teufel [. . .]“, zur literarischen Gattung
der seelsorglichen Ratgeberliteratur gehörig, hat für die Entwicklung
der antimelancholischen Traktate der lutherischen Orthodoxie zen-
trale Bedeutung. Es ist dies einer der frühen Versuche, die Luthersche
Seelsorge und die eher verstreut aufzufindenden Aussagen Luthers
über die Therapiemöglichkeiten der Melancholie zu systematisieren
und die reformatorische Seelsorge auf das spezielle Phänomen der
Schwermut zuzuspitzen.
Auffällig ist Musäus’ ausgeprägtes empirisches Interesse an der
Melancholie. Sie ist nicht nur eine geistlich-innerliche Anfechtung,
sondern zeitigt ein Krankheitsbild, das den ganzen Menschen in sei-
ner psychosomatischen Einheit beschwert und an bestimmten leib-
lichen Symptomen (Schlaf- und Appetitlosigkeit, Anfälligkeit für

1
Vgl. Mahlmann. DBA 878, 340–355.
simon musäus, melancholischer teuffel 211

Erkrankungen wie Schlagfluß und Schwindsucht etc.) erkennbar ist.


Gegen die Melancholie — so Musäus — gibt es, da sie Leib und
Seele gleichermaßen in Mitleidenschaft zieht, zwei Arten von Arznei,
die beide von Gott gestiftet sind: äußerliche und geistliche. Die ersten
beiden äußerlichen Heilmittel (remedia) gegen die Melancholie sind,
wie Musäus im Anschluß u.a. an die alttestamentliche Weisheitsliteratur,
Jesus Sirach und Plutarch entfaltet, die Gesellschaft mit anderen
Menschen und das Gespräch. Sodann lobt Musäus mit Prv 31,6 und
Sir 31,32–36 die antidepressive Wirkung des Weines und anderer
leiblicher Ergötzlichkeiten sowie die antimelancholische, schon an
Saul erprobte (1Sam 16,23) Wirkung der Musik. Zu den geistlichen
Arzneien, die gegen die Schwermut zu brauchen sind, gehören Lektüre
und Meditation des Wortes Gottes, der Gebrauch der Sakramente,
das Hören der Predigt wie auch das Gebet. Die lebenspraktisch-diä-
tetischen Trostmittel können — so Musäus — ihre volle Wirkung
aber nur dann entfalten, wenn sie mit den genannten geistlichen
remedia kombiniert werden. Jedoch sollen die geistlichen Mittel gegen
die Melancholie die äußerlichen nicht einfach ersetzen, vielmehr sor-
gen die letzteren dafür, daß die ersteren unterstützt werden. Hier
wird im Vergleich mit den meist sehr stark asketisch ausgerichteten
Ratschlägen der mittelalterlichen Moraltheologie deutlich, daß ein
reformatorisches Proprium darin besteht, die geistlich-meditativen
Übungen in Form von Schriftlektüre und Gebet mit den besonders
im humanistischen Kontext beliebten leiblichen Ergötzlichkeiten zu
verbinden, ohne dabei Gefahr zu laufen, entweder in eine asketische
Leibfeindlichkeit abzugleiten oder die äußerlichen remedia zu ver-
absolutieren. Dieser neuartige poimenische Ansatz hat zur Folge, daß
die äußerlich-leibliche Diätetik in ihrer Bedeutung qualitativ auf eine
höhere Ebene gehoben wird, indem sie in ihrer Fähigkeit, die geist-
lichen Trostgründe zeichenhaft abzubilden, begriffen wird, wobei
Musäus nicht davor zurückschreckt, die antidepressive Kraft des
Humors zu nutzen, z.B. indem er sagt, daß der Heilige Geist „schwer-
mütige Hertzen inn der Trinckstuben Göttliches Worts erquicket /
truncken vnd frölich macht“2. Die Psalmen betenden Angefochtenen
bezeichnet Musäus zudem als Zechbrüder Davids, die „in der geist-
lichen Trinckstuben des heyligen Geystes ohn vnterlaß pancketiren
/ vnd alle Melancholische anfechtungen vber zeitlichem vnd ewi-
gem leben vertrincken“3.

2
S. u. S. 241.
3
S. u. S. 242.
<fol. A 1r>

Nützlicher
Bericht / vnnd Heilsammer
Rath aus Gottes Wort / wider den
Melancholischen Teuffel / Allen
schwermütigen vnnd trawrigen hertzen /
zum sonderlichen beschwerten4 trost /
Labsall vnnd Ertzney
gestellet

Durch
SIMONEM MVSAEVM
der heyligen Schrifft
Doctor

Syrach Cap. 30.

Mache dich selbs nicht trawrig / vnd plage dich nicht selbs / mit deinen eigenen
gedancken. Denn ein frölich Hertz ist des menschen leben / Vnd seine freude ist
sein langes leben. Thu dir guts / vnd tröste dein Hertz / vnd treib trawrigkeit
ferne von dir / Denn trawrigkeit tödtet viel Leuthe / vnnd dienet doch nirgend
zu. Eiuer vnd zorn verkürtzen das leben / vnd sorge macht alt vor der zeit5.

M.D.LXIX.6

<fol. A 1v vacat>

4
beschwerten] nachdrücklichen. Nicht bei Grimm.
5
Sir 30,22–26.
6
HAB Wolfenbüttel Alv. Ba 78 (1). ULB Halle/S. AB 155729 (7). Vgl. VD 16 M
5041. Eine zweite Auflage wurde 1572 publiziert (HAB Wolfenbüttel 1164.123 Theol. [2]
und Alv. Ba 83 [6]). Vgl. VD 16 M 5042. Eine spätere Auflage erschien unter abweichendem
Titel: Simon Musäus, Speculationischer Teuffel / Darin heilsamer Bericht vnd Rhat / aus Gottes
Wort zusamen gefasst / vnd gezogen / womit man die Melancholische Teuffelische gedancken
von sich treiben sol / Allen bekümmerten vnd schwermütigen Hertzen zu Trost <. . .> beschrie-
ben, Magdeburg: Andreas Gehe <Drucker> — Simon Hüter <Verleger> 1579 (UB Rostock
Fm-4545.2). Vgl. VD 16 ZV 10925.
<fol. A 2r>
Dem Erbaren /
vnnd Namhafften / Caspar
Göbel7 / Bürger inn Dantzig / mei=
nem günstigen Herren vnnd
Freunde.

Gottes Gnade / vnnd recht=


schaffen Erkendtnis / vnd bestendig
Bekentniß der reinen seligma=
chenden Warheit / sampt mei<=>
nem willigen dienst all=
zeit zuuorn.

ERbarer / Namhafftiger / Günstiger Herr / vnnd sonder guter


Freundt. Die heilige Schrifft zeuget von dem Teufel / vnserem ewi-
gen abgesagten Feinde8 / das er zwar von anbegin der welt nie <fol.
A 2v> gefeyert9 / sondern sich allezeit weidlich getummelt / mit
plagung vnd verderbung der Leute / vnnd stifftung alles vnglücks
auff erden. Jedoch werde ers nie geschwinder treiben / denn hart
vor10 dem jüngsten tage / da soll er doch zum Beschluß aus grim-
migem zorn von vngedult vber seinem nahenden Gericht vnnd ewi-
ger Straff / gar dem faß den boden außstossen11 / vnd alle macht
vnd list / so er zum letzten stich gesparet / auff einen hauffen auß-
schütten / Wie S. Joannes in seiner heimlichen Offenbarung am 12.
sagt / Wehe denen / die auff Erden wohnen / denn der Teufel
kömpt zu euch hinab vnd hat einen grossen zorn / vnd weiss das
er wenig zeit hat12.
Das Wehe aber / so der Teuffel durch billiche verhengknis Gottes
/ der bösen Welt zur letzten zeit soll zurichten / leget der HERRE

7
Caspar Göbel (ca. 1520–nach 1605), gebürtiger Königsberger, war seit 1577 Münzmeister
in Danzig. DBA II,457,137f.
8
S. o. S. 178, Anm. 188.
9
gefeyert] von seinem Werk abgelassen. Vgl. Grimm, DWb 3, Sp. 1436.
10
hart vor] kurz vor. Vgl. Grimm, DWb 10, Sp. 508.
11
Sprichwörtlich. Vgl. Röhrich 2, S. 417: „Das schlägt dem Faß den Boden aus: das gibt
den Ausschlag, macht das Maß voll, macht gewaltsam Schluß“.
12
Apk 12,12.
214 teil iii ‒ editionen

Christus Matthei am 24.13 also auß / das es alles eitel voll Rotten
vnd Secten / vnd verfolgung vber der Lere sein werde / zur ver-
fürung vnd verderbung der Seelen / vnnd eine vnerhörte Schlachtbanck
<fol. A 3r> durch Krieg / Hunger vnd Pestilentz zur verderbung
des Leibes vnnd des zeitlichen lebens / das nicht wunder were / ob
jederman blutige threnen darüber weinete. Vnd dennoch solle der
Teufel den mehrer theil leuthe so gar verstocken / dz sie nichts
dafür sorgen / sondern mitten im höchsten vnglück prangen / pan-
cketieren14 / bruder rausch15 vnd Hans ohne sorgen16 sein / Wie
S. Paulus in der ersten zun Thessalonichern am 5. saget / Wenn
sie werden sagen / Es ist friede / Es hat keine gefahr / so wird sie
das verderben schnel vberfallen17. Jtem / der HErr Christus Luce
am 17. Es wirdt gehen / wie zu zeitten Noha / da sie assen / trun-
cken / freyeten / vnnd liessen sich freyen / biß die Sündflut kam
/ vnd brachte sie alle vmb18.
Aber doch / in dem der HERRE Christus widerumb Luce am
21. saget / Es werde den leuten bange sein / vnnd werden zagen
/ vnd verschmachten für forcht / vnnd warten der ding / die komen
sollen auff Erden19 / Zeiget er an / <fol. A 3v> das gleichwol nicht
jederman / mit dem nassen gesindtlich 20 vnter des sauff vnd
Fraßteufels21 Fehnlein werden sitzen / sondern etliche werden sich
vber der betrübten zeit bekümmern / vnnd vonn dem Melancholischen
Teuffel grewlich zuplaget22 / vnnd eines theils auch verschlungen
werden / die sich nicht wissen zu trösten.
Dieweil denn nuhn vnter solchen hauffen / auch viel frommer
Christen sind / welchen der Melancholische teufel zum wenigsten
engstlichen schweiß vnnd seufftzen außdringet23 / ob er sie nicht gar
inn verzweiffelung bringen kan / vnd der HERRE Christus sie sel-
ber so hertzlich tröstet / sie sollen jre Heubter vber allen betrübten

13
Mt 24,6–12.
14
pancketieren] feiern. Vgl. Grimm, DWb 13, Sp. 1423.
15
Sprichwörtlich. Vgl. Wander 3, Sp. 1509.
16
Sprichwörtlich. Vgl. Wander 3, Sp. 1124.
17
1Thess 5,3.
18
Lk 17,26f.
20
gesindtlich] Gesindel (in verächtlicher Bedeutung). Vgl. Grimm, DWb 5, Sp. 4116.
21
Fraßteufels] Emendiert aus: Fraßtenfels
22
zuplaget] zerplackt, durch Plagen beschädigt. Vgl. Grimm, DWb 31, Sp. 730.
23
außdringet] Hier im transitiven Gebrauch: auspreßt. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 846.
simon musäus, melancholischer teuffel 215

wesen / nicht ewig niderschlagen / sondern frölich auff heben /


darumb das sich jr erlösung nahet24. Darumb hab ich solchem Exempel
Christi nach / den betrübten Hertzen / diß Büchlein zum trost
wider den Melancholischen teufel gestellet / als der ichs auch / inn
den guten tagen / die ich vber dem heiligen <fol. A 4r> Predigampt /
GOttlob erlidten / zimlich versuchet / vnd noch heute bey tage in
solchem Spital nit selten kranck lige. Aber doch nicht zum schaden
/ sondern viel mehr zum nutz / Wie S. Paulus zun Römern am 8.
saget / Wir wissen / das denen / die Gott lieben / alle ding zum
besten dienen25. Darumb ich mit S. Paulo auß der andern Epistel
Corinth. 1. sage / Gelobet sey Got / vnd der Vatter vnsers HErrn
Jhesu Christi / vnnd Gott alles trostes / der vns tröstet / in alle
vnserem trübsal / dz wir auch trösten können / die da sindt in
allerley trübsal / mit dem trost / damit wir getröstet werden von
GOtt26.
Jch muß aber bekennen / das mir disen Melancholischen teufel
mit seinen Farben außzustreichen vnnd ans liecht zustellen / so viel
desto schwerer ankomen ist / als andere teufel / die biß her durch
den druck außgangen sind / nemlich / der Sauffteufel27 / Geitzteufel28
/ PloderhosenTeufel29 / vnd dergleichen Gesellen30 / je höher die
erste Taffel der Zehen Gebott die ander vber= <fol. A 4v> trifft.
Denn die gemelte31 Teufel sindt Kohl schwartz / vnd treiben die
Leute zum offentlichen vngehorsam der andern Taffel / vnd zu ver-
letzung des nehesten / das man sie leichtlich kennen kan. Aber der
Melancholische Teufel verstellet sich in einen Engel des lichtes32 /
vnd vnter dem schein der nötigen sorgen im beruff / vnd stiller
andacht / vnnd einsamkeit / treibet er die Seelen zum vngehorsam
der ersten Taffel / vnd zur höchsten verachtung Gottes. Jedoch hoffe

24
Lk 21,28.
25
Röm 8,28.
26
2Kor 1,3f.
27
Vgl. Matthäus Friedrich von Görlitz, Wider den Sauffteuffel 1552.
28
Vgl. Albert Blanckenberg, Von Juncker Geitz vnd Wucherteuffel / so jetzt in der Welt in
allen Stenden gewaltiglich regieret. An alle Stende des Teutschen Reichs geschrieben, in: Sigmund
Feyerabend (Hg.), Theatrum Diabolorum 1569.
29
Vgl. Andreas Musculus, Vom zuluderten / zucht vnd ehrerwegnen / pluderichten Hosen
Teuffel 1555.
30
Vgl. z.B. Andreas Musculus, Wider den Ehteuffel 1561. Eine große Anzahl von Teufel-
Schriften und -typen kompiliert: Sigmund Feyerabend (Hg.), Theatrum Diabolorum 1569.
31
gemelte] erwähnten. Vgl. Grimm, DWb 12, Sp. 1994.
32
2Kor 11,14.
216 teil iii ‒ editionen

ich / jederman werde jn / in diesem kurtzen vnnd in Gottes Wort


wolgegrünten Büchlein zimlich lernen kennen / vnnd Gott für die-
sen bericht dancken.
Ewer Erbarkeit aber hab ich dises Büchlein darumb zugeschrie-
ben / das ich mein danckbares Gemüt / gegen alle jhre erzeigte
Wolthaten beweise. Jst mir auch nicht vnbewust / wz sich ewer
Erbarkeit / sampt vielen andern Liebhabern vnd bestendigen
Bekennern reiner Lehre bey euch müsse lei= <fol. A 5r> den / aller-
meist vber der jrrunge / so sich nu eine zimliche zeit her inn ewer
Kirchen33 erhelt / dadurch nicht geringe Vrsachen zur Melann-
cholischen schwermütigkeit gegeben wird / Vnd köndte doch diesem
jammer so leichtlich abgeholffen werden / wenn man es nur zur
rechtmessigen verhöre34 vnd erkenntnis kommen liesse / Es treffe
gleich welch theil es wolte / damit die armen betrübten gewissen /
beyderseites / gründtlich möchten außgeheilet / zu frieden gestellet
/ vnnd Christliche einigkeit auffgerichtet werden. So lange das nicht
geschicht / ist der Sachen nicht zu helffen / mit blosser gewalt wil
Gott nicht haben / das streitige Religionssachen gestillet vnd gedempffet
werden / vil weniger leiden / das offentliche angerichte ergernissen
vnnd jrrthumen heimlich durch stille schweigung vnd gleiche
auffhebung hingeleget vnnd begraben werden. Sind auch alle Christen
verpflichtet / die vnbußfertige Stiffter der Ergernissen vnd jrrthu-
men zu meiden / ver= <fol. A 5v> möge der vermanung S. Pauli
zun Römern am sechtzehenden / Jch ermane euch lieben Brüder
/ das jhr auffsehet auff die / so da zertrennung vnnd Ergerniß
anrichten neben der Lehre / die jr gelernet habt / vnnd weichet
von denselbigen / denn solche dienen nicht dem HERRN JHESV
CHRJSTO / sondern jhrem Bauch / vnnd durch süsse Wort vnnd
Prechtige Reden / verfüren sie die vnschuldige Hertzen / etc.35
Der ewige SOhn GOTTES wölle seiner betrübten Kirchen helffen
/ den Ergernissen wehren / den gefallenen warhafftige Busse ver-
leihen / vnnd also allenthalben Christlichen / vnd nicht Fleischlichen
frieden pflantzen vnnd erhalten.

33
jrrunge <. . .> inn ewer Kirchen] Musäus nimmt Bezug auf die gegenreformatorischen
Bestrebungen, die in Westpreußen und Danzig v.a. von Stanislaus Hosius vorangetrieben wurden:
1565 Einrichtung eines Jesuitenkollegs in Braunsberg, 1568 Rückgabe des 1564 eingezogenen
Dominikanerklosters an die Altgläubigen in Danzig. Neumeyer I, 90.
34
verhöre] Anhörung. Vgl. Grimm, DWb 25, Sp. 579.
35
Röm 16,17f.
simon musäus, melancholischer teuffel 217

Demselbigen getrewen Heyland befelhe ich E. E. sampt den jren


inn seinen gnedigen Schutz vnnd Segen / Amen. Datum Thorn /
am andern Sontage Trinitatis36 / da <fol. A 6r> man prediget / wie
der betrübte Lazarus ewig getröstet / vnnd der fröliche Reiche Wanst
ewigklich gepeiniget worden37 / Jm Jhar 1569.
E. E.
Williger
Simon Musaeus
Doctor.

36
andern Sontage Trinitatis] 11.6. veteris styli bzw. 21.6.1569 novi styli.
37
Lk 16,19–31.
<fol. A 6v>

Was die Melan=


choley sey / Woher sie sich be=
neme38 / vnd wie Mördtlichen
schaden sie einem mensch=
en zufüge.

DJE Melancholey ist zweyerley / Eine leiblich / die ander


Geistlich. Von der leiblichen / reden vnd rathen die Ertzte / auß
den Büchern Hypocratis39 vnd Galeni40 / vnd brauchen darwider
der natürlichen mittel vnd kreutter auß den Apotecken / damit sie
das schwere Geblüte reinigen / vnnd das schwache Gehirn stercken.
Von der Geistlichen aber lehret der heylige Geist inn der Schrifft
also / Das / wenn wir sie eigentlich verstehen wollen / so sollen
wir vnns für die augen stellen / die rechte mittelstrasse / warhafftiger
Busse vnd bekerung zu <fol. A 7r> Gott / sampt jren beiden Holtz-
wegen zur Rechten vnd zur lincken.
Die Mittel strasse warhafftiger bekerung zu Got / ist gebawet auff
Gottes Frucht / vnd vertrawen / laut des 2. Psalms / Dienet dem
HErren mit furcht / Vnd frewet euch mit zittern41. Der Holtzweg
zur Rechten ist vermessene sicherheit / Der Holtzweg zur Lincken
ist trostlose Furcht / trawrigkeit vnd verzweiflung.
So lest nun die Melancholey die Mittelstrasse der Furcht / vnd
vertrawens zu Gott / liegen / vnd führet auff beiderley Holtzweg
zu den Creaturen / macht vns entweder sicher vnnd vermessen auff
die Creaturen / wenn sie nach vnserem wunsch vnd anschlegen42

38
sich beneme] sich benenne, ihren Namen habe. Frühneuhochdeutsches Wörterbuch 1, Sp.
1292f.
39
Hippokrates aus Kos (* kurz nach 460) gilt als der berühmteste Arzt der Antike. Unter
seinem Namen sind zahlreiche medizinische Schriften überliefert, in denen u.a. die Viersäftelehre
entwickelt wird. Vgl. Potter/Gundert, Art. Hippokrates; Meyer, Art. Hippokrates.
40
Galenus (129–ca. 216), griechischer Philosoph und Mediziner, Rezipient und Kommentator
u.a. Platons und des Aristoteles, schuf auf der Basis hippokratischer Lehren das bis weit in die
Neuzeit kanonische medizinische System der Humoralpathologie. Vgl. Nutton, Art. Galenos; Kudlien,
Art. Galenos; Bäumer-Schleinkofer/Krafft, Art. Galenos.
41
Ps 2,11.
42
anschlegen] Plänen. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 440f.
simon musäus, melancholischer teuffel 219

fliessen / Oder gantz verzaget / trawrig vnd sorgfeltig43 / wenn sie


wider vnsern willen vnd fürnemen gehen. So gar ein vngehalten
vnnd vmbschweiffig Quecksilber ists vmb vnser Hertz / dz so wenig
auff Gott ruhen vnd still stehen kan / inn Glück vnnd Vnglück /
als ein zerbrochen Schiff mitten vnter den Winden vnnd Wellen des
<fol. A 7v> meers44 / wie der Prophet Jeremias am 17. drüber kla-
get / vnd spricht / Ein trotzig vnd verzaget ding ist das Hertz /
wer kans ergründen45?
Jst derhalben die Melancholey eine solche vnordnung vnnd kranck-
heit der Seelen / das sie mit furcht vnnd vertrawen auff Got / als
dem höchsten gut / nach seinem geoffenbarten willen nicht beruhet
/ sondern fladert mit allerley zustreweten gedancken / vergeblichen
sorgen / vnd vnnützen Grillen vnd Tauben46 / beide in zeitlichen
vnd ewigen sachen / die Gott nicht befolhen / sondern vil mehr
verbotten / vnd jm selbs zu regieren vnnd zu versorgen vorbehal-
ten hat. Auch nichts anders außrichten / denn das sie das leben
verkürtzen47 / vnnd eine lauttere Helle darauß machen.
Es ist eben die schwere noth vnnd gefehrliche Anfechtung / dawi-
der vns Gottes Son in der sechsten Bitte des Vater vnsers / so ernst-
lich heist seufftzen vnd sprechen / Füre vns nicht inn versuchung48
/ das ist / Wenn vnns der Melancholische Teufel inn sein Hel=
<fol. A 8r> lisch bad der schwermütigkeit gestossen vnd geworffen
hat / so zeuch du vns durch den Tröster49 den heyligen Geist wider
heraus / das wir nicht darinnen ersauffen vnd versincken.
Denn es ist eine versuchung zum abfall von Gott / vnnd zum
vngehorsam des ersten Gebotts / dadurch wir aus Gottes wort /
furcht vnd vertrawen (darin allein bestendige ruhe vnnd friede steckt)
vnnd folgends auch aus Gottes Schutz vnd Geleit schreiten / vnd
spaciren in das grosse / weite Lerchenfeldt des Teufels / ja in dz
grundlose Meer aller Teuflischen speculation / richten vnd tichten
von allerley sachen vnd hendeln / des zeitlichen vnnd ewigen lebens
/ nicht wie sie inn Gott dem HErren geschaffen sindt / vnnd in

43
sorgfeltig] angsthaft, bekümmert. Vgl. Grimm, DWb 16, Sp. 1792.
44
meers] In Custode statt dessen: Meers
45
Jer 17,9.
46
Tauben] albernen Einfällen. Vgl. Grimm, DWb 21, Sp. 168.
47
Vgl. Sir 30,26.
48
Mt 6,13.
49
Joh 14,26; 15,26; 16,7.
220 teil iii ‒ editionen

seiner hand vnd willen schweben / sondern wir sehen sie allein an
in den causis secundis, das ist / in den Creaturen ausser Gott vnnd
seinem Wort / nach der blinden vernunfft / vnnd des Melancholischen
Teuffels eingebung. Darumb werden wir auch betrogen / nicht
anders / denn als wenn einer <fol. A 8v> alle ding durch ein gema-
let glaß ansehe / das / was für Gott schedlich vnd böse ist / das
lieben vnnd begeren wir für nützlich vnnd gut / Was aber für Gott
nützlich vnd gut ist / das fliehen vnd hassen wir als schedlich vnd
böse. Gehen also mit lautern betrieglichen Gespensten vmb.
Darzu schleget auch die vermessenheit / das wir vns düncken las-
sen / alle sachen / hendel vnd geschefft stehen inn vnser Gewalt /
sorge / geschickligkeit vnd fleiß / das wir sie nach vnserm willen
vnd gefallen mögen führen / lencken / mehren / vnnd erhalten /
vnd wie wirs abmessen vnnd abzirckeln / so muß es gehen / vnnd
nicht anders. Gehet es denn also hinauß / wie wirs angeschlagen50
haben / lassen wir vns lauter Götter düncken / vnd beten das Werck
vnser hende an. Gereth es aber anders (wie denn Gott zur straff der
vermessenheit / gemeinlich gehet ein andere Bahn / wenn wirs auffs
klügest greiffen an) so hengen wir die köpfe als die verzagte Heyden /
murren wider Got / das ers nicht nach vnserm <fol. B 1r> Kopff
gemacht hat / geben jm schuld / er nehme sich vnser gar nicht
an / sondern lassen es alles nach dem Glücksrade durch einander
gehen / vnd plumpsweise51 gerathen / Oder regiere vns also / das
er einem jeglichen bald vonn ewigkeit versehe vnnd beschliesse sein
anfang / mittel vnnd ende / wie es jhm zeitlich vnd ewig gehen
solle / vnd wz er sein lebenlang für Glück oder vnglück haben solle.
Vnd was Gott ein mal ordene / da laß er es bey wenden52 / vnd
endere es nimmermehr / Also / dz welche leuth Gott ein mal ver-
ordnet hat zur Armuth / Kranckheit vnd verdamnis / dieselbigen
mögen solchem vnglück nicht entgehen / sondern müssen on alle
barmhertzigkeit darin verderben / vnd mögens Gott weder abbitten
noch abbüssen.
Das ist denn eine recht grewliche Melancholey / dadurch Got
glat verleugnet wird / mit seinen fürnembsten tugenden / als mit
seiner gnade vnnd Barmhertzigkeit / das er sich keines elends jam-

50
angeschlagen] beabsichtigt, veranschlagt. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 443.
51
plumpsweise] plötzlich, von ungefähr. Vgl. Grimm, DWb 13, Sp. 1945.
52
da laß er es bey wenden] dabei lasse er es bewenden. Vgl. Grimm, DWb 28, Sp.
1796f.
simon musäus, melancholischer teuffel 221

mern lasse. Jtem / mit seiner Warheit / das er nicht gebe was <fol.
B 1v> er zusagt. Jtem / mit seiner Allmechtigkeit / das er nicht alle
not wenden könne. Jtem / mit seiner Weißheit / dz er nicht alles
wisse noch sehe. Darüber gehet auch vnter / aller Glaube / Hoffnung /
Gedult vnnd Gebet / Jn summa / die gantze geistliche Gesundheit
der seelen / vnnd nimpt vber handt jre inwendige kranckheit / ja
der geistliche todt selbs mit trostloser furcht / sorge / gram / vnsin-
nigkeit / vnd endtlicher verzweiffelung. Daraus weiter folget auch
des Leibs verderbung vnd vntergang.
Denn dieweil der Leib mit der seelen in eine Person zusammen
verbunden ist / wie ein herberge an jren Wirt / vnd wie ein Knecht
an seinen Herrn / so muß er auch mit jr guts vnnd böses leiden.
Wenn nun die Seele von dem Melancholischen teufel mit hefftigen
sorgen vnd schmertzen gemartert / gebraten vnd gesoten wird / so
verdorret vnd verwelcket auch der leib / wie eine blume von bren-
nender hitz vnd sonne / das Gehirn wird im Kopff verrückt / <fol.
B 2r> das Hertz wird mat / der magen wirt schwach / alle lust
vnd freude zu essen / zu trincken vnd zuschlaffen vergehet / vnnd
werden dardurch die aller geschwindesten Kranckheiten erreget /
als der Schlag / die Darre vnnd anders. Wie Salom: Pro. 17. sagt
/ Ein frölich hertz macht das leben lustig / Aber ein betrübter mut
vertrucknet dz Gebeine53. Dergleichen Syrach am 38. Von trawren
kompt der Todt / vnd des Hertzen Trawrigkeit schwechet die kreffte54.
Das hat Dauid wol versucht / Darumb er im 39. Psalm klagt / Jch
gehe den gantzen tag trawrig / meine lenden verdorren gantz / vnd
ist nichts gesundes an meinem leibe55. Das ist / das Moses Deuter.
am 28. sagt / Der HERR wird dir geben ein bebendes Hertz / ver-
dorrete Seele / vnnd verschmachte Augen / das du vnsinnig wer-
dest / für dem / das deine augen sehen müssen / darumb das du
dem Herren deinem Gott nicht gedienet hast mit freude vnd lust
deines Hertzens / das es dir wolginge / vnd du alles genug hattest56.
<fol. B 2v>
Darumb sind die grausame scheden / so aus der Melancholey
wachssen / diese / Nemlich / das sie durch jhre vermessenheit vnnd
vnglauben / Gott den HErren mit seinem segen / schutz vnnd geleit

53
Prv 17,22.
54
Sir 38,19.
55
Ps 38,7f.
56
Dtn 28,65.34.47.
222 teil iii ‒ editionen

von vns abwendet / vnnd wirfft vns vnter seinen fluch vnd zorn /
das wir vergeblich tichten57 vnd arbeiten / sintemal wir vns zu wider
dem ersten Gebot / gleich auff Gottes Stul setzen / greiffen jm inn
sein Regiment / rauben jm seine Göttliche Ehre / wollen vns ohn
seinen danck58 selbs reich / gesund vnd selig tichten / welches die
aller höheste Abgötterey / Schmach vnd vnehre Gottes ist / die er
nicht kan vngerochen59 lassen. Wie Jeremias am 2. saget: Also mustu
jnnen werden / was für jammer vnnd Hertzenleid es bringe / den
HErrn deinen Gott verlassen / vnd jn nicht fürchten / spricht der
HErr Zebaoth60.
Darnach tödtet vnd verderbet die Melancholey (wenn man jr nach-
henget) beide die Seele / vnd den leib / welche billich heylige vnd
stille wohnunge vnd Tempel des heyligen Geysts61 <fol. B 3r> sol-
ten sein / vnd sich in Gott frewen / vnd ruhen / mit hertzlicher
furcht / vertrawen vnd gedult / das wir mit Dauid auß dem 62.
Psalm möchten rhümen / Meine Seele ist stille zu GOtt / der mir
hilfft62. Jtem / Psalm 65. Gott / man lobet dich in der stille zu
Zion63. Jtem / Esaie 30. Wenn jr stille bliebet / so würde euch
geholffen / durch stille sein vnnd hoffen würdet jr starck sein64.
Aber die schendtliche Melancholey vertreibet den heyligen Geist
/ vnd ladet zu Gast den bösen Geist / der machet denn aus vnser
Seel vnd leib ein lauter Rhumorhauß65 / oder ein vngestümm Meer
/ das für vnnd für auff vnd nider gehet / brauset vnnd scheumet
mit sorgen / Grillen / Hummeln66 / vnd Tauben67 durch einander
/ da jmmer ein gedanck den andern treibt / vnd eine vnruhe die
ander jagt vnd schleget. Wie der Prophet Esaias 57. sagt / Die
Gottlosen sindt wie ein vngestümm Meer / das nicht stille sein kan
/ vnnd seine Wellen kot vnd vnflat außwerffen / denn die Gottlosen
haben nicht friede / spricht mein Gott68. Damit wir <fol. B 3v>

57
tichten] sinnen, nachdenken. Vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 1059.
58
S. o. S. 166, Anm. 100.
59
vngerochen] ungerächt, ungestraft. Vgl. Grimm, DWb 14, Sp. 22f.
60
Jer 2,19.
61
1Kor 6,19.
62
Ps 62,2.
63
Ps 65,2.
64
Jes 30,15.
65
Rhumorhauß] Polizeihaus, Gefängnis. Vgl. Grimm, DWb 14, Sp. 1486.
66
Hummeln] tollen Gedanken. Vgl. Grimm, DWb 10, Sp. 1904.
67
S. o. S. 219, Anm. 46.
68
Jes 57,20f.
simon musäus, melancholischer teuffel 223

gewarnet werden / das wir vns für der Melancholischen schwermü-


tigkeit nicht anders hüten / als die schiffleute zu lande eilen / wenn
sie von ferne daher sehen ein Wetter oder Sturmwind kommen.
Nicht weniger warnet auch Syrach 30. Cap. seines Buchs dafür
vnd spricht: Mache dich selbs nicht trawrig / vnd plage dich nit
selbs mit deinen eigenen gedancken / Denn ein frölich hertz ist des
menschen leben / vnd seine freud / ist ein langes leben. Thue dir
guts / vnd tröste dein Hertz / vnnd treibe trawrigkeit ferne von dir.
Denn trawrigkeit tödtet vil leute / vnd dienet doch nirgend zu /
Eiuer vnd zorn verkürtzet das leben / vnd sorge macht alt vor der
zeit69. Mit disen worten / wirdt vns die Melancholische trawrigkeit
verleidet / als ein tödtliche Gifft / oder als ein Mörderisch schwerdt
/ damit wir vns selbs das leben abschneiden / vnd auch das hertz
im leib abfressen. Wie auch S. Paulus 2. Corinth. am 7. saget / Die
trawrigkeit der Welt / wircket den Todt70 / Das ist / Sie ist <fol.
B 4r> des Melancholischen Teuffels Schlachthauß / darinn er die
Leuthe mördet / vnnd auß seinem Hellischen Rachen anhaucht /
das jr Marck vnd Bein verzeret wird.
Zu den heßlichen Gemelden vnnd Bilden vonn der Melancholey
/ gehöret auch / das Christus Gottes Sohn saget / Matthei am sech-
sten: Welcher ist vnter euch / der seiner lenge eine Elle zusetzen
möge / ob er gleich darumb sorget71. Damit er anzeiget / das die
Melancholische sorge / sich eines vnmüglichen vnnd thörlichen din-
ges vnterstehe / vnd nichts anders bringe vnd mache / denn vil
grawer Köpffe / vnd weisser Bärte vor der zeit.
Hieher gehöret das gantze Prediger Buch Salomonis / darinn der
heilige Geist durch auß nichts annders thut / denn das er zur war-
nung erkleret vnd klaget / wie sich die schentliche melancholey /
in allerley hendel vnd sachen flechte / die leut tag vnd nacht72 eng-
ste vnd quele / vnd doch nichts außrichte / sondern / nur vbel
erger mache. Wie Salomo im 8. Capitel gemeltes73 <fol. B 4v> Buchs
saget: Jch schawte die mühe auff Erden / das mancher mensch
weder tag noch nacht mit seinen Augen den Schlaff sihet / vnd kan
doch das werck nicht finden / das vnter der sonnen geschicht / vnd

69
Sir 30,22–26.
70
2Kor 7,10.
71
Mt 6,27.
72
nacht] Emendiert aus: nach
73
S. o. S. 215, Anm. 31.
224 teil iii ‒ editionen

je mehr er arbeitet zu suchen / je weniger ers findet / wenn er


gleich spricht / Jch bin weise / vnnd weis es / so kan ers doch
nicht finden74 / Das ist / er meinets wol zutreffen / vnd im griff
zu haben / aber er thut eitel fehlstreiche / wie ein blinder neben
dem Topff her schlecht75. Eben wie auch Syrach am 18. saget / Ein
Mensch wenn er sein bestes gethan hat / so ist es doch kaum ange-
fangen / vnd wenn er meinet / er habs vollendet / so fehlet es
noch weit / denn was ist der mensch? warzu taug er? was kan er
frommen oder schaden thun76?
Jnnsonderheit aber redet Salomo gewaltig dauon im dritten Capitel
obermeldtes77 buchs / Man arbeite wie man wölle / (spricht er) so
kan man nicht mehr außrichten (das ist / wenn das glückselige /
vnd von Gott gesegnete stündlein nicht da ist / so richtet <fol. B
5r> man nichts auß / wenn man sich gleich darüber zurisse / oder
zu todt mühete) daher sahe ich die mühe (spricht er) die Gott den
Menschen hat gegeben (verstehe zur straff der Melancholey) das sie
darinn geplaget werden / vnnd lest jr Hertz sich engsten / wie es
gehen sol inn der Welt. Er aber thut alles fein zu seiner zeit / Denn
der Mensch kan doch nicht treffen das Werck dz Gott thut / weder
anfang noch ende78 / etc.
Jtem / spricht er / Jch mercke das alles / was Gott thut / das
bestehet jmmer / man kan nichts dazu thun noch abthun / vnnd
solches thut GOtt / das man sich für jm fürchten sol79 (das ist / Er
lest es darumb desto weniger nach vnserm sinn gerathen / das er
vns gewehne der Melancholischen vermessenheit müssig zugehen /
vnnd jm das Regiment vber vns zu befelhen vnnd zu lernen / das
wir nicht die Leuthe sind / die es thun) was Gott spricht er / thut /
das stehet da / vnnd was er thun wil / daß muß werden / denn
er jaget vnd trachtet jhm nach80 / das ist / Er hat <fol. B 5v> ein
vnüberwindtlichen vnd almechtigen nachdruck / vnd kan seine
gedancken ins Werck setzen / vnnd kan nicht wie wir / mit vnsern
eigenen anschlegen81 gehemmet noch gehindert werden. Wie Esaias

74
Koh 8,16f.
75
her schlecht] schlägt. Vgl. Grimm, DWb 10, Sp. 1163.
76
Sir 18,6f.
77
obermeldtes] des oben genannten. Vgl. Grimm, DWb 3, Sp. 914.
78
Koh 3,9–11.
79
Koh 3,14.
80
Koh 3,15.
81
S. o. S. 218, Anm. 42.
simon musäus, melancholischer teuffel 225

am vierzehenden von jm rhümet / Der HErr Zebaoth hats beschlos-


sen / wer wils wehren? Vnd seine Handt ist außgestreckt / wer wils
wenden82? Jtem / Esaie am 28. Sein Rath ist wunderbarlich / vnd
führets herrlich hinauß83.
Darumb ist vnnd bleibet die Melancholey / wie sie Salomon etli-
che mahl widerholendt / nennet / Vanitas vanitatum sub sole, Eitelkeit
vber alle eitelkeit vnter der Sonnen84 / das ist / Ein Eiteler / loser /
nichtiger gedancke / nicht vber der Sonnen vom H. Geist / son-
dern vnter der Sonnen vom bösem Geist / vnd vom alten Adam
entsprungen / dadurch wir vnns als TeuffelsMärterer auß disem
leben / welchs on das ein kurtz betrübt / elend ist85 / gar eine
Helle machen / vnnd fahren also / auß einer Helle inn die ander.
O thor= <fol. B 6r> heit / O blindtheit / wie vil grillen vnd grawer
Haar würden wir ersparen / wenn wir das von Hertzen gleubten.
Ob wirs aber je nicht gleuben wolten / so solten wirs doch greiflich86
sehen / an den Alten Melancholischen Narren / die es mit jrem
vnüberwindlichen schaden versucht vnd erfahren haben. Wie das 1.
buch Sam. 25. cap. vom Nabal / einen reichen kargen filtz87 zeu-
get / das er jhm auß seinem Reichthumb vnd menge des Viehes
gleich ein Paradiß getichtet / darin er gar sicher sesse / vnnd schme-
het den armen Dauid / als einen Landleuffer88 / da er jn vmb etli-
che brod ließ ansprechen89. Als jm aber sein weib erzelete / wie
wenig es gefehlet hette / dz er mit allem seinem Mammon vnuer-
sehens were zu boden gangen / fellet er drüber in solche greuliche
Melancholey / das der Text saget / Sein Hertz im leibe sey jhm
erstarret / wie ein stein / vnd vber 10. tag hab jn der HERR
erschlagen / das er gestorben90 / vnnd alle sein Gut dem Dauid
gelassen / dem er bey seinem <fol. B 6v> leben ein bissen Brodts
versagte zum sonderlichen schrecken allen Melancholischen Mammons-
dienern / vnnd kargen Filtzen91 / welche Gott offt hinweg nimpt /

82
Jes 14,27.
83
Jes 28,29.
84
Koh 4,7 u.ö.
85
Vgl. Sap 2,1.
86
greiflich] handgreiflich. Vgl. Grimm, DWb 9, Sp. 49.
87
filtz] Geizhals. Vgl. Grimm, DWb 3, Sp. 1633.
88
Landleuffer] Landstreicher. Vgl. Grimm, DWb 12, Sp. 122.
89
1Sam 25,11.
90
1Sam 25,37f.
91
S. o. Anm. 87.
226 teil iii ‒ editionen

vnnd lest ein Knecht im hause beide jr Weib vnd Güter besitzen /
nach dem Spruch Salomonis / Eccles: am 2. Gott gibt dem Sünder
vnglück / das er samle vnd heuffe / vnd doch dem gegeben werde
/ der GOtt gefelt92.
Also ists auch gangen dem Könige Saul / der sich mit aller macht
vnterstanden / das Königreich erblich auff seine Kinder zu bringen
/ durch allerley geschwinde Prackticken / Also / dz er auch zu letzt
durch die Zauberer93 / den Teufel selbs vmb rath vnnd hülff ersuchte
/ vnangesehen / das er wuste / Got hette das Königreich vmb sei-
nes vngehorsams willen dem Dauid zu geschantzet. Darumb hat er
auch den Teufel damit also zu Gast geladen / das er jhm weder
tag noch nacht ruhe gelassen / biß er mit erbermlicher verzweiffelung
ins Messer felt94 / vnnd er= <fol. B 7r> sticht sich selber / vnd ver-
leuret / Leib / Seele / Königreich / sampt allen Kindern vnd
Geschlecht95 / zum mercklichen Spiegel allen grossen Herren vnd
Potentaten / darinn sie sehen / wie sie Gott mit beraubung jrer
Herrschafft vnd außrottung jhres Geschlechts / ja auch mit verkürt-
zung jres lebens vnd verlust jhrer Seelen straffe / wenn sie Gott
nicht fürchten / vnd durch vnbilliche griff jre Heerschafften meh-
ren / vnd auff jhre nachkommen gedencken zubringen. Wie Salomo
Eccle: 4 saget / Es kompt offt einer aus dem gefengnis zum Königreich
/ vnd widerumb ein ander der inn seinem Königreich geboren ist
/ verarmet96. Dergleichen saget Syrach am 10. GOtt ist wunderbar-
lich inn seinen Wercken / vnd niemand weiß was er thun will / Es
ist manchem die kron auffgesetzt / auff den man nicht gedacht hette
/ vnd vil grösser Herren sein zu boden gangen / vnnd gewaltige
Könige sind andern in die hende kommen97 / Darumb heist es / wie
abermals Salomo Prouerb. 20. saget / From vnd warhafftig <fol. B 7v>
sein behüten den König / vnd sein thron bestehet durch frömigkeit98.
Jtem / Dauid 112. Psalm. Wol dem / der den HERREN fürchtet
/ der grosse lust hat zu seinen geboten / des Same wirdt gewaltig
sein auff Erden / das Geschlecht der Frommen wird gesegnet sein99.

92
Koh 2,26.
93
1Sam 28,7–25.
94
1Sam 31,4.
95
1Sam 31,6.
96
Koh 4,14.
97
Sir 11,4–6.
98
Prv 20,28.
99
Ps 112,1f.
simon musäus, melancholischer teuffel 227

Nichts bessers ist auch gerathen Ahitophel dem stoltzen vnnd ver-
messenen Hoffschrantzen / welcher Dauids Oberster / vnd geheim-
ster Rath gewesen / Also / das wenn er etwas geredet / hat mans
angenomen / als hette es Gott selbs von Himmel geredt / vnd hat
sich seiner Klugheit so hoch erhaben / dz er gedacht / er hette
den König Dauid sampt seinem Reich gantz vnd gar in seinen
Henden / das er jhn möchte außheben / wenn er nur selbst wolte /
vnd seinen Sohn Absolon an seine statt setzen / vnd sich darbey
also begrasen100 / das es weder Er / noch seine Kinder möchten
verzehren. Da jhm aber GOTT durch Dauids gebet bewogen /
vnuersehens inn die <fol. B 8r> Karthen greiffet / vnd seine listige
anschlege verhindert / vnd zu nichte machet / wird er so Melan-
cholisch darüber / das er sich selbs drüber erhenckt101 / zur abschew
allen vermessenen klugen / vnd verschlagenen Räthen / das sie
sehen / wie sie zu Hoff / so hoch vnnd fest nicht können sitzen /
Gott kan sie leichtlich aus dem Sattel heben / vnd machen / das
vntrew zu letzt jren eigenen Herren schlage102. Wie Salomo / Prouerb.
12. saget / Eins weisen Mannes Rath wird gelobet / Aber die
Tücke103 werden zuschanden104.
Ja / was sage ich allein von den Gottlosen / die bloß als lauter
fleisch vnd blut gelebet / gesorget / vnnd melancholisirt haben /
Mann sehe an die grosse Heyligen / die durch beywohnung des
heyligen Geistes mit Gottes furcht / Glauben / Hoffnung vnd gedult
auß aller macht wider den melancholischen Teufel gefochten / den-
noch hat er jnen so hart zugesetzt / das sie sich sein kaum erwe-
ret haben.
Mit dem lieben Hiob bracht ers <fol. B 8v> so weit / das er im
neundten Capitel seines Buchs sagt / Meine seele wündschet erhan-
gen zu sein / vnd meine gebeine den Todt / Jch begere nicht mehr
zu leben105. Dergleichen klagt auch Dauid in seinem Psalter hin vnnd
wider sehr jemmerlich drüber / als im 77. Psalmen / Meine Handt
ist des Nachts außgereckt / vnnd lest nicht abe denn meine Seele

100
sich darbey also begrasen] „sich begrasen“ hier im Sinne von „an wolstand zuneh-
men“. Grimm, DWb 1, Sp. 1306.
101
2Sam 17,23.
102
Sprichwörtlich. Vgl. Wander 4, Sp. 1485.
103
Tücke] hinterlistigen Pläne. Grimm, DWb 22, Sp. 1518.
104
Prv 12,8.
105
Hi 7,15f.
228 teil iii ‒ editionen

wil sich nicht trösten lassen / Meine augen heltest du / das sie
wachen / Jch bin so anmechtig106 / das ich nicht reden kan107.
Ja eben der Salomo selbs inn seinem Prediger Buch / welchs er
wider die Melancholey geschrieben / klaget er / wie jhm die
Melancholische Grillen im Kopff vmbgangen / das er gerne gewust
het / wie es nach seinem tode mit seinem Königreich würde gehen
/ ob es seine Kinder behalten / oder verlieren würden / vnd het
es gern verhütet / aber er hat es müssen bleiben lassen / wie es
Gott geschickt hat / vngeachtet seiner grossen weißheit vnnd klug-
heit / Wie er107a im 3. Capitel gemeltes108 Buchs saget / Mich ver-
droß aller <fol. C 1r> meiner arbeit / die ich vnter der Sonnen
hatte / das ich dieselbige einem Menschen lassen müste / der nach
mir sein solte / Denn wer weiß ob er weise oder toll sein wird? vnd
sol doch herrschen inn aller meiner Arbeit / die ich weißlich gethan
habe / vnter der Sonnen109 / vnd zwar / was jhn geanthet110 hat
/ das ist jm widerfaren / denn Rehabeam sein toller vnd tyranni-
scher Son / hat es schier gar verloren vnd verschüttet111.
Damit auch niemand gedencke / ja / vorzeiten hat der
Melancholische Teufel also regieret / vnd die Leute also geplaget
vnnd verderbet / jetzt aber ist er tod / oder hat sein alt handt-
werck vergessen / So fühlen wirs nicht allein an vnser eigen Person
teglich / wie vnns die schwermütigkeit so offt vberfellet / vnnd in
vnserm beruff hindert / vnd an gesundtheit schwechet112 / sondern
sehens vnnd hörens auch an andern leuthen / wie sich einer hie /
der ander dort zu tod gremet / oder ersticht vnd erseufft / nicht
allein in armut vnd mangel / sondern offt auch mitten inn <fol. C
1v> fülle vnd Reichthumb / das mancher reicher Bawer gefunden
wirdt / hangendt vber dem hauffen Korn / oder Geldtkasten / das
jederman muß greiffen113 vnnd sagen / Das Spiel hat niemand ange-
richtet / denn der Melancholische Teufel auß der Hellen.

106
anmechtig] ohnmächtig. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 404.
107
Ps 77,3.5.
107a
er] Emendiert aus: es
108
S. o. S. 215, Anm. 31.
109
Koh 2,18f.
110
jhn geanthet] er geahnt, vorhergesehen. Vgl. Frühneuhochdeutsches Wörterbuch 1, Sp.
1066.
111
Vgl. 1Kön 14,21ff.
112
schwechet] Emendiert aus: schwechen
113
greiffen] begreifen. Vgl. Grimm, DWb 9, Sp. 25.
simon musäus, melancholischer teuffel 229

Jn diesen vnd dergleichen Exempeln vnnd zeugknissen der heyli-


gen Schrifft / solten wir vns billich spiegeln / vnd mit anderer Leute
schaden vnd vntergang witzig114 werden / vnnd lernen vns für der
Melancholey segnen vnnd Creutzigen / als für dem grundtlosen Meer
des Teufels / darinn wir so lang schwimmen vnd zabeln115 / biß
wir endlich ersauffen / darüber der sawre mörderische Geist auß
der hellen einen Triumph vnd freudenspiel / Gott aber mit allen
Engeln im Himmel / eitel klag vnd trawren vber vnns hat / das
wir vnnsere eigen Hencker sein / vnd auß seinem lieblichen Reich
voll freude vnd friedens / in des Teufels betrübtes vnnd trawriges
Reich kriechen / vnnd darinn zeitlich vnnd ewigklich zu scheittern
gehen116. <fol. C 2r>

Wie dem Melancholischen


Teufel zu begegnen / vnd wider
zustehen117 sey.

DJeweil aber GOtt ein Liebhaber der Menschen ist / vnd


nicht lust hat an vnnser trawrigkeit / Sorge vnd todt / sondern das
wir inn freuden / friede vnnd gesundtheit / hie zeitlich vnd dort
ewiglich leben / Wie der dreissigste Psalm von jm rhümet: GOtt
hatt lust zum leben118: So hat er vns nicht allein allerley krefftige
mittel vnnd Ertzney / wider die Melancholische sorge vnd schwer-
mütigkeit verordnet zugebrauchen / wie baldt hernach volgen wird.
Sondern vns auch ziel vnd masse gesetzt / wie weit wir mit vnser
Sorge vnnd trawrigkeit gehen sollen / vnnd welche sorge Er vns
geboten oder verboten habe / auff das wir rechte mittelstrasse hal-
ten / vnnd jhm weder zu vil noch zu wenig thun.
Gebotten hat er vnns die Sorge / <fol. C 2v> für die außrichtung
vnsers Beruffs / da will er nicht / das wir müssig vnnd nachlessig
sein / sondern sorgen vnnd trachten mit allem fleiß / das wir thun /
was vns befolhen ist / vnd aller mittel gebrauchen / die er zu erhal-
tung zeitliches vnnd ewiges lebens verordnet hat / Nemlich / des

114
witzig] verständig. Vgl. Grimm, DWb 30, Sp. 891.
115
zabeln] sich abarbeiten. Vgl. Grimm, DWb 31, Sp. 8.
116
zu scheittern gehen] scheitern, zugrundegehen. Vgl. Grimm, DWb 14, Sp. 2482–2484.
117
wider zustehen] zu widerstehen. Vgl. Grimm, DWb 29, Sp. 1281.
118
Ps 30,6.
230 teil iii ‒ editionen

Predigampts zur erleuchtung der Seelen / vnd der haußarbeit zur


ernehrung des Leibes / Wie S. Paulus zun Römern am 12. sagt /
Seidt nicht trege / was jr thun sollet119.
Aber widerumb verbotten hat er vns die sorge für den außgang
/ wie vnsere gebrauchte mittel geraten möchten / da wil er nicht
leiden / das wir mit jm die hand im sode haben120 / sondern will
allein Meister sein / mit sorgen vnd regieren / wir aber sollen ohne
sorge das beste hoffen vnd beten / vnnd wie ers gerathen lest / mit
lieb vnnd danck on alle trawrigkeit vnnd vngedult annemen. Wie
der 55. Psalm vermanet / Wirff dein anligen auff den HErrn / der
wird dich versorgen / vnd wird den Gerechten nicht ewigklich in
vnruhe lassen121. Jtem / der 37. Psalm: Habe <fol. C 3r> deine lust
an dem HErren / der wirdt dir geben / was dein hertz wündschet
/ Befehle dem HErren deine wege / vnd hoffe auff jhn / Er wirdts
wol machen122. Das ist nu das Geheg vnnd Geschrenck123 / so Gott
zwischen vnser sorge vnd seiner sorge gemacht hat.
Wenn vns nu der Melancholische Teufel nicht dabey lest bleiben
/ sonndern treibt vnns vber solche Grentze / das wir Gott in sein
Regiment vnnd sorge sollen greiffen / vnd vns mit vbrigen Hummeln124
vnd Grillen den kopff zu brechen / So söllen wir vns für jm / als
dem Lügner vnnd Mörder segnen vnd creutzigen / alle Thür vnd
Fenster vnsers Hertzens zuschliessen (nicht weniger / als Adam vnd
Heua solten gethan haben / da er jhnen sagte / Jhr werdet sein
wie Götter125) vnnd söllen sprechen / Nein / ich hab das meine
gethan / weiter ist mir nichts müglich / nötig / noch befohlen /
sondern mein lieber Got / hat jm selbs den außgang meiner getha-
nen arbeit / vnd gebrauchter Mittel vorbehalten / zu regieren vnd
zu versorgen / nach seinem willen <fol. C 3v> vnd gefallen / mir
aber gebüret jm in die handt zusehen126 / vnd mit dem Propheten
Jeremia am 10. zusagen: Jch weiß / HERR / das des Menschen

119
Röm 12,11.
120
das wir mit jm die hand im sode haben] daß wir uns einmischen. Vgl. Grimm,
DWb 16, Sp. 1396f.
121
Ps 55,23.
122
Ps 37,4f.
123
Geschrenck] der eingeschränkte Raum. Vgl. Grimm, DWb 5, Sp. 3962.
124
S. o. S. 222, Anm. 66.
125
Gen 3,5.
126
jm in die handt zusehen] Vgl. Grimm, DWb 10, Sp. 356: „der verlangende und von
wohlthaten abhängige sieht einem geber in, auf die hände“.
simon musäus, melancholischer teuffel 231

thun stehet nicht in seiner gewalt / vnd stehet inn niemandes macht
/ wie er wandele / vnd seinen weg richte127. Darumb wil ich mein
heubt mit allen sorgen / sanfft in Gottes schoß legen vnd sprechen:
Wolan / du frommer vnd getrewer Gott128 / dir sey mein Leib vnd
Seel / Weib vnd Kindt / Hauß vnnd hoff / zeitlichs vnd ewigs
leben befolhen / denn du durch deine vnmeßliche weißheit / sihest
alle personen / gescheffte vnd gelegenheit / was mir frommet oder
schadet / darumb wirstu meinen nutz vnnd heil nicht verschlaffen.
Du durch deine grundlose Barmhertzigkeit in Christo dem mitler
liebest mich wie ein Vater sein kind / vnd hast schon so vil auff
mich gewant / nemlich / deines Sohns blut / Tauff / Wort vnnd
Geist / biß du mich erlöset vnd mich zum Christen gemacht hast
/ darumb wirst du mich nicht also inn die Schantze schlagen129 /
vnd verderben lassen / du durch <fol. C 4r> deine Göttliche Allmech-
tigkeit / hast alle Creaturen / gute vnd böse gewaltiglich in deiner
hand / darumb / was du mir gönnest vnnd bescherest / das wirdt
mir niemand hemmen noch nemen / warumb wolte ich mich denn
gremen vnd bekümmern / ob mir gleich nicht alles nach meinem
sinn vnd willen gehet. Denn was für mir gut ist / das ist für dir
böse / vnd was für mir böse ist / das ist für dir gut.
Das heist denn recht mit sorgen gebürliche masse gehalten / vber
alle hohe Berge des glücks / vnnd vber alle tieffe thal des vnglücks
/ inn GOttes väterlichen willen vnd schutz sich geschwungen / vnd
von aller Melancholey einen seligen sabbath vnd Feyerabend gemacht
/ vnd mit dem 62. Psal. gesagt: Meine seele ist stille zu Gott / der
mir hilfft130. Jtem / mit dem drey vnd sibentzigsten Psalm: HErr du
leitest mich nach deinem rath / vnd nimest mich entlich mit ehren
an / wen ich nur dich habe / so frage ich nichts nach Himel vnd
Erden131. Das ists das Got fordert <fol. C 4v> im 46. Psalm / vnd
spricht / Seit stille / vnd erkennet / das ich Gott bin / Jch wil
ehre einlegen132.

127
Jer 10,23.
128
1Kor 10,13.
129
inn die Schantze schlagen] Vgl. Röhrich 4, S. 1301: „Etw. in die Schanze setzen,
legen oder schlagen bedeutet also eigentl.: etw. auf einen Wurf setzen, es einsetzen als Gewinn für
den, der am höchsten würfelt“. Hier aber wohl doch im Sinne von ,besiegen‘.
130
Ps 62,2.
131
Ps 73,24f.
132
Ps 46,11.
232 teil iii ‒ editionen

O wie sicher ist / der sein Datum dahin setzet / vnnd sein ziel
so hoch stecket. O wie sanfft schlefft der / der ein solch Pulster133
zun Heubten hat / das da heisset / Got sorget für mich. O wie viel
Jahr ersparet jhm der an seinem leben vnd gesundtheit / der da
teglich wider die Melancholische Seuche / diß heilsam Aqua vite
gebraucht. Denn dieweil die Seele innwendig frisch / frölich vnnd
starck ist / mit Glauben / Hoffnung vnnd Gebett gegen Gott / so
gedeyet auch der Leib außwendig. Wie Salomo Prouerb. 18. sagt /
Wer ein frölich hertz hat / der weiß sich inn seinem leiden zuhal-
ten / Wenn aber der Muth liegt / wer kans ertragen134? Jtem /
Prouerb. 15. Ein gutter muth ist ein teglich wolleben / Aber ein
betrübter hat nimmer keinen guten tag135. Jtem / der Fürst Nehemias
tröstet im 8. Capitel seines Buchs / das betrübte Volck / so aus
dem Babilonischen Gefengknis wider komen war / <fol. C 5r>
Bekümmert euch nicht / denn die freude am HErrn ist ewer stercke136.
Es glaubts aber niemandt / denn ders versucht / wie schwer es
sey / solcher gestalt der Melancholey sich zu erwehren / zuuor auß
/ wenn man sie zimlich tieff schon hat lassen einwurtzeln / denn
wo wir hingehen oder stehen / so schleichet sie vns hinden nach /
klebt an wie Pech / auch mitten in geschefften / vnnd will kurtz-
umb mit vns / als eine verschembte Teufelsbraut bulen. Zeucht vns
jmmerdar von leuthen zu winckel / das wir vnns verkriechen / sawer
sehen / den Kopff in die Handt fassen / die Hende winden137 /
tag vnnd nacht achtzen vnnd seufftzen / gerade als were Himel vnd
Erde nichts / denn eitel lauter voller Teufel / Stricke vnd messer
/ die auff vns zieleten / vnnd nirgend keinen trost / heil noch ret-
tung verhanden.
So ist vnser alter Vetter Adam gantz geneigt dazu / lest offt die
gantze Haußhaltung stehen / Gehet mit der Melancholey zu bette
/ vnnd lest sich von jr also zu drucken138 vnd zu hertzen139 / <fol.
C 5v> das wir selbs klagen / Ach ich habe mich zu gremet140 / das
ich kaum ein halber Mensch bin / Mein hertz im leib ist schweer

133
Pulster] Kissen, Polster. Vgl. Grimm, DWb 13, Sp. 1986.
134
Prv 18,14.
135
Prv 15,15.
136
Neh 8,10.
137
Hende winden] Ein Gestus der Klage. Vgl. Röhrich 2, S. 654.
138
zu drucken] stark drücken, zusammendrücken. Vgl. Grimm, DWb 32, Sp. 331.
139
zu hertzen] heftig liebkosen. Vgl. Grimm, DWb 10, Sp. 1230.
140
zu gremet] zergrämt, durch Gram aufgerieben. Vgl. Grimm, DWb 31, Sp. 693.
simon musäus, melancholischer teuffel 233

/ wie ein stein / vnd alle meine Glieder / wie sie zuschlagen141 vnd
geradbrecht weren. Solchem jammer zu wehren / so hat vns Gott
wider solche Melancholische Marterwoche zweyerley Ostern zuhal-
ten / das ist / zweyerley krefftige mittel zu gebrauchen / on vnter-
laß befolhen.

Von eusserlichen Mitteln /


wider den Melancholischen Teu=
fel zu gebrauchen.

VNter den eusserlichen Mitteln wider den Melancholischen


teufel / wird am ersten gerhümet vnd gerathen / Ehrlicher vnnd
Gottfürchtiger leute gesellschafft vnd Gesprech. Wie Salomo / Prouer.
12. sagt / Sorge im hertzen krencket / aber ein freundlich wort
erfrewet142. Jtem / Prouer. 16. Die Rede des freundtlichen sind Honig
/ trösten die seele / vnd erfrischen die <fol. C 6r> gebeine143, 144
Das haben auch die Heiden gewust / Wie Plutarchus ad Apolonium
diese Vers citirt:
Cux∞w nosoÊshw efis‹n fiatro‹ lÒgoi145.
Das ist / Die rede ist einer krancken Seelen Artzt. Jtem:
LÒgow gãr §stin fãrmakon lÊphw mÒnow146.

Das ist / Allein das Gesprech vertreibt die trawrigkeit. Denn im


Gesprech stercket einer den andern mit trösten vnnd warnen für dem
bösen / eben wie inn Schlachtordnung ein Landsknecht den andern
ermanet / dz der melancholische Teufel mit seinen fewerigen Pfeilen147
weniger schaffen kan. Wie Salomo inn seinem Prediger Buch 4. saget:
Einer mag vberweltiget werden / aber zwey mögen widerstehen /
denn eine dreyfeltige148 schnur reist nit leichlich entzwey149. Jtem /

141
zuschlagen] zerschlagen. Nicht in Grimm, DWb.
142
Prv 12,25.
143
gebeine] In Custode statt dessen: Gebeine
144
Prv 16,24.
145
Plutarch, Consolatio ad Apollonium 102B, in: Plutarch’s Moralia, vol. 2, S. 110: ,,cux∞w
går nosoÊshw efis‹n fiatro‹ lÒgoi.“
146
Menander, Sententiae, S. 58,439. ,,LogismÒw §sti fãrmakon lÊphw mÒnow.“ Vgl.
Plutarch, Consolatio ad Apollonium 103F, in: Plutarch’s Moralia, vol. 2, S. 118: ,,Krãtiston
dØ prÚw élup¤an fãrmakon ı lÒgow ka‹ ≤ diå toÊtou paraskeuØ prÚw pãsaw toË b¤ou
tåw metabolãw.“
147
Eph 6,16.
148
dreyfeltige] dreifache. Vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 1379.
149
Koh 4,12.
234 teil iii ‒ editionen

Prouerb. 27. Ein messer wetzet das ander / vnd ein Mann den
andern150.
Darumb sollen schwermütige leut nicht gerne allein sein / son-
dern allezeit jemandt vmb sich haben / der sie wacker vnnd mun-
ter halte. Sonst ist ein mensch allein dem teufel zu schwach / <fol.
C 6v> vnd wird leichtlich vberteubet151. Wie die Exempel außwei-
sen / das Heua / da sie allein gewest / im abwesen152 jhres Mannes
Adam verfüret ist153. Vnd der HErr Christus wird auch vom Teufel
angefochten / nicht da er zu Nazareth bey seinen Eltern / sondern
inn der Wüsten154 / da er allein gewest / Also geschihet noch heu-
tiges tages am meisten vbels / wenn die leut allein sindt.
Zum andern / Wirdt neben dem gesprech wider die Melancholey
auch gelobet ein messiger trunck Weins. Wie der 104. Psalm saget
/ Der Wein erfrewet des Menschen Hertz155. Jtem / Salomo Prouerb.
31. Gebt Wein den betrübten Seelen / das sie trincken / vnd jres
elends vergessen / vnnd jhres Vnglücks nicht mehr gedencken156.
Jtem / Syrach 32. Der Wein erquicket dem menschen das leben /
so man jn messig trincket / vnnd was ist das leben / da kein Wein
ist? Der Wein ist geschaffen / das er den Menschen sol frölich
machen / der Wein zur nottdurfft getruncken / erfrewet Leib vnnd
Seele / Aber so man sein zu vil trincket / bringet er das hertze-
leidt157. <fol. C 7r>
Zum dritten / Wird auch nicht weniger die Musica gepreiset /
als der edlen gaben vnnd krefftiger Mittel eins wider die Melancholey.
Wie Syrach am 44. zeuget / dz vorzeitten die hochberhümbten Leut
vnnd heylige Väter Musicam gelernet / vnd Geistliche lieder getich-
tet haben158. Jtem im 32. Cap. sagt er / Gleich wie ein Rubin inn
feinem Goldt leuchtet / also ziret ein Gesang das Mahl159 / das ist
/ Musica ist das beste Gericht / vnd Wildpret inn ehrlichen Collationen
vnd Gastboten160 / bringet fröligkeit / vnnd vertreibet die Melancho-

150
Prv 27,17.
151
vberteubet] taub gemacht, betäubt. Vgl. Grimm, DWb 23, Sp. 592.
152
im abwesen] in Abwesenheit. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 153.
153
Gen 3,1–6.
154
Mt 4,1.
155
Ps 104,15.
156
Prv 31,6f.
157
Sir 31,32–36.
158
Sir 44,5.
159
Sir 32,7.
160
Gastboten] Gastgeboten, Gastereien. Vgl. Grimm, DWb 4, Sp. 1472. 1478.
simon musäus, melancholischer teuffel 235

lische trawrigkeit. Zum warzeichen saget das erste Buch Samuelis


16. Cap. das durch Dauids Musicam vnd Harpffenschlagen der
Melancholische Teufel offt im Könige Saul gestillet sey161. Jtem / im
andern Buch der Könige am 3. Sey der heylige Geist im Propheten
Eliseo durch Musicam erwecket zur Weissagung162.
Darauß man auch siehet / wie die zween Geister / Nemlich /
der heilige Geist / vnnd der böse Geist stracks widerwertig sind. Der
böse Geist / als <fol. C 7v> ein sawer / vnd von Gott verstossener
Geist zur ewiger trawrigkeit vnd hellischer Marter / kan gar keine
zeichen noch Jnstrumenta Himlischer freude vnd Seligkeit leiden.
Wolte auch gern / das jederman jhm gleich gesinnet were / vnd
nie keine fröliche stunde hette. Widerumb der heylige Geist als ein
Brunn aller himlischer freude / kan keine Hellische vnd Melancholische
trawrigkeit leiden / vnd zeucht die Christen herauß / zur himli-
schen freude / Also das S. Paulus / zun Römern am viertzehenden
darff sagen / das dz gantze Reich GOttes nichts anders sey / denn
Gerechtigkeit / Friede / vnnd Frewde / inn dem heyligen Geist163.
Auff solchen frieden vnd freude im heyligen Geist / sampt dem
obgemelten164 eusserlichen mitteln / dringet das gantze PredigerBuch
Salomonis / fast in allen Capiteln. Als im 2. Capitel sagt er: Was
kriegt ein mensch von aller seiner Arbeit vnnd mühe seines Hertzens
/ die er hat vnter der Sonnen / denn alle seine lebetage schmert-
zen mit gremen / vnd leide? das auch sein <fol. C 8r> Hertz des
nachts nicht ruhet. Jsts nun nicht besser dem Menschen / essen
vnnd trincken / vnnd seine Seele guter ding sein inn seiner Arbeit?
Aber solches sahe ich auch / das von GOttes hand kömpt / denn
dem Menschen der jhm gefelt / gibt er weißheit / vernunfft vnnd
Freude / Aber dem Sünder gibt er vnglück / das er samle vnnd
heuffe / vnnd doch dem gegeben werde / der Gott gefelt165.
Dergleichen redet er auch im dritten / vierdten vnd allen folgen-
den Capiteln / fast mit einerley worten / vonn essen / trincken /
frölich sein / also / das ein ansehen hat / als billiche er das
Epicurische leben / mit prangen vnnd prassen / Fressen vnd Sauffen /

161
1Sam 16,23.
162
2Kön 3,15.
163
Röm 14,17.
164
obgemelten] oben erwähnten. Vgl. Grimm, DWb 12, Sp. 1994.
165
Koh 2,22–24.26.
236 teil iii ‒ editionen

Spielen / Bulen vnd Paschkallen166 / welches die weltkinder one das


allzu wol könen / vnd muß bey jhnen alles heissen / frölich vnd
leichtsinnig / vnd die Melancholey vertreiben / wie sie im anderen
Capitel des Buchs der Weißheit sprechen: Wolher167 / last vns wolle-
ben168 / weil es da ist / vnd vnsers leibs gebrauchen weil er jung
ist / wir wollen vns mit dem besten Weinn füllen / Las= <fol. C
8v> set vnns die Meyenblumen169 nicht verseumen / lasset vns Krentze
tragen von jungen Rosen / ehe sie welck werden / vnser keiner
lasse jhm fehlen mit prangen / dz man allenthalben spüren möge /
wo wir frölich gewesen sind / wir haben doch nicht mehr daruon170.
Aber das solchs Salomonis meinung gar nicht sey / erkleret er
selbst / da er im letzten Capitel obberürts171 buchs in sonderheit
junge leuthe / für Melancholey warnende / vnnd sie zu allerley kurtz-
weil warnende / spricht / So freuwe dich Jüngling in deiner Jugend /
vnnd lasse dein Hertz guter ding sein in deiner Jugend / thue was
dein hertz gelüstet / vnnd deinen Augen gefelt / Vnnd wisse /
das dich GOtt vmb diß alles wirdt für Gerichte f%hren172.
Dergleichen saget er auch gar am Ende / zum letzten Beschluß
seines Buchs / lasset vnns die Hauptsumma aller Lehre hören: <fol.
D 1r> Fürchte Gott / vnnd halte seine Gebott / das gehö-
ret allen Menschen zu / denn Got wird alle Wercke für
Gericht bringen / das verborgen ist / es sey gut oder böse173.
Eine seltzame Rede ist das / Er saget / Ein junges blut sölle frö-
lich sein / vnd möge alles thun / was sein hertz begeret / vnd sei-
nen augen gefellt / allein / das er darbey Gott fürchte / seine Gebot
halte / vnd in allem thun vnnd lassen / das jüngste Gericht bedencke /
darinn alles gut vnnd böse herfür gebracht / ewigklich gelohnet /
oder gestrafft wird werden. Wenn die Weltkinder solches hören /
so rümpffen sie darüber die Nasen / vnd sprechen / das heist die
freude wider zerstöret / vnd mit der andern handt wider genom-
men / was man mit der ersten gegeben hat. Denn sol man an Gottes

166
Paschkallen] Vgl. Grimm, DWb 13, Sp. 1482: „Paschkalieren, verb., schles. paschka-
lern, wahrscheinlich entstellt aus pokulieren“.
167
Wolher] Wohlan! Vgl. Grimm, DWb 30, Sp. 1163.
168
Koh 2,1.
169
Meyenblumen] Maiglöckchen. Vgl. Grimm, DWb 12, Sp. 1476.
170
Sap 2,6–9.
171
obberürts] oben genannten. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 1537.
172
Koh 11,9.
173
Koh 12,13f.
simon musäus, melancholischer teuffel 237

Gebott vnd Gericht gedencken / so kan man nicht <fol. D 1v> frö-
lich sein / es macht schwer vnd Melancholisch geblüt. Aber Salomo
hat recht wol geredt / damit er dem hunde einen knüttel an den
halß binde174 / vnnd scheide die gebürliche freude von der vnge-
bürlichen / vnnd zeige an / sollen die obgemelten175 drey eusserli-
che Mittel / wider den Melancholischen teufel krefftig sein / so
müssen sie nach Gottes Geboten reguliert vnd gemessiget werden /
wo nicht / so mache man nur vbel erger / vnd lade nur den
Melancholischen Teufel desto mehr zu Gast / als / wenn man mit
böser Bursche im Luder176 liegt / von vnzüchtigen dingen Gesprech
vnnd Gesellschafft helt. Dawider sagt S. Paulus in der 1. Corinth.
15.177: Böse Geschwetz verderben gute sitten178 / darumb ist besser
allein hinter dem Ofen gesessen / vnd mit Weib vnd Kindern / als
den Haußpapagoyen179 / vnd Spielvögeln kurtzweil gehabt / wenn
mans ja nicht besser haben kan. Dergleichen wenn man der Musica
vnd des Weins mißbrauchet / zur trunckenheit / vnd teglichem
schlampamp180 / darüber schulden <fol. D 2r> gemacht / des beruffs
gescheffte verseumet / vnnd das Gebet sampt allen guten vbungen
zurstöret wird / da ists besser Wasser / denn wein getruncken /
den pflug auff dem Acker hören knarren / denn die Sackpfeiffe in
Krethschmer181 kirren182 vnd schallen. Wie Salom: Ecclesiast: 7. sagt
/ Es ist besser in dz Klaghauß gehen / denn in das Trinckhauß /
denn in jenem ist das ende aller Menschen / vnd der lebendige
nimpts zu hertzen / Es ist besser trawren / denn lachen / denn
durch trawren wird das hertz gebessert183. Dergleichen sagt auch
Esaias 5. Wehe denen / die des Morgens früe auff sind / des sauffens
sich zu fleissigen / vnd sitzen in die nacht / dz sie der wein erhitzt
/ vnd haben harffen / paucken / psalter184 / pfeiffen vnd wein in185

174
einen knüttel an den halß binde] Sprichwörtlich: sein Treiben erschwere. Vgl. Grimm,
DWb 11, Sp. 1532.
175
S. o. S. 235, Anm. 164.
176
im Luder] in sündlichem Wohlleben. Vgl. Grimm, DWb 12, Sp. 1232.
177
15.] Emendiert aus: 15. sagt
178
1Kor 15,33.
179
Haußpapagoyen] Papageien. Vgl. Grimm, DWb 13, Sp. 1433.
180
schlampamp] Schwelgerei. Vgl. Grimm, DWb 15, Sp. 436.
181
Krethschmer] Schenke, Schankwirtschaft. Vgl. Grimm, DWb 11, Sp. 2175.
182
kirren] (hell) erklingen lassen. Vgl. Grimm, DWb 11, Sp. 841.
183
Koh 7,2f.
184
psalter] „saiteninstrument von harfenähnlicher gestalt“. Grimm, DWb 13, Sp. 2199.
185
in] Emendiert aus: in in
238 teil iii ‒ editionen

jrem wolleben / vnd sehen nicht auff das werck des HErrn / vnd
schawen nicht auff das geschefft seiner hende. Daher hat die helle
jren Rachen ohne masse auffgethan / das hinunter faren beide jhre
herrliche vnnd pöbel / beide jre reichen vnd fröliche186.
Das alles ist gesagt nicht wider <fol. D 2v> die messige vnd zim-
liche ergetzligkeit vnd kurtzweil der schwermütigen vnd bußfertigen
Seelen / sondern wider dz Sewleben der ruchlosen / Epicurer vnd
weltkinder. Wie Salom: Prouerb. 15. saget / Den Thoren ist die
Thorheit eine frewde / Aber ein verstendiger mann bleibt auff dem
rechten wege187. Darumb sol gepürliche maß gehalten werden / so
wol mit fröligkeit als mit trawrigkeit. Denn gleich wie S. Paulus inn
der 2. Corinth. 7. von zweyerley trawrigkeit redet / Göttlicher vnd
Melancholischer / vnd saget / Die Göttliche trawrigkeit wircket zur
Seligkeit / ein rewe die niemand gerewet. Die trawrigkeit aber der
Welt wircket den tod188 / Also ist auch zweyerley fröligkeit / Epi-
curische vnnd Christliche. Die Christliche vertreibt den Melancholischen
Teuffel durch messigen Gebrauch der obgemelten189 mittel. Die
Epicurische aber ladet jhn desto mehr zu Gast / durch den miß-
brauch der mittel / Wie Luce am 16. an dem Reichen Mann zuse-
hen190 / der alle tag lebet inn frewden mit vnbußfertigkeit. Aber <fol.
D 3r> da Gottes Gericht vber jhn erwacht / da gibt jm die tolle
Weltfreude / gute nacht / vnd tritt an jre statt eine solche schreck-
liche melancholey / die sich mit keinem rausch wil abschwemmen191
/ noch wegsauffen lassen / sondern er fehret darüber mit verzweiffelung
dahin in Nobis Krug192 / da alle vnsinnige Sewfrewde hingehöret.

Von Geistlichen Mitteln /


wider den Melancholischen Teu=
fel zu gebrauchen.

DJE Geistliche Mittel stehen auff fleissiger vbung Göttliches Worts


/ andechtiger gebrauchung der heiligen Sacrament / vnnd ernster

186
Jes 5,11f.14.
187
Prv 15,21.
188
2Kor 7,10.
189
S. o. S. 235, Anm. 164.
190
Lk 16,19–31.
191
abschwemmen] wegschwemmen. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 112.
192
Nobis Krug] Wirtshaus der Hölle. Vgl. Grimm, DWb 13, Sp. 864.
simon musäus, melancholischer teuffel 239

anruffung des heiligen Geists vmb trost / das jhm ein trawriger
Mensch aus der Bibel etwas lesen / oder ein Geistlich Liedt singen
lasse. Jst es aber ein Predigtag / so gehe er in die Kirche / höre
das Wort / bete vnd dancke Gott mit der Christlichen versamlun-
gen / vnnd lasse für sich bitten. Solche Geistliche mittel müssen den
<fol. D 3v> obberürten193 eusserlichen zu hülffe kommen / sonst sind
dieselbige allein zu schwach wider den Melancholischen Teufel /
der sich mit blosser Gesellschafft / mit einem trunck Wein / vnd
Musica nicht lest schrecken noch verjagen / es sey denn sache /
das er den nachtruck Göttliches Worts vnnd Geists dabey spüre /
das ist jhm das rechte vnleidliche Creutz / Weyrauch / vnd gewei-
het Wasser / welchs er am meisten schewet vnd fleucht. Wie Jeremias
am 6. saget: Fraget nach dem vorigen wege / welches der gute weg
sey / vnd wandelt darinnen / so werdet jr ruhe finden für ewere
seele194. S. Paulus zun Ephesern 6. rhümet GOttes wort für des hey-
ligen Geistes schwert / dadurch angezündet wird der glaub / als
ein Schildt / außzuleschen die feurige Pfeile des Bösewichts195 / Wie
die gantze Kirche im 118. Psalm sagt: Sie vmbgeben mich allent-
halben / wie bienen / aber im Namen des HERRN / wil ich sie
zuhawen196. Jtem am 119. Psalm sagt sie / Grossen friden haben
HErr die jenigen / die dein Gesetz lie= <fol. D 4r> ben / Jch greme
mich / das mir das hertz verschmacht / stercke mich nach deinem
Wort / Wo dein Wort nicht mein trost gewest were / so were ich
vergangen in meinem elende197.
Darumb gleich wie die obgenante eusserliche Mittel / die schwer-
mütige an jrem leibe / vnd allen leiblichen sinnen / wider den
Melancholischen teufel erfrewen vnnd erquicken / also erfrewet vnnd
stercket sie Gottes Wort jnwendig an jhren Seelen / wenn sie damit
vmbgehen / so halten sie mit Got vnnd allen Engeln gesellschafft
vnnd Gesprech / hören die himlische Musicam / vnd werden vom
himlischen wein gleich truncken mit geistlicher frewde / Friede /
Glauben vnnd Hoffnung gegen GOtt. Wie der 36. Psalm mit ver-
wunderung saget / Wie thewer ist deine güte / O Gott / das men-
schenkinder vnter dem schatten deiner Flügel trawen / sie werden

193
S. o. S. 236, Anm. 171.
194
Jer 6,16.
195
Eph 6,16f.
196
Ps 118,12.
197
Ps 119,165.28.92.
240 teil iii ‒ editionen

truncken von den reichen gütern deines hauses / vnd du trenckest


sie mit Wollust / wie mit einem Strom198 / das ist / wie eine grosse
Gnade ist das von dir / das du dein <fol. D 4v> Wort zur Geistlichen
Trinckstuben gemacht / wenn die leute vor Melancholischer hitze
vnnd mattigkeit verschmachtet seind / so labest du sie / das sie
wider zu sich kommen / vnd nicht allein den Geistlichen Durst
leschen / sondern werden in Geistlicher freude truncken / verges-
sen alles leids vnnd jauchtzen.
Denn durch ernste vbung vnnd bedenckung Göttliches Worts /
stercket vnd tröstet der H. Geist die schwermütigen im Glauben /
wider den melancholischen Teufel / vnnd zeucht sie auß dem
Hellischen Sumpff hinauff zu Gott / das sie in Himmel vnnd Erden
/ nichts anders sehen / denn Gott mit allen seinen tugenden auff
jre hülf schutz vnnd rettung gerichtet. Er weiset jnen wie Gott durch
seine vnmeßliche Weißheit / alle jhre anligen vnd seufftzen sehe vnd
höre. Vermöge des 10. Psalms / Du sihest ja / denn du schawest
das elend vnnd jammer / es stehet inn deinen Henden / die Armen
befehlens dir / du bist der waisen helffer199. Jtem / Er weiset jnen
/ wie GOtt <fol. D 5r> mit barmhertzigkeit gegen jnen brenne /
das er so wenig für jhrem elendt kan vbergehen / als ein Vater für
seinem verderbenden kinde. Vermöge des 103 Psalms / Wie sich
ein Vater vber kinder erbarmet / so erbarmet sich der HERR vber
die / so jn fürchten200. Jtem / Er weiset jnen / wie GOtt durch
seine Warheit gewiß halte / was er inn seinem Wort verheisset. Laut
des 146 Psalms / GOtt helt Glauben ewigklich201. Auch durch seine
Allmechtigkeit alles thun könne / was er nur wölle / vnd sey jm
nichts vberharret202 / noch vnmüglich / laut des 77. Psalms: Die
Rechte des Höhesten kan alles endern203, 204.
Das sind die schöne vnnd liebliche Falden205 an vnsers HErrn
Gottes Rocke / damit er geschmückt zu vns herfür gehet / laut des
104. Psalms / Herr mein GOtt / du bist sehr herrlich / du bist

198
Ps 36,8f.
199
Ps 10,14.
200
Ps 103,13.
201
Ps 146,6.
202
vberharret] allzu hart. Vgl. Grimm, DWb 23, Sp. 296f.
203
endern] Emendiert aus: enden
204
Ps 77,11.
205
Falden] Falten.
simon musäus, melancholischer teuffel 241

schön vnd prechtig geschmückt / liecht ist dein Kleidt206. Ja vil mehr
sind das eitel lauter köstliche Malmasier207 Credentzer208 mit welchen
der H. Geist die schwermütige Hertzen inn der <fol. D 5v>
Trinckstuben Göttliches Worts erquicket / truncken vnd frölich macht
/ wie er sie in 34. Psalm so freundtlich herzu locket / vnnd spricht:
Schmeckt vnd sehet wie freundtlich der HErre ist209. Jtem / Esaie
55. Kompt her vnnd kaufft ohne Geldt / vnnd vmb sonst / Wein
vnd Milch / Höret mir doch zu vnd esset das gute / so wird ewre
seele in wollust fett werden vnd leben210.
Ein solcher teglicher Gast inn der Collation Göttliches Worts /
vnd in der Trinckstuben des heyligen Geistes ist vorzeiten Dauid
gewesen / vnd hat darinn gar manche schwere Melancholey ver-
truncken / Wie er selber rhümet / im 23. Psalm: HErr Gott / du
bereitest für mir einen Tisch / gegen meine Feinde / du salbest
mein Haubt mit Ole / vnnd schenckest mir voll ein / Guts vnnd
Barmhertzigkeit werden mir folgen mein lebenlang / vnd werde im
Hause des HErrn bleiben jmmerdar211. Jtem / im 94. Psalm: Jch
hette viel bekümmernisse inn meinem hertzen / Aber deine tröstun-
gen / Herr ergetzen meine Seele212. <fol. D 6r>
Das sihet man auch in der that an jm / denn da jn Absolon sein
leiblicher Son auß dem Reich stösset / vnd stehet jm mit allem
Volck nach leib vnnd leben213 / das nicht wunder gewest / ob er
sich zu todt gegremet / vnd keine nacht kein auge zugethan hette
/ da singet er mitten im fehrlichsten sturm / dem melancholischen
Teufel zu verdrieß / den dritten Psalm / vnd spricht: Jch liege vnd
schlaffe vnnd erwache / denn der HErr helt mich / Jch fürchte
mich nicht für viel hundert tausenden / die sich vmbher wider mich
legen214. Dergleichen that er auch im 42. Psalm: Meine threne
(spricht er) sind zwar tag vnnd nacht meine Speise / weil man
teglich zu mir saget / Wo ist nu dein Gott? Aber was betrübst du
dich meine Seele / vnd bist so vnruhig inn mir? Harre auff Gott /

206
Ps 104,1f.
207
Malmasier] Malvasier. Eine griechische Weinsorte. Vgl. Grimm, DWb 12, Sp. 1512.
208
Credentzer] Weingefäße. Vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 639.
209
Ps 34,9.
210
Jes 55,1f.
211
Ps 23,5f.
212
Ps 94,19.
213
2Sam 15.
214
Ps 3,6f.
242 teil iii ‒ editionen

denn ich werde jm noch dancken / das er mir hilfft mit seinem
Angesicht215.
Von disem Zechbruder solten wir lernen gleicher gestalt in der
geistlichen Trinckstuben des heyligen Gey= <fol. D 6v> stes ohn
vnterlaß pancketiren216 / vnd alle Melancholische anfechtungen vber
zeitlichem vnd ewigem leben vertrincken. Wie S. Paulus zun Philippern
am 4. alle Christen so trewlich darzu vermanet / vnnd spricht /
Frewet euch in dem HErren / Vnnd abermal sage ich / Frewet euch
/ der HErr ist nahe / sorget nichts / Sondern in allen dingen las-
set ewere Bitte im gebet vnnd flehen / mit dancksagung für GOTT
kundt werden / Vnd der friede Gottes welcher höher ist denn alle
vernunfft / beware ewre Hertzen vnnd sinne inn Christo Jesu217.
Derhalben / als offt vns der Melancholische Teufel plaget mit
sorge / furcht vnd bekümmernis vber allerley anstössen dieses zeit-
lichen lebens / wie es vns möchte ergehen / dieweil sichs zu einer
schweren vnnd gefehrlichen zeit anliesse / mit Hunger / Kriege vnd
Pestilentz / Oder vnsere narung schlüge vmb218 / wir weren darzu
kranck / vnd mit vilen Kindern beladen / vnnd so fort an. So sol-
len wir vns erinnern / was wir vnser lebenlang tröstliches <fol. D
7r> vom zeitlichen Leben in allen Büchern gelesen / oder in Predigten
gehöret haben / will vns denn nichts einfallen / (wie denn gemei-
nigklich zur zeit der anfechtung alle kunst zerrinnet / deren man
sonst im friede vol vnnd vber vol stecket) So sollen wir zum wenig-
sten mit den Kindern beten den ersten Artickel vnsers Christlichen
Glaubens / Jch gleube an Gott Vatter / Allmechtigen /
Schöpffer Himmels vnnd der Erden219. Die wort fleissig erwe-
gen / vnnd wie ein wolriechendes Kreutlein wol reiben / biß wir
jnen einen ruch angewinnen220 vnnd erkennen / Er heisse darumb
ein Schöpffer Himmels vnd der Erden / das er vns sampt allen
Creaturen221 / auß lauterm nichts geschaffen / mit Leib / Seele /
vnd allem was wir sind vnd haben. Ein Vater aber vnnd Allmechtiger

215
Ps 42,4.6.
216
S. o. S. 214, Anm. 14.
217
Phil 4,4–7.
218
schlüge vmb] ,umschlagen‘ hier im Sinne von „sich plötzlich ins gegenteil ändern“ (Grimm,
DWb 23, Sp. 1082), hier: ,wenn eine Mißernte entstünde‘.
219
Apostolisches Glaubensbekenntnis, BSLK, S. 21,7f.
220
einen ruch angewinnen] einen Geruch abgewinnen. Vgl. Grimm, DWb 1, Sp. 352f;
DWb 14, Sp. 1340.
221
Vgl. Luther, Kleiner Katechismus, BSLK, S. 510,33ff.
simon musäus, melancholischer teuffel 243

heisse er darumb / das er vns geschaffene / väterlich erhalte vnd


versorge / mit schenckung alles guten / vnd wegnemung alles bösen
/ also / dz <fol. D 7v> vns zu vnserem schaden niemand keinen
Faden zerreissen / kein haar krümmen222 / vnd keine stunde noch
minut an vnserm leben vnd gesundtheit verkürtzen möge.
Wenn wir nun die wort des ersten Artickels also bedencken / so
wird gewißlich alle sorge vnd furcht vber dem zeitlichen leben /
auch mitten in gefahr sich legern223 / das wir werden sagen / Sihe
/ hab ich einen solchen getrewen vnd mechtigen Schutzherrn vnd
nothelffer an Gott / vnd ist das sein wille vnnd Werck gegen mir
/ Warumb zittere ich denn als ein verloren schaff ? Got hat (ver-
möge des ersten artickels) von anfang der Welt / in vil tausendt
jaren / so vil Christen erhalten / er wird an mir allein nicht zum
lügner werden. Durch dise gedancken wirdt der H. Geist vnser Hertz
bald weiter inn die schrifft füren / das allerley Trostsprüche von
erhaltung zeitliches Lebens vnns werden einfallen / Als das S. Paulus
Actor: 17. saget: Gott ist nicht ferne von einem jeglichen vnter vns
/ denn inn jhm leben / weben vnd <fol. D 8r> sind wir224. Jtem /
der HERR Christus Luce am 12. saget: Gott zehle alle vnsere Haar
auff dem Haubt225. Jtem / Der Prophet Zacharias am andern saget:
GOtt sey ein eyserne Mawer rings vmb vns her226. Jtem / Dauid
im 19. Psalm saget: das GOtt seinen Engeln befelhe / vns auff allen
wegen vnd Geschefften des Beruffs zu behüten / vnnd durch alle
Lewen / Ottern vnnd Drachen auff den henden zutragen227. Auff
diese weise sollen wir vns des Melancholischen Teufels in allen anfech-
tungen vber disem zeitlichen / gegenwertigen leben erwehren.
Greifft er vns aber an / mit den anfechtungen vber dem andern
/ künfftigen / ewigen leben / als habe vns Gott darzu nicht verse-
hen / sondern stracks zur ewigen Verdamnis verstossen / so sollen
wir vns bedencken / wz wir vnser lebenlang tröstliches vom ewigen
leben / in allen Büchern gelesen / oder in Predigten gehört haben
/ wil vnns denn nichts einfallen / so sollen wir mit den Kindern
betten / den andern vnnd dritten Artickel vnsers Christ= <fol. D 8v>

222
Sprichwörtlich. Röhrich 2, S. 603.
223
sich legern] sich legen, auflösen. Vgl. Grimm, DWb 12, Sp. 70.
224
Apg 17,27f.
225
Lk 12,7.
226
Sach 2,9.
227
Recte: Ps 91,11–13.
244 teil iii ‒ editionen

lichen Glaubens / von vnser Erlösung vnd Heyligung / vnnd alle


Wort auff die Goldtwage legen / so werden wir baldt sehen / Gottes
gnedigen willen vnd Werck gegen vns / wie hoch er gemühet228 sey
/ das er vns ja zu sich in das ewige Reich bringe.
Durch seinen eingebornen Sohn / hat er vnns das ewige Leben
allen semptlich erwerben lassen / niemandt außgenommen. Durch
das Predigampt des Euangelij lesst ers vns allen semptlich on vnter-
scheidt der personen zu hause vnd Hofe tragen / vnd mit so vie-
len hoch thewren Gnaden siegeln / nemlich / mit dem heylsamen
Seelbadt der Tauff / mit der gnedigen Quitantz229 der Absolution /
vnnd mit dem himlischen Tisch des Abentmals bekrefftiget / vnnd
verheist vns allen gleich den heyligen Geist / zu vnser erleuchtung
/ das wirs mit glauben annemmen / vnd biß ans ende wider alle
anfechtung behalten.
Durch solche bedenckung vnser erlösung vnd heyligung auß dem
Christlichen Glauben wird vns der heyli= <fol. E 1r> ge Geist baldt
weiter inn die Schrifft bringen / das vns allerley Trostsprüche von
vnser seligmachung werden einfallen. Wie vns Gott durch Esaiam
am 45. zuschreye / Wendet euch zu mir / so werdet jhr selig aller
Welt ende230. Jtem / Wie er durch Hezechielem am 33. schwere /
So war ich lebe / so begere ich nicht des Sünders Todt / sondern
das er sich bekere vnnd lebe231. Jtem / wie er durch seinen son Luce
15. lasse sagen / das ein freude sey droben im Himmel / für Gott
vnd allen Engeln / vber einem Sünder der Busse thut232. Stellet vns
auch für die augen so vil vnwirdiger sünder / als / Manassen den
Propheten Mörder / der da selber bekennet / seiner sünde seyen
mehr denn des sands am Meer233. Den Schecher am Creutze234 /
Magdalenam235 / vnd andere vnzehliche grewliche Sünder die er zu
gnaden angenommen vnd selig gemacht.
Wenn wir diß hertzliche Bildt von Gottes willen vnnd werck gegen
vns ins hertz fassen / so muß der melancholische Teufel mit allen
schrecklichen <fol. E 1v> Gespensten weichen / vnsere seele für freu-

228
gemühet] bemüht. Vgl. Grimm, DWb 12, Sp. 2634.
229
Quitantz] Quittung. Vgl. Grimm, DWb 13, Sp. 2380.
230
Jes 45,22.
231
Ez 33,11.
232
Lk 15,7.
233
GebMan 9.
234
Lk 23,42f.
235
Lk 8,2.
simon musäus, melancholischer teuffel 245

den lassen springen / vnnd vnsern mund auß dem 103. Psalm las-
sen singen: Lobe den HErrn meine seele / vnd was in mir ist (das
ist / alle Glieder vnd Kreffte / die durch die Melancholey verdor-
ret vnnd verschmachtet) seinen heyligen Namen: Lobe den HErren
meine seele / vnd vergiß nit / was er mir guts gethan hat. Der dir
alle deine sünde vergibt / vnd heilet alle deine gebrechen. Der dein
leben vom verderben erlöset / Der dich krönet mit gnade vnd barm-
hertzigkeit. Der deinen Mundt frölich macht / Vnnd du wider jung
wirst wie ein Adeler. Barmhertzig vnd gnedig ist der HErr / Gedultig
vnnd <von>236 grosser Güte. Er wird nicht jmmer haddern / Noch
ewigklich zorn halten. Er handelt nit mit vns nach vnsern sünden
Vnd vergilt vns nicht nach vnser Missethat. Denn so hoch der Himel
vber der Erden ist / Lest Er seine gnade walten / vber die / so
jhn fürchten. Wie sich ein Vatter vber Kinder erbarmet / so erbar-
met sich der HERR vber die / so jn fürchten237. <fol. E 2r>

Von seliger regierung vnnd


vbung der Seelen gegen Gott / nach
dem ersten Gebott / auff der Mittel=
strasse der waren furcht vnnd Glau=
bens / wider die Melancholische
Holtzwege der vermessenheit /
vnnd verzweiflung.

DJeweil droben im anfang dieses Büchleins gesaget ist / wie


der Melancholische Teufel die Leute zuwider dem ersten Gebot /
von der Mittelstrasse der Furcht vnd vertrawens treibe / zun Holtz-
wegen der vermessenheit vnnd verzweiffelung. So ist nun nützlich
vnd nötig darbey zu wissen / wie vns GOtt widerumb von solchen
Holtzwegen ziehe / zur Mittelstrassen seiner furcht vnnd vertrawens.
Denn er wil der keines haben / weder Furcht one Glauben / noch den
Glauben one Furcht / sondern alle beide bey einander. Das wir die
Furcht gegen seinem Zorn temperieren mit dem Glauben ahn seine
Genade / damit wir nicht verzwei= <fol. E 2v> feln. Vnd widerumb

236
<von>] Emendierend ergänzt.
237
Ps 103,2–5.8–11.
246 teil iii ‒ editionen

den Glauben an seine gnade / temperiren mit der furcht gegen sei-
nem zorn / das wir jn auß sicherheit nicht verachten / noch wider
jhn sündigen / Wie S. Paulus zu den Philippern am 2. vermanet /
Schaffet das jhr selig werdet mit furcht / vnd frewet euch mit zit-
tern238. Jtem / der 2. Psalm / Dienet dem HERRN mit furcht /
vnnd frewet euch mit zittern239. Jtem / der 147. Psalm / Der HERR
hat gefallen an denen die jn fürchten / Vnd auff seine Güte war-
ten240. Jtem / Syrach am 2. Die so jr den HErren fürchtet / ver-
trawet jm / denn es wirdt euch nicht fehlen / Die so jr den HErren
fürchtet / harret seiner gnade / vnd weichet nicht / auff das jhr
nicht zu grundt gehet241. Darumb hat Gott einer jeglichen dieser
zweyer tugenden einen besondern platz vnd werckstat bestimmet vnd
verordnet / sich darinnen zu vben.
Der Platz zur vbung der furcht GOttes / ist fürnemlich groß glück
vnd gute tage / wenn Gott ein liebli= <fol. E 3r> che vnd freundt-
liche Schönbärth242 für sein angesicht zeucht / verbirget seinen zorn
/ thut vnns alles guts / vnnd gibt vns gleich ein stücklein vom him-
melreich zu kosten. So sollen wir vns hüten / das wir jn ja auß
sicherheit / hoffart / vnd vermessensheit nicht verachten / seiner
wolthaten vnd gunst zu sünden nicht mißbrauchen / noch mit den
Creaturen wider jhn trotzen / als köndten vns dieselbigen inn vnsern
Sünden / wider seinen zorn schützen vnd decken / sondern sollen
im Spiegel seines Gesetzes betrachten / was er wider alle sichere
vnd vermessene Sünder für einen treflichen ernst wolle gebrauchen
vnnd wie einen starcken nachdruck vnd hinderhalt243 er darzu habe
/ Nemlich seine gestrenge Gerechtigkeit / seine vnmeßliche weiß-
heit / vnd seine allmechtige gewalt.
Durch seine gestrenge Gerechtigkeit / ist er der Sünden zum höch-
sten feind / vnd wil sie nicht leiden. Wie der fünffte Psalm saget:
Du bist nicht ein GOTT / dem Gottloß wesen gefelt / Wer böß
ist / der bleibet nicht für <fol. E 3v> dir / die Rhumretigen244 blei-
ben nicht für deinen augen / du bist feind allen Vbelthetern245. Jtem

238
Phil 2,12.
239
Ps 2,11.
240
Ps 147,11.
241
Sir 2,7.9.
242
Schönbärth] Maske. Vgl. Grimm, DWb 15, Sp. 1486.
243
hinderhalt] Rückhalt. Vgl. Grimm, DWb 10, Sp. 1504.
244
Rhumretigen] Prahler. Vgl. Grimm, DWb 14, Sp. 1453f.
245
Ps 5,5f.
simon musäus, melancholischer teuffel 247

/ der Prophet Habacuc am 1. Cap. HErr deine augen sindt rein /


das du Vbels nicht sehen magst / vnd dem jammer kanstu nicht
zusehen246.
Darnach durch seine vnmeßliche Weißheit / siehet er alle sünde
/ durch alle dicke Mawren / vnd in allen Finsteren winckeln / ja
in allen verborgenen Hertzen vnd gedancken / vnd weiß wo ein
jeglicher Schalck vnnd Bube stecke / vnnd was er im schilde führe.
Denn sie alle für seinem Angesichte stehen / so offt sie etwas böses
fürnemen vnnd brawen. Wie er selber rhümet / Jerem. 23: Jch bin
ein Gott / der da nahe vnd nicht ferne ist / Meinestu das sich
jemandt so heimlich könne verbergen / das ich jn nicht sehe? Bin
ichs nicht / der Himel vnd Erden füllet247? Jtem / der 94. Psalm:
Mercket doch jr Narren / der dz auge gemacht hat / solt er auch
nicht selbst sehen? vnd der das ohr gepflantzt hat / solt er nicht
selbst hören248? Ja (spricht er) er <fol. E 4r> weiß die gedancken der
Menschen / dz sie eitel sind249 / etc. Jtem / Syrach am 23. Die
augen des HERREN sindt vil heller denn die Sonne / vnd sehen
alles was die Menschen thun / vnnd schawen auch in die heimli-
chen winckel250.
Endtlich durch seine allmechtige gewalt / hat er so ein grosse
weite herrschafft / vnd so lange starcke Hende / das alles / was er
durch seine Weißheit sihet / vnd durch seine Gerechtigkeit hasset
/ kan er auch leichtlich exequiren vnd straffen. Wie Dauid im 139.
Psalm saget: Wo soll ich hingehen für deinem Geist? Vnd wo sol
ich hinfliehen für deinem angesicht? Füre ich gen Himel / so bistu
da / Betet ich mir in die Helle / sihe / so bistu auch da / Neme
ich Flügel der Morgenröte / vnd bliebe am eussersten Meer / so
würde mich doch deine Handt daselbs führen / vnnd deine Rechte
mich halten / spreche ich / Finsterniß mögen mich decken / so
muß die Nacht auch Liecht vmb mich sein / denn auch Finsternis
nicht finster bey dir ist / <fol. E 4v> vnd die Nacht leuchtet wie
der Tag / Finsterniß ist wie das Liecht251.

246
Hab 1,13.
247
Jer 23,23f.
248
Ps 94,8f.
249
Ps 94,11.
250
Sir 23,28.
251
Ps 139,7–12.
248 teil iii ‒ editionen

Derhalben kan kein Bube GOtt dem HErren auß seiner Herrschafft
vnd Gebiete entlauffen / er kan sie alle erreichen / darff 252 auch
keiner grossen mühe darzu / wenn er nur auffhöret einen zu seg-
nen / vnd saget jhm das Geleit auff / vnd fluchet jm / so ist er
schon geschossen / vnd muß zu boden gehen / wenn GOTT winckt
/ so müssen alle Creaturen / gute vnd böse / Engel vnd Teufel /
Fewer vnd Wasser / Todt vnd Helle / Krieg / Pestilentz / Hunger
/ Hencker vnnd Galgen im Harrnisch sein / den Buben nacheilen
/ vnnd von allen seiten zuschissen / hawen vnd stechen / biß sie
entweder zur buß vnd demut gebracht / oder inn grundt getilget /
vnd gefressen werden. Wie der 148. Psalm saget / Alle Wahlfisch /
alle tieffe Fewer / Hagel vnd Schnee die sein Wort außrichten253.
Also richteten sie sein Wort auß wider den Propheten Jonam / da
er GOTT dem HERREN wolte entflihen254 / vnnd seinem Beruff
nicht folgen / da war <fol. E 5r> auff das Meer / die Winde255 /
vnnd die Walfische256 / verlieffen jm alle stege vnd wege257 / vnd
hielten jn so lang auff biß das er sich mit Gott wider versönete /
vnd vmb seiner busse willen wider loß gegeben wardt258. Daher rhü-
met Gott billich / Deut. 32. vnnd spricht / Sehet jrs nun / das ichs
allein bin / vnnd sey kein Gott neben mir / ich kan tödten vnd
lebendig machen / Jch kan schlagen vnd heilen / vnnd ist niemandt
der auß meiner hand errette259.
Wenn wir also anschawen den Spiegel des Gesetzes / von Gottes
gestrenger Gerechtigkeit / damit er alle vbelthat verbeut / vnnd
seine vnmeßliche Weißheit damit er alle verbottene vbelthat sihet /
vnnd seine Allmechtigkeit / damit er alle gesehene Vbelthat straffet
/ so bleiben wir mitten im gelück vnnd guten tagen / Gottsfürchtig
vnd demütig / ob er vns gleich nicht straffet / sondern seinen zorn
vnd fluch mit eusserlichem segen vnd wolfahrt verbirget.
Der Platz aber zur vbung des <fol. E 5v> Glaubens260 vnd hoffnung
gegen Gott / ist sonderlich das creutz vnd vnglück / wenn Gott

252
darff ] bedarf. Vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 1725.
253
Ps 148,7f.
254
Jon 1,3.
255
Jon 1,4.
256
Jon 2,1.
257
verlieffen jm alle stege vnd wege] schnitten ihm alle Stege und Wege ab. Vgl. Grimm,
DWb 25, Sp. 745.
258
Jon 2,11.
259
Dtn 32,39.
260
Glaubens] In Custode statt dessen: glau=
simon musäus, melancholischer teuffel 249

eine scheußliche Larue für sein Angesicht zeucht / verbirget seine


Gnade mit eusserlichem zorn / vnd lest vns gleich ein trüncklein
von der hellen schmecken. So sollen wir vns hüten / das wir ja dar-
umb an jhm nicht verzagen / sondern wissen / das es nur ein
Vätterlicher schertz sey / vnns im Glauben / Hoffnung / Gedult
vnd im Gebet zu vben / vnnd den alten Menschen in vns zu töd-
ten261. Sollen in dem gnadenspiegel des Euangelij bedencken / wie
er durch Christum / den mitler262 vnd Gnadenstuel263 mit allen
krefften vnd tugenden / auff vnser zeitliche vnd ewige hülffe vnd
erhaltung gerichtet sey / wie droben im trost wider die Melancholische
trawrigkeit gnugsam gesagt ist.
Mit solchen widerwertigen spiegeln vnnd Obiectis von Gottes zorn
vnd gnaden / von guten vnd bösen tagen / von der Hellen vnd
Himelreich / Jn summa / vom Gesetz vnd Euange= <fol. E 6r> lio
/ wil Gott der HErr / das wir vns auff dem Mittelwege seiner furcht
vnd Glaubens sollen erhalten. Wie auch Syrach am 11. saget: Wenn
dirs wol gehet / so gedenck das dirs wider vbel gehen kan / Vnnd
wenn dirs vbel gehet / so gedencke das dirs wider wol gehen kan264.
Das ist / in guten tagen erwehre dich der sicherheit / durch beden-
ckung der künfftigen bösen tage / vnnd des Göttlichen zorns wider
die Sünde. Jn bösen tagen aber erwehre dich der verzweifelung /
durch betrachtung der künfftigen guten tage / vnnd der Göttlichen
Barmhertzigkeit gegen den betrübten.
Darumb gibt Gott grosse achtung auff vns Christen / was einem
jeglichen von nöten sey. Mercket er / das vnser Hertz durch sicher-
heit gar zu hoch steiget / vnd wil jhm auß diesem leben gar ein
Himelreich machen / so druckt ers nider / durchs Gesetz / vnd
lest vns durchs Creutz vnnd böse tage / gleich ein stücklein vonn
der Hellen sehen vnnd fühlen / Auff das er vns erin= <fol. E 6v>
nere / wie die gute tage nichts anders sindt / denn ein kleine ver-
bergung seines zorns / welchen er dort ewiglich wölle vber vnns
gehen lassen / wo wir jn hie verachten. Widerumb / wo der HErr
merckt / das vnser Hertz durch furcht / gar zu tieff sincket / vnd
wil jm aus dem Creutz gar eine helle machen / so richt ers auff

261
Vgl. Eph 4,22; Kol 3,9.
262
1Tim 2,5.
263
Röm 3,25.
264
Sir 11,26.
250 teil iii ‒ editionen

durch das Euangelium / gibt jm durch linderung des Creutzes einen


labetrunck265 / vnnd lest vns ein stück vom Himmelreich sehen vnnd
kosten / auff das er vns dadurch erinnere / wie er vns auch mit-
ten inn bösen tagen nicht verstosse / sondern behalte ein Vätterlichs
Hertz mitten vnter den richterlichen wercken / vnnd verberge nur
seine liebe eine weile vnter den bösen tagen / vnnd wolle vns dort
in ewigkeit desto gütlicher thun / wenn wir jhm allhie die vbung
des Glaubens / vnnd tödtung des alten Adams redlich außgestan-
den haben.
Das ists / das die heylige Hanna / Samuels Mutter / in jhrem
Gesang von GOttes Regiment singet / 1. Sa= <fol. E 7r> muel 12.
Der HErr führet in die helle / vnd führet wider herauß / Er nidri-
get vnd erhöhet266 / etc. Da eignet sie beiderley Gott dem HErrn
zu / gute vnd böse tage. Die böse tage nennet sie zwar eine Hellefahrt
/ aber niemandt soll dafür erschrecken / gleich als füre er dadurch
in die rechte ewige Helle. Wie es inn jener Welt geschicht / wer
ein mahl darein gestossen wirdt / der kömpt nimmermehr herauß.
Dise Helle aber / in welche vns Gott in diesem leben durchs Creutz
füret / ist eine gnedige Helle / vnnd ein rechts heilsames Fegfewer.
Dieweil vns Gott nicht lest darinn verderben / sondern führet vnns
mit grossem nutz wider herauß / vnnd macht / das vns solche zeit-
liche Hellefart / diene wider die rechte / ewige Hellefahrt.
Daher geschicht es auch / das die jenige am dicksten267 in die
ewige Helle faren / die am meisten hie zeitlich jr himelreich gehabt.
Vnd widerumb die jenigen am dicksten ins Himelreich faren / die
am meisten hie jhre zeitliche Helle gehabt / Wie Luce am sechtze=
<fol. E 7v> henden geantwortet wird / Gedencke Sohn / das du
dein guts empfangen hast in deinem leben / Lazarus hat dagegen
Böses empfangen / darumb wirdt er getröstet / vnnd du gepeiniget268.
Sind derwegen die gute Tage so wenig ein zeichen Göttlicher
Gunst vnd des Himmelreichs / als die bösen Göttliches zorns vnd
der Hellen. Ja je härter Gott hie züchtiget / je besser vnsere Sache
gegen Gott stehet / wie die Epistel zun Hebreern am zwölfften
Capitel saget / Achte nicht gering die züchtigung des HERREN /
vnd verzage nicht / wenn du von jm gestrafft wirst / denn welchen

265
labetrunck] erfrischenden Trunk. Vgl. Grimm, DWb 12, Sp. 8.
266
Recte: 1Sam 2,6f.
267
am dicksten] Hier im uneigentlichen Sinne (vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 1074): am tiefsten.
268
Lk 16,25.
simon musäus, melancholischer teuffel 251

der HERRE lieb hat / den züchtiget er / vnd steupt einen jeg-
lichen Son / den er auffnimmt269. Daher auch GOtt selbst / Esaie
am acht vnnd zwentzigsten Capitel das Creutz sampt allen bösen
Tagen / nennet er ein frembdes Werck270 / darumb / das ers von
seiner natur nicht gerne thut / vnnd wolte es lieber vberhaben sein271
/ muß es aber gleichwol thun / <fol. E 8r> vmb vnsers vnuormeid-
liches nutzes vnd not willen / wil er vns anders für der ewigen
Hellen behüten / vnnd inn sein Himmelreich bringen. Denn wo ers
nicht thete / behilt er gewißlich vnser keinen / so gar geschwinde
zeucht vns das Fleisch am Halse inn sicherheit / vnd wir sind mit
widerstandt gar zu weich vnd zart / schonen der Haut / vnnd wöl-
len vnns nicht wehe thun. Darumb kompt vns GOtt mit dem Creutz
zu hülffe / vnd fasset vnser fleisch selbst recht zwischen die Sporn272.
Wie S. Paulus 1. Corinth. 11. sagt: So wir vnns selber richteten /
so würden wir nicht gerichtet / Wenn wir aber gerichtet werden /
so werden wir vonn dem HErren gezüchtiget / auff das wir nicht
sampt der welt verdampt werden273.
Derhalben lieber Christ / lerne dich im gantzen leben / also inn
die sachen schicken / das / wenn dirs wolgehet / nit trotzest noch
pochest / sondern fürchte dich denn am allermeisten / vnnd wisse
/ das du zur selbigen zeit <fol. E 8v> am aller fehrlichsten vnd
schlipfferigsten274 stehest / droben vber der Hellen loch / vnd plum-
pest275 gewiß hinein / wo dich GOtt durch das Creutz nicht nidri-
get / vnd durch den heyligen Geist regieret / vnnd in seiner forcht
behelt / Wie der 73. Psalm von allen ersoffenen in zeitlichen wol-
lüsten saget / HERR Gott sie sind nicht in vnglück wie andere
Leute / vnd werden nicht wie andere Menschen geplaget / Darumb
muß jr trotzen köstlich ding sein / Vnd jr freuel muß wolgethan
heissen / Aber du setzest sie auffs schlipfferige276 / Vnd stürtzest sie
zu boden / Sie gehen vnter vnd nemen ein ende mit schrecken277.

269
Hebr 12,5f.
270
Jes 28,21.
271
wolte es lieber vberhaben sein] wollte dessen lieber entledigt sein. Vgl. Grimm, DWb
23, Sp. 306.
272
fasset vnser fleisch selbst recht zwischen die Sporn] gibt unserem Fleisch selbst die
Sporen. Sprichwörtlich. Vgl. Wander 4, Sp. 731.
273
1Kor 11,31f.
274
schlipfferigsten] schlüpfrigsten, unsichersten. Vgl. Grimm, DWb 15, Sp. 846.
275
plumpest] plumpsest, fällst. Vgl. Grimm, DWb 13, Sp. 1941f. 1944.
276
S. o. Anm. 274.
277
Ps 73,5f.18f.
252 teil iii ‒ editionen

Widerumb aber wenn dirs vbel gehet / so erschrecke nicht dafür /


es ist nit eines Henckers Schwerdt / sondern nur eine gnedige Vaters
rutte / Darumb frewe dich von Hertzen / vnnd wisse / das du als
denn / dem Himmelreich am aller nehesten seyest / vnd Gott habe
dich eben darumb so tief genidriget / vnnd in die zeitliche Helle
<fol. F 1r> gefüret / auff das er dich desto mehr erhöhe / vnd dir
helffe dein eigen fleisch tödten / vnd in seiner furcht / zum ewi-
gen leben erhalten / Habe auch keine sorge / das dich Gott vber
dein vermögen278 werde drucken / vnnd nidrigen / sonndern zur
rechten zeit auffhören / Wie der dreissigste Psalm saget / HERR
/ dein zorn weret ein Augenblick / vnd hast lust zum Leben / Den
Abendt weret das weinen / Aber des Morgends kompt frewde279.
Jtem / Jeremias inn seinem Klaglied am dritten sagt: Der HERR
verstösset nicht ewiglich / sondern betrübet wol / Aber Er erbar-
met sich wider nach seiner grossen Barmhertzigkeit / Denn Er nicht
von Hertzen die Leuthe plaget / noch betrübet280.
Jnn summa / inn der gantzen heyligen Schrifft / verbindt vnnd
erbeut sich GOTT / auff keine andere leuthe fleissiger zu sehen /
vnnd seine Gnade vnnd allerley Himmlische Schätze / reichlicher
hinzu schütten / denn allein auff die / so in schwacheit / noth vnnd
ellend am tieffsten stecken / vnd als die <fol. F 1v> ledige Gefeß
mit seinem Reichthumb gefüllet zu werden / begeren / wie er sel-
ber saget / Esaie 66: Jch sehe an den Elenden / vnnd der zerbro-
chens geists ist / vnnd der sich fürchtet für meinem Wort281.
Siehe lieber Christ / das ist die edle / thewre güldene Kunst /
wider den Melancholischen Teufel zu fechten / vnd zu siegen /
vnnd die Seelen gegen Gott / nach dem ersten Gebot auff der
Mittelstrasse der waren furcht / vnnd glaubens wider die Melancho-
lische Holtzwege der vermessenheit / vnnd verzweiflung zu regieren
vnd zu vben. Aber solche Kunst wechst nicht inn vnsern Gärten282.
Darumb wir dich O Gott heyliger Geist / hertzlich anruffen / durch
Christum vnsern einigen Mittler283 / der dich vns durch seinen bit-
tern gang vom Vater erworben / das gleich wie die gantze Kirche
von dir rhümet / Sine tuo numine, nihil est in homine, riga quod est

278
1Kor 10,13.
279
Ps 30,6.
280
Thren 3,31–33.
281
Jes 66,2.
282
Sprichwörtlich. Nicht bei Wander.
283
1Tim 2,5.
simon musäus, melancholischer teuffel 253

aridum284, &c.285 Du woltest selber solche Kunst inn vns wircken /


vnd wenn der lügen vnd Mordtgeist der Teuffel vnser blödes286 Hertz
/ wie <fol. F 2r> ein Sturmmwindt / ein zerbrochen Schiff / mit
Melancholischem gram / sorge / furcht vnnd kümmernis vmbtrei-
bet / vnd in verzweiflung versencken wil / Du als vnser trewer
Schiffherr / vnnd Stewerman vns also regierest vnd fürest / das wir
den Haubtartickel vnsers Glaubens vnnd Gebetts / auff den rech-
ten Felß / der da ist der Vater vnsers Heylands Jesu Christi /
außwerffen / vnd vns in diesem vngestümmen Meer / vnd Melan-
cholischen jammerthal / mit deinem schutz vnd beystandt so lange
fristen / vnnd auffhalten / biß wir endtlich zu dem gewündschten
Port vnnd Anfahrt des ewigen Vaterlandts siegeln287 / vnd dich sampt
dem Vater vnd Sohn von Angesichte zu Angesichte schawen288 /
mit vnaußsprechlichen frewden / Das verleihe der gütige fromme
Gott / mir vnd allen Christen genediglich /

AMEN.

<fol. F 2v>

Der 77. Psalm


zu beten inn der Melancholi=
scher Schwermütigkeit / Mit D.
Luthers Summarien.

JSt ein Lehrepsalm / denn er gibt sich zum Exempel / wie


mann sich trösten solle / wenn das Hertzleid kömmet / vnd das
Gewissen betrübt ist / als zürne Gott mit jm / etc. Vnd spricht 4.
vers / Er sey so betrübt gewest / das er dafür nicht habe schlaffen
/ vnnd auch nicht reden mügen / Vnnd erzelet die selbigen schwe-
ren gedancken daher im 9. 10. 11. Vers.

284
aridum] Emendiert aus: atidum
285
Verkürztes Zitat aus der dritten und vierten Strophe der mittelalterlichen Pfingstsequenz
„Veni, sancte spiritus“, die auch in Confessio Augustana 20 (BSLK, S. 81,23–25) zitiert
wird: „O lux beatissima, | reple cordis intima | tuorum fidelium. | Sine tuo numine | nihil
est in homine, | nihil est innoxium || Lava quod est sordidum, | riga quod est aridum, |
sana quod est saucium: | Flecte quod est rigidum, | fove quod est frigidum, | rege quod
est devium“ (Wackernagel 1, S. 105 [Nr. 160]).
286
blödes] verzagtes. Vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 139.
287
siegeln] segeln. Vgl. Grimm, DWb 16, Sp. 909.
288
1Kor 13,12.
254 teil iii ‒ editionen

Aber das ist der trost dagegen / das man solche Gedancken auß-
schlahe (damit mann sich selbs vergeblich krencket) vnnd fasse dafür
ins Hertz vnnd gedancken / die Wunderwerck Gottes inn den alten
Geschichten.
Da findet man / das allezeit sein Werck gewesen ist / den elen-
den / betrübten / verlassenen zu helffen / vnnd die sichern / stolt-
zen verechter zu stürtzen / wie er die Kinder Jsrael aus Egypten
erlösete. Darumb heissen sei= <fol. F 3r> ne wege verborgen / das
er da ist / vnnd hilfft da man meinet / es sey alles verloren / Das
soll man wol lernen.
Vnnd also wil vns dieser Psalm Gott zeigen / vnnd seine weise
zu helffen / lehren / Nemlich / das wir nicht verzagen an Gott /
wenns vbel gehet / sondern als denn auffs aller gewissest der hülffe
gewarten289 / vnd nicht vnsern gedancken gleuben290.

JCH schreye mit meiner stimm zu GOtt / zu GOTT schreye ich


/ Vnd er erhöret mich.
Jn der zeit meiner not sucht ich den HErrn / Meine handt ist
des nachts außgereckt / vnnd lest nicht ab. Denn meine Seele will
sich nicht trösten lassen.
Wenn ich betrübt bin / so dencke ich an Gott / Wenn mein
Hertz inn ängsten ist / so rede ich / Sela.
Meine augen heltestu das sie wachen / Jch bin so onmechtig /
das ich nicht reden kan.
Jch dencke der alten zeit / Der vorigen jare. <fol. F 3v>
Jch dencke des nachts an meine Seitenspiel / vnnd rede mit mei-
nem Hertzen / Mein Geist muß forschen.
Wird denn der HERR ewigklich verstossen / Vnd keine Gnade
mehr erzeigen.
Jsts denn gantz vnnd gar aus mit seiner güte? Vnd hat die ver-
heissung ein ende?
Hat denn Gott vergessen gnedig zu sein / Vnnd seine Barmhert-
zigkeit für Zorn verschlossen / Sela.
Aber doch sprach ich / Jch muß das leiden / Die rechte Hand
des höhesten kan alles endern.

289
S. o. S. 184, Anm. 228.
290
Luther, WA 38,45,25–46,6 (Summarien über die Psalmen und Ursachen des Dolmetschens
1531–1533).
simon musäus, melancholischer teuffel 255

Darumb gedencke ich an die thaten des HERRN / Jch gedencke


an deine vorige Wunder.
Vnd rede von allen deinen wercken / Vnd sage von deinem thun.
GOtt dein Weg ist heylig / Wo ist ein mechtiger GOtt / als du
Gott bist?
Du bist der Gott der wunder thut / Du hast deine macht bewei-
set vnter den Völckern. <fol. F 4r>
Du hast dein Volck erlöset gewaltiglich / Die Kinder Jacob vnnd
Joseph / Sela.
Die Wasser sahen dich Gott / die Wasser sahen dich / vnnd eng-
steten sich / Vnnd die tieffe tobeten.
Die dicken Wolcken gossen Wasser / Die Wolcken donnerten /
vnnd die Stralen fuhren daher.
Es donnerte im Himel / deine blitze leuchteten auff dem Erdboden
/ Das Erdreich regete sich / vnd bebete dauon.
Dein weg war im Meer / vnnd dein pfadt in grossen Wassern /
Vnnd man spüret doch deinen fuß nicht.
Du führest dein Volck wie ein herd Schaffe / durch Mosen vnnd
Aaron. <fol. F 4v>

Der 30. Psalm /


Gott zu dancken für die Er=
lösung auß der Melancholischer
schwermütigkeit mit D.
Luthers Sum=
marien.

JST ein Danckpsalm / darinn er dancket / das Gott jhn vonn


der hohen Geistlichen anfechtung des Teufels erlöset / welche ist
trawrigkeit / schwermut / erschrecken / verzagen / zweifeln / todts
not / vnnd dergleichen vergiffte / fewrige Pfeile des Teufels.
Vnnd tröstet darneben zu mal sein / wie das Gott ein augenblick
zürne / vnnd nicht lust noch willen hatt an vnserm todte / noch
trübsal / Sondern lieber vns lebendig vnnd frölich sihet / etc.
Es gehöret inn das dritte Gebott / Vnd inn die erste Bitte291. <fol.
F 5r>

291
Luther, WA 38,27,14–20 (Summarien über die Psalmen und Ursachen des Dolmetschens
1531–1533).
256 teil iii ‒ editionen

JCH preise dich HERR / Denn du hast mich erhöret / vnnd


lessest meine Feinde sich nicht vber mich frewen.
HERR mein Gott / da ich schrey zu dir / Machtestu mich
gesundt.
HERR du hast meine Seele auß der Helle geführet / Du hast
mich lebend behalten / da die inn die Helle furen.
Jhr Heyligen lobsinget dem Herren / Dancket vnnd preiset seine
heyligkeit.
Denn sein zorn weret ein Augenblick / vnnd er hat lust zum
Leben / Den abendlang wehret das weinen / aber des morgens die
frewde.
Jch aber sprach / da mirs wol gieng / Jch werde nimmermehr
darnider liegen.
Denn HERR durch dein wolgefallen hastu meinen Bergk starck
gemacht / Aber da du dein Antlitz verbargest / erschrack ich.
Jch wil HERR ruffen dir / Dem HErren wil ich flehen. <fol.
F 5v>
Was ist nütz an meinem Blut / wenn ich todt bin? Wird dir auch
der Staub dancken / vnnd deine trew verkündigen?
HERR höre / vnnd sey mir genedig / HERR sey mein Helffer.
Du hast mir meine klage verwandelt inn einen reigen / Du hast
meinen Sack außgezogen / vnd mich mit freuden gegürtet.
Auff das dir lobsinge meine Ehre / vnnd nicht stille werde /
HERR mein GOtt / ich wil dir dancken inn Ewigkeit. <fol. F 6r>

Psalm. IX.

Der HERR wird des Armen nicht so gantz vergessen /


Vnnd die Hoffnung der ellenden wirdt nit verloren sein
ewigklich.292

292
Ps 9,19.
3. VALERIUS HERBERGER, LEICHENPREDIGT AUF
FLAMINIUS GASTO (1618)

Einleitung

Valerius Herberger wurde am 21. April 1562 in Fraustadt (Großpolen)


als Sohn eines Kürschners geboren. Er begann sein Theologie-Studium
1581 in Frankfurt (Oder) und setzte es (seit Juni 1582) in Leipzig
fort. 1584 wurde er Lehrer in seiner Vaterstadt, 1590 Diakon und
1599 Pfarrer ebd. Im Zuge der Gegenreformation verloren die
Lutheraner in Fraustadt 1604 die ihnen seit 1555 zustehende
Stadtkirche. Herberger sorgte dafür, daß zwei Privathäuser zu einem
gottesdienstlichen Raum umgebaut wurden, der den Namen ‚Kripplein
Christi‘ (eingeweiht am 25. Dezember 1604) erhielt. Herberger publi-
zierte eine ansehnliche Anzahl von Erbauungsschriften und Predigt-
zyklen, die z.T. mehrfach (manche bis hinein ins 19. Jahrhundert)
aufgelegt wurden. Die bekanntesten seiner Schriften dürften sein:
Evangelische Herzpostille (1613), Epistolische Herzpostille (1693),
Magnalia Dei (11602–22). Herberger starb am 18. Mai 16271.
Flaminius Gasto, der eng mit Herberger befreundet war, war
Liegnitz-Briegscher Hofarzt und starb am 5. Februar 1618. Recht
detaillierte Informationen zu Gastos Biographie bietet die Gedächtnis-
schrift aus der Feder von Matthaeus Vechner (1587–1630)2, die
Herberger dem Druck seiner Leichenpredigt beigegeben hat und die
im folgenden mitabgedruckt ist.
Anstelle einer Einführung in die Quelle sei auf die obige Analyse
des Textes3 verwiesen.

1
Vgl. Lauterbach, Vita, fama et fata Valerii Herbergeri. Wagenmann. Lauterbach,
Fraustädtisches Zion, S. 265–358. Cohrs. Schott. Krausse (mit weiterer Lit.).
2
Vgl. u. S. 264, Anm. 29.
3
S. o. S. 123–134.
<fol. A 1r>
JESUS
OMNIUM MEDICORUM PRIN-
CEPS ET DOMINUS.
SANATOR
Fidelium aegrorum & aegrotorum, ipsorum
quoque Medicinae Doctorum.

JESVS
Der HERR mein Artzt /
der fürnemeste / klügeste vnd allerglückseligste
Doctor, welchem keiner vnter seinen Patien=
ten ist gestorben.
Beschawet aus der letzten Zeil / Exod. 15.4
Jch bin der HERR dein Artzt.
I. Zu Ehren / seiner grossen Trew /
II. Zu gefallen / allen Doctoribus Medicinae,
III. Zum Gedechtnis aber / des tewren
H. DOCTORIS FLAMINII GASTONIS,
Fürstlicher Gnaden von Lignitz vnd Brieg / so
wol auch der löblichen Stadt Guraw5
trewen MEDICI.
Welcher seliglich entschlaffen Anno 1618.
den 5. Februarii, vnd den 21. hernach in grosser
Versamlung begraben worden.

Vnd in Druck verfertiget durch


VALERIUM HERBERGERUM,
Predigern in Frawenstadt beym Kriplin Christi.
Mit Churfürstl. Sächs. PRIVILEGIO,
Anno M. DC. XIIX.6

<fol. A 1v vacat>

4
Ex 15,26.
5
Guraw] Guhrau, westlich von Glogau.
6
UB Rostock Fl-3384 (7).
<fol. A 2r>

Der Edlen / Vielehrentu=


gendreichen Frawen
BARBARAE,
gebornen Heldin /
Des weiland Edlen / Gross=
achtbaren / weitberühmeten Herrn Do-
ctoris FLAMINII GASTONIS7, Jhrer
Fürstlichen Gnaden von Liegnitz vnd Brieg /
So wol auch der löblichen Stadt Guraw8
wolbestelten vnd auch wolverdienten MEDICI,
seligen / hinterlassenen / hochbetrübten
Frawen Witwen.
Vnd demnach auch jhren lie=
ben Ehepfläntzlin vnd wolgezogenen
Kindern /
GOTTOFREDO,
SEBASTIAN-FRIDERICO,
JOHANNI-CHRISTIANO,
Vnd
GEORGIO-RUDOLPHO 9,
Vbergiebet diese Ehrengedechtnis / zu
schuldiger Danckbarkeit.
Anno 1618. am Sontage des trew=
hertzigen Samariters JEsu10
VALERIUS HERBERGERUS,
welchem nichts besser gefellt als
JESUS.
<fol. A 2v>

7
Vgl. Historisches Ärztelexikon für Schlesien 2, S. 233f.
8
S. o. S. 258, Anm. 5.
9
RUDOLPHO] Emendiert aus: RODULPHO
10
Das ist der 13. Sonntag nach Trinitatis.
JESUS
OMNIUM MEDICORUM
PRINCEPS ET DOMINUS:
FELICISSIMUS SANATOR
fidelium aegrorum & aegrotorum,
ipsorum quoque Medicinae
Doctorum.

JESVS
Der Herr mein Artzt / der
fürnehmeste / glückseligste /
herrlichste vnd allerbeste Do=
ctor / welchem kein Patient ist
gestorben / der sich in seine
Curam hat begeben / Exod.
am 15.
Seiner Trewe zu Lob vnd Preiß /
Allen Doctoribus Medicinae zu ehren /
Besonders aber dem Edlen thewren

D. FLAMINIO GASTONI
zu schüldigem Gedächtniß.
Gesetzt von VALERIO HERBERGERO,
Anno 1618.
<S. 1>

DAs walt der HErr mein Artzt / der himlische allzeit glückseligste
ParadißDoctor / Jesus Christus / welcher mir vnd dir (lieber Leser
vnd Zuhörer) vielmal das Leben hat gerettet / welcher die meisten
Patienten hat / vnd welchem kein Patient jemals ist gestorben / der
sich seiner Cur hat vntergeben / ohne welchen auch kein Doctor
auff <S. 2> Erden mit Ehren kan bestehen / seinem thewren edlen
Namen zu Lob vnd Preiß / allen frommen / fleissigen / trewhert-
zigen Medicinae Doctoribus zu ehren / vnd demnach auch meinem
weiland sorgfältigen wolverdienten HaußArtzt / jetzo seligen Herrn
Flaminio Gastoni zu danckbarem Ruhm / vnd löblichem Gedächtniß
/ wie denn auch seinen hinterlassenen Bluts= vnnd <S. 3> Muhts-
freunden zu besonderem Trost vnd gefallen / Amen / Amen.
Hertzliebster Leser vnd Zuhörer / Vndanck ist das gröste Laster11.
Omnia vicia dixeris, ingratum si dixeris12. Wenn man jemand mit
Warheit kan bezüchtigen13 / dz er ein vndanckbarer guckguck / vnd
Hospes Ingratus, oder / vergessener gast sey / so ists eben so viel /
als hette man jn für einen Schelmen gescholten. Drumb saget Salomo
/ Prov. 17. v. 13. Wer Guts mit Bösem <S. 4> vergilt / von des
Hause wird Böses nicht lassen. Non recedet malum à domo ingrati 14.
Weil mich nu der jetzo selige Herr D. Flaminius Gasto gar zärtlich
geliebet hat / mich gar klüglich / weißlich vnnd bedächtig curiret,
vnd sich vmb mich vnd mein Hauß ehrlich / redlich / vnd sehr wol
verdienet / als bin ich gesonnen / diesem ehrlichen jetzo willkom-
menen newen Himmelsgast / ein löbliches Gedächtniß in der Welt
auffzurichten. Der Befehl: Ehre den Artzt / Syr. 38.15 gehet auch
mich an. <S. 5> Eusebius16, Sozomenus17, vnd Nicephorus18 schreiben
/ daß die Fraw / welche zwölff Jahr den Blutgang gehabet / vnd

11
Sprichwörtlich. Vgl. Wander 4, Sp. 1422.
12
Sprichwörtlich. Vgl. Proverbia 3, S. 580 (Nr. 19812) und Wander 4, Sp. 1422.
13
bezüchtigen] bezichtigen. Entgegen den Angaben bei Grimm, DWb 1, Sp. 1799 ist
,bezüchtigen‘ eine im Frühneuhochdeutschen geläufige Form.
14
Kein Beleg in Proverbia.
15
Sir 38,1.
16
Vgl. Euseb, Historia ecclesiastica, lib. 7, cap. 18, 1f, GCS NF 6/2, S. 672,3–16.
17
Vgl. Sozomenus, Historia ecclesiastica, lib. 5, cap. 21, 1, GCS 50, S. 228,6–11.
18
Vgl. Nicephorus, Refutatio et eversio, CCSG 33, cap. 82, S. 141,41–48.
262 teil iii ‒ editionen

gesund worden / als sie des Herrn JEsu Saum angerühret19 / habe
zur Danckbarkeit / für jhrem Hause in der Stadt Caesarea Philippi
/ eine Säule von Ertz auffrichten lassen / darauff sey des HErren
Jesu Bildniß sehr schön gegossen gestanden / der Frawen aber zu
den Füssen / wie sie von hinden zu / seines Kleides Saum anrühre.
<S. 6> Sie sagen auch / daß oben auff der Seule Kräuter gewach-
sen / wenn dieselben den Saum des Kleides Christi im Bildniß errei-
chet / so haben sie viel krancken Leuten / mit grosser Verwunderung
aller Doctorum, geholffen. Diese Seule hat vber dreyhundert Jahr
gestanden. Wird nu diese Matron20 jhrer Danckbarkeit halben gelo-
bet / so wird mir mit bewilligung aller ehrliebenden Hertzen / auch
nicht vbel anstehen / meinem wolverdienten Artzt / Herrn Flaminio
ein dergleichen / <S. 7> wiewol viel geringschätziger papyren
Gedächtniß auszuarbeiten. Wer an meinem danckbaren Gemüth ein
mißgefallen träget / der mag sawer sehen biß die grawen Gänse
vergehen21.
Wie köndte ich auch der hinderlassenen Witwen / die meines wis-
sens ein hertzlich Verlangen darnach träget / eine grössere Frewde
zurichten? Wie köndte ich den hinterlassenen Kindern / die in aller
Tugend daher grünen / vnd auch den ehrlichen Blutsfreunden <S. 8>
einen angenehmern Dienst erzeigen? Wie köndte ich dem alten hertz-
frommen Herrn Sebastiano Helden22 etwas liebers beweisen? Jch kan
auch der grossen Menge der ehrliebenden Freunde des Namens
Flaminii Gastonis, welche stetig bey mir vmb solche Arbeit anhalten
/ mit Ehren nichts versagen. Damit nu mein Fürnehmen nach mei-
nem vnd jhrer aller Wundsch gerahte / so sey das mein Wort:
HERR / erhebe dich in deiner Krafft / so <S. 9> wollen wir sin-
gen vnd loben deine Macht / Psal. 21. v. ult.23

19
Mt 9,20–22.
20
Matron] Eine Matrone ist eine ältere, würdevolle Frau. Vgl. Kluge22, S. 466.
21
Kein Beleg bei Wander und Röhrich.
22
Das ist Gastos Schwiegervater.
23
Ps 21,4.
valerius herberger, leichenpredigt 263

Höret mit Andacht an /


Die letzte Zeil im 15. Cap.
des andern Buchs
Mose.

Der HERR sprach:


Jch bin der HErr dein Artzt24.
MEJNE lieben Hertzfreunde / ich bleibe bey diesem Sprüchlin mit
<S. 10> fleiß. Denn es reimet sich artig auff des jetzo seligen Herrn
D. Flaminii Beruff vnd Profession. Er ist auch ein herrlicher Artzt
gewesen / vnd nicht ein schlechter Artzt / sondern deßgleichen viel-
leicht jetzund in der Welt nicht viel zu finden. Gott ehre vnd erhalte
alles was recht gelehrt / fromm vnd trew ist.
Vber diß / so gelanget diß allen frommen Doctoribus Medicinae,
meinen grossen Freunden / zu besondern Ehren / daß sich <S. 11>
der HERR Jesus jhres Namens vnd Fürhabens nicht schemet / son-
dern sich selber mit eigenen Reden dazu bekennet / dz er auch ein
Artzt sey. Jm Volck GOttes sind dreyerley fürneme Secten gewesen
/ Saduceer / Phariseer / vnd Esseer. Mit den Phariseern vnd
Saduceern führet der HERR Jesus einen steten Krieg. Aber der Esseer
gedencket er nicht mit einem Wort im gantzen newen Testament.
Was mag diß wol für Vr= <S. 12> sach haben? Ein hochgelahr-
ter Mann / des Schrifften in grossen Ehren werden gehalten /
spricht25: Jch halte es dafür / der HERR Jesus habe jhrer gescho-
net / weil sie gute KräutelDoctores vnd Aertzte waren / die sonst
einen vntadelichen eingezogenen Wandel führeten. Der HERR Jesus
ehret das Handwerck. Dem sey aber wie jhm wolle: Sanitatis autor
Deus est, Dei instrumentum natura, utriusque minister medicus, sa=
<S. 13> get Gregorius Tolosanus26 de Republica27. Darumb ward vor

24
Ex 15,26.
25
Bislang nicht ermittelt.
26
Gregorius Tolosanus/Pierre Grégoire (ca. 1540–1617), französischer Jurist, Prof. an der
Universität Toulouse, ab 1581 an der Universität Pont-à-Mousson. FranzBA I,476,448–457.
27
Pierre Grégoire, De republica, S. 1184: „Sanitatis auctor Deus, qui occidit & viuificat,
deducit ad inferos & reducit, vim tribuit & efficaciam sanandi rebus, vnde medicinae col-
liguntur: Dei instrumentum est natura, vtriusque minister, medicus:“
264 teil iii ‒ editionen

zeiten ein glückseliger Medicus genennet: Manus Jehovaeh28, GOttes


gnädige heilsame Hand.
Jn betrachtung solcher feiner correspondenz sollen alle vernünfftige
Medici den Herren Jesum desto lieber haben / vnd jhn kein mal
aus jhrem Hertzen vnd Augen verlieren.
Vber diß / so hat diß kleine Sprüchlin / aus dem ältesten glaub-
wirdigen Historico Mose, am besten gefallen meinem jetzo liebrei=
<S. 14> chen / vnd nechst dem allzeit besten vnd thewresten Medico
Jesu Christo / fürwar trewerkandtem / tapfferem / fleissigem Artzt
/ Herrn D. Matthaeo Vechnero29, dem Liebhaber des Kripplins Christi
zur Frawenstadt / Ordinario, welcher aus hertzlicher Demuth dem
HERREN JESV selber allzeit die Oberstell30 gönnet / wie aus sei-
ner eignen Hand in öffentlichen geschriebenen ReceptBüchern31 zu
ersehen.
Wil derhalben im Na= <S. 15> men GOTTES aus diesen wenig
Worten reden / vom Doctor / von der Artzney / vnd von den
Patienten.

I.
Welchs der beste Artzt / der klügeste Doctor sey? Den jemals die
Sonne hat beschienen / welcher allen denen / die gut seyn gewe-
sen / nicht allein gleich / sondern auch allen / die köstlich gewe-
sen / gar <S. 16> sehr weit / beyders in Theoria vnnd praxi, vberlegen
ist / welcher auch die meisten Patienten hat / vnd das zumal zuver-
wundern / welchem nicht ein einiger Patient jemals ist gestorben /
der sich in seine Curam hat ergeben.

28
Scribonius Largus, Compositiones, Epistula dedicatoria, S. 1,1f : „Inter maximos quon-
dam habitus medicos Herophilus, Cai Iuli Calliste, fertur dixisse medicamenta divum
manus esse, et non sine ratione, ut mea fert opinio:“
29
Matthaeus Vechner (1587–1630), gebürtiger Fraustädter, von 1602 an Besuch des Gymnasiums
in Thorn, 1604 Studium in Frankfurt a.d.O., 1607 Fortsetzung des Studiums (Theologie und
Medizin) in Wittenberg, 1610f Aufenthalt in Marburg und Gießen, 1611f Reise in die Niederlande
(Leiden) und nach Frankreich (Paris) sowie nach Straßburg, 1612 Promotion zum Dr. med. in
Marburg, 1613 Rückkehr nach Fraustadt und Bestallung als Stadtphysicus ebd., später Ernennung
zum Leibmedicus des Königs von Polen. Arnhold, S. 53–56.
30
Oberstell] die erste Stelle. Vgl. Grimm, DWb 13, Sp. 1102.
31
Die Rezeptbücher Vechners sind offenbar nicht im Druck erschienen.
valerius herberger, leichenpredigt 265

II.
Was er für edle / thewre Artzneyen in seiner Apotheken brauche?
<S. 17> Die alle Perlen32 / Corallen33 / Agtstein34 / oder andere
köstliche Materialien, Oliteten, Spiritus vnd quintas essentias vbertreffen.

III.
Wie wir seine Patienten / vns das alles sollen zu n%tz machen.

Von dem ersten Stück.

WElchs ist der beste Doctor vnd klüge= <S. 18> ste Artzt in der
Welt? Jch rede heut nicht von leichtfertigen Gesellen vnd Küh-
Doctoribus35, die sich für Aertzte ausgeben / vnnd habens doch nie
gelernet / vnd werden jhres Nechsten Mörder vnd Hencker / vmb
des schnöden verfluchten Geldes vnnd Geniesses36 willen. Solche
heimliche MenschenMörder / den man die CainsKeule muß mit
bahrem Gelde bezahlen / werden jhrem Richter nicht entlauffen.
Viel weniger rede ich von leichtfer= <S. 19> tigen alten Vetteln
vnd schlipfferigen37 gängen38 Mäulern / die für alle Kranckheiten
Artzney wissen / vnnd doch jhnen selbst nicht helffen können. Jch
achte sie nicht der Ehren würdig / daß ich mich vmb sie weitläufftig
bekümmern sollte.
Nicolaus Marchio Ferrariensis kam in ein Gespräche mit dem kurtz-
weiligen Gonella39, vnd wolte gerne wissen / welche Zunfft in der
grossen Stadt am stärcksten besetzt were. Gonella sprach: <S. 20>
Der Aertzte sind der meisten. Der Marggraff schüttelt den Kopff /

32
S. u. S. 283, Anm. 201.
33
S. u. S. 283, Anm. 203.
34
S. u. S. 283, Anm. 204.
35
KühDoctoribus] Vgl. Grimm, DWb 11, Sp. 2551 zu ,Küharzt‘: „auch als scheltwort,
quacksalber“.
36
Geniesses] Genuß. Vgl. Grimm, DWb 5, Sp. 3451.
37
schlipfferigen] schlüpfrigen. Vgl. Grimm, DWb 15, Sp. 746.
38
gängen] losen. Vgl. Grimm, DWb 4, Sp. 1240.
39
Die Quelle dieser Episode — vermutlich eine der zahlreichen von Herberger öfter benutzten
Exempelsammlungen — konnte bislang nicht ermittelt werden.
266 teil iii ‒ editionen

vnd sprach: Du Affe / die guten Aertzte sind nicht dicke geseet /
man schüttelt sie nit von Bäwmen. Sie schlugen eine Wette an.
Gonella verputzelt40 vnd verhüllet das Angesicht / trat früe für die
Kirchthür / klagte grosse Stücke vber vnträgliches Zahnwehe / jeder-
man sagte jhm eine besondere Artzney. Endlich kam Gonella auch
zum Herren selber / klaget eben wie vor / <S. 21> der sprach: lie-
ber thue das / du wirst mir dancken. Gonella schrieb alle mit Namen
auff / vnd satzte im Register den Marggrafen oben an / kam wie-
der vnd sagte: Herr Marggraff / jhr habet verspielet / der Aertzte
sind der meisten / wolt jhrs nicht gläuben / so vbersehet das Register.
Als der Marggraff seinen Namen vnnd Recept oben an sihet / vnnd
die andern in grosser Zahl folgen / lächelt er vnd bekendt / Gonella
habe die Wette gewon= <S. 22> nen / Er selber habe sich vnwis-
sent für einen Doctorem ausgeben. Von solchem vnbedächtigem
Gesippe rede ich heute nicht / sondern ich wil meine Frage ver-
standen haben / von den allerthewresten / scharffsinnigsten Medicis,
die jemals die Erdkaul41 betretten haben. Welcher ist vnter jhnen
der klügeste vnd beste?
König Salomo ist ein hochverständiger KräutelDoctor gewesen /
wie <S. 23> 1. Reg. 4. vers. 33. zu lesen / daß er geredet hat von
Bäwmen / von Cedern an / zu Libanon / biß auff den Jsop / der
aus der Wand wächst / etc. Dieser weise König hette dem Herrn
Tabernae-montano42 vnnd Bauhino43 zu jhrem newen vollkommentli-
chen KräuterBuch44 herrlichen Einschlag geben45 können. Dieser

40
verputzelt] verstellte. Vgl. Grimm, DWb 25, Sp. 979.
41
Erdkaul] Erdkugel. Zu ,Kaul‘ vgl. Grimm, DWb 11, Sp. 2534.
42
Jakob Theodor (Tabernaemontanus) (ca. 1525–1590) war ca. 1549 –1565 Arzt der
Grafen Philipp II., Johann und Adolf von Nassau-Saarbrücken, trat dann (ca. 1563–1581) in
die Dienste des Speyerer Bischofs Marquard von Hattstein, war 1581–1584 Stadtarzt in Worms
sowie kurfürstlich-pfälzischer Medicus in Neuhausen bei Worms. Theodor wurde an der Universität
Heidelberg zum Dr. med. promoviert (Immatrikulation 1562). Die erste Auflage seines ,Neuw
Kreuterbuch‘ erschien 1588. Vgl. Telle, Art. Theodor, Jakob sowie Müller-Jahncke/Bofinger.
43
Gaspard Bauhin (1560–1624) begann sein Medizinstudium in Basel. Nach einer peregri-
natio academica durch Oberitalien und Frankreich 1581 Promotion zum Dr. med. in Basel. 1582
Ordinarius für Griechisch an der Universität Basel, 1589 für Anatomie und Botanik ebd., 1614
Stadtarzt und Prof. für praktische Medizin. Bauhin, der u.a. die Errichtung des Baseler Theatrum
anatomicum vorantrieb, besorgte eine verbesserte Edition von Tabernaemontanus’ Kräuterbuch (1613)
(vgl. die folgende Anm.), das mehrfach aufgelegt wurde und weite Verbreitung fand. Müller-Jahncke,
Art. Bauhin, Bauhinus sowie ders., Art. Bauhin, Caspar. Jaumann, S. 73.
44
Caspar Bauhin, New vnd Vollkommen Kräuterbuch <. . .>, Frankfurt a.M. 1625 (vgl.
Quellenverzeichnis).
45
Einschlag geben] Ratschlag geben, Beratung erteilen. Vgl. Grimm, DWb 3, Sp. 273f.
valerius herberger, leichenpredigt 267

kluge König hette Dioscoridi46, Matthiolo47, dem Herren Bock48 vnnd


Lonicero49 trefflich können zu Ehren helffen. <S. 24>
Esaias war ein Prophet vnnd zugleich ein Wundartzt mit / er
kondte ein kräfftiges Feigenpflaster zurichten / daß dem Könige
Hißkiae alle Gifft auszog50 / viel stärcker als die abgedörreten Kröten
/ die auff die PestilentzDrüsen gebunden werden51 / Esa. 38.
Der Engel Raphael machte den jungen Tobiam auff der Wander-
schafft zu einem geschwinden Oculisten52 / daß er seinem Vater
kondte wieder zur Gesundheit helffen53. Ein <S. 25> gut Gesell zog
aus / ein erfahrner Doctor kam wieder.
E nuce fit corylus: de glande fit ardua quercus54.
S. Lucas ist auch ein guter Artzt gewesen / wie jm S. Paulus
Zeugniß giebet / Col. 4. v. 14. Er war zugleich ein geistlicher
Seelenartzt (sein Evangelium ist S. Lucae KräuterBuch) vnd auch
ein glückseliger Leibartzt wie Esaias. Ey das stehet hortig beysam-
men. Sed non cuivis contingit adire Corin- <S. 26> thum55. Non ex quo-
libet ligno talis fit Mercurius56.

46
Pedanios Dioskurides (1. Jh. nach Chr.), griechischer Militärarzt unter den Kaisern Claudius
und Nero. Dioskurides gilt als der berühmteste Pharmakologe der Antike. Seine Arzneimittelkunde
(,De materia medica‘) entfaltete eine ungeheure Wirkung bis weit in die Frühe Neuzeit hinein.
Vgl. Hahn, Art. Dioskurides.
47
Pietro Andrea Mattioli (1501–1577), Mediziner und Botaniker, Studium in Padua, 1523
Promotion ebd., praktizierte dann in Perugia, Rom (bis 1527), Trentino und Gorizia. Seit 1554
diente Mattioli als Leibarzt Ferdinands I. (später Maximilians II.) in Prag und wurde 1562
in den Adelsstand erhoben. 1577 setzte sich Mattioli zur Ruhe und zog nach Innsbruck, wo er
an der Pest starb. DBA II,863,361.
48
Der Arzt und Botaniker Hieronymus Bock (1498–1554) lebte in Zweibrücken (ab 1522),
Hornbach (ab 1533) und Zweibrücken (ab 1550/51) und genoß die Gönnerschaft des Zweibrücker
Herzoghauses. Bock, der als Jakob Theodors, gen. Tabernaemontanus, Lehrer gilt, wurde v.a.
durch sein Kräuterbuch bekannt, das erstmals 1539 gedruckt wurde und in zahlreichen Auflagen
erschien. Vgl. Telle, Art. Bock.
49
Adam Lonicer (1528–1586), 1550 Medizin-Studium in Marburg, 1551 in Mainz, 1553
Prof. für Mathematik in Marburg, Promotion zum Dr. med. 1554, im selben Jahr Stadtarzt in
Frankfurt a.M. Weite Verbreitung fand Lonicers Kräuterbuch, das erstmals 1550 erschien und
bis ins späte 18. Jahrhundert immer wieder gedruckt wurde. Vgl. Müller-Jahncke, Art. Lonitzer.
50
Jes 38,21.
51
Der Paracelsist Oswald Crollius (ca. 1560 –1608), dessen ,Basilica Chymica‘ weite
Verbreitung fand und als ,Fibel‘ der paracelsischen Medizin angesehen werden darf, empfahl getrock-
nete Kröten als Heilmittel gegen die Pest. Vgl. Crollius, De signaturis, S. 107.204.
52
Oculisten] Augenarzt. Diefenbach, S. 393.
53
Tob 11,13–16.
54
Bislang kein Beleg ermittelt.
55
Horaz, Briefe, lib. 1, epist. 17, v36, S. 79: „non cuiuis homini contingit adire
Corinthum.“
56
Apuleius, Pro se de magia liber (Apologia), par. 43, S. 50,19f : „non enim ex omni
ligno, ut Pythagoras dicebat, debet Mercurius exculpi.“
268 teil iii ‒ editionen

Jch wil hier geschweigen des berühmeten AEsculapii 57, des tieff-
sinnigen Hippocratis 58, des fürtrefflichen Galeni 59 vnd Avicennae 60, vnd
des weltkündigen Theophrasti Paracelsi 61. Die Gelehrten wissen das
sehr lange Register alter vnd newer Medicorum, aus dem Theatro
Humanae vitae 62 zu Basel gedruckt / etc.
Was vnser jetzo selige Herr Flaminius Gasto für ein trefflicher vnd
zugleich in Galenischer vnnd Para= <S. 27> celsischer Medicin
erfahrner Mann gewesen63 / wird in den nechsten pahr Tagen in
diesen vnd benachbarten Orten nicht leicht vergessen werden. Hilff
GOtt / wie viel klagens ist vnter edlen vnd vnedlen Leuten / man
wolte den thewren Mann gern mit Nadeln aus der Erden graben.
Aber die Warheit zu bekennen / wir haben den fürnehmesten
noch nit / wenn D. Flaminius lebete / er würde es selber bekennen
/ vnd mit allen vernünfftigen <S. 28> Aertzten aus dem 3. Capitel
Esaiae v. 7. sagen: Jch bin (zu rechen gegen dem64 / welchen bald
mein Freund Valerius nennen wird) Kein Artzt / ich muß mein
Doctor Paret65 für jhm abziehen vnd niederlegen.
Wer ists denn? Der klügeste / der glückseligste / der scharffsinnigste
/ der thewreste vnter allen ist Jesus Christus. Der HErr mein Artzt
/ ist der beste.
Er bekennts selber allhier durch Mosen: <S. 29>
Jch bin der HERR dein Artzt66.

57
Aesculap/Asklepios, Sohn des Apollon, ist der wichtigste griechische Heilheros und wurde
als Gott der Heilkunde verehrt. Vgl. Ley, Art. Asklepios; Fauth, Art. Asklepios sowie Steger.
58
S. o. S. 218, Anm. 39.
59
S. o. S. 218, Anm. 40.
60
Avicenna (ca. 980 –1037), islamischer Philosoph und Mediziner. Vgl. Rudolph, Art.
Avicenna.
61
Theophrast Bombast von Hohenheim (Paracelsus) (1493/4–1541), Naturphilosoph, Arzt
und theologischer Autodidakt, 1524 in Salzburg, 1525 Vertreibung aufgrund der Bauernunruhen
und Asyl in Straßburg, 1527 Berufung zum Stadtarzt und Prof. der Medizin nach Basel, seit
1528 erneut Wanderschaft. Goldammer, Art. Paracelsus.
62
Vgl. Theodor Zwinger, Theatrum vitae humanae 1565, S. 85–92.
63
Gasto wird hier als ein ,Arzt beider Medizinen‘ charakterisiert. Um eine Verbindung der
hermetisch-paracelsischen und der klassischen hippokratisch-galenischen Arzneikunst war es u.a.
auch Johannes Hartmann (1568–1631) zu tun, der seit 1609 an der Marburger Universität
als erster Professor für Chymiatrie tätig war. Vgl. Krafft, Arznei, S. 67–74 und Bauer, S.
494 – 498 u.ö. Auch sonst hat es zahlreiche ,Gelegenheitsparacelsisten‘ gegeben. Vgl. Corpus
Paracelsisticum 2, S. 11.
64
S. o. S. 181, Anm. 197.
65
Paret] Barett. Vgl. Grimm, DWb 13, Sp. 1461.
66
Ex 15,26.
valerius herberger, leichenpredigt 269

Denn das ist der Herr / der alzeit mit den Ertzvätern geredet
hat / Johan 8. Matthaei am 12. spricht er: Hie ist mehr als Salomo67.
Der kluge KräutelDoctor Salomo ist nur ein Kind vnnd Schüler
gegen mir. Drumb rühmet er sich auch / er sey Magister Salvationum,
er sey gar ein Meister drauff / wenn vns soll geholffen werden /
Esa. 63.68 Seine künstliche Magisteria69 sind nicht zu zehlen. Jerem.
30. vers. 13. vnd 17. spricht er: Es kan <S. 30> Dich70 niemand
heilen / Aber ich wil dich wieder gesund machen. Matth. am 9.
Cap. nennt er sich ausdrücklich einen Artzt / da er saget: Die
Starcken dürffen des Artztes nicht / sondern die Krancken71. Vnd
Luc. am 10. mahlet er sich so holdselig im trewhertzigen Samariter
/ welcher mit seinem Wein vnd Oele so glücklich die Wunden vnsers
Gewissens von Grund aus kan heilen72 / vnd Matth. 11. sitzet er
als ein allgemeiner Land Do= <S. 31> ctor / vnnd ruffet alle
Krancken zu sich: Kommet her zu mir / alle / die jhr müheselig
vnd beladen seyd / Jch wil euch erquicken73.
Wes er sich erbeut / das helt er ehrlich. Matth. 8. Capit. da kom-
men allerley Krancken für jhn / er hilffet jhnen allen / es sey
Aussatz / Fieber / oder wie sie mögen Namen haben74 / schlage
mir zu gefallen das Capitel auff / die Mühe wird dich nicht rewen.
Dieser / sage ich noch einmal / ist der fürnehmeste Artzt. Sind
jemals <S. 32> gute Aertzte gewesen / er ist jnen allen gleich /
sind jemals köstliche Aertzte gewesen / er ist jnen allen sehr weit
vberlegen. Sonst hat ein Doctor eine Gabe / Ein ander eine andere.
Denn es bleibet auch hier war: Non omnia possumus omnes75, einer
hat mehr Pfund als der andere / Matth. 25.76 Aber Jesus ist alles
in allem / excellit in omni scibili.
1. Wenn ein Artzt fromm ist / so helt man jn hoch. Wer ist doch
fröm= <S. 33> mer als der Herr Jesus / Er hat seinen himlischen
Vater von Ewigkeit her nie erzürnet / drumb saget er: Das ist mein

67
Mt 12,42.
68
Jes 63,1.
69
,Magisteria‘ sind (al-)chemische Medikamente.
70
Dich] In Custode statt dessen: dich
71
Mt 9,12.
72
Lk 10,34.
73
Mt 11,28.
74
Mt 8,1–17.
75
Proverbia 3, S. 338 (Nr. 18147).
76
Vgl. Mt 25,14–30.
270 teil iii ‒ editionen

lieber Sohn / an dem ich wolgefallen habe77. Er ist Sanctus Sanctorum.


Dan. 9.78 der Brunnquell aller Heiligkeit vnnd Frömmigkeit / wie
solten wir nicht das Hertze zu jhm haben?
2. Wenn ein Artzt gerne betet / so zierets jhn besser als eine göl-
dene Kette. Ach wie kan der HERR Jesus so hertzlich be= <S. 34>
ten / Matth. 11. Johan. 17.79 wie solte der himlische Vater seine
Cur bey vns nicht segnen?
3. Wenn ein Artzt willig ist / das stehet jhm besser an / als ein
Sammates80 Kleid. Wer ist williger als mein Artzt JEsus Christus? Er
saget ja klar / Johan. 6. Alles was mir mein Vater giebet / das
kömmet zu mir / vnd wer zu mir kömmet / den wil ich nicht aus-
stossen81. Marci 7. nimmet er den tauben vnd stummen Menschen
<S. 35> alsbald an / vnd hilfft jhm82. Er mag wol amor & deliciae
generis humani, des Menschlichen Geschlechts Liebichen83 heissen /
wie Titus Vespasianus84, welcher sich rühmete / er hette seine lebetage
niemands lassen trawrig von sich gehen / sondern jederman entwe-
der mit milder Hand / oder mit einem tröstlichen Wort gedienet.
4. Wenn ein Artzt beredt ist / daß er einem blöden85 Patienten
kan einen Muth einsprechen / das zieret jhn besser als ein Mantel
von Seiden: <S. 36> Wer hat holdseliger Lippen / als der Herr
Jesus / Psal. 45.86 Rühmet er sich doch selber / Esa. am 50. vers.
4. Der HERR hat mir eine gelehrte Zunge gegeben / dz ich wisse
mit den müden Patienten zu rechter Zeit zu reden. Das glimmende
Töchtlein wird er nit ausleschen / das zuknickte Röhrlin wird er
nicht zubrechen / Esa. 42.87 Seine Wort sind lauter Wort des Lebens
/ Johan. 6. v. 68.

77
Mt 3,17.
78
Kein biblischer Beleg ermittelt (auch im Buch Daniel nicht).
79
Mt 11,25f; Joh 17,1–26.
80
Sammates] samtenes. Vgl. Grimm, DWb 14, Sp. 1745.
81
Joh 6,37.
82
Mk 7,31–37.
83
Liebichen] Liebling/Liebchen. Vgl. Grimm, DWb 12, Sp. 914.
84
Titus Flavius Vespasianus (39–81), ca. 65 Quaestor, als Feldherr beteiligt am Jüdischen
Krieg, 69 zum Caesar ernannt, 71 zum imperator. Nach Vespasians Tod (79) wurde Titus
Augustus. Vgl. Eck, Art. Titus [3]; Wegenast, Art. Titus.
85
blöden] kranken. Vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 139.
86
Ps 45,3.
87
Jes 42,3.
valerius herberger, leichenpredigt 271

5. Ein tapfferer Artzt muß einen scharffsinni= <S. 37> gen Kopff
haben / wie Hippocrates, Galenus: Der Herr Jesus vbertrifft sie alle
im Verstande vnd Nachdencken / Er weis aller Kräutlin Krafft /
Wirckung vnnd Eigenschafft / Er hat sie jhnen selber gegeben. Es
ist zu beklagen / daß wir durch Adams Fall so verderbet sind88 /
daß wir so viel Dinges in der Natur verborgen / nicht verstehen.
Herophilus89 bey dem Plinio ein hochberühmter Medicus bekennet /
daß mancher Krancke seinen Artzt <S. 38> vnd Doctor mit Füssen
trete / vnd vber dem Kraut herlauffe / das jhm helffen köndte /
nonnullas etiam herbas tantùm calcatas homini prodesse lib. 25. cap. 2.90
Ja der HERR Jesus kennet nicht allein die Kräuter / sondern auch
die Vrsachen vnser Kranckheiten. Da die vier Männer / den
Gichtbrüchigen für seine Füsse lassen / Matth. 9. sihet er bald den
Mangel vnd Vrsprung des Elendes im Gewissen vnd spricht: Sey
getrost mein Sohn / dir <S. 39> sind deine Sünde vergeben91 / Als
die Wurtzel verbrüet ist / folget bald drauff Leben vnd Gesundheit.
Das mag ein subtiler Doctor seyn / er darff 92 kein Wasserglaß93 /
er darff den Patienten nicht fragen94 / er darff nicht erst den Pulß
begreiffen / er sihets jhm bald an Augen an / wie dergleichen wird
gelesen von dem trefflichen Medico Joannino Sangvinacio95 medico
Patavino, welcher endlich in Verdacht kommen / daß er mehr köndte

88
S. u. S. 286, Anm. 232.
89
Herophilos (ca. 330/320–260/250 v. Chr.) aus Chalkedon war in Alexandria als Arzt
tätig. Er gilt als einer der bedeutendsten antiken Mediziner und als einer der ersten, die im rein
deskriptiven Interesse anatomische Studien an Menschenleichen sowie Vivisektionen betrieben haben.
Vgl. Touwaide, Art. Herophilos; Kudlien, Art. Herophilos.
90
Plinius Secundus d.Ä., Naturalis historia, lib. 25, par. 14f, S. 26: „inde et plerosque
ita video existimare, nihil non herbarum vi effici posse, sed plurimarum vires esse incog-
nitas, quorum in numero fuit Herophilos clarus medicina, a quo ferunt dictum, quasdam
fortassis etiam calcatas prodesse.“
91
Mt 9,2.
92
darff ] bedarf. Vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 1722.
93
Wasserglaß] Harnglas. Vgl. Grimm, DWb 27, Sp. 2412. Das Harnglas wurde im
Rahmen der humoralpathologischen Urinschau verwendet und war in der Frühen Neuzeit ein wich-
tiges Symbol für ärztliche Tätigkeit.
94
darff <. . .> nicht fragen] braucht nicht zu fragen. Vgl. Grimm, DWb 2, Sp. 1725.
95
Giovanni Sanguinacci († 1399), Prof. für Medizin in Padua. Ihm wird nachgesagt, er
habe den Patienten die sie plagende Krankheit an der Nase ablesen können (vgl. die folgende Anm.).
Als sich darum das Gerücht verbreitete, er sei ein Zauberer, wurde er der Stadt verwiesen. Zedler,
Universallexikon 33, Sp. 2015.
272 teil iii ‒ editionen

als Brodt essen. Lege Bernh. Scardeonum lib. 2. <S. 40> class. 8. hist.
Pat.96 Deßgleichen sagt man fast auch von Petro Aponensi 97.
6. Ein demütiger Artzt ist jederman ein Spiegel in Augen / vnnd
mit solcher Tugend muß er auch begnadet seyn. Denn arme geringe
Leute dürffen jn98 eben so wol als reiche Herren. Wer ist demüti-
ger als vnser HErr Jesus? Nennet er sich doch den kleinesten im
Himmelreich99 / vmb seiner tieffen Demuth willen / kein Engel hat
sich so tieff gedemütiget. <S. 41> Drumb saget er mit Warheit /
Matth. am 11. Jch bin sanfftmütig / vnd von Hertzen demütig100 /
Pyrrhus101 der Epirotarum König hatte von Natur die Wundergabe /
daß er miltzsüchtigen Leuten helffen kundte / wenn er den Ort mit
der grossen Zehe des rechten Schenckels berührete / vnnd niemand
war so arm vnnd elend / daß er jm die Cur hette versaget / wie
Plutarchus102 vnd Plinius103 schreiben. Eben solche Demuth vnd
Wilfertigkeit gegen Reich vnd Arm müssen wir dem Könige <S. 42>
der Ehren104 Jesu Christo nachsagen.
7. Ein geschickter Artzt muß was ehrlichs erfahren haben. Wer hat
längere vnnd bessere Erfahrung / als vnser Herr JEsus / er hat trefflich

96
Vgl. Laurentius Pignorius, Origines Patavinae, lib. 2, class. 9, Sp. 228f, wo „De Joannino
Sanguinacio“ gehandelt wird, „qui usque adeo calleret omnem disciplinam artis medicae,
ut non inspecta urina, nec exploratis prius brachiorum arteriis, ut caeteri solent, sed
(quod mirabile dictu est) vel ex solo aspectu, ut ex vultus mutatione, omne genus aegri-
tudinum, & habitum febrium augmentum, videlicet, statum & declinationem miro quo-
dam judicio cognosceret, & morbum (quantum medico licebat) adhibitis salutiferis remediis
cito fugaret.“
97
Pietro d’Abano (1257–1315), Studium in Padua, danach mehrere Reisen, u.a. nach
Konstantinopel, wo Pietro die Werke des Aristoteles und Galenos’ erstand. Ende des 13. Jhs.
Lehrtätigkeit an der Universität Paris, von 1307 an in Padua. Pietro ist u.a. Verfasser eines
Kommentars zu Aristoteles’ ,Problemata‘ und interessierte sich insbesondere für Magie und Astrologie.
Vgl. Fantini, Art. Pietro d’Abano.
98
dürffen jn] bedürfen seiner. Vgl. o. S. 271, Anm. 92.
99
Mt 11,11.
100
Mt 11,29.
101
Pyrrhos (319/18–272 v. Chr.), König der Molosser in Epeiros 306–302 und 297–272,
König von Makedonien 288–284. Vgl. Günther, Art. Pyrrhos [3]; Volkmann, Art. Pyrrhos.
102
Plutarchos von Chaironeia (* ca. 45, † vor 125), Biograph und Popularphilosoph. Vgl.
Pelling, Art. Plutarchos [2]; Dörrie, Art. Plutarchos. Zur Pyrrhus nachgesagten Zehe, von der
göttliche Wunderkraft ausgegangen sein soll, vgl. Plutarch, Vitae parallelae, vol. 3/1, cap. 3, S.
156,17–20.
103
Gaius Plinius Secundus (23/24 –79), römischer Offizier, Historiker, Rhetor und
Fachschriftsteller. Vgl. Sallmann, Art. Plinius. Vgl. Plinius, Naturalis historia, lib. 7, 20, par.
2, S. 24,20–22: „quorundam corpori partes nascuntur ad aliqua mirabiles, sicut Pyrro
regi pollex in dextro pede, cuius tactu lienosis medebatur.“ Vgl. ebd., lib. 28, § 6, 34,
S. 32.
104
Ps 24,7.
valerius herberger, leichenpredigt 273

viel experimenta, er hat seine Kunst getrieben so lange die Welt ge-
standen. Er ist der älteste Doctor in der gantzen Welt / aber er wird
nimmermehr kindisch. Sapientiae ejus non est numerus, Psal. 147.105
8. Ein berühmeter <S. 43> Artzt muß glückselig seyn: Wer ist
glückseliger als vnser himlische Artzt JEsus Christus. Es muß jhm
gelingen in seinem Schmuck / sagt der 45. Psalm106: Die rechte
Hand des HERREN kan alles ändern / Ps. 77.107 Alsbald war dem
Tauben vnnd Stummen geholffen / da er sagte: Hephetha / Marc.
7. v. 35.
9. Galenus wird gerühmet / daß er nicht allein seine Patienten
bey <S. 44> Tage offt habe besucht / sondern / wenns die Noht
erfodert / auch vber nacht bey jhnen gewachet. Das thut vnser
Leib= vnd Seelen=Artzt Jesus vnverdrossen / er wartet bey vns auff
Tag vnd Nacht. Drumb saget er / Ps. 91 Jch bin bey jhm in der
Noth108 / Matth. 28. Siehe / Jch bin bey euch alle Tage / biß an
der Welt Ende109 / Joh. 14. Jch wil euch nicht Wäisen lassen110. Vnd
der 121. Psalm spricht: Der dich behütet / schläffet <S. 45> nicht
/ Siehe / der Hütter Jsrael schläfft noch schlummert nicht111 / etc.
10. Einen verschwiegenen Mund haben / eine Klincke112 fürm
Maul haben113 / das ist bey einem Artzt hochnöhtig / damit der
Patient jhm frewdig alles heimliche Leiden möge offenbahren. Fürwar
vber den Herrn JEsum darff niemand klagen / daß er vnsere
Heimligkeit jemals verrahten / oder bey vns aus der Schule geschwat-
zet habe114 / er helt sich <S. 46> nach dem Juramento Silentii
Hippocratis.
11. Ein ehrlicher Artzt muß ohne falsch seyn / er muß nicht den
Schaden grösser machen / wie etliche vntrewe Wundärtzte thun /
damit sie desto länger zu heilen haben. Die erfahrung giebet Exempel
/ daß ich die Warheit sage. Solcher Vntrew dürffen wir vns bey

105
Ps 146,5 (Vulg.).
106
Ps 45,5.
107
Ps 77,11.
108
Ps 91,15.
109
Mt 28,20.
110
Joh 14,18.
111
Ps 121,3f.
112
Klincke] Hier in der Bedeutung von ,Riegel‘. Vgl. Grimm, DWb 11, Sp. 1194.
113
Sprichwörtlich. Vgl. Wander 2, Sp. 1396. Hier ist ein weiterer Beleg bei Herberger nach-
gewiesen.
114
Sprichwörtlich. „Aus der Schule schwatzen <. . .>: von Dingen reden, die eigentl. Geheimnisse
eines bestimmten Kreises sind“ (Röhrich 4, S. 1414).
274 teil iii ‒ editionen

dem HErren Jesu nicht besorgen / Er ist vnd bleibet trew / wenn
gleich die gantze Welt wolte vntrew werden / <S. 47> wenn er solte
vnsere Schäden grösser machen / so müsten wir alle verderben /
Aber nein / er ist vom Himmel kommen / vnsere Schäden nicht
allein kleiner zu machen / sondern gantz vnd gar abzuwenden. Er
meynet115 nicht das Geld / sondern seines Namens Ruhm / vnd
vnsere gewisse Wolfarth<.> Geitz vnd eigner Nutz ist fern von jhm.
Drumb sagt er / Esa. 55. Kommet her / vnd käuffet / ohne Geld /
vnd vmbsonst116. Kein König / kein Fürst kan jhm bezahlen / <S. 48>
was er bey vns durchs Jahr vmbsonst thut.
12. Andere Doctores müssen jhre Artzneyen aus Kräutern oder
andern materialien zurichten. Vnserm himlischen Doctori Jesu / ists
nur vmb ein Wort zu thun / so ist dem Patienten geholffen. Darumb
sagte der Häuptmann zu Capernaum / Matth. 8. HERR / ich bin
nicht werth / dz du vnter mein Dach gehest / sondern sprich nur
ein Wort / so wird mein Knecht ge= <S. 49> sund117 / etc. Sein
Wort läufft schnell / Psal. 147.118 Als der Herr Jesus zu dem
Königischen sagete / Joh. 4. Gehe hin / dein Sohn lebet119 / das
hatte alsbald dasselbe Augenblick seine WunderKrafft vber fünff
Meilweges.
13. Ja vnser Artzt thut das / was sonst kein Doctor in der Welt
thäte. Vnsere Medici liessens wol zehen mal ein gutes Jahr haben /
daß sie die Kranckheit des Patienten solten weg= <S. 50> nehmen
/ vnd mit willen an jhrem eignen Halse tragen. Das aber hat vnser
Herr JEsus gethan / Esaias bezeugets klar / Cap. 53. Fürwar er
trug vnsere Kranckheit / vnnd lud auff sich vnsere Schmertzen /
die Straffe liget auff jhm / auff daß wir Friede hetten120.
14. Vnd das ist der einige Artzt vnter allen / welchem kein
Patient / so lange die Welt gestanden / ist gestorben. Denn / sonst
gehets nach dem Wort: <S. 51>

115
meynet] ,meinen‘ hier in der Bedeutung von ,im Sinne haben‘. Vgl. Grimm, DWb 12,
Sp. 1925.
116
Jes 55,1.
117
Mt 8,8.
118
Ps 147,15.
119
Joh 4,50.
120
Jes 53,4f.
valerius herberger, leichenpredigt 275

Non est in medico, semper relevetur ut aeger 121.

Aber bey des HERRen Jesu Cura bleiben wir alle leben / kömpt
gleich der Todt / so wird er vns doch in einen süssen Schlaff ver-
wandelt / nach des HErren JEsu Zeugniß / Matthaei 9. Das Mägdlein
ist nicht todt / sondern es schläfft122. Vnd Johan. 11. Lazarus vnser
Freund schläfft123. Vnnd abermal: Jch bin die Aufferstehung vnd das
Leben / wer an mich gläu= <S. 52> bet / der wird leben / ob er
gleich stürbe / vnd wer da lebet vnnd gläubet an mich / der wird
nimmermehr sterben124. Drumb singen wir beym Begräbniß vnserer
MitChristen: Er ist gestorben vnnd lebet noch125.
15. Wenn gleich alle andere Aertzte in der Welt verlohren geben
/ so ist vnseres himlischen Artztes Jesu Hand noch vnverkürtzet.
Dem blutflüssigen Weibe Luc. 8. <S. 53> gaben alle Aertzte im
gelobten Lande verlohren / ob sie schon jr Haab vnd Gut drüber
verzehret hatte / da sie aber zu Christo kreucht / wird sie gesund
/ als hette jhr niemals was gemangelt126. Wer hette gedacht / daß
Job / welcher sieben Jahr so jämmerlich gekrancket / den Halß
hette sollen davon bringen? Sein Erlöser127 Jesus hat jhm doch wie-
der auff die Beine geholffen. Dem Könige Hißkiae hatte Esaias schon
selbst das Leben abgesaget / er <S. 54> kehret doch wieder vmb
/ vnd lebet noch funfftzehen Jahr128. Das kan der Herr JEsus thun.
Wer hette gedacht / daß sich der acht vnd dreissigjährige krancke
Mann hette sollen ausheilen / Johan. 5.129 Also kan JEsus Wunder
thun in allen vnsern desperat=Nöhten. Gleich wie er den halbtod-
ten Menschen / der bey Jericho vnter die Mörder gefallen / mei-
sterlich kondte ausqueicheln130 / Luc. 10.131

121
Ovid, Epistulae ex Ponto, lib. 1, carmen 3, v17 : „non est in medico semper, rele-
uetur ut aeger:“
122
Mt 9,24.
123
Joh 11,11.
124
Joh 11,25f.
125
Michael Weiße, Nun laßt uns den Leib begraben, Str. 4, Wackernagel 3, S. 332 (Nr.
395) (= EKG 174, 1): „Sein arbeit, trübsal vnd elend | jst kommen zu eim gutten ennd,
| Er hat getragenn christi joch, | jst gestorben vnd lebet noch“.
126
Lk 8,43–48.
127
Hi 19,25.
128
Jes 38,1–5.
129
Joh 5,5–9.
130
ausqueicheln] ausheilen. Mitzka 1, S. 76.
131
Vgl. Lk 10,34.
276 teil iii ‒ editionen

16. Es ist eine grosse Zierde an einem Medico, <S. 55> wenn er
wol in der Welt peregriniret vnd herumb gewandert ist / wie das
Lob D. Flaminius auch hat erjaget 132. Jn diesem Fall ist vnser
Engelländische Doctor JEsus Christus allen andern auch weit vber-
legen / Er ist herfürgewandert aus dem Hertzen des himlischen
Vaters / Johan. 1.133 vnter das keusche Hertz Mariae / Luc. 1.134 von
dannen ins Kripplin zu Bethlehem / Luc. 2.135 Bald in der Kindheit
in Egypten=Land136 / hernach wieder zu rück / gen Nazareth137 /
Endlich an den Jordan / vnd von ei= <S. 56> ner Gräntze des Jüdi-
schen Volcks zur andern / Er ist kommen auff die Hoheschul gen
Jerusalem138 / hat gantz Palestinam mit seiner Practica erfüllet. Endlich
wandert er in Oelgarten139 / magistralischen Balsam für vnsere Seele
zuzurichten / er wandert von einem Richter zum andern140 / aus der
Stadt ans Creutz141 / vom Creutz ins Grab142 / in die Helle / wider
zum Leben / vnd endlich zur Rechten der Majestät seines himli-
schen Vaters143. Ach wie viel sawrer Schritt vnnd Tritt hat jhn seine
peregrination vnnd Wanderschafft gekostet. An= <S. 57> der Medici
müssen sich alle mit jhren peregrinationibus für jhm verkriechen /
wenns gleich Galenus, Hippocrates, vnd Theophrastus selber weren.
Wer wolte nicht viel von diesem bewanderten HErren halten?
17. Wir müssen auch von seiner promotion reden. Er hat nicht
promoviret zu Pariß / sondern im himlischen Paradiß / da ist die
allerhöchste Schule. Auff der hohen Cathedra des Berges Thabor
wird er Doctor proclamiret von <S. 58> dem himlischen Vater sel-
ber / mit dem Wort: Hunc audite144. Den solt jhr hören. Huic omnes
auscultate populi praeceptori 145, singet hiervon die Prosa. Thabor heist

132
erjaget] erlangt. Vgl. Grimm, DWb 3, Sp. 861.
133
Vgl. Joh 1,18.
134
Vgl. Lk 1,31.
135
Vgl. Lk 2,7.
136
Vgl. Mt 2,13–15.
137
Vgl. Mt 2,19–23.
138
Vgl. Lk 2,41–52 u.ö.
139
Vgl. Lk 22,39.
140
Vgl. Mt 26,57ff; 27,2ff.
141
Vgl. Mt 27,31.
142
Vgl. Mt 27,57–60.
143
Hebr 1,3.
144
Mt 17,5.
145
Notkerus Balbulus, Liber sequentiarum, cap. 7, MPL 131, Sp. 1008C/D: „Patris etiam
insonuit vox pia | Veteris oblita sermonis: | Poenitet me fecisse hominem. | Vere Filius
es tu meus, mihimet | Placitus, in quo sum placatus | Hodie te, mi Fili, genui. | Huic
omnes auscultate | Populi, praeceptori.“ Text auch bei Wackernagel 1, S. 97 (Nr. 145).
valerius herberger, leichenpredigt 277

Klarberg. Auff diesem Berge wird vnser Seligmacher ein Clarissimus


Doctor / das ist der Doctorum eigner Name. Denn er wird verklä-
ret / daß sein Angesicht leuchtet als die Sonne146. Wolt jhr jhn in
seinem rohten Doctorrock sehen (das ist in hohen Schulen der
Medicorum Ehrenfarbe) so sehet jhn an am <S. 59> heiligen Creutz
/ oder bedencket / was Esa. 63 vers. 1. geschrieben stehet: Wer ist
der / so von Edom kömmet / mit röhtlichen Kleidern von Bazra
/ der so geschmückt ist in seinen Kleidern / vnnd einher tritt in
seiner grossen Krafft? Jch bins / der Gerechtigkeit lehret / vnnd ein
Meister bin zu helffen.
18. Vnser Artzt Jesus kan nicht allein einer / oder kleiner Kranck=
<S. 60> heit rahten / Sondern eine Noth ist jhme wie die ander.
Da jhm zehen aussätzige Männer auff einmal begegnen147 / da ist
jhm zehenfache Wunder thun eben so leicht148 / als wenn ein ein-
fach Vnglück fürhanden were. David war kranck im Hertzen / das
schlug vnd zittert jhm / 2. Sam. ult. v. 10.149 Jesus kan jhm helffen.
Der Gichtbrüchige hat eine krancke Seele / Matth. am 9. Jesus kan
jhn frölich machen150. Paulus klagt vber den Pfahl ins <S. 61> Fleisch
vnnd Sathans Engel151. Der Herr Jesus weis doch ein künstlich
Kühlbändlein152 herfür zu suchen: Laß dir an meiner Gnade gnü-
gen153. Bartimaeo fehlets an Augen / Luc. am 18.154 Gleich wie dem
Blinden bey Bethsaida / Marc. 8.155 Dem elenden Mann Marc. 7.
fehlets an Ohren vnd an der Zungen156. Des Cananeischen Weiblins