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MAGAZIN FÜR KUNST UND LEBEN

Dezember 2017 / Euro 9,50 / SFr 12,50


Österreich: 9,80 Euro Luxemburg: 10,50 Euro
Italien: 12,50 Euro Spanien: 12,50 Euro
ARNULF RAINER
PAINTINGS, 1950s & 1960s
LONDON
NOVEMBER – DEZEMBER 2017
ROPAC.NET

LONDON PARIS SALZBURG


EDITORIAL

Liebe Leserinnen,
liebe Leser,

wie ermittelt man den Wert der Kunst? Wie die besten Künstler? Nur über den
Markt schon mal nicht. Kunstwerke sind keine Popsongs, sie bekommen keine
Goldenen Schallplatten. Und ihr Verkaufspreis auf einer Auktion sagt nichts
über ihre wirkliche Stellung in der Kunstgeschichte. Es gibt Ranglisten verkaufter
Einzelwerke. Aber Charts für die Kunst? Oder gar für Künstler? Schwierig.

Andererseits: Über nichts lässt sich schöner streiten als über eine Rangliste.
Listen kondensieren Information, sie bringen Diskussionen in Gang. Wir stehen am
Ende eines ereignisreichen Kunstjahrs, das den Betrieb kräftig durchgeschüttelt
hat. Wir brauchen Orientierung, wollen Veränderungen abbilden.

Deshalb haben wir für diese Monopol-Ausgabe ein Ranking erstellt: die 100 wich-
tigsten Akteure des Kunstbetriebs. Ausgewählt wurden Künstler aller Sparten,
dazu Galeristen, Kuratoren, Sammler. Unser Kriterium ist das Hier und Jetzt:
Wer war wichtig in diesem turbulenten Kunstjahr 2017?

Das Ranking ist entstanden in engem Austausch mit Experten und nach intensiver
Auswertung der wichtigsten Ausstellungen, Messen und Kunstpreise. Gleichzeitig
verstehen wir diese Liste als eine subjektive Momentaufnahme, als eine Art Werk-
zeug zur spielerischen Vermessung der Kunstwelt. Und letztlich als eine Hommage
auf alle diejenigen, die Kunst heute schaffen und ermöglichen.

Natürlich hat auch Adam Szymczyk, der wohl umstrittenste Documenta-Kurator


seit Harald Szeemann, seinen Platz auf dieser Liste gefunden. Im Interview mit
meinem Kollegen Daniel Völzke antwortet er endlich auf die Vorwürfe – Sie lesen
das ungewöhnlich offene Gespräch ab Seite 40.

Und wer unsere Nummer eins ist in diesem Kunstjahr, haben Sie bestimmt schon
geraten. Die anderen 99 sind aber genauso interessant. Sie finden sie auf Seite 44.

Ihre Elke Buhr


Chefredakteurin
Foto: Wolfgang Stahr

7
I N H A LT

40 InTERvIEw ADAm szymczyk 7 Editorial

12 Contributors

„Man hatte mir tatsächlich nahegelegt, mich 14 Impressum

zunächst nicht zu äußern. Ich wollte mich fair


InTERpOL
verhalten, aber jetzt ist es auch notwendig, 19 Interpol
ohne Schuldzuweisungen meine eigene Sicht Monopol berichtet aus Montreal,
Amsterdam und Lugano.
Plus: Die Kolumne
auf die Dinge darzulegen“ von Klaus Biesenbach

28 Frohes Fest
Geschenktipps der Redaktion
und die Jahresgaben der
Kunstvereine

32 Watchlist
Der Künstler Nicholas
Cheveldave

34 Alte Meister
Paloma Varga Weisz über die
Rembrandt-Zeichnung
„Elsje Christiaens am Galgen“

FEATuREs
40 Adam Szymczyk
Der Kurator hat mit seiner Docu-
menta 14 eine beispiellose Welle
der Kritik ausgelöst. Im Inter-
view mit Daniel Völzke meldet
sich Szymczyk selbst zu Wort

44 Top 100
Künstler, Kuratoren, Galeristen,
Sammler: Monopol nominiert
die 100 wichtigsten Figuren des
internationalen Kunstbetriebs

70 Kunst auf der Couch


Verena Dengler begibt
sich in eine psychoanalytische
Anne Imhof und Susanne Pfeffer Sitzung des Künstlers

Fotos: © Nadine Fraczkowski. Faust: Courtesy die Künstlerin und Deutscher Pavillon 2017
Clemens Krauss

44 RAnkIng: TOp 100


Wer hat das Superkunstjahr 2017 entscheidend
geprägt? Wo sitzen die Strippenzieher, und
wer stellt die Weichen für die Zukunft? Monopol
zieht Bilanz und nominiert in einem großen
Ranking die 100 wichtigsten Figuren des inter-
nationalen Kunstbetriebs. Natürlich ungerecht.
Natürlich subjektiv
TITEL
8 Eliza Douglas in Anne Imhofs „Faust“, 2017,
deutscher Pavillon, Venedig-Biennale,
fotografiert von Nadine Fraczkowski
Erleben Sie das Geheimnis
der Langlebigkeit.
Ein Schatz aus der Natur. Eine überragende Technologie.
In Japan wird Hautpflege als genussvolles Ritual zelebriert.
Future Solution LX mit SkingenecellEnmei, einem legendären japanischen Heilkraut
und Anti-Aging-Wirkstoff, regt die vitale Energie der Haut an.
I N H A LT

76 REpORT cHIcAgO 76 Report: Chicago


Jens Hinrichsen spürt der
heimlichen Kapitale der
Im Schatten New Yorks entwickelte sich Chicago US-Avantgarde nach

in den 60ern zum heimlichen Zentrum der


86 Essay
Abstoßend, anziehend: Ulf
Erdmann Ziegler erkundet die
Avantgarde. Drei Retrospektiven schlagen ein Bedeutung des Trash für die
Gegegenwartskunst

vergessenes Kapitel der Kunstgeschichte auf 90 Portfolio


Die Straße als Bühne der
Wirklichkeit: Street-Photogra-
phy des US-Amerikaners Joel
Meyerowitz

kunsTmARkT
106 News
Die Art Basel/Miami Beach
fokussiert auf die lateinamerika-
nische Avantgarde. Plus:
Die Kolumne „Strong Buy“ von
Holm Friebe

108 Sammeln
Tipps für den Weiterverkauf
von Kunst. Plus: Auktionen
und Kalender

AussTELLungEn
117 Review
Camille Henrot und Nick Mauss
in Paris, Virtuelle Realität in
Frankfurt, die „KölnSkulptur
#9“, der Loop in Wolfsburg, Alice
Neel und Ed Atkins in Berlin

124 Preview
Rebecca Horn in Duisburg, Jan
Böhmermann in Düsseldorf, „A
Tale of Two Worlds“ in Frankfurt

126 Kalender
Die wichtigsten Ausstellungen
im Dezember

FInALE
Ed Paschke „Cleo“, 1974
138 Bücher
David LaChapelles neue Fotobü-
cher, ein Bildband des Norwegers
Torbjørn Rødland. Plus: Kittel-
90 pORTFOLIO JOEL mEyEROwITz
Foto: Roberto Marossi, Private collection

manns Klassiker und die Short Cuts

144 Out of office


„Ich will nicht mit all meinen alten Werten Monopol zu Gast beim Preis der
Nationalgalerie

feststecken. Ich will mich umschauen, 146 Was macht die Kunst?
Wu Tsang über ihre Zusammen-
Neues sehen und einfach danach greifen“ arbeit mit der Sängerin Kelela

10
Joseph Beuys. „Erdtelephon“. 1968. Telefon, Lehmklumpen, getrocknetes Gras, Kabel, Holz. 19 × 104,5 × 38,5 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Schätzpreis EUR 100.000–150.000

in Berlin
Herbstauktionen
29. November bis 2. Dezember 2017
Fasanenstraße 25, 10719 Berlin
grisebach.com

am 1. Dezember 2017
Auktion Zeitgenössische Kunst
cOnTRIBuTORs

Paloma Varga Weisz


Sie ist eine Künstlerin der intensiven Gesten. In
ihren Werken lässt die gelernte Holzbildhauerin
Paloma Varga Weisz, geboren 1966 in Mannheim,
jahrhundertealte Ikonografie auf Gegenwart
und Handwerk auf Konzept treffen. Im Mittel-
punkt ihres plastischen Werks steht immer wie-
der die menschliche Figur, die sie deformiert
und in poetische Metamorphosen übersetzt,
grotesk und zugleich auch beklemmend realis-
tisch. 2005 stellte sie auf der Venedig-Biennale
ihre Arbeit „Das Galgenfeld“ aus, für das sie sich
selbst als Hingerichtete inszenierte. Was diese
Arbeit mit Rembrandt zu tun hat und wie sie die
Zeichnung eines gehängten Mädchens von 1664
nicht mehr losgelassen hat, erzählt uns die Düs-
seldorferin in diesem Heft. Seite 34

Verena Dengler
Ein „Jack of All Trades“ ist im Englischen einer, der alles kann. Aber ist der Jack
nicht viel eher eine Jackie? Die österreichische Künstlerin Verena Dengler jedenfalls
nannte ihre Retrospektive in der Kunsthalle Bern in diesem Sommer „Jackie of All
Trades“ und mixte dort beherzt Materialien und Gattungen. In ihren Performances
und Skulpturen mischt die 36-Jährige Fashion, Diskurs und Ironie, in ihrer Freizeit
ist sie bei der Burschenschaft Hysteria aktiv, in der auch Stefanie Sargnagel wirkt.
Auch die Psychoanalyse war schon mal Thema ihrer Kunst. Genau die Richtige
also, um ein besonderes Angebot für uns zu testen: Der Künstler Clemens Krauss
offerierte in der Wiener Galerie Crone ergänzend zu seiner Ausstellung Therapie-
stunden. Ab auf die Couch! Verena Denglers Selbstversuch lesen Sie ab Seite 70

Joel Meyerowitz
Er habe das Gefühl, „durchs Weltall zu purzeln“, sagt Joel Meyerowitz im Monopol-
Gespräch. Sich nicht ans Gestern klammern. Sich entspannt umschauen. Neue Bilder
finden. Was der 79-jährige US-Fotograf erzählt, klingt so gar nicht nach Torschluss-
panik. „Why Color?“ lautet der Titel der Soloschau im Fotoforum C/O Berlin, die am 9.
Fotos: © Hanna Putz. © Silvia Reimann. © Maggie Barrett

Dezember eröffnet. Warum Farbe? Die Antwort geben Meyerowitz’ seit den 60ern ent-
standene Bilder. Früh wechselte der in der Bronx geborene Künstler zur Farbfotografie
– er gilt als einer der Pioniere der lange Jahre umstrittenen Disziplin. Meyerowitz ist
sich aber sicher: Die Welt ist farbig, und es wäre töricht, die wachsenden technischen
Möglichkeiten nicht zu nutzen. Daher sieht er die heutige Smartphone-Knipserei auch
als Chance. Aus dem Alltagskult gingen „mehr Fotografen hervor als je zuvor“, sagt
er. Nun kann es nur einen Meyerowitz geben, dessen Fotos ein einmaliges Gespür für
Gesichter, urbane Landschaften und Lichtstimmungen zeigen. Dem Blick ins Herz
der Finsternis – Ground Zero nach dem 11. September – weichen sie nicht aus. Joel
Meyerowitz hat sich die Welt nie schöngefärbt, wie unser Portfolio eindrucksvoll be-
weist. Seite 90

12
ISA GENZKEN
Catalogue Raisonné / Werkverzeichnis
Für das kommende Werkverzeichnis von Isa Genzken bitten wir
private und öffentliche Sammlungen, Galerien, Museen und andere
Institutionen, die im Besitz einer Arbeit der Künstlerin sind oder
waren, Galerie Buchholz zu kontaktieren und Informationen,
Bildmaterial, Dokumentation und Archivmaterial zuzusenden.

genzkenwvz@galeriebuchholz.de

Galerie Buchholz
Neven-DuMont-Straße 17 . 50667 Köln
Tel +49-221-257 49 46 Fax +49-221-25 33 51
post@ galeriebuchholz.de . www.galeriebuchholz.de

Fasanenstraße 30 . 10719 Berlin


Tel +49-30-88 62 40 56 Fax +49-30-88 62 40 57
post@galeriebuchholz.de . www.galeriebuchholz.de
ImpREssum
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Thomas Laschinski
Sophie Aschenbrenner
Klaus Biesenbach gEscHÄFTsFÜHRung (PremiumContentMedia)
cHEFREDAkTEuRIn
Verena Dengler Alexander Marguier
Elke Buhr Christoph Schwennicke nATIOnALvERTRIEB/LEsERsERvIcE
Holm Friebe DPV Deutscher Pressevertrieb GmbH
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Saskia Trebing verlag@monopol-magazin.de DRuck /LITHO
ARTDIREkTIOn Paloma Varga Weisz Neef + Stumme premium
Hannes Aechter (fr) Anne Waak printing GmbH & Co. KG
vERLAgsLEITung Schillerstraße 2
Alexandra Wach Jörn Christiansen
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Ulf Erdmann Ziegler Michael Gartzke
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FOTOgRAFEn Julia Marguier monopol@neef-stumme.de
BILDREDAkTIOn
Lukas Gansterer
Kristin Loschert (fr) LEITung REDAkTIOnsmARkETIng Copyright © 2017
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Tanja Raeck Janne Schumacher Res Publica Verlags GmbH
Wolfgang Stahr
V. i. S. d. P.: Elke Buhr
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BILDBEARBEITung Ulrike Weidner Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck,
Jens Hinrichsen Henrik Strömberg (fr) Aufnahme in Onlinedienste und
Silke Hohmann HERsTELLung/ vERTRIEB Internet und die Vervielfältigung auf
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Daniel Völzke Franziska Daxer Für unverlangt eingesandte Manu-
Monopol erscheint in
(Leitung Online) skripte und Bilder übernimmt der
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Stephan Elles ISSN: 1614-5445
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14
FUTURE SOLUTION LX

Jahrhundertealtes Wissen über die Natur mit dem


außergewöhnlichen Potential der Technologie zu
vereinen, ist einzigartig in der japanischen Kultur – und
nirgendwo sonst verbinden sich diese beiden Elemente
wirkungsvoller, als in der neuen Pflege-Generation von
Shiseidos Future Solution LX.
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Der innovative Anti-Aging-Komplex wurde von der
Forschung zur Langlebigkeit von Pflanzen inspiriert.
Er entstammt dem legendären Enmei Herb, das
auf dem mystischen Mount Koya wächst. Dank
der Verschmelzung von Wissenschaft und Natur
ist es Shiseido nun zum ersten Mal gelungen, die
Lebensdauer der Hautzellen zu verlängern und dabei
ihre innere Kraft zu aktivieren, ohne die biologische
Uhr außer Acht zu lassen.
BESCHENKEN SIE IHRE HAUT MIT DEM FUTURE
SOLUTION LX RITUAL
Die Total Protective Cream schützt Ihre Haut während
des gesamten Tages vor negativen Umwelteinflüssen
und beugt Zeichen von Aging effektiv vor. Über
Nacht reaktiviert die Total Regenerating Cream die
Regenerationskraft der Haut. Dank der einzigartigen
reparierenden Wirkung der Eye & Lip Contour
Regenerating Cream werden auch empfindliche
Hautpartien gestärkt.
DIE ZUKUNFT IHRER HAUT BEGINNT JETZT UND WÄHRT
EIN LEBEN LANG
Nach regelmäßiger Anwendung des verwöhnenden
Pflegerituals von Future Solution LX sind 96% der
Frauen von der Wirksamkeit der SkingenecellEnmei
Technologie überzeugt – die Haut wirkt
widerstandsfähiger, glatter und strahlender, wie von
innen heraus gestärkt.
*Von 106-112 Frauen in Frankreich getestet.
Licht, Jahre voraus.

Denken Sie nicht an ein Auto.


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in Szene – und begeistert in „Lichtgeschwindigkeit“.

Audi Vorsprung durch Technik


*Optionale Ausstattung.
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InTERpOL
Aus
Montreal,
Berlin
und
Lugano
Fotos: © Olivia Locher, Courtesy Steven Kasher Gallery, New York

vERBOTEn!
Vier Bilder, eine Gemeinsamkeit: Was sie zeigen, ist gegen das Gesetz. Zumindest in den USA. Für ihr neues,
sehr amüsantes Buch „I Fought the Law“ hat die Fotograin Olivia Locher die absurdesten Verbote jedes ein-
zelnen US-Bundesstaates in Szene gesetzt. So ist es auf Hawaii illegal, sich Münzen in die Ohren zu stecken.
In Texas dürfen Kinder keine außergewöhnlichen Haarschnitte tragen. In Nevada ist es untersagt, eine US-
Flagge in ein Stück Seife zu stecken. Und in Pennsylvania ist es verboten, einen Geldschein an einen Faden zu
binden und ihn wegzuziehen, wenn jemand ihn aufzuheben versucht. Soll noch mal einer sagen, ins Weiße
Haus sei ein Clown eingezogen.

19
INTERPOL

Foto: © 2012 Jenny Holzer, Artists Rights Society (ARS), NY, VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy Sprüth Magers
Empört euch! Die Geschichte klingt abstoßend und doch:
Sie überrascht frau nicht. Wie das Hollywood-
belästigt, blöd angemacht oder gar sexuell
missbraucht werden.
System, so sind auch manche Bereiche der Keine Frau ist überrascht, wenn Männer
Die Kunstbranche hat ein Kunstwelt geprägt von Geld, Macht und ihre Macht missbrauchen – wir haben ge-
Sexismus-Problem. Es ist Zeit Ehrgeiz, und das uralte patriarchale Tausch- lernt, das als normal hinzunehmen. Viele
system Macht gegen Sex ist überaus leben- gehen sogar auf den Handel ein, glauben,
zu handeln. Ein Kommentar dig – da können noch so viele feministische sie könnten die Vorteile abgreifen, die ihnen
Ausstellungen organisiert werden. Galeristen ein Flirt mit einem einflussreichen Schwanz-
Auch die Kunstszene hat nun ihren Harvey baggern besoffen ihre weiblichen Angestell- träger bringt. Aber das Regime der miesen
Weinstein. Knight Landesman, einer der He- ten an, erfolgreiche Künstler schmücken sich Typen bringen emanzipierte Frauen – und
rausgeber des mächtigen amerikanischen mit schönen jungen Frauen: Kein Klischee ist auch emanzipierte Männer! – nur dann zum
Kunstmagazins „Artforum“, musste im Okto- zu dumm, dass es nicht irgendein Stumpfkopf Einsturz, wenn sie sich empören, Namen
ber von seinem Posten zurücktreten, nach- wahr machen würde. nennen, dem übergriffigen Gegenüber laut
dem ihn eine ehemalige Mitarbeiterin we- #notsurprised, unter diesem Hashtag hat Einhalt gebieten. Und zwar nicht anonym,
gen sexueller Belästigung angeklagt hatte. eine beeindruckende Zahl von rund 5000 sondern so, dass die Öffentlichkeit und ge-
Schnell meldeten sich viele weitere Frauen Frauen aus dem Kunstbetrieb von Cindy Sher- gebenenfalls die Justiz die Vorwürfe auch
und berichteten von einem ganzen System: man bis Jenny Holzer deshalb einen offenen überprüfen kann. Elke Buhr
Landesman tauschte Karriereversprechen Brief verfasst, in dem sie diese Zustände an-
gegen Getätschel und anderes, offenbar ohne prangern. Und, noch viel wichtiger: Sie kün-
OBEN
dass irgendjemand in der Redaktion dagegen digen an, nicht länger zu schweigen, wenn sie
T-Shirt, 2012, mit Aufdruck aus
einschritt. oder irgendjemand anders in ihrem Umfeld Jenny Holzer „Truisms“, 1977–79

20
INTERPOL

64 000 US-Amerikaner starben 2016 an einer


ÜBERDOSIS Opioiden. Das ist ein
Anstieg von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr, Experten spre-
chen von der schlimmsten Drogenepidemie, die die USA jemals
erlebten. Rund 30 000 tödliche Überdosen gehen auf das Konto
von Heroin und verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln wie
OxyContin, das von einem Pharmaunternehmen der Sackler-
Familie auf den Markt gebracht wurde. Die Sacklers zählen zu
den wichtigsten Mäzenen der Welt – im Metropolitan Museum,
im Louvre, in der Royal Academy und im Victoria and Albert
Museum sind ganze Gebäudeflügel nach ihnen benannt. Das
Geld für die guten Zwecke stammt aus dem Verkauf eines teuf-
lischen Produktes – laut US-Medien hat das Unternehmen der
Sacklers die Suchtwirkung von OxyContin bewusst herunter-
gespielt. Seit der Markteinführung 1996 sind geschätzte 200 000
Amerikaner an Überdosen von OxyContin und anderen
Schmerzmitteln gestorben. Das Vermögen der Sacklers beläuft
sich laut „Forbes“ auf 14 Milliarden Dollar.
DIE FÄNGE DES
NETZWERKS
Ist der ganze Kunstbetrieb korrupt?
Nachdem Beatrix Ruf Mitte Oktober vom
Direktorposten des Stedelijk Museum
zurücktreten musste, steht die gesamte
Branche am Pranger. Die 1960 in Singen
geborene Ruf musste ihr Amt räumen,
weil sie nebenbei auch ein Beratungsun-
ternehmen für Sammler – darunter auch
Leihgeber ihres Museums – leitete. Im
Jahr 2015 hat sie damit angeblich rund
430 000 Euro Gewinn gemacht, ihr Di-
rektorgehalt von kolportierten 180 000
Fotos: Courtesy Davis Klemm Gallery. © Marcel Bakker/VISUM

Euro ordentlich aufgebessert. Ruf zählt


Werner Berges (1941–2017) zu den renommiertesten Kuratorinnen
In der Themenschau „German Pop“ 2014/15 an der Frankfurter Schirn durften seine bunt- der Gegenwart, sie förderte stets auch
flächigen Bilder nicht fehlen. Werner Berges hat sich selbst einmal als „lustvollen Maler“
bezeichnet. 1941 im niedersächsischen Cloppenburg geboren, studierte Berges Gebrauchs-
sperrige Positionen und vergessene
grafik in Bremen und bis 1968 Malerei an der Berliner HdK. Noch während seines Kunst- Künstler, setzte internationale Maßstä-
studiums war er mit Hödicke und Lüpertz Mitglied der legendären Berliner Gruppe Groß-
görschen 35. Sein Sujet war die Frau, wie sie von Zeitschriftencovern und Plakatflächen
be. Dafür braucht es ein enges Netz-
herablächelte. Die sexualisierten Ikonen löste Berges in abstrakte Farbflächen oder ließ die werk. Aber eben auch einen klaren Blick
Models hinter Punktrastern und schrillfarbigen Liniengittern verschwinden – als indirekte
Kritik an der Verführungspraxis der Medien. Später, ab 1977, wurden Berges’ Bilder gänzlich
darauf, wo private und öffentliche Inter-
abstrakt. Am 26. Oktober ist Werner Berges in der Nähe von Freiburg 75-jährig gestorben. jh essen in Konflikt geraten.
21
INTERPOL

Fragen an THOM AS DEM AND:


8 Eine Zeile aus diesem Song ist auch der Titel für die aktuelle Ausstellung in der
Fondazione Prada in Venedig, in der Ihre Arbeiten mit denen von Alexander Kluge
und Anna Viebrock in Verbindung gesetzt wurden: „The Boat is Leaking. The
Captain Lied“.
Und dort ist auch „Ampel“ von mir ausgestellt, die nun in Cohens
Geburtsstadt Montreal zu sehen sein wird, in einer Leonard Cohen
Der Künstler hat dem gewidmeten Gruppenausstellung, eine Auftragsarbeit.

vor einem Jahr verstorbenen „Ampel“ zeigt eine amerikanische Fußgängerampel mit den Symbolen für „Ge-
Sänger Leonard Cohen ein hen“ und „Stop“.
Cohen erzählt über Gemeinplätze, er ist aber selbst auch musikalische
Werk gewidmet Infrastruktur, er ist so kanonisch, dass er dieselbe Rolle hat wie eine
Verkehrsinsel im Straßenverkehr. Ich habe Cohen gefragt, ob er für
mich „Everybody Knows“ ohne die Band einsingen würde. Das war
im Januar 2016, und er war voll mit seinem letzten Album beschäftigt
und nicht bei guter Gesundheit. Doch bei einem der letzten Konzerte
wurde seine Stimme einzeln aufgenommen, und den Track hat er mir
gegeben. Und da merkt man, dass seine Performance gar nicht vom
Vokalumfang lebte, sondern von Rhythmus, Timing und Aussprache.
Große Kunst!

Was haben Sie dann mit der Aufnahme gemacht?


Ich habe seine Stimme mit einem anderen Soundtrack gepaart, ge-
meinsam mit Tyondai Braxton, dem Mitbegründer der Band Battles.
Ich habe die Animation schließlich auf das Tempo des Liedes und
seiner Struktur aus Strophe und Refrain angepasst. Das Ergebnis hat
Cohen noch gehört.

Hat Leonard Cohen vor seinem Tod im November 2016 noch von den Ausstel-
lungen in Venedig und Montreal erfahren?
Er war in seinen letzten Monaten sehr beschäftigt, wollte unbedingt
sein letztes Buch und seine Platte fertigstellen. Wie Bowie hat er sei-
nen Abschied mit dem letzten Album zum Teil seines Werks gemacht.

Fotos: © Brigitte Lacombe, 2015. © Thomas Demand, VG Bild-Kunst, Bonn, 2017, Courtesy Sprüth Magers.
Doch wusste er von den
beiden Ausstellungen
und hat sie abgesegnet.
Die Ausstellung in Mon-
Wer ist der größte Sänger des 20. Jahrhunderts: Bob Dylan oder Leonard Cohen? treal versteht ihn auch
David Bowie. eher wie ein Phantom, als
Material wie Königsblau
Muss man sich etwa nicht entscheiden wie zwischen den Stones und den Beatles? oder Tonerde. Es geht da
Nein. Cohen war auch kein besonders begabter Sänger. nicht um biografische
Dinge.
Aber wohl doch ein großer Dichter! Interview: Daniel Völzke
Ein großer Deklamator, wie aus dem antiken griechischen Theater.
Er hat eine künstlerische Form von Sprechgesang gefunden. Er sang,
aber nicht mit großem Stimmumfang. Das gesprochene Wort war
seine Form. Ähnlich wie bei Dylan.

Im Gegensatz zu Dylan hatte Cohen nie einen politischen Anspruch – aus einer
Demutshaltung heraus.
Aber Cohen hat schon darauf bestanden, dass das Private mit dem
Öffentlichen zusammenhängt. In „Everybody Knows“, dem Song, um
den es mir hier ging, spricht Cohen über Allgemeinplätze: „Jeder weiß, „Leonard Cohen: A Crack
die Reichen werden reicher“, solche Sachen. Und dann in der nächsten in Everything“,Musée d’art
contemporain, Montreal,
Strophe aber über seine Geliebte, die mit jedem schläft. bis 9. April 2018

OBEN
22 Thomas Demand „Ampel / Stoplight“, 2017
INTERPOL

On Two Three
Four Five Six
Weltweit stellte On Kawara seine
„Date Paintings“ in Kindergärten
aus. Das Langzeitprojekt war
bislang unbekannt

On Kawara begann das Jahr 1997 am 1. Januar


consecutivo
mit einem von sieben aufeinanderfolgenden
„Date Paintings“. Am 7. Januar war er mit
dem siebten Bild vor Mitternacht fertig, das
Jahr hatte begonnen. Im Jahr darauf war der
1932 in Kariya geborene Künstler zur Sydney-
Biennale eingeladen. Nach einem Gespräch
mit dem Kurator über dessen Kinder verließ
er das Museum, um diese Bilder in deren Kin-
dergarten aufzuhängen. Im Alter von vier bis
Fotos: Youngjun Choi, Heesang Ahn, Carl Schonebohm, André Magnin, © 2017 The Estate of On Kawara, authors and Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln

sechs Jahren, so heißt es, entwickeln Kinder


einen konkreten Sinn für Zeit und Zahlen.
Kawara selbst hatte seine rund 2000 Datums-
bilder seit 1966 über einen Zeitraum von 48
Jahren fortgesetzt. Seine Idee, Kinder mit ih-
nen zu konfrontieren, setzte er anschließend
ohne Öffentlichkeit an insgesamt 21 Orten in
der ganzen Welt um.
Jedes Mal tauchten die Bilder von einem
Tag auf den anderen auf, genauso unver-
mittelt verschwanden sie wieder. On Kawara
wollte, dass die Begegnung frei von mode-
rierendem Einfluss Erwachsener blieb. An
jeder Station wurde ein Booklet angefertigt.
Walther König hat diese 21 Hefte nun zusam-
mengetragen, faksimiliert und als Edition
herausgebracht – in einer maßgefertigten,
an den Kanten mit Klebeband versehenen
Pappbox, genau wie der 2014 verstorbene On
Kawara sie für seine „Date Paintings“ anfer- Die „Date Paintings“ aus der ersten Januarwoche 1997 („Today Series“, 1997) von On Kawara tauchten
tigte. Der Titel „Pure Consciousness“ ist da- über Nacht in Kindergärten auf. Oben: Südkorea, unten: Schweden und Elfenbeinküste

bei beides, ein Hinweis auf das reine, gerade


erst entstehende Bewusstsein der Kinder und
auch auf die Absolutheit und Radikalität in
On Kawaras eigenem Werk. „Pure Conscious-
ness“ ist auch ein kleines Manifest zu Kunst
selbst, die ohne Umweg der Erziehung oder
Bildung ganz unmittelbar wirken kann, für
jeden, zu allen Zeiten. Silke Hohmann

On Kawara „Pure Consciousness 1998–2013“,


Box nach einem Entwurf des Künstlers,
Auflage 250, nummeriert. Walther König,
Subskriptionspreis bis 31. Dezember: 340 Euro,
danach 400 Euro

23
INTERPOL

Mit wem schlafen Sie,


Julia Zange?
„Letztes Jahr im Sommer, ich hatte gerade eine ziemliche Krise,
besuchte ich abends eine Gruppenausstellung in den Berliner Kunstsælen.
Und da hing dieses Aquarell, offensichtlich eine konzeptionelle Matisse-Kopie.
Die Farben sprangen mir sofort ins Herz. Ich wollte es unbedingt haben.
Gemalt haben es Friedemann Heckel und Lukas Müller – zusammen nennen sie
sich Kollektiv HC. Das Bild steht gegenüber von meinem Bett,
und es ist das Erste, was ich morgens nach dem Aufwachen sehe. Mein Blau.
Foto: © Isaac Penn

Wie ein Fenster voller Hoffnung und Optimismus.“


Die Schriftstellerin und Schauspielerin Julia Zange lebt in Berlin. Ab 23. November ist sie in
Irene von Albertis Film „Der lange Sommer der Theorie“ zu sehen

24
Handwerk wird
modern.
Vom Herstellen am Bauhaus
13 / 4 / 17 — 7 / 1 / 18
Bauhaus Dessau
INTERPOL

lebende Künstler. „Ich liebe die Kunst und


die Mode dieser Zeit. Außerdem markiert die
Epoche den Aufbruch vom Mittelalter in et-
was Neues. In der Kunst hat sich damals ein-
fach alles verändert. Das finde ich spannend.“
Von der Idee zum fertigen Foto dauert es
lange. Vor anderthalb Jahren begann Tag-
liavini mit ersten Zeichnungen für „1406“.
Dann recherchierte er die passenden Farben
und Materialien – die Kleidung wurde, so-
weit möglich, aus alten Originalstoffen aus
der Toskana hergestellt – und ließ sich Zeit,
um die Atmosphäre zu definieren. Dieser Pro-
zess kann Monate dauern. Die Kleider werden
anschließend von einem Schneider gefertigt,
den Rest stellt Tagliavini gemeinsam mit zwei
Assistenten her. Seine Modelle findet er auf
der Straße oder über Facebook. Wenn alles
perfekt ist, beginnt das „Einfrieren der Ar-
beit“, wie der Künstler sagt.
Heraus kommen Werke wie „La Moglie
dell’Orefice“ (Die Frau des Goldschmieds),
das erste Bild der Serie „1406“. Vor ockerfar-
benem Hintergrund steht eine junge Frau,
den Blick gesenkt, die Hände vor dem Bauch
verschränkt. Sie trägt ein Kleid aus goldfarbe-
nem Brokatstoff mit Kragen und Gürtel aus
rotem Samt, einen futuristisch anmutenden
Hut. Um diesen Hut herzustellen, experimen-
tierte Tagliavini zum ersten Mal mit einem
3-D-Drucker. Als „Photographic Craftsman“,
wie er sich bezeichnet, arbeitet Tagliavini
gerne mit den Händen und spürt den Mate-
Christian Tagliavini „La Moglie dell’Oreice“, 2017 rialien nach – er integriert aber auch immer
wieder modernste Technik. Ganz im Sinne

Der Renaissance-Fotograf der Renaissance entsteht im Blick zurück


etwas ganz Neues. Sophie Aschenbrenner
Wie Christian Tagliavini Kunstgeschichte, Handwerk und
„Christian Tagliavini: 1406“, Camera Work,
Hightech zu zeitlosen Porträts vereint Berlin, 9. Dezember bis 24. Februar 2018

Sie wirken seltsam entrückt, wie aus einer


anderen Epoche, und gleichzeitig fast futu-
ristisch. Steif und perfekt inszeniert, posieren
die Modelle von Christian Tagliavini vor der
Fotos: © Christian Tagliavini, Courtesy of Camera Work

Kamera und erinnern dabei an Porträts alter


italienischer Meister wie Antonello da Mes-
sina oder Agnolo Bronzino. Jedes der Bilder
ist ein Gesamtkunstwerk, in dem nichts dem
Zufall überlassen bleibt.
Der 46-jährige Tagliavini fotografiert nicht
nur, er stellt auch alle Kostüme und Acces-
soires selbst her – ebenso für seine neue Se-
rie „1406“, benannt nach dem Geburtsjahr
des Malers Filippo Lippi. „Ich fühle mich zur
Epoche der Renaissance hingezogen, seit ich
ein kleiner Junge bin“, erzählt der in Lugano
Christian Tagliavini in seinem Studio bei den Vorbereitungen eines Porträts für seine Serie „1406“

26
nderthalb Stunden nordwestlich von Paris kommt man

A durch die hier öde Landschaft der Normandie endlich an


einer alten Burganlage, dem Château Boisgeloup, an. Pi-
casso hat es 1930  kurz vor seinem 50. Geburtstag gekauft,
um wieder an großformatigen Skulpturen arbeiten zu können. In
den ehemaligen Stallungen und Garagen hatte er dafür Platz.
New Bauhaus
Noch heute sind die Spuren seiner Bildhauerei zu sehen. Die An-
lage hat einen runden Brieftaubenturm, eine eigene kleine Kirche
und einen Park. Picassos Enkelsohn Bernard Ruiz Picasso führt uns
Chicago
durch das Château, das er mit seiner Frau, der Galeristin Almine
Rech, sorgfältigst restauriert hat. Er zeigt uns das Blechpferdchen,
das er als Kind in den frühen 60er-Jahren als Spielzeug benutzt hat EXPERIMENT
und das heute ein begehrtes Ausstellungsstück in den Skulpturen-
ausstellungen Picassos ist. Die Innenräume der Burg sind rustikal
gehalten, die Wände mit starken Farben bemalt. Zentraler Ort ist die
Küche, in der für unsere kleine
Photography
Gruppe ein einfaches Essen an-
gerichtet ist.
Erdkunde mit Film
Nach dieser Stärkung geht KLAUS BIESENBACH:
es zurück nach Paris mit ei-
nem Zwischenstopp in der
Aus den Ateliers von
Banlieue Aubervilliers, die im Picasso und Hirschhorn
Juni dieses Jahres traurige Be-
rühmtheit erlangte, als hier ein
Molotowcocktail zwölf Men-
schen verletzte.
Wir steigen aus dem Bus aus,
um in das kleine Sträßchen zu
gelangen, wo der nächste Ate-
lierbesuch bei Thomas Hirsch-
horn geplant ist. Der Künstler
arbeitet bereits seit 1984 in Pa-
ris, im Augenblick an großfor-
matigen Bildern, für die er Vor-
lagen aus Magazinen und dem
Internet verwendet: Collagen von Werbebildern und Abbildungen
von Gewalt und Terroropfern, die durch monochrome Farbflächen
wie durch vergrößerte Pixel abstrahiert sind. 
Hirschhorn erwähnt Otto Freundlich als einen historisch wich-
tigen abstrakten Künstler, der mit Farbflächen schon zu seiner Zeit
wie mit Pixeln umgegangen ist. Meine Frage, ob diese neuen Arbei-
ten explizit politisch seien, wird verneint.
Auf dem Rückweg nach Paris bleiben wir im Großstadtverkehr
stecken. Zeit, um mehr über Otto Freundlich zu lesen. Freundlich
wurde 1878 in Pommern als Sohn einer jüdischen Familie geboren,
eine seiner Skulpturen war auf dem Titelblatt des Katalogs zur NS-
Propaganda-Schau „Entartete Kunst“. Als Deutscher wurde er zu
15.11.2017
Beginn des Zweiten Weltkriegs in Frankreich interniert, auf Betrei- – 5.3.2018
ben von Picasso und anderen Künstlern wieder freigelassen, aber
dann später von den deutschen Besatzern im Vernichtungslager
Maidanek 1943 im Alter von 64 Jahren umgebracht.
Mir wird noch bewusster, wie wichtig es ist, politisch Stellung zu
beziehen, Widerstand zu leisten, konkret oder abstrakt. Der Ateli-
erbesuch bei Hirschhorn klingt nach.
Foto: privat

Klaus Biesenbach ist Direktor des MoMA PS1


sowie Chief Curator at Large am Museum of Modern Art, New York.
Instagram.com/klausbiesenbach

27
GESCHENKTIPPS

Alle Jahre wieder:


Geschenktipps der Monopol-Redaktion

JEns HInRIcHsEn
Redakteur

vERFILzT
Hüte haben schon was. Man sollte aber
abklären, ob der Kandidat den Hut

Fotos: Redaktionsmitglieder: Kristin Loschert (S. 28 – S. 31). Anne Waak: Wilfried Wulff. Atomteller: www.atomteller.de. Hut: © Helena Ahonen. Ben Rivers: Fred Dott.
auch wirklich tragen wird. Bei einer Kreation
der Berliner Hutmacherin Helena Ahonen
ist das sehr wahrscheinlich.
Filzhut, 185 Euro,
helenaahonen.com

vERsTRAHLT vERLOREn
Eines Tages wird es heißen: Kernreaktoren waren Der britische Künstler Ben Rivers dreht
die Windmühlen des Atomzeitalters. Dann sind die Dinger meditative Filmessays über Outsider und
stillgelegt und beschauliches Wandmotiv in Delfter Blau. randständige Orte. 2016, als seine Soloschau
Oder Gebäckunterlage. Die deutsche Tellerserie – von im Hamburger Kunstverein lief, hat
„Biblis“ über „Krümmel“ bis „Würgassen“ – weckt Vorfreude. Rivers diese stille Radierung geschaffen.
19 Teller von Mia Grau und Andree Weissert, einzeln oder Ben Rivers „Sometime“, Radierung, 21 x 30 cm,
im Set für 680 Euro, atomteller.de Ed. 25 + 5 AP, 350 Euro

Schmuck: Marie Hochhaus. Spiel: www.secrethitler.com. Versace: © fashion & culture, Berlin
AnnE wAAk
Stilkolumnistin

gEsIcHT zEIgEn
Geschenkter Schmuck hat einen schlechten Ruf
als einfallslose Notfalloption – also alles, was
diese umwerfenden Ohrringe nicht sind.
Paar aus vergoldetem Sterlingsilber und Perlmutt,
329 Euro, ninakastens.com

AngEwAnDTE
pOLITIkwIssEnscHAFT
Selbst gebastelt und
trotzdem gut:
Beim Kartenspiel
„Secret Hitler“
müssen sich die
demokratischen Kräfte wohl oder
übel zusammenschließen, um die Faschisten
ausfindig und unschädlich zu machen. spEkTAkELmODE
Aber die kämpfen, klar, mit unlauteren Mitteln. 20 Jahre nach seinem
gewaltsamen Tod wird ab Januar in
Etwa eine Stunde Bastelzeit einplanen!
Kostenloser Download der Karten und Spielregeln Berlin eine Retrospektive zeigen, wer
unter: secrethitler.com der Designer Gianni Versace war und wie er
wirkte. Tickets gibt es schon jetzt online.
28 Ab 30. Januar 2018 im Kronprinzenpalais,
retrospective-gianniversace.com
GESCHENKTIPPS
ABTAucHEn
Statt den Smartphone-

sEBAsTIAn FREnzEL
Stellvertretender Chefredakteur
Burn-out durch Yoga
zu kompensieren oder
die Netflix-Fatigue
durch Schokolade,
einfach mal im besten
Magazin der Welt lesen.
Die aktuelle Rekord-
auflage von 1,2
Millionen Heften zeigt
auch: Man kann nicht
nur mit Populismus
punkten.
Das Jahresabo kostet
ABHÄngEn ca. 288 Euro
Der Zeichner Stefan Marx vertreibt über sein Label
Lousy Livincompany T-Shirts, gestaltet Skateboards ABgLEITEn
und Plattencover. Mit dem beim feinen Schweizer Der „Bose QuietComfort“ ist perfekt für
Verlag Nieves erschienenen „Sundaayyyssss“-Kalender Reisen. Um Musik zu hören oder
kommt der Hamburger jetzt dem lausigsten aller
Fotos: Kalender: www.nieves.ch. The New Yorker: Carter Goodrich, David Plunkert, R. Kikuo Johnson for The New Yorker. Koph örer: © Bose. Enzyklopädie: Anne Brannys, Gestaltung: Konrad Angermüller.

dank noise cancellation: nichts. Man


Wochentage bei, auf den in diesem Jahr auch Heilig- taucht ja doch am besten in die Welt,
abend fällt. Frohes Fest! wenn man Abstand zu ihr hat.
22 Dollar, nieves.ch Rund 380 Euro
Duft: © The Laundress / www.bedandroom.com. Koffer: © Firebox.com Ltd. Kette: Saskia Diez , Courtesy the artists and Mehdi Chouakri, Berlin. Sake: Hiroshi Toyoda. Decke: © Vitra

mEIn
sAskIA TREBIng
Autorin
Viel reisende Narzissten
sollten in diesem Jahr
unbedingt mit einem
personalisierten Kofferüber-
zug mit ihrem Gesicht
bedacht werden.
Unförmige Kissen
mit eigener oder
Fremdvisage für
süße respektive
verstörende Träume
FEIn gibt es natürlich
Zartheit ohne Kitsch: Die Künstlerin auch.
Anne Brannys hat eine wunderschön
„Head Case“, ab 20 Euro,
schlichte „Enzyklopädie des Zarten“ firebox.com
geschaffen, in der Notizen, Bilder und REIn
philosophische Texte um Glatzen, Es gibt kaum etwas Beruhigenderes als einen Spritzer des
angewärmte Stühle oder die Kunst der Wäschedufts „Baby“ von The Laundress auf dem Kopfkissen.
Intimität kreisen. Hilft auch bei geräucherten Klamotten nach einem Bar-Abend.
38 Euro, fva.de 12,50 Euro, bedandroom.com

sILkE HOHmAnn
Redakteurin

FLÜssIgE wÄRmE
Junmai Daiginjo, die höchste
Qualitätsstufe des Sake, ist
seidig und macht glücklich.
gOLDEnE wORTE Nur im fantastischen
Jede Kette der Edition „Antonym“ von Saâdane Restaurant Zenkichi in Berlin. wEIcHEs wELTALL
Afif gibt es nur zweimal, „Sober – Drunk“ zenkichi.de Zudecken und den Film
war bei Redaktionsschluss noch verfügbar. „Zehn Hoch“ von Charles
Neue, anschmiegsame Gegensatzpaare und Ray Eames schauen. Ihre 1947 entworfene Wolldecke
in 18-karätigem Gold sind in Arbeit. passt perfekt zwischen Universum und Blutkreislauf.
1100 Euro, über die Galerie Mehdi Chouakri, Berlin 365 Euro, vitra.com

29
GESCHENKTIPPS

kOmpROmIssLOs
ELkE BuHR
Chefredakteurin
Im richtigen Moment Nein zu sagen ist
eine Kunst – die mit Daniel Richters Edition
von 2016 im Rücken vielleicht leichter fällt.
Daniel Richter „Untitled“, Siebdruck, 130 x 99 cm,
Ed. 12, 5400 Euro, vogelartedition.com

kuscHELIg
Silvia Schneider aus
Berlin fertigt sehr
besonderen Schmuck.
Stricken tut sie wahr-
scheinlich nur zur kOmpAkT
Entspannung – und Die Zukunft leuchtet silbern, genau wie
verkauft die Einzelstücke diese kleine Ledertasche, die man
online und in ausgewähl- einklappen und zu einem kompakten
ten Läden. Kratzfrei! Statement verschnüren kann. Von
Wickeljacke ab 195 Euro,
Akris, den Schweizer Perfektionisten.
silvieschneider.de 1490 Euro, akris.ch

Tasche: © Qwstion. Buch: Taschen. Supreme: © Supreme & Andres Serrano. Boxen: Courtesy of Ultimate Ears. Kappe: © Balenciaga
mEgA
Die perfekte Ergänzung, wenn sich das
weihnachtliche Familiendinner
LInDA pEITz
Redakteurin
mal wieder wie ein gruseliger Film anfühlt:
das Filmbuch „Horror Cinema“.

Fotos: Pulli: © Silvia Schneider: Tasche: © Akris. Edition: vogelARTedition. Schal: Courtesy Ilan Rubin.
14,99 Euro, taschen.com

mETA
Anlässlich der Schau „Is Fashion
Modern?“ hat der Designstore des
New Yorker Museum of Modern Art
Modemacher eingeladen, einen
Klassiker neu zu interpretieren: das
symmetrisch gemusterte Halstuch.
Bei Rick Owens’ Version erschließt
sich die Symmetrie allerdings nur mInImAL
auf der Metaebene. Sein Halstuch Das Schweizer Label Qwstion kreiert Taschen für
zeigt eine Skulptur des italienischen den flexiblen Großstadtmenschen. Ihr neuestes
Futuristen Thayaht, dessen Modell ist in Zusammenarbeit mit der Schweizer
palindromischer Name sowohl von Produktdesignerin Sibylle Stoeckli entstanden und
rechts nach links als auch von links der ideale Begleiter für die nächste Kunstreise: Er ist wunderbar leicht und
nach rechts gelesen werden kann. sowohl als Trage- oder Umhängetasche als auch als Rucksack zu verwenden.
Um 345 Euro, store.moma.org Um 85 Euro, qwstion.com

30
GESCHENKTIPPS

pOsT-IROnIscH
Wem die Ironie von Vetements
DAnIEL vÖLzkE
Redakteur
mittlerweile zu obvious ist, der
kauft bei Balenciaga, wo
Vetements-Gründer Demna
Gvasalia inzwischen Chefdesig-
ner ist. Diese Logo-Kappe
könnte auch vom Merchandise-
Stand des deutschen Pavillons
in Venedig stammen, denn
Anne Imhof trug sie im Rennen
zum Goldenen Löwen. Sie zeigte
damit auch ihre Nähe zum
Balenciaga-Model Eliza Douglas,
und wer sie jetzt aufsetzt, meint
es fünfmal um die Ecke gedacht.
275 Euro, balenciaga.com

pOsT-puBERTÄR
Andres Serranos „Piss
Christ“ – das Foto eines in Urin
versenkten Kruzifixes – ist
stumpf und ikonisch und macht
sich deshalb gut auf Sweatshirts.
Das Streetwearlabel Supreme
hat dem New Yorker Künstler pOsT-ELEkTROFAcHmARkT
eine ganze Kollektion gewidmet. Mindestens vier Dinge sprechen für die „Wonderboom“:
Besonders das Schmiermuster Diese Bluetooth-Box ist wasserfest (Poolparty!), der Akku hält zehn
aus der „Blood and Semen“- Stunden (Dauerrave!), die Künstlerin Haegue Yang hat sie mit einer
Serie könnte dem skateboard- Collage geadelt und so aus dem deprimierenden Elektrofachmarktkontext
fahrenden Neffen gut stehen. befreit, und, ach ja, sie klingt auch ganz gut.
supremenewyork.com 99,99 Euro, ultimateears.com

www.museum-ludwig.de

228 × 365,8 cm, Centre Georges Pompidou, Musée National d’Art Moderne / Centre de Création Industrielle, Paris
© Estate of James Rosenquist / VG Bild-Kunst Bonn, 2017, Foto: Courtesy of the Estate of James Rosenquist
James Rosenquist, President Elect (Ausschnitt), 1960–61/1964, Öl auf Holzfaserplatte,

EINTAUCHEN INS BILD


18.11.2017 – 4.3.2018
WATCHLIST

Grobes Holz, verschweißte Bierfässer, in Ein- Der 33-Jährige machte 2014 seinen Abschluss
machgläsern gärendes Obst und rostige Nägel: bei Videokünstler Mark Leckey an der Gold-
Auf den ersten Blick scheint es, als sei Nicho- smiths University in London, wo er heute lebt
las Cheveldave ein nerdiger Materialfetischist,
der den Keller seines Großvaters ausgeräumt
Künstler, die uns und arbeitet. Im Rahmen seiner zweiten Ein-
zelausstellung in der Londoner Galerie Ema-
und übermütig zu Kunst erklärt hat. aufgefallen sind: lin zeigte er in diesem Herbst eine gewaltige
Doch die Collagen, die der Kanadier gekonnt Soundinstallation, seine bisher größte Arbeit:
zwischen zusammengenagelten Hölzern In ausgemusterten, metallenen Bierfässern
(oder auch mal auf großflächigen Leinwän- installierte er sieben Lautsprecher. Jeder
den) platziert, sind lustig zugespitzte Abbilder von ihnen wird separat angesteuert und mit
westlicher Realitäten, inklusive Kitsch und düsteren, von seinem Bruder arrangierten
Spießigkeit. Die Aufnahmen, die Cheveldave Kompositionen bespielt. Die Fässer selbst
mit seinen Materialstudien verwebt, zeigen hat Cheveldave zuvor mit einem Schweißge-
Teenager, Häuser, Gärten, Zäune, Mikrowel- rät „tätowiert“, wie er sagt. Die Motive: Krebs,
len, Kunstrasen und Plastikmöbel. Es geht Pentagramm, Dreieck.
um Abgrenzung und Markierung, Eigentum, Es sind die basalen Fragen nach Identität
Szenecodes und Oberflächlichkeit. und Zugehörigkeit, die Cheveldave um-
Die Oberflächlichkeit äußert sich vor allem treiben. Seine Arbeiten sind Ausdruck
in einem gläsern-glänzenden Look, den der eines tiefen Wunsches nach Echtheit und
Künstler seinen Collagen mittels eines 3-D- Originalität, nach Dreidimensionalität und
Programms verpasst. Die behäbige Geste des Haptik, ausgelöst durch die glühende Digi-
Sammelns und Zusammenstellens wirkt bei talität der Großstädte. Gleichzeitig ist diese
Cheveldave plötzlich zeitgemäß und digital,
Nicholas Cheveldave Digitalität, in der Kitsch und Glanz plötz-
und die Collagen werden in ihrer Post-Inter- lich Avantgarde und Symbole nur noch
net-Ästhetik zu einem radikalen Gegenpol rein ästhetische Grafiken sind, Bedingung
zur blechernen Industrieromantik, von der für die Kunst von Nicholas Cheveldave.
sie umgeben sind. David Jenal

Fotos: Courtesy the artist. Courtesy the artist and Emalin, London (3)

LINKS MITTE RECHTS


Nicholas Cheveldave „You Can’t Put your Arms „Part-Time Dreamer – 28 Reasons to „Internal Re-Development
Around a Memory PART 2“, 2017 Defer Reality“, 2017 Phase“, 2017

Nicholas Cheveldave wurde 1984 in Victoria, Kanada geboren.


Er wird vertreten von der Londoner Galerie Emalin

32
A LT E M E I ST E R , V O N N E U E N G E L I E BT

Paloma Varga Weisz


über die Rembrandt-Zeichnung „Elsje Christiaens am Galgen“ (1664)

ch glaube mich zu erinnern, dass ich die Federzeichnung Am Ende hat mich Rembrandts Skizze zu einer eigenen Arbeit

I „Elsje Christiaens am Galgen“ zum ersten Mal 2001 in


London gesehen habe, und schon damals hat mich die
Anmut des Bildes sehr berührt. Danach ist sie mir öfter
geführt: dem „Galgenfeld“, das zuerst in Kleve und dann 2005 auf
der Venedig-Biennale gezeigt wurde. Dafür habe ich mein eige-
nes Gesicht, meine Hände und meine Füße aus Holz geformt und
begegnet, und 2003, vor meiner Ausstellung im Kurhaus Kleve, habe in drei Versionen an Galgen inszeniert. Ich habe mich selbst zur
ich auch die Geschichte dazu erzählt Protagonistin dieser Hinrichtung
bekommen. Die Zeichnung von 1664 gemacht und versucht, Details wie
zeigt eine Amsterdamer Magd, die die Form von Elsjes Kleid und die
des Mordes an ihrer Zimmerwirtin be- Anordnungen der Fesseln zu ko-
schuldigt und am Galgen hingerichtet pieren. Das war für mich fast eine
wurde. Weil Elsje die Miete nicht be- detektivische Herangehensweise.
zahlen konnte, gerieten die beiden in Ich war damals an einem Punkt in
Streit und die Wirtin ging mit einem meiner Karriere, wo ich mich stark
Besenstiel auf das Mädchen los. Dar- unter Druck gefühlt habe und eine
aufhin soll Elsje ein Beil ergriffen ha- Krankheit mich fast ein Jahr außer
ben, in dem Handgemenge stürzte die Gefecht gesetzt hatte. Die Gefühle
Wirtin die Treppe hinunter und war aus dieser Zeit finden sich in der
tot. Nachdem Elsje vor Angst in einen Arbeit wieder.
Kanal gesprungen war, wurde sie ge- Eine der Figuren in meiner Instal-
fasst und zum Tode verurteilt. Sie sollte lation hat einen Jutesack über dem
am Schafott erwürgt und mit dem Beil, Kopf, und als zum Ende des Irakkrie-
das als Tatwaffe präsentiert wurde, auf ges die Folterfotos aus Abu-Ghuraib
den Kopf geschlagen werden. in den Medien auftauchten, hatte ich
Ihr Körper wurde auf dem Gal- den Gedanken, dass meine Fantasie
genfeld in Volewijk außerhalb von so etwas wie eine Vorahnung war. Das
Amsterdam ausgestellt, das war da- ist natürlich Unsinn, aber ich konnte
mals so etwas wie ein Ausflugsziel, das Gefühl nicht loswerden, dass ich
wo man den Leuten beim Krepieren zu weit gegangen war. Auf gewisse
zugeschaut hat. Auch Rembrandt Weise schließt sich so auch ein Kreis
war selbst vor Ort, die Skizze ist ein zu Rembrandt. Damals sind die Leute

Fotos: H.O. Havemeyer Collection, Bequest of Mrs. H.O. Havemeyer, 1929. Florian Wetzel
Zeitdokument. Dieses Ausgestelltsein zu Hinrichtungen geströmt, heute
hat mich bewegt, es war geradezu ein zirkulieren Bilder im Fernsehen und
Schock, dass eine Arbeit aus dem 17. im Internet. Wir sind mit Bildern voll-
Jahrhundert so etwas Starkes in mir gestopft und bleiben trotzdem hung-
ausgelöst und mich nicht mehr los- rig darauf.
gelassen hat. Ich habe gemerkt, dass An Rembrandts Kunst fasziniert
ich die Figur nicht als Mörderin gese- mich allgemein die emotionale
hen habe, sondern Qualität, die etwas in mir triggert,
unbewusst für sie nicht unbedingt die Auswahl der
Partei ergriffen Figuren. Diese Emotionen führen
habe. Vielleicht zu mir, und ich kann sie zu etwas
war es ja ein Un- Eigenem verarbeiten. Auch eine Ke-
fall, und so etwas wie einen fairen Prozess hat sie ramik von mir basiert auf einem Rembrandt-Bild. Am Ende ist es
sicher nicht gehabt. Auch bei Rembrandts mir aber gar nicht so wichtig, dass die Betrachter wissen, dass das
Zeichnung berührt mich, wie liebevoll er mein Gesicht oder meine Füße oder meine Erfahrungen in den
die Gefolterte darstellt. Obwohl man er- Arbeiten sind. In meinen Werken bekommen die Emotionen wieder
ahnen kann, wie ihr Kopf vom Galgen etwas Universelles, und die Arbeit ist für jeden offen.
gequetscht wird, habe ich trotzdem eher
Paloma Varga Weisz, geboren 1966 in Mannheim, ist Bildhauerin und Zeichnerin.
die Assoziation von einer Schlafenden. Aktuelle Ausstellung: Galeria Pedro Cera, Lissabon, bis 6. Januar 2018

34
Billie-Jean I, 2017, Oil on canvas, 140 x 120 cm

ANDY DENZLER
Mommsenstraße 34 D-10629 Berlin
Phone +49(30)319913-0 Fax +49(30)319913 50
FRAGMENTED FIGURES
office@galerie-schultz.de www.schultzberlin.com 18. NOVEMBER – 9. DEZEMBER 2017
GUTE GABEN

Wollen wir haben


Tolle Künstlereditionen gesucht? Einfach bei den
Jahresgaben der Kunstvereine nachschauen!

Kunstverein Schwerin

PETER WÄCHTLER
„Untitled (dogs)“, 2015, Offset-Lithografie, 50 x 70 cm,
sign., num., Geschenk für Mitglieder (MG)

Kunstverein Hannover

ALEXANDRA BIRCKEN
„Held“, 2016, Neusilber, 29,5 x 11,5 x 9,5 cm,
Ed. 7 + 2 AP , MG 5800/6000 Euro
Kunstverein München

JUDITH ADELMANN
„Swimmy“, 2016, glänzend
schwarz glasierte
Gießkeramik, gebrannt auf
1050 °C, 15 x 15 x 12 cm, 450 Euro

GAK Gesellschaft
für Aktuelle Kunst, Bremen

LEON KAHANE
„OSNC“, 2017, Siebdruck
Bonner Kunstverein auf Segeltuch, 90 x 120 cm,
Ed. 21 + 1 AP, sign.,
JOSEPHINE PRYDE
dat., num., 420 Euro
„Sand From The Beach And Olive Twigs From The Way Home,
Exposed In The Darkroom“, 2017, C-Print-Fotogramm,
50,8 x 58 cm, Ed. 35 + 8 AP, num., mit Zertifikat, 950 Euro

36
GUTE GABEN
Fotos: Courtesy the artist und jeweiliger Kunstverein. © Peter Waechtler, VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Luc Tuymans: © Simon Vogel. Eric Sidner: Courtesy the artist; Galerie Deborah Schamoni, München

Haus am Lützowplatz, Berlin

CHRISTIAN JANKOWSKI
„Drei Blätter in einer Kartonmappe“, 2016, Siebdruck
auf Papier, je 84 x 60 cm, sign., num.,
Ed. 20 (+ 5 AP, + 5 EP), 900 Euro
Frankfurter Kunstverein

REGINA JOSÉ GALINDO


„Secreto de Estado“, 2016, Digitaldruck,
60 x 40 cm, Ed. 6, 500 Euro

Kölnischer Kunstverein

LUC TUYMANS
„Apple (Vereinsgabe)“, 2017, Digitaldruck auf Karton,
25 x 26,5 cm, ungerahmt, sign., Geschenk für MG

Kunstverein Nürnberg

ERIC SIDNER
„Eyeball“, 2017, Silikonkautschuk,
Tinte, 13 x 16 x 16 cm, Unikat, 1600 Euro

Kestnergesellschaft, Hannover Bielefelder Kunstverein

ANNETTE KELM IMAN ISSA


„Canada 660 / Landscape“, 2017, Archiv-Pigment-Druck, „Untitled Material for …“, 2017, C-Print,
40 x 33 cm (46 x 39 cm), Ed. 20 + 4 AP, sign., num., 900 Euro 75,1 x 65,3 cm, Ed. 25, MG 600 Euro

37
M UDA M L UX E M BO U R G
07. 10. 2017 - 08. 0 4 . 2 0 1 8

SU-MEI TSE
NESTED

AUSSTELLUNGSPARTNER:

MEDIENPARTNER:

Mudam Luxembourg
Musée d‘Art Moderne Grand-Duc Jean
3, Park Dräi Eechelen | L-1499 Luxembourg
t +352 45 37 85 1 | www.mudam.lu
DIE AUSSTELLUNG SU-MEI TSE . NESTED WURDE ORGANISIERT VON MUDAM LUXEMBOURG UND DEM AARGAUER KUNSTHAUS
IN ZUSAMMENARBEIT MIT DEM YUZ MUSEUM SHANGHAI UND DEM TAIPEI FINE ARTS MUSEUM.

DIE INTERNATIONALE WANDERAUSSTELLUNG WIRD DURCH DEN NATIONALEN KULTURFONDS, LUXEMBURG GEFÖRDERT
UND DURCH DIE UNTERSTÜTZUNG VON CARGOLUX AIRLINES INTERNATIONAL ERMÖGLICHT.

The Pond, 2015 (Details)


In Zusammenarbeit mit Jean-Lou Majerus
© Su-Mei Tse
18.
November
2017
Wieder sehen.

Moderne
Otto Piene, Black Sun (Detail), 1964 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Galerie
Saarbrücken

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„Ich stehe zu dieser
Documenta“
Interview Daniel Völzke Fotos Andri Pol

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INTERVIEW ADAM SZYMCZYK

Seine Documenta 14 wurde verrissen und


skandalisiert wie keine zuvor.
Jetzt nimmt Adam Szymczyk erstmals ausführlich
Stellung zu den Vorwürfen

A
then, Zürich, Basel, Bern, Bonn: Adam Szymczyk In unserem letzten Interview zwischen den Eröffnungen in Athen und
ist dieser Tage viel unterwegs, aber man könne ihn Kassel haben Sie das Scheitern zum Teil des künstlerischen Prozesses
gerne treffen, er möchte reden. Nachdem kurz vor erklärt. Gilt das nun auch für das finanzielle Defizit, das die Documenta
Ablauf der von ihm als künstlerischer Leiter verant- hinterlässt?
worteten Documenta 14 eine finanzielle Lücke in Man kann ganz unterschiedlich auf den Fehlbetrag blicken: geschäft-
Millionenhöhe für Empörung gesorgt hatte, hieß es zunächst, er lich und metaphorisch. Die Documenta muss als gemeinnützige
und die Geschäftsführung seien zum Schweigen verpflichtet. Nun GmbH in Kauf nehmen, dass eine große, experimentelle Ausstellung
aber will der 47-Jährige seine eigene Sicht der Dinge darlegen. Es wie die Documenta manchmal einen Überschuss erbringt und manch-
ist Allerheiligen in Basel, die Sonne scheint, und im Restaurant des mal einen Fehlbetrag aufweist. In diesem besonderen Fall gehört der
Hotels Krafft wird das Mittagessen serviert. Fehlbetrag zu einer Ausstellung, von der ein Teil in einem Land statt-
fand, das mit dauerhaften finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen
Herr Szymczyk, wir sind hier in Basel, wo Sie jahrelang als Leiter der hat, mit hohen Schulden, auch gegenüber Deutschland. Den Rest der
Kunsthalle arbeiteten. Haben Sie manchmal nostalgische Gefühle, wenn Narration können Sie gerne ergänzen. Ich bin nicht überrascht von
Sie an diese Zeit vor der Documenta 14 denken? der Vehemenz, mit der die Ausstellung nun reduziert wird auf ein
Als ich 1996 zum ersten Mal nach Basel kam, habe ich in diesem „Debakel“, auf eine „Katastrophe“ oder wie das Defizit auch immer
Hotel gewohnt, in dem wir jetzt miteinander reden, mit genau die- genannt wurde, bevor überhaupt die tatsächliche Höhe des Fehlbe-
sem Blick auf den Rhein. Wenn ich an meine Zeit als Kunsthallen- trags bekannt ist.
Direktor von 2003 bis 2014 denke, dann nicht so sehr mit Nostalgie,
aber doch mit schönen Erinnerungen. Ich bin ungewöhnlich lange Sehen Sie denn in den zu erwartenden 5,4 Millionen Euro Defizit kein
geblieben, so konnte ich in kleinen Schritten ein Programm auf- Debakel?
bauen. Der Ruf zur Documenta kam genau im richtigen Moment, Der zu erwartende Fehlbetrag liegt im Vergleich mit dem Gesamtetat
da ich dann doch das Gefühl hatte, es wäre Zeit, eine ganz andere unter 15 Prozent. Viele aus öffentlichen Mitteln geförderte Veranstal-
Aufgabe anzugehen. tungen generieren regelmäßig Defizite, und es gibt keinen solchen
Aufschrei. Die Documenta 14 erfährt eine höhere Aufmerksamkeit,
Bereuen Sie diesen Schritt heute? auch weil sie wegen ihrer künstlerischen und politischen Ausrich-
Warum sollte ich? Ich stehe zur Documenta 14! Es war von vornherein tung kritisiert wurde. Diese Kritik konnte sich auf etwas verlagern,
klar, dass vor allem die Realisierung einer Doppelausstellung in Athen das messbar ist, und zwar Geld, und das so die These vom Scheitern
und Kassel kein Spaziergang wird. Der Schritt von der eher kurzfristi- stützt.
gen Planung aus Einzelausstellungen hier in Basel zu dieser, ja, Neu-
erfindung einer ganzen Welt hat sich gelohnt. Ich schaue zurück auf Dabei wurde Ihnen zunächst auch die asketische, lustfeindliche, markt-
eine ereignisreiche Reise. ferne Ausrichtung vorgeworfen, auch Ihnen selbst als Person.
Die Kommentare über meine Person würde ich gerne aus dieser Dis-
Viele Kritiker halten Ihre Documenta für gescheitert. Sind Sie gescheitert? kussion auslassen, inklusive derjenigen über meine Frisur und Na-
Ich benutze keine Effizienzmaßstäbe, die an Sport erinnern. In tionalität. Ich bin kein Cheerleader und auch kein Impresario. Die
„Der Mann ohne Eigenschaften“ wundert sich Robert Musils Ro- angeblich asketische Ausrichtung der Documenta 14 wurde am Ende
manfigur über den Ausdruck „geniales Rennpferd“, mit dem ein als ein Exzess dargestellt, der sich über zwei Städte und über 60 Aus-
Journalist den Geniebegriff in die Sportwelt überträgt. Heute soll tragungsorte und die vielen Auftragswerke erstreckt. Auftragswerke,
jede Leistung in der Kunstwelt in Qualität und Quantitäten messbar die übrigens hauptsächlich aus Drittmitteln finanziert wurden.
sein. Das halte ich für falsch. Doch wenn jemand die Documenta für
gescheitert hält, finde ich das auch in Ordnung. Ich habe kein Pro- Haben Sie sich aus finanzieller Sicht am Standort Athen verhoben?
blem mit dem Scheitern. Eine Ausstellung sollte die Bedingungen Im Gegenteil: Dass wir beide Teile der Ausstellung zu nahezu den
ihrer Entstehung offenlegen und nicht einfach „ein Erfolg“ sein. gleichen Kosten, die für eine einzige Ausstellung in Kassel benötigt
Was hätte man davon? worden wären, realisiert haben, zeigt doch, wie gut wir Ressourcen

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INTERVIEW ADAM SZYMCZYK

genutzt haben. Während der Vorbereitungen wurde das Konzept der tum, dass die Besucher der Documenta viel offener und zugewandter
zweigeteilten Ausstellung nie infrage gestellt, weder vom Aufsichtsrat waren, als es oft dargestellt wurde.
noch von der Politik. Wenn jetzt über das „Documenta-Defizit“ gespro-
chen wird, tauchen alte Stereotypen wieder auf: dass es problematisch Einige Kritiker führten einen imaginären „kleinen Mann“, dem die Docu-
sei, mit „dem Süden“ Geschäfte zu machen, dass der Standort Athen menta zu abgehoben sei, als Kronzeugen gegen die Austellung ins Feld.
schuld sei an der finanziellen Misere der Documenta. Diese Beschul- Ihr Eindruck von den Besuchern war ein anderer?
digungen weise ich nachdrücklich zurück. Die Documenta-Besucher sind sehr intelligente, freundliche, aufge-
schlossene und weltoffene Menschen in allen Altersgruppen und aus
vielen Ländern. Für manche von ihnen war es bereits die 14. Docu-
„Ich bin nicht sonderlich menta. Sie sollten mehr Wertschätzung erhalten, als mitleidig und
herablassend als „kleiner Mann“ oder „der Steuerzahler“ beschrieben
um meinen Ruf besorgt. zu werden. Die Documenta ist seit 60 Jahren ein großes pädagogisches

Mich interessiert eher, Unterfangen, das ein Publikum mit einem eigenen Kunstverständnis
und einem sehr feinen und emotionalen Urteilsvermögen herausgebil-

an etwas anderem det hat. Es ist eine Gemeinschaft entstanden, auf die auch die nächste
Documenta zählen kann.
als bisher zu arbeiten“ Haben Sie Ihr Publikum nicht aber doch überschätzt und überfordert? Es war
gerade die fehlende Vermittlung, die Ihrer Documenta vorgeworfen wurde.
Die Geschäftsführerin der Documenta gGmbH, Annette Kulenkampff, Ich gebe zu, dass wir zur Eröffnung in Kassel die Schilder zu den ein-
benannte bereits einige Gründe für das Defizit: unvorhersehbare Sicher- zelnen Kunstwerken nicht fertig hatten. Das Verständnis der Ausstel-
heits- und Reisekosten, Extras bei Gehältern, der Anstieg der Mehrwert- lung wurde so erschwert, besonders in der Neuen Galerie mit ihren
steuer in Griechenland und die dann doch zu wenigen Besucher. An an- 600 Kunstwerken. Aber gut, eine Ausstellung ist eben nicht wie ein na-
derer Stelle hieß es, dass Sie kostspielige Last-Minute-Entscheidungen gelneues Produkt, das in dem Moment der Eröffnung funktioniert. Es
getroffen hätten, zum Beispiel die, das Marmorzelt von Rebecca Belmore braucht eine Woche, bis alles ineinandergreift. Das beiseitegelassen,
von Athen nach Kassel zu transportieren. Geben Sie sich eine Mitschuld haben wir mit unseren Choristen, die den Besuchern Spaziergänge
am Defizit? angeboten haben, großen Wert auf die Vermittlung gelegt. Es kam
Der Transport des Marmorzelts hat etwa 6000 Euro gekostet und uns im Besonderen darauf an, die Ausstellung nicht „überzuerklären“,
wurde von der kanadischen Kulturstiftung getragen. Der Finanz- alles zu vereinfachen und in leicht konsumierbare Pakete aufzuteilen.
plan der Documenta 14, erstellt 2012, also vor meiner Berufung zum
künstlerischen Leiter, wurde an bestimmten Stellen überzogen, aber Viele Besucher haben sich aber offenbar verloren gefühlt.
ich bin absolut dagegen, Einzelposten hervorzuheben in Anbetracht Diesen Eindruck kann ich nicht teilen. Wissen Sie, unsere Städte sind
der Höhe des Gesamtbudgets. so entworfen, dass man nirgends mehr verloren gehen kann, wir sind
der Macht der Infrastrukturen und Leitsysteme unterworfen, es gibt
Es heißt, dass Sie mit Ihrem Rücktritt gedroht hätten, um Forderungen keine dunklen Nischen mehr. Es ist Aufgabe einer Ausstellung und
durchzusetzen. Haben Sie die Geschäftsführerin unter Druck gesetzt? ihrer Kunstwerke, auch Sphären des Nichtverstehens zu kreieren, ge-
Eine Ausstellung dieser Größe entsteht vor dem Hintergrund diskursi- nauso wie Momente der diskursiven Auseinandersetzung, in denen
ver Auseinandersetzung, manchmal gibt man nach, manchmal setzt die Besucher eigene Verbindungen herstellen. Ich halte es für unmög-
man sich durch. Ich habe aber weder den ehemaligen Bürgermeis- lich, eine Ausstellung wie die Documenta in Gänze erfassen zu kön-
ter von Kassel noch die Geschäftsführerin erpresst oder auch nur in nen, selbst die Künstler und Kuratoren können das nicht.
eine unangenehme Situation gebracht. Wir hatten regelmäßigen und
guten Austausch. Meinungsunterschiede sind normal. Und vor der Der Documenta 14 wurde im Gegensatz zum Vorwurf der mangelnden
außerordentlichen Sitzung des Aufsichtsrates Ende August dieses Vermittlung auch eine belehrende, moralisierende Haltung unterstellt.
Jahres gab es keinerlei Anzeichen von Zweifeln an der Ausrichtung Wie erklären Sie sich das?
der Ausstellung, die schon seit mehr als fünf Monaten in Gang war. Die Ich kann Kritiker aus diesem Selbstwiderspruch nicht erlösen. Wir
Besucherzahlen waren gut, haben aber am Ende die durchaus über- haben politische Haltungen eingenommen, was in heutigen Groß-
zogenen Erwartungen an ein stetig wachsendes Projekt nicht erfüllt. ausstellungen nicht besonders verbreitet ist. Wir insistierten auf eine
Kunst, die sich zu einer sich politisch rasant verändernden Welt ver-
Es war eine Million Besucher erwartet worden, knapp 900 000 waren es hält. Wir haben klare Statements gemacht, eine deutlich antireakti-
am Ende. onäre Position eingenommen und mussten dafür Kritik einstecken
In der Summe kommen wir auf eine Million, wenn man die Besuche – und das ist in Ordnung so.
in Athen hinzuzählt. Aber es war nie mein Ziel, eine bestimmte Größe
an Besucherzahlen zu erreichen. Viele nutzten die Kritik an der Documenta für eine Generalabrechnung
mit einer „abgehobenen Kuratorenkaste“.
Dennoch haben Sie die Besucherzahlen als Argument für den Erfolg der Kuratoren werden manchmal als nerdige, selbstverliebte Wesen an-
Documenta 14 angeführt: Die Besucher seien trotz der Verrisse gekommen. gesehen, die ihr Denken unschuldigen Künstlern und einem noch
Es ging mir dabei nicht allein um die Zahlen, sondern um das Fak- unschuldigeren Publikum oktroyieren. Doch die Documenta muss

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INTERVIEW ADAM SZYMCZYK

im Kontext der gesamten Kunstwelt beurteilt werden, zu der ja unter Kennen Sie den Inhalt des Berichts?
anderem auch Sammler, Museumsdirektoren und Kulturpolitiker ge- Nur das, was an die Presse durchgesickert ist. Es sieht so aus, als gäbe
hören. Erst dann kann man beurteilen, wer wirklich die Fäden zieht. er keinen Hinweis auf die Vergehen, die uns die Kasseler AfD-Fraktion
Es geht doch darum, welche Art von öffentlichen Institutionen in Eu- unterstellt.
ropa in Zukunft denkbar ist, und nicht um eine „Kuratorenkaste“. Ich
werde mich auch nicht dafür entschuldigen, dass ich ein Kurator bin. Sie wurden von der Fraktion wegen des Verdachts der Veruntreuung
angezeigt. Fürchten Sie ein juristisches Nachspiel?
Was würden Sie anders machen, mit den Erfahrungen von heute? Diese Anzeige dient erst einmal lediglich der Publicity der AfD. Mehr
Alles! Es würde eine komplett andere Ausstellung werden. Ich muss ich dazu nicht sagen.
könnte nicht noch einmal durch diesen Prozess gehen, nicht, weil
ich ihn nicht mochte, sondern weil er einmalig war. In fünf Jahren Welchen Rat würden Sie dem nächsten Documenta-Leiter geben?
wäre die Ausstellung eine ganz andere, die von den Fehlern der aktu- Durchhaltevermögen ist wichtig. Ich bin gerne bereit, meine Erfah-
ellen bestimmt gelernt haben würde, so wie wir von den Erfahrun- rung und mein Wissen in einem persönlichen Gespräch mit dem
gen vorangegangener Ausgaben gelernt haben. nächsten Leiter auszutauschen.

Haben die schlechte Kritik und das finan- Wie lange arbeiten Sie noch für die
zielle Defizit der Documenta 14 den Ruf der Documenta gGmbH?
Institution beschädigt? Bis Februar 2018.
Schon die erste Documenta hatte ein
Defizit produziert. Es gab immer die- Haben die Kritik an Ihrer Person und
ses Risiko. Documenta-Gründer Arnold die Skandalisierung des Defizits Ih-
Bode musste nach jeder Ausgabe für die rem Ruf geschadet?
nächste kämpfen, da jede Ausstellung Ich glaube nicht. Ich glaube aber
von heftigen Debatten begleitet war. Das auch nicht, dass ein Skandal dem
ist Teil des Dramas der Documenta: die Ruf guttut. Ich bin jedoch ohnehin
immer wieder neue Aufführung der Mög- nicht sonderlich um meinen Ruf
lichkeit oder Unmöglichkeit der nächsten besorgt. Mich interessiert eher, nun
Ausgabe. an etwas anderem als bisher zu ar-
beiten.
Doch das Defizit wurde diesmal regelrecht
skandalisiert. Warum? Gerüchteweise sollen Sie Direktor am
Die Schlussphase der Documenta lag Athener Museum EMST werden, dem
nahe an der Bundestagswahl. Der Auf- Sie auf der Documenta im Fridericia-
sichtsrat ist ein Gremium, bestehend num in Kassel ein großes Forum ge-
überwiegend aus Politikern und Abge- geben haben …
ordneten, deren Parteien sich zu jener Das sind lediglich Gerüchte. Im
Zeit in der heißen Phase des Wahlkampfs Moment wäre es eher interessant,
befanden. Die Nachricht von der finanzi- jüngeren und Mid-Career-Kurato-
ellen Lücke wurde durch den Aufsichtsrat ren in Griechenland mehr Mög-
Ende August an die Presse weitergege- lichkeiten zu eröffnen und grie-
ben, ohne diese zu kommentieren. chische und auch internationale
Kulturpolitiker zu überzeugen,
Auch Ihnen wurde offenbar untersagt, sich ADAM SZYMCZYK UND MONOPOL-REDAKTEUR die erstaunlichen künstlerischen
zu äußern. DANIEL VÖLZKE IN BASEL Entwicklungen des Landes zu
Bevor der Aufsichtsratsvorsitzende und begleiten. Die Künstler brauchen
Oberbürgermeister Christian Geselle eine Pressekonferenz zum Mittel und Möglichkeiten, um in ihrem Land zu arbeiten, weil sie
Thema einberufen hatte, versicherte mir der hessische Kunstminister, es sonst verlassen müssen.
dass ich ein freier Mensch sei. Allerdings hieß das nicht, dass ich dann
auf dem Podium sitzen durfte. Man hatte Annette Kulenkampff und Einer Ihrer Vorgänger soll Sie nach Ihrer Berufung zum Documenta-Leiter
mir tatsächlich nahegelegt, uns zunächst nicht zu äußern. Ich wollte gewarnt haben, dass man „an einer Documenta zerbrechen kann“. Sie
mich fair verhalten, aber jetzt ist es auch notwendig, ohne Schuldzu- machen nicht den Eindruck eines gebrochenen Mannes.
weisungen meine eigene Sicht auf die Dinge darzulegen. Nein, nein. Ich schaue tatsächlich gerne zurück, nach vier Jahren,
in denen ich den Blick ausschließlich nach vorne richtete. Ich hatte
Wann wird der vom Aufsichtsrat beauftragte Bericht externer Wirt- gerade einige ruhigere Wochen, eine Zeit, die es ermöglicht, die
schaftsprüfer veröffentlicht? Bruchteile der Erfahrung, durch die ich und mein Team gegangen
Ich glaube nicht, dass er in Gänze veröffentlicht werden wird. Der Auf- sind, zu sammeln und zu ordnen. Genau deshalb bin ich heute in
sichtsrat wird ihn zur Kenntnis nehmen. Basel und halte einen Vortrag über die Documenta.

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„ANGST II“ VON ANNE IMHOF, AUFGEFÜHRT IM HAMBURGER BAHNHOF – MUSEUM FÜR GEGENWART,
44 BERLIN, 2016, JOSH JOHNSON UND ELIZA DOUGLAS, FOTOGRAFIE: NADINE FRACZKOWSKI
Top
100
Das sind die
100 wichtigsten
Künstler und
2017 war ein Jahr der Paukenschläge und Setzungen, ein Jahr der Tri-
umphe, Fehlschläge und Debatten. Am heftigsten wurde um die Do-
cumenta 14 gestritten, und sie war es auch, die am stärksten an den
Verhältnissen rüttelte. Aber auch bei den Biennalen in Venedig, Istanbul
und New York, bei vielen Museumsausstellungen und in vielen großen
und kleinen Galerien sind wir einer Kunstwelt im Umbruch begegnet.
Andere Künstler betreten das Feld, neue Akteure bekommen Einfluss.

Kuratoren, Zeit für eine Neuvermessung der Kunstwelt – Zeit für eine neue Mono-
pol-Top-100-Liste.

Galeristen und
Für dieses Ranking haben wir, Monopol-Redakteure und -Auto-
ren, die 100 einlussreichsten Persönlichkeiten der Kunstwelt ausge-
wählt. Die Liste ist radikal subjektiv. Man könnte auch sagen, sie ist

Händler, Sammler ungerecht. Sie hält das Jetzt fest: Nicht Lebenswerke stehen im Fokus,
sondern das, was die Kunstwelt im Jahr 2017 bewegt hat. Sie ist inter-

und Kritiker 2017 national, aber hat eine klare Perspektive, denn wir haben sie von Mit-
teleuropa aus erstellt. Deshalb ist sie zwangsläuig eurozentrisch: Sie
wählt diejenigen Protagonisten aus aller Welt aus, die von hier aus gut
Von Elke Buhr, gesehen werden können und die in die hiesige Kunstwelt ausstrahlen.
Was alle Menschen auf dieser Liste und alle, die diese Liste gemacht

Sebastian Frenzel, haben, verbindet, ist die Liebe zur Kunst. Deswegen ist ungefähr die Hälf-
te der Top 100 denjenigen vorbehalten, die die Kunst schafen: den Künst-

Jens Hinrichsen, lern. Dazu kommen diejenigen, die die Kunst ausstellen, mit ihr handeln,
sie sammeln, sie ermöglichen. In der Liste erscheinen sie bunt gemischt,
so wie auch die Rollen in der Kunstwelt immer lexibler werden.
Silke Hohmann, Nicht zuletzt sollen die Top 100 des Jahres 2017 eine Wette auf
die Zukunft sein. Monopol hat solch eine Liste schon einige Male er-

David Jenal, stellt, zum ersten Mal im Jahr 2004. Wenn man die damalige Ausgabe
durchblättert, trift man viele Bekannte – darunter ist zum Beispiel

Saskia Trebing ein gewisser Adam Szymczyk, damals Direktor der Kunsthalle Basel.
„Szymczyk ist die Vorhut einer neuen Generation funkelnder osteuro-
päischer Kunstzerdenker“, heißt es da. Mit dem Kunstzerdenken hat
und Daniel Völzke es dann geklappt.
Vielleicht funktioniert ja auch das Ranking, das Sie auf den fol-
genden Seiten lesen, wie eine Flaschenpost an die Zukunft. Legen Sie
sich das Heft zur Seite, als Momentaufnahme, die bald historisch sein
wird. Das nächste Superkunstjahr kommt bestimmt – im Jahr 2027.

45
Anne Imhof

1
Fünf Stunden Intensität zwischen Glas und Stahl:
So schlug Anne Imhof im deutschen Pavillon in
Venedig den Leuten die „Faust“ ins Gesicht. Welt-
ekel und Dekadenz, Schönheit und Melancholie,
die Einsamkeit der Generation Smartphone, die Macht
der Freundschaft und das Unbehagen an kapitalistischer
Verwertungslogik, all das steckt in Anne Imhofs Perfor-
mances. Klarer konnte es nicht ausgehen: Im Kunstjahr
2017 gebührt ihr die Nummer eins.

Instagram

2
Was früher die Tischordnung in der Künstlerkneipe, die Zuge-
hörigkeit zu einer Bewegung, die Rezension oder der Besuch
einer Ausstellung, soll heute Social Media erledigen. Auf Ins-
tagram wird vernetzt, geschaut, gekauft, gepostet und gepost,
und 2017 haben Kunstfreude definitiv mehr Zeit auf der 40 Milliarden
Bilder umfassenden Plattform verbracht als in Museen. Instagram ist
wie die Kunstwelt selbst: ein großes Versprechen, angetrieben von dem
unstillbaren Durst nach Distinktion und kulturellem Kapital.

Wolfgang
Tillmans

3
Weltpolitisch betrachtet,
mochten wir 2017 nicht
so. Wolfgang Tillmans
sieht das wohl ähnlich,
kann aber wirklich nichts dafür.
Der 1968 geborene Fotograf mit
Wohnsitz in Berlin und London
hat sich letztes Jahr mit Plakaten
gegen den Brexit und kürzlich für
die Bundestagswahl (und gegen
die Rechtsnationalen) starkge-
macht. Und als Künstler mehrere
großartige Austellungen hinge-
legt, in der Fondation Beyeler, der
Tate Modern und im Hamburger
Kunstverein. Ob er Blumen, Un-
terhosen oder chemische Reakti-
onen in der Fotoemulsion fotogra-
fiert: Er kriegt die Gegenwart zu
fassen wie kein anderer.

und Deutscher Pavillon 2017 (S.44-45). Nadine Fraczkowski

Marc Spiegler

5
Fotos: Nadine Fraczkowski, Courtesy die Künstlerin

Ausgestattet mit aristotelischer Rheto-


Susanne Pfefer rik und dem Charisma eines Steve Jobs,

4
Ihr herausragendes Gespür für die Gegenwart bewies die schafft es der Art-Basel-Chef, Sammlern
1973 in Hagen geborene Kuratorin schon an den Berliner wie Galeristen, Künstlern wie Kuratoren
Kunst-Werken und am Kasseler Fridericianum. Anne Im- das Gefühl zu geben, dass er nur das Beste für sie will.
hof einzuladen, den deutschen Pavillon auf der diesjährigen Der 1968 in Chicago geborene Ex-Journalist ist der wohl
Venedig-Biennale zu bespielen, war ein Geniestreich. Junge Hipster bestinformierte Mensch des Betriebs. Globalisierung,
und gestandene Kuratoren waren gleichermaßen gefesselt von diesem Digitalisierung, mangelnde Transparenz des Marktes
(S.46 Nr.1 und 4).

ultracoolen Update von German Angst. Zu Recht erhielt der Pavillon – was immer sein Geschäft zu bedrohen scheint, wendet
den Goldenen Löwen – und Pfeffer die nächste Berufung: Sie leitet er zu seinem Vorteil. Wie schnell die anderen Messe-
künftig das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main. hasen auch rennen, er steht bereits im Ziel.

46
Adam Szymczyk

6
Die Documenta 14 war ein Debakel?
Wer Af D-Politiker und Spießer-
Feuilletonisten dermaßen gegen
sich aufbringen kann, dass sie ihre
eigenen Vorurteile offenlegen, kann gar nicht
so viel falsch gemacht haben. Szymczyk hat
eine Großausstellung mit höchsten morali-
schen Ansprüchen gemacht, sie war stellen-
weise arrogant, ja nervtötend, aber sie hat
Diskurse angestoßen, auf die wir in den kom-
menden Jahren der politischen Restauration
immer wieder zurückkommen werden. Dass
er Athen als zusätzlichen Ausstellungsort
durchsetzte und damit das Nord-Süd-Gefälle
zwischen Reich und Arm zum Thema machte,
war grandios. Der Documenta hat er in Zeiten
inflationärer Biennalen und Festivals, die für
Stadtmarketingzwecke herhalten, eine beein-
druckende Relevanz gegeben.

Hito Steyerl Hiwa K

7 8
Sie ist das Idol einer Wer ihm dieses Jahr nicht begegnet ist, war wohl
jungen Generation, die im Urlaub auf dem Mars. Auf der Documenta 14
mit Smartphones, Wirt- waren seine Videos und die Röhren-Installation
schaftskrisen und Terror zwischen Flüchtlingsmonument und Ikea-mö-
aufgewachsen ist. Hito Steyerl, ge- blierten Mikroapartments ein Höhepunkt – und ein Ge-
boren 1966 in München, seziert in genargument zum Vorwurf, die D14 habe nur moralische
ihren Filmessays die Verflechtun- Kunstkeulen geschwungen. In seiner Soloschau in den
gen von Politik, Finanzkapitalis- Berliner Kunst-Werken benutzte der 1975 in der kurdisch-
mus und Krieg im digitalen Zeit- irakischen Stadt Sulaimaniyya geborene Hiwa K seinen
Fotos: © Kristin Loschert (2). Getty Images. © Wolfgang Stahr. Urban Zintel/laif. © Christoph Mack. © Manuela Pavesi. © Arne Wesenberg

alter – mit analytischer Schärfe, Körper als Seismografen für politische Veränderung. Er
slicker Ästhetik und Humor. Vor schafft, woran so viele scheitern: das unausweichliche
ihrem Beitrag zu den Skulptur Thema Flucht ohne Betroffenheitskitsch zu behandeln.
Projekten Münster kapitulierte
selbst Apples virtuelle Alleswis-
serin Siri. Zu Aufnahmen zer-
störter kurdischer Städte erklang
da die Frage, ob Roboter heute
Menschen in Krisengebieten hel-
fen. Siri schwieg, das Publikum
lächelte. Bis Scham einsetzte.

Miuccia Prada

9
Andere Privatsammler
jagen dem Zeitgeist hin-
terher, die 1949 in Mai-
land geborene Miuccia Kasper König

10
Prada geht lieber in die Tiefe. Sie Die Künstler fürchten seinen unbestech-
bringt die Gattungen in Dialog lichen Blick, seine Gesprächspartner
– das Kooperationsprojekt zwi- seine mäandernden Redebeiträge, und
schen Alexander Kluge, Thomas seine Mitarbeiter zittern vor dem Mo-
Demand und Anna Viebrock im ment, an dem er bei einer Podiumsdiskussion unter dem
venezianischen Palazzo der Fon- Tisch die Schuhe auszieht. Nach über fünf Jahrzehnten
dazione Prada war die vielleicht des Kuratierens, der Kunstvermittlung und des Erfindens
irrsinnigste Ausstellung des Jah- von Ausstellungen ist nichts an Kasper König glattgebü-
res. Und die Kulturen: Im Oktober gelt. 2017 hat er zum fünften Mal die Skulptur Projekte
eröffnete die Stiftung ein neues Münster (mit-)verantwortet und feiert seinen 74. Geburts-
Kunstzentrum in Shanghai. tag. Sein Geheimnis: gelegentlich mal ein Mittagsschlaf.

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Hans Ulrich Obrist

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Bevor es Social Media gab, gab es Hans Ulrich Obrist. Der
1968 geborene Schweizer bewegt sich in der Geschwin-
digkeit von E-Mails über den Planeten, er verfügt über
ein grenzenloses Datenvolumen und bewies als Kurator,
Autor und Allesmacher auch 2017, dass er die neuesten Updates immer
schon vor allen anderen hat.

Isa Genzken

Fotos: © Kalpesh Lathigra. Mike Wolff/dpa Picture-Alliance. © John D. & Catherine T. MacArthur Foundation. Robert Michael/Imago. © Hanna Pribitzer, Kunsthalle Wien.
12
Im Oktober bekam sie den Kaiserring der Stadt Goslar
verliehen, eine ehrwürdige deutsche Auszeichnung
für eine der wichtigsten Künstlerinnen unserer Zeit.
Isa Genzkens Skulpturen und Assemblagen sind von
einer radikalen Gegenwärtigkeit. Ironische Coolness und Verletzlich-

Courtesy of the artist and Metro Pictures New York, Foto: Joakim Bouaziz. ddp images. Piero Oliosi/Polaris/laif. © Ștefan Sava. © Kate Friend
keit schließen sich bei ihr nicht aus, immer wieder schlägt bei ihr auch
Privates künstlerisch Funken. Seit bald vier Jahrzehnten ist sie immer
wieder neu.

Marlene
Dumas

14
Einen schwarzen
Nicole Eisenman Jesus auf gol-

13
Der Vandalismus, dem Nicole Eisenmans denem Gr und
Brunnenensemble für die diesjährigen und ein Flücht-
Skulptur Projekte Münster zum Opfer fiel, lingsboot zeigt das Altarbild von
war tragisch – und sprach für die Brisanz Marlene Dumas, das seit diesem
ihrer Kunst. Die US-Künstlerin war schon immer ein „Bad Frühjahr in der Dresdner Annen-
Girl“, das mit Themen um Sex, Gender und Feminismus kirche hängt – die richtige Geste
Ärger oder was auch sonst erregt hat. Vor allem als figura- zur richtigen Zeit am richtigen
tive Malerin ist die 1965 geborene New Yorkerin seit über Ort. Die 1953 in Kapstadt gebo-
20 Jahren zu Recht berühmt. Eisenmans Relief-Gesichter rene Künstlerin übertrifft mit
aus bemaltem Aluminium sind neue Beispiele für eine ex- ihrer uneitlen Meisterschaft wei-
pressive Kunst, die niemanden kaltlässt. terhin alle Baselitze dieser Welt.

Nicolaus Schahausen

15
Für den Kurator Nicolaus Schafhausen ist Kunst kein Spiel für Superreiche, son-
dern gesellschaftlich relevant. Wir nennen ihn auch Mr Spürsinn: So kuratierte
er schon 2005 im Frankfurter Kunstverein eine Ausstellung über Populismus,
die man nicht anders als visionär nennen kann. Seit 2012 macht er in der Kunst-
halle Wien ein engagiertes Programm. Und freut sich wahrscheinlich schon darauf, sich bei
der neuen österreichischen Regierung so richtig unbeliebt zu machen.

48
Camille Henrot

16
Mit welcher Verve und welch intellektu-
ellem Schwung sie Medien und Inhalte
durchschreitet, zeigt die 1978 geborene
Französin gerade auf 13 000 Quadratme-
tern in ihrer Ausstellung im Pariser Palais de Tokyo (siehe
unsere Review Seite 118). Henrot ist nach dem Erfolg mit
ihren Videoarbeiten das Risiko eingegangen, sich mit ei-
nem zeichnerischen und bildhauerischen Werk – Fresken
und Bronzen! – zu etablieren. Es ist geglückt.

Emeka Ogboh

17
Auf der Documenta in Athen kombinierte der 1977 in
Nigeria geborene Klangexperte Klagelieder mit Bör-
senkursen und lieferte eines der besten Werke der
Ausstellung ab, in Kassel machte er alle mit seinem
„Sufferhead“-Bier betrunken, dazu kamen die Skulptur Projekte Müns-
ter und schließlich eine Einzelausstellung in der Kunsthalle Baden-
Baden. Einzige Frage: Warum bleibt der Mann dabei so lässig?

Okwui
Enwezor

18
Sein Intellekt ist
so ehrfurchter-
regend wie seine
Erscheinung ele-
gant. Okwui Enwezor ist einer der
besten Kuratoren weltweit, mit
einem ehrgeizigen Ziel: den euro-
zentrischen Blick aufzubrechen
und eine globale Perspektive auf
die Kunst seit der Moderne zu
entwickeln. Das Einzige, was der
aktuelle Direktor vom Haus der
Kunst offensichtlich nicht so gut
kann: in der Münchner Gesell-
schaft Bussis verteilen. Geschenkt.

Ed Atkins

20
Aalglatte Com-
puterspiel-
Optik verbun-
den mit einem
sentimentalen Realismus macht
Geta Brătescu die Videoarbeiten von Ed Atkins

19
Nach ihrer Retrospektive 2016 in der Ham- zu einer verdichteten und elegan-
burger Kunsthalle kannte die Kunstwelt ten Dokumentation unserer Zeit.
plötzlich Geta Brătescu, auf der diesjäh- Auch wenn er selbst mit dem Be-
rigen Documenta wurde sie als „Grande griff nichts anfangen kann, steht
Dame des Ostens“ begrüßt, in Venedig vertrat sie Rumä- der Brite wie kein anderer für den
nien. Die Konzeptkünstlerin ist über 90, sie durchlitt die Einzug der Post-Internet-Kultur
bleiernen Jahre des Totalitarismus. Narrenfreiheit gab es in die Kunstwelt. Atkins’ Son-
nur im Bukarester Studio, wo die Künstlerin ihren Körper derstellung manifestiert sich in
in experimentelle Filme einbezog, an Fotos, Collagen und grandios inszenierten Einzelaus-
vor allem Stoff-Skulpturen arbeitete. Eine Kernidee ist der stellungen wie zuletzt im Berliner
endlose Faden. Einen langen Atem hat sie auch bewiesen. Martin-Gropius-Bau.

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Bonaventure
Soh Bejeng
Ndikung

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Sein 2009 in Berlin gegrün-
deter Projek traum Sav v y
Contemporary wurde zum
Lieblingsort einer neuen,
an postkolonialen Debatten interessierten
Kunstszene in Deutschland. Und seitdem
Amy Cappellazzo und
er als Curator at Large bei der Documenta 14 Allan Schwartzman

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entscheidend zu der Präsenz afrikanischer Seit Sotheby’s im Januar 2016 die von

Fotos: © Gina Folly. © Roe Ethridge. Action Press. Daniel Hofer/laif, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017. © Ola Rindal, Courtesy the artist and Hauser Wirth. Johannes Schmitt-Tegge/dpa. © the artist and Meyer Riegger. © Daniel Tres
Künstler in Europa beitrug, kommt an ihm Amy Cappellazzo gegründete Kunst-
ohnehin keiner mehr vorbei. Der 1977 in beratung Art Agency, Partners (AAP)
Kamerun geborene Kurator und Autor (und kaufte, hat sich der Kurs des Auktions-
promovierte Biotechnologe) repräsentiert hauses mehr als verdoppelt. Personal wurde abgebaut,
das, was an der D14 spannend war, die Kritik vor allem aber gilt die Strahlkraft von AAP als zentraler
bekamen andere. Auf dem Weg nach oben! Erfolgsfaktor: Die 1967 geborene Cappellazzo unterhält
beste Verbindungen zu Sammlerschwergewichten wie
dem US-Amerikaner Howard Rachofsky oder dem Brasi-
lianer Bernardo Paz – ihr Partner Allan Schwartzman war
jahrelang Direktor der Barbara Gladstone Gallery.

Mark Bradford

23
Wie vertritt man als Künstler ein Land, von dessen
Regierung man sich nicht länger repräsentiert fühlt?
Der 1961 in Los Angeles geborene Mark Bradford
antwortete auf der diesjährigen Venedig-Biennale
erwartungsgemäß politisch mit unerwartet subtilen Mitteln. Er ver-
wandelte den Vorhof des US-Pavillons in einen verdreckten amerikani-
schen Hinterhof und schickte die Besucher nicht durchs Hauptportal,
sondern seitlich in das Gebäude hinein: ein Verweis auf den unwürdi-
gen Umgang mit Sklaven – unter besonderer Bezugnahme auf Thomas
Jeffersons Villa Monticello.

Kader Attia

24
In diesem Jahr konnte die Welt zwei- Pierre Huyghe

25
fellos Reparatur gebrauchen. Auf einer Der Franzose arbeitet an ei-
sonst eher schwachen Venedig-Biennale ner neuen Form von Kunst:
mit viel naiv verhandwerkelter Weltver- Theorie, Natur und Ästhetik
besserung zeigte Kader Attia seine komplexen Gedanken synthetisiert er zu einer hö-
zum Thema Widerstand und Heilung anhand von arabi- heren Kommunikationsform über das Dasein.
scher Gesangstradition und hüpfenden Couscous-Forma- Schönster Moment 2017: als er im Rahmen sei-
tionen. Der 1970 in einem Pariser Vorort geborene Künstler ner Arbeit für die Skulptur Projekte Münster
mit algerischen Wurzeln schaut auf die Bruchstellen des bei Grabungen unter einer Eislaufhalle auf
Zusammenlebens und die Narben des Kolonialismus. Und Gletschersand stieß. So verbindet er Punkte
trifft dabei die wunden Punkte der Gegenwart. in der Welt: vom Kunsteis zum Gletscher.

50
Kerry James
Marshall

26
In Zeiten von Trump und
„Black Lives Matter“ ist
seine Kunst wichtiger
denn je. Seit über 30 Jah-
ren schüttelt der Künstler die Malerei kräf-
tig durch und führt das schwarze Amerika
selbstbewusst in ihre Bildwelten ein. Ange-
sichts seiner umwerfenden Retrospektive,
die 2016/17 von Chicago nach New York und
LA reiste, wird er als das anerkannt, was er
ist: einer der besten Maler der Gegenwart.
Manuela und
Miriam Cahn Iwan Wirth

27 28
Die doppelte Documenta: Das Galeristenpaar Manuela
eine Überforderung? Nicht und Iwan Wirth baut sein
für die 1949 in Basel gebo- ohnehin weltumspannen-
rene Miriam Cahn, die in des Imperium derzeit weiter
Athen und Kassel zwei Seiten ihres kraftvollen kräftig aus. Zu den Filialen in Zürich, London,
Werks zeigen konnte. In Griechenland waren es Somerset, New York, Los Angeles und Gstaad
Kreidezeichnungen der Serie „Wach Raum“, die kommen ab 2018 eine Dependance in Hong-
sie nach einem Documenta-Eklat 1982 aus dem kong und Büros in Peking und Shanghai.
Fridericianum abgezogen hatte. In der Kasseler Hauser & Wirth ist die vielleicht zeitgemä-
Documenta-Halle machten Cahns farbinten- ßeste Galerie: Sie betreibt einen Verlag, ein
sive neue Gemälde um Flucht und Vertreibung Restaurant und eine Bar in Somerset sowie an
Furore: die nackte, leidende, hoffende Kreatur, die Galerieräume angeschlossene Boutiquen.
gemalt von einer großen Schweizer Künstlerin.

2017/18

KUNSTA
KAD
kte D Ü SS E L E M I E
100 Proje DORF Aktionen

AKADEMIE Konzerte
K U N STA K A D EMIE [ARBEITSTITEL]
MÜNSTER 21. Oktober 2017 – 7. Februar 2018

Ausstellungen Performances

Installationen KHM KÖLN


Die Kunsthalle Düsseldorf Die Ausstellung Ständige Partner Foto:
wird gefördert durch wird gefördert durch der Kunsthalle Düsseldorf Medienpartner Achim Kukulies
Alexander Kluge Glenn D.

29
Die Kunst wurde 2017 heftig zum Rapport gerufen: Lowry

30
Kümmer‘ dich gefälligst um deine eigenen Angele- Er ist der Ma-
genheiten, überlass das Theater dem Theater (Berli- rathon-Mann
ner Volksbühne), die Politik der Politik (Documenta)! des MoM A.
Doch ausgerechnet ein 85-Jähriger hat diese Schubladendenker sehr Seit 1995 ist der
alt aussehen lassen. Der Essayist, Filmemacher und Philosoph Alexan- Kunsthistoriker Glenn D. Lowry
der Kluge eroberte die Museen: durch Kollaborationen mit Künstlern Kapitän des New Yorker Flagg-
wie Kerstin Brätsch, Sarah Morris und Thomas Demand oder mit der schiffs – des „besten Museums
Bühnenbildnerin Anna Viebrock. Und mit einem frischen, analyti- für moderne Kunst“, wie es schon
schen wie wunderbar abwegigen Blick auf die Welt. der Gründungsdirektor Alfred H.
Barr postulierte. Unter Lowry ex-
pandierte das Haus enorm. 1999
fusionierte das MoMA mit dem
P.S.1 Contemporary Art Center,
zum 75. Jubiläum 2004 wurde
ein 450 Millionen Dollar teurer
Neubau eröffnet. Schon läuft die
nächste Umbauphase, in der das
MoMA um 3700 Quadratmeter
vergrößert werden soll. 2018 oder
2019 soll die Erweiterung abge-
schlossen sein. Und was dann,
Mr Think Big?

Ibrahim Mahama

31
Von wegen antikommerzielle
Documenta: Einer ihrer Stars,
Ibrahim Mahama, 1987 in
Ghana geboren, wurde in den
letzten Jahren vom Markt gehörig gehypt.
Doch in Kassel schüttelte er das Klischee sou-
verän ab und lieferte mit der in Säcke einge-
packten Torwache eines der stärksten Werke
des Jahres ab. Jetzt ist er mit dem DAAD in
Berlin – wir erwarten viel von ihm.
Julia Stoschek

32
Sie ist die Königin des beweg-
ten Kunstbildes: Niemand
hat in den letzten Jahren
derart viele und hochkarä-
tige zeitbasierte Arbeiten zusammengetragen
wie die rheinische Geschäftsfrau und Indus-
triellentochter. Über 700 Videos umfasst die
Julia Stoschek Collection mittlerweile, die an
den beiden Standorten Düsseldorf und Berlin Kara Walker

33
wechselnde Ausstellungen zeigt. 2017 beging Bei Kara Walkers Ausstel-
sie das zehnjährige Sammlungsjubiläum in lung im September bei Sik-
Düsseldorf – und alle kamen. kema Jenkins & Co in New
York war schon die Presse-
mitteilung eine punktgenaue Beschreibung
der Kunstwelt-Mechanismen. Sie prophezeite
den Hype, die Social-Media-Vernichtung und
die Marktwerte, genauso wie die Bürde, als
Afroamerikanerin für alle schwarzen Frauen
sprechen zu müssen. Die 1969 in Kalifornien
geborene Künstlerin wehrt sich gegen Stereo-
type – und zeigte in ihren Bildern die USA als
Höllenreich zwischen Sklaverei und Trump.
David Zwirner

34
Seine neuen, in diesem Sep-
tember eröffneten Räume
in Upstate New York ließ
David Zwirner selbstver-
ständlich von der Architektin Annabelle Sell-
dorf gestalten. Beide kennen sich seit über 20
Jahren, stammen aus Köln und bevorzugen
den leisen Auftritt: Glänzen soll schließlich
die Kunst. Als diskreter Ermöglicher und ge-
schickter Händler hat der 1964 geborene Ga-
leristensohn seit 1993 eine der bedeutendsten
Galerien aufgebaut, repräsentiert Isa Genzken
und Wolfgang Tillmans, Richard Serra und
Donald Judd. Acht der von ihm vertretenen
Künstler nahmen an der diesjährigen Vene-
dig-Biennale teil. Im Januar 2018 expandiert
Zwirner nach Hongkong, mit einer von Sell-
dorf gestalteten Dependance.

Patrizia
Susanne Sandretto Re
Gaensheimer Rebaudengo

35 36
Goldener Löwe in Venedig, Die einflussrei-
strahlkräftige Ausstellungen che Sammlerin
im MMK Frankfurt: Susanne lebt seit bald
Gaensheimer hat beides vor- 30 Jahren mit
gemacht. Zum Leidwesen der Frankfurter zog Kunstwerken von Cattelan und
es die gebürtige Münchnerin im September Co und sitzt in den Aufsichtsrä-
nach Düsseldorf, wo sie nun den Riesentanker ten internationaler Museen. Die
der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Ausstellungen in ihrer Fondazi-
leitet. Gaensheimer will sich dort mit politi- one in Turin sind immer am Puls
schen Ausstellungen einmischen und junges der Zeit. 2019 will sie eine Filiale
Publikum mit Social Media ins Museum lo- ihrer Stiftung in Madrid eröff-
cken. Picasso und Otto Dix auf Snapchat? Man nen, es baut der Stararchitekt
darf gespannt sein. David Adjaye.

Francis Alÿs

37
Fotos: © Wolfgang Stahr. dpa/picture Alliance. Heiko Meyer/laif. © Sirin Simsek. © Ari Marcopoulos.

Der Belgier zieht


kaum sichtbar
seine Fäden. Bei
der ersten Kath-
© Jason Schmidt. © Andreas Endermann. © Stefano Sciuto. © Akam Shex Hadi

mandu-Triennale im Frühjahr
fungierte er als künstlerischer
Pate – was sich als ein schöneres
Modell erwies als das des häufig
überforderten Künstlerkurators.
Alÿs leitete Workshops mit loka-
len Künstlern, griff hier und dort
behutsam ein und hinterließ
lediglich ein Gedicht über seine
Wege durch die nepalesische
Hauptstadt und seine ausgetre-
tenen Chucks. Allein dass er auf
einer Top-100-Liste auftaucht,
entspricht so gar nicht seinem
ephemeren Werk. Gerade deshalb
gehört er aber hierher.

53
Pope.L

38
Ein F lü ster n
ging um in Eu-
ropa. Mit seiner
„W h i s p e r i n g
Campaign“, die die Besucher auf
der Documenta in Athen und
Kassel überfiel, hat Pope.L das
geschaffen, wonach derzeit alle
verlangen: eine große europäi-
sche Erzählung – empathischer,
brutaler und verdrehter, als sie
sich Brüsseler Bürokraten je aus-
denken könnten. Den Bucksbaum
Award bekam der 1955 in New Jer-
sey geborene Künstler für seine
Installation aus vertrocknenden
Wurstscheiben auf der Whitney-
Biennale – Würdigung für ein Udo Kittelmann

39
Werk, das nie leicht verdaulich ist. Man könnte glauben, Udo Kittelmann

Fotos: © the artist. Getty Images. picture alliance/AP Photo. © Andrew Phelps, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Paris/Salzburg. © Fritz Beck, © the artist. Hugo Glendinning. © Marco DeScalzi
hätte als Direktor der Nationalgalerie in
Berlin genug zu tun. Aber eine kleine Fin-
gerübung geht immer noch. In diesem
Jahr kam überraschend die beste Ausstellung des venezi-
anischen Biennale-Sommers dabei heraus. Für „The Boat
Is Leaking, The Captain Lied“ in der Fondazione Prada
versammelte der immer enthusiastische Kurator den Fo-
tokonzeptualisten Thomas Demand, die Bühnenbildnerin
Anna Viebrock und den Filmessayisten Alexander Kluge
zu einem doppelbödigen Spiel um Original und Fälschung.

Pamela Rosenkranz

40
Die 1979 geborene Schweizerin verbindet das analytische,
rationale Sehen der Wissenschaft mit dem spekulativen Den-
ken der Kunst. Was ist noch Forschung, was schon Fiktion?
Eine PET-Mineralwasserflasche kann für Gesundheit und
Selbstoptimierung stehen oder aber für die Vermüllung der Meere, die Macht glo-
baler Konzerne und die Kapitalisierung von Grundbedürfnissen. Wenn sie diese Samson Young

42
Flaschen mit hautfarbenen Pigmenten füllt, ergeben sich Fragen von politischer Also doch: Bono und Bob
Brisanz: Kann Hautfarbe ein Produkt sein? Ist sie es längst? Geldof sind biennalewür-
dig. Zumindest wenn sich
der 1979 in Hongkong gebo-
Thaddaeus Ropac rene Künstler und Komponist Samson Young

41
Joseph Beuys riet Thaddaeus Ropac nach ihrer Popschnulzen annimmt. In Venedig
einem Praktikum in seinem Studio, kein sezierte er privilegiensatte Kriseninterven-
Künstler zu werden, sondern Galerist. Ro- tion à la „Do They Know It’s Christmas“ und
pac tat wie ihm geheißen und eröffnete in inszenierte den abgenudelten Charity-Kitsch
Salzburg mit einer Ausstellung von Beuys. In April dieses in verstörenden Neu-Versionen. Auch in der
Jahres folgte auf zwei Standorte in Paris eine weitläufige Düsseldorfer Kunsthalle öffnete er ein düster
Dependance in London, mit der sich der Österreicher end- tönendes Weltpanorama. Politik hat einen
gültig im Kreis der Galerie-Schwergewichte etabliert hat. Sound, und Samson Young hört genau hin.

54
Maria Balshaw

43
Dass sie immer wieder darüber sprechen solle, dass
sie als erste Frau an der Spitze der britischen Tate
steht, mache sie langsam etwas ungeduldig, sagte
MALEREI TRIFFT SKULPTUR
Benjamin Burkard|Sonja Tines|Dominik Schmitt|Marc Figueras|Andrea Kraft
Jeanne-Isabelle Cornière|Jesús Curiá|Ursula Commandeur|Rachel-Ann Stephenson u.a.
die 47-Jährige kürzlich bei einer Panel-Diskussion in
London. Doch solange das ein Thema sei, werde sie eben genau das tun:
darüber sprechen. Und ansonsten ihre Arbeit machen. Die erste von ihr
beaufsichtigte Schau, „Soul of a Nation“ in der Tate Modern, erzählte
BEGEGNUNGEN
24.11. 2017- 13. 01. 2018
von der Entwicklung afroamerikanischer Kunst, einem Spezialgebiet
der langjährigen Leiterin der Manchester Art Gallery. Ihrem Ziel, neue
Besucher anzusprechen, ist sie mit dieser Ausstellung und prominen-
ter Hilfe von Musikern wie Jay Z und Solange bereits gerecht geworden.

Benjamin Burkhard

Massimiliano Sonja Tines


Gioni

44
Auf einem
Foto zur 4.
Berlin-
Biennale
2006 lag Massimiliano Gioni
im Bett zwischen seinen Co-
Kuratoren Maurizio Cattelan
und Ali Subotnick, jung und
lustig wie gerade aus dem Ei
geschlüpft. Der 1973 bei Mai-
land geborene Kurator ist
Lorem Ipsum resem quarum tantus eribus lorem

dann doch noch erwachsen ge-


worden, organisierte 2013 eine
der besten Venedig-Biennalen
Dominik Schmitt
der letzten Dekade – und hat
es auch in diesem Jahr ge- ARTLETstudio/Münster – Verspoel 20
schafft, als Direktor des New
artlet-studio.com / galerie@artlet-studio.com
Museum in New York sein
Haus so frisch und zeitgenös- +49-251-136 55 76 / +49-151-15 67 52 32
sisch aussehen zu lassen wie
kein anderes. „SKULPTUREN IM DIALOG 2nd edition“
im ARTLETstudio Karlsruhe - Boeckhstr. 4
28.10.-23.12.2017
[ARTLETstudio und KUNSTHALLE SCHNAKE]
Daniel Buchholz

45

Fotos: © Albrecht Fuchs. Andreas Arnold/dpa/Picture-Alliance. Oliver Berg/dpa. © Timothy Greenild-Sanders. Intertopics, © Thomas Houseago: VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Marlene Awaad/Bloomberg via Getty Images. © Robbie Lawrence. © Franziska Sinn. © Amy Sillman Studio
Mit Anne Imhof und Wolfgang Tillmans
vertritt die in Köln, Berlin und New York
ansässige Galerie von Daniel Buchholz
und Geschäftspartner Christopher Mül-
ler zwei der wichtigsten Künstler 2017. Und damit nicht
genug: Zu seinem anspruchsvollen Programm gehören
außerdem Willem de Rooij, Moyra Davey, Isa Genzken
und Simon Denny.

Carolee Schneemann

46
Carolee Schneemann ist erleichtert, dass ihr das
Publikum endlich nicht mehr nur auf den Hin-
tern starrt. Mit 78 hat die US-Künstlerin in diesem
Jahr ihre erste deutsche Museumsretrospektive im
Frankfurter MMK bekommen, die inzwischen ins MoMA PS1 nach New
York weitergewandert ist. Darin wird sie nicht nur als Vorreiterin der fe-
ministischen Body-Art gezeigt, die sich für die sexuelle Emanzipation
schon mal eine Schriftrolle aus der Vagina zog oder sich an gerupften
Hähnchen rieb, sondern auch als Malerin gewürdigt. Höchste Zeit für
eine wegweisende Künstlerin in der testosterongefluteten Muckibude
der Nachkriegskunst.

Yilmaz Dziewior

47
„Wer von der Neuen Nationalgalerie
träumt, den sollte man nicht bremsen“,
hieß es 2005 in unserer Top-100-Liste, um
die Ambitionen des damaligen Direktors
des Kunstvereins in Hamburg zu umreißen. Da lag Monopol
zwar knapp daneben, doch der heute 53-Jährige zeigt als
Chef des Kölner Museums Ludwig ein Programm, das einer
Nationalgalerie würdig ist – natürlich ganz wie es der Ge-
schichte des Hauses gebührt, rheinisch und international.
Patricia Phelps
de Cisneros

48
Sie ist nicht nur die wichtigste Samm-
lerin moderner und zeitgenössischer
Kunst aus Lateinamerika, sondern eine
vorbildliche Mäzenin. Statt sich ein Pri-
vatmuseum zu bauen, unterstützt die 1950 in Venezuela
geborene Patricia Phelps de Cisneros seit den 70er-Jahren
Museen und Bildungseinrichtungen – und verhilft so der
lateinamerikanischen Kunst zu weltweiter Anerkennung.
Allein 2017 versah sie fünf internationale Museen mit
Schenkungen und förderte die Mammutschau „Pacific
Standard Time“ in LA mit zahlreichen Leihgaben.

François Pinault

49
Sie sind wie Ivan Drago und Rocky Balboa, doch statt rechter
Haken setzen sie sich Megamuseen vor die Nase. Der Supermilli-
ardär François Pinault und sein Antagonist, der Supermilliardär
Bernard Arnault. François hat zu bieten: Gucci und Yves Saint
Laurent, Christie’s und die Punta della Dogana sowie den Palazzo Grassi in Venedig,
wo er zuletzt Damien Hirst Carte blanche für eine megateure und sehr einfach ge-
strickte Fantasy-Ausstellung gewährte. Sein nächster Coup: im Herzen von Paris ein
neues Megamuseum zu errichten, das Arnault angezählt zu Boden gehen lassen soll.
Bernard Arnault

50
Bernard Arnault wiederum
hat mit seinem prätentiö-
sen Museum, der Fonda-
tion Louis Vuitton, einen
Publikumsmagneten geschaffen, der im Bois
de Boulogne wie ein zerplatztes Weltraum-Ei
die großen Namen der Kunst feiert. Alle Lu-
xusgütermarken, die nicht Pinault gehören,
sind seine: Moët & Chandon, Louis Vuitton,
Christian Dior, Céline. Sollte dieser Zwei-
kampf der Superlative tatsächlich aus Kon-
kurrenzdenken entstanden sein, so ist der
Gewinner auf jeden Fall die Kunst.

Sprüth Magers

51
Hätte Sigmund Freud Computerspiele programmiert, wäre sicher
etwas Ähnliches wie Jon Rafmans Videoalbtraum „Dream Journal“
bei Sprüth Magers Berlin herausgekommen. Mit Ausstellungen des
dunklen Virtualmagiers Rafman und der Silikonkönigin Pamela
Rosenkranz positionierten sich Monika Sprüth und Philomene Magers in diesem
Jahr im Zentrum des Digitalhypes. Trotzdem bleibt noch Platz für die feministi-
schen Wurzeln. Barbara Kruger und Cindy Sherman zeigten sich genauso aktuell
wie der Nachwuchs.

Anicka Yi

52
Wann wurden
unsere Sinne zu-
letzt auf so ver-
s t ör e n d e u n d
gleichzeitig poetische Weise an-
geregt wie durch die Kunst von
Anicka Yi? In Zeiten digitaler
Bilderfluten, in denen wir gar
nicht mehr richtig hinschauen,
rückt die 1971 in Seoul geborene
Künstlerin Geruch und Berüh-
rung ins Zentrum ihrer Arbeiten
– zu ihren bevorzugten Materi-
alien gehören verderbliche Sub- Amy Sillman

54
stanzen wie frittierte Blumen, Jetzt w ird’s
Tierpräparate oder abgelaufenes peinlich. Weil
Milchpulver. 2016 gewann sie den die Kunstwelt
renommierten Hugo Boss Prize. Amy Sillman
Seitdem war ihre Kunst unter an- erst 2014 wirklich entdeckt hat,
derem bei der Whitney-Biennale auf der Whitney-Biennale, dabei
und im New Yorker Guggenheim ist die New Yorkerin seit 30 Jah-
zu sehen – und zu riechen. ren aktiv. Und weil awkwardness
(das Linkische, Peinliche) ein
Schlüsselwort für die 1955 gebo-
rene Malerin ist. Ihre ideensprü-
henden Gemälde, Texte, Zines
Guan Xiao und Animationsfilme – in New

53
Die Skulpturen der 1983 in China gebo- York und Berlin war 2017 etwa ihr
renen Guan Xiao wirken wie von kind- Ovid-Crashkurs „After Metamor-
lichen Aliens zusammengebastelt, und phoses“ zu sehen – handeln von
ihre Filme kondensieren die delirierende existenzieller Holprigkeit, vom
Gegenwart des Internets zu einer zeitgenössischen Ver- ewigen Kampf von Körper und
sion von Aby Warburgs „Mnemosyne-Atlas“: Hier hängt Geist. Figuration? Abstraktion?
alles mit allem zusammen. Mehr Jetzt geht nicht. Rebellion!

57
Wu Tsang

56
Queerer Underground und avantgardistische Theo-
rie verschmelzen in den Videos der 1982 geborenen
Amerikanerin, die 2017 in der Kunsthalle Münster
ihre erste institutionelle Einzelschau in Deutschland
Kehinde Wiley hatte, zu betörend schönen Videos. Der menschliche Körper steht da-

55
Die Malerei des Afroamerikaners lebte anfangs vom bei stets im Zentrum, als Quell des Schmerzes und des Glücks: Inten-
Kontrast zwischen Stil (altmeisterliche Herrschafts- sitäten, die alle gesellschaftlichen Kategorisierungen sprengen.
porträts) und Sujet (schwarze Kids auf den Straßen
Harlems). Jetzt wurde der 1977 in Los Angeles gebo-
rene Kehinde Wiley auserwählt, das offizielle Porträt von Ex-Präsident
Barack Obama zu malen. Kein Happy End, aber ein wichtiges Signal.

Sheikha
Hoor
al-Qasimi

57
Dass die Arabi-
schen Emirate
ein Kraftzen-
trum der zeit-
genössischen Kunst geworden Johann König

58
sind, ist zu einem großen Teil ihr Der Berliner Galerist trägt
Verdienst. 1980 wurde Sheikha seinen Herrschaftsanspruch
Hoor al-Qasimi als Herrscher- bereits im Namen und hat
tochter in Schardscha geboren. ihn 2017 durch die Eröff-
Sie studierte Kunst in London nung einer Londoner Zweigstelle unter-
und absolvierte dort nach dem strichen, in der er Bücher, Editionen und
Malerei-Diplom ein Kuratoren- Kleidung aus der hauseigenen Kollektion
Studium. Seit 2003 organisiert sie vertreibt. Überzeugt davon, dass Stillstand
die Schardscha-Biennale – 2017 dem Tod gleichkommt, erkundet der 1981 in
wieder ein internationaler Erfolg Köln geborene Sprössling des König-Clans so
–, ist in diversen Kunstgremien schmerzfrei wie selbstbewusst neue Formen
vertreten – Board of Directors des Kunsthandels. Mit der Kirche St. Agnes
des MoMA PS1, KW Institute in betreibt „Johann“, wie Freund und Feind ihn
Berlin – und wurde jüngst an die nennen, den spektakulärsten Galerieraum
Spitze der International Biennial der Hauptstadt. Jede Vernissage ein Event!
Association (IBA) berufen.

Seth Price

59
Längst sind wir alle Cyborgs: vermessene Wesen, von Daten ernährt. Niemand
setzt diesen Zustand so konsequent und eindringlich in Kunst um wie der
US-Amerikaner Seth Price. Der 1973 in Jerusalem geborene Künstler bringt
Körperlichkeit mit den hyperglatten digitalen Oberflächen der Gegenwart
zusammen. Die erste Museumsretrospektive in Amsterdam und München zeigte ihn als Vor-
reiter einer jungen Künstlerschar: Wo heute Post-Internet draufsteht (wir suchen immer noch
das bessere Wort), ist meistens eine Prise Price drin.

58
Caroline Bourgeois

60
Sie war auch 2017 wieder der häufigste Grund dafür, warum
Galeristen kommentarlos das tiefschürfende Gespräch mit ei-
nem Kritiker beenden und ans andere Ende ihres Messestands
eilen: Bonjour, Madame Bourgeois! Neidlos erkennen wir an,
Inspirieren
dass die Unterhaltung mit der 1959 geborenen Schweizerin, die als Chefkuratorin
der Pinault Collection eine der größten Privatsammlungen der Welt betreut, für
einen Kunsthändler durchaus relevant sein kann.
ist einfach.
Boris Groys

61
Der 1947 geborene russisch-
deutsche Kunsttheoretiker
Fotos: © Tony Powell. © Amanda Kho. Nato Welton. © Lukas Gansterer. ullstein bild - Rex Features/Richard Young/Shutterstock. Action Press. © Pascal Perich. © Galerie Buchholz

lehrt uns seit den 80er-Jah-


ren in seinen Büchern und
Ausstellungen, als Hochschullehrer und
Philosoph so ziemlich alles, was wir über die
russischen Avantgarden des 20. und 21. Jahr-
hunderts wissen müssen, über Utopisten und
Dissidenten, Verrückte und Abweichler. Ja,
er lehrt uns, wie man überhaupt über zeitge-
nössische Kunst denkt und spricht. Und nicht
zuletzt, dass Understatement und Coolness
auch auf Deutsch mit russischem Akzent
funktionieren.

Willem
de Rooij

62
Darf ein wei-
ßer Künstler
sich „nicht
weißer“ The-
men bedienen, eine Frau für ei-
nen Mann eintreten? Was 2017 Wenn Kultur-
in der Kunstwelt (zu) heiß dis-
kutiert wurde, darüber denkt
förderung groß-
Willem de Rooij schon lange
nach. Der 1969 im niederlän-
geschrieben wird.
dischen Beverwijk geborene Kunst und Kultur inspirieren und setzen
Künstler zeigt in seinen Ins- schöpferische Kräfte frei, öffnen
tallationen und Filmen:  Das Geist und Sinne für Überliefertes und
„Andere“ beginnt nicht erst in Ungewöhnliches. Als größter nicht-
fernen Weltregionen, sondern
staatlicher Kulturförderer unterstützt
die Sparkassen-Finanzgruppe Projekte
gleich hier zwischen mir und
in allen Regionen Deutschlands.
dir. Mit seinem sensiblen Blick
– Reflexion auf die Künstler- Wir fördern die Ausstellung
rolle inbegriffen – prägt er auch August Macke und Freunde –
als Städelschulen-Professor Begegnung in Bildwelten.
viele jüngere Künstler. August Macke Haus Bonn,
3. Dezember 2017 – 4. März 2018
Kerstin Brätsch

63
Wie kann man eine deutsche Malerin sein, es mit den
großen deutschen Malern aufnehmen und trotzdem
alles ganz anders aufziehen als die übermächtigen
vermeintlichen Genies? Die Antwort findet Kerstin
Brätsch von New York aus in einem Netzwerk aus produktiven Kolla-
borationen. 2017 fand ihre erste große institutionelle Einzelschau in
Deutschland im Münchner Museum Brandhorst statt. Zu sehen war
das Werk einer Malerin durch und durch, die diesem großen Begriff
ein Update verpasst. Wade Guyton

64
Der US-Künstler, der 2017 von London über Köln bis
Neapel in ungewöhnlich vielen europäischen Ins-
titutionen Einzelausstellungen präsentierte, über-
raschte Anfang des Jahres im Münchner Museum
Brandhorst mit neuen Bildern seines New Yorker Ateliers, die sich von
seiner bisherigen monochromen oder formalistischen Druckermale-
rei stark unterschieden. Eine Auseinandersetzung mit dem ewigen
Sujet Künstleratelier genauso wie mit dem gegenwärtigen Status von
Bildern, ihrer Zeitlichkeit, Distribution und der Selbstdarstellung in
sozialen Medien.

Nina Zimmer

65
Die innerschweizerische
Bezeichnung ihrer Position
definiert den Anspruch an
Nina Zimmer: Als „Super-
direktorin“ verantwortet sie seit August 2016
das Kunstmuseum Bern und das Zentrum
Paul Klee. Im zweiten Jahr ihrer Amtszeit
dann die Superaufgabe: Da der verstorbene
Cornelius Gurlitt dem Kunstmuseum per
Testament seine umstrittene Sammlung
vermacht hat, zeigt es seit Anfang November
unter der Leitung von Zimmer eine wohlüber-
legte Superauswahl seiner Werke.

Esther Schipper

Sindikadokolo. © Burkhard Maus. Annette Reuther/dpa Picture-Alliance. © Michael_Englert. © Elmar Vestner


Fotos: © Winnie Au, Courtesy the artist and Galerie Meyer Kainer, Wien. Ullstein Bild. © Monika Flückiger. Bar-
bara Kruger „Untitled”, 2001, © the artist, Courtesy Sprüth Magers. Felix Brüggemann. Courtesy Fondation
67
Die Galerien-Amüsiermeile auf der Potsdamer
Straße in Berlin hat eine neue Attraktion: Ein Fahr-
stuhl – am Gallery Weekend so streng bewacht wie
die Berghain-Tür – hebt Besucher in die neuen,

Barbara großzügigen Räume der Galerie Esther Schipper. Mit vergrößerter


Schaltzentrale und erweiterter Künstlerliste hat die Galeristin ihren
Kruger Status als Patronin des guten Geschmacks gefestigt. Anri Sala und

66
Selten waren Philippe Parreno trugen die Galerie nach Venedig, Pierre Huyghe
die konsum- verzauberte Münster, und Tomás Saraceno spinnt verlässlich seine
kritischen Blockbusternetze um die ganze Welt.
und feminis-
tischen Fragestellungen von Bar-
bara Kruger aktueller. Bei Sprüth
Magers in Berlin zeigte sie soeben
eine monumentale Einzelschau,
in New York gestaltet sie anläss-
lich der Performa einen Bus und
einen Skatepark. Noch dazu ko-
operierte das Streetwear-Label
Supreme, dessen ikonisches Logo
der Arbeit Krugers entstammt, in
diesem Jahr mit Louis Vuitton.

60
Sindika Dokolo

68
Noch nie hat es auf einer
Documenta so viele präg-
nante Werke von Künstlern
aus Afrika gegeben – und
wer hat’s bezahlt? Der kongolesische Ge-
schäftsmann, Präsidentenschwiegersohn und
Megasammler Sindika Dokolo. 2018 will er die
Documenta-Werke in seiner Kunststiftung in
Luanda zeigen. Sein langfristiges Ziel: die beste
Sammlung klassischer und zeitgenössischer
afrikanischer Kunst weltweit aufzubauen.

Susanne Titz

69
Seit 13 Jahren leitet Su-
sanne Titz nun schon das
Franz Erhard
w underbare, von Hans Walther

70
Hollein gebaute Museum Junge Künstler schnei-
Abteiberg in Mönchengladbach. Credo: Man den sich immer noch die
sollte sich nichts schenken lassen, was man sprichwörtliche Scheibe
sich nicht auch kaufen würde. Das immer von ihm ab. Franz Erhard
wieder ausgezeichnete Museum liegt damit Walther, 1939 geboren in Fulda, hat in den
notorisch richtig. Titz hat aus der Geschichte 60er-Jahren Skulptur ganz neu definiert: Der
des Hauses gelernt: Aus Geldknappheit gab Betrachter wird zum Benutzer, die Skulptur –
man hier schon immer jungen Künstlern den aus Baumwolle, Schaumstoff oder Holz – kann
Vortritt, ein gewisser Gerhard Richter und und soll belebt werden. Noch in jedem Wurm
Joseph Beuys hatten in diesem Museum ihre ist der Walther drin. Später Lohn in diesem
ersten Ausstellungen. Jahr: die Verleihung des Goldenen Löwen bei
der Venedig-Biennale. Passt.

Elmgreen &
Dragset

72
Michael Elmgreen und In-
gar Dragset sind als Künst-
ler schon lange around, man
konnte ihnen beim Erwach-
Daniel Hug senwerden zuschauen und wird sie nach die-

71
Seinen Nachnamen hat er von seinem schweizerischen Vater, seinen sem Jahr mit neuen Augen sehen. Als Kura-
amerikanischen Akzent vom Aufwachsen in den USA – und vom toren der Istanbul-Biennale hatten sie den ät-
Großvater mütterlicherseits hat er wahrscheinlich die Liebe zur Kunst zendsten Job von allen – und haben besonnen
geerbt, denn der hieß László Moholy-Nagy. Seit 2008 leitet der Galerist und ohne eitles Geschwätz eine Ausstellung
Daniel Hug die Art Cologne – und ja: Er hat sie wieder groß gemacht. Wenn jetzt auf die Beine gestellt, die der Kunst trotz der
noch die neue Tochter Art Berlin langfristig funktioniert, verleihen wir dem Aus- politischen Katastrophe der Erdoğan-Türkei
landsschweizer einen Berliner Ehrenbären mit Kölschem Karnevalsorden am Band. zu ihrem Recht verhilft.

61
Jerry Saltz und
Roberta Smith

74
Ihre strengen Rezensionen in der „New York Times“
zählen immer noch zu den Glanzlichtern der Kunst-
kritik. Er nervt als Social-Media-Angeber, aber seine
Artikel im „New York Magazine“ sind so gut infor-
miert wie treffend formuliert. Nicht nur für die amerikanische Kunst-
szene ist und bleibt das New Yorker Kritikerpaar unersetzlich.

Maja Hofmann

73
Wenn sich ein römisches Amphitheater in eine
Mondlandschaft verwandelt oder ein mit abstrakten
Mustern bemalter Zug durch das verschneite Engadin
ruckelt, dann hat mit einiger Sicherheit Maja
Hoffmanns Luma Foundation die Finger im Spiel. Mit ihrer Stiftung
ermöglicht die Schweizer Milliardärserbin aufwendige Künstler-
projekte, sie unterstützt aber auch internationale Museen und lokale
Institutionen, fördert Universitäten und junge Kuratoren: verlässlich,
diskret und auf höchsten Niveau.

Ian Cheng

75
Brauchen wir
noch Künstler?
Oder sollten wir
das Bilderpro-
duzieren lieber Computern
über lassen (billiger, weniger Al-
lüren)? Was passiert, wenn man
der Kunst den romantischen
Geniegedanken raubt, zeigt Neïl Beloufa

77
Ian Cheng in seinen von Algo- Fassbinder konnte es, Almodóvar und
rithmen gesteuerten Echtzeit- Ozon haben es drauf – und mit Neïl Be-
Simulationen. Das MoMA PS1 in loufa scheint der nächste passionierte
New York widmete dem 1984 in Melodram-Ironiker geboren: Der fran-
Los Angeles geborenen Künstler zösisch-algerische Künstler präsentierte auf der diesjäh-
in diesem Jahr seine erste US- rigen Berlinale seinen zweiten Spielfilm „Occidental“,
Museumsschau – ein Blick in die einen packenden Mix aus Thriller, Drama und Sitcom.
Kunstzukunft mit dem Cyborg- Der 32-Jährige entwickelt sich mit seinen Filmen und
Anthropologen. bildhauerischen Innovationen neben Camille Henrot zur
wichtigsten Stimme der jüngeren französischen Kunst.
Im Frühling wird er Henrot nachfolgen und eine riesige
Artur Żmijewski Ausstellung im Pariser Palais de Tokyo präsentieren.

76
Brutal wie kein Zweiter schlägt der 1966 geborene
Pole der ach so korrekten Kunstwelt ihre eigene Wi-
dersprüchlichkeit ins Gesicht: Für die Documenta
14 in Athen filmte Żmijewski Flüchtlinge unter der
Pariser Metro, in krisseligem Schwarz-Weiß wie in den Aufnahmen
aus dem Warschauer Ghetto. Ein Mann tritt ins Bild und drückt
einem der Geflüchteten einen Besen in die Hände, so wie die Nazis
Juden zum Reinigen der Straßen zwangen. Es ist der Künstler selbst,
ein Kapo der Weltkunstschau.

62
Kendell
Geers

78
Zur Eröffnung
des Megamuse-
ums Zeitz MO-
CAA in Kapstadt
wandte sich die nordwärts ausge-
richtete Kunstwelt nach Süden.
In allen Himmelsrichtungen be-
deutend ist Apartheidsaufarbei-
ter Kendell Geers, geboren 1968
in Johannesburg, der mit seinen
gehängten Backsteinen einen der
spektakulärsten Räume des Mu- Dana Schutz

79
seums besetzt. Seine „Acropolis 2017 war Shitstorm-Jahr. Auslöser war
Redux“ aus Drahtzaun und Re- das von Dana Schutz gemalte und auf
galen rettete auf der Documenta der diesjährigen Whitney-Biennale
die Besucher des Fridericianums ausgestellte Bild „Open Casket“, das die
vor der Mittelmaßverzweiflung, Leiche von Emmett Till zeigt, einem afroamerikanischen
und in Brüssel zerlegte er mit Jugendlichen, der 1955 von zwei Weißen brutal ermordet
„Afro Punk“ die hartnäckigen wurde. Über das Bild und die Motive der Künstlerin kann
Klischees von afrikanischer Tra- man streiten – die Aufrufe zum Boykott und zur Zerstö-
dition und westlicher Moderne. rung des Kunstwerks und persönliche Diffamierungen
der Künstlerin aber navigierten auf dem übelsten Niveau
affektgesteuerten Mobbings.
Victoria
Siddall Daniel Birnbaum

80 81
Als M at t hew Der 1963 geborene Schwede
Slotover und begann seine Karriere als
Amanda Sharp Kunstkritiker, was ihn uns na-
ihren Rückzug türlich sympathisch macht.
Fotos: AKG Images. Getty Images. © Robert Fischer. Ullstein BIld. © Charlotte Krieger. © The artist. Ruby Washington/NYT/Redux/laif.

von der von ihnen gegründeten In den Top 100 ist er aber, weil er nach einigen
Frieze Art Fair bekannt gaben, sehr guten internationalen Auftritten wie sei-
brauten sich dunkle Gerüchtewol- ner Venedig-Biennale 2009 jetzt am Moderna
ken an Londons Himmel zusam- Museet in Stockholm vormacht, wie man eine
men: Ist die Messe damit erledigt? Sammlung modernisiert, Künstlerinnen
Drei Jahre später hat sich Victoria ihren Platz im Kanon einräumt und wie man
Siddall als würdige Nachfolgerin zeitgenössisch ist, ohne oberflächlich trendy
des Gründerpaares etabliert und zu wirken.
den Respekt des globalen Kunst-
handels erarbeitet: Die 39-jährige
Nordirin verantwortet die Frieze
in London und New York sowie
© Jonathan Hokklo Frieze. picture alliance/IBL Schweden. © Paul McCarthy

die auf alte Kunst spezialisierte


Frieze Masters – mit Bravour.

Clare McAndrew

82
Wie geht es dem Kunst-
markt? Wer das wissen will,
landet automatisch bei Clare
McAndrew. Lange hatte die
Dubliner Gründerin der Kunstberatungs-
agentur Arts Economics für die Maastrichter
Messe Tefaf jährlich einen Kunstmarktreport
herausgegeben, bis sie von der Art Basel und
der Bank UBS weggekauft wurde. 2017 stellte
die Herrin der Zahlen ihren Marktreport erst-
mals bei der Art Basel/Hongkong vor.
Candice Breitz

83
Wie formen Hollywood und
Popkultur unsere Identität?
Das ist das Thema der 1972
in Johannesburg geborenen
Candice Breitz. Mit ihrer Installation „Love
Story“, die sie unter anderem im südafrika-
nischen Pavillon der Venedig-Biennale zeigte,
führte sie ihr Werk auf ein neues Level: Die
Hollywoodschauspieler Julianne Moore und
Alec Baldwin konfrontierten die Zuschauer
mit Geschichten von Geflüchteten und gleich-
zeitig mit der Frage, wie wir Menschen wahr-
nehmen und wem wir glauben.

Christopher Y. Lew und Mia Locks

84
Unter dem Skandalgetöse um ein Bild von Dana Schutz ging fast unter, welch
großer Wurf dem 36-jährigen Christopher Y. Lew und der 34-jährigen Mia
Locks mit der diesjährigen Whitney-Biennale gelang. In ihrer Überblicks-
schau zur amerikanischen Gegenwartskunst ergingen sich die Kuratoren
nicht in plumper Trump-Kritik, sondern demontierten seinen Rassismus durch eine machtvolle
Demonstration kulturellen Reichtums.

Jon Rafman

85
Blaue Gummipuppen kriechen durch

Fotos: © Till Cremer. © Scott Rudd. picture alliance/empics. © Judith Warringa.. © Zanele Muholi, Courtesy of the artist, Stevenson Cape Town/Johannesburg and
Yancey Richardson, New York. © Christoph Neumann. © Arthur Jafa, Courtesy Arthur Jafa and Gavin Brown’s enterprise, New York/Rome. © Christian Werner
schleimige Kanäle, Explosionen wirbeln
Menschenmassen umher, Ratten haben
Sex in einer für sie vorgesehenen Falle:
Die Videoarbeiten von Jon Rafman sind gleichermaßen
verstörend wie verträumt, scheinbar total daneben und
doch von einer Eleganz, die den Betrachter nicht loslässt.
Der Einfluss von Technologie und Innovation auf das täg-
liche Leben steht im Mittelpunkt der Arbeit des aus Mont-
real stammenden Künstlers und Essayisten.

Charles Esche

86
Der britische Kurator und Professor
Charles Esche lebt zwischen Edinburgh
und Eindhoven. In der niederländischen
Stadt leitet er das Van Abbemuseum,
dazu lehrt er an der University of the Arts London. Viel-
Zanele leicht hat ihn sein Pendlerleben zwischen Großbritannien,
dem europäischen Festland und den vielen Biennalen, die
Muholi er kuratierte, dazu gebracht, mit insgesamt sechs Museen

87
Vor zehn Jah- unter dem Namen L’Internationale eine europäische, län-
ren rückte die derübergreifende Institution für moderne und zeitgenös-
damals junge sische Kunst aufbauen zu wollen. Großartige Idee!
Fotografin aus
Südafrika in ihrer Serie „Only
Half the Picture“ lesbische Liebe
und die Narben homophober
Übergriffe ins Licht. Die Docu-
menta 13 machte Muholi 2012
dann in Europa bekannt, in die-
sem Jahr bekam die „visuelle
Aktivistin“ als erste schwarze
Künstlerin eine Soloschau im
Stedelijk Museum Amsterdam.
Amadeo Kraupa-Tuskany,
Nadine Zeidler

88
Die 2011 gegründete Galerie von Amadeo Kraupa-
Tuskany und Nadine Zeidler läutete das zweite
Kunstkapitel des Nachwende-Berlins ein: English-
speaking (sorry, Jens Spahn), Smartphone-geprägt
und fokussiert auf hybrid approaches. Von KT-Z vertretene Künstler
wie Katja Novitskova, Avery Singer, Florian Auer, Guan Xiao oder das
Kollektiv GCC verkörpern ein neues Denken, eine neue, globale Ästhe-
tik. 2017 bezog die Galerie schicke Räume in Berlin-Kreuzberg – Stände
auf allen Top-Messen sind ihr ohnehin schon sicher.

Arthur Jafa

89
Auf der diesjährigen Kunst-
messe Art Basel war seine
Videoarbeit – obwohl be-
reits von 2013 – ein Höhe-
punkt: In „APEX“ bringt der US-Künstler Julian Charrière

90
Fotos von Gewalt, Musikern, organischem Von Julian Charrière sah man auch in diesem Jahr
Material und afroamerikanischer Geschichte wieder nur die Rücklichter: Der 1987 geborene
mit einer treibenden Techno-Soundspur zu- Schweizer, Absolvent von Olafur Eliassons Institut
sammen. Gerade hat man ein emotionsgela- für Raumexperimente, reiste mit einem Boot zum
denes Bild erfasst, da kommt, wie von einem radioaktiv verstrahlten Bikini-Atoll und mit einer Kanone in die Ant-
gnadenlosen Metronom gesteuert, bereits das arktis, stellte in zahlreichen Gruppenausstellungen aus und machte
nächste. Eine Überforderung, eine Lust. Der auf der Venedig-Biennale mit Skulpturen aus Lithiumsalz Eindruck.
56-Jährige nennt es „Prä- oder Anti-Kino“, ein Seine Stuntman-artige Verbindung von Geologie, Naturwissenschaft
„afroamerikanisches Kino“, es ist aber auch und Kunst und seine Analyse des Anthropozän sind das perfekte Ge-
Kino im Zeitalter des Smartphone-Wischens. gengewicht zur körperlosen Virtualität der Gegenwart.

TORBJØRN R ØDLAND

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Untitled, 2009–2013 © Torbjørn Rødland . Privatsammlung


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Elizabeth Dee

92
Mit der 2010 gestarteten Independent gelang der
Adrian Cheng New Yorker Galeristin ein neuer Messetypus: we-

91
Sein Großvater hat Milliarden mit Juwelen niger Verkaufsschau als kuratierte Ausstellung,
und Immobilien gemacht. Adrian Cheng, getragen vom Gemeinschaftsgeist der Galerien,
1979 in Hongkong geboren, Harvard-Absol- transparente Strukturen, freier Eintritt für die Besucher. Gemein: Was
vent, hat sich dagegen der Kunst verschrie- in Berlin nie so richtig klappte, finden bei der Independent in New
ben – aber nicht ohne Business. Der passionierte Sammler York und Brüssel (und auch bei der Paris Internationale) alle toll: die
betreibt in Hongkong und China eine Kette von Hybriden konzentrierte, avantgardistische Boutique-Messe.
aus Shoppingmall und Kunstmuseum. Die Generation der
Digital Natives liebt es – vielleicht auch bald in der rück-
ständigen westlichen Welt.
Klaus
Biesenbach

93
Er reist fast so
viel wie Hans
Ulrich Obrist,
kennt alle, sieht
alles. Seine Neider nennen ihn
oberflächlich und werfen ihm
Nähe zu Popstars und Holly-
woodschauspielern vor. Aber
seit Andy Warhol wissen wir,
dass es auch darum geht, wenn
man die Kunst voranbringen will:
Man muss die richtigen Leute
einander vorstellen und dabei
einen ausgefeilten Habitus ent-
wickeln zwischen starmäßiger
Unnahbarkeit und freundlicher
Zugewandtheit. Kunst ist ein Walther König

95 Fotos: Getty Images. © The New York Times/Redux/laif (2). Andrei Dinu. ©Hartmut Nägele
Mikrokosmos und PS1-Chef und Er ist der König der Bücher,
MoMA-Chefkurator Klaus Bie- und dieser Satz ist so platt
senbach der Mann, der sie mit wie wahr. Alleine in Berlin
dem restlichen Universum zu betreibt Walther König 14
verbinden vermag. Filialen seiner Buchläden und Museums-
shops, in denen man erst sich und dann sein
Geld verliert. Auch ein Verlag gehört zu sei-
nem Imperium, das dem viel besungenen Nie-
dergang des Prints souverän trotzt – inklusive
Onlineshop.

Alexandra Pirici

94
Der gespielte Witz ist vorbei – jetzt gibt es getanzte Kunst! Bei
der Rumänin Alexandra Pirici ist das mehr als ein Kalauer. Die
34-jährige ausgebildete Tänzerin und Choreografin übersetzt
Bilder, Situationen, Internet-Memes oder politische Events in
Körpererfahrungen – ihre von mehreren Performern inszenierte Weltgeschichte
war der Publikumsrenner bei den Skulptur Projekten Münster.

68
Benjamin
Sigg

96
Asien ist der
Ku n s t m a rk t
der Zukunft –
man müsste
sich nur auskennen! Oder Benja-
min Sigg fragen, den Neffen des
bekannten Schweizer Sammlers
und China-Experten Uli Sigg.
Von Hongkong aus pflegt der
gefragte Kunstberater enge Kon-
takte vor allem zu den jüngeren
Künstlern der Region und verrät
internationalen Sammlern die
kommenden Tops und Flops.

Zentrum
für Politische
Schönheit

97
Da s „Bayer i-
sche Staatsmi-
nisterium für
Bildung, Kultur
und Demokratie“ ruft Schüler in
einem Wettbewerb dazu auf, ein
„Flugblatt gegen einen Diktator“ Dascha Schukowa

98
zu gestalten. Der Sieger bekommt Zehn Jahre lang waren Dascha Schu-
eine „Kulturreise nach Auschwitz“ kowa und der milliardenschwere
und darf außerdem in ein autokra- Roman Abramowitsch ein Paar. Seit
tisches Regime seiner Wahl reisen, 2017 ist das Geschichte, und zu der Ge-
um dort seine Flugblätter zu ver- schichte gehört auch die Gründung des Kunstmuseums
teilen. Die in diesem Frühjahr ge- Garage im Jahr 2008, ein Herzensprojekt der Kunstmä-
startete Fake-Kampagne des von zenin, Modedesignerin und Medienunternehmerin. 2015
dem Philosophen und Künstler zog das Museum, inzwischen eine unverzichtbare Bil-
Philipp Ruch gegründeten Zen- dungseinrichtung in Moskau, in ein von Rem Koolhaas
trums für Politische Schönheit war modernisiertes Gebäude im Gorki-Park um. Schukowas
Fotos © Benjamin Sigg Collection. © dpa. © Teri Pengilley/eyevine. Getty Images. © Joe Hage

wie alle seine Aktionen: provoka- Institution beherbergt die weltweit größte Sammlung rus-
tiv, verstörend, hart an der Grenze. sischer Kunst seit den 50ern. Die schöne Dascha bleibt ein
So muss Polit-Kunst sein. It-Girl mit Substanz.

Larry Gagosian Gerhard Richter

99 100
Too big to fail. Immer top, aber ein-
fach kein Charts-
Material. Deshalb
außer Konkurrenz
auf der runden 100.

69
S E LR BE SP TO VR ET R DS EURC LHO RK EU MN S UT N AD U DF I ED EKRU NC SO TU C H

In Therapie
Clemens Krauss lädt Besucher seiner
Ausstellung zur Psychoanalyse – und
will aus den Sitzungen Bilder schöpfen.
Die Wiener Künstlerin und Autorin
Verena Dengler hat sich für Monopol
auf die Couch gelegt
Fotos Lukas Gansterer

Foto: XXX

70
A
ls die neue Ausstellung von Clemens Krauss in der Wie-
ner Galerie Crone eröffnet, ist die ganze Stadt noch mit
Wahlplakaten zugeklebt, am prominentesten mit de-
nen des strahlenden Siegers dieser Nationalratswahl,
dem 31-jährigen „Polit-Mozart“ Sebastian Kurz und
dessen rätselhaftem Slogan „Es ist Zeit“. Ein nicht unlustiger Zufall,
denn genau das war vor einigen Jahren der Titel einer Ausstellung
von Krauss. Und da ich in der Biografie des Künstlers gelesen habe,
dass er auch noch ausgebildeter Arzt, Psychoanalytiker sowie Guts-
hofbesitzer ist, denke ich mir erst mal: Na servas, da ist noch so ein
Wunderwuzzi in town!
Auf dem Weg durch den welkenden Schilderwald zur Galerie ver-
mischt sich das penetrante Meißeln der österreichischen Medien an
einem Bild des idealen Schwiegersohns „Basti“ mit meinen eigenen
Erfahrungen in der Kunstwelt, wo sich junge, weiße, meist heterosexu-
elle Männer scheinbar immer auf biografische Schützenhilfe verlassen
können, und die Medien dabei gerne mithelfen. Ist Krauss auch so einer?
Eigentlich weiß ich noch recht wenig über ihn. Im Internet finde
ich unterschiedliche Altersangaben von Krauss und ein Statement,
dass er sich damit nicht in die Jungkünstler-Schublade stecken las-
sen will. Bisschen Luxusprobleme, denke ich mir, aber gut, jeder hat
so seine Tricks, mit den eigenen Privilegien umzugehen. Wir wollen
doch alle den Glauben daran bewahren, die Dinge aus eigener Kraft
geschafft zu haben. Und das Zauberwort „Eigenverantwortung“, das
den konservativen Strömungen so wichtig war im Wahlkampf, spielt
auch in der Psychoanalyse eine wichtige Rolle beim Überwinden
von narzisstischen Tendenzen und ihren Ausflüchten. Weil na ja,
ich denke mir schon, wie schafft man es eigentlich, mit Mitte 30 drei
komplette Studien abgeschlossen, als Chirurg und Psychoanalytiker
gearbeitet zu haben und dann noch eine Kunstkarriere hinzulegen?
Hat er irgendwelche geheimen Neuro-Enhancer entdeckt? Ritalin-
Implantat? Einfach gute Gene? Oder ist er der leibhaftige nietzsche-
anische Übermensch, der zufällig zum „Leistung muss sich wieder
lohnen“-Rechtsruck in Österreich auftaucht?
Okay, ist wurscht, raus aus meinem Gedankenfluss. Ich kann ja
meine Vorurteile, also fachsprachlich meine „Abwehr“, gleich vor
Ort von dem Objekt meiner Projektionen behandeln lassen. Clemens
Krauss bietet nämlich während der Dauer seiner Ausstellung mit dem
Titel „Nichtwissen“ gratis anonyme „Psychoanalyse-Sitzungen“ bei
ihm selbst an, für die man sich maximal fünfmal anmelden kann. In
der Galerie sind zur Eröffnung nur wenige Werke zu sehen, im Laufe
des Monats werden sie durch Arbeiten, die der Künstler in seinem nahe
gelegenen Wiener Atelier sukzessive fertigstellt, ergänzt. In die neuen
Werke sollen die Erfahrungen aus den Sitzungen einfließen – in ab-
strakter Form, niemand soll erkennbar sein oder namentlich genannt
werden. Die Ausstellung ist also erst zur Finissage ganz fertig.
Künstler haben sich immer schon gerne auf die Couch gelegt. Ein
berühmter Fall sind John Lennon und Yoko Ono. Die beiden haben
sich 1970 der von Arthur Janov in Kalifornien entwickelten Urschrei-
Therapie unterzogen und sie nach einigen Monaten frühzeitig abge-
brochen. Diese Erfahrungen sind in ihr Album „John Lennon/Plastic
Ono Band“ eingeflossen. „Mother, you had me, but I never had you
/ I wanted you, you didn’t want me / Father, you left me, but I never
left you / I needed you, you didn’t need me“ (aus „Mother“ von John
Lennon). Auf der Website des Janov Primal Center kann man in einem
Interview mit dem Begründer lesen, dass er noch nie so viel Schmerz
bei einem Menschen während der Therapie erlebt habe.

71
SELBSTVERSUCH KUNST AUF DER COUCH

Auch der Sänger der österreichischen Rockband Wanda hat kürzlich


ebenfalls und zwar angeblich sogar ein Jahr lang so eine wissenschaft-
lich nicht anerkannte „Primal Scream“-Therapie hinter sich gebracht.
In einem Interview erwähnt der Therapeutensohn und Frontmann
der Lederjacken tragenden, Bier trinkenden Männer-Combo, der für
die Texte über Beischlaf-Fantasien mit der Cousine zuständig ist, al-
lerdings nur John Lennon als Referenz – was das zu bedeuten hat,
weiß ich nicht. Über ihr großes und einziges Trauma, dass die wunder-
schöne Jugend vorbei sei, haben Wanda jetzt bereits ihr drittes Album
geschrieben: „Traurig-schöne Kindheit in 0043“ oder „Förmlichkeit
ist das Ende der Kindheit / Und wir waren noch nicht bereit dafür“.
Hach, diese Millennials. In den extrem nervigen Interviews verwendet
Marco Michael Wanda sehr oft die Wörter „bewusst“ und „unbewusst“ CLEMENS KRAUSS„UNTITLED“,
und auch sonst viel von dem Therapeutensprech seiner Mutter, letz- AUS DER SERIE „SCHLAFENDE HUNDE“, 2017
tens ist er sogar darauf gekommen, dass vieles an ihm Projektions-
fläche (!!!) sei. Allerdings war er dann trotzdem verwundert, dass die Sitzungen angeboten habe, damals allerdings ohne Ausbildung. Auf
Presse unwahre Sachen schreibt, zum Beispiel, sie hätten gesoffen, die Frage, ob das denn nicht gefährlich sei, meint der Künstler, dass
obwohl das an dem Abend gar nicht so gewesen sei. Na! So richtig im Kunst prinzipiell alles dürfe. Auch andere Kunst, zum Beispiel Male-
Reinen scheint er mit der Trennung von Bühnen-Persona und soge- rei, könne bestimmt Psychosen auslösen.
nanntem wahrem Ich doch nicht zu sein. Er wollte dann aber doch mehr aus dem Projekt herausholen und hat
sehr ambitioniert eine sechsjährige Psychoanalytiker-Ausbildung in
Berlin am APB abgeschlossen. Dieses zu den freien Instituten zählende

„Erinnert mich an High Ausbildungszentrum verfolgt einen integrativen, pluralistischen, also


schulübergreifenden Ansatz, was gut zu Krauss’ medienübergreifender
Fashion!“ Der Künstler mus- Praxis – Video, Malerei, Skulptur – in seiner Kunst passt. Obwohl man
während so einer Ausbildung selbst eine Analyse macht, scheint es mir
tert mich von oben (Gucci) doch von Bedeutung, dass Krauss nicht vor allem eigene Probleme the-

bis unten (Versace) und matisieren wollte oder einfach nur mehr über sich selbst erfahren, son-
dern in die Position gelangen wollte, andere Menschen zu behandeln.

meint: „Also mit Fashion Als Künstler ist es oft schwierig, sich der unmittelbaren Kritik der
Betrachter auszusetzen. Werke, die im geschützten Raum des Ateliers
habe ich gar nichts am Hut!“ und oft in sehr intimem Rahmen entstanden sind, werden analysiert.
Krauss hat nun eine Art Setting geschaffen, mit der er diese unange-
nehme Situation zum Teil umgehen oder umdeuten kann, indem er
Aber dass sich Künstler gleich für die Rolle des Therapeuten in- den Besucher selbst wieder zum Studienobjekt macht, zum Patienten,
teressieren, dazu fallen mir eigentlich nur Beispiele aus der Perfor- zum Hilfsbedürftigen: eine Art Rollenumkehr.
mancekunst ein – Ann Liv Young mit ihrem Alter Ego „Sherry“ etwa, Vor meiner „Therapiestunde“ erklärt mir der Künstler noch einiges
die eine von ihr entwickelte, ins Absurde gehende „Sherapy“ und eine zu seinen ausgestellten Arbeiten. Ich habe für den Fototermin eine
Ausbildung zum „Sherapisten“ anbietet. ordentliche Schicht Make-up aufgelegt und fühle mich overdressed, als
Aber wieder zurück zu Krauss. Im Gespräch erzählt mir der Künst- wir in der halb leeren Galerie vor der aus Latex angefertigten Skulptur
ler, dass die Idee dazu von seiner MFA-Abschlussausstellung am Lon- von Krauss’ Händen stehen, in die Echthaar des Künstlers montiert
doner Central Saint Martins stamme, bei der er schon eine Form von wurde. Self-conscious wegen meines Outfits, denke ich an das Nahe-
liegendste, nämlich die Alexander-McQueen-Kollektion, die kürzlich
mit aus DNA des verstorbenen Designers produzierter Haut gefertigt
wurde, und sage: „Erinnert mich an High Fashion!“ Der Künstler mus-
tert mich von oben (Gucci) bis unten (Versace) und meint: „Also mit
Fashion habe ich gar nichts am Hut!“ Er berichtet von dem aufwen-
digen Herstellungsverfahren seiner bisherigen Skulpturen, teilweise
Ganzkörper-Figuren mit seinem Echthaar, was den Fotografen Lukas
Gansterer ziemlich beeindruckt: „Du musst ja sehr viele Haare ha-
ben!“ Die abgestreifte Hand-Plastik ist natürlich auch ein Witz über
die Handschrift eines Künstlers, hat in ihrer handwerklich perfekten
Ausführung aber gleichfalls etwas total Ernstes, und ich bin mir nicht
sicher, wie die beiden Dinge im Verhältnis zueinander stehen.
Wir gehen hinauf in einen Büroraum der Galerie, der für die The-
CLEMENS KRAUSS „VORFALL (INCIDENT)“, 2017, rapiestunden genutzt wird. Mein Interesse besteht darin, herauszu-
UND „HERGANG (OCCURRENCE)“, 2017, INSTALLATIONSANSICHT finden, wie Krauss eine Technik, nämlich die Psychoanalyse, ihrer

72
REPORT DER LOREM UND DIE KUNST

73
CLEMENS KRAUSS BLICKT AUF SEIN WERK „KÜNSTLERHAND“, 2017
SELBSTVERSUCH KUNST AUF DER COUCH

einzumarschieren. Na gut. Ich will weiter was zu der Chirurgen-Hand


sagen. Jetzt geht es um Leben und Tod. Mir fällt mein toter Vater ein,
dessen Leichnam ich vor seinem Abtransport nicht mehr habe sehen
können. Ich bin darüber immer noch traurig.
Krauss ist als Arzt schon vielen toten Körpern begegnet, zwar ohne
persönlichen Bezug, aber immerhin. Dann erinnere ich mich an einen
Traum und an Amy Winehouse. In einem Interview in dem Doku-Film
„Amy“ meinte Tony Bennett über die verstorbene Sängerin: „Das Le-
ben lehrt dich, wie du es leben sollst, wenn du es lange genug leben
kannst.“ Das ist ein guter Ratschlag. Lernen kann vieles sein, Ausbil-
dung und Technik. Ein Erklärungsmodell für die Welt kann einem
manchmal eine falsche Sicherheit geben. Oder wie mein Lieblings-
astrologe Wolfgang Döbereiner mal gesagt hat: „Die, die meinen, sie
hätten mit Wissen eine Entwicklung ersetzt: Sie haben mit Wissen
keine Entwicklung ersetzt, sondern versäumt.“
Für mich könnte das Interessante an diesem Projekt genau in den
Momenten liegen, in denen sich Arzt und Patient auf Augenhöhe tref-
fen – etwas, für das die Psychoanalyse allerdings nur mäßig geeignet
ist, da sie für den Heilungsprozess hierarchisch aufgebaut ist. Um et-
was rauszuholen, muss man sich als Patient komplett öffnen, der Arzt
bleibt im Hintergrund und persönlich nicht greifbar – sonst hätte er
vermutlich bald Probleme mit seiner Analytiker-Lizenz.
So war es in dieser Stunde auch für mich. Die intensiven Gefühle,
die bei mir aufgewühlt wurden, vom Tod meines Vaters etwa, wurden
von Krauss professionell auf meine persönliche Geschichte gelenkt.
Vielleicht wäre es interessanter gewesen, auf der Ebene der Kunst zu
bleiben und statt persönlicher Heilung eher gemeinsame neue Ideen
oder Werke anzupeilen. Dafür sollten diese Sitzungen aber eine andere
AUSTHERAPIERT? Bezeichnung als „Therapie“ bekommen, und der Künstler müsste sich
VERENA DENGLER IN DER GALERIE CRONE mehr aus seiner neutralen Beobachterrolle herauswagen.
Für mich blieb das Erlebnis Fragment. Weil die Interaktion so kurz
eigentlichen heilenden Funktion enthebt und mit seiner Kunst ver- war, weil unklar war, wohin die herausgeholten Emotionen zielten,
bindet. Die Medizin ist ja einer Funktion unterworfen, nämlich der weil man danach so allein in der Luft hing – der Drink im Anschluss
Rettung von Menschenleben, die bildende Kunst soll dagegen frei sein ging sich leider nicht mehr aus. Es ist immer schwierig, zu viele Be-
von Funktionalisierung. Ich bin verwirrt: Was ist das hier? Eine echte reiche miteinander verbinden zu wollen. Das ist etwas, wovon ich ein
Therapie kann es ja eigentlich nicht sein. Lied singen kann, hieß doch meine letzte Ausstellung als scherzhafte
Es stehen sich zwei Fauteuils gegenüber und ich frage, ob das denn Anspielung auf meine eigenen Wunderwuzzi-Bestrebungen „Jackie of
jetzt Psychoanalyse ist, die fände doch eher auf einer Couch statt? All Trades“, also sinngemäß „Hanna Dampf in allen Gassen“.
Krauss sagt, dass das mehr einer Art Vorgespräch ähnele, auf der Couch
passierten oft arge Sachen, die eine längere Betreuung bräuchten. Da
ich selbst eigentlich so gut wie gar keine Probleme habe, will ich gerne
freie Assoziation machen. Er meint, dass das zwar auch im Sitzen funk- Die Medizin ist ja einer
tioniere, wir entscheiden uns aber dann, dass ich mich auf das Sofa
an der Wand lege. Freie Assoziation soll ja möglichst ungefiltert und
Funktion unterworfen, die
ohne Selbstzensur passieren, was natürlich ein Vertrauen voraussetzt,
das sich – trotz Verschwiegenheitspflicht? – nicht so instant-mäßig
bildende Kunst dagegen soll
erzeugen lässt. Das scheint mir ein Hindernis zu sein bei diesem Pro- frei sein. Ich bin verwirrt:
jekt. Ich versuche mich aber trotzdem darauf einzulassen. Ich möchte
die Situation unten bei der Hand noch mal ansprechen. Wir kommen Was ist das hier?
von meiner „Angst vor Lebendigkeit“ und der „Angst, jemanden zu
verletzen“ darauf, dass ich ein „klassisches Papakind“ bin ... Puh, das
geht mir jetzt irgendwie alles zu schnell. Von null auf hundert. Ich erinnere mich noch dunkel an etwas, das der „Pornosoph“ Her-
Krauss, der ja auch schon als Chirurg arbeitete, hat mir vorher ge- bert Lachmayer auf einem Dinner der Vienna Art Week vor ein paar
sagt, dass er die Psychoanalyse schätzt, weil man da so richtig tief Jahren ungefähr so gesagt hat: „Eine gut genutzte Psychose ist für die
reingreifen und eindringen kann – in die Seele. Ich denke, überall Kunst vielleicht produktiver als jede Therapie.“
immer eingreifen zu wollen, hat etwas Invasives, auch wenn es na-
türlich „helfend“ geschieht – klar, man braucht ja ein Alibi, um wo „Clemens Krauss: Nichtwissen“, Galerie Crone, Wien, bis 18. November

74
21.10.2017 – 8.4.2018

Seth Price, Different Kinds of Art, 2004 (Detail), Photo: Ron Amstutz © Seth Price
Hairy

76 CHRISTINA RAMBERG „FALSE IMAGE POSTCARD“, 1968


Who?
Vergesst New York. Vergesst
Los Angeles. Die heimliche Kapitale
der US-Avantgarde ist CHICAGO.
Jens Hinrichsen spürt einem
vergessenen Kapitel der Kunst-
geschichte nach
77
REPORT CHICAGO

O
live Oyl hat mich umgehauen!“ Gladys Nilsson schwärmt
Das ist der Szene an der „Third Coast“ des Lake Michigan bis heute
für Popeyes schlaksige Matrosenbraut, die sie Ende der
nicht gelungen, trotz der wiedererweckten Kunstmesse Expo, trotz der
60er in einem alten TV-Cartoon entdeckte. Gladys, weiß
aktuell zum zweiten Mal laufenden Chicagoer Architekturbiennale,
gelockt, steht in einem Raum der Mailänder Fondazione
die am kapitalen Bau-Erbe der Metropole ansetzen kann.
Prada mit ihren Bildern, vorwiegend mit Wasserfarben Chicago gilt als die Wiege moderner Architektur, hier schoss der
gemalt, „denn ich habe Papier immer geliebt, gerade den Geruch“. Sie erste Wolkenkratzer in die Höhe. Frank Lloyd Wright begann am Lake
zeigt auf die Bilder vor Olive und nach Olive, deren Hyperaktivität die
Michigan seine Karriere, Ludwig Mies van der Rohe baute, lebte und
Konturen auf den Blättern ins Schwingen brachte. Gladys’ plötzliche Lust
starb in Chicago. Die Skyline ist imposant, doch wie sieht es hinter den
an totaler Bewegung schleuderte dann Mr Spock in ein Universum erfun-Fassaden aus, in den Ateliers? Obwohl Chicago mit dem Art Institute
dener „Enterprise“-Geschichten. Zigarren paffende Fruchtbarkeitsgöt- ideale Ausbildungsmöglichkeiten bot, machten sich viele Künstler
tinnen bevölkern ihre Bildräume und Spinnenmenschen. Nilsson spinnt aus dem Staub. Go East. Claes Oldenburg, einer der Großen des Pop,
wuchs in Chicago auf, studierte dort, zog aber schon 1956 nach New
ein Netz aus Figuren und Beziehungen, oft sexueller Art, aus dem es kein
Entkommen gibt. York. Jeff Koons, der zeitweise an der Akademie des Art Institute stu-
dierte, ging schon mit Anfang 20 nach Manhattan. Zuvor war Koons
Assistent des Chicagoer Malers Ed Paschke. Wikipedia weiß nichts

Jeff Koons, Peter Doig, davon. In Mailand sind die zwischen den Geschlechtern oszillierenden
Porträts von Paschke zu sehen. Seine Figuren flimmern wie auf alten
Kerry James Marshall: Color-TV-Sets, er malt ähnliche Farbflächen, wie man sie heute bei
Peter Doig sehen kann.
von den Chicago Imagists Künstler wie Koons, Doig oder Kerry James Marshall – der heute in
Chicago lebt – sind von den Chicago Imagists nachhaltig beeinflusst
nachhaltig beeinflusst worden, davon erzählen sie in der Dokumentation „Hairy Who and
The Chicago Imagists“ (2014) der Filmemacherin Leslie Buchbinder.
Die Tochter eines Chicagoer Sammlerpaars ist mit dem Biotop gut ver-
Die Künstlerin zählt zu den neun „Famous Artists from Chi- traut. Einen ganzen Tag lang habe sie als Kind mit Ed Paschke und
cago“, mit denen die Fondazione Prada ein vergessenes Kapitel Roger Brown, die bei den Buchbinders ein und aus gingen, Salzteig-
der US-Kunstgeschichte aufschlägt. Die Ausstellung – nur eine im figuren geknetet und bemalt, „sie sind wie proustsche Madeleines,
Chicago-Dreierpaket in Mailand – kreist die Zeit zwischen 1965 und die Erinnerung kehrt zurück, wenn ich die heute halb zerbröselten

Fotos: © Estate of Christina Ramberg and Corbett vs. Dempsey, Chicago (S. 80–S.81). Charles Krejcsi, Courtesy Pentimenti Productions.
1975 ein, das Jahrzehnt der Chicago Imagists. Ihre von Surrealismus, Figuren wieder hervorhole“, sagt Buchbinder in Mailand. Ihr Filmde-
Comics, gesellschaftlichem Aufbruch und libertinärem Gestus ge- büt, eine fesselnde Hommage auf die Chicagoer Szene der 60er- und
prägte Kunst kennt in Europa kaum jemand. Und auch für Amerika 70er-Jahre, erzählt die ganze Geschichte einer Künstlergeneration.
galt: Das Unternehmen Pop-Art schluckte jede Konkurrenz. Jasper „Ihre Sprache war die der Maxwell Street und ihres hektischen Floh-
Johns, Andy Warhol, Roy Lichtenstein waren die Chefs, New York die markts“, erklärt Buchbinder.
Kunstmachtzentrale. Erst in den 80er-Jahren begann die Westküste Im kunstmarktfernen Chicago gab es wenige Galerien, immerhin
mit Baldessari, Ruscha, Kelley aus dem Schatten New Yorks zu treten. aber das Hyde Park Center, wo der Künstler-Kurator Don Baum ab
1966 eine ganze Reihe von Gruppenausstellungen
lancierte. Drei Jahre später, im neu eröffneten Mu-
seum of Contemporary Art, wurden die Künstler
der Schau „Don Baum Says ,Chicago Needs Famous
Artists‘“ wie Stars gefeiert.
Immerhin ein Drittel von ihnen waren Frauen,
kein schlechter Schnitt, wenn man bedenkt, dass
Künstlerinnen an den Zentren in New York und Los
Angeles sich gegen die Platzhirsche kaum durch-
setzen konnten. „Als mein Sohn geboren wurde“,
erzählt Nilsson, „habe ich die Lösungsmittel weg-
geschlossen und von Acryl auf Wasserfarben um-
gesattelt. Ich wollte mein Baby nicht mit giftigen
Händen wickeln. Aber meine Kunst aufgeben? Das
hätte auch Jim nie zugelassen.“
Gladys Nilsson und Jim Nutt, mit dem sie bis
heute verheiratet ist, lernten sich an der Akademie
des Art Institute of Chicago kennen. Die Hochschule
verbindet alle Chicago Imagists (wie die Kunstströ-
mung 1972 vom Kunstkritiker Franz Schulze ge-
FÜNF HAIRY-WHO-KÜNSTLER: KARL WIRSUM, ART GREEN, GLADYS NILSSON, nannt wurde). Das Art Institute war Akademie und
SUELLEN ROCCA UND JIM NUTT, 1967 Museum zugleich, die Studenten wuchsen mit Ori-

78
Kunsthalle Wien

COMICS VON
THE HAIRY WHO

ginalen auf. Anders als in New York kam in Chicago niemand auf die
Idee, sich von der europäischen figurativen Tradition abzusetzen.
Vor allem der Surrealismus hatte es den Imagists angetan.
Im Jahr 1966 trafen Gladys Nilsson und Jim Nutt auf Don Baum,
der ihrer Karriere auf die Sprünge half. Der Kurator am Hyde Park
Center setzte auf den Synergieeffekt einer Gruppe, eigentlich einer
Gruppenausstellung, denn die Initiatoren ahnten nicht, dass aus
einem Gruppenprojekt ein überregional erfolgreiches Label werden
würde: The Hairy Who. Nach Nilsson und Nutt wurden Art Green,
Jim Falconer und Suellen Rocca für die Schau im Hyde Park Center
gecastet. Zuletzt kam Karl Wirsum hinzu, dem das Projekt den Titel
verdankte. Als jemand nämlich den in Künstlerkreisen unbeliebten
Radiokritiker Harry Bouras erwähnte, stellte Wirsum sich dumm:
„Harry wer?“ – und hatte prompt The Hairy Who aus der Taufe ge-
hoben. Insgesamt sechs Ausstellungen bestritt das Sextett. Unter
der Ägide von Don Baum poppten zwischen 1968 und 1971 noch
weitere Namen auf, die wie verrückte Bandnamen klangen, auch
Credit: Florian Hecker, FAVN, processed performance still, Courtesy the artist;

Ab 1966 poppten im
Original photography © Alte Oper Frankfurt, Norbert Miguletz, 2016

Hyde Park Center verrückte


Bandnamen auf. The
Hairy Who, False Image,
Chicago Antigua
dort steckten Ausstellungen dahinter: „Non-Plussed Some“, „False
Image“, „Chicago Antigua“. Karnevalistische Eröffnungspartys
wurden gefeiert. Mindestens ein Dutzend Chicagoer Art-Institute-
Absolventen steckte Don Baum in die verschiedenen Projekte. Den
www.kunsthallewien.at

Abschluss markierte die Ausstellung „Marriage Chicago Style“.


Suellen Rocca heiratete den Kollegen Ed Paschke, ganz in Weiß,
„aber nur fürs Happening“, wie Rocca berichtet.
Museumsquartier
#Hecker
17/11 2017– 14/1 2018
80

OBEN: GLADYS NILSSON „STUDEE: 2 OF 2 – BRN & BLU“, 1969


RECHTS: ED PASCHKE „COBMASTER“, 1975

REPORT CHICAGO
Fotos: Roberto Marossi, Courtesy of the Artist and Garth Greenan Gallery, New York. © Elmhurst College Art Collection
REPORT CHICAGO

relle wie „Mt. Vonder Voman During Turest


Rush“ – die Superheldin Wonder Woman als
Touristenfelsen, auf dem winzige Touristen
herumkraxeln. Ähnlich präzise und scharf
umrissen malte Christina Ramberg in Kor-
sagen eingeschnürte Frauenkörper, fragmen-
tiert, die Köpfe vom Bildrand abgeschnitten.
Suellen Rocca orientierte sich an altägypti-
schen Fresken und schrieb Bildzeichen von
tanzenden Paaren oder Damenhandtaschen
als Transkript erotischer Wünsche auf ihre
Leinwände.
Die Künstler um The Hairy Who waren
keine Aktivisten. Doch mit Lust und Neugier
hinterfragten sie gesellschaftliche Tabus, die
um sie herum zu wackeln begannen. So um-
riss Jim Nutt mit abenteuerlich geschwunge-
nen und gezackten Linien Charaktere, deren
Geschlecht oft vage blieb. Für die noch tief im
Puritanismus verwurzelte US-Gesellschaft
mussten Nutts Figuren eine Zumutung sein.

Courtesy the Estate of Leon Golub and Hauser & Wirth. Courtesy Collection of KAWS. Roberto Marossi, Private collection, Deeri eld, IL, Courtesy Karen Lennox Gallery
Er nahm sich die Freiheit trotzdem. In Chi-
cago ging das.
OBEN: LEON GOLUB „WHITE SQUAD IV (EL SALVADOR)“, 1983. Um die ganze Geschichte der Chicago Ima-
UNTEN: H. C. WESTERMANN „THE SILVER QUEEN“, 1960 gists zu erzählen, muss man eine Generation
vor The Hairy Who zurückgehen. Auch H. C.

Fotos: Courtesy Ulrich Meyer and Harriet Horwitz Meyer Collection, Chicago, Foto: © The Nancy Spero and Leon Golub Foundation for the Arts,
Die 60er- und 70er-Jahre, das war die Zeit des Civil Rights Movement Westermann und Leon Golub, beide Jahrgang 1922, studierten am Art
und der US-Frauenbewegung. Und auch am Lake Michigan wurde Institute. Während die New York School der 40er unter Innovations-
heftig gegen den Vietnamkrieg protestiert. Im August 1968 ging die druck stand und die Gegenständlichkeit über Bord warf, war restlose
Chicagoer Polizei brutal gegen Antikriegsdemonstranten vor, 1969 Abstraktion im Chicago der frühen 50er keine Option.
wurde einigen linken Aktivisten, den Chicago Seven, der Das hatte auch mit einem Trauma zu tun, das in Bildern verarbei-
tet werden musste. Westermann und Golub kämpften beide
im Zweiten Weltkrieg, ihr Kunststudium verdankten sie der
Die erste Generation um „G. I. Bill of Rights“, einem US-Bundesgesetz, das Soldaten
zur Rückkehr ins Berufsleben verhalf. Gemeinsam mit
The Monster Roster, Leon Nancy Spero – sie heiratete Golub 1951 – und 13 weiteren
Künstlern bildeten sie die Chicagoer Gruppe The Mons-
Golub und H. C. Wester- ter Roster, die stark von der Art brut Jean Dubuffets

mann verarbeitete beeinflusst war und sich überaus düstere Sujets von der
Seele malte.
den Zweiten Weltkrieg Die Nord- und die Südgalerie der Fondazione Prada
konfrontieren uns nun mit Leon Golubs epochalem The-
ater der Grausamkeit. Der Maler war 20 Jahre älter als die
Prozess gemacht. Vor allem der Künstler Roger Brown Gruppe um Nutt, Nilsson und Rocca, doch zeitlich folgen
griff Unruhe und Gewalt auf den Straßen auf. In seinen Golubs Gemälde auf die Werke der Jüngeren, sie stammen
von Giorgio de Chiricos Pittura metafisica inspirierten aus den späten 70ern bis frühen 80ern und beziehen sich
nächtlichen Stadtlandschaften tummelten sich Gangs primär auf den Vietnamkrieg. Viele der monumentalen,
oder liefen vereinsamte nighthawks aneinander vorbei. rahmenlos auf die Wände getackerten Bilder stammen aus
Wie Nilsson bewundernd erzählt, malte Brown mitunter in der „Mercenaries“-Serie (deutsch: Söldner), radikal enthüllen
seine Bilder hinein, was er erst in der Morgenzeitung über sie, was der Mensch dem Menschen antut: Erniedrigung, Fol-
Rassenunruhen oder Überfälle gelesen hatte. ter, Mord. Formal schloss Golub durchaus an den Abstrakten
Karl Wirsum verehrte die schwarzen Musiker des Chicago Expressionismus an, doch stellte er die Ästhetik vom Kopf
Blues und schuf malerische Hommagen auf Screamin’ Jay auf die Füße: Dicke, schrundige Farbe dient ihm – bei den
Hawkins und andere Performer, die er aus vibrierenden „Napalm“-Bildern – zur Darstellung verbrannter Haut.
Farbornamenten wob. Und wo Golub Farbe von der Leinwand wegkratzt, re-
Die Künstlerinnen griffen gern ironisch zeitge- kapituliert er symbolisch die Grausamkeit, die Opfer
nössische Frauenbilder auf. Nilsson malte Aqua- militärischer Willkür erleiden müssen.

82
REPORT CHICAGO
JIM NUTT „SHE TRICK“, 1970
REPORT CHICAGO

ED FLOOD „KICK ME“, 1968

Golub, ein Künstler aus Chicago? In der Rezeption des dreimaligen zione aufgereiht wie in einem morbiden Warenhaus. Westermann war
Documenta-Teilnehmers wurde das nie als wichtig erachtet. Germano passionierter Tischler, seine wie Roboter wirkenden Holzfiguren, die
Celant, Direktor der Fondazione Prada, findet das „kurzsichtig“. Das Miniatursärge, Kreuze und die reduzierten Tableaus sind mit Akribie
von ihm kuratierte Ausstellungstrio soll die Metropole endlich in den gefertigt. Immer wieder baute Westermann von Haifischflossen um-
Fokus rücken. „Kunsthistoriker waren immer sehr auf New York kon- ringte Schiffsmodelle: sein Reflex auf einen knapp überlebten Schiff-
zentriert“, sagt Celant. „Andere Szenen wurden kaum wahrgenom- bruch, bei dem zahllose Kameraden von Haien gefressen wurden.
men. Man praktizierte Figuration und Narration, zeitweilig die No- Der Krieg habe bei Westermann deutliche Spuren hinterlassen, gab
Foto: Tom Van Eynde, Courtesy Corbett vs. Dempsey

Gos des 20. Jahrhunderts, und so wurden Künstler wie Ed und Nancy Künstlerkollege Ed Ruscha gegenüber Buchbinder zu Protokoll: „Man
Kienholz, Bill Copley oder Leon Golub als Solitäre aussortiert. Das wa- sieht die Traurigkeit, die Verzweiflung, die Armseligkeit, und das ist
ren Outsider. Schlimmer noch: Wer Krieg und Gewalt thematisierte, etwas, das ihn das Künstlerdasein hat wählen lassen. Er hat mit all
war in New York ungern gesehen. So was verkaufte sich schlecht.“ diesen Sachen sein Werk geimpft.“ Neben dem bildhauerischen Werk
Leslie Buchbinder arbeitet an ihrem zweiten Film, einer Doku präsentiert Celant Westermanns ätzende Cartoons. Zeichnungen ei-
über H. C. Westermann, eine der schillerndsten Figuren der ameri- nes ehemaligen GI, der sich – spätestens nach seinem zweiten Einsatz
kanischen Nachkriegs-Kunstgeschichte. Pünktlich zur großen Wes- in Korea – in einen entschiedenen Kriegsgegner verwandelt hatte.
termann-Retrospektive, die von Madrid aus (Reina Sofía, ab Februar Heute riecht die Luft wieder nach Krieg, und so wundert es nicht,
2019) durch Europa tourt, soll die 3-D-Dokumentation fertig sein. Ste- dass das Interesse an den Monster Rosters neu entflammt. Der Ty-
reoskopie scheint den Skulpturen angemessen, 53 dieser surrealen, pus des politischen Künstlers, wie ihn Westermann, Golub oder Spero
kompakten, untereinander kontaktscheuen Objekte sind in der Fonda- verkörperten, ist wieder gefragt, und Kunst soll – wie die Documenta

84
es versucht hat – wieder Flagge zeigen. Aber wie politisch sind die
„Famous Artists“? Die zweite Chicagoer Generation hatte kein
Kriegstrauma zu verarbeiten. Trotzdem sind die Werke von Nutt,
Ramberg oder ihrem Kollegen Ed Flood – anders als bei Lichten-
stein, Rosenquist, Warhol – weder hedonistisch noch immun gegen
soziale Realitäten.
„Ich liebe vor allem die Werke von Jim Nutt und Christina Ram-
berg“, sagt die 1955 geborene Malerin Amy Sillman, die in Chicago
aufwuchs, aber schon lange in New York lebt, im Gespräch mit
Monopol. „Die Chicagoer unterscheiden sich deutlich von der New
Yorker Tradition, wo es diese malerische Offenheit gab. Nutt und Co
arbeiten präzise und zielgenau auf ein Endergebnis zu, ihre Werke
© Annie Leibovitz Meryl Streep, New York City, 1981
sind hart statt soft, festgefügt statt locker, klein- statt großformatig.“

Amy Sillman schätzt die ANNIE LEIBOVITZ


Chicagoer als „cartoonish, 24.11.2017 – 27.04.2018
witzig, verzerrt, imaginativ
und narrativ“ Opening hours:
Monday through Friday, 10 am to 4 pm and by appointment
Christmas break: 23.12.2017 – 1.1.2018
Kunsthandel Jörg Maaß | Rankestraße 24 | 10789 Berlin
Sillman charakterisiert die Kollegen mit Begriffen wie „cartoonish, T +49 (0)30 - 211 54 61 | F +49 (0)30 - 218 11 97
übertrieben, witzig, verzerrt, imaginativ und narrativ“. Konformis- kontakt@kunsthandel-maass.de | www.kunsthandel-maass.de
mus gegenüber New Yorker Standards sei den Künstlern fremd,
doch „paradoxerweise ähneln sie manchmal der Pop-Art“.
Heute ist es üblich, die Malpraxis ins Performative zu erweitern
oder Comics zu veröffentlichen. Bei Nicole Eisenman, Sanya Kan-
tarovsky, Allison Katz, Ella Kruglyanskaya, Amy Sillman, Grace
Mischa Kuball
Weaver oder Amelie von Wulffen gehört das Cartooneske zum fes-
ten Inventar. Bei Aaron Curry findet man aus Comics und Graffiti
destillierte Formen in Gemälden wie Skulpturen. Curry, 1972 in
res·o·nant
Texas geboren, hat bis 2005 an der School of the Art Institute of ab 17. November 2017
Chicago studiert, sein Lehrer war Karl Wirsum, der bis heute zu
seinen Lieblingskünstlern zählt. Die Chicagoer, erzählt Curry Mo-
nopol, „haben bis heute gewaltigen Einfluss auf mich. Sie benutzen
die visuelle Sprache der Popkultur, aber statt sich Bilder einfach
nur anzueignen, wie viele Pop-Künstler der 60er es taten, schaffen
sie neue Bilder.“
Ob die im Chicago der 68er groß gewordenen Storyteller ihre
verdienten Lorbeeren ernten, ist noch nicht ausgemacht. Nach
Mailand wird im Art Institute of Chicago, zeitgleich zur Expo
2018, nächsten Herbst eine Schau um The Hairy Who eröffnen.
What happened in Chicago, stays in Chicago? Müsste man die
Kunde nicht in die Welt hinausposaunen? „Ach wissen Sie“, sagt
Gladys Nilsson, „mir fehlt die Zeit, mir über unseren Platz in der
Kunstgeschichte den Kopf zu zerbrechen.“ Sie arbeitet lieber für
ihr nächstes Solo in der Garth Greenan Gallery in New York. Am
Art Institute lehrt sie auch noch. „Ich sage immer zu meinen Stu-
denten: Spaß haben ist kein Verbrechen“, sagt Nilsson. „Je mehr
Spaß ihr bei der Arbeit habt, desto freier werdet ihr. Und mit der
Freiheit kommt die Fantasie.“

„Leon Golub“, „H. C. Westermann“, „Famous Artists from Chicago“,


Fondazione Prada, Mailand, bis 15. Januar 2018

Lindenstraße 9 – 14 · 10969 Berlin · jmberlin.de/resonant


Ein
klarer
Fall
von
TRASH –
über ein ubiquitäres
Phänomen in der
Kunst der Gegenwart. Foto: Ullstein Bild/Rex Features/Errebi/AGF/Shutterstock [M]

Ein Essay von


Ulf Erdmann Ziegler

Mark Bradfords „Tomorrow Is Another Day“


wurde im US-Pavillon auf der Venedig-Biennale gezeigt
86
ESSAY TRA SH

I
m Spätsommer dieses Jahres fand ich mich wieder in einem Der mehr oder weniger braune Schlingenkoloss also ist „Körper“, und
prächtigen, zeitgenössischen Museum aus Marmor und Glas, das Band, anorganisch, dessen Kommentar. Ich will nicht leugnen, dass
und staunte über ein bildhauerisches Werk. Es war massiv und mich das grelle Fähnchen gestört hat. Auf meinen eigenen Fotos finde
transparent, konkret und abstrakt, volkstümlich und schwie- ich es nicht wieder.
rig, und schien sich in alle Richtungen zugleich zu bewegen. Es kommt nicht darauf an, wie „nieder“ ein Sujet ist. So hat zum Bei-
Es behauptete, dass es nichts gebe, was nicht ginge, und was auszufüh- spiel der Mexikaner Francisco Toledo mit seinen „Los cuadernos de la
ren möglich sei, auch ausgeführt werden müsse. Wer auch immer dieser mierda“ (2003) einen Aquarellzyklus geschaffen – witzig, verschroben,
Tony Cragg sein mag – ein Konzern unter diesem Namen? –, er bot dem härchensträubend. Toledo strickt eine ganze Mythologie um die Scheiße,
Publikum im luxemburgischen MUDAM maßlos alles und nahm den aber nicht, um sie zu denunzieren, ganz im Gegenteil. Wenn aber Sarah
Kollegen gleichzeitig so gut wie alles weg. Dennoch, es gab daran etwas, Lucas ein schmutziges Klo in eine weiße Kunstgalerie stellt – 20 Jahre
was fehlte. Nur das Wort dazu – das fehlte mir auch. her –, dann sind wir näher dran. Sie meint mit dem Ding nicht den ir-
Später ist es mir eingefallen: Trash. Wie ein Blick in die gängigen dischen Leib, sondern das Ding als Zwang. Sie betritt das Terrain der
Lexika zeigt, ist Trash keine künstlerische Kategorie, kein Genre, kein Konsumkritik von hinten, für englische Tabloid-Verhältnisse also skan-
Kampfbegriff der Kritik und keine Schule. Das Nächste, das ich finden dalös. 2015 dann bestückte sie den britischen Pavillon mit vielbrüstigen
kann, ist „The Ashcan School“, ein Etikett, das um 1900 einer Gruppe von Lakritzfiguren, Gipsabgüssen von Frauen (Unterleib) und einer in sich
Malern in Philadelphia angeheftet wurde, die sich dem Alltag und der so- verdrehten Riesen-Knetfigur im Portal, die den Ausdruck vom Steifen als
zialen Wirklichkeit zugewandt hatte und auf ihrer folgenden Etappe als „drittem Bein“ visuell plausibel machte, betitelt „Gold Cup Maradona“.
„New York Realists“ durchsetzen konnte – Sozialkritik. Der Ascheimer Das alles war sparsam gesetzt und in Form gezwungen, also auf keinen
ist übrig geblieben als fast schon zärtliches Kompliment. Fall Trash, mit einer Ausnahme: Zigaretten, die den Unterleibstorsi zwi-
Um die wahrscheinlichste Quelle nicht auszusparen, hatte ich mir schen die Beine oder in den Po gesteckt waren. Trash rührt bösartig an
vorgenommen, Susan Sontags „Kunst und Antikunst“ noch einmal zu der Konvention, selbst wenn es, wie in diesem Fall die Torsi, die eigene ist.
lesen, aber nur, um zum wiederholten Mal festzustellen, dass so zwar im
Deutschen ein Buch von ihr heißt, sich darin aber kein Essay mit diesem
Titel findet. Schade eigentlich. Immerhin ist Antikunst ein halbwegs gän-
giger Begriff, so wie Ikonoklasmus oder Kitsch. Im Kern der Begeisterung
Den Anfang von Trash würde ich nicht in den geborstenen Fensterschei-
ben romantischer Malerei suchen, weil die praktische Unbrauchbarkeit für Trash liegt Ekel.
des Gegenstands dort den Zustand der Seele meint. Trash beginnt, wo
Künstler von der Seele nichts mehr wissen wollen, oder sich indirekt über
Es kann ein Ekel vor den
Künste, die Seelisches verhandeln, lustig machen. Vielleicht ging es vor 100
Jahren los, als einer eine Holzleiste auf eine Leinwand klebt, die dennoch
Dingen sein, dem Menschen,
bemalt werden soll. Der Abschied von einer jahrhundertealten Tradition, der Gesellschaft
in der Malerei und Relief zweierlei gewesen waren. Aber hoppla.
Dennoch, Unbefangenheit oder Zwanglosigkeit reichen nicht aus. Es ge-
hört zum Trash auch etwas Böses dazu, oder nein, das ist übereilt. Eher so:

D
Wenn man den Trash lässt, dann zieht er auf Dauer böse Stimmungen an. er Zufall wollte es, dass ich, während ich mir Notizen
Zunächst gibt es da ein übersteigertes Interesse für abseitige Dinge, an dem für diesen Essay machte, im Deutschlandfunk einen
sich die Zeitgenossen stören. Dazu gehörten einst verrostete Werbeschilder Soziologen hörte, der sich vorgenommen hat, das Pub-
an hölzernen Scheunen bei Walker Evans. Die Ausstellung über Evans im likum des Horrorfilms mit den Mitteln seines Fachs zu
Centre Pompidou in diesem Sommer beharrte darauf, dass dieser Fotograf analysieren. Ich sah sofort einen bestimmten Typ des
das vernacular entdeckt hätte, ein amerikanisches Wort, das sich, obwohl jungen Mannes vor mir – wobei er auch gealtert sein kann –, aber ein
im Ursprung lateinisch, in Europa nicht mehr einbürgern will. Es meint in gewisser Habitus gewollter Entgrenzung, der eigentlich zur Pubertät ge-
der Tat einen Bezug zur Dingwelt, der in der Kolonialisierung Nordameri- hört, bleibt charakterlich konserviert. Es gibt da eine Parallele bei Heavy-
kas erst manifest geworden ist, etwas zwischen häuslicher Improvisation Metal-Fans, und eben auch in der Kunstszene bei den Fans von Trash.
und Kulturindustrie. Merkwürdig nur, dass Evans trotz der Reihung dieser Im Kern der Begeisterung für Trash liegt Ekel. Schwieriger zu fassen
Motive in Paris aussah wie ein Klassiker. ist, wo der Ekel herkommt. Es kann ein Ekel vor den Dingen sein, dem
Und jetzt: Mark Bradford im US-amerikanischen Pavillon in Vene- Menschen, der Gesellschaft, dem Anspruch von Kunst oder auch vor
dig spielt ohne Zweifel mit den unbrauchbaren Resten des Alltags, dem sich selbst. Der Trash-Fan sehnt sich nach Aufruhr, will die Störung des
Staub und den Krümeln, dem Tang und den Exkrementen. Nicht, dass Betriebs – die Diskursverwalter aussperren. Er ekelt sich nicht vor dem
er das alles (wie Beuys 1972 bei seiner legendären Putzaktion „Ausfegen“ Trash, sondern im Gegenteil, identifiziert sich damit. Leichter wäre es
in Berlin-Neukölln) tatsächlich in Los Angeles zusammengeharkt hat, eigentlich, ganz gegen die Kunst zu sein, gegen den Aufwand, den Kult,
nein, es sind sehr wohl Artefakte, und der Rundgang endet mit groß- den Geldwert und die Gelehrsamkeit. Trash aber reißt den Diskurs auf
formatigen Gemälden – schrundigen Oberflächen, die zwischen Philip und kehrt das Innere nach außen, so wie man ein Kleidungsstück auf
Guston und Julian Schnabel rezeptionsästhetisch bombenfest positio- links dreht. Immer wieder wächst Publikum nach, das sagt: Das passt
niert sind. Mitten im auf Abriss getrimmten Pavillon steht eine hohe, mir aber gut! Der Trash vermehrt sich wie sonst nur die Quallen am
in sich verschlungene Skulptur in einem bräunlichen Grundton, an der Lido. Es gibt Dorf-Trash, Unicef-Trash, Gender-Trash, Transen-Trash,
ein grelles Plastikband haftet. Es sieht so aus, als gehöre es da nicht hin. Konsumterror- und Lebensmüdigkeits-Trash.

87
ESSAY TRA SH

Es ist zwar wahr, dass die Kunst über Jahrhunderte auf die Narrative denn dieser ist wiederum längst Kanon, und wäre es niemals geworden
der Antike und der Bibel gebaut war, aber es reicht ja schon ein Altarbild ohne seinen psychopathologischen Anker – jene Vergeblichkeit und
von Hieronymus Bosch, um zu zeigen, dass Künstler das „Abjekte“ schon Verstricktheit, für die der Künstler ein hinreißendes Wort gefunden hat:
immer im Blick hatten. Der museale Kanon mag das verschleiern, aber „Junggesellenmaschine“. Das Gefundene am Trash steht aber feindlich
bildende Künstler waren selten die Interpreten der herrschenden Moral. zur Theorie. Jedenfalls einer Theorie der Ästhetik.
Die Verknüpfung von Malerei und heroischem Auftrag – erst dem „geis-

F
tigen“ und später dem „sublimen“ – tauchte erst auf, als die Sujets sich olgt man dem Pfad von Fischli/Weiss, erreicht man bald das
verflüchtigten, ist also ein Exzess expressionistischer „Materialästhetik“, Plateau, das Realismus heißt. Zum Realismus gehören die
verkehrt in Religionsersatz. Das musste gebrochen werden. Es kann kein Beobachtung, eine bildliche Strategie und ein imminenter
Zufall sein, dass ein junger Texaner, der aus einer geistig völlig verarmten Sinn für die Endlichkeit eines Kunstwerks. Das unterschei-
Ölpumpenstadt stammte, den freien Umgang mit der Farbe auf groteske det den Realismus von der Wirklichkeit. Allerdings sind
Collagen übertrug, deren gewollte Grobheit schwer dilettantisch rüber- diese Künstler Schweizer und insofern tüchtig im Ansatz und von ver-
kam, jedenfalls am Anfang, 1954. Fünf Jahre später hatten sich Robert blüffender Bescheidenheit im Ergebnis. Dies zum universalen Prinzip
Rauschenbergs „Combines“ zu einem hocheleganten Werk ausgewach- zu erheben, wäre zu eng.
sen, hintersinnig im Ganzen und im Detail, deren Rest von grober An- Pop, Fluxus und Appropriation mussten sein, und Trash muss eben
mutung komplett kalkuliert war. Einen ganz ähnlichen Verlauf, nur um auch sein. Trash besteht auf der Rückansicht der Vorderseite, auf dem
wenige Jahre später, nahmen das Werk von Claes Oldenburg, dann das Reichtum der Müllhalden der Welt. Eine schlagende zeitgenössische Ant-
von Edward Kienholz und später von Mike Kelley auch. wort fand man bei den diesjährigen Skulptur Projekten Münster. Dort
hatte Michael Dean den gründerzeitlich-antikisierenden Lichthof vom
ersten Stockwerk herab mit einer Plastikplane abgehängt. Im zeitlosen
Licht der Halle, die den emotionalen Kern des Landesmuseums darstellt,
Trash besteht auf der war ein höllisches Bühnenbild aufgebaut, ein Ungarten, dessen Wege
ausgelegt waren mit gekneteten „Steinen“, während die Vertikale ange-
Rückansicht der Vorderseite, deutet wurde durch aberwitzige Laternen oder Stelen. Drahtgeflechte,

auf dem Reichtum Textil-Blüten und Manuskript-Lampenschirme trugen bei zur demonst-
rativen Verundeutlichung der Formgebung. Allerdings waren die unele-
der Müllhalden der Welt ganten Knetformen dann überraschenderweise gegossene Bronzen. Die
notorischen Plastikbänder lasen sich nicht „Police Line – Do Not Cross“,
sondern „Tender Tender“ (so hieß die Installation) und „Fake Sake“, ein
kaum zu entschlüsselndes Wortspiel, hinter dem sich ein weiteres auf-

W
ie an der Ascheimerschule schon zu beobachten tat – Plastiktütenmotiv –, das Palimpseste von „I Love You“ auftürmte
war, kann jedes geringe Sujet kunstvoll dargestellt bis zum Abwinken. Der poetische Unort war begehbar, und ließ man
werden, ja metaphorisch verwandelt oder trans- sich kniend darauf ein, entdeckte man in unauffälligen Miniaturen die
zendiert. Deshalb ist die Pop-Art auch nicht Volks- gekreuzten Finger, die den Schwur ungültig machen sollen. Natürlich
kunst geworden, sondern eine Bewegung weniger hinter dem Rücken, und das ist es ja, was Trash ausmacht – als Genre
Meister mit einem Schwung von mehreren Jahrzehnten. Das „Geringe“ der Leugnung, des Auswegs, der Renitenz und der Scham.
als malerisches Sujet ist tief eingeschrieben in die Kulturgeschichte. Also
kommt Trash in der Malerei immer über den Umgang mit dem Mate-
rial. Was einst der schmalspurige Zugang der Sonntagsmaler war, das
borniert Pittoreske, hat sich ins Gegenteil verwandelt: eine extrem laute Der Trash-Fan sehnt
Nischen- und Laienkunst, ubiquitär – gewollt, aber nicht gekonnt. Dann
kommt der Kurator und sagt: gewollt. Entschiedene Stümper reüssieren
sich nach Aufruhr, will
als Outsider. Die Malerei jedoch, als Superware des Kunstbetriebs, wird
von diesem in rasender Geschwindigkeit sortiert. Daran können die al-
die Störung des Betriebs –
ternativen Messestandpunkte in Basel nichts ändern, im Gegenteil, sie die Diskursverwalter
sind das Futter des gefräßigen Systems.
Es wäre unmöglich, einen Antikanon der Kunst aufzustellen, der be- aussperren
sagt: Immer wenn Konservendosen, blaue Müllsäcke oder ausrangierte
Schaufensterpuppen Verwendung finden, sei das daraus resultierende
Kunstwerk auf jeden Fall Trash. Und doch hat es zu tun mit einem Kurz- Soeben kam aus den USA der Zugang zur Dropbox mit den Bildern des
schluss von Material und Bedeutung. Wenn man einen Gegenstand aus Pavillons in Venedig. Die genaue Inspektion offenbart auch das Plastikband
Polyäthylen nachschnitzt und dann kunstvoll so bemalt, dass er aussieht am bräunlichen Turm von Mark Bradford, so ungefähr in Türkis. Natür-
wie ein Eimer Wandfarbe aus dem Baumarkt, dann ist man sicher situ- lich muss es da sein, weil es da nicht hingehört. Antikunst als Retusche im
iert im Trompe-l’Œil, egal ob Ironiker oder Realist (Fischli/Weiss: „Raum letzten Augenblick. Alles ist offen. Nichts ist für immer. Vieles ist möglich.
unter der Treppe“ im MMK Frankfurt). Wenn aber der Eimer einfach
Ulf Erdmann Ziegler lebt als Kunstkritiker und Schriftsteller
aus dem Baumarkt geholt wird, ist Trash-Alarm auf höchster Stufe. Der
in Frankfurt am Main. Sein jüngster Roman „Und jetzt du, Orlando!“
Rückverweis auf Marcel Duchamps Flaschentrockner hilft da gar nichts, erschien 2014 im Suhrkamp-Verlag

88
KARLSRUHE
Klassische Moderne
und Gegenwartskunst
22. – 25. Februar 2018

Messe Karlsruhe | www.art-karlsruhe.de


PORTFOLIO

JOEL
MEYEROWITZ
IN SEINEM PORTFOLIO FÜR MONOPOL BLICKT DER PIONIER
DER KÜNSTLERISCHEN FARBFOTOGRAFIE NOCH EINMAL ZURÜCK
AUF SEIN WEGWEISENDES WERK – UND VERRÄT
IM INTERVIEW SEINE PLÄNE FÜR EINEN RADIKALEN NEUBEGINN
NEW YORK CITY, 1963
91
LINKS: MIAMI BEACH, FLORIDA, 1978
RECHTS: SARAH, PROVINCETOWN, MASSACHUSETTS, 1980
PORTFOLIO

DAIRYLAND, PROVINCETOWN,
MASSACHUSETTS, 1976
PORTFOLIO

95
LOS ANGELES AIRPORT, CALIFORNIA, 1976
PORTFOLIO

INSIDE THE PILE LOOKING WEST, 2001


PORTFOLIO

99
NEW YORK CITY, 1963
PORTFOLIO

ie Welt ist nicht nur schön, sie ist auch bunt, Hollywood galt als kommerzielle Unterhaltung, und Farb-

D doch genau das war lange ein Tabu. Wenigs-


tens in der seriösen Kunstfotografie. Joel
Meyerowitz gehörte zu jenen Pionieren, die
fotos wurden für Werbung und Hochzeiten gemacht. Die
anspruchsvolle Fotografie war schwarz-weiß: Ansel
Adams, Edward Weston, die ganze Fotogeschichte. Aber
Anfang der 60er-Jahre wie selbstverständlich die Röte als ich 1962 Farbfilme belichtete, dachte ich, fein, so sieht
eines Cola-Schildes zu genießen wussten. Oder, 1980 in die Welt aus. Wenn man schwarz-weiß fotografiert, kon-
Provincetown, die der Sprossen einer Sommerschön- vertiert man die ganze Zeit. Man sieht diese rote Jacke die
heit. Bekannt wurde Meyerowitz mit – noch schwarz- Straße entlangkommen und denkt: Ah, das ist ein 60-pro-
weißen – Straßen- und Momentaufnahmen von zentiges Grau. Und der Himmel dahinter ist ein 40-pro-
manchmal verschmitztem Formbewusstsein: wie etwa zentiges Grau. Die Farbe verlangt eine ganz andere Welt-
das Bildnis der unsichtbaren Kinokassiererin hinter erfahrung in ihrer vollkommenen emotionalen Skala. So
dem Sprechfenster ihres Kassenhäuschens, 1963 am habe ich die Welt gesehen: Ich sah die Vibration dieses
Times Square geschossen. Ob sie ihn wohl gesehen hat? Gelbs gegenüber diesem Blau.
Das Sich-unsichtbar-Machen ist das Handwerkszeug der
Straßenfotografen. Meyerowitz’ vielleicht schönste Wie haben Sie denn das Ruder herumgerissen und die Farb-
Arbeiten leben dagegen von der Langsamkeit: „Cape fotografie durchgesetzt?
Light“, sein Fotobuch von Licht- und Landschaftsstu- Wir zeigten unsere Dias überall. Was wir hörten war: Wa-
dien im Küstenort Cape Cod in Massachusetts, wurde rum verschwendet ihr eure Zeit? Woher kommen Vorur-
schon beim Erscheinen 1979 zum Klassiker. teile? Sie stecken fest in einer Zeit, die irgendwann die
Vergangenheit ist. Jungen Leuten ist das egal. Nicht weil
„Why Color?“ lautet der Titel Ihrer Retrospektive bei C/O sie wilde Tiere sind, sondern weil sie versuchen, in der
Berlin. Das war ja auch die Frage vieler Kritiker, als Sie sich Gegenwart zu leben. Fotografie ist immer mit den techni-
in den 70er-Jahren als einer der ersten künstlerischen Fo- schen Möglichkeiten gewachsen. Alle zehn Jahre gibt es
tografen vom Schwarz-Weiß-Film abwandten. Wissen Sie neue Materialien. Erst musste man nicht mehr seine ei-
noch, wie Sie diese Frage damals beantwortet haben? genen Glasplatten machen ab 1865, dann musste man
Vielleicht: weil die Welt in Farbe ist? keine riesigen Plattenkameras mehr verwenden, weil Ko-
dak die Box auf den Markt gebracht hatte. Und heute gibt
Sie sagten: Farbe liefert eine bessere Beschreibung. es die digitale Revolution.
Ach ja. In dieser Phase war ich gerade. Mein Lehrer und
der meiner ganzen Generation war John Szarkowski,
der Fotokurator des Museum of Modern Art. Er hatte
einen klaren Wertekanon, und der besagte: Ein Foto „Ich habe alles, was ich
beschreibt das, was vor der Kamera ist. Mehr nicht. Ich
dachte mir, wenn das so ist, warum dann bei Schwarz- über die Welt, über mich oder
Weiß aufhören? Warum soll denn die Grauskala be-
stimmen, was in der Fotografie möglich ist? Ich hatte die Fotografie weiß,
mich seit 1962 mit Farbfotografie beschäftigt. Aber was
wichtig ist: 1968 kam William Eggleston nach New aus diesen Bildern gelernt“
York, um Fotografen zu treffen. Er zeigte mir 50 seiner
Abzüge in 20 mal 26 und ich zeigte ihm 300 Farbdias.
Als er um drei Uhr früh meine Wohnung verließ, hatte Es war immer ein Traum der Fotografie, jederzeit einsatzbe-
er sich vollkommen für die Farbe entschieden. Auf- reit zu sein. Nun sind wir so weit, das Handy ist immer dabei. Fotos: © Joel Meyerowitz/Courtesy Howard Greenberg

grund der Bilder, die ich seit 1962 gemacht und ihm Milliarden Bilder werden gemacht und Milliarden gelöscht.
gezeigt hatte. Man könnte also sagen, obwohl wir Zeit- Glauben Sie, dass diese Technik ein ganz neues Fotografen-
genossen waren, war es meine Arbeit, die ihn für die bild hervorbringt?
Farbe gewonnen hatte. Ich glaube, es ist eine dieser einmaligen Öffnungen.
Heute hat jeder eine anständige Kamera in seinem Smart-
Warum war die Farbe denn damals unter Fotografen und Kri- phone, und die Menschen haben Appetit auf Fotos. Ein
tikern so schlecht angesehen? Man musste doch nur ins Kino Teil dieser Milliarden Menschen sagt: Ich liebe Fotogra-
gehen, um interessante Farbkompositionen zu bewundern. fie. Ich werde mir eine bessere Kamera kaufen und echte
Antonionis „Die rote Wüste“ erschien bereits 1964. Bilder machen. Und Sie sehen, dass mehr und mehr Men-
Natürlich, wir alle sahen Technicolorfilme. Das Dye- schen Fotos im Internet posten. Die Sprache der Fotogra-
Transfer-Verfahren sorgte für reiche und wirkliche Farbe. fie ist eine Weltsprache geworden. Jeder kann sich ein
Aber man nahm Filme noch nicht als Kunstform ernst. Foto ansehen, und jeder ist ein Bürger-Fotograf. Wenn

102
PORTFOLIO

ein Terroranschlag geschieht oder ein Polizist einen Momente, die ich durchlebt hatte, verabschiedet. Ich habe
Schwarzen umbringt, macht jemand ein Foto. Und aus eine Art fotografisches Gedächtnis für meine Fotos. Ich
diesem universellen Appell werden mehr Fotografen her- erinnere mich an den Tag, den Ort und wie ich mich ge-
vorgehen als je zuvor. fühlt habe. All diese Arbeit war wie das Boot, das mich über
meinen Fluss getragen hat, mein Leben lang. Ich habe al-
Nun ist vielleicht jeder ein Fotograf, aber noch lange nicht ein les, was ich über die Welt, über mich oder die Fotografie
Fotoredakteur, der auch die Qualität in einem Foto sieht. Die weiß, aus diesen Bildern gelernt. Und doch muss ich mich
meisten Bilder, die man macht, sieht man sich nie mehr an. nicht an ihnen festklammern. Ich konnte sie gehen lassen.
Sie haben kürzlich ein Kinderbuch darüber gemacht, „Seeing Und jetzt habe ich die Freiheit, nach vorn zu gehen und
Pictures“. alles zu tun, worauf ich Lust habe. Es muss keine Straßen-
Genau, ich habe es zwar an Zwölfjährige adressiert, aber fotografie sein, ich muss nicht die Großformatkamera
ich wusste, dass es die nehmen. Ich kann
Eltern lesen würden. Videos machen, Still-
Und ich wollte nicht leben, Porträts oder
von oben herab erklä- Bilder auf dem Kopf.
ren, sondern anhand
von Lieblingsbildern Haben Sie keine
zeigen, was in einem Angst, mit Ihren alten
guten Foto steckt. Fotos auch die Erin-
nerung an sie aufzu-
Ist es nicht komisch, geben? Immerhin ist
dass wir glauben, kleine es ein beträchtlicher
Kinder würden grund- Teil Ihres künstleri-
sätzlich gezeichnete schen Gedächtnisses.
Bilderbücher bevorzu- Viele Bilder habe ich
gen? ja noch in Büchern,
Das ist abermals Teil und meine Erinne-
der Geschichte. Heute rungen sind noch
sehe ich Zweijährige, sehr frisch. Aber wie
die mit dem abgeleg- viele Erinnerungen
ten Smartphone der brauche ich noch?
Eltern rumlaufen und Ich brauche viel-
Fotos machen. Meine leicht eher schon
eigenen Enkelkinder Platz für neue. Es ist
kommen damit sehr gut, die Vergangen-
gut zurecht. Natür- heit loszulassen. Und
lich zeichnen sie auch, aber sie müssen es nicht mehr, besser noch: Ich habe so viel Geld mit dem Verkauf ver-
denn mit dem Handy können sie ein akkurateres Bild dient, dass ich machen kann, was immer mir gefällt.
von der Welt machen. Und die Eltern drucken dann das
Foto aus und heften es an den Kühlschrank anstelle der Was haben Sie sich für die Zukunft vorgenommen?
Kinderzeichnung. Ich will, dass diese letzten Jahre, die mir noch bleiben, ein
Spiel sind. Ich werde 80 sein nächstes Jahr, wenn die Aus-
Macht es Sie melancholisch, auf Ihr Werk zurückzuschauen? stellung schließt. Ein 80-Jähriger, der sieht, reflektiert und
Wie kommt ein so aktiver Mensch wie Sie an den Punkt, wo fühlt und dabei eine Kamera benutzt – dieses Leben will
er sich sagt, hier ist ein guter Moment, ein Kapitel abzu- ich leben. Ich will nicht mit all meinen alten Werten fest-
schließen? stecken. Ich befinde mich im freien Fall. Ich habe das Ge-
Letztes Jahr verkaufte mein Händler in New York 35 000 fühl, dass ich durch das Weltall purzele, mich umschaue,
meiner Vintage-Prints an einen Sammler. Ich hatte 55 000 etwas Neues sehe und sage: „Auch das ist nett“, und ein-
im Archiv, aber auf diese Menge haben wir uns geeinigt. fach danach greife. Interview: Daniel Kothenschulte
Ich habe sie alle einzeln signiert und hatte sie deshalb alle
noch einmal in der Hand. Manchmal gab es nur einen ein-
zigen Abzug. Die hat nun alle ein Mann, und die meisten
Exponate der Ausstellung bei C/O Berlin sind aus dieser
„Joel Meyerowitz: Why Color?“,
Sammlung. Ich habe mich also von jedem einzelnen dieser C/O Berlin, 9. Dezember bis 11. März 2018

103
A joint exhibition organized by the MMK and Funded by the German
the Museo de Arte Moderno de Buenos Aires Federal Cultural Foundation

Supported by
Council of Cultural Promotion
of the City of Buenos Aires
Ugo Mulas, Lucio Fontana, L’attesa, Milano, 1964, © Archivio Ugo Mulas

A Tale of
Two Worlds
Experimentelle Kunst
Lateinamerikas
der 1940er- bis 80er-
Jahre im Dialog mit der
www.mmk-frankfurt.de

Sammlung des MMK

25.11.2017  
www.mmk-frankfurt.de

— 2.4.2018
kunsTmARkT
News
Sammeln
Auktionen
Foto: Courtesy der Objekte liegt beim jeweiligen Autkionshaus. © Daniel Richter, VG Bild-Kunst, Bonn 2017

DAs gOLD vOm RHEIn


Nein, wir machen jetzt keine Scherze über geklaute Schätze und Götterdämmerung. Sicher ist: Die Samm-
lung Rheingold, die der mittlerweile inhaftierte Kunstberater Helge Achenbach initiierte, war hochkarätig
– und sie wurde im Zuge des Insolvenzverfahrens gegen ihn zerschlagen. Am 6. Dezember werden Werke
aus Achenbachs Besitz beim Kölner Auktionshaus Van Ham versteigert – darunter auch dieses Bild ohne
Titel von Daniel Richter aus dem Jahr 2001. Das Format ist eher klein, 30 mal 40 Zentimeter, und so ist
auch der Schätzpreis moderat: 12 000 bis 18 000 Euro. Aber wer weiß, was die Götter noch damit vorhaben.

105
nEws
Nord- und Südamerika. Und bei aller Inter-
nationalität der Messe zieht sich das Thema
der lateinamerikanischen Kunst wie ein roter
Faden durch alle Sektionen.
Im „Survey“-Sektor, der Arbeiten von vor
dem Jahr 2000 vorbehalten ist, finden sich
prägende Persönlichkeiten der lateinameri-
kanischen Avantgarde. So wird die Ricardo
Camargo Galeria aus São Paulo ihren Stand
in das Atelier des 2010 verstorbenen brasili-
anischen Malers Wesley Duke Lee verwan-
deln, der in den 60er-Jahren mit Figuration
und Assemblage eine brasilianische Version
der Pop-Art etablierte. Die Galerie Espaivisor
aus dem spanischen Valencia zeigt den chi-
lenischen Künstler Carlos Leppe (1952–2015),
der seine drastischen Körperperformances
und Fotoarbeiten aus der Opposition zur Dik-
tatur Pinochets entwickelte. Und die Galerie
Robilant + Voena aus London komplettiert die
Riege mit Arbeiten des chilenischen Architek-
ten und Malers Roberto Matta (1911–2002), der
sich von seinem Wohnsitz Italien aus eben-
falls vehement gegen die Diktatur engagierte.
Zu den Klassikern gehören auch die 1936
von Deutschland nach Argentinien ausge-
wanderte Fotografin Grete Stern (1904–1999),
deren Arbeiten bei der Galerie Jorge Mara – La
Ruche aus Buenos Aires zu sehen sein werden,
und der Meister der tänzerischen Abstraktion
Hélio Oiticica, den die Galerie Lelong & Co.
(Paris/New York) nach Miami bringt. Span-
nend könnte auch die Präsentation der Gale-
rie Jaqueline Martins aus São Paulo werden,
die die brasilianische Videokünstlerin Letícia
Parente (1930–1991) zeigt: Sie experimentierte
schon in den 70er-Jahren mit Videokamera
und Körperbildern.
Auch die jüngere Generation lateiname-
rikanischer Kunst ist auf der Messe gut ver-
treten. So bringt die Galerie A Gentil Carioca
aus Rio de Janeiro Werke der 1971 geborenen
Brasilianerin Laura Lima mit, die sich per-
formativ und in Form von Assemblagen und
Skulpturen mit dem Körper und sozialen
Beziehungen auseinandersetzt. Im „Nova“-

Die Politik Die große, vom Getty Institute


organisierte Ausstellung „Pacific
Sektor, der Werke präsentiert, die in den letz-
ten drei Jahren entstanden sind, und bei den
Foto: Courtesy of Ricardo Camargo Galeria

der Körper Standard Time: LA/LA“, die diesen


Herbst in verschiedenen Institutio-
„Positions“, wo sich die Newcomer zeigen,
wird es dann ganz zeitgenössisch – und auch
nen in Los Angeles stattfindet, hat hier findet sich zwischen den vielen interna-
Auf der Art Basel/Miami
das Interesse an den Avantgarden tionalen Positionen innovative Kunst aus La-
Beach gibt es im Dezember Lateinamerikas weiter angeheizt. Wie teinamerika: So lässt der Brasilianer Rodrigo
einige hochkarätige Werke der sich das in den Kunstmarkt übersetzt, wird Bueno bei der Galeria Marilia Razuk Pflanzen
man auf der Art Basel/Miami Beach im De- aus Polstermöbeln wuchern. Elke Buhr
lateinamerikanischen zember sehen können. Von den 268 teilneh-
Avantgarden zu entdecken menden Galerien stammt gut die Hälfte aus Art Basel/Miami Beach, 7. bis 10. Dezember

OBEN
106 Wesley Duke Lee
„Portrait of Luzia (the Amaro Saint)“, 1969
KUNSTMARKT

Strong Buy
Bitcoins
And now for something completely dif- weniger mit Geld gemein als mit Edel-
ferent: Bitcoins. Nicht im eigentlichen metallen, Grundstücken, Oldtimern
Sinne Kunst, ist diese Kryptowährung oder Kunstwerken.
doch ein transzendentales Kunstwerk Das macht sie nicht nur für Gonzo-
HINSETZEN! ganz im Sinne des 3. clarkeschen Ge- Investoren attraktiv. Weder die Auf-
Parallel zur Art Basel/Miami Beach findet setzes, das da lautet: „Jede hinreichend spaltung in Bitcoin Core und Bitcoin
fortschrittliche Technologie ist von Cash im August 2017 noch das dro-
mit der Design Miami wieder die wichtigste
Magie nicht zu unterscheiden.“ hende Verbot des Bitcoin-Handels in
Messe für Sammlerstücke aus dem
Der Magier hinter Bitcoin hört auf China, wo das Gros des Umschlages
Designbereich statt. Am Stand von Salon 94 sind den Namen Satoshi Nakamoto. In ei- stattfindet, konnten dem Kurs bislang
dort unter anderem die ersten in Serie nem Papier von 2008 prangerte er die etwas anhaben. Der stieg in den letz-
hergestellten Möbel des US-amerikanischen Unzuverlässigkeit des Zentralbank- ten fünf Jahren von einem Euro auf
geldes an und entwarf eine virtuelle knapp unter 5000 Euro, was nicht nur
Bildhauers Tom Sachs zu sehen: von Robotern
Währung, die auf Verschlüsselungs- die Wertsteigerung des Aktienmarktes
geschnitten, von Hand zusammengefügt. technik basiert und quasi aus dem outperformed, sondern auch die
Bild: Tom Sachs „X-Chair“, 2017 Nichts nur durch das von Luxusgütern wie Kunst
Lösen kryptografischer (+ 250 Prozent) oder Oldtimern
Rätsel erzeugt wird. (+ 490 Prozent) um Magni-
Obwohl das Pseudonym tuden hinter sich lässt.
bis heute nicht gelüftet ist, Ein angemessener
wurde Nakamoto bereits Vergleich wäre ein
für den Wirtschaftsno- großer Rothko, den
belpreis vorgeschlagen. man vor fünf Jahren
Denn entgegen aller für 10 000 Euro auf
Wa hrschein- dem Flohmarkt ge-
lichkeit wurde kauft hat.
Fotos: Courtesy of Salon 94 Design. Courtesy of the artist and Audemars Piguet. privat (Autor). ddp images

Bitcoin in der Die große Frage ist:


Praxis zu einer Lohnt sich der Einstieg
phänomenalen Erfolgs- noch? Oder bricht der
geschichte mit zahlrei- Kurs bald zusammen? Na-
chen Nachahmer-Währungen. Wie das geln Sie mich nicht darauf fest! Auch
Mining und die dezentrale Verwaltung Rothko, Warhol, Richter waren vor
über die Blockchain im Einzelnen funk- fünf Jahren schon teuer, aber waren sie
tioniert, muss man nicht verstehen. deshalb überbewertet? Natürlich sind
LAND UNTER Wichtig ist: Anders als beim offiziellen 4863,61 Euro (Stand 20.10.17, 17.01 Uhr)
Geld, dessen Menge von den Banken kein Pappenstiel für einen Bitcoin.
Der Künstler Lars Jan aus Los Angeles ist
durch Giralgeldschöpfung beliebig in- Aber der Gesamtwert der Kryptowäh-
bekannt für seine Kombination von Performance
flationiert werden kann, ist die Anzahl rung entspricht mit 80 Milliarden Euro
und Technologie – und das Thema Klimawandel, aller Bitcoins per Konstruktion auf 21 gerade mal der Marktkapitalisierung
Flut und Ertrinken lässt ihn nicht los. Millionen beschränkt. Bis September von Netflix. Meiner Meinung nach
Auch sein von der Uhrenfirma Audemars Piguet 2017 waren davon 16,6 Millionen in der wäre da noch Luft nach oben.
initiiertes Außenprojekt „Slow-Moving Welt, und wie beim Gold wird es immer Holm Friebe
Luminaries“ zur Art Basel/Miami Beach ver- schwieriger, neue Bitcoins zu schürfen.
„Strong Buy“ ist die Gonzo-Art-Investment-
Als Zahlungsmittel taugten Bitcoins Kolumne zum gleichnamigen Ratgeberteil
spricht, eine eindrückliche Erfahrung zu werden:
von Anfang an nicht, aber als eigene bei „NUN – Die Kunst der Stunde“,
Angekündigt ist ein beweglicher Pavillon einem zweimonat lichen Talk-Format zu
Assetklasse unter den Anlagegütern Kunst, Kritik und Komodowaranen,
mit mehreren Etagen, der auch betreten sind sie umso geeigneter. Trotz ihres das von Annika von Taube, Holm Friebe
werden kann. und Anne Waak verantwortet wird.
nichtstofflichen Charakters haben sie Nächster Termin: 17. Januar 2018
Bild: Lars Jan „Slow-Moving Luminaries“, 2017 aufgrund ihrer eingebauten Knappheit Infos: www.nundiekunst.de

107
SAMMLER MANUAL

Frage 12
Wie verkauft man Kunst wieder?
Vor 25 Jahren schrieb die „New York Times“ von den drei gro- Preise für einige Motive von Guytons Bildern rasant an – da-
ßen Ds, die das Auktionsbusiness am Laufen halten: „Debt, runter die Us. Da der Rückkaufpreis des besagten Bildes dem
death and divorce“ – Schulden, Tod und Scheidung. Hinzu Sammler, der mehrere Werke erstanden hatte, zu niedrig war,
kommen die Gs: Geldvorteil, Gemütsschwankungen und entschied er sich für ein Auktionshaus und wählte Christie’s
Grundsatz der Sammlung. Egal ob D oder G, es gibt Mittel aus. Der Clou: Die Einlieferung bei Christie’s erfolgte dann
und Wege, einmal Erworbenes wieder zu Geld zu machen. von einer Verwandten des Sammlers – die nicht händlerisch
Die sind aber mitunter beschwerlich. tätig war und daher keine Gewinnsteuer zu zahlen hatte. Wie
Vom sogenannten Artflipping wollen wir hier allerdings das Geld dann an den eigentlichen Verkäufer floss, bleibt der
nicht reden – der Strategie von Spekulanten, Werke kurz nach Fantasie überlassen. Der erzielte Hammerpreis im Jahr 2011
dem Ankauf mit beträchtlicher Wertsteigerung wieder auf lag dann bei etwa 170 000 Euro. Hätte der Verkäufer noch
den Markt zu bringen. Wir gehen von dem Sammlertypus drei Jahre länger gewartet, wäre ein Millionenbetrag erzielt
aus, der Kunst wirklich worden. Allerdings: Die-
schätzt und sich aus ser Sammler bekommt
nachvollziehbaren Gs sicher kein Werk mehr
oder Ds ab und zu von von der Galerie.
einem Werk trennt. Nicht alle Arbeiten
„Ab und zu“ ist wich- der zeitgenössischen
tig, denn bei der Anzahl Kunst sind so begehrt
der Verkäufe ist Vorsicht wie ein Bild von Wade
geboten. Übersteigt sie Guyton. Hier bieten Ga-
zwei bis drei Werke pro leristen den Verkäufern
Jahr, gilt das vor dem manchmal an, die Kunst
Finanzamt als händleri- in Kommission zu neh-
sche Tätigkeit. Bei Privat- men und bei Interesse
sammlern unterliegt der weiterz uverkaufen.
vom Verkäufer erzielte Wenn überhaupt. Denn:
Gewinn nämlich nicht Das Werk steht dann ja
der Steuerpflicht, sofern in Konkurrenz zu Arbei-
die Veräußerung nach ten desselben Künstlers
der Spekulationsfrist von einem Jahr passiert. Da große Ge- auf dem Primärmarkt, der dem Betrieb mehr Geld bringt,
winne erzeugt werden können, passt das Amt hier genau auf. und wird daher nicht gerade als Erstes angeboten. Wenn in
Außerdem werden Sammler, die offensichtlich weiterverkau- einer solchen marktschwachen Situation eines der größeren
fen, von den Galeristen bei knapp werdender Ware nicht mehr Auktionshäuser trotzdem anbeißt, muss man darauf ach-
berücksichtigt.   ten, dass das Werk gut platziert wird (die Auktionshäuser
Für einen Wiederverkauf gibt es keinen Königsweg – aber haben Tages- und Abendauktionen, die unterschiedlich gut
ein bis zwei Methoden, die in der Branche als anständig gel- funktionieren) und die Verkaufskosten nicht den möglichen
ten. Das ist der Rückverkauf an den Galeristen oder der Ver- Erlös zu sehr schmälern. Zu den Kosten eines Auktionsver-
kauf oder die – mit Steuervorteilen begünstigte – Spende an kaufs gehört der Prozentanteil des Hammerpreises. Der liegt
ein Museum. Weniger geschätzt wird der Verkauf an Kunst- verhandelbar zwischen fünf und 15 Prozent. Dazu kommen
berater und Auktionshäuser. Werbungskosten (zum Beispiel eine Abbildung im Katalog),
Für einen Rückverkauf an die Galerie sind der Zeitpunkt Versicherungs- und Transportkosten zum Auktionsort sowie
und die Liquidität des Galeristen entscheidend. Werden die gegebenenfalls die Zollabwicklung. Mein Rat: Bei Werken mit
angebotenen Werke gerade teuer gehandelt und vielleicht überschaubaren Preisen mal im kunstbegeisterten Freundes-
nicht im Überfluss vom Künstler produziert, kann der Ver- kreis herumzufragen, ob es da nicht Interesse gibt. Wenn das
Illustration: Pablo Helguera

käufer den optimalen Preis erzielen. Dann sollte er die An- nicht klappt, kann man immer noch versuchen zu spenden
gebote bei Galerie und Auktionshaus erst mal erfragen und (viele Spenden werden allerdings von Museen abgelehnt)
prüfen. Exemplarisch lässt sich das an einem Bild mit einem oder gegen andere Werke zu tauschen. Ganz analog und von
großen flammenden U von Wade Guyton darstellen. Der Tin- Mensch zu Mensch.
tenstrahldruck auf Leinwand wurde 2005 von einer New Yor-
ker Galerie für 10 000 Dollar verkauft. Kurz darauf zogen die Text: Liz Pector, „Artoon“: Pablo Helguera

108
Motiv: Rafael Ibarra OPHELIA Installation. Frau, Erde. Dauer 1 Stunde, 2017 | Gestaltung: Studio GOOD

WESTBAU.COM
AukTIOnEn

ROSEMARIE TROCKEL
„Ohne Titel“, 1989, gestrickte Wolle auf Leinwand,
220 x 160 cm, Taxe 120 000–150 000 Euro

MARIA LASSNIG
„Die Messnerleute“, 1999,
Öl auf Leinwand, 100 x 125 cm,
Taxe 80 000–150 000 Euro

Fotos: Courtesy der Objekte liegt beim jeweiligen Autkionshaus. Rosemarie Trockel, Joseph Beuys: VG Bild-Kunst, Bonn 2017
IM KINSKY
5. und 6. Dezember

NORBERT SCHWONTKOWSKI
„Das gelbe Zimmer“, 1995, Öl und Pigment auf Leinwand,
50,5 x 36,7 cm, sign., dat., Taxe 4000–6000 Euro

GRISEBACH
1. Dezember

BRUNO GIRONCOLI
„o. T.“, o. J., Aluminiumguss,
Höhe: 54 cm, Durchmesser: ca. 73 cm,
Taxe 25 000–50 000 Euro

GÜNTER BRUS JOSEPH BEUYS


„Nabelstromdelta“, 10er-Zyklus, 1997, „Erdtelefon“, 1968, Telefon, Erde, Gras,
Ölkreide, Buntstift auf Büttenpapier, 65 x 50 cm, Kabel, Holzunterlage, 19 x 38,5 x 104,5 cm,
Taxe 50 000–100 000 Euro Taxe 100 000–150 000 Euro

110
KUNSTMARKT

KOLLER
6. und 9. Dezember

JÖRG IMMENDORFF
„Ohne Titel“, 2000, Öl auf Leinwand,
280 x 210 cm, Taxe 20 000–30 000 Euro

VAN HAM
6. Dezember
CHU TEH-CHUN
„Ohne Titel“, 1987, Öl auf Leinwand,
73 x 92 cm, Taxe 180 000–270 000 Euro
Fotos: Courtesy der Objekte liegt beim jeweiligen Autkionshaus. Chu Teh-Chun, Candida Höfer: VG Bild-Kunst, Bonn 2017

WOLFGANG TILLMANS
„Freischwimmer 33“, 2003, C-Print, 237 x 181 cm,
Ed. 1/1, Taxe 100 000–150 000 Euro

RICHARD AVEDON CANDIDA HÖFER


„Naomi Campbell, New York City“, 2001, Archival Pigment Print, Vintage, „Biblioteca Seminario Patriarcale Venezia III“, 2003, C-Print,
37,8 x 37,4 cm (50,2 x 40,5 cm), Taxe 13 500–22 500 Euro 175 x 152 cm, Ed. 2/6, Taxe 15 000–20 000 Euro

111
LEMPERTZ
2. Dezember

GEORGES MATHIEU
„Grâces Vagabondes“, 1991, Acryl auf Leinwand,
BRUCE NAUMAN 115 x 147 cm, Taxe 55 000–70 000 Euro
„Untitled“, 1990, 6 Blatt Radierungen, Papier: 42,5 x 49 cm,
sign., dat., num., Ed. von 45, Taxe 6000–8000 Euro

KETTERER
8. Dezember

Fotos: Courtesy der Objekte liegt beim jeweiligen Autkionshaus. Georges Mathieu, Rebecca Horn,
REBECCA HORN
„Ohne Titel“, 1995, verschiedene Materialien,
ca. 80 x 110 x 25 cm, Taxe 100 000–120 000 Euro

Rupprecht Geiger: VG Bild-Kunst, Bonn 2017

NIKI DE SAINT PHALLE RUPPRECHT GEIGER


„Nana boule“, um 1968, bemalter Gips, 13,5 x 11 x 11 cm, „834/91 (Moduliertes Orange)“, 1991, Acryl auf Leinwand,
Taxe 15 000–20 000 Euro 140 x 145 cm, Taxe 60 000–80 000 Euro

112
KUNSTMARKT

A . R . PENCK, FRANK BREIDENBRUCH, PREDRAG SIMIC


„Concept member H. Zimcon“, 1993, Acryl auf Leinwand,
140 x 200 cm, sign., Taxe 40 000–50 000 Euro

KONRAD KLAPHECK
„Ohne Titel (Fahrradschellenelemente)“,
um 1962/63, Öl auf Leinwand, 35,4 x 20 cm, sign.,
Taxe 20 000–25 000 Euro

KARL & FABER


Fotos: Courtesy der Objekte liegt beim jeweiligen Autkionshaus. A.R. Penck, Roland Fischer, Konrad Klapheck, Eduardo Chillida, Leiko Ikemura: VG Bild-Kunst, Bonn 2017

6. Dezember

ROLAND FISCHER
„Ohne Titel (Los Angeles Portraits)“, 1992/93,
C-Print, 141 x 162 cm, sign., dat.,
Taxe 12 000–15 000 Euro
EDUARDO CHILLIDA
„Lurra 10“, 1977, Schamotte,
NEUMEISTER 17 x 6,5 x 6 cm, monogram.,
Taxe 30 000–40 000 Euro
8. Dezember

CORNELIA SCHLEIME LEIKO IKEMURA


„Melancholie“, 2012, Acryl, Asphaltlack und Schellack auf Leinwand, „Kind mit Katze“, 1987, Öl auf Leinwand, 170 x 110
160 x 180 cm, sign., dat., Taxe 25 000–30 000 Euro cm, sign., dat., Taxe 15 000–20 000 Euro

113
kALEnDER
Auktionen

NEUMEISTER , 8. DEZEMBER
SEO „Wasserwüste“, 2015, Papiercollage und Acryl auf Leinwand,
100 x 130 cm, sign., dat., Taxe 25 000–30 000 Euro

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AussTELLungEn
Review
Preview
Kalender
Foto: Rafael Pinho, Courtesy the artist, i8 Gallery and Luhring Augustine Gallery

wEnn DER vORHAng nIEmALs FÄLLT


Sinatra, die 50er, gute alte Zeiten – Ragnar Kjartanssons Video „God“ spielt mit der Nostalgie, bis sie ihr
wahres, unerträgliches Wesen ofenbart. Denn der isländische Künstler singt nur einen einzigen Satz:
„Sorrow conquers happiness“. Das aber, in leichten Variationen, ganze 30 Minuten lang. „God“ ist jetzt in
der großen Gruppenausstellung „Never Ending Stories“ im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen, die sich
dem Thema Loop und Endlosschleifen in der Kunst widmet. Unsere Besprechung – selbstverständlich so
kurzweilig wie nostalgiefrei – lesen Sie auf Seite 122.
REvIEw
Ausstellungen

Fotos: Aurélien Mole, Courtesy of the artist and Metro Picture, New York; kamel mennour, Paris/London; Galerie König, Berlin, © ADAGP, Paris 2017
In paris ergründet OBEN
CAMILLE HENROT Camille Henrot „The Pale Fox“, 2014/15,
Ausstellungsansicht „Days are Dogs“, Palais de Tokyo, Paris

die mythologie der wochentage


Das Märchen entspinnt sich im Gehen und erhalten: Sie bespielt einen Großteil des Diese Struktur verhindert, dass die Aus-
Sehen: Man begegnet einem blassen Fuchs, gewaltigen Baus, ganze 13 000 Quadratme- stellung allzu sehr auseinanderfällt. Nur die
müßiggängerischen Riesen und Hundemen- ter. Um diese Räume zu bewältigen, hat sie Gastbeiträge der anderen Künstler – neben
schen, läuft auf Talern und schaut am Ende sich weitere Künstler hinzugeholt. „Days Singer noch der Dichter Jacob Bromberg,
in einen Abgrund, in die endlosen Tiefen die- are Dogs“, so der Titel der Schau, die we- David Horvitz, Maria Loboda, Nancy Lupo
ses irren Gebäudes. Das Palais de Tokyo mit der Einzel- noch Gruppenausstellung ist, und Samara Scott – wirken ein wenig wie ans
seiner weitläufigen, gestapelten Raumfolge beginnt mit sieben Bildern der New Yorker henrotsche Denkgebäude angeschraubte
passt zu dem mäandernden Interesse Camille Malerin Avery K Singer; jedes repräsentiert Balkone. Denn viele ihrer Installationen
Henrots, die mit dem kategorisierenden Blick einen Wochentag. Die ganze Ausstellung ist kennt man schon von bisherigen Stationen
der Wissenschaftlerin auf die Welt sieht – und durch den Wochenverlauf strukturiert: Es ihrer Karriere, ja eigentlich sind hier meh-
gerade dadurch Dinge von mythischen Di- geht mit dem neuen 3-D-Film „Saturday“ rere Henrot-Einzelausstellungen zu einem
mensionen erschafft. über die Siebenten-Tags-Adventisten los Metakomplex zusammengeschoben: der
Die 1978 geborene Französin hat nach und endet bei Freitag mit einem übermal- blaue Raum der „Pale Fox“-Schau 2015 im
Philippe Parreno und Tino Sehgal vom Pa- ten Amateur-Porno, dem allerersten Film Westfälischen Kunstverein in Münster etwa,
riser Ausstellungshaus eine „Carte blanche“ der Künstlerin. die Rauminstallation „If Wishes Were Hor-

118
REVIEW
Fotos: Aurélien Mole. Henrot: Private collection, Courtesy of the artist and kamel mennour, Paris/London; König Galerie, Berlin; Metro Pictures, New York. © ADAGP, Paris 2017. Courtesy of the artist and Kristina Kite Gallery, Los Angeles

LINKS
Camille Henrot „Days are Dogs“,
Ausstellungsansicht Palais de Tokyo, Paris

RECHTS
Nancy Lupo „Bench“, 2015, und
Camille Henrot „Killing Time“, 2015

ses“ von diesem Frühjahr in der Kunsthalle lisch im Sessel, ein drittes fängt seine Tränen Mail-Ausdrucke aus Henrots Posteingang ein
Wien, das Obergeschoss der KW Institute for in zwei Gläsern auf. Beharren auf Ordnung aus: Personalisierte,
Contemporary Art zur vergangenen Berlin Mit dieser Ausstellung fing, so sieht es je- aber unpersönliche Newsletter werden höf-
Biennale … denfalls im Rückblick aus, das Interesse der lich beantwortet. Doch der Posteingang wird
In der Montag-Sektion begegnet man Hen- in New York lebenden Pariserin an der Bedeu- nicht leerer.
rots letztjähriger Ausstellung in der römi- tung und dem Symbolgehalt der Wochentage Alle Strukturen bröckeln dank Digitali-
schen Fondazione Memmo wieder: meterho- an. Die Berlin-Biennale-Installation „Office of sierung und neuer Arbeitsverhältnisse. Viel-
hen Fresken auf Kalkputz, die – was muss das Unreplied Emails“ entstand vorher und fügt leicht fühlt sich „Days are Dogs“ auch deshalb
für ein Aufwand gewesen sein! – abgenom- sich dennoch bestens unter die Überschrift so märchenhaft an, weil es einer Sehnsucht
men wurden, um hier gezeigt zu werden. Hen- Mittwoch, wenn man bedenkt, dass sich das Raum gibt: Es war einmal, da hatte die Woche
rot hatte die Wände mit symbolhaften Szenen französische mercredi vom Götterboten Mer- sieben Tage, und jeder Tag genug an seiner
der montäglichen Zerrissenheit zwischen kur ableitet. Plage. Daniel Völzke
Pflicht und Müßiggang bemalt: Ein nacktes In diesem „Büro der unbeantworteten
Mädchen wird von einer Mephisto-Figur aus E-Mails“ drücken die handgeschriebenen „Camille Henrot: Days are Dogs“, Palais de Tokyo, Paris,
dem Bett gezerrt, ein anderes sitzt melancho- Antworten auf die auf dem Boden verteilten BIS 7. JANUAR 2018

119
REVIEW

In Frankfurt macht die „Perception is Reality“ geht von der These


aus, dass sich alles, was wir wahrnehmen,
Bayern, das weltweit führend ist im Nach-
bilden von digitalen 3-D-Tatorten. In Ex-
VIRTUELLE WELT zu unserer Auffassung von Wirklichkeit pertenkonferenzen können so Ermittlun-
zusammensetzt. Die Ausstellung zeigt digi- gen über alle Grenzen hinweg stattfinden
physische probleme tale Kunstwerke – einige mittels VR-Brille, – an nachgebildeten Schauplätzen, die oft
andere über Beamer erlebbar – und wenige gruselig spießig eingerichtet sind, wie vier
analoge Beiträge wie von Thomas Demand Beispiele zeigen.
Der virtuelle Fahrstuhl nach oben geht schon oder Alicja Kwade, ohne beide Welten gegen- Noch mal zurück auf das Brett, zur „Plank
gleich gut in den Magen. Durch einen Schlitz einander auszuspielen. Hans Op de Beecks Experience“ der Gruppe Toast, das zu verlas-
in der Tür ist eine Metropole mit Skyline zu „Garden Room“ ist eine steingraue, in die sen 200 virtuelle Meter freien Fall bedeutet.
sehen, der Lift beschleunigt, die Tür öffnet Unendlichkeit verspiegelte Lounge, die sich Es kostet überhaupt nichts, einen Schritt
sich, und vor den Füßen ragt nur noch ein an jedem Ort der Welt, auch unter der Erde nach vorne zu machen, sagt der Verstand. Es
Brett ins Nichts. oder im All, befinden könnte. Die exklusive kostet das Leben, sagen die Gefühle, und ge-
Selten hat es so wenig Spaß gemacht, mit comfort zone als lieblich-toter Unort bereitet winnen. „Plank Experience“ zeigt, wie stark
Brille in ein virtuelles Szenario versetzt zu ein herrlich taubes Unbehagen entlang aller unsere Instinkte gegen jede Abstraktions-
werden. Keine Surfwellen, keine Achterbahn- Geschmacksgrenzen. leistung ankämpfen, und dass unsere eigene
fahrt, wie sie auf den Aktionsflächen der Shop- David O’Reilly war Animation Director in Software mitunter die Hardware lahmlegt.
pingmalls angeboten werden. Hier herrscht Spike Jonzes Film „Her“, hier stellt er eine Der Sturz fühlt sich dann genauso an wie im
nur nackte Höhenangst. Die Erfahrung ist Reise durch Wahrnehmungsraster aus, vom Traum, genauso schrecklich, genauso toll.
hochgradig irrational und in ihrer Heftigkeit Einzeller über die Tierperspektive bis zum Silke Hohmann
erstaunlich. Denn wir befinden uns im ersten großen Ganzen. Per Joystick schlüpft man
UNTEN
Stock des Frankfurter Kunstvereins, sind auf von einer wundersamen Aussicht in die Zentrale Fototechnik und 3-D-Tatortvermessung vom
ein wenige Zentimeter dickes, am Boden lie- nächste. „Everything“ zeigt jenseits linearer Bayerischen Landeskriminalamt und
Thomas Demand „Patio“, 2014, Ausstellungsansicht
gendes Holzbrett getreten (das mit dem aus Ereignisse, wie auch abstrakte Strukturen in
der Brillenperspektive kongruent ist) und ha- immersiven Welten erlebbar werden.
ben unbegreifliche Panik vor einer nicht mal Ein echter Coup der Kuratorin Franziska „Perception is Reality“, Frankfurter Kunstverein,
besonders kunstvollen Hochhausschlucht. Nori ist die Zusammenarbeit mit dem LKA BIS 7. JANUAR 2018

Foto: Norbert Miguletz, © Frankfurter Kunstverein, © Thomas Demand, VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy Sprüth Magers

120
REVIEW

In paris blickt
NICK MAUSS
hinter den spiegel
Die „Last der toten Geschlechter“, wie Karl
Marx die überwältigende Anhäufung an
Geschichte nannte, könnte Künstler entmu-
tigen. Oder umgekehrt Ausgangspunkt für
die eigentliche Arbeit sein, wie bei dem US-
Künstler Nick Mauss. In der Pariser Galerie
Campoli Presti greift er mit Hinterglasmale-
rei eine Technik auf, die aus der europäischen
Volkskunst vor allem durch Gabriele Münter
in den deutschen Expressionismus kam.
Der 37-Jährige benutzt dieses Handwerk
mit großer Distanz, geradezu analytisch,
wenn er zeichnerische Striche setzt, die Figu-
ren nur andeuten, und diese durch gestisch
aufgetragene Farbe zerstört oder Panels ei-
nes Bildes gar nicht erst bearbeitet. Es wirkt
alles wie auf Probe, und dennoch sind diese
Am Rhein verschmilzt
auf Glas gemalten Bilder, die nach dem Farb- KÖLNSKULPTUR OBEN
Pedro Wirz „Trilobites“, 2017
auftrag verspiegelt wurden, von einer großen,
gebrochenen Schönheit. In einer Videoinstal- natur und Dingwelt
lation wirft der Projektor das Bild einer zeich-
nenden Schattenhand auf den hölzernen Bo-
den. Ein ganz einfacher Akt, uralt und doch Auf dem Rundgang durch das 25 000 Qua- mit kommt auch der Klimawandel elegant zur
Fotos: Courtesy of the artist and Campoli Presti, London/Paris. Veit Landwehr, bildpark.net, © Stiftung Skulpturenpark Köln, 2017

immer wieder neu. Daniel Völzke dratmeter große grüne Museum nahe der Sprache.
Zoobrücke und dem Rheinufer dämmert es Für den brasilianisch-schweizerischen
schnell, dass auch das diesjährige Programm Pedro Wirz ist das ein willkommener Anlass,
dem klassischen Gattungsbegriff eine Absage über heißen Steinen riesige Spiegeleier auf-
erteilt. Zum 20. Geburtstag von KölnSkulptur zuschlagen. Das lockt allerlei an, allen voran
haben die Betreiber Boris und Susanne Stoffel einen aus Styropor und Bronze geformten
die spanische Kuratorin Chus Martínez mit Wegwerf-Riesenfuchs von Lin May Saeed. An-
ins Boot geholt. Sie hat schon die Karlsaue für drea Büttner bietet Vögeln mit einer himmel-
die Documenta 13 nach passenden Plätzen für blauen Beton-Tränke eine Zuflucht, Teresa
Skulpturen durchforstet. Das Vermessen von Solar beobachtet eine gigantische Schnecke
Grünstreifen ist ihr also nicht fremd. beim Aufwühlen des Erdreichs, und der Ar-
Für ihren Kölner Beitrag hat sie den etwas gentinier Eduardo Navarro schreibt „Letters
kryptischen Titel „La Fin de Babylone. Mich to Earth“ in Form von auf dem Boden zer-
wundert, dass ich so fröhlich bin!“ gewählt. streuten Walnuss-Attrappen, in denen ein
Acht Künstler haben neue ortsspezifische echter Kern steckt.
Arbeiten produziert, die laut Martínez „den Das Anliegen dieser märchenhaften Me-
Schlüssel für den Beginn einer neuen Welt“ tamorphosen ist die Wiederaufnahme der
beinhalten. In Zeiten allgemeiner Ohn- längst abgestellten Kommunikation zwi-
machtsgefühle wird die Kunst ja wohl noch schen Natur und Ding. Wenn Solange Pessoa
Wunder vollbringen dürfen. Und so kreisen ihre aus Speckstein geformten Wasserbecken
die Werke etwas vage um das weite Feld der unter freiem Himmel aufstellt, beteiligt sich
Digitalisierung, bangen um das Verhältnis dieser am Kunstwerk mit Regen. Und auch
OBEN
von Mensch und Maschine, oder sehnen die Nässe aus der Erde saugt sich in den Stein
Nick Mauss „Released it“, 2017 sich nach dem analogen Schoß der Mutter hinein. Alexandra Wach
Natur, wie etwa bei Claudia Comte, die den
„Nick Mauss: until: and then: blinding“, Campoli Presti,
vorhandenen Baumbestand mit einem Feld „KölnSkulptur #9“, Skulpturenpark Köln,
Paris, BIS 9. DEZEMBER aus marmornen Kakteen optimiert hat – da- BIS JUNI 2019

121
REVIEW

In Berlin wird
ALICE NEEL
politisch
In den Deichtorhallen Hamburg werden ge-
rade die Porträts von Alice Neel (1900–1984)
gefeiert – ihre Bildnisse von Nachbarn und
Freunden, Bekannten und Passanten gehören
zu den einfühlsamsten Menschenbildern des
20. Jahrhunderts.
Die Galerie Aurel Scheibler, die Neels
Nachlass seit Langem und beharrlich in die

Fotos: © Yayoi Kusama, Courtesy of David Zwirner, New York; Ota Fine Arts, Tokyo/Singapore; Victoria Miro, London; YAYOI KUSAMA Inc. © The Estate of Alice Neel, Courtesy Aurel Scheibler, Berlin
Öffentlichkeit bringt, nutzt die Gelegen-
heit, eine andere Seite der Amerikanerin zu
zeigen: ihre politisch und gesellschaft-
lich aufgeladenen Stadtlandschaften. Vor
allem in den 30er-Jahren, Neel lebte mit
ihrer Familie das Leben der mittellosen
Künstlerboheme in Greenwich Village, fing
sie den Alltag der von der Großen Depression
gezeichneten Arbeiterklasse ein – einmal

In wolfsburg dreht der Städter tritt ihm in den Hintern. Wieder


und wieder. Mensch, ändere dich nicht.
tragen die Passanten unter der Hochbahn
sogar Totenköpfe statt Gesichter. Eines
DER LOOP Die Skepsis am Fortschrittsgedanken treibt der bemerkenswertesten Bilder zeigt eine
auch Robert Bartas „Time Machine“ von 2006 kommunistische Demonstration gegen
Endlosschleifen an, ein sich horizontal drehendes Rad mit Nazi-Deutschland: Der Text ihres Schildes
Bahnschiene, auf der sich eine Spielzeuglok sprengt die Komposition des Bildes auf, so
gegenläufig bewegt – für den Betrachter also wichtig ist die Botschaft. Elke Buhr
„Twisted Tyres“ heißt die Skulpturenserie in stillsteht.
sich verschlungener Fahrradfelgen von Wim Loops machen die Welt wahrnehmbar. In
Delvoye. Die unmöglichen Knoten passen Wolfsburg dreht sich nicht alles um Gegen-
perfekt zum Thema Loop im Kunstmuseum wartskunst. Direktor Ralf Beil schlägt kühn
Wolfsburg. Weil es Endlosschleifen eigentlich den ganz großen Bogen seit der Antike. Da
gar nicht gibt, weil das Prinzip sturer Wieder- lässt sich dann auch der altägyptische Ouro-
holung schon immer eine Kopfgeburt war. boros – das Ornament der Schlange, die sich
Vom Schema des Sonnenlaufs bis zum Teu- in den Schwanz beißt – als Loop betrachten,
felskreis, in der sich kranke Seelen wähnen: und so fort in Bildern und Artefakten aus
alles menschliche Projektion. Film, Literatur, Musik, Architektur. Zwischen
Seit der Moderne existieren die appara- Bauen und Kunstproduktion bewegt sich
tiven Loops, die nun den Gerätepark der Gregor Schneiders traumatischer Zirkelpar-
Schau „Never Ending Stories“ bilden, ange- cours aus 21 identischen Badezimmern. Dau-
fangen vom historischen Praxinoskop (ein erstress! Doch Yayoi Kusama steuerte eine
Endlosfilmbetrachter) bis zum computerge- Art Holodeck aus bunten, sich tausendfach
steuerten Beamer. Seit der Kunstbetrieb das spiegelnden Lämpchen bei, das den Kreislauf
Kino gekapert hat, ist die filmische Dauer- wieder beruhigt. Jens Hinrichsen
schleife das Medium der Stunde. Anders als
Kinogänger müssen Kunstbetrachter nicht
pünktlich sein, sie können nach Belieben in OBEN
Yayoi Kusama
die Story einsteigen. In den Wolfsburger Black „Ininity mirrored room – the souls of millions
Boxes sind Videoloops von Omer Fast oder of light years away“, 2013
OBEN
Rodney Graham zu sehen. Graham selbst
Alice Neel „Nazis Murder Jews“, 1936
spielt die Doppelrolle von Bauerntölpel und
Dandy in seinem Kostümfilmloop „City Self/ „Never Ending Stories“, Kunstmuseum Wolfsburg, „Alice Neel: The Great Society“,
Country Self“ (2000). Der Bauer bückt sich, BIS 18. FEBRUAR 2018 Galerie Aurel Scheibler, Berlin, BIS 13. JANUAR 2018

122
REVIEW
Fotos: © Ed Atkins, Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York, Rome and dépendence, Brussels

In Berlin drückt Media-Zeitalters folgen, kein Trick ist ihnen


zu billig, um bei den Betrachtern Mitgefühl
„Old Food“ beweist, dass derzeit niemand
die Verquickung von vergänglichen Körpern
ED ATKINS mit ihrer verkorksten Bildschirmexistenz und der vermeintlich unsterblichen Virtuali-
oder wenigstens ein wenig Ekel vor den tät so virtuos beherrscht wie Ed Atkins. Die
auf die Tränendrüse präsentierten HD-Wunden auszulösen. Da Ausstellung führt jedoch auch die Obses-
robbt ein halb verrotteter Mittelalterbarde sion des Künstlers mit weißen männlichen
durch einen synthetischen Märchenwald, Figuren fort, die den allergrößten Teil seiner
Es ist, als hätten sich Ed Atkins’ gefühls- da kracht ein Riesenbaby wie ein Torpedo in Werke bevölkern und deren Omnipräsenz zu-
übermannte Computerkörper in den letzten eine Holzhütte, um dort klagende Klavierak- nehmend irritierend wirkt. Zwar zeigen seine
Jahren gerade noch zusammengerissen. In korde anzustimmen. Videos eine zerbröselnde, selbstmitleidige
den Videos des 35-jährigen Briten wurde ge- Dass es sich bei digitalen Bildern um Männlichkeit, die einigen Heldenkostümen
seufzt, gesummt und gebeichtet. Es saßen ge- hochmanipulative Pixelhaufen handelt, hat auf den Kleiderstangen entgegensteht. Trotz-
beutelte Avatare einsam in hochaufgelösten Atkins schon in seinen früheren Arbeiten dem trägt er den Topos des um sich selbst
digitalen Räumen und ließen leicht verwest deutlich gemacht, diesmal verankert er seine kreisenden Mannes ins Digitale hinein – und
wirkende Flugreisende ihre programmierten gequälten Avatare jedoch in einer breiteren besetzt einen erst einmal unpartei ischen
Körperteile und Körpersäfte durchleuchten. Kulturtradition. Den Bildschirmen sind im Raum mit Klischees der analogen Welt. Ge-
Die ganze Wucht des virtuellen Verfalls Gropius-Bau meterweise Kostüme aus dem plagte und geprüfte Männer als Zentrum
entfaltet sich jedoch erst in Atkins’ neuester Fundus der Deutschen Oper gegenüberge- der Welt gibt es zwischen den Buchdeckeln
Ausstellung „Old Food“ im Berliner Martin- stellt, deren Materialität nicht nur die Raum- und auf den Theaterbühnen wahrlich genug.
Gropius-Bau. Auf insgesamt 89 Monitoren akustik veredelt, sondern auch die Frage Saskia Trebing
lassen seine animierten Protagonisten den aufwirft, was die Kreaturen auf den Screens
digitalen Sekreten freien Lauf. Empfan- eigentlich von denen auf der Theaterbühne
gen werden die Besucher von den viskosen unterscheidet. Sind nicht alle erdachten Fi- OBEN
Schleimtränen eines Photoshop-glatten Ba- guren Avatare, zum Publikumsvergnügen Ed Atkins „Old Food“, 2017,
Produktionsstills
bys, gefolgt von einem monströs vereiterten herumgeschubst, mit Projektionen belegt
Altmännergesicht, das sich schluchzend auf- und mit digitalen oder textilen Oberflächen
zulösen scheint. überzogen? Sind zeitreisende Heldenfiguren
Atkins lässt seine Charaktere den Gesetzen in der Oper weniger künstlich als die Idee von „Ed Atkins: Old Food“, Martin-Gropius-Bau, Berlin,
der Aufmerksamkeitsökonomie des Social- Tod und Verwesung im virtuellen Raum? BIS 7. JANUAR 2018

123
pREvIEw
Ausstellungen

gend organische Materialien wie Baumwolle,


Jetzt mal sachte: Bandagen und Federn ein. Auch ihr einjähri-

REBECCA HORN ger Sanatoriumsaufenthalt legte Spuren im


Werk, wenn sie sich 1972 etwa für die „Blei-
entschleunigt in Duisburg stiftmaske“ Stifte um den Kopf band und wie
bei einer Foltermaschine versuchte, damit
rhythmisch auf der Wand zu zeichnen.
Richard Serra und Claes Oldenburg zählen zu 70er- oder in Spielfilmen der 80er-Jahre (in Seit den 90er-Jahren arbeitet Rebecca Horn
Foto: Gunter Lepkowski, © Rebecca Horn, VG Bild-Kunst, Bonn 2017
den Preisträgern, auch Joseph Beuys hat den „Busters Bedroom“ macht ein vollautomati- vorwiegend an kinetischen Skulpturen. In
Wilhelm-Lehmbruck-Preis bekommen. Seit scher Rollstuhl die Gegend unsicher) entde- Duisburg sind erstmals ihre neuen Installa-
1966 – damals an Eduardo Chillida – wird die cken kann. tionen zu sehen: Die „Hauchkörper“ bestehen
Auszeichnung im Fünfjahreszyklus vergeben. Viermal nahm Horn an der Documenta teil, aus überlebensgroßen, spitzen Messingstä-
Am 24. November wird mit Rebecca Horn erstmals 1972 an Harald Szeemanns Schau, ben, die sich im Wiegemodus aufeinander
erstmals eine Frau mit dem bedeutenden die auch Performances und Happenings inte- zu- und voneinander wegbewegen. Eine Cho-
Bildhauerpreis in Duisburg ausgezeichnet, grierte. Für Horn, in deren Werk Skulptur und reografie mit meditativer, entschleunigender
am Eröffnungstag ihrer Soloschau im Lehm- Choreografie fließend ineinander übergehen, Wirkung. Jens Hinrichsen
bruck Museum. war die Documenta 5 ein ideales Sprungbrett.
Warum so spät? Horn war nie der Ellenbo- Die Künstlerin, 1944 im Odenwald geboren, OBEN
Rebecca Horn „Hauchkörper“, 2017
gentyp, sondern eine eher stille Künstlerin. vergiftete sich im Studium in Hamburg – sie
Von Distanz und Minimalbewegung ist auch hatte unwissend ohne Schutz mit Polyester
„Rebecca Horn: Hauchkörper als Lebenszyklus“,
ihr Werk geprägt, es sind die zyklischen Bewe- gearbeitet – und brauchte zwei Jahre, um Lehmbruck Museum, Duisburg,
gungen, die man in ihren Performances der sich zu erholen. Fortan setzte Horn vorwie- 24. NOVEMBER BIS 2. APRIL 2018

124
PREVIEW

In Düsseldorf wagt sich


BÖHMERMANN
in ein Ausstellungshaus
„Documenta für Arme“ hat Harald Schmidt
seine Show einmal genannt und so auf die
Nähe zwischen dem Late-Night-Format und
Kunst hingewiesen. Auch was beim Schmidt-
Schüler Jan Böhmermann und seinem im
ZDF und bei ZDFneo ausgestrahlten „Neo
Magazin Royale“ passiert, hat in guten Mo-
menten etwas von der gesteigerten Gegen-
wartserfahrung, die Künstler manchmal er-
möglichen. Im Gegensatz zu Schmidt spricht
Böhmermann allerdings nie über Kunst, wes-
halb die Ankündigung einer Ausstellung von
ihm und seiner Kölner Produktionsfima im
NRW-Forum überrascht. Sei’s drum: Genug
visuelles Material hat sich in vier Jahren „Neo
Frankfurt am main lässt Es geht dabei um weit mehr als kuratori-
sches Memory-Spielen. Seit einigen Jahren
Magazin Royale“ angesammelt. Und mit der BUENOS AIRES bemühen sich Museen, den „westlichen
von Böhmermann losgetretenen Staatsaffäre Kanon aufzubrechen“ und eine „globale
um sein Erdoğan-Schmähgedicht hat es die sprechen Perspektive“ einzunehmen. Von bislang ver-
Frage, wie frei die Kunst sein kann, weltweit nachlässigten Avantgardezentren wie Buenos
in die Schlagzeilen geschafft. Daniel Völzke Aires (oder auch Mexiko-Stadt, Neu-Delhi,
Um Stoff für neue Geschichten zu bekom- Kairo, Istanbul) aus betrachtet, zeigt sich die
men, muss man manchmal schlichtweg den Kunstgeschichte in einem anderen Licht,
Erzähler austauschen. In den vergangenen öffnen sich jenseits des vermeintlichen, vom
Monaten haben sich Kuratoren des Museo de Kalten Krieg geprägten Widerspruchs zwi-
Arte Moderno de Buenos Aires die Sammlung schen Abstraktion (als westlichem Ideal des
des Museums für Moderne Kunst in Frank- autonomen Künstlersubjekts) und Figuration
furt vorgeknöpft und aus den Schubladen (als Doktrin des sozialistischen Realismus)
der westlichen Kunstgeschichte Werke her- „dritte Wege“, wird der Übergang von der
vorgezogen, die Parallelen zur lateinameri- Moderne zur Postmoderne brüchig. Es zeigen
kanischen Nachkriegsavantgarde aufweisen. sich alternative, möglicherweise ja durchaus
Rund 500 dialogisch angeordnete Arbei- zukunftsweisende Vorstellungen davon, was
ten von mehr als 100 Künstlern sollen jetzt ein Kunstwerk ist und soll.
„A Tale of Two Worlds“, also eine Geschichte Darum ist es gut, dass sich die MMK-Aus-
zweier Welten, darlegen. stellung, Teil des Programms „Museum Glo-
Um ein Beispiel aus der umfangreichen bal“ der Kulturstiftung des Bundes, nicht in
Schau zu nennen: Wie wäre es, wenn man der Eingemeindung bislang übersehener Po-
ein berühmtes Bild wie Roy Lichtensteins sitionen erschöpft, sondern die Federführung
„Yellow and Green Brushstrokes“ aus dem an die argentinischen Kollegen abgibt. Her-
Fotos: Tibor Bozi. Jorge Roiger, © archivo Julieta Kemble

Jahr 1966 einmal nicht als paradigmatisches vorgehoben werden in Frankfurt dabei auch
Bindeglied zwischen Abstraktem Expressi- die spezifischen sozialen und politischen
onismus (aufgrund der vermeintlich freien Kontexte: Ohne Rückbindung an die gesell-
Gestik) und Pop-Art (in Wahrheit überträgt schaftlichen Rahmenbedingungen lassen
Lichtenstein mithilfe von Overheadprojektor sich Kunstgeschichten nirgendwo und von
und Schablonen die schematische Bildspra- niemandem erzählen. Sebastian Frenzel
che des Comicstrips in die Malerei) betrach-
OBEN tete? Sondern das Werk in Beziehung setzte OBEN
Jan Böhmermann Kenneth Kemble „Gran pintura negra“, 1960
zu dem Argentinier Kenneth Kemble, der vom
Informel herkommend bereits ab 1960 ganz
„DEUSCTHLAND: Eine Ausstellung von
Jan Böhmermann und btf“, NRW-Forum Düsseldorf, ähnlich verfährt und penible Rasterungen „A Tale of Two Worlds“, Museum für Moderne Kunst,
24. NOVEMBER BIS 4. FEBRUAR 2018 auf seine Leinwand überträgt? Frankfurt am Main, 25. NOVEMBER BIS 2. APRIL 2018

125
kALEnDER
Ausstellungen
„Open Thoughts“ Galerie Buchholz Berlin
bis 3. Dezember Tomma Abts
Passstr. 29 bis 13. Januar 2018
www.neueraachener- Fasanenstr. 30
kunstverein.de www.galeriebuchholz.de

Galerie Capitain Petzel


Stephen Prina
ARLEs 24. November –
13. Januar 2018
Luma Arles Karl-Marx-Allee 45
„Jean Prouvé – www.capitainpetzel.de
Architect for Better Days“
bis Frühjahr 2018 C/O Berlin
45, chemin des Minimes Danny Lyon:
www.luma-arles.org „Message to the Future“;
Willi Ruge:
„Fotoaktuell“
bis 3. Dezember;
BADEn-BADEn Joel Meyerowitz:
„Why Color. Retrospective“;
Museum Frieder Burda
Torbjørn Rødland:
Bharti Kher „Back in Touch“
9. Dezember – 11. März 2018
bis 14. Februar 2018
Hardenbergstr . 22/24
Lichtentaler Allee 8 b
www.co-berlin.com
www.museum-
frieder-burda.de
Deutsche Bank

Fotos: © Mathias Schormann, © Jeanne Mammen, VG Bild-Kunst, Bonn 2017. © Jesús Hdez-Güero. Courtesy die Künstlerin und Peter Freeman, Inc.
Kunsthalle
Fahrelnissa Zeid
bis 25. März 2018
BAsEL Unter den Linden 13/15
www.deutsche-bank-
von Bartha kunsthalle.de
Daniel Robert Hunziker
18. November – Dittrich & Schlechtriem
20. Januar 2018 „Group show“
Kannenfeldplatz 6 mit Andreas Greiner,
www.vonbartha.com Felix Kiessling,
Julius von Bismarck
Museum 16. Dezember –
Tinguely 10. Februar 2018
Wim Delvoye Linienstr. 23
bis 1. Januar 2018 www.dittrich-
Paul Sacher-Anlage 1 schlechtriem.com
www.tinguely.ch
Galerie Eigen + Art Berlin
Stella Hamberg
bis 20. Dezember
BERLIn Auguststr. 26
www.eigen-art.com
Jeanne Mammen: „Die Beobachterin“ 68projects
Sie zeichnete und malte Tänzerinnen, Revuegirls und Kafeehaus-Besucher: Jeanne Mammen „Soul Mate“ Grzegorszki Shows
(1890–1976) ist als Chronistin der wilden Berliner 20er bekannt. Aber die Retrospektive in der Ber- mit Farshad Farzankia, Robert Schmitt:
linischen Galerie zeigt, dass ihre Blicke ins frivole Nachtleben nur eine Seite ihres Schafens sind. Kimia Ferdowsi Kline „I paid for content and
Nach 1945 wird ihr Werk gänzlich abstrakt, Mammen kombiniert pastose Flächen mit geometri-
bis 13. Januar 2018 I’m proud of“
schen Mustern, arbeitet Tortenspitze, Silber- und Goldfolie in ihre Bilder ein. 170 Werke aus 60
Fasanenstr. 68 bis 3. Dezember
www.galeriekornfeld.com Prinzenallee 78/79
Schafensjahren sind zu sehen (Bild: „Sie repräsentiert“, um 1928).
www.grzegorzkishows.com
Berlinische Galerie, bis 15. Januar 2018
Berlinische Galerie
Monica Bonvicini Galerie
bis 26. Februar 2018; Michael Haas
u. a. mit Yoan Capote, u. a. mit Blue Noses, Jülicher Str. 97/109 „Jeanne Mammen. Emil Cimiotti
AAcHEn Susana Pilar Delahante, Bombily, Urbanfeminism www.ludwigforum.de Retrospektive 1910–1975“ 18. November –
Felipe Dulzaides; bis 18. Februar 2018; bis 15. Januar 2018 22. Dezember
Ludwig Forum für „dis/order. Noemi Weber/ Neuer Aachener Alte Jakobstr. 124/128 Niebuhrstr. 5
Internationale Kunst Kunst und Aktivismus in Nobuyuki Osaki Kunstverein www.berlinische www.galerie
„Kunst x Kuba“ Russland seit 2000“ bis 25. Februar 2018 Emma Talbot: galerie.de michaelhaas.de

126
KALENDER AUSSTELLUNGEN

Auguststr. 86 Chinesische Fotografie Schinkel Pavillon Julia Stoschek Collection


magicbeans.gallery und die Kulturrevolution“ Oliver Laric „Jaguars And Electric Eels“
u. a. mit Cao Kai, Feng 2. Dezember – u. a. mit Trisha Donnelly,
Martin-Gropius-Bau Mengbo, Wang Ningde 21. Januar 2018 Cyprien Gaillard,
Wenzel Hablik: bis 7. Januar 2018 Oberwallstr. 1 Anicka Yi
„Expressionistische Utopien“ Jebensstr. 2 www.schinkelpavillon.de bis 26. November
bis 14. Januar 2018; www.smb.museum.de Leipziger Str. 60
Ed Atkins: „Old Food“ Galerie Esther Schipper www.julia-stoschek-
bis 10. Dezember Neugerriemschneider Ann Veronica Janssens; collection.net
Niederkirchnerstr. 7 Andreas Eriksson: Wiebke Siem:
www.gropiusbau.de „Mapping“ „Damenskulptur“ Supportico Lopez
25. November – bis 16. Dezember Daniele Milvio: „Brache“
Me Collectors Room 27. Januar 2018 Potsdamer Str. 81 e 18. November –
„Indigenous Australia: Linienstr. 155 www.estherschipper.com 22. Dezember
„Kunst x Kuba“ Kurfürstenstr. 14 b
National Gallery of Australia“ www.neuger
Kubas Kunstszene ist zurzeit eine der span- www.supporticolopez.com
u. a. mit Christopher riemschneider.com Galerie Michael Schultz
nendsten in Lateinamerika. Das Ludwig Forum
Pease, Michael Riley, und Schultz Contemporary
Aachen zeigt ein breites Spektrum zeitgenössi- Wagner + Partner
Yirawala Galerie Andy Denzler:
scher kubanischer Kunst und zeichnet damit 17. November – Georg Nothelfer „Fragmented Figures“ Bastian Börsig
ein vielschichtiges Bild des Landes zwischen 2. April 2018 Max Neumann bis 9. Dezember bis 16. Dezember
karibischem Hedonismus und existenzieller Auguststr. 68 bis 9. Dezember; Mommsenstr. 34 Strausberger Platz 8
Krise. In der bisher umfangreichsten Schau zu www.me-berlin.com Accrochage www.schultzberlin.com www.galerie-wagner-
Kuba in einem deutschen Museum sind rund 16. – 30. Dezember partner.com
150 Arbeiten von 70 Künstlern zu sehen, da- Meyer Riegger Berlin Corneliusstr. 3, Sprüth Magers Berlin
runter Rubén Alpízar, María Magdalena Cam- Jonathan Monk: Grolmanstr. 28 Barbara Kruger:
pos Pons und Jesús Hdez-Güero (Bild: „Cambio „The Knowledge“ www.galerie-nothelfer.de „Forever“;
de Bola“, 2015). 25. November – Llyn Foulkes: BRAunscHwEIg
Ludwig Forum für Internationale Kunst, 22. Dezember Aurel Scheibler „Transfiguration“;
Aachen, bis 18. Februar 2018 Friedrichstr. 235 Alice Neel: Jon Rafman: Kunstverein
www.meyer-riegger.de „The Great Society“ „Dream Journal ’16–’17“ Braunschweig
bis 13. Januar 2018 bis 22. Dezember Georgia Sagri;
Hamburger Bahnhof bis 7. Januar 2018 Museum für Fotografie Schöneberger Ufer 71 Oranienburger Str. 18 K.R.M. Mooney
Preis der Nationalgalerie Alexandrinenstr. 118/121 „Arbeiten in Geschichte. www.aurelscheibler.com www.spruethmagers.com 2. Dezember –
mit Sol Calero, Iman Issa, www.koeniggalerie.com
Jumana Manna,
Agnieszka Polska Galerie Kornfeld
bis 14. Januar 2018 Susanne Roewer
Invalidenstr. 50/51 bis 13. Januar 2018
www.smb.museum Fasanenstr. 26
www.galeriekornfeld.com
Galerie Max Hetzler
Raymond Hains; Kraupa-Tuskany Zeidler
Christoph Niemann Anna Uddenberg
bis 20. Januar 2018 bis 13. Januar 2018
(Bleibtreustr.); Karl-Liebknecht-Str. 29
Jérémy Demester www.aktnz.com
bis 20. Januar 2018
(Goethestr.) KW Institute
Bleibtreustr. 45, for Contemporary Art
Goethestr. 2/3 Willem de Rooij
www.maxhetzler.com bis 17. Dezember;
„Prospectus:
Galerie Judin A year with Will Holder“
Enrique Martínez Celaya: bis 23. Dezember;
„The Mirroring Land“ Lucy Skaer
bis 4. November bis 7. Januar 2018
Potsdamer Str. 83 Auguststr. 69
www.galeriejudin.com www.kw-berlin.de

Ketterer Kunst Kunsthandel


Sammlung Frisch Jörg Maass
u. a. mit Martin Assig, Annie Leibovitz
Bernd Koberling, 24. November –
Brigitte Waldach 27. April 2018 Lucy Skaer: „Available Fonts“
16. Dezember – Rankestr. 24 Skulpturen haben für Lucy Skaer keinen Anspruch auf Endgültigkeit. Die 1975 in Cambridge geborene
10. Februar 2018 www.kunsthandel- Künstlerin sieht jedes ihrer Werke als eine unter vielen latenten Versionen an. Dementsprechend
Fasanenstr. 70 maass.de kombiniert sie die Elemente ihrer aus unterschiedlichen Materialien und Objekten, aus Filmen oder
www.kettererkunst.de historischen Graiken gefügten Werke immer wieder neu, knüpft an eigene Leitmotive an, vereinigt
Magic Beans Gallery schon Bestehendes zu groß angelegten skulpturalen Tableaus. In den Berliner Kunst-Werken ist nun
König Galerie Konstantin Déry das erste große Solo von Skaer in Deutschland zu sehen (Bild: „La Chasse“, 2017).
Isa Genzken bis 22. Dezember KW Institute for Contemporary Art, Berlin, bis 7. Januar 2018

127
KALENDER AUSSTELLUNGEN

www.julia-stoschek-
collection.net

EssEn
Museum Folkwang
Alexander Kluge:
„Pluriversum“
bis 7. Januar 2018;
Niklaus Troxler:
„Jazz ’n’ more – Plakate“;
Catharina van Eetvelde: „Ilk“;
Balthasar Burkhard
bis 14. Januar 2018
Museumsplatz 1
www.museum-folkwang.de

FRAnkFuRT
Galerie Anita Beckers
„First Reception“

Fotos: KAI 10 | Arthena Foundation/Alexandra Höner. © Mart-Stam-Archiv, Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main. © Jochen Lempert, VG Bild-Kunst, Bonn 2017
mit Analivia Cordeiro,
Aldona Kut
30. November –
20. Januar 2018
Braubachstr. 9
„Affect Me“ www.galerie-beckers.de
Facebook, Instagram, Twitter und Co sind mit Trump und Fake News in Verruf geraten. Andererseits avancierte das millio-
nenfach verlinkte Handybild zum bedeutenden Instrument einer unabhängigen Meinungsbildung. Die Gruppenschau „Afect MMK 1
Me“ im Düsseldorfer Kai 10 stellt Werke vor, die sich auf die neuen Bildphänomene der sozialen Medien beziehen. Künstler
„A Tale of Two Worlds“
wie Lara Baladi, Lynn Hershman Leeson, Thomas Hirschhorn, Rabih Mroué oder Thomas Ruf relektieren Gebrauchswei-
25. November –
2. April 2018
sen, Semantik, ästhetische Reize dieser Bilder – oder sie zeigen kritisch auf, wie Bilder Tatsachen schafen und die Grenze
Domstr. 10
zwischen Realität und Fiktion erodieren lassen (Bild: Forensic Architecture „Air Strike Atimah“, 2015).
www.mmk-frankfurt.de
Kai 10/Arthena Foundation, Düsseldorf, bis 10. März 2018
MMK 2
„I am a problem“
11. Februar 2018 Künstlerhaus Bremen Lehmbruck Museum K21 Ständehaus NRW-Forum Düsseldorf u. a. mit Robert Gober,
Lessingplatz 12 „Wie werden wir uns Rebecca Horn Akram Zaatari „Deuscthland: Dayanita Singh,
www.kunstverein-bs.de wiedererkennen“ 24. November – 18. November – Jan Böhmermann und BTF“ Oliviero Toscani
u. a. mit Naama Arad, 2. April 2018 25. Februar 2018 24. November – bis 18. Februar 2018
Stefanie Knobel, Düsseldorfer Str. 51 Ständehausstr. 1 4. Februar 2018 Taunustor 1
Nicole Wermers www.lehmbruckmuseum.de www.kunstsammlung.de Ehrenhof 2 www.mmk-frankfurt.de
BREgEnz bis 28. Januar 2018 www.nrw-forum.de
Am Deich 68/69 MKM Museum Galerie Philipp Pflug
Kunsthaus Bregenz www.kuenstlerhaus Küppersmühle Kadel Willborn Galerie Ute Parduhn Contemporary
Peter Zumthor: „Dear to Me“ bremen.de Bernd Koberling Art & Language Rui Chafes: „Murmeln“ Tina Kohlmann
mit Hélène Binet, Olga bis 28. Januar 2018 bis 22. Dezember bis 6. Januar 2018 bis 23. Dezember
Neuwirth, Gerda Steiner Weserburg – Museum für Philosophenweg 55 Birkenstr. 3 Kaiserswerther Markt 6 a Berliner Str. 32
& Jörg Lenzlinger; moderne Kunst www.museum- www.kadel-willborn.de www.galerie-parduhn.de www.ppcontemporary.com
Simon Fujiwara: „Campaign“ „The Vague Space. kueppersmuehle.de
(KUB Billboards) Sammlung Kai 10 Sammlung Philara Portikus
bis 7. Januar 2018 Christian Caspar Schwarm“ „Affect Me“ Jorge Castillo Moyra Davey
Karl-Tizian-Platz u. a. mit Nina Canell, u. a. mit Lynn Hershman & Thomas Musehold 8. Dezember –
www.kunsthaus- Peter Piller, Karin Sander; DÜssELDORF Leeson, Thomas bis 14. Januar 2018 28. Januar 2018
bregenz.at „Proof of Life / Lebenszeichen“ Hirschhorn, Rabih Mroué Birkenstr. 47 Alte Brücke 2/Maininsel
u. a. mit Tracey Emin, K20 Grabbeplatz bis 3. März 2018 www.philara.de www.portikus.de
Richard Prince, Carmen Herrera: Kaistr. 10
Sterling Ruby „Lines of Sight“ www.kaistrasse10.de Julia Stoschek Collection Schirn
BREmEn bis 27. Februar 2018 2. Dezember – „Generation Loss. Kunsthalle
Teerhof 20 8. April 2018; Kunsthalle 10 Years of the „Diorama.
GAK www.weserburg.de Maria Hassabi: Düsseldorf Julia Stoschek Collection“ Erfindung einer Illusion“
Than Hussein Clark „Staging: Solo“ „Akademie“ u. a. mit Ed Atkins u. a. mit Mark Dion,
2. Dezember – 9. Dezember – bis 7. Februar 2018 & Simon Thompson, Isa Genzken, Jeff Wall
25. Februar 2018 21. Januar 2018 Grabbeplatz 4 Klara Lidén, Hannah Wilke bis 21. Januar 2018;
Teerhof 21 DuIsBuRg Grabbeplatz 5 www.kunsthalle- bis 10. Juni 2018 „Glanz und Elend
www.gak-bremen.de www.kunstsammlung.de duesseldorf.de Schanzenstr. 54 der Weimarer Republik“

128
KALENDER AUSSTELLUNGEN

u. a. mit Otto Dix, „classic/memento Artlantique, Peter Schäfer


George Grosz, HAmBuRg (funky edit)“; bis 21. Januar 2018
Jeanne Mammen „Dialogues“ Am Steintorplatz
bis 25. Februar 2018; Deichtorhallen u. a. mit John M Armleder, www.mkg-hamburg.de
Philipp Fürhofer Peter Bialobrzeski: Blinky Palermo,
bis 21. Januar 2018 „Die zweite Heimat“; Paul Winstanley
Römerberg Alec Soth: „Gathered Leaves“ bis 15. Februar 2018
www.schirn.de bis 7. Januar 2018; Heilwigstr. 64 HAnnOvER
Alice Neel: www.veramunro.com
Galerie „Painter of Modern Life“ Kestnergesellschaft
Barbara von Stechow bis 14. Januar 2018 Museum für Kunst Marc Camille Chaimowitz:
Josef Fischnaller Deichtorstr. 1/2 und Gewerbe „One to one …“;
bis 1. Dezember www.deichtorhallen.de „Pure Gold. „In Relation to a Spectator“
Feldbergstr. 28 Upcycled! Upgraded!“ u. a. mit Monika Baer, Jochen Lempert
www.galerie-von- Galerie Vera Munro u. a. mit Sandra Böhm, Rachel Harrison, Studio Wissenschaft und künstlerische Fotograie
stechow.com Gerwald Rockenschaub: Ramón Llonch/ for Propositional Cinema
geben sich bei Jochen Lempert die Hand.
bis 7. Januar 2018
Der 1958 in Hamburg geborene Künstler stu-
Goseriede 11
dierte zunächst Biologie, seit über 25 Jahren
Kestnergesellschaft.de
untersucht er die wechselseitigen Einlüsse
Kunstverein Hannover menschlicher, tierischer, planzlicher und
Villa Minimo 2015–2017 mikroorganischer Lebensformen mit der Ka-
mit Laura Bielau, mera. Seine unerwartet poetischen Schwarz-
Susann Dietrich, Weiß-Bilder sind nun im Sprengel Museum
Claudia Piepenbrock, Hannover zu sehen. Es sind Fotograien, die
Christian Retschlag nichts wollen, außer Natur, Bewegung und
2. Dezember – Veränderung zu dokumentieren. Trotzdem
28. Januar 2018 – oder gerade deshalb – sind sie Kunst (Bild:
Sophienstr. 2 „Hanover Auk“, aus der Serie „Auk“, seit 1995).
www.kunstverein- Sprengel Museum Hannover,
hannover.de 29. November bis 18. Februar 2018

Sprengel Museum
„Grafik Ost“ die zeitgenössische Kunst“
u. a. mit Angela Hampel, u. a. mit Piet Mondrian, kÖLn
Wolfgang Mattheuer, Yves Netzhammer,
Max Uhlig; Tobias Rehberger Galerie Buchholz
„revonnaH. bis 4. Februar 2018 Katharina Wulff
Kunst der Avantgarde in Goebenstr. 2/10 15. Dezember –
Hannover 1912–1933“ www.marta-herford.de 27. Januar 2018
u. a. mit Kurt Schwitters, Neven-DuMont-Str. 17,
El Lissitzky, Käte Steinitz Elisenstr. 4/6
bis 7. Januar 2018; www.galeriebuchholz.de
Theaster Gates InnsBRuck
(Kurt-Schwitters-Preis) Clages Gallery
bis 4. Februar 2018 Frances Scholz:
Galerie
Kurt-Schwitters-Platz „ungekämmt“
Bernd Kugler
www.sprengel-museum.de bis 31. Dezember
„Le monde pictorial“
mit Eugène Leroy, Brüsseler Str. 5
Tobias Hantmann mariettaclages.de
bis 22. Dezember
HEppEnHEIm Burggraben 6 Galerie Karsten Greve
www.berndkugler.at Giorgio Morandi
Kunstverein Heppenheim bis 9. Dezember
Tamina Amadyar: Kunstraum Drususgasse 1/5
„Samstagnacht“ Innsbruck www.galerie-
bis 24. November Benjamin Zanon karsten-greve.com
Weiherhausstr. 3 24. November –
„Radikaler Modernist: Das Mysterium Mart Stam“ kunstverein-
Auch seinen Namen – Martinus Adrianus Stam – hat er umgestaltet:
20. Januar 2018 Galerie Heinz Holtmann
heppenheim.org Arkadenhof, Christian Seidler:
Mart Stam (1899–1986) zählt zu den einlussreichsten Designern und Ar-
Maria-Theresien-Str. 34 „TreibStoff“
chitekten. Eine Ausstellung im Marta Herford verfolgt nun die abenteu-
www.kunstraum- bis 29. November
erlichen Lebensstationen des Niederländers von Amsterdam bis zum
innsbruck.at Anna-Schneider-Steig 13
Ural, über Berlin, Frankfurt und Stuttgart bis an den Thunersee. Stam, HERFORD www.galerie-holtmann.de
der zwischen 1948 und 1952 in der DDR lebte und dessen Spur sich am Stadtgalerie
Lebensende rätselhaft verliert, wird als Visionär der frühen Moderne Marta Herford Schwaz Kölnischer Kunstverein
vorgestellt. Seine Entwürfe und Projekte sind Teil der Ausstellung: der „Radikaler Modernist. Stefan Sandner Cameron Jamie
erste funktionstüchtige Freischwinger oder die von Stam konzipierten Das Mysterium Mart Stam“ bis 27. Januar 2018 bis 10. Dezember
Häuser in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung oder der Werkbundsied- bis 7. Januar 2018; Franz-Josef-Str. 27 Hahnenstr. 6
lung Prag (Bild: Porträt von Mart Stam, o. J.). „Revolution in Rotgelbblau – www.stadtgalerie www.koelnischer
Marta Herford, bis 7. Januar 2018 Gerrit Rietveld und schwaz.at kunstverein.de

129
KALENDER AUSSTELLUNGEN

KUK Galerie SK Stiftung Kultur. „The Spirit of our Needs“ u. a. mit Gustav Klutsis, Galerie Nosbaum

Fotos: © Kader Attia, Courtesy der Künstler, Galerie Nagel Draxler, Berlin/Köln, Galerie Krinzinger, Wien, Galerie Lehmann Maupin, New York/Hong Kong und Galleria Continua, San Gimignano; © Kader Attia, VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Agostino Osio, © Mona Hatoum,
Tobias Sternberg: Die Photographische bis 14. Januar 2018 LOnDOn Dmitri Moor, Nina Vatolina & Reding
„The Magician“ Sammlung Wilhelmshofallee 97 bis 18. Februar 2018; Xavier Mary:
bis 23. Dezember „Il deserto rosso now – www.kunstmuseen Barbican Art Gallery Superflex „The Enigma of Steel“
An der Schanz 1 a Photographische Reaktionen krefeld.de Jean-Michel Basquiat bis 2. April 2018 bis 6. Januar 2018
www.kukgalerie.de auf Antonionis Filmklassiker“ bis 28. Januar 2018 Bankside 2/4, rue Wiltheim
u. a. mit Joachim Brohm, Museum Haus Lange Barbican Centre www.tate.org.uk/modern Luxembourg
Galerie Christian Lethert João Grama, „Exat 51/ www.barbican.org.uk www.nosbaumreding.lu
„In Neuen Räumen!“ Anna Voswinckel Experimental Atelier“ Whitechapel Gallery
u. a. mit Rana Begum, Imi bis 28. Januar 2018 u. a. mit Zdravko Serpentine Gallery Thomas Ruff
Knoebel, Richard Tuttle Im Mediapark 7 Bregovac, Wade Guyton: bis 21. Januar 2018
bis 22. Dezember www.sk-kultur.de/ Vladimir Kristl, „Das New Yorker Atelier, 77/82 Whitechapel mÖncHEn-
Antwerpener Str. 52 Abridged“
www.christianlethert.com
photographie Ivan Picelj
bis 4. Februar 2018
High St. gLADBAcH
bis 14. Januar 2018 www.whitechapel.org
Warhus Rittershaus Wilhelmshofallee 91 Kensington Gardens
Museum Ludwig www.serpentine Museum Abteiberg
„Visetez ma tente“ www.kunstmuseen „Die Zukunft der Zeichung:
„Die humane Kamera. Hein- u. a. mit Habima Fuchs, krefeld.de galleries.org
rich Böll und die Fotografie“ Konstruktion“
bis 7. Januar 2018; Louise Lawler, Tate Britain LuXEmBuRg u. a. mit Alexandra Exter,
„Werner Mantz. Gerda Scheepers Rachel Whiteread Ljubow Popowa,
Architekturen und Menschen“ bis 27. Januar 2018 bis 21. Januar 2018 Mudam Frank Stella
bis 21. Januar 2018 An der Schanz 1 a LEvERkusEn Millbank Su-Mei Tse: „Nested“; bis 10. Dezember;
Heinrich-Böll-Platz warhusrittershaus.com www.tate.org.uk/britain „Flatland/Abstractions. „Von da an“
www.museum-ludwig.de Museum Morsbroich Narratives #2“ u. a. mit Joseph Beuys,
Mirosław Bałka: Tate Modern u. a. mit Sarah Morris, Johannes Cladders,
Berthold Pott „Die Spuren“ Ilya & Emilia Kabakov Reinhard Mucha, Lawrence Weiner
Johanna von Monkiewitsch kREFELD bis 7. Januar 2018 bis 28. Januar 2018; Elsa Werth bis 18. Februar 2018
(„Von da an“ auch im alten
bis 16. Dezember Gustav-Heinemann-Str. 80 „Red Star Over Russia. bis 8. April 2018
An der Schanz 1 a Museum Haus Esters www.museum- A Revolution in 3, Park Dräi Eechelen Städtischen Museum,
www.bertholdpott.com Jasmina Cibic: morsbroich.de Visual Culture 1905–55“ www.mudam.lu Bismarckstr. 97)
Abteistr. 27
www.museum-abteiberg.de

mÜncHEn
BNKR
„No Longer Art:
Salvage Art Institute“
u. a. mit Helmut Dorner,
Wilhelm Sasnal,
Jeff Koons

Courtesy Fondazione Querini Stampalia Onlus, Venedig. Jonas Zilius, © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien
bis 25. Februar 2018
Ungererstr. 158
www.bnkr.space

Espace Louis Vuitton


Christian Boltanski:
„Animitas“
bis 31. März 2018
Maximilianstr. 2 a
www.muenchner-
galerien.de/gallery/
espace-louis-vuitton

Galerie Renate Bender


Carlos Cruz-Diez;
Ludwig Wilding
bis 22. Dezember
Türkenstr. 11
www.galerie-bender.de

Barbara Gross Galerie


Kader Attia: „Architektur der Erinnerung“ Yorgos Sapountzis
Er ist ein Grenzgänger zwischen Europa und Afrika: Der algerisch-französische Installationskünstler Kader Attia zeigt im 20. Oktober –
Ludwig Museum Koblenz Werke, die Ästhetik mit Ethik verbinden. „Reparatur“, ein Kernbegrif für den 1970 geborenen 2. Dezember
Künstler, begreift er als universalen Mechanismus. Geschichte stellt sich als endlose Folge von Verletzungen und Reparatu- Theresienstr. 56, Hof 1
ren dar. In Attias Werken – etwa dem Environment „The Repair from Occident to Extra-Occidental Cultures“, 2012 auf der www.barbaragross.de
Documenta gezeigt – thematisiert er immer wieder Grenzziehungen, die in der Kolonialzeit ursprüngliche Verkehrs- und
Handelszonen zerstörten. Oft tauchen bei Attia zerbrochene Spiegel auf, die nicht bruchlos gelickt, sondern mit groben Haus der Kunst
Bändern zusammengenäht sind. Ein Zwischenraum entsteht, etwas Neues (Videostill: „Réléchir la Mémoire“, 2016). Thomas Struth:
Ludwig Museum im Deutschherrenhaus Koblenz, bis 21. Januar 2018

130
KALENDER AUSSTELLUNGEN

Maximilianstr. 53 17 East 82nd Street „Thinking Machines:


www.versicherungs mÜnsTER www.galeriebuchholz.com Art and Design in the
kammer-kulturstiftung.de Computer Age“
ARTLETstudio Gagosian Gallery bis 8. April 2018;
Kunstverein München Marc Giai-Miniet Douglas Gordon: Stephen Shore
Jahresgaben bis 30. November „back and forth and 19. November –
9. – 17. Dezember Verspoel 20 forth and back“ 28. Mai 2018
Galeriestr. 4 artlet-studio.com 18. November – 11 W 53rd St.
www.kunstverein- 22. Dezember www.moma.org
muenchen.de Westfälischer Kunstverein 522 W 21st St.
„Warum verlieben wir uns www.gagosian.com MoMA PS1
Lenbachhaus immer in die fiesen Jungs?“ Cathy Wilkes;
„Joseph Beuys. mit Nicola Gördes, Guggenheim Carolee Schneemann
Handzeichnungen und Stella Rossié; Museum bis 11. März 2018
Drucksachen aus der Jahresgaben 2017 „Art and China after 1989: 22/25 Jackson Ave.
Sammlung Lothar Schirmer“ bis 14. Januar 2018 Theater of the World“ www.ps1.org
bis 18. Februar 2018; Rothenburg 30 u. a. mit Ai Weiwei, Huang
Gabriele Münter: www.westfaelischer- Yong Ping, Zhou Tiehai New Museum of
„Malen ohne Umschweife“ kunstverein.de bis 7. Januar 2018 Contemporary Art
bis 8. April 2018 1071 Fifth Ave. Kahlil Joseph:
Luisenstr. 33 www.guggenheim.org „Shadow Play“;
www.lenbachhaus.de „Trigger:
nEw yORk MoMA Gender as a Tool and
Galerie Christine Mayer Max Ernst: a Weapon“
Silva Reichwein Galerie Buchholz „Beyond Painting“ u. a. mit Reina Gossett,
bis 2. Dezember „Cosmic Communities“ bis 1. Januar 2018; Sylvia Rivera,
Ayşe Erkmen und Mona Hatoum: Liebigstr. 39 u. a. mit Kai Althoff, Louise Bourgeois: Chris Vargas
„Displacements/Entortungen“ www.galerie Tony Conrad, „An Unfolding Portrait“; bis 7. Januar 2018
Orte und ihre Geschichte spielen eine zentrale
christinemayer.de Walter De Maria „Items: Is Fashion Modern?“ 235 Bowery
Rolle im Werk von Ayşe Erkmen und Mona Ha- bis 13. Januar 2018 bis 28. Januar 2018; www.newmuseum.org
Museum Brandhorst
toum. Nun stellen die Künstlerinnen gemein-
„Pop Pictures People“
sam aus, in einer dialogischen Schau in Leip-
u. a. mit Keith Haring,
zig. Erkmen, die in ihrer Geburtsstadt Istanbul Alex Katz, Cady Noland
und in Berlin lebt, relektiert in ihren Instal- bis 8. April 2018
lationen soziokulturelle Zusammenhänge Theresienstr. 35 a
bestimmter Orte. Themen sind ihr wichtiger www.museum-
als eine ausgesprochen persönliche Hand- brandhorst.de
schrift. Hatoum stammt aus Beirut, lebt heute
in London und Berlin. Häuig stellen in ihren Galerie Karl Pfefferle
Werken vergrößerte Alltagsgegenstände eine „Dokoupil: Lapislazuli“
feindliche Wirklichkeit dar. „Displacements“, bis 3. Februar 2018
der Titel der Duo-Schau, bezieht sich auf das Reichenbachstr. 47/49
von beiden Künstlerinnen genutzte Mittel der www.galerie
Verfremdung sowie auf die Entwurzelung, die karlpfefferle.de
beide erfahren mussten (Bild: Mona Hatoum
„Hot Spot III“, 2009). Pinakothek der Moderne
Museum der bildenden Künste Leipzig,
Germaine Krull: „Métal“
18. November bis 18. Februar 2018 bis 10. Juni 2018;
Thea Djordjadze
bis 14. Januar 2018
Barer Str. 40
„Figure Ground“ www.haeusler- www.pinakothek.de
bis 7. Januar 2018; contemporary.com
„Again and Again — Tanja Pol Galerie
Sammlung Goetz Galerie Sabine Knust Sophie Schmidt
im Haus der Kunst“ „Inside the Distance“ bis 22. Dezember
u. a. mit Tracey Emin, mit Ronald de Bloeme, Ludwigstr. 7
Mark Leckey und Lothar Hempel, www.tanjapol.com
Bjørn Melhus Gregor Hildebrandt, „Hybrid Layers“
bis 8. April 2018; Olaf Holzapfel, Sebastian Ist das Internet für die deutsche Kanzlerin immer noch „Neuland“, wie
Galerie Rüdiger Schöttle sie vor einigen Jahren bemerkte? Wir wissen es nicht, aber fest steht,
Polina Kanis, Oscar Murillo Preece, Adam Rabinowitz Rodney Graham
bis 18. März 2018 bis Mitte Januar 2018 dass wir uns längst im „digitalen Zeitalter“ beinden. Künstler aus der
bis 3. Februar 2018
Prinzregentenstr. 1 Ludwigstr. 7, Generation der Millennials allemal. Die Gruppenschau „Hybrid Layers“
Amalienstr. 41
www.hausderkunst.de Theresienstr. 48 www.galerie- im Karlsruher ZKM zeigt, wie sich der Fokus der Medienkunst verscho-
www.sabineknust.com ruediger-schoettle.de ben hat. Es ist nicht mehr so interessant, die analoge Welt ins Digitale
Häusler Contemporary zu überführen, sondern – andersherum – die Bits und Bytes mithilfe
München Kunstfoyer Walter Storms Galerie etwa neuartiger Druckverfahren in die analoge Realität zu holen. Zu
Judy Edgerwood: Martin Parr: Albert Hien; Mark Killian den Künstlern zählen Aleksandra Domanović, Daniel Keller, Florian
„Every Day is Different“ „Souvenir. bis 2. Dezember Meisenberg, Katja Novitskova, Yuri Pattison und Anne de Vries (Bild:
bis 12. Januar 2018 A Photographic Journey“ Schellingstr. 48 „Submission“, 2016).
Maximilianstr. 35 bis 28. Januar 2018 www.storms-galerie.de ZKM, Karlsruhe, bis 7. Januar 2018

131
KALENDER AUSSTELLUNGEN

Kunstmuseum Stuttgart Reflexionen von


„Frischzelle_24: Welt und Selbst“
Ann-Kathrin Müller“ u. a. mit Judith Hopf, Ugo
bis Oktober 2018 Rondinone, Anna Witt
Kleiner Schlossplatz 1 bis 14. Januar 2018
www.kunstmuseum- Schweizergarten,
stuttgart.de Arsenalstr. 1
www.21erhaus.at/de
Sammlung Grässlin
„We Love Paintings“ Georg Kargl Fine Arts
u. a. mit Cosima von & Georg Kargl Box
Bonin, Sergej Jensen, Ferdinand Kriwet
Michael Krebber bis 30. November
bis Frühjahr 2018 Schleifmühlgasse 5
Museumstr. 2, St. Georgen www.georgkargl.com

Fotos: Courtesy Sammlung Migros Museum für Gegenwartskunst. Frank Kleinbach, Stuttgart, © Rupprecht Geiger, VG Bild-Kunst, Bonn 2017. © David Hockney, Courtesy Astrup Fearnley Collection, Oslo, Norway
www.sammlung-
graesslin.eu Christine König Galerie
Margherita Spiluttini
Württembergischer bis 2. Dezember;
Kunstverein Maruša Sagadin
Alexander Kluge: 30. November –
„Gärten der Kooperation“ 13. Januar 2018
bis 14. Januar 2018 Schleifmühlgasse 1 a
Schlossplatz 2 www.christinekoenig
www.wkv-stuttgart.de galerie.at

Kunsthalle Wien
„Extra Bodies“ „Publishing as an
Seit gut 20 Jahren erlebt ein interessantes Phänomen einen Boom: Künstler aus dem performativen wIEn Artistic Toolbox: 1989–2017“;
Bereich greifen auf „andere Körper“ zurück. Man könnte auch von Statisten sprechen (englisch: Florian Hecker
extras), daher heißt die Themenschau im Züricher Migros Museum „Extra Bodies“. Aufällig ist bei 21er Haus bis 14. Januar 2018
den in der Ausstellung versammelten Werken von Ai Weiwei, Vanessa Beecroft, Christoph Büchel, „Spiegelnde Fenster. (Museumsplatz);
Maria Eichhorn, Christoph Schlingensief, Teresa Margolles oder Artur Żmijewski, dass die Betrach-
ter außen vor bleiben. Anders als in der Relationalen Ästhetik interessiert sich „Statistenkunst“
nicht für Partizipation (Videostill: Artur Żmijewski „Glimpse“, 2017).
Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich, 18. November bis 4. Februar 2018

Petzel Gallery (Oberrheinischer 19. November –


Jorge Pardo Kunstpreis) sALzBuRg 16. September 2018
(18th St.) bis 4. Februar 2018 Eschenbrünnlestr. 15/1
bis 6. Januar 2018 Amand-Goegg-Str. 2 Galerie www.schauwerk-
456 W 18th St., www.galerie- Thaddaeus Ropac sindelfingen.de
35 E 67th St. offenburg.de Alex Katz
www.petzel.com 25. November –
20. Januar 2018
Whitney Mirabellplatz 2 sTuTTgART
Museum pARIs www.ropac.net
Jimmie Durham: Galerie ABTART
„At the Center of the World“; Centre Pompidou Galerie Walter Schels
Laura Owens Nalini Malani: Nikolaus Ruzicska bis 15. Dezember
bis 28. Januar 2018 „The Rebellion of the Dead“ Yago Hortal Rembrandtstr. 18
99 Gansevoort St.
Rupprecht Geiger: „Pinc kommt!“
bis 8. Januar 2018; 17. November – www.abtart.com „Rot ist Leben, Energie, Potenz, Macht, Liebe,
www.whitney.org „Photographisme“ 13. Januar 2018
Wärme, Kraft“, hat Rupprecht Geiger (1908–
u. a. mit Gérard Ifert, Faistauergasse 12 Galerie Thomas Fuchs
David Zwirner 2009) einmal gesagt. Wie kein anderer hat
William Klein, www.ruzicska.com Martin-Jan van Santen:
Yayoi Kusama der Künstler Rot in allen Schattierungen in
Wojciech Zamecznik „Late Summer“
bis 16. Dezember seiner Kunst leuchten lassen. Dem Maler, der
bis 29. Januar 2018 bis 6. Januar 2018
525 & 533 W 19th St., zu den zentralen Abstrakten der deutschen
Place Georges-Pompidou Reinsburgstr. 68 a
Nachkriegsavantgarde zählt, widmet das
34 E 69th St. www.centre sInDELFIngEn www.galeriefuchs.com
Sammlermuseum Schauwerk Sindelingen
www.david pompidou.fr
zwirner.com Schauwerk Künstlerhaus eine Retrospektive. Noch vor den amerika-
Palais de Tokyo Sindelfingen Stuttgart nischen „shaped canvases“ schuf Geiger ab
Camille Henrot: Rosalie: „Techne“ 1948 Gemälde in nicht rechteckigem Format.
„Days are Dogs“ „Lichtwirbel“ u. a. mit Ulrich Bernhardt, Solche Werke sind ebenso zu sehen wie Reliefs
OFFEnBuRg („Carte Blanche“) bis 7. Januar 2018; Tyler Coburn, und Beispiele seiner Farbräume, in denen das
bis 7. Januar 2018 Jason Martin Norman Wilson Rot, Orange oder Pink zum Erlebnis wird (Bild:
Städtische Galerie 13 Avenue du bis 28. Januar 2018; bis 21. Januar 2018 „766g/84, Metapherzahl 6“, 1984).
Offenburg Président Wilson Rupprecht Geiger: Reuchlinstr. 4 b Schauwerk Sindelfingen,
Peter Vogel www.palaisdetokyo.com „Pinc kommt!“ www.kuenstlerhaus.de 19. November bis 16. September 2018

132
KALENDER AUSSTELLUNGEN

Marlene Maier u. a. mit Walter Dahn, Nan Lyon-Biennale „Pacific Standard Time: www.pacificstandard in São Paulo, Brasilien
& Olena Newkryta Hoover, Bettina Pousttchi bis 7. Januar 2018 LA/LA“, time.org www.videobrasil.org.br
bis 14. Januar 2018 bis 31. Dezember; verschiedene Orte Los Angeles
(Treitlstr.) Marianna Uutinen: Venedig-Biennale
in Lyon bis 11. Februar 2018 Sesc_Videobrasil bis 26. November
Museumsplatz 1, Treitlstr. 2 „Wait Light“ www.labiennale verschiedene Orte in bis 14. Januar 2018
www.kunsthallewien.at bis 28. Januar 2018; Giardini und Arsenale
Julius von Bismarck delyon.com Südkalifornien verschiedene Orte www.labiennale.org
Leopold Museum (Kunstpreis
Anton Kolig der Stadt Wolfsburg)
bis 8. Januar 2018; bis 3. Juni 2018
Ferdinand Hodler Schlossstr. 8
bis 22. Januar 2018; www.staedtische-
„Spuren der Zeit“ galerie-wolfsburg.de
mit Mladen Bizumic,
Cäcilia Brown, Andreas
Fogarasi, Sofie Thorsen,
Kay Walkowiak, zÜRIcH
Anita Witek
bis 26. Februar 2018 Galerie Peter Kilchmann
Museumsplatz 1 Raffi Kalenderian;
www.leopoldmuseum.org Willie Doherty
bis 22. Dezember
Mumok – Zahnradstr. 21
Museum Moderner Kunst www.peterkilchmann.com
„Naturgeschichten.
Spuren des Politischen“ Galerie Mark Müller
u. a. mit Matthew Judy Millar:
Buckingham, Isa „Swallowed in Space“;
Melsheimer, Hélio Oiticica Fabian Treiber:
bis 14. Januar 2018; „body doesn’t know“
„Kunst ins Leben! bis 23. Dezember
Der Sammler Wolfgang Hahn Hafnerstr. 44
und die 60er“ www.markmueller.ch
u. a. mit Niki de Saint
Phalle, Jean Tinguely, Museum
Tom Wesselmann Haus Konstruktiv
bis 24. Juni 2018 Marguerite Humeau
Museumsplatz 1 (Zurich Art Prize);
www.mumok.at Julije Knifer;
Aurélie Nemours
Museum für bis 14. Januar 2018
angewandte Kunst Selnaustr. 25
Thomas Bayrle www.hauskonstruktiv.ch
bis 2. April 2018
Stubenring 5
www.mak.at

Galerie nächst St. Stephan


mEssEn,
Daniel Knorr BIEnnALEn ETc.
bis 23. Dezember
Grünangergasse 1/2 Architekturbiennale
www.schwarzwaelder.at Chicago
bis 31. Dezember
verschiedene Orte
in Chicago
wOLFsBuRg chicagoarchitecture
biennial.org
Kunstmuseum Wolfsburg
„Never Ending Stories. Asian Art Biennial,
Der Loop“ Taichung
u. a. mit Rosa Barba, bis 25. Februar 2018
Omer Fast, Bridget Riley National Taiwan Museum
bis 18. Februar 2018 of Fine Arts
www.asianartbiennale. David Hockney
Hollerplatz 1 „Nicht die Fotograie wird überleben“, sagte David Hockney 2005 im Monopol-Interview, „sondern
www.kunstmuseum- org.bd
die Malerei. Sie ist die Avantgarde.“ Hockneys Malerei präsentiert sich jetzt frisch und in verblüf-
wolfsburg.de
Fine Art Asia, fender Vielfalt in einer großen Retrospektive in New York. Die Schau spannt einen Bogen von den
Städtische Galerie Hongkong frühen Abstraktionen bis zu neueren farbstrahlenden Landschaften. Aus den 60 Schafensjahren
Wolfsburg bis 14. Januar 2018 des 80-jährigen Briten sind im Metropolitan Museum aber nicht nur Gemälde zu sehen, sondern
„Bestandsaufnahme VI – Hong Kong Convention ein Füllhorn aus Zeichnungen, fotograischen Werken und Videos (Bild: „Cleaning Teeth, Early
Revolver“ and Exhibition Centre Evening (10 PM) W11“, 1962).
www.fineartasia.com Metropolitan Museum of Art, New York, 27. November bis 25. Februar 2018

133
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David LaChapelle „Seismic Shift“, 2012

Der große pop-Fotograf das Christentum hat einen ganz schlechten


Stand. Das kommt natürlich von den Funda-
DAVID LACHAPELLE mentalisten und ihrer Verbindung zur Partei
der Republikaner, mit ihren Familienwerten
findet nach der Apokalypse das paradies und ihrer Schwulenfeindlichkeit. Aber ich
will nicht akzeptieren, dass diese Leute, die
beispielsweise ja auch mich als Menschen
Herr LaChapelle, Ihre Fotografien haben immer malte direkt auf die Negative, in Schwarz- hassen, meine Wahrheiten ruinieren.
etwas sehr Zeitgeistiges gehabt. Schaut man jetzt Weiß und in Farbe. Ich hatte diese Arbeiten
auf Ihr Werk zurück, wirken sie interessanterweise selbst zuletzt vor 25 oder 30 Jahren angese- Haben Sie mit Ihrem Glauben einen schweren
immer noch aktuell und neu. Es scheint also etwas hen und maß ihnen keinen besonderen Wert Stand?
Klassisches in Ihren Bildern zu geben, das die Mo- bei. Doch dann sah ich, wie überrascht und Ich ziehe skeptische Blicke auf mich, wenn
den überdauert. Wo kommt das her? aufgeregt meine Praktikanten, junge Kids, ich über christliche Inhalte spreche, obwohl
Das ist gut zu hören. Für mich ist die Kunst- davon waren. Also nahm ich einige der alten ich überhaupt nicht der Typ bin, der anderen
geschichte der wichtigste Lehrer. Ich werde Arbeiten mit ins Buch und machte auch neue. Ideologien aufzwingen will. Für mich ist es
oft von Leuten nach neuen, jungen Künstlern schön, an Wunder zu glauben oder im Bereich
gefragt, aber ich finde es viel ergiebiger, die Sind Sie zur analogen Fotografie zurückgekehrt? des Übernatürlichen zu Hause zu sein. Ich
alten zu studieren. Erst vor einer Weile bin ich Ja, und zu diesen Experimenten. Mit der Tech- mache das ganz bewusst, seit ich klein bin.
beispielsweise auf Odilon Redon gestoßen, nik, Negative zu bemalen und zu zerschnei- Meine Mutter fand Gott in der Natur, mein
zuerst entdeckte ich die Pastell-Arbeiten für den, konnte ich einen neuen Ton setzen. Vater war sehr katholisch. Ich wurde von zwei
mich, dann die späten Werke, die von einer sehr guten Menschen mit sehr unterschied-
explosiven Farbigkeit sind. Sie sind 100 Jahre Sie haben immer gerne mit Motiven aus der christli- lichen Auffassungen davon, was höhere
alt, wirken aber wie zeitgenössische New- chen Ikonografie gearbeitet, berühmt ist Ihre Version Mächte sind, erzogen. Ich habe von beidem
Age-Kunst. Sehr inspirierend, auch für mein der Pieta mit Kurt Cobain als sterbendem Jesus in etwas, und beides ist mir ein Anliegen.
letztes Buch „Good News“. den Armen von Courtney Love. Man konnte das da-
mals für provokant und ironisch halten. Erst jetzt Sie haben in den 80er-Jahren bei Andy Warhols „In-
Sie haben zehn Jahre daran gearbeitet, es geht um verstehe ich, dass es Ihnen damit ernst ist. terview“ angefangen. In „Good News“ gibt es ein
Fotos: © David LaChapelle Studio

das Paradies, einen uralten Topos der Kunstge- Absolut. Ich glaube, viele Leute in der Kunst- Porträt von ihm, das ihn mit Bibeln zeigt. Wie kam es
schichte. Wie kann man ihn neu erzählen? welt und der Mode sind ja gewissermaßen zu diesem Motiv?
Durch Odilon Redon kam ich darauf, wie unschockbar geworden, aber wenn man Es gibt eine gewisse Düsterkeit in dem War-
Farbigkeit mit Spiritualität zusammenhängt, über Jesus spricht, und zwar unironisch, sind hol-Bild mit den Bibeln im Hintergrund.
aber auch in meinem eigenen Werk der 80er- Leute in der Kunst und in der Mode richtig ab- Warhol ging regelmäßig zur Kirche, was
Jahre fand ich Inspiration. Damals habe ich geschreckt. Sie sind bereit für alle möglichen viele Menschen über ihn nicht wissen. Jeder
viel Zeit in der Dunkelkammer verbracht und östlichen und exotischen Religionen, aber denkt an die Factory und Edie Sedgwick und

138
Speed und das Studio 54, aber es gab auch nichts mehr, außer vielleicht, wenn man es Dunkelheit. Wenn wir Gott aus den Leben der
bei Andy Warhol eine öffentliche und eine als Floß benutzen kann. Menschen abziehen, dann bleibt nur noch der
private Seite. Ein Freund von mir begleitete Materialismus, dann sind die Kathedralen
ihn jeden Sonntag. Sie positionieren sich gegen die Gier des Kunstsam- die Stores der Luxusmarken.
melns, das Anhäufen von Kunst als Besitz?
Gekontert haben Sie das Bild mit der anderen großen Ja, und ich habe über zwei Jahre mit Mo- Für die Sie als Magazinfotograf lange gearbeitet
Kunstfigur David Bowie. Es ist ein sehr artifizielles dellbauern aus Hollywood an diesem Bild haben.
Porträt vor einer gekachelten Wand, das aber gerade gearbeitet. Es ist eine Reflexion über die Gier Ja, dieses Paradox habe ich gelebt, und vor elf
deshalb ziemlich berührend und fast prophetisch unserer Zeit. Es geht in der Kunst zu viel um Jahren musste ich mich davon abwenden. Ich
wirkt. Wieso diese Kombination? Werte und Preise. Dabei braucht man kein hatte an die Botschaften des Materialismus
David Bowie spielte ja Andy Warhol in Ju- Zertifikat eines Auktionshauses, um ein nie geglaubt, aber gleichzeitig liebe ich die
lian Schnabels Film „Basquiat“ von 1996. Die Kunstwerk zu besitzen. Ein Song von Stevie Welt der Mode und der Musik und der Stars.
Reihenfolge der Bilder im Buch war mir sehr Wonder oder ein Gedicht berührt uns ja auch Sie zu fotografieren ist ein großes Glück. Aber
wichtig, es erschien mir genau richtig, die zutiefst, es entsteht eine intime Beziehung. ich hatte das Gefühl, dass ich eine Balance
beiden zusammen zu zeigen. Nach finden muss, und zog mich in die Na-
dem Tod von Freddie Mercury trat tur zurück.
David Bowie 1992 beim großen tribute
concert im Wembley-Stadion auf. Er Der Körper stand immer im Mittelpunkt Ih-
ging nach seinem letzten Song auf die rer Fotos. Was hat sich im Laufe Ihrer Karri-
Knie, um vor Zigtausenden Zuschau- ere in dieser Hinsicht geändert?
ern und bei weltweiter Übertragung Die Doppelmoral. Filme und Fern-
das Vaterunser zu beten. Viele Leute sehprogramme zeigen die abscheu-
waren davon richtig abgeturnt. lichsten Morde, und eine hervorblit-
zende Brustwarze wird zum Skandal.
Viele Ihrer Porträtierten sind inzwischen Erotische Inhalte stehen auf dem
gestorben. Ist so der Tod Teil Ihrer hedonis- Index, während Körper gedemütigt
tischen Arbeiten geworden? und verstümmelt werden dürfen. Es
Er war immer da. In meinen frühen gibt Folterpornografie, Dinge, die so
Arbeiten in den 80ern, die ich auch böse sind, dass ich nicht weiß, wie
in „Good News“ zeige, geht es um diese Leute nachts überhaupt schla-
alle meine Freunde, die an Aids ge- fen können. Der Körper scheint für
storben sind. Insbesondere in den alles freigegeben zu sein, aber er darf
Jahren 1983 und 1984 habe ich viele nicht nackt gezeigt werden. Den Puri-
Bilder von Menschen gemacht, die tanismus kann ich nicht akzeptieren.
wie Renaissance-Engel aussehen, Es ist wichtig, den Anspruch auf den
einfach weil ich mich fragte: Was menschlichen Körper in der Kunst
passiert mit meinen Freunden, die und in der Fotografie zu behaupten!
mit 24 sterben? Ich hatte 2000 Dol- Es ist wichtig, ihn sich nicht verbie-
lar auf der Bank und ließ dafür diese ten zu lassen durch die heuchlerische
Engelsflügel anfertigen, mit einer „And the stars look very different today – David Bowie“, 1995 Unterstellung, es sei pornografisch,
von vorne unsichtbaren Metallhal- und Leute masturbierten dazu. Und
terung. Damals waren Engel nicht gerade Kunst und Boden kann man doch gar nicht wenn schon! Ich habe nichts dagegen, aber
in Mode, alles war sehr New Wave. Aber ich besitzen, oder? Ich wohne in einem Haus es ist nicht der Grund, warum ich diese Bilder
wollte diese Renaissance-Anmutung in dem von 1927, es gibt viele Leute, die es besessen mache. Interview: Silke Hohmann
Bild. Der Tod ist aber keine morbide Obses- haben, jetzt sind sie tot. Wir sind bestenfalls
sion von mir, weil wir ins Paradies kommen. Aufpasser oder Wächter über die Dinge. Das
Es ist eher eine optimistische Version der Tolle an Kunst ist ja, dass wir alle von ihr
Apokalypse. profitieren. Der Künstler hat das Werk da-
für geschaffen, es wäre nicht komplett ohne
Eine Ihrer Inszenierungen zeigt ein verwüstetes Mu- die Betrachter. Mal ehrlich, nach einem Hai,
seum für Gegenwartskunst, mit Kunstmarkt-Ikonen wie viele braucht man noch? Alle fünf Jahre
wie dem Hai von Damien Hirst, dem „Balloon Dog“ muss er ausgetauscht werden, während un-
von Jeff Koons und einer Murakami-Skulptur. Wie sere Meere überfischt und vermüllt sind. Was
kamen Sie auf diese Kunst-Apokalypse? sagt so ein Kunstwerk über uns aus?
Mir ging es um die Idee, dass etwas, das zu-
David LaChapelle: „Lost + Found. Part I“, 278 Seiten,
vor unbezahlbar war, plötzlich wertlos wird. Finden Sie, dass wir in einer dunklen Zeit leben? und „Good News. Part II“, 276 Seiten,
Wenn die Flut kommt, bedeutet das alles Gerade herrschen Orientierungslosigkeit und Taschen Verlag, je 49,99 Euro

139
BÜcHER

Fotos: © 2017 Serpentine Galleries, London; Koenig Books, London; the artist and the authors
bekommt eine unheimliche Aura ohne jede
Niedlichkeit. Und der dicke alte Mann, der
unbekleidet und hilflos gerahmt wird von
Helfern, grinst dagegen zufrieden wie ein
schlafendes Baby.
„Was möglicherweise vor und innerhalb
einer Kamera passiert, ist ein Wunder“, sagt
Torbjørn Rødland, der die Techniken der
Werbefotografie und der verführerischen
Editorialstrecken perfekt verinnerlicht hat.
Doch eigentlich handelt er in seinen Bil-
dern wie ein Surrealist, vielleicht sogar wie
ein Anarchist. Die Botschaften, die da auf
verschiedenen Ebenen zugleich plakativ
blinken, haben etwas Subversives, sie sind
möglicherweise eindeutig, aber komplett
unverständlich. Diese Bilder kleben im Ge-
dächtnis wie die zähflüssige durchsichtige
Masse, mit der der Fotograf hin und wieder
arbeitet. Und die sich ein wunderschönes

Der Hochglanz-surrealismus von


TORBJØRN RØDLAND
widersetzt sich allen Deutungen
Torbjørn Rødland hat eine Bildsprache, die nen Betrachter allein mit merkwürdigen
einen wirklich verrückt machen kann. Wie Zusammenstellungen. Deutungsversu-
er Menschen und Objekte inszeniert und che laufen völlig ins Leere, und alles, was
ausleuchtet, ist feinste visuelle Verfüh- attraktiv erschien, scheint einen diabo-
rung. Haut sieht bei ihm meistens aus wie lischen Gegenpart zu haben. Denn die
ein perfekt zubereitetes Dessert, die Sonne schönste Lichtstimmung kippt, wenn die
scheint überhaupt nur zu scheinen, um beiden halb bekleideten jungen Männer,
sanfte indirekte Akzente in seinen Bildern die zunächst skulptural auf einem Fel-
zu setzen oder als glänzender Lichtreflex sen zu posieren scheinen, sich die Kehle
Oberflächen noch appetitlicher zu machen. zudrücken. Ein f laumig-pudriges Baby
Doch dann lässt der aus Nor wegen auf einem Fell, das einen ansieht wie ein
stammende und teils in Oslo, teils in Los weiser alter Mann und dazu eine komplett
Angeles lebende Fotograf den hingerisse- unkindliche Hand-aufs-Herz-Geste macht,

140
BÜCHER

rothaariges Model vom Kinn zieht, als sei dolf Uzarski (1885–1970) war einer der umtriebigsten
es die eigene Haut.
Sind diese Effekte nun der Einfluss von
Hollywood in Rødlands Wahlheimat? Oder
A Akteure in der rheinischen Kulturszene der 20er-Jahre.
1922 überzeugte er seinen ehemaligen Arbeitgeber, den
Kaufhausbesitzer Leonhard Tietz, dass er eine ganze
ist es das zutiefst Protestantisch-Skandi- Etage seines Kaufhauses in Düsseldorf – des heutigen Kaufhof –
navische, das besagt, dass jedes allzu aus- für eine Kunstausstellung freiräumte. Uzarski zeigte dort Chagall,
schweifende Vergnügen gesühnt werden de Chirico, Kirchner, Heckel, Lehmbruck, Picasso und viele andere
muss? Das sonderbare Bilderuniversum des – so hochkarätige Kunst ist leider wohl danach nie wieder in einem
Torbjørn Rødland ist nicht erforschbar, aber Kaufhaus gezeigt worden.
man sollte sich unbedingt hineinbegeben. Ursprünglich Grafiker und Illustrator, veröffentlichte der dem
Silke Hohmann Kommunismus nahestehende Uzarski in der Weimarer Zeit fast
jedes Jahr einen Roman.
Einer der bemerkenswertes-
Torbjørn Rødland: ten ist „Tun-Kwang-Pipi“. Er
„The Touch That Made
You“. Verlag der Buch- beschreibt die fiktive Reise
handlung Walther Kö- eines ehemaligen Ober-
nig, 168 Seiten, 19,80
Euro. Die Ausstellung schullehrers aus Peking nach
„Back in Touch“ bei Europa – und dreht dabei
C/O Berlin eröffnet am
8. Dezember und läuft
die übliche eurozentrische
bis 11. März 2018 Perspektive satirisch um.
Schon auf Uzarskis Cover-
zeichnung wird das deut-
lich: Ein Chinese in traditi-
oneller Kleidung, bedächtig
rauchend, betrachtet einen
Europäer mit Frack, Hut und
Melone, der im Käfig sitzt
wie ein Tier im Zoo.
Im gemächlichen Ton ei-
nes Reiseschriftstellers be-
schreibt der Erzähler Tun- UDO KITTELMANNS
Kwang-Pipi, wie er „unter
den begeisterten Hurra-
KLASSIKER, DIE HEUTE
Rufen der die Ufer schwarz WIEDER AUF DEN
umsäumenden Eingebore- NACHTTISCH GEHÖREN:
nen“ in den Hafen von Ham-
burg einfährt. Im Folgenden
„TUN-KWANG-PIPI“
lernt er die wundersamen VON ADOLF UZARSKI
Gewänder dieser deutschen
Eingeborenen kennen – sie tragen zum Beispiel „blechbeschlagene,
schwarz lackierte Eimerchen auf dem Kopf“ –, und er wundert sich
über das „hohle Geschwätz“, das Leute von Stand hier von sich ge-
ben. Die chinesische Expedition, von einem großen Heer begleitet,
erobert schnell das Land und hat nebenbei die großartige Idee, zum
besseren Studium der hiesigen Gesellschaft einige ihrer Vertreter in
den Zoo zu sperren – wobei Tun-Kwang-Pipi rät, den katholischen
und den evangelischen Bischof nicht zusammen in ein Gehege zu
stecken, damit sie sich nicht gegenseitig zerfleischen.
Am Ende explodiert ganz Europa – warum, weiß auch der Er-
zähler nicht. Vielleicht sind die riesigen Munitionslager in Brand
geraten? Sicher ist: Der Chinese auf der Titelzeichnung trägt eine
Swastika am Revers. Uzarskis apokalyptischer Roman war viel
mehr als nur ein Scherz.

Adolf Uzarski: „Tun-Kwang-Pipi“. Gustav Kiepenheuer Verlag, Potsdam, 1924.


In verschiedenen Ausgaben erhältlich über www.zvab.com
Udo Kittelmann ist Direktor der Nationalgalerie Berlin und schreibt jeden
zweiten Monat in Monopol
Linke Seite: Torbjørn Rødland „Goldene Tränen“, 2002.
Oben: „Bathroom Tiles“, 2010–13
141
BÜCHER

BucHkÜnsTLER kÜnsTLERBÜcHER
SHORT CUTS
Der Schriftsteller, Journalist und
Monopol-Autor Boris Pofalla hat
mit „Es wird Nacht im Berlin der
Die Bücher im Dezember machen
wilden Zwanziger“ (Taschen,
49,99 Euro) einen atemlosen
Kunst zu Büchern,
Ritt durch die Weimarer Repu-
blik geschrieben, quasi von den
Holz zu Design und immer wieder
vordersten Rängen der Varieté-
und Theaterbühnen der Stadt.
Bilder zu Geschichte
Weit über die Bananenröckchen
schwingenden Klischees hinaus
stellt er die wichtigsten Protago- seinen Kunden in verschiede- Formen, die zu ikonischen Mö- Künstlerbücher sind eine Lieb-
nen Settings machte, sind witzig belklassikern wurden. Der Name haberangelegenheit – man kann
und selbstbewusst. Jung war die Eames steht für technische In- sie nicht groß ausstellen oder sich
Unabhängigkeit von der franzö- novation und künstlerische He- davor fotografieren lassen, sie
sischen Kolonialregierung, wild rangehensweise gleichermaßen. sind die vielleicht intimste Ver-
der persönliche Style. Mit Son- „Das Detail ist nicht das Detail, bindung zwischen Künstler und
nenbrillen, Westernhemden, es macht den Entwurf aus!“, Betrachter. „Artists Who Make
Motorrädern, Spielzeugpistolen, Books“ (Phaidon, 100 Euro) stellt
Big Hair, Boxhandschuhen und die Bücher von 32 prominenten
weißen Sneakers posiert eine Ge- Künstlern seit 1950 vor, darunter
neration im Aufbruch. Ein Dop- John Baldessari, Gerhard Rich-
pelporträt von 1984 zeigt einen ter, Andy Warhol oder Sophie
jungen Mann mit Brille, Hut und Calle. Toll aufgemacht, mit einem
nisten der Ära vor, vom rasenden Ghettoblaster, der lässiger ist als Essay von Benjamin Buchloh.
Reporter Egon Erwin Kisch bis Darryl McDaniels von Run DMC,
zur preußischen Diva Marlene daneben einen etwas älteren
Dietrich, und erzählt beiläufig, mit traditionellem Gewand und
wie das Showbusiness, Ideologie, einem zärtlich gehaltenen Sai-
Krieg und Wirtschaft zusammen- teninstrument. Das Buch ist ein
hingen. Illustriert hat den gro- fantastisches Dokument west- sagte Charles Eames. Das „Eames
ßen, aufwendig gemachten Band afrikanischer Studiofotografie. Furniture Source Book“ (Vitra
Robert Nippoldt, der es schafft, Design Museum, 49,90 Euro)
im Wechsel von Infografiken und stellt zum ersten Mal kompakt
großzügigen Bebilderungen eine eine wissenschaftlich fundierte
eigene erzählerische Welt neben Übersicht der bis heute unschlag-
den Texten zu schaffen. Nicht bar guten Möbelentwürfe von
nur für Fans von „Babylon Berlin“ Charles und Ray Eames zusam-
und mit Original-Soundtrack für men. Das Buch erfüllt die Anfor- FRAuEnpORTRÄTs
den Tanz auf dem Vulkan. derungen von Charles Eames an
das Detail: Ohne überbordend zu Wenn Rineke Dijkstra durch ihre
sein, vereint es wundervolle Fo- 4x5-Kamera schaut, steht die Welt
tos, ein sachliches Verzeichnis auf dem Kopf. Scheinbar maxi-
unABHÄngIgkEITsERkLÄRung aller Möbel und kluge Texte, wie mal objektiv, sind ihre Fotos von
den von Jolanthe Kugler, in dem einer tollen Widerständigkeit.
Sory Sanlé eröffnete sein Foto- es heißt: „Die Eames haben un- In „Wo Men“ (Walther König, 74
studio 1960, als Burkina Faso mÖBELkunsT sere Werkzeuge und unsere Um- Euro) porträtiert sie Frauen oft
noch Obervolta hieß. Mit seiner gebung verwandelt und damit mit vielen Jahren Abstand, be-
Rol leiflex-Mittelformatkamera Wie verwandelt man etwas, das auch – zumindest ein Stück weit wegende Bilder, in denen alle ak-
machte er sein Atelier schnell so unsexy ist wie Sperrholz, in – den Menschen, uns selbst.“ Die tuellen Fragen zu Geschlechtern,
zum besten des Landes. „Volta den glamourösen Mittelpunkt Eames-Ausstellung im Vitra De- Rollen und Verhältnissen anklin-
Photo 1965–1985“ (Reel Art Press, jeder Wohnlandschaft? Charles sign Museum, das auch über die gen. Es ist ein großes Buch, auch
24,95 Euro) entstand zur Ausstel- und Ray Eames gingen mit Was- Jahrzehnte viele Prototypen und weil das Cover so clever mit dem
lung in der Morton Hill Gallery serdampf vor und bogen erstmals Studien zusammengetragen hat, Titel spielt. Es liest sich auch: „No
London. Die Porträts, die er von Schichtholz zu geschmeidigen läuft noch bis Ende Februar 2018. Men“. Silke Hohmann

142
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»Niemann ist ein eleganter Superstar, und


so sieht sein Buch auch aus. Wunderschön
altmodisch und doch hypermodern.«
Ulf Poschardt / Die Welt, Berlin

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URBANE KÜNSTE RUHR


ARTS IN URBAN SPACE
2012 – 2017
Nach sechs Jahren Urbane Künste Ruhr unter der Künstlerischen Leitung von
Katja Aßmann wird im neu erschienenen Katalog ein Blick zurückgeworfen
auf die vielseitigen Wirkungsbereiche der jungen Kunstinstitution. Der Fokus
der Kunstprojekte liegt auf dem urbanen Raum und den damit verbundenen
Konflikten und Chancen, den Problemen und Potenzialen. Essays, Interviews
und große Bildstrecken erzählen besonders von 11 ausgewählten und beispiel-
haften Projekten: u. a. der Emscherkunst in ihren drei Ausgaben, der mobilen
Performance „Truck Tracks Ruhr“, der schwimmenden Skulptur „Nomanslanding“
und der Ausstellung entlang der berüchtigten Autobahn „B1/A40“. Alle Projekte
zeigen neue Wege der Interaktion, bei denen die Stadt den Raum bietet,
sich einzumischen und ästhetische Veränderungen anzustoßen.

Der Katalog ist ab sofort im Buchhandel sowie über den Bookshop von
Urbane Künste Ruhr erhältlich: www.urbanekuensteruhr.de

22 × 27 cm, 288 Seiten, Broschur, gebunden

isbn 978-3-7356-0365-4 (Deutsch | Englisch)

36 €

www.kerberverlag.com
OUT OF OFFICE

Ort der Preisverleihung:


Der Hamburger Bahnhof –
Museum für Gegenwart in Berlin

Sheena Wagstaff, Udo Kittelmann,


Agnieszka Polska, Anne Imhof

Iman Issa, Jumana Manna Monopol zu Gast beim


Preis der Nationalgalerie
Vielleicht hätten nicht gleich sämtliche
Redner des Abends betonen müssen,
dass für den Preis der Nationalgalerie 2017
Kulturstaatsministerin Monika Grütters
ausschließlich Frauen nominiert waren.
Andererseits: So ganz selbstverständlich
ist das offenbar doch noch nicht.
Gruppenbild mit Herren:
Die Nominierten und Preisträgerinnen Glückwunsch also an die Preisträgerin
Agnieszka Polska, an deren Video die
Laudatorin Sheena Wagstaff
(ganz sachlich) die poetische und
gefühlsbetonte Spannung hervorhob.
Anne Imhof, Gewinnerin 2015, überreichte
den Preis, Meret Becker moderierte
durch den Abend und gab eine Musik-
performance zum Besten, an deren Astrid Mania, Clémentine Deliss
Ende sie dem Publikum galant ihren
Allerwertesten zeigte. Sagt ja
manchmal mehr als tausend Worte.

Anne Imhof, Sven Beckstette Fotos: offenblen.de

Links Laudatorin Iris Berben, die vier nominierten


Meret Becker Künstlerinnen, BMW-Kulturchef Thomas Girst Wolfgang Tillmans, Udo Kittelmann
Die Seele der Dinge.
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INTERVIEW

Wu Tsang, die Protagonistin Ihres neuesten Films ist sie diese geschützten Räume verlassen und
die Sängerin Kelela, die gerade mit ihrem futuristi- auf ein anderes Publikum treffen, in Kunst
schen R ’n’ B die Leute in Euphorie versetzt. Wie oder Popkultur.
haben Sie sich kennengelernt? Was macht
Im Club natürlich, in Los Angeles! Wie viele,
mit denen ich zusammenarbeite. Unsere
die Kunst, Glauben Sie, dass das eine politische Wirkung im
Mainstream-Pop haben kann?
Freundschaft entstand im Club und wuchs Wu Tsang? Das ist nicht mein erstes Ziel. Auch nicht das
sich zu einer künstlerischen Zusammenarbeit von Kelela. Aber einfach dadurch, dass wir
aus. existieren, dass wir künstlerisch arbeiten,
dass wir Bedeutung verkomplizieren, sind wir
Ihre Ausstellung in Liverpool und der gleichnamige politisch.
Film über Kelela heißen „Under Cinema“ – warum?
Es ist eine Zweikanal-Installation, die ich für Der Film wird von Warp, Kelelas Plattenfirma, kopro-
den Raum FACT konzipiert habe. Er befindet duziert. Wird er noch einmal in einem anderen Kon-
sich direkt unter einem kommerziellen Kino. text, einer anderen Form gezeigt? Vielleicht als
Also habe ich ein Kino unter dem Kino gebaut Musikvideo?
– deshalb der Titel. Ich zeige auf der einen Zunächst ging es insbesondere darum, die
Leinwand einen eher dokumentarisch erzähl- Entstehung von Kelelas Album für sie und
ten Film, auf der anderen ein experimentelles ihre Plattenfirma zu dokumentieren. Das Pro-
Porträt von Kelela. Ich habe sie im Studio auf- jekt wurde dann immer größer. Ich möchte
genommen, beim Schreiben von Songs, bei noch weiterfilmen, und es wird auch noch
Auftritten auf Tour in aller Welt. Dazu kom- etwas anderes daraus werden. Das kann ich
men extra für meinen Film inszenierte Sze- aber leider jetzt noch nicht verraten.
nen. Als Künstlerin interessiere ich mich sehr
für das Phänomen der Stimme. Kelelas Ein Kinofilm?
Stimme ist etwas ganz Besonderes, sie ist sehr Ja, das wäre natürlich mein größtes Ziel.
kraftvoll und inspirierend.
In den 90ern waren Musikvideos aus dem Popkon-
Zeigen Sie Kelelas Persönlichkeit, oder kreieren Sie text mal eine eigene Kunstform. Sind sie heute noch
eher ein künstlerisches Bild von ihr? wichtig?
Mein Werk beschäftigt sich genau mit dieser Ich empfinde eine große Nostalgie für die Vi-
Dialektik: Kann ein Bild eine Person reprä- deoclips der 90er, ich bin damit aufgewach-
sentieren? Oder ist eine Person eine fiktionale
Die Künstlerin über ihre sen. MTV Total Request! Durch die Digitali-
Konstruktion? Ich zeige, wie Kelela als Künst- Zusammenarbeit mit der sierung gehen heute alle Formen von Bewegt-
lerin ihr eigenes Image kreiert. Bilder von sich R-’n’-B-Sängerin Kelela bild, Musik und Erzählung ineinander über.
zu erschaffen, ist Teil ihres künstlerischen Viele Künstler arbeiten gleichzeitig in ver-
Prozesses. Dokumentarische Filme geben schiedenen Disziplinen. Meine Inspiration
vor, dass sie irgendeine Realität abbilden, kommt von so vielen verschiedenen Orten!
oder einen Prozess, der in Realzeit abläuft, sehr. Man erzählt nicht die ganze Wahrheit. Ich glaube, in jedem Genre entstehen großar-
oder eine lineare Narration. Deshalb arbeite Man kann mit einem Song, einem Album, tige Sachen. Ich finde immer toll, wenn man
ich gern sowohl im Dokumentarfilm als auch einem Kunstwerk eh nicht alles sagen. Das ist sieht, dass jemand einfach alles gibt, egal in
in Mehrkanal-Kunstinstallationen, denn so bei diesem Film so, und bei der künstleri- welchem Genre. Das überträgt sich.
kann ich das infrage stellen. schen Arbeit generell. Ich will diese verschie-
denen Räume der Kommunikation nicht be- Wenn also jemand mit einem Koffer voll Geld käme
Kelela kommt aus der Subkultur und wird gerade ein werten, sondern ihre jeweiligen Möglichkei- und Ihnen sagte, Sie sollen ein Musikvideo drehen,
Mainstream-Star. Geht dabei auch etwas verloren? ten nutzen. Der Underground stärkt Anliegen würden Sie das machen?
Genau dieses Dilemma fließt in die Form des bestimmter Communitys, aus denen Kelela Wenn das passiert, sage ich Bescheid!
Films ein: Mainstream versus Underground. und auch ich kommen, die queere oder die Interview: Elke Buhr
Sie verhandelt das ständig. Auch im Film ist farbige Community. In deren Ästhetik haben
Foto: © Wu Tsang, Courtesy of the artist

das immer Thema. Mit Mainstream erreicht wir unsere Wurzeln, in der Clubkultur des „Wu Tsang: Under Cinema“, FACT – Foundation for
Art and Creative Technology, Liverpool,
man vielleicht ein größeres Publikum, aber Undergrounds. Aber ich denke auch, dass bis 18. Februar. Kelelas Album „Take Me Apart“
dafür vereinfacht man auch, vielleicht zu diese Dinge sehr kraftvoll sein können, wenn ist bei Warp erschienen

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