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ATY
KLAUS WACHTEL

DER BYZANTINISCHE TEXT DER KATHOLISCHEN BRIEFE

wDE

G
ARBEITEN ZUR
NEUTESTAMENTLICHEN TEXTFORSCHUNG
HERAUSGEGEBEN VOM

INSTITUT FÜR NEUTESTAMENTLICHE TEXTFORSCHUNG


DER WESTFÄLISCHEN WILHELMS-UNIVERSITÄT
MÜNSTER/ WESTFALEN

BAND 24

WALTER DE GRUYTER • BERLIN • NEW YORK


1995
KLAUS WACHTEL

DER BYZANTINISCHE TEXT


DER KATHOLISCHEN BRIEFE

F.INF. UNTF.RSUCHUNG ZUR F.NTSTF.HUNG


DER KOINF. DKS NF.UF.N TF.STAMF.NTS

WALTER DE GRUYTER • BERLIN • NEW YORK


1995
6s
413
AU

© Gedruckt auf säurefreiem Papier,


das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

Die Deutsche Bibliothek — C.IP-liinbeitsaufnabme

Wachtel, Klaus:
Der byzantinische Text der katholischen Briefe : eine Untersuchung
zur Entstehung der Koine des Neuen Testaments / Klaus Wachtel.
- Berlin ; New York : de Gruyter, 1995
(Arbeiten zur neutestamentlichen Textforschung ; Bd. 24)
Zugl.: Münster (Westfalen), Univ., Diss., 1994
ISBN 3-11-014691-6
NF.: GT

© Copyright 1995 by Walter de Gruyter & Ca, D-10785 Berlin


Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung
außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages
unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikro
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Printed in Germany
Druck: Werner Hildebrand, Berlin
Buchbinderische Verarbeitung: Fuhrmann K.G., Berlin
Vorwort

Die Untersuchung des Byzantinischen Textes der Katholischen


Briefe entstand als Beitrag zu dem Projekt der Durchdringung der
gesamten handschriftlichen Überlieferung des Neuen Testaments,
das Kurt Aland mit dem Institut für neutestamentliche Textfor
schung initiierte und bis zum letzten Tage seines Lebens voran
trieb. Auf dem Erbe dieses großen Gelehrten gründet die Unter
suchung in allen ihren Teilen.
Die vorliegende Arbeit wurde 1994 von der Philosophischen Fa
kultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster als Disser
tation angenommen. Daß dies möglich war, obwohl die Altphi
lologie das Neue Testament gemeinhin den Theologen überläßt,
verdanke ich meinem Doktorvater, Herrn Prof. Dr. Matthias Bal
tes, der mir als Philologe, vor allem aber als wahrhaft gebildeter
Mensch Vorbild ist. Er hat die Arbeit mit nie nachlassendem Elan
und stets sicherem philologischen Urteil betreut.
Besonders danke ich auch Frau Prof. Dr. Barbara Aland, der Di
rektorin des Instituts für neutestamentliche Textforschung. Sie hat
das Thema der Arbeit angeregt und trotz mannigfacher anderer
Verpflichtungen ihre Entstehung in allen Phasen begleitet und ge
fördert. Sie war es, die mein Interesse für neutestamentliche Text
kritik weckte, und sie hat als aufmerksame und geduldige Dis
kussionspartnerin der Argumentation zu ihrer Form verholfen.
Ich danke ferner meinen Kollegen, den Mitarbeitern des Insti
tuts, für manches anregende Gespräch. Vor allem Gerd Mink ver
mittelte mir entscheidende Einsichten in die Gesetzmäßigkeiten
der Entstehung und Ausbreitung von Varianten in der Überlie
ferung des Neuen Testaments.
Schließlich danke ich der Deutschen Forschungsgemeinschaft,
der Görres-Gesellschaft und der Fritz-Thyssen-Stiftung, die diese
Arbeit förderten, indem sie in den Jahren 1990-93 meine Teilzeit
stelle im Institut für neutestamentliche Textforschung finanzier
ten.

Münster, den 28. März 1995 Klaus Wachtel


Inhalt

Teil I: Allgemeine Darstellung

Einleitung 3

1. Thema und Fragestellung 12


1.1 Die Stellung der Koine in den wichtigsten Theorien der
Überlieferungsgeschichte seit Hort 12
1.2 Methode 37
1.2.1 Eklektizismus und induktive Methode 37
1.2.2 Die lokal-genealogische Methode 44

2. Die Teststellenkollationen und ihre Auswertung 49


2.1 Die Anwendung der lokal-genealogischen Methode in
dieser Arbeit 50
2.2 Die Bestimmung der Koinehandschriften der Katholi
schen Briefe nach ihrer Distanz vom Mehrheitstext 55
2.3 Vorläufige Bestimmung von Gruppen eng verwandter
Handschriften der Katholischen Briefe 56

3. Der Charakter des Byzantinischen Textes 73


3.1 Die Mehrheitslesarten der Teststellen 75
3.1.1 Typische Mehrheitslesarten 76
3.1.2 Untypische Mehrheitslesarten 81
3.1.3 Wahrscheinlich oder möglicherweise ursprüngli
che Mehrheitslesarten 83
3.1.4 Sondergut der koinefemsten Handschriften im
Vergleich mit typischen Mehrheitslesarten 84
3.1.5 Zusammenfassung und weiterführende Frage
stellung 87
3.2 Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 89
3.2.1 Die im Apparat des Nestle/Aland27 zitierten
Mehrheitslesarten 92
Inhalt VII

3.2.2 Kommentar zu signifikanten Mehrheitslesarten


zwischen den Teststellen 114
3.3 Zusammenfassung 131

4. Die Spätform des Byzantinischen Textes 135


4.1 Das Endstadium der Koineüberlieferung 136
4.1.1 Die Edition Kr 136
4.1.2 Weitere Formen des Endstadiums der Koineüber
lieferung 141
4.1.3 Die ältesten Koinehandschriften 144
4.2 Ursprüngliche Lesarten und älteres Sondergut in
Koinehandschriften 146
4.3 Zusammenfassung 152
Exkurs: Zur eliminatio codicum für eine Ausgabe der
Katholischen Briefe 154

5. Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes 159


5.1 Historische Voraussetzungen 161
5.1.1 Die kanongeschichtliche Sonderstellung der
Katholischen Briefe 161
5.1.2 Codices a Luciano nuncupati: Die Quellen für eine
Rezension des NT durch Lukian 166
5.1.3 Diorthosis und Koine in der Überlieferung des
Neuen Testaments 169
5.2 Entwicklungsphasen der Koine 180
5.2.1 Voraussetzungen 180
5.2.2 Die frühen Zeugen für den Text der Katholischen
Briefe 186
5.2.3 Zuordnung typischer und untypischer Mehrheits
lesarten zu drei Entwicklungsphasen der Koine 190

Ergebnis 199
VIII Inhalt

Teil II: Textkritischer Kommentar zu den Teststellen der


Katholischen Briefe

Vorbemerkungen 205
Jakobusbrief 208
Erster Petrusbrief 242
Zweiter Petrusbrief 264
Erster Johannesbrief 291
Zweiter Johannesbrief 329
Dritter Johannesbrief 338
Judasbrief 343

Zusammenfassung des textkritischen Kommentars zu den


Teststellen 380

Literaturverzeichnis 420

Indices 442

Anhänge
Anhang I: Gewichtung der Abweichungen vom Mehrheits
text in Koinehandschriften 455

Anhang II: Liste der Handschriften mit mehr als 10% Abwei
chungen vom Mehrheitstext 457
a) numerisch geordnet 457
b) geordnet in absteigender Folge nach Distanz vom Mehr
heitstext 459

Anhang III: Gesamtübersicht über die Bezeugung der Test


stellenlesarten 461
Falttafeln in der Einbandtasche
Teil I:
Allgemeine Darstellung
Einleitung

An der Textgeschichte des griechischen Neuen Testaments zeigt


sich der für vielgelesene Schriften der Antike nicht ungewöhn
liche Prozeß der Normalisierung und Standardisierung einer
zunächst recht freien, variantenreichen Überlieferung besonders
deutlich. Vom 4. Jahrhundert an bildet sich im byzantinischen
Reich eine Textform heraus, deren Lesarten dann zunehmend die
Überlieferung dominieren. Bereits Johannes Chrysostomos zitiert
die Evangelien vielfach im Wortlaut der Koine des 9. Jahrhun
derts, den Tausende von Exemplaren des byzantinischen Mittel
alters bezeugen und der in Gestalt des Textus receptus bis weit ins
19. Jahrhundert hinein gültig bleibt. Erst mit der Ausgabe Westcotts
und Horts1, die die kritische Arbeit ihrer Vorgänger zusammen
faßt, setzt sich die Erkenntnis durch, daß der Textus receptus als
späte, in einigen hundert Lesarten vom ursprünglichen Text ab
weichende Textform zu beurteilen ist und daß sich die Rekon
struktion des ursprünglichen Textes auf die ältesten und besten
Handschriften stützen muß. Ihre Theorie trifft zwar auf den er
bitterten Widerstand einiger Traditionalisten, aber ihre textkriti
schen Prinzipien führen zur Ablösung des Textus receptus, und
ihre Charakterisierung des Byzantinischen, von ihnen "syrisch"
genannten Textes prägt das Bild der Exegeten und Textkritiker von
dieser Textform bis auf den heutigen Tag.
Während nun ihre Theorie der Textgeschichte des NT ins
besondere durch die großen Papyrusfunde des 20. Jahrhunderts
anerkanntermaßen in Frage gestellt ist, wurde die Charakterisie
rung des Byzantinischen Textes lediglich von den Epigonen jener
Traditionalisten angefochten, die nur die von der Mehrheit der
Handschriften bezeugten Lesarten als ursprünglich gelten lassen.
Die Feststellung von Lesarten des Byzantinischen Textes in den
ältesten und besten Handschriften, vor allem auch in frühen Pa
pyri, die Erforschung der Minuskelüberlieferung, von der Westcott

B. F. WESTCOTT/ F. J. A. HORT, The New Testament in the Original Greek,


Bd. I: Text, Bd. II: Introduction, Cambridge/ London 1881 und 1882.
4 Einleitung

und Hort keinerlei Beitrag zur Konstitution des ursprünglichen


Textes erwarteten, und nicht zuletzt eine Reihe von untypischen,
gleichwohl von der Mehrheit der Handschriften bezeugten Les
arten im Byzantinischen Text zwingen zu einer Revision auch
ihrer Charakterisierung des Endstadiums der Textgeschichte und
ihrer Theorie über die Entstehung der Koine.

Die Katholischen Briefe sind für die Entwicklung einer neuen


Theorie der Entstehung und Ausbreitung der Koine besonders
geeignet, weil die Normalisierung des Textes für dieses Corpus
offensichtlich langsamer verlaufen ist als die anderer neutesta-
mentlicher Schriften. Die Katholischen Briefe erlangten erst relativ
spät kanonische Geltung2 und standen, abgesehen von einzelnen
Abschnitten, kaum je im Brennpunkt des theologischen Interesses.
Die Überlieferung erscheint mit wenig mehr als 500 griechischen
Texthandschriften und einer geringen Dichte von Kirchenväter
zitaten vergleichsweise übersichtlich. Dabei ist die Zahl der Hand
schriften, die sich deutlich vom Byzantinischen Text abheben,
recht groß, weshalb sich dieses Corpus als Arbeitsfeld für eine
Untersuchung der Entwicklung bzw. des Vordringens der Koine
besonders gut eignet.
Die Koine tritt freilich auch in den Katholischen Briefen klar als
der byzantinische Standardtext hervor, während sich andererseits
die Repräsentanten älterer Textformen regelmäßig um die alt
bekannten "Alexandriner" К und В gruppieren. Die für die Evange
lien dem "Cäsarea-Text" zugeordneten Handschriften dagegen ha
ben in den Katholischen Briefen entweder keinen oder den Byzan
tinischen Text, und auch für den "westlichen Text" fehlen die
griechischen Zeugen3.

Noch Euseb rechnet im Anschluß an Orígenes von den Katholischen Briefen nur
IPetr und ljoh zu den óuoXoyoúueva, den allgemein anerkannten Schriften, die
übrigen fünf dagegen zu den dvri\ey6\ieva, über deren Echtheit Zweifel
bestehen (vgl. hist. eccl. 111,25,2-3 [GCS 9Д, p. 250,20-252,1 SCHWARTZ];
VI,25,8-10 [GCS 9,2, p. 578,1-10 SCHWARTZ]).
So stellt В. M. METZGER fest: "The Catholic Epistles ... seem not to have
existed in a characteristically Western form of text." (The Text of the New
Testament, New York/Oxford 31992, S. 213, Anm. 4. Ähnlich schon HORT,
Introduction, S. 109: "In the Catholic Epistles the Western text is much
obscured by the want of the requisite documents, either Greek or Latin, and
probably also by the limited distribution of some of the books in early times".
- Dagegen erschließt W. THIELE einen "westlichen" Text der Katholischen
Briefe aus einer Reihe von Zusätzen in der altlateinischen Überlieferung, für
Einleitung 5

Wohl auch deshalb sind die Katholischen Briefe von der neute-
stamentlichen Textkritik lange eher als Nebensache behandelt wor
den. Außerdem finden sich die exegetisch interessanteren Varian
ten in anderen Schriften, vor allem natürlich in den Evangelien.
Die Quellen der Überlieferung dagegen sind für die Katholi
schen Briefe besser erschlossen als für alle anderen neutestament-
lichen Schriften. Für alle heute erreichbaren griechischen Hand
schriften der Katholischen Briefe sind die für den Vergleich des
Variationsverhaltens aufbereiteten Teststellenkollationen und de
ren quantitative Auswertungen erschienen4 und es liegt für diese
Schriften eine synoptische Edition der Papyri mit vollständigem
Majuskelapparat vor5. Die Teststellenkollationen der Handschrif
ten mit fortlaufendem Text wurden ergänzt durch eine ausführ
liche Untersuchung des Textcharakters der Lektionare mit Wo
chentagslesungen des Apostólos6. Die Beuroner Edition der Vetus
Latina begann für das NT mit den Katholischen Briefen7, die

die die Herkunft aus dem Griechischen wahrscheinlich ist; vgl. W. THIELE,
Beobachtungen zum Comma Iohanneum (ljoh 5,7f.), ZNW 50, 1959, 61-73;
DERS., Die lateinischen Texte des 1. Petrusbriefes, (Vetus Latina: Aus der
Geschichte der lateinischen Bibel 5) Freiburg 1965, bes. S. 32-34 und 104-108;
DERS., Probleme der Versio Latina in den Katholischen Briefen, in: K. ALAND
(Hg.), Die alten Übersetzungen des Neuen Testaments, die Kirchenväterzitate
und Lektionare, (ANTF 5) Berlin/New York 1972, S. 93-119, bes. Ulf.; vgl.
auch Vetus Latina 26/1, Epistulae Catholicae, hg. v. W. THIELE, Freiburg
1956-1969, S. 98*f. Nach THIELE bieten außerdem die Zusätze der bei V.
SODEN als Ibl, Icl und Ie2 bezeichneten Gruppe griechischer Handschriften
"ein Bild, das den Zusätzen der lateinischen Bibel durchaus entspricht" (1.
Petrusbrief, S. 106). Solange sich die Klassifizierung dieser Lesarten und des
nur lateinisch überlieferten Sonderguts als "westlich" lediglich auf inter
pretationsabhängige Analogien stützt, stellt sie das eben zitierte Diktum
METZGERS nicht in Frage.
Text und Textwert der griechischen Handschriften des Neuen Testaments. Bd.
I: Die Katholischen Briefe; 1,1: Das Material, 1,2: Ergänzungsliste, 1,2,1-2: Die
Auswertung, 1,3: Die Einzelhandschriften, hg. v. K. ALAND in Verb. m. A.
BENDUHN-MERTZ u. G. MINK, (ANTF 9-11) Berlin/New York 1987.
Das Neue Testament auf Papyrus. Bd. I: Die Katholischen Briefe, bearbeitet
v. W. GRUNEWALD in Verb. m. K. JUNACK, (ANTF 6) Berlin/New York 1986.
K. JUNACK, Zu den griechischen Lektionaren und ihrer Überlieferung der
Katholischen Briefe, in: K. ALAND (Hg.), Die alten Übersetzungen des Neuen
Testaments, die Kirchenväterzitate und Lektionare, (ANTF 5) Berlin/New
York 1972, S. 498-591.
Vetus Latina. Die Reste der Altlateinischen Bibel; nach Petrus Sabatier neu
gesammelt und herausgegeben von der Erzabtei Beuron. Bd. 26/1: Epistulae
Catholicae, hg. v. W. THIELE, Freiburg 1956-1969.
6 Einleitung

Münsteraner Edition des NT in syrischer Überlieferung mit den


großen Katholischen Briefen8, und auch für die koptische Version
liegt eine Neuausgabe der Katholischen Briefe vor9. Die Kolla
tionen zu Jak und IPetr für die im Institut für neutestamentliche
Textforschung vorbereitete Editio Critica Maior des NT schließlich
sind nahezu abgeschlossen und stehen dem Verfasser zur
Verfügung.
Diese Situation hat ihre besonderen Vorzüge und Schwierig
keiten. Einerseits erlaubt sie eine von den Kontroversen um die
Texttypen weitgehend unbelastete Arbeit am Text; andererseits ist
es schwierig, die Fragestellung und die Ergebnisse dieser Arbeit auf
den Stand der Forschung zur Überlieferung des NT zu beziehen. Es
soll jedenfalls versucht werden, die Koine der Katholischen Briefe
nicht ganz isoliert von den übrigen neutestamentlichen Schriften
zu behandeln. Allerdings ist es sicher nicht möglich, die für dieses
Corpus erzielten Untersuchungsergebnisse ohne weiteres auf ande
re neutestamentliche Schriften zu übertragen. Davor warnt seine
kanon- und überlieferungsgeschichtliche Sonderstellung. Es wird
aber auch zu zeigen sein, daß aus dem gleichen Grunde Theorien
über die Textgeschichte anderer neutestamentlicher Schriften, ins
besondere der Evangelien, auch nicht auf die Katholischen Briefe
übertragen werden dürfen. Daher wird zunächst die Stellung der
Koine in den wichtigsten Theorien der Überlieferungsgeschichte
seit Hort dargestellt, so weit möglich natürlich unter besonderer
Berücksichtigung der Katholischen Briefe. Es folgt ein Überblick
über spezielle Untersuchungen zum Byzantinischen Text. Die an
schließende textgeschichtliche Untersuchung konzentriert sich
jedoch auf die Katholischen Briefe.

Der Byzantinische Text empfiehlt sich deshalb als Ansatzpunkt für


jede Untersuchung der Textgeschichte des Neuen Testaments, weil
er eine objektiv definierbare Größe ist: es handelt sich um die
jüngste, von der Mehrheit aller griechischen Handschriften über
lieferte Textform. Allerdings ist zu beachten, daß der Byzantinische
Text mit dem sog. Mehrheitstext, dessen Lesarten im Apparat des

Das Neue Testament in syrischer Überlieferung. Bd.I: Die großen Katholi


schen Briefe, hrsg. und untersucht v. B. ALAND in Verb. m. A. JUCKEL, (ANTF
7) Berlin/New York 1986.
Die Katholischen Briefe in der koptischen (sahidischen) Version, bearbeitet
von K. SCHÜSSLER, (CSCO 528/29, Scriptores Coptici 45/46) Louvain 1991.
Einleitung 7

Nestle/Aland mit dem Sigel 9JÏ gekennzeichnet sind, nicht


identisch ist.
Der Mehrheitstext des NT besteht aus den unvariiert
überlieferten Textabschnitten und der Summe aller Mehrheits
lesarten. Eine Mehrheitslesart ist die von der Mehrheit aller
griechischen Handschriften des Neuen Testaments bezeugte Lesart
einer variierten Stelle. Dies gilt unabhängig davon, welche und
wieviele Handschriften an der gleichen Stelle eine oder mehrere
andere Lesarten bieten.
Als Byzantinischer Text wird diejenige Textform bezeichnet, die
seit dem 9. Jahrhundert in vielen hundert Exemplaren weitgehend
identisch reproduziert wurde. Diese Textform ist seither, nicht
zuletzt durch die Lektionare, in der griechischen Christenheit
allgemein verbreitet und als der Text des Neuen Testaments
anerkannt. Der Byzantinische Text ist es auch, den Erasmus der
Editio princeps zugrundelegte und der bis ins 19. Jahrhundert
hinein als sog. Textus receptus mit dem Urtext des Neuen Testa
ments gleichgesetzt wurde.
Da die meisten griechischen Handschriften des Neuen Testa
ments aus dem 12. und 13. Jahrhundert stammen, einer Zeit
unumstrittener Dominanz des Byzantinischen Textes, sind alle
Mehrheitslesarten zugleich Lesarten dieser Textform. Dennoch
wäre es irreführend, alle Mehrheitslesarten "byzantinisch" zu
nennen. Auch sind nicht alle Lesarten des Byzantinischen Textes
Mehrheitslesarten. Es kommt nicht selten vor, daß sich der
Byzantinische Text in zwei, mitunter drei Varianten aufspaltet, die
jeweils von einer großen Anzahl von Handschriften bezeugt
werden.
"Mehrheitstext" ist eine rein quantitative, "Byzantinischer Text"
eine historische (und textkritische) Kategorie. Als "byzantinisch"
werden diejenigen Mehrheitslesarten bezeichnet, durch die sich
der Text der byzantinischen Kirche von früheren Textformen, vor
allem aber vom ursprünglichen Text unterscheidet.10 Byzantini

10 An den meisten variierten Stellen weichen nur einzelne oder einige wenige
Handschriften aus oft naheliegenden, leicht erkennbaren Gründen vom sonst
einhellig überlieferten Text ab. An diesen Stellen sind die Mehrheitslesarten
als ursprünglich zu beurteilen. Solche Mehrheitslesarten haben sich natürlich
auch in der byzantinischen Koine in großer Zahl erhalten. Sie sollten
gleichwohl nicht "byzantinisch" genannt werden, da sie ebensowenig wie
nicht variierte Textabschnitte eine bestimmte Textform charakterisieren, also
auch nicht die byzantinische.
8 Einleitung

sehe Lesarten sind also solche, die den Byzantinischen Text als
späte, ursprungsferne Textform charakterisieren.
Es ist heute allgemein üblich, den Byzantinischen Text mit von
Soden Koine (sc. koivt\ екбосп?) zu nennen11. Auch in dieser Arbeit
werden die beiden Begriffe synonym gebraucht. Entsprechend
werden die einzelnen Exemplare des Byzantinischen Textes als
Koinehandschriften, die Lesarten, die ihn von früheren Textfor
men unterscheiden, auch als Koinelesarten bezeichnet.

Um die Beschreibung des Charakters des Byzantinischen Textes


und eine Theorie der Entstehung und Ausbreitung seiner Lesarten
vorzubereiten, ist zunächst zu fragen, warum sich an Stellen, wo
die Koine deutlich von älteren Textformen zu unterscheiden ist,
ihre Lesart gegen die übrigen, vor allem gegen die als ursprünglich
beurteilte, durchsetzte. Diese Frage hat angesichts der Aufwertung
des Byzantinischen Textes durch die Vertreter der Majority-Text-
Theorie, aber auch durch einige Gelehrte, die den Byzantinischen
Text mit philologischen Argumenten zu stützen versuchen, neue
Aktualität gewonnen.12
Die Verfechter der Ursprünglichkeit des Mehrheitstextes von
der richtigen Feststellung aus, daß die Theorie Horts der heutigen
Quellenlage nicht mehr gerecht wird. Nur: eine sekundäre Lesart
wird nicht dadurch ursprünglich, daß sie frühere Zeugen hat, als
Westcott und Hort wissen konnten.
Ein Ziel dieser Arbeit ist daher der Nachweis, daß (1.) eine Lesart,
mit der die Mehrheit der jüngeren Handschriften von den ältesten
und besten Textzeugen abweicht, in der Regel nicht die ursprüng
liche ist, und daß (2.) typische Mehrheitslesarten dieser Art auch
schon in alten Handschriften belegt sind, aber gleichwohl als se
kundär gelten müssen.
Kenner der Disziplin werden hierin aber zu Recht keinen Anlaß
für eine breit angelegte Studie sehen. Der Anlaß ist in der Tat ein
anderer. Unter der Leitung von Kurt und Barbara Aland wurden
im Institut für neutestamentliche Textforschung sämtliche heute
erreichbaren Handschriften auf Mikrofilm gesammelt und an Test
stellen kollationiert. Die Kollationsergebnisse, die für die Katholi
schen Briefe bereits seit 1987 vorliegen, werden in der Reihe ANTF

11 S. dazu unten S. 16.


12 Vgl. dazu unten S. 28-37.
Einleitung 9

veröffentlicht13. Damit wird es zum erstenmal in der Geschichte


der Textkritik möglich, die gesamte handschriftliche Überlieferung
in den Blick zu nehmen, den Textcharakter jeder einzelnen Hand
schrift exakt zu bestimmen und ihre engeren Verwandten zu er
kennen. Mit anderen Worten: eine endgültige, die gesamte Evi
denz berücksichtigende Recensio codicum, also die Bewältigung
der Aufgabe, an der von Soden nach dem einhelligen Urteil der
Fachwelt scheiterte, ist in greifbare Nähe gerückt. Es liegt nahe,
diese Arbeit, die mit der Zuordnung aller neutestamentlichen
Handschriften zu Kategorien und mit einer Reihe von Spezial
untersuchungen14 in Angriff genommen wurde und wird, auch
von der Seite des Byzantinischen Textes aus neu anzugehen. Denn
wenn es gelingt, auf der Grundlage der gesamten handschriftlichen
Überlieferung den Charakter, die Entstehung und Ausbreitung
dieser Textform angemessen zu beurteilen und zu beschreiben,
wird damit zugleich der Blick auf das Wesentliche frei, nämlich
auf das sicher alte Überlieferungsgut, das der Textkonstitution
zugrunde gelegt werden muß.
Daher bildet ein textkritischer Kommentar zu den Teststellen
der Katholischen Briefe sozusagen das Rückgrat der vorliegenden
Arbeit. Nach den Regeln der lokal-genealogischen Methode wird
jeweils die wahrscheinlich ursprüngliche Lesart bestimmt und ihr
Verhältnis zur Lesart der Mehrheit der Handschriften, sofern sie
vom ursprünglichen Text abweicht, untersucht. Dann wird jede
einzelne Lesart im Zusammenhang der übrigen Varianten der
Stelle analysiert und gegebenenfalls einer übergeordneten Lesart
zugeordnet. So erhält die Untersuchung zu Charakter, Entstehung
und Ausbreitung des Byzantinischen Textes eine Basis, die immer
den Bezug zu den einzelnen variierten Stellen wahrt. Zugleich
bereitet der textkritische Kommentar die Charakterisierung aller
Handschriften der Katholischen Briefe vor, die im Rahmen dieser
Arbeit freilich nicht zu leisten ist.

1 3 Vgl. oben Anm. 4 und unten S. 49.


1 4 Hervorzuheben sind hier die genealogische Einordnung der Harklensis durch
B. ALAND in ihrer einleitenden Untersuchung zu dem oben Anm. 8 genannten
ersten Band der Ausgabe des NT in syrischer Überlieferung und stemmatische
Untersuchungen von G. MINK, die ein jüngst erschienener Aufsatz vorstellt (G.
MINK, Eine umfassende Genealogie der neutestamentlichen Überlieferung,
NTSt 39, 1993, 481-499).
10 Einleitung

Es wird jedoch deutlich werden, daß eine Eliminatio codicum


trotz radikal kontaminierter Überlieferung auch für das Neue
Testament möglich und notwendig ist; daß also die Hypothese des
radikalen Eklektizismus, an allen variierten Stellen könne in jeder
beliebigen Handschrift die ursprüngliche Lesart stehen, ins Reich
des bloß Möglichen verbannt wird. Es wird sich ferner bestätigen,
daß in der Tat gute, für die Textkonstitution besonders wertvolle,
von schlechten, für die Textkonstitution wertlosen Handschriften
zu unterscheiden sind.
Die Lektionare gehören, wie zuletzt Junack gezeigt hat15, mit
wenigen Ausnahmen der letztgenannten Kategorie an. Da sie in
aller Regel Spätformen des Byzantinischen Textes reproduzieren,
die auch unter den Handschriften mit fortlaufendem Text Hunder
te von Zeugen haben, werden sie in diese Arbeit nur im Rahmen
der Untersuchungsergebnisse Junacks einbezogen.
Der textkritische Kommentar, der im Laufe der Untersuchung
um eine Durchmusterung aller Mehrheitslesarten erweitert wird,
die für das Verhältnis des Byzantinischen Textes zu älteren Text
formen von Belang sind, zeigt nun zwar, daß sich im Anschluß an
Westcott und Hort und ihre Wegbereiter zu Recht die Auffassung
durchgesetzt hat, daß der Byzantinische Text in den Lesarten, die
ihn vor allem charakterisieren, vom ursprünglichen Text ab
weicht; aber er erweist sich auch als keineswegs so homogen, wie er
es nach der bis heute weit verbreiteten Theorie, er sei auf eine
Rezension des 4. Jahrhunderts zurückzuführen, sein müßte. Denn
der Byzantinische Text enthält eine Reihe von Lesarten, die der
Charakterisierung durch Hort, aber auch von Soden, Metzger und
andere widersprechen. Diese untypischen Mehrheitslesarten, die
den Text eben nicht glätten und verdeutlichen, sondern eher
schwieriger oder sogar eindeutig fehlerhaft gestalten, treten vor
dem Hintergrund der Masse der Mehrheitslesarten typischen Cha
rakters deutlich hervor und sind zugleich sicher vom ursprüng
lichen Text zu unterscheiden. Sie vor allem zeigen, daß die Rezen
sionshypothese eine unzulässige Vereinfachung darstellt. Die
Koine als Textform hat ihren Ursprung nicht in einer Rezension,
die den Text nach feststellbaren Prinzipien gestaltete. Sowohl das
Phänomen der untypischen Mehrheitslesarten als auch die all
mähliche Ausbreitung der Koinelesarten im ganzen ist weit besser

15 А. а. O. (Aran. 6).
Einleitung 11

als Entwicklung einer Variantenschicht zu erklären, die für die


Katholischen Briefe erst spät, wahrscheinlich nicht vor dem 9.
Jahrhundert, zum Abschluß kam.
1. Thema und Fragestellung

1.1 Die Stellung der Koine in den wichtigsten Theorien der


Überlieferungsgeschichte seit Hort

Westcotts und Horts Theorie der Überlieferung des Neuen Testa


ments1 basiert auf der Beobachtung, daß an vielen variierten
Stellen drei Gruppen von griechischen Handschriften, Versionen
und christlichen Schriftstellern in regelmäßig wiederkehrender
Konstellation Lesarten typischen Charakters, distinctive readings,
bezeugen. An diesen Stellen weichen entweder alle drei Gruppen
voneinander ab oder eine steht gegen die beiden übereinstim
menden anderen. (95-110)
Die distinctive readings werden vier Kategorien zugeordnet,
deren erste Hort als "neutral" bezeichnet, da sie die an den übrigen
festzustellenden editorischen Eingriffe nicht aufweise (169-172).
Nach der Provenienz ihrer Bezeugung seien von den neutralen
"westliche", "alexandrinische" und "syrische" Lesarten zu unter
scheiden (108f.).
Der "syrische" Text sei aus drei Gründen sicher als späte, stark
veränderte Überlieferungsform zu betrachten:
(1) Wo die Überlieferung in drei Hauptvarianten vorliege,
bezeuge die Masse der Minuskeln häufig eine aus den beiden
anderen Varianten zusammengesetzte Mischlesart oder "conflate
reading". (93-107)
(2) Die Mischlesarten und weitere distinctive readings der
gleichen Gruppe von Zeugen seien in den Zitaten der vornicä-
nischen Schriftsteller nicht zu finden, insbesondere nicht bei
Orígenes. (114f.)
(3) Wie die Mischlesarten zeige auch das weitere "syrische" Son
dergut den abgeleiteten, sekundären Charakter dieser Textform.

Da HORT diese Theorie in der Introduction formuliert hat (vgl. ebd. S. 18),
wird im folgenden nur er als Verfasser genannt. - Die referierten Abschnitte
aus der Introduction werden in diesem Kapitel durch Anmerkung der
entsprechenden Seitenzahlen im Text bezeichnet.
Theorien der Überlieferungsgeschichte 13

Nirgends seien die Varianten zu einer Stelle aus der "syrischen"


Lesart zu erklären. Die theoretisch mögliche Annahme, der "syri
sche" Text könnte an manchen Stellen die ursprüngliche Lesart
gegen alle anderen Zeugen bewahrt haben, sei daher auszu
schließen. (115f.)
Durch distinctive readings sei auch eine Gruppe von Textzeugen
bestimmt, für die sich schon zu Zeiten Horts die Bezeichnung
"westlich" durchgesetzt hatte, weil der Text ihrer wichtigsten
Repräsentanten, der griechisch-lateinischen Handschriften D FG
und der altlateinischen Übersetzungen, seit Griesbach als im
Westen entstanden galten2. Nach Hort handelt es sich in Wirk
lichkeit um die am weitesten verbreitete vornicänische Textform,
weshalb sie alle Versionen mehr oder weniger stark beeinflußt
habe. (120 und 126) Außerdem sei der Text aller frühen
Kirchenschriftsteller, die keinen Kontakt mit Alexandrien hatten
(Marcion, Justin, Irenäus, Hippolytus, Methodius und noch Euseb),
"substantially Western", - und das gelte auch für einen großen Teil
der Zitate des Clemens und des Origenes. (113) Der "westliche" Text
sei charakterisiert durch die Neigung, den Text zu paraphrasieren,
zu harmonisieren, sprachlich zu verbessern und aus nicht
biblischen Quellen zu erweitern. (122-126) Diese Charakteristika
treten unübersehbar in den Evangelien und den Paulinischen
Briefen hervor, weniger deutlich in der Apostelgeschichte und
außer in der Apokalypse am schwächsten in den Katholischen
Briefen, da sie in den wichtigsten griechischen Repräsentanten des
"westlichen" Textes (D FG) nicht enthalten sind. (109)
Daraus folgt, daß der neutrale oder ursprüngliche Text nach der
Theorie Horts "Pre-Syrian" und "Non-Western" sein muß. Dies
treffe für eine Reihe von Lesarten zu, die von Clemens von
Alexandrien, Origenes, Dionysius, Petrus von Alexandrien und in
einem gewissen Maße von Euseb bezeugt werden. Weitgehend
nicht-westlich seien ferner die beiden Übersetzungen Unter- und
Oberägyptens (sahidisch und bohairisch). (127)
"Alexandrinisch" seien jene weder "syrischen" noch "westli
chen" noch neutralen Lesarten, die den Text nicht so willkürlich
und offenkundig verändern wie die "westlichen", sondern nicht
selten von einem "delicate philological tact" zeugen. (131) Beson-

Zu GRIESBACHS Theorie der Überlieferung des NT vgl. METZGER, В. M.: The


Text of the New Testament, New York/London 31992, S. 119-121.
14 Thema und Fragestellung

ders die weniger gelesenen Schriften, die Apostelgeschichte und


die Katholischen Briefe, zeigen nach Hort als Charakteristikum des
alexandrinischen Textes die "inventive interpolation" (131).
Oftmals seien die "westliche" und die "alexandrinische" Lesart als
unterschiedliche Versuche zu verstehen, das gleiche durch den
neutralen Text gestellte Problem zu lösen. (132)
Der herausragende Repräsentant des neutralen Textes sei B; ihm
am nächsten stehe R. Im übrigen aber gelte, "that those documents
... which have most Alexandrian readings have usually also most
neutral readings". Das Verhältnis der wichtigsten Unzialen zum
neutralen Text bleibe im wesentlich in allen Schriften des NT
gleich. (171)
Eine Lesart gilt als "distinctively Syrian", wenn sie in der Masse
der späten Minuskeln, aber nicht in den primären Zeugen der drei
anderen Textformen erhalten ist.3
Die distinctive readings des "syrischen" Textes seien wie die
eigentlichen Mischlesarten aus dem Bestreben zu erklären, die be
schriebenen drei Hauptstränge der Überlieferung durch "adop
tion", "modification" und "mixture" zu einer Textform zu ver
flechten, um der "distracting and inconvenient currency of at least
three conflicting texts in the same region" zu begegnen. (133) An
anderer Stelle bezeichnet Hort diesen Vorgang ausdrücklich als
"editing of an eclectic text" (145). Möglicherweise habe es ein
Gremium von Rezensenten gegeben, in dem jede gängige Text
form ihren Anwalt in einer maßgebenden Persönlichkeit hatte.
(134) So lautet seine These zur Entstehung der Koine des Neuen
Testaments:
"The Syrian text must in fact be the result of a 'recension' in the proper sense
of the word, a work of attempted criticism, performed deliberately by
editors and not merely by scribes." (133)

HORT 163: "If it is attested by the bulk of the later Greek MSS, but not by any
of the uncials KBCDLPQRTZ (Д in St Mark) H (also 33) in the Gospels ...,
KABCDE2 [=r>bs] (also 13 61 [=33 81]) in Acts, KABC (also 13 [=33]) in the
Catholic Epistles, or KABCD2 [=06] G3 [=012] (also 17 67" [=33 424^]) in the
Pauline Epistles, and not by any Latin authority (except the latest forms of
Old Latin), the Old or Jerusalem Syriac, or either Egyptian version, and not by
any certain quotation of a Father earlier than 250, there is the strongest
possible presumption that it is distinctively Syrian, ..." - Den heute nicht
mehr üblichen Handschriftensigla und -nummem sind die Gregory-Nummern in
eckigen Klammern beigegeben (Übertragung nach GREGORY, C. R.: Die
griechischen Handschriften des Neuen Testaments, Leipzig 1908, S. 172ff.).
Theorien der Überlieferungsgeschichte 15

Als leitende Prinzipien für diese Rezension seien "a rough and
superficial kind of Intrinsic Probability"4 sowie das Streben nach
"lucidity and completeness" (134) zu erkennen. Daher sei der
"syrische" Text "smooth and attractive, but appreciably impover
ished in sense and force, more fitted for cursory perusal or recita
tion than for repeated and diligent study" (135).
Da vor der Mitte des 3. Jahrhunderts keine distinctive reading
des syrischen Textes zu finden sei (114), andererseits die Zitate des
Johannes Chrysostomos durchweg syrischen Charakter zeigen (91),
müsse die Rezension zwischen 250 und 400 erfolgt sein.
Hort vermutet in Lukian von Antiochien den Urheber der Re
zension des griechischen Textes und beruft sich auf den bekannten
Satz des Hieronymus im Brief an Damasus, der die Evangelien in
der Vulgata einleitet: "Praetermitto eos codices quos a Luciano et
Hesychio nuncupatos paucorum hominum adserit perversa
contentio". (138) Fest stehe jedenfalls, daß in allen griechischen
Handschriften, abgesehen von den primären Zeugen der drei ande
ren Textformen, das "syrische" Element kontinuierlich zunehme.
(141f.) Es habe also ein Prozeß allmählicher Annäherung an den
"syrischen" Text stattgefunden, der selbst schon im 4. Jahrhundert
vollkommen ausgeprägt und nicht mehr verändert worden sei,
wie ein Vergleich der Zitate der antiochenischen Väter5 mit dem
Text des 9. Jahrhunderts zeige. (142-144) Dies sei einerseits auf die
zunehmende räumliche Beschränkung der griechischen Christen
heit, andererseits auf die entschiedene Zentralisierung des byzanti
nischen Reiches zurückzuführen. Die im Zuge der Eroberungen
durch Barbaren und Muslime zerstörten Handschriften seien nicht
mehr ersetzt worden, während im Westen das Griechische fast
ausstarb; im byzantinischen Reich habe sich als Text der Kirche der
in Konstantinopel gültige, also der antiochenische Text des 4.
Jahrhunderts durchgesetzt, da Antiochien als "true ecclesiastical
parent of Constantinople" gelten müsse. (142f.)
"Vorsyrische" Lesarten in Minuskeln seien aus partieller
Kollation des "syrischen" Textes mit Handschriften der Art zu er
klären, die in den wenigen Minuskeln mit altem Text vollständig
kopiert wurden. (144f.)

4 Zum Begriff der "Intrinsic Probability", der Wahrscheinlichkeit, die sich aus
dem Verhältnis einer Lesart zum Kontext ergibt, vgl. HORT 20.
5 HORT nennt S. 91 ausdrücklich Chrysostomos, Theodor von Mopsuestia und
Diodor von Tarsus.
16 Thema und Fragestellung

Horts Urteil über den Wert "syrischer" Bezeugung ist, wie sich
wohl von selbst versteht, eindeutig negativ:
"Since the Syrian text is only a modified eclectic combination of earlier texts
independently attested, existing documents descended from it can attest
nothing but itself." (118)
Daher bedeute auch die Bestätigung z. В. einer "westlichen" Les
art durch "syrische" Zeugen lediglich, daß diese aus einer "westli
chen" Handschrift in den "syrischen" Text gelangte. Die Konse
quenz für die Textkonstitution lautet: "all distinctively Syrian
readings must be at once rejected" (119).

Hort distanziert sich im Nachwort des Textbandes (S. 551)


ausdrücklich von der Gleichsetzung "vorsyrischer" Textformen
mit Rezensionen. V. Soden dagegen führt im ersten Band seiner
Ausgabe6 alle nicht durch bloße Schreiberversehen entstandenen
Varianten der Überlieferung auf drei Rezensionen zurück und
gruppiert die Handschriften entsprechend. Er geht aus von "zwei
sich scharf unterscheidenden Typen" (707) H (nach dem ange
nommenen Bearbeiter 'Нстъхю?) und К (Koii/rí). H entspricht dem
"neutral/alexandrinischen", К dem "syrischen" Text bei Westcott
und Hort. Den "westlichen" Text dagegen ordnet v. Soden mit
anderen von H und К verschiedenen Textformen der Rezension Í
(nach dem angenommenen Entstehungsort ЧероиааХт'щ) zu.
V. Soden setzt gegen die Kontamination, die der Entwirrung der
von H und К differierenden Überlieferungsstränge entgegensteht,
die Unterscheidung der Bindelesarten angenommener Handschrif
tengruppen von anderem, aus anderen Texttypen eingedrunge
nem Überlieferungsgut. Zweifellos ist dies der richtige Weg bei
einer großen Zahl von Handschriften, die so eng verwandt sind,
daß sich als primäre Variantenschicht der Text eines Gruppen
archetyps herausschält. Aber es sind immer nur relativ wenige,
meist zwei bis fünf Handschriften, die einen entsprechend hohen
Grad an Kohärenz aufweisen. Für mindestens zwei Drittel der
Handschriften ist nur dann eine Zuordnung zu einer Gruppe mög
lich, wenn man den Gruppenbegriff weiter faßt und als Kriterium

Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt,


hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. Bd. 1,1-3: Untersuchungen,
Göttingen 21911; Bd. II: Text und Apparat. Göttingen 1913. - In diesem
Abschnitt verweisen die eingeklammerten Seitenzahlen im Text auf V.
SODENS Untersuchungsband.
Theorien der Überlieferungsgeschichte 17

der Zugehörigkeit schon die Übereinstimmung in einigen zu


Bindelesarten erklärten Varianten gelten läßt. Auf diesem Wege
zeigt v. Soden zwar, daß die Gruppierung jener zwei Drittel von
Handschriften möglich ist; sein Verfahren hat aber den Charakter
einer Patience7: Wie die gleiche Karte im Verlauf dieses Spiels
verschiedenen Kartenreihen zugeordnet werden kann, so paßt das
Variantenprofil vieler Handschriften zu verschiedenen Sequenzen
von "Bindelesarten" angenommener Gruppen8.
Mit v. Sodens Versuch, aus dem von H und К abweichenden
Überlieferungsgut den Text des "i-Typs" zu rekonstruieren, beginnt
die Erforschung der Minuskelüberlieferung, die Westcott und Hort
sozusagen als Black Box behandelt hatten, auf breiter Basis. Das für
die Theorie der Überlieferungsgeschichte des NT vielleicht wich
tigste, weil über Horts 3-Textformen-Hypothese hinausweisende
Ergebnis der Arbeit v. Sodens steht aber im Widerspruch zu seiner
eigenen Zielsetzung: Es ist nicht möglich, die von H und К diffe
rierenden Überlieferungsstränge einer Rezension zuzuordnen9.
Nicht weniger anfechtbar ist v. Sodens Methode der Textkonsti
tution, die vor allem die "gegenseitige Selbständigkeit der drei
Rezensionen" (1359) voraussetzt, so daß im Prinzip die Überein
stimmung zweier "Rezensionen" die Lesart der dritten ausschließt
und als der den Bearbeitungen zugrunde liegende ursprüngliche
Text (I-H-K ) gilt10. Daraus folgt eine entschiedene Aufwertung der
Koine, obwohl sie sich auch nach seinem Urteil "weitaus am
stärksten", allerdings nur durch eine leicht zu erkennende
"Freiheit ... in den reinen Sprachformalien" von I-H-K entfernt
(1456).

7 V. SODEN selbst gebraucht dieses Bild in seinem Schlußwort (1,2108).


8 So ist zu erklären, daß in der Liste der für die Katholischen Briefe
kollationierten Handschriften (1,1841) die 469 (=a306) sowohl unter ibl als
auch unter K, die 496 (=8360) sowohl unter 1 bl als auch unter I b2 verzeichnet
wurde.
9 Vgl. LIETZMANN, H.: H. von Sodens Ausgabe des Neuen Testamentes: Die
Perikope von der Ehebrecherin, ZNW 8, 1907,34-47; DERS.: H. von Sodens
Ausgabe des Neuen Testamentes: Die drei Rezensionen, ZNW 15, 1914, 323-331,
hier 329-331; LAKE, K.: Professor H. von Sodens Treatment of the Text of the
Gospels. (Rezension: Die Schriften des Neuen Testaments 1,1-3. ) RTP 4, 1908,
201-217; 277-295, hier 282; METZGER, Text of the NT, 141f.; ALAND, К. u. В.:
Der Text des Neuen Testaments, Stuttgart 21989, 32f. und 76.
1 0 Vgl. I,1359f. und die "Zusammenfassung der Grundsätze für die Herstellung des
Textes" II, p. XXVm. - Dazu LAKE 1908, 282-292.
18 Thema und Fragestellung

Im einzelnen unterscheidet v. Soden folgende die sprachliche


Gestalt der Koine prägende Formen editorischer Eingriffe (1456-
1458):
- Stilistische Verbesserungen durch Wortumstellungen, die die
Syntax erleichtern; konsequente Angleichung der Tempora in
nerhalb eines Satzes; syntaktische Parallelisierung; daneben aber
auch Vermeidung von Wortwiederholungen, wenn sie den
Sprachfluß stören (z. B. Lk 11,29 от. yevea2; Joh 10,38 ты ттатрИ
сштш); Umwandlung eines Gen. abs. in ein Participium coniunc-
tum; Umwandlung eines Verbum finitum in ein Partizip, aber
auch umgekehrt; Einfügung der Kopula; Einfügung eines Kai bei
koordinierten Satzteilen.
- Sachliche Verbesserungen durch Anpassung an synoptische
Parallelen; Herstellung des exakten Wortlauts bei Zitaten aus der
LXX;
- Verdeutlichung des Sinns durch Zusatz von Possessivpro
nomina, Vermeidung von Ellipsen, Zusatz oder Modifizierung
von Partikeln.

Diese an den Evangelien festgestellten Merkmale findet v. Soden


auch in den Katholischen Briefen (1873f.), wo sich К wie sonst "vor
allem durch Reminiszenzen beeinflußt" zeige. Sie seien aber,
ebenso wie die Sonderlesarten überhaupt, anders als in den
Evangelien und der Apostelgeschichte, "kaum zahlreicher als in Г.
Dies beweise, "dass hier irgend ein dort in К wirksames Moment
ausfällt". Daraus sei vielleicht zu schließen, "dass diese Briefe, als
an ihnen die K-Rezension sich vollzog, noch kein so langes
Sonderdasein in den syrischen Ländern hinter sich hatten".
Gelegentlichen Bemerkungen des Hieronymus11 folgend führt
v. Soden die Texttypen H auf Hesych (Alexandrien), I auf Pam-
philus und Eusebius (Cäsarea/ Palästina), К auf Lucian (Antio-
chien) zurück (1508; vgl. 1470f.). Nachdem die Schriften des NT
durch diese Männer um die Wende des 3. zum 4. Jahrhundert drei
verschiedene Formen erhalten hätten, sei die weitere Textge
schichte vor allem die Geschichte des Sieges der Koine: der Text des
Lucian habe "ohne Aufhören als Korrektiv gedient für die von
ihm abweichenden Texte" (708), während die Koine "ihrerseits ...

11 Im Dedikationsbrief an Damasus vor den Evangelien, in der Vorrede zu den


Büchern der Chronik und in der Schrift adv. Ruf. 1Д7; vgl. unten S. 167f.
Theorien der Überlieferungsgeschichte 19

jede nennenswerte Beeinflussung durch ihre Konkurrenten von


sich abgewehrt" (712) habe. Den Typen nicht klar zuzuordnende
Handschriften werden als Zeugen von Versuchen der Kirche
gedeutet, "zwischen Í und K-H trat rasch zurück ...- einen
mittleren Text herzustellen" (1508).
Der К -Text seinerseits habe zwar "Neuauflagen, Revisionen,
Superrevisionen" (708) erlebt, aber sie dienten lediglich der
Reinerhaltung des einmal festgelegten Textes: "mehr als leichte
Stilisierungen des sprachlichen Gewandes bedeuten die Spielarten
des К nicht" (712). Gleichwohl sei in den Evangelien die
Textformen JC1 als erstes, KT als letztes Stadium der Entwicklung
von einer zwischen beiden liegenden Größe Kx zu unterscheiden
(713).
In den Katholischen Briefen sei, wie in der Apostelgeschichte
(1760f.), die Unterscheidung der in den Evangelien festgestellten
drei Hauptformen der Koine nicht möglich; nur die "K-Nuancen"
KT und Kc, die der Complutensis als Vorlage dienten (1761), seien
auszumachen, letztere allerdings "nur sehr undeutlich" (1874f.)12.

Am Ende seiner Rezension von Band I der Ausgabe v. Sodens setzt


K. Lake dessen Theorie eine Arbeitshypothese entgegen13, die die
Grundgedanken der abschließend von Streeter formulierten Theo
rie lokaler Texte14 enthält. Obwohl sich diese Theorie fast aus
schließlich auf die Evangelien bezieht, muß sie hier wenigstens
skizziert werden, da sie einige bis heute wirksame Grundan
nahmen über den Verlauf der Textgeschichte enthält.
Nach Lakes Arbeitshypothese war in der Zeit zwischen der Ab
fassung des Johannesevangeliums (spätestens 110) und der allge
meinen Anerkennung des Vier-Evangelien-Kanons gegen Ende
des 2. Jahrhunderts jeder Schreiber in gewissem Maße ein Redak
tor, indem er seine Aufgabe nicht darin sah, eine Texttradition
fortzusetzen, sondern darin, eine Botschaft weiterzugeben; nicht
auf den exakten Wortlaut kam es an, sondern auf den Inhalt. So
erhielt der Text sehr schnell verschiedene Formen, die im Zuge der
Ausprägung des Kanons lokal fixiert wurden: "even if the idea of a

1 2 Auf S. 1840 heißt es noch: "Dieselben Codd sind [sc. in Kath] Vertreter von К ,
innerhalb dessen sich Xe und Kr genau wie dort [sc. in der Apg] abhebt."
13 LAKE 1908, 292-295.
1 4 STREETER, B. H.: The Four Gospels, a Study of Origins, London 1924, rev. 1930.
20 Thema und Fragestellung

four-fold Gospel started from one place, the actual copies of it


perpetuated from the beginning a variety of local traditions"15.
Aber sobald der Kanon feststand, führte die Kommunikation
zwischen den Kirchen zu schrittweiser Angleichung der Texte,
später zu bewußter Revision und schließlich zur Einführung eines
Standardtextes. Alle griechischen Handschriften repräsentieren
somit Rezensionen, aber sie sind nicht mit v. Soden als verschie
dene Editionen eines gemeinsamen Urtextes zu betrachten, son
dern als "first attempts to standardize the text"16. Aufgabe der neu-
testamentlichen Textkritik wäre demnach, zunächst die "local
texts" zu rekonstruieren und auf dieser Grundlage die Konsti
tution des "original text" zu versuchen.17
Im wesentlichen ebenso zeichnet Streeter die Grundzüge der
ersten Phase der handschriftlichen Überlieferung des NT, sieht
aber eher in Schreibfehlern und ihrer Korrektur den Hauptgrund
für die Unterschiedlichkeit der frühen Textformen18. Sie werden 5
Haupttypen zugeordnet, den Texten Alexandriens, Caesareas,
Antiochiens, Italiens und Galliens und Afrikas19.
Der Byzantinische Text sei sehr wahrscheinlich aus einer
Revision älterer lokaler Texte durch Lukian hervorgegangen20.
Gegen Ende des 4. Jahrhunderts seien die wohlhabenderen und
wichtigeren Klöster von Antiochien oder Konstantinopel mit
vollständigen Exemplaren des neuen Standardtextes versorgt
worden. Unbedeutendere Gemeinden hätten ihre alten Texte, etwa
gelegentlich eines Besuchs des Bischofs in der Hauptstadt, mit
einem Musterexemplar vergleichen und korrigieren lassen. Die
Korrekturen seien mit unterschiedlicher Intensität und nach
verschiedenen Gesichtspunkten durchgeführt worden, weshalb die
lokalen Texte alle mit byzantinischen Lesarten kontaminiert seien,
ohne ihre Eigentümlichkeiten ganz zu verlieren. Dieser Prozeß ha

15 LAKE 1908, 293.


16 Ebd. 294.
1 7 Vgl. auch LAKE, K.: The Influence of Textual Criticism on the Exegesis of the
New Testament, Oxford 1904, S. 6, und die entsprechende Forderung bei V.
DOBSCHÜTZ, E.: Eberhard Nestle's Einführung in das Griechische Neue
Testament, Göttingen 41923, S. 25f.
18 Vgl. STREETER 1930, 35-39.
19 Vgl. ebd. S. 51-108 (Schaubild S. 26).
20 Vgl. zu diesem Abschnitt ebd. S. 39-41 und 112-121.
Theorien der Überlieferungsgeschichte 21

be sich über einige Jahrhunderte hinweg fortgesetzt, bis schließlich


alle Überbleibsel vorbyzantinischer Textformen beseitigt waren.
Streeter sieht also eine Entwicklung zwar in der Ausbreitung,
aber nicht in der Entstehung der Koine. Diese Entwicklung setzt,
wie v. Sodens "Siegeszug", eine Rezension der frühen Überliefe
rung schon voraus.

Schon bevor v. Sodens Untersuchungsergebnisse vollständig ver


öffentlicht waren, beschäftigte sich Gregory mit der Frage, ob der
"Offizielle" (sc. Byzantinische) Text möglicherweise "als die Folge
von völlig unbestimmten, planlosen, örtlich von einander weit
gesonderten, nur gelegentlichen und zufälligen Änderungen" gel
ten könne21. Er hält dann aber doch an Horts Hypothese einer
systematischen Rezension fest: "Allein, die Voraussetzung der
Planmäßigkeit und der Folgerichtigkeit scheint mir viel besser der
Art der Änderungen zu entsprechen."22 Um das Jahr 250 sei,
wahrscheinlich unter Beteiligung Lukians, durch "die kirchliche
Autorität" eine Revision der Überlieferung veranlaßt worden,
deren Resultat der "Offizielle Text" der folgenden Jahrhunderte
gewesen sei.23
Vermutlich reagiert Gregory damit auf Kenyons "Textual Criti
cism", in dem die Rezensionshypothese erstmals grundsätzlich in
Frage gestellt wird24. Kenyon sieht den Byzantinischen Text als
"the result of a long-continued process rather than of a deliberate
revision"25. Er bestreitet, daß es eindeutige Hinweise auf eine Re
zension des Neuen Testaments durch Lukian gebe. Es sei unwahr
scheinlich, daß es für ein solches Unternehmen gar keinen direk
ten Beleg geben sollte, wie man ihn für die Revisison der lateini-

21 GREGORY, С R.: Textkritik des Neuen Testamentes ГП, Leipzig 1909, S. 1007.
22 Ebd.
23 Ebd. S. 1005.
24 Zum Folgenden vgl. KENYON, F. G.: Handbook to the Textual Criticism of the
New Testament, London 21912 (1901), S. 324-326; DERS.: Recent Developments
in the Criticism of the Geek Bible, (The Schweich Lectures of the British
Academy 1932) London 1933, S. 65-67; DERS.: The Text of the Greek Bible: A
Student's Handbook, London 21949 (1937), S. 198f. - K. u. S. LAKE (The
Byzantine Text of the Gospels, Mémorial Lagrange, Paris 1940, S. 251-258)
schließen sich, abweichend von К. LAKES Position in seinem "The Text of the
New Testament", Oxford 61928, S. 72, der Hypothese KENYONS in der Sache
an.
25 Recent Developments, S. 65.
22 Thema und Fragestellung

sehen Übersetzung durch Hieronymus oder auch die Septuaginta-


Rezension Lukians habe26. Auf der anderen Seite sei unter den
frühen Handschriften keine mit Byzantinischem Text zu finden.
Die stufenweise Annäherung des Evangelientextes an die Koine in
den Zitaten des Chrysostomos, im Codex Alexandrinus (A/02, 5.
Jh.) und in der Peschitta (der sog. syrischen Vulgata aus dem 5. Jh.)
deutet Kenyon als Indizien für eine Entwicklung, die in v. Sodens
Kl, Xх und KT, wiederum schrittweise, ihr Ende erreicht. Die Koine-
lesarten selbst seien plausibel als Glättungen und Ergänzungen des
Textes durch Schreiber zu erklären.
Kenyon führte diese überlieferungsgeschichtliche Skizze nicht
weiter aus, weil für ihn die Konstitution des ursprünglichen Textes
Vorrang hatte, für die zwar die Feststellung des sekundären
Charakters der Koine, aber nicht die Geschichte ihrer Entstehung
wichtig sei. Seine Theorie bedeute "very little modification of
Horfs theory"2?.
Dagegen hat Colwell gezeigt, daß Horts ganzes Konzept von
mehr oder weniger statischen Textformen in Frage steht, wenn
man einen Texttyp wie den byzantinischen als Resultat einer jahr
hundertelangen Entwicklung begreift28. Denn es gibt keinen
Grund, die Entstehung von Texttypen wie dem "alexandrini-
schen", "westlichen" oder "caesareischen" anders zu erklären als
die des byzantinischen. Da es für keinen dieser Texttypen außer
dem byzantinischen annähernd "reine" Zeugen gibt, ist mit Col
well anzunehmen, daß solche durch gemeinsame Lesarten be
stimmter Handschriften definierte Textformen Phasen einer text
geschichtlichen Entwicklung markieren, die zunächst sogar für
Änderungen des Wortlauts, später immerhin noch für die Über
nahme von Lesarten aus anderen Traditionssträngen offen war. So

26 Vgl. dazu unten S. 167f.


27 Textual Criticism, S. 326. - In diesem Punkt unterschätzt KENYON wohl die
Bedeutung der Überlieferungsgeschichte für die Textkritik. So setzt V. SODENS
Ansicht, die Koine sei den beiden anderen großen Textformen im Prinzip
gleichwertig, die Rezensionshypothese voraus. Wenn man die Koine mit
KENYON als Resultat einer stufenweisen Entfernung vom ursprünglichen Text
erklärt, muß man zumindest die charakteristischen Koinelesarten, wie es
KENYON tut, als sekundär betrachten.
28 Vgl. COLWELL, E. C: Method in Establishing the Nature of Text-Types of
New Testament Manuscripts, in: Studies in Methodology in Textual Criticism
of the New Testament, (NTTS 9) Leiden 1969, S. 45-55.
Theorien der Überlieferungsgeschichte 23

schließt Colwell: "A text-type is a process, not the work of one


hand."29
Allerdings enthält diese Definition, wenn man sie wörtlich
nimmt, ein bezeichnendes Paradox. Ein Typus ist eine geprägte,
feste Form, ein Prozeß die Veränderung einer Form. Ein Typus
kann das Resultat eines Prozesses sein und ein Prozeß mag eine
typische Verlaufsform haben, und in diesem Sinne ist der Byzan
tinische Text gewiß ein Typus. Es ist jedoch fraglich, ob man diesen
Begriff auch auf die übrigen "Texttypen" anwenden sollte. Anders
als für den Byzantinischen Text gibt es für sie nur selten auch nur
zwei Handschriften, die einander so gleichen wie Hunderte von
Koinehandschriften. Denn mit dem Byzantinischen Text ist das
Ende der überlieferungsgeschichtlichen Entwicklung erreicht, wäh
rend die Zeugen des "alexandrinischen", "caesareischen" und erst
recht des "westlichen" Textes einzelne, je unterschiedliche Phasen
des Überlieferungsprozesses repräsentieren. Einige Handschriften
überliefern frühe Textformen, die der gleichen Epoche angehören.
Es spricht nichts dagegen, die traditionell den "Texttypen" zuge
ordneten Zeugen aufgrund der ihnen jeweils gemeinsamen Vari
antenschicht zu Gruppen zusammenzufassen. Mit dem Begriff des
Texttyps jedoch ist zwangsläufig die Konnotation der geprägten,
festen Form, nämlich einer Rezension bzw. eines bereits im 3./4.
Jahrhundert bewußt abgeschlossenen Entwicklungsprozesses, ver
bunden. Wie sich auch in dieser Arbeit zeigen wird, zwingen die
Quellen aber keineswegs zu dem Schluß, daß den Gruppen von
Zeugen früher Textformen jeweils ein sorgfältig kontrollierter,
nahezu identisch reproduzierter Texttyp wie der byzantinische
zugrunde liege. Handschriften, die frühe Textformen überliefern,
unterscheiden sich in der Regel durch ihr Sondergut in einem
Maße voneinander, daß die Rezensionshypothese schon aufgrund
des Befundes an Textvarianten in Frage steht. Es ist an der Zeit,
eine Theorie der Überlieferung des Neuen Testaments zu formu
lieren, die auf das relativ bequeme Konzept der "Texttypen" ver
zichtet und die Textgeschichte als ein Kontinuum begreift, aus
dessen frühen Stadien wir nur relativ wenige, nur in Ausnahme
fällen eng verwandte Zeugen haben.30

29 Ebd. S. 53.
30 Vgl. dazu jetzt B. ALAND, Neutestamentliche Textforschung, eine philologi
sche, historische und theologische Aufgabe,!»: Bilanz und Perspektiven gegen
24 Thema und Fragestellung

Der letzte größere Entwurf zu einer Geschichte der Überlieferung


des Neuen Testaments stammt von K. und B. Aland31. Auch sie
unterscheiden drei große Textformen, die sich vor der Konstan
tinischen Wende herausbildeten: den alexandrinischen Text, den
D-Text32 und die Koine (S. 74-76); aber sie verzichten darauf, die
Handschriften, die diesen Textformen nicht zuzuordnen sind,
einem Typ zu subsumieren. Daß es neben den sicher festgestellten
Texttypen möglicherweise einen Cäsarea- und einen Jerusalem-
Text gegeben haben mag, räumen K. und B. Aland zwar ein, aber
sie warnen nachdrücklich davor, deren hypothetische Rekon
struktionen in den Rang textkritischer Kategorien zu erheben (76).
Der alexandrinische Text sei wahrscheinlich von Hesych nach
einer Handschrift vom Typ des Codex Vaticanus bzw. des *p75
redigiert und durch den mächtigen Bischof von Alexandrien zum
maßgeblichen Text der ägyptischen Kirche gemacht worden (75,
vgl. 66). Der D-Text sei "durch Redaktion einer guten alten Hand
schrift entstanden" (345), also wahrscheinlich auf der Grundlage
eines "Papyrus mit altem Text" (74) von einem "bedeutenden
Theologen des Ostens aus dem 3./4. Jahrhundert" (79) hergestellt
worden. (74-81)33
Die Koine gehe nach der Überlieferung des 4. Jahrhunderts (sc.
des Hieronymus) auf die Bearbeitung einer alten Vorlage durch
Lukian zurück und habe sich, "stilistisch geglättet, kirchlich bear
beitet und durch erbauliche Zusätze erweitert", schließlich als der
byzantinische Reichstext durchgesetzt (74); selbst der alexan
drinische Text zeige nach dem 4. Jahrh. eine zunehmende Tendenz
zur Koine: "aus dem alexandrinischen Text wird der ägyptische"
(66, vgl. 81).

wärtiger Auslegung des Neuen Testaments (Symposion zum 65. Geburtstag von
G. Strecker), hg. v. F. W. Horn, (BZNW 75) Berlin/New York 1995, S. 7-29.
3 1 ALAND, K./ ALAND, В.: Der Text des Neuen Testaments, Stuttgart 21989. - Im
folgenden Abschnitt beziehen sich die Seitenangaben im Text auf dieses Buch.
32 Diese Bezeichnung vermeidet das irreführende Attribut "westlich". Wahr
scheinlich ist der "westliche" Text in Syrien entstanden (vgl. ALAND, В.:
Entstehung, Charakter und Herkunft des sog. westlichen Textes - untersucht an
der Apostelgeschichte, EThL 62, 1986, 5-65, hier S. 63f.).
33 Das heißt freilich nicht, daß jener Bearbeiter den "westlichen" Text erst
geschaffen hätte. Er steht vielmehr am Ende einer Entwicklung, die, wie die
Apg-Papyri ф38-48 aus dem 3. bzw. 3./4. Jahrh. und der Text Cyprians zeigen,
wahrscheinlich schon im 2. Jahrh. begann (vgl. B. ALAND 1986, 64).
Theorien der Überlieferungsgeschichte 25

Auch K. und B. Aland nehmen also an, daß editorische Bear


beitungen Hesychs und Lukians für die Entstehung des alexan-
drinischen und des Byzantinischen Textes eine wichtige Rolle
spielten. Allerdings wird die Koine, wie B. Aland später an anderer
Stelle dargelegt hat34, nicht als eine Rezension betrachtet, die schon
von der Hand Lukians bzw. in seiner Zeit ihre endgültige Form
erhielt. Denn einerseits bezeugen schon die frühen Papyri Lesarten,
die sich später in der Koine durchsetzten35, andererseits ist das
Zeugnis der Väterzitate des 4. und 5. Jahrhunderts keineswegs so
einheitlich, wie es nach Darstellung Horts zumindest für die
antiochenischen Väter sein müßte36. Lukian mag zwar eine erste
systematische Bearbeitung des Textes vorgenommen haben, aber
sicher ist lediglich, daß eine Bearbeitung gegen Ende des 3.
Jahrhunderts die seit dem Anfang der Überlieferung bestehende
Tendenz zur Glättung des Textes verstärkte37. Wie die Väterzitate
zeigen, ist die Koine im 4. und 5. Jahrhundert "nicht sakrosankt,
sie kann weitergebildet oder auch nur teilweise übernommen
werden"38. Erst im 6. Jahrhundert ist die Koine in den Evangelien
voll ausgeprägt, in den übrigen neutestamentlichen Schriften erst
im 9. /10. Jahrhundert; es scheint, daß der entscheidende

34 Neutestamentliche Textforschung und Textgeschichte, NTS 36, 1990, 337-358,


hier S. 348-351; vgl. auch B. ALAND, Die Münsteraner Arbeit am Text des
Neuen Testaments und ihr Beitrag für die frühe Überlieferung des 2.
Jahrhunderts, in: PETERSEN, W. L. (Hg.): Gospel Traditions in the Second
Century, (Christianity and Judaism in Antiquity 3) Notre Dame/London 1989,
S. 55-70, hier 66f.
35 In besonderem Maße gilt dies für Ci66; vgl. FEE, G. D.: Papyrus Bodmer II (Sp66):
Its textual relationships and scribal characteristics, (Studies and Documents
34) Salt Lake City 1968, bes. S. 9-35.
36 Vgl. HORT 91. - Nach einer Auswertung der Belege für Varianten an den
Apparatstellen des GNT4 bezeugen z. B. die Zitate des Chrysostomos zwar
überwiegend den Byzantinischen Text, aber die Zahl der Abweichungen von
der Koine ist doch beachtlich. Chrysostomos bietet 915 Belege für Stellen mit
Apparat im GNT4. Von diesen bezeugen 371 den Byzantinischen Text, wo dieser
von der als ursprünglich beurteilten Lesart abweicht, 347 bestätigen
Übereinstimmungen des Byzantinischen mit dem als ursprünglich beurteilten
Text; 79 Belege stimmen gegen den Byzantinischen mit dem als ursprünglich
beurteilten Text überein, 118 Belege bieten Sonderlesarten.
37 Vgl. B. ALAND 1990, 348f.
38 Ebd. S. 349.
26 Thema und Fragestellung

Standardisierungsschub erst mit der Einführung der Minuskel


erfolgte39.
Entsprechend lehnen K. und B. Aland die Theorien ab, die die
handschriftliche Überlieferung des NT auf einige Hauptformen
zurückführen wollen, weil es auf diese Weise nicht möglich ist,
einerseits die Charakteristika der seit den 30er Jahren dieses
Jahrhunderts bekannt gewordenen Papyrustexte angemessen zu
beschreiben, andererseits dem komplexen Befund der Kollationen
von weit über 2.000 Minuskeln an Teststellen aus allen neutesta-
mentlichen Schriften gerecht zu werden40. Insbesondere der Begriff
des Texttyps sei in großen Bereichen der Überlieferung kein für die
Auflärung ihrer komplizierten Struktur taugliches Instrument:
"Nur der byzantinische Text und der D-Text . . . haben genug charakteristi
sche Lesarten, um ihnen eine Handschrift klar zuordnen zu können. Alle an
deren sonst in der Textforschung benutzten Texttypen bedürfen der klarer
differenzierten Definition. Die andere noch gravierendere Schwäche der her
kömmlichen Texttypen ist jedoch, daß sie nur auf relativ wenigen Zeugen
beruhen, gemessen an der Gesamtmenge aller heute bekannten Hand
schriften." (342; vgl. 68f.)
In der Konsequenz entwickeln K. und B. Aland ein offenes,
heuristisches System zur vorläufigen Klassifizierung von Hand
schriften, das auf den durch Teststellenkollationen gesicherten
Fakten basiert und die Ergebnisse der Auswertung des gesamten
Materials, die ja noch keineswegs abgeschlossen ist, vorläufig zu
integrieren gestattet.
Aufgrund der Teststellenkollationen werden die Handschriften
fünf Kategorien zugeordnet (116f.):
Kategorie I: Handschriften, die "für die Feststellung des
ursprünglichen Textes stets in Betracht zu ziehen" sind, wie die
Zeugen des alexandrinischen Textes und des Textes der Frühzeit.
Kategorie II: "Handschriften besonderer Qualität, zwar von de
nen der Kategorie I durch Fremdbeeinflussung (insbesondere
durch den Byzantinischen Text) unterschieden, aber für die Fest

39 Vgl. ebd. S. 350; ferner ALAND, B. /WACHTEL, K.: The Greek Minuscule
Manuscripts of the New Testament, in: EHRMAN, B. D./HOLMES, M. W. (Hg.):
The Text of the New Testament in Contemporary Research: Essays on the
Status Quaestionis, (Festschrift METZGER, erscheint demnächst als SD 46).
40 Vgl. dazu auch K. ALAND: Die Konsequenzen der neueren Handschriftenfunde
für die neutestamentliche Textkritik; in: Studien zur Überlieferung des Neuen
Testaments und seines Textes, (ANTF 2) Berlin 1967, S. 180-201 (bes. 187-189).
Theorien der Überlieferungsgeschichte 27

Stellung des ursprünglichen Textes wichtig", wie z. B. die Zeugen


des ägyptischen Textes.
Kategorie III: "Handschriften ... mit selbständigem Text ... (z. B.
f1, f13)", wichtiger für die Textgeschichte als für die Textkon
stitution.
Kategorie IV: "Handschriften des D-Textes".
Kategorie V: "Handschriften mit reinem oder überwiegend
byzantinischem Text".
Die Kategorien dienen der "Erstsortierung" (343) aufgrund der
Teststellenkollationen. K. und B. Aland räumen ein "subjektives
Moment" und, mit Blick auf die noch nicht genügend untersuch
ten Sonderlesarten, die Vorläufigkeit ihrer Klassifizierung der
Handschriften nach Kategorien durchaus ein (117; vgl. 347f.).
Jedenfalls aber können die Kategorien I-III als Parameter für den
Abstand einer Handschrift von der jüngsten Textform, der Koine,
gebraucht werden, und zwar unabhängig davon, ob man an den
Teststellen immer die Lesart 2, also den Text der 26. Auflage des
Nestle /Aland, als ursprünglich beurteilt. Eine größere Zahl von
Abweichungen einer Handschrift vom Mehrheitstext läßt mit
einiger Sicherheit auf ein relativ hohes Alter der Textform dieser
Handschrift schließen.
Eine große Zahl von Minuskeln des 9.-16. Jahrhunderts sind der
Kategorie III zuzuordnen41; sie weichen also im ganzen nicht
weniger stark von der Koine ab als der Codex Alexandrinus in den
Evangelien. Sie haben einen hohen Anteil an byzantinischen
Lesarten, enthalten jedoch Elemente verschiedener älterer oder
jedenfalls anderer Textformen, die trotz des Siegeszuges der Koine
erhalten blieben. K. und B. Aland erklären dieses Faktum mit der
"Tenazität" der neutestamentlichen Überlieferung, der "Hart
näckigkeit, mit der sie einmal vorhandene Lesarten festhält" (79f.).
Auf der anderen Seite ist klar, daß die Handschriften der
Kategorie III zu den wichtigsten Quellen für das Vordringen der
Koine zählen. Dies gilt insbesondere für Gruppen von Hand
schriften, die über mehrere Jahrhunderte einen bestimmten Zu
stand des Übergangs von einer deutlich anderen Textform zur Koi
ne konstant bewahrt haben, wie z. B. die Gruppe Hk42 in den

41 Vgl. die tabellarische Übersicht bei K. u. B. ALAND, Text des NT, 169-171, in
der nur eine Auswahl der wichtigsten Handschriften der Kategorie III und V
berücksichtigt ist.
42 S. dazu unten S. 56-64.
28 Thema und Fragestellung

Katholischen Briefen. Solche konstant überlieferten Mischtexte


bezeugen möglicherweise frühe Stufen der Entwicklung zur Koine.

Die bisher dargestellten Theorien der Überlieferungsgeschichte des


Neuen Testaments stimmen alle in dem Punkt überein, daß der
Byzantinische Text als im wesentlichen sekundäre Textform zu
betrachten ist, die aus editorischer Bearbeitung älteren Überliefe
rungsguts hervorging. Auch v. Soden weicht von diesem Konsens
nur insofern ab, als er der Koine im Prinzip das gleiche Gewicht
zuerkennt wie den anderen von ihm postulierten Rezensionen,
sofern sie mit einer von diesen gegen die dritte übereinstimmt.
Metzger formuliert, wenn nicht die communis opinio, so doch
eine nach wie vor weitverbreitete Überzeugung mit den Worten:
"... readings which are supported by only Koine or Byzantine witnesses
(Hort's Syrian group) may be set aside as almost certainly secondary. The
reason that justifies one in discarding the Koine type of text is that it is
based on the recension prepared near the close of the third century by
Lucian of Antioch, or some of his associates, who deliberately combined
elements from earlier types of text. Despite the fact that it appears in a large
majority of Greek manuscripts (for it was adopted, with subsequent
modifications, as the received text of the Greek Orthodox Church), the
abundance of witnesses numerically counts for nothing in view of the
secondary origin of the text-type as a whole."43
Dieses Urteil über den Charakter des Byzantinischen Textes wird
seit den Tagen Westcotts und Horts von einigen Verteidigern des
Textus receptus bekämpft, für die unvorstellbar ist, daß Gott einen
anderen als den ursprünglichen Text die weiteste Verbreitung
finden lassen konnte. So schreibt J. W. Burgon gegen die Revision
der King James Version von 1881, die einem griechischen Text
folgte, der dem von Westcott und Hort konstituierten nahekam:
"К В D are three of the most scandalously corrupt copies extant: - exhibit the
most shamefully mutilated texts which are anywhere to be met with: - have
become, by whatever process (for their history is wholly unknown), the
depositories of the largest amount oífabricated readings, ancient blunders, and
intentional perversions of Truth, - which are discoverable in any known copies
of the Word of GOD."44
In einer anderen Verteidigung der King James Version von 1611
formuliert E. F. Hills bündig die Prinzipien der Textkritik in der

43 METZGER, Text of the NT, 212.


44 BURGON, J. W.: The Revision Revised, London 1883, S. 16 (Hervorhebungen im
Original).
Theorien der Überlieferungsgeschichte 29

Tradition Burgons in "six axioms of consistently Christian textual


criticism":
"(a) The purpose of the providential preservation of the New Testament is
to preserve the infallibility of the inspired original text, (b) This providential
preservation concentrated itself on the Greek New Testament text, (c) This
providential preservation operated within the sphere of the Greek Church,
(d) This providential preservation operated through the testimony of the
Holy Spirit, (e) The text of the majority of the manuscripts is the provi
dentially preserved and approved text, (f) The text of the majority of the
manuscripts is the standard text."45
Andere Verteidiger des Textus receptus beschränken die Grund
legung ihrer textkritischen Methode, der "Majority Text Method"
auf Hills' fünftes Axiom (e), indem sie zum entscheidenden
Kriterium für die Ursprünglichkeit einer Lesart das Mehrheits
prinzip erheben:
"Any reading overwhelmingly attested by the manuscript tradition is more
likely to be original than its rival(s). This observation arises from the very
nature of manuscript transmission. In any tradition where there are not
major disruptions in the transmissional history, the individual reading which
has the earliest beginning is the one most likely to survive in a majority of
documents."46

45 HILLS, E.: The King James Version Defended! A Christian View of the New
Testament Manuscripts. The Christian Research Press, 1956, 30 (zitiert nach
STURZ, H.A.: The Byzantine Text-Type and New Testament Textual
Criticism, Nashville, Term. 1984, 35f.).
46 The Greek New Testament according to the Majority Text, ed. by Z. C.
HODGES and A. L. FARSTAD, Nashville 1982, p. Xlsq. - In einer früheren
Veröffentlichung von HODGES (The Greek Text of the King James Version, BS
125, 1968, 339-345) wird deutlich, daß auch mithilfe des scheinbar rationalen
Mehrheitsprinzips die King James Version aus dem Jahre 1611 vor einer
Revision nach wissenschaftlichen Prinzipien bewahrt werden soll: "Thus the
Majority text, upon which the King James Version is based, has in reality the
strongest claim possible to be regarded as an authentic representation of the
original text." (S. 345).
Eine neuere Ausgabe des Mehrheitstextes (The New Testament in the Original
Greek, according to the Byzantine/Majority Textform, revised by M. A. ROBIN
SON and W. G. PIERPONT, Atlanta 1991) zeigt, daß die Auseinandersetzung
mit den Verfechtern der Ursprünglichkeit des Mehrheitstextes auch heute
noch notwendig ist. Die Herausgeber, die sich auf die "critical canons of JOHN
D. BURGON" (p. XIV) berufen, suchen gegenüber HODGES und FARSTAD ein
höheres Maß an Objektivität zu erreichen, indem sie sich bei der Texther
stellung konsequent an V. SODENS Koine-Gruppe Kx halten, Stellen mit
zahlreich bezeugten Varianten in eckige Klammern setzen und im Druck auf
jede Akzentuierung und Interpunktion (aber nicht auf die Verseinteilung des
Textus receptus) verzichten.
30 Thema und Fragestellung

Im Rahmen seiner Ausführungen zu "Genealogy and Number"


stellt auch Hort fest:
"A theoretical presumption indeed remains that a majority of extant
documents is more likely to represent a majority of ancestral documents at
each stage of transmission than vice versa."*'
Aber jedem denkenden Menschen, der sich nicht an das
"Axiom" des Mehrheitsprinzips klammert, wird das Argument
einleuchten, das Hort jener theoretischen Wahrscheinlichkeit -
um eine solche handelt es sich, nicht um eine Beobachtung, wie
Hodges behauptet - entgegensetzt:
"But the presumption is too minute to weigh against the smallest tangible
evidence of other kind. Experience verifies what might have been anticipated
from the incalculable and fortuitous complexity of the causes here at work.
At each stage of transmission the number of copies made from each MS
depends on extraneous conditions, and varies irregularly from zero
upwards: and when further the infinite variability of chances of preservation
to a future age is taken into account, every ground for expecting a priori any
sort of correspondence of numerical proportion between existing documents
and their less numerous ancestors in any one age falls to the ground."48
Im vorausgehenden Kapitel (S. 39-42) hatte Hort das genealogi
sche Prinzip an einem ebenso einfachen wie einleuchtenden Bei
spiel dargestellt: Wenn von einer Schrift zehn Exemplare existie
ren, von denen neun in direkter Linie auf eine andere Vorlage
zurückgehen als das zehnte, ist bei Abweichungen nicht automa
tisch die Lesart jener neun vorzuziehen, weil sie zunächst nicht
den ursprünglichen Text sondern ihre Vorlage bezeugen. Für die
Entscheidung, welche Lesart die ursprüngliche ist, sind nur zwei
Texte zu beurteilen: jenes zehnte Exemplar und die aus den übri
gen neun zu rekonstruierende Vorlage. Die entscheidende Schluß
folgerung lautet:
"Where the two ultimate witnesses differ, the genealogical method ceases to
be applicable, and a comparison of the intrinsic general character of the two
texts becomes the only resource."49
Den Nachweis, daß die Mehrheit der Handschriften an all den
Stellen, wo sie die sprachlich glattere oder inhaltlich eingängigere
Lesart bezeugt, den ursprünglichen Text bewahrt, haben die Ver
fechter der "Majority Text Method" niemals ernstlich - also am
Text - zu führen versucht. Hodges hält diesen Nachweis zwar für

47 HORT 45.
48 Ebd.
49 Ebd. 42.
Theorien der Überlieferungsgeschichte 31

möglich, aber, wie philologische Argumente im allgemeinen, für


ebenso unnötig: "... almost any reading (even those in the majority
text!) can be defended by a critic who possesses adequate
sophistication."50

Das Beharren auf dem "Mehrheitsaxiom" ist sicher kaum geeignet,


die Überlieferungstheorie Westcotts und Horts in Frage zu stellen.
Die Revisionsbedürftigkeit ihrer bis heute weithin akzeptierten
Beurteilung des Byzantinischen Textes zeigt dagegen die Arbeit
von H. Sturz, der die These vertritt, diese Textform sei "not
'secondary' but 'independent' in its attestation to early readings"
und folgert, "that the Byzantine text should be given equal weight,
along with the Alexandrian and 'Western' texts, in evaluating
external evidence for readings"51. Sturz begründet seine These
damit, daß sich (1.) viele byzantinische Lesarten durch die Papyri
als alt erwiesen haben und (2.) der Byzantinische Text nicht auf
eine Edition im Sinne Westcotts und Horts zurückgeführt werden
könne.
Punkt (1) ist gewiß unbestreitbar, wie Sturz' lange Liste von
byzantinischen Lesarten mit Papyrusbezeugung (S. 145-208) belegt.
Die Papyrusfunde betreffen den folgenden Schluß Horts aus der
Beurteilung von nicht konflationierten Lesarten des Byzantini
schen Textes nach inneren Kriterien:
"The result is entirely unfavourable to the hypothesis ... that in other cases,
where the Syrian text differs from all other extant ancient texts, its authors
may have copied some other equally ancient and perhaps purer text now
otherwise lost."52
Nun zeigen die Papyri zwar, daß mehr Koinelesarten der hand
schriftlichen Überlieferung entstammen, als Hort annahm - und
wahrscheinlich gilt dies auch für weitere Koinelesarten, für die es
(noch?) keine Papyrusbezeugung gibt -, aber damit ist das philolo
gisch begründete Urteil über den Charakter dieser Lesarten noch

50 HODGES, Z. C: Modern Textual Criticism and the Majority Text: A Response,


JETS 21, 1978, 155.
51 STURZ, H. A.: The Byzantine Text-Type and New Testament Textual Criti
cism, Nashville, Term. 1984, S. 130. - STURZ lehnt zwar das "Mehrheitsaxi
om" ab (vgl. S. 46-48), aber daß er auf dem Titelblatt des Greek New Testa
ment according to the Majority Text als "consulting editor" genannt ist, läßt die
Vereinbarkeit seiner Untersuchungsergebnisse mit der "Majority Text Method"
vermuten, die sich im folgenden auch zeigen wird.
52 HORT 115.
32 Thema und Fragestellung

keineswegs widerlegt. Zeitlich kommen viele Koinelesarten dem


ursprünglichen Text näher, als man vor den großen Papyrus
funden annahm, aber daraus folgt nicht, daß heute an mehr
Stellen die Varianten der Überlieferung aus der Koinelesart erkärt
werden können.
Ebensowenig kann die Bezeugung von Koinelesarten durch
frühe Papyri als Argument für Punkt (2), also gegen die Theorie
einer von Lukian oder wem auch immer durchgeführten Rezen
sion gelten. Es ist doch denkbar, daß sich eine solche Bearbeitung
auf frühere Handschriften stützte und an variierten Stellen die
Lesarten vorgezogen wurden, die den Text glatter, vollständiger
und eindeutiger boten; daß die Bearbeitung also eine seit der
Frühzeit der Überlieferung bestehende Tendenz verstärkte.
Auch die Tatsache, daß byzantinische Lesarten von vornicä-
nischen Vätern kaum, von Chrysostomos dagegen häufig bezeugt
werden, ist eben doch am besten damit zu erklären, daß es vor der
Mitte des 4. Jahrhunderts eine Bearbeitung des neutestamentlichen
Textes gab, die die in früheren Zeugen greifbare Tendenz zur Koine
bündelte und eine Variantenschicht in der Überlieferung eta
blierte, die bereits viele charakteristische Lesarten des späteren
Byzantinischen Textes enthielt. Denn immerhin ist diese den
ganzen Textbestand prägende Form vor Chrysostomos nicht
festzustellen. Dies erklärt Sturz, auf die Theorie lokaler Texte
zurückgreifend, damit, daß Chrysostomos der früheste Zeuge für
die antiochenische Textform sei53, - ohne darauf einzugehen, daß
die für seine These so wichtigen, nun "antiochenisch" genannten
Papyruslesarten dieser Erklärung widersprechen. Wenn eine so
große Anzahl von Koinelesarten in zweifellos aus Ägypten stam
menden Textzeugen belegt sind54, bedarf es einer anderen Erklä
rung, warum sie nicht häufiger in Zitaten z. B. des Origenes
anzutreffen sind.
Horts Charakterisierung des Byzantinischen Textes beginnt mit
einer Liste von acht Beispielen für "conflate readings", die zeigen
sollen, daß ein wesentlicher Zug der "syrischen" Rezension die
Vermischung älteren Überlieferungsguts ist55. Sturz erweitert diese

53 Vgl. STURZ 80f.


54 STURZ listet insgesamt etwa 500 auf (S. 145-208), davon 150 "Papyrus-
Distinctively Byzantine Alignments Opposed by Westerns, Alexandrians, and
Westcott and Hort" (S. 145-159).
55 Vgl. HORT 93-107.
Theorien der Uberliefenmgsgeschichte 33

Liste um zwei Stellen mit byzantinischen Mischlesarten, die schon


in frühen Papyri vorkommen56. Er zeigt ferner, daß Mischlesarten
auch von anderen als byzantinischen Handschriften bezeugt wer
den57, und zwar auch von В allein sowie von В im Verbund mit
anderen Handschriften58.
Auf der anderen Seite bleibt festzuhalten, daß die acht von Hort
genannten Beispiele für byzantinische "conflate readings" Bestand
haben; an fünf der Stellen gibt es nach wie vor keinen Papyrustext,
an einer Stelle (Lk 11,54) bestätigen ф*575, an zwei Stellen (Lk 12,18;
24,53) Sp75 allein die alexandrinische Lesart. Daher wird man Sturz'
Kritik nur insofern folgen, als die Papyri auch die Tendenz,
Mischlesarten zu bilden, bereits für die Frühzeit belegen; auch in
dieser Hinsicht reichen also die Wurzeln des Byzantinischen
Textes weiter zurück, als Westcott und Hort annehmen konnten.
Daraus, daß auch nichtbyzantinische Handschriften Mischlesarten
bezeugen, folgt jedoch keine größere Ursprungsnähe des Byzantini
schen Textes.
Ein weiteres Argument für seine These, der Byzantinische Text
gehe unabhängig auf den ursprünglichen Text zurück, sucht Sturz
mithüfe der Überlegung zu gewinnen, daß der Byzantinische Text
die Sprachform der Koine reiner aufweise als andere Textformen,
die Koine sprachgeschichtlich das Griechisch des 1. Jahrhunderts
sei, folglich der Byzantinische Text die Sprache der neutesta-
mentlichen Autoren wahrscheinlich reiner bewahrt habe als ande
re Textformen59. Stilistisch zeige der Byzantinische Text ferner alle
Merkmale des ioxvbç xaPaK'TAP nach Demetrius (dem Rhetor des 4.
Jahrh. v. C), den die Autoren der neutestamentlichen Schriften
ebenso wie Epiktet wegen seiner Eingängigkeit und Eindeutigkeit
bevorzugt hätten60. Der alexandrinische Text sei von Westcott und
Hort nur wegen seines attischen Gepräges, bzw. aufgrund ihrer

56 Vgl. STURZ 84 (Jon 10,19.31).


57 Vgl. ebd. 84f.
58 Vgl. ebd. 85-87 (Mk 1,28; Lk 10,41f.; Joh 7,39; Phil 1,14; Kol 1,12). - Hier ist
nicht der Ort, diese Belege im einzelnen zu diskutieren; es sei nur festgestellt,
daß nach der Definition HORTS an keiner der von STURZ genannten Stellen die
Bezeugung "distinctively Syrian" zu nennen wäre. Somit ist auch seine
Feststellung, er wisse von keiner alexandrinisch bezeugten Mischung aus einer
"westlichen" und einer "syrischen" Lesart (vgl. HORT 106), durch STURZ'
Beispiele nicht als falsch erwiesen.
59 Vgl. STURZ 108.
60 Vgl. ebd. 112.
34 Thema und Fragestellung

eigenen Erziehung zur Wertschätzung attischer Prägnanz bevor


zugt worden61.
Diese Überlegung könnte nur dann als Argument gegen Hort
gelten, wenn Sturz der Nachweis gelänge, daß (1.) die sprachliche
Gestalt der neutestamentlichen Schriften nicht auch im Rahmen
des nachchristlichen Griechisch stilistisch verbessert wurde, und
daß (2.) an den Stellen, an denen nach seiner Meinung der
Byzantinische Text als ursprünglich zu beurteilen ist, die übrigen
Lesarten aus der byzantinischen erklärt werden können. Abgese
hen von den Stellen, an denen er mit Kilpatrick "alexandrinische"
Lesarten als attizistisch interpretiert62, bleibt Sturz diesen Nachweis
ganz und gar schuldig. Die von ihm vorgeschlagene Einschrän

61 Vgl. ebd. 108.


62 Auf den Seiten 109-111 zitiert STURZ in diesem Zusammenhang einige
Passagen aus KILPATRICK, G. D.: Atticism and the Text of the New Testament;
in: Festschrift J. SCHMID, hg. v. J. BLINZLER u. a., Regensburg 1963, S. 125-137
[=KILPATRICK, G. D.: Collected Essays, hg. v. J. K. ELLIOTT, (Bibliotheca
Ephemeridum Theologicarum Lovaniensium XCVI) Leuven 1990, S. 15-32]. -
Attizismus hat zwar unbestreitbar eine wichtige Rolle bei der
Variantenbildung in der neutestamentlichen Überlieferung gespielt, aber vor
allem das erste von STURZ zitierte Beispiel zeigt, daß man sich auf diesem
Gebiet vor voreiliger Generalisierung hüten muß (vgl. zum folgenden STURZ S.
109/KILPATRICK 1990, 16). An insgesamt sechs Stellen des Markusevangeliums
kommt £фт| vor: 9,12.38; 10,20.29; 12,24; 14,29, jedesmal mit auotcpieel? etirev
oder einem ähnlichen hebraisierenden Ausdruck als Variante. Nach
KILPATRICK liegt auf der Hand, daß jeweils die ungriechische Fügung als
ursprünglich zu beurteilen ist. Er vernachlässigt jedoch zwei mögliche Motive,
Ефт) durch diTOKpieel? eiire v zu ersetzen: 1. ist аттокрсбе!? etiTei> zwar ein
ungriechischer, aber, wie ein Blick in die Konkordanz zeigt, im ganzen NT
einschließlich des Markusevangeliums geläufiger, häufig variantenlos
überlieferter Ausdruck; da außerdem der Gebrauch von £фт|, wie KILPATRICK
feststellt, in der späteren Gräzität insgesamt zurückgeht, ergibt sich ein
Normalisierungsgefalle zugunsten des für das NT typischen Sprachgebrauchs.
2. berücksichtigt KILPATRICK nicht, daß an zwei der von ihm genannten
Stellen sicher, an zwei weiteren wahrscheinlich Paralleleinfluß vorliegt (Mk
9,12/Mt 17,11; Mk 12,24/Mt 22,29; wahrscheinlich Mk 9,38/Lk 9,49; Mk
14,29/Mt 26,33). Schon dieses Beispiel zeigt, daß das Attizismus-Argument
nicht isoliert angewandt werden darf.
Nicht weniger problematisch ist es, aus dem Vorwiegen des medialen Futurs
von Cdid in der hellenistischen Koine zu schließen, Johannes hätte aus
schließlich diese Form verwendet, während erst die Schreiber ab dem 2.
Jahrhundert an einigen Stellen das klassisch geläufigere Aktiv herstellten
(vgl. STURZ 110/KILPATRICK 1990, 25f.). Und schließlich ist es wenig sinn
voll, jede Variante, die um eine Form von avroç kürzer ist als der Byzan
tinische Text, attizistisch zu nennen (vgl. STURZ 111 /KILPATRICK 1990, 30f.).
Τηβοπεη άθΓ ίΛ>εΓΐίείεπιη85§ε8€ηκηΙε 35

Κιιη§ ΖΛΥ6Ϊ6Γ οε^ηηίεΓ ΙεχΙΙαΊίίδοηεΓ Κε§ε1η - "ννηεΓε 3Κίαδίη§ ίδ


δαβρεοΐεά, ρΓείθΓ Ιηε 1οη§θΓ Άηά/οτ δίπιρΙθΓ Γε3άίη§"63 - ίδί ζνν3Γ
οεάεηΙςεηδννεΓί, 3ϋεΓ ϊΗΓβΓ Αηννεηάαη§ ιηαβ είηε δθΓ§ίΜΐΗ§βΓβ ϋε-
ίίηίΐίοη άεδ Βεςπίίδ "ΑίΙίζίδίηαδ" νοΓ3αδ§βηβη; ηιβη δοΐΐΐε δίοη ά3-
νοΓ ηίίίεη, ]εάε ΙίϋΓζβΓβ ίβδ3Γΐ 3ΐδ 3ΐΙίζίδΠδ<:η ζα νεΓάΜοηίίβεη. Ιηι
αβπ^εη ΐδί 3αοη 3αδ Βίβχβηάπηίδοηεη Αΐϋζίδηιεη ηίοηί 3ΐιί είηε
§ΓθββΓ6 υΓδρηιηβδπδίΐθ άεδ Βγζ3ηΙίηίδ(:ηεη Τεχϊεβ ζα δοηΐίεβεη.
Αηι δοη\νΜοηδ1εη οε§Γαηάεϊ ίδΐ 51χιγζ' ΑΓ£ατηεηϊ, άεΓ Βγζβηΐίηίδοηε
ΤεχΙ Ιίοηηε ηίοηί ίηι δίηηε νΥεδΙοοΙίδ αηά ΗοΓίδ 3ΐδ εάίειΐ §εΐ!εη,
"ββ03ϋδ6 ίίδ αδβΓδ 3ρρβ3Γ αοηδθΓνβίΐνβ ΪΠ ΐΗείΓ νίβνν Οί 5θΓίρΙΐ1ΓΘ 3δ
οοιηρΒΓβά ννίΐη δοπιε οί ϊηοδε \νηο αβεά ίηε Αΐεχβηάπβη 3ηά
ννβδίθΓη Ιβχίδ"64. ΖννβΓ §60β βδ Ιίείηε ίιταηεη ρβίπδίίδοηεη Ζεα§-
ηϊδδε ίϊΪΓ άεη υηΛ§3η§ πιϊί άεηι βηΐίοοηεηίδοηεη (δε. Βγζ3ηϋηί-
βοηεη) Τβχΐ (!), βσεΓ άίε Κΐ3§ε ίίοεΓ Ιηΐεφοίβηοηεη οεί νΜΙειτι άεδ 2.
αηά 3. ^ηΓηαηάεΓίδ 3ΐΐδ βηάεΓεη Οεοϊείεη δοννϊε άίε βπι ίίΐε-
Γ3ΐδϊηη οπεηΙίειΊε εχε^είίδοηε ΜεΙηοάε άεΓ ΑηίϊοεΚεηεΓ Ιϊεβεη
άεη δοηίαβ ζα, άββ νοΓ βΐΐεπι άεΓ βίεχβηάπηίδοηε αηά ννεδϊΐίοηε
ΤεχΙ εάίίοπδοη νεΓ3ηάεΓί ννοΓάεη δεΐεη65. ΡαΓ άίεβε Τηεδε ζίιίεΓΐ
δίαΓζ άίε £ο1§εηάεη Βε1ε§ε66:
- είηε οεί Εαβεο αοεΓίίείεΓίε ΡεδΙδΙε11αη§ άεδ ϋίοηγδίαδ νοη Κο-
πηΛι, εδ δεί ηίοηί νεΓνναηάεΓΗοη, άββ δβϊηε εί§εηεη δοητίίΐεη
νοη "Αροδίεΐη άεβ 53ί3ηδ" νεΓίβΙδοηι ννοΓάεη δεΐεη, άβ 68 \&
3αοη είηί§ε §εοε, άίε ά3δ ννοΓί άβδ Ηεπη 1είοηίίεΓϊί§ νεΓβη-
άειΐεη67;
- άίε ΒεπιεΓίςαηβ άεδ ΐΓεηβαδ, είηί§ε, άίε δίοη ηΐΓ 1άα§εΓ Κίεΐίεη βίδ
άίε ΑροδΙεΙ, εΓδείζΙεη ίη ΜΙ 11,27 έπιγινώσκει άατοη £γνω68;

63 5. 114.
64 5. 115.
65 ν^Ι. δτυκζ 115ί. ιι. 121.
66 5. 116-119.
67 Ευδ. ΗίΒΙ. αχί. ΐν,23,12 (005 9,1, 378,13-17 50Η\νΑΚΤΖ). - Οεπι εηΐ3<:ηεί<1θη(1εη
δαίζ, καΐ των Κυριακών ραδιουργήσαΐ τινε;• έττιβέΒληνται γραφών, νεΓηίΙίΙ
δτυκζ ζιιγ ςβννϋηδοΐιΐβη ΡοίηΙε, ΐηάειη 6Γ ρβΓβρηΓβδίειΊ: "δοιηβ ίικίϊνίάιιαίδ
Η3<1 ρΓββυπίθίΙ Ιο θάίί ίΗβ 'ίθΓά1γ δοπρΙαΓθδ 35 \νβΙΓ" (5. 116).
68 1τ. αάν. Ηαετ. ΐν,6,1 (50 100,2, ρ. 436-438). - Ν3<± ΐΓβηβιιβ κκτάβ ΜΙ 11,27
υπι^θίοΓπιΙ ννϊβ ίοΐβΐ: Νβιηο οο^ηονίί Ρ3ΐτβπ\ ηίβί Ρίΐΐυδ, ηβο Ρϊΐΐνιιη ηϊβϊ ΡβΙθγ,
β* αιΐ νοίυβιίί ίίΐίυβ τβνβίατβ; άβτ νβτ5 ννβηΐθ ηιιη βο ίηΙβΓρΓβΗθΓί, βίδ ΗβΙ»
ηίθίτίΒΓκΙ άεη ννβίνβη ΟοΗ νοΓ άβτ ΑηΚιιηίΙ άθ8 Ηθγγπ εΓΚβηηί, βο άαβ άβτ νοη
<ίεη ΡΓορηβίεη νβΓΚϋηάί^ε ΟοΙΙ ηί<±ιΙ <1θγ Υβίετ ΟιΗδη' δβίη Κόηηβ.
36 Thema und Fragestellung

- die Polemik Tertullians in De praescriptione haereticorum ge


gen marcionitische Interpolationen und die sinnentstellenden
Interpretationen der Valentinianer69;
- den Hinweis des Clemens Alexandrinus, daß Tivèç tûv цетопч-
8¿vtiúv та eùa-yy^Xia Mt 5,10 stark verändert und erweitert
haben70;
- die Klage des Origenes über die 8iacf>ü)via tûv а\турафш/ der
Evangelien71;
- und schließlich die bei Euseb überlieferte antihäretische Polemik
eines nicht namentlich genannten Autors, derzufolge keine
zwei Exemplare der Schrift in der bekämpften Gruppe den
gleichen Wortlaut haben72.

Alle diese Belege stützen zwar das Argument, daß Editoren, die
Rechtgläubigkeit für sich beanspruchten, gegen Ende des 3. Jahr
hunderts den Text des NT wahrscheinlich nicht mehr fortgeschrie
ben haben, wie es Hort noch für möglich hielt; aber daß der
Byzantinische Text dem ursprünglichen näher komme als andere
Textformen, folgt weder daraus noch aus der Orientierung der
antiochenischen Exegese am Literalsinn. Auch in diesem Punkt ist
festzustellen, daß Sturz keinen Gebrauch von den Quellen macht,
an denen sich sein argumentum e silentio73 bewähren müßte,
nämlich an den Varianten der Überlieferung selbst. Nach seiner
These müßten die Lesarten anderer Textformen als Entstellungen
des Byzantinischen Textes zu verstehen sein.
Sturz' Arbeit macht besonders deutlich, wie wichtig es ist, bei der
Entwicklung einer Theorie der Überlieferung des NT die Quellen
selbst zu Wort kommen zu lassen. Die erste Leitfrage zu einer
textkritischen Untersuchung des Byzantinischen Textes lautet also:
- Wie verhalten sich die von der Mehrheit aller Handschriften
bezeugten Lesarten zum ursprünglichen Text?

69 Tert. de praescr. 38,7-10 (CChr.SL 1, p. 219 REFOULÉ).


70 О. ström. IV,6,41 (GCS 52, 266,24-28 STÄHLIN/FRÜCHTEL).
71 Or. Matth. comm. XV,14 (GCS 40, 387,17-388,7 KLOSTERMANN).
72 Eus. hist. eccl. V,28,13-19 (GCS 9,1, 504,11-506,18 SCHWARTZ).
73 Abschließend fügt STURZ diesem Argument die Behauptung hinzu, es gebe
zwar viele Zeugnisse zu dem Editionsprozeß, aus dem die lateinische Vulgata
hervorging, aber gar keine, die auf eine Rezension mit Bezug zum
Byzantinischen Text schließen lassen. Die Zeugnisse des Hieronymus zu einer
lukianischen Rezension, so wenig ergiebig sie sein mögen, erwähnt er mit
keinem Wort.
Methode 37

Zur Beantwortung dieser Frage sind vor allem die Varianten der
Überlieferung zu untersuchen, und zwar nach Prinzipien, die eng
mit der Beantwortung einer weiteren Leitfrage zusammenhängen:
- Aus welchen Faktoren und Motiven sind Entstehung und Aus
breitung der Koine zu erklären?
Denn die Entwicklung von Kriterien, nach denen eine Variante
beurteilt wird, setzt notwendig eine Beschreibung des Prozesses der
handschriftlichen Überlieferung voraus, in dem und durch den
diese Variante entstand. Abgesehen von den Lesarten selbst sollen
dazu die Aussagen des Hieronymus über Rezensionen des Bibel
textes und die Äußerungen christlicher Autoren über Varianten
und Textkritik des NT untersucht werden. Dabei sind die kanon-
und überlieferungsgeschichtlichen Besonderheiten der Katholi
schen Briefe zu berücksichtigen, auf deren Text die Ergebnisse
dieser Untersuchung bezogen werden sollen.

1.2 Methode
1.2.1 Eklektizismus und induktive Methode
"There can be little question that the currently reigning method in
NT textual criticism is eclecticism." - Mit diesem Satz beginnt ein
angesehener Textkritiker seine Auseinandersetzung mit dem
radikalen Eklektizismus Kilpatricks und seines Schülers Elliott74,
die bei der Textkonstitution auf äußere Kriterien verzichten oder
sie stilkritischen und sprachgeschichtlichen Erwägungen prinzipi
ell nachordnen75. Dem radikalen stellt Fee einen "'rational' or
'reasoned' eclecticism"76 gegenüber, der bei der einzelnen Text
entscheidung das Wissen über die Provenienz der Bezeugung als
äußeres Kriterium anwende. Indem Fee diese beiden methodi-

74 FEE, G. D.: Rigorous or Reasoned Eclecticism - Which? Festschrifi G. D. KIL-


PATRICK, ed. by ]. K. ELLIOTT [NT Suppl. XLIV], Leiden 1976, S. 174-197 [=
EPP, J. E./FEE, G. D.: Studies in the Theory and Method of New Testament
Textual Criticism, Grand Rapids 1993, S. 124-140].
75 Vgl. die programmatischen Aufsätze in: KILPATRICK, G. D.: The Principles
and Practice of New Testament Textual Criticism, ed. by J. K. ELLIOTT,
[BEThL XCVI] Leuven 1990, S. 3-109. Ferner: ELLIOTT, J. K.: The United Bible
Societies Greek New Testament: An Evaluation. NT 15, 1973, 278-300. DERS.:
Textkritik heute. ZNW 82, 1991, 34-41.
76 FEE, Eclecticism, 175.
38 Thema und Fragestellung

sehen Grundpositionen unter dem Begriff "Eklektizismus" zusam


menfaßt, will er sagen, daß nach beiden Ansätzen der Text aus
verschiedenen Quellen rekonstruiert, unter den Varianten die
wahrscheinlich ursprüngliche ausgewählt werde. Es ist sicher
nichts dagegen einzuwenden, eine Methode so zu bezeichnen, die
einen "radically eclectic text"77 herstellen will; aber für textkritische
Methoden, die bezwecken, die Freiheit der Wahl zwischen den
Lesarten soweit wie möglich einzuschränken, ist der Begriff
"Eklektizismus" wenig passend. Da sie aufgrund von Ergebnissen
der Analyse von Einzelstellen Aussagen über das allgemeine
Variationsverhalten der Textzeugen formulieren und daraus ein
Kriterium für die Beurteilung weiterer Einzelstellen ableiten, kann
man sie induktive Methoden nennen78.
Die Kritik der Eklektiker an einem voreiligen Bescheidwissen
oder dem "Kult der besten Handschrift" ist zweifellos berechtigt.
Die Gefahr ist groß, mithilfe einer Reihe von "guten" Lesarten
"gute" Handschriften zu bestimmen, und dann an sich zweifel
hafte Lesarten nur deshalb als ursprünglich zu beurteilen, weil sie
in den "richtigen" Handschriften stehen. Jedoch verfällt das unbe
dingte Beharren auf dem Grundsatz, alle variierten Stellen seien
unabhängig voneinander zu beurteilen, in das entgegengesetzte,
einer ausgewogenen Beurteilung von Lesarten nicht weniger ge
fährliche Extrem. Dies zeigen die Schlußsätze einer Arbeit Kil-
patricks über den Textus reeeptus79 besonders deutlich:
"No readings can be condemned categorically because they are characteristic
of certain manuscripts or groups of manuscripts. We have to pursue a con
sistent eclecticism. Readings must be considered severally on their intrinsic
character. Further, contrary to what Hort maintained, decisions about read
ings must precede decisions about the value or weight of manuscripts."80
Es ist klar, daß der erste zitierte Satz gegen Schlußfolgerungen
aus dem Variationsverhalten eines Textzeugen an sicheren Stellen
auf den Wert seiner Bezeugung an anderen, nach inneren Krite

77 ELLIOTT, Evaluation, 300. Vgl. ders., Textkritik, 39: "Es ist möglich, den
ursprünglichen Text nur nach inneren Kriterien zu rekonstruieren."
78 Freilich verfährt auch der Eklektizismus induktiv, wenn er den Sprachge
brauch eines Autors beschreibt und danach einzelne Varianten beurteilt; aber
auf dem Wege der Induktion gewonnene Aussagen über das Variationsverhal
ten von Textzeugen läßt er nicht zu.
79 The Greek New Testament Text of Today and the Textus Reeeptus. In:
KILPATRICK, Principles and Practice, 33-52.
80 Ebd. S. 50.
Methode 39

rien zweifelhaften Stellen gerichtet ist. Aber Kilpatrick spricht hier


gar nicht von zweifelhaften Lesarten, sondern von solchen, die für
bestimmte Handschriften oder Gruppen von Handschriften cha
rakteristisch sind. Von solchen Lesarten lebt die induktiv verfah
rende Textkritik. Weit davon entfernt, sie kategorisch zu verdam
men, wird sie charakteristische Lesarten zur Beschreibung des
Variationsverhaltens von Textzeugen nutzen. Bei der Beurteilung
der Varianten einer Stelle wird sie diese Beschreibung in eine Kette
von Wahrscheinlichkeitsschlüssen eingliedern, die allerdings auch
die Ablehnung einer Lesart begründen kann.
Hort bezeichnet es zu Recht als "most rudimentary form of cri
ticism"81, an jeder variierten Stelle unabhängig von allen anderen
die Lesarten allein nach ihrer "Intrinsic Probability" zu beurteilen,
also diejenige Variante als ursprünglich zu akzeptieren, die dem
Kontext am besten zu genügen scheint. Freilich bezieht Kilpatrick
auch einige Faktoren ein, die nach der Terminologie Horts die
"Transcriptional Probability" einer Lesart ausmachen. Er rechnet z.
B. mit der Tendenz, Semitismen zu beseitigen und allgemein den
Ausdruck nach einer durch die literarische Koine und den Atti-
zismus gesetzten Norm zu verbessern82. Aber mit solchen rhetori
schen Konzepten ist nur ein relativ kleiner Teil der Varianten zu
erklären, zumal auch eine gegenläufige Tendenz der Bewahrung
sprachlich härterer oder stilistisch schlichterer Lesarten festzu
stellen ist83.
Eines der Grundprinzipien Westcotts und Horts lautet: "KNOW
LEDGE OF DOCUMENTS SHOULD PRECEDE FINAL JUDGEMENT UPON
READINGS."84 Das Attribut "final", das in der oben zitierten Anspie
lung Kilpatricks auf diesen Satz nicht vorkommt, ist für das richti
ge Verständnis unentbehrlich.
Kenntnis der Urkunden beruht außer auf Daten wie Alter und
Herkunft der Handschriften auf "Internal Evidence of Docu-

81 HORT 19.
82 Vgl. KILPATRICK, Atticism and the Text of the Greek New Testament, in:
Principles and Practice, 15-32; Style and Text in the Greek New Testament,
ebd. 53-62.
83 Dies zeigt auch ein Beleg KILPATRICKS für Attizismus, nämlich die Verurtei
lung des Triphyllios durch Spyridon für den Ersatz des Wortes KpdßßaTo?
durch сткСцттои? in Joh 5,8 nach Sozomenos, Historia Ecclesiae I,XI (PG 67,
888D-889A; vgl. KILPATRICK, Style and Text, 53); vgl. femer u. Kap. 5.1.3 zum
textkritischen Konservativismus des Orígenes.
84 HORT 31.
40 Thema und Fragestellung

ments", d. h. auf den "general characteristics contained in them"85.


Diese werden erhoben, indem man (1.) die Varianten an einer
möglichst großen Zahl von Stellen auf ihre Intrinsic und Tran
scriptional Probability untersucht und (2.) die Ergebnisse, die schon
aufgrund dieser Arbeitsschritte als gesichert gelten können, für
jeden Variantenträger zusammenfaßt. Die Basis für eine Beurtei
lung der Qualität eines Textzeugen bilden mithin ebendie Operati
onen, auf die Kilpatrick die gesamte Textkritik beschränken will. In
einem weiteren Schritt werden (3.) die variierten Stellen von neu
em durchmustert, wobei nun die Lesarten allein nach der vorläu
fig bestimmten Qualität der Bezeugung beurteilt werden. Wenn
das anhand der Arbeitsschritte (1) und (2) gewonnene äußere Krite
rium die erste Beurteilung einer einzelnen variierten Stelle bestä
tigt, steht das Variationsverhalten der Zeugen hier in Einklang mit
ihrem auch sonst zu beobachtenden Textcharakter. Wenn das
Ergebnis des Arbeitsschrittes (2) nicht mit dem des Arbeitsschrittes
(1) übereinstimmt, wenn also z. B. eine nach Internal Evidence of
Readings sekundäre Variante von Handschriften bezeugt wird, die
sonst überwiegend als ursprünglich beurteilte Lesarten enthalten,
ist die Stelle erneut zu untersuchen. Die Revision unter Berück
sichtigung von Internal Evidence of Documents wird entweder
eine Entscheidung ermöglichen oder in diesem Stadium der Arbeit
zu einem non liquet zwingen.
Keineswegs also besteht der Unterschied zwischen der Methode
Horts und dem Eklektizismus darin, daß nach Hort die Beurtei
lung des Werts der Bezeugung der Beurteilung von Lesarten vor
angehen müßte, wie Kilpatrick behauptet. Sowohl die Beurteilung
einzelner Varianten als auch die Überprüfung des ersten Arbeits
ganges aufgrund von Internal Evidence of Documents "depend
ultimately on judgements upon Internal Evidence of Readings"86.
Problematisch an Horts Anwendung der Internal Evidence of
Documents ist der Analogieschluß vom Verhältnis der Textzeugen
an "sicheren" Stellen auf ihr Verhältnis an den Stellen, an denen
die Internal Evidence of Documents nicht eindeutig ist:
"Where then one of the documents is found habitually to contain these
morally certain or at least strongly preferred readings, and the other
habitually to contain their rejected rivals, we can have no doubt, first, that
the text of the first has been transmitted in comparative purity, and that the

85 Ebd. S. 32.
86 Ebd. S. 34; vgl. zu diesem Abschnitt ebd. S. 30-39.
Methode 41

text of the second has suffered comparatively large corruption; and next,
that the superiority of the first must be as great in the variations in which
Internal Evidence of Readings has furnished no decisive criterion as in those
which have enabled us to form a comparative appreciation of the two
texts."87
Dieser Schluß ist bei kontaminierter Überlieferung nicht
zwingend.
Das zweite Grundprinzip Horts lautet: "ALL TRUSTWORTHY
RESTORATION OF CORRUPTED TEXTS IS FOUNDED ON THE STUDY OF
THEIR HISTORY, that is, of the relations of descent or affinity which
connect the several documents."88
Im Idealfall einer nicht kontaminierten Überlieferung sind die
Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Handschriften anhand ihrer
Fehler genealogisch rekonstruierbar und können stemmatisch
dargestellt werden. In der Überlieferung vielgelesener und also
vielkopierter Texte ist aber Kontamination die Regel89. Stemmatik
im strengen Sinne ist bei solcher Überlieferung nur in den kleinen,
in sich geschlossenen Bereichen einzelner Handschriftenfamilien
möglich. Dies war auch Hort bewußt:
"In so far as mixture operates, it exactly inverts the results of the simpler
form of transmission, its effect being to produce convergence instead of
divergence. ... It follows that, whenever mixture has intervened, we have no
security that the more complex arrays of existing documents point to the
more ancient ramifications: they may just as easily be results of a wide
extension given comparatively late by favourable circumstances to readings
which previously had only a narrow distribution."90
Hort formuliert in der Introduction nirgends ausdrücklich, daß
die genealogische Methode im strengen Sinne auf die Überlie
ferung des NT nicht anwendbar ist, aber die Tatsache, daß er
keinen Versuch macht, sie stemmatisch darzustellen, spricht für
sich. Im Prinzip räumt er dennoch der Genealogical Evidence den
Vorrang vor allen anderen Kriterien ein91. Aber bei Texten, "for
which the extant documentary evidence antecedent to mixture is
too small or uncertain to be detached from the rest ... we have to

87 Ebd. S. 32; Hervorhebung von mir.


88 Ebd. S. 40.
89 Grundlegend dazu PASQUALI, G.: Storia della tradizione e critica del testo,
Florenz 21971, XV-XIX.
90 HORT48f.
91 Vgl. ebd. S. 63.
42 Thema und Fragestellung

fall back on the principle of Internal Evidence of Groups"92. Der


weitaus größere Teil der Anwendung der Prinzipien der Textkritik
(S. 73-287 der Introduction) ist der Internal Evidence of Documents
und der Internal Evidence of Groups gewidmet (S. 119ff.). Als
"Results of Genealogical Evidence Proper" werden vor allem
Schlüsse vom sekundären Charakter der "distinctively Syrian
readings" auf den sekundären Charakter der ganzen "syrischen"
Textform erörtert93.
Es ist also festzustellen, daß Horts Genealogical Evidence auf
Analogieschlüssen beruht, die nicht weniger problematisch sind
als im Falle der Internal Evidence of Documents94. Damit ist nicht
gesagt, daß seine Methode im Ansatz falsch wäre; falsch ist es aber,
Wahrscheinlichkeit für positive Wahrheit zu nehmen.
Allerdings ist aus gelegentlichen apodiktisch klingenden Äuße
rungen wie der oben (S. 8) zitierten, oder auch aus dem Titel des
Textbandes - "The New Testament in the Original Greek" - nicht
zu schließen, daß Hort der Wahrscheinlichkeitscharakter der in
duktiven Logik nicht bewußt gewesen wäre. Im Schlußkapitel der
Introduction schreibt Hort, das Ziel der Edition sei, "to obtain ... the
dosest possible approximation to the apostolic text itself (S. 288).
"Numerous variations occur in which the evidence has not ap
peared to us decisive in favour of one reading against the other or
the others" (S. 289). Entsprechend ist der Text am Rand mit Alter
nativlesarten versehen, deren Ursprünglichkeit allein aufgrund
innerer Kriterien nicht auszuschließen ist. "In these cases (compare
§ 21) precedence has been given to documentary authority" (S. 290).
Wenn Horts Theorie der Überlieferung heute als überholt gelten
muß, so ist die Ursache dafür nicht in ihren methodischen
Grundsätzen zu sehen, sondern darin, daß ihnen eine Fülle von
Handschriften, insbesondere die Papyri, aber auch die meisten

92 Ebd. S. 52. - Internal Evidence of Groups folgt aus der Charakterisierung des
Textes einer Gruppe von Handschriften aufgrund der ihnen gemeinsamen
Lesarten, wie Internal Evidence of Documents aus der Charakterisierung des
Textes einzelner Handschriften (vgl. ebd. S. 60-62).
93 Vgl. dazu oben S. 14-16.
94 Vgl. COLWELL, E. C: Genealogical Method: Its Achievements and its Limita
tions; in: Studies in Methodology in Textual Criticism of the New Testament,
(NTTS IX) Leiden 1969, S. 63-83; hier bes. 69-71.
Methode 43

übrigen Majuskelfragmente und Minuskeln noch nicht zur Verfü


gung standen95.
Auch hinsichtlich des Textus receptus bzw. des Byzantinischen
Textes, dessen Überwindung ihren Ruhm begründete, ist die
Theorie Westcotts und Horts revisionsbedürftig. Zwar verdient
Horts Charakterisierung dieser Textform, klassisch genannt zu
werden, aber sie ist der Ebene der Internal Evidence of Groups
zuzuordnen. Die byzantinischen "conflate readings", von denen
Hort im übrigen nur acht ausführlicher diskutiert, sind keine
hinreichende Genealogical Evidence für den Grundsatz "that all
distinctively Syrian readings must be at once rejected" (S. 119).
Dazu ist zunächst darauf hinzuweisen, daß auch andere Text
formen "conflate readings" enthalten96. Entscheidend ist aber die
Tatsache, daß (1.) nicht wenige "syrische" Lesarten in frühen Papyri
antizipiert sind, und daß (2.) die Minuskelüberlieferung eine Viel
zahl fließender Übergänge von anderen Textformen zur Koine
zeigt, die schwerlich mit der Theorie einer offiziell veranstalteten
und dann kirchenpolitisch durchgesetzten Rezension zu verein
baren sind. Sowohl die "syrischen" Lesarten in Papyri als auch die
Komplexität der Minuskelüberlieferung machen es schwierig,
"distinctively Syrian readings" im Sinne Horts überhaupt auszu
machen. Hinzu kommt die Unsicherheit der Quellenbasis für die
Identifizierung der codices a Luciano nuncupati mit Exemplaren
des Byzantinischen Textes97.
Wo aber Genealogical Evidence nicht ausreicht, so Hort, ist die
Textkritik auf Internal Evidence of Documents and Groups ange
wiesen. Eine detaillierte Beschreibung der Internal Evidence der
"syrischen" Gruppe anhand ihrer Lesarten gibt Hort - im Vertrau
en auf Genealogical Evidence - nicht. Sie für die Katholischen

95 Vgl. ALAND, K.: Die Konsequenzen der neueren Handschriftenfunde für die
neutestamentliche Textkritik; DERS.: Die Bedeutung des ф75 für den Text des
Neuen Testaments; beide Titel in: Studien zur Überlieferung des Neuen
Testaments und seines Textes, (ANTF 2) Berlin 1967, S. 180-201 u. 155-172.
96 Vgl. COLWELL, Genealogy, S. 69f. - Zu diesem Ergebnis kommt auch eine breit
angelegte Studie von W. F. WISSELINK: Assimilation as a Criterion for the
Establishment of the Text, Kampen 1989. Dadurch, daß auch andere
Textformen Mischlesarten aufweisen, wird allerdings nicht, wie WISSELINK
(S. 243) meint, in Frage gestellt, daß der Byzantinische Text ein ursprungsfer
nes Überlieferungsstadium bildet, zu dessen charakteristischen Zügen Harmo
nisierung und, im Bereich der synoptischen Evangelien, Assimilation gehören.
97 Vgl. unten Kap. 5.1.2.
44 Thema und Fragestellung

Briefe beizubringen, ist ein Ziel dieser Arbeit. Die Ergebnisse sollen
für die Anwendung der lokal-genealogischen Methode genutzt
werden.

1.2.2 Die lokal-genealogische Methode


In der Einleitung der 26. Auflage des Nestle umreißt K. Aland das
Prinzip der Textkonstitution nach der lokal-genealogischen Metho
de wie folgt:
"Sie [sc. die neutestamentliche Textkritik] kann nicht von einem Stemma der
Handschriften und einer vollständigen Übersicht über die Abhängigkeiten
der vielfach verzweigten Überlieferung voneinander ausgehen und dement
sprechend eine recensio vornehmen, wie das bei anderen griechischen Texten
möglich ist, sondern muß von Fall zu Fall neu entscheiden. ... Nach einer
sorgfältigen Feststellung des äußeren Befundes und seiner Wertigkeit wird
nämlich unter den festgestellten (oft sehr zahlreichen) Lesarten die nach
äußeren wie inneren Kriterien ursprüngliche, von der alle anderen abhängen,
immer von neuem festgelegt. Diese - wenn man schon eine Bezeichnung
wählen will: lokal-genealogische Methode ist nach unserem heutigen
Wissensstand in bezug auf die neutestamentliche Überlieferung die einzig
mögliche für die Textgestaltung." (S. 5*)
Von den 12 Grundregeln, in denen B. u. K. Aland den methodi
schen Rahmen zur Beurteilung von Varianten der neutestament-
lichen Überlieferung abstecken98, beziehen sich drei direkt auf die
lokal-genealogische Methode:
"Bei einer textkritischen Entscheidung "sind die Handschriften zu wägen,
nicht zu zählen, außerdem sind bei jeder Handschrift ihre spezifischen
Eigenarten zu berücksichtigen. Bei aller Hochschätzung der frühen Papyri,
bestimmter Majuskeln und Minuskeln gibt es doch keine Einzelhandschrift
und keine Gruppe von Handschriften, der man mechanisch folgen könnte,
wenn auch bestimmte Kombinationen von Zeugen von vornherein mehr Ver
trauen verdienen als andere. Vielmehr muß die textkritische Entscheidung
von Fall zu Fall neu erfolgen (lokales Prinzip)." (Regel 6)
"Die Herstellung eines Stammbaums der Lesarten bei jeder Variante (gene
alogisches Prinzip) ist ein überaus wichtiges Hilfsmittel, denn die Lesart, aus
der sich die Entstehung der anderen ohne Zwang erklären läßt, ist mit größter
Wahrscheinlichkeit die ursprüngliche." (Regel 8)
"Varianten dürfen nicht isoliert behandelt, sondern es muß stets der
Kontext der Überlieferung beachtet werden, sonst ist die Gefahr der Konsti
tuierung eines Textes aus der Retorte', den es nirgendwann und nirgendwo
real gegeben hat, zu groß." (Regel 9)
Ziel der lokal-genealogischen Methode ist also, die Lesarten an
allen variierten Stellen in der Reihenfolge ihres Entstehens aus der

98 Vgl. K. u. B. ALAND, Text des NT, 284f.


Methode 45

nach inneren und äußeren Kriterien ursprünglichen Lesart anzu


ordnen.
Nach inneren Kriterien wird beurteilt, welche Lesart dem enge
ren und weiteren Kontext am besten entspricht (Horts "Intrinsic
Probability"), und welche Gründe und Motive zur Entstehung der
Varianten geführt haben (Horts "Transcriptional Probability"). Die
alten textkritischen Regeln, nach denen die lectio difficilior und die
lectio brevior vorzuziehen sind, gelten auch für das NT (Regeln 10
u. 11).
Das äußere Kriterium beruht auf dem Wissen über die Qualität
der Textzeugen, in erster Linie über ihr Variationsverhalten, das
auch Aufschluß über ihre Beziehungen zueinander gibt.
Nur die Lesart kann als ursprünglich gelten, die nach inneren
und äußeren Kriterien am ehesten als Ausgangstext für die Vari
anten zur Stelle anzunehmen ist (Regeln 2 u. 8). Schon in dieser
Aussage ist die Absage an einen radikalen Eklektizismus vorweg
genommen, die expressis verbis in Regel 7 erfolgt:
"Der Grundsatz, daß in jeder Handschrift oder jeder Übersetzung, auch
wenn sie allein oder fast allein steht, die ursprüngliche Lesart zu finden sein
könne, ist nur in der bloßen Theorie richtig, ein Eklektizismus, der vornehm
lich nach dieser Devise verfährt, wird nicht zum ursprünglichen Text des NT,
sondern nur zu einer Bestätigung der Vorstellung von dem Text kommen, von
der er ausging."
Entsprechend wird bei der Beurteilung variierter Stellen das
innere Kriterium dem äußeren nachgeordnet (Regeln 3 u. 4).
B. und K. Aland haben oft darauf hingewiesen, daß bei der An
wendung der lokal-genealogischen Methode der Erfahrung des
Textkritikers entscheidende Bedeutung zukommt." Nach v. So
den ist kein Versuch mehr unternommen worden, solches Erfah
rungswissen in einer umfassenden Theorie der Überlieferung zu
formulieren, wie es für die wissenschaftliche Fundierung der Text
konstitution nötig wäre. Allerdings zeigt schon die Ausgabe v. Sü
dens, daß Konzeption und Begründung einer solchen Theorie die
Kräfte eines einzelnen Herausgebers übersteigt, wenn er sich
ernstlich auf die Vielzahl und Vielfalt der Minuskellesarten ein
läßt. Die Fülle des Materials, die seit der Zeit v. Sodens noch
beträchtlich zugenommen hat, zwingt zu schrittweisem Vorgehen.
Die Ergebnisse der Einzeluntersuchungen müssen jedoch in ihren

99 Vgl. z. B. NA26, S. 5*; K. u. B. ALAND, Text des NT, S. 44 u. 285 (Regel 12).
46 Thema und Fragestellung

Konsequenzen für das weitere Vorgehen, mit Blick auf den ganzen
zurückzulegenden Weg reflektiert werden.
Als Ausgangspunkt eines solchen Unternehmens bietet sich die
lokal-genealogische Methode an. Sie bedarf aber der Weiter
entwicklung durch ein Verfahren, das Gerd Mink zuletzt in einem
Aufsatz mit dem provozierenden Titel "Eine umfassende Genea
logie der neutestamentlichen Überlieferung"100 dargestellt hat.
Ein lokales Stemma ist nach der oben zitierten Regel 8 vor allem
ein Hilfsmittel für die textkritische Urteilsbildung an der einzelnen
variablen Stelle. Es ist aber zugleich eine "Hypothese der Text
entwicklung an einer gegebenen Textstelle"101.
"Da den Lesarten Handschriften bzw. deren Textzustände zuzuordnen sind,
werden mit solchen lokalen Hypothesen über die Entwicklung der Lesarten
sehr indirekt auch Aussagen gemacht über die Geschichte der Textzustände,
die in den Handschriften repräsentiert sind. [...]
Die lokalen Stemmata implizieren durch ihre genealogische Verknüpfung
von Lesarten auch eine genealogische Verknüpfung der Textzustände, die
von den jeweils bezeugenden Handschriften geboten werden. Daher sind die
lokalen Stemmata als Strukturen im Gesamtstemma enthalten [...] Das
Gesamtstemma ist die einfachste zusammenfassende Hypothese der in den
lokalen Stemmata behaupteten genealogischen Zusammenhänge.
Umgekehrt: Das Gesamtstemma spiegelt sich in den lokalen Stemmata
bzw. in der Bezeugung ihrer Lesarten."102
Zunächst wird im Rahmen der folgenden Möglichkeiten an den
einzelnen variierten Stellen von den Relationen zwischen Lesar
ten auf Relationen zwischen Handschriften geschlossen:
Befund an einer einzelnen Stelle Folgerung für Hss.-Relation
Zwei Handschriften X und Y bezeu Die Annahme eines Geschwister
gen die gleiche Lesart. verhältnisses von X und Y wird
gestützt.
Die von Y bezeugte Lesart ist aus der Die Annahme der Priorität von X
von X bezeugten Lesart entstanden. vor Y wird gestützt.
Die von X bezeugte Lesart ist aus der Die Annahme der Priorität von Y
von Y bezeugten Lesart entstanden. vor X wird gestützt.
Eine Relation der Lesarten von X und Die Stelle trägt nicht zur Klärung
Y ist nicht gegeben oder unklar. des Verhältnisses zwischen X und
Y bei.

100 NTS 39, 1993, 481-499. Vgl. auch MINK, G.: Zur Stemmatisierung neutesta-
mentlicher Handschriften; in: Bericht der Hermann Kunst-Stiftung zur
Förderung der neutestamentlichen Textforschung für die Jahre 1979 bis 1981.
Münster 1982, S. 100-114.
101 MINK 1993, 483.
102 Ebd. 483f.
Methode 47

Indem man an den zugrundegelegten variierten Stellen, im


Idealfall an allen variierten Stellen eines Textabschnitts nach Voll
kollation, eine dieser Aussagen über das Verhältnis zweier
Handschriften macht und die Ergebnisse summiert, erhält man
vier Kennwerte, die die Relation der verglichenen Handschriften
kennzeichnen.103
Auf der Grundlage dieser Kennwerte, die für jede Handschrift
im Vergleich mit jeder anderen bestimmt werden, ist nun ein
Gesamtstemma zu konstruieren, das die einfachste mögliche
Struktur von Verknüpfungen zwischen allen Textzuständen
darstellt. Bei der Konstruktion des Gesamtstemmas ist mithilfe der
EDV mathematische Exaktheit erreichbar. Das bedeutet natürlich
nicht, daß dann alle textkritischen Probleme per Knopfdruck gelöst
werden können. Die eingegebenen Daten beruhen auf der philo
logischen Beurteilung von Lesarten und ihrer Genealogie, und
auch das Gesamtstemma wird in erster Linie als Kontroll
instrument der Beurteilung problematisch überlieferter Textab
schnitte dienen. Mit seiner Hilfe wird es möglich sein, die Beur
teilung der einzelnen variierten Stellen im Lichte der genealo
gischen Relationen zwischen den Textzuständen zu überprüfen
und zu optimieren, die Charakterisierung der Textzeugen zu präzi
sieren und damit das äußere Kriterium zur Beurteilung von
Varianten neu zu begründen.
Gegenwärtig aber besteht hinsichtlich genealogischer Untersu
chungen der neutestamentlichen Überlieferung die Aufgabe darin,
die lokalen Stemmata zu erstellen. Dazu trägt die vorliegende
Arbeit bei, da die Frage nach dem Verhältnis der Mehrheitslesarten
zum ursprünglichen Text notwendig die Frage nach der Genea
logie der Lesarten einer Stelle impliziert. Die Kennwerte der
Handschriftenrelationen zu erheben und ein Gesamtstemma zu
konstruieren, kann allerdings nicht Gegenstand dieser Arbeit sein.
Sie konzentriert sich vielmehr darauf, (1.) die Handschriften

103 Vgl. MINK 1993, 489f. - Auf der Grundlage von 25 variierten Stellen könnte die
Summierung der Aussagen über die Relation von X und Y z. B. die Kennwerte
18/5/2/0 ergeben. In diesem Falle bezeugen X und Y an 18 von 25 Stellen die
gleiche Lesart, sind also sicher eng verwandt. Bei 7 Differenzen zwischen X
und Y bezeugt X an 5 Stellen die ursprungsnähere Lesart, Y nur an 2 Stellen.
Daraus ist zu schließen, daß X ein Vorläufer von Y sein kann, jedoch nicht Y
von X; die ursprungsnäheren Lesarten in Y entstammen wahrscheinlich einer
anderen als der X und Y gemeinsamen Quelle. (Vgl. die weiteren Beispiele
ebd.)
48 Thema und Fragestellung

festzustellen, die den vollständig ausgeprägten Byzantinischen


Text bezeugen, und ihr Verhältnis zueinander zu untersuchen; (2.)
die byzantinische Textform der Katholischen Briefe im ganzen
aufgrund eines textkritischen Kommentars zu beschreiben; (3.) die
Entstehung des Byzantinischen Textes im Rahmen der gesamten
neutestamentlichen Überlieferung zu erklären.
2. Die Teststellenkollationen und ihre
Auswertung

Unter der Leitung von K. Aland wurden im Institut für neu-


testamentliche Textforschung in Münster alle heute erreichbaren
Handschriften des NT auf Mikrofilm gesammelt und aufgrund
von Teststellenkollationen ausgewertet.1 Damit ist eine Basis für
die Erforschung der Überlieferung des Neuen Testaments geschaf
fen, die zum erstenmal die Durchdringung des gesamten hand
schriftlichen Materials ermöglicht - und fordert.
Ein wesentliches Ziel der Untersuchung von Handschriften an
Teststellen ist das "Ankollationieren", mit dem bei der Vorbe
reitung von Editionen antiker Texte traditionellerweise die bloßen
Abschriften bereits bekannter Handschriften identifiziert werden2.
Während man sich allerdings in der Regel darauf beschränkt,
solche Probekollationen an einem kurzen, zusammenhängenden
Textabschnitt durchzuführen, ist in der neutestamentlichen Über
lieferung damit zu rechnen, daß der Textcharakter eines Zeugen
von Schrift zu Schrift, manchmal sogar innerhalb derselben Schrift
wechselt. Deshalb wurde das Netz der Teststellen über den
gesamten Textbestand des NT gelegt.
Aus den Katholischen Briefen wurden 98 Teststellen ausge
wählt, in erster Linie solche, an denen sich die Lesarten der Koine

Die Ergebnisse wurden für alle Majuskeln, in denen eine genügende Anzahl von
Teststellen erhalten ist, und für die wichtigsten Minuskeln summarisch in K. u.
B. ALAND, Text des NT, 117-164, im Rahmen der beschreibenden Verzeichnung
der Handschriften veröffentlicht.
Eine umfassende Dokumentation der Teststellenkollationen und ihrer Aus
wertung erfolgt in der Reihe ANTF unter dem Titel "Text und Textwert der
griechischen Handschriften des Neuen Testaments" (im folgenden TT). Bisher
erschienen Bd. I: Die Katholischen Briefe (ANTF 9-11, 1987), Bd. II: Die
Paulinischen Briefe (ANTF 16-19, 1991) und Bd. III: Die Apostelgeschichte
(ANTF 20-21, 1993). - Aufbau und Funktion dieses neuen Instruments zur Beur
teilung der Gesamtüberlieferung des NT werden beschrieben in K. u. B. ALAND,
Text des NT, 327-342.
Vgl. z. B. M. L. WEST, Textual Criticism and Editorial Technique. Stuttgart
1973, 67f.
50 Die Teststellenkollationen und ihre Auswertung

signifikant von älterem Überlieferungsgut unterscheiden, aber


auch einige, an denen die Mehrheitslesart als ursprünglich beur
teilt wird und das Interesse dem Fortwirken alter Sonderlesarten
gilt. Die Lesarten dieser Teststellen werden in einem ausführlichen
textkritischen Kommentar (Teil II) Stelle für Stelle analysiert. Die
Ergebnisse der Einzeluntersuchungen bilden die Basis für die
Charakterisierung des Koinetextes in Kap. 3, ferner für die Bestim
mung von Zeugen für die späten Reinformen der Koine und ihre
genealogischen Beziehungen zu Repräsentanten älterer Textfor
men in den Kapiteln 4 und 5.
Hier soll zunächst der textkritische Kommentar mit einer Erör
terung der methodischen Prinzipien zur Beurteilung von Lesarten
vorbereitet und ein Überblick über die weitere Auswertung der
Einzeluntersuchungen gegeben werden (Kap. 2.1).
Im zweiten und dritten Abschnitt dieses Kapitels folgt eine rein
quantitative Auswertung der Teststellenkollationen, die bereits
zwei wichtige Strukturmerkmale der Überlieferung hervortreten
läßt. Schon aufgrund der Zahl ihrer Übereinstimmungen und
Abweichungen kann festgestellt werden, welche Handschriften
sich stärker vom Text der Mehrzahl aller Textzeugen, der Koine,
abheben und welche mit ihr weitgehend identisch sind (Kap. 2.2).
Auf der gleichen Basis lassen sich Gruppen von Handschriften
bestimmen, deren Verwandtschaft schon aus der hohen Zahl ihrer
Übereinstimmungen, ohne Gewichtung der übereinstimmenden
Lesarten, zu erschließen ist (Kap. 2.3). Der textkritische Kommentar
wird zeigen, daß schon die auf diesem Wege gewonnenen Basis
informationen eine große Hilfe für die Beurteilung von Lesarten
und ihrer Genealogie bedeuten.

2.1 Die Anwendung der lokal-genealogischen Methode in


dieser Arbeit

Der Prozeß der Veränderung eines Textes im Zuge handschrift


licher Überlieferung verläuft nicht mit naturgesetzmäßiger Not
wendigkeit. Es unterliegt weitgehend dem Zufall, an welcher Stelle
ein Kopist einen Fehler macht, wegen einer Unleserlichkeit in der
Vorlage das nach seiner Meinung oder nach einer anderen Hand
schrift Richtige einträgt, versehentlich oder willentlich eine ihm
geläufige Formulierung an die Stelle einer ungewöhnlichen setzt.
Anwendung der lokal-genealogischen Methode 51

Der Zufall bestimmt auch, wo ein Korrektor einen Fehler über


sieht, eine Korrektur an der falschen Stelle anbringt, richtig Kopier
tes durch eine vermeintlich oder tatsächlich bessere Lesart ersetzt.
Leser tragen hier und da Lesarten ein, die ihnen aus anderen
Handschriften bekannt sind, oder sehen sich aus sehr unterschied
lichen Motiven zu Randbemerkungen, Glossen und Notizen
veranlaßt. Und schließlich entscheidet letztlich der Zufall darüber,
welche Textformen die historischen Katastrophen überstehen und
welche verbrannt oder auf andere Weise zerstört werden.
Da es aus all diesen Gründen für keinen Text der Antike mög
lich ist, seine Überlieferungsgeschichte lückenlos zu rekonstru
ieren, ist es ebenso unmöglich, mit mathematischer Exaktheit zu
beweisen, daß an einer variierten Stelle diese Lesart ursprünglich
ist, jene aber nicht. Immer beruht ein textkritisches Urteil auf einer
Kette von Wahrscheinlichkeitsschlüssen, die ihrerseits nicht
streng beweisbare Annahmen über den Verlauf des Überliefe
rungsprozesses voraussetzen.
Die Regel lectio difficilior potior zum Beispiel berechtigt nicht zu
dem Schluß, ein Autor könne sich nicht auch einmal einfacher
ausgedrückt haben, als die schwierigere Lesart einer Stelle ver
muten läßt. Das ändert jedoch nichts an der allgemeinen Gültigkeit
der Voraussetzung, daß ein Schreiber eher einen ihm geläufigen
Ausdruck an die Stelle eines ungewöhnlichen setzen wird als
umgekehrt. Dies zeigt die Beobachtung, daß jüngere Textformen,
allen voran die Koine, eine weitaus größere Zahl von Lesarten
aufweisen, die sich aus einem solchen Normalisierungsgefälle
erklären lassen, als ältere Textformen. Die Validität der Regel über
die schwierigere Lesart muß sich aber in der Interpretation
bewähren, indem sie sich als dem Kontext am besten angemessen
erweist.
Der Vergleich später mit frühen Textformen zeigt außerdem,
daß der Text im Zuge handschriftlicher Überlieferung wächst. Im
NT betrifft diese Tendenz sehr oft formelhafte, durch liturgischen
Gebrauch verfestigte Wendungen wie die Hoheitstitel Christi oder
doxologische Prädikate. Auch werden von der Vorlage abwei
chende Lesarten nicht selten mit anderen, dem Schreiber ebenfalls
bekannten vermischt. Daher ist die Regel, daß die Kürze einer
Lesart für ihr höheres Alter spricht, ebensogut begründet wie die
Regel über die schwierigere Lesart. In der Interpretation muß
52 Die Teststellenkollationen und ihre Auswertung

allerdings nachgewiesen werden, daß es sich nicht mit größerer


Wahrscheinlichkeit um eine Auslassung handelt.
Es wäre eine Illusion, zu glauben, daß eine Lesart rein für sich
ausschließlich nach inneren Kriterien beurteilt werden könnte.
Keine der Regeln, nach denen wir Lesarten aufgrund ihres
Kontextbezuges bewerten, hat absolute Gültigkeit. Die Annahme
jedoch, daß eine objektiv ältere Handschrift, die an viele Stellen
schwierigere und kürzere Lesarten bietet als eine objektiv jüngere,
dem ursprünglichen Text näher steht, hat alle Wahrscheinlichkeit
für sich. Die neutestamentlichen Texte sind in einer verhältnis
mäßig großen Zahl von Textzeugen des 3. und 4. Jahrhunderts
überliefert, für die dies zutrifft. Hinzu kommt eine ebenfalls
verhältnismäßig große Zahl jüngerer Handschriften, die diese al
ten Textformen reproduzieren. Alle kritischen Editionen des Neu
en Testaments seit Tischendorf konstituieren den Text regelmäßig
so, daß wenigstens eine von diesen ältesten und besten Hand
schriften die als ursprünglich beurteilte Lesart bezeugt. Auch der
textkritische Kommentar dieser Arbeit zeigt immer wieder, daß
mindestens eine von den ältesten und besten Handschriften die
Lesart bezeugt, aus der die Varianten der Stelle am besten erklärt
werden können. In den Katholischen Briefen sind es die Papyri Sp72
und $>7*, die Majuskeln Ol (Sinaiticus), 02 (Alexandrinus), 03
(Vaticanus) und 04 (Ephraemi Rescriptus), die Minuskeln 1739,
1241 und 1852.
Allerdings ist es unvermeidlich, daß die Qualität der Zeugen die
Beurteilung der Lesarten beeinflußt, nach denen wiederum die
Qualität der Zeugen bewertet wird. Dieser Zirkel ist unver
meidlich. Es wäre unsinnig, so zu tun, als gäbe es nur Lesarten und
nicht auch die Handschriften, in denen sie stehen, und als gäbe es
zwischen ihnen keine Unterschiede im Alter und der Qualität
ihrer Textformen. Es ist wahr: nicht selten lassen sich innere
Gründe für eine Lesart mit umgekehrten Vorzeichen auch gegen
sie geltend machen. Zum Beispiel kann man häufig an derselben
variierten Stelle den kürzeren Text als Auslassung oder den
längeren als Erweiterung interpretieren. Läßt sich aber ein
Normalisierungsgefälle zugunsten einer der fraglichen Lesarten
nachweisen und stehen außerdem die ältesten und besten
Handschriften auf seiten der weniger eingängigen Formulierung,
ist es sehr wahrscheinlich, daß die Lesart der älteren Textformen
ursprünglich ist. An der Mehrzahl aller variierten Stellen weisen
Anwendung der lokal-genealogischen Methode 53

innere und äußere Kriterien so oder ähnlich in die gleiche


Richtung.
Problematisch sind die Stellen, an denen Bezeugung und text
licher Befund mehrerer Varianten ausgewogen sind oder in ver
schiedene Richtungen weisen. Solche Stellen zwingen vorläufig zu
einem non liquet. Gerade sie zeigen, daß Textkritik nicht auf die
Frage reduziert werden kann, "what to do when Codex Vaticanus
and $P75 disagree"3. Es besteht aber gute Aussicht, daß solche Stellen
aufgrund ihrer Bezeugung doch beurteilt werden können, wenn
ein Gesamtstemma, eine Hypothese über die Genealogie der Text
zeugen, vorliegt, das auf den sicher beurteilten Varianten beruht.

Der textkritische Kommentar soll zunächst - unter besonderer


Berücksichtigung möglicher Zwischenglieder - das Verhältnis der
Koine zum ursprünglichen Text klären. Ferner soll er die Grund
lage für eine Bestimmung der wichtigsten Zeugen der Koine und
eine Untersuchung ihrer genealogischen Beziehungen zu Reprä
sentanten älterer Textformen bilden.
Für den allgemeinen Teil dieser Arbeit hat der textkritische
Kommentar vor allem den Zweck, die Teststellenkollationen und
ihre quantitative Auswertung in "Text und Textwert" für die
Anwendung auf die Problemstellung vorzubereiten.
1.) An allen Teststellen wird das Verhältnis jeder Lesart zum
Kontext beschrieben und zugleich das Textproblem sondiert, das
möglicherweise durch einen editorischen Eingriff gelöst werden
sollte; unsinnige oder schwer mit dem Kontext zu vereinbarende
Lesarten werden benannt.
2.) Es wird untersucht, welche Lesart am besten geeignet ist, die
Entstehung der übrigen zu erklären, und welche Lesarten auf über
lieferungsgeschichtliche Beziehungen zwischen ihren Zeugen
schließen lassen; wenn möglich (und nötig) wird ein Lesarten-
stemma erstellt.
3.) Die Aussagen über die Deszendenz der Lesarten werden an
hand von Annahmen über die Qualität ihrer Bezeugung geprüft.
So sollen zunächst Vorurteile zugunsten bestimmter Zeugen
konstellationen kontrolliert werden.
Auf der Grundlage dieser Arbeitsschritte können die folgenden
Fragen beantwortet werden:

3 WISSE, Profile Method, 5.


54 Die Teststellenkollationen und ihre Auswertung

- Wie sind die Lesarten beschaffen, die den Byzantinischen Text


charakterisieren? Wie verhalten sie sich zum ursprünglichen
Text? Welche Formen editorischer Tätigkeit lassen sie er
kennen?
- In welchem Verhältnis stehen die Varianten koinenaher und
koineferner Handschriften zueinander? Welche Lesarten kön
nen Aufschluß über genealogische Beziehungen zwischen
Zeugen der Koine und Repräsentanten älterer Textformen
geben?

Zwei Tabellen bereiten die Beantwortung dieser Fragen vor. Die


eine faßt die Ergebnisse der Einzeluntersuchungen im text
kritischen Kommentar für jede Lesart hinsichtlich ihres Verhält
nisses zum ursprünglichen Text und zu anderen Lesarten zusam
men (S. 380ff.), die andere gewichtet die Abweichungen vom
Mehrheitstext in Koinehandschriften4 (S. 455f).
Vor allem die zweite Tabelle dient der Bestimmung möglicher
Bindeglieder zwischen der Koine und älteren Textformen. Sie
zeigt, ob die Lesarten, die auch oder ausschließlich von Koinehand
schriften bezeugt sind, wahrscheinlich oder vielleicht oder wahr
scheinlich nicht aus der byzantinischen Tradition abgeleitet sind.
Lesarten der dritten Kategorie verweisen auf Beziehungen zwi
schen Koinehandschriften und Repräsentanten älterer Textfor
men. Handschriften, die nur in Lesarten der ersten Kategorie vom
Byzantinischen Text abweichen, variieren ihn bloß, ohne genea
logisch über ihn hinauszuweisen.
Außerdem werden die in "Text und Textwert" veröffentlichten
Kollationsergebnisse für alle Handschriften, die an mehr als 10%
der Teststellen vom Mehrheitstext abweichen, in die Bezeugungs
tabelle in Anhang III eingetragen.
Auf dieser Grundlage ist es möglich, das Variationsverhalten
einzelner Handschriften und Handschriftengruppen und ihr Ver
hältnis zur Koine differenziert zu beschreiben.

4 Als "Koinehandschrift" gilt jede Handschrift, die an über 80% der Teststellen
mit dem Mehrheitstext übereinstimmt; vgl. unten S. 55f.
Bestimmung der Koinehandschriften 55

2.2 Die Bestimmung der Koinehandschriften der Katholi


schen Briefe nach ihrer Distanz vom Mehrheitstext

Von 522 kollationierten Handschriften mit Text an mindestens 10


der 98 Teststellen der Katholischen Briefe haben
a) über 50% Abweichungen vom Mehrheitstext5:
£72. sp74. 01. 02. 03. 04. 044. 048. 33. 81. 322. 323. 436. 945. 1067. 1241.
1243. 1505. 1611. 1735. 1739. 1846. 1852. 1881. 2138. 2298. 2344. 2464.
2495. 2805 - 30 Hss.
- 40-50% Abweichungen vom Mehrheitstext:
5. 206. 442. 522. 614. 621. 623. 629. 630. 1175. 1292. 1409. 2200. 2412.
2541-15 Hss.
b) 30-40% Abweichungen vom Mehrheitstext:
025. 6. 61. 254. 378. 429. 453. 1448. 1523. 1524. 1678. 1838. 1844. 1845.
2147. 2197. 2374. 2652. 2718 - 19 Hss.
c) 20-30% Abweichungen vom Mehrheitstext:
36. 88. 93. 94. 104. 218. 307. 321. 326. 398. 431. 459. 642. 665. 720. 808.
876. 915. 918. 1127. 1359. 1490. 1563. 1718. 1758. 1765. 1831. 1832.
1836. 1837. 1842. 1890. 2492. 2494 - 34 Hss.
d) 10-20% Abweichungen vom Mehrheitstext:
056. 0142. 38. 43. 69. 181. 197. 312. 365. 400. 456. 464. 467. 468. 617. 631.
643. 676. 996. 999. 1066. 1270. 1297. 1367. 1390. 1501. 1509. 1595. 1598.
1609. 1661. 1729. 1751. 1827. 1840. 1848. 1850. 1853. 1874. 1875. 1893.
1904. 2080. 2180. 2186. 2242. 2243. 2523. 2544. 2674. 2774 - 53 Hss.
e) Weniger als 10% Abweichungen vom Mehrheitstext haben
weitere 372 Handschriften (233 Hss. an 95-99% der Stellen, 139
Hss. an 90-95% der Stellen).

Anders als in "Text und Textwert" (TT) gelten hier als Mehrheitstext auch die
Lesarten 1/2 und ihre Subvarianten. Sie wurden in TT als Abweichungen vom
Mehrheitstext verrechnet, um einem voreiligen Ausschluß von Handschriften
von der weiteren Untersuchung vorzubeugen (vgl. TT 1,1, p. XIV). Da im textkri
tischen Kommentar dieser Arbeit jede Teststellenlesart nach inneren und äuße
ren Kriterien gewichtet wird, besteht nicht die Gefahr, daß eine Handschrift
wegen ihrer 1/2-Lesarten unterbewertet wird. So kann hier konsequent nach
dem Prinzip verfahren werden, von einer zunächst rein quantitativen zur
qualitativen Auswertung der Teststellenkollationen fortzuschreiten. Hier und
im folgenden gelten also als "Abweichungen vom Mehrheitstext" alle
Abweichungen von den Lesarten 1, 1/2 und ihren Subvarianten (IB, 1С, ...; 1/2B,
1/2С, ...).- Die Quoten der Abweichungen vom Mehrheitstext sind für jede der
hier genannten Handschriften in Anhang II exakt angegeben.
56 Die Teststellenkollationen und ihre Auswertung

Die insgesamt 425 Handschriften der Kategorien d) und e) werden


im folgenden nach der sie dominierenden Textform Koinehand-
schriften genannt.Diese vorläufige Klassifizierung hat etwa die
gleiche Funktion wie die Kategorien I-III und V bei K. und B.
Aland. Während aber dort bei der Zuordnung einer Handschrift zu
einer Kategorie auch andere Kriterien wie das Alter der Hand
schrift und die Qualität der Abweichungen von der Koine eine
Rolle spielen, sollen hier die Handschriften aus methodischen
Gründen zunächst nur nach der Häufigkeit der Abweichungen
vom Mehrheitstext geordnet werden. Die Qualifizierung dieser
Abweichungen soll erst nach der Gewichtung der Lesarten an jeder
einzelnen Teststelle im textkritischen Kommentar erfolgen.

2.3 Vorläufige Bestimmung von Gruppen eng verwandter


Handschriften der Katholischen Briefe
B. Aland hat in der einleitenden Untersuchung zur Edition der
großen Katholischen Briefe in syrischer Überlieferung mithilfe der
Teststellenkollationen und ihrer Auswertung eine Gruppe von
zwölf Minuskeln des 11.-16. Jahrhunderts bestimmt, deren primäre
Variantenschicht der gleichen Textform entstammt wie die grie
chische Vorlage der Harklensis (Hk8r).6 Als sehr eng verwandt mit
Hksr erwies sich vor allem die Familie 2138, die vier Handschriften
umfaßt (2138 1505 1611 2495) und wahrscheinlich auf die gleiche

Vgl. die Untersuchung von B. ALAND, Das Neue Testament in syrischer


Überlieferung, Bd. I: Die großen Katholischen Briefe, hrsg. und untersucht v.
B. ALAND in Verbindung mit A. JUCKEL, (ANTF 7). Berlin 1986, 41-90. -
Aufgrund der Jak-Teststellenkollationen im Institut für neutestamentliche
Textforschung in Münster kommt Ch.-B. AMPHOUX, Les manuscrits grecs de
l'épître de Jacques d'après une collation de 25 lieux variants, RHT 8, 1978, 247-
276, zu einer weitgehend übereinstimmenden Identifizierung der griechischen
Handschriften dieser Gruppe. Vgl. auch L. VAGANAY, Initiation à la crtitique
textuelle du Nouveau Testament, 2e éd., entièrement revue et actualisée par
Ch.-B. AMPHOUX, Paris 1986, S. 45 (in der überarbeiteten engl. Übersetzung,
Cambridge 1991, S. 23f.); femer Ch.-B. AMPHOUX, La parenté textuelle du sy"
et du groupe 2138 dans l'épître de Jacques, Bib 62, 1981, 259-271; DERS.,
Quelques témoins grecs des formes textuelles les plus anciennes de l'épître de
Jacques: Le groupe 2138 (ou 614), NTS 28, 1982, 91-115. Er etikettiert ihren Text
als "'occidental'", versteht unter dem "westlichen" Text allerdings lediglich
einen "'texte ancien'" (Témoins grec, S. 110). Daß die Gruppe Hk altes
Sondergut überliefert, steht in der Tat außer Frage.
ΒβδΙίπυηιιηβ νοη Η3ηάδ<:ηι-ίίΙεη£Γυρρεη 57

ν*θΓΐ3§β ζιΐΓϋο1ζ§βηΙ ννΐε άϊε Ηβηάδοηπίι Η^8Γ,7 άϊε Τηοπ\3δ νοη


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Ηοη είηεδ ΤεχΙεδ ΓηΐηάεδΙβηδ άβδ 6. ΐΒητηαηάβΓίδ9.
Ιγπ ίο1§εηάεη ννίτά άβδ νοη Β. Αΐ3ηά ζητ ΒεδΗΓηιηιιη§ άβΓ
Οπιρρε Ηΐς βηΐννϊοίζεΐίε νβΓίβηΓβη10 ίϋΓ άϊε νθΓΐ3υίϊ§ε ΒεδΗπι-
ιηιιη§ ννβίίεΓεΓ Οπιρρεη §βηυιζΙ. Όάζχι δοΐΐβη 3ΐη Ββίδρΐεΐ άβΓ
Οηιρρε Ηΐς ζυηΜοΗδΙ άϊε ΜεΓίαηβΙε οβδοηπβοεη ννεκίεη, άϊε είηεη
νοη άβΓ βθδ3ΐητϋοεΓϋείεπιη§ άειιίΐίοη υηίεΓδοηϊεάεηεη ϋ&εΓίϊε-
ίβΓυη§δ8ΐΓ3η§ ίη άεΓ α,υβηπίβίίνεη ΑυδννεΓΐαη§ άβτ ΤεδΙδΙεΙΙεη-
Ιςοίΐβϋοηεη ^εηηίΐϊοη Γηβοηεη.
Η3ηάδοηπίΐεη οίΐάεη είηε "Οίπιρρε", ννεηη §ειηείηδ3ΐηε 5οη-
άβΓΐεδ3Γΐβη δϊβ νοη άβΓ §εδ3Γηιεη ϋοπ§εη ϋοβΓΐίβίβπιη§ ιιηίβΓ-
δοηβϊάβη. ννεηη άϊε ΚοηβΓεηζ είηβΓ Οπιρρε δο εη§ ϊδϊ, άζΒ ίύι δϊβ
άβΓ Τεχί είηβδ §επ\είηδ3Γηβη νοΓίβηΓβη Γβ1«>ηδΓΠΐίθΓΐ αηά άβδ
νεΓΓίδΙιηϊδ άβΓ Είηζβΐηβηάδαηπίίβη ζαεϊηβηάεΓ υηά ζυ άΐεδεπι
νοΓίβητβη ίη βϊηβπι 5ΐβΓηιη3 ά3Γ§εδΙε111 ννεΓάεη Ιςβηη, ηεηηεη ννίΓ
βίε "ΡβΓηίϋε".11
ϋϊε Ρβηιίΐίε 2138 αηά Η1<8Γ Βϋάεη άεη ΚεΓη άεΓ βηιρρβ Η1<.
Εΐηβη άθΐιιΐίοηεη Ηίηννεϊδ 3ΐιί άϊε εη§β νβηνβηάΐδοηβίΐ άεΓ
Μίι§ϋεάεΓ άεΓ Ρβτηΐΐϊε 2138 §ϊοί οβΓβϋδ άίβ δθ§. ΕΓ£αηζΐίη%$Η$Ιε12.

7 ν^Ι. άβδ 5ίθπιιη3 Αά. 5. 69.


8 Τηοπ\3δ ηβΐίε οίίεηββΓ άβδ Ζίεΐ, "άβδ Οπεοηίδοηβ 5θ ίηδ δντϊδοηε ζυ
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ετΚεηη&βτ Ϊ51" (β\>ά. 5. 7).
9 νβτοίίεηΐΐίοηΐ βόά. 5. 271-286 ιηίΐ είηεΓ Κοίΐβΐίοη άβΓ Ρβηϋΐίε 2138.
10 ν§1. νοτ 3ΐΐ6ΓΠ β\)ά. 5. 52-72, 'Όβδ ΤεδΙδΙεΙΙεηρΓΟ^Γβηιιη, βηβθνναηάΐ βυί άϊε
Ηβτΐϋβηδίδ"; άίεβεδ Κβρίΐεΐ §ίΙ)1 ζυδβΓΠΓηεη Γηίΐ άειη νοΓβηββηεηάεη (5. 44-51)
είηε βυί άϊε Οπαρρε Ηΐΐ ββζο§βηε ρΓβΚηβοηε Αηΐείπιηβ ζυτη ΟεβΓβυοη άβτ ίη ΤΤ
1,2 §β§εΙ>εηεη Αυδ\νεΓηιη§ α\ι(%τ\ιηά άβτ ΤεβίδΙεΙΙεηΚοΙΙβΚοηεη, δο άα& <1ϊβ
ΕϊηΓαηηιη^ άβτ νεηνεηάείεη Μβίεπβΐίεη υη<1 Τεπηίηί ηίετ ηίοηΐ πιίΐ §1εϊοηβΓ
ΑιΐδΓαητΙϊοηΙίβίΙ ννϊβάβΓηοΙί \νεΓάεη ηιυβ.
Ε>ίε ίοΐββηείβ θ2ΓδΙβ11υη§ άβτ Οηιρρε ΗΚ ίυβί 3ΐιί άβτι §εη3ηηίεη Κβρίΐεΐη, οηηε
(3ββ ίϋΓ ]εάε Είηζεΐηεΐΐ ειηευΐ 3ΐιί δϊε νεηνίεδεη ννϊτά.
1 1 Ζιι <3εη Βε§τίίίεη "ΡβιηίΗε" υηά "Οηιρρε" ν§1. β\)ά. 5. 86.
12 ΤΤ 1,2, Βείηείί; νξΐ. Β. ΑίΑΝϋ, ΝΤ ίη δ)α. ϋΙ>εΓΐίείεΓυη8 Ι, 47-49. Ιη άεΓ
ΕΓβδηζυη^δΗδίε δϊηά ίϋΓ )εάε ΚοΙΙβΗοηίεΓίε ΗβηάδοηπίΙ άβΓ ΚβΙηοϋδοηεη
Βπείε ίη βΙΐδΙεΐβεηάεΓ Ρο1§ε άϊε ητιίί ιΗγ 3γπ ΗδυίϊβδΙβη ϋββΓείηδΗΓηηιεηάεη
ΗβηάδοΗηίΙεη νεΓζείοηηεί. Ε>ΐε ζυ ]βάβτ ΡοδίΗοη ςεηβηηίεη ΥΥεΓίε 1)3δϊεΓεη βυί
3ΐ1εη ΤεδΙδΙβΙΙεη, άϊε ίη βείάεη ]εννβί1δ νεΓβΙίοΗβηβη ΗβηάδοΚπίΙβη Ιίείε^ί δίηίΐ,
βίηδοηΙίεβΙίοΗ άβτ ΤβδΓδίεΙΙεη, βη άεηβη δίε άίβ ΜεΗΓΓΐείΙδ1εδ3Γΐ 1>εζβυββη. Ιη
άβτ ΕΓ£3ηζυη£δϋδΐε ννεΓάεη ηυΓ ςεηβυ ίάεηΗδοΚβ Ι,εδβΓίεη βίδ ΪΛ>εΓβίη
58 Die Teststellenkollationen und ihre Auswertung

1505 bezeugt die gleiche Lesart wie


2495 an 95,9% oder 93 von 97 Teststellen,
2138 an 90% oder 81 von 90 Teststellen,
1611 an 83,5% oder 81 von 97 Teststellen.
2495 bezeugt die gleiche Lesart wie
2138 an 87,6% oder 78 von 89 Teststellen,
1611 an 84,4% oder 81 von 96 Teststellen.
2138 bezeugt die gleiche Lesart wie
1611 an 92,1% oder 82 von 89 Teststellen.
Allerdings sind Übereinstimmungen von über 90% an sich
nichts Besonderes, da weit über die Hälfte der Handschriften an
über 90% der Teststellen den Mehrheitstext lesen und sehr viele
nicht weniger oft miteinander übereinstimmen, ohne enger mit
einander als mit den übrigen Koinehandschriften verwandt zu
sein. Übereinstimmungen in Mehrheitslesarten sind also genealo
gisch irrelevant. Die Quote der Übereinstimmungen zwischen
zwei enger verwandten Handschriften wird deshalb in der Ergän
zungsliste deutlich höher sein als die Quote der Übereinstimmun
gen beider Handschriften mit dem Mehrheitstext. Dies trifft für alle
Handschriften der Familie 2138 zu.
1505 liest nur an 39,8% oder 39 von 98 Testellen Mehrheitstext13,
2495 an 42,3% oder 41 von 97 Teststellen,
2138 an 43,4% oder 39 von 90 Teststellen,
1611 an 47,4% oder 46 von 97 Teststellen.
Von den Handschriften der Familie 2138 sind offensichtlich 1505
und 2495 am engsten verwandt. 2138 und 1611 stimmen häufiger
miteinander als mit 1505 und 2495 überein. Die geringste Zahl an
Übereinstimmungen zwischen den Handschriften der Familie 2138
haben 1505 und 1611 mit 83,5% bei 52,6% Abweichungen vom
Mehrheitstext in 1611. Dieser Befund entspricht dem aufgrund von
Binde- und Trennlesarten konstruierten Stemma14.

Stimmungen gebucht; Subvarianten des Mehrheitstextes gelten als Abwei


chungen von ihm.
1 3 Aus den oben in Aran. 5 genannten Gründen werden auch hier die 1 /2-Lesarten zu
den Mehrheitslesarten gerechnet. Daher weichen die hier verzeichneten
Quoten der Übereinstimmungen mit dem Mehrheitstext von den in der
Ergänzungsliste genannten ab.
1 4 Vgl. B. ALAND, NT in syr. Überlieferung I, 90.
ΒεδΙίτηΓηυηβ νοη ΗβηάδοητίίΙεη^Γυρρεη 59

δοννεΐί βδ ιιιη άίε βίοβε ΡεδΙδίε11υη§ άεδ Ρπΐίΐιιιηδ §εΗί, άαβ άϊε
Μίί§1ΐθάβΓ άεΓ Ρ3Γηϋϊε 2138 δεηΓ εη§ νεΓννβηάΙ δίηά, ΓεϊοΗεη άϊε
ννβΓίε άεΓ ΕΓ§3Πζυη§δϋδΙβ υηίβΓ Βεπκ:1<δϊ(:ηπ§ιιη§ άεΓ ϋϊδί3ηζ άεΓ
Ηβηάδοητΐίτεη νοπ\ ΜεητηεϊϊδϊεχΙ: 3αδ. Όά 3&εΓ <1ίβ Γηεϊδίεη Ηβηά-
δοηπίΐεη, υηά ίο1§1ΐ<:η άίε ιηεϊδϊεη Οηιρρεη, (Ιθγ Κοίηε δεηΓ νίβΐ
ηβΗεΓ δίηά, δοΐΐ ηυη εχεπφίΒΠδοη βεδοητϊεβεη ννετάεη, ννίε δίοη άϊε
νεΓ\ν3ηάίδθΗ3ίί άεΓ ΗβηάδοηπίΓεη 1505 2495 2138 1611 ΐη άεΓ
ΗαιιρίΗβΙβ15 άβΓδίεΙΙί.
Αιη Ιϊηΐςεη Κ3ηά άεΓ Ηβιιρίΐίδΐε ζυ 1505 δίεηεη §1εϊοη υηίεΓ (Ιεη
ΡΓ3§πιεηίεη 0173 υηά 023216 άίε άτβί ννεϋεΓεη Η3ηάδοηπίΙεη άεΓ
Ρβιηϊΐΐε 2138 ϊη άβι §1είοηεη Κεϊηεηίο1§ε ννίε ίη άεΓ Εγ§3π-
ζαη§δϋδΙε.
1505 ηβί 63 ζα οεβΓοείΙεηάε Τεβίδίεΐΐεη υηά δΙίτηΓηι
πώ 2495 3η 93,5% οάεΓ 58 νοη 62 ϋοεΓείη,
πΰΐ 2138 3η 87,5% οάεΓ 49 νοη 56,
πΰΐ 1611 3η 79% οάεΓ 49 νοη 62.
2495 Γιβί βίβο 3η 62, 2138 βη 56, 1611 εβεηίβΐΐβ βη 62 νοη άεη 63 ίϋΓ 1505 ζυ
&β3Γ&βίΓβηάβη Τβδίδίβΐΐεη ΤβχΙ.
2495 ηβί 58 ζυ βεβΓοεϋεηάε Τεδίδϋεΐΐεη υηά δηΊητηϊ
Γηίί 1505 3η 100% οάεΓ βΐΐεη 58 υοεΓείη,
Γηίί 2138 3η 90,2% οάεΓ 46 νοη 51,
Γηίι 1611 3η 84,2% οάεΓ 48 νοη 57.

15 ΤΤ 1,2,1-2; ν%1 Β. Αΐ-ΑΝϋ, ΝΤ ίη βντ. ϋοβΓΐίβ£βΓυη§, Ι, 49-51. Ιη άβΓ ΗβυρίϋδΙβ


ίδΐ ίϋΓ )βάε ΚοΙΙβποηίβΓίβ ΗβηάδοηπίΙ άβΓ Καΐηοΐίδοηβη Βπείε ΐη είηεΓ
Κορίζείΐε βη^εςεοβη, βη ννίβνίβίβη ΤβδΙδΙβΗβη δίβ £βπ\βίηδ3Γη Π"* Γηίηάβδίεηδ
βίηβΓ ννβίΙβΓβη ΗβηάδοηπίΙ νοη άβη ίβδβΓΓβη 1 (υηά ίηΓβη διιονβπβηΐβη)
β&ννείοηΐ, ννίενίείε 5ίη§ιιΐ3Γΐβ83Γΐβη 5Ϊβ ηβΐ υηά ννίε οίΐ δίε άίθ ίεδβΓΐ 1
1>εζευ$ί• ϋβΓ ΐ3Ρε1ΐ3ΓΪ8εηεη Αυδννει•τυη§ Ιίεςβη )β\νβί1δ άίε Τβδίδίεΐΐεη ιηίΐ
ηίοΗΐ-δίηςιιΙβΓβη Αοννβίοηυηββη νοη ίβδβτΐ 1 3ΐδ "ζυ οββΓ&βίίβηάβ ΤεδΙδΙεΙΙεη"
ζαςηιηάε. Όίβ εκίεη άΓβί Ζβίΐεη άβΓ Τβ&βΐΐε ζυ βίηβΓ Ηβηάδοητίίί {*βΙ>εη βη, (1)
ννβίοηε άίε ζυ οεβτοείιεηάεη ΤεδΙβΙεΙΙεη δίηά υηά (2) Γηίί ννίενίείεη ΜίΙζευ^εη
άίβ ΑυδββηβδΗβηάδοηπίί (3) ννβΐΰηβ 1.βδ3Γΐβη σβζβυβί. ΟβΓυηΙβΓ δίβηεη ίη άβΓ
Ηη^εη δρβίιε ίη αϋδίείςεηάεΓ Ροΐ^ε )εννεί1δ 66 Ηβηάδοηπίιεη, άίε βπι
ΗδυΠ^δΙβη £βηιείηδ3Γη Γηίι άβΓ ΑυδββηβδηβηάδοΗπίΙ νοηι ΜεηΓηβίΙβίβχΙ
β&ννείοηεη. ϋίε ΑρννείοΗυη^δηδυίί^^είΙ ννίΓά ίη ΡτοζεηΙ υηά ίη βοδοΐυιβη
Ζαήΐβη 3η§ε§βοβη. Ιηη Γβοΐιΐβη υηιβΓβη Ρβΐά άβΓ Τβ&βΐΐβ δίηά άίβ βοννείοηβηάβη
Ι-βδβΓίεη άεΓ 1ίη)<δ ^εηβηηΐεη ΗβηάδοΗπίΙεη αη άεη ζυ οβαΓΡβίΙβηάεη ΤεδΙ-
δίβΐΐβη νβΓζβίοηηβΙ; 1>βί ΙΛ>βΓθίη8ΠΓηηιυη§ ηιίΐ άβΓ Αυ5£3η£5η3ηάδ(±ιι-ίίΙ ίδΐ άεΓ
Κβυπι ίπι δοΚηίιίρυηΚΐ νοη Ηβηάδοηπίίεηζείΐε υηά Τεβίδίεΐΐεηδρβίΐε ΙεβΓ.
16 5ίβ Κόηηεη νβΓηβςΗΙβδδίβί ννβΓάβη, ά& δίβ ζννβΓ βη 100%, βσεΓ ηυΓ είηεΓ &ζ\ν.
ζννβί άετ ίϋΓ 1505 ζυ οεβΓοείίεηάεη Τεδίδίβΐΐβη Γηίί άίβδβΓ ϋ&βΓβίηδπιτίΓηθη.
60 Die Teststellenkollationen und ihre Auswertung

2138 hat 54 zu bearbeitende Teststellen und stimmt


mit 1505 an 90,7% oder 49 von 54 überein,
mit 2495 an 86,8 % oder 46 von 53,
mit 1611 an 88,6% oder 47 von 53.
1611 hat 56 zu bearbeitende Teststellen und stimmt
mit 1505 an 87,5% oder 49 von 56 überein,
mit 2495 an 87,3% oder 48 von 55,
mit 2138 an 95,9% oder 47 von 49.
Für die vorläufige Zuordnung zweier Handschriften zu einer
Familie oder Gruppe nach der Zahl ihrer Übereinstimmungen
wird man von der Hauptliste der Handschrift ausgehen, die die
geringere Zahl von zu bearbeitenden Teststellen hat. Geht man
von der Handschrift mit der größeren Zahl zu bearbeitender
Teststellen aus, verfälschen die Singular- und Mehrheitslesarten
der anderen Handschrift das Bild.17
Z. B. haben 1505 und 1611 an 62 der 63 für 1505, aber an allen 56
der für 1611 zu bearbeitenden Teststellen beide Text. Die aufgrund
der für 1505 zu bearbeitenden Teststellen berechnete Übereinstim
mungsquote (79%) ist deshalb geringer, weil 1611 mehr Mehr
heitslesarten hat. Über den tatsächlichen Verwandtschaftsgrad der
beiden Handschriften gibt zuverlässiger die Übereinstimmungs
quote von 87,5% Auskunft, die auf den für 1611 zu bearbeitenden
56 Teststellen basiert.
Im weiteren werden die Werte zu Handschriften, deren hohe
Übereinstimmungsquoten in Haupt- und Ergänzungsliste auf enge
Zusammengehörigkeit schließen lassen, in eine Tabelle einge
tragen, die die Zusammenstellung der zu interpretierenden Daten
erleichtert:

17 Zwar ist die genealogische Signifikanz von Übereinstimmungen mit dem


ursprünglichen Text (cum grano salis mit den Lesarten 2 und 1/2) um so geringer,
je älter die verglichenen Handschriften sind; aber in der Zeit der Herrschaft
des Byzantinischen Textes, und aus dieser Zeit stammen fast alle hier zu
untersuchende Handschriften, sagt die Bewahrung ursprünglicher Lesarten an
den gleichen Stellen nicht weniger über die Beziehung der sie bezeugenden
Handschriften aus als gemeinsame Sonderlesarten.
Bestimmung von Handschriftengruppen 61

Handschriften

\
\
\
\ \ Übereinstimmungen
Hand \ Anzahl der v nach der Hauptliste
schriften \ zu bearbei-
. tenden Test \
M = Quote stellen im Ver- \
d. Über 44 hältnis zur \
einstim \ Zahl der Test-
mungen \
\ stellen, an
mit dem v denen eine \
Mehr Übereinstimmungen Handschrift \
heitstext nach der Ч Text hat \
Ergänzungsliste \ \
\
-X_

1505 2495 1611 2138


1505 63/98 100% 87,5% 90,7%
M39,8% 58/58 49/56 49/54

2495 95,9% 58/97 87,3% 86,8%


M42,3% 93/97 48/55 46/53

1611 83,5% 84,4% 56/97 88,6%


M47,4% 81/97 81/96 47/53

2138 90% 87,6% 92,1% 54/90


M43,4% 81/90 78/89 82/89

Am oberen und linken Rand werden die Nummern der Hand


schriften nach der Zahl der für sie zu bearbeitenden Teststellen
angeordnet. (Zu bearbeitende Teststellen sind solche, an denen die
Handschrift keine Singulärlesart hat und nicht mit der Mehr
heitslesart oder einer ihrer Subvarianten übereinstimmt.) In die
Felder auf der Diagonalen ist eingetragen, wieviele von den
Teststellen, an denen Handschrift Text hat, zu bearbeiten sind (z. B.
63 von 98 in 1505). Die Übereinstimmungswerte einer Ausgangs
handschrift (in der ersten Zeile) mit den verglichenen Hand
62 Die Teststellenkollationen und ihre Auswertung

Schriften (in der ersten Spalte) nach der Hauptliste werden in der
Spalte unter der Nummer der Ausgangshandschrift oberhalb der
Diagonalen verzeichnet. Unterhalb der Diagonalen stehen die
Übereinstimmungswerte nach der Ergänzungsliste; sie sind mit
den Quoten der Übereinstimmungen mit dem Mehrheitstext in
Beziehung zu setzen, die unter jeder Handschriftennummer mit
vorangestelltem M am linken Rand angegeben sind.
In der Familie 2138 hat die Leithandschrift selbst die niedrigste
Zahl an zu bearbeitenden Teststellen. Die niedrigste Quote an
Übereinstimmungen mit anderen Handschriften der Familie nach
der Hauptliste zu 2138 ergibt sich im Vergleich mit 2495 (86,8%).
Überschreitet also die Quote der Übereinstimmungen von zwei
Handschriften a und ß, von denen ß die geringere Zahl zu
bearbeitender Teststellen aufweist, nach der Hauptliste zu ß 86,8%,
ist dies ein erster Anhaltspunkt für die Vermutung, daß a und ß
ebensoeng verwandt sein können wie die Handschriften der
Familie 2138.
In der nebenstehenden Tabelle sind auch die Werte von 8
weiteren Handschriften der Gruppe Hk verzeichnet18. Ihre Zusam
mengehörigkeit mit den bereits behandelten Handschriften der
Gruppe drückt sich vor allem in den hohen Übereinstimmungs
quoten an den zu bearbeitenden Teststellen (oberhalb der Diago
nalen) aus. Außer bei 522 und 429 erreichen sie durchgängig über
80% und liegen nicht selten sogar über den innerhalb der Familie
2138 erreichten Werten. Die Quoten der Übereinstimmungen
zwischen den Handschriften der Gruppe nach der Ergänzungsliste
(unterhalb der Diagonalen) liegen alle deutlich über den Quoten
der Übereinstimmungen jeder einzelnen Handschrift mit dem
Mehrheitstext.

18 Nach W. L. RICHARDS, The Classification of the Greek Manuscripts of the


Johannine Epistles, (SBL Diss. Ser. 35) Missoula 1977, S. 138-140, ist die
Handschrift 1799 aus dem 12./13. Jh. in ljoh eng mit 614, 1611, 2138 und 2412, in
l-3Joh mit 206 verwandt. Die Handschrift ist verbrannt und wurde deshalb in
TT sowie in der nebenstehenden Tabelle nicht berücksichtigt. Bei K. W.
CLARK, Eight American Praxapostoloi, Chicago 1941, ist jedoch eine Voll
kollation der 1799 veröffentlicht. Danach habe ich die Handschrift in die
Gesamtübersicht über die Bezeugung der Teststellenlesarten in Anhang III
einbezogen. Dort erweist sich 1799 für Jak-ljoh eindeutig als Zeuge für den Text
der Gruppe Hk. In den letzten drei Briefen des Corpus reproduziert die Hand
schrift jedoch, soweit sie erhalten ist, weitgehend den Byzantinischen Text.
Sie dürfte die gleiche Nebenlinie des Überlieferungsstrangs Hk bezeugen wie
die Handschriften 206, 429, 522, 1490 und 1831 (s. dazu unten S. 64).
Bestimmung von Handschriftengruppen 63

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δρβίιε υηιεΓ άβΓ ΝιίΓητηβΓ άβΓ Αιΐδ§3η§δη3ηάδοηπίΙ ούετΗαΙΒ άετ
Όία$οηαΙεη νβΓζείοηηεΙ:. ΙΙηΙετΗαΙ}) άετ ΌΐαχοηαΙεη δίεηεη άϊε
ϋΒεΓθϊηδίϊΓητηιιηβδννθΓϊθ ηβοη άεΓ Ετ$αηζιιη$5ΐί$ίε•, βίε δϊηά πιϊί
άβη Οαοίβη άεΓ ϋοεΓείηδϋηίΓηιιηβεη ππί άεηι ΜεηΓηεϋδΙεχι ϊη
ΒεζίεΗυη§ ζιι δειζεη, άϊε ιιηιεΓ ]εάβΓ ΗβηάδοηπίϊεηηιίΓηΓηεΓ γπϊγ
νοΓ3η§εδΙε11ίβΓΠ Μ 3γπ Ιϊηΐςεη Κβηά 3η§ε§εοεη δϊηά.
Ιη άεΓ ΡβΓπϋΐε 2138 ηβι άϊε ίείιηδηάδοηπίτ δείοδί άϊε ηϊεάπ§δίε
ΖβγιΙ 3Π ζα βε3ΓβείΙεηάεη Τεδίδίεΐΐεη. Οίε ηϊεάπ§δΐε ΟιιοΙβ 3η
ίΛ>εΓεΐηδί;ΪΓηΓηιιη§εη πιϊί βηάεΓεη ΗΒηάδοηπίιεη άβτ ΡδΓηϊΙϊε ηβοη
άβΓ ΗβυρΙϋδΙε ζιι 2138 βτξΜ δίοη ϊγπ νει^ΙείΛ ιηϋ 2495 (86,8%).
ϋοεΓδοηΓεϊιει βίδο άϊε Οιιοιβ άεΓ ϋοεΓεϊηδΐϊηιιηιιη§εη νοη ζ\νβϊ
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80% ιιηά 1ίε§εη ηίοηι δείίεη βο§3Γ ϋοεΓ άεη ίηηεΓηβΙΒ άβΓ ΡβΓηϊΙίε
2138 εΓΓείοΚιεη ννεΓίεη. ϋϊε Οιιοιεη άεΓ ϋΓ>εΓβϊηδϋπιιηιιη§εη
ζννίδοηεη άεη ΗβηάδοήπΛεη άεΓ Ουρρε ηβοη άεΓ ΕΓ§3ηζυη§δ1ίδΓε
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ΜεηΓηεϊΐδΙεχϊ.

18 Νβοη νν. ί. ΚίΟΗΑΚϋδ, Τηε αβΒδίίίοβποη οί Ιηε Οεείς Μ3ηιΐδ(τίρΐ8 οί Ιηε


Ιοηβηηίηε Ερίδίΐεδ, (5Βί ΕΚδδ. 5βΓ. 35) Μίδδοιιΐβ 1977, 5. 138-140, ίδί <ϋβ
ΗβηάδοηΓίίΙ 1799 3ΐΐδ άεηι 12./13. Ιτι. ίη Ιΐοη εη§ ηαίΐ 614, 1611, 2138 υηά 2412, ϊη
1-3Ιοη πϋτ 206 νεηνβηάΐ. ΕΚε ΗβικΙβοΗπί! ίδί νβΛΓβηηί υηά ννιιτάβ (ΙθδΗαΙΙ) ίη
ΤΤ δοίνίβ ίη άβΓ ηβ^εηδΙθΓίθηάεη Τβΐϊβΐΐθ ηίοηί ί?6Γϋα1«δίαΓΐΙί§1. Ββί Κ. \ν.
(ΙίΑΚΚ, Εί^ηΙ ΑηΐθποΒη ΡΓ3Χ3ροβΙο1οί, ^ίθ3§ο 1941, ίδί )θάοοΓΐ βίηβ νοίΐ-
1(ο1ΐ3(ίοη άθΓ 1799 νβΓδίίβηΙΙίοηί. ΟβηβοΗ ηβ&β ίοΗ άίβ ΗβηάδοηΓίίΙ ίη άίβ
Οβδ3π»ΙϋΙ)βΓ8ίοηΙ ϋΙ)θΓ άίβ Ββζβυςυη§ άεΓ ΤββΓδΓθΙΙεηΙβδβΓίθη ίη Αηηβης III
είη&βζο8βη. Όοτί εηνείδΐ δίοΗ 1799 (ϋτ ]α!ΐί-1]ο\\ είηάευΐίβ 3ΐδ Ζειιςε ίϋι άεη Τεχί
άεΓ Οηιρρε ΗΚ. Ιη άεη Ιειζίεη άΓεί Βπείεη άεβ ΟοΓρυδ ΓερΓοάυζίεττ άϊε Ηβηά-
δοηπίΐ )εάοοη, βοννείί δίε εΓηβΙΙεη ίδί, ννείΙ§εηεηά άεη ΒγζβηΗηίδοηεη ΤεχΙ.
5ίε άϋΓίίε άϊε ^Ιείοΐιε ΝεΙ>εη1ίηίε άεδ ϋΙ»εΓΐίείεηιη§δδΐΓ3η§δ Ηΐί ϊιεζευςεη λνίε
άϊε Ηβηάδοητίίΐεη 206, 429, 522, 1490 ιιηά 1831 (δ. ά3ζυ ιιηίεη 5. 64).
Βββϋιηιηιιηβ νοη ΗβτκΙδοΗπίΙθη^Γυρρβη 63

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64 Die Teststellenkollationen und ihre Auswertung

Diese beiden Beobachtungen sind geeignet, die Faustregel zu


präzisieren, nach der hohe Übereinstimmungsquoten zweier
Handschriften in Haupt- und Ergänzungsliste die Vermutung
engerer Verwandtschaft nahelegen19:
Es ist wahrscheinlich, daß zwei Handschriften a und ß, von
denen ß die geringere Zahl zu bearbeitender Teststellen aufweist,
ebenso eng verwandt sind wie die Handschriften der Gruppe Hk,
wenn die Quote der Übereinstimmungen von a und ß nach der
Hauptliste zu ß über 80% beträgt und wenn die Quote der Überein
stimmungen von a und ß nach der Ergänzungsliste höher ist als
die Quote ihrer Übereinstimmungen mit dem Mehrheitstext.
Nach der Tabelle der Übereinstimmungsquoten der Hk-Hand-
schriften sind innerhalb der Gruppe zwei Paare (2200/630 und
2412/614) und eine Untergruppe von drei Handschriften (522/429/
206) zu unterscheiden, deren Binnenkohärenz jeweils nicht
geringer ist als die der Familie 2138. Wenn man die Varianten
spektren der 522/429/206 nach der Hauptliste einer Handschrift der
Familie 2138 vergleicht, wird sofort deutlich, worauf die Sonder
stellung dieser drei Handschriften beruht. Das Variationsverhalten
von 522 und 429 weicht in den drei letzten Briefen des Corpus
erheblich von dem der übrigen Handschriften der Gruppe ab, wäh
rend die 206 im gleichen Bereich nach der Koine supplementiert
wurde. Bis zum 1 Joh einschließlich sind die drei Handschriften
aber eindeutig Repräsentanten der Textform Hk. Dieser Befund
zeigt, abgesehen von einigen Trennlesarten, daß 522/429/206 eine
Nebenlinie des Überlieferungsstrangs Hk repräsentieren, in dem
irgendwann vor dem 13. Jahrhundert (in dem 206 und nach dem
429 und 522 geschrieben wurden) die letzten drei Katholischen
Briefe verlorengingen. Sie waren in den Vorlagen von 429 und 522
bereits ersetzt, und zwar aus einer anderen Quelle als in der 206.
Ganz ähnlich wie 522/429/206 verhalten sich die Handschriften
1490 und 1831 zu Hk. In ihnen hat der Text 2 Joh - Jud die gleiche
Form wie in 522 und 429, auch ist ihr Text in den übrigen
Katholischen Briefen in der Substanz der Text von Hk, aber nur
mit 522/429/206 stimmen sie an über 80% der für sie zu
bearbeitenden Teststellen überein.
Auf keinen Fall darf also die mithilfe einer bekannten Gruppe
präzisierte Faustregel zur Bestimmung enger zusammengehö

1 9 Vgl. B. ALAND, NT in syr. Überlieferung I, 51.


Bestimmung von Handschriftengruppen 65

render Handschriften für eine objektive Gruppendefinition


gehalten werden.20 Wenn die Übereinstimmungsquoten nach der
Hauptliste um ein paar Prozentpunkte unter den Richtwerten blei
ben, kann die Qualität der gemeinsamen Lesarten sie doch als
ebenso eng verwandt erweisen wie die Handschriften der Familie
2138; aber daß zwei Handschriften, deren Übereinstimmungsquo
ten die Richtwerte übertreffen, nicht ebenso eng verwandt sein
sollten wie die Handschriften der Familie 2138, ist unwahrschein
lich.
Unter den am stärksten von der Koine sich abhebenden Hand
schriften ist keine weitere Gruppe wie Hk festzustellen. Zwar weist
die Hauptliste zu einer Reihe von Handschriften Übereinstim
mungsquoten von über 80% mit 02 und 1739 auf21, aber im Ver
gleich miteinander erreichen die je für sich häufig mit 02 und 1739
übereinstimmenden Handschriften in der Regel keine hohen
Werte. Mit 02 und 1739 haben sie vor allem als ursprünglich
beurteilte Lesarten (2 und 1/2) gemeinsam, die für die Zusammen
gehörigkeit koineferner Handschriften nicht signifikanter sind als
Mehrheitslesarten für die Zusammengehörigkeit von Koinehand-
schriften.
Im Rahmen dieser Untersuchung hat die Zusammenstellung
von Gruppen eng verwandter Handschriften vor allem den Zweck,

20 Z. B. erreichen die Handschriften 1448, 1852 und 1890 die hier als kriteriell
definierten Übereinstimmungsquoten mit den einbezogenen Hk-Handschriften
nicht, aber 1448 und 1852 gehören sicher zum Umfeld der Gruppe (vgl. B.
ALAND, NT in syr. Überlieferung I, 87); 1890 hat den Gruppentext in Jak und
IPetr, in den übrigen Katholischen Briefen jedoch fast rein Byzantinischen
Text (vgl. die Gesamtübersicht über die Bezeugung, wo 1890 wegen des Hk-
Textes in Jak und IPetr als Hk-Handschrift geführt ist).
21 Handschriften, die an über 80% der für sie zu bearbeitenden Teststellen (und
insgesamt häufiger als mit dem Mehrheitstext) mit 02 übereinstimmen:
1735 048 01 2344 81 33 436 623
0 2 88,7% 85,7% 80% 86,8% 82,8% 84,4% 80,7% 80%
Außerdem liegen nur für 1735/048 und für 2344/33 die Übereinstimmungsquoten
über 80%.
Handschriften mit über 80% Übereinstimmungen mit 1739 nach der Hauptliste:
323 1241 2298 1881 945
1739 90,1% 82,6% 91,8% 85,7% 92,8%
Nur 323 und 1881 stimmen auch miteinander an über 80% der (für 1881) zu
bearbeitenden Teststellen überein.
66 Die Teststellenkollationen und ihre Auswertung

die Beurteilung der Beziehungen zwischen Lesarten der Teststellen


im textkritischen Kommentar zu erleichtern bzw. zu begründen.
Sie kann darüber hinaus als Basis für eine weitere Untersuchung
der durch sie sichtbar werdenden Überlieferungsstrukturen die
nen, die in dieser Arbeit allerdings nur angeregt, nicht auch durch
geführt werden kann.22

Die folgende Aufstellung beschränkt sich auf Gruppen und Paare


von Handschriften, die im Vergleich miteinander so hohe Über
einstimmungsquoten aufweisen, daß der Schluß auf enge Ver
wandtschaft nicht von der Hand zu weisen ist. Die Gruppen
werden vorläufig jeweils nach der Handschrift benannt, die den
geringsten Anteil an Mehrheitslesarten hat23. Zu jeder Handschrift
werden Inhalt, Datierung und Aufbewahrungsort (mit Biblio
thekssignatur) angegeben24.

1067 apP XIV Athos, Kutlumusiu, 57


436 ар Х1/ХП Rom, Bibl. Vat., Vat. gr. 367
1409 eap t XIV Athos, Xiropotamu, 244 (2806)
2541 ар ХП St. Petersburg, Russ. Nat. Bibl., Gr. 693

1067 436 1067 1409 2541


436 57/98 94>5% 98% 95'5%
«49% 52/55 49/50 43/45
1067 93,8% 55/97 93,9% 88,6%
M48,5% 91/97 46/49 39/44

1409 89,8% 86,6% so/98 82>2%


M53,1% 88/98 84/97 37/45
2 541 85,6% 80,2% 77,3% 45/97
M59,8% 83/97 77/96 75/97

22 Auch eine Auseinandersetzung mit der von W. L. RICHARDS а. а. O. (Anm. 18)


entwickelten Gruppierungsmethode und seinen Ergebnissen, die mit den hier
vorgelegten z. T. übereinstimmen, würde über den Rahmen dieser Untersuchung
hinausgehen.
23 Abweichend von dieser Regel wird die Gruppe 254 nicht nach einem der beiden
Fragmente 1523 und 1844 benannt.
24 Alle Angaben nach "Kurzgefaßte Liste der griechischen Handschriften des
Neuen Testaments", bearbeitet von K. ALAND in Verbindung mit M. WELTE, B.
KÖSTER u. K. JUNACK, (ANTF 1) Berlin/New York 21994. - Abkürzungen:
e=Evangelien, a=Apg und Kath. Briefe, p=Paulinische Briefe, r=Offb,
+=mutiliert, K=Kommentarhandschrift, P=Corpus nur teilweise enthalten;
exakte Jahresangaben wurden den Handschriften selbst entnommen.
Bestimmung von Handschriftengruppen 67

1846 apP t XI Rom, Bibl. Vat., Vat. gr. 2099


1845 ap X Rom, Bibl. Vat., Vat. gr. 1971

1845 1846

1845 40/98 96,1%


M69,4% 25/26
1846 91,6% 26/36
M36,1% 33/36

2652=[/ 1306] ap XV Athen, Nat. Bibl., 103


2147 eap t Х1/ХП St. Petersburg, Russ. Nat. Bibl., Gr. 224

2147 2652

2147 41/98 97,5%


M63,3% 39/40
2652 94,8% 40/97
M62,9% 92/97

453 aK XIV Rom, Bibl. Vat., Barb. gr. 582


1678 eaprK XIV Athos, Panteleimonos, 770
2197 apPK XTV Athos, Vatopediu, 245
36 aK X Paris, Bibl. Nat., Coislin Gr. 20
307 aK X Paris, Bibl. Nat., Coislin Gr. 25
918 apPKt XVI Escorial, 2. 1. 5
94 aprK ар: ХШ Paris, Bibl. Nat., Coislin Gr. 205
720 eapPKt 1138/39 Wien, Österr. Nat. Bibl., Theol. gr. 79. 80

453 2197 453 36 1678 307 918 720 94


2197 38/98 89,2% 91,9% 88,9% 100% 91,4% 86,2% 82,1%
M69,4% 33/37 34/37 32/36 36/36 32/35 25/29 23/28
453 93,8% 37/97 91,9% 86,1% 88,9% 91,4% 86,2% 82,1%
M69,1% 91/97 34/37 31/36 32/36 32/35 25/29 23/28
36 93,9% 95,1% 37/98 88,9% 91,6% 97,1% 93,1% 85,7%
M70,4% 92/98 93/97 32/36 33/36 34/35 27/29 24/28
1678 91,4% 92,5% 92,5% 36/94 86,1% 85,7% 82,8% 77,8%
M69,2% 86/94 87/94 87/94 31/36 30/35 24/29 21/27
307 96,9% 92,8% 92,8% 90,4% 36/98 91,4% 82,8% 78,6%
M70,4% 95/98 90/97 91/98 85/94 32/35 24/29 22/28

918 91,8% 93,8% 95,9% 90,4% 92,8% 35/98 86,2% 78,6%


M70,4% 90/98 91/97 94/98 85/94 91/98 25/29 22/28

720 88,9% 91% 93,3% 88,3% 87,8% 91,1% 29/90 80,9%


M75,6% 80/90 81/89 84/90 76/86 79/90 82/90 17/21

94 78,6% 80,4% 80,6% 78.7% 77,5% 78,6% 80% 28/98


M75,6% 77/98 78/97 79/98 74/94 76/98 77/98 72/90
66 ΕΗβ Τεβίδίβΐΐεηΐίοΐΐαΐίοηβη νηά ίητε ΑυδίνβΓίυη^

άίε Βειιιΐεϊ1ιιη§ άβΓ ΒεζίεΗυη§εη ζννϊδοΗεη ίεδΒΓϊεη άθΓ Τεδίδίεΐΐεη


ίπν Ιβχΐΐίπΐΐδοίιεη ΚοιτιηιεηίβΓ ζυ βΓΐθίοΗΐβΓΠ βζνν. ζυ οε§πίηάεη.
5ΐε Ιοηη ά»Γϋ1)θΓ Ηίηβυδ 3ΐδ Β3δϊδ ίϋΓ εΐηε ννείϊεΓε υηίβΓδΐιοΚαη§
άβΓ άιίΓοΗ δϊε δίοΗΛβΓ ννεΓάεηάεη ϋοεΓίίείεπιηβδδϊηιΙιΐπίΓεη (ϋε-
ηεη, άίε ϊη άίεβεΓ ΑτΒείΙ 3ΐ1εΓάίη§δ ηιΐΓ 3η§εΓε§1, ηϊοΚί βιιοΐτ άιιτοΚ-
§είϋΗτί ννετάεη ^3ηη.22

ϋίε ίοΐςεηάε ΑυίδΙε11υη§ ΒεδοΚτβηΙςΙ δίοΗ 3ΐιί Οηαρρεη αη<3 Ρ33Γβ


νοη Η3ηάδο1\ΓΪίΙεη, άϊε ίιη νεΓ§1είοΗ π\ίΙεϊη3η<1εΓ δο ΗοΗε ϋοεΓ-
εϊηδίϊιηιηιιη§δςαοίεη βιιίννείδεη, ά&β άετ δοΗΙιιβ 3υί εη§ε νεΓ-
\ν3ηάίδθΚ3ίί ηΐοΗΐ νοη άβι Η3ηα! ζιι ννείδεη ϊδί. ϋϊε ΰπιρρεη
ννεΓάεη νοΓίΜυίίβ }ε\νεϊ1δ η3οΗ άεΓ ΗβηάδοΗπίϋ ΒεηβηηΙ, άίε άεη
§εΓΪη§δΙεη ΑηΙεϋ 3η ΜεΗτΗείΙδ1εδ3Γίεη ΗβΙ23. Ζιι )ε<3εΓ ΗβηάδοΗπίί
ννεΓάεη ΙηΗαΙΙ, θ3ίίεπιη§ ιιη<3 Αυίοε\ν3Ηηιη§δθΓΐ (ιτιϊΐ ΒϊΙ>πο-
ίΚε1ίδδί§η3ϊιχΓ) 3η§ε§εοεη24.

1067 3ρΡ XIV Αϊηοβ, Κυίΐιιιηυδϊυ, 57


436 3ρ ΧΙ/ΧΠ Κοπι, ΒΜ. ν3ί., νβί. §γ. 367
1409 6βρ + XIV ΑΐΗοδ, ΧίΓοροΙβιηυ, 244 (2806)
2541 3ρ ΧΠ 51. ΡθΙθΓδΙηιι^, Κυδδ. Νβί. ΒΜ., Ογ. 693

1067 436 1067 1409 2541


436 57/98 94>5% 98% 95'5%
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1067 93,8% 55/97 93•9% 88•6%
Μ48,5% 91/97 46/49 39/44
1409 89.8% 86,6% 50/98 82•2%
Μ53,1% 88/98 84/97 37/45
2541 85,6% 80,2% 77,3% 45/97
Μ59,8% 83/97 77/96 75/97

22 Αικη θΐηβ ΑυδθϊηβηάθΓββΙζυηβ πΰΐ άβτ νοη ΥΥ. ί. ΚΙΟΗΑΚΌ5 3. 3. Ο. (Αηπι. 18)
βηίννϊ^θΐΐβη Οηιρρϊβηιη{»8Πΐ6ΐηο(Ιθ άπα ββϊηβη ΕΓ£θΙ)ηίδδ6η; άίε ιηϋ άβη ηΐβΓ
νοΓ^θΙβ^ίβη ζ• Τ• ϋββτθίηδίΐπυηθη, ννακίβ ϊΛβτ άβη ΚΗηιτίθη άίθδθΓ υηΙθΓδΐιοηυη$;
ΗίηβυΒ^βΗβη.
23 Α&ννβκηβηά νοη αϋβ&βΓ Κβ^εΐ \νϊΓ<3 άϊβ Οηιρρβ 254 ηκηί ηβοη βίηεπι άβτ οείάθη
ΡΓββίηβηΙε 1523 υηά 1844 &6η3ηηΙ.
24 ΑΙΙβ Αη§3&βη ηβςη "ΚιΐΓΖββίββίβ ίϊδίθ <1θγ £ηβΰηίδαηβη Η3ηά8οηπίΙθη άθδ
Νβιιεη ΤβδΙβπίθηίδ", 1>β3Γ0βίίθΙ νοη Κ. ΑίΑΝΟ ίη νετίϊίηίΐιιη^ ηιϋ Μ. ΥΝΤΕίΤΕ, Β.
Κ05ΤΕΚ υ. Κ. ΐυΝΑΟΚ, (ΑΝΤΡ 1) ΒβΓϋη/Νβνν ΥοΛ 21994. - ΑΙ*ϋΓζυη8θη:
θ=Ενβη8βΗβη/ 3=Αρ$ υηά ΚβΙΗ. Βπβ£β, ρ=Ρ3ΐα1ίηίδοη6 Βπβίβ, Γ=ΟίΟ>,
+=ιηυπΗθΓΐ, Κ=Κοπ\Γη6ηΐ3ΓΗ3ηά8οητίίί, Ρ=(ΙθΓρυδ ηιΐΓ Ιβίΐννβίδθ βηίηβΐίθη;
εχβΚίβ Ι3ητβ53ηβ3ΐ)βη ννυτάθη άβη Η3ηά5οηη&βη δβΐ&δΐ εηίηοπυηβη.
Ββδώηιηιιη^ νοη Η3η<1κ±ιιτήεη£ΐ•ιιρρβη 67

1846 3ρΡ + XI Κοπν ΒϊΙ>1. ν»*., ν»ί. ζτ. 2099


1845 3ρ Χ Κοηι, ΒΐΜ. Υβ*., Υαί. ςτ. 1971

1845 1846
1845 40/98 96,1%
"69,4% 25/26
1846 91,6% 26/36
"36,1% 33/36

2652= [/ 1306] βρ XV ΑΐΗεη, Ν3ί. ΒΐΜ., 103


2147 εβρ + ΧΙ/ΧΠ 51. ΡθΙθΓδΜίΓβ, Κυδδ. ΝβΙ. ΒΐΜ., Ογ. 224

2147 2652

2147 41/98 97,5%


"63,3% 39/40
2652 94,8% 40/97
"62,9% 92/97

453 XIV Κοπι, ΒΐΜ. νβΐ., Βάτϊ>. §γ. 582


1678 β3ρι•Κ XIV Αΰιοβ, Ρβηΐείεΐπιοηοδ, 770
2197 3ρΡΚ XIV ΑΐΗοβ, νβίορβάΐυ, 245
36 3Κ χ ΡβΓΪδ, ΒΐΜ. Ν31., (Ζοΐδίΐη &. 20
307 αΚ χ Ρ3ΓΪ8, ΒΐΜ. ΝβΙ., Οοΐδίΐη Ογ. 25
918 βρΡΚ + XVI Έχοήαϊ, Σ. Ι. 5
94 3ρΓΚ 3ρ:ΧΠΙ Ρβήδ, ΒΐΜ. Νβί., (Ζοΐδίΐη Ογ. 205
720 ββρΡΚ + 1138/39 ννΐεη, ΟδΙβΓΓ. Ν3ΐ. ΒΐΜ., ΤΗβοΙ. §ι•. 79. 80

152 2197 453 36 1678 307 918 720 94

2197 38/98 89,2% 91,9% 88,9% 100% 91,4% 86,2% 82,1%


"69,4% 33/37 34/37 32/36 36/36 32/35 25/29 23/28
453 93,8% 37/97 91,9% 86,1% 88,9% 91,4% 86,2% 82,1%
"69,1% 91/97 34/37 31/36 32/36 32/35 25/29 23/28
36 93,9% 95,1% 37/98 88,9% 91,6% 97,1% 93,1% 85,7%
Μ70,4% 92/98 93/97 32/36 33/36 34/35 27/29 24/28
1678 91,4% 92,5% 92,5% 36/94 86,1% 85,7% 82,8% 77,8%
"69,2% 86/94 87/94 87/94 31/36 30/35 24/29 21/27
307 96,9% 92,8% 92,8% 90,4% 36/98 91,4% 82,8% 78,6%
"70,4% 95/98 90/97 91/98 85/94 32/35 24/29 22/28

918 91 ,8% 93,8% 95,9% 90,4% 92,8% 35/98 86,2% 78,6%


"70,4% 90/98 91/97 94/98 85/94 91/98 25/29 22/28

720 88,9% 91% 93,3% 88,3% 87,8% 91,1% 29/90 80,9%


"75,6% 80/90 81/89 84/90 76/86 79/90 82/90 17/21

94 78,6% 80,4% 80,6% 78,7% 77,5% 78,6% 80% 28/98


"75,6% 77/98 78/97 79/98 74/94 76/98 77/98 72/90
68 Die Teststellenkollationen und ihre Auswertung

61 eapr XVI Dublin, Trinity Coll., Ms. 30


1837 ар t X Grottaferrata, Bibl. della Badia, A. ß. 3
326 ap t X Oxford, Lincoln Coll., Gr. 82

61 1837 326 61

1837 35/97 93,9% 81,8%


M74,2% 31/33 27/33
326 92,6% 33/95 78,8%
M74,7% 88/95 26/33
61 82,4% 82,1% 33/97
M69,1% 80/97 78/95

1838 ap + XI Grottaferrata, Bibl. della Badia, A. ß. 6


104 apr 1087 London, Brit. Libr., Harley 5537
1842 aK XmyXTV Rom, Bibl. Vat., Vat. gr. 652
459 apr 1092 Florenz, Bibl. Medicea Laur., Plutei IV. 32

UB2S 104 1838 1842 459

104 33/94 82,8% 63,3% 80,8%


M70,2% 24/29 19/30 21/26
1838 86,6% 31/94 62,1% 72%
M69,2% 78/90 18/29 18/25
1842 79,8% 76,6% 30/98 84,6%
M78,6% 75/94 72/94 22/26
459 84% 78,7% 89,8% 26/98
M79,6% 79/94 74/94 88/98

254 aprK XIV Athen, Nat. Bibl., 490


1524 apK XIV Wien, Österr. Nat. Bibl., Theol. gr. 150
1523 lJ-R2K-Kol ХШ/XIV Wien, Österr. Nat. Bibl., Theol. gr. 141
1844 aPK: lj-jd XVI Rom, Bibl. Vat., Vat. gr. 1227

254 254 1524 1523 1844

254 35/98 82,8% 80,9% 84,2%


M69,4% 29/35 17/21 16/19
1524 90,8% 35/98 90,4% 84,2%
M69,4% 89/98 19/21 16719
1523 91,1% 95,5% 21/45 84,2%
M62,2% 41/45 43/45 16/19
1844 89,1% 91,3% 88,9% 19/46
M63,1% 41/46 42/46 40/45
Bestimmung von Handschriftengruppen 69

808 eapr XIV Athen, Nat. Bibl, 2251


1718 ар ХП Athos, Vatopediu, 851
1359= [2327] eap ХП Paris, Bibl. Nat., Suppl. Gr. 1335
1563 eapP t ХШ Athos, Vatopediu, 929
642 ap t XIV London, Lambeth Palace, 1185
218 (AT u.) eapr t ХШ Wien, Österr. Nat. Bibl., Theol. gr. 23
(1127 eap ХП Athos, Philotheu, 1811 (48))

808 808 1718 1359 1563 218 642 1127

808 38/97 78,9% 78,4% 80% 80% 94,3% 80%


M71,2% 30/38 29/37 28/35 28/35 33/35 28/35
1718 85,4% 38/97 97,3% 100% 97,1% 85,3% 64,7%
M71,2% 82/96 36/37 35/35 34/35 29/34 22/34
1359 84,4% 95,9% 37/97 100% 94,3% 82,3% 61,8%
M72,2% 81/96 93/97 35/35 33/35 28/34 21/34
1563 83,3% 94,8% 97,9% 35/97 91,4% 79,4% 58,8%
M73,2% 80/96 92/97 95/97 32/35 27/34 20/34

218 84,4% 93,8% 93,8% 92,7% 35/97 79,4% 58,8%


M74,2% 81/96 90/96 90/96 89/96 27/34 20/34

642 93,8% 86,6% 85,6% 84,5% 86,6% 35/98 74,3%


M73,5% 91/97 84/97 83/97 82/97 84/97 26/35

1127 82,3% 73,9% 72,9% 71,9% 73,9% 82,4% 35/97


M70,1% 79/96 71/96 70/96 69/96 71/96 80/97

Den Kern der Gruppe 808 bilden 1718, 1359, 1563 und 218. Von
ihnen heben sich 808 und 642 als Paar ab. Diese beiden Hand
schriften sind aber deutlich enger mit den vier zuerst genannten
verwandt als 1127, die eigentlich nicht mehr der Gruppe selbst
sondern ihrem Umfeld angehört.

915 apt ХШ Escorial, Т. Ш. 12


88 aprt ХП Neapel, Bibl. Naz., Ms. II. A. 7

915 88

915 34/98 93,5%


M71,4% 29/31
88 88,6% 31/97
M73,2% 86/97
70 Die Teststellenkollationen und ihre Auswertung

876 ap ХП Ann Arbor, Univ. of Michigan, Ms. 16


1765 ap XTV London, Brit. Libr., Add. 33214
1832 ap t XTV Athen, Nat. Bibl., 89
2494 eapr 1316 Sinai, Katharinen-Kloster, Gr. 1991
2243 ap ХУЛ Athen, Nat. Bibl., 222, fol. 144-246

876 2243 1765 876 1832 2494

2243 27/97 80,8% 84% 76% 80%


M80,4% 21/26 21/25 19/25 20/25
1765 91,6% 26/97 100% 96% 100%
M77,4% 88/96 25/25 24/25 25/25
876 91,6% 97,9% 25/97 92% 96%
M77,4% 88/96 94/96 23/25 24/25
1832 90,6% 98,9% 96,9% 25/97 95,8%
M78,4% 87/96 95/96 93/96 23/24
2494 90,7% 98,9% 96,9% 97,9% 25/98
M78,6% 88/97 96/97 94/97 95/97

467 apr XV Paris, Bibl. Nat., Gr. 59


1848 apt XV Rom, Bibl. Vat., Reg. Gr. 76

467 467 1848

467 25/95 90%


M81,1% 9/10
1848 97,9% 10/50
M86% 48/49

1297 eap 1290 Paris, Bibl. Nat., Suppl. Gr. 1259


1598 eap+ XTV Athos, Vatopediu, 967
1270 ap XI Modena, Bibl. Est., G. 71 (II. C. 4)
1595 eap ХГП Athos, Vatopediu, 964

122Z 1297 1598 1270 1595

1297 28/97 100% 88,9% 88,4%


M81,5% 28/28 24/27 23/26
1598 98,9% 28/97 88,9% 88,4%
M81,5% 96/97 24/27 23/26
1270 94,8% 95,9% 27/97 80,8%
M81,5% 92/97 93/97 21/26
1595 90,6% 91,6% 89,6% 26/97
M82,5% 87/96 88/96 86/96
Bestimmung von Handschriftengruppen 71

181 aprt ap:X Rom, Bibl. Vat., Reg. gr. 179


1875=[1898] ap t X Athen, Nat. Bibl., 149

181 1875

181 27/96 96%


"82,3% 24/25
1875 92,2% 25/92
M83,7% 83/90

996 eap XIV Athos, Iviron, 735 (28)


1661 eapP + XIV Athos, Lavra, H' 163

996 1661

996 24/98 90,9%


M83,7% 20/22
1661 92,8% 22/98
M84,7% 91/98

2186 arPK (ohne Act) ХП Athos, Vatopediu, 333, fol. 83-176


1840 apPK (ohne Act) XVI Rom, Bibl. Casanatense, 1395

2186 1840

2186 21/93 100%


M86,1% 19/19
1840 97,8% 19/95
M88,4% 88/90

1066 aKt X Athos, Kutlumusiu, 16, fol. 1-145


0142 apK X München, Bayr. Staatsbibl., Gr. 375
056 apK X Paris, Bibl. Nat., Gr. 26

1066 056 0142


1066 85,7% 100%
M87,2% 14/70 17/17
12/14
056 91,4% 85,7%
M88,6% 64/70 17/96
12/14
0142 88,6% 97,9% 17/97
M87,7% 62/70 94/96
72 Die Teststellenkollationen und ihre Auswertung

312 ap t XI London, Brit. Libr., Add. 5115.5116


1853 ар ХП Athos, Esphigmenu, 68

312 1853
312 20/98 100%
M88,8% 19/19
1853 97,9% 19/98
M89,8% 96/98
3. Όβτ Ο^άτά^θτ άθδ Βγζ3ηϋηΐ8θΗθη Τβχίβδ

ΖυΓ 0Κ»Γ3ΐίΙθΓΪδΪ6Γαη§ άεβ Βγζ3ηιΐηίδοηεη Τεχίεδ δϊηά! άτβϊ ΑΓίεη


νοη ΜεΗτΗθίίδΙθδΗΓίβη ζιι αηΐβΓδοΗβϊίΙεη: (1.) ίγρίδοηε, (2.) αηιγ-
ρϊδοηε, (3.) βοΐοηε, άϊε \νβάθΓ άβτ εΓδίεη ηοοη άεΓ ζννείίεη Κβίεβοήε
ζιι§εοΓ(1ηετ ννεΓάεη Ιςόηηεη.

(1.) Αΐδ Ιγρΐδοη ίϋΓ άεη Βγζ3ηίϊηϊδαηεη Τεχί §ε1ιεη 3ΐ1§εηιεϊη


<ϋε)εηϊ§εη ΜεητΓΐεϊίδ1εδ3Γτεη, άϊε άεη ννοΓίΐ3ΐιϊ δρΓβοΗΙϊοΗ οάεΓ ίη-
ΗβΙιΙϊοΗ ηοπηβΙΐδίεΓεη, νεΓάειιίΙϊοΓίεη αηα! §ΐ3ίΙεη. ϋϊεβ §εδοηίεηί
άιικΗ
(β) Εΐηταςιιηβεη,
(ο) Αιΐδΐ3δδαη§εη,
(ο) Αηάεπιη§εη άεΓ \νοΓτνν3τι1, -ίοπη ιιη<3 -δίε11αη§.
ΒεδοηάεΓδ ηεΓνοΓζοτιε&εη δϊηά άϊε ν*3Π3ηΙεη, άΐβ
(ά) ννοΓΐ\ν3Κ1 οάεΓ δγηίβχ ππί άειτι εη§εΓεη Κοηίεχι ηβπηοηί-
δϊεΓεη,
(ε) άεη ΤεχΙ 3η §εΐ3αίί§ε Ροιτηιι1ίεΓΐιη§εη 3ΐΐδ ΝΤ, ΑΤ οάεΓ βηάε-
τεη Οιιείΐεη 3η§1είαηεη.
ϋϊεδε ζιιηΜοηβι βη ΜιιβεΓεη ΜεΓίαηβΙεη οπεηΗεΓίε υηιεΓδοΗεϊ-
άιιη§ νοη Ροπηεη, ίη άεηεη Ιγρίβοηε ΜεηΓηεϊίδΙεδβΓίεη νοΓίςοηι-
πιεη, ννίΓά ΐη άεΓ Αιΐδ\νεΓϊυη§ εηίδρΓεοηεηάε Τεηάεηζεη εΓΙςεηηεη
Ιαδδεη: Νεί§ί άϊε Κοΐηε εηεΓ ζιι Επνεϊϊεπιη§εη, νεΓ]<ϋΓζιιη§εη
οάβτ νεΓ3ηάεΓΐιη§εη άεδ §ε§εΒεηεη \νοΓΐοεδί3ηάεδ? \νε1οηε Βε-
άευηιη§ η3ίίε άεΓ ΚοηίεχΛεζυβ ίϋΓ άϊε υΓΓίεβεΓ ΙγρίδοΚεΓ ΜεΚΓ-
Γΐεϋδ1εδ3Γίεη? Ιη ννείοηεπι Μββε ίδΐ ίη άεΓ Κοίηε πύί Αη§1εϊοηιιη§
3η ΡθΓτηα1ϊεηιη§εη ΐη 3ηάεΓεη δοηπίίεη ζιι τεοΚηεη?
ΗΐεΓ3η ΙαιϋρίΙ δίοη άϊε ΡΓ3§ε, ο& ΗοΓίδ ΙάΒδδϊδοΗε (ΖΙ\3Γ3ΐ<-
Ιεπδίεπιη§ άεδ "δγπδοΗεη" Τεχίεδ ηβοη ννϊε νοΓ £ϋ!ίϊ§ ϊδί. Ώ3 βίε
ζ\νεϊίε11θδ Βίδ ηευίε άϊε ΒειΐΓίεϊ1ιιη§ άεδ Βγζβηίίηϊδοηεη Τεχίεδ
δΓ3Γ^ οεείηίΐαβί, ϊδί εδ δϊηηνοΐΐ, δίε ΚίεΓ 3ΐΐδΓαηΓΗοη ζα ζϊίϊεΓεη:
"Τηε ςυβίϊΐϊθδ \νηϊοη ίηε βυίηοΓδ οί ίηε δγήβη ίεχί δεεπι ίο ηβνε πιοδί άε-
δΪΓεά Ιο ϊπφΓεδδ οη ίί 3Γε Ιυαοΐϊίγ βηο" οοπιρίείεηεδδ. Τηεγ 3Γβ ενΐάεπΗγ
βηχίουΒ Ιο τειηονε 311 δίυιηοΗηβ-οΙοοΙςδ ουί οί ίηε ννβγ οί ίηε οτάΊηατγ
Γβ3<1εΓ, 8θ ίβΓ 35 ίηϊδ οοιιΐο) σε άοηε ννίΐΗουί ΓβςουΓδθ ίο νίοΐεηί Γηεβδυτθδ.
Τηεγ ννεΓε βρρβΓβηΙΙγ εα,υβίΐγ άβδΐΓουβ Ιηβΐ Ηε οουΐίΐ Ηβνε ΐΗβ σεηείίΐ οί
ίηδίηιοίϊνε ΓηβίίεΓ οοηΐβϊηεά ίη 311 ΐΗε εχϊδΗης Ιεχίδ, ρΓονϊάεά ίΐ ά'ιά ηοΐ
74 Der Charakter des Byzantinischen Textes

confuse the context or introduce seeming contradictions. New omissions


accordingly are rare, and where they occur are usually found to contribute to
apparent simplicity. New interpolations on the other hand are abundant,
most of them being due to harmonistic and other assimilation, fortunately
capricious and incomplete. Both in matter and in diction the Syrian text is
conspiciously a full text. It delights in pronouns, conjunctions, and exple
tives and supplied links of all kinds, as well as in more considerable addi
tions. As distinguished from the bold vigour of the 'Western' scribes, and the
refined scholarship of the Alexandrians, the spirit of its own corrections is
at once sensible and feeble. Entirely blameless on either literary or religious
grounds as regards vulgarised or unworthy diction, yet shewing no marks of
either critical or spiritual insight, it presents the New Testament in a form
smooth and attractive, but appreciably impoverished in sense and force,
more fitted for cursory perusal or recitation than for repeated and diligent
study."1
Schon an dieser Stelle ist deutlich, daß Hort seiner Charak
terisierung ausschließlich diejenigen byzantinischen Lesarten zu
grundelegt, die hier als typisch bezeichnet werden. Dies entspricht
seiner Auffassung, daß der Koinetext von einer Art Editorengremi
um hergestellt wurde2, den "authors of the Syrian text". Die Mehr-
heitslesarten, die seine Hypothese über die Entstehung der Koine
in Frage stellen, nämlich solche, die der zweifellos vorherrschen
den Tendenz zur Normalisierung, Verdeutlichung und Glättung
zuwiderlaufen, vernachlässigt er völlig. Diese untypischen Mehr
heitslesarten sind es vor allem, die zu einer Revision seiner bis
heute weit verbreiteten Rezensionshypothese zwingen.

(2.) Für untypische Mehrheitslesarten lassen sich keine inhaltli


chen oder formalen Gründe angeben, aus denen sich ein Überliefe
rungsvorteil gegenüber anderen Lesarten ableiten ließe. Sie zeigen,
daß der Mehrheitstext einige "Stolpersteine" enthält, die es in der
sonstigen Überlieferung nicht gibt. Dies sind Mehrheitslesarten, die
auf offenkundige Schreiberversehen oder auf mißlungene Verbes
serungsversuche zurückzuführen sind, die den Lesefluß empfind
lich hemmen oder in einem unmittelbar deutlichen Mißverhält
nis zum Kontext stehen. Untypisch sind ferner einige Auslassun
gen, die sich auf kein inhaltliches oder formales Motiv zurück
führen lassen, sondern am ehesten ebenfalls als Schreiberversehen
zu erklären sind.

1 Introduction 134f.
2 Vgl. HORT 133f. und 145.
Die Mehrheitslesarten der Teststellen 75

(3.) Typische und untypische Mehrheitslesarten sind meist mit


großer Wahrscheinlichkeit schon aus inneren Gründen nicht als
ursprünglich zu beurteilen3. Bei den Mehrheitslesarten, die hier
einer dritten Kategorie zugeordnet werden sollen, ist diese
Wahrscheinlichkeit zunächst nicht gegeben. Sie sind entweder
nach inneren und äußeren Kriterien wahrscheinlich älter als
andere gut bezeugte Lesarten zur Stelle, oder die Entscheidung
gegen sie kann sich nur auf die Bezeugung stützen, weil sie allein
nach inneren Kriterien als ursprünglich gelten müßten oder weil
sie sich inhaltlich und formal nicht signifikant von anderen gut
bezeugten Lesarten unterscheiden.

Die Grundzüge des Textcharakters der Koine werden zunächst an


den Teststellen dargestellt (Kap. 3.1), dann an weiteren signifi
kanten Mehrheitslesarten aus allen Katholischen Briefen überprüft
(Kap. 3.2). Besonderes Gewicht kommt dabei den untypischen
Mehrheitslesarten zu, da sie in den gängigen Charakterisierungen
meist vernachlässigt werden, und da vor allem sie es sind, an
denen sich die weitere Untersuchung zu den Repräsentanten und
zu Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes
orientieren wird. Denn die untypischen Mehrheitslesarten haben
die Qualität von Bindefehlern, sind also sicher genealogisch
signifikant.

3.1 Die Mehrheitslesarten der Teststellen

In diesem Kapitel werden zunächst die Mehrheitslesarten der


Teststellen nach den oben genannten drei Kategorien aufgelistet
und mit einer kurzen Begründung versehen. Sie entspricht jeweils
der ausführlichen Analyse im textkritischen Kommentar, deren
Ergebnis hier nur stichwortartig zusammengefaßt wird. Auf den
Kommentar sei daher ausdrücklich hingewiesen.
Die typischen Mehrheitslesarten (Kap. 3.1.1) werden zusätzlich
durch einen vorangestellten Buchstaben gekennzeichnet, der die
Zuordnung entsprechend der zu Anfang dieses Kapitels vorge-

Eine entsprechende Beurteilung der Mehrheitslesarten ist auch an einigen


Teststellen möglich, an denen der ursprüngliche Text nicht eindeutig be
stimmbar ist, wie an den Teststellen 8, 91 und 93; vgl. den Kommentar zu diesen
Stellen.
76 Der Charakter des Byzantinischen Textes

nommenen Unterteilung differenziert. Die untypischen Mehr


heitslesarten (Kap. 3.1.2), die auf offenkundige Schreibfehler zu
rückzuführen sind, werden durch einen vorangestellten Punkt (•)
hervorgehoben. Den Mehrheitslesarten der dritten Kategorie (Kap.
3.1.3) steht das Zeichen * voran, wenn sie als wahrscheinlich ur
sprünglich, das Zeichen J, wenn sie als möglicherweise ursprüng
lich beurteilt werden.
Um die Besonderheit, aber auch die Normalität der byzantini
schen Überlieferung klarer hervortreten zu lassen, wird in einem
weiteren Schritt (Kap. 3.1.4) dargestellt, daß das Sondergut4, das die
am stärksten vom Mehrheitstext abweichenden Handschriften an
den Teststellen bieten, vielfach die gleichen Merkmale aufweist
wie typische Mehrheitslesarten. Dieser Vergleich zeigt, daß sich die
Varianten, die in die Koine gelangten, nicht prinzipiell von den
jenigen unterscheiden, die in Zeugen für andere, vor allem auch
älteren Textzeugen zu finden sind. Dieser Befund stützt die An
nahme, daß die Mehrheits/esarfen im Zuge der handschriftlichen
Überlieferung der ersten Jahrhunderte entstanden. Denn in der
Frühzeit war die Freiheit der Schreiber zweifellos relativ groß, wie
sich an den Papyri und Majuskeln der ersten Jahrhunderte zeigt.
Als Besonderheit der Koine als Textform bleibt nur die Häufung
typischer und untypischer Mehrheitslesarten und die große Zahl
der Handschriften, die sie bezeugen.
In den folgenden Listen wird immer zunächst die Textlesart der
26. Auflage des Nestle/Aland zitiert. Daneben steht, wenn nicht
anders angegeben, die Mehrheitslesart. Wenn auch andere Lesar
ten genannt sind, werden sie mit ihrer Nummer nach "Text und
Textwert" versehen.

3.1.1 Typische Mehrheitslesarten5


(c) 1/Jak 1,5 \ii\] oùtc - Verneinung des Partizips nach der
klassischen Regel,
(a) 2/Jak 1,12 ¿тпуууе1\ато] + 6 KUpioç - Selbstverständliches
Subjekt ergänzt.

Lesarten die weder als ursprünglich beurteilt werden noch zum Mehrheitstext
gehören.
Die Nummern von Teststellen werden den Stellenangaben im Fettdruck voran
gestellt; die eingeklammerten Buchstaben vor den einzelnen Notierungen ver
weisen auf die Klassifizierung der typischen Mehrheitslesarten am Anfang
von Kap. 3.
Die Mehrheitslesarten der Teststellen 77

(a/d) 6/Jak 1,25 tTapajieíva?] + оито? - Übersichtlichere syntak


tische Gliederung, analog zu 1,23.
(a) 7/Jak 1,26 elvai] + kv b\üv - Anpassung an den Briefstil.
(c) 10 /Jak 2,5 тц> к6о\и$) toö k6o\lov - Gen. statt Dat. d.
Beziehung.
(e) 12 /Jak 2,19 et? èoriv ó 9eó?] 6 0eó? et? ècrnv - Umstel
lung unter dem Einfluß von Dtn 6,4.
(d) 13 /Jak 2,20 dpyr|] veKpd - Im Kontext (2,17.26) vorkommen
des normales Wort anstelle eines ungewöhnlichen.
(a) 14 /Jak 2,24 орате] +toívw - Asyndese vermieden.
(d) 15 /Jak 3,3 elç] тгрос - Wiederholung einer Präposition mit
abweichender Bedeutung im gleichen Satz vermieden,
(c?) 16/Jak 3,8(1) (2)oùÔ€lç Sa\iáoai Sweden àvQpw-mùv] (3)oùSelç
Swcrrai 6a|iáaai dvopcúiTiúv; (1) оибе!? Suvcrrai dvopcóuiov
Sajidaai - Stilistische Verbesserung?
(c) 17/Jak 3,8 акатасттаттИ акатастхетоу - Schlichterer Aus
druck.
(a/d) 18/Jak 4,4 poixaXÍSec] ^oixol ка1 ^oixaXÍ8e? - Scheinbar
notwendige, in Wirklichkeit banalisierende Korrektur.
(d) 20/Jak 4,11 fj] ка1 - Partizipien und entsprechende finite
Verben gleich verknüpft.
(a) 21 /Jak 5,7 Xdßrj] + bcTÓv - Selbstverständliches Objekt
expliziert.
(c) 22/Jak 5,9 а8еХфо1 кат' àXX^Xovl кат' аЩЬш абеХфо! -
Trennung des Verbums von der zugehörigen adverbialen
Bestimmung vermieden.
(b) 23 /Jak 5,11 6 KÚpio?] от. - Glättung durch Auslassung
(d) 24 /Jak 5,16 та? ацар-На?] та ттаратттшцата -Variatio.
(a/d) 26/lPetrl,22 dXr|8etaç] +8id ттуейр-атос -Abrundungeines
Isokolons, zugleich Parallelisierung mit 1,2.
(a/c) 27/lPetr 1,22(2) (Шкаварас] кар81ас] (2) кар&а? 02031852 -
Verdeutlichung,
(a/d) 28/lPetrl,23 \iévovroç] + elç tôv alúva -Abrundungeines
Isokolons, zugleich Parallelisierung mit 1,25.
(c/d) 30/lPetr 3,8 таттеи>офроуе?] ф1Хофроуес - Inhaltliche
Glättung.
(c) 31/lPetr3,9 öti] el8ÓT6C öti - stilistisch schwerfällige Ver
deutlichung der gewünschten syntaktischen Gliederung.
78 Der Charakter des Byzantinischen Textes

(a/d) 32/lPetr3,16 катаХаХеХабе ] катаХаХыспу / -XaXoöaiv v\iw tbç


KaKOTTOiûv - Wiederholung des breiteren und eingängi
geren Ausdrucks aus 2,12.
(a/e) 33/lPetr 4,1 ттабоутос] + imèp rniûv - Vervollständigung
einer formelhaften Wendung (Leidensaussage)
(a) 34/lPetr 4,3 аркетос ydp] + v\íiv (LA IB, gespaltener
Mehrheitstext) - Selbstverständliches indirektes Objekt
expliziert.
(a) 37/lPetr 5,5 dXXfjXois'] + иттотаастор.еио1 - Einfügung eines
verdeutlichenden, grammatisch vereinfachenden Partizips.
(a/e) 38/lPetr5,ll а(ггф то кратос] аитф i] 8о£а ка1 то кратос -
Ergänzung der Doxologie bzw. Anordnung ihrer Prädikate
nach 4,11 (vgl. Offbl,6).
(c) 39/2Petr 1,4 т1цл.а ка1 ^еуктта fpîv] TÍuia fpiv ка1 цеуюта
- Geläufigere rhetorische Figur (д minore ad maius).
(a/c) 40/2Petr 1,12 цеХХг^аш] oùk dueXf|aw - Ungewöhnliche
Konstruktion vermieden.
(e) 41/2Petr 1,17 ó ulóc цои ó ауатгпто? \íov o&tó? ¿otiv]
оЬтос éoriv ó vióc \iov 6 ауситто? - Angleichung an die
synoptische Tradition (Mk 9,7 par; vgl. Mt 3,17).
(a/c) 42/2Petr 1,18 тф dytcp öpei] тф öpei тф dyto) - Unge
wöhnliche Stellung des Attributs vermieden.
(c) 43/2Petr 1,21 diro] äyioi - Sprachliche Erleichterung, die
wahrscheinlich aus einem Schreibfehler hervorging.
(c) 44/2Petr 2,13 dSiicoúuevoi ] Koutoú[i.ei/oi - Sprachliche
Erleichterung, inhaltliche Glättung.
(a/e) 45/2Petr2,17 ical óuíxXcu ... olç 6 £офо? той акотоис тетпрп-
Tai ] ve<J>éXai ... dt? ó £6фо? тоО okotovç elç alûva тетт^рптси
- Formelhafte Erweiterung und sprachliche Glättung in
Anlehnung an Jud 12f.
(a/e) 48/2Petr 3,10 (Ь? кХетттг)?] + èv vuktí - Erweiterung nach
IThess 5,2.
(c/d) 49/2Petr 3,10 €vpeW\aerai] катака^аетси - Sprachliche Er
leichterung, inhaltliche Glättung.
(c/d) 50/2Petr 3,11 ойтшс] obv - Sprachliche Glättung, vielleicht
bedingt durch LA 1 der Tst. 49.
(a) 51/2Petr3,16 тгаашс èmoToXaîç] irdaai? таИс етотоХсйс —
Sprachliche Glättung.
(a/e) 52/2Petr3,18 +ац1^у.
(a/e) 53/lJohl,7 ЧпаоО] +ХрютоО.
Die Mehrheitslesarten der Teststellen 79

(e) 54/lJoh2,7 à-yamyroi] абеХфЫ -Lektionsanfang.


(a/d) 55/lJoh 2,7 т"|коиаате ] + атГ архл? - Verdeutlichung, Anglei-
chung an 2,24; 3,11.
(d) 58/lJoh2,19 èÇ fpûv îpav] f\oav è£ fyiûi/ - Parallelisierung
mit dem vorangehenden Kolon,
(с) 61/lJoh2,28 éáv] brav -Normalisierung.
(b) 63/lJoh 3,1 от. ral èa\Lév - Glatterer Text durch Auslas
sung, vielleicht bedingt durch Homoioteleuton.
(a/d) 64/lJoh 3,14 6 uf) àyairûv] + tôv абеХфоу - Erweiterung
parallel zu V. 15a.
(a/d/e) 66-67/lJoh43 tôv 'Iticjoûv] '\t\oovv Xpicrróv èv старк! èXnXv-
9ота - Erweiterung zu einem vollständigen parallelismus
membrorum (mit dem Wortbestand von 4,2).
(c) 68/lJoh4,12 èv ¿)\ûv TeTeXeiwuévn èariv] 3.4.1.2 -Verdeut
lichung.
(c/d) 69/lJoh 4,20 où] irû? - Rhetorische Frage statt negativer
Aussage, vielleicht in Anlehnung an 3,17.
(c/e) 73/lJoh5,13 £ùrf|v ?хете alúvwv] Сыту alúviov ¿хете -Nor
malisierung der Wortstellung (zu den übrigen Varianten
der Teststelle vgl. den Kommentar).
(a/e) 75/lJoh5,21 +à\if]v.
(а/в) 76/2Joh 3 'Ir|CTOö Xpioroö] icuptou 'Inooü ХрютоО -KÚpioc-
Titel aus paulinischer Diktion.
(d) 78/2Joh8 аттоХеот|те ...аттоХартуге] airoXéo4üuev ... атгоХаЗыцеу
- Inhaltliche Glättung.
(c) 79/2Joh 9 -npoayoiv) Trapaßaivü>v - Ironie zugunsten der
Eindeutigkeit preisgegeben.
(a/d) 80/2Joh 9 èv ttj SiSaxti) + toö ХрштоО - Erweiterung
parallel zu V. 9a.
(c/d) 81/2Johl2 yevéoQai) èX9eîv - Normalisierung (vgl. V. 10).
(a/e) 82/2Johl3 +йф.
(c/e) 84/3Joh 7 éoviicûv] èovûi/ - Normalisierung.
(d) 86/3Joh 12 6l8açl ot&rre - Katholisierende Tendenz oder
Vermeidung einer Tautologie.
(c) 87/3Joh 14 ae L8eïv] tSeîv ае - Hiat vermieden, Enklitikon
an das zugehörige Wort angeschlossen,
(a) 90/Jud 4 Secnro-rnv] + 9eóv - Verdeutlichung,
(c/d) 91/Jud 5 TrdvTa] тоОто - Inhaltliche Glättung (zu den
übrigen Varianten der Teststelle vgl. den Kommentar).
80 Der Charakter des Byzantinischen Textes

(a/c) 92/Jud 15 -aäaav фих^И traira? той? daeßet? oûtûv -


Verdeutlichung.
(c/e) 93/Jud 18 етт' ¿стхатои [той] xpo^ou] èv ¿ахату XP°V15> -
Normalisierung.
(b/c/d) 94/Jud 23 (22) ка1 ой? \ièv еХ£ате ошкри/оцеиои?, (23) oï>?
8è афСете ек тгиро? арттаСоуте? oï? 8è еХеате èv форы] (22)
ral oí? M^v еХееХте ¿loucpivófievoi (23) ой? 6è èv фо|Зы стфСете
¿к iTupó? артга£оуте? - Sprachliche und inhaltliche
Glättung: Dopplung von ob? (8é) еХеате/-еТте vermieden;
8iaKpivóp.evoi statt -ou?: Parallelisierung der Partizipien?
Bezug von ¿v фоВш auf das folgende Kolon vermieden.
(a/e) 96/Jud 25 \i6vq 0eû] \i6vi$ аофф 6eû - Erbauliche Erwei
terung nach Rom 16,27; lTim 1,17.
(b/c?) 97/Jud 25 Sia Частой XpioToö той Kuplou fpûv] ont. -Aus
lassung wegen Homoioteleuton? Scheinbar tautologische
Formulierung vermieden?
(b/e) 98/Jud 25 от. ттро ттснто? тоО alûvo? - Normalisierung
durch Auslassung.

Über Hort hinaus bleibt hinsichtlich der typischen Mehrheits


lesarten zweierlei hinzuzufügen:
- Die Varianten sind unter rhetorischen und stilistischen Ge
sichtspunkten von sehr unterschiedlicher Qualität. Die meisten
typischen Mehrheitslesarten sind eher unauffällige, manchmal
(z. B. an Teststelle 40) sehr geschickt ausgeführte Glättungen und
Verdeutlichungen, von denen einerseits echte stilistische Ver
besserungen (z. B. an den Teststellen 24, 26, 28), andererseits
recht plumpe Eingriffe (wie an den Teststellen 18, 31, 32) zu
unterscheiden sind. Diese und eine Reihe weiterer typischer
Mehrheitslesarten (vgl. auch die Teststellen 78 und vor allem
94) geben sich außerdem als echte editorische Eingriffe zu erken
nen. Dagegen können etwa ebensoviele (z. B. an den Teststellen
14, 17, 48, 54) als Zufallsprodukte, als "halbbewußte Trivialisie-
rungen" gedeutet werden, in denen E. Schwartz zu Recht die
häufigste Ursache für Varianten in der handschriftlichen Über
lieferung gesehen hat6.
- Schon die Unterschiedlichkeit der typischen Lesarten des byzan
tinischen Textes läßt den Schluß zu, daß sie nicht nach gleich

6 Vgl. seine Prolegomena zu Eusebs Kirchengeschichte, GCS 9,3, p. CXLVI sq.


Die Mehrheitslesarten der Teststellen 81

bleibenden inhaltlichen oder formalen Kriterien eingeführt bzw.


aus der Überlieferung ausgewählt wurden.

3.1.2 Untypische Mehrheitslesarten7


8 /Jak 2,3 кабои2] + ¿>8e - Die (wahrscheinlich mechanische) Wie
derholung von ¿>6e stört die Korrespondenz &Ве/еке1.
• 9 /Jak 2,4 où] ка1 oí) - Mechanische Wiederholung der Ver
knüpfung Kat stört die syntaktische Struktur empfindlich.
• 11/Jak 2,18 x^pte) ¿K - Angleichung an das nachfolgende Kolon
mit unsinnigem Ergebnis.
• 25 /Jak 5,20 (2) tyvxty айтоО ¿к 6ш>атои] (3) tyvxftv ек всп/атои
clíitoO; (1) <i>vxf\v ¿к öavaTou - LA 3 ursprünglich? LA 1 (verse
hentliche Auslassung eines verdeutlichenden Wortes).
29/lPetr 2,21 ûirèp v\lûv] imèp f^ûv - Angleichung an formel
hafte Aussagen über das Sterben oder Leiden Christi für uns,
möglicherweise itazistisch bedingt; harter Übergang zur unmit
telbar folgenden, beibehaltenen 2. Pers. (ùjiîv ¿тгоХцпта^ши ímo-
ураццоу).
• 34/lPetr 4,3 аркето? yáp] +(1) fptv; (IB) v\üv - LA 1, nur von
etwa der Hälfte der Koinehandschriften bezeugt, ist eine itazisti-
sche Entstellung der glatteren, von der anderen Hälfte der Koine
handschriften bezeugten LA IB.
• 47/2Petr 2,21 штоотрефач] ¿тотрефач - Mechanische Wiederho
lung von ¿Tri- aus ¿TTiyvoOoiv, harter Anschluß von ¿к.
• 57/lJoh 2,14 ёурафа] •урафи - Mechanische Wiederholung der
Verbform, mit der die drei vorangehenden Sätze beginnen;
Widerspruch zur rhetorischen Struktur des Abschnitts.
• 60/lJoh 2,23 6 6p.oXoyûv tôi> ulóv ка1 ràv ттатера ?xell om- ~
Auslassung wegen Homoioteleutons.
• 62/lJoh 2,28 axû^ev] ¿xuiiev - Tempuswechsel im Widerspruch
mit dem Kontext.
73-74/lJoh 5,13 Еурафа v\ûv 'iva etSíyre öti C^V ¿хете alcóviov,
toi? TfiüTeúouCTiv el? то 6vo\ia тоО lAoû тоО 6eoD ] еурафа v\ûv
rolç Trioreúoixjiv els то биоца той uloû той веои 'iva elSfJTe öti
Cwf)v alúitov ?хете ка^ tva тгютбипте el? то övopia той uloö тоО
6eoö - Konfiation, im Ergebnis widersprüchlich.
• 83/3Joh 5 тоОто] elç tous - Wiederholung aus V. 5b im Wider
spruch mit dem Kontext.

7 Offenkundige Schreibfehler sind durch einen vorangestellten Punkt (•) ge


kennzeichnet.
82 Der Charakter des Byzantinischen Textes

• 85/3Joh 8 imo\a\i$áveiv] a-nóka\iJpáveiv - Durch Schreibfehler ent


standenes Wort im Widerspruch mit dem Kontext.
89/Jud 3 тг)? Koivf)? 1\\i&v сгштпрСа?] от. f|p.ûv - Auslassung
ohne erkennbaren Anlaß, weniger glatte Lesart.
• 95/Jud 24 v\iâç] oíitoú? - Verwechslung von 2. und 3. Person
mit unsinnigem Ergebnis; wahrscheinlich veranlaßt durch fol
gendes ámaícrTovs.

Alle diese Lesarten können sicher nicht aus dem Bestreben erklärt
werden, das Verständnis des Textes zu erleichtern oder ihn stili
stisch zu verbessern. Varianten dieser Art sind durchaus keine
Seltenheit, aber in der Regel sind sie schwach oder singular
bezeugt, da sie von Schreibern oder Korrektoren als Fehler erkannt
und nicht weiterüberliefert wurden. Im Byzantinischen Text aber
wurden sie - einmal als der verbindliche Wortlaut der Schrift
akzeptiert - im allgemeinen mit großer Treue abgeschrieben, ohne
daß man sie zu korrigieren wagte. Daraus erhellt die ganz
ungewöhnliche Beharrlichkeit im Festhalten am überlieferten
Wortlaut, die die neutestamentlichen Handschriften insbesondere
des zweiten Jahrtausends kennzeichnet.
Die Anzahl untypischer Mehrheitslesarten ist zwar gegenüber
der zuerst besprochenen Kategorie vergleichsweise klein, aber ge
wiß nicht so klein, daß sie als Ausnahmeerscheinungen vernach
lässigt werden könnten.
Freilich sind die meisten zu Koinelesarten gewordenen Fehler
nicht so auffällig wie die an den Teststellen 11, 73/74 und 95. Sie
werden normalerweise nur bei genauerer Lektüre deutlich, wie
man sie für einen durchschnittlichen Schreiber sicher nicht vor
aussetzen kann. Gemeinsam ist ihnen jedoch, daß sie nicht als
bewußte editorische Eingriffe gedeutet werden können, weil sie zu
der Tendenz, die an den typischen Mehrheitslesarten festgestellt
wurde, in Widerspruch stehen.
Die Mehrheitslesarten an den Teststellen 11, 30, 60, 73/74, 83 und
95 haben die Qualität regelrechter Bindefehler. Besonders sie, aber
auch die übrigen untypischen Mehrheitslesarten, stützen die
Annahme, daß sie einer frühen Variantenschicht entstammen, die
dem normalen Überlieferungsprozeß früh entzogen und mit ihren
Fehlern vervielfältigt wurde. Denn hätte man sie behandelt wie
beliebige Lesarten, wären die Fehler und Härten im Zuge der
Diorthosis beseitigt worden.
Die Mehrheitslesarten der Teststellen 83

3.1.3 Wahrscheinlich oder möglicherweise ursprüngliche Mehr


heitslesarten
Der ursprüngliche Text ist nach NA27 an 11 Teststellen (3, 5, 19, 35,
46, 56, 65, 70, 71, 71, 88) mit den Mehrheitslesarten identisch (1/2-
Lesarten). An vier von ihnen (5, 35, 46 und 65) kommt nach in
neren und äußeren Kriterien auch eine andere Lesart als ursprüng
lich in Frage. An vier weiteren Teststellen wurde Lesart 1 als mög
licherweise, an einer Teststelle als wahrscheinlich ursprünglich
beurteilt. Hier werden nur die Stellen genannt, an denen auch eine
von Nestle/Aland abweichende Textentscheidung möglich ist.

X 4 /Jak 1,20 еруаСетсп] гатеруаСетсп - Kein Normalisierungsgefälle


zugunsten des Kompositums; möglicherweise Angleichung an
1,3.
% 5/Jak 1,22 (1/2) ЦГ) \l6vov акроатаИ (3) ^f| акроатсЛ [lóvov -LA
1/2 wegen Hiatvermeidung aus 3 hergestellt?
X 35/lPetr 4,14 (1/2) то rf\ç Sófrí? ral то веоО Trveö^a] (4) то тт)?
8о£п? ка1 8wá\iews ral то 0еоО т>еща - LA 4 möglicherweise
ursprünglich.
* 36/lPetr 5,2 (1) [¿mmco-iToûi/Tes-J (2) от. 01* 03 322 323 - LA 1 aus
inneren Gründen wahrscheinlich ursprünglich.
X 46/2Petr 2,20 (1/2)кир1ои] (4) + fpûv - Zwar ist 1/2 lectio brevior,
aber alle guten Hss. außer 03 sammeln sich bei LA 4.
X 59/lJoh 2,20 тгаитес] Traira - Mehrheitslesart ursprünglich?
X 65/lJoh3,23 (1/2)тстте6ашцеу] (3) moreixji\iev - Gespaltene Koine-
bezeugung, ältere Bezeugung der LA 1/2 ziemlich schwach.
X 77/2Joh 5 каи/тУ урафшу aoi] урафал/ ctoi Kau^v - Mehrheits
lesart urprünglich?

In "Text und Textwert" sind nur wenige Stellen aufgenommen


worden, an denen die Mehrheitslesart als ursprünglich oder ande
ren Lesarten gleichwertig gelten kann, da sie sich nicht zur Unter
scheidung von Zeugen für den Byzantinischen Text von solchen
für ältere Textformen eignen. Aus dem gleichen Grunde sind diese
Lesarten auch für die Charakterisierung des Byzantinischen Textes
nur indirekt, sozusagen als Hintergrund zu gebrauchen. Sie ge
hören zwar zum Mehrheitstext, sind aber keine byzantinischen
Lesarten. Für die Bewertung von Mehrheitslesarten ist aber doch
eine Feststellung wichtig, die jeder ausführlichere kritische Appa
84 Der Charakter des Byzantinischen Textes

rat zum griechischen NT belegt: An den weitaus meisten variier


ten Stellen sind es einzelne Textzeugen oder Gruppen, die vom
sonst einhellig überlieferten, allgemein als ursprünglich beur
teilten Text abweichen; und auch die Zahl der Stellen, an denen die
Ursprünglichkeit der Mehrheitslesart allein nach inneren Krite
rien nicht auszuschließen ist, ist entschieden größer, als sich an
den Mehrheitslesarten der Teststellen zeigen läßt. Weder bei ein
deutiger noch bei problematischer Überlieferungslage wird die Ur
sprünglichkeit einer Lesart schon dadurch in Frage gestellt, daß sie
von der Mehrheit der Handschriften bezeugt wird.

3.1.4 Sondergut der koinefernsten Handschriften im Vergleich mit


typischen Mehrheitslesarten
Die typischen Merkmale der Koine sind keineswegs auf Koineles-
arten beschränkt. Sie finden sich auch in anderen Textformen,
sogar in den Zeugen des gänzlich anders zu charakterisierenden
"alexandrinischen" Textes, der am stärksten von der Koine
abweicht.
Das "Sondergut" umfaßt die Lesarten, die sowohl von der Koine
als auch von dem als ursprünglich beurteilten Text abweichen. Die
koinefernsten Handschriften sind die Papyri, die Majuskeln Ol, 02,
03, 04 und die Minuskeln 1241, 1739 und 1852. Aus dem Sondergut
dieser Handschriften werden im folgenden die Teststellen-Lesarten
zusammengestellt, die Merkmale typischer Mehrheitslesarten
aufweisen.
Zunächst wird im folgenden die als ursprünglich beurteilte
Lesart zitiert, nach der eckigen Klammer folgt die Mehrheitslesart,
dann die Sonderlesart, der ihre Nummer in "Text und Textwert"
voransteht. Nach der Sonderlesart werden ihre koinefernsten
Zeugen genannt, darauf folgt in Klammern die Gesamtzahl der
griechischen Handschriften mit dieser Lesart.
Wie die typischen Mehrheitslesarten werden die hier zitierten
Sonderlesarten durch vorangestellte Buchstaben gekennzeichnet,
die die Zuordnung entsprechend der zu Anfang von Kap. 4
vorgenommenen Unterteilung differenzieren.

2/Jak 1,12 етптууе1Аато) + 6 KUpioç


(a) lB + KÚpios- 04 (24); 3+6 9e6ç 1241 1739 1852 (18) -Selbst
verständliches Subjekt in anderer Form als im Byzan
tinischen Text ergänzt.
Die Mehrheitslesarten der Teststellen 85

22/Jak5,9 а6еХфо1 кат' aXXf^Xuv] кат' áXXf|Xuv абеХфЫ


(с) 2С а8еХфо1 и.ои кат' áXXfjXwv 02 (23) - Floskelhafte Abrundung
des Ausdrucks.
29/lPetr2,21 enaöev Оттер щш\ ef-rraöev Оттер rpûv
(c) 2B ¿TmOev irepl ûuûv %>72 02 (3) - Sprachliche Norma
lisierung.
(e) 6 ÓTréGavev vuèp ûuûv 01 (16) - Sterbens- statt Leidens
aussage.
33/lPetr4,l TraöovToc] + Оттер f||iûv
(e) 4 àTroGavovTo? Оттер Ojiûv 01* (1) - Sterbens- statt Leidens
aussage (wie an Teststelle 29/lPetr 2,21).
35/lPetr4,14 (172) то if)? Sortis" ка1 то Geoû irveûiia
^ 4 тб Tfj? Só£n? ка1 Suváueo)? ка1 то Geoö Trveiiua 02 1241 1739
(81)
(b) 5B то Tf¡? Sofn? ка1 Suvaueco? Geoû nveOua 1852 (34) -Verein
fachung durch Auslassung.
(a) 6B то тт)? 8о£т|? ка1 тг)? Suvájiecú? аОтоО ка! то Geoû TTveOu.a
01* (1) - Verdeutlichung der syntaktischen Gliederung.
37/lPetr5,5 àXXf]Xoi?] + OrroTaaaóuevoi
(a) 2B èv aXXTiXoi? Sp72 (3) - Syntaktischer Bezug verdeutlicht.
38/lPetr5,ll аОтф то крато?] аОтф i\ 5oÇa ка1 то крато?
(a/e) IF airrû то крато? ка1 f| 8ó£a 1241 1739 1852 (35) -Doxologie
vervollständigt.
43/2Petr 1,21 атто Geoû avopumoi] äyioi 6eoù âvGpumoi
(a/e) ID äyioi то0 6e ou ávGpuTTOi 02 (12) - Angleichung an den
Sprachgebrauch der LXX (Prophetentitel dort regelmäßig
avGpwrro? той беоО).
45/2Petr 2,17 ка1 óuíxXai ... ot? ó £офо? тоО акотои?
тетт|рг|та1 ] уефеХа1 ... ot? ó £офо? тоО акотои? el? alûva
тетгргггш
(a/e) 3 ка1 ójiíxXai ... oí? 6 £офо? toö ctkótou? el? alûva тет^рлтас
02 04 1739 (30); 3C wie 3, aber el? alûva? 1241 (9); 3D wie 3,
aber ou.lxXr|...èXauvou.évT| 1852 (5) - Formelhafte Erweiterung
in Anlehnung an Jud 13 (wie im Byzantinischen Text, aber
unter Beibehaltung des ungewöhnlichen Wortes 6ц1хХт| nach
LA 2), mit unbedeutenden, auch sonst belegten Subvarian-
ten.
47/2Petr2,21 Отгоатрефш] етотрефа1
(a) 4 Отгоатрефш el? та ôttîctw 1852 (5); 6 el? та ôttîcto) ¿и/акацфш
01 02 (22) - Verdeutlichende Erweiterung, in LA 4 nach, in
86 Der Charakter des Byzantinischen Textes

LA 6 vor dem zugehörigen Verbum eingefügt; Wahl des


Wortes avaKdinrreiv in LA 6 möglicherweise wegen der
Konnotation sich bekehren bei етатрефеи>.
49/2Petr3,10 еЬревгретш.] катакагретш.
(a;c) 3 + \v6\ieva Чрп(\); 4 á4>aviofrf\oovTai 04 (1) - Sprachliche
Erleichterung, inhaltliche Glättung.
50/2Petr3,ll oütwc] oliv
(a) Зо1Утшс8е 04 (1) - Asyndese vermieden.
56/lJoh2,10 (1/2) OKávSdSov èv au™ oùk èonv
(с) 1/2В oKávSaXov oùk ècmv èv airrû 01 02 04 (15) - Hiat ver
mieden.
71/lJoh5,6 (1У2) 8i* Иоатос; ка1 аьцато?
(a/d) 4 + ка1 ttvcuucitoc; 02 1739e (75) - Angleichung an V. 8; 4B wie
LA 4, aberSid 01 (1); 5 6l' обатос ка1 тшеи^атос; ка1 аХцатос
1852 (23) - Einfügung des angleichenden Zusatzes an anderer
Stelle.
73-74/ ljoh 5,13 (2) еурафа v\üv 'iva е18г)те öti £шг|у èxeTe
atwviov, toîç morevovoiv dç то övoua той uloD toö 9eo0 ]
(1) еурафа v\ílv toîç marevovoiv elç то öi/оца toû uloO toû
9eoD 'iva elSffre öti £шт|1> alamov èxeTe KQl ^a moTeùrrre el?
то 6vo\ia too lAoû toû 9eoû
(e) 2B-2 ...£шг|У alióviov ¿хете ••• (sonst wie LA 2) 01 (1) -
Angleichung an die Wortstellung, von der ljoh 5,13 im NT
die einzige Ausnahme ist.
(c) 3-2 ...ol тате^оутес; ••• 02 (16) - Glattere syntaktische
Gliederung.
(d) 15-1 еурафа b\âv Iva dSfjTe öti Cü)T|v ¿хете aleuviov ка1 iva
татеитуге eis то övoua тоО lAoö тоО 0еоО 1739 (5) -Glattere
syntaktische Gliederung.
92/Jud 15 irâaav фих^] ттаитас той? aaeßet? aÙTÛv
(с) 3 ттаита? toùç àoefcïs 03 02 04 (78) - Inhaltliche Korrektur
des zitierten Textes.
93/Jud 18 етг' еахатои [toû) xpovou] етг' естхатсо ХР01^
(e) 3 етг' естхатои tûv xP^V(M/ 1241 1739 (22) - Angleichung an
IPetr 1,20.
94/Jud23 obs 8è станете ек тгирос; артгаСоите? o&? 8e еХеате
èv фб^] ob? 8è èv фбЭф аш^ете ек тшрос артга£о1тес;
(с) 2В ...еХееХте... (sonst wie LA 2) 1241 - Angleichung an die
klassische Norm.
Die Mehrheitslesarten der Teststellen 87

(b) 6 oí»? Se стфСете ¿к тгиро? артта£о1/тес êv форы 04 1852 (8) -


Dopplung von ob? (Sé) е\еате/-€1те vermieden.
(b) 16 [statt der Verse 22-23a:] ой? nèv ¿к тгиро? арттааате
бшкри'оц.еуоис Se ¿ХееХте èv 4>oßw Ç}72 (1) - Paraphrase, die
die Probleme der ursprünglichen Lesart vermeidet.
98/Jud 25 ттро ттаитос той alûvo?] ОМ.
(b) 2B ОМ. too 1241 1739 (40) - Normalisierung des Ausdrucks.

Diese Varianten haben die gleichen Merkmale, die typische Mehr


heitslesarten kennzeichnen. Häufig bieten sie eine andere Lösung
für die gleichen textlichen Probleme, auf die auch die Mehrheits
lesarten reagieren (so an den Teststellen 2, 49 und 50).
Wenn sie den Text unter dem Einfluß von Formulierungen in
anderen Schriften verändern, weisen sie sämtlich in die gleiche
Richtung wie die entsprechenden Mehrheitslesarten. Hier greift
also der Byzantinische Text Tendenzen auf, die offenbar vor seiner
Entstehung bereits bestanden.
Die Neigung, den Text zu verdeutlichen, zu normalisieren und
zu harmonisieren, wird also gerade durch das Variationsverhalten
der Handschriften, die am stärksten vom Mehrheitstext abweichen
und auf deren Text jede kritische Edition seit Westcott und Hort
im wesentlichen fußt, als eine nicht nur für den byzantinischen
Text typische sondern allgemein in der handschriftlichen Überlie
ferung des NT begegnende Erscheinung erwiesen. Nicht die Art
dieser Varianten sondern ihre Häufigkeit unterscheidet die byzan
tinische von anderen Textformen. In dieser Hinsicht ist der Unter
schied allerdings groß: die neun koinefernsten Handschriften brin
gen es an den 98 Teststellen der Katholischen Briefe zusammen auf
nur etwa ein Viertel der Glättungen, die im Byzantinischen Text
festgestellt wurden.8

3.1.5 Zusammenfassung und weiterführende Fragestellung


Nach den Einzeluntersuchungen weicht die Mehrheitslesart an 83
von 98 Teststellen vom ursprünglichen Text ab. Von diesen 83
Koinelesarten wurden 69 (83%) als typisch beurteilt. Dabei handelt
es sich in 42% der Fälle um Erweiterungen der zugrunde liegenden

8 Die Zahl der eigentlichen Schreibfehler und mißlungenen Verbesserungs


versuche ist in Einzelhandschriften natürlich größer; vgl. dazu die Zusam-
mmenfassung des textkritischen Kommentars.
88 Der Charakter des Byzantinischen Textes

Lesart (29mal a), die häufig Wortwahl oder Syntax mit dem enge
ren Kontext harmonisieren (9mal a/d) oder den Text an geläufige
Formulierungen aus anderen Schriften angleichen (llmal a/e).
Dagegen sind an den Teststellen nur 4 glättende Auslassungen (b)
zu Mehrheitslesarten geworden.
Etwa gleich häufig wie Erweiterungen des Textes sind unter den
typischen Mehrheitslesarten Form-, Wort- und Stellungsvarianten
(38% oder 26 von 69), auch sie öfter mit dem engeren Kontext har
monisierend (sechsmal c/d) und an andere Schriften angleichend
(dreimal c/e).
Insgesamt sind etwa 33% (23) der typischen Mehrheitslesarten
Angleichungen an Formulierungen im engeren Kontext (d), 26%
(18) Angleichungen an Formulierungen, die aus anderen Schriften
geläufig waren (e).
Soweit ergibt sich zunächst eine Bestätigung der Charakterisie
rung der Koine, die sich seit Hort allgemein durchgesetzt hat:
Unter den Motiven, aus denen typische Koinelesarten entstanden
und sich verbreiteten, rangiert das Streben nach Vollständigkeit
und Eindeutigkeit an erster Stelle; häufig gaben Formulierungen
im engeren Kontext oder in anderen Schriften den Anlaß zur
Veränderung bzw. zur Aufnahme der Lesart in den Text, der sich
als Koine durchsetzte.
Dagegen entspricht es nicht der Erwartung, daß die Koine auch
untypische Mehrheitslesarten enthält, also solche, die Schwierig
keiten bei der Lektüre nicht beseitigen, sondern erst hervorbringen.
Sie sind nicht sehr zahlreich, aber auch keine seltenen Ausnahme
erscheinungen: 18% (15) der vom ursprünglichen Text abweichen
den Mehrheitslesarten wurden dieser Kategorie zugeordnet. Diese
Lesarten sind zum Teil leicht erkennbare Fehler, in jedem Falle
aber Abweichungen von der Regel, daß der Byzantinische Text die
leichter verständliche, glattere Lesart überliefert. Außer der unter
schiedlichen Qualität und Ausrichtung der Mehrheitslesarten
macht es vor allem dieser Befund unwahrscheinlich, daß die
Koine auf eine nach gleichbleibenden Prinzipien durchgeführte
Rezension zurückgeht.
Wie der Vergleich mit dem Sondergut der ältesten und besten
Handschriften zeigt, unterscheidet sich der Koinetext von diesen
nicht durch die Art seiner Varianten sondern lediglich durch die
Häufigkeit bestimmter Veränderungen des Textes. Die Zahl der
verdeutlichenden, normalisierenden, harmonisierenden Lesarten
Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 89

ist im Byzantinischen Text entschieden größer, die Zahl der Les


arten, die dieser Tendenz zuwiderlaufen, entschieden kleiner als in
den ältesten und besten Handschriften. Schon daher ist es wahr
scheinlich, daß der Text, der sich später als Koine durchsetzte, nicht
einer nach gleichbleibenden Prinzipien durchgeführten Rezension
unterzogen, sondern nur stellenweise "editorisch" bearbeitet wur
de. Diese Bearbeitung scheint eine ohnehin bestehende Tendenz
der Variantenbildung lediglich verstärkt zu haben, wahrscheinlich
in der Form, daß in der Überlieferung bereits vorliegende Lesarten
in einen zugrunde gelegten Text eingetragen wurden.
Folgende Tatsachen widerlegen also endgültig die alte, schier
unüberwindlich scheinende These von der Koine als einer Rezen
sion: 1.) Die charakteristischen Lesarten der Koine kommen auch
in frühen Handschriften vor, die in erster Linie älteres Über
lieferungsgut bezeugen. 2.) Die Charakteristika der Koinelesarten
entsprechen der normalen Variantenbildung. 3.) Die untypischen
Mehrheitslesarten sind nicht mit der Hypothese vereinbar, daß der
Koinetext nach bestimmten Prinzipien bewußt gestaltet wurde.
Dieses Ergebnis bedarf der Absicherung und Differenzierung auf
breiterer Basis. Daher soll im folgenden zunächst die Gültigkeit der
bisherigen Charakterisierung an einer größeren Zahl von Mehr
heitslesarten überprüft und im gleichen Arbeitsgang die Material
basis für die Beschreibung der Spätform des Byzantinischen Textes
(Kap. 4) und die Untersuchung zu seiner Entstehung und Ausbrei
tung (Kap. 5) erweitert werden.

3.2 Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen


Dieses Kapitel hat zwei Ziele: (1.) die Charakterisierung des byzan
tinischen Textes an weiteren Mehrheitslesarten zu vertiefen und
(2.) die Materialbasis für die Bestimmung seiner wichtigsten Reprä
sentanten (Kap. 4) und die Untersuchung zu seiner Entstehung
und Ausbreitung (Kap. 5) zu erweitern.
Die Auswahl der in diesem Sinne signifikanten Lesarten ist ein
methodisches Problem. Die Materialbasis wäre zu schmal, wenn sie
sich auf die Abweichungen des Mehrheitstextes von einer moder
nen kritischen Edition beschränkte, weil dann die Stellen, an
denen der Editor die Mehrheitslesart in den Text gesetzt hat, gar
nicht in den Blick kämen. Es wäre auch nicht zweckdienlich, alle
90 Der Charakter des Byzantinischen Textes

Stellen zugrunde zu legen, an denen der Mehrheitstext von be


stimmten Handschriften abweicht, weil in diesem Falle ein großer
Teil des Materials mehr über jene Einzelhandschriften als über den
Byzantinischen Text aussagen würde. Eine Auswahl andererseits,
die von vornherein auf die signifikanten Lesarten beschränkt
wäre, könnte nur schwer überprüft werden.
Daher ist es sinnvoll, von einer gegebenen Auswahl der für die
Überlieferungsgeschichte des Byzantinischen Textes wichtigen
variierten Stellen auszugehen, die sich in der textkritischen und in
der exegetischen Forschung bewährt hat, nämlich den Stellen, an
denen der Apparat des NA27 (wie schon NA26) den Mehrheitstext
unter dem Sigel 3JÎ zitiert. Damit werden alle Mehrheitslesarten der
überlieferungsgeschichtlich wichtigsten Stellen erfaßt, da NA27 an
solchen Stellen einen positiven Apparat bietet. An den Stellen mit
negativem Apparat werden allerdings nur die Mehrheitslesarten
einbezogen, die vom konstituierten Text abweichen. Diese Be
schränkung ist nicht zuletzt deshalb erforderlich, weil negative
Apparatnotierungen im Nestle/Aland, in denen 5DÏ nicht genannt
ist (also mit dem konstituierten Text übereinstimmt), in aller Regel
Sondergut einzelner Handschriften bieten, das für die Beurteilung
der Koine ohne Belang ist.9
Aber auch diese Auswahl wäre im Sinne der Untersuchung zu
den wichtigsten Repräsentanten und der überlieferungsgeschichtli
chen Einordnung der Koine noch zu breit, da im Apparat des NA27
natürlich auch viele typische Mehrheitslesarten zitiert werden, die
lediglich die vorherrschende Tendenz des byzantinischen Textes
bestätigen, mehrfach entstanden sein können und daher nicht zu
den gesuchten signifikanten Lesarten gehören. An den Stellen
andererseits, an denen 5DÎ auf seiten der Textbezeugung steht, haben
auch Lesarten von Repräsentanten älterer Textformen, wie am
Sondergut der ältesten und besten Handschriften an den Test
stellen gezeigt wurde, häufig die formale Qualität typischer Mehr
heitslesarten, während der urspüngliche Text in der Koine erhal
ten blieb. Ursprüngliche Lesarten sind weder genealogisch signifi
kant, noch können sie für die Charakterisierung der Koine von

Nur einmal (Jak 2,13 îXeoç ... ÍAéosI èXeoç ... tteov) wurde eine im Sinne dieser
Untersuchung signifikante Mehrheitslesart aufgenommen, die im Apparat des
NA27 nicht notiert ist.
Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 91

Nutzen sein, da sie über eine besondere Form, den Text zu verän
dern, nichts aussagen können.10
Es ist also eine weitere Reduzierung des Materials geboten.
Genealogisch signifikant sind vor allem die untypischen Mehr
heitslesarten, da sie wahrscheinlich auf die handschriftliche Basis
schließen lassen, die im Zuge der Entwicklung der Koine verändert
wurde. Handschriften, die diese Lesarten, die Bindefehler der Koi
ne, gemeinsam haben, bezeugen wahrscheinlich frühe Abwei
chungen vom ursprünglichen Text, die älter sind als die Koine,
und die ihrerseits auf Verwandtschaft ihrer Zeugen schließen
lassen. Mithilfe der untypischen Mehrheitslesarten soll versucht
werden, Zeugenkonstellationen zu bestimmen, die auf ein relativ
hohes Alter des ihnen gemeinsamen Überlieferungsguts schließen
lassen. Typische Mehrheitslesarten, die von den gleichen Hand
schriften überliefert werden wie die untypischen, gehören wahr
scheinlich zu der Variantenschicht, die dem Byzantinischen Text
seine Grundform gab.
Im folgenden werden alle im NA27 für die Katholischen Briefe
zitierten Mehrheitslesarten den in Kap. 3.1. verwendeten Katego
rien zugeordnet, und zwar in möglichst knapper Form. So wird
einerseits die Häufigkeit der verschiedenen Formen von Mehr
heitslesarten dargestellt, andererseits die Auswahl der signifikan
ten Mehrheitslesarten überprüfbar gehalten.
Die variierten Stellen mit signifikanten Mehrheitslesarten wer
den in einem weiteren Arbeitsschritt kommentiert; von ihnen
und vom Befund an den Teststellen wird die weitere Untersu
chung ausgehen.
Während nun die Notwendigkeit, sich angesichts der Fülle
prinzipiell gleichartiger Lesarten auf das Wesentliche zu beschrän
ken, unmittelbar einleuchten wird, könnte man fragen, ob nicht
auch alle Mehrheitslesarten, die nach inneren und äußeren Krite
rien anderen Lesarten derselben Stelle etwa gleichwertig sind, zum
Wesentlichen gehören. Solche Lesarten werden im folgenden
Kapitel mit $ gekennzeichnet. Dieses Zeichen erscheint vor allem
an den Stellen, an denen die Zugehörigkeit eines Wortes zum

10 Im folgenden werden allerdings auch zwei Mehrheitslesarten (Jak 4,2f und


IPetr 3,18f) als signifikant gekennzeichnet, in denen der ursprüngliche Text
trotz eines starken Normalisierungsgefälles zugunsten ziemlich breit bezeugter
Varianten in der Koine bewahrt wurde.
92 Der Charakter des Byzantinischen Textes

ursprünglichen Text im Nestle/Aland durch eckige Klammern in


Frage gestellt wird.
Zu den Problemen der Textkonstitution an solchen Stellen kön
nen im Rahmen dieser Aufstellung keine fundierten Lösungsvor
schläge erfolgen. Denn dazu müßte weit ausführlicher, als es hier
möglich ist, das Variationsverhalten einzelner Handschriften und
Gruppen an den Lesarten untersucht werden, die keine oder keine
direkte Beziehung zur Koine haben. In dieser Arbeit geht es aber
gerade um die Beziehung älterer Textformen zur Koine. Damit
wird zwar auch ein Beitrag zur Charakterisierung der koinefer-
neren Textzeugen geleistet; die Bestimmung des Verhältnisses
älterer Textformen zur Koine allein kann jedoch die äußeren
Kriterien zur Beurteilung von Lesarten nicht begründen. Dazu
wäre zusätzlich eine detaillierte Untersuchung des Sondergutes der
stärker von der Koine abweichenden Textzeugen und der überlie
ferungsgeschichtlichen Beziehungen zwischen ihnen nötig.
Gelegentliche Stellungnahmen zu schwierigen Stellen beschrän
ken sich also darauf, auf Probleme der Textkonstitution hinzuwei
sen, wenn sie die Charakterisierung des Byzantinischen Textes
betreffen. Diese Probleme können hier nicht abschließend erörtert,
geschweige denn gelöst werden.

3.2.1 Die im Apparat des Nestle/Aland27 zitierten Mehrheits


lesarten
Die folgende Analyse aller Mehrheitslesarten, die in der 27.
Auflage des Nestle/ Aland zitiert sind, sollte möglichst knapp und
zugleich übersichtlich erfolgen. Zu diesem Zweck wählen wir die
Tabellenform.
In der folgenden Tabelle wird zunächst die Stelle mit der
Nummer des Verses und dem Referenzzeichen genannt, zu dem
die 2Ji-Lesart im Apparat notiert ist. Ist eine Apparatstelle zugleich
Teststelle in "Text und Textwert", wird darauf mit einem T und
der entsprechenden Nummer in der ersten Spalte hingewiesen.
Die zweite Spalte bezieht sich auf die typischen Mehrheits
lesarten (TML). Gehört eine Üft-Lesart zu dieser Kategorie, erscheint
in der TML-Spalte, entsprechend der Differenzierung der typischen
Mehrheitslesarten am Anfang von Kap. 3 (S. 73), ein Buchstabe
oder eine Buchstabenkombination. Die dritte Spalte bezieht sich
auf die untypischen Mehrheitslesarten (UML). Hier erscheint ein x,
wenn eine 3R -Lesart dieser Kategorie zugeordnet wird. In der
ϋίε ΜβΗΓΗβίΙδΙβδΛΓίθη ζννίκτηεη άεη Τεβίβίεΐΐεη 93

νΐθΓΐβη δρβίίε (ΙΓΓ) ννεΓάεη ϋβ-Ι,εδ&Γϊεη ιηίΐ * οεζείοηηεί, ννεηη βίε


ννβηΓδοηείηΙίοη, ιηίΐ £, ννεηη δίβ Γηό§1ίοηεΓννείδε άεη ιίΓδρΓϋης-
Ιίοηεη Τεχί οίείεη.
Όΐβ Γηείδϊεη ΖυθΓάηυη§εη άεΓ ΓγρίδοΗεη δοννίθ άεΓ \ν&ΚΓδθΗβίη-
Ιίοη αΓδρΓϋη§1ίοΚβη ΜεηΓΓίείίδΙεδβΓΓεη δϊηά η3οη άεη Αυδίϋητυη-
§εη ίη Κ3ρ. 3.1 ηκηί εΓΐά3Γυη§δοεάϋΓΓη§. Ώ3ηεΓ ννύ-ά ζυ ίηηεη ηιΐΓ
ΐη ννεηί§εΓ είηάευΙί§εη ΡΜΠβη ίη Ρυβηοίεη 5ιε11υη§ ςεηοΓηπιεη.
δίεΐΐεη, άίε πύΐ είηειη νοΓ3η§εδίε111εη ! §ε1<εηηζεκ:ηηεί δίηά, ννεΓ
άεη ίη Κβρ. 3.2.2 3ΐΐδίϋηΓΐίοΗεΓ 1<οηιηιεηπεΓΐ.
νΒπβηίεη, (Ιϊε ννε§εη άεΓ Βεζευ§υη§δΐ3§ε ηΐοηΐ 3ΐδ υΓδρΓϋη§1ίοη
ϊη ΡΓ3§ε ^οπυηεη, 3βεΓ ηίοΜ 3υί εϊη Μοϋν ο<1εΓ είηεη ρ&Υάο-
£Γ3ρηίδ<:ηεη Οπιηά ζυΓϋο^ςείϋηΓί ννεΓάεη Ιςδηηεη, ννεΓάεη πήι
είηειη ? νεΓδεηεη.
ΜίΙ άεη ΝοΙϊεηαη§εη ίη άβτ άπτιεη δρβίΐε ννΪΓά άίε αΐίετε
Ββζεα%Ηη% άβτ ΙψρϊβεΗεη ηηά ηηΙ^ρϊβεΗεη ΜεΗτΗείΙβΙεβατΙεη
βεβοΐεη: άίε ΗβηάδοηπΓίεη υηά Κίτοηεην3ίεΓζίΐ3ΐε 3ΐΐδ άεΓ Ζείί Βίδ
ζυιη 9. ^ητηυηάεΓϊ υηά άίε άΓεί "§Γθβεη" νεΓδίοηεη (ίβίείηίδεη,
δν/πβοη, ΚορΙίδοη). ϋίε Νοπει•υη§εη Βίΐάεη άίε Μηΐεπ3ΐθ3δίδ Κϊγ
Κβρ. 5.2. 5ϊε εΓίο1§εη δοηοη ηϊεΓ, υτη υηηοπβε ΥνίεάεΓΓίοΙυη^εη ζυ
νειτηείάεη. Όΐβ Αυδννβηΐ άεΓ Ζευβεη ννΪΓά ϊη Κβρ. 5.2 1>ε§Γϋηάει;
ηϊεΓ ννήά ηιιτ εϊηε δβεηΐίοηε ΕΓ^Βηιης άεΓ Νοΐ3ίε §ε§εβεη.
Ιπτι Νεδίΐε/Αίβηά ννεΓάεη άίε Τεχιζευςεη 3ΐΐδ άεΓ Ζείι Βίδ ζατη 9.
ΙβητΓΐυηάεΓϊ 3ΐδ "δΐ3ηάί§ε Ζευ§εη" νεΓζείοηηεί; άβδ ηείβι, ά3β ίητε
ίβδΒΓίεη 3η βΐΐεη Αρρ3Γ3ίδΙε11εη εΓίβδί δίηά. \Υεηη βίδο είηε
Ηβηάδοητίίϊ άίεβεΓ Κ3ίε§οπε ηίοηΐ εχρίίζίΐ §εη3ηηϊ ννίΓά, δΐίτητητ
βίε εηίννεάεΓ ηιίΐ άειη ΤεχΙ άεΓ Εάίηοη ϋοεΓείη οάεΓ δίε η3ί 3η άεΓ
βείΓείίεηάεη δτεΐΐε §3γ Κείηεη (ΙεδΒβΓεη) Τεχί. Οίείοηεδ §ί1ι ίϋΓ άίε
νεΓδίοηεη. Βεί άίεδεη Τεχίζευ§εη ίδΐ 3υβεΓάεηι ζυ ΒεβοΜεη, άββ
δίε 3υδ δρΓ3θΓΐϋοηεη Οπϊηάεη ηίοηΐ 3η ]εάεΓ νβπίεΓίεη δίεΐΐε
νεΓζείοηηεί ννεΓάεη 1<όηηεη (ζ. Β. ά3δ ΐΛίείηίδοηε Βεί ΑΓίί^εΙ-
ν3ΓΪ3ηΙεη).
Ό& άίε ΑηββΒεη ζυ άεη βπεοηίδοηεη ΗβηάδοηπίΙεη άίΓε^Ι 3υδ
άεηη Αρρ3Γ3ί άεδ ΝΑ27 ϋΐ5εΓηοηΐΓηεη ννυΓάεη, Κ3ηη κ:η ίϋΓ άίε
ΕΓΐάΜΓυηβ άεΓ 5ί§ΐ3 3υί άίε ΕίητυηΓυη§ υηά άίε Η3ηάδοηπ&εη1ίδΙε
άίεδεΓ Αυ5§3θε νεΓννείδεη11.

11 Ζυ άεη ηΐετ βτίαβΙ&Λ {ξΠΘοηίκτηβη Ηβηάβοηπίΐβη ν^Ι. <1ογϊ δ. 20*ί. ("δίβηάϊ^β


Ζβυ§βη βΓβίθΓ Οτίΐηιιη^") ιιηά άϊθ ΗβηάβοηπΛβηΙϊδΙβ ϊη Αρρεη<1ίχ Ι, 5. 689ίί.; ζυ
άβη Ιβίβίηίβοηθη, βγπβοΚβη υηά ΚορίίκοΗβη (ΛβΓδβίζυηββη 5. 23*-29* (ζυ
ΙβίβΐηϊδοΗθη ΕίηζεΙΗΕϋΐάβοΙιπίίβΓ. ζυδάΐζϋεη Αρρεηάϊχ Ι, 5. 717ί.
94 Der Charakter des Byzantinischen Textes

Die Verzeichnung der Kirchenväterzitate erfolgt nach der Zitat


sammlung des Instituts für Neutestamentliche Textforschung. Die
Abkürzungen werden in der Lisie der verwendeten Belegstellen
am Ende dieses Kapitels aufgelöst.
Jeweils zu Anfang der Verzeichnung der Textzeugen wird mit
einer fettgedruckten römischen Zahl (z. B. -V-) das Jahrhundert
genannt, dem der früheste verzeichnete Beleg entstammt. Wenn
es für eine typische oder untypische Mehrheitslesart keinen Text
zeugen aus der Zeit vor dem 9. Jahrhundert gibt, steht an dieser
Stelle ein Strich (—).

Jak TML UML UT Ältere Bezeugung zu TML u. UML12


Tl l,5r c(pm) *(pm) —
1,12F -- -- *
T2 1,12T a -- — -V- (04). 025. 0246 syh
l,15r -- — *
T3 1,17' — — *
l,18r -- -- *
1,18F -- -- *
l,19r c13 - -- -VI- 025. 044 syh
1,19' b "~ -V- 025c. 044. 0246 vg™58 syPh bo"*
ac; CyrAl GregAgr IoCarp IoDam
T4 1,20' d? t
T5 1,22' c? Ф
T6 1,25 T a/d -- -- -VI- 025. 044 syh
17 1,26 T a -- -- -V- CyrAl Antioch
l,26ri -- — *
1,27° ?14

12 Die Angaben beziehen sich ausschließlich auf diejenigen Mehrheitslesarten,


die eindeutig als typisch oder untypisch beurteilt werden können, also nicht
als ursprünglich in Frage kommen. Genannt werden alle Textzeugen aus der
Zeit vor dem 9. Jahrhundert, außerdem 025 (IX), 044 (IX/X), 33 (IX) und 1739
(X) nach dem Apparat des NA27 (Zeugen von Subvarianten der Mehr
heitslesart stehen in Klammern). Die Auswertung der Angaben in dieser
Spalte erfolgt in Kap. 5.2.
1 3 Formal glättender Anschluß an den vorausgehenden Satz ohne Rücksicht auf
den Kontext; die Aufforderung ist nur schwer als Konsequenz aus V. 18
abzuleiten.
14 Zwar würde man die längere Lesart eher im Byzantinischen Text erwarten,
aber es besteht kein Normalisierungsgefälle zugunsten des Artikels in der
Wendung ттара (тш) 9«ф. Ohne Artikel (auch im Mehrheitstext): Mt 19,26; Mk
1,27; IKor 7,24; 2Thess 1,6; IPetr 2,4; 2,20; mit Artikel (auch im
Mehrheitstext): Lk 1,30.37; 18,27; Rom 2,11; 9,14; IKor 3,19; Gal 3,11. Im Jak
ΕΗε Μεητηεϊ&ίεββπεη ζννίβοηεη <1βη ΤεδΙδΙεΙΙεη 95

}Λ ΤΜί υΜί υτ ΑΙΙετε Βεζειΐ£αη§ ζυ ΤΜί υηά ΙΓΜί


2,2 τ 3 -- -- -V- ΟΙ2. 02. 025. 33. 1739; (ΖντΑΙ
ΑηΙΐοοΗ
2,3' Ο15 — -- -IV- 01. 02. 33 Ι^οΡ'; Αηίίοοη
2,3 τ 3 — -- -V- 025. 1739 ί βχΡ α>
Τ8 2,3' -- χ -IV- φ74™1 01.(042).025 δνΡ οο
Τ8 2$ -- -- •
Τ9 2ΛΓ χ — 025
Τ10 2# 0 -VI- 02°. 042. 025. 044 Η
2,6Γ -- — •
2,10Γ ρ 0?16
ι 2,13 — χ -V- 04. 044. 1739»
2,13Γ -- — *
2,15 τ 3 " -- -ΐν/ν- 02. 04. 044 \ζ «ν*1 Ικ)"138
2,15 τ 3 — -- -V- 02. 025. 044. 33. 1739; (ΖγτΑΙ
2,17' ά?17
Τ11 2,18Γ — χ -ν/νΐ?- 5>54νΜ
2,18 τ 3 — — -IV- 04
2,18" ά?18
2,18 τ 3 -- -- -Γν7ν-$74 02.025νί<1 \ξ δγ
Τ12 2,19' β -- -- —
Τ13 2,20Γ <1 -- -- -IV- 01. 02. 042. 025. 044. 33 Ι δν \χ>
2,22Γ -- -- *
2,23° -- -- *
Τ14 2,24 τ 3 — — —
2,26 τ ά19 " -- -V- 02. 04. 025. 1739

δίεηί εϊηε Ροπή νοη θ£<5? ιτιίΐ Απϋςεί 1,13; 2,5.19.23; 4,4.6.7.8; οηηε Απϋςεί:
1,1.13.20; 2,23; 3,9.
15 ϋβδ εΓδίθ νεΓ&υπι άβι ΡΓΟίβδίδ άβτ Ιαπ^βη Κοηάϊηοηβίεη Ρεποάε (V. 2-4),
άθΒδβη δυΐηείίΐ άίβ Α(1γθ8831θπ δίηά, ν/ίτά 3Π3ΐο§ ζυ καΐ ίίπητε ... καΐ τφ
πτωχφ είπητί εβεηίβΐΐδ πύΐ καΐ 3η§εδοη1οδδεη. Ι5ίε Οΐίεάεηιη^ άεδ δβίζεδ ίτίΗ
50 βεδβεΓ ΗεΓνΟΓ.
16 ϋβδ ΡυΙυΓ δίεηί ίπι ΝΤ ίπ Κοικϋποηβίεη ΚεΙβΗνδβΙζεη ηβυίίβ βηδίεΐΐβ <3εδ
ΚοιηυηΚϋνδ ιηίΐ άν, ν/ϊίχιβτχά άβτ Κοη]ιιη1ζπν οΗηε άν ίη βοΐοηεη Ρδΐΐεη ηίτ^εηάβ
βϊηηβ11ί§ υβεπΐείεΓ* ίδΐ (ν§1. ΒϋΚ 380). ϋίε ΜεηΓηεϊΙδΙεδβΓί ϊδί βίδο ηιδβ-
Ικηεηνείβε ηιίΐ άεηα Ζίεΐ ^ΓβιητηβηδοΙιβΓ Νοππβΐϊδίβηιηβ ηει-ςεδίεΐΐί ννοΓάβη,
νίβΐΐθίοηΐ νβΓ3ηΐ3β( άυπτη ϋβζίδΗδοηε Μϊδςηίοπηεη. Είηε §εννίδδθ ΗβγΙθ
εηίδίεηΐ άυκη άϊε ΚοπΛίηβίίοη άεβ Ρυίυτδ πιίΐ άειη ΡεπεΚΐ -γέ-γονεν ίπι ΗβυρΙ-
δ3(ζ, οίηνοηΐ ίυΚιπ&οηεΓ Οεϋηυεη άεδ Ρετίε^Ιδ ίη ρΓΟδρεΚίίνεη Ρεποάεη ίπι
ΝΤ βικη δοηβΐ {ξεΙεβεηΙϋΛ νοΛοητηιί (ν§1. Κόπι 14,23; ΙΙοη 2,5; ά3ζυ ΒϋΚ 344).
ϋεη ΟηβΓβΙςίεΓ είηεΓ Ιγρίδοηεη Μεητηείΐδίεδβπ ηβΐ εηεΓ <ϋε νοη 044 5ίη§υΐ3τ
&εζευ§1ε νβήβηίε ... τελέσει πταίσει ... πάντων Ινοχος έσται.
17 Αη^ΙεκΗοη^ άεΓ ννοπδίεΐΐυη^ βη V. 18 -πίστιν Ιχεις/Ιρ-γα £χω?
18 Αη§1είοηυη§ άβτ \νοΓίβίε11υη£ 3η δεΐξόν μοι ίπ\ ςίείοηεη νεΓ8?
19 ννδπΙίοΗε ννϊεάεΓηοΙαη^ άβι Ροπηυ1ίει•υη£ ί*1 V. 20.
96 Der Charakter des Byzantinischen Textes

Jak TML UML ит Ältere Bezeugung zu TML und UML


3,3' -- -- *
T15 3,3r d — -- -V- 02. 025 syh
3,4' C20 -- -- -V- 02. 044. 33. 1739
3,4тГ а — -- -V- 02. 04. 025. 044. 1739
3,5' -- — Ф21
3,5F с ■■ -- -V- 02**Ч 04». 044. 33. 1739 ff
3,6 T а -- -- -VI- 025 syh"
T16 3,8' с?
T17 3,8r с — -- -V- 04. 044. 1739e syh
3,9r с — -- -IV-syh sa boP' ac
3,12 T' а — — -V-(025) (syh);CyrAl
3,17 T а — -- —
3,18T а — -- —
4,1' b/d?22 -- -- -IV/V-vg syP
! 4,2' -- X *
T18 4,4T a/d — -- -VI- Ol2. 025. 044 syh
4,5' с» - -- -V- 025. 33 sy<P>
4,7° b/d24 (pm) *{рт) — 025.044
4,8r -- -- *
T19 4,9' -- *
4,9 r -- -- t
4,10r а -- -- —

20 Hiatvermeidung? Vorgängige Auslassung wegen gleicher Endungen wahr


scheinlich.
21 Die Mehrheitslesart folgt hier nicht der Tendenz des nachklassischen Grie
chisch, die Bestandteile zusammengesetzter Wörter deutlich zu isolieren (vgl.
BDR 124). Auch die Bezeugung durch Repräsentanten älterer Textformen läßt
Zweifel an der Ursprünglichkeit der fxt-Lesart durchaus zu.
22 Der Ausdruck \iaxeote ка1 ттоХе^еХте in 4,2 zeigt, daß auch ттоХецси ка1
uáxcu in 4,1 als Hendiadyoin zu verstehen ist, das metaphorisch erbitterte
Zwistigkeiten bezeichnet. Das zweite ттооеу erschien vielleicht unpassend,
weil es den Eindruck erweckt, \ia\ai sei ein von ттоХецсн zu unterscheidender
Begriff. Es ist aber sicher nicht auszuschließen, das das zweite -naöev
versehentlich ausfiel, zumal es für das Verständnis entbehrlich ist.
23 Die durch Itazismus wahrscheinlich mehrfach entstandene Form von
ка-roi.iceîi' hat sich wohl deshalb durchgesetzt, weil sie ö zum Subjekt des
Relativsatzes macht und so das Verständnis scheinbar erleichtert. Das Subjekt
des übergeordneten Satzes bleibt jedoch auch so zu ergänzen, das Problem der
Interpretation unberührt. Deshalb ist kaum eine bewußte Entscheidung
zugunsten von катфкцоы vorauszusetzen. Daß es sich bei der ixf-Lesart um eine
geprägte Wendung (mit Gott als Subjekt) handelt, zeigt ihre Verwendung in
Hermas 28,1; 59,5; vgl. dazu DIBELIUS 266-268.
24 Angleichung an den asyndetisch angereihten nächsten Satz, wohl auch infolge
einer versehentlichen Auslassung von 8í nach -те.
Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 97

Jak TML UML UT Ältere Bezeugung zu TML und UML


T20 4,1 Г d -- -- -VII- ff; Antioch
4,12° -- — t
4,12° -- X -VII- ф74
4,12' r -- X —
4,13r T -- X -V- 02. syh; CyrAl GregAgr
4ДЗРГ1Г2 d25 — -- — 044
4,14F — -- »26
4,14 T a27 -- "™
-V- $74 Ol2. 02. 025. 044. 33. 1739
vg syP
! 4,14' X -V- (02). (025). 044 (1)
4,14Г2 a28 — -- -VII- 025. 33; GregAgr
4,15F d2» -- -- — 044. 33
5,4r -- -- +30
5,4F -- — t
5,5T а "" " -V- Ol2. 044. 1739 sy; CyrAl
Antioch
5,7T a(pm) * (pm) -IV- Ol. 025. 044 sy1™«
5,7r ?

T21 5,7T а ~~ -V- 02. 025. 044. ЗЗ"«1 (t vg™*)


gyp.h
T22 5,9' с -- — -IV- Ol
5,10' а -- -- -IV- (Ol) vgms
i 5,10°' -- X -V- 02. 044. 33
5,1 Г c/d31 — -- —

25 Der adhortative Konjunktiv anstelle des Futurs ist das Ergebnis eines An-
gleichungsprozesses, wie eine Reihe von Handschriften (01, 02, 33 u. a.) zeigt,
in denen Konjunktiv und Futur wechseln.
26 Es ist wahrscheinlicher, daß das umfassendere та aus то entstanden ist als um
gekehrt. Die Auslassung des Artikels verbindet gekünstelt тцс aüpiov mit
dem folgenden л £ш4
27 Die Einfügung von yáp läßt mit irola einen neuen Satz beginnen und soll offenbar
das syntaktische Gefüge der Verse 13-15 klarer gliedern. Bemerkenswert daran
ist, daß der vorausgehende Anakoluth bestehen bleibt und keine Rücksicht
darauf genommen wird, daß auch der nächste Satz mit ydp angeschlossen, die
Frage also nicht beantwortet wird.
28 Konflation aus ?iretTa Kai und ïireira Sé.
29 Angleichung an die Konjunktive in V. 13.
30 Die Ursprünglichkeit der nur von 01* 03 bezeugten Lesart афиатерт^уос ist
nicht auszuschließen, da es sich bei аттеатср^це^оу um Angleichung an die
Wortwahl der LXX an entsprechenden alttestamentlichen Stellen handeln
kann (vgl. Dtn 24,14; Sir 34,22; Mal 3,5; dazu DIBELIUS 284).
3 1 Angleichung an das Präsens des übergeordneten Verbs; mit dem Präsens werden
alle Standhaften in den Lobpreis einbezogen, während der Aorist noch auf das
Vorbild der Propheten zurückschaut.
98 Der Charakter des Byzantinischen Textes

Jak XML UML UT Ältere Bezeugung zu TML und UML


T23 5,11' b _ vgms
! 5,12r — X -VII- 025. 044; Antioch
5,14° а? *
! 5,16° -- X -IV- 044 tí vg"188
T24 5,16' d -- — -VI- AnastSin Iolei
5,16r -- — ♦32
5,18х -- — »33
i 5,19° -- X -IV- vgms
5,19r — -- •
5,20' -- -- .34

T25 5,20' X — -IV-044 sa;AndrCr

IPetr
1,1' -- -- *
1,6° — — *
1,7' а/с -- -- — 025
! l,8r -- X -III- 02. 025. 044. 33 bo; ClemAl
l,9r -- — t
1,12° -- -- t
1,16° -- -- t
! l,16r d -- -- — (025. 1739)
1,16°' -- — t
l,20f d -- — -HI/IV- ДО72). 025 latt syP
1,21 r с •■ " -III/TV- ф72 01. 04. 025. 044. 1739.
(33)
T26 1Д2Т a — -- —025 vg"8
T27 1,22' а/с -- -- -III/IV- ffi72 01*. 04. 025. 044. 33.
1739 t vg"1» sy*1 со
1,23' -- -- *
T28 1,23т a/e -- — -V- 025 1 t syP
1,24° -- -- *
! 1,24F e — — -IX- 025. 044
1,24 т с -- -- -V- 04. 025. 1739 t со
i 2,2° -- X -VII- Antioch
2,3Г с — -- -V- Ol2. 04. 025. 044. 1739 1 CyrAI
2,3F -- -- *
2,5° b/d "" " -III- 025 vg; ClemAl
(V.9)
2,6Г a " -- — 025

32 Die Lesart ттроаеихестве ist sehr wahrscheinlich eine Normalisierung.


33 Die Lesart ?8tüK£v fceTÓv parallelisiert mit V. 18b {ip\áoTr)aev tôv карибк).
34 Die Lesart уичоакете öti harmonisiert mit der Anrede.
Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 99

IPetr TML UML UT Ältere Bezeugung zu TML und UML


2,6' -- -- +35
2,7r d3í -- -- -V- 02. 025 syP
2,7F е37 -- -- -IV- 01*. 042. 025. 044. 1739 1 vg«188
sa
2,1 lr -- -- *
2,12F d38 -- -- -III- 02. 025. 044. 33; ClemAl
2,13 T С "" "" -V- 025. 1739 vg1"8 syh; Antioch
Socr
2,16' ?
2,17r d39 -- -- —
2,19 T -- —
2Д9Г — —
2,20' -- --
2,20r -- --
2,20F -- —
2,21° -- --
2,21 r -- —
T29 2,21 ' — X — 025.33 sa"«
2Д4Г -- -- »40
! 2,24 т e — — -IV- 01*. 025
2,25г с -- -- -HI/TV-?)72 04. 025. 044. 33. 1739
3,lr — " Ф
3,1' -- -- *
3,2Г -- -- *

35 Zwar weicht die Wortstellung der fxt-Lesart (anders als in 01* 02 03 04 1241
1739 u. a.) von Jes 28,16 ab, aber es ist nicht ausgeschlossen, daß es sich um eine
Angleichung an V. 2,4 handelt; die txt-Lesart ist außerdem glatter, da XtOos
акроуинчсйо? einen Begriff bildet, den die weiteren Adjektive näher be
stimmen.
36 Vgl. V. 8, ferner 3,1.20; 4,17; ататос sonst nicht in IPetr.
37 Angleichung an den auch aus Mt 21,42 geläufigen Wortlaut von Ps 117,22 LXX
trotz schwierigerer Konstruktion.
38 Der lineare Aspekt des Präsens paßt schlecht zu dem Zeitpunkt, auf den der
Finalsatz vorausschaut; vielleicht auch rein formale Angleichung an den
Aorist des übergeordneten Verbums; vgl. auch 3,2.
3 9 Angleichung des Tempus an das vorangehende Verbum, wohl unwillkürlich, da
zwei gleichgeordnete Verben im Präsens folgen.
40 Die Variante iudjv ist mit der 1. Pers. im Prädikat des Ïva-Satzes nicht zu
vereinbaren. (Mit V. 24e wendet sich der Autor den Adressaten wieder direkt
zu; daher steht 1а9т|те (die Form ist bewußt gewählt, da sie von láOTiuei» in Jes
53,5 abweicht) nicht im Widerspruch zur vorausgehenden 1. Pers.
100 Der Charakter des Byzantinischen Textes

IPetr TML UML UT Ältere Bezeugung zu TML und UML


3,3° -- -- »41

3,5' ?
3,6' -- -- *
3,7r d -- -- -V- 02. 04. 025. 044
3,7' -- -- *
T30 3,8r c/d — 025
T31 3,9 T с — -- -V-025 syhm8
3,10T T C42 — -- -IV/V-025 lat syP
3,11° b/d/e« "" -- -IV- 01. 042vid. 025. 044. 33. 1739
syP CO
! ЗЛУ c? -- — —
3,13Г| -- -- *
3,14D -- -- *
3,16° b — -- -V-025 syP
T32 3,1 6r a/d "~ -IV- 01. 02. 04. 025. 33 it vg1"55
syp.(h") bo;Antioch
3,16' -- -- *
! 3,18' -- -- *
3,18F -- -- ***
3,18' -- -- *
3,18° -- -- *
3,20F d "" -V- 04. 025. 044. 0285. 1739 vg™
syh; CyrAl
3,21" C45 -- -- -V- (04),-CyrAl
3,22° -- -- t

41 In einigen Hss. ist Tpixwv wohl deshalb ausgelassen, weil ¿цчт\01сг) für sich
bereits in erster Linie das Haargeflecht meint; vgl. lTim 2,9 nXeypaoiv,
ebenfalls ohne Genitivattribut.
42 Die Verse 10-12 geben Ps 33,13-17a LXX im wesentlichen genau wieder, wobei
33,13 geglättet und durchgängig die 2. durch die 3. Pers. des Imperativs ersetzt
wird. Die Einfügung von oùtoû im Byzantinischen Text ist eine indirekte
Angleichung an die LXX, in der an den entsprechenden Stellen aou steht.
43 Die Partikel fehlt in Ps 33,15, wurde aber wohl schon vom Autor des IPetr
eingefügt, um die auf Sprechen bezogene Mahnung vom Folgenden abzusetzen.
Die Auslassung von 8é folgt der asyndetischen Reihung der Mahnungen in Ps
33,14f., an der der Verfasser des IPetr nur in V. IIb festhält.
44 Zur paränetisch motivierten Ausrichtung der formelhaften Leidensaussage auf
die Adressaten vgl. den Kommentar zu Teststelle 29.
45 Die Mehrheitslesart lautet ô ámÍTxmov vbv ка\ t\\iäs o(¿£ei, läßt also das
Bezugswort unmittelbar auf das Relativpronomen folgen. Die Abweichung von
der paränetischen 2. Pers. ist auf Itazismus zurückzuführen.
Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 101

IPetr TML UML ит Ältere Bezeugung zu TML und UML


4,1 T a/d46 -- -- — 025 z vg1™5
4,lr -- -- *
T34 4,3T a (pm) х(рш) -IV- a: 01* bo / -V- x: 04. 025
4¿T a/d47 -- -- — 025
4,3r d -- -- — 025
4,5' -- — *
! 4,5' -- -- *
4,7T a -- -- —025
43T a -VI- 025. 1739 t syh sa™* bo;
Antioch
4,8F с -IimV-ф72 01.025
4,9r с —025 vg™
! 4,11' — X — 025
T35 4,14' -- — t
4,14r -- — *
4,14 T a (/el) — -- -IV- 025. 044 it syh** sa (bo™)
4,15 T ?
4,15r с48 " -- — 025.1739
; 4,16F с " -- — 025
4,17° -- " t
4,18' -- — *
5,lr а -- -- -V- 025. 33. 1739; DidAl
T36 5,2'(1) -- " *
! 5,2'(2) b/d -- -- —
T37 5,5T а — -- — 025
5,5° -- -- X
5,8T -- — *
5,8r -- — t
5,8F с?49(р/л) *{рт)

46 Erweiterung parallel zu 4,2; kein editorischer Eingriff, da sonst wohl auch vor
aapKÍ in V. la ¿v eingefügt worden wäre.
47 Vervollständigung der antithetischen Parallele zu V. 2 (Entsprechung zu
ßioSaai).
48 Die Mehrheitslesart folgt der Tendenz des nachklassischen Griechisch, die
Bestandteile zusammengesetzter Wörter deutlich zu isolieren (vgl. BDR 124).
Wegen dieser Tendenz ist mit größerer Wahrscheinlichkeit die zuerst von 01
und 03 bezeugte ixt-Lesart ursprünglich. Die übrigen Lesarten zerlegen das
seltene, zuerst im IPetr belegte Wort in seine bekannten Bestandteile. Seine
eigentliche Bedeutung ist unklar (vgl. BROX 218-220).
49 Die indirekte Frage bringt eine syntaktische Vereinfachung, paßt jedoch
schlecht zur Metapher des hungrigen Löwen, dem es gleichgültig sein dürfte,
wen er frißt.
102 Der Charakter des Byzantinischen Textes

IPetr TML UML UT Ältere Bezeugung zu TML und UML


5,9°' b?50 í
5,9F -- -- *
5,10' -- --
i
5,10' -- X — 025. (1739mg)
T38 5,ll' a/e -IV- 01. 025 (syP) sa LeontPr
5,11 T a/e " -- -V- 01. 02. 025. 044. 0206"а. 33. 1739
latt sy sa; LeontPr
5,12r c/e51 " -- — 025 h r
5,14 T a/e ■■ -IV- 01. 025. 1739 h syh sa"*8 bo;
AnastAnt
5,14T a/e " -- -IV/V- 01. 025. 1739e h sy bo"155

2Petr
l,2r -- -- *
L3T -- -- *
W C52 - -- -III/rV-ф72 03.0209vid
T39 1,4' С -- -- -IV- 01
! 1,4' -- X -VII- 0209
-- ' -- *
1,5'
l,9r -- - +53

1,10' -- — *
T40 1,12' a/c — -- -IV- 0209 h vg™* sy sa
1,13T -- -- *
l,15r -- — »M

T41 1,17' e "" "" -IV- 01. 02. 04e. (025). 044. 0209. 33.
1739 latt sy
T42 1,18' а/с -IV- 01. 02. 043. 025. 044. 0209vid.
1739 vg
1,21х ?
T43 1,21' с -- -IV- 01. (02). 044. 33 h vg syPh
sams

50 Wahrscheinlich folgt die Mehrheitslesart der Tendenz, den Artikel bei


коацос in Wendungen und nach Präpositionen wegzulassen (vgl. BDR 253,4).
51 Erleichterung der Konstruktion unter dem Einfluß von Stellen wie Rom 5,2;
11,20; IKor 15,1; 2Kor 1,24.
52 Die Mehrheitslesart folgt der generellen Tendenz des späteren Griechisch, den
Dativ durch Präpositionalausdrücke zu ersetzen (vgl. dazu BDR 150). Hier hat
möglicherweise die Verwechslung von ISlq. mit Siá den Anstoß dazu gegeben.
53 Zwar stehen die ältesten Handschriften auf Seiten der txt-Lesart ($72 und 03),
aber das ebenfalls gut bezeugte Synonym á\iápn\\ia kommt im NT weitaus
weniger häufig vor.
54 Allein nach inneren Kriterien könnte auch das Präsens ursprünglich sein.
Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 103

2Petr TML UML LT Ältere Bezeugung zu TML und UML


2,3r d55 -- -- — 044.33.1739 sa110 bo
2,4r e? +5b
2,4f -- — .57

a/e? + 58
2,6'
2fir -- — t
2,11' c? i
2,12" c?
2,12' c?59
T44 2,13r с -- -- -IV- Ol2. 02. 04. 33vid. 1739 latt syh
00
2,15' — -- •
2,15ri -- — *
Г45(1) 2,17' b/e -- -- -V-048vid syPh
T45(2) 2,17T a/e -V- alûva: 02. 04. 025. 33. 1739 bo™
(pm/pm)60 / alohas': —
! 2,18ri c/d -- — -V- 01*. 04. 025. 048*4 1739
! 2,18Г2 c/d — -- -IV- 025 vg1™8 со
T46 2,20' — -- t
T47 2,21' — X —
2,22 T а — — -V- Ol2. 04. 025. 044. 1739 vg™« sy

55 Das Präsens gibt der Drohung mit dem seit alters vorherbestimmten Gericht
über die falschen Propheten größeres Gewicht und entspricht dem Kontext
daher besser als das Futur, das die Mehrheitslesart aus der Prophezeiung in
den Versen lf. wieder aufgreift. Der vorangehende Satz im Präsens
verhinderte die Angleichung wohl deshalb nicht, weil er ebenfalls auf eine
futurische Aussage hinausläuft: das Gericht bereitet sich vor.
56 Trotz der Bezeugung durch 5p72 und 1739 ist es zweifelhaft, ob die
Mehrheitslesart oeipcûç ursprünglich ist, da sie als Angleichung an беардТ? in
Jud 6 erklärt werden kann und da aeipd das häufiger belegte, auch in der
Septuaginta vorkommende Wort ist. Zwar ist in Jud 6, an dem sich 2Petr 2,4
orientiert, von Höhlen der Finsternis nicht die Rede, aber es ist doch
wahrscheinlicher, daß der Autor selbst, nicht erst ein Schreiber das seltene
Wort crie lipo? eingeführt hat.
57 Vgl. V. 9.
58 Die Mehrheitslesart entstand möglicherweise unter dem Einfluß von Gen 19,29
(¿£cm¿cT£iXev tóv Лит ¿к цеоои тг)с катаатрофт)? iv тф катаатрёфси
iciipiov rdc TTÓXeis-). Auch aufgrund der Bezeugung durch ф72 03 04* 1241 1739
ist der kürzere Text vorzuziehen, obwohl eine versehentliche Auslassung von
катаатроф-rj vor icaTíicpii/ív nicht auszuschließen ist.
59 Verstärkung des Ausdrucks, wahrscheinlich bedingt durch Verschreibung von
ка(.
60 Eine große Zahl von Koinehandschriften liest elç alûvaç statt der eigent
lichen Mehrheitslesart «Iç alóSva.
104 Der Charakter des Byzantinischen Textes

2Petr XML UML UT Ältere Bezeugung zu TML und UML


3,2 r -- -- •
3,3r C6i — -- -IV- (04*). 025
i 3,3' b/e? -- -- -Vil- boms; AnastSin
33F -- -- *
3,7r d« -- -- -IV- 01. 04 sy
3,9 T a — — —
3,9' с — -- —
3,10 T а — -- -IV- 01. 02. 025; CyrAl
T48 3,10 T a/e -- -- -V-04 vg™* sy11
T49 3,10r c/d " "" -V- 02. 048. 33. 1739m8 syh bo;
CyrAl
T50 3,11' c/d " " -IV- 01. 02. 044. 048. 33 vg syPhJlm8
bo
3,11 r -- -- í
3,12F -- — *
T51 3,16 T a — -- -IV- 01. 025. 1739
3,16r с -- -- -V- 04. (025)
T52 3,18° a/d -III/IV- ф72 01. 02. 04. 025. 044. 33.
1739е vg sy со

ljoh
U° b/d° -- -- t sams bo
l,4r c/d64 — "* -IV/V- 02е. 04. 1739 t vg sy sams
bo
1,4F c(pm) * (pm) -V- 02. 04. 025. 33. 1739 t syh bo
l,5r -- — *
T53 1,7' a/e "~ -V-02. 33 t w z vg1"88 syh** bo;
CyrAl
! 2,4° -- X -V- 04. 025
2,6° -- -- t
T54 2,7r e — -- —
T55 2,7T a/d — -- —
T56 2,10' -- -- *

61 Der Singular verstärkt die Dringlichkeit der Warnung vor den Verführern in
den eigenen Reihen; während der Plural eher den Eindruck einer längeren Dau
er der Endzeit vermittelt, zeigt das Auftreten der ¿jiircÛKTai nach der Mehr
heitslesart, daß das Ende der Tage definitiv erreicht ist, der Tag des Gerichts
unmittelbar bevorsteht (vgl. den Kommentar zu Teststelle 93 [Jud 18], wo der
Byzantinische Text, anders als hier, die Zuspitzung des Ausdrucks vermeidet).
62 Parallelisierung mit V. 5 (тш toö 6eoû Xó-уц)).
63 Vgl. V. 2 ài\ayyéXko\iev b\û.v.
64 Angleichung an àrrayyi\h)\iev iip.Lv in den Versen 2 und 3. Das betonte ruieiç,
zumal im Zusammenhang mit i\\iüv am Ende des Verses, ist ungewöhnlich für
ein Präskript.
Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 105

ljoh TML UML UT Ältere Bezeugung zu TML und UML


T57 2,14r -- X it
2,18r а - - -VII- Ol2. 33
T58 2,19' d -III- 01. 02. 025.33. 1739 lat;
ClemAl CyrAl CyrHier DidAl
EpiphConst FlavCp MarcEr
T59 2,20' — -- t
T60 2,23n — X z vg^ bo018
2Д4Т а -- — —
2,24' -- -- *
2^7r(i) d65 " -- —
2,27" ch0 " — -V-02
2,27n d?67
T61 2,28r с — -- —
T62 2,28F -- X -IV- 01*. 33
2,29° b " -- -IV- 03. 044 it vg™3* syh sa"15 bo
3,1' -- - *68

T63 3,1° b -- -- — Vgmss


3,1 r X69 -IV- 01*. 04. 025 vg1"58
3,2 T а -- -- -V-syP sa"18 bo; Antioch ProcGaz
3,5T а -- -- -IV- 01. 04. 044 syP samss; AthAl
3,10' -- -- ♦70
3,1 lr -- -- *
3,13° -- -- t
3,13 T а — — -V- vg1115 sy
T64 3,14 T a/d — -- -V- 04. 044 vg^*
3,15F с "~ -IV- 01. 02. 04. 025. 044. 1739;
MacSym
3,16F d71 -- -- -V-MarcEr
i 3,17p -- x(pw) *(pm) —

65 Vgl. 2,24.
66 Die Mehrheitslesart schließt die (allerdings bloß grammatische) Möglich
keit aus, aÜToü auf tí? zu beziehen.
67 Vgl. 2,24^iveiTe.
68 Die Ursprünglichkeit des Perfekts ist durch die Bezeugung gesichert (01 03 04
1241), die der 1. Pers. des Personalpronomens zusätzlich durch den Kontext
(кХ^бшцеу).
69 Itazistisch bedingter Verstoß gegen die rhetorische Struktur des Abschnitts, in
dem sonst (auch im Mehrheitstext) die einschließende, an die Solidarität
zwischen Autor und Adressaten appellierende 1. Pers. PI. durchgehalten wird.
70 Die Variante ri\v &iKaicxrüvT\v gleicht an 2,29; 3,7 an.
71 Das Präsens hebt den Kontrast zwischen dem Vorbildcharakter der Selbst
hingabe Christi und der Verpflichtung zur Nachfolge in der Gegenwart
hervor.
106 Der Charakter des Byzantinischen Textes

ljoh TML UML UT Altere Bezeugung zu TML und UML


3,17Г2 -- -- *72
3,18T а — -- —
3,19' -- — t
i 3,19г d — -- lat
! ЗД9' -- X -IV- 01. 02e. 04. 025 t
3,21 F -- --
3,21 т
X
а *" " -IV- 01. 02. 044. 33. 1739 lat sy;
DidAl
3,22г с73 — -- —
3,23г — —
T65 t
! 3,23° -- X —
4,2Г ?74

T66 4? a/d/e " -- 1 vg"1*


T67 4,3 т a/d ■* -IV- 01. 044. (33) 1 vg™5 sy;MarcEr
TheodCyr LeontHier
4,10г d" ~~ -IV- 01. 02. 048*4 33; Antioch
OlympAl PhilCarp
T68 4,12' с —044 1 r w
4,19 т a/d76 -- -- —044
T69 4,20г c/d "" "" -IV- 02. 048. 33 latt syP bo;
Antioch AsterSoph CyrAl
5,1' — -- t
5ЛГ c/d77 — -- -IV- 01. 025. (048) vg1"»
T70 5,4Г -- x (pm)7S *(pm) -V-048vgmss
s¿' -- — t
T71 5fir -- — *

72 Da es sich um eine allgemein gültige Aussage handelt, ist eher Präsens als
Futur zu lesen.
73 Die Person, von der man etwas empfängt, wird bei Xaixßaveii' im NT nur im ljoh
mit diró + Gen. eingeführt (vgl. 2,27, wo nach v. Soden nur 88, 917 und 1852 тара
lesen), sonst immer mit -пара + Gen. (vgl. Mk 12,2; Joh 5,34.41.44; 10,18; Apg
2,33; 3,5; 17,9; 20,24; Jak 1,7; 2Petr 1,17; 2Joh 4; Offb 2,28; Xanßdveiv iirö heißt
sonst (weg)nehmen von (vgl. Mk 12,2; 3Joh 7; Offb 6,4 v.l.).
74 Durch Lautgleichheit von e und cu entstandene Formvariante im byzantini
schen Text, die dem Kontext gleich gut genügt wie yivakrKeTe oder das übliche
yivúoKo\Lev .
75 Vgl. V. 10c lfydiTTioei'.
76 Vgl. V. 19b.
77 Angleichung an 5,3. Während Tnpeîv ras ivro\ás im ljoh geradezu eine
feste Wendung ist (vgl. 2,3f.; 3,22.24; 5,3), erscheint ttoieCv in dieser
Verbindung nur hier.
78 nazistische Entstellung der ursprünglichen Lesart, nicht unter die untypischen
Mehrheitslesarten aufgenommen, weil zwar über 200 Handschriften den
Fehler haben, aber eine deutliche Mehrheit den ursprünglichen Text liest.
Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 107

ljoh TML UML UT Ältere Bezeugung zu TML und UML


T72 5Л-' -- -- *
5,9r с -- — — 025
5,10r - -- +79

5,11' с80 — — -IV- 01. 02. 025 lat


T73f. 5,13 T' -- X — 025
5,15" c/e?81
! 5,18r — X X
5,20' - -- »82
5,20F - -- •83
5,20' a(pm) *(pm) —025
T75 5Д1Т a/e — — — 025
2Joh
3' d (pm)84 *(pm) lbo1™8
T76 3r a/e -- -- -V-01<2>.025.33 vg™* sy bo"»
177 5' -- -- Ф
tí d -- -- — 025
7r d — -- -VII- 025 bo
T78 8rFri d — -- — 025
T79 9r с -- -- -V- 025. 044. 33. 1739 sy
T80 9T а -- -- 025 vg^bo
11' b?(pm) *(pm)
T81 12' c/d -- -- -IV- 025 1 (vg™») syPh sa (bo"«)

79 Auch das einfache Personalpronomen ist hier reflexiv zu verstehen, was im


NT, besonders nach Präpositionen, öfters vorkommt (vgl. BDR 283,2). Der
Glaubende hat das Zeugnis Gottes in sich, da er Gott in sich hat (vgl. z. B. 4,15;
zur Zugehörigkeit der Immanenz des Zeugnisses zum Vorstellungskreis der
Immanenz von Wort, Wahrheit und Liebe vgl. KLAUCK 314f). Die auch von 03
und 02 bezeugte Mehrheitslesart ist mißverständlich, weil man iv айтф
grammatisch auch auf irepl той uloö abrov (V. 9) beziehen könnte. Daher
liegt es nahe, in der ixf-Lesart eine Verdeutlichung zu sehen.
80 In der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Fälle (auch in ljoh) folgt der
Dativ der Person unmittelbar auf die Form von SiSovai; wahrscheinlich ist die
Mehrheitslesart eine Normalisierung, die auch von 03 und 1739 bezeugte
Lesart ïèuKev b Qebs fyiXv ursprünglich.
81 Analogie des Ausdrucks zu la[Lßaveiv irapd? - Wenn die Person, von der man
etwas erbittet, mit einer Präposition eingeführt wird, steht im NT eher -пара
(so Joh 4,9; Apg 3,2; Jak 1,5) als атто (Mt 2,20 [SR: ттара]).
82 Sowohl durch Ersatz von 8¿ durch vorangestelltes каС als auch durch
Auslassung von Sé wird V. 20 glatter an V. 19 angeschlossen.
83 Ind. Fut. in tva-Sätzen ist im NT keine Seltenheit, aber Ind. Präs. nach Iva
kommt nur in Varianten vor und ist normalerweise wie hier als Schreibfehler
zu beurteilen (vgl. BDR 369).
84 Eine wahrscheinlich nazistisch bedingte Lesart (vgl. die 1. Pers. des Personal
pronomens in V. 2), die aber im Präskript unauffällig ist und sich wohl deshalb
durchgesetzen konnte.
108 Der Charakter des Byzantinischen Textes

2)oh TML UML UT Ältere Bezeugung zu TML und UML


T82 13T a/e -- -- Vgmss

3Joh
4° d85 -- -- -IV- Ol. 042. 025. 044. 1739 bo
T83 5r -- X -- — 025
T84 7r a/e — -- -IV/V-025 vg
T85 8r -- X -VI- 042. 025
9' b?86
12r -- -- *
T86 12F d " -- -VI- 025 vg™ sy*1
13"1 c87 " -- — 025
T87 14' с " -- -IV- 01. 025. 044

Jud
T88 1T -- -- •
lr e?88
T89 3' -- X — 025
4r — — »89
4r' e90 — -- -IV- 01. 04. 025. 044. 0251. 33. 1739;
DidAl CyrAl
T90 4T а — -- -V- 025. 044 (vg™3) sy
T91 5°' a/d -- -- —
r с -- -- Vgmss
12° b/d91 — -- -IV- 01*. 04

85 Vgl. V. 3c.
86 Das unbestimmte ti erscheint wenig passend, da der Inhalt des Schreibens aus
dem Kontext deutlich genug hervorgeht. Umso leichter kann aber auch
Haplographie der beiden gleich klingenden kurzen Wörter unterlaufen sein.
87 Die Tempora wurden wahrscheinlich deshalb vertauscht, weil der lineare
Aspekt besser zu iroXXd paßt, während der punktuelle Aorist besser dem
Entschluß entspricht, in der gegebenen Situation nicht zu schreiben.
88 Vgl. IKor 1,2.
89 Wegen der breiten Bezeugung für den Wurzelaorist ist der nur von 03 und 04
bezeugte Aor. Pass, als Normalisierung nach dem hellenistischen
Sprachgebrauch zu beurteilen; zur Tendenz des nachklassischen Griechisch,
den Wurzelaorist durch Aor. Pass, zu ersetzen, vgl. BDR 76, Mayser 1/2, 160f.
90 Anders als für den Ersatz des Wurzelaorists durch den Aor. Pass. (vgl. die Anm.
zu 4r) sind für die Rückkehr zur Bildung des Akkusativs von x^pic nach der
konsonantischen Deklination im NT nur vereinzelte Belege zu finden (außer
Jud 4 nur Apg 24,27 [v.l. x<ipiv]; 25,9 v.l.; vgl. BDR 47,4, BAUER/ALAND s.v.
X<ipis*). Daher ist die Mehrheitslesart xúpív als Normalisierung nach dem
Sprachgebrauch des NT zu beurteilen.
91 Die Auslassung des Artikels liegt aus drei Gründen nahe, die zugleich die
Annahme seiner sekundären Einfügung unwahrscheinlich machen: aus dem
Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 109

]Kid TML UML UT Ältere Bezeugung zu TML und UML


14r -- -- »92

14' -- — »93

T92 15' a/c — —


15' -- — »94
16r d(pm)95 *(pm) -IV- 01. 02. 03. 33
18° -- -- t
T93 18' c/e — "- -IV/V-(025) vg
20' d?96
21 r -- — »97

T94 22f.r' b/c/d -- -- — 025


T95 24r -- X —
T% 25T a/e — -- — 025
T97f. 25' b/e — -- — 025

Prädikatsnomen mit Artikel (der an sich nicht unpassend auf die Widersacher
verweist, gegen die der ganze Brief gerichtet ist) wird eine umschriebene
Präsensform, die den letzten otrroi-Satz mit den beiden vorangehenden (V. 8 u.
10) parallelisiert; die Appositionen schließen sich glatter an; die Irritation
durch das Femininum атХобес, das in der ixf-Lesart dem maskulinen Artikel
als erster Nominativ folgt, wird vermieden.
92 Das Dekompositum профтугеиеч' wird wegen der Geläufigkeit des Grundwortes
тгрофт|ТТ|с im NT nur hier wie ein Kompositum augmentiert; die Lesart
eirpo<f>rJTeixjei' ist eine Normalisierung.
93 Insofern als die äyiai \ivpiaSec nicht ausdrücklich als Engel identifiziert
werden, stimmt die Mehrheitslesart mit allen bekannten direkt überlieferten
Versionen von Hen 1,9 überein (vgl. die Zusammenstellung im Kommentar zu
Teststelle 92 und bei PAULSEN 75f.). Die Einfügung von áyyi>Jb>v verdeutlicht
unter dem Einfluß von Stellen wie Mt 16,27; 25,31.
94 Die Mehrheitslesart folgt dem griechischen Text von Hen 1,9. In einigen
Handschriften, die in 15a irdirac toùç daeßeic statt uficrav tyvxAv lesen,
wird doe ßc Lac zur Milderung der durch den folgenden Relativsatz ohnehin
spürbaren Redundanz ausgelassen, in anderen zusätzlich ain&v (infolge des
Homoioteleutons?). Eine weitere Lesart vermeidet, daß das Abstraktum
daeßt ia als Agens erscheint, indem an seine Stelle das entsprechende Adjektiv
gesetzt wird.
95 Gespaltene Koinebezeugung: ainuv wahrscheinlich Angleichung an V. 15
dafßfias- aixruv.
96 Adverbiale Bestimmung vorangestellt: Parallelisierung mit dem folgenden
Partizipialausdruck?
97 Der Kontext (Schlußparänese) fordert die 2. Pers. PI. (vgl. {j^eís Ы V. 20 und
die Fortsetzung mit der 2. Pers. PI. in 22f.). Die Form der 1. Pers. PI. entstand
wahrscheinlich versehentlich wegen гцшу nach Kuplou.
по Der Charakter des Byzantinischen Textes

Liste der verwendeten Belegstellen von Kirchenväterzitaten


AnastA: Anastasius Antiochenus Ast: Asterius Sophista (Ignotus?),
VI IV
IPetr 4,1' Op 1,4,16 (67Д Sakkos); ljoh 4,20r CPs XXV,5 (189,14.
Op 2,8 (83,3. Sakkos) Richard)
IPetr 5,14T Op 4,3 (121,20. Sakkos)
Ath: Athanasius, IV
AnastSin: Anastasius Sinaita, VII IPetr 4,1' Ar, PG 26, 389 А 4; 396 А
Jak 1,12 T Quaest, PG 89, 416 D 1 13
Jak 5,16' Quaest, PG 89, 373 В 1 lJoh3,5T Ar, PG 26, 397 А 2

AndrCr: Andreas Cretensis Clem: Clemens Alexandrinus, Ш


Jak 5,20' LaudPat II, PG 97, 1245 IPetr l,8r Strom IV, 129,3-4 (305,9.
A3 Stählin)
Antioch: Antiochus Monachus,VÜ IPetr 1,16° Strom 111,110,1-2 (247,6.
Stählin)
Jak 1,19' Pand ХХП, PG 89, 1501 В IPetr 2,5° Fr.36 (219,4. Stählin)
14; Pand XXIII, PG 89, IPetr 2,12F Paed 111,53,3 (267,1.
1505 В 14. Stählin)
Jak 1,26 T Pand ХХП, PG 89, 1501 С
IPetr 2,16' Strom 111,75,1-2 (229,25.
1; Pand. XXX, PG 89, Stählin)
1533D3
Jak 2,2 T Pand ХСШ, PG 89, 1717 ljoh 2,19* Strom 111,45,2 (217,3.
Stählin)
В 11
Jak 2,3' Pand ХСШ, PG 89, 1717 CyrAl: Cyrillus Alexandrinus, V
Jakl,26T CJoh 111,4 (434,16.
В 14
Jak 4,1 Г Pand XXIX, PG 89, 1532 Pusey)
Jak 2,2 T CJoh IV,1 (504,23.
C9
Jak 5,5 T Pand IV, PG 89, 1445 А 7 Pusey)
Jak 2,15 T EpPas 11, PG 77, 645 A
Jak 5,12' Pand LXIII, PG 89, 1621
D2 11
Jak 3,12 T CIs, PG 70, 180 D 5
1 Petr 2,2™ Pand СХП, PG 89, 1781 С
10 Jak 4,13г T Ador. PG 68, 925 D 7
IPetr 2,13T Pand XXXIX, PG 89, Jak 5,5 T FrJac 5,1-3, (33,19.
1556 С 14 Cramer); CIs 111,3, PG
IPetr 3,16r Pand CXVI, PG 89, 1796 70, 744 A 13.
В 13 IPetr 2,3r Glaph., PG 69, 616 A 7
IPetr 4,8T Pand XCVI, PG 89, 1728 IPetr 3,20F FrPl (412,7. Pusey)
A4 IPetr 3,21" Glaph.,PG 69, 65 В 13
lJoh3,2T Pand CXXIX, PG 89, IPetr 4,1' FrLc 12.4, PG 72, 725 А
1837 D 5 10; Ac, ACÓ 1,1,5
ljoh4,10r Pand CXXVIII, PG 89, (66,1.102,6. Schwartz);
1836A7 Ador PG 68, 1072 С 8;
ljoh 4,20r Pand LVII, PG 89, 1605 Apol ACÓ 1,1,3 (79,22.
D9 Schwartz); Ер 46 ACÓ
1,1,6 (161,23. Schwartz);
Apoll: Apollinaris Laodicensis, IV LibNest ACÓ 1,1,6
IPetr 4,1' Iov (251,16. Lietzmann) (71,15; 98,21. Schwartz);
Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 111

Ep 39 ACO 1,1,4 (19,9. ljoh 3,21 T EpCath (78,2 Zoepfl)


Schwartz) (fraglich, ob wirklich
2Petr 2,22p FrLc 11,24, PG 72, 705 D Text des Did!)
11; Un Chr (304. Du Jud4r| EpCath (88,27; 90,13.26.
rand); Ador, PG 68, 989 Zoepfl); Trin I (27,64.
A 13; CIs, PG 70, 873 A 9; Hönscheid)
GlaphPG69,525C2
2Petr3,10T FrLc 12,38, PG 72, 748 В 8 Epiph: Epiphanius, IV
2Petr 3,10r FrLc 12,38, FG 72, 748 В lPetr4,l' Pan 77,32,5 (444, 29.
8; CIs PG 70, 741 А 15 Holl); Anc 44,3; 93,6
ljoh 2,19х Anc 116,7 (144,16. Holl)
ljoh 1,7' FrPl (369,4. Pusey)
ljoh 2,19х CPrMin (618,26. Pusey); Eus: Eusebius Caesariensis, IV
Glaph PG 69, 72 А 12; Jak 5,16° Eccl.theol 111,2 (141,19.
Ador PG 68, 897 AI Klostermann)
ljoh4,20r Ador, PG 68, 480 В 15
ljoh 5,6' LibNest. ACO 1,1,6 (106, FlavCP: Flavianus Constantinopoli-
17 Schwartz); Ac ACO tanus, V
1,1,5 (97ДЗ. Schwartz) ljoh 2,19J EpI Leo, ACO 11,1,1
Jud4rl FrHom (452,12. Pusey); (36,21. Schwartz)
Ac, ACO 1,1,5 (85,32. GregAgr: Gregorius Agrigentinus,
Schwartz) vn
CyrHier Cyrillus Hierosolymitanus, Jak 1,19' Eccl V,5, PG 98, 944 С 7
IV Jak 4,13r T Eccl IV,4 , PG 98, 904 D 3
ljoh 2,19х Cat VL14 (174.20. Jak4,14r2 EcclIV,4,PG98,904D8
Reischl) JohCarp: Johannes Carpathius, VII
Did: Didymus Alexandrinus, IV Jak 1,19' Cap, Philokalia I
Jak 5,16° CPs 11,22 (133,14. Grune (295,3)
wald); CPs V,56 (300,13. JohDam: Iohannes Damascenus,
Gronewald) vin
Jak 5,19° TrinIÜ,l,PG39,776C5
1Регг4Д' CPs (24,21. Doutreleau); Jak 1,19' Par, PG 96, 1341 С 3
Eun IV-V, PG 29, 704 С Iole: Iohannes Ieiunator, VI
10 Jak 5,16° Paen, PG 88, 1920 С 12
lPetr5,lr CZach 6,12-15 (111,2.
Jak 5,16' Paen, PG 88, 1920 С 12
Doutreleau); 8,4-5 (153,
12. Doutreleau); 11,4-5 LeontHier: Leontius Hierosolymita
(292,4. Doutreleau); 11, nus,^
15-16 (316,17 Doutre lPetr4,l' Nest PG 86, 1764 В 10;
leau) Mon PG 86, 1821 А 11
2Petr 2,22F CEccl 9,11 (285,3. Gro lJoh4,3T Nest PG 86, 1729 С 12
newald); CZach IV
LeontPr: Leontius Presbyter, Vu
(277,11. Doutreleau)
lPetr5,ll'T HRes II (6,19. Aubi-
ljoh 2,19' CEccl 3,7 (78,26. Grone
wald); CZach I (7,11. neau)
Doutreleau) MacSym: Symeon/Macarius, IV
ljoh 3,15F EpM ЗД104. Staats
Marceil: Marcellus Ancyranus, IV
112 Der Charakter des Byzantinischen Textes

1Регг4Д' HFid 100,5.15. (69. ProcGaz: Procopius Gazaeus, VI


Nordberg) lJoh3,2T CatOct PG 87,136 A 8
MarcEr: Marcus Eremita, V Socr: spates Scholasticus, V
ljoh 2,19' Op. XI (13,27. Kunze) 1Petr 2/i3T Hist П,21, PG 67, 241 С
ljoh 3,16F Gp \Ш PG 65, 1101 А 7 n
ljoh 4^ Op. XI (26,27. Kunze) TheodCyr: Theodoretus Episc.
Olymp: Olympiodor Alexandrinus, Cyri, V
" lPetr4,lr Eran III (216,14. Ett-
ljoh4,10r CBar,PG93,768C6 linger)
PhilCarp: Philo Carpasianus, IV Ч<* *¿T Eran I (91,8. Ettlinger)
ljoh4,10r Ct, PG 40, 49 A 10

AnastAnt, Op; Anastasius I Antiochenus, Opera: S.N. Sakkos, Anastasii I


Antiocheni opera omnia genuina quae supersunt, Thessalonike 1976.
AnastSin, Quaesl; Anastasius Sinaita, Quaestiones et responsiones, PG 89,312-824
AndrCr, LaudPat; Andreas Cretensis, Laudatio s. Patapü: PG 97,1233-1253.
Antioch, Pand; Antiochus monachus, Pandecta scripturae sacrae: PG 89,1428-1849.
Apoll, Iov; Apollinaris Laodicensis, Ad Iovianum: H. Lietzmann, Apollinaris
von Laodiceas und seine Schule, TU 1, Tübingen 1904, 250-253.
AstS, CPs; Asterius Sophista, Commentarii in Psalmos: M. Richard, Asterii
Sophistae commentarium in Psalmos quae supersunt. Accedunt aliquot
homiliae anonymae, (SO 16), Oslo 1956.
Ath, Ar; Athanasius Alexandrinus, Orationes contra Arianos III: PG 26, 12-468
ClemAl, Paed; Clemens Alexandrinus, Paedagogus: O. Stählin, Clemens Alexan
drinus. Erster Band: Protrepticus und Paedagogus (GCS 12), Leipzig 19362,
dritte, durchgesehene Auflage von U. Treu, Berlin 1972.
Strom; Clemens Alexandrinus, Stromata,: O. Stählin/L. Früchtel, Cle
mens Alexandrinus. Zweiter Band. Stromata Buch I-VI (GCS 52), Berlin
1960; O. Stählin/L. Früchtel/U. Treu, Clemens Alexandrinus. Dritter
Band. Stromata Buch VII und VIII. Excerpta ex Theodoto. Eclogae pro-
pheticae, Quis dives salvetur, Fragmente (GCS 172), Berlin 1970.
Fr; Fragmenta, o.e.
Cyr, Ador; Cyrillus Alexandrinus, De adoratione et eultu in spiritu et veritate:
PG 68, 133-1125
Glaph; Glaphyra in Pentateuchum: PG 69, 9-678
CIs; Commentaria in Isaiam prophetam: PG 70, 9-1449
CPrMin; Commentarius in XII prophetas minores: P.E. Pusey, S.P.N.
Cyrilli archeptscopi Alexandrini in XII prophetas, I-II, Oxford 1868
(reprint Brüssel 1965)
FrLc; Commentarii in Lucam (Scholia in catenis): PG 72, 476-950.
Cloh; Commentarii in Iohannem: P.E. Pusey, Sancti patris nostri Cyrilli
archiepiscopi Alexandrini in D. Joannis evangelium I-III, Oxford 1872
(reprint Brüssel 1965)
FrPl; Fragmenta in s. Pauli epistulas: P.E. Pusey, S.P.N. Cyrilli
archiepiscopi Alexandrini in D. Joannis evangelium III, Oxford 1872
(reprint Brüssel 1965), 173-423.
Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 113

ActCath; Fragmenta in Acta apostolorum et in episrulas catholicas: P.E.


Pusey, o.e., 441-451.
LibNest; Libri V contra Nestorium: E. Schwartz, ACO 1,1,6, 13-106.
Ac; Oratio ad Arcadiam et Marinam augustas de fide: ACO 1,1,5, 62-118.
Apoi, Apologeticus ad Theodosium imperatorem: ACO 1,1,3, 75-90.
UnChr; Quod unus sit Christus G.M. Durand, Deux dialogues christo-
logiques (SC 97), Paris 1964, 302-514.
EpPas; Epistulae paschales: PG 77, 401-981
Ep 39; (Epistula 39) Ad Iohannem Antiochenum: ACO 1,1,4, 15-20
Ep 46; (Epistula 46) Ad Successum episc. Diocaesareae, ACO 1,1,6, 157-
162.
CyrH, Cat; Cyrillus Hierosolymitanus, Catéchèses: W. Reischl/J. Rupp, Cyrilli
Hierosolymorum archiepiscopi opera, München 1848-1860 (Hildesheim
19672).
Did, CZach; Didymus Alexandrinus, Commentarii in Zachariam, L.
Doutreleau, Didyme l'Aveugle. Sur Zacharie, (SC 83-85), Paris 1962.
CPs; Commentarii in psalmos: L. Doutreleau/A. Gesché/M. Gronewald,
Didymus der Blinde. Psalmkommentar (PTA 4.6.7.8.12) Bonn 1968.1970
CEccl; Commentarii in Ecclesiasten: M. Gronewald, Didymus der Blinde.
Kommentar zum Ecclesiastes (PTA 22.24), Bonn 1977.1979.
EpCath; In episrulas canónicas brevis enarratio: F. Zoepfl, Didymi
Alexandrini in epistulas canónicas brevis ennarratio (Neutestamentliche
Abhandlungen 4,1) Münster 1914.
? Eun; Adversus Eunomium libri IV-V: PG 29 671-773
? Tritt; De trinitate: PG 39, 269-992
Epiph, Anc; Epiphanius Constantiensis, Ancoratus: K. Holl, Epiphanius, I:
Ancoratus und Panarion (har. 1-33) (GCS 25), Leipzig 1915.
Pan; Panarion (Adversus haereses): K. Holl, Epiphanius, I: Ancoratus und
Panarion (har. 1-33) (GCS 25), Leipzig 1915; II: Panarion (haer. 34-64)
(GCS 31), 1922; III: Panarion (haer. 65-68) (GCS 37), 1933.
Eus, Eccl.theol; Eusebius Caesariensis, De ecclesiastica theologia: E. Klo-
stermann/G.C Hansen, Eusebius Werke IV (GCS). Gegen Marceil. Über
die kirchliche Theologie. Die Fragmente Marcells, Berlin 1971
FlavCP, EpILeo; Flavianus Constantinopolitanus,Epistula ad Leonem papam:
ACO 11,1,1, 145-147.
GregAgr,£cd; Gregorius Agrigentinus, In Ecclesiasten libri X: PG 98, 741-1181
IohCarp, Cap; Iohannes Carpathius, Capita hortatoria ad monachos in India:
Philokalia I (Venetiis 1782, 241-261 /Athenis 1957, 276-296)
IohDam, Par; Iohannes Damascenus, Sacra parallele: PG 95,1040-1588
Iohle, Paen; Iohannes Ieiunator, Sermo de paenitentia et continentia et virgi-
nitate: PG 88,1937-1977
LeontHier, Mon; Leontius Hierosolymitanus, Contra Monophysitas: PG 86, 1769-
1901
Nest; Contra Nestorianos: PG 86, 1400-1768
LeontPr, HRes; Leontius Presbyter Constantinopolitanus, Homilía in resurrectio-
nem domini: M. Aubineau, Homélies pascales (SC 187), Paris 1972, 341-
344
Mac/Sym, EpM; Pseudo-Macarius-Symeon, Epistula magna: R. Staats, Makarios-
Symeon. Epístola Magna. Eine messalianische Mönchsregel und ihre
114 Der Charakter des Byzantinischen Textes

Umschrift in Gregors von Nyssa "De institutione christiano" (AAWG.PH


134) 1984.
Marcell, HFid; Marcellus Ancyranus, Sermo major de fide: H. Nordberg,
Athanasiana I, Helsinki 1962, S. 57-71.
MarcEr, OpVII; Marcus Eremita, Opuse. VII. Disputado cum quodam causídico: PG
65, 1072-1101
OpXI; Opuse. XI: Adversus Nestorianos: J. Kunze, Markus Eremita. Ein
neuer Zeuge für das altkirchliche Taufbekennntnis, Leipzig 1895, S. 6-30.
Olymp, CBar; Olympiodorus Alexandrinus, Commentarii in Baruch: PG 93, 761-
773
PhilCarp, Ct; Philo Carpasianus, Ennaratio in Canticum canticorum: PG 40, 28-153.
ProcGaz, CatOct; Procopius Gazaeus, Catena in Octateuchum: PG 871, 21-1220
Socr, Hist; Socrates Scholasticus, Historia ecclesiastica: PG 67, 33-841.
TheodCyr, Eran; Theodoretus Episc. Cyri, Eranistes: G.H. Ettlinger, Theodoret of
Cyrus. Eranistes, Oxford 1975

3.2.2 Kommentar zu signifikanten Mehrheitslesarten zwischen


den Teststellen
Hier werden die im Apparat des NA27 verzeichneten Varianten
der Stellen, an denen es signifikante Mehrheitslesarten gibt, zitiert
und kommentiert98. Um die Untersuchung ihrer Bezeugung (Kap.
5) vorzubereiten, erhalten die Lesarten Nummern wie in "Text
und Textwert".
Es wäre überflüssig, hier die im Apparat des NA27 verzeichnete
Bezeugung zu wiederholen. Bei Aussagen über die Bezeugung
werden die dort mit Buchstaben bezeichneten Majuskeln wie im
textkritischen Kommentar mit der Gregory-Nummer benannt".
Einmal werden Varianten und Zeugen genannt, die im Nestle/
Aland nicht verzeichnet sind Qak 2,13 IXeoç ... êXeoç] «fXeoç ... èXeov).
Die Angaben zu dieser Stelle beruhen auf Kollationen, die im
Institut für neutestamentliche Textforschung in Münster durchge
führt wurden.

Jak 2,13 2 eteos ... eXeoç


1 eXeoç ... бХеоу
3 e\eov ... eXcoç 629 876
4 e\eov ... еХеок 018 216 424* (c eXeo? ... eXeov) 440 Joh. Dam. (ep.
Theoph., PG 95,380A)100

98 Bei Zitaten aus häufig benutzter Literatur werden wie im textkritischen


Kommentar zu den Teststellen nur die Autorennamen bzw. im Literatur
verzeichnis aufgelöste Abkürzungen genannt.
99 Vgl. die Sigelkonkordanz in der Handschriftenliste des Nestle/Aland
(Appendix I).
100 V. SODEN zitiert 440 und 216 (fi2 S260f) versehentlich für £Xeoi> ... ÍXco?.
Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 115

In der Septuaginta und der frühen christlichen Literatur ein


schließlich des NT wird das klassisch maskuline Wort IXeoç regel
mäßig als Neutrum gebraucht101; ëXeov müßte also acc. m. sein.
Die Form ëXeov ist wohl kaum deshalb zustandegekommen, weil
am Sinn der Aussage "herumgerätselt" wurde102, denn der Akku-
stiv erleichtert das Verständnis des (dann subjektlosen) Satzes
keineswegs.
In der schwach bezeugten Lesart 3 steht anstelle von ÉXeoç1 das
Maskulinum; auch ¿Xeoç2 ist hier also als Maskulinum zu ver
stehen. In Lesart 4 wird IXeov vielleicht als Neutrum verstanden; es
kann sich aber auch um eine versehentliche Angleichung der
beiden Formen handeln103.
Der Oecumenius-Kommentar interpretiert die nach dem byzan
tinischen Text zitierte Stelle, als wäre ëXeov Nominativ oder als
stände ëXeoç da: Wie das Öl dem Athleten helfe, dem Zugriff des
Gegners zu entgehen, so werde uns das Erbarmen mit dem
Nächsten helfen, im Gericht den Anklagen unserer Dämonen zu
entkommen104. Im ganzen Abschnitt verwendet der Kommentator
ëXeoç ausdrücklich als Maskulinum, ohne auf die Formen im
zitierten Text einzugehen, und überspielt so den offenkundigen
Fehler im Byzantinischen Text. Der Kommentar geht also still
schweigend von der wahrscheinlich zutreffenden Voraussetzung
aus, daß mit ëXeov ein sekundärer Metaplasmus vorliegt, nämlich
die Angleichung der Nominativform der dritten Deklination an
die eines Neutrums der zweiten105.

101 Vgl. BAUER/ALAND s. v.; BDR 51,2; für Jak vgl. (außer ¿Xeo?1 in 2,13) noch
3,17 ueo-ri) iXêovç.
102 So DIBEUUS 184.
103 V. SODEN zitiert 440 und 216 (/b2S260f) versehentlich für еХеок ... ëteoç.
104 PG 119,476D-477A: «Кспчжаихатш. Se IXeov кр1аеш?» ... Toiotrro 8è т1 jioi
бока obros 6 l\eoç бкптраттеабш., оттер етг1 тьи> ¿ОХ^вщу тоОто 8т) то
атго tûv SevSptop етгаХесфоцеро^ eXaiov. AioXiaOalfciv yàp ainobç StSuxri
та? tûv diTiTráXíüi' Xaßd?. О&тш teal tv tt¡ тгаукоаиХц) Kptaei, та? тгара
tûi/ катг\у6(мл> -f\[iûv Sai\ióviav стфорас SLa8i8páoxeii> тгареЛетш. 6 elç
toùç irXTialoi' fniûv eXeoç. - Das Bild verdankt sich offenbar dem Wortspiel
íXeov/ íXaiov.
105 Zwar gibt es mehrere Substantive, die als Maskulina nach der zweiten, als
Neutra nach der dritten Deklination flektiert werden, wie ó öx°s und ó
акото?, aber Parallelbildungen in der Deklination der Neutra auf -oç nach
den Neutra auf -ov sind sonst nicht bekannt; vgl. MAYSER I,2,36f. u. 45-50;
K./G. 1,1,514-517; SCHWYZER 1,582-584; GIGNAC 11,95-103.
116 Der Charakter des Byzantinischen Textes

Jak 3,3' 2 el 8e pm
1 I8e pm
Lesart 1 (keine echte Mehrheitslesart, da sie nur von etwa der
Hälfte der Koinehandschriften bezeugt wird) ist itazistisch. Jak ge
braucht im Sinne von siehe! (wie die übrigen Autoren der Katholi
schen Briefe) ausschließlich das gewöhnliche L8o0 (vgl. 3,4.5; 5,4.7.
9.11). Daß er (oder der Urheber der Lesart 1 in editorischer Absicht)
in drei aufeinanderfolgenden, mit siehe! eingeleiteten Beispielen
nur beim ersten Mal das im NT relativ seltene ïSe und dann l8oö
gebraucht haben sollte, ist sehr unwahrscheinlich.

Jak 4,2' 1/2 owe ехете


3 Kai оме ехете
4 owe ехете бе
Die Variante betrifft die dritte von vier Antithesen in den Versen
2-3. Nach der Mehrheitslesart wird nur in der dritten Antithese das
zweite Glied nicht mit кей où(k) eingeleitet. Unter rhetorischem
Gesichtspunkt ist es sehr unwahrscheinlich, daß der Autor die
syntaktische Parallelität hier durchbrochen haben sollte. Nach den
Regeln der Textkritik ist aber doch Lesart 1/2 als ursprünglich zu
betrachten, da sie auch von 02 und 03 bezeugt wird und die Lesar
ten 3 und 4 ohne weiteres aus ihr zu erklären sind.
Da die Stelle geradezu nach der Einfügung von Kai ruft, zeigt sie so
anschaulich wie kaum eine zweite, wie wenig systematisch die
editorischen Eingriffe vorgenommen wurden, die der Koine ihren
vorherrschenden Charakterzug gaben, und wie gewissenhaft ande
rerseits die Schreiber ihre Pflicht taten.
Jak4,12G 2 Kai критр
1 ОМ.
Auslassung wegen Homoioteleutons oder pedantische Korrektur
(Weltenrichter ist Christus, vgl. z. B. Joh 5,22).
Jak 4,12' r 2 Tis ei о Kpifw tov тгХтутюу
1 о? KpiKi? Tov етерок
IB oç Kpiveiç toi/ етероу on оик ev айЭрштш аХХ ev 9еш та
оюРтщата ai^ptüiTüiv кате uowe Tai
Die Mehrheitslesart ist aufgrund der ausschließlich späten Bezeu
gung sicher als sekundär zu beurteilen, aber aus der Formulierung
in Lesart 2 ist kein Anlaß für die Umwandlung des Partizipial
Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 117

ausdrucke in einen Relativsatz zu erkennen106; auch ist irXriatov das


im NT geläufige Wort für den Nächsten, insbesondere wenn es
wie hier die Konnation Mitbruder hat. In dieser Bedeutung wird
'érepoç im NT nur einmal gebraucht (Rom 13,8: 6 -yap àyanûtv tôv
ётероу vó\íov ттеттХгфшкеу). Aber an einer weiteren Stelle im Rom
steht eine finite Form von Kptveiv neben tôv i-Tepov, wo es nicht
die Bedeutung Mitbruder hat: Rom 2,1 èv щ yàp Kplveiç tôv
^Tepov, aeauTÖv KaTmcpiveiç. Diese Stelle scheint, wohl auf dem We
ge der Assoziation, die Umformulierung von Jak 4,12 im byzanti
nischen Text veranlaßt zu haben. Zu diesem Schluß berechtigt die
Tatsache, daß die sekundäre Formulierung das im Kontext nächst
liegende Wort TrXnaiov durch ein weniger geläufiges ersetzt und
daß dieses weniger passende Wort zugleich mit der finiten Form
von KpLveiv verbunden wird, obwohl der Kontext im Jak keinen
Anlaß zur Vermeidung des Partizipialausdrucks erkennen läßt.
In Lesart IB ist die Kapitelüberschrift zu 4,13-19 in den Text
geraten107.
Jak 4,13r T 2 отщерот ц aupioi/ ... ещаитоу
1 Kai ... eviauTov eva
Die unbestimmte Zeitangabe oTpepov rj aupiov drückt treffend die
trügerische Gewißheit der Sprechenden aus, alle Zeit der Welt zu
haben. Vielleicht durch eine Verwechslung von r| mit einem
Kürzel für ко!, vielleicht unter dem Einfluß von <rf\\iepov Kai aüpiov
in Lk 13,32f. wurde daraus eine recht genaue Bestimmung der
Reisedauer. Sieht man diese Variante im Zusammenhang mit der
im wesentlichen gleich bezeugten Einfügung von Zva nach ¿viau-
tóv, wird, durchaus dem Kontext entsprechend, ein anderer Aspekt
der Lebenshaltung der Sorglosen hervorgehoben, nämlich die Illu
sion, die eigene Zukunft exakt planen zu können.108

Jak 4,14' 2 атцх? yqp естте т\ npoç oXi-yof (fxuvonevri


1 ar\iiç yap £(rrai т)
IB crniiç сотой т\
1С cn\iiç еатаа ц
2В атщс уар еате
3 атщс уар ecrni' т|
ЗВ атцхс бати/ т\

106 Zu ab ils et + Part, mit Artikel vgl. Rom 9,20; 14,4.


107 Vgl. V. SODEN 1,1,458.
108 Vgl. GREEVEN bei DIBELIUS 276f., Anm. 2 und 1.
118 Der Charakter des Byzantinischen Textes

Der Rauch, der für kurze Zeit sichtbar ist, ist ein Bild für das Leben,
das die Angeredeten jetzt führen; daher ist es sicher, daß die Futur
form durch eine Verwechslung von -e und -ai entstand. Die 3. Pers.
Präs. ist als Korrektur dieses offenkundigen Fehlers oder als pedan
tische Angleichung der Verbform an das Subjekt des übergeord
neten Satzes zu interpretieren.
Das mit Artikel nachgestellte Partizip bei einem artikellosen
Nomen steht hier anstelle eines Relativsatzes109. Da das attributive
Partizip ohnehin die Funktion eines Relativsatzes haben kann, ist
der Artikel überflüssig, wenn er auch beim zugehörigen Substantiv
fehlt. Daher ist es wenig wahrscheinlich, daß f) sekundär eingefügt
wurde.

Jak 5,10°' 2 fv тш ovo^cm кирши


1 ОМ. ev
Die Mehrheitslesart ist zwar mit der eindeutig besser bezeugten
präpositionalen Wendung synonym, aber der Ausdruck èv тф
ovóuan mit dem Namen Jesu oder Gottes im Genitiv ist im NT
geradezu formelhaft110. Beispiele für тф ovóuan... in ähnlichen
Zusammenhängen finden sich vereinzelt in der Septuaginta111. In
der Mehrheitslesart von Jak 5,10 liegt also eine sehr wahrscheinlich
versehentliche Verkürzung des Textes gegen den formelhaften
Sprachgebrauch und gegen die häufig dokumentierte Tendenz der
Koine zum vollständigen, gebräuchlichen Ausdruck vor.

Jak 5,12' 2 iva цт) што koioiv тгесгрте


1 eis ипокрит»
Nach dem gewichtigen Eidverbot und der traditionell geprägten
Mahnung zur Wahrhaftigkeit (vgl. Mt 5,37; 2Kor 1,17) wirkt die
Warnung, man könne sonst in Heuchelei verfallen, ausgespro
chen schwach. Möglicherweise liegt eine Konflation aus Lesart 2
und einer verlorenen Lesart mit el? statt ùtto zugrunde. Vielleicht
wurde aber auch lediglich TTTOKPICIN ab ein Wort gelesen und die
vermeintlich fehlende Präposition ergänzt.

109 Vgl. BDR 412,4. - Diese Mischform aus attributivem Partizip und Relativsatz
kommt im NT selten, im Jak nur hier vor.
110 Vg. BAUER/ ALAND s. v., 4cy; für Jak vgl. 5,14.
111 Vgl. z. B. Dtn 18,22; Jer 33,9.20; 34,14. - Auch in der Septuaginta steht in
vergleichbaren Kontexten in der Regel ein Präpositionalausdruck mit tv oder
¿ttC, weshalb an jeder der vier genannten Stellen auch eine Lesart mit
vorangestelltem ini überliefert ist.
Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 119

Jak 5,16° 2 efonoXoyeioOe ow аХХт|Хо1? та? ааартшс


1 ОМ. ouv
Auslassung des Satzanschlusses im Byzantinischen Text; die
Entscheidung zugunsten der glatteren Lesart ist durch die
Bezeugung gesichert.

Jak 5,19° 2 абеХфоь uoy, eav


1 ОМ. \юи
Nach dem Text des Nestle/Aland verwendet Jak die Anrede
а8еХфо1 цои an 10 , абеХфоС an 4 Stellen112. Die Mehrheitslesart von
5,19 steht also sowohl im Gegensatz zu einer deutlichen Neigung
des Autors, die Anrede абеХфЫ mit \iov abzurunden als auch zu der
Tendenz des Byzantinischen Textes zum vollständigeren, abge
rundeten Ausdruck.
IPetr l,8r 2 ov owe iSoireg ауаттате
1 eiSoTeç
Nach der Mehrheitslesart wäre V. 8 zu übersetzen: ohne ihn zu
kennen, liebt ihr ihn, ohne ihn jetzt zu sehen, glaubt ihr doch an
ihn und jubelt in unaussprechlicher und verklärter Freude. Um
diese Lesart zu halten, muß man voraussetzen, daß el 8évai hier im
Sinne persönlicher, leiblicher Bekanntschaft zu verstehen ist, also
geradezu synonym zu I5eîv bzw. opäv. In diesem Falle wäre aber
eine Bestimmung wie ката аарка (vgl. 2Kor 5,16) zu erwarten,
denn sonst bedeutet oùk elSévai in ähnlichen Zusammenhängen
"ein Nichtkennen des Wesens ..., ja ein inneres Fernstehen und
Fremdsein, mit dem sich eine persönliche, leibliche Bekanntschaft
wohl vertrüge"113, -aber keinesfalls der appellativ zu lesende
Indikativ114 ауаттате . Die Härte der Mehrheitslesart wird deutlich,
wenn man Gal 4,8 vergleicht: 'АХХа тоте p.èv oùk е18оте? 0eôv
¿ЗоиХеиаате toîç <t>boei jif) obaiv oeoi?. Natürlich "kennen" die
Adressaten des IPetr Jesus Christus; der Autor könnte sonst nicht

112 d8e\<J>ot (iou: 1,2.16(+ ауатгптоС); 2,1. 5(+ dy<nnrroC).14; 3,1.10.12; 5,12.19. Im
Byzantinischen Text fehlt (iou nur in 5,19. ¿беХфоС: 4,11; 5,7.9.10. Im
Byzantinischen Text ist nur in 5,10 ц.ои hinzugefügt.
113 WOHLENBERG 17, mit Hinweis auf Joh 1,31.33; 7,28; 8,19.55; 15,21; Gal 4,8; Mt
25,12; 26,72.
114 Vgl. dazu BROX 66.
120 Der Charakter des Byzantinischen Textes

an ihren Glauben appellieren (V. 7). Die Mehrheitslesart steht also


quer zum Kontext und ist sicher nicht "facilitante"115.
Dagegen entspricht die eindeutig besser bezeugte Lesart ISovreç
ausgezeichnet der paränetischen Intention der ungewöhnlich breit
angelegten Eulogie (1,3-12), die das Leitmotiv des ganzen Briefes
formuliert, nämlich Hoffnung und Freude der Gläubigen in der
Bedrängnis aufgrund der Gewißheit des kommenden Heils (1,3.6-
8); daran gilt es festzuhalten, obwohl sie den Herrn weder (wie der
Autor?) gesehen haben noch jetzt sehen116.
Die Entstehung Mehrheitslesart ist wahrscheinlich durch Ver
wechslung von i und ei bedingt, sei es, daß direkt е18отес an die
Stelle von ÍSÓVT6C trat, oder daß die Schreibung eiSovTe? als
morphologisch falsch erkannt und erst dann die Form е18отес ohne
Beachtung des Kontextes hergestellt wurde.
IPetr l,16r 2 aytoi eoeoQe
1 yiveoDe
3 yeveoffc
Die Lesarten 1 und 3 harmonisieren die Wortwahl gegen den
zitierten Text (Lev ll,44f; 19,2; 20,7.2e)1 17 mit dem engeren Kontext
(V. 15 yevfiöriTe). Lesart 1 ist möglicherweise eine Weiterentwick
lung der Lesart 3, in der das Tempus aus V. 15 beibehalten wird,
während das Genus verbi wechselt118. So bleibt in Lesart 3 die
Endung von loeoQe erhalten, und es stellt sich die Frage, ob die Les
art nicht durch einen schlichten Schreibfehler entstanden ist. Der
Wechsel zum Präsens in Lesart 1 ist wohl darauf zurückzuführen,
daß durch den linearen Aspekt, dem paränetischen Charakter des

115 So SPICQ 52, ohne Begründung.


116 Die Gegenüberstellung des Part. Aor. und des Part. Präs. findet die einfachste
Erklärung darin, daß sich ISoi/tes auf die Vergangenheit, орсЗуте? auf die
Gegenwart bezieht. Hinter dem Wechsel von où zu \vf\ ist allerdings kaum ein
tieferer Sinn zu vermuten. (Anders SELWYN 132, der die Verneinung oùk bei
ISóvTec damit zu begründen sucht, "that St. Peter is here stating a past
historical fact, which he wishes to emphasize". Es ist aber sehr zweifelhaft,
ob die Verneinung où dies leistet, da der Autor in diesem Falle bei den
Adressaten die Kenntnis des klassischen Gebrauchs von où im Gegensatz zu ni*|
beim Partizip voraussetzen müßte.)
117 Keine dieser Stellen stimmt exakt mit dem Wortlaut in IPetr 1,16 überein,
aber allen gemeinsam ist die Formulierung äyioi toeoDe oder íaíoOe äyioi;
vgl. auch Mt 5,48: еаеабе. ..TtXeioi ¿>ç 6 тштт^р цш^.. .T¿X£tó? tariv.
118 Der Wechsel zwischen verschiedenen Genera verbi gleicher Bedeutung ist an
sich nichts Ungewöhnliches; vgl. z. B. Jak 4,2f. al-moeai/alTeÍTe/aLTeíaOf .
ΕΗβ Μβητηβί&ΙεβατΙβη ζννίδοηβη άβη ΤβδΙδΙβΙΙεη 121

§3ηζεη Βπείεδ εηίδρΓεοηεηά, βεδδεΓ 3ΐΐδ§εάΓϋ(:1α εΓδοηεΐηι, άαβ άΐε


νβΓνο11^οηηιηηαη§ άεΓ ΑάΓεβδ3ί:εη εΐη ΡΓΟζεβ ΐδΐ, ΐη άεπι θδ
311δΖΙΐΗ3ΓΓθη §ΐ1ϊ.
Όϊβ Βεζευ§ιιη§ άεΓ ίεδβΓί 3 άΐΗχη άΐε Κοΐηε-ΙΙηζΐΒίεη 018 ιιηά
049 δΓϋίζί άΐε νεπηιΐΓΐιη§, ά&β ίεδ3ΓΓ 1 3αί δΐε ζιιταοΙςβθΗΐ:.

ΙΡεΙτ 1,24ρ 2 πάσα δόξα αυτής•


1 άνθρωπου
2Β αυτού
3 ΟΜ.
Οίε Αηννεηάιιη§ ϊηηεΓεΓ Κτΐιεπεη ζιιγ ΒειΐΓίεΐ1ιιη§ νοη ν*3ΓΪ3ηΐεη
ΐη Ζϊΐ3ίεη ννΐΓ(1 άιικη άΐε ΜδβΙίοΗ^είΙ εΓδοη\νεΓΐ, άββ βοηοη άεΓ
ΑαΙΟΓ δεΙΒδΙ άεη ζΐίΐεΓίεη Τεχί §ε§ΐ3ΐϊεΙ αηά ΐη άεη ΚοηΙεχι δεϊηεΓ
5οηπίΙ είη§ερ3β1: η3σεη 1<αηη. ΑηάεΓεΓδεΐΙδ Ιίόηηεη ΐη άΐεδεπι
ΚοηΙεχΙ δοηγνΐεπ^εΓε ίεδ3Γίεη, άΐε 3ΐκ:η ΐτη ζΐίΐεΓίεη Τεχί δο δίεηεη,
άνττοη Αηςίεΐοηαηςεη 3η ά3δ Οπ§ΐη3ΐ εηΙδΐ3ηάεη δεΐη. ΌβηεΓ ΐδΐ εδ
ηοΓ\νεηάΐ§, ΐη δοΐοηεη ΡΜΠεη άεΓ Βεζειι§ιιη§ §Γ6βεΓεδ ΟεννΐοηΙ
οείζιιτηεδδεη 3ΐδ δοηδί. Ιη ΙΡεΙτ 1,24 ννΪΓά άΐε 3ϋιΐ3ΐϊοη ζιΐδδτζίΐοη
άβάιττοΓΐ ^οπιρΙΐζίεΓί, ά&Β εηίννεάεΓ δίεΐΐεηννεΐβε Άηί άεη ηεΙ>Γ3Ϊ-
δοηεη Τεχί ζιΐΓϋο1ς§ε§πίίεη οάεΓ εϊηε δοηδΐ ηΐοηι Βείεβίε §ΓΪεοΗΐ-
δοΗε Μΐδοηίοπη ηεΓ§εδίε11ι ννιΐΓάε119.
ΟεΓ 3αδ |εδ 40,6-8 ζΐιΐεΓίε Τεχί ΙβιιίεΙ ΐη άεΓ 5ερηΐ3§ΐηί3:
Πάσα σαρξ χόρτος; καΐ πάσα δόξα άνθρωπου ώς• άνθος• χόρτου- (7)
έξηρανθη ό χόρτος•, καΐ το άνθος εξέπεσε, (8) τό δέ ρήμα του θ€οΰ
ημών μένει εΙς- τον αιώνα.
ϋεΓ ΐπι Νεδάε/ΑΙβηά (ΐη ϋοεΓεΐηδίΐιηιηιιη§ ηπΐί ^ΥεδίοοιΙ/ΗοΓΐ,
νοη 5<χ1εη, ΤΐδοηεηάοΓί υ. 3.) ΙςοηδίΐΓυΐεΓίε Τεχϊ νοη ΙΡείΓ 1,24ί.
\νεΐ(±ιι 3η άΓεΐ δίεΐΐεη νοη άεΓ δερηα3§ΐηΐ3 άό:
χόρτος•1) ώς- χόρτος• - ϋΐε ρ3Γ3ΐ1ε1 ζυ V. 24Β ςεβείζίε νεΓ§1εΐοηεη-
άε ΡβΓΓΐΙςεΙ \νΐτά νοη φ72 01* 03 04 1852 ιιηά άεΓ ΜεηΓηεΐΙ άεΓ
Ηβηάδοηπίΐεη Βεζειι^ΐ, άεΓ πιΐϊ άεΓ ίΧΧ ϋοεΓεΐηδΐΐιτατιεηάε ΙίϋΓζε-
τε Τεχϊ νοη 02 1241 1739 ιιηά εΐηεΓ Κεΐηε ννεΐίετεΓ ^οΐηείεπιεΓ
Μΐηυδίίεΐη.120 ϋΐε ϋοεΓεΐηδΓΪΓηιηιιη§ άεδ Ρβργπιβ ππι 01 ιιηά 03

119 Ό&β ΡθΗΙβη ο,θδ νβΓδβδ 7 άβτ ηθ&Γβίδοηεη Ρ35δυη§ ϊη βΐΐβη βθΚβηηΙβη
βπβοηίδοηθη νβΓδίοηθη ιιηά ίη ΙΡβίτ ζβΐ§1, άββ άθΐη §3ηζβη ΖίΙβΙ θίηθ
^τίεοΗίδίηβ νβτβΐοη ζιίξτνηάβ ϋθ£ί.
1 20 ΕΗβ Είηίϋ^υης νοη ώς- νοΓ χόρτος• ίβΐ (ββ§θη άβη ηε&κϋδοηβη ΤβχΙ) βικη ίη βίηθΓ
Κθίηβ νοη ίΧΧ-ΗβηάδοηπίΙβη οβίβ^ί; ν§1. ηϊβΓζυ υηά ζυ ννθίΙθΓβη Ββζυβηβη-
ηιβη 3υί νβτίβηΐβη νοη Ιβδ 40,6-8 ΐη ςτΐθοηίδΟΓιβη νβΓδίοηβη: 5βρ1υ3§ίηΐ3 XIV,
153138 (βά. Ζϊβ^ΙθΓ), ΟδΙπη^βη 31983 αά. Ιοε.
122 Der Charakter des Byzantinischen Textes

macht es sehr wahrscheinlich, daß die Harmonisierung vom


Autor selbst oder aus seinem Jesaia-Text stammt.
dv9pcüTTOu] айтпс - Die ältesten und besten Handschriften ein
schließlich der lateinischen und syrischen Versionen bezeugen
gegen den Byzantinischen Text die Abweichung von der Septua-
ginta121. Zunächst könnte man vermuten, daß der Autor hier das
Pronomen nach dem hebräischen Text (iion) setze122. Aber er folgt
der LXX in der Wahl des Wortes 8o£a, das kaum als Übersetzung
von ion (Liebe, Gunst, Gnade) in Frage kommt123. In der LXX wird
ion sonst nie mit 8ó£a, sondern mit l\eoç wiedergegeben, und
entsprechend übersetzen Aquila, Symmachus und Theodotion -
wörtlich, aber kaum dem Kontext gemäß - l\eoç airrfjs. Daraus
folgt, daß dem Zitat in IPetr 1,24 die LXX zugrunde liegt, der Autor
das Attribut àvQpairov jedoch vermied.124
Schon 1,23 verlangt diese Änderung, denn für den aus unver
gänglichem Samen Wiedergeborenen gilt nicht, daß seine Herr
lichkeit vergeht wie eine Grasblüte; für den, der sich im Glauben
bewährt, ist die 8ó£a zum Greifen nahe (vgl. 1,7; 4,13f.). Von sich
selbst sagt der Verfasser sogar, als Zeuge der Leiden Christi sei er
bereits tt)s \ie\kobar\s 80^? koivwvóc (5,1). Diese 86{;a ist zwar
sicher nicht 8ó£a ávopúirou im Sinne der Jesaia-Stelle in der Sep-
tuaginta, aber genau diesen Ausdruck zu verwenden würde
schlecht in einen Text passen, der die Adressaten mit der Gewiß
heit ihrer Teilhabe an der 86Ça Christi ermutigen will.
toü 9eoö f)jju3v] Kupiou - Dies ist eine auch in der LXX-Über-
lieferung selbst breit bezeugte Lesart (ohne Äquivalent im
hebräischen Text), die dem Autor des IPetr so vorgelegen haben
mag. Sie ist im IPetr unvariiert überliefert.

121 Die LXX-Überlieferung selbst bezeugt einhellig Sofa dvopúiTou.


122 Auch die Versionen Aquilas, des Symmachus und Theodotions haben aini\s
statt dv9poÍTTOu, geben aber ЮП entsprechend der Grundbedeutung mit íXeoc
wieder. Die Wiedergabe dieses Wortes mit 8<5Ça ist in der LXX singular.
Daraus ergibt sich ein weiteres Indiz für die Abhängigkeit des Zitats in IPetr
von dieser Version.
123 Vgl. W. GESENIUS, Hebräisches und aramäisches Handwörterbuch,
Berlin/Göttingen/ Heidelberg 171915 (ND 1962), s. v. ТОП 1,2 und BHS ad. loc.
1 24 Ein früher Zeuge der Lesart 8ó£a airn\s in Jes 40,6 ist Orígenes (de orat. 17,2,
GCS 3, p. 339,14 KOETSCHAU; Jer.hom. 20, GCS 6, p. 179,27 KLOSTERMANN;
vgl. Ps. hom., PG 12,1323A/B). Diese Zitate verweisen vielleicht auf die
Quelle, die der Verfasser des IPetr benutzt hat. Es ist aber auch nicht
auszuschließen, daß Orígenes dem Wortlaut von IPetr 1,24 folgt.
Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 123

Im Byzantinischen Text ist außerdem nach dvöo?2 ein аитоО


eingefügt, das wohl lediglich den Ausdruck gewichtiger erscheinen
lassen soll. Auch eine LXX-Handschrift liest diese Erweiterung.
Drei der Abweichungen vom LXX-Text in IPetr l,24f., die alle
Entsprechungen in der LXX-Überlieferung selbst haben, werden
auch von der Mehrheit der Handschriften bezeugt. Nur der Ersatz
von dvGpÚTTou durch аитт)? ist nicht auch in einer LXX-Handschrift
überliefert. Die Koinelesart beseitigt diese auffälligste, im Kontext
jedoch gut motivierte Abweichung.

IPetr 2,2° 2 tva ev auru аи{т|9т1те eis рытнрщу


1 ОМ.
Für die Auslassung der von allen frühen Handschriften und den
drei großen Versionen einhellig bezeugten adverbialen Bestim
mung ist kein inhaltlicher oder formaler Grund zu erkennen125.
Allerdings ist die Mehrheitslesart auch nicht härter als der ur
sprüngliche Text. Sie wird dennoch in diese Liste aufgenommen,
weil sie dem sonst überall greifbaren Bestreben der Koineüber-
lieferung zuwiderläuft, nichts auszulassen, was sich problemlos in
den Kontext einfügt. Die Wendung fehlte also in einer Hand
schrift, die für die Koineüberlieferung besondere Bedeutung hatte,
wahrscheinlich aufgrund eines Versehens. Die Auslassung ge
winnt die Qualität eines Bindefehlers dadurch, daß sie paläogra-
phisch nicht naheliegt, also wahrscheinlich nicht mehrfach ent
standen ist.

IPetr 2,24 T 2 ob ты цыХыт lá9r|Te


1 ADD. аитои
Mit der Einfügung einer pleonastischen Form von airóc nach
einem Relativum, die im NT nicht selten vorkommt und auch
sonst dem Griechischen nicht ganz fremd ist, ahmt die Septuaginta
oft eine Besonderheit des Hebräischen nach, in dem die Partikel
чюк, die den Relativsatz einleitet, durch ein folgendes Personalpro
nomen oder Suffix bestimmt wird.126

125 Nach WOHLENBERG 53 sollte die Auslassung möglicherweise verhindern,


daß eis aiüTTiptav "auch auf leibliches Wohlbefinden bezogen" werde; aber
wie sollte der soteriologische Bezug des aii£dvea8(u deutlicher gemacht
werden als durch die Bestimmung eis аы-прСси»?
126 Vgl. BDR 297,1.
124 Der Charakter des Byzantinischen Textes

In Jes 53,5 steht zwar айтоО, aber kein Relativum. Deshalb, und
weil abweichend von Jes 53,5 die 2. Pers. des Prädikats erhalten
blieb, ist die Mehrheitslesart eher als Septuagintismus zu beur
teilen denn als genauere Wiedergabe des Zitats.
IPetr 3,13F 2 eav тои ayaßov ¿"tiXiotcu yeir|cj6e
1 LULirrrai
Das ausschließlich von späten Handschriften bezeugte Wort
Ц1ЦТ|ТГ1С ist von СлХштт^с zu deutlich unterschieden, als es bloß
versehentlich an dessen Stelle getreten sein könnte. Vielleicht
schien dem Urheber der Mehrheitslesart das offensive Moment des
Wortes СпХштг)? nicht in den Abschnitt zu passen, der eher zum
Erdulden von Ungerechtigkeit, zum Mitleiden mit Christus
auffordert als zur aktiven Durchsetzung des Guten.
IPetr 3,18f 1/2 Хркттос шта£ TrepL ацяртщу f-nafkv
3 TTfpi. а\1хцтия> vrsep t\\jmv aneOavev
3B irtpi Tojv afiapTLuv штер rpiùv атгсвау«'
3C TrepL aLiapTiui* шгер ulluv aneQavev
3D irepi ар.арпиЛ' т\\шл> anebavev
3E irepi ицшу wrep aLiapTiíúv aireOavci/
Lesart 3 und ihre Abwandlungen sind eindeutig Angleichungen an
die Sterbensaussage, die auch die Variantenbildung zu 2,21 be
stimmt. Hier wie dort hält die Mehrheitslesart am ursprünglichen
Wortlaut fest, der eine ebenfalls formelhaft gewordene Weiterent
wicklung der Sterbensaussage darstellt.127

IPetr 4,5' 1/2 oi airo64i)oouCTiv Xoyoi« тш етоцхм? exofTi icpivai ¿шута? кси
VCKpOVS
3 ÍTOILIÍÚS KplVOlTl
4 6TOLLUÚ KpLfai

Aufgrund der Bezeugung sind Zweifel an der Ursprünglichkeit der


fxi-Lesart durchaus berechtigt, und zunächst liegt es nahe, die
Lesarten 1/2 und 4 auf 3 zurückzuführen. Aber Lesart 3 fügt sich
nur schwer in den Kontext. Der ganze Brief deutet den Adressaten
ihre Situation aus der Gewißheit, daß das Gericht unmittelbar
bevorstehe. Zu diesem zuerst in l,6f. formulierten Leitmotiv kehrt
der Verfasser in den Versen 4,4f. zurück, indem er es auf die
Widersacher der Adressaten bezieht. Entsprechend muß es heißen,
daß der Herr (schon) bereit ist zu richten. Die Aussage nach Lesart
3, daß er sie bereitwillig richte, ist im Kontext nicht angelegt. So ist

127 Vgl. den Kommentar zu Teststelle 29 (S. 2470-


Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 125

Lesart 3 als früher Fehler (Verschmelzung von ëx0VTl KfÂvtu. zu


KpívovTi)zu erklären, den Lesart 4 im Sinne des ursprünglichen
Textes korrigiert, ohne dessen Wortlaut genau zu treffen.

lPetr4,ll' 2 (dç et шхиос тк уоотгт o 6eog


1 ш? xoPT/i1 о ве°5
3 ХОРЛУ1011"
Der Ersatz von ?\ç durch ciç ist aus einem sprachlichen oder
sachlichen Anstoß nicht zu erklären; ùs ¿Ç Ictxúo? verlangt nach
einer Bestimmung, die nach Lesart 2, die schon aufgrund der
Bezeugung mit einiger Sicherheit ursprünglich ist, der Relativsatz
gibt: Wenn einer dient128, dann aus der Kraft, die Gott gewährt. Ein
weiteres ¿>ç nach la\voç läßt das Wort gewichtiger erscheinen als es
für sich genommen ist, während andererseits ыс х°РЛУС1 ° Oeós
den zuvor signalisierten hohen Anspruch wieder relativiert:
Wenn einer dient, dann aus Kraß, wie Gott (sie) gewährt. Daher ist
die Mehrheitslesart wahrscheinlich durch eine versehentliche
Wiederholung des ш? entstanden.
Lesart 3 ersetzt den ganzen Nebensatz durch xopn-yiav. Zwar ist
der Akkusativ der Sache bei Siaicoyeîv nichts Ungewöhnliches, aber
der Sinn der Formulierung ist doch unklar. Der Dienst würde auf
die Übernahme von Ausgaben beschränkt, und die Bestimmung
éÇ laxuoç erscheint in diesem Zusammenhang wenig sinnvoll.
Die drei im NA27 für Lesart 3 genannten Zeugen gehören zur
Gruppe Hk. Es ist zu prüfen, ob es sich um eine Bindelesart dieser
Gruppe handelt.
IPetr 4,16F 2 8о{а£етш Se toi» 6eov ev ты огоцап тоитш
1 (if pf i
Nach Selwyn (226) ist \iepei möglicherweise eine Glosse, aber was
sollte sie erklären? Die Bedeutung ist unmittelbar klar: und er soll
Gott preisen durch diesen Namen, also dadurch, daß er sich trotz
der Schmähungen einen Christen nennt. Die Variante faßt einer
seits die Forderung an den, der als Christ beschimpft wird, schärfer:
gerade in diesem Falle soll er Gott preisen; andererseits erleichtert
sie den Anschluß der in V. 17 folgenden Begründung, die nach
NA27 einen selbständigen Satz bildet.

128 Neben XaXetv, der Verkündigung, meint SiaKoveii» den zweiten Bereich im
Gemeindeleben, in dem die Gnadengaben jedes einzelnen eingesetzt werden
sollen, sei es in einem Amt oder karitativer Tätigkeit; vgl. BROX 207f.
126 Der Charakter des Byzantinischen Textes

IPetr 5,2' 2 цт| сп/аукшггшс аХЬа еконочш? ката Qeov


1 ОМ.
Die Auslassung von ката Qeóv macht die Parallele mit dem fol
genden Gegensatzpaar (\ir\8e ataxpoKépôuç аХХа тгробиц.шс) perfekt.
Dabei mag die Überlegung eine Rolle gespielt haben, daß selbst
verständlich alle Züge des Verhaltens eines Presbyters ката Qeóv
sein sollten. Der allgemeinen Tendenz des Byzantinischen Textes
entspräche es aber sicher eher, ката Qeóv nach dem zweiten Gegen
satzpaar zu wiederholen oder ihm eine entsprechende adverbiale
Bestimmung hinzuzufügen.

IPetr 5,10 2 о 8e Qeoç ... oXiyov ттабоитас аитос катарт1ае1 ampien


ggevjüggi ЭецеХшас!
1 KaTapTiaai ицас arr|piÇei aSevioaei 8ецеХ1шае1
3 KaTapTiaai airipiÇai aSeviiXTaL 6еце\1шаа1
Lesart 3 ist ohne weiteres als Angleichung an ähnliche Segens
wünsche im Optativ zu erklären (vgl. lThess 5,23; 2Thess 2,17;
Hebr 13,21). In der Mehrheitslesart folgen aber auf einen Optativ
unvermittelt drei Futurformen, wobei zusätzlich verdeutlichend
biiâç wiederholt wird. Diese Erweiterung läßt den Schluß zu, daß
tatsächlich eine Reminiszenz an Hebr 13,20f. (6 Se Qebç ... катар-ríaai
b\iâs èv Travrl àyaOû) die Mehrheitslesart hervorbrachte. Die Wen
dung катарт-íaai v\iâç stand vielleicht als Notiz am Rand einer für
die Entstehung der Koine wichtigen Handschrift und wurde als
Korrektur in den Text eingebracht. Die drei Futurformen wurden
möglicherweise deshalb nicht verändert, weil man sie als Dative
verstand129.

2Petr 1,4' 2 TV/s ev тш коацш ev етвицш фворас


1 ттр £i> коацш ev етпвицю фборас
3 ттр ev (тш) коацш етноциас Kai фворас
ЗВ тас ev (тш) коацш етвицюс Kai фбора?
3D ттр ev коацш етбицшс фворас
4 ттр ev коацш Kai фвора
5 tt|v ev тш коацш ет.Оицин' фворас
5В TT\v ev тш коацш етнбицш!' <f>9opav
Bei den Lesarten 2 und 1 irritiert den Leser, daß das Objekt фвора?
durch zwei präpositionale Attribute qualifiziert wird, die zwar die
gleiche Form (èv + Dat.), aber unterschiedliche Bedeutung haben:
èv (tu) костцф ist lokal, èv етпбицЧа instrumental oder modal zu

129 Für alle drei Nomina nennen LSJ einige späte Belegstellen; вецеАХьхп? kommt
auch 2 Esra 3,llf. vor.
Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 127

verstehen: ... indem ihr das in der Welt durch Lust bewirkte
Verderben flieht. Alle Lesarten außer 2 und 1 glätten diese schwer
fällige Formulierung.
In den beiden ältesten Zeugen für doppeltes ¿v + Dat. (02 und 03)
steht im ersten Präpositionalausdruck der Artikel, und dies erleich
tert die Unterscheidung der Bedeutungsebenen, während die Aus
lassung des Artikels im Byzantinischen Text das Verständnis
weiter erschwert. Wahrscheinlich folgt die Mehrheitslesart der
Tendenz, den Artikel bei koo\ioç in Wendungen und nach
Präpositionen nicht zu setzen130, ohne daß der Kontext beachtet
wurde.
2Petr 2Д8Г1 Г2 2 toiç oXtviog amxtevyoiTqg
1 otra)? атгофмуотас
Lesart 2 erschien wahrscheinlich sowohl wegen des Tempus als
auch wegen des ohnehin seltenen Adverbs оХСуы? schwierig. Nach
dieser Lesart sind vor allem diejenigen durch falsche Propheten
gefährdet, die den im Irrtum Lebenden, d. h. dem Heidentum131
wenig, also mit knapper Not132 entfliehen. In V. 20 werden die
gleichen Personen mit einem Partizipialausdruck im Aorist be
zeichnet (аттофиуоутес та uiáauoTa той коац.ои). Die Angleichung
des Tempus an V. 20 liegt umso näher, als der Aorist zweifellos
auch in V. 18 besser paßt, da auch die Gefährdeten zunächst dem
Heidentum entflohen sind, indem sie Christen wurden133.
Das häufige Adverb ONTOZ ist sehr wahrscheinlich durch eine
typische Majuskelkorruptel an die Stelle von OAITQZ getreten134.
Ein eventueller Vergleich der Mehrheitslesart mit der aus inneren
und äußeren Gründen sicher usprünglichen Lesart oXl-yco? dürfte
kaum zu einer Änderung des einmal in den Text geratenen ôi/tcos
geführt haben, da es die Warnung verschärft: auch die wirklich
dem Heidentum Entflohenen, also alle Adressaten135, sind danach
gefährdet, auf die falschen Propheten hereinzufallen.

130 Vgl. BDR 253,4.


131 Vg. dazu PAULSEN 143.
132 Vgl. WINDISCH 97.
133 Zur Bezeichnung der relativen Vergangenheit durch das Ptz. Aor. vgl. BDR
339,1.
134 Vgl. dazu METZGER 635.
135 Dazu paßt auch, daß es in 2,3 hieß: ттЛаатоХс Хоусн.? щас ¿цлгор€иао1Тш..
128 Der Charakter des Byzantinischen Textes

2Petr3,3' 2 on eXeugovrai ... [ev] ецтгсцуцоуп ецтгспктси


2B ОМ. ev
2С емжиуцотгр
1 ОМ. ev 6^iTraiy(iovTi
Zur Intensivierung des Ausdrucks bedient sich der Autor des nur
hier belegten Wortes è\iTraiy\iowf\, vielleicht also einer von ihm
selbst stammenden Neubildung. Die Auslassung im byzantini
schen Text kann ohne weiteres als Schreibfehler erklärt werden,
zumal wenn man annimmt, daß in einer für die Entstehung der
Koine wichtigen Handschrift zunächst ¿v ausgefallen sein mag.
Allerdings wird der Text durch die Auslassung des ungewöhn
lichen Wortes in der Aussage nicht verändert; auch hat es keine
Analogie im entsprechenden Abschnitt im Judasbrief (V. 18).
Daher ist nicht auszuschließen, daß es sich um eine glättende
Auslassung handelt.

ljoh 2,4° 2 o Xeywv on eyvtüica


1 ОМ. on
Versehentliche Auslassung ohne bestimmten Anlaß; wäre An-
gleichung an 2,6 (6 Xéytav èv airrû \Léveiv) und 2,9 (ó Xéytov èv тф
фыт\ elvai) das Motiv, wäre zugleich der Infinitiv an die Stelle von
lyvcüKd getreten.
lJoh3,17p 2 ос 8' av exn ... gsfflfiB ... leXfigg pm
2B Oeupei pm
In einer Reihe von drei grammatisch erforderlichen Konjunktiven
reproduziert etwa die Hälfte der Koinehandschriften einen ita-
zistisch bedingten Schreibfehler. Eine Reihe von Handschriften, z.
B. 020, geben alle drei Endungen mit -ei wieder, andere schreiben
auch eine andere der drei Formen mit -ei, da Itazismen bekanntlich
sporadisch auftreten. Festzuhalten bleibt aber doch, daß eine große
Zahl von Schreibern, die sicher nicht alle zum Itazismus neigen,
nur die mittlere Form in itazistischer Schreibung wiedergeben. Sie
kopieren also hier einen Fehler ihrer Vorlage.
ljoh 3,19r 2 [icai] ev Toimo ууьхтоцеба on ек ттр аХт)в€шс ea\iev
1 yivü)OKO(iev
Nach Lesart 2, an deren Ursprünglichkeit schon aufgrund der
Bezeugung keine Zweifel bestehen, signalisiert das Futur einen
engen Zusammenhang zwischen den beiden Hauptsätzen in V. 19.
Dieser Eindruck wird dadurch bestätigt, daß beide mit einem
Präpositionalausdruck beginnen und mit öti fortgesetzt werden.
Die Mehrheitslesarten zwischen den Teststellen 129

Entsprechend sind beide Sätze als Folgerungen aus V. 18 zu


interpretieren:
[Und] dadurch werden wir erkennen, daß wir aus der Wahrheit
sind, und vor ihm unser Herz beschwichtigen (<überzeugen)...
Problematisch ist nun, wie die beiden Nebensätze in V. 20 anzu
schließen sind. Syntaktisch gesehen ist es wohl die nächstliegende
Lösung, den ersten als eingeschobenen konditionalen Relativsatz
zu verstehen, also ö ti èav (= dv136) zu lesen, und den zweiten an
treiao|iev anzuschließen. Entsprechend wäre V. 20 zu übersetzen:
... daß, wessen auch immer unser Herz uns beschuldigt, Gott
größer ist als unser Herz und alles erkennt.137
Das Präsens der Mehrheitslesart lockert die Parallele mit V. 19b
und unterstreicht so die Zusammengehörigkeit dieses Satzes mit
V. 18. In der Tat wird èv тоитш im Folgenden nicht wieder auf
gegriffen, muß also das àycnrctv èv £руф Kai à\r|9eia aus V. 18 mei
nen138. Aber das Präsens paßt weniger gut zum adhortativen Kon
junktiv in V. 18 als das Futur, und die Lockerung der Parallele mit
V. 19b erschwert zusätzlich das Verständnis des Abschnitts; denn es
ist kaum möglich, in 19b-20 einen befriedigenden Sinn zu finden,
wenn man das, was das Herz gegenüber Gott beschwichtigen
könnte, nicht auch èv тоитц» sucht, also èv £руы icai аАпвеСа.
Es ist also festzustellen, daß die Mehrheitslesart die sprachlichen
und inhaltlichen Probleme nicht nur nicht berührt, sondern kom
plizierter gestaltet. Insofern kann sie als untypisch gelten, obwohl

136 Vgl. BDR 107,1; 380,1b. - Vgl. auch 3,22. Dort wird der Relativsatz zwar mit
8 tdv eingeleitet, aber die Wahl des stärker verallgemeinernden ö ti läßt
sich aus dem Wunsch erklären, die unbedingte Priorität des dyaiTSv iv ?pyq>
Kai dXr|9cta zu betonen, wie es ja auch dem Kontext (3,14-18) entspricht.
137 Ähnlich STRECKER, der das erste öti in V. 20 mit "daß wenn" übersetzt,
während er öti2 "die Funktion einer inhaltlich gleichbedeutenden,
explikativen Wiederaufnahme des öti1" zuweist: "und wir werden vor ihm
unser Herz besänftigen: daß, wenn uns das Herz verurteilt, Gott größer ist als
unser Herz und alles erkennt" (S. 193; vgl. zu dieser Position auch KLAUCK
215f). SCHNACKENBURG (201f.) und BROWN (459f.) verstehen öti2 kausal,
aber diese Interpretation hat den Nachteil, daß nach ihr TTeiaouev trotz eines
folgenden öti-Satzes absolut gebraucht sein müßte. BULTMANNS Konjekturen,
hinter aÙToû in V. 19 sei oii ausgefallen (vgl. ThWNT VI, 3), oder vor öti2 in V.
20 sei otSauev zu ergänzen (Kommentar, S. 62), sind nicht notwendig. Der
überlieferte Text zwingt nicht zur Annahme einer so tiefgehenden
Textverderbnis.
138 Ps.-Oecumenius bemerkt zur Stelle: «"EV toíití^ yiviíxnco\iev.» Ev tívi; !•>
тф цт"| Хоуц) àyaTrâi/, dAX' Ipyq ка1 dXr|8ela. (PG 119,657А).
130 Der Charakter des Byzantinischen Textes

sich ein durchaus typischer Grund für die Entstehung der Lesart
angeben läßt, nämlich eine Angleichung der Formulierung an die
im ljoh häufiger vorkommende Wendung èv тоотц> yiv(íxjKo\iev
8ti139.

ljoh 3,19' 2 T\eioo\iev тпу карбшу


1 та? карбш?
In den Versen 20f. wird кар8£а dreimal im Singular in ebendem
Sinne gebraucht, den auch V. 19 fordert. Für den Ersatz des
Singulars durch den Plural in diesem Vers bietet der Kontext
keinen Anlaß. Wahrscheinlich wurde der Numerus des Objekts
unwillkürlich an den der vorangehenden Verbform angeglichen.
Es ist auch möglich, daß Treloo\iev та? карбЧас eine feste Wendung
aus einem heute nicht mehr bekannten Zusammenhang ist.

ljoh 3,23° 2 кавшд еЬыкеи evToXriv nuiv


1 OM. T\\RV
In der Grundbedeutung geben hat 8i8ovcu regelmäßig den Dativ der
Person bei sich. Wahrscheinlich ist ¿wû-v hier wegen der gleich
klingenden Endung des vorangehenden Wortes ausgefallen. Dies
konnte auch deshalb leicht geschehen, weil das Personalpronomen
"nachklappert".
ljoh 5,18r 2 о yewT|6eiç « тои беои TT|p€i аитоу
1 еаитсн'
Nach der Mehrheitslesart müßte sowohl ó yeyewr\\iévoç ¿к тоО
9ео0 als auch 6 yewr\(klç ек тоО 8eoö den Gläubigen meinen, von
dem dann in grammatisch ungewöhnlicher Weise gesagt würde, er
bewahre sich selbst140. Nach Lesart 2 wird der Gläubige (6 yeyevvr)-
\iévoç ек тоО Oeoö) von Christus (6 yewr|9elç ¿к тоО öeoö) unter
schieden, der ihn, den Gläubigen, bewahrt; V. 10c findet unter die
ser Voraussetzung eine exakte antithetische Parallele in 10b.
Die Mehrheitslesart ist also Lectio difficilior. Ein naheliegender
Grund für die sekundäre Entstehung des Reflexivums ist nicht

139 Vgl. 2,3.5; 3,24; 4,13; 5,2; mit öOev statt iv тойт<# 2,18; mit yivuScnceTe 4,2. -
Auch SCHNACKENBURG 201, Anm. 3 führt die Mehrheitslesart auf eine
Angleichung an die gängige Formulierung zurück, betrachtet den Unterschied
gegenüber dem Futur jedoch als bedeutungslos.
140 Bei TTipetv mit Reflexivpronomen steht im NT sonst regelmäßig ein Attribut
oder eine adverbiale Bestimmung (vgl. 2Kor 11,9; lTim 5,22; Jak 1,27; Jud 21).
Zusammenfassung 131

gegeben. Ob Lesart 1 als ursprünglich akzeptiert werden kann,


entscheidet sich an der Frage, ob 6 ует^бе!? ¿к toö 6eo0 mit
größerer Wahrscheinlichkeit Christus oder den Gläubigen meint.

3.3 Zusammenfassung

Von den 364 in Kap. 3.2 erfaßten Mehrheitslesarten141 wurden 175


(48,1%) als typisch beurteilt142 (34 Nótate mit ? nicht mitgezählt).
Darunter überwiegen wie an den Teststellen die Zufügungen (71
von 175 [40,6%]), gefolgt von den Wort-, Form- und Stellungsvari
anten (55 von 175 [31,4%]) und Angleichungen an den engeren
Kontext (59 von 175 [33,7%]). 28 Mehrheitslesarten (16%) wurden
als Angleichungen an Formulierungen aus anderen Schriften
erklärt.
Von den Zufügungen gleichen 12 an den engeren Kontext, 15 an
Formulierungen in anderen Schriften an (llmal a/d, 14mal a/e,
lmal a/d/e); 9 Wort-, Form- und Stellungsvarianten sind durch
den engeren Kontext, 2 durch Formulierungen in anderen Schrif
ten motiviert (9mal c/d, 2mal c/e, lmal c/d/e).
An letzter Stelle stehen wieder die glättenden Auslassungen (15
von 175 [8,6%]).
Insgesamt wurden 38 untypische Mehrheitslesarten festgestellt
(10,4%), also nur insgesamt 23 mehr als an den Teststellen. Zu dem
vergleichsweise hohen Anteil von untypischen Mehrheitslesarten
an den Teststellen ist es wohl deshalb gekommen, weil sie für die
Unterscheidung der Koinehandschriften von Repräsentanten älte
rer Textformen besonders geeignet erschienen.
In ihrem Verhältnis zueinander entsprechen die Werte der
verschiedenen Formen typischer Mehrheitslesarten jedoch in etwa
dem Befund an den Teststellen.
Allerdings liegt die Quote der typischen Mehrheitslesarten ins
gesamt deutlich unter der an den Teststellen erhobenen, da natür
lich der Anteil der wahrscheinlich oder möglicherweise ursprüng
lichen Mehrheitslesarten weit höher ist, wenn alle überlieferungs
geschichtlich wichtigen varüerten Stellen zugrunde gelegt werden:

141 Stellen, an denen die Koinelesart in zwei Varianten vorliegt (pm-Stellen),


werden einfach gezählt.
142 Hier sind die nur von einem großen Teil der Koinehandschriften (pm) bezeug
ten Lesarten mitgerechnet.
132 Der Charakter des Byzantinischen Textes

An 43 Stellen (11,8%) wurde die Mehrheitslesart (bzw. eine von


einem großen Teil der Koinehandschriften [pm] bezeugte Koine-
variante) als möglicherweise, an 95 Stellen (26,1%) als wahrschein
lich ursprünglich beurteilt.
Der Byzantinische Text weist alle Arten von Varianten auf, die
auch sonst in der Überlieferung begegnen, abgesehen nur von
orthographischen Fehlern. Wäre diese Textform nur in einer
Handschrift, etwa einem Papyrus des 3./4. Jahrhunderts überliefert,
würde man sie zweifellos als Repräsentanten des "freien" Textes
mit einer ausgeprägten Neigung zur Normalisierung, Verdeut
lichung und Harmonisierung beurteilen. Da es sich aber um die
am reichsten überlieferte Textform handelt, ist als ihr auffälligstes
Charakteristikum der starke Kontrast hervorzuheben, der zwi
schen der großen Sorgfalt in der Bewahrung ihres Wortlauts und
der ebensogroßen Freiheit in der Wiedergabe des Überlieferten be
steht, auf die sich viele typische Lesarten der Koine zurückführen
lassen. Der Kontrast wird dadurch verstärkt, daß die in jeder
Handschrift vorkommenden Fehler und Nachlässigkeiten ein
Äquivalent in den untypischen Mehrheitslesarten haben.
Die Frage, ob die These Horts zutrifft, daß der "syrische" Text
eine Fülle neuer Interpolationen aufweise, kann erst nach der
Untersuchung über die Bezeugung der Koine behandelt werden.
Schließlich sei noch ein Punkt hervorgehoben, in dem Horts
Charakterisierung des Byzantinischen Textes durch die vorlie
gende Untersuchung bestätigt wird: seine typischen Lesarten sind
"entirely blameless on ... religious grounds"143. Die Varianten
betreffen vor allem die sprachliche Gestalt, weniger den Inhalt des
Textes.
Mit dieser Feststellung soll nicht bestritten werden, daß Kopisten
nicht selten den Text bewußt oder unbewußt so wiedergaben, daß
die Formulierung der orthodoxen Dogmatik besser entsprach; und
gewiß erhöhte es die Chance einer Lesart, einer anderen vorge
zogen zu werden, wenn sie der orthodoxen Deutung der variierten
Stelle entgegenkam.144 Aber weder ist den Mehrheitslesarten eine
bestimmte theologische Tendenz anzumerken, noch kommt der
"orthodox corruption", wie B. D. Ehrman die Neigung zur theolo

143 HORT 135.


144 Vgl. z. B. den Kommentar zu den Teststellen 68 (ljoh 4,12), 90 (Jud4) und 91 Qud
5).
Zusammenfassung 133

gischen Normalisierung genannt hat145, bei der Entstehung der


Mehrheitslesarten besondere Bedeutung zu.
Die Hypothese, daß die Koine auf eine Variantenschicht zurück
geht, die zu einem großen Teil einem früh von der übrigen Text
tradition abgespaltenen Überlieferungsstrang angehört, wird durch
die bisherige Untersuchung gestützt. Die Existenz der bisher wenig
beachteten untypischen Mehrheitslesarten findet so eine einfache
Erklärung: sie können als Überreste des Sonderguts dieses Über
lieferungsstranges gedeutet werden. Die Konstanz andererseits, mit
der Lesarten typischen Gepräges an bestimmten Stellen in nahezu
allen späten Handschriften auftreten, weist in die gleiche Richtung.
Denn die Koine reproduziert zwar einen geglätteten Text, aber die
Entwicklung, die ihre spezifische Form hervorbrachte, ist in ihr
zum Stillstand gekommen. Dieses Phänomen ist nicht auf die
Koine beschränkt. In der Gruppe Hk zum Beispiel können wir die
Überlieferung einer Textform, die in den Katholischen Briefen
erheblich von der Koine abweicht, über etwa tausend Jahre hinweg
verfolgen. Auch andere Gruppen tradieren von der Koine ver
schiedene Textformen mit einer Genauigkeit, wie sie, freilich in be
sonderem Maße, die Koineüberlieferung kennzeichnet. Hier zeigt

145 B. D. EHRMAN, The Orthodox Corruption of Scripture: The Effect of Early


Christological Controversies on the Text of the New Testament, New
York/Oxford 1993. - EHRMAN sieht eine Hauptursache der Variantenbildung
in den christologischen Konflikten der Alten Kirche: "proto-orthodox
Christians had to defend - at one and the same time - Christ's deity against
adoptionists, his humanity against docetists, and his unity against separa-
tionists" (S. 278). Viele Varianten seien als "a secondary form of polemic, an
offshoot of the theological controversies" (S. 279) zu erklären. Freilich habe
es keine orthodoxe Rezension der neutestamentlichen Schriften gegeben, da
sonst viele Stellen nicht ganz oder weitgehend unvariiert überliefert sein
könnten (S. 277f.; vgl. auch S. 54-57 zur Überlieferung der Stellen in Luk 2, an
denen Josef als Vater Jesu bezeichnet wird). Die orthodox motivierte Varian
tenbildung sei nicht zuletzt deshalb so wenig einheitlich, weil der paradoxe
Charakter der proto-orthodoxen Christologie scheinbar widersprüchliche
Impulse hervorgebracht habe: "texts that appeared to compromise Christ's
humanity were just as subjects to alteration as texts that seemed to compromise
his deity" (S. 278).
Allerdings neigt EHRMAN dazu, eventuell mögliche theologische Im
plikationen von Varianten überzubewerten, indem er sie zu deren Ursachen
erklärt (vgl. den textkritischen Kommentar zu den Teststellen 29 [S. 248], 53
[S. 292], 61 [S. 301], 71 [S. 313]). Regelrechte editorische Eingriffe aus
dogmatischen Gründen sind selten. Gelegentliche Verdeutlichungen im Sinne
der orthodoxen Christologie sind Phänomene des normalen Überliefe
rungsvorgangs .
134 Der Charakter des Byzantinischen Textes

sich also ein Grundzug der neutestamentlichen, nicht der byzanti


nischen Überlieferung, den K. Aland ihre "Tenazität" genannt hat.
Die Frage ist nun, wie die Häufung typischer Mehrheitslesarten
in der Koine zustande kam und wann die Fixierung des Textes
erfolgte. Die frühesten Koinehandschriften der Katholischen Briefe
stammen aus dem 9. Jahrhundert. Ergiebige frühere Quellen, wie
die Zitate des Chrysostomos und die gotische Übersetzung, die die
byzantinische Textform der Evangelien im wesentlichen bereits für
das 4. Jahrhundert belegen, oder wie die sogenannten Purpur
codices aus dem 6. Jahrhundert, die die Koine in repräsentativer
Form als den offiziellen Reichstext ihrer Zeit ausweisen, gibt es für
die Katholischen Briefe nicht.
Daher soll in den Kapiteln 4 und 5 untersucht werden, ob die
Überlieferungsgeschichte der Katholischen Briefe, wie sie sich in
den griechischen Handschriften, den großen Versionen und den
Kirchenväterzitaten darstellt, als kontinuierlicher Prozeß begreifen
läßt, der erst mit der Einführung der Minuskelschrift zum Ab
schluß kam. Die Frage lautet also, ob für den Koinetext der Katho
lischen Briefe, wie er seit dem 9. Jahrhundert vorliegt, ein Arche
typ der Überlieferung aus der Zeit des цетахарактт|р|.ац.09 anzuneh
men ist. Dies ist wahrscheinlich, wenn sich eine Schicht typischer
und vor allem untypischer Mehrheitslesarten nachweisen läßt, die
nicht in Repräsentanten älterer Textformen überliefert sind.
4. Die Spätform des Byzantinischen Textes

Für die Untersuchung der Koine als eines überlieferungsgeschicht


lichen Phänomens ist zu beachten, daß diese Textform, die die
byzantinische Überlieferung des Neuen Testaments dominiert, mit
dem Mehrheitstext nicht einfach gleichgesetzt werden darf1. Denn
bezogen auf eine einzelne variierte Stelle ist der Mehrheitstext zu
nächst lediglich diejenige Lesart, die von der Mehrzahl der Hand
schriften bezeugt wird, also eine rein quantitativ bestimmte Größe.
Andererseits sind es natürlich die Mehrheitslesarten, die die Koine
als die am weitesten verbreitete Textform einer Zeit von der frühe
ren Überlieferung unterscheiden. Denn in den allgemein verbrei
teten Textformen dominieren per definitionem die allgemein ver
breiteten Lesarten. Daher ist es gerechtfertigt, die Handschriften, in
denen an variierten Stellen die Mehrheitslesarten bei weitem
überwiegen, Komehandschriften zu nennen, da sie die reinen bzw.
annähernd reinen Spätformen der Koine, den byzantinischen Text,
repräsentieren. Nach der Definition in Kap. 2.2 sind dies die Hand
schriften der Kategorien d) und e), die an über 80% der Teststellen
mit dem Mehrheitstext übereinstimmen. Um den Anteil der Koi-
nehandschriften an der Gesamtüberlieferung zu verdeutlichen,
seien die Zahlen hier wiederholt: Von insgesamt 521 untersuchten
Handschriften gehören der Kategorie d) mit 80-90% Übereinstim
mungen mit dem Mehrheitstext 51 Handschriften an, der Katego
rie e) mit über 90% Übereinstimmungen 372 Handschriften; in der
Kategorie e) stimmen 233 Handschriften sogar an über 95% der
Teststellen mit dem Mehrheitstext überein. Allein diese Werte ge
ben schon einen Eindruck von dem hohen Grad an Kopierge
nauigkeit, die die reinen Koinehandschriften auszeichnen.
Der Unterschied zwischen der Koine in ihren noch zu unter
scheidenden Entwicklungsphasen und dem Mehrheitstext wird
nun durch die Tatsache deutlich, daß es auch in der Kategorie e)
keine einzige Handschrift gibt, die an allen Teststellen den Mehr
heitstext bezeugt. Dies gilt auch dann, wenn die gelegentlich selbst

1 S. dazu auch oben S. 7i.


136 Die Spätform des Byzantinischen Textes

in reinen Koinehandschriften vorkommenden Schreibfehler, die


in "Text und Textwert" als Subvarianten der Mehrheitslesarten
verzeichnet sind, nicht als Abweichungen vom Mehrheitstext ge
wertet werden. Reine Koinehandschriften weichen nicht willkür
lich oder durch bloße Schreibfehler vom Mehrheitstext ab, sondern
in Lesarten, die regelmäßig von einer starken Minderheit der
Handschriften bezeugt werden. Solche Varianten gehören sowohl
nach der Art wie nach der Zahl ihrer Zeugen selbst der Koine an.
Noch die reinen Formen der Koine, die von dem Bestreben
zeugen, die Textentwicklung endgültig zum Stillstand zu bringen,
zeigen, daß sich die Koine in einem langen Prozeß entwickelt hat.
Dies wird umso deutlicher, je weiter man sich von den spätesten
Reinformen entfernt. In diesem Kapitel werden zunächst die am
wenigsten divergierenden Erscheinungsformen des Endstadiums
der Koineüberlieferung dargestellt, dann solche, die noch einen
größeren Anteil älteren Überlieferungsgutes enthalten. In einem
Exkurs werden die methodischen Konsequenzen der Untersu
chungsergebnisse für die Eliminatio codicum in einer kritischen
Ausgabe der Katholischen Briefe aufgezeigt.

4.1 Das Endstadium der Koineüberlieferung

4.1.1 Die Edition Kr


Es gibt eine einzige Ausprägung der Koine, die in einer großen
Anzahl von nahezu identischen Exemplaren erhalten ist. V. So
den, der sie entdeckte, nannte sie Kr. Wir bestimmen zunächst ihre
reinsten Repräsentanten mithilfe von Leitlesarten, d. h. Varianten,
die von großen Minderheiten der Koinehandschriften bezeugt
werden und deshalb geeignet sind, die geringfügigen Divergenzen
noch der späten Formen der Koine aufzuzeigen. An acht Teststel
len der Katholischen Briefe finden sich solche Leitlesarten. Sie wei
chen vom Mehrheitstext ab, werden aber von mindestens hundert
Koinehandschriften bezeugt. Es sind die Teststellenlesarten 9/2,
32/1B, 34/1B, 38/1C, 45/1D, 65/3 (+3B), 70/3 und 86/3. Sie werden
im folgenden zur Bestimmung von Handschriften gebraucht, die
das Endstadium der Überlieferungsgeschichte in annähernd reiner
Form repräsentieren.
Das Endstadium der Koineüberlieferung 137

Zur Gruppe Kr gehören 23 Handschriften, die an den Teststellen


der Katholischen Briefe vollkommen miteinander übereinstim
men. Sie weichen mit fünf der genannten Leitlesarten (9/2, 32 /IB,
34/1B, 45/1D, 86/3) vom Mehrheitstext ab2: 18 (eapr, XIV), 201 (eapr,
1357), 386 (eapr, XIV), 394 (eap, 1330), 432 (apr, XV), 1072 (eapr, XIII), 1075
(eapr, XIV), 1100 (apt, 1376), 1503 (eapr, 1317), 1548 (eapt, 1359), 1619
(eapPt, XIV), 1628 (eap, 1400), 1636 (eapt, XV), 1725 (ap, 1367), 1745 (aprt,
XV), 1746 (apr, XIV), 1768 (ap, 1519), 1858 (apt, ХШ), 1864 (apr, ХШ), 1865
(apr, Х1П), 1897 (apPt, ХП/Х1П), 2554 (eapr, 1434), 2587 (ap, XI).
Hinzu kommen sechs weitere Handschriften, die stellenweise
unleserlich oder lückenhaft sind, aber an den lesbaren Teststellen
ebenfalls keine Abweichungen von den genannten Handschriften
aufweisen: 141 (eapr, XIII), 204 (eap, XIII/XIV), 757 (eaprt, XIII), 824
(eapr, XIV), 1704 (eapr, 1541), 1761 (ap, XIV).
Diese Handschriften bezeugen eine weitverbreitete, sorgfältig
kontrollierte Spätform der Koine, eine regelrechte Edition. Wie die
Ausstattung3 zeigt, waren sie für den täglichen Lektionsgebrauch
bestimmt, sind also sozusagen Lektionare mit fortlaufendem Text.
Von daher erklärt sich auch die erstaunliche Kopiergenauigkeit,
die sonst vor allem Lektionare auszeichnet. Die meisten Exem
plare der Edition werden ins 13. und 14. Jahrhundert datiert, einige
ins 12. und nur eines, die 35, ins 11. Jahrhundert. Die Zeit, in der 35
geschrieben wurde, sollte aber dennoch nicht als Entstehungszeit
der Edition angesetzt werden, da diese Handschrift, wie an Test
stelle 65, an einer Reihe weiterer Stellen erst durch Korrektur das
reine Kr-Variantenprofil erhielt4. Daher ist es ratsam, mit v. Soden

In der folgenden Aufstellung ist jeweils nach der Handschriftennummer in


Klammern der Inhalt und die Datierung angegeben (e=Evangelien, a=Apg und
Kath. Briefe, p=Paulinische Briefe, r=Offb, t=mutiliert, P=Corpus nur
teilweise enthalten; exakte Jahresangaben wurden den Handschriften selbst
entnommen); alle Angaben beruhen auf der "Kurzgefaßten Liste der griechi
schen Handschriften des Neuen Testaments", hg. v. K. ALAND, (ANTF 1)
Berlin/New York 21994.
Verzeichnis der täglichen Lektionen, Menologium, Kennzeichnung der Lekti
onen mit Einführungsworten und dpx^/теХо? im Text, als Besonderheit der
Gruppe Numerierung der Perikopen; vgl. dazu V. SODEN 1,2, 757-760.
Jak und IPetr in 18 und 35 wurden im Institut für neutestamentliche
Textforschung voll kollationiert. Der Korrektor der 35 stellte an folgenden
Stellen (sonst durchgängig bestehende) Übereinstimmung mit 18 her: Jak 3,11
•yXwcu ... irucpoi/ 18. 35cl niKpov ... yXwcu 35*vid; 3,14 катакаихааве 18.35е]
каихаабе 35*; 4,7 avnonyre 18. 35е! аипоттуге Se 35*; 4,10 тои кирюи 18.
35е! кирюи 35*; 5,11 есбете 18. 35е] 18ете 35*vid; IPetr 1,9 ицш> 18. 35е]
138 Die Spätform des Byzantinischen Textes

als Entstehungszeit von Kr eher das 12. Jahrhundert anzuneh


men5.
Die nebenstehende Tabelle stellt das Variationsverhalten der IC-
Handschriften dar, die bis zu zwei Abweichungen vom Varianten
profil der Gruppe aufweisen. Denn es entspricht dem hohen Grad
an Kontrolle, dem dieser Überlieferungsbereich unterlag, nur na
hezu exakt übereinstimmende Handschriften einer Gruppe zu
zuordnen.
Ein Kreuz in einer Spalte unter der Teststellenlesart, die in der
ersten Zeile angegeben ist, ordnet sie der entsprechenden Hand
schrift am linken Rand zu; steht im Schnittpunkt von Zeile und
Spalte nichts, liest die Handschrift an der entsprechenden Stelle
den Mehrheitstext. In der Spalte am rechten Rand wird angegeben,
mit welchen Teststellenlesarten die Handschrift sowohl von Kr als
auch vom Mehrheitstext abweicht; in dieser Spalte stehen also die
Abweichungen vom Mehrheitstext, die keine Leitlesarten sind6.
Anhand der Tabelle zeigt sich die Gleichförmigkeit von Kr mit
aller Deutlichkeit. Die Art der Varianten, die das Gruppenprofil
bilden, läßt das Ziel der Edition erkennen. Es handelt sich um den
Versuch, den Text im Rahmen von Varianten, die der Koine selbst
angehören, sprachlich zu verbessern. Dies zeigt sich eindeutig an
den Teststellen 9 und 34, an denen die Editoren untypische Mehr
heitslesarten vermeiden. An Teststelle 32 ziehen sie die nach
klassischer Regel korrekte Form vor, an Teststelle 38 behalten sie
die glattere Mehrheitslesart bei. An Teststelle 45 unterscheidet nur
der im NT sonst nicht belegte, aber sicher nicht auffällige, die
Bedeutung nicht verändernde Plural in dem Präpositionalaus-
druck eis crtwvac" die Kr-Lesart vom Mehrheitstext. Der Singular in
den Kr-Handschriften 1482 und 1656 ist als wahrscheinlich unbe
wußte Normalisierung zu beurteilen. An Teststelle 65 behält Kr die
weniger glatte Mehrheitslesart bei, während 35* und die sechs mit
ihr übereinstimmenden Handschriften mit Lesart 3 das Tempus
im Einklang mit dem Kontext an den Aorist im folgenden Satz
angleichen. Zwar wurde die ursprüngliche Lesart der 35 nach dem

unleserlich 35*; 1,21 eivai 18. 35c] om. 35*; 3,6 еуе1Т)ОГ|те 18. 35e] eycwr\-
9г|те 35*; 4,7 тас ттроосъха? 18. 35е] от. та? 35*; 5,10 катар-паси vuas-
18.35е] от.цш? 35*.
5 Vgl. V. SODEN, 1,2, 763.
6 In der ersten Zeile der rechten Spalte wird zunächst die Teststelle, dann die
Lesart an der Teststelle genannt; *=Lesart der ersten Hand, c=Korrektur.
Das Endstadium der Koineüberlieferung 139

9/ 32/ 34/ 38/ 45/ 65/ 70/ 86/ Abweichungen v.


2 IB IB 1С ID 3 3 3 Leitlesarten und
Mehrheitstext
Gruppenprofil Kr
18/eapr/XIV X X X X (X) X —
und weitere 22 Hss.
Kr-Handschriften mit einer Abweichung vom Gruppenprofil
35/eap/XI7 X X X X X X 65/cl/2
149/eapr/XV X X X X X 73/1 В
328/ap/XIII X X X X X 46/4B
604/ap/XIV8 X X X X X 39/1B
1248/eapr/XIV X X X X X 39/1F
1617/eapr/XV X X X X X 21/1B
1618/eapPt/XIV X X X X

1637/eapr/1328 X X X X X 17/*2
1754/ap t/XII X X X X X 23/3
1763/ap +/XV X X X X X 21/1C
1892/ap/XIV X X X X

2261/eap/XIV X X X X X 22/4
2466/eap/1329 X X X X X 41/*1B
2626/aprt/XIV X X X X X 33/1B
2704/ap/XV X X X X X 94/1M
Kr-Handschriften mit zwei ¡Abweichungen vom Gruppenpix>fil
801/eap/XV X X X X X 21/1C, 73/1D
1482/eap/XIV X X X X X 65/cl/2
1508/eapt/XV X X X X X X 21/1B
1656/eapt/XV X X X X 8/8
1726/apt/XIV X X X X X 22/4, 91/1D
1733/apr/XIV X X X X X 16/7, 91 1*7
1737/ap /XII X X X X 78/1B
1748/ap /XVII X 1H X X X 32/1H, 62/1B
2218/ap/XVI X X X X 62/1B
2255/eap/XVI X X X X X X 71/3

Sechs weitere Handschriften stimmen an allen Teststellen mit 35 überein: 664


(eapr; XV), 757 (eaprt, ХШ), 928 (eap, 1304), 1249 (apt, 1324), 1855 (ар, XIII),
2221 (eap, 1432).
Zwei weitere Handschriften stimmen an allen Teststellen mit 604 überein:
1740 (apr, ХП), 2352 (eapr, XV).
140 Die Spätform des Byzantinischen Textes

Kr-Text korrigiert, aber die sechs weiteren, nur mit dieser Lesart
vom Variantenprofil der 18 abweichenden Handschriften zeigen,
daß die Lesart als häufiger vorkommende Subvariante des Kr-
Textes gelten muß (vgl. die Handschriften 1482, 1508 und 2255).
An Teststelle 70 weichen 219 Handschriften mit Lesart 3 von der
Mehrheitslesart ab, die auch von Kr bezeugt wird und sich
eindeutig besser in den Kontext einfügt. Lesart 3 ist eine itazistische
Entstellung der Mehrheitslesart; daß keine der hier erfaßten IC-
Handschriften die itazistische Lesart bietet, belegt beispielhaft ihren
hohen orthographischen Standard.
An Teststelle 86 bezeugt Kr die tautologisch anmutende Lesart 3,
oï8ci|iev öti f) р.артир1а biiûv àkt)(tf\s ècrnv; allerdings ist zu beden
ken, daß eine solche Aussage aus der Feder eines Apostels im
byzantinischen Mittelalter sicher keinen Anstoß erregte.

Daraus ergibt sich:


a) Die der Koine insgesamt eigene Tendenz, Unklarheiten zu ver
meiden, wird für die Edition Kr systematisch fortgesetzt.
b) Es werden nur reich überlieferte Varianten aufgenommen; die
Editoren greifen also nicht etwa nach eigenem Gutdünken in den
Text ein.
c) Abgesehen nur von einigen reich bezeugten Varianten repro
duziert Kr den nicht mehr variablen Byzantinischen Text. Unty
pische Mehrheitslesarten gehören weitaus überwiegend zum fe
sten Bestand dieser Textform.
Außer an den Teststellen 9 und 34 werden die untypischen
Mehrheitslesarten von Kr zuverlässig überliefert. Wahrscheinlich
war den Editoren an diesen Stellen keine, zumindest keine in
ihren Augen gut bezeugte Alternative zu diesen Lesarten bekannt.
Denn an Kr tritt deutlich das Bestreben hervor, Unklarheiten und
Fehler endgültig zu beseitigen (auch wenn das Ergebnis nicht im
mer überzeugt), sofern es breit bezeugte Alternativen zu solchen
Lesarten gab.
Die geringfügigen Abweichungen der Kr-Handschriften vom
Gruppenprofil zeigen in der Regel nur, daß auch die Kopisten, die
der Verbreitung der Edition dienten, keine Maschinen waren.
Keine der abweichenden Lesarten zwingt zu der Annahme, daß in
diesem Stadium der Überlieferung noch Kontamination stattfand.
Die Edition Kr ist also eine bewußt gestaltete, sorgfältig kontrol
lierte Spielart des Endstadiums der Textgeschichte des Neuen
ϋ38 ΕηάδΙαάίυιη άβτ ΚοίηβϋΙ>€Γΐϊθίθηιη§ 141

Τθδΐ3ΐτΐθηί;5, άϊε δϊοΐι ννε§εη άβτ ΰ1εΐοηίΟΓΠπ§1:εϊ1: ιΗγθγ ΕχεπφΙβΓε


άΊιτοη εϊηίββ ννεηΐςε ΗβηάδοητΐίΙεη, ζ. Β. άίε 18 υηά άίε 35, ζυνει•-
1388Ϊ§ ΓερΓ3δεηΙίεΓεη 1361.

4.1.2 νΥείίθΓε Ροπηεη άεδ Εηάδϊ3άϊυτηδ άεΓ ΚοίηεϋοεΓΐϊείει•υη§


ϋΐε Εχειηρΐ3Γε άεΓ Εάϊιίοη ΚΓ ζεϊ§εη 3η άεη Τεδΐδίεΐΐεη ηαΐΐ δο§.
ίεϊί1εδ3Γΐεη εΐη ϊγρίδοηεδ, ϊγπ §3ηζεη Ιςοηδεςυεηί: άυΓοηβεηβΙίεηεδ
ν3Π3ηΙεηρΓθίϊ1. Η3ηά,δοηπ£ΐεη, άϊε 3η άεη βίεϊοηεη δϊεΐΐεη άϊε-
]εηί§εη Εεϊ11εδ3Γΐεη βεζευ^εη, άϊε ηϊοηι ΟηαρρεηΙβδΒΓίεη νοη ΚΓ
δϊηά, υηά δοηδί πύΐ άεηη ΜεητηείίδίεχΙ: α&εΓεϊηδΠΓηιηεη, τερΓβδεη-
ΙϊεΓεη εϊηεη νοη ΚΓ βοννεϊοηεηάεη ϋοεΓΐϊείεηιη§δδη-3η§, άβν ζώβτ
ςίεΐοηννοηΐ ζαΓ Κοϊηε §εΗ6Γΐ. ΕΗε £ο1§εηάε Τββεΐΐε ζείςί άβδ Εγ-
§εοηίδ άεΓ 5υ<:ηε ηβοη ΗβηάδοητϊίΙεη, άϊε νοιη ΜεητΚεϊίδίεχΙ: ηυτ
ηοοη ίη δοΐοηεη ίεΐ11εδ3ΐΊεη 3ΐ>ννεκ:ηεη, άϊε ηϊοΜ ΟηιρρεηΙεδβΓίεη
νοη ΚΓ δϊηά. 5ο ννεΓάεη τεϊηε ΚερΓοάυ&ΐοηεη άεΓ δρΜίίοπη άεδ
ογζβηπηϊδοηεη Τεχίεδ ^εηηίΐΐοη, άΐε ηϊοηί ζυ ΚΓ βεηοτεη.

9/ 32/ 34/ 38/ 45/ 65/ 70/ 86/ Αβννβίοΐιυηςβη ν.


2 1Β 1Β 10 \Ό 3 3 3 Ι.οί11θ5,ΐΓ(ί•π υηά
ΜβΚΓΗβΗβίβχί
ΟπιρρβηρΓοίϊΙ ΚΓ
18/εβρΓ/Χΐν XXX χ (χ) χ —
υικί «νείΙβΓβ 22 Η53.
82/βρΓΚ/Χ χχ
χχχχχχ XXXX
Χ
XXXX ΧΧΧΧΧΧΧΧ
XXX 4/2
319/3Ρ+/ΧΙΙ χ 4/2, 12/1Β
605/3ΡΚ/Χ 7/3
607/3ρΚ/ΧΙ 30/2
622/3ρ(Κ)+/ΧΙΙ 74/1ϋ
632/βρΓ/ΧΙΙ-Χΐν χ 73/1Ε (Ζ 96-98)
638/βρ /ΧΙ
699/β3ρΗ•/ΧΙ 4/2
1040/β3ρ+/Χΐν χ χ χ 21/10
1668/β3ρΓ+/ΧΙ 4/2
1730/βρΡ/ΧΙ 30/2 (Ζ 83-85)
1859/3ΓΚ+/Χΐν (Ζ 69-72)
2191/εβρ/ΧΙ 4/2, 66/1Β,
74/1Ρ (Χ 80.92)
2423/βρΡ/ΧΙΙΙ 38Λ1
2484/3ρ+/Χΐν 4/2
2625/3ρΓΡ+/Χ1Ι 50/2, 62/1Β (υ 80)
142 Die Spätform des Byzantinischen Textes

Wahrscheinlich handelt es sich hier um denjenigen Überliefe


rungsstrang der Koine, gegen den sich die Editoren von Kr ent
schieden. Repräsentanten von Kr und des von Kr abweichenden
Überlieferungsstranges bezeugen gemeinsam alle Varianten, in
denen das Endstadium der Koineüberlieferung vorliegt, d. h. alle
typischen und untypischen Mehrheitslesarten und die von großen
Minderheiten der Koinehandschriften bezeugten Leitlesarten.
Eine Handschrift, die 2423, weicht nur in zwei Leitlesarten vom
Mehrheitstext ab. Sehr nahe kommen ihr die 319 und die 607.
Diese Handschriften und die reinen Repräsentanten der Kr-Edition
stehen dort, wo sie vom Mehrheitstext abweichen, in aller Regel
für eine große Minderheit der Koinehandschriften, da sie an allen
Teststellen von Singular- und schwach bezeugten Sonderlesarten
frei sind. Gemeinsam repräsentieren sie die jeweils breit bezeugten
Varianten, in denen die Koine selbst vorliegt.
Eine weitere große Gruppe von Koinehandschriften, die mit Kr
vergleichbar wäre, ist also nicht festzustellen. Von Soden selbst
sagt über die zweite von ihm postulierte K-Gruppe in den Katho
lischen Briefen, Kc, sie sei "nur sehr undeutlich zu bemerken"9;
die Teststellenkollationen zeigen, daß diese angenommene Grup
pe sich nicht nur deshalb nicht klarer abhebt, "weil die Codd nur
cursorisch kollationiert worden sind"10, wie von Soden vermutet,
sondern weil sie eben keine Gruppe bilden.
Da sich diese Arbeit auf die Handschriften mit fortlaufendem Text
beschränkt, wird eine andere Gattung von Zeugen für die voll
ausgeprägte Koine, das byzantinische Lektionar, hier nicht näher
untersucht. Dieser Verzicht ist auch durch eine Untersuchung der
Apostoloslektionare mit Wochentagslesungen durch K. Junack
gerechtfertigt11. Als Ergebnis einer Kollation aller 98 auf Mikrofilm
vorliegenden Lektionare dieser Art an den 40 Teststellen des Jak
und 2Petr12, die für eine repräsentative Auswahl von Lektionaren

9 V. SODEN, 1Д S. 1875.
10 Ebd.
11 K. JUNACK, Zu den griechischen Lektionaren und ihrer Überlieferung der
Katholischen Briefe, in: K. ALAND (Hg.): Die alten Übersetzungen des Neuen
Testaments, die Kirchenväterzitate und Lektionare, (ANTF 5) Berlin /New
York 1972, S. 498-591.
12 Von insgesamt 129 Lektionaren mit Wochentagslesungen des Apostólos, die
1972 bekannt waren, konnten für Jak 99, für 2Petr nur 98 ausgewertet werden
(vgl. JUNACK, S. 543).
ϋ35 Εηά5ί3«ϋυιη άβτ Κοίηθυββι•Ηθίοηιη£ 143

άυκη νο111ςο1ΐ3ΐϊοη ζννεϊεΓ Ρεπίίορεη 3υδ άεπ\ ]άΙ(. οεδίβιΐβΐ ννιΐΓ-


άεη, δίεΐΐΐ ]ιιη3θ1ς ίεδί:
'Όθγ ΤεχΙ άβτ ΙςοΙΙβΗοηϊθΓίβη ίβΚΗοηβΓβ ίνεΐδί - ννεηί^δίεηδ ηΪΓ <1εη Ιβίςοβυδ-
Βπεί υηά ηαϊΐ Αιΐδη3ηιηε νοη Ζ 596 - ηϊοηι ηυΓ Βεπϊηπιηβεη ζιιηι Βγζβη-
πηϊδοηεη ΤεχΙ βιιί, δοηάεπι δίεΐΐί εϊηεη ίνεδεητίίοηεη Ζειι§εη ίΐΐΓ άϊεδεη
Τεχίτγρ ά3Γ."13
Όβτ νοΓδϊοΗΐϊβεη Εϊηδ(:ηΓ3η1<ιιη§ ("ννεηΐ§δ1εηδ ίνΪΓ άεη ^ΙιοΒιΐδ-
Βπεί") ννπτί π\3η 1:εϊη §π>βε8 Οεννίοη: ζατηεδδεη. Αη άεη 40 ΤεδΙ-
δίεΐΐεη άεδ ]&ν. υηά 2Ρείτ ννεϊοηεη 34 άεΓ 98 αηΙεΓδίκΗΐεη Αρο-
δΐο1οδ1ε1<ποη3Γε 3η 1<θΐηεΓ δίεΐΐε νοιτι ΜεηΓΓίεϊΐδΙεχί: &\>, 37 ηατ βη
εϊηβΓ, 15 3η ζννεϊ υηά )ε 5 3η άΓεϊ υηά νϊεΓ δίεΐΐεη. Είη ίε^ποηβΓ
(Ζ 1441) ννβϊοηΐ 3η δίεΒεη, είη \νεΐΙεΓεδ (Ζ 596) 3η 18 νοη 35 ϊη ΐηιη
εΓΓΐ3ΐί:εηεη Τεδίδίεΐΐεη νοη άεΓ Βγζ3ηΙίηίδοηεη Νοπη 30. 14 96 άεΓ
ιιηιεΓδαοΓίίεη 98 Αροδΐο1οδ1ε^ιϊοη3Γε δίηά 3ΐβο άεη Κοϊηεη.3ηά-
δοηπίΐεη άεΓ Κβιεςοπε β) ζυζυΓεοηηεη, Ζ 1441 εηίδρποΓίΓ εϊηεΓ Κοϊ-
ηεηβηάδοηπίϊ άεΓ ΚβΙεςοπε ά). Νιιγ Ζ596 ΐδΐ ννΪΓΐάϊοη εϊηε Αυδη3η-
Γηε6Γδο1ιεΐηιιη§. Ιιιηβοΐί εΓΐάΜΓΐ δίε δοηΐϋδδϊξ άβτηΐΐ, ά3β εδ δίοη υτη
εϊηεη "δυρρίεηιεηίοβηά" ηβηάεΐΐ, άεΓ εϊη ί,ε^ιίοηβΓ π\ϊι άεη
53Γηδΐ3β-5οηηΓ3§-1,εδνιη§εη εΓ^Μηζί, υηά άεδβεη νοΓίββε 3αδ-
ηβητηδννεΐδε ηϊοηί 3ΐκη εϊη ίεΙςΙίοηβΓ ννβΓ, δοηάεΓη εϊηε δΐ3Γΐ;εΓ
νοη άεΓ Κοίηε ββννεϊοηεηάε Η3ηάδοηπίΐ πύΐ ίοΓΠβυίεηάεπι Τεχΐ15.
ϋβάοΓοη ννΪΓά ίυηβοΐςδ ΡβζίΙ ηϊοηΐ ϊη ΡΓ3§ε ^εβίεΐΐΐ::
"ηβοη άεΓ δΗοΚΙίοΙΙβΗοη ΐ$1 άεΓ ίεΙςΙίοπΒΓίβχι ογζβηιϊηίδοη...; ηυΓ ννεηϊ§ε
ϋΐΐβτβ ίεδβΓϊεη Ιεβεη ίη είηζεΐηεη Ηδ8 ζ\νβΓ ννείΙεΓ, ββεΓ άα5 Ιοηη άβδ υιΐεϊΐ
ϋβετ άεη (2ηιη<1οη3Γ3ΐςΐ6Γ άεδ ΤεχΙεδ ηΐοηΐ Μηάειη."16
ΝϊοηΙ: ηυΓ Ιυηβο^δ νο111ςο1ΐ3ποη νοη 20 3υδ§ε\ν3η1τεη ΚερΓβ-
δεηιβηΐεη άεΓ ίε!ίΠοη3ΓϋΓ>εΓΐΐείεηιη§ ϊη ]& 3,1-10; 5,10-2017, 3ΐιοη
άβΓ Αρρ3Γ3ΐ άεδ ΟΝΤ4, άεΓ ά3δ ΟΪΓΟδ άεΓ ίεΙίΙϊοηβΓε Γεβε1τη3βϊ§ βίδ
Ζευ§εη ίυτ άεη Βγζβηπηίδοηεη Τεχϊ νεΓζεϊοΗηεί, οεδΓ3Π§εη άίεβεδ
ΕΓ^εοηϊδ.18 ΟεΓβάε άεδΚβΙΒ 3&εΓ ίήίίί εϊηε 3ηάεΓε δοτιΐιιβίοΐςεηιηβ

13 ΕΜ.3. 569.
14 ν^Ι. βΜ. 5. 542-553, ηϊετ &Θ8. 550.
15 ΕΜ.5.551.
16 ΕΜ. 5. 553.
17 ν^Ι. εϊ>ά. 5. 553-569 υ. 576-591.
18 Α11βΓ(ϋη§8 ίδΐ άαταλίί Ηϊηζυννεϊδθη, άαβ ΙΙΙΝΑΟΚ ηυΓ <ϋβ Αρο5ΐο1θ8ΐθΚ(ίοη3Γβ
ιηϊΐ ννοΛεηΐΒ^δΙθδυηβεη ιαηΐθτδΐιοτιΐ ΙιβΙ. νοη ϊΗηεη δίηά αι. 250 ίβΚΐίοηβΓθ ππΐ
άβη 53ΐη8ΐ35-5οηηΐ3§-ίθ3ΐιη§θη ζιι ιιη(6Γ5θΚθί<1θη, <1ϊβ ίιη Μβηοΐοβ θίηίβε
Ρεδίρετί1<ορεη βυδ άεη ΚβΐΗοϋδοΓίεη Βπείεη ΙιίεΙεη (}&!(. 5,10-20; ΙΡεΙτ 5,6-14;
2ΡεΙτ 1,10-19; ΙΙοη 1,1-7; 4,12-19; ν^Ι. ΙΙΙΝΑΟΚ 520-523). δίε βεΒεη 3ΐ?εΓ η&ά\
είηετ σίδΓΐβΓ υηνεΓδίίεηΐΗοΗΙεη εΓβΙεη υηίεΓδυοΙιυη^ ά\ιτά\ νν. ΚΙΟΗΤΕΚ ίιη
144 Die Spätform des Byzantinischen Textes

Junacks nicht zu, nach der uns die Lektionare "die Wegmarken für
die Textgeschichte in der 2. Hälfte des 1. Jahrtausends"19 geben.
Denn in noch stärkerem Maße als die Koinehandschriften bezeu
gen die Lektionare den vollständig ausgeprägten Byzantinischen
Text. Quellen für die Entwicklungsgeschichte der Koine können
nur Textzeugen sein, die sich von ihr noch unterscheiden.

4.1.3 Die ältesten Koinehandschriften


Die meisten Repräsentanten von Reinformen des Byzantinischen
Textes - und zugleich die Mehrzahl aller neutestamentlichen
Handschriften - stammen aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Um
die Frage zu klären, wann zuerst mit ähnlich stark normierten
Formen der Koine zu rechnen ist, werden nun die ältesten
Koinehandschriften untersucht.
Fünf der insgesamt sieben Handschriften mit dem Text der
Katholischen Briefe, die ins 9. Jahrhundert datiert werden,
bezeugen an über 90% der Teststellen den Mehrheitstext:
018, apK, Moskau, Hist. Mus. VI.93; Sav. 98
020, ap +, Rom, Bibl. Angelica, 39
049, ар +, Athos, Lavra B' 52
1862, aprK t, Athos, Pavlu, 117
1895, aK +, Jerusalem, Orthod. Patriarchat, Stavru 25
020 und 049 sind die einzigen Koinehandschriften aus dem 9.
Jahrhundert, die durchgehend in Majuskeln geschrieben sind. Sie
bieten eine Form der Koine, die der in die Minuskel übertragenen
sehr nahe kommt.
020 bietet alle untypischen Mehrheitslesarten außer an den Test
stellen 57 und 95, an denen aber die Herstellung der ursprüng
lichen Lesart 2, wie im übrigen auch an Teststelle 1, unabhängig
von einer Vorlage naheliegt. Genealogisch signifikant sind die Ab
weichungen vom Mehrheitstext mit den Teststellenlesarten 30/3B,
97/2 und 98/2. Eine Teststellenlesart (46/5B) geht wahrscheinlich
auf eine frühe Abweichung von der ebenfalls früh bezeugten
Mehrheitslesart zurück, eine ist als Vorform der Mehrheitslesart
zu beurteilen (66 /IB). Nur an zwei Stellen bezeugt 020 regelrechte
Subvarianten der Mehrheitslesart (73/1D und die Leitlesart 70/3).

Institut für neutestamentliche Textforschung keinen Anlaß, JUNACKS Charak


terisierung des Lektionartextes einzuschränken.
19 JUNACK575.
Das Endstadium der Koineüberlieferung 145

049 bezeugt alle untypischen Mehrheitslesarten und weicht nur


mit einer Teststellenlesart (33 Л2В20) genealogisch signifikant vom
Byzantinischen Text ab. Bei den übrigen Abweichungen vom
Mehrheitstext in 049 handelt es sich entweder um Subvarianten
(19/8, 74/ ID und die Leitlesarten 32/ IB, 38/ 1С, 70/3) oder mögliche
Vorformen (16/3, 66/ IB) der Mehrheitslesarten.
Die Katenenhandschrift 018 ist keine eigentliche Majuskel. Nur
jeweils die ersten Zeilen der zu kommentierenden Textabschnitte
sind in Unzialen geschrieben, die aber nicht selten mit Elementen
der Minuskelschrift durchsetzt sind (sog. Semiunziale); der Schrei
ber wechselt meist noch im neutestamentlichen Text zur Minuskel
über, die er im Kommentarabschnitt beibehält.
018 bezeugt an den Teststellen alle untypischen Mehrheitsles
arten, daneben eine mögliche Vorform der Mehrheitslesart (16/3,
mit 020 und 049), sechs Subvarianten des Byzantinischen Textes
(12/5, 22/3, 91/1G und die Leitlesarten 32/ IB, 38/1C, 70/c3), sowie
drei nicht signifikante Übereinstimmungen mit alten Lesarten
(4/2,17/2,31/2).
1895, die den gleichen Katenenkommentar überliefert, ist eng
mit 018 verwandt. Sie weicht jedoch an den Teststellen nur mit
12/1 (Subvariante der Mehrheitslesart in 018), 34/2 (untypische
Mehrheitslesart in 018) und 54/2 (signifikante Übereinstimmung
mit dem ursprünglichen Text) von 018 ab. 1895 bietet also die
gleiche byzantinische Textform wie 018, scheint aber dem Archetyp
des Überlieferungsstranges etwas näher zu stehen.
1862 schließlich weicht ausschließlich in Subvarianten vom
Mehrheitstext ab, die außer 22/3 Leitlesarten sind: 32/1B, 34/1B,
38/ 1С und 70/3. Diese Handschrift überliefert also eine bereits
konsequenter "gereinigte" Form der Koine.
Diese Handschriften, insbesondere die Majuskel 049, zeigen, daß
das Endstadium der Koineüberlieferung im 9. Jahrhundert bereits
in allen Lesarten vorlag. Der Byzantinische Text des zweiten
Jahrtausends ist also schon in der Zeit des Übergangs von der
Majuskel zur Minuskel vollständig ausgeprägt. Allerdings belegt
020, daß auch in weitgehend der späteren Norm entsprechenden
Handschriften noch wenige, aber auffällige Einsprengsel abwei-

20 IPetr 4,1 rraOovroç ааркС] LA 1: табо^то? Оттер f|p.(3v аарк1; LA 2B:


тгавоуто? ¿v аарк1; der Präpositionalausdruck, der im Byzantinischen Text
die formelhafte Leidensaussage vervollständigt, wurde in 049 von einer
deutlich späteren Hand an falscher Stelle nachgetragen (LA 3C).
146 Die Spätform des Byzantinischen Textes

chender Textformen zu finden waren. Wie das nächste Kapitel zei


gen wird, ist 020 nur ein Beispiel für dieses Phänomen. Es wurde
im Hauptstrom der Koineüberlieferung sehr wahrscheinlich im
Zuge der Umschrift in die Minuskel beseitigt.

4.2 Ursprüngliche Lesarten und älteres Sondergut in


Koinehandschriften

Die jeweils nach Hunderten zählende Menge der Zeugen für


j, Koinelesarten ruft den Eindruck einer unerschütterlich fest
gefügten Textform hervor. Selbst die Editionen Kr und die Hand-
i; Schriften, die nur noch in sogenannten Leitlesarten vom Mehr
heitstext abweichen, zeigen jedoch, daß es die Reinform der Koine
¡С gar nicht gibt. Sie wird vielmehr von einer Vielzahl geringfügig
•« divergierender Textformen konstituiert.
Die Exemplare der Koine stimmen nach der hier zugrunde lie-
• genden Definition zwar an über 80% der Teststellen mit dem
Mehrheitstext überein, weichen aber an verschiedenen Stellen und
in unterschiedlichem Maße voneinander (und vom Mehrheits
text) ab.21 Weder gibt es eine vollständige Handschrift, die an allen
Teststellen der Katholischen Briefe mit dem Mehrheitstext über
einstimmt, noch gibt es Mehrheitslesarten, die ausschließlich von
Koinehandschriften bezeugt werden. Handschriften ganz unter
schiedlicher Qualität, in der Regel auch die Mehrheit jener 98
Handschriften, die an mehr als 20% der Teststellen vom Mehr
heitstext abweichen, bezeugen die Mehrheitslesarten.
Auf der anderen Seite wird an nur 24 Teststellen (10, 13, 15, 16,
18, 27, 36, 37, 38, 41, 42, 43, 44, 45, 58, 61, 64, 66, 67, 69, 73, 79, 92, 93)
die ursprüngliche Lesart von gar keiner Koinehandschrift bezeugt.
An 63 Teststellen (1/2-Lesarten nicht inbegriffen) ist die ursprüng
liche Lesart auch in Koinehandschriften überliefert. An 6 Teststel
len (1, 4, 9, 29, 30, 95) besteht die Bezeugung der Lesart 2 sogar zu

21 Es kommt nicht selten vor, daß Handschriften, die etwa im gleichen Maße mit
der Koine übereinstimmen, deutlich häufiger voneinander als vom Mehr
heitstext abweichen. Z. B. zeigt die Minuskel 2243 in 19, die 1297 in 18 von je
weils 97 Teststellen der Katholischen Briefen Abweichungen vom Mehrheits
text, denen 26 Abweichungen der beiden Handschriften voneinander gegen
überstehen.
Ursprüngliche Lesarten und älteres Sondergut 147

mehr als der Hälfte aus Koinehandschriften. Normalerweise sind


es aber einige wenige Zeugen dieser Qualität, in denen eine alte
Lesart erhalten blieb oder durch Kontamination in den sonst von
der Koine beherrschten Text gelangte22. Jedenfalls ist festzustellen,
daß viele Koinehandschriften gelegentlich Elemente älterer Text
formen aufgreifen oder bewahrt haben.
Dieser Befund wird durch das Sondergut der Koine, d. h. durch
die vom Mehrheitstext abweichenden Lesarten, die ausschließlich
von Koinehandschriften bezeugt werden, bestätigt. Solche Lesarten
sind in der Zusammenfassung des textkritischen Kommentars23
mit einem К (in der ersten Spalte) gekennzeichnet. Sie zeigen im
ganzen die folgenden drei typischen Merkmale:
a) Sie sind unmittelbar oder über eine Zwischenstufe eindeutig
auf die Koine zurückzuführen.
b) Sie werden von einzelnen oder einigen wenigen Handschrif
ten bezeugt, die kleine genealogisch verbundene Gruppen bilden
können, oft aber keine engere Beziehung zu den Mitzeugen
aufweisen.24
c) Bewußte Eingriffe kommen vor, aber meist handelt es sich
um ausgesprochene Schreiberversehen, die unabhängig voneinan
der auftreten können und in der Regel nicht weiterüberliefert
werden.
Abweichend von Regel a) gehen einige ausschließlich von
Koinehandschriften bezeugte Lesarten auf eine andere als die

22 Manchmal mögen Koinehandschriften aber auch durch Konjektur oder sogar


durch Schreiberversehen als Zeugen des ursprünglichen Textes erscheinen. Z.
B. lag es an den Teststellen 11 und 95 nahe, den Wortlaut der LA 2 an die Stelle
der nicht kontextgemäßen Mehrheitslesart zu setzen, ohne LA 2 aus einer
Handschrift zu kennen. Durch Schreiberversehen beim Kopieren des Koine-
textes dürfte z. B. LA 2 an den Teststellen 2 und 8 in den Koinehandschriften
996 und 1661 entstanden sein. An Teststelle 2 (Jak 1,12) wurde nur in 8 koine-
fernen Handschriften die ursprüngliche, subjektlose Form bewahrt - und in den
beiden eng verwandten Koinehandschriften 996 und 1661. Auch an Teststelle 8
lesen diese beiden Handschriften den ursprünglichen Text, der hier sogar nur
von 3 weiteren Handschriften bezeugt wird. In beiden Fällen kann der ur
sprüngliche Text durch Auslassung von nur jeweils drei Buchstaben der Mehr
heitslesart (o к? /IS? bzw. шве) zustandegekommen sein.
23 S. 380ff.
24 Abweichend von dieser Regel werden an 8 Teststellen Subvarianten der Mehr
heitslesart von mehr als einer Handvoll Koinehandschriften, aber nicht von
einer koineferneren Handschrift bezeugt: 6/1B; 7/3; 39/1B; 78/1B; 90/3; 91/1G;
95/1B; 96/5.
148 Die Spätform des Byzantinischen Textes

Mehrheitslesart zurück. Sie wurden in der Zusammenfassung des


textkritischen Kommentars mit !K gekennzeichnet. Die neben
stehende tabellarische Darstellung25 macht zwar deutlich, daß älte
res Überlieferungsgut nur selten ausschließlich in Koinehand-
schriften bewahrt wurde, aber immerhin ist festzustellen, daß
solche Varianten noch in Koinehandschriften der Kategorie e)
vorkommen.
Da also einerseits die ursprüngliche Lesart nicht selten auch von
einzelnen Koinehandschriften bezeugt wird, andererseits einige
ältere Lesarten oder solche, die auf älteres Überlieferungsgut zu
rückverweisen, nur in Koinehandschriften zu finden sind, ist den
radikalen Eklektizisten durchaus einzuräumen, daß im Prinzip in
jeder beliebigen Handschrift die ursprüngliche Lesart überliefert
sein kann. Theoretisch besteht sogar die Möglichkeit, daß sie nur
in einer Koinehandschrift der Kategorie e) erhalten blieb. Aber
offensichtlich ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, daß dieser
Fall tatsächlich eintritt. Denn die nicht vom Mehrheitstext abgelei
teten Teststellenlesarten, die ausschließlich von Koinehandschrif
ten bezeugt werden, sind sämtlich von anderen Lesarten abhängig,
die ihrerseits auch von Repräsentanten älterer Textformen über
liefert werden.
Offensichtlich ist aber auch, daß es fließende Übergänge von äl
teren Textformen zur Koine gibt. Ältere Varianten werden häufig
auch von Koinehandschriften bezeugt, und der Hauptstrom der
Koine hat regelmäßig auch Zeugen unter den Repräsentanten älte
rer Textformen. Gelegentlich ist älteres Überlieferungsgut sogar
nur in Koinehandschriften erhalten.
Weitaus häufiger aber kommt es vor, daß signifikante ältere
Lesarten, d. h. solche, die wahrscheinlich nicht durch Zufall beim
Kopieren des Koinetextes entstanden sind, auch von einigen
Koinehandschriften bezeugt werden. Dieses Phänomen findet,
ebenso wie die Existenz des ausschließlich von Koinehandschrif
ten bezeugten älteren Überlieferungsguts, eine einfache Erklärung,
wenn man annimmt, daß die Koine nicht kirchenpolitisch
durchgesetzt wurde, sondern sich im Zuge eines langen Prozesses

25 In der ersten Zeile stehen die Lesarten (zuerst die Teststellen-, dann die
Lesartennummer), in der linken und mittleren Spalte die Handschriften. Sie
weichen je nach vorangestelltem Buchstaben an 10-20% (d) oder nur bis zu 10%
(e) der Teststellen vom Mehrheitstext ab.
Ursprüngliche Lesarten und älteres Sondergut 149

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150 Die Spätform des Byzantinischen Textes

der Normalisierung des Textes und der Häufung der für den
kirchlichen Gebrauch bevorzugten Handschriften ausbreitete.

Der Anhang dieser Arbeit enthält eine Zusammenstellung der in


Koinehandschriften überlieferten Teststellenlesarten, die nach der
Analyse im textkritischen Kommentar wahrscheinlich, vielleicht
oder wahrscheinlich nicht von den entsprechenden Mehrheitsles
arten abgeleitet sind26. Die nebenstehende Tabelle gibt einen Über
blick über den Befund an wahrscheinlich nicht vom Byzantini
schen Text abgeleitetem, altem Überlieferungsgut in Koinehand
schriften der Kategorie d).27
Die Tabelle zeigt Ausnahmeerscheinungen unter den Koine
handschriften, die der gesamten Zeitspanne zwischen dem 10. und
16. Jahrhundert entstammen. Daß es sich im wesentlichen um
Koineabschriften handelt, erhellt nicht nur aus der relativ großen
Zahl der Übereinstimmungen mit dem Mehrheitstext, sondern
auch daraus, daß sie in der Regel die meisten untypischen Mehr
heitslesarten bezeugen.
In diesem Bereich der Überlieferung sind einige kleine, eng ver
wandte Gruppen festzustellen, aber die "Einzelgänger" überwie
gen. Charakteristische Lesartensequenzen sowohl der Einzelhand
schriften wie der Gruppen kehren auf höherer Ebene, also in
Handschriften der Kategorien a)-c), nicht wieder. Zwar haben ein
zelne ihrer signifikanten Varianten Entsprechungen bei Repräsen
tanten älterer Textformen, aber nicht ihre Variantenprofile.
Die nächstliegende Erklärung für diesen Befund ist Konta
mination. Aber wie wahrscheinlich ist es, daß noch in der Zeit der
fast unumschränkten Herrschaft der Koine älteres Überlieferungs
gut in einen Koinetext eingetragen wurde? Gewiß kam auch das
vor, aber wie die Gesamttendenz der Überlieferung zeigt, verläuft
die Entwicklung entschieden in Richtung auf Standardisierung im
Sinne der Koine. Es ist also wahrscheinlicher, daß die Koinehand
schriften mit einzelnen älteren Lesarten Endpunkte von Überliefe

26 S. 455f.
27 Die Tabelle ist ein Auszug aus der Gesamtübersicht über die Bezeugung der
Teststellenlesarten in Anhang III. Hier wurden nur die Teststellen und Koine
handschriften berücksichtigt, die signifikante ältere Lesarten bieten. Die
erste Zeile der Tabelle gibt die Teststellen, die erste Spalte die Handschriften
(mit dem Jahrhundert ihrer Entstehung) an. Die signifikanten älteren Lesarten
wurden durch Kursiv- und Fettdruck hervorgehoben.
υκρι-ϋη^ΙκΗθ ίβββτίβη ιιηά έϋΙβΓβδ δοηάβΓ^υί 151

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?! §58
152 Die Spätform des Byzantinischen Textes

rungssträngen darstellen, die sich zuvor bereits weitgehend an die


Koine angenähert hatten. Sie wurden nicht mehr weiter abge
schrieben, da es weitaus näher lag, für die Vervielfältigung der
neutestamentlichen Texte zeitgemäßere, mit der kirchlich benutz
ten Textform sicher übereinstimmende Exemplare zugrundezu
legen. Wenn doch eine Handschrift mit Elementen älterer Textfor
men abgeschrieben wurde, dürften zumindest an den Stellen, de
ren Wortlaut der Schreiber aus eigener Lektüre oder aus der Litur
gie kannte, Änderungen entsprechend der Koine erfolgt sein.

4.3 Zusammenfassung

Die Exemplare der Koine des zweiten Jahrtausends sind in aller


Regel sehr sorgfältig kontrollierte Abschriften einer seit dem 9.
Jahrhundert feststehenden Textform. Dies zeigt insbesondere die
Gruppe Kr, eine seit dem 12. Jahrhundert weit verbreitete Edition,
die den Text für den kirchlichen Gebrauch einrichtet. Sie läßt das
« Bestreben erkennen, Entscheidungen zwischen zwei jeweils reich
bezeugten Varianten (sog. Leitlesarten) zu treffen, und die resul
tierende Textform endgültig zu konservieren. Hinsichtlich der
Kopiergenauigkeit stehen die Exemplare dieser Edition den orien
talischen Handschriften der Spätzeit in nichts nach.
Es sind nur wenige nicht zu Kr gehörende Handschriften festzu
stellen, die den Koinetext in ebenso reiner Form bieten, also nur
noch in reich bezeugten Lesarten vom Mehrheitstext und von Kr
abweichen. Normalerweise überliefern auch die reinsten Abschrif
ten der Koine die sog. Leitlesarten in wechselnder Zusammen
stellung, und meist kommt die eine oder andere Lesart hinzu, die
nicht der Koine angehört. Dies zeigt, daß die Koine noch in ihren
reinen, nurmehr in breit bezeugten Varianten voneinander ab
weichenden Ausprägungen ein Konglomerat geringfügig divergie
render Textformen darstellt. Diese Textformen dokumentieren die
im 9. Jahrhundert eingeleitete Endphase eines langen Prozesses der
Normalisierung und Standardisierung.
Neben den Reinformen der Koine sind eine Reihe weiterer
Textzeugen als Koinehandschriften zu beurteilen. Auch sie
bezeugen die meisten typischen und untypischen byzantinischen
Lesarten, bewahren aber an relativ vielen Stellen älteres Überlie
ferungsgut. Unter diesen Handschriften gibt es einige kleinere
Ζϋ53πυηβηί355υη5 153

Οηιρρεη υηά Ρ33ΓΘ, ϋοεΓννίε§εηά ίεάοοη ηβηάεΐί 68 δΐοη υτη Έΐη-


ζε1§Μη§βΓ". ΡϋΓ ϊΚγθ νβπβηΓεηρΓοπΊε ίΐηάεη δΐοη ννεάεΓ βεΐ άεη
ΗβηάδοΗπίτεη βΙεΐοηεΓ ΌΐδΙαηζ νοιτι ΜεηΓΓίεΐΙδΓεχΙ: ηοοη ϊη
ΚερΓΜδεηίΗηίεη ΜΙΙεΓεΓ Τεχϊ£οπηεη δΐςηΐίΐΐοηΐε ΕηίδρΓεοΐΊυη£εη.
Αη§6δΐοηίδ άεΓ ϊτη ζννεΐίεη ]&ηΓΓ3υδεηά ιπιπιεΓ δΓ3Γ]<εΓ ννεΓ-
άεηάεη Τεηάεηζ ζιιγ 5ΐ3ηά3ΓάΐδϊεΓυη§ ΐδΐ άΐε νεΓεΐηζε1υη§ δοΐ-
οηεΓ ΤεχΙίοπηεη Ιεΐοηϊ ζυ ει-Μ&Γεη: δίε (υηά νυτίδο ηαεητ άΐε Η3ηά-
δοηπΓίεη, άΐε ζννΐδοηεη ΐηηεη υηά ηοοη ννεΐίεΓ νοη άεΓ Κοΐηε
εηίίεΓηϊεη ΤεχΙίοιτηεη 3ηζυηεηπιεη δΐηά) εΓβοηΐεηεη άυΓΟΓΐ άϊε
ΕΐηδρΓεη§δε1 3ΐ1εη Τεχιεδ §1εΐοηδ3Γη νεΓίΐπΓείηί§;1 υηά ννυΓάεη
ηϊοηΐ ιτιεΚτ 1«>ρΐεΓΐ. Ζυ^ΙεΐοΗ δϊβηάεη 1>θϊ ννεΐΓειη πιεηΓ Ηβηά-
δοΗήίΙεη ζιιγ νεΓίϋβυης, άεΓεη ΪΛ>εΓείηδίίιηιηαη§ ιτιϊΐ άεπι ΙςΪΓοΗ- *λ
Ιΐοη §εθΓ3υοΓΐίεη ΤεχΙ δΐοηεΓ \ν3Γ. Αυοη ννεηη είηε ζυ 1<ορΐεΓεηάε
Η3ηάδοητΐίΙ ηβοη άεπ\ ΖυίΒΐΙδρπηζΐρ 3υδ§ε\ν3η11 ννυΓάε, \ν3Γ εδ :ζ
δρβίεδίεηδ δείί άεπι 10. ΐ3ηΓΓΐυηάεΓΓ ννβητδοΗεΐηΙΐοηεΓ, ά&β ιτιπη είη £
^
Εχεπιρΐ3Γ πύί ΕίητώηεΓηά Γεΐηεηι ΚοΐηεΙεχί ΐη άΐε Η&ηά Βέβαιη.
ννβηιιη &\>βι δΐηά 3υβ άεΓ §εδ3ΐη1:εη δρβηηε άεΓ νοη άεΓ Κοϊηε
άοπϋηΐεΓίεη ]3ητΓΐυηάεΓτε υβεΓΓίΒυρί τείβπν νϊείε Η3ηάδοηπίιεη
εΓΠ3ΐίεη, άϊε ϊη υηίεΓδοηΐεάΙΐοηειη Μββε βΙΙεΓε Ι,εδβΓίεη οεννβη-
τεη? ϋΐε ηΜοηδίΙΐεςεηάε ΕΓΐά3Πΐη§ ΗΐεΓΓϋτ δοηεΐηΐ Κοηΐ3πύη3ΓΪοη
ζυ δεϊη. ΑοεΓ ϊη άεΓ Ζεΐί άεΓ ΗεΓΓδοη3ΐι άεΓ Κοϊηε ννυΓάεη δΐοηεΓ
εΚεΓ δΙίεΓε ΤεχίίοΓίηεη πυϊ Κοΐηε1εδ3Γΐεη 1<οητ3ππηΐεΓΐ 3ΐδ Κοΐηε-
ηΒηάδοηπίΐεη ιηΐΐ βΐΐεη ίεδ3Γϊεη. ϋβίϋΓ δρποηΐ βοηοη άΐε ϋοεΓίε-
§υη§, άββ εδ άεΓ ΐηι ΟοΜεδάΐεηδΙ ςείεδεηε ΚοΐηεΙεχί νν3Γ, άεη άΐε
δοηΓεΐϋεΓ 1:3ηηίεη. θ3ηεΓ ΐδί εδ ννΒητδοηεΐηΙΐοηεΓ, ά3β νοη άεΓ
Κοΐηε 3&ννεΐθΓΐεηάε Τεχίίοπηεη, άΐε ηβοη άεπ\ 9. ΙβΓίΓηυηάεΓΐ
§6δοητΐεοεη ννυΓάεη, ίτϋηεΓε ΕηΓννΐοΗυη§δδί3άΐεη άεΓ Κοΐηε ηοοη
ΐη εΐηεΓ Ζεΐί ΙίοηδεΓνΐεΓίεη, ΐη άεΓ άΐε Τεηάεηζ ζυΓ 5ΐ3ηά3Γάΐ-
δΐεπαη§ οεΓεΐΙδ ννεΐίεΓ Κβυτη §ε£τΐ£ίεη ηβίίε. δΐε ΓερΓΜδεηπεΓεη 3ΐδο
ΤεχίίοΓτηεη 3υδ άεΓ ΖεΐΙ νοΓ άεπ\ 9. ^ηΓηυηάεΓΓ. 1ε ηΜηεΓ δΐε άεΓ
Κοΐηε δίεΗεη, άεβίο δρδίεΓ δΐηά δΐε εηίδί3ηάεη. Ιη άεη ΚοΐηεΗβηά-
δοητΐίίεη άεΓ Κ3ΐε§οπε ά) δΐηά 3ΐδθ ΤεχΙίοΓΠίεη βυδ άεΓ ϋοεΓίΐείε-
Γυη§δ§εδθΗΐοΚΗΐοΗεη ΡΚβδε εΓΓΐ3ΐίεη, άΐε άεΓ εηά§ϋ1ή§εη ϋυΓΟΓί-
δείζυης άεΓ Κοΐηε υητηΪΓΐε1θ3Γ νοΓ3υδ§ΐη§.
Αυδ άεΓ Ζεΐί νοΓ άεηι 9. ]3ηΓηυηάεΓΐ ΐδί ννεάεΓ εΐηε τεΐηε
Κοΐηεηβηάδοητΐίί Γηΐί ίοΓίΙβυίεηάεηη Τεχί ηοοη είη ογζ3ηιΐηΐδ<:ηεδ
Αροδίο1οδ1ε1ίΙΐοη3Γ28 εΓΓίβΙίεη. ϋεΓ εηίδοΚεΐάεηάε Ιειζίε 5ϊ3ηά3Γ-
άΐδΐ6Γυη§δδοηυο δοηεΐηί εΐηεΓδεΐίδ νοη άεΓ Ρεδάε§υη§ άεδ ίεΐίΐΐο-

28 Υβΐ. (Ιβζυ ΐυΝΑΟΚ, Ζυ άθη §π«:Ηί«:1ΐθη ίβΙςΗοηβΓβη, 5. 504-515, Ιχκ. 513.


154 Die Spätform des Byzantinischen Textes

nartextes, andererseits vom sogenannten ретахарактпрю-цо?, der


Umschrift in die Minuskel nach redigierten Musterexemplaren,
ausgegangen zu sein29. Allerdings warnt der fast reine Koinetext
der Majuskeln 020 und insbesondere 049 vor der Annahme, Rein
formen der Koine seien eigens für den ретахарактг|р1стр.ос herge
stellt worden. Schließlich zeigen die stärker von der Koine abwei
chenden Minuskeln, daß auch ältere Textformen in die neue
Schrift übertragen wurden. Die entschiedene Dominanz der Koine
in der Überlieferung seit dem 9. Jahrhundert zeigt aber doch, daß
vor allem dieser Text zugrunde gelegt wurde.

Í::
Exkurs: Zur eliminatio codicum für eine Ausgabe der
i¡: Katholischen Briefe30
!C:
'*• Obwohl wir es nicht mit einer geschlossenen Überlieferung zu tun
j; haben, ist auf die reinen Koinehandschriften das Dictum von Paul
*; Maas anwendbar:
"Es wird nun einleuchten, daß ein Zeuge wertlos ist (d. h. als Z e u g e wert
los), wenn er ausschließlich von einer erhaltenen oder einer ohne seine Hilfe
rekonstruierbaren Vorlage abhängt. Gelingt es, hinsichtlich eines Zeugen, dies
nachzuweisen, so muß der Zeuge ausgeschaltet werden (eüminatio
codicum descriptorum)."31
Zwar ist es nicht möglich, die einigen hundert Koinehand
schriften auf einen eindeutig rekonstruierbaren Hyparchetypen,
geschweige denn Kodex für Kodex auf bestimmte Vorlagehand-

29 Diese Schlußfolgerung steht in einem gewissen Widerspruch zu JUNACKS


Datierung des byzantinischen Lektionssystems mit Lesungen für alle Wochen
tage ins 7. /8. Jahrhundert (a. O. S. 532-542). Nach neuen Untersuchungen von
W. RICHTER im Institut für neutestamentliche Textforschung, die demnächst
veröffentlicht werden, ist das System mit Wochentagslesungen aus dem
Apostólos einschließlich der Katholischen Briefe jedoch wahrscheinlich erst
in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts entstanden. Auch das ältere System
der Tageslesungen aus dem Apostólos ohne Katholische Briefe ist danach, wie
das ältere Tagessystem der Evangelien, nur wenig früher, nämlich in der ersten
Hälfte des 9. Jahrhunderts, eingeführt worden.
30 In diesem Kapitel werden Argumente und Untersuchungsergebnisse aus einem
Aufsatz des Verfassers verwendet ("Probleme der Dokumentation des Byzan
tinischen Textes in einer Editio critica maior des Neuen Testaments", m: Be
richt der Hermann Kunst-Stiftung zur Förderung der neutestamentlichen
Textforschung für die Jahre 1988 bis 1991, Münster 1992, S. 48-97).
31 MAAS, P.: Textkritik. Leipzig 31957, S. 5.
ΕχΙαίΓδ: ΖυΓ εϋηιίηαΐίο οοάκνπι 155

δοηηίΐεη ζιΐΓϋοΙίζυίύΗΓβη. Όίβ ϋοεΓΐϊείεΓυη§δΐ3§ε ζννίη§1 βΒθγ


άΆζη, άβη Βε§πίί άβΓ "ΓεΚοηδϊΓυίεΓϋ3Γεη νοΓΐ3§ε" νοη ΙςοηΙίΓεΙεη
ΕίηζεΙηβηαΙδοηπίΓεη ζυ Ιόδεη αηά ίηη δί3Γΐάεδδεη βυί άεη (ίϋΓ άίβ
Κβιηοΐίδοηεη Βπείε) ίπι 9. ΙβητΓΐυηάεΓΓ άεπηίΐίν εΓΓείοηΙεη Τεχί-
ζυδίβηα! ζυ Βεζίεηεη.
Α11βΓάίη§δ πιυβ ίεάεΓ νεΓδυοη, άεη ΗβυρΙδίτοιη άεΓ ΚοίηευοεΓ-
Ιϊείεηχηβ ιηϊΐίεΐδ είηεΓ ΑυδννβΗΙ νοη Η3ηάδοηπίΙεη ζυ εΓίβδδεη,
νοη άεΓ Τ3ίδ3οηε 3υδ§εηεη, ά&& άϊε Κοΐηε, \νίε ίη Κβρ. 4 άίεδεΓ
ΑΓΟεΐΙ §εζεϊ§1, νοη είηεΓ νίείζβηΐ §εΓϊη§ίϋ§ί§ άΐνεΓ§ίεΓεηάεΓ
ΤεχΙίοΓτηεη ΙίοηδΙίΙυίεΓΐ νιϊτά.
Ιη άίεδεηι Ζυδ3π\πιεηη3η§ ϊδΐ 3υί άΐε νοη Ρ. ννΐδδε υηά Ρ. Κ.
ΜοΚεγηοΙάδ εηίννίοΐςεΐίε ΟΙατβτηοηΙ ΡτοβΙε ΜεΐΗοά εΐηζυςεηεη32,
εΐηε Μείηοάε ζυΓ Κΐ3δδΐιίζϊεΓυη§ ηευίεδίβπιεηΙΙίοηεΓ Ηβηάδοηπί-
5
Ιεη, ηβοη άεΓ άϊε Αυδ\ν3η1 άεΓ Μίηυδίίεΐη §εΐΓθίίεη ννυΓάε, άίε ίπι :£
Αρρ3Γ3ί άεΓ ΐΛΐ!ς3δ-Αυδ§3θε άεδ ΙηΙεΓη3ΐϊοη3ΐ (3Γεε1< Νενν Τεδΐ3-
Χ2
ΓηεηΙ ΡΓθ]εοί ζΐπειττ \νεπ3εη33.

ϋϊε ΡΓοίϋε Μείηοά η3ΐ ά3δ Ζϊεΐ, "Ιο ίϊηά §Γουρδ ο£ Μ55 ίη3ΐ 3Γε
οίοδε εηου§η ίη ΙεχΙ δο Ιη3ΐ 3η εηιϊτε §κ>υρ οβη οε ΓερΓεβεηΙεά \>γ &
ίενν οί ϊίδ ΓηεηιοεΓδ ϊη 3η 3ρρ3Γ3ίυδ οππευδ"34. ΡϋΓ άίε Κΐ3δδϊ-
βζϊεπιηβ άεΓ ίυ^3δ-Η3ηάδοΗπίΙεη εΓΒΛεΐίεΙεη ννΐδδε υηά ΜοΚεγ-
ηοΐάδ είη ΤεδΓδΙεΙΙεηδγδίειη, ά3δ άίε §εηε3ΐο§ίδοη δϊβηϊίϊΙοηΓεη
ν3Γί3ΐΐοηδεΐηηεϊΙεη νοη 550 Ηβηάδοηπίΐεη ίη άΓεΐ Κβρίΐεΐη άεδ
ί.υ^3δεν3η§εϋυπΐδ υπ\£3β135. Αΐδ §εηε3ΐο§ίδοη 5ί§ηίπΙοηί §ϋΙ είηε
ν3ΓΪ3ΐίοηδεϊηηεϊι, ννεηη δίε εΐηε %το\νρ τεαάίηχ είηεΓ οε1ς3ηηίεη
Οπαρρε νοη Ηβηάδοηπίΐεη εηίηΜίΙ36. Ώ3δ ΤεδΙδΙεΙΙεηδγδίεηι 3υδ
άεη δο ΒεδϊίΓηΓηιεη ν3Π3ΐϊοηδεϊηηεΐΙεη άϊεηΐ ά3ηη 3ΐδ "βπά ογ
δΟΓεεη οη ννηϊοη Ιηε ρΓοίϋεδ οί ΐΗε ϊηάϊνΐάυβί Μ55 3Γε ρΓΟ-

32 Ιςη ββζίεηε γπϊογ» ίπ\ ίοΐ^βηάβη βυί ίηΓβ ββδοηΙίθβθηοΙε ΡοπτιυΙίβΓυηβ άυΓοη
ννΐ55Ε, Ρ.: Τηβ ΡΓοίίΙθ ΜβίΓίοά! £ογ Οβδδίίγίηβ βη<1 ΕνβΙυβΗηρ Μβηυβοπρί
Ενϊάβηοβ. (δΐυάίθδ αηά ϋοουιτίθηΐδ 44) ΟΓαηά Κβρϊάβ/ΜίοΚίββη, 1982.
33 ν^Ι. (13211 ΙΟΝΤΡ-ίΙί Ι, ρ. VI υηά (ΖΟΙΛΥΕΙΧ, Ε. 0/5ΡΑΚΚ5, 1. Α./ννΐ55Ε, Ρ./
ΜΟΚΕΥΝΟίϋβ, Ρ. Κ.: Τηβ Ιηίβι-ηβηοηίΐΐ (Γ,π'Λ Νβ\ν Τββίβιηβηί Ργο)θ€1: Α
5ΐ3ίυδ ΚβροΓί, ΙΒί 87, 1968, 187-197. - Ζιιιη νβΛβΙΙηϊδ άβΓ ΕΓ^βΙιηίδδΘ <1θγ
υηΙβΓδίιοΙιιιηβθη ννΐ55Ε5 υη<1 ΜΟΚΕΥΝ01.05 ζυΓ ίβΙδβοΗΙίοΗ νοιη ΐσΝΤΡ
^βίτοίίθηβη ΑυδννβΜ νςΐ. άίβ Κβζβηδίοη νοη Β. ΑίΑΝϋ ίη ,ΙΤηδ 42, 1991, 207-
209.
34 ννΐ55Ε41.
35 ν^Ι. θΜ. ρ. V υηά 42.
36 Υβΐ. β&ά. 38ί.
156 Die Spätform des Byzantinischen Textes

jected"37. So zeichnen sich Handschriftengruppen ab. Dabei gilt als


group reading eine Lesart, die von mindestens zwei Dritteln der
Gruppenmitglieder bezeugt wird38. Ein group profile "requires a
large degree of internal agreement among its members"; die group
members müssen "approximately the same profile of agreements
and disagreements with the TR [=Textus receptus]" aufweisen.
Ferner gilt: "a group profile must differ significantly from the
profiles of other groups. ... The minimum difference was set at two
group readings per sampling chapter"39.
Diese Methode eignet sich unter zwei Bedingungen als Klassifi
zierungsinstrument für die koinenahe Überlieferung:
(a) Der Gruppenbegriff darf nicht auf die Koine selbst angewendet
werden.
(b) Die Handschriften sollten nicht gegen den Textus receptus (TR),
sondern gegen ausgewählte Repräsentanten der Koine kollatio-
¡ niert werden.
Dies zeigt sich klar an der von Wisse nach v. Soden postulierten
! Gruppe Kx. Unter diesem Sigel faßte v. Soden die Koinehand-
schriften der Evangelien zusammen, die er weder der späten Edi
tion Kr noch den frühesten Repräsentanten der Koine, К1, zuord
nen konnte40. Nach Wisse gehören der "Gruppe" Kx über die Hälf
te aller von ihm bearbeiteten Lukashandschriften an (734 von
1385), wobei etwa ein Drittel seiner Kx-Handschriften Untergrup
pen oder "clusters" und Paare bilden41. In diesem Bereich der
Überlieferung führt die Beibehaltung des Gruppenbegriffs, der sich
für koinefernere Überlieferungsstränge und vielleicht noch für die
Kx-clusters bewährt, zu Ergebnissen, die das Ziel des profiling
vereiteln, nämlich die eliminatio codicum aufgrund des Nach
weises ihrer Gruppenzugehörigkeit. So schreibt Wisse:
"This large, amorphous group tends to function as the common denominator
of the Byzantine 'text'. Its members often have a large number of 'surplus'
readings compared to the group readings. How much deviation from the
group norm one should allow cannot be settled on objective grounds. Raising
the Kx group membership standards would sharply increase the number of

37 Ebd. 36.
38 Vgl. ebd. 37.
39 Ebd. 41.
40 Vgl. H. V. SODEN, Die Schriften des Neuen Testaments 1,2, 713.
41 Vgl. WISSE, Profile Method, 94-99
Exkurs: Zur eliminatio codicum 157

'Kmix' MSS, and lowering the Standards would endanger the group's
distinctiveness."42
Die "distinctiveness" von Kx ist jedoch ohnehin fragwürdig, da
es sich bei den sog. Kx-Gruppenlesarten um Varianten mit sehr
zahlreicher Bezeugung handelt. An solchen Stellen spaltet sich die
Koine-Bezeugung. Es werden Varianten sichtbar, die von einer
großen Minderheit von Koine-Handschriften bezeugt werden und
daher selbst der Koine angehören43.
Auch wird die methodische Unscharfe, die sich aus der Kolla
tion gegen den TR ergibt, bei Kx besonders deutlich. Es ist unsinnig,
bei Abweichungen des TR von der Koine die Koinelesarten als
Gruppenlesarten zu werten44. Diese Lesarten sind an der Über
einstimmung von Kx mit der seit v. Soden bekannten Koine-
Rezension Kr zu erkennen. Interessanter sind die verbleibenden
"Gruppenlesarten" von Kx, bei denen die Abweichung von Kr ge
spaltene Koinebezeugung anzeigt; aber auch sie sind keine Grup
penlesarten von Kx sondern von Kr, der größten eigentlichen
Gruppe innerhalb der Koine45. Die Kx-Lesarten sind in Wahrheit
unspezifische Mehrheitslesarten. Handschriften, die sich nur da
durch von der Gesamtüberlieferung abheben, daß sie regelmäßig
mit der Mehrheit aller Textzeugen übereinstimmen, mag man
immerhin als Gruppe bezeichnen; auch ist der Text dieser Hand
schriften, der Mehrheitstext eben, sehr wichtig, wenn man mit
Wisse jene "lines of textual tradition which fed into the tenth and
eleventh centuries"46 erforschen will; aber zweifellos wird man
dabei von den Lesarten ausgehen müssen, die vom Text der Mehr
heit aller Handschriften abweichen.
Sucht man mithilfe der Teststellenkollationen oder auch der
Profile Method nach Gruppen eng zusammenhängender Hand

42 Ebd. 43.
43 An solchen Stellen verzeichnet der Apparat des Nestle/Aland pm (=per-
multi).
44 Dies gilt für 10 der 19 von WISSE (Profile Method, 95 u. 122-133) postulierten
Gruppenlesarten von Kx; Lk 1,34; Lk 10,23.57; Lk 20,4.13.19.35.55.62.65. Mit
Ausnahme von Lk 20,19 stimmt an all diesen Stellen der TR mit der Hand
schrift 1 überein; sie kommen also vielleicht als Indikatoren für die Verwen
dung dieser Handschrift durch Erasmus in Frage.
45 Vgl. VOSS, D. O.: Is von Soden's Kr a Distinct Type of Text? JBL 57, 1938, 311-
318.
46 Profile Method, 5.
158 Die Spätform des Byzantinischen Textes

Schriften, findet sich eine größere Zahl kleinerer Familien, Paare


und sog. clusters. Je geringer aber die Zahl der Abweichungen vom
Mehrheitstext, desto unschärfer werden die Konturen möglicher
Gruppenprofile. In diesem Bereich zeigen sich die Grenzen des
Bestrebens, die Überlieferungsstruktur durch Zuordnung von
Einzelhandschriften zu Gruppen aufzuklären, und zwar unab
hängig von der angewandten Methode, da diese Grenzen durch die
Überlieferungsstruktur selbst gesetzt werden. Daher erscheint es
auch im Lichte der Profile Method geraten, sich bei der Suche nach
Repräsentanten des Hauptstroms der Koineüberlieferung auf
Leitlesarten und erst in zweiter Linie auf Leithandschriften zu
konzentrieren.
Da es nicht möglich ist, einige hundert "Kx"-Handschriften
Gruppen oder auch clusters zuzuordnen, sollte man außer in so
eindeutigen Fällen wie Kr auf die Zusammenfassung der Koine-
handschriften zu Gruppen verzichten und stattdessen versuchen,
das Spektrum der von Koinehandschriften bezeugten Varianten
mithilfe einer möglichst geringen Anzahl von Textzeugen zu
erfassen.
In Kap. 4.1 dieser Arbeit wurde gezeigt, daß es möglich ist, die
sorgfältig kontrollierten Reinformen der Koine mithilfe einer sehr
kleinen Anzahl von Handschriften zu dokumentieren. Dazu
reichen zwei Exemplare der Edition Kr (18 und 35) und zwei oder
drei weitere Koinehandschriften aus, die sich nur noch in Leit
lesarten von Kr und dem Mehrheitstext unterscheiden (319, 607
und 2423).
| Es wurde außerdem gezeigt, daß das in Koinehandschriften
überlieferte ältere Sondergut entweder auch in Repräsentanten
älterer Textformen erhalten ist oder jedenfalls auf deren Lesarten
zurückgeführt werden kann. Daher wäre es allein unter dem
Aspekt der Textkonstitution vertretbar, außer den Repräsentanten
der Reinformen des Byzantinischen Textes, die das Endstadium
der Überlieferungsgeschichte markieren, gar keine Koinehand-
schrift in den kritischen Apparat aufzunehmen. Unter dem Aspekt
der Textgeschichte wird man jedoch jedenfalls die ältesten Koine
handschriften berücksichtigen (018, 020, 049, 1862) und im übrigen
eine Auswahl der Koinehandschriften der Kategorie d), die in Kap.
4.2 besprochen wurden.
5. Entstehung und Ausbreitung des
Byzantinischen Textes

In den Kapiteln 3 und 4 wurden eine Reihe von Indizien heraus


gearbeitet, die wahrscheinlich machen, daß die Koine, die im 9.
Jahrhundert ihre endgültige Form erreicht hat, das Ergebnis einer
langen Entwicklung ist. Die folgenden drei Punkte sind hervor
zuheben:
- Es gibt keine vollständige Handschrift, die an allen variierten
Stellen die Mehrheitslesart bezeugt. Noch die reinen Spätfor
men der Koine weichen in einigen reich bezeugten Varianten
voneinander ab.
- Alle Mehrheitslesarten werden auch von Repräsentanten älte
rer Textformen bezeugt; es gibt keine eigentlichen Bindelesarten
der Koine, d. h. Mehrheitslesarten, die ausschließlich von Koi-
nehandschriften bezeugt werden.
- Sehr viele Lesarten älterer Textformen werden auch von eini
gen, öfters von einer größeren Minderheit der Koine-Hand-
schriften bezeugt.
Dieser Befund ist zumindest hinsichtlich der Katholischen Brie
fe schwer mit der Auffassung z. B. von Sodens zu vereinbaren, die
Koine habe als schon im 4. Jahrhundert abgeschlossene, den ge
samten Textbestand überformende Rezension andere Textformen
mehr oder weniger stark beeinflußt, um sich schließlich auf breiter
Front durchzusetzen. Denn hätte es in der byzantinischen Kirche
bereits früh einen sozusagen offiziellen Text der Katholischen
Briefe gegeben, wären auch Belege für die Existenz einer solchen
Textform aus der Zeit vor dem 9. Jahrhundert zu erwarten, wie sie
für die Evangelien mit den Zitaten des Chrysostomos, der goti
schen Übersetzung und den Purpurcodices des 6. Jahrhunderts
vorliegen.
Auch die frühere Theorie Westcotts und Horts, der byzan
tinische (bzw. "syrische") Text sei im wesentlichen aus anderen
Texttypen abzuleiten, ist heute nicht mehr zu halten. Denn viele
Koine-Lesarten werden schon von frühen Papyri bezeugt oder sind
160 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

von der Art, wie sie schon in frühen Papyri begegnen. Die Lesarten
des Byzantinischen Textes erinnern nicht selten an die "freie"
Überlieferungsform früher Papyri. Oft ist die Mehrheitslesart die
leichtere, glattere, eingängigere Lesart, die auch ohne Vorlage
mehrfach entstanden sein kann. Nur in relativ wenigen Fällen ist
Zufall ausgeschlossen. Manchmal wurde eine Wahl zwischen
mehreren bekannten Lesarten getroffen, wie auch und gerade die
"Stimmenthaltungen", die Mischlesarten, zeigen. Gewiß hat es
auch Rezensionsarbeit am Neuen Testament gegeben, die die
Koine-Entwicklung in verschiedenen Bereichen und nach ver
schiedenen Prinzipien formte und beschleunigte; aber die schwie
rigen oder offensichtlich falschen Lesarten zeigen, daß die byzanti
nischen Textkritiker des Neuen Testaments zu großen Respekt vor
der Überlieferung hatten, als daß sie ohne handschriftliche Grund
lage in den Text einzugreifen gewagt hätten. Die große Sorgfalt in
der Bewahrung der einmal kanonisierten Form steht in starkem
„% Kontrast zu den manchmal gewaltsamen Eingriffen in den
¡J ursprünglichen Wortlaut.
1; In diesem Kapitel werden zunächst die historischen Voraus
setzungen der These, daß die Koine der Katholischen Briefe das
Ergebnis einer langen Entwicklung ist, unter drei Aspekten geklärt:
4 - Die kanongeschichtliche Sonderstellung der Katholischen Briefe
zeigt, daß die Überlieferung dieser Schriften ihre eigene Ge
schichte hat; was für die Evangelien gilt, muß nicht auch für die
Katholischen Briefe gelten. Während die Koine der Evangelien
schon früh weitgehend ihre endgültige Form gefunden hat, ist
dies für die Katholischen Briefe auch aus kanongeschichtlichen
; Gründen nicht zu erwarten.
- Es ist mit einiger Sicherheit auszuschließen, daß Lukian für die
frühe Koine-Form der Katholischen Briefe verantwortlich sein
könnte.
- Die editorische Bearbeitung eines Textes in der Antike kann mit
dem Terminus Diorthosis bezeichnet werden. Zeugnisse aus der
Antike und dem byzantinischen Mittelalter zeigen, daß Diortho
sis die Entwicklung der Koine wahrscheinlich beschleunigt hat.
Nachdem die historischen Voraussetzungen geklärt sind, wen
det sich die Untersuchung wieder den primären Quellen zu, den
Textzeugen der Katholischen Briefe. Im abschließenden Kapitel
sollen Entwicklungsphasen der Koineüberlieferung aufgrund des
ΗίδίοπδΛβ νοΓ3ΐΐ58βίζυη§θη 161

ν3ΓΪ3ΐϊοη$ν6ΓΚ3ΐΙεηδ άεΓ ΙίοίηείεΓηδϊεη Ηβηάδοηπίίεη, άεΓ Κιγ-


οΗθηνΜΙθΓζίΙβίθ αηά νβΓδίοηβη Βεδοηπεοεη ννεΓάεη. Αυδ§3η§δ-
ριιηΐςί: άίεδεδ Τεϋδ άεΓ υηίεΓδαοηαη§ ΐδϊ άίε Βεοϋ3οηΙ:υη§, άζβ δρ&ίε
Οηιρρεη ηοπη3ΐ 3αδ§εδΓ3ΚεΙ:εΓ ΗβηάδοηπίΙεη, άίε πτι Τεχί νϊε1ί3οη
νοη άεΓ Κοίηε 3θ\νείοηεη, 3αοη ίαΓ ά3β 9. /ΙΟ. ^ΗιΉυηάεΓί ηοοη
εϊ§εηδΐ3ηάϊ§ε ϋοεΓΐΐείεΓαη§δδίχ3η§ε ηεβεη άειτι ίτείΚοη ίπιιηεΓ
8ί3ΓΐίεΓ \νεΓάεηάεη Η3ΐιρίδΐΓθΐτι βε1ε§εη. 5ίε ννεΓάεη 3ΐδ ΕηΓννϊοΙς-
1αη§δδΐ3(ϋεη άεΓ Κοίηε 3ΐΐ5 άεΓ ΖείΙ νοΓ άεπη 9. ΙβταηαηάεΓΐ ϊηίεΓ-
ρΓεΗεΓϊ, άίε δΐοη ηεσεη άειη ννείΙεΓ§εηεηάεη Ρτοζεβ άεΓ 5ί3ηά3Γ-
άίδΐεΓοης εΓΓίβΙϊεη ηβσεη. Οΐεβ Ιδβί δίοη ϊηδοεδοηάεΓε 3ΐη Βεϊδρϊεΐ
άεΓ Οτυρρε Η1< ζεί§εη. ΟβΓασεΓ ηίη3αδ ϊδί εδ ηαόβΐίοη, άβδ νοΓ-
άπη§εη άβτ Κοίηε, 3βεΓ αικ:1ι άίε ΚεβίδΙεηζ ξβξβη δϊε, 3η άεη
Ηβηάδοηπίτεη άίεβεΓ Οπαρρε ζυ βεοθ3<:ηίεη, άίε είηεη α&εΓ §αί εϊη
]3ηΓΐ3αδεηά τεϊοηεηάεη ϋΐ?εΓΐϊείεπχη§δδΐΓ3η§ τερΓΜδεηπεΓεη.

5.1 ΗίδίοπδοΗθ νοΓ3ΐΐ58βίζιιη§βη

5.1.1 Όΐβ ΙοηοηςεδοηίοηΙϋοηε 5οηάεΓ8Γε11αη§ άεΓ Κβιηοϋδοηεη


ΒΓΐε£ε

υπι άίε \Υεηάε νοπι 2. ζιαη 3. ΙβητηαηάεΓΐ, βίδο ϊη είηεΓ ΖεϊΙ, ϊη


άεΓ "ά3δ ΑΙγθ υηά άβδ Νεαε ΤεδϊΒπιεηι ϊηι ννεδεηιΐίοηεη ... ίηΓε
εηά§υ1ϋ§ε Ροπή §είυηάεη Κβϋεη"1, βοηεϊηεη \νεηϊ§δ1εηδ ζννεί
Κ3ϊΗο1ϊδοηε ΒΓΪείε ηΐοηΐ 3ΐ1§εηαεϊη βείοηηΐ, §εδ(:η\νεϊ§ε άεηη βίδ
3ροδίοϋδοΚε δοηπίτεη βηεΓίοηηΙ: ζυ βεϊη: 2ΡεΐΓ υηά 31οη ννετάεη
Βίδ ζιιγ ΜϊΙίε άεδ 3. ^ηΓηαηάεΓίδ ηΪΓ§εηάδ ζϊήεΓΐ οάεΓ εχρΓεβδϊδ
νβΓοίδ εΓννδΚηΙ:. ΐΓεηδυδ ζΐπετί ηιΐΓ ΙΡείΓ, ΙΙοη υηά 2|οη 3ΐδ
δοηπίιεη άεΓ Αροβιεί2. ΤεΓΐυ11ΐ3η ζίπεΓΐ η3υίϊ§ ΙΡεπ-, ΙΙοΚ αηά
2|οη βίδ δοηπίί αηά ρεπιεΓ^ί 3η είηεΓ 5ιε11ε ζυηι ΙυάβδΒπεί, "α,αοά
Εηοοη 3ραά Ιυάβηη βροδΐοΐυτη ίεδΓϊτηοηϊυιη ροδδΐάεΐ"3, 3&εΓ ]&)α,

Η. V. €ΑΜΡΕΝΗΑυ5ΕΝ, ϋίθ ΕηίδίθΗιιηβ άβτ οΚήδΙΙκτίθη Ε-ϊ&εΙ, ΤίΛίη^θη 1968,


5.377.
ΑυΙΟΓ άβδ 6Γ5ΐβη ιιη<1 ζννβίίθη ίοΗβηηθδβπβίθδ ΐδϊ ΙοΗαηηεβ Όοιηίηί άί$άραΙηΒ
ηβοΓι Ιγ. Ηαετ. ΠΙ,16^ (5€ 308, 172ί./178-310,188; Ζίΐβΐ: ΙΙοΗ 2,18ί.) υη<1 1,16,3
(δΟ 262,69-72; Ζίίβί: 2ΙοΚ 11); βίδ ΑιιΙογ <1ββ ΙΡβίτ ν/ήά <1θγ Αροδίθΐ ββηΜίηί
Ηαετ. ΐν,9,2 (δΟ 484,58-60; ΖϋβΙ: ΙΡείΓ 1,8), ΐν,16,5 (5α 574,118-120; Ζίίβί:
ΙΡβίτ 2,16), ν,7,2 (5€ 92,55-57; ΖϊίβΙ: ΙΡθγγ 2,16). ν§1. άβζα ΟΑΜΡΕΝΗΑυδΕΝ,
ΒΛβΙ, 5. 227.
Ε)ε αιΐΐυ {βΓηίηβηιπι \££ πύΐ Ββζα§ 3ΐιί ]ηά 14ί.
162 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

2Petr, 2Joh und 3Joh zitiert und erwähnt er nicht4. Für Clemens
von Alexandrien weist Stählins "Citatenregister" nur für IPetr,
ljoh, 2Joh und Jud sichere Belege aus5.
Im frühesten, aber wohl privaten Verzeichnis der kanonischen
Schriften des Neuen Testaments, dem wahrscheinlich um 200 ver
faßten Kanon Muratori6, fehlt auch IPetr, während zwei, vielleicht
auch alle drei Johannesbriefe und der Judasbrief aufgenommen
wurden7. Eusebius von Caesarea (wie schon Orígenes) zählt mit
den Evangelien, der Apostelgeschichte und den Paulusbriefen nur
IPetr und ljoh unter die оцоХоуойцеуа, die allgemein anerkannten
t- Schriften, und unterscheidet von ihnen die übrigen Katholischen
С
l;j 4 Vgl. H. ROENSCH, Das Neue Testament Tertullian's, Leipzig 1871, S. 544-563
'«? und 571f. Nach ROENSCH haben 2Petr, 3Joh und Jak "in der Zeit und Kirche
!*î Tertullians völlig gefehlt" (S.572). - Im Register der Tertullian-Belege in VL
•»; 26/1, p. 495f. stehen zwar eine Reihe von Jak-Stellen, aber sie bieten "nichts,
' *» was als sicheres Zitat in Anspruch genommen werden könnte" (ebd. p. 58*).
;., 5 Vgl. Clemens Alexandrinus ed. O. STÄHLIN, Bd. IV,1, Register, (GCS) Berlin
»J 21980, S. 25f.; vgl. M. MEES, Die Zitate aus dem Neuen Testament bei Clemens
1; von Alexandrien, Rom 1970, S. 175-186.
¡¡ 6 Zur Datierung und allgemeinen Charakterisierung dieser Quelle vgl. CAM
'S PENHAUSEN, Bibel, S. 282-286; W. SCHNEEMELCHER, Art. Bibel Ш, TRE VI,
;ï S. 41.
7 In den Zeilen 68f. des Fragments heißt es: "epístola sane iude et superscrictio |
iohannis duas in catholica habenrur" isicj; weiter oben (Z. 26-31) hatte der
Autor mit folgenden Worten die 1. Pers. PI. in ljoh 1,1-4 als Pluralis modestiae
'» gedeutet: "quid ergo | mirum si iohannes tarn constan ter | sincula etiâ in
epistulis suis proferam | dicens in semeipsu quae uidimus oculis | nostris et
auribus audivimus et manus nostrae palpaverunt haec scripsimus uobis" fsicj
(zit. n. Th. ZAHN, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons II, Leipzig
¡j 1890, S. 8 u. 6; der Text des ganzen Fragments mit kritischem Apparat,
'S Kommentar und Rückübersetzung ins Griechische ebd. S. 1-143). ZAHN
korrigiert duas (Z. 69) zu duae und deutet superscrictio (Z. 68) sicher zutreffend
,î als Entstellung einer Form des Part. Pass, von superscribere durch Dittographie
der ersten Silbe von iohannis (vgl. ebd. S. 88). Gegen die paläographisch
naheliegende Zurückführung der falschen Form auf superscripti (des oben
genannten), die CAMPENHAUSEN (S. 286) für wahrscheinlich hält, wendet
ZAHN ein, es sei kaum anzunehmen, daß so auf den allgemein unter diesem
Namen bekannten Johannes zurückverwiesen werde (vgl. S. 89f.). Er korrigiert
zu superscriptae iohannis duae (die beiden mit dem Namen des Johannes über-
schriebenen Briefe, griech.: al ¿inyeypamievai '¡udvvov ovo, sc. етатоХаО
und sieht durch diese Fomulierung den ersten, unzweifelhaft von dem Evange
listen stammenden Johannesbrief von zwei weiteren unterschieden, deren
johanneische Herkunft umstritten war; der Autor des Verzeichnisses selbst
erkenne gleichwohl alle drei unter dem Namen des Johannes überlieferten
Briefe als apostolisch an, wie der Plural in epistulis suis in Z. 28 zeige (vgl. S.
91-93).
ΗίΒΙοπβοίΐθ νοΓ3ΐΐ8δβίζυη{*εη 163

Βπείε 3ΐδ ιπτίδΙπΗεη, 3θεΓ Βεϊ νίείεη 3η§εδεηεη (άντιλβγόμενα,


γνώριμα δ' οίν δμω? τόϊς• πολλοίς•)8. ΕΓδί ϊτη 39. Ρεδίοπεί άεδ Αίη3-
Π3δίυδ 3ΐΐδ άεη ]&\\τβ 367 δίηά 3ΐ1β δίεβεη Κβιηοϋδοηεη Βπείε αη-
ΙεΓ άϊε 1ί3ηοηϊδθΚεη δοηπίΐεη 3ΐιί§εηοΓηιτιεη; εβεηβο ϊιη ϋεοτεΐιιτη
ΟεΙαδίαηιιτη, άεδδεη Καηοηδϋκίκ ΛνβΗτδΟΓίείηΚοη 3αί είηε Γοπύδοηε
5γηοάε ιιηιεΓ ΟβιτίΒδαδ ϊιη Ιβητε 382 ζιΐΓϋο^εΙίϊ; ιιηά δοηΐίεβίϊοη
ΐη άεπι Κβηοη, άεη 393 είηε 5γηοάε ϊη Ηϊρρο Κε§ΐιΐδ ίεδϊ1ε§ίε9.
ϋίεβε Ιοηοη^εδοηϊοηιΐίοηε ί3§ε ζεί§1 δϊοη ΐηδοεβοηάεΓε οείηι
υπ\§3η§ άεΓ 5γΓεΓ Γπϋ άεη Κ3ΐηο1ίδοηεη Βπείεη. Ό3δ ίδΐ νεΓ-
δΐ&ηάΐίοη, ννεϊΐ (Ιίεδεδ ΚίΓεηεη§εοίεί δεϊΐ ]ε είηε 5οηάεΓεηΓ\νϊο1άιιη§
άακηΐΒΐιίεη η3Με. Ζιι εΓΪηηεΓη ίδί ηιΐΓ 3η ά3δ βιιοΗ ϊη §πεοηϊδοΚεη
Οαείΐεη (ΤηεοάοΓεί νοη ΚγΓθδ) οείεβίε, Ιδηςε ιιηά Κ3Γΐη3θΙ:ί§ε
Ρεδίηβΐίεη άεΓ 5γτετ 3η άεΓ Εν3η§ε1ϊεηη3ΓΓηοηίε άεδ Τ3ίί3η, άεπι
ϋϊ3ίεδδ3Γοη.
ΕΓδί ϊη άεΓ δγπδοηεη νυ1§3ΐ3, άεΓ δο§. Ρεβοηϊίίβ (420/430
εηΙδί3ηάεη), άϊε ιιηιεΓ Κ300ΐιΐ3 νοη ΕάεδδΒ ιηίί είηί§ειη Οπκ*
ιιηιεΓ άεη 3γΓεπι είη§είϋηΓΓ ννιΐΓάε, δίηά άϊε §Γθδεη Κ3ίηο1ϊδοηεη
Βπείε (]&](., ΙΡείΓ, ΙΙοΚ) εηΐΚβΙΙεη. Όίβ νϊεΓ Ιίΐείηεη Κβιηοΐίδοηεη
Βπείε ννετάεη ηοοη δρΜίεΓ, ηΜπιΙϊοη εΓδΙ ίη άϊε εΓδίε Γηοηορηγ-
δίίίδοΚε δγπδοηε ΟοεΓδειζιιη§, άϊε δο§. Ρηί1οχεηΐ3η3 3ΐΐδ άεπι ]ά\υτ
508, είηοεζο§εη. 5ϊε ννιιτάε νοη Ρηίίοχεηοδ νοη Μ30&ιι§ ϊηϊίϋεΓί -
άβηεΓ ϊΗγ Ν3ΐηε - ιιηά εηιηϊεΐί άεη νο11δΐ3ηάϊ§εη Κβηοη άεδ
Νευεη Τεδΐ3ΐηεηίδ ΐη οε\νιιβίεΓ Αη§1εΐοΗυη§ 3η άϊε £πεοηϊδοηε
Κήτηε. Όά άϊε "ΡΜ1οχεηΪ3η3" Μδ 3ΐιί άΐεβε νϊεΓ Βπείε (ιιηά άϊε
Αρο1ί3ΐγρδε) νεΓίοΓεη ΐδΐ, οεςε^ηει ά3δ ςεδβπιιε δγηδοηε ΟοΓριΐδ άεΓ
7 Κ3ΐηοϋδ(:ηεη Βπείε ίβ^ΗδεΗ ]εάοοη εκί ίη άεΓ ΗβΓίάεηδίδ (616/17
Α.Ό.), άεΓ ϋΒεΓδειζιιη§ άεδ Τηοπΐ3δ νοη Η3Γαε1, 3υί άϊε δρβιεΓ
3υδΓαητ1ίθΓΐ εϊηζιι§εηεη δεϊη ννΐτά. ΡϋΓ άϊε Ζεΐί νοτ άεΓ Ρεδοηϊιίβ ϊδΐ
άϊε ΙςβηοηίδοΚε Οε1ιαη§ άεΓ άΓεί §Γθδεη ΒΓίείε Βεϊ άεη 5γΓεΓη
ννεηϊς ννβηΓδΟΓίεϊηΙϊοη, ]εάεηί3ΐ1δ 3ΐΐδ άεη Ουείΐεη ηίοηί δϊοηεΓ ζυ
βε1ε§εη, άβ άϊε ΡΓΪΓη3ΓϋοεΓΐϊείεΓυη§ άεδ 3ΐΙδγπδοηεη Βϊοείιεχϊεδ
πιιγ άαΓοΙι ζ\νεϊ Εν3η§ε1ΐεηη3ηάδ€ητϊίίεη ΓερΓ3δεη:ίεΓΐ ίδϊ. Οβξβη
ϊηΓε Κ^ηοηίζίΙέίΙ δρΓΪοηΙ 3θεΓ νοΓ βΐίειη ά38 ΡεΚΙεη εϊηεδ ίϋΓ άίεδε

ν^Ι. Εαδ. ΗίεΙ. βοά. 111,25,1-3 (250,20-252,1 δΟΗΥνΑΚΤΖ); ζιιγ ΕίηΙθϋυη^ άεβ
Οτίβθηβδ Ευβ. ΗίβΙ. κά. νΐ,25,8-10 (578,1-10 δΟΗννΑΚΤΖ).
ν^Ι. δΟΗΝΕΕΜΕίΟΗΕΚ 44ί. - ϋβδ ΟθΟΓβΙυπι σβίβδΐβηυπι (βά. Ε. V. ΓΧ)Β-
50ΗΟΤΖ, [Τυ 38,4] ίβϊρζίβ 1912) ιιηίβΓδοΗθίάθΙ ϋ^Γί^βηβ ίπι δίηηε οΙθγ
ΙηίθΓρΓβίΒΗοη <1β8 Κβηοη ΜυΓβΙοπ άυκίι ΖηΗη (ν^Ι. ο. Αηπι. 7) ζννίδοίιβη
ΙοΗαηηίβ αροΒίοϋ ερίβΐυΐα ιιηα ηηά αΙΙεηαΒ ΙοΗαηηίΒ ρτβΒίη/Ιεή ερίΒίνΙαι άιιαε
(V. Ε>ΟΒ50ΗϋΤΖ 5. 28).
164 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

Frage verwertbaren Zitatmaterials in den umfangreichen Schriften


der syrischen Autoren des 4. Jahrhunderts (Aphrahat, Ephraem,
Liber Graduum), die gleichwohl für den altsyrischen Paulustext
eine ergiebige Quelle sind. Diese Autoren scheinen zumindest die
drei großen Briefe zu kennen10, jedoch nicht als kanonische
Schriften11. Auch die Doctrina Addai (ca. 400 in Edessa entstanden)
nennt sie nicht unter den im Gottesdienst vorzulesenden Schrif
ten, ebensowenig ein wahrscheinlich auch auf diese Zeit zurück
gehendes stichometrisches Kanonverzeichnis, das in einer syri
schen Sinai-Handschrift des 9. Jahrhunderts überliefert ist12.
Dieser äußerst zurückhaltenden Aufnahme der Katholischen
Briefe bei den syrischsprachigen Syrern entspricht die Tatsache, daß
sie im Gegensatz zu anderen neutestamentlichen Schriften auch
bei griechischen Vätern nicht allzu häufig und zunächst nur zö
gernd zitiert werden13. Nur einige Hinweise aus dem Arbeitsgebiet
der schriftbewußten Antiochener mögen dies verdeutlichen. Theo-
;» dor von Mopsuestia kommentierte und zitierte sicher keinen der
*« Katholischen Briefe14. Titus von Bostra hat wahrscheinlich "über-
.; haupt keinen der sieben außerpaulinischen Briefe in seinem Neu-
j: en Testament gelesen"15. Bei Apollinaris von Laodicea, Diodor
;; von Tarsus, Polychronius, Nestorius, vor allem aber bei Johannes
'•
1I
*( 10 Vgl. zum Neuen Testament bei den syrischsprachigen Syrern insgesamt B. M.
• METZGER, The Canon of the New Testament, Oxford 1987, S. 218-223; DERS.,
Early Versions of the New Testament, Oxford 1977, S. 4-75; B. ALAND, NT in
i syrischer Überlieferung I, 94-103.
1 1 Zu diesem Ergebnis kommt schon W. BAUER, Der Apostólos der Syrer, Gießen
1903, S. 50. Es hat auch bei der heute verbesserten Editionslage weiterhin
'§ Gültigkeit.
1 2 Vgl. BAUER, Apostólos, S. 9 und 33-35.
ii* 13 Dies zeigt eine vollständige Exzerptenkartei im Institut für neutestamentliche
Textforschung.
14 Leonrinos von Byzanz schreibt im 6. Jahrhundert in seiner Schrift gegen die
Nestorianer und Eutychianer über ihn: то0 цеуаХои 'Icucußon rf\v етотоХгц»
ка1 тас ¿£f)s tûv dXXtov dirotaipUTTei кавоХисас (PG 86, 1365C). - Diese
Nachricht wird nicht nur durch das Fehlen jedes Zitats aus den Katholischen
Briefen in den erhaltenen Fragmenten der Schriften Theodors sondern auch von
seinem Verehrer Ischo' dadh von Merw bestätigt, einem Nestorianer, der in der
ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts Bischof von Haditha am Tigris war; dieser
bemerkt in der Einleitung seiner Erläuterungen zu den drei Katholischen
Briefen der Peschitta, Theodor erwähne diese auch nicht an einer Stelle und
zitiere sie nirgends; vgl. BAUER, Apostólos, S. 53-55.
15 BAUER ebd. 59.
Historische Voraussetzungen 165

Chrysostomos und Theodoret werden von den Katholischen


Briefen nur Jak, IPetr und ljoh zitiert16.
Zum Neuen Testament der Syrer gehörte wahrscheinlich auch
zu dieser Zeit noch keiner der Katholischen Briefe; in einem
Verzeichnis der im Gottesdienst vorzulesenden Schriften, das in
der "um 400 in Edessa"17 verfaßten Doctrina Addai dem legen
dären Gründer der syrischen Kirche zugeschrieben wird, sind sie
nicht genannt18. Etwa auf diese Zeit dürfte auch ein stichome-
trisches Verzeichnis der heiligen Schriften zurückgehen, das in
einer syrischen Sinai-Handschrift des 9. Jahrhunderts überliefert ist
und ebenfalls keinen der Katholischen Briefe nennt19. Noch die
im 5. Jahrhundert entstandene Peschitta enthält nur die drei
großen und erst die Harklensis (Anf. d. 7. Jahrh.) alle Katholischen
Briefe20. Die unter dem Namen des Johannes Chrysostomos
überlieferte Synopsis Veteris et Novi Testamenti mag zwar unecht
sein, aber daß die Aufzählung der neutestamentlichen Schriften

16 Vgl. BAUER, Apostólos, S. 62-65. - FUCHS/REYMOND führen in ihrem


Kommentar zu 2 Petr u. Jud (CNT ХШ b, S. 11) die in der PG 64, 1057-1061 aus
CRAMERS Catenae VIII zusammengestellten Scholien zu 2Petr als "commen
taire ancien"des Johannes Chrysostomos. Es steht aber fest, "daß sich fast alle
Chrysostomos-Scholien zu den katholischen Briefen bereits in anderen be
kannten Schriften des Kirchenlehrers vorfinden" (S. HAIDACHER, Chryso-
stomos-Fragmente zu den Katholischen Briefen, ZKTh 26, 1902, 190) und von
einem Redaktor aus Homilien, von denen keine einen Katholischen Brief zum
Gegenstand hat, herausgelöst und zu einzelnen Versen aus Jak, 1/2 Petr und 1
Joh gestellt wurden (vgl. K. STAAB, Die griechischen Katenenkommentare zu
den Katholischen Briefen, Bib. 5, 1924, 320f.). Bei den wenigen sonst nicht bei
Chrysostomos belegten Stücken handelt es sich um "recht zweifelhaftes Gut"
(STAAB 320). Ein direkter Bezug auf den Text des 2Petr ist nur für das Scholion
таОта nota zu 2Petr 1,5-8 (PG 64, 1057C/D) vorauszusetzen, weil hier die
Begriffe aus der Klimax IPetr 1,5-7 in gleicher Folge wiederholt werden; es
gehört aber zu den wenigen nur im Katenenkommentar unter dem Namen des
Chrysostomos überlieferten Stücke (vgl. HAIDACHER 193), stammt also mit
einiger Sicherheit nicht von ihm.
17 ALTANER/STUIBER S. 139.
1 8 Vgl. die Übersetzung des entsprechenden Abschnitts bei ZAHN, Geschichte I,
S. 373.
1 9 Vgl. BAUER, Apostólos, S. 9 und 33-35.
20 Vgl. dazu B. ALAND 1986, 94-104. Sie stellt nach einer Durchmusterung der
syrischen Autoren vor dem 5. Jahrhundert fest: "Es gibt keinerlei gesicherte
Hinweise auf eine für uns faßbare Vetus Syra bzw. eine sog. 'altsyrische
Peschitta' der Katholischen Briefe" (S. 96); auch die syrische Übersetzung von
Cyrills de recta fide "bezeugt ... keinesfalls eine altsyrische Version der
Katholischen Briefe" (S. 102).
166 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

dort mit tûv Kct0oXiK(3v 'EmcrroXal треХ? endet21, entspricht offen


bar der Auffassung des Kirchenvaters22.
Damit aber steht fest, daß Chrysostomos, der seit Westcott und
Hort als frühester Zeuge des Byzantinischen Textes gilt23, für vier
Katholische Briefe keine Belege bietet. Wenn also die von
Chrysostomos bezeugte Textform auf eine Rezension Lukians
zurückgeht, ist jedenfalls auszuschließen, daß diese auch 2Petr, 2-
3Joh und Jud umfaßte.

5.1.2 Codices a Luciano nuncupati: Die Quellen für eine Rezension


des NT durch Lukian
Wie sich aus der kanongeschichtlichen Stellung der Katholischen
Briefe ergibt, sind die Quellen für eine Rezension des Neuen Testa
ments durch Lukian unter einer Voraussetzung zu interpretieren,
die treffend Lietzmann in seiner Kritik an v. Sodens 3-Rezen-
sionen-Hypothese formuliert:
"» "Dann aber ist erwiesen, daß wir in K, so wie von Soden den Text herstellt,
«ê keinesfalls die Rezension besitzen, welche um 300 Lucian von Antiochia
i; schuf, denn alle Tatsachen der Kanongeschichte sprechen dagegen, daß
dieser sieben katholische Briefe kannte: vermutlich hatte er gar keine!"24
Daher kann ich mich hier auf eine kurze Durchmusterung der
!J Stellen aus dem Werk des Hieronymus beschränken, die für die
I Hypothese einer lukianischen Rezension des NT eine Rolle
Л spielen.25

21 PG 56,317.
Î22 Vgl. BAUER, Apostólos, S. 65.
23 Vgl. HORT S. 91; V. SODEN 1,1460-1469; ferner G. D. FEE, The Text of John and
'S Mark in the Writings of Chrysostom, NTS 26, 1980, 525-547.
24 LIETZMANN 1914, 327.
к 25 Über die Quellen, die sich auf die Arbeit Lukians am griechischen Text des AT
beziehen, vgl. H. DÖRRIE, Zur Geschichte der Septuaginta im Jahrhundert
Konstantins, ZNW 39, 1940, 57-110. Diese Studie kommt hinsichtlich der "fast
legendarischen Rezensionen" (S. 106) zu folgendem Ergebnis:
"Nach dieser Umschau scheint alles, was man bisher zur Geschichte der LXX
und ihrer Rezensionen gesammelt hatte, zu nichts zerronnen zu sein. Was
Lagarde als seine Aufgabe ansah, nämlich 'die drei . . . amtlichen Rezensionen
der Septuaginta herzustellen' hat sich als undurchführbar erwiesen." (S. 106)
Diese Feststellung wurde zuletzt von J. D. WEVERS, dem Herausgeber des
Pentateuch in der Göttinger LXX-Ausgabe, bestätigt, nach dessen Untersu
chungen die Überlieferung des Pentateuch keine sicheren Belege für die
Existenz einer lukianischen Rezension bietet (vgl. seine Studie "Theodoret's
Quaest and the Byzantine Text", Henoch 13, 1991, 29-64). Dagegen halten S.
Ηϊδίοηδοηβ νοΓ3υ58θΙζυη§6η 167

Ιη άεΓ ΕρΐβΙηΙα αά ϋατηαβιιτη, άϊε ϊη νΐθΐβη νιι1§3ΐ3η3ηάδοηπί-


ίεη άεη Ενβηςεΐίεη νοΓ3η§68ίε111 ΐδί, ΓβοΗίίθΓϋβΙ ΗϊεΓοηνπηίδ δεϊηε
Κενίδΐοη άεΓ νετ5Ϊο ΙαΙϊηα άεβ Νευεη ΤεδίβτηεηΙδ ηβοη άειη §πε-
οηϊδοηεη Τεχί ά&πύΐ, άζ& βδ νοη άεΓ ΐ3ΐείηΐδοηεη Βίβεΐ ίβδί δονίείε
Οπβΐηβίε ννϊε (Ιοάΐεεδ §εοε ("ίοί βυηΐ ρβεηε [$ε. εχεχηρίατΐα] ςυοΐ
οοάίοεδ"), ννβηΓεηά άίε ^πεοηϊβοηε ϋοεΓΐϊείεπιη§ άεδ Νεαεη
ΤεδΙβπιεηΙδ δϊοηεΓ 3ΐιί είηε είηζϊ§ε Οιιείΐε ζυηκ&ζυΓαητεη δει:
Ηοο (50. ηονιιιη ΙεδίβΓηεηηιπι) οθγΙθ ουπι ϊη ηοδϊτο δεπηοηε οϋδοοπίβΐ βί
(ΙίνεΓδΟδ πνυΐοηιπι ίτβΓηΐΙεδ άηάϊ, υηο άε ίοηίε φίΒεΓεηάιιπι εδί.
υηά ηαη ίο1§ί άεΓ ΒεΓύΚιηίε δ»1ζ ϋοεΓ άίε Κεζεηδΐοηεη ίυΐάβηβ
ιιηά Ηεδγοηδ:
ΡΓβείεπηίΚο εοδ οοάίοεδ α,υοδ 3 ίυααηο εί ΗεδγοΗϊο ηυηαιραΐοδ ρβαοοηίΓη
Ηοιηίηιιηι βάδβπί ρεΓνεΐ33 οοηΙεηΗο, ςυίβυδ υΐίςακ ηεο ϊη νείεπ ϊηδίηιηιεηΐο
ροδί δερ1ιΐ3§ϊηΐ3 ίηΙεΓρΓείεδ επιεηάβΓε ςυϊ<3 Ηουϊί ηεο ϊη Νονό ρΓοίυίΙ
εηαεηάβδδε, αιτη ΐΓ\υ1ΐ3ππτι βεηΗυπι Ηηςυϊδ 5οπρίιΐΓ3 3η1ε ΓΓ3ηδΐ3ί3 άοοεβΐ
ίβίδβ βδδβ ςυβε αάάΐΐΆ δΐιηί.2"
ϋίεβε Βεπ\εΓΐςιιη§ άεδ ΗϊεΓοηνπιαδ ϊδί ΐιη ΖιΐδβΓηΓηεηηβη^ ππί
θΐηίςεη 3ηάεΓεη Ζευςηϊδδεη 3ΐδ \νϊςΚίϊ§δΙεΓ Βε1ε§ ά3ίϋΓ ϊητεΓ-
ρΓείϊεΓί ννοΓάεη, ά3β ίυ1α3η νοη Αητϊοοηΐεη είηε Κεζεηδίοη άεδ
ΝΤ νοΓ^εηοηιπιεη ηββε, 3ΐΐδ άεΓ άίε Κοϊηε ηεΓνοΓ§ε§3η§εη βεί27.
ϋειη οοεη ζΐίϊεΓίεη 53ΐζ ϊδΐ άίεδ 3ΐ1εΓάίη§8 ηίοηί ζα εηίηεητηεη.
ϋεΓ νοηνιΐΓί άεΓ νεΓίΜίδοηυης άεΓ δοηπίΐ ποηϊεΐ δΐοΗ §3γ ηϊοηϊ
§εςεη ίυΚίαη υηά Ηεδγοη, δοηάετη §ε§εη άεη νεΓίςεηΓϊεη ΕΐίεΓ
θίηϊ§εΓ Ι-ειιτε, άεΓ δίοη 3ΐιί ΗαηάβεΗτίβεη Βεηιίι, άίε ηαεΗ ΙυΚίαη
υηά ΗεΒ^εΗ ύεηαηηΐ 3ΐηά. 0\> ΗϊεΓοηγιηιΐδ άεπ\ ίαΐάβη δείβδί είηε
νεΓίβΙδοΗεηάε Βε3ΓθείΙιιη§ άεΓ ηειιιεδίΒΓηεηΓίίοηε Τεχιε ζιιγ Ε38γ
1ε§1ε, ΐδί ΓηεΚΓ 3ΐδ ζννείίεΙήΒίί28. ϋίεδ ζεϊ§1 3αχη είηε οϊθ£Γ3ρηίδοηε
Νοίίζ άεδ ΗίεΓοηγιηυδ ϋ&εΓ Ι.υ1ά3η, ϊη άεΓ ύΒΓΐ§εηδ εοεηίβΐΐδ
βχετηρίαήα εηνδηηί ννεΓάεη, άϊε ιιηΙεΓ άεδδεη Ν3Γηεη υΓηΙβαίεη:

ΐΕΙ-ίΐαΟΕ (ΤΗθ 5βρΙιΐ3βϊηΙ 3η<1 Μοάβτη δΐυάν, ΟχίοΓά 1968, 5. 157-171), Β. Μ.


ΜΕΤΖΟΕΚ (ΤΗε ίιιάίΐηίο Κεοβηβίοη οί Λβ ΟΓββΙι ΒίΜβ; ίη: ΟιβρΙθΓβ ίη Λβ
ΗίβΙοιγ οί Νβνν Τθδίβπίθηΐ ΤεχΙυβΙ €π1ία5ΐη, ίβϊάεη 1963, 5. 1-41) υηά αηάβτβ
(ννθίΙβΓβ 111. 1>βϊ ΙΕίίΙΟΟΕ υη<1 ΜΕΤΖΟΕΚ) βη άβΓ ΑυΙηβηΗζϋβί υηά άβΓ
ίβχΐΚπΙϊδΟΓίεη νβΓννθΓΛβτΚβίΙ θίηβΓ ΙυΙάβηίδοΗβη Κβζβηδϊοη άβτ ΙΧΧ ίθδΐ.
26 ΖΐπθΓί ηβοη νυΐ^βΐβ II, βά. Κ. ΥΥΕΒΕΚ, δΙυΜ^Π 21975, 5. 1515,13.22-27.
27 ν^Ι. ΜΕΤΖΟΕΚ, ίυαβηϊο Κβοβηδϊοη 5. 3£.; 3υοη ΜΕΤΖΟΕΚ 8β11)8ί Ηβΐί Ηϊγ
βηνίθδβη, άββ "ηίδ [βο. ίυάβη'δ] Γβοβηδίοη οί Ιηβ Νβνν ΤβδΙβηιβηΙ ννβδ βάορίβά
31 €οη5ΐ3ηπηορ1β 3ηά ίτοιη ΰιβΓε ίΐ βρΓεβά ννΐάθΐγ ΰίΓου^ηουΙ ΟΓββΚ 8ρβ3Ϊαη£
Ιβηάδ" (βϋά. 5. 27).
28 Υ^Ι. Ε)ΟΚΚΙΕ, ΟθβοΗκΗΐβ άβΓ 5βρηΐ3§;ίηί3, 86ί.
168 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

Lucianus, vir disertissimus, Antiochenae ecclesiae presbyter, tantum in


Scripturarum studia laborat, ut usque nunc quaedam exemplaria Scripru-
ramm Lucianea nuncupentur.29
Diese Notiz paßt zu jenem Lucianus martyr, den Hieronymus
im Vorwort zu den Büchern der Chronik als Autor einer LXX-
Edition nennt:
Alexandria et Aegyptus in LXX suis Hesychium laudat auctorem, Con-
stantinopolis usque Antiochiam Luciani martyris exemplaria probat, mediae
inter has provinciae palestinos codices legunt, quos ab Origene elaboratos
Eusebius et Pamphilus vulgaverunt, torusque orbis hac inter se trifaria
varietate conpugnat.30
Auch gibt es ein Zeugnis des Hieronymus, das eine Koivrj des
i« griechischen Alten Testaments mit dem Namen des Lukian in
Í; Verbindung bringt. In einem Brief an die gotischen Bischöfe
«5 Sunnia und Fretela antwortet Hieronymus auf deren Frage, wa-
¡> rum der von ihm hergestellte lateinische Text der Psalmen so
•5 häufig von dem der LXX abweiche:
Illud breviter admoneo, ut sciatis aliam esse editionem, quam Orígenes et
»5 Caesariensis Eusebius omnesque Graeciae tractatores Kcx.vf|v - id est commu-
nem - appellant atque uulgatam et a plerisque nunc Aoutciávcioc dicitur,
•5 aliam septuaginta interpretum, quae et in еСаттХоХ? codicibus reperitur et a
•£ nobis in Latinum sermonem fideliter uersa est et Hierosolymae atque in
!£ orientis ecclesiis decantur.31
'«i Auch hier wird dem Lukian die Koivrj nur indirekt zuge-
| schrieben (Aowadveioç dicitur). Hieronymus selbst betrachtet nach
dem Prolog zu den Büchern der Chronik lediglich dies als Tat
sache, daß in der von Konstantinopel und Antiochien beherrsch
ten Region die Septuaginta in einer Form überliefert wurde, die
Lukian hergestellt hatte32. Durch die indirekte Formulierung im
Brief an Sunnia und Fretela distanziert sich Hieronymus von der
Bezeichnung der koivt^ des griechischen Alten Testaments als

29 De viris inlustribus 77 (TU 14, p. 41f. RICHARDSON).


30 Prologus sancti Hieronymi in libro Paralipomenon, Vulgata I, ed. R. WEBER,
Stuttgart 21975, S. 546,9-12.
31 Epist. 106,2,2 (CSEL 55, p. 248 HILBERG).
32 Auch der Artikel Aouciayb? ö иартиу in der Suda, der auf Philostorgius
zurückgeht, weiß nur von editorischer Arbeit Lukians an der Septuaginta:
оЬтос тас lepas ßtßXouc etaadjiei^c тгоХъ tô vóQov ela8efa(i£i>ac ...ек т%
'EßpatSo? aínas ÍTraveveií>oaTO уЫтгт^. S. Suidae Lexicon ed. A. ADLER,
pars III, Stuttgart 1933, p. 283f., hier 284; vgl. Philostorgius Kirchengeschich
te, mit dem Leben des Lucian von Antiochien und den Fragmenten eines
arianischen Historiographien, ed. J. BIDEZ/F. WINKELMANN, (GCS) Berlin
31981, S. 184-187, hier 187.
Historische Voraussetzungen 169

AouKiaveio? ebenso, wie im Damasus-Brief von der Zurückführung


jener verfälschten Überlieferung auf Lukian.
Für die Interpretation des Satzes aus dem Brief an Damasus ist
ferner zu bedenken, "daß nur die Evangelien eine Arbeit des Hie-
ronymus sind ..., während die übrigen Teile des Neuen Testaments
eine Revision darstellen, die gegen 400 in Rom vielleicht durch
Rufinus den Syrer geschaffen worden ist"33. Daher liegt die Ver
mutung nahe, daß Hieronymus mit jenen codices a Luciano et He-
sychio nuncupati in erster Linie Evangelienhandschriften meint.
Die Zeugnisse des Hieronymus zwingen also keineswegs dazu,
den Byzantinischen Text des Neuen Testaments auf Lukian zu
rückzuführen.34

5.1.3 Diorthosis und Koine in der Überlieferung des NT35


Wie die frühen neutestamentlichen Papyri zeigen die literarischen
Papyri der ptolemäischen Zeit erhebliche Freiheiten gegenüber
dem Text: größere Auslassungen und Zusätze, Umstellungen, vie
le Singulärlesarten. Dagegen lassen die Handschriften der römi
schen Periode in der Regel größeren Respekt vor dem überlieferten
Wortlaut erkennen. Dieser Wandel ist sehr wahrscheinlich auf
den Einfluß der alexandrinischen Philologie zurückzuführen. Sie
hatte bis etwa 150 v. Chr., der Zeit Aristarchs, die Editionen der

33 FISCHER, В.: Das Neue Testament in lateinischer Sprache; in: K. ALAND


(Hg.), Die alten Übersetzungen des Neuen Testaments, die Kirchenväterzitate
und Lektionare (ANTF 5), Berlin/New York 1972, S. 1-92, hier S. 49; vgl. ebd.
20f. - Vgl. auch J. K. ELLIOTT, The Translation of the New Testament into
Latin: The Old Latin and the Vulgate; in: ANRW 26/1, (New York 1992), 221.
34 Entsprechend sind nach H. С BRENNECKE (Art. Lucian von Antiochien, TRE
21, 478) "Hieronymus' vage Kenntnisse über Lucian als Bibelrezensenten ... der
homöischen hagiographischen Tradition mit ihren stark apologetischen, die
homöische Kirche legitimierenden Tendenzen zuzuschreiben".
35 Als Wegweiser zu den Quellen, die in diesem Kapitel behandelt werden, sind
die folgenden Publikationen zu nennen: HULLEY, К. K.: Principles of Textual
Criticism Known to St. Jerome, HSCP 53, 1942, 87-109. - Zwei Aufsätze von В.
M. METZGER in: New Testament Studies: Philological, Versional, and
Patristic, (NTTS X) Leiden 1980: The Practice of Textual Criticism Among the
Church Fathers, S. 189-198; St. Jerome's Explicit References to Variant Read
ings in Manuscripts of the New Testament, S. 199-210. - Ders.: Explicit Refe
rences in the Works of Origen to Variant Readings in New Testament Manu
scripts, in: Biblical and Patristic Studies in Memory of R. P. Casey, ed. by J. N.
BIRDSALL and R. W. THOMSON, Freiburg 1963, S. 78-95. - NEUSCHÄFER, В.:
Orígenes als Philologe, [SBA 18] Basel 1987.
1 70 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

Klassikertexte hervorgebracht, auf denen die weitere Überlieferung


im wesentlichen fußt.36 Der Text der alexandrinischen Editionen
"wurde geradezu die fortan verbindliche Vulgata"37. Vermittelt
durch die Ausgaben, die byzantinische Gelehrte im 9./10. Jahr
hundert im Zuge des premier humanisme byzantin, wie Lemerle
diese Epoche genannt hat38, veranstalteten, prägen die alexandri
nischen Editionen bis heute die Textgestalt der wichtigsten Werke
der griechischen Literatur.
Die textkritische, aber auch die kommentierende Arbeit der
Alexandriner und ihrer byzantinischen Nachfolger wird mit dem
«•«
Terminus 810р9шочс bezeichnet, und auch die Ergebnisse dieser
Arbeit, Editionen und Kommentare, können so genannt werden.39
,îi; Allerdings ist die Vulgata nicht schlicht die Textform, die die
l-v Alexandriner konstituierten. Vielmehr scheinen sie die Texte, auf
! Ci , die sie ihre kritische und kommentierende Arbeit bezogen, bereits
vorgefunden und eben durch ihre Benutzung zum Rang von
Koival eicSóaei? verholfen zu haben. Die kritisch begutachtete Text-
*j gestalt blieb also erhalten. Verbesserungsvorschläge wurden neben
die kritisierte Lesart, nicht an ihre Stelle gesetzt. Zweifelhafte
¡ï , Passagen wurden mit textkritischen Zeichen in Frage gestellt, nicht
¡5; einfach getilgt. Ein entschiedener Respekt vor der Überlieferung,
nicht gelehrte Besserwisserei, charakterisiert die alexandrinische
J Philologie seit ihren Anfängen.40

36 Vgl. E. G. TURNER, Greek Papyri, Oxford 1968, 107f.; H. ERBSE, Überlieferung


der griechischen klassischen und hellenistischen Literatur, in: Geschichte der
Texrüberlieferung der antiken und mittelalterlichen Literatur I, hg. v. H.
• HUNGER u. a., Zürich 1961, S. 205-302, hier 222f.
37 ERBSE, Überlieferung 222.
■¿ , 38 P. LEMERLE, Le premier humanisme byzantin, Notes et remarques sur
*<" . enseignement et culture à Byzance des origines au Xe siècle, Paris 1971.
39 Vgl. R. PFEIFFER, Geschichte der Klassischen Philologie, von den Anfängen
bis zum Ende des Hellenismus, München 21978, 136-138; H. ERBSE, Über
Aristarchs Iliasausgaben, Hermes 87, 1959, 275-303, hier 286-289.
40 Auf die Frage, welche Rolle handschriftliche Belege für das textkritische
Urteil der Alexandriner spielte, kann hier nicht näher eingegangen werden.
Gegen die extremen Positionen BOLLINGS und LUDWICHS (alexandrinische
Textkritik immer auf handschriftlicher Basis) und VAN DER VALCKS
(alexandrinische Textkritik nie auf handschriftlicher Basis) hat sich aber
sicher zu Recht die Auffassung durchgesetzt, daß die Alexandriner die
Handschriften ständig heranzogen, aber unter ähnlichen Bedingungen wie
moderne Philologen Konjekturen zuließen (vgl. ERBSE, Überlieferungsge
schichte, 222f.; PFEIFFER, Geschichte, Uli.; K. NICKAU, Untersuchungen zur
Historische Voraussetzungen 171

Diese Tradition wird, wie zuletzt B. Neuschäfer am Beispiel des


Orígenes gezeigt hat, von christlichen Gelehrten fortgesetzt, wobei
der Respekt gegenüber der Überlieferung der Heiligen Schrift ein
schließlich ihrer Varianten noch entschieden zunimmt.41
Ein vieldiskutiertes Selbstzeugnis des Orígenes zeigt besonders
anschaulich, wie ein christlicher Gelehrter der Spätantike mit den
Varianten der Überlieferung des Neuen Testaments umging.42
Im 15. Buch des Matthäuskommentars (Kap. 14)43 wirft Orígenes
im Zuge der Erklärung der Perikope vom reichen Jüngling (Mt
19,16-22 parr) die Frage auf, ob das Gebot der Nächstenliebe in V. 19
möglicherweise von jemandem, der den genauen Sinn des Textes
nicht verstanden habe, hinzugefügt worden sei. Zu dieser Frage
veranlaßt ihn der Kontext. Wenn der reiche Jüngling wirklich die
von Jesus aufgezählten Gebote einschließlich des Liebesgebots ge
halten habe, sei er bereits vollkommen gewesen und habe nicht
zusätzlich sein Vermögen verschenken müssen, um es noch zu
werden. Wer den Verdacht hege, das áycnrf]oeic tov ttXt|ctíov cou
sei bei Matthäus an falscher Stelle eingefügt worden (ттростеррСфбсп
акаЧршс, p. 386, 6f.), könne sich auf das Fehlen des Gebotes der
Nächstenliebe in den entsprechenden Perikopen bei Markus und
Lukas und auf das Wort des Paulus berufen, das Liebesgebot fasse
alle Gebote zusammen (Rom 13,9); ferner darauf, daß Jesus dem
Jüngling glaubte (nach Mk 10,21 ^уаттстеу aÚTÓv), weshalb seine
Antwort, er habe die von Jesus genannten Gebote gehalten, wahr
sein müsse.
Um eine so tiefgreifende Erörterung zu rechtfertigen, beruft sich
Orígenes auf eine Tatsache, die er offenbar als allgemein bekannt
voraussetzt, die Suufxiivta тгрос йХХпХа tûv апчурафшу des Matthä
us- aber auch der übrigen Evangelien (387,18-22); es sei offensichtlich
(Sf^Xov, 387,27), daß es aus vier Gründen vielfach zu Unterschieden
zwischen den Abschriften (f) tûv алпчурафьи/ 8|.афора, 327,28f.)
gekommen sei:
- е1те атго рсоицла? tivûv урафеап',

textkritischen Methode des Zenodotos von Ephesos, (UaLG 16) Berlin/New


York 1977, p. VII-XIV.
41 Vgl. besonders NEUSCHÄFER 122-138.
42 Das Beispiel des Orígenes ist nicht zuletzt deshalb repräsentativ, weil er
seine philologische Bildung im Zentrum der Disziplin, in Alexandrien,
erhielt.
43 GCS 40/Origenes X, p. 385,7-390 KLOSTERMANN.
172 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

- еХте олто тоХцп? tivuv цохвпра?


- <е1те атто àufXouvnm» тг)с бюрбшстбш? tûv ypcufroiLevbiv,
- е1те атто tûv та еаитоХс ÔokoOitci èv Ttj SiopOuoei <т^> ттроа-
Ti6évrw fj ácpaipoúiriov (387,29-388,7)44.
Hier bezeichnet 8top6waiç zunächst eine schlichtere, noch nicht
philologische Form der Verbesserung eines Textes, nämlich die
Beseitigung von Fehlern, die beim Abschreiben entstehen. Sie soll

44 Obwohl die lateinische Übersetzung im allgemeinen wenig zuverlässig ist


(vgl. dazu FRÜCHTEL in GCS 41,2/Origenes ХП, ed. E. KLOSTERMANN/ L.
»• FRÜCHTEL, Berlin 1955, p. 23-52), lassen sich für KLOSTERMANNS Einfügung
;■*! von <е1те атто dneXoüiT<i>v> nach dem lateinischen Text (sive propter eos qui
î£, neglegunt emendare scripturas) gute Gründe angeben. Die Parallelität der
1*5; ersten und zweiten adverbialen Bestimmung und das stufenweise Wachsen der
|S;< beiden folgenden Glieder entsprechen der enumeratio weit besser als die
' »5 1 schwerfällige Erweiterung des zweiten Präpositionalausdrucks, dessen Nomen
**« schon einen Genitiv und ein Attribut bei sich hat, um zwei weitere Genitive.
»» , Auch die klarere gedankliche Gliederung spricht für den emendierten Text.
«* Nach ihm sind die Gründe für die бшфора paarweise angeordnet, wobei der
1* Nachlässigkeit des Schreibers und des Korrektors jeweils eine Form bewußter
Veränderung des Textes gegenübersteht: die böswillige Interpolation und der
iç.' gutgemeinte editorische Eingriff. - Im übrigen verdient die griechische
¡5; Überlieferung a priori kein größeres Vertrauen als die lateinische (vgl. dazu
'« i KLOSTERMANNS "Vorbemerkung" in GCS 40, p. VII-XI).
Ц, NEUSCHÄFER (S. 372, Anm. 24) lehnt KLOSTERMANNS Ergänzung ab und
'\t begründet dies mit der bekannten Unzuverlässigkeit der lateinischen Über-
.,. Setzung und mit der Entsprechung, die der Begriff tóXut| ттт,? SiopOuoeus im
1_ Hosea-Kommentar des Orígenes finde. Daraus, daß er dort gewissen Leuten
vorwerfe, unter dem Vorwand der Korrektur den Sinn der Schrift zu ändern
(тоАна!/ tipos: Trpo<f>daei бюрЭшстеы? ... dXXoioOi/ tôv ¿yKeiuevov ... voOv;
i Philocalia 8, p. 52,9f. ROBINSON), sei zu schließen, daß er auch im
Matthäuskommentar "eine willkürliche, keine vernachlässigte Siópetoais:"
meine. - Letzteres trifft zwar zu, aber unabhängig davon, ob man KLOSTER-
V; MANNS Ergänzung akzeptiert oder nicht. Die Formulierung ToXuaV ттрофааеи
*»■ . бюрвшаео)? zwingt nicht zu dem Schluß, Orígenes habe an der diskutierten
Stelle im Matthäuskommentar den Ausdruck то\цт| Tiw3v \юх&г\ра тт)<г
8юрвшаеа>? tuv ypa<t>o\LÍvi¡)v verwendet.
Auch NEUSCHÄFERS Verweis auf das Urteil von H. MARTI (Übersetzer der
Augustin-Zeit, [Studia et Testimonia Antiqua 14] München 1977, S. 44), an der
diskutierten Stelle dürfe die tóXuti nicht von der ок^рвшочс getrennt werden,
kann nicht als schlagendes Argument gegen KLOSTERMANNS Text gelten. Denn
MARTI begründet sein Dictum lediglich mit einem Zitat aus Hieronymus
(praef. in evang. Vulgata II, ed. R. WEBER, Stuttgart 21975, S. 1515,15): vel а
praesumptoribus imperitis emendata perversius; es versteht sich jedoch kei
neswegs von selbst, daß die Entsprechung eher in einer tóXut| тт^с бюрвшаесос
als in einer Siopöwais- nach eigenem Gutdünken (Orígenes viertem Grund für die
бшфора nach KLOSTERMANNS Text) zu sehen ist.
Historische Voraussetzungen 173

der Leichtfertigkeit von Schreibern entgegenwirken. Zugleich wird


deutlich, daß 8iop9wo4ç in diesem Sinne zum Vorgang des Ab-
schreibens gehört, daß also immer mit Fehlern gerechnet wurde,
auch wenn ein Schreiber so pflichtbewußt und sorgfältig wie
möglich arbeitete.
Ferner wird gesehen, daß auch бЧорвохл.? eine Fehlerquelle sein
kann, wenn sie, vielleicht mit bester Absicht, in den Text eingreift
und damit gegen die Grundregel handschriftlicher Überlieferung
verstößt, nichts hinzuzufügen und nichts zu tilgen45.
Die Aufzählung des Orígenes ist eines von vielen antiken
Zeugnissen für das ausgeprägte Bewußtsein von den Gründen der
Variantenbildung, das für die Antike vorauszusetzen ist. Von den
christlichen Autoren ist neben Origenes vor allem Hieronymus
eine ergiebige Quelle46. Auch für ihn ist es eine unzweifelhafte
Tatsache, daß in der Überlieferung der biblischen Texte Irrtümer
aufgetreten sind, die mittels Textkritik rückgängig gemacht werden
müssen. Schon die Epistula ad Damasum zeigt, daß er für die Ent
stehung der Varianten die gleichen Gründe annimmt wie Orige
nes, nämlich die Nachlässigkeit der Schreiber, mißlungene Verbes
serungsversuche und böswillige Interpolationen. Zwar bezieht er
sich auf die lateinische Überlieferung, wenn er dort sagt, es gelte zu
korrigieren, "quae ... vel a praesumptoribus imperitis emendata
perversius vel a librariis dormitantibus aut addita sunt aut muta-
ta"47, aber natürlich besteht kein prinzipieller Unterschied zwi
schen dem Kopieren eines griechischen und eines lateinischen
Textes. Entsprechend unterscheidet Hieronymus zwischen den
alten griechischen Codices, die für die Revision der lateinischen
Überlieferung brauchbar sind48, und jenen "codices quos a Luciano

45 Zur Geschichte der formelhaften Maxime Мт^те irpooOtívaí ц^те ¿феХй»/.


die auch im NT begegnet (Offb 22,19) s. С. SCHÄUBUN, MiVre irpooofírai ^т'
афеХГи*, МН 31, 1974, 144-149. SCHÄUBLIN (S. 145) weist darauf hin, daß
"Hinzufügen" und "Wegnehmen" nur die beiden extremen Formen von
Änderungen meinen, die ja immer dem Veränderten etwas ihm Eigenes nehmen
und etwas ihm Fremdes hinzufügen.
46 So konnte HULLEY (S. 94-101) aufgrund verstreuter textkritischer Bemerkun
gen des Hieronymus die Fehlerquellen, mit denen dieser im einzelnen rechnete,
nach dem Schema eines modernen Kompendiums anordnen.
47 Vulgata II, ed. R. WEBER, Stuttgart 21975, S. 1515,14-16.
48 Ebd. p. 3,lf.
174 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

et Hesychio nuncupatos paucorum hominum adserit perversa


contentio"49.
Aus leidvoller Erfahrung beschwört er am Ende eines Briefes
"omnem, qui hos libros uel descripturus est uel lecturus, ... ne
addat aliquid huic scripturae, ne auferat, ne insérât, ne inmutet,
sed conférât cum exemplaribus, unde scripserit, et emendet ad
litteram et distinguât et inemendatum uel non distinctum codi-
cem non habeat, ne sensuum difficultas, si distinctus codex non sit,
maiores obscuritates legentibus generet"50.
In einem anderen Brief versichert Hieronymus, er habe den Ko-
f. pisten eingeschärft, sie sollten seine vom Adressaten angeforder-
:¡Í' ten Schriften nach dem Abschreiben sorgfältig vergleichen und
¡!i[ korrigieren ("frequenter admonui, ut conferrent diligentius et
(•■V emendarent"); da er aber die Arbeit nicht selbst habe kontrollieren
!C;, können, sei dennoch mit Fehlern ("paragrammata", "minus aliqua
'*ч^ descripta") zu rechnen. Denn die Tachygraphen (notarii) und Kopi-
;ч, sten (librarii) "scribunt non, quod inveniunt, sed, quod intellegunt,
*«: et, dum alienos errores emendare nituntur, ostendunt suos".51
;5; Wie Origenes sieht also auch Hieronymus, daß nicht nur die
¡S? Nachlässigkeit von Schreibern und Diorthoten, sondern auch die
;$• Diorthosis selbst zu falscher Wiedergabe der Vorlage führen kann.
Für beides bietet die neutestamentliche Überlieferung reiches
Anschauungsmaterial. Die oben in Kap. 3 untersuchten typischen
und untypischen Mehrheitslesarten sind zweifellos jeweils auf
eine der beiden von Origenes und Hieronymus genannten Ursa
chen zurückzuführen, wobei die Grenze zwischen eigentlichen
Fehlern, "halbbewußten Trivialisierungen" und mißlungenen
Verbesserungsversuchen natürlich fließend ist.
Der Überlieferungsvorteil insbesondere typischer Mehrheitsles
arten wurde ferner nicht zuletzt dadurch verstärkt, daß auch die
n- . Kopisten selbst die Zuverlässigkeit handschriftlicher Überlieferung
und folglich ihrer jeweiligen Vorlage skeptisch beurteilten.
Am Beispiel des Origenes läßt sich außerdem zeigen, daß auch
und gerade der traditionelle Respekt vor der Überlieferung, der
zweifellos gegenüber der Heiligen Schrift in besonderem Maße

49 Ebd. p. 2,14f.
50 Ep. 80,3,2 (p. 105 HILBERG II).
51 Ep. 71,5,1-2 (p. 5sq. HILBERG II)
Historische Voraussetzungen 175

beobachtet wurde, die Ausbreitung von Varianten der Qualität


typischer Mehrheitslesarten gefördert hat.
Wie Orígenes selbst mit der 8ia<pù)via tûv áimypá<pwv umging,
zeigt der Abschnitt aus dem Matthäuskommentar, aus dem oben
zitiert wurde. Nach der Aufzählung von Ursachen für Überliefe
rungsvarianten schiebt er zunächst einen Exkurs über die philo
logische Methode ein, nach der er die Hexapla gestaltete.
Gegen die бЧафолЧа tûv àimypacptdv des Alten Testaments habe
er mit Gottes Hilfe ein Heilmittel gefunden. Zunächst bilde er sich
aufgrund der übrigen Übersetzungen ein Urteil über die variierten
Stellen der Septuaginta und behalte bei, was mit den übrigen
Übersetzungen übereinstimme. Dann obelisiere er (da er nicht
wage, es ganz zu tilgen), was nicht im hebräischen Text stehe und
setze andererseits mit Asteriskoi solche Textabschnitte hinzu, die
nicht in der Septuaginta, wohl aber in den übrigen Übersetzungen
und im hebräischen Text überliefert seien. So könne jeder diese
Stücke hinzufügen oder, wenn er Anstoß an ihnen nehme, nach
eigenem Gutdünken über ihre Authentizität urteilen.52
Es sind also zwei Methodenschritte zu unterscheiden: Zunächst
wird an Stellen, an denen die LXX-dvTÍypa<J>a voneinander abwei
chen, der LXX-Text mithilfe der übrigen Übersetzungen hergestellt,

52 Der griechische Text des Abschnitts lautet: ri\v uèv ouv èv toîç ¿¡турафсис
rrjç ттаХашс 8ia9^KT)S' 8ia<J>cüvtav 6eoö SiSóvtos' eüpo\iev IdaaaOai,
кр1ТТ|р1ф xPr\CJá\levoí Т£й? Xoiiraîç ¿icSóaeaiv tûv yàp d(X<f>ißaXXo(i^vcov
■пара toîç 'EßSouTiKOi/Ta Sid Tf|V tûv dvTiypd<J>(i)v 8ia<JHi>viav tt|V tcptcnv
TTOLT|aánevoi ànô tûv Xoiitûv éicBócreüiv то auv^Sov ¿tcetvaiç ¿<t>uXd£a|j.ev,
ical Tivà \itv ußeXCaauev <ûs> èv tû 'EßpcÜKU цт| Keí\xeva (où тоХцт\-
ааитес aÙTà irdvrri irepieXcîv), Tivà Se цет' dcrreptaicov -npoaeW\Ka\iev,
Iva SfjXov -¡5 ÖTt цт| K(l\icva irapd Tots' 'Eß6op.fjKovTa ¿к tûv Xoittûv
¿kSóoeíov аицфшушс tû 'EßpaiKU ттроаебт^кацеу, ка1 ó \ièv ßouXofievo?
тгро<а>т)тси aiiTd, ф S¿ irpodcóirm то toioOtov В ßouXeTai (nepl трс
ттарабохл? aiiTÛv fl uf)) ттснхцлг). (388, 7-30 KLOSTERMANN) - Die Xoiiral
éicSóoeis meinen andere griechische Übersetzungen des hebräischen Textes,
wie aus Eus. hist. eccl. VI,16,1 (552,26-554,17 KLOSTERMANN) hervorgeht;
dort heißt es, Orígenes habe außer den bekannten ¿kBooéls1 der LXX, des
Aquila, Symmachus und Theodotion noch weitere Übersetzungen aufgespürt.
Die in der antiken Homer- und Platon-Philologie üblichen Funktionen von
Obelos und Asteriskos werden also im Prinzip beibehalten. Dort bezeichnet
der Obelos für unecht erklärte Stellen, der Asteriskos versus iterati bzw. die
Übereinstimmung mit auch in anderen Werken Piatons dargelegten Lehren
(vgl. H. DÖRRIE/M. BALTES/F. MANN, Der Piatonismus in der Antike IL 92-
96 u. 350-353). Orígenes paßt also ein traditionelles Verfahren seinen
besonderen Bedürfnissen an.
176 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

dann werden mit Asteriskoi und Obeloi Abweichungen zwischen


dem hebräischen Text, der LXX und den übrigen Übersetzungen
gekennzeichnet.53
Der anschließende Abschnitt in der lateinischen Fassung des
Matthäuskommentars, zu dem keine griechische Entsprechung
erhalten ist, beginnt mit dem folgenden Satz:
in exemplariis autem novi testamenti hoc ipsum me posse faceré sine
periculo non putavi. tantum suspiciones exponere me deberé et rationes
causasque suspicionum non esse inrationabile existimavi ... (388,31-389,5
KLOSTERMANN).
In der Tat ist es sehr unwahrscheinlich, daß Orígenes eine der
Hexapla vergleichbare Ausgabe des Neuen Testaments erstellt
hat54. Aber das Selbstzeugnis im Matthäuskommentar und eine
Reihe von textkritischen Äußerungen wie die Diskussion der
Authentizität des Liebesgebots in Mt 19,19 lassen deutlich die
Prinzipien und Motive hervortreten, die das textkritische Urteil
des Origenes leiteten und entsprechend sein Vorgehen als Editor
des Neuen Testaments bestimmt hätten.
Für die Beurteilung von Mt 19,19 haben die beiden anderen
Synoptiker im Prinzip die gleiche Funktion wie die Xoiiral ¿icSóaei?
îç] an obelisierten Stellen in der Septuaginta. Wie in der Hexapla die
sonst nicht überlieferten Passagen stehenbleiben, wird es im
Matthäuskommentar dem Urteil des Lesers überlassen, ob er die
Exegese des zuvor als zweifelhaft erwiesenen Verses akzeptieren
will oder nicht. Entsprechend folgt auf die Beschreibung der
editorischen Arbeit am Text der LXX in der griechischen
«r Überlieferung eine Auslegung der Perikope vom reichen Jüngling
unter der Voraussetzung, daß das Gebot der Nächstenliebe trotz
aller Bedenken in Mt 19,19 am richtigen Platz stehe55.
Mit der bloßen Kennzeichnung überlieferungsgeschichtlich
zweifelhafter Lesarten steht Origenes in einer philologischen
Tradition, die bis auf Zenodot zurückverfolgt werden kann. Etwas
anderes ist es, solche Lesarten mit der gleichen Sorgfalt auszulegen

53 Andere Deutungen, nach denen Origenes hier nur quantitative Abweichungen


zwischen Handschriften oder zwischen Übersetzungen und dem hebräischen
Text im Blick habe, widerlegt ausführlich NEUSCHÄFER 89-94. Vor allem ist
es unwahrscheinlich, daß йшфыша tûv ахтурафия/ oder iv tóís" diri-
урафсис ausschließlich den Umfang des Textes meinen und nicht auch Wort-
und Formvarianten einschließen sollte.
54 Vgl. METZGER, Explicit References, 78-80.
55 Vgl. 390,18ff. KLOSTERMANN.
ΗΪ8»ΟΓί3θ1ΐθ νθΓ31185€ΐΖΙΐη§ΘΠ 177

ννΐε άϊε 3ΐδ ιίΓδρπϊηβΙίοη 1>ευΓτεϊ11εη. ΗϊεΓ ννίΓίςϊ δϊοΗ είη ηεπηε-
ηευϋδοηεδ ΡΓΪηζΐρ 3ΐΐδ, άβδ ίη δβίηβΓ Βεάειιηιη§ Κιγ άΐε Εηίδίεηυη^
άεΓ Κοίηθ άεδ Νευεη ΤεδΙβιηεηΙδ §3Γ ηίοηί ϋβεΓδοΜίζΙ ννεΓάεη
Ιςβηη, ηϋιηΐίοη άϊε Ζυπίο1<ίϋ1ΐΓΐιη§ άβΓ Ιάπτηΐίοη νεΓϋΓείΙείεη Τεχι-
§6δΐ3ΐί άβΓ Βίοεί 3αί άϊε ^οΗΐκΗε οίκονομία. ΟίβδβΓ Βε§π£ί ίτΐίί ίϋη-
δΐοηΐΐίοη άεΓ 5ερίυ3§ϊηΐ3 Βεί Οπ§εηεδ 3η άϊε δίεΐΐε άεΓ νεΓΪ>3ΐ-
ίηδρΪΓβίϊοη, ννΐε δϊε ΒεΓεΐΙδ ίηι ΑπδΙεβδοπεί 3η§εάευ1:εΙ υηά άβηη
νοη Ρηϊΐο νο11δΓ3ηάΐ§ 3υδ§εοϋάεί ννπά.56
Β. ΝεαδοηΜίετ Η31 3η εΐηεΓ Κείηε νοη Βείβρΐείεη §εζεί§ΐ, ά&β
Οπ§εηεδ νϊεΐίβοη βείβδί άοΓΐ ηβοη άίεδεηι Ρπηζϊρ νβτί'άίχτί, ννο εΓ
γραφικά αμαρτήματα ει^εηηΐ.
Ζαιη Βείδρίεΐ ννείδΐ Οπ§εηεδ ίηι ΚοητπιεηΙβΓ ζιι Ρδ 2,12Β57 (ί,ΧΧ:
και άττολεΐσθε έξ όδοΟ δικαίας•) άΆΤΆ\ιί Ηίη, ά&β ά&& Αά]ε1<1:ίν δικαίας•
ννεάεΓ ίη άεη ϋΒη^εη ϋοεΓβείζυηςεη ηοοη ίηι ηεοΓ3ίδοηεη Τεχί
εϊηε ΕηίδρΓεοηυη§ ηβ&ε. ΗϊεΓ ΙββΙ εΓ οίίεη, ο& ε§ βίοη αηι εϊηεη
Ρεηΐετ ηβηάεΐΐ οάεΓ οΒ ά3δ Αά]ε1<ΓΪν νοη άεη 5ίεοζΐ§ κατ' οίκονομίαν
εϊηςείϋβΓ ννιΐΓάε.
Ιη Ιετ. Ηοτη. 14,358 δίεΐΐΐ Οπ§εηεδ ίεδϊ, άαβ ϊη ]βι 15,10 άϊε ίεδ3Γΐ
άεΓ σιείδίεη ίΧΧ-ΗβηάδοηπΓϊεη, ούκ ωφέλησα, ουδέ ωφέλησε μοι
ουδείς-, άεπ\ ηεοΓΜϊδοηεη Τεχί ('η-χΰΓΚ'τι ♦ΓΓΛηΛ: χάι ΗαΒε ηίοΗΐ νετ-
ΗεΗεη ηηά τηαη ΗαΙ τηπ πϊοΗΙβ χεΚεΗεη) ηϊοηΐ εηίδρποηΓ. ϋϊε ποΗ-
Ιί§ε ϋοεΓδεΙζιιη§ ίίηάε δίοη ηιατ έν τοις• άκριβεστάτοις• (δε. αντίγρα
φου) πύι ούκ ώφείλησα, ουδέ ώφείλησέ μοι ουδείς, ϋΐε ηβοη Ιατοηΐί-
οηεΓ ϋοεΓίίείεηιης §3η§ί§ε ίεδ3Γΐ ούκ ωφέλησα... οεάϋτίε 3θεΓ εβεηδο
άεΓ Αυδ1ε§υη§ ννΐε άΐε ηπίτ άεπι ηε1?Γ3ίδοηεη Τεχί ϋοεΓεΐηδΙΪΓη-
Γηεηάε. Αυί άΐε βίεΐοηε δίεΐΐε ΙίΟΓητηί Οπ§εηεδ ίη Ιετ. Ηοτη. 15,559
ηοοηηΐ3ΐδ ζυΓϋοΙς. ΗϊεΓ ίύητί εΓ άίε ΜεηΓηεϊΙδ1εδ3Γΐ αυκάΓϋοκΙκ-η
αχιί εϊη γραφικόν αμάρτημα ζαταοίς, Κ&ΐΐ 3ϋεΓ βΙεκηννοΜ ά3Γ3η ίεδϊ,
άββ σεΐάε ίε53Γΐεη §1εΐοΚοεΓεοΓΐΓΪ§1 δείεη60.
Εϊηε ίεχίΙίπΙϊδοΚε ΒειηεΓΐαιη§ ίηι ΜβΗηΜυδΙςοΓηη-ιεηίΒΓ61 ζαπι
Ζϊί3ί νοη 53οη 9,9 ϊη Μί 21,5 Ιςόηηίε §εΓ3α!εζιι 3ΐδ ΑιιίίθΓάεηιη§
§εα!ειΐΓεΙ ννεΓάεη, εϊηε ΜϊδοΚ1εδ3Γί ΗεΓζιΐδΙεΙΙεη. Οπ§εηεδ ννεϊδί
ά3Γ3υί Κίη, άαβ εδ ηβοη άετ ίΧΧ Κείβε, άεΓ Μεδδϊβδ ννεΓάε $αη/1-

56 ν^Ι. Ερ. ΑΗδί. αά ΡΗίΙοπαί. 12,307 (50 89, ρ. 232,11-14); ΡΗϋο άΐ νϋ. Μοβ.
2,37 (ρ. 173,25-31 03ΗΝ). Ό&ζα ΝΕυδΟΗΑΡΕΚ 112ί.
57 Ιη Ρ5. 2,12 (ΡΟ 12,1116€-1117Α); ν§1. ΝΕυδΟΗΑΡΕΚ 111ί.
58 005 6, ρ. 107,23-109,15; ν§1. ΝΕυδΟΗΑΡΕΚ 104ί.
59 <Χ3 6, ρ. 129,9-14.
60 Ρ. 129,13ί.: καΐτοιγε ίκατέρως Ιστι διηγήσασθαι τόν τόπον.
61 ΜαΙΙη. ζοτητη. 16,16 (ρ. 531,5-24 ΚίΟΒΤΕΚΜΑΝΝ); ν^Ι. ΝΕυδΟΗΑΡΕΚ 119.
178 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

mutig (ттрсшс) in Jerusalem einziehen, während Theodotion das


Attribut ¿iraKoúwv, Symmachus тттшхос verwende. Dazu bemerkt
Orígenes lediglich, es passe gut zu dieser Geschichte, daß Jesus
sanftmütig, gehorsam und arm in Jerusalem einziehe.
Diese Anmerkungen des Origenes zur Diorthosis erweisen das
klassische Мт^те ттросгвеХгхн цлуг' àfyeXeïv als sein oberstes textkriti
sches Prinzip. Zweifelhafte Passagen verwirft er nicht, sondern legt
sie dem Urteil des Lesers vor, weil er immer mit der Möglichkeit
rechnet, daß die Veränderung des als ursprünglich beurteilten
Textes кат' olicovoulav in die Überlieferung gelangt sein könnte.
Editionstechnisch entsprechen diesem Verfahren die Alterna
tivlesarten, wie wir sie auch in vielen neutestamentlichen Hand
schriften finden. Ein Exeget wie Origenes nun hatte die Möglich
keit der doppelten Schriftauslegung. Ein Schreiber jedoch, der vor
der Aufgabe stand, Handschriften für den liturgischen Gebrauch
herzustellen, sah sich der Notwendigkeit gegenüber, den gültigen
Wortlaut in den Text zu setzen62. Sein Kriterium kann nur der
Text gewesen sein, wie er ihn aus dem Gottesdienst kannte oder
wie er in anderen kirchlich gebrauchten Handschriften stand. Die-
JS.* ser Umstand ist es, der den Überlieferungsvorteil geläufiger Lesar-
¡5; ten der neutestamentlichen Texte bzw. die Tendenz zu einer кои/Г|
IkSocti? entscheidend verstärkte. Ebendiese Tendenz ist auch im
l Umgang mit den Lesarten zu erkennen, die ein Gelehrter vom
Range des Origenes als wahrscheinlich nicht ursprünglich beur
teilt, aber doch anerkennt, weil der kirchliche Gebrauch sie als кат'
J: oIkovouIov gleichwertige Form des Wortes Gottes kennzeichnet.
Von der gleichen wissenschaftlichen Grundhaltung zum Text
des Neuen Testaments und seiner Varianten zeugt eine der wich
tigsten Apostoloshandschriften, die 1739 aus dem 10. Jahrhundert,
Ü "eine zu gelehrten Zwecken, nicht für kirchlichen Gebrauch herge-

62 Mit welchen Schwierigkeiten ein Kopist durch variae lectiones zu kämpfen


hatte, zeigt beispielhaft (allerdings nicht auf einen neutestamentlichen Text
bezogen) der Brief eines anonymen Gelehrten aus der Mitte des 10. Jahr
hunderts, den die Textkonstitution auf der Grundlage nur dreier Handschrif
ten, von denen eine Marginalnotizen hat, vor schier unüberwindliche Probleme
stellt. Vgl. MARKOPOULOS, A.: La critique des textes au Xe siècle. Le té
moignage du "Professeur anonyme", JOB 32, 1982, 31-37; dazu LEMERLE 246-
250, ferner H. HUNGER, Schreiben und Lesen in Byzanz, München 1989, S. 65.
ΗίδίοηβοΗθ νοΓ3ϋ88€ΐζιιη&θη 179

δίεΐΐίε Αοδοηπίι"63. ϋειη ^Γριιβ Ρ3υ1ίηαιη ϊδί ίο1§εηάε ΒεπιεΓ-


Κυη§ νοΓ3η§βδίβ111 (£ο1. 44ν):
Ιστέον τάς- Ι Δ του αποστόλου έπιστολάς γεγράφθαι άπό αντιγράφου
παλαιότατου ου πεΐραν έλάβομεν ώ$• έπιτετευγμένου έκ τών εΙς ημάς
έλθόντων ώριγένους• τόμων ή ομιλιών είς τόν άπόστολον εύρηκότες•
αυτό συμφωνούν οΐς μνημονεύει ρητοΐς• έν τάϊ$• είτε εΙ? τόν
άπόστολον εϊτε εΙ? άλλην γραφήν έξηγήσεσι ό άνήρ• έν οΐς ουν
παραλλάττει ρητοΐς• προς τά νΰν αποστολικά διπλήν την λεγομένην
παρεθήκαμεν έξωθεν ίνα μη νομισθη κατά προσθήκην ή λεΐψιν
ήμαρτήσθαι τουτί τό άποστολικόν τήν δε προς• ρωμαίους• έκ των εΙς
αυτήν φερομένων τόμων μεταγραψάμενοι οΰκ έχρησάμεθα τη διπλή
ήτις1 εστίν αυτή• >Μ
Όκ βΐιε νοΓΐ3§ε ςίΒί βίδο άεη Ρβυΐιΐδ-Τεχί: άβδ Οηςεηεδ ννϊεάεΓ,
ννίε άεΓ δοητείβεΓ άιίΓοη είηεη νεΓ§1είοη ιηίΐ άεδδεη δοηηίΐεη ίβδί-
βεδίεΐΐι ΗβΙ. υιη άβη Είηάηιοκ ζυ νεπηείάεη, είννβδ Μηζυςείϋ^Ι
οάεΓ 3ΐΐδ§εΐ38δεη ζυ η3θεη, κεηηζείι:ηηει εΓ ΑΙ>γνείοηιιη§εη νοιη
Τεχι δείηεΓ Ζεϊι, δο. άειη Βγζ3ηπηΐδοηεη Τεχί (τά νΰν αποστολικά),
ιτιίΐ άεΓ διπλή65. Νιιγ πιγ άεη Κόηι, άεη εΓ ηίοηΐ 3αβ άεΓ 3ΐ1εη
Ηβηάδοηηίτ, δοηάεΓη άή-εΚΐ 3αδ άεπ\ ΚοΓητηεητβΓ άεδ Οπ§εηεδ
βοδοηΓείοΙ66, νεΓννεηάει εΓ άϊεβεδ Ιαιαδοΐιε Ζείοηεη ηκηΐ.
Ιη άεΓ διιοδοπρπο ζιι άεη Ρβαΐϊηϊδοηεη Βπείεη νεΓδϊοηεΓΓ άεΓ
δοΚτείσεΓ, άαβ δίε 3ΐΐδ άεΓ §1είοΗεη Ηβηάδοητίίΐ ίςορίεΓϊ ννιΐΓάεη ννϊε
άϊε ΑροδΓεΙςεδοΗΐοηιε υηά άίε ΚβιΗοΙΐδοηεη Βπείε, αηά ά&β άίε
Κορϊε 8οτζί'άΙϋζ ιγπγ άεΓ νοΓΐ3§ε νεΓ§1ίοηεη ννιΐΓάε:
μετελήφθησαν καΐ αϊ Ι Δ παύλου έπιστολαΐ έκ του αύτοϋ αντιγράφου•
προς• & και άντεξητάσθησαν επιμελώς• ώ? ένεδέχετο.
Ιη άεΓ Αρ§ αηά άεη Κ3ΐηο1ίδ(:ηεη ΒΓίείεη νεηνεηάεΐ άεΓ δοητεϊ-
ΒεΓ ζ\ν3Γ ηϊοηΐ άίε διπλή, \νοη! 3Γ>εΓ βηάεΓε κπΙϊδοΗε ΖεϊοΗεη ννϊε

63 Ε. νΟΝ ΟΕΚ ΟΟΙ.ΤΖ, Εΐηβ ΙθχΛτϊΗδΟΓίθ ΑΛθίΙ (1β8 ζβΗηΙβη ββζνν. δθΟΓίδΙβη Ιβίν-
ΓΐυηάεΓίβ, 1ΐ6Γ3ΐΐ5£ε£βΙ)€η ηβοΗ είηβιτι Κοάβχ άεβ ΑΰιοδΚΙοβίβΓβ \Λν/χα, (ΤΙΙ
ΧνΐΙ,4; η.Ρ. Π,4) ίθίρζίβ 1899, 5. 10. - Είηβ νοΙυχοΙΙβΗοη άβτ ΗβηάδοΚηΛ νοη
Κ. ίΑΚΕ, ]. ΌΈ. ΖννΑΑΝ υηά Μ. 5. ΕΝ5ΙΛΝ ιηίί ζυδβπυηβηίβδββηάβΓ ΒββίΙΐΓβΛιιηβ
ννυτάβ νβΓόίίβηΙΙκΓιΙ ϊη Κ. ίΑΚΕ/5. ΝΕίν, 5ίχ ΟοΙΙβΗοηδ οί Νβνν ΤεβΙβιτιεπΙ
ΜβηυδοπρΙδ, (ΗΤϊιδ 17) €βπΑ>ήάξβ/Μα83. 1932, 5. 141-219.
64 ΤβχΙ 1>« νΟΝ ΟΕΚ ΟΟΙ,ΤΖ 7ί., ίΑΚΕ/ΝΕνν 199. Ζιιπϊ Ροΐββηάβη ν^Ι. νΟΝ ΟΕΚ
αΟίΤΖ 8-13; ίΑΚΕ/ΝΕνν 143-145.
65 ν^Ι. άΐβ ίί8ΐβ ά& 8θ ββΚβηηζθκΗηβΙθη δίβΐΐβη 1>βί νΟΝ ΟΕΚ ΟΟΙ,ΤΖ 100-108.
66 ννβτιτδΟΓίβίηΙίοΓΐ νν3Γ άβτ Κότα ϊη άεΓ νοΗβςβ βςΚΙεςΗΐ 6Γΐΐ3ΐίβη. Όατα\ι( ννβΐβΐ
βϊη δοΓίοϋοη ζιι Κόπτι 9,11 Γόη: καΐ τό έμόν τό παλαιό^ οΟΓωί1 ίΐχεν άλλα
ίίσθέν Αμυδρά τίνα Ιχνη του ξΐσΟέντος ρητοΰ ίφ«ρ€ν; ν§1. άαζχι νΟΝ ϋΕΚ
(]ΟΙ.ΤΖ9ιιη(3 58.
180 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

Asteriskus, Obelos und Lemniskos67. Auch ist für diese Schriften


nicht angestrebt, den Text des Orígenes zu geben, was ja auch die
zitierte Vorbemerkung zum Corpus Paulinum als Besonderheit
kennzeichnet.
Außerdem zeigen mehr als 200 erhaltene Scholien aus den
Werken des Origenes, Irenaeus, Euseb und Clemens, aber auch aus
alten Bibelhandschriften ein dezidiert philologisches Interesse am
Text des NT68.
Für das Verhältnis von Diorthosis und Koine ist die 1739 in
zweierlei Hinsicht interessant: (a) Das Bewußsein von der Ge
schichtlichkeit der Überlieferung führt nicht zu einem Versuch,
та vw diTocrroXiKa nach einer älteren Textform umzugestalten.
Auf die im Laufe der Jahrhunderte vollzogene Umgestaltung der
Paulinen wird nur zu dem Zweck hingewiesen, die Authentizität
der vorliegenden Abschrift zu belegen, (b) Die wissenschaftliche
Beschäftigung mit älterer, vom byzantinischen Text abweichender
Überlieferung ist noch im 10. Jahrhundert nicht nur legitim, sie
wird sogar mit einigem Aufwand betrieben. Zu liturgischem und
zu wissenschaftlichem Gebrauch bestimmte Texte haben also noch
in dieser Zeit ihr je eigenes Recht.
Damit zeigen sowohl die textkritischen Bemerkungen des
Origenes wie die Handschrift eines Gelehrten, der sich viele Jahr-
'I- hunderte später für den Text und die Scholien des Alexandriners
interessierte, daß sich die Entwicklung des kirchlich gebrauchten
Textes weitgehend unbeeinflußt von textkritischen Bedenken ge-
j: gen seine Ursprünglichkeit vollzog.

!;
5.2 Entwicklungsphasen der Koine

"' 5.2.1 Voraussetzungen
Folgende Annahmen über die Textgeschichte des Neuen Testa
ments sind wahrscheinlicher als die ihnen entgegengesetzten:
- Nach der endgültigen Feststellung des neutestamentlichen Ka
nons ist mit der Erfindung neuer Lesarten nicht mehr zu rech
nen. Varianten, die den zugrundeliegenden Text ohne hand-

67 Vgl. die Liste der Stellen bei VON DER GOLTZ 109-113.
68 Vgl. VON DER GOLTZ 35-90, LAKE/NEW 194-219.
Entwicklungsphasen der Koine 181

schriftliche Grundlage bewußt ändern, stammen aus der Zeit


vor dem 4. Jahrhundert.
- Etwa seit dem 4. Jahrhundert entstehen neue Varianten nicht
mehr durch editorische Eingriffe sondern durch Fehler oder
mißlungene Versuche, festgestellte Überlieferungsdivergenzen
in Form von Mischlesarten aufzuheben.
- Die Textformen, in denen uns das Neue Testament vorliegt,
sind hochgradig kontaminiert. Als Vorgang bei der Herstellung
einer Handschrift ist Kontamination jedoch auf einen kleinen
Bereich der Überlieferung beschränkt: Die Vorlage oder die
Abschrift wurde mit einer anderen Handschrift verglichen und
entsprechend korrigiert. So ist die geringe Zahl von Abwei
chungen zwischen enger verwandten Handschriften zu erklä
ren. Die Verbindungen zwischen festgestellten Gruppen und
Einzelhandschriften sind oftmals nur deshalb nicht rekon
struierbar, weil die Handschriften, die die Verbindung herstell
ten, verloren sind.
- Kontamination resultiert aus editorischer Arbeit am Text. Sie ist
kein Nebenprodukt jeder Kopie einer Handschrift. Die Tenazität
der neutestamentlichen Überlieferung zeigt mit aller Klarheit,
daß die Schreiber in der Regel eine korrekte Kopie herstellen
wollten und sollten. Die Bewahrung älterer Textformen in der
Zeit der Herrschaft der Koine wäre ebensowenig zu erklären wie
die Exaktheit der Abschriften des Koinetextes selbst, wenn jeder
Schreiber sich frei gefühlt hätte, in den Text einzugreifen.

Als Koine der Katholischen Briefe wird in dieser Arbeit per


defininitionem die seit dem 9. Jahrhundert allgemein verbreitete
und akzeptierte Textform bezeichnet69. Aber natürlich gab es auch
vorher "Normalformen" des Textes, die in den Regionen, in de
nen sie reproduziert, studiert und im Gottesdienst gelesen wurden,
allgemein anerkannt waren. Solche Koivai eKSoaei? in einem wei
teren Sinne sahen im 4. Jahrhundert gewiß anders aus als im 6., im
6. anders als im 9. Jahrhundert. Die "Koinai" früherer Jahrhun
derte standen dem ursprünglichen Text näher als die ausgeprägten,
sorgfältig kontrollierten Reinformen der Koine des 2. Jahr
tausends.

69 Vgl. oben S. 7f.


182 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

Für die Erklärung der Entstehung und Ausbreitung der Koine


ist die Hypothese einer im 4. Jahrhundert kirchlich veranstalteten
und durchgesetzten Rezension der neutestamentlichen Schriften
unnötig. Wahrscheinlicher ist die Annahme, daß sich die Koine
auf dem Wege der Kontamination ausgebreitet hat: Im Zuge der
handschriftlichen Überlieferung setzten sich nach und nach an
einer großen Zahl von Stellen sekundäre Lesarten durch, die den
Text eingängiger, verständlicher und im ganzen breiter (also
scheinbar vollständiger) gestalteten. Diese Lesarten hatten einen
Überlieferungsvorteil gegenüber dem schwierigeren, oft kürzeren
ursprünglichen Wortlaut. Da für alle Epochen handschriftlicher
Überlieferung mit einem ausgeprägten Bewußsein von der Fehler
anfälligkeit des Kopierens von Texten zu rechnen ist, darf vor
ausgesetzt werden, daß insbesondere die Handschriften, die mehr
fach kopiert werden sollten, bei der Diorthosis mit wenigstens
einer anderen Handschrift verglichen wurden. Bei diesem Vor-
, _ gang kam der Überlieferungsvorteil der glatteren und vollstän-
¡Ji digeren Lesarten zum Tragen. Er wurde entschieden verstärkt,
j;„ wenn solche Lesarten einmal in liturgisch verwendete Hand
ys Schriften gelangt waren und so als wahres Wort Gottes kirchlich
•5 2 sanktioniert wurden. Aus dem Gottesdienst vertraute sekundäre
'•m Lesarten wurden gewiß auch schon von Schreibern, also vor dem
|. Korrekturvorgang, oft an die Stelle alter Lesarten gesetzt, weil man
•''■ sie für Fehler des Kopisten der Vorlage hielt. So entstanden
'Jî typische Mehrheitslesarten.
Aber auch die kirchlich approbierten Texte enthielten außer den
allfälligen Glättungen einige sinnentstellende Fehler. Sie fanden
Ji weitere Verbreitung, weil sie in den "richtigen" Handschriften
» ■ standen, die sich im übrigen durch das Überwiegen typischer
Mehrheitslesarten empfahlen. So kam es zu dem Phänomen
untypischer Mehrheitslesarten, die der generellen Tendenz der
Koine, bzw. dem Charakter typischer Mehrheitslesarten zuwi
derlaufen.
Das Ergebnis des Standardisierungsprozesses, der vom Überliefe
rungsvorteil einzelner sekundärer Lesarten ausgeht und durch
ihre Aufnahme in weiter verbreitete Texte verstärkt wird, ist der
Byzantinische Text der Katholischen Briefe, die nur noch ge
ringfügig (durch sog. Leitlesarten) varüerte, zuerst für das 9. Jahr
hundert belegte Reinform der Koine. Von dem Byzantinischen
Text ist eine seit den Anfängen der Überlieferung breiter werdende
Entwicklungsphasen der Koine 183

Variantenschicht zu unterscheiden, die aus einer mit den Jahr


hunderten zunehmenden Zahl sekundärer Lesarten besteht, deren
Gesamtheit erst den Byzantinischen Text konstituiert. In Kap. 5.2.3
wird gezeigt, daß die Textzeugen aus der Zeit bis zum 6. Jahr
hundert ferner die Unterscheidung einer frühen von einer mitt
leren Phase des Anwachsens dieser Variantenschicht nahelegen.
Sie bildet einen im Laufe der Textgeschichte sich verfestigenden,
allmählich anwachsenden Grundstock von Lesarten, dessen Ent
wicklung schließlich im vollständig ausgeprägten Byzantinischen
Text endet.
Aufgrund dieser Voraussetzungen stellt sich die Entstehung
und Ausbreitung der Koine als ein im Prinzip kontinuierlicher
Prozeß dar. Wahrscheinlich gab es im Zuge dieses Prozesses
Entwicklungssprünge, indem Handschriften, die mehrfach kopiert
werden sollten, zuvor redigiert und mit verbreiteten Lesarten an
gereichert wurden. Dieser Prozeß ist für die häufiger kopierten und
gebrauchten neutestamentlichen Texte wahrscheinlich schneller
verlaufen als für die erst relativ spät in den Kanon integrierten
und weniger rezipierten Katholischen Briefe. So ist zu erklären,
daß die Evangelien schon im 4. Jahrhundert im wesentlichen die
Form erlangt hatten, die sie bis in die Neuzeit hinein behielten,
während der Ausgleich verschiedener Textformen der Katho
lischen Briefe viel länger brauchte und sich wahrscheinlich bis ins
8. /9. Jahrhundert hinzog.
Dieser Prozeß kann mithilfe der typischen und untypischen
Lesarten anhand der überlieferten Textformen selbst dargestellt
werden. Es ist möglich, frühe von späten Entwicklungsstadien der
Variantenschicht, aus der die Koine hervorging, zu unterscheiden.
Allerdings ist hier wiederum, wie generell auf dem Feld der Text
kritik, mathematische Exaktheit nicht zu erreichen. Einmal mehr
gilt es, Wahrscheinlichkeiten gegeneinander abzuwägen.
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der typischen und untypi
schen Mehrheitslesarten, daß sie naheliegen und in den meisten
Fällen auch spontan, unabhängig von einer Vorlage entstanden
sein können.
Bei untypischen Mehrheitslesarten allerdings ist die Wahr
scheinlichkeit gering, daß sie weiterüberliefert wurden, wenn nicht
die Autorität des zu kopierenden Textes, seine offizielle, durch
kirchlichen Gebrauch sanktionierte Gültigkeit, dazu zwang. Daher
ist es wahrscheinlich, daß eine vor dem 9. Jahrhundert bezeugte
184 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

untypische Mehrheitslesart dem kirchlich verbreiteten, allgemein


anerkannten Text der Zeit ihres frühesten Zeugen angehörte. Diese
Wahrscheinlichkeit wird gemindert, wenn die Lesart als Schreib
fehler naheliegt und vor dem 9. Jahrhundert nur vereinzelt belegt
ist; sie ist umso größer, je unwahrscheinlicher die vorla
genunabhängige Entstehung der Lesart und je größer die Zahl
ihrer frühen Zeugen ist.
Typische Mehrheitslesarten hatten vor den schwierigeren oder
weniger eingängigen Varianten einen Überlieferungsvorteil. Sie
erregten keinen Anstoß bei der Lektüre oder beim Kopieren und
wurden, wie die große Zahl der Korrekturen zugunsten des Mehr
heitstextes zeigt, bei einem Vergleich mit anderen Lesarten vorge
zogen. Ihre genealogische Signifikanz ist an sich gering, da sie eher
als die untypischen Mehrheitslesarten vorlagenunabhängig ent
standen sein können. Daher sagt es zunächst nicht viel, wenn hin
und wieder eine frühe Handschrift mit der späteren Mehr
heitslesart übereinstimmt. Wenn dies jedoch mit einer gewissen
Ji Regelmäßigkeit geschieht und der Zeuge auch untypische Mehr
heitslesarten aufweist, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, daß er
;* für die zur Koine tendierenden Variantenschicht seiner Zeit reprä-
S: sentativ sein könnte. Mit einiger Sicherheit trifft dies auf dieje-
■■ rügen typischen Mehrheitslesarten zu, in denen der Textzeuge mit
|. weiteren frühen Handschriften, Versionen und Kirchenväter-
'■ Zitaten übereinstimmt. Dabei ist natürlich immer die Art der be
treffenden Variante zu berücksichtigen. Z. B. entbehrt die Ergän
zung von á\iJ\v am Ende des 2Petr (Teststelle 52) jeder genealo
» gischen Signifikanz, obwohl hier Sp72, Ol, 02, 04, die Vulgata sowie
die gesamte syrische und koptische Überlieferung mit dem Byzan
tinischen Text übereinstimmen.
Eine Reihe von typischen Mehrheitslesarten werden also durch
die Art ihrer Bezeugung als alt erwiesen. Oftmals wird allerdings
auch der eine oder andere frühe Zeuge nicht die Wahrschein
lichkeit erhärten, daß eine Lesart der späteren Mehrheit der Hand
schriften schon früh zum überall verbreiteten Grundstock der
späteren Koinelesarten gehörte. Angesichts der relativ großen Zahl
von Zeugen aus der Zeit vor dem 9. Jahrhundert und des Über
lieferungsvorteils typischer Mehrheitslesarten ist es jedoch wahr
scheinlich, daß sie noch nicht einer Vorform der Koine angehör
ten, wenn sich gar kein früher Zeuge findet, der sie bezeugt.
Entwicklungsphasen der Koine 185

Das heißt nicht, daß diese Lesarten vor dem 9. Jahrhundert noch
nicht existierten. Sie sind ja alle auch in den späten, der Koine
schon sehr nahekommenden Handschriften der Kategorien c) und
d) überliefert, die an verschiedenen Stellen und in unterschiedli
chem Maße älteres Überlieferungsgut bewahrt haben. Eine Edition
des 9. Jahrhunderts für den kirchlichen Gebrauch, für die auch nur
fünf Handschriften dieser Art verglichen wurden, hatte gute Aus
sicht, eine weitgehend reine Form der Koine zu werden, wenn je
weils die von der Mehrzahl dieser Handschriften bezeugte Lesart
in den zu vervielfältigenden Text aufgenommen wurde. Selbst
wenn zufällig die 33 unter den fünf Handschriften gewesen wäre,
hätte man sich vielleicht über deren merkwürdige Lesarten ge
wundert, aber sicher für den zeitgemäßen, aus dem Gottesdienst
bekannten Text der Mehrheit entschieden.
Eine untypische Mehrheitslesart stammt wahrscheinlich aus der
Zeit vor dem 9. Jahrhundert, wenn sie auch von einer früheren
Handschrift, einer Version oder einem früheren Kirchenschrift
steller bezeugt wird. Diese Zeugen geben Auskunft über das Ent
wicklungsstadium, das die zur Koine tendierende Varianten
schicht zu ihrer Zeit erreicht hatte. Koinelesarten, die nur in
Handschriften aus der Zeit seit dem 9. Jahrhundert bezeugt sind,
sind wahrscheinlich entweder späte Fehler oder Lesarten, die erst
seit dieser Zeit Verbreitung fanden. Natürlich ist auch für diese
spät bezeugten Koinelesarten nicht auszuschließen, daß sie als
Lesarten älter sind; es ist jedoch nicht notwendig, anzunehmen,
daß sie der Koine als Textform schon vor der Zeit angehörten, in
der sie zuerst bezeugt sind. Insbesondere gilt dies für die typischen
Mehrheitslesarten, die ihren Überlieferungsvorteil als Lesarten ja
auch vorher schon hatten; hätten sie lange vor dem 9. Jahrhundert
in einem weitverbreiteten Text gestanden, wären sie wahrschein
lich auch in dem einen oder anderen früheren Zeugen überliefert.
Die Grundlage des folgenden Versuchs, eine frühe, eine mittlere
und eine späte Entwicklungsphase der zur Koine tendierenden
Variantenschicht zu unterscheiden, ist vor allem die in Kap. 3.2.1
für die Auswertung vorbereitete Bezeugung der typischen und
untypischen Mehrheitslesarten im Apparat des Nestle/Aland. Die
dort gebotene Auswahl der variierten Stellen und frühen Text
zeugen ist für die Zwecke dieser Untersuchung ausreichend. Denn
der Nestle/Aland läßt, wie ein Vergleich mit der Ausgabe v.
Sodens oder auch mit einer Ausgabe des Mehrheitstextes
186 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

(Hodges /Farstad) zeigt, kaum eine wichtige Abweichung des


Byzantinischen vom alten Text vermissen. Die Bezeugung durch
Handschriften aus der Zeit vor dem 9. Jahrhundert wird an den
Apparatstellen vollständig geboten. Die Versionen werden restrik
tiv, also nur dann zitiert, wenn die übersetzte griechische Lesart
klar identifiziert werden kann. Für den Nachweis der Grund
struktur der Koineüberlieferung bietet daher der Apparat des
Nestle /Aland eine repräsentative Basis.

5.2.2 Die frühen Zeugen für den Text der Katholischen Briefe
Die wichtigsten Zeugen für die Bestimmung von sekundären
Lesarten, die zu einer frühen, zur Koine tendierenden Varianten
schicht gehört haben können, sind die ältesten griechischen Hand
schriften, in denen einzelne Katholische Briefe oder das ganze
Corpus vollständig erhalten sind: ?>72 (III/IV, nur l/2Petr u. Jud), Ol
(IV), 02 (V), 03 (IV), 04 (V, mit Lücken, 2Joh fehlt ganz).
Frühe Zeugen für den griechischen Text sind ferner die Über
setzungen ins Koptische, Lateinische und Syrische.70
Die koptische Überlieferung weist mit den frühen sahidischen
Handschriften sicher über das 4. Jahrhundert hinaus. Die bohairi-
sche Überlieferung (bo) setzt erst im 9. Jahrhundert ein. Sie kann
nicht als Zeuge für die Existenz einer Mehrheitslesart in einem
früheren Stadium der Koine-Entwicklung gelten.71 Daher wurden
für die Auswertung der koptischen Bezeugung nur die Stellen
herangezogen, an denen die Mehrheitslesart von der sahidischen
Überlieferung bezeugt wird, sei es daß sie darin mit der bohai-
rischen übereinstimmt (Notierung: со) oder sich von ihr trennt
(Notierung: sa/bo).
In der lateinischen Überlieferung gibt die Vulgata (vg) ein festes
Datum. Sie ist eine Revision der altlateinischen Überlieferung mit
dem erklärten Ziel, deren Divergenzen durch Rückgriff auf die
Graeca Veritas zu bereinigen. Die Vulgata der Katholischen Briefe
ist durch Zitate spätestens für die Wende des 4. zum 5. Jahrhundert
nachgewiesen. Da sie entsprechend ihrer Intention auf den griechi

70 Die Angaben zu den Versionen beruhen, wenn nicht anders angemerkt, auf K. u.
B. ALAND, Text des NT, 191-211.
71 Vgl. G. MINK, Die koptischen Versionen des Neuen Testaments, in: K. ALAND
(Hg.), Die alten Übersetzungen des Neuen Testaments, die Kirchenväterzitate
und Lektionare, (ANTF 5) Berlin/New York 1972, S. 160- 299, hier 181-187.
ΕηΙλνϊοΙςΙιιη^ΒρΚΒδβη άεΓ Κοίηε 187

βοηεη Νοπηβΐίεχϊ ϊΙιγθγ Ζείί ΓεΙαίΓπεΓΐ, ίδΐ δΐβ ίϊΪΓ άΐεδε υηιεΓδυ-
οηυη§ ΒθδοηάθΓβ ννκηΐίς.
Όϊβ ϊπη Νβδ11β/Αΐ3ηά νεΓζεΐοηηείεη βεάηιο^Ιεη Αιΐδ§3ϋεη (ν^1:
ΟειηεηΗηΒ, ν§8: 3ΐχϊίη3, νξ™™: ννοΓάδννοΓϊη/ννηϊϊε, ν§δ1: 5ΐιιΙΙ§3Γ-
ίϊβηδΐδ) νναΓάβη Ηιθγ ηίοηί ΒεΓαοΙίδίοηΙί^Ι:, άβ ίηΓε ϋβεΓείηδΙήτι-
τηοη^εη πϋί άεπι ΒγζβηΗηίβοηεη Τεχϊ άυπ:η βεΙαιηάΜΓε Αη§1εΐ-
οηυη§ ζυδίβηοίε §ε^οπ\ιηεη δϊηά. Αη άεη δϊεΐΐεη, 3η άεηεη ΝΑ27
εϊηε άίεδεΓ Εάίίίοηεη 3η§ϊΒί, ποηίεϊ δϊοη άϊε Νοϋεπιη§ ίη Κ3ρ.
3.2.1 άβηεΓ ηβοη άεΓ ίείΐζεΐΐε άεδ ΤεχΚγρδ V (=νυ1§3ΐ3) ίη VI. 26/1.
Ιη εϊηϊ§εη ννεηί§εη Ρβΐΐεη \ν3Γεη 3υοη ϋοεΓείηδϊίπυηαη§εη άεΓ
3ΐ1ΐ3ΐείηΐδοΗεη ϋΒεΓίϊείεηιης (ίηι Νεδίΐε/Αίβηά: ΐί) οάετ είηζεΙηεΓ
ίΚΓετ Ζευ§εη («η Νεδίΐε/ Αίβηά: Μειηε Ιβίείηίδοηε ΒυοΚδΙβοεη)
πιίΐ ΜεήΓηείίδ1εδ3Γίεη ζα νεΓζεΐοηηεη.
ϋ3δ ίταηεδίε δγπδοηε Ζευςηϊδ ηιτ άϊε §κ>βεη Κ3ίηο1ΐδοηεη Βπε£ε
ίδί άίβ Ρεδοηίίί3 (βγΡ), άϊε δείϊ άεΓ ΜϊίΙε άεδ 5. ΙβητηιιηάεΓδ νοΓϋε^ί.
νοη άεΓ Ρηϊ1οχεηΐ3η3 (δγΡη) ηίη§ε§εη, άεΓ εΓδίεη Γηοηορηγδϊΐΐ-
δοηεη ΒίΙ)ε1ϋοεΓδεί:ζυη§, άϊε άεΓ (ϋηοΓερϊδ)<;οριΐδ Ρο\γ\ζΆΐρ ϊπη Αιι£-
ίτΆξ άεδ Ρηϊίοχεηοδ νοη Μ3&ου§ ύη |3ητε 508 ίετίίβδίεΐΐίε, δϊηά ηιπ-
σΐίε Μείηεη Κ3ΰιο1ϊδοηεη Βπείε υηά άϊε Αρο^βίγρδε εΓηβΙΙεη.
Είη δεΚΓ ννίοηΗ§εΓ Τεχίζειι^ε ίύτ ά&8 ΕηΓννίο1ς1υη§δδΐ3άϊιιπι άεΓ
Κοίηε ήη 6. ΙβηΓηυηάεΓΐ ίδί, ννϊε ζυ ζεί§εη βείη ννΪΓά, άϊε δο§ε-
ηβηηίε ΗβΓίάεηδίδ (δγΗ). 5ίε ννιπ-άε ίηι |3ηΓε 616 άιίΓοη Τηοηΐ3δ
νοη Η3Γςε1 νοίΐεηάεΐ. ΝβοΗ ΐηΓεη Κοίορηοηεη72 ΓενΐάίεΓίε εΓ άϊε
ΡΚί1οχεηΪ3η3 3ΐιί άεΓ 0ηαηάΐ3§ε "βίαίειτ" §πεοηίδ<:ηεΓ Ηβηάδοηπί-
ιεη. Όϊβ Νειιί3δδαη§ βτξ&\3 ίη άεη Εν3η§εϋεη, άεη Ρβυΐΐηίδοηεη
Βπείεη αηά άεΓ ΑροδίεΙςεδοΗίοητε είηεη ϋσεΓννίεςεηά ογζβηϋηϊ-
δοηεη ΤεχΙ; ηιΐΓ άϊε ϋβεΓδείζαη§ άεΓ Κβιηοΐϊδοηεη Βπείε οεννβηΓΐ
εϊηε §ΓθβεΓε Αηζβηΐ νοη ίεδβΓίεη, άϊε νοη άεΓ Κοϊηε άεδ 9. ]ά\\τ-
ηιιηάεΓίδ 3θ\νεϊοΚεη73. Ώίεδε Αο\νείεηυη§ ίηι Τεχ1τη3Γ3ΐς1:εΓ ίδϊ
ιιτηδο 3αί£3ΐϋ§εΓ, 3ΐδ ΤηοπίΒδ ίη άεη Κ3ϊΗο1ΐδοηεη ΒΓίείεη άεΓδεΙ-
\>βη ΗβηάδοηΓΪίί ίο1§ίε, άϊε εΓ ϊηι ννεδεηιϋοΗεη 3υοΗ ίϋΓ άϊε Ρβαΐϊ-
ηϊδοηεη Βπείε υηά άίβ ΑροδίεΙςεδοηϊοΚίε ζυςηιηάε 1ε§ίε.74

72 ν§1. άβζυ Ο. ΖυΝΤΖ, ϋϊβ δυ&ίκπρΗοηεη άβτ 5γτ3 Ηβτείβηδίβ, ΖϋΜΟ 101 (Ν. Ρ.
26), 1951, 174-1%.
73 ν§1. Κ. υ. Β. ΑΙΑΝϋ, Τβχί (Ιθδ ΝΤ, 204; Β. ΑίΑΝϋ, ΝΤ ίη δγτ. ίΛβΓίίθίβηιη^ Ι,
42. Όαξβξβη ννβΪ9ΐ ΖυΝΤΖ άβΓ ΗβΓίϋβηδίδ ίη8§653ηι( ", §γοΙ) ββδρΓοοΗβη,
ΐ^ζΜΐϋηίδοηβη' ΟΚβΓβΚΐβΓ" ζυ (δοβδοπρΗοηβη, 181); 5θ βοΗοη Κ. ίΑΚΕ, Τηε
ΤθχΙ οί Ιηβ Νβνν Τθ5ΐ3ΐτιεηί, ίοηάοη 1928, 5. 42.
74 ϋίβδ ίοΐ^ί άατα\ΐ5, άα& νήβ ίύτ άϊε Κβΐηοΐίδοηβη βιιοΗ ίϋΓ άιβ ΡΒυΙίηίδοηβη
Βπβίβ βη^β νθΓννβπίΙΙδΟΓίβίί νοη 1505, 1611 ιιηά 2495 Γηίί άβτ ςπθοηίδοηεη
ΥοΓίββε άβΓ ΗατΚΙεηδίδ ίεβίζυβίεΐΐεη ίδϊ; άϊε νοη ΤΗοπιβδ ϋΧτ άϊε Ρβυΐϊηίδοηθη
188 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

Für die Deutung dieses Befundes ist es wichtig, sich die histori
schen Umstände der Arbeit des Thomas zu vergegenwärtigen. Sie
zeigen, wie die Textgestalt der Harklensis selbst, daß er den syri
schen Text des Neuen Testaments nach dem zu seiner Zeit ver
bindlichen griechischen, und das heißt byzantinischen Wortlaut
revidieren wollte.75
Thomas war als monophysitischer Bischof von Mabbug noch
unter Maurikios, also vor dem Jahre 602, seines Amtes enthoben
worden. Die Revision der Philoxeniana entstand im Exil in einem
der koptischen Klöster im Enaton, einem Gebiet "am neunten
Meilenstein" bei Alexandrien. Zugleich arbeitete Thomas mit Pau
los von Telia an einer syrischen Übersetzung des Alten Testaments
aus dem Griechischen nach den besten hexaplarischen Hand
schriften. Aus der Subscriptio einer Handschrift dieser sog. Syro-
Hexapla ist bekannt, daß die Übersetzung des Alten Testaments
von Athanasios I., dem monophysitischen Patriarchen von Antio-
chien, veranlaßt war. Es kann keinen Zweifel geben, daß der
Patriarch auch hinter der zur gleichen Zeit und am gleichen Ort
!;;. durchgeführten Revision des syrischen Neuen Testaments stand.
'•-1 Der Hauptgrund für das Projekt einer Neufassung der ganzen
;;Л; syrischen Bibel ist gewiß in den Vorwürfen der orthodoxen Pole-
J"' mik zu sehen, die Monophysiten hätten die Texte, mit denen sie
ihre christologische Position begründeten, systematisch gefälscht76.
Darüber hinaus steht die Revisionsarbeit wahrscheinlich mit den
t^! Bemühungen des Athanasios in Zusammenhang, mit der ortho-
;:• doxen Kirche zu einem Ausgleich zu kommen. Als 'Synkellos' des
Patriarchen hatte Thomas auch auf diplomatischer Ebene maßgeb

Briefe und die Apg herangezogene weitere Handschrift diente also wohl nur
der Kontrolle des griechischen Textes, der der Revision in erster Linie zugrunde
liegt. Vgl. B. ALAND/A. JUCKEL, Das Neue Testament in syrischer Überlie
ferung, Bd. П: Die Paulinischen Briefe, Teil 1: Römer- und 1. Korintherbrief,
Berlin/New York 1991, S. 24.
75 Zur folgenden Darstellung des historischen Hintergrunds der Entstehung der
Harklensis vgl. G. ZUNTZ, The Ancestry of the Harklean New Testament,
London 1945, S. 7-12; A. BAUMSTARK, Geschichte der syrischen Literatur,
Bonn 1922 (ND Berlin 1968), S. 185-190.
76 Z. B. polemisiert Anastasius Sinaita zu Beginn des 7. Jahrhunderts, es sei
bekannt, daß in Alexandrien ein Monophysit namens Severianus 14 Kalli
graphen beschäftigt habe, deren einzige Aufgabe es gewesen sei, die dogma
tischen Schriften der Väter zu manipulieren {Viae dux, CChr.SG 8, X,2,7,176-
190. UTHEMANN).
Entwicklungsphasen der Koine 189

liehen Anteil an dessen Bestreben, einerseits die Differenzen der


koptischen und syrischen Monophysiten, andererseits die Tren
nung von der orthodoxen Kirche zu überwinden. Insofern hat
Zuntz wahrscheinlich recht, wenn er meint, daß die weitgehend
nach dem im Byzantinischen Reich umlaufenden Text gefertigte
Harklensis dazu beitragen sollte, die Versöhnung zwischen mono-
physitischen Syrern und melkitischen (chalcedonensischen) By
zantinern zu fördern77. Die Aussöhnung mit den Kopten wurde
609/610 in Alexandrien erreicht, und auch mit der Orthodoxie kam
es nach der Vertreibung der Perser (628) schließlich zu einem
Kompromiß in Gestalt des Monotheletismus.78
Die akribische Revisionsarbeit des Thomas, die nicht selten die
Korrektheit des syrischen Ausdrucks zugunsten einer möglichst
wörtlichen Wiedergabe des Griechischen preisgab, scheint ein
Instrument im Bemühen um den Ausgleich mit der orthodoxen
Kirche gewesen zu sein. Aus den historischen Umständen der
Entstehung der Harklensis lassen sich auch politische Motive da
für ableiten, den syrischen Text des Neuen Testaments so gründ
lich wie möglich nicht nur an den griechischen, sondern vor allem
an den Byzantinischen Text anzupassen.
Jedenfalls besteht kein Grund zu der Annahme, daß Thomas
nur für die Katholischen Briefe nicht den allgemein verbreiteten
griechischen Text seiner Zeit, in der Form, in der er ihm zugäng
lich war, verwendet haben sollte. Die Koine-Entwicklung hatte
also im 6. Jahrhunderts noch nicht zu der Textform geführt, die die
Überlieferung seit dem 9. Jahrhundert dominiert. Die Harklensis
zeigt in den Katholischen Briefe eine Spielart der zur Koine
tendierenden Variantenschicht im Entwicklungsstadium des 6.
Jahrhunderts.
Schließlich sind für die Beschreibung der Entwicklung der
Koine die frühen Kirchenväterzitate zu berücksichtigen. Ihnen

77 Vgl. ZUNTZ, Ancestry, S. 12.


78 Daß dieser Kompromiß nach dem Tode des Athanasius (631) dann doch am
Widerstand sowohl von orthodoxer als auch monophysitischer Seite schei
terte, spricht nicht gegen seinen Willen, mit Herakleios zu einem Ausgleich zu
kommen. Zu denVerhandlungen zwischen Athanasius und Herakleios in
Mabbug im Jahre 631 vgl. W. H. С FREND, The Rise of the Monophysite
Movement, Cambridge 1972, 346f. Zur Politik des Ausgleichs mit den Mono
physiten, die Herakleios und Sergios, der Patriarch von Konstantinopel, be
trieben, vgl. G. OSTROGORSKY, Geschichte des byzantinischen Staates,
(HAW ХП/1,2) München 1952, S. 87f.
190 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

kommt aber nicht das gleiche Gewicht zu wie den frühen Text
handschriften und Versionen.
Wenn man die Zitate der Kirchenväter als Belege für die frühe
Verbreitung von Koinelesarten heranziehen will, hat man sich
zwei grundlegende Probleme dieses Materials zu vergegen
wärtigen. Zum einen sind viele der Mehrheitslesarten derart, daß
sie als naheliegende Glättungen und Verbesserungen des Textes
auch dem jeweiligen Kirchenvater unwillkürlich und in Abwei
chung von seiner handschriftlichen Vorlage in die Feder geflossen
sein können. Ein zitierender Autor ist natürlich weit eher geneigt,
den zitierten Text nach seinen eigenen Bedürfnissen umzu
formen, bzw. den Erfordernissen des Kontextes seiner Schrift
anzupassen, zumal wenn es sich um Kleinigkeiten wie die
Einfügung einer satzverbindenden Partikel handelt. Vor allem
aber ist darauf hinzuweisen, daß in der Zeit, aus der nahezu alle
Handschriften der Väter stammen, schon die byzantinische
Textform der allgemein verbreitete und bekannte Bibeltext war
und daher leicht in die Handschriften der Väterwerke eindringen
konnte. Daher ist damit zu rechnen, daß der neutestamentliche
Text der Kirchenväterhandschriften oft nicht der des jeweiligen
Kirchenvaters ist, sondern der seiner Tradenten. Bei der Unter
suchung des frühen Textes kann man dieses Problem methodisch
umgehen, indem man eine Lesart, die nach der handschriftlichen
Überlieferung alt ist, einer Mehrheitslesart vorzieht, also die
Koinelesarten in den Kirchenväterhandschriften als problematisch
ausschließt. Hier sind aber gerade die Koinelesarten Gegenstand
der Untersuchung. Es ist daher geboten, immer die Art und die
Qualität einer in einer Kirchenväterschrift bezeugten Mehrheits
lesart, zum anderen die Qualität der handschriftlichen Überliefe
rung des Vätertextes an der betreffenden Einzelstelle selbst zu
berücksichtigen. Eine weitere Absicherung läßt sich noch durch
Mehrfachzitate derselben Bibelstelle erzielen.
Daher werden die Kirchenväterzitate hier nur zur Bestätigung
eines auch aus frühen Handschriften und Versionen hervorge
henden Befundes herangezogen.

5.2.3 Zuordnung typischer und untypischer Mehrheitslesarten zu


drei Entwicklungsphasen der Koine
Thomas von Harqel richtete sich bei der Revision der Übersetzung
des Neuen Testaments nach einer Textform, von der er sicher sein
Entwicklungsphasen der Koine 191

konnte, daß sie in der griechisch sprechenden Kirche allgemein


anerkannt war. Ebendies qualifizierte für ihn eine "gute Hand
schrift". Daher ist es möglich, vom Variationsverhalten der Har-
klensis auf den im 6. Jahrhundert erreichten Entwicklungsstand
der Koine zu schließen. Dabei muß man natürlich einschränkend
hinzufügen, daß Thomas in seiner Handschrift der Apg und der
Katholischen Briefe eine spezielle Mischung von Koinelesarten
vorfand, die anderswo zur selben Zeit auch anders zusammen
gesetzt sein konnte. In den Katholischen Briefen war dies jeden
falls noch nicht die Textform, die im 9. Jahrhundert vorherrschte.
So bietet die Harklensis einen wichtigen Anhaltspunkt für die
Beschreibung des Anwachsens der Variantenschicht, die erst zwei
bis drei Jahrhunderte später dem Byzantinischen Text der Katho
lischen Briefe sein Gepräge gab. Vergleichbare Formen des Koine-
textes etwa derselben Zeit scheinen hinter den Zitaten des Antio-
chus Monachus und des Anastasius Sinaita zu stehen.
Viele Lesarten, die zu jener Variantenschicht gehören, waren in
unterschiedlichem Maße schon vor dem 6. Jahrhundert verbreitet.
Der Grad der Verbreitung kann in etwa an der Zusammensetzung
der Bezeugung abgelesen werden. Mehrheitslesarten, die bereits
von mindestens einem Textzeugen aus der Zeit vor dem 6.
Jahrhundert und zusätzlich von der Harklensis überliefert werden,
waren mit einiger Sicherheit schon im 4. /5. Jahrhundert weiter
verbreitet. Zu ihnen zählen die in Kap. 3.2.1 aufgeführten Mehr
heitslesarten, bei denen eine entsprechende Angabe zum Alter des
ältesten Zeugen der Lesart mit der Notierung sy oder syn kombi
niert ist. Die Wahrscheinlichkeit, daß es sich um eine schon früh
weit verbreitete Lesart handelt, ist umso größer, je mehr frühe
Zeugen sie hat. Ein sicherer Indikator für solche Lesarten ist
zweifellos die Übereinstimmung von syh und vg mit einem oder
mehreren Zeugen des 4. oder 5. Jahrhunderts79.
Von der Variantenschicht, die aufgrund des Zeugnisses der
Harklensis im Verein mit Belegen aus dem 4./5. Jahrhundert
einem frühen Entwicklungsstadium der Koine zugeordnet werden
kann, sind drei weitere Kategorien von Mehrheitslesarten zu
unterscheiden:

79 Z. B. Jak 2,15T; 2,18T; IPetr 5,11 T; es ist übrigens bezeichnend, daß Mehrheits
lesarten, in denen syh und vg übereinstimmen, immer auch von mindestens einer
frühen Handschrift bezeugt werden.
192 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

- Mehrheitslesarten mit früher Bezeugung, die nicht von der


Harklensis aufgegriffen werden,
- Mehrheitslesarten, deren frühester Zeuge die Harklensis ist,
- Mehrheitslesarten, die keinen Zeugen aus der Zeit vor dem 9.
Jahrhundert haben80.
Das Verhältnis der Harklensis zu früheren Zeugen von Mehr
heitslesarten verspricht Aufschlüsse über die Entwicklung der zur
Koine tendierenden Variantenschicht zwischen dem 4. und 6.
Jahrhundert zu geben. Daher werden im folgenden zunächst die
jenigen in Kap. 3.2.1 erfaßten Stellen aufgeführt, an denen die älte
sten Handschriften sicher klassifizierte, nicht ursprüngliche Mehr
heitslesarten bezeugen. Die Stellen, an denen auch syh Mehrheits
text liest, werden unterstrichen. (Um das Bild nicht zu verzerren,
werden die Stellen, an denen die Harklensis aus sprachlichen
Gründen keiner der Varianten zuzuordnen ist, eingeklammert81.)
Stellen mit untypischen Mehrheitslesarten werden fett gedruckt.82

£72/03: 2Petrl,3'
£72/04: lPetr(2,25r)
:::| £72 /01/04: IPetr (1,21г);12£
!E;. ф72 /01/02/04: 2Petr2J£°

I., 01: Jak 2,3'; 5,10'; IPetr 2,7F; (2,24 T); 4,3T; 5,11'; 5ЛТ; 5ЛТ;
*-! 2Petr (1,40; (ЗД6Т); ljoh 4J3.T; (5,2r); 5,6'; 2Joh 3_F; 3Joh (4°);
;-., (w)
v
01/02: Jak 2,3'; 2Ж; IPetr 3,11°; 5JJJ; 2Petr UZ'; (1Д8'); 1,21';
(2,22F); (3,10T); 3,11'; ljoh (2,19'); 221T; (4,10r); 5,11'
01/04: 2Petr 2,18" ; 2xZr; ljoh 3,1 r; 3,5T; (3,19'); Jud (4" ); (12°)
01/02/03: Jud(16r)

80 Bei Mehrheitslesarten mit ausschließlich später Bezeugung steht in Kap.


3.2.1 ein Strich anstelle der Angabe des Jahrhunderts, aus dem der älteste
Zeuge der Lesart stammt.
81 NA27 bietet an allen hier erfaßten Stellen wegen der Bedeutung der vom
konstituierten Text abweichenden Handschriften positiven Apparat und no
tiert sy*1 nur dann, wenn die syrische Sprache eine sichere Zuordnung erlaubt.
82 Das Fragment 048 (V) ist nur für eine (untypische) Mehrheitslesart ältester
Zeuge und wird in der folgenden Liste nur für diese Lesart genannt; an den 8
Stellen bietet 048 gemeinsam mit anderen frühen Textzeugen typische
Mehrheitslesarten: IPetr 2,17' (mit syP); 2,18" <vid> (mit 01/04); 2Petr 2,22F (mit
01/02); 3,10' (mit 02 u.syh); 3,11' (mit 01/02 vg syPhhm8); ljoh 4,10' (mit
01/02); 4,20r (mit 02 latt syP); 5,2r (mit 01).
ΕηΙ\νί<:1ϋιιη§5ρη35εη <1βτ Κοίηβ 193

01/02/04: ΙΡθΙγ 3,16Γ; ΙΙοη (3,15ρ)

02: ]& (2,2Τ); (2,15τ); 2*18_τ; &3_Γ; (3,4'); 1Δ2 τ; 4,14τ; 5ΖΤ;
5,10°ι; ΙΡείτ 1,8Γ; 2,7Γ; 2,12ρ; 4Α'; 2Ρβίτ 2χ1ϋΓ; ΙΙοη (2,27");
4,20Γ
02/04: }<&. 2Α5.Τ; (2,26τ); (3,4ΤΓ); (3,50; ΙΡείΓ (3,7Γ); 2ΡειΓ 2.13Γ:
\}οΥχ Μρ

03: ΙΙοη 222°


04: }&\α υ2τ; (2,13 ?λ€0? ... έλεον); 2,18τ; 2χ8.Γ; ΙΡθΙγ 1,24 τ;
(23Γ); 220Τ; 3,21ρ '; 4,3Τ; 2ΡεΐΓ 222τ; (3,3Γ); 3*10_τ; 3,16Γ; ΙΙοΚ
14.Γ;(2,4°);3,14Τ

048: ΙΙοΗ 5,4 Γ

δοηοη άίε Μοβε Αηζ3η1 άθΓ ϋΐ)εΓεΐηδΗιηηιιιη§εη ιηίΐ άεπι Μεητ-


ηείΐδίεχΓ ϊη άεη ΗΗηάδοητίίιεη 01, 02 ιιηά 04 ζεί§ϊ δεηΓ άειιΐΐίοη,
ά&β βίε ϊιη βε§εη83ίζ ζιι φ72 υηά 03 είηε Γείβην δΐ3ΐΊ<ε Τεηάεηζ ζιιγ
Κοΐηε βιιίινεΐδεη.83 Οίε Ηοοηδοηβίζιιηβ άεδ Οοάεχ ν3ίΐθ3ηιΐδ £ύτ
άίβ Τεχϊβεδΐ3ΐιιιη§ άεδ Νειιεη Τεδΐ3ΐηεηΐδ ννΪΓά βίδο 3ΐκ:η βιΐδ άετ
ΡεΓδρεΙίϋνε άεΓ ΕηΓννϊοΗιιης άβτ Κοίηε εηίδοηίεςίεη ΒεδΙβΙϊςί.
Όβτ Αηιεϋ 3η Μεηι•ηεΐΐδ1εδ3ΐΊ:εη ΐη 01, 02 ιιηά 04 ΐδί εϊννβ §1εΐοη
ηοοη84. Α11εΓάίη§δ βεζειι§εη 01 ιιηά 02 άορρείι δονίείε ΜεηΓ-
Κβϊίδ1εδ3Γΐεη §επιεϊηδ3Γη ννίε 01 οάεΓ 02 πιϊΐ 04. ϋ3Γ3ΐΐδ ΐδί ιηϋ άεΓ
§εοοιεηεη νΌΓδίοηι ζα δοηΐίεβεη, ά3β δίε άεΓ ΟίΓΐιηάδοηϊοηί άεΓ
Κοίηε1εδ3Γϋεη ηΜηεΓ δϊεηεη 3ΐδ 04.
04 3ΐ1θΓ(1ίη§5 ννείδί είηε ηοηεΓε Ζ3Η1 αηΙγρΐδοηεΓ ΜεΗΓηεΐϊδ-
1εδ3Γΐεη 3ΐιί 3ΐδ 01 υηά 02. Ρϊϊγ άΓεϊ νοη ϊηηεη ΐδί 04 άεΓ είηζϊςε
ίτϋηε Ζειιςε: ]& 2,13 Ιλ60? ...?λεον, ΒΐιίίΜΐΙί^εΓ νεΓδΙοβ §ε§εη άΐε
ΜθΓρΚο1ο§ίε; ΙΡείΓ 4,3Τ (Τεδϊδίεΐΐε 34), ίιβζϊδίΐδοηε δοητείΙ)ΐιη§ εϊηεδ
ΡεΓδοηβΙρΓοηοηηεηδ, δίοΗθΓ ΓηεΙίΓίβοη 3ΐΐδ άεΓ ιγρϊδοηεη Κοϊηείεδ-
3γϊ 1Β (βοπιηάεηάε Είηίίϊ§ιιη§ νοη ύμΐν) εηΐδίβηάεη; ΙΙοη 2,4°,
αη3ΐιίί3ΐ1ί§ε Ααδΐ3δδΐιη§ είηβδ δτι ΓεαιβΙΐνιιτη.
Αη ζννεΐ διείΐεη δΐϊπυτιι 04 ιηϊι 01 ϊη αηιγρίδοηεη ΜεηΓ-
ηεϋδ1βδ3Γΐεη ϋΒεΓείη: 1]ότι 3,1 Γ, εϊη ΙταζϊδΓηιΐδ, άεΓ ζννβΓ εϊηάειιιί^

83 νοη ίη8£683ΐηΙ 85 νοη άβη βΐΐβδίβη ΗβηάδοηηίΙθη &θζθυ£ί6η υηίγρίβοηβη ιιη<1


ίγρΪ8€Γΐθη ΜβητηβίΙδΙβββΓίεη ηβΐχϊη 01: 3 ΙΙΜί, 43 ΤΜί; 02: 3 υΜί, 41 ΤΜί; 04:
5υΜί,35ΤΜί.
84 Ββϊ 04 ΐδί ζιι ^θΓϋοΚβίοηΙί^θη, ά&& άίβ3β Ηαηά&Λνϊίί 3η νίβίεη δίθΐΐβη ηίοηΐ
Ιβδ&βΓ Ϊ5ΐ υηά 2.[οη ηίοΜ βηίηδίΐ.
194 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

nicht in die rhetorische Struktur des Abschnitts paßt, aber zu kei


ner gravierenden Sinnverschiebung führt; ljoh 3,19' (auch 02c),
Angleichung an eine im Kontext häufige Wendung, die aber das
Verständnis des ohnehin schwierigen Abschnittes zusätzlich
erschwert.
Für eine untypische Mehrheitslesart ist Ol der früheste Zeuge:
Jak 2,3' (Teststelle 8), überflüssige Einfügung von <58e nach кавои2,
kann ohne weiteres mehrfach unabhängig aufgetreten sein, da
кабои in Verbindung mit ¿>8e im vorangehenden Satz schon einmal
vorkommt.
Für drei untypische Mehrheitslesarten ist 02 der früheste Zeuge:
Jak 4,13rT, vom Kontext nicht nahegelegte, aber das Verständnis
nicht erschwerende Erweiterung; 5,10°', Auslassung einer Präpo
sition, die zu einem weniger geläufigen Ausdruck führt; IPetr l,8r,
sinnentstellender Fehler.
Für eine untypische Mehrheitslesart ist 048 der früheste Zeuge:
ljoh 5,4 r, ein weiterer durch Itazismus bedingter Verstoß gegen die
rhetorische Struktur des Abschnitts.
Eine Beziehung von 02 und 04 zu einer frühen Grundform des
Koinetextes wird zunächst durch Jak 2,13 (04), 4,13г T (02) und IPetr
'«ni
1,8 r (02) nahegelegt. Die genealogische Signifikanz der übrigen früh
bezeugten untypischen Mehrheitslesarten ergibt sich erst aus der
massenhaften Vervielfältigung der Lesarten in späterer Zeit.
Allerdings wird auch für 01 die Wahrscheinlichkeit eines Zusam
menhangs mit der Grundform der Koine durch die relativ große
Zahl von typischen Mehrheitslesarten entschieden nahegelegt.

Die Harklensis hat mit allen vier großen Handschriften aus dem
4. /5. Jahrhundert in wechselnden Verbindungen Mehrheitsles
arten gemeinsam. Eine besondere Affinität zu einer dieser Hand
schriften ist nicht festzustellen. Insgesamt bezeugt syh 27 typische
Mehrheitslesarten, die auch in mindestens einer der Handschrif
ten 01, 02, 03 und 04 überliefert sind. Sie gehörten mit einiger
Sicherheit zu einer Variantenschicht des 4./5. Jahrhunderts, die
den Grundbestand der Koinelesarten ausmacht. Zu dieser Schicht
zählen auch 9 Mehrheitslesarten, die nicht von den ältesten grie
chischen Handschriften, sondern von früheren Versionen oder
Kirchenvätern und auch von syh bezeugt sind: Jak 1,19' (syP); 3,9r
(sa); 3,12T' (CyrAl); 5,5T (CyrAl); 2Petr 1,12' (sa); ljoh 3,13T (syP); 2Joh
9r (syP); 12' (syP); Jud 4T (syP).
ΕηΙ\νκυυη§5ρ1ΐ33βη άβτ Κοΐηβ 195

ΡύΓ 6 ΛνθίΙθΓθ Μεητηείίδ1εδ3Γΐεη ίδϊ άίε ΗβΓίςΙεηδίδ άβι Μΐιβδίε


Ζευ§ε: 1&1ί1,19Γ; 1,25τ; 4,4Τ; ΙΡθΙγ 2,13τ; 4,8τ; 3]οΥι 12ρ. Μϊηάεδίεηδ ιιτη
άίβδε 1,βδ3Γΐεη νν»Γ (Ιϊβ ν3Π3ηΙεηβ(:ηίοηϊ, άίε δρβίεΓ ΐιη ογζ3ηΙίηί-
δοηεη ΤεχΙ 3θί§ΐη§, οίδ ζιιτη 6. ^ητηαηάεΓί 3η§ε\ν3θΗδεη.
ΡύΓ άεη νβΓ§1βίοΗ άεΓ 30δθ1ιιιεη ϋοεΓείηδΙίιτίΓηιιηβδςιιοιεη ίδϊ
ζιι οεΓϋο1<δί<:ηιί§εη, άββ βγ*1 3η νίείεη δίεΐΐεη ΙίβϊηβΓ ν*3ΓΪ3ηΙε ζυ§ε-
ΟΓάηει ννεΓάεη ^βηη85. Οίε Τεηάεηζ άεΓ ΗβΓίάεηδίδ ζιιτ Κοίηθ ίδϊ
3ΐδο ννεδεηΐΐίοη δί3Γΐ<θΓ 3ΐδ άίε άεΓ Ηβηάδοηπίΐεη άεδ 4./5. ΙβΗγ-
ηιιηάεΓίδ.
ΚοΐηβΙθδβΓίβη, άίε νοη δγ11 ηίοηϊ οεζειίβί ννβΓάβη, §εηόΓίεη
ννβητδοηείηΐκη ηίοηι ζιιτη ίεδίεη ΒβδΙβηά άβΓ δοηοη ϊιτι 6. ^Ητηιιη-
άβτί βΠξβΓηβίη νβΛΓβϊΙβΓβη ΚοίηεΙεδβΓίεη, δοηάετη ζιι βηάεΓεη
ννβϊιβΓ νβΓ&ΓβίίθΙβη ΤεχΙίοπηεη. ΕΗβ ΕηΓννίοΙάιιη§ άβΓ Κοίηβ νβΓϋβί
βίδο ηίοηι §βΓ3ά1ϊηϊ§. Νίοηΐ 3ΐ1β βρΜίεη ΚοίηβΙβδβΓϊβη, άϊβ βιιοη
ίπϊηε Ζβαςβη ηββεη, ίϊηάβη δίοη βιιοη ίη δγ11. Μβπογιθ 3δίβπδίθΓίθ
ΤΗοιη3δ δθ§3Γ (]& 3,6Τ; ΙΡείΓ 3,16γ; 4,14τ; Ιΐοη 1,7') οάβΓ βειζίε δίε βη
άβη Κβηά (ΙΡείΓ 3,9Τ; 2ΡείΓ 3,11')• Εγ οβϋΓίείΙιε δίε 3ΐδο 3ΐδ ζιι
νεΓννεΓίεηάεδ 5οηάεΓ§ιιί άεΓ βγπδοηεη ϋοεΓΐίείεηιη§86. Αικτη άίε
3ΐηεπεΓΐεη ίεδβΓίεη, άίε ϋίδ 3ϋί ΙΡείΓ 3,9Τ ιιηά 2ΡεΐΓ 3,Π' ΜΐΙβΓβ
Ζβιι§βη ηββεη, §εηοΓΐεη \ν3ηΓδοηείη1ίοη ίτη 6. ΙβηΓηαηάεΓί ηοοη
ηίοηι ζιιγ νοΓίοπη άεΓ Κοΐηε.
υηίεΓ άίεβεπι Οεδίοηίδρυηίςι ίδϊ εδ 3ΐιίδοη1ιιβΓεί(:η, άββ άίε Ηβγ-
Κίεηδϊδ ϊηδ§εδ3ΓηΙ ηιΐΓ είηε είηζί§ε ιιηίγρίδοηε ΜεηΓηείίδΙβδΒΓΐ: οε-
ζεα§ϊ. Ιπι Ηίηο1ίο]< 3ΐι£ άίε ΚοηζίηηίιΜι άεδ Αιΐδάηιοίζδ §εηϋ§ίε άίε
νοη Τηοηΐ3δ ηεΓ3η§εζο§εηε ΚοηίΓοΙΙηβηάδοηπίί βίδο ηόηεΓεη
Αηδρπκ:ηεη 3ΐδ 01, 02 υηά 04.
Βεί )εηεΓ είηζί§εη αηΐγρίδοηεη ΜεηΓηείΐδ1ε63Γί (]&]<. 4,13ΓΤ, Εγ-
δ3ίζ νοη ή άιίΓοη καί, 1<θΓηοίηίεΓΐ Γηϋ άεΓ Είηία§νιη§ νοη 'έ να ηβοη
ένιαυτόν, ζαεΓδί Βεζευ§ι νοη 02) ηβηάεΐΐ εδ δίοη βαβεΓάειη ηίοηι
ιίΓη είη εί§εηι1ίοηεδ νίϊίιατη, δοηάεΓη ατη είηε νβΓδοηίεουης άεΓ
ΡοίηΙβ: άεη 5θΓ§1οδεη ννίπΐ ηίοηι νοΓ§εη3ΐίεη, ά3β δίε πιείηεη, 3ΐ1ε
Ζείϊ άεΓ νν*ε1ϊ ζιι ηβ&εη, δοηάεΓη άββ δίε §ΐ3ΐιοεη, ίητε Ζυίςυηίί:
δείοδί §εη3α νοΓΗεΓοεδηπίΓηεη ζιι Ιςόηηεη. Αΐδ υηινρίβοη ϊδί άίεβε
ΜεΗΓΚείΐδ1εδ3Γί ηυΓ άεβηβίο ζη οειη-ίεϋεη, ννείΐ δίοΚ Ιίείηεδ άεΓ
ίγρίδοηβη Μοίίνε ίϋΓ άίε υπι§εδ1:3ΐϊιιη§ άεδ Τεχίβδ άίεδβΓ δίεΐΐε
3η§εΐ3εη Ιββι ιιηά ννείΐ δίε ρ3ΐ3θ§Γ3ρηίδοΚ ηίοηι η3ηε!ίε§1.

85 ϋίθδ ξί\{ αΐΐείη ίϋΓ 30 άεΓ 85 δίεΐίθη, 3η (Ιεηεη άΐβ 3ΐ(β8(βη ΗβτκΙδαΓίΓΐίίβη
ΜβΚΓΓίείΙδΙεδβΓίβη Γ>εζευβεη.
86 ν^Ι. άαχα Β. ΑΙ.ΑΝΟ, ΝΤ ΐη βντ. ίΛ^Γΐίείεηιη^ Ι, δ. 116-123.
196 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

Daraus ergibt sich eine wichtige Schlußfolgerung: Die überwie


gende Mehrzahl der untypischen Mehrheitslesarten wird weder
von den ältesten Handschriften noch von der Harklensis bezeugt,
sondern, von gleich zu besprechenden Ausnahmen abgesehen,
erst von Textzeugen aus der Zeit seit dem 9. Jahrhundert. Diese
erst spät bezeugten untypischen Mehrheitslesarten verweisen auf
einen anderen Überlieferungsstrang, der sich bereits früh von der
übrigen Texttradition abspaltete und erst zwischen dem 6. und 9.
Jahrhundert in die Koine einging. Die nicht vor dem 9. Jahr
hundert bezeugten untypischen Mehrheitslesarten sind Bindeles
arten dieser Traditionslinie. Zu ihr gehören auch die gravierenden
Entstellungen des Textes in Jak 5,12', ljoh 5,13T' (Teststellen 73/74)
und Jud 24r (Teststelle 95).
Insgesamt werden 24 von 37 untypischen, nicht ursprünglichen
Mehrheitslesarten weder von den ältesten Handschriften noch
von der Harklensis bezeugt87. Sie werden hier nicht nochmals
aufgelistet, da sie in Kap. 3.2.1 durch ein Kreuz in der UML-Spalte
und einen Strich anstelle der Angabe des Jahrhunderts in der
Bezeugungsspalte markiert sind.
An einigen Stellen allerdings gibt es andere Zeugen aus der Zeit
vor dem 9. Jahrhundert für die Lesarten der Variantenschicht, die
sozusagen an der Harklensis vorbei in den Byzantinischen Text
Eingang fand: Jak 2,18 T $p54vid/ v/VI, allerdings paläographisch un
sicher; 4,12° ф74, VII; 5,12' Antiochus Mon., VII; IPetr 2,2° Antio-
chus Mon., VII; 2Petr 1,4' 0209, VII; ljoh 2,14r it, II-IV; 3Joh 8r 042,
VI.
Diese überwiegend aus der Zeit nach dem 6. Jahrhundert stam
menden Belege zeugen möglicherweise vom allmählichen Zu
sammenwachsen der beiden Traditionslinien, aus denen der by
zantinische Text hervorging. Das geschlossene Zeugnis der altlatei
nischen Handschriften für die untypische Mehrheitslesart ljoh
2,14r stützt die Wahrscheinlichkeit, daß auch die erst nach dem 6.
Jahrhundert in den Hauptstrom der Überlieferung eingehende
Vorform der Koine altes Überlieferungsgut, oder besser: alte Fehler
enthält. Jedoch ist diese Traditionslinie natürlich nicht hermetisch
von der anderen, die von der Harklensis bezeugt wird, abgetrennt

87 Einschränkend ist allerdings hinzuzufügen, daß an 7 Stellen mit Mehrheits


lesarten, die nicht von den ältesten Handschriften bezeugt werden, die
Harklensis aus sprachlichen Gründen nicht verzeichnet wurde: Jak 2,4r; 3,3';
IPetr 5,10'; 2Petr 2,21'; ljoh 2,4°; ljoh 3,17f; 3Joh 8r.
Entwicklungsphasen der Koine 197

vorzustellen; es gibt, und darauf weisen die soeben angeführten


Belege hin, Überschneidungen zwischen ihnen.
Die Fülle der untypischen und typischen Koinelesarten aber, die
keine Bezeugung aus der Zeit vor dem 9. Jahrhundert haben,
gehören mit großer Wahrscheinlichkeit einem spezifisch byzan
tinischen (konstantinopolitanischen?) Überlieferungsstrang an
und gingen überwiegend wohl erst spät, zwischen dem 6. und 9.
Jahrhundert, in die Koine-Entwicklung ein. Gelegentliche frühere
Bezeugung stellt diesen Satz nicht in Frage. Denn gewiß sind die
erst spät bezeugten Koinelesarten nicht erst spät erfunden worden.
Vielmehr spricht alles dafür, daß sie aus einer Überlieferung
stammen, für die wir keine frühen Zeugen haben. Sie können
auch schon vor dem 6. Jahrhundert existiert haben, aber im 6.
Jahrhundert gehörten sie, soweit es sich um Lesarten handelt, die
syrisch überliefert werden konnten, wahrscheinlich noch nicht zu
der zur Koine tendierenden Variantenschicht.

Im Ergebnis läßt sich also die Entwicklung der Koine anhand der
Bezeugung typischer und untypischer Mehrheitslesarten in eine
frühe, eine mittlere und eine späte Phase gliedern.
In der frühen Phase (ca. 3./4. Jh.) beginnen sich Lesarten aus
zubreiten, die schwierige Stellen glätten, normalisieren und har
monisieren. Sie haben gegenüber den ursprünglichen Lesarten
einen Überlieferungsvorteil, der gerade durch die Diorthosis, die
die Veränderung des Textes eigentlich verhindern soll, verstärkt
wird. Eine Schicht solcher Lesarten ist bereits in den ältesten
Handschriften, Versionen und Kirchenväterzitaten nachzuweisen.
Die mittlere Phase (ca. 5./6. Jh.) läßt sich mithilfe der Harklensis
bestimmen. Dieser syrischen Übersetzung wird bewußt eine
Textform des 6. Jahrhunderts zugrunde gelegt, die in der griechisch
sprechenden Kirche allgemein verbreitet und akzeptiert ist. Les
arten, die der Koine im 9. Jahrhundert angehören, aber weder von
der Harklensis noch von früheren Textzeugen überliefert werden,
sind wahrscheinlich für das 6. Jahrhundert noch nicht der zur
Koine tendierenden Variantenschicht zuzuordnen.
In der späten Phase der Koine-Entwicklung, die im 9. Jahrhun
dert erreicht ist, kommt ein jahrhundertelanger Prozeß des Aus
gleichs zwischen verschiedenen Textformen ans Ziel. Der Byzanti
nische Text ist vollständig ausgeprägt. Erst die untypischen Lesar
ten des Byzantinischen Textes lassen erkennen, daß er aus der Ver
198 Entstehung und Ausbreitung des Byzantinischen Textes

bindung zweier Variantenschichten hervorgegangen ist. Den Kern


der einen repräsentiert die Harklensis im Verein mit den ältesten
Textzeugen, von der anderen sind nur Lesarten erhalten, die erst
zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert in die Koine eingingen.
Ergebnis

Der Byzantinische Text der Katholischen Briefe ist das Resultat


eines langen Prozesses der Glättung und Normalisierung, der
schon in der Frühzeit beginnt und erst im 9. Jahrhundert sein
Endstadium erreicht.
In der vorliegenden Arbeit wurde diese Spätform der Koine
zunächst auf der Grundlage eines textkritischen Kommentars zu
98 Teststellen der Katholischen Briefe, dann unter Berücksich
tigung einer großen Zahl weiterer Mehrheitslesarten, die für das
Verhältnis des Byzantinischen Textes zu älteren Textformen auf
schlußreich sind, ausführlich beschrieben. Es zeigte sich, daß der
Byzantinische Text eine Reihe von untypischen Mehrheitslesarten
enthält, die dem allgemeinen Charakter der Koine nicht entspre
chen, da sie den Text schwieriger gestalten (wie an Teststelle 9/Jak
2,4), die Argumentation bis zur Unverständlichkeit verflachen
(wie an Teststelle 11 /Jak 2,18) oder tautologisch verzerren (wie an
den Teststellen 73/74, ljoh 5ДЗ)1. Diese Lesarten vor allem machen
es unwahrscheinlich, daß der Byzantinische Text seinen Ursprung
in einer regelrechten Rezension des 4. Jahrhunderts haben könnte.
Seit den Anfängen handschriftlicher Überlieferung haben ande
rerseits Lesarten, die den Text glätten, normalisieren und verdeut
lichen, gegenüber schwierigeren oder stilistisch anstößigen ur
sprünglichen Lesarten einen Überlieferungsvorteil. Im Zusam
menhang mit der zunehmenden Handschriftenproduktion seit
dem Ende des 3. Jahrhunderts verstärkt sich der Überlieferungs
vorteil dadurch, daß bei dem Vergleich von Handschriften, die
mehrfach kopiert werden sollen, die ansprechenderen Lesarten
vorgezogen werden.
So entsteht in mehreren Traditionssträngen eine Varianten
schicht, die schon eine Reihe typischer Mehrheitslesarten späterer
Zeit enthält. Mit dieser Variantenschicht werden jedoch auch
einige Lesarten fest in der Tradition verankert, die der allgemeinen

Vgl. zu diesen Stellen die ausführliche Darstellung im textkritischen Kom


mentar u. S. 220f., 222-224 u. 318-326.
200 Ergebnis

Tendenz zur Glättung und Vereinfachung zuwiderlaufen. Es sind


die untypischen Mehrheitslesarten späterer Zeit. Sie sind mit gro
ßer Wahrscheinlichkeit alt, weil ihre Existenz am besten damit zu
erklären ist, daß sie bereits früh in weitverbreiteten Textformen
überliefert wurden.
Erstaunlich viele typische und in geringerem Maße auch unty
pische Mehrheitslesarten werden schon von den Majuskeln 01, 02
und 04, aber auch von frühen Versionen und Kirchenväterzitaten
aus dem 4. und 5. Jahrhundert bezeugt, während 03 sich an den
entsprechenden Stellen in aller Regel als zuverlässiger Zeuge des
ursprünglichen Textes erweist. Die Variantenschicht, die später in
der Koine aufgeht, ist also in dieser Zeit bereits nachweisbar. Am
Text der Harklensis, in dem ein zuverlässiger Zeuge für die Koine
des 6. Jahrhunderts erhalten ist, zeigt sich, daß diese Varianten
schicht weiter zunahm.
Nun fällt auf, daß die frühesten Beispiele für einen ausge
prägten Koinetext der Katholischen Briefe, der alle untypischen
Koinelesarten enthält, erst in Textzeugen aus der Zeit seit dem 9.
Jahrhundert vorliegen.
Überhaupt stammt für viele untypische Mehrheitslesarten der
älteste Zeuge aus dieser Zeit, während sie in den ältesten Hand
schriften nur dann vorkommen, wenn sie auch aus Gemein
samkeit in naheliegenden Fehlern zu erklären sind. Dieser Befund
legt den Schluß nahe, daß in den Byzantinischen Text eine andere,
für die Zeit vor dem 9. Jahrhundert nicht bezeugte Varianten
schicht einging, die in ihrem Grundbestand mehr für die Koine
untypische Lesarten enthielt, als diejenige, die die genannten
Majuskeln schon für das 4. /5. und die Harklensis für das 6. Jahr
hundert bezeugen. Verschiedene Textformen mit Tendenz zur
Koine scheinen sich erst in der Zeit zwischen dem 6. und 9. Jahr
hundert zu dem byzantinischen Text verbunden zu haben. Diese
Textform, die zunächst noch relativ viele Abweichungen vom
Normaltext des zweiten Jahrtausends enthielt, erfuhr mit der
Einführung der Minuskel als Buchschrift einen weiteren Standar
disierungsschub. Die daraus resultierende Textform ist es, die die
Überlieferung der weiteren Jahrhunderte bis weit in die Zeit des
Buchdrucks hinein bestimmte.

Natürlich ist schon lange bekannt, daß Koinelesarten in Hand


schriften vorkommen, die in erster Linie andere Textformen be
Ει•8ί*ηίδ 201

ζευ§εη. ϋίβδβ ίβδβΓίβη ννυΓάεη 30εΓ εηιννεάεΓ 3ΐδ Βε1ε§ε Κϊγ (Ιϊθ 1_Ιγ-
δρΓυη^δηδηε άεΓ Κοίηε ηεΓ3η§εζο§εη οάεΓ 3υί άεη Είηίΐυβ είηεΓ
ββΓείΙδ ϊιη 4. ΙβηΓηυηάεΓΤ νοΙΙδΙΜηάίς 3υδ§ερΓ3§ίεη Κεζεηδίοη ζυ-
Γϋο1ί§είυηΓί οάεΓ 30βΓ 3ΐδ νεΓείηζεΙΙε ΙπΪΜυίθΓ ϊη δοηδί §υίεη
Η3ηάδοητίίΐεη ββίΓβοΗίβΙ. \νεηη πιβη ά3§ε§εη άίε Κοίηβ 3ΐδ είηε
νβπβηΙεηδοηϊοΚί &ε§Γείπ, άίε ίπ\ ίβυίβ άεΓ ]Ά)χτ\\\ιι\άβτΙβ ΟΓθϊΙβΓ
\νίΓά υηά εΓδί άυπ:η άίε Υνεοηδε1\νίΓΐ<υη§ νοη ΙάΓοΗΙίοηειη Οε-
&Γ3ΐκ±ι υηά ΟίοΓίηοδίδ άϊε νεΓ&ίηάΙίοηε ΤεχΙίοπη ρτ'άξϊ, ^3ηη π\3η
άίε Κοίηε1βδ3Γΐεη ίη βΐίεη Τεχίζευ§εη βϊηεΓ ίΓϋηεη Ρη3δε άίεβεβ
ΡΓΟΖβδδβδ ζυοΓάηεη. Εδ βίεΐΐί δίοη ΗεΓβαδ, ά&β άίε ]υη§δίε υηά υΓ-
δρπαηβδίεΓηδίε ΤεχΙίοπη εοεηβοννεηί§ βυδ είηεΓ Κεζεηδίοη άεβ 4.
ΙβΗΓηαηάεΓίδ ζυ εΓΐάΜΓεη ϊδΐ \νϊε άίε ίτείΐίοη §βηζ βηάεΓδ ςεβΓίεΙβ,
άίΓε1<1 3υί άεη υΓδρπίηςΙϊοηεη Τεχτ ζυΓυο1ς§εηεηάε ΤΓδάίιίοηδ-
Ιίηίε, άίε άεΓ (Ζοάεχ ν~3Γίθ3ηυδ ίη ΒεδοηάεΓδ τεϊηεΓ Ρογπτ τερΓΜ-
δβηΙίεΓΐ2.
5ο εηνείδΐ δίοη βυοη 3αδ άεΓ ΡβΓδρε^ίϊνε άβτ Εηί\νίο1άυη§ άεδ
Βγζβηιίηίδοηεη ΤεχΙεβ, άαβ ά3δ ΓΓβάίϋοηεΙΙε ΚοηζερΙ, ηβοη άεηι
Κεζεηδίοηεη άίε ϋοεΓίίείεΓυηβδςεδοηίοηΙε άεδ Νευεη ΤβδΙβιηεηϋδ
§ερΓ3§1 ηββεη, 3ΐδ ηίοηί ηιεΗΓ ίτββίΜηίβ. ΖννβΓ ϊδΐ πιίΐ είηεΓ Κείηε
νοη εάίίοπδοηεη Βε3Γΐ>είΓυη§εη άβδ ΤεχΙβδ ίη |εάεΓ Εροοηε άεΓ
ΤεχίςεδοηίοΗϊε ζυ τεοηηεη. Βείδρίείε ά3ίϋΓ δίηά άίε Ηβιΐάεηδίδ, άίε
νίεΙζβΗΙ ΚΙείηεΓεΓ εη§; νεηνβηάίεΓ ΟΓυρρεη υηά δοηΐίεβίίοη ΚΓ,
είηε ιηίΐ ξτό&ϊβτ 8θΓ§ί3ΐΙ νεΓνίεΙίΜΐπςίε ΕάίΙίοη άεβ 12. ^ηΓηυη-
άειΐδ. ΑΒεΓ δίε 311ε δίεηεη ίπι υΒεΓβΓείίεηάεη Ζυδ3Γηηιεηη3η£
είηεδ ΡΓΟζεδδεδ, άεΓ ζννβηξδΙΜυιΐς άεη ίη άίεβεΓ ΑΓ&είΙ §εδοηί1-
άεΓίεη νεΗβυί η3ητη, βίδ εΓ ίπι εηά§ϋ11ί§εη Αυδ§1είοη άεΓ ΐ_ΙηΙεΓ-
δοΗίεάε ζννίδοηεη άεη νεΓδοηίεάεηεη Τεχιίοπηεη ίη άεΓ βγζβηΐίηί-
δοηεη Κοίηε ίυηΓίε.
ϋίεβεδ ΕΓ^εοηίδ ηβΐ ίϋΓ άίε §εδ3ΐηΙε ΙεχΙΙςπΗδοηε ΑΛείί Κοηβε-
α,υεηζεη. ϋεηη άβδ νεΓΟΓείίεΙε ΚοηζερΙ άεΓ Τεχιιγρεη δίβηί ίη βη-
ξβτη Ζυδ3π\ΓηεηΚ3η§ πιίΐ άεΓ Κεζεηδίοηδηγροίηεδε, 3υοΗ ννεηη
δίε ηίοηΐ ίιηιηεΓ βυδάπϊοΐάίοη πήΐ ίητ νεΓίαιυρίΙ ννΪΓά. ϋίβδε ΑΛείΙ
ζβίβΐ, άββ άίε ΖυθΓάηυη§ είηεΓ ΗβηάδοΗΓΪίί ζυ είηεπι ΤεχΙιγρ ηίοΗΐ

Ζυ άβτ νοιη ^<ίθχ ν.ιίίαιηιικ ΓθρΓ38θηΙίθΓΐβη ΤΓ3<ϋποη5ΐίηίθ ν§1. Ο. Μ. ΜΑΚ-


ΤΙΝΙ, 11 ρΓθΙ>1θπΐ3 (Ιβΐΐβ Γ606ηδίοη3ΐί(3 άθΐ αχίία- Β .αΐΐ,ι Ιικχ• άεΐ ρ.ιρϊπι 15<κ1-
πίθΓ XIV, Κοπιβ 1966, 1)β8. 5. 137; Κ. ΑΙ.ΑΝΟ, ΕΗθ Ββάθυηιη^ <1ε5 φ75 ίϋΓ άεη Τβχΐ
^65 Νθυβη Τθ8ΐ3Γηβη{8, ϊη: 5Γϋ(1ίθη ζιιγ ΙΛβΓϋβίθτυηβ άβδ Νθιιθπ ΤεβίβιηεηΙδ αη(1
8βίηβ8 ΤθχΙββ, (ΑΝΤΡ 2) Ββτΐίη/Νβνν ΥογΚ 1967, 5. 155-172; Ο. Ό. ΡΕΕ, φ75, φ66,
3Π<1 Οπςεη: ΤΗβ ΜγΐΗ οί ΕβΓίγ Τβχΐυβί Κβοβηδίοη ίη Αΐβχβηάπβ, ίη: 1Χ>Ν-
ΟΕΝΕΟΚΕΚ, Κ.Ν./ΤΕΝΝΕΥ, Μ.Ο. (Ηξ.): Νβνν ΟΪΓηβηδίοηβ ίη Νθ\ν ΤβδίβηίθηΙ
5ιυάγ, Οταηά Κβρϊάβ (ΜϊοΗίββη) 1974, 5. 19-45, 065. 30ί.
202 Ergebnis

ausreicht, das äußere Kriterium zur Beurteilung ihrer Lesarten zu


begründen. Die ältesten und besten Handschriften, aber auch alle
weiteren, noch nicht gänzlich von der Koine überformten Text
zeugen sind als "Individuen" zu sehen, deren textkritischer Wert
je für sich analysiert werden muß.
Die Untersuchung zeigt ferner, daß der Minuskelüberlieferung
nicht nur für die Textgeschichte, sondern auch für die Begründung
der Textkonstitution erhebliche Bedeutung zukommt. Denn die
Bestimmung des ursprünglichen Textes muß sich nicht zuletzt
darin bewähren, daß sich an jeder Einzelstelle die textgeschichtli
che Position der übrigen Lesarten angeben läßt.
Mit der Ausgabe Hermann von Sodens hatte die Erforschung
der Minuskelüberlieferung und ihre Auswertung für die Textge
schichte auf breiter Basis begonnen. E. von Dobschütz urteilte aber
sicher richtig, als er über von Sodens Werk bemerkte: "Man sagt -
leider - schwerlich zu viel, wenn man behauptet, daß das Ganze
noch einmal gemacht werden muß"3. Dieser Arbeit hat K. Aland
eine neue Basis verschafft, indem er sämtliche heute erreichbaren
Handschriften auf Mikrofilm sammelte und anhand von Teststel
lenkollationen sichtete. Die Veröffentlichung der Ergebnisse in der
Reihe "Text und Textwert" ermöglicht der Textkritik heute einen
wirklichen Neuansatz in der Durchdringung der gesamten Über
lieferung. Möge die vorliegende Arbeit dazu beitragen, daß diese
Vollkollationen an Einzelstellen verstärkt für die Recensio codi-
cum, und das heißt für die Neubegründung des äußeren Krite
riums, genutzt werden!

E.V. DOBSCHÜTZ, Eberhard Nestle's Einführung in das Griechische Neue


Testament, 41923, S. 75.
Teil П:
Textkritischer Kommentar zu den Teststellen
der Katholischen Briefe
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Όβτ ίεχιΙίΠΓίδοηε Κοπιιηεηΐ3Γ ζιι άεη Τεδίδίεΐΐεη ϊη άεη Κβιηοΐί-


δοηεη ΒΓϊείεη, άβτ βΐΐε 3η άίεβεη δίεΐΐεη οείςβηηιεη ίεββΓΐεη ϊη
ςπεοΗίδοΗεη Η3ηάδοηπίιεη πιίί ίθΓί1&αίεπ(1επι Τεχί είη&εζίεηΓ,
άίεηί νοΓ πΐΐεπι 3ΐδ Ββδίδ £ϋτ άίε ΟιβΓβ&επδίεηιης άεδ Κοίηειεχίεδ,
άίε Βεδ1ίιηιηαη§ άβτ Κοίηεηβηάδοηπίτεη υηά άϊε Βεβ(:ηΓείοιιη§
§εηε3ΐο§ϊδοΗεΓ Βεζίεηαη^εη άεΓ Κοίηεηβηάδοηπίτεη ζα ΓΓϋΙιεΓεη
Τεχίίοιτηεη ϊη Τεϋ Ι άίεβεΓ υηϊεΓδυοηιιηβ1.
δεηοη ννείΐ άϊε Έϊξβη&τχ άβτ ίεδβιΐεη είηεΓ ΤεχΙίοπη ηιιτ νεΓ§1εί-
οηεηά εΓηοβεη ννεΓάεη Ιςβηη ιιηά ννείΐ Κοίηεηβηάδοηπίτεη 3η νίε-
Ιεη ν3πΐε.Γΐεη διείΐεη εϊηε νοη άεΓ Κοίηε βοννείοηεηάε ίεδ3Γΐ
βεζειι^εη, ^3ηη δίοη είη Κοπιπ\εηί3Γ, άεΓ ιιηίεΓ άεη οοεη §εη3ηη-
Ιεη Οεδίοηίδριιηίςιεη 3ΐΐδ§ε\νεΓίεί ννεΓάεη δοΐΐ, ηίοηί βιιί άίε Αη&Ιγ-
δε άεΓ Κοϊηε1εδ3Γΐεη οεδ(:ηΓ3η^εη. ΑηάεΓεΓβείΐδ πιύβιεη ηίοηι αΙΙβ
ίεδ3Γίεη άεΓ ΤεδΙδΙεΙΙεη βηβΙγδίεΓΐ: ννεΓάεη, υτη εϊηε δίιιάίε ϋβεΓ άίε
Κοϊηε ιιηά ϊηΓε Ζειι§εη ζιι επηό^ΐίοηεη. ΟεΓ ΚθΓηπ\εηί:3Γ η3ί
)εάοοη είηεη ϊϊοεΓ άεη Κβηηιεη άίεβεΓ υηιεΓδΐιοηιιη§ Ηίηβιΐδννεί-
δεηάεη Ζννεοί:. Ιηάεπη εΓ η&ιηΐίοη άίε §εδ3Γηίε ϋΐ>εΓΐϊείεηιη§ 3η
άεη Τεδΐδίεΐΐεη οεη3ηάε1ι, ΒεΓεΐιεί εΓ ζιιςίείοη άϊε ννείίεΓε τεαεη$ίο
οοάϊοΗτη ίϋΓ άίε Κβΐηοΐίδοηεη ΒΓϊείε νοΓ, ίϋΓ άίε "Τεχί ιιηά Τεχι-
\νεΓΐ" άϊε <3πιηάΐ3§ε οίείει. ϋϊε Είηζείβηβίγδεη Ιίόηηεη δοπύί ηίοηί
ηιΐΓ ίϋΓ άίε (Ιη3Γ3ΐςΓεπδίεπιη§ άεΓ Κοίηε, δοηάειη 3ΐιοη ίϋΓ άίε
ΒεδοητείΒυη§ άεΓ Τεχίίοιτηεη νοη είηζεΐηεη Ηβηάδοητίίίεη ιιηά
Οηιρρεη βεηιιίζί ννεΓάεη.
ΝίοηΙ ζιιίειζί άίεδεηι Ζννεοί άίεηεη βιιοη άίε ΐ3θε1ΐ3Πδοηε
Ζαδ3Γητηεηί3δδυη§ άεδ Κοπιιηεηΐ3Γδ αηά άίε Βεζευ§ιιη§δΐ3θε11εη
ίη Αηη3η§ III. 5ίε άϋΓίίεη εϊηε υηΙεΓδυοηιιη§ άεδ ΤεχΙοη3Γ3ΐ<ΓεΓδ
αηά άεδ ϋΙ)εΓΐίείεΓΐιη§δ§εδοηίοηάίοηεη υπιίεΐάεδ άεΓ ίη Τείΐ Ι (Κ3ρ.
2.3) οίοβ ςα3ηΓίΐ3Γίν οεδπππηιεη Οπιρρεη εη§ νεηνβηάΙεΓ Η3ηά-
δοητίίιεη 5εηΓ εΓίείοηΙειτι.

1 ν§1. <ΐ3ζιι (Λβη 5. 49-54, ννο 3υοΗ πτεΰκχϋδοίτβ ΡΓβ^βη θΓόΓΐβΓ* ν/βκίθη.
Aufbau, Abkürzungen und Sigla

Die Lesarten der Teststellenlesarten werden den Einzelkommen


taren in der Form vorangestellt, in der sie "Text und Textwert"
bietet. Als Kollationsbasis wird wie dort die Textlesart der 26. /27.
Aufl. des Nestle /Aland mit der Ziffer 2 versehen und unterstri
chen. Die weiteren, ebenfalls wie in "Text und Textwert" nume
rierten Lesarten variieren den unterstrichenen Textabschnitt, wo-
•«*-. bei die Mehrheitslesart immer die Nummer 1 erhält. Steht der
;j ::j unterstrichene Textabschnitt in eckigen Klammern, gilt als Lesart 2
¡»ji: dessen Auslassung.
•2 e;; In runden Klammern steht jeweils hinter einer Teststellenlesart
•S-:; normalerweise nur die Gesamtzahl der Handschriften, die sie
bezeugen. Die Handschriften werden im Kommentar nur dann
explizit genannt, wenn die Beurteilung einer Lesart in besonderem
Maße von ihrer Bezeugung abhängt. Für eine intensivere Lektüre
des Kommentars ist daher ein Exemplar von "Text und Textwert"
unverzichtbar, zumal Aussagen über die Kohärenz der Bezeugung
auf Haupt- und Ergänzungsliste dieses Werkes2 beruhen.
Hat eine der folgenden Editionen eine andere Lesart im Text als
NA26/27, wird die Lesart mit dem entsprechenden Kennbuchstaben
>. versehen:
T Tischendorf, Editio octava critica maior, 1869/72;
H Westcott/Hort, 1881;
S von Soden, 1913;
V Vogels 1922 (41955);
M Merk 1933 (™1984);
В Bover 1943 (51968);
N Nestle/ Aland, 251963;

Die Angaben zu Westcott/Hort differenzieren zwischen


H Text bei Westcott/Hort ohne gleichberechtigte Al
ternativlesart am Rand,
(H) Text bei Westcott/Hort mit gleichberechtigter Alter
nativlesart am Rand,

2 Vgl. oben S. 59-66.


Vorbemerkungen 207

h gleichberechtigte Alternativlesart zum Text bei


Westcott/Hort.

[] Das Sigel einer Ausgabe steht in eckigen Klam


mern, wenn sie den Text einer Lesart in eckigen
Klammern bietet.

Weitere Abkürzungen und Sigla


ADD addit/-unt, Additamentum
INTF Institut für neutestamentliche Textforschung, Münster
LA Lesart
OM omittit/-unt
rell. reliqui omnes, alle übrigen Handschriften
> wird zu
< entstanden aus

Kommentare werden nur mit dem Namen ihres Verfassers und


der Seitenzahl zitiert.

Die beiden folgenden Kommentare konnte ich leider nicht mehr


berücksichtigen:
FRANKEMÖLLE, H.: Der Brief des Jakobus, (ÖTK 17/1-2) Gütersloh
1994.
VÖGTLE, A.: Der Judasbrief / Der Zweite Petrusbrief, (EKK 22)
Solothurn / Düsseldorf/ Neukirchen-Vluyn 1994 .
Jakobusbrief

Teststelle 1/Jak 1,5


2 той SiSoiToç 9eou rraaiv airXu? *ai Ц-Т) oyeiSifotrog (150)
1 ouK oi>ei8iCovTO? (351)

In der späten Gräzität einschließlich des NT steht regelmäßig p.ii


beim Partizip, abweichend vom klassischen Sprachgebrauch auch
bei einfachen Aussagen.3 Da keine konditionale Färbung vorliegt
und das Subjekt des Partizipialausdrucks nicht mit dem des Auf
forderungssatzes identisch ist, entspricht oük der klassischen Norm.
Die Abweichung vom normalen nachklassischen Sprachge
brauch ist eindeutig als Korrektur nach dieser Norm zu erkennen.
Sie ist wahrscheinlich mehrfach durchgeführt worden. Ande
rerseits ist zu vermuten, daß Kopisten öfters statt des oúk ihrer
Vorlage versehentlich die zu ihrer Zeit geläufige Verneinung \lY\
schrieben.
Mit nur einer Ausnahme, der 442, lesen alle Handschriften, die
an mehr als 50% der Teststellen vom Mehrheitstext abweichen, \i^\;
dagegen wird oíik etwa viermal häufiger von Koinehandschriften
bezeugt als цГ|. Die frühesten Handschriften mit oùk stammen aus
dem 9., die frühesten mit \vf\ aus dem 4. Jahrhundert.
Damit ist die Priorität der Lesart 2 gesichert. Als Binde- oder
Trennvariante kommt sie nicht in Frage, weil einerseits mit be
wußter Korrektur nach der klassischen Norm, andererseits mit
unbewußter Assimilation an den üblichen Sprachgebrauch gerech
net werden muß.

Teststelle 2/Jak 1,12


2 атефаиэу... ov етпуууе|.Хато ADD (10)
1 ADD о icvpioç (449) SVM
IB ADD Ki>pios(24)
3 ADD о вес* (18)
4 ADD о офеибтр 9еос (3)

3 Vgl. JANNARIS 1815; BDR 430.


ΙβΚο&υϋ&πεί 209

Ωθγ Μ3ΐί3Πδπιθ8 ίη V. 12 εηίη&ΐΐ ΗΐιββΓ άεΓ δοηοη ίη άεΓ §πε-


οηίδοηεη 1λΙθγ31ιλγ ^εΙΜυίίςεη, 3υοη ίη (Ιθγ 5€ρηΐ3£ίηΐ3 η3υίϊ§ Βε1β§-
ίεη Είη1είΓυη§ μακάριος δ$• ζννεί ννείΙεΓε ϊΓβάίϊίοηεΙΙε Είειηεηίε: άίε
ΚΓ3ηζ-Μεί3ρΚεΓ ίυτ άεη ίοηη άεδ Οίβυβίβεη ήη Ιεηδείϊδ υηά άίε
ίοιτηείηβίϊε Μεηάυης οι άγαπώιτε^ αυτόν (δο. τόν θεόν)4. ΑΠεΓ-
άίη§δ ίδί ίβδίζιΐδίεΐΐεη, ά&β ζννβΓ άίε υπ\δοητείΒιιη§ άεδ ΟοΚεδηβ-
ιηεηδ άυΓοη άβδ υηρεΓδόηΙίςηε Ρβδδίν (ννΐε ίη άεη ΜβηηδρΓυοηεη
Ιεβυ, ζ. Β. ΜΙ 7,2.7.8) οάεΓ άυτοη άίε 3. ΡεΓδ. Ρ1. άεδ Αίςίίνδ (ννίε ζ. Β.
ίΐί 6,38; 12,20) ύη ΝΤ ηίοηΐ δείίεη νοΓ^οπυηΙ5, 3&εΓ άίε Αυδΐ3δδυη§
άεδ ηίοηί 3ΐΐδ άεηι νοΓ3η§εηεηάεη Τεχΐ3θδοηηί« ζυ εΓ§3ηζεηάεη
5υΙ)]ε1ςΐ5 "Οοΐϊ" βεί είηεπι ΐΓβηδίΗνεη νεΛιητι ίη άεΓ 3. ΡεΓδ. 5§.
άοοη υηςεννόηηΐίοη ίδί6. Απ\ εηεδίεη ίδΐ ]&]ί 4,5.63 ζυ νεΓβΙείοηεη,
ννο εβεηίβΐΐδ ίη είηεηι Ζίϊ3ί υηβεΙοηηίεΓ ΗεΓίίΐιηίΙ ά3δ 5υβ}ε1<1
"ΟοΙΙ" ζυ ΐΓ3ηδίΙίνεη ΡΓΜάί1<3ΐεη ζυ εΓ§3ηζεη ίδΐ υηά (ννίε ηίεΓ ίη
1,13) άεΓ ΰοΜεδη3πιε εΓδΐ ίη άεηι εΓΜΜΓεηάεη V. 4,6Β 3υδ§εάΓϋο^Ι
\νίΓα\
Οίε ίοιτηείηβίίεη ΕΙεπιεηΙε άεδ Μ3^3Γίδπιοδ ΐ3δδεη άατΆηί δοηΐίε-
βεη, ά3β άεΓ ΑυίοΓ 3υδ είηεηι Ζυδ3Πυηεηη3η§ ζίιίεΓΐ, άεη εΓ σεί
άεη ΑάΓεδδ3ΐεη βίδ Βείοηηί νοΓ3υδδεΐζι. ϋίεδεΓ Αρρείΐ 3η άίε νεΓ-
ϋυηάεηηείϊ ίη είηεΓ §επιείηδ3πιεη ΤτβάίΙίοη ννίΓά άυΓοη άίε Αυδ-
ΐ3δδυη§ άεβ ΟοΙίεδη3πιεηδ νεΓδί3Γΐ<Γ, ά3 ίηη βΐΐε, άίε ίη άίεβεΓ Τγ3-
άίίίοη δίεηεη, ίη §1είοηεΓ ΥΥείδε εΓ§3ηζεη ννεΓάεη.
ϋ3δ εηίδοΚείάεηάε ΑΓ§υτηεηί ίυτ άίε υΓδρΓϋηςΙίοη^είΙ άεΓ ίεδ-
3γΙ 2 ΒεδΙεηΙ ά3Γίη, άββ 311ε ϋσπςεη ν3Π3ηίεη 3υδ άεηι ΒεάϋΓίηίδ
ζυ εΓ^ΙβΓεη δίηά, άεη 53ΐζ ζυ νεΓνοΙΙδίβηάί^εη. ϋίε ϋ&εΓβεοΓά-
ηείεη ΡοΓηιεη άεΓ ΕΓ§Μηζυη§ δίηά ννβηΓδοηείηΙίοη άίε ίεδβΓίεη 1
υηά 3, ννβητεηά 1Β άυΓοη Η3ρ1ο§Γ3ρηίε 3υδ ίεδ3Γί 1, ίεδ3Γΐ 4 3υδ 3
άυτοη ΕηνείίεΓυη§ άεδ Αυδάηκ:1(δ ηβοη Τίί 1,2 εηΐδίβηά.

4 ν^Ι. ΜυβΝΕΚ 85ί.; ϋΙΒΕΙ-ΐυδ 118-120.


5 ν^Ι. ΒϋΚ 130.
6 Αυοη δΤΚΑΟΚ/ΒΙΙΧΕΚΒΕΟΚ θΓΚΙβΓβη άβδ Ρεηΐεη άεδ 5υο|εκΐ5 ιηίί άεπι "5η-ε-
&εη, ΟοΗβδ Νβπιεη ιηό^ΗΛδί δβΐΐεη βυδζυβρΓκΙιεη" (111,751), οΗηβ βίηβ Ρβτβϊ-
1βΐ8(6ΐ1ε βυδ άβπι ΝΤ βηζυβθ&βη. - V. δΟϋΕΝ, άβι ό κύριος• ίη άβη Τβχί δβίζΐ
υηά (Ιίβ 8ΐιΙ>|β1ς11ο5€ ίβ83Π βίδ "Κβπαηίδζβηζ" (1,1888) βΜΖΠ, νηά ΟΚΕΕνΕΝ
(Ληπ\. 3 ζυ ΟίΒΕίΐυΒ 119) ββηεη είηε ΡαταΆέΙβ ίη ]αίί. 2,5, &\>βι άοτί ίέΜί άα&
5υΙ))β1ίί άβδ Κείβΐίνδβίζβδ ηίοη( βίηίαεη, δοηάθΓη ϊδΐ βυβ άβη» ϋΙιβΓβθΟΓά'ηθίθη
5α(ζ ζυ βΓ^αηζεη. Αυοη Οαΐ 1,15, άοδ ζ\νβί(ε Ββίδρίεΐ, άβδ ΟΚΕΕνΕΝ "ίύτ άίβ
Νβϊβυη^, δοΐοηβ ίβίβΓϋοη αηάβυίβηάβη ννοΛβ ζυ βτξαηζβη", ηηίϋΗΓί, 1)ίβ(ε( Ιςβί-
ηε βΧίΐΚίο Αηβίο^ίβ ζυ Ιβκ 1,12, άα Ρβυΐυδ 3η άβΓ ββηβηηΐβη δίβΐΐβ άβη ΟοΗβδ-
ηβπιβη ηίοΗί βυδίββΐ, βοηάειη (ΙυΓοΚ είηε Ρβτηζίρίβίννεηάυη^ υπίδοητείρί.
210 Textkritischer Kommentar

Mit wenigen Ausnahmen bezeugen die am stärksten von der


Koine abweichenden Handschriften die Lesarten 2 oder 3, die
ältesten und besten (darunter Sp23 aus dem 3. Jh., aber nicht 1739),
außerdem die koptischen Übersetzungen und die älteste latei
nische Textform (Texttyp F nach der Beuroner VL) die Lesart 2.
Von den Koinehandschriften hat nur das Paar 996/1661 diese
Lesart. Es ist aber wenig wahrscheinlich, daß sie die subjektlose
Lesart als Element einer frühen Textform bewahrt haben. Viel
mehr dürfte hier das Subjekt nach der Mehrheitslesart wegen der
Ähnlichkeit des ç (о Ici) mit о (von етггуу'уе(Хато) ausgefallen sein.
Dies gilt auch für 206, eine Handschrift der Gruppe Hk, die sonst
einhellig Lesart 1 bezeugt.
Der früheste Zeuge für das Subjekt KÚpios (ohne Artikel) ist 04.
Ob hier aber schon die Lesart 1 durch Haplographie verkürzt wurde
oder ob eine unabhängige Ergänzung vorliegt, ist nicht zu ent
scheiden.

Teststelle 3/Jak 1,17


1/2 тгар ü) owe ей. тгараХХаут; ti тротгтк атгоотаааца (477)
1/2В тгараХХт) т\ тротггга атгоакшо-ца 2691
3 атгаХЛаут) т| тротгтр airoaiaaoua 309
4 тгараХоуп т) тротгт)? атгоотаааца 43
5 тгараМХ)ауу.а т\ тротггг? атгоспаааца 1070
6 тгараХХауг) т| тгротротгтг? атгоотаааца 62. 365. 1850*
7 тгараХХаут) ом8е тротгт)? атгоотаааца 044. 1509
9 тгараХХаут) т) тротгос атгоотаааца 1241. 1759
10 тгараХХаут) т) тротгос ц атгоотаааца 680
11 тгараХХаут) ц тротгтр атгоотааацатос 01*. 03
11В тгараХХаут) т) тротпг| атгоакюацатоз' 614. 1505. 2412. 2495
ПС тгараХХаутр т) тротгт)? ажхлааацатос ф23
12 тгараХХаут) т) тротгт) т| тротл)? атгоактаца ои8б (lexpi vnovoiaç ти/ос
urroßoXn атгоакюацатос 876. 1765. 1832. 2138. 2494*
12В тгараХХаут) т) тротгт)? атгсхлаааца ои8е цехр>- wroi/oiaç tipo? vtto¡3oXt|
атгоакюацато?
1890. 2494С

Die Lesarten mit ánooKÍaoiía als Nomen regens (1/2B - 10)7 sind
sämtlich Varianten der Mehrheitslesart. Dies gilt nicht für die
Lesarten 11-1 1С, von denen nur HB sprachlich korrekt ist, und für
die erweiterten Mischlesarten 12 und 12B.

In TT 1,1, S. 20 ist die Lesart 8 der Teststelle 3 zu streichen (Kollationsfehler)


und 876 unter Lesart 12 zu verzeichnen.
Jakobusbrief 211

Die Wendung тротгл? ¿ттоотаааця ist schwierig, weil wegen der


vorangehenden Bezeichnung Gottes als тгатт^р tûv фштши für
тротгт| die technische Bedeutung (Sonnen-)Wende8 naheliegt,
während атгоакСастца, (von etw.) geworfener Schatten, als astrono
mischer Terminus ebensowenig belegt ist wie ттараХЛауУ)9. Da aber
der Verfasser des Jak wohl kaum ein Astronom war und der
Kontext nicht astronomisch ist, darf man троттг] nicht zu streng
terminologisch fassen, sondern muß, wie schon die Vulgata (trans-
mutatio nee vicissitudinis obumbratio), von der allgemeinen Be
deutung Wende, Wandel, Veränderung ausgehen und kann die
astronomische Bedeutung als Konnotation einbeziehen. Unter
тротп)? ¿тоакСааца ist dann ein durch Wechsel bedingter Schatten
wurf zu verstehen, wobei аттосж£ааца metonymisch auch als Folge
des Schattenwurfs, Verdunklung, aufgefaßt werden kann. Minde
stens ebenso wahrscheinlich ist jedoch die Möglichkeit, daß der
Autor аттоак1ао\ш metaphorisch gebraucht, so daß sich die Bedeu
tung (auch nur) der Schatten einer Veränderung, die Spur einer
Veränderung ergibt. So interpretiert auch die Suda s. v. тротгп?
атгоспаастца: àvrl той аААсиахтешс ка1 p.eTaßoXfjs' ïx^o?10.
Beide Übersetzungen fügen sich gut in den Kontext ein: Gott ist
ebenso unwandelbar gut und frei von jeder Begierde (V. 13-15), wie
es bei ihm keine Veränderung oder eine Verdunklung durch

8 Nach LSJ (s. v. Tpoirrj) nennt schon Hesiod die Solstitien t|eXl<xo Tpoiral; auch
die Äquinoktien können Tpoirat genannt werden, so daß der Plural die Anfänge
der Jahreszeiten bezeichnet; тротгг) ohne nähere Bestimmung heißt meist
Wintersonnenwende, femer (auch bei anderen Gestirnen) Wendepunkt.
9 Vgl. DIBELIUS 131.
10 Suidae Lexicon (ed. ADLER) IV, Nr. 1051; auf den zitierten Abschnitt folgt als
weitere Bedeutungsmöglichkeit: ..., ка1 оцо1шр.а фштааСас. Vgl. auch das
Lexikon des Hesych (ed. SCHMIDT), Nr. 1495, in dem die beiden in der Suda
angegebenen Bedeutungen kombiniert erscheinen: тротггр аткхткСааца: áXXoiti-
<7£(úff ка1 фаутао{.ас óuolioua. Die erste Interpretation des Ausdrucks in der
Suda entspricht dem Oecumenius-Kommentar zur Stelle (PG 119,464D): Tô 8è,
Tpoirf|ç аттоак[ааца, dwl тоО, oOSè |¿¿XPl irnovolas rivbs imoßokf\ (MIGNE:
... hoc est, ne suspicio quidem aut quippiam suspicionis umbram attingens). Die
weiteren mithülfe des TLG gefundenen Belege für die Wendung тротг^г diro-
aKÍacrjia beziehen sich alle direkt oder indirekt auf Jak 1,17. Da die Bedeu
tung фаутааСа? оцЫшца zu dieser Stelle m. E. nicht paßt, ist sie vermutlich
aus einem anderen, unbekannten Kontext abgeleitet.
212 Textkritischer Kommentar

Wechsel bzw. (auch nur) den Schatten einer Veränderung gibt, die
wir an den Gestirnen wahrnehmen.11
Offenkundige Schreibfehler sind die Lesarten 1/2B, 4, 6 und 9.
LA 1/2B entstand durch Auslassung zweier Buchstaben ohne
erkennbaren Grund, wie sie jedem hin und wieder unterläuft. -
LA 4 ist aus einer häufig vorkommenden Ligatur von -ay- zu
erklären, bei der das a zu einem kleinen Kreis reduziert wird, der
mit dem oberen Ansatz des y verschmilzt12 und leicht mit einem о
verwechselt werden kann; hinzu kommt Einfachschreibung eines
Doppelkonsonanten. - Die Lesarten 6, wohl eine Form von Ditto-
graphie (TTPOTPO-), und 9 sind Flüchtigkeitsfehler, die durch die
Geläufigkeit des jeweils entstandenen Wortes begünstigt und aus
dem gleichen Grunde wohl auch gelegentlich kopiert wurden13. -
Bei LA 3 könnte man an eine Verstärkung des Ausdrucks denken:
der Vater der Himmelslichter, bei dem es kein Sichzurückziehen
oder, im Rahmen des Bildes, keinen Untergang gibt; wahrscheinli
cher aber ist, daß der Schreiber ein in seiner Vorlage verwendetes
Kürzel für ттар(а)-, ein тт mit darübergesetztem а14, als атг- las. - Die
Lesarten 5, 7 und 10 dagegen scheinen auf bewußte Eingriffe zu
rückzugehen. In LA 5 ersetzt der Schreiber der Handschrift 1070
ттараХХаул. durch das seltene Synonym ттараХХаур-а und erzielt so
ein Homoioteleuton (ттараХХауца/атгоакСаст^а); oder es handelt sich
in Wirklichkeit um eine unbewußte Angleichung der beiden En
dungen. Nach dem Teststellenbefund neigt die 1070 sonst nicht zu
solchen stilistischen "Verbesserungen". LA 10, ттараХЛауг| n троттос
л аттосткюа^а, ist am ehesten als Korrektur der Lesart 9, ттараЛХауп.
л тротго? аттоспаао-ца, zu erklären. Zwei Handschriften ganz unter
schiedlicher Qualität (1241 und 1759) bezeugen die Lesart 9, und
auch zu der Handschrift mit Lesart 10 (680) hat keine von beiden

1 1 Die Lesart gibt also als solche keine Veranlassung zu einem Verbesserungs
versuch; vgl. dagegen DIBELIUS (132f.), der иара\Хау?| (fj) тротгЦс fl diroaia-
астцато? konjiziert. - MUßNER (92) versteht unter тротп^ die tägliche "Wende"
der Sonne im Zenit, aber seine LXX-Belege stimmen nicht: unter den "Erzeugnis
sen der Wenden der Sonne" (Dtn 33,14: yei/VjuaTa t|Xíou Tpouûv) sind eher die
Gaben der vier Jahreszeiten zu verstehen, und auch mit den Veränderungen der
Wenden (Sap 7,18: троишь dXXayal) ist in Entsprechung zum Kontext die
Abfolge der Sonnenwenden gemeint.
12 Vgl. GARDTHAUSEN, V.: Griechische Paläographie Bd.II, 21913, Taf. 6 u. 8
"ауа", Taf. 7 "ayy".
1 3 Zwei der drei Zeugen der LA 6 (62 und 1850) sind relativ eng verwandt.
14 Vgl. GARDTHAUSEN П, 350.
Jakobusbrief 213

eine engere Beziehung. Der Fehler ist anscheinend unabhängig


auch in der Vorlage der 680 aufgetreten.
Die Lesarten 11-1 1С dagegen scheinen aus einer anderen Quelle
zu stammen. Nach Hort käme die Übereinstimmung von 01* und
03 in Lesart 11 als regelrechter Bindefehler in Frage, der auf
geringen zeitlichen Abstand von einer gemeinsamen Vorlage
schließen ließe, wenn diese Übereinstimmung nicht die einzige
ihrer Art wäre; für diesen Fall erwägt Hort die Entstehung des
Genitivs аттоак1аац.атос aus аттосткСастца und nachfolgendem сштос,
das allerdings nur von einigen Minuskeln (181. 1524. 1751. 1852.
1875. 2374) bezeugt wird.15 Unter Berücksichtigung aller Faktoren
(vor allem des Variationsverhaltens von 01 und 03) sei aber eher
anzunehmen, daß die Endung -ато? in beiden Handschriften
unabhängig entstanden sei, "due either to thoughtless assimilation
to the preceding genitive or to a mental seperation of airó from
сткСааца and consequent correction of the supposed solecism"16.
Aus der Qualität der Bezeugung der Lesarten 11 und HC folgern
Hauck und Dibelius, daß die Textverderbnis tiefer sitze. Hauck
konjiziert ein ti nach ¿vi17, das zur Erklärung der Lesart HC palä-
ographisch nahezuliegen scheint, aber aus sprachlichen Gründen
kaum in Frage kommt. Es müßte ov8év heißen18, und daß der
Schreiber des 9ö23 dieses Wort nach oùk Ivi ausgelassen haben
könnte, ist paläographisch plausibel. Aber auch aus der konji-
zierten Lesart oùk £vi ov&kv ттараХХауг]? т\ тро-пт)? аттсхлааоиатос
sind die Lesarten 11 und 1/2 nicht zu erklären. Den gleichen
Mangel hat die von Dibelius vorgeschlagene Umstellung des fj19.
Unter der Voraussetzung jedoch, daß Lesart 1/2 ursprünglich ist,
erklärt Hort die Lesart 11, als deren Verbesserung HB ohne
weiteres zu verstehen ist, hinreichend. Lesart HC andererseits mag
auf die konjizierte Lesart oùk lvi oùôèv ... zurückgehen, die aus
einem Streben nach Intensivierung des Ausdrucks zu erklären
wäre.
Lesart 12 schließlich vermischt die Lesarten 1/2 und HB unter
Verwendung einer aus dem Oecumenius-Kommentar stam

15 Vgl. HORT 21 7f.


16 HORT 218.
17 Vgl. HAUCK 67f.
18 Vgl. K./G. ПД, 203f.
19 Vgl. oben Aran. 11.
214 Textkritischer Kommentar

menden Glosse20. Lesart 12B tilgt das tautologische r| тротгп und ist
Subvariante zu 12.

Somit ergibt sich das folgende vorläufige Lesartenstemma:

1/2 (>1/2B- 10) ттараХХаут! т| тротпт? атгоотаааца

11 тгараХХауп, т\ Konjektur: oußev ттараХХаугр


троту? аттоотаа^што? Л тротттр атгсхлаааиатос

11В ттараХХауг) т| 11С тгараХХяутг? т| тротт?


тротгп атхлаааиато? атгоотааоцатог

12 (>12В) тгараХХаут] т| тротт т| тротгт)? атгоохшо^а


ou6f uexpi WTOvoias' тию? штобоХт) атгооюлстцато?
►■

Die Lesart 1/2 wird auch von der Mehrzahl der stärker von der
Koine abweichenden Minuskeln bezeugt. Auch dies weist darauf
hin, daß es sich bei den Lesarten 11/ HC um Sonderfehler handelt,
die die "ältesten und besten" Handschriften hier von dem Überlie
ferungsstrang trennen, dem sie eigentlich angehören. Die Lesarten
HB und 12/12B zeigen, daß Lesart 11 weiterwirkte.
Lesart 12 ist eine Bindelesart der Gruppe 876, von der nur 2243
(als koinenächste Handschrift der Gruppe) mit Lesart 1/2 abweicht.
Die Zeugen der Lesart IIB andererseits gehören alle zur Gruppe
Hk, deren übrige Mitglieder außer 2138 hier die Mehrheitslesart
bezeugen21.

Teststelle 4/Jak 1,20


2 SiKtuoauiTiv 9eou ovk еоуаСетаи (85)
1 ou катеруаСетси (418)

20 Text des Oecumenius-Kommentars zur Stelle oben Anm. 10.


21 Daß 2138, eine Handschrift, die zum Kern der Gruppe Hk gehört, abweichend
die Lesart 12 bezeugt, läßt eine Beziehung zwischen Hk und der Gruppe 876
vermuten.
Jakobusbrief 215

IB оик катеруа£ета1 (1)


3 катеруаСетси (4)

Die Lesarten IB (Dittographie) und 3 (unsinnige Auslassung von


ou nach 0eoO (als Nomen sacrumüv), also eine Form von Haplo-
graphie) sind Subvarianten zu 1.
Zwar bezeichnet катеруоСеабси eher das Erreichen einer Wir
kung, ¿pydCeaöai eher den Vorgang des Bewirkens, aber ein greif
barer Bedeutungsunterschied zwischen den Lesarten 1 und 2 be
steht nicht. Beide Wörter kommen im NT recht häufig vor, кат-
epyaÇeoQai 22, ¿руаСеабсп 41 mal. Als Motiv für den Ersatz des
Simplex durch das Kompositum liegt Angleichung an Jak 1,3 (vgl.
Rom 4,15; 5,3) nahe22.
Zwar stehen Ol und 03 auf seiten des Simplex, aber eine große
Zahl von koinefernen Minuskeln, unter ihnen 1739 und die Grup
pe Hk, haben die Mehrheitslesart. Andererseits besteht die Bezeu
gung der Lesart 2 zu über zwei Dritteln aus Koinehandschriften,
was nochmals auf die Geringfügigkeit des Unterschieds zwischen
den beiden Lesarten hinweist. Die ältesten und besten Hand
schriften bezeugen die Lesart, für deren Veränderung sich eher ein
Motiv angeben läßt; aber die Ursprünglichkeit der Mehrheitslesart
ist damit nicht ausgeschlossen.
Die Übereinstimmung von 996 und 1661, die auch sonst nur
selten voneinander abweichen, in der unsinnigen Lesart 3 beweist
die große Nähe dieser Handschriften zu ihrer gemeinsamen Vor
lage, da Fehler dieser Art im Zuge der Überlieferung normaler
weise bald korrigiert werden23.

Teststelle 5/Jak 1,22


1/2 yiveofte Se ttoititcii Xoyou Kai и.« uovov акооатси (473)
3 акроатси \iovov (23) HBN
4 акроатси (6)

22 Zwar kommt in etwa gleichem Abstand auch ¿pyd£eo-6ai nochmals vor 0ak
2,9), aber mit dem Objekt duap-rtav, also einem Begriff aus dem entgegenge
setzten Wortfeld; eine Parallelisierung mit diesem Ausdruck ist daher wenig
wahrscheinlich.
23 Entsprechend wurde in den drei anderen Zeugen für diese Lesart (zu den in TT
genannten ist 2492* nachzutragen, 2494c unter LA 1) das fehlende où später
ergänzt.
216 Textkritischer Kommentar

5 (laXXoi/ акроатси (1)


6 vo\iov aKpoarai (1)

Die Lesarten 1/2 und 3 genügen dem Kontext gleich gut. Lesart 4
verstößt gegen die Aussageabsicht der Verse 1,22-25, da sie natür
lich nicht davor warnen wollen, das Wort überhaupt zu hören,
sondern davor, es beim Hören bewenden zu lassen. Lesart 5 ver
dirbt die Antithese тго1Т]та1/акроата1. Der in Lesart 6 zusätzlich ein
geführte Gegensatz von Хоуо? und vo^oç ist im Kontext nicht
motiviert.
Die Singulärlesarten náXXov (5) und vó\íov (6) sind aus der
optischen Ähnlichkeit mit \l6vov zu erklären. Die Auslassung von
\l6vov nach [ii] (4) wird durch gleiche Anfangsbuchstaben begünstigt.
Mögliche Motive für die Änderung 3 > 1/2: Hiatvermeidung,
Alliteration, Klärung des Bezugs von \i6vov (nicht zu ттараХоуС£о-
H.evoi); für die Änderung 1/2 > 3: Angleichung an 2,24.
Die Handschriften, die die Lesarten 4-6 bezeugen, sind sonst
zuverlässige Exemplare der Koine, so daß auch von dieser Seite die
Wahrscheinlichkeit bestätigt wird, daß hier bloße Subvarianten der
Mehrheitslesart vorliegen. Da die Teststellenkollationen zwischen
den Zeugen der Lesart 4 keine engeren Beziehungen erkennen
lassen, ist wohl auch die Auslassung mehreren Schreibern unab
hängig unterlaufen.
Lesart 3, übrigens ein Bindeglied zwischen 03, 1852 und der
Gruppe Hk, ist zwar nicht die schwierigere, aber sicher die weniger
glatte Lesart. Die Mehrheitslesart weist keinen Hiat auf und
empfiehlt sich außerdem durch Alliteration, während umgekehrt
unter der Voraussetzung der Ursprünglichkeit der Lesart 1/2 als
Motiv für die Umstellung von [lóvov nur Angleichung an 2,24 in
Frage kommt.

Teststelle 6/Jak 1,25


2 o Se ттаракифас ei? vo^ov TeXíioi/ ... Kai ттарац£1га? ADD owe акроаттр (28)
1 ADD ovroç (438)
IB ADD out(oç(34)
3 ADD Kai (2)

Die Charakterisierung dessen, bei dem Handeln und Hören im


rechten Verhältnis stehen, erfolgt nach Lesart 2 in drei partizi-
pialen Aussagen, die das Demonstrativpronomen оЬтос im letzten
Jakobusbrief 217

Kolon anaphorisch zusammenfaßt. Schon aufgrund der analogen


syntaktischen Struktur von V. 23 erwartet der Leser jedoch, daß
nach dem nachgestellten ка1 тгарац.е1уа? der Hauptsatz beginnt.
Stattdessen wird eine weitere Partizipialkonstruktion eingescho
ben. Die Mehrheitslesart geht mit der Einfügung von ойто? zum
Hauptsatz über und erreicht so eine scheinbar einfachere syntak
tische Gliederung. Dabei wird allerdings in Kauf genommen, daß
das Demonstrativum durch Wiederholung zuviel Gewicht be
kommt und der Gewinn an Übersichtlichkeit durch die nun not
wendige Ergänzung einer Form von eIi>ou zu yevo\xevoç beein
trächtigt wird.
Das оитшс der Lesart IB kann auf -napa\ieivaç bezogen werden und
stört die syntaktische Struktur nicht, ist aber mit einiger Sicherheit
auf Isochronie des o-Lauts zurückzuführen.
Lesart 3 vermeidet die syntaktische Unterordnung des dritten
Partizipialausdrucks und erleichtert damit das Verständnis.
Lesart 2 wird fast ausschließlich von den Handschriften bezeugt,
die sich am stärksten vom Mehrheitstext abheben. Bemerkens
werte Ausnahmen sind die sicher nicht enger verwandten Koine-
handschriften 1885 und 1894; angesichts ihres sonstigen Varia
tionsverhaltens ist aber anzunehmen, daß о5то? in ihnen durch
ein Versehen beim Kopieren des Byzantinischen Textes fehlt. Für
den Korrektor der 467 ist schon eher (aber wegen der intrinsischen
Schwäche der Lesart 1 keineswegs zwingend) Bekanntschaft mit
dem ursprünglichen Text vorauszusetzen.
Lesart IB (eine der wenigen Lesarten mit mehr als einer Hand
voll Zeugen, die nur von Koinehandschriften gelesen wird) kann
mehrfach durch gleiche Quantität des o-Lauts entstanden sein, aber
Verbesserungsabsicht ist nicht auszuschließen.
Es fällt auf, daß fast alle Zeugen der Lesart 1, die zu den
Handschriften mit über 50% Abweichungen vom Mehrheitstext
gehören, Mitglieder der Gruppe Hk sind. Ein früh entstandener
"Bindefehler" der Koine?

Teststelle 7/Jak 1,26


2 ei Tis бока 6pT|OKos eivcu (47)
1 eivai ev uuiv (402)
1В eivai ev t|uív (9)
3 ev v\llv eivai (41)
3B ev t\\liv eivai (2)
218 Textkritischer Kommentar

Da der Jakobusbrief aufgrund seines paränetischen Charakters im


mer wieder ausdrücklich die 2. Pers. PI. anspricht, geben sich die
Lesarten IB und 3B von vornherein als itazistische Entstellungen
der Lesarten 1 und 3 zu erkennen. Inhaltlich entsprechen die Lesar
ten, die kv b\ilv einfügen, dem Kontext ebensogut wie Lesart 2.
Die Zufügung ist als Angleichung an den Briefstil zu inter
pretieren, während für die Streichung des Präpositionalausdrucks
das Motiv fehlt. Die Umstellung von èv tyiîv vor den Infinitiv
dürfte der Hiatvermeidung dienen.
Die koinefernsten Handschriften sammeln sich fast alle bei
Lesart 2, wo andererseits nur einige wenige Koinehandschriften
und keine mit weniger als 10% Abweichungen vom Mehrheitstext
zu finden ist. Bemerkenswert ist, daß 996 (LA 3) hier von 1661 (LA
2) abweicht; vielleicht ist Lesart 3 doch manchmal unabhängig von
Lesart 1 entstanden.
Wie an Teststelle 6 kommen die koineferneren Handschriften
mit Lesart 1 als mögliche Bindeglieder zwischen Koine und älteren
Textformen in Frage.

Teststelle 8/Jak 2,3


2 ты птшхш eiirr|Te сти ott|9i £K£i л кавои шго то uttottoSiov (5)
I £K£i л. кавои шее vno то штоттооЧоу (439) «*"
1С £К£1 т| кавои шее итто то ttoSiov (1)
ID £K€i т| кавои шве шготгобюи (4)
IE екс1 т| кавои шВе то uttottoSioi' (2)
IF 6K€i т\ кавои ь> итто то uttottoSioi' (1)
IG ек£1 кавои ш8е vno то uttottoSioi' (1)
1Н £К£1 Т) Кавои Шб£ UTTO ТО TTOTToSlOV (1)
3 £K£i т| кавои Em то иттотгооЧо1> (18)
4 ekel Kai кавои итто то uttottoSioi' (1)
5 ti кавои £K£i итто то urroTToSiov (5) (H)
6 ti кавои £K£i fin то urroTroSioi/ (5)
7 £K£i Kai кавои шб€ итто то uttottoSiov (3)
8 ек£1 т| кавои ы&е em. то uttottoSioi' (18)
9 £K£i Т) кавои íúSf тгара то uttottoSioi' (1)
9В £K£i л кавои шб€ итто той? TToSas (1)
10 íüSí л. кавои £K£i итто то итготгобюч (1)
II £K£i £ТГ1 то uttottoSioi' (1)

Die Varianten betreffen a) die Bestimmung von crrfjOi т) кавои


durch die Adverbien èicet und йбе sowie deren Stellung und b) die
Präposition bei то úttottó8lov.
Jakobusbrief 219

a) 2 (=3) eicei т| кабои 02. 044. 33. 81. 206. 218. 429. 522. 614. 630. 9%. 1292.
1359. 1448. 1505. 1611. 1661. 1718. 1890. 2138. 2200. 2412.2495
I (=8, 9, 9В) eicei т| кабои wôe rell.
IF eicei т) кабои ш 464*
IG ека кабои ы8е 1115*
4 екб1 Kai кабои 04*
5 (=6) л кабои ека 03. 945. 1175. 1241. 1243. 1739. 1852. 2298. 2492
7 ек€1 Kai кабои ш8е 04С2. 582. 1702
10 шбе л кабои €К€1 365
II ека 1563

Die Lesarten IF, IG und 11 sind unsinnige Entstellungen des


Byzantinischen Textes, und auch die Lesarten 4 und 7 ergeben nur
unter der Bedingung einen Sinn, daß an abwechselndes Sitzen und
Stehen der Gläubigen im Gottesdienst gedacht sein sollte; die
schwache, nicht kohärente Bezeugung der letztgenannten Lesarten
läßt keinen Zweifel daran, daß es sich in beiden Fällen um den
gleichen Schreibfehler handelt, nämlich die Verwechslung von H
und einem Kürzel für Kai2*.
Die übrigen Lesarten entsprechen dem Kontext inhaltlich etwa
gleich gut, unterscheiden sich aber in Nuancen, die deutlich wer
den, wenn man die vorangehende Aufforderung an den Reichen
in die Überlegungen einbezieht:
Du setze dich hierauf den guten Platz, ...
(LA 2) du stelle dich dort hin oder setze dich unten an (3: auf)
meinen Schemel;
(LA 5) du stelle oder setze dich dort hin, unten an (6: auf) meinen
Schemel.
(LA 1) du stelle dich dort hin oder setze dich hier unten an (8: auf)
meinen Schemel.
(LA 10) du stelle dich hier hin oder setze dich dort unten an
meinen Schemel.
Die Korrespondenz von <58e und еке( unterstützt die antithe
tische Entsprechung der beiden Aufforderungen. Stilistisch gese
hen steht das zweite Adverb in den Lesarten 2 und 3 am besten: es

24 Ein к, dessen unterer Schrägstrich von einem weiteren Strich gekreuzt bzw. in
einem Bogen nach links unten fortgeführt wird (häufig z. B. in ip66, vgl. die
Abbildung bei E. G. TURNER, Greek Manuscripts of the Ancient World (Bulletin
Suppl. 46). London 21987, Nr. 63, Zeile 7 und 17 a. E.). Auch ein gängiges
Minuskelkürzel für Kat sieht einem т\ sehr ähnlich (vgl. GARDTHAUSEN II,
Taf. 5, Pal. Soc. 65.66 a.
220 Textkritischer Kommentar

hebt die Korrespondenz von кавои1 und ctttj0i hervor, während


кабои2 wegen des folgenden Präpositionalausdrucks keiner weiteren
Ortsbestimmung bedarf.
Das Fehlen einer Ortsangabe bei o"rf¡6i in den Lesarten 5 und 6
irritiert den Leser, denn er wird ¿ке1 unwillkürlich auch auf o-rr|8i
beziehen (stelle oder setze dich dort hin), zumal die beiden
Imperative durch fj eng miteinander verknüpft sind. Die Gefahr
einer Irritation des Lesers spricht gegen die Annahme, daß Lesart 5
aus 2 bewußt hergestellt wurde. Eine Veränderung der Lesart 5 in
Lesart 2 dagegen wäre aus dem Motiv zu erklären, den Anlaß
dieser Irritation zu vermeiden. Allerdings ist mit unmotivierter
Umstellung kurzer Wörter immer zu rechnen; möglicherweise
wurde irrtümlich nicht nur icdOou wiederholt, sondern auch das
Ortsadverb, das bei кавои1 steht.
In Lesart 1 stört das zweite ¿>8e nach кабои2 die Balance der Aus
drücke кабои Лбе1/ o-rfiöi èicei, zumal die zusätzliche Ortsbestimmung
überflüssig ist. Die am Ende der ersten Hälfte des Verses gebrauchte
Formulierung wird wiederholt, vielleicht bloß mechanisch, viel
leicht mit dem Ziel, eine zusätzliche Korrespondenz innerhalb der
Aufforderung an den Armen zu erreichen. Einen Gewinn an Klar
heit oder Eingängigkeit der Formulierung bringt die Mehrheits
lesart nicht; im Gegenteil, die überflüssige Wiederholung wirkt
ungelenk.
Die nur von einer Koinehandschrift bezeugte Lesart 10 lockert
darüber hinaus die Korrespondenz кабои /ott\Qi und dürfte keine
tiefere Ursache haben als die Verwechslung der im Byzantinischen
Text gesetzten Adverbien. Denkbar ist allerdings auch, daß Lesart 5
zugrunde liegt und nach dem Byzantinischen Text ergänzt wurde.
Durch die enge Verwandtschaft zwischen 1359 und 1718, die die
Lesart 2 (=3) bezeugen, und 1563 ist die Abhängigkeit der Lesart 11
von Lesart 2 gesichert.
So ergibt sich das folgende Lesartenstemma zum Variations
komplex a):
Jakobusbrief 221

b) 2 (=1,1FG,2,4,5,7,10) шго то wtottoSiov (439 + 16 Zeugen)


1С wto то TToSiov 680
ID uttottoSiov 61*. 496. 2401. 2696
IE то wtottoSloi' 2086
1H urro to ttottoSiov 2799
3 (=6,8,11) em то uttottoSioi' 03C2. 025. 044. 33. 206. 218. 322. 323. 429. 442. 522.
608. 614. 621. 630. 642. 808. 913. 945. 999. 1127. 1175. 1240. 1292. 1448.
1305. 1563. 1610. 1611. 1656. 1718. 1739. 1830. 1852. 1886. 1890. 2138. 2200.
2374. 2412. 2495. 2805 (42 Zeugen)
9 тгара то uttottoSiov 398
9B шго touç ттобау 2523

Obwohl man in den Synagogen der Antike normalerweise auf dem


Boden saß, ist hier unter îittottoSiov doch wohl der Platz für die
Füße eines erhöht Sitzenden zu verstehen.25 Daher ist die Lesart
¿Tri wenig passend: Warum sollte der Sprecher den Armen auf
fordern, sich auf seinen Schemel statt wie das gemeine Volk auf
den Boden zu setzen? Abgesehen von den offenkundigen Schreib

25 Vgl. MUßNER 118. - DIBELIUS sieht in irrrô то uttottoSiov lediglich "eine


Redensart ..., die nichts weiter bedeutet als 'auf den Boden'", aber gegen diese
Interpretation spricht das mit nur einer Ausnahme einhellig bezeugte folgende
цои {от. 044).
222 Textkritischer Kommentar

fehlem 1C-E und H fügen sich die übrigen Lesarten gleich gut in
den Kontext.
Die singulären oder nur von wenigen, nicht enger verwandten
Handschriften26 bezeugten Auslassungen einzelner Buchstaben,
Silben oder kurzer Wörter der Lesarten 1C-E und H sind ohne
weiteres als Entstellungen des Byzantinischen Textes zu erkennen.
Der Ersatz von ínró durch ¿Tri oder ттара beugt dem Mißverständnis
vor, der Arme könnte sogar unter den Schemel verbannt werden.
Lesart 9B ist möglicherweise eine interpretierende Mischlesart oder
eine in den Text geratene Glosse: ob úttó oder етг1 то úttottóSiov -
der Arme soll zu Füßen des Sprechenden sitzen.

1/2 (=1,1FG,2,4A7,10) uro то imoirooiov

9 viral ттара 3 (+ 6,8,11) uttoI em

Nur sehr wenige Zeugen haben den ursprünglichen Text in beiden


Variantenkomplexen der Teststelle. Es zeigte sich aber, daß für den
Variantenkomplex a) der als ursprünglich beurteilte Text von den
Zeugen der Lesart 2 und 3 der Teststelle bezeugt wird, während er
im Variantenkomplex b) mit dem Mehrheitstext übereinstimmt.
Die Schwäche der Bezeugung für Lesart 2 der Teststelle erklärt sich
also daraus, daß eine im Variantenkomplex b) früh aufgetretene
Glättung nicht in die Koine Eingang fand.

Teststelle 9/Jak 2,4


2 ou SieKpitftire ev eairroiç (140)
2 В ouxi 8i£icpienT£ 044
2C owe eSieicpiÖTyre 2544
1 Kai ou Si€Kpiör|T£ (360)
IB Kai ou 8шкр1вт1те 61*. 326*. 915. 1837. 2523
3 Kai SicKpiftriTi 322. 323. 629
4 oieKpienre 03*. 1852 h

26 Die nächsten Verwandten der vier Zeugen der Lesart ID bezeugen alle LA 1.
Jakobusbrief 223

Nach Lesart 2 schließt V. 4 als Apodosis in Form einer rhetorischen


Frage die in V. 2 beginnende, etwas weitschweifige, aber gut ausba
lancierte konditionale Periode ab. Die Intensivform der Partikel
(2B) und die Verdopplung des Augments (2C) haben keine Aus
wirkung auf den Sinn.
Das im Byzantinischen Text vor oí» eingefügte Kai stört den
Satzbau empfindlich, es sei denn, man konstruiert V. 4 nicht als
Frage- sondern als Aussagesatz27; aber das wäre mit dem voran
gehenden Beispiel für die Ungleichbehandlung von Arm und
Reich nicht zu vereinbaren28. Lesart 1 setzt die Reihe der Ver
knüpfungen mit Kai29 ohne Rücksicht auf den Kontext fort. Die
byzantinische Tradition überliefert mit unbeirrter Zuverlässigkeit
auch durch Unachtsamkeit entstandene sprachliche Härten, wenn
sie einmal in die Koine Eingang gefunden haben.
Der Konjunktiv der Lesart IB ist syntaktisch nicht zu halten.
Wahrscheinlich wurde der Modus mechanisch an den ¿dv-Satz
angeglichen.
In den Lesarten 3 und 4 fehlt die Verneinung, so daß die als
einfache Aussage verstandene Apodosis hier mit dem Kontext in
Einklang steht. Die Lesarten ohne Verneinung bzw. Fragepartikel
vermeiden die anspruchsvollere, aber vielleicht nicht unmittelbar
eingängige Formulierung.
Lesart 1 wird nur von wenigen stärker von der Koine abwei
chenden Handschriften bezeugt; die früheste stammt aus dem 9.
Jahrhundert. Die Edition Kr nimmt die vom Mehrheitstext abwei
chende, sprachlich und stilistisch bessere Lesart auf.
Die Handschriften, die das Kai akzeptieren, sind durch Lesarten
wie diese als Arbeiten zuverlässiger Kopisten gekennzeichnet. Die
wenigen koineferneren Minuskeln, die sie bezeugen, verdienen
besondere Aufmerksamkeit bei der Suche nach Bindegliedern
zwischen der Koine und älteren Textformen.

27 Dann hätte ка1...каС die Bedeutung sowohl ... als auch.


28 Schon der Oecumenius-Kommentar bezeichnet das ка[ am Anfang von V. 4 als
abundant, erklärt aber où Sieicpteiyre als Aussagesatz mit den Worten то Sia-
KpiTixôv b\Lûv 6Чефве1рате (PG 119, 473B; vgl. Theophyl. PG 125, 1152C/D).
Diese für V. 4a immerhin mögliche Interpretation scheitert an V. 4b, wo doch
klar gesagt ist, daß die Angeredeten urteilen, wenn auch mit schlechten
Gründen.
29 Die Koine hat auch am Anfang von V. 3 ка1 emßXeiJnrre statt етт1.рх£фт|те Sé.
224 Textkritischer Kommentar

Teststelle W/Jak 2,5


2 еСеХбСато touç тгтыхоис tu корцы (12)
2B ev кооцы (4)
2C ev ты кооцы (2)
2D Kai ты кооцы (1)
1 тои кооцои (459)
IB кооцои (1)
3 тои кооцои тоитои (31)

Außer der Lesart 2D, nach der auch die in der Welt Reichen zu den
Erwählten gehören können, genügen alle Varianten dem Kontext.
Der Dativ der Beziehung ist im NT zwar keine Seltenheit30, aber
zur Kennzeichnung des Verhältnisses von Personen oder ihrer
Eigenschaften zur Welt wird er nur hier verwendet. Die etwas
hochgestochen wirkende Formulierung ist durch den in solchen
Zusammenhängen üblichen Genitiv31 oder einen Präpositional-
ausdruck ersetzt worden. Die Erweiterung der Mehrheitslesart
durch das Demonstrativpronomen (LA 3) ist durch die Geläufig
keit der so entstehenden Wendung bedingt.
Lesart 2 wird ausschließlich von Handschriften mit über 40%
Abweichungen vom Mehrheitstext bezeugt. 2B ist Gruppenlesart
der Koinehandschriften 76. 1743. 2746, die aber keine engere
Beziehung zu 808 haben.

Teststelle U/Jak 2,18


2 8«i£oi' Ц01 TT)!/ moTiv oou XBJ&S тин* epyuiv (57)
1 £K (451)

Nach dem ersten Abschnitt der Erörterung des Verhältnisses von


Glaube und Werken (2,14-26), der mit der Feststellung endet, f|
Trían?, èàv \rf\ Ixrj ?pya, veicpá ¿cmv каб' ècurrriv (2,17), wird der
mittlere Abschnitt dieser Erörterung mit dem Argument eines
fiktiven Gesprächspartners eingeleitet: 'AM' ¿peî tiç- ctù irlonv
exeiç, кауш ёруа ехш (2,18a), als sei Glaube unabhängig von ent
sprechendem Handeln, (christliches) Handeln ohne entsprechen
den Glauben möglich. Der fiktive Gesprächspartner sucht also eine

30 Vgl. BDR 197.


31 Vgl. vor allem IKor l,27f.
Jakobusbrief 225

vermittelnde Position einzunehmen.32 Dagegen wendet der Autor


in eigener Person ein: (18b) Zeige mir deinen Glauben ohne die
Werke, und ich werde dir aufgrund meiner Werke den Glauben
zeigen. Die Antwort, die der Autor aufgrund des Postulats eines
Glaubens ohne Werke erwartet, ist seiner (rhetorischen) Rückfrage
in V. 19a zu entnehmen: Du glaubst, daß Gott einzig ist? - Ironisch
fährt er fort: (19b) Gut tust du (daran), - da bist du in guter
Gesellschaft -, sogar die Dämonen glauben (dies) und schaudern. 33
Nachdem der Autor so zwar die Möglichkeit eines Glaubens
Xcuplç tûv Ipywv eingeräumt, sogleich aber dessen Nichtigkeit
durch das Beispiel der Dämonen aufgewiesen hat, zeigt er nun an
den Beispielen des Isaakopfers und des Verhaltens der Raab, öti f|
Tiicms хшР^? T<3v èpycov dpyi'i ècrnv (V. 20), und resümiert am Ende
des Abschnitts (in der Formulierung an V. 17 anknüpfend): шатгер
уар то стшца хшр1? TTveú^aTo? veKpóv ècrriv, ойтыс ка! rj irlariç
Xioplç ¿рушу veKpd èoriv. Der Trían? Хшр1? êpyùn>, deren Möglich
keit der fiktive Gesprächspartner in V. 18 gefordert hatte, wird im
Innern des Abschnitts die Rechtfertigung bzw. die Vollendung des
Glaubens ¿Ç Epywv gegenübergestellt:

32 Die sog. "Sekundantenhypothese", der sich MUßNER (S. 137f.) anschließt,


interpretiert die Verse 18f. (bzw. den ganzen Abschnitt bis V. 26, vgl. MUßNER
139) als Stellungnahme eines Parteigängers des Autors. Diese Auffassung ist
aber mit der formelhaften Einleitung àXX' ¿peí ti? nicht zu vereinbaren, mit
der in der Diatribe ein Einwand gegen die Argumentation des Sprechenden
eingeführt wird (vgl. DIBELIUS 185f.; BULTMANN, Der Stil der Paulinischen
Predigt und die kynisch-stoische Diatribe (FRLANT 13). Göttingen 1910, 10 u.
66f.; THYEN 1955, 41).
33 Zu dieser Interpretation vgl. DIBELIUS 190-193. Mit DIBELIUS stimmt С
BURCHARD (Zu Jakobus 2,14-26, ZNW 71, 1980, 27-45 [bes. 35-39]) im wesentli
chen überein; er hält allerdings das каХшс iroicís1 in V. 19b für "aufrichtig ge
meint" und sieht darin "die Demut der Geschöpfe vor dem Schöpfer" ausge
drückt (S. 39).
- Die Schwäche der hier vertretenen Interpretation besteht einerseits darin,
daß für eine vermittelnde Aussage in dem Sinne, daß der eine Glaube, der
andere Werke habe, eine Formulierung mit 6 [ièv...b Sé näher liegt;
andererseits darin, daß kein sprachliches Signal den Sprecherwechsel vor V.
18b anzeigt. Aber alle anderen Interpretationen befriedigen noch weniger. Z. B.
verlangt C. E. DONKER (Der Verfasser des Jak und sein Gegner, ZNW 72, 1981,
227-240) dem Rezipienten sicher zuviel interpretatorischen Scharfsinn ab,
wenn er die Verse 18f. beide als Einwand gegen Jakobus deuten will. Das
gleiche gilt für den Vorschlag von H. NEITZEL (Eine alte crux interpretum im
Jakobusbrief 2,18, ZNW 73, 1982, 286-293), nach dem sich der fiktive Einwand
auf die ungläubige Frage ov nlcmv ?х£1?; beschränkt und icdyw (sc. èp<2) als
Signal für Sprecherwechsel aufzufassen ist.
226 Textkritischer Kommentar

-'Aßpactu oùk è£ Épyon/ ескксиш&п; (V.21);


- ек tûv «fpyiov f) irtcm.? ¿теХашвп (V. 22);
- èÇ Ipyw 8iKaioûrai àvQpbmoç ка1 oùk ¿k тНотеш? aóvoy (V. 24);
-ка1 'Paaß ... oík èÇ tpyw ебскакивп; (V. 25).
Da der Autor sich also in den Versen 19-26 gegen einen Stand
punkt wendet, der auch die Möglichkeit eines Glaubens ohne Wer
ke gelten läßt, steht fest, daß auch in V. 18 einer hypothetischen
•nicm? XupW tûv Ipyiùv die irían? ек tûv üpywv gegenübergestellt
wird. Zweitens steht fest, daß die Mehrheitslesart ohne Beachtung
des Kontextes entstanden sein muß, da es in den folgenden Versen
ganz offenkundig nicht um den Vergleich zweier Formen des
Glaubens ек tûv Épywv geht.
Ebendiese Auffassung muß man jedoch für den Byzantinischen
Text voraussetzen, zumal seine Zeugen in V. 18 fast einhellig nach
ttíotiv2 das Pronomen сои, nach ttícttiv3 das Pronomen uou er
gänzen. Daß schon der Ersatz von хшР'? durch ¿к ein Versuch sein
sollte, den schwierigen Text zu glätten, ist aber doch unwahr
scheinlich, da allzu klar auf der Hand liegt, daß die Lesart 1 dies
nicht leistet.34 So ist sie wohl als versehentliche Angleichung an
die Formulierung im letzten Kolon des Verses zu sehen, der man
später durch die Einfügung der Possessivpronomina ein Mini
mum an Sinn abzugewinnen versuchte.

Teststelle 12/Jak 2,19


2 marexxiç otl eig eariv o 9eog (9)
1 on о Оеос £i? eariv (412)
IB on веос ei? etmv (50)
2В on £iç £<mi> beoç (4)
3 on eis о веос eariv (8) h S
4 on eiç 6eoç fcrnv (21) (H)
5 on о Oeoç eanv (3)
6 on Qeoç £<mv (3)
6B <m earn» веос (1)

Alle Lesarten außer 5, 6 und 6B, in denen et? wahrscheinlich durch


Schreiberversehen fehlt, enthalten das vom Kontext geforderte

34 Die altlateinische Handschrift ff zeigt, daß der Schwierigkeit des Textes


durch einen vergleichsweise geringfügigen Eingriff sehr viel wirksamer
beizukommen ist. Sie liest in V. 18a tu operam habes, ego fidem habeo.
Jakobusbrief 227

Bekenntnis zu einem indifferenten Monotheismus35. Eine anti-


judaistische Tendenz weist der Jakobusbrief nicht auf, so daß eine
einem Juden näherliegende Formulierung noch keinen größeren
Anspruch auf Ursprünglichkeit machen kann.
Eine "Vorsortierung" der Varianten ergibt sich aus Voran- oder
Nachstellung von (6) бео? unter Berücksichtigung der Bezeugung.
Weder die Auslassung von ó (09Ü) noch die von elç (EICECTIN) ist
ein dazu geeignetes Kriterium, weil sie paläographisch allzu nahe
liegen. Daher läßt sich auch Dibelius' Auffassung, Lesart 4 sei "der
Anpassung an das christliche Kerygma verdächtig ..., da alle ande
ren Lesarten ó bezeugen"36, so nicht aufrechterhalten. Der Artikel
fehlt auch in der Lesart IB, aber Sprachgestalt und Bezeugung
erweisen sie als Entstellung der Lesart 1 durch eine Form von
Haplographie. Dies gilt mutatis mutandis ebenso für die Lesarten 5
und 6.
Mit der gleichen Fehlerquelle ist auch für die Entstehung der
Lesarten 2B (<2), 4 (<3) und 6B zu rechnen, auch wenn sie nicht
ihre einzige Ursache sein muß37. In der Tat steht in den keryg-
matischen Formeln, die Dibelius anführt (IKor 8,6; Eph 4,6; lTim
2,5), öeo? ohne Artikel; ausschlaggebend für Entstehung und Über
lieferung der Varianten von Jak 1,19 ist aber wohl die Stellung des
et?, das an den angeführten Stellen und in einer Fülle von weite
ren Zeugnissen für die christliche Verwendung der eI?-6eó?-For-
mel38 voransteht, - nicht aber im Bekenntnis zum einzigen Gott
am Anfang des Sch'ma39, dem nach Dibelius40 die ursprüngliche
Lesart unserer Stelle nahe kommen soll. Durch die Stellung des ei?
steht vielmehr die Mehrheitslesart dem Sch'ma am nächsten,
wohl infolge einer (nicht notwendig bewußten) Angleichung.
Das folgende Lesartenstemma setzt nur für die Entstehung der
Lesarten 1 und 3 aus 2 bewußte Änderungen voraus:

35 Entsprechend ist etç 9eoç als "synkretistische Einheitsformel" für verschie


dene heidnische Kulte belegt; vgl. PETERSON, E. EIZ 9E0E. Göttingen 1926,
S. 253ff.
36 DIBELIUS 195.
37 In LA 2B kann auch Parallelisierung mit Jak 4,12 vorliegen, in LA 4 Anglei
chung an die "synkretistische Einheitsformel".
38 Vgl. PETERSON a.a.O. (Anm. 35).
39 Dtn 6,4: Kiipvoç 6 9еос f)uûf Kbpioç e\s èonv; die Stellung des e\ç entspricht
dem hebräischen Original.
40 S. 195f.
228 Textkritischer Kommentar

2 eiç eoTiv о Geoç

1 о Qeos eiç eoni' 3 eis о Oeoç eonv

5 о Оео? ecrriv IB Oeoç eiç €0711» 2В îlç £0x11» Оео? 4 eis веос ecrrii'

6 веос eonv 6В eonv вео?

Teststelle 13/Jak 2,20


2 т| топу ХИ*? тшр «рушу аруп еотн/ (8)
1 veKpa (499) S
3 К€1/Г| (1)

Inhaltlich ist an keiner der Lesarten Anstoß zu nehmen. Lesart 1


gleicht die Wortwahl an 2,17 und 2,26 an. Für den Ersatz von vexpd
durch dpyrt, dagegen ist kein Motiv zu erkennen. Lesart 3 pointiert
die Aussage durch Paronomasie.

Teststelle 14/Jak 2,24


2 орате ADD oti е£ epY0)i> Висспоитса (63)*^
1 ADD Toii/w (446)

Die Einfügung der Partikel ist offenkundig als stilistische Glättung


zu beurteilen. Sie hat sich erst spät durchgesetzt, denn nur wenige
und späte stärker von der Koine abweichende Handschriften be
zeugen Lesart 1, nur zwei Koinehandschriften (180* und 1885T)
Lesart 2. Da die Auslassung von toIvvv paläographisch nicht nahe
liegt, ist der Schluß zulässig, daß letztere den ursprünglichen Text
bewahrt haben.

4 1 Die in TT an Teststelle 14 durch Kollationsfehler als Zeugen für LA 3 gebuchten


Zeugen 429, 522, 630 und 2200 lesen оитшс nicht als Additamentum, sondern
anstelle des folgenden oti; außerdem weist 429 hier keine Alternativlesart
auf. LA 3 der Teststelle 14 und das L bei 429 unter LA 2 sind daher zu streichen,
522, 630 und 2200 unter LA 2 zu notieren.
Jakobusbrief 229

Teststelle 15/Jak 3,3


2 eis та aro\iara ßaXXo|j.ev eig то irei,8€a8ai (12)
1 яро? то TTeieeotou. (483) S
IB про? tío TTEi6eo6ai (1)
1С про? то ттеттеюбш. (2)
3 тш TTeiOeaeai (3)

Sowohl et? то als auch тгро? то mit Infinitiv bezeichnen den


Zweck oder die Folge, wobei el? то (besonders bei Paulus) deutlich
häufiger vorkommt als тгро? то (im ganzen NT zwölfmal, immer
mit dem Inf. Aor.)42. Zunächst ist also festzustellen, daß die
Lesarten 1 und 2 dem Kontext gleich gut genügen und daß ein
gewisses Normalisierungsgefälle zugunsten der Lesart 2 vorliegt.
Die Präposition el? kommt jedoch wenig weiter vorn im Satz
schon einmal vor, hat dort aber lokale Bedeutung. Die Wieder
holung der gleichen Präposition mit finalem Sinn im Abstand von
nur drei Wörtern ist eine stilistische Härte, die das Normali
sierungsgefälle nicht zum Tragen kommen läßt und sicher als
Motiv für einen editorischen Eingriff zugunsten der Lesart 1 zu
werten ist. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß Lesart 2 die ur
sprüngliche ist.
Dieser Beurteilung entspricht die Bezeugung: Bis auf eine wei
chen die 12 Handschriften mit Lesart 2 an mehr als 50% der Test
stellen vom Mehrheitstext ab, und auch diese (398) ist keine Koine-
handschrift.
Mit dem Dativ hat тгро? im NT ausschließlich lokale Bedeu
tung43, was an dieser Stelle ebensowenig Sinn ergibt wie zusätzlich
zu nach klassischem Sprachgebrauch; daher ist Lesart IB sicher
durch Verwechslung von ты und то wegen gleicher Quantität des
o-Lauts entstanden. Auch das Perfekt der Lesart 1С dürfte kaum als
Verbesserung gegenüber dem in dieser Junktur im NT sonst
immer gesetzten Aorist empfunden worden sein, und Lesart 3 ist
sprachlich kaum zu halten, da es einen eigentlichen finalen Dativ
im Griechischen nicht gibt.
Daß Lesart 3 auf 1 zurückgeht, gibt zwar die Lesart selbst nicht zu
erkennen, ist aber wegen der Bezeugung durch Koinehand-
schriften sehr wahrscheinlich. Zwei der Zeugen (330. 451) sind eng
miteinander und immer noch deutlich mit dem dritten (43) ver-

42 Vgl. BDR 402.


43 Vgl. BDR 240.
230 Textkritischer Kommentar

wandt. Der Fehler ist in dieser kleinen Gruppe von Koinehand-


schriften wohl deshalb weiterüberliefert worden, weil ты als finaler
Dativ verstanden wurde44.

Teststelle 16/Jak 3,8(1)


2 tt|v Se -yXiuoaav ouSeig 8au.aoai SuvaTai аубршттшу (5)
1 ouSeiç SuvaTai av6pumu)v Sauaaai (426)
IB ousels' SuvaTai rav av6pG>iTü>v Sau.aaai (1)
Зоибе^ SuvaTai Sa^aaai avOpumiiv (60) TSVВ
4 ouSeiç avôpbyiuuv Sauaaai SuvaTai (1)
5 бацааса ouSeiç SuvaTai avSpamcuv (1)
6 ouSei? SuvaTai avSpuv Sau.aaai (1)
7ou6ei? SuvaTai Sau.aaai (7)
8 ouSei? SuvaTai (4)

Die Lesarten unterscheiden sich inhaltlich kaum. Dies gilt selbst


für die Lesarten 7 und 8, da der Genitiv für das Verständnis nicht
notwendig, der Infinitiv бацааси aus V. 7b leicht zu ergänzen ist.
Formal unterscheiden sich die Lesarten vor allem durch die Stel
lung des Genitivs und die Reihenfolge von Infinitiv und finitem
Verb. Die Endstellung des Genitivs, die den Ausdruck abrundet,
indem Nomen regens und rectum das Prädikat umschließen, ist
ausgezeichnet bezeugt und daher wohl als ursprünglich zu beur
teilen. Weder nach inneren Kriterien noch aufgrund der Bezeu
gung ist aber zu entscheiden, ob бацааси eher vor oder nach SuvaTai
zu setzen ist. Die Position des Genitivs zwischen Verbum finitum
und Infinitiv bewirkt eine gewisse Spannung, betont Sauáaai und
damit die Gegenüberstellung der Macht des Menschen über alle
Geschöpfe und seiner Unfähigkeit, die eigene Zunge zu beherr
schen, innewohnt.
So mag Lesart 1 als stilistische Verbesserung der Lesart 3 (Rei
henfolge der Verben) gedacht sein. Der Zusatz des Artikels in IB

44 Die Handschriften 43. 330. 451. sind nach dem bis heute gültigen System
akzentuiert; da sie übereinstimmend t<3 haben, steht fest, daß tatsächlich ein
Dativ gemeint ist. Gegen die Möglichkeit, daß er nach Auffassung der Schrei
ber als Instrumentalis zur Apodosis gehörte, spricht die Interpunktion: in allen
drei Handschriften werden Kommata durch Hochpunkte abgetrennt; in der 330
steht ein Hochpunkt nach аитои?, in 43 и. 451 nach t|u.tv. Die Schreiber geben тш
also tatsächlich finalen Sinn. Dieses Verständnis wurde möglicherweise durch
den seltenen direktiv-finalen Dativ (vgl. SCHWYZER II,139f.) oder den
Instrumentalis mit finaler Konnotation (vgl. MAYSER 11,2,147) begünstigt, ist
aber sonst nicht belegt.
Jakobusbrief 231

und die Synonymenvertauschung in 6, die wohl durch Nomen-


sacrum-Kürzung avcüv in der Vorlage begünstigt wurde, variieren
offensichtlich die Mehrheitslesart.
Die von vier Koinehandschriften bezeugte Auslassung in Lesart
8 ist mit einiger Sicherheit aus dem Homoioteleuton Bvvarai/
öapLctaai im Byzantinischen Text zu erklären. Da die vier Zeugen
(496. 631. 636. 2696) auch anderes Sondergut gemeinsam haben,
andererseits der für das Verständnis erforderliche Infinitiv aus
dem Kontext leicht zu ergänzen ist, entstand der Fehler wohl nicht
mehrfach unabhängig, sondern wurde weiterüberliefert.
Auch die Lesart 7 ist wahrscheinlich aus Lesart 1 entstanden, ob
wohl aufgrund des Wortbestandes auch Lesart 3 in Frage kommt;
aber die nächsten Verwandten aller 7 Zeugen lesen den Byzanti
nischen Text dieser Stelle.
Die Lesarten 2, 3 und 5 verbindet die Endstellung des Genitivs.
Dieser steht zwar in der Handschrift 33 direkt hinter oûSeiç (LA 5),
aber außer der bekannten Nähe dieser Minuskel zu den "alexan-
drinischen" Zeugen spricht die Reihenfolge Infinitiv/ finites Verb
für die Nähe ihrer Lesart zu Lesart 2.
Die Stellung von dv9pcüiTü)v direkt nach ov&eiç (LA 4) in der Bi
lingue 629 entspricht dem lateinischen Text (nullus hominum
domare potest).

Teststelle 17/Jak 3,8(2)


2 акатщттатоу koucov (13)
1 акатаохетои (492) S

Nachdem in der ersten Hälfte des Verses von der Unbeherrsch-


barkeit der Zunge die Rede war, scheint акатаахето?, nicht zu
bändigen, ein passenderes Adjektiv zur Charakterisierung des von
diesem Organ ausgehenden Übels zu sein als акатаатато?, unruhig,
unstet. Beide Wörter sind wenig belegt, kommen aber auch in der
christlichen Literatur und der LXX gelegentlich vor. Ein Gefälle
aufgrund größerer Geläufigkeit besteht weder in die eine noch in
die andere Richtung. Jak verwendet амсатаататос (passender) auch
in 1,8; aber eine Angleichung des Ausducks in 3,8 an diese Stelle,
die v. Soden annimmt, liegt keineswegs nahe.
Da акатаахетоу besser mit dem Kontext kongruiert, ist eher
anzunehmen, daß ursprüngliches акатасттатоу durch einen gering
232 Textkritischer Kommentar

fügigen Eingriff verändert wurde als umgekehrt45, zumal dem


Leser so eine Übertragungsarbeit abgenommen wird; denn natür
lich ist nicht das Übel unstet, sondern die Zunge.
Von den 13 Zeugen der Lesart 2 sind 4 Koinehandschriften,
darunter 018, die an weniger als 10% der Teststellen vom Mehr
heitstext abweichen. Die übrigen Zeugen gehören bis auf 025 zu
den "ältesten und besten". Da nicht anzunehmen ist, daß Lesart 2
durch Schreiberversehen aus 1 entstand, muß man schließen, daß
auch eine von griechischen Handschriften kaum bezeugte alte
Lesart über das 9. Jahrhundert hinaus bekannt bleiben und in den
Text aufgenommen werden konnte. (Allerdings ist zu beachten,
daß die lateinische Überlieferung fast geschlossen die Lesart 2
bezeugt.)

Teststelle 18/Jak 4,4


2 uoiYaXiSeg owe oi&rre (9)
1 |ioixoi Kai uoi.xaAi.8es (496)
IB (jloixoi uoixaAiSes' (1)
3 uoixoi (1)

Das Femininum jioixaXÍSe? scheint zunächst unpassend, da die


Adressaten sicher auch männlichen Geschlechts sind. Aber hinter
diesem Schimpfwort steht das traditionelle Bild vom lepo? уацос
Gottes mit dem Volk Israel, das durch den Abfall zur Dirne wird
(vgl. z. B. Hos 1-3)46. Die Selbstverständlichkeit, mit der der Aus
druck yeveà цхнхаХ!? Mk 8,38; Mt 12,39; 16,4 verwendet wird, zeigt
die allgemeine Verbreitung dieser Vorstellung. Daher können in
Jak 4,4 diejenigen, denen vorgeworfen wird, daß sie die <f>iXia toü
коацои suchen, unabhängig von ihrem Geschlecht als "Ehebreche
rinnen" angeredet werden.
Lesart 1 verläßt die Bildebene und wendet den Vorwurf ins Kon
krete; aber die Benennung des Vergehens der Ehebrüchigen als
(f>i\ia toü k6o\iov zeigt, daß nicht der konkrete Wortsinn gemeint
ist.

45 So auch METZGER 611.


46 Weitere Belege bei DIBELIUS 263 und MUßNER 180. - Vgl. ferner SCHMITT, J. J.:
You adulteresses! The image in James 4,4. NT 28, 1986, 327-337. SCHMITT sieht
Prov 30Д0 im Hintergrund.
Jakobusbrief 233

Zwar ist immerhin denkbar, daß Lesart 2 durch Auslassung we


gen des Homoiarktons aus Lesart 1 entstand, aber das Motiv für die
Einfügung von noixol ка1 liegt zu klar auf der Hand, als daß mit
dieser Möglichkeit ernstlich gerechnet werden müßte. Die ver
meintliche Verbesserung banalisiert den Ausdruck.
Lesart 3 ist eine der vielen Angleichungen an den lateinischen
Text (adulteri) in 629.
Die Bezeugung der Lesart 2 besteht ausschließlich aus Hand
schriften, die ursprungsnahe Textformen repräsentieren.

Teststelle 19/Jak 4,9


1/2 таХа11гь)рт|аат£ kqi ттеуОтутате кса кХаиаате (468)
3 Kai ei тте^бгцште Kai кХаиаате 327
4 Kai ireveriaaTe Kai кХаиоете 38*. 88. 254. 1831
6 Kai тте^аате кХаиаате Ol. 02. 601*. 1899. 2298 T
7 Kai кХаиаате Kai тге^аате 917. 1105. 1874*. 1877
8 Kai кХаиаате 049. 43. 93. 131. 378*. 608. 619. 626*. 665*. 1162. 1854. 2194
9 Kai ттеквпаате 36. 307. 453. 468. 615. 629. 720*. 918. 1678. 1840. 2186. 2197. 2344
10 Kai irei^aaTe et pon. Kai кХаиаате ante KapSia? (V. 8) : ... (8) ... Kai аууюате-
Kai кХаиаате карою? 8i(|wxoi (9) таХдппиртктате Kai uei^aaTe. о уеХшс
...94

Die übliche Übersetzung dieser drei Imperative lautet etwa: (weh)-


klagt und trauert und weint. Aber TaXaiTrwpeiv bedeutet sonst nir
gends klagen, sondern Mühsal auf sich nehmen, erdulden, wie
auch die Vulgata mit der Übersetzung miseri estis zeigt. Neben
■nevQelv (trauern, klagen, häufig um einen Toten) wirkt icXateiv eher
schwach, so daß in der Folge von Imperativen wohl keine Klimax
zu sehen ist47. Die Verbindung nevOeiv ка1 KÀaieiv kommt im NT
öfter vor48 und ist hier wohl als Hendiadyoin zum Ausdruck der
TaXaiTfcopia zu interpretieren, der die Angeredeten sich nicht
verschließen sollen: erduldet das Elend und wehklagt und weint!
Die Lesarten 3 (Kombination von el mit dem Imperativ) und 4
(unmotiviertes Futur кХсшаете) sind unsinnig. In Lesart 6 ist Kai
wahrscheinlich wegen der Ähnlichkeit der Buchstabenverbindun
gen KA und КЛ in der Majuskelschrift ausgefallen. Die Auslassung

47 Vgl. dagegen HAUCK 203, nach dessen Interpretation "in dem кХаиаате noch
einmal eine Steigerung liegt". - Aufgrund der gleichen Deutung übersetzt
WINDISCH (S. 28) "heult".
48 Vgl. Mk 16,10; Lk 6,25; femer Offb 18,15.19, wo passender (a minore ad maius)
die Form von кХаСеи/ voransteht.
234 Textkritischer Kommentar

eines der beiden letzten Imperative (LA 8 und 9) sollte mögli


cherweise den als redundant empfundenen Ausdruck verbessern -
allerdings liegt hier Auslassung durch Homoioteleuton sehr nahe.
Lesart 7 kann zwar ab stilistische Verbesserung, vielleicht in An
lehnung an Offb 18,15.19, gesehen werden, aber wie so viele Um
stellungen kann auch diese, begünstigt durch Homoioteleuton,
versehentlich unterlaufen sein. Lesart 9 wird von allen Hand
schriften der Gruppe 453 bezeugt, indirekt auch von der 94 (LA 10),
die die in 720 gelungene Korrektur nach Lesart 1/2 falsch plaziert.
Lesart 9 ist Bindelesart der Gruppe 36; aber die Bezeugung, die
dieser Gruppe nicht zugeordnet werden kann, zeigt, daß die Lesart
auch unabhängig entstand. Bei Lesart 8 hängen nur 93 und 665
sowie 049 und 1854 enger zusammen, bei Lesart 7 sind 917 und 1874
eng, 1877 mit beiden noch, 1105 mit den drei anderen nicht ver
wandt. Zwischen den Zeugen der Lesarten 4 und 6 ist keine Kohä
renz festzustellen.

Teststelle 20/Iak 4,11


2 о катаХа\ш> абеХфои л KOtitof tw абеХфос (77)
1 (COL KpiVblf (420)
3 ti Kpivei (1)
4 Kai катакри'Ш' (1)

Zwischen den Lesarten 2 und 1 besteht kein erheblicher Bedeu


tungsunterschied; aber Lesart 1 macht die Parallele mit der zweiten
Satzhälfte (катаХаХеХ vó^ou ка1 Kpíveí vóuov) perfekt; Lesart 4 ver
stärkt zusätzlich den Ausdruck, aber wohl nur versehentlich das
Präfix des ersten Partizips wiederholend. Bei Lesart 3, mit der 1838
als einzige Handschrift der Gruppe 1838 von Lesart 2 abweicht, ist
die finite Form aus der zweiten Satzhälfte eingedrungen.
Mit einer Lockerung der Parallelität durch Ersatz von ursprüng
lichem Kai durch i\ ist nicht zu rechnen. Ein entsprechendes
Versehen liegt nicht nahe.
Geht man davon aus, daß der zu kopierende Text in der Zeit
unangefochtener Dominanz der Koine kontrolliert wurde, kann
die Lesart 2 wegen der Unerheblichkeit der Abweichung vom
Byzantinischen Text dieser Kontrolle entgangen sein.
Jakobusbrief 235

Teststelle 21/Jak 5,7


2 ecos ХаВл проток Kai схКцоу (1)
1 XaßT| иеток ттрилцоу Kai офцдхл» (439)
IB XaßT| uítov ттроцюу Kai оф^ок (32) IS] VIM]
1С Xaßoi петой тгрилцоу Kai оф1цок (14)
ID Xaßri исток ттршцок оф1Ц0У (1)
IE Xaßri исток оф1аок Kai пробок (1)
IF Xaßoi исток офгщок Kai ттронцок (1)
IG Xaßr| av исток ттролцор оффок (1)
2B Xaßri ттрцяцок Kai офщок (9)
2C Xaßri Kai tow irpoip.oi' Kai оф1цок (1)
3 исток XaßT| тгрьлцок Kai оффо^ (4)
4 Xaßri картгок Trpoi|ioK Kai офьцок (3)
4B Xaßri картгок тгранцок Kai оффоу (1)
4C Xaßoi картгок тгрощок Kai офцюу (1)
4D XaßT| картгок ток тгрощок Kai офщок (1)

Da bei den Kollationen nicht berücksichtigt wurde, ob áv vor Xaßrj


oder Xaßoi steht oder nicht, werden die Varianten zu Xdßrj hier nicht
behandelt.49 Auch die genealogisch nicht signifikante, orthogra
phisch oder etymologisch bedingte Variante тгроСцоу/тгрш^ои50
kann vorerst außer Betracht bleiben. Nach entsprechender Zusam
menfassung der Lesarten bleiben drei Variantenkomplexe:

49 Nach den Ausgaben und den Vollkollationen zu Jak hat der Byzantinische Text
Konj. ohne dV, aber viele Handschriften verschiedener Provenienz lesen Konj.
+dV; der Optativ kommt sowohl mit als auch ohne dV nur sporadisch vor und
dürfte auf nazistische Verschreibung der Konjunktivform zurückgehen.
Bei 2u>s in der Bedeutung bis steht klassisch regelmäßig, im NT oft àv mit dem
Konj., wenn das Satzgefüge wie hier ein allgemein gültiges Geschehen aussagt
(vgl. BDR 383,2; 455,3). Iterativer Opt. ohne àv kann ein attizistischer Verbes
serungsversuch sein (vgl. MAYSER 11,1,289 Anm. 2), obwohl klassisch im über
geordneten Satz ein Nebentempus stehen müßte (vgl. K./G. П,2, 450; die ebd.
451 Anm. 6 genannten Ausnahmen stammen alle aus Homer). Potentialer Opt.
mit áv wäre zwar grammatisch möglich (vgl. ebd. 452f.), aber hier unsinnig.
50 BDR 35i: "тгро'Сц.ос ... (Anschluß an тгро) scheint die richtige Schreibweise zu
sein (so LXX), während тгршХцос wahrscheinlich später durch Vermischung mit
тгронкос (Ggs. kvnepívóc) entstanden ist"; vgl. auch BAUER/ALAND s. v. тгрос-
\ioç. - Als weitere Ursache für vorlagenunabhängige Abweichungen in der
Schreibweise kommt gleiche Quantität von о und u> hinzu.
236 Textkritischer Kommentar

4/4B Kapiroi» про/прияцои Kai «/ярду (4/1)


4D KapTrov tov irpoi|X0K Kai офщся> (1)

1/1B verov irpw-Zirpoinov Kai (xjiiuov (454/32)


ID U€TOV тгрыщоу oif>i\iov (1)
2C Kai Tov Trpoiuov Kai офщоу (1)

1E/F uexoi' оф1цоу Kai ттро-^рьяцо!* (1/1)

3 uítov XaßT) Trptiiip.oi' Kai o<J>i(j.oi> (4)

Die Verbindung тгр&цо? ical бфцхо? kommt zur Bezeichnung des


Früh- und Spätregens in der Septuaginta fünfmal vor, allerdings
nie ohne das Nomen иетос51. Da aber Dtn 11,14 zum zweiten Teil
des Schema gehört, liegt die Ellipse des selbstverständlichen Sub
stantivs52 nahe. Aber natürlich genügt Lesart 1 dem Kontext gleich
gut. Die Lesarten mit картгоу dagegen wirken tautologisch, da sich
schon ¿тг' аитф im übergeordneten Satz auf dessen Objekt, t6v
tí\ííov картгоу, zurückbezieht; die Frucht, nicht der Bauer, ist Sub
jekt des Nebensatzes53.
Unter der Voraussetzung eines ursprünglich elliptischen Aus
drucks sind Lesart 1 und ihre Subvarianten als Ergänzungen nach
der LXX zu erklären.
LA ID ist ein Beispiel für die allfällige Auslassung kurzer
Wörter, die vielleicht durch eine häufige Abkürzung für Kai in der
Vorlage (ein к, dessen unterer Schrägstrich von einem Kürzungs
strich gekreuzt wird) nach v begünstigt wurde. - Auch LA 2C

51 Dtn 11,14 ка1 Súaei tóv berbv тт) yfj aov ка& &pav irpóiuoc ка1 b¡>i\iov;
Hos6,3 ка1 ijfei (sc. 6 корю?) ¿us ЬетЬс T|uîv тгрбцюс ка1 офцхос ifj уд;
Joel 2,23 ßpf Çf i v\iïv beràv npói\iov ral 6t¡n.\iov;
Sach 10,1 а1т€1<тв€ verbv ттара Kuplou каб'шрау iTpóiuoi' ка1 бфцюр;
Jer 5,24 фоРт)всЗ|Л£1/ ... tôv 8i8óira f||iîw íieTÓv npoiuov ка1 ôipiuov ката
Kaipóv.
52 Vgl. BDR 241,5; zu dem ganzen Absatz Dibelius 289f.
53 Vgl. DIBELIUS 290.
Jakobusbrief 237

gehört eher hierher als zu LA 2, da bei einem bewußten Eingriff


wohl auch nach dem zweiten Kai der Artikel eingefügt worden
wäre, wenn das erste mit dem zweiten kœî korrespondieren sollte;
so aber dürfte der LA 2C ein Schreibfehler ие(же) >kcu zugrunde
liegen. - Für die Umstellung in der LA 1E/F ist angesichts der
festen Reihenfolge der Adjektive in der LXX kein Motiv zu
erkennen; sehr wahrscheinlich handelt es sich um eine wegen
gleicher Kasusendung naheliegende Vertauschung.
Lesart 3 mit der nur von vier eng verwandten Handschriften
bezeugten Voranstellung des Nomens ist möglicherweise nicht
von der Mehrheitslesart abhängig.
Dadurch, daß sie ein anderes Nomen einfügen als die Mehrheit
der Handschriften, stärken die Lesarten 4/4B und 4D die Annahme
der Ursprünglichkeit des elliptischen Ausdrucks, zumal zu den
Zeugen der Codex Sinaiticus zählt. Die Ergänzung von карттоу
entstammt wahrscheinlich dem übergeordneten Satz, nicht Hos
9,10 oder Jer 24,2; dort wird ттрофо? zwar auf eine Frucht bezogen,
die Feige als Erstlingsfrucht bzw. die Frühfeige, aber weder in
Zusammenhang mit картто? noch mit бф|.цо?.
Die Lesarten 4/4C zeigen, daß für 996 und 1661, Lesart 4B, daß für
398 mit stellenweiser Bewahrung alten Überlieferungsguts zu
rechnen ist. Bei der Koinebezeugung von Lesart 2B (203 506) liegt es
näher, an Auslassung durch Homoioteleuton zu denken.

Teststelle 22/Jak 5,9


2 цт| отскачете аБеХФси. кат аХХпХшу (37)
2В абеХфсн. ката a\\r¡\h>v (1)
2С а8е\фо1 цои кат аХХт^Хшу (23)
1 кат аХХ^Хшу абеХфсн (398) Т
1В ката aSXr¡\iúv абеХфсм. (4)
1С кат аХХт|Хш^ абеХфси (lou (1)
3 кат а\Хг|Х(|П' (37)
4 цет aXXTiXcüi' абеХфсн (4)

Die eingeschobene Anrede (2-2С) verstärkt den Appellcharakter der


Aufforderung zur Eintracht, zumal die Sperrung durch Hiat betont
wird. Der Einschub stellt das den Angeredeten gemäße Verhältnis
zueinander prägnant dem Verhalten gegenüber, vor dem gewarnt
wird; der Rückbezug auf den Autor durch \íov (2C, 1С) beeinträch
tigt diese Wirkung. Die übrigen Lesarten wirken glatter, da Ver
238 Textkritischer Kommentar

bum und adverbiale Bestimmung nicht voneinander getrennt


werden, verlieren aber das emphatische Moment.
Eine andere Bedeutungsnuance führt nur Lesart 4 ein, wahr
scheinlich in Anlehnung an Joh 6,43 (цт| yoyyvÇere цет' àXX^Xcov).
Die Nachstellung von абеХфоС ist eine typische Glättung, der Zusatz
von uou eine floskelhafte Erweiterung des Ausdrucks.
Die Auslassung der Anrede (LA 3) in relativ vielen, sonst
zuverlässigen Koinehandschriften ist weniger leicht zu erklären.
Als Ausgangslesart, zumindest für die Koinehandschriften, ist
Lesart 1 anzunehmen. Die Bezeugung der Lesart 3 reicht mit 018
056 0142 in die Majuskelzeit zurück, so daß die Auslassung
paläographisch durch optische Ähnlichkeit der ersten Buchstaben
von аШ)\шу und аоеХфо( in der Majuskelschrift (АЛ-/АД-) bedingt
sein mag. Ein stilistischer Grund für die Auslassung ist vielleicht
darin zu sehen, daß die Anrede normalerweise den Beginn eines
neuen Abschnitts signalisiert, wie in V. 7 und V. 1054; sie isoliert
also V. 9 vom vorangehenden Abschnitt, während die Auslassung
von d8eX<poi die Mahnung zur Eintracht eher mit der voran
gehenden Mahnung zur Langmut zu verbinden gestattet55.
Die koineferneren Handschriften (außer 01 322 323 442 1243)
bezeugen durchgängig die Lesarten 2ff. Es ist unwahrscheinlich,
daß die Lesarten 2 und 2C von Kopisten des Koinetextes unab
hängig hergestellt wurden. Das gilt auch von Lesart 3, auch wenn
in einigen Fällen die Anrede versehentlich ausgefallen sein mag.
Schließlich ist auch Lesart 4 bemerkenswert, weil drei der Zeu
gen Kr-Handschriften sind, die sich sonst durch größte Kopier
genauigkeit noch in der Akzentsetzung auszeichnen.

Teststelle 23/Jak 5,11


2 TroXuaiTXayxl'°S eanv о Kupio? Kai оиспрцшу (57)
1 eoTiv Kai сяк-пришу (443)

54 Daß die Byzantiner in V. 9 das Ende, in V. 10 den Anfang eines Abschnitts sa


hen, zeigt ihr Lektionssystem für den Jak: Mit 5,9 endet die Wochentagslesung
des Jak, die für den Mittwoch der 31. bis zum Donnerstag der 32. Woche vor
gesehen ist, mit 5,10 beginnt die Festperikope für Elia und für "verschiedene
Gelegenheiten"; vgl. K. JUNACK, Zu den griechischen Lektionaren und ihrer
Überlieferung der Katholischen Briefe, in: K. ALAND (Hg.): Die alten Über
setzungen des Neuen Testaments, die Kirchenväterzitate und Lektionare,
(ANTF 5) Berlin/New York 1972, S. 522f.
55 Zur thematischen Isolierung des Verses 9 vgl. DIBELIUS 287 u. 290.
Jakobusbrief 239

2B eoTiv Kvpioç Kai оигириш/ (1) h


2C etrnv о Kupios oiKTiputov (1)
3 eoTiv Kai оистфцшу о кирюс (3)

In allen Lesarten außer 1 wird das selbstverständliche Subjekt aus


gedrückt und so die Verbindung zum vorangehenden Satz, aus
dem es nach der Mehrheitslesart zu ergänzen ist, gelockert. Dies
würde gut zu der Lesart 18ете statt е1!8ете56 und vorangehender
Interpunktion in V. IIb passen, aber so liest, soweit ich sehe, nur
03c. Nach den Vollkollationen steht normalerweise vor öti ein
Hochpunkt, unabhängig davon, ob 18ете oder е(8ете vorausgeht;
also wurde еГбете normalerweise als Indikativ verstanden, то
теХо? Kupíou als das zugehörige Objekt.
Zweifellos empfiehlt sich die Auslassung des Subjekts im Kon
junktionalsatz, weil es sich aus dem Zusammenhang eindeutig
ergibt und seine Nennung als unnötige Dopplung erscheint. Es ist
also ein stilistisches Motiv für die Herstellung der kürzeren Lesart
im Byzantinischen Text zu erkennen; aber sollte hier abweichend
von der Regel wirklich die lectio longior die lectio potior sein?
Vom Autor ist sie eigentlich nicht zu erwarten57.
Möglicherweise hat hier der Byzantinische Text die ursprüng
liche Lesart bewahrt. Die Einfügung des Subjekts könnte damit
erklärt werden, daß sehr früh eine durch Itazismus entstandene
Lesart Гбете als Imperativ, V. IIb als zusammenfassendes Argu
ment für die ÙTTOjioni ohne direkten Bezug zum vorangehenden
Satz interpretiert wurde. Unter dieser Voraussetzung wäre die
sekundäre ausdrückliche Nennung des Subjekts verständlich, -
aber doch auch nicht erforderlich und stilistisch immer noch ziem
lich plump.
Die einfachste Erklärung bleibt doch, die stilistische Härte auf
den Autor selbst zurückzuführen. Ob allerdings eher die Form mit
oder die ohne Artikel ursprünglich ist, ist nicht zu entscheiden.
Zwar hat Lesart 2B nur einen Zeugen, aber es handelt sich um den
Codex Vaticanus, und es besteht zweifellos ein Normalisie
rungsgefälle zugunsten der Form mit Artikel.
In Lesart 2C ist ка( (in der Vorlage abgekürzt?) nach KÚpioc
(Nomen-secrum-Schreibung к?) ausgefallen. In Lesart 3 wurde das

56 Wenn der Imperativ gemeint ist, handelt es sich wohl um eine Parallelisierung
mit I80Í» am Anfang des Verses.
57 Vgl. 1,12 und 2,5; dazu oben S. 209f. zu Teststelle 2.
240 Textkritischer Kommentar

Subjekt, wahrscheinlich nach mißverständlicher Korrektur der


Mehrheitslesart in der jeweiligen Vorlage, an falscher Stelle ein
gefügt.
Die ältesten und besten Handschriften haben das explizite Sub
jekt, aber etwa die Hälfte der Zeugen der Lesart 2, der einzige Zeuge
der Lesart 2C und zwei Zeugen der Lesart 3 sind Koinehand-
schriften. Vielleicht wurde das Subjekt gelegentlich auch sekundär,
abweichend vom Byzantinischen Text der jeweiligen Vorlage,
eingefügt.

Teststelle 24/Jak 5,16


2 еСо^оХоуеюве ow аХЛ^Хси? та? ацартю? (49)
1 та яаратттыцата (453)
3 та тгерпттшцата (1)

"Die Koine-Lesart та тгаратгтшцата statt та? ацартЧа? . . . ergibt sachlich


keinen Unterschied"58. Lesart 3 (Zufälle) ist eine unsinnige Ent
stellung der Mehrheitslesart.
Eine paulinische Unterscheidung zwischen ацартЧа als Sünden
macht von einzelnen тгаратгтшцата kann mit Lesart 1 wegen des
variantenlos überlieferten Plurals ацартСа? in V. 15 (vgl. auch V.
20) nicht intendiert sein. Als Motiv bleibt nur stilistische variatio.
Keine einzige Koinehandschrift bezeugt Lesart 2.

Teststelle 25/Jak 5,20s9


2 аьхтб1 фиут|У avrov ек бауатои (26)
1 фихЛ" £|с бауатои (461)
1В тт|Р фихЛУ ек öavaTou (2)
2В TT1W фихЛ1' аитои ек вауатои (6)
3 Ф^ХЛ17 £ к вауатои аитои (6) h
4 KOL каХифеь ík вагатои aurou (1)

Nach keiner der überlieferten Lesarten ist mit letzter Sicherheit zu


entscheiden, wessen Seele der Bekehrende nach Jak 5,20 retten

58 DIBELIUS304.
59 An dieser Teststelle sind in TT folgende Kollationsfehler zu berichtigen: Die
Handschriften 02, 1067, 1735 und 2541 haben Lesart 2B. Die Lesart 2C ist ganz
zu streichen. Lesart 2 hat also nur 26, Lesart 2B 6 Zeugen.
Jakobusbrief 241

wird, die des zur Umkehr bewegten Sünders60 oder seine eigene61.
Die erstgenannte Interpretation entspricht dem Kontext allerdings
weit besser, da sich die Verse 19f. eindeutig auf die Todesgefahr für
die Seele des Sünders beziehen62.
Diesen Bezug unterstreichen die Lesarten mit сштои, da sie das
Personalpronomen aus dem vorangehenden Ausdruck (¿к ir\avT\ç
Ó80O сштоО) wieder aufgreifen. Die Parallele, die vor allem bei
Lesart 3 durch die merkwürdige Individualisierung des Todes
hervortritt, schließt zugleich die Möglichkeit aus, das Pronomen
als Reflexivum zu verstehen63.
Die längere und gegen ein Mißverständnis besser geschützte
Variante ist hier also nicht die Mehrheitslesart. Mit der bewußten
Auslassung eines Wortes, das das Verständnis erleichtert, ist im
Byzantinischen Text nicht zu rechnen. Also ist die Mehrheitslesart
entweder ursprünglich oder sie entstand durch versehentliche
Auslassung des Personalpronomens.
Unter der Voraussetzung, daß Lesart 1 ursprünglich ist, ist die
Einfügung von сштоО als Verdeutlichung zu erklären. Für sekun
däre Erweiterung dieser Lesart spricht auch die wechselnde Stel
lung des Personalpronomens. Allerdings bezeugen die ältesten
und besten Handschriften die Lesarten 2 (vor allem Ol und 1739),
2B (vor allem 02) und 3 (vor allem 03, $p74 und vier Handschriften
der Gruppe Hk). Daher ist es wahrscheinlicher, daß Lesart 1 durch
versehentliche Auslassung entstand, und zwar aus Lesart 3 (Aus
lassung von ATTOT nach 9ANAT0Y). In diesem Falle wäre wahr
scheinlich die schwierige Lesart 3 als ursprünglich zu betrachten,
mithin die formal exakte Parallelisierung mit dem vorangehenden
Präpositionalausdruck auf den Autor selbst zurückzuführen, und
Lesart 2 als Glättung zu erklären.
Wenn man von der Ursprünglichkeit der Lesart 2 ausgeht, wird
man als Motiv für die Umstellung des Personalpronomens in
Lesart 3 Parallelisierung mit V. 20a annehmen. Auch in diesem
Falle geht die Mehrheitslesart wahrscheinlich auf Lesart 3 zurück.

60 So z. B. DIBELIUS 307.
61 So z. B. HAUCK 240.
62 Dies gilt unabhängig davon, ob der Autor bei der Formulierung irXfieos' ацарп-
wi/ auch die Sünden des Bekehrenden meint (so z. B. DIBELIUS 307f. und MUß
NER 233).
63 So auch HAUCK 240; anders DIBELIUS 307.
242 Textkritischer Kommentar

Die übrigen Lesarten sind Subvarianten der besprochenen drei. In


den meisten Handschriften fehlt der Artikel vor i¡ívxAv> obwohl
zumindest in den Lesarten mit folgendem аътоъ die bestimmte
Einzelseele des Geretteten gemeint sein muß. Also liegt entweder
ein Hebraismus vor64, oder ac^Ceiv i¡¡vxfy wurde als feste Wen
dung gebraucht oder aufgefaßt65. Die Einfügung des Artikels in den
Lesarten IB und 2B normalisiert den Ausdruck in den Lesarten 1
und 2. Die unsinnige Lesart 4 wegen der Stellung des Perso
nalpronomens und wegen der Bezeugung durch eine Handschrift
der Gruppe Hk, von der vier Handschriften Lesart 3, die übrigen
die Mehrheitslesart haben, der Lesart 3 zuzuordnen.

Erster Petrusbrief

Teststelle 26/lPetr 1,22(1)


2 èv ttí Оттокот) rf\ç akyßdac ADD (38)
1 ADD бш т>€цхатос (463)
IB ADD Sia той тоеицатос (2)
1С ADD Sia TTvev\iaTOs ayiou (1)

Die Junktur (лтакот<| тт\с âktffciaç ist singular und bezeichnet unter
dem Einfluß des alttestamentlichen riQR-Begriffs, ähnlich wie Gal
5,7 Ittj] d\T|8eíqi тге(0еава1, den Gehorsam gegenüber der rechten
Lehre, dem wahren Glauben.66 Die Wendung gehört als Präposi-
tionalausdruck zur ersten von zwei locker parallelisierten Partizi-
pialkonstruktionen, die den Satzkern, eine Mahnung zu brüder
licher Liebe, umschließen:
1.22 та? фиха? Цшу fiyviKÓTes'
kv rf\ ímaicofj тг)? a^noelas1
el? ф1\а8еХф1а1' dvuirÓKpiTov
ек [кабара?] кар&а? àXkf^ovs аусттрате ktrrevûs
1.23 àvayeyewrpévoi
oîk ек arropa? фвартгр àXXà афвартои
8ià Xóyou Сшито? 6eoû ка1 \iévovroç.

64 Vgl. BDR 259,2.


65 Vgl. K./G. 11,1, 604.
66 Vgl. R. BULTMANN, Der urchristliche Sprachgebrauch von аХ^вет, ThWNT
I, 242-248, bes. 247.
Erster Petrusbrief 243

Im Byzantinischen Text ist die Tendenz zur Isokolie deutlicher


ausgeprägt; hier stehen vor und nach dem Satzkern an einander
entsprechenden Stellen präpositionale Wendungen mit el? und
8ui:

- та? фих^с îjuûv fiyvaKOTes1


- èv Tfl {лтакот) Tfjç àXr|0eta?
- Sid TTveopaToç
- els ф1Ха8е\ф1аи ávuTrótcpiTov
ек [кабарас] кар&а? аХА^Хои? ауатггУтате ектеушс
- àvayeyew^^évoL
- oüc ек отгори? ф6арт% dAXà афбартои
- бЧа Хоуои Cûvtoç 9ео0 ка1 uívovtos1
- elç таи aléva.

Während die Wendung am Ende von V. 23 wie ein bloßes Füllsel


zur formalen Abrundung des Satzes wirkt, ergänzt 8ià тгуеи^атос
den ersten Patizipialausdruck analog zu IPetr 1,2, wo der Glaube
((такого leitmotivisch auf die Heiligung durch den Geist (ауша^ос
тгуейцато?) zurückgeführt wird67. Auch ist so, ebenfalls analog zu
1,2, die dritte Hypostase der Trinität neben Xóyo? und Geo? (1,23)
genannt.
Die Wendung Sià тгуеиц.ато? im Byzantinischen Text ist klar als
formal und inhaltlich motivierter sekundärer Zusatz zu erkennen,
der in den Subvarianten IB und 1С weiter abgerundet wird.
Die Bezeugung der Lesart 2 durch die ältesten und besten Hand
schriften entspricht der Erwartung; auch daß die Gruppe Hk (aller
dings ohne die zu ihrem engeren Umfeld gehörenden Hand
schriften 1448* und 1852) hier geschlossen die Mehrheitslesart be
zeugen, ist zwar im Hinblick auf das Alter des Zusatzes interessant,
aber nicht weiter verwunderlich. Schwer zu erklären ist dagegen,
warum der Zusatz in den sonst zuverlässigen Koinehandschriften
62 365 615 1495 1850 fehlt. Es ist unwahrscheinlich, daß die ge
nannten Koinehandschriften den Zusatz bewußt ausgelassen ha
ben. Die kurze, auch sonst häufig vorkommende, also nicht son
derlich einprägsame Wendung kann aber gelegentlich einem
Gedächtnisfehler zum Opfer gefallen sein. Jedenfalls ist zu prüfen,

67 Vgl. BROX 57f.


244 Textkritischer Kommentar

ob engere Verwandtschaft zu den koineferneren Zeugen der Lesart


2 besteht.

Teststelle 27/lPetr 1,22(2)


¿к kafoipâd кар81а? dXX^Xous1 dya-т^аате ¿ktci/ûç
2 ОМ кавара? 02 03 1852 THBN
1 ADD каОара? (500)
3 ОМ каварас SED ADD аХт^и^ POST карбшс 01C

In der Bedeutung von Herzen, aufrichtigen Herzens, die sich auch


hier gut in den Kontext einfügt, kommt ¿к карбЧа? ohne quali
fizierendes Adjektiv im NT nur noch Rom 6,17 vor (йтгпкоистате Se
¿к карбЧас elç h> тгаребоопте túttov SiSaxfj?), ist also nicht eigentlich
als feste Wendung zu betrachten68. Aber wegen der genannten
Stelle und aufgrund des Zitats von Dtn 6,5 in den synoptischen
Evangelien (Mk 12,30 parr: ауаттУ)ае1? KÚpiov töv 9eóv аои è£ ОХпс
rf\S карбЧа? аои), wo das Adjektiv lediglich die Intensität der mit ек
Tqç карбЧас bezeichneten inneren Regung ausdrückt, ist die Wen
dung ¿к карбЧас sprachlich unproblematisch und dem Kontext
angemessen. Dies gilt umso mehr, als der Präpositionalausdruck
mit dem Adverb ¿кте^сЗс eine Klammer um den Satzkern bildet, so
daß die mit ек кароЧа; geforderte Art der Nächstenliebe eine wei
tere Bestimmung erhält.
Das Adjektiv каварас in Lesart 1 gibt dem dXA^Xouç ауатгау
einen spezifisch religiösen Gehalt und bestimmt die Art des
geforderten Umgangs der Christen miteinander als Ergebnis der
Heiligung durch den Glauben. Unter einem anderen, ebenfalls in
der vorangehenden Partizipialkonstruktion angelegten Aspekt ièv
rf) штакот) тл? ákqdelac) qualifiziert die Lesart 3 das den Christen
gemäße Verhalten.
Das Adjektiv кабарас ergänzt den Präpositionalausdruck so tref
fend, daß bewußte Auslassung, etwa in Anlehnung an Rom 6,17,

68 Die im TLG auf CD-Rom gefundenen, nicht sehr zahlreichen Belege für ¿к
карбСа? in der genannten Bedeutung stammen alle aus christlichen Autoren,
die den Ausdruck ihrerseits aus dem Neuen Testament übernommen haben dürf
ten. Vgl. z. B. Basilius, Ep. 22,3,20 (COURTONNE): ¿к кар8(а? dfcîvai;
Joannes Dam., Vita Barlaam (p. 184,14f. WOODWARD/MATTINGLY): (iiaeîv
...ек KapSlas-; Photius, Comm. in Matth., Frg. 86,14f. (REUSS): áyan^abuxev
¿к карбСас.; Constantinus VTI Porphyr., De cerimoniis (I, p. 54,18f. VOGT):
SuouTToOjiei/ ¿к KapSta?.
Erster Petrusbrief 245

wohl auszuschließen ist. Näher liegt die Vermutung, daß das Ad


jektiv unter dem Einfluß von lTim 1,5 sekundär eingefügt wurde,
wo das Ziel der Predigt des Timotheos als áyáim ек Ka9apâç icapStaç
... ка1 Tríoreü)? ávinroicpÍTou bestimmt wird69. Andererseits ist zu
bedenken, daß die versehentliche Auslassung des Adjektivs recht
nahe lag, da das zugehörige Nomen mit den gleichen Buchsta
benpaaren beginnt und endet.
Es ist unwahrscheinlich, daß die Lesart, nach welcher der Codex
Sinaiticus hier korrigiert wurde, aus Lesart 1 entstand, da das
Attribut áXTi6ivf¡c keinen erkennbaren Vorzug im Vergleich mit
кабара? aufweist. Der Korrektor allerdings gab aXnGivfjs' den Vorzug
vor кабарас, wahrscheinlich im Vertrauen auf die Handschrift,
nach der er korrigierte. Der editorische Eingriff, aus dem die zu
grunde liegende Lesart entstand, ist jedenfalls eher als Verände
rung der Lesart 2, vielleicht unter dem Einfluß von Hebr 10,22, zu
erklären70. Aus Lesart 3 ergibt sich also ein indirektes Zeugnis für
die Lesart 2.
Die Bezeugung der Lesart 2 durch nur drei griechische Hand
schriften, zu denen allerdings 02 und 03 zählen, wird also immer
hin durch einen späteren griechischen Beleg und außerdem durch
das Zeugnis der Vulgata verstärkt. Ferner zeigt sich ein starkes
Normalisierungsgefälle zugunsten der längeren Lesart nicht zu
letzt darin, daß die eigentlich naheliegende Auslassung von
кавара? vor кар81ас beim Kopieren des Byzantinischen Textes kei
nem Schreiber unterlaufen ist. Somit wird man doch die prägnante
Lesart 2 als ursprünglich, die längere Lesart 1 als Normalisierung
des Ausdrucks beurteilen.

Teststelle 28/lPetr 1,23


2 &a Xoyou Casinos веои кем. uci/ovto? ADD (30)
1 ADD eiç тоу акш/а (454)
IB ADD eiç ашга (13)
1С ADD eiç тон? aiojitis (6)

69 Wohl in Anlehnung an diese Stelle fügt 02 singular in Rom 6,17 кавара? vor
карбСа? ein. - Die Wendung ¿к каварас кар&Ча; kommt im NT außerdem
noch 2 Tim 2,22 vor.
70 METZGER 618 vermutet als Ursache der LA 3 "confusion with the following
dXXi^Xouç". Aber ¿ХХт^Хоиу ist variantenlos überliefert, so daß eher an eine
bewußte Erweiterung des Textes zu denken ist; Hebr 10,22 ist die einzige Stelle
im NT, an der die Junktur dXT)9ivfisr кар&ас vorkommt.
246 Textkritischer Kommentar

Inhaltlich besteht zwischen den Lesarten mit und ohne atoiv-


Formel kein Unterschied. Stilistisch wirkt der in LXX und NT
geläufige prägnante Gebrauch von \ieveiv71 am Ende der langen
Partizipialkonstruktion angemessener. Die längere Form hat sich
wegen exakterer Parallelität mit der Partizipialkonstruktion in V.
2272 und der Entsprechung zum Schluß des Jesaia-Zitats in V. 25
durchgesetzt. Die Formel steht normalerweise im Singular, weni
ger häufig im Plural; vor alûva(ç) steht regelmäßig der Artikel.
Der innere Zusammenhang zwischen den Lesarten der Test
stellen 26 und 28 spiegelt sich in der Bezeugung wider: in den
ältesten und besten Handschriften fehlen regelmäßig beide Zusät
ze, in den reinen Koinehandschriften stehen sie regelmäßig beide.
Es sind aber einige Mischformen festzustellen, die darauf schließen
lassen, daß die beiden Zusätze nicht gleichzeitig in die Überlie
ferung gelangten:
Tst. 26/LA 1 u. Tst. 28/LA 2: 1505. 1735. 2138. 2495
Tst. 26/LA 2 u. Tst. 28/LA 1: 62. 218. 365. 615. 1359. 1495. 1563.
1718. 1845. 1850. 2374. 2492. 2718.

Teststelle 29/lPetr 2,21


2 XP1*71"0? eiraOev отер uutüw vu.iv OToXi(iir<mi)v vnoypa\i\iov (53)
2B eira9ev irepi vüsüv u(iiv ф72 02 1735

1 eiraOev отер t\\liisv v\iiv (334)


IB eudöei» отер ц\ил> t\\iiv (54)
3 etraSev отер v\iw r\\iiv 1505 2492
4 етгаве!» отер тщшу 1360 1870*
5 отер T\uiùv еттавеу U[xiv 633 636 1501 2242
5В отер цшл> eiraöev rijiii' 1751
5С отер т\\им> eîraOev uuwv 1838

6 aireöavei' отер v\iu>v \i\iiv (16)


6В aTreOai/ev отер v\iu>v тщи> 1877*
6С tmeOavev отер r\\iti>v vuxv (27)
6D atreOavev шгер тцшу тщи/ (19)
6Е eireOavev отер т\\им> v\iiv 330 451
7 aireOavev штер тцшу 680 2194

Zum engeren Kontext paßt besser liraGev als dir¿0avev, da in den


Versen 18-20 zum klaglosen Ertragen alltäglicher Ungerechtigkei

71 Vgl BAUER/ ALAND s. v. \iivcvv I.e.


72 Vgl. oben S. 243 zu Teststelle 26.
Erster Petrusbrief 247

ten gemahnt wird, bei denen es nicht um Leben und Tod geht. Der
weitere Kontext weist in die gleiche Richtung, denn die aus dem
Vorbild des leidenden Christus geschöpfte Hoffnung, durch das
Ausharren der Gläubigen in gegenwärtigem Leiden zum endgül
tigen Heil in Gott zu gelangen, ist das Leitmotiv des ganzen
Briefes73.
Hinsichtlich der Personalpronomina entsprechen dem Kontext
am besten die Lesarten 2, 2B und 6, in denen beide in der 2. Pers.
stehen, weil sowohl der vorangehende Hauptsatz (V. 21a) als auch
der folgende Finalsatz (V. 21c) an die 2. Pers. PI. gerichtet sind74.
Ein Wechsel von der 1. zur 2. Pers. der beiden Personalpro
nomina (1, 5/5C, 6C, 6E) und ebenso ein Wechsel von der 1. Pers.
beider Personalpronomina (IB, 5B, 6D) zur 2. Pers. des Prädikats im
folgenden Finalsatz unterscheidet wenig passend zwischen denen,
für die Christus starb, und denen, für die sein Vorbild gilt, - als
habe er zwar für alle gelitten, aber damit insbesondere den Adres
saten des IPetr ein Beispiel gegeben. Der gleiche unangemessene
Kontrast besteht bei den Lesarten 4 und 7, in denen das zweite
Personalpronomen fehlt.
Vollends durcheinandergeraten sind die Bezüge in den Lesarten
3 und 6B, wo das erste Personalpronomen in der 2., das zweite in
der 1. Pers. steht.
Unter der Voraussetzung, daß Lesart 2 die ursprüngliche ist, sind
die meisten übrigen Lesarten aus dem direkten oder indirekten
Einfluß der Sterbensaussage zu erklären, die zum ältesten Bestand
der christlichen Bekenntnisformeln gehört75; als Grundform kann
Rom 5,8 gelten: Xpicrroç Оттер fip.ûv direöavev76. Daneben wurde in
späterer Zeit, wohl in Abwandlung der Sterbensaussage in
ähnlichen Zusammenhängen, auch -rrdaxeiv ímép formelhaft
gebraucht77.

73 Dieser Bezug wird direkt hergestellt 2,19f./2,(21).23; 3,14.17/3,18; 4,1.13. -


Vgl. BROX 16f.
74 Zur paränetisch motivierten Ausrichtung der Leidensaussage auf die Adressa
ten vgl. auch 3,18: Хркггос ¿1тта£ iTcpl ¿uapTiûv iira9tv...ïva v^iâç (auch
im Byzantinischen Text) irpoaa-yáyrj тф 9еф.
75 Vgl. Rom 5,6.8; 14,15; IKor 8,11; 15,3; lThess 5,9f.; 2Kor 5,14f. - Auch IKor 1,13
und Gal 2,21 liegt die Sterbensaussage zugrunde.
76 Vgl. K. WENGST, Christologische Formeln und Lieder des Urchristentums,
(StNT 7) Gütersloh 1972,78.
77 Vgl. R. BULTMANN, Bekenntnis- und Liedfragmente im ersten Petrusbrief,
CNT 11, 1947, 1-14 [= Exegetica, hg. v. E. Dinkier, Tübingen 1967, 285-297]; R.
248 Textkritischer Kommentar

Die Variante imép] irept (2B) scheint schon zur vorpaulinischen


Überlieferung der Aussagen über die Dahingabe und das Sterben
Christi für uns zu gehören78 und könnte theologisch bedeutsam
sein, da zwar imép, aber nicht ттер( anstelle von heißen kann79, so
daß in der Formulierung mit irepi der Gedanke des Sterbens Christi
an unserer Stelle nicht mitschwingt. Aber es ist zu berücksichtigen,
daß der Gebrauch von ínrép in der Bedeutung für, im Interesse von
im NT durch -rrepi generell "stark beschränkt" ist80. Außerdem
bezeugen alle drei Zeugen der Lesart 2B in IPetr 3,18 die Misch
lesart irepl à|i.apTiûv inrèp v\iûv á-néfkivev. Lesart 2B ist also kaum
im Bewußtsein der theologischen Implikationen hergestellt wor
den, sondern durch versehentliche sprachliche Normalisierung
entstanden.
Die Mischform eneQavev der Lesart 6E zeigt, daß das Prädikat der
Sterbensformel in den Lesarten 6-7 auch versehentlich in den Text
geraten sein kann. Normalerweise dürfte aber bewußt nach dem
Wortlaut der Sterbensaussage geändert worden sein, wie auch die
Varianten zu 3,18 und 4,1 zeigen.81
Die Mehrheitslesart ist nicht durch direkten Einfluß der Ster
bensaussage entstanden, denn in diesem Falle wäre das Prädikat
iráaxeiv nicht beibehalten worden. Ein Motiv für die bewußte
Herstellung der Folge f)p.ûv v\ilv ist vielleicht darin zu sehen, daß
die ebenfalls formelhafte Aussage über das Leiden Christi für uns
im Hintergrund steht, deren universale Gültigkeit man durch b\iûv

DEICHGRÄBER, Gotteshymnus und Christushymnus in der frühen Christenheit,


Göttingen 1967, 140-143; zur Einpassung des Traditionsstücks in den Kontext
durch Verwendung der 2. Pers. der Personalpronomina BULTMANN S. 3 [=287]
und 12f. [=295], DEICHGRÄBER S. 141. - WENGST 1972, 83f. vermutet im IPetr
"die Einbruchsteile für inatev in die Sterbensformel" (S. 84, A. 26).
78 Vgl. WENGST 1972, 56 u. 79 zu Gal 1,4 u. lThess 5,10.
79 Vgl. H. RIESENFELD, Art. imép, ThWNT VIII, 511-513.
80 BDR231.
81 EHRMAN, Orthodox Corruption 154f., sieht in diesen Lesarten (und den
entsprechenden Varianten zu IPetr 3,18 und 4,1) eine gegen die gnostische
Trennungschristologie gerichtete Tendenz. Die Aussage, daß Christus gelitten
hat, sei zwar "orthodox", aber doch auch für die Verfechter der genannten
Häresie ohne weiteres akzeptabel gewesen. Die Aussage, daß Christus
gestorben ist, sei "clearly orthodox". Allerdings räumt EHRMAN ein, daß auch
die Sterbensaussage für Gnostiker in ihrem Sinne interpretierbar war, - und
nimmt so selbst seinem Beispiel für "anti-separationist corruption" jede
Überzeugungskraft. Daß eine geprägte Glaubensaussage im Hintergrund stehen
könnte, entgeht ihm völlig.
Erster Petrusbrief 249

in Frage gestellt sah. Es ist aber wahrscheinlicher, daß die Mehr


heitslesart durch einen schlichten Itazismus entstand und sich
unter dem Einfluß der Leidensaussage durchsetzte.
Die unsinnigen Lesarten 3 und 6B sind offenkundig durch Itazis
mus entstanden, die Lesarten 4 und 7 durch Auslassung infolge
von Homoioarkton, wobei wegen Lautgleichheit ungewiß ist, ob
b\ûv oder f||jâv ausfiel.
Soweit es um die beiden Personalpronomina geht, stehen auch
alle weiteren Aussagen über die Lesarten dieser Teststelle unter
dem Vorbehalt, daß sie in jedem Stadium der Überlieferung
spontan durch Itazismus entstanden sein können. Immerhin er
weist die Regelmäßigkeit, mit der die Mehrheit der Koinehand-
schriften die Abfolge Í]\lS>v v\üv bezeugt, Lesart 1 als die byzanti
nische Norm, von der allerdings eine erhebliche Minderheit auf
unterschiedliche Weise abweicht: nur die Lesarten 2B, 3 und 5C
werden von gar keiner Koinehandschrift bezeugt.

Teststelle 30/lPetr 3,8


2 о(юфроУ£С, аицтга9е1с, ф|.Ла8еХфо1, evanXayxyoi, Tanreivoépoveç (116)
1 ¡(хЛофроуес (366)
3 татге^офроуес ф^офро^ес (1)
ЗВ ф1\офро1'ес таттеи/офро^еу (20)
ЗС ф^отанеи'офроуес (1)
4 ауатгеи'офрсл'б? (1)
5 ОМ (1)

Die Beispiele für christliches Verhalten einzelner Gruppen (2,13-


3,7) werden zusammenfassend mit einer Reihe von Forderungen
abgeschlossen, die allen gelten (3,8f.). Die Aufzählung von fünf
christlichen Eigenschaften in V. 8 endet mit dem Adjektiv та-irei-
уофрил», das in der "Unterordnungsethik" des IPetr82 die Kardinal
tugend bezeichnet, da nach dem Zitat aus den Proverbien in 5,5 vor
allem sie den Zugang zur göttlichen Gnade eröffnet. Dagegen wirkt
das sonst weder im NT noch in der LXX vorkommende ф^офрсоу -
freundlich, "nett" - ausgesprochen blaß und nichtssagend; da wäre
selbst die offenkundige Mischlesart 3B vorzuziehen, in der wenig
stens die wichtigste Tugend die Reihe beschließt. Dennoch wurde
фьХофроие? wahrscheinlich bewußt an die Stelle von татгешофроуес

82 Vgl. den vorangehenden Abschnitt 2,13-3,7 und 5,5; dazu BROX 152f.
250 Textkritischer Kommentar

gesetzt, weil "demütig" nicht in eine Reihe von Attributen zu


passen schien, die alle ein Verhalten von Gleich zu Gleich
voraussetzen. Dabei mag die Klammer оцофро^е? - <t>i\6<j>poveç eine
Rolle gespielt haben. >
Die Lesarten 3-3C sind Mischlesarten aus 2 und 1. Die beiden
Neologismen der Lesarten 3C und 4 werden jeweils singular von
zwei eng verwandten Handschriften bezeugt; vermutlich waren
beider Vorlagen nicht klar zu lesen83.
Nur eine einzige der Handschriften, die an mehr als 40% der
Teststellen vom Mehrheitstext abweichen, bezeugt Lesart 1.
Die Lesart 2 ist als Bindeglied zwischen Koine und älteren
Textformen bedeutsam, da sie von relativ vielen Koinehand-
schriften gelesen wird und weder durch Konjektur noch durch
Versehen eines byzantinischen Schreibers in seine Kopie gelangt
sein dürfte. Sie ist ein Indikator entweder für direkte Abhängigkeit
oder immerhin für byzantinische Handschriften, in denen mit
Kontamination zu rechnen ist.

Teststelle 31/lPetr 3,9


2 -rowainov 8e euXoyouires oti ei? touto екХпвг|те iva (46)
2В eis Toirro y<4> екХт|8г|те (3)
1 eiSoTes on eis тоито екХт|6г|те (434)
IB oti eis тоито екХт)9г|те eiSoTes (1)
1С oti eiSoTes eis тоито екХт|ог|те (4)
ID eis тоито екХт|9г|те ei&rres (3)
IE eiSoTes oti eis тоито екХпвтщеу (1)
3 ei8oTes oti eis тоито еХ^Хивате (2)
4 eiSoTes oti eis тоито екХт|р(1)0г|те (15)
5 ei8oTes (1)

Der Konjunktionalsatz begründet hinreichend die Forderung, Bö


ses mit Gutem zu vergelten, unabhängig davon, ob er von einem
weiteren Partizip abhängt oder nicht.
Sekundäre Auslassung von е16отес ist zwar nicht a priori aus
zuschließen, zumal das vorangehende Partizip auf die gleiche Silbe
endet, aber die Konstruktion der beiden unmittelbar aufeinander
folgenden Partizipien in unterschiedlicher Bedeutung wirkt zu

83 Abgesehen vom ersten Buchstaben ist АГАПЕЖОФРОЫЕС in Majuskeln optisch


fast identisch mit TAIlEINO<l>PONEC; aber woher kommt das а, da doch der
Neologismus keineswegs näherliegt als das entstellte Wort?
Erster Petrusbrief 251

unbeholfen, als daß man sie dem stilistisch versierten Autor des
IPetr84 zutrauen möchte.
Mit der Einfügung von et боте? sollte möglicherweise einer Ab
trennung des Finalsatzes vom Ön-Satz vorgebeugt werden, da man
sonst den Ön-Satz auf das vorangehende Kolon, den iva-Satz auf
die geforderte Verhaltensweise insgesamt beziehen könnte. Mit
elSÓTe? ist die Korrespondenz el? тоОто ... Iva gesichert.
Lesart 2B zeigt einen eleganten Weg, mithilfe einer vielleicht
aus 4,6 entlehnten Formulierung, die Korrespondenz elç тоОто ...
Iva eindeutig zu machen.
Die Lesarten 1B-D sind am ehesten damit zu erklären, daß in
den zugrundeliegenden Exemplaren dem am Rand oder inter
linear nachgetragenen Partizip sein Platz nicht eindeutig bestimmt
war, so daß es in den Abschriften "wanderte".
Die Lesarten 3-5 sind Schreiberversehen, Lesart 3 begünstigt
durch die Geläufigkeit des entstehenden Wortes, LA 4 durch
кХпроиоц^сгпте im Ïva-Satz85. Lesart 4 ist wohl deshalb öfter kopiert
worden, weil sie auch wegen des Paronomasie-Effekts keinen
Anstoß erregt.
Nur 4 von 28 Handschriften, die an mehr als 50% der Teststellen
vom Mehrheitstext abweichen, haben Lesart 1. Alle griechischen
Zeugen der Gruppe Hk außer 1505 und 2495 bezeugen Lesart 1.

Teststelle 32/lPetr 3,16


2 Ev id катаХаХектбб KaTaiaxwQbxnv (26)
I KdTaXaXioaiv v\iu>v шс koucottoicüi' (238)
IF катаХаХшсти/ т\\ш\> <ùç какоттошу (3)
IE KaTaXaXojaiv uuii/ ojç kcuco'ttokiH' (1)
ID катаЛаХшсну ицос u>ç kokohoiuv (9)
IG катаХаХшаи» v\iaç coç какоттоюи? (1)
6 катаХаХшаи' ица? (2)
II KaraXíoaiv щт> ш; какоттоюи' (2)
4 катаХаХшибУ щим> tas KaKoiroiùiv (1)
3 XaXbXTLV ка9 v\iu>v со? kokottoküv (1)
IB катаХаХоиан' v\mv u>ç kcucoitouiw (223)
1С катаХаХоиан' щим/ шс Ktucoiroiiov (1)
1Н катаХоиаи> щья> шс какоттошу (2)
4В катаХаХоицеу v\u¡iv и? какотгош!/ (2)

84 Vgl. BROX 45.


1
85 In Eph 1,11 wird KXr|p<ü6f¡vai möglicherweise synonym mit кХпвгрчи gebraucht
(vgl. BAUER/ ALAND s. v. кХт|рош 1).
252 Textkritischer Kommentar

5 катаХаХткл.1' v\iw шс какоирушу (1)


7 KaTaXaXouaif (1)

Die Lesarten 2 und 1/lB genügen dem Kontext gleich gut. Aller
dings kann катаХаХеХу auch einfach synonym mit XaXeîv oder in der
Bedeutung ansprechen gebraucht, außerdem die Form катаХаХеТстбе
von einem unaufmerksamen Rezipienten als Medium mißver
standen werden.
Die Mehrheitslesart beugt allen Mißverständnissen vor, indem
sie den breiteren und eingängigeren Ausdruck aus 2,12 wiederholt.
Der Modus erscheint in der einen Hälfte der Bezeugung gegen die
klassische Regel86 an den Konjunktiv des übergeordneten Satzes
assimiliert.
Alle Lesarten außer der kürzeren, schwierigeren, am besten
bezeugten und daher sicher ursprünglichen Lesart 2 sind auf die
Lesarten 1/lB zurückzuführen. Schlichte Schreibfehler sind die
Lesarten IE, ID (bezeugt u. a. von 996, deren Schwesterhandschrift
1661 zu LA IG korrigiert), II, 1H, die Auslassungen 687 und 7, und
wohl auch die nicht mit dem Kontext zu vereinbarende 1. Pers. in
den Lesarten 4 und 4B.
An den itazistischen Lesarten IF und 1С ist lediglich bemer
kenswert, daß so wenige Schreiber diesen Fehler machten; sie
zeigen, daß itazistische Lesarten in Koinehandschriften häufiger
der Vorlage entstammen, als gemeinhin angenommen.
Für den Ersatz des Kompositums durch das Simplex mit nach
gestellter Präposition in Lesart 3 und die Synonymenvertauschung
in Lesart 5 sind keine Motive zu erkennen.
Etwa die Hälfte aller Handschriften, die an mehr als 40% der
Teststellen vom Mehrheitstext abweichen, bezeugen Lesart 2
(darunter 9Ù72, 03, 1739), die übrigen 1 oder IB (darunter 01, 02, 04).
Die Entstehung beider Formen der Mehrheitslesart ist also überlie
ferungsgeschichtlich recht früh anzusetzen. Alle Handschriften der
Edition Kr bezeugen Lesart IB, also die grammatisch korrekte
Form. Die Subvarianten der Mehrheitslesart sind auch durch ihre
Bezeugung als solche gekennzeichnet.

86 Zum Ausdruck futurischen oder verallgemeinernden Sinns des Relativsatzes


müßte beim Konjunktiv iv stehen; vgl. K./G. П.1, 250f., zur Modusassimilation
K./G. П.1, 255.
87 Es bleibt zu prüfen, ob diese Lesart mit 1D/G zusammenhängt.
Erster Petrusbrief 253

Lesart 2 ist eine Bindelesart der Gruppen Hk88 und 876. Ein
Mitglied der letztgenannten, die Koinehandschrift 2243, wurde von
einer Subvariante der Mehrheitslesart (6) nach Lesart 2 korrigiert:
ein Beleg für Korrekturen nach älteren Textformen noch im 12.
Jahrh.
Keine der beiden Hauptlesarten 2 und 1/1B kann versehentlich
aus der anderen entstanden sein.

Teststelle 33/lPetr 4,1


2 xPlarov ouv тгоЭоутсхг qqpKi (14)
2B -павотос ev oapa 049* 43 131 330 451 608 615 1854
1 тгабснтос' штер t\\uúv ааркг (421) S
IB ттавоп-ос штер uuiüi/ aaptci (32)
1С iraOoiTos' штер щш ev aapKi (7)
ID тгабслто? штер щт> ev aapia (2)
IE штер т\\шу табосго? capta 630 945 2200
IF штер тщау ааркг (1)
3 ттавелтос ааркч штер т\\им> (14)
ЗВ ттабситос ааркг штер uuuv (2)
ЗС тгавоп-ос ev aapKi штер v\uav (1)
4 атговауо^тос штер ицш^ aapKi 01*
5 TroiOapxouvTos' штер t)uíüv aapKi 17998'

Hier wird das Leitmotiv des Briefes, die aus dem Vorbild des
leidenden Christus geschöpfte Hoffnung90, unter den Aspekt der
Nachfolge auch in der Einsicht gestellt, daß Leiden am Leibe die
Abkehr von der Sünde bedeutet: "Leiden ist das Ende der Sünde,
weil Christus gelitten hat, und wenn in seiner Nachfolge gelitten
wird."91 Ebendieser Begründungszusammenhang ist nach Lesart
2/2B in 4,1 nicht, wohl aber nach allen übrigen Lesarten durch die
präpositionale Wendung explizit ausgedrückt. Der weitere Kontext
läßt freilich keinen Zweifel daran, daß die Passion Christi Leiden
für uns ist92. Der prägnante Ausdruck der Lesart 2 bildet eine
genaue Parallele zu iraocíiv aapKÍ in V. lb, die die Entsprechung
von Vorbild und Nachfolge abbildet.
Abgesehen von den Lesarten 4 u. 5, in denen die Parallelität des
Ausdrucks durch andere Wortwahl ganz aufgegeben ist, und der

88 Nur 1292 hat LA 1.


89 Singulärlesart der in TT nicht berücksichtigten 1799; s. dazu oben S. 62.
90 Vgl. oben S. 247 (zu Teststelle 29).
91 BROX191.
92 Vgl. z. B. 3,18 und auch die entsprechend dem Kontext abgewandelte Form
dieser Aussage 2Д1.
254 Textkritischer Kommentar

unsinnigen Lesart IF, genügen die Lesarten mit und ohne Präpo-
sitionalausdruck dem Kontext etwa gleich gut93. Auch aus der
Verwendung von èv folgt kein Bedeutungsunterschied gegenüber
dem einfachen Dativ ааркС.
Unter der Voraussetzung, daß Lesart 2 die ursprüngliche ist, sind
die meisten übrigen aus dem Einfluß der formelhaften Leidens
aussage94 zu erklären. Dagegen ist die Annahme, der Präposi-
tionalausdruck sei trotz der Leidensaussage ausgefallen oder zur
Parallelisierung mit V. IB bewußt ausgelassen worden95, unwahr
scheinlich. Dafür spricht auch, daß der Präpositionalausdruck
"wandert" (IE, 3, 3B), also wahrscheinlich öfter nachträglich inter
linear oder marginal hinzugefügt und in der nächsten Abschrift
falsch zugeordnet wurde.
Der Ersatz der 1. durch die 2. Pers. des Personalpronomens in
den Subvarianten IB, ID, 3B und 3C ist auf Itazismus, Angleichung
an das Subjekt iiuet? oder Parallelisierung mit 2,21 zurückzuführen.
Die Einfügung von èv in den Lesarten 1С, ID, 2B und 3C dient der
Parallelisierung des Ausdrucks mit V. 2b, vielfach wohl auch mit
der Mehrheitslesart èv aapxí in V. Ib.
An der Bezeugung der Lesarten 2 und 2B ist bemerkenswert, daß
hier Repräsentanten der ältesten und besten Textformen mit sonst
reinen Koinehandschriften zusammentreffen: Lesart 2 wird außer
von SP72, 03, 04, 044, 0285, 322, 323, 1243, 1739, 1881 und 2718 auch
von den an über 90% der Teststellen mit dem Mehrheitstext
übereinstimmenden Handschriften 1646, 1720 und 1880 bezeugt,
die Lesart 2B nur von 8 Koinehandschriften, von denen 7 der
letztgenannten Kategorie angehören.
Drei Erklärungen sind zu erwägen: a) Die Koinehandschriften
haben hier ausnahmsweise eine alte Lesart bewahrt, b) In den

93 Anders als in 2,21 ergibt sich hier aus dem Wechsel der Person des Pronomens
von der präpositionalen Wendung zur folgenden Anrede in den Lesarten 1, 1С,
IE und 3 kein Anstoß, da die Kola, zu denen die Pronomina gehören, syntak
tisch nicht abhängig voneinander sind, also nicht zwei Aspekte einer Hand
lung ausdrücken. Daß Christus für uns, d. h. für alle litt, kann als allgemeine
Begründung für die folgende Aufforderung an die Adressaten verstanden
werden, ohne daß diese wie beim Personenwechsel der Pronomina in 2,21 zu
stark abgesondert würden.
94 Vgl. oben S. 247f. (zu Teststelle 29). - Die ursprüngliche Lesart des Codex
Sinaiticus geht, wie auch in 2,21 und 3,18, sogar auf die der Leidensaussage
zugrunde liegende Sterbensformel zurück.
95 So V. SODEN im Apparat zur Stelle.
Erster Petrusbrief 255

Koinehandschriften oder ihrer/n Vorlage/n ist der Präpositional-


ausdruck versehentlich ausgefallen, c) Zugunsten der Paralleli-
sierung mit V. lb wurde der Wortlaut der Leidensaussage preis
gegeben.
Die Möglichkeit c) scheidet für die Zeugen der Lesart 2B aus, da
sie alle, wie im übrigen auch die Zeugen der Lesart 2, in V. lb
ттавыу старкС lesen96. Für die Zeugen der Lesart 2 bleibt die Mög
lichkeit der Parallelisierung mit V. lb also bestehen. Die Zeugen
der Lesart 2B, wie gesagt sämtlich Koinehandschriften, lesen also
gegen den Byzantinischen Text:
ттабсптос Оттер ip.ûv аарк1 ... 6 Traötov èv оарк1 Byz
ttci&Woç èv старк! ... ó vaBùv crapd 049* 43 131 330 451 608 615 1854
Dieser Befund legt die Vermutung nahe, daß die zu старк£2
nachgetragene Präposition an der falschen Stelle eingefügt wurde,
erklärt aber nicht das Fehlen von irrrèp fpûv. Der Präpositional-
ausdruck wurde in 049 von deutlich späterer Hand an falscher
Stelle eingetragen (LA 3C), anscheinend nicht aufgrund eines
Vergleichs mit einer Koinehandschrift, da die Stellung singular ist.
049* ist die älteste Koinehandschrift, in der inrèp rpûv fehlt; mit
dieser Majuskel sind 131 und vor allem 1854 enger verwandt;
zwischen diesen und den ihrerseits enger verwandten Hand
schriften 43 330 451 bestehen (noch zu spezifizierende) genealo
gische Beziehungen.
Dies alles spricht für die Möglichkeit a). Natürlich ist Möglich
keit b) damit nicht ausgeschlossen, aber die Lesarten 2 und 2B sind
als potentielle Bindeglieder zwischen Koine und älteren Text
formen im Auge zu behalten.

Teststelle 34/lPetr 4,3


2 аркетос yap ADD о тгареХт)Хившс XP°V°S (57)
1 ADD t»uv (239)
IB ADD \j\iiv (211)
1С ADD ipiv POST ттареХцХъвшс (1)

96 Quelle: Kollation d. Verf. im INTF. - Bei den übrigen Handschriften mit èv vor
ааркС ' (LA 1С: 398 464 636 914 1240 1886 2502; LA ID: 496 2696) ist das
Variationsverhalten weniger einheitlich: aapKÍ2 ohne èv lesen 398 2502 496,
mit iv 464 636 914 1240 1886 2696; hier ist also deutlicher, daß die Mehr
heitslesart zugrunde liegt.
256 Textkritischer Kommentar

Die 1. Pers. des Personalpronomens paßt eindeutig nicht zu der


sonst stets durchgehaltenen Position des Autors als eines Lehrers
und Mahners mit der apostolischen Autorität des Petrus, zumal es
der paränetische Zusammenhang an anderer Stelle sogar zuläßt,
prinzipielle Glaubensaussagen betont auf die Adressaten auszu
richten97. Mit der 2. Pers. des Personalpronomens steht in Lesart IB
ausdrücklich da, was in Lesart 2 sinngemäß zu ergänzen ist. Da es
eindeutig näher liegt, bei аркето? einen Dativ zu ergänzen als ihn
wegzulassen, besteht kein Grund, die Ursprünglichkeit der Lesart 2
zu bezweifeln. Das Personalpronomen wurde früh hinzugefügt
(schon Ol* hat b\ûv) und itazistisch verschrieben (schon 04 hat
flHlv).
Mit Ausnahme von 01*, 04 und 2298 bezeugen die Hand
schriften mit über 50% Abweichungen vom Mehrheitstext ge
schlossen die Lesart 2. Es kommen weitere Zeugen aller Grade der
Nähe zum Mehrheitstext hinzu, so daß sich einmal mehr die Frage
nach der Wahrscheinlichkeit der Bewahrung alter Lesarten in
späten Textformen stellt, zumal sicher eher die Lesarten IB und 1
aus 2 entstanden sein dürften als umgekehrt.
Die Korrektur des Codex Sinaiticus nach Lesart 2 belegt "alexan-
drinische" Arbeit am Text.
Die Bewahrung der im Vergleich mit Lesart IB eindeutig
schwächeren Lesart 1 gegen das Zeugnis von über 200 erhaltenen
Handschriften ist wohl nicht einfach mit der Tenazität gerade der
byzantinischen Überlieferung zu erklären. Vielleicht beruht ihr
Überlieferungsvorteil darauf, daß die 1. Pers. den Leser unmittelbar
einschließt. Das Zeugnis der Edition Kr zeigt jedenfalls, daß Lesart 1
in der letzten Phase der Textgeschichte als Fehler beurteilt wurde.

Teststelle 35/lPetr 4,14


1/2 то тт)я оостк Kai то тои беои rrveutia (368)
3 Soírp KCU (9)
3B Sotns- (4)
4 Soins* Kai Suvcuieios- Kai то (81) S
4B Soins- KCU iris Swauecos- kol to (2)
4C Soins- KCU бш-ацеш? Kai (3)
5 Soins- KCU Swaueíds- то (8)
5B Soins- КШ Swaueus- (34)
6 Soin? KCtl Sin-auews- awou Kai то (1)

97 Vgl. oben S. 247 (zu Teststelle 29).


Erster Petrusbrief 257

6B So£t|s Kai tt\s Suvajietüc аитои Kai to (1)


6C 8ot¡j\s Kai Suvaucu)? avrou (1)

Da bezweifelt und sogar bestritten wurde, daß an dieser Stelle die


Lesart 1/2 als die ursprüngliche überhaupt in Betracht komme98,
ist zunächst zu prüfen, ob die Formulierung то тг)? Sófris ка1 то
toö 9ео0 тшеОца als falsch, stilistisch ungeschickt oder einer be
stimmten Aussageabsicht angemessen zu beurteilen ist. Die Voran
stellung mehrerer Attribute, die jeweils den Artikel des durch sie
bestimmten Nomens bei sich haben, ist im NT ungewöhnlich",
kommt aber auch in der übrigen griechischen Literatur vor100.
Allerdings pflegt in solchen Verbindungen nur ein Genitiv- mit
einem adjektivischen oder präpositionalen Attribut verknüpft zu
werden, wobei die Attribute (ohne ка(!) im Verhältnis der Ein
schließung stehen101. Außerdem ist zu beachten, daß ein Genitiv
attribut nur dann durch attributive Stellung mit dem zugehörigen
Nomen zur Einheit eines Begriffs verbunden wird, wenn es da
durch von einem anderen Begriff derselben Gattung unterschieden
werden soll102.
Somit ist nach Lesart 1/2 тгуеОца nicht ein durch zwei Attribute
bestimmter Begriff, sondern das теща rf\ç &6£r\s wird vom irveö-
p.a toO 0eoö unterschieden. Die Schwierigkeit des Ausdrucks be
steht nun darin, daß die beiden Begriffe dennoch durch eine Figur
der Klammerbildung, die Haplothese des durch die Attribute diffe
renzierten Gattungsbegriffs103 тшеОца, eng miteinander verknüpft
sind.104 Der Autor unterscheidet auf diese Weise zwischen zwei

98 WINDISCH 77: "Die ungeschickte Verbindung то rfc Sófr^ ка1 то тоВ 9ео0
тшеица scheint nicht ursprünglicher Text zu sein"; BROX 215, Anm. 679 (eben
falls ohne Begründung): "Der überlieferte Text ist ... sicher nicht korrekt."
99 Vgl. BDR 269,6.
100 Vgl. K./G. П.1, 621f.
101 Vgl. K./G. П.1, 621 und 277.
102 Vgl. K./G. II.l, 617: "6 Tw 'A9r\vaitüv 8f)uos oder о St\\loç ó tûv 'AöriiraLiüi',
das athenische Volk im Gegensatz zu einem anderen Volke. Der Nachdruck
liegt dann auf dem Genetive."
103 Vgl. LAUSBERG §322.
104 SELWYN sieht in то Tfjs боСтр einen elliptischen Ausdruck (wie то тfjs•
aCpiov [Jak 4,14], die für morgen zu erwartenden Verhältnisse) mit der Bedeu
tung "the presence or reflection of the glory, i. e. the Shekinah" (S. 222); die
Umschreibung solle die Wiederholung der Formulierung aus V. 13 (iv dirora-
XÍNfei тис 8оСти airroö [sc. то0 XpioroûD vermeiden. Aber die Abtrennung
eines elliptischen Ausdrucks von einem unmittelbar folgenden Nomen, das den
258 Textkritischer Kommentar

Erscheinungsformen des im Wesen gleichen irveOjia: Indem der


"Geist der 'Herrlichkeit', in der Christus erscheinen wird"105, auf
dem ruht, der Christus nachfolgt, ruht auch der Geist Gottes auf
ihm; ка1 ist also epexegetisch gebraucht: (der Geist) der Herrlichkeit
und damit Gottes Geist.
Die Formulierung ist zwar im NT singular, aber sie verweist
zurück auf 1,11, wo es heißt, in den Propheten habe das тп/еОца
Xpicrrou gewirkt, das ihnen та elç Xpiorôv ттаб^цата teal та? цета
таОта 8о£а? bezeugte; Gott gibt Christus die 8ó£a, indem er ihn von
den Toten auferweckt (1,21), und folglich denen, die mit Christus
leiden (4,13). Der Ausdruck то Tfj? SoÇris" (nveO^a) in 4,14 ist eine
Chiffre für das Leitmotiv des Briefes, die Heilsgewißheit der um
Christi willen leidenden Gläubigen.
Das Hinzutreten eines weiteren Genitivattributs in den Lesarten
4, 4B, 6 und 6B, deren syntaktische Struktur der Lesart 1/2 ent
spricht, lockert die Verknüpfung der beiden Begriffe; hier liegt es
näher, то toö веоО тп/еица von einem vorangehenden ellipti
schen Ausdruck, der überdies vielleicht als zu kurz empfunden
wurde, zu unterscheiden106. Der Anklang an Mt 24,30parr (ка1
офорте^ töv úbv toû ávOpumou èpxo^evov ... ц.ета бш/ацеа)? ка1 Só-
Сг)? ттоХХт|с) verstärkt das eschatologische Moment des Ausdrucks
in 4,14 und verknüpft ihn deutlicher mit dem vorangehenden
Vers, zumal in den Lesarten 6 und 6B, wo der Bezug auf Christus
zusätzlich durch airroû unterstrichen wird.
Die Lesarten 3B, 5B und 6C sind formal unkompliziert, indem
Só£nc oder 8оСт|С ка1 8wá\iews Attribute zu (airroû) той 6eoû wer
den, aber der Rückbezug auf die 8o£a Christi ist preisgegeben. Dies
gilt auch für die Lesarten 3 und 4C, in denen das zweite то fehlt.
Das Fehlen des ка( in Lesart 5 schließlich gibt dem Ausdruck
einen allzu emphatischen Klang.
Die formalen Vereinfachungen durch das Fehlen kurzer Wörter
(besonders in den Lesarten 3 und 4C, wo то vor toö durch Haplo-
graphie ausgefallen sein kann) dürften auf versehentliche Aus
lassungen zurückgehen; die dadurch bewirkte Eingängigkeit des
Ausdrucks wird aber ihre Verbreitung gefördert haben.

gleichen Artikel und dasselbe Prädikat hat und ebenfalls durch ein Genitiv
attribut bestimmt wird, ist eine mit dem Sprachfluß kaum zu vereinbarende
Konstruktion.
105 BROX215.
106 Vgl. oben Anm. 104.
Erster Petrusbrief 259

Zweifellos ist eine der schwierigeren Lesarten 1/2, 4 und 4B die


ursprüngliche. Für die Entstehung der Lesarten 4/4B aus 1/2
spricht der Anklang an Mt 24,30parr. Dabei mag auch das Motiv
eine Rolle gespielt haben, dem im Sinne einer Ellipse verstande
nen Ausdruck то тт]? 8oÇt|ç mehr Gewicht zu verleihen. Aller
dings ist nicht auszuschließen, daß er vom Autor selbst stammt, da
ein Interpolator wohl eher in genauer Entsprechung zur Reihen
folge bei den Synoptikern 8шац.еш? vor 8oÇt)ç eingefügt hätte, ferner
die versehentliche Auslassung von icat бшацеш? vor icat то
nichts Ungewöhnliches wäre.
Die größere Zahl koineferner Zeugen bei Lesart 4 wird durch Sp72
und 03 aufgewogen. Lesart 1/2 ist ein weiteres Beispiel für Bewah
rung des schwierigeren Textes durch die Koine.

Teststelle 36/lPetr 5,2


iroijiaitrre то ev \i\liv ttoi\lviov той 9eou [етотсоттоууте?) \¡.t] ауаукаотш?
1 eitiOKo-nowres (479) S
2 ОМ emoKoiTowTeç 01*03 322 323 HTN
3 emo-KOTTidires (1)
4 eiTLCTKOirouvToc (2)
5 ето-кочтеиоуте? (18)

Nach der Mehrheitslesart wird die bildhafte Aufforderung an die


Presbyter, die Herde Gottes zu weiden, in dem Partizip етиако-
TfoOvTes' zusammengefaßt und dann тго1цауате...етпакотгоОУте? in
drei antithetischen Bestimmungen entfaltet:
(2b) u.f| (Ыгукаотыс àXXà ¿kohoícüc ката 9eóv,
|jx|6è aLaxpoxepSû? àXXà тгрооби.ас',
(3) ux|8' cbç KaTaKupieuovTec twv кХг^ршу àXXà тшга yiv6\ievoi тоО
TTOip.VÍOU.

Die Verben Troip.aíveiv und ¿тпакотгеХи bezeichnen synonym die


Funktion der тгрео-ßUTepoi, deren Amt also noch nicht von dem der
¿ttíctkottoi unterschieden wird107; ¿mcncoTreiv heißt hier allgemein
Aufsicht üben, sorgen für108. Insofern ist das Partizip im gegebenen

107 In ebendiesem Sinne sagt Paulus nach Apg 20,28 den irpeo-ßirrepoi. aus Ephesos:
v\iâç то irveOjia то Äyiov ?6ето етаколои? Trouaive ii> tí\v екк\т\о1ал> той
веоО. - Vgl. auch Tit 1,7, wo ¿trtaicoiro? synonym mit TrpeaßtfTepos' (1,5)
gebraucht wird.
108 So BAUER/ ALAND s. v.; vgl. BROX 230: "tut diese Aufgabe'.
260 Textkritischer Kommentar

Kontext "entbehrlich"109, das Fehlen des überflüssigen Wortes, das


durch seine angestammte verwaltungstechnische Konnotation die
Wirkung des Bildes vom Weiden der Herde Gottes eher beein
trächtigt, stilistisch wünschenswert110.
Die sekundäre Einfügung des Partizips könnte durch die Be
zeichnung Christi als Troip.T|V ка1 ¿таакотгос am Ende des Traditi
onsstücks in 2,25 oder die "traditionelle Zusammengehörigkeit der
Stämme -rroiuav- und ¿тисткотг-"111 motiviert sein112. Allerdings
kann aus den gleichen Gründen diese Wortverbindung auf den
Autor selbst zurückgehen. Wahrscheinlicher ist doch, daß ¿тиако-
■novvreç ausgelassen wurde, als ттрео-ßUTepoi und етгСакотгси im Zuge
der Durchsetzung des monarchischen Episkopats, die im 2. Jahr
hundert beginnt und im 4. überall abgeschlossen ist113, termino
logisch und institutionell klar voneinander geschieden wurden.
Von dieser Zeit an ist ¿тиакотгоОутес eindeutig lectio difficilior.
Zwar behält èmoKotteïv in der patristischen Literatur neben Bischof
sein die früheren Bedeutungen beaufsichtigen, leiten, besuchen11*,
aber nun muß es wegen der Gleichheit des Stamms von ¿тгСакотто?
mißverständlich wirken, die Tätigkeit von тгрео-ßUTepoi mit diesem
Verbum zu bezeichnen.
In Lesart 4, nach der die irpeaßUTepoi unter der Aufsicht Gottes
stehen, könnte man eine andere Lösung des gleichen Problems
sehen; aber es handelt sich wohl doch eher um die naheliegende
Verwechslung von e und o.

109 BROX230.
110 Allerdings ist der Einwand NAUCKS (1957, 200f.) gegen ¿тпакоттоО^тес, es
störe ebenso wie ката 9eóv in V. 2b die "Gleichförmigkeit" und den "Rhyth
mus" der Verse 2 u. 3, nicht überzeugend. Das Partizip erhält vielleicht durch
seine Stellung zwischen dem Satz, dem es sich anschließt, und dessen drei
gliedriger antithetischer Entfaltung mehr Gewicht als ihm nach seiner in
haltlichen Bedeutung zukommt, aber dadurch ist die Isokolie der folgenden
Satzglieder nicht beeinträchtigt.
111 NAUCK 1957, 202; vgl. die Belege aus der altkirchlichen Literatur ebd. 201f.
112 Aus diesem Grunde beurteilt BROX das Partizip als "wahrscheinlich nicht
ursprünglich" (S. 230); NAUCK, der die Verse 2-3 als Zitat eines Traditions
stücks interpretiert, läßt offen, ob schon der Autor des IPetr oder erst ein
Interpolator das Wort eingefügt habe (S. 201).
113 Zur Entwicklung des Monepiskopats vgl. G. TRÖGER, Art. Bischof, TRE 6, 654-
659.
114 Vgl. LAMPE s. v.
Erster Petrusbrief 261

Lesart 5 scheint in eine andere Richtung zu weisen. Das Verbum


émaKOTTeueiv ist in der vorchristlichen Literatur kaum belegt115, in
der patristischen Literatur fast ausschließlich in der Bedeutung
Bischof sei«116. Möglicherweise drückt sich in dieser Lesart eine
gegen den Monepiskopat gerichtete Tendenz aus.
Lesart 3 schließlich ist eine Entstellung der Lesart 1 durch
Schreiberversehen.
Die Stelle zeigt einmal mehr, daß die schwierigere Lesart von
der Mehrheit der Handschriften gegen einige Repräsentanten
älterer Textformen117, die gemeinhin zu den ältesten und besten
zählen, überliefert sein kann.

Teststelle 37/lPetr 5,5


2 iraire? 8e aXXT|Xoi? tt)1' таттеи>офро<лл'Т11' сукоцЭыааабе (18)
2В ev аХХт|Хо1? (3)
2C ev аХХт)Хоис (1)
1 aXXT|Xois uiTOTaaaojievoi (460)
IB ev oXXt|Xoi? VTraTaaaojievoi (2)
1С аХХт|Хш^ imoTaaoojievoi (1)
ID aXXfiXous- uiroTaoooaevoi (13)
IE aXXï|Xoi imoTaooop.ei'oi (1)
3 oXXtiXois' шготаааеаве (1)
4 аХХт)Хо(.с \mojaym\iev (7)
5 aXXnXouç ауатгпаате (1)

Nach den Lesarten 1-1E, 3 und 4 wird das allgemein geforderte


Verhalten ebenso wie die in V. 5a insbesondere den Jüngeren
gegenüber den Presbytern118 anbefohlene Unterordnung mit dem
Verbum йттотаааеавач bezeichnet. Das Subjekt -navres zeigt jedoch,
daß in V. 5b alle Gemeindeglieder, einschließlich der Presbyter
gegenüber den Jüngeren, gemahnt werden, im Umgang mitein

115 LSJ (bestätigt durch HATCH/REDPATH und DENIS) verweisen lediglich auf
Sm. Ps. 65,7, wo es anstelle der LXX-Übersetzung emßXETrouati' von den Augen
Gottes gebraucht wird.
116 Vgl. LAMPE s. v.
117 BROX' Bemerkung, in "den patristischen Zitaten" (S. 230) fehle ¿ttictko-
iroOvTes, ist irreführend, da laut GNT4 nur Didymus und (in einem von drei
Zitaten) Hieronymus die Stelle ohne das Partizip zitieren.
118 Nach der Mahnung an die Presbyter in den Versen 1-4 bezeichnet das gleiche
Wort in V. 5 kaum die im eigentlichen Wortsinn Älteren, wie SELWYN (S. 233)
meint.
262 Textkritischer Kommentar

ander Bescheidenheit zu zeigen. Daher entspricht Lesart 2 dem


Kontext besser.
Die Einfügung einer Form von {лтотаасгестосп sollte wahrschein
lich der Verwechslung des dat. commodi oder respecrus der Lesart
2 mit einem indirekten Objekt vorbeugen, wobei die Formulierung
in Eph 5,21 (UTTOTaaao(ievoi dXX^Xois) eingewirkt haben mag. Das
gleiche Motiv erklärt auch die Einfügung von èv (2B [>2C]).
Dagegen wird durch die Einfügung von èv in die Mehrheitslesart
das Verständnis eher erschwert, weshalb Lesart IB nicht unab
hängig von einer Handschrift mit Lesart 2B entstanden sein dürfte.
Die Lesarten 1C-E sind bloße Entstellungen der Lesart 1 durch
Schreiberversehen.
Das unmotivierte Asyndeton der Lesart 3 und der widersinnige
Wechsel der Person in Lesart 4 sind vielleicht durch falsche Auf
lösung einer Abkürzung in der jeweiligen Vorlage entstanden; je
denfalls sind sie, anders als Lesart 5, nicht als von der Mehr
heitslesart unabhängige Glättungsversuche zu verstehen. Lesart 4
ist Bindefehler der Gruppe Hk.

Teststelle 38/lPetr 5,11


2 аитш то крато? eis touç awvas 02 03 044
2В аитш крато? ф72
1 аитш ti Soja Kai то краток (307) SVMB
IB аитш т| Sofa Kai кратос (1)
1С аитш т) 8о£а крато? (150)
IE аитш Sofa кратос (8)
IF аитш то крато? Kai т) Sofa (35)
3 Sofa аитш крато? (1)
4 аитш т) Sofa (5)
5 аитои т) Sofa Kai т) ßaaiX£ia (1)

Die ganze Doxologie lautet nach dem Byzantinischen Text: airrw f| Sofa ка1 то
крато? el? тоЬс altiva? tûv aíún'Uív, à\ii\v. Die Kurzform, а{ггф (то) кратос el?
toîç alava?, á\rf\v, bezeugen von den griechischen Textzeugen nur Sp72 und 03.

Die sonst im NT nicht vorkommende Form der Doxologie mit


кратос als einzigem Prädikat (2/2B) betont passend zu den vier in
V. 10b verheißenen Machterweisen (катарт1сте1, OTqpLÇei, oQevúoei,
9ep.eXicúoei) die Kraft Gottes. Die übrigen Lesarten geben diese Wir
kung preis, indem sie das schon in V. 10a verwendete Prädikat (6
каХеаа? щас el? tí\v altüviov aírroO SóCav) wiederholen.
Erster Petrusbrief 263

Da die ungewöhnliche Form der Doxologie nach den Lesarten 2


und 2B119 durch den Kontext motiviert ist, sind die übrigen Va
rianten aus dem Bestreben zu erklären, den Wortlaut mit dem
(wie schon der Begriff zeigt) in kaum einer Doxologie fehlenden
Prädikat 6o£a an den üblichen formelhaften Sprachgebrauch anzu
passen.
Die Mehrheitslesart entspricht genau der Formulierung von
4,11: ф (sc. тф 9eû) ècmv ^ 8ó£a ral то крато? elç toùç alûva? tûv
alwvuv á\rf\v. Außerdem hat Offb 1,6 im Byzantinischen Text den
gleichen Wortlaut wie IPetr 5,11 аЬтй -duxji/.
Die singulare Lesart IB ist sicher durch ein Versehen beim
Kopieren des Byzantinischen Textes entstanden, und auch die
merkwürdige asyndetische Reihung der Lesart 1С scheint zunächst
keinen tieferen Grund zu haben als die optische Ähnlichkeit von
ка! то und кратос. Merkwürdig ist allerdings auch, daß diese Lesart
so oft reproduziert wurde. Vielleicht hat dazu die Formulierung in
Jud 25 (6о£а цеуаЛихллт) крато? ral ¿Çoucjia) beigetragen, so daß
Lesart IE als weiterer Schritt in diese Richtung zu deuten wäre;
aber die Analogie ist zweifelhaft, weil in Jud 25 vor dem letzten
Glied der Reihe rat steht. Wurde краток in 1С möglicherweise als
Prädikatsnomen aufgefaßt?
Der gleiche Wortbestand der Lesarten 1 und IF zeigt, daß sie
sicher in engem Zusammenhang stehen; aber die Bezeugung
warnt davor, IF als Subvariante der Mehrheitslesart zu betrachten
(s. u.).
Die Frage, wie die wohl fehlerhafte Wortstellung der Lesart 3
zustandegekommen sein kann, muß zunächst offen bleiben. Nach
der Bezeugung liegt ein Zusammenhang mit IE näher als mit 2B.
In Lesart 4 dürfte, begünstigt durch die Häufigkeit von Doxo-
logien mit 8о£а als einzigem Prädikat in den paulinischen Brie
fen120, das zweite Prädikat der Mehrheitslesart ausgefallen sein.
Lesart 5 schließlich ist eine Angleichung an den lateinischen
Text (ipsi gloria et imperium) in der Bilingue 629.
Lesart IF kann, da sie nur von einer einzigen Koinehandschrift
und sonst nur von Repräsentanten älterer Textformen bezeugt
wird, keine Subvariante der Mehrheitslesart sein. Anscheinend

119 Durch Isochrome des o-Lauts bedingte Haplographie.


120 Vgl. Rom 11,36; 16,27; Gal 1,5; Phil 4,20; 2Tim 4,18; Heb 13,21.
264 Textkritischer Kommentar

wurde zunächst Kai f) 8o£a nach крато? eingefügt und in einem


weiteren Schritt die Reihenfolge an 4,11 angeglichen.
Die Holprigkeit der Lesart 1С könnte durch eine mißverstan
dene oder unvollständig ausgeführte Korrektur in einer für die
Entwicklung der Koine maßgeblichen Handschrift bedingt sein.

Zweiter Petrusbrief
Teststelle 39/2Petr 1,4
2 8i' usv та Т1цю Kai цеуюта riiuv еттаууеХцата SeStupryrai (30)
2B тциа цеуюта тщи» еттаууеХцата 8еошрт|та1 (1)
2С Т1цш Kai цеуюта еттаууеХцата t\\uv SeSuprrrai (2)
2D Т1цш Kai цеуюта v\u.v еттаууеХцата бебшртрш (2)
1 Tijiia тдш» Kai цеуюта еттаууеХцата бебыртттчи (383) T h
IB тциа v\iiv Kai цеуюта еттаууеХцата 8е8и)рт|та1 (16)
1С пцш rpiv Kai цеуюта еттаууеХцата цш> бебшртутш (2)
ID тгцш ищу Kai цеуюта еттаууеХцата v\íiv 8е8шрт|та1 (1)
IE Ti|iia тщют/ Kai цеуюта еттаууеХцата бебшртггш (7)
IF тфш v\lîûv Kai цеуюта еттаууеХцата 6е8шрт|та1 (1)
IG тгцш t\\iiv Kai цеуюта еттаууеХца Se&oprrrai (1)
3 пцш Kai цеуюта еттаууеХцата бебшртутчи (3)
4 Т1цю ТЩ11' Kai цеуюта ei/таЛцата беошргрш (1)
4В Т1цю иц1У Kai цеу1ата ектаЛцата 8€бшрт|та1 (1)
5 цеуюта Kai тгцш тщи/ еттаууеХцата бе&ортутш (34) S
5В цеуюта Kai тциа ции/ еттаууеХцата t\\uv SeSupirrai (2)
6 цеуюта тщн» Kai Т1цю еттаууеХцата SeSupriTai (5)
6В цеуюта Kai Т1цю ищу еттаууеХцата бебшртгтт (5)
6С цеу1ата Kai Т1цш ицыу еттаууеХцата бебшртггш (2)
7 цеуюта Kai Т1ЦШ еттаууеХцата Бебшртутш vyxv (2)
7В цеу1стта ищу Kai Т1цш еттаууеХцата SeSoprrrai (1)
8 цеуюта пци» еттаууеХцата бебшртугси (2)
9 iraiTa Kai цеуюта еттаууеХцата SeSupirrai (1)

Die meisten Varianten betreffen die Stellung der Adjektive und des Personal
pronomens. Unabhängig davon sind die Wortvarianten ¿утаХцата (4, 4B)
und тгагта (9, unsinnig), der Schreibfehler етгаууеХиа (IG, Form von Haplo-
graphie) sowie die Auslassungen des Personalpronomens (3, 9), von icaí (2B)
und ка1 тИцш (8)121 zu behandeln. - Neben dem Positiv тгцш ist цеуюта als
Elativ zu verstehen, da der Kontext weder eine klimaktische noch eine
antiklimaktische Stellung motiviert; deshalb macht es inhaltlich auch keinen
Unterschied, ob тСща oder цеуитта voransteht.

121 Wegen Verwandtschaft der Zeugen dieser Lesart mit solchen der Lesarten 5
und 5B ist auszuschließen, daß eine der Lesarten mit т1цш als erstem Attribut
zugrundeliegt.
Zweiter Petrusbrief 265

Hinsichtlich der Stellung des Personalpronomens sind drei


Variantenkomplexe zu unterscheiden:

Tifiia Titwüi'.
Tiuia три/
\xeyiora Tpxv
Kai - Attribut 2 - етгсгууе Ацата SeSupirrai
\ieywra v\iiv
Tiuia v\iiv
Tiuia v\iíúu

1-2 1С . ЛИ"» rp.iv


та Tiuia / ^ Kai иеуюта еиаууеХиата /
\ \ ве&ортрт

ID ^uuii/' uuiv

ПЛ 2, (2B)

та - Attribut 1 - icai етгаууеХцата бебшрцтщ



2D Tiuia uuii»

II.2 5В та иеуюта kol Tiuia t||jili/ еттаууеХиата t)\iiv 8е8а>рт|та1

III
2С Tiuia ^ иеуюта ^щ,, 8е8шрлта1
та ^ tai етаууеХцата
7 v иеуюта *"^ ^^ Tiuia ^^ ^~-- бебшртрщ v\llv
266 Textkritischer Kommentar

Das Personalpronomen steht (I) nach dem ersten Attribut, (II) nach
dem zweiten Attribut, (III) unmittelbar vor oder nach dem Ver-
bum; es kann außerdem nach dem ersten oder zweiten Attribut
stehen und zusätzlich unmittelbar vor dem Verbum wiederholt
werden (1.2 und II.2). Ferner variieren die Person und der Kasus
des Pronomens.
In den meisten Lesarten ist das Personalpronomen im Dativ (der
Genitiv ergibt kaum einen akzeptablen Sinn), in lockerer Parallele
zu den Versen 2 und 3, durch Hyperbaton vom Verbum getrennt.
So ergibt sich die Möglichkeit, es als sog. Dativ des Standpunktes
auf die Attribute zu ¿ ттауу^ Хцата oder auf eines von ihnen zu
beziehen122. Jedoch ist damit zu rechnen, daß der Dativ zugleich
(diTo koivoO) als indirektes Objekt zu 8е8шрт|та1 verstanden wurde,
was auch fiuîv...Se8a)pT|uévr|S' in V. 3 nahelegt.
Unter dieser Voraussetzung ist zu klären, ob das Personal
pronomen der 1. oder der 2. Pers. dem Kontext besser gerecht wird.
Die 1. Pers. erscheint zunächst deshalb weniger passend, weil sie
den Verfasser in eine Position zwischen die Adressaten und Gott
stellt: ...durch die er uns die ... Verheißungen geschenkt hat, damit
ihr durch diese Gemeinschaft mit der göttlichen Natur erlangt. Es
ist aber ebendieser Gegensatz, den der Autor wenig später noch
mals betont, nachdem er seine apostolische Autorität damit legiti
miert hat, daß er Augenzeuge der Verklärung Jesu war (1,16-18). In
V. 19 heißt es dann: ка1 ¿xouev ßeßaiOTepov toi/ ттрофтупкоу Xóyov,
ш каАшс tToitÎTe ттросехоитес. Sowohl hier als auch in V. 4 rechnet
sich der Autor durch Verwendung der 1. Pers. PI. zu einer Gruppe
von Männern, die im Gegensatz zu den феи8о818асткаХо1 (2,1), deren
Bekämpfung das Hauptziel des ganzen Briefes ist, mit apostolischer
Autorität lehren123. Die rechte Auslegung bedarf dieser Autorität:
1,20 . . . тгаста тгрофптеСа урафл? IStaç ¿тХитеыс où ytveTai.124

1 22 Vgl. SPUTA 41f. und GRUNDMANN 70.


123 Wenn wirklich in "V. 18 T^Koúaap.ev ... 'wir' die Apostel, V. 19 txo\iev die
Gläubigen" sind (SCHELKLE 200), ist schwer zu erklären, warum es dann in V.
19b nicht iroioüuev heißt.
124 Zu dieser "frühkatholischen" Tendenz des 2 Petr vgl. KÄSEMANN, E. Eine
Apologie der urchristlichen Eschatologie. In: Exegetische Versuche und
Besinnungen I, Göttingen 61970, S. 135-157 (bes. 151-154); MARXSEN, W. Der
"Frühkatholizismus" im Neuen Testament (Biblische Studien 21).
Neukirchen 1958, S. 7-17.
Zweiter Petrusbrief 267

In V. 4 betont also der Wechsel der Person im Einklang mit dem


Kontext die apostolische Autorität des Sprechenden. Die 2. Pers. des
Personalpronomens würde den für die Aussageabsicht des ganzen
Briefes konstitutiven Gegensatz zwischen einer besonders autori
sierten Gruppe von Lehrern und der Adressatengemeinde, in der
jene феиоо810аакаХо1 auftreten werden (2,1), verwischen.125
Die Lesarten schließlich, in denen die 1. Pers. des Personal
pronomens im Dativ einmal als Dativ des Standpunktes bei einem
Attribut steht und dann zusätzlich als indirektes Objekt vor dem
Verbum wiederholt wird, betonen die 1. Pers. und damit die
Autorität der Lehrer stärker, als es der Kontext verlangt.
Die Lesarten mit ûuîv sind entweder itazistische Entstellungen
der entsprechenden Lesarten mit 1\\uv, oder die 2. Pers. wurde ohne
Beachtung des weiteren Kontextes aufgrund der Überlegung
hergestellt, daß die ¿-пгаууеХцата allen Gläubigen geschenkt sind.
Die fehlerhaften Veränderungen des Kasus des Personalpro
nomens sind wahrscheinlich auf Fehlinterpretation von Endungs
kürzungen126 zurückzuführen und mögen dann auch direkt
kopiert worden sein, weil der Ausdruck та тЧцла fpûv/ùuûv ical
неуюта. ¿тгаууеХиата (1E/F) oder та цеушта ка1 TÍjna b\iûv
етгаууеАцата (6С) an sich keinen Anstoß erregt.
Die Stellung von fpîv bzw. v\ûv beim Verbum in den Lesarten 2C
bzw. 7 soll wahrscheinlich vermeiden, daß der Dativ nur als nä
here Bestimmung eines der beiden oder beider Adjektive verstan
den wird. Bei Lesart 1С und, von ihr abgeleitet, ID handelt es sich
möglicherweise um Mischlesarten aus 1 und 2C, bei Lesart 5B aus 5
und2C.
Diese Überlegungen zeigen, daß die oben nach der Stellung des
Personalpronomens zusammengeordneten Lesarten jeweils eine
Hauptvariante mit einfach stehendem fiutv abwandeln:
I. та -Attribut 1 -tf|uîv ка1 - Attribut 2 - етгаууеХцлта ôeôcipirrai
II. та - Attribut 1 - ка1 - Attribut 2 - 1\\lïv етгсгу'уеХцата 8е8и>рт|та1
III. та - Attribut 1 - ксй - Attribut 2 - етгаууеХцата f|uîv бебиртрш

1 25 Vgl. dazu auch FUCHS/REYMOND 50 u. 44. - BAUCKHAM (S. 176f.) akzeptiert


zwar ebenfalls t\\H.v als ursprünglich, sieht aber im Wechsel der Personen le
diglich den Übergang zur Mahnung in V. 5. Diese Interpretation läßt unberück
sichtigt, daß i\\iiv durch Sperrung betont wird und damit der Gegensatz zur 2.
Pers. am Anfang des Finalsatzes umso stärker hervortritt.
126 Vgl. GARDTHAUSEN П, S. 337 zu I N/HN und S. 341 zu ON .
268 Textkritischer Kommentar

Hinsichtlich der Stellung der Adjektive besteht sicher ein


Normalisierungsgefälle zugunsten der rein formal klimaktischen
Stellung TÍuia «al цеуюта, so daß die Varianten, in denen цеуюта
voransteht, wahrscheinlich der ursprünglichen Lesart näherste
hen127. Allein aufgrund innerer Kriterien sind also am ehesten die
Lesarten 5 oder 6 als ursprünglich zu betrachten.
Die oben in Komplex I zusammengefaßten Varianten werden
außer Lesart 6 fast ausschließlich von Koinehandschriften bezeugt.
Dies zeigt die Zusammengehörigkeit der Lesarten in Komplex I
auch von der Bezeugung her. Die Verwandtschaft der 1739 (Lesart
5) mit zwei Zeugen der Lesart 6 (322 und 323) und die Stellung der
Attribute verweisen auf einen engen Zusammenhang zwischen
den Lesarten 5 und 6, so daß Lesart 6 aufgrund der Bezeugung eher
in den Komplex II. 1 gehört.
Es fällt auf, daß nur eine Handschrift aus der Reihe der "ältesten
und besten" bei den Lesarten aus Komplex I steht: die Ol.
Abgesehen von drei Zeugen der Lesart 6 (322, 323, 2805) finden sich
alle koineferneren Handschriften bei den Komplexen II und III.
Das Variationsverhalten der Gruppen Hk, 808, 2197 und 104
zeigt, daß in Komplex II zwischen den Lesarten 2, 2B/D einerseits
und 5, 6B/C andererseits unterschieden werden muß. Dieser Un
tergliederung entspricht die Stellung der Attribute in beiden Lesar
tengruppen.
Die Lesart 2C gehört aufgrund der Papyrusbezeugung - und wie
derum: wegen der Stellung der Attribute - zu Lesart 2. Ein Einfluß
der Lesart 2C auf 1С (>D) ist denkbar; die Koinebezeugung macht es
aber wahrscheinlicher, daß es sich um spontan entstandene Sub-
varianten zu 1 handelt.
Lesart 7 steht 6B am nächsten und zeugt einmal mehr von der
Eigenwilligkeit des in 996 und 1661 überlieferten Koinetextes.
Die Lesart 5B wird von zwei Handschriften der Gruppe 1838
bezeugt, deren weitere Mitglieder bei Lesart 5 (1842) und 8 (1838)
stehen. Für Lesart 8 legt außerdem der zweite Zeuge 2492 mit dem
nächsten Verwandten 1243 die Zuordnung zu Lesart 5 nahe. Somit
geht sicher auch 5B auf 5 zurück, wobei der Wiederholung von
f|UÏv eine der Lesart 2C entsprechende Variante (mit ц^-ушта als
erstem Attribut und Umstellung des Personalpronomens zum
Verbum) oder ein schlichtes Versehen zugrundeliegen mag.

127 Vgl. BAUCKHAM 172.


Zweiter Petrusbrief 269

Die Lesarten 3 und 9 schließlich sind aufgrund ihrer Koinebe-


zeugung der Lesart 1 zuzuordnen.

Nun können die Lesarten der Teststelle 39 zu Hauptvarianten zu


sammengefaßt und genealogisch geordnet werden:

5 (>5B, 6B [>7], 6C, 8) цеуюта кш. Tiuia r\\u.v eттауусХцата 8€&i>pT|TaL

6 (>7В) цсуюта T||j.LV Kai nam


етгаууеХцата SeSupnTai

\
1 Ti|xia тцш» Kai цеуюта
2 (>2B/D) тцхш Kai аеуюта t\\liv еиауубХцата 8e&jjpr|Tai
еттаууеА^ата 8€&dpr|Tai (>1B/C/D/E/F/G, 3, 4, 4В, 9)

2С Tiuia Kai цеуюта


еттаууеХцата i)\u.v Ы6шрг\та\.

Wegen der breiteren Bezeugung unterschiedlicher Provenienz für


Lesart 5 ist es wahrscheinlicher, daß die Lesarten 6/7B von dieser
abhängen als umgekehrt.128 Allein aufgrund innerer Kriterien
könnte eher die große Sperrung Г|Ц11>...8е6ырг|та1 in Lesart 6 als
ursprünglich gelten. Diese Sperrung wäre dann in den Lesarten 5
und 2C schrittweise abgebaut worden. Wegen der Bezeugung liegt
es jedoch näher, Lesart 6 als Bindeglied zwischen 5 und 1 zu ver
stehen, weil dann sowohl 6 als auch 1 jeweils durch eine einfache
Umstellung zu erklären sind, die nicht auf einen bewußten
Eingriff in den Text zurückgeführt werden muß. Gegenüber den
Lesarten 5 und 6 besitzt die Lesart 1 mit der geläufigeren Figur a
minore ad maius einen "Vervielfältigungsvorteil".
Die Bezeugung durch Ol zeigt, daß die Lesart 1 nicht jünger ist
als die anderen Hauptvarianten 2, 5 und 6.

128 Auch GRUNDMANN (S. 70) und BAUCKHAM (S. 179) beurteilen Lesart 5 (mit
V. SODEN) als ursprünglich. SPITTA (S. 42) betrachtet zwar ebenfalls diese
Lesart als die ursprungsnächste, konjiziert aber ein zusätzliches v\iiv vor
8е8шрг|та1 (S. 47).
270 Textkritischer Kommentar

Von den Lesarten, in denen Koinehandschriften von der Mehr


heitslesart und ihren Subvarianten (1B-G, 3, 4, 4B, 9) abweichen,
können drei (2, 6, 7B) möglicherweise unabhängig aus Fehlern
beim Kopieren des Byzantinischen Textes, nämlich durch Umstel
lung des Personalpronomens oder der Attribute, entstanden sein.
Die Wahrscheinlichkeit, daß Koinehandschriften ihre Abweichung
von der Mehrheitslesart aus einer vom Byzantinischen Text abwei
chenden Tradition haben, ist bei den Lesarten 5 und 7 größer, weil
für die Entstehung dieser Lesarten aus Lesart 1 zwei Änderungen
nötig wären.

Teststelle 40/2Petr 1,12


2 6u> цеХХгкш aei \i\ias шгоцгцл/гклсеиг (14)
2B 8io anfXXriaaj (1)
2C Sio цеХш (1)
1 8io оик аце\г|аш (480)
3 8i* ou це\Хт|аи) (2)
4 8io ou цеХХтртш (3)
5 8ioTi ouK ацеХткии (1)
6 8io naAAoi' аое\фо1 oute ацеХткш (2)

Die Umschreibung des Futurs mit ^¿XXeiv + Inf. ist schon im


Klassischen geläufig und breitet sich in der Koine wegen des
Schwindens der finiten Futurformen weiter aus.129 An Lesart 2 ist
ungewöhnlich, daß zusätzlich die Form von ^¿XXeiv im Futur130
steht. Die gleiche Erscheinung kommt im NT sonst nur noch
einmal vor, in Mt 24,6 (цеХХГ|аете áKoúeiv), wo das zusätzliche Futur
die Unverbrüchlichkeit einer Prophezeiung Jesu unterstreicht. In
2Petr 1,12 betont der Autor nach Lesart 2, daß er der Erinnerung
schriftliche Form geben will, damit sie auch über seinen Tod
hinaus (V. 14) jederzeit (екаототе, V. 15) zugänglich bleibt131. Dabei
ist die Formulierung möglicherweise durch \ie\tiv, Sorge tragen,

129 Vgl. BDR356.


130 WOHLENBERGS Vorschlag, "цсЩаш als eine deliberative Frage im Kon-
junkt. Aor." (S. 188) zu verstehen, scheitert an dem vorausgehenden Sio (das er
in seiner Übersetzung übergeht). - Da hier keine Partikel wie афес oder SeOpo
steht, scheidet auch die Möglichkeit aus, цёХХ^аш als adhortativen Konjunk
tiv zu interpretieren (vgl. K./G. П.1, 219f.; BDR 365.1).
131 Vgl. PAULSEN 114; BAUCKHAM 195f.
Zweiter Petrusbrief 271

beeinflußt; es könnte also eine Unscharfe in der Wortwahl


vorliegen.
Dagegen trifft Lesart 1 genau den vom Kontext geforderten Sinn
und gibt sich ohne weiteres als Glättung der schwierigeren und
besser bezeugten Lesart 2 zu erkennen.
2B ist Schreibfehler einer ersten Hand, der zu Lesart 1 korrigiert
wurde; wahrscheinlich geht der Fehler auch auf diese Lesart
zurück. Auch 2C ist wohl kaum bewußte Verbesserung, da ^¿Xeiv
fast ausschließlich unpersönlich konstruiert wird132, sondern feh
lerhafte Wiedergabe von 2.
Lesart 3 (Si'oö, in ф72 ohne, in 044 mit Spiritus und Akzent)
variiert 8ió synonym und ist Subvariante zu 2.133
Lesart 4 (deshalb werde ich nicht zögern) liegt als punktuelle
Korrektur des Ausdrucks nach Lesart 2 nahe und entstand viel
leicht unter dem Einfluß der Lesart 3, steht aber in einer gewissen
Spannung zu dem folgenden del. Die beiden koinenahen Zeugen
dieser Lesart (467 und 1848) sind eng verwandt, haben aber sonst
keine Beziehung zu 1611, der einzigen Handschrift der Gruppe Hk,
die an dieser Stelle nicht die Mehrheitslesart bezeugt.
Die Lesarten 5 und 6 sind Subvarianten zu 1.

Teststelle 41/2Petr 1,17


2 о то? цои о ауатпугскг цоч oirrog ecmv (2)
1 OUTO? бати/ 0 укос цои о ауатпугоу (489) TSMB
IB OUTOS eoTiv 0 uioç м-ои ауатпугос (5)
3 OUTOÇ ea-riv 0 vías о ауатуго? (1)
4 OVTOÇ eCTTiv 0 uioç М-ои о ауатутос oirroç eoTiv (2)
4B OUTOS ecmi/ 0 uioç цои оитос eoTiv (1)
5 оитос eoTiv 0 1Т|аои JJ.OU о ауатгртос цои (1)

Ein Vergleich der Verse 17f. mit der Darstellung der Verklärung
Jesu in den synoptischen Evangelien (Mt 17,1-9 par) zeigt deutlich,
daß der Autor nicht direkt aus dieser Tradition zitiert. Der Rela
tivsatz in V. 17 schließt nicht, wie in Mt 17,5, mit ¿v <S sondern mit
el? öv an und fügt èyu hinzu, die Stimme Gottes erklingt nicht, wie

132 Vgl. LSJs. v.


133 Weniger wahrscheinlich ist die paläographisch allerdings naheliegende
Vermutung, LA 3 sei durch Haplographie aus LA 4 entstanden, da die Zeugen
der LA 3 ßp72 u. 044) den Zeugen der LA 2 deutlich näher stehen als denen der
LA 4.
272 Textkritischer Kommentar

in Mk 9,7 par, aus einer Wolke, sondern ¿£ oùpavoû, der Ort des
Geschehens ist nicht ein öpoc йфлХос (Mk 9,2/Mt 17,1) oder einfach
то бро? (Lk 9,28), sondern то ä-yiov öpo?.134 Wenn daher zwei der
ältesten und besten Textzeugen, ф72 und 03, in einer Lesart überein
stimmen, die ebenfalls von der synoptischen Tradition abweicht,
während alle übrigen Handschriften genau den Evangelientext
bieten oder geringfügig variieren135, folgt mit einiger Sicherheit,
daß diese Lesart ursprünglich ist. Möglicherweise geht 2Petr 1,17
mit Lesart 2 direkt auf die semitische Quelle zurück, die auch der
synoptischen Tradition zugrunde liegt.136
Im Byzantinischen Text hat sich also der an Mt 17,5 par ange
glichene Wortlaut durchgesetzt, zumal er auch auch aus Mt 3,17
geläufig ist. Dabei ist zu beachten, daß die Angleichung nur bei der
auffälligsten Abweichung von der synoptischen Überlieferung
erfolgt, also wahrscheinlich ein Zufallsprodukt ist und nicht etwa
ein editorisches Prinzip erkennen läßt.
Die Lesarten IB und 3 variieren Lesart 1 durch Auslassung eines
kurzen Wortes.
Lesart 4 ist möglicherweise eine unvollständig ausgeführte Kor
rektur der Lesart 2 nach dem Byzantinischen Text137. Da das zweite
obrôç éoTiv aber mit dem folgenden Relativsatz verbunden werden
kann, kann es sich auch um eine Mischlesart oder eine unabhän
gige Angleichung an Mt 17,5 handeln. Gleiches gilt für Lesart 4B, in
der zusätzlich 6 ауаттто? цои durch Homoioteleuton ausgefallen
ist; 4B muß also nicht unbedingt von Lesart 4 abhängen.
Die unsinnige Lesart 5 ist offenbar durch Verwechslung der
Nomen-sacrum-Kürzungen für víóc und 'It|ao0 entstanden; die
Wiederholung des \lov nach а-уатг^тос kann, muß aber nicht ein
Überbleibsel der Lesart 2 sein.

Teststelle 42/2Petr 1,18


2 oiTcç ev ты аут opti (12)
1 opei та) aywü (489)

134 Vgl. PAULSEN 118f.; BAUCKHAM 205f.


135 Mt 17,5/Mk 9,7: ofrrós ícrnv 6 lAós (lou 6 dycnnrrós; vgl. Mt 3,17 par.
136 Vgl. BAUCKHAM 207-209.
137 Vgl. METZGER 631.
Zweiter Petrusbrief 273

Die Stellung zwischen Artikel und Nomen macht ein qualifi


zierendes Adjektiv zum Hauptbegriff138. Im NT kommt diese
Stellung nur ausnahmsweise vor139. Einige der ältesten und besten
Zeugen (vor allem Ç>72 und 03) und die koinefernsten Handschrif
ten der Gruppe Hk bezeugen die ungewöhnliche Position, durch
die äyiov betont wird, ohne daß dies der Kontext erfordert. Die
Mehrheit der Handschriften reproduziert daher die stilistische
Verbesserung, die durch 01 schon für das 4. Jahrhundert belegt ist.

Teststelle 43/2Petr 1,21


2 uno тшеицатос cryiou фероцеих e\akr\aav атго 9c ou дувщ-пся (28)
1 ayioi Oíou av9ptoTTOi (419) V
IB aytoi Of пи oí avOpuiroi (1)
1С oí ayioi Oeov av9pumoi (22)
ID ayioi той 9eou ai>9p<0Troi (12)
IE avOpbmoi ayioi 9eou (1)
IF Oeou ayioi ai>9pü)Troi (1)
IG той 9eou ayioi тои 9eou ai'Opûrtroi (1)
3 што веои avepojTTOi (1)
4 ayiou 9eou av9pwrroi (2)
5 airo 9eou ayioi ai>9piúTroi (3)
5B ayioi атго 9tou av9p<i)Troi (1) SM([äyioi])
5C ayioi што 9eou ai^pamoi (2)
6 ayioi av^piüiroi (4)
7 ayioi 9eou тгрофт|та1 (4)

Nach V. 20 ist kein prophetisches Wort der Schrift in das Belieben


eigener Auslegung gestellt. Diese Aussage wird in V. 21 mit dem
göttlichen Ursprung prophetischen Redens begründet: Denn nicht
durch den Willen eines Menschen wurde jemals ein prophetisches
Wort vorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getragen sprachen
von Gott her Menschen (Lesart 2); oder:... heilige Gottesmenschen
(Lesart 1).
Die sprachliche Form ist nach beiden Lesarten ungewöhnlich.
Der Ausdruck XaXeív атго 8eo0 begegnet sonst weder im Neuen
noch im Alten Testament, aber атго mit dem Genitiv des Reflexiv
pronomens kennzeichnet besonders im Johannesevangelium oft
das eigene im Gegensatz zu einem von Gott autorisierten Han-

138 Vgl. K./G. II.l, 613.


139 Vgl. BDR 474,1.
274 Textkritischer Kommentar

dein140, so daß in Lesart 2 der Gegensatz zu einem Sprechen von


sich aus mitschwingt. Im Zusammenhang mit der Endstellung des
Subjekts dv6pü)TTOi ergibt sich so eine Antithese zu ОеХгрст. avöpumou
am Anfang des Verses. Dieser rhetorische Effekt wird zwar dadurch
gestört, daß d-rrô 9eo0 keine direkte syntaktische Beziehung zu
dvöpcüiroi hat, aber da die Septuaginta den Prophetentitel отт'жп úm
regelmäßig mit аувралто? toö 8eo0 wiedergibt141, verbindet sich der
Genitiv 9eo0 in Lesart 2 trotz der vorangehenden Präposition
assoziativ mit di>9p<oiToi.
Allerdings ist аиврштго? тоО вбоО ein feststehender Ausdruck, der
in der Septuaginta ausschließlich im Singular gebraucht wird; das
Genitivattribut steht immer an zweiter Stelle und nur selten fehlt
der Artikel vor 9eo0142. Auch wird der dvopünroc toö 9eo0 nirgends
zusätzlich als avio? bezeichnet. So ist in der Mehrheitslesart sicher
keine bewußte Angleichung an den Sprachgebrauch der Septua
ginta zu sehen. Die Variantenbildung geht wahrscheinlich von der
Verwechslung von АПО undATIOI aus143, wahrscheinlich unter
dem Einfluß des vorangehenden irnb тещатос dytou, wobei we
gen der semantischen und syntaktischen Kompliziertheit der Les
art 2 mit einem Normalisierungsgefälle zugunsten der Lesart 1 zu
rechnen ist144. Der Pleonasmus bereitet keine Schwierigkeiten, da
es durchaus dem Kontext entspricht, wenn die Heiligkeit der
Propheten, und damit die Erhabenheit des Wortes Gottes über die
menschliche Sphäre, stark betont wird.
Die Bezeugung bestätigt diese Schlußfolgerung: Lesart 2 ist
ausschließlich in koinefernen Handschriften145 überliefert. Durch
Ol ist die Lesart 1 schon für das 4. Jahrhundert belegt und das Zeug
nis relativ vieler koineferner Handschriften verweist darauf, daß
sie schon früh weiter verbreitet war.

140 Mit XaXeiv: Joh 7,17f.; 14,10; 16,13; mit iroKtv: Joh 5,19.30; 8,28; mit Ерхеовси:
Joh 7,28; 8,42. Vgl. auch Lkl2,57; Joh 11,51; 18,34.
141 Vgl. J. JEREMÍAS, Art. AiSpuiTroç, ávQpúmvoc, ThWNT I, 365.
142 Vgl. HATCH/REDPATH s. v. Лрбршттос. - Der Ausdruck kommt besonders
häufig in 3 u. 4 Reg vor, wo der Prophet an 47 von 49 Stellen als ¿Мрашос тоО
веоО bezeichnet wird. Soweit ich sehe fehlt der Artikel vor веоО nur in 4Reg
1,10.12 und lReg2,27.
143 Mit dieser Möglichkeit rechnet schon SPITTA 118.
144 Anders SPITTA ebd.
145 ф72, 03, 1739 und Verwandte, die meisten Mitglieder der Gruppe Hk; nur ein
Zeuge (2492) stimmt an mehr als 70% der Teststellen mit dem Mehrheitstext
überein.
Zweiter Petrusbrief 275

Lesart ID ist eine ebenfalls frühe Weiterentwicklung der Lesart


1. Ihr ältester Zeuge 02 fügt auch an einer Stelle im Alten Testa
ment (4Reg 1Д2) den Artikel vor 9eoö ein. Wie dort wird auch in
2Petr 1,21 der Artikel gelegentlich unabhängig von der Vorlage
hinzugesetzt worden sein. Dies zeigt auch die Handschrift 94, die
als einziges Mitglied der Gruppe 453 mit dieser Lesart vom byzan
tinischen Text abweicht. Auch die Lesarten 1B/C/E/F/G, 4, 6 und 7
geben sich durch Wortbestand und Bezeugung als Subvarianten
der Lesart 1 zu erkennen.
Lesart 3 verändert lediglich die Präposition nach Lesart 2, die
Lesarten 5 und 5B (von letzterer abgeleitet auch 5C) sind Mischles
arten aus 1 und 2.

Teststelle 44/2Petr 2,13


2 (12) Kai (KdTa)4>9apT|cravT(H (13) aSiKouiieyoi цюво^ aSucLa? (10)
1 kouwuuívoi (491) TSV

Lesart 2 ist sprachlich schwieriger, aber durch das ironische Wort


spiel (betrogen um den Lohn der Ungerechtigkeit) auch reizvol
ler146, was gut zu dem Bemühen des Autors um rhetorische Stili
sierung147 paßt. Allerdings erscheint die Formulierung nicht ganz
unbedenklich, weil sie Gott als logisches Subjekt zu d8iKoüu.evoi
voraussetzt. Die Bezeugung besteht aus relativ wenigen, aber aus
schließlich koinefernen Handschriften, von denen $p72, 01* und 03
als älteste hervorzuheben sind.
Somit ist es sehr wahrscheinlich, daß mit Lesart 1 die Parono-
masie zugunsten einer leicht verständlichen, "richtigeren" Formu
lierung preisgegeben wurde. Wegen der Bezeugung der Mehrheits
lesart durch eine größere Zahl koineferner Zeugen ist anzuneh-

146 Die Konstruktion entspricht d8i.K6îi> mit doppeltem Akk. (vgl. Apg 25,10; Gal
4,12; außerdem LSJ s. v. II). Bei Umwandlung ins Passiv bleibt der Akk. d.
Sache, während der Akk. d. Person in den Nominativ übergeht (vgl. K./G.
II.l, 326, Aran. 7; BDR 159,2). - P. W. SKEHAN (A Note on 2 Peter 2,13, Bib 41,
I960, 69-71) empfindet diese Konstruktion als "awkward" und schlägt vor,
dSiKovuevoi mit dem vorangehenden (f>8apr¡aovT<u zu verbinden. Damit
erscheint es aber schon als Unrecht, daß die Gottlosen vernichtet werden, -
was SKEHANS Übersetzung ("But these ... will suffer the harm of being
corrupted", S. 70) verschleiert.
147 Vgl. dazu PAULSEN 91.
276 Τβχ&ηΙίβοΗθΓ ΚοπυηβηΐβΓ

ιηεη, άζβ άετ Είηςπίί βοΗοη ΐη βϊηβπι ίηϋιβη δίβάίαιη άβτ ϋβειίϊθ-
ίεηιη§δ§θ8θΚϊο1ιΙθ νοΓ^βηοιηιηεη ννυιχίθ.

ΤββΙδίβΠβ 45/2ΡβίΓ 2,17148


ούτοι εισιν πηγαι άνυδροι
2 και οαινλαι υπο λαιλαπος ελαυνομεναι οις ο ζο<1>ος του σκότους τετηοτιται (5)
2Β και ομιχλαι υπολαιλαπος ελαυνομεναι οις ζόφος του σκότους τετηρηται (1)
20 και ομίχλη υπο λαιλαπος ελαυνομενη οις ο ζόφος του σκότους• τετηρηται (2)
2Ό και ομίχλη υπο λαιλαπος ίλαυνομενοι οις ο ζόφος του σκότους τετηρηται (1)

I νεφΐλαι υπο λαιλαπος ελαυνομεναι οις ο ζόφος του σκότους εις αιώνα
τετηρηται (303)
1Β νεφελαι υπο λαιλαπος ελαυνομεναι οις ζόφος του σκότους εις αιωι>α τετηρηται
(1)
VI νεφελαι υπο λαιλαπος ελαυνομεναι οις ο ζόφος του σκότους εις τον αιώνα
τετηρηται (11)
ΙΟ νεφελαι υπο λαιλαπος ελαυνομεναι οις ο ζόφος του σκότους εις αιώνα;
τετηρηται (117)
ΙΕ νεφελαι υπο λαιλαπος ελαυνομενοι οις ο ζόφος του σκότους εις αιώνα τετηρηται
(1)
1Ρ και νεφελαι υπο λαιλαπος ελαυνομεναι οις ο ζόφος του σκότους εις αιώνα
τετηρηται (7)
ΙΟ και νεφελαι υπο λαιλαπος ελαυνομεναι οις ο ζόφος του σκότους εις αιώνα;
τετηρηται (1)
1Η νεφελαι υπο λαιλαπος ελαυνομεναι οις ο ζόφος του σκότους εις αιώνα;
τηρήσει (1)
II νεφελαι υπο του λαιλαπος ελαυνομεναι οις ο ζόφος του σκότους εις αιώνα
τετηρηται (2)
1] και νεφελε απο λελαμπος ελαυνομεναι οις ο ζόφος του σκότους εις αιώνα
τετυρειται (1)

3 και ομιχλαι υπο λαιλαπος ελαυνομεναι οις ο ζόφος του σκότους ει; αιώνα
τετηρηται (30) 5 ([είς αΙώνα])
3Β και ομιχλαι υπο λαιλαπος ελαυνομεναι οις ο ζόφος του σκότους εις τον αιώνα
τετηρηται (1)
30 και ομιχλαι υπο λαιλαπος ελαυνομεναι οις ο ζόφος του σκότους