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Kripkes Auslegung von Frege in Naming and Necessity

Gegenstand dieses Essays ist S. Kripkes Auslegung von Frege, wie sie in Naming and Necessity beschrieben wird.
Was uns besonders interessiert ist die Identifizierung der Unterschiede zwischen Kripkes und Freges Auffassung
von Eigennamen1 (proper names). Unser Ausgangspunkt ist die allgemeine Frage über die
Möglichkeitsbedingungen von De Re Sinnen nach J. McDowells Konzeption2, die den bedeutenden Unterschied
zwischen Sinn und Bedeutung treu blieben. Diese Frage lässt sich offensichtlich nicht befriedigend im Rahmen
eines kurzen Essays beantworten. Ausgehend aber davon würden wir uns hierbei darauf beschränken, auf die
Möglichkeit einer anderen als die von Kripke bevorzugten Interpretation von Sinn hinzuweisen und trotz Kripkes
Argumente die fregesche Auffassung von Eigennamen als vertretbar zu erkennen. Um dieses Ziel etwa zu nähern
werden wir uns hauptsächlich mit den kripkeschen Erwähnungen von Frege befassen und uns nicht so sehr mit
dem eigentlichen Erfolg seiner Argumente beschäftigen. Trotzdem werden die sogenannten semantischen
Argumente (Lektüre 2) sowie die bedeutende Unterscheidung zwischen ‘Giving the meaning‘ und ‘Fixing the
reference‘ (Lektüre 1) von Bedeutung sein.

Am Anfang seines Textes betont Kripke den seiner Meinung nach engen Zusammenhang zwischen den im Titel
erwähnten Themen von Bezugnahme und Modalität. Im Folgenden konzentrieren wir uns kontra seine Ansicht
auf seine den Namen betreffenden Überlegungen, die mit Frege (und Russell) vorwiegend zu tun haben. Nachdem
Kripke was er mit Eigennamen meinen wird erläutert hat, fragt er sich über die Beziehung zwischen den Ersteren
und den sogenannten bestimmten Beschreibungen (definite descriptions qua Russell). In Bezug auf J.S. Mill
behauptet er, dass es zwischen diesen Beiden einen Unterschied gibt, indem die Eigennamen keinen Sinn sondern
nur Referenz (Bedeutung qua Frege) besitzen3 (später4 in seinem Text erklärt Kripke seine Zustimmung mit Mill
angesichts der Singulären Name (singular names) und seinen Dissens im Fall von ‘allgemeinen Namen). Dieser
Eigennamenauffasung gegenüber steht nach Kripke die moderne Logik, die Frege und Russell vertreten. Diese
während Kripkes Zeit orthodoxe Stellungnahme zu Eigennamen wird oft als Beschreibungstheorie von
Eigennamen oder Frege-Russell Theorie zusammengefasst. Ihrzufolge besteht zwischen jedem Eigennamen und
Beschreibung eine Äquivallenz und man kann mit Ersteren Bezug auf etwas nur dann nehmen, wenn sie dazu
benutzt werden, ein Individuum deskriptiv zu identifizieren. Laut Kripke: “ Frege and Russell both thought, and
seemed to arrive at these conclusions independently of each other, that Mill was wrong in a very strong sense:
really a proper name, properly used, simply was a definite description abbreviated or disguised5”.

1
Saul Kripke, Naming and Necessity, Harvard University Press, 1980, p.24. Im Folgenden werden wir
die englische Ausgabe zitieren, obwohl es eine deutsche Übersetzung von Kripkes Buch vorhanden ist.
2
De Re wird hier im Sinne von ‘object dependent’ gemeint und spielt eine wichtige Rolle in McDowells
Werk an Semantik besonders in De Re Senses, Singular Thought and the Extent of Inner Space und
Evans’s Frege.
3
“Proper names are not connotative; they denote the individuals who are called by them; but they do not
indicate or imply any attributes as belonging to those individuals. (...) Proper names are attached to the
objects themselves and are not dependent on the continuance of any attribute of the object.”, J. S. Mill,
A System of Logic. Ratiocinative and Inductive, 8th edition, London, Longmans, 1959, p.20.
4
S. Kripke, 1980, p. 128
5
Ebd., p. 27
Was aber jemandem als besonders auffällig im ersten Blick scheinen kann, ist die Behauptung einer
fundamentalen Übereinstimmung zwischen Frege und Russell, die trotz ihrer oft erwähnten Unterschiede eine
Synthese ermöglicht, die als Beschreibungstheorie von Eigennamen gefasst werden kann. In der Tat waren Frege
und Russell auf keinen Fall miteinander einverstanden, wie die Eigennamen richtig aufzufassen sind. Ihrer
scheinbaren Übereinstimmung, dass Eigennamen und Beschreibungen zu derselbe semantischen Kategorie
gehören, lag ein fundamentaler Dissens zugrunde. In Sinn und Bedeutung erklärt Frege seine Auffassung über
Eigennamen solchermaßen6: “Aus dem Zusammenhänge geht hervor, dass ich hier unter “Zeichen” und “Namen”
irgendeine Bezeichnung verstanden habe, die einen Eigennamen vertritt, deren Bedeutung ein bestimmter
Gegenstand ist….Die Bezeichnung eines einzelnen Gegenstandes kann auch aus mehreren Worten oder sonstigen
Zeichen bestehen. Der Kürze wegen mag jede solche Bezeichnung Eigenname genannt werden”. Frege zufolge
gehören die Eigennamen zu derselben semantischen Kategorie wie die Beschreibungen, indem sie Sinn und
manchmal Bedeutung haben, sind aber von Quantifikatoren verschieden, die als ihre Referenz Eigenschaften und
nicht Objekte haben. Auf der anderen Seite stimmte Russell diese Gruppierung zu, wohingegen er
Eigennamen(proper names) als verkürzte7 Beschreibungen charakterisiert: “ the names we commonly use, like
‘Socrates’, are really abbreviations for descriptions…When we use the word ‘Socrates’ we are really using a
description. Our thought may be rendered by some such phrase as ‘the master of Plato’, or ‘the philosopher who
drank the hemlock’ or ‘the person whom logicians assert to be mortal”8. Er betont aber zugleich, dass diese keinen
Sinn9 im eigentlichen Sinn besitzen und mit den Quantifikatoren10 in eine Kategorie zusammengefasst werden
sollten.

Obwohl die bereits skizzierte Beschreibung der Unterschiede zwischen Russell und Frege wesentlich mangelhaft
ist, weist sie doch im Groben auf den wichtigen Dissens der beiden Philosophen hin. Worin aber besteht außer
der scheinbaren Übereinstimmung nach Kripke der Grundgedanke, den Frege und Russell miteinanderteilen?
Dieser ergibt sich lediglich, wenn man die Gründe für die Ablehnung der millsche Theorie der Eigennamen
bedenkt. Nach Kripke besteht das Hauptproblem jeder der Auffassung Mills ähnlichen Position darin, “ how we
can determine what the referent of a name, as used by a given speaker, is11. Auf dieses Problem reagieren beide
Frege und Russell dadurch, dass sie behaupten, “ our reference here seems to be determined by our knowledge of
them. Whatever we know about them determines the referent of the name as the unique thing satisfying those

6
Frege, Sinn und Bedeutung, p.39
7
Genaugenommen wäre es falsch ohne Qualifizierung zu behaupten, dass für Russell Eigenname
Beschreibungen abkürzen. Zwar setzt er voraus, dass man beim Gebrauch eines Namens eine deskriptive
Beschreibung benutzt, aber er setzt nicht Namen mit Beschreibungen gleich, weil er nicht glaubt, dass
es für jeden Namen eine Beschreibung gibt, die zu “giving the meaning“ oder “fixing the reference”
dient. Der Grund dafür liegt darin, dass Russell nicht behauptet, es gebe etwas Gemeinsames auf dem
Sinne Ebene, dessen deskriptive Gehalt mit einem Namen gleichgesetzt werden könnte. Das einzig
gemeinsam zwischen den Sprechern wäre für Russell nur das Objekt mit dem man vertraut wäre. Harold
Noonan erwähnt dazu das Folgende Zitat aus Russells Lectures on Logical Atomism: “When one person
uses a word, he does not mean by it the same thing as another means by it. … It would be absolutely fatal
if people meant the same thing by their words. It would make all intercourse impossible … Because the
meaning you attach to your words must depend on the nature of the objects you are acquainted with, and
… different people are acquainted with different objects”. Russell, 1956, p. 195
8
B. Russell, Logic and Knowledge, R. Marsh (ed.), London: George Allen and Unwin, 1956, p. 201
9
In die in 1980 erschiene Auflage von Naming and Necessity qualifiziert Kripke in einem bestimmten
Sinne seine Behauptung, dass für Russell Eigenname Sinn haben (siehe Fußnote 4)
10
H. Noonan, Routledge Philosophy GuideBook to Kripke and Naming and Necessity, Routledge, 2013,
p. 30
11
S. Kripke, 1980, p. 27-28
properties”12. Dieser mag der gemeiner Grundgedanke sein, den Gareth Evans13 als Russells Prinzip (Russell’s
Principle) beschrieben hat (man hätte ihn gleichermaßen Freges Prinzip nennen können). Demzufolge kann man
nur dann auf etwas sprechen oder denken, wenn man was gedacht oder gesprochen wird einigermaßen weiß.
Damit also ein Gegenstand als Referenz einer Aussage oder eines Gedankens funktionieren kann, ist es
unabdingbar, dass man von einer Bedingung Auskunft hat, die dieser Gegenstand als Einzige erfüllen könnte.
Dadurch wäre man in der Lage diesen Gegenstand von möglichen anderen Bezugsobjekte zu unterscheiden und
sich daher eine Beziehung zwischen Zeichen und Welt zu verschaffen. An andere Stelle in Naming and Necessity
fasst Kripke diesen paradigmatischen Gedanken so zusammen:1980:7914. Auf ähnlicher Weise und etwa
unabhängig von Kripke spricht zugleich Donnellan von ‘the principle of identifying descriptions’, das er mit einer
Passage aus Strawsons Individuals exemplifiziert: “it is no good using a name for a particular unless one knows
who or what is referred to by the use of the name. A name is worthless without a backing of descriptions which
can be produced on demand to explain the application15”. Darauf fragt sich Donnellan ähnlich wie Kripke: “ it
seems at first sight almost indisputable that some such principle governs the referential function of proper names.
Must not a user of a proper name know to whom or what he is referring? And what can this knowledge consist in
if not the ability to describe the referent uniquely?16”.

Eine Bemerkung wäre an diesen Punkt notwendig: Kripkes Argumente gegen die Beschreibungstheorie der
Eigennamen werden oft von Interpreten in modalen und semantischen Argumente17 aufgeteilt. Das modale
Argument hängt von Begriff der Starrheit ab, wobei die Semantische manchmal als die Argumente18 von
Unwissenheit und Irrtum (argument from ignorance and error) bekannt sind. Kripke scheint dabei im Gegensatz
zu den parallelen Arbeiten H. Putnams als wichtigere das modale Argument anzuerkennen, das in erster Lektüre
beschrieben und gegen die stärkere Version der Frege-Russell Theorie eingeführt wird. Hier sind wir aber wegen
der Kürze des Essays dazu verpflichtet den Erfolg des modalen Arguments und seiner Kompatibilität zu
Bezugnahme außer Betracht zu lassen, sei es aber gesagt, dass es gute Gründe dafür gäbe 19, dass das Argument
unüberzeugend, sogar gar nicht mit der Beschreibungstheorie inkompatible bleibt. Daher neigen wir uns dazu,
das Semantische als ausschlaggebender zu betrachten, weil es unserer Meinung nach trotz seiner Ablehnung einer
schwächeren Form der Beschreibungstheorie einen mehr fundamentalen Gedanken zu unterminieren vermag,
nämlich das zuvor erwähnte Russells Prinzip. Falls zutreffend wäre Kripke dazu berechtigt, jegliche Version einer
Beschreibungstheorie als falsch zu halten und daher das mit der russellschen Prinzip einhergehenden Annahme,
dass unsere Bezugnahmemöglichtkeit prinzipiell epistemisch bedingt sei, zu verneinen.

Wie gesagt zielen Kripkes Argumente darauf ab, die Notwendigkeit einer der Beziehung zwischen Zeichen und
Gegenstand vermittelnden Stufe, d.h des Sinns, zu bestreiten. Was versteht aber Kripke unter Sinn und inwiefern

12
Ebd., p. 28
13
Gareth Evans, The Varieties of Reference, ed. J. McDowell, Oxford: Oxford University Press, 1982
14
Siehe Kripke. 1980, p.79
15
Wie es in den ersten Zeilen von Donnellans Text zitiert. K. Donnellan, Proper Names and Identifying
Descriptions, Synthese 21, 1970, p. 335-358
16
Ebd., p.335
17
Einer davon ist: G. W. Fitch, Saul Kripke, Acumen, 2004
18
Hierzu siehe Michael Morris, An Introduction to the Philosophy of Language, Cambridge University
Press, 2007 und auch Noonan, 2013
19
Für zwei bedeutende Einwände zu Kripkes Modalen Argument, siehe M. Dummett: Frege:
Philosophy of Language, London: Duckworth, 2nd Edition, 1981 und J. Searle, Intentionality, Oxford:
Oxford University Press, 1983
bleibt seine Auffassung der fregeschen Konzeption treu? Obwohl Kripke die fregesche Unterscheidung zwischen
Sinn und Bedeutung und die damit verbündeten Einsicht der Eigennamen nicht ausführlich analysiert, drückt er
sich dazu einmal20 ganz klar aus: “Frege specifically said that such a description gave the sense of the name“.
Kripke behauptet also, dass für Frege der Sinn eines Eigennamens letzten Endes eine bestimmte Beschreibung
sei. Wegen dieser starken Behauptung scheint Kripke berechtigt zu glauben, dass Frege zwischen zwei Sinne von
Sinn schwanke: man könnte sowohl Eigennamen mit Beschreibungen salva veritate in modale Kontexte
austauschen sowie als synonyme behandeln (in Kripkes Terminologie: give the meaning) und die Referenz eines
Eigennamens durch Beschreibungen bestimmen (nach Kripke: fix the reference). Außerdem erwähnt Kripke
zumindest zweimal, dass Frege (und Russell) die stärkere Version, die Eigennamen mit Beschreibungen
gleichsetzt, vertreten haben21. Auf welche fregesche Gedanke basieren diese Überlegungen Kripkes? Worin
Kripke seine Meinung explizit begründet, scheint das folgende berühmte Zitat von Bedeutung zu sein, das Kripke
auffällig als Ganzes zitiert22:

“In the case of genuinely proper names like 'Aristotle' opinions as regards their sense may diverge. As
such may, e.g., be suggested: Plato's disciple and the teacher of Alexander the Great. Whoever accepts
this sense will interpret the meaning of the statement 'Aristotle was born in Stagira', differently from one
who interpreted the sense of 'Aristotle' as the Stagirite teacher of Alexander the Great. As long as the
nominatum remains the same, these fluctuations in sense are tolerable. But they should be avoided in
the system of a demonstrative science and should not appear in a perfect language”.

Nach Kripke weist diese Passage auf ein Problem der Frege-Russell Theorie (besonders der starken Version) hin,
indem jede Beschreibung, die man mit dem Name Aristotle verbinden kann, ihn nur eine kontigente Eigenschaft
zuschreibt, die keinesfalls zum dessen Sinn gehört. Diese Schwäche der natürlichen Sprache, derzufolge wir
niemals in der Lage sind, hinreichend deskriptiv einen Gegenstand zu bestimmen und dadurch zur Referenz zu
gelangen, motiviert die sogenannte Bündeltheorie der Bezugnahme, die eine Art Kompromiss zwischen einem
zwei und einem drei Stufen Model zu schlagen vermag23. Kripke nimmt jedenfalls diese Fußnote Freges als Beleg
dafür, dass der Sinn eines Eigennamens für ihn völlig durch eine bestimmte Beschreibung eingefangen werden
kann. Allenfalls ist es hierzu dreierlei hinsichtlich dieser Passage zu bemerken: a) Der Benutzer eines
Eigennamens kann an ihn verschiedene Beschreibungen aufkleben, die je nach Person oder Kontext
unterschiedlich sein kann. b) Nirgendwo ist die Behauptung Kripkes zu finden, dass die mit einem Eigennamen
jeweils verbündeten Beschreibungen dessen Sinn erschöpfen. c) Diese des Gebrauchs des Namens betreffend
Variation kann in natürlichen Sprachen toleriert werden, insofern die Referenz dieselbe bleibt. Auf diese Weise
analysiert M. Beaney24 diese Fußnote, indem er schreibt: “It might be suggested that Frege’s use of this example
was not so much to illustrate a ‘description theory’ of proper names, as merely to highlight how far short ordinary
language falls of the ideal logical language that Frege was primarily concern to develop. (…) The point of the
footnote is to make clear that in the case of an ordinary proper name, there is typically no unique definite

20
Kripke, 1980, p. 29
21
Kripke, 1980, p. 53
22
Wir benutzen hier das Zitat, wie es in Naming and Necessity vorkommt. Ebd., p.30
23
Dazu: J. Searle, Proper Names, Mind 67, 1958, p. 166-173
24
M. Beaney, Frege. Making Sense, Duckworth, 1996, p. 172
description that supplies the sense of the name. Only in an ideal language can the demand for uniqueness be
satisfied”.

Unserer Meinung nach kommt man aus dieser Analyse darauf hinaus zu sagen, dass Kripkes Behauptung, der
Sinn eines Eigennamens sei für Frege eine bestimmte Beschreibung, weit von Freges Absicht in dem betreffenden
Zitat entfernt ist. Zudem ist es besonders auffällig, dass diese Interpretation Kripkes W. Lycan zufolge tatsächlich
die russellsche Namenthese ist (Russell’s Name Claim), nämlich die zuvor erwähnte Behauptung, Eigenname
verkürzte Beschreibungen seien. Diese Idee, die seine eigene Theorie der Beschreibungen (Theory of
Descriptions) erweitert, ist von ihr aber unabhängig25, indem sie als eine Bezugnahmetheorie dient, wobei die
Beschreibungstheorie als Theorie der logischen Form gilt26. In Übereinstimmung damit gibt Kripke in die
publizierte Ausgabe von Naming and Necessity zu, dass er erstmals nicht so ganz richtig die russellsche
Auffassung beschrieben hat27. Eine solche Qualifizierung hat er aber nicht hinsichtlich Frege gemacht. Daraus
sollte deswegen folgen, dass Frege der Hauptvertreter der Beschreibungstheorie der Eigennamen sei.

Es mag sein, dass unsere Überlegungen einigermaßen voreilig und nicht ganz der kripkesche Auffassung zurecht
waren. Daher ist eine Qualifizierung zugunsten Kripkes notwendig. Es sei denn, dass unsere erste Bemerkung
hinsichtlich der Fußnote besagt, dass man Frege zufolge immer in der Lage ist beim Gebrauch eines Eigennamens
verschiedene Beschreibungen zu verwenden. Wenn man jetzt aber zu bestimmen versucht, was genau Frege unter
Sinn versteht, stößt man üblicherweise auf zwei berühmte Ausdrücke: ‘Art der Bestimmung’ in die Diskussion
über Aflan und Ateb (Brief an P: Jourdain 1914) und ‘Art des Gegebenseins’ hinsichtlich der Identität zwischen
Abendstern und Morgenstern (Sinn und Bedeutung). Im Rahmen des russellschen Prinzips schlägt G: Evans28 vor,
den Begriff des Sinns, der durch diese Metaphern eingeführt wird, dadurch zu erläutern, indem der Sinn allgemein
als Denkweise von etwas als etwas gedacht wird. Das Ding, das dadurch gedacht wird, erfüllt als Einzige eine
bestimmte Bedingung. Wenn etwa diese Bedingung, dann gilt es als die Referenz der jeweiligen Denkweise, d.h
des Sinns. Man könnte beispielsweise an den Morgenstern als Morgenstern oder als Abendstern, sogar als Venus
denken und je nachdem, welche Beschreibung man damit verbindet, denkt man ihn entsprechend als denjenigen,
der diese Bedingung erfüllt. Es ist tatsächlich so, soweit wir wissen, dass immer wenn Frege den Sinn eines
Eigennamens zu bestimmen versucht, tut er es indem er ihn deskriptiv bestimmt29.

Daraus folgt wie bereits erwähnt keinesfalls nicht, wie auch M. Dummett30 betont hat, dass der Sinn als deskriptiv
gedacht werden muss. Um darauf zu kommen würde man ein zusätzliches Argument brauchen, um zu beweisen,

25
Dazu W. Lycan, Philosophy of Language. A Contemporary Introduction, Routledge, 2000, p. 37: “It
is important to see that the Name Claim is entirely independent of the Theory of Descriptions itself. (…)
One might accept either doctrine while rejecting the other; some theorists hold the Theory of descriptions
as a theory of definite descriptions themselves, while rejecting the Name Claim entirely; less commonly,
one could embrace the Name Claim but hold a theory of descriptions different from Russell’s”.
26
D. Kaplan erläutert diese Behauptung folgendermaßen: “Russell’ s article ‘On Denoting’ is not about
a theory of descriptions comparable to Frege‑Carnap or Frege‑Strawson. Russell’s article is about logical
form, and is in the tradition of those philosophers who have warned us of the dangers of confusing the
grammatical form of a sentence in ordinary language with its logical form.”: D. Kaplan, What is Russell’s
Theory of Descriptions? In: Yourgrau W., Breck A.D. (eds) Physics, Logic, and History. Springer,
Boston, MA, 1970
27
Sieh unsere Fussnote 9
28
Evans, 1982, 14ff
29
Ein anderes Beispiel dafür befindet sich in Freges spätere Aufsatz ‘Der Gedanke’ (1917) in Fall Drs.
Laudan.
30
Erwähnt in H. Noonan, Frege. A Critical Introduction, Polity, 2001, p. 179
dass es nur eine Denkweisemöglichkeit gibt, ein Objekt aufzufassen, nämlich eine deskriptive. Ausgehend aber
von Überlegungen Russells und Evans könnte eine dem russellschen Prinzip kompatiblen Konzeption auf
verschiedene Wissenstypen stützen, um dieses zusätzliches Argument zu blockieren. Das Prinzip Russells lässt
es aber offen zu behaupten, dass es nicht nur ein deskriptives Wissen eines Objekts gibt, das ihm erlaubt, als
Referent zu gelten. Außerdem könnte man auf das sogenannten ‘knowledge by acquaintance’, die nach Russell
keiner deskriptiven Bedingung bedarf, um auf etwas Bezug nehmen zu können. Dieser Wissenstyp ist eigentlich
derjenige, der nach Russells Auffassung den logischen Eigennamen (logically proper names) stützt 31. Zudem
könnte man noch einen dritten Typ32 erlauben, der darin bestünde, ein Objekt zu diskriminieren und anerkennen
zu können, wenn die Umstände richtig wären. Demzufolge gibt es Fälle, wie zum Beispiel die Annerkennung von
freundlichen Gesichtern, in denen man eine primitive Art des Gegebenseins besitzen würde, die zwar ihm erlaubt
den Sinn eines Namens ohne Beschreibung anzuerkennen, aber sie dadurch nicht ausschließt, dass das Objekt
auch deskriptiv beschrieben werden könnte. Daraus ergibt sich unserer Meinung nach, dass Freges Sinnauffassung
sowohl ein deskriptives (also nicht bezugnehmendes) Wissen als auch eine Bezugnahmemöglichkeit einschließen
kann. Anders gesagt: kontra Kripke behaupten wir, dass Freges Auffassung ihm nicht dazu zwingt den Sinn eines
Eigennamens als ausschließlich deskriptiv zu beschreiben. Auf der anderen Seite ist seiner Konzeption nicht
kompatibel zu verneinen, dass Eigennamen deskriptive Sinne haben können.

Es ist wichtig an diesen Punkt auf die semantische Argumente Kripkes zu kehren um die Bedeutung unserer
Überlegungen für seine Position zu beurteilen. In der zweiten Lektüre führt Kripke semantische Argumente ein
zu zeigen, dass Unwissenheit (der Fall Ciceros, Feynmans und Einsteins) und Irrtum (das imaginäre Beispiel
Gödels und das tatsächliche Peanos) kein Hindernis zu Bezugnahme darstellen. Falls zutreffend wäre die
schwächere Version der Frege-Russell Theorie unterminiert und daher die Bezugnahmekapazität der
Beschreibungen untergraben. Daraus eröffnen sich unserer Meinung nach zwei Interpretationsrichtungen der
kripkesche Behauptungen: einerseits die stärkere, die daraus schließt, dass Eigenname keinen deskriptiven
Gehalten haben können und gegen die russelsche Prinzip behauptet, dass wir keines kognitiven Begriffs wie des
Sinnes bedürfen um auf etwas Bezug zu nehmen 33. Anderseits die Schwächere, der zufolge Eigenname
Beschreibungen besitzen können, diese aber keine Rolle dazu spielen, den Referent zu diskriminieren und zu
bestimmen. Dazu sagt N. Salmon: “What the direct‑reference theory denies is that the conceptual content
associated with an individual constant is what secures the referent34”. Unserer Meinung nach schwankt Kripke
einigermaßen zwischen diesen zwei Positionen, die aber ganz verschiedene Konsequenzen für seine Argumente
bedeuten. Die radikalste Interpretation würde annehmen, dass man über etwas nachdenken kann, ohne antworten
zu können, auf welcher Weise man darüber denkt. Diese Annahme zu stützen sollte Kripke dafür argumentieren,

31
“A name, in the narrow logical sense of the word whose meaning is a particular, can only be applied
to a particular with which the speaker is acquainted, because you cannot name anything you are not
acquainted with.” In: B. Russell, Logic and Knowledge, R. Marsh (ed.), London: George Allen and
Unwin, 1956, p. 200
32
Dieser Typ könnte natürlich auch als einen Fall von‘ knowledge by acquaintance’ subsumiert werden.
33
Diese Interpretationsrichtung ausgehend auch von Überlegungen Donnellans ist als “Mllian“ oder
“direct reference” bekannt, ihm zufolge Eigenamme direkte, starre Designatoren sind. Starr hier wird im
Sinne von Kripkes Auffassung der Starrheit etwa gefasst, und direkt verweist auf eine Beziehung
zwischen Eigenname und Objekt, die unvermittelt bleibt, nämlich ohne eine vermittelnde Ebene des
Sinns.
34
Nathan Salmon, Introduction to the chapter ‘Sense & Reference’in: Harnish, A. (ed.), Basic Topics in
the Philosophy of Language, Prentice‑Hall, 1994
dass man auf etwas Bezug nehmen könnte, ohne eine, wenn auch minimal kausale, Beschreibung davon zu
wissen35. Aber es ist in der Tat der Fall, dass alle seine Argumente Beschreibungen, wenn auch falsche, beinhalten
und er selbst zugibt, dass Beschreibungen eine Rolle bei dem sogenannten ersten Taufen spielen36, wobei sie den
Referent fixieren. Es gehört nicht zu unserer Absicht in diesem Essay den tatsächlichen Erfolg seiner Argumente
einzuschätzen. Deswegen lassen wir das argumentative Verlangen und die Konsequenzen der radikalsten Version
beiseite37. Wenn wir jetzt die schwächere Version bedenken, dann scheinen Kripkes Argumente gar nicht so
inkompatibel mit Freges Sinnauffassung zu sein. Falls Kripke hier richtig wäre, dann würde es nicht bedeuten,
dass der Sinn keine bezugnehmende Rolle spielen könnte. Im Gegensatz dazu würde der Erfolg Beleg dafür sein,
dass zwar die Beschreibungen keine eigentliche Beziehung zwischen Namen und Objekten herstellen können,
aber der Sinn, wenn bezugnehmender, nicht deskriptiv sein kann. Frege kann dieser Auffassung zufolge sowohl
auf die Notwendigkeit des Sinns beharren (wenn es um Identitätsaussage die Rede ist wie in Sinn und Bedeutung)
als auch den Sinn nicht mit Beschreibungen gleichsetzen (und daher Kripkes Argumente vermeiden).

Damit sind wir auf unseren Ausgangspunkt hinausgekommen, die Möglichkeit der De Re Sinnen zu erkennen. Es
ergibt sich denn aus unseren Überlegungen, dass Sinne zweierlei funktionieren müssen damit die zuvor erwähnte
Rolle spielen: einerseits eine kognitive Dimension zu haben um den Informationsüberschuss einer Aussage
erklären zu können und anderseits auf Gegenstände Bezug zu nehmen. Unsere abschließenden Überlegungen
lassen wir so ausdrücken: obwohl Kripkes Annahme, Freges Sinnkonzeption deskriptiv gedacht werden müsste,
wesentlich falsch ist, sind zumindest die semantischen Argumente, die er einführt, nicht prinzipiell gegensätzlich
zur Freges Auffassung.

Literatur
 Saul Kripke, Naming and Necessity, Harvard University Press, 1980
 M. Beaney, Frege: Making Sense, Duckworth, 1996
 Alan Berger, Saul Kripke, Cambridge University Press, 2011
 J. S Mill, A System of Logic. Ratiocinative and Inductive, 8th edition, London, Longmans, 1959
 Harold Noonan, Frege. A Critical Introduction, Polity, 2001
 H. Noonan, Routledge Philosophy GuideBook to Kripke and Naming and Necessity, Routledge, 2013

35
Diese Interpretation bringt David Lewis auf den Punkt, wenn er etwa ironisch sagt: “Did not Kripke
and his allies refute the description theory of reference, at least for the names of people and places? … I
disagree. What was well and truly refuted was a version of descriptivism in which the descriptive senses
were supposed to be a matter of famous deeds and other distinctive peculiarities. A better version survives
attack: causal descriptivism. The descriptive sense associated with that name might for instance be ‘the
place I have heard of under that name “Taromeo”’ or maybe ‘the causal source of this token: Taromeo’,
and for an account of the relation being invoked here, just consult the writings of causal theorists of
reference.” David Lewis, Naming the Colours, Australasian Journal of Philosophy 75(3), 1997, p. 325–
42
36
Kripke, 1980, p.96: “A rough statement of a theory might be the following. An initial ‘baptism’ takes
place. Here the object may be named by ostension, or the reference … may be fixed by description. When
a name is ‘passed from link to link’, the receiver of the name must … intend when he learns it to use it
with the same reference as the man from whom he heard it. If I hear the name ‘Napoleon’ and decide it
would be a nice name for my pet aardvark, I do not satisfy this condition”.
37
Aufschlussreich ist auch in dieser Hinsicht die Fussnote 38 in Naming and Necessity
 W. Lycan, Philosophy of Language. A Contemporary Introduction, Routledge, 2000
 K. Donnellan, Reference and Definite Descriptions, in Martinich, A.P., (ed.), Oxford University Press,
1996
 K. Donnellan, Proper Names and Identifying Descriptions, Synthese 21, 1970, p. 335-358
 G. Frege, Über Sinn und Bedeutung; in: Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, 100, 1892;
translated as: On Sense and Reference, in Harnish, A. (ed.) ‑ Basic Topics in the Philosophy of Language,
Prentice‑Hall, 1994
 G. W. Fitch, Saul Kripke, Acumen, 2004
 B. Russell, Logic and Knowledge, R. Marsh (ed.), London: George Allen and Unwin, 1956