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Die Globalisierung der Finanzmärkte als

wirtschaftsethische Herausforderung
Das Beispiel der Asienkrise

DISSERTATION
der Universität St. Gallen,
Hochschule für Wirtschafts-,
Rechts- und Sozialwissenschaften (HSG)
zur Erlangung der Würde eines
Doktors der Wirtschaftswissenschaften

vorgelegt von

Christian Cobbers

aus

Deutschland

Genehmigt auf Antrag der Herren

Prof. Dr. Peter Ulrich

und

Prof. Dr. Mathias Binswanger

Dissertation Nr. 2976

LSD-Druck, Düsseldorf, 2005


Die Universität St. Gallen, Hochschule für Wirtschafts-, Rechts- und
Sozialwissenschaften (HSG), gestattet hiermit die Drucklegung der
vorliegenden Dissertation, ohne damit zu den darin ausgesprochenen
Anschauungen Stellung zu nehmen.

St. Gallen, den 11. November 2004

Der Rektor

Prof. Dr. Peter Gomez


Dank

Die vorliegende Arbeit ist mit der tatkräftigen und moralischen Unterstützung einer
Vielzahl von Personen entstanden. Ich möchte an dieser Stelle allen danken, die sich
für meine Arbeit interessiert haben und sich auf die eine oder andere Weise mit ihr
auseinandergesetzt haben, ohne sie alle namentlich erwähnen zu können.
Meinem Referenten, Herrn Prof. Dr. Peter Ulrich, möchte ich für die fachliche Betreu-
ung meiner Arbeit danken. Seine konstruktiv-kritischen und immer zugleich motivie-
renden Anmerkungen förderten ein produktives Arbeiten. Herrn Prof. Dr. Mathias
Binswanger danke ich für die Übernahme des Korreferats. Seine Aufgeschlossenheit
wirtschaftsethischen Darstellungen gegenüber hat mich beeindruckt.
Ferner gebührt ein Dank an die Kolleginnen und Kollegen vom Lehrstuhl für Finanz-
wissenschaft von Prof. Dr. Alfred Meier sowie an die Kolleginnen und Kollegen vom
Lehrstuhl für Rechtsgeschichte von Prof. Dr. Dr. Karl-Heinz Burmeister. Sie haben
mein fachfremdes Interesse in vielen „guten Diskursen“ begleitet. Des weiteren
möchte ich mich bei den Kolleginnen und Kollegen der Geschäftsstelle der Helm-
holtz-Gemeinschaft bedanken, die mir den nötigen Freiraum gaben, die Arbeit end-
lich abzuschliessen. Für die kritische Durchsicht des Manuskripts bedanke ich mich
bei Christian Koch.
Ein besonderer Dank gebührt schliesslich meinen Eltern und meiner Frau Aslı, die
zusätzlich zum Korrekturlesen mir mit fürsorgender Liebe zur Seite standen. Ihnen
sei diese Arbeit gewidmet.

Köln, im Herbst 2004 Christian Cobbers


Inhaltsverzeichnis
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS III
EINLEITUNG 1
1 GRUNDLAGEN EINER WIRTSCHAFTSETHISCHEN ARBEIT ÜBER DIE
GLOBALISIERUNG DER FINANZMÄRKTE 8
1.1 Einordnung des Forschungsvorhabens 8
1.1.1 Zielsetzung 8
1.1.2 Aufbau der Arbeit 10
1.1.3 Eckdaten und Definitionen 12
1.1.4 Forschungsstand oder der Einfluss angeblich wertfreier ökonomischer Analysen 14
1.2 Alternative Ansätze von Wirtschaftsethik 16
1.2.1 Korrektive Wirtschaftsethik nach Peter Koslowski 17
1.2.2 Ökonomistischer Ansatz nach Karl Homann 17
1.2.3 Integrativer Ansatz nach Peter Ulrich… 19
1.2.4 …und sein Verständnis von Legitimität 22
1.3 Handlungen und Ziele auf den Finanzmärkten 25
1.3.1 Investieren 25
1.3.2 Spekulieren 28
1.3.3 Renditemaximierung 30
1.3.3.1 Funktionalistisches Investitionsverhalten 32
1.3.3.2 Karitatives Investitionsverhalten 33
1.3.3.3 Korrektives Investitionsverhalten 34
1.3.3.4 Integratives Investitionsverhalten 36
1.4 Orte der Referenz auf den globalisierten Finanzmärkten 38
1.4.1 Der Finanzakteur als Wirtschaftsbürger 38
1.4.2 Ordnungspolitische Konzeptionen 40
1.4.2.1 Paläoliberalismus 41
1.4.2.2 Neoliberalismus 42
1.4.2.3 Ordoliberalismus 43
1.4.2.4 Integrative Ordnungsethik 44
1.4.3 Global corporate citizen 48
2 EINE SYSTEMATISCHE UND HISTORISCHE ANALYSE DER
GLOBALISIERUNG DER FINANZMÄRKTE 50
2.1 Systematische Analyse der Globalisierung der Finanzmärkte 50
2.1.1 Der Einfluss des Finanzsektors auf den Realsektor 50
2.1.1.1 Positionen in der Tradition der Neoklassik 51
2.1.1.2 Keynesianische Positionen 52
2.1.1.3 Evolutorische Perspektive (Binswanger) 55
2.1.1.4 Ungleichgewichte zwischen Real- und Finanzsektor 56
2.1.1.5 Reale Vorteile durch internationalen Kapitalverkehr? 57
2.1.2 Der Systemcharakter der globalen Finanzmärkte 59
2.1.3 Die Globalisierung (der Finanzmärkte) - Naturgesetz oder kulturelle Institution? 64
2.1.4 Die Globalisierung der Finanzmärkte als vitalpolitische Herausforderung 68
2.2 Die Globalisierung der Finanzmärkte - ein historischer Überblick 74
2.2.1 Ursprünge und Entwicklung des Kapitalverkehrs bis zur Industriellen Revolution
(Merkantilismus) 76
2.2.2 Der Kapitalverkehr nach der Industriellen Revolution (Zeitalter des Paläoliberalismus) 78
2.2.3 Die Übergangszeit zwischen den Kriegen 82
2.2.4 Die Nachkriegsordnung (Ordoliberalismus) 84
2.2.5 Die Entfesselung der Finanzmärkte 86
2.2.5.1 Devisen, Anleihen- und Aktienmärkte 86
2.2.5.2 Finanzmärkte in Südostasien 89
2.2.6 Fazit aus der Historie für die Gegenwart 94

I
3 DIE ASIENKRISE AUS SICHT DER INTEGRATIVEN
WIRTSCHAFTSETHIK 98
3.1 Das Phänomen Asienkrise 99
3.1.1 Die Situation vor Ausbruch der Krise 100
3.1.2 Der Verlauf der Krise 103
3.2 Die Dimension sozioökonomischer Grundrechte 107
3.3 Die Asienkrise - Herausforderung an ein neues asiatisches Politikverständnis 111
3.4 Erklärungsmuster zur Asienkrise 115
3.4.1 Politik der Krisenländer als Verursachungsfaktor 115
3.4.2 Marktversagen als Verursachungsfaktor 120
3.4.3 Moral hazard als Verursachungsfaktor 123
3.5 Wirtschaftsethische Aspekte der Asienkrise 126
3.5.1 Der Wettbewerb der Systeme in Asien 127
3.5.2 Transparenz 129
3.5.3 Verantwortung und Verhalten wichtiger Akteure 131
3.5.3.1 Die Macht der Spekulanten 131
3.5.3.2 Die Rolle der Rating-Agenturen 133
3.5.3.3 Die Verantwortung anderer Länder am Beispiel Japans 136
3.6 Die Rolle des Internationalen Währungsfonds in der Asienkrise 138
4 AUF DEM WEGE ZU EINER NEUEN FINANZARCHITEKTUR DER
WELTWIRTSCHAFT 146
4.1 Gestaltungsvorschläge auf dem Prüfstand der Lebensdienlichkeit 146
4.1.1 Neue Institutionen für den globalen Finanzmarkt 148
4.1.1.1 Ein „neuer“ Internationaler Währungsfonds 148
4.1.1.2 Ein lender of last resort oder „tiefe Taschen“ 149
4.1.1.3 Ein Internationaler Konkursgerichtshof 151
4.1.1.4 Eine Internationale Finanzregulierungsbehörde 153
4.1.1.5 Eine Kreditversicherungsanstalt 153
4.1.1.6 Eine Weltzentralbank und der „Globo“ 154
4.1.2 Regulierungen für den Kapitalverkehr 155
4.1.2.1 Kontrollen über die Kapitalabflüsse 156
4.1.2.2 Steuern auf Kapitalzuflüsse 157
4.1.2.3 Tobin-Steuer 158
4.1.3 Weitere Vorschläge 161
4.1.3.1 Einbezug der (privaten) Gläubiger 161
4.1.3.2 Unilaterale Massnahmen der Schwellen- und Entwicklungsländer 162
4.1.3.3 Vorschlag der G-7 Gruppe 163
4.1.3.4 Vorschlag des IMF zur Finanzarchitektur 164
4.2 Ein neues Haus für die Finanzmärkte 165
4.2.1 Die Verantwortung der Weltwirtschaftsbürger 166
4.2.2 Normen einer lebensdienlichen Gestaltung 167
4.2.2.1 Reformen für mehr Recht und Gerechtigkeit 168
4.2.2.2 Neue (Rechnungs-)Normen für eine bessere Vitalpolitik 171
4.2.2.3 Neue Ränder der globalen Finanzmärkte 173
4.2.3 Die Mitverantwortung global corporate citizen 175
5 CONCLUSIO 178
6 LITERATURVERZEICHNIS 183

II
Abkürzungsverzeichnis
(der im Text genannten internationalen Organisationen)

ADB Asian Development Bank


AMF Asian Monetary Fund
APEC Asia Pacific Economic Cooperation
ASEAN Association of Southeast Asian Nations
ATTAC Association pour une taxation des transactions financières pour l'aide
aux citoyens
BIBF Bangkok International Banking Facilities
BIS Bank for International Settlements
DIW Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung
EU Europäische Union
FSF Financial Stability Forum
IMF International Monetary Fund
MERCOSUR Mercado Commun del Cono Sur
NAFTA North American Free Trade Agreement
NGO Non-Governmental Organization
OECD Organization for Economic Cooperation and Development
UN United Nations
UNCTAD United Nations Conference on Trade and Development
UNDP United Nations Development Program
WEED World Economy, Ecology and Development
WEF Word Economic Forum
WTO World Trade Organization

III
Was die Weltwirtschaft angeht,
so ist sie verflochten.
(Kurt Tucholsky, 1931)

Einleitung
Die Diskussion über die internationale Finanzmarktarchitektur ist ein wichtiger
Teil der Debatte über Vor- und Nachteile der Globalisierung.1 Die Zahl der verfügba-
ren Meinungsäusserungen, Publikationen und politischen Erklärungen allein zum
Thema Globalisierung der Finanzmärkte hat in den letzten Jahren stark zugenom-
men und ist kaum noch überschaubar.2
Ökonomische Globalisierung bedeutet zunächst, „…dass die Länder in der Welt
wirtschaftlich zusammenwachsen, die Verflechtung der Märkte enger wird und die
Mobilität der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital über nationale Grenzen hinweg
zunimmt.“3 Die Globalisierung der Finanzmärkte bezieht sich folglich auf die Mobilität
des Produktionsfaktors Kapital sowie das Zusammenwachsen resp. die Verflechtung
der nationalen zu globalen Kapital-Märkten4.
Die zunehmende Intensität der Diskussion um die Globalisierung der Weltwirt-
schaft und insbesondere um die der Finanzmärkte korreliert mit der weltwirtschaftli-
chen Integration der letzten Jahrzehnte. Der Aussenhandel expandierte stärker als
die gesamte Wirtschaftsleistung. Die Direktinvestitionen zogen wiederum schneller
als der Aussenhandel an. Die internationale Kapitalverflechtung stieg - gemessen an
grenzüberschreitenden Portfolioinvestitionen oder auch der Marktkapitalisierung in-
ternationaler Finanzmärkte - besonders schnell an.5
Trotz deutlicher Zunahme der Debatte wurde die normative Dimension der Glo-
balisierung der Finanzmärkte kaum explizit thematisiert.6 Obwohl dieses Phänomen
seit den 1980er Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen hat und immer stärker
auch das realwirtschaftliche Geschehen beeinflusst, hat ein grundlegendes Nach-
denken über Sinn und Zweck der wachsenden internationalen Verflechtung der Fi-
nanzmärkte und über Legitimität und Zumutbarkeit der Auswirkungen gerade erst
begonnen. Die Dimension des Kapitals, das täglich um den Globus zirkuliert, zwingt

1
Einen ersten Überblick über die in der Literatur und insbesondere im Internet ausgetragene De-
batte über Globalisierung im allgemeinen und die Globalisierung der Finanzmärkte im speziellen
bietet die Internet-Seite zur Globalisierung des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel unter:
http://www.uni-kiel.de/ifw/zbw/dienstleist/econselect/mi_finanzmarkt.htm.
2
Die Kombination der Stichworte ‚Globalisierung’ und ‚Finanzmärkte’ ergibt bei Google über 60.000
Treffer. Die Kombination der englischen Übersetzungen ‚globalization’ resp. ‚globalisation’ und ‚fi-
nancial markets’ ergibt über 250.000 Treffer.
3
Donges (1998: 1).
4
Vgl. zur Definition von Kapitalmärkten Kap. 1.1.3.
5
Vgl. Fels (1997: 2f.), der sich auf Daten des Internationalen Währungsfonds (IMF) und der
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beruft.
6
Wichtige Beiträge zum Thema Weltwirtschaftsethik - Globalisierung auf dem Prüfstand der Le-
bensdienlichkeit finden sich in dem gleichnamigen Sammelband von Maak/Lunau (1998). Eine
Prüfung der Finanzmärkte erfolgt aber nur ansatzweise. Vgl. Maak (1998: 22ff.).

1
aber dazu, diese Auswirkungen zu analysieren und recht(-zeitig) zu handeln, um ge-
gebenenfalls Veränderungen der Strukturen und Prozesse der Finanzmärkte einzu-
leiten.
Die letzten 25 Jahre lassen sich zunächst einmal als eine Phase der Liberalisie-
rung der Finanzmärkte bezeichnen. Aus theoretischer (neoklassischer) Sicht war
dies mit Hoffnungen auf eine Effizienzverbesserung (für wen?) verknüpft. Ziel war
das Zurückdrängen sachfremder politischer Eingriffe in Märkte sowie die Steigerung
der Markteffizienz durch Marktöffnung, erhöhte Markttiefe und erweiterte Marktbrei-
te.7 Ein marktgläubiger Chiliasmus8 liess sich in Ost und West feststellen.9
In der Tat kommt ein globaler Finanzmarkt frei von staatlichen Eingriffen dem
theoretischen Idealmodell der Neoklassik ziemlich nahe. Dessen Verwirklichung
scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, seitdem Innovationen in der Kommuni-
kationstechnologie die einzelnen Finanzplätze noch schneller verbinden und weltweit
Kapital praktisch ohne Transaktions- und Informationskosten gehandelt werden
kann. Kapital ist gegenwärtig international wesentlich mobiler als noch vor wenigen
Jahrzehnten, und es gibt Hinweise darauf, dass der Grad der Kapitalmobilität weiter
zunimmt.10 Heutzutage kann Kapital auf sich international verändernde Standortbe-
dingungen ohne Zeitverlust reagieren. Eine Verbesserung der Bedingungen in einem
Land zieht folglich internationales Kapital in Milliardenhöhe an, hingegen tritt bei ei-
ner Verschlechterung genau das Gegenteil ein, es kommt zu massivem Abzug von
Kapital. Die Länder stehen um die internationalen Kapitalströme gleichsam wie Un-
ternehmen im Wettbewerb.11 Wenn sich die Zukunftserwartungen eines Landes aus
der Sicht der internationalen Finanzakteure12 verschlechtern und/oder andere Länder
ihre komparativen Standortbedingungen spürbar verbessern, so kann es innerhalb
kürzester Zeit zu massiver Kapitalflucht und als Ergebnis davon zu grossen Auswir-
kungen für die Bevölkerung in dem jeweiligen Land kommen. Die Prozesse des in-
ternationalen Finanzsystems disziplinieren die nationalen Instanzen der Wirtschafts-
und Währungspolitik, weil die politisch Verantwortlichen die Renditeerwartungen na-
tionaler und internationaler Investoren sowie internationaler Institutionen erfüllen
möchten, manchmal sogar erfüllen müssen.13 Diese müssen darauf achten, dass die
immensen Kapitalbewegungen, vor allen Dingen die massive Spekulation des inter-
nationalen Devisenhandels,14 die Währung ihres Landes nicht destabilisieren. Eine
Stabilisierung der Währung ist aus Gründen der Inflationsbekämpfung notwendig und

7
Vgl. Stiglitz (2002: 196).
8
Lehre von der Erwartung der Wiederkunft Christi bzw. des 1000-jährigen Reiches.
9
So ist die forcierte Liberalisierung einiger Finanzmärkte in Asien auf den Marktfundamentalismus
einflussreicher Gruppen zurückzuführen. Vgl. Nidhiprabha (2003: 40).
10
Für eine ausführliche Darstellung der theoretischen und empirischen Debatte zu diesem Thema
vgl. Buch/Pierdzioch (2001).
11
Vgl. Sinn (1997); ders. (2002).
12
Kollektivbezeichnungen mit männlichem Geschlecht sollen in der gesamten Arbeit das weibliche
Geschlecht der Kürze halber ohne gesonderte Erwähnung einschliessen.
13
Dazu zählen die Auflagen des Internationalen Währungsfonds, vgl. Nunnenkamp (2002: 16f.).
14
Vgl. Soros (1998). George Soros hat 1992 bei seinen Attacken gegen das britische Pfund gezeigt,
dass gezielte spekulative Attacken auf eine Währung, zu deren Abwertung führen kann.

2
Bedingung für ein günstiges Zinsniveau, das die häufig benötigten ausländischen
Investitionen anzieht. Im günstigen Fall werden Arbeitsplätze geschaffen, im un-
günstigen Fall werden Arbeitsplätze durch ausländisches Kapital wegrationalisiert.15
Eine schwache Währung und Misserfolge in der Inflationsbekämpfung hingegen
schlagen direkt auf die Güter produzierende und Dienstleistungen erbringende Real-
ökonomie durch.16
Sind am Anfang bei der Allokation von Kapital noch gute Dienste geleistet wor-
den und ist Kapital dorthin geflossen, wo es benötigt wurde und eine langfristig hohe
Produktivität hatte,17 so hat sich mittlerweile die Kapitalallokation von diesen Mecha-
nismen gelöst und verselbständigt. Die Akteure lassen sich von kurzfristigen Interes-
sen leiten und die Kapitalströme fliessen „ungeordnet“ in Märkte hinein und aus
Märkten heraus. Investitionen müssen nicht mehr sinnvoll sein. Sie sind selbst fragil
geworden, da sie auf kurzfristigem Kapital beruhen. Zurzeit beläuft sich der Tages-
umsatz des kurzfristigen Kapitals, das elektronisch um den Erdball kommuniziert
wird, auf weit über 1 Billion (1000 Mrd.) USD. Charakteristisch für dieses Geld ist es,
höchst abstrakt zu sein.18
Je abstrakter Geld ist, desto vergänglicher ist es, was unter anderem die hohe
Panikneigung der Beteiligten erklärt. Dennoch: Es scheint, dass die meisten Akteure
fast zwanghaft nach Möglichkeiten suchen, die einen Gewinn versprechen, sei er
noch so gering, und sich zugleich ein Höchstmass an „Fluchtwegen“ offen halten.19
Durch diese Art Zwang bedingt, hat sich die internationale financial community im
Verlaufe der Jahre offensichtlich in eine immer problematischer werdende Konstella-
tion hineinmanövriert.
In der jüngeren Vergangenheit ist es daher zu einigen schwerwiegenden Krisen
auf den internationalen Finanzmärkten gekommen wie die lateinamerikanische Te-
quilakrise 1995 und insbesondere die Krise in Asien und ihre Folgekrisen in anderen
emerging markets seit 1997 sowie die Krise in Argentinien im Jahre 2002. Nicht zu
vergessen sind die Milliarden Dollar, die - zumindest auf dem Papier -, vernichtet

15
Dies ist bereits in Südkorea und entwickelteren Ländern Südostasiens der Fall gewesen. Vgl. für
Südkorea Ariff/Khalid (2000: 64f.).
16
Ein empirisches Beispiel dafür ist die Wirtschaftskrise der Türkei des Jahres 2001 mit einem Ver-
fall der türkischen Lira, einem starken Rückgang des BIP und einem steilen Anstieg der Arbeitslo-
sigkeit.
17
Vgl. Buch/Heinrich/Pierdzioch (2001: 10f.).
18
Vgl. Machetzki (1999: 30). Osterhaus und Waldow (2000) zitieren für die Zeit der Asienkrise 1997
Daten der Bank für den Internationalen Zahlungsausgleich (BIS), denen zufolge 1,5 Billionen USD
täglich an Devisenreserven auf den Märkten gehandelt werden. Dies sind jedoch ganz unter-
schiedliche Zahlungsströme, und nicht rein spekulativer Natur – im Sinne von ungehedgten Posi-
tionen, sondern auch Arbitragegeschäfte, Absicherungsgeschäfte und Finanzierungsgeschäfte für
internationale Kapitelströme und Aussenhandel. Donges (2003: 81). Vgl. für eine Zusammenset-
zung der internationalen Kapitalströme Buch/Heinrich/Pierdzioch (2001: 4ff.).
19
Hinzu kommt der Effekt einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung, bei der die erste Andeutung
einer vermeintlichen Krise Handlungen auslöst, die in der Aggregation dazu führen, dass die Be-
fürchtungen bestätigt werden. Wer nicht schnell handelt, um sein Kapital in Sicherheit zu bringen,
wird durch hohe Verluste bestraft. Handelt er individuell erfolgsorientiert, trägt er zur Krise unwei-
gerlich bei. Vgl. Krugman (1996).

3
wurden, als im Frühjahr 2000 an den Aktienmärkten die Kurse, insbesondere von
Internet-, Technologie- und Telekommunikationsfirmen, drastisch einbrachen und die
(zu) kühnen Erwartungen in die so genannte New Economy auf dem Boden der wirt-
schaftlichen Realität zerplatzten.
Die Asienkrise20, die im Sommer 1997 von Thailand ausging, kam völlig unerwar-
tet und war von einer aussergewöhnlichen Reichweite und Heftigkeit. Ihr Ausmass
hat Investoren und Politiker auf der ganzen Welt erschüttert. Die Auswirkungen der
Krise waren global spürbar, weil das Geschehen die gesamte Weltwirtschaft, Indust-
rie-, aber auch Entwicklungsländer getroffen hat.21
Eine Vielzahl scheinbar voneinander unabhängiger Ungleichgewichte wurde
wirksam. Die Finanzmärkte strebten einem neuem „Gleichgewicht“22 entgegen wie
eine „Abrissbirne“23, die von Land zu Land schwang, schwächere Märkte zusam-
menbrechen liess und die Fundamentaldaten grundlegend veränderte. Die Resultate
dieses Prozesses standen in keinem Verhältnis zu den auslösenden Faktoren.
Die Krise in Asien hat deutlich gemacht, in welchem Ausmass und wie schnell
Preisänderungen mit gesellschaftlichen Auswirkungen verbunden sind. Länder wie
Indonesien waren davon realwirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich in ein-
schneidender Weise betroffen. Während das internationale Kapital, das die Länder
Südostasiens fluchtartig verliess, teilweise ohne Schaden davon kam, wurden Klein-
unternehmer und Arbeitnehmer in den Krisenländern existenziell geschädigt. Regie-
rungen stürzten und die öffentliche Ordnung brach teilweise zusammen.24 Diese
Konsequenzen werfen Fragen nach der ethischen Qualität der Weltwirtschaftsord-
nung, speziell hinsichtlich der weitgehend deregulierten Finanzmärkte, und nach der
Verantwortung vor allem grosser Investoren auf.

20
In der Literatur finden sich zahlreiche alternative Begriffe zur Asienkrise, die zum Teil schon ein
Licht auf die normative Einstellung der Analysierenden werfen. So sprechen einige von asiatischer
Finanzkrise, um den finanziellen Aspekt zu betonen, andere von asiatischer Krise, um das Kultu-
relle, Asiatische in den Vordergrund zu stellen. Manchmal wird von Krisen gesprochen, um die un-
terschiedlichen Entwicklungen der betroffenen Länder und deren generelle Verschiedenheit zu be-
tonen. Wiederum andere benutzen den Begriff asiatische Wirtschaftskrise, weil aus ihrer Sicht ü-
ber die Wirtschaft hinaus kaum Lebensbereiche betroffen waren. Vgl. Rieger (2000: 17).
21
Im Oktober 1997 griff die Krise auf Lateinamerika über. Auch hier begannen Investmentfonds und
Anleger in grossem Umfang Portfolioinvestitionen abzuziehen und brachten damit die Währungen
in Lateinamerika ins Rutschen. Durch die Ansteckung Lateinamerikas wurden die Wachstums-
aussichten der USA, Australien, Neuseelands und anderen OECD-Ländern beeinträchtigt, so
dass das erhoffte Wachstum der Exporte in den Krisenländern nur langsam oder gar nicht einsetz-
te. Dies hatte wiederum Auswirkungen auf die Gewinnerwartungen in den Unternehmen. Weltweit
gaben die Börsenkurse Zug um Zug nach und verschärften die Krise in Asien durch negative
Rückkoppelungen. Vgl. Amelung (2000: 131).
22
In der ökonomischen Theorie wird in Zusammenhang mit Märkten häufig der Begriff des Gleich-
gewichts für einen stabilen Zustand verwendet. Ein Gleichgewicht liegt dann vor, wenn bei gege-
benen Parameterwerten keine Veranlassung besteht, einen einmal erreichten Stand aufzugeben,
wenn also die von den Einzelwirtschaften (Investoren, Unternehmen, Staat) unter diesen Bedin-
gungen erwarteten Grössen mit den faktischen übereinstimmen.
23
Soros (2001: 227).
24
Vgl. Kap. 3.2.

4
In der Sprache von Finanzmarktakteuren lässt sich das Phänomen Asienkrise mit
folgenden Worten umschreiben: Der Selbstlauf der gewaltigen cyberspace -
Kapitalien blies nach und nach eine riesige bubble auf, die 1997 schliesslich an ihrer
schwächsten Stelle platzte, und diese Stelle war in Asien.25
Dass Ökonomen diesem Phänomen zunächst hilflos gegenüberstanden, zeigt die
Aussage Paul Krugmans:
“So what is going to happen to Asia now? Let me let you in on a secret: I don’t really
know. (...) But what isn’t a secret, of course, is that nobody really knows what comes
next. (...) Anyone who claims to fully understand the economic disaster that has over-
taken Asia proves, by that very certainty, that he doesn’t know what he is talking about.
26
(...) The truth is that we have never seen anything quite like this.”

Auch wenn kein „volles Verständnis“ der Zusammenhänge vorhanden war, die
Asienkrise und die anderen Krisen hätte ohne die Globalisierung und die Existenz
internationaler Finanzmärkte27 nicht stattgefunden. Neuere Autoren sind sich weitge-
hend einig, dass die Asienkrise nur durch die neuartigen, massiven Kapitalbewegun-
gen möglich war.28
Diese Ereignisse auf den Finanzmärkten und die zum Teil überstürzte Deregulie-
rung des Kapitalverkehrs scheinen das Primat der Politik vor der Logik des Marktes29
ausgesetzt zu haben. Es scheint, dass die Kontrolle über die Finanzmärkte den Poli-
tikern und Finanzakteuren aus der Hand geglitten ist.
Die längerfristig wohl folgenschwerste Lehre dürfte daher aus der Erkenntnis zu
ziehen sein, dass die Globalisierung der internationalen Finanzwelt Instrumente in
die Hände gegeben hat, die sie nicht mit Verstand zu benutzen wusste. Zweifel an
der reinen Marktwirtschaft werden angemeldet.30 Die Forderung nach einer Neu-
gestaltung der internationalen Finanzarchitektur wird lauter.31
Globalisierung bedeutet nicht die Übertragung westlichen Gedankenguts, wie die
des Laisser-faire-Gedankens, auf die gesamte Menschheit. Tendenzen zu einem
globalen Laisser-faire sind eine Phase in der Geschichte der entstehenden Weltwirt-
schaft, nicht ihr Endpunkt.32 Schon beim Klassiker Adam Smith, auf den sich viele
Marktapologeten berufen, kommt dem Staat eine wichtige Rolle zu, insbesondere in
seiner Funktion, Rechtsstaatlichkeit zu gewährleisten.33 Ohne diese lasse sich nicht
von der allgemeinen Nützlichkeit von Marktmechanismen ausgehen. Gegen ein Lais-
ser-faire spricht auch, dass der Markt zu seiner Verwirklichung einer Rahmenord-

25
Vgl. Machetzki (1999: 32).
26
Krugman (1998b).
27
Vgl. zur Definition von internationalen Finanzmärkten Kap. 1.1.3.
28
Vgl. exemplarisch Menkhoff (2000) und die dort angegebene Literatur.
29
Ulrich (2001: 334). Dies ist die ordnungsethische Grundforderung der von Peter Ulrich entwickel-
ten Integrativen Wirtschaftsethik. Vgl. Kap. 1.4.2.4.
30
Vgl. Bhagwati (1998).
31
Vgl. Schubert (2000a: 6).
32
Vgl. Fukuyama (1992).
33
Vgl. Smith (1978), der nach Ulrich (1995: 44ff.) eher als Stammvater der Ordoliberalen denn der
Neoliberalen gelten kann.

5
nung bedarf.34 Unberührt davon bleibt die normative Einbindung solcher Güter wie
der Schutz der sozialen Sicherheit. Durch letzteren akzeptieren auch die ‚Verlierer’
einer Marktgesellschaft diese Ordnung. Dafür standen bis in die 1970er Jahre der
Staat und die Soziale Marktwirtschaft als Erfolgsmodell. Es stellt sich heute die Fra-
ge, ob der Nationalstaat noch in alter Art und Weise seine Funktion als Garant solch
einer Ordnungspolitik wahrnehmen kann.
Um dem globalen Laisser-faire zu begegnen, gehört es daher in der derzeitigen
Umbruchphase der Weltwirtschaft zu den wichtigsten Herausforderungen, ein sozia-
les Marktmodell auf politischer und nicht rein marktwirtschaftlicher Ebene zu kon-
struieren. Die Hauptgefahr einer Globalisierung, die bar jeder politischen Regel vor-
angetrieben wird, liegt in der „Verunsicherung“35 und in der sozialen wie politischen
Destabilisierung eines immer grösseren Teils der Menschheit. Folglich ist es in der
heutigen Zeit eines der dringlichsten Probleme zu klären, ob oder inwieweit das ord-
nungsethisch unerlässliche Primat der Politik vor dem globalen (Finanz-)Markt fak-
tisch überhaupt noch besteht und wie es gegebenenfalls wieder (global) durchge-
setzt werden kann.
Der „globalisierte“ Markt soll Monopolrenten, Beschränkungen und Zwänge auf-
heben. In verschiedenerlei Hinsicht mag dies auch gelungen sein, doch manche ge-
wonnene Freiheit stiess an neue Grenzen. Aufgehobene Hindernisse und Einschrän-
kungen haben neue, oft noch grössere an ihre Stelle treten lassen.36 Francis Bacons
Einsicht, dass man die Welt der Natur nur beherrschen kann, wenn man ihr ge-
horcht37, haben viele Akteure auf den internationalen Finanzmärkten für obsolet
gehalten. Erst nachdem realwirtschaftliche Auswirkungen wie Massenarbeitslosigkeit
als Folge ihrer Entscheidungen und Handlungen nicht mehr zu übersehen waren,
stellten viele ihr altes Weltbild in Frage.38 Die instrumentelle Rationalität des Marktes
habe die dienende Funktion verloren und nicht mehr die Akteure, sondern der „ent-
fesselte“39 Finanzmarkt bestimme den Zweck oder sei gar zum Selbstzweck gewor-
den, lauten nun die Erkenntnisse. Anders ausgedrückt: Nicht mehr die Menschen,
sondern der Markt gibt die Ziele vor.
Schien kurz vor dem Jahrtausendwechsel der Sieg des Marktes über den Staat
vielfach hingenommen zu werden, so hört man seit Anfang des 21. Jahrhunderts un-
gewohnte Stimmen40, dass das Pendel zu weit ausgeschlagen sei und wieder zurück

34
Vgl. Eucken (1975).
35
Altvater/Mahnkopf (2002).
36
Vgl. zu den Chancen und Risiken der Globalisierung der Finanzmärkte, insbesondere für die Län-
der Asiens Menkhoff (2000: 55ff.).
37
Bacon (1982: 41).
38
Bestes Beispiel dafür ist der Grossspekulant Soros, Leiter einer der prominentesten Hedge-Fonds
der Finanzindustrie, der nach der Asienkrise mit Büchern wie „The Crisis of Global Capitalism“
(1998) und „Open Society. Reforming Global Capitalism“ (2000) einer marktfundamentalistischen
Position abschwor.
39
Bryan/Farrell (1997).
40
Besonderes erwähnenswert sind, neben dem bereits genannten Soros, Joseph Stiglitz (2002),
ehemaliger Chefökonom der Weltbank und John Gray (1999), früherer Berater der Regierung von
Margaret Thatcher.

6
in Richtung einer grösseren Einflussnahme der Politik schwingen müsse.41 Daher
sollten Ideen gefunden werden, wie in einer immer mehr wirtschaftlich zusammen-
wachsenden Welt die Politik wieder an Einfluss gewinnen kann.
Zunächst erfordert die Globalisierung der Finanzmärkte eine Globalisierung der
Normen, die in einem globalen Markt Geltung haben sollen. Normen der Finanzmärk-
te können heute aufgrund der Globalität des Kapitals keine Normen des nationalen
Marktes mehr sein. Die Analyse und das Verstehen der Globalisierung der Finanz-
märkte ist eine Aufgabe der (Welt-)Wirtschaftsethik.42 Bewertungskriterien können
sich aber weder aus einer vornehmlich ökonomisch begriffenen Globalisierung selbst
ergeben, noch sind sie naturgegeben.43
Auch die Asienkrise kann mit herkömmlichen ökonomischen Werkzeugen nicht
hinreichend analysiert werden. Ihre globale Dimension lässt sie in einer neuartigen
Perspektive erscheinen, die grösste Herausforderungen an das weltwirtschaftliche
Ordnungsvermögen stellt. Sie hat gezeigt, wie institutionell unfertig die globale Ord-
nung ist und wie leicht sie in Teilen oder im Ganzen aus der Balance geraten kann.
Sie kann als eine Art Präzedenzfall eines völlig neuen Typus von Krisen gelten, de-
ren Entstehen dem grossen weltwirtschaftlichen Trend zur Globalisierung zuzu-
schreiben sind.
Immer lauter werden die Stimmen, die konstatieren, dass die Geister, die gerufen
wurden, sich verselbstständigt haben und ausser Kontrolle geraten sind.44 Die globa-
len Finanzmärkte sollen wieder eingebettet werden in eine wohlgeordnete Gesell-
schaft freier Menschen.45
Dazu möchte diese Arbeit durch eine kritische Analyse dieser Ereignisse und
Entwicklungen sowie mit einem eigenen Vorschlag zur Gestaltung der internationa-
len Finanzarchitektur einen Beitrag leisten: Die Globalisierung der Finanzmärkte wird
als wirtschaftsethische Herausforderung ernst genommen.

41
Sogar der wirtschaftsliberale Economist hielt schon 1997 die Positionen von Reagan und Thatcher
nicht mehr für adäquat und plädierte für eine neue Rolle des Staates. Vgl. The Economist vom
18.09.1997: „The visible hand“.
42
Vgl. Koslowski (1997c).
43
Vgl. Maak/Lunau (1998: 11f.).
44
Stimmen, die sich kritisch mit der Globalisierung (der Finanzmärkte) auseinander setzen, sind in
Deutschland Martin und Schumann (1996), Ehrenberg (1997) oder auch Lafontaine und Müller
(1998). Vor dem Hintergrund der Globalisierung beschwor Rifkin (1995) „Das Ende der Arbeit“ und
Forrester (1997) sah den Schrecken in der Ökonomie. Aus den USA sorgten ferner Wirtschafts-
wissenschaftler wie Rodrik (2000) oder Luttwark (1999) mit ihren globalisierungskritischen Analy-
sen für Aufmerksamkeit. Einen grossen Einfluss hat die Bewegung Association pour une taxation
des transactions financières pour l'aide aux citoyens (Attac). Vgl. www.attac-netzwerk.de oder
www.attac.org.
45
Vgl. Ulrich (2001: 335).

7
Es ist überall nichts in der Welt,
ja überhaupt auch ausser derselben zu denken möglich,
was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden,
als allein ein guter Wille.
(Immanuel Kant 1785)

1 Grundlagen einer wirtschaftsethischen Arbeit über die


Globalisierung der Finanzmärkte

1.1 Einordnung des Forschungsvorhabens

1.1.1 Zielsetzung
Die vorliegende Arbeit reiht sich in die Arbeiten ein, die kritisch die Grundlagen
der ökonomischen Vernunft der Globalisierung46 analysieren, deren Problematik
nicht zuletzt durch die Asienkrise deutlich geworden ist. Diese Arbeiten gehen über
die reine ökonomische Analyse der zunehmenden Globalisierung und weltweiten In-
tegration der Finanzmärkte hinaus. Sie stehen im Gegensatz zu den Untersuchun-
gen, die der reinen ökonomischen Logik verhaftet bleiben.47
Die vorliegende Arbeit möchte aber nicht nur die politische Dimension der Globa-
lisierung der Finanzmärkte48 sowie den Ruf nach „neuen Spielregeln“ für das Zu-
sammenleben der Menschen analysieren.49 Ziel dieser Arbeit ist vielmehr die Erwei-
terung des Blickfeldes über eine ökonomische und politische Analyse hinaus ins
Normative. Nur eine integrierte, ethisch-politische, praktisch-philosophische sowie
ökonomische Betrachtung der internationalen Finanzmärkte verhindert, dass ent-
scheidende Sachverhalte unzureichend und verkürzt erklärt werden. Somit steht
nicht die ökonomische Effizienz von wirtschaftspolitischen Entscheidungen im Vor-
dergrund, sondern, ob die gegenwärtige Ordnung der internationalen Finanzmärkte
sowie Vorschläge zu deren Verbesserung einer kritisch-ethischen Grundlagen-
reflexion der ökonomischen Vernunft standhalten können. Anders ausgedrückt: The-
oretische wirtschaftsethische Argumente werden mit der Realität der Finanzmärkte
resp. mit den realwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten in den be-
troffenen Ländern der Asienkrise in Verbindung gebracht.
46
Eine weitere Darstellung über die Grenzen der Globalisierung ist, neben den in der Einleitung
erwähnten Titeln, die Veröffentlichung von Altvater/Mahnkopf (1996). Einen breiten Überblick über
„Die Facetten der Globalisierung“ geben auch die Aufsätze in der gleichnamigen Publikation von
Steger (1999).
47
Frühe deutschsprachige Arbeiten zur Globalisierung der Finanzmärkte sind Wichmann (1992),
Fischer/Reszat (1996) oder Büttner/Hampe (1997), die vor der Asienkrise erschienen sind. Unter
dem Eindruck der Asienkrise ist die Arbeit von Siebert (1998) zu erwähnen. Alle begnügen sich
aber mit Erklärungsversuchen in Kategorien der ‚rein’ ökonomischen Logik.
48
Vgl. dazu den Schlussbericht der Enquete-Kommission des deutschen Bundestages (2002): Glo-
balisierung der Weltwirtschaft. Herausforderungen und Antworten.
49
Vgl. Fleischhauer et al. (2001). Detailfragen, beispielsweise die Erhellung der kulturellen Hinter-
gründe, der von der Asienkrise betroffenen Länder, werden aber nur gestreift. In diesem Kontext
fällt häufig der Ausdruck „Asiatische Werte“. Vgl. Kap. 3.3 sowie auch vor dem Hintergrund der A-
sienkrise die Debatte in Kieserling (2001).

8
Darum wird auch anders als in „klassischen“ Arbeiten zunächst die Frage geklärt,
ob die gemachten Vorschläge zur Reform der internationalen Finanzarchitektur50 für
eine vitalpolitische Gestaltung sinnvoll sind und erst danach, wie effizient sie für eine
moderne, komplex und arbeitsteilig organisierte (Welt-)Wirtschaft sind.51 Vital bedeu-
tet dabei, was das menschenwürdige Leben fördert.52 Vitalpolitisch ist eine Ord-
nungspolitik dann, wenn sie ihre Legitimation aus ihrer Human-, Sozial- und Umwelt-
verträglichkeit bezieht.53 Kaum einer dieser Verbesserungsvorschläge ist bisher über
ökonomische Kriterien hinaus analysiert worden.54
Diese Arbeit geht von der bereits in der Einleitung erhobenen Forderung aus,
dass der (globale Finanz-)Markt wieder in die Politik integriert werden soll. Um dieser
Forderung gerecht zu werden, wird von der Hypothese ausgegangen, dass einerseits
die bisherigen Analysen und Ursachenforschungen zur Asienkrise und andererseits
die Ideen und Vorschläge zur neuen Finanzarchitektur auf normativen Einstellungen
beruhen, die mit Hilfe des von Peter Ulrich entwickelten Ansatzes der Integrativen
Wirtschaftsethik aufgedeckt und kritisch durchleuchtet werden können. Auf dieser
Grundlage sollen Ideenstränge unterschieden werden, die seit der Herausbildung
eines globalen Finanzmarktes bis zu den Vorschlägen für eine neue Finanzarchitek-
tur immer wieder in Erscheinung traten. Die so gewonnenen Erkenntnisse sollen hel-
fen, die Debatte in Richtung neuer, vitalpolitisch sinnvoller Vorschläge zu lenken, die
dem Primat der Politik vor der Logik des Marktes gerecht werden. Ein Vorschlag, der
dieses Kriterium erfüllt, wird am Ende dieser Arbeit entwickelt.
Diese Arbeit, verstanden als Beitrag zur Diskussion über die zukünftige Gestal-
tung der internationalen Finanzmärkte, setzt darauf, dass in einem wissenschaftli-
chen Diskurs nur der eigentümliche Zwang des besseren Arguments gelten kann.55
Das am Ende vorgeschlagene Konzept soll in erste Linie Denkblockaden lösen und
nachfolgende Diskussionen mit neuen Ideen befruchten. Hauptsächlich soll diese
Arbeit eine wirtschaftsethische Orientierungshilfe sein bei der Neugestaltung der Fi-
nanzarchitektur durch die Betroffenen, indem sie auf kritische Punkte hinweist. Der
hier ‚angewendete’ Ethikansatz möchte „…nicht bevormunden, sondern Wege wei-
sen“.56 Darum wird in erster Linie nicht festgelegt, was „gut“ oder „schlecht“ ist, viel-
mehr werden Kriterien bestimmt, wie das „Gute“ gefunden werden kann.

50
Einen guten Überblick über Vorschläge gibt Eichengreen (1999), der diese aber auch nur „öko-
nomisch“ prüft.
51
Vgl. Ulrich (2001: 334).
52
So Rüstow, der in diesem Zusammenhang von ‚vita humana’ spricht. Vgl. Rüstow (1961: 68).
53
Ulrich (2001: 338).
54
Eine Ausnahme ist Wettstein (2001).
55
Habermas (1971: 137). Vgl. zum Argument in der Diskurstheorie ders. (1991).
56
Pieper (1991: 16).

9
1.1.2 Aufbau der Arbeit
Im ersten Teil der Arbeit wird in Abgrenzung zu anderen wirtschaftsethischen An-
sätzen die Integrative Wirtschaftsethik vorgestellt. Anhand ihrer Topologie57 werden
Handlungen und Ziele (Investieren, Spekulation, Renditemaximierung) auf den (in-
ternationalen) Finanzmärkten analysiert und somit ihre grundlegende Vorgehenswei-
se und ihr vernunftethischer Ansatz verdeutlicht. Sie dient auch als Heuristik58 für die
nachfolgenden drei Schwerpunkte der Arbeit. Die Verwendung der Integrativen Wirt-
schaftethik als Heuristik heisst konkret, dass mit deren Kategorisierung bestimmter
Denkmuster der Wirrwarr an Erklärungen, Kommentaren und Vorschlägen von politi-
schen und wirtschaftlichen Akteuren sowie Ökonomen zu ordnen und zu analysieren
möglich wird. Die Arbeit soll damit zu einer Art Orientierungshilfe werden. Ähnlich wie
Max Planck und seine Schüler für Phänomene der Quantenmechanik eine neue
Theorie entwickelten, wird zur Entschlüsselung von Phänomenen des komplexen
Systems der Globalisierung der Finanzmärkte die „neue Theorie“ der Integrativen
Wirtschaftsethik angewandt.
Der zweite Teil ist eine kritische Bestandsaufnahme der Grundstrukturen (der
Globalisierung) der Finanzmärkte. Ausgehend von einem systematischen Überblick
über den Zusammenhang zwischen Realgüter- und Finanzmarkt in verschiedenen
ökonomischen Theorien wird der „Systemwettbewerb“59 der internationalen Finanz-
märkte einer Analyse unterzogen. Anschliessend wird gezeigt, dass hinter der Globa-
lisierung hin zu einem einzigem weltweiten Finanzmarkt kein Sachzwang steckt,
vielmehr Normen und Wertordnungen, die unausgesprochen das Handeln bestim-
men. Letztlich wird in diesem systematischen Teil die Herausforderung an die Politik,
die Finanzmärkte wieder zu (re-)integrieren, aufgezeigt. Ergänzt wird die systemati-
sche Analyse durch eine historische Herangehensweise, die das „Fesseln und Ent-
fesseln“60 der Finanzmärkte durch bestimmte Gruppen und ihre Ideologien in ver-
schiedenen Perioden der Weltwirtschaftsgeschichte sowie in mehreren Ländern Asi-
ens in der Gegenwart zeigt.
Um die Diskussion über Krisen an den Finanzmärkten exemplarisch darzustellen,
wird die Asienkrise gewählt, die inzwischen gut dokumentiert und am häufigsten von
Politik, Wirtschaft und Wissenschaft aus der je eigenen Perspektive kommentiert
wurde.61 Sie stellt einen Höhepunkt der Fehlentwicklung der Globalisierung der Fi-

57
Die wirtschaftsethische Topologie ist die Lehre von den „Orten“ der Moral des Wirtschaftens. Vgl.
Ulrich (2001: 285).
58
Den ersten Versuch die Integrative Wirtschaftsethik als Heuristik anzuwenden unternimmt Ulrich
selbst. Sein Beitrag zur Technikethik zeigt die Möglichkeiten der Integrativen Wirtschaftsethik,
auch andere Felder kritisch zu analysieren. Vgl. Ulrich (1998).
59
Sinn (1997).
60
Bryan/Farell (1996).
61
Einen umfangreichen Überblick über Publikationen findet sich auf der Homepage von Nouriel
Roubini. www.stern.nyu.edu/~nroubini. Das Literaturverzeichnis auf dieser wohl ergiebigsten In-
ternetseite zur Krise umfasst über 70-Seiten und weit über 1000 Artikel und Aufsätze.

10
nanzmärkte dar62 und spiegelt konzeptionelle Schwächen der heutigen Weltwirt-
schaftsordnung wider.63 In ihrem Nachgang hat die Diskussion über die Gestaltung
der Rahmenordnung der globalen Finanzmärkte den Weg aus der Fachwelt der
Ökonomen über die Politik hinein in die Öffentlichkeit gefunden.64 Nach einer Be-
schreibung der Krise, insbesondere ihrer Folgen, bildet eine wirtschaftsethische Ana-
lyse, insbesondere der Interpretationen über ihre Ursachen, einen Kernpunkt des
dritten Teiles der Arbeit. Dabei wird auch die Rolle des Internationalen Währungs-
fonds (IMF) kritisch erhellt.65
Den vierten Teil bilden die Analyse der Gestaltungsvorschläge zu einer neuen Fi-
nanzarchitektur sowie die Entwicklung eines eigenen Vorschlages. Es wird zunächst
untersucht, mit welchen Argumenten bestimmte Positionen vertreten werden. Der
Diskurs über die internationale Finanzmarktordnung ist letztendlich nur verständlich,
wenn die normativen Vorgaben aufgedeckt werden, welche sich hinter diesen Argu-
menten verstecken. Hauptsächlich werden dabei die Gestaltungsvorschläge vitalpoli-
tisch durchleuchtet. Es wird also danach gefragt, ob die jeweiligen Vorschläge, die
Anforderung der Lebensdienlichkeit66 erfüllen. Der Nutzen der vorgeschlagenen Ord-
nung sollte mehr als ökonomisch effizient sein. Er sollte in erster Linie nach den
ethisch-vernünftigen Massstäben der Betroffenen für gut befunden werden.67 Vor
diesem Hintergrund wird ein eigener Vorschlag skizziert, der insbesondere die Ges-
taltung einer neuen Finanzarchitektur (Rahmenordnung) entwirft, in der die Tugen-
den und Pflichten der global corporate citizen68, sowie des Weltwirtschaftsbürgers69
zur Geltung kommen. Im Vergleich dazu geben sich die meisten Untersuchungen
neben der ökonomischen Analyse zumeist mit der Frage nach der Implementierung
zufrieden.70 Bevor aber nicht gewusst wird, was überhaupt (normativ-konstruktiv)
richtig ist, hat es keinen Sinn, darüber nachzudenken, wie es am besten zu institutio-
nalisieren ist. Denn der praktische Verstand folgt dem vernünftigen Ideal, nicht um-
gekehrt.71

62
Ein weiterer Höhepunkt, insbesondere für die Industrieländer des Westens, war das Zerplatzen
der New-Economy-Blase und der darauf erfolgende starke Rückgang der Börsenkurse im Jahr
2000. Die Asienkrise ist aber enger mit der Globalisierung der Finanzmärkte verknüpft und sie und
ihre Folgekrisen in Russland und Südamerika haben mehr Menschen existentiell getroffen.
63
Vgl. Dieter (1998: 12).
64
Man denke nur an die Zahl der Globalisierungsgegner in Seattle, Genua und bei anderen „Globa-
lisierungsgipfeln“.
65
Zahlreiche Publikationen befassen sich eingehend mit der speziellen Rolle des Internationalen
Währungsfonds in der Asienkrise. Vgl. Dieter (1998), Nunnenkamp (2000) und insbesondere
Stiglitz (2002) sowie die dort angegebene Literatur.
66
Der Begriff Lebensdienlichkeit wird zunächst von Brunner (1978: 387) verwendet. Rich (1990: 23)
hat diesen Begriff übernommen, der dann von Ulrich und seinen Schülern weiterentwickelt worden
ist. Vgl. Ulrich/Maak (2000).
67
Vgl. Kap. 1.2.4.
68
Vgl. Kap. 1.4.3.
69
Vgl. Kap. 1.4.1.
70
Vgl. dazu exemplarisch die Aufsätze in Haq/Kaul/Grunberg (1996).
71
Vgl. Höffe (1999).

11
Im letzten Kapitel, der „Conclusio“, wird auf die Frage der Umsetzbarkeit einge-
gangen. Wie kann der Vorschlag zur Gestaltung der neuen Finanzarchitektur umge-
setzt werden, resp. wer oder was kann diese Umsetzung behindern?
Die vorgenommene Analyse sowie der eigene Vorschlag sollen selbst wieder in
den Diskurs über die Gestaltung der internationalen Finanzarchitektur eingebracht
werden. In dieser Arbeit soll sich eingehender mit dem Phänomen Globalisierung der
Finanzmärkte auseinandergesetzt und kein Reflexionsstopp vor den Fragen der legi-
timen politischen Einbindung derselben begangen werden.

1.1.3 Eckdaten und Definitionen


Neben den bereits definierten Begriff der Globalisierung ist es für das Verständ-
nis der Diskussion über die Globalisierung der Finanzmärkte wichtig, einige weitere
Begriffe vorab zu klären.72
Üblicherweise werden Finanzmärkte in Geld- und Kapitalmärkte, letztere wieder-
um in Renten- und Aktienmärkte unterteilt. In der englischsprachigen Literatur gibt es
ebenfalls die Unterscheidung zwischen capital und money markets. Finanzmarkt als
Sammelbegriff wird weniger verwendet, entsprechend taucht der Ausdruck financial
markets seltener auf. Der Begriff Kapitalmarkt wird auch häufig in Abgrenzung zu
den anderen Faktormärkten (Arbeit, Boden) verwendet.
Ein Kapitalmarkt im engeren Sinne umfasst den Handel mit langfristigen Finan-
zierungsmitteln, Geldanlagen und Krediten. Der Markt für kurzfristige Titel (Tages-
geld, Monatsgeld etc., Fälligkeit innerhalb eines Jahres) wird Geldmarkt genannt.
Eine exakte Systematisierung wird durch die zu beobachtende Dynamik der Märkte
und die zunehmenden Finanzinnovationen erschwert. Die Grenzen der Finanzmärkte
verschwimmen zunehmend, zeigen eine gewisse Auflösungstendenz. So lässt sich
zwar Kapital, das weniger als ein Jahr ausgeliehen wird, als kurzfristig bezeichnen,
länger als ein Jahr als langfristig. Die Hauptschwierigkeit bei dieser auf den ersten
Blick klaren Unterscheidung besteht aber darin, dass die Form der verwendeten Fi-
nanzinstrumente keine sichere Unterscheidung mehr zulässt. So können beispiels-
weise nominell langfristige Investitionen wie Staatsanleihen tatsächlich nur kurzfristig
gehalten werden, wenn sie fungibel, das heisst marktfähig sind. Ökonomen und
Praktiker stellen diese Unterscheidung in den Zusammenhang mit den Absichten des
Investors. Allgemein wird diese Vorstellung geteilt.
Langfristiges Kapital kann in direkte und Portfolio-Investitionen klassifiziert wer-
den. Direkte Auslandsinvestitionen entstehen, wenn eine ausländische Unterneh-
mung eine Tochterunternehmung im Inland gründet oder eine Kapitalmehrheit eines
inländischen Unternehmens übernimmt. Ausländische Portfolioinvestitionen beste-
hen aus Kapitalflüssen von einem Land in ein anderes, bei dem der Investor über die
72
Vgl. für die allgemeinen Definitionen Wichmann (1992) und Schmid (2001); für die Definitionen zur
Internationalität der Finanzmärkte Bryan/Farell (1997).

12
Verwendung nicht bestimmen kann, beispielsweise beim Kauf von Staatsanleihen,
kleinen Anteilen von Aktienkapital einer ausländischen Unternehmung oder bei Ein-
lagen bei fremden Finanzinstituten.
Der Begriff international verdeutlicht, dass die Aktivitäten auf dem Markt nicht na-
tional begrenzt sind, sondern zwischen-staatlich, meist bilateral, über die nationalen
Finanzmärkte hinausgehen. International wird daher auch verwendet, wenn ein Agie-
ren zwischen Finanzakteuren aus unterschiedlichen nationalen Märkten betont wird.
Der Plural internationale Finanzmärkte verdeutlicht, dass mehrere, untereinander
abgrenzbare Märkte (Aktien-, Devisen-, Anleihenmärkte) existieren, auf denen Akteu-
re aus unterschiedlichen nationalen Märkten agieren.
Der Ausdruck Internationales Finanzsystem ist die Gesamtheit der zwischen-
staatlichen und überstaatlichen (globalen) Finanz-(trans-)aktionen und -institutionen.
Der Begriff internationale Finanzarchitektur bezieht sich auf die Regeln und Instituti-
onen, die die internationalen Finanzmärkte ‚ordnen’.
Global heissen Aktivitäten, die so über die nationalen Märkte hinausgehen, als ob
es sich um einen einzigen Markt handelt. Global ist demnach gleichzusetzen mit
weltumfassend. Es stehen nicht mehr nationale Märkte im Vordergrund, sondern die
Einheit des Marktes wird unterstrichen. In Reinform existiert noch kein globaler Fi-
nanzmarkt, da gegenwärtig kaum globale Regeln auf den Finanzmärkten existieren
und die meisten internationalen Transaktionen teilweise nationalen Regulierungen
unterworfen sind und zumindest die nationale Zugehörigkeit von Bedeutung ist. Die
Integration, also das Zusammenwachsen der internationalen Finanzmärkte zu einem
einzigen globalen Markt, unabhängig von Beschränkungen die national zuzuordnen
sind, ist aber schon so weit fortgeschritten, dass das Konstrukt globaler Finanzmarkt
durchaus für theoretische, auch wirtschaftsethische Überlegungen verwendbar ist.
Es stellt ein gutes Modell dar, um Mechanismen zu verdeutlichen, die losgelöst von
jeder nationalen Verankerung wirken. Deshalb wird bei den theoretischen Überle-
gungen auch der Begriff globaler Finanzmarkt verwendet. Der deskriptive Teil ver-
wendet durchgehend den Begriff internationale Finanzmärkte, der den gegenwärti-
gen Zustand adäquater beschreibt.
Globalisierung der Finanzmärkte bedeutet die Entwicklung der nationalen über
die internationale Finanzmärkte hin zu einem einheitlichen weltweiten Finanzmarkt,
auf dem Finanzierungsmittel zwischen Anbietern und Nachfragern unabhängig von
der nationalen Zugehörigkeit gehandelt werden.

13
1.1.4 Forschungsstand oder der Einfluss angeblich wertfreier ökonomischer
Analysen
Die Globalisierung der Finanzmärkte und deren Auswirkung auf die Realwirt-
schaft ist eines der wichtigsten Forschungsthemen der Volkswirtschaftslehre; insbe-
sondere der Einfluss der Finanzmärkte auf Bruttoinlandprodukt, Investitionen, Kon-
sum und Aussenwirtschaft. Aber grösstenteils begnügt sich die Forschung mit Erklä-
rungsversuchen in Kategorien der „rein“ ökonomischen Logik.73 So gehen zahlreiche
Fachartikel zur Kapitalmarkt-, Arbitragepreis- und Optionspreistheorie in ihren streng
axiomatisch aufgebauten Gleichgewichtskalkülen von der Fiktion ausschliesslich ra-
tional handelnder Wirtschaftssubjekte aus, deren Entscheidungen allein aus den Pa-
rametern ihrer Risikonutzenfunktion abgeleitet werden. 74 Dem homo oeconomicus
fehlt aber der Freiheitsgrad des Handelns.75
Ethische und gesellschaftspolitische Dimensionen des Problems werden daher
wenig berührt und wenn, so geschieht dies meistens nur in beiläufiger, „journalisti-
scher“ Form. Systematische wirtschaftsethische Arbeiten zum Thema bestehen bis-
her nicht. Es gibt keine Verknüpfung zwischen wirtschaftsethischer Betrachtung und
ökonomischer Analyse der Finanzmärkte. Diese Arbeit versucht den Brückenschlag
zwischen den Denkwelten der allgemein-wirtschaftsethischen Literatur auf der einen
Seite und der ökonomischen auf der anderen Seite.
Der verkürzten Sicht der wertfreien rein ökonomischen Arbeiten76 setzt diese Ar-
beit das Konzept der Integrativen Wirtschaftsethik77 entgegen, mit dem eine
„…ethisch-vernünftige (…) Orientierung im politischen-ökonomischen Denken“78 er-
reicht werden kann. Der Ansatz heisst integrativ, weil die Ethik nicht von aussen auf
die Ökonomie angewandt wird, sondern weil die Normativität, die „in der ökonomi-
schen Sachlogik immer schon drin“79 ist, zunächst kritisch aufgedeckt und reflektiert
werden muss.

73
Vgl. zur Kritik an dieser „Logik“ Ulrich (2001: 184ff.).
74
Vgl. dazu exemplarisch die Arbeiten zum Capital Asset Pricing Modell von Merton (1973); Ru-
dolph (1979) sowie den massgeblichen Entwickler Sharpe (1964).
75
Vgl. zur Kritik am Modell des homo oeconomicus Ulrich (1993: 195ff.). In den letzten Jahren hat
sich mit der Behavioral Finance ein neuer Forschungszweig herausgebildet, der psychologische
und ökonomische Erkenntnisse konsequent zusammenführt. Der Logik des homo oeconomicus
wird zunehmend die des homo psychologicus zur Seite gestellt. Diese verhaltenswissenschaftli-
che Kapitalmarktforschung stellt die psychologische Analyse einzelner Menschen als Marktteil-
nehmer in den Mittelpunkt. Dabei werden Prozesse der Informationsverarbeitung sowie der Ur-
teilsbildung und das Entscheidungsverhalten untersucht. Vgl. v. Nitzsch/Goldberg (1999).
76
Vgl. auch die amerikanischen Lehrbücher zur Aussenwirtschaft z.B. von Caves/Jones (1985) oder
Kindleberger (1973). Das Thema des internationalen Kapitalverkehrs ist nicht zuletzt durch die A-
sienkrise ins Blickfeld der rein ökonomischen Forschung geraten. Vgl. exemplarisch Griffith-Jones
(1998).
77
Vgl. zur Integrativen Wirtschaftsethik Ulrich (1993a); ders. (1993b); ders. (1997); insbesondere
das Gesamtkonzept in ders. (2001). Vgl. auch die Arbeiten seiner Schüler Ulrich Thielemann
(1994); ders. (1996); ders. (2000) sowie Thomas Maak (1998a); ders (1999).
78
Ulrich (2001: 13).
79
Ulrich (2001: 13).

14
Die Schule der Integrativen Wirtschaftsethik hat sich bereits mit dem Thema
Weltwirtschaftsethik auseinandergesetzt.80 Im Gegensatz zu den Arbeiten von Hans
Küng81, Peter Koslowski82 und den frühen Analysen von Arthur Rich83 zum Thema
Weltwirtschaft versucht sie die normative Dimension der Globalisierung freizulegen.
Sie versucht kritisches Orientierungswissen zu schaffen, um den Denkstil des öko-
nomischen Imperialismus ebenso wie global-realwirtschaftliche Prozesse beurteilen
zu können. Darüber hinaus befasst sie sich grundlegend mit dem Sinn und Zweck
globalen Wirtschaftens und der Legitimität und Zumutbarkeit der Auswirkungen glo-
balisierten ökonomischen Handelns.
In vielen Veröffentlichungen ist die historische Entwicklung der Weltwirtschaft im
Allgemeinen und die der Finanzmärkte im Besonderen beschrieben worden.84 Auch
detaillierte Beschreibungen historischer Finanzkrisen sind darunter.85 Über eine
blosse Beschreibung und eine rein ökonomische Analyse hinaus gehen diese Werke
selten. Eine Ausnahme bildet die bereits 1944 vom Wirtschaftshistoriker und
-anthropologen Karl Polanyi verfasste Studie über die „grosse Transformation“ in der
Geschichte der Wirtschaft.86 Dort analysiert er, wie sich seit dem 18. Jahrhundert ein
relativ autonomes ökonomisches System mit „eigensinnigen“, das heisst von Krite-
rien praktischer Vernunft abgelösten Rationalitätsmassstäben, herausbildete.
Die Asienkrise konnte zunächst in Zeitungsberichten verfolgt werden, nach und
nach erschienen Fachartikel.87 Später kamen speziellere Publikationen, die sich zum
Teil auf bestimmte Aspekte der Krise/Länder beziehen, hinzu. Mitte 1998 gab es
kaum eine Ausgabe einer Tages- oder Wochenzeitung,88 in der nicht über die Asien-
krise berichtet wurde. Im deutschsprachigen Raum ist diese Krise schon früh, durch-

80
Vgl. die Beiträge in Maak/Lunau (1998).
81
Vgl. Küng (1997). Vgl. zur Kritik Ulrich (2001a) sowie ders. (2001b).
82
Koslowski benennt vier Bestandteile, die ein künftiges „Weltwirtschaftsethos“ prägen müssen.
Erstens die Ethik des Vertrages, zweitens die Ethik des Respekts für die Sachregeln des Wirt-
schaftens, drittens die Bereitschaft und Gewohnheit, Preisgerechtigkeit walten zu lassen, viertens
der Wille, Professionalität als Wert anzuerkennen und als Verpflichtung im eigenen Wirtschaft-
handeln zur Geltung zu bringen. Koslowski definiert den Begriff Weltwirtschaftsethos nicht näher,
sondern geht davon aus, dass bei einem integrierten Weltmarkt kein Aufeinanderstossen in sich
geschlossener Kulturen existiert, sondern schon ein einziger Diskurs herrscht. Er stellt vielmehr
die Frage nach dem konkreten, materialen Ethos, das der Weltmarkt von allen Teilnehmern for-
dert. Koslowski (1997c: 74ff.).
83
Vgl. Rich (1990).
84
In erster Linie ist hier das Standardwerk von Kenwood/Lougheed (1999) The Growth of the Inter-
national Economy 1820-2000 zu nennen. Spezieller mit der Geschichte der (internationalen) Fi-
nanzmärkte befasst haben sich Kindleberger (1984) und Eichengreen (2000).
85
Vgl. Kindleberger (1989).
86
Vgl. Polanyi (1978).
87
So sind vom National Bureau of Economic Research schon früh mehrere ökonomische Analysen
über die Asienkrise publiziert worden. Vgl. Burnside/Eichenbaum/Rebelo (1998); Chang/Velasco
(1998b); Corsetti/Pesenti/Roubini (1998); Radelet/Sachs (1998).
88
Viele zumeist auch wieder der ökonomischen Sachlogik verhaftete Beiträge fanden sich im
deutschsprachigen Raum in der ‚Neuen Zürcher Zeitung’. Aus der englischsprachigen Fachpresse
sind besonders die Beiträge im ‚The Economist’ anzuführen.

15
aus auch mit kritischen Aspekten über die ökonomische Logik hinaus, analysiert wor-
den.89
Vorschläge zur Gestaltung der globalen Finanzarchitektur fanden sich während
der Asienkrise schnell in der Tagespresse und in den einschlägigen Fachzeitschrif-
ten.90 Die Offenlegung der ideologischen Grundlagen zu den Vorschlägen und ihre
Auswirkungen auf soziale, ökologische und politische Belange fehlen jedoch zu-
meist.91 Zwar lassen sich ökonomistische92 Äusserungen in allgemeinen Darstellun-
gen schnell nachweisen, aber ein Durchleuchten der vermeintlich wertfreien Argu-
mentation auf ihre Normativität hin fehlt. Somit stösst diese Arbeit in eine For-
schungslücke.

1.2 Alternative Ansätze von Wirtschaftsethik


Die Diskussion über die Globalisierung der Finanzmärkte und die Vorschläge zur
Gestaltung der neuen Finanzarchitektur darf nicht allein den Ökonomen überlassen
werden.93 Die Finanzmärkte sind für die Realgütermärkte94 und damit auch für unse-
re individuelle und gesellschaftliche Lebensqualität zu wichtig, als dass wir es den
„reinen“ Ökonomen und ihrer „Sachlogik“ überlassen könnten festzulegen, was „effi-
zient“ ist. Der Wirtschaftsethiker muss sich einmischen, um als neue Aspekte das
Normative in die Diskussion einzubringen und den Diskurs der kritischen Öffentlich-
keit95 zugänglich und verständlich zu machen. Der Diskurs über die Globalisierung
der Finanzmärkte, die Auseinandersetzung um die Neugestaltung der Finanzarchi-
tektur, darf nicht nur von den „Sachverständigen“ der Marktlogik geführt werden. Viel-
mehr müssen Orientierungsmöglichkeiten aufgezeigt werden, so dass viele Stimmen
- die Stimmen aller, die ein legitimes Interesse haben - den komplexen Herausforde-
rungen mit angemessenen Lösungen begegnen können.
Welche Konzeption von Wirtschaftsethik eignet sich, auf die Herausforderung
„Globalisierung der Finanzmärkte“ zu reagieren? In Abgrenzung zu zwei weit verbrei-
teten Ansätzen von Wirtschaftsethik, der ethischen Ökonomie von Koslowski und der
Wirtschaftsethik von Karl Homann, zeigt sich, dass eigentlich nur die Integrative Wirt-
schaftsethik in der Lage ist, bei Fragen über die Lebensdienlichkeit der Globalisie-
rung der Finanzmärkte vitalpolitisch hilfreiche Antworten zu geben.

89
Vgl. die Aufsätze in Draguhn (1999) sowie die Arbeiten von Dieter (1998) und ders. (1998a).
90
Viele aus dem angelsächsischen Bereich hat Eichengreen (1999) überblicksartig dargestellt.
91
Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist der Beitrag von Wettstein (2001). Wettstein geht in
seiner Arbeit auch auf die vielfältigen ethischen und moralischen Problemstellungen, welche die
vernetzten Finanz- und Kapitalmärkte hervorrufen, ein.
92
Ökonomismus ist der Glaube der ökonomischen Rationalität an nichts als an sich selbst. Vgl. Ul-
rich (2001: 127) und die dort angegebenen Literatur.
93
Vgl. Ulrich (1996: 24).
94
Vgl. zum Verhältnis zwischen Finanz- und Realsektor Kap. 2.1.1.
95
Vgl. zum Konzept der kritischen Öffentlichkeit als Ort wirtschaftsbürgerlicher Mitverantwortung
Ulrich (2001: 305ff.).

16
1.2.1 Korrektive Wirtschaftsethik nach Peter Koslowski
Koslowski konzipiert Wirtschaftsethik als „Ethische Ökonomie“96. Dieser Begriff
ist dem klassischen Begriff der Politischen Ökonomie nachgebildet. Die ethische Ö-
konomie untersucht die „…Ordnung der Wirtschaft als kulturelle und ethische Ord-
nung.“97 Der gemeinsame Gegenstand von Wirtschaft und Ethik bildet das rationale,
zweckgerichtete und durch Koordinationsregeln bestimmte Handeln von Personen.
Ihr gemeinsames Interesse zielt auf eine Optimierung dieser Koordination.98 Die ethi-
sche Ökonomie erarbeitet eine deskriptive Theorie des geltenden Wirtschaftsethos
und der geltenden Wirtschaftskultur und akzeptiert deswegen, dass die vorgefunde-
nen marktwirtschaftlichen Bedingungen z.B. der Finanzmärkte, das Anwendungsfeld
definieren. Danach wird der globale Finanzmarkt rein empirisch erfasst und als ein
‚ethikfreies’ und amoralisches Gebiet betrachtet, in das normative Gesichtspunkte
überhaupt erst hinein zu bringen sind.
Die normative Tiefenstruktur der ökonomischen Rationalität oder ‚Sachlogik’ wird
nicht reflektiert. Das grundlegende Missverständnis besteht bei Koslowski in einer
Zwei-Welten-Konzeption von Ethik und Ökonomik.99 Dieser Ansatz begnügt sich mit
der punktuellen Ergänzung oder Korrektur problematischer Folgen der herrschenden
ökonomischen Rationalität, statt zuerst nach den normativen Bedingungen wohlver-
standener wirtschaftlicher Vernunft zu fragen. Diese bloss korrektive Wirtschaftsethik
kann das Dilemma zwischen ökonomischer Sachlogik und ethischer Vernunft
ethisch-kritisch nicht erfassen. Sie geht ja bereits prinzipiell nicht davon aus, dass in
den Sachzwängen normative Hintergrundannahmen und Interessen stecken. Diese
aber gilt es aufzudecken und unter ethische Begründungsansprüche zu stellen.100

1.2.2 Ökonomistischer Ansatz nach Karl Homann


Homann geht es um die Entwicklung einer modernen Wirtschaftsethik, die die
systemische Verfasstheit moderner Gesellschaften und deren Ausdifferenzierung
aufgreift.101 Für ihn brachte der historische Prozess der Trennung von Ökonomie und
Ethik das Subsystem Wirtschaft hervor, das gegenüber der Ethik prinzipiell autonom
sei. Markt und Wirtschaft bilden dasjenige eigengesetzlich funktionierende gesell-
schaftliche Subsystem, dem die Aufgabe der bestmöglichen Versorgung einer
Volkswirtschaft bei optimaler Ressourcennutzung bzw. -schonung zufällt.102

96
Vgl. Koslowski (1988); ders. (1989); ders. (1997a); ders. (1997b). Der gleichen Denktradition kön-
nen die wirtschaftsethischen Ansätze von Steinmann/Löhr (1994) - trotz wesentlich anderer philo-
sophisch-ethischer Basis - und grosse Teile der amerikanischen Business Ethics zugeordnet wer-
den, die sich aber im Gegensatz zu Koslowski nicht explizit mit Fragen des weltwirtschaftlichen
Ethos resp. einer Ethik der Finanzmärkte beschäftigen.
97
Koslowski (1988: 3).
98
Vgl. Koslowski (1988: 20ff.).
99
Ulrich (2001: 102).
100
Vgl. zu dieser Kritik Ulrich (2001: 102ff.) sowie ders. (2003: 47).
101
Homann (1993a).
102
Vgl. Homann/Blome-Drees (1992: 12f.).

17
Zentrale Aufgabe der Wirtschaftsethik sei, sich mit der Frage zu beschäftigen,
„…wie moralische Normen und Ideale unter den Bedingungen einer modernen Wirt-
schaft und Gesellschaft zur Entfaltung gebracht werden können“103. Wirtschaftsethik
müsse „…versuchen, Moral nicht gegen, sondern in der und durch die Wirtschaft gel-
tend zu machen“104. Homann warnt davor, die genuin moralische Qualität des Mark-
tes durch überhöhte moralische Forderungen leichtfertig aufs Spiel zu setzen, denn
die von weiten Teilen einer vernunftethisch ausgerichteten Wirtschaftsethik geforder-
te Demokratisierung der Wirtschaft gefährde die Funktions- und Leistungsfähigkeit
unseres Wirtschaftsystems.105 Dieses Argument ist explizit normativ. Es wird von der
ethischen „Richtigkeitsvermutung“ der Gewinnmaximierung als Quelle des Wohlstan-
des aller ausgegangen und dies zu Grunde legend im Sinne Milton Friedmans106 ge-
genüber den Unternehmen beteuert: Es ist „…nicht ein Privileg der Unternehmen, es
ist vielmehr ihre moralische Pflicht“107, den Gewinn langfristig zu maximieren.
In methodischer Hinsicht stützt sich dieser Ansatz auf den homo oeconomicus.108
Es wird von nutzenmaximierenden Akteuren sowie einer prinzipiellen Trennung zwi-
schen relativ stabilen Präferenzen und gestaltbaren Restriktionen ausgegangen. Bei
Homann ist der „homo oeconomicus-Ansatz“ aber nicht Menschenbild109 oder Hand-
lungstheorie110, sondern eine Situationstheorie.111
Homanns Ansatz von Wirtschaftsethik lädt die „Funktionsbedingungen“ der ins
Reine gedachten idealen Marktwirtschaft normativ auf. Für diese funktionalistische
Wirtschaftsethik würde der Marktmechanismus, der auf einem globalen Finanzmarkt
herrschte, als idealer gesellschaftlicher Koordinationsmechanismus, als Marktprinzip
gelten. Eine andere Moral als die „Binnenmoral des Marktes“112 zur Geltung zu brin-
gen erschiene unnötig. Moral dient allenfalls als „Schmiermittel“113 zur Steigerung der
Effizienz der Marktwirtschaft. Ökonomik fungiert implizit oder sogar explizit als „Ethik
mit anderen Mitteln“, wie Homann dezidiert formuliert.114 Normative Ökonomik ersetzt
das Moralprinzip durch das Marktprinzip. Wirtschaftsethik ist hier angewandte norma-
tive Ökonomik. Diese weit verbreitete Methodik glaubt, „…dass die Postulate zur
Gestaltung des Wirtschaftslebens aus unserem Wirtschaftsdenken gewonnen wer-
den können und müssen.“115 Diese Meinung wird treffend durch den Begriff Ökono-
mismus gekennzeichnet.116

103
Homann (1993b: 1287); Homann/Pies (1994: 4).
104
Homann/Pies (1994: 4).
105
Vgl. Homann (1993: 10ff.).
106
Vgl. Friedman (1970) sowie ders. (1999).
107
Homann/Blome-Drees (1992: 38).
108
Vgl. Kirchgässner (1991); aber auch Becker/Stigler (1977) sowie Becker (1993).
109
Vgl. Becker (1993).
110
Vgl. Friedman (1970).
111
Homann (1997: 18).
112
Ulrich (2001: 114).
113
Ulrich (2001: 109).
114
Homann (1996: 180).
115
Weisser (1978: 574.).
116
Vgl. zur Kritik an diesem Ansatz Ulrich (2001: 106) sowie ders. (2003: 49).

18
1.2.3 Integrativer Ansatz nach Peter Ulrich…
Der Integrativen Wirtschaftsethik Ulrichs geht es im Gegensatz zu den beiden vo-
rangegangenen Ansätzen um die Überwindung der „Zwei-Welten-Konzeption“ von
Ethik und Ökonomik. Der integrative Ansatz überwindet diese Zwei-Welten-
Konzeption hin zu einer (integrativen) Idee sozialökonomische Rationalitätsidee, die
den vernunftethischen Gesichtspunkt schon in sich hat. Diese Leitidee vernünftigen
Wirtschaftens definiert den „moral point of view“117 einer Vernunftethik des Wirtschaf-
tens.
Wirtschaftswissenschaft soll selbst auf ein kommunikativ-ethisches Fundament
gehoben und dadurch zu einem Wissenschaftsprogramm praktischer Sozialökono-
mie transformiert werden.118 Es geht im Kern darum, der ökonomischen Verfügungs-
ordnung eine politisch-ökonomische Verständigungsordnung vor- oder überzuordnen
und durch einen gesellschaftlichen Basiskonsens zu legitimieren. Dabei wird unter
Rückgriff auf die Diskursethik119 der Herauslösung der ökonomischen Rationalität
aus der praktischen Vernunft entgegnet, indem die - der Ökonomik zugrunde liegen-
de - utilitaristische in eine kommunikative Ethik überführt wird.
In einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft ‚mündiger’ Bürger soll die
kommunikative Ethik Grundlage der rationalen, fairen und argumentativ erzielten
Konsensfindung sein - auch und gerade mit Blick auf die Gesellschafts- und Wirt-
schaftsverfassung.120
Die Begründung oder Kritik konkreter normativer Geltungsansprüche erfolgt da-
her nicht in der Theorie, sondern in der prinzipiengeleiteten Praxis, im Diskurs mit
den Betroffenen. Die wirtschaftsethische „Theorie“ klärt nur die allgemeinen Prinzi-
pien (Grundsätze), in deren Licht situative Beurteilungen wirtschaftlicher Handlungs-

117
Die Integrative Wirtschaftsethik arbeitet dieses formale Prinzip der Moral, den moral point of view
heraus, aus dessen Perspektive Handlungen kritisch zu reflektieren sind. Die Integrative Wirt-
schaftsethik legt - im Unterschied zu anderen wirtschaftsethischen Ansätzen - erheblich mehr
Gewicht auf eine sorgfältige Klärung des vernunftethischen Standpunktes der Moral. Denn nur
wer von Grund auf erfasst hat, worin der moral point of view besteht und was methodisch diszipli-
nierte ethische Reflexion bedeutet, kann sich im wirtschaftsethischen Denken selbstständig orien-
tieren. Ulrich (2001: 15 in Verbindung mit 21ff.).
118
Vgl. Ulrich (1987: 125f.).
119
Die Philosophen Karl Otto Apel und Jürgen Habermas haben versucht, die Kantische Moraltheorie
im Hinblick auf die Frage der Normenbegründung mit kommunikationstheoretischen Mitteln neu zu
formulieren. Der zentrale Begriff der Diskursethik ist der Begriff des “praktischen Diskurses”. Der
praktische Diskurs ist der Ort, an dem Geltungsansprüche bezüglich praktischer Fragen und
Handlungsnormen kritisch thematisiert werden. In einer symmetrischen Kommunikationssituation
werden keine Privilegierungen und Sonderpositionen zugelassen und es zählt nur die Herrschaft
des besseren Argumentes. Im praktischen Diskurs wird in einer herrschaftsfreien Atmosphäre ar-
gumentiert, um verallgemeinerungsfähige Normen und Handlungsweisen zu finden. Alle Men-
schen können potentiell an einem solchen Gespräch teilnehmen, sofern sie bereit sind, die Nor-
men zu akzeptieren, nach denen ein solches argumentatives Gespräch allein funktionieren kann.
Vgl. Gil (1993: 136f.) in Anlehnung an Habermas (1993a); Apel (1976); insbesondere ders.
(1976a) sowie ders. (1988).
120
Die aus der Diskursethik entwickelte ‚regulative Idee der idealen Kommunikationsgesellschaft’
repräsentiert den moral point of view. Der ideale Diskurs tritt als Transzendentalpragmatik an die
Stelle des kategorischen Imperativs bei Kant oder den unparteiischen Zuschauern bei Smith, in-
dem er als Universalisierbarkeitstest herangezogen wird. Vgl. Ulrich (2001: 80).

19
möglichkeiten erfolgen sollten. Darum fragt die Integrative Wirtschaftsethik auch
nach den Voraussetzungen legitimen und sinnvollen Wirtschaftens. Die normativen
Ansprüche werden der ökonomischen (Sach-) Logik nicht einfach unvermittelt entge-
gengestellt, sondern als die tragende Grundlage vernünftigen, lebensdienlichen Wirt-
schaftens begriffen. Der Integrativen Wirtschaftsethik geht es
„…darum, das (...) fragwürdig gewordene Verhältnis zwischen ökonomischer Sachlogik
und ethischer Vernunft von Grund auf zu klären und es in zukunftsfähiger, lebensdienli-
121
cher Weise neu zu bestimmen.“

Sie geht dabei von der Prämisse aus, dass die Normativität in der ökonomischen
Sachlogik immer schon enthalten ist. Es gilt sie daher, im ökonomischen Denken auf-
zudecken und im Lichte ethischer Vernunft zu reflektieren. Damit wird noch einmal
deutlich, dass Integrative Wirtschaftsethik nicht unmittelbar „anwendbare“ Problemlö-
sungen für konkrete Fragen wirtschaftlichen Handelns bzw. wirtschaftspolitischen
Gestaltens bereitstellt. Vielmehr will sie die Form des vernünftigen Denkens über
wirtschaftsethische Grundfragen klären.
Drei Aufgaben hat nach Ulrich eine wohlverstandene Wirtschaftsethik als Ver-
nunftethik zu leisten.122 Mit Hilfe einer vorbehaltlosen Grundlagenreflexion kritisiert
die Integrative Wirtschaftsethik erstens die „reine“ ökonomische Vernunft. Sie deckt
so die Verselbstständigung, Verabsolutierung und normative Überhöhung ökonomi-
scher Gesichtspunkte auf.123 Als Folge davon ist es zweitens der Integrativen Wirt-
schaftsethik möglich, die Grundfragen lebenspraktisch vernünftigen Wirtschaftens zu
stellen, die Frage nach dem Sinn und der Legitimität wirtschaftlichen Handelns.124
Aus diesem Grunde versteht sich der integrative Ansatz auch als ein Stück politische
Ethik. Für diesen Ansatz ist die Forderung nach Einbettung der Marktwirtschaft in
eine wohlgeordnete Gesellschaft freier Menschen eine prägende Eigenschaft. Um
dies zu erreichen, unterteilt die Integrative Wirtschaftsethik drittens die wirtschafts-
ethische Topologie nicht mehr nur in die klassische Zweiteilung Ordnungsethik und
Individualethik, sondern beleuchtet das Verhältnis von Individual- und Institu-
tionenethik umfassender und führt neben der Ordnungsethik und der Unternehmens-
121
Ulrich (2001: 12).
122
Vgl. Ulrich (2001: 15ff.).
123
Die Wirtschaftsethik muss demnach an den normativen Grundlagen der Ökonomie ansetzen und
diese reflektieren. Insbesondere am ökonomischen Determinismus, der über die Sachzwangthese
eine Wirtschaftsethik unter modernen Wettbewerbsbedingungen für nicht möglich erklärt. In der
an dieser These geübten Kritik geht das Unmöglichkeitsproblem in ein Zumutbarkeitsproblem auf,
das individualethisch durch eigene Selbstbegrenzung und institutionenethisch durch politische
Wettbewerbsbegrenzung gelöst werden soll. Vgl. Ulrich (2001: 127ff.).
124
Für Ulrich ist Wirtschaft Wert-Schöpfung und bezieht sich in der ökonomischen Terminologie nur
auf monetäre Grössen. Weitere Werte wie die z.B. die Sozial-, Demokratie- und Umweltverträg-
lichkeit bleiben aussen vor. In der Integrativen Wirtschaftsethik wird die Lebensdienlichkeit als
Bewertungsmassstab postuliert und dadurch die ökonomische Systemfunktionalität um eine le-
bensweltliche Perspektive erweitert. Lebensdienliches Wirtschaften bedeutet die Auseinanderset-
zung sowohl mit der Rechtfertigungsfähigkeit, d.h. der Beantwortung der Sinnfrage (Welche Werte
sollen geschaffen werden?), als auch mit der Legitimationsfrage (Für wen werden Werte geschaf-
fen?). Demnach geht es um die Bestimmung der sozialökonomischen Effizienz, die neben der
wirtschaftlichen Effizienz auch die Sinnhaftigkeit und Gerechtigkeit des wirtschaftlichen Systems
gleichberechtigt berücksichtigt. Vgl. Ulrich (2001: 203ff.).

20
ethik die Wirtschaftsbürgerethik ein. An die Stelle der bisher üblichen Sichtweise tritt
eine differenzierte Konzeption wechselseitig aufeinander bezogener Verantwor-
tungsebenen.125
Die Debatten unter den Ökonomen und ihre Empfehlungen scheinen nur vorder-
gründig rein ökonomisch ausgerichtet zu sein, implizit sind sie aber auch ethischer
Natur. In ihnen steckt das Normative, beispielsweise der Glaube an den perfekt funk-
tionierenden Markt.126 Um über eine ökonomische Analyse der Ursachen der Asien-
krise und der Vorschläge zur Neugestaltung hinaus zu kommen, müssen die Erklä-
rungen und Empfehlungen, wie die Integrative Wirtschaftsethik es fordert, zuerst kri-
tisch auf ihre normativen Grundlagen hin überprüft werden. Sich auf eine angeblich
„wertfreie“ ökonomische Analyse zu stützen, um daraufhin eine politische Entschei-
dung zu fällen, genügt nicht, da die ökonomische Analyse unabdingbar wertend bzw.
normativ ist. Zwar braucht der „Wirtschaftsbürger“, um argumentieren oder entschei-
den zu können, auch Erkenntnisse über ökonomische Zusammenhänge und die zu
Grunde liegende Normativität. Diese Verflechtung offen zu legen, sollte eigentlich
Aufgabe der ökonomischen Theorie, zumindest aber primäre Aufgabe einer wirt-
schaftsethischen Theorie sein.127 Dann wären in der politischen Diskussion die Ar-
gumente der Ökonomen besser legitimiert. Doch sind die Empfehlungen der Ökono-
men für eine Neugestaltung der internationalen Finanzarchitektur weder von sich aus
ideologiebewusst in die Debatte eingebracht worden, noch sind sie von den Verant-
wortlichen einer kritisch-normativen Grundlagenreflexion unterzogen worden.128 Da-
her ist es, die
„…Aufgabe integrativer Wirtschaftsethik (…), den Schein der Wertfreiheit oder ethischen
Neutralität der ökonomischen Sachlogik im Sinne der reinen Ökonomik zu durchschau-
129
en, indem ihr ethisch-kritisch auf den normativen Grund geleuchtet wird.“

125
Die Integrative Wirtschaftsethik nimmt eine Ortsbestimmung vor, in der die Vermittlung zwischen
Ethik und Ökonomik zu leisten ist. Hier geht es um die sinnvolle Ausgestaltung des dialektischen
Verhältnisses zwischen Individual- und Institutionenethik. Ulrich unterscheidet fünf Orte, an denen
die ethisch-ökonomische Integrationsleistung vollzogen werden kann: Das Individuum als republi-
kanischer Wirtschaftsbürger, die kritische Öffentlichkeit, die gesetzliche Rahmenordnung, der
Marktmechanismus und die Unternehmen. Die kommunikativ zu Stande gebrachte sozialökono-
misch rationale Ordnung soll auf drei Ebenen verankert werden. Erstens auf der individuellen
Ebene moralischen Urteilens und Handelns im politischen, privaten und insbesondere auch im
wirtschaftlichen Kontext (‚Wirtschaftsbürgerethik’), zweitens auf der Ebene der Rahmenordnung
des Wirtschaftens (‚Ordnungsethik’) und drittens auf der Ebene der Unternehmensordnung (‚Un-
ternehmensethik’). Vgl. Ulrich (2001: 285ff.).
126
Vgl. Ulrich (2001: 168).
127
Vgl. Thielemann (2003: 90).
128
Diese „Kritiklosigkeit“ zeigen auch der Schlussbericht der Enquete-Kommission des deutschen
Bundestages zur Globalisierung; vgl. Deutscher Bundestag (2002) sowie der Monatsbericht des
Bundesministeriums für Finanzen zu den Finanzmarktkrisen; vgl. BMF (2002).
129
Ulrich (2001: 117).

21
1.2.4 …und sein Verständnis von Legitimität
Die Integrative Wirtschaftsethik versteht sich als moderne Vernunftethik,130 in der
die kommunikative Rationalität und nicht die strategische Erfolgsrationalität das Ent-
scheidende ist. Denn in der Verständigungsorientierung kommt jene Grundhaltung
zum Ausdruck, die Kant als den „Guten Willen“131 bezeichnet hat.132 In der Diskurs-
ethik drückt sich der gute Wille in der „Argumentationsintegrität“133 aus. Argumentati-
onsintegrität heisst, die Regeln der Kommunikationsgemeinschaft und das Primat der
Verständigungsorientierung vor jeglichem strategischen Handeln anzuerkennen. Die
Regeln der Kommunikation bestehen im Prinzip nur aus der Behauptung von für
wahr gehaltenen Ansprüchen, aus deren Begründung und aus der Akzeptanz der
Argumente des anderen, wenn die Argumente besser begründet oder plausibler sind.
Das Primat der Verständigungsorientierung vor strategischem Kalkül beim Handeln
bedeutet, dass der bereits erwähnte „eigentümliche zwanglose Zwang des besseren
Arguments“134 gilt. Strategisch kalkulierendes Handeln ist dann legitim, sofern es zu-
vor im Diskurs auf seine unparteiliche Vertretbarkeit hin geprüft und von allen für gut
befunden worden ist.
Legitimität als deontologisch-ethischer Begriff meint die Anerkennungswürdigkeit
eines sozialen Zustands oder eines Handelns im Lichte der (situativ zu klärenden)
moralischen Rechte aller Betroffenen; ihre normative Grundlage besteht in der unbe-
dingten (kategorischen) wechselseitigen Achtung der Menschen als Wesen gleicher
Würde und mit gleichen Grundrechten.135
Es wird hier also auf die machtvolle Durchsetzung der eigenen Interessen ver-
zichtet. Das heisst nicht, dass nur noch altruistisches Handeln möglich wäre. Viel-
mehr müssen die eigenen Ansprüche nur bei besser begründeten Ansprüchen ande-
rer zurücktreten. Voraussetzung dafür ist allerdings, die Strategie der Selbstlegitimie-
rung, der problematischen Selbsttäuschung durch „gute“ Gründe, die das eigene Tun
plausibel erscheinen lassen sollen, aufzugeben.
Vor diesem Hintergrund sollte ein Anspruch nicht durch die Machtposition des
Einzelnen oder von einer übergeordneten Instanz durchgesetzt werden, sondern nur
nach gegenseitiger Adressierung der Ansprüche und diskursiver Klärung mittels gut

130
Herkommend vom christlichen Gebot der Nächstenliebe, über den unparteiischen Zuschauer
(Adam Smith), den Kategorischen Imperativ (Immanuel Kant), entwickelt Ulrich schliesslich einen
eigenen diskursethischen Ansatz. Vgl. dazu Ulrich (2001: 59ff.).
131
Er ist nach Kant das Einzige, was in der Welt uneingeschränkt für gut gehalten werden kann. Vgl.
Kant (1978: 18). Vgl. dazu auch Tugendhat (1995: 62ff.) und Ulrich (2001: 25).
132
Für Ulrich ist die moderne Vernunftethik die „philosophische Reflexion, die mit Mitteln der prakti-
schen Vernunft ein allgemeingültiges humanistisches Moralprinzip zu begründen versucht, in des-
sen Licht die normative Gültigkeit moralischer Ansprüche kritisch geprüft werden kann, und die
darüber hinaus universale Bedingungen und Formen des guten Lebens, des gerechten Zusam-
menlebens und des verantwortlichen Handelns untersucht – möglichst unabhängig von Moral- und
Ethos-Traditionen, wohl aber in kritischer Auseinandersetzung mit ihnen.” Ulrich (2001: 43).
133
Zum Konzept der Argumentationsintegrität vgl. Blickle (1994: 10ff.).
134
Habermas (1971: 137).
135
Ulrich (2001: 193).

22
begründeter Argumente. Nur im Diskurs aller Betroffenen ist entscheidbar, welche
Normen, Regeln, Handlungen und individuellen Ansprüche gültig sind.136
Die Integrative Wirtschaftsethik beruht auf dem Menschenbild137 des freien, ver-
nünftigen und verantwortungsbewussten Bürgers, der sich durch die republikanische
Bürgertugend auszeichnet.138 Ein Menschenbild, das für demokratische Gesellschaf-
ten selbstverständlich sein sollte.
Legitimität stellt eine Beziehung zwischen erhobenen Ansprüchen, einer beab-
sichtigten Handlung oder einer Handlungsregelung einerseits und den moralischen
Rechten aller Betroffenen andererseits her. Legitim ist ein Anspruch, eine Handlung
dann, wenn sie unter Berücksichtigung ihrer gesamten erkennbaren Folgen die mo-
ralischen Rechte aller Handlungsbetroffenen (auch die des Handelnden selbst)
wahrt, d.h. wenn grundlegende moralische Rechte eines jeden gewahrt bleiben und
jeder der Handlung zustimmen könnte.139 Sofern das der Fall ist, sind die entspre-
chenden Handlungsfolgen gegenüber allen Betroffenen als verantwortbar bzw. zu-
mutbar gerechtfertigt.140 Denn was einen alleine betrifft, kann auch von diesem allei-
ne gelöst werden; was mehrere betrifft, ist von diesen zu lösen und was alle betrifft,
ist auch von allen zu lösen. Die ideale Diskursgemeinschaft ist somit eine regulative
Idee, die den realen Gesprächssituationen eine Orientierung geben soll. Normen, die
dabei generiert werden, sind frei von Eigeninteressen und somit „unparteiisch“. Sie
können daher als Moralnormen bezeichnet und verallgemeinert werden.141
Grundsätzlich sind alle Betroffenen berechtigt, Ansprüche zu äussern. Die An-
sprüche der Betroffenen müssen möglichst authentisch in die Entscheidungsprozes-
se aufgenommen werden, d.h. sie sollen so weit wie möglich selbst zu Wort kom-
men. In diesem Sinn müssen alle zumutbaren Anstrengungen gemacht werden, um
eine maximale Zahl an Betroffenen in die Entscheidung einzubeziehen. Wo die Vor-
aussetzungen eines realen Diskurses erfüllt sind oder ihre Erfüllung im Zeithorizont
der anstehenden Verantwortungsprobleme möglich ist, handelt verantwortlich, wer

136
Dies kann auch als „ideal role-taking“ geschehen.
137
Vgl. Woll (1994).
138
In Abgrenzung zum ökonomischen Liberalismus und zum Kommunitarismus entwickelt Ulrich
einen republikanischen Liberalismus im Anschluss an John Rawls politischen Liberalismus. Der
republikanische Liberalismus legt bei der Konzeption der Person ein autonomes Selbst zugrunde.
Sein Freiheitsbegriff ist der der positiven Freiheit zur partizipativen Selbstbestimmung legitimer
Zwecke. Das Konzept des Bürgers beruht auf dem Staatsbürger (Citoyen). Die Bedeutung der
Bürgertugend ist regulativ. Der dominante Modus der Vergesellschaftung sind die gerechtigkeits-
basierten Bürgerrechte und Bürgerpflichten. Das vorrangige gesellschaftliche Ordnungsprinzip ist
die Gerechtigkeit, die die gleiche grösstmögliche Freiheit zum Ziel hat. Das Gesellschaftsideal ist
eine pluralistische Zivilgesellschaft. Das Konzept des politischen Prozesses ist der öffentliche
Vernunftgebrauch gleichberechtigter Staatsbürger. Diesem Modell liegt als Ethik-Konzept der
ethische Universalismus zugrunde. Vgl. Ulrich (2001: 293ff.).
139
Vgl. dazu im Einzelnen Ulrich (2001: 32 und 83ff. sowie 235ff.). Diese Zustimmung ist nicht im
Sinne der Akzeptanz Homanns zu verstehen. Homann meint Akzeptanz im Sinne des strategi-
schen Bargainings („Interessensausgleich“) am Punkt der Machtbalance. Vgl. Homann (1988).
140
Ulrich (2001: 235).
141
Vgl. Haslinger (1997: 48).

23
den Dialog mit den Betroffenen real führt. Dieser Diskurs kommt dem von Kant ent-
worfenen Ideal des „öffentlichen Vernunftgebrauchs“142 nahe.
Ein Konsens muss aber nicht durch einen tatsächlich geführten praktischen Dis-
kurs zustande kommen, sondern, wenn die Verständigung mit allen Betroffenen aus
praktischen143 Gründen nicht möglich ist, kann der Diskurs auch stellvertretend von
Vertretern geführt werden. In diesem Falle sollten die Betroffenen in den Diskurs
durch legitime Repräsentanten einbezogen werden. Wenn dies aus Zeitgründen
nicht möglich ist, sollten sich die Diskursteilnehmer in die Situation der Betroffenen
hineindenken und versuchen, ihre legitimen Ansprüche nachzuvollziehen (gedankli-
cher Rollentausch). In einem solchen Fall bleibt also nur die Alternative, die stellver-
tretende Alleinverantwortung für die Wahrung legitimer Interessen dieser Betroffe-
nen, aber an der Entscheidung nicht beteiligten Personen zu übernehmen.
Wo die Voraussetzung des realen Diskurses aus prinzipiellen Gründen nicht er-
füllbar ist (z.B. die Zukunftsverantwortung für Ungeborene), handelt verantwortlich,
wer Stellvertreter am Diskurs teilnehmen lässt oder selbst stellvertretend einen ge-
danklichen Dialog in „einsamer“ Reflexion bestmöglich vollzieht.144
Wo die Voraussetzung des realen Diskurses lediglich aus pragmatischen Grün-
den vorläufig nicht erfüllbar ist, handelt verantwortlich, wer sich zunächst stellvertre-
tend einsame Verantwortung auflastet, zugleich aber alle Anstrengungen auf sich
nimmt, Wege und Möglichkeiten zu suchen, um alle am Diskurs zu beteiligen.
Sogar der Einzelne, der im Denken argumentiert, der den Willen zur Reziprozität
hat, der in ehrlicher Absicht auch die berechtigten Ansprüche des Anderen wahren
will und deren Anliegen und Gründe ernst nimmt,145 erfüllt die Bedingungen eines
Diskurses.
Es ist aber leicht zu erkennen, dass aufgrund der zahlreichen möglichen Folgen
einer Handlung, insbesondere auf den internationalen Finanzmärkten, niemals alle
Betroffenen ausfindig gemacht werden können, wie es eigentlich die Legitimitätsbe-
dingung fordert. Der Legitimitätsbedingung kann niemals vollends entsprochen wer-
den. Doch gelten zwei Forderungen:
„Es muss aber aktiv nach Betroffenen mit legitimen Ansprüchen gesucht werden und sie
146
müssen bestmöglich in den Entscheidungsprozess (…) eingebunden sein“

und kritische
147
„…Diskurse sollten demnach nicht gescheut, sondern gefördert und initiiert werden.“

142
Kant (1978: 55).
143
Wenn beispielsweise der Aufwand für einen realen Diskurs aller von einer Investition Betroffenen
höher ist als der Ertrag der Investition, werden alle Betroffenen einem eingeschränkten Diskurs
von Stellvertretern zustimmen. Nichts anderes ist die repräsentative Demokratie.
144
Vgl. zur Abstufung Ulrich (1993: 321f.).
145
Vgl. Apel (1984b: 621).
146
Ulrich/Jäger/Waxenberger (1998: 5).
147
Ulrich/Jäger/Waxenberger (1998: 5).

24
Dass diese beiden Forderungen über die Legitimität der Ansprüche bei der Glo-
balisierung der Finanzmärkte, der Asienkrise und bei den Vorschlägen zu einer neu-
en Rahmenordnung vielfach ausser Acht gelassen wurden, zeigt, wie unfertig die
Rahmenordnung der internationalen Finanzmärkte ist.

1.3 Handlungen und Ziele auf den Finanzmärkten


Investieren (1.3.1), also der Vorgang, mit Kapital Ansprüche zu erwerben, die ei-
ne Nutzenerhöhung in späteren Zeiten bewirken, ist die wesentliche Handlung auf
den Finanzmärkten.148 Eine spezielle Form des Investierens ist Spekulieren (1.3.2),
also der Versuch aus dem zeitlichen Preisänderungsrisiko Gewinne zu erzielen.149
Ziel beider Handlungen ist daher prinzipiell die Maximierung der Rendite (1.3.3).150
Um mehr als ein ökonomisches Verständnis dieser Handlungen und Ziele zu be-
kommen, ist es notwendig, sie einer kritischen Analyse zu unterziehen.

1.3.1 Investieren
Ökonomisch wird die Investition in der Investitionstheorie analysiert. Diese arbei-
tet zwar die exakten Bedingungen heraus, unter denen es vorteilhaft ist, eine betrieb-
liche Investition vorzunehmen, und unter welchen Bedingungen die Investition eher
unterbleiben sollte. Bei vollkommenen Kapitalmärkten, wenn also für den Investor
kein sichtbares Finanzierungsproblem existiert, ist das entscheidungstheoretische
Kriterium für die Vorteilhaftigkeit einer Investition ein positiver Kapitalwert. Diese
Theorie befasst sich aber weder mit der inhaltlichen noch mit der normativen Dimen-
sion einer Investition.151
Inhaltlich betrachtet ist der Erwerb einer Maschine, die Entwicklung eines neuen
Arzneimittels, die Konstruktion von Waffen, die Unterstützung einer Partei trotz des
Versprechens eines gleichen positiven Kapitalwerts sehr verschieden. In den letzten
Jahren sind an den Finanzmärkten daher besondere Anlageformen entwickelt wor-
den, die neben monetären Zielen (Rendite, Risiko, Liquidität) explizit auch nicht mo-
netäre Ziele bei der Geldanlage berücksichtigen.152
Angelehnt an Ottfried Höffe könnte jede Investition normativ zunächst als Tausch
zwischen Kapitalgeber und Kapitalempfänger aufgefasst werden, so dass sie
„…nach dem Prinzip der Gleichwertigkeit des Nehmens und Gebens gerecht sei.“153
Eine Investition wäre dann eine nicht paternalistische, „demokratische“ Form der Zu-
148
Vgl. zur Definition einer Investition Spremann (1996: 91).
149
Vgl. Spremann (1996: 577f.).
150
Die Rendite ist der in Prozenten ausgedrückte Ertrag pro Jahr, den der für die Investition aufzu-
wendende Geldbetrag abwirft. Schmid (2001: 163).
151
Vgl. beispielhaft zur Investitionsrechnung Spremann (1996: 363).
152
Vgl. zum Thema „ethische“ Anlagemöglichkeiten, die kritische Analyse der gegenwärtigen Praxis
„ethisch-ökologischer" Geldanlagen von Ulrich/Jäger/Waxenberger (1998).
153
Höffe (1990: 93).

25
sammenarbeit. Sie wäre, weil die Investitionspartner „…als einander neben- und
nicht untergeordnet anzusehen“154 sind, eine „…Grundform einer Kooperation unter
Gleichen.“155
Diese Sichtweise vernachlässigt neben marktinternen (Macht-)effekten das Auf-
treten so genannter „externer Kosten“ resp. „externer Effekte“. Dies sind Auswirkun-
gen auf Dritte, die an einem Tausch nicht beteiligt sind und damit keinen Vorteil ha-
ben, hingegen unfreiwillig von Nachteilen (sozialen oder ökologischen Kosten) betrof-
fen sind.156
Eine Investition, die auf dem gegenseitigen freiwilligen Einverständnis des Kapi-
talgebers und -nehmers beruht, kann nicht legitim sein, wenn sie Nebenwirkungen
auf Dritte hat, die gegebenenfalls der Investition nicht zustimmten.157 Investitionsent-
scheidungen haben fast immer über die finanziellen Konsequenzen für den Emitten-
ten des entsprechenden Finanztitels hinaus Auswirkungen auf Dritte, weil der Emit-
tent seinerseits aufgrund der zugeflossenen Zahlungsmittel neue Ausleihungen, Til-
gungen etc. vornehmen kann.
Folgendes Beispiel verdeutlicht auch die realwirtschaftliche Auswirkung auf Drit-
te: Ein ausländischer Konzern emittiert Anleihen in einem Drittland, um in ein lokales
Unternehmen zu investieren mit der Absicht, auf dem inländischen Markt seine Pro-
dukte anzubieten. Diese Entscheidung hat nicht nur im Inland Auswirkungen. Zu-
nächst stehen dem Konzern die Mittel der Investition für keine andere Investition
mehr zu Verfügung. Häufig entstammen die Mittel einer Deinvestition, beispielsweise
durch Verkauf einer anderen Produktionsstätte an einen anderen Konzern. Die Mittel
wurden also aus einer existierenden Investition abgezogen. Der Aufbau einer neuen
Produktionsstätte und die damit einhergehende Produktion neuer Artikel führen zu
einer Konsumverlagerung im Inland. Der Verbraucher wird weniger bereits angebo-
tene, einheimische Artikel konsumieren und vermehrt die neuen ausländischen Arti-
kel kaufen.158 Die Rendite der bereits vorhandenen Investitionen in das bestehende
einheimische Gewerbe sinkt aufgrund der zurückgehenden Umsätze der lokalen Ar-
tikel. Der Rückgang der Rendite dieser bestehenden Investitionen steht in Kausalität
mit der Investition des ausländischen Konzerns auf dem einheimischen Markt. In-
vestitionsentscheidungen haben also Auswirkungen auf eine Reihe Dritter.159

154
Höffe (1990: 93).
155
Höffe (1990: 98).
156
Vgl. zum Folgenden Thielemann (1996: 279ff.).
157
Dass ein Investmentfonds, der Kapital seiner Anleger beispielsweise in Aktien in Südostasien
investiert, auch Auswirkungen auf den Anleger hat, ist evident. Dessen Kapital wird ja nun mit ei-
nem bestimmten Zinssatz verzinst. Diese Drittwirkung ist aber vom Anleger gewollt. Die Frage der
Zustimmung des Anlegers zu Politik des Investmentfonds ist dadurch beantwortet, dass er durch
seine freiwillige Kapitalüberlassung der Politik des Investmentfonds zustimmt.
158
Vgl. v. Mises (1961: 133).
159
Vgl. Tullock (1970: 162).

26
Teilen der ökonomischen Literatur sind diese marktinternen160 „Effekte“ durchaus
bewusst. Sie tauchen unter dem Begriff „pekuniäre“ Effekte bzw. Kosten auf und
werden von „technologischen“ Effekten abgegrenzt.161
Aus konsequent utilitaristischer bzw. „nutzensummenutilitaristische“ Sicht wird mit
der Steigerung eines „unpersönlichen gesellschaftlichen Nutzens“162 argumentiert,
um die negativen pekuniären Effekte zu rechtfertigen. Der Gesamtgewinn ist grösser
als der Verlust und damit sei es nicht wünschenswert, den pekuniären Effekt zu „eli-
minieren“.163 Schliesslich sei der unbekannte Erwartungsnutzen aus Gewinnen neuer
Investitionsbeziehungen und pekuniären Verlusten stets positiv.164 Der Erwartungs-
nutzen ist aber für die diejenigen, die nicht von der neuen Investition profitieren, zu-
mindest zu Beginn negativ. So negativ, dass „…Menschen in Bedrängnis gebracht
(werden) und oft sogar ihre wirtschaftliche Existenz zerstört“165 wird.
Die eingangs erwähnte Freiwilligkeit (bei) einer Investition, ist also dann unkri-
tisch, wenn die für zwei Personen reziprok vorteilhafte Investition keine Wirkungen
auf Dritte hat, die an der Investition nicht, noch nicht oder nicht mehr beteiligt sind
und von den damit verbundenen Handlungswirkungen nicht betroffen werden. Es ist
aber kaum ein Investitionsvorgang vorstellbar, der sich auf die Interakteure der In-
vestition beschränken liesse. Externe Effekte sind omnipräsent. Ihre Beseitigung ist
durch ein klassisches Verständnis von Ordnungspolitik nicht zu erreichen. Eine Be-
seitigung externer Effekte, soweit diese weltweit auftreten, ist nur durch eine globale
Ordnungspolitik zu erzielen.166
Wie bereits ausgeführt, sind prinzipiell alle von der Investition Betroffenen be-
rechtigt, legitime Ansprüche an den Investor zu stellen. Eine Investition ist in ethi-
scher Perspektive gut, wenn sie die moralischen Rechte aller ernst nimmt. Folgende
Anspruchsgruppen, Stakeholder, lassen sich schon einmal prinzipiell festhalten:
• Da ist zunächst der Investor. Sein Anspruch ist in erster Linie eine angemes-
sene Rendite auf sein investiertes Kapital zu bekommen. Er möchte sein in-
vestiertes Kapital am Ende seines Investitionszeitraumes plus einem ange-
messenen Betrag (Zins) für den Konsumverzicht zurück erhalten. Er verzichtet
auf Konsum, um in Zukunft mehr konsumieren zu können. Dies alles möchte
er unter grosser Sicherheit, das heisst mit möglichst wenig Risiko erreichen.167

160
„Intern“ bezeichnen nur Effekte zwischen den direkten (Markt-)Tauschpartnern.
161
Vgl. Viner (1931).
162
Weber (1981: 126). Dies wären positive Externalitäten.
163
Tullock (1970: 167).
164
Vgl. Witt (1993: 27). Vgl. zu utilitaristischen Rechtfertigungsversuchen für interne Effekte auch
McKean (1958: 140ff.); Worcester (1969: 873ff.); Goldin (1975: 3). Vgl. zur Argumentation der Le-
gitimation von pekuniären Effekten aus „transzendental-ökonomischer“ Sicht und der „langfristi-
gen“ Vorteilhaftigkeit der Duldung interner Effekte für jeden Einzelnen aus der Perspektive des
Pareto-Kriteriums Thielemann (1996: 283ff.).
165
Witt (1993: 22).
166
Vgl. Thielemann (1996: 279).
167
Zur Legitimität einer Investition an sich vgl. Ulrich/Jäger/Waxenberger (1998: 35).

27
• Der Kapitalnehmer möchte Kapital aufnehmen, um ein bestimmtes Unterneh-
men zu finanzieren. Sein Ziel ist es, das Kapital möglichst günstig aufzuneh-
men und mit Hilfe anderer (Arbeiter) ein Unternehmen durchzuführen z.B. ei-
nen Produktionsprozess für Konsumgüter aufzubauen und diese Güter dann
gewinnbringend abzusetzen. Nach einer bestimmten Zeit ist er durch den
Rückfluss aus seinem Unternehmen in der Lage, das eingesetzte Kapital plus
versprochenen Zinssatz zurückzuzahlen.
• Die Arbeitnehmer stellen ihre Arbeitskraft zur Verfügung. Sie möchten ein ge-
regeltes Einkommen haben, um eine sichere Existenzgrundlage zu besitzen.
Es gibt auch Anspruchsgruppen, die indirekt von den Folgen einer Investition be-
troffen sind:
• Der Staat möchte solide Steuereinnahmen zur Finanzierung seiner Aufgaben,
eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung sowie Akzeptanz bei der Bevölke-
rung (Wiederwahl in einer Demokratie oder Putschverhinderung in einer Dikta-
tur).
• Die regionale Bevölkerung möchte soziale Sicherheit, ein ausreichendes Gü-
terangebot, eine sichere Ernährungsgrundlage, eine saubere Umwelt usw.

1.3.2 Spekulieren
Auf den internationalen Finanzmärkten und auch im Zuge der Asienkrise wurde
immer wieder das Verhalten von Spekulanten thematisiert.168 Spekulation beinhaltet
zunächst einmal alle Formen wirtschaftlichen Handelns, die nicht auf produktive
Wertschöpfung (Güterherstellung oder Dienstleistungen) zielen, sondern allein auf
die Ausnutzung erwarteter Preisunterschiede zwischen Kaufs- und Verkaufszeitpunkt
an Waren- oder Wertpapierbörsen sowie Devisenmärkten.169
Bei Spekulation kommt es zu einer Arbeitsteilung zwischen den Anlegern resp.
Produzenten/Anbietern, die an Sicherheit resp. stabilen Preisen interessiert sind, und
den Spekulanten, die gegen Entgelt (Spekulationskosten plus Gewinn) das Risiko
tragen. Spekulation ist damit eine Art Versicherungsgeschäft. Der Spekulant ist ein
Risikoträger; denjenigen, dem er das Risiko abnimmt, versichert er. Eine Versiche-
rung ist nichts anderes als die Übernahme eines zukünftigen Risikos als Leistung
gegen eine gegenwärtige feste Geldsumme als Gegenleistung. Die Devisenspekula-
tion, die während der Asienkrise am heftigsten in der Kritik stand, ist nur unter flexib-
len Wechselkursen möglich.
Angenommen ein thailändischer Exporteur von Spielwaren hat in den Dollarraum
exportiert und wird auf Termin hierfür bezahlt. Er erhält drei oder sechs Monate nach

168
Vgl. Donges (2003: 89); kritischer schon vor der Asienkrise Martin/Schumann (1996: 83). Vgl. zur
Verantwortung der (Währungs-)Spekulanten Kap. 3.5.3.1.
169
Vgl. Peter (1993).

28
Lieferung sein Geld in Dollar. Nun ist er zwar Experte für Spielwaren und erzielt aus
deren Produktion und Verkauf Gewinn, aber er ist nicht Experte im Devisenhandel
und möchte nicht das Risiko der Kursschwankung des Dollars tragen. Obendrein
möchte er aus Liquiditätsgründen den ihm zukünftig zustehenden Betrag sofort zur
Verfügung haben. Er verkauft daher schon jetzt seine Dollarforderung. Typischerwei-
se tritt eine Bank dann als Vermittler auf und bringt Verkäufer und Käufer zukünftiger
Dollars zusammen. Aber solche Geschäfte gehen im Schnitt zwischen den Handels-
nationen nicht restlos auf. Diese haben Leistungsbilanzüberschüsse oder Defizite
und erst recht solche in der Kapitalrechnung. In einem solchen Falle bedarf es not-
wendigerweise des Spekulanten. Er übernimmt die offene Position und trägt das
Wechselkursrisiko gegen eine feste Zahlung als Entlohnung. Weil das Risiko vielfach
sehr erheblich ist, wird sich der Versicherer (Spekulant) gegen grosse Finanzmarktri-
siken häufig selbst wieder rückversichern. Der Grosshändler in Risiken wird diese
Wagnisse also im Wege des Detailhandels teilweise an andere Spekulanten weiter-
geben.170
Spekulation ist auf den Devisenmärkten daher als unabdingbare marktwirtschaft-
liche Funktion anzuerkennen, für die es kein alternatives Instrument gibt. Auch auf
Terminmärkten für landwirtschaftliche Produkte, wo häufig durch natürliche Einflüsse
wie das Wetter die Preise sehr volatil sein können, tritt Spekulation durch die Über-
nahme des Verkaufspreisrisikos auf. Auf diese Weise können die Produzenten vor-
ausschauend ihre Einkommen planen. In diesen Fällen ist Spekulation gerechtfertigt,
da sie Unsicherheit dort reduziert, wo es kein anderes Mittel gibt. Hier stimmten die
Betroffenen, insbesondere die Produzenten den Handlungen der Spekulanten zu.171
Spekulation kann aber bei Fehleinschätzungen, Gerüchten oder ‚Spekulationsfie-
ber‘ destabilisierend wirken und die Preise oder Wechselkurse in eine Richtung drän-
gen, die der realwirtschaftlichen Entwicklung nicht entspricht.172 In diesem Fall ist
Spekulation nicht gerechtfertigt, da sie die Unsicherheit nicht reduziert, sondern gar
erst schafft und somit der Zustimmung der Betroffenen entbehrt.
Die treibenden angebots- und nachfrageseitige Marktkräfte und die Folgen uner-
wünschter Spekulation (aufgrund von Fehleinschätzungen etc.) sollten im argumen-
tativen Diskurs der Betroffenen untersucht werden. So können in Folge dieses Dis-
kurses vernünftige ordnungspolitische Rahmenbedingungen gestaltet werden. Da
Spekulation erfahrungsgemäss nicht selten mit unsauberen Machenschaften gekop-
pelt ist, sollten in spekulativen Märkten darüber hinaus vorbeugende und flankieren-
de Massnahmen ergriffen werden.173
Es wird deutlich, dass ein ordnungsethisches Prinzip, das „…die Effizienz in den
Spielzügen, die Moral in den Spielregeln“174 sieht, bei der Spekulation und den Spe-

170
Vgl. Peter (1993: 1016) sowie Spremann (1996: 579f.).
171
Vgl. Koslowski (1997a: 64ff.) und ders. (1997b: 67f.).
172
Vgl. Köhler (1998: 191ff.).
173
Peter (1993: 1019f.).
174
Homann/Blome-Drees (1992).

29
kulanten nicht greift. Verhalten, das einerseits notwendig ist, andererseits aber auch
zerstörerisch wirkt, kann nicht allein durch eine Rahmenordnung gelenkt werden.
Dieses System, das „…die Wirtschaftssubjekte von Moralzumutungen nicht nur im
Markt, sondern auch in ihren politischen Strategien entlastet“175, bricht zusammen.
Nur wenn die Spekulanten sich ihrer Verantwortung als Wirtschaftsbürger bewusst
werden und ihre moralische Pflicht zur autonomen Selbstbegrenzung ihres privaten
wirtschaftlichen Vorteilsstrebens erkennen,176 wird Spekulation ihren Nutzen entfal-
ten. Spekulanten, die nur die eigene Gewinnmaximierung im Auge haben, für sich
selbst keine Prinzipien gelten lassen und sich dem ethisch-politischen Diskurs nicht
öffnen, dürfen nicht zu entscheidenden Gestaltern der Rahmenordnung werden.
Denn die Betroffenen sind legitimiert, in einem politischen Prozess diese Rahmen-
ordnung mitzugestalten.177

1.3.3 Renditemaximierung
Das Kriterium der Maximierung der Rendite unter Berücksichtigung des Risikos
ist für zahlreiche ‚Kapitalmarktheorien’ grundlegend. Der reine Markt resp. der Wett-
bewerb funktioniert dort nur nach dem Kriterium der Rendite, d.h. der einzelne Anbie-
ter von Kapital wird nur über die Renditeerwartung unter Berücksichtigung des Risi-
kos sein Kapital anbieten. Er wird dort investieren, wo er die höchste Rendite erwar-
tet. Der Kapitalnehmer wird dem Geber eine hohe Rendite versprechen müssen, um
Kapital zu bekommen. Jener wird in Produktionsweisen investieren, die gewinn-
maximierend sind und ohne Berücksichtigung anderer Anspruchsgruppen handeln.
Denn Ansprüche von Arbeitnehmern, der Umwelt oder der Gesellschaft kommen in
diesem Modell nicht vor.178
In der Tat wissen gegenwärtig Anleger, die in Anlagefonds investieren, kaum,
welche Firmen mit ihrem Kapital indirekt finanziert werden. Die Anonymität des heu-
tigen Geldwesens versperrt systematisch den Blick auf die Folgen des eigenen In-
vestierens. Auf einem globalen Markt hat der Investor fast keinen realen Bezug zu
seinem Investitionsobjekt. Ein deutscher Anleger, der beispielsweise sein Geld in
einen Fonds investiert, welcher an der Börse in Seoul Aktien eines taiwanischen Un-
ternehmens kauft, wird sich schwerlich mit der sozialen Verträglichkeit der Firmenpo-
litik des taiwanischen Unternehmens auseinandersetzen (können und wollen). Dieser
Anleger ist auch gar nicht am langfristigen Überleben des Unternehmens interessiert,
geschweige denn an der Erhaltung von Arbeitsplätzen, sondern wird einen Stellen-
abbau begrüssen, wenn dadurch zunächst der Aktienkurs und folglich auch die Ren-
175
Ulrich (2001: 367).
176
Vgl. Ulrich (2001: 321).
177
Vgl. Kap. 4.2. Spekulanten gehören auch zur Gruppe der Betroffenen. Sie sind aber nur neben
vielen anderen legitimiert, die Rahmenordnung mitzugestalten.
178
Dieser Zusammenhang erinnert an die Shareholder-Value-Doktrin. Dort orientieren sich Entschei-
dungen der Unternehmen allein an dem Kriterium der Steigerung des „Reichtums der Aktionäre“.
Die Ansprüche aller anderen Stakeholder werden diesem Kriterium untergeordnet. Vgl. zur unter-
nehmensethischen Problematik dieser Doktrin Ulrich (2001: 409).

30
dite seiner Anlage steigt. In Anlehnung an Karl Marx kann vom entfremdeten Inves-
tieren gesprochen werden.179
Wenn das normative Verständnis von Investieren im Verhältnis zum Gewinnprin-
zip betrachtet wird, zeigt sich die „Fremdheit“ dieses Investierens im Gegensatz zu
einem positiven Verständnis von Investieren, dem „Integrativen Investieren“.180
Anders als in ökonomischen Theorie, in der der homo oeconomicus auf den Fi-
nanzmärkten alle anderen Menschenbilder181 verdrängt zu haben scheint und nur
noch nach Renditemaximierung gestrebt wird, löst sich ein Integrativer Investor von
der Gewinnmaximierung auf den internationalen Finanzmärkten. Denn die strikte
egoistische Vorteils- oder Erfolgsmaximierung ist für ihn grundsätzlich kein legitimer
Zweck.182
Dieses neue Verständnis von Investieren lässt sich verdeutlichen, wenn alternati-
ve Ansätze auf ihr Verhältnis zum Gewinnprinzip analysiert werden. Es lassen sich
dann insgesamt vier Ansätze (funktionalistisch, karitativ, korrektiv, integrativ) diffe-
renzieren. Die ersten drei Konzepte bleiben dabei dem ‚Gewinnprinzip’ mehr oder
weniger verhaftet. Die Bedeutung des Gewinnprinzips nimmt aber innerhalb dieser
Konzepte immer mehr ab. Nur das Integrative Investieren setzt jenseits des Gewinn-
prinzips an und löst sich vom Kriterium der Renditemaximierung.183 Dies lässt sich
auch mit der in der Diskussion über die Entstehung und Verteilung des Bruttosozial-
produktes verbreiteten Analogie des Kuchenbackprozesses vergleichen. Es wird be-
trachtet, wie der Kuchen gebacken und nachher verteilt werden soll. So stellt dann
der erste Ansatz - einziges Ziel ist die Renditemaximierung - den Versuch dar, den
maximal grössten Kuchen zu backen.
Das Verhältnis des Investitionsverhaltens zum Gewinnprinzip zeigt auch, inwie-
weit die jeweiligen Ansätze ökonomistischen Prämissen verhaftet bleiben oder ob sie
in der Lage sind, ethische Ansprüche an die Investition mit den im marktwirtschaft-
lichen Wettbewerb herrschenden Selbstbehauptungsbedingungen in nicht-
ökonomistischer Weise zu vermitteln.184

179
Vgl. Marx (1970).
180
Vgl. zu den Ausführungen über das Verhältnis von Renditemaximierung zu ethischen Ansprüchen
Ulrich (2001: 397ff.).
181
Jeder Mensch trägt verschiedene Menschenbilder in sich, nicht nur das des homo oeconomicus.
Der homo ethicus orientiert sich an bestimmten allgemeingültigen, nicht von der jeweiligen Inte-
ressenlage abhängigen Regeln, während der homo politicus den Eigennutz der anderen nutzt, um
seinen Machtanspruch durchzusetzen. Der homo socialis betrachtet sich a priori als Teil der Ge-
meinschaft, und schliesslich empfindet sich der homo oecologicus als Teil der Natur. Vgl. Bins-
wanger, C. (1997): „Ordnungspolitische Ideen in der chinesischen Tradition – Ein relatives Bild
des ‚homo oeconomicus’“, in: NZZ vom 30/31.08.1997, S. 95.
182
Ulrich (2001: 160).
183
Vgl. zur Systematik Ulich (2001: 397ff.).
184
Vgl. auch Ulrich (1996a: 137).

31
1.3.3.1 Funktionalistisches Investitionsverhalten
Investitionsverhalten, das nur nach dem funktionalistischen Kriterium der Rendi-
temaximierung erfolgt, sieht die höchste „soziale Verantwortung“ darin, auf möglichst
effiziente Art Kapital zu investieren.185 Der Imperativ dieses Verhaltens lautet: Ver-
mehre Dein Kapital möglichst schnell! Zwischen dem ökonomisch Gebotenen und
dem moralisch Richtigen besteht kein Gegensatz, beide decken sich. Es gibt zwi-
schen Ethik und Erfolg keinen Konflikt. Die höchste Rendite zu erzielen, ist ethisch
geboten. Die Gewinnorientierung ist demzufolge moralische Pflicht des Investors. Es
ist geradezu eine sittliche Pflicht, im Rahmen der Investitionsräson alles zu tun, um
eine maximale Rendite zu erzielen, selbst wenn dies für einzelne Investitionsprojekte
schmerzliche Massnahmen erfordert. Er muss nur die allgemeinen moralischen und
gesetzlichen Regeln beachten.186
Das Weltbild dieses Investitionsverhaltens ist geprägt von einem Verständnis ei-
ner geordneten Natur; der „oeconomia natura“.187 Es vertritt die Auffassung, dass
das freie Spiel der Kräfte keineswegs zu Chaos und Disproportionen führen muss. Er
glaubt daran, dass den wirtschaftlichen Aktivitäten freier Raum gelassen werden soll-
te, da sich so auf einem globalen Finanzmarkt eine harmonische Ordnung einpen-
delt.188 In diesem Verhalten spiegelt sich der Gedanke wider, dass jeder Mark perfekt
funktioniert, auch ein globaler Finanzmarkt, da so die beste und gerechteste Vertei-
lung der Ressourcen geschaffen wird und somit eine für alle optimale Güterallokation
geschieht.
Dieses Investitionsverhalten erfasst den gesamten Wirtschaftsablauf als meta-
physisches „ordre naturel“.189 Die Prädisposition des „ordre naturel“ oder der „oeco-
nomia natura“ lässt sich historisch auf die Ahnherren der „klassischen" Ökonomie
Daniel Ricardo, Jean-Baptiste Say und Frédéric Bastiat zurückverfolgen. Das „klassi-
sche“ wirtschaftliche Denken wird ohne Einschränkung auf das Investieren ange-
wandt.
Wird die Analogie des Kuchenbackens hinzugezogen, ist es wie angeführt das
einzige Ziel, den grössten Kuchen zu backen. Der grösste Kuchen ist der beste Ku-
chen. Weder wird auf die Qualität der Zutaten Rücksicht genommen, noch wird beim
Backprozess darauf geschaut, wer mitbacken darf. Die Verteilungsfrage wird gänz-
lich ausser Acht gelassen.
Dass diese Art des Investierens nicht auf verständigungsorientiertem, sondern
nur auf erfolgsorientiertem Handeln aufbaut, ist offensichtlich. Bei diesem Weltbild ist
ein verständigungsorientiertes Handeln auch nicht nötig. Ein Konflikt zwischen Ethik

185
Vgl. für ein funktionalistisches Verständnis von Wirtschaftsethik Kap. 1.2.2.
186
Vgl. Habermann (1993); „Teilen oder produzieren? - Bemerkungen zum Ethos des Unterneh-
mers“, in: NZZ vom 11./12.09.1993, S. 31f..
187
Vgl. zu dem Begriff Groh/Groh (1996); Sieferle (1990: 11ff.); ausführlicher ders. (1989: 14ff.).
188
Vgl. Sieferle (1990: 16).
189
Ulrich (1993: 187).

32
und Erfolg existiert in diesem Denkschema nicht. So muss das Primat der Ethik vor
dem Erfolg logischerweise übersehen werden.
Die Maxime dieses Investierens ist nicht „aufgeklärt“ human. Sie betrachtet den
Menschen nicht als Selbstzweck, sondern ordnet ihn in die „Natur“ Markt ein. Der
Mensch ist nur Mittel. Dies widerspricht Kants Formulierung des kategorischen Impe-
rativs.

1.3.3.2 Karitatives Investitionsverhalten


In diesem Ansatz kommt es zu einer teilweisen Durchbrechung des Prinzips der
Renditemaximierung.190 Sie ist zwar immer noch oberstes Ziel und für den Prozess
der Erfolgserzielung wird grundsätzlich an ihrer Verbindlichkeit festgehalten, doch
spielen bei der Verteilung der Gewinnanteile ethische Entscheidungen eine Rolle.
Hier wird Ethik erst nach dem Investieren zur Geltung gebracht, also post festum. Bei
diesem Ansatz wird davon ausgegangen, dass jede nach Renditeaspekten getätigte
Investition effizient und dadurch ethisch gerechtfertigt ist. Aus dem Gewinn werden
aber als Ausgleich „ausser-ökonomische“ Wertansprüche befriedigt. Je höher der
Gewinn, desto mehr Ansprüche können befriedigt werden. Anteile des Gewinns wer-
den für kulturelle, soziale, wissenschaftliche oder andere „gute“ Zwecke zur Verfü-
gung gestellt. Dies wird meistens nicht mit irgendeiner strategischen Nützlichkeit be-
gründet, sondern Motiv ist eine im kulturellen, sozialen oder humanen Eigenwert zu
findende grosszügige Wohltätigkeit. Es liegt eine Art karitativer Ethik (Spendenethik)
vor. Es soll möglichst viel Rendite erwirtschaftet werden, denn nur wer Überschüsse
erzielt hat, kann sie guten Zwecken zuführen.191
So kann das Prinzip der Renditemaximierung vermeintlich dadurch gerechtfertigt
werden, dass aus den Gewinnen nachträglich ausserökonomische Wertansprüche
bedient werden. Dass solche Ansprüche zum Teil erst entstehen, weil die Rendite-
maximierung das einzige Kriterium einer Investition ist, wird übersehen.192 Ethik und
Erfolg verhalten sich so zueinander, dass erst durch den Erfolg Ethik möglich wird.
Es wird versucht, möglichst hohe Gewinne zu erzielen, um dann damit möglichst viel
„Gutes“ zu tun. Hier liegt ein situativer Gewinnverzicht vor. Wie der Gewinn zustande
gekommen ist, ist dabei aber völlig gleichgültig. Dafür ist immer noch die „unsichtbare
Hand“ des Marktes zuständig.193
Es geht also immer noch darum, einen möglichst grossen Kuchen zu backen,
denn es gilt: Der grösste Kuchen ist der beste Kuchen, weil so am meisten verteilt

190
Vgl. für ein korrektives Verständnis von Wirtschaftsethik Kap. 1.2.1.
191
Schneider (1990: 870).
192
So können Investitionen in Projekte mit Kinderarbeit aufgrund der niedrigeren Löhne auf der einen
Seite höhere Rendite aufweisen, auf der anderen Seite werden Kinder vom Schulbesuch abgehal-
ten. Für die Ausbildung dieser Kinder wird dann wieder „gespendet“.
193
Vgl. zum Konzept der „unsichtbaren Hand“ während des „Zeitalters des Paläoliberalismus“ Kap.
2.2.2.

33
werden kann. Ein paar Stücke werden aber nachher an diejenigen verteilt, die beim
Backprozess zu kurz gekommen sind.
Aus kritisch-ethischer Perspektive ist hier aber eine problematische Halbierung
festzustellen. Bei der Erfolgsverwendung werden ethische Gesichtspunkte berück-
sichtigt, bei der Erfolgserzielung wird jedoch an der Renditemaximierung, am Ge-
winnprinzip, festgehalten. Die negativen Auswirkungen des Gewinnprinzips werden
zwar einkalkuliert, sie seien „…für das Funktionieren des Ganzen sogar notwendig
und insofern nur scheinbares Übel“194. Das eingestandene unmoralische Verhalten
kann aber nicht einfach mit Geld abgegolten werden. Es gelingt daher nur eine par-
tielle Lösung vom Gewinnprinzip und der Ansatz bleibt der utilitaristischen Fiktion
verhaftet, dass durch ein Maximieren des scheinbar neutralen Formalziels „Rendite-
maximierung“ nachträglich alle legitimen Ansprüche bedient werden können.
Ein berühmter Vertreter dieser Denkweise ist George Soros, der einerseits Millio-
nen mit Währungsspekulationen verdient hat, andererseits mit seinem Soros-Fonds
Millionen für die Transformationsländer Osteuropas spendet.195

1.3.3.3 Korrektives Investitionsverhalten


Hier wird das Gewinnprinzip schon im Prozess der Renditeerzielung eingegrenzt.
Ein Streben nach hohen Renditen gibt es nur noch bei den Investitionen, die aus
ethischer Sicht unproblematisch sind. Dieser Ansatz geht von einer zweistufigen Le-
gitimation von Investitionen aus. Generell wird das renditeorientierte Investieren als
gut angesehen. Im Einzelfall kann es aber auch schlecht sein, nämlich dann, wenn
die für die Renditeerzielung eingesetzten Mittel auf moralische Vorbehalte der von
der Investition mittelbar und unmittelbar Betroffenen stossen. In solchen Situationen
empfiehlt dieser Ansatz eine Etablierung einer moralischen Obernorm als Korrektiv
für die Investition. Hier wird zwar immer noch grundsätzlich davon ausgegangen,
dass das Gewinnprinzip richtig sei, aber im Konfliktfall ist die Ethik als situationales
Korrektiv des Gewinnprinzips zu aktivieren. Gewinnprinzip und Ethik stehen im Ver-
hältnis von Regel und Ausnahme.196 In diesem Ansatz wird Ethik daher im „Einzel-“,
„Konflikt-“ oder „Ausnahmefall“197 als Selbstbegrenzung eingesetzt. Es kann somit
manchmal zu einem Konflikt zwischen Ethik und Erfolg kommen (horizontal auf einer
Ebene gedacht). Ein Konflikt zwischen ethischen Handlungsorientierungen und Ren-
diteerzielung wird nicht mehr ausgeschlossen.
Die ethische Grundkonzeption dieses Verständnisses von Investieren wird von
einem eindeutigen Zusammenhang geprägt: „Ethik kostet Geld“.198 Die Konsequenz
für das Investieren liegt darin, dass das Gewinnstreben freiwillig und fallweise selbst

194
Groh/Groh (1996: 106).
195
Vgl. Soros (1998).
196
Vgl. Steinmann/Oppenrieder (1985: 187).
197
Steinmann/Löhr (1988: 308).
198
Löhr (1991: 284).

34
begrenzt wird, also eine Eingrenzung des Gewinnprinzips im Prozess der Renditeer-
zielung. Ethik beginnt erst mit der freiwilligen Selbstbegrenzung des Gewinnstrebens.
Dadurch wird das Gewinnmaximierungsziel aufgegeben. Grundsätzlich wird aber an
der „ethischen Richtigkeitsvermutung“ des Gewinnprinzips festgehalten. Es steht
prinzipiell nicht zur Disposition. Es wird immer noch als interessen- und wertneutrales
Formalziel angesehen.
Ethik umfasst in diesem Ansatz alle durch dialogische Verständigung mit den Be-
troffenen begründeten bzw. begründbaren materialen und prozessualen Normen, die
von einem Investor zum Zwecke der Selbstbindung verbindlich in Kraft gesetzt wer-
den, um die konfliktrelevanten Auswirkungen des Gewinnprinzips bei der Steuerung
der konkreten Investitionen zu begrenzen.199
Wie gezeigt, ist der Konflikt zwischen Moral und Gewinn das Grundproblem für
diesen Ansatz. Dieser Konflikt wird dadurch aufgelöst, dass das ethische Prinzip
(Moral) das ökonomische Kalkül dominiert, indem es bestimmte wirtschaftliche Hand-
lungsweisen verbietet. In der Praxis wird dieses Konzept durch die Institutionalisie-
rung eines dialogischen Verfahrens realisiert. In diesem Dialog können alle Betroffe-
nen ihre moralischen Vorstellungen artikulieren, damit diese, wenn sie von allen als
ethisch-vernünftig anerkannt werden, im Investitionsvorhaben berücksichtigt werden.
Von der Einrichtung dialog- und konsensorientierter Gesprächskreise geht eine frie-
densstiftende Wirkung im Hinblick auf die Auflösung der Konfliktsituationen aus. Die-
ser Ansatz setzt seine Argumentation im moralischen Konfliktfall an und empfiehlt
hier eine situationale Beschränkung des Gewinnprinzips.
Hier wird also nicht mehr unbedingt der grösste Kuchen gebacken, es wird auf
die ein oder andere schlechte Zutat verzichtet. Die Einteilung in schlechte und gute
Zutaten erfolgt mit Hilfe einer Debatte zwischen den am Backprozess Beteiligten und
denen, die den Kuchen essen müssen. Im Prinzip steht aber nach wie vor die Grösse
des Kuchens im Vordergrund. Je grösser der Kuchen unter bestimmten Nebenbe-
dingungen wird, desto besser.
Kritisch ist bei diesem Ansatz die mangelnde Konsequenz bei der systemati-
schen Unterordnung des Gewinnprinzips unter moralische Ansprüche, da prinzipiell
am Gewinnprinzip festgehalten wird. Das Gewinnstreben ist aber nicht nur situativ,
sondern generell dem Postulat der Legitimität und Verantwortbarkeit zu unterstellen.
Auch hier gibt es eine halbierte bzw. verkürzte Ethik: Nur die Sachziele sind frei
wählbar, während das Formalziel (Gewinnmaximierung) als Randbedingung feststeht
(ökonomischer Determinismus). Die Ethik ist dem Erfolg nicht übergeordnet, sondern
steht mit ihm auf einer Ebene. Daraus resultieren bei Konflikten faule Kompromisse.
Grundsätzlich wird an die Effizienz des Marktes geglaubt. In die normative Stra-
tegie Gewinnprinzip wird aber stark eingegriffen. Es wird sich zwar noch an diesem
Prinzip orientiert, aber es wird stark eingeschränkt. Es wird auf schlechte Handlun-

199
Vgl. Steinmann/Löhr (1991: 10ff.).

35
gen, die zwar die Rendite maximieren, aber nicht ethisch vernünftig sind, verzichtet.
Es wird also nicht mehr alles dem Markt überlassen, sondern in die Marktkräfte ein-
gegriffen. Nicht nachher wird korrigiert, sondern begleitend.

1.3.3.4 Integratives Investitionsverhalten


Ein integratives Verständnis von Investieren bedeutet kritische Grundlagenrefle-
xion. Nur ein permanenter Prozess der vorbehaltlosen kritischen Reflexion und Ge-
staltung tragfähiger normativer Bedingungen ermöglicht „lebensdienliches“ Investie-
ren.200 Diese Art des Investierens kann Integratives Investieren genannt werden. Im
Gegensatz zu dem Begriff „Ethisches Investment“201 drückt Integratives Investieren
ein radikal neu gedachtes Konzept des Investierens aus, das sich von herkömmli-
chen Konzepten des ethisch bloss begrenzten Investierens eindeutig unterscheidet.
Dieser Ansatz glaubt nicht mehr an die natürliche Ordnung des Marktes und benötigt
deshalb den Willen zur Kooperation. Es kommt auf Verständigung an.
Integratives Investieren orientiert sich in erster Linie an ausserökonomischen
Wertmassstäben, d.h. bei einer Investition sind nicht allein Risiko und Rendite ent-
scheidend, sondern insbesondere soziale, ökologische und andere nicht wirtschaftli-
che Gesichtspunkte sind von Bedeutung. Der Integrative Investor ordnet demnach
sämtliche Wertorientierungen des Investierens, also auch das Streben nach (siche-
rer) Rendite, kategorisch der normativen Bedingung der Legitimität unter.202 Ihm geht
es darum, den Renditeaspekt in einer umfassenderen Idee ökonomischer Vernunft
„aufzuheben“.203 Diese regulative Idee ökonomischer Vernunft „integriert“ die ethi-
sche Legitimationsbedingung in die Leitidee vernünftigen Wirtschaftens. Als ökono-
misch vernünftig kann jede Handlung des Integrativen Investors gelten, die den un-
bedingten Vorrang der legitimen Ansprüche und Interessen aller von der Investition
Betroffenen vor der Renditemaximierung anerkennt.204
Dies bedeutet, dass er nicht einfach aufgrund einer Norm wie dem Gewinnprinzip
handeln und investieren kann. Ethisch vernünftige Normen sollten das Ergebnis ei-
nes rationalen Verständigungsprozesses mündiger und verantwortungsfähiger Per-
sonen sein und können nicht einfach von einzelnen Gruppen vorgegeben werden.
Wenn Normen resp. Maximen zum Handeln allein den Wertvorstellungen des Inves-

200
Vgl. Ulrich (2001: 428).
201
Vgl. zu diesem Begriff Ulrich/Jäger/Waxenberger (1998) und Ulrich/Waxenberger/Jäger (1998a).
Die Autoren haben in diesen beiden Beiträgen die Branche des „ethisch-ökologischen“ Invest-
ments untersucht, wie sie sich momentan im deutschsprachigen Raum präsentiert und neue kon-
zeptionelle Ansätze und Anforderungen für ein „prinzipiengeleitetes Investment“ dargestellt.
202
Vgl. Ulrich (2001: 428).
203
Ulrich (2002: 42). Hegels Dialektik liegt der Gedanke zugrunde, dass sich jede These in einer
Antithese negiert, dann aber in einer Negation der Antithese eine Synthese bilden lässt, welche
die ursprüngliche These auf höherem Niveau in sich bewahrt. Die Kontradiktion zwischen These
und Antithese wird in der Synthese dreifach aufgehoben: (I) auf eine höhere Reflexionsebene ge-
hoben und (II) dort beseitigt, wobei aber zugleich (III) der ursprüngliche Gedanke darin bewahrt
(d.h.) integriert wird.
204
Ulrich (2002: 43).

36
tors, ökonomischen Erkenntnissen oder Expertenmeinungen entsprechen, ist das
nicht hinreichend legitim. Legitim sind sie nur, wenn alle Betroffenen nach einem Dis-
kurs ihnen prinzipiell zustimmen können. Es zählen in diesem Diskurs auch die An-
sprüche des Investors und die Meinung von Experten, wenn sie mit guten Gründen
vertreten werden können. Sie sind aber nur einige unter vielen.205
Der hohe Anspruch dieses Ansatzes wird deutlich, wenn folgendes Beispiel kon-
struiert wird, um die gegenwärtigen Prozesse bei einer Investition zu verdeutlichen.
Wenn ein deutscher Anleger einen Teil seiner Ersparnisse in einen globalen
Technologiefonds investieren möchte, übernimmt die Fondsleitung die Entscheidung,
von welchem Unternehmen aus welchem Land Aktien oder Anleihen gekauft werden.
Dies könnten z.B. Anleihen eines Unternehmens der Halbleiterindustrie aus Südko-
rea sein. Falls der Anleger sein Kapital ohne Bedingungen206 (oder nur mit der Be-
dingung einer sicheren Rendite) der Fondsleitung zur Verfügung gestellt hat, und
dies ist meistens der Fall, hat er keinen Einfluss auf die Fondspolitik.207 Diese wird
zumeist dann nur unter dem Kriterium der Renditemaximierung das Fondsvermögen
anlegen. So weiss die Fondsleitung genauso wenig wie der Investor, wie der Unter-
nehmer mit dem ihm zur Verfügung gestellten Kapital umgeht. Der südkoreanische
Unternehmer kann beispielsweise mit diesem Geld eine Produktionsstätte in Indone-
sien ausbauen und seine alte in Südkorea schliessen. Als indirekte Folge der Investi-
tion werden dann Facharbeiter in Südkorea entlassen und arbeitslos und im Gegen-
zug werden in Indonesien Arbeitsplätze geschaffen.
Es wird für den südkoreanischen Facharbeiter nur schwer verständlich sein, dass
der Ausbau einer Produktionsstätte in Indonesien für den Unternehmer sinnvoll ist,
da er dort (aufgrund niedrigerer Lohnkosten) höhere Gewinne erzielen kann und das
geliehene Kapital sicherer zurückzahlen kann resp. seinen Aktionären eine höhere
Rendite versprechen kann? Dies ist ja häufig die einzige Bedingung von investiertem
Kapital. Der südkoreanische Facharbeiter hat bei dieser Investition einen legitimen
Anspruch, schliesslich steht sein Arbeitsplatz auf dem Spiel.
Wenn Investitionen aber ethisch reflektiert sein sollen, dann müssen vor einer In-
vestitionsentscheidung alle Ansprüche der von der Investition Betroffenen in einem
kritischen Diskurs auf ihre Legitimität hin geprüft werden. In diesem Fall wären das
mindestens die Ansprüche des Anlegers, der Fondsleitung, des Unternehmers, der
südkoreanischen sowie indonesischen Facharbeiter, wobei letztere zumindest durch
Stellvertreter (Betriebsräte) in einem Diskurs über eine ethisch-sinnvolle Anlage- und
Investitionsentscheidung eingebracht werden müssen. In diesem Diskurs könnte
dann die Entscheidung gefällt werden, eine weitere gegenüber der ursprünglichen

205
Vgl. Ulrich/Jäger/Waxenberger (1998: 3).
206
Vgl. zu ökologischen, sozialen resp. ethischen Investments, die das Kriterium der Renditemaxi-
mierung einschränken Ulrich/Jäger/Waxenberger (1998) und Ulrich/Waxenberger/Jäger (1998a).
207
Die Finanzintermediäre, die auf einem Anleihenmarkt noch existieren, bleiben für das Beispiel
unberücksichtigt. Sie zeigen aber, dass es noch wesentlich mehr Anspruchsgruppen gibt.

37
Entscheidung kleinere Produktionsstätte in Indonesien aufzubauen, die nicht die
Schliessung der Produktionsstätte in Südkorea zur Folge hat.
Beim Integrativen Investieren kommt es also in erster Linie nicht mehr auf die
Grösse des Kuchens an, sondern das Rezept des Kuchens steht im Vordergrund.
Der Kuchen soll ja allen von der Investition Betroffenen und nicht nur den Investoren
schmecken. Dieses Rezept wird von allen, die den Kuchen essen müssen, im Vor-
feld diskutiert. Die Grösse spielt insofern nur noch eine Rolle, dass sich nach der Ei-
nigung von einem grösseren Kuchen mehr gegessen werden kann.

1.4 Orte der Referenz auf den globalisierten Finanzmärkten


Im Kontext der Integrativen Wirtschaftsethik lassen sich drei Referenzorte für die
Analyse der Globalisierung der Finanzmärkte identifizieren. Zunächst agieren auf
den Finanzmärkten Welt-Wirtschaftsbürger (1.4.1). Deren Handlungsmöglichkeiten
werden hauptsächlich durch das ordnungsethische Konzept der Rahmenordnung
(1.4.2) bestimmt. Die dort handelnden Banken, Unternehmen und Institutionelle In-
vestoren können als global corporate citizen verstanden werden (1.4.3).

1.4.1 Der Finanzakteur als Wirtschaftsbürger


In einem normativen Leitbild der globalen Finanzmärkte können alle dort aktiv
Agierenden sowie alle passiv Betroffenen als so genannte Welt-Wirtschaftsbürger208
bezeichnet werden. Die individuelle praktische Vernunft des Weltwirtschaftsbürgers
ist der erste systematische Ort der Moral auf den internationalen Finanzmärkten.209
Der Weltwirtschaftsbürger sollte im Hinblick auf die normative Einbindung des Fi-
nanzmarktes in die Selbstbestimmungspraxis einer Bürgergesellschaft210 und die
Ausübung einer moralischen Wirtschaftspraxis über Wirtschaftsbürgerkompetenz
verfügen.211
Die zentralen Elemente der Wirtschaftsbürgerkompetenz sind die Fähigkeit und
Bereitschaft zur Partizipation an einer gemeinsamen wirtschaftsbürgerlichen Praxis.
Ein kompetenter Wirtschaftsbürger zeichnet sich dadurch aus, die eigenen Präferen-
zen und Einstellungen grundlegend zu überdenken sowie das eigene Handeln und
Verhalten auf den internationalen Finanzmärkten stetig reflexiv nachzuvollziehen.
Wirtschaftsbürgerkompetenz umfasst auch die grundsätzliche Verständigungsbereit-
schaft über die allgemein anzuerkennenden Grundsätze, Rahmenbedingungen und

208
Zum Konzept des Wirtschaftsbürgers vgl. Ulrich (2001: 289ff.) sowie Maak (1999: 229ff.).
209
Zur „moralischen Ortsbestimmung“ einer Wirtschaftsbürgerethik vgl. Ulrich (2001: 285ff.).
210
Dabei ist die Bürgergesellschaft als Weltbürgergesellschaft neu zu erfinden. Diese Weltbürgerge-
sellschaft ist aber kein Weltstaat, sondern das Projekt der Rückgewinnung politischer Selbstbe-
stimmung in republikanischer Absicht. Vgl. Maak (1999: 245). Zum Begriff und Charakter einer
Bürgergesellschaft vgl. Ulrich (2001: 260ff.) sowie Maak (1999: 57ff.).
211
Maak (1999: 254).

38
Normen ökonomischen Handelns. Weltwirtschaftsbürger betrachten ihr Handeln auf
den internationalen Finanzmärkten unter Legitimations- und nicht unter Effizienzge-
sichtspunkten.212 Erstere sind im Hinblick auf möglicherweise konfligierende legitime
Ansprüche von gleichberechtigten Anderen zu betrachten. Weltwirtschaftsbürger sind
soziale Wesen, die marktwirtschaftliches Handeln auch als eine kooperative Wert-
schöpfungspraxis mündiger Bürger auffassen. Sie beratschlagen sowohl über ver-
nünftige ‚Spielregeln’ der internationalen Finanzmärkte als auch über solche für Situ-
ationen, in denen Uneinigkeit über die ‚Spielregeln’ der Märkte besteht. Letztendlich
ist der Weltwirtschaftsbürger bereit wirtschaftsbürgerliche Praxis zu lernen.213
Weltwirtschaftsbürger beraten und beschliessen den normativen Datenkranz, der
ihnen geeignet erscheint, individuelle Autonomie auf den internationalen Finanzmärk-
ten und gemeinwohlfördernde Politik auf sinnvolle Weise miteinander zu verknüpfen.
Sie legen rechtlich-politische Grundnormen der internationalen Finanzmärkte fest, in
deren Geltungsraum die Marktlogik zur Entfaltung gebracht werden soll. Sie stellen
Leitplanken auf, die wirtschaftlich handelnde Akteure davor bewahren, in den norma-
tiven Abgrund zu stürzen. Sie errichten ordnungsethische Schranken, die es ihnen
ermöglichen sowie die Möglichkeiten bewahren sollen, darüber zu bestimmen, wo
die globalen Finanzmärkte sich konstituieren sollen und wo nicht.214
Weltwirtschaftsbürger treten mit dem normativen Fundus ihrer lokalen Bürgerge-
sellschaften auf die Weltbühne und sind bemüht, auch im Rahmen der Weltöffent-
lichkeit allgemein anzuerkennende ethisch-politische Grundprinzipien festzulegen,
auf die die gemeinsame weltöffentliche Sache der Globalisierung der Finanzmärkte
im Hinblick auf ein gesittetes und gerechtes Zusammenleben als Weltgesellschaft
aufruht.215 Eine vitale Bürgergesellschaft investiert international, aber sie lässt ihre
Ziele nicht durch einen globalen Finanzmarkt bestimmen. In ihr gilt das Primat der
ethisch-politischen Selbstverständigung freier und gleicher Bürger vor der Effizienz
und (Zwangs)-Logik der internationalen Finanzmärkte.216 Die Weltwirtschaftsbürger
praktizieren weltwirtschaftsbürgerliche Selbstbindung, indem sie ihre Eigeninteressen
und deren Auswirkungen reflexionszugänglich und legitimationsfähig halten und auf
intelligente Weise selbst beschränken sowie gemeinsam nach institutionellen
Rückenstützen217 suchen, welche die Zumutung moralischer Selbstbindung auf ein
für alle von allen vertretbares Mass begrenzen.218
Im Zeitalter der Globalisierung ist moralisches Handeln ökonomischer Akteure
nicht nur notwendig, sondern grundsätzlich möglich und auch zumutbar. Die Welt-
wirtschaftsbürger bestimmen selbst, wie weit und in welchem Rahmen begründetes

212
Letztere werden ja in den Legitimationsgesichtspunkten „aufgehoben“. Vgl. Kap. 1.3.3.4.
213
Vgl. Ulrich (2003a).
214
Vgl. Maak (1999: 282f.).
215
Vgl. Maak (1999: 243).
216
Vgl. Maak (1999: 229).
217
Ulrich (2001: 319); vgl. Kap. 4.2.
218
Vgl. Maak (1999: 244).

39
und ethisch-politisch orientiertes Handeln ermöglicht wird und welchen Zwecken die
gemeinsamen Finanzmärkte dienen sollen.219
Es ist auf den gemeinsamen Finanzmärkten eine Frage des politischen Willens
der beteiligten Akteure, darüber zu befinden, wie weit und in welchem Rahmen das
Prinzip Markt220 gelten soll. Gleichzeitig ist jedem einzelnen Akteur zuzumuten, sein
Interesse auch grenzübergreifend an sinnvoll erachtete normative Grundsätze zu
binden.221 Doch erst sein wirtschaftsethisches Selbstverständnis wird ihn dazu auch
motivieren.

1.4.2 Ordnungspolitische Konzeptionen


Die Rahmenordnung der globalen Finanzmärkte ist der systematische Ort, an
dem Wirtschaftsbürger die Finanzmärkte im Streben nach intelligenter Selbstbindung
normativ einhegen. Hier können institutionelle Leitplanken errichtet werden, die ge-
währleisten, dass auch weniger bürgerkompetente Wirtschaftssubjekte in ihrem pri-
vatwirtschaftlichen Handeln im normativen Geltungsbereich der res publica verblei-
ben bzw. überschiessende Partikularinteressen an die ethisch-politischen Zweckvor-
gaben einer Gemeinschaft der Freien und Gleichen zurückgebunden werden.222
Zentrale Forderung ist daher, dass das Primat der Politik vor der Logik des Marktes
gilt. Denn nur so besteht überhaupt die Möglichkeit der gesellschaftlichen Gestaltung
der internationalen Finanzmärkte.223 Die Ordnungspolitik für die internationalen Fi-
nanzmärkte steht dabei
„…im Schnittfeld zwischen dem (prinzipiell vorrangigen) Anspruch der lebensweltlichen
Einbettung des Marktes in eine wohlgeordnete Gesellschaft einerseits (Vitalpolitik) und
dem Anspruch der Entfaltung der systemischen Logik des Marktes andererseits (Wett-
224
bewerbspolitik).“

Eine moderne Ordnungspolitik muss die wirtschaftliche Tätigkeit auch im Hinblick


auf die Prozesse, Strukturen und Ordnungen der (internationalen) Finanzmärkte ges-
talten.225 Ordnungspolitik als Instrument der Lenkung verstanden umfasst alle Mass-
nahmen und Eingriffe verschiedener kooperierender Instanzen zur Beeinflussung der
Wirtschaft. Im weiteren Sinne zählt dazu auch die Organisationsstruktur der Wirt-
schaft, das Zusammenwirken ihrer einzelnen Teilgrössen sowie deren Funktionswei-
se und Funktionstüchtigkeit. Die Wirtschaftspolitik verfolgt immer mehrere Ziele, wo-
bei sich viele Ziele als Mittel zur Erreichung von Metazielen wie Freiheit, Wohlfahrt,
soziale Gerechtigkeit usw. herausstellen. Letztere sind häufig Gegenstand ideologi-

219
Maak (1999: 247).
220
Thielemann (1996).
221
Vgl. Maak (1999: 240).
222
Maak (1999: 280).
223
Vgl. dazu ausführlich Ulrich (2001: 334).
224
Ulrich (2001: 339).
225
Vgl. Kap. 2.1.4.

40
scher Auseinandersetzungen. Es zeigt sich immer wieder, dass selbst jene Wirt-
schaftspolitiker und Praktiker, die sich frei von Einfluss wähnen, zumindest implizit
von ökonomischen Theorien und den ihnen zugrunde liegenden Ideologien beein-
flusst sind. Welche Wertvorstellungen für eine Ordnungspolitik der internationalen
Finanzmärkte in letzter Instanz massgebend sind, impliziert die Frage, welche Per-
sönlichkeiten, Institutionen und gesellschaftlichen Gruppen für den Kurs der Ord-
nungspolitik jeweils verantwortlich sind. Deren Interessen und Zielsetzungen zeigen
sich in der Gestaltung der internationalen Finanzarchitektur.226 Ordnungspolitik ist
kein von der Gesellschaft losgelöster Schiedsrichter, sondern spiegelt die Interessen
der gesellschaftlichen Gruppen wider, die sich ihrer bedienen.227 Aus diesem Grund
bedürfen sie der ordnungsethischen Reflexion.
Es gibt verschiedene ordnungspolitische Konzeptionen, die bei einzelnen Erklä-
rungsansätzen zur Asienkrise und auch bei den Vorschlägen für eine Neugestaltung
der internationalen Finanzarchitektur sichtbar werden. Die Konzeptionen lassen sich
nach zwei Aspekten systematisieren. Einerseits nach dem Aspekt der Harmonisie-
rungsinstanz, damit lässt sich der Paläoliberalismus vom Neoliberalismus abgrenzen,
andererseits nach dem Aspekt des Gestaltungskriteriums der Rahmenordnung, da-
mit lässt sich der Neoliberalismus vom Ordoliberalismus trennen. Diese Systematik
der ordnungspolitischen Vorstellungen verdeutlicht das Verhältnis zwischen Vital-
und Wettbewerbspolitik der einzelnen Denkmuster der Erklärungsansätze und der
Vorschläge.228

1.4.2.1 Paläoliberalismus
Im Alt- oder Paläoliberalismus ist die gute Ordnung der Marktwirtschaft durch ei-
nen metaphysisch-naturrechtlichen Harmonieglauben verbürgt.229 Er hat seine Wur-
zeln im klassischen Liberalismus. Dieser ist zwar keine dominierende Schule mehr,
aber das Laisser-faire-Denken einiger Erklärungen zur Asienkrise fusst auf diesem
Weltbild.
Es gibt sie also noch, die „marktwirtschaftlichen Dogmatiker“, die kein Versagen
der Märkte kennen, weiterhin an die Selbstregulierungskräfte derselben und an me-
taphysische Naturkräfte glauben und einen schrankenlosen Freihandel fordern.
„Der Naturzustand einer Wirtschaft, zu dem alles hintendiert, ist nicht durch Barrieren
230
charakterisiert, sondern durch offenen Austausch.“

Der Paläoliberalismus hat ein naturalistisches Marktwirtschaftsverständnis. Er hat


das metaphysische Vertrauen der Klassiker in den von der ‚unsichtbaren Hand’ Got-

226
Matis/Stiefel (1991: 170).
227
Vgl. Schumpeter (1975).
228
Vgl. zum folgenden Ulrich (2001: 340ff.).
229
Ulrich (2001: 340).
230
Schwarz (2001): „Zu viel oder zu wenig Globalisierung“, in: NZZ vom 10.11.2001, S. 21. Hervor-
hebung im Original.

41
tes wohlgeordneten ökonomischen Kosmos des Marktes in der Form eines ‚pseudo-
theologischen’ Marktfundamentalismus dogmatisiert. Er ist sich aber der religiösen
Tiefenstruktur einer solchen Position nicht bewusst.231
Ohne nachzudenken wird im Paläoliberalismus angenommen, dass der Markt die
beste aller Ordnungen selbst schafft. Der Markt besitze eine eingebaute Selbstorga-
nisations- und Interessenharmonisierungskraft. Jeglicher politischer Gestaltungsan-
spruch bezüglich der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wird abgelehnt. Alle
staatlichen Interventionen in den Marktmechanismus sind Instrumente des „Destruk-
tionismus“.232 Dies bedeutet aber, dass es in einer paläoliberalen Weltordnung bezo-
gen auf die Globalisierung der Wirtschaft und der internationalen Finanzmärkte nur
um Wachstum und Konsum um ihrer selbst willen geht.233

1.4.2.2 Neoliberalismus
Die Neoliberalen bestimmen in Theorie und Praxis zurzeit das Bild der Main-
stream Economics. Marktwirtschaft, vorrangig ihr wettbewerbliches Moment, wird im
Neoliberalismus als politische Veranstaltung und als zweckrationale gesellschaftliche
Organisationsform betrachtet. Diese etabliert und stabilisiert sich nicht von selbst,
sondern muss vom Staat geordnet und durchgesetzt werden. Dem Staat kommt die
Aufgabe der Bereitstellung funktionaler ‚Rahmenbedingungen’ zur Gewährleistung
einer sinnvoll funktionierenden Marktwirtschaft zu.234 Er soll die Voraussetzungen für
einen wirksamen Wettbewerb schaffen. Ordnungspolitik ist Wettbewerbspolitik und
nur im Notfall gibt es, neben Massnahmen zur Existenzsicherung (Sozialhilfe, Ar-
beitslosengeld) regulierende konjunktur- und wachstumsstabilisierende Massnah-
men. Im Zweifelsfall wird aber lieber dem Markt vertraut. Konstitutiv ist vielmehr die
effiziente Kontrolle aller Wirtschaftssubjekte durch den Markt und weniger das Krite-
rium der gesellschafts- und vitalpolitischen Kontrolle der Marktdynamik.235
Im Neoliberalismus greift das System Wirtschaft deshalb auf das System Politik
über. Die Politik hat nur vordergründig das Primat vor der Wirtschaft. Die Ordnungs-
politik modelliert höchstens in idealtypisch gesteigerter Form die in der entgrenzten
Marktgesellschaft tatsächlich zu beobachtende Tendenz zur Verkürzung von Politik
auf die Fortsetzung des Geschäfts mit anderen Mitteln.236

231
Ulrich (2001: 342).
232
Vgl. v. Mises (1922).
233
Vgl. FOEI (2001). Prominente Unterstützung erhält diese Kritik an einer angeblich alles durchdrin-
genden paläoliberalen Ideologie durch Papst Johannes Paul II. (1999: 56): „In vielen amerikani-
schen Ländern herrscht immer mehr ein als Neoliberalismus bekanntes System, das den Men-
schen lediglich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet und Gewinn und Marktgesetze
als absolute Massstäbe setzt, was zu Lasten der Menschenwürde und der Achtung der Personen
und Völker geht.“ (Hervorhebung im Original) Papst Johannes Paul II. spricht zwar von Neolibera-
lismus inhaltlich steht diese Ideologie aber im Zeichen des Paläoliberalismus.
234
Ulrich (2001: 344).
235
Ulrich (2001: 347).
236
Ulrich (2001: 364).

42
Gegen diese Konzeption ist einzuwenden, dass die Rahmenordnung des Mark-
tes, die diesen legitimieren sollte, letztendlich selbst wiederum unter der ökonomi-
schen Perspektive der Markteffizienz begründet wird. Ulrich spricht in diesem Zu-
sammenhang vom „ökonomistischen Begründungszirkel“.237 Gerade in Fragen zur
Globalisierung der Finanzmärkte zeigt sich die Nähe zwischen Paläo- und Neolibera-
lismus. Der paläoliberale Gedanke des ordre naturel ist oft Grundlage von Forderun-
gen Neoliberaler nach mehr Freihandel, verstärkter Deregulierung und freiem Kapi-
talverkehr.238

1.4.2.3 Ordoliberalismus
Für die Diskussion über die Gestaltung der Rahmenordnung der globalen Fi-
nanzmärkte am interessantesten ist der ordnungspolitische Ansatz der Ordoliberalen
sowie Ulrichs Weiterentwicklung desselben zu einer Integrativen Ordnungsethik.
Das wirtschaftstheoretische und wirtschaftspolitische Konzept des Ordoliberalis-
mus entstand in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg.239 Sowohl Sozialismus als auch pa-
läoliberale Ideologien zeigten in den Augen der Ordnungstheoretiker240 Schwächen
und konnten damit nicht weiter als Leitbilder für wirtschaftspolitische Massnahmen
dienen.241 Während die erste Konzeption die individuelle Initiative hemmte und Prob-
leme bei der Allokation von Produktionsfaktoren und Gütern offenbarte, vernachläs-
sigte der zweite Ansatz die soziale Frage und unterschätzte das Problem der Markt-
macht. Beim Ordoliberalismus kommt daher der Vitalpolitik für die lebenspraktische
Ausrichtung der Marktdynamik konstitutive Bedeutung zu. Der marktwirtschaftliche
Wettbewerb soll nur dort als gesellschaftliches Koordinations- und Leistungsanreiz-
mittel zugelassen bzw. durchgesetzt werden, wo dies vitalpolitisch zweckdienlich ist.
Die Politik ist der Wirtschaft eindeutig übergeordnet. Ziel ist in erster Linie nicht eine
funktionierende Marktwirtschaft um ihrer selbst willen zu haben, sondern eine Markt-
wirtschaft, die dem Leben dient und den Menschen würdigt. An dieser Stelle tritt
Kants Zweckformel des kategorischen Imperativs hervor:
„Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines
242
jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloss als Mittel brauchest.“

Inkonsequent werden ordoliberale Denkmuster dann, wenn sie das Primat der Vi-
talpolitik vor der Wettbewerbspolitik nicht durchhalten. Häufig werden beide ord-
nungspolitische Momente nur unvermittelt nebeneinander gesetzt oder ihr Verhältnis
überhaupt nicht thematisiert.

237
Ulrich (2001: 347).
238
So auch die Politikempfehlungen von Klodt (1999).
239
Vgl. Kap. 2.2.4.
240
Vgl. exemplarisch Eucken (1975) und Müller-Armack (1968).
241
Vgl. Schüller (2002).
242
Kant (1978: 61).

43
Der Ordoliberalismus fällt daher in wichtigen Bereichen immer wieder ins neolibe-
rale Denken zurück.243 Exemplarisch kann dies an dem Begriff der Marktkonformi-
tät244 festgemacht werden. Dies kann aus konsequent vitalpolitischer Sicht nur be-
deuten, dass der Markt dann herrschen soll, wenn er der Vitalpolitik dient. Aus neoli-
beraler Sicht bewirken Massnahmen, die eine umverteilungspolitische Wirkung ha-
ben, nicht mehr die beste Allokation der knappen Ressourcen und sind somit auszu-
schliessen. Marktkonform seien nur Massnahmen, die in verteilungsneutraler Weise
das „Gleichgewicht“ des Marktes stabilisieren helfen. Diese Sichtweise ist aber nicht
mehr mit der Forderung „Vitalpolitik vor Markt“ vereinbar. Die Ordoliberalen vernach-
lässigen, dass es auch bei einem funktionierenden Markt (Macht-)Effekte gibt, die
aus ethisch-normativer Sicht nicht vereinbar mit dem Ziel einer lebensdienlichen
Ökonomie sind.245
Nicht durchgehend vereinbar mit der Konzeption einer lebensdienlichen Ord-
nungspolitik ist auch die Demokratieskepsis zahlreicher Ordoliberaler. Die Politik wird
bei ihnen als das wohltätige Wirken einer gebildeten Funktionärselite betrachtetet.246
So wird die legitime und aktive Beteiligung der Wirtschaftsbürger, ja der gesamten
Politik in Frage gestellt.247

1.4.2.4 Integrative Ordnungsethik


Eine Integrative Ordnungsethik248, wie sie von Ulrich im Rahmen der Integrativen
Wirtschaftsethik unter Vermeidung der Schwachstellen der ordoliberalen Konzeption
entwickelt wurde, bildet neben der Wirtschaftsbürgerethik einen weiteren Ort der Mo-
ral auf den Finanzmärkten. Diese Ordnungsethik baut auf dem republikanisch-
liberalen249 Verständnis deliberativer Politik250 auf.

243
So die Forderung Wolfgang Filcs nach mehr Wirtschaftswachstum durch gestaltete Finanzmärkte.
Vgl. Filc (1998).
244
Das auf Röpke zurückgehende Kriterium der Marktkonformität besagt, staatliche Eingriffe in den
Markt sollten so beschaffen sein, dass sie „die Preismechanik und die dadurch bewirkte Selbst-
steuerung des Marktes nicht aufheben, sondern sich ihr als neue Daten einordnen und von ihr as-
similiert werden.“ Vgl. Röpke (1948: 259).
245
Ulrich (2001: 353ff.).
246
Viele Ordoliberale sahen die ‚Oberschichten’ in einer besonderen Verantwortung. Dies zeigt ein
Zitat Rüstows: „Daraus ergibt sich eine grosse soziale Verantwortung aller Oberschichten bei ih-
rem Tun und Lassen und ihrer gesamten Lebensführung und Lebenshaltung, die Pflicht, (…) als
soziales Vorbild zu denken, und sich dessen bewusst zu sein, was ich die Ethik des Anspruchsni-
veaus genannt habe. Die Oberschichten zuerst und vor allem sollten (…) lernen, in ihrem An-
spruchsniveau nicht nach dem Maximum, sondern nach dem Optimum zu streben (…).“ Rüstow
(1957: 234).
247
Vgl. Tuchfeldt (1973 182ff.). Für Egon Tuchfeldt sind wirtschaftende Menschen nicht fähig als
„mündige Bürger“ aus „Einsicht in das Gemeinwohl“ zu handeln.
248
Ulrich (2001: 333ff.).
249
Vgl. Ulrich (2001: 295ff.).
250
Die praktische Zielsetzung einer deliberativen, d.h. auf vernünftige Beratschlagung ausgerichtete
Konzeption öffentlicher Willensbildung ist die, an der regulativen Idee des „räsonnierenden Publi-
kums“, als normativer Orientierungsidee zwar festzuhalten, aber die Erwartung an die politische
Moral der Bürger nicht idealistisch zu überhöhen. Vgl. Ulrich (2001: 312).

44
Sie gibt bei Orientierungsproblemen in Fragen der Gestaltung der Rahmenord-
nung eine Grundlagenreflexion, so dass das Ziel eine ethisch-vernünftig begründete
Ordnungspolitik erreicht werden kann.251
Eine Integrative Ordnungsethik für die Finanzmärkte beruht auf einer funktionalen
Prämisse, denn Finanzmärkte sind
„…aus Gründen ihrer Koordinationskapazität und Effizienz auf wesentliche Elemente
252
marktwirtschaftlicher Systemsteuerung angewiesen“

und auf einer normativen Prämisse, denn die Finanzmärkte müssen aus Gründen
der
„…Lebensdienlichkeit der ethisch-politischen Sozialintegration einer wohlgeordneten
253
Gesellschaft prinzipiell untergeordnet bleiben.“

Damit werden marktwirtschaftliche Prinzipien auf den Finanzmärkten nicht aus-


geschlossen, aber diese Prinzipien und die Finanzmärkte selbst werden auf Gebiete
begrenzt, in denen sie notwendig erscheinen. Noch wichtiger für die Einordnung
resp. Unterordnung der Finanzmärkte unter die wohlgeordnete Gesellschaft ist ein
durchgängiges Primat der Politik vor der Logik des Marktes. Schliesslich ist es
„…in einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft (…) die vorrangige und vor-
nehmste Aufgabe der Ordnungspolitik, den latent eigensinnigen Marktprozess in lebens-
dienliche und faire Spielregeln einer wohlgeordneten civil society einzubinden und ihn so
254
zu ‚zivilisieren’.“

Die Rahmenordnung ist dabei aber nicht der systematische Ort der Moral, son-
dern nur der Ort der Moralimplementierung. Gedanklicher Ort der Moralbegründung
ist die unbegrenzte Öffentlichkeit aller mündigen Bürger.255 Dort ist die deliberative
Politik unter der regulativen Idee des öffentlichen Vernunftgebrauchs aller mündigen
Wirtschaftsbürger organisiert. Es bedarf dazu einer Infrastruktur, in der sich kommu-
nikative Vernunft entfalten kann. Erst durch einen öffentlichen Legitimationsanspruch
werden Handlungen auf den Finanzmärkten rechtmässig. Ordnungspolitik muss also
den Rahmen dafür schaffen, dass sich der Wille der Wirtschaftsbürger äussern und
umgesetzt werden kann. Dies ist die Kernaufgabe von Ordnungspolitik. Die Ord-
nungspolitik bleibt bei der Umsetzung von Massnahmen demnach eher formal im
Hintergrund, die Ausgestaltung schafft die öffentliche Beratschlagung (Deliberation)
der republikanisch gesinnten Wirtschaftsbürger.256 Sie gestalten und entwickeln die
Rahmenordnung weiter. Da das Verhalten des Einzelnen ein Versagen der Rahmen-
ordnung nicht kompensieren kann,257 ist es das Ziel aufgeklärter Wirtschaftsbürger

251
Vgl. zu Folgendem Ulrich (2001: 333ff.).
252
Ulrich (2001: 333).
253
Ulrich (2001: 334).
254
Ulrich (2001: 335); Hervorhebungen im Original.
255
Im Gegensatz zur Ansicht Peter Weises ist es nicht so, dass nur Regeln gestaltet werden müssen,
dass die Individuen hinreichende Anreize haben, sie verlässlich zu befolgen. Vgl. Weise (1997:
59).
256
Vgl. Ulrich (2001: 334).
257
Vgl. Krings (1991: 230).

45
sein, die Rahmenordnung immer wieder so auszuarbeiten, dass ethisch-vernünftiges
Verhalten möglich wird.258
Als gut begründeter Ansatz zeichnet sich diese Ordnungsethik durch ein integra-
tives Verständnis vernünftigen Wirtschaftens aus. Darin liegt
„…der springende Punkt für den konstitutiven Anspruch der Ordnungsethik im Hinblick
auf die tragfähige Gestaltung einer ethisch-ökonomisch vernünftigen Marktwirtschaft: Die
Vermittlung zwischen ethisch-politischer Vernunft und ökonomischer Rationalität wird
nicht mehr nur kompromisshaft in einer Zwei-Welten-Konzeption von Ethik und Ökono-
mik gedacht, sondern die ethischen Gesichtspunkte der Lebensdienlichkeit werden als
konstitutive Voraussetzungen jeder wohlverstandenen Idee sozialökonomisch effizienter
ordnungspolitischer Problemlösungen begriffen.“259

Bei den massgeblichen vitalpolitischen Gesichtspunkten für internationale Fi-


nanzmärkte lassen sich in Anlehnung an Ulrichs Konzept der Integrativen Ordnungs-
ethik drei Arten von vitalpolitisch konstitutiven Normierungsaufgaben unterscheiden:
(a) die subjektiven Rechte aller Wirtschaftsbürger auf den internationalen Fi-
nanzmärkten,
(b) die in die einzelwirtschaftlichen Kalküle eingehenden Rechnungsnormen und
(c) die die internationalen Finanzmärkte begrenzenden Randnormen.260

a) Rechte
Grundlegend für die Rahmenordnung der Finanzmärkte sind die wirtschaftsbür-
gerlichen Grundrechte. Da alle von Handlungen auf den internationalen Finanzmärk-
ten Betroffenen bei Entscheidungen mit einbezogen werden sollten, dies aber aus
praktischer Sicht meist nicht möglich sein wird, müssen die Betroffenen durch Rechte
geschützt werden. Die Ausgestaltung der Rechte auf den einzelnen Ebenen sollte in
einem repräsentativen Diskurs geklärt werden. Die Grundrechte sollen darüber hin-
aus einem fairen Marktausgleich dienen. Sie stärken gewissermassen die Position
„schwächerer“ Marktpartner.
Vitalpolitisch wohlgeordnete Wirtschaftsbürgerrechte können eine Vielzahl spe-
zieller ordnungspolitischer Normen durch allgemeine Rechtsverhältnisse ersetzen
oder zumindest für faire und klare Voraussetzungen der situativen Lösung von Inter-
essenskonflikten sorgen.
Zu den grundlegenden Rechten gehören auch Kommunikationsrechte. Diese las-
sen sich unterteilen in allgemeine, die sich „…auf die jedem Wirtschaftsbürger zuste-
henden Informations- und Partizipationsrechte im politisch-ökonomischen Pro-
zess“261 erstrecken, und in spezielle, von denen dort gesprochen wird, „…wo be-
stimmte Personen durch eine konkrete Handlung anderer spezifisch betroffen sind
258
Vgl. Ulrich (2002: 124).
259
Ulrich (2001: 369). Hervorhebung im Original.
260
Vgl. Ulrich (2001: 370ff.).
261
Ulrich (2001: 371).

46
und ihnen situationsspezifische Informations-, Mitsprache-, Widerspruchs- und Kla-
gerechte in der bzw. gegen die entsprechende Entscheidung erwachsen.“262

b) Rechnungsnormen
Rechnungsnormen für Finanzmärkte sollten den Prinzipien der Wahrheit und
Transparenz verpflichtet sein. Der republikanisch gesinnte Wirtschaftsbürger braucht,
um in den Diskursen vitalpolitisch richtige Entscheidungen zu treffen, eine sichere
Datengrundlage. Bei den Rechnungsnormen geht es auch darum, „…die Anreizstruk-
turen des Marktes am zentralen ‚Ort’ der Kostenkalküle aller Marktteilnehmer nach
vitalpolitischen Gesichtspunkten zu verändern.“263 Dadurch lassen sich auch externe
Kosten internalisieren.264
Statt die Preisbildung im Markt zunächst hinzunehmen und ihre problematischen
sozialen Verteilungseffekte erst im nachhinein durch sozialstaatliche Redistributionen
zu korrigieren oder zu kompensieren, ist es oftmals vitalpolitisch sinnvoller, so weit
wie möglich, die Primärverteilung mittels der Erhebung von Lenkungsabgaben (z.B.
einer Tobin-Steuer) vorab zu verändern.265

c) Randnormen
Randnormen begrenzen den Finanzmarkt. Sie sollen „…der Durchsetzung vital-
politischer und wettbewerbspolitischer Vorgaben auf (…) begrenzten Märkten“266 die-
nen.
„Die rechtsstaatlich durchzusetzende Marktbegrenzung ist grundsätzlich dort angezeigt,
wo aus vitalpolitischen Gründen des guten Lebens und gerechten Zusammenlebens
nicht nur die Fairness im Markt, sondern die Freiheit der Menschen vom Selbstbehaup-
267
tungszwang unter Marktbedingungen als vorzugswürdig beurteilt wird.“

Wohlverstandene protektionistische Massnahmen wie Kapitalverkehrskontrol-


268
len schützen Menschen, nicht Märkte. Bei Randnormen für die Finanzmärkte gilt
das Subsidaritätsprinzip. Finanzmärkte sollten, wenn es vitalpolitisch sinnvoll er-
scheint, national begrenzt werden. So lässt sich am einfachsten die demokratische
Legitimation aufrechterhalten. Oft ist durch das politische Zusammenwachsen von
Nationen oder durch den intensiven Handel zwischen Ländern eine vitalpolitische

262
Die allgemeinen Kommunikationsrechte stehen über der Verfügungs- und Eigentumsrechtsord-
nung, die speziellen mit ihnen auf einer Stufe. „Die ordnungspolitische Debatte der Bürger soll ja
unter entschränkten Bedingungen und nicht auch noch unter den teilweise geschlossenen Kom-
munikationsbedingungen einer geltenden Verfügungsordnung geführt werden.“ Ulrich (2001:
371f.).
263
Ulrich (2001: 373).
264
Vgl. zum Problem der „externen Kosten“ beim Investieren Kap. 1.3.1.
265
Ulrich (2001: 374); vgl. Kap. 4.1.2.3.
266
Ulrich (2001: 389f.). Hervorhebung im Original.
267
Ulrich (2001: 375). Hervorhebungen im Original. Vgl. dazu auch ders. (2001: 214ff.).
268
Vgl. Kap. 4.1.2.

47
Begrenzung auf regionaler oder zwischenstaatlicher Ebene zweckmässig.269 Dann
sollte es Aufgabe der regionalen politischen Institutionen (ASEAN, APEC, MERCO-
SUR, EU, NAFTA, Afrikanische Union etc.) sein, diese Begrenzung umzusetzen.
Sollten aber aufgrund von Abwanderungstendenzen - diese lassen sich bei einzelnen
Finanzmärkten kaum verhindern - oder aus vitalpolitischen Gesichtspunkten globale
Märkte entstanden sein, dann muss es auf globaler Ebene demokratisch legitimierte
Institutionen geben, beispielsweise ein neuer IMF270, die bestimmte Standards271 auf
globaler Ebene implementieren und umsetzen.

1.4.3 Global corporate citizen


Auf den internationalen Finanzmärkten agieren neben Banken und Multinationa-
len Unternehmen hauptsächlich Institutionelle Investoren wie Pensionsfonds, Versi-
cherungen und Investitionsfonds. Die Zunahme von internationalen Kapitalflüssen in
den letzten Jahren ist auch das Ergebnis der Internationalisierung von Institutionellen
Investoren.272 Für alle Gruppen sollte gelten, dass auch sie sich als eine Art Welt-
wirtschaftsbürger verstehen, als global corporate citizen, und ihre Eigeninteressen
ihrem Engagement als Bürger unterordnen.273
Als global corporate citizen verfügen sie zur Ausübung einer moralischen Wirt-
schaftspraxis ebenfalls über Wirtschaftsbürgerkompetenz.274 So geben sie ihren Mit-
arbeitern die Möglichkeit an der Unternehmensführung zu partizipieren und die Aus-
richtung der Unternehmens- resp. Investitionsziele mitzubestimmen. Sie unterstützen
aktiv das Bürgerengagement ihrer Mitarbeiter. Als global corporate citizen sind sie
bereit, das eigene Verhalten und die Ziele und Einstellungen reflexiv auszubilden und
regelmässig im Kontext weltweiter Entwicklungen nachzuvollziehen. Sinn, Zweck und
Auswirkungen einer internationalen Tätigkeit werden auf ihre moralische Tragfähig-
keit hin überdacht. Als global corporate citizen schaffen sie Kommunikationsstruktu-
ren, die ein verständigungs- und beziehungsorientiertes Handeln mit allen von ihren
Handlungen Betroffenen ermöglichen.275 In diesen Verständigungsprozessen sind
die legitimen Ansprüche an die global corporate citizen zu klären - z.B. wie weit mög-
licherweise ursprüngliche Ziele der Investition durch gerechtfertigte Ansprüche ein-
zuschränken sind. Global corporate citizen werden untereinander sinnvolle Koopera-
tionsbeziehungen aufbauen, um gemeinsam für wünschenswerte Ziele einzutreten.

269
Ein gutes Beispiel ist die europäische Währungsunion.
270
Vgl. Kap. 4.2.2.
271
Dies können beispielsweise Kapitalverkehrskontrollen sein.
272
Bei Institutionellen Investoren ist das Herkunftsland auch im Zeitalter der Globalisierung durchaus
relevant. Sie unterliegen einer mehr oder weniger strikten nationalen Aufsicht. Vgl. Dieter (1998:
49).
273
Vgl. Maak (1999: 270).
274
Vgl. eingehender zu den Kompetenzen der corporate citizen Maak (1999: 268ff.).
275
Vgl. auch Maak/Thielemann (1996): „Gewinnmaximierung als erwünschte Tugend? Shareholder
value – nicht das Mass aller Dinge“, in: NZZ vom 26.8.1996, S. 27.

48
Corporate citizenship umfasst daher neben einem allgemein konstitutiven Ver-
ständnis ethisch-politischer Mitverantwortung stets auch eine ‚ordnungspolitische
Mitverantwortung’276 für die Ausgestaltung vernünftiger Rahmenbedingungen des
Marktes im Sinne des bürgerethischen Engagements für einen vitalpolitisch einge-
bundenen globalen Finanzmarkt. Die bestehenden Rahmenbedingungen werden von
den global corporate citizen immer kritisch in Frage gestellt. Dies besonders dort, wo
nicht jeder von einer Handlung, einer Investition Betroffene die Möglichkeit hat, am
Diskurs teilzunehmen oder zumindest seine legitimen Ansprüche geltend zu machen
oder diese Ansprüche nicht zur Geltung kommen. Global corporate citizen gestalten
durch ihren Einfluss eine Rahmenordnung mit, die diesen Ansprüchen entspricht.277
Global corporate citizen sind aber nicht nur Akteure im Rahmen ihres wirtschaftli-
chen Umfeldes. Sie stehen auch in einem politischen Gefüge, für das sie Mitverant-
wortung zu tragen haben. Sie sind Mitglieder einer Weltgemeinschaft, die für die so-
zial Schwachen und Benachteiligten Verantwortung übernehmen.278
Nicht zuletzt verfolgen global corporate citizen eine Anlagestrategie, die sich dem
Integrativen Verständnis von Investieren verpflichtet fühlt.279

276
Zum Postulat der ‚ordnungspolitischen Mitverantwortung’ vgl. Ulrich (1991b: 11f.); ders. (1993b:
24ff.); sowie ausführlich ders. (2001: 430ff.).
277
Vgl. Kap. 4.2.3.
278
Vgl. zu dieser „gesellschaftlichen Mitverantwortung“ Ulrich/Jäger/Waxenberger (1998: 20f.).
279
Vgl. Kap. 1.3.3.4.

49
Der Markt ist ein abgesonderter Ort,
wo sich Menschen gegenseitig hereinlegen können.
(Anarcharsis um 600 v. Chr.)

2 Eine systematische und historische Analyse der Globa-


lisierung der Finanzmärkte

Die Globalisierung der Finanzmärkte scheint ihren Sinn aus sich selbst entwickelt
zu haben, in gewisser Weise ‚eigensinnig’ geworden zu sein. Sie folgt einer Logik, in
der die internationalen Kapitalströme dem eigentlichen Zweck, der Lebensdienlich-
keit, nicht mehr nachzukommen scheinen. An diesem Sinn- und Gerechtigkeitsman-
gel trägt die vorherrschende Ökonomie insofern Mitschuld, als sie lediglich die Funk-
tionslogik des marktwirtschaftlichen Systems untersucht. Es ist daher Aufgabe der
Wirtschaftsethik, systematisch die normative Logik der Globalisierung der Finanz-
märkte zu durchleuchten.280
Um diese Logik freizulegen, wird im systematischen Teil (2.1) der Einfluss des
Finanzsektors auf den Realsektor in verschiedenen theoretischen Modellen kritisch
aufgezeigt (2.1.1). Danach werden der Systemcharakter internationaler Finanzmärk-
te (2.1.2) sowie die vermeintlichen Sachzwänge analysiert (2.1.3). Dadurch wird erst
das Ausmass der vitalpolitischen Herausforderung deutlich (2.1.4). Der zweite Teil
dieses Kapitels widmet sich der geschichtlichen Entwicklung der Finanzmärkte (2.2).

2.1 Systematische Analyse der Globalisierung der Finanzmärkte

2.1.1 Der Einfluss des Finanzsektors auf den Realsektor


Lange Zeit ging die herrschende Lehre davon aus, dass der Finanzsektor keinen
sonderlichen Einfluss auf den Realsektor hat. Aufgrund der Booms, der Rückschläge
und gar Krisen auf den Aktien- und anderen Finanzmärkten rückte dieser Zusam-
menhang aber wieder vermehrt in den Blickpunkt der Forschung. Es gibt eine breite
Palette von Interpretationen darüber, welchen Einfluss der Finanz- auf den Realsek-
tor besitzt. Grob lassen sich diese Interpretationen zwei Richtungen zuordnen, die
sich theoretisch dadurch unterscheiden, ob der Einfluss von Geld auf die Realöko-
nomie vernachlässigbar ist (Positionen in der Tradition der Neoklassik) oder langfris-
tig eine Rolle spielt (Keynesianische Positionen).281

280
Vgl. dazu Ulrich/Maak (2000).
281
Folgende Darstellung des Verhältnisses von Real- und Finanzsektor in verschiedenen ökonomi-
schen Theorien beruht auf Binswanger (1999) und ders. (1999a).

50
2.1.1.1 Positionen in der Tradition der Neoklassik
In der auf der neoklassischen Theorie282 aufbauenden „Neuen Klassischen Mak-
roökonomie“ werden Investitionen aus Ersparnissen finanziert. Die Höhe der Erspar-
nisse ergibt sich aus der intertemporalen Maximierung der Konsumpläne (resp. der
Nutzenfunktion) der einzelnen Wirtschaftssubjekte283. Da im Weiteren von Gleichge-
wicht auf dem Kapitalmarkt ausgegangen wird, entspricht das Angebot an Ersparnis-
sen genau der Nachfrage nach Investitionen, was durch Anpassung des Zinssatzes
(inklusiver Risikoprämien) ermöglicht wird. Ersparnisse werden somit unmittelbar zu
Investitionen. Es gibt zwar immer wieder Schocks284, welche dieses Gleichgewicht
stören, doch die Wirtschaftssubjekte begehen keine systematischen Fehler, da sie
von rationalen Erwartungen285 ausgehen. Daher kann der Finanzsektor nur die Auf-
gabe haben, die Transformation von Ersparnissen in Investitionen effizient abzuwi-
ckeln. Es findet keine Akkumulation von Finanzvermögen unabhängig von realen
Investitionen statt. In diesem Modell transformieren Banken Kapital, indem sie illiqui-
de, von Unternehmen ausgegebene Wertpapiere, in vom Konsumenten gewünschte
liquide Anlagen umwandeln. Banken screenen potentielle Kreditnehmer und überprü-
fen tatsächliche Kreditnehmer im Auftrag der Geldgeber. Letztendlich erleichtern
Banken den Zahlungsverkehr zwischen den Wirtschaftsakteuren. Die Hauptfunktion
von Banken ist es, die Transaktionskosten zu senken.286
In der jüngeren „Neuen Wachstumstheorie“287, die (keynesianische) Kritik an der
alten neoklassischen Theorie berücksichtigt, gleicht ähnlich wie in der Neoklassik der
Finanzsektor einem Intermediär zwischen Kreditgeber und -empfänger.288 Er hat eine
Risikoallokationsfunktion, indem er die Aufteilung der mit den unsicheren Unterneh-
menserträgen verbundenen Risiken auf verschiedene Kapitalgeber bestimmt. Er be-
sitzt eine Informationserstellungs- und Kommunikationsfunktion, weil er Informatio-
nen über verschiedene Unternehmen erstellt und sie den Teilnehmern des Systems
übermittelt. Soweit diese Informationen Investitionsmittel lenken, sind sie eng mit der
Finanzierungsfunktion verbunden. Diese Funktion bedeutet, dass Kapital zur Finan-
zierung von Investitionen bereitgestellt wird, das ansonsten nicht zur Verfügung
steht. Letztendlich übernimmt der Finanzsektor eine Kontrollfunktion, da er das Ver-
halten der Unternehmensleitungen überwacht. Für die Anhänger der „Neuen Wachs-

282
Positionen in der Tradition der neoklassischen Theorie sind das dominante Paradigma der Wirt-
schaftswissenschaften und werden daher auch als Mainstream bezeichnet. Die Neoklassik selbst
entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hauptvertreter der Anfangszeit waren William
Stanley Jevons (1835-1882), Carl Menger (1840-1921) und Léon Walras (1834-1910). Vgl. Söllner
(1999: 50ff.).
283
Das sind Unternehmen und Haushalte.
284
Z.B. die Ölkrise 1973.
285
Als „rational“ werden Erwartungen dann bezeichnet, wenn sie sich logisch aus dem Modell erge-
ben, in dem sie verwendet werden, d.h. wenn die modellierten Wirtschaftssubjekte alle im jeweili-
gen Modell enthaltenen Informationen verwenden und deshalb zu denselben Prognosen gelangen
wie das jeweilige Modell selbst. Vgl. Muth (1961: 316).
286
Vgl. van Damme (1994).
287
Die „Neue Wachstumstheorie“ nimmt im Gegensatz zu Neoklassik nicht mehr an, dass der techni-
sche Fortschritt exogen gegeben ist, sondern endogenisiert diesen. Vgl. Söllner (1999: 246).
288
Vgl. Baxmann/Weichsler (1991: 546).

51
tumstheorie“ gilt, dass der Finanzsektor die Effizienz des Transformationsprozesses
von Ersparnissen in Investitionen erhöht, die Transaktionskosten senkt, die Risiko-
verteilung optimiert und Investitionsprojekte in Bezug auf ihre Profitabilität einschätzt.
Es wird auch angenommen, dass Finanzinnovationen den Markt noch effizienter ges-
talten. Der Finanzsektor hat durch seine „Effizienzverbesserung“ Einfluss auf die
wirtschaftliche Entwicklung.
Die wesentlichen Gedanken dieser Theorie hat bereits Joseph A. Schumpeter
entwickelt. Er fasst die Ko-Evolution zwischen Real- und Finanzsektor als wesentli-
chen Teilprozess der Wirtschaftsentwicklung auf. Er unterstreicht sowohl die Erhö-
hung der Effizienz des Transformationsprozesses von Ersparnissen in Investitionen
als auch die Rolle des Finanzsektors als Kreditgeber für die Wirtschaft. Danach ist es
Aufgabe der Finanzmärkte, für eine optimale Allokation der Ersparnisse zu sorgen.
Eine Höherentwicklung des Finanzsektors verbessert die Allokation der Ersparnisse.
Dies wiederum stimuliert das Wirtschaftswachstum, indem der Finanzsektor dafür
sorgt, dass die profitabelsten Investitionsprojekte finanziert werden.289
Es lässt sich festhalten - und es ist heute die vorherrschende Sichtweise -, dass
durch die Entwicklung des Finanzsektors eine Erhöhung der gesamtwirtschaftlichen
Produktivität erfolge. Eine Entwicklung des Finanzsektors bedeute insbesondere eine
effizientere Tätigkeit des Finanzsektors selbst. Erstens gehe weniger Kapital im Fi-
nanzsektor selbst „verloren“; zweitens werde die Produktivität des Realkapitals er-
höht, da erfolgsversprechendere Projekte finanziert würden und drittens werde die
Sparquote optimiert, was die Gesamtproduktivität erhöhe.290
Die Rolle des Finanzsektors in diesem Modell wird aber nur auf die eines Finanz-
intermediärs beschränkt, er übt damit letztendlich nur eine Hilfsfunktion für den Real-
sektor aus. Ausgespart bleibt die Frage, wie eine Zunahme der Investitionen effektiv
finanziert wird und auch die Frage nach den möglichen Abweichungen der Finanz-
marktpreise von ihren fundamentalen Werten. Implizit wird angenommen, dass die
Finanzmarktpreise die Bedingungen in der Realwirtschaft (die Fundamentaldaten)
richtig widerspiegeln, so wie dies von der Hypothese der Effizienz der Kapitalmärkte
postuliert wird.

2.1.1.2 Keynesianische Positionen


Der grösste Unterschied zu den neoklassischen Positionen im Bereich der Fi-
nanzmarkttheorie besteht bei den Keynesianern darin, dass in erster Linie die Inves-
titionen die Ersparnisse bestimmen und nicht umgekehrt. Durch zusätzliches Ein-
kommen der Neuinvestitionen könne mehr gespart werden. Die Zinsrate werde auch
nicht durch realwirtschaftliche Werte bestimmt, sondern durch monetäre Faktoren.291

289
Vgl. Schumpeter (1927).
290
Vgl. auch Pagano (1993).
291
Vgl. auch Keynes (1936); ders. (1937); ders. (1939).

52
Einer der Hauptaufgaben des Finanzsektors, insbesondere der Banken, sei die
Möglichkeit, unabhängig von den bestehenden Ersparnissen durch Kreditvergabe
mehr Geld zu schöpfen. Banken würden über Kredite die notwendige Kaufkraft
schaffen, um zusätzliche Investitionen zu finanzieren. Die Möglichkeit der Kreditgeld-
schöpfung garantiere aber noch nicht Wachstum, da sich Kredite auch unproduktiv
verwenden liessen.
Die Rolle des Finanzsektors wird damit erweitert, er ist nicht nur Intermediär von
Ersparnissen, sondern er schafft auch Kredite unabhängig von den bestehenden Er-
sparnissen. Diese Kredite hätten reale Auswirkungen, da sie die Finanzierung von
zusätzlichen Investitionen ermöglichten. Die Kreditgeldschöpfung sei notwendige
Bedingung des wirtschaftlichen Wachstums, womit dem Finanzsektor eine weitere
wichtige Rolle in der Ko-Evolution zuerkannt wird, indem er um die Finanzierungs-
möglichkeiten für Investitionen erweitert wird.
Für Keynesianer können Unternehmen, wenn ein Kapitalmarkt nicht perfekt ist
(im Gegensatz zur neoklassischen Theorie), extern nicht mit dem gleichen Zinssatz
Mittel für Investitionen aufbringen. Die Bedingungen der externen Finanzierung wür-
den dann die Realwirtschaft beeinflussen. Banken spielten als Anbieter dieser Finan-
zierung eine bedeutende Rolle.
Keynes und seine Anhänger sehen aufgrund dieses Zusammenhangs im Finanz-
sektor auch negative Implikationen. Eine vernünftige Unternehmensfinanzierung
könne durch Spekulation auf den Finanzmärkten gefährdet werden und damit auch
die Realwirtschaft.292 Finanzaktivitäten würden sich dann auf Kosten der Realwirt-
schaft ausweiten. Der Finanzsektor könne sich so auf Kosten des Realsektors ent-
wickeln, anstatt in Realkapital wird in Finanzkapital investiert, was zu Instabilität und
einer Verdrängung von langfristigen Investitionen durch kurzfristige spekulative Inte-
ressen führe.
In diesem Modell gibt es auf der einen Seite positive Auswirkungen wie die Erhö-
hung der Effizienz des Transformationsprozesses von Ersparnissen in Investitionen
oder die Schaffung von Krediten. Auf der anderen Seite kann der Finanzsektor der
Realwirtschaft auch schaden, sobald Spekulation zur dominierenden wirtschaftlichen
Aktivität wird. In der Tat besteht seit Beginn der 1980er Jahre kein Zusammenhang
mehr zwischen Aktienrendite und der realen Wirtschaft. Die Aktienkurse liegen über
ihren Fundamentalwerten und werden im Wesentlichen durch fundamental nicht ge-
rechtfertigte positive Erwartungen getragen. Das gilt auch für andere Finanzmärkte.
Devisenkurse werden zunehmend durch internationale Kapitalströme dominiert, die
mit der Realwirtschaft unmittelbar nichts zu tun haben. Spekulation scheint Abwei-
chungen von den Fundamentaldaten sowohl zu verursachen als auch zu verstärken.

292
Vgl. Kap. 1.3.2.

53
Die folgenden Argumente, die alle eng zusammenhängen, erklären theoretisch
die negativen Auswirkungen der jüngsten Entwicklungen im Finanzsektor.293

a) Crowding-out-Hypothese
Finanzkapital kann entweder in Realvermögen oder in Finanzvermögen investiert
werden. In Zeiten, in denen Finanzanlagen höhere Renditen versprechen als Investi-
tionen in Realkapital, wird mehr Kapital in Finanzanlagen resp. weniger in Realkapital
investiert. Dies beeinträchtigt über Multiplikatoreffekte den Realsektor der Wirtschaft.
Letztlich sollten Renditeerwartungen von Finanzanlagen aber stets auf realem Er-
tragspotenzial beruhen.

b) Finanzielle Dominanzhypothese
Wichtige wirtschaftliche Variablen, wie z.B. der Zinssatz oder der Wechselkurs,
werden immer mehr von spekulativen Finanzaktivitäten beeinflusst. Diese reflektieren
immer weniger die wahren Fundamentaldaten. Daher dominiert der Finanzsektor zu-
nehmend den Realsektor, da Finanzaktivitäten die Vorgaben (Zinssatz, Wechselkurs
etc.) für die Aktivitäten im Realsektor setzen.

c) Casinohypothese
Preise auf den Finanzmärkten spiegeln nicht die Fundamentaldaten wieder, wenn
spekulative Blasen in diesen Märkten auftauchen. Dann sind die Preise nicht mehr
die abdiskontierten zukünftigen cash flows294, welche nach der efficient market hypo-
thesis295 eigentlich alle gegenwärtig verfügbaren Informationen widerspiegeln müss-
ten. Unter diesen Umständen entwickeln Finanzmärkte ihre eigenen spekulativen
Wachstumsdynamiken, welche von irrationalem Verhalten verursacht werden kön-
nen. Dieser Entwicklung wird unterstellt, die Realwirtschaft zu schädigen, da sie nur
noch ein Nebenschauplatz eines „Casinos“ ist.

293
Einige Erklärungsansätze zur Asienkrise beziehen sich auf diese Hypothesen. Vgl. zur Kategori-
sierung der Hypothesen Binswanger (1999), der Aschinger (1996) und Stöttner (1996) folgt und
sich bei der Beschreibung der Hypothesen auf Alexander (1986); Brockway (1993); Crot-
ty/Goldstein (1993); Friedman (1986); Guttmann (1994); Minsky (1986); Pollin (1996); Rousseas
(1994); Tobin (1984) sowie Zinn (1993) stützt.
294
Aus betriebswirtschaftlicher Sicht versteht man darunter den Nettozugang an liquiden Mitteln (Ein-
nahmen – Ausgaben).
295
Vgl. Fama/Merton (1972).

54
d) Kurzfristigkeits-Hypothese
Finanzmärkte ziehen kurzfristige, spekulative Händler an. Preise reagieren äus-
serst schnell auf eine Vielfalt von Informationen. Diese beeinflussen die Erwartungen
auf den Finanzmärkten. Daher sind die Preise auf den Märkten sehr volatil und er-
möglichen Profite (natürlich auch Verluste) in einer sehr kurzen Zeit. Aufgrund der
zunehmenden Bedeutung der Finanzmärkte, beziehen auch Manager den kurzfristi-
gen Zeithorizont bei ihrer Entscheidungsfindung mit ein. Nur kurzfristige Erfolge kön-
nen durch die Finanzmärkte bewertet werden. Wenn die Finanzmärkte den Wert
langfristiger Investitionen unterbewerten, dann werden folglich auch Manager dies
tun. Dies schadet der langfristigen Entwicklung der Unternehmen und somit auch der
Wirtschaft.

e) Finanzinstabilitätshypothese
Die Hauptquelle für finanzielle Instabilität ist die unverhältnismässige Entwicklung
zwischen Gewinnmöglichkeiten und Schuldverpflichtungen. In den Jahren des wirt-
schaftlichen Booms, bei nahezu Vollbeschäftigung, können Schuldverpflichtungen
durch Einkommensflüsse zunehmend nicht mehr bedient werden, da es zu euphori-
sche Erwartungen im Vergleich zu den Profitmöglichkeiten gibt. Letztere sind aber
durch das Produktivitätswachstum beschränkt. Hingegen ist die Ausgabe von Kredi-
ten nicht beschränkt. Daher werden Kredite zunehmend für spekulative Ausgaben
verwendet und nicht mehr für Investitionen in das Realkapital. Die Finanzstruktur
wird immer fragiler und der business cycle kulminiert in einer Schuldenspirale, wel-
che eine Rezession hervorruft.

Alle Hypothesen zeigen eine negative Korrelation zwischen Finanz- und Realsek-
tor auf. Diese Hypothesen haben keinen Allgemeingültigkeitsanspruch. Doch gerät
die herrschende Theorie mit ihren „normalen“ wirtschaftlichen Bedingungen häufig
durch Entwicklungen wie in Asien in Erklärungsnot. Das Postulat eines positiven Ein-
flusses des Finanz- auf den Realsektors gilt nicht mehr. Alternativhypothesen, wie
die geraden aufgezeigten, müssen dann in die Diskussion gebracht werden.

2.1.1.3 Evolutorische Perspektive (Binswanger)


Dass mehr Investitionen in Realkapital mehr Wachstum bedeutet, was wiederum
den Wohlstand erhöhen könnte, gilt nur, wenn die Märkte noch nicht gesättigt sind.296
Sonst wird in unrentable Projekte investiert und es wäre besser, wenn mehr konsu-
miert würde. Gibt es aber neben den Investitionsmöglichkeiten in produktives Kapital
auch die Möglichkeit in unproduktive Spekulationsblasen zu investieren, kann dies in

296
Vgl. Binswanger (1999a: 5f.).

55
einer dynamisch ineffizienten297 Wirtschaft mit Überkapazitäten zu einer Erhöhung
der Wohlfahrt führen. Statt dass Ersparnisse zu zusätzlichem Realkapital werden
und das Grenzprodukt des Kapitals verringern, führen diese zur Entstehung von Bla-
sen. Investitionen in diese bringen dann auch Gewinn, denn solange sie wachsen,
können sie stets zu einem höheren Preis wieder verkauft werden. Sie dürfen aber
längerfristig nicht schneller wachsen als die Realwirtschaft, da sonst die ganze Wirt-
schaft nur noch eine Blase wäre.
Bestimmte Bedingungen müssen erfüllt sein, damit Blasen diese Funktion über-
nehmen. Zunächst müssen sie über einen längeren Zeitraum bestehen können, ohne
dass ein plötzliches Platzen droht. Nur Aktienmärkte erfüllen diese Voraussetzung
wegen der hohen Informationsasymmetrie und der damit verbundenen Unsicherheit
über den Fundamentalwert von Aktien. Spekulative Blasen gedeihen am besten,
wenn sie von einer Vielzahl von Investoren gar nicht als solche erkannt werden. Es
ist auch von Bedeutung, dass das Gesamtangebot an Aktien gleich bleibt. Die Nicht-
reproduzierbarkeit eines Gutes ist ebenfalls eine notwendige Bedingung für die Ent-
stehung von Blasen.
Nachhaltige Blasen sind ein neues Phänomen, das sich erst in wenigen Ländern
mit hochentwickelten Finanzsektoren vor allem den USA abzeichnet. Im grössten Teil
der Welt haben sie jedoch noch keine längerfristigen Überlebenschancen, wie die
Finanzkrise in Asien gezeigt hat.

2.1.1.4 Ungleichgewichte zwischen Real- und Finanzsektor


Eine systematische Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Finanzsektor
und Realwirtschaft muss auch zeigen, wie einerseits Ungleichgewichte auf den Fi-
nanzmärkten auf die reale Wirtschaft übergreifen und andererseits fundamentale
Schieflagen zu Finanzmarktkrisen führen können.298
Wenn die Finanzierung der Investitionstätigkeit durch niedrige Kreditzinsen und
steigende Aktienkurse zunehmend erleichtert wird, setzt ein Investitionsboom ein, bei
dem vermehrt auch Investitionen mit geringen Grenzerträgen rentabel erscheinen.
Verfügbares Kapital wird dann auch in solchen Bereichen eingesetzt, die nachhaltig
keine ausreichende Rentabilität abwerfen. Auch bei steigenden Finanzierungskosten
könnten schon getätigte Investitionen unrentabel werden und die aufgebaute Kapazi-
tät wird überflüssig mit der Folge einer deutlichen Investitions- und Wachstums-
schwäche. Eine vorausgegangene Börsenhausse wird fundamental nicht untermau-

297
Dynamisch ineffizient bedeutet in diesem Zusammenhang, dass es zu Überinvestitionen in Real-
kapital kommen kann. Vgl. Binswanger (1999a: 5).
298
Vgl. für die Verdeutlichung nachstehender Zusammenhänge auch BMF (2002: 47ff.).

56
ert, so dass es gemeinsam mit einer stark ausgeprägten Risikoaversion der Kapital-
geber zu einem Kollaps an Aktienmärkten kommen kann.299
Die Kreditgewährung der Banken kann sich ebenfalls auf die Realwirtschaft aus-
wirken und die Synchronisierung zwischen Konjunktur- und Finanzzyklus unterbre-
chen. Steigende Aktienkurse und Immobilienpreise in einer Boom-Phase erhöhen die
Verschuldungsmöglichkeiten der Haushalte und Unternehmen. Bei den Kreditinstitu-
ten ihrerseits erfolgt eine weniger sorgfältige Kreditvergabe, da letztere durch die
steigenden Asset-Preise gesichert erscheint. Beim Platzen der Spekulationsblase
wird dann die Kreditvergabe wegen geringerer Kreditsicherheiten zurückgeführt. Dies
führt zu sinkenden Investitionen und Insolvenzen, die die Bonität der Schuldner ver-
schlechtern und die Anzahl der notleidenden Kredite bei den Banken erhöht. Da-
durch wird deren Kreditgeschäft weiter gedrosselt (credit crunch). Das Verhalten bei
der Kreditgewährung des Bankensektors kann somit prozyklisch und ggf. krisenver-
stärkend wirken.300
Steigende Aktienkurse können auch realwirtschaftliche Aktivitäten beeinflussen.
Da es zu einer Erhöhung des Finanzvermögens der privaten Haushalte kommt, wird
der private Konsum angekurbelt, sofern der Vermögenseffekt als dauerhaft angese-
hen wird.301
Auch über aussenwirtschaftliche Verflechtungen können sich Veränderungen im
Finanzsektor auf die Realwirtschaft auswirken. Bei einer stark ausgeprägten Aktien-
hausse oder einem positiven Zinsvorlauf in einem Land kann es zu Nettokapitalzu-
flüssen und realer Wechselkursaufwertung kommen, die nicht mehr an den Funda-
mentaldaten des betreffenden Landes orientiert sind. Konsequenz ist dann ein Ver-
lust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit, der zu einer anhaltenden Passivierung der
Leistungsbilanz führt, falls er nicht mehr durch Produktivitätsgewinne aufgefangen
werden kann. In der Realwirtschaft können dann deutliche Kontraktionsprozesse ein-
treten, verbunden mit einer Umkehr der Kapitalströme und Wechselkursabwertun-
gen.

2.1.1.5 Reale Vorteile durch internationalen Kapitalverkehr?


Schliesslich gilt es noch die Frage zu beantworten, ob wirklich „reale“ Vorteile
durch internationalen Kapitalverkehr entstehen, und diese kritisch zu bewerten. Allo-
kationstheoretisch werden die Vorteile eines freien internationalen Kapitalverkehrs
dadurch begründet, dass das Kapitalangebot effizienter genutzt werde, die Risikover-
teilung sowie -begrenzung gemäss den individuellen Präferenzen verbessert werde

299
Vgl. die im Sommer 2000 einsetzende Abkühlung der Euphorie über die New Economy und der
drastische Preisverfall an der NASDAQ und am Neuen Markt in Deutschland als Korrektur der
vorangegangenen Übertreibungen.
300
Beispiel für diese prozyklische Wirkung der Kreditfinanzierung ist die in den 1990er stagnierende
japanische Volkswirtschaft.
301
Diese unmittelbaren Vermögenseffekte dürften in Europa im Unterschied zu den USA angesichts
nur geringer Bestände an börsennotierten Aktien bei den Haushalten nur schwach ausfallen.

57
und auf diese Weise das Gemeinwohl steige.302 Genauer bedeutet dies, dass das
Kapital dorthin fliessen könne, wo es nach Massgabe der Rendite am knappsten ist.
Es würden jene Länder Kapital exportieren (importieren), in denen das Kapital am
reichlichsten (knappsten) sei. Es entstehe ein Allokationsgewinn, analog der Han-
delsgewinne bei intersektoraler Spezialisierung infolge des Handels mit Gütern.303
Ausserdem würde die Risikostruktur der Portfolios von Vermögensbesitzern stärker
diversifiziert. Dies erlaube, nach üblichen versicherungstechnischen Kriterien bei
gleichem Gesamtrisiko mehr Projekte mit hoher Rendite und hohem Risiko zu reali-
sieren als in Autarkie. Gesamtwirtschaftlich bedeute dies eine Zunahme des wirt-
schaftlichen Wachstums, die von grosser quantitativer Bedeutung sein könne, wie
die Kalibrierung entsprechender Modelle zeige.304
Dennoch erweist sich gerade das Argument der Steigerung des Gemeinwohls als
fadenscheinig. Diese Steigerung, häufig als Gesamtnutzenmaximierung gedeutet
und als Wachstum des Bruttoinlandproduktes gemessen, reicht, wenn die Vertei-
lungsproblematik gänzlich ausser Acht gelassen wird, nur aus utilitaristischer Per-
spektive für eine Legitimation der Liberalisierung des freien Kapitalverkehrs.305 Doch
der
„…Utilitarismus ist die Ideologie des Kapitalismus, denn er erlaubt es, das Wachstum der
Ökonomie als solches ohne Rücksicht auf Verteilungsfragen moralisch zu rechtferti-
306
gen.“

Die Kenntnis der Verteilung des Bruttoinlandprodukts für eine ethische Legitima-
tion ist zwingend.307 Nur wenn eine Politik der Liberalisierung des freien Kapitalver-
kehrs bei der Verteilung der Gewinne einer Wohlfahrtserhöhung die unverletzlichen
Rechte aller Individuen nicht unterschlägt, ist sie gerechtfertigt.
Aber auch der ökonomische Nutzen, sogar der für Spekulanten, Investoren und
Kreditnehmer wird oftmals überschätzt.308 Er ist geringer als der des Freihandels.
Internationale Finanzmärkte sind krisenanfällig und zyklisch. Perioden mit starken
Zuflüssen von Kapital wechseln mit Phasen raschen Abzugs. In den betroffenen Län-
dern kann es sowohl bei Zufluss von Kapital und noch mehr bei raschem Kapitalab-
fluss zu tiefen Anpassungskrisen kommen,309 die häufig einschneidende soziale Aus-
wirkungen zur Folge haben.310

302
Vgl. Svensson (1988); Obstfeld (1994); Obstfeld/Rogoff (1996a); Acemoglu/Zilibotti (1997).
303
Im Vergleich zur Autarkie gewännen die Investoren im Kapitalimportland und die Sparer im Kapi-
talexportland; es verlören die Investoren im Kapitalexportland und die Sparer im Kapitalimport-
land. Der Nettoeffekt sei positiv.
304
Vgl. Obstfeld (1994).
305
Vgl. Wettstein (2001: 11ff.).
306
Tugendhat (1995: 327).
307
So ist in der Zeitspanne von 1973 bis 1995 das Realeinkommen von vier Fünfteln der amerikani-
schen Erwerbsbevölkerung um 11% gesunken, während aber das reale Bruttosozialprodukt pro
Kopf um 33% gestiegen ist. Nur ein Fünftel der Bevölkerung hat demnach vom Zuwachs profitiert.
Vgl. Kneschaurek (1999: 225).
308
Vgl. Rogoff (1999: 5).
309
Vgl. Bhagwati (1998).
310
Vgl. Kap. 3.2.

58
Dieser rasche Abzug von Kapital beruht häufig auf dem Herdenverhalten der An-
leger.311 Internationale Investoren haben kaum die Möglichkeit, notwendige Informa-
tionen zu besorgen, diese eingehend zu analysieren und festzustellen, welche Inves-
titionsprojekte, insbesondere in Schwellenländern, durchführbar sind. Daher neigen
sie dazu, sich dem Verhalten anderer anzuschliessen. Es kommt zum Herdentrieb.312
Viele Beobachter halten gerade diesen „Trieb“ der Banken und Anleger für die Achil-
lesferse des globalen Finanzsystems.313
Finanzmärkte sind allein in Ausnahmefällen informationseffizient. Im Allgemeinen
neigen sie in einer Phase zu übertriebenen Preisreaktionen, in einer anderen Phase
werden allgemein zugängliche und preisrelevante Informationen nicht zur Kenntnis
genommen, weil der Markt im Banne eines singulären Sachverhaltes steht.314 Phä-
nomene wie moral hazard und adverse Selektion sind immanente Probleme der in-
ternationalen Finanzmärkte.315 Diese Ineffizienzen stellen sogar den ökonomischen
Nutzen der internationalen Liberalisierung des Kapitalverkehrs in Frage.316 Ein unbe-
schränkter internationaler Kapitalverkehr garantiert aber dadurch erst recht nicht, ei-
ne lebensdienliche Allokation von Ersparnissen. Informationsdefizite des internatio-
nalen Kapitalverkehrs bedeuten auch, dass Anleger keine Kenntnis darüber haben,
wie und wo ihr Kapital angelegt wird.

2.1.2 Der Systemcharakter der globalen Finanzmärkte


Wie schon angedeutet sind die internationalen Finanzmärkte ein ausserordentlich
komplexes und nicht einfach zu entschlüsselndes System.317
„We do not as yet fully understand the new system’s dynamics. We are learning fast
(sic!), and need to update and modify our institutions and practices to reduce the risk in-
318
herent in our new regime…“.

Für ein Verständnis internationaler Finanzmärkte zu kurz greift deshalb die Erklä-
rung Friedrich A. von Hayeks, dass ein Markt als funktionaler Ort einer unendlichen
Serie preisgesteuerter Tauschvorgängen begriffen werden kann, die schliesslich ein
Gleichgewicht hervorbringen, bei dem kein Marktagent Veranlassung hat, seine Plä-
ne zu revidieren.319 Diese Auffassung trifft wohl nur für theoretische Modelle zu wie
sie Ökonomen entwickeln. Praxisnäher ist da eine Aussage Polanyis. Er vertritt die
311
Schon vor der Asienkrise wiesen Barry Eichengreen und Charles Wyplosz auf dieses Charakteris-
tikum hin. Vgl. Eichengreen/Wyplosz (1996: 19).
312
Vgl. Nunnenkamp (1998: 9).
313
Reisen (1998): „Vom Kreditboom zur Schuldendeflation“, in: NZZ vom 25.07.1998, S. 71.
314
Filc (1998: 29).
315
Vgl. Kap. 3.4.3.
316
Vgl. Cooper (1998); vgl. Rodrik (1998).
317
Vgl. Altvater/Mahnkopf (1996).
318
Greenspan (1998).
319
Die Voraussetzung eines solchen Gleichgewichtssystems sei die vollständige Konkurrenz. Ein
System, in dem sich eine unbeschränkte Vielzahl unabhängiger Unternehmer in störungsfreiem
Leistungswettbewerb begegnet. Hayek spricht im Zusammenhang mit Markt von Katallaxie. Vgl.
Hayek (1969b).

59
„These, dass die Idee eines selbstregulierenden Marktes eine krasse Utopie“ bedeu-
te. Eine solche Institution könne über längere Zeiträume nicht bestehen, ohne die
menschliche und natürliche Substanz der Gesellschaft zu vernichten.320
Grundsätzlich gilt, dass ein Markt, verstanden als institutionalisierte Form kom-
plex-arbeitsteiligen Wirtschaftens, stets mehr als nur Marktmechanismus ist. Markt
und Marktwirtschaft gehören aus kapitalistischer Sicht untrennbar zueinander. Sie
sind neben Privateigentum und wirtschaftlichem Individualismus Charakteristika der
kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.321 Präzisiert heisst dies, dass
im Kapitalismus neben den klassischen Gütern auch die Produktionsfaktoren Waren
sind.322 Der Mensch wird Objekt, die Arbeit wird Ware. In einem arbeitsteiligen Pro-
duktionsprozess werden Tauschwerte für den Markt produziert. Der Markt ist dabei
Regelungs- und Informationsinstanz in einem. Nutzenmaximierung und Profitinteres-
se treiben die Wirtschaftssubjekte an. Kapitalakkumulation und private Verfügungs-
gewalt über das Kapital sind Grundlagen der Marktwirtschaft. Aber in einer Totalität
von Tauschbeziehungen, in denen die Menschen wie Warenbesitzer oder Geldver-
mögensbesitzer mitmischen können, ist für zwischenmenschliche Beziehungen, für
Reziprozität und Solidarität,323 für wechselseitige „Grosszügigkeit“324 und für Ge-
meinschaft des Menschen wenig Raum.325
So haben die internationalen Finanzmärkte eine „Eigengesetzlichkeit“326 ent-
wickelt, die „nur Ansehen der Sache, kein Ansehen der Person“ kennt.327 Einmal e-
tabliert, veränderten sie die Gesellschaften, deren Verhalten und Moral nachhaltiger
als jede Revolution.328 Die rein „sachlichen“ Gesetze der internationalen Finanzmärk-
te treten den in den Wettbewerb „verstrickten“329 Individuen als eigensinnige Funkti-
onslogik desselben gegenüber. Dieser können sie immer weniger entkommen, je
mehr die Finanzmärkte „herrschen“ und je intensiver der Wettbewerb auf ihnen las-
tet. Eine unpersönliche Marktsteuerung ist zum fast alles beherrschenden, uneinge-
schränkten Organisationsprinzip, zu einer Art „herrenloser Sklaverei“ 330 geworden.
Die internationalen Finanzmärkte üben über den, den sie einmal in ihre Fänge be-
kommen haben, fast schicksalhafte Macht aus. Es herrscht im (fiktiven) total freien
Finanzmarkt nur noch Sachzwang und Sachzwangdenken.331
Befürworter völlig freier Finanzmärkte erklären, dass der den meisten Menschen
als Zwang erscheinende Marktdeterminismus als eine Gewährsinstanz einer freien
Gesellschaft zu begreifen sei. Dieser müsse durch weitere Deregulierung voll zur
320
Polanyi (1978: 19).
321
Vgl. Koslowski (1986: 8f.).
322
Polanyi (1978: 183).
323
Vgl. Latouche (1994).
324
Vgl. Aristoteles (1980).
325
Altvater/Mahnkopf (1996).
326
Nachfolgende Interpretation ist entlehnt aus Ulrich (2001: 137ff.).
327
Weber (1972: 383).
328
Vgl. Hankel (1989: 185).
329
Weber (1972: 709).
330
Weber (1972: 709).
331
Vgl. zur Thematik der Sachzwänge Kap. 2.1.3.

60
Geltung kommen, damit er sein „gutes“, von den einzelnen Wirtschaftssubjekten
nicht unmittelbar intendiertes Werk vollbringe. Die Argumentation der Befürworter
zielt also darauf ab, die nicht-intentionale Funktionsweise des „freien“ Marktes so
auszulegen, als ob sie sinnvoll und zweckmässig eingerichtet wäre.332
An den globalen Finanzmärkten ist aber ein massgeblicher Orientierungspunkt,
an dem die Gläubiger und Schuldner ihre wirtschaftlichen Aktivitäten ausrichten, die
ökonomische Selbstbehauptung im Wettbewerb konkurrierender Anbieter und Nach-
frager von Kapital (Investitionen). Dabei sind die Finanzmarktteilnehmer auf ihre
Selbstbehauptung im Wettbewerb in soweit angewiesen, wie sie von der fortwähren-
den Renditeerzielung „existentiell“ abhängig sind. Sei dies als Kreditempfänger, der
das Kapital plus Zinsen an den Gläubiger nach einer bestimmten Periode zurückzah-
len muss und daher eine bestimmte Rendite erwirtschaften muss oder sei dies als
Gläubiger, der sein investiertes Kapital gewinnbringend anlegen muss, da er von den
Kapitalerträgen abhängig ist.
Obwohl jeder Teilnehmer nur an seiner „privaten“ Renditemaximierung interes-
siert ist, übt er durch seine Erfolgsstrategien unweigerlich einen, wenn auch unter
Umständen fast unmerklichen, bloss marginalen Zwang auf seine Mitbewerber aus,
und zwar ohne mit ihnen persönlich in Interaktion zu treten. Denn nur wenn er eine
hohe Rendite verspricht, erhält er das notwendige und günstige Kapital. Seine Kon-
kurrenten gehen zwar nicht leer aus, müssen aber Kapital zu ungünstigeren Bedin-
gungen aufnehmen.
So entsteht ein Zwang wettbewerbsfähig zu sein, das heisst gegenüber seinen
Konkurrenten einen komparativen Kosten/Nutzen-Vorteil zu besitzen. Es herrscht
eine Art Sozialdarwinismus, auf lebensweltliche Aspekte wird keine Rücksicht ge-
nommen. Die globalen Finanzmärkte wählen sich selbst jene Wirtschaftssubjekte
heraus, die ihnen am konsequentesten „gehorchen“.333
Es gibt aber Wirtschaftssubjekte, die nicht von den internationalen Kapitalflüssen
profitieren. Es sind einerseits diejenigen, die keine Möglichkeit haben an Kapital
heranzukommen und daher auch nicht teilhaben können und andererseits jene, die
zunächst mit billigem Kapital versorgt werden, aber bei Verstoss gegen die Regeln
(der Renditemaximierung) durch Kapitalabzug abgestraft werden:
„Wer sich in seiner Lebensführung den Bedingungen kapitalistischen Erfolgs nicht an-
334
passt, geht unter oder kommt nicht hoch.“

Das Kapital wird ohne Nachsicht einfach abgezogen. Der Schuldner muss also
erfolgreich sein, um im Wettbewerb des globalen Kapitals zu überleben. Diesem Er-

332
Vgl. als Befürworter insbesondere Hayek (1969a). Hayek hegt eine tiefe Skepsis gegenüber allen
Ansprüchen der ethisch-politisch vernünftigen Gestaltung einer anderen als der als „natürlich“ be-
trachteten gesellschaftlichen Ordnung. Vgl. dazu Ulrich (2001: 142f.).
333
Ulrich (2001: 139).
334
Weber (1988: 56).

61
folgsdruck kann er sich kaum entziehen, denn es gilt auch hier eine Erkenntnis Max
Webers:
„Die heutige kapitalistische Wirtschaftsordnung ist ein ungeheurer Kosmos, in den der
einzelne hineingeboren wird und der für ihn, wenigstens als einzelnen, als faktisch unab-
änderliches Gehäuse, in dem er zu leben hat, gegeben ist. Er zwingt dem einzelnen, so-
weit er in den Zusammenhang des Marktes verflochten ist, die Normen seines wirtschaft-
lichen Handelns auf. Der Fabrikant, welcher diesen Normen entgegenhandelt, wird öko-
nomisch ebenso unfehlbar eliminiert, wie der Arbeiter, der sich ihnen nicht anpassen
335
kann oder will, als Arbeitsloser auf die Strasse gesetzt wird.“

Der Schuldner - dies kann auch ein ganzes Land sein - hat sich demnach leis-
tungsorientiert zu verhalten. Das bedeutet, dass er Geldgebern für ihre Investition
eine höhere Rendite bei gleichem Risiko336 verspricht als seine Konkurrenten, u.a.
auch durch weniger Restriktionen beim Kapitalverkehr. Geldgeber investieren nun ihr
Kapital vermehrt bei ihm und ziehen es bei den Konkurrenten ab. Die relative Wett-
bewerbsposition dieser Konkurrenten hat sich somit verschlechtert. Diese müssen,
um im Markt zu bleiben, mit ihren Renditen nachziehen, indem sie beispielsweise
ihre Restriktionen abbauen. Um die Kreditgeber nicht zu verlieren, sieht sich der ers-
te Kreditnehmer veranlasst, sein Renditeversprechen noch höher zu setzen resp.
noch mehr Restriktionen aufzuheben. Genau auf dieser Logik beruht die Effizienz-
funktion des Marktes. Sie ist das Argument für einen freien Finanzmarkt, der die auf
den ersten Blick effizienteren Investitionen fördert. Die viel beschworene ökonomi-
sche Überlegenheit der freien Marktwirtschaft und ihrer restriktionsfreien Finanzmärk-
te gegenüber weniger „liberalen“ Wirtschaftssystemen oder -formen kommt hier zum
Ausdruck. Letztere werden im internationalen und interkulturellen „Wettbewerb der
Rahmenordnungen“ auf Dauer eliminiert, denn Finanzmärkte mit Restriktionen ver-
teuern „unnötig“ die Kapitalaufnahme.
Nach diesen Prinzipien der Selektion und Effizienzsteigerung im Wettbewerb set-
zen sich die Schuldner bzw. Staaten mit den freiesten Finanzmärkten und den
höchsten Renditen durch.337 Doch beim zweiten Blick lässt sich feststellen, dass die-
se wahrlich einseitige Blickweise vieles andere ausser Acht lässt und nicht unbedingt
denjenigen belohnt, der nachhaltig investiert oder produziert. Die Renditemaximie-
rung gestaltet sich zunehmend schwieriger. Oft wird versucht, in Produktionsverfah-
ren zu investieren, die nur vordergründig effizienter sind. Diese Verfahren nehmen
keine Rücksicht auf Umwelt- und Sozialstandards oder versuchen, den Arbeitsinput
rücksichtslos zu reduzieren. Umweltschäden, Arbeitsunfälle, Lohndumping und Mas-
senentlassungen sind die Konsequenz. Diese Logik setzt sich, soweit ihr nicht durch
eine stärkere Macht Einhalt geboten wird, in immer mehr Regionen und Ländern
durch. Eine solche stärkere Macht fehlt aber auf globaler Ebene.

335
Weber (1988: 37).
336
Es geht auch umgekehrt, dass bei gleicher Rendite ein geringeres Risiko versprochen wird. Dass
ein Abbau von Restriktionen sich auch hier positiv auswirken kann, versteht sich von selbst.
337
Vgl. auch Ulrich (2002: 31).

62
Länder, die eigentlich eine behutsame und nachhaltige wirtschaftliche Entwick-
lung verfolgen wollen, unterliegen dem Zwang, die Märkte zu liberalisieren, um für
ausländische Investitionen attraktiv zu sein und so an das notwendige internationale
Kapital zu gelangen. Für sie sind freie Finanzmärkte nicht ein vorrangiges, demokra-
tisch gewolltes wirtschaftspolitisches Ziel, sondern der reale Zwangszusammenhang,
der sie an der Entfaltung ihrer eigenständigen wirtschaftlichen Entwicklung hindert.
Die globalen Finanzmärkte wirken sich so auch auf jene Länder aus, die nicht die
Absicht haben an ihnen zu partizipieren.
Die Erfolgslogik des Wettbewerbs setzt sich zwangsweise durch. Teilneh-
mer/Länder müssen an den globalen Finanzmärkten erfolgreich sein, um weiter an
ihnen teilzunehmen. Dies gilt zwar insbesondere für die Schuldnerseite, aber auch
ein Gläubiger bzw. Kreditgeber wird nicht lange mit niedrigen Renditen bei seinen
Investitionen leben können. Oft hat er sein investiertes Kapital selbst geliehen und
muss seinen eigenen Kapitalgebern eine bestimmte Rendite zahlen.
Im Gegensatz zum alten Systemwettbewerb um wirtschaftliche, kulturelle und mi-
litärische Dominanz zwischen dem kommunistischen und dem kapitalistischen Sys-
tem nach dem 2. Weltkrieg ist dieser Wettbewerb Teil eines „neuen Systemwettbe-
werbs“;338 eine Konkurrenz um Standortvorteile, getrieben von einer über die Gren-
zen hinweg gehenden Bewegung von Arbeitskräften und Produktionsfaktoren,339 ins-
besondere Kapital.
Dieser neue Systemwettbewerb zwingt die Regierung eines Landes zu einer
gänzlich anderen Politik als der alte. Neuerdings dient die Aussenwirtschaftspolitik
nicht mehr dazu den Aussenhandel zu unterstützen, sondern versucht, Wettbe-
werbsvorteile zu schaffen, um Produktionsfaktoren, insbesondere Kapital anzuzie-
hen.340 Der neue Systemwettbewerb schafft aber nicht die Vorteile, die aufgrund des
klassischen Wettbewerbs im Privatsektor zustande kommen. Dafür verantwortlich ist
eine Art ‚Selektionsprinzip’341. Folgendes Beispiel verdeutlicht wie das Selektions-
prinzip die vitalpolitischen Aktivitäten eines Staates erodieren lassen kann. Unter die
Vitalpolitik eines Staates fällt die Etablierung einer steuerfinanzierten Rentenversi-
cherung. Im Versicherungsfall (beispielsweise Eintritt ins Rentenalter) werden Geld-
transfers an Bedürftige generiert. Diese Aufwendung wird zum Teil durch eine Steuer
auf Kapitalimporte finanziert.342 Kommt es in einem Land zu relativ vermehrten Versi-
cherungsfällen (demographischer Wandel aufgrund sinkender Geburtenrate), müs-
sen die Steuern auf Kapitalimporte erhöht werden. Der Anreiz für Steuerzahler, also
der ausländischen Investoren ihre Investitionen in ein Land umzulenken, wo die
Steuer aufgrund weniger Versicherungsfälle (relativ geringere Anzahl Transferemp-
fänger aufgrund hoher Geburtenrate) geringer ist, verstärkt sich. Dieses Land kann

338
Vgl. Sinn (1997); ders. (2002).
339
Sinn (2002: 3).
340
Sinn (2002: 4). Eine „kluge Wirtschaftspolitik“ strebt ähnlich wie ein Privatunternehmen an, die
guten Kunden anzuwerben und die „Schnorrer“ fernzuhalten.
341
Vgl. Sinn (1997).
342
Vgl. Kap. 4.1.2.2.

63
nun aufgrund der neu hinzugewonnen Kapitalimporte eine geringere Prämie erhe-
ben, was es noch attraktiver werden lässt. Umgekehrt steigt in dem ersten Land die
Steuerbelastung weiter, so dass es noch unattraktiver wird Kapital in das Land einzu-
führen und die Kapitalimporte noch mehr zurückgehen. Dieser Prozess kann soweit
fortschreiten, dass in einem Land überhaupt kein Kapital mehr importiert und folglich
auch keine Steuern auf Kapitalimporte erhoben werden kann. Dies zeigt, dass auf-
grund der Mobilität von Kapital ein Staat nicht mehr autonom über seine Vitalpolitik
entscheiden kann. Die Aufgaben des Sozialstaates werden durch den neuen Sys-
temwettbewerb wieder ökonomisch in Frage gestellt.343
Diese Erkenntnis lässt an der „Systemrationalität“ des deregulierten und somit
„freien“ Finanzmarktes zweifeln. Die lebenspraktischen Folgen einer Wettbewerbs-
dynamik sind nicht für alle gut, sie können für die Erfolglosen höchst problematisch
sein. Ziel muss es sein, das Wirken des Marktmechanismus als ethisch-politische
Gestaltungsaufgabe aufzufassen und den Markt in eine wirklich sinnvoll gestaltete,
„höhere“ Gesellschaftsordnung einzubinden.344

2.1.3 Die Globalisierung (der Finanzmärkte) - Naturgesetz oder kulturelle Insti-


tution?
Wenn die weltwirtschaftlichen Veränderungen der jüngsten Vergangenheit be-
trachtet werden, drängt sich der Eindruck eines zwangsläufigen Geschehens auf,
das gar keinen Spielraum für ordnungsethische Gesichtspunkte zulässt.345 Der durch
neue Technologien hervorgerufene Wandel auf den internationalen Finanzmärkten
stellt sich vordergründig als ein vom Willen unabhängiger, gleichsam naturgesetzli-
cher Prozess dar, dem die Beteiligten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind.346

343
Entscheidender als Steuern auf Kapitalimporte sind im „Systemwettbewerb“ Steuern auf Einkom-
men, Unternehmensgewinne etc. Auch Regeln zum Schutz des „Guten Lebens“ können diesem
Selektionsprinzip zum „Opfer fallen“.
344
Ulrich (2001: 144). Hans-Werner Sinn sieht nur Lösungsmöglichkeiten in einer global abgestimm-
ten Politik. National liessen sich nur einzelne Symptome bekämpfen z.B. durch die verspätete In-
tegration von Einwanderern in ein nationales Sozialsystem. Dies gilt insbesondere dann, wenn
Einwanderer durch Transferleistungen angezogen werden. Aufgrund der höheren Anzahl von
Empfängern fällt dann die durchschnittliche Versicherungsleistung geringer aus. Vgl.
Sinn/Flaig/Munz/Werding (2001).
345
Vgl. Kap. 2.2.
346
Es wird davon ausgegangen, dass das Verhalten der Menschen nicht naturgesetzlich determiniert
ist. Vielmehr ist der Mensch frei, einen eigenen Willen zu entwickeln und sein Handeln frei zu
bestimmen. Er hat die Möglichkeit zu vielerlei Handeln; er kann zu sich und seinem Handeln Stel-
lung nehmen und dieses beurteilen. Beurteilt der Mensch eigenes oder fremdes Handeln, so trifft
er moralische Urteile. Diese Fähigkeit und die immanente Pflicht des Menschen zum eigenen
Handeln Stellung zu nehmen wird als Moralität bezeichnet. Moralität ist eine Bedingung der „Con-
ditio humana“. Plessner (1964: 38). Mit der Zurechnungsfähigkeit unterstellt man anderen Men-
schen die Moralität. Mittels der Moralität wird die personale Freiheit mit der zwischenmenschlichen
Verbindlichkeit in Einklang (Integrität) gebracht. Eigene Ansprüche werden mit den Ansprüchen
der Mitmenschen verknüpft. „Im Begriff der Moralität wird Freiheit als das Unbedingte gedacht, als
der unbedingte Anspruch, Freiheit um der Freiheit willen als das höchste menschliche Gut zu rea-
lisieren.“ Pieper (1991: 44); Argumentation nach Ulrich (2001: 23f.), der sich auch auf Gehlen
(1986: 9f.) bezieht.

64
Diese Entwicklung scheint zumindest so prädestiniert zu sein, dass den „Sachge-
setzlichkeiten“ des Wettbewerbs auf den globalen Finanzmärkten keine Grenzen ge-
setzt werden können. Es stellt sich die Frage, worauf diese „scheinbaren“ Sachge-
setzlichkeiten beruhen.347
Antworten auf diese Frage zu geben, ist für eine wirtschaftsethische Arbeit un-
umgänglich. „Sachgesetzlichkeiten“ zu durchschauen heisst, keinen Reflexionsstopp
zu begehen und sich nicht mit den vorgefundenen empirischen Zwängen der sich
durchsetzenden Globalisierung der Finanzmärkte zu begnügen. Solch eine Analyse
holt die ökonomische Argumentation in die ethisch-kritische Diskussion zurück.348
Man darf sich von scheinbaren Sachgesetzlichkeiten nicht trügen lassen. Ein glo-
baler Finanzmarkt existiert nicht von selbst. Er hat nicht den Charakter von Naturer-
eignissen wie der Lauf der Gestirne, Erdbeben oder die Gezeiten. Diese Ereignisse
entziehen sich unserer Einflussnahme, man kann sie nur hinnehmen. Doch im Fall
des globalen Finanzmarktes liegen die Dinge anders. Er braucht immer das Mitwir-
ken von Menschen. Alles, was auf ihnen geschieht, lässt sich direkt oder indirekt auf
entsprechende Handlungen zurückführen, die von Menschen in einer ganz bestimm-
ten Absicht ausgeführt wurden.
Das tatsächliche Geschehen in Sachen Globalisierung der Finanzmärkte beruht
stets auf dem komplexen Zusammenwirken vielfältiger Massnahmen, die sich kausal
immer auf das Wünschen und Wollen, auf das Tun und Lassen der handelnden Men-
schen zurückführen lassen. Die vereinfachende Darstellung, bei der der Markt als ein
selbständig handelndes Subjekt erscheint, lässt den Eindruck entstehen, als sei es
ein mit naturgesetzlicher Zwanghaftigkeit ablaufendes Geschehen ohne menschli-
ches Zutun, das keinerlei Eingriffsmöglichkeiten mehr zulasse.
Gewiss ist nicht zu verkennen, dass die hochdifferenzierte, arbeitsteilige Gesell-
schaft durch vielfältige institutionelle und organisatorische Vorgaben geprägt ist. Oh-
ne diese Vorgaben, die unsere Lebensvollzüge gleichsam kanalisieren und dadurch
einen wohlbestimmten Handlungsspielraum eröffnen, wären der hohe Komplexitäts-
grad und die relative Verlässlichkeit der materiellen und organisatorischen Strukturen
unserer Zivilisation unmöglich. In der soziologischen Theorie werden denn auch viel-
fach Institutionen und soziale Gruppen als selbständige Instanzen betrachtet.349
Doch auch dies ist eine unangemessene Vereinfachung, denn Institutionen existieren
nur solange und in einem Umfang, wie sie von Menschen aufrechterhalten oder zu-
mindest geduldet werden. So reicht die prägende Kraft der vorhandenen gesell-
schaftlichen Einrichtungen und die Trägheitswirkung des bisherigen Verlaufs der
Globalisierung der Finanzmärkte immer nur soweit, wie die handelnden Individuen
diese Vorgaben (zumindest stillschweigend) akzeptieren und sich dementsprechend
verhalten.

347
Vgl. zu der folgenden Argumentation auch Schelsky (1961).
348
Ulrich (2001: 148).
349
Vgl. Luhman (1986: 32ff.).

65
Entscheidend ist der Umstand, dass die Menschen auf dem Gebiet der Globali-
sierung der Finanzmärkte, ebenso wie in allen anderen Bereichen der Wirtschaft,
nicht planlos und automatisch, d.h. naturgesetzlich, handeln. Die Art und Weise, wie
der gegebene technische Stand für die Effizienz der Märkte genutzt wird, bzw. wel-
che Rahmenordnung gesetzt wird, ist stets Ausdruck bestimmter Wertvorstellungen.
Dies bedeutet nicht, dass hier in jedem Fall eine bewusste Reflexion auf bestimmte
Werte, Sinnbezüge und Zielvorstellungen erfolgt. Im Sinne bestimmter Wertvorstel-
lungen zu handeln ist nicht unbedingt gleichbedeutend damit, sich über diese Wert-
vorstellungen auch Rechenschaft abzulegen. Als das „nicht festgestellte Tier“350 ist
der Mensch verhaltensoffen. Es fehlt ihm an eindeutigen ererbten oder erlernten
Verhaltensmustern. Er kann und muss wählen und ist in diesem Sinne zur Freiheit
verurteilt.351 Innerhalb dieses Freiheitsspielraums ist sein Verhalten bestimmt von
Wertvorstellungen über das, was er für erstrebenswert, positiv und wertvoll hält. Es
ist unerheblich, ob hier von Werten, Interessen oder Bedürfnissen gesprochen wird.
Bei Interessen handelt es sich im Allgemeinen eher um subjektiv oder politisch be-
stimmte Ziele, während Bedürfnisse biologische, naturgesetzgegebene und allge-
meinmenschliche Forderungen betreffen. Doch letztlich ist alles, was über die blosse
physische, biologische Existenzerhaltung hinausgeht, nicht Sache der Natur, son-
dern der Kultur. Wie José Ortega y Gasset formuliert hat, ist der Mensch ein Wesen,
das Nein sagen kann, und die Kultur repräsentiert gerade das, was biologisch gese-
hen eigentlich überflüssig ist.352
Alles, was in der Wirtschaft über die reine Daseinserhaltung hinausgeht,353 ist al-
so abhängig von den Wertvorstellungen, die in einer bestimmten Gesellschaft herr-
schen. Diese legen fest, was jeweils als gut und erstrebenswert resp. als schlecht
und verwerflich zu gelten hat. Unter diesen normativen Gesichtspunkten betrachtet
handelt es sich hierbei um einen bestimmten Stil, in dem das Leben zu führen ist.
Jede Kultur stellt ein realisiertes Wertesystem dar, durch das sie überhaupt erst defi-
niert wird. In diesem Sinne müssen fast alle wirtschaftlichen Regeln der Kultur zuge-
rechnet werden. Noch bei Adam Smith wurde die Wirtschaft als selbstverständliches
Element der kulturellen Lebenswelt betrachtet und deshalb gar nicht als eigenständi-
ge Grösse wahrgenommen.354 Die subjektiv wahrgenommene Unabdingbarkeit, die
bestimmten Bedürfnissen zugebilligt wird, erweist sich demnach - abgesehen von
elementaren biologischen Erfordernissen - als Ausdruck einer kulturbestimmten Le-
bensform und damit letzten Endes als Manifestation einer ganz bestimmten Wert-
oder Präferenzordnung. Erst durch die ausdrückliche oder stillschweigende Orientie-
350
Nietzsche (1967).
351
Vgl. Sartre (1985).
352
Ortega y Gasset (1973: 31).
353
Sogar die Daseinserhaltung an sich ist von Wertvorstellungen abhängig. Hier ist festzuhalten,
dass die Wirtschaft auch in die Daseinserhaltung negativ eingreifen kann (z.B. Hungersnöte ver-
ursacht durch Monokulturen).
354
Smith (1985). In Smiths Werk kam es zum epochalen Bruch mit dieser Tradition. Im Spätwerk
„Der Wohlstand der Nationen“ (1776) ist die Wirtschaft im Gegensatz zur „Theorie der ethischen
Gefühle“ (1759) eine verselbständigte Denkwelt. Vgl. die Aufsätze in Meyer-Faje/Ulrich (1991),
insbesondere Ulrich (1991a).

66
rung an einem solchen Wertesystem werden im Rahmen der gegebenen Hand-
lungsmöglichkeiten jeweils ganz bestimmte Zielsetzungen bzw. Zustände als erstre-
bens- oder vermeidenswert ausgezeichnet.355
Die Lebensbedeutung solcher kulturell geprägten und durch Vorbild und Erzie-
hung auf die nächste Generation übertragenen - und gegebenenfalls durch bestimm-
te Negation von ihr abgelehnten - Vorstellungen beruht darauf, dass sie als selbst-
verständlich gelten und gar nicht hinterfragt werden. So kommt das Wertesystem,
von dem wir uns bei Fragen über die Wirtschaft leiten lassen, dann erst ins Blickfeld,
wenn Problemsituationen (Massenentlassungen, -arbeitslosigkeit, Asienkrise, Trans-
formation in Osteuropa) auftreten. Die vielbeschworene Orientierungskrise, die Unsi-
cherheit unseres Urteils über die gegenwärtige Situation und über die Zukunftsaus-
sichten, wirkt hier wie eine Bruchstelle, die den Blick in sonst verborgene Zusam-
menhänge freigibt.
Der Einwand, dass die bisherige wirtschaftliche Entwicklung Tatsachen geschaf-
fen hat, die nunmehr als Sachzwänge wirken, so dass gar keine Wahlmöglichkeiten
mehr bestehen, hält daher einer näheren Nachprüfung nicht stand. Denn die tatsäch-
lich vorliegenden Umstände können für sich allein genommen keine Handlungen er-
zwingen. Genau betrachtet legen sie nur die äusseren, physischen Rahmenbedin-
gungen und die Handlungsmöglichkeiten fest, die in einer konkreten Situation gege-
ben sind. Die erwähnten „Sachzwänge“, denen sich Entscheidungsträger ausgesetzt
sehen, beruhen aber in Wirklichkeit stets auf einer Kombination von äusseren Gege-
benheiten und inneren Überzeugungen, d.h. Wertungen. Dies lässt sich durch fol-
gende Überlegung verdeutlichen:
Eine Welt ohne internationale Kapitalströme ist vorstellbar. Eine Welt mit interna-
tionalen Kapitalströmen ist also gewollt. Der globale Finanzmarkt entledigt sich sei-
ner Fesseln durch unseren Willen. Er kann eingegrenzt oder sogar ganz abgeschafft
werden. Es ist nicht existentiell notwendig im Ausland zu investieren, es könnten
überhaupt keine Kredite mehr vergeben werden. Doch genau hier zeigt sich, dass
die äusseren Gegebenheiten, die konkrete Möglichkeit, ohne hohe Transaktionskos-
ten im Ausland sein Geld zu investieren und die innere Einstellung mehr Rendite zu
erzielen, zu der Globalisierung und damit letztendlich zum globalen Finanzmarkt füh-
ren.
Aus den auf den internationalen Finanzmärkten präsenten Verhaltensweisen
kann auf die Wertordnung geschlossen werden, die unausgesprochen das Tun be-
stimmt. Nur aufgrund bestimmter Wertungen bzw. Zielsetzungen, und das heisst,
aufgrund entsprechender normativer Vorgaben, lassen sich in einer gegebenen
Handlungssituation bestimmte Aktionen als ‚notwendig‘ ausweisen. Die Aufdeckung
der jeweils stillschweigend vorausgesetzten Wertungen ist geeignet, die Sachzwang-
these zu entkräften. An diesem Punkt setzt die Integrative Wirtschaftsethik an.

355
Vgl. Rickert (1926).

67
Es lässt sich festhalten, dass kein naturgesetzlicher Sachzwang für einen freien
restriktionslosen globalen Finanzmarkt existiert. Alle wirksamen Sachzwänge sind
vielmehr als Moment einer politisch von irgendjemand gewollten und durchgesetzten
Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu verstehen. Dies hat auf globaler Ebene
den gleichen Charakter wie auf nationaler Ebene. Das bedeutet, alle Sachzwänge,
die nicht determiniert sind, sind Ausdruck kritisch zu hinterfragender, institutionalisier-
ter Normenzwänge. Sobald der Marktmechanismus institutionell „freigesetzt“356 wird,
übt er hingegen die beschriebene Wirkung auf Gläubiger und Schuldner, insbeson-
dere auf Länder mit ihren nationalen Finanzmärkten, aus. Gerade deswegen ist auf
globaler Ebene die ordnungspolitische Entscheidung, wo und wie die Finanzmärkte
herrschen sollen, begründungs- und legitimationsbedürftig. Auf den internationalen
Finanzmärkten treten (vermeintliche) Sachzwänge an die Stelle demokratisch-
politischer Entscheidungen. Das ist eine Entmündigung des Bürgers, weil wirtschaft-
liche Gegebenheiten die unzulässige, „ideologische“ Rechtfertigungsinstanz für ob-
jektiv überfällige Herrschaftsverhältnisse bilden. Eine systematische Aufklärung ist
notwendig, um die Betroffenen aus ihrer unreflektierten und unkritischen Haltung
aufzurütteln, ihnen ihre wirklichen Interessen vor Augen zu führen und ihr „wahres“
Bewusstsein zu wecken. Denn in einer freien Weltgesellschaft müssen die mit der
Marktsteuerung verfolgten gesellschaftspolitischen Intentionen und Zwecke immer
offen gelegt und von allen kritisierbar bleiben.

2.1.4 Die Globalisierung der Finanzmärkte als vitalpolitische Herausforderung


Es stellt sich daher die normative Frage, wie dem marktwirtschaftlichen Handeln
im Zeitalter der Globalisierung Zweckvorgaben gemacht werden können, die die
ökonomischen Aktivitäten in den Geltungsbereich einer politischen Gemeinschaft
freier und gleicher Wirtschaftsbürger einhegen.357 Die Globalisierung der Finanz-
märkte ist eine Bedingung menschlichen Handelns.358 Wo immer Menschen handeln,
gibt es Handlungsspielräume, die genutzt werden sollten, um ethisch-politisch ange-
leitetes Verhalten auch unter systemischen Selbstbehauptungsbedingungen nach-
haltig zu ermöglichen.359
Globalisierung an sich ist keine Erscheinung der Gegenwart,360 doch erst in jün-
gerer Vergangenheit kam es zu der immer grösser werdenden Liberalisierung, Dere-
gulierung und Ortsunabhängigkeit auf den internationalen Finanzmärkten. Der Glo-
balisierungsprozess auf den Finanzmärkten konkretisiert sich auf verschiedenen
Ebenen: erstens in Form einer wechselseitigen Abhängigkeit der nationalen Finanz-
märkte und Währungen; zweitens in der Vernetzung durch Kommunikationstechno-
logien, in einem Informationsaustausch, der die Beziehungen zwischen Einzelperso-

356
Ulrich (2001: 147f.).
357
Vgl. Kettner (1997: 906).
358
Beck (1997: 35).
359
Vgl. Maak (1999: 241).
360
Vgl. Münch (1998); vgl. Kap. 2.2.

68
nen, Gruppen, Institutionen und Nationen grundlegend verändert und drittens in ei-
nem veränderten Verhältnis der relativen politischen Autonomie einzelner Nationen
gegenüber Finanzakteuren.361 Dabei besteht eine Interdependenz dieser Ebenen.362
Die Veränderung auf der dritten Ebene ist ein zentrales Problem der Globalisie-
rung der Finanzmärkte, da es keine wirksame weltweite Regulierung internationaler
Finanztransaktionen gibt, obwohl die Finanzmärkte sich sehr viel schneller integrie-
ren als die Gütermärkte, Kapital sehr viel mobiler ist als andere Produktionsfaktoren
und Finanzakteure wesentlich autonomer handeln als Händler von Gütern.363 Joseph
Stiglitz hat auf die Bedeutung von Aufsicht und angemessenen ordnungspolitischen
Anreizen hingewiesen:
”But left to themselves, financial markets will not become deep, efficient, or robust. The
government plays an essential role, both in directly overseeing and regulating the finan-
cial system and also in establishing the correct incentives to encourage prudential and
364
productive behaviour…”.

Je mehr dieses Problem in das Bewusstsein tritt, desto grösser wird die damit bei
den Menschen hervorgerufene Furcht vor dem Verlust materieller Besitzstände und
sozialer Geborgenheit und die Globalisierung der Finanzmärkte wird als nachteilig
empfunden.365 Dass die pessimistischen, ängstlichen und kritischen Einschätzungen
nach den jüngsten Krisen zunehmen, ist verständlich.
Mittlerweile besitzen die internationalen Finanzmärkte
“…both the power and the instruments to globalize the world economy (and) the legiti-
“366
macy of the state’s role in running national economics has come under question.

Sie sind nicht nur autonom, sondern wirken zunehmend auf die Politik ein und
immer mehr Lebensbereiche werden ökonomisiert.367 Im Namen einer Modernisie-
rung, die als unabänderlicher Sachzwang präsentiert wird, untergräbt die Macht der
Finanzmärkte die Demokratie. Dies zeigt sich in einer Machtverschiebung weg von
der Politik und ihren Gestaltungsmöglichkeiten hin zu den Finanzakteuren.368 Letzte-
re geben aber der Ökonomie den Vorrang vor Politik, Wissenschaft, Kultur sowie vor
allen anderen Lebensbereichen. Deren neoliberales Gedankengut vereinfacht das
Trittbrettfahrertum. Gewinne werden privatisiert, Verluste hingegen sozialisiert. Erträ-
ge an den internationalen Finanzmärkten erzielen häufig Spekulanten; Folgen von

361
Vgl. Burbules (2000): „Welt-Gemeinschaft: Paradox oder Realität? - Grundfragen der Globalisie-
rungsdebatte“, in: NZZ vom 12.12.2000, S. 62.
362
Vgl. Eucken (1952: 332).
363
Vgl. Dieter (1999: 36).
364
Stiglitz (1998a: 2).
365
Vgl. Kleps (1997): „Droht Europa den Anschluss zu verlieren – Überlegungen vor dem Hintergrund
der Globalisierung“, in: NZZ vom 27.09.1997.
366
Fraser/Oppenheimer (1997).
367
Vgl. Habermas (1981).
368
Vgl. Breuer (2001: 4).

69
Währungskrisen wie Arbeitslosigkeit müssen allerdings von der Solidargemeinschaft
einer Nation aufgefangen werden.369
Insbesondere in dem Augenblick, als das neoliberale Weltbild zur Regelungs-
maxime wurde, entfaltete die Globalisierung der Finanzmärkte negative Auswirkun-
gen für die Politik.370 Es sind Regelungen gefordert und erlassen worden, die nicht
auf demokratisch legitimierten Verordnungen, sondern auf regulierenden Marktme-
chanismen beruhen,371 denn tatsächliche oder vermeintlich inkonsistente Politiken
und Glaubwürdigkeitsdefizite werden mit massiven Kapitalabflüssen bestraft.372
Das Finanzkapital besitzt also inzwischen, als eine Art Kontrollinstanz, eine dis-
ziplinierende Wirkung auf die nationalen Regierungen und zwingt diese zu günstigen
wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen im internationalen Standort-
wettbewerb,373 um weiterhin attraktiv zu bleiben. Das mobile Kapital kennt
„…keine Treue, kein Vaterland, keine Milde, keine Gnade. Stattdessen unterwirft es die
Kreditnehmer und die Kapitalimport-Länder einer strikten Kontrolle, die natürlich zu-
kunftsorientiert ist. (...) Im Wettbewerb um das mobile Kapital müssen sich die staatli-
chen Instanzen wie private Kreditnehmer als vertrauenswürdig erweisen, sich der Moral
des Marktes unterwerfen, auf ihre Solvenz achten, kurzfristig auch auf ihre Liquidität.
Und: Im Interesse ihrer künftigen Kreditwürdigkeit müssen sie auf eine hohe Produktivität
374
und Rentabilität ihrer Investitionen bedacht sein.“

So bedeutet Globalisierung für die einen Freiheit, für die anderen Zwang, Zwang
zur Rationalisierung.375 Internationale Finanzakteure sind frei, ihr Geld rein nach
Renditekriterien zu investieren. Diese Kriterien lassen aber vitalpolitische Perspekti-
ven ausser Acht. Die internationalen Finanzmärkte ersetzen so die Idee des guten
Lebens durch die der (kurzfristigen) Rendite. Die Globalisierung an sich macht aus
der Idee des „Guten Lebens“ einen Kostenfaktor, den es zu minimieren gilt376 und
zwingt den Nationalstaat als Schützer der Vitalpolitik in die Knie.377
Ordnungspolitische Rahmenbedingungen, die noch weitgehend auf nationaler
Gesetzgebung beruhen und wichtige Elemente des sozialen Ordnungssystems sind
bereits stumpf geworden.378 Die Logik der Globalisierung der Finanzmärkte hat die

369
Vgl. Stückelberger (2001). Der Neoliberalismus ähnelt darin seinem Erzfeind dem Marxismus. Vgl.
dazu auch Beck (1997).
370
Vgl. Breuer (2001: 18).
371
Vgl. Butterwegge (1999).
372
Horst Siebert, ehemaliger Direktor des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, begrüsst die Disziplinie-
rung der nationalen Wirtschaftspolitik durch die Mobilität des Kapitals. Er hält es für gerechtfertigt,
dass die Teilnehmer am Kapitalmarkt ihr Vermögen schlagartig umschichten, wenn eine Ent-
scheidung der Politik ihre Einkünfte zu schmälern droht. Vgl. NZZ vom 27.09.1997: “Wie einig sind
sich Ökonomen“; S. 25; vgl. auch Swoboda (1998): „Globalisierung und die Stabilität des interna-
tionalen Finanzsystems“, in: NZZ vom 26.09.1998, S. 83.
373
Vgl. Ulrich (2001: 379f.).
374
Giersch (1998): „Asien wankt im Sturmwind freier Märkte“, in: Welt am Sonntag vom 08.02.1998,
S. 51.
375
Maak (1998: 39).
376
Vgl. Gerster (2001). Gerster bezieht diese Aussage aber auf ein etwas diffuses Gemeinwohl.
377
Martin/Schumann (1998).
378
V. Dohnany (1997).

70
Macht der Nationalstaaten, ökonomische Gerechtigkeit zu erreichen, unterminiert.379
Am Ende ist der Mensch häufig Opfer dieser Logik.380
Diese politische Regression, der Abbau von Demokratie durch die Globalisierung
der Finanzmärkte stellt die Glaubwürdigkeit von Wirtschaftspolitik in Frage.381 Denn
„…wenn Regierungen in allen existentiellen Zukunftsfragen nur noch auf die übermächti-
gen Sachzwänge der transnationalen Ökonomie verweisen, verliert der demokratische
382
Staat seine Legitimität.“

Der neuralgische Punkt der Globalisierung der Finanzmärkte ist daher das Ende
der Demokratie und der Politik.383
In einem demokratischen Prozess müssen alle Subjekte die gleichen Grundvor-
aussetzungen zur Mitbestimmung erhalten.384 Im Globalisierungsprozess der Fi-
nanzmärkte ist Ludwigs von Mises Aussage, dass auf dem Markt keine Stimme ver-
loren gehe,385 aber nicht mehr gegeben. Ein Grossteil der von den Entscheidungen
Betroffenen hat keinen Einfluss auf das Handeln der ‚Finanzjongleure’. Die Machtver-
teilung über den Finanzmarkt scheint auf ein Recht des Stärkeren hinauszulaufen.386
Während die Finanzakteure global denken und handeln, müssen die Garanten der
Demokratie, die Nationalstaaten, die Folgen verkraften. 387
War der Nationalstaat zunächst auch Akteur der Globalisierung der Finanzmärkte
- die wirtschaftliche Entwicklung Südostasiens ist nicht zuletzt den Entscheidungen
der nationalen Politiker zu verdanken, die nationalen Finanzmärkte internationalem
Kapital zu öffnen388 -, ist er heute zu klein und schwach, um mit den ökonomischen
Problemen fertig zu werden, die von einer Globalisierung der Finanzmärkte geschaf-
fen werden. Die Regierungen geraten zunehmend ins Schlepptau der ‚global player’,
die den Gesetzen des kurzsichtigen Marktes unterliegen. Jene sind dann versucht im
Interesse der nationalen Wirtschaft fragwürdige, demokratisch nicht mehr legitimierte
Konzessionen zu machen.389
Die Prädiktion liegt nahe, dass sich diese Verhältnisse in der globalisierten Welt
solange nicht ändern werden, wie nicht politische, also verfassungsmässige, rechtli-
che und ordnungspolitische Voraussetzungen für internationale Finanzmärkte ent-
wickelt werden. Dies schliesst die Machtbeschränkung der organisierten Interessen-
gruppen, der Verteilungskoalitionen, ebenso ein wie z.B. eine Stabilisierung der

379
Vgl. Benhabib, (2001): „Global.com oder Weltrepublik? - Die Bürger- und Staatsangehörigkeits-
rechte sind im Wandel begriffen“, in: NZZ vom 06.08. 2001, S. 23.
380
Vgl. Forrester (1997).
381
Vgl. Höffe (1999).
382
Martin/Schumann (1998).
383
Vgl. Maak (1998: 32).
384
Vgl. Thurow (1996: 33).
385
Vgl. v. Mises (1940: 260).
386
Vgl. Thurow (1996: 357).
387
Breuer (2001: 18).
388
Vgl. Kap. 2.2.5.2.
389
Vgl. Die Gruppe von Lissabon (1997).

71
Währung. Nicht konkrete ‚Wirtschaftsprogramme’ sind gefordert, sondern politische
Reformen.390
Die Globalisierung der Finanzmärkte verlangt daher sinnvolle Reaktionen der Po-
litik. Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Stossrichtungen, eine defensive und
eine offensive Strategie. Die defensive Strategie impliziert den Rückgriff auf protekti-
onistische Massnahmen, während sich in der offensiven Strategie die Bereitschaft
ausdrückt, den Globalisierungsprozess mitzugestalten.391 Es können aber nicht unter
neuen Bedingungen einfach ‚alte’ Rechte eingefordert werden, sondern den Bürger-
rechten muss ein neuer, ‚weltpolitischer’ Charakter verliehen werden. Gerade im Zei-
chen einer Globalisierung der Finanzmärkte müssen institutionelle Rahmenbedin-
gungen, ethisch-politische Leitplanken, neu gestaltet werden. Das Primat der politi-
schen Ethik vor der Logik des Marktes, der Vorrang der ethisch-politischen Selbst-
verständigung mündiger Bürger über die Grundlagen des guten und gerechten Zu-
sammenlebens in einer demokratisch verfassten Gesellschaft vor der einseitigen
Renditeorientierung der Finanzmärkte, muss erhalten bleiben.392
Mit der Globalisierung steigt auch der Bedarf an verbindlichen internationalen
Regelungen, an internationalen Konventionen und Institutionen für grenzüberschrei-
tende Transaktionen. Die internationale Politik muss besser koordiniert werden, da-
mit global agierende Banken und Finanzinstitutionen besser überwacht werden.393
Grundsätzlich darf kein von den Auswirkungen der Globalisierung der Finanz-
märkte direkt oder indirekt Betroffener vom Diskurs über die Gestaltung dieser Glo-
balisierung ausgeschlossen werden. Damit dies nicht geschieht, muss die Vielfalt der
internationalen Finanzbeziehungen, bei denen wohlhabende wie arme Länder, Ge-
ber- wie Empfängerländer miteinander verflochten sind und die Anlage von Geld aus
den Industrieländern in Entwicklungs- oder Schwellenländern vielfältige Auswirkun-
gen auf das Verhalten und Zusammenleben in diesen Ländern hat, sichtbar gemacht
werden. Für den Wohlstand der reichen Länder sind diese Wirtschafts- und Finanz-
beziehungen relativ unbedeutend. Ob die armen Länder sich an international verein-
barte Regeln halten, kann für diese Länder aber von entscheidender Bedeutung sein.
Die Entscheidung eines Industrielandes auf ein Produkt Zölle zu erheben, kann für
Entwicklungsländer, die sich auf die Produktion dieses Produktes spezialisiert haben,
weitreichende Folgen implizieren.394 Auch makroökonomische Entscheidungen der
grossen Industrieländer wie z.B. die Zollpolitik, verändern die monetären und güter-
wirtschaftlichen Weltmarktdaten, denen sich arme Länder oft mit erheblichen Kosten
anpassen müssen.395 Industrieländer determinieren zwar nicht die innere Situation
der Entwicklungsländer, doch gibt es faktisch eine Weltgesellschaft in dem Sinne,

390
Vgl. Weede (1990: 166f.).
391
Golder (1998): „Führt die Globalisierung zu Arbeitslosigkeit?“, in: NZZ vom 22.07.1998, S. 21.
392
Vgl. Maak (1998: 21).
393
Beck (1997: 219).
394
Vgl. Sautter (1994: 226).
395
Vgl. Borchert (1999: 358ff.).

72
dass die zahlreichen Formen internationaler Beziehungen Folgen für das gesell-
schaftliche Zusammenleben innerhalb eines Staates haben.396
Die Menschen in armen Gesellschaften müssen die Möglichkeit haben, an den
Diskursen der reichen Gesellschaften über die moralische Rechtfertigung des wirt-
schaftlichen Handelns teilzunehmen. Genauso gilt natürlich auch das Umgekehrte;
Menschen in reichen Ländern muss eine Partizipation am ethischen Diskurs in ar-
men Ländern möglich sein. Das Ergebnis dieser Verständigung sollte die Einigung
auf Regeln sein, die eine individuelle Mindestversorgung von Menschen in allen Ge-
sellschaften zum Ziel hat, wobei selbstverständlich Unterschiede in den gesell-
schaftsspezifischen Versorgungsniveaus zu berücksichtigen sind. Die während der
Rio-Konferenz getroffenen Vereinbarungen und viele andere internationale Abkom-
men sowie die Praxis der Entwicklungszusammenarbeit lassen sich als ein erstes
Ergebnis einer solchen Verständigung interpretieren. 397
Regionale Staatengemeinschaften wie die EU sollten daher zunächst versuchen,
die demokratisch kontrollierte gesellschafts- und wirtschaftspolitische Handlungs-
fähigkeit für kooperierende Staaten wiederherzustellen. So könnte eine starke, de-
mokratische EU ihr Gewicht als grösste Handelsmacht der Welt für eine vitalpoliti-
sche Gestaltung der Globalisierung der Finanzmärkte einsetzen.
Neben der Welt der Staaten gibt es auch eine Welt der transnationalen Subpoli-
tik, in der sich die unterschiedlichsten Akteure tummeln, neben transnationalen Or-
ganisationen wie der katholischen Kirche oder der Weltbank auch die multinationalen
Konzerne und die Nichtregierungsorganisationen (NGO).398 Auf dieser transnationa-
len Aktionsebene entsteht eine rapide wachsende Gemeinschaft von Bürgern und
ihren Organisationen, die sich einmischen. Eine Zivilgesellschaft, die sich wie eine
„…komplizierte Galaxie, […] aus Tausenden organisierte[n] Gruppen zusammen-
setzt“399. Diese können ebenfalls mit ihren Bedürfnissen, Wünschen und Zielen die
Globalisierung der Finanzmärkte mitgestalten und die „globale Nachfrage nach Sozi-
alem“400 artikulieren.
Die neuen Informationstechnologien haben zudem die Mobilisierung dieser Zivil-
gesellschaft stark erleichtert.401 Diese neu entstandene subpolitische Öffentlichkeit
kann jetzt mit den Trägern delegierter Macht auf internationaler Ebene zusammen-
wirken. Wenn ein Raum für einen offenen Dialog zwischen den Regierungsvertretern
und den Repräsentanten international tätiger Gruppierungen der Zivilgesellschaft
offen gehalten wird, dann könnte, richtig angewandt und umgesetzt, eine Globalisie-
396
Vgl. Sautter (1994: 221). So hat sich der Beitritt der 10 neuen Länder zur Europäischen Union im
Mai 2004 auch auf innergesellschaftliche Interaktionen in diesen mittel- und osteuropäischen Län-
dern ausgewirkt. Hier sind nicht zuletzt die „Kämpfe“ über die Verteilung der EU-Subventionen zu
erwähnen.
397
Auch die Menschenrechte lassen sich als Ergebnis eines universalen Diskurses verstehen. Vgl.
Arens (1991).
398
Beck (1997).
399
Die Gruppe von Lissabon (1997).
400
Die Gruppe von Lissabon (1997).
401
Vgl. Hauser (2001: 31).

73
rung der Finanzmärkte die Chance für eine ökonomisch, sozial und ökologisch nach-
haltige Entwicklung bieten. Globalisierte Finanzmärkte schliessen dann Vitalpolitik
nicht mehr aus.402 Über sie besteht dann beispielsweise die Möglichkeit, weltweit
ökologische Risiken über Zinsen und Risikoprämien mit einzubeziehen und die not-
wendigen Massnahmen zur Reduktion der wachsenden Umweltbelastungen zu er-
greifen.403 Globalisierte Finanzmärkte böten auch Entwicklungsländern mit einer ge-
ringen Breite von einheimisch produzierten Gütern die Möglichkeit, ihre Einkom-
mensquellen vitalpolitisch zu diversifizieren, indem sie ihr Kapital nicht nur in einhei-
mische Produktion, sondern weltweit investieren können.404 Ein weiterer Vorteil wäre
der beschleunigte Technologietransfer im Zuge von ausländischen Direktinvestitio-
nen.405 Technologien müssen nicht mehr von Ländern selbstentwickelt werden, son-
dern könnten von bereits entwickelten Ländern transferiert werden.406

2.2 Die Globalisierung der Finanzmärkte - ein historischer Über-


blick
Eine systematische Analyse der (Globalisierung der) Finanzmärkte allein reicht
nicht aus, um die heutige komplexe Gestalt der internationalen Finanzmärkte norma-
tiv zu verstehen. Notwendig ist auch eine historisch-dynamische Analyse:407
„Die gesellschaftliche Bedeutung der Geschichtswissenschaft als einer kritischen
Sozialwissenschaft liegt darin, dazu beizutragen, dass die jeweils gegenwärtige Gesell-
schaft sich selbst in Perspektive sieht vor dem Hintergrund sowohl ihrer eigenen Ver-
gangenheit wie auch ganz andersartiger historischer Kulturen, und damit zum Bewusst-
408
sein ihres eigenen Seins und ihres eigenen Tuns gelangen kann.“

In der Weltwirtschaft sind mehrere „Entwicklungsparadigmata“409 dominant ge-


wesen. Die Politiken der Aussenwirtschaft konnten nicht in bunter Vielfalt nebenein-
ander existieren, sondern mussten kompatibel sein und sich entsprechen. Bestimmte
Strategien haben das aussenwirtschaftspolitische Leitbild geprägt. Tabelle 1 gibt ei-

402
Anders als in „klassischen“ Modellen, in denen die Vorteile einer Globalisierung der Finanzmärkte
und damit des Handels von Kapital mit den Vorteilen des direkten Handels von Gütern verglichen
werden.
403
Vgl. Koellreuter (1997): „Die Chancen der Globalisierung - Weniger entwickelte Regionen profitie-
ren mehr“, in: NZZ vom 04.02.1997, S. 25.
404
Vgl. zu den Möglichkeiten der Diversifizierung durch internationale Finanzmärkte Obstfeld (1994);
Acemoglu/Zilibotti (1997); Martin/Rey (1998).
405
Vgl. Ventura (1997).
406
Hier spielen insbesondere Fragen des Schutzes geistigen Eigentums eine Rolle, wie dies insbe-
sondere die Debatte um Generika für Entwicklungsländer zeigt. Vgl. Donges (2003: 74ff.).
407
Vgl. zu diesem Kapitel nachfolgende Darstellungen van der Wee (1977); Parker (1979); Körner
(1993); Houtman-de Smedt/van der Wee (1993); Kindleberger (1989); North, M. (1991); North, M.
(1994); North, M. (Hrsg.) (1995). Für eine Analyse der Geschichte der internationalen Finanzmärk-
te ist eine Analyse der „Frühgeschichte“ aber nicht notwendig. Zwar spiegeln sich schon in der
Frühzeit kulturelle Strömungen in der Funktionsweise und Bedeutung des internationalen Finanz-
verkehrs wieder, aber grundlegende Theorien fehlen. Für eine kulturelle Analyse der Geschichte
der Weltwirtschaft vgl. Landes (1999).
408
Mommsen (1971: 33).
409
Vgl. zu diesem Begriff Altvater/Mahnkopf (1996: 83).

74
nen Überblick über die Strategien der Entwicklung (Entwicklungsparadigmata), sowie
die politischen Konzepte für die Aussenwirtschaft, die während einer bestimmten Pe-
riode führend waren. Ausserdem werden die treibenden Kräfte, resp. Denkschulen
und das herrschende Weltwährungssystem dargestellt.

Tabelle 1
Perioden der Weltwirtschaft

Politische Konzepte
Periode der Aussenwirt- Treibende Kräfte Weltwährungssystem Strategie der Entwicklung
schaft

Absolute Monarchien (Merkan- Wirtschaftliche Unabhängig-


Vor 1750 Merkantilismus -
tilistische Schule) keit

Ab 2. Hälfte des 19.


Bürgertum, Zentralbanken Laisser-faire - Laisser-aller,
1750-1914 Paläoliberalismus Jahrhunderts Goldstan-
(Physiokraten, (Neo-)Klassiker) Prinzip des Freihandels
dard

Zwischen-
kriegszeit 410
Goldstandard, PPP ,
(Über- Nationalismus Regierungen (Alliierte) Protektionismus
Goldpunkte
gangspha-
se

Bretton-Woods-System
Regierungen, Zentralbanken Nationale und internationale
1945-1973 Ordoliberalismus der fixen Wechsel-
(Keynesianer) Regulation des Marktes
Kurse

Multinationale Konzerne, Insti-


Seit 1973 Neoliberalismus tutionelle Investoren, Gross- Flexible Wechselkurse Globale Deregulierung
banken (Neo-Neoklassiker)

Primat der Vitalpolitik vor


Weltwirtschaftsbürger, der Logik des Marktes
Republikanischer Abgestimmte Wechsel-
? 411 global corporate citizen, (Politi- 412 Mobilisierung der Kräfte der
Liberalismus kurse, „Globo“
sche Philosophen) global civil society;
global corporate citizenship
Quelle: Angelehnt an Altvater/Mahnkopf (1996: 84), Kindleberger (1987) und für die Periode des „Re-
publikanischen Liberalismus“ Ulrich (2001: 295ff.).

Märkte haben eine in die neolithische Zeit zurückreichende Geschichte.413 In der


Antike kann von Markt und von Marktgeschehen jedoch nur in Zusammenhang mit
einer politischen Einheit gesprochen werden. Der Markt deckte einen spezifischen
Aufgaben- und Funktionsbereich ab und war eingebettet in und bestimmt durch ein
politisches Ganzes.414 Um die Entwicklung der antiken Wirtschaft hin zu einer welt-

410
Die Purchasing Power Parity ist der Vergleich der Kaufkraft zweier Länder. Diese Parität hat Ein-
fluss auf den Wechselkurs zwischen den Währungen der Länder.
411
Vgl. Kap. 1.4.2.4.
412
Vgl. zum Weltwährungssystem der letzten Periode Kap. 4.2.2.2.
413
Vgl. Cameron (1997); Frank/Gills (1993); Ponting (1991).
414
Breuer (2001: 1).

75
weit vernetzten Marktwirtschaft mit internationalen Finanzmärkten zu verstehen, sind
drei Merkmale von Bedeutung, die den Kapitalismus, der der modernen Marktwirt-
schaft zugrunde liegt, kennzeichnen. Das sind: Privateigentum, Steuerung des Wirt-
schaftsgeschehens über den Markt sowie schliesslich Gewinnmaximierung als Wirt-
schaftszweck.415 Das dritte Merkmal ist ein spezifisch neuzeitliches und führt dazu,
dass sich „das Ökonomische“ als autonomes Subsystem bildet.416 Die Mentalität der
Maximierung des Gewinns war in der Antike nur bei einigen gegeben. Erst im neu-
zeitlichen Kapitalismus verbreitet sich die Überzeugung, dass das legale Streben
nach Gewinnmaximierung nicht nur nichts Ehrenrühriges sei, sondern etwas sittlich
Erlaubtes, im Calvinismus sogar etwas moralisch Gebotenes.417

2.2.1 Ursprünge und Entwicklung des Kapitalverkehrs bis zur Industriellen


Revolution (Merkantilismus)
Die frühere Lehrmeinung, es bestehe eine Stufenfolge Tauschwirtschaft - Geld-
wirtschaft - Kreditwirtschaft, ist mittlerweile abgelöst worden und hat der Erkenntnis
eines Nebeneinanders Platz gemacht. Dies gilt teilweise schon für die Antike. So gab
es schon im alten Ägypten eine Art Zentralbank. Private Geldgeschäfte wurden getä-
tigt. Aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. ist ein ausdifferenziertes Darlehensrecht überlie-
fert, das von den hellenistischen Staaten übernommen und weiterentwickelt wurde.
Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung blieb von untergeordneter Rolle. Seit dem
3. Jahrhundert v. Chr. sind in Rom private Geldverleiher sowie institutionalisierte, aus
dem Wechselgeschäft entstandene Banken belegt. In den ersten drei Jahrhunderten
n. Chr. erfasste die Geldwirtschaft weite Teile des Handels. Im Kreditsektor waren
vorrangig Kleinkredite von Bedeutung.418
Im Mittelalter entwickelten Juden und Lombarden,419 trotz des kirchlichen Zins-
verbotes, verschiedene Kreditformen. Ein städtischer Rentenmarkt420 kam spätes-
tens seit dem 13. Jahrhundert auf. Im Handel spielte der Warenkredit, der Borgkauf,
eine bedeutende Rolle.421 Gerade der überregionale Fernhandel der Kaufleute der
Hafen- und Handelsstädte entwickelte die folgenreichsten Institutionen.422 Durch die
monetäre Zersplitterung wurde der Beruf des Geldwechslers immer wichtiger. Auf
den Warenmessen gewann der nach dem Warenhandel stattfindende Zahlungsaus-
gleich, die Saldierung oder das Clearing, immer mehr an Bedeutung und führte
schliesslich zu einer gewissen Eigenständigkeit. Unabhängig von den Messen
etablierten sich seit dem 14. Jahrhundert die ersten ständigen Wechselstuben, die

415
Komphardt (1980: 38).
416
Waibl (1984).
417
In diesen Zusammenhang gehört die Revision des Zinsverbotes. Vgl. v. Böhm-Bawerk (1884).
418
Für die Zeit bis zum Beginn der Frühen Neuzeit vgl. Poitras (2000) und Kloft (1992). In diese Zeit
reichen viele wichtige Institutionen und Instrumente der Finanzmärkte zurück.
419
Lombarden sind christliche Geldverleiher, die vermutlich aus der Lombardei stammen.
420
Vergleichbar mit dem heutigen Hypothekarkreditmarkt.
421
Vgl. Isenmann (1988).
422
Vgl. Cameron (1997: 59ff.).

76
bald auch andere Funktionen wahrnahmen wie z.B. das Depositengeschäft und die
Verrechnung sowie Überweisung von Geldsummen für den Fernhandel.423 Zeitgleich
tauchten neue Techniken des Zahlungsverkehrs auf, allen voran solche, die den
Transport von Edelmetall vermieden. Kurz darauf setzte sich der Wechsel durch, der
in verschiedenen Formen424 Verbreitung fand. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhun-
derts entstand durch das Indossament (Übertragung) und die Diskontierung (vorzei-
tige Bezahlung) des Wechsels ein Instrument, welches den Transfer von Geldsum-
men ermöglichte sowie als Kreditpapier und Geldsurrogat zu gebrauchen war.425 Zu-
erst in Flandern, dann in anderen Städten Mittel- und Westeuropas entwickelten sich
aus den temporären Messen die ganzjährigen Börsen.426 Da der Geldbedarf der
Kaufleute wuchs, erwuchsen aus den schon zahlreichen Handelsbanken öffentliche
Giro- und Depositenbanken. Netzwerkartig waren die Banken und Börsen über ganz
Europa miteinander verbunden.427 Die Gründung der Kolonialgesellschaften, zuerst
in den Niederlanden Anfang des 17. Jahrhundert und kurz darauf in England, be-
günstigten die Entstehung der ersten grossen anonymen Aktiengesellschaften.428 Zur
gleichen Zeit wurden die ersten öffentlichen Staatsanleihen, wiederum zunächst in
den Niederlanden, vergeben.
Da die Regierung der Niederlande als sehr vertrauenswürdig galt, sanken die
Zinsen für langfristige Kredite. Die holländischen Kaufleute suchten daher vermehrt
nach Möglichkeiten, im Ausland zu investieren. Auffallend ist das Engagement der
Holländer auf dem englischen Finanzmarkt. In den Niederlanden war zu dieser Zeit
Kapital im Überfluss vorhanden. Bei mangelnden inländischen Investitionsmöglich-
keiten und grosser Nachfrage aus dem Ausland floss das Geld der Holländer in die
anderen Länder Europas. In Europa, das um 1760 von politischen Gegensätzen und
Kriegen zerrissen wurde, war die neutrale Politik der Niederlande und vor allem ihre
reiche Hauptstadt Amsterdam das auserwählte Zentrum, wo die kriegführenden Län-
der Finanzmittel aufzutreiben versuchten, um ihre Kriege zu finanzieren, später um
die Kriegsschäden zu beheben. Zu diesem Zeitpunkt kann bereits von einem (inter-
nationalen) Finanzmarkt gesprochen werden.429
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts spannte sich dann über Europa ein engma-
schig geknüpftes, aus zahlreichen Knoten bestehendes Netz von Finanzmärkten, die
in erster Linie dem überregionalen Zahlungsausgleich, in zweiter Linie der Kapital-
versorgung dienten. Ein grosser Teil der heute verwendeten Finanzmarktinstrumente
wie Optionen, Futures, sogar Futures auf Optionen war bereits im 18. Jahrhundert
vorhanden.

423
Vgl. Körner (1993: 66ff.).
424
Tratte, Akzept, Sichttratte, Inhaberschuldbrief usw.
425
Körner (1993: 69).
426
Zuerst in Brügge 1409, dann in Antwerpen 1460, 1462 in Lyon. Diese Börsen waren hauptsächlich
Warenbörsen, doch auch von Waren unabhängige Finanzgeschäfte wurden getätigt.
427
Vgl. Kindleberger (1987: 46f.).
428
Vgl. Kindleberger (1987: 196f.).
429
Vgl. Houtman-de Smedt/van der Wee (1993: 172f.).

77
Ideologisch stand hinter den Entwicklungen seit der Neuzeit, der von Kaufleuten
und Finanziers der Renaissance entwickelte Merkantilismus,430 der bis zur Industriel-
len Revolution die Wirtschaftspolitik der Staaten zunehmend bestimmte und das Ziel
hatte, den Reichtum des absolutistischen Herrschers zu mehren. Der Kerngedanke
des Merkantilismus war, dass der Reichtum eines Landes sich durch seine Verfü-
gung über Edelmetallbestände bestimmt und folglich eine aktive Handelsbilanz den
nationalen Reichtum in dem Sinne fördert, dass Exportüberschüsse das Ausland
zwingen, seine Defizite mit Edelmetallen zu bezahlen. Dies sollte durch verschiedene
wirtschaftspolitische Massnahmen erreicht werden: Niedrige Zölle für Rohstoffimpor-
te verbunden mit einem Verbot von Rohstoffexporten und gleichzeitig hohe Schutz-
zölle auf Fertigwaren sollten eine hohe inländische Wertschöpfung ermöglichen. Der
Export von Fertigwaren wurde wiederum gefördert. Flankiert durch niedrige Löhne,431
den Aufbau staatlicher Manufakturen, die Vergabe von Monopolrechten an inländi-
sche Handels- und Gewerbebetriebe und koloniale Expansionsbemühungen, sollte
eine aktive Handelbilanz erreicht werden. Da aber die meisten Staaten gleichfalls
eine protektionistische Wirtschaftspolitik verfolgten, war die Konsequenz ein geringes
Aussenhandelsvolumen. Letztendlich vermehrte der Zufluss von Edelmetallen weder
den Wohlstand des Volkes noch förderte er die soziale Gerechtigkeit, sondern be-
günstigte nur privilegierte Schichten, insbesondere den König und seinen Hofstaat.

2.2.2 Der Kapitalverkehr nach der Industriellen Revolution (Zeitalter des Paläo-
liberalismus)
Durch die einsetzende Industrielle Revolution bildete sich eine internationale Ar-
beitsteilung aus. Es entstand in vielen Ländern Kapitalbedarf, der durch Überschüsse
aus anderen Ländern befriedigt wurde.432 Der gleichzeitige Ausbau des internationa-
len Verkehrs- und Informationsnetzes ermöglichte die erforderliche Zunahme des
internationalen Kapitalverkehrs. Dieser wurde im Gegensatz zum Warenverkehr
kaum behindert, weil die Überzeugung vorherrschte, freier Kapitalverkehr diene bei-
den Seiten zum Nutzen und die freie Bewegung des Kapitals garantiere seine effi-
zienteste Verwendung.433
Von 1870 bis 1914 existierte das Währungssystem des Goldstandards und es
herrschte ein relativ einheitliches und stabiles Preisgefüge. Grossbritannien hatte
den Goldstandard bereits 1828 eingeführt und 1844 mit den Peelschen Bankakten
bekräftigt. Seit den 1870er Jahren übernahmen dann auch die meisten anderen
Industrieländer dieses System. Die USA schloss sich allerdings erst mit der
‚Currency Act’ von 1900 dem Goldstandard an.434 Das erste Jahrzehnt des 20. Jahr-
hunderts war währungspolitisch gekennzeichnet durch die Verbreitung einer interna-
430
Vgl. Söllner (1999: 11). Beiträge von Philosophen blieben die Ausnahme.
431
U.a. durch Förderung des Bevölkerungswachstums zur Verbesserung des Arbeitsangebotes.
432
Pohl (1989: 270).
433
Vgl. Fischer (1975: 298).
434
Vgl. Kemmerer (1944: 5).

78
tionalen, auf Gold basierenden Währungsordnung mit streng festgelegten Paritäten.
Die Zentralbanken garantierten einerseits die Konvertierbarkeit ihrer Währungen un-
ter Zusicherung der Goldeinlösepflicht435, andererseits aufgrund der Zahlungsbilanz-
automatik auch die Beseitigung von Ungleichgewichten in der Zahlungsbilanz ohne
Wechselkursänderungen.436
Der Goldstandard war eine automatisch funktionierende, auf politische Symmet-
rie abzielende internationale Währungsordnung, die auf einer Kombination binnen-
wirtschaftlicher Preiselastizität mit den natürlichen Beschränkungen der Goldproduk-
tion basierte. Die Regeln waren ziemlich starr, denn durch die Bindung verschiede-
ner Währungen an das Gold ergaben sich automatisch feste Wechselkursrelationen,
was die Notwendigkeit einer entsprechenden Anpassung der Wirtschaftspolitiken an
die aussenwirtschaftlichen Erfordernisse nach sich zog.437
Die Periode des Goldstandards fällt mit der Periode einer Ausdehnung des Welt-
handels zusammen. Die festbegründete Währungsverfassung auf Goldbasis, bei der
die Möglichkeit von Goldtransaktionen ein automatisches Sicherheitsventil gegen
Geldverschlechterungen bildete, war dabei mitbestimmend für diese Ausweitung des
Handels. Das System frei konvertierbarer Währungen basierte dabei auf keiner Ver-
tragsgrundlage. Es war in einer Ära des Wirtschaftsliberalismus wohl gerade deshalb
so attraktiv, weil der Goldautomatismus und seine globalen Stabilisierungswirkungen
eben - zumindest nach dem Modell - ohne staatlichen Eingriff funktionierten. Aus Si-
cherheitsgründen hielten die Zentralbanken viel grössere Goldreserven als erforder-
lich. Sie waren daher in der Lage, Gold sowohl ein- wie auszuführen, ohne dass dies
notwendigerweise den Umfang der Zahlungsmittel eines Landes oder sein inneres
Preisbewusstsein beeinflusste.438
Das Währungssystem hing vor allem von der Stellung des britischen Pfundes im
internationalen Zahlungsverkehr und der Stärke Grossbritanniens als hegemoniale
Wirtschaftsmacht ab.439 Das System entsprach gewissermassen einem Ster-
lingblock.440 Die Bank von England konnte über eine Erhöhung oder Senkung des
Diskontsatzes die internationalen Goldbewegungen und damit die „Spielregeln“ für
die Weltwirtschaft steuern. Der Goldstandard bewirkte auch keine „Symmetrie“ in
seinen ökonomischen Konsequenzen, denn die industriell entwickelten, wohlhaben-
deren Staaten konnten die Lasten der Anpassung bei Ungleichgewichten in der Zah-
lungsbilanz leichter als rückständige Länder tragen, deren Terms of Trade sich in

435
Da eine Währung bei der zugehörigen Zentralbank zu einem festgelegten Preis gegen Gold ein-
getauscht werden konnte, dieses wiederum zu einem vorher bestimmten Preis bei einer ausländi-
schen Zentralbank gegen die ausländische Währung zurückgetauscht werden konnte, gab es eine
freie Konvertierbarkeit der Währungen des Goldstandards.
436
Ungleichgewichte in der Zahlungsbilanz wurden durch (fiktive) Goldtransfers zwischen den betei-
ligten Ländern ausgeglichen. Vgl. Aldcroft (1978).
437
Lewalski (1990: 119).
438
Cassel (1936: 3).
439
Condliffe (1950: 365ff.).
440
Wiseley (1977).

79
periodischen Abständen verschlechterten.441 Der Goldstandard entsprach einer Ideo-
logie des „Laisser-faire“ und den ökonomischen Interessen der „middle class“.442
Die entsprechende Idee des Freihandels beruht auf einer global angelegten Ar-
beitsteilung. Kapital, Güter und Arbeitskraft sollen sich frei und ohne Einschränkun-
gen bewegen können. Während des Goldstandards nutzten vor allem die europäi-
schen Grossmächte und die USA die Möglichkeit, durch Kapitalexport und Auslands-
investitionen ihren Einfluss zu stärken und sich eine internationale Klientel zu schaf-
fen. So war Grossbritannien bis zum 1. Weltkrieg die Hauptgläubigernation und be-
zog rund 10 % seines Volkseinkommens aus dieser Quelle. 443
Um die Bewegungen von Kapital, Gütern und Arbeitskräften zu erleichtern, wurde
ein multilateraler Zahlungsmechanismus geschaffen. Ein Ergebnis dieses Zahlungs-
mechanismus war ein vergrössertes Volumen des Aussenhandels. Ferner war es
jetzt einem Land möglich, weil es Handelsdefizite aus der einen Richtung durch
Überschuss in einer anderen Richtung ausglich, den Schuldendienst des einen Lan-
des gegenüber dem anderen Land zu erleichtern. Die Grossmächte konnten nun
noch höheren Nutzen aus dem Handel ziehen, nicht zuletzt auch dadurch, dass
Handelsbarrieren und Kapitalbeschränkungen immer mehr aufgehoben wurden. Ob-
wohl das bilaterale Zahlungsausgleichsystem immer noch vorherrschte, erleichterte
das Aufkommen des multilateralen Systems den Handel mit Gütern und deren Be-
zahlung. Die Bedeutung dieses Systems für den effektiven Transfer von Kapital zwi-
schen den Ländern darf nicht unterschätzt werden. Ohne dieses Netzwerk wäre der
Kapitalexport wesentlich geringer und Zins und Kapitalrückzahlungen wären schwie-
riger zu leisten gewesen. Dies ist auch ein Grund, warum es selten zu internationalen
Währungskrisen kam.444
Trotz des erfolgreichen Funktionierens des multilateralen Systems in diesen Jah-
ren war sein Ende abzusehen. Zwar überlebte dieses System noch den 1. Weltkrieg,
aber die Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren und der Abstieg Grossbritanniens als
führende Wirtschaftsmacht bereiteten ihm ein schnelles Ende.
Die Zeit zwischen 1850 und 1913 war somit charakterisiert durch eine Liberalisie-
rung der Kontrollen über Kapitalflüsse, Arbeit und Handel.445 Dies vernetzte die Wirt-
schaft der einzelnen Länder mehr und mehr miteinander. Internationale Kapitalbe-
wegungen waren vor dem 1. Weltkrieg aber einseitiger als der Handel. Sie gingen
vor allem von den Zentren in die Peripherie, und diese Peripherie dehnte sich geo-
graphisch immer stärker aus. Die Kontrollen über die Kapitalbewegungen waren am
Ende der Entwicklung minimal. Kurz- und langfristiges Kapital konnte unbeaufsichtigt
in alle Richtungen fliessen und diese Bewegungen vollzogen sich auf vielerlei Art.
Ausländische Direktinvestitionen wurden getätigt, häufig mit Unterstützung von staat-

441
Friedman/Schwartz (1963).
442
Gilpin (1987: 126).
443
Vgl. Matis/Stiefel (1991: 74).
444
Vgl. Kennwood/Lougheed (1999: 93f.).
445
Vgl. zum folgenden Fischer (1998: 87f.).

80
licher Seite. Ausländische Wertpapiere sind an den meisten Börsenplätzen gehandelt
worden und die Repatriierung von Gewinnen wurde nicht behindert. Die Angst vor
Konfiszierung ausländischer Investitionen war kaum vorhanden. Ausländische Wäh-
rungen vermischten sich frei mit inländischen Währungen. Insbesondere Individuen
und Unternehmen dominierten Handels- und Finanzaktionen vor 1914, die Staaten
selbst traten weniger in Kontakt.
Spätestens mit Beginn der Industrialisierung löste sich der Markt aus der politi-
schen und gesellschaftlichen Umklammerung heraus und fing selbst an, Politik und
Gesellschaft massgeblich zu bestimmen. Die Ökonomie verselbstständigte sich und
wurde zur dominanten Handlungssphäre des Gesellschaftlichen.446 War zuvor die
Wirtschaft in die gesellschaftlichen Verhältnisse eingebettet, war dieser Übergang zu
einer Gesellschaft, die umgekehrt im Wirtschaftssystem eingebettet war, eine gänz-
lich neuartige Entwicklung.447 Der Markt und seine Gesetzmässigkeiten wurden zum
Motor des gesellschaftlichen Lebens.448 Es setzte sich jene spezifisch neuzeitliche
Arbeitsmoral durch, ohne die selbst die grösste Habsucht des begabtesten Abenteu-
rerkapitalisten keine Möglichkeit besässe, die Welt ihren wirtschaftlichen Zielen zu
unterwerfen.449 Die Befreiung des Marktes aus seinen alten Fesseln ist nicht nur auf-
grund politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen geschehen, auch der techno-
logische Fortschritt, z.B. die besseren Transportmöglichkeiten, spielte eine Rolle.
Ihre akademische Spiegelung hat diese Entwicklung schon in der Theorie der
Physiokraten gefunden. Diese erhielt ihre entscheidende Prägung in der klassischen
Nationalökonomie, welche in der Freihandelsbewegung, namentlich im Manchester-
tum gipfelte. Die Grundkraft der Wirtschaft sah die „Klassik“ im ökonomischen Eigen-
interesse der Einzelnen, die sich im freien Wettbewerb begegnen, ungehindert durch
staatliche Wirtschaftslenkung, ausschliesslich orientierend am Preismechanismus.
Der Markt war dann der geeignete Ort, an dem sich ein wohlverstandener Egoismus
durch das Wirken einer ‚unsichtbaren Hand’450 in Gemeinwohl verwandelt. Der Frei-
handel stellt dieses wirtschaftliche Kräftespiel auch in den weltwirtschaftlichen Bezie-
hungen her. Dem wirtschaftlichen Interventionismus wurde das Programm des ‚Lais-
ser faire, Laisser aller‘ entgegengestellt.
Das neue Jahrhundert startete international und marktorientiert. Vor allen an den
Börsen in den USA und in Australien erzielten Anleger im ersten Jahrzehnt extrem
hohe Gewinne. Doch der Schein trog. Dem Aufschwung der Börsen und dem Frei-
handel wurde zunehmend mit Skepsis und Misstrauen begegnet. Im ersten Jahr-
zehnt des 20. Jahrhunderts gewannen die „irrationalen Kräfte“ an Boden.451 Das Ge-
dankengut des Laisser-faire kam zunehmend in die Krise. Seine Verheissung einer
freien Wohlstandsgesellschaft scheiterte an der Realität, in der Hungerlöhne und Ar-

446
Gil (1998: 47).
447
Polanyi (1978: 135).
448
Gil (1998: 47).
449
Hösle (1992: 111).
450
Zur Kritik an der Ideologie der „unsichtbaren Hand“ vgl. Ulrich (1991a: 180ff.).
451
Vgl. Tuchman (1981: 449).

81
beitslosigkeit an der Tagesordnung waren. Die mit wirtschaftlichen Depressionen und
schweren sozialen Missständen verbundene Entwicklung der industriellen Gesell-
schaft erschütterte in ganz Europa für einige Jahrzehnte den optimistischen Glauben
an die selbständige Wirtschaftsregulierung durch die ‚unsichtbare Hand des Mark-
tes‘.
Mit der Psychologie entstand ein neuer Wissenschaftszweig, der das liberale
Menschenbild als ein Zerrbild entlarvte und die Rolle von Emotionen und Instinkten
als Verhaltensgrundlage untersuchen wollte. Die Psychologie kam zu dem Schluss,
dass sich die Menschen gerade dort, wo es um ihre eigenen Belange geht, nicht ver-
nünftig verhalten und „…auch dann nicht überlegen, wenn sie die Zeit dazu hät-
ten“.452 1908 und 1909 analysierte der Arzt Wilfried Trotter erstmals in zwei Aufsät-
zen das Phänomen des ‚Herdenverhaltens’ „…und kam zu dem Ergebnis, dass das
menschliche Verhalten - weit entfernt davon, rationalen Nutzenmaximierungskalkülen
zu folgen - durch das Unbewusste bestimmt werde, eine Kraft, die keine Individuali-
tät, keine Willensfreiheit und keine Selbstbeherrschung“453 kenne.
„Aufgrund des dem Menschen innewohnenden Dranges nach Anerkennung durch die
Gesellschaft [sei] er dieser Kraft unbarmherzig ausgeliefert und von der Gruppenreaktion
454
abhängig.“

Die Schrecken des 1. Weltkrieges versetzten schliesslich dem auf die menschli-
che Rationalität bezogenen Optimismus dieses Zeitalters den Todesstoss.

2.2.3 Die Übergangszeit zwischen den Kriegen


Der 1. Weltkrieg war auch das vorläufige Ende des Goldstandards, da die Kon-
vertibilität von Papiergeld in Gold und der freie Export von Gold ausgesetzt wurden.
Trotz der Wiedereinführung des Goldstandards nach dem Krieg blieben ausländische
Investitionen schwach.455 Mit der Restauration des Goldstandards wurde angenom-
men, dass die Vorkriegsbedingungen wieder hergestellt worden waren. Dem war
aber nicht so. Der Glaube, dass dieses gewohnte internationale Währungssystem
wieder hergestellt werden konnte, übersah, dass es einer besonderen Umgebung
bedurfte, welche nicht mehr existierte und dass die Vorkriegsmechanismen bei wei-
tem nicht mehr den Nachkriegsmechanismen entsprachen. Nach dem Krieg waren
zwar die Wechselkurse zwischen den Ländern, mit Ausnahme von Deutschland und
Österreich, ähnlich dem Vorkriegsniveau, doch veränderten sich die internationalen
Geld- und Kapitalbeziehungen von Grund auf. Hatten sie bis dahin eine relativ gros-
se Stabilität besessen, so waren sie danach unsicher und spekulativ. Zur Destabili-
sierung trugen die umfangreichen spekulativen Geld- und Kapitalmengen bei, die
u.a. als Folge der während und nach dem Krieg gestiegenen Liquidität zwischen den

452
Hobhouse (1904) zit. nach Tuchman (1981: 452).
453
Tuchman (1981: 452).
454
Zit. nach Tuchman (1981: 452).
455
Vgl. zu diesem Abschnitt Kennwood/Lougheed (1999: 179ff.).

82
grossen Finanzzentren London, New York, Paris und Berlin hin und her bewegt wur-
den. Generell war der Anteil des kurzfristigen Kapitals am gesamten Kapitalverkehr
relativ hoch. Das kurzfristig angelegte Kapital reagierte äusserst sensibel auf wirt-
schaftliche und politische Krisensituationen. Insbesondere aus Frankreich kamen
kurzfristige Investitionen, da der französische Franc als unsicher galt. Schnelles Ab-
ziehen der Gelder konnte in den Kapitalempfängerländern zu Finanzkrisen führen.
Diese wurden noch dadurch verschärft, dass britische und amerikanische Anleger
diese Gelder für ihre lang- und kurzfristigen Investitionen verwendeten. Als weitere
Schwäche des damaligen internationalen Finanzsystems ist auch die seinerzeit
wachsende Bedeutung der Finanzplätze New York und Paris anzusehen. Dies de-
zentralisierte das System und machte es komplexer. Im Sommer 1931 brach dann im
Nachgang der Weltwirtschaftskrise der internationale Geld- und Zahlungsverkehr
zusammen.456
Die Erfahrung der grossen Depression Anfang der 1930er Jahre und der Zu-
sammenbruch des internationalen Geld- und Zahlungsverkehrs beeinflussten die
Handelspolitik in den folgenden Jahren. Konfrontiert mit einer weltweiten Depression,
die kein Land unberührt liess, war die Folge ein Misstrauen gegen eine weltweite
wirtschaftliche Interdependenz. Jede Nation berief sich auf die eigenen Ressourcen
und Autarkie. Bei dieser Stimmung zeichnete sich schnell ab, dass Handelsbe-
schränkungen und Beschränkungen auf Finanztransaktionen wieder auf die Tages-
ordnung kamen.
Die weitverbreiteten Devisen- und Handelsbeschränkungen sowie der grosse
Widerstand gegen unkontrollierte Kapitalbewegungen, die den Kollaps des Gold-
standards in den 1930er Jahren begleiteten, verhinderten grösserer Kapital- und Gü-
terflüsse zwischen den Ländern während der Jahre kurz vor Ausbruch des 2. Welt-
kriegs.
Es ist wohl einer der deprimierendsten Lehren der Wirtschaftsgeschichte, dass
kein friedlicher wirtschaftspolitischer Weg gefunden wurde, um die Weltwirtschafts-
krise zu überwinden. Weder über alte noch neue wirtschaftspolitische Massnahmen,
sondern erst durch das ökonomische Grossprojekt Weltkrieg kam in die wirtschaftli-
che Entwicklung wieder Dynamik. Es brachten weder „New Deal“ noch Arbeitsbe-
schaffung einen Ausweg.457 Erst die Vorbereitung auf und der Ausbruch des 2. Welt-
krieges haben die Regierungen dazu bewegt, grosse Summen an öffentlichen Mitteln
einzusetzen, um damit gigantische Arbeitsbeschaffungsprogramme in der Rüstungs-
industrie zu finanzieren.458

456
Vgl. Ambrosius/Hubbard (1986: 218).
457
Vgl. Cameron (1997: 359ff.).
458
Insbesondere das Beispiel Deutschland zeigt, dass erst die Aufrüstung nach der Machtergreifung
Hitlers die Zahl der Arbeitslosen von 6 Millionen 1933 bis zu einem offenen Stellenüberschuss im
Jahre 1939 reduzierte. Vgl. Cameron (1997: 362).

83
2.2.4 Die Nachkriegsordnung (Ordoliberalismus)
1944 wurde anlässlich einer Konferenz in Bretton-Woods im US-Bundesstaat
New Hampshire von einer britisch-amerikanischen Arbeitsgruppe eine Weltwäh-
rungsordnung entwickelt, die die Finanzmärkte in der ganzen Welt unter die Kontrolle
der nationalen Regierung bringen sollte.459 Länder, die in den Genuss des dringend
benötigten Wiederaufbaukapitals aus den USA kommen wollten, mussten dem Ab-
kommen von Bretton-Woods beitreten.460
Zentraler Ansatz des Bretton-Woods-Systems461 war die Verabredung von festen
Wechselkursen mit definierten Schwankungsbreiten der einzelnen Währungen un-
tereinander und gegen den Dollar (ein so genanntes stufenflexibles Bandbreitensys-
tem) sowie einer festen Parität des Goldes gegen den Dollar. Kennzeichen des Sys-
tems war auch die direkte Kontrolle der Kapitalströme. Im Rahmen eines solchen
stufenflexiblen Bandbreitensystems konnte kein internationaler Finanzmarkt entste-
hen. Es gab lediglich nationale, voneinander weitgehend unabhängige Finanzmärkte.
Die nationalen Finanzsysteme und -märkte entwickelten sich daher von Land zu
Land unterschiedlich. Doch brachte es das Bretton-Woods-System in Kombination
mit der vollständigen Kontrolle der inländischen Finanzinstitute durch die nationalen
Regierungen mit sich, dass die Regierungen die Geldmenge, Liquidität und Zinsges-
taltung ihres Landes praktisch völlig in der Hand hatten. Die Zentralbank war in den
meisten Ländern die dominante Kraft, die die Geldmenge und die Zinssätze kontrol-
lierte. Sie war auch häufig für die Regulierung des Finanzsystems verantwortlich.
Die in Bretton-Woods aus der Taufe gehobene Weltbank und der Internationale
Währungsfonds (IMF) hatten zum Ziel, die Übel der Zwischenkriegszeit zu verhin-
dern: Abwertungswettläufe, Devisenbewirtschaftung, Protektionismus und Handels-
kriege. Die festen Wechselkurse konnten nur mit der Zustimmung des Währungs-
fonds und beim Vorliegen von „fundamentalen Ungleichgewichten“ in der Zahlungsbi-
lanz bewilligt werden, wobei der IMF Kredite bereitstellte, um die Anpassung von
„Defizitländern“ zu erleichtern. Als Wächter des Systems sollte er zugleich zum Fo-
rum für die Diskussion von Währungsfragen werden. Bemerkenswerterweise war
aber von einem freien Kapitalverkehr in den Statuten des IMF nicht die Rede.462
Von Beginn an sind Struktur und Aktionsfelder des IMF von den USA und den
anderen führenden Industrienationen geprägt worden. Dies ergibt sich insbesondere
aus dem Finanzierungssystem des IMF. Wenn ein Land dem IMF beitritt, hat es eine
bestimmte Geldsumme als Mittelbeitrag zu zahlen, die so genannte Quote. Je „rei-
cher“ ein Land ist, gemessen an volkswirtschaftlichen Grössen wie dem Bruttoin-
landsprodukt und den Währungsreserven, um so höher ist seine Quote. Die Quote

459
Prominentestes Mitglied auf britischer Seite und geistiger Vater zahlreicher Ideen war John May-
nard Keynes. Vgl. Keynes (1963).
460
Vgl. Bryan/Farrell (1997: 42).
461
Vgl. zu dem Kapitel Bryan/Farrell (1997: 41ff.).
462
Swoboda (1998): „Globalisierung und die Stabilität des internationalen Finanzsystems“, in: NZZ
vom 26.09.1998, S. 83.

84
bildet einerseits eine Geldreserve, auf die der Fonds zurückgreifen kann, um Mitglie-
dern mit finanziellen Schwierigkeiten Kredite gewähren zu können. Andererseits sind
sie durch das mit ihnen verbundene Stimmrecht entscheidend für den Einfluss der
Mitglieder. Wer den höchsten Betrag an den Fonds entrichtet, besitzt das grösste
Mitspracherecht bei der Festlegung seiner Politik. So haben die USA aufgrund ihrer
hohen Quote seit jeher eine Sperrminorität in wichtigen Grundsatzfragen.463 In den
Entscheidungsgremien des IMF werden daher Ansprüche durch Machtpositionen
durchgesetzt und nicht nach gegenseitiger Adressierung der Ansprüche sowie dis-
kursiver Klärung mittels gut begründeter Argumente. Die USA und die anderen In-
dustrieländer verzichten nicht auf eine machtvolle Durchsetzung ihrer Interessen.
Während des Bestehens des Bretton-Woods-Systems waren die Finanzwirtschaf-
ten der einzelnen Länder der Welt hauptsächlich nur durch den Güterverkehr und die
zu dessen Finanzierung erforderlichen Kapitalströme miteinander verbunden. Der
internationale Finanzmarkt war noch vorwiegend ein Interbanken-Markt. Das System
funktionierte in den ersten zwanzig Jahren nach Kriegsende deswegen so gut, weil
die Regierungen der wirtschaftlich wichtigen Staaten bereit waren, sich der strengen
Disziplin des Systems unterzuordnen. Einzig und allein die USA waren weitgehend
unabhängig von den Bretton-Woods-Mechanismen, konnte sie doch praktisch nach
Belieben Dollarnoten nachdrucken. Die USA hatten deshalb die Rolle einer „Wäh-
rungspolizei“ für das gesamte Währungssystem inne. Sie kontrollierte den Wert des
Dollars, an den alle anderen Währungen gebunden waren.
Das Bretton-Woods-System steht einem ordoliberalen Verständnis von Wirtschaft
nahe, das den Welthandel und vor allen Dingen den internationalern Kapitalverkehr
nicht als Selbstzweck betrachtet. Vielmehr sollen diese dem Güteraustausch und
damit dem wirtschaftlichen Wohlergehen einer Nation dienen. Aufgrund der sozialen
Marktwirtschaft in den meisten Ländern war Wirtschaftswachstum mit Vitalpolitik ver-
einbar. Dass das Bretton-Woods-System auch aus kritisch-ethischer Sicht seine
Schwächen hat, zeigt die mangelnde demokratische Legitimation seines Systems
und seiner Institutionen. Der IMF, die Weltbank sowie die Wechselkurse wurden von
‚Experten’ kontrolliert resp. reguliert. Die Regeln dieses Systems sind, ohne dass sie
den davon Betroffenen vorgelegt wurden, festgelegt worden. In keinem Mitgliedsland
wurden die Repräsentanten für Positionen bei IMF und Weltbank von der Bevölke-
rung gewählt. Die Entscheidungsträger erliessen Verordnungen ohne die Mitwirkung
der Bürger der beteiligten, besser betroffenen Staaten. Es bestand auch keine Mög-
lichkeit der Anhörung innerhalb dieses Systems. Der (un-)mündige Bürger war in die-
sem System gänzlich ausgeschlossen.

463
Vgl. Wagner (1993a: 468).

85
2.2.5 Die Entfesselung der Finanzmärkte
Das System von Bretton-Woods brach aus mehreren Gründen zusammen. Vor
allem aber durch das Verhalten von Regierungen und durch den technologischen
Fortschritt, der eine grössere Mobilität des Kapitals erst ermöglichte. Die USA hielten
die für das Funktionieren des Systems erforderliche budgetäre und währungspoliti-
sche Disziplin nicht ein. Die durch das rasche Wirtschaftswachstum der USA in den
sechziger Jahren und die durch den Vietnamkrieg entstandenen riesigen Budgetdefi-
zite sowie der Inflationsdruck bewirkten einen einschneidenden Wertverfall des Dol-
lars im Verhältnis zum ursprünglich festgesetzten Kurs. Dieser Abwertungsdruck
wurde noch durch die kontinuierlichen Handelsbilanzüberschüsse von Deutschland
und Japan gegenüber den USA verschärft.
Vereinbarungen fester Wechselkurse, die eine Vielzahl von Währungen ein-
schliessen, sind aufgrund mangelnder Budget- und Währungsdisziplin nicht unbe-
dingt glaubhaft und damit auf lange Sicht nicht zu halten. Der technologische Fort-
schritt ermöglichte auch für damalige Verhältnisse massive Spekulationsgeschäfte
mit dem Dollar. Dahinter standen private Institutionen, vor allem Unternehmen und
Banken, die Aktiva und Passiva in Dollar und auch in anderen Währungen besassen.
Schliesslich wurde der von diesem stufenflexiblen Bandbreitensystem ausgehen-
de Druck zu gross und bewirkte 1971 zunächst eine Abwertung des Dollars und
schliesslich im Jahre 1973 den völligen Zerfall des Systems. Dies war die Geburts-
stunde des neoliberalen Projekts „Globalisierung der Finanzmärkte“.
Anschliessend an die Periode vor dem 1. Weltkrieg waren der aufkommende
Neoliberalismus und die Neo-Neoklassische Schule jetzt um eine theoretische Er-
neuerung der freien Marktwirtschaft bemüht. Die Beschränkung des Staates auf die
Sicherung von Freiheit und Eigentum wird zwar nun abgelehnt und ordnungspoliti-
sche Eingriffe des Staates werden gefordert, aber nur damit die Wettbewerbsord-
nung von Beschränkungen möglichst befreit und eine marktwirtschaftliche Selbst-
steuerung ermöglicht wird. Innerhalb verschiedentlich modifizierter Formen und Ein-
schränkungen hat sich der Gedanke des Freihandels und des freien Kapitalverkehrs
wieder in zunehmendem Ausmass durchsetzen können.

2.2.5.1 Devisen, Anleihen- und Aktienmärkte


Die einzelnen Finanzmärkte haben sich nacheinander ihrer „Fesseln“ entledigt.
Zunächst entwickelte sich der Devisenmarkt (a) zu einem internationalen, ja globalen
Markt. Danach entstanden internationale Anleihenmärkte (b) und erst langsam globa-
lisierten sich die nationalen Aktienmärkte (c).

86
a) Devisenmarkt
Bis zur Aufgabe der Devisenkontrollen existierte ein internationaler Devisenmarkt
in sehr eingeschränkten Räumen; internationale Kapitalflüsse waren nur zur Finan-
zierung des Güterverkehrs und streng kontrollierter grenzüberschreitender Direktin-
vestitionen im Ausland gestattet.464 Erst als das System von Bretton-Woods zusam-
menbrach und die Devisenkurse freigegeben wurden, konnte von einem einzigen
globalen Devisenmarkt gesprochen werden. Allerdings unterstand er in den meisten
Ländern Devisenkontrollen. Die grossen multinationalen Banken erkannten das in
den freien Wechselkursen steckende Gewinnpotenzial. Mit der covered interest arbit-
rage, der gesicherten Zinsarbitrage,465 konnten sie auf effiziente Weise Gewinne er-
zielen. Mit zunehmendem Handel von immer mehr Finanzinstrumenten, der schritt-
weisen Aufhebung der Devisenkontrollen und Entwicklung der unterstützenden Infra-
struktur (z.B. EDV, Telekommunikation) sind viele Arbitragespielarten möglich ge-
worden. Sie wurden und werden von den Händlern genutzt. Das Arbitragegeschäft
ist nur eine der Möglichkeiten, wie Finanzinstitute auf den internationalen Devisen-
märkten profitieren können. Ein einfacherer Weg, Gewinne zu erzielen (oder Verluste
zu erleiden), ist es, auf eine Kursänderung zu setzen.466 Diese und andere Aktivitä-
ten haben zu einem ungeheuren Anstieg des Devisenhandels geführt.
Ein internationaler Devisenmarkt ist jedoch noch kein globaler Finanzmarkt. Die
Anleihemärkte der Welt befinden sich seit den frühen 1980er Jahren in einem rasch
voranschreitenden Globalisierungsprozess. Die Aktienmärkte haben in den 1990er
Jahren weltweit nachgezogen.

464
Vgl. für die Entstehung eines globalen Devisenmarktes Bryan/Farrell (1997: 47ff.)
465
Unter der gesicherten Zinsarbitrage wird ein kurzfristiger Kapitalexport bzw. -import verstanden,
bei dem durch gleichzeitigen Kassakauf und Terminverkauf von Devisen unter gleichzeitiger Täti-
gung von zwei Geld- und zwei Devisenmarktgeschäften, absichtlich ein Ungleichgewicht unter Er-
zielung einer risikolosen Gewinnmöglichkeit ausgenutzt wird. Ein Beispiel: Ein Händler einer am
internationalen Devisenmarkt tätigen Bank nimmt Euro am Geldmarkt zu 4 % für 6 Monate auf. Mit
den aufgenommenen Euros kauft der Händler direkt im Gegenzug im gleichen Gegenwert USD
per Kasse zu Euro 0,80/$. (Wegen der dadurch erzielten Nachfrage auf den USD steigt dieser
tendenziell im Kassakurs). Die mit den aufgenommenen Euros per Kasse gekauften USD kann
der Händler am Geldmarkt zu 5 % fristenkongruent für 6 Monate anlegen. (Wegen des durch die
Geldanlage erzielten Angebotes fällt der USD-Zinssatz tendenziell). Schliesslich verkauft der
Händler die angelegten USD per Termin etwa zu Euro 0,79/$, womit er den aufgenommenen Eu-
ro-Kredit zurückzahlt. Gilt dabei nicht, ∆ i = Swap-Satz, so hat der Händler durch die genannten
Transaktionen eine risikolose Gewinnmöglichkeit. Vgl. Jarchow/Rühmann (2000: 90f.).
466
Auch hier ein Beispiel: Ein Händler nimmt Euro am Geldmarkt zu 4 % für 6 Monate auf. In Erwar-
tung eines steigenden Dollarkurses kauft der Händler mit den aufgenommenen Euros USD per
Kasse zu Euro 0,80/$. Die mit den aufgenommenen Euros per Kasse gekauften USD kann der
Händler am Geldmarkt zu 5 % für 6 Monate anlegen. 6 Monate später verkauft der Händler die
angelegten USD samt Zins zu Euro 0,90/$, womit er den aufgenommenen Euro-Kredit samt Zins
zurückzahlt. Der bessere Wechselkurs verschafft dem Händler einen Gewinn, ein schlechterer
Wechselkurs (Euro 0,70/$) hätte trotz des besseren Zinssatzes auf dem US-Geldmarkt einen Ver-
lust bedeutet.

87
b) Anleihemarkt
Als nächster Markt nach dem Devisenmarkt globalisierte sich der Anleihe-
markt.467 Die Internationalisierung des Anleihemarktes ging insbesondere von Emit-
tenten internationaler Anleihen aus, die auf der Suche nach günstigeren oder weni-
ger restriktiven Finanzierungsmöglichkeiten den Blick aufs Ausland richteten. In den
1980er Jahren bestanden in der Festsetzung von Anleihepreisen und bei den Emis-
sionsbedingungen von Land zu Land grosse Unterschiede. Grund dafür waren die
unterschiedlichen Rechnungslegungsnormen, die Unterschiede in der Credit-Rating-
Praxis und im Informationszugang, die unterschiedlichen Beschränkungen aufgrund
von Regulierungsmassnahmen, unterschiedliche Steuersysteme und Strukturen der
Finanzdienstleistungsbranche, kulturelle Unterschiede und unterschiedliche Präfe-
renzen sowie Erwartungen der Anleger. Den Emittenten von Industrieanleihen bot
sich die Chance, grosse Einsparungen zu realisieren, indem sie durch Vergleiche
feststellten, ob die Mittel am inländischen Markt oder an ausländischen Märkten
günstiger zu beschaffen waren. Der grösste Emittent, der die internationalen Anlei-
hemärkte in Anspruch nahm, war die US-Regierung. Sie bediente sich dieser Quelle
zur Finanzierung ihrer riesigen Budget- und Handelsdefizite.
Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre ist die Globalisierung des Anlei-
hemarktes von Händlern und Investoren vorangetrieben worden. Der internationale
Sekundärmarkt für Anleihen entwickelte sich. Anleihen wurden nun an andere Händ-
ler verkauft, gehandelt, getauscht. Treiber dieses Marktes waren Investmentbanken,
globale Geschäftsbanken und eine Kategorie sehr sachkundiger globaler Investoren,
die so genannten ‚Hedge-Fonds’ agieren auf diesem Markt. Sie profitierten durch
geschickte Anlage aus unterschiedlichen Risiko-Ertrags-Zusammenhängen von An-
leihen in verschiedenen Währungen. Sie tauschen über die nationalen Anleihemärkte
laufend Risiken und Erträge aus kurzfristigen Geldmarktinstrumenten gegen Risiken
und Erträge aus mittel- und langfristigen Staatsanleihen.

c) Aktienmarkt
Die Globalisierung der Aktienmärkte schreitet nicht so rasch voran wie jene der
Devisen- oder Anleihemärkte.468 Erst Anfang der 1990er Jahre investierten amerika-
nische institutionelle Anleger in Aktien auf Märkten im Ausland und wurden Aktien
ausländischer Unternehmen an US-amerikanischen Börsen gehandelt und notiert. In
den USA wurde auch über offene Investmentfonds469 begonnen, hohe Summen auf-
zubringen und in weltweite Aktienfonds zu investieren. Es wurden verstärkt derivative
Instrumente eingesetzt, um Wechselkurs- und Zinsrisiko zu neutralisieren. Die durch

467
Vgl. zur Globalisierung der Anleihenmärkte Bryan/Farrell (1997: 454ff.).
468
Vgl. zur Globalisierung der Aktienmärkte Bryan/Farrell (1997: 458ff.).
469
Im Gegensatz zu den geschlossenen Fonds können bei einem offenen Investmentfonds beliebig
viele Anteile herausgegeben werden, durch die der Anleger am Fondsvermögen beteiligt ist. Die
Fondsgesellschaft verpflichtet sich, die Anteile jederzeit wieder zurückzunehmen und zwar zum
jeweils aktuellen Kurs, der täglich ermittelt und veröffentlicht wird.

88
Aktienkäufe und -verkäufe ausgelösten, grenzüberschreitenden Kapitalflüsse sind
daher erst jüngst, aber dennoch stark angewachsen.

2.2.5.2 Finanzmärkte in Südostasien


Auch in Südostasien kam es seit 1980 zu einer Liberalisierung der Finanzmärkte.
Die Länder, die ihre Finanzmärkte weitgehend dereguliert hatten, waren von der
Asienkrise stärker getroffen als Länder, die kaum oder keine Deregulierung vorge-
nommen hatten.470 Besonders litten deshalb Thailand (a), Indonesien (b), Südkorea
(c) und Malaysia (d). Wie sah die Liberalisierung in diesen Ländern aus und welche
Gruppen standen dahinter?

a) Thailand
Die Liberalisierung der Finanzmärkte begann in Thailand Anfang der 1990er Jah-
re mit dem Wegfall der Zinsobergrenzen und der graduellen Etablierung von einhei-
mischen Kapitalmärkten. Ebenso akzeptierte Thailand im Rahmen der Liberalisie-
rung im Mai 1990 Artikel VIII der IMF Articles of Agreement, die die Lockerung von
Wechselkurskontrollen und die Verringerung von Restriktionen auf Transaktionen der
Kapitalverkehrsbilanz vorsah. Als Konsequenz dieser Deregulierung stiegen die Ka-
pitalzuflüsse schnell an.471
Als Teil der Liberalisierung gründete die thailändische Regierung 1993 die Bang-
kok International Banking Facilities (BIBF) in der Hoffnung, dass Bangkok ein regio-
nales Bankenzentrum werde. Die Hauptfunktion der BIBF sollte eigentlich die Be-
schaffung von ausländischem Kapital zur Finanzierung von Investitionen ausserhalb
Thailands sein. Doch das meiste Kapital wurde an inländische Schuldner zur Finan-
zierung von Immobilien ausgeliehen. Im Verlauf der 1980er Jahre hatte Thailand ein
rasantes Wirtschaftswachstum erfahren, welches die Erwartung schürte, dass das
Land einem nachhaltigen Wachstum entgegensah. Dieser Optimismus schaffte zu-
sammen mit der leichten Kreditvergabe der Finanzinstitutionen eine Geldmarktblase,
welche durch vermehrte ausländische Kapitalzuflüsse aufgrund der Kapitalverkehrs-
bilanzöffnung und der Arbeit der BIBFs weiter aufgebläht wurde.
Die Öffnung der Kapitalverkehrsbilanz vor einer Etablierung angemessener Re-
gulierungen sowie die Gründung der BIBF waren Entscheidungen der thailändischen
Regierung. Den einheimischen Institutionen fehlte aber die Fähigkeit grosse Kapital-
zuflüsse zu absorbieren. Die Entwicklung von funktionsfähigen Finanzinstitutionen
und -märkten hätten einer Öffnung des Kapitalverkehrs sowie der Errichtung der
BIBF vorhergehen müssen. Der IMF unterstützte die thailändische Entscheidung die
Finanzmärkte zu liberalisieren. Noch wesentlicher als die Unterstützung durch den

470
So wurde China, das den Kapitalverkehr sehr stark reguliert hat, kaum von der Asienkrise getrof-
fen. Vgl. Heilmann (1999: 93ff.).
471
Vgl. zur Liberalisierung in Thailand Nidhiprabha (2003: 27ff.).

89
IMF war die Lobbyarbeit einiger, einflussreicher, einheimischer Akteure wie die
Zentralbank und Geschäftsbanken sowie unabhängiger Ökonomen bei der Regie-
rung, die die IMF-Ideologie des freien Marktes teilten.

b) Indonesien
Das hohe Wachstum in Indonesien in den frühen 1990er Jahren war verbunden
mit Investitionen in ‚strategische Industrien’ und Immobilien. Diese Investitionen wa-
ren hauptsächlich durch ausländische Kapitalzuflüsse finanziert worden, welche im
Zuge der Bankenreform 1988 ins Land kamen. Die Kredite in Indonesien, insbeson-
dere die des Privatsektors waren zum grossen Teil kurzfristig, so dass 1997 Indone-
sien äussert verwundbar für eine Währungskrise war. Daher hatte der Abzug des
kurzfristigen ausländischen Kapitals so verheerende Auswirkungen auf Indonesiens
Wirtschaft.472
In Indonesien waren es die ‚Technokraten’, gut ausgebildete Ökonomen die im
Finanzministerium arbeiteten, die eine Liberalisierung der Finanzmärkte in dem
Glauben unterstützten, dass eine grössere Präsenz ausländischer Finanzinstitutio-
nen mehr ausländische Ersparnisse sowie fortgeschrittene ausländische Technolo-
gien und Expertisen anzog. Die Absicht war, die Unternehmenskultur der einheimi-
schen Finanzinstitutionen zu verbessern und durch Wettbewerb die einheimischen
Finanzmärkte effizienter zu machen. Tatsächlich geschah aber durch den übermäs-
sigen Kapitalzufluss das Gegenteil. Die einheimischen Banken sahen sich gezwun-
gen in immer risikoreichere Projekte immer kurzfristigeres Kapital zu investieren, ob-
wohl ihnen die Kenntnisse eines vernünftigen Risikomanagements fehlten.
Indonesien war eigentlich ein Land mit angemessenen Regulierungen, hatte es
doch seit 1991 zahlreiche Empfehlungen der Bank für Internationalen Zahlungsaus-
gleich übernommen. Doch fehlte es am Willen diese Regeln durchzusetzen. Schuld
daran waren eine korrupte Bürokratie und eine schwache Jurisdiktion. Eine weitere
Schwäche des Finanzsystems war das Fehlen eines vernünftigen Konkursgesetzes
für Banken. Vor der Krise war es für Staatsbanken nicht möglich Insolvenz anzumel-
den, sogar private Banken mit guten Verbindungen zur Regierung konnten kaum
Konkurs gehen.

c) Südkorea
In Südkorea begann die Finanzmarktliberalisierung in den frühen 1980er Jahren
ohne eine kohärente Strategie. Mitte der 1990er Jahre wurde die Deregulierung ‚stra-
tegisch’ beschleunigt. Als Teil der Intention die südkoreanische Wirtschaft zu interna-
tionalisieren lockerte die südkoreanische Regierung zahlreiche Restriktionen auf den

472
Vgl. zur Liberalisierung in Indonesien Nasutian (2003: 49ff.).

90
Finanz- und Devisenmärkten. Der Wunsch nach Japan das zweite asiatische Mitglied
der OECD zu werden, trieb die Deregulierung noch weiter an.473
In Südkorea waren fast alle entscheidenden Gruppen für eine schnelle Liberali-
sierung. Für die Industriefirmen bedeutete die Liberalisierung neue Möglichkeiten
Kredite aufzunehmen und eigene Finanzinstitutionen zu schaffen. Für die Banken
lockte die Freiheit von staatlichen Eingriffen. Für die Politiker war es ein Symbol für
mehr Demokratie, da die staatliche Autorität beschränkt wurde. Obwohl ein breiter
Konsens bestand zu liberalisieren, war die Meinung darüber, wie dies zu geschehen
hätte, nicht einheitlich. Daher erfolgte die Umsetzung der tatsächlich ergriffenen
Massnahmen eher Zug um Zug wegen der Lobbyarbeit einheimischer und ausländi-
scher Interessengruppen als aufgrund einer langfristigen und durchdachten Strategie
der Regierung mit dem Ziel eines neuen Finanzsystems.
1997 war aber die Finanzreform so weit fortgeschritten, dass die Regierung kaum
noch die Möglichkeit hatte in die Allokation der Kreditvergabe sowie in das Manage-
ment der Geschäftsbanken einzugreifen. Das Risikomanagement der chaebol, der
südkoreanischen Grosskonzerne, wurde nicht mehr ausreichend durch Aufsichts-
gremien kontrolliert. Die Finanzmarktliberalisierung ging nicht einher mit einer Reform
des unübersichtlichen Unternehmenssektors. Das Beispiel Südkorea zeigt, dass eine
Reform des Finanzmarktes nicht Selbstzweck sein darf, sondern Strukturen schaffen
muss, die die Realwirtschaft unterstützen.

d) Malaysia
Malaysia hatte im Gegensatz zu anderen Entwicklungsländern ein hoch entwi-
ckeltes Finanzsystem, das seine Wurzeln in der Zeit der britischen Kolonialherrschaft
hat. So geht der Aktienhandel bis in die 1870er Jahre zurück. In den frühen 1990er
Jahren begann die Regierung die Finanzmärkte zu liberalisieren, um Malaysia als
einen internationalen Finanzplatz zu etablieren. Um ausländisches Kapital anzuzie-
hen, erlaubte Malaysia ausländischen Institutionellen Investoren Aktien einheimi-
scher Unternehmen zu erwerben, gleichzeitig senkte es den Steuersatz auf Kapital-
erträge. Aufgrund dieser Massnahmen flossen grosse Mengen ausländischen Kapi-
tals ins Land und die Aktienbörse wurde eine Art Spielkasino. Ein übertriebener Op-
timismus und die Spekulation über Unternehmensübernahmen liessen den Handel
stark anschwellen.474
Obwohl Malaysia im Vergleich zu seinen Nachbarländern strengere Regulierun-
gen für den Finanzsektor besass, machte diese Aktienblase die malaysische Wirt-
schaft anfällig. Als im Juli 1997 der Ringgit unerwartet stark gegenüber dem Dollar
abgewertet wurde, versuchten Aktienbesitzer ihre Aktien schnellstmöglich zu verkau-

473
Vgl. zur Liberalisierung in Südkorea Cho (2003: 85f.).
474
Vgl. zur Liberalisierung in Malaysia Chin/Jomo (2003: 104ff.).

91
fen und die Aktienkurse verfielen rasch. In Malaysia kam es während der Krise vor
allem zu einem Abzug von Portfolioinvestoren.

e) Zusammenfassung
Für diese vier späteren Krisenländer lässt sich also festhalten, dass sie Anfang
der 1980er Jahre noch eine grosse Zurückhaltung in Hinblick auf die Abschaffung
von Kapitalverkehrskontrollen und auf die Deregulierung der Finanzsysteme gezeigt
hatten. Anschliessend setzten sich dann die neoliberalen Befürworter einer Liberali-
sierung durch. Die Öffnung der Finanzmärkte der Länder auch für ausländische Di-
rektkredite wurde entweder als notwendige Voraussetzung für die Mitgliedschaft in
der OECD angesehen oder galt als Anpassung an eine globalisierte Welt.475 Der IMF
und die Weltbank sowie die einheimischen Unternehmen, die sich eine Senkung ih-
rer Kreditkosten erhofften, waren namentlich die wichtigsten Akteure, die die Liberali-
sierung befürworteten.476 Ebenso versuchten die Regierungen mit dem vermehrten
Zufluss ausländischen Kapitals die hohen Wachstumsraten aufrechtzuerhalten,
nachdem der Exportsektor aufgrund neuer Wettbewerber ins Straucheln geraten
war.477
Mit der Liberalisierung des Kapitalverkehrs und dem damit verbundenen Zugang
zu den internationalen Finanzmärkten wurde es den Banken möglich, sich internatio-
nal zu verschulden, um im Inland zum höheren einheimischen Zins Kredite zu verge-
ben. Das Zinsniveau wurde sogar durch die Zentralbanken absichtlich über das im
Westen festgesetzt.478 Entsprechend stark nahmen die Kredite an den privaten Sek-
tor in den Jahren 1990-97 zu. Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der pri-
vaten Bankkredite in den vier Krisenländern belief sich innerhalb dieses Zeitraumes
auf 12-18 %.479 Der Umfang der internationalen Bankkredite war insgesamt wesent-
lich höher als der ausländischer Direkt- und Portfolioinvestitionen.480 Die Kredite wur-
den durch die Banken und neuen Finanzierungsgesellschaften insbesondere in den
Immobiliensektor gelenkt und lösten dort einen Boom aus.481
Das Verhältnis von kurzfristiger internationaler Verschuldung bei ausländischen
Geschäftsbanken (als Mass für die kurzfristige internationale Verschuldung) zu den
Währungsreserven der Zentralbank (als Mass für die kurzfristig liquiden internationa-
len Aktiva des Finanzsektors) betrug dann kurz vor Ausbruch der Krise in Thailand
1,5, in Südkorea 2,1 und in Indonesien 1,8. Die kurzfristigen ausländischen Verbind-

475
Vgl. Akyüz (1998).
476
Vgl. Wade (1998: 5).
477
Vgl. Kap. 3.5.1.
478
Bello (1998).
479
Empirische Arbeiten zeigen, dass eine Finanzmarktliberalisierung und die im Zuge dessen typi-
scherweise entstehende Kreditausweitung vergleichsweise gute Indikatoren für die Vorhersage
von Bank- und Währungskrisen darstellen. Vgl. Kaminsky/Lizondo/Reinhart (1998); Kaminsky/-
Reinhart (1999).
480
Berger/Wagner (2000: 5).
481
Vgl. Rieger (2000 19).

92
lichkeiten gegenüber ausländischen Banken überstiegen damit die Währungsreser-
ven deutlich. Für das von der Krise etwas weniger betroffene Malaysia lag diese
Kennzahl bei 0,6.482
Von vielen Banken wurde aber nur eine oberflächliche Risikovorsorge getroffen.
Sie sicherten sich gegen die mit einer Fristentransformation einhergehenden Zinsri-
siken durch zu variablen Zinsen vergebene langfristige Kredite ab. Damit wurde zwar
das Zinsrisiko den Kreditnehmern aufgebürdet, die dadurch entstehenden Kreditrisi-
ken blieben hingegen unberücksichtigt. Auch beim Versuch, die Risiken von Aktivitä-
ten in fremder Währung abzusichern, machten die Banken Fehler. Sie glaubten häu-
fig, eigene Kreditaufnahmen im Ausland in fremder Währung dadurch absichern zu
können, dass sie an Inländer ebenfalls Fremdwährungskredite vergaben. Damit
schien das Risiko, in diesem Fall das Währungsrisiko, vom Kreditnehmer getragen
zu werden. Hier übersahen die Banken, dass sie sich dadurch ein Kreditrisiko ein-
handelten. Dadurch gab es zahlreiche risikoreiche Anlagen, einen Mismatch der Ak-
tiva zu den Passiva sowie eine schwache Absicherung der Kredite. Dies machte den
Bankensektor leicht anfällig für Wechselkursänderungen, Änderungen der Kreditkon-
ditionen und Anlagenbewertungen.483 Unterstützt wurde diese Tendenz durch eine
Herdenmentalität von Bankmanagern. Die einzelnen Banken wollten im Wachstum
nicht hinter der Konkurrenz zurückbleiben und setzten deshalb Prioritäten beim Er-
halt oder Ausbau von Marktanteilen und nicht im Risikomanagement.484
Das hohe Wachstum seit den 1980er Jahren führte aber nicht nur zu Selbstgefäl-
ligkeit und trügerischer Sicherheit auf Seiten der asiatischen Schuldner (Banken und
priv. Unternehmen).485 Sorglosigkeit, ungetrübter Optimismus und ein mangelndes
Verständnis für Risiken waren ebenso bei den ausländischen Gläubigern anzutref-
fen. Auch die ausländischen Banken haben leichtfertig Kredite vergeben.
”Thus, if the borrowers in East Asia are to blame, so too are the developed-country lend-
ers. And to the extent that the foreign banks were marginal lenders, they deserve even
more of the blame: foreign lenders to Korea´s highly leveraged firms (…) knew that these
enterprises’ debt-equity ratios were far higher than any financial analyst would have
called prudent. Yet supposedly well-managed banks, supervised by supposedly sophisti-
486
cated regulatory authorities, made these loans.”

So wurden von Seiten der ausländischen Investoren gravierende Mängel bei der
Offenlegung von Finanzausweisen, bei der Bankenaufsicht und im Konkursrecht bei
der Suche nach möglichst hohen Renditen gerne übersehen. Es floss mehr Investiti-
onskapital in diese Länder, als vernünftig investiert werden konnte.487

482
Verhältnisse für Juni 1997 aus BIS (1998).
483
BIS (1998: 120ff.).
484
BIS (1998: 119).
485
Vgl. Swoboda (1998): „Globalisierung und die Stabilität des internationalen Finanzsystems“, in:
NZZ vom 26.09.1998, S. 83.
486
Stiglitz (1998a: 14).
487
BIS (1998: 119).

93
Da die (veralteten) Strukturen von Industrieunternehmen und des Finanzsek-
tors488 in den asiatischen Ländern seit Mitte der 1990er Jahre zunehmend stärker
dem globalen Wettbewerb ausgesetzt waren, wurden immer mehr gut ausgebildete
Manager benötigt, die aber nicht schnell genug zur Verfügung standen.489 Es ist zu
bedenken, dass eine Finanzmarktliberalisierung relativ schnell und einfach durchzu-
führen ist, der Aufbau einer stabilisierenden Infrastruktur und des entsprechenden
Humankapitals aber viel Zeit erfordert.490
Schliesslich, und hier kommt noch einmal der viel zitierte Herdentrieb der interna-
tionalen Investoren ins Spiel, folgte auf eine klassische Marktbesessenheit eine
ebenso klassische Marktpanik.
„Wenn der spontane Optimismus wankt, gehen Unternehmen ein - dies, obschon die
Furcht vor Verlusten keine rationalere Basis haben mag, als sie zuvor die Hoffnung auf
491
Gewinn hatte.“

Bei der Deregulierung der Finanzmärkte wird rasch ein wirtschaftsethisches


Problem deutlich. In Asien ist das Primat der Politik vor der Logik des
(Finanz-)Marktes aus der Hand gegeben worden. Der systemische Eigensinn des
naturwüchsig „evolutierenden“ ökonomischen Systems war politisch nicht mehr ein-
holbar.492 Wo Markt herrschen soll und wo nicht, ist nicht wie in einer wohlverfassten
Gesellschaft geboten, Sache deliberativer Politik unter mündigen Staats- und Wirt-
schaftsbürgern gewesen, sondern zum Teil von aussen aufgezwungen worden.

2.2.6 Fazit aus der Historie für die Gegenwart


Diese historische Analyse ist institutionengeschichtlich orientiert gewesen, um zu
verdeutlichen, warum manche Entwicklungen auf den Finanzmärkten überhaupt erst
möglich wurden. Das Phänomen der Umgehung der Wuchergesetzgebung, die Ent-
wicklung des Wechsels, die Einführung der neuen Buchführungsmethoden und die
Schaffung von Informationsmöglichkeiten wie Kaufmannshandbüchern und gedruck-
ten Preislisten sind entscheidende Schritte (die entscheidenden effizienten Institutio-
nen).493 Diese haben schon in der Neuzeit zur Reduktion der Transaktionskosten
geführt und Westeuropa im Gegensatz zu anderen Regionen der Welt zum Aufstieg
verholfen. Der monetäre Entwicklungsprozess bedurfte einer allgemeinen ‚institutio-
nellen Moderation’.494
Die Bedeutung dieser Analyse für die heutige Diskussion über die Gestaltung der
internationalen Finanzmärkte verdeutlicht eine Aussage Wilfried Hankels:

488
BIS (1998: 35).
489
Vgl. McLeod (1998: 33).
490
Vgl. Reisen (1998: 71).
491
Keynes zit. nach Schoettli (1998: 29).
492
Ulrich (2001: 334).
493
Vgl. North, D. (1994: 12f.).
494
Hankel (1989: 187).

94
“Die lange (...) Vorgeschichte der europäischen Geld-, Kredit- und Bankenentwicklung
vermittelt uns in allen Phasen einen Eindruck von der Bedeutung dieser Institutionen. Die
frühen Finanzmessen (...) beseitigen zwar nicht den lokalen Wucher, aber sorgten für
Vergleichsmassstäbe und Zinsobergrenzen. Die späteren Weltfinanzzentren (Antwerpen,
Amsterdam, London) vermittelten nicht nur internationale Kredite, sondern vereinheitlich-
ten auch die nationalen Kreditkonditionen. Man übertreibt nicht, wenn man feststellt,
dass es ohne Banken und Banken-Geldmärkte weder nationale noch internationale
Geld- und Kreditmärkte gegeben hätte. Erst diese Institutionen haben durch ihre Kom-
munikation (...) dem Geld Flügel und dem Kredit eine mit Lichtstrahlen konkurrierende
Verbreitungsgeschwindigkeit verliehen, eine Entwicklung, die im Round-the-Globe-
twenty-four-hour-Service der modernen Fremdwährungs-, Geld- und Kreditmärkte kulmi-
495
niert.”

Douglas North, ein Anhänger der Institutionenökonomik,496 sieht sogar in den Fi-
nanzinstitutionen den Faktor, der zur Entstehung des Kapitalismus geführt hat.497 Die
Theorie von North kann in eine Reihe mit den Erklärungsmustern wie der Entstehung
einer protestantischen Ethik oder einer bestimmten Lebensführung,498 eines kapita-
listischen Geistes499 oder geographisch-klimatischen Gegebenheiten500 gesetzt wer-
den. Der Einfluss von Institutionen bei der Entstehung und dem Funktionieren der
internationalen Finanzmärkte und damit die Bedeutung von Ordnungsethik darf nicht
unterschätzt werden. Die institutionelle Herausbildung von (Finanz-)Märkten in West-
europa war ein langer evolutionärer Prozess. Mancher neoklassische Ökonom über-
sieht diesen Prozess bei der Diskussion über institutionelle Rahmenbedingungen in
Bezug auf die Globalisierung der Finanzmärkte.501 Aufgrund der dargestellten Er-
kenntnisse kann die Forderung, möglichst alle Hindernisse und Schranken zu besei-
tigen (Freigabe aller Preise, Wechselkurse etc.), verbunden mit der Erwartung, der
Markt würde dann von selbst die optimale (optimal für wen?) Lösung herbeiführen,
nicht aufrechterhalten werden.
Wie gezeigt sind die Entwicklungen an den Finanzmärkten nicht gradlinig in eine
Richtung verlaufen. Vielmehr pendelten sie vor und wieder zurück. So herrschte etwa
vor dem 1. Weltkrieg sowohl an den Waren- als auch an den Finanzmärkten eine
relativ grosse Offenheit, die jedoch während der Zwischenkriegszeit bis in die 1970er
Jahre mit Import- und Kapitalverkehrsbeschränkungen wieder begrenzt wurde. Die
Bestrebungen nach Deregulierung haben zwar seit den 1980er Jahren wieder an
Auftrieb gewonnen, werden aber zunehmend wieder höchst kontrovers diskutiert.502

495
Hankel (1989: 186).
496
Kernaussage der Institutionenökonomik ist, dass Institutionen für den Wirtschaftsprozess von
entscheidender Bedeutung sind. Unter einer Institution wird dabei ein System formaler und infor-
meller Regeln einschliesslich der Vorkehrungen zu deren Durchsetzung gesehen. Institutionen
sind demnach Interessengruppen, Unternehmen, Märkte, Staaten usw. Vgl. Göbel (2002).
497
Vgl. North, D. (1994).
498
Vgl. Weber (1981).
499
Vgl. Sombart (1967).
500
Vgl. Jones (1991).
501
Neoklassische Ökonomen argumentieren gerne mit statistischen Analysen über Effizienz und
Integration von Finanzmärkten. Diese haben historisch gesehen nur eine begrenzte Aussagekraft.
502
Vgl. NZZ vom 03.01.2000: „Starke Nerven für grosse Schwankungen“, S. 43.

95
In Europa und Amerika haben sich die Institutionen der Finanzmärkte langsam
entwickelt. Manche Institutionen existieren bereits aus Zeiten vor der Industriellen
Revolution. In den Schwellenländern Asiens sind sie aber erst kürzlich etabliert wor-
den. Strukturen und Regeln von Finanzmärkten sind daher europäisch, heute mehr
und mehr angloamerikanisch geprägt. Der Umgang mit diesen Institutionen fällt west-
lich geprägten Kulturen wesentlich leichter. Sie hätten daher den vermeintlich
Schwächeren nicht einfach ihre Kulturform überstülpen sollen, sondern letztere be-
hutsam an sie heranführen. Da dies nicht geschehen ist, zeigten sich als Folge da-
von die Krisen auf den internationalen Finanzmärkten, insbesondere die Asienkrise.
Wie dargelegt haben seit Mitte der 1970er Jahre einschneidende Entwicklungen
auf den nationalen und internationalen Finanzmärkten stattgefunden. Die beschrie-
benen Szenarien auf den Devisen-, Anleihen-, und Aktienmärkten inklusive des Deri-
vategeschäfts sind eng verknüpft mit einer zunehmenden Finanzmarktliberalisierung,
die von einer Öffnung der Kapitalverkehrsbilanz begleitet worden ist.503 Zuerst ist der
Abbau von Kapitalverkehrskontrollen erfolgt. Ausserdem wurden Zinsobergrenzen
abgeschafft oder zumindest eingeschränkt. Der staatliche Einfluss bei der Kreditver-
gabe reduzierte sich. Die zugelassenen Kapital- und Finanzmarktaktivitäten wurden
ausgeweitet und Finanzintermediäre privatisiert. Markteintrittsbarrieren wurden ab-
geschafft oder zumindest gesenkt.
Die Finanzmärkte haben sich rasch integriert und globalisiert, genauso wie die
Binnenmärkte sich zunehmend untereinander integriert haben. Durch den Abbau von
Beschränkungen im internationalen Kapitalverkehr stiegen die weltweiten Kapitalbe-
wegungen auch mit den Schwellenländern stark an.504 Wegen der Zunahme dieser
Kapitalbewegungen verloren nationale Finanzmärkte und ihre Aufsichtsbehörden
relativ gesehen immer mehr an Gewicht.505
Mit der Deregulierung einhergehend lassen sich noch weitere Entwicklungen
feststellen. So ist die Zahl der Institutionen, die im Ausland operieren, stark ange-
wachsen. Global operierende Akteure wie Institutionelle Investoren (Pensionsfonds,
Versicherungen und Investitionsfonds) und Rating-Agenturen sind bedeutender ge-
worden. Nicht zu vergessen die Hedge-Fonds, die als private Gesellschaften weitge-
hend unreguliert und ohne Veröffentlichungspflichten häufig in Offshoremärkte ihren
Sitz haben.506
Der globale Zusammenschluss von nationalen Finanzmärkten ist wesentlich en-
ger als der der Produktionsstrukturen. Auch das Wachstum von internationalen Fi-
nanzströmen ist wesentlich schneller als das vom internationalen Handel und von
Direktinvestitionen. Die Grösse und Bedeutung der Finanzmärkte für die Finanzie-

503
Für den Zusammenhang zwischen Finanzmarktliberalisierung und Öffnung der Kapitalverkehrsbi-
lanz vgl. Eichengreen/Mussa (1998).
504
Vgl. Fischer (1998). Speziell für die Schwellenländer vgl. NZZ vom 23.06.2000: „Globale Kapital-
ströme – Fluch oder Segen“, S. 27.
505
Vgl. Filc (1998: 23f.).
506
Vgl. Dieter (1999: 37).

96
rung der Unternehmen haben rasant zugenommen. Die Verbindung zwischen klassi-
schem Bankgeschäft und Wertschriftenaktivitäten löst sich immer mehr. Neue, sehr
komplexe Finanzinstrumente sind entstanden. Das Sparvermögen liegt vermehrt in
der Hand grösserer international agierender Institutionen.507
Die Aktienrenditen haben sich von der realen Wirtschaft gelöst. Die Ablösung gilt
auch für andere Finanzmärkte wie die Devisenmärkte. Abweichungen von den Fun-
damentaldaten scheinen durch Spekulation sowohl verursacht als auch verstärkt zu
werden. Der Finanzsektor scheint zunehmend Kreditgeber für sich selbst geworden
zu sein und sich auf Kosten des Realsektors zu entwickeln. Anstatt in Realkapital
wird vermehrt in Finanzkapital investiert, was zu Instabilität führt. Durch eine Ver-
drängung von langfristigen Investitionen durch kurzfristige spekulative Interessen
werden Finanzmärkte volatiler und die Realwirtschaft geschädigt. Die Krisen der spä-
ten 1990er Jahre haben gezeigt, dass Finanzmärkte die ihnen zugedachte „Service-
funktion“ 508, Finanzmittel für Produktion und Handel in Form von langfristigen Kredi-
ten zur Verfügung zu stellen, nicht zuverlässig wahrgenommen haben.509
Trotz des technischen Fortschritts sind zahlreiche weltweite Probleme noch un-
gelöst. Millionen von Menschen leben von weniger als 2 USD am Tag.510 In Zukunft
werden immer deutlicher die Folgen der Ausbeutung der Rohstoffe, der Luft-, Was-
ser- und Bodenverschmutzung, des Ozonlochs und des Treibhauseffektes zum Vor-
schein treten.511 Es gilt daher Lösungen aufzuzeigen wie mithilfe von neuen Wegen
in der Weltwirtschaft, unter Einschluss einer lebensdienlichen Einbindung der Fi-
nanzmärkte diese sozialen und ökologischen Herausforderungen angegangen wer-
den können.512

507
Vgl. Griffith-Jones (1998: 23).
508
Dieter (1999: 35).
509
Dies zeigt auch das Scheitern vieler eigentlich erfolgreicher Unternehmen der New Economy, die
nach dem Platzen der Blase keine Kredite für weitere Finanzierungsphasen erhielten, da Investo-
ren bei ihren Investitionen übervorsichtig wurden.
510
Vgl. Sané (2001), der anführt, dass sich die Situation in 80 Ländern im Jahr 2000 gegenüber 1990
sogar verschlechtert hat. Zwar ist dies nicht repräsentativ für die ganze Welt, doch auch die Zah-
len von UNCTAD (1997) und UNDP (1999) zeigen zumindest eine zunehmende Ungleichheit zwi-
schen reichsten und ärmsten Ländern. Auch die Zahlen der Weltbank weisen nach, dass immer
noch ca. 25% der Weltbevölkerung mit weniger als 1,08 USD zur Kaufkraft von 1993 auskommen
müssen. Siehe Global Poverty Monitoring Website, im Internet verfügbar unter:
www.worldbank.org/research/povmonitor/.
511
Vgl. Club of Rome (2002: 3), der sich seit 1972 nur „Dreissig Jahre näher an den Grenzen“ des
Wachstums sieht, welches bereits im zentralen Bericht des Club of Rome 1972 vorausgesagt
wurde, vgl. Meadows et al. (1972).
512
Vgl. Kap. 4.

97
From miracle to meltdown513

3 Die Asienkrise aus Sicht der Integrativen Wirtschafts-


ethik
Entwicklung, Ausbruch und Ausbreitung der Asienkrise geschahen durch ein
komplexes Zusammenwirken mehrerer Einflüsse. Die meisten Analysten sind sich
einig, dass eine Vielzahl von Faktoren zum Ausbruch und zu ihrer Verschärfung bei-
trug.514 Einige Ansätze tendierten gerade zu Beginn der Krise dazu, den einen oder
anderen Faktor als Hauptursache anzusehen. Die anderen Einflüsse hätten gemäss
diesen Interpretationen die Situation nur jeweils verschärft.515 Während des Höhe-
punktes der Asienkrise waren die Unterschiede der Erklärungsmuster grösser als in
den heutigen Veröffentlichungen, da zu diesem Zeitpunkt Grösse und Auswirkungen
der Krise schwer abzuschätzen waren. Im Laufe der Zeit, als immer mehr Fakten
bekannt wurden, sind sich in der Diskussion die verschiedenen Standpunkte näher
gekommen.516 Extreme Positionen, wie sie noch am Anfang vertreten wurden, z.B.
es handle sich um eine Verschwörung westlicher Spekulanten, sind mittlerweile ge-
mässigter und weniger radikal.517
Unabhängig davon wie genau diese Erklärungsmuster auch zutreffen mögen, so
zeigen sie klar, dass die globale Dimension die Asienkrise in einer neuen Perspekti-
ve erscheinen lässt. Sie stellt eine grosse Herausforderung an das weltwirtschaftliche
Ordnungsvermögen dar. Sie hat gezeigt, wie institutionell unvollendet die globale
Ordnung ist, wie leicht sie in Teilen oder als Ganzes aus der Balance geraten kann.
Doch was steckt hinter den verschiedenen Erklärungsmustern? Die folgende
Darstellung der Erklärungsansätze und Phänomene soll nicht nur eine ökonomische
Analyse der Asienkrise präsentieren, sondern auch tiefer gehen, indem sie das Nor-
mative aufdeckt. Hintergründig zeigen sich dann alte ordnungspolitische Vorstellun-
gen, Versagen und die „wirklichen“ negativen Folgen der Ereignisse in Asien.
Bei der Beschreibung der Asienkrise werden also nicht primär die wirtschaftlichen
Folgen der Krise aufgezeigt, sondern es wird vielmehr Wert auf eine Analyse ihrer
Auswirkungen auf Politik und das „Gute Leben“ gelegt. Börsenverluste und ein
Rückgang des Bruttosozialprodukts sagen wenig über den Lebensstandard der Men-
schen in der Krisenregion aus. Nur wer in Individuen vorrangig Nutzenmaximierer

513
So lautete der Titel eines Workshops am Institute of Development Studies in Brighton im Juli
1998, der den „wunderbaren“ Aufstieg und den Zusammenbruch der Wirtschaft Asiens themati-
sierte.
514
Vgl. Rieger (2001); Berger/Wagner (2000); Eichengreen (1999); Dieter (1998).
515
Vgl. Fischer (1998b); MacIntaire (1998).
516
Vgl. Fischer (1999).
517
Vgl. Mahathir (1998); ders. (1999).

98
sieht, kann sich mit den Zahlen des Bruttosozialprodukts begnügen, um so etwas wie
einen Lebensstandard zu ermitteln.518
Bei der Kausalanalyse wird der Schwerpunkt somit nicht auf die Suche nach dem
Grund für den Ausbruch der Krise gelegt - dazu existieren schon zahlreiche Darstel-
lungen519 - sondern es wird ein von der Integrativen Wirtschaftsethik geprägter Über-
blick über die verschiedenen Faktoren gegeben, die für den Ausbruch der Asienkrise
verantwortlich sein könnten. Der Integrative Ansatz dient quasi als Heuristik, um
mehr als nur eine der ökonomischen Effizienz verschriebene Darstellung der Ursa-
chen zu geben. So wird der Blick frei auf die normative Dimension der Erklärungsan-
sätze; Hintergründe und Fehler der Verantwortlichen werden aufgedeckt und der In-
tegrative Ansatz verhindert erst den Reflexionsstopp vor dem Grundsatz der Le-
bensdienlichkeit.
Nach einer Beschreibung der Situation vor resp. des Verlaufs der Asienkrise (3.1)
folgt daher eine Darstellung ihrer Auswirkungen auf das „gute Leben“ (3.2) sowie ei-
ne Analyse der Herausforderung an ein neues asiatisches Politikverständnis (3.3).
Danach werden Erklärungsmuster (3.4) kritisch durchleuchtet. Abschliessend werden
weitere wirtschaftsethische Aspekte (3.5), insbesondere die Rolle des Internationalen
Währungsfonds (IMF) (3.6) erörtert. Diese Arbeit konzentriert also ihre Analyse der
Vorgänge in Asien auf die Zusammenhänge zwischen Politik, Wirtschaft und dem
„Guten Leben“.

3.1 Das Phänomen Asienkrise


Die 1997 ausgebrochene Asienkrise zeigt deutlich, welche Folgen die Globalisie-
rung der Finanzmärkte haben kann.520 Um aber über die Folgen und Mechanismen
urteilen zu können, ist es notwendig die Situation in den asiatischen Ländern vor
Ausbruch (3.1.1) sowie den Verlauf der Krise (3.1.2) darzustellen.

518
Vgl. Sen (2000). Sen demonstriert, dass die vermeintlich natürliche Ausstattung, die den homines
oeconomici mit auf ihren Weg von der Theorie in die Praxis gegeben wird, direkten Einfluss auf
die Beantwortung der Frage nach ihrem (materiellen) Wohlbefinden hat.
519
Vgl. Dieter (1998).
520
Einem Zusammenhang zwischen der Globalisierung der Finanzmärkte und der Asienkrise wird
allgemein zugestimmt. „Pessimisten“ betonen dabei die stark schwankenden internationalen Kapi-
talströme, die zu einer Überhitzung und danach zu einem Crash in den betroffenen Volkswirt-
schaften geführt haben. „Optimisten“ behaupten dagegen, dass die internationalen Kapitalströme
zuerst auf die positiven Investitionsbedingungen und dann, zum Zeitpunkt der Krise, auf die
schlechten wirtschaftlichen Daten der Krisenländer reagierten. Vgl. Menkhoff (2000: 46).

99
3.1.1 Die Situation vor Ausbruch der Krise
Obwohl sich die Volkswirtschaften in Asien unterscheiden,521 gibt es Gemein-
samkeiten der Entwicklung vor Ausbruch der Krise.522 Die asiatischen Volkswirtschaf-
ten gehören heute zu den offensten weltweit.523 Viele asiatische Länder haben Frei-
handelsabkommen untereinander, aber auch mit europäischen Ländern und den
USA abgeschlossen. Sie haben ihre Finanzmärkte dereguliert und für ausländisches
Kapital geöffnet.
Diese Offenheit ist aber nicht unbedingt die Ursache für das lang anhaltende
Wirtschaftswachstum über mehrere Dekaden in diesen Ländern gewesen. Auch wer-
den die hohen Wachstumsraten in Asien auf einen wachsenden Einsatz von Res-
sourcen (Arbeit, Kapital etc.) sowie auf technologische Entwicklung und Produktivi-
tätssteigerung zurückgeführt.524 Die „menschliche Ressourcensteigerung“, ein
Schlüsselelement für die Anziehungskraft des Produktionsstandortes Asien, erfolgte
durch Erziehung, Gesundheitsversorgung, Familienplanung und Berufsausbildung.525
Tabelle 2
Jährliches Wachstum des BIP pro Kopf in %

1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002

Indonesien 7.2 7.0 6.5 7.3 7.5 8.2 8.0 4.5 -13.1 0.8 4.9 3.5 3.7

Malaysia 9.0 9.5 8.9 9.9 9.2 9.8 10.0 7.3 -7.4 6.1 8.6 0.3 5.4

Thailand 11.6 8.1 8.1 8.3 9.0 9.2 5.9 -1.4 -10.5 4.4 4.8 2.1 5.4

Südkorea 9.0 9.2 5.4 5.5 8.3 8.9 7.0 4.7 -6.9 9.5 8.5 3.8 7.0

Quelle: IMF (World Economic Outlook).

Tabelle 2 zeigt die positive wirtschaftliche Entwicklung der Region in den letzten
sieben Jahren vor Ausbruch der Krise. Keine andere Region der Welt war zuvor über
einen längeren Zeitraum hinweg so schnell gewachsen und hatte eine so rasche und
deutliche Abnahme von Armut zu verzeichnen wie Südost- und Ostasien.526 Neben

521
Vgl. zu den Entwicklungen in den unterschiedlichen Volkswirtschaften die Länderstudien in McLe-
od/Garnaut (1998).
522
Rüdiger Machetzki unterscheidet bei der Erklärung der asiatischen Erfolgsgeschichte drei sich
rivalisierende Muster. Die Institutionalisten („Governance and policies matter!“), Neoklassiker
(Prices and the market matter!“) und die Kulturalisten („History and culture matter!“). Vgl. Ma-
chetzki (1999: 25f.).
523
In der Rangliste der wettbewerbsfähigsten Länder des World Economic Forum befinden sich unter
den ersten 35 Ländern sieben asiatische: Taiwan (5); Singapur (6); Japan (11); Südkorea (18);
Hongkong (24); Malaysia (29) und Thailand (32). Vgl. WEF (2002)
524
Krugman sieht als Hauptgrund für das Wachstum weniger die Offenheit oder einen Produktivitäts-
fortschritt. Er prognostizierte schon 1994 das Ende des Wachstums in Südostasien unter Hinweis
auf mangelnde Steigerungen der „total factor productivity“. Vgl. Krugman (1994).
525
Vgl. Schoettli (1998: 29).
526
Vgl. Stiglitz (1998: 2).

100
dem hohen Wirtschaftswachstum in Südkorea, verzeichnete auch ein Land wie Indo-
nesien, mit über 200 Millionen Einwohnern, einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts
von 1970 bis 1992 von 9,6 Mrd. USD auf 126,4 Mrd. USD, während ein vergleichba-
res Land wie Pakistan nur einen Anstieg von 9,1 USD auf 41,9 Mrd. USD verzeich-
nete und sich wesentlich langsamer entwickelte. Dies wirkte sich auch auf lebens-
wichtige Dinge, wie z.B. Ernährung und Gesundheit, aus. So stieg das Kalorienan-
gebot in Indonesien zwischen 1965 und 1989 von 1791 kcal auf 2750 kcal pro Per-
son auf ein Niveau, das durchaus vergleichbar mit wohlhabenden asiatischen Län-
dern wie Hongkong (2853 kcal) oder Japan (2956 kcal) war. Mitte der 1960er Jahre
versorgte ein Arzt dort noch 31700 Menschen, 1990 waren es nur noch 7030 Men-
schen.527 Hinzu kommt, dass der Wohlstand in Indonesien im Gegensatz zu vielen
afrikanischen und südamerikanischen Ländern gleichmässiger verteilt wurde. 1993
verfügten die „ärmsten“ 20 % der indonesischen Bevölkerung über 8,7 % des
Volkseinkommens. Die „reichsten“ 10 % der Indonesier verfügten 1993 über 25,6 %
des Volkseinkommens.528
Immer mehr südostasiatische Länder begannen seit Mitte der 1980er Jahre in die
Gruppe der Industrienationen einzutreten.529 1997 klassifizierte der IMF einige ehe-
malige Schwellenländer als „fortgeschrittene“ Wirtschaften, namentlich Hongkong,
Taiwan, Südkorea und Singapur. Die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen för-
derten das Wachstum in Südostasien, insbesondere der stark gefallene Ölpreis so-
wie die stetige Aufwertung des Yen seit den 1980er Jahren. Strengere Umweltgeset-
ze, vermehrte Gewerkschaftsaktivitäten im Rahmen des Demokratisierungsprozes-
ses und die Aufwertung ihrer Währungen „verschlechterten“ dann die Standortbedin-
gungen in Südkorea und Taiwan im Vergleich zu Südostasien. Dies hatte zu Folge,
dass in diesem Systemwettbewerb neben japanischen, vermehrt südkoreanische
und taiwanische Unternehmen arbeitsintensive Fertigungsprozesse nach Indonesien,
Malaysia und Thailand verlagerten.530
Anfang der 1990er Jahre begann dann aber der Zustrom an Direktinvestitionen
nach Südostasien zu versiegen. Vor allem Thailand, aber auch die anderen Länder
in der Region wurden durch zunehmende diseconomics of scale, Infrastruktureng-
pässe, Fachkräftemangel und einem Anstieg der Lohnkosten sowie der Grund-
stückspreise unattraktiver. Daher wurde, wie zuvor dargestellt, Ende der 1980er Jah-
re mit der Liberalisierung der Finanzmärkte begonnen.531 Die Deregulierung ermög-
lichte inländischen Akteuren, sich im Ausland zu verschulden, d.h. ausländische
Gläubiger konnten Direktkredite an inländische Schuldner vergeben. Insbesondere

527
Vgl. die Weltentwicklungsberichte der Weltbank von 1992 und 1994. World Bank (1992); dies.
(1994).
528
Vgl. World Bank (1996: 196f.).
529
In erster Linie Thailand, Malaysia, Indonesien und die Philippinen. Vgl. Rüland (1999: 51f.).
530
Vgl. Rüland (1989).
531
Fast alle Analysen der Asienkrise heben den Punkt Deregulierung der Finanzmärkte als eine der
Ursachen der Krise hervor. Alba et al. (1998); BIS (1998); Radelet/Sachs (1998); Radelet/Sachs
(1998a); Chang/Velasco (1998b); Corbett/Vines(1999); Corsetti/Pesenti/Roubini (1998); Fur-
man/Stiglitz (1998) und UNCTAD (1998); vgl. Kap. 2.2.5.2.

101
die mit kurzen Laufzeiten versehenen Kredite der Gläubiger an die Schuldner sorg-
ten für ein erhebliches Mass an Volatilität.532 Die Kombination von einer Deregulie-
rung des Finanzsektors in Verbindung mit einer nur vordergründig florierenden Bin-
nenwirtschaft war am Ende fatal.
In der Krise hat es sich zusätzlich als nachteilig erwiesen, dass die Finanzliberali-
sierung ohne hinreichende Kontrollen vorangetrieben wurde. Die existierenden Kon-
trollen waren in Folge von Korruption meist lückenhaft. Da eine strikte Bankenauf-
sicht ebenfalls fehlte, waren viele (politisch motivierte) Gefälligkeitskredite vergeben
worden. Kreditanstalten verliehen sorglos Darlehen an Unternehmen, die bei ihren
Investitionen noch achtloser waren. Ungesicherte, so genannte faule Kredite wurden
durch die Aufnahme weiterer ungesicherter Kredite zurückgezahlt. Viele Banken wa-
ren Teil grösserer Unternehmensverbünde, die dieses System leicht kaschieren
konnten.533 Als Sicherheit wurden oft Immobilien verwendet. Diese waren aber auf-
grund des Überangebots auf dem Immobilienmarkt überbewertet. Immer mehr In-
vestoren gerieten in Schwierigkeiten, ihre Kredite zu bedienen. Dadurch registrierten
die Finanzinstitute eine steigende Zahl dieser faulen Kredite. Eine bubble economy
entstand und das Datum des Zerplatzens der Seifenblase war nur noch eine Frage
der Zeit.534
Die Geldpolitik der Regierungen hatte als oberstes Ziel die Geldwertstabilität. Aus
diesem Grund hielten sie die Zinsen hoch. Dies lockte weiterhin ausländisches Kapi-
tal an. Diese Kapitalflüsse wurden durch optimistische Erwartungen bezüglich der
weiteren Entwicklung der Volkswirtschaften gespeist. Diese gründeten sich auf zu-
rückliegende Erfolge und auf die Tatsache, dass das wirtschaftliche Entwicklungs-
potential der Länder, ausgedrückt durch die Entwicklungslücke gegenüber den In-
dustrieländern, bei weitem noch nicht ausgeschöpft war.535 Die Kapitalflüsse führten
aber nur zur grösseren Instabilität der Finanzmärkte, weil es sich zumeist um kurz-
fristig investiertes Kapital handelte. Im Ergebnis führte die Kumulation von kurzfristi-
ger Verschuldung im Ausland, die nicht von Kurssicherungsgeschäften begleitet wur-
de, zu einem Zustand der Verwundbarkeit der asiatischen Ökonomien. Gerade des-
halb, weil den zunächst besonnenen ausländischen Kreditgebern und inländischen
Schuldnern, bald auch weniger bedachte folgten.536
Die meisten Länder hatten darüber hinaus ihre Währung an einen Währungskorb
mit Dominanz des Dollars gekoppelt, mit der Intention eine niedrige Inflation zu ga-
rantieren. So hatte Thailand ein System in Relation zum Dollar, das nur sehr geringe
Schwankungsbreiten erlaubte, gewissermassen ein Festkurssystem. Der Kurs zum
Dollar konnte dadurch von 1990 bis zur Freigabe der Währung stabil gehalten wer-
den. Im gleichen Zeitraum wertete Indonesien die Rupie gegenüber dem Dollar jedes

532
Vgl. Dieter (1998: 52f.).
533
The Economist vom 19.08.1999: “On their feet again?”.
534
Im Gegensatz zu den „nachhaltigen Blasen“; vgl. Kap. 2.1.1.3.
535
Waldenberger (1999: 116).
536
NZZ vom 09.06.1998: „Die Weltwirtschaft im Banne der Asienkrise“, S. 21.

102
Jahr nominal um 3 bis 5 % ab. Im Vergleich dazu war die Entwicklung des koreani-
schen Wons volatiler. Er wurde mehrmals abgewertet, zwischendurch aber auch
wieder um bis zu etwa 6 % aufgewertet.537
Anfang der zweiten Hälfte der 1990er Jahre brachen, als Folge der Wertsteige-
rung des Dollars und einer Abwertung des chinesischen Renminbi,538 die Exporte in
den südostasiatischen Ländern ein. Gleichzeitig verschlechterten sich die volks-
wirtschaftlichen Fundamentaldaten wie Wirtschaftswachstum, Handelsbilanzen und
Inflationsrate, insbesondere in Thailand. Die Zahlungsbilanzdefizite schnellten hoch,
Haushaltsüberschüsse verwandelten sich in Defizite.539
Mitte 1997 brach dann in vielen Ländern in Süd- und Südostasien die „Asienkri-
se“ aus, deren Ausmass grösser als jede Krise zuvor war. Es sah so aus, als ob die
durch das starke Wachstum seit den 1970er Jahren erzielten Gewinne mit einem
Schlag vernichtet wurden. Die Krise führte zu einem scharfen Währungsverfall, ei-
nem Einbruch an den Börsen und anderen Wertpapiermärkten. Sie bedrohte das Fi-
nanzsystem dieser Länder, zerrüttete die Realwirtschaft und mündete in eine Rezes-
sion, die nicht nur eine Finanz-, sondern auch eine „menschliche” Krise verursachte.
Diese Krise und die anschliessenden weltweiten Finanzkrisen stellten einen Zusam-
menbruch - und nicht nur einzelne Friktionen innerhalb - des Systems „internationale
Finanzmärkte“ dar.540

3.1.2 Der Verlauf der Krise


Eine Beschreibung des Beginns und der Ausbreitung der Asienkrise muss notge-
drungen vordergründig sein, da der grösste Teil des Wirtschaftsgeschehens mitsamt
seinen relevanten Entscheidungen der Öffentlichkeit verborgen bleibt. Zusammen-
hänge können nur rückblickend durch markante Ereignisse, die als Meilensteine auf
dem Weg zu dieser Entwicklung erscheinen, erfasst werden.541
Anfang 1997 führten Konkurse bei Immobilienprojekten in verschiedenen Län-
dern dazu, dass die betroffenen Banken und Finanzierungsinstitute ihrerseits in
Schwierigkeiten gerieten. Diese Entwicklung führte schliesslich zum Eingreifen des
Staates. Anfang Mai 1997 wurden in Japan Sorgen über den Yen-Verfall geäussert
und es wurde über die Notwendigkeit von Zinserhöhungen öffentlich debattiert. Diese
wurde zwar nicht vorgenommen, aber allein die Ankündigung zeigte Auswirkungen
auf das Verhalten der globalen Investoren. Die Möglichkeit einer bevorstehenden
Veränderung des Zinsgefälles im Zusammenhang mit der Erkenntnis, dass Thailands

537
Vgl. DIW (1998: 454).
538
Vgl. Kap. 3.5.1.
539
Vgl. Rüland (1999: 54).
540
Vgl. Lewis (1998): „Die Furcht vor einer Globalisierung der Finanzkrisen“ in: NZZ vom 07.09.1998.
541
Die Darstellung der Asienkrise beruht zum grossen Teil auf den Arbeiten von Dieter (1998); ders.
(1999) sowie den Referaten der Jahrestagung „Ursachen und Therapien regionaler Entwicklungs-
krisen“ im Jahre 1999 des Ausschusses „Entwicklungsländer“ im Verein für Socialpolitik. Vgl.
Schubert (2000).

103
Auslandsschulden mittlerweile 90 Mrd. USD betrugen, liess die Wahrscheinlichkeit
eines immer stärker werdenden Drucks auf den Wechselkurs in Thailand grösser
werden. Hinzu kam politische Instabilität und ein Rückgang des Wirtschafts-
wachstums. Aus diesen Gründen begannen die internationalen Anleger gegen die
thailändische Währung, den Baht, zu spekulieren. Die thailändische Zentralbank de-
mentierte zunächst die Gefahr einer Änderung des Wechselkursregimes, um weiter-
hin attraktiv für ausländische Investition zu bleiben und die hohen Auslandsschulden,
die in Dollar denominiert waren, nicht weiter zu erhöhen. Doch nach anhaltendem
Abzug kurzfristiger Anlagen sah sich Thailands Zentralbank wie auch Singapur, zu
Deviseninterventionen zur Stützung des Baht gezwungen. Binnenwirtschaftlich nah-
men die Probleme aber zu. Der hohe Zinssatz wurde für die ohnehin überstrapazier-
ten inländischen Anleger und Investoren zum Verhängnis. Während ein Projekt nach
dem anderen in Konkurs ging, gerieten die verschiedenen Kreditinstitute nacheinan-
der in Bedrängnis. Ende Juni 1997 musste die Zentralbank 16 in Zahlungsschwierig-
keiten geratene Finanzierungsgesellschaften schliessen bzw. anweisen, Konsolidie-
rungs- und/oder Zusammenschlusspläne vorzulegen.542
Nachdem die Devisenreserven fast aufgebraucht waren, blieb als letzte Chance
schliesslich nur noch die Freigabe des Wechselkurses. Folglich gab am 2. Juli 1997
die Zentralbank die Bindung des Baht an den Dollar auf und liess den Baht frei floa-
ten543. Gleichzeitig erhöhte sie den Diskontsatz. Daraufhin verlor die Währung in we-
nigen Stunden mehr als 20 % ihres Wertes. Die Aufgabe des festen Wechselkurses
des Baht gegenüber dem USD wird allgemein als Auslöser der asiatischen Wirt-
schaftskrise angesehen.544
Am 28. Juli bat Thailand den IMF um „technische Unterstützung“. Innerhalb von
14 Tagen wurde ein 16 Mrd. USD umfassendes Hilfspaket geschnürt, das auch zahl-
reiche Strukturreformen zum Gegenstand hatte.545 In der Folge gerieten nahezu alle
Volkswirtschaften der Region unter Druck. Zwar konnten Hongkong, China, Taiwan
sowie mit Abstrichen Malaysia die Spekulationswellen abwehren, doch vor allem
Thailand, Indonesien und Südkorea gerieten immer tiefer in die Krise.
So musste nun auch die indonesische Zentralbank am 14. August den Wechsel-
kurs ihrer Rupie freigeben. Gegenüber dem USD fiel der Wechselkurs, der vor der
Krise bei etwa R 2400 pro USD gelegen hatte, bis auf R 17000 (2.1.1998). Am 8.
Oktober 1997 musste auch die indonesische Regierung den IMF um Unterstützung
bitten.546

542
Vgl. für Thailand auch Warr (1998); Phongpaichit/Baker (2001).
543
Floaten heisst, dass die freien (auch: flexiblen) Wechselkurse sich an den internationalen Devi-
senbörsen frei nach Angebot und Nachfrage bilden.
544
Rieger (2000: 21).
545
Vgl. Warr (1998: 58f.).
546
Vgl. McLeod (1998: 42f.).

104
Das gleiche Szenario spielte sich in Südkorea ab. Am 20. November fiel der
Won, dessen Wechselkurs zuvor zum Teil freigegeben wurde, auf ein Rekordtief.
Einen Tag später bat Koreas Regierung den IMF um Hilfe.547
In der zweiten Hälfte des Jahres 1997 wütete demnach ein wahrer Flächenbrand
an den asiatischen Börsen und Finanzmärkten. Die Währungen vieler Länder verlo-
ren bis Jahresende bis zu 50 % ihres Wertes gegenüber dem USD. Ausländische
Investoren und lokale Verbraucher konnten ihre Rücklagen kaum so schnell in USD
umwandeln wie die Währungen an Wert verloren. Gleichzeitig stürzten die Börsen-
kurse ins Bodenlose. Tabelle 3 gibt die Entwicklung der Wechselkurse einzelner Län-
der zwischen Juli 1997 und Januar 1998 wieder.
Tabelle 3
Abwertung einzelner asiatischen Währungen

Wechselkurs zum USD Veränderungsrate des


Dollarwertes
1. Juli 1997 24. Januar 1998
in %

Indonesische Rupiah 2.432 14.800 -83,6

Malaysischer Ringit 2,52 4,58 -44,9

Thai Baht 24,53 54,00 -54,6

Koreanischer Won 888 1.744 -49,1


Quelle: www.oanda.com.

Diese Währungskrise führte, nicht zuletzt wegen des Zusammenbruchs grösserer


Unternehmenskonglomerate548, dazu, dass einem Herdentrieb gleich, ausländische
Institutionen, ähnlich wie bei einem Bank-Run549, ihr Kapital massenweise abzogen.
Gleichzeitig stürzten sich inländische Unternehmen und Banken auf den Dollar, um
Verbindlichkeiten zurückzuzahlen oder abzusichern.550
Im Jahr 1994 flossen netto insgesamt 41 Mrd. USD nach Indonesien, Malaysia,
Thailand, Südkorea und den Philippinen, der Kapitalstrom stieg 1996 auf 93 Mrd.
USD an. 1997 hingegen flossen 112 Mrd. USD aus den fünf Ländern in die Gläubi-
gerländer ab.551 Entsprechend wandelten sich die Salden der Leistungsbilanzen:
1996 gab es in den Ländern Südostasiens noch ein Leistungsbilanzdefizit, 1998 hin-
gegen wurde als Folge der abfliessenden Gelder ein Überschuss „erwirtschaftet“.552

547
Vgl. Smith (1998: 78).
548
Insbesondere in Südkorea, ausführlicher vgl. Kwon (1998: 339f.).
549
Ein Bank-Run entsteht, wenn ein Vertrauensverlust aufkommt. Alle Wirtschaftssubjekte möchten
gleichzeitig von dem ihnen zugesicherten Recht auf Auszahlung ihrer Einlagen Gebrauch ma-
chen. Da für die „langsamsten“ Wirtschaftssubjekte aufgrund der Illiquidität der Bank keine Res-
source mehr vorhanden ist, hat jeder Einzelne das Bestreben, an einem Bank-Run teilzunehmen,
sobald ein solcher entsteht. Zur Parallelität zwischen Abzug von Kapital aus Schwellenländern
und einem Bank-Run vgl. Cole/Kehoe (1998); auch Chang/Velasco (1998a).
550
Vgl. Rieger (2000: 24).
551
Bhagwati (1998: 12).
552
Dieter (1998: 71).

105
Insbesondere Institutionelle Investoren, in erster Linie aus den USA, die vorher er-
hebliche Mittel in die Region fliessen liessen, zogen als die Krise ausbrach ihr Kapital
zügig aus den asiatischen Märkten zurück. Dieses pro-zyklische Verhalten verschärf-
te die Krise.553
Der Abzug von Kapital beschleunigte sich dadurch, dass die grossen Rating-
Agenturen im Verlauf der Krise ihre Bewertungen ständig weiter zurücknahmen.554
Diese Abwertungen lösten bei vielen Anlegern immer neue Verkaufswellen aus, die
die Krise weiter schürten.555 Der Abzug von Kapital hatte aber nicht nur mit schlech-
ten Wirtschaftsdaten in den betroffenen Ländern zu tun. Aufgrund der Volatilität des
Vertrauens in die Märkte hätten auch solide Finanzsysteme und gute Wirtschaftspoli-
tiken ein Eintreten der Krise nicht verhindert.556 Verantwortlich waren auch psycholo-
gische Faktoren. Diese sind nicht neu: Schon Keynes hat von „animal spirits“ ge-
sprochen.557 Im Zusammenhang mit der Asienkrise ist daher häufig von irrationalem
und übertriebenem Pessimismus gesprochen worden.558
Die Kapitalabflüsse und die von ihnen verstärkten Abwertungen der Währungen
sowie fallende Kurse für Aktiva verschärften den Druck auf die einheimischen Wirt-
schaften. Dieser Druck verstärkte sich weiter, als die Probleme im Finanzsektor zu
einer Verknappung von verfügbaren neuen Krediten in den Ländern führte, womit die
realen Ökonomien in eine Abwärtsspirale gerieten und die Wirtschaftsleistungen zu-
rückgehen mussten.559
Die Krise widersprach dem mehrere Dekaden anhaltenden aussergewöhnlichen
Aufschwung in Asien. Die negativen Auswirkungen der asiatischen Wirtschaftskrise
haben die ursprünglichen Befürchtungen übertroffen. Indonesien und Thailand sind
von der Krise am schwersten getroffen worden, etwas weniger Malaysia und Südko-
rea.
Zwar haben sich die meisten Länder wirtschaftlich von der Asienkrise erholt,560
doch wann alle Folgen der Asienkrise gänzlich überwunden sein werden, kann man
auch heute, acht Jahre danach, nicht abschätzen. Das asiatische Wunder ist vorerst
entzaubert. Die Region bleibt auch weiterhin anfällig für Krisen. Viele Länder haben
Reformen nur zögerlich und unvollständig umgesetzt, weil die Erholung zum Teil
schneller einsetzte als erwartet.561

553
Vgl. Guttmann (1998: 6); DIW (1998: 460).
554
Vgl. Kap. 3.5.3.2.
555
Vgl. Stiglitz (1998: 7).
556
Vgl. Stiglitz (1998: 7).
557
Vgl. Keynes (1936).
558
Stiglitz (1998: 7). Zum irrationalen Investoren-Verhalten, vgl. Shiller (2000) und Shleifer (2001).
559
Vgl. Stiglitz (1998: 5).
560
Vgl. Tabelle 2.
561
The Economist vom 05.07.2001: “Falling (again) - A new strain of economic contagion is spread-
ing through East Asia”.

106
3.2 Die Dimension sozioökonomischer Grundrechte
Krisen auf den Finanzmärkten können, wie in Asien geschehen, sehr schnell auf
die Realgütermärkte durchschlagen und eine Rezession auslösen. In fast allen asia-
tischen Ländern sind erhebliche „soziale Kosten“ entstanden, die von der Bevölke-
rung getragen werden mussten.562 Diese „sozialen Kosten waren insbesondere ein
genereller Rückgang des Lebensstandards bei weiten Teilen der Bevölkerung und
Arbeitslosigkeit für eine grosse Zahl von Arbeitnehmern. Zusätzlich zu den Gescheh-
nissen in Asien kamen andere Schwellenländer unter Druck, da die Asienkrise an-
steckend auf andere Finanzmärkte wirkte, speziell Russland geriet 1998 in die Kri-
se.563
Die Folgen der Asienkrise auf das „Gute Leben“ zeigen sich nicht primär in den
wirtschaftlichen Auswirkungen, sondern in ihren sozialen Folgen auf die betroffene
Region und die einzelnen Länder. Im Gegensatz zu den zahlreichen Analysen der
wirtschaftlichen Konsequenzen564 ist eine kritisch-normative Erhellung der „frag-
würdigeren“ besonders der sozialen Folgen für eine wirtschaftsethische Analyse
sinnvoller. Denn der grundlegende lebensdienliche Sinn des Wirtschaftens besteht in
der Versorgung der Menschen mit dem Lebensnotwendigen.565 Jedes Individuum
besitzt ein universales „…moralisches Recht auf die Gewährung des Lebensnot-
wendigen gemäss der Bestimmung des kulturellen Existenzminimums in der jeweili-
gen Gesellschaft.“566
Das Lebensnotwendige bedeutet nichts anderes, als das Recht menschenwürdig
zu leben. Dieses fundamentale Menschenrecht konkretisiert sich in sozioökonomi-
schen Grundrechte wie das Recht auf ein Existenzminimum (a), damit einhergehend
das Recht auf ein Einkommen zur Existenzsicherung (b), das Recht auf Gesundheit
und Bildung (c), das Recht auf Sicherheit (d), das Recht auf kulturelle Würde (e) und
das Recht auf eine intakte Umwelt (f).567 Wichtig und notwendig ist, dass diese
Grundrechte weltweit respektiert und durchgesetzt werden. Bei der weltweiten
Durchsetzung dieser Grundrechte darf es keine Abstriche geben; sie sind so grund-
legend, dass sie bedingungslos eingehalten werden müssen. Sie müssen den Weg
der Globalisierung der Finanzmärkte mitbestimmen. Durch die Asienkrise sind aber
einige dieser Lebensnotwendigkeiten für einen Grossteil der dortigen Bevölkerung in
Frage gestellt worden:

562
Vgl. McKibbin (1998: 244f.).
563
Vgl. zur „Ansteckung“ Blejer/del Castillo (2001); Masson (1999); Glick/Rose (1999); Diwan/
Hoekman (1999).
564
Vgl. Dornbusch (2001).
565
Vgl. Ulrich (2001: 210).
566
Ulrich (2001: 211).
567
Die Rechte leiten sich aus der bereits eingangs zitierten Erkenntnis Rüstows ab, dass vital (le-
bensdienlich) dasjenige ist, was die ‚vita humana’, was das menschliche Leben, das menschen-
würdige Leben fördert. Vgl. Kapitel 1.1.1.

107
a) Das Recht auf ein Existenzminimum
In allen betroffenen Ländern stieg der Anteil der unterhalb der Armutsgrenze le-
benden Bevölkerung wieder an. Die Erfolge in der Bekämpfung der Massenarmut in
den letzten 30 Jahren568 wurden innerhalb kurzer Zeit zunichte gemacht. Drei Jahre
nach dem regionalen Abschwung lebten über 85 Millionen Menschen in Indonesien,
den Philippinen und Thailand unterhalb des Existenzminimums, dies bedeutet einen
Anstieg um 50 % seit dem Ausbruch der Krise. Allein in Indonesien stieg der Anteil
der unter der Armutsgrenze Lebenden von 11 % auf 40 %. In Thailand stieg die Ar-
mutinzidenz569 von 11 % auf 15 % und in Malaysia von unter 7 % auf 8 %.570 Ein
noch grösserer Teil der Bevölkerung lebte nach der Krise nur knapp oberhalb der
Armutsgrenze.571 In Indonesien verschlechterten die neue Massenarmut und eine
galoppierende Inflation die Ernährungssituation vor allem der in den Städten leben-
den Bevölkerung.572 Viele Familien konnten sich nur noch eine Mahlzeit am Tag lei-
sten. In einigen Teilen Indonesiens wurde wieder gehungert. In Surabaya stieg die
Unterernährung unter Kindern von 1 % (1996) auf 8 % (1998).573 Dass die Wirt-
schaftskrise mit einer Dürre zusammenfiel, die durch den El-Niño-Effekt ausgelöst
wurde, verschärfte die Lage zusätzlich. Grosse Teile der Reisernte von 1997 fielen
aus. Indonesien musste erstmals seit 1984 wieder Reis importieren. Der Währungs-
verfall wirkte sich auch negativ auf die landwirtschaftliche Produktion aus, da Kunst-
dünger und Pestizide eingeführt werden mussten, aber für viele Bauern uner-
schwinglich waren. Ihre Preise hatten sich in Indonesien vervierfacht. Der mangelnde
Einsatz von Pestiziden und Kunstdüngern führte dann zu Ernteausfällen.574

b) Das Recht auf ein Einkommen zur Existenzsicherung


Der Währungsverfall war Ursache für eine massive Bankrottwelle. Besonders
kleinere und mittlere importabhängige Unternehmen waren betroffen. Sie konnten
sich die teureren Importe nicht mehr leisten und ihre Schulden nicht mehr bezahlen.
Die Insolvenzen und Produktionsstillegungen hinterliessen tiefe Spuren auf dem Ar-
beitsmarkt, Millionen von Arbeitsplätzen gingen verloren.575 Die Arbeitslosigkeit in
Indonesien stieg daher von 4,7 % (1991) auf 21 % (1998).576 Der Anstieg in den an-
deren Ländern war geringer: von 2,7 % auf 6,4 % in Malaysia, von 2,6 % auf 7,7 % in

568
Vgl. Evers (1995).
569
Die Inzidenz ist definiert als das Vorkommen z.B. einer Eigenschaft, hier der Armut.
570
Vgl. Rieger (2001: 25).
571
The Economist vom 30.11.2000: “South-East Asia’s Problem Trio”.
572
Vgl. Hill/Chu (2001: 14f.).
573
Rüland (1999: 59); vgl. Hill (2001: 140ff.).
574
Vgl. Asian Wall Street Journal vom 21.10.1998, S. 1.
575
Vgl. Kerongkaew (2002: 65).
576
Im Gegensatz zu Südkorea sind in Thailand, Malaysia und insbesondere Indonesien zahlreiche
Menschen, vor allem Frauen, im informellen Sektor beschäftigt, die nicht von den offiziellen Zah-
len erfasst werden, aber dennoch von der Krise stark betroffen wurden. Vgl. Kerongkaew (2002:
68). Vgl. für Korea Yoon (2001: 248f.). Zur Situation der Frauen vgl. exemplarisch für Malaysia
Shari (2001: 108ff.).

108
Südkorea und von 1,9 % auf 4,4 % in Thailand.577 Aber je mehr es zur Tradition in
diesen Ländern gehört, einen Arbeitsplatz auf Lebenszeit zu besitzen, desto tragi-
scher ist das Schicksal bei dessen Verlust für den Arbeitnehmer.578 Der Familienva-
ter, der tagtäglich zum Schein zur Arbeit geht und den Tag auf der Parkbank ver-
bringt, weil er es nicht über das Herz bringt, seiner Familie die Schmach eines verlo-
renen Arbeitsplatzes mitzuteilen, war kein Einzelfall sowie ein deutliches Indiz für
sehr schwerwiegende soziale Probleme.
Neben dem Verlust des Lohneinkommens - selten gab es ein Lohnersatzein-
kommen - bedeuteten auch steigende Preise für wichtige Importgüter (z.B. Medika-
mente) einen relativen Verlust von Erspartem (in inländischen Anlagen) und abge-
brochene Ausbildungen eine unsichererer Zukunft. Leute, die nicht in die Arbeitslo-
sigkeit entlassen wurden, mussten Lohneinbussen hinnehmen. So sanken in Indone-
sien aufgrund der ‚flexiblen’ Arbeitsmärkte die Realeinkommen zwischen 30-50 %.
Auch in den anderen Ländern ‚passten’ sich die Realeinkommen an, so dass sie
kaum zur Existenzsicherung reichten.579

c) Das Recht auf Gesundheit und Bildung


Die Krise veränderte ausserdem das Verhalten der Bevölkerung hinsichtlich der
Fürsorge für ihre Gesundheit. Die Ausgaben für Gesundheit sanken beispielsweise in
Thailand um 41 %.580 Dies lässt sich dadurch erklären, dass vom geringeren Real-
einkommen zuerst Lebensmittel gekauft werden mussten und so kaum noch finan-
zielle Ressourcen zur Verfügung standen. Eine ähnliche Situation fand sich in Indo-
nesien. Dort sank der Prozentsatz der Kinder, die vom 1. bis zum 15. Lebensjahr re-
gelmässige Gesundheitsdienste in Anspruch nahmen, von 26 % auf 20 %. In Thai-
land und Indonesien wurde jedoch von einer Zunahme der durch Stress verursach-
ten Gesundheitsprobleme berichtet. In Südkorea gingen die Staatsausgaben für den
Gesundheitssektor ebenfalls stark zurück.581
Die Folgen für den Bildungssektor und damit für das zukünftige Humankapital der
Länder sind gravierend. In Indonesien mussten acht Millionen Schulkinder ihre
Schulausbildung abbrechen, weil ihre Eltern die Schulgelder nicht mehr aufbringen
konnten. Die im Ausland studierende zukünftige Elite der südostasiatischen Gesell-
schaften musste zum Teil ihr Studium abbrechen, da die Familie (oder der Staat) die
relativ hohen Ausbildungskosten nicht mehr finanzieren konnte.582 Dieser Verlust an
Humankapital wirkt sich auch auf die derzeitige und zukünftige Entwicklung der Län-
der aus.583

577
Vgl. Rieger (2001: 25).
578
Vgl. Rieger (2001: 25).
579
Manning (2000); zu Malaysia vgl. Shari (2001: 104).
580
Knowles/Pernia/Racelis (1999: 26).
581
Vgl. Knowles/Pernia/Racelis (1999).
582
Vgl. The Straits Times vom 13.05.1998.
583
Vgl. Rüland (1999: 60).

109
d) Das Recht auf Sicherheit
Der Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung während der Asienkrise war alar-
mierend vor allem in Indonesien. In allen Ländern konnte man ein sprunghaftes An-
steigen der Kriminalität verzeichnen. Raubüberfälle, die Entführung von Lastwägen,
Diebstähle, Einbrüche und die Verschleppung von Menschen häuften sich. In Ostja-
va kam es gar zu einer Mordwelle ungekannten Ausmasses. Die schlechte Versor-
gungslage, schiere materielle Not und eine heftig brodelnde Gerüchteküche waren
immer wieder die Ursache für gewaltsame Ausschreitungen, Plünderungen und
Brandstiftungen, die sich vor allem gegen (chinesische) Minderheiten, aber auch ge-
gen lokale Beamte richteten.584
Die Folgen durch den Exodus eines Teils der wohlhabenden chinesischen Min-
derheit als Konsequenz von Pogromen sind schwer abzuschätzen. Mit ihnen verliess
nicht nur Kapital das Land, sondern auch unschätzbares technisches, kaufmänni-
sches und kulturelles (menschliches) Potenzial. Genau das gleiche Wissen haben
auch Expatriates mitgenommen, die Indonesien angesichts der Unruhen verliessen.
Mancher Wirtschaftszweig war seitdem nur noch bedingt funktions- und wettbe-
werbsfähig.585
Die Korruption ist während der Krise trotz vollmundiger Reformversprechungen
der Politiker erheblich gestiegen. Verantwortung gegenüber dem Gemeinwesen ist
innerhalb der aufgeblähten Bürokratie zu einem Fremdwort geworden. Korrupte Lo-
kalbeamte verschoben zum eigenen Profit billigen, vom Staat für die Armen subven-
tionierten Reis und skrupellose Händler schmuggelten ungeachtet der Versorgungs-
engpässe den durch den Währungsverfall billig gewordenen indonesischen Reis und
andere Nahrungsmittel ausser Landes.586

e) Das Recht auf kulturelle Würde


Es darf ebenfalls nicht ausser Acht gelassen werden, dass die Krise auch das
Selbstwertgefühl der Asiaten stark getroffen hat. Aus der Betonung der Familienzu-
sammengehörigkeit wurde Nepotismus. Die besondere Bedeutung persönlicher Be-
ziehungen anstelle von Vertragsbindungen erschien nun als croniysm bzw. Vettern-
wirtschaft, aus der Wichtigkeit von konsensualen Entscheidungen wurde Mauschelei
und Korruption. Konservativismus und Achtung vor Autorität wurden als inflexibel und
unfähig zur Innovation abgestempelt. Die gerühmten Errungenschaften in der Bil-
dung erwiesen sich nun als blosses Auswendiglernen und als Kritiklosigkeit gegen-
über der Autorität.587 Sprach man einst stolz von der Überlegenheit des asiatischen

584
Vgl. Hill (2001: 145f.).
585
Vgl. Far Eastern Ecomomic Review vom 30.07.1998, S. 13.
586
Vgl. Kompas vom 15. Oktober 1998.
587
Vgl. The Economist vom 25.07.1998: “Asian Values Revisited – What would Confucius say now?”.

110
Systems und der asiatischen Werte588, so deutete man nach der Krise jede Form der
Kritik oder gut gemeinter Ratschläge von aussen als Schadenfreude.589 Diese Scha-
denfreude mag es durchaus gegeben haben und ihre Auswirkungen auf die asiati-
sche Kultur werden oft unterschätzt und teilweise nicht einmal wahrgenommen. So
wird das bekannte Bild, in dem sich Präsident Suharto unter den Augen von
Camedessus, dem damaligen Direktor des IMF, bückt, um ein Darlehensabkommen
zu unterzeichnen, noch heute von vielen Asiaten als das Symbol für den Triumph der
westlichen Welt über die geschlagenen Asiaten betrachtet. Es wird als Zeichen der
westlichen, gar kolonialistischen Art des Durchsetzens von wirtschaftspolitischen Lö-
sungen der Asienkrise angeprangert.590

f) Das Recht auf eine intakte Umwelt


Die ökologischen Konsequenzen der Krise sind schwer einschätzbar. Im Zuge
der Massenschliessungen im verarbeitenden Gewerbe und des dahinsiechenden
Bausektors sahen sich viele genötigt, aus den Städten aufs Land zurückzukehren.
Die Subsistenzwirtschaft hat sich vermehrt in ökologisch ungünstigere Bergregionen
ausgebreitet. Die noch ungenutzten Wald- und Wassereinzugsgebiete sind unter
Druck geraten.591 So wurde angenommen, dass die verheerenden Waldbrände auf
Sumatra und Borneo im Jahre 1998 im Zusammenhang mit der Krise standen. Dafür
spräche das Ausmass der Brände. Zwar hatte es auch schon vor der Wirtschaftskrise
immer wieder Flächenbrände gegeben, doch hauptsächlich sind wohl Brandstiftun-
gen für Rodungen Ursache der Brände gewesen. Sei es, dass die Bevölkerung Flä-
chen entweder für die Subsistenzwirtschaft oder für den Anbau von cash crops für
den Export brauchte.592

3.3 Die Asienkrise - Herausforderung an ein neues asiatisches Poli-


tikverständnis
Vor der Krise herrschte in vielen asiatischen Ländern eine Ideologie, die mit dem
Begriff „alter Asianismus“ bezeichnet werden kann.593 Hauptsächlich orientiert sie
sich an den so genannten asiatischen Werten Familienzusammenhalt, Tradition, Bil-
dung, Fleiss, Autorität, Disziplin, Ordnung, Harmonie, Konsens und Gemeinsinn.594
Nach dieser Lebenseinstellung existiert der Einzelne nur im Zusammenhang seiner

588
Vgl. Kwang/Warren/Sumiko (1998).
589
Vgl. Mahathir (1998).
590
Vgl. Rieger (2001: 25f.).
591
Vgl. Rüland (1999: 61).
592
Vgl. Far Eastern Economic Review vom 19.03.1998, S. 22.
593
Insbesondere sind hier die mehr oder weniger autoritär geführten Länder Singapur, Malaysia und
Indonesien zu nennen, aber auch im demokratischer werdenden Südkorea, Ende der 1980er Jah-
re, war diese Ideologie Grundlage einiger gesellschaftspolitischer Strömungen.
594
Dieses Selbstverständnis wird repräsentiert durch Lee Kuan Yew, dem elder statesman von Sin-
gapur. Vgl. daher zu diesen Ausführungen auch Kwang/Warren/Sumiko (1998).

111
Familie. Daher habe der einzelne Mensch nicht Vorrang vor der Familie und existiere
auch nicht als Individuum, das dem Staate allein gegenüberstehe. Aus diesem tradi-
tionellen Verhältnis zwischen Gesellschaft und Staat schliessen Anhänger dieser
Ideologie, dass die Regierung nicht für die Vitalpolitik verantwortlich sei, also für die
Bürger das bereitzustellen, was die Familie leisten kann. Das tragende Konzept „öst-
licher Zivilisation“ ist die Verantwortung für die Familie. Wenn das empfindliche Ge-
flecht der Familie bewahrt werden solle, dürfe eine Regierung nicht die Aufgaben
übernehmen, die der Familie zukämen.
Diese Auffassung erklärt die Ablehnung vitalpolitischer Massnahmen im Sinne
der Sozialpolitik des Westens. Sozialpolitik kostet in diesem Kontext nur Geld. Sie
könne aber keines der Probleme lösen, die sie vorgebe bewältigen zu wollen. Der
Ausbau der staatlichen Sicherungssysteme schwäche die individuelle und innerfami-
liäre Daseinsvorsorge. Der Sozialstaat sei sogar eine wesentliche Ursache für den
Verlust menschlicher Bindungen und die damit einhergehende Orientierungs- und
Verantwortungslosigkeit.
Anhänger des Asianismus machten keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen jegli-
che gesellschaftlichen Liberalismen.595 Ihrer Ansicht nach waren sie Ursache von
Kriminalität, Drogensucht und sonstigen „westlichen“ Auswüchsen.596 Als Gegenmo-
dell wurde die Besinnung auf die oben genannten traditionellen Werte sowie das
Konzept der autoritären „väterlichen“ Führung propagiert. Diese Ideen stehen im
Kontext des Modells „Singapur". Dessen Aufstieg vom kleinen Hafenplatz zu einer
wichtigen Wirtschaftskapitale und des allen Krisen zum Trotz vorhandenen
Wohlstands einer Bevölkerung mit einem auf westlichem Niveau befindlichen Pro-
Kopf-Einkommen legitimiert in den Augen der Anhänger das „Modell Lee“. Doch be-
fremdet der autoritäre Charakterzug dieser Philosophie: Die gesellschaftlich lenken-
de Rolle des Staates wird überbetont, so soll im höheren Interesse jede Kritik drako-
nisch verfolgt werden. Lees konfuzianisches Credo lautet, dass eine erfolgreiche Re-
gierung nicht in Frage zu stellen ist. Sein eigener Erfolg steht zwar wirtschaftlich aus-
ser Zweifel, doch die Asienkrise hat gezeigt, dass das Konzept in einer durch den
Aufstieg und Fall zunehmend selbstbewussteren, kritischeren und moderneren Ge-
sellschaft nicht umgesetzt werden kann und der Herausforderung der Globalisierung
der Finanzmärkte damit nicht begegnet werden kann.
In Asien kann man die Gesellschaften nicht mehr entmündigen, denn die Asien-
krise hat einen erheblichen Gesinnungswandel bei der Wertschätzung von Demokra-
tie, Rechtsstaatlichkeit und sozialer Sicherheit gebracht. Bemerkenswerterweise sind
von all den Ländern, die in die Krise gerieten, die demokratischen Staaten besser
aus ihr hervorgegangen. Die sich durch ein freiheitliches Klima auszeichnenden Län-
der Thailand und Südkorea meisterten die Krise - nicht nur ökonomisch - besser als
Indonesien, dessen Verantwortliche auf Zucht, Kontrolle und die Unterdrückung der

595
Dies steht im Gegensatz zu der positiven Haltung gegenüber wirtschaftlichen Liberalismen.
596
Vgl. Mahatir/Shintaro (1995: 77).

112
freien Meinungsäusserung setzten.597 In Asien ist erkannt worden, dass zunehmend
universelle politische Grundsätze und Werte wie Demokratie verankert werden müs-
sen und dies nicht allein deswegen, weil die Gesellschaften aufgrund ihrer ökonomi-
schen Entwicklung (Arbeitsteilung) immer komplexer werden.598
Eine bessere Erziehung, ein klügerer Umgang mit den natürlichen Ressourcen,
ein produktiverer Einsatz von privatem und staatlichem Kapital, ein funktionsfähiger
Sozialstaat sind nur unter einer verantwortlichen demokratischen Regierung reali-
sierbar.599 Ohne Demokratie wird auch in Asien vergeblich nach stabiler Beschäfti-
gung auf hohem Niveau gestrebt werden.600 Während noch vor der Krise auch im
Westen erklärte wurde,601 Demokratie sei für die Staaten Asiens ein Wachstums-
hindernis, fällt nun bei Risikoabwägungen der Faktor Demokratie positiv in die
Waagschale. Auch jene Investoren, die im Zeitalter der ökonomischen Globalisierung
politische Risiken für zweitrangig erachteten, folgen nun der plötzlich im Trend lie-
genden Ansicht, dass Regierungen, die, wie im Falle Südkoreas und Thailands, über
demokratische Legitimation verfügen, besser in der Lage sind, die Bevölkerung
durch die wirtschaftlich harten Zeiten zu führen als autoritäre Regime.602
Dies erklärt auch den seit 1998 in einzelnen asiatischen Ländern einsetzenden
demokratischen Wandel, der alte soziale Konstruktionen, wie sie zwischen Regie-
renden und Regierten bestanden, zum Einsturz brachte. Er führte zur Entstehung
von Bürgerbewegungen und zu Ansätzen von Zivilgesellschaften. Seither werden
politische Führer anders gewählt, anders kontrolliert und allenfalls (anders) abge-
setzt. Von den zuvor aufgeführten asiatischen Werten,603 die in der Vergangenheit oft
als Mittel zur Erhaltung und Legitimation von Machtstrukturen missbraucht wurden,
spricht in diesem Zusammenhang niemand mehr.604
Am deutlichsten verlief dieser Prozess in Indonesien, wo seit dem Ende der Su-
harto-Ära in zunehmend demokratischen Verfahren mehrere Präsidenten bestimmt
worden sind. Das Land ist fast schon eine funktionierende Demokratie, da es mittler-
weile über die dazu notwendige Offenheit und Öffentlichkeit verfügt. Spektakulär war
der Machtwechsel auf den Philippinen, wo die Bevölkerung und die Wirtschaft dank
funktionierender Institutionen und kritischer Medien der Günstlingswirtschaft von Prä-
sident Estrada im Jahr 2001 ein abruptes Ende setzen konnten. In Malaysia hat die
Regierungskoalition zwar die Turbulenzen der Asienkrise überlebt, doch ist dem Re-

597
Vgl. dazu auch NZZ vom 12.05.1998: „Grosswahltag auf den Philippinen.“
598
Vgl. dazu Soesastro (1998. 312ff.) der dies insbesondere für Asien und seine politischen Führer
anmahnt, die sich nicht den universellen Prinzipien wie Demokratie mit Hilfe kulturell atavistischer
Positionen (Stichwort asiatische Werte) verschliessen können.
599
So auch der Economist, der speziell demokratische Reformen in Indonesien einfordert. The Eco-
nomist vom 30.11.2000: “South-East Asia’s Problem Trio”.
600
Vgl. Fukuyama (1998): „Daran ist nichts spezifisch Asiatisches“, in: NZZ vom 04.07.1998, S. 85.
601
So der Vorsitzende der inzwischen an Indonesien zugrunde gegangenen Investitionsfirma Pe-
regrine, Philip Wose. Vgl. Schoettli (1998).
602
Vgl. Schoettli (1998: 29).
603
Vgl. Geiger/Kieserling (2001).
604
Vgl. Rüland (1999: 68).

113
gime seit der Anwar-Demütigung605 eine ernst zu nehmende Opposition erwachsen,
die den Rechtsstaat, Transparenz, Demokratisierung und Entfilzung fordert.606
In Thailand und Südkorea haben Ende der 1990er Jahre erdrutschartige demo-
kratische Wachablösungen stattgefunden. Diese haben einen gemeinsamen Nenner:
Die Unzufriedenheit mit den alten Systemen und die Hoffnung auf Erneuerung. Im
Gegensatz zur asiatischen Tradition erfolgten diese Machtwechsel nicht harmonisch,
sondern waren von Wahlkämpfen begleitet, deren Rhetorik und Vorbilder im Westen
zu suchen sind. Die neuen Regierungsmannschaften sehen sich mit der Herausfor-
derung konfrontiert, dass die Wählerschaft seither genauer und kritisch ihr Handeln
verfolgt, ohne Rücksicht auf die asiatischen Werte.607
Die Ideologie der alten Systeme à la Lee ist aber nicht nur in der Bevölkerung auf
Widerstand gestossen. Auch Intellektuelle und Politiker Asiens vertraten wie Kim Dae
Jung - ehemaliger südkoreanischer Dissident und späterer Präsident - schon vor der
Asienkrise die Auffassung, dass sich die westliche Demokratie für Ostasien eignet.
Der moralische Verfall, der sich in westlichen Gesellschaften beobachten lasse, sei
nicht durch die westliche Kultur oder Demokratie bedingt, sondern eine Folge der
Industrialisierung und der Auflösung überkommener Lebenszusammenhänge. Die-
sen Konsequenzen werde sich auch Ostasien nicht entziehen können. Dem Modell
Lee hält Kim entgegen, dass Asien selbst über ein „reiches Erbe an demokratieorien-
tierten Philosophien und Traditionen“ verfüge. Er führt den klassischen konfuziani-
schen Philosophen Mengzi an, der die Legitimität jeder Herrschaft von der Unter-
stützung des Volkes abhängig machte.608
Auch Anwar, der ehemalige Vizepremier von Malaysia, entwarf kurz vor der
Asienkrise eine erstaunlich konkrete Vision von einer modernen Welt und vom Zu-
sammenleben der Kulturen und Ideen. Er zieht den beiden Lebensentwürfen des
„american way of life“ und alter „konfuzianischer Werte“ eine Mischung aus verschie-
denen Vorstellungen aus Tradition und Moderne vor. Dies soll fernerhin zu einem
eigenständigen Selbstbewusstsein führen. Im Mittelpunkt steht die informierte Ge-
sellschaft. Information ist eine notwendige Bedingung für Demokratie. Für Anwar ist
ein informierter Bürger ein verantwortlicher Bürger. Zwar ist für ihn Demokratie nicht
ein Wert an sich. Da aber die heutige asiatische Kultur von Erscheinungen der west-
lichen Welt geprägt ist (naturwissenschaftliches und technologisches Wissen, Form
der Ausbildung, der Staatskunst und des Wirtschaftens), müssen die damit einher-
gehenden Ziele wie Demokratie, Menschenrechte und Menschenwürde verwirklicht
werden. Doch sollen die Besonderheiten der asiatischen Gesellschaften dabei kei-

605
Ibrahim Anwar war Finanzminister und potenzieller Nachfolger von Präsident Mahatir. Aufgrund
zweifelhafter Anschuldigungen (Homosexualität) wurde der populäre und gemässigte Islamist, der
von Mahathir als gefährlicher Konkurrent betrachtet wurde, zu einer langjährigen Gefängnisstrafe
verurteilt.
606
Vgl. Rüland (1999: 69f.).
607
Vgl. Rist (2002): „Auch die asiatischen Werte rutschen in die Rezession - Herausforderung durch
Globalisierung und Wirtschaftskrise“, in: NZZ vom 19./20.01.2002.
608
Vgl. Kim (1995).

114
nesfalls vernachlässigt werden. Das moderne Asien soll im Einklang seiner Traditio-
nen leben und eine Mischung aus asiatischen, islamischen und westlichen Ideen rea-
lisieren, ein Zusammenleben auf der Basis des Prinzips „Unity in Diversity“, das in
Südostasien Tradition hat.609
Dieser neue Asianismus spiegelt die Unterschiedlichkeit und gegenseitige Beein-
flussung der Kulturen Asiens wider. Er kann die Grundlage für eine Vitalpolitik asiati-
scher Prägung sein, der der Herausforderung Globalisierung kulturell eigenständig,
aber doch auf universellen Werten beruhend, entgegentreten kann.

3.4 Erklärungsmuster zur Asienkrise


Für die Analyse der Erklärungsmuster lassen sich diese in drei Kategorien ein-
ordnen: Verursachungsfaktoren in den Krisenländern (3.4.1), Marktversagen der in-
ternationalen Finanzmärkte (3.4.2), Verhalten der Menschen (moral hazard) (3.4.3).

3.4.1 Politik der Krisenländer als Verursachungsfaktor


Die von den Ländern in Asien verfolgte Wirtschaftspolitik, insbesondere die
Geld-, Fiskal-, Währungs-, und Finanzmarktpolitik, wird in der Literatur in der Regel
als eine der strukturellen Ursachen der Asienkrise angesehen.610 Einige westliche
Beobachter der Asienkrise fügen noch die Vetternwirtschaft in asiatischen Ländern,
den „crony capitalism“ den speziellen asiatischen „way of business“ hinzu.611
„Die (…) Asien-Krise von 1997 beispielsweise war (...) das Resultat einer in jedem Land
anders gearteten Verfilzung von Wirtschaft und Politik, von Schulden- und Misswirt-
schaft, von Korruption und Pfründen, von Feudalismus und versuchter Überlistung des
612
Marktes.“

Verantwortlich für die Krise wären demnach endogene Faktoren, insbesondere


die politischen Institutionen613 der Krisenländer, die keine geeigneten Massnahmen
zur Vermeidung bzw. Behebung der strukturellen ökonomischen Schwächen ergrif-
fen hätten. Die Regierungen hätten zu lange gezögert, diese Mängel zu beheben.
Hohe auf Dauer untragbare Handels- und Haushaltsdefizite, kranke, unsolide wirt-
schaftende Finanzinstitutionen, eine laxe Bankenaufsicht, ein spekulativer Immobi-
lienboom, unzureichende Investitionen in die Infrastruktur und in das Erziehungswe-
sen, Korruption sowie schwerwiegende Fehler in der Wechselkurspolitik hätten dann
zusammengewirkt und die Krise vorbereitet.614 Probleme der Regierungsgewalt und
politische Unsicherheiten hätten dann noch eine Vertrauenskrise bei ausländischen

609
Vgl. Anwar (1997).
610
Vgl. Berger/Wagner (2000: 3); Alba et al. (1998); Corbett/Vines (1999).
611
Vgl. Wade (1998).
612
Schwarz (2001): „Zu viel oder zu wenig Globalisierung“, in NZZ vom 10.11.2001, S. 21.
613
MacIntaire (1998).
614
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.08.1997, S.1.

115
Gläubigern ausgelöst und deren Zurückhaltung bei der Erneuerung kurzfristiger Kre-
dite erhöht.615
In den Augen dieser Kritiker hatte sich die Verfolgung unangemessener Politiken
u.a. in der Abhängigkeit von kurzfristigem einheimischem und ausländischem Kapi-
tal, in dem Wechsel auf langfristige Investitionsprojekte zum falschen Zeitpunkt616
und dem Versagen der Zentralbanken, eine vernünftige und unabhängige Geldpolitik
durchzuführen, geäussert.617 So hätten die Länder auf das massive ausländische
Kapitalangebot mit einer restriktiven Geldpolitik geantwortet, die einer exzessiven
Ausweitung der inländischen Nachfrage entgegenwirken sollte. Der sich infolge die-
ser Politik einstellende Anstieg der einheimischen Zinsen und damit der Zinsdiver-
genz zum Ausland hätte jedoch das Gegenteil bewirkt und die Attraktivität der Aus-
landsverschuldung noch steigen lassen. In dieser Argumentation hat die Geldpolitik
einen sich selbst verstärkenden Prozess geschaffen, an dessen Ende die für die Kri-
senländer typische extreme private Auslandsverschuldung gestanden hat.618
Während die Geldpolitik als zu restriktiv angesehen wurde, wurde die Fiskalpolitik
hingegen für prozyklisch gehalten. Dadurch sei die inländische Nachfrage angeheizt,
die inländischen Zinsen in die Höhe getrieben und noch mehr (kurzfristiges) auslän-
disches Kapitel angezogen worden.619
Für viele Analysten lag auch ein Fehler in der „unklugen“ Wechselkurspolitik. Sie
monierten, dass die allzu starren Wechselkursbindungen sowie das zu lange Fest-
halten an fixen Wechselkursmechanismen, geldpolitische Reaktionen auf die Über-
hitzungserscheinungen behindert, die Devisenverschuldung (meist mit kurzen Lauf-
zeiten) ermutigt und zu einem exzessiven Wechselkursrisiko des Finanz- und Unter-
nehmenssektors geführt hätten.620 Einige Untersuchungen ergänzen in diesem Zu-
sammenhang, dass reale Aufwertungen der Währungen die Krisenanfälligkeit der
asiatischen Länder weiter erhöhten.621 Um im Rahmen des freien Kapitalverkehrs die
Kontrolle über die inländische Inflation und eine ausgeglichene Handelsbilanz wei-
terhin zu behalten, hätten die asiatischen Länder im Gegenteil eine Wechselkurspoli-
tik betreiben sollen, die die Wettbewerbsfähigkeit unterstützte. Diese Fähigkeit sei
verloren gegangen, so die Analysten, als der Dollar sich gegenüber dem Yen kurz
vor der Krise aufwertete und die an den Dollar gebundenen Währungen, insbesonde-
re der thailändische Baht, sich folglich ebenfalls real aufwerteten. Als man zu spät
von einer Politik der festen Wechselkurse zu einer Politik der flexiblen übergangen

615
Vgl. BIS (1998).
616
Dies geschah zu der Zeit, als das Exportwachstum zurückging.
617
Vgl. BIS (1998).
618
Vgl. Alba et al. (1999: 36ff.).
619
Vgl. Alba et al. (1999: 41ff.).
620
Vgl. BIS (1998). An den überbewerteten Wechselkursen sei aus Prestigegründen zu lange festge-
halten worden, spekulative Angriffe seien dadurch erst ermöglicht worden. Vgl. Jwa/Huh (1998).
621
Eine empirische Evidenz, die diese These stützt, findet sich jedoch nicht. Vgl. für einen Überblick
über existierende empirische Untersuchungen Berg (1999) und Furman/Stiglitz (1998). Vgl. für ei-
nen Überblick über Literatur zu Modellen von Währungskrisen Jeanne (1999).

116
sei, bedeutete der Wechsel ein freies Fallen der Währung und den Beginn der Kri-
se.622
Ein weiteres schwerwiegendes Versagen der nationalen Wirtschaftspolitik sei
auch das Versäumnis gewesen, die Banken und andere Finanzinstitute nicht ausrei-
chend auf die Deregulierung vorbereitet zu haben.
“For many years, diverse financial institutions in each of the five (crisis) countries had
struggled with fostering bad-loan problems from over-investment in real estate: lending to
profitless real industry; government-sponsored mega projects; subsidized rural lending;
623
and so on (...) undermined the capital position of banks.“

Zwar hätten einige Zentralbanken und Finanzminister auf diese Fehler aufmerk-
sam gemacht, doch die generelle finanzielle Fragilität sei von dem Grossteil der poli-
tischen Machthabern toleriert worden, da sie die Infrastruktur nach vorne bringen
wollten, um weiterhin ein hohes Wachstum zu erreichen.624 Unter diesen Umständen
wäre aber eine Korrektur des Wachstumsziels nach unten sinnvoll gewesen. Kein
Land schaffe es durch kurzfristige Infrastrukturmassnahmen nachhaltig hohe Wachs-
tumsraten zu erzielen. Die ehrgeizige Wirtschaftspolitik habe falsche Rahmenbedin-
gungen gesetzt, die für die Zunahme fauler Kredite bei den Banken mitverantwortlich
gewesen sei.625
Die Anhänger dieser Erklärungsmuster sehen nur eine Verantwortung an der Kri-
se bei den asiatischen Länder und ihren Regierungen. Für sie zwang „…die Globali-
sierung (…) zur schmerzhaften Sanierung der selbstverschuldeten Misere.“626 Denn
im Gegensatz zu einem paternalistischen Staat627 und Werten wie dem Konsens-
prinzip, Respekt gegenüber den Älteren und der staatlichen Führung sowie einer
kommunitaristischen628 Einstellung und kommunalistischen Praktiken, erfordere die
Globalisierung der Finanzmärkte „westliche Werte” wie globale Wettbewerbsfähigkeit
sowie private Initiative und Gewinnstreben.629 Da für die Kritiker in Asien die Politik
zu sehr mit der Wirtschaft verknüpft gewesen war, konnte der Markt nicht frei agie-
ren. Die elementarsten Regeln der Marktwirtschaft seien durch einen gepflegten Be-
ziehungskapitalismus mit staatlicher Deckung verletzt gewesen. Diese Regel-
verletzungen hätten sich in der Asienkrise schliesslich als destruktiv erwiesen und
die wirtschaftlichen Erschütterungen hätten fundamentale Strukturdefizite der politi-
schen Ökonomie in der Region offen gelegt.630 Immer mehr Geld sei auf der Basis
von Verflechtungen zwischen den Geldgebern, den Regierungen und grossen Unter-

622
Vgl. Yoshitomi (1998: 27f.).
623
McKinnon (1998: 98).
624
Vgl. Ariff/Khalid (2000: 461).
625
Vgl. Cole/Slade (1999: 182).
626
Schwarz (2001): „Zu viel oder zu wenig Globalisierung“, in NZZ vom 10.11.2001, S. 21.
627
Vgl. Kap. 3.3.
628
Der asiatische Kommunitarismus ist wesentlich antiliberaler und konventionalistischer als der der
westlichen Prägung. Vgl. zum Kommunitarismuskonzept Reese-Schäfer (1994). Für die Relevanz
aus wirtschaftsethischer Sicht vgl. Maak (1997).
629
Vgl. Schoettli (1998: 29).
630
Vgl. World Bank (1998).

117
nehmen häufig über die Grenze ins Ausland ausgeliehen oder dort aufgenommen
worden. Dieses relational lending sei durch die asiatische Art Geschäfte zu machen
unterstützt worden und hätte jede Art von Regeln des internationalen Kapitalverkehrs
missachtet. In den am schärfsten von der Asienkrise betroffenen Ländern Südost-
und Ostasiens hätte die dichte Verflechtung von Wirtschaft und Politik auch zu Kor-
ruption und Günstlingswirtschaft beigetragen.631
Die meisten Vertreter dieser Argumentationslinie sind einer eurozentrischen
Denkweise verhaftet. Sie erkennen nicht, dass die existierende Rahmenordnung der
Finanzmärkte noch unzureichend ist. Es wird auch ausser Acht gelassen, dass erst
das Verhalten ausländischer Investoren zu diesem bis dahin nicht gekannten Aus-
mass einer Krise führte.632 Hier scheint das Argument durch, dass nicht das Prinzip
Markt oder individuelle Gewinnstreben Schuld an einem Versagen des weltweiten
Finanzsystems sind, sondern die schlechte Politik einer Politikerkaste, die noch nicht
eingesehen hätte, dass freier Kapitalverkehr und freie Märkte auch zum Wohle ihres
Landes sind.
Kausalattributionen, die lediglich auf die Versäumnisse der nationalen Wirt-
schaftspolitiken aufbauen, können ferner nicht begründen, warum die Fehlent-
wicklungen, wenn sie denn von solcher Bedeutung waren, nicht vor Ausbruch der
Krise identifiziert wurden. Sie lassen die Frage unbeantwortet, warum die gleichen
Modelle, die die Wachstumserfolge der vergangenen 30 Jahre ermöglichten, plötzlich
für die Krise verantwortlich waren. Ungeklärt bleibt auch die Frage, warum es einen
Ansteckungseffekt in der gesamten Region gegeben hat, von dem auch sehr solide
Wirtschaften wie Singapur betroffen waren.633
Trotz dieser unbeantworteten Fragen wurde ein Jahr nach Ausbruch der Krise
z.B. in folgender Aussage immer noch behauptet, dass die Länder Asiens selbst die
Verantwortung tragen:
“The markets treat countries in better shape more kindly than those in worse shape.”634

Diese Aussage beinhaltet den Gedanken, dass schlechtes ordnungs- und wirt-
schaftspolitisches Verhalten bestraft wird und der Markt es mit sich bringt, Gewinner
und Verlierer zu haben. Hätten die Länder Asiens sich politisch „klüger“ verhalten,
wären sie belohnt worden. Hätten sie also die Rahmenbedingungen so gestaltet,
dass der Markt möglichst frei hätte schalten und walten können, wären sie nicht von
der Krise betroffen worden.
Manche Ökonomen halten demnach das Geschehene für gerechtfertigt. Denn
das politische Handeln der Verantwortlichen gegenüber dem Markt ist schlecht ge-

631
Vgl. Ariff/Khalid (2000: 49).
632
Stiglitz (1998a: 14).
633
Zum Ansteckungseffekt vgl. Veit (2000) und Lutz (2000). Auch Krugman (1999a: 96ff.). Schon
1998 wies Garnaut auf diesen Effekt hin. Vgl. Garnaut (1998: 14ff.).
634
Fischer (1998d): “Lessons from a crisis”, in: The Economist vom 01.10.1998.

118
wesen und wurde durch die „moralische“ Instanz Markt „diszipliniert“635. Für sie sind
die Staatsmänner mit ihren Politiken selbst Spieler auf dem Markt und um (politisch)
zu überleben, dürfen sie mit ihren Entscheidungen den Markt nicht behindern, sonst
werden sie abgesetzt.
Eindeutig zeigt sich hier das paläoliberale Bild vom Wettbewerb der Rahmen-
ordnungen. Zur Rahmenordnung gehören hier auch die wirtschaftspolitischen Ent-
scheidungen der nationalen Politiker. In einem solchen Weltbild haben diese weitge-
hend dem Laisser-faire-Gedanken zu entsprechen resp. zu unterstützen, ansonsten
werden sie „bestraft“. In den Augen dieser Paläoliberalen hat die Asienkrise nur ge-
zeigt, dass der Wettbewerb der Rahmenordnungen auf den globalen Finanzmärkten
greift und die Besseren sich durchgesetzt haben.
Jene Ökonomen, die behaupten, dass im Zeichen der neuen Ära der globalen Fi-
nanzmärkte der Markt am besten sich selbst überlassen werden sollte und jegliches
Primat der Politik vor der Logik des Marktes in dieser neuen Ordnung ablehnen,636
haben eine sehr einseitige Lehre aus der Asienkrise gezogen.
Es ist aber auch von Kritikern der Wirtschaftspolitik festgestellt worden, dass
“…nevertheless, it would be a mistake to conclude that all the difficulties could have been
easily avoided if only domestic policies had been somehow better. These events oc-
curred against a backdrop of international macroeconomic imbalances which contributed
637
materially to developments in Asia and may yet have further manifestations.”

Selbst der ehemalige Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer konstatierte später,


dass nur noch „marktwirtschaftliche Dogmatiker“ ausschliesslich eine falsche Politik
der betroffenen Staaten als krisenverursachend betrachten würden.638
Die Wirtschaftspolitik in den Krisenländern war sicherlich in dem Sinne „falsch“,
dass sie nicht in eine Vitalpolitik, wie sie eingangs aufgezeigt wurde, eingeordnet
war. Vielmehr versuchten die Regierungen in Asien durch Deregulierung und Libera-
lisierung mit ihren Ländern im Wettbewerb der Rahmenordnungen attraktiv zu wer-
den. Da 1997 die globale Rahmenordnung der internationalen Finanzmärkte (erst
recht aus einer lebensdienlichen Perspektive) mangelhaft war, sind Länder wie Chi-
na, Vietnam und Indien, die sich nicht dem Wettbewerb gestellt haben, nicht oder
wesentlich geringer in Mitleidenschaft gezogen worden.639
Obwohl eine „unkluge“ nationale Wirtschaftspolitik Faktum war, wird in einer Ar-
gumentation, die vorwiegend Fehler derselben anführt, weder das gegenwärtige
weltwirtschaftliche Ordnungsmodell, noch die Politik der multilateralen Institutionen,
insbesondere des IMF in Frage gestellt und sie deckt auch nicht auf, dass beide in
Zukunft neu gestaltet werden sollten.640 Nur die Marktkräfte spielen zu lassen und

635
Siebert (1998).
636
Vgl. exemplarisch für viele McLeod/Ross (1998a: 333ff.).
637
BIS (1998: 3).
638
Vgl. Frankfurter Rundschau vom 16.04.1998.
639
Vgl. für China Song (1998); für Vietnam Leung/Doanh (1998); für Indien Jayasuriya (1998).
640
Vgl. Dieter (1999: 17f.).

119
dabei die existentiellen Probleme der Menschen zu übersehen, ist darüber hinaus ein
zynisches Verhalten gegenüber denen, die von Massenarbeitslosigkeit und neuer
Armut betroffen wurden.
Es wird auch leicht übersehen, dass Vetternwirtschaft in allen Ländern der Welt
verbreitet ist, auch in westlichen Ländern. So kann man die Rettung des Long-Term
Capital Management Fonds641 kurz nach der Asienkrise als Beleg für crony capita-
lism in westlichen Ländern nehmen.642 Der asiatische Weg ist ein anderer gewesen
als der westliche, aber die Erfolge vor und zum Teil nach der Krise geben auch dem
asiatischen Weg des Wirtschaftens Recht.

3.4.2 Marktversagen als Verursachungsfaktor


Für Ökonomen, die dem reinen Marktmodell der „Neoklassik“643 kritisch gegen-
überstehen, war eine der primären Ursachen der Asienkrise ein Marktversagen.644
Eine Überreaktion und die Instabilität der Finanzmärkte hätten eine aus fundamental-
ökonomischer Sicht nicht rational erscheinende Finanzmarktpanik ausgelöst. Sogar
Vertreter des Standpunkts, die nationalen Wirtschaftspolitiken seien hauptver-
antwortlich für die Asienkrise gewesen, sahen im Verfall der Währungen nach Frei-
gabe der Wechselkurse eine Überreaktion der Märkte.645
“But the amount of exchange rate adjustment that has taken place far exceeds any rea-
sonable estimate of what might have been required to correct the initial overvaluation of
the Thai baht, the Indonesian rupiah and the Korean won, among other currencies. In
646
this respect, markets have overreacted.”

Eine Erklärung für die im Zitat erwähnte Überreaktion ist in diesem Argumentati-
onsmuster eine sich selbst erfüllende Panik der ausländischen Kreditgeber. Diese
Interpretation betrachtet die Krise primär als Finanzmarktkrise. Sie sei Folge der Er-
eignisse im Finanzsektor gewesen,
“...the financial crisis was the real driver of the whole process, with the currency fluctua-
647
tions more a symptom than a cause.“

Diese Erklärungsmuster648 gehen zwar von schwachen Bankensystemen in den


Ländern sowie eines Missverhältnisses zwischen kurzfristigen Aktiva und internatio-
nalen Verbindlichkeiten aus, aber diese strukturellen Defizite werden wie andere vor
641
Der LTCM war ein Hedge-Fonds, der lediglich über ein Eigenkapital von 4 Mrd. USD verfügte,
sich damit aber 120 Mrd. USD an Krediten beschaffte, die wiederum für Aktivitäten im Derivaten-
handel im Gesamtvolumen von 1000 Mrd. USD verwendet wurden. Vgl. The Independent vom
15.10.1998.
642
Zwar ist der Fonds nicht durch öffentliche Gelder gestützt worden, aber die amerikanische Zentral-
bank koordinierte die Bereitstellung privaten Kapitals. Vgl. Financial Times vom 03/04.10.1998.
643
In der Neoklassik sind Märkte langfristig durch Gleichgewichte gekennzeichnet.
644
Chang/Velasco (1998); Radelet/Sachs (1998); Krugman (1999).
645
Vgl. IMF (1997); vgl. BIS (1998); vgl. Tabelle 3.
646
Fischer (1998e).
647
Krugman (1998a).
648
Radelet/Sachs (1998); Radelet/Sachs (1998a). Vgl. für ein theoretische Begründung
Chang/Velasco (1998); Chang/Velasco (1998a).

120
der Krise vorherrschende ökonomischen Schwächen, z.B. die Leistungsbilanz-
defizite649, als Folge der nationalen Wirtschaftspolitik650 als hinreichende Bedingung
für die Asienkrise abgelehnt. Dies hätte nicht ausgereicht, die Krise ausbrechen zu
lassen. Hinzukommen mussten spontane, nicht auf eine Verschlechterung der Fun-
damentaldaten zurückgehende, sondern durch willkürliche exogene Faktoren, so ge-
nannte Sunspots651, ausgelöste Änderungen der Markterwartungen, die eine „Panik“
hervorgerufen hätten. Diese Panik wäre durch den plötzlichen Vertrauensverlust bei
den ausländischen Gläubigern in die Fähigkeit des Bankensektors, die internationa-
len Verbindlichkeiten begleichen zu können, entstanden. Dieser Vertrauensverlust
hätte zunächst zu einer Liquiditätskrise und anschliessend zu einer Finanzkrise ge-
führt.652 Anhand der ökonomischen Daten hätte die Situation vor Ausbruch der Krise
weiterhin gehalten werden können.653
Aufgrund der hohen kurzfristigen Verschuldung im Ausland hätten viele Länder
Asiens eine gewisse Krisenanfälligkeit gezeigt, die allein aber nicht zur Krise geführt
hätte. Die einzelnen Investoren hätten jedoch erwartet, dass alle anderen Investoren
ihr Kapital abzögen. Angesichts einer gegebenen Krisenanfälligkeit in Form des nicht
ausreichenden Bestandes kurzfristig liquider Aktiva hätte für jeden Investor ein An-
reiz bestanden, vor allen anderen sein Kapital abzuziehen. So sei es dann zu einem
massiven Kapitalabfluss von illiquiden, jedoch nicht insolventen Schuldnern gekom-
men.654 Ursache in diesem Ansatz ist also eine auf individuell rationalem Verhalten
beruhende Panik ausländischer Investoren.
Eine spätere These von Krugman kann man den Erklärungsmustern zurechnen,
die von einer inhärenten Schwäche eines freien Marktes ausgehen.655 Vor der
Asienkrise hätten inländische Unternehmen ausländische Kredite zur Finanzierung
ihrer Investitionen erhalten, wobei der Umfang der Kredite einer vom Vermögen des
jeweiligen Unternehmens abhängigen Obergrenze unterlegen hätte. Da das (reale)
Vermögen eines Unternehmens vom realen Wechselkurs beeinflusst würde, sei eine
Abwertung der Währung gleichbedeutend mit einem Rückgang ausländischer Kredite
und damit geringeren Investitionen. Anlass einer realen Abwertung des Wechselkur-
ses seien die pessimistischen Erwartungen der internationalen Kreditgeber hinsicht-
lich der Sicherheiten der Unternehmen gewesen. Nach der Abwertung sei ein Rück-

649
Im Gegensatz zu Diehl/Schweickert (1998: 20ff.), die behaupten, dass zu hohe Leistungsbilanz-
defizite zur Krise geführt haben. Ausserdem konstatieren sie, dass die Voraussetzungen für eine
geordnete Abwertung wegen solider Geld- und Fiskalpolitik vorhanden gewesen sei. Allerdings
seien die inländischen Finanzsektoren der Aufgabe nicht gewachsen gewesen. Vgl.
Diehl/Schweickert (1998: 29f.). Diese Argumentation zielt darauf ab, das Versagen der Märkte zu
negieren oder zumindest als zweitrangig darzustellen.
650
Vgl. Kap. 3.4.1.
651
Sunspots sind Phänomene wie bevorstehende Wahlen, Äusserungen von Politikern, politische
Machtwechsel. So kam es nach einer Aussage des türkischen Präsidenten Sezer im Februar
2001 über die türkischen Banken zu einer der grössten Wirtschaftskrisen der Türkei.
652
Vgl. Radelet/Sachs (1998).
653
Vgl. Berger/Wager (2000: 18f.).
654
Vgl. Berger/Wagner (2000: 14).
655
Krugman (1999). Vgl. die Diskussion um sich selbsterfüllende Währungskrisen in Krugman (1996)
und Obstfeld (1996).

121
gang des Kreditangebotes die Folge gewesen. Die reale Abwertung hätte zu einem
Anstieg der ausländischen Verschuldung der Unternehmen geführt, wodurch die
Möglichkeit der Unternehmen, weitere Kredite zu erhalten, reduziert worden wäre
und die Insolvenz der Unternehmen nach sich zog.656 Damit seien die pessimisti-
schen Erwartungen der internationalen Kreditgeber bestätigt worden und es läge
ebenfalls eine sich selbsterfüllende Krise vor.
All diesen Modellen ist gemeinsam, dass sie die nationale Wirtschaftspolitik nicht
frei von Schuld sprechen und ihr einen Teil der Verantwortung anlasten, da die von
ihr verursachten fundamentalökonomischen Schwächen sowie eine mangelnde Ban-
kenaufsicht657 den Boden für den Ausbruch der Krise bereiten konnten. Entschei-
dendes Element für das Auslösen der Krise ist aber bei diesen Modellen die den in-
ternationalen Finanzmärkten immanente Instabilität und Anfälligkeit für selbsterfül-
lende Krisen und Paniken:
“...market outcomes produce sharp, costly and fundamentally unnecessary panicked re-
versals in capital flows“.658

Die zunehmende Instabilität internationaler Finanzmärkte und die weltweit wach-


senden Kapitalströme sind gewiss ein Ergebnis des deutlich gestiegenen Wettbe-
werbs unter den Banken, die im Zuge der Deregulierung nach alternativen Ge-
schäftsmöglichkeiten zur Verbesserung der eigenen Ertragskraft suchen.659 Der An-
satz, die Ursache der Asienkrise überwiegend auf ein Versagen der Finanzmärkte
zurückzuführen, konstatiert daher vordergründig richtig, dass die Logik des Marktes
nicht immer zu einem „gewünschten“ Ergebnis führt. Modelle und Ansätze, die
Marktversagen aber nur aus der ökonomischen Zweckrationalität heraus beurteilen,
verbleiben aber in einem ökonomistischen Zirkel. Man kann nicht losgelöst von allen
lebenspraktischen Wertgesichtspunkten beurteilen, wann die Marktsteuerung gut
funktioniert und wann ein Marktversagen vorliegt.660 Dadurch sind sie normativ nicht
weit entfernt von neoliberalen Denkmustern, die die Asienkrise aufgrund von Vet-
ternwirtschaft und schlechter Wirtschaftspolitik als „hausgemacht“ einordneten.
Die oben beschriebenen Modelle basieren alle auf strategisch ausgerichtete und
rein erfolgsrational handelnde Individuen. Wo aber den Subjekten von vornherein
(normativ!) zugebilligt wird, dass sie sich zu primär strategischem statt verständi-
gungsorientiertem Handeln vorentschieden haben, ist eine Lösung jenseits eines
Bargaining-Prozesses nicht zu finden.661 In Modellen, die demgegenüber ein ver-
ständigungsorientiertes Handeln als Grundlage annehmen, erscheint das Marktver-
sagen in einem anderen Licht. In dieser Welt kann den Beteiligten immer schon zu-

656
Im Gegensatz zu den Unternehmen die von ausl. Importen und Krediten abhängig waren, gehör-
ten solche Unternehmen, die im Inland produzierten und finanziert waren und vom Export lebten
zu den Gewinnern einer realen Abwertung.
657
Vgl. für Thailand Hennhöfer (2001).
658
Radelet/Sachs (1998: 7).
659
Vgl. UNCTAD (1998).
660
Vgl. Ulrich (2001: 105).
661
Vgl. Ulrich (2001: 104).

122
gemutet werden, dass sie sich trotz entgegenlaufender strategischer Interessen pri-
mär in verständigungsorientierter Grundhaltung begegnen, und zwar als normative
Bedingung der Legitimation der Interessen, die sie in gerechtfertigter Weise verfol-
gen dürfen.662 Erst auf dieser Basis sind Lösungen jenseits von „Gut und Böse“ zu
finden, die von allen akzeptiert werden können. Alle anderen Konzeptionen werden
bei Lösungsvorschlägen immer daran scheitern, dass sie eine falsche normative
Grundlage als Basis gewählt haben.

3.4.3 Moral hazard als Verursachungsfaktor


Moral hazard ist die Gefahr nachlassender moralischer Haltung und Verhaltens-
änderung zum Nachteil des Vertragspartners, sobald der Kontrakt abgeschlossen ist.
Er wird verursacht durch Egoismus (Nachlässigkeit) und ermöglicht durch Informati-
onsasymmetrie zwischen Vertragspartnern in Risikosituationen (diskretionärer Hand-
lungsspielraum). Moral hazard bedingt die Unmöglichkeit, zwischen echten Risiken
und menschlichem Verhalten unterscheiden zu können. Ein Kapitalgeber kann also
unmöglich aufgrund fehlender Informationen entscheiden, ob das nur mässige Er-
gebnis auf eine Nachlässigkeit des Kapitalnehmers zurückzuführen ist oder darauf,
dass sich ein ungünstiges Umfeld gebildet hat.663
Die Theorie über moral hazard664 ist daher der Ansicht, dass Unternehmen ihre
Investitionen mehr oder weniger riskant gestalten können, wobei der Erwartungswert
der Rückflüsse mit dem Risiko steige. Eine kreditgebende ausländische Bank könne
beispielsweise nicht kontrollieren, wie risikoreich eine inländische Unternehmung tat-
sächlich investiere. Deshalb solle sich die Bank gut überlegen, welche Bedingungen
sie stelle (besonders, welchen Zinssatz sie verlange), da die Ausgestaltung dieser
Bedingungen einen Einfluss auf das Verhalten des Investors haben könne. Die Bank
könne sich selbst mit einer höheren Zinsforderung benachteiligen: Um den Erwar-
tungsnutzen der Residuen zu maximieren, reagiere die Unternehmung auf eine hö-
here Zinsforderung mit einer riskanteren Kapitalverwendung. Dadurch steige die
Konkurswahrscheinlichkeit so stark an, dass die Bank per Saldo geringere Rückflüs-
se erwarten müsse. Deshalb könne es bei einer Übernachfrage nach Krediten für die
Bank besser sein, Kredite zu rationieren als die Zinsen zu erhöhen.
Die Erklärung, dass die Asienkrise auf moral hazard des inländischen Banken-
sektors aufgrund einer impliziten Garantie der Einlagen des Bankensystems durch
die Regierung zurückgeht, ist zunächst von Michael Dooley665 und kurze Zeit später
von Krugman formuliert worden.666 Krugman ist sogar der Ansicht, dass moral hazard

662
Ulrich (2001: 104).
663
Spremann (1996: 111f.).
664
Vgl. Stiglitz/Weiss (1981).
665
Dooley (1997).
666
Krugman (1998a). Auch der IMF betont die Rolle des moral hazards bei der Kreditvergabe der
Banken. Er sieht ihn aber nicht als den entscheidenden Grund der Asienkrise an. Vgl. zum moral
hazard infolge staatlicher Garantien der Bankeinlagen auch Akerlof/Romer (1993). Zum Zusam-

123
bei der Bewertung von Störungen der Finanzmärkte bis vor kurzen stark unterschätzt
wurde.667 Beide argumentieren folgendermassen:
Moral hazard in den betroffenen Ländern hätte zu übermässigen Investitionen
sowie zu einer Finanzmarktblase geführt und somit den Grundstein für die Krise ge-
legt. Ursache für moral hazard sei die für die betroffenen Länder typischerweise enge
Verbindung von Unternehmen und Banken mit Regierungskreisen (crony capitalism),
aus denen die Märkte eine implizite staatliche Garantie für die Einlagen inländischer
Banken abgeleitete hätten.668 Das Verhalten der Regierungen in früheren Bankenkri-
sen in Asien (Thailand 1983-87, Malaysia 1985-88 sowie Indonesien 1994) hätte
ebenfalls den Eindruck eines möglichen bailout669 entstehen lassen.670
Die Anreizstruktur des Bankensektors sei durch die Erwartung eines bailout ver-
zerrt gewesen. Es sei aus der Sicht der Banken optimal gewesen, ein risikoreiches
Portefeuille zu halten und über Kredite zum Weltmarktzins zu finanzieren, da die
Bankeinlagen garantiert seien. Das private Risiko, d.h. das von der einzelnen Bank
zu tragende, und das soziale Risiko seien auseinander gefallen. Da die Banken über
kein Eigenkapital hätten verfügen müssen, sei das private Risiko der Banken auf Null
gesunken.671 Der Bankensektor sei folglich kaum bzw. gar nicht reguliert gewesen.
Es hätte für die Banken der Anreiz bestanden, alle potentiellen Gewinnmöglichkeiten
auszuschöpfen und die mit ihnen verbundenen Risiken (moral hazard) zu vernach-
lässigen. Dies hätte zu einer übermässigen, über das Optimum hinausgehenden Ri-
sikoakkumulation innerhalb des Bankensektors geführt. Die Garantie der Einlagen
durch die Regierung hätte dann zusätzlich noch mehr ausländisches Kapital angezo-
gen.672
Eine staatliche Garantie von Bankeinlagen und des dadurch hervorgerufenen
moral hazards des Bankensektors hätte für eine Volkswirtschaft, die gleichzeitig eine
Politik der Kapitalverkehrsliberalisierung verfolge, das „Potenzial“ eines Unglücks
gesteigert:

menhang zwischen Bankeinlagen und moral hazard vgl. auch Burnside/Eichenbaum/Rebelo


(1998); Chinn/Dooley/Shrestha (1999); Corsetti/Pesenti/Roubini (1999) sowie Mishkin (1999).
667
Krugman (1998a).
668
Vgl. Corsetti/Pesenti/Roubini (1999). Implizite Bailout-Garantien erkennt schon Diaz-Alejandor
(1985: 11) für die chilenische Schuldenkrise Anfang der 1980er Jahre: „Whether or not deposits
are explicitly insured, the public expects governments to intervene to save most depositors from
losses when financial intermediaries run into trouble. Warnings that intervention will not be forth-
coming appear to be simply not believable“.
669
Bailout meint eigentlich Herausschlagen und bedeutet, dass in einer Krise eine Institution, meist
der Staat, die Einlagen bei den in Not geratenen Banken „herausschlägt“. Auch die Garantien des
IMF hätten Gläubiger zu risikoreichen Kreditvergaben verführt. Aufgrund der falschen Anreize sei
es ebenfalls zum Problem des moral hazard gekommen. Vgl. The Economist vom 08.01.1998:
„Kill or cure?“. Hier wird ein Dilemma beschrieben, in welchem der IMF bei Finanzkrisen ähnlich
der Asienkrise gesteckt hätte. Entweder hätte der IMF das unvorsichtige Verhalten der Investoren
(moral hazard) mit Garantien (bailout) unterstützt oder er hätte ein Land noch tiefer in eine Rezes-
sion resp. Finanzkrise schlittern lassen können, weil er weitere Kredite verweigert hätte.
670
IMF (1998).
671
Vgl. zu dieser Annahme Krugman (1998a).
672
Berger/Wagner (2000: 10).

124
“The potential for disaster arises when there is moral hazard in the capital market and in-
673
ternational financial flows are unrestricted.“

Eine weitere Kritik während der Asienkrise war dann auch, dass die öffentliche
Hand, d.h. der Steuerzahler, durch das bailout private Investoren geschützt hätte.
Öffentliche Gelder wären benutzt worden, um kurzfristige Schulden der Banken bei
privaten Anlegern zu bezahlen. So hätten Gläubiger von den hohen Zinsen profitie-
ren können und mussten aber nicht das hohe Risiko tragen. Das öffentliche bailout
hätte diese Problematik noch verschärft, da die Gläubiger und Investoren davon
ausgehen, die öffentliche Hand springe ein und sie deshalb noch höhere und kalku-
lierte Risiken eingingen.
Wer moral hazard für die Wurzel der Asienkrise gehalten hat, unterstellt, dass
sich die Regierungen, Banken und die privaten Investoren anders verhalten hätten,
wenn keine Aussicht auf Rettung durch die Zentralbank, den Staat und am Ende
durch den IMF bestanden hätte. Da moral hazard nicht unmittelbar beobachtet wer-
den kann, lässt sich dies nicht nachweisen. So lässt sich nur über die Frage speku-
lieren, ob moral hazard eine Ursache für die Asienkrise war. Eine fehlende empiri-
sche Überprüfbarkeit heisst aber nicht, dass die Diskussion über moral hazard nicht
kritische Aspekte aufgedeckt hätte.
Zunächst zeigt sie deutlich, dass in diesem Erklärungsmuster, wie in fast allen
anderen, der Mensch als ein erfolgsorientiertes Wesen aufgefasst wird, der mit sei-
ner strategischen Rationalität auf den internationalen Finanzmärkten alle anderen
Akteure und die Umstände als Mittel für seine Zwecke verfügbar zu machen sucht.
Eine verständigungsorientierte Einstellung des Menschen kommt in diesem Muster
nicht vor. Andere Akteure, mit denen soziale Nutzeninterdependenzen bestehen,
werden bloss strategisch objektivierend als Konkurrenten, höchstens Mitwirkende
betrachtet. Diese können in das eigene Erfolgsstreben entweder störend intervenie-
ren oder gute Dienste leisten. Subjekte mit legitimen Ansprüchen existieren aber
nicht. Private Erfolgsziele wie die Profitmaximierung haben ja Vorrang vor einer vor-
behaltlosen argumentativen Konsensfindung.674
Die Diskussion über moral hazard macht insbesondere deutlich, dass die Über-
nahme und Einhaltung von ethischer Verantwortung auf den internationalen Finanz-
märkten gute Gründe besitzt. Die Handlungen der Akteure werden lebensdienlicher,
wenn sie nicht auf der Geltung eines rechtlichen Rahmens, sondern auf der verant-
wortlichen Einhaltung darüber hinausgehender ethischer Kriterien beruhen.675 Ver-
trauen in die Verantwortlichkeit des anderen mindert auch die Sorge, von diesem
durch ein opportunistisches Verhalten geschädigt zu werden. Insofern ist ein ver-
ständigungsorientiertes Verhalten einer Person, die ihre Aufgabe mit Verantwortung

673
Vgl. McKinnon/Pill (1997: 190).
674
Vgl. Ulrich (2001: 84f.).
675
Vgl. Koslowski (1988: 286ff.).

125
wahrnimmt und in der Beziehung zu anderen zu dieser Verantwortung steht, mehr
als nur ein Mittel, um die Angst vor einem Verhalten wie moral hazard zu mindern.676
Die Debatte über das Problem des moral hazards zeigt noch etwas Weiteres.
Dem Glauben, eine gute Rahmenordnung mit den richtigen moralischen Anreizen
liesse die Akteure moralisch und ökonomisch gut handeln - moral hazard ist also
ausgeschlossen - wird entgegengetreten. Eine Rahmenordnung wird nie das Morali-
sche des Individuums voll erfassen können. Vielmehr ist bei ihrer Gestaltung darauf
zu achten, dass der Einzelne in der Gemeinschaft seinen guten Willen leben kann.
Wenn der einzelne Akteur sich seiner Rolle als republikanisch gesinnter Wirtschafts-
und Staatsbürger bewusst wird und seine moralische Pflicht zur autonomen Selbst-
begrenzung seines privaten wirtschaftlichen Vorteilsstrebens erkennt und anwenden
kann, wird er auch nicht daran interessiert sein, ein moralisches Wagnis einzugehen.

3.5 Wirtschaftsethische Aspekte der Asienkrise


Keiner der gerade beschriebenen Verursachungsfaktoren erklärt allein die Krise.
Vielmehr ist eine Kombination verschiedener Ursachen für den Ausbruch und die
Schärfe der Krise verantwortlich gewesen.677 Alle Erklärungen sind Ex-Post-
Analysen, keiner der Ökonomen hat die Krise vorhergesagt. Dies ist ein Hinweis auf
ihre mangelnde Fähigkeit, die Determinanten des internationalen Kapitalverkehrs
auszumachen oder gar zu erklären, da jede Währungskrise eine neue Generation
theoretischer Modelle gebiert. Bei jeder neuen Krise erweisen sich dann die früheren
Modellgenerationen als inadäquat.678 Die Modelle aus der gegenwärtigen Analyse
der Asienkrise können somit wieder nicht garantieren, zukünftige Krisen vorauszusa-
gen und so gegebenenfalls zu vermeiden.
Ökonomische Analysen können das Phänomen Asienkrise nicht hinreichend er-
klären. Entscheidend ist, dass auf dem Höhepunkt der Asienkrise weitreichende Ent-
scheidungen in den finanziellen Steuerungsgremien getroffen wurden, ohne die Di-
rektbetroffenen bei den Entscheidungen mit einzubeziehen.679 Die angewandten Me-
chanismen der Entscheidungsfindung widersprachen eklatant dem in dieser Arbeit
vorgestellten vernunftethischen Ansatz. Idealtypisch hätte nur der Diskurs aller Be-
troffenen entscheiden dürfen, welche Massnahmen zu treffen gewesen wären. Da
dieser Diskurs praktisch nicht durchzuführen war, hätte er von Stellvertretern geführt
werden können. Aber auch dies ist nicht geschehen. Legitim wären die Massnahmen
nur dann gewesen, wenn jeder der Betroffenen ihnen aus ethisch-vernünftigen
Gründen hätte zustimmen können. Denn, obwohl die Krise sich auf den ersten Blick
als eine Währungskrise präsentierte, war der Kollaps der Wirtschaft im Inneren viel

676
Im Gegensatz zu Milgrom/Roberts (1992: 139) und Hosmer (1994: 28).
677
Vgl. Dieter (1998); Eichengreen (1999); Machetzki (1999); Berger/Wagner (2000) sowie Schubert
(2000).
678
Rodrik (1998).
679
Vgl. NZZ vom 16.12.1999: „Noch mehr Gruppentherapie für Finanzminister“, S. 21.

126
einschneidender für die Bevölkerung. Die betroffene Bevölkerung sah nicht zuletzt
auch deswegen in der Krise viel eher Exzesse der Globalisierung wie unerwünschte
Spekulation und ein vitalpolitisches Versagen der Finanzmärkte.680 In einer Ordnung
aber, die vitalpolitischen Grundsätzen folgt, hätte es eine wirkliche Freiheit, entschei-
den zu können, geben müssen.
Aus ökonomistischer Sicht war die Asienkrise die Folge von „rationalen“ Entwick-
lungen auf den internationalen Finanzmärkten. Aus wirtschaftsethischer Sicht hat sie
vielmehr gezeigt, was kritische Aspekte der internationalen Finanzmärkte sind. So ist
es sinnvoller, den konkreten Systemwettbewerb in Asien (3.5.1), das Problem man-
gelnder Transparenz (3.5.2) sowie sowohl das Verhalten als auch die Verantwortung
wichtiger Akteure (Spekulanten, Rating-Agenturen) und anderer Länder, hier am Bei-
spiel Japans (3.5.3) abzuhandeln. Da der IMF der Hauptakteur in der Asienkrise war,
wird seine Rolle in einem eigenen Kapitel dargestellt (3.6).

3.5.1 Der Wettbewerb der Systeme in Asien


Wie Interdependenz und Wettbewerb zwischen Volkswirtschaften eine Ursache
für die Asienkrise sein konnte, zeigt sich, wenn man zunächst den Blick von den Kri-
senländern abwendet und auf andere Länder richtet. Der Systemwettbewerb auf den
internationalen Finanzmärkten zeigt sich auch in der Politik der Volksrepublik China.
Die zunehmende Konkurrenz auf dem Weltmarkt durch Billigprodukte aus dem be-
völkerungsreichsten Land der Welt setzte die anderen asiatischen Länder unter
Druck.
China gewann im Wettbewerb um Weltmarktanteile seine nach dem Massaker
auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 verlorenen Anteile schnell
zurück, weil es seitdem zweimal seine Währung abgewertet hatte. Durch die relative
Abwertung des chinesischen Renminbi gegenüber die an den Dollar gebundenen
Währungen der asiatischen Nachbarländer verloren letztere eines nach dem anderen
Anteile auf dem Weltmarkt.681 Diese Entwicklung begann Anfang der 1990er Jah-
re.682 Thailand war das erste Land, in dem das Exportwachstum zurückging. Die Zu-
wächse der Exporte, die von Jahr zu Jahr mehr als 20 % betragen hatten, nahmen
zwar schon seit 1991 ab, im letzten Viertel des Jahres 1994 wurden sie jedoch sogar
negativ.683 Die Entwicklung in den anderen Ländern verlief ähnlich.684
Im Kontext der Asienkrise profitierte China zusätzlich noch von der weitgehenden
Geschlossenheit seiner Devisen- und Kapitalmärkte. Die chinesische Regierung hat-

680
Vgl. Machetzki (1999: 62), der Artikel aus der Jakarta Post vom 01.09.1998 sowie aus der Bang-
kok Post vom 06.05.1998 anführt.
681
Vgl. Bello (1998: 13).
682
Vgl. Guttmann (1998: 5).
683
Vgl. Warr (1998: 56).
684
Vgl. für Südkorea Köllner (1998: 82), der zusätzlich den Verfall der Halbleiterpreise anführt. Vgl.
zur Verbesserung der Wettbewerbsposition des Nachkömmlings Chinas zum Nachteil der „Früh-
starter“ Ariff/Khalid (2000: 458).

127
te die Landeswährung lediglich für Leistungsbilanz-, nicht aber für Kapitalbilanz-
transaktionen konvertibel gemacht. Damit blieb China von den Währungs-
spekulationen verschont. Auch die Tatsache, dass Chinas Börsen in Shanghai und
Shenzhen nur in sehr begrenztem Umfang für ausländische Investoren geöffnet wa-
ren, trug dazu bei, dass es nicht zu so massiven Kursverlusten kam wie in vielen ost-
asiatischen Nachbarländern.685
Bei dieser Problematik offenbart sich der globale Wettbewerb der Standorte in
seiner radikalsten Form, dem globalen Wettbewerb der Rahmenordnungen. Für pa-
läoliberal argumentierende Ökonomen und Politiker bedeutet der „Profit“ Chinas,
dass die einzelnen Volkswirtschaften, obschon sie nur ihre nationalen Eigeninteres-
sen verfolgten, von „unsichtbarer Hand“ gelenkt, gemeinsam und zum Vorteil aller,
das Weltgemeinwohl gesteigert haben.
„Die faktischen Zusammenhänge sind weitgehend erforscht und bekannt. Eine Mehrheit
der Ökonomen scheint sich über das Wichtigste einig zu sein. Die meisten internationa-
len Wirtschaftsorganisationen - darunter IMF, Weltbank und OECD - haben wiederholt
betont, die Globalisierung der Märkte biete enorme Chancen zur Wohlstandsvermeh-
686
rung.“

Dass dieses „Weltgemeinwohl“ ein ziemlich diffuser Begriff ist und Verteilungs-
und damit Gerechtigkeitsaspekte zwischen und auch innerhalb der Länder gänzlich
ausser Acht lässt, bleibt bei einer solchen utilitaristischen Fiktion völlig unbeachtet.
Aus der ökonomistischen Freihandelsdoktrin heraus hätte eigentlich die „unsichtbare
Hand“ des globalen Marktes „Gutes“ bewirken sollen und diese „guten“ Gesamt-
wirkungen wären am Ende zum Vorteil aller gewesen. Doch die Krisenländer und
noch mehr die Situation der dortigen Bevölkerung zeigen, dass man den Aspekt der
Verteilung nicht ausser Acht lassen darf, wenn man über eine gerechte Ordnung
spricht. Die Asienkrise hat gezeigt, dass Konkurrenz und Wettbewerb zwischen den
Ländern dazu führen, dass durch die Suche nach dem billigsten Produkten und
günstigsten Anlagemöglichkeiten mit den höchsten Renditen, in diesem Fall China,
andere Länder, wie Thailand und Malaysia, die gerade den Sprung in die „Mittelklas-
se“ geschafft hatten, fast wieder in die „Billigarbeiterklasse“ zurückgeworfen wurden.
Nur überzeugte Utilitaristen rechnen noch den „Gewinn“ Chinas gegen den „Verlust“
der Krisenländer auf und fordern von den asiatischen Länder weiterhin, die Regeln
der internationalen Finanzmärkte zu akzeptieren, um international wettbewerbsfähig
zu sein.687
Die Mechanismen des neuen Systemwettbewerbs zeigten sich in Asien auch bei
der Deregulierung der nationalen Finanzmärkte. Durch die Deregulierung versuchten
die asiatischen Länder für ausländisches Kapital attraktiv zu werden. Sie standen
dabei in Konkurrenz zu anderen Weltregionen, aber auch in direkter Konkurrenz un-

685
Vgl. Heilmann (1999: 93).
686
De Pury (1997): „Auswege aus der Globalisierungsfalle – Plädoyer für eine weltweite Ordnungs-
politik“, in: NZZ vom 25./26.10.1997, S. 95.
687
Vgl. The Economist vom 05.04.2001: “In praise of rules”.

128
tereinander. Eine laxe Bankenaufsicht verringerte die administrativen Kosten und
brachte kurzfristig Wettbewerbsvorteile. Doch erhöhte dies auch die Krisenan-
fälligkeit.
Diese Überlegungen unterstützen die bereits dargestellte Analyse zum System-
wettbewerb.688 Die asiatischen Länder waren in diesem Wettbewerb eine zeitlang
nicht kompetitiv genug und wurden vom globalen Kapitalmarkt „…bestraft (…) - er
wird schon wissen warum“.689 Diese Strafe traf insbesondere die, die der Öffnung der
lokalen Finanzmärkte nicht zugestimmt hatten690 und der Globalisierung im Allge-
meinen eher kritisch gegenüberstanden.691
In Asien schaffte es die unsichtbare Hand nicht, die volkswirtschaftliche Entwick-
lung in eine lebenspraktische vernünftige Richtung zu lenken. Die dortige Ordnungs-
politik versagte aufgrund der Mechanismen dieses Systemwettbewerbs nicht zuletzt
auch als Vitalpolitik.692
Der viel beschworene Wettbewerb zwischen den Nationen und auch Rahmen-
ordnungen zeigte seine negativen Auswirkungen deutlich. Anstatt im Wettbewerb zu
stehen, sollten die Nationen zusammenarbeiten. Beispielsweise um mit Hilfe einer
lebensdienlichen Währungspolitik, die den Interessen aller davon Betroffenen dient,
(Im- und Exporteure, aber auch Konsumenten importierter Güter) die Grundlage für
einen „fairen“ Handel zwischen den Nationen zu schaffen.693 Sinnvoll wären auch
international abgestimmte Regeln über die Bankenaufsicht, wie sie z.B. die Bank für
Internationalen Zahlungsausgleich aufstellt. Sie könnten die Folgen eines race to the
bottom verhindern.

3.5.2 Transparenz
Während der Krise wurde die mangelnde Transparenz in vielen Bereichen der
Krisenländer, aber auch im Verhalten des IMF kritisiert.694
Zunächst gab es in den Krisenländern kaum Überwachungsmechanismen bei
den Banken, sondern nur ein schlechtes corporate governance der grossen Konglo-
merate.695 Die Beziehungen zwischen Banken und Wertpapierhäusern einerseits und
der Regierung andererseits waren häufig durch ein intransparentes Geflecht von
Weisungsbeziehungen und De-facto-Garantien geprägt, hinzu kam eine schlechte
Regulierung des Bankensektors. Es herrschte auch ein Mangel an Transparenz in

688
Vgl. Kap. 2.1.2.
689
Krugman zit. nach Ulrich (2002: 164).
690
Zur Zeit der Liberalisierung der Finanzmärkte gab es in keinem der Länder eine echte Demokratie.
691
Globalisierungskritische Nichtregierungsorganisationen lassen sich zunehmend in den sich entwi-
ckelnden Zivilgesellschaften Südostasiens finden. Vgl. Mittelman (2001).
692
Rüstow (1955: 74): „Vitalpolitik [ziehe] alle Faktoren in Betracht (…), von denen in Wirklichkeit
Glück, Wohlbefinden und Zufriedenheit des Menschen abhängen.“
693
Vgl. Kap. 4.2.2.2.
694
Vgl. Yoshitomi (1998); Kwon (1998); Rogoff (1999).
695
Yoshitomi (1998: 31).

129
der nationalen und unternehmerischen Buchhaltung. Vielmehr waren aussagelose
und willkürliche Buchführung und eng begrenzte Offenbarungspflichten an der Ta-
gesordnung.696 Inkonsistente Rechnungslegung der Unternehmen, begrenzte Ein-
sichtsmöglichkeiten der Rechnungsprüfer und Steuerbehörden, mangelnde Sanktio-
nen bei irreführender Buchhaltung, der Gebrauch von Nummernkonten und man-
gelnde Erfassung der privaten Verschuldung verminderten die Glaubwürdigkeit der
Informationen.697 Ohne Bilanzklarheit und -wahrheit funktioniert aber keine Banken-
aufsicht.698 Hätte eine adäquate Stärkung der Bankenaufsicht die Liberalisierung der
Finanzmärkte und die Öffnung für den freien Kapitalverkehr begleitet, wäre die Krise
möglicherweise nicht ausgebrochen.699 Insbesondere die Entwicklung in Australien
und Neuseeland zeigte, dass Länder mit guten Rahmenbedingungen und einem
transparenten System kaum von der „asiatischen Grippe“ angesteckt wurden.700
Auch die Politik des IMF ist trotz einiger Verbesserungen ungenügend transpa-
rent gewesen. Meist sind nur Zusammenfassungen von Analysen der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht worden. Viele Entscheidungen während der Asienkrise wurden
hinter verschlossenen Türen gefällt. Die Massnahmen, die der IMF den Regierungen
der Krisenländer in den so genannten letters of intent zur Wirtschaftsreform vorge-
schlagen hat, wurden erst veröffentlicht, als die Politik des IMF in die Kritik geriet.
Dessen Politik muss daher zukünftig ein neues Niveau von Transparenz erreichen.
Durch die Publikation der letters of intent ist bereits ein erster Schritt in die richtige
Richtung getan. Nur so können alle Interessengruppen genaue Informationen über
diese Programme bekommnen. Ohne Transparenz kann auch Verantwortung nicht
zugeteilt werden, ohne Verantwortungsbestimmung hält sich aber die politische und
finanzielle Unterstützung in Grenzen. Um Vertrauen zu schaffen, sollte der IMF sogar
die Protokolle über Sitzungen zeitlich verzögert701 veröffentlichen. Wie ungern sich
der IMF in die Karten blicken lässt, zeigt der weitgehende Verzicht auf unabhängige,
externe Evaluation.702 Deshalb sollte der IMF die externe Begutachtung von Pro-
grammen regulieren, damit eine regelmässige, objektive Stellungnahme zur IMF-
Politik erfolgen kann.703
Transparenz ist ein Aspekt, der auch vor dem Hintergrund einer guten Vitalpolitik
hervorzuheben ist. In Asien gab es kaum zuverlässige Daten über Wirtschaft und

696
In etlichen „entwickelten“ Ländern ist die Situation allerdings kaum besser, wie die Skandale um
Enron oder Parmalat zeigen.
697
Vgl. speziell für Korea Kwon (1998).
698
Reisen (1998): „Vom Kreditboom zur Schuldendeflation“, in NZZ vom 25.07.1998, S. 71.
699
Vgl. Radelet/Sachs (1999). Den Zusammenhang zwischen Finanzkrise und Bankenaufsicht betont
schon Diaz-Alejandor in seiner Analyse der chilenischen Schuldenkrise 1982. Diaz-Alejandor
(1985).
700
Vgl. Rogoff (1999: 27).
701
Die zeitliche Verzögerung dient dazu Insider-Informationen zurückzuhalten, die für bestimmte
wirtschaftspolitische Massnahmen entscheidend sind. Wirtschaftspolitische Eingriffe wie Zinssatz-
erhöhungen müssen für die Marktteilnehmer unerwartet kommen, um ihre beabsichtigte Wirkung
erzielen zu können.
702
Gerster (1998): „Lehren für den IMF aus der Asienkrise“, in: NZZ vom 15.05.1998, S. 25.
703
Eichengreen (1999: 113ff.).

130
Gesellschaft.704 Erforderlich sind aber umfassende Informationen über gesellschaftli-
che und wirtschaftliche Entwicklungen.705 Mangelnde Transparenz und Information
verhindern vitalpolitisch sinnvolle Entscheidungen. In einer wohlgeordneten Gesell-
schaft freier Bürger, in der das Primat des Politischen gilt und die auf deliberative
Entscheidungsprozesse aufgebaut ist, ist es unerlässlich, die wahren Informationen
als Entscheidungsgrundlage zu erhalten. Durch Transparenz soll, in einem zumutba-
ren Rahmen, jede Handlung und Entscheidung der öffentlichen Kritik zugänglich ge-
macht werden.706 Nur so kann ein Diskurs über die richtigen Massnahmen mit der
einzigen Bedingung, dass nur das bessere Argument zählt, zu der vitalpolitisch rich-
tigen Entscheidung kommen. Mehr Transparenz nur in Krisenländern zu fordern, ist
nicht ausreichend. Auch die Politik internationaler Organisationen, wie die des IMF,
muss das Kriterium der Transparenz erfüllen.

3.5.3 Verantwortung und Verhalten wichtiger Akteure


3.5.3.1 Die Macht der Spekulanten
Zu Beginn der Krise in Asien ist viel über die Macht der Spekulanten debattiert
worden.707 Eine ungehemmte Spekulation gegen die asiatischen Währungen sei
(teilweise) Ursache der Krise gewesen. Ein Anhänger dieser Theorie, der ehemalige
malaysische Premierminister Mahathir, hat sich bereits während der ersten Krisen-
phase sehr kritisch zu dieser Art der Spekulation geäussert. Seiner Ansicht nach
können Spekulanten die Abwertung nahezu jeder Währung erzwingen.708 Er sprach
zunächst von einem Komplott des Westens und unverantwortlichen Devisenspeku-
lanten, die wie wilde Tiere im Dschungel einer entgrenzten Welt herumstreiften und
die jahrzehntelange mühsame Aufbauarbeit kleiner Nationen im Handstreich zunich-
te machten. Zwar glaubte er später nicht mehr an eine Verschwörung709 von Speku-
lanten wohl aber an ein gemeinsames unreflektiertes Handeln:
“They do not work in concert of course. Nor do they enter into a conspiracy. But they do
behave like herds. Thus when one of the more important members swing in one direc-
710
tion, the other will follow. The effect is not unlike acting in concert.”

Dennoch bezichtigte er die Industrieländer eines unredlichen Spiels. Asien hätte


seine Märkte gutgläubig geöffnet und multinationale Unternehmen hereingelassen,
704
Vgl. Fischer (1998d): “Lessons from a crisis”, in: The Economist vom 01.10.1998.
705
Vgl. Morris/Shin (1998).
706
Ulrich/Jäger/Waxenberger (1998: 37).
707
Vgl. Kap. 1.3.2.
708
Vgl. Mahathir (1998).
709
Konspirationstheorien hatten in Asien Hochkonjunktur. Beispielsweise war für viele Menschen in
Indonesien der IMF immer eine Marionette der USA. Die Handlungen und Massnahmen wurden
aus Washington gelenkt. Der Sitz in Washington und der starke Einfluss der USA im IMF förderten
den Glauben an eine Durchsetzung amerikanischer Interessen mit Hilfe des IMF. Die USA konnte
jetzt endlich dem asiatischen Raum ihre Wirtschaftsabsichten und Interessen aufzwingen. Eine
Bestätigung dieser These schien man in der aggressiven Übernahme angeschlagener Firmen
durch amerikanische Konzerne zu finden. Vgl. Jakarta Post vom 01.09.1998, S. 9.
710
Mahathir (1998).

131
dann sei die Spekulation gekommen und hätte die Asiaten um die Früchte des hart
erarbeiteten Erfolgs geprellt.711
Um das Verhalten von Spekulanten besser zu verstehen, ist es wichtig, die Me-
thoden der Spekulanten in Asien kennen zu lernen. Die Spekulanten erwarteten bei-
spielsweise die Abwertung des thailändischen Baht. Sie haben sich daher in Baht
verschuldet. Anschliessend haben sie Baht in USD oder andere harte Devisen umge-
tauscht. Als der Baht abgewertet wurde, brauchten die Spekulanten nur einen Teil
ihrer Devisen wieder in Baht zurückzutauschen, um den ursprünglichen Kredit zu-
rückzuzahlen. Der Rest verblieb als Spekulationsgewinn. Verschiedene Bedingungen
waren aber Voraussetzung, damit diese Art von Spekulation möglich war. Die Speku-
lanten hatten keine Verpflichtung, Sicherheiten in der Spekulationswährung zu hal-
ten. Die Finanzmärkte waren offen, so dass unbeschränkter Zugang zu inländischem
Kapital möglich war und es gab keine Kapitalverkehrskontrollen. Letztendlich verfüg-
ten die Spekulanten auch über ausreichende Mittel.712
Da die Regierungen der asiatischen Länder in den frühen 1990er Jahren die Hin-
dernisse für ausländisches Kapital zu schnell abbauten713 und ihre Währungen an
den Dollar gebunden hatten, standen sie den Spekulationsattacken während der Kri-
se hilflos gegenüber. Das Ergebnis dieser Attacken war, dass zunächst der Wech-
selkurs verteidigt wurde und dann später abgewertet werden musste.714
Das Verhalten der Spekulanten wäre nur gerechtfertigt gewesen, wenn sie Unsi-
cherheit, insbesondere Risiken einer Einschränkung der Lebensdienlichkeit reduziert
hätten. Da dies nicht der Fall war, ist die rein auf Gewinnmaximierung ausgerichtete
Spekulation aus drei Gründen verwerflich. Zunächst ist, wie zuvor dargelegt, die
durch die Spekulation hervorgerufene Unsicherheit nicht legitimiert.715 Daneben hatte
die Spekulation gegen die dortigen Währungen ökonomische Auswirkungen, aber
auch Konsequenzen für die Rechte der Lebensdienlichkeit in den Krisenländern. Da
die asiatischen Währungshüter ihre Wechselkurse zunächst verteidigen wollten, lies-
sen sie die inländischen Zinsen steigen. Sie haben es so eingerichtet, dass es den
Spekulanten egal sein sollte, ob sie in inländischer Währung denominierte Vermö-
genswerte hielten, für die es die inländischen Zinsen gab oder in fremder Währung
denominierte Vermögenswerte, für die es den ausländischen Zinssatz plus die erwar-
tete Geldentwertungsrate gab. Die höheren Zinssätze, die zur Verteidigung der Wäh-
rung erforderlich waren, haben zunächst die Investitionen zurückgehen lassen und
damit die Arbeitslosigkeit erhöht. Sie vergrösserten die Last der Hypothekenschuld,
insbesondere da die Hypotheken- und Marktzinsen indexgebunden waren. Sie führ-
ten zu Ausfällen im Kreditgeschäft und erschütterten die Stabilität des empfindlichen

711
Mahathir (1999); vgl. auch NZZ vom 22.06.1997: „Gehen die Uhren in Ostasien anders?“, S. 19.
712
Vgl. Köhler (1998: 192).
713
Vgl. Kap. 2.2.5.2.
714
Vgl. Rogoff (1999: 4).
715
Vgl. Kap. 1.3.2.

132
Bankgewerbes. Sie erhöhten Tilgungs- und Zinslasten und erforderten die Einfüh-
rung zusätzlicher Steuern.
Als die Währungshüter den Wechselkurs nicht mehr verteidigen wollten und die
Währung sich abwertete, ging das Vertrauen ausländischer Investoren verloren und
damit einher ein Rückgang ausländischer Investitionen. Dies liess wiederum die Ar-
beitslosigkeit steigen. In ausländischen Währungen denominierte Kredite der Unter-
nehmen, des Staates, der Banken und der privaten Hand verteuerten sich. Dies führ-
te zu Konkursen und die Stabilität des Landes war gefährdet. Zwar verbesserten sich
für inländische Unternehmen auf der einen Seite die Exportbedingungen, auf der an-
deren Seite verteuerten sich aber die Importe, vor allem die Rohstoffe.
Zuletzt lässt sich die Umverteilung von Kapital716 aus den asiatischen Krisenlän-
dern hin zu den Spekulanten aufgrund von Spekulationsgeschäften nicht rechtferti-
gen, da sie allein durch Profitstreben angetrieben wurde.

3.5.3.2 Die Rolle der Rating-Agenturen


Im Idealfall sollten Rating-Agenturen in der Lage sein, problematische Entwick-
lungen zu erkennen und davor zu warnen. Rating-Agenturen, insbesondere Moody’s
und Standard & Poor’s, haben aber in der Asienkrise diese Funktion nicht erfüllt. Es
erfolgte keine Warnung an Gläubiger vor den Risiken einer Kreditvergabe an asiati-
sche Banken und Nicht-Banken. Standard & Poor’s hatte sogar die Bewertung im
Falle Südkoreas noch im Mai 1997 angehoben. Nachdem aber die Asienkrise aus-
gebrochen war, nahmen die beiden Rating-Agenturen ihre Bewertungen in rascher
Folge zurück. Der Herabsetzung der Bonitätsbeurteilung der Krisenländer durch die
Rating-Agenturen folgte ein deutlicher Wertverlust der Landeswährung. Tabelle 4
gibt einen Überblick über die Bewertungen der Rating-Agenturen für Indonesien,
Südkorea und Thailand.

716
Diese Umverteilung kann man leicht erkennen, wenn man im obigen Beispiel die thailändische
Zentralbank als Kreditgeber einsetzt. Sie haben sich in Baht bei der Zentralbank verschuldet. An-
schliessend haben sie Baht in USD bei der Zentralbank umgetauscht. Als der Baht abgewertet
wurde, brauchten die Spekulanten bei der Zentralbank nur einen Teil ihrer Devisen wieder in Baht
zurückzutauschen, um den ursprünglichen Kredit an die Zentralbank zurückzuzahlen.

133
Tabelle 4
Entwicklung der Bewertungen durch Moody’s und Standard & Poor’s für langfristige, in
ausländischer Währung denominierte Schulden

Moody’s Standard & Poor’s


Bewertung Datum Bewertung Datum

Baa3È 14.03.1994 BBB-È 20.07.1992


BBB-Ç 18.04.1995
BBB-È 10.10.1997
Indonesien 21.12.1997 BB+ È 31.12.1997
Ba1aÈ
B2aaÈ 09.01.1998 BBa-È 09.01.1998
Baa-È 27.01.1998
B3aaÈ 20.03.1998 B-aaÈ 11.03.1998
A2aaÈ 18.11.1989 A+aaÈ 01.10.1988
A1aaÇ 04.04.1990 AA-aÇ 03.05.1997
A+aaÈ 24.10.1997
Südkorea
A3aaÈ 27.11.1997 A-aa È 25.11.1997
Baa2È 10.12.1997 BBB-È 11.12.1997
Ba1aÈ 21.12.1997 B+aaÇ 22.12.1997
BB+aÇ 18.02.1998
A2aaÈ 01.08.1989 A-aaÈ 26.06.1989
A3aaÈ 08.04.1997 AaaÇ 29.12.1994
Thailand
Baa1È 01.10.1997 A-aaÈ 03.09.1997
Baa3È 27.11.1997 BBB-È 24.10.1997
Ba1aÈ 21.12.1997 BBB--È 08.01.1998
Quelle: Dieter (1999: 29). È = Abwertung; Ç Aufwertung; Bewertungen in Kursivschrift kenn-
zeichnen Bewertungen mit sehr hohem Risiko (non-investtment-grade).

Diese privaten Akteure haben weder auf Risiken hingewiesen noch eine Panik
verhindert. Im Gegenteil: Die Bonitätsprüfer verschärften die Krise, indem sie die Be-
notung asiatischer Länder auf junk-Status reduzierten.717 Nach dem Auftreten erster
Krisensymptome wiesen die Agenturen genau auf die Gefahren hin, die sie vorher
nicht erkannt oder nicht benannt hatten. Dabei gilt festzuhalten, dass die wichtigsten
Daten den Investoren bekannt waren. Vor allem die ungünstigen Schulden-
Eigenkapitalquoten und die schwachen Finanzsysteme waren keine unbekannten
Grössen. Das Versagen der Rating-Agenturen unterstreicht, dass sämtliche Systeme
zur Risikovorsorge sowohl von privaten Investoren als auch von Regierungen nicht
funktionierten.718
Nachher schloss sich auch der IMF den Kritikern der Rating-Agenturen an. Er
stellte fest, dass die raschen Abwertungen der Kreditwürdigkeit von asiatischen
Schuldnern die Krise verschärften und den Abfluss von Kapital verstärkten. Die Ra-
ting-Agenturen hätten in Panik reagiert und damit eine ohnehin schwierige Situation
weiter verschlechtert. Der IMF sprach sich im Gegensatz zur BIS gegen eine Auswei-

717
Reisen (1998): „Vom Kreditboom zur Schuldendeflation“, in: NZZ vom 25.07.1998, S. 71.
718
Vgl. Garten (1999: 80).

134
tung der Rolle von Rating-Agenturen aus.719 An dieser einwandfreien Analyse durch
den IMF ist bedauerlich, dass erst die Asienkrise ausbrechen und ihre Folgen sicht-
bar werden mussten, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Es drängt sich daher der
Eindruck auf, dass diese Kritik von Seiten des IMF dazu dienen könnte, von eigenen
Fehlern abzulenken.720
Es bleibt zu überlegen, welche Rolle Rating-Agenturen auf den globalen Finanz-
märkten übernehmen sollen. Deren Informations- und Transparenzfunktion muss
lebensdienlich ausgestaltet werden. Aufgrund ihrer Analyse und Beurteilung üben sie
auf Länder, Unternehmen, Anlageobjekte etc. Macht aus. Diese Macht zeigt sich dar-
in, dass sie durch ihr Rating das Verhalten der Investoren oder die Meinung der Öf-
fentlichkeit gegenüber den jeweiligen Investitionsobjekten (Länder, Unternehmen
etc.) beeinflussen können.721 Gute Ratings erhalten nur Länder, die in den Augen der
Agenturen kreditwürdig sind. Diese Länder sind dann für Investoren attraktiv. Die
Bonität von Ländern mit hohen Sozialausgaben oder einer wenig entwickelten Wirt-
schaft wird dagegen tief bewertet. Sie sind Investoren nicht zu empfehlen. Fast im-
mer werden Ratings zurückgestuft, wenn die Kreditwürdigkeit zum Beispiel durch
zunehmende Verpflichtungen im sozialen Bereich sinkt. Die Folge davon sind höhere
Risikozuschläge, d.h. Staatsanleihen müssen höher verzinst werden. Kapital wird
somit für die Länder am teuersten, die es am dringendsten benötigen.
Hier zeigt sich auch die Gefahr für die Vitalpolitik durch Rating-Agenturen. Diese
können durch die Androhung einer Rückstufung direkt Einfluss auf die nationale Poli-
tik von Staaten ausüben. Regierungen können sich gezwungen sehen, ihre Sozial-
ausgaben zu kürzen, um noch weiterhin Kapital zu einem günstigen Zinssatz auf den
internationalen Finanzmärkten aufzunehmen. Es fällt auf, dass private Wirtschafts-
subjekte aufgrund der Liberalisierung der Finanzmärkte in der Lage sind, zunehmend
Entscheidungen zu beeinflussen, die eigentlich nur von demokratisch legitimierten
Institutionen (unabhängig) getroffen werden sollten.722
Die Verantwortung der Rating-Agenturen ist somit offensichtlich. Sie müssen die
vom Rating Betroffenen in ihren Bewertungsprozess mit einbeziehen. Diese haben
legitime Ansprüche, die in den kritischen Bewertungen der Rating-Agenturen integ-
riert sein müssen. Konkret bedeutet dies, dass den Betroffenen eine Möglichkeit der
Mitsprache einzuräumen ist.723 Nur so kann eine Rating-Agentur „republikanische
Mitverantwortung“724 übernehmen und legitimiert bewerten. Rating-Agenturen sollten
darüber hinaus nicht nur die „Bonität“, sondern massgeblich das Lebensdienliche
bewerten. Also gute Noten für eine gute Vitalpolitik vergeben.

719
Vgl. Financial Times vom 09.09.1999 S. 4.
720
Vgl. Dieter (1999: 28).
721
Vgl. Ulrich/Waxenberger/Jäger (1998a: 47).
722
Vgl. Wettstein (2001: 7f.).
723
Vgl. Ulrich/Waxenberger/Jäger (1998a: 47).
724
Zum Begriff Republikanismus und republikanische Mitverantwortung vgl. Maak (1998a: 7ff.); ders.
(1999: 160ff.) sowie Ulrich (2001: 290ff.).

135
3.5.3.3 Die Verantwortung anderer Länder am Beispiel Japans
In Asien fehlte eine regionale Institution oder Organisation, die eine gemeinsame
Strategie zur Bewältigung der Krise entwickelte. Die existierenden Organisationen,
wie die asiatisch-pazifische Wirtschaftsgemeinschaft APEC oder der fast alle Krisen-
länder umfassende südostasiatische Verband ASEAN, haben in der Krise keine ei-
genen Pläne vorgelegt, sondern nur Vorschläge des IMF unterstützt. Durch diese
Inaktivität haben beide Organisationen Schaden genommen.725 Seit der Asienkrise
ist weder der Integrationsprozess der ASEAN noch die Zusammenarbeit der APEC-
Staaten merklich vorangekommen.
Infolgedessen ist mehrfach auf die Verantwortung Japans in der Krise als grösste
Wirtschafts- und daher auch Regionalmacht hingewiesen worden.726 Japans Banken
waren stärker als die Banken anderer Industrienationen in den Krisenländern enga-
giert. Rentabilitätsprobleme im Inlandsgeschäft verstärkten den Anreiz eines Kredit-
engagements in den Krisenländern.727 Dementsprechend hatte die Niedrigzinspolitik
der japanischen Zentralbank, die eigentlich die japanische Wirtschaft wieder ankur-
beln sollte, Folgen für andere Länder Asiens. Der Kapitalexport in andere asiatische
Länder stieg seit der Rezession in Japan gewaltig, da in Japan billig Kredite aufge-
nommen werden konnten und mit diesem Geld in den anderen Ländern in Projekte
mit hohen Renditen investiert werden konnte.728 Japans Anteil an ausländischen Kre-
diten in der Krisenregion war dann mit fast 100 Mrd. USD genauso hoch wie der An-
teil der Kredite aus allen EU-Staaten zusammen.729 Die ungelösten Probleme des
japanischen Finanzsektors führten so zu einem massiven Kapitalexport in die Krisen-
region.730 Nicht zu vergessen ist auch die lang anhaltende japanische Rezession, die
Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung in den anderen asiatischen Län-
dern hatte. Schon seit Jahren war die Nachfrage des wichtigen Exportmarkts Japan
verhalten.731
Der Verantwortung als regionale Wirtschaftsmacht, die besonders mit den Krisen-
ländern verbunden war, die Spirale des Zusammenbruchs aufzuhalten, ist Japan
aber nicht nachgekommen. Dies zeigt das Beispiel des gescheiterten Asian Moneta-
ry Fund.732
Dieser Fonds sollte mit einem Kapital von 100 Mrd. USD ausgestattet werden
und mehrere Funktionen ausüben. Die bereitgestellten Mittel sollten gegen Wäh-
rungsspekulationen eingesetzt werden, als Liquiditätshilfen bei akuten Zahlungs-

725
Vgl. Dieter (1998: 158).
726
Dieter (1998); Waldenberger (1999); Cargill (2003).
727
Waldenberger (1999: 116).
728
Vgl. Köllner (1999: 81).
729
Vgl. Waldenberger (1999: 115f.).
730
Vgl. Dieter (1998: 65). Franz Waldenberger weist aber daraufhin, dass Japans Nettokapitalausfuhr
kurz vor der Asienkrise rückläufig war und von einem zusätzlichen Anheizen der Spekulation nicht
die Rede sein könne. Waldenberger (1999: 116).
731
Vgl. Waldenberger (1999: 118).
732
Für diesen Vorschlag liegt kein schriftliches Dokument vor. Der folgende Text stützt sich auf
Diehl/Nunnenkamp (2002: 18ff.).

136
bilanzproblemen dienen und zugleich langfristig angelegte Restrukturierungs-
massnahmen finanzieren. Der AMF sollte ein differenzierteres, weniger striktes Pro-
gramm anbieten als der IMF. Politisch ist der AMF als Versuch eines eigenständigen
Weges zu sehen. Er beinhaltet ein Element des Thinking East Asian, also der be-
wussten Abgrenzung vom Westen und dessen Werten.733
Die japanische Regierung hat offenbar anfänglich ernsthaft und nicht nur symbo-
lisch versucht, den AMF zu installieren. In aussenpolitischen Kreisen Japans wurde
die Einschätzung vertreten, die Unterstützung des AMF biete Japan die Chance, die
ökonomische Dominanz der Region durch eine politische Initiative zu ergänzen. Im
Rahmen der Jahrestagung von IMF und Weltbank im September 1997 wurde der
Vorschlag eines AMF auf Druck der USA aufgegeben. Die USA fürchteten, auf einen
AMF weniger Einfluss zu haben als auf den IMF. Auch der IMF wollte wohl mit seiner
Absage einer sicherlich nicht in seinem Interesse liegenden, zukünftigen Regionali-
sierung des IMF entgegenwirken.734
Das Verhalten Japans, nicht genügend die Idee eines regionalen Fonds unter-
stützt zu haben, brachte die asiatischen Krisenländer um eine Alternative zu den
Hilfsmassnahmen des IMF. Das erfolglose Streben nach einer Einrichtung eines
stärkeren regionalen Fonds ist neben der Bereitstellung von grösseren Geldbeträgen
zur Überwindung der Krise der einzige nennenswerte Versuch Japans die Asienkrise
zu lösen. Gerade als Ostasien eine entschlossene politische Führung dringend benö-
tigte, versank die japanische Regierung in Apathie.735 Trotz der eigenen Erfahrungen
aus der langjährigen binnenwirtschaftlichen Krise begegnete Japan der Asienkrise
genauso ideenlos wie den inländischen Wirtschaftsproblemen zuvor.
Japan wäre seiner Verantwortung als führende Wirtschaftsmacht in Ostasien ge-
recht geworden, wenn es nicht mit einer Niedrigzinspolitik zur Stimulierung der eige-
nen Wirtschaft den anderen Volkswirtschaften in Asien geschadet hätte. Es hätte bei
den Versuchen, die eigene Rezession zu überwinden, nicht strategisch (auf Kosten
der anderen Länder), sondern verständigungsorientiert (mit den anderen) handeln
müssen. Nicht eine kompetitive Geldpolitik, sondern eine abgestimmte wäre „fair“
gewesen. Unter seiner Federführung hätte Japan dann auch eine gemeinsam mit
den Krisenländern ausgearbeitete Lösung für einen Weg aus der Asienkrise erarbei-
ten sollen, wie sie sich in der Idee des AMF geäussert hat. Dies hätte den Weg in die
Krise freilich nicht verhindert, jedoch hätten die Länder schneller wieder aus der Kri-
se herausgeführt werden können.

733
Vgl. Dieter/Higgot (1998).
734
Vgl. Dieter (1999: 32).
735
Wade (1998: 16).

137
3.6 Die Rolle des Internationalen Währungsfonds in der Asienkrise
Die Rolle des IMF in der Asienkrise ist von Befürwortern736 und Gegnern737 öko-
nomisch analysiert worden. Eine vitalpolitische Auseinandersetzung mit dem Verhal-
ten des IMF in der Krise fehlt jedoch. Laut den IMF Articles of Agreement ist seine
Aufgabe
”…to promote exchange stability, to maintain orderly exchange arrangements among the
738
members, and to avoid competitive exchange depreciation.”

Zudem hat er die Pflicht,


“…to give confidence to members by making the general resources of the Fund tempo-
rarily available to them under adequate safeguards, thus providing them with an opportu-
nity to correct maladjustment in their balance of payments without resorting to measures
739
destructive of national or international prosperity.”

Diese Artikel wurden zwar in der Zeit der festen Wechselkurse formuliert, aber
die darin genannten Aufgaben sind auch in der gegenwärtigen Währungsordnung
aus vitalpolitischer Sicht noch sinnvoll. Sie ermöglichen den Mitgliedsländern eine
nachhaltige eigenständige Entwicklung und verpflichten in Notzeiten zu Beistand.
Doch hat sich der IMF in der Asienkrise nicht nur auf diese Kernaufgaben be-
schränkt. Er gab auch Reformprogramme vor, die von der Annahme ausgingen, dass
die wirtschaftlichen Schwierigkeiten von strukturellen Defiziten in den Ländern her-
rührten.
Der IMF intervenierte in Asien auf Einladung der jeweiligen Regierungen und ver-
suchte zügig, in den drei am meisten von der Krise betroffenen Ländern - Indone-
sien, Südkorea und Thailand - Stabilitäts- und Reformprogramme zu arrangieren, die
das Vertrauen der (ausländischen) Gläubiger in diese Länder wiederherstellen soll-
ten.740 Insgesamt zielte das von den meisten Regierungen nolens volens akzeptierte
Reformprogramm des IMF auf nichts weniger ab als eine völlige Rekonfiguration der
politischen Ökonomie. Das alte Entwicklungsmodell mit seinen engen Verflechtungen
zwischen Staat und Unternehmen sollte über Bord geworfen und durch das angel-
sächsische Modell der Marktbeziehungen ersetzt werden. Das Ergebnis dieser Re-
formen, so die Vorstellung, wäre die Schaffung einer stabilen wirtschaftlichen Basis,
die ein nachhaltiges Wachstum ermöglichen würde. Die IMF-Programme gingen im-
plizit von der Voraussetzung aus, dass das alte Entwicklungsmodell schädlich war
und massgeblich zu der jüngsten Krise beigetragen hat.741 Nicht temporäre Exzesse,
Probleme und Fehlentscheidungen auf Seiten von Staat und Unternehmen wären
mithin für den Ausbruch der Krise verantwortlich zu machen, sondern die grundle-

736
Vgl. Fischer (1998e).
737
Vgl. Stiglitz (2002).
738
Artikel 1 der IMF Statuten.
739
Artikel 1 der IMF Statuten.
740
Vgl. Dieter (1998a: 17).
741
Vgl. Köllner (1999: 83).

138
gende institutionelle Basis der asiatischen Wirtschaften, die es den Kräften des
Marktes unmöglich machte, sich frei zu entfalten.
Der IMF ist wegen dieser Ausweitung der wirtschaftspolitischen Konditionalität
auf Strukturreformen kritisiert worden.742 Insbesondere die ungleiche Behandlung der
asiatischen Länder im Vergleich zu Industriestaaten fällt auf. Wenn Regierungen von
Industriestaaten im Rahmen der jährlich stattfindenden Konsultationen mit dem IMF
von ihm auf Fehler in ihrer Wirtschaftspolitik hingewiesen werden, kümmern sie sich
relativ wenig um vorgeschlagene Politikwechsel.743 Die um Kredit nachsuchenden
asiatischen Schwellenländer mussten hingegen erhebliche Eingriffe in ihre nationale
Souveränität hinnehmen.
Die Reformen hatten nicht die Erhaltung der lebensdienlichen Rechte der Bevöl-
kerung zum Ziel, sondern eine „Effizienzsteigerung“ der Märkte, die Auflösung der
engen Verbindung zwischen Politik- und Geschäftswelt und die Integration der natio-
nalen Volkswirtschaft in die internationalen Finanzmärkte. Dies zeigt, dass der IMF
dem Markt prinzipiell die Fähigkeit unterstellt, effizient zu arbeiten und eine möglichst
weite „Herrschaft“ desselben dem Wohl der Gemeinschaft dient. Die Möglichkeit
dauerhafter Störungen oder ein vitalpolitisches Versagen von Märkten wird ausge-
schlossen. Höchstens kurzfristig können Märkte in der neoliberalen Sicht des IMF
Informationen ineffizient verarbeiten. Daher forderte der Währungsfonds auch als
Konsequenz aus der Krise eine bessere Information der Marktteilnehmer und über-
liess die Sicherung der Wechselkurse dem Markt. Diese Selbstbeschränkung des
IMF reflektiert ebenfalls den dominanten Einfluss neoliberaler Ökonomen.744
Der IMF kritisierte daher auch die schwachen Finanzinstitutionen, die unzulängli-
chen Richtlinien für Banken und deren Aufsicht sowie komplizierte, undurch-
schaubare Verbindungen zwischen Regierungen, Banken und Unternehmen. Seiner
Ansicht nach würde nach einer strukturellen Reform der „Verwerfungen“ des Finanz-
sektors und nach einer Kürzung der Staatsausgaben der Markt wieder besser funk-
tionieren.745
Die Standardprogramme des IMF zielten folglich darauf ab, den Regierungen
„vorzuschreiben“ den Finanzsektor zu reformieren746 und mit einem Austeritäts-
programm die Staatsausgaben zu kürzen.747
“More Asian firms and banks [und Arbeitsplätze Anm. d. Verf.] could have survived the
748
crisis, if the IMF had not insisted on harsh austerity measures.”

742
Vgl. Willamson (2000: 4).
743
Vgl. Sautter (1994: 229).
744
Vgl. Dieter (1998: 75).
745
Vgl. Nellor (1998: 257f.).
746
Als Teil der Anpassungsprogramme, die der IMF in Zusammenarbeit mit der Weltbank und der
Asiatischen Entwicklungsbank mit den Krisenländern vereinbarte, kam es dann auch zu Struktur-
reformen im Finanz- und Unternehmenssektor in Indonesien, Südkorea und Thailand. Vgl.
Diehl/Nunnenkamp (2002: 5ff.).
747
Sachs (1997): “The Wrong Medicine for Asia”, in: The New York Times vom 3.11.1997.
748
Nunnenkamp (1998a: 68).

139
Weil aber nicht die Vitalpolitik im Vordergrund stand, sondern ökonomische Prin-
zipien, haben die Massnahmen des IMF für einen Grossteil der Bevölkerung die
Rechte der Lebensdienlichkeit eingeschränkt.749
In den asiatischen Krisenländern wurden auch Bereiche einer rigiden Behandlung
unterzogen, in denen keine Probleme zu verzeichnen waren. Diese Massnahmen
waren kontraproduktiv, da sich eine Rezession abzeichnete.750 Sie führten dann so-
gar dazu, dass die Länder verstärkt in die Rezession abglitten, ohne dass eine Ver-
besserung der Situation, in diesem Fall eine Stabilisierung der lebensdienlichen
Grundlagen der Bevölkerung, erreicht wurde.751
Gerade vor dem Hintergrund der jahrelang positiv bewerteten Fiskalpolitik in den
asiatischen Krisenländern ist es ungewöhnlich, dass der IMF eine weitere Straffung
dieser Politik verordnete. Höhere staatliche Ausgaben als Unterstützung für die Ar-
men wären sinnvoller gewesen.752 So ist die Fiskalpolitik für die Probleme der asiati-
schen Krisenländer verantwortlich gemacht worden, obwohl der IMF selbst noch An-
fang 1997 keine Notwendigkeit für die Straffung der Fiskalpolitik sah.753 Bei Eintreten
einer Krise ist dann, und nur so lässt sich das Verhalten des IMF interpretieren,
selbst ein staatlicher Überschuss im Haushalt nicht ausreichend. Die Krise wird so
per Definition zum Versagen des Staates, nicht zum Versagen des Marktes.
Obwohl der IMF in der Krise für die Regierungen der Schwellenländer allmächtig
erschien,754 funktionierten die IMF-Programme nicht so wie erwartet. Die Regierun-
gen akzeptierten sie zwar, setzten sie aber nur zögerlich und unwillig um. Haupt-
grund für diesen Widerwillen war, dass durch die Krise stark in Mitleidenschaft gezo-
gene Selbstwertgefühl der Regierungen. Die häufig in den letter of intent geregelten
Massnahmen wurden oft als Durchsetzung westlicher, manche würden sagen
kolonialistischer Interessen gedeutet.755
Mit dem massiven Einsatz von Krediten sollten eigentlich die Volkswirtschaften
vor dem Bankrott bewahrt werden, aber es wurden viel eher Verluste unvorsichtiger
Investoren verhindert. In erster Linie hat die vom IMF mit Krediten unterstützte Politik
den Finanzsektor saniert. Dafür sind massiv öffentliche Mittel eingesetzt worden.
Doch all diese Mittel waren öffentliche Gelder der Krisenländer und standen somit
nicht mehr für die dringend gebrauchten vitalpolitischen Massnahmen wie Lohner-

749
Ausgenommen sind in- und ausländische Gläubiger, die von den Massnahmen des IMF profitier-
ten, da sie ihre Darlehen zurückgezahlt bekamen.
750
Vgl. Nunnenkamp (1998a).
751
Litan (1998: 6).
752
Dies bestätigt auch Stanley Fischer. Fischer (1998d): “Lessons From a Crisis”, in: The Economist,
01.10.1998.
753
Vgl. IMF (1997: 3).
754
Vgl. dazu auch The Economist vom 19.04.2001: “Indonesia and the IMF - Twisting in the wind”.
755
Vgl. Rieger (2000: 25f.); vgl. Kap. 3.2.

140
satz und Gesundheitsfürsorge zur Verfügung.756 Der IMF hat als ein lender of first
resort757 fungiert, der die Gläubiger schonte und die betroffene Bevölkerung vergass.
“The peculiar genius of the IMF is to bail out those most responsible and extend the
758
greatest hardship to the workers, who are not responsible.”

Der IMF hatte Einfluss auf die Lebensbedingungen von über 350 Millionen Men-
schen in Indonesien, Südkorea, Thailand und den Philippinen genommen und 120
Mrd. USD an staatlich garantierten Krediten vergeben. Ohne eine Debatte mit den
Betroffenen hatte er eine harte makroökonomische Kontraktion verordnet. Jeffrey
Sachs charakterisiert diese IMF-Politik als „overkill”759 und betont in dem Zusammen-
hang, dass es keine sachlichen Gründe für das Ausmass der Krise gab:
“There is no ‘fundamental’ reason for Asia’s financial calamity except financial panic it-
self. Asia’s need for significant financial sector reform is real, but not a sufficient cause for
760
the panic, and not a justification for harsh macroeconomic policy adjustments”

In einer globalisierten Welt sind multilaterale Institutionen wie der IMF unerlässli-
che Akteure, denn wenn die Nationalstaaten an Bedeutung verlieren,761 können nur
auf multilateraler Ebene Rahmenbedingungen gestaltet werden, die die Chancen-
gleichheit für die schwächeren Staaten und Menschen verbessern. In der Bewälti-
gung der Asienkrise hat der IMF diese Aufgabe nicht erfüllt.
Die Politik des IMF hat es aufgrund des Ausschlusses der Betroffenen nicht ge-
schafft, die Folgen der Asienkrise gerecht auf alle Involvierten zu verteilen. Vielmehr
hat eine nicht mehr zeitgemässe, in erster Linie nur den währungspolitischen Fragen
verpflichtete IMF-Politik einseitig die Investoren unterstützt. Der IMF hätte in Zusam-
menarbeit mit den asiatischen Ländern die Verantwortung gehabt, allen Betroffenen
zu helfen.
Das fundamentale Marktverständnis des IMF wird bei der Analyse seiner explizi-
ten Krisenerklärungen deutlich.762 Anfang 1998 war für Stanley Fischer, damaliger
Vizedirektor des IMF, eine Ursache der Krise, das Unvermögen der asiatischen Län-
der Überhitzungserscheinungen in ihrer Volkswirtschaft zu dämpfen. Dies habe zu
„hohen Leistungsbilanzdefiziten“ und zu überteuerten Aktien und Immobilien geführt.
Die Bindung der Währungen an den Dollar sei zu lange aufrechterhalten worden.
Dies habe zu einer Kreditaufnahme im Ausland bei Nichtberücksichtigung des Wech-
selkursrisikos geführt. Verschärft worden sei die Krise durch schlechtes Krisen-
management und eine schwache Bankenaufsicht. Die Ursachen für die Asienkrise

756
Vgl. Gerster (1998: 25).
757
Vgl. Bhagwati (1998: 12).
758
Galbraith (1998: B4).
759
Vgl. Sachs (1997a: 3).
760
Vgl. Sachs (1997a: 2).
761
Vgl. Kap. 2.1.4.
762
Vgl. zu den Krisenerklärungen auch die „World Economic Outlooks“ des IMF aus den Jahren 1997
und 1998, veröffentlicht im Internet unter www.imf.org.

141
lägen demnach vor allem in der falschen Wirtschaftspolitik der asiatischen Länder,
seien „mostly homemade”.763
Diese Analyse Fischers ist für eine Reihe von Entwicklungen in Asien nicht völlig
falsch, insgesamt aber bleibt die Analyse unzureichend. Die Einschätzung, die Lei-
stungsbilanzdefizite seien zu hoch, wird von Fischer nicht weiter begründet. Der IMF
geht über eine durchaus berechtigte Kritik an hoher Kreditaufnahme im Ausland nicht
hinaus und bleibt eine konkrete Einschätzung schuldig. Die Leistungsbilanzdefizite in
den asiatischen Krisenländern waren zwar hoch, aber weder höher als in früheren
Jahren noch höher als in anderen Ländern. Fischer gibt keinen Hinweis darauf, ab
welchem Wert ein Leistungsbilanzdefizit als gefährlich betrachtet werden muss. Da
die Kreditaufnahme im Ausland dazu dienen kann, Investitionen zu finanzieren, also
die Lücke zwischen inländischer Ersparnis und inländischen Investitionen zu schlies-
sen, können ausländische Investitionen auch aus vitalpolitischen Gesichtspunkten
sinnvoll sein. So können notwendige Investitionen in Infrastruktur (Krankenhäuser,
Schulen) frühzeitig finanziert werden.
Die Aussage, die Probleme in den asiatischen Krisenländern seien hausgemacht,
zeigt erst auf den zweiten Blick, worum es Fischer eigentlich ging. Er wollte die Art
und Weise des Intervenierens des IMF in der Asienkrise rechtfertigen. Das Ausblen-
den des Versagens sowohl ausländischer Investoren als auch der Überreaktion der
Märkte in Bezug auf die Wechselkurse der Währungen lässt nur noch oben genannte
Erklärungsmuster gelten. Nur wenn die Probleme nicht von den internationalen Fi-
nanzmärkten und deren zunehmender Volatilität, sondern von schlechter Wirt-
schaftspolitik verursacht worden wären, dann wäre das Eingreifen des IMF gerecht-
fertigt gewesen und die Forderung nach einer Neugestaltung des internationalen Fi-
nanzsystems aufgrund der Verfehlungen in der Asienkrise nicht notwendig.
Auch in einer anderen Erklärung lagen für den IMF nicht die Märkte falsch, son-
dern die Regierungen, die Marktsignale (welche?) ignorieren würden:
”A key lesson from these episodes is that even if markets on occasion may appear to
overreact, at least when viewed with hindsight, investors may well be acting in a prudent
manner, particularly when governments initially ignore the signals the markets provide.
Indeed, markets clearly have a useful role to play in alerting governments to the need for
timely action, and their strong reaction may be necessary to focus the attention of poli-
cymakers on the need for corrective measures. This further underscores the need for
764
policy discipline to avoid adverse and costly market reactions.”

Die Märkte in Asien haben aber nicht die Signale geliefert, die der Politik hilfrei-
che Hinweise gegeben hätten. An dieser Stellungnahme kann man leicht erkennen,
dass die Ideologie des IMF, wirtschaftliche Probleme stets als Folge von wirtschafts-
politischen, d.h. staatlichen Fehlentscheidungen darzustellen, auch in der Asienkrise
angewendet wurde. Liberalisierungen der Finanzmärkte werden nicht als mitverant-
wortlich für die Krise gesehen. Im Gegenteil, der IMF geht soweit, die Liberalisierun-

763
Fischer (1998e); Fischer (1998c).
764
IMF (1997: 5). Hervorhebung durch den Verfasser.

142
gen der Finanzmärkte als eine Massnahme zur Stabilisierung zu betrachten, weil
einheimische Investoren dann die Chance hätten, Geld im Ausland zu investieren,
was wiederum die Gefahr eines spekulativen Booms, wie in Thailand, reduzieren
würde.765 Ausgeblendet werden aber andere Facetten der Liberalisierung des Fi-
nanzmarktes, insbesondere die Zunahme der Volatilität durch den Zufluss von nur
kurzfristig gebundenem Kapital aus dem Ausland.766
Im April 1998 hat der IMF seine Krisenerklärung modifiziert. Seitdem wurde ver-
mehrt auf die Schwächen und Fehler in den Finanzsektoren der Krisenländer hinge-
wiesen:
“A combination of inadequate financial sector supervision, poor assessment and man-
agement of financial risk, and the maintenance of relatively fixed exchange rates led
banks and corporations to borrow large amounts of international capital, much of short-
767
term, denominated in foreign currency, and unhedged.”

Dieser Analyse ist ebenfalls nicht uneingeschränkt zuzustimmen. Es ist unange-


messen, nur die Schuldnerseite zu betrachten. Wenn „ungenügende Aufsicht des
Finanzsektors“ und „mangelhafte Bewertung von Kreditrisiken“ nur bei den Schuld-
nern bemängelt werden, ist das einseitig und willkürlich. Die privaten Gläubiger und
deren Aufsichtsbehörden haben die Krise ebenso wenig vorausgesehen.
Alles in allem zeigen die Krisenerklärungen des IMF, dass er als eine zentrale In-
stitution der internationalen Finanzmärkte das eigentliche Problem nicht erkennen
möchte. Angesichts der neuen Dimension von Krisen auf den internationalen Fi-
nanzmärkten versagen die herkömmlichen Erklärungsmuster und die angebotenen
Massnahmen des IMF zur Rettung liefen bei der Asienkrise ins Leere. Es geht nicht
allein um die Frage nach der richtigen Konzeption effizienter Systemsteuerung,768
sondern in erster Linie um die existentielle Grundfrage nach einer lebensdienlichen
Gestaltung der globalen Finanzmärkte. Erst wenn man sich dieses Problems be-
wusst wird, lassen sich alternative Ansätze finden, Krisen wie in Asien möglichst zu
vermeiden. Treten Krisen dennoch ein, sollte ihnen mit lebensdienlichen Massnah-
men entgegentreten werden, denen alle Betroffenen zustimmen könnten.
Die Ursachen des Verhaltens des IMF liegen im so genannten „Konsens von
Washington“769. In ihm haben sich Anfang der 1990er Jahre IMF und Weltbank auf
ein Massnahmenbündel geeinigt, das die westlichen Staaten seitdem als globales
Programm vorantreiben. In diesem Bündel sind jene Wirtschaftspolitiken zusammen-
gefasst, die sich aufgrund der Erfahrung der Bretton-Woods Institutionen der vorher-
gehenden 20 Jahre und unter der Ägide der in der amerikanischen Hauptstadt täti-
gen multilateralen Kreditinstitute als entwicklungsfördernd erwiesen haben. Der Kon-

765
IMF (1997: 3).
766
Vgl. Dieter (1998: 90).
767
IMF (1998a: 1).
768
Vgl. Ulrich (1993: 100).
769
Dieser Begriff wurde von John Williamson vom Institute for International Economics 1990 geprägt
und umfasst zehn wirtschaftspolitische Leitlinien, die ursprünglich für wirtschaftliche Reformen in
Lateinamerika als Wegweiser dienten. Vgl. Williamson (1990a).

143
sens charakterisierte zugleich den Abschied von einer Entwicklungstheorie, die den
Gegenstand ihres Interesses als speziell und als vom Gang der „normalen Wirt-
schaftstheorie“ abweichend betrachtet hatte. In der neuen Sicht gelten Entwicklungs-
länder nicht mehr als verschieden von den Industrieländern. Ihre Wirtschaften gehor-
chen vielmehr gleichen Gesetzmässigkeiten und wirtschaftspolitische Empfehlungen
gelten für den Norden genauso wie für den Süden.770 Nach dem Washingtoner Kon-
sens sind eine straffe Fiskal- und Geldpolitik, Freihandel sowie freier Kapitalverkehr
und Privatisierung die besten Voraussetzungen für einen Übergang von Armut zu
Wohlstand. Grundprinzip dieses gentlemen agreement ist die Erwirtschaftung von
Leistungsbilanzüberschüssen. Diese Überschüsse sollen dazu dienen, den Schul-
dendienst gegenüber ausländischen Gläubigern leisten zu können. Folgende Grund-
elemente werden dabei empfohlen:771
• die Reduzierung der Inflationsrate,
• die Verringerung des Haushaltsdefizits durch Konzentration der öffentlichen
Ausgaben auf Programme mit erwiesenem wirtschaftlichen Nutzen und dem
Potenzial zur Verbesserung der Einkommensverteilung (wie Gesundheit, Er-
ziehung und Infrastruktur),
• eine Steuerreform mit einer Senkung der Grenzsteuerbelastung sowie einer
Ausweitung der Steuerbasis,
• die Korrektur von Preisverzerrungen,
• Gewährung von privaten Eigentumsrechten und Privatisierung von nicht für
Kernaufgaben des Staates gebrauchte öffentliche Einrichtungen,
• Deregulierung, wettbewerbsfähige Wechselkurse,
• Handelsliberalisierung - insbesondere die Öffnung des einheimischen Marktes
für ausländische Direktinvestitionen,
• die Erhöhung des Realzinsniveaus durch die Gewährleistung eines freien
Geldmarktes und einer freien Zinsbildung.
Der Konsens erscheint als ein rigides Regelwerk, das nicht erlaubt, Rücksicht auf
das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Gefüge eines Landes zu nehmen.772 Beim
Transformationsprozess der früheren Ostblockstaaten, vor allem in den Nachfolge-
staaten der UdSSR, setzte der IMF die Politik des Konsenses konsequent durch.
Obwohl Ökonomen ausserhalb des IMF unterschiedliche Rezepte für den Transfor-
mationsprozess vorgelegt hatten, setzte der Fonds seine Empfehlungen allein schon

770
Vgl. Agenor/Montiel (1996). Sie betonen besonders die vereinigte Sichtweise von Industrie- und
Entwicklungsländer.
771
Vgl. Donges/Menzel/Paulus (2003: 14f.).
772
Vgl. Stiglitz (2002: 17f.). Vgl. auch NZZ vom 28.05.2002: „Immer komplexeres Weltbild der Welt-
bank“, S. 9. Auch ist die starke Orientierung auf Preisstabilität sowie die Vernachlässigung von
Wachstum und Stabilität der Produktion zu bemängeln. Es wird übersehen, dass die Stärkung der
Institutionen des Finanzsektors für die Stabilität einer Ökonomie von zentraler Bedeutung ist. Vgl.
Stiglitz (1998a).

144
deshalb durch, weil er die Übernahme dieser mit finanziellen Anreizen belohnte.773
Doch die magere Bilanz der marktwirtschaftlichen Reformen in Osteuropa und die
Folgen der Asienkrise haben das Misstrauen gegen die „über einen Leisten geschla-
genen“ Rezepte aus Washington erhöht.774 Die uniformen policy packages haben die
bis dato erfolgreichen asiatischen Entwicklungsländer, nicht zuletzt durch die Forde-
rung nach Deregulierung der Finanzmärkte, nicht nur wirtschaftlich ins Desaster ge-
zogen.
Der Begriff des Konsenses deutet auf das Einverständnis nicht nur der Institutio-
nen von Bretton-Woods, sondern auch der in Washington ansässigen Banken, der
grossen Wirtschafts- und Politikberatungsinstitutionen und natürlich der US-
Regierung hin. Diese Anerkennung zeigt auch den immer grösser werdenden Ein-
fluss auf Weltbank und IMF seit Anfang der 1990er Jahre durch ihre bedeutendsten
Mittelgeber, insbesondere durch die USA.775 Auch die verschuldeten Länder sind am
Konsens beteiligt. Sie erhalten die Strukturanpassungs- oder Umschuldungskredite
nur, wenn sie ihr Einverständnis zu den IMF-Massnahmen geben (letter of intent).776
Der Konsens von Washington zeigt deutlich das Ungleichgewicht zwischen Ge-
ber- und Nehmerländern. Der „Wall Street - Treasury Complex“777 auf der einen Seite
diktiert förmlich seine Interessen allen Ländern. Wer sich nicht den Zwängen beugen
will oder kann, der hat kein Anrecht auf den „Segen“778 der globalen Kapitalströme.
Mit Hilfe des Konsenses von Washington können die Länder des kapitalistischen
Nordens ihre finanz- und währungspolitischen Interessen - bisweilen auch noch an-
dere - in den Ländern des Südens über nationale Grenzen hinweg zur Geltung brin-
gen. Offensichtlich wird hier die Verantwortung der Industrienationen gegenüber der
Dritten Welt übergangen, eine Verantwortung, die nicht zuletzt auf dem durch die
Austauschbeziehungen hervorgerufenen Reziprozitätsprinzip779 beruht. Was viele
dabei aber gerne übersehen wollen, sind die daraus resultierenden Pflichten.
Die Asienkrise hat gezeigt, dass der Konsens von Washington, an dem sich die
Massnahmen des IMF orientierten, neu überdacht werden muss. Die Rolle des IMF
ist durch die Krise in Frage gestellt. Seine Massnahmen, die auf einer neoliberal ge-
prägten Erklärung beruhten, haben nicht den Erfolg gezeigt, den sich die Betroffenen
in den Krisenländern gewünscht hätten.

773
Vgl. Dieter (1998: 75).
774
Niggli (2001): „Mit mehr Markt zum Entwicklungserfolg? - Falscher Gegensatz von Markt- und
Staatswirtschaft“, in: NZZ vom 08.08.2001, S. 21.
775
Vgl. Stiglitz (2002: 102); vgl. auch The Economist vom 16.09.1999: “Sick patients, warning doc-
tors”.
776
Vgl. Altvater/Mahnkopf (1996: 190f.).
777
Bhagwati (1998).
778
Vgl. NZZ vom 23.06.2000: „Globale Kapitalströme – Fluch oder Segen“, S. 27.
779
Vgl. Homann/Blome-Drees (1992: 85).

145
„Im fairen Wettbewerb soll kein anderer Zwang
als der des besseren Angebots zählen -
aber es muss ja nicht überall im Leben Wettbewerb herrschen.“
(Peter Ulrich 1997)

4 Auf dem Wege zu einer neuen Finanzarchitektur der


Weltwirtschaft
Wenn es eine faktische Tendenz zur Unterordnung der Politik unter die Logik des
Marktes gibt, muss man sie als ein ordnungsethisches Problem und als Herausforde-
rung erkennen. In Asien ist diese Unterordnung zum Teil durch autoritäre politische
Führer akzeptiert und sogar noch forciert worden. Neue Orte deliberativer Politik wie
Aufsichtsgremien, die im Zuge einer Deregulierung der Finanzmärkte dringend not-
wendig gewesen wären, wurden nicht eingerichtet. Die Folgen hatte in erster Linie
die Bevölkerung zu tragen. Durch Abwahl oder Sturz wurden zwar auch einige Politi-
ker „bestraft“, wer aber ungeschoren davon kam, waren die Institutionen und Staaten
sowie zum Teil die Investoren der westlichen Welt, die Asien zu einer Deregulierung
gedrängt hatten.
Allen aber bot die Asienkrise Anlass, über eine neue Architektur des Weltfinanz-
systems nachzudenken. Eine Analyse der Lebensdienlichkeit der Vorschläge, die im
Nachgang zur Asienkrise geäussert worden sind, ist der erste Schwerpunkt des letz-
ten Teils dieser Arbeit (4.1). Als zweiter Schwerpunkt wird ein eigener Vorschlag für
eine Gestaltung der Architektur skizziert, der die Diskussion über eine neue Rah-
menordnung weiter anregen und beleben möchte (4.2) und der sich den eingangs
entwickelten Kriterien einer als lebensdienlich verstandenen Ordnungspolitik an-
schliesst.780 Dieser Vorschlag stellt sich damit bewusst gegen ordnungspolitische
Forderungen, die überwiegend auf Deregulierung und marktförmige Lösungen set-
zen und insbesondere für Entwicklungs- und Schwellenländer nicht geeignet sind, da
sie erhebliche Risiken für deren stabile und nachhaltige Entwicklung beinhalten.781

4.1 Gestaltungsvorschläge auf dem Prüfstand der Lebensdienlich-


keit
Das Treffen von Bretton-Woods kann als Anfang einer ganzen Reihe von Gestal-
tungsvorschlägen zum internationalen Finanzsystem betrachtet werden. Doch im
Gegensatz zur dort umgesetzten Welt-(währungs-)ordnung mit ihren Institutionen
IMF und Weltbank sind die Vorschläge, die im Nachgang der Asienkrise geäussert
worden sind, bis heute kaum über den Diskursstatus hinausgekommen.782

780
Vgl. Kap. 1.4.2.4.
781
Vgl. Dieter (1999: 5).
782
Vgl. exemplarisch die Diskussion über ein Staateninsolvenzverfahren in Schneider (2003).

146
Es ist interessant, diesen Diskurs aus wirtschaftsethischer Perspektive näher zu
betrachten, gerade dann, wenn die Vorschläge auf ihre Sozial- und Demokratiever-
träglichkeit hin geprüft werden. Somit belässt es diese Untersuchung nicht bei einer
auf ‚monetäre Grössen’ reduzierten, ökonomischen Analyse. Auch hier zeigt sich,
dass der Ansatz der Integrativen Wirtschaftsethik wieder als Heuristik dienen kann,
ebenfalls dadurch, dass die bereits vorgestellten normativen und funktionalen Prä-
missen bei der Analyse hinzugezogen werden.783 Wichtigstes Kriterium ist dabei, ob
sie die Anforderung der Lebensdienlichkeit erfüllen und das Primat der Politik vor der
Logik des Marktes beibehalten oder wieder herstellen. Die funktionale Analyse ist
also eingebettet in die ethisch-politische.
Denn nicht die machtvolle Durchsetzung der eigenen Interessen darf bei den
Vorschlägen im Vordergrund stehen, sondern die Legitimität der Vorschläge durch
die Zustimmung aller Betroffenen aus ethisch-vernünftigen Gründen. Diese Analyse
wird hier gewissermassen in stellvertretender Alleinverantwortung durchgeführt.
Denn der Ort oder besser noch das Fundament auf dem ein lebensdienlicher Vor-
schlag aufbauen muss, ist die „räsonierende Öffentlichkeit“784. Nur so ist es möglich,
konfligierende Interessen auszugleichen. Zwingend ist auch die Prüfung, dass bei
der vorgeschlagenen Implementierung die Kriterien der Lebensdienlichkeit beachtet
werden. Die funktionale Analyse darf dabei die ausserökonomischen Werte nicht aus
den Augen verlieren.
Diese Arbeit unterscheidet sich deshalb von den meisten bisherigen Analysen
der Vorschläge zur Gestaltung einer neuen Finanzarchitektur.785 Diese prüfen die
Vorschläge zumeist nur auf ihre ökonomische Effizienz und die Chancen einer Um-
setzung. Sie bleiben bei ihrer Begründung im ökonomistischen Zirkel gefangen. Es
greift zu kurz, wenn ein Vorschlag gutgeheissen oder verworfen wird, nur weil er öko-
nomisch effizient resp. nicht effizient ist. Grundsätzlich muss ein Vorschlag sich im-
mer an den Kriterien des „Guten Lebens“ orientieren.
Die folgende Analyse von Vorschlägen bezüglich einer neuen Finanzarchitektur,
teilt diese zunächst in zwei Themenkategorien. Zuerst werden Anregungen zur Ein-
richtung neuer Institutionen oder zur Neudefinition alter Institutionen analysiert
(4.1.1), anschliessend werden Empfehlungen zur Regulierung des Kapitalverkehrs
untersucht (4.1.2). Ergänzt werden diese Themenbereiche durch eine Prüfung von
Vorschlägen, die sich nicht eindeutig in diese Klassifizierung einordnen lassen, aber
dennoch für die Diskussion um eine neue Finanzarchitektur von Interesse sind
(4.1.3). Hervorzuheben wären darunter vor allem die Vorschläge des IMF und der
G7-Gruppe786, die gleichzeitig mehrere Massnahmen für eine Reform vorschlugen. In

783
Vgl. Kap. 1.4.2.4.
784
Habermas (1962).
785
Vgl. Eichengreen (1999); Rogoff (1999); Siebert (2001).
786
Diese Gruppe umfasst die sieben führenden Industrienationen (USA, Japan, Deutschland, Frank-
reich, Grossbritannien, Italien und Kanada).

147
der folgenden Untersuchung werden Vorschläge nicht berücksichtigt, die wenig ela-
boriert waren. Eine ethisch-kritische Untersuchung derselben wäre spekulativ.787

4.1.1 Neue Institutionen für den globalen Finanzmarkt


Die existenten globalen Institutionen wie IMF oder Weltbank sind zwar internatio-
nal, aber nicht kosmopolitisch, d.h. „…sie gründen auf Interessenabsprachen zwi-
schen Nationalstaaten und ihren Repräsentanten. (…) In solchen Metainstitutionen
bilden nicht die Bürger den Souverän, sondern die Staaten.“788 Daher werden norma-
tive Gesichtspunkte einer gelingenden kosmopolitischen Grundordnung und daraus
abzuleitende vitalpolitische Rahmenbedingungen des globalen Finanzmarktes von
globalen Institutionen systematisch ausgegrenzt, weil deren Politik durch jene Parti-
kularinteressen dominiert wird, die einen normativ „entfesselten“ Finanzmarkt wol-
len.789 Der Einfluss der Institutionen auf die Wirtschaftspolitik und die wirtschaftliche
Entwicklung ihrer Mitglieder ist geringer als häufig unterstellt wird. An ihren eigenen
Ansprüchen gemessen ist die Erfolgsbilanz der bestehenden Institutionen wie des
IMF recht dürftig. Eine Reform der alten und eine Etablierung neuer Institutionen
scheint aus den gerade aufgezeigten Gründen geboten.790 Es sind mehrere Vor-
schläge im Nachgang zur Asienkrise gemacht worden.

4.1.1.1 Ein „neuer“ Internationaler Währungsfonds


Die Uneinigkeit darüber, ob der IMF ausgeweitet791, eingeschränkt792, neu orga-
nisiert793 oder ganz abgeschafft794 werden soll, ist verständlich in einer Zeit, in der
das Wirkungsfeld des IMF sich nachhaltig verändert hat.795 Ein öffentlicher Diskurs
über eine neue Rolle des IMF wird geführt.796 Manche fordern sogar eine Privatisie-
rung des IMF, da er nur private Anleger schütze.797 Andere möchten die Finanzhilfen
des IMF auf Länder begrenzen, die eine solide Wirtschaftspolitik verfolgen und mit
dem IMF zusammenarbeiten.798
Zunächst wäre es lebensdienlicher, wenn der IMF seine Politik transparenter ges-
talten würde. Die Geheimhaltung der IMF-Programme verhindert eine offene Diskus-
sion über die Chancen dieser Reformmassnahmen. Es ist nicht legitim, wenn eine
mit öffentlichen Mitteln finanzierte Organisation anderen, jedoch nicht sich selbst,

787
Vgl. für weitere Vorschläge Eichengreen (1999) oder die bereits erwähnte Webseite von Roubini.
788
Bohman (1996: 108).
789
Vgl. Ulrich (2001: 382ff.).
790
Vgl. Nunnenkamp (2002).
791
Camedessus (1998a); Fischer (1999).
792
Nunnenkamp (2002).
793
Feldstein (1998); Stiglitz (2002).
794
So die extreme Forderung von Shultz/Simon/Wriston (1998): “Who needs the IMF?”, in: The Wall
Stret Journal vom 03.02.1998, S. A22; Schwartz (1998); Edwards (1998).
795
Vgl. Kap. 3.6.
796
Selbst Stanley Fischer erkennt den Reformbedarf des IMF. Vgl. Fischer (1998d): “Lessons from a
crisis”, in: The Economist vom 01.10.1998.
797
Vgl. Dieter (1998a: 29).
798
Vgl. Meltzer (1998).

148
Transparenz verordnet.799 Eine Neukonzeption der Programme des IMF ist ebenfalls
erforderlich. Sie sollten sich stärker als bisher mit der Frage beschäftigen wie ein
Marktversagen integrativ, d.h. nachhaltig im Sinne der Lebensdienlichkeit, korrigiert
werden kann, statt zu versuchen, die „Effizienz“ der Märkte wiederherzustellen.800
Strukturpolitische Massnahmen sind Aufgabe der Weltbank und sollten dies auch
bleiben. Denkbar wäre eine Fusion von Teilen des IMF mit der Weltbank. Eine Tren-
nung der Kreditgewährungsfunktion von der Beratungsfunktion ist sinnvoll, da sonst
eine Interaktion von Finanzmacht und Wirtschaftspolitik auftritt.801
Eine Abschaffung oder Privatisierung des IMF ist zwar diskutabel, doch ist dabei
zu bedenken, dass er eine der wenigen globalen Institutionen ist, die Einfluss auf die
internationalen Kapitalströme ausüben kann. Eine Abschaffung oder Privatisierung
könnte eine Lücke innerhalb der Institutionen der internationalen Finanzmärkte hin-
terlassen, so dass kaum einer mehr die (moralische) Verantwortung übernimmt, Län-
der, insbesondere deren Bevölkerung, die von eine Finanz- und Wirtschaftskrise be-
troffen sind, zu unterstützen. Ein neuer IMF sollte aber nicht mehr verantwortungslos,
wie in der Asienkrise, die Gelder nach dem Giesskannenprinzip verteilen, sondern
hätte die Pflicht, gezielt die wirklich (unschuldig) Betroffenen zu unterstützen.802 Nicht
funktionalistisch sollte der IMF seine Politik gestalten, d.h. die Effizienz der Märkte
erhöhend, nicht (nur) korrigierend, also bei Marktversagen die Effizienz wieder her-
stellend, sondern integrativ, indem er auf den globalen Finanzmärkten lebensdienlich
eingreift.

4.1.1.2 Ein lender of last resort oder „tiefe Taschen“


Im Verlauf der Asienkrise wurde das Konzept eines internationalen lender of last
resort diskutiert.803 Der Begriff lender of last resort wird heutzutage nicht eindeutig
verwendet. Ursprünglich verleiht ein lender of last resort (a) frei, (b) an Banken, die
zwar in Not geraten aber noch zahlungsfähig sind, (c) gegen Sicherheiten und (d) mit
einem Strafzinssatz Geld. Zahlungsunfähige Banken werden nicht unterstützt. Nur
gesunden Banken, die in Liquiditätsschwierigkeiten geraten sind, wird beigestan-
den.804
Ein lender of last resort kann eine Bankenkrise verhindern, wenn den betroffenen
Banken im Falle eines Bank-Run ausreichend Liquidität zur Verfügung gestellt wird

799
Vgl. Sachs (1997a: 1).
800
Vgl. Feldstein (1998: 4).
801
Dieter (1998a: 28).
802
Vgl. The Economist vom 08.10.1998: “Lender without limit - Should the IMF be bigger or smaller—
or somewhere in between?”.
803
Der Vorschlag ist inspiriert durch Mishkin (1994). Nach der Asienkrise wurde er aufgenommen von
Meltzer (1998); Calomiris (1998); Giannini (1999); Fischer (1999). Vgl. auch Garten (1998): “In
This Economic Chaos, A Global Central Bank Can Help”, in: International Herald Tribune vom
25.09.1998, S. 8.
804
Vgl. Capie (1998: 311ff.).

149
resp. deren Einlagen garantiert werden. 805 Das Vertrauen auf ein bailout der Banken
durch einen lender of last resort nimmt den Einlegern den Anreiz, an einem Ban-Run
teilzunehmen und verhindert damit dessen Entstehung. Damit muss die Bailout-
Zusage der Theorie praktisch nie eingelöst werden. Wenn aber Banken, wie in der
Asienkrise geschehen, in ausländischer Währung denominierte Kredite aufnehmen,
nehmen sie der inländischen Zentralbank die Möglichkeit, als lender of last resort zu
fungieren. Die Zentralbank verfügt nur über begrenzte Devisenreserven und kann
kein ausländisches Geld schöpfen,806 um es anschliessend einer in Not geratenen
Bank zur Verfügung zu stellen. Deshalb könnte eine globale Institution wie der IMF
als internationaler lender of last resort auftreten. Die Existenz solch einer letzten in-
ternationalen „Zufluchtsmöglichkeit“ könnte die spekulativen Attacken abwehren, da
die Kredite genau wie bei einem nationalen lender of last resort einem Ansturm der
internationalen Gläubiger standhielten. So würden nur wenige Länder dieses bailout
in Anspruch zu nehmen brauchen.807
Sollte es doch zu einem bailout kommen, ist aus wirtschaftsethischer Perspektive
die Umverteilung der Mittel zu bewerten. Durch das bailout profitieren die Gläubiger
einer Bank, insbesondere die, die „zu spät“ ihre Ansprüche angemeldet haben. Die
Mittel für das bailout, die vom lender of last resort zur Verfügung gestellt werden,
sind letzten Endes Mittel der Allgemeinheit. Es bleibt die Frage in einem deliberativen
Prozess zu klären, ob Mittel der Allgemeinheit (Steuergelder) für das „Herausschla-
gen“ einiger weniger Gläubiger verwendet werden sollten. Einem bailout müsste zu-
gestimmt werden, wenn die Stabilität des ganzen Finanzsektors eines Landes ge-
fährdet ist, da durch einen Zusammenbruch die Kosten für die sozialen Folgen höher
sein könnten als die Mittel, die für das bailout eingesetzt würden.
Es wird zwar angeführt, dass bei einem internationalen lender of last resort die
Gefahr einer verzerrten Anreizstruktur besteht, da die nationalen Bankaufsichten
möglicherweise weniger strikt erfolgen und so die Kosten einer Liquiditätskrise nicht
ausschliesslich von den nationalen Regierungen getragen werden müssten. Im Ex-
tremfall könne die Etablierung eines internationalen lender of last resort damit gera-
dezu ursächlich für eine Finanzmarkt- und Währungskrise sein und die genau gegen-
teilige der ursprünglich beabsichtigten Wirkung haben.808 Doch da die Hauptfunktion
eines lender of last resort in den industrialisierten Ländern die eines „Krisenmana-
gers“809 ist und für diese Rolle keine grossen Mengen an Kapital benötigt werden,
sollte die gerade geschilderte Problematik nicht überschätzt werden. So erfolgte bei
den meisten neueren Bankenkrisen das bailout überwiegend über eine konzertierte
Aktion von Kapitalgebern, dementsprechend hatte niemand „tief in die Tasche grei-

805
Vgl. Diamond/Dybvig (1983).
806
Vgl. Eichengreen (1998).
807
Vgl. Rogoff (1999: 13).
808
Vgl. Rogoff (1999).
809
Vgl. Fischer (1999); Giannini (1999).

150
fen“ müssen.810 Eine internationale Institution (wie der IMF) bräuchte im konkreten
Fall ebenfalls keine grosse Menge an Kapital.811
Aus der Perspektive der Lebensdienlichkeit betrachtet ist der Ruf nach einem in-
ternationalen lender of last resort, sei es als letzte „Zuflucht“ oder als Krisenmanager,
sinnvoll. Doch sollten bei einem bailout durch einen internationalen lender of last re-
sort nicht einfach nur die Einleger geschützt werden, sondern es sollte ebenso darauf
geachtet werden, dass genügend Mittel für die von einer Finanzkrise wirklich existen-
tiell Betroffenen zur Verfügung stehen. Wenn die Rolle des IMF in der Asienkrise ge-
nauer betrachtet wird, ist zu erkennen, dass er die Funktion eines Krisenmanagers
schon praktiziert hatte. Sie wurde von ihm nur nicht lebensdienlich ausgefüllt.
Die Einrichtung eines lender of last resort besitzt für eine funktionale Analyse das
Phänomen des moral hazard812. Das Vertrauen auf ein bailout durch einen lender of
last resort kann für die geschützten Banken den Anreiz schaffen, Kredite für über-
mässig risikoreiche Investitionen bereit zu stellen. Das „Problem“ moral hazard lässt
sich nicht strategisch lösen, sondern muss verständigungsorientiert angegangen
werden. Denn, wenn Banken nach lebensdienlichen Kriterien ihre Kredite vergeben
würden und nicht das Gewinnprinzip als Maxime verfolgten, bestünde die Gefahr des
moral hazard nicht mehr.

4.1.1.3 Ein Internationaler Konkursgerichtshof


Während einer Finanzkrise kommt es zu einer Art Konkurs der Schuldner oder
gar ganzer Länder. Deshalb wurde von mehreren Ökonomen über die Einsetzung
eines internationalen Konkursgerichtshofes nachgedacht.813 Dieser soll eine Art in-
ternationale Schlichtungsstelle sein mit Sitz in einem neutralen Land, das weder
Gläubiger noch Schuldner ist. Diese Institution soll die Autorität besitzen, im Ange-
sicht einer Krise einen Stillstand der Schuldenrückzahlung auszurufen. Gleichzeitig
soll sie die Parteien zu einem (Zahlungs-)ausgleich zwingen können, wenn diese
sich nicht auf freiwilliger Basis einigen.
Die Grundidee ist wie bei einem normalen Konkurs die, einem Schuldner etwas
Zeit zu verschaffen, um die Ansprüche der Gläubiger zu befriedigen. Dies kann der
Schuldner besser, wenn er sein Vermögen nicht unter Zeitdruck und Zwang veräus-
sern muss, sondern Zeit hat den Marktpreis zu verlangen. Der Schuldner hat auch
Zeit neue Kredite aufzunehmen.814

810
Goodhart/Shoenmaker (1995).
811
Vgl. Rogoff (1999: 14).
812
Vgl. 3.4.3.
813
Vgl. Raffer (1990). Erste Gedanken formulierte Kampffmeyer (1987). Vgl. auch die beiden Artikel
von Miller/Zhang (1997) und dies. (1998). Auch Sachs (1995) hatte vor der Asienkrise diese Insti-
tution erwähnt. Nach der Krise haben Chari/Kehoe (1998) diesen Vorschlag detailliert ausgearbei-
tet.
814
Vgl. Sachs (1995).

151
Ein Konkursgerichtshof bietet somit einen neuen Weg an, Schulden in Folge ei-
ner Finanzkrise zu befriedigen. Auch die Vermittlung zwischen Gläubigern und
Schuldnern, um so einerseits die Situation für die Schuldner zu entschärfen und an-
derseits die legitimen Ansprüche der Gläubiger zu befriedigen, ist eine unterstüt-
zenswerte Idee. Denn materielle Interessenkonflikte können in Form von Kompro-
missen gelöst werden. Im Unterschied zu einem bloss strategischen Kompromiss
(als Ergebnis von Verhandlungen unter gegebenen Machtverhältnissen) beruht ein
deliberativ erzielter Kompromiss auf dem Basiskonsens über Fairness-
Bedingungen.815 Unter Berücksichtigung der moralischen Rechte und der konkreten
Selbstbehauptungsprobleme der Gläubiger und Schuldner ist der Kompromiss vor
einem Konkursgerichtshof für beide Seiten in gleichem Mass zumutbar, also legitim
und akzeptabel.816
Ein Konkursverfahren zu entwickeln, das auch die privaten Gläubiger in die
Pflicht nehmen kann, fördert die gerechtere Verteilung der Lasten bei einer Finanz-
krise.817 Ein Konkursgericht hat während einer Schuldenkrise die ähnliche Funktion
wie ein lender of last resort. Es besitzt aber gegenüber dem Vorschlag des lender of
last resort den moralischen Vorteil, dass es auf Verständigung setzt und nicht auf
das strategische Kalkül der Akteure, da es der Schuldnerseite „Gehör“ verschafft. Ein
Konkursgericht sollte daher nicht nur korrigierend im Sinne der Markteffizienz eingrei-
fen, sondern muss die lebensdienlichen Rechte der Schuldner und der Gläubiger
schützen.
In einigen Punkten zeigt sich aber die Schwäche dieses Vorschlags oder besser
dieses Vergleichs. Eine nationale Konkursverwaltung kann Vermögen beschlagnah-
men und Manager entlassen. Eine internationale Konkursverwaltung wird schwerlich
in die Souveränität eines Landes eingreifen und Vermögen beschlagnahmen und
den „Vorstand“ entlassen können. Zwar gibt es Analogien zu einem Firmenkonkurs,
doch der entscheidende Gegensatz Zwangsverwaltung versus Souveränität bleibt
ungeklärt. Erst wenn ein Gerichtshof von allen Seiten legitimiert wäre, würde er auch
die Akzeptanz in den Schuldnerländern besitzen, so dass diese sich seinen Urteilen
unterwürfen.
Trotz pragmatischer Bedenken wurde aufgrund der Erkenntnisse der Finanzkrise
in Argentinien vom Internationalen Währungs- und Finanzausschuss ein detaillierter
Vorschlag für ein Staaten-Insolvenzverfahren ausgearbeitet.818

815
Ulrich (2001: 315).
816
Vgl. Habermas (1992: 18f.).
817
Vgl. The Economist vom 08.10.1998: “Lender without limit - Should the IMF be bigger or smaller—
or somewhere in between?”.
818
Vgl. NZZ vom 30.09.2002: „Der IMF zieht Lehren aus den vielen Krisen“, S. 6. Auf seiner Früh-
jahrstagung 2003 hat der IMF aber mitgeteilt, dass es gegenwärtig nicht möglich sei, ein Staaten-
insolvenzverfahren in die Wege zu leiten. Schon in der Woche vor der Tagung hatte sich der US-
amerikanische Finanzminister John Snow gegen die Idee des Internationalen Währungsfonds
ausgesprochen und somit jegliche Hoffnungen auf eine Abstimmung zunichte gemacht. Vgl.
Schneider (2003).

152
4.1.1.4 Eine Internationale Finanzregulierungsbehörde
Henry Kaufman, Geschäftsführer seines eigenen Finanzmanagement- und Bera-
tungsunternehmens, schlug die Einrichtung einer Internationalen Finanzregulie-
rungsbehörde mit Aufsichts- und Regulierungsverantwortung über die Finanzmärkte
und -institutionen vor.819 Sie sollte von Investment-Profis aus dem Privatsektor gelei-
tet werden und nicht nur die Investitionsaktivitäten der traditionellen Finanzintermedi-
äre, sondern auch die des Nichtbankenbereichs überwachen. Sie würde ihre Mitglie-
der auffordern, bestimmte minimale Kapitalerfordernisse durchzusetzen, einheitliche
Buchführungs- und Rechnungslegungsstandards zu befolgen und selbst die Perfor-
mance ihrer Finanzinstitutionen und -märkte zu beobachten. Die Behörde würde zu-
sätzlich die Kreditqualität der Marktteilnehmer bewerten und öffentlich zur Verfügung
stellen. Auch der IMF könne diese Rolle mit einem neuen Auftrag übernehmen.
Standards festzuschreiben, die nur das funktionalistische Motiv der Erhöhung der
Markteffizienz besitzen, lassen das Kriterium der Lebensdienlichkeit unberücksich-
tigt. Eine multinationale Einigung auf eine internationale Behörde ist nur sinnvoll,
wenn „Schlupflöcher“ gestopft werden, deren Ausnutzung negative lebensdienliche
Konsequenzen bewirken. Dann ist eine Überwachung der Finanzmärkte zu begrüs-
sen. Ein ordnungsethischer Mangel dieses Vorschlages liegt in der Konstruktion der
Organisation, vorwiegend in der Leitung dieser Behörde. Wenn eine Behörde über
das Fehlverhalten ihrer Mitglieder entscheidet oder die Kreditqualität bewertet, müs-
sen die Mitglieder an diesem Entscheidungsprozess beteiligt sein. Es geht bei den
Entscheidungen um mehr als rein ökonomische Fragen, nämlich um vitalpolitische
Fragen, die nicht von Experten allein entschieden werden können. Nur die Markteffi-
zienz aufgrund von Regulierungen zu erhöhen ist ein typischer Fehler eines neolibe-
ralen Politikverständnisses. Der berufliche Hintergrund Kaufmans legt ebenfalls die
Vermutung nahe, dass es ihm mehr auf ökonomische als auf lebensdienliche Effi-
zienz ankommt.

4.1.1.5 Eine Kreditversicherungsanstalt


Soros machte den Vorschlag der Einrichtung einer internationalen Anstalt, die die
Investoren gegen einen Kreditausfall versichert.820 Länder bezahlen an die Gesell-
schaft eine Gebühr, wenn sie Anleihen ausgeben. Für jedes Land wird dann auf-
grund der Einschätzung der makroökonomischen und finanziellen Bedingungen
durch die Anstalt ein Schuldenlimit festgesetzt. Anleihen über dieses Limit hinaus
werden nicht versichert.821

819
Vgl. Kaufman (1998): “Preventing the Next Global Financial Crisis”, in: Washington Post vom
28.01.1998, S. A17; Kaufman (1998a).
820
Soros (1997): “Avoiding a Breakdown: Asia’s Crisis Demands a Rethink of International Regula-
tion”, in: Financial Times vom 31.12.1997, S.12. Soros ist der Meinung, die Anstalt solle öffentlich
sein. Vgl. Soros (1998). Für eine private Anstalt vgl. Noland (1998).
821
Vgl. Rogoff (1999: 20).

153
Prinzipiell ist ein Versicherungsgeschäft, wie es hier vorliegt, aus wirtschafts-
ethischer Sicht nicht zu verurteilen.822 Da der Vorschlag nicht richtig ausgearbeitet
ist, lässt sich schwer abschätzen, ob die normative Prämisse erfüllt ist oder nicht, d.h.
das Primat der Politik über die Logik des Marktes gegeben ist oder nicht. Doch lässt
sich feststellen, dass die Einschränkung des Kreditrahmens, aufgrund der Einschät-
zung durch die Anstalt selbst, nur legitimiert ist, wenn ihm das betroffene Land zu-
stimmen würde. Auch muss die Einschätzung unter Beteiligung des Landes und un-
ter Berücksichtung der Folgen vorgenommen werden, also human-, sozial- und öko-
logisch verträglich sein.
Der Vorschlag beleuchtet noch eine weitere interessante Problematik. Wenn pri-
vate Akteure an risikoreichen Handlungen beteiligt sind, die Externalitäten verursa-
chen - hier sind dies nicht nur die Bailoutkosten, sondern auch die Kosten der grös-
seren Verwundbarkeit der Finanzmärkte sowie ökonomischen und ausserökonomi-
schen Kosten einer Krise - dann wäre es sinnvoll, sie in einer idealtypischen Welt
beispielsweise durch eine Art (Pflicht-)Versicherung in Form einer Prämie zu besteu-
ern.823 Diese Prämie könnte nach dem Kriterium der Lebensdienlichkeit gestaffelt
werden, auf Anleihen zur Finanzierung von vitalpolitischen Massnahmen wird eine
geringere Prämie erhoben als für Anleihen von Ländern oder Unternehmen, die
kaum lebensdienliche Aspekte berühren.

4.1.1.6 Eine Weltzentralbank und der „Globo“


Die grossen Wechselkursschwankungen haben auch im Zuge der Einführung des
Euro die Forderung nach einer Weltzentralbank aufkommen lassen.824 Jeffrey Gar-
ten, ist der Ansicht, die Bank solle die Erlaubnis bekommen, Offenmarktgeschäfte
durch Erwerb von Staatsanleihen ihrer Mitgliedsländer durchzuführen. Ihre Geschäf-
te würden durch Kreditrahmen der nationalen Zentralbanken oder einer geringen
Steuer auf internationalen, gewerblichen Verkäufen oder anderen globalen Transak-
tionen finanziert. Sie besässe die Oberaufsicht über Banken und andere Finanzinsti-
tutionen und würde einen einheitlichen Standard bei der Kreditvergabe durchsetzen.
Diese Weltzentralbank wäre gegenüber einem Ausschuss verantwortlich, der aus
Vertretern der G-7-Gruppe und acht im Rotationsverfahren bestimmten Vertretern
der Schwellenländer zusammengesetzt wäre. Sie könnte später eine weltweite Ein-
heitswährung einführen.825 Doch nur wenn alle Länder mit gleicher Stimme über die
Geldpolitik in dieser Weltzentralbank entscheiden könnten, wäre diese legitimiert.
Für Entwicklungs- und Schwellenländer hätte eine Stabilisierung der Währungs-
märkte Vorteile. Bereits ein stabiler Wechselkurs zwischen Dollar und Euro brächte

822
Vgl. Kap. 1.3.2.
823
Vgl. Rogoff (1999: 21).
824
Garten (1998): “In This Economic Chaos, A Global Central Bank Can Help”, in: International Her-
ald Tribune, 25.09.1998, S. 8.
825
Über die Möglichkeit einer weltweiten Einheitswährung vgl. Cooper (1984).

154
für kleine Ökonomien Vorteile.826 Diese Volkswirtschaften könnten ihre Währungen
an die beiden Leitwährungen binden und hätten dadurch einen Stabilitätsgewinn.
Eine Einheitswährung „Globo“ wäre somit von Vorteil, da überhaupt keine Schwan-
kungen auftreten können. Bei einer Einheitswährung hätte ein globaler lender of last
resort auch die Möglichkeit, bei einer globalen Finanzkrise auf dem Markt für Liquidi-
tät zu sorgen und auch genügend „tiefe Taschen“, um einem „globalen Run“ entge-
genzutreten.827
Eine Einheitswährung ist aber nur vordergründig ein bestechender Vorschlag.
Nachteilig sind gerade angesichts realwirtschaftlicher Produktivitätsschwankungen,
die fehlende Möglichkeit eines Ausgleichs durch eine unterschiedliche Geld- und
Wechselkurspolitik bei Einführung einer Einheitswährung. Gegenwärtig benötigen die
unterschiedlich entwickelten Regionen unterschiedliche monetäre Politiken. Wech-
selkursanpassungen sind lebensdienlicher als Berichtigungen der relativen Preise
und Wanderungsbewegungen von Arbeitnehmern. Erst wenn die ganze Welt ein op-
timaler Währungsbereich ist, d.h. die Regionen kaum Differenzen in ihrer wirtschaftli-
chen Entwicklung aufweisen, dann kann ein „Globo“ die zuvor beschriebenen Vortei-
le entfalten.828 Er bleibt somit (vorläufig) eine regulative Idee.

4.1.2 Regulierungen für den Kapitalverkehr


Im Zuge der Asienkrise gab es eine heftige Diskussion über Kapitalverkehrs-
kontrollen. Es gab viele prominente Befürworter solcher Massnahmen,829 sogar die
Weltbank830 zog Kapitalverkehrsbeschränkungen ins Kalkül.831 Es können Kontrollen
auf Kapitalab- oder -zuflüsse oder auf alle Transaktionen eingeführt werden.
Die Asienkrise hat auch gezeigt, dass Ökonomien mit umfassenden Beschrän-
kungen des Kapitalverkehrs weniger verwundbar sind als Ökonomien mit liberalisier-
tem Kapitalverkehr. China ist von der Asienkrise in erster Linie deshalb verschont
geblieben, weil ein panikartiger Abzug von Kapital nicht möglich war und weil eine
Spekulation gegen die chinesische Währung durch die Kapitalverkehrskontrollen ef-
fektiv unterbunden wurde.832
Ein geschlossener Finanzmarkt mit Kapitalverkehrsbeschränkungen zur Verhin-
derung von Finanzkrisen ist für ein Schwellen- oder Entwicklungsland angemessen,

826
Vgl. Herr (1999).
827
Vgl. Capie (1998).
828
Vgl. Mundell (1961); vgl. Kenen (1969).
829
Zu nennen sind besonders der ehemalige IMF-Direktor für Asien und den pazifischen Raum, Hu-
bert Neiss, der Grossspekulant George Soros sowie die US-Professoren Paul Krugmann, Jeffrey
Sachs und Dani Rodrik. Vgl. The Economist vom 11.04.1998: “The perils of global capital”; vgl.
Soros (2001); vgl. Krugman (1998); vgl. Sachs (1998); vgl. Rodrik (1998a).
830
Vgl. World Bank (1998a: 6).
831
Die Begriffe Kapitalverkehrsbeschränkungen und Kapitalverkehrskontrollen werden synonym ver-
wendet. Bezeichnet werden damit sämtliche Massnahmen der staatlichen Wirtschaftspolitik, die
den grenzüberschreitenden Kapitalverkehr einschränken.
832
Vgl. Song (1998).

155
wenn die Finanzmärkte nur wenig entwickelt sind, das Risikomanagement des priva-
ten Sektors nur wenig ausgebildet ist, die Fähigkeit der Überwachungsbehörden,
insbesondere die Bankenaufsicht ebenfalls begrenzt ist.833
“In practise, these last three preconditions, and therefore the argument for capital-inflows
taxes or controls, apply to the vast majority of developing countries. For emerging mar-
834
kets, an open capital account should be the exception, not the rule”.

4.1.2.1 Kontrollen über die Kapitalabflüsse


Für fortgeschrittenere Länder, die ihre Finanzmärkte schon geöffnet haben, ist
die Wiedereinführung von Kapitalverkehrskontrollen während einer Krise nicht ein-
fach. Einerseits muss innerhalb kurzer Zeit (wieder) Kompetenz aufgebaut werden
und andererseits wird die in einer Krise ohnehin regelmässig zu verzeichnende Panik
der Investoren, ihr Geld noch vor Etablierung der Kontrollen abzuziehen, verstärkt
und damit insgesamt die Krise.835
Dennoch führte Malaysia im Verlauf der Krise am 1. September 1998 Kapital-
verkehrskontrollen ein.836 Diese bestanden massgeblich aus der Festsetzung des
Wechselkurses bei 3,80 Ringgit pro USD, der Begrenzung des Aktienhandels auf die
Börse in Kuala Lumpur,837 der Beendigung des internationalen Handels in Ringgit
durch Nicht-Akzeptanz von in Ringgit denominierten Aktiva nach einer Übergangsfrist
von einem Monat sowie der Beschränkung der Ausfuhr von Ringgit für malaysische
Staatsbürger auf 1000 Ringgit.838
Sechs Jahre nach der Er- und teilweisen Aufhebung der Kapitalverkehrs-
kontrollen lässt sich nicht erkennen, ob sich diese Massnahme für Malaysia wirt-
schaftlich gelohnt hat, da es offen bleiben muss, ob Malaysia ohne diese Massnah-
me ökonomisch besser gefahren wäre. Entscheidender für eine Bewertung der Kapi-
talverkehrskontrollen ist der Aspekt, dass sich für Malaysia durch die Ausfuhr-
kontrollen wieder die Möglichkeit ergab, Fiskal- und Geldpolitik autonom zu gestal-
ten. Der Staat konnte eine Rezession durch grosszügige Staatsausgaben verhin-
dern. Die Ausfuhrkontrollen bedingten zwar einen hohen administrativen Aufwand
und unterbrachen den Zugang zu ausländischem Kapital, doch behielt Malaysia die
Möglichkeit, während der Krise mit einer gezielten Fiskalpolitik Massnahmen gegen
die wirtschaftliche Rezession zu ergreifen. Dies kann im Endeffekt sogar volkswirt-
schaftlich sinnvoller sein. Nur bei geschlossenen Finanzmärkten kann eine autonome
Fiskal-, Geld und Wechselkurspolitik, besonders eine Politik niedriger Zinsen, betrie-
ben werden, ohne dass es zu einem Kapitalabfluss und damit zu einer Schwächung
der Währung führt. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass bei einer Entschei-

833
Vgl. Eichengreen (1998: 8).
834
Eichengreen (1998: 8).
835
Vgl. Dieter (1999: 49).
836
Vgl. Rogoff (1999: 23).
837
Zugleich mussten ausländische Erwerber von Aktien dieses mindestens ein Jahr lang halten.
838
Vgl. Khor (1999: 1f.).

156
dung über die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen die Gläubiger und inländi-
schen Schuldner auch legitime Ansprüche haben. Diese werden darin eingeschränkt,
binationale Kredite zu vergeben, resp. aufzunehmen. Das könnte zu einer Verknap-
pung der Mittel auch für lebensdienlich sinnvolle Investitionen in Infrastrukturmass-
nahmen führen. Dieser Nachteil, dass internationales Kapital gehindert wird ins Land
zu fliessen,839 um dort u.a. in lebensdienlich sinnvolle Projekte investiert zu werden,
verdeutlicht, dass Kontrollen zuweilen nur eine Notlösung darstellen, eine Lösung,
die allerdings zeitweise die beste sein kann. Auch über eine solche Lösung sollte nur
im Einklang aller von den Kontrollen Betroffenen entschieden werden.

4.1.2.2 Steuern auf Kapitalzuflüsse


Eine Steuer auf Kapitalzuflüsse kann auf alle finanziellen Transaktionen zwischen
In- und Ausländern angewendet werden, dabei kann ein Inland unterschiedliche
Massnahmen ergreifen.840 So können ausländische Kapitalzuflüsse durch Höchst-
grenzen für ausländische Kreditaufnahmen begrenzt werden. Auch Mindestreserve-
anforderungen auf ausländische Einlagen sowie direkte Beschränkungen ausländi-
scher Investitionen sind Möglichkeiten. Es müssen aber alle Kapitalzuflüsse besteu-
ert werden, denn bei einer Limitierung für die Banken würden die Gelder über den
Nichtbankenbereich fliessen.
Chile, das in den letzten 20 Jahren in Südamerika die bemerkenswerteste wirt-
schaftliche Entwicklung erlebte, gilt als Musterbeispiel für Kapitaleinfuhrsteuern.841
Von Mai 1992 bis Mai 1998 verlangten die Chilenen von jeder ausländischen Investi-
tion 30 % als zinslose Einlage. Durch diese Massnahme wurden relativ langfristige
Investitionen interessanter, da die „Steuer“ mit zunehmender Laufzeit des Kredites
immer weniger ins Gewicht fiel. Damit wird einem Hauptproblem bei spekulativen
Attacken entgegengewirkt, anstatt vieler kurzfristiger Kredite, sind ausländische Gel-
der langfristig gebunden. Dieses Verfahren ist transparent und kann nicht willkürlich
gehandhabt werden wie Massnahmen bei Kapitalausfuhr. Die Steuer muss aber um-
fassend sein, da sie sonst über Offshoremärkte umgangen werden kann.842 Mittler-
weile hat Chile die Steuer abgeschafft, da es wegen eines grösseren Handelsbilanz-
defizits ausländisches Kapital benötigte. Dennoch ist dieses Projekt nicht als ge-
scheitert anzusehen, da in Chile in den 1990er Jahren ein stetiges nachhaltiges
Wachstum stattfand und aus dieser Zeit viele langfristige Engagements geblieben
sind.843 Zu bedenken ist aber, dass Massnahmen häufig nur solange funktionieren
wie sich eine Volkswirtschaft auf dem Wachstumspfad befindet.
Die Analyse zeigt, dass durch eine Besteuerung des Kapitalzuflusses ein Land
sich den Volatilitäten der globalen Finanzmärkte verschliessen und dennoch für sinn-
839
Vgl. Rogoff (1999: 24).
840
Vgl. Schnatz (1996: 46f.).
841
Vgl. Eichengreen (1999: 49).
842
Eine genauerer Darstellung der Vorgehensweise der Offshoremärkte bei Rogoff (1999: 25).
843
Vgl. Dieter (1999: 48).

157
volle ausländische Direktinvestitionen attraktiv bleiben kann. Es fliesst prinzipiell nur
Kapital ins Land, welches die Bürde der Steuer in seiner Analyse einberechnet. Die
Logik der globalen Finanzmärkte wird so durch eine politische Massnahme begrenzt.
Der Anreiz zur Steuervermeidung wird gering sein. Man unterscheidet auch nicht
zwischen Aus- und Inländern, da alle Kapitalzuflüsse besteuert werden, auch die
Rückflüsse zu den Inländern.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass eine Steuer ein pragmatisches und legi-
times Mittel ist, ein Land gegen die Volatilitäten der globalen Finanzmärkte immun zu
machen, sofern sie sauber, transparent und korruptionsfrei auf zufliessendes Kapital
erhoben wird. Es gilt aber zu beachten, dass durch die Abschottung eines Landes,
andere Länder vermehrt Geldströmen „ausgesetzt“ sind. „Weltweit“ legitimiert wäre
eine Besteuerung der Kapitalzuflüsse dann, wenn auch die Länder ihr aus guten
Gründen zustimmen könnten, die von den vermehrten Kapitalzuflüssen betroffen
werden.

4.1.2.3 Tobin-Steuer
In den 1970er Jahren hat der amerikanische Ökonom und spätere Nobelpreisträ-
ger James Tobin844 unter Berufung auf Keynes und als Reaktion auf den Zusam-
menbruch des Bretton-Woods-Systems der fixen Wechselkurse vorgeschlagen, auf
Devisentransaktionen eine geringe Umsatzsteuer zu erheben.
Der Vorschlag wurde, wie Tobin einräumt, „viele Jahre lang fast völlig igno-
riert“845. Dass er nun verspätet doch noch in die Diskussion gerät, verdankt er der in
der Öffentlichkeit zunehmenden Erkenntnis der Probleme bei der Globalisierung der
Finanzmärkte. Die vorgeschlagene Besteuerung von Devisentransaktionen ist zu
einer zentralen Forderung mancher Globalisierungskritiker geworden, allen voran bei
der in einer Reihe von Ländern tätigen „Association pour une taxation des transacti-
ons financières pour l'aide aux citoyens“ (Attac).
Einige Befürworter dieser Steuer halten die Märkte für nicht effizient. Sie vermu-
ten, dass Devisenhändler kaufen und verkaufen, ungeachtet der Fundamentaldaten.
Dies bewirke unnötige Kapitalflüsse und Schwankungen auf den Devisenmärkten.846
Andere unterstellen zwar den Devisenhändlern Rationalität, sehen deren Aktivitäten
aber nicht als wohlfahrtsfördernd. Der Grundgedanke einer Steuer auf Devisentrans-
aktionen zielt darauf ab, es den Investoren schwieriger zu machen gegen die Wäh-
rung zu spekulieren und so die Gefahr einer Krise zu senken.
Das wesentliche Ziel einer solchen Steuer besteht darin, kurzfristigen spekulati-
ven Transaktionen am Devisenmarkt aus Ertragsgesichtspunkten die Attraktivität zu
nehmen. Dies ist verbunden mit der Hoffnung, dass dann Transaktionen das Ge-
844
Das Originalargument stammt von Tobin (1978). Es ist mehrfach aufgenommen worden, vgl. u.a.
Kuttner (1998): “When the Free Market is Too Free”, in: Business Week vom 12.10.1998, S. 12.
845
Tobin (1996).
846
Vgl. Felix (1995).

158
schehen an den Märkten beherrschen, die auf langfristigen, an fundamentalen Daten
ausgerichteten Überlegungen beruhen.847
Tobin schlägt vor, die Devisenumsatzsteuer ausnahmslos auf alle Transaktionen
auf Devisenmärkten zu erheben, also auch dann, wenn diese Transaktionen im Zu-
sammenhang mit dem Handel von Gütern stehen.848 Dies begründet er damit, dass
die Vermeidung der Steuer möglichst schwierig gestaltet werden soll und dass eine
Steuer mit einem geringen Satz von 0,5 % oder weniger nur vernachlässigbar gerin-
ge Störungen auf den Gütermärkten auslöst.
Zweckdienlicher als eine ökonomische Effizienzdiskussion ist die Beantwortung
der Frage, ob die Tobin-Steuer dazu beitragen kann, das Primat der Politik vor der
Logik des Marktes zurück zu gewinnen. Wie bereits angeführt, haben auf den inter-
nationalen Finanzmärkten die privaten Marktteilnehmer849 gegenüber demokratisch
legitimierten Institutionen immer mehr an Einfluss gewonnen. Die Steuer könnte wie-
der eine einigermassen autonome Geld- und Fiskalpolitik der einzelnen Staaten ge-
währleisten und sie so vor der Macht des Marktes schützen.850 Damit wird auch dem
Demokratiedefizit der globalen Finanzmärkte entgegengetreten851 und teilweise wie-
der das Primat der Politik vor der Logik des Marktes hergestellt.
Die Tobin-Steuer ist zwar noch nicht richtig zum Gegenstand politischer Initiati-
ven von einflussreichen Entscheidungsträgern geworden, dennoch sind sich schon
Gedanken über die Verwendung des zu erwartenden Steueraufkommens gemacht
worden.852 Eine Möglichkeit wäre die Finanzierung der Bereitstellung so genannter
globaler öffentlicher Güter, also von Gütern, die zwar global einen Nutzen stiften, zu
deren Finanzierung aber kein Staat einen Beitrag zu leisten fähig oder bereit ist. In
der Diskussion sind hier z.B. Programme zur Verbesserung der Umwelt, der globalen
Friedenssicherung und vieles mehr. Die Unterstützung ausserökonomischer Interes-
sen durch die Einnahmen der Tobin-Steuer ist aus vitalpolitischen Gründen sehr zu
begrüssen. Auf die Ziele könnten sich alle Staaten in einem Diskurs, beispielsweise
innerhalb der Vereinten Nationen, einigen.
Wird die Steuer aus der Sicht der funktionalen Prämisse betrachtet, lässt sich
feststellen, dass eine solche Steuer sowohl die stabilisierenden Transaktionen von
Händlern als auch die destabilisierenden Operationen von Spekulanten trifft. Doch
wegen der geringen Höhe würde sie jene am härtesten treffen, welche am häufigsten
mit Devisen handeln. Denn durch die Einführung einer Tobin Steuer werden kurz-
fristige Arbitragegeschäfte unprofitabler. Gleichzeitig hat sie nur einen sehr geringen
Einfluss auf die Entscheidungen über langfristige Engagements. Die Einführung einer
Tobin-Steuer hat so den Effekt, dass an den Devisenmärkten die langfristig wirken-

847
Vgl. Tobin (1993).
848
Vgl. auch Frankel (1996: 67).
849
Rating-Agenturen, Anlagefonds, institutionelle Investoren; vgl. Wettstein (2001: 5).
850
Tobin (1996: 137).
851
Vgl. Wettstein (2001: 23).
852
Vgl. Kaul/Langmore (1996).

159
den fundamentalen Faktoren einen grösseren Stellenwert in den Kalkülen der Markt-
teilnehmer einnehmen.853
Die Abschreckung von Spekulanten dämmt also kurzfristige Wechselkurs-
schwankungen ein und räumt den nationalen Zentralbanken mehr Spielraum für die
Geldpolitik ein. Dadurch würde das Risiko spekulativer Attacken auf Währungen, wie
sie Südostasien erlitten hat, verringert werden.
Bei zu hohen Steuersätzen reduziert die Tobin-Steuer aber nicht nur das Aus-
mass kurzfristiger, spekulativer Transaktionen an den Devisenmärkten, sondern ver-
ursacht auch Verzerrungen des internationalen Güterhandels und des langfristigen
Kapitalverkehrs.854 Ein Steuersatz, der also nicht wie Sand, sondern wie Felsbrocken
im Getriebe wirkt, gefährdet dann auch die lebensdienliche Funktionsfähigkeit des
Finanzmarktes, indem auch lebensdienliche Investitionen unterbleiben. Es sollte
auch nicht übersehen werden, dass eine niedrige Steuer Devisenhändler in Krisen-
zeiten wenig beeindrucken wird. Unter diesen Umständen kann eine Steuer von
0,5 % zu gering sein.
Wenn die Tobin-Steuer ihre Lenkungsfunktion erfüllen soll, muss sie eine welt-
weit erhobene Steuer sein.855 Devisen können weitgehend ortsunabhängig gehandelt
werden. Wenn es auch nur eine einzige Tobin-Steueroase gibt, so besteht die Ge-
fahr, dass der Devisenhandel dorthin abwandert und die Tobin-Steuer kaum ihre Wir-
kung entfalten wird. Die Steuer lässt sich dann umgehen, indem Devisentrans-
aktionen in steuerfreien Offshoremärkten durchgeführt werden.856 Um die Abwande-
rung des Devisenhandels in steuerfreie Offshoremärkte zu verhindern, müsste sie
wie die Zielvereinbarung ebenso auf einem universalen internationalen Überein-
kommen beruhen.857
Für das Problem der Implementierung und Durchsetzung eine Tobin-Steuer gibt
es zwar keinen allgemein anerkannten Lösungsvorschlag. Doch ist die Tobin-Steuer
aus vitalpolitischer Sicht ein interessantes Modell, das trotz pragmatischer Probleme
durch einen gemeinsamen politischen Willen umgesetzt werden kann.858

853
Für eine genaue Wirkungsweise vgl. Tobin (1978).
854
Haq/Kaul/Grunberg (1996: 5).
855
Es gibt Ökonomen, die behaupten das Gegenteil und führen als Vergleich die Börsenumsatz-
steuer an. Diese wird aber auf einem speziellen Gut an einem spezifischen Platz erhoben und
lässt sich nicht mit dem unspezifischen Gut Geld vergleichen. Vgl. Eichengreen/Tobin/Wyplosz
(1995). Die Autoren unterstreichen, dass eine Steuer weltweit und in allen Rechtssystemen erho-
ben werden muss.
856
Diese Möglichkeit wurde untersucht von Kenen (1996); Garber/Taylor (1995); Garber (1996).
857
Frankel (1996: 67).
858
Vgl. Kneschaurek (1999: 240), der ebenfalls die Einführung eine Tobin-Steuer befürwortet, da
seiner Ansicht nach die Vorteile die Nachteile bei weitem überwiegen.

160
4.1.3 Weitere Vorschläge
4.1.3.1 Einbezug der (privaten) Gläubiger
Ein allgemeiner Konsens nach der Asienkrise war, dass ausländische Gläubiger
in den bisherigen Finanzkrisen zu gut davon gekommen sind.859 Es ist deshalb eine
wichtige Frage bei der Neugestaltung der globalen Finanzarchitektur, wie man den
Privatsektor mehr zur Verantwortung ziehen kann. Wenn eine internationale Liquidi-
tätskrise in einem hochverschuldeten Schwellenland aufgrund eines plötzlichen Ab-
zugs internationaler Kredite auftrat, dann wurden bisher wie in Asien die internationa-
len Gläubiger durch ein bailout geschützt. Dieses Verfahren motiviert oder entmutigt
zumindest nicht die internationalen Investoren, den gleichen Fehler noch einmal zu
begehen: Sie werden wieder zahlreiche Kredite vergeben ohne sich abzusichern. Auf
der Schuldnerseite kommt noch die Verstärkung des moral hazards hinzu,860 da im-
plizit die Kredite durch die Bailoutgarantie versichert sind.
Zunächst sollte generell darauf geachtet werden, die wirtschaftspolitische Rah-
menordnung so zu gestalten, dass kurzfristiges Kapital möglichst nicht geliehen wer-
den muss und wenn es doch notwendig erscheint, z.B. bei einem kurzfristigen Liqui-
ditätsengpass, sollte es nicht direkt von ausländischen Kapitalgebern geliehen wer-
den. Darüber hinaus könnten Kreditverträge Klauseln enthalten, die es privaten Gläu-
bigern nicht mehr erlaubt, in einer Finanzkrise ungeschoren davon zu kommen. Sol-
che neuen Vorschriften zwingen861 die Gläubiger dann zu mehr Verantwortung ge-
genüber den Schuldnern. Diese Vorschriften können auch für kurzfristige Kredite
zwischen Banken eingeführt werden. Ein ständiger Ausschuss der Gläubiger könnte
durch Austausch von Informationen mehr Transparenz in einer Krise schaffen und es
dem Schuldner erleichtern mit allen Gläubigern gleichzeitig zu verhandeln, um eine
gemeinsame Lösung zu finden.862
Es wird auch gefordert, dass die internationale Politik das fehlerhafte Verhalten
der Investoren „bestrafen“ solle, damit diese sich bei zukünftigen Investitionen ihrer
Verantwortung bewusst werden.863 Mit anderen Worten, der Privatsektor soll nicht
wie bisher herausgeschlagen (bailout) werden, sondern sich an den Kosten einer
Krise beteiligen, anstatt bailout, heisst es dann bailin.864
Diese Forderung ist unterstützenswert. Jeder ist für die Folgen seiner Handlung
verantwortlich. In der Asienkrise sind als Folge der leichfertigen Kreditvergabe der
ausländischen Gläubiger und dem überhasteten Abzug ihres Kapitals schwere
Schäden für den einheimischen Banken- und Unternehmenssektor entstanden. Mit
der Restrukturierung und dem Wiederaufbau dieser Sektoren nur den einheimischen
Steuerzahler zu belasten ist ungerecht. Gerade die einheimische Bevölkerung hat
859
Vgl. The Economist vom 18.09.1997: “The case for mild repression”.
860
Vgl. Kap. 3.4.3.
861
Freiwilligkeit aufgrund des Guten Willens wäre natürlich besser.
862
Eichengreen (1999: 74).
863
Vgl. Yoshitomi (1998: 34).
864
Vgl. Eichengreen (1999: 63ff.).

161
unter einer Wirtschaftskrise am meisten zu leiden.865 Aus diesem Grund hat der aus-
ländische Kreditgeber sogar die moralische Pflicht sich in einem Krisenland, in dem
er investiert hat und das ihm bei seinen früheren Investitionen eine hohe Rendite
brachte, zu engagieren.

4.1.3.2 Unilaterale Massnahmen der Schwellen- und Entwicklungsländer


Schwellenländer können unilaterale Massnahmen einführen, um sich gegen Fi-
nanzmarktkrisen zu schützen. In Zeiten, in denen internationale Übereinkünfte, noch
häufig von den wirtschaftlich stärkeren Industrieländern dominiert, fast schon diktiert
werden,866 sind die schwächeren Länder sogar berechtigt, ihre legitimen Ansprüche
auch ohne Verhandlungen durchzusetzen, solange sie nicht die Ansprüche anderer
verletzen. So können sich kleine Länder durch eine Beschränkung der Kreditauf-
nahme von Ausländern im Inland gegen Spekulation schützen. Wenn die Spekulation
erfolgreich sein soll, müssen Spekulanten sich in der abwertungsgefährdeten Wäh-
rung verschulden.867 Deshalb bietet es sich an, die Vergabe von Krediten an auslän-
dische Kreditnehmer einzuschränken. Dies würde den Hebel ausländischer Speku-
lanten verkürzen. Selbstredend ist dies kein perfektes Instrument. Die Spekulation
von Inländern wäre damit nicht eingeschränkt. Auch ist zu bedenken, dass die Ein-
schränkungen der Kreditvergabe umgangen werden können.
Werden die Krisen nicht nur im Hinblick auf das Fremdkapital betrachtet, sondern
auch auf das Eigenkapital, ist zu erkennen, dass dort ebenfalls eine Lösung liegt. Im
gegenwärtigen System wird durch Finanzintermediäre der grösste Teil der Investitio-
nen in Entwicklungsländer in Form von Krediten investiert. Durch Bestimmungen, die
ausländisches Kapital mehr in Direktinvestitionen oder ins Eigenkapital (Aktien) len-
ken, werden bei einer Finanz- und Währungskrise die Kosten derselben gleichmäs-
siger zwischen Kapitalgeber- und Kapitalnehmerländer verteilt.
Eine gerechtere Verteilung der Kosten wird auch erreicht, wenn mehr ausländi-
sche Banken im Inland zugelassen werden. Denn je kleiner der Anteil inländischer
Banken am Finanzmarkt, desto geringer sind die Kosten eines bailouts für die inlän-
dische Regierung, wenn die Einlagen bei ausländischen Banken durch ausländische
Regierungen garantiert werden. Zwar lässt dies die Antwort auf die Frage offen, wie
eine inländische Regierung sicherstellen kann, dass die inländischen Einlagen bei
ausländischen Banken garantiert werden. Am sinnvollsten ist wohl ein Staatsvertrag.
Dennoch ist dies eine interessante und leicht durchzuführende Massnahme.868
Es steht ausser Frage, dass, solange es keine globalen Regulierungen zur Stabi-
lisierung der weltweiten Kapitalströme gibt, diese nationalen Massnahmen ihre Be-
rechtigung haben. Durch sie schafft es die nationale Wirtschaftspolitik wieder weitge-

865
Vgl. Kap. 3.2.
866
Ein gutes Beispiel sind manche Abkommen im Rahmen der WTO.
867
Vgl. Kap. 1.3.2.
868
Vgl. auch Calomiris (1998).

162
hend autonom von den internationalen Finanzmärkten zu agieren. So kann das Pri-
mat der Politik wieder zur Geltung kommen.

4.1.3.3 Vorschlag der G-7 Gruppe


Im Oktober 1998 gaben die Finanzminister der G7-Gruppe eine ausser-
ordentliche Stellungnahme über die Stärkung des internationalen Finanzsystems
heraus. Folgende Massnahmen wurden vorgeschlagen:869
• Verstärkte Kooperation in der Finanzmarktaufsicht (Informationsaustausch un-
ter den nationalen Aufsichtsbehörden)
• Richtlinien für das Risikomanagement international tätiger Finanzunternehmen
• Verschärfte Überwachung der Wirtschaftspolitik der Mitgliedsländer des IMF
• Ausarbeitung von Richtlinien für die Aufbereitung und zeitgerechte Veröffentli-
chung von Wirtschaftsdaten zwecks Erhöhung der Transparenz und im Sinne
eines Frühwarnsystems
• Stärkung der Finanzsysteme in den aufstrebenden Volkswirtschaften
• Verbesserung des Informationsaustausches zwischen den nationalen Auf-
sichtsbehörden
• Durchgehende Anwendung der Basler Prinzipien zur Bankenüberwachung
• Entwicklung von internationalen Richtlinien über Buchführungspraktiken und
Unternehmensführung
• Einrichtung eines multilateralen Systems zur Beobachtung der nationalen Fi-
nanz- und Aufsichtsstrukturen
• Einbindung des privaten Sektors zur Krisenüberwindung
Es wurde weiterhin festgehalten, dass Massnahmen wie die Etablierung eines inter-
nationalen Konkursrechts, Vereinbarungen zu einer kooperativen Umstrukturierung
der Schulden sowie temporäre Aussetzung von Zahlungen darüber hinaus dazu bei-
tragen, die schwerwiegenden ökonomischen Folgen einer Krise zu begrenzen.
Die Vorschläge der G7-Gruppe beinhalten ehrgeizige Ziele, von denen viele Vor-
schläge schon von anderen Institutionen oder Ökonomen geäussert worden sind.870
Aber es wird nichts darüber ausgesagt, wie die angesprochenen Standards und
Richtlinien konkret und im Detail aussehen sollen. Es scheint, dass die G7-Gruppe
sich nur mit einem eigenen Vorschlag in der Weltöffentlichkeit präsentieren wollte.
Dass seitdem keine weiteren signifikanten Vorschläge von Seiten der G7-Gruppe
geäussert oder forciert worden sind, zeigt, dass der Vorschlag zur Gestaltung einer

869
Group of Seven (1998); vgl. auch Fischer (1998b).
870
Vgl. auch Eichengreen (1999: 129f.).

163
neuen Rahmenordnung keine grundlegende Neuorientierung der G7-Gruppe bedeu-
tet.

4.1.3.4 Vorschlag des IMF zur Finanzarchitektur


Der IMF hat selbst kurz nach der Asienkrise eine Reform der internationalen Fi-
nanzarchitektur vorgeschlagen. Er hat fünf Ansätze auf dem Weg zu einer neuen
Rahmenordnung postuliert, die helfen sollen, in Zukunft Finanzkrisen zu vermei-
den:871
1. Erhöhung der Transparenz durch zusätzliche Informationen über die Finanz-
aktivitäten, Nichtfinanzinstitutionen mit angemessener Rechnungslegung, Fi-
nanzinstitutionen mit vernünftigem Risikomanagement und Bekannt-
gabepflichten, mehr Publikationen des IMF über seine Massnahmen.
2. Entwicklung von Standards und Leitlinien für die Finanzmärkte.
3. Vorsichtige Liberalisierung des Kapitalverkehrs unter der Berücksichtigung der
nötigen Rahmenbedingungen.
4. Reform und Stärkung des Finanzsektors.
5. Heranziehung des Privatsektors bei Krisen (bailin).
Die Ansätze, die der IMF vorschlägt, könnten, wie bereits dargelegt, auch aus kri-
tischer Perspektive interessant sein. Leider hat sich der IMF nur wenig über eine
konkrete Umsetzung geäussert und vor allen Dingen seine eigene Funktion in der
globalen Finanzarchitektur nicht definiert. Es ist aber zu vermuten, dass der IMF
durch diese Empfehlungen eher eine Verbesserung hin zu mehr ökonomischer Effi-
zienz anstrebt als eine Neugestaltung in Richtung Lebensdienlichkeit. Eine Re-
Regulierung der internationalen Finanzmärkte mit neuen Rollen für IMF, Weltbank
und möglicherweise neuen internationalen Institutionen wäre aber aus vitalpolitischer
Sicht wünschenswert.
Eine lebensdienliche Neugestaltung der internationalen Finanzmärkte, die es
schafft Finanz- und Währungskrisen zu vermeiden, brächte Vorteile für Unterneh-
men, die Waren produzieren und deren Beschäftigte, für Schwellen- und Entwick-
lungsländer, die ihre Infrastruktur durch externe Mittel finanzieren, aber auch alle
langfristigen Investoren könnten durch mehr Planungssicherheit nachhaltiger han-
deln.

871
Vgl. Camedessus (1998).

164
4.2 Ein neues Haus für die Finanzmärkte
Der zunehmende Einfluss der Finanzwelt auf die industrielle Welt und die Globa-
lisierung der Finanzmärkte sind, wie die Analyse der Asienkrise gezeigt hat, Quellen
der Instabilität und Unsicherheit für die Weltwirtschaft und die Bevölkerung von Kri-
senländern. Der Preis der Liberalisierung und Deregulierung der Finanzmärkte kann
sehr hoch sein. Deshalb ist von vielen Seiten ein Bedarf für eine neue Ordnung der
globalen Finanzmärkte festgestellt worden.872 Die Märkte können dies nicht eigen-
ständig leisten.873 Wenn die gegenwärtige Rahmenordnung überhaupt noch die glo-
balen Finanzmärkte eingrenzt, so lediglich zugunsten des eigeninteressierten, rein
strategisch handelnden Akteurs (Renditemaximierung). Der „Gute Wille“ wird nicht
unterstützt. Wer aber
„…den globalen Markt will, der sollte vernünftigerweise auch eine vitalpolitisch orientierte
Global Governance mit weltweiten Menschenrechts-, Demokratie-, Sozial- und Umwelt-
874
standards befürworten.“

Diese Aussage unterstreicht, dass die globalen Finanzmärkte in eine höhere Ge-
samtordnung eingebettet werden müssen, die selbst nicht auf Angebot und Nachfra-
ge, freien Preisen und Wettbewerb beruht.875 Es darf nicht überall Wettbewerb herr-
schen, wenn das internationale Finanzsystem legitim und lebensdienlich gestaltet
werden soll, damit Kapitalverkehr dahin gelenkt wird, wo er eine sozial gerechtere
und ökologisch nachhaltigere Entwicklung finanziert.
Eine grundlegende Änderung bedeutet gerade nicht, dass beispielsweise durch
mehr Transparenz876 und Standardisierung eine Verbesserung der ökonomischen
„Effizienz“ erreicht wird. Vielmehr müssen den weitgehend entfesselten Kapital-
märkten wieder Grenzen gesetzt werden und die Politik muss gegenüber den Fi-
nanzmärkten wieder das Primat erlangen. Da die „disziplinierenden Kräfte”, die die
(Vital-) Politik beurteilen und durch den Abzug von Kapital „bestrafen”, nicht objektiv
sind und sich hinter den Kapitalströmen parteiliche Interessen der Kapitalbesitzer
verbergen, müssen letztere und andere Akteure auf den Finanzmärkten wieder einer
demokratischen Kontrolle unterworfen werden.
Dies ist nur durch ein zweistufiges Konzept von Ordnungspolitik möglich.877 Die
Wettbewerbspolitik ist zwar unverzichtbar, sie ist jedoch nachrangig gegenüber der
an ‚höheren’ Kriterien orientierten ‚Vitalpolitik’, die „…alle Faktoren in Betracht zieht,
von denen in Wirklichkeit Glück, Wohlbefinden und Zufriedenheit des Menschen ab-
hängen.“878 Mit dem Primat der Vitalpolitik vor der Wettbewerbspolitik wird die Ideo-

872
Vgl. UNCTAD (1990). Die Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (UNC-
TAD) hat schon 1990 eine Neuorientierung auf den internationalen Finanzmärkten gefordert.
873
Vgl. Homann/Blome-Drees (1992: 85).
874
Ulrich (2003: 55).
875
Röpke (1958: 19).
876
Vgl. Kap. 3.5.2.
877
Vgl. Ulrich (2003: 58f.).
878
Rüstow (1955: 74).

165
logie, gemäss der „mehr Markt“ im Prinzip immer gut sei, ethisch-politisch durchbro-
chen. Wo die Effizienz des Marktes mit ‚vitalen’ Aspekten des „Guten Lebens“ und
gerechten Zusammenlebens in Konflikt gerät, sind die Marktkräfte zugunsten anderer
Grundsätze der gesellschaftlichen Ordnung in Schranken zu weisen. Daher ist
„…der Marktrand, der Marktrahmen, das eigentliche Gebiet des Menschlichen (…), hun-
dertmal wichtiger als der Markt selbst. Der Markt hat lediglich eine dienende Funktion.“879

Für solch ein zweistufiges Konzept wirtschaftsethisch gehaltvoller Ordnungs-


politik muss eine (supranationale) Rahmenordnung entwickelt werden. Nur so wird
die Globalisierung der Finanzmärkte vitalpolitisch zivilisiert.880
Die Gestaltung der Rahmenordnung lässt sich an drei Orten konkretisieren.881
Der erste ist die Verantwortung der Weltwirtschaftsbürger zur Gestaltung (4.2.1), der
zweite sind die Normen und Instrumente, die die Rahmenordnung lebensdienlich
machen (4.2.2), der dritte ist die Mitverantwortung global corporate citizen, insbeson-
dere Institutioneller Investoren, multinationaler Unternehmen und international tätiger
Banken (4.2.3).

4.2.1 Die Verantwortung der Weltwirtschaftsbürger


Um der Verantwortung zur Gestaltung der Rahmenordnung nachzukommen und
so institutionelle Rückenstützen zu etablieren, besitzt der Weltwirtschaftsbürger die
bereits angeführten Kompetenzen, insbesondere Partizipation, Reflexionswille und
Verständigungsbereitschaft.882
Er versteht sich als Bürger einer Gesellschaft, in der er als Akteur u.a. auf den
globalen Finanzmärkten handelt. Er betrachtet es als selbstverständlich, das Ge-
meinwohl, das Wohl eines Jeden, das eigene wie das der gleichberechtigten Ande-
ren, durch eigenes Zutun zu fördern.883 In diesem Kontext nimmt er die Neuorientie-
rung des globalen Finanzsystems884 als ethische Herausforderung an. Diese besteht
insbesondere darin, eine neue Rahmenordnung mit zu gestalten. Ausschlag-
gebendes Kriterium für die Schaffung von konkreten Institutionen und Regulierungen
ist die Lebensdienlichkeit und nicht die Effizienz. Eine geeignete Rahmenordnung
äussert sich zunächst in der Aufstellung rechtsstaatlicher Normen. Dies kann wie in
einer parlamentarischen Demokratie auch durch Repräsentanten geschehen. Diese
sollen mit der (oder im Sinne der) Zivilgesellschaft (gemeinsam) Regeln erarbeiten,
die helfen, die Globalisierung der Finanzmärkte für alle Menschen zum Vorteil wer-
den zu lassen.

879
Rüstow (1961: 68).
880
Vgl. Ulrich (2003: 58).
881
Vgl. Kap. 1.4.
882
Vgl. Kap. 1.4.1.
883
Maak (1999: 229).
884
Vgl. UNCTAD (1998).

166
In den Prozess der Ausgestaltung eines neuen, lebensdienlicheren Weltfinanz-
systems müssen daher auch die Individuen einbezogen werden, die von den negati-
ven Folgen des jetzigen Systems am meisten betroffen sind und daher ein wirkliches
Interesse an Veränderungen haben. Dies sind heute primär die Menschen in den
Entwicklungs- und Schwellenländern.
Doch auch jeder einzelne Akteur auf den globalen Finanzmärkten steht als Welt-
wirtschaftsbürger, unabhängig von seiner Position, in einer ‚republikanischen Mitver-
antwortung’. Er hat somit auch Verantwortung für die Gestaltung der Rahmen-
ordnung. Sollte mit dieser umfassenden ‚Bürgerverantwortung’ die Rollenverant-
wortung, die ein Bürger z.B. ein Aktienhändler hat, kollidieren, hat in solchen Fällen
die umfassendere Bürgerverantwortung Vorrang.885
Konkret bedeutet dies, dass die Wirtschaftsbürger ihren Regierungen den Auftrag
zur aktiven Übernahme ordnungspolitischer Mitverantwortung auch für die Schwa-
chen auf der supranationalen Ebene erteilen. Dazu muss ein Leitbild einer wohlge-
ordneten Gesellschaft freier und gleicher Bürger886 von der nationalen auf die supra-
nationale Ebene übertragen werden. Ebenso lassen sich der republikanisch-ethische
Bürgersinn, dieses Minimum an wechselseitiger Achtung und Anerkennung aller
Menschen als freie und gleiche Personen und die sich daraus ableitende Anerken-
nung der Menschen- und Bürgerrechte von der nationalen Gemeinschaft auf eine
‚weltbürgerliche’ Gemeinschaft aller Menschen ausweiten. Dies ist die Realisierung
der schon von Kant entworfenen Vision einer weltbürgerlichen Grundordnung des
Zusammenlebens der Völker.887
Das Verständnis und die Sensibilität der Weltwirtschaftsbürger für die sozio-
ökonomischen Voraussetzungen lebbarer Freiheit ist die Grundlage für die nationale
und supranationale Durchsetzung einer lebensdienlichen Rahmenordnung. Auf diese
Weise ist auf den globalen Finanzmärkten eine organisierte Solidarität der wirtschaft-
lich Starken mit den Schwächeren, der Gewinner mit den Verlierern des Wettbe-
werbs möglich.888

4.2.2 Normen einer lebensdienlichen Gestaltung


Es gibt kein Patentrezept und keinen endgültigen Massnahmenkatalog für eine
lebensdienliche Gestaltung der Rahmenordnung. Aber es gibt - ganz im Gegensatz
zu der Behauptung vom „Sachzwang Globalisierung” - eine Vielzahl von Instrumen-
ten, mit denen das internationale Finanzsystem reguliert und demokratisch kontrol-
liert werden könnte. Eine vom Wesen her nicht abzuschliessende Aufzählung von
Normen, Instrumenten und Massnahmen, die in einer neuen Rahmenordnung einge-
setzt werden können, um das Prinzip Lebensdienlichkeit umzusetzen, wird im Fol-
885
Vgl. Ulrich (2001: 262f.).
886
Vgl. Rawls (1993).
887
Vgl. Kant (1982); vgl. Ulrich (2003: 59f.).
888
Ulrich (2003: 60.).

167
genden zur Diskussion gestellt. Dabei gilt, dass eine einzelne Norm, ein einzelnes
Instrument dieses nicht allein vermag. Erst die Kombination verschiedener Instru-
mente wird die notwendige Wirkung erzielen.889 Diese Aufzählung lässt sich in drei
Kategorien einteilen. Zunächst werden Reformen aufgezeigt, die Rechte und Ge-
rechtigkeit auf den internationalen Finanzmärkten stärken. Dann werden (Rech-
nungs-)Normen genannt, die einzelwirtschaftliche Kalküle berücksichtigen. Ab-
schliessend werden Instrumente zur Unterstützung von Randnormen aufgezeigt, die
internationale Finanzmärkte begrenzen.890
Eine neue, bessere Rahmenordnung heisst aber nicht zwangsläufig mehr Kontrol-
le, mehr Staat, mehr Regulierungen. Sie ist gleichwohl mit den Institutionen, Instru-
menten, und Bedingungen gestaltet, die wirklich notwendig sind,891 das menschliche
Leben, das menschenwürdige Leben zu fördern. Sie wird so „modern“ sein, wie es das
„Gute Leben“ verlangt.

4.2.2.1 Reformen für mehr Recht und Gerechtigkeit


a) Mehr Rechte durch neue Institutionen
Die neue Rahmenordnung der globalen Finanzmärkte braucht supranationale In-
stitutionen für eine globale Vitalpolitik. Sie sind verantwortlich für diese Politik. Durch
sie können die lebensdienlichen Rechte der Bürger auch auf globaler Ebene ge-
schützt und durchgesetzt werden.
Sie sollen in einer Finanz- und Wirtschaftskrise prioritär zugunsten der betroffe-
nen Bevölkerung und nicht der internationalen Gläubiger eingreifen.892 Sie sollen da-
her nicht wie bisher der IMF ein „Krisenland“ zur Veränderung seiner Wirtschaftspoli-
tik zwingen.893 Die bisherige Politik des IMF, die Kreditvergabe in Krisensituationen
an Auflagen wie Importliberalisierung, Privatisierung, weitere Öffnung gegenüber
ausländischem Kapital und die Reduzierung öffentlicher Ausgaben zu binden, zwingt
die betroffenen Länder häufig zu einschneidenden wirtschaftspolitischen Verände-
rungen. Demokratische Länder haben aber ein Recht auf eine autonome Politik, das
nicht durch eine globale Institution in Frage gestellt werden darf. Vielmehr sollen sie
kurzfristig und unbürokratisch Überbrückungskredite zur Verfügung stellen, die zur
Überwindung der schwersten Krisenfolgen in dem betroffenen Land beitragen, indem
z.B. vergünstigte Kredite an kleine und mittelständische Unternehmen vergeben so-
wie Sozial- und Entwicklungsprojekte finanziert werden.
Die supranationalen Institutionen können durch mehrere regionale Elemente er-
gänzt werden.894 Deswegen sollen dezentrale Strukturen stärker ausgebaut und un-

889
Vgl. ergänzend den Forderungskatalog in WEED (2001: 50ff.).
890
Vgl. Kap. 1.4.2.4.
891
Vgl. Fane (1998).
892
Vgl. Gerster (1998): „Lehren für den IMF aus der Asienkrise“, in: NZZ vom 15.05.1998, S. 25.
893
Vgl. Feldstein (1998: 4).
894
Vgl. die Diskussion über den AMF in Kap. 3.5.3.3.

168
terstützt werden. Regionale Entwicklungs- und Währungsfonds sind eher geeignet
auf Spezifika in den jeweiligen Regionen einzugehen und die Rechte der dortigen
Bevölkerung zu schützen als globale Behörden, die der ganzen Welt das gleiche
Entwicklungsmodell aufdrängen. Die Regionalisierung könnte durch die Einrichtung
von Regionalbüros der supranationalen Institutionen erfolgen. Dies würde die Unab-
hängigkeit der supranationalen Institutionen von globalen Interessen fördern, so dass
eine Behauptung, wie der IMF sei abhängig von den „Agenten des internationalen
Finanzkapitals“895, grundlos wäre. Die neuen supranationalen Institutionen koordinie-
ren dann ihre Massnahmen sowohl untereinander als auch mit regionalen Einrich-
tungen und Organisationen der Zivilgesellschaft.
Dem Prinzip der Lebensdienlichkeit gerecht werden reformierte Institutionen,
wenn sie sich zum Prinzip machen, den Lebensstandard und die Entwicklungs-
perspektiven der Schuldner in den Schwellen- und Entwicklungsländern anzuheben
und so den wirklich Notleidenden zu ihrem Recht auf ein menschwürdiges Leben
verhelfen. Eine erste, sinnvolle und vitalpolitisch notwendige Forderung ist daher die
schon angesprochene Steigerung der Transparenz896 bei den Politiken und Mass-
nahmen der bisherigen Institutionen wie Weltbank, BIS und IMF. So ist ein Mindest-
mass an Transparenz nicht nur deshalb nötig, um den IMF-Mitgliedsländern das Ge-
fühl zu vermitteln, fair und gleich behandelt zu werden,897 sondern auch um Hand-
lungen und Entscheidungen der öffentlichen Kritik zugänglich zu machen.898
Allerdings ist in den bestehenden Institutionen in ihrer gegenwärtigen Form das
demokratische Prinzip kaum verwirklicht. Grundsätzlich soll das demokratische Prin-
zip in deren Politik verankert werden.899 Ein Beitrag zur Demokratisierung der Ent-
scheidungen könnte durch die gemeinsame Erarbeitung von Lösungen der Institutio-
nen mit dem betroffenen Land geschehen. Andere gesellschaftliche Gruppen wie
z.B. Arbeitnehmergruppen, aber auch Vertreter von NGOs und anderen Organisatio-
nen sowie der Opposition gerade aus nicht demokratischen Ländern, sollen an den
Beratungen beteiligt und in Aufsichtsgremien vertreten sein. Kontakte mit der Presse
und der Öffentlichkeit sind ebenfalls sinnvoll, um sicherzustellen, dass möglichst vie-
le der Betroffenen am Entscheidungsprozess partizipieren und keine legitimen An-
sprüche übergangen werden.
Konkret könnte die globale Vitalpolitik einer supranationalen Organisation, bei-
spielsweise einem reformierten IMF übertragen werden.900 Vorteil dieser Lösung wä-
re die Tatsache, dass der IMF bereits eine durchsetzungsmächtige Institution ist. Als
gewichtiger Nachteil muss aber wohl gelten, dass beim IMF bis heute das ökono-
895
Vgl. Mahathir (1998).
896
Vgl. Kap. 3.5.2.
897
Vgl. Swoboda (1998): „Globalisierung und die Stabilität des internationalen Finanzsystems“, in:
NZZ vom 26.09.1998, S. 83.
898
Vgl. Kap. 3.5.2.
899
Zunächst könnte die demokratische Kontrolle der Mittel für den IMF verstärkt werden. In Deutsch-
land werden beispielsweise die Mittel für den IMF durch die Bundesbank bereitgestellt, ohne dass
sie der parlamentarischen Kontrolle unterliegen. Vgl. Dieter (1998: 113).
900
Vgl. für nachstehende Überlegung Ulrich (2003: 58f.).

169
mistische, zum Teil korrektive Denken vorherrscht. Es ist unwahrscheinlich, dass der
IMF fähig und willens ist, vitalpolitischen Gesichtspunkten den ihnen gebührenden
Vorrang vor dem marktwirtschaftlichen Prinzip einzuräumen. Besser wäre ein Kon-
zept der „countervailing power“.901 Dieses Konzept zielt darauf ab, das sach-
gegebene Spannungsverhältnis zwischen supranationaler Vital- und Wettbewerbs-
politik als solches in transparenter Weise zu institutionalisieren. Den wettbewerbspo-
litischen Institutionen wie dem IMF würden eine oder mehrere ‚widergelagerte’ vital-
politische vorangestellt, die die humanitären, sozialen und ökologischen Rechte ver-
treten.
„Die Marktwirtschaft selbst ist aber nur zu halten bei einer widergelagerten Gesell-
schaftspolitik.“902

Die supranationalen vitalpolitischen Institutionen stehen dann über den auf markt-
wirtschaftliche Effizienz bedachten. Jene geben den vitalpolitischen Rahmen für die-
se vor. Innerhalb dieses Rahmens sollen diese die globalen Finanzmärkte nach
marktwirtschaftlichen Kriterien „managen“.
Vorteile dieser Lösung sind die Fachkompetenz, mit der diese neuen supra-
nationalen Institutionen arbeiten könnten und die Möglichkeit der sich allmählich her-
ausbildenden Weltöffentlichkeit, die Ausbalancierung der supranationalen Ordnungs-
politik zwischen den ‚widergelagerten’ Trägern kritisch zu verfolgen. Zielkonflikte zwi-
schen Interessen der Vitalpolitik auf der einen Seite und marktwirtschaftlichen Effi-
zienzkriterien auf der anderen Seite werden in einem Diskurs zwischen den Instituti-
onen thematisiert und so gelöst, dass nur das bessere, vitalpolitisch sinnvollere Ar-
gument zählt.

b) Mehr Gerechtigkeit durch Einbindung der Verantwortlichen


Mehr Gerechtigkeit auf den globalen Finanzmärkten wird erlangt, wenn die Fol-
gen des Handelns demjenigen zugeordnet werden, der dafür verantwortlich ist. So
sollen private Verluste privat bleiben und nicht sozialisiert werden. Eine wichtige Vor-
aussetzung für die stärkere Kostenbeteiligung privater Investoren (bailin)903 ist es,
neben den bereits genannten Massnahmen, den Schuldnerländern die Möglichkeit
zur Zahlungseinstellung einzuräumen. Das derzeitige Krisenmanagement folgt dage-
gen dem Prinzip, unter allen Umständen den Schuldendienst aufrechtzuerhalten. Es
ist daher einseitig an den Interessen der Gläubiger orientiert. Selbst die Deutsche
Bundesbank hat festgestellt,
„…dass ein Schuldnerland unter aussergewöhnlichen Umständen (...) dazu gezwungen
sein kann, die Bedienung seiner internationalen Staatsschulden zu suspendieren und
eventuell sogar Kapitalverkehrsbeschränkungen einzuführen. In solchen Fällen kann es

901
Vgl. Galbraith (1993).
902
Vgl. Röpke (1944: 85).
903
Vgl. Kap. 4.1.3.1.

170
hilfreich sein, wenn der IWF unter bestimmten Voraussetzungen Solidarität mit dem
Schuldnerland demonstriert.”904

Solch eine „gebilligte Zahlungseinstellung” würde dem betroffenen Land eine


Atempause verschaffen, ohne es gleich von den internationalen Finanzmärkten aus-
zuschliessen.
Um den Privatsektor zu beteiligen, muss eine allgemein gültige, formalisierte Re-
gelung gefunden werden, die bereits im Vorhinein festlegt, welche Lasten der Privat-
sektor im Krisenfall zu übernehmen hat, z.B. durch Umschuldungsklauseln oder ei-
nen versicherungsähnlichen Fonds. Eine international einheitliche Regelung soll al-
len Schuldnerländern das Recht auf Zahlungseinstellung einräumen. Für ein faires
Schuldenmanagement ist es erforderlich, bestehende nationale und kommerzielle
Insolvenzverfahren durch ein internationales Insolvenzrecht zu ergänzen, das Kredit-
beziehungen zwischen Staaten eine verlässliche Grundlage gibt. In diesem Schul-
denmanagement soll der Grundsatz befolgt werden, das Existenzminimum des
Schuldnerlandes zu erhalten und das Verfahren von einer neutralen Instanz durch-
führen zu lassen, wie es in allen Insolvenzregeln verankert ist. Auf diese Weise wür-
den Schuldenkrisen fairer überwunden.

4.2.2.2 Neue (Rechnungs-)Normen für eine bessere Vitalpolitik


a) Selektiver Einsatz von Kapitalverkehrskontrollen
Im Bretton-Woods-System gehörte die Beschränkung, Lenkung und Besteuerung
von internationalen Kapitalbewegungen ganz selbstverständlich zu den wirtschafts-
politischen Instrumenten. Die Renditeorientierung und Schnelligkeit, mit der Geschäf-
te auf den globalen Finanzmärkten durchgeführt werden, kann durch selektiven Ein-
satz von Kapitalverkehrskontrollen oder der Erhebung einer Steuer auf Devisen-
geschäfte905 eingedämmt und hin zu einer Finanzierung von langfristigen nachhalti-
gen und lebensdienlichen Investitionen gelenkt werden. Dabei sollen Kapital-
verkehrs- und Devisenkontrollen nicht nur als Massnahmen gegen Finanzkrisen an-
gesehen werden, sondern vor allem als Lenkungsabgaben verstanden werden, die
die Finanzierung lebensdienlicher Massnahmen fördern. Sie können so dazu beitra-
gen, das Kapital ins Land zu lassen, das für eine erwünschte, nachhaltige Entwick-
lung als tatsächlich notwendig erachtet wird. Eine den Bedürfnissen eines Landes
angemessene Beschränkung, Kontrolle und Besteuerung von Kapitalbewegungen
dient so der bewussten vitalpolitischen Lenkung von Kapitalströmen. Sie erweitert
auch den Handlungsspielraum der nationalen Regierungen erheblich.906 Der Einsatz
von Kapitalverkehrskontrollen soll auf alle Fälle in der Entscheidungsmacht jedes
einzelnen Landes liegen und nicht, wie bislang vom IMF, als unzulässiger Eingriff
des Staates diskriminiert und tabuisiert werden.

904
Bundesbank (1999: 44).
905
Vgl. Kap. 4.1.2.3.
906
Vgl. Kap. 4.1.2.

171
b) Abgestimmte Wechselkurse
Von der Währungspolitik geht ein wichtiger Einfluss auf alles aus, was ein Volk
will oder tut, auf alle Elemente seines sozialen und wirtschaftlichen Befindens. Ein
stabiles und zuverlässiges Wechselkurssystem ist eine unerlässliche Rahmen-
bedingung des gerechten Austauschs von Gütern und Dienstleistungen.907
Eine grundlegende Veränderung des Weltfinanzsystems schliesst daher eine Re-
form des Wechselkursregimes ein. Wechselkursschwankungen wirken sich negativ
auf internationale Handelsgeschäfte aus, die durch diese Schwankungen unbere-
chenbarer und teurer werden. Dies ist besonders für Schwachwährungsländer prob-
lematisch, die einerseits von den Schwankungen zwischen den Leitwährungen in
Mitleidenschaft gezogen und andererseits Opfer spekulativer Währungsattacken
werden können. Die Auswahl eines lebensdienlichen Wechselkursmechanismus ges-
taltet sich für diese Länder ausgesprochen schwierig. Alternativ zu dem Vorschlag
einer Einheitswährung908 oder einem Weltwährungsregime können daher Zielzo-
nen909 für die Wechselkurse zwischen den grossen Währungen Dollar, Euro und Yen
vereinbart werden, die die Schwankungen zwischen diesen Währungen vermin-
dern.910 Dies ist insbesondere für Schwellenländer von Vorteil, die oft ihre Währun-
gen an eine der grossen Währungen gebunden haben.911 Die Regierungen der G7-
Länder können mittlere Wechselkurse ihrer Währungen bestimmen, um die zunächst
Schwankungen bis +/- 15 % erlaubt sind. Langfristige Ungleichgewichte, verursacht
durch unterschiedliche Inflationsraten, werden durch regelmässige Anpassungen
korrigiert. Ansonsten verteidigen die Zentralbanken die Bandbreiten der Wechselkur-
se durch Eingriffe in den Devisenmarkt oder falls notwendig mit Hilfe der entspre-
chenden Geldpolitik. Es kann für Schwellenländer dann ebenfalls attraktiv sein, Ziel-
zonen und entsprechende Politiken für ihre Währungsstabilität zu verwirklichen.912
Ein weiteres Konzept, das alternativ oder ergänzend zu dem der Zielzonen einge-
führt werden kann, ist das der regionalen Wechselkursverbünde, z.B. ein europäi-
scher, ein lateinamerikanischer und ein asiatischer Verbund. In den regionalen Wäh-
rungssystemen können, wie in der Euro-Zone, die verschiedenen nationalen durch
eine gemeinsame Währung ersetzt werden. Auch dies würde zur Stabilisierung des
Weltwährungssystems beitragen.

907
Vgl. Cohen (1978).
908
Vgl. Kap. 4.1.1.6.
909
Vgl. Filc (1998): „Mehr Wirtschaftswachstum durch gestaltete Finanzmärkte. Nationaler Verhal-
tenskodex und internationale Kooperation. Internationale Politik und Gesellschaft“, in: Handelsblatt
vom 26.03.1998, S. 30.
910
Vgl. Volcker/Leutwyler (1997): „Gedächtnisvorlesung“, in: NZZ vom 16.12.1997, S. 25.
911
Vgl. Bergsten (1998): “How to Target Exchange Rates”, in: Financial Times vom 20.11.1998.
Schon früher wies Bergsten auf diesen Punkt hin, Bergsten/Henning (1996). Die deutsche Regie-
rung äusserte sich bei der Diskussion um eine neue Finanzarchitektur in die gleiche Richtung.
912
Dieses System kann allerdings nur funktionieren, wenn die Absprachen absolut glaubwürdig und
transparent sind. Bestehen Zweifel an der Glaubwürdigkeit, werden Spekulanten von Zeit zu Zeit
die Ränder der Zielzonen „testen”. In diesem Fall können Wechselkurszielzonen spekulative Atta-
cken sogar provozieren, wie beim Zerfall des EWS im Jahr 1992 deutlich wurde.

172
Klare und transparente Absprachen zur Stützung von Währungen, die von Ab-
wertung bedroht sind, entziehen den spekulativen Währungsattacken die Grundla-
gen. Eine abgestimmte Währungspolitik in einer Welt mit hoher Kapitalmobilität ver-
langt zwar Reformen, auf die Staaten sich häufig nur ungern einlassen, doch hat die
Europäische Union gezeigt, dass eine gemeinsame Währungspolitik möglich ist.913
Die Stabilität der Wechselkurse wird dann wieder als „gemeinschaftliches Gut”
angesehen, das es durch internationale Zusammenarbeit zu garantieren gilt. Ein An-
satz also, wie er schon auf der Konferenz von Bretton Woods als Konsequenz der
Weltwirtschaftskrise vertreten wurde. Nationale Interessen werden zugunsten inter-
nationaler Kooperation zurückgestellt und Wechselkurse dann nicht mehr als Mittel
der Standortkonkurrenz eingesetzt, sondern als Instrument einer gemeinsamen
Vitalpolitik.

4.2.2.3 Neue Ränder der globalen Finanzmärkte


a) Umwandlung der Offshoremärkte
Investmentfonds, Banken und Spekulanten verlegen ihren juristischen Sitz häufig
in Offshoremärkte, weil sie dort keine oder kaum Steuern zahlen müssen und sich
der Aufsicht über ihre Finanztransaktionen völlig legal entziehen können. Bei diesen
Freizonen handelt es sich in der Mehrzahl um von Industriestaaten abhängige Gebie-
te, die bewusst von dem jeweiligen „Mutterland“ geschaffen und mit Sondergesetzen
ausgestattet werden. Bei einer lebensdienlichen Gestaltung der Rahmenordnung der
Finanzmärkte sollen sich die Staaten in einem völkerrechtlichen Vertrag einigen die-
se Sonderzonen abzuschaffen. Zumindest sollen sie neutralisiert werden, indem sich
weltweit agierende Finanzakteure verpflichten, keine Geschäfte einzugehen, die über
diese Zonen laufen. Auch die Veröffentlichung „schwarzer Listen”, wie bereits durch
die OECD und das Financial Stability Forum (FSF) geschehen, führt dazu, dass viele
Offshoremärkte begonnen haben, ihre Standards zu verbessern, um als „saubere
Finanzplätze” zu gelten.914
Als Argument gegen eine Aufhebung des Sonderstatus der Offshoremärkte wird
häufig angeführt, dass diese auf die Einnahmen durch Finanzgeschäfte angewiesen
sind und kaum andere Entwicklungsmöglichkeiten haben. Daher können tatsächlich
entstehende Anpassungsprobleme, gerade für unabhängige Territorien, genutzt wer-
den, um in einem international vereinbarten Programm beispielhaft lebensdienliche
Sonderzonen zu schaffen. Dort können dann weltweit erhobene Steuern auf interna-
tionale Kapitalflüsse (z.B. Tobin-Steuer) nachhaltige Entwicklungsprojekte finanzie-
ren.

913
Vgl. Eichengreen (2000: 248).
914
Vgl. WEED (2001: 52f.).

173
b) Beschränkung der Spekulation
Die originäre Funktion von Spekulation, Handelsgeschäfte gegen Preis- und
Wechselkursschwankungen abzusichern, ist gegenüber Geschäften mit rein spekula-
tivem Charakter in den Hintergrund getreten. Angesichts des hohen Stabilitätsrisikos
ist eine Einschränkung der reinen Spekulation unumgänglich.915
Spekulation zur Absicherung von Handelsgeschäften gegen Preisschwankungen
und so zur Risikominimierung soll aber von der Beschränkung möglichst ausge-
nommen werden. Spekulation, die durch ihren rein spekulativen Charakter Unsicher-
heit und Instabilität erzeugt, soll dagegen verboten werden. Eine Unterscheidung
zwischen diesen beiden Funktionen der Spekulation (Absicherung und Renditema-
ximierung) ist jedoch schwierig. Daher müssen Kriterien entwickelt werden, nach de-
nen sich die verschiedenen Arten von Spekulation klassifizieren lassen. Die Instru-
mente (Derivative), die zur Spekulation eingesetzt werden können, können daher in
einem kritischen Diskurs (der Weltwirtschaftsbürger) anhand von Kriterien auf ihre
Lebensdienlichkeit hin überprüft werden und gegebenenfalls könnte ihrem Gebrauch
für Absicherungsgeschäfte zugestimmt werden. Darunter fällt sicherlich der Grossteil
der Termingeschäfte. Index-Futures oder -Optionen hingegen sind ohne Zweifel rein
spekulativ. Sie setzen auf den Verlauf eines Aktienindexes, ohne ein real stattfinden-
des Geschäft abzusichern. Solche Derivate, die nachweislich spekulative Absichten
verfolgen, sollen nicht zugelassen werden. Da sich ständig neue „Finanzinnovatio-
nen” entwickeln, ist eine sinnvolle Beschränkung nicht immer einfach. Jedes nicht als
lebensdienlich akzeptierte Derivat kann durch ein neues ähnliches Instrument ersetzt
werden. Dieses Problem kann dadurch gelöst werden, dass eine Zulassungspflicht
nach Prüfung der Lebensdienlichkeit für alle neuen „Erfindungen” eingeführt wird.
Der Derivatehandel soll daher auf regulierte Terminbörsen beschränkt werden, um
diese Zulassungspflicht besser zu kontrollieren. Er soll darüber hinaus genauer er-
fasst werden (z.B. durch verschärfte Publizitätspflichten für Unternehmen und Fi-
nanzinstitute) und in das Bilanzrecht eingeführt sowie mit Auflagen versehen werden,
die den rein spekulativen Gebrauch von Derivaten unterbinden.

c) Eigene internationale Finanzmärkte für Entwicklungs- und Schwellenländer


Randnormen bedeuten nicht immer, dass Märkte begrenzt werden sollen. Sie
können Märkte auch trennen, eigene schaffen oder bestehende schützen. In diesem
Fall sollen eigene Finanzmärkte für Entwicklungs- und Schwellenländer geschaffen
werden. Die Asien- und andere Finanzkrisen haben gezeigt, dass Entwicklungs- und
Schwellenländer von den Instabilitäten der internationalen Finanzmärkte besonders
betroffen sind. Eine gerechtere Gestaltung der Rahmenordnung soll daher Ent-
wicklungs- und Schwellenländern ermöglichen, Kredite in ihrer eigenen Währung
aufzunehmen. Dazu müsste sich ein eigener Kreditmarkt, später auch weitere Fi-

915
Vgl. Kap. 1.3.2. und Kap. 3.5.3.1.

174
nanzmärkte bilden. Vorteil eines eigenen Kreditmarktes ist hauptsächlich die sinken-
de Abhängigkeit von Krediten, die in USD, EURO oder Yen gezeichnet sind.
Die Bildung eines eigenen Kreditmarktes kann in vier Schritten erfolgen. In einem
ersten Schritt sollen supranationale Institutionen wie die Weltbank gemeinsam mit
regionalen Einrichtungen und Organisationen einen Index entwickeln, der auf einem
Währungskorb der Währungen der Entwicklungs- und Schwellenländer basiert.916
Die supranationalen und die regionalen Institutionen sowie die einzelnen Länder
können dann Kredite vergeben, die auf diesem Währungsindex basieren. Aber nicht
nur die Weltbank, auch die Industrieländer sollen in einem weiteren Schritt, um den
Umlauf und damit den „Wert“ dieser neuen Währung zu erhöhen, Wertpapiere, die
auf diesen Index lauten, zeichnen. Dadurch würde sich der neue Finanzmarkt global
etablieren, so dass auch private Institutionen aus den Industriestaaten Interesse ha-
ben, Produkte für diesen Markt zu entwickeln und anzubieten. Neben dem ursprüng-
lichen Kredit- und auch Devisenmarkt können dann weitere eigene regionale Märkte
für Anleihen, Aktien und Derivate entstehen. Eigene Finanzmärkte in den Währungen
der Entwicklungs- und Schwellenländer unterstützen die Vitalpolitik dieser Länder
besser und führen so wieder zu einer Autonomie des Südens gegenüber dem Nor-
den. Denn je mehr diese Finanzmärkte etabliert sind, desto geringer wird die Abhän-
gigkeit der Entwicklungs- und Schwellenländer nicht nur von den Krediten, sondern
auch von den Interessen der Industrieländer. Diese regionalen Finanzmärkte können
dann, ähnlich wie die Euromärkte den Interessen der EU, den vitalpolitischen Inte-
ressen der Entwicklungs- und Schwellenländer dienen.
Diese Märkte sollen möglichst viele Regionen umfassen, da nur so eine genü-
gende Diversifizierung des Risikos einer Währungskrise gewährleistet ist. Denn wie
die Asienkrise gezeigt hat, kann eine ganze Region in eine Krise geraten, dass aber
alle Regionen mit Entwicklungs- und Schwellenländern gleichzeitig in eine Krise ge-
raten, ist unwahrscheinlich.

4.2.3 Die Mitverantwortung global corporate citizen


Banken, multinationale Unternehmen und Institutionelle Investoren (Pensions-
fonds, Versicherungen, Investitionsfonds) haben eine immer grössere Marktmacht
bekommen und sollten vor dem Hintergrund der bereits angeführten Wirtschaftsbür-
gerkompetenz917 zu einer positiven Veränderung der internationalen Finanzmärkte
beitragen.918 Sie unterscheiden sich in ihrer Struktur und dementsprechend in ihrem
Investitionsverhalten deutlich, doch alle investieren Kapital (ihr eigenes oder das

916
Vgl. Eichengreen (2003).
917
Vgl. Kap. 1.4.3.
918
Vgl. Griffith-Jones/Cailloux (1999: 11ff.).

175
vieler einzelner Anleger) im Ausland.919 Das allen Gemeinsame, die riesigen verwal-
teten Vermögen und ihr Einfluss auf die internationalen Finanzmärkte, verpflichtet
sie, das Kapital verantwortungsbewusst anzulegen. Daher sollten sie sich an der
Leitidee des global corporate citizen920 ausrichten und ihre Anlagestrategie offen dar-
legen und so kritisch zugänglich machen. Zwar lastet auf ihnen häufig der Druck von
der Kapitalgeberseite performanceorientiert zu investieren, doch wird das Interesse
vieler Bürger an ethical investment921 immer grösser. Diese schauen nicht nur auf die
Rendite, sondern fordern auch ein sozial und ökologisch verträgliches Investieren.
Wenn die Institutionellen Investoren vermehrt ethisch-praktische Aspekte der Kapi-
talallokation berücksichtigen, dann können ihre Gelder einen wichtigen Beitrag zu
einer nachhaltigen positiven wirtschaftlichen Entwicklung im Rahmen lebensdienlich
gestalteter Finanzmärkte leisten.
Die Leitidee des global corporate citizen eröffnet folgende (Zukunfts-)Perspektive:
Global corporate citizen stabilisieren durch langfristige Anlagestrategien die internati-
onalen Finanzmärkte. Das von ihnen verwaltete Kapital wird daher auf längere Zeit in
einem bestimmten Land oder einer Region investiert bleiben und sie werden nicht
„herdengleich“ bei den ersten Anzeichen einer Krise mit allen anderen das Kapital
abziehen.922 Global corporate citizen werden in einer gemeinsamen Anstrengung mit
Regierungen und Nichtregierungsorganisationen ein neues Multilaterales Abkommen
über Investitionen (MAI) verabschieden.923
Im Gegensatz zu einem auf Markteffizienz ausgerichteten Abkommen kann die-
ses multilaterale Investitionsabkommen Kriterien der Lebensdienlichkeit bei transna-
tionalen Investitionen verankern. Dieses Abkommen wird sich daher nicht nur auf
Produktionsanlagen, sondern auch auf Finanzinvestitionen und sonstige Dienst-
leistungen erstrecken. Dieses neue Investitionsabkommen sichert soziale und um-
weltpolitische Standards durch verbindliche Klauseln ab. Damit wird der Gefahr be-
gegnet, dass Arbeitnehmer- und Umweltrechte, aber auch das Recht auf eigenstän-
dige Entwicklung Investitionsentscheidungen sowie -freiheiten geopfert werden und
sich die Abwärtsspirale bei den sozialen Grundrechten im weltweiten Wettbewerb
sowohl um Investitionen als auch um Arbeitsplätze weiterdreht. Demzufolge wird die
Absenkung von Arbeits-, Gesundheits- und Umweltschutznormen zur Anlockung von
919
Die Zunahme von internationalen Kapitalflüssen in den letzen Jahren ist auch ein Ergebnis der
Internationalisierung dieser Investoren. Die Internationalisierung ist zwar asymmetrisch, der Anteil
von Kapitalanlagen von grossen Institutionellen Investoren im Ausland ist häufig noch gering, für
die Empfängerländer können dies aber bedeutende Summen sein.
920
Vgl. Kap. 1.4.3.
921
Vgl. zum „ethischen“ Investieren Ulrich//Jäger/Waxenberger (1998).
922
Vgl. Garten (1999: 80).
923
Bereits in den Jahren 1995 bis 1998 wurde mit der Debatte über ein Multilaterales Abkommen
über Investitionen innerhalb der OECD der Versuch unternommen, erstmals einen umfassenden
internationalen Vertrag über den Schutz und die Liberalisierung von Auslandsinvestitionen auszu-
handeln. Das MAI sollte eine weitere Säule der Weltwirtschaft neben Organisationen und Instru-
menten wie der Welthandelsorganisation WTO und dem IMF bilden. Im Dezember 1998 sind die
Verhandlungen innerhalb der OECD jedoch aufgrund zwischenstaatlicher Differenzen, vor allem
jedoch wegen des massiven Widerstands in der Öffentlichkeit der verhandlungsführenden Staaten
eingestellt worden. Vgl. Ceyssens (2003).

176
ausländischen Investitionen unterhalb eines von den Betroffenen zu bestimmenden
Niveaus verboten werden und diese grundlegend lebensdienlichen Normen auf eine
höhere Stufe als die Bestimmungen zum Schutz von Vermögen und kommerziellen
Interessen gestellt werden. Keine Bestimmung des MAI wird so ausgelegt oder an-
gewandt werden, dass sie die Beibehaltung oder Weiterentwicklung von nationalen,
regionalen oder internationalen Arbeits-, Sozial- und Umweltstandards auch nur mit-
telbar behindert.
In MAI werden im Ausland investierende Unternehmen verpflichtet, ihre in den
Heimatländern geltenden Arbeits-, Sozial- und Umweltstandards anzuwenden, so-
weit sie höhere Anforderungen beinhalten als im Land der Investition. Ausserdem
werden Leitsätze für eine gute Unternehmensführung in das Vertragswerk des MAI
aufgenommen werden, insbesondere Leitsätze für vorbildliche Verhaltensweisen
ausländischer Unternehmen zum Schutz der kulturellen Eigenständigkeit des jeweili-
gen Gastlandes. Auch die Repräsentanz der Bevölkerung des Gastlandes in Auf-
sichts- und Kontrollgremien wird Bestandteil dieser Leitlinien sein. Solche Leitsätze
guter Unternehmensführung sind ein weiterer Schritt hin zu einer weltweiten Zivilisie-
rung der Industrie- und Arbeitsbeziehungen.
Durch das MAI wird eine nationale Überwachungs- und Schiedsstelle zur Beach-
tung der Leitsätze und der im MAI zu gewährleistenden Sozial- und Umweltstandards
geschaffen werden. Fragen in Zusammenhang mit Arbeits- und Umweltnormen wer-
den zum prioritären Bestandteil der regulären Bewertungsverfahren.
In das Vertragswerk werden bindende Klauseln aufgenommen, die Arbeitsnor-
men wie Koalitionsfreiheit und Tarifautonomie garantieren und Zwangsarbeit, Kin-
derarbeit und jegliche Form von Ausbeutung und Diskriminierung in Beschäftigungs-
verhältnissen verbieten.
Vor allem für Entwicklungsländer werden im Vertragswerk des MAI Ausnahme-
bestimmungen zur Förderung einer eigenen industriellen Entwicklung, aber auch zur
Gewährleistung bestimmter Arbeitnehmerrechte, zur Verteidigung der Rechte von
Ureineinwohnern und zur Schonung ihrer einheimischen natürlichen Ressourcen und
Umwelt eingefügt.

177
Die Qualität unserer Ziele
bestimmt die Qualität unserer Zukunft.
(anonym)

5 Conclusio
„Die Globalisierung der Finanzmärkte als wirtschaftsethische Herausforderung“
ist sicherlich nur eine unter den vielen Herausforderungen, denen sich die Mensch-
heit heute stellen muss (Klimawandel, HIV, internationaler Terrorismus). Diesen Her-
ausforderungen kann nur in einer gemeinsamen Anstrengung aller begegnet werden,
um zu einer verträglichen Lösung zu gelangen. Die Globalisierung der Finanzmärkte
als eine wirtschaftsethische Herausforderung darf dabei aber keinesfalls unterschätzt
werden und nachrangig sein. Aus diesem Grund hat die vorliegende wirtschafts-
ethische Arbeit versucht, diese Problematik darzustellen. Sie hat gezeigt, wie die in-
ternationalen Finanzmärkte zunehmend die Politik beherrschen und dass sich immer
weniger Lebensbereiche dem Diktat von Dow Jones und shareholder value entzie-
hen können. Die Analyse hat darüber hinaus deutlich gemacht, dass im Namen einer
Modernisierung, die als unabänderlicher Sachzwang präsentiert wird, die Macht der
Finanzmärkte die Demokratie untergräbt. Sie legte offen, wie durch die Gefahr, dass
andere Standorte, insbesondere Steuerparadiese bzw. Offshoremärkte attraktiver
sind, die Politik demokratisch gewählter Regierungen „diszipliniert“ wird.
Insbesondere das Aufzeigen des Zusammenhanges zwischen Realgütermarkt,
Finanzmarkt und dem Politischen hat offenkundig gemacht, welche Tragweite die
Entwicklungen der letzten 30 Jahre auf den Finanzmärkten haben. Die Krisen im
Verlauf der Globalisierung der Finanzmärkte hatten überwiegend negative Folgen für
die Bevölkerung in den Krisenländern. Die Behauptung, die Globalisierung bringe
Wohlstand für alle, hat sich damit nicht bewahrheitet. Dies zu erkennen ist umso
notwendiger, da es heutzutage aufgrund der weltweiten Interaktionen immer schwie-
riger wird, die legitimen Ansprüche aller von Handlungen auf den Finanzmärkten Be-
troffenen zu berücksichtigen. Doch die Globalisierung der Finanzmärkte ist weder
schicksalhaft noch unaufhaltbar. Sie ist kein Naturgesetz, sondern zielgerichtet in
Gang gesetzt worden. Daher ist es möglich, die legitimen Ansprüche aller Betroffe-
nen wieder zur Geltung kommen zu lassen. Dazu wurden erste Lösungen skizziert.
Diese Lösungsvorschläge sind als Wegweiser zu verstehen, die zukünftige Wege
hin zu einer gerechteren Ordnung der globalen Finanzmärkte anzeigen. Diese be-
schriebenen Wege sind weiter zu entwickeln, damit der globale Finanzmarkt wieder
in das politische Leben integriert werden kann. Denn welche Folgen es hat, wenn die
Logik des Marktes über dem Primat der Politik steht, offenbart sich bei der gegen-
wärtigen Globalisierung der Finanzmärkte.
Es stellt sich natürlich die Frage nach der Umsetzbarkeit von Massnahmen zur
Neugestaltung der Rahmenordnung. Es ist aber noch einmal hervorzuheben, dass
vorgeschlagene Lösungen vorrangig ein hohes Potenzial an Lebensdienlichkeit be-

178
sitzen müssen. Erst wenn dieser Anspruch erfüllt ist, kann entschieden werden, wie
sie umgesetzt werden können. Vielfach ist bei der Diskussion von Vorschlägen die-
ser Gedanke in den Hintergrund getreten. Probleme der Umsetzung dürfen nicht im
Vorhinein die Diskussion über die Lebensdienlichkeit einschränken. Solange eine
Gesellschaft freier Wirtschaftsbürger nicht darüber entschieden hat, was sie als gut
befindet, impliziert jede Frage nach den Mitteln einen Reflexionsstopp. Erst nachdem
sich auf ein Ziel geeinigt wurde, kann über die konkrete Umsetzung diskutiert wer-
den. Wer sich nur mit der Frage der Umsetzung beschäftigt, wird über oberflächliche
Korrekturen nicht hinausgehen (wollen).
Die Effizienz der Massnahmen muss also erst in einem weiteren Schritt diskutiert
werden. Aufgrund dieses Diskurses sollten die Massnahmen, die sich als lebensdien-
lich und effizient erwiesen haben, umgesetzt werden. Wichtigstes Kriterium für die
Umsetzung ist, dass sich das Primat der Politik zielgerichtet vor der Logik der Finanz-
märkte wieder durchsetzt. Deshalb müssen
„…die Räume, in denen institutionelle Voraussetzungen zur Wahrung des Primats der
Politik gegeben sind, (...) mit den offenen Markträumen deckungsgleich sein“ 924.

Welche Institutionen neu geschaffen oder reformiert werden sollen, wie die Rech-
te der Weltwirtschaftsbürger geschützt werden, wie der Markt auf eine lebensdienli-
che Funktion eingegrenzt werden kann und wie (Rechnung-)Normen genutzt werden
können, um so Kapital in lebensdienliche Massnahmen zu lenken, diese Fragen sind
diskursiv von den Weltwirtschaftsbürgern und den global coporate citizen zu beant-
worten. Ihr ausschlaggebendes Kriterium in den Diskursen ist die Lebensdienlichkeit
und nicht die Effizienz. Sie werden die Finanzmärkte so begrenzen, dass die von ih-
nen als sinnvoll und legitim erachteten Normen und Werte nicht der Logik des Mark-
tes unterliegen, sondern lebensdienlich zur Geltung kommen.

Die in dieser Arbeit vorgestellten Wege zu einer neuen Finanzarchitektur sind


nicht abschliessend. Sie möchten in erster Linie den Weltwirtschaftsbürgern Hinwei-
se liefern, in welche Richtung weitergedacht werden soll. Global corporate citizen,
die sich jetzt schon ihrer Verantwortung als republikanisch gesinnte Wirtschaftsbür-
ger bewusst sind, können aber schon durch Umsetzung von internen Prinzipien be-
ginnen, an dem neuen Haus der Finanzmärkte mitzubauen. Dieses Haus ist nicht
mehr im Besitz eines rein strategisch ausgerichteten und erfolgsorientierten homo
oeconomicus, vielmehr wohnen in ihm verständigungsorientiert agierende Men-
schen, die Lösungen im Politischen suchen.
Ein gerechteres internationales Finanzsystem kann jedoch nur unter Beteiligung
von Vertretern aus dem Süden, aus den Entwicklungs- und Schwellenländern, entwi-
ckelt werden. Die Weltwirtschaftsbürger sollen daher eine „Globalisierung der Le-
bensdienlichkeit” vorantreiben, die lokale, nationale und regionale Alternativen zum

924
Ulrich (2001: 387).

179
bestehenden Entwicklungsmodell unterstützt und gemeinsame Strategien zugunsten
eines weltweit gerechteren Finanzsystems entwickelt.
Bürgergesellschaft, Weltwirtschaftsbürger und global corporate citizen sind also
gefordert, durch internationale politische Regulierung die entfesselten Marktkräfte so
zu begrenzen, dass sie wieder ihrer ursprünglichen Funktion, dem „Guten Leben“ zu
dienen, zugeführt werden. Sie werden dabei die Interessen aller Betroffenen gegen
die Interessen Einzelner vertreten.
Es sind konkret alle interessierten Gruppen und Organisationen gefordert, sich an
der Diskussion über die Neugestaltung der Rahmenordnung der globalen Finanz-
märkte zu beteiligen. Alle betroffenen Gesellschaftsgruppen, Nichtregierungsorgani-
sationen, Gewerkschaften, Kirchen und Basisbewegungen müssen in diesem Sinne
öffentliche Bewusstseinsbildung betreiben, um gezielt den „Druck“ auf die politischen
und wirtschaftlichen Akteure für eine alternative - sozial gerechte, ökologisch nach-
haltige und demokratische - Entwicklung zu verstärken.925
Die Wirtschaftsethik darf und soll sich in diese Debatte einmischen. Sie hilft den
zivilgesellschaftlichen Gruppen und Organisationen manch „knallhartes“ Argument
als Scheinargument zu entlarven und das Normative dahinter aufzudecken. So kann
sich durch die öffentliche Diskussion über die Rolle der Finanzmärkte eine internatio-
nale Finanzordnung entwickeln, die eine sozial gerechte, ökologisch tragfähige und
vitalpolitisch ausgewogene Entwicklung in Süd und Nord garantiert.
Die wachsende Bedeutung zivilgesellschaftlicher Akteure auch auf internationaler
Ebene ist Ende 1999 bei den Protesten gegen die WTO in Seattle deutlich gewor-
den. Diese Proteste, die sich gegen eine weitere Liberalisierung und die „Globalisie-
rung der transnationalen Konzerne” richteten, trugen zum Scheitern der so genann-
ten Millenniumsrunde bei.
Zivilgesellschaftliche Akteure sollten sich sowohl auf nationaler als auch auf in-
ternationaler Ebene gemeinsam für eine demokratische Kontrolle der Finanzmärkte
einsetzen. Wenn sich Gewerkschaften, Umweltverbände, Nichtregierungs-
organisationen, kirchliche Gruppen und soziale Bewegungen zusammenschließen,
können sie ihre Regierungen und die internationalen Institutionen dazu zwingen, die
Debatte für diejenigen zu öffnen, die bislang davon ausgeschlossen sind. Auf euro-
päischer Ebene sind bereits zahlreiche Initiativen und Bewegungen zur demokrati-
schen Kontrolle der Finanzmärkte entstanden.926
Es wird leicht und allzu schnell gesagt, grosse institutionelle Veränderungen sei-
en illusorisch und undurchführbar. Doch es ist noch nicht lange her, da schien die
Einführung einer einheitlichen europäischen Währung genauso unwahrscheinlich wie
der Zusammenbruch der Sowjetunion oder die Wiedervereinigung Deutschlands.
Eine grössere Veränderung erscheint zunächst nur unter der gegenwärtigen politi-

925
Vgl. Osterhaus/Waldow (2000).
926
Z.B. die weltweit organisierten Attac-Gruppen.

180
schen Situation als unrealistisch. Ein, zwei Krisen mehr könnten manchen vermeintli-
chen Sachzwang als Denkzwang entlarven und so manche Utopie zur Realität wer-
den lassen.
Die Chancen für eine Neuorientierung der Weltwirtschaft und eine lebensdienli-
che Re-Regulierung vor allem der internationalen Finanzmärkte sind gewachsen. In
Europa und in den betroffenen Schwellenländern findet, mehr als in den USA, die
Forderung nach einer neuen Weltwirtschaftsordnung und nach dem Ausbau der be-
stehenden multilateralen Institutionen eine zunehmende Unterstützung. Mit einer ra-
schen Realisierung der Reformvorschläge auf internationaler Ebene ist aber nicht
kurzfristig zu rechnen. Dafür sind die zu erwartenden Widerstände von Seiten der
Regierungen der Industrienationen, insbesondere der USA, zu gross.
Der Widerstand aus den USA resultiert zum einen aus dem in den 1990er Jahren
erfolgten Wandel der Politik von einem „unilateral globalism“ hin zu „global unilatera-
lism“.927 Zum anderen profitieren in den USA eine Reihe einflussreicher Akteure von
der Deregulierung der internationalen Finanzmärkte. Diese Akteure haben kein
Interesse an einem neuen internationalen Regime, das ihre Handlungs- und Profit-
möglichkeiten einschränken würde.928
Die angedeutete Aufgabe erfordert somit einen wirtschaftskulturellen Lernprozess
und wohl auch einen politischen Kampf vor allem in den USA und den anderen In-
dustrienationen. Umdenken muss wohl auch der „alte“ IMF. Dies zeigt sich daran,
dass die US-Regierung und der IMF bereits Vorschläge zur Stabilisierung von Wech-
selkursen, wie sie Ende 1998 vom damaligen deutschen Finanzminister Lafontaine
vorgetragen wurden, nicht diskutieren wollten. Verantwortlich für die Blockadehaltung
ist auch eine Verflechtung der Wall Street, der US-Administration und des IMF. Zur
Sicherung eigener Interessen werden die Vorteile des freien Kapitalverkehrs ange-
priesen, ohne dass in angemessener Weise auf Risiken der Liberalisierung hinge-
wiesen wird.929 Als zum Teil fundamentalistische Marktanhänger befürworten sie die
Entwicklung zu einem „globalen Ordnungsdarwinismus“930 beim internationalen
Standortwettbewerb mit dem Argument der ökonomischen Effizienz.
Weitere wichtige Akteure, die umdenken müssen, sind Weltbank, die Bank für in-
ternationalen Zahlungsausgleich (BIZ) und das Forum für Finanzstabilität (FSF). Die-
se Gremien zeichnen sich ausnahmslos dadurch aus, dass sie von den großen In-
dustriestaaten dominiert werden und Stimmen aus Entwicklungs- oder Schwellenlän-
dern in ihnen kaum oder gar kein Gewicht haben.
Wenn es sich unter den derzeitigen weltpolitischen Umständen vorläufig nicht re-
alisieren lässt, eine globale Institution für eine globale Vitalpolitik zu finden, ist eine
Beschränkung transnationaler Märkte auf jene Räume, in denen eine „Norminstanz“

927
Vgl. Huntington (1999).
928
Dieter (1999: 7).
929
Vgl. Bhagwati (1998: 7).
930
Ulrich (2001: 382).

181
zur Legitimation und Durchsetzung einer für alle Marktteilnehmer verbindlichen vital-
politischen Rahmenordnung schon besteht, sinnvoll. Dies ist in vielen Weltregionen
der Fall.931 Wenn eine regionale Zwischenebene die „vitale“ Ordnungsaufgabe über-
nimmt, könnte in einer Art Zwischenschritt der Sprung von der nationalen Ebene auf
die globale Ebene erleichtert werden.932 Diese Zwischenebene weist auch Vorteile
gegenüber der nationalen Ebene auf. Schädliches „Lobbying“, das oft einen Reform-
stau verursacht, wird schwieriger.
Dem Lösen der Finanzmärkte von immer mehr „Fesseln“ und der „bedingungslo-
sen Gutheissung des globalen Wettbewerbs der Rahmenordnungen“933 steht somit
als Herausforderung die in vitalpolitischer Hinsicht überzeugendere Alternative von
sinnvoll „gefesselten“ Finanzmärkten gegenüber. Dies ist eine ordnungspolitische
Herausforderung, die nicht kurzfristig umgesetzt werden kann. Aber die ‚kritische
Weltöffentlichkeit’ und die global corporate cititzen können Motor dieses vitalpoliti-
schen Projektes sein. Dann muss es nicht einen race to the bottom geben, sondern
es wird ein race to the top.

931
Diese Aufgabe könnten die weltregionalen Wirtschaftsblöcke EU, ASEAN, NAFTA, MERCOSUR
etc. übernehmen.
932
Vgl. Ulrich (2001: 389).
933
Ulrich (2001: 391).

182
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Curriculum Vitae
Christian Cobbers
Guilleaumestr. 19-21
D-51065 Köln
E-Mail: christian.cobbers@alumni.unisg.ch

geb. am 23.7.1972

1983-1992 Städtisches Gymnasium Kamp-Lintfort, Deutschland


1992-1997 Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gal-
len/HSG mit Gastsemester an den Universitäten Bielefeld und
Lausanne; Vertiefungsrichtung Finanz & Rechnungswesen
1997-2000 Studium der Rechtswissenschaft an der Universität
St. Gallen/HSG
1997-1998 Doktorandenstudium an der Universität St. Gallen/HSG
1998-2000 Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Volkswirtschaftslehre an der
Universität St. Gallen
2000-2001 Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Rechtsgeschichte an der
Universität St. Gallen
seit 2002 Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Geschäftsstelle der Helm-
holtz-Gemeinschaft, Bonn