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Seminar: Die römische Familie

Dozent: Prof. Dr. Franz Mittag


Referenten: Martin Schaarmann, Felix Wender,
Christina Siegert, Nicolai Swida
Referat gehalten am 19.12.17 im WS:2017/2018

Handout im Zeichen des Phallus –


Geschlechtsleben und deviante Geschlechterrollen im antiken Rom

„Normalzustand“ der Sexualität

Unterhalb des Gegensatzes Aktiv/Passiv erfahren die männlichen Praktiken eine differenzierte Bewertung, bei
der die Umstände der jeweiligen sexuellen Beziehungen berücksichtigt werden.

Aktive Sexualpraktiken des ingenui:

 futuere – Vaginalverkehr
 paedicare – Analverkehr
 irrumare – erzwungener empfangener Oralverkehr mit einem Mann

Irrumare und paedicare können auch mit sklavischen Jungen, pueri betrieben werden. Irrumare vermag es
besonders Dominanzverhältnisse (im Gegensatz zur fellatio) auszudrücken, paedicare zu Älteren ist anrüchig.

Futuere mit der uxor ist schicklich, um legitime Erben zu zeugen. Andere obscenae voluptates sollen möglichst
außerhalb der domus ausgelebt werden  Legitimation von Prostitution und Knabenliebe

Frauen haben den Männern zur Verfügung zu stehen und ihnen wird ein Ausleben eigener sexueller Bedürfnisse
nicht zugestanden.

Der passive Mann

• Passiver Mann hat sich dem Primat des Phallus entzogen und so jede Virilität verloren
• Versagen der Souveränität im sexuellen Bereich war nur als Kastrat oder impotenter Mann
nachvollziehbar
• pathicus oder cinaedus: Unzüchtiger oder verweichlichter und passiver Mann
• paedicatus: empfangener Analer Verkehr mit einem Mann. Eher angesehen als fellator oder cunnilingus,
da Virilität hier nicht so sehr in Frage gestellt wird
• fellator: Orale Befriedigung eines Mannes. Noch eher angesehen als cunnilingus, da Körperflüssigkeiten
als besonders verwerflich galten
• cunnilingus: Orale Befriedigung einer Frau
• lingua (Zunge) anstatt mentula (Männliches Glied) als Zeichen fehlender Virilität
• Institutionalisierung der mollitia in der „Männerehe“: Hier waren sowohl der passive als auch der aktive
Mann verachtenswert und krank

Die aktive Frau

• Verwerflich sich viriler Praktiken zu betätigen


• Passivität wird gegen aktives sexuelles Verlangen und Handeln eingetauscht
• adultera oder moecha: Ehebrecherin. Einer matrona, die den Gesetzesrahmen der Schamhaftigkeit
(pudicitia) verließ, drohten schwere Sanktionen
• adulterium ist an matrimonium iustum gebunden, galt aber als soziale Tatsache auch bei nicht
rechtmäßigen Ehen
• mulier virosa: Mannstolle, die wahllos ihre Geschlechtspartner wählt. Sie übertritt soziale Grenzen und
wird oft als Hure bezeichnet (meretrix oder scortum; Begriffe, die auch als Bezeichnung Prostituierter
Verwendung finden), die mit Trunkenheit und böser Zauberei in Verbindung gebracht wird
• vetula/anus/ anicula: Alte Frau die nach ihrem passenden, jugendlichen Alter noch sexuelles Verlangen
zeigt und sich durch Geschenke und Bezahlung aus der Passivität löst
• tribas: Lesbische Frauen, die unnatürliches und unerhörtes Verhalten zeigen. Eine der Frauen muss zum
Mann werden (fututor) oder einen vortäuschen (mentiturque virum)

Politische Bedeutung der Geschlechterstereotypen/ Bedeutung für das Familienleben

• Virilismus: Herrschaftlicher Diskurs über das Geschlechtsleben


• Der Virilismus diente der Stigmatisierung auf politisch-gesellschaftlicher Ebene
• Der sexuelle Akt und die sexuellen Beziehungen drücken immer soziale und politische Potenz aus
• Sklaven, Frauen und Kinder kommen in dem Diskurs nur als Imagines, die objektiviert werden, vor
• Jede Beziehung ist innerhalb dieses Diskurses asymmetrisch und jedes Abweichen von der Regel eine
Perversion der sozialen Verhältnisse
• Verlust der Souveränität innerhalb der Familie und der Gesellschaft durch Verlust der Souveränität in
sexuellen Handlungen
• Geschlechtsleben stellte im Kleinen die Politik von Körpern dar, die die sozialen Beziehungen
widerspiegelten
• Herr - Sklave sowie Mann – Frau stellen Herrschaftsbeziehungen dar

Literaturverzeichnis

Joshel, Sandra R., The Body Female and the Body Politic: Livy´s Lucretia and Verginia, in: Sexuality and Gender
in the Classical World, Oxford, 2002, S. 163-188.

Meyer-Zwiffelhoffer, Eckhard, Im Zeichen des Phallus. Die Ordnung des Geschlechtslebens im antiken Rom.
Campus Verlag, Frankfurt & New York, 1995.

Stumpp, Bettina Eva, Prostitution in der römischen Antike, in: Schuller, Wolfgang (Hrsg.) Antike in der Moderne,
Berlin, 1998.