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ES & T

Europäische

8,30 a D 6323 E

Sicherheit

Technik

&
&

1/2018

Europäische Österreich a 9,20 · Benelux a 9,30 · Schweiz sFr. 16,00
Europäische
Österreich a 9,20 · Benelux a 9,30 · Schweiz sFr. 16,00

Sicherheit

·

Strategie & Technik

Was folgt dem Tornado?

iApps 353

· Strategie & Technik Was folgt dem Tornado? iApps 353 Säbelrasseln in Pjöngjang Nordkoreas Nuklearprogramm und

Säbelrasseln in Pjöngjang

Nordkoreas Nuklearprogramm und internationale Gegenstrategien

Nuklearprogramm und internationale Gegenstrategien Luftlandeoperationen Relevanz – Rahmenbedingungen –

Luftlandeoperationen

Relevanz – Rahmenbedingungen – Fähigkeiten – Ausrüstungsbedarf

Gernot Erler: Greater Eurasia – Russland und Chinas Marsch nach Westen

Greater Eurasia – Russland und Chinas Marsch nach Westen Maritime Sicherheit Prinzipien für die konzeptionelle und

Maritime Sicherheit

Prinzipien für die konzeptionelle und technologische Ausrichtung der Marine

für die konzeptionelle und technologische Ausrichtung der Marine Politik · Streitkräfte · Wirtschaft · Technik

Politik

·

Streitkräfte

·

Wirtschaft

·

Technik

Marine Systems

Im Einsatz für die Deutsche Marine

Mit Standorten in Kiel, Hamburg, Bremen und Emden sind wir einer der führenden, global agierenden Systemanbieter für Uboote und Marineschiffe.

Weltweit steht unser Unternehmen für maritime Kompetenz, innovative Technologien und einen umfassenden und zuverlässigen Service. www.thyssenkrupp-marinesystems.com

Kompetenz, innovative Technologien und einen umfassenden und zuverlässigen Service. www.thyssenkrupp-marinesystems.com
Kompetenz, innovative Technologien und einen umfassenden und zuverlässigen Service. www.thyssenkrupp-marinesystems.com
Kompetenz, innovative Technologien und einen umfassenden und zuverlässigen Service. www.thyssenkrupp-marinesystems.com
Kommentar Viel Lärm um wenig Pathos, Kitsch und euphorische Resolutionen gehörten schon immer zum Stilrepertoire

Kommentar

Viel Lärm um wenig

Pathos, Kitsch und euphorische Resolutionen gehörten schon immer zum Stilrepertoire europäischer Gipfeltreffen. Blieben sie einst eher den tatsächlichen Marksteinen der europäischen Integration vorbehalten, ist ihr Gebrauch heute inflationär. Seit dem Aus- bruch der Finanzkrise vor über einem Jahrzehnt arbeitet sich die Europäische Union an einer beständig wachsenden Zahl von Problemen ab, deren sie nicht Herr wird. Wo es den Lösungsversuchen, zu denen man sich durchringt, an Überzeugungskraft mangelt, sollen wenigstens ihre Inszenierung und eine vollmundige Rhetorik Zuversicht vermitteln. Zählt man all die bedeutenden Weichenstellungen zusammen, die auf diese Weise in jüngster Zeit vorgenommen worden sein sollen, stellt sich die Frage, ob es überhaupt noch ein Politikfeld gibt, auf dem nicht längst eine sichere und prosperierende Zukunft der Europäer eingeläutet wurde. Leider sind die Bürger unseres Kontinents so störrisch, sich von diesem Optimismus nicht anstecken zu lassen. Viel zu viele von ihnen haben sich bereits innerlich von der EU verabschiedet. In einigen Mitgliedstaaten ist diese Stimmung so stark, dass sie den Regierungskurs prägt. Es geht daher längst um mehr als das Ma- nagement aktueller Krisen. Die EU an sich, so wie wir sie jedenfalls heute kennen, durch- läuft eine Bewährungsprobe.

In solch einer Situation mag es wagemutig erscheinen, ein neues Kapitel europäischer Integration auf einem Gebiet aufschlagen zu wollen, das bislang eher im Hintergrund stand. Am 13. November einigten sich die Außen- und Verteidigungsminister von 23 der derzeit 28 EU-Staaten auf ein umfangreiches Paket von Verpflichtungen und Maßnah- men, mit denen im Rahmen der sogenannten Permanenten Strukturierten Zusammen- arbeit (PESCO) pragmatische Fortschritte auf dem Weg zu einer Sicherheitsunion erzielt werden sollen. Anfang Dezember wurden die ersten 16 Projekte identifiziert, in denen in unterschiedlichen Konstellationen die Zusammenarbeit vorangetrieben werden soll. Noch vor wenigen Jahren hätte man der Öffentlichkeit umständlich erklären müssen, warum die Zivilmacht EU plötzlich auch militärisches Gewicht gewinnen will. Heute ist dies anders. Die Bürger sind besorgt und verunsichert. Ihnen ist bewusst, wie prekär die Sicherheitslage in zahlreichen Krisenregionen an der südlichen und östlichen Peripherie ihres Kontinents ist. Die terroristische Bedrohung hat ihren Alltag längst erreicht. Um- fragen zeigen einen deutlichen Stimmungswandel. Die Bürger erwarten von der Politik, dass sie mehr in innere und äußere Sicherheit investiert und grenzüberschreitende Prob- leme auch in grenzüberschreitender Zusammenarbeit angegangen werden. Wer, wenn nicht die EU sollte dafür einen geeigneten Rahmen bieten können? Und doch ist Besonnenheit geboten. Aktionismus ist noch kein Konzept. Im Gegenteil. Im Wildwuchs mal dieses mal jenes Projekt auf der Grundlage momentaner Möglich- keiten und Interessen voranzutreiben, kann sehr schnell in eine veritable Ressourcenver- schwendung münden. PESCO ist zudem keine neue Königsidee, sondern ein Instrument, das der Vertrag von Lissabon bereits vor einem Jahrzehnt bereitstellte. Es muss nicht als Ausdruck von Schläfrigkeit oder Pflichtvergessenheit interpretiert werden, dass diese Möglichkeit bislang nicht genutzt wurde. Mehrere bi- oder multinationale Ko- operationen sind auch ohne diesen Rahmen auf den Weg gebracht worden. Derartige „Koalitionen der Willigen“ müssen nicht notwendigerweise an Flexibilität und Effizienz gewinnen, wenn man sie in den größeren Zusammenhang der EU einbettet. Dies gilt insbesondere für die sehr weitgehende Kooperation, die Frankreich und Deutschland im Juli 2017 vereinbart haben. Beide Staaten stehen zusammen für mehr als 50 Prozent des Verteidigungsbudgets aller 23 PESCO-Nationen. Ihre Zusammenarbeit könnte sehr schnell jeglicher Dynamik beraubt werden, wenn man sie durch die PESCO-Hintertür „vergemeinschaftet“. Vor allem aber ist dafür Sorge zu tragen, dass sich all das, was die Europäer betreiben, in die Planungen der NATO einfügt und am Ende nicht doch jene Doppelstrukturen Gestalt annehmen, die vermeiden zu wollen man hoch und heilig beschwört. Bislang konnte man sich darauf verlassen, dass die Briten hierauf achten. Da sie sich mit dem Brexit auch aus der europäischen Verteidigungspolitik verabschieden, ist diese Stimme transatlan- tischer Vernunft verstummt. Frankreich will und Deutschland kann sie nicht erheben. Das schlechte Image der Trump-Administration macht es leicht, antiamerikanische Ressentiments zu bedienen, um europäische Sonderwege als Übernahme von Selbstver- antwortung auszugeben. Der Sicherheit unseres Kontinents ist damit nicht gedient. Sie wird auch in Zukunft nur durch das bewährte Bündnis mit Amerikanern (und Briten) zu

gewährleisten sein.

Peter Boßdorf

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

zu gewährleisten sein. P e t e r B o ß d o r f Januar

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Inhalt

Seite 25

(Foto: ES&T Archiv)
(Foto: ES&T Archiv)

„Islamischer Staat“ auf dem Rückzug

Die Rekrutierungsmechanismen der Terroristen bleiben ein sicherheitspolitisches Problem.

SICHERHEIT & POLITIK

10

Greater Eurasia Russland und Chinas Marsch nach Westen Gernot Erler

14

Nordkorea als Nuklearwaffenmacht Pjöngjangs Nuklearoptionen und internationale Gegenstrategien Dr. Frank Umbach

18

Globale Verteidigungsperspektiven 2017 Veränderungen von militärischem Gestaltungsanspruch und finanzieller Priorisierung Rainer Bernnat, Germar Schröder, Jan Wille und Frank Dirksen

22

Von einsamen Wölfen und ferngesteuerten Attentätern Die Terror-Bedrohung des Westens durch den Islamischen Staat Marcel Serr

25

Der Islamische Staat auf dem Rückzug Die Rekrutierungsmechanismen des IS bleiben ein sicherheitspolitisches Problem Andreas M. Rauch und Seckin Söylemez

28

Nach „Jamaika“ auf Reede Deutschlands Sicherheits- und Verteidigungspolitik in der Flaute Wolfgang Labuhn

29

Unser Mann in Niger Laurent Joachim

 

BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL

33

Neue sicherheitspolitische Herausforderungen für die Marine Rainer Brinkmann

4 4

Herausforderungen für die Marine Rainer Brinkmann 4 4 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018 Seite

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Seite 38

(Foto: Finnish Defence Forces)
(Foto: Finnish Defence Forces)

Finnlands Verteidigung

General Jarmo Lindberg, Oberbefehlshaber der finnischen Verteidigungskräfte, über aktuelle Herausforderungen

38

Finnlands Verteidigung – heute und in Zukunft Jarmo Lindberg

42

Die Ausrüstungsplanung des Deutschen Heeres Lage und Ausblick Eduard Schnabel

51

Relevanz und Rahmenbedingungen von Luftlandeoperationen Gert Gawellek und Henning Reimann

54

Fit für die Zukunft Betrieb Tornado über 2025 hinaus Matthias Fensterseifer

56

LTG 61 – Ende nach über 60 Jahren Peter Preylowski

58

Deutschlands maritime Dimension Jahresbericht 2017 des Marinekommandos Dieter Stockfisch

 

ES&T SPEZIAL: FLUGABWEHR

59

Thesen zur boden- und seegestützten Luftverteidigung in Europa Stefan Nitschke

63

Qualifizierte Fliegerabwehr soll Drohnen im Nächstbereich ausschalten Lars Hoffmann

64

Sinnvolle Phasen der Raketenabwehr Dorothee Frank

65

Bodengebundene Luftverteidigung Das Taktische Luftverteidigungssystem im Kontext zukünftiger Luftverteidigung Ulrich Renn

Seite 42

Seite 69

(Foto: Bundeswehr)
(Foto: Bundeswehr)

Vollausstattung und Modernisierung

Die Ausrüstungsplanung des Heeres im Zeichen der Trendwenden Finanzen, Material und Personal

RÜSTUNG & TECHNOLOGIE

69

Die Bell Boeing V-22 „Osprey“ Ulrich Renn

77

Der Transfermarkt für Marineschiffe Bob Nugent

 

WIRTSCHAFT & INDUSTRIE

82

Neue Generation ungeschützter Transportfahrzeuge Gerhard Heiming und Michael Horst

86

Hostile Fire Indication (HFI) für Hubschrauber Detektion von Beschuss durch Handfeuerwaffen Ulrich Hasse

88

Ein Jahr Inhouse – die BWI und ihre Zukunftsperspektive Interview mit Ulrich Meister, Chief Executive Officer, BWI GmbH

90

„Der persönliche Kontakt zu den Kunden ist uns sehr wichtig!“ Interview mit Hermann Mayer, Geschäftsführer MEN – Metallwerk Elisenhütte GmbH

(Foto: kremlin.ru)
(Foto: kremlin.ru)
(Foto: Boeing)
(Foto: Boeing)

V-22 Osprey

Das militärische Kipprotorflugzeug kombiniert die Fähigkeiten von Hubschrauber und Turbopropflugzeug.

 

RUBRIKEN

3

Kommentar

6

Umschau

32

Berliner Prisma

73

IT- News und Trends

74

Informationen – Nachrichten – Neuigkeiten aus aller Welt

81

Blick nach Amerika

92

Unternehmen & Personen

94

Impressum

95

Bücher

96

Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V.

98

Gastkommentar

„Wir haben oder bekommen ein Problem mit Russlands Abkehr

von der Europäischen Friedensordnung. Das liegt vor allem an

dem Anspruch Russlands, Ordnungsmacht zu sein und sich seine

eigenen Regeln zurechtzulegen. Man stelle sich nur vor, andere

Staaten auf der Welt könnten ähnliche Ansprüche stellen. Es

kann die Gefahr entstehen, dass man sich auch anderswo aus

universell geltenden Regeln und Prinzipien verabschiedet. Am

Ende kann dies die Rückkehr zu einer archaischen Weltordnung

bedeuten, in der nur noch das Recht des Stärkeren gilt. Das kann

niemand wollen – auch nicht Peking und Moskau.“

Gernot Erler: Greater Eurasia, Seite 10

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

und Moskau.“ Gernot Erler: Greater Eurasia, Seite 10 Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik 5

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Safe Boats Industries) (Foto: BwFuhrparkService)(Foto:

Sven Rapreger) (Foto: HENSOLDT)(Foto:

(Foto: MTU)(Foto:

U.S. Army)

Umschau

Drohnenabwehrsystem Xpeller

HENSOLDT hat auf dem Werkflugplatz von Airbus in Hamburg das neu entwickelte Drohnenabwehrsystem Xpeller vorgeführt. Xpeller dient dem Schutz von Flughäfen

Xpeller vorgeführt. Xpeller dient dem Schutz von Flughäfen und Kritischer Infrastruktur. Das System arbeitet mit einer

und Kritischer Infrastruktur. Das System arbeitet mit einer Kombination aus Ra- dar-, Funk- und optischen Sensoren sowie einem zielgerichteten Störsender. Xpeller

kann auch in die Infrastruktur eines Flug-

hafens integriert werden

Alle aufgestie-

genen Drohnen auf dem gesamten Flug- hafen wurden sofort erfasst/geortet, selbst kleinste Drohnen in mehreren Kilometern

Entfernung.

(ds)

kleinste Drohnen in mehreren Kilometern Entfernung. (ds) Fahrschul-Lkw für die Bundeswehr Kürzlich übergab

Fahrschul-Lkw für die Bundeswehr

Kürzlich übergab Rheinmetall in Oldenburg den ersten von insgesamt 35 Fahrschul-Lkw des Typs TGX 26.360 6X2-2 LL an die Bw-

FuhrparkService GmbH. Die Übergabe erfolgte am Kraftfahrausbildungszentrum der Bundeswehr. Der Auftrag, der bereits 2016 erteilt wurde, hat einen Auftragswert von rund 3,2 Mio. Euro netto. Darüber hin- aus ist die RMMV im Oktober 2017 erneut als Rahmenvertragspartner bis 2022 ausge-

wählt worden.

(wb)

Mk VI-Patrouillenboote

Die U.S. Navy will 48 Patrouillenboote vom Typ Mk VI beschaffen, zwei Boote sind be- reits in Dienst gestellt und im Persischen Golf eingesetzt, zwölf weitere Boote folgen bis Anfang 2018. Die Patrouillenboote wer- den mit MTU-Motoren Typ 16V 2000M94 ausgerüstet, weil MTU diese Motoren spe- ziell für die 25 m langen Boote entwickelt

Motoren spe- ziell für die 25 m langen Boote entwickelt hat. Bei einem idealen Leistungsgewicht (wenig

hat. Bei einem idealen Leistungsgewicht (wenig Raumbedarf, geringes Gewicht bei hoher Leistung) erzielen die Antriebssyste- me eine Geschwindigkeit von 45 kn; durch geringem Kraftstoffverbrauch beträgt die Reichweite ca. 600 sm/35 kn. (ds)

Neues U-Boot-Antriebssystem

MTU hat auf der internationalen maritimen Messe Pacific 2017 in Sidney das neu ent- wickelte Antriebssystem für konventionelle U-Boote präsentiert. Es ist der Antriebsmo- tor Typ 12V 4000U83. Das Dieselaggregat erzeugt eine hohe Leistung von ca. 1.500 kW bei relativ geringem Bauraum und vor allem geringem Kraftstoffverbrauch, was u.a. die Reichweite des U-Bootes erhöht.

Ende der Ära Bentlage

Mit dem letzten „Abflug“ einer North American Rockwell OV-10 Bronco sind die Zeichen für das Ende der militärischen Nutzung des Flugplatzes Rheine Bentlage

der militärischen Nutzung des Flugplatzes Rheine Bentlage gesetzt. Die für die Luftnahunterstützung konstruierten

gesetzt. Die für die Luftnahunterstützung konstruierten Broncos wurden von der Luftwaffe bis 1990 für die Zieldarstellung

eingesetzt und dienten u.a. in der bis Ende

2017 aufzulösenden Ausbildungswerkstatt

der Bundeswehr in Bentlage zukünftigen Fluggerätemechanikern als Übungsobjekt. Damit endet auch die Geschichte des 1940

für die Luftwaffe errichteten und ab 1960 durch Hubschrauberkräfte des Heeres bis

2014 betriebenen Flugplatzes. So hatte am

6. Dezember 2017 eine am Standort ge- nutzte CH-53 die Ehre, die OV-10 Bronco

zur Ausbildungswerkstatt in Bückeburg zu

(ur)

fliegen. 6 6
fliegen.
6 6

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Der große Vorteil gegenüber herkömmli- chen Antriebssystemen ist u.a. der gerin- ge Wartungsaufwand. Bis zur Grundin- standsetzung kann das Aggregat 25 Jahre lang betrieben werden. MTU hat bereits die ersten Aggregate verkauft. Australien will zwölf neue konventionelle U-Boote

verkauft. Australien will zwölf neue konventionelle U-Boote beschaffen. Es ist das größte militärische

beschaffen. Es ist das größte militärische Beschaffungsprogramm Australiens. Das von MTU entwickelte neue Antriebssys- tem hat gute Aussichten, für die geplanten zwölf U-Boote als best geeignetes System ausgewählt zu werden. (ds)

Erste 2.000 XM17 ausgeliefert

Die XM17 oder Modular Handgun System (MHS) ist die neueste Handfeuerwaffe der US-Streitkräfte, die zurzeit in den Einsatz kommt. Mitte November erhielt die 101. Airborne Division die neue Pistole. Mehr als

die 101. Airborne Division die neue Pistole. Mehr als 2.000 MHS wurden von SIG Sauer am

2.000 MHS wurden von SIG Sauer am 17. November an die Division ausgeliefert. SIG Sauer hat die Produktion für die US-Streit-

kräfte für die nächsten zehn Jahre in ihrem Werk Rockingham County im US-Bun- desstaat New Hampshire aufgenommen. Insgesamt umfasst der Auftrag allein für die U.S. Army rund 280.000 Stück sowie weitere 212.000 Stück für die weiteren Teilstreitkräfte im Umfang von rund 580,2 Mio. US-Dollar einschließlich Munition und

Zubehör.

(wb)

Automatische Erkundung von Landeplätzen

Die ESG Elektroniksystem- und Logis- tik-GmbH wurde durch das BAAINBw be- auftragt, die Machbarkeit einer automati- schen Erkundung von Landeplätzen mittels Drohnen zu untersuchen. Bei einigen Hub- schraubereinsätzen ist es notwendig, dass

ww) (Foto: ESG)(Bild:

mögliche Landeplätze aufwändig aus der Luft gesucht und bewertet werden. Genau hier können Drohnen entscheidende (Zeit-) Vorteile bringen. Anfang Oktober wurden

(Zeit-) Vorteile bringen. Anfang Oktober wurden die Sensoren und Algorithmen schließlich im Flugversuch mit

die Sensoren und Algorithmen schließlich im Flugversuch mit ihrem Unbemannten Missionsausrüstungsträger (UMAT) un- ter realen Einsatzbedingungen erprobt. Der UMAT besteht aus der bis zu 150 kg schweren Hubschrauberdrohne R-350 der Firma UMS Skeldar. Die bei den Tests mit Unterstützung der WTD 61 gewonnenen Erkenntnisse und aufgezeichneten Daten liefern nun wichtige Grundlagen für die Bewertung der Machbarkeit einer automa- tischen Landeplatzerkundung. (wb)

Polizei Berlin beschafft neue Dienstpistole HK SFP9TR

Die Polizei Berlin beschafft 24.000 neue Dienstpistolen Heckler & Koch SFP9 TR so- wie 450 subkompakte Pistolen SFP9 SK. Der Zuschlag erfolgte am 11. Dezember 2017. Die SFP9 TR ist eine Schlagbolzen-

am 11. Dezember 2017. Die SFP9 TR ist eine Schlagbolzen- schlosspistole im Kaliber 9 x 19

schlosspistole im Kaliber 9 x 19 mm mit Ab- zug gemäß Technischer Richtlinie (TR) der Polizei. Die Ausführung für die Landespoli- zei Berlin hat einen seitlichen Magazinhal- teknopf. Zu der Waffe gehören zwei Maga- zine mit je 15 Patronen Fassungsvermögen. Eine erste Teillieferung der Waffen ist für Januar 2018 geplant, später sollen 2.000 Pistolen pro Monat zulaufen. Die Polizei Berlin geht davon aus, dass ab Mitte 2018 die Umrüstung von der bisher geführten P6 auf die SFP9 TR erfolgt. (ww)

25 weitere Schützenpanzer Marder für Jordanien

Im Auftrag der Bundesregierung moderni- siert Rheinmetall weitere 25 Schützenpan- zer Marder aus den Beständen der Bun- deswehr für die jordanischen Streitkräfte. Die Auslieferung beginnt im ersten Quartal 2018. Sie erfolgt im Rahmen der deutschen Ertüchtigungshilfe. Der Wert des Auftrags beläuft sich auf über 17 Mio. Euro. Rhein- metall wird nach 2016/2017 weitere 25

(Foto: Rheinmetall)
(Foto: Rheinmetall)

generalüberholte und mit Wüstentarnan- strich versehene Schützenpanzer des Kon- struktionsstandes 1A3 aus den Beständen der Bundeswehr liefern. Darüber hinaus gehören ein Ersatzteilpaket, Munition, Dokumentation, Sonderwerkzeuge, Kun- dendienst vor Ort sowie die Ausbildung für Bediener und Instandsetzungspersonal zum Lieferumfang. (wb)

Neuvorstellung Osiris und Legatus

Auf der Fachmesse I/ITSEC 2017 in Orlan- do stellte Rheinmetall sein Führungs- und Stabsrahmenübungssystem Osiris erstmals dem Fachpublikum vor. Mit dem konstruk-

(Foto: Rheinmetall)
(Foto: Rheinmetall)

tiven Simulationssystem Osiris üben Kom- mandeure und Stäbe militärischer Verbän- de und Einheiten auf operativer, taktischer und strategischer Ebene in realistischer Ein- satzumgebung. Osiris stellt die Werkzeuge für das Training von Führungsverhalten und Entscheidungsprozessen in einer hochau- tomatisierten Umgebung bereit. Daneben steht das modulare Live-Trainingssystem Legatus für die Simulation infanteristi- scher Einsätze in seiner neuesten Entwick- lungsstufe mit weiterer Miniaturisierung kritischer Komponenten und verkürzten Rüstzeiten durch optimiertes Design sowie Software-Updates. (gwh)

Rettungsboote für Deutsche Marine

Die Fassmer-Werft in Berne hat drei neue Rettungsboote („Paule“, „Ludwig“, „Hot- te“) an die Deutsche Marine geliefert. Die neuen Rettungsboote sollen Anfang 2018 auf den drei Einsatzgruppenversorgern (EGV) eingerüstet werden. Zur Lieferung der Boote gehören auch die entsprechenden Aussetzvorrichtungen. Das erste Rettungs- boot wurde auf dem EGV „Berlin“ bereits eingerüstet. Die Boote ersetzen die veral- teten Pinassen auf den EGV. Die Boote besitzen einen Antrieb mit 370 PS, der ihnen eine Beschleunigung auf 32 kn verleiht. Die Boote dienen als Rettungs- und Bereit- schaftsboote zur Personenrettung. Sie können 26 Personen aufnehmen. (ds)

(Foto: Fassmer)
(Foto: Fassmer)

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

Sie können 26 Personen aufnehmen. (ds) (Foto: Fassmer) Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik 7

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Heiming) (Foto: WEW)(Foto:

Umschau

Weitere Camel-Wassertank- module für die U.S. Army

WEW Container Systems liefert 167 Low-Profile-Wassertankmodule an die U.S. Army zur Integration in das Camel II Unit Water Pod System. Dieses System beinhal- tet den 800 US gal (3 m³) Camel Tank, der in einen Rahmen integriert und auf dem

m³) Camel Tank, der in einen Rahmen integriert und auf dem M1095-Anhänger montiert ist. Die An-

M1095-Anhänger montiert ist. Die An- hänger werden entweder neu hergestellt oder vom Generalunternehmer Choctaw überholt. Das extrem flache System ist ein Schlüsselelement des primären Wasserver- teilungssystems der US-Armee für die Zuge- bene und darunter. WEW hatte 2013/2014 die originalen 327 Camel Tanksysteme an Choctaw Defense geliefert. Der dünnwan- dige, isolierte und ummantelte Wassertank ist für raue Einsätze im Land- und Lufttrans- port konzipiert entsprechend den moder- nen multimodalen Anforderungen an die militärische Logistik. (gwh)

Wiesel 1 Nutzungsdauer- verlängerung

Im Auftrag des BAAINBw entwickelt die FFG Flensburger Fahrzeugbaugesellschaft die von der Bundeswehr geplante Nut- zungsdauerverlängerung (NDV) des Waf- fenträgers Wiesel 1. Geplant ist die Fertig- stellung von drei Demonstratorfahrzeugen

ist die Fertig- stellung von drei Demonstratorfahrzeugen bis Ende 2018. Im Anschluss daran soll eine Ausschreibung

bis Ende 2018. Im Anschluss daran soll eine Ausschreibung der NDV von ca. 100, ggf. auch mehr Fahrzeugen erfolgen. Die NDV hat drei Hauptelemente: die Integration des Waffensystems MELLS und einer Gummi- bandkette sowie die Verbesserung des Schutzes gegen ballistische und Blastbe- drohung. Für letzteres wurde das CAMAC Schutz- und Überlebenspaket von Morgan Advanced Materials plc. ausgewählt, mit dem innerhalb des Gewichtslimits der ge-

forderte Schutz realisiert wird. Neben den Hauptelementen werden zahlreiche Details verbessert und neue Elemente wie z.B. eine Rückblickkamera eingebracht. (gwh)

Referenzanlage Flugplatz- überwachungsradar

Im Rahmen der Erneuerung der Flugplatz- überwachungsradare (Aerodrome Surveil- lance Radar-Serie, ASR-S) für die deutschen Militärflugplätze hat HENSODT das siebte

(Foto: HENSOLDT)
(Foto: HENSOLDT)

von 20 bestellten Radaranlagen ausgelie-

fert. Dieses Radar steht beim Systemzent- rum 24 in Trollenhagen/Neubrandenburg und dient als Referenzanlage, um die Ein- satzverbände an den militärischen Flug- plätzen der Luftwaffe bei der Depot-In- standsetzung zu unterstützen. Bereits in Betrieb sind die Anlagen auf den Luftwaf- fenstützpunkten Laupheim, Büchel, Witt- mund und Untermeitingen sowie bei der Wehrtechnischen Dienststelle 61 in Man- ching und auf dem Heeres-Fliegerhorst

(gwh)

Niederstetten.

Artillerieradar COBRA im Test

Die neue System Software V23 für das Ar- tillerieortungsradar COBRA (Counter Bat- tery Radar) ist von einem Team mit dem französischen Beschaffungsamt DGA,

(Foto: Bundeswehr)
(Foto: Bundeswehr)

dem französischen Heer, der COBRA-Pro- gramm-Division der OCCAR und der ESG auf Leistungsfähigkeit und Fehlerfreiheit getestet worden. Die neue Software soll

8 8

Fehlerfreiheit getestet worden. Die neue Software soll 8 8 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

die Reichweite für die Entdeckung vergrö- ßern und die Entdeckung feindlicher Rake- ten schon in der Startphase ermöglichen. Die Versuche werden im nächsten Jahr u.a. auch in Deutschland fortgeführt mit dem Ziel, die Fähigkeiten der neuen Software voll umfänglich zu validieren. Ab Ende 2018 soll die Software in die Systeme eingeführt werden. Hierzu gehören auch die zehn COBRA-Systeme der Bundeswehr. Das Sys- tem COBRA ist ein Produkt der EURO-Art GmbH, einem Konsortium von Airbus, Lockheed Martin und Thales. (gwh)

Konfigurierbarer ballistischer Körperschutz

TenCate Advanced Armour hat ein neu- es, bedrohungsgerechtes Schutzsystem entwickelt, das durch die Verwendung von Zusatzplatten für die TenCate Mul-

(Foto: Tencate)
(Foto: Tencate)

ti-light CXP461IC Basic Light Platte einfach an unterschiedliche Bedrohungsstufen angepasst werden kann. Die beiden mo- dularen Aufbauplatten können in einem Trägersystem untergebracht und zur Op- timierung des Schutzniveaus des Gesamt- systems ein- oder ausgefahren werden. Dies bietet dem einzelnen Bediener die Möglichkeit, das ballistische Schutzniveau auf eine Mission-by-Mission-Anforderung abzustimmen. Das neue Schutzsystem ist besonders geeignet für Einheiten, die in Zonen mit wechselnden Bedrohungsni- veaus operieren, wie z.B. Spezialeinheiten und Infanterieeinheiten, die in städtischen Umgebungen operieren. (gwh)

Miniatur-Mündungsfeuer-

dämpfer

Die Schweizer Firma B&T hat neue, leich- te Miniatur-Mündungsfeuerdämpfer he- rausgebracht, die auf der Milipol vorge- stellt wurden. Die neue Familie mit dem Namen M.A.R.S. (Miniature Assault Rifle Suppressor) ist für Sturmgewehre mit den Kalibern 5,56 mm und 7,62 mm ausgelegt. Die Befestigung auf der Waffe erfolgt mit

Schnellverschluss oder durch Aufschrau- ben. Merkmale der M.A.R.S.-Familie sind kleine Abmessungen, geringes Gewicht

(Foto: B&T)
(Foto: B&T)

und eine verbesserte Reduzierung des Mündungsfeuers, daneben die Geräusch- reduzierung um 26 dB bzw. 20 dB. Das leistet die von Grund auf neu entwickelte multi-Y-Endkappe des Dämpfers, die auch für den Einsatz auf voll automatischen Ge- wehren geeignet ist. Bis zu 600 Schuss in 16 Minuten verträgt der Mündungsfeuer- dämpfer nach Angaben der Firma. (gwh)

Eisenmann hat russische Chemiewaffenvernichtung unterstützt

Der Anlagenbauer Eisenmann hat drei der sieben Chemiewaffenvernichtungsanlagen gebaut, mit den Russland sein Arsenal an chemischen Kampfstoffen vernichtet hat. Seit 2006 wurden in Kambarka (Südural), Potschep (500 km südwestlich von Mos- kau) und in Kisner (Republik Udmurtien)

(Foto: Eisenmann)
(Foto: Eisenmann)

insgesamt über 20.000 t Lewisit, Nerven- kampfstoffe und Nervengifte in einem mehrstufigen Verfahren unschädlich ge- macht. Zur Verbrennung der gasförmigen/

flüssigen bzw. festen toxischen Reaktions- massen installierte Eisenmann Hochturbu- lenz-Brennkammern Turaktor und Herd- wagenöfen. In den Turaktor mit nachge- schalteter Rauchgasreinigung und Abwas- serbehandlung wurden die flüssigen und gasförmigen Kampfstoffe eingedüst und bei Temperaturen bis 1.200 °C verbrannt. Mit der langbewährten Technologie von Ei- senmann wurden bis September 2017 die letzten chemischen Kampfstoffe in Russ-

(gwh)

land vernichtet.

Sicherheitsscanner QPS200 von TSA zertifiziert

Die Rohde & Schwarz-Millimeterwel- lentechnologie des R&S QPS200 hat die Detektionszertifizierung für Advanced

(Foto: Rohde & Schwarz)
(Foto: Rohde & Schwarz)

Imaging Technology (AIT) der Transport- sicherheitsbehörde TSA erhalten. Damit erfüllt der R&S QPS200 die strengen De- tektionsanforderungen der TSA in Sachen Flugsicherheit. Mit der Millimeterwellen- technologie des QPS200 Sicherheitsscan- ner werden Passagiere automatisch auf verborgene Gefahren kontrolliert, ohne Privatsphäre der Passagiere zu verletzen.

Der R&S QPS200 ist bereits von der Eu- ropäischen Zivilluftfahrt-Konferenz (ECAC) zertifiziert und auf Flughäfen in ganz Euro-

(gwh)

pa im Einsatz.

Schwerlasthubschrauber CH-53K debütiert auf der ILA

Nach Bericht der Nachrichtenagentur Reu- ters wird der Schwerlasthubschrauber CH- 53K auf der ILA 2018 in Berlin zum ersten Mal außerhalb der USA auf einer Messe zu sehen sein. Deutschland und Israel haben Interesse an dem Hubschrauber bekundet, von dem zurzeit zwei Demonstratorflug-

(Foto: DVIDS.net)
(Foto: DVIDS.net)

zeuge im Auftrag des U.S. Marine Corps gebaut werden. Der Hubschrauber soll zu Beginn des nächsten Jahrzehnts beim U.S. Marine Corps eingeführt werden. Die Bundeswehr hat einen Bedarf von rund 40 Schwerlasthubschraubern. Es wird er- wartet, dass das Beschaffungsprogramm gestartet wird, wenn eine neue Bundes- regierung arbeitsfähig ist. Dabei wird eine Beschaffungsentscheidung zwischen der CH-53K von Lockheed Martin und der CH-47 von Boeing – den bisher ins Auge gefassten Hubschraubern – zu treffen sein. Letzter war auf dem 30. Internationalen Hubschrauberforum in Bückeburg dem Fachpublikum präsentiert worden. (gwh)

Survivor R mit Waffenstation

Bei der Milipol war der Survivor R zum ersten Mal mit einer Waffenstation zu se- hen. Die verwendete Qimek-Waffenstation ist für ein 12,7-mm-Maschinengewehr ausgelegt. Mehrere Länderpolizeien haben das Fahrzeug für die Ausrüstung ihrer Spezialkräfte bestellt. Durch Kombination von Großserienkomponenten und Spezial- baugruppen vor allem für den Schutz ist ein kostengünstiges Fahrzeug entstanden, das einen guten Kompromiss von Schutz und Mobilität bietet. (gwh)

(Foto: Rheinmtall)
(Foto: Rheinmtall)

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

von Schutz und Mobilität bietet. (gwh) (Foto: Rheinmtall) Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik 9

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SICHERHEIT & POLITIK

Greater Eurasia

Russland und Chinas Marsch nach Westen

Gernot Erler

Das Verhältnis zwischen dem EU-Europa und Russland sowie zwischen den USA und Russland ist aus ver- schiedenen Gründen und aufgrund vielfältiger Entwicklungen verkantet. Russland strebt eine Beachtung auf Augenhöhe vor allem gegenüber den USA an, die immer noch jener Zeit nachhängen, die sie nach dem Kalten Krieg zur einzigen Supermacht werden ließ.

D urch die Annexion der Krim und die Reaktionen der westlichen Staaten darauf wurde diese Verhärtung in

den Beziehungen manifest. Russland sucht neue Orientierung und trifft bei der Suche auf China.

Was ist passiert östlich von Russland: Chinas Marsch nach Westen

Im September 2013 reist der relativ neue Generalsekretär der KP Chinas und Staats- präsident Xi Jinping nach Astana, in die kasachische Hauptstadt, und hält dort eine weltweit beachtete Rede, in der er den Aufbau eines Silk Road Economic Belt ankündigt, eines ökonomischen Gür- tels Seidenstraße. Auf einer Konferenz im Oktober desselben Jahres, bei der APEC (Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsgemein- schaft), ergänzt er das und trägt den Plan einer Maritimen Seidenstraße des 21. Jahr- hunderts vor. Schon der Name ist, gerade in Zentralasien, sehr klug gewählt, weil die Seidenstraße bis heute geradezu ein magischer Begriff für Zentralasien ist. Die Seidenstraße steht für die Handelsbrücke zwischen Asien und Europa, die lange funktioniert hat. Es gibt praktisch keinen zentralasiatischen Präsidenten, der nicht mindestens ein Buch über die Seidenstra- ße geschrieben hat. Die beiden Strategien werden dann zusammengefügt zu dem Programm, das erst OBOR (One Belt, One Road) genannt wurde. Inzwischen heißt

Autor

Gernot Erler war Staatsminister im Auswärtigen Amt und Russland-Be- auftragter der Bundesregierung. Der Beitrag basiert auf einer Rede, die er kürzlich beim Berliner Dialog der Gesellschaft für Sicherheitspolitik in Berlin gehalten hat.

es RBI (Road Belt Initiative). Das Programm wird bis heute weiterverfolgt. Im Mai 2017 hat in Peking eine große Kon- ferenz zur Seidenstraßenstrategie der chi- nesischen Führung stattgefunden, an der 29 Staatschefs teilgenommen haben, dar- unter auch der russische Präsident Wladimir Putin. Dort wurde verbindlich erklärt, dass in diesem Zusammenhang Investitionen in

gewisser Wang Jisi eine wichtige Rolle, der Dekan der Pekinger Schule für Internatio- nale Studien, der schon im Oktober 2012 einen Artikel unter dem Titel „Marching Westwords: The Rebalancing of China’s Geostrategy“ schrieb. Ein wichtiges Motiv bei diesem chinesischen Marsch nach Wes- ten ist die Stabilisierung der autonomen Re- gion Xinjiang durch Handel und wirtschaft-

(Quelle: Stafor/Grafik: mawibo media)
(Quelle: Stafor/Grafik: mawibo media)

Chinas neue Seidenstraßen

einer Größenordnung von 900 Milliarden Dollar (ca. 763 Milliarden Euro) ins Auge gefasst werden – zum Vergleich: Der deut- sche Staatshaushalt liegt ungefähr bei 330 Milliarden Euro. Mit den Mitteln soll ein riesiges Infrastrukturprogramm durchge- führt werden. Dazu gehören der Bau von Eisenbahnlinien (auch für die berühmten chinesischen Hochgeschwindigkeitszüge), Straßen, Brücken, Tunnel, Häfen, Flughäfen und Pipelines. Alles soll alte Verbindungs- wege in den Westen wiederherstellen. Es ist typisch für die chinesische Politik, dass solch eine neue Strategie lange und intensiv vorbereitet worden ist. Da spielt auch ein

liche Belebung. Sie ist eine Problemregion in China mit vielen Minderheiten, die zum Teil unruhig sind – die Uiguren, die Tibeter, die Mongolen. Hier spielt das Ost-West-Ge- fälle, das in China in gefährlicher Weise ent- standen ist, eine wichtige Rolle. Der Osten und die Küstenregionen sind wohlhabend, je weiter man jedoch nach Westen kommt, desto größer werden die Probleme. Auch darauf soll diese Seidenstraßen-Strategie eine Antwort geben. Insgesamt sind sechs Korridore geplant. Der wichtigste soll von China über Zent- ralasien und Russland nach Europa mit den Zielhäfen in der Ostsee laufen. Diese mil-

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nach Europa mit den Zielhäfen in der Ostsee laufen. Diese mil- 10 Europäische Sicherheit & Technik

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

SICHERHEIT & POLITIK

(Grafik: mawibo media)
(Grafik: mawibo media)

Die Mitgliedsländer und möglichen Beitrittskandidaten der Eurasischen Wirtschaftsunion

liardenschweren Infrastrukturinvestitionen werden zum großen Teil über die 2015 neu gegründete AIIB (Asiatische Infrastruktur Investment Bank) mit Sitz in Peking abge- wickelt. Es wurde zudem ein milliarden- schwerer Seidenstraßenfond geschaffen. China baut damit Konkurrenzinstitutionen für den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank auf, um sich unabhängig von Institutionen zu machen, an denen die USA maßgeblich beteiligt sind. China tritt bei dem Seidenstraßenprojekt RBI als guter Nachbar auf, der bei Infra- strukturinvestitionen hilft, von denen Part- nerländer profitieren können. Aber dahin- ter steckt die Idee, chinesische Waren – es gibt eine Überproduktion in China – schnel- ler nach Westen zu bringen. Daneben gibt es aber auch eine politi- sche Zielsetzung des Projekts. China will die von der US-amerikanischen Dominanz geprägte aktuelle Weltordnung mit ihrem westlichen Institutionensystem verändern. Es will eine multipolare Weltordnung eta- blieren. So ist die neue Seidenstraße auch die chinesische Antwort auf die Ende 2011 von Barack Obama ausgerufene Pivot to Asia-Politik, die ja eben gerade eine Ein- dämmung und Einhegung dieses chinesi- schen Strebens anpeilt. Die Seidenstraßenoffensive offenbart ein wachsendes Selbstbewusstsein Chinas als asiatische Ordnungsmacht, die es nicht mehr zulassen will, an anderswo definier- ten Kriterien gemessen und beurteilt zu werden. Das betrifft auch einen weiteren Bereich: China spricht neuerdings von sich selbst als der größten Demokratie der Welt. Tatsächlich gibt es Belege da- für, dass sich die chinesische Führung zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, zu

Menschenrechten und bürgerlichen Frei- heiten bekennt. Aber hinter diesen über- nommenen Idiomen steht eine andere politische und gesellschaftliche Realität. China reklamiert ganz offen das Recht, selbst entscheiden zu können, was im eigenen Land Demokratie und Rechts- staatlichkeit bedeutet. Die Unterschiede zu westlichen Vorstellungen werden gar nicht geleugnet. Die eigene Sichtweise wird als Resultat einer eigenen kulturellen Entwicklung offensiv bekräftigt. Damit schert die neue Ordnungsmacht China aus der globalen Gemeinschaft aus, so- bald diese sich zu universellen Werten und unveräußerlichen Prinzipien im Sinne einer Weltzivilisation bekennt. Aber das heißt auch, dass Mahnungen gegenüber chine- sischen Entwicklungen und das Einfordern dieser universellen Werte ins Leere laufen.

Moskau – der neue Blick nach Asien

Parallel dazu und als Antwort darauf hat Russland die Strategie Greater Eurasia ent- wickelt. Die nach Auflösung der Sowjetuni- on gestarteten Versuche einer Reorganisa- tion des postsowjetischen Raums waren gescheitert. Nun wird ein neuer Anlauf unternommen. Ein wichtiges Zwischensta- dium bei diesen Bemühungen war im Jahre 2010 die Zollunion von Russland, Weißruss- land und Kasachstan. Damals hoffte Mos- kau, die Ukraine für diese Zollunion gewin- nen zu können. Die erfolgte Absage aus Kiew ist ein weiterer Hintergrund für den Ukrainekonflikt. Ein entscheidender Schritt für Wladimir Putin war die am 1. Januar 2015 gebildete Eurasische Wirtschaftsunion. Fünf Staa-

ten – Russland, Weißrussland, Kasachstan, Kirgisistan und Armenien – mit insgesamt 170 Millionen Einwohnern gehören dieser Eurasischen Wirtschaftsunion an. Nun wird versucht, Freihandelsabkommen zwischen dieser Eurasischen Wirtschaftsunion und anderen Staaten zu erreichen. Mit Vietnam ist ein solches bereits seit 2016 in Kraft. Es laufen Gespräche mit Indien, Pakistan, Korea, Singapur, Iran, Israel und Serbien. Hinzu kommt, dass Russland wegen der Sanktionen im Zusammenhang mit dem Ukrainekonflikt nach Ersatzpartnern sucht. Moskau braucht vor allem Substi- tutionen für Importlücken, die dadurch entstanden sind. Da richtet es den Blick vor allem nach China. Die großen Hoffnungen, die Russland auf eine Hinwendung nach Osten gesetzt hat- te, sind inzwischen einer Ernüchterung gewichen. China ist immer ein knallharter Verhandlungspartner. Das gilt auch für das berühmte Pipelineprojekt Sila Sibiri, bei dem heute schon feststeht, dass Moskau keinen Gewinn bei diesem Großprojekt machen wird, weil es nicht erfolgreich ge- nug verhandelt hat. Aber das war als eine

nicht erfolgreich ge- nug verhandelt hat. Aber das war als eine Januar 2018 · Europäische Sicherheit

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

nicht erfolgreich ge- nug verhandelt hat. Aber das war als eine Januar 2018 · Europäische Sicherheit

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SICHERHEIT & POLITIK

Botschaft an den Westen gemeint: Wir sind von euch nicht abhängig, wir haben Alter- nativen in Asien. Wie das in Russland weitergeht, ist völlig offen. Es gibt diesen Poworot na Wostok, diese Hinwendung nach Osten, es gibt die- sen Aufstieg von China, auch als Handels- partner, aber es gibt auch diejenigen, die sagen, dass es ohne eine Kooperation mit dem Westen nie zu einer Modernisierung der russischen Wirtschaft und Gesellschaft kommen wird. Das ist in der russischen Geschichte ein vertrautes Bild. Das Ringen zwischen Westlern und Slawophilen, wie das im 19. Jahrhundert genannt wurde, gibt es heute noch. Wie soll die russische politische Antwort auf diese dynamische chinesische Strate- gie aussehen? Die Antwort von Wladimir Putin lautet: „Bolschoje Ewrasiskoje Sot-

mit den ASEAN-Staaten. Putin hat sogar vorgeschlagen, die BRICS-Staaten, also die ehemaligen Schwellenländer Brasilien, Indi- en, China und Südafrika mit in diese große eurasische Partnerschaft einzubeziehen. Dahinter steckt die Idee einer gigantischen Freihandelszone auf dem eurasischen Kontinent. Das ist auch eine großräumi- ge Umarmungspolitik, um den Schwung aus dieser chinesischen Initiative der Sei- denstraßenpolitik abzufedern. Da tun sich dann Rivalitäten zu China auf: Auch Russland sieht sich als Ordnungsmacht mit einem Wertesystem, gewachsen aus der eigenen Nationalkultur. Dabei werden in Russland immer wieder die sogenannten traditionellen russischen Werte zitiert: Va- terland, Familie, Religion, manchmal gehört auch Homophobie dazu. Daraus ergibt sich die enge Verbindung der russischen Politik

Das gilt besonders für die Europäische Frie- densordnung, die vor allen Dingen auf die- sen beiden Fundamenten der Schlussakte von Helsinki von 1975 und der Charta von Paris für ein neues Europa von 1990 beruht. Russische Diplomaten sind da ganz offen:

„Ja, es kann sein, dass wir diese Regeln verletzt haben, aber die sind für uns nicht mehr richtungsweisend. Diese sind zum Teil überlebt und nicht mehr zeitgemäß.“ Russland schafft sich also als selbstbewuss- te Ordnungsmacht seine eigenen Regeln und sucht damit auch, wie die Chinesen, nach Immunität gegen jegliche Kritik an den eigenen Verhaltensweisen.

Wie also sieht heute die Weltordnung aus?

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind in einer unsicheren Situati- on. Sie haben sich teilweise als Führungs- und Ordnungsmacht zurückgezogen – siehe Afgha- nistan und Irak. Es gab praktisch keine echte US-amerikanische Rolle bei den Versuchen, den Syrienkonflikt zu lösen. Auch ein Jahr nach Amtsantritt der Trump-Administration wissen wir noch nicht genau, in welche Richtung eigentlich deren Politik geht. Präsident Trump hat ge- sagt, er will nicht mehr die Rolle des Weltpolizisten spielen, aber als in Syrien C-Waffen eingesetzt wurden, hat er Kampfflugzeuge geschickt. Er hat auch Flotten- verbände im Zusammenhang mit der Raketenkrise in Richtung Nordkorea geschickt. Die USA haben jedoch ein Vakuum ent- stehen lassen, das andere nut- zen. Chinas ökonomischer und politi- scher Aufstieg ist unübersehbar.

Auch ist der Anspruch unüber- sehbar, selber Ordnungsmacht

zu sein und damit Weltmacht auf Augenhöhe mit den USA. Das Ziel ist ausdrücklich die mul- tipolare Weltordnung gegen einen unipolaren Führungsanspruch der Vereinigten Staaten. Russland ist konfrontiert mit dem Druck des Westens im Ukrainekonflikt und her- ausgefordert durch diese riesige Initiative der Chinesen mit dem Seidenstraßen- projekt. Es muss auch Sorge vor einem stärkeren chinesischen Einfluss in Russland haben, weil die östlichen Teile Russlands unter Entvölkerung leiden. Dort sind die Bilder chinesischer Kultur schon sehr oft auf den Straßen anzutreffen. Aber Russ-

(Foto: Kreml)
(Foto: Kreml)

Meeting des Supreme Eurasian Economic Council mit den Präsidenten Armeniens, Serzh Sargsyan, Kasachstans, Nursultan Nazarbajew, dem russischen Präsidenten

Wladimir Putin sowie dem damaligen Präsidenten Kirgisistans Almasbek Atambajew. Ganz rechts der Chairman des Eurasian Economic Commission Board Tigran Sargsyan in Petersburg im Dezember 2016

rudnitschestwo: Die große eurasische Part- nerschaft“. Dieser Begriff geistert durch die russische Politik. Die Idee ist dabei, den gesamten euro-asiatischen Raum zu vernetzen und alle bestehenden Kollektiv- organisationen in eine Zusammenarbeit untereinander zu bringen – die Eurasische Wirtschaftsunion von Russland zusammen mit der chinesischen Seidenstraßeninitiative RBI und der SCO (Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit), der größten Sicher- heitsorganisation in Asien, und zusammen

mit den europäischen Rechtspopulisten. Das hat den gewünschten Nebeneffekt, zu versuchen, die Einigkeit innerhalb der EU in Sachen Sanktionen auf irgendeine Weise aufzubrechen. In einem Punkt ziehen Moskau und Peking an einem Strang: Greater Eurasia markiert den Eintritt in eine multipolare Weltord- nung und soll den US-amerikanischen Füh- rungsanspruch beerdigen. Das ist auch der Abschied aus dem universell gültigen und vertraglich abgesicherten Regelsystemen.

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universell gültigen und vertraglich abgesicherten Regelsystemen. 12 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

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land teilt das Ziel der multipolaren Welt- ordnung. Bei russischen Diplomaten ist manchmal geradezu triumphierend von der „Post-West-Ordnung“ zu hören. Man glaubt also, dass das Ende des westlichen Liberalismus schon eingetreten ist und dass eine neue Phase begonnen hat. Greater Eurasia ist die logische Fortsetzung der Hinwendung nach Osten. Es ist über- wiegend eine Angelegenheit von Russland und China, aber es gibt hier auch Bezüge zur EU. Aus Russland hört man immer die Bot- schaft und das Angebot: „Ihr könnt doch als EU diese Eurasische Wirtschaftsunion nutzen als eine Brücke zu den asiatischen Märkten.“ Die deutsche Wirtschaft sieht darin durchaus ein ernsthaftes Angebot. Da wird zum Teil sehr heftig geworben dafür, dass sich die EU tatsächlich für die Eurasische Wirtschaftsunion öffnen sollte. Wahrschein- lich ist dieser Prozess der Veränderung der Weltordnung nicht aufzuhalten. Aber wir haben oder bekommen ein Pro- blem mit Russlands Abkehr von der Euro- päischen Friedensordnung. Das liegt vor allem an dem Anspruch Russlands, Ord- nungsmacht zu sein und sich seine eige- nen Regeln zurechtzulegen. Man stelle sich nur vor, andere Staaten auf der Welt könnten ähnliche Ansprüche stellen. Es kann die Gefahr entstehen, dass man sich auch anderswo aus universell geltenden Regeln und Prinzipien verabschiedet. Am Ende kann dies die Rückkehr zu einer ar-

chaischen Weltordnung bedeuten, in der nur noch das Recht des Stärkeren gilt. Das kann niemand wollen – auch nicht Peking und Moskau.

Welche Rolle spielt die EU eigentlich?

Diese Entwicklung in der Weltordnung kommt zu einer Zeit, da die Europäische Union sehr stark mit eigenen Problemen

beschäftigt ist, die sehr viel Kraft kosten. Bisher ist es immer noch nicht endgültig gelungen, aus der Finanzkrise von 2008 herauszukommen. Es hat eine Auseinan- derspreizung von Arm und Reich in Europa gegeben, obwohl der Anspruch war, ge- meinsame Korridore von vergleichbaren Lebensstandards zu schaffen. Der aufge- kommene Rechtspopulismus ist zum Teil schon richtig EU-feindlich eingestellt und gewinnt Zuspruch. Der BREXIT ist eine gro- ße Herausforderung. Die Türkei macht uns große Sorgen. Die Folgen des Katalonien- konflikts sind noch nicht übersehbar. Die Europäische Union muss sich wieder stärker auf die drei großen Versprechen konzentrieren:

• Frieden – das heißt, jeder Konflikt wird nur politisch gelöst und nicht militärisch.

• Prosperität – das heißt, alle profitieren von der wirtschaftlichen Zusammenar- beit und von den gemeinsamen Märk- ten.

SICHERHEIT & POLITIK

• Solidarität – das heißt, man schafft annähernd vergleichbare Lebensstan- dards und hilft auch einem anderen in der Krise. Wenn man sich die Behandlung des Flücht- lingsproblems anschaut, ist die EU davon weit entfernt. Wie wird die EU die Erwei- terungspolitik handhaben? Da stehen in

Südosteuropa die Staaten des Westbalkans vor der Türe, wo wir feststellen, dass dort im Augenblick ein weltpolitisches Ringen um Einfluss stattfindet. Man beobachtet dort Aktivitäten der Türkei und auch von Russland mit seinen alten Beziehungen zu Serbien und anderen Partnern. Die EU steht vor der Entscheidung, wie die Beziehungen mit den Staaten, die ein EU-Assoziierungsabkommen haben – z.B. Georgien, Ukraine und Moldawien – ge- staltet werden sollen. Die EU muss eine langfristige Perspektive entwickeln und nicht nur einen kurzatmigen Aktionismus. Weder Russland noch die EU alleine haben die Kraft, um dieser großen chinesischen Offensive tatsächlich etwas entgegen- zusetzen. Deshalb müssen wir nach po- litischen Konfliktlösungen zwischen Ost und West, zwischen der EU und Russland, suchen. Die Partnerschaft können wir nur erneuern, wenn wir altes Vertrauen wie- derherstellen. Sonst werden beide, die EU wie Russland, die Reorganisation der Welt- ordnung eher als Objekte, denn als Subjek-

te erleben.

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Strategische Partnerschaft mit Norwegen

Am 7. Dezember 2017 haben der Inspekteur der Deutschen Ma - rine, Vizeadmiral Andreas Krause, und sein Amtskollege aus Nor-

zusätzlichen U-Booten, die Bestandteil der Kooperation sind, wird die Deutsche Marine, wie konzeptionell vorgesehen, künf- tig über acht U-Boote verfügen. Damit wird die Einsatzfähigkeit der Marine beacht- lich verstärkt. Zudem soll gemeinsam mit Norwegen unter Nutzung verfügba- rer Technologien eine neue Generati- on von Flugkörpern entwickelt werden. Langfristig soll damit die Fähigkeit zur Wir- kung gegen See- und Landziele auf große Entfernungen sicher- gestellt werden. Das Foto zeigt Verteidi- gungsministerin Ur- sula von der Leyen und ihre norwegische Amtskollegin Ine Marie Eriksen Soereide bei der Besichtigung von U35 der Klasse 212A in Eckernförde. Norwegen will vier und Deutschland zwei U-Boote der Klasse 212A (Variante) gemeinsam beschaffen. (ds)

(Foto: PIZ/M)
(Foto: PIZ/M)

wegen, Rear Admiral Nils Andreas Stensönes, die Kooperations- vereinbarung für eine bislang beispiellose maritime Zusammen- arbeit unterzeichnet. Die langfristige strategische Partnerschaft ist ein Beitrag zum Aufwuchs der Deutschen Marine. Mit zwei

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

ist ein Beitrag zum Aufwuchs der Deutschen Marine. Mit zwei Januar 2018 · Europäische Sicherheit &

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Nordkorea als Nuklearwaffenmacht

Pjöngjangs Nuklearoptionen und internationale Gegenstrategien

Dr. Frank Umbach

Mit dem jüngsten Test einer mobilen Interkontinentalrakete (ICBM) vom Typ Hwasong-15 am 29. November 2017 schockierte Nordkorea einmal mehr die USA, seine unmittelbaren Nachbarstaaten, aber auch die internationale Gemeinschaft – einschließlich der EU.

D ie neue mobile ICBM kann mit ih- rer Reichweite von möglicherweise mehr als 10.000 km „im Prinzip je-

den Punkt der Erde erreichen“, wie US-Ver- teidigungsminister James Mattis unmittel- bar nach dem Test feststellte, damit auch

ICBM auch einen nuklearen Großspreng- kopf ins Ziel bringen könne. Nordkorea hatte erstmals 2006 eine Atom- waffe getestet. Seitdem treibt das Land die Forschung und Entwicklung sowohl von ballistischen Langstreckenraketen als auch

(Fotos: KCTV)
(Fotos: KCTV)

Neben sowjetischen Kurzstreckenraketen verfügt Nordkorea auch über Mittelstreckenraketen und nach eigenen Angaben auch über Interkon- tinentalraketen vom Typ Hwasong-15 mit einer Reichweite von über 13.000 km.

das Hauptterritorium der USA. Auch die US-Geheimdienste und internationale Ex- perten haben die Fähigkeiten Nordkoreas in der Raketen- und Nuklearwaffenent- wicklung wiederholt unterschätzt. Diese bislang letzte Testrakete wurde von einem neuen Transportfahrzeug mit einge- schränkter Geländegängigkeit abgefeuert, das nicht länger auf Straßen angewiesen ist. Sie erreichte mit einer Gipfelhöhe von 4.450 km einen neuen Rekord und schlug 960 km entfernt im Japanischen Meer auf. Die nordkoreanische Regierung erklärte, dass das Land nun den Status als Atom- macht erreicht habe und die Hwasong-15

Nuklearsprengköpfen voran. Während US-Präsident Donald Trump neue Sanktio- nen gegen Nordkorea ankündigte, ist er zu- gleich von Chinas Unterstützung abhängig, da kein anderes Land über vergleichbare Mittel zur Beeinflussung der nordkoreani- schen Atompolitik verfügt. Es gelingt den USA aber nicht, eine ge- und entschlossene Reaktion der internationalen Gemeinschaft zu entwickeln. Ein Teil der internationalen Experten sieht in der nordkoreanischen Raketen- und Nuklearwaffenrüstung primär ein Abschre- ckungsmittel gegenüber den USA. Andere sehen sich in ihrer Ansicht bestätigt, dass

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USA. Andere sehen sich in ihrer Ansicht bestätigt, dass 14 Europäische Sicherheit & Technik · Januar

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

diese Rüstung primär offensiven Absichten des Regimes in Pjöngjang diene. Es wird mit jedem Test schwieriger, den Konflikt beizulegen. Zunächst sind alle Hoffnungen auf eine Verhandlungslösung erst einmal begraben worden. Das hat weitere Folgen: Der Friedenskurs des seit Mai agierenden neuen südkorea- nischen Präsidenten Moon Jae-in ist vor- erst innen- wie außenpolitisch gescheitert. Zugleich gerät auch US-Präsident Donald Trump unter politischen Druck, hatte er doch wiederholt angekündigt, dass „alle Optionen“, einschließlich militärischer, auf dem Tisch seien und dass Washington kei- ne andere Wahl habe, als Nordkorea bei einer militärischen Konfrontation vollstän- dig zu zerstören. Trump gerät nun in eine Glaubwürdigkeitsfalle, wenn er sich weiter- hin nur auf erfolglose Verhandlungen oder Sanktionen für eine Denuklearisierung Nordkoreas beschränkt. Gibt es nun eine bessere Chance, dass mit der bekundeten Vollendung des nordkoreanischen Nukle- arwaffenprogramms endlich die Augenhö- he erreicht ist, die es Pjöngjang ermöglicht, aus einer Position der Stärke diplomatische Verhandlungen mit den USA und Südkorea aufzunehmen?

Unbeantwortete Fragen

Für westliche Raketenexperten ist die Frage weiterhin offen, ob die jüngsten Raketen- fortschritte auf nordkoreanische Eigenent- wicklungen zurückzuführen oder eher das Resultat des illegalen Erwerbs mehrerer Dutzend kompletter Triebwerke aus Russ- land, der Ukraine oder China über kriminel- le Netzwerke in den 1990er Jahren sind. Al- lerdings spricht die Weiterentwicklung des früheren sowjetischen RD-250-Triebwerkes dafür, dass Nordkorea zur Eigenentwick- lung von Langstreckenraketen inzwischen sehr wohl fähig ist. Zunächst erfolgte sie offenbar mit iranischer und russischer Hil- fe. Nach dem Ende der Blockkonfrontati- on wurden in der damaligen Sowjetunion rund 60.000 sowjetische Forscher aus dem Bereich der Raketen- und Nuklearwaffen- entwicklung arbeitslos. Viele von ihnen sind Anwerbungsversuchen des Iran, Pa- kistans und auch Nordkoreas gefolgt. Das

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1 - - 2 1 Raketentests 7 8 . 2 6 19 15 24 20 (Quelle:

(Quelle: CNS/Financial Times 2017)

1 - - 2 1 Raketentests 7 8 . 2 6 19 15 24 20 (Quelle:

US-Nuklearschirm, da ansonsten das regio-

nale Gleichgewicht gefährdet ist. Doch mit

jedem Raketen- und Nukleartest werden

die Diskussionen weiter an Brisanz zuneh- men.

Anzahl der Nuklearwaffen- und ballistischen Raketentests Pjöngjangs

hat Nordkorea geholfen, das Land zu ei- ner Nuklearwaffenmacht aufzubauen. Die ganze Wirtschaftskraft Nordkoreas war seit den 1990er Jahren auf die Rüstungsindus- trie ausgerichtet, in der wiederum die Nuk- learwaffen- sowie Langstreckenraketen- entwicklung stets Priorität hatte.

Nordkoreas Nuklearambitio- nen und seine militärstrategi- sche Ratio

Der nordkoreanischen Diktator Kim Jong- un agiert keineswegs so irrational und un- berechenbar wie oft im Westen unterstellt. Jede erfolgversprechende Gegenstrategie für eine Denuklearisierung Nordkoreas muss auf eine Rationalität der Gegensei- te setzen, bei der die Denkstrukturen und historischen Erfahrungen auch anderer Länder berücksichtigt werden müssen. So glaubt Nordkorea nicht, dass es sich am En- de des Tages auf einen chinesischen oder einen russischen Nuklearschirm verlassen kann. Zudem lehrt aus der Sicht Nordko- reas die Geschichte, dass nahezu alle Staa- ten, die mit den USA einen Konflikt mit konventionellen Waffen ausgetragenen haben, hoffnungslos unterlegen waren. Zuletzt haben das die Golf-Kriege gezeigt. Insofern sind Nuklearwaffen eine asymme- trische Antwort auf überlegene konventio- nelle militärische Fähigkeiten insbesondere der USA. Raketen mit großen Reichweiten gibt diesen Staaten ein Gefühl der Sicher- heit und der Nichtangreifbarkeit. Freilich ist diese Botschaft für die internationale Proliferationspolitik äußerst problematisch. Auch das Beispiel des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi, der 2003 auf sein Nuklearwaffenprogramm verzichtete, um im Gegenzug von gelockerten Sanktio- nen wirtschaftlich zu profitieren, muss für Pjöngjang eine Lehre sein. Am Ende nützte dieser Nukleardeal dem libyschen Diktator wenig, da er von US-unterstützten Rebel- len gestürzt wurde. Die Strategie des Regimes in Nordkorea ba- siert auf zwei Pfeilern der „Byungjin“-Dok- trin: zum einen der militärischen Selbstver- teidigung, zum anderen wirtschaftliche Entwicklung. Nur beim ersten Pfeiler hat Nordkorea in den letzten zehn Jahren sub- stantielle Fortschritte gemacht. Nun hofft Pjöngjang, dass die Sanktionen aufgeho- ben werden. Doch ohne militärische Stärke

Chinas strategische Interes- sen und die Widersprüche seiner Nordkorea-Politik

Nun hat die US-Administration einmal mehr den politischen Druck auf China er- höht, weil nur Peking über ausreichende wirtschaftliche Druckmittel verfüge, Ein- fluss auf die nordkoreanische Führung zu nehmen. Tatsächlich hat Nordkorea nach Erkenntnissen internationaler Ermittler und Geheimdienstler über China wiederholt

sind wirtschaftliche Erfolge aus der Sicht Nordkoreas nicht zu erreichen. Damit stellt sich die Frage der politischen Systemsta- bilität. Selbst wenn es zu Verhandlungen zwischen Pjöngjang und den USA kom- men sollte, werden die nordkoreanische Führung und ihr Diktator kaum auf ihre Nuklearwaffen verzichten, solange ihnen eine entsprechende systemstabilisierende Rolle zugeschrieben wird.

systemstabilisierende Rolle zugeschrieben wird. Kim Jong-un bei der Militärparade im April 2017 Zudem wird

Kim Jong-un bei der Militärparade im April 2017

Zudem wird mittels der Raketenoption die Glaubwürdigkeit des US-Nuklearschirms für die Alliierten der Amerikaner – z.B. Japan und Südkorea – in Frage gestellt, wenn Nordkorea die Metropolen in den USA glaubhaft angreifen kann. Dann kön- nen sich die Partner der USA in der Regi- on nicht sicher sein, dass ein US-Präsident die eigenen Großstädte wie San Francisco, New York und Washington für Tokio und Seoul in einem Nuklearkrieg riskieren wür- de. Insofern schafft die Nuklearwaffenop- tion Pjöngjang die Möglichkeit, Südkorea und Japan faktisch in eine nukleare Geisel- haft zu nehmen und deren Sicherheit zu erodieren. Daher überrascht es auch nicht, dass in Japan seit Mitte der 1990er Jahre die Glaubwürdigkeit des amerikanischen Nuklearschirms Gegenstand kontroverser sicherheitspolitischer Diskussionen ist und dabei auch über die Notwendigkeit einer japanischen Nuklearwaffenoption debat- tiert wird. Noch aber setzt Japan auf den

technische Ausrüstungen für die Raketen- entwicklung erhalten. Peking muss sich den Vorwurf gefallen lassen, wider besse- ren Wissens illegale Aktivitäten Nordkoreas unter Beteiligung chinesischer Firmen nicht verhindert zu haben. Früher hat Peking stets einen solchen Ein- fluss in Abrede gestellt. Nun aber gerät die chinesische Führung mit diesem Kurs selbst unter zunehmenden politischen Druck. Die nordkoreanischen Provokationen und die darauf zurückzuführende diplomatische Eskalation liegen nicht im chinesischen Interesse. Chinas Machtanspruch als re- gionale und künftig auch globale Super- macht zwingt Peking dazu, den Konflikt nicht mehr nur zu moderieren. Peking will weder die nordkoreanischen Provokati- onen gut heißen noch die Verschärfung der US-Sanktionen unterstützen. So ist auffällig, dass sich der im September vom chinesischen Volkskongress bestätigte Prä- sident Xi Jingping – im Gegensatz zu seinen

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

bestätigte Prä- sident Xi Jingping – im Gegensatz zu seinen Januar 2018 · Europäische Sicherheit &

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SICHERHEIT & POLITIK

Vorgängern – noch immer nicht mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un persönlich getroffen hat, obwohl China seit dem Koreakrieg in den 1950er Jahren die militärische Schutzmacht Nordkoreas ist. China hat kein Interesse an weiteren regio- nalen Destabilisierungen, die sogar zu einer japanischen Nuklearwaffenoption führen können. Daraus entsteht ein Widerspruch in der chinesischen Sicherheitspolitik:

Einerseits tut Peking alles, um die ameri- kanischen Sicherheitsallianzen mit Japan, Südkorea, Taiwan und den Philippinen zu schwächen sowie die Glaubwürdigkeit des nuklearen Schutzschirms der USA in Ost- asien in Frage zu stellen. So lehnt China die Stationierung von Raketenabwehrsys- temen in Südkorea und Japan ab, da dies die eigene Nuklearoption in ihrer Wirkung einschränken kann. Das US-Raketenab- wehrsystem Terminal High Altitude Area Defense (THAAD) soll nun aber im Dezem- ber 2017 gegen Mittel- und Langstrecken- raketen einsetzbar sein. Peking sieht in der Dislozierung in Südkorea seine eigenen Möglichkeiten bedroht. China hat sofort den diplomatisch-wirtschaftlichen Druck auf Südkorea erhöht – Seoul wurde offen mit Handelseinbußen von Peking bedroht. Andererseits läuft Peking Gefahr, mit seiner Politik der stetigen Erhöhung der eigenen Militärfähigkeiten entsprechende Bedro- hungsperzeptionen bei seinen Nachbarstaa- ten zu schaffen und zugleich diesen Staaten entsprechende Verteidigungsoptionen (wie eine Raketenabwehr) zu verwehren. Dies aber treibt diese Länder noch mehr in die Arme der USA. Es führt neben den Diskussi- onen um eine eigene Nuklearwaffenoption wie in Japan oft auch zu einer signifikanten Erhöhung der nationalen Verteidigungsaus- gaben. Seit Anfang 2017 hat China nun jedoch sei- ne Kritik an Nordkoreas Raketen- und Nuk- leartests intensiviert und die verschärften Sanktionen der USA mitgetragen. So hat Peking seine Energielieferungen reduziert und dabei seine Kohleimporte um mehr als 50 Prozent gegenüber 2016 verringert. Im April drohte Peking neben der Redu- zierung der Öllieferungen sogar mit einem Ölembargo gegenüber Pjöngjang. 2015 importierte Nordkorea nach UN-Angaben 525.000 t Rohöl aus China sowie 218.000 t raffiniertes Öl und Benzin – demgegenüber wurde aus Russland nur ein Sechstel ein- geführt. Der Gesamthandel Nordkoreas mit der Welt stieg trotz der Sanktionen 2016 auf rund sechs Mrd. US-Dollar – davon ent- fielen rund 5,5 Mrd. Dollar (also 95 Pro- zent) auf den bilateralen Handel mit China. Indien ist der zweitgrößte Handelspartner Nordkoreas, gefolgt von Russland.

Der chinesische Kurswechsel erklärt sich aus den drohenden US-Strafmaßnahmen gegen chinesische Unternehmen, die wei- terhin verdeckt mit Nordkorea Handel trei- ben und damit UN-Sanktionen unterlaufen. Trotz dieser Verschärfung der Sanktionen läuft der Import von Mineralien wie Gold, Kupfer, Zink oder Seltenen Erden offenbar weiter, obwohl sie unter die Sanktionen fal- len. So ist Chinas härtere Sanktionspolitik vielleicht nicht so sehr das Resultat eines generellen Kurswechsels als vielmehr das einer klaren Interessensanalyse. China fürchtet vor allem ein wiederver- einigtes Korea, das wirtschaftlich stark, nationalistisch in seiner Außen-, Sicher- heits- und Wirtschaftspolitik ausgerichtet ist und keineswegs die dann vom Norden geerbten Nuklearwaffen wieder aufgeben will. Zudem besteht die Gefahr, dass ein wirtschaftlicher Kollaps Nordkoreas auch zu einer großen Fluchtwelle über die Gren- ze zu den chinesischen Provinzen führt. Das könnte Peking zwingen, große Trup- penteile in die Grenzregion zu entsenden. Zu effektive Sanktionen gegen Nordkorea könnten erst dessen Wirtschaft schwächen und dann die Systemstabilität sowie Unab- hängigkeit des Landes gefährden.

en als auch in Afrika zahleiche Front- und Scheinfirmen, die in illegale Handelsprakti- ken involviert sind und dabei auch nordko- reanische Leiharbeiter vermitteln, die nur die Lebenshaltungskosten im „Einsatzland“ ausbezahlt bekommen. Ihr Gehalt wird di- rekt nach Pjöngjang überwiesen. In jünge- rer Zeit erfolgt die Devisenerwirtschaftung auch vermehrt über Cyber-Angriffe auf westliche Firmen, Banken und anderen In- stitutionen, die dann erpresst werden. So wurden bei einem Cyber-Angriff auf die Devisenreserven der Staatsbank Bangla- deschs im Februar 2016 rund 81 Mio. Dol- lar gestohlen, deren Programmcode bereits beim Cyber-ngriff auf die Sony-Filmstudios im Dezember 2014 entdeckt worden war. Das war damals vermutlich ein Racheakt für eine Komödie über einen übergewichtigen jüngeren Diktator in Ostasien.

Optionen der internationalen Gemeinschaft

Militäroptionen Bei aller Überlegenheit der USA ist jede Militäroption mit hohen Risiken verbun- den. Weder sind den USA alle Lagerplätze der nordkoreanischen Nuklearwaffen und

USA alle Lagerplätze der nordkoreanischen Nuklearwaffen und Rund 6.600 Artilleriegeschütze hat Nordkorea an der Grenze

Rund 6.600 Artilleriegeschütze hat Nordkorea an der Grenze zu Südkorea disloziert.

Zugleich hat auch Nordkorea ein Interes- se, die große wirtschaftliche Abhängigkeit von China zu verringern. Es will mehr De- visen aus anderen Ländern erwirtschaften. Hierfür wurde das „Büro 39“ geschaffen, das wie seinerzeit der DDR-Devisenzar Schalck-Golodkowski und sein Firmenim- perium „Kommerzielle Koordinierung (Ko- ko)“ Staatseinnahmen in Milliardenhöhe generieren soll. So gibt es sowohl in Asi-

ballistischen Raketen bekannt, die zumeist in unterirdischen Bunkern disloziert sind. Zudem können die ballistischen Raketen von beweglichen Abschussrampen abge- feuert werden, die nur schwer auszuma- chen sind. Nordkorea verfügt auch über rund 800 Kurzstreckenraketen auf der Basis sowjetischer Scud-Raketen und Mit- telstreckenraketen des Typs Nodong, die auch mit biologischen und chemischen

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des Typs Nodong, die auch mit biologischen und chemischen 16 Europäische Sicherheit & Technik · Januar

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Gefechtsköpfen bestückt werden können. Weiter sind in den Arsenalen Nordkoreas weiterentwickelte KN-II-Raketen, die mit Festbrennstoff auch von U-Booten abge- feuert werden können. Die konventionelle Rüstung Nordkoreas mag weitgehend ver- altet sein. Aber Nordkorea besitzt weiter- hin die viertgrößten Streitkräfte der Welt mit mehr als einer Million Soldaten, die politisch-ideologisch präzedenzlos indokt- riniert sind. Zweifelhaft ist, ob die Nordko- reaner in einem militärischen Konflikt lange durchhaltefähig sind. Sie haben nur sehr begrenzte logistische Vorräte. Allerdings haben sie etwa 6.600 Artilleriegeschütz- te und 5.500 Mehrfachraketenwerfer an der hoch militarisierten Grenze im Süden disloziert, in deren Reichweite die nur 50 km entfernte südkoreanische Hauptstadt Seoul mit mehr als 20 Mio. Einwohnern liegt. Ein jeglicher militärischer Konflikt, einschließlich eines viel diskutierten Prä- ventivschlages der USA, riskiert, dass inner- halb weniger Stunden Seoul – mit hohen Kollateralschäden – angegriffen werden könnte. Aus diesem Grund haben die USA und Südkorea alle Militäroptionen gegen Nordkorea vorerst verworfen. Stattdessen hatte Präsident Obama noch Anfang 2014 verdeckte Cyber-Angriffe auf das nordkoreanische Raketenpro- gramm angeordnet. Doch der Erfolg war von Beginn an zweifelhaft, nahmen doch die Raketentests zeitgleich zu. Derartige Cyber-Angriffe waren Teil einer Drei-Säu- len-Strategie, die politische Isolation, Wirt- schaftssanktionen und militärischen Druck vorsahen. Die Trump-Administration hat nun alle drei Säulen erheblich verschärft, ohne dass bisher freilich auch nur Anzei- chen eines nordkoreanischen Einlenkens erkennbar sind.

Diplomatische Verhandlungs- lösungen und Ihre Grenzen Seit den 1990er Jahren haben US-ame- rikanische Regierungen versucht, eine Verhandlungslösung zur Beendigung der nordkoreanischen Nuklearwaffenambiti- onen zu finden. Bereits 1994 wurde das „Agreed Framework“ vereinbart, das für die Beendigung der auf Uran- und Pluto- nium basierten Nuklearwaffenentwick- lung Nordkoreas den Bau von zwei teuren Nuklearreaktoren sowie weitere Energie- und Wirtschaftshilfe für Pjöngjang vorsah. 2002 musste US-Präsident George W. Bush lernen, dass Pjöngjang seit Jahren gelogen hatte und sein Uran-Anreicherungspro- gramm weiterentwickelt und forciert hat- te. Daraufhin wurde das wirtschaftliche Hilfsprogramm für Nordkorea gestoppt, was dieses wiederum zum Anlass nahm, aus dem Abkommen auszusteigen und

den Betrieb seines Plutoniumreaktors wiederaufzunehmen. Ungeachtet dieser Lehre vereinbarte US-Präsident Bush 2007 ein neues Kooperationsabkommen zur Denuklearisierung mit Nordkorea, das es Pjöngjang erlaubte, das US-Dollarsystem wieder bei seinen Handelsaktivitäten zu nutzen, mehr Wirtschaftshilfen zu erhal- ten, Sanktionen abzubauen und von der Liste der Staatssponsoren für Terrorismus genommen zu werden. Doch innerhalb eines Jahres zeigte sich, dass Nordkorea kein Verifikationsprotokoll unterzeichnen wollte, so dass die diplomatische Initiative mit Nordkorea einmal mehr am Ende der Bush-Ära kollabierte. Der neue US-Präsident Barack Obama un- ternahm einen neuen Annäherungsversuch, der von Nordkorea mit dem erstmaligen Test

SICHERHEIT & POLITIK

Kim Jong-un wurde die ballistische Rake- ten- und Nuklearwaffenentwicklung sogar noch intensiviert, die politisch-militärische Führung gesäubert und mit neuen loyalen Führern besetzt sowie in 2014 der Nuklear- waffenstatus in der Verfassung Nordkoreas offiziell verankert

Strategische Perspektiven

Auch wenn die Region und Nordkorea geographisch auf den ersten Blick weit von Europa und Deutschland entfernt sind, so haben die nordkoreanischen Raketen- und Nuklearwaffentests und die sich daraus ergebenden Fähigkeiten direkte und indi- rekte Sicherheitsauswirkungen auf Europa und Deutschland. Da sind einmal die „Leh- ren“ der Nuklearwaffenoption Nordkoreas

Denuklearisierung Nordkoreas Ausmaß/Grad der Sanktionen (Präventive) Militäroptionen Beschränkung der gemein-
Denuklearisierung Nordkoreas Ausmaß/Grad der Sanktionen (Präventive) Militäroptionen Beschränkung der gemein-
Denuklearisierung Nordkoreas Ausmaß/Grad der Sanktionen (Präventive) Militäroptionen Beschränkung der gemein-
Denuklearisierung Nordkoreas Ausmaß/Grad der Sanktionen (Präventive) Militäroptionen Beschränkung der gemein-
Denuklearisierung Nordkoreas Ausmaß/Grad der Sanktionen (Präventive) Militäroptionen Beschränkung der gemein-
Denuklearisierung Nordkoreas Ausmaß/Grad der Sanktionen (Präventive) Militäroptionen Beschränkung der gemein-

Denuklearisierung Nordkoreas

Ausmaß/Grad der Sanktionen

(Präventive) Militäroptionen

Beschränkung der gemein- samen Militärübungen zwischen Südkorea und den US

gemein- samen Militärübungen zwischen Südkorea und den US Südkorea USA/Japan China/Russland ja ja ja

Südkorea

USA/Japan

China/Russland

ja

ja

ja

umfassende

umfassende

begrenzte

nein

mögliche

nein

nein

nein

ja

ja ja ja umfassende umfassende begrenzte nein mögliche nein nein nein ja
ja ja ja umfassende umfassende begrenzte nein mögliche nein nein nein ja
ja ja ja umfassende umfassende begrenzte nein mögliche nein nein nein ja
ja ja ja umfassende umfassende begrenzte nein mögliche nein nein nein ja
begrenzte nein mögliche nein nein nein ja (Quelle: Asian Institute of Policy Studies 2017)

(Quelle: Asian Institute of Policy Studies 2017)

begrenzte nein mögliche nein nein nein ja (Quelle: Asian Institute of Policy Studies 2017)

Positionen Südkoreas, der USA, Japans, Chinas und Russlands gegen- über Nordkorea bei Schlüsselfragen der Optionen

einer Langstreckenrakete und der Entwick- lung eines nuklearen Gefechtskopfes beant- wortet wurde. 2012 unterbreitete Präsident Obama ein erneutes Kooperationsangebot zur Denuklearisierung und Einstellung des Raketenprogramms („Leap Day“-Abkom- men), das von der nordkoreanischen Füh- rung innerhalb von sechs Wochen nach Un- terzeichnung mit neuen Tests für Langstre- ckenraketen beantwortet wurde. Auch die „Sonnenschein-Politik“ des frühe- ren südkoreanischen Präsidenten Kim-Dae- jung (1998-2003) sowie die Sechs-Mächte Verhandlungen (USA, China, Russland, Nord- und Südkorea sowie Japan) hatten keinen Erfolg und waren nach sechs Ver- handlungsrunden 2009 eingestellt wor- den, nachdem Nordkorea einen erneuten Untergrundnukleartest durchgeführt und die internationale Gemeinschaft mit neuen Sanktionen reagiert hatte. Somit hatte sich jegliche Strategie einer Kombination von Angeboten und Sank- tionen immer als illusorisch gegenüber der machiavellistischen Politik Nordkoreas erwiesen. Tatsächlich hatte Nordkorea da- mit nur die Möglichkeit erreicht, Zeit und wirtschaftliche Devisen zu gewinnen, mit denen die Raketen- und Nuklearwaffen- rüstung forciert werden konnte. Unter

für andere autoritäre Staaten, die über eine Nuklearwaffenoption nachdenken – sei es aus Gründen des machtpolitischen Status´ oder konkreter Abschreckungsoptionen. Durch die Vorgänge auf der koreanischen Halbinsel ist die weltweite Nichtverbrei- tungspolitik von Massenvernichtungswaf- fen geschwächt. Weiter könnte Nordkorea mit seinen Rake- ten mit Nuklearsprengköpfen auch Europa direkt militärisch bedrohen und politisch erpressen. Bleibt Europa dann bei seiner Sanktionspolitik? Die EU hat keine wirt- schaftlichen Druckmittel. Es fehlen auch die militärischen Fähigkeiten für einen Einsatz dort. Die EU ist sicherheitspolitisch in Ost- asien kaum engagiert, obwohl sie von ver- wundbaren Seewegen abhängig ist. Hinzu kommen die strategischen Interessen der EU an einer globalen Nichtverbreitungspo- litik. Weil eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU – vor allem ge- genüber Asien – weitgehend fehlt, ist der politisch-diplomatische Einfluss der Euro- päer auf Nordkorea äußerst schwach. Sie kann sich zwar als diplomatischer Mediator ins Spiel bringen, doch wird sie weder von Nordkorea noch China oder den USA so- wie den anderen Regionalstaaten ernsthaft als eine neutrale Macht akzeptiert. L

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

Regionalstaaten ernsthaft als eine neutrale Macht akzeptiert. L Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik 17

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SICHERHEIT & POLITIK

Globale Verteidigungsperspektiven 2017

Veränderungen von militärischem Gestaltungsanspruch und finanzieller Priorisierung

Rainer Bernnat, Germar Schröder, Jan Wille und Frank Dirksen

Tempora mutantur, nos et mutamur in illis (Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen): Die letz- ten Jahre haben eine stark veränderte Sicherheitslage hervorgebracht und Staaten reagieren auf die damit einhergehenden neuen Herausforderungen. Viele dieser Herausforderungen haben ihren Ursprung in glo- balen Megatrends, die PwC Strategy& in der Ausgabe Februar 2017 der Europäischen Sicherheit & Technik vorgestellt hat.

D ie globale Verschiebung wirtschaft- licher Macht von West nach Ost zieht eine Neuverteilung von Vertei-

digungsansprüchen und -ausgaben nach sich. Demografischer Wandel hat zu einer Polarisierung und teilweise Radikalisierung von Bevölkerungsschichten geführt, deren radikalste Auswirkungen sich in den ver- heerenden Anschlagserien 2016 und 2017 in Paris, Brüssel, Nizza, Berlin, Istanbul, London, Stockholm, Barcelona und Man- chester Bahn gebrochen haben – bei ge- steigerter Verletzbarkeit der Bevölkerung durch zunehmende Urbanisierung. Die Digitalisierung ganzer Wirtschaftszweige hat zum Einsatz von Cyber-Technologie als Angriffswaffe geführt, zu beobachten beispielsweise im verheerenden Angriff auf das Stromnetz der Ukraine im Dezember 2015, das zu einem weitflächigen Blackout führte. Und nicht zuletzt verschärfen der Kampf um Ressourcen und regionale Do- minanz das Aufflammen zahlreicher Kon- flikte. Im Ergebnis wurden 2012 bis 2016 so viele Rüstungsgüter erworben wie in keiner Periode seit Ende des Kalten Krieges. Ein Konglomerat all dieser Trends ist die Entwicklung im Mittleren Osten: Seit dem

Autoren

Die Autoren sind Geschäftsführer und leitende Mitarbeiter der Unter- nehmensberatung Strategy&, der Strategieberatung im Netzwerk von PwC. Prof. Dr. Rainer Bernnat leitet die Praxisgruppe Öffentlicher Sektor. Dr. Germar Schröder ist auf Techno- logie- und IT-Themen im öffentlichen Sektor spezialisiert. Dr. Jan Wille fokussiert auf Rüstung und Logistik, und Dr. Frank Dirksen berät im Be- reich Sicherheit und Verteidigung.

„Arabischen Frühling“ konnte die Sicher- heitslage nicht wieder dauerhaft stabilisiert werden. Bürgerkriege, der Kampf um die regionale Vormachtstellung zwischen Sau- di-Arabien und dem Iran, der multinatio- nale Kampf gegen die Terrormiliz IS und die Uneinigkeit innerhalb des Golf-Koope- rationsrates auch aufgrund des gefallenen Ölpreises und der damit verbundenen fi- nanziellen Unsicherheiten verschärfen die Situation in dieser Region weiter. Nach einer ersten Studie legt PwC Stra- tegy& nun zum zweiten Mal eine umfang- reiche Untersuchung zu den Veränderun- gen beim militärischen Gestaltungsan- spruch und der finanziellen Priorisierung der Verteidigungsausgaben vor, die in die- sem Artikel kurz vorgestellt werden.

PwC Strategy&-Studien zur Entwicklung globaler Vertei- digungsperspektiven

Jedes Land muss seine eigene Balance zwischen politisch und gesellschaftlich ak- zeptiertem Sicherheitsniveau, den daraus resultierenden Fähigkeiten für die innere und äußere Sicherheit und den hierfür erforderlichen finanziellen Mitteln finden. Diese Balance manifestiert sich in einer na- tionalen Sicherheitsstrategie, wie in einer ersten Untersuchung von PwC Strategy& in der Ausgabe Dezember 2015 der Euro- päischen Sicherheit & Technik aufgezeigt wurde. Aufgrund der aktuellen Veränderungen der Bedrohungslagen ändern sich die Si- cherheitsstrategien der Länder. Eine Ana- lyse von PwC Strategy& zu „Globalen Verteidigungsperspektiven“ (www.pwc. com) vergleicht die Veränderungen von 71 Nationen in der Verteidigungslandkarte innerhalb der letzten zwei Jahre anhand ih- res globalen militärischen Gestaltungs- und

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anhand ih- res globalen militärischen Gestaltungs- und 18 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Führungsanspruchs und den dafür jeweils aufgewendeten Verteidigungsausgaben in US-Dollar, gemessen am prozentualen Anteil des BIP. Der militärische Gestaltungs- anspruch wird dabei definiert als kombi- nierte und vergleichende Einschätzung hinsichtlich der folgenden Kriterien: Anteil der Truppen im Auslandseinsatz vs. Um- fang der gesamten Streitkräfte, Anzahl und Umfang der Teilnahme an Einsätzen in Bündnissen, Transfer von militärischem Gerät (Verkauf, Überlassung, Verleih). Das Ergebnis der Untersuchung ist in der Matrix in Abbildung 1 dargestellt. Die beiden Dimensionen „Militärischer Ge- staltungsanspruch“ und „Finanzielle Pri- orisierung“ bilden die Achsen der Matrix, die Größe und Farbe der Kreise geben Aufschluss über die aktuelle Höhe und das Wachstum der Verteidigungsausgaben (in US-Dollar). In der oberen Hälfte der Matrix befinden sich die Länder mit einem hohen, militä- rischen Gestaltungsanspruch. Dabei sind Russland, die Türkei und China Kernländer, die diesen Anspruch im betrachteten Zeit- raum massiv ausgedehnt haben, während die USA (in Reaktion darauf) unter der Re- gierung Trump ein Versprechen zur starken Erhöhung ihres Verteidigungshaushaltes abgegeben haben. Russland und die USA geben mehr als drei Prozent ihres BIP für den Verteidigungsetat aus und setzen ihre militärischen Fähigkeiten im Rahmen einer globalen Strategie ein. Russland manifes- tiert seinen militärischen Gestaltungsan- spruch weiter durch eine nahezu Verdopp- lung eingesetzter Kräfte im betrachteten Zeitraum, nicht zuletzt durch den (jetzt als „erfolgreich beendet“ dargestellten) Einsatz in Syrien, sowie die andauernden Konfliktlinien in der Ukraine. Australien, China, Frankreich, Großbritannien, Italien und die Türkei haben Verteidigungsbud-

(Grafiken: Autoren)

SICHERHEIT & POLITIK

12 Koalitionspartner Koalitionäre mit Führungsanspruch Globale Supermächte 11 USA 10 Vereinigtes Frank-
12
Koalitionspartner
Koalitionäre mit Führungsanspruch
Globale Supermächte
11
USA
10
Vereinigtes
Frank-
Königreich
reich
9
Russland
Deutschland
8
Italien
7
Kanada
Niederlande
Türkei
China
6
Spanien
Vereinigte
Arabische
Schweden
Australien
Emirate
5
Finnland
Katar
Israel
Norwegen
Südkorea
4
Belgien
Dänemark
Saudi-Arabien
3
Indonesia
Portugal
Polen
Irak
Kuwait
Mexiko
Chile
Vietnam
Japan
Indien
Iran
Oman
2
Taiwan
Syrien
Argentinien
Venezuela
Brasilien
1
Lokal orientierte Akteure
Bedrohungsorientierte Selbstverteidiger
Robuste Selbstverteidiger
0
Finanzielle Priorisierung (Anteil Verteidigungsetat am BIP)
0,0%
0,5%
1,0%
1,5%
2,0%
2,5%
3,0%
4%
6% 8% 10% 11%
17%
Fokusthemen
Europa
2012–16 Wachstumsrate
Größe der Kreise =
Verteidigungsausgaben
in 2016
<0%
Mittlerer Osten
0–1%
>1%
Militärischer Gestaltungsanspruch
Lokal
Regional
Global

Abbildung 1: Globale Verteidigungslandkarte 2017

gets zwischen 1,5 bis 3 Prozent des BIP und nehmen ebenfalls Führungsaufgaben innerhalb von Koalitionen rund um den Globus wahr. Deutschland, Kanada, den Niederlande und Spanien geben zwar weniger als 1,5 Prozent des BIP für Vertei- digung aus, zeichnen sich aber dennoch durch ihren globalen Einsatz – z. B. bei Ein- sätzen mit UN-Mandat – aus. In der unteren Hälfte der Matrix befinden sich 59 Länder mit einem derzeit eher niedrigeren militärischen Gestaltungsan-

spruch. Eine gewisse Ausnahme bildet Saudi-Arabien, das seinen militärischen Gestaltungsanspruch in regionalen Kon- flikten insbesondere gegenüber dem Iran in jüngster Zeit zunehmend klarer formu- liert und entsprechend alimentiert. Die Vereinigten Arabischen Emirate, Israel, Iran, Irak, Oman, Kuwait und Syrien haben vergleichsweise hohe (und im Falle Ku- waits und Omans stark gestiegene) Aus- gaben von mindestens drei Prozent des BIP und fokussieren sich vorwiegend auf

ein angesichts der Unruhen in der Region gestiegenes Sicherheitsbedürfnis. Indien, Südkorea, Taiwan, Polen und Norwegen geben neben anderen Ländern zwischen 1,5 und 3 Prozent des BIP für die Verteidi- gung aus, sind aber deutlich begrenzter in ihren Sicherheitsinteressen auf ihre direkte regionale Nachbarschaft. Weitere Natio- nen wie beispielsweise Japan, Brasilien, Venezuela, Indonesien, Mexiko, Schwe- den und Argentinien geben weniger als 1,5 Prozent ihres BIP für Verteidigung aus

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Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

/ 3 5 00 871 · info@mittler-report.de · www.mittler-report.de Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

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 SICHERHEIT & POLITIK 6 Vereinigte Arabische Emirate 5 Israel Saudi- Arabien 4 3 Irak
 SICHERHEIT & POLITIK
6
Vereinigte
Arabische
Emirate
5
Israel
Saudi-
Arabien
4
3
Irak
Kuwait
Iran
Oman
2
Syrien
1
Finanzielle Priorisierung (Anteil Verteidigungsetat am BIP)
2%
3%
4% 5% 6% 7% 8% 9% 10% 11%
17%
Militärischer Gestaltungsanspruch

Abbildung 2: Wachstum im Mittleren Osten (2014 bis 2016)

Abbildung 2: Wachstum im Mittleren Osten (2014 bis 2016) 10 Vere inigtes Frank- Königreich 9 reich
10 Vere inigtes Frank- Königreich 9 reich Deutschland 8 Italien 7 Niederlande Türkei 6 Spanien
10
Vere
inigtes
Frank-
Königreich
9
reich
Deutschland
8
Italien
7
Niederlande
Türkei
6
Spanien
Schweden
5
Finnland
Norwegen
4
Dänemar
k
Belgien
3
Portugal
Polen
Finanzielle Priorisierung (Anteil Verteidigungsetat am BIP)
1,0%
1,5%
2,0%
2,5%
Abbildung 3: Moderate Veränderungen in Europa
(2014 bis 2016)
Militärischer Gestaltungsanspruch

und konzentrieren sich im Rahmen ihrer Sicherheitsstrategie auf ihren direkten Ein- flussbereich.

Veränderungen in der Verteidigungslandkarte

Neben der statischen Darstellung von 2017 sind die Veränderungen im Vergleich zu der letzten Untersuchung 2015 aufschluss- reich: Die Auswirkungen globaler Megat- rends sowie regionaler Konfliktlinien und die hieraus resultierenden strategischen Anpassungen einzelner Länder werden entlang der beiden Betrachtungsdimen- sionen offensichtlich. Im Vergleich zu der Studie von 2015 sind acht der damals 61 betrachteten Nationen (also 13 Prozent) in ein anderes Cluster der Verteidigungs- landkarte gewandert. Insbesondere in der unteren Hälfte der Landkarte, in der sich aktuell 59 Nationen befinden, ist ein mas- siver Anstieg der finanziellen Priorisierung zu erkennen. Es ist zu erwarten, dass dieser Trend über die nächsten Jahre anhält. Nachstehend erfolgt eine nähere Betrach- tung der Entwicklungen entlang der bei- den Dimensionen der Verteidigungsland- karte im Nahen und Mittleren Osten sowie in Europa.

Fokus: Naher und Mittlerer Osten zeigen sich hochdynamisch

Die Länder des Nahen und Mittleren Os- tens befinden sich mehrheitlich im rechten unteren Bereich der Verteidigungslandkar- te. Das bedeutet, dass sie im Sinne der zu- grunde liegenden Definition derzeit noch einen relativ geringen militärischen Gestal- tungsanspruch haben, jedoch eine hohe finanzielle Priorisierung mit einem Anteil

der Verteidigungsausgaben am BIP größer drei Prozent. In Abbildung 2 sind die Veränderungen dieser Länder im Vergleich zu 2015 zu se- hen. Hierbei fällt auf, dass insbesondere die Positionen der Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Irak, Iran, Syrien und Saudi-Arabien sich deutlich nach oben und/oder rechts verschoben haben. Dies ist der steigenden militärischen Präsenz und der zunehmenden finanziellen Pri- orisierung geschuldet. Der „Kalte“ Krieg zwischen Saudi-Arabien und Iran, im ak- tuellen (Stellvertreter-) Konflikt im Jemen sichtbar, sowie die Destabilisierung der Region im Zuge des Syrienkonfliktes und des Erstarkens des IS haben diese Ent- wicklungen entscheidend getrieben. Ge- nerell liegt bei vielen dieser Länder eine reiche finanzielle Ausstattung bei noch im Aufbau befindlichen militärischen Fähigkeiten vor – im Material hat dies teilweise jedoch bereits heute zu Kom- plexitäten geführt, die noch zu managen sind. Die o.g. Länder werden ihre militä- rischen Fähigkeiten weiter ausbauen, um sich innerhalb, aber ggf. auch außerhalb der eigenen Region stärker militärisch zu engagieren. Beeinflusst wird dies jedoch auch durch den Ölpreisverfall, sichtbar am Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate, deren finanzielle Priorisierung mit dem stark gewachsenen militärischen Gestaltungsanspruch zuletzt nicht mehr Schritt halten konnte.

Fokus: Europa verändert sich moderat

In Europa hingegen sieht die Veränderung anders aus. Wie in Abbildung 3 darge- stellt, fällt zunächst auf, dass alle Länder außer Polen ihre Verteidigungsbudgets (in

US-Dollar) von 2012 zu 2016 verringert ha- ben. Die Erhöhungen der Ausgaben 2017, z.B. in Deutschland, sind in der Analyse noch nicht enthalten. Gleichzeitig ist der Anspruch einer globalen Koalitionspartner- rolle für die überwiegende Zahl dieser Län- der klar verankert, während z.B. Schweden, Litauen und Lettland ihre internationale Po- sitionierung im Betrachtungszeitraum eher depriorisiert haben. Besonders interessant sind die kombinier- ten Verschiebungen innerhalb der beiden Betrachtungsdimensionen. Hier zeigt sich, dass sich lediglich Frankreich nach rechts oben in der Verteidigungslandkar- te bewegt hat. Alle anderen europäischen Länder haben sich im Zeitraum 2014- 2016 eher nach links bzw. nach unten verschoben. Die finanzielle Priorisierung von Verteidigung ist also relativ gesunken und der militärische Gestaltungsanspruch gefallen. Viele europäische Länder sehen jedoch angesichts einer unsicherer gewordenen „südlichen Flanke“ und einer veränderten Sicherheitslage im Osten die nach dem Ende des Kalten Krieges eingefahrene Friedensdividende als verbraucht an und beginnen in den Aufbau neuer Fähigkei- ten insbesondere im Bereich Landes- und Bündnisverteidigung zu investieren. So ha- ben einige europäische Länder – wie auch Deutschland – ihre Verteidigungsausgaben 2017 mit dem Blick auf die Ziele von Wales erhöht und forcieren gemeinsame, länder- übergreifende Verteidigungsmaßnahmen wie beispielsweise die Aufstockung des EU-Verteidigungsfonds. Die Diskussion einer Stärkung der gemein- samen europäischen Verteidigungsfähig- keit hat begonnen, nicht zuletzt auch aus- gedrückt in gemeinsamen Rüstungs- und Beschaffungsprojekten wie der Ankün-

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gemeinsamen Rüstungs- und Beschaffungsprojekten wie der Ankün- 20 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

digung einer neuen gemeinsamen Figh- ter-Plattform durch Macron und Merkel. Diese jüngsten Entwicklungen werden sich in der nächsten Ausgabe der Vertei- digungslandkarte in Form von (moderaten) Rechtsverschiebungen darstellen.

Europa steht vor entschei- denden Weichenstellungen

Durch die vergleichsweise moderate Ent- wicklung in Europa im Vergleich zu der hochdynamischen Entwicklung in den an- grenzenden Regionen besteht weiterhin erhöhter Handlungsbedarf. Gleichzeitig ist Europa aber schlecht beraten, seine „Auf- holjagd“ in eine nationale Vollausstattung des gesamten militärischen Fähigkeitsspek- trums umzumünzen, die sogar mittelfristig nur schwer erreichbar ist. Nachfolgende Handlungsoptionen sind empfehlenswert:

Engere Kooperation mit europäischen Partnern: Durch eine zielgerichtete Koordi- nation länderübergreifender Verteidigungs- investitionen einschließlich harmonisierter Forschungs-, Innovations- und Beschaf- fungsvorhaben können hohe Synergie- und Beschleunigungswirkungen erzielt werden. Priorisierung benötigter Fähigkeiten:

Die Weiterentwicklung von Schlüsselfä- higkeiten sollte im Sinne einer Qualitäts- offensive vorrangig adressiert werden. Dies würde eine effiziente Entwicklung von kaum vorhandenen, aber dringend benötigten Fähigkeiten, wie beispielswei- se Cyber-Abwehrfähigkeiten, weiter vor- antreiben, sowie eine erhöhte Interope- rabilität und eine gemeinsame Nutzung ermöglichen. Erhöhung der Verfügbarkeit: Der schnelle und effiziente Weg zum Fähig- keitsausbau militärischer Streitkräfte ist die Erhöhung der Verfügbarkeit vorhan- dener Waffensysteme und militärischer Ausrüstung. Dazu sind die Konzepte für Logistik und Instandhaltung zu überar- beiten, wie in Deutschland u.a. über die Agenda Nutzung bereits angestoßen, jedoch im europäischen Kontext weiter zu koordinieren. Die zunehmende Nutzung digitaler Möglichkeiten (z.B. Lagebilder) bildet hierbei eine erfolgskritische Voraus- setzung für Transparenz und Steuerung von Bereitschaft und Verfügbarkeit. Auf den Punkt gebracht: Deutschland und seine europäischen Partnerländer stehen angesichts erhöhter regionaler Konflik- te, internationaler Verpflichtungen und gleichzeitig veränderter Bedrohungslage vor entscheidenden Weichenstellungen und sollte diesen Entwicklungen der glo- balen Sicherheitslage mit länderübergrei- fenden, fähigkeitsbezogenen Kooperatio-

nen begegnen.

L

Die Zukunft der Bundeswehr: europäisch und digital

8. Wehrtechnischer Kongress der CSU

Mit dieser Überschrift waren für den 8. Wehrtechnischen Kongress der CSU am 24. November 2017 drei hochaktuelle Themenbereiche vorgegeben: die Zukunft der europäischen Verteidi- gungsunion, die Digitalisierung der Streitkräfte und – in Umsetzung dieser Überlegungen – die Zukunft der Luftwaffe. Die Einstimmung in die Thematik erfolgte einmal durch die Begrüßung der 210 Teilnehmer durch den Vorsitzenden des Außen- und Sicherheitspolitischen Arbeitskrei- ses (ASP) der CSU, Florian Hahn MdB, im Hause Rohde & Schwarz, ergänzt von Christian Lei- cher, Geschäftsführender Gesellschafter und Vorsitzender der Geschäftsführung von R&S, und andererseits durch Statements von Staatssekretär Johannes Hintersberger, MdL, Vorsitzender des Arbeitskreises Wehrpolitik der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag, und Bundesminister Christian Schmidt, MdB.

Landtag, und Bundesminister Christian Schmidt, MdB. (Fotos: Rohde & Schwarz/CSU) Bild links: Begrüßung
(Fotos: Rohde & Schwarz/CSU)
(Fotos: Rohde & Schwarz/CSU)

Bild links: Begrüßung durch Florian Hahn MdB; Bild rechts: Podiums- diskussion zum Thema Europäische Verteidigungsunion: v.l.: Frank Haun, Dr. Reinhard Brandl, MdB, Moderator Rolf Clement, Dr. Chris- tian Mölling, Generalleutnant Erhard Bühler

Diese Einführungen gaben den politisch bedeutsamen Rahmen: Den hohen Anteil der wehr- technischen Industrie in Bayern, ihre Abhängigkeit vom Export, die Notwendigkeit von Aus- tausch und Kommunikation. Generalleutnant Erhard Bühler, Abteilungsleiter Planung im BMVg, hielt den Impulsvortrag zum europäischen Aspekt: Das nunmehr unterschriftsreife Konzept der Bundeswehr geht entsprechend dem Weißbuch 2016 von einer Gleichrangigkeit der Aufgaben aus, die durch Anpassungen des Personalkörpers und der Ausrüstung, dem Aufbau der IT-Kom- petenzen sowie der Intensivierung der Multinationalität umgesetzt wird. Mit der Vereinbarung von PESCO, der Ständigen Strukturierten Zusammenarbeit (Permanent Structured Cooperation), steht nunmehr unter dem Dach der EU eine zweistufige Werkzeugstruktur für einen Sicher- heits- und Verteidigungsverbund zur Verfügung, der sich in Kürze mit den ersten fünf Projekten darstellen wird. Dabei wird das geplante europäische Hauptquartier PESCO aus bestehenden Elementen im Rahmen der NATO-Struktur zu bilden sein. In der anschließenden Diskussionsrunde, moderiert von Rolf Clement, Chefredakteur „Europä- ische Sicherheit und Technik“, wurden die kritischen Punkte von den Teilnehmern Dr. Reinhard Brandl, MdB, Frank Haun, Vizepräsident BDSV, Dr. Christian Mölling, Stellvertretender Direktor DGAP, angesprochen: Diese handelten von der Forderung nach einheitlichen EU-Rüstungskon- trollregeln, hinterfragten die durch die Kürzungen der Vergangenheit verursachte teilweise Be- schränkung der industriellen Lieferfähigkeit, umfassten eine Reform der Parlamentsbeteiligung und beklagten schließlich das nicht nur in Deutschland mangelhaft ausgeprägte strategische Bewusstsein. Klaus Hardy Mühleck, Abteilungsleiter Cyber/Informationstechnik und Chief Information Officer im BMVg, gab den Einblick in das langjährige, auch international anerkannte Vorgehen des Verteidigungsressorts im Bereich Cyber und IT-Technologien. Die Herausforderungen ergeben sich aus der komplexen Bedrohungslage, dem Forschen nach zukünftigen Schlüsseltechnolo- gien und der Konzeption eines mehrdimensionalen digitalen „Bebauungsplans“, mit dem auch ressortübergreifend Cyber-Fähigkeiten bereitgestellt werden können. Der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Karl Müllner, betonte in seinen Gedanken zur Zukunft der Luftwaffe die von Russland ausgehende Bedrohung als Ausgangslage, die einer- seits die Frage der Glaubwürdigkeit der Verteidigungsfähigkeit aufwirft, andererseits erkennen lässt, dass rein nationale Planungen nicht ausreichend sein können. Dies zeigt sich im Einsatz von UAV, die nicht nur als Schlüssel zur Informationsüberlegenheit gesehen werden müssen, sondern auch hinsichtlich bemannter Kampfflugzeuge, ihrer Eignung als Luftangriffsmittel und zu Mehrrollenfähigkeit sowie im Wiederaufbau eines Nah- und Nächstbereichsschutzes und in der Verstärkung der bodengebundenen Luftverteidigung. Die abschließende Diskussionsrunde mit Florian Hahn, MdB, Dirk Hoke, CEO AD&S und André

Hiebeler, CEO Grob Aircraft SE, hinterfragte und vertiefte die Darstellungen der Referenten, wo- bei sowohl die allgemeinen tages- und innenpolitischen Entwicklungen als auch internationale

(hgb)

Tendenzen thematisiert wurden.

(Grafiken mawibo-media, Quelle: Ramiyah)

SICHERHEIT & POLITIK

Von einsamen Wölfen und ferngesteuerten Attentätern

Die Terror-Bedrohung des Westens durch den Islamischen Staat

Marcel Serr

Am 31. Oktober 2017 lenkte der 29-jährige Sayfullo Saipov einen gemieteten Umzugslastwagen in New York auf einen Fahrradweg, pflügte durch die Passanten und rammte einen Schulbus. Acht Menschen star- ben, mehrere wurden schwer verletzt. Neben dem Kleintransporter fand die Polizei Zettel, auf denen „Der Islamische Staat wird für immer fortbestehen“ geschrieben war. Auf Saipovs Mobiltelefon befand sich Pro- pagandamaterial des sogenannten Islamischen Staates (IS). Vorbildlich folgte Saipov der Terror-Anleitung, die die Terrororganisation im englischsprachigen Onlinemagazin Rumiyah im November 2016 veröffent- licht hatte. Für die Sicherheitsbehörden kam er aus dem Nichts.

D erartige vom IS inspirierte, eigen- ständig handelnde Attentäter verü- ben in jüngster Zeit immer wieder

Anschläge in Europa und den USA – teils mit verheerenden Opferzahlen. So auch Omar Mateen, der im Juni 2016 einen Nachtclub in Orlan- do in Florida angriff und 49 Menschen tötete. Er stand zu keinem Zeitpunkt mit einem Vertreter der Gruppe in Kon- takt und bekannte sich erst während seines Anschlags telefonisch zum IS.

Mateen und Saipov sind Paradebeispiele eines „ein- samen Wolfs“ (Lone Wolf) – also eines Einzeltäters, der ohne bzw. mit minimaler Unterstützung anderer Per- sonen oder Gruppen Gewalt anwendet, wobei er vorgibt, ein politisches, soziales, reli- giöses oder ein anderes Ziel erreichen zu wollen. Der IS ermutigt seine Unter- stützer in Europa und den USA offensiv zu derartigen Terroranschlägen. Sie stellen die Sicherheitsbehörden vor erhebliche Schwierigkeiten. Oft kommen sie aus dem Nichts, denn im Gegensatz zu Terrorgrup- pen lassen sich hier keine Netzwerke in- filtrieren oder Kommunikation abfangen. Doch die einsamen Wölfe im Zeichen des IS handeln nicht alle so eigenständig, wie

Autor

Marcel Serr ist Politikwissenschaftler/ Historiker und freier Autor.

ist Politikwissenschaftler/ Historiker und freier Autor. Der Terror-Anleitung, die der IS in seinem Onlinemagazin

Der Terror-Anleitung, die der IS in seinem Onlinemagazin Rumiyah im November 2016 veröffentlicht hatte, folgte Ende Oktober 2017 der 29-jährige Sayfullo Saipov, der in New York einen Umzugswagen in eine Menschenmenge fuhr und dabei acht Menschen tötete.

es in der Medienberichterstattung unmit- telbar nach Anschlägen oft den Anschein erweckt. Fortgeschrittene Ermittlungen zeigen, dass einige Attentäter durch den IS direkt angeleitet und gesteuert werden. Dies stellt eine bemerkenswerte Entwick- lung in den Fähigkeiten der Organisationen

und eine massive Bedrohung für westliche Staaten dar. Auch nachdem der IS in Syri- en und im Irak in die Knie ge- zwungen scheint, bleibt die Terrorgruppe höchst gefährlich. Sie verfügt weiterhin über Rück- zugsgebiete u.a. in Libyen, der Sinaihalbinsel und dem Jemen. In der „schönen neuen Welt“ des ferngesteuerten IS-Terrorismus ge- nügen letztlich ein Computer oder ein Smartphone sowie eine Internet- verbindung, um in Europa und den USA Anschläge zu dirigieren. Mit dem Verlust der IS-Kerngebiete im Nahen Osten steht zu befürchten, dass sich die Organisation zunehmend auf Terrorangriffe im Westen konzentriert. Grund genug, die aktuellen Entwicklun- gen nachzuzeichnen.

Das Internet als Radikalisie- rungs- und Lehrplattform

Eine wesentliche Rolle bei der zunehmen- den Bedrohung durch Lone Wolf-Terroris- mus spielt das Internet. Viele einsame Wöl- fe radikalisieren sich quasi selbst, indem sie terroristische Webseiten und Blogs besu- chen. Das Gift dschihadistischer Verführer ist stets nur wenige Mausklicks entfernt und trifft bei Sinnsuchenden scheinbar auf offene Ohren. Die gewieften Online-Ideo- logen wissen dies für sich zu nutzen und wecken den Zorn in Menschen, die an- dernfalls weder das Bedürfnis noch die Möglichkeit gehabt hätten, einer Terroro- rganisation beizutreten. Darüber hinaus stellt das Internet das zen- trale Informationsmedium für potenzielle Terroristen dar, die im Internet alles recher-

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für potenzielle Terroristen dar, die im Internet alles recher- 22 Europäische Sicherheit & Technik · Januar

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

chieren können, was sie wissen müssen, um Bomben zusammenzusetzen und Ziele auszuwählen. Der IS, aber auch al-Qaida unterstützen die Informati- onsbeschaffung nach Kräften, indem sie praktische Schritt-für-Schritt-An- leitungen bereitstellen. Der IS missbraucht das Internet gezielt, um weltweit potenzielle Terroristen anzuwerben und an- zuleiten. Die Gruppe nutzt das gesamte Spektrum sozialer Me- dien und Kommunikationsfor- men von Facebook über Twitter bis hin zu WhatsApp und dem abhörsi- chereren Telegram, das auf Ende-zu-En- de-Verschlüsselung setzt. Im Jahr 2015 verbreitete die Gruppe mit Twitter-Kam- pagnen wie „Hashtag Jihad“ bis zu 90.000 Tweets – am Tag!

Strategiewechsel des IS

Hintergrund der vermehrten Anschläge im Westen ist ein Strategiewechsel des IS als eine Folge der militärischen Rückschlä- ge in Irak und Syrien. Seit Ende 2015 ruft die Organisation über das Internet Unter- stützer, die im Westen leben, auf, in ihrer Heimat Anschläge zu verüben: „Zerreißt eure Flugtickets in die Türkei! … Das Pa- radies liegt euch zu Füßen.“ Dazu etab- lierte die Gruppe eigens Telegram-Kanäle, die speziell auf potenzielle Täter in Euro- pa zugeschnitten sind, und ermuntert die Followers, dort zuzuschlagen, wo, wann und wie es ihnen möglich ist. Der Strategie- wechsel birgt viele Vorteile für den IS: Der Aufruf zu Lone Wolf-Angriffen im Westen ist kostengünstig und bindet kaum Perso- nal oder Ressourcen. Prinzipiell ist dem IS jeder Anschlag recht und billig. Die einzige Bedingung ist ein öffentliches Bekenntnis zur Organisation bzw. ihrem Anführer, dem selbst ernannten und mittlerweile to- ten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi. Die IS-Terrorbedrohung ist jedoch viel- schichtig. Nicht alle Wölfe sind tatsächlich einsam. Einige Beispiele: Anis Amri, der im Dezember 2016 mit einem Lkw durch ei- nen Weihnachtsmarkt in Berlin pflügte und elf Menschen tötete, stand vermutlich in Kontakt mit IS-Leuten. Gleiches gilt für die Attentäter von Würzburg und Ansbach: Im Juli 2016 griff ein minderjähriger Flüchtling aus Afghanistan Passagiere einer Regional- bahn bei Würzburg mit einem Messer und einem Beil an; es kam zu fünf Verletzten. Sechs Tage später zündete ein syrischer Flüchtling vor einem Musikfestival in Ans- bach eine Bombe. Der Attentäter löste den selbst gebauten Sprengsatz vermutlich ver- sehentlich aus und tötete nur sich selbst; allerdings wurden 15 Passanten verletzt.

SICHERHEIT & POLITIK

Zu spät deckten die Sicherheitsbehörden Netzwerke und Querverbindungen auf; sie hatten die Komplexität unterschätzt. Immer deutlicher wird, dass der IS über ein Netzwerk direkt gesteuerter Zellen in Europa verfügt. Auch die Anschläge in Paris 2015 und am Brüsseler Flughafen 2016 offenbarten dies.

Ferngesteuerter

Terrorismus

Der IS ist insgesamt stärker in die Pla- nung und Koordination von den ver- meintlichen Lone Wolf-Anschlägen in Europa involviert als vielfach angenom- men. Verantwortlich für die Anschlä- ge im Ausland ist eine IS-Untergrup- pe namens Amn al-Kharji, die von dem Franzosen Abu Suleyman al-Firansi geleitet wird. Aufgeteilt in Regionalgruppen sind sogenannte virtuelle Planer via Internet und Messenger-Apps für die Rekrutierung, Motivation und Anleitung potenzieller Ter- roristen auf der ganzen Welt verantwort- lich. Mit anderen Worten: Die virtuellen Planer sitzen vor ihren Computern in Syrien oder Irak und bilden Terrorinteressierte in Europa wie an einer Fernuniversität aus. Unter Analysten ist bereits die Rede von ferngesteuerten Anschlägen. Rachid Kassim ist einer dieser virtuellen Pla- ner. Er unterhält eine große Online-Präsenz und drängt seine Follower zu Anschlägen im Westen. Kassim hat mehrere Instruktio- nen im Internet veröffentlicht, die Namen

In Full-HD können Videos mit ausführlichen Berichten über das gottgewollte Leben im Kalifat heruntergeladen werden, verfüg- bar in Arabisch und Englisch.

Auch Salman Abedi, der sich im Mai 2017 bei einem Konzert von Ariana Grande in die Luft sprengte und über 20 Menschen mit sich in den Tod riss, gehört in diese Ka- tegorie. Eine voreilige Bezeichnung von Einzeltätern als einsame Wölfe kann gefährliche Konse- quenzen nach sich ziehen. Spätere Ermitt- lungen hatten ergeben, dass Abdelhamid Abaaoud, der Drahtzieher der Pariser At- tacken, verschiedene Vorfälle, die als Ak-

der Pariser At- tacken, verschiedene Vorfälle, die als Ak- tionen einsamer Wölfe bewertet wurden, als

tionen einsamer Wölfe bewertet wurden, als Ablenkungsmanöver für sein Vorhaben in der französischen Hauptstadt veranlasst hatte. Darunter ist der Fall von Sid Ahmed Ghlam, der sich im April 2015 versehentlich ins Bein schoss und damit Ermittlungen aus- löste, die aufdeckten, dass er Kirchen in der Umgebung von Paris attackieren wollte. Im August 2015 verhinderten drei US-Ameri- kaner, dass Ayoub El-Khazzani, ein 25-jäh- riger Marokkaner, das Feuer in einem Zug von Amsterdam nach Paris eröffnete. Beide Vorfälle wurden zunächst als unverbunde- ne Taten von einsamen Wölfen betrachtet.

Der Titelartikel des Magazins Ramiyah im April 2017 ist eine Lobrede auf den amerikanischen IS-Agenten Ahmad Abousamra, alias Abu Sulay- man Al-Shami, alias Abu Maysara Al-Shami, eine der Hauptfiguren des IS-Medienapparats, der im Frühjahr 2017 ums Leben kam.

und Orte für Anschlagsziele enthalten so- wie Taktiken und strategische Hinweise. Er leitete vermutlich schon mehrere Anschlä- ge in Europa an. So hatte Kassim direkten Kontakt zu Adel Kermiche und Abdel Malik Nabil Petitjean, die im Juli 2016 einem Pries- ter in Frankreich die Kehle durchschnitten. Ermittler fanden Telegram-Konversationen zwischen Kassim und den beiden Tätern, die darauf hindeuten, dass Kassim sie zur Tat angewiesen hat. Doch die virtuellen Planer haben nicht nur Europa im Visier. Rukmini Callimachi zeich- nete in der New York Times die Fälle eines Ingenieurs in Indien und eines jungen Man- nes in Rochester, USA, nach, die von einem virtuellen Planer namens Abu Issa al-Amriki bei ihren Anschlagsvorbereitungen beglei- tet wurden. Im Falle des Amerikaners lagen zwischen der ersten Kontaktaufnahme bis

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

des Amerikaners lagen zwischen der ersten Kontaktaufnahme bis Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik 23

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zum geplanten Anschlag nur wenige Tage. In Indien standen der virtuelle Planer und der potenzielle Terrorist über 17 Monate in Kontakt. Beide Vorhaben wurden recht- zeitig von den Sicherheitsbehörden auf- gedeckt. Amriki wurde im April 2016 bei einem Luftschlag in al Bab, Syrien, getötet.

Die Folgen

Zusätzlich zu den direkten Opfern führen die IS-inspirierten und ferngesteuerten An- schläge zu schwerwiegenden politischen und gesellschaftlichen Folgen in den west- lichen Gesellschaften. Sie rufen eine ver- stärkte Islamophobie hervor und befördern den Aufstieg rechtsradikaler Populisten und Demagogen. Nach Angaben des FBI stieg die antimuslimische Hasskriminalität in den USA von 2014 auf 2015 um 67 Pro- zent. In Deutschland kam es 2016 zu 3.500 Angriffen auf Flüchtlinge und Flüchtlings- unterkünfte. Wenn sich aber die öffentliche Meinung verstärkt gegen Muslime wendet, ziehen diese sich stärker zurück, das Misstrauen gegen Sicherheitsbehörden wächst. So können die muslimischen Gemeinschaften zu Brutstätten und zum Unterschlupf für Extremisten werden. Kein Wunder also, dass sich Salah Abdeslam, einer der Täter der Pariser Anschläge, unter dem Schutz

seines Netzwerks im Brüsseler Stadtteil Molenbeek monatelang einer Verhaftung entgehen konnte. Der IS und andere extremistische Gruppen nutzen wiederum die Vorbehalte und isla- mophoben Stimmungen geschickt für ihre Propaganda. Die Anschläge sollen einen Graben zwischen Muslimen und Nichtmus- limen in den westlichen Staaten auftun und die Gesellschaften spalten. So entsteht ein Teufelskreis gegenseitiger Entfremdung und Radikalisierung.

Gegenstrategien

Das Internet ist ein zwiespältiges Medium für einsame Wölfe. Einerseits ist es eine elementare Radikalisierungs- und Infor- mationsplattform, andererseits aber auch das wichtigste Aufklärungsmedium für die Sicherheitsbehörden. Insbesondere der Überwachung der sozialen Medien kommt eine besondere Bedeutung zu, denn gerade einsame Wölfe haben eine zentrale Schwäche: Sie reden gern. Die Überwachung von Chat-Rooms, den sozi- alen Medien sowie Messenger-Apps sind daher wichtige Komponenten in der Ter- rorabwehr. Dabei kann es taktisch zielfüh- rend sein, die Accounts identifizierter virtu- eller Planer, Hetzer oder anderer digitalen Dschihadisten nicht direkt zu sperren, son-

dern als Informationsquelle auszuhorchen. Außerdem sollten die digitalen Netzwerke von Terroristen verstärkt infiltriert werden, um Gefährder zu identifizieren, ihre Kom- munikation abzufangen und zu stören. Die Sicherheitsbehörden sollten auch gezielt desinformieren, um Verwirrung zu stiften. Psychologische Kriegführung ist Trumpf in der Terrorismusbekämpfung. Es gilt, die Paranoia von Terrorgruppen vor möglicher Infiltration auszunutzen. Auch sollten die Internetseiten und die Accounts der Orga- nisationen in sozialen Medien offensiver angegriffen werden. Außerdem sollten Regierungen und Sicher- heitsbehörden enge Kontakte und vertrau- ensvolle Beziehungen zu den jeweiligen muslimischen Gemeinden aufbauen und pflegen. Freunde, Familien und Nachbarn von potenziellen Terroristen wissen am ehesten, wenn etwas nicht stimmt. Doch sie werden sich nur dann die Sicherheits- behörden wenden, wenn sie diesen ver- trauen. Letztlich lassen sich Terroranschläge – ins- besondere die der einsamen Wölfe – nicht vollständig verhindern. Entscheidend ist jedoch, diesen Aspekt der Gesellschaft zu vermitteln, um keine unrealistischen Erwar- tungen zu wecken, die zwangsläufig ent- täuscht werden, was dann rechtsextremen Populisten die Tore öffnet. L

was dann rechtsextremen Populisten die Tore öffnet. L KONFERENZ UND MESSE UAV TERMIN VORMERKEN! Nürnberg,
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SICHERHEIT & POLITIK

Der Islamische Staat auf dem Rückzug

Die Rekrutierungsmechanismen des IS bleiben ein sicherheitspolitisches Problem

Andreas M. Rauch und Seckin Söylemez

Welcher Wein ist in den Schläuchen? Das Instrument der Rekrutierung von Menschen, die in Westeuropa leben, ist das Internet. Das, was im Internet angeboten wird, um junge Menschen zu radikalisieren, hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt.

Z eitgleich zu seiner Expansion in Me- sopotamien und der Levante startete der IS eine regelrechte Medienoffen-

sive. Mit aufwändigen Videoproduktionen wird der Kampf des Kalifats im selben Stil präsentiert wie Actionfilme à la Hollywood. In diesen Videos wird vor allem das Image des Dschihadisten als heldenhafter Krieger in orientalisch anmutender Militäruniform und mit Schnellfeuergewehr vermarktet. Verbreitet wurden diese Aufnahmen zu Beginn ausschließlich über die neuen so- zialen Medien. Facebook, Twitter, YouTube und Co. avancierten so zu einem neuen Schlachtfeld eines medialen Dschihad. Die- se Kommunikationsmechanismen weisen erstaunliche Parallelen zur Selbstinszenie- rung der salafistischen Szene in Westeu- ropa auf. So verwundert es auch nicht, dass in der Medien- und Propagandaabteilung des IS eine Vielzahl von Personen mit europäi- schem Background zu finden war. Neben Videos von Kampfhandlungen und Ent- hauptungen von Geiseln veröffentlichte der IS nach der seinerzeitigen Einnahme von strategisch wichtigen Städten wie Rakka und Mossul auch eine Vielzahl von Videos über die Lebensbedingungen im Kalifat. Dieser Schritt untermauert nicht nur

Autoren

Prof. e.h. Dr. Andreas M. Rauch ist als Lehrbeauftragter am Institut für Politische Wissenschaft der Univer- sität Duisburg-Essen, als Mitglied im NRW-Landesprüfungssausschuss für das 1. Staatsexamen in Sozialwissen- schaften und Wirtschaft/Politik sowie im Schuldienst in Köln tätig. Seckin Söylemez M.A. ist Politik- wissenschaftler und veröffentlicht zu Themen der Außen- und Sicherheits- politik mit dem Schwerpunkt Nahost, Fundamentalismus und Terrorismus.

(Foto: Archiv)
(Foto: Archiv)

Im vom IS verbreiteten Video „Flames of War“ ist zu sehen, wie Kriegs- gefangene sich ihr eigenes Grab schaufeln müssen, ehe sie dann hinge- richtet werden.

seinen Anspruch auf Staatlichkeit, der auch im Begriff „Islamischer Staat“ zu finden ist, sondern zielte vor allem darauf ab, auch Gruppen für den Kampf zu gewinnen, die nicht der klassischen Kombattantenklientel zuzurechnen sind.

Nutzung moderner Kommu- nikationsmechanismen

Seine Hochphase erreicht die Produktion von Propagandamaterial während der Zeit der maximalen Expansion in Syrien und dem Irak in den Jahren 2013 und 2014. Der schnelle Landgewinn und die militärischen Erfolge des IS in dieser Phase spiegeln sich auch in einer nach außen kommunizier- ten Überheblichkeit wider. So erscheint 2014 die bis zu diesem Zeitpunkt längste und kostenaufwändigste Videoprodukti- on des IS unter dem Namen „Flames of War“. In diesem 55-minütigen Film finden sich alle bisherigen Inhalte wie Kampfsze- nen, Siegesfeiern, das alltägliche Leben im Kalifat wieder. Beendet wird der Film mit der Hinrichtung von Kriegsgefangenen, die sich zuvor ihr eigenes Grab schaufeln

müssen. Dieser Film der Propagandaabtei- lung des IS – besser bekannt unter dem Namen al-Hayat Media – ist sinnbildlich für die Kombination von moderner Kommuni- kation und fundamentalistischen Inhalten. Die in diesem Film konstruierte Ästhetik der Gewalt knüpft an bereits existierende Bil- der aus Film, Fernsehen und Videospielen an und zielt somit direkt auf die Rekrutie- rung eines jungen, vor allem männlichen und im Westen sozialisierten Klientels ab. Dass die Wirkung des Films aus Sicht des IS durchaus erfolgreich ist, belegen die Zahlen der sogenannten Auswanderer aus westli- chen Staaten in die vom IS kontrollierten Gebiete. Laut Angaben der Soufan Group und des International Centre for Coun- ter-Terrorism – The Hague sind bisweilen knapp 5.000 Personen aus EU-Staaten in die Region ausgewandert. Heute hat der IS die Gebiete in Syrien und dem Irak weitgehend wieder verloren. Der Niedergang begann mit der verlorenen Schlacht um die nordsyrische Stadt Ko- bane (arabisch: Ain al-Arab) 2015. Dann gelang es der irakischen Armee mit mas- siver Unterstützung durch die USA und die

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

Armee mit mas- siver Unterstützung durch die USA und die Januar 2018 · Europäische Sicherheit &

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(Foto: U.S. Coastguard)

SICHERHEIT & POLITIK

Anti-IS-Koalition, die Stadt Mossul vom IS zu befreien. Rakka und weitere Städte folgten. Parallel zu diesen Entwicklungen ist auch ein Strategiewechsel in den Pro- pagandamethoden des IS zu erkennen. Der Niedergang wurde in der Propagan- da zum Beispiel für Märtyrertum. Es gab keine Videos von Kampfhandlungen mit anschließender Siegesfeier mehr, sondern Aufnahmen von bombardierten Häusern und zivilen Opfern, die die Luftschläge der Koalition verursacht haben sollen. Die offensive Selbstdarstellung bis in das Jahr 2015 weicht heute einer Inszenierung als sunnitische Schutzmacht vor einer bevor- stehenden feindlichen Übernahme durch schiitische Gruppen oder eine westliche Besatzungsmacht. Ein mögliches Ziel die- ses Wandels in der Außenkommunikation ist der Versuch des immer schwächer wer- denden IS, nun in der Region vorhandene Kräfte zu mobilisieren bzw. Gruppen im Ausland zu gezielten Anschlägen in ihren Heimatländern zu bewegen.

Sicherheitspolitische Gefährdungen bleiben

Diese militärische Entwicklung hat den IS veranlasst, seine vorhandenen Kräfte best- möglich zu schonen und in den Untergrund zu verschieben. So gingen seit dem Wan- del auf dem Schlachtfeld die offensiven Rekrutierungsbemühungen zurück. Wenn es dem IS gelingt, in den Untergrund abzu- tauchen, bedeutet dies für den Konflikt in der Levante, dass eine wirkliche Befriedung in näherer Zukunft nicht in Sicht ist. Dann würden weite Teile Syriens ein ähnliches Schicksal wie die Unruhegebiete Afgha- nistans erwarten. Die Alternative, dass die IS-Kämpfer in andere Regionen auswan- dern, ändert für die Sicherheitslage in den westlichen Ländern nicht viel. Allerdings besteht die Gefahr eines neuen Flächen- brandes an anderer Stelle in der Welt. Für die Sicherheitslage im Westen ist klar zu erkennen, dass der IS mit der Inszenierung als Opfer der westlichen Welt auf die Akti- vierung von spontanen Anschlägen durch Einzelpersonen setzt. Hierfür sprechen ins- besondere die Anschläge mit Messern und Fahrzeugen in den letzten Monaten, die zumeist durch Personen verübt wurden, die sich in kürzester Zeit vor allem über das Internet radikalisierten.

Linien des Terrors reichen weit zurück

Dass eine solche Niederlage wie die des IS in Syrien und dem Irak ein Ende des Terrors bedeuten, sollte man nicht annehmen. Es ist nämlich ein Trugschluss, dass der islamis-

annehmen. Es ist nämlich ein Trugschluss, dass der islamis- Der 11. September 2001 mit mehreren tausend

Der 11. September 2001 mit mehreren tausend Todesopfern war nur der Höhepunkt in einer Reihe von vorangegangenen, islamistisch motivier- ten Anschlägen.

tisch motivierte Terror erst in den 2000er Jahren zutage trat, also mit den Anschlä- gen auf New York und Washington am 11. September 2001. Bereits in den 1990er Jahren gingen mehrere Anschläge auf das Konto von Radikalislamisten, so 1999 in Russland, 1997 in Kairo und Luxor, 1995 sieben Mal in Frankreich, 1995 auf einen Flug der Philippine-Airline, 1993 auf das World Trade Center in New York und 1992 auf das CIA-Headquarters in Langley. Der 11. September 2001 mit mehreren tausend Todesopfern stellt nur einen Höhepunkt in einer Reihe von vorangegangenen, islamis- tisch motivierten Anschlägen dar. Die Geschehnisse von 9/11 legten auf dras- tische Art und Weise dar, dass Terror in ei- ner globalisierten Welt in der Lage ist, fun- damentalistische Gewaltmotivationen mit modernster Technologie zu verschmelzen. Der Terror der al-Qaida galt ab dem Jahr 2001 als die wohl größte Bedrohung für die internationale Sicherheit. Nach unzähligen Anschlägen weltweit und einem groß an- gesetzten War on Terror unter US-Führung ist die Bedeutung der al-Qaida als Terror- gruppe zwar geringer geworden, doch die ihr zugrunde liegende Ideologie und ihre Vorgehensweise lebt heute in Form von neuen Gewaltakteuren weiter.

Vom Kader zu breiten Bewegung

Mit dem Entstehen und der Verbreitung des sogenannten Islamischen Staates (IS) vollzog der islamistische Terror einen Ge- staltenwandel. Während al-Qaida als ei- ne Kader-Bewegung einzuordnen ist, die vornehmlich Personen aus dem arabischen Raum rekrutierte, handelt es sich beim IS und ähnlichen Organisationen dieses Spektrums um regelrechte Massenbe- wegungen, die sich vor allem durch eine breit aufgestellte und international orien-

tierte Rekrutierungslogik auszeichnen. Es sind nicht mehr nur ideologisch gefestigte Personen, die sich dem Dschihad anschlie- ßen, sondern auch ganze soziale Gruppen, die gezielt in Krisengebiete auswandern. Dort nehmen sie an Kampfhandlungen teil – oder sie vernetzen sich, um in ihren Herkunftsländern Anschläge zu verüben. Bemerkenswert ist hierbei vor allem, dass wir in den vergangenen Jahren Zeuge davon wurden, wie sich auch eine große Anzahl junger Menschen, die in westli- chen Staaten geboren, aufgewachsen und sozialisiert wurden, dazu entschlossen ha- ben, dem IS die Treue zu schwören. An- gesichts dieser Entwicklung stellt sich aus einer sicherheitspolitischen Perspektive die dringliche Frage, wie die Rekrutierungsme- chanismen von Terrorgruppen wie dem des IS funktionieren und welche Schritte unternommen werden können, um diesen entgegenzuwirken.

Fundamentalistische Bewegungen verstehen

Mit den Anschlägen des 11. September 2001 verzeichnete auch der wissenschaft- liche Diskurs einen raschen Anstieg von wissenschaftlicher und populärer Literatur zum islamischen Fundamentalismus. Das Verständnis über den islamischen Fun- damentalismus oder auch Islamismus ist insofern wichtig, da er den ideologischen Unterbau von Terrorgruppen wie al-Qaida und dem IS darstellt. Den Fundamentalis- mus zu verstehen, ist in diesem Kontext der erste Schritt für etwaige präventive Schritte. Der israelische Soziologe Samuel N. Eisen- stadt (1923-2010) – bestens in der wissen- schaftlichen Welt für seine großen Zivilisati- onsstudien bekannt – beschäftigte sich Zeit seines Lebens mit dem Begriff des Funda- mentalismus als einer sozialen Bewegung

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dem Begriff des Funda- mentalismus als einer sozialen Bewegung 26 Europäische Sicherheit & Technik · Januar

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

der Moderne. Hierbei untersuchte er neben den islamischen auch die christlichen und jüdischen Ausprägungen von Fundamenta- lismus. Aus dieser multiperspektivischen Be- trachtung erschließt Eisenstadt die Grund- und Funktionsstruktur fundamentalistischer Bewegungen.

(Foto: Tzahy Lerner)
(Foto: Tzahy Lerner)

Der israelische Soziologe Samuel N. Eisenstadt beschäftigte sich ne- ben dem islamischen auch mit den christlichen und jüdischen Ausprä- gungen von Fundamentalismus.

Ausgangspunkt für die Studien Eisenstadts ist der Begriff der Moderne, den er in erster Linie als eine europäische Erfindung ver- steht, die durch verschiedene nichteuropä- ische Kulturen eine neue Deutung erfuh- ren. Diese Eigendefinitionen der Moderne führten Eisenstadt zufolge zur Entstehung von gesellschaftlichen Antagonismen, die sich wiederum in konkreten ideologischen und institutionellen Mustern kristallisierten. Ein Beispiel hierfür ist demnach auch das kommunistisch-sowjetische Regime, das als nichteuropäische Gesellschaft die Mo- derne anders definiert. Bestimmt wurde das internationale System aber durch das europäische Verständnis von Moderne. Der Sowjetunion gelang es nicht, der eigenen Deutung auch Geltung zu verschaffen. So distanzierte sich das kommunistische Regi- me mit einer Eigeninterpretation von Auf- klärung, Zweckrationalität, Technologie, Wissenschaft und Naturbeherrschung von klassischen, wissenschaftlichen Begriffen und entwickelte eine eigene Ideologie. Dieses Grundverständnis einer ideologi- schen Heilsmission und der damit einher- gehenden Uminterpretation von Moderne lässt sich auch bei den antikolonialen und fundamentalistischen Bewegungen des ara- bischen Raums in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erkennen. Bei Organisationen wie z.B. den Muslimbrüdern speiste sich der Heilsgedanke in erster Linie aus einem Bedürfnis nach einer Einheit unter den Mus-

limen. Diese seien von den Einflüssen des Westens zu befreien und auf einen religiös rechten Weg zu leiten. In diesem Verständ- nis galt es, zunächst sogenannten protofun- damentalistische Bewegungen die Legitima- tionsgrundlage zu entziehen. Während die protofundamentalistischen (Erneuerungs-) Bewegungen, als Beispiel nennt Eisenstadt hier z.B. die Wahhabiten, sich stärker durch den Traditionalismus leiten ließen und ihre fundamentalen Visionen viel stärker nach innen richteten, verstehen es die fundamen- talistischen Bewegungen als ihre Aufgabe, „Raum und Zeit gemäß ihren utopischen Visionen zu konstruieren“. Somit beschränkte sich die Neuausprägung nicht mehr nur auf eine isolierte Enkla- ven-Kultur, sondern zeichnete sich durch einen expansiven Charakter aus. Inhaltlich wurde also der Zielwert einer puritanischen und unverfälschten Kultur übernommen,

SICHERHEIT & POLITIK

Die Bestrebungen der Fundamentalisten beinhalteten demnach Aspekte wie die Umgestaltung der Gesellschaft, die Auf- hebung von heterogenen Tendenzen, die Etablierung eines einheitlichen Kultur- verständnisses und die Etablierung einer religiösen Politik, die auf ein formuliertes Endziel gerichtet ist. Auch wurde die Um- strukturierung jedes Individuums im Sinne der revolutionären Ziele zum Kontext der inhaltlichen Agenda jeder fundamentalis- tischen Bewegung.

Rückwärtsgewandte

Ideologie

So hält Eisenstadt fest, dass „die moder- nen fundamentalistischen Bewegungen und Regimes … die moderne … Mobili- sierung mit ‚antimodernen’ oder zumin- dest antiliberalen Ideen (kombinieren)“.

(Foto: U.S. Army)
(Foto: U.S. Army)

Zuletzt gelang es mit massiver Unterstützung durch die USA und die Anti-IS-Koalition die Stadt Mossul vom IS zu befreien.

funktional jedoch wurde dieser Gedanke von einer nach innen gewandten Lehre, welche primär nur auf die eigene Klientel abzielte, zu einer nach außen wirkenden Doktrin transformiert. Die Verlegung des Wirkungsfokus führte auch zu einem ra- dikalen Wandel in der Organisations- und Funktionsweise dieser Bewegungen. Die Etablierung moderner Kommunikations- techniken, Propagandamethoden und einer disziplinären Organisationsstruktur waren somit strukturelle Notwendigkei- ten, um aus einer Enklaven-Kultur eine expansionistische Missionierungskultur zu entwickeln.

Ausgehend von diesem Verständnis lässt sich der IS zweifelsohne als eine funda- mentalistische Bewegung im Sinne Eisen- stadts definieren. So stilisierte sich der IS von Beginn an als eine Gegenbewegung zum westlichen Lebensstil, aber auch zur traditionellen Auslegung des Islam. Die Grundlage für diese Selbstzuschreibung resultierte aus den inhaltlichen Zielvor- gaben, wie der Wiedereinführung des Kalifats und der Herstellung der Lebens- weise, wie sie zu Zeiten des Propheten existiert habe. Die Art und Weise der Au- ßenkommunikation hingegen war und ist alles andere als reaktionär. L

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

hingegen war und ist alles andere als reaktionär. L Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

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Nach „Jamaika“ auf Reede

Deutschlands Sicherheits- und Verteidigungspolitik in der Flaute

Wolfgang Labuhn

Am 24. Oktober 2017 konstituierte sich der 19. Deutsche Bundestag. Seitdem wird Deutschland von einer geschäftsführenden Bundesre- gierung aus CDU/CSU und SPD verwaltet, der früheren Großen Koa- lition. Im Parlament wurden bisher weder die vom Grundgesetz vor- geschriebenen Ausschüsse für EU-Angelegenheiten, Auswärtiges und Verteidigung noch die meisten übrigen Ausschüsse eingesetzt, auch nicht der wichtige Haushaltsausschuss.

B is zur Bildung einer neuen Bun- desregierung übernimmt ein vom Grundgesetz nicht vorgesehener

„Hauptausschuss“ die Aufgaben der Fach- ausschüsse – mit teilweise bedenklichen Folgen für die Sicherheits- und Verteidi- gungspolitik und für die Bundeswehr. Auch in der Industrie wachsen die Sorgen. Immerhin hat der Deutsche Bundestag am 12. und 13. Dezember 2017 nicht weniger als sieben Mandate für Auslandseinsätze der Bundeswehr verlängert, die um die Jah- reswende ausgelaufen wären. Die Verlän- gerung wurde allerdings auf drei Monate begrenzt, um Mandatsentscheidungen der nächsten Bundesregierung nicht vorzugrei- fen. Doch es könnte in Berlin noch lange dauern, nach dem Scheitern der Sondie- rungsgespräche für eine „Jamaika“-Koali- tion aus CDU/CSU, FDP und den Grünen nun das bisherige Regierungsbündnis von CDU/CSU und SPD förmlich zu erneuern. Somit bleibt der geschäftsführenden Ver- teidungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) die undankbare Aufgabe, die für die Bundeswehr beschlossenen Trendwenden in den Bereichen Material, Personal und Finanzen auch im derzeitigen bundes- politischen Vakuum weiter umzusetzen. Der Bundesverband der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) formuliert unterdessen seine wichtigsten Wünsche an die künftige Bundesregierung. Sein Hauptanliegen sei es, so BDSV-Hauptge- schäftsführer Hans Christoph Atzpodien gegenüber ES&T, „dass die neue Bundes- regierung nicht nur sehr schnell das Vor- haben in Angriff nimmt, die bestehenden Fähigkeits- und Ausrüstungslücken zu schließen, sondern sich auch darauf rück- besinnt, dass die deutsche Sicherheits- und Verteidigungsindustrie der geborene Partner der Bundeswehr ist.“ Wenn man Beschaffungsprogramme nicht überfrach-

te, sondern sie stringent abwickele, indem die Rahmenbedingungen zu Beginn ge- meinsam sehr klar festgelegt und dann auch nicht mehr verändert würden – was leider in der Vergangenheit immer wieder geschehen sei – „dann kann die Bundes- wehr auch sehr schnell mit hochwertigem Equipment ausgerüstet werden.“ Doch das dürfte in diesem Jahr schwierig werden.

Bundeswehr muss länger auf bessere Ausrüstung warten

In den kommenden Monaten stehen Ent- scheidungen über eine Reihe von Großpro- jekten im Materialbereich an. Dazu zählen ein neues Sturmgewehr für die Truppe als Ersatz für das G36, das Taktische Luftver- teidigungssystem (TLVS) auf der Grundla- ge des von Deutschland mitentwickelten MEADS-Systems und die Auftragsvergabe für das Mehrzweckkampfschiff MKS 180, ferner die Wahl eines Nachfolgemodells für den betagten Mittleren Transporthub- schrauber CH-53. Auch die vom Koaliti- onsmitglied SPD im vergangenen Sommer in letzter Minute gestoppte Beschaffung einer bewaffnungsfähigen Aufklärungs- drohne (Heron TP) dürfte wieder auf der Agenda stehen. Insgesamt will das Vertei- digungsministerium 2018 dem Vernehmen nach rund 40 25-Millionen-Euro-Vorlagen in das parlamentarische Verfahren einbrin- gen. Dabei dürfte es sich überwiegend um Beschaffungsprojekte für die Truppe handeln, die vom Haushaltsausschuss des Bundestages gebilligt werden müssen, so- fern das Vorhaben den finanziellen Rah- men von 25 Millionen Euro übersteigt. BDSV-Hauptgeschäftsführer Atzpodien rechnet angesichts der verzögerten Regie- rungsbildung in Berlin aber nicht mehr da- mit, dass vor der zweiten Jahreshälfte 2018 die parlamentarischen Behandlung neuer

25-Millionen-Euro-Vorlagen stattfinden wird: „Das bedeutet natürlich auch eine erhebliche Verzögerung für alle zukünfti- gen Beschaffungsvorhaben. Eigentlich gibt es wohl einen breiten Konsens darüber, die Bundeswehr sehr schnell besser auszurüs- ten. Das würde einer jetzt rasch ins Amt kommenden neuen Bundesregierung auch sehr gut anstehen. Aber man sieht daran, dass die Prioritäten im Moment offenbar woanders liegen.“

Restriktive Rüstungsexport- politik belastet Unternehmen

Voranfragen für den Export von Kriegswaf- fen an Drittstaaten, also Länder, die nicht der EU oder der NATO angehören bzw. der NATO gleichgestellt sind, gehen an das in solchen Fällen federführende Auswärtige Amt (AA) – und scheinen dort jetzt häu- figer in der Leitungsebene zu verbleiben, bevor den Unternehmen rechtsverbindlich mitgeteilt wird, wie eine förmliche Anfrage beurteilt werden dürfte. Über diese hätten dann neben dem AA auch das Wirtschafts- und das Verteidigungsministerium und in letzter Instanz der Bundessicherheitsrat zu entscheiden. Viele BDSV-Mitgliedsun- ternehmen beklagen laut BDSV-Hauptge- schäftsführer Atzpodien, dass es derzeit insbesondere für die Türkei und den Mitt- leren Osten überhaupt keine Anzeichen für Genehmigungen mehr gebe. Aber auch bei laufenden Verfahren sei die Genehmi- gungspraxis entweder sehr langsam oder bereits erteilte Genehmigungen würden nicht mehr erneuert. Man habe das ge- genüber dem Wirtschaftsministerium und dem AA thematisiert, könne aber keine Fortschritte erkennen. Dies bedeute, „dass die Auswirkungen aus dieser schleppenden oder unterbrochenen Genehmigungspra- xis die in Deutschland ansässigen Lieferan- ten treffen. Sie geraten nun im Rahmen laufender Verträge gegenüber den Kunden in Verzug und müssen mit Vertragsstrafen rechnen aus Gründen, die weder politisch erklärt noch von den Lieferunternehmen zu verantworten sind oder beeinflusst werden können. Das ist bei allem Verständnis für den politischen Primat der Bundesregie- rung und auch für die Verschlechterung der politischen Verhältnisse in einem Land oder in einer Region eine für die Unternehmen sehr unbefriedigende Situation.“ L

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eine für die Unternehmen sehr unbefriedigende Situation.“ L 28 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

SICHERHEIT & POLITIK

Unser Mann in Niger

Laurent Joachim

Der Staat in der Sahelzone gehört zu den ärmsten Ländern der Erde. Im Rahmen der Ertüchtigungsinitiative hilft auch die Bundeswehr, die Sicherheit am Rand der Sahara zu verbessern.

F ünf Millionen Euro werden in weni- gen Minuten Besitzer und Kontinent wechseln. Verbindungsoffizier Oberst-

leutnant Dirk Hamann ist zu Besuch im bescheidenen, abgedunkelten Büro einer freundlichen Dame mittleren Alters. Sie ist Abteilungsleiterin des nigrischen Verteidi- gungsministeriums und trägt die Verant- wortung für ein Projekt, das Hamann im Namen der Bundesrepublik Deutschland betreut. Der massive Arbeitstisch der Beamtin ist aus dunklem Holz. Darüber, scheinbar ohne System verteilt, eine Vielzahl von Akten und Dokumenten. Zwei Mobiltele- fone vermitteln dem Ganzen einen Hauch von Modernität. Die Amtsstube im Regie- rungsgebäude in der Hauptstadt Niamey, wo das Millionengeschäft besiegelt wird, ist schlicht.

20 Millionen Einwohner hat die Republik Niger. 55 Prozent der Bevölkerung gehören zur Volks- gruppe der Hausa, 21 Prozent zum Volk der Djerma, zehn Prozent zu den Tuareg.

Handtasche. Immer wieder klingelt das Te- lefon: erneute Verhandlungspause. Dirk Hamann, der unter anderem meh- rere Jahre als Referent im französischen Verteidigungsministerium gearbeitet hat, erzählt in der Zwischenzeit, dass der Ein- fluss Frankreichs, der ehemaligen Kolonial- macht, überall zu spüren sei. Zum Beispiel auch hier an den Aktendeckeln, die im Ge-

der Welt. 2016 belegte Niger den vorletz- ten Platz auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen. Im Fertilitätsbericht der UN für den Zeitraum 2010 bis 2015 liegt Niger dagegen weltweit an der Spit- ze mit im Durchschnitt über sieben Kin- dern pro Frau. Diese beiden Statistiken veranschaulichen die Rahmenbedingun- gen, die das Land kennzeichnen. Unter diesen Voraussetzungen hätte eine Ver- schlechterung der ohnehin angespannten Sicherheitslage dramatische Folgen. Als Verbindungsstabsoffizier sollte Hamann mit zwei ungewöhnlichen „Waffen“ Erfol- ge erzielen: seinem perfekten Französisch

(Fotos: Bundeswehr)
(Fotos: Bundeswehr)

Keine Spur von Regierungsprunk, wie sonst oft in Afrika. Im Vorzimmer herrscht rege Betriebsamkeit. Ab und zu flackert das Licht, die betagte Klimaanlage röchelt vor sich hin. In Niger führt die Stromversorgung ihr eigenes Leben – mit Höhen und Tie- fen. Zunächst werden Höflichkeiten ausge- tauscht, dann kommen Hamann und seine Gesprächspartnerin zum Geschäft. Unver- mittelt kommt die Vorzimmerdame herein und bittet um Geld, damit der Fahrer den Wagen betanken kann. Verhandlungsunterbrechung. Die Abtei- lungsleiterin zückt eine Banknote aus ihrer

Autor

Laurent Joachim ist Offizier der Bundeswehr. Er hat diesen Artikel für das Magazin der Bundeswehr Y. geschrieben.

Oberstleutnant Dirk Hamann mit einem nigrischen Offizier bei der Ein- weisung

gensatz zu Deutschland nicht aus grauer Pappe, sondern aus dünnem Papier in fröh- lichen Pastellfarben bestehen – genau wie in jeder Pariser Verwaltungsstelle. Verbindungsoffiziere müssen einen ausge- prägten Sinn für Details haben. Sie müssen Informationen erschließen, einordnen und analysieren. Sie sind die Augen und Ohren der Bundeswehr. Sie messen ständig den Puls des Gastlandes und senden entspre- chende Lageberichte in die Heimat. Das so gewonnene Wissen wird für politische Entscheidungen mit oft internationaler Tragweite ausgewertet. Hamann war 2017 Verbindungsstabsof- fizier der Bundeswehr in Niamey. Ein No- vum in den Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Re- publik Niger, einem der ärmsten Länder

und seiner ausgeprägten Freundlichkeit. Seine frühere Tätigkeit als Referent für Stra- tegische Kommunikation und Redenschrei- ber des Inspekteurs des Heeres kommt ihm in dieser Position zusätzlich zugute. Die Abteilungsleiterin hat am Tag seines Besuches tatsächlich guten Grund für ihre Fröhlichkeit: Hamann nimmt im Namen der Bundesregierung Rechnungen entgegen. Im Rahmen der Ertüchtigungsinitiative hat Deutschland bei lokalen Händlern insge- samt 100 Pickups, 115 Motorräder und 55 Satellitentelefone für die nigrischen Streit- kräfte gekauft. Alle Fahrzeuge werden im Norden des Lan- des eingesetzt. „Das Projekt wurde anlässlich des Besuchs der Bundeskanzlerin Angela Merkel im Ok- tober 2016 in Niger angekündigt“, erklärt

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

Merkel im Ok- tober 2016 in Niger angekündigt“, erklärt Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

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SICHERHEIT & POLITIK

 SICHERHEIT & POLITIK Die Ertüchtigungsinitiative steht vor infrastukturellen, kulturellen und auch

Die Ertüchtigungsinitiative steht vor infrastukturellen, kulturellen und auch verkehrstechnischen Herausforderungen.

Hamann. „Ertüchtigung bedeutet: Hilfe zur Selbsthilfe. Länder, die sich nach Kräften bemühen, die Sicherheit auf ihrem Territorium zu verbes- sern, werden von der Bundesregierung und der EU unterstützt. Oft ist der politische Wille da, aber die fehlenden finanziellen Mittel lassen den ärmsten Ländern kaum Handlungsfähigkeit.“

12.900 Mann sollen die Sicherheit gewährleisten. Die nigrischen Streitkräfte bestehen aus Heer und Luftwaffe sowie der Gendar- merie, der Nationalgarde und der Nationalpolizei.

Niger hat geschätzt etwa 20 Millionen Ein- wohner. Das Land ist mehr als doppelt so groß wie Frankreich, trotzdem verfügen die Sicherheitskräfte über nur etwa 12.900 Mann, denen es noch nicht gelingt, in Ei- genregie für Sicherheit zu sorgen. Im Sü- den versuchte die dschihadistische Terror- organisation Boko Haram von Nigeria aus eine Rückzugsbasis zu etablieren. Die mit dem Islamischen Staat verbündete Miliz konnte zunächst zurückgeschlagen wer-

den, aber die Situation bleibt angespannt. Im Norden bereiten Drogen- und Waffen- schmuggler, meist aus Algerien oder Liby- en, den Sicherheitskräften erhebliche Pro- bleme. Aus den westlichen und südlichen Anrainerstaaten kamen in den letzten Jah- ren darüber hinaus Abertausende Migran- ten. Den Vereinten Nationen zufolge ver- suchten 2015 bis zu 150.000 Migranten von Agadez aus nach Libyen weiterzurei- sen, um dann über das Mittelmeer Europa zu erreichen. Agadez liegt im Zentrum Nigers und war lange Zeit die Drehscheibe für die Migran- ten. Von hier aus begann die Durchquerung der Sahara. Ein gefährlicher Weg. Bei der Fahrt durch die Wüste fielen gelegentlich Menschen von den Pickups der Schmugg- ler herunter – die Schleuser hielten nie an. Die Verunglückten verdursteten. Viele, die es nach Libyen schafften, landeten in illega- len Gefängnissen. Einige ergatterten einen Platz auf einem Schmugglerboot nach Ita- lien. Viele der Migranten erreichten Europa nie. Heute sind sie aus dem Straßenbild von Agadez weitgehend verschwunden, seit- dem die nigrische Regierung ihren „illega- len Transport” verboten hat. Einige verste-

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„illega- len Transport” verboten hat. Einige verste- 30 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018 cken

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

cken sich in Innenhöfen und warten auf die Nacht, um die unsichere Fahrt anzutreten. Andere sind nur einige Monate in der Regi- on, um ihr Glück in den Uranminen bei Arlit zu versuchen. Oberstleutnant Hamann kommt mit der Regierungsbeamtin ins Gespräch. Man arbeitet jetzt sehr konzentriert. Alle wei- teren Anrufe werden abgewiesen. Ein Tagesordnungspunkt jagt den anderen. Es geht unter anderem um die Wartung der gekauften Fahrzeuge, aber auch dar- um, dass regelmäßig kontrolliert wird, dass

Nigers strahlender Schatz

Fund Eigentlich suchten sie nach Kupfer: 1957 entdeckten französische Geologen gro- ße Uranvorkommen am Südrand der Sahara in Zentral-Niger. 1969 erhielt der französische Staatskonzern Cogema (heute Areva) Konzessionen für Minen, von denen die erste 1971 den Betrieb aufnahm. Dafür wurde die Stadt Arlit gegründet

Boom Niger ist heute der viertgrößte Uranpro- duzent weltweit. Der nigrische Staat ist zu je etwa einem Drittel an den beiden Minen von Areva (SOMAIR und COMI- NAK) beteiligt, zusätzlich erhält er Steu- ern auf die Gewinne. Zeitweise trugen die Einnahmen aus dem Uranbergbau fünf Prozent zum Staatshaushalt Nigers bei.

Crash Seit dem Reaktorunglück von Fukushi- ma im März 2011 ist der Weltmarktpreis für Uran gefallen. Bei Verhandlungen zur Verlängerung der Konzessionen ei- nigten sich Areva und der nigrische Staat 2014 auf eine höhere Besteuerung. Au- ßerdem versprachen die Franzosen, die Straße nach Benin auszubessern.

Zukunft Eine 2011 eröffnete weitere Mine bei Arlit (SOMINA), die von chinesischen Unternehmen gemeinsam mit Niger betrieben wird, hat die Förderung auf- grund von Finanzproblemen eingestellt. Die Entwicklung der dritten Areva-Mine Imouraren wurde angesichts des niedri- gen Uranpreises vorerst verschoben.

alle Fahrzeuge vertragsgemäß eingesetzt werden. Und es geht letztlich um die ge- plante Anschaffung von zusätzlichen Was- sertanklastern, eine Herzensangelegenheit Hamanns.

Besonders an diesem Projekt zeigen sich die Vorzüge einer ortskundigen Verbin- dungsperson. Zwei Lkw hat die EU schon gekauft: das neueste Modell eines franzö- sischen Herstellers. Eigentlich prima Fahr- zeuge – allerdings ist bereits jetzt absehbar, dass aufgrund der extremen Witterungs- bedingungen bald die Elektronik streiken wird. Dann muss ein Spezialist eingeflogen

80 bis 95 Prozent der nigrischen Bevölkerung bekennen sich zu einem toleranten Islam. Niger ist ein säkularer Staat; das bedeutet, Staat und Religion sind durch die Verfassung getrennt.

werden, um den Fehlercode auszulesen. In so einem Fall stünden die Lkw erst einmal für unbestimmte Zeit nicht mehr zur Verfü- gung. Hamann bevorzugt deshalb einfache solide Technik. „Wir mussten erkennen, dass hier in Niger die Uhren anders ticken als in Europa“, sagt er. In einem Land, in dem die Temperaturen gut und gerne 50 Grad Celsius erreichen können, sind schnel- le und unkomplizierte Lösungen gefragt. „Dies ist eine wichtige Erkenntnis meiner bisherigen Tätigkeit, denn pragmatische Maßnahmen helfen, das gegenseitige Ver- trauen aufzubauen“, erzählt der Oberst- leutnant. Diese Erfahrungen fließen in die nächsten Projekte ein. Kurz vor seinem Besuch im Ministerium hat Hamann die Unteroffizier- schule in Agadez besichtigt. Das Unteroffi- zierskorps wird zurzeit kräftig aufgestockt. Im nächsten Jahr werden um die 200 Sol- daten ausgebildet. Doch die Schule ist nur für rund 50 Mann ausgelegt, sie platzt heu- te schon aus allen Nähten. Es gibt eine ein- zige Truppenküche, gegessen wird deshalb in zwei Schichten. Es gibt einen Schlafsaal mit circa 80 Betten, dazu kommen provi- sorische Notunterkünfte. An Truppenkü- che und Schlafsaal nagt der Zahn der Zeit. Auch da muss eine schnelle, unbürokrati- sche, aber nachhaltige Lösung gefunden werden. „Gemeinsam denken und ausfüh- ren“ heißt die Devise Hamanns. Nur „wenn die nigrische Seite im Entscheidungs- und Ausführungsprozess miteinbezogen wird, kommen gute Lösungsansätze zum Zuge. Deshalb ist jede gut überlegte Hilfegeste auch eine sehr sinnvolle Investition in die Zukunft“, erklärt der Oberstleutnant. Im Büro der Referatsleiterin dreht sich das Ge- spräch inzwischen um Alltägliches. Die nigrische Ministerialbeamtin und Ha- mann unterhalten sich über den Fasten- monat Ramadan, der am nächsten Tag beginnt. Zwischen 80 und 95 Prozent der nigrischen Bevölkerung bekennen sich zu

einem toleranten Islam. Hamann verab- schiedet sich und geht zurück zu seinem Dienstwagen. Er und Stabsfeldwebel Andreas Unseld sind ein eingespieltes Team. Unseld sorgt im Hintergrund dafür, dass sein Chef entlastet wird und sich auf seine Aufgaben konzentrieren kann. Ist der Wagen im fahrbereiten Zustand? Ist genug Wasser im Kofferraum? Ist der Weg erkun- det, sind alle sicherheitsrelevanten Maß- nahmen getroffen? Das sind die Details, die den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmachen. Diskret, besonnen und vorausdenkend sind deswegen die he- rausragenden Charaktereigenschaften des Stabsfeldwebels.

SICHERHEIT & POLITIK

gebracht werden. All das wird Hamann von seinem Büro aus erledigen: einem klimati- sierten Zweimalviermetercontainer mit ei- nem ein mal ein Meter großen Arbeitstisch, einem Laptop und einem Telefon. Das Büro dient gleichzeitig als Unterkunft. Die Ba- sis in Niamey ist ein Sonderfall, denn das deutsche Kontingent ist praktisch zu Gast auf dem französischen Militärstützpunkt. Nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Logistik bis hin zur Verpflegung wird vom französischen Militär organisiert. Dies wird besonders beim Frühstück deutlich, wie viele deutsche Soldaten anmerken: But- tercroissants mit Marmelade statt Mett- wurstbrötchen.

But- tercroissants mit Marmelade statt Mett- wurstbrötchen. Von der Bundeswehr übergebene Fahrzeuge Nach einer knappen

Von der Bundeswehr übergebene Fahrzeuge

Nach einer knappen Stunde haben im Ver- teidigungsministerium in Niamey Rechnun- gen in Höhe von rund fünf Millionen Euro den Besitzer gewechselt. Weitere zwei Mil- lionen Euro sind für die Wartung der Fahr- zeuge budgetiert. Jetzt geht die Arbeit für Hamann weiter. Er fährt zum Sitz der Nationalgarde und gleicht jede Rechnung mit der Seriennum- mer des dazugehörigen Pickups oder Mo- torrades ab. Außerdem muss er den Zu- stand der Fahrzeuge überprüfen. Abschlie- ßend inspiziert er die Fortschritte beim Bau der Wartungswerkstatt. Dann müssen Gesprächsprotokolle ge- schrieben werden, eventuell noch eine Lagebeurteilung. Letztlich müssen die Rechnungen auf den Weg zur Zahlstelle

Abgesehen von Früchten und Gemüse wird alles aus Frankreich eingeflogen. Sogar die gelbe Linoleumtischdecke in der Truppen- küche ist typisch für die südfranzösische Provence und versucht vermutlich, eine gewisse Urlaubsstimmung vorzugaukeln. Der Einsatz in Niger ist mit dem in Mali eng verbunden. Nirgendwo sonst im Ausland sind derzeit so viele deutsche Soldaten sta- tioniert wie im westlichen Nachbarland des Niger. Die Sicherheitslage ist angespannt. Deshalb müssen Verbindungen aufgebaut und Gespräche geführt werden. Auch in Niamey. So wird Tag für Tag ein kleines Stück deutsche Sicherheitspolitik mitge- staltet – an einem Ein-mal-ein-Meter-Tisch in einem Bürocontainer mit Bundesflagge, 4.500 Kilometer von Berlin entfernt. L

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mit Bundesflagge, 4.500 Kilometer von Berlin entfernt. L Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik 31

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(Foto: gruene-wedemark) Zwischen den Jahren Wolfgang Labuhn Nicht weniger als sieben Mandate für laufende
(Foto: gruene-wedemark) Zwischen den Jahren Wolfgang Labuhn Nicht weniger als sieben Mandate für laufende

(Foto: gruene-wedemark)

Zwischen den Jahren

Wolfgang Labuhn

Nicht weniger als sieben Mandate für laufende Auslandseinsätze der Bundes- wehr hat der Deutsche Bundestag auf Antrag der geschäftsführenden Bun- desregierung am 12. und 13. Dezember 2017 um jeweils drei Monate verlän- gert. Danach soll die nächste Bundes- regierung über weitere Verlängerungen befinden. Der Parforceritt durch die Einsatzlandschaft war nötig geworden, um die Rechtsgrundlage für die um die

Jahreswende ausgelaufenen bzw. aus- laufenden Einsätze zu erhalten. Unter ihnen befinden sich – abgesehen vom Kosovo-Einsatz – alle großen Auslands- missionen (Anti-IS-Einsatz „Counter Da- esh“, MINUSMA/Mali, „Resolute Sup- port“/Afghanistan und die Mittelmeer- Operation „Sea Guardian“). Umstritten war dabei im Bundestag vor allem die Fortsetzung der deutschen

Beteiligung mit bis zu 1.200 Soldatinnen und Soldaten am Kampf gegen die Terror- organisation IS mit vor allem Aufklärungs- und Luftbe- tankungsfähigkeiten. Der Abgeordnete Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen) ver- misste ein UN-Mandat, das Deutschland für diesen mili- tärischen Einsatz ermächtige. Die Partei Die Linke sprach gar von einem „Rechtsbruch“. Vertreter der Fraktionen, die die geschäftsführende Bun- desregierung unterstützen, hielten Deutschlands Beteili- gung am Anti-IS-Kampf auf

der Grundlage mehrerer Re- solutionen des UN-Sicherheitsrates und der Beistandsklausel des EU-Vertrages hingegen für völkerrechtlich weiterhin legitimiert. Kritik löste auch die fortge- setzte Beteiligung der Bundeswehr „zur Ausbildungsunterstützung der Sicher- heitskräfte der Regierung der Region Kurdistan-Irak und der irakischen Streit- kräfte“ aus. Alexander Graf Lambsdorff

(FDP) bewertete die Mission mit Blick auf den Schutz der Jesiden und anderer Minderheiten als positiv. Ein Fehler sei jedoch die Lieferung deutscher Klein- waffen gewesen, deren Verbleib sich in einem Land wie dem Irak nicht kon- trollieren lasse. Deutschland dürfe nicht

„Partei werden bei einem Staatszerfall des Irak.“ Mit Blick auf den Konflikt zwischen der Zentralregierung und den Kurden forderte auch der Grüne Jürgen Trittin, alles dafür zu tun, „die zentrifu- galen Kräfte im Irak unter Kontrolle zu bringen, statt Separatisten militärisch zu trainieren.“

*

Gern hätte der Bundestag auch über den aktuellen Stand der „Agenda Rü- stung“ debattiert. Doch der zweite Halbjahresbericht des Verteidigungsmi- nisteriums zu Rüstungsangelegenheiten, der dem Parlament eigentlich bis zum vergangenen Herbst vorliegen sollte, war bis Anfang Dezember nicht über- geben worden. Begründet wurde dies

CH-53-Nachfolgemodell, neues Sturm- gewehr und bewaffnungsfähige Drohne lauten die wichtigsten Stichworte.

*

Hingegen gibt es seit Mitte November einen ersten Entwurf für den neuen Tra- ditionserlass der Bundeswehr, in dem die

Ergebnisse von vier Workshops zu diesem Thema berücksichtigt wurden. Der Ent- wurf schreibt in vielen Punkten die „Richt- linien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr“ aus dem Jahre 1982 fort, verweist wie jene u.a. auf die Werte des Grundgesetzes und die Konzeption der „Inneren Füh- rung“ als Grundlage der Traditionspflege des „Staatsbürgers in Uniform“, stellt aber auch unmissverständlich klar: „Zentraler Bezugspunkt der Tradition der Bundeswehr sind ihre eigene, lange Geschichte und die Leis- tungen ihrer Soldatinnen und Soldaten, zivilen Angehörigen sowie Reservistinnen und Re- servisten.“ Wehrmacht und NVA könnten keine Tradition begründen, entsprechende De- votionalien dürften nicht mehr in Diensträumen auftauchen. Aber: „Historische Beispiele für zeitlos gültige soldatische Tu- genden, etwa Tapferkeit, Rit- terlichkeit, Anstand, Treue, Be- scheidenheit, Kameradschaft, Wahrhaftigkeit, Entschlussfreu- de und gewissenhafte Pflicht- erfüllung, aber auch Beispiele für militärische Exzellenz (z.B. herausragende Truppenführung) können in der Bundeswehr Anerkennung finden.“ Sie seien jedoch stets im historischen Kon- text zu bewerten und nicht zu trennen von den politischen Zielen, denen sie ge- dient hätten. Und: „Für die Bundeswehr, die freiheitlichen und demokratischen Zielsetzungen verpflichtet ist, kann nur ein soldatisches Selbstverständnis mit Wertebindung, das sich nicht allein auf rein handwerkliches Können im Gefecht reduziert, sinn- und traditionsstiftend sein.“ Auf das Potsdamer Zentrum für Mi- litärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr wartet mithin viel sinn- stiftende Arbeit.

der Bundeswehr wartet mithin viel sinn- stiftende Arbeit. Der Abgeordnete Jürgen Trittin vermisst ein UN-Mandat für

Der Abgeordnete Jürgen Trittin vermisst ein UN-Mandat für den Kampf gegen den IS.

mit dem noch nicht eingesetzten Vertei- digungsausschuss des Bundestages. Ein vertraulicher Entwurf des Papiers, über den die WELT am 6. Dezember 2017 berichtete, lässt vermuten, weshalb das Ministerium es mit der Veröffentlichung des Dokuments nicht sonderlich eilig hatte. Zwar sei „der Entscheidungsstau

überwun-

bei den Rüstungsvorhaben

den“ worden, zitiert das Blatt aus dem Papier, doch fänden sich darin keine An- gaben zu konkreten Rüstungsprojekten der Bundeswehr und den dort erzielten Fortschritten. Dabei ist die Liste der Pro- jekte lang, deren Umsetzung seit Län- gerem erwartet wird: MKS 180, TLVS,

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Umsetzung seit Län- gerem erwartet wird: MKS 180, TLVS, 32 32 Europäische Sicherheit & Technik ·

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL

Neue sicherheitspolitische Heraus- forderungen für die Marine

Rainer Brinkmann

Die sicherheitspolitische Lage hat sich in den letzten drei Dekaden zunehmend verschärft und insbesondere die Marine vor neue Herausforderungen gestellt. Zuerst der Kalte Krieg mit seinen einfachen Grundrechen- arten, nach seinem Ende die Hoffnungen auf eine Friedensdividende und eine gerechtere Weltordnung mit weniger Militär, dann die Ernüchterung auf dem Balkan, dass der Mensch des Menschen Wolf geblieben ist, dann 9/11 mit seiner Erkenntnis, dass staatliche Verwundbarkeit in einer sich globalisierenden Welt keine Frage räumlicher Distanzen ist, dann die regionalen Eruptionen im Nahen Osten, in Vorderasien, am Horn von Afrika oder im Maghreb, schließlich die Renaissance West-Östlicher-Rivalität, nukleare Ambitionen scheinbar unantastbarer Kleinstaaten und ethnische Konflikte.

(Foto: Bundeswehr)
(Foto: Bundeswehr)

I n diesen Nebel der Un- gewissheit erscheint es ratsam, sich sicherheits- politisch relevanter Kon- stanten zu vergewissern. Aus maritimer Sicht gelten folgende Grundtatsachen:

Digitalisierung und Glo- balisierung prägen unser Zeitalter, bedingen aber gleichzeitig auch eine „Na- valisierung“. Wird Globali- sierung vor allem als Par- tizipation an weltumspan- nenden Entwicklungen, Warenströmen, Möglich- keiten und Produkten verstanden und durch die Digitalisierung diese Partizipation techno- logisch erst ermöglicht, dann manifestieren sich beide vor allem in einer Navalisierung. Denn die globalen Waren- und Handels- ströme werden in der Masse auf und über See abgewickelt. Navalisierung aber erschöpft sich nicht im Handel über See, denn Handel allein sichert keine Lebensgrundlagen. Stellen wir uns aber die Frage, wo überhaupt noch uner- schlossene Lebensgrundlagen zu erschlie- ßen sind, richtet sich der Blick einmal mehr auf den maritimen Raum. Globalisierung ist also ohne eine Navalisierung nicht vorstell-

Autor

Vizeadmiral Rainer Brinkmann ist Befehlshaber der Flotte und Unterstützungskräfte im Marine- kommando.

bar – nicht ohne den Seehandel, nicht ohne die Erschließung des maritimen Raumes als Energie-, Rohstoff und Ressourcenspeicher. Und dieser Bedeu- tungszuwachs des maritimen Raumes wird allein aufgrund des rasanten Wachs- tums der Weltbevölke- rung anhalten. Auch die neuen Erdenbür- ger wollen konsumie- ren, heizen, mobil sein und an der globalisier- ten Welt teilnehmen.

Die Exploration und Erschließung maritimer Bodenschätze, Lebensgrundlagen und Res- sourcen, die immer engmaschiger werden- de maritime Infrastruktur im Zusammen- hang mit Pipelines, Windparks, Strom- und Kommunikationstrassen und neue Formen maritimer Energiegewinnung machen schon heute deutlich, dass die Erschließung und Durchdringung des maritimen Raumes signifikant zunimmt. Ein weiterer Aspekt ist zu nennen. Die Ver- steppung und Verkarstung der Kontinente in Verbindung mit dem dort herrschenden Wasser- und Ressourcenmangel nimmt dramatisch zu. Die Menschen fliehen aus den Tiefen der Kontinente und brechen zu den Küsten auf, wo sich immer mehr Bevöl- kerung und maritime Infrastruktur ballen und von wo sie zu neuen, hoffnungsvol- leren Ufern streben. Die Situation an der nordafrikanischen Küste macht dies sehr deutlich. Aus all diesen Faktoren lassen sich

erste Ableitungen treffen für die konzepti- onelle Ausrichtung der Marine. Deutschland als extrem exportabhängige Industrienation mit weltweiten Verflech- tungen ist gezwungen, seine Sicherheit nicht nur regional, sondern auch global zu denken und zu organisieren. Das führen uns die weltweiten Flüchtlingsströme, die längst Europa erreicht haben, täglich vor Augen. Das Erfordernis, sich der Krisenbe- wältigung und Konfliktvorsorge weltweit anzunehmen, ist unilateral nicht zu leisten. Daher sind Strategische Partnerschaften und Bündnisse für uns ein Imperativ: „The best ships in a navy are the partnerships.“ Für uns muss es sicherheitspolitisch nicht zuletzt darum gehen, Krisen dort zu ent- schärfen, wo sie entstehen. Nur so verhin- dern wir, dass sie von der Peripherie ins Zentrum Europas zurückschlagen. Dass gerade die Marine ein probates Mittel ist, weltweit zur Sicherheitsvorsorge bei- zutragen, hängt ganz wesentlich mit zwei Eigentümlichkeiten des maritimen Raumes zusammen:

Zum einen mit dem trennenden, zugleich aber auch verbindenden, weltumspannen- den Charakter der Hohen See, was einer- seits Schutz, andererseits aber Wirkungs- möglichkeiten über See bedeutet. Die Hohe See bietet unendliche Möglichkeiten der weltweiten Einflussnahme und der Ge- staltung von Politik über die nassen Flanken der Kontinente. Zum zweiten beobachten wir ja gerade ei- ne Bevölkerungskonzentration und Ballung maritimer Infrastruktur im küstennahen Raum. Und Krisen entstehen nun einmal dort, wo Menschen leben, wo sie arbeiten, wo sie Handel treiben, wo soziale Gegen-

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

leben, wo sie arbeiten, wo sie Handel treiben, wo soziale Gegen- Januar 2018 · Europäische Sicherheit

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BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL

sätze ausbrechen und von wo sie in eine neue Zukunft aufzubrechen suchen. Das belegt eindrucksvoll die Situation rund ums Mittelmeer. Die globalen sicherheitspolitischen und geostrategischen Entwicklungen aber of- fenbaren auch, dass wir uns heute nicht nur auf Konfliktvorsorge und Krisenma- nagement, nicht nur auf humanitär oder polizeilich geprägte Einsätze fokussieren

ein weiteres Segment ergänzt ist: die hy- bride Kriegführung. Wir müssen mit Kräf- ten und Akteuren rechnen, die nicht mehr eindeutig zuzuordnen, identifizierbar oder lokalisierbar sind. Das Gefechtsfeld wird noch dynamischer, noch gesättigter und noch unüberschaubarer sein als es jemals war. Das zwingt zur engen Zusammenarbeit mit Partnermarinen, aber auch mit allen

(Grafik: Bundeszentrale für Politische Bildung)
(Grafik: Bundeszentrale für Politische Bildung)

Die nassen Flanken Europas: im Norden Nord-, Ostsee und Atlantik, im Süden das konfliktreiche Mittelmeer und das Schwarze Meer

dürfen. Die Erfahrungen mit der militärisch hinterlegten Machtpolitik Russlands in un- serer Nachbarschaft zeigen, dass zur Lan- des- und Bündnisverteidigung auch wie- der ganz klassische militärische Fähigkeiten gefragt sind. Auch Fragen der Landes- und Bündnisver- teidigung zwingen dazu, sich intensiver mit dem uns umgebenden maritimen Raum zu befassen. Blicken wir aus dem europäi- schen Haus, blicken wir in drei Richtungen auf das Meer. Nirgends sind die Entfernun- gen aus der Mitte eines Kontinentes zu den nassen Flanken kürzer als in Europa. Unse- re nasse Nordflanke fordert uns in einem Konfliktfall militärisch allein schon wegen dieser räumlichen Nähe, aber eben auch wegen der Dichte und Ballung von Bevöl- kerung und Infrastruktur, der ozeanogra- fischen Bedingungen, der fragmentierten Geografie und der Dynamik des dortigen Geschehens. Unsere nasse Nordflanke wird überdies zur Drehscheibe etwaiger Unter- stützung unserer Partner im Baltikum. Die Situation wird gewiss nicht einfacher, wenn man sich vor Augen führt, dass das uns bekannte Intensitätsspektrum von Ein- sätzen gerade im küstennahen Raum um

Behörden, Institutionen und Akteuren, die Interessen in dem Raum haben oder dort Aufgaben wahrnehmen. Nirgends wird spürbarer als im küstennahen Raum, dass sich die Grenzen zwischen innerer und äu- ßerer Sicherheit zunehmend verwischen. Erste Konsequenzen daraus sind gezogen worden, man denke an das Maritime Si- cherheitszentrum in Cuxhaven. Weitere Schritte sind gewiss erforderlich. Die Konzipierung und Organisation unserer Sicherheitsarchitektur weltweit und regio- nal ist vorrangig eine Aufgabe der Politik, die Ausformung aber, gerade wenn Politik einmal scheitert, auch eine zentrale Aufga- be der Marine.

Prinzipien der zukünftigen Marine

Daraus lassen sich sechs Prinzipien für die konzeptionelle und technologische Aus- richtung der Marine ableiten:

1. Wir bedürfen eines breitgefächerten, ausgewogenen Fähigkeitsportfolios, das uns die Teilhabe an allen Spielarten von Seekriegsoperationen, aber auch von Kri- sen- und Stabilisierungsoperationen er-

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auch von Kri- sen- und Stabilisierungsoperationen er- 34 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

möglicht: wir müssen unter, auf und über dem Wasser und auch vom Wasser aus handlungsfähig sein und einen Beitrag zu bündnisgemeinsamen Operationen leisten können. Dabei reichen unsere Mittel nicht aus, um spezifische Seekriegsmittel für das operative Kontinuum von humanitären, polizeilichen und militärischen Einsätzen vorzuhalten. Die Fähigkeit zum High Inten- sity War ist für die Auslegung unserer Ein- heiten designbestimmend. Doch lehrt die

Erfahrung, dass es erforderlich ist, Erfor- dernisse humanitärer oder polizeilicher Ein- sätze mitzudenken. Raumvorhalte an Bord neuer Schiffe, sanitäre, logistische und medizinische Einrichtungen sowie Be- und Entladungsmöglichkeiten wären hilfreich.

2. Unsere Rüstung muss wesentlich mo-

dularer und skalierbarer ausgeformt wer- den. Wir erleben schon heute ein Maß an Beanspruchung, das uns an die Grenzen des Machbaren führt. Wegen begrenzter Mittel und eines geschrumpften Fuhrparks

können nicht mehr alle Einsätze umfänglich beschickt werden. Autarke Missionsmodu- le, die aufwandsarm auf eigene oder auch Partnereinheiten für spezielle Aufgaben eingeschifft werden, würden uns Teilhabe an Operationen im politischen Interesse sichern und unsere eigene Flexibilität er- höhen. Vorstellbar sind Missionsmodule in den Bereichen der medizinischen Ver- sorgung, der Aufklärung, der Logistik, der Kommunikation, der Absicherung von Hä- fen sowie der Verbringung von Kräften und Gewahrsamnahme von Personen.

3. In der modernen Seekriegführung ist

nicht derjenige erfolgreich, der über die schlagkräftigste Waffe verfügt, sondern derjenige, der über die besten Informati- onen verfügt und damit unverzüglich und adäquat reagieren kann. Solcher Informati- onen bedarf es auf unterschiedlichen Ebe- nen: an Bord genauso wie in den Führungs- zentren an Land. Daher müssen neue Lö- sungen zur Gewinnung und Verarbeitung, zum Austausch und zum Umgang mit In- formationen geschaffen werden. Zunächst müssen vorhandene Informationen über und im maritimen Raum zu einem aussa- gekräftigen Lagebild verdichtet werden. Es gilt, diese Informationsverbünde sukzessive zu integrieren und mit solchen anderer Ak- teure wie Behörden, Forschungsinstituten, der maritimen Industrie und der Schifffahrt zu verknüpfen, rechtliche Fragen zu klären und Zugriffsrechte zu definieren. Bei der Verarbeitung der riesigen Datenfluten wird es dann auch Künstlicher Intelligenz bedür- fen, um Entwicklungen zu erkennen und zu bewerten. Die Verknüpfung der vielen regionalen und institutionellen Subsysteme könnte die Grundlage für ein weltumspan- nendes maritimes Lagebild bieten. Auch

(Foto: NATO)

BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL

die maritime Infrastruktur bietet vielfälti- ge Möglichkeiten zur Informationsgewin- nung. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann Windparks, Pipelines, Unterwasserkabel und andere Einrichtungen als Sensorträger entdeckt werden.

schen Waffen machen in Verbindung mit Begriffen wie Industrie 4.0, Big Data und Virtual Reality deutlich, dass die Science Fic- tion zur Realität geworden ist. Diese Ent- wicklungen lassen Formen eines Cyber War und eines Krieges der Sterne erahnen und

richtet sich vor allem aber auf die Beeinflus- sung bzw. die Unterbrechung technischer Funktionalitäten von Kontrahenten. Er wird aber nicht den Humanbezug ersetzen kön- nen, den jedes Handeln in Krieg und Krise bedeutet.

(Foto: RWE)
(Foto: RWE)

Die Durchdringung und Erschließung des maritimen Raumes wird zunehmend intensiver, hier: Wind-Park in der Nordsee.

4. Weltumspannende Kooperation mit

Partnern verlangt nach technologischer Standardisierung sowie horizontaler und vertikaler Kompatibilität. Multinationale Kooperation verlangt nicht zur Zusam- menarbeit mit technologisch fortschrittlich ausgerüsteten Marinen und Akteuren, son- dern auch die Zusammenarbeit mit weni- ger anspruchsvoll bestückten Partnern. 5. Wir erleben immer wieder, dass über den Ausgang und Erfolg militärischen En- gagements nicht die höhere Kampfkraft, die adäquatere Taktik oder die bessere Mo- tivation der Soldaten entscheidet, sondern die Medien und die medial beeinflusste

Öffentlichkeit. Es bedarf daher abseits ent- sprechender Informationskampagnen über das eigene Tun auch der in ihrer Wirkung skalierbaren Präzisionswaffen, um Kolla- teralschäden zu vermeiden, der umwelt- schonenden Waffen- und Antriebstechno- logien und letztlich auch der Technologien zum Recording und Monitoring unseres Handelns.

6. Digitalisierung beeinflusst alle Lebens-

bereiche unserer hochkomplexen Gesell- schaften. Cyber-Angriffe auf Regierungen und Kritische Infrastruktur, die Aushebung

des Botnet-Ringes Avalanche im Dezember letzten Jahres, die Einflussnahme im ame- rikanischen Wahlkampf und Hinweise auf russische Entwicklungen an psychotroni-

nähren vielleicht auch die Erwartung, künf- tig in Gänze auf kinetische Seekriegsmittel verzichten zu können. Diese Auffassung scheint dennoch abwegig. Der Cyber-Krieg ist zwar eine neue Qualität und Dimension,

Der Mensch in der Marine

Das leitet zu einem anderen Kontext über, der für die Frage der technologischen Aus- richtung unserer Marine immer mehr an Bedeutung gewinnt. Und dieser Kontext handelt von den Menschen, die in den Streitkräften dienen. Nicht nur, dass das Kriegshandwerk ein gefährlich und teu- er Ding ist, auch die demografische Ent- wicklung legt nahe, mit möglichst wenig Personal auszukommen. Dieses Personal aber ist nicht bar jeglichen Bezuges zur ge- sellschaftlichen Wirklichkeit. Auch unsere Soldaten möchten ihren individuellen Le- bensentwurf leben, möchten Planbarkeit, Sicherheit, Zeit für sich und doch auch das Gefühl, gebraucht zu werden und Verant- wortung zu tragen. Wie muss daher das Arbeitsumfeld an Bord unserer Schiffe oder Flugzeuge kon- zipiert sein, wenn wir künftig nicht mehr genügend Personal vor allem für den technischen Betrieb haben? Dann muss die Technik anders werden. Wir brauchen technische Lösungen vor Ort, die einen hohen Automations-, aber einen geringen Komplexitätsgrad aufweisen, die beson- ders störungs- und wartungsarm und mo- dular aufgebaut sind, die mit wenig Perso-

und mo- dular aufgebaut sind, die mit wenig Perso- Multinationale Kooperation ist ein Markenzeichen der

Multinationale Kooperation ist ein Markenzeichen der Deutschen Marine, hier: ein NATO-Verband in der Ostsee.

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

der Deutschen Marine, hier: ein NATO-Verband in der Ostsee. Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

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(Foto: BAAINBw)

BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL

nal auskommen, die nicht Intelligenz vor der Anlage verlangen, sondern hinter der Bedienoberfläche bündeln und zu deren Bedienung nicht viel mehr als der gesunde Menschenverstand vonnöten ist. Mit der Fregatte F125 beschreiten wir erst- malig einen Weg, der diese Ideen vorzeich- net. Weniger Personal könnte dazu verlei- ten, die Lösung allein in Drohnentechnolo- gie, autarken Schiffen oder unbemannten

nen Handlungsanweisungen abbilden, um auch Störungsbeseitigungen an komple- xen Anlagen vorzunehmen; Tele-Technik und Tele-Maintenance wären Optionen, Experten an Land im Sinne eines Reach Back-Verfahrens in das Geschehen an Bord einzubeziehen. Auch zur querschnittlicheren Qualifizie- rung unseres Personals werden neue Wege beschritten werden müssen: Fernlernen,

werden neue Wege beschritten werden müssen: Fernlernen, Die Fregatte Klasse 125 ist vor allem in technologischer

Die Fregatte Klasse 125 ist vor allem in technologischer Sicht zukunfts- weisend: die F125 „Baden-Württemberg“ bei der Seeerprobung.

Systemen zu suchen. Ob solche Technolo- gien tatsächlich mit weniger Personal be- treibbar sind, ist zweifelhaft. Tatsache aber ist, dass derartige Systeme durchaus Vor- teile haben und deswegen einen wichtigen Platz im künftigen Instrumentenkoffer ein- nehmen werden: Die Gefährdung von Per- sonal ist reduziert, Nutzraum, Nutzlast und Reichweite vergrößern sich, weil auf perso- nellen Bedarf keine Rücksicht genommen werden muss, und die Miniaturisierung von Systemen wird begünstigt. Diese skizzierten Lösungen haben weitrei- chende Folgen auch für Ausbildung und Betrieb der Flotte. Die Marine kann es sich kaum mehr leisten, die sehr spezifischen Qualifikationen der Besatzungsangehöri- gen durch eine sehr aufwändige und diver- sifizierte Lehrgangslandschaft auszubilden. Im Ergebnis wird dies dazu führen, dass Bordpersonal wesentlich querschnittlicher qualifiziert und ausgebildet werden wird. Wie aber machen wir dann die notwendige Expertise an Bord verfügbar, wenn Störun- gen eingetreten oder Schäden zu beheben sind? Verschiedene Lösungen sind vorstell- bar: Virtual oder Mixed Reality-Brillen kön-

Computerunterstütze Ausbildung und Simulation in Verbindung mit der Vernet- zung von Einheiten und Einrichtungen sind Schlagworte, die den Weg in eine neue Ausbildungszukunft illustrieren. Dieser Weg wurde teilweise bereits mit den Einsatzaus- bildungszentren und dem Systemverbund TAUES (Test- und Ausbildungsunterstüt- zung für Einsatzsysteme) eingeschlagen. Die traditionelle Ausbildung mit einer kom- plexen Schullandschaft, einer sehr diversi- fizierten lehrgangsgebundenen Individual- ausbildung und einer ressourcenintensiven seebasierten Einsatzausbildung wird sich die Marine jedenfalls nicht mehr leisten können. Ein weiteres Handlungsfeld ist der Betrieb der Flotte. Abseits aller organisatorischen, prozeduralen und strukturellen Überlegun- gen wie Performance Based Maintenance oder militärisch-industriell integrierte Be- treuungsorganisationen, die das Instand- haltungsmanagement optimieren sollen, sind auch technologische Optionen und Wege denkbar. Aus einer Vielzahl von Fak- toren, die von Relevanz für die materielle Einsatzbereitschaft der Flotte sind und die das Instandhaltungsmanagement beein-

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Flotte sind und die das Instandhaltungsmanagement beein- 36 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

trächtigen sind beispielhaft vier zu nennen:

die unzureichende Ersatzteilsituation, die schiffbaulichen Schäden, die unterschiedli- chen Instandhaltungs- und Innovationszy- klen zwischen Plattform- und Systemtech- nik und die überbordende Diversivität der Führungs- und Waffeneinsatzsysteme ein- gedenk der notwendigen Softwarepflege und -änderung. Möglicherweise könnten z.B. 3D-Drucker mit entsprechenden Materialien eine un- zureichende Ersatzteilbevorratung redu- zieren. Um zur Entdeckung schiffbaulicher Schä- den nicht erst das halbe Schiff auseinander- schrauben zu müssen, ist an neuralgischen Punkten eine den schiffbaulichen Zustand überwachende Sensorik notwendig. Min- destens architektonisch sollte vorgesehen werden, den Zugang zur Kontrolle neural- gischer Punkte zu vereinfachen. Die asynchrone Lebensdauer von Platt- formtechnik und Systemtechnik und un- terschiedliche Innovationszyklen verlan- gen nach modularen Systemen, die ohne Aufwand auch neu eingerüstet werden können. Schiffbaulich muss für einen sol- chen modularen Aufbau Sorge getragen werden. Schließlich existieren in der Flotte inzwi- schen ebenso viele Führungs- und Waf- feneinsatzsysteme wie Schiffe, was die Marine außerordentlich schmerzt. Es ist erforderlich, wieder eigene Kompetenzen aufzubauen, um selbst die Systemphiloso- phien definieren zu können. Die vorhan- dene Diversität muss einer Kommunalität weichen, um Komponenten versorgbar, betreibbar und handhabbar zu machen. Die sicherheitspolitischen Herausforde- rungen in Verbindung mit der technologi- schen Revolution des Digitalzeitalters und den innerbetrieblichen und personellen Bedingungen rufen nach neuen Lösungen für unsere Flotte. Von der Marine verlangt dies einen breitbandigen, modular zu- sammengesetzten und skalierbaren Ins- trumentenkoffer, verlangt neue Ansätze in Ausbildung und Betrieb, verlangt nach technologischer Innovation und verlangt in jeder Hinsicht nach Flexibilität und Agilität. Wir leben in einer sich rasant entwickeln- den Welt. Die Geschwindigkeit, Komplexi- tät und Dynamik des Geschehens um uns herum macht uns frösteln. Die Geschwin- digkeit von Fortschritt scheint uns zu über- fordern, die Kluft zwischen uns und der sich weiterentwickelnden Zukunft wird ste- tig größer. Deswegen klammern wir uns so gern an Bewährtes, an alte Rezepte und Schablonen. Die aber vertragen sich nicht mit Zukunft. Anerkennen wir also, dass wir nicht gegen die Zukunft, sondern für die Zukunft arbeiten müssen. L

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BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL

Finnlands Verteidigung – heute und in Zukunft

(Fotos: Finnische Verteidigungskräfte)
(Fotos: Finnische Verteidigungskräfte)

Chief of Defence Finland, General Jarmo Lindberg

F innland war eines der wenigen euro- päischen Länder, das nach dem Ende des Kalten Krieges die Prinzipien der

Gesamtverteidigung (total defence), eine breite Reserve und die allgemeine Wehr- pflicht nicht aufgab. In letzter Zeit zeigt die verschlechterte Sicherheitslage in Europa, dass das vernünftig war. Der von der finnischen Regierung im Feb- ruar 2017 veröffentlichte Verteidigungsbe- richt enthält klare Leitlinien für die Verwen- dung von unserer Verteidigungsfähigkeit und deren Fortentwicklung bis weit in die 2020er Jahre. Der Verteidigungsbericht be- wertet das militärische Operationsumfeld, beschreibt den aktuellen Stand unserer Verteidigung und skizziert die Zukunft un- serer Verteidigungsfähigkeit.

Finnlands Sicherheitsumfeld und die sich wandelnde Art der Bedrohung

In den letzten Jahren ist das finnische Sicher- heitsumfeld instabiler und unberechenba- rer geworden, während die militärischen Aktivitäten in unseren Nachbargebieten im Vergleich zu der Situation vor einem hal- ben Jahrzehnt beträchtlich zugenommen

Autor

General Jarmo Lindberg ist seit dem 1. August 2014 Oberbefehlshaber der finnischen Verteidigungskräfte.

Jarmo Lindberg

In diesem Jahr feiert Finnland den hundertsten Jahrestag seiner Unab- hängigkeit. Die finnischen Verteidigungskräfte waren im Laufe ihrer Ge- schichte ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft, sowohl in Friedens- als auch in Kriegszeiten. Noch heute genießt die militärische nationale Ver- teidigung die starke Unterstützung des finnischen Volkes. In der jüngs- ten Umfrage Ende letzten Jahres sind mehr als 70 Prozent der Finnen derMeinung,dassFinnlandjederzeitbewaffnetverteidigtwerdensollte.

haben. Russland hat neue Waffensysteme in die Nähe unserer Grenzen verlegt und seine Truppen im westlichen Militärbezirk verstärkt. Auch die NATO hat die Vertei- digung Osteuropas und des Ostseeraums gestärkt, indem sie dauerhaft Truppen und Systeme in der Region stationiert hat. Finnlands Nachbarn haben auf die Verän- derungen im Sicherheitsumfeld reagiert, indem sie die Bereitschaft ihrer Streitkräfte verbessert, Beschaffungsentscheidungen getroffen und Mittel für ihre Streitkräfte aufgestockt haben. Neben der Zunahme traditioneller Land-, See- und Luftoperationen sind auch Infor- mationssysteme – die Cyber-Dimension – zu einer Domäne der Kriegführung gewor- den. Informationsnetze und deren Daten sind zu einem Mittel geworden, um einen

Gegner umfassender und unerwarteter zu beeinflussen als mit konventionellen mili- tärischen Mitteln. Zum Beispiel kann ein Cyber-Angriff schnell mehrere kritische Funktionen einer Gesellschaft gleichzeitig lahmlegen. Traditionelle und neue Metho- den der Kriegführung können auch auf sehr verschiedene Arten miteinander kom- biniert werden. Heute überschneiden sich äußere und inne- re Sicherheit und können nicht mehr von- einander getrennt betrachtet werden. Man kann sich nicht gegen multidimensionale Bedrohungen verteidigen, indem man sich nur auf eine einzige Ressource oder einen Akteur stützt. Eine umfassendere Zusam- menarbeit zwischen verschiedenen Behör- den, Organisationen und der Wirtschaft ist erforderlich, um auf Bedrohungen zu re-

der Wirtschaft ist erforderlich, um auf Bedrohungen zu re- Die finnischen Verteidigungskräfte wollen ihre

Die finnischen Verteidigungskräfte wollen ihre Einsatzbereitschaft er- höhen. Die ersten Abteilungen der Bereitschaftseinheiten haben ihre Einsatzfähigkeit erreicht.

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der Bereitschaftseinheiten haben ihre Einsatzfähigkeit erreicht. 38 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

agieren. Das finnische Modell umfassender Sicherheit, bei dem die Bereitschaft und die Zusammenarbeit der Behörden klar gere- gelt und die Interoperabilität regelmäßig geübt wird, schafft eine solide Grundlage, um auch auf diese Art von Bedrohungen zu reagieren.

Der Verteidigungsbericht macht klare Vorgaben für die militärische Landesverteidi- gung

Wie im Verteidigungsbericht ausgeführt, werden sich die zentralen Grundsätze un- serer Verteidigung nicht ändern. Basis un- serer Verteidigung bleibt unser finnisches Modell, das auf unseren Verhältnissen und Bedürfnissen fußt und die Prinzipien und die Verwirklichung der Verteidigung Finnlands veranschaulicht. Die Grundlage unserer Verteidigung beruht auf unseren bekannten Entscheidungen: allgemeine Wehrpflicht, keine Zugehörigkeit zu einem militärischen Bündnis und eine glaubwür- dige Verteidigungsfähigkeit, die unser ge- samtes Territorium abdeckt. Hinter unseren Entscheidungen steht der starke Wille un- serer Bürger, ihr Land zu verteidigen. Die militärische Landesverteidigung ist Teil der vitalen Funktionen für die umfassen- de Sicherheit Finnlands, neben u.a. denen für die öffentliche Ordnung, für die Ver- sorgung und die Funktionsfähigkeit der Bevölkerung sowie für die Staatsführung. Die Verteidigung Finnlands beruht auf der Fähigkeit zur Land-, See- und Luftvertei- digung, die dem Operationsumfeld ange- messen ist, und auf streitkräftegemeinsa- men Fähigkeiten, aber auch auf der Vor- bereitung, internationale Unterstützung aufzunehmen. Um militärische Krisen verhindern und wenn notwendig Angriffe abwehren zu können, brauchen wir sowohl „Speerspit- zenfähigkeiten“ auf Basis moderner Tech- nik als auch eine breite Reserve. Schnelle Einsatzkräfte aus allen drei Teilstreitkräften in hoher Bereitschaft mit effektiven und modernen Systemen sollen in erster Linie verhindern, daß eine Krisensituation zu ei- nem bewaffneten Angriff gegen Finnland eskaliert. Wenn erforderlich, können die schnellen Einsatzkräfte einen ersten Schlag gegen Finnland abwehren. Die Fähigkeit, großangelegte Angriffe parieren zu kön- nen, leisten Territorialkräfte, die auf unserer großen Reserve fußen und mit geeignetem Material ausgestattet sind. Bisher hatten die Verteidigungskräfte drei Hauptaufgaben: die militärische Verteidi- gung Finnlands, die Unterstützung anderer Behörden und Dienststellen und die Betei- ligung am internationalen militärischen

BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL

BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL  Die Teilnahme an internationaler Hilfe ist die neueste

Die Teilnahme an internationaler Hilfe ist die neueste Aufgabe für die finnischen Verteidigungskräfte. Sie ermöglicht Finnland, internationa- le Militärhilfe zu gewähren und zu erhalten, die auf der Grundlage der Solidaritätsklausel der EU oder der Amtshilfeklausel angefordert wird. Abgebildet sind finnische und schwedische Marineschiffe auf See.

Krisenmanagement. Im Juli 2017 erhielten wir eine zusätzliche Aufgabe. Vereinfacht lautet diese Aufgabe „Beteiligung an in- ternationaler Hilfe.“ Auf Grundlage der Klauseln für Solidarität und gegenseitige Unterstützung, die für alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union verbindlich sind, kann Finnland durch diese neue Aufgabe anderen Staaten Unterstützung gewähren. Im Gegenzug kann Finnland durch die Än- derung der Gesetzgebung für diese neue Aufgabe auch internationale militärische Unterstützung erhalten. Ich möchte die Bedeutung der allgemeinen Wehrpflicht für die Landesverteidigung Finnlands betonen. Unter den Bedingun- gen Finnlands hat sich die Wehrpflicht als kostengünstigste Lösung erwiesen, um die Verteidigungsfähigkeit in Friedens- und in Kriegszeiten aufrechtzuerhalten. Die Wehrpflicht ermöglicht uns, Kriegstruppen aufzustellen und zu unterhalten, von de- nen fast 97 Prozent Reservisten sind. Die allgemeine Wehrpflicht bindet die Vertei- digungskräfte an unsere Gesellschaft und trägt wesentlich zum Interesse unserer

Allgemeine Wehrpflicht in Finnland

Die allgemeine Wehrpflicht in Finnland beträgt entweder sechs, neun oder zwölf Monate, genauer 165, 255 oder 347 Tage. Reserveoffiziere, Unterof- fiziere oder Soldaten mit Tätigkeiten, die außergewöhnliche Kenntnisse erfordern, dienen ein Jahr. Soldaten auf Dienstposten mit besondere Fä- higkeitsanforderungen dienen neun Monate, der Rest sechs Monate.

Bürger an der Verteidigung Finnlands bei. Vier von fünf Finnen unterstützen die Auf- rechterhaltung des aktuellen Einberufungs- systems. Die allgemeine Wehrpflicht bietet dem Militär auch einen ausgezeichneten Rekrutierungspool. In diesem Jahr hatte das Ausbildungsprogramm der Landes- verteidigungsakademie für Offiziere eine Rekordzahl von Bewerbern, ebenso wie der freiwillige Militärdienst für Frauen.

Fähigkeiten entwickeln

Der neue Verteidigungsbericht ist sich dar- über im Klaren, dass die Verteidigungskräf- te Neues entwickeln, aber auch Altes erhal- ten und ersetzen müssen. Schwerpunkte beim Ausbau unserer Verteidigungsfähig- keit sind die Einsatzbereitschaft, der Ersatz veralteter Fähigkeiten sowie Aufklärung und Nachrichtengewinnung, Cyber-Vertei- digung und Präzisionswaffen. Unser Vertei- digungssystem wird so ausgebaut werden, dass keine praktischen Hindernisse für eine mögliche Mitgliedschaft in einem Militär- bündnis entstehen. Trotz der Veränderung im Operations- umfeld ist Finnland derzeit keiner unmit- telbaren militärischen Bedrohung ausge- setzt. Mehrdimensionale Bedrohungen, die schnell und unerwartet auftreten und schwerwiegende Konsequenzen haben können, machen es jedoch notwendig, unsere Einsatzbereitschaft auszubauen und flexibel dem Bedarf anzupassen. Bis- her haben Luftstreitkräfte und Marine un- sere territoriale Integrität überwacht und geschützt. In der gegenwärtigen Situation verbessern wir die Einsatzbereitschaft von Luftstreitkräften und Marine. In den Land- streitkräften macht sich diese Änderung

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

Marine. In den Land- streitkräften macht sich diese Änderung Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

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Die wichtigsten Entwicklungsprogramme der finnischen Verteidigungs- kräfte zu Beginn des nächsten Jahrzehnts sind der

Die wichtigsten Entwicklungsprogramme der finnischen Verteidigungs- kräfte zu Beginn des nächsten Jahrzehnts sind der Ersatz unserer F/A-18 Hornet-Kampfflugzeuge und des Squadron 2020-Marineprogramms.

samtvolumen der für die Landstreitkräfte im kommenden Jahrzehnt geplanten An- schaffungen ist fast dreimal so groß wie das „Squadron 2020-Projekt“ der Marine. Auf der anderen Seite spiegelt sich die Ent- wicklung von Marine und Luftstreitkräften in der Beschaffung von Systemen wie Schif-

sich auf Einsatzbereitschaft, strategische Projekte und Beschaffungen beziehen. Weitere 50 Mio. Euro wurden für die Er- höhung der Einsatzbereitschaft bereitge- stellt und stellen somit sicher, dass wir in der Lage sind, kontinuierlich auf militäri- sche Bedrohungen jeder Art zu reagieren. Die finanziellen Mittel, die für strategische Projekte benötigt werden, können nicht aus dem Materialbudget der Streitkräfte zugewiesen werden, ohne den Zusam- menbruch eines Gesamtgefüges wie un- seres derzeitigen Verteidigungssystems zu verursachen. Aus diesem Grund müssen strategische Projekte mit separaten Res- sourcen finanziert werden, und diesbezüg- liche Entscheidungen sind auch auf natio- naler Ebene sehr wichtig. Darüber hinaus gewährleisten zusätzliche Mittel von 150 Millionen Euro für Anschaffungen ab 2021 die Weiterentwicklung der Fähigkeiten der Landstreitkräfte, sowie der gemeinsamen Fähigkeiten aller Teilstreitkräfte.

deutlich stärker bemerkbar, da wir diese Teilstreitkraft, die sich zuvor hauptsächlich auf Training konzentrierte, gezielt in eine Bereitschafts- und Ausbildungsorgani- sation umwandeln. Dies beinhaltet zum Beispiel den Aufbau und die Ausbildung neuer Truppenteile mit höherer Einsatzbe- reitschaft. Wir werden auch den Vertei- digungsumfang unserer Streitkräfte von 230.000 auf 280.000 Soldaten erhöhen, in Übereinstimmung mit den im Verteidi- gungsbericht gegebenen Richtlinien. Unsere Verteidigungsfähigkeiten werden langfristig ausgebaut. Begrenzte finanzielle Ressourcen verhindern jedoch den gleich- zeitigen Ausbau aller Fähigkeiten. Deshalb muss die Beschaffung der größten und wichtigsten Systeme in einem langfristigen Zeitrahmen zwischen den verschiedenen Teilstreitkräften geregelt und priorisiert

verschiedenen Teilstreitkräften geregelt und priorisiert Die Haubitze K9 auf Selbstfahrlafette steht für die neueste

Die Haubitze K9 auf Selbstfahrlafette steht für die neueste Verbesserung der indirekten Feuerunterstützung finnischer Verteidigungskräfte

werden. Das Ziel ist eine ausgewogene Gesamtfähigkeit. In diesem Jahrzehnt lag der Schwerpunkt der Entwicklung auf den Landstreitkräf- ten. Die Landstreitkräfte werden in Trup- penteilen entwickelt, deren Ausrüstung und Fähigkeiten von einem Jahrzehnt zum nächsten kontinuierlich weiterentwickelt werden. Die wichtigsten Fähigkeitsprojek- te der Landstreitkräfte sind zum Beispiel die Ausrüstung der neuen Truppen des Verteidigungsumfangs sowie u.a. die Verbesserung der Mobilität der Landstreit- kräfte, ihrer schnellen Reaktionsfähigkeit, der Feuerkraft und der Kampftruppen. Die aktuelle Weiterentwicklung unseres Artil- leriesystems, eines der größten in Europa, zeigt sich in diesem Jahr am Kauf der selbst- fahrenden Haubitze K9 aus Südkorea. Durch systematische Entwicklung sichern wir die Fähigkeit der Landstreitkräfte, auch in den 2020er Jahren ihre Aufgabe zu erfüllen. Und die Weiterentwicklung wird auch in Zukunft fortgesetzt. Das Ge-

fen und Flugzeugen wider. Die Hauptsyste- me der Marine und Luftstreitkräfte wer- den in den 2020er Jahren fast gleichzeitig außer Dienst gestellt. Für unsere Verteidi- gung sind die Beschaffungen von Schiffen und Kampfflugzeugen, die zu Beginn des nächsten Jahrzehnts die auszuphasenden Fähigkeiten ersetzen werden, sehr wichti- ge strategische Projekte. Das „Squadron 2020“ der Marine wird sieben Schiffe am Ende ihrer Nutzungsdauer ersetzen. Dieses Projekt ist eine Vorbedingung für die Ge- währleistung maritimer Verteidigungsauf- gaben ab Mitte des nächsten Jahrzehnts. Mit Mehrrollen-Kampfflugzeugen als Er- satz für unsere F/A-18 Hornets können wir unseren gesamten Luftraum verteidigen und unsere präemptive Verteidigungsfä- higkeit auch in Zukunft beibehalten. Die Umsetzung der Richtlinien des Ver- teidigungsberichts verlangt ausreichende Ressourcen. Zur Umsetzung der Richtlini- en nennt der Bericht drei eng miteinander verbundene Finanzierungsinstrumente, die

Internationale Verteidigungs- zusammenarbeit ist wichtig für die Verteidigungsfähig- keit Finnlands

Obwohl Finnland keinem Militärbündnis angehört und daher nicht auf externe Hil- fe zählen kann, spielt die Verteidigungs- zusammenarbeit eine wichtige Rolle für die Verteidigung unseres Landes. Durch die Verteidigungskooperation sichern wir unsere Interoperabilität und damit unsere Fähigkeit, internationale Unterstützung mit unserem eigenen Verteidigungssystem zu verknüpfen. Finnland leistet sowohl bilaterale als auch multilaterale Verteidigungszusammen- arbeit. Die verschiedenen Varianten von Kooperation stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Jede Kooperation hat ihren eigenen Zweck und Ort. Es ist wichtig, dass Europa seine Sicherheit gewährleisten kann. Dafür sind alle Mit- gliedstaaten verantwortlich. Finnland en- gagiert sich für die Weiterentwicklung der Verteidigungszusammenarbeit der Union und unterstützt unter anderem die Ent-

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der Union und unterstützt unter anderem die Ent- 40 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL

BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL  Mitglieder der finnischen Verteidigungskräfte, des Grenzschutzes und

Mitglieder der finnischen Verteidigungskräfte, des Grenzschutzes und der Polizei in enger Zusammenarbeit während einer Übung: Das finni- sche Modell umfassender Sicherheit, bei dem die Bereitschaft und Zusammenarbeit der Behörden klar geregelt ist und die Interoperabilität regelmäßig geübt wird, schafft die Grundlage für die Reaktion auf moderne Bedrohungen.

wicklung der ständigen strukturierten Zu- sammenarbeit (PESCO) der Union. Hierbei ist es wichtig, sowohl die Ziele der Union als auch die Bedürfnisse der Mitgliedstaaten zu berücksichtigen. Finnland fördert das NATO-Programm „Enhanced Opportunities Partners“ und die Intensivierung der Zusammenarbeit mit der NATO, Finnland und Schweden (29 + 2). Finnland hält sich auch die Mög- lichkeit einer NATO-Mitgliedschaft offen. Die nordische Verteidigungskooperation (NORDEFCO) setzt unter anderem auf Zu- sammenarbeit in den Bereichen Situations- bewusstsein/Lageerkenntnisse, Übungen und Ausbildung. Schweden nimmt in Finnlands bilateraler Verteidigungszusammenarbeit eine Son- derstellung ein. Deren Ziel ist es, die ge- meinsame Landesverteidigung sowie die Sicherheit in der Ostseeregion zu stärken. Die Vereinigten Staaten sind auch ein wich- tiger Partner für Finnland. Hier handelt es sich bei der Verteidigungskooperation vor allem um die Zusammenarbeit bei Material und Übung. Die Verteidigungszusammenarbeit unserer Truppen manifestiert sich am konkretesten bei Operationen zur Krisenbewältigung und internationalen Übungen. Zum jetzigen Zeitpunkt beteiligen sich über 500 finnische Soldaten, zumeist Reservisten, an der Frie- denssicherung in insgesamt elf militärischen Kriseneinsätzen. Darüber hinaus stehen rund 160 Soldaten in Einheiten, die für Kri- senmanagement der NATO bestimmt sind, für Krisenmanagementaufgaben bereit. Die Gründe für unsere Teilnahme an der militärischen Krisenbewältigung liegen

auf der Hand. Sie sind Teil der finnischen Außen- und Sicherheitspolitik und der in- ternationalen Zusammenarbeit. Auf der anderen Seite bieten uns Krisenmanage- ment-Operationen auch die Möglichkeit, unsere nationale Verteidigungsfähigkeit zu verbessern. In Operationen sammeln unsere Soldaten und Reservisten Erfah- rungen unter anspruchsvollen, fordern- den Bedingungen und auf vielen Füh- rungsebenen. Gleichzeitig sammeln wir auch Erfahrungen in der Nutzung unserer Ausrüstung unter Einsatzbedingungen vor Ort.

Finnlands Verteidigungs- fähigkeit und -bereitschaft entspricht dem Sicherheits- umfeld

Die Sicherheitslage in den Nachbargebie- ten Finnlands hat sich verschlechtert. Die militärischen Spannungen in der Ostsee- region sind gestiegen und die Unsicherheit hat sich auch weiter entfernt erhöht. Das bedeutet nicht, dass wir erwarten, dass der Krieg ausbricht, sondern dass wir vorbe- reitet sein müssen, wenn militärische Ge- walt gegen Finnland eingesetzt wird oder wenn wir damit bedroht werden. Sicherzu - stellen, dass unsere Verteidigung stark ist, ist kein Säbelrasseln. Es ist unsere Pflicht und ein stabilisierender Faktor für unser Si- cherheitsumfeld. Unsere Botschaft ist klar:

Finnland verfügt über eine Verteidigungs- fähigkeit und -bereitschaft, die dem Sicher- heitsumfeld angemessen ist. Unsere Maßnahmen zur Erhöhung unse- rer Bereitschaft garantieren, dass wir in der

unse- rer Bereitschaft garantieren, dass wir in der Finnland beteiligt sich mit über 300 Soldaten bei

Finnland beteiligt sich mit über 300 Soldaten bei UNIFIL. Sie sind sowohl im irisch-finnischen Ba- taillon als auch im französisch geführten Reservebataillon des Kommmandeurs eingesetzt.

geführten Reservebataillon des Kommmandeurs eingesetzt. Finnland hat sich sowohl an der NATO- geführten

Finnland hat sich sowohl an der NATO- geführten ISAF-Mission als auch an der RSM-Mission in Afghanistan beteiligt. Das Bild zeigt finnische Soldaten auf Patrouille in Nordafghanistan.

Lage sind, auch in Zukunft auf mögliche militärische Bedrohungen Finnlands in jedweder Sicherheitslage sowie auf Ände- rungen in der Kriegführung zu reagieren. Der Sinn unserer Aktionen besteht in erster Linie darin, zu verhindern, dass Drohungen zu militärischen Konflikten führen. Der Verteidigungsbericht wurde dieses Jahr

veröffentlicht, und die Leitlinien geben den Verteidigungskräften eine klare Richtung für die Zukunft. Ausreichende Ressourcen sind Voraussetzung für die Umsetzung die- ser Leitlinien und damit für die Aufrechter- haltung unserer Verteidigungsfähigkeit im

nächsten Jahrzehnt.

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Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

haltung unserer Verteidigungsfähigkeit im nächsten Jahrzehnt. L Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik 41

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(Foto: Bundeswehr)

BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL

Die Ausrüstungsplanung des Deutschen Heeres

Lage und Ausblick

Eduard Schnabel

Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Die enge Bindung der Streitkräfte an das deutsche Parlament ist ein besonderes Merkmal der Bundeswehr. Das Parlament entscheidet über die Auslandseinsätze, das Budget und wichtige Ausrüstungen. Das Parlament und die Bundeswehr gehen Hand in Hand.

V or dem Hintergrund der Verschär- fung des Ost-West-Konfliktes hat der 2. Deutsche Bundestag (1953

bis 1957) früh Verantwortung für die Si- cherheit der jungen Republik übernom- men und 1954 die Einführung militärischer Strukturen in die Bundesrepublik Deutsch-

desrepublik Deutschland und zusätzlich für seine Bündnispartner. Für diese besondere Aufgabe muss der neue Deutsche Bundes- tag ähnlich wie in den Jahren 1953 bis 1957 die nötigen Vorrausetzungen schaffen, da- mit „seine Parlamentsarmee“ die Ausrüs- tung erhält, die sie braucht.

die Ausrüs- tung erhält, die sie braucht. land sowie den NATO-Beitritt beschlossen. Keine zwei Jahre

land sowie den NATO-Beitritt beschlossen. Keine zwei Jahre später, am 20. Januar 1956, begrüßte Bundeskanzler Konrad Adenauer die ersten Soldaten des Deut- schen Heeres. Anschließend stellte sich das Deutsche Heer der großen Aufgabe binnen drei Jahren zwölf Heeresdivisionen für die NATO personell und materiell aufzustellen. Am 24. September 2017, über 60 Jahre später, wurde der neue 19. Deutsche Bun- destag gewählt. Auch er trägt vor dem Hintergrund der Ereignisse 2014 in der Ukraine und der sich schnell verändernden weltweiten Sicherheitslage eine besondere Verantwortung für die Sicherheit der Bun-

Autor

Oberstleutnant i.G. Eduard Schnabel ist Referent im Stab Kommando Heer.

Mit diesen Grundlagen können die Bun- deswehr und das Deutsche Heer nach den 25-jährigen stetigen Kürzungen und Stre- ckungen bei den Verteidigungsausgaben – mit weitreichenden Folgen für die mate- rielle Ausstattung – die weltweiten Einsätze und im Besonderen die Schwerpunktauf- gabe der Bündnis- und Landesverteidigung erfüllen. Der Inspekteur des Heeres, Generalleut- nant Jörg Vollmer, betont in seinem Vor- wort, dass das Deutsche Heer als erste Rah- mennation einen Verband im Rahmen von enhanced Forward Presence nach Litauen verlegt hat und eine erste Ablösung durch ein Folgekontingent vor Kurzem erfolgte. Kernauftrag dieser Kräfte im Baltikum ist eine glaubhafte Abschreckung. Dieses ist „nur möglich, wenn Streitkräfte gut aus- gebildet und ausgestattet sind und dieses auch nach außen sichtbar demonstriert wird.“

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dieses auch nach außen sichtbar demonstriert wird.“ 42 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018 Um

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Um die Voraussetzungen zu erfüllen, ha- ben der Deutsche Bundestag und das Bundesministerium der Verteidigung die Trendwende Finanzen (damit wurde nach langer Zeit die stetig fallende Finanzlinie bei den Verteidigungsausgaben gestoppt), die Trendwende Material (damit wurden wich- tige Ausrüstungsschritte eingeleitet, wie die Beschaffung zusätzlicher Kampfpanzer Leopard 2, GTK Boxer oder das neue ge- panzerte Brückenlegesystem Leguan) und die Trendwende Personal (damit wächst nach langer Zeit die Bundeswehr auch per- sonell) eingeleitet. Der Inspekteur des Heeres stellt daher fest:

„Wir haben die Ablauflinie [gemeinsam] überschritten und nun gilt es, den Angriff (die weitere materielle Ausrüstung) weiter voranzutreiben.“ Das Heer mit dem Kristallisationspunkt Brigade bleibt bei Beschaffungen ein kom- plexes Gebilde und steht im Fokus aller Pla- nungen. Die Brigaden des Heeres haben eine große Zahl an Hauptwaffensystemen nebst Ausstattungen und peripherem Ge- rät inklusive der persönlichen Ausrüstung und Munition. Planungen müssen zusam- mengefasst als System Brigade erfolgen. Denn eine Brigade ist als Großverband eine herausgehobene Führungsebene und auf- grund ihrer Organisation, Personalstärke und Ausrüstung in der Lage, taktische Auf- gaben ohne substanzielle Verstärkungen selbstständig zu lösen; dies schließt die Befähigung zur Operationen verbundener Kräfte ein. Den Systemgedanken Brigade hat der Ins- pekteur des Heeres mehrfach aufgezeigt:

„Das Heer wird nur seine volle Wirkung entfalten, wenn die Brigade als System verstanden wird und entsprechend ihrer Struktur ausgerüstet ist“ und „… wenn das Heer als Ganzes betrachtet wird, anstatt sich auf einzelne Fähigkeiten zu fokussie- ren“. Dies unterstreicht auch die Aussage von Bernd Siebert, MdB und Mitglied des Ver- teidigungsausschusses: „Heute spricht alle

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(Foto: Bundeswehr/Jane Schmidt)

BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL

Schmidt)  BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL Nach Jahren des Rückgangs wird das Heer wieder an Umfang

Nach Jahren des Rückgangs wird das Heer wieder an Umfang und Ausrüstung wachsen.

Welt zu Recht vom Systemgedanken. Dies scheint für die größte Teilstreitkraft der Bundeswehr nicht zu gelten.“ und „Das Deutsche Heer leidet ständig unter den Verstößen gegen den Systemgedanken.“ Seine Aussage „Die Aufsplitterung von

der eruptive Ereignisse mit wenig bis keiner Vorwarnzeit das Umfeld verändern. Für das Deutsche Heer bedeutet dies, dass per- manent eine schnelle Reaktionsfähigkeit gewährleistet werden muss. Mit anderen Worten: Alle Brigaden

der Reaktionsfähigkeit, Robustheit, Intero- perabilität, Flexibilität und Zuverlässigkeit nicht gewachsen sein. Eine planerische Umsetzung erfolgt mit den aktuellen Ar- beiten am neuen Fähigkeitsprofil und das durch den Inspekteur des Heeres gebilligte Concept of Operation. Dabei sind zwei zeitliche Vorgaben we- sentlich:

• Erstens bis Ende 2026 erfolgt die Um- setzung der bereits entschiedenen Aus- stattungen des Heeres im Rahmen der Struktur HEER2011. Dies führt plane- risch zu einem schlagfertigen, moder- nisierten und voll einsatzbereiten Divi- sionsäquivalent vor allem für Aufträge im Rahmen der Bündnis- und Landes- verteidigung.

• Zweitens bis Ende 2031 gilt es zusätz-

lich und parallel dazu unter Integration aller verfügbaren Zukunftstechnologien zwei weitere Divisionsäquivalente auf- zustellen. Diese sollen vor allem den Forderungen des zukünftigen – digita- lisierten – Gefechtsfeldes entsprechen. Ein bruchfreier und stetiger zukunfts- fähiger Kommunikationsverbund ist dabei von zentraler Bedeutung. Dies schließt die Architektur und die Aus- gestaltung eines deutschen zukunfts- orientierten Battlefield Management System (BMS) und die Integration beste- hender Informations-, Führungs- und

(Foto: Rohde & Schwarz)
(Foto: Rohde & Schwarz)

Die streitkräftegemeinsame ver- bundfähige Funkausstattung ist eine der Säulen von MoTaKo.

müssen über das vorgesehene, vollzählige und einsatzbereite Material jederzeit und quasi griffbereit in den Standorten verfü- gen, einschließlich Munition und der per- sönlichen Ausrüstung eines jeden Solda- ten. Umfangreiche Materialbewegungen sind aufgrund der zeitlichen NATO-Vorga- ben nicht möglich. Ursache ist vor allem der rasant fortschrei- tende Prozess in der technischen Entwick- lung und die Nutzung neuer innovativer Technologien in den aktuellen Konflik- ten. Vieles spricht dafür, dass sich dieser Prozess noch einmal beschleunigen wird. Daher wird mit der reinen Beschaffung von zusätzlichen Waffensystemen und die Befüllung bestehender Strukturen im Sys- tem Brigade das Deutsche Heer den kom- menden Herausforderungen hinsichtlich

Materiallieferungen in Klein- und Kleinst-

lose

ständnis im Heer.“ macht deutlich, dass bei Beschaffungen den Faktoren Zeit und Quantität, den Prozessen und Verfahren durch alle Beteiligten we- sentlich mehr Bedeutung geschenkt werden muss als bisher. Mit anderen Worten: Wir müssen schneller wer- den! Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages Hans-Peter Bartels for- dert daher gleich zwei weitere Trend- wenden, die „Trendwende Tempo“ und die „Trendwende Mentalität“ bei allen Beteiligten im Beschaf- fungsprozess. Zwei Beispiele aus der Praxis untermauern dies. Der Fähigkeitsaufwuchs gepanzerter Kampf wurde 2015 eingeleitet und wird aller Voraussicht nach 2023 abgeschlos- sen. Gleiches gilt für das gepanzerte Brü- ckenlegesystem Leguan: 2013 geplant, laufen Ende 2019 die ersten Systeme zu, sodass sieben Systeme 2022 zur Verfü- gung stehen werden. Der Abschluss für die nachträglich veranlasste Beschaffung weiterer 24 Systeme ist für 2024/2025 geplant. Auch wenn beschleunigt wurde, wo zu be- schleunigen war, sind vor dem Hintergrund der zunehmend schwierigen sicherheitspo- litischen Lage zehn Jahre für das Herstellen nur einer technisch wenig anspruchsvollen Systemkompetente eine (sehr) lange Zeit. Denn die sicherheitspolitischen Entwick- lungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Trennlinie zwischen Krieg und Frieden verschwimmt und dass immer wie-

verhindert ein gemeinsames Ver-

Waffeneinsatz-

systeme ein. Das sind ne- ben dem Sys- tem Brigade zusätzliche wesentliche Kristallisationspunkte, die eine Ausrüstungsplanung des Heeres be- rücksichtigen und umsetzen muss. Jede Umsetzung beginnt mit den ersten Schritten. Die folgende Auswahl stellt ei- nige ausgewählte Schritte geordnet nach den Fähigkeitsdomänen Führung, Aufklä- rung, Wirkung und Unterstützung, dar.

Fähigkeitsdomäne Führung

Um den Anforderungen an eine moder- ne, vernetzte und komplexe Operations- führung – joint and combined – zu genü- gen, benötigt das Deutsche Heer einen hochmobilen, modernen, resilienten und zukunftsorientierten Kommunikationsver- bund. Ziel ist es stets, eine Informations- und Führungsüberlegenheit bruchfrei in eine Wirkungsüberlegenheit umzusetzen. Eine Umsetzung dieses Ziels erfolgt mit den zentralen Vorhaben Mobile Taktische Kommunikation (MoTaKo) und Mobile Taktische Informationsverarbeitung (Mo-

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(MoTaKo) und Mobile Taktische Informationsverarbeitung (Mo- 44 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

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(Foto: Rohde & Schwarz)
(Foto: Rohde & Schwarz)

Moderne Handgeräte können die Zuverlässigkeit und Sicherheit der Kommunikation verbessern.

TIV). Gemeinsam ermöglichen sie erstmalig einen durchgängigen Kommunikationsver- bund auf mobiler taktischer Ebene. MoTaKo umfasst die Beschaffung, Integ- ration, Regeneration, Nutzung und den Betrieb aller Kommunikationsmittel zur vollständigen Ausstattung der Waffensys- teme und Fahrzeuge (Plattformen) in land- basierten Operationen. Die derzeitig abge- stimmte Planung sieht eine Vorbereitung der Einrüstung beginnend ab 2020 sowie die Ausstattung der Verbände von 2023 bis 2035 vor. MoTIV umfasst die Bereitstellung von ska- lierten IT-Services für die mobilen Elemente bis auf die unterste taktische Ebene und schließt die für die Informationsverarbei- tung benötigten Endgeräte ein. Darüber hinaus sieht MoTIV die Ausstattung al- ler Plattformen mit einem einheitlichen Bedien- und Anzeigegerät vor. Zweck ist die Vereinheitlichung der derzeit nicht stan- dardisierten Bedien- und Anzeigegeräte in allen Plattformen. Die übergeordnete Absicht des Heeres mit beiden Projekten ist es, eine zukunftsorien- tierte, auf die Optimierung der taktischen Abläufe zielende Architektur und Ausge- staltung eines BMS zu schaffen. Da sich Deutschland im Rahmen des Framework Nation Concept dazu verpflichtet hat, eine Führungsrolle bei der Aufstellung multina- tional nutzbarer Kräftepakete zu überneh- men, muss dieses BMS so kompatibel sein, dass sich andere Nationen schnell und mit geringem Aufwand integrieren lassen. Impulsgeber für die Ausgestaltung von Mo- TIV sind die technisch-konzeptionellen An- sätze von Partnernationen, alle Sensoren und Effektoren aus unterschiedlichen Platt- formen für eine vernetzte Operationsfüh- rung wirksam und verzugsfrei zu verketten.

Ebenso sind Entwicklungen maßgeblich, wie eine ebenengerechte Lagebilddarstel- lung auf Basis eines Common Operating Pictures. Dabei sind sowohl eigene Sen- sor- und Effektorinformationen als auch In- formationen aus offenen Quellen (soziale Netzwerke, Messenger Services etc.) oder aus dem Intel-Bereich zu integrieren. Ausgehend von den Operationalisierungen eines zukünftigen Gefechtsfeldes (Techno- logien bestimmen die Einsatzgrundsätze) wird die zukünftige Nutzung des Konzep- tes Sensor-to-Shooter von besonderer Be- deutung sein. Die Umsetzung des Konzep- tes ist die entscheidende zukunfts- und fä- higkeitsbestimmende Größe für die Land- streitkräfte und somit ein Game Changer. Auf einem gläsernen Gefechtsfeld wird

das eigene Handeln aus allen Dimensio- nen heraus beobachtet, aufgeklärt und überwacht. Eine schnelle präzise Wirkung in einem Sensor-to-Shooter-Verbund, der das Zusammenspiel aller eigenen Kräfte gewährleistet (vernetztes Kämpfen), sind neben der Unterstützung von Entschei- dungsprozessen grundlegende Forderun- gen bei der Realisierung von MoTIV. MoTaKo und MoTIV sind die wichtigsten, inhaltlich komplexesten und finanziell be- deutsamsten Vorhaben für die nächsten Dekaden. Beide Vorhaben müssen syn- chronisiert werden, sodass beispielsweise alle Waffensysteme und Fahrzeuge zur Einrüstung der Systeme nur einmal aus der Truppe entnommen werden müssen. Dies ist für das Deutsche Heer und alle Beteilig- ten eine planerische und steuerungstechni- sche Herausforderung. Dazu plant das Deutsche Heer die Aufstel- lung eines Test- und Versuchsverbandes auf Brigadeebene und mit der Einführung der grundlegenden neuen innovativen Informationsübertragungs- und -verarbei- tungstechnologie, ein zentrales IT-Zentrum für Landoperationen.

Fähigkeitsdomäne

Aufklärung

Aufklärung ist noch stärker als bisher der Schlüssel zur Entscheidungsfindung auf allen Führungsebenen. Aufklärung muss über die Fähigkeit verfügen, Aufklärungs- ergebnisse schnell zu verarbeiten, zu ana- lysieren und bruchfrei so bereitzustellen, dass diese unmittelbar in Wirkungen um- gesetzt werden können. Wenngleich das Deutsche Heer hier insbesondere durch

(Foto: EMT)
(Foto: EMT)

Abbildende Aufklärung in mittlerer Reichweite für bodengebundene Operationen mit der Aufklärungsdrohne LUNA

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

für bodengebundene Operationen mit der Aufklärungsdrohne LUNA Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik 45

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(Foto: Bundeswehr/Daniel Dinnebier)

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das Engagement in Afghanistan bereits große Fortschritte erzielt hat, muss noch viel Arbeit geleistet werden, um eine um- fassende, zielgerichtete Koordinierung aller

PARA-Fuchs genannt) und des Leichten Gefechtsfeld-Aufklärungsradars (LEGAR) der Heeresaufklärungstruppe sowie des Artilleriebeobachtungsradars (ABRA) der

ben den Vorgaben der Einsatzregeln (Rules of Engagement) vor allem die Durchset- zungsfähigkeit und den Schutz der Solda- ten zu garantieren. Der Kampfpanzer Leopard 2 ist bei vielen Streitkräften weltweit im Einsatz und ein Synonym für weltweit führende Kampf- panzertechnologie. Durch stetige Anpas- sungen ist er unverändert die Benchmark und bestimmt wesentlich die Durchset- zungsfähigkeit bei landgebunden Operati- onen der Panzertruppe und der Panzerkräf- te bei NATO- und Partnernationen. Die aktuell eingeleitete Anpassung Fähig- keitsaufwuchs gepanzerter Kampf besitzt eine qualitative und eine quantitative Kom- ponente. Die qualitative Komponente um- fasst unter anderem eine Steigerung der Wirkungs- und Aufklärungsreichweiten, Erhöhung der Trefferwahrscheinlichkeit und Verringerung der Bekämpfungszeit. Aufgrund der Weiterentwicklung gegne- rischer Waffensysteme sowie moderner Schutztechnologien werden die Fähigkei- ten im Bereich Wannen- und Turmschutz, optische/optronische Systeme, Waffenan- lage und Antrieb weiter verbessert. Mit der Umsetzung der quantitativen Komponente stehen dem Deutschen Heer zukünftig 320 Kampfpanzer zur Verfügung. Ab 2019 werden dem Heer 104 KPz Leo- pard 2 A7V zulaufen. In der Version A7V (Verbesserung) werden die für die Variante A7 vorgesehenen Nachbesserungen be- rücksichtigt, u.a. von der Reichweitenerhö- hung über das Wärmebildgerät Attica bis zur Integration in das Führungs- und Waf-

(Foto: Bundeswehr)
(Foto: Bundeswehr)

Kampfpanzer Leopard 2 im scharfen Schuss

Kräfte und Mittel, basierend auf einem ge- meinsamen Lagebild, zu erreichen. Derzeit wird die Fähigkeit zur luftgestütz- ten abbildenden Aufklärung mittlerer Reichweite für bodengebundene Opera- tionen durch die UAS Kleinfluggerät für Zielortung (KZO) und Luftgestützte Unbe- mannte Nahaufklärungs-Ausstattung (LU- NA) abgedeckt. Beide Systeme erreichen 2020 ihr Nutzungsdauerende. Eine weiter- entwickelte Fähigkeit (bis zu zehn Stunden Aufklärungszeit bei bis zu 100 km Reich- weite) soll ab 2020 mit dem Schließen der Fähigkeitslücke „Abbildende Aufklärung in mittlerer Reichweite für bodengebunde- ne Operationen“ realisiert werden. Bis zur vollständigen Realisierung werden in einer Übergangsphase bis mindestens 2025 pa- rallel Nutzungsdauer-verlängernde Maß- nahmen für das UAS LUNA notwendig sein. Das Parlament hat vor Kurzem die Einfüh- rung der Luftgestützten Unbemannten Nahaufklärungsausstattung Next Generati- on/Bundeswehr (LUNA NG/B) entschieden. Drei taktische und ein Ausbildungssystem werden ab 2019 zulaufen. Laut Rahmen- vertrag können bis zu neun weitere LUNA NG/B bestellt werden. Die Radaraufklärung befähigt zur Überwa- chung großer Räume, Lücken oder Flanken, von Sperren, von Punkten/Objekten, von Gewässern und Küstenabschnitten sowie des bodennahen Luftraumes aus der Dis- tanz, zudem leistet sie auch einen wesent- lichen Beitrag für streitkräftegemeinsame taktische Feuerunterstützung. Die durch das Nutzungsdauerende des Aufklärungs- radars RASIT (Radar d’Acquisition et de Sur- veillance Intermédiaire, im Truppenjargon

Artillerietruppe ab 2020 entstehende Fä- higkeitslücke wird mit dem neuen System zur bodengebundenen, abstandsfähigen, nahezu wetterunabhängigen Aufklärung und Überwachung großer Räume bei ein- geschränkter Sicht geschlossen.

Fähigkeitsdomäne Wirkung

Im Bereich Wirkung kommt es darauf an, die eigenen Ansprüche etwa an Abstands- fähigkeit, Skalierbarkeit, Präzision und Nachtkampffähigkeit zu erfüllen, um ne-

Präzision und Nachtkampffähigkeit zu erfüllen, um ne- Übung mit dem neuen Schützenpanzer Puma 46 Europäische

Übung mit dem neuen Schützenpanzer Puma

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zu erfüllen, um ne- Übung mit dem neuen Schützenpanzer Puma 46 Europäische Sicherheit & Technik ·

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

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(Foto: Rheinmetall)
(Foto: Rheinmetall)

Soldatensystem Infanterist der Zukunft – Erweitertes System

feneinsatzsystem IFIS der Kampftruppen. Ein stärkerer Minenschutz kommt ebenfalls hinzu, wie er bereits bei etwa 70 KPz Leo- pard 2 A6M erfolgte. Mit der Version A7V werden z.B. eine noch verbesserte Nacht- kampffähigkeit, Verstärkung des Antriebs- stranges sowie weitere Schutzmaßnahmen vorgenommen. Für die Zeit nach Ende der Nutzungsdau- er um 2035 wird ein Nachfolgesystem des heutigen Panzers gesucht. Hierzu wer- den Möglichkeiten in einer gemeinsamen Studie Main Ground Combat System mit Frankreich untersucht und ggf. auf weite Sicht mit weiteren Partnern multinational realisiert. Der Schützenpanzer Puma (SPz Puma) wird als neues Hauptwaffensystem der Panzer- grenadiertruppe den seit 1971 genutzten Schützenpanzer Marder ersetzen. Mit der Realisierung SPz Puma in der Zielkonfigu- ration steht ein Technologiesprung bevor. Realisiert werden hohes Fahrleistungspo- tenzial und Fähigkeit zum Feuerkampf aus der Bewegung, um das dynamische Ge- fecht gemeinsam mit dem Kampfpanzer Leopard 2 zu führen oder überlegene Waf- fenwirksamkeit auch gegen Kampfpanzer, Bunker und Ziele hinter Deckungen zu er- zielen. Neben der stabilisierten 30-mm-Bordma- schinenkanone, dem Fire-and-Forget-fähi- gen Panzerabwehrraketensystem MELLS (mehrrollenfähige Lenkflugkörpersystem) und der erheblich stärkeren Motorleistung von 800 kW verdeutlichen insbesondere das von der Panzerwanne abgekoppel- te hydropneumatische Laufwerk und der besatzungslose Turm die technischen In- novationen gegenüber dem Schützen- panzer Marder. Der Schützenpanzer Puma bildet zudem – wie auch das Gepanzer- te Transportkraftfahrzeug Boxer – mit dem erweiterten System Infanterist der

Zukunft (IdZ-ES) einen Systemverbund. Der SPz Puma vereint damit eine Vielzahl von Neuerungen, die erstmals in einem komplexen Waffensystem Anwendung finden. Mitte April letzten Jahres ist der Ausbildungsbetrieb in Form eines Pilotlehr- gangs gestartet. Mit dem Übergang in die Regelausbildung und der Ausstattung der ersten Panzergrenadierbataillone wurde im Januar 2016 begonnen. Vor dem Hintergrund der heute noch nicht erreichten vollen Einsatzreife des Schüt- zenpanzers und der von Deutschland ein- gegangen internationalen Verpflichtung einer durchgängigen Bereitstellung von mindestens vier einsatzfähigen Panzergre- nadierbataillonen für die geforderten High Readiness Forces muss der seit über 40 Jahren bewährte Schützenpanzer Marder

als Hauptwaffensystem der Panzergrena- diertruppe noch bis mindestens 2025 in Nutzung bleiben. Die Panzergrenadiertruppe wird über 200 Schützenpanzer Marder produktverbessert in Nutzung halten. Schwerpunkt der Pro- duktverbesserung ist der Ersatz des Wär- mebildgeräts und des Nachtsicht-Fahrge- räts des Kraftfahrers. Zusätzlich steht die Adaption des neuen Panzerabwehrsystems MELLS auf dem Schützenpanzer Marder kurz vor dem Abschluss, um das betagte Lenkflugkörpersystems Milan abzulösen. Mit diesen Verbesserungen und den Mo- dernisierungen in der Vergangenheit ist der Schützenpanzer Marder nach wie vor für den Einsatz im gesamten Spektrum ge- eignet. Mit der Realisierung des IdZ-ES hat das Heer die Weichen für die zukünftige Entwick- lung der abgesessen kämpfenden Kräfte gestellt und wird damit deren Fähigkeiten in allen Bereichen entscheidend stärken. Die Komponenten und Mengengerüste des ldZ-ES erfüllen die Erfordernisse im ge- samten Einsatzspektrum und unterstützen alle Gefechtsgliederungen abgesessener Kräfte hinsichtlich Durchsetzungsfähigkeit, Führungsfähigkeit, Beweglichkeit, Überle- bensfähigkeit und Durchhaltefähigkeit. Das System ldZ-ES ist eine aus technischer Sicht vollständige und evolutionäre Neu- entwicklung mit hohem Weiterentwick- lungspotenzial. Es ist ein modulares Ge- samtsystem mit aufeinander abgestimm- ten Komponenten aus Bekleidung, Schutz und Trageausstattung, Handwaffen, op- tischen und optronischen Geräten sowie Führungsmitteln.

(Foto: Graham Robson-Parker)
(Foto: Graham Robson-Parker)

Gepanzertes Transportfahrzeug Boxer als „Maschinen-Kanonen-Boxer“ mit 30-mm-Turm (australische Version)

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

mit 30-mm-Turm (australische Version) Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik 47

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(Foto: Telefunken RaComS)

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RaComS)  BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL Leichte Bildverstärkerbrillen laufen der Truppe ab 2018 in

Leichte Bildverstärkerbrillen laufen der Truppe ab 2018 in hoher Stückzahl zu.

Über einen integrierten Rechner werden dem Soldaten die für den aktuellen Auf- trag benötigten Lagekarten und Operati- onspläne bereitgestellt. Durch das eben- falls integrierte Funkgerät können aktuelle Lageinformationen wie Positionen eigener und gegnerischer Kräfte und aktuelle gra- fische Befehle mit dem Gruppenfahrzeug oder dem Führungsrechner des abgeses- senen Führers ausgetauscht werden. Diese Informationen können entweder über das Bedien- und Anzeigegerät abgerufen oder in das am Helm befestigte Head-up-Display eingespielt werden. Damit stellt das Sys- tem erstmals die Fähigkeit zur vernetzten Operationsführung auf Ebene der Infante- riegruppe sicher, die auch im abgesessenen Einsatz auf die Lageinformationen über das Gruppenfahrzeug zurückgreifen kann. Eine weitere besondere Herausforderung liegt in den Abhängigkeiten mit den be- reits angesprochenen anderen Vorhaben des Heeres. Damit IdZ-ES seine volle Wir- kung entfalten kann, bedarf es eines Grup- penfahrzeugs (Stichwort: SPz Puma, GTK Boxer) und entsprechender Führungs- und Fernmeldegeräte und der Anbindung an die vernetzte Operationsführung. Es ist beabsichtigt, weitere IdZ-ES-Systeme zu beschaffen. Derzeit erfolgt die Ausstat- tung mit Schwerpunkt bei den Panzergre- nadierbataillonen und der Ausbildungsor- ganisation parallel mit dem Zulauf des SPz Puma.

Die Befähigung eigener Kräfte, sich in mul- tinationalen, streitkräftegemeinsamen, militärischen Operationen durchsetzen zu können, erfordert auch die Fähigkeit zur wirksamen Bekämpfung von Zielen am Boden auch aus der Distanz. Eine präzise und skalierbare Wirkung zur Unterstüt- zung eigener Kräfte, insbesondere in ur- banen Gebieten, verlangt die Synergie von hochgenauer Zielortung und Einsatz von Präzisionsmunition. Während Präzisionsmunition bereits bei der Raketenartillerie realisiert wird (beispiels- weise Guided Multiple-Launch Rocket Sys- tem, GMLRS), sind die vorhandenen bo- dengebundenen Aufklärungsmittel tech- nisch noch nicht in der Lage, hochgenaue Zielkoordinaten bereitzustellen. Daher wird die Fähigkeit zur Verbesserung der Zielor- tungsgenauigkeit der Aufklärungsmittel in Verbindung mit der Fähigkeit zur Ge- winnung und Umsetzung von dreidimen- sionalen Referenzdaten weiterentwickelt, um die volle Leistungsfähigkeit von Präzi- sionswirkmitteln, insbesondere aus großer Entfernung und im Verbund im Rahmen der Realisierung des Konzepts Streitkräfte- gemeinsame taktische Feuerunterstützung (STF), unter Verringerung des Risikos von Kollateralschäden zu gewährleisten.

derzeit verfügbarer Sperr- und Wirkmittel der Pioniere noch nicht wie angestrebt um- setzbar. Diese Fähigkeit wurde im Rahmen der Neuausrichtung der Bundeswehr und der Konzentration auf die wahrscheinliche- ren Einsätze reduziert. Nach derzeitiger Planung wird aufgrund der dafür notwendigen innovativen Ent- wicklungen erst in einigen Jahren ein neu- es, intelligentes Sperrsystem verfügbar sein, welches ein effektives und kräftesparendes Operieren in großen Räumen ermöglichen wird. In allen Einsatzarten nutzbar, wird es skalierbar, gegen abgesessene Kräfte und Fahrzeuge einsetzbar und so diskriminier- bar sein, dass es Unbeteiligte, ohne dass diese Schaden nehmen, aus Kampfzonen fernhalten kann. Bis diese neue Fähigkeit einsatzbereit ist, erfolgt der Rückgriff und die Reaktivierung des Minenverlegesystems 85. Die Einsatzrealität erfordert eine entspre- chende Ausstattung mit optronischen Ge- räten oder Komponenten, um vor allem abgesessenen Kräften das Beobachten, Bewegen und Wirken in einem 24-Stun- den-Kampftag zu ermöglichen. Ziel ist es, in den kommenden Jahren alle Verbände des Heeres so auszurüsten, dass sie ihren Auftrag auch bei eingeschränkter Sicht

(Foto: Bundeswehr)
(Foto: Bundeswehr)

Das Minenverlegesystem 85 wird reaktiviert.

Besonders in der Landes- und Bündnisver- teidigung ist das Sperren von Geländeab- schnitten gegen mechanisierte Kräfte von besonderer Bedeutung, um gegen militä- risch organisierte Gegner erfolgreich wir- ken zu können. In Operationen hoher In- tensität ist im Rahmen defensiver Aktivitä- ten sowohl die taktisch angestrebte Sperr- breite als auch die notwendige Tiefe mittels

erfüllen können. Mit der Realisierung des Vorhabens Infanterist der Zukunft, den eingeleiteten Beschaffungen von Bildver- stärkerbrillen sowie Nachtziel- und Beob- achtungsgeräten wurden erste Schritte unternommen. Neben der Deckung des großen quantitativen Bedarfs muss auch die schnell voranschreitende Entwicklung auf dem Gebiet der Sensorik beobachtet

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Entwicklung auf dem Gebiet der Sensorik beobachtet 48 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

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und in die Ausrüstungsplanung integriert werden, um eine taktische Überlegenheit durch modernes Gerät sicherzustellen.

Fähigkeitsdomäne

Unterstützung

Im Bereich der Durchhaltfähigkeit kommt es darauf an, logistische Ketten und damit auch die Ausrüstung wieder konsequent auf den logistischen Bedarf der Landes- und Bündnisverteidigung auszurichten. Logistische Planungen zur Anpassung der Bevorratungshöhen sind auf allen Ebe- nen im vollen Gange. Im Mittelpunkt der Überlegungen zur Ausrüstungsplanung des Deutschen Heeres steht dabei – ne- ben dem Aufwuchs der Munitionsvorräte – auch der Aufwuchs der geschützten und ungeschützten Landmobilität, um durch eine Flotte aus standardisierten und modu- lar flexibel einsetzbaren Mobilitätsträgern die erforderliche Leistungsfähigkeit der wesentlichen Versorgungsketten wieder- herzustellen: Großverbrauchermunition, Betriebsstoff, Trinkwasser und Ersatzteile. Das Bundesministerium der Verteidigung gibt in seinen konzeptionellen Dokumen- ten vor: „Wo immer möglich und sinnvoll sind Sekundärfähigkeiten auf bereits vor- handenen Plattformen zu realisieren.“ Ein Beispiel für den Plattform- und Flot-

tengedanken ist das Gepanzerte Trans- portkraftfahrzeug Boxer. Als geschütztes 8x8-Radfahrzeug erfüllt es Führungs-, Unterstützungs- und Transportaufga- ben. Der modulare Aufbau (Fahrmodul/ Missionsmodul) lässt eine Vielzahl unter- schiedlicher Funktionalitäten auf derselben Fahrzeugbasis zu. In einem ersten Los mit 272 Stück wurden 190 Gruppentransport- und Führungsfahrzeuge, 72 schwere ge- schützte Sanitätskraftfahrzeuge und zehn Fahrschulfahrzeuge eingeführt. Das zweite Los mit 131 GTK Boxer A2 in der Variante Gruppentransportfahrzeug ist im Zulauf. Die Auslieferung ist für Ende 2017 bis 2020 vorgesehen. Weitere Beispiele für den GTK Boxer als ei- ne Standardplattform des Deutschen Hee- res sind denkbar. Hierzu sind Planungen angewiesen und zum Teil abgeschlossen, wie das Joint Fire Support Team schwer oder die Initiative Steigerung von Wirkung und Durchsetzungsfähigkeit der waffen- trägergebundenen taktischen Feuerunter- stützung der Jägertruppe. Absicht ist es, mit dieser Initiative die modernste Schieß- technologie des SPz Puma in die bewährte Plattform des GTK Boxer zu integrieren und ggf. multinational als „Maschinen-Kano- nen-Boxer“ zu beschaffen. Zur Erhöhung der taktischen Beweglichkeit ist die Brigade auch auf die Fähigkeit zum

schnellen, flexiblen und geschützten Über- winden von natürlichen und künstlichen Geländehindernissen (wie z. B. Flüsse, Bä- che und Gräben) angewiesen. Das hierfür einzusetzende gepanzerte Brückenlegesys- tem muss über die gleiche Mobilität und den gleichen Schutz verfügen, wie die zu unterstützenden Gefechtsfahrzeuge der Brigade. Die geforderte Fähigkeit einer Brü- ckenlegekapazität kann durch das derzei- tige Brückenlegesystem des Heeres Biber, mit einer Tragfähigkeit MLC 50 vor allem für den Kampfpanzer Leopard 2 (MLC 70), nicht mehr gewährleistet werden. Diese Fähigkeit gilt es schnellstmöglich wiederherzustellen. Sie ist der Schlüssel, um die Stoßkraft der Panzertruppen auch im durchschnittenen Gelände zur Wirkung zu bringen. Die oben dargestellten Projekte sind einige wichtige Beispiele aus der Ausrüstungs- planung des Deutschen Heeres. An dieser Stelle kann jedoch nicht auf die Gesamt- heit aller Projekte eingegangen werden. Weitere Projekte sind beispielsweise die Realisierung des Konzepts STF, die bereits angesprochene Beschaffung von Präzisi- onsmunition für den Raketenwerfer MARS oder die Panzerhaubitze 2000, die einen entscheidenden Beitrag zur Erhöhung der Präzision auch auf große Kampfentfernun- gen leisten. Dies gilt auch für Untersuchun- gen zu weiteren Handlungsfeldern, wie

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BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL

(Foto: KMW)
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Das Brückenlegesystem Leguan

z.B. die Munitionsbevorratung im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung oder die Unterbringung von Soldaten in den ers- ten 60 Tagen im Rahmen einer beweglich geführten Operation.

Die Zukunft: Digitalisierung

Im Gegensatz zur Ausgangslage vor über

60 Jahren verfügt das Deutsche Heer mit

seinem Material heute über eine solide Grundlage. Es bewährt sich seit mehr als

20 Jahren in weltweiten Einsätzen wie im

Kosovo, in Afghanistan oder in Mali. Der Kommandeur Deutsche Anteile Multina- tionale Korps/Militärische Grundorganisa- tion, Generalleutnant Frank Leidenberger, merkt in seinem Vorwort im Thesenpapier „Wie kämpfen Landstreitkräfte künftig?“ an, dass „Alle Energie und der Großteil der Ressourcen in diese Einsätze zum internati- onalen Krisenmanagement geflossen sind. Dies hatte einen hohen Preis, denn die Ausstattung des Heeres insgesamt und die Fähigkeiten für Landes- und Bündnisvertei- digung haben darunter gelitten.“ Nach über 25 Jahren des Schrumpfens hat die aufgezeigte Kurskorrektur stattgefun- den. Allein 2017 wurden 18 Großvorhaben mit großer Relevanz für das Heer durch das Parlament gebilligt. Diese neuen Großvor- haben werden sich mittelfristig positiv auf die Einsatzbereitschaft des Deutschen Hee- res auswirken. Es gilt nun, den Blick auf die Zukunft zu lenken und das Heer entspre- chend auszurichten. Dazu hat der Kommandeur Deutsche Anteile Multinationale Korps/Militärische Grundorganisation zwei Thesenpapie- re herausgegeben: „Digitalisierung von Landoperationen“ und „Wie kämpfen Landstreitkräfte künftig?“.

Diese Thesenpapiere sollen ein Schlaglicht auf Fragestellungen und Fähigkeitsforde- rungen werfen, die sich ergeben, wenn multinational eingebundene deutsche Landstreitkräfte in einem sich weiterentwi- ckelnden und verändernden Umfeld auch künftig erfolgreich im Einsatz und Gefecht bestehen sollen. Einige die in diesem Pa- pier dargelegten Ideen und Anforderun- gen wurden schon angesprochen, werden aktuell vertieft oder planerisch umgesetzt. Sie münden konsequenterweise in neuen Strukturen und in einer innovativen mate- riellen Ausrüstung des Heeres. Die steue- rungstechnische Aufgabe für einen koordi- nierten Fähigkeitsaufwuchs ist multidimen- sional, ineinandergreifend und von zahlrei- chen Faktoren abhängig; sie ist jedoch ohne Alternative. Sie wird und muss durch das

Heer geleistet werden und ist Auftrag an die Ausrüstungsplanung in den nächsten De- kaden. Zur erfolgreichen Auftragsdurchfüh- rung sind zwei Voraussetzungen aus Sicht der Ausrüstungsplanung wesentlich:

• Erstens Überprüfung der Prozesse zur Beschaffung von Ausrüstung:

Die Komplexität von MoTIV und die Kopplung an das Programm MoTaKo sowie die schnellen Innovationszyklen bei der IT zeigen, dass eine Realisierung mit den Regelverfahren nur schwer möglich ist. Hierzu müssen agilere und fortschrittlichere Verfahren der Be- schaffung gefunden werden, um mit dem Tempo der permanenten techno- logischen Innovationen und der sich wandelnden Bedrohungen mithalten zu können.

• Zweitens die kontinuierliche Abbildung im Haushalt ist erforderlich:

Besonders die Systempflege moderner Landstreitkräfte erfordert eine Bud-

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moderner Landstreitkräfte erfordert eine Bud- 50 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

get-Kontinuität. Für eine stringente Modernisierung sind für wichtige Groß- vorhaben – vor allem für MoTaKo und MoTIV – die erforderlichen Finanzmittel jährlich fest einzuplanen. Das wäre der Einstieg in eine langfristige, auf Nach- haltigkeit angelegte Ausrüstungspla- nung, die planerische, rüstungsseitige und strategische Transparenz schafft und Planungsspitzen vermeidet.

In der Gesamtheit

Die materielle Modernisierung ist angelau- fen, die das Heer für die zukünftigen und vielfältigen Anforderungen, insbesonde- re aber auch wieder für die Landes- und Bündnisverteidigung, in seiner Gesamtheit noch reaktionsfähiger, robuster, interope- rabler, flexibler und zuverlässiger machen wird. Ein vollausgestattetes, mechanisiertes und sicherheitspolitisch relevantes Divisions- äquivalent hat Deutschland der NATO bis 2027 zugesagt. Das ist gesetzt! Zwei wei- tere Divisionsäquivalente werden bis 2031 folgen, die in besonderem Maße auf Zu- kunftsfähigkeit ausgerichtet sein werden. Mit bewährter, aber auch mit modernster Technik ausgestattet, wird das Deutsche Heer dann in der Lage sein, über das ge- samte Spektrum der Aufgaben, besonders effektiv operieren zu können. Dies ist zwei- fellos eine ähnliche Herausforderung wie vor 60 Jahren. Wir können diese bestehen, wenn das Parlament und die Bundeswehr bzw. das Deutsche Heer wie zu Beginn der jungen Bundesrepublik Deutschland Hand in Hand gehen. Die Trendwenden Finanzen, Materi- al und Personal, ergänzt um die Trendwen- de Tempo, zeigen den richtigen Weg. L

BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL

Relevanz und Rahmenbedingungen von Luftlandeoperationen

Gert Gawellek und Henning Reimann

Luftlandeoperationen (LLOp) haben auch in der heutigen Zeit eine unverändert hohe Relevanz.

J enseits der Bilder von Massenabsprün-

gen im Zweiten Weltkrieg über Kreta,

im Rahmen des D-Day in der Norman-

die oder in Arnheim zeigen Operationen der jüngeren und jüngsten Vergangenheit alliierter Verbündeter, dass luftlandefähige und zum Fallschirmsprung befähigte Kräf- te durch ihren überraschenden Einsatz in der Tiefe des Raumes (z.B. zum Gewinnen/ Nehmen von Schlüsselgelände) als Vor- aussetzung für Folgeoperationen oder zur Unterbrechung von Verbindungswegen, entscheidend zum Gesamterfolg einer Operation beitragen können. Beispielhaft können hier die Operationen „Northern Delay“ der U.S. Army im Irak 2003, die Operation „Serval“ der Franzosen in Mali 2013 oder Einsätze gegen den Islamischen Staat (IS) in Syrien genannt werden. Kräfte, die zur Luftbeweglichkeit befähigt sind, insbesondere solche für LLOp, kön- nen als Teil der Streitkräfte in allen zu er- wartenden Einsätzen, in allen Intensitäten und sowohl gegen symmetrisch als auch asymmetrisch agierende Gegner wirksam eingesetzt werden. Sowohl bei der Landes- und Bündnisver- teidigung als auch im Rahmen des inter- nationalen Krisenmanagements können diese Kräfte zu schnellen, wirksamen, jedoch zeitlich begrenzten Reaktionen beitragen. Darüber hinaus stellen sie den Kern der Kräfte für das Nationale Risi- ko- und Krisenmanagement mit den Fä- higkeiten zur Rettung, Evakuierung und Befreiung deutscher Staatsbürger im Ausland dar. Grundvoraussetzung hier- für ist die Befähigung zur strategischen, operativen und taktischen Luftbeweg- lichkeit, inklusive der Option einer LLOp. Gerade in den heutigen großen und stark

Autoren

Brigadegeneral Gert Gawellek ist der Stellvertretende Kommandeur der Division Schnelle Kräfte. Oberstleutnant i. G. Henning Reimann ist Referent in der Abtei- lung Planung I 3 des BMVg.

(Fotos: Bundeswehr)
(Fotos: Bundeswehr)

Luftlandung deutscher Fallschirmjäger auf dem Truppenübungsplatz in Hohenfels

überdehnten Operationsräumen bieten Kräfte, die zu LLOp befähigt sind, dem Truppenführer einen nicht zu unterschät- zenden operativen Mehrwert (z.B. durch die Fähigkeit zum schnellen Verlagern des Schwerpunkts). Luftbeweglichkeit unterteilt sich in Operati- onen luftmechanisierter Kräfte, luftgestütz- te Operationen, Luftlandeoperationen, Luft- transportoperationen und allgemeine Un- terstützungsaufgaben. Luftbeweglichkeit im Allgemeinen und die Luftlandeoperation im Besonderen vergrößern damit die Op- tionen des Truppenführers hinsichtlich der Faktoren Kräfte, Raum und Zeit und begün- stigen dadurch das Gewinnen und Behalten von Initiative und schnelle Reaktion.

Luftlandoperationen zeichnen sich durch folgende Charakteristika aus: Überra- schungsmoment, „hindernisfreier Luft- weg“, Geschwindigkeit in der Truppenver- legung, Verlegung über große Distanzen und Einsatz unabhängig von Infrastruktur. Zwingende Voraussetzungen zum Entfal- ten dieser Fähigkeiten sind u.a. geeignete Luftfahrzeuge, Absetzmaterial, luftlande- fähige Ausrüstung und Material, zudem auch eingeübte Verfahren – auch mit „Nichtluftlandekräften“ – mit entspre- chend ausgewähltem und vor allem aus- gebildetem Personal. Insbesondere dem Aspekt Personal und Ausbildung kommt eine entscheidende Bedeutung zu – dazu später mehr.

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

kommt eine entscheidende Bedeutung zu – dazu später mehr. Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

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Bild links: Soldaten des Fallschirmspezialzuges 31 aus Seedorf leiten als Einsatzleitgruppe die Luftlandung der
Bild links: Soldaten des Fallschirmspezialzuges 31 aus Seedorf leiten als Einsatzleitgruppe die Luftlandung der

Bild links: Soldaten des Fallschirmspezialzuges 31 aus Seedorf leiten als Einsatzleitgruppe die Luftlandung der Fallschirmjäger im Rahmen der Übung „Red Griffin/Colibri 50“ bei Bondelum. Bild rechts: Soldaten des Fallschirmjägerregimentes 26 üben gemeinsam mit Fallschirmjägern des 8e Régiment de Parachutistes d‘Infanterie de Marine den Häuserkampf im Rahmen einer multinationalen Übung.

Planung und Phasen einer Luftlandeoperation

LLOp werden in den Einsatzformen Fall- schirmsprung, Anlanden mit Hubschrau- bern oder Anlanden mit Transportflug- zeugen durchgeführt. Die verschiedenen Einsatzformen können dabei arttypisch, nacheinander oder auch parallel erfolgen und untereinander kombiniert werden. Der operative Mehrwert von LLOp im Fallschirmsprung ergibt sich aus der Mög- lichkeit, dass Kräfte in Gefechtsgliederung und insbesondere infrastrukturunabhängig in den Einsatz gebracht werden können, um so beispielsweise weitere Kräfte nach Nehmen eines Flug- oder auch Seehafens anzulanden. Eine derartige Operation dient dann als Voraussetzung für die Einführung von (schweren) Folgekräften zur Fortset- zung der Operation. Vorbereitung und Durchführung bedürfen sorgfältiger Planung sowie einer gewissen Risikobereitschaft auf Seiten des verant- wortlichen Truppenführers.

Planung und Durchführung einer Luftlandeoperation

Die Vorbereitungs- und Planungszeit ist meist durch hohen Zeitdruck bei gleichzei- tig hohem Informationsdefizit geprägt. Die Planungszyklen der Luftwaffe beeinflus- sen ebenfalls stark die Vorbereitung und Durchführung der LLOp. Ausgangspunkt einer LLOp ist dabei stets die Bewertung von Anzahl und Umfang des verfügba- ren Lufttransportraumes (LuTrspR) als bestimmende Größe. Die Planung der Einsatzladung, Reihenfolge der Wellen als Voraussetzung für die Durchführung der Bodenoperation zum Nehmen und Halten

des Luftlandekopfes (LLKopf) müssen ex- akt geplant werden. Eine LLOp läuft in der Regel in fünf Phasen ab.

Phase I – Einsatz Aufklärungskräfte Wesentliches Element der Aufklärung bil- den Fernspähkräfte, die im Regelfall im Freifalleinsatz vor den Vorauskräften den Einsatzraum erkunden. Sie können bei Be- darf durch weitere, ggf. ebenfalls freifallbe- fähigte Kräfte verstärkt werden. Sie gewinnen mittels Beobachtung und Sensoreinsatz Schlüsselinformationen von taktischer und operativer Bedeutung, die zur weiteren Vorbereitung der LLOp er- forderlich sind oder/und dem Verdichten des Lagebildes anderer Führungsebenen dienen. Sie bereiten weiterhin den Einsatz der Vorauskräfte vor, können Absetz- und Landzonen markieren und erste Kräfte des Luftlandeeinsatzverbandes aufnehmen.

Phase II – Einsatz Vorauskräfte Mit der Verbringung des Fallschirmspezial- zuges in den Einsatzraum beginnt die zweite Phase der Luftlandeoperation. Diese erfolgt in der Regel ebenfalls im Freifalleinsatz, wo- bei hier analog zu den Fernspähkräften auch andere Arten der Verbringung möglich sind (Anlandung mit Hubschraubern, amphibi- sche Verbringung etc.). Nach Verbindungsaufnahme mit den im Einsatzraum befindlichen Aufklärungskräf- ten der Phase I und Übernahme der Raum- verantwortung durch den Führer der Vo- rauskräfte erfolgt im Rahmen des Haupt- auftrages die Aufklärung und Erkundung des Einsatzraumes. Ziel ist die Feststellung der Eignung und die Vorbereitung der vor- gesehenen Absetzplätze. Während der Anlandung/dem Absetzen der Hauptkräfte, übernimmt der Fallschirm-

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Absetzen der Hauptkräfte, übernimmt der Fallschirm- 52 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

spezialzug die Sicherung des Absetzplat- zes, die Einweisung der Luftfahrzeuge, bei Bedarf Lenken von Luftnahunterstützung und nimmt die Hauptkräfte auf und weist diese in den Raum ein – den LLKopf.

Phase III – Hauptkräfte Hauptkräfte werden in Abhängigkeit der Lage in den oben beschrieben Einsatzfor- men abgesetzt bzw. angelandet. Der Fallschirmsprungeinsatz wird u.a. be- vorzugt gewählt, wenn es keine geeignete Landebahn oder Behelfslandebahn gibt bzw. diese erst gewonnen oder genom- men werden muss, der Einsatz außerhalb der Reichweite von Hubschraubern erfolgt, die Transportkapazität von Hubschraubern nicht ausreicht oder die Kapazität einer Landebahn nicht ausreicht, um einen zügi- gen Kräfteaufwuchs sicherzustellen. Der Fallschirmsprungeinsatz selbst findet in der Regel nachts oder bei Dämmerung statt.

Phase IV – Anschlussversorgung In der Phase IV beginnt die Nachführung von Versorgungsgütern/-einrichtungen in den LLKopf, um diesen halten und betrei- ben zu können und so die Voraussetzung für Folgeoperationen zu schaffen. Phase IV kann dabei auch überschneidend mit Pha- se III stattfinden. Dreh- und Angelpunkt ist die Luftlandever- sorgungskompanie des Fallschirmjägerregi- ments, die über die erforderlichen schnell verfügbaren und lufttransportfähigen logistischen Fähigkeiten verfügt, um die Anschlussversorgung im LLKopf sicherzu- stellen. Diese Anschlussversorgung ist die Grundlage der Durchhaltefähigkeit und er- folgt in der Regel aus der Luft, kann aber grundsätzlich auch über Land erfolgen, so-

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fern die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen sind.

Phase V – Abschlussoperation Die letzte Phase einer LLOp ist in der Regel die Verstärkung oder Ablösung durch nach- folgende Kräfte im Rahmen eines Folge- kontingentes und die Rücknahme der Kräf- te aus dem LLKopf durch Lösen oder Aus- weichen. Im Anschluss an die Abschluss- operation wird durch die Folgekräfte eine Folgeoperation durchgeführt. Weiterhin kommen als Formen der Ab- schlussoperation Rettungs- und Evakuie- rungsoperationen, weitere luftbewegliche Operationen, Operationen zur Täuschung oder Operationen gegen irreguläre und verdeckt kämpfende Kräfte in Betracht.

Ausbildung und Übung

In der Division Schnelle Kräfte und den Truppenteilen der Luftlandebrigade 1 (und selbstverständlich in den jeweiligen „Ah- nenverbänden“) wurde in einer Vielzahl verschiedener Übungen das Know-how zur Durchführung von LLOp erworben und

an gepanzerte oder geschützte Fahrzeuge in einem überdehnten Raum gegen einen unter Umständen zahlenmäßig überlege- nen Gegner. Seine Taktik und auch sein Mindset müssen besonders auf diese Tatsache hin geschult und ausgerichtet sein. Der Auftragstaktik auf allen Ebenen, Selbstständigkeit und Entschlossenheit im Handeln aller eingesetzten Führer und Sol- daten kommt eine entscheidende Bedeu- tung zu, um in der „Insellage“ eines LL- Kopfes das Gefecht erfolgreich zu führen. Spezialisten und ihre Erfahrung, insbeson- dere auf der Ebene der Unteroffiziere mit Portepee, sind von hoher Bedeutung. Dies betrifft vor allem die Operations- und Luft- transportplanung, Vorbereitung von Las- ten, Fernspähkräfte, Fallschirmspezialzug und Luftlandelogistik. Diese Fähigkeiten zu erwerben, zu vertiefen und im Verbund zu üben, sind essenziell und zeitintensiv. Neben der individuellen Ausbildung aller Soldaten, der Ausbildung im Rahmen von Zug und Kompanie, ist das Zusammen- spiel aller Kräfte und Mittel inklusive der Fähigkeiten anderer militärischer Organisa- tionsbereiche nur im Rahmen regelmäßiger

zu einer Gesamtoperation leisten. Aller- dings kommt es entscheidend darauf an, dass die vergleichsweise leichten Kräfte im LLKopf rasch verstärkt, kontinuierlich ver- sorgt und mit Wirkmitteln aus dem Ver- bund der Streitkräfte (Feuerunterstützung insbesondere durch Luftfahrzeuge) unter- stützt werden. Die Fähigkeit zum Zusammenwirken mit verbündeten Luftlandekräften ist durch die Anwendung einheitlicher Planungsver- fahren sowie die Nutzung multinationaler Luftfahrzeuge mit interoperablen Fall- schirm- und Lastenabsetzausstattungen kontinuierlich weiter auszubauen. Übun- gen oder gemeinsame Tagungen zum Thema LLOp mit unseren Alliierten, wie beispielsweise mit den Niederlanden, den USA oder Frankreich, bieten hierfür den entsprechenden Rahmen. Luftlandeoperationen können die Voraus- setzung für Operationen mit Spezialkräf- ten schaffen, da Spezialkräfte nur über eine zeitlich und räumlich begrenzte Wirkungs-, Durchsetzungs- und Durchhaltefähigkeit verfügen. Daher ist das Zusammenwirken von konventionellen Luftlandekräften und

das Zusammenwirken von konventionellen Luftlandekräften und Bild links: Fallschirmjäger der 6./Fallschirmjägerregiment
das Zusammenwirken von konventionellen Luftlandekräften und Bild links: Fallschirmjäger der 6./Fallschirmjägerregiment

Bild links: Fallschirmjäger der 6./Fallschirmjägerregiment 26 verlegen während einer Übung unter Sicherung eines Wiesel mit Maschinenkanone 20 mm. Bild rechts: amerikanisches Bodenpersonal bei der Koordinierung beim Aus- laden eines Gefechtsstandfahrzeuges Wiesel aus der Transall während der Übung „Swift Response 2015“

fortgeschrieben; beispielhaft seien hier die Übungsreihen „Condor“, „Luchs“ oder „Eisregen“ auf Ebene der Brigade oder der Verbände genannt. Aber auch Groß- übungen, eingebettet in streitkräftege- meinsame oder multinationale Vorhaben wie JAWTEX 2014 oder „Swift Response 2015“, sind hier zu nennen. Dabei zeigt sich immer wieder als Kernerkenntnis, dass das „System“ LLOp eine nicht zu unterschät- zende Komplexität beinhaltet. Hinzu kommen die Herausforderungen bei der Operation am Boden – dem Nehmen und Halten des Luftlandekopfes. Denn: nach der Landung kämpft der Fallschirmjäger als Infanterist zunächst ohne Anbindung

größerer Übungen realitätsnah darstellbar. Dies ist aufwändig, aber zum Erhalt der Fä- higkeit LLOp unerlässlich. Eine einmal ver- loren gegangene Fähigkeit ist später nur schwer wiederzuerlangen.

Fazit

Die moralische Wirkung auf gegnerische Kräfte durch LLOp „in ihrem Rücken“ ist nicht zu unterschätzen. Ihr unerwartetes Auftreten, das Nehmen von Schlüsselge- lände oder das Unterbrechen von Verbin- dungslinien hat erhebliche Auswirkungen auf die gegnerische Operationsführung und kann daher einen erheblichen Beitrag

Spezialkräften durch einheitliche Planungs- und Einsatzverfahren auf allen Führungs- ebenen sicherzustellen. Der Erhalt und Ausbau der Fähigkeit LLOp setzt außerdem zwingend voraus, dass das hierfür erforderliche Material und die erforderliche Ausrüstung – vom Fallschirm bis zum Gefechtsfahrzeug – weiterentwickelt und beschafft werden. In diesem Bereich wurde inzwischen ei- ne Reihe von Vorhaben auf den Weg gebracht (u.a. Luftlandeplattform als Nachfolger Wiesel, Wolf, Mungo, Gleit- fallschirmsystem etc.), die nun in den kommenden Jahren realisiert werden

müssen.

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Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

die nun in den kommenden Jahren realisiert werden müssen. L Januar 2018 · Europäische Sicherheit &

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BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL

Fit für die Zukunft

Betrieb Tornado über 2025 hinaus

Matthias Fensterseifer

Das Waffensystem Tornado nähert sich mehr als vierzig Jahren nach seinem Erstflug der äußersten Grenze seiner Lebensdauer. 2018 soll eine Entscheidung über den Zeitpunkt seiner Außerdienststellung und seine Nachfolge fallen.

D ie Luftwaffe betreibt das Kampfflug- zeug Tornado in der Jagdbomberva- riante IDS (Interdiction and Strike) und

der ECR-Version (Electronic Combat and

Vielzahl an unterschiedlichen Zielen:, von gegnerischer Infrastruktur über Land- und Luftstreitkräfte, bis hin zur gegnerischen bodengebundenen Luftverteidigung.

(Foto: Luftwaffe)
(Foto: Luftwaffe)

Tornados mit Präzisionsbewaffnung GBU-54 und GBU-24

Reconnaissance), welche auf die Aufklä- rung und Unterdrückung der gegnerischen Luftabwehr spezialisiert ist. Die insgesamt 85 deutschen Tornados decken ein breites Spektrum an Fähigkeiten in den Bereichen Luftangriff und luftgestützte Überwa- chung und Aufklärung ab. Die umfassen- den, hochflexiblen Bewaffnungs- und Zu- ladungsmöglichkeiten des Waffensystems ermöglichen die präzise Bekämpfung einer

Autor

Oberstleutnant Matthias Fensterseifer ist Referent Fliegende Plattformen beim Kommando Luftwaffe.

Aktuell sind deutsche Tornados in Jor- danien stationiert, wo sie im Rahmen der Operation „Inherent Resolve“ (deutsche Mission: „Counter Daesh“) den Koalitions- partnern wichtige Aufklärungsergebnisse für die Bekämpfung der Terrororganisation „Islamischer Staat“ in Syrien und im Irak zur Verfügung stellen. Die Fähigkeiten des Waffensystems werden auch in den kom- menden Jahren gefragt sein, insbesondere wenn es um den der NATO zugesagten Beitrag der Luftwaffe zur Bündnisverteidi- gung geht. Ein nicht unerheblicher Teil der Tornado-Flotte wird auf absehbare Zeit für Einsätze der Allianz zur Verfügung stehen, beispielsweise im Rahmen der schnellen Eingreiftruppe der NATO (enhanced NATO Response Force).

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Eingreiftruppe der NATO (enhanced NATO Response Force). 54 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018 Es

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Es ist daher von großer Bedeutung für die Luftwaffe, dass die durch das Waffensys- tem bereitgestellten Fähigkeiten auch im Umfeld einer deutlich zunehmenden Be- drohung durch moderne, gegnerische Luftstreitkräfte erhalten bleiben. Bisher ist geplant, das Waffensystem Tornado bis zum Jahr 2025 durch die Luftwaffe einzu- setzen. Eine besondere Herausforderung für den Betrieb von älteren Kampfflugzeu- gen wie dem Tornado stellt die sogenannte Obsoleszenzbeseitigung dar. Immer wieder müssen technische Komponenten erneuert werden, die aufgrund von nicht mehr zeit- gemäßer Technologie und ausgelaufener Fertigung durch die Industrie nicht mehr verfügbar sind. Es muss dann adäquater Ersatz gefunden werden (meist durch kost- spielige Neuentwicklungen) und die neue Technologie muss in das Gesamtsystem integrierbar sein.

Ablösung des Waffensystems durch eine Kauflösung

Sowohl die zunehmenden Fähigkeiten geg- nerischer Luftstreitkräfte, die mittelfristig nicht mehr durch Verbesserungen an dem seit den frühen 1980er Jahren durch die Luftwaffe verwendeten Tornado ausgegli- chen werden können, als auch die Obso- leszenzproblematik machen eine zeitnahe Ablösung des Waffensystems notwendig. Aufgrund der engen Zeitlinien wird die Ab- lösung des Tornados durch eine marktver- fügbare Kauflösung intensiv geprüft. Der Zulauf der ersten neuen Kampfflugzeuge ist dabei bereits für das Jahr 2025 geplant. Dieses Projekt ist im Gesamtkontext mit der im Deutsch-Französischen Ministerrat be- schlossenen Entwicklung eines Eurofighter- bzw. Rafale-Nachfolgers zu betrachten, dessen Beschaffung ab dem Jahr 2040 erfolgen soll. Als potentzielle Nachfolger für das Waf- fensystem Tornado wurden zunächst vier Waffensysteme identifiziert. Diese sind die drei US-amerikanischen Kampfflugzeu- ge F-35 Lightning II (Joint Strike Fighter), F/A-18E/F Super Hornet und F-15E Strike Eagle, sowie eine Weiterentwicklung des europäischen Kampfflugzeugs Eurofighter. Damit eine fundierte Datengrundlage für die anstehende Auswahlentscheidung zur

(Foto: Bundeswehr)

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BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL  Tornados in Al-Asrak, Jordanien, im Rahmen der Mission

Tornados in Al-Asrak, Jordanien, im Rahmen der Mission „Counter Daesh“

Verfügung steht, werden derzeit umfang- reiche Informationen über die vier Kandi- daten durch das Verteidigungsministerium eingeholt.

Nutzungsdauererweiterung (NDE) des Waffensystems Tornado

Selbst bei beginnender Auslieferung des Nachfolgemodells an die Luftwaffe im Jahr 2025 wird es eine mehrjährige Über- gangsphase geben, in der sukzessive die Stückzahlen des Waffensystems Tornado abgebaut werden, während gleichzeitig die Anzahl der Waffensysteme des Nach- folgemodells in den Luftwaffenverbänden zunehmen wird.

Daher wird derzeit eine Nutzungsdauer- erweiterung bis maximal zum Jahr 2035 untersucht. Hierfür wurde durch das Kommando Luftwaffe ein Maßnahmen- paket ermittelt, welches einen Fähigkeits- erhalt des Waffensystems bis zum Jahr 2035 trotz einer erhöhten Bedrohung und unter Berücksichtigung neuer ge- setzlicher Vorgaben für den Luftverkehr sicherstellen soll. Damit die Kosten und die Dauer der Umrüstung möglichst klein gehalten werden können, wurden nur solche Umrüstmaßnahmen betrachtet, die für einen reinen Fähigkeitserhalt als zwingend notwendig erachtet wurden. Neben den Maßnahmen zur Obsoles- zenzbeseitigung umfasst das Paket Ver- besserungen der Avionik, der Kommu-

nikationsausstattung, der Selbstschutz- ausstattung und Stückzahlerhöhungen einiger externer Sensoren. Ebenfalls aufgeführt wurden Verbesserungen bei den Ausbildungsmitteln wie etwa dem Simulator. In einem nächsten Schritt wird das Maßnah- menpaket nunmehr durch das Planungsamt der Bundeswehr und das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nut- zung der Bundeswehr mit Zeitlinien und den geschätzten Kosten für jede Einzelmaßnah- me hinterlegt, sodass für die im Jahr 2018 erwartete Entscheidung über den weiteren Betrieb des Waffensystems Tornado ausrei- chend Informationen zur Verfügung stehen.

Fazit

Die Entscheidung über das Ende der Nut- zungsdauer des Waffensystems Tornado und die Beschaffung eines Nachfolgemus- ters, wird im Rahmen des sogenannten „Quality Gate“ im Jahr 2018 erwartet. Auch bei einer Ablösung des Tornados ab dem Jahr 2025 werden einige der vorge- schlagenen Umrüstungsmaßnahmen den-

noch realisiert werden müssen, damit ein Fähigkeitserhalt bis zur Außerdienststel- lung sichergestellt werden kann. Die Zeitlinien, sowohl für die Umsetzung einiger Einzelmaßnahmen aus dem Maß- nahmenpaket zur Nutzungsdauererwei- terung Tornado als auch für den Kauf eines neuen Waffensystems, sind bereits heute sehr eng. Damit der ambitionierte Zeitplan eingehalten werden kann und damit kritische militärische Fähigkeiten für die Landes- und Bündnisverteidigung auch in Zukunft zur Verfügung stehen, muss eine Entscheidung im Jahr 2018 er-

folgen.

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– Fit for the Future kampferprobt • verlässlich • fortschrittlich Seit 40 Jahren bildet der
– Fit for the Future
kampferprobt • verlässlich • fortschrittlich
Seit 40 Jahren bildet der Tornado das Rückgrat
der NATO Luftsicherheit.
Tornado: eine effiziente
und verlässliche Lösung bis über das Jahr 2035 hinaus.
Dank kontinuierlicher Kampfwertsteigerungen und
Modernisierungen bietet der Tornado heute und zukünftig:
Panavia Aircraft GmbH mit den Partnerfirmen Airbus Defence and Space,
BAE Systems und Leonardo steuert und koordiniert die Versorgung und
Weiterentwicklung des Tornados.
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Panavia Aircraft GmbH
Am Söldnermoos 17, 85399 Hallbergmoos, Germany, Tel. +49 (0)811 – 80 0, Fax +49 (0)811 - 80 1322
info@panavia.de, www.panavia.de
 modernste elektronische Kampfführung und Aufklärung
 sichere Kommunikation und Interoperabilität

Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

und Aufklärung  sichere Kommunikation und Interoperabilität Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik 55

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LTG 61 – Ende nach über 60 Jahren

Peter Preylowski

LTG 61 – Ende nach über 60 Jahren Peter Preylowski U mgliederungen, neue Auf- gaben und

U mgliederungen, neue Auf- gaben und Strukturen, aber vor allem Umfangsreduzie-

rungen haben in der Geschichte der Bundeswehr immer wieder auch zur Auflösung von Verbän- den geführt. Mit dem in Penzing bei Landsberg am Lech stationierten Lufttrans- portgeschwader 61 (LTG 61) trifft es nun auch den ältesten fliegenden Verband der

damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß wurde das Ge- schwader am 24. August 1957 of- fiziell in Dienst gestellt. Die Erstaus- stattung bestand aus 18 gebrauch- ten Transportern Douglas C-47D, da sich die Lieferung der Nord 2501 Noratlas zunächst verzögerte. Die ersten Noratlas trafen aber noch im gleichen Jahr ein, sodass mit diesen Transportern die 2.

eine deutsch-französische Entwicklung. Anfang 1971 wurde das LTG 61 an seinen endgültigen Standort Penzing bei Lands- berg verlegt, wo noch im selben Jahr die letzte Noratlas außer Dienst gestellt wurde und zum Ende des Jahres die Auslieferung der letzten Transall erfolgte. Im April 1979 wurde das Geschwader durch die Anglie- derung einer mit dem Hubschrauber Bell UH-1D ausgerüsteten Staffel für den Such-

(Foto: Archiv)
(Foto: Archiv)

Der damalige Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß stellt am 24. August 1957 in Erding das Lufttransportgeschwader 61 in Dienst.

(Foto: LTG 61)
(Foto: LTG 61)

Am 28. September 2017 wurde ein symbolischer Flyout mit einer zum 60. Geschwadergeburtstag als „Silberne Gams 50+01“ lackierten Transall durchgeführt.

Luftwaffe, über 60 Jahre nach seiner Grün- dung. Nach dem Luftwaffenaufstellungs- befehl Nr. 47 vom 29. Januar 1957 wurde am 1. März 1957 mit der Aufstellung des Lufttransportgeschwaders 61 auf dem Fliegerhorst Erding begonnen. Durch den

Staffel aufgestellt werden konnte. Am 22. April 1958 verlegte das LTG 61 nach Neu- biberg, und schon im September des glei- chen Jahres fand der erste Auslandseinsatz in der Türkei statt. Am 16. Juni 1970 erhielt das Geschwader seine erste Transall C-160,

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1970 erhielt das Geschwader seine erste Transall C-160, 56 Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

Europäische Sicherheit & Technik · Januar 2018

und Rettungsdienst erweitert. Doch die Nutzungszeit der Transall und der Bell geht dem Ende entgegen, die Nachfol- gemuster werden nicht in Penzing stati- oniert. Seit Ende 2015 bereitet sich das Geschwader auf seine Auflösung vor. Der letzte Einsatzflug mit einer Transall fand im Februar 2017 statt. Am 10. Juni 2017, dem Tag der Bundeswehr, wurde noch einmal zu einem Tag der offenen Tür ein- geladen, dem fast 52.000 Besucher folg- ten. Die offizielle Außerdienststellung mit dem Einholen der Truppenfahne erfolgte am 14. Dezember. Neben den über 60 Jahre lang geforder- ten Routineaufgaben für die Bundeswehr und Verbündete waren es humanitäre Hilfs- und Katastropheneinsätze, die das Geschwader in den Blick der Öffentlichkeit rückten. 1960 in Agadir, 1964 und 1966 in der Türkei, 1968 in Sizilien usw. usw. Ab Anfang der 1990er Jahre wurde die Bundeswehr vermehrt bei internationalen Missionen eingesetzt, wozu in der Regel Lufttransport erforderlich war: ehemaliges Jugoslawien, Afghanistan, Tschad … L

INNOVATION AND LEADERSHIP IN AEROSPACE
INNOVATION AND
LEADERSHIP IN
AEROSPACE

25. – 29. April 2018

Berlin ExpoCenter Airport www.ila-berlin.de

(Foto: EU NAVFOR)

BUNDESWEHR & STREITKRÄFTE INTERNATIONAL

Deutschlands maritime Dimension

Jahresbericht 2017 des Marinekommandos

Dieter Stockfisch

Seit 30 Jahren präsentiert die Deutsche Marine bzw. das Marine- kommando die Jahresberichte „Fakten und Zahlen zur maritimen Abhängigkeit der Bundesrepublik Deutschland“.

D er Jahresbericht 2017 stellt wie seine Vorgänger einen umfassenden und konkreten Ein- und Überblick zur ak-

tuellen maritimen Lage unseres Landes in all ihren Dimensionen angesichts der Be- schleunigung der Globalisierung und des Anwachsen der Weltwirtschaft (bis 2018 um ca. 3,5 Prozent) dar. Maritime Sicher- heit bildet dabei den Schwerpunkt des Berichtes.

Maritime Wirtschaft Deutschland ist die größte Handels- und Exportnation in Europa, wobei bis zu 90 Prozent des Exports über See abgewickelt werden. Die maritime Wirtschaft zählt mit einem jährlichen Umsatz von ca. 50 Milli- arden Euro und ca. 400.000 Beschäftigten zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen unseres Landes. Die Handelsflotte umfasst 3.173 Schiffe (ab 1.000 BRZ), darunter 207 Schiffe unter deutscher Flagge, und ist mit 6,5 Prozent der Welttonnage die viertgrößte der Welt. Dennoch ist die Han- delsflotte unter deutscher Flagge seit 2008 von 645 Schiffen auf nunmehr 330 Schiffe geschrumpft. Die von deutschen Reedern kontrollierte Containerflotte (1.351 Schif- fe, davon 117 unter deutscher Flagge) ist die größte der Welt. 2016 wurden 296,4 Millionen Tonnen Güter in deutschen See- häfen bei 130.152 Schiffsbewegungen um- geschlagen. Der Schiffbau mit ca. 17.500 Beschäftigten erzielt einen jährlichen Um- satz von ca. 5,4 Milliarden Euro, wobei 67 Prozent der Produkte exportiert werden.

Maritime Sicherheit/Krisengebiete Der internationale Seehandel basiert auf weltweiten, freien und sicheren Seever-

bindungswegen. Aber Krisengebiete wie das Südchinesische Meer gefährden die sicheren Seeverbindungswege. Dort be- ansprucht China ca. 90 Prozent des Süd- chinesischen Meeres quasi als chinesisches Binnenmeer und militarisiert die besetzten Inseln und Atolle. Dabei kommt es immer wieder zu Zwischenfällen mit den An- rainerstaaten und vor allem mit der U.S. Navy, die demonstrativ die chinesischen „Hoheitsgewässer“ durchfährt/überfliegt, weil die USA und die Völkergemeinschaft Chinas Ansprüche nicht anerkennen und auf freie Durchfahrt (freedom of naviga- tion) pochen. Auch die internationalisier- te Arktis mit ihrem politisch ungeklärten Status ist krisenanfällig. Der Klimawandel beschleunigt das rasante Abtauen der Eis- panzer. Das erleichtert den Zugang zu den Gas-, Erdöl- und Erzvorkommen und öffnet die nördliche Seeroute, die entlang Nordrusslands Küsten Europa mit Asien verbindet, für den internationalen Schiffs- verkehr. Russland hat daher am Nordkap neue Marinestützpunkte errichtet und sechs alte Stützpunkte wieder aktiviert und führt regelmäßig Militärmanöver in der Arktis durch. Das Mittelmeer hat sich wegen der enor- men Migrationswellen über See nach Eu- ropa zu einem akuten Krisengebiet gewan- delt. Weltweit sind derzeit ca. 65,6 Millio- nen Menschen auf der Flucht mit steigen- der Tendenz. Die Migrationswelle über das Mittelmeer betrug 2015 über eine Million Menschen. Mit dem Vorgehen europäi- scher Marinen und Frontex-Behörden und der Zusammenarbeit mit nordafrikanischen Ländern gegen Schlepper- und Schleuser- banden konnte der Migrationsstrom 2016

Ein Einsatzverband (Einsatzgruppenversorger und zwei Fregatten Klasse 124) der Deutschen Marine im Mittelmeereinsatz

auf ca. 370.000 Menschen reduziert wer- den. Aber 2017 ist der Migrationsstrom wieder angewachsen. Absehbar ist, dass die Migrationsströme auch künftig nicht abnehmen werden.

Piraterie Piraterie ist rückläufig. 2016 wurden weltweit noch 191 Piratenüberfälle auf die Schifffahrt gemeldet, 2015 waren es noch 246. Am Horn von Afrika, 2011 mit 163 Überfällen der Piraterie-Hotspot, ist die Piraterie 2016 auf zwei Überfälle zurückgegangen. Dies wurde durch die Antipiraterie-Einsätze der EU-geführten Mission „Atalanta“, der US-Task Force 151 und Einheiten zahlreicher Nationen erreicht. Auch in Südostasien (Indonesi- en) konnte durch verstärkte Antipirate- rie-Patrouillen der Anrainerstaaten die Pi- raterie spürbar zurückgedrängt werden. Dafür hat sich in Westafrika/Golf von Guinea ein neuer Pirateriebrennpunkt entwickelt. 2015 gab es dort 31 gemel- dete Überfälle und Schiffsentführungen. 2016 waren es bereits 55. Die Dunkelzif- fer liegt höher.

Deutsche Marine

Die Deutsche Marine trägt kontinuierlich mit hoher Einsatzintensität seit vielen Jah- ren weltweit zur Konfliktbewältigung und Krisenvorsorge bei. 2015/2016 stellte sie über 25 Prozent aller Soldaten der Bun- deswehr in ihren zahlreichen Einsätzen. Derzeit umfasst die Marine 77 Schiffe/ Boote und 51 Flugzeuge/Hubschrauber. Der Personalumfang in der Marine beträgt 15.867 Soldatinnen und Soldaten. Die Flot- te wird bis 2020 um vier Fregatten Klasse 125 und 18 neue Hubschraubern (Sea Lion) aufwachsen. Geplant ist zudem der Zulauf von fünf Korvetten Klasse 130 (2. Los), zwei U-Booten Klasse U212A NG und mittelfris- tig vier bis sechs Mehrzweckkampfschiffen

(MKS 180).

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(Foto: U.S. Air Force)

ES&T SPEZIAL: FLUGABWEHR

Thesen zur boden- und seegestützten Luftverteidigung in Europa

Stefan Nitschke

Zur Bewältigung von Risiken, die Europa mit dem Aufkommen neuer regionaler Konfliktsituationen bedrohen, bedarf es gemeinsamer ver- teidigungspolitischer und rüstungstechnologischer Anstrengungen. Hierzu gehört eine glaubwürdige boden- und seegestützte Luft- verteidigung.

durch taktische und substrategische/stra- tegische aerodynamische Angriffswaffen, sogenannte Cruise-Missiles, ausgehen. Die Proliferationsentwicklung bei solchen Waf- fensystemen kann heute als bedenklich bewertet werden. Die Bedrohung, welche durch solche Offensivwaffen ausgeht, ist der Öffentlichkeit bislang aber weitgehend verborgen und vorenthalten geblieben.

K risenhafte Entwicklungen – einherge- hend mit neuartigen Bedrohungen aus der Luft – eröffnen die Debatte

um eine verbesserte Luftverteidigung in Europa. Zum einen führt die Verbreitung von taktischen-ballistischen Flugkörpern (Tactical Ballistic Missiles, TBM) in einer Reihe von sogenannten Schurkenstaaten wie Nordkorea, Iran und Syrien zu po- tenziellen regionalen Konfliktsituationen, die auch Europa bedrohen, zum anderen kommt ein in den letzten Jahren gewach- senes Konfliktpotenzial mit Russland zum Ausdruck. Letzteres entstand im Zuge des Aufbaus eines Raketenabwehrschirms in Europa und durch die Bemühungen der Vereinigten Staaten, entsprechende Ab- wehrsysteme in Polen (Redzikowo) und in Rumänien (Deveselu) zu installieren. Russ- land, das sich durch die inzwischen erfolgte Stationierung von Abwehrsystemen selbst bedroht fühlt, da der Einsatzwert von ei- genen strategischen Waffensystemen ein- geengt würde, reagierte deshalb mit einer weiteren Modernisierung seiner Offensiv- waffen. Die als aggressiv wahrgenommene Politik Moskaus in der Ukraine und ander- norts (Nordpolar- und Ostseeraum) führt bei den europäischen NATO-Staaten zu weiterer Besorgnis. Es gibt mehree Instrumentarien, die der Eindämmung möglicher Risiken im eu- ro-atlantischen Raum dienen. Zwei davon, Luftmacht (Air Power) und Erweiterte Luft- verteidigung, werden als „Mittel der Ab- schreckung“ verstanden, so NATO-Vertre- ter während der Joint Air and Space Power

Autor

Stefan Nitschke ist Editor, Special Assignments bei unser Schwesterzeit- schrift European Security & Defence.

Conference 2017 in Essen am 11. Oktober im vergangenen Jahr. Die Schaffung eines „gemeinsamen Verständnisses“ der der- zeitigen Bedrohungslage, so Konferenz- teilnehmer, biete genügend Argumente, die Analyse der Stärken und Schwächen von Luftverteidigung im euro-atlantischen Raum durch eine Neubewertung von ro- busten Fähigkeiten bei boden- und seege- stützten Einsatzmitteln zu untermauern.

Fehlende Kapazitäten

Das fehlende oder unzureichende Ver- ständnis der meisten NATO-Staaten, solche Offensivwaffen – Cruise-Missiles – in eine glaubwürdige Luftverteidigung mit einzu- beziehen, führte zu besorgniserregenden Defiziten bei der Luftabwehr besonders im Kurz- und Mittelbereich. Die Lücke bei der Flugabwehr im kurzen Entfernungsbereich

Die Lücke bei der Flugabwehr im kurzen Entfernungsbereich Patriot (Foto) und MEADS/TLVS zeichnen sich dadurch aus,

Patriot (Foto) und MEADS/TLVS zeichnen sich dadurch aus, dass sie rasch verlegefähig sind und über eine hohe taktische Mobilität verfügen. Die- se Systeme sind für die Flugkörperabwehr in der unteren Abfangschicht und zur Bekämpfung von TBM, die den höheren Abhaltebereich durch- brochen haben, ausgelegt.

Deren Bedeutung für eine glaubwürdige TBM-Abwehr in Europa wächst mit dem Grad der Bedrohung durch neuartige An- griffsmittel. Nur ein Gesamtsystem aus Frühwarnsystemen und Effektoren kann hinreichenden Schutz gegen weitreichen- de TBM und die weiterhin als kritisch einge- stuften Wiedereintrittskörper bieten. Ungeachtet dessen tun sich aber weitere Risiken auf, welche von der Bedrohung

(SHORAD/VSHORAD, Short-Range/Very Short-Range Air Defence) zeichnet sich seit einigen Jahren ab. NATO-Partner kri- tisieren das Fehlen entsprechender Fähig- keiten auch bei der Bundeswehr. In einem Dokument zu den Fähigkeitsforderungen für ein „Flugabwehrraketensystem kurzer Reichweite“ geht es jetzt um die Frage, wie die Fähigkeitslücke auf absehbare Zeit geschlossen und der Schutz der Landstreit-

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auf absehbare Zeit geschlossen und der Schutz der Landstreit- Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik

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kräfte auch vor neuartigen Bedrohungen wie Cruise-Missiles erreicht werden kann. Die Modernisierung der bodengebunde- nen Luftverteidigung gilt als hoch priori- siertes Vorhaben. Mittelfristig könnten für Voruntersuchungen und erste Entwick- lungen eines Flugabwehrraketensystems kurzer Reichweite Finanzmittel von 460 Millionen Euro eingeplant werden. Für eine spätere Projektphase könnten dann noch einmal rund zwei Milliarden Euro „hinzu- genommen“ werden, so ein Konferenzteil- nehmer beim FKH-Symposium „Nutzung des Luftraums durch die Landstreitkräfte – operativ und technisch“ beim Internationa- len Hubschrauberausbildungszentrum Bü- ckeburg Mitte November letztes Jahr. Die Frage, ob hierfür von der Industrie bereits entwickelte Lasertechnologien und weite- re Sensorkomponenten genutzt werden, bleibt auch aus Kostengründen unklar.

(Foto/Grafik: Korean Central News Agency; The Heritage Foundation)
(Foto/Grafik: Korean Central News Agency; The Heritage Foundation)

fünf Kilometer Höhe und zehn Kilometer Entfernung ausgelegt. NASAMS II befindet sich bereits in Finnland, den Niederlanden, Norwegen, Spanien und in den USA in der operationellen Nutzung. Ob der Vorschlag IRIS-T SL letztlich obsiegt, hängt davon ab, ob nicht ein leichterer Effektor vorrangig betrachtet werden muss. Kritiker behaup- ten, IRIS-T SL als Nachfolger von Ozelot/ Stinger sei überdimensioniert. Mit einer Entscheidung wird nicht vor 2018 gerech- net.

Abwehrsysteme höchster technologischer Reife

Die Proliferation von Technologien für TBM hat eine globale Dimension erreicht. Einer Einschätzung der Bedrohungslage durch die NATO zufolge werden einige Staaten in Zentral- und Südostasien sowie des Mittle-

nitionen, die von einem Trägersystem mitgeführt und in großen Höhen als Wie- dereintrittskörper ausgestoßen werden. Als außerordentlich kritisch benennen NATO-Papiere im hohen Machzahlbereich anfliegende TBM, die wegen ihrer größe- ren Systemreichweiten und verbesserten Präzision sowie der dramatisch reduzierten Abstrahlungscharakteristiken und der rela- tiv kleinen letalen Bereiche nur sehr schwer bekämpft werden können. Ebenso wie die Interzeption von TBMs und Wiedereintrittskörpern im exoatmosphäri- schen Abhaltebereich eine technologische Herausforderung darstellt, ist deren Abwehr im unteren Abhaltebereich nicht unproble- matischer, weil mit einer hohen Präzision relativ kleine letale Bereiche an einem TBM (wie die Flugkörperelektronik und die Ge- fechtsladung) oder bereits abgetrennte und in die untere Abfangschicht gelangte Wie-

abgetrennte und in die untere Abfangschicht gelangte Wie- Links: Start einer nordkoreanischen Mittelstreckenrakete des

Links: Start einer nordkoreanischen Mittelstreckenrakete des Typs BM25 Musudan am 21. Juni 2016. Rechts: Mit den im Juli und November 2017 durchgeführten Raketentests gelangt das Festland der USA in Reichweite neuester nordkoreanischer Interkontinentalraketen.

Nachdem Lenkflugkörper Neue Genera- tion inzwischen von Diehl Defence offen- sichtlich nicht mehr offeriert wird, gehen Beobachter davon aus, dass IRIS-T SL/SLS oder ein bei Kongsberg und Raytheon verfügbares System (NASAMS II) als mögli- che Favoriten in Betracht gezogen werden könnten. IRIS-T SL/SLS als Teil des Gesamt- systems IRIS-T SLM könnte ohne größere Modifizierungen für den Bodenverschuss adaptiert werden – etwa analog zu der von Schweden beauftragten Systemkonfi- guration auf dem Trägerfahrzeug Bv206/ BvS10 von Hägglunds Vehicle AB (jetzt BAE Systems). Bei IRIS-T SL (Surface Launched) handelt es sich um eine reichweitengestei- gerte Version des Lenkflugkörpers IRIS-T. Dieses System ist für den Nahbereich bis

ren Ostens bereits zu Beginn des nächsten Jahrzehnts über mehr als 2.200 TBM mit unterschiedlichen Reichweiten und Ge- fechtskopftypen verfügen. In dieser Berech- nung sind allerdings auch etwa 600 TBM enthalten, deren Reichweite über 2.500 km betragen wird und die nach neuesten Ein- schätzungen auch Mitteleuropa bedrohen könnten. Die Arbeiten an Systemen mit grö- ßerer Reichweite (über 9.000 km) in Nordko- rea bestätigen diese Tendenz. Um die Dramatik der weltweit beobacht- baren Proliferationsentwicklung bei TBM zu verdeutlichen, ist von großer Wichtig- keit, dass viele dieser Angriffsmittel nur sehr schwer mit den zurzeit verfügbaren Luftverteidigungsmitteln zu bekämpfen sind. Hierbei handelt es sich um Submu-

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zu bekämpfen sind. Hierbei handelt es sich um Submu- 60 Europäische Sicherheit & Technik · Januar

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dereintrittskörper bekämpft werden müs- sen. Hierzu gibt es jedoch nach wie vor keine einheitlichen Kill-Kriterien, die eine sichere Identifizierung der Position eines Gefechts- kopfes in einem TBM, die Unterscheidung eines anfliegenden TBM-Gefechtskopfes von einem Täuschkörper und die Klassifi- zierung eines anfliegenden TBM-Gefechts- kopftyps ermöglichen könnten. Die Bekämpfung des Trägermittels durch einen Catastrophic Kill-Treffer in der ge- forderten Abhaltehöhe muss demzufolge sicherstellen, dass Kollateralschäden am Boden durch solche Submunitionen wei- testgehend vermieden werden. Chemische und biologisch (bakteriologische) Submuni- tionen gelten deshalb schon seit Längerem als außerordentlich kritisch, da sie größere

(Foto: Diehl Defence)(Foto:

Thales Nederland)

(Foto: Diehl Defence)(Foto: Thales Nederland) Offene Systemarchitektur bei bodengebundenen Luftverteidigungs- systemen:

Offene Systemarchitektur bei bodengebundenen Luftverteidigungs- systemen: Gesamtsystem IRIS-T SLM (Startgerät und Effektoren IRIS-T SL) mit Multifunktionsradar CEAFAR (CEA Technologies) und Tactical Operation Centre mit BMD-Flex C3 (Terma) und Oerlikon Skymaster Battle Management System (Rheinmetall Air Defence)

Skymaster Battle Management System (Rheinmetall Air Defence) Die Entdeckungsreichweite des Radarsystems SMART-L MM/N wird

Die Entdeckungsreichweite des Radarsystems SMART-L MM/N wird durch neue Software auf bis zu 1.500 km erhöht.

Bekämpfungsreichweiten in Höhen ober- halb von 20 km erfordern. Derzeit verfügt die NATO, abgesehen von der eingeschränkten Bekämpfung von Punktzielen in der unteren Abfangschicht durch Abwehrsysteme wie Patriot PAC- 3, über keine ausreichende Befähigung besonders zur Bekämpfung von weitrei- chenden TBM. Endphasensysteme wie PAC-3, die gemäß der HTK-Technologie (Hit-to-Kill) einen Direkttreffer an einem anfliegenden TBM-Ziel herbeiführen sol- len und deren Feuerleitung vom Boden aus erfolgen muss, haben dann allerdings ein beträchtliches Abwehrpotenzial, wenn deren Waffenleitradar präzise genug ein- gewiesen wird. Sicher ist, dass seegestützte Abwehrsyste- me im Vergleich zu herkömmlichen landge- stützten Systemen wie PAC-3 über deutlich größere Footprints verfügen, weil die zur

Detektion und Verfolgung von Flugkörper- bedrohungen eingesetzten bordeigenen Phasenradare Informationen zu deren prä- ziser Einweisung erhalten oder aber über hinreichend große Entdeckungsreichwei- ten verfügen. Deutschland und die Nieder- lande planen, entstehende Defizite in die- sem Bereich durch Fähigkeitsanpassungen bei schiffseigenen Sensoren zu beseitigen. Hierfür stellt Thales Nederland das auf Gal- liumnitrid-Technologie basierende Radar- system SMART-L MM/N (Multi-Mission/ Naval) bereit. In einem typischen TBMD-Szenario könnte die Fregatte F124 („Sachsen“-Klasse) dann als eine sinnvoll in streitkräftegemeinsame Einsätze integrierbare Plattform für die Gewinnung, Zusammenführung (Fusion) und den Austausch von Sensordaten im Sinne eines sogenannten Sensor Netting mit anderen schwimmenden und fliegen-

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den Einheiten der Flotte und verbündeter Kräftedispositive genutzt werden. Die notwendigen Voraussetzungen für ei- ne künftig verbesserte Abwehr von See aus umfassen längerfristig eine leistungsgestei- gerte Verarbeitung von Frühwarn- und Ra- dareinweisedaten in einer Echtzeitrechner- umgebung. Die Grundidee dafür bietet das amerikanische Coordinated Engagement Concept (CEC), das als Frühwarnsystem Zieldaten von unterschiedlichen Sensor- plattformen – schiffsgestützte wie AEGIS SPY-1 (künftig auch SPY-6) und luftgestütz- te wie E-2D AHE Advanced Hawkeye bzw. JTIDS (Gemeinsames taktisches Informati- onsverteilungssystem) – und im Verbund mit bodengebundenen Elementen der Flugkörperabwehr an geografisch weiträu- mig dislozierte Plattformen zur Darstellung eines überall identischen Luftlagebildes ver- teilt. Zumindest erscheint aus heutiger Sicht eine frühzeitige Ortung und Bekämpfung von TBM sowie von Wiedereintrittskör- pern, die unterschiedliche Submunitions- gefechtsköpfe enthalten, durch CEC oder ein ähnliches Frühwarnsystem möglich. Seegestützte Abwehrsysteme verfügen im Vergleich zu landgestützten Systemen wie PAC-3 über deutlich größere Footprints, weil die zur Detektion und Verfolgung von Flugkörperbedrohungen eingesetzten schiffseigenen Phasenradare Cueing-In- formationen erhalten oder aber über hin- reichend große Entdeckungsreichweiten verfügen. Außerdem kann auf den Ein- satz von landgestützten Frühwarnradaren verzichtet werden, wenn schiffsgestützte Phasenradare in der Nähe der gegneri- schen Abschussanlagen (im Küstenvorfeld) disloziert sind, die sehr viel früher in der oberen Abfangschicht anfliegende Bedro- hungen auffassen und solche sich in der Aufstiegsphase befindlichen Systeme einer Bekämpfung durch schiffsgestartete Ab- wehrflugkörper zuführen können.

Systeme im Vergleich

Untersuchungen aus den Jahren 2009, 2010 und 2012 zufolge erscheint im unte- ren Abhaltebereich, wo PAC-3 und MEADS/ TLVS in der aktiven Flugkörperabwehr am wirkungsvollsten eingesetzt werden sol- len, eine Direkttrefferwahrscheinlichkeit von über 70 Prozent und eine Zielzerstör- wahrscheinlichkeit von nahezu 90 Prozent bei einem Doppelverschuss von PAC-3 als realistisch. Sehr ähnliche Arbeiten erfolg- ten in Frankreich und Italien mit SAMP/T (sol-air-moyenne portée/terrestre), einem bodengestarteten Endphasensystem auf Basis ASTER 30 mit einer prognostizierten Direkttrefferwahrscheinlichkeit von 65 bis 75 Prozent.

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Direkttrefferwahrscheinlichkeit von 65 bis 75 Prozent. Januar 2018 · Europäische Sicherheit & Technik 61

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(Foto: DCNS)

(Foto: MBDA)

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Die höchstmögliche Direkttrefferwahr- scheinlichkeit bei diesen Abwehrsystemen ist allerdings abhängig von der Flugbahn und der Geschwindigkeit eines anfliegen- den TBM. Dessen Vulnerabilität ist dann als besonders hoch einzustufen, wenn dieser in die dichter werdende Atmosphäre ein- taucht und der Eintrittswinkel mit zuneh- mender Reichweite des Flugkörpers flacher wird. Als gesichert gilt hier die Annahme, dass die Geschwindigkeit eines weitrei- chenden TBM (etwa vom russischen Typ RS-12M1/2 Topol-M (SS-27/RT-2PM2) und solche aus nordkoreanischer, iranischer, pa- kistanischer und chinesischer Entwicklung wie Taepo-Dong 2, Shahab 3 oder BM25 Musudan, Agni III und JL-2 (CSS-NX-5) nach dem Eintritt in die Atmosphäre stark abgebremst wird. Bei TBM mit einer Reich- weite von über 2.000 km sind derartige Merkmale bereits in einer Höhe von etwa 30 km zu erwarten. Als ein High End-/Exo-Abwehrsystem ist THAAD (Terminal High Altitude Area De- fense) im Abhaltebereich oberhalb von 20 km gegen solche Bedroher durch Nutzung

oberhalb von 20 km gegen solche Bedroher durch Nutzung Mit dem Endphasensystem ASTER 30-SAMP/T können TBM

Mit dem Endphasensystem ASTER 30-SAMP/T können TBM mit einer Reich- weite bis 600 km bekämpft werden.

von Kinetic Kill Vehicles (KKV) und deren hoher kinetischer Energie (über 200 MJ) wirksam. THAAD auf der einen Seite und Endphasensystemen wie MEADS/TLVS (Taktisches Luftverteidigungssystem) und Patriot PAC-3 auf der anderen Seite ist ge- meinsam, dass sie beim Abwehrflugkörper

Seite ist ge- meinsam, dass sie beim Abwehrflugkörper Das auf französischen und singapurischen Fregatten genutzte

Das auf französischen und singapurischen Fregatten genutzte Multi- funktionsradar Herakles wird als Multibeam-Radar für die Ortung und Identifizierung von Luftzielen über Distanzen bis über 250 km und 26 km Höhe und als Pencilbeam-Radar für Tracking-Aufgaben eingesetzt. Die Aufnahme zeigt die mit dem Herakles-Radar ausgerüstete französische FREMM-Fregatte „Normandie“.

die gleiche konventionelle HTK-Technolo- gie nutzen. Allerdings unterscheiden sich diese Systeme durch die Ausdehnung der verteidigten Fläche (Footprints). Das durch den US-Kongress als „Deployable TMD Demonstration System“ im National Missile Defense (NMD) Act von 1991 gebil- ligte und mit Beteiligung der Ballistic Missile Defense Organization (BMDO) im Rahmen der taktischen Zielvorstellung Joint Vision 2010 inzwischen bei den amerikanischen Streitkräften eingeführte Upper Layer-Sys- tem THAAD soll die Bekämpfung von in unterschiedlichen Eintrittswinkeln anflie- genden TBM im sehr hohen Abhaltebereich (Upper Keep-out Altitude) ermöglichen. Die großen Entdeckungsreichweiten werden hierbei nur durch ein Waffensystemradar mit einer feststehenden Antenne mit elek- tronischer Strahlschwenkung erzielt, wobei Reichweiten in der Größenordnung von über 450 km angenommen werden kön- nen. Wichtig ist hierbei der Tatbestand, dass die frühzeitige Detektion und Identifizierung von TBM-Zielen und die Unterscheidung von Gefechtsköpfen und Täuschkörpern Reichweiten und Auflösungsgenauigkeiten erfordert, die mit den bislang entwickelten Systemen kaum erreicht werden können. Frühere Überlegungen, THAAD auch in Europa zur TBM-Abwehr im oberen Ab- haltebereich (Upper Tier TBMD) zu nutzen, besagen, dass am Beispiel Deutschlands eine im Vergleich zu PAC-3 und MEADS/ TLVS um ein Vielfaches geringere Stückzahl von Werferstellungen zur Abdeckung des Territoriums erforderlich wäre.