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Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff Geschichte der Philologie

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff

Geschichte der Philologie

Mit einem

Nachwort und Register

von Albert Henrichs

Neudruck

3. Auflage der Erstauflage von

1921

Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 1998

Die deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsau!i1ahme

Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von:

Geschichte der Philologie I Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff.- Neudr. der Erstaufl. von 1921, 3.Autl./ mit einem Nachw. und Reg. von Albert Henrichs.

ISBN 978-3-663-12140-4 DOI 10.1007/978-3-663-12139-8

ISBN 978-3-663-12139-8 (eBook)

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1998

Originallypublished by 13. G.Teubner Stuttgart und Leipzig in 1998 Softcoverreprint ofthe bardeover 3rd edition 1998

Gesamtherstellung: Druckerei zu Altenburg GmbH

GESCHICHTE

DER

PHILOLOGIE

VON

U.

v. WILAMOWITZ-MOELLENDORFF

Die Philologie,

rang,

der

in

dieser

die immer noch

den Zusatz

klassisch erhält, obwohl sie

mehr

beansprucht,

den Vor-

Ob-

Bezeichnung liegt, nicht

wird durch ihr

jekt bestimmt,

die

griechisch-römische Kultur in ihrem Wesen und

allen Äußerungen

ihres Lebens.

Diese Kultur ist

eine Einheit,

mag

sie sich auch an ihrem Anfang und

ihrem

Ende

nicht

Leben

scharf

durch

den

abgrenzen

die Kraft

lassen.

der

Die

Aufgabe

der

jenes

machen,

die Heilig-

bunte

die Menschen in ihrer

reden,

Philologie

ist,

das

vergangene

des

des

Wissenschaft

wieder lebendig zu

das Lied

keit

Getriebe auf

Arbeit und in ihrem Spiele. Auch hier wie in

ist

dem Markte und

Dichters,

Gedanken

die GefUhle

des Philosophen und Gesetzgebers,

der

Gläubigen

und Ungläubigen,

und Meer und

Gotteshauses und

Philosophie,

Ziel.

Weil das

im Hafen, Land

über

seiner

dessen

Einheit. Die

aller Wissenschaft, griechisch zu

das Unverstandene

und

wir ringen,

der

Anfang;

eine Einheit

in aller

reine begJUckende Anschauen des in

ist

ist

chäologie,

hat lediglich

und darf

das Verwundern

Leben,

eine

um

das

Wahrheit

Verständnis

Schönheit Verstandenen

ist,

Ar-

Papyrologie,

ihre Berechtigung

das

unsere

Wissenschaft

dem

der

Sonderung der Disziplinen Philologie,

neuerdings

Könnens

auch

Ganzen nicht

wie

ersticken.

sich

aus

Alte Geschichte,

in

der

auch

in

Epigraphik, Numismatik,

des

menschlichen

das Bewußtsein

die

Aufgabe

des

Be.:;chränktheit

Spezialisten

Philologie

Die

Geschichte

hat

darzustellen,

der

griechischen Grammatik,

schaft

Wissenschaft

wußt

Geistesgeschichte,

die wissenschaftlich,

immer

aber noch keine geschichtliche Wissen-

Rom und

Byzanz

fortlebte,

unsere

Wesens

und

ihrer Aufgabe

be-

dem

Gange

des

der

modernen

Altertums

sehr

war, und wie

ist.

Vollzogen

auch

auf

verkümmert in

herausgebildet hat, die

hat sich

den

sich jetzt ihres

diese Entwicklung

die

Aneignung

gemäß

von Kulturschätzen

stark

eingewirkt

hat, fördernd, zuweilen auch hemmend.

Das hat auf die Philologie

immer

zurückgewirkt, allein

dies

zu verfolgen,

so denkwUrdig

es ist,

geht weit iiber

den

Rahmen

dieser

Darstellung hinaus, muß

aber

von

dem

Leser

immer

in

Rech-

nung

gesetzt werden.

nur

Was

Buropa

dem Sprachunterricht

in

von

der

antiken

dienen,

Grammatik übernommen ward,

da

ja

das Latein

als

Sprache

sollte zunächst

universalen

der

Kirche

im praktischen Gebrauche lebendig blieb.

Mit der Sprache

wurden

die Kunst-

formen

der

Rede,

Poesie

und

Prosa,

mit

Ubernommen,

und

so erwuchs

eine

neue

lateinische Literatur, die

ist.

schiedenen Zeiten,

es zu

hoher Blute

der

brachte

und immer noch nicht erstorben

zu ver-

die

auch rech-

die

Nachahmung,

der

Erneuerung

in

alten Kunste,

das

auf

auch

Ziel

der

bildenden, ist

wozu

verschiedenen Formen

Kunstformen und

lange gewohnt, mit zur

Stile

gewesen,

man

Übertragung

nen

muß.

antiken

Das war man

moderne

Sprachen

zu

Philologie

rechnen, allein

Wissenschaft,

deren

Werden

wir verfolgen,

geht

es

nichts an,

und

wenn

niemand

erwarten

wird,

daß

hier von

Palladio

und

Klenze, Thorwaldsen

oder

Flaxman

ge-

2 U. v. Wilamowitz-Moellendorff:

Geschichte

der

Philologie

redet würde, soll

und Johannes

ob Muretus

man auch

nicht verlangen,

daß die lateinischen Verse von Bembo

und dann geht

von klassizistischem Latein verfaßt haben.

auch nichts an,

Secundus

oder

Erwähnung fänden,

es

uns

Ruhnken Musterstücke

Das

sollte

schon darum

einleuchten,

daß die griechischen

Verse niemand zur Philo-

logie rechnet,

die übrigens

bis zum

19. Jahrhundert

stillos geblieben

sind, deren

aber

nun namentlich

in

England

sehr

schöne

verfaßt werden.

Der

Nutzen kann

indessen nicht hoch genug geschätzt werden, den

der Philologe aus

solchen Übungen

gewinnt,

wenigen zugänglich ist.

und

die Freude

an

dem Gelungenen

steigt dadurch,

daß sie

nur

ganz

Auch

der

Unterricht

in

den

Schulen

und Universitäten

hat seine besondere Ge-

schichte

und kann,

so wichtig

er

mittelbar

für

den Betrieb

der

Wissenschaft ist,

hier nicht zur

daß

Darstellung

kommen.

Mag

es

auch

eine Ungerechtigkeit scheinen,

daß sie

damit

auch die

auf Lehre und

Männer

Erziehung beschränkten,

keine Erwähnung finden, welche

gar

sich dadurch,

sich

nicht selten ein

sehr viel höheres

Verdienst erwarben,

torino

Sie

setzer

Verbreitung

als mancher,

der

ein

ScherHein

zur Wissenschaft beitrug.

ihre Wirkung für

Es genügt,

an Amyots

Philologie

Vit-

15. Jahrh.

die Über-

da Feltre, Guarino

haben

auch

später

müssen zumeist

erinnern.

des

Was

da Verona sind solche hochverdienten Männer im

nicht

gefehlt und

fehlen

auch

jetzt

nicht.

ausgeschlossen

bleiben, so

ungeheuer

gewesen

ist.

Auch

die

Plutarch

zugeführt hat,

ist

antiken Geistes auch

er

der

modernen

zu

Kultur

der

von hellenischem Geiste

meisten

Philologen,

aber

bedeutet

unendlich mehr als

die Arbeit

es

nicht.

 
 

So

würden

sich denn

die Linien

der

wissenschaftlichen Entwicklung

kurz und

scharf ziehen

lassen

und nicht

eben

viele Namen

ihrer

Vertreter genannt

zu

wer-

den brauchen,

denn

der

Bahnbrecher sind

allezeit wenig.

Beschränkung

ist

auch

durch

den Raum

geboten;

aber

es

ist

herkömmlich, die

Personen

in

den Vorder-

grund

zu stellen,

auch solche, deren Tagesruhm bald

ganz verblichen ist,

und diese

Pietät hat auch ihr Gutes.

So ist

die History

of

classical schotarship von

IESandys

angelegt,

die einzige Geschichte

der Philologie,

die genannt zu werden verdient, ein

unentbehrliches

hilft mir meine Nachschrift der Vorlesung,

Werk

solider Gelehrsamkeit,

das ich

dankbar

Daneben

1868 über die Geschichte

ein unvergleich-

den Heften

Tode herauszugeben, denn

ein Polyhistor

benutze.

welche Otto Jahn

geholfen.

Jahns

war

der Philologie gehalten hat;

er

verfügte

über

eine

sie hat mir zeitlebens

gleich nach

Es wäre

liches Werk geworden, wenn man nicht versäumt hätte,

und stenographischen Nachschriften

die Vorlesung aus

aber

mehr als

unbegrenzte Gelehrsamkeit,

und hielt mit

seinem Urteil

nicht

zurück.

Es

geht

nicht

an, die

Geschichte

der Philologie mit der Renaissance zu beginnen,

der Schule

denn die Wiedererweckung des Altertums

war

Denkmale

östlichen und westlichen Hälfte des Römischen Reiches

hat lange vorher eingesetzt.

In

die Tradition niemals ganz unterbrochen, und für die Erhaltung der literarischen

sind

gerade die

früheren

Jahrhunderte

entscheidend.

und

der

der Verlust des Westens,

Die Trennung

in

dem

nur

die Kirche

über

den germanischen

Staaten eine

einheitliche

Kultur

auf-

rechterhält, bringt

bis

ihnen gemeinsam,

mologie

in

nannten Kritiker

es

mit

Fall

sich,

von

daß wir

zwei getrennte

Ströme

ist

Ety-

Sophistenzeit hinaufreicht,

be-

verfolgen müssen,

sie sich

der

und

nach dem

der

Konstantinopel

wieder vereinigen.

der

Grammatik,

die

und

Die

die in

die

Quelle

der

jene hellenistische

Lehre von

Wissenschaft

in

den Redeteilen bis

Dichtererklärung

sogar noch weiter, durch Philosophen

(der

nun so

oder Grammatiker, Eratosthenes

sich bescheiden einen Philo-

Antike Grammatik

3

logen nannte, weil sein Interesse am weitesten reichte), Aristophanes, Aristarc~ihre Vollendung erhalten hat. Das dünne Büchlein des Dionysios Thrax und die wohl kenntliche Lehre des Asklepiades von Myrlea geben wenigstens einen Schimmer davon, was damals von der Grammatik verlangt ward. Philoxenos tut im Verständnis der Sprache noch einen Schritt weiter, vielleicht weil er das Latein zu berücksich- tigen verstand. Er erfaßt den Begriff der einsilbigen Verbalwurzel; Buttmann hat bei ihm gelernt. Dann drückt der Sieg des Klassizismus die Aufgabe des Gramma- tikers herab, denn man verlangt nun von ihm vor allem den praktischen Unterricht in der Schrift- und Literatursprache, die man um drei Jahrhunderte zurückschrauben möchte, was die Antoninenzeit wirklich erreicht, in der man sogar wieder ionisch schreibt. Die höhere Bildung wird durchaus auf Rhetorik gestellt, aber diese setzt die sprachliche Schulung bei dem Grammatiker voraus. Schon unter Augustus schreibt Tryphon das erste Onomastikon, d. h. Vokabular der Schriftsprache, schreibt auc.h zum ersten Male über Syntax. Zwei Jahrhunderte später fixiert Herodian endgültig Orthographie und Prosodie, beides in streng klassizistischem Sinne. Zahllose Hilfs- bücher liefern den klassischen Wortschatz; allmählich werden bewunderte Nach- ahmer wie Aristeides selbst zu Stilmustern. Dafür wird der Kreis der Dichtungen, die grammatisch behandelt werden, immer enger, die grammatische Literatur ganz kompilatorisch. Man hätte erwarten sollen, daß die Kirche, da sie aus den tieferen Volksschichten erwachsen war, dem Leben mehr gerecht würde, allein sie unter- wirft sich der herrschenden Rhetorik, und selbst als sie große Redner dieses Stiles erzeugt hat, mißlingen die Versuche, Clemens, Gregor, Cyrill an der Stelle der alten Schulschriftsteller zu lesen. Homer und Euripides hatte man nie aufgegeben. So lebt der alte Betrieb weiter, wird nur immer geistloser, wofür Georgios Choiroboskos, der einflußreichste Lehrer des 6. Jahrh., hinlänglich zeugt. Immer breiter ist die Kluft zwischen der Kunstsprache und dem Leben geworden, immer dünner die Oberschicht, die jene Sprache beherrscht; aber die Kontinuität reißt nicht ab, die meisten alten Werke sind in einigen Bibliotheken noch vorhanden, wenn sie auch selten Leser finden. Erst als der Islam die alten Bildungsstätten in Syrien, Palästina und Ägypten zerstört, erfolgt der Zusammenbruch, und der Bilderstreit scheint alles zu vernichten; und doch währt es nur wenige Generationen, bis mit dem großen Patriarchen Photios (t 891) das Studium der alten Literatur wieder aufgenommen wird. Sein Interesse gilt nur der Prosa, über die er mit Oberraschendem Stilgefühl zu urteilen versteht. Dasselbe gilt von Arethas von Paträ, zuletzt Erzbischof von Cäsarea in Kappadokien (t 933/34), dessen Fürsorge eine große Anzahl der wichtigsten Prosaiker allein oder in wichtigen Redaktionen erhalten hat, Platon, Aristeides, Lukian, Dion, Philostratos, Euklid, Pollux, Pausanias, Clemens, Apologeten u. a. m. Hier muß zusammenfassende Forschung einsetzen, zu der SokrKugeas in einer wertvollen Monographie (Athen 1913) den Anfang gemacht hat. Arethas und andere Kleriker füllen auch die Ränder ihrer Handexemplare mit Erklärungen, Auszügen, Vermutungen zum Text, ändern auch wohl an diesem, wo wir über Interpolation klagen. So sind die Scholien zu Platon, Clemens, Lukian entstanden, von denen das meiste nur mittelbar aus dem Altertum stammt. Die Handschriften tragen nun das Gewand der schönen neuen Minuskel. Worttrennung und prosodische Zeichen werden eingeführt, was eine sehr starke grammatische Behandlung voraussetzt. Dieser Grammatik und zugleich der Erlernung der künstlichen Literatursprache dienen große und kleine Kompilationen, vielfach anonym oder pseudonym, die Etymologika, Auszüge aus Herodian, die Lexika des Photios und die von Bekker edierten. Viele liegen uns in den Handschriften dieser Zeit selbst vor. Auch die riesige Kompilation des persönlich unbekannten

4 U. v. Wilamowitz-Moellendorff: Geschichte der

Philologie

Suidas gehört in diese Zeit. Sie setzt die umfassenden Auszüge aus Historikern voraus, die Konstantinos Porphyrogennetos anfertigen ließ. Solche Exzerpte werden viel gemacht; auch die Bibliothek des Photios gehört dazu, für die Dichter die An- thologie des Konstantinos Kephalas, zu deren Quellen sogar eine Sammlung metri- scher Inschriften gehört, ziemlich die einzige Spur von Interesse an den Steinen, die sich doch Oberall dem Auge boten. Für die grammatische Arbeit an den Dichtern fehlt es an Zeugnissen, aber die Texte und die Scholien haben doch in dieser Zeit die Gestalt erhalten, in der wir sie vorfinden, was ein achtbares grammatisches Studium voraussetzt. Leser können sie allerdings nur in engem Kreise gefunden haben; doch das gilt mehr oder minder für alles, auch was in der künstlichen atti- schen Prosa geschrieben wird, welche die Gelehrten, namentlich in wohlgedrechselten, meist inhaltlosen Briefen gemäß der Praxis der späten Rhetorik bis zum Falle von Konstantinopel virtuos gehandhabt haben. Ungleich wichtiger war es, daß der ein- flußreiche MPsellos die von der Kirche verketzerte platonische Philosophie erweckte; dieser Platonismus war freilich mit unlauteren Elementen verquickt, denn Psellos hat auch den Poimandres herangezogen, ein für die mystische Religion der Spät- antike unschätzbares Werk, das, wie die Zahl der erhaltenen Kopien von Psellos' Handschrift beweist, im 14. bis 16.Jahrh. viele Leser fand und wie Platon von Fi- cinus übersetzt ward, um dann bis auf die neueste Zeit tot zu liegen. Die Wissen- schaft fordert eine Bearbeitung, aber ebenso wie die Astrologie als ein Dokument der Fäulnis, die den Baum des echten Hellenenturns langsam zerstört hat. Die Be- schäftigung mit Aristoteles war niemals abgebrochen, so daß byzantinische Kommen- tare in unsere akademische Sammlung Aufnahme finden mußten. Der höchst uner- freuliche Johannes Tzetzes erheuchelt eine größere Belesenheit, als er besitzt, und spielt den Kritiker sehr unglücklich, aber einiges hat er doch noch mehr gehabt als wir. Sehr viel höher stehen die Kirchenfürsten Eustathios von Thessalonike, Michael Akominatos von Athen, Gregor von Korinth (um 1200). Durch Akominatos erfahren wir, daß die Monumente Athens bis auf die Burg schon so zerstört, die Überlieferung so vergessen war, wie am Beginn ihrer Erforschung im 17. Jahrh. Was Eustathios für Homer zusammengetragen hat, ist staunenswert, und da der Kommentar früh ge- druckt ward, hat er die Homererklärung sehr lange beherrscht. Wir besitzen ihn in der Handschrift des Verfassers; ein Publikum hätte er zu Hause auch dann nicht gefunden, wenn der unheilvolle sogenannte 4. Kreuzzug nicht den allgemeinen Nieder- gang und die schlimmste Zerstörung der immer noch reich erhaltenen alten Litera- tur gebracht hätte. Das ließ sich nicht wieder gutmachen. Es sind nun ganz enge, vielfach mönchische Kreise, die sich bemühen, das Letzte zu retten. Maximus Pla- nudes verdient vielen Dank dafür. Er sammelt z. B. alles, was wir von Plutarch noch haben, macht Exzerpte, wirkt als Lehrer. Eigentümlich ist ihm, daß er lateinische beliebte Schriften übersetzt. Merkwürdig ist die Rückkehr zu den klassischen Dichtern, für die Moschopulos, Thomas, Triklinios zeugen. Der letzte ist in seiner Art den Hu- manisten vergleichbar, deren Verbesserungen und Interpolationen wir unter dem allgemeinen Autornamen der Itali zusammenfassen, aber er ist ihnen doch überlegen, denn er scheidet seine Scholien sorgfältig von den alten und bekennt sich zu seinen Konjekturen. Übrigens war in Konstantinopel immer noch eine Bildung und eine Kunst, die es mit Italien aufnehmen konnte. Wer die Schriften des Theodoros Me- tochites liest und seine Stiftung, die Kirche besucht, die jetzt die Kahrieh-Moschee heißt, kann nicht wohl anders urteilen. Damit sind wir im 14. Jahrh., in dem das Verlangen der Italiener nach griechischen Büchern eine Masse Abschriften erzeugt, gute und auch recht liederliche, nun in der häßlichen Kursive. Bücher kann man

Byzantinische Philolog-en

5

sie eigentlich gar nicht nennen, denn eine buchhändlerische Verbreitung gleich- lautender Abschriften gibt es nicht. Es ziehen nun auch Lehrer des Griechischen nach dem Westen und manche werden hoch gefeiert, aber wissenschaftlich bedeuten selbst Chrysoloras und Chalkondylas nichts. Erst nach dem Fall von Konstantinopel flüchtet auch die Gelehrsamkeit aus dem Vaterlande, in dem alle höhere Bildung auf Jahrhunderte ganz erstirbt. Um so gewaltiger ist die Tat des Chioien Adamantios Koraes (1748-1833), den nicht nur sein Volk als den Erneuerer seiner Sprache preisen soll, sondern jeder, der ein Herz für die edelste Vaterlandsliebe hat. An seinem Wirken ist zu lernen, daß der Geist unsterblich ist und der Segen der Väter auch nach Jahrhunderten den Enkeln die Kraft gibt, ihr Haus neu zu bauen; denn durch die Hingabe an das alte Hellas und durch wissenschaftliche Arbeit hat Koraes in der geistigen auch die politische Wiedergeburt seines Volkes vorbereitet. Die Ro- mäer sind wieder Hellenen geworden; Seine Wissenschaftlichkeit ist auch ein Wunder, denn ~n Montpellier, wo er Medizin studierte, konnte er die Sprachkenntnisse nicht finden, die er in seinen zahlreichen Ausgaben bewährt hat, und in Paris, wo er dann als stiller Gelehrter lebte, auch nicht. Allein im Strabon hat er so glücklich emen- diert wie wenige und für die geschichtliche Verfolgung vom alten, auch dialektischen Griechisch zu der lebenden Sprache, die der Philologe sowenig wie das Italienische vergessen darf, ist er überhaupt der Begründer, und die Nachfolge ließ noch längere Zeit auf sich warten. Auf diesem Gebiet sind nun die einheimischen Gelehrten unsere Führer. In einer auch durch edle Form hervorragenden Biographie hat Thereianos das Werk des Koraes auf einem breit gemalten Hintergrund dargestellt, ein Buch, das mehr Leser finden sollte. Neben dem Reiche von Byzanz darf nicht vergessen werden, was sich von hel- lenischem Erbe in den Provinzen erhielt, die dem Islam anheimfielen und so der griechischen Sprache verlorengingen. In Syrien hatte sich schon seit dem 2. Jahrh. eine Literatur in der Volkssprache entwickelt, die griechische Werke in Übersetzungen erhielt und manche Seite der griechischen Wissenschaft weiter pflegte. Diesen Syrern wurden die Araber gelehrige Schüler und trugen, was sie an Wissenschaft über- nahmen und erzeugten, bis nach Spanien mit sich. Andererseits kam mancherlei von den Syrern oder auch direkt den Griechen zu Armeniern und Georgiern, hier aller- dings fast nur Christliches, was uns nur so erhalten ist. Dazu gehört die Chronik des Eusebius, deren Hauptteil Hieronymus nicht übersetzt hat, weil er für die La- teiner zu gelehrt war, ferner wichtige Schriften des Juden Philon, den die Kirche zu den Ihren rechnete. Kirchliches ist auch durch das Koptische nicht wenig erhalten. Diese Sprachen haben erst in der Neuzeit ausgebeutet werden können; aber über Spanien ist, oft durch Juden vermittelt, der mittelalterlichen Naturwissenschaft, Me- dizin und Philosophie sehr viel Griechisches zugeführt worden. Die ganze Kultur des Ostens ist von dem Hellenismus sehr viel stärker innerlich durchsetzt, als man gemeiniglich denkt; andererseits lernen wir immer mehr, wie viel das in jeder Hin- sicht überlegene arabische Spanien seinen christlichen Nachbarn abgegeben hat.

In Rom hatte sich so etwas wie Grammatik im Anschluß an die griechische Praxis dilettantisch in der Gracchenzeit gebildet. Varro versucht, System hineinzubringen. Es gelingt ihm nicht gut; allein der Fleiß und der edle Patriotismus dieses einen Mannes hat für das alte Rom geleistet, was sich mit der Sammetarbeit der vielen vergleichen läßt, die auf Anregung des Kallimachos die Schätze der Alexandrinischen Bibliothek nach allen Seiten durchforschten. Und Varro kannte das Leben noch durch eigene Anschauung, welches der Bürgerkrieg zerstörte und die romantische

6

Restauration

wurden

wir

U.

v.

Wilamowitz-Moellendorff:

Geschichte

der

Philologie

des

von

Augustus

nur

altrömischem

noch

Wesen

mehr seinem

und

Wesen

Ohne Varro

Ordentliches wissen, denn

entfremdete.

Leben nichts

was

die

Späteren

geben,

pflegt letzten Endes auf

ihn

zurückzugehen.

Auch

für

die

Sprache hat

er

Köstliches

erhalten.

Der

Schematismus

seines grammatischen

Werkes

hat freilich

nur soweit Wert, als wir auf die griechischen Theoretiker zurnck-

schließen. Das ist in

chischen Grammatiker nach Rom

buch

Dionysios für

licher Herausgeber mit den Alexandrinern messen,

Grammatik

der

als eine

besondere

Disziplin mußte als sich mit den

noch geschaffen werden.

grie-

das Grund-

als treff-

die Vergilerklärung mit dem, was

faßte

ersten Kaiserzeit geschehen,

das

die

Rhetoren auch die

zogen. Remmius

Probus

Palaemon bearbeitet

des

Vorbild

Latein, Valerius

hellenistische

aus Berytos kann sich

ihr

Theon für

Dichtung geleistet

hatte, Quintilian

alles, was

der

rhetorische Unterricht zu

bieten hatte,

in

einem

großen

Werke zu-

sammen,

dessen logischen Aufbau

die griechischen Systematiker tadeln dUrften,

aber

in

der

Falle

des

Inhalts und

der Eleganz

der

Form schlägt er

sie

alle.

Bezeichnen-

derweise

zugleich griechischer

und lateinischer Grammatiker ist

Sueton,

zwar nur

Sammler,

aber

als solcher

seinen

Zeitgenossen

beider

Sprachen

nberlegen.

Aber

dann

erlahmt

die Kraft

der

Lateiner auch auf

diesem Gebiete,

denn

der

nun auch

hier

einsetzende

Archaismus

fUhrte von

den Klassikern

ab, brachte

es

auch

in

der

Nachahmung

halten.

Bildung, den

fänglichen späten

liegen, sind

zu

nichts

es

Bleibendem

und

hat

nicht einmal Ennius

bald zwingt

auch hier

der Literatursprache

Metrik

und Lucilius

das

Sinken

einen Mann

Dann geht

reißend abwärts, und

auf

die Erhaltung

Unterricht

zu richten. Die

die

uns

Lehrschriften

und

über Grammatik,

und Rhetorik,

auf

ziemlich wnst,

ihre Analyse führt

nirgends

er-

der

um-

vor-

zu-

ruck,

der

sich

mit Herodian

vergleichen

ließe.

Aelius Donatus

kann

das

gewiß

nicht,

und

Servius

verdünnt

nur

die

alte Gelehrsamkeit.

Das Wichtigste

leistet

Priscian

in letzter

Stunde,

aber

nur,

weil

er

in

Konstantinopel

unter Anastasios

auf Apollonios Dyskolos

gerät.

Das Reich

der

Romäer pflegte

damals geflissent-

lich

die römische

Sprache,

wofür

die Justinianische Codification

des

Rechtes

be-

zeichnend

ist.

Schon

im

4. Jahrh.

sahen

die

besten Römer für

die lateinische

Kultur darin eine

Gefahr, daß die

Kenntnis

des

Griechischen

im Westen

schwand, und

suchten

durch

Übersetzungen zu helfen.

War doch Augustin kaum imstande,

ein griechisches

Buch

wirklich

gallischen Bildung

Erfolg

griechischen Sprache

als auf

Griechische

zu studieren,

gering

und wenn

in

Bordeaux,

den

das

im

4. Jahrh.

ein Hauptsitz

ist

gewisse Kenntnis

der

der

der

war, noch

Professoren

sie von

Menander behandelten,

aus eine

wo

sie sich

so

geblieben.

nach

Doch kann

dem freien

nur Irland gelangt sein,

dort

in

der

Irland

von dort

hielt

zurückkehrte. und alles ist

länger

dem Kontinent,

Bacher

auf den

aber

Karolingerzeit

gelangt

zu sein,

scheinen

nicht nach

nur

eine Kuriosität.

Zur Verständigung mit

den Leuten

des

anderen

Volkes hat

es

griechisch-lateinische Wörterhocher und kleine Gespräche

gegeben,

ganz wie

heute,

deren

Reste

sich

eben

durch

den

Gebrauch erhalten

haben.

Ihr

Wert

für

die

ge-

sprochene

Sprache

soll

erst

noch ausgeschöpft werden.

Der Kampf

der Schule

mit

der

Vulgärsprache,

den die

späteste Grammatik

zeigt,

hat vorwiegend

Wert

für

die

romanischen Sprachen,

die sich aus

dem Vulgärlatein bilden,

ebenso

die

Schriften

in diesem

Latein, wie die des

Gregor

von Tours, an

dem

dies

durch

MBonnet vor-

bildlich

dargetan

ist.

Gleicher

Art

sind Übersetzungen

aus

dem

Griechischen

wie

die Mulomedicina

des

Pelagonius, medizinische

Schriften

des

Soran,

die Chronik,

die man den Barbarus

wird

Scaligeri nennt;

barbarischen Übersetzung

in

der

im Kern gehört sie dem Hippolytos.

ganz unverständlich,

Manches

z. B.

der Aratus Latinus.

Klosterschulen

Unverständlich

samkeit als

aus

anderem

Grunde ist,

was

der

spätesten

elegantes Latein galt, wie

die Hisperica famina.

7

britannischen Gelehr-

Offenbar

Kirche nicht

waren

wäre

die alte

wie im

und

Sprache

Osten

und Kultur

far

fUr

sieben

völlig verschwunden,

Kansten

wenn sich die

Da-

Ein Rest der

Schrift-

ebenso

Grammatik

die Literatursprache

die christliche

freien

entschieden

hätte.

Die

mit

enzyklopädischen Bildung

Rhetorik

in den

Schule gerettet.

gehörte

dazu.

steller, die

in

diesem

Betrieb

zuletzt

behandelt

waren,

Vergil,

Lucan,

Ciceros

Rhe-

torik,

behielten

ihren

Platz.

Es

war

nicht viel;

aber

die

Senatorenfamilien Roms

waren,

der

auch

nachdem

sie

sich

und

dem

neuen Glauben gefngt

wie

uns

haten,

in

die Erhaltung

die Subskriptionen vieler Hand-

die von den Antiquarii abgeschrieben

die Arbeit

hatten, auf

alten Literatur

bedacht

sorgten,

schriften bezeugen, für möglichst gute

und

verbreitet

wurden.

Freilich sollen

Vorlagen,

wir uns

diesen Texten

wissenschaftlicher

Recensio

zu

sehen.

Von

der

verstanden

die Grammatiker

der

Zeit wenig und die vornehmen

Herren noch weniger.

Von unschätzbarem Einfluß

auf

<iie

mittelalterliche Gelehrsamkeit

denn

war

noch zuletzt die

Hauptwerke

des

Übersetzertätigkeit

artes

Boe-

liberales. Doch

des

thius,

nichts

goth;;chen

Squillace ein Kloster, das

sie erhielt in letzter Stunde

an

die

Bedeutung

far einige

reicht

eines Mannes,

grandet

er

Cassiodorus. Als

auf

er sich aus

Vivarium

dem

Staatsdienst

zurückzieht,

seinem Landgute

bei

sollte, stattete

in den

und Arbeiten

zugleich eine Stätte der Gelehrsamkeit werden

und

schrieb

ihm und

et saecularium

litterarum

der

alten

Bacher gehört.

es

mit

einer Bibliothek aus

rerum

denen

auch

damit den folgenden Zeiten

die Pflichten

Institutiones

vor, zu

divinarum

das

Abschreiben

Er hatte Verbindung

mit

den

Bildungsstätten

des

Ostens, und

in Unteritalien

war

das

Griechische

noch

nicht ganz

erstorben,

so

daß

auch griechische Bücher,

wenn

auch keine

Klassiker,

in

die Langobardenzeit nicht

Teil

gelangt ist,

dadurch,

Stiftung

der

der

Bibliothek

Bücher

vorhanden

nach

als

waren.

Diese

und

überhaupt

das

Vivarium

daß

hat

freilich

seiner

überdauert,

des

selbst

aber es

hl.

hatte

scheint sicher,

ein beträchtlicher

in Verona

Bobbio, vermutlich auch in

Palimpseste. Fortlebte

die Mönche

die Kapitularbibliothek

der

wenn auch

von

daß

Monte

Geist Gassiodors und

an

der

Benedikt sich

an

die

die Institutiones hielten.

Wissenschaft noch

Der

Stifter

Cassino

Pflege

sie auch nur in bescheidenem Maße

nicht gedacht, und im Mutterkloster ist

betrieben

worden,

das

im

14. Jahrh.

nicht

weniger

bildungslos

war

als

St. Gallen

und Fulda.

Dafar

wurden

die

Klöster im

Fränkischen

Reiche

bald

die

vornehmsten

Stätten

der Bildung.

Ebendorthin flüchtete sich,

was nach

der

Eroberung

Spaniens

durch

die

Araber

geblieben

ist.

Dort hatte

die

römische

Tradition

ein unverächtliches

Sonderleben

geführt,

solange

das

Westgotenreich

bestand,

und

Isidorus

von

Se-

villa

hatte

den

Rest

des

Wissens

enzyklopädistisch

zusammengefaßt.

Diese

Lite-

ratur

kam

nun

heruber

und

abte

dauernd

starken

Einfluß.

Sie erhielt auch manche

Schriften

afrikanischer

Herkunft,

z.

B.

die

lateinische Anthologie.

Noch ungleich

be-

deutender

war,

daß

Iren

und Angelsachsen

ihr

Wissen

und ihre

Bücher

herüber-

brachten.

Sie

gründeten neue

Klöster zum Teil auf einem Boden,

den

sie

selbst erst

far

das

Christentum

erobert hatten:

Luxeuil in

den

Vogesen,

Bobbio

an

der _Trebia,

St.

Gallen, Reichenau,

Fulda.

Columban,

Gallus, Bonifatius sind

die

erlauchtesten

Namen;

aber

erst

die

Schaler in

ihrem

Gefolge,

fleißige Abschreiber, und

auch

Ge-

lehrte,

die

außerhalb

der

Klöster

blieben,

haben

persönlich

das

Beste

getan.

So

kommt

es

denn

auch nach

der

schrecklichen Verwilderung

unter

den

Merowingern

zu

der

Erneuerung

der

alten Bildung, die

wir

nach

Kar!

dem

Großen

nennen.

Und

in

der Tat

ist er,

der

den

Namen

des

Römischen

Kaisers wiederaufgenommen hat,

der

Fahrer

auf

allen

Wegen,

ein

wahrer

König,

neben

dem

auch die

vornehmsten

8 U. v. Wilarnowitz-Moellendorff: Geschichte der Philologie

seiner Berater, Alkuin an der Spitze, doch nur Organe eines beherrschenden Willens sind. Die Poesie und Prosa strebt ~un wieder den klassischen Vorbildern nach, und neue Lehrbacher der Grammatik und Rhetorik erziehen dazu. Rede und Schrift er- halten neue, geschmackvolle Formen. Mit Eifer und Erfolg wird alles aufgespürt und in sauberen Abschriften gerettet, was von der alten Literatur noch vorhanden ist. Zum Glück hat sich von diesen karolingischen Handschriften nicht wenig er- halten, und wo wir nur jüngere besitzen, pflegen sie auf eine der Karolingerzeit und auf ein Kloster des Frankenreiches zurückzugehen. In diesem Betriebe des Abschrei- bens hat sich sogar eine Technik herausgebildet, die man philologisch nennen darf, und kein Geringerer als Kaiser Karl selbst hat einmal einen philologischen Grund- satz ausgesprochen, wie er uns alle leiten soll. Er entschied einen Streit um das echte Antiphonar mit der Frage: Spendet der Quell oder der Bach reineres Wasser? An der Regula Benedicti hat Ludwig Traube in vorbildlicher Weise gezeigt, wie das bewußte Zurückgehen auf den echten Text im Kampfe mit dem trägen Haften an dem textus receptus und den verschönernden Modernisierungen schließlich doch nicht durchdrang. Man könnte die Parallele in der Textbehandlung mancher latei- nischen Dichter aus anderen Perioden der Philologie mit Leichtigkeit ziehen. Auch am Sueton ist die Methode des Lupus von Ferrieres sehr schön zu verfolgen, der im Mittelpunkte dieser philologischen Bestrebungen steht, sich alte Handschriften verschafft, kollationiert, exzerpiert, oft zum Heile der Texte, freilich auch manchmal mit derselben Kühnheit, die wir bei Arethas gefunden haben, wie denn überhaupt die Karolingische Renaissance mit der Photioszeit überraschende Ähnlichkeiten zeigt. Die karolingische Schrift entspricht vollkommen der alten griechischen Minuskel, und wie der Weg von dieser meist auf ein einziges gerettetes Buch des Altertums zurückführt, so tun es die karolingischen Archetypi, mit denen wir zunächst wirt- schaften. Mit Traubes historischem Sinne betrieben ist die Paläographie zur Führerin in das wissenschaftliche Leben und Treiben jener Zeiten geworden, die für die Text- geschichte der lateinischen Schriften entscheidend waren. Für das Griechische muß die Hauptarbeit allerdings noch getan werden. Es wäre eine arge Einseitigkeit, wollten wir bei der Karolingischen Renaissance nur auf die Bücher blicken. Der Dom von Aachen, die Kaiserpfalzen, die Miniatur- malereien und Elfenbeinschnitzereien zeugen nicht minder für den Anschluß an die Römerbauten und an Kunstwerke, die aus dem Osten kamen. Der Westen ist fähig, das Empfangene fortzubilden; aber gefangen gibt sich diese kraftstrotzende junge Welt dem Alten wahrlich nicht. Im Gegenteil, gerade jetzt kommen die neuen ger- manischen und romanischen Völker zum Bewußtsein ihrer Eigenart und fangen bald an, ihre eigene Sprache zu schreiben, zu deren Durchbildung ihnen das Latein ver- holfen hat. Die romanische Baukunst, Skulptur und Malerei haben ihren eigenen neuen Geist; er weht immer stärker auch in der lateinischen Dichtung, und erst recht, wenn die Volkssprache das Latein ersetzt. Darin liegt der Unterschied von der paral- lelen Erscheinung im Osten, wo der Klassizismus im Volke keinen Widerhall finden, also auch keine aufstrebende, neue Bildung erzeugen konnte. Das entscheidet zu- gleich über das verschiedene Verhalten zu der antiken Hinterlassenschaft. Die Pflege der alten Literatur, die in der Karolingerzeit geradezu philologisch genannt werden kann, findet keine Nachfolge. Wohl wird die lateinische Sprache gelehrt, und Wacker- nagel kann rühmen, daß Fortschritte in der Erkenntnis des Sprachbaues gemacht werden; wohl ersteht eine Geschiehtschreibung im Anschluß an römische Vorbilder, doch da hatten Binhard und der Langobarde Paulus (der auch gelehrt genug war, das Lexikon des Festus zu lesen und in einem Auszug zu erhalten) schon Besseres

Karolingerzeit

9

geleistet,

sie

als

ihren Nachfolgern gelang.

Wohl liest man fleißig

in

den Vordergrund

die Dichter

und lernt

aber

virtuos nachahmen, besonders

als Ovid

gerückt wird,

eben an

der

Dichtung

sehen

wir, daß

sie

erst

dann ihr

Höchstes

erreicht,

als

sie

in

den neuen

rhythmischen Formen

einen Reichtum erringt,

den

die Römer nie

be-

sessen hatten.

Das Latein dieser Gedichte ist selbst etwas Besseres

als Nachahmung,

und

nur

Engherzigkeit

kann

über

die sprachlichen Neubildungen

der

Scholastiker

die Nase

rümpfen; lebt

doch

nicht

weniges in

unserer

wissenschaftlichen Termino-

logie

fort.

Antike Wissensstoffe nimmt

man bereitwillig auf, und

ein Zufluß von

ihnen

kommt,

schon bevor die

Kreuzzüge

den

Westen

in

unmittelbare

Berührung

mit

den Griechen

bringen.

In

Unteritalien

war

das

Griechentum

auch

unter

den

Langobardenherzögen nicht

ganz

erstorben.

Die

geographische

Lage

und

der

Wechsel

Einflüsse sich hier und

hohenstaunsehen Nachfolger Friedrich II.

an

Werk aus

wissenschaftliche,

ihren Ruhm.

der

Herrscher

ihre

führten

auf

dazu, daß

griechische, lateinische

Die normannischen

und arabische

ihre

die Teilnahme

manch griechisches

übersetzt, philosophische, natur-

Sizilien kreuzten.

Fürsten und

und Manfred tragen

Da wird

denn

auch

durch

dieser

Kultur

fast modernen Züge.

oder

der

originalen

Diese

arabischen Sprache

Die Ärzteschule

medizinische.

in Salerno verdankt diesem Wissen

nordwärts,

und dahin kommt auch

Schriften verbreiten sich auch

vieles aus

dem arabischen Spanien.

Ein

anderer

Aristoteles als

der

Logiker, den

man

allein gekannt hatte, wird

teils

mit

Begeisterung,

teils

mit

Mißtrauen

aufge-

nommen.

Namentlich

in

England

ergibt

sich

merkwürdige

Erscheinung.

vor allem Roger Bacon kennen nicht nur

eigenen kühnen Gedanken

ihrem

die

so

eine

zu

Johann von Salisbury,

aberraschend

angefeuert.

System

ein-

viel,

Robert Grosseteste,

wie

der

sondern namentlich

die

letzte wird

Allein noch duldete das

und

unterzuordnen,

Kirche nicht, noch vermochte

es

Thomas von

sie

alles

Aquino maßgebend

für

Orthodoxie geleistet hat. Uns

geht besonders

an,

daß

ein Studium des

Griechischen,

überhaupt irgend

etwas,

das Historie

und Philologie auch

nur

vorbereitete, nicht

herauskommt. Es

fehlte

eben

die Berührung mit

den Originalen, und aus

den

fach-

wissenschaftlichen

Büchern leuchtet nicht das

spezifisch Hellenische,

der

Adel

der

Schönheit

und

der

Kunst.

Diesen besitzen dagegen die Werke, welche das

reife Mittelalter aus

sich erzeugt,

und

an Kraft

im

eigenen Denken

gebrach

es

der

Scholastik auch

nicht.

Die

Zeit,

welche

in

der

Gotik

einen

Stil

herausbildete,

der

ihrem eigenen

Geiste allseitig

einen vollkommenen Ausdruck gab,

einem anderen

jetzt

daß die

sie untergegangen,

alten Pergamente in

konnte unmöglich nach einem anderen Stil und

Die Klöster waren freilich verkommen, denn

Geiste Ausschau halten.

Leben

in

den

war

das

Städten und an

einigen

Fürstenhöfen.

Kein

Wunder,

den vergessenen Klosterschränken tot lagen.

zu

Alle wären

suchen gekommen

wt!nn nichtvon außen herein neuer Geistsie

wäre,

der,

als

er

mächtig

ward,

der

Gotik

und Scholastik ein

Ende bereitete

und

eine

neue

Zeit

mit neuen

Idealen

und

neuen Lebensformen

emporführte.

Dieser neue

erweckt,

der

Geist wird zunächst durch

dem Elend

die Sehnsucht des italienischen National-

die

Italien

gefühles

Größe

die sich

aus

der Gegenwart in

hieran

die Erinnerung an

nährt.

In

Römischen Republik flüchtet und

ihre Hoffnung

herrschte

die Gotik

nicht,

die Ruinen

mahnten allerorten

an

eine versunkene

Herr-

lichkeit.

Wohl

besaß

das

Volk

in Dante

einen Dichter wie

kein anderes,

und

dieser

Dichter

hatte

der

Volkssprache

eine klassische Prägung gegeben,

aber zum Führer

hatte

er

doch

Vergil genommen,

und

wenn

er das

mittelalterliche Weltbild und die

kirchliche

Metaphysik verherrlichte,

so hatte

er

doch

auch

die

Schäden

der

Kirche

10 U. v.Wilamowitz-Moellendorff: Geschichte der Philologie

seiner Zeit gegeißelt. Die neue Frömmigkeit der Bettelorden genagte bald nicht mehr durchaus, die ghibellinischen Träume waren verflogen, der Papst saß unfrei und unwürdig in Avignon. Gerade daß die Gegenwart so schwer drückte, drängte das schwellende Gefühl der Volkskraft, sich etwas Neues zu schaffen. Da erläutert Cola Rienzi dem römischen Volke seine Souveränitätsrechte an der Lex de imperio Vespasiani, Petrarca empfängt auf dem Kapitol den Dichterlorbeer, Roms Größe leuchtet heraber in den V.erfall der Gegenwart. Die Schönheit der römischen Dich- tung und Rede wiederzuerwecken, ist der nächste Gedanke des ersten Humanisten. Das fahrt von selbst dazu, die vergessenen Schriften der Römer aufzusuchen, die den neuen Römergeist nähren sollen. Es ist gut, diesen geschichtlichen Ursprung der großen geistigen Bewegung, die wir Renaissance nennen, nicht zu vergessen. Wir wissen alle, was daraus ge- worden ist, wie sie in ganz Buropa allmählich das Denken und Fühlen, die Voraus- setzungen, Formen und Ziele des ganzen Lebens umgestaltet hat; um so weniger braucht hier davon geredet zu werden. Wichtig ist dagegen das Negative, daß histo- risch-philologisches Interesse weder an dem Suchen noch an der Verbreitung der alten Literatur beteiligt ist. Noch auf lange Zeit sind die Humanisten durchaus nur Literaten, Publizisten, Lehrer, dagegen Philologen keineswegs. Petrarcas ganze Ge- stalt fesselt uns mit vielen Reizen, die florentinischen Handschriftensammler, Co- luccio Salutati, Niccolo Niccoli und so mancher andere verdienen um ihrer selbst willen unsere Teilnahme, und die mehr oder minder fahrenden Literaten, für die es genagt, den einen Poggio zu nennen, sind mit ihren hellen und ihren dunklen Seiten so besondere Erscheinungen, daß wir ihr Leben, ihr Schmeicheln und ihr Schimpfen vielleicht mit mehr Sympathie verfolgen, als sie verdienen. Wen bezau- berte nicht die abersprudelnde Lebensfreude und die verwirrende Buntheit des Quattrocento. Das allgemeine Bild bleibt verschwommen, wenn man nicht die ein- zelnen Zentra der Kultur, Rom und Florenz, Mailand und Neapel, Perrara und Rimini auch einzeln h_ervortreten läßt. Ein jedes hat seinen Kreis von Humanisten, wenn sie auch oft wechseln, und es runden sich viele leuchtende Gruppen ab; aber hier davon zu hören, erwarte niemand. Für die Geschichte der Philologie kommen diese Literaten nur als Finder und Verbreiter alter Schriftsteller in Betracht. Da rührt es uns, wie die Atticusbriefe Ciceros Petrarca die peinliche Erkenntnis bringen, daß er den Menschen Cicero nicht mehr so unbedingt bewundern kann wie den Redner. Wir teilen die Freude der Veroneser, daß ihr Landsmann Catull bei ihnen entdeckt wird, begrüßen es, daß Boccaccio die Historien des Tacitus aus Monte Cassino ent- führt, einerlei, mit welchen Mitteln, folgen Poggio auf seinen Fahrten nach St. Gallen, in die französischen Klöster und selbst nach England (wo nichts zu holen war), be- gleiten Enoch von Ascoli, der in päpstlichem Auftrag nach einem ganzen Livius auf die Suche ging, und wenn auch nicht den, so doch die kleinen Schriften des Tacitus heimbrachte. Wir begreifen, daß der Codex von Lodi, der Ciceros rhetorische Schriften vervollständigte, allgemeine Aufregung erregte, und daß immer wieder Anstrengungen .gemacht wurden, die Annalen des Tacitus aus Corvey zu bekommen, bis es endlich, erst 1508, gelang. Aber unmöglich können wir das hier einzeln verfolgen und müssen auf die Scoperte dei codici Greci e Latini von RSabbadini verweisen. Wenn die alte Handschrift nicht gerettet ist, ersetzt sie uns im besten Falle die Abschrift, die der Finder unmittelbar aus ihr gemacht hat, denn dann hatte er keine Zeit, an anderes als das Abschreiben zu denken. So ist es eine höchst willkommene Erleichterung der Kritik gewesen, als für Manilius, die Silven des Statius und für Asconius Poggios saubere Abschriften ans Licht traten, denn die späteren Kopisten machen sich den

Renaissance

Text zurecht, und das geschieht mit verwirrender WillkOr, so daß die Recensio die peinlichsten Schwierigkeiten bereitet. Wir dorfen eben von den Humanisten keine Philologie verlangen. Properz z. B. geht sicher auf eine einzige Handschrift zurock, aber es wird nie gelingen, sie mit Sicherheit herzustellen, und for den Cicero von Lodi ist es wenigstens noch nicht erreicht. Nach den großen griechischen Mustern, auf die die Römer selbst hingewiesen hatten, schaute schon Petrarca mit Sehnsucht, betrachtete auch einen Homer, den er erwarb, mit Ehrfurcht als einen Schatz, wenn er ihm auch verschlossen blieb, denn ein Mönch aus Unteritalien konnte ihm den Zugang nicht eröffnen. Dort be- saßen die Basilianer zwar manche griechische Handschriften, aber fast nur kirch- liche, und sie waren von dem Verkehr mit den byzantinischen Kreisen gelöst, die sich um die Klassiker bemohten. Es kamen im 14. Jahrh. zwar manche Griechen aus dem Osten herOber, aber noch machte die Kenntnis der Sprache geringe Fort- schritte, und so groß auch der Ruhm des Chrysoloras ist, der als Lehrer nament- lich in Florenz wirkte, als Diplomat weit herumkam und sein Grab in Konstanz fand, auch in seinen Erotemata die erste Grammatik for Ausländer schrieb, so wurden doch nur ganz wenige durch ihn so weit gefördert, daß sie wichtige Schriften mit Erfolg obersetzten, wie Leonardo Bruni, der als Kanzler der Republik Florenz 1444 gestorben ist. Zunächst mußte nach Konstantinopel gehen, wer das alte Grie- chisch wirklich lernen wollte, und vollends gute Handschriften waren nur aus dem Osten zu holen. So hat Guarino von Verona in Konstantinopel das Griechisch ge- lernt, das er dann in gesegnetem Unterricht weiter verbreitete. Auf die Handschriften- suche hatten es zwei junge Humanisten abgesehen, die mit ganz besonders reicher Beute heimkamen, Francesco Filelfo und Johannes Aurispa. Namentlich dieser hat irgendwo, leider wissen wir noch nicht wo, ein Nest ältester Handschriften ausge- nommen und damit Werke wie den Athenaeus gerettet, die den Byzantinern seit Jahrhunderten unbekannt gewesen waren. Als Gelehrter bedeutet Aurispa nichts, und Filelfo hat zwar mit seinem wilden Gezänke jahrzehntelang gewaltigen Lärm gemacht, geleistet hat er kaum etwas Bleibendes. Immer noch konnte das Hellenen- turn nur in Übersetzungen wirken, die Poesie fiel also fort. Trotzdem war die Wir- kung gewaltig. Aus der Geographie des Ptolemaios lernte man die Erdkugel kennen; das wies dem Genuesen Kolumbus seinen Weg nach Indien. Mathematische und technische Schriften erweckten Nacharbeit; Leonardo hat noch an den Automata des Heron gelernt. Die Politik und Ethik des Aristoteles hat schon Bruni erschlossen, und auf Raffaels Schule von Athen führt Aristoteles die Ethik, nicht das Organon. Ganz besonders wichtig war, daß Papst Nikolaus V., selbst ein durchgebildeter Hu- manist aus dem Kreise des Cosmo von Medici, die Übersetzung der griechischen Historiker in Gang brachte; denn das weckte historisches Urteil auch bei solchen, die es nur so von den Griechen lernen konnten, wie es z. B. Macchiavelli getan hat. Herodot und Thukydides fielen dem Lorenzo Valla zu, und dieser muß seinem Todfeind Poggio und ziemlich allen Zeitgenossen gegenober als ein Mann ganz an- deren Schlages, ein wirklicher Kritiker gepriesen werden. Schon seine Übersetzung des Thukydides ist das Werk eines wirklichen Gelehrten, und als Historiker hat Valla dabei gelernt, wie seine Geschichte des Königs Alfonso von Neapel erwies, der ihn mehr als einmal vor der Inquisition beschotzen mußte. Denn hier kommt bereits die Erkenntnis der geschichtlichen Wahrheit mit der herrschenden Kirche in Konflikt. Nur solange Nikolaus V. seine Hand ober ihm hielt, konnte Valla sich in Rom halten. Seine Entlarvung der gefälschten Schenkung des Kirchenstaates durch Konstantin durfte nicht veröffentlicht werden. Erst Ulrich von Hutten hat sie als Waffe gegen

11

12 U. v. Wilamowitz-Moellendorff: Geschichte der Philologie

die römischen Ansprüche zu drucken und Leo X. zu widmen gewagt. Nicht minder frevelhaft erschien es, daß der Philologe Valla die Vulgata vor den Richterstuhl seiner Text- und Stilkritik zog. Aber die blinde Liviusverehrung war nicht minder entrostet, als er bewies, daß Tarquinius Superbus unmöglich ein Sohn des Priscus gewesen sein könnte. Übrigens behaupten sich auch Emendationen von ihm in unserem Liviustext. Denselben historischen Sinn bewies Valla in seinen Elegantiae linguae Latinae auf sprachlichem Gebiete, indem er innerhalb des Lateinischen die Zeiten und Stile unterscheiden lehrte und nicht bloß die landläufigen Barbarismen verfolgte, sondern auch die Vermischung von Wörtern und Phrasen aus ganz ver- schiedenen Regionen der lateinischen Literatur. Der Anschluß an die besten Muster ergab dann freilich den Ciceronianismus mit Notwendigkeit, und demgegenüber hat die Verteidigung einer freieren Bewegung, wie sie Polizian vertrat, auch ihre Berechtigung. Endlich sind die philosophischen Abhandlungen Valias, die selbst dem Epikur gerecht zu werden versuchen, nicht minder kühn und nicht minder für seine überragende Geistesschärfe und Geistesfreiheit bezeichnend. Blicken wir tiefer, so müssen wir zu der Einsicht gelangen, daß es die Berührung mit dem echten helleni- schen Geiste war, die Vallas Seele die Flügel wachsen ließ, und daß erst die griechi- schen Bücher den Fortschritt vom Humanismus zur Wissenschaft herbeigefuhrt haben. Philosophie und Naturwissenschaft sind allein durch sie zu neuem Leben erweckt_ Nach dieser Seite ward die Einwanderung wirklicher Gelehrter aus Byzanz fol- genreich, die schon etwas früher begann. Theodorus Gaza und der minder erfreuliche Georgius Trapezuntius brachten die byzantinische Auffassung der Aristotelischen Phi- losophie herüber. Das Konzil von Florenz, das den aussichtslosen Versuch machte, die orthodoxe Kirche mit der römischen zu vereinigen, führte den greisen Philoso- phen Gemistos Piethon selbst dorthin, und er mußte als Vertreter der einen Orthodo- xie auftreten, die er ebensosehr verwarf wie die andere. War er doch ein ausge- sprochner Neuplatoniker und scheute sich nicht, auch dem Zeus einen Platz in der Hierarchie der Geister zuzuweisen. Er ist eine Gestalt, die in diesem Jahrh., zumal in dem verwahrlosten Peloponnes imponieren muß, und diese Kühnheit des Denkens. mußte sie sich auch oft verbergen, wirkt im stillen weiter; es ist auch kein Zweifel, daß der Neuplatonismus unter der Asche immer weitergeglommen hatte. Hundert Jahre nach Piethon schlägt seine Flamme in Giordano Bruno hell empor. Ein Schnler und Begleiter Piethons war Bessarion aus Trapezunt, dem diese Philosophie den Übertritt in die Kirche Roms leicht machte. In ihr hat er die Wissenschaften und den Platonismus geschützt, ist Kardinal geworden und hat seine überreiche Büchersamm- lung nicht dem Vatikan, sondern der Republik Venedig vermacht, wo damals die Ge- dankenfreiheit einen Schutz fand wie später in Holland. Das Gezänke zwischen den Griechen, die sich Aristoteliker und Platoniker nannten, darf vergessen werden. Ewig denkwürdig ist die Stiftung einer Platonischen Akademie in dem Florenz der Medici und die Frucht, die sie brachte, die Philosophie des Pico aus Mirandola, der, beseelt von dem Geiste Platons und Plethons, in seiner leiblich-en Schönheit und in seinem erdentrückten Denken und Träumen den Menschen selbst beinahe einer der- seligen Geister zu sein schien, dem es beliebte, auf ein kleines unter ihnen zu weilen. Mar- silius Ficinus nahm in ähnlichem Glauben eine schwere Bürde auf sich; er übersetzte Platon und Plotin, und durch ihn haben sie den Weg in Tausende von Herzen ge- funden. Ganz ohne Philosophie, nur durch nationale Romantik ist Pomponius Laetus in Rom verführt worden, als Pontifex einer römischen Akademie, die er selbst stiftete, die Palilien zu feiern, in den Katakomben geheime Sitzungen zu halten und anderes

Zuwandernde Griechen

13

im Grunde harmloses Spiel zu treiben, wozu wohl auch die republikanischen Schwär- mereien seiner Genossen gehörten. Das hat ihm eine schwere Verfolgung und lang·e Haft eingetragen; aber schließlich ist er doch mit allen Ehren als großer Römer aus dem Leben geschieden. Er hatte auch Sinn für die Ruinen und sammelte Antica- glien. Das hat nichts geiruchtet, und seine wilde Textkritik auch nicht. Nur für die Erhaltung der Quaternionen des Festus, die seitdem aus der Handschrift verloren sind, ist seine Abschrift unentbehrlich. Seine Person ist für die ganze Zeit so cha- rakteristisch, daß er hier nicht fehlen durfte. Das goldene Zeitalter von Florenz, die Herrschaft des Lorenzo dei Medici, möge hier von den Philologen sein Genosse Angelo Poliziano vertreten, der auch mit seinen schönen italienischen Dichtungen neben den Magnifico tritt; übrigens stehen ihnen die lateinischen nicht nach. Sein Griechisch hat er bei Demetrios Chalkondylas ge- lernt, dessen Hauptverdienst dieser Erfolg ist; denn Poliziano verstand Griechisch so weit, daß er auch Dichter übersetzen durfte, und er war wirklich Philologe. Seine vielen Kollationen beweisen, daß er den Wert der echten Überlieferung zu schätzen wußte, und wenn er, da er mit 40 Jahren starb, zu keiner Ausgabe gekommen ist, so haben seine Miscellanea würdig eine Literaturgattung eröffnet, welche nur zu vielen Philologen so bequem gewesen ist, daß sie über Einzelbemerkungen nicht hinauskamen, was Scaliger mit Recht gegeißelt hat. Es ist das Gefühl für individu- ellen Stil, dem ein festes Vokabular nicht genügt, was ihn gegen den Ciceronianis- mus Front machen ließ. Lorenzo hat noch einen Griechen ausgeschickt, um Handschriften für seine Biblio- thek zu erwerben, den Janus Laskaris, der mit einem älteren Verwandten, Konstantin Laskaris leicht verwechselt wird. Dieser Konstantin hat ein ärmliches Leben geführt, war aber einmal in der Lage, eine wertvolle Büchersammlung der Stadt Messina zu schenken, von wo sie zum größten Teil nach Madrid gekommen ist. Sonst beschränkt sich sein Ruhm darauf, die erste griechische Grammatik gedruckt zu haben. Janus Laskaris hat sein Leben von Florenz nach Paris geführt, wo er der vornehmste Ver- treter seines Volkes am Hofe Pranz I. war; schließlich ist er doch nach Italien zu- rückgekehrt. Sein Ruhm gründet sich auf die ersten Drucke griechischer Dichter, so schwieriger wie des Apollonios, Kallimachos und der Planudeischen Anthologie. Er war der Aufgabe gewachsen, und es ist nichts Geringes, daß er auf die Kapital- schrift zurückgriff, also richtig erkannte, wie barbarisch und für den Typendruck ungeeignet die Kursive seiner Zeit war. Es ward verhängnisvoll, daß die übermäch- tige Offizin des Aldus sich fur die Kursive entschied und die Unzahl von Typen schneiden ließ, die ihre Herstellung für die Kompendien erforderte. Die Typi regii, mit denen die französischen Philologen des folgenden Jahrh. drucken, haben diese Zahl schon stark verringert, und auf dem Wege ist man fortgeschritten; aber den By- zantinismus sind wir nicht losgeworden, und die Philologen scheinen ihr Herz an ihn gehängt zu haben, auch jetzt noch, wo wir die BUcher aus der Zeit des Aristarch vor Augen haben, deren Schönheit und Lesbarkeit von keinem Buchdruck übertroffen wird. Ein Segen, daß die Humanisten wenigstens für die lateinische Typenschrift hübsche, lesbare Formen festgestellt haben, von denen man niemals hätte ab- gehen sollen. Der Buchdruck, den Deutsche schon in den sechziger Jahren des 15. Jahrh. nach Rom einfUhren, macht natürlich Epoche. Er kommt aller Literatur zustatten, aber das Großartigste ist doch die Reihe der Aldinen, durch welche die griechischen Werke im ganzen der Welt erschlossen werden. Es sind Folianten, die nur auf dem Tische des Gelehrten Platz fanden, aber auch in handlicheren Formaten präsentieren sich

14

U.

v.

Wilamowitz-Moellendorff: Geschichte

der

Philologie

namentlich die

lateinischen Klassiker,

sie

auch

in

jenen feinen Typen,

die

die

Eng-

länder

Italics nennen.

Alles beweist,

daß

die Menschen fUr diese Kost reif geworden

waren.

Viele Drucke sind

einfach Wiedergaben

einer Handschrift, wie sie

gerade

vorlag,

aber andere beruhen auf starker kritischer Tätigkeit eines Herausgebers, und

ein bewunderungswertes

da

Talent an so schwierigen Texten wie Athenaeus, Hesychius und den Aristophanes-Scho-

lien bewies,

Es

renz,

Scholien noch unentbehrlich war;

mit

Aber

Familiennamen

den

war

treten

für Aldus

ein Grieche tätig,

Markus Musurus,

so

der

natürlich nicht ohne

andere

Druckereien

Kallierges

Gewaltsamkeit,

neben

der

des

daß inan über Interpolation klagt.

auf,

die Giunta

in Flo-

der

Aldus Manutius

Zacharias

in Rom,

dessen Pindar bis

vor wenigen Jahren wegen

seine Homerscholien sind

Offizin

messen.

es eigentlich noch heute.

Eigentlich sollte man

nach dem Tode

des

den Aldinen kann

sich keine

der Mllnuzzi brauchen,

denn

die Druckerei ging

großen Gründers

Aldus weiter, wenn auch der Sohn, Paulus Manutius,

die

technische

Leitung nicht

mehr

führte.

Er

ist

der

bedeutendste Latinist Italiens

im

16. Jahrh.,

und sein Name wird mit dem Ciceros

dauernd verbunden bleiben, denn er hat für viele

Reden, namentlich

aber für die

Briefe, den Grund

der Erklärung gelegt.

Auch an

den

antiquarischen

Forschungen

seiner

Zeit hat er sich mit Ehren

beteiligt.

Mit ihm

sind

wir schon tief in

Bedeutung

bel

das

16.

Jahrh.

geraten,

der

auch

und

da ist kein Kritiker oder Interpret von

des Nizolius, die Bi-

heraus-

mehr

zu nennen; denn

ist

Thesaurus Ciceronianus

als

'Apparatus

latinae

der

orthodoxen Observanz,

locutionis'

gegeben

worden

und bekennt so, daß

er

praktischen

Zwecken

dienen

will.

In

Rom wirkt

der

Famese

aber

noch wenigstens ein

Mann,

der

der

auch unter

Wissenschaft

den durch die

wertvolle

Gegenreformation

Dienste geleistet hat,

thekar

Vaticana und

Kirchenfürsten

Verbindung

ticaglien

zu seiner Schrift

Escorialhandschrift der Konstantinischen Exzerpte, die

ganz veränderten

Verhältnissen

sehr

Fulvius Ursinus. zusammengebracht

Stück

Die Handschriftensammlung, die

hat, bildet heute einen

die

er als Biblio-

Teil

der

besonderen

enthält manches

und stellte

ersten Ranges. Durch

stand

er

mit

und

der

reiche

den

ganzen gelehrten Welt in

von An-

dem Agastino

eine Abschrift der

wie auch

Verbindung mit

Sammlungen

So

und eigene reiche Mittel

nicht

nur

seine Bibliothek

sondern auch

de

seine Mitarbeit gern anderen zur Verfügung.

legibus et

senatus consultis;

er

erhielt dafür

er zuerst herausgab,

einiges

andere.

Er

erkannte

die

Notwendigkeit

von

Fragmentsammlungen,

und

seine Ausgabe

der

Carmina illustrium feminarum

et lyricorum brachte

auch Neues

aus schen Familienmünzen für die Prosopographie.

Imagines,

manche Ligorische Fälschung.

den handschriftlichen

Aristoteles hervorgezogen.

unbekannten Handschriften.

die erste Ikonographie,

Verwa