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Nr. 2 / 5.1.

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Sigmar Gabriel über Europa Nordkorea Mode


„Wir Vegetarier in einer Kims Hackerarmee Heute Trend, morgen Müll – die
Welt der Fleischfresser“ plündert weltweit Banken brutale Fast-Fashion-Industrie
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Datenleck der
SPORT-
Hausmitteilung
Betr.: Titel, sexuelle Gewalt, Fast Fashion
GESCHICHTE
erschüttert
W
as macht Männer aus, was Frauen?
Und gibt es noch etwas dazwischen?
Solch elementare Fragen stellen sich nach
die Fußballwelt
der Entscheidung des Bundesverfassungs-
gerichts, das im vergangenen Herbst befun-
den hat: Es muss noch ein „drittes Ge-
schlecht“ her. Doch was heißt es, wenn zwi-
schen ihr und ihm, zwischen Busen und
Bart, zwischen rosa und hellblau noch ein,
ja was eigentlich, existiert? Ein Team um SPIEGEL-Autorin Barbara Supp zog
aus, um die neue, bunte Geschlechterwelt jenseits der alten, bipolaren zu er-
gründen. Die Journalisten redeten mit Intersexuellen und Medizinern, sie infor-
mierten sich über Rollenspiele beim Abi-Ball und die Tricks des „Gendermarke-
ting“. Supp zieht eine positive Bilanz: „Die Diskussion über Intersexualität ist
eine Chance für größere Offenheit im Umgang mit den Geschlechtern“, sagt sie.
Eltern könnten diese Chance nutzen, um den Kindern „Entwicklungsmöglich-
keiten zuzubilligen“. Dass die neue Geschlechterwelt allerdings auch verstören
kann, erfuhr sie selbst auf einem Intersex-Symposium. Supp suchte eine als
„WC für alle Menschen“ ausgezeichnete Toilette auf und lief dort einem irischen
Intersex-Forscher über den Weg. „Das war gewöhnungsbedürftig“, sagt Supp –
und plädiert seither für „drei Toilettenräume“. Seite 12

ISPIEGEL
n den vergangenen zwei Jahren haben Leser den
immer wieder aufgefordert, endlich mit
der Vertuschung der Wahrheit aufzuhören und die
JÖRG MÜLLER / DER SPIEGEL

Gefahr zu benennen: Flüchtlinge, die Frauen und


Kinder vergewaltigen. Dazu schickten sie oft Links
zu Websites, die vermeintliche Vergewaltigungs- 288 Seiten mit Abbildungen
fälle sammeln. Wie seriös sind solche Seiten? Um Klappenbroschur · c 16,99 (D)
das zu beantworten, werteten Redakteure, Doku- Auch als E-Book erhältlich
mentare und Datenjournalisten des SPIEGEL knapp Backes
450 Meldungen der Seite Rapefugees.net aus und Unkontrollierte Geldströme,
sprachen mit Polizisten, Staatsanwälten und Richtern. Einige klagten, die von
Asylbewerbern verübten Sexualdelikte nähmen stark zu, andere behaupteten intransparente Firmengeflechte,
das Gegenteil: Flüchtlinge würden immer häufiger zu Unrecht beschuldigt. „Die Spieler, die zu reiner Ware werden –
Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen“, sagt Redakteurin Laura Backes, Football Leaks ist eine Reise zu
„deshalb ist es wichtig, nicht nur über Einzelfälle zu berichten.“ Seite 26
den Abgründen einer enthemmten
und gierigen Branche.
T iruppur ist Indiens T-Shirt-Stadt. Schon von
der Autobahn aus sieht man die großen Textil-
fabriken. Männer fahren auf Mopeds dicke Säcke
Packend erzählen die SPIEGEL-
Redakteure Rafael Buschmann und
herum. In den kleinen Gassen sitzen Frauen und Michael Wulzinger, wie sie exklusive
nähen Lappen noch aus den letzten Stofffetzen.
Aber zu welchem Preis? Der Fluss in Tiruppur Einblicke in die geheimen Verträge
ZACHARIE RABEHIS

riecht wie eine Kloake. Der Anbau von Baum- und Absprachen zwischen Spielern,
wolle zehrt die Böden aus. Näherinnen bekom- Beratern und Klubs erhielten
men einen kümmerlichen Lohn. „Die Firmen wol- und die dunklen Geheimnisse des
Höflinger len nicht am Stoff sparen, also sparen sie am
Menschen“, sagt Indien-Korrespondentin Laura
Fußballbusiness enttarnten.
Höflinger. Zusammen mit Simone Salden und Philip Bethge beschreibt sie die
Folgen der Fast-Fashion-Industrie von Modeketten wie H&M und Zara. Und die
Redakteure zeigen Alternativen auf. Grüne Modefirmen werden gerade hip in
den Großstädten. Eine nachhaltige Moderevolution bahnt sich an, die auch auf
Reparieren, Tauschen, Wiederverwenden setzt. Seite 64

DER SPIEGEL 2 / 2018 5 www.dva.de


Aufstand
der Armen
Iran Über acht Jahre nach der
„Grünen Revolte“ erschüttern
wieder Anti-Regime-Proteste das
Land. Doch diesmal gehen sie
nicht von der städtischen Mittel-
schicht aus, sondern von den Be-
nachteiligten in der Provinz. Ist
das schon ein „Persischer Früh-
ling“ – und was bedeutet es für
die Islamische Republik? Seite 80

ANADOLU AGENCY / GETTY IMAGES


SVEN DOERING / DER SPIEGEL

SVEN DÖRING / DER SPIEGEL

NAYAN KHANOLKAR

Halbwahrheiten Die Andersdenkenden Raubtier als Nachbar


Sexualdelikte Im Internet sammeln und Ostdeutschland In der DDR kämpften sie Wildnis In der indischen Stadt Mumbai
veröffentlichen Rechte Berichte über für Freiheit, Demokratie und Menschen- leben mehr als zwölf Millionen Menschen
angebliche Vergewaltigungen durch rechte, jetzt sind einige der früheren Dissi- auf engem Raum – und 40 Leoparden.
Flüchtlinge. Der SPIEGEL hat Hunderte denten und Bürgerrechtler zur AfD und Die Raubkatzen jagen in den Straßen streu-
dieser Meldungen ausgewertet: Mit ihren Satellitenorganisationen übergelaufen. nende Hunde. Aber auch Menschen wur-
der Wirklichkeit haben sie nicht viel zu Damals waren viele von ihnen Außenseiter, den angefallen. Können Tier und Mensch
tun. Seite 26 jetzt sind sie es wieder. Seite 48 miteinander auskommen? Seite 100

6 Titelbild: Andrea Grambow & Joscha Kirchknopf für den SPIEGEL


In diesem Heft

Titel Globalisierung SPIEGEL-Gespräch mit


Achim Steiner, Chef des Uno-Entwicklungs-
Normen Männer, Frauen – und programms, über die Versöhnung von
was noch? Die neue Normalität der Ökonomie und Ökologie 74
Geschlechter 12
Zeitgeist Die neue Lust am
Regierung Union und SPD sind Schminken beschert der Kosmetik-
uneinig über die Umsetzung des Urteils

PETER RIGAUD / DER SPIEGEL


industrie einen Boom 77
zum „dritten Geschlecht“ 21

Ausland
Deutschland
Das Zerwürfnis zwischen den Verbündeten
Leitartikel Was eine Große Koalition Pakistan und USA / Wie Israels Rechte die
leisten müsste 8 Ein-Staaten-Lösung vorantreiben 78
Meinung Der gesunde Menschenverstand / Iran Die Wut der Enttäuschten auf
So gesehen: Von Berlin lernen 10 das Regime, das sein Versprechen von
Sigmar Gabriel
Städte bangen um Milliarden durch Freiheit und Aufschwung nicht hält 80 Er hält SPD-Chef für das Amt
Grundsteuer-Stopp / CIA wollte KPD- Migration Muslime sollen Christen seines Lebens, aber Gabriel
Verbot verhindern 24 von einem Flüchtlingsboot ins ist auch passionierter Außen-
Sexualdelikte Rechte Internetseiten berichten Mittelmeer geworfen haben – war minister, jetzt, da die Welt
über angebliche Vergewaltigungen durch es Mord aus religiösem Hass? 84
Flüchtlinge – haben die Gefahren für Frauen so ungemütlich ist. Dabei wäre
Nordkorea Kims Cyberkrieger rauben Banken es besser, sagt er, wenn
tatsächlich zugenommen? 26 aus und bedrohen westliche Staaten 88
Verbrechen Der Bürgermeister von Kandel
Außenpolitik wieder lang-
wird von einer Hasswelle überrollt – weiliger würde. Seite 34
Sport
weil er nach der Tötung einer 15-Jährigen
zur Besonnenheit mahnte 32 Geschwindigkeitsrausch auf Schnee und Eis /
Außenpolitik SPIEGEL-Gespräch mit Minister Magische Momente: Der ehemalige
Sigmar Gabriel über Deutschlands Fußballprofi Martin Wagner über das
Rolle in der Welt und die Proteste in Iran 34 Wunder in Kaiserslautern 93
Parteien Wie Christian Lindner die Stars Handball-Idol Stefan Kretzschmar
Liberalen führt 38 im SPIEGEL-Gespräch über die Suche nach
Helden 94
Netzpolitik Die Vorwürfe gegen das Gesetz
Handball-EM Neue deutsche Weltklasse 96

GERHARD LEBER / IMAGO


gegen Internethetze sind unbegründet 40
Bundesländer Unter Ministerpräsidenten gibt
es keine festen Allianzen mehr – aus Wissenschaft
zwei Lagern wurde eine bunte Truppe 42 Warnung vor Alternativmedizin / Weniger
Terror Wie zwei Opfer vom Berliner Gadgets im Haushalt / Analyse:
Breitscheidplatz Freundinnen wurden 44 Fliegen war noch nie so sicher wie heute 98
Ostdeutschland Warum ehemalige Wildnis Von Leoparden und Menschen Eva Menasse
Bürgerrechtler sich bei AfD und Pegida in Mumbai 100
Sie und ihr Bruder Robert
engagieren 48 Geschichte Die Schnapsepidemie in sind das erfolgreichste
Kriminalität Attacken gegen Rettungs- Ostfriesland vor 170 Jahren 103
Geschwisterpaar der deutsch-
kräfte wie an Silvester gehören inzwischen Künstliche Intelligenz Werden Computer
zum Alltag 52 sprachigen Gegenwarts-
bald zu echtem Denken fähig sein? 104
literatur. Ein gemeinsames In-
Fotografie Warum ausgerechnet terview hatten die Autoren
Gesellschaft die Jüngeren die Sofortbildkamera
wiederentdecken 107
noch nie gegeben. Jetzt trafen
Früher war alles schlechter: Fahrraddieb- sie sich in Berlin. Seite 110
stähle / Wo sind die Vögel in Deutschland? 54
Eine Meldung und ihre Geschichte Zwei Kultur
Berliner retten mit Schlagerpartys die Woody Allens „Wonder Wheel“ /
Tierwürde 55 Kolumne: Besser weiß ich es nicht 108
Diplomatie In der Wüste von Katar entsteht Literatur Die Geschwister Robert und
einer der größten Milchbetriebe der Welt – Eva Menasse im SPIEGEL-Gespräch über
er soll dem Emirat Milch und Macht liefern 56 Politik, Fremdsein und die Bedeutung
Homestory Wie man in Indien zu einer von Geschichten in Familien 110
STEFFEN ROTH / DER SPIEGEL

guten Deutschen wird 60 Essay Wie politisch soll Religion sein? 116
Europa Kermanis Reise, Teil XII:
Wirtschaft durch Armenien und Bergkarabach 118
Verhärtete Fronten im Tarifkonflikt der Buchkritik David Motadels Studie über die
Metallindustrie / Ausverkaufte islamische Welt und das „Dritte Reich“ 122
Elbphilharmonie / Muss ich Bitcoin-
Gewinne versteuern? 62
Bestseller 115
Stefan Kretzschmar
Mode Die Textilindustrie ist einer der
größten Umweltsünder, die Branche Impressum, Leserservice 124 Er ist neben Heiner Brand
und ihre Kunden müssen radikal umdenken 64 Nachrufe 125 das Gesicht des deutschen
Analyse Warum Japans Unternehmens-
Handballs – und dessen
Personalien 126
skandale ein Warnzeichen für Deutschland mächtigste Stimme. Die Deut-
sind 69 Briefe 128 schen seien Weltklasse, sagt
Lebensmittel Eataly-Gründer Oscar Hohlspiegel / Rückspiegel 130 er, aber der Sportart fehle
Farinetti hat in Bologna eine Art es „an Typen mit dem Zeug
Disney World für Gourmets geschaffen 72 Wegweiser für Informanten: www.spiegel.de/investigativ zum Superstar“. Seite 94

DER SPIEGEL 2 / 2018 7


Das deutsche Nachrichten-Magazin

Leitartikel

Gesundheit!
Wie eine Große Koalition die Zweiklassenmedizin überwinden kann

R
ückenschmerzen? Rufen Sie nächsten Monat noch Die Union wiederum hat keine klare Vorstellung. Ihr
mal an. Neurodermitis? Nicht mehr in diesem Quar- steckt der jahrelange Streit um die Kopfpauschale noch
tal. Psychotherapie? Tut uns leid, Aufnahmestopp. immer in den Knochen, auch wenn die Konzepte längst
So lauten die Antworten in vielen Arztpraxen, wenn Pa- im Müll liegen. Die privaten Krankenversicherungen will
tienten nach einem Termin fragen, aber nicht privat ver- die Union aber erhalten, denn diese finanzierten den me-
sichert sind, sondern bei AOK, Barmer oder Techniker dizinischen Fortschritt und sicherten das Auskommen der
Krankenkasse. Das regt die Bürger auf. Dass Kassen- Ärzte. Doch bei CDU und CSU gibt es zudem viele Pri-
patienten in der Regel länger auf eine Untersuchung war- vatversicherte, die sich darüber ärgern, jedes Jahr höhere
ten als Privatversicherte, ist eine Frechheit gegenüber den Beiträge zahlen zu müssen.
Betroffenen und eine Schande für den Sozialstaat. Man Die Zweiklassenmedizin zu beseitigen, indem die erste
stelle sich vor, unser Schulsystem gäbe an vielen Tagen Klasse verschwindet, ist der falsche Weg. Der richtige ist,
nur noch Privatunterricht für die Kinder von Beamten die erste Klasse für alle zu öffnen. Dazu drei Vorschläge:
und Gutverdienern her; alle anderen müssten gucken, wo Der Grund dafür, dass Ärzte Privatpatienten in der Regel
sie bleiben: Das wäre ein Skandal. Doch wenn im Münch- besser behandeln als Kassenpatienten, ist das Honorar.
ner Hochhausviertel Hasen- Über die „Gebührenordnung
bergl die letzten beiden Kin- für Ärzte“ bei den Privaten
derarztpraxen für Vorsorge- lässt sich mehr herausholen
untersuchungen auf Monate als nach dem „Einheitlichen
ausgebucht sind: Pech gehabt. Bewertungsmaßstab“ in der
Eine Große Koalition hätte gesetzlichen Krankenversiche-
die Kraft, diese Ungerechtig- rung. Die Große Koalition
keit zu beseitigen. Es wäre muss dafür sorgen, dass sich
eine Leistung, die dem Bünd- die Honorarsysteme annä-
nis aus CDU, CSU und SPD hern. Für die Behandlung von
noch einmal einen Sinn, eine Kassenpatienten würde künf-
historische Aufgabe geben tig etwas mehr, für Privat-
würde. Die Umstände sind patienten etwas weniger be-
günstig, denn durch die nied- zahlt. An der Gesamtsumme
rige Arbeitslosigkeit geht es änderte sich nichts. Die Ärz-
den meisten Kassen gut. Und teschaft müsste nicht darben.
wer, wenn nicht die drei Alle Bürger sollten die
Volksparteien, könnte den Möglichkeit haben, Mitglieder
Kampf gegen die Lobbyisten einer privaten Kasse zu wer-
HC PLAMBECK

im Gesundheitswesen aufneh- den, auch Nichtbeamte, Nicht-


men? Schon einmal haben selbstständige und jene, die
Union und SPD bewiesen, weniger als 4950 Euro im
dass sie Probleme vernünftig Monat verdienen. Es braucht
lösen können. Vor fast genau 25 Jahren einigte sich eine dazu einen Basistarif ohne Gesundheitsprüfung. Umge-
schwarz-gelbe Regierung mit den Sozialdemokraten bei kehrt sollten Privatversicherte nach Belieben in eine ge-
einer Klausurtagung im rheinland-pfälzischen Lahnstein setzliche Krankenkasse wechseln können. Die Rückstel-
auf eine weitreichende Reform der gesetzlichen Kranken- lung fürs Alter, die ihre Versicherung aus ihren Beiträgen
kassen. Horst Seehofer, damals Gesundheitsminister, zählt angespart hat, nähmen sie mit.
sie zu seinen Lebensleistungen. Schließlich müsste auch der Wettbewerb zwischen den
Noch liegen die Parteien auseinander. Die SPD schlägt gesetzlichen Kassen wieder stärker in Gang kommen. Der
eine sogenannte Bürgerversicherung vor. Alle sollen mit- vor einigen Jahren eingeführte Morbiditätsausgleich für
machen, bei einheitlichen Leistungen und Beitragssätzen. alle möglichen Zipperlein gehört abgeschafft, denn er
Die privaten Versicherungen in ihrer heutigen Form wür- reizt Ärzte dazu an, den Patienten Krankheiten anzudich-
den schrittweise verschwinden. Das klingt gerecht. Doch ten. Wenn eine Krankenkasse wirklich viele Schwerst-
die Versorgung der Kassenpatienten würde nicht automa- kranke versorgt, muss sie dafür einen höheren Ausgleich
tisch besser, nur weil die ehemaligen Privatpatienten auch bekommen als heute, ebenso bei überdurchschnittlich vie-
länger auf Termine warten müssen. Es würde im Warte- len Arbeitslosen oder mitversicherten Kindern.
zimmer nur voller. Wie in Großbritannien, wo der staat- Die Union hat recht: Es braucht den Wettbewerb zwi-
liche Gesundheitsdienst lange Wartelisten für Operationen schen den Systemen, zwischen Kasse und privat. Und die
führt. Auch am Ärztemangel auf dem Land änderte eine SPD hat recht: Es muss dabei gerechter zugehen.
Bürgerversicherung allein nichts. Alexander Neubacher

8 DER SPIEGEL 2 / 2018


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Meinung
Markus Feldenkirchen Der gesunde Menschenverstand

Auch Deutsche unter den Tätern


Es ist erschütternd, Nachdem ich die Kommentare nach dem
was sich auf deut- schrecklichen Eifersuchtsmord an der 15-jäh- Macht hoch
schem Boden so alles
zuträgt, wie verroht
rigen Mia in der pfälzischen Kleinstadt Kan-
del verfolgt hatte, hatte ich kurz den Ein-
die Tür
unsere schöne Kul- druck, dass nur der afghanische Mann zu ex- So gesehen Berlin zeigt,
turnation inzwi- tremer Frauenverachtung, überbordenden wie moderner Strafvollzug
schen ist. Hier nur Stolzgefühlen oder archaischen Rachegelüs- funktioniert.
ein paar Beispiele aus ten in der Lage sei. Weil ihm der Kulturraum,
jüngerer Vergangenheit: in dem er aufwuchs, quasi keine andere Mög- Zu Jahresbeginn erreichen
Am Neujahrstag hat ein 64-jähriger Deut- lichkeit lasse. Nun frage ich mich, wie Deut- uns frohe Nachrichten: Den
scher im saarländischen Haustadt seinen sche, die im deutschen Kulturraum groß wur- Jugendgefängnissen der
Sohn brutal erschossen. Dreimal schoss den, so verdammt ähnlich morden können. Republik gehen die Häftlinge
der Deutsche, die Kugeln trafen in Bauch Die Liste des deutschen Grauens ließe aus. Teilweise stehen ganze
und Oberkörper. Das Opfer, ein 29-jäh- sich beliebig fortsetzen, die allermeisten Flure leer, in Hamburg
riger Deutscher, war zuvor mit zutiefst Morde und Gewalttaten werden in Hahnöfersand ist ein Groß-
kulturfremdem Verhalten aufgefallen. Deutschland von Deutschen verübt. Des- teil der Zellen nicht belegt.
Von Drogenproblemen, Diebstahl, Pöbe- halb finde ich: Wenn wir uns nach Jahren Leider ist eine vergleichbare
leien und heftigen Gewaltandrohungen des Dumpftrommelns durch rechte Kräfte Entwicklung in den Knästen
ist die Rede. schon auf die Notwendigkeit einer ethnisch- für Erwachsene nicht zu be-
In Görlitz töteten derweil ein Deutscher rassistischen Berichterstattung einlassen, obachten.
und eine Deutsche einen 24-Jährigen, in- dann bitte konsequent. Dann sollten wir Doch auch hier gibt es
dem sie ihm mit einem Topf von hinten bei jeder Tat die Herkunft des Täters nen- Hoffnung: den sogenannten
auf den Kopf schlugen und ihm dann eine nen. Sonst entsteht am Ende noch der Ein- Berliner Weg. Neun Insassen
Tüte über den Kopf stülpten, bis der Mann druck einer verzerrten Berichterstattung der Justizvollzugsanstalt
qualvoll erstickte. In Hamburg-Lurup be- durch die Mainstreammedien. Und das Plötzensee sind in den ver-
nutzte ein Deutscher zwei Brotmesser, um kann im Sinne der Aufklärung wirklich gangenen Tagen geflohen.
den Freund seiner Schwester zu ermorden. niemand wollen. Einige entkamen durch ei-
Als eine der Klingen brach, holte der deut- Es soll allerdings auch Deutsche geben, nen Lüftungsschacht, zwei
sche Killer zwei Keramikmesser und mach- die bislang keine Morde begangen haben. rissen das Gitter von einem
te weiter. Gruselig war auch die Tat des Und die würde man mit dem ewigen Täter- Fenster, andere kehrten vom
42-jährigen Deutschen, der seine Freundin zusatz „ein Deutscher“ womöglich stigma- Freigang nicht zurück. Berlin
aus Eifersucht und Rachlust totprügelte, tisieren. In aufgeheizten Zeiten kann man zeigt, dass Überbelegung
weil diese einen Liebhaber hatte. Während auf solche Feinheiten freilich keine Rück- und Enge auch in Gefäng-
das Opfer qualvoll starb, schickte der Deut- sicht mehr nehmen. In dieser Hinsicht hat nissen für Erwachsene kein
sche dem Liebhaber grausame Fotos aufs das rechte Trommelfeuer der vergangenen Problem sein muss.
Handy. „Bist du so schlecht im Bett?“, ant- Jahre seine Wirkung erfolgreich erzielt. Andere Bundesländer
wortete der Liebhaber, ein 19-jähriger sollten sich dieses Know-
Deutscher, und tanzte lieber in einer Dis- An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, how zunutze machen. Wa-
kothek weiter, statt zu helfen. Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel. rum nicht Experten aus der
Hauptstadt in die Justiz-
ministerien nach Baden-
Württemberg, Nordrhein-
Kittihawk Westfalen oder Hamburg
entsenden, um dort den
Strafvollzug zu modernisie-
ren? Das muss nicht teuer
sein. Schon ein paar Berliner
reichen in der Regel aus,
um eine Verwaltung lahm-
zulegen.
Die Folgen wären rundum
positiv: weniger Gefangene,
Stressabbau bei den Wärtern,
eine höhere Zufriedenheit
der JVA-Restpopulationen.
Mit etwas Mut und Ent-
schlossenheit könnte es nicht
nur in Hahnöfersand, son-
dern auch in Fuhlsbüttel, Os-
sendorf oder Stammheim
heißen: Wir haben noch Zel-
len frei. Ralf Neukirch

10 DER SPIEGEL 2 / 2018


DER SPIEGEL
im Gespräch mit
Özdemir, Aydemir,
Popp: live
Harry Weber

Bradley Secker

Charlotte Schmitz
Cem Özdemir Fatma Aydemir Maximilian Popp

Verhaftungen deutscher Staatsbürger, Nazi-Vergleiche, Terrorvorwürfe: Das deutsch-türkische


Verhältnis erreichte 2017 einen Tiefpunkt. Gleichzeitig sind beide Länder aufeinander angewiesen.
In keinem anderen Land leben so viele Menschen türkischer Abstammung wie in Deutschland.
Wie geht es weiter in den Beziehungen zwischen beiden Ländern? Und wie wirkt sich die Krise
auf die deutsch-türkische Community aus? Darüber diskutieren Fatma Aydemir, Journalistin,
Autorin und Initiatorin des deutsch-türkischen Web-Portals taz.gazete, Cem Özdemir, Vorsitzender
der Grünen, und Maximilian Popp, Türkei-Korrespondent des SPIEGEL.
Moderation: Christiane Hoffmann, stellvertretende Leiterin des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

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Titel

„Was bin ich?“


Normen Sexismusdebatte, Ehe für alle, drittes Geschlecht – hört das denn niemals auf?
Die alte, bipolare Welt, in der Männer noch Männer waren und Frauen nur Frauen,
ist vorbei – und was heutzutage „normal“ ist, muss neu verhandelt werden. Es wird Zeit.

S
chon seltsam, dass sich Deutschland nicht eigentlich ein Mädchen?“, sagten sie nachzuschauen, welche Richtung der Main-
so fortschrittlich zeigt im Moment. ihm, was es ist: ein Kind mit „uneindeuti- stream nimmt, ob es überhaupt noch einen
Janas Eltern sind ein bisschen ver- gem Geschlecht“. gibt.
wundert, aber voller Respekt. Deutschland Dass man über diese Uneindeutigkeiten
hat einen Schub in Richtung Moderne ge- spricht, das ist neu. Nun soll das Wissen Und wenn es einfach nur hieße:
macht, Deutschland ist bereit, anzuerken- darum in Gesetze gegossen werden. Im Hier ist ein Mensch geboren?
nen, dass es Menschen wie ihr Kind gibt. deutschen Personenstandsrecht, entschied
Die Niederlande, wo sie mit Jana leben, das Bundesverfassungsgericht, muss es Was wäre, wenn Deutschland künftig „in
sind noch nicht so weit. künftig mehr als zwei Geschlechter geben. personenstandsrechtlichen Angelegenhei-
Man sieht Jana nicht an, dass sie einer Oder – noch kühner – die komplette Ab- ten ganz auf einen Geschlechtseintrag ver-
jener Menschen ist, die Dinge infrage stel- schaffung des Eintrags „Geschlecht“ (siehe zichten“ würde, wie Karlsruhe formuliert?
len durch ihre schiere Existenz. Jana weiß Seite 21). Wenn einfach nur registriert würde:
es und sagt Sätze darüber, die zu klug sind Das ist ein Novum in Europa. Es ist ein Hier ist ein Mensch geboren?
für ihre elf Jahre, sie sagt: „Ich finde es revolutionärer Beschluss. Er lädt dazu ein, Schaut man auf die erste Zeit, die ein
blöd, dass die Leute bestimmen wollen, einen Schritt zurückzutreten und neu auf Kind in unserer Gesellschaft verbringt,
was normal ist und was nicht. Es gibt doch scheinbar Selbstverständliches zu blicken. dann sieht es so aus, als sei sie geradezu
nicht nur Mann und Frau.“ Es gibt auch Was ist denn nun weiblich, was männ- besessen vom Thema Geschlecht.
Menschen wie sie. lich? Und welche Rolle spielt überhaupt Schon seltsam, eigentlich, wie sofort die
Jana, so soll sie auf Wunsch der Eltern das Geschlecht in unserer Gesellschaft? Einordnung anfängt, wenn das Ultraschall-
hier genannt werden, sei als Junge gebo- Welche Rolle spielt welches Geschlecht? foto eine Deutung erlaubt. Seltsam die aus
ren – so stand es in ihren Papieren, obwohl Die Geschlechterdebatte prägt diese den USA importierte Schwangerschafts-
ihr Körper widersprüchliche Signale gibt: Zeit: Es geht um Gesetze, Gerichtsentschei- sitte der „Gender Reveal Party“, auf der
Der Chromosomensatz ist männlich, aber de, Gewohnheiten. das Geschlecht des Embryos verkündet
sie sah aus wie ein Mädchen. Die Ärzte Ein Gesetz sagt, dass nicht mehr nur wird, seltsam die Ansage werdender Eltern:
begriffen ihren Zustand als Krankheit, und Mann und Frau einander heiraten dürfen, „Schenkt nichts in Rosa, es wird ein Bub.“
weil Janas Eltern ihnen und den Doku- sondern zwei Personen „gleichen oder un- Rosa: Das ist die Farbe, die noch vor
menten glaubten, wurde das vierjährige terschiedlichen Geschlechts“. Eine Debatte hundert Jahren die Farbe für männliche
Kind in Richtung „männlich“ operiert. unter dem Stichwort #MeToo stellt eta- Kinder war, es war das „schwache Rot“,
Jetzt ist da die Andeutung eines Penis, wo blierte Formen des Sexismus infrage, der stand für Leidenschaft, Eros, Kampf. Blau:
vorher keiner war. sich ja gern hinter einer antiquierten For- Das war mal die Farbe der Jungfrau Maria,
Jana sagt: „Ich bin aufgewacht, damals mel verbirgt: „Männer sind halt so.“ Und die Farbe für die Frau.
im Krankenhaus, ich wurde durch einen nun definiert ein revolutionärer Gerichts- Als könne jeder Minute der Geschlechts-
Gang geschoben in einen grellen Raum, entscheid die Geschlechter neu. losigkeit schädlich sein – sofort nach der
da standen andere Betten. Ich konnte Spielregeln werden frisch verhandelt, Geburt bekommt das Baby sein Kärtchen
meine Beine nicht bewegen, ich hatte Hun- was gilt noch, was wurde verworfen? Wird oder sein Bändchen, in Rosa oder Hellblau.
ger, und es tat weh.“ da etwas vollzogen, das ohnehin Teil des Und dann geht es erst richtig los. Mit den
Janas Mutter sagt: „Wir konnten nicht Alltagslebens ist? Oder kommen die Men- Stramplern in Rosa (Aufschrift: „Diva“)
wissen, was die Ärzte Jana antaten.“ Die schen den neuen Regeln kaum hinterher? und in Hellblau (Aufschrift: „Genie“). Mit
Ärzte seien unklar geblieben, noch Mona- Es ist vieles im dem hellblauen „Sportsfreund“-Shampoo
te nach den Operationen, dann sei die Dia- Fluss. Es lohnt und dem rosafarbenen für die „Prinzessin“.
gnose gekommen: Janas Körper reagiere sich, Mit dem Schulranzen, dem Tablet-Com-
nicht auf männliche Hormone. Das Wort puter in Rosa und dem in Blau.
„intersexuell“ sei nicht gefallen. „Gendermarketing“ heißt diese Strate-
Keine Aufklärung, keine Hilfe, sagt die gie, sie funktioniert prächtig, zum Be-
Mutter, habe sie von diesen Ärzten erhal- dauern von Stevie Schmiedel. „Gen-
ten. „Sie erklärten nur, dass niemand da- der“, englisch für „Geschlechtsrolle“, ist
rüber rede. Wer so ein Kind habe, wolle das Forschungs- und Berufsfeld von
nicht, dass ein anderer das weiß.“ Schmiedel, 45, „Pink stinks“ heißt ihre
Janas Eltern beschlossen, Jana nicht in Organisation: Nieder mit dem Rosa. Das
eine Richtung zu drängen. Sie mochte Ka- ist allerdings nicht mehr ganz so gemeint:
rate und Ballett, sie wechselte ihren Stoff- Es geht jetzt mehr darum, Rosa als akzep-
AHAOK FÜR DER SPIEGEL

tieren die Windeln, ließ sich die Haare tierte Farbe für Jungen zu etablieren.
wachsen. Als das Kind, mit sechs Jahren Schmiedel könnte in den Kampagnen,
etwa, nicht mehr Jungssachen tragen woll- die sie anprangert, als Model auftreten:
te, sondern Zopf und Kleider, redeten sie langes Haar, große Augen, im Dekolleté
es ihm nicht aus. Als es fragte: „Bin ich ein Tropfenanhänger, der an einer Silber-
12 DER SPIEGEL 2 / 2018
HELENA LEA MANHARTSBERGER / DER SPIEGEL

Intersexuelles Kind Jana – Sie seien wie Orchideen, sagen manche,


die zwischen den Geschlechtern leben. Wie diese Blumen, bei denen Griffel und Staubfaden,
also das Weibliche und das Männliche, zu etwas Gemeinsamem verwachsen sind.

DER SPIEGEL 2 / 2018 13


Titel
HELENA LEA MANHARTSBERGER / DER SPIEGEL

Genderaktivistin Schmiedel – Rosa für Mädchen, Hellblau für Jungs?


Ein Verlust an Freiheit, findet sie. Auch ein Junge soll sein rosa Pony lieben dürfen,
ohne dass ihn der halbe Kindergarten mobbt.

14 DER SPIEGEL 2 / 2018


kette baumelt. „Ich glaube nicht an biolo- Video: Das Geschäft etwa das Aushandeln beim Thema Haus-
gische Geschlechter, aber ich weiß, dass mit Rosa und Blau arbeit vor allem aus Frauensicht als eines
ich als Frau gelesen werde“, sagt Schmie- der Felder „mit dem größten Konfliktpo-
spiegel.de/sp22018pinkstinks
del. „Wenn ich mit kurzen Haaren und ei- oder in der App DER SPIEGEL tenzial“, wie Umfragen zeigen. Und drau-
nem Undercut-Schnitt hier sitzen würde, ßen, in Politik und Arbeit, spielt die Ge-
würde ich mit meinen Themen nicht so schlechterfrage eben auch dort oft eine
ernst genommen.“ Gruppentier, das war er schon lange vor Rolle, wo sie nicht hingehört – zum Bei-
Gendermarketing ist unternehmens- der Konsumgesellschaft. Wer sich als Mäd- spiel, wenn es um Karrierechancen und
strategisch eine logische Maßnahme: Schön, chen definiert, sucht die Zugehörigkeit zur Bezahlung geht. Aber schon der Anspruch
wenn man Spielzeug, Schulzeug, Kleidung Mädchengruppe auch durch die Objekte, bringt die Gesellschaft voran. Und es
gleich zweimal verkaufen kann, für die mit denen man sich beschäftigt oder die stimmt ja: Die Differenz zwischen Frauen-
Mädchen, für die Jungs. „Ich habe Glück, man am Körper trägt. Neutrales Spielzeug, leben und Männerleben schwindet eher,
dass ich zwei Töchter habe“, sagt Schmie- sagt Fine, verliert für Jungen an Attrakti- als dass sie wächst.
del. „Sonst würde es teuer.“ Stevie Schmie- vität, sobald es als Mädchenspielzeug be- Scheint so, als ob die rosa-blaue Kind-
del, aufgewachsen in den Siebzigerjahren, zeichnet wird. Hier Ritter, da Prinzessin – heit die Kleinen gerade nicht auf die Welt
als viel mehr Unisex-Kleidung getragen so sortiert sich das. draußen vorbereitet, denn dort ist das heu-
wurde und mehr mit Unisex-Spielzeug ge- Es gibt Enklaven, in manchen Metropo- te so: Männer übernehmen mehr Fürsorge,
spielt wurde, hält nichts davon, Kindern lenvierteln, wo Großstadtakademiker den Frauen mehr Macht. Eine Frau pfeift beim
solche Produkte zu verbieten, und so gibt Kindern Unisex-Namen geben und es er- Fußball-Bundesliga-Spiel der Männer. Eine
es selbst bei ihr zu Hause rosafarbene Ar- tragen können, wenn der Junge im Rock Frau ist Kanzlerin, so lange schon, dass
tikel der „Prinzessin Lillifee“-Reihe und in die Kita will oder mit bemalten Finger- kleine Jungs mit der Frage kommen: „Kön-
auch eine Barbie. „Ich spreche mit meinen nägeln nach Hause kommt. Im Normalfall nen Männer eigentlich auch Kanzler sein?“
Töchtern über ihre Barbie: dass die Figur aber gilt – wenn das Mädel auf Bäume klet- Die Heterosexualität tritt als Norm ein
der Puppe absurd ist; dass sie deshalb nicht tert: kein Problem. Wenn der Knabe mit wenig zurück und lässt anderes sichtbar
mal stehen kann, sondern umfällt; dass ihr Puppen spielt: Befremden. werden. Minister dürfen schwul oder les-
Hals so lang ist, dass er abzuknicken droht. Das ist die Botschaft der ersten Jahre: bisch sein. „Gender Studies“ lehren, dass
Aber ich nehme sie ihnen nicht weg.“ Mädchen und Jungs leben auf verschiede- es interkulturell wenig Übereinstimmun-
Schmiedel will den Markt verändern, nen Planeten. Erst später werden sie er- gen gibt, was das ist – ein Mann, eine Frau.
die Öffentlichkeit, eben weil sie weiß: Gen- fahren, dass das nicht mehr stimmt. Auf Facebook kann man sich zwischen 60
dermarketing funktioniert. Aber warum Es ist eine Orientierung an etablierten Geschlechtszugehörigkeiten entscheiden.
funktioniert es eigentlich? Mustern, die manchem inzwischen gera- Gendermarketing, glaubt Stevie Schmie-
Spricht da einfach nur die Natur? Eine dezu anachronistisch erscheint. del, funktioniere nicht obwohl, sondern
Studie der Entwicklungspsychologin Bren- Auf vielen gesellschaftlichen Feldern, gerade weil sich die klassische Rollenver-
da Todd von der City University of Lon- schreibt der Soziologe Stefan Hirschauer teilung zwischen Mann und Frau immer
don im vergangenen Jahr ergab, dass in einem „FAZ“-Essay zur Intersex-Ent- mehr auflöse; am Arbeitsplatz, in den Be-
schon sehr kleine Jungen und Mädchen scheidung, „ist die Geschlechtszugehörig- ziehungen: „Eltern erschöpft dieser täg-
unterschiedliche Spielzeuge bevorzugen. keit (etwa im Vergleich mit der Leistungs- liche Kampf manchmal. Sie suchen dann
So waren neunmonatige Jungs eher von fähigkeit) schlicht irrelevant“. Die Justiz Sicherheit, gerade für ihre Kinder.“ Und
mechanischen Bewegungen fasziniert, von verlange Geschlechtsblindheit. Bei der Ver- während sich Erwachsene von Geschlech-
Bällen etwa, Mädchen hingegen eher von gabe von Zensuren oder Arbeitsplätzen terklischees langsam lösten, zumindest in
Gesichtern und Puppen. dürfe das Geschlecht keine Rolle spielen. gebildeten Milieus, „werden diese Kli-
Sind es die Gene, die Hormone? Oder Die Bedeutung der Geschlechtszugehörig- schees unseren Kindern stärker denn je
was sonst? Eine BBC-Dokumentation zeigt keit, argumentiert Hirschauer, habe sich vermittelt“. So komme es, dass der erwach-
dazu ein Experiment. Erwachsene Ver- auf das private Leben konzentriert. Und auch sene Vater völlig selbstverständlich den
suchspersonen fanden in einem Raum ein in der Paarbeziehung sei nicht mehr durch Kinderwagen schiebe, „aber wenn sein
Kind und allerlei Spielzeug vor. War das den Chromosomensatz klar bestimmt, wer Sohn sich eine Puppe und einen Kinder-
Kind ein „Oliver“, gaben sie ihm Bälle, was mache: Was einmal per Geschlecht wagen zum Spielen wünscht, schreckt er
Autos, setzten es aufs Schaukelpferd. War festgelegt war, ist „zum Gegenstand indi- zurück“.
es „Sophie“, bekam das Kind die Puppe vidueller Aushandlung geworden“. Eine paradoxe Welt, in die man da hi-
in den Arm. Dann spielten die beiden. Das ist ein bisschen zu freundlich aus- neinwächst, als junger Mensch.
Ziemlich überrascht waren die Versuchs- gedrückt – Hirschauer beschreibt eher
personen, als sie erfuhren, dass „Oliver“ einen Anspruch als die Realität. Prinzessin, bist du das?
ein Mädchen und „Sophie“ ein Junge In Beziehungen gilt
war. Noch größer war ihre Überraschung Rosa sei dieses Jahr der Trend
über sich selbst: wie schnell und automa- gewesen beim Abi-Ball, hört
tisch sie nach dem Spielzeug gegriffen man von Modeverkäuferinnen,
hatten, das ihnen passend erschien – Be- rosa Tüll und etwas Glitzer für die
ziehungsorientiertes für Mädchen, Raum- Damen, für die Herren Dunkelblau.
greifendes für Jungs. „Do you stereotype So feiern Jugendliche heute das Erwach-
children?“ heißt die Dokumentation. senwerden, in Posen, die ihren Eltern alt-
Wie weit der Einfluss der Biologie modisch erscheinen, und niemand zwingt
geht, das ist umstritten und wird es sie, sie wollen es so. Sie begeben sich in
AHAOK FÜR DER SPIEGEL

wohl immer bleiben. Dass soziale die Hände von Caterern, Friseuren, DJs,
Faktoren tatsächlich nicht zu ver- Modehändlern, Limousinenverleihern,
nachlässigen sind, beschreibt bei- Eventmanagern, um den perfekten Mann,
spielsweise Neurowissenschaftlerin die perfekte Frau abzugeben, so, als führe
Cordelia Fine. Der Mensch ist ein der Weg vom Kinderzimmer stracks und
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ohne Umweg hierher. der Pornografie. Glück hat, wer Stress. Der Körper macht Stress, wenn
Prinzessin, bist du das? diese Selbstdarstellung nur als ständig von ihm verlangt wird: Sei ein
Es ist zum Beispiel Luzia Rollenspiel begreift – wie Luzia. schöner Mann. Sei eine schöne Frau.
Kramer, 18 Jahre alt, ein Viele tun das nicht. Vielleicht lohnt sich ja der Blick auf jene,
kluges Mädchen mit langen, Viele Mädchen zeigen sich se- die mit Uneindeutigkeit leben. Bringt das
rötlichen Haaren, das vor ein xualisiert, sie zeigen Lippen, noch mehr Stress? Oder lässt sich vielleicht
paar Monaten Abitur am Ber- Brüste. Aber der Genuss, den sogar lernen, wie man lässiger mit Gender-
liner John-Lennon-Gymnasi- sie suchen, ist nicht unbedingt fragen umgehen kann?
um gemacht hat. Luzia trägt Sex, sondern eher das Gefühl:
einen winzigen Stecker im Na- Jemand findet mich gut. „In Kleidern bin ich ein Mann.
senflügel, eine bunte Stoffhose, Die Prinzessin will bewundert werden, Nackt bin ich eine Frage.“
ein Dutzend Armbänder und sieht exakt immer noch, aber anders – sie „fühlt sich
so aus, wie man sich jemanden vorstellt, jung und hip, sie tindert und macht alles „Sexual Development Disorder“ ist ein
der, wie sie sagt, „auf jeden Fall später mit, was von ihr verlangt wird. Aber es ärztlicher Terminus für den Befund „In-
mal etwas Soziales machen will. Vielleicht fehlt ihr das Bewusstsein für die eigenen tersexualität“; diejenigen, die gemeint
eine Ausbildung als Erzieherin, dann viel- Bedürfnisse und Grenzen“, sagt Sandra sind, empfinden das oft als Hohn.
leicht Sozialpädagogik“. Konrad, Psychologin und Sachbuchautorin. „Ich bin keine Störung der Geschlechts-
Als aber vor ein paar Monaten der Abi- Die Mädchen, so sieht sie es, erfüllen die identität“, sagt ein Mensch, der an einem
Ball anstand – 53 Euro Eintritt pro Person, Wünsche der Jungs. Sie wollen „die Best- Novembertag in einen Festsaal des Uni-
die Mädchen im Ballkleid, die Jungs im note“. versitätsklinikums Hamburg-Eppendorf ge-
Anzug, einige mieteten sogar eine Limou- Sie wollen gefallen, obwohl sie ihr Glück kommen ist. Ein Mensch, der eine dunkle
sine –, hat auch Luzia lange über das pas- nicht nur an der Seite eines Mannes su- Weste trägt und Tattoos auf bloßen Armen,
sende Kleid nachgedacht; rosa ist es nicht. chen, sondern auch im eigenen Leben, im Stiefel, Hosenrock, Schirmmütze auf dem
Sie hat sich geschminkt, hatte einen Tanz- Job. „Für viele Frauen ist das die einzige Kopf. Del Lagrace Volcano, laut Visiten-
partner. Das ganze, traditionelle Paket, nur Möglichkeit, an die Macht zu kommen karte „photographer and activist“, wurde
dass es eben praktisch keine Tradition in oder an der Macht teilzuhaben“, meint in Kansas City gezeugt, in Kalifornien ge-
Deutschland hat und, ähnlich wie Hallo- Konrad. „Studien zeigen, dass Attraktivi- boren, lebte 25 Jahre lang in London und
ween, ein US-Import ist. tät für Frauen nach wie vor die Hauptwäh- wohnt jetzt in Schweden.
Der Tanz im Ballsaal: Das ist die for- rung ist für sozialen und ökonomischen Del Lagrace Volcano kommt zu diesem
malisierte Ungleichheit. Er führt, sie folgt. Erfolg.“ Symposium über „Intersex-Kontroversen“,
„Es ist nur für diesen Abend, eine Ver- Dass ganz anderes wichtig sei als der at- obwohl intersexuelle Freunde deswegen
kleidung, es heißt nicht, dass ich mir von traktive Körper – das war einmal Utopie besorgt waren; sie fürchteten, man könne
Männern etwas vorschreiben lasse. Man und ein bisschen auch Praxis. Das war da- Dels Erscheinen als unverdiente Absolu-
inszeniert sich als Prinzessin“, sagt Luzia. mals, in den Hippie- und Gorleben- und tion für die Medizin verstehen.
Für sie ist es einfach eines jener Rollen- Peacenik-Zeiten, als Männer, Frauen, wer Es ist eine fürchterliche Geschichte, die
spiele, in denen die jungen Menschen heu- auch immer, in Richtung unisex zu driften viele zwischengeschlechtliche Menschen
te viel geübter sind als die früheren Ge- schienen, als sie, anstatt auf Abi-Bällen zu mit der Medizin verbindet. Es wurde Kin-
nerationen. Auf Facebook, Instagram, tanzen, mit Jeans, Parka und langen Haa- dern, die nicht weiblich genug für ein Mäd-
Twitter, WhatsApp ist jeder ein Selbstdar- ren durch die Welt zogen und die Absicht chen aussahen, die Klitoris abgeschnitten,
steller, auf einer kleinen Bühne in Handy- erklärten, diese zu verändern. Der Femi- bis vor wenigen Jahren noch wurde sie oft
form. Es ist eine Inszenierung, eine, die nismus trug Latzhose und bedeutete: For- so gekappt, dass sexuelles Empfinden dort
bewertet werden wird. Auf Facebook, auf derungen stellen. nicht mehr möglich war. Es wurden künst-
Instagram. Der Feminismus ist heute anders. Der liche Vaginen gebaut, die regelmäßig „bou-
Die Welt, in die man als junger Mensch Feminismus sagt eher: Ich bin so schön, giert“ werden mussten, damit sie nicht zu-
hineinwächst, besteht aus digitalen Dating- dass ich auch klug sein darf. Ein rosa sammenwachsen: also mit einem Dildo
börsen und ständig verfügbarer Porno- Feminismus tritt an die Stelle oder dem Finger eines Elternteils
grafie, aus formalisierten Abi-Bällen und desjenigen, der früher lila penetriert. Es wurden junge
Hochzeitsfeiern, auf denen man einander und kratzbürstig war. Menschen „passend“ gemacht,
Treue schwört. Das Flüchtige zählt ebenso Der Körper zählt. Vor allem mit Skalpell und mit Medika-
wie das Ewige, und ob es um sexuelle Fan- der nackte Frauenkörper sorgt menten in Richtung „männ-
tasien geht oder um Hochzeitsträume – es für Aufmerksamkeit, er sei so- lich“ oder „weiblich“ ge-
gibt viel Widersprüchliches. Es gibt aber gar, so erzählen es öffentliche trimmt – oft in einem Alter,
auch ein gemeinsames Moment in diesen Frauenfiguren wie Miley Cyrus da es unmöglich war zu wis-
Sphären, und das ist die Macht der Bilder. oder die Aktivistinnen von Pussy sen, wie das Kind sich selbst
Man muss schön sein in diesen Sphären. Riot, eine Möglichkeit, Macht aus- sieht. „Da kann man was ma-
Das gilt auch für junge Männer, mehr, zuüben – aber sie verwechseln da et- chen“ – das ist so ein Ärztesatz.
als es früher der Fall war. Sie trainieren was. „Macht, die an den Blick des Die ärztlichen Richtlinien
sich Muskeln an, Sixpacks, und zeigen ihre anderen gebunden bleibt“, sagt Kon- sind jetzt andere, es gibt Fort-
nackten Oberkörper auf Instagram wie rad, „hat keinen wirklichen Wert, sie schritt, auch das ist eine Bot-
Trophäen. macht uns abhängig von der Bewer- schaft dieses Symposiums. Aber
Das gilt mehr denn je für junge Frauen. tung des anderen.“ So wird aus dem manche Ärzte halten es nicht aus,
Die Bilder zählen. Die Bilder, die man vermeintlich mächtigen Subjekt ein nichts zu machen, wenn man et-
AHAOK FÜR DER SPIEGEL

Freunden schickt, es gibt Apps für Selfies, Objekt. was machen kann. Manchen Eltern
die den abgebildeten Menschen dünner und Die Zahl der Schönheitsoperatio- fällt es sehr schwer, das Uneindeu-
die Haut reiner machen. Was ist schön? nen und psychischen Störungen tige auszuhalten.
Maßstäbe finden sich auf Instagram, bei steigt. Der Ritter muss auch ohne Del Lagrace Volcano blieb eine
„Germany’s Next Topmodel“ oder auch in Rüstung gut aussehen. Das macht Genitaloperation erspart, weil nie-
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Titel

HELENA LEA MANHARTSBERGER / DER SPIEGEL

Schulabsolventin Kramer mit ihrem Abi-Ball-Kleid –


Die rauschende Ballnacht? Die Retro-Pose? „Es ist nur eine Verkleidung“, sagt sie.
„Es ist nicht so, dass ich mir von Männern etwas vorschreiben lasse.“

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Titel
HELENA LEA MANHARTSBERGER / DER SPIEGEL

„Mapa“ Volcano, Kinder Mika, Nico – Mütterlicher Vater? Väterliche Mutter?


Jedenfalls ein Nachwuchs, der ohne Geschlechtszuschreibung erzogen werden soll –
„ohne in die Stereotypen-Falle zu gehen“. Das ist der Plan.

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mand auf die Definition „intersexuell“ Verhaltensmuster großzügig zu bemessen – Riesenwesen haben nicht einmal ein Fei-
gekommen war. Auf einem Kinderfoto die Freiheit zuzulassen: Ich muss nicht genblatt, das auf etwas hindeuten könnte,
sieht man ein trotzig dreinschauendes wie die Mehrheit sein, ich kann auch an- sie stehen um ein Wasserbecken herum,
Mädchen mit langem, rotem Haar. 37 Jah- ders. Egal, welchen Chromosomensatz ein hocken, liegen, eines hat eine Getränke-
re lang lebte Del als Frau, entschloss sich Mensch in sich trägt. dose auf dem Bauch abgestellt, sie chillen
dann zum Schritt in die Zwischenwelt. „In Und es gibt Menschen, die genau das einfach, eine Schäferszene. Man könnte
Kleidern bin ich ein Mann, nackt bin ich fürchten und wütend bekämpfen, Men- sich an die Götter der antiken Mythologie
eine Frage“ – das ist der Satz eines bri- schen, die genau solche Offenheit als An- erinnert fühlen; sie nahmen die Geschlech-
tischen Performance-Künstlers, den Del griff verstehen. ter- und sonstige Grenzen auch nie so
gern zitiert. ernst, verwandelten sich in alles Mögliche
Del hat die Ambiguität zum fotografi- Männlich? Weiblich? Hakenkreuz. und ließen es sich dabei gut gehen.
schen Projekt gemacht, „Visibly Intersex“, Im Juni wurde die Schau eröffnet. Die
es sind Porträts aus der Zwischenwelt, Die New Yorker Künstlerin Nicole Eisen- meisten mochten den Brunnen, es wurde
auch von Del selbst. Mit Tutu und Stie- man, 52, wurde für den vergangenen Som- von Heiratsanträgen berichtet, die dort in-
feln. Mit harten Muskeln und nackten mer nach Münster eingeladen zur Ausstel- szeniert worden waren.
Brüsten. Die Inszenierung spielt mit den lung „Skulptur Projekte“ und wusste so- Im Juli wurde eine der Gipsskulpturen
Zeichen für „männlich“ und „weiblich“, fort, welche Art von Werk sie schaffen geradezu geköpft. Eisenman beschloss, das
mischt sie neu. wollte: einen von menschenähnlichen Fi- Haupt nicht zu ersetzen, sondern nur den
Nun ist das ja eine Funktion der Kunst, guren umgebenen Brunnen, an dem sich nun offenen Hals zu verschließen. Es gab
den Schritt weiter zu gehen ins „Dem- die Besucher erfreuen sollten. Im Großen einen zweiten Vorfall. Jemand schien auf
nächst-vielleicht-Irgendwann“. Die Kunst und Ganzen gelang das auch, obwohl oder den Figuren herumgetrampelt zu sein.
darf das alles, sie soll die Übereinkünfte weil ihre Skulptur dann ein Mahnmal zur Ende September, kurz vor dem Ende der
infrage stellen. Als Kunstfiguren gibt es Geschlechterfrage geworden ist. Ausstellung, wurde das Werk zum dritten
längst diese Grenzgänger, die mit dem Ein Mahnmal, weil sie auf Geschlechts- Mal ramponiert. Die Figuren waren in der
Bruch der Konventionen spielen – Viola zuschreibungen verzichtet. Ein Mahnmal, Nacht mit blauer Farbe besprüht worden.
in Shakespeares „Was ihr wollt“ in Hosen. weil jemand diesen Verzicht offenbar als Auf den Rücken der stehenden Gestalt hat-
Barbra Streisand in „Yentl“ als Mann. Tra- politisch verstand, als Affront. te jemand ein Hakenkreuz und einen Penis
vestiekünstler oder solche, die Zwiege- „Brauchen wir wirklich ein wahres Ge- gesprüht.
schlechtliches spielen: Conchita Wurst ist schlecht?“ Der Philosoph Michel Foucault Die Zeitungen berichteten über die Be-
ein Erfolgsbeispiel dieser Art – dass ein stellte einst diese Frage und kritisierte schädigung, auch internationale Kunstma-
Wesen mit Bart und Frauenkleid den Eu- eine „Beharrlichkeit, die an Starrsinn gazine. Das Team der „Skulptur Projekte“
rovision Song Contest gewinnen konnte, grenzt“, mit der die Gesellschaften des formulierte eine Mitteilung. Man sei zu-
zeigt den Reiz der Grenzüberschreitung, Abendlands diese Frage bejaht haben. tiefst angewidert von der Gewalt und in-
zeigt die Attraktivität des Weder-noch. Nun verliert sich diese Beharrlichkeit, ein terpretiere diese als Attacke auf das Kon-
Oder eher: des Sowohl-als-auch. wenig. Nun verschwimmt manches in den zept des Kunstwerks und die vermittelten
Der Reiz des Uneindeutigen – die Kunst westlichen Gesellschaften, manches löst Werte, „die die Genderdurchlässigkeit und
kann damit spielen. Aber Del Lagrace Vol- sich auf. die nicht normative Körperpolitik zelebrie-
cano spielt nicht nur, sondern lebt die Am- Rechte Denker können das nicht als ren“. Es handle sich um „eine faschistische
biguität. Del und sein/e Partner/in versu- Fortschritt ansehen. In der Ideologie der Form von Gewalt, eine Gewalt, die Homo-
chen, ihre beiden Kinder zu erziehen, Rechten gilt die Geschlechterfrage nicht sexuelle, Transsexuelle und Intersexuelle
ohne „in die Stereotypen-Falle zu gehen“, nur als Privatsache, sondern als Teil gesell- jeden Tag“ erlebten.
wie sie sagen. „Raised without gender“, schaftlicher Ordnung, eines Machtgefüges, So wurde also das Werk durch die Ge-
ein Film über ihre Erfahrungen mit der ge- das dem Männlichen die Überlegenheit zu- walt endgültig das, was es nicht sein sollte
schlechtsneutralen Erziehung, ist auf You- schreibt. – ein Werk zur Geschlechterfrage. Ei-
Tube zu sehen. Es ist ja kein Zufall, dass Grenzüber- senman schreibt, sie habe mit Pro-
Volcanos älteres Kind Mika wurde bei schreitungen zwischen den Geschlech- testen gerechnet, mit Beschädigun-
der Geburt als männlich registriert, trägt tern sozial unterschiedlich stark gen auch. Sie glaube aber, dass in
lange Haare, schöne Kleider, spielt viel empfunden werden. Eine Frau, New York die Beschädigungen so-
mit Autos und will später Häuser bauen. die sich Männerkleidung nimmt, gar noch prompter, noch drasti-
Mal will Mika „er“ genannt werden, mal greift sich Insignien der Macht. scher ausgefallen wären.
„sie“, mal „hen“, das ist das dritte Prono- Ein Mann im Frauenkleid wird Die Künstlerin freut sich über
men im Schwedischen. Es bedeutet nicht eher im Ansehen sinken. eine Initiative, die Geld dafür
„Neutrum“, es bedeutet eher so etwas wie Eine Frau im Anzug kann sammelt, dass der Brunnen
„drittes Geschlecht“ oder „dazwischen“. Mode machen. Ein Kerl im in Münster einen dauerhaften
Zu Del sagt Mika „Mapa“, das hat sich Del Fummel verliert seinen Job. Platz finden soll. Eisenman wun-
so gewünscht. „Mir war klar, ich würde dert sich über Deutschland, über
Mika ist Pionier, er/sie/hen soll ein mich, wenn ich so große, nack- diese moderne Seite, und sie ist be-
selbstbestimmtes Leben führen. Die Frage te Körper schaffe, mit den Ge- eindruckt von der Gerichtsentschei-
ist, was Mika später unter Selbstbestim- nitalien auseinandersetzen müs- dung über das dritte Geschlecht.
mung verstehen wird. sen“, sagt Eisenman. „Aber ich So viel Offenheit würde sie sich
Mika soll ein Ausmaß an Freiheit erfah- wollte und will nicht, dass es ein wünschen für die USA.
ren, wie es in westlichen Gesellschaften Werk über das Geschlechterthe- Die USA sind, geschlechtstheore-
AHAOK FÜR DER SPIEGEL

sonst nicht besteht – das ist der Plan. ma ist, oder zumindest soll es tisch gesehen, ein Ort widersprüch-
Es wird sich zeigen, ob die schwedische nicht auf dieses Thema reduziert licher Botschaften, die nach Europa
Gesellschaft dem Projekt gewachsen ist. werden.“ herüberstrahlen.
Ob sie sich als gelassene Gesellschaft Also verzichtete sie auf eindeu- Da ist die #MeToo-Debatte, die
erweist, bereit dazu, die Bandbreite der tige Geschlechtermerkmale. Ihre das Verhältnis zwischen Männern

DER SPIEGEL 2 / 2018 19


Titel

und Frauen neu definiert. schaft, ohne dass die El- Für alle? Also auch für zwei Väter mit
Die Sexismus ahndet, Über- tern ein Paar wären. Kind? Das denn doch nicht, nein, denn
griffe benennt und die Frau- Oder, noch ungewohn- „Kindern geht es in der Regel gut, wenn
en stärkt – aber in gewisser ter, diese Geschichte, die sie ein männliches und ein weibliches Vor-
Weise auch in eine Opfer- kürzlich im „Time“-Ma- bild haben“. Und diese Sache mit dem drit-
rolle drängt. Eine Debatte, gazin zu lesen war: Ein ten Geschlecht jetzt: „Das werde ich mir
die Männer verunsichert – Mensch im Anzug zieht irgendwann noch erklären lassen müssen.
aber auch zum Nachden- seine Krawatte stramm, be- Weil ich immer noch so aufgestellt bin,
ken bringt. tritt das Büro seiner dass ich glaube, dass wir Männer und Frau-
Da ist Donald Trump, Chefin und erklärt, dass en haben.“
der Präsident, ein be- er a) Transgender und Es ist ja nicht so, dass diese Republik
kennender Grapscher b) schwanger sei. darauf gewartet hätte, dass die binäre Ge-
und Frauenverachter, Lauter Mapas überall? schlechterordnung aufgehoben wird. Aber
Vertreter des reak- Müssen „Mama“ und es kam erstaunlich wenig Empörung, er-
tionärsten Flügels „Papa“ bald neu defi- staunlich wenig Kritik.
der Konservativen. Da niert werden? Relativ still ist es auf konservativer Seite
wird andererseits zum ersten Mal Müssen sie nicht, der Main- geblieben, nach dem Beschluss. Weiter
eine Transgenderperson als Delegier- stream braucht sich nicht bedroht rechts, bei der AfD, wurde begeistert pro-
te ins Parlament eines amerikanischen zu sehen. Und der junge Teil des Main- testiert, aber aus der Union kam wenig.
Bundesstaats gewählt: Danica Roem, Jour- streams tut das meistens auch nicht. Sie Schockstarre? Pragmatismus, weil nicht
nalistin von Beruf und der demokratischen haben das mit den 60 Geschlechtern auf viel zu machen ist gegen den Beschluss
Partei angehörig, Sängerin in einer Thrash- Facebook zur Kenntnis genommen, viele des Bundesverfassungsgerichts?
Metal-Band. ganz unaufgeregt. Und oft sehen die- Der Karlsruher Beschluss, dieser Schub
Bewegung, Gegenbewegung: Die Debat- selben, die sich am Ende der Schulzeit in Richtung Moderne, ist ein Anspruch,
te wirkt in viele Richtungen. Mancher, der im rosa Rausch oder konservativer Her- den manche erst noch verkraften müssen,
sich bedroht sah von so viel Moderne, hat rengarderobe in Retro-Pose auf den Abi- es ist ein ehrgeiziger Anspruch, aber dieser
sich vermutlich in die Arme Trumps und Ball begeben, die Sache mit den Ge- Gesellschaft tut er gut.
der Reaktion bewegt. Und nun sorgt der schlechtern ziemlich entspannt. Wenn Er will ja die Geschlechter nicht abschaf-
Sieg der Reaktion wiederum für mehr Leon in der Zehnten plötzlich Lena sein fen – er kann mehr Freiheit schaffen, für
Wucht im Kampf jener Seite, die sich nach will oder Alex erklärt, sie sei von nun an jedes Geschlecht.
Modernisierung sehnt. ein Mann – na und? Der Beschluss ist eine Einladung zur
Der Triumph dieser transsexuellen Frau Die Älteren haben da mehr Schwierig- Gelassenheit, zur Liberalität. Eine Ein-
war ein Signal dafür, dass auch das, was keiten, und ganz sicher: Man muss nicht ladung, Stereotype infrage zu stellen und
Danica Roem im Wortsinn verkörpert, rechtsradikal sein, um Irritation zu emp- die Welt ein bisschen weniger in Rosa
mehrheitsfähig geworden ist in den USA finden angesichts einer Gesellschaft, in der und Hellblau zu sortieren. Und beim Blick
und damit zu einer neuen Variante der Klarheit dem Zweifel weicht. auf Sophie und Oliver im Kinderwagen
Normalität. Für Menschen, die der Bibel folgen, und noch ein bisschen abzuwarten, wer jetzt
Oder ist alles viel einfacher und damit das sind so wenige nicht, sagt das Buch eigentlich die Diva wird und wer das
noch besser? Danica Roem hat ihre Wahl- Genesis 1, 27–28: „Gott schuf also den Men- Genie.
kampagne nicht als Genderaktivistin ge- schen als Abbild, als Abbild Gottes schuf
führt, ihr großes Thema war – der Stra- er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. „Ein unanständiges,
ßenverkehr. Als die Fernsehreporter sie Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar disziplinloses Weib.“
nach ihrem Wahlsieg interviewten, wollte und mehret euch.“
sie nicht über Genderfragen reden, son- Von Hermaphroditen ist da nicht die Parteien, Politiker können lernfähig sein.
dern über den Stau auf den Hauptver- Rede. Und auch nicht von zwei Männern Das zeigt die Geschichte einer Abgeord-
kehrsadern ihrer Heimat. Diesen zu be- mit Kind. neten, die es in die Weltpresse geschafft
seitigen, dafür sei sie angetreten. Die Was findet eine Partei normal, die das hat, im Jahr 1970, durch einen Auftritt im
Menschen ihres Bezirks in Virginia, so Christentum im Namen trägt, wie die Bundestag.
scheint es, haben diese Transfrau nicht Christlich Soziale Union? Sie kam in Hosen.
wegen und auch nicht trotz ihres Ge- Man denkt an die CSU und hat im Kopf: Richard Jaeger, Bundestagsvizepräsi-
schlechts gewählt. Sondern weil sie offen- Betreuungsgeld. Belohnung für Menschen, dent, CSU, hatte angekündigt, er werde
bar eine glaubwürdige Lokalpolitikerin die ihre Kinder nicht in die Kita schicken. einer Frau in Hosen das Rederecht entzie-
ist – ganz egal, ob sie nun dem ersten, Sehnsucht nach alter Zeit, als Vater zur Ar- hen. Er war nicht im Saal, als dann Lene-
zweiten oder dem dritten oder gar keinem beit ging und Mutter bei den Kindern blieb. lotte von Bothmer, SPD, das Hohe Haus
Geschlecht angehört. Dann trifft man im Bayerischen Landtag im Hosenanzug betrat. Teile des Plenums
Kerstin Schreyer, die Vorsitzende der CSU- gerieten in Rage, Teile der Öffentlichkeit
Aber Gott schuf den Menschen Familienkommission: geschieden, allein- auch. Leserbriefschreiber beschimpften
als Mann und Frau. erziehend mit Kind. die Abgeordnete, sie sei, schrieb einer,
Sie sagt: „Wir haben viele familiäre Le- „ein ganz unanständiges, disziplinloses
Und was ist das nun, die neue Normalität? bensformen, für die wir Angebote brau- Weib“.
Unübersichtlichkeit gehört dazu und stän- chen.“ Sie sagt, dass die „Patchworkfamilie Es hat sich ein bisschen was verändert,
diger Wandel. Es gibt ja immer wieder neu- andere Fragen als die klassische Familie seitdem. Wann wurde Angela Merkel auf
AHAOK FÜR DER SPIEGEL

es Personal, jetzt, in der Geschlechterwelt: hat“. Man müsse auch an Menschen in der Regierungsbank einmal im Rock ge-
zwei Mütter mit Kindern. Zwei Väter mit zweiter oder dritter Ehe denken und an sehen?
Kindern. Oder zwei Männer und zwei Eltern ohne Trauschein, sagt sie. Die Poli- Tobias Becker, Ulrike Knöfel,
Frauen, die sich zur Familiengründung zu- tik brauche „passgenaue Entscheidungen“, Guido Mingels, Juan Moreno, Cathrin Schmiegel,
sammentun. Oder Co-Parenting: Eltern- für alle. Barbara Supp, Claudia Voigt

20 DER SPIEGEL 2 / 2018


Männlich – Weiblich – Anderes
Regierung Die Noch-Koalition muss die Rechte Intersexueller besser schützen. Doch sie
ist uneins, wie umfassend die Änderungen sein sollen.

V
anjas Verfassungsbeschwerde Wie sich das SPD-geführte Justiz- schenrechte identifizierte gut 1300 aus
kam ohne Sternchen aus. Die ministerium positionieren wird, ist Gendersicht problematische Paragrafen
Juristen, die für einen 27-jähri- noch unklar. Die Haltung des ebenfalls und empfahl ein Mantelgesetz, um
gen Intersexuellen in Karlsruhe die sozialdemokratischen Familienministe- gröbste Versäumnisse zu tilgen.
Einführung eines „dritten Geschlechts“ riums ist umso klarer: Dort findet man Ironischerweise tauchen die Pro-
gefordert hatten, vermieden in ihren die Überlegungen des De-Maizière-Res- bleme genau da auf, wo Gesetze
Schriftsätzen den geschlechtsneutralen sorts bei Weitem nicht ambitioniert ge- zwischen Mann und Frau unterschei-
Stern in Begriffen wie „Inter*ge- nug. „Das Bundesinnenministerium hat den – eine jüngere Entwicklung.
schlechtlichkeit“. sich schon in der vergangenen Wahlpe- Traditionell enthalten die meisten Vor-
Die Zurückhaltung hatte ihren riode einer Reform des Personenstands- schriften das generische Maskulinum,
Grund. In Deutschland müsse „gene- rechts zum Schutz der Geschlechter- ob für den „Schuldner“, „Arbeitgeber“
rell mit einer konservativen Staats- vielfalt verweigert“, klagt Staatssekre- oder „Mörder“. Seit einigen Jahren
rechtslehre gerechnet werden“, berich- tär Ralf Kleindiek. „Ich erwarte, dass werden Gesetze aber auch gezielt ge-
tete eine Juraprofessorin aus Vanjas sich diese Haltung nun ändert.“ gendert, mit „Verbraucherinnen“,
Team jüngst auf einer Tagung „Beamtinnen“ und „Patien-
in Berlin. Man wollte die tinnen“.
Karlsruher Richter nicht un- Diese Formulierungen
nötig verschrecken. könnten den eigentlich auf
Ob diese Vorsicht zu Gleichberechtigung sinnen-
Vanjas Erfolg in Karlsruhe den Gesetzesautoren nun auf
beigetragen hat, ist unklar. die Füße fallen. Vorschriften,
Doch im Oktober fällten die die nur an Mann und Frau an-
Verfassungsrichter einen knüpfen, dürften durch das
bahnbrechenden Beschluss: Karlsruher Urteil veraltet sein
Die traditionelle Einteilung – Intersexuelle wie Vanja
der Personenstandsregister in sind schließlich weiter außen
Mann und Frau verletze vor. Findet der Stern nun
die Persönlichkeitsrechte der doch den Weg ins Gesetz?
schätzungsweise bis zu Es geht um mehr als bloße
160 000 Bundesbürger, die Formulierungen. So streiten
DAVID PARKER / PICTURE ALLIANCE

ohne eindeutiges biologisches Juristen, ob das bislang nur


Geschlecht geboren wurden. Frauen zustehende Wahlrecht
Sie hätten Anrecht auf für Gleichstellungsbeauftrag-
einen eigenen „positiven Ge- te noch haltbar ist. Und: In
schlechtseintrag“. welchen Gefängnissen soll
Berlin muss den Spruch der Staat verurteilte Interse-
nun umsetzen, doch das ist xuelle festhalten, im Frauen-
heikel. Je nachdem, wie ernst Geschlechtsneutrale Toilette in London oder im Männerknast? Dür-
die Bundesregierung das „Damen“ und „Herren“ müssen weichen fen diese Verurteilten ihre
Karlsruher Votum nimmt, Unterbringung frei wählen?
müssen nicht nur neue Regeln für Päs- Lange vor dem Karlsruher Urteil Aber auch Kernfragen der Ge-
se oder Geburtsurkunden erstellt wer- hatte Kleindieks Haus schon eine inter- schlechtergerechtigkeit müssen beant-
den, sondern auch Tausende deutsche ministerielle Arbeitsgruppe ins Leben wortet werden. Dürfen sich Inter-
Paragrafen auf Respekt vor der ge- gerufen, die mithilfe externer Gutach- sexuelle nur einmal oder mehrfach neu
schlechtlichen Vielfalt geprüft werden ter grundlegende Reformideen für die entscheiden, ob sie Mann, Frau oder
– vom Wahlrecht für Gleichstellungs- Belange Trans- und Intersexueller ent- Andere sein wollen? Bis zu welchem Al-
beauftragte über das Transsexuellen- wickeln sollte. Die Ministeriumsliste ter können Eltern anstelle der Kinder
gesetz bis zu Versicherungspolicen, die der eigenen und geförderten Publika- deren Geschlecht wählen? Soll künftig
Frauen und Männern unterschiedlich tionen zum Thema füllt drei DIN-A4- eine behördliche Zustimmung für Ope-
hohe Beiträge abverlangen. Seiten. rationen nötig sein, die das Geschlecht
Das federführende Innenministerium So beseelt seien die Beamten des Fa- eines Kindes für immer festlegen?
von Thomas de Maizière (CDU) plant milienministeriums von ihrer Mission Das Familienministerium hat schon
offenbar eine verwaltungsrechtliche gewesen, heißt es, dass sie an den Sit- im Herbst in einem fünfseitigen
Minimallösung. In erster Linie müssten zungstagen der Arbeitsgruppe die Toi- Positionspapier ein Rahmengesetz für
die Geschlechter im Personenstandsge- lettentüren geschlechtsneutral beklebt geschlechtliche Vielfalt gefordert, „einen
setz um eine dritte Kategorie ergänzt hätten. Die Symbole für „Herren“ und nationalen Aktionsplan“ für die Belange
werden, heißt es in Regierungskreisen. „Damen“ seien Hinweisen auf Steh- der Betroffenen und „flächendeckende
Anstelle des lateinischen „inter“ bevor- und Sitzklos gewichen. Beratungsstrukturen“. Viel Zeit bleibt
zuge man den deutscher klingenden Aber dabei blieb es nicht. Ein Gut- nicht. Bis Ende des Jahres muss die neue
Vorschlag des Ethikrates: „anderes“. achten des Deutschen Instituts für Men- Regelung fertig sein. Melanie Amann

DER SPIEGEL 2 / 2018 21


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INA FASSBENDER / DPA
Häuser im nordrhein-westfälischen Freudenberg

Kommunen

Angst vor Steuerverlust


Untätigkeit des Bundes bringt Kämmerer in Nöte.

Städte und Gemeinden bangen um eine ihrer wichtigen Ein- erklärt. Die Kommunen müssten daher fürchten, auf ihren
nahmequellen: die Grundsteuer. Deutschlands Kommunen Steuerforderungen wegen der ungeklärten Rechtslage sitzen
spült sie jährlich rund 14 Milliarden Euro in die Kassen. Die zu bleiben. Denn der Bund hat es bisher versäumt, die Steu-
Abgabe müssen Immobilienbesitzer zahlen. Als Bemessungs- er den realen Grundstückswerten anzupassen – trotz einer
grundlage dient jedoch nicht der reale Wert der Immobilie, entsprechenden Bundesratsinitiative von Ende 2016. Hessens
sondern ein deutlich niedrigerer – im Westen der Wert von Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) sieht den Bund in
1964, im Osten der Einheitswert von 1935. Bereits 2014 hatte der Pflicht: „Es wäre wichtig, dass die Politik den Reformbe-
der Bundesfinanzhof diese Praxis als „Verstoß gegen den all- darf selbst angeht und nicht erst vom Bundesverfassungs-
gemeinen Gleichheitssatz“ gerügt und dem Bundesverfas- gericht dazu aufgefordert werden muss.“ Hauseigentümer
sungsgericht vorgelegt. Am 16. Januar will Karlsruhe darü- brauchen noch nicht zu zittern: Der Bundesratsentwurf
ber verhandeln. Kommunale Spitzenverbände vermuten, strebt eine „aufkommensneutrale“ Anpassung der Grund-
dass das Gericht die bisherige Praxis für verfassungswidrig steuer an – wie das gelingen soll, weiß bisher niemand. was

Steuerbetrug fang 2020 müssen deshalb in heute nutzt, entschied sich Nordrhein-Westfalen heißt es,
Regierung ohne Biss alle Kassen Sicherheitsein-
richtungen eingebaut sein,
die Bundesregierung dage-
gen. Das technische Verfah-
das BSI-Konzept sei „in wei-
ten Teilen schwer verständ-
Ein Gesetz der Großen Koali- um die steuerlich relevanten ren regelt nun eine „Kassen- lich“. Hamburg kritisiert,
tion gegen Steuerhinterzie- Daten zu speichern. Bislang sicherungsverordnung“, die in dem Dokument sei „kein
hung mit manipulierten La- hapert es aber an der techni- die Zuständigkeit an das Bun- schlüssiges Sicherheitskon-
denkassen könnte zum Flop schen Umsetzung. Zwar hat desamt für Sicherheit in der zept erkennbar“. Ein Ministe-
werden. Nach Schätzungen die Physikalisch-Technische Informationstechnik (BSI) rialrat aus Bayern spottet
des Bundesrechnungshofs Bundesanstalt im Auftrag delegiert. Das BSI hat jetzt sogar, die Wirtschaft könne
entgehen dem Fiskus jährlich des Wirtschaftsministeriums ein „Konzept“ für eine „tech- darauf vertrauen, dass die
bis zu zehn Milliarden Euro, ein kryptografisches Auf- nische Richtlinie“ vorgelegt, Verwaltung nicht in der
weil Gastronomen oder Ein- zeichnungsverfahren namens die in den Länderfinanz- Lage sein werde, den gesetz-
zelhändler bei ihren Einnah- „Insika“ entwickelt. Während ministerien für Ärger sorgt. lich vorgegebenen Termin
men tricksen. Spätestens An- Österreich diese Methode In einer Stellungnahme aus zu halten. mif

24 DER SPIEGEL 2 / 2018 Ein Impressum mit dem Verzeichnis der Namenskürzel aller Redakteure finden Sie unter www.spiegel.de/kuerzel
Deutschland
Zeitgeschichte nachteiligt. Aber selbst auf Sondierungen auch des Kanzleramts in der
CIA warb für KPD dem Höhepunkt des Kalten
Krieges 1950 lehnten die
Versöhnung beim EU dafür gestimmt, die Zu-
lassung für Glyphosat zu ver-
Die KPD wäre nie verboten Amerikaner ein Verbot ab. Thema Glyphosat längern. Die SPD hatte das
worden, wenn die USA sich Sie argumentierten, eine lega- Union und SPD haben ver- als schwere Belastung für
bei den Deutschen durchge- le KPD ließe sich besser kon- einbart, den Streit um den Sondierungsgespräche emp-
setzt hätten. 1956 wurde die trollieren. Bonn sollte sich lie- Einsatz des Unkrautvernich- funden. Bei dem Treffen leg-
Partei durch das Bundesver- ber „einzelne Mitglieder“ als tungsmittels Glyphosat ten beide Seiten zudem fest,
fassungsgericht auf Antrag die ganze Partei vornehmen. schnell und einvernehmlich keine Zwischenstände der
der Adenauer-Regierung un- Später befand dann die CIA, zu lösen. Das ist ein Ergebnis Verhandlungen zu kommuni-
tersagt. Ausgerechnet der US- ein Verbot sei überflüssig. des Spitzentreffens beider zieren. So dürfe kein Sondie-
Geheimdienst CIA votierte Die KPD sei „nicht in der Seiten am Mittwoch, an dem rungsteilnehmer in Talk-
gegen ein Verbot, wie Akten Lage“, die Bonner Westbin- zeitweise auch Landwirt- shows gehen oder Interviews
im Washingtoner National- dung zu verhindern oder gar schaftsminister Christian geben. Außerdem wurden
archiv zeigen. Danach hatten die Macht an sich zu reißen. Schmidt und Umweltministe- Aufträge für Arbeitsgruppen
die US-Besatzer die KPD Es gäbe überhaupt nur eine rin Barbara Hendricks teil- vereinbart, die bis Donners-
zwar bei der Zuteilung von Handvoll Kommunisten, de- nahmen. Schmidt hatte kürz- tag ihre Gespräche zu 14 The-
Zeitungspapier oder Büro- ren Verhaftung sich lohne, so lich gegen den ausdrückli- menfeldern beendet haben
mobiliar zunächst gezielt be- der US-Dienst 1954. klw chen Willen Hendricks und sollen. ran

Flotte sind oder umgerüstet werden.


„Extremfall dieser Bei den U-Booten ist jetzt
der Extremfall dieser Mangel-
Mangelwirtschaft“ wirtschaft eingetreten: Von
Hans-Peter Bar- sechs fahren sechs nicht mehr.
tels, 56 (SPD), SPIEGEL: Das U-Boot-Ge-
Wehrbeauftrag- schwader ist ja auch zur Aus-
RAINER JENSEN / DPA

ter des Bundes- bildung da. Gibt es noch ge-


tags, zur U-Boot- nug U-Boot-Fahrer, wenn die
Misere bei der Schiffe repariert sind?

DANIEL REINHARDT / DPA


Marine Bartels: Wenn über Monate
keine Ausbildung im Wasser
SPIEGEL: Seit Mitte Oktober möglich ist, wirft das die Ma-
ist kein deutsches U-Boot rine auch personell zurück.
mehr einsatzfähig – wie Das bedeutet, dass die Flotte
konnte es so weit kommen? gegenwärtig keine geschlosse- Indienststellung des U-Boots „U36“ in Eckernförde 2016
Bartels: Seit der letzten Bun- ne einsatzfähige U-Boot-Be-
deswehrreform 2011 werden satzung mehr hat. Menge ausgebildete Piloten, braucht – wenn dann später
kaum noch Ersatzteile auf SPIEGEL: Das heißt, es gibt aber keine A400M. Danach jemand abspringt, fehlt es an
Vorrat gekauft. Die materiel- nicht nur einen materiellen, war ich in Eckernförde – da Ersatz.
le Einsatzbereitschaft ist da- sondern auch einen personel- war die Lage damals genau SPIEGEL: Wann wird sich die
durch in allen Truppenteilen len Notstand? umgekehrt: Es gab U-Boote, Lage bessern?
stark gefährdet – von ihren Bartels: Ich bin zu Beginn aber zu wenig Besatzungen. Bartels: Drei der sechs Boote
244 „Leopard“-Kampfpan- meiner Amtszeit 2015 mal Das liegt daran, dass die Ma- sollen bis November wieder
zern kann die Bundeswehr zum Standort des Transport- rine nur so viele Spezialisten flott sein, so die offizielle
derzeit nur 95 zum Üben nut- fliegers A400M in Wunstorf einstellen und ausbilden Prognose. Mit Verzögerungen
zen, weil die anderen kaputt gefahren – da gab es jede kann, wie sie tatsächlich ist immer zu rechnen. ab

Entführungen lich gewesen sein soll, wollte le Hinweise über die Entfüh- ne Begleiterin waren am 23.
Zeuge aus Vietnam nach Deutschland fliehen,
um dort Asyl zu beantragen.
rung und ihre Auftraggeber
liefern“, so Petra Schlagen-
Juli im Berliner Tiergarten in
einen Transporter gezerrt
Im Fall des aus Berlin ent- Der Mann, Phan Van Anh hauf aus dem deutschen An- und nach Hanoi verschleppt
führten vietnamesischen Ge- Vu, 42, wurde aber in Singa- waltsteam des entführten worden. Die vietnamesische
schäftsmanns Trinh Xuan pur festgesetzt, nachdem Ha- Trinh. „Die Deutschen soll- Regierung wirft ihm vor, als
Thanh prüfen die deutschen noi seine Pässe annulliert hat- ten ihn zumindest verneh- Manager einer Tochtergesell-
Strafverfolgungsbehörden, te. Seine Ehefrau hat einen men, solange er noch in Sin- schaft von PetroVietnam Mil-
wie sie einen neu aufgetauch- Frankfurter Anwalt beauf- gapur ist.“ Nach Informatio- lionenverluste verursacht zu
ten Zeugen vernehmen kön- tragt, sich für eine schnelle nen aus Sicherheitskreisen haben. Am 8. Januar beginnt
nen. Ein Oberstleutnant der Aufnahme ihres Mannes wird ein entsprechendes der erste von zwei Prozessen
vietnamesischen Geheimpoli- durch Deutschland einzuset- Rechtshilfeersuchen geprüft, gegen Trinh – seine Anwälte
zei aus der Abteilung, die für zen. „Der Offizier kann den da man an den Aussagen sehr vermuten dahinter politische
die Entführung verantwort- deutschen Behörden wertvol- interessiert sei. Trinh und sei- Machtspiele. kno

DER SPIEGEL 2 / 2018 25


Tatort in Bochum

Fürchterlich
Sexualdelikte Rechte Internetseiten veröffentlichen Meldungen über angebliche
Vergewaltigungen durch Flüchtlinge. Sie wollen damit zeigen, dass Frauen
SVEN DOERING / DER SPIEGEL

in Deutschland nicht mehr sicher sind. Mit der Wirklichkeit hat das wenig zu tun.

26 DER SPIEGEL 2 / 2018


Deutschland

A
m 6. April 2016 griff ein Unbekann- lichungen spielen mit Urängsten vor dem Polizisten und Wissenschaftlern gespro-
ter auf einem Spielplatz in Rostock- fremden Vergewaltiger. Wohl kaum ein Ar- chen und rund 450 Meldungen im Internet
Warnemünde eine 20-jährige Frau gument nannten Anwohner in den vergan- über vermeintliche Sexualdelikte von Asyl-
an und zwang sie zum Oralverkehr. Dann genen Jahren häufiger, wenn sie verhin- bewerbern und Migranten ausgewertet.
flüchtete er. Die Frau sagte, der Täter sei dern wollten, dass in ihrer Nähe eine Reporter recherchierten bei Polizeiinspek-
dunkelhäutig gewesen. Flüchtlingsunterkunft eröffnete. Wenn tionen, Staatsanwaltschaften und Gerich-
Am 6. August 2016 überfiel ein Unbe- „die“ erst da seien, könne man seine Frau- ten, um die Hintergründe der Meldungen
kannter in der Nähe der Bochumer Ruhr- en und Kinder ja nicht mehr ohne Schutz und den Ausgang möglichst jedes Verfah-
Universität eine 21-jährige Studentin aus auf die Straße lassen. rens herauszufinden. Bis zu fünfmal fass-
China, strangulierte sie mit einem Strick Nach der Silvesternacht in Köln 2015/ ten sie nach, in mehreren Fällen trafen sie
und vergewaltigte sie. Die Chinesin sagte, 2016 machte die Polizei vor allem junge Sachbearbeiter zu Hintergrundgesprächen.
der Täter habe mit ausländischem Akzent Männer aus Nordafrika für Attacken auf Dann wurden die Informationen zusam-
gesprochen. Die Polizei fahndete nach Hunderte Frauen verantwortlich. Diese men mit Datenjournalisten und Dokumen-
einem Mann mit „mittelasiatischem/dunk- Nacht beendete die Willkommenseupho- taren analysiert.
lem Hauttyp“. rie, manche Deutsche stellten erschreckt Wer auf Facebook Seiten mit Namen
Zwei Vergewaltigungen in Deutsch- fest, dass mit den Migranten auch Proble- wie Heimatliebe.Deutschland, Truth24.net
land, über die 2016 in überregionalen me ins Land gekommen waren. oder irgendeine AfD-Ortsgruppe gelikt
Medien berichtet wurde. Das Problem ist Im Herbst 2016 fand man in Freiburg hat, starrt bald in eine parallele Realität,
nur: Eine davon hat offenbar nicht statt- die Studentin Maria L., vergewaltigt und in einen Abgrund: Tagtäglich spült das
gefunden. in der Dreisam ertränkt. Der mutmaßliche soziale Netzwerk Meldungen über grau-
Der „Uni-Vergewaltiger“ enhafte Gewaltverbrechen
von Bochum existiert tatsäch- und Vergewaltigungen in die
lich, er überfiel drei Monate Timeline. Bilder zeigen ara-
später eine weitere chinesische bisch oder afrikanisch ausse-
Studentin. Danach wurde er hende Männer, dazu panisch
gefasst, ein 31-jähriger Asylbe- in die Kamera blickende Frau-
werber aus dem Irak, der mit en, denen jemand von hinten
seiner Frau und zwei Kindern den Mund zuhält, oder Kinder,
in einer Flüchtlingsunterkunft die zusammengekauert im
in der Nähe der Tatorte wohn- Schatten sitzen.
te. Ein Gericht hat ihn in erster Eine besonders perfide Sei-
Instanz zu elf Jahren Freiheits- te ist Rapefugees.net. Die Ma-
strafe verurteilt. cher behaupten, dass Polizei,
Den Vergewaltiger in Ros- Politik und Medien die Wahr-
tock gab es wohl nicht. Die heit verschweigen. Sie sam-
Polizei äußerte schon in ihrer meln auf einer virtuellen
ersten Pressemitteilung Zweifel Deutschlandkarte vermeintli-
daran, dass ein Überfall statt- che Gewalt- und Sexualdelikte
gefunden hat. Die rechtsmedi- von Flüchtlingen.
zinische Untersuchung legte Rapefugees, dieser hetze-
nahe, dass die Frau sich ihre rische Begriff aus den beiden
Verletzungen selbst zugefügt englischen Wörtern Rape und
hatte. Im Juni 2016 stellte die Refugees, Vergewaltigung und
Staatsanwaltschaft Rostock die Flüchtlinge, taucht seit der Köl-
Ermittlungen ein. Doch da ner Silvesternacht 2015/2016
kursierte die Meldung vom immer häufiger auf rechten
dunkelhäutigen Vergewaltiger Internetseiten auf. Lutz Bach-
schon lange tausendfach im In- Rapefugees.net-Karte: „Flüchtlinge vergewaltigen Oma im Schlaf“ mann, Initiator der Pegida-
ternet. Die „Schweriner Volks- Demonstrationen, trug bei
zeitung“ berichtete online über die ver- Täter ist ein afghanischer Asylbewerber, einer seiner Demos ein T-Shirt mit der Auf-
meintliche Sexualstraftat und berief sich er steht vor Gericht. Im Frühjahr 2017 ver- schrift „Rapefugees not welcome“.
auf „interne Informationen“. Der Artikel gewaltigte ein abgelehnter Asylbewerber Wer sich die Deutschlandkarte auf
begann mit den Worten „Polizeipräsidium aus Ghana eine Frau, die mit ihrem Freund Rapefugees.net anschaut, kann es mit der
Rostock schweigt“. in der Bonner Siegaue zeltete. Er ist in ers- Angst zu tun bekommen. Von Deutsch-
In einem Bericht auf der Facebook-Seite ter Instanz zu elfeinhalb Jahren Freiheits- land ist fast nichts mehr zu sehen. Die ge-
„NonStopNews Rostock“ wurde aus dem strafe verurteilt worden. samte Karte ist bedeckt mit roten, gelben
Dunkelhäutigen ein Südländer: „Sexual- Solche Nachrichten bestärken diejeni- und lila Fähnchen, mit Vierecken und
verbrechen in Warnemünde? Wurde junge gen, die immer schon zu wissen meinten, Stecknadeln – angeblich alles Markierun-
Frau vergewaltigt? Südländer soll Frau an- wie gefährlich Flüchtlinge sind. Aber was gen für Vergewaltigungen, sexuellen Miss-
gegriffen haben.“ ist dran an der Behauptung, der Alltag brauch, exhibitionistische Handlungen.
Die Website Rapefugees.net wurde noch für Frauen in Deutschland sei gefährlicher Dazwischen prangen vereinzelt schwarze
konkreter: „Polizei Rostock verschweigt geworden, weil immer mehr Zuwanderer Gräber mit der Inschrift „RIP“ für ver-
orale Vergewaltigung durch Araber.“ gekommen sind? Leben Frauen tatsächlich meintliche Morde, die Flüchtlinge began-
Die Geschichte dieses haltlosen Ge- unsicherer als vor drei Jahren? Und wie gen haben sollen.
rüchts ist wichtig, weil derlei Meldungen oft verüben Flüchtlinge Sexualstraftaten? Erst beim genauen Lesen der Seite wird
beeinflussen, welches Bild die Deutschen Um diese Fragen zu beantworten, hat klar, dass auch andere tatverdächtige
von Flüchtlingen haben. Solche Veröffent- der SPIEGEL Statistiken ausgewertet, mit Migranten in die Sammlung aufgenom-
DER SPIEGEL 2 / 2018 27
mern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-
Pfalz, Saarland, Sachsen-Anhalt und
Schleswig-Holstein. In diesen Ländern un-
tersuchten sie jede Markierung aus dem
gesamten Jahr 2016. Für diesen Zeitraum
liegen oft bereits Ermittlungsergebnisse
von Polizei und Justiz vor. Insgesamt wa-
ren das 445 Fälle.
Manche Fälle tauchten auf der Karte
mehrfach auf, andere Markierungen wa-
ren mit einem Link verbunden, der ins
Nichts oder zu einer Seite führte, die
nichts mit der vermerkten Tat zu tun hatte.
Von anderen auf der Karte eingetragenen
Fällen hatte weder die Staatsanwaltschaft
noch die Polizei je etwas gehört. Alle die-
se Markierungen wurden aussortiert. Üb-
rig blieben 291 Fälle, die die Reporter aus-
werteten.
Schon nach der ersten Überprüfung ent-
fiel also rund ein Drittel der Taten, die auf
Rapefugees.net eingetragen waren. Unter
den restlichen 291 Meldungen gibt es, wie
bei einer guten Lüge, zumindest manches,
was der Wahrheit entspricht. Rund hun-
dert Tatverdächtige oder Täter sind tat-
sächlich Flüchtlinge, also in einem Drittel
der untersuchten Fälle. In einem weiteren
Drittel der Fälle sind die Täter unbekannt.
Die übrigen sind Ausländer mit ungeklär-
tem Aufenthaltsstatus, EU-Bürger und in
22 Fällen Deutsche (siehe Grafik). Mit ih-
rem hetzerischen Namen erweckt die Seite
jedoch den Eindruck, als hätten nur Flücht-
linge die 445 Sexualdelikte verübt.
SVEN DOERING / DER SPIEGEL

Die Beschreibung der Taten auf der


Website ist noch häufiger falsch. Die Ma-
cher sprechen in 205 der aufgeführten 291
Fälle von Vergewaltigungen. Die Recher-
che ergab aber, dass die Taten, um die es
ging, nur in 59 Fällen zumindest mutmaß-
Tatort in Türkismühle: Die Ermittlungen wurden längst eingestellt liche Vergewaltigungen waren. Stattdessen
ging es oft um weniger schwerwiegende
Delikte wie sexuelle Nötigung oder Beläs-
men wurden. Die Macher geben vor, sich Straftaten gegen die tigung, was schlimm genug ist. In 47 Fällen
auf seriöse Quellen zu stützen, auf Poli- werteten die Behörden den Vorfall nicht
zeimeldungen und Berichte von Zeitun-
sexuelle Selbstbestimmung als Straftat. Was die Karte suggeriert, ist
gen. Das wirkt echt. Dazu verfassen ano- also oft stark übertrieben im Vergleich zu
nyme Autoren Beiträge mit Überschriften 37193 36 864 36 532 37442 dem, was Polizei und Justiz ermittelten.
36 001
wie „Gruppenvergewaltigung: Armuts- Insgesamt waren Flüchtlinge in 26 aller
flüchtlinge vergewaltigen bettlägerige untersuchten Vergewaltigungsfälle Täter
Oma im Schlaf krankenhausreif“ oder oder tatverdächtig. Jedes dieser Verbre-
„Gruppenvergewaltigung: Wie die NRW chen ist eines zu viel, aber es sind wenige,
Justiz einer Lokalzeitung verbietet diese verglichen mit denen, die auf der Karte
Bilder zu veröffentlichen“. Dahinter steckt stehen.
immer dieselbe Erzählung: Vergewaltigun- Wegen Vergewaltigung verurteilt wur-
gen wie die in Bochum, Freiburg und den 18 Flüchtlinge, insgesamt sprachen Ge-
Bonn sind keine grauenhaften Einzelfälle; Fälle ohne unbekannte Tatverdächtige; richte in erster oder zweiter Instanz
Flüchtlinge – meistens Muslime – sind eine Quelle: Bundeskriminalamt, 51 Flüchtlinge schuldig, in mehr als der
Bundeslagebild 2016 Kriminalität im Kontext von Zuwanderung
Gefahr für Frauen. Hälfte der Fälle wegen sexuellen Miss-
Der SPIEGEL hat die Behauptungen der Anteil der Fälle mit mindestens einem brauchs oder sexueller Nötigung. Hinzu
Rapefugees.net-Karte überprüft. Um ein tatverdächtigen Zuwanderer kommen 18 verurteilte Ausländer, die zwar
umfassendes Bild zu erheben, wählten die keine Flüchtlinge sind, deren Aufenthalts-
Reporter zehn Bundesländer aus, darunter 9,1% status aber ungeklärt ist, darunter Türken
Stadtstaaten, große und kleine Flächen- 1,6% 2,6% 4,6% und Afghanen, mehrere Serben, ein Aser-
1,8 %
länder in Ost und West: Bayern, Berlin, baidschaner und ein ukrainischer Tourist,
Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpom- 2012 2013 2014 2015 2016 der eine volltrunkene Frau auf dem Okto-
28 DER SPIEGEL 2 / 2018
Deutschland

berfest sexuell missbrauchte. Sechs der ver-


urteilten Straftäter sind EU-Bürger, acht
sind Deutsche. So wie der 46-Jährige, der
eine blinde Frau im bayerischen Pfaffen-
hofen auf offener Straße hinterrücks über-
fiel und sexuell nötigte.
Auf der Rapefugees.net-Karte ist der
Fall mit der Bemerkung „Vertuschungs-
verdacht“ versehen. Hinweise gibt es da-
für nicht.
Eine genauere Betrachtung der Delikte,
derentwegen Flüchtlinge verurteilt wur-
den, ergab, dass etliche in Flüchtlings-
unterkünften passierten. Meist waren die
Opfer Kinder anderer Flüchtlinge. So lock-
te im August 2016 ein junger Eritreer ein
sechsjähriges eritreisches Mädchen in sein
Zimmer in einem Hamburger Heim und
missbrauchte es. Die Polizei verhaftete
ihn.
24 der untersuchten Rapefugees.net-
Meldungen sind vermutlich Falschbeschul-
digungen. Dazu gehört die wahrscheinlich
erfundene Vergewaltigung in Rostock, die
immer noch auf der Karte eingetragen ist.
Und der Fall einer 15-jährigen Schülerin
aus Mönchengladbach, die im Januar 2016
behauptet hatte, in der Nähe des Haupt-
bahnhofs vergewaltigt worden zu sein. Der
Täter habe ein „gebräuntes Gesicht“ ge-
habt und mit ausländischem Akzent ge-
sprochen. Wütende Anwohner hatten sich
daraufhin zu einer Bürgerwehr zusammen-
geschlossen. Gut eine Woche später ver-
kündete die Polizei, die Tat habe „so nicht

SVEN DÖRING / DER SPIEGEL


stattgefunden“. Der vermeintliche Täter
war ein Bekannter des Mädchens, der aus-
sagte, alles sei einvernehmlich geschehen.
Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen
die 15-Jährige wegen Vortäuschen einer
Straftat, stellte die Ermittlungen aber ein.
Die wenigsten Meldungen auf der Rape- Tatort in Pfaffenhofen: Rapefugees.net vermutet eine Vertuschung
fugees.net-Karte sind auf den ersten Blick
wahr oder falsch. Meist ist lediglich klar,
dass es ein Aufeinandertreffen zwischen deres Kennzeichen aller Täter: „südlän- samt 29 Prozent aller untersuchten Mar-
Täter und Opfer gab. Häufig werden trotz- disches Erscheinungsbild“. kierungen ist das so: Niemand wird jemals
dem in der Karte Vorfälle als Vergewalti- ‣ 2. Juli 2016, Nürnberg: Eine junge Frau aufklären, ob die Täter Flüchtlinge waren.
gungsversuche, Gruppenvergewaltigung ist nachts um drei Uhr auf dem Heim- Gut möglich, dass dies in einigen Fällen
oder – ganz kreativ – als „GRUPPEN- weg, als sich von hinten jemand nähert zutrifft. Theoretisch ist es sogar möglich,
VERGEWALTIGUNG Versuch und Prügel und sie sexuell berührt. Sie schreit, er dass alle unbekannten Täter Asylbewerber
Attacke durch ISIS Sex-Jihadisten“ be- flieht. Besonderes Kennzeichen: „süd- waren. Bei der Auseinandersetzung am
zeichnet, die in der Polizeimeldung weni- ländischer Typ“. Hagener Bahnhof ist das eher unwahr-
ger drastisch klingen: ‣ 28. August 2016, Türkismühle: Ein Un- scheinlich. Laut Zeugen gab es nur einen
‣ 13. Mai 2016, Hagen: Gegen Mitternacht bekannter spricht eine 38-Jährige am Täter, und der habe akzentfrei deutsch ge-
bedrängen drei Jugendliche eine 13-Jäh- Bahnhof an, drückt sie gegen die Mauer, sprochen.
rige am Bahnhof und begrapschen sie. fasst ihr ans Gesäß und versucht sie zu Die Beschäftigung mit diesen Daten ist
Deren 13-jähriger Begleiter greift ein, küssen. Als sie ihn „energisch an- kleinteilig und kompliziert, aber nur so
daraufhin gehen die drei auf den Jungen spricht“, flieht er. Besonderes Kennzei- lässt sich beispielhaft verstehen, was dran
los. Als Passanten kommen, fliehen sie. chen: „südländisches Aussehen“. ist an derlei Behauptungen und wie rechte
Besonderes Kennzeichen der Täter: Die vier Fälle sind gravierend, keine Fra- Seiten operieren. Denn hier kommt vieles
„nordafrikanisches Erscheinungsbild“. ge. Aber es waren keine Vergewaltigungen, zusammen, was Menschen in Deutschland
‣ 21. Mai 2016, Düsseldorf: Ein Paar ist ge- anders als Rapefugees.net behauptet. Und verunsichert: die Flüchtlingskrise, die Sor-
gen Mitternacht am Tonhallenufer un- von „ISIS Sex-Jihadisten“ war erst recht ge um die innere Sicherheit und der Ver-
terwegs, als die junge Frau plötzlich von nichts zu sehen. trauensverlust in Politik und in klassische
hinten umarmt und angefasst wird. Als In all diesen Fällen hat die Staatsanwalt- Medien. Und auch der wachsende Einfluss
ihr Freund dazwischengeht, wird er von schaft die Ermittlungen eingestellt, weil von Internetseiten und -foren, in denen
mehreren Personen verprügelt. Beson- die Täter unbekannt blieben. Bei insge- sich Menschen gleicher politischer Couleur

DER SPIEGEL 2 / 2018 29


Deutschland

gegenseitig in ihrer fragwürdigen Weltsicht Person namens F. Mueller in Uruguay, die gegenteilige Meldungen würden nicht
bestätigen. Seite wird über einen Server in den USA mehr ernst genommen.
Die traditionellen Medien, so die An- betrieben. Anfragen des SPIEGEL blieben Tatsächlich erfährt die Öffentlichkeit nur
nahme bis in bürgerliche Kreise hinein, unbeantwortet. Facebook hat das dazu- von wenigen Übergriffen. Allerdings nicht,
paktierten mit Bundeskanzlerin Angela gehörige Profil im Mai 2016 gelöscht. weil sie verschwiegen werden. Insgesamt
Merkel und verschwiegen die allgegenwär- Die Betreiber der Seite nutzen die grund- gibt es so viele, dass man mit der Bericht-
tigen Sexualverbrechen, um die Akzep- sätzliche Angst vor allem Fremden. Diese erstattung darüber jeden Tag eine ganze
tanz für die Flüchtlingspolitik nicht zu Furcht ist in jedem Menschen angelegt. Zeitung füllen könnte. Laut Polizeilicher
gefährden. Um die Welt zu vereinfachen, schreiben Kriminalstatistik (PKS) wurden 2016 ins-
Etliche Leser forderten in den vergan- Menschen Fremden bestimmte Eigenschaf- gesamt 47 401 mutmaßliche Straftaten ge-
genen zwei Jahren den SPIEGEL in Zu- ten zu, so stecken schnell ganze Gruppen gen die sexuelle Selbstbestimmung erfasst,
schriften auf, endlich mit der Vertuschung in einer Kategorie fest: Roma klauen, Ita- begangen sowohl von Deutschen als auch
der Wahrheit aufzuhören und die Gefahr liener flirten gern, und Flüchtlinge – meis- von Nichtdeutschen. Das sind knapp 130
zu benennen: Flüchtlinge, die hierzulande tens Muslime – sind gefährlich und verge- Anzeigen pro Tag. In Wahrheit passiert
Frauen und Kinder vergewaltigen. Es sei waltigen Frauen. wohl noch viel mehr, aber viele Opfer ge-
dringend notwendig, über die „Unterdrü- Wieso bei Flüchtlingen ausgerechnet die- hen nicht zur Polizei.
ckung von Daten über von Migranten ses Vorurteil greift, versucht Wolfgang Beim Stichwort Vergewaltigung denken
verübte Vergewaltigungen zu berichten“, Benz zu erklären. Der Vorurteilsforscher viele unwillkürlich an einen Unbekannten,
schrieb eine Frau. Dazu schickten sie oft und emeritierte Professor an der Techni- der nachts Frauen ins Gebüsch zerrt. Tat-
Links zu Internetseiten, die vermeintliche schen Universität Berlin glaubt, in Bezug sächlich ist der mutmaßliche Täter nur in
Vergewaltigungsfälle von Flüchtlingen auf Flüchtlinge werde in vielen Köpfen ein einem Fünftel aller angezeigten Vergewal-
sammelten. Bild „reaktiviert“, das schon lange im kol- tigungen und schweren sexuellen Nötigun-
Die klassischen Medien befinden sich in lektiven Gedächtnis der Deutschen exis- gen ein Fremder. Das hat die Kriminologi-
einem Zwiespalt. Berichten sie nicht über tiere. Es ist das Bild eines Landes, das be- sche Zentralstelle (KrimZ) in Wiesbaden
das Thema und die im Internet kursieren- setzt ist von fremden Truppen, die hausen errechnet. Meistens kennt das Opfer den
den Gerüchte, sehen sich die Skeptiker in wie die Barbaren. mutmaßlichen Täter, weil er ein Bekannter,
ihrem Glauben bestätigt, ihnen werde „Das uns überfallende Heer, das sind Freund oder Verwandter ist.
etwas verschwiegen. Nehmen sich Repor- heute nicht mehr die Russen, sondern Das Bundeskriminalamt (BKA) veröf-
ter, wie jetzt, beispielhaft eine Seite vor, Flüchtlinge, und die Vergewaltigungen, fentlicht seit einigen Jahren ein Bundes-
müssen sie bedenken, dass sie Hetzseiten wie in jedem Krieg in der Vergangenheit, lagebild, das sich speziell mit der Krimi-
im Internet noch bekannter machen. sind Teil der Kriegsführung“, sagt Benz. nalität von Zuwanderern befasst. Der Be-
Die Macher von Rapefugees.net, die so Dieses Ressentiment sei durch die Ereig- griff Zuwanderer umfasst Asylbewerber,
viel Zeit darauf verwenden, die Karte mit nisse der Kölner Silvesternacht und den Geduldete, Illegale und Kontingentflücht-
Inhalten zu befüllen, geben sich offenbar Ton der Berichterstattung größer gewor- linge. Tatverdächtige mit positiv ab-
ebenso viel Mühe, ihre eigene Identität zu den. Jede Nachricht von einem übergriffi- geschlossenem Asylverfahren gehören
verschleiern. Das Impressum führt zu einer gen Flüchtling wirke wie ein Verstärker, nicht dazu. Im Jahr 2016 wurde bei 3404

Gefährliche Halbwahrheiten
291 behauptete Delikte* Tatsächliche/mutmaßliche Delikte*
Die Seite Rapefugees.net veröffentlicht auf Rapefugees.net (vorläufiger Stand)
Meldungen über angebliche Vergewaltigungen
durch Flüchtlinge. Der SPIEGEL hat 291 Fälle * inklusive Versuche 291 davon 95 davon 51 Ver-
aus dem Jahr 2016 detailliert überprüft. von Flüchtlingen urteilungen
von Flüchtlingen
41
Tatverdächtige/Täter* *abhängig vom
nach tatsächlicher Herkunft Verfahrensstand 20 14
18
6 4
138 Vergewaltigung
95 (33 %) 41
Flüchtlinge
26 17
22
Mord 6 2
45 (15%) 6 2
sonstige sonstige Delikte 26
Ausländer 7 2
inkl. EU Gruppen- sexuelle
67
vergewaltigung Nötigung
22 (8 %) 60
und
Deutsche Belästigung
18 10
84 (29 %) sexueller Beleidigung 24
48
unbekannt Missbrauch 6 2
6 unklar 4
45 (15%) 26 Exhibitionismus 47 keine Straftat
Tat nicht
7 3
nachweisbar 11

30 DER SPIEGEL 2 / 2018


Sexualstraftaten mindestens ein Zuwan-
derer als Tatverdächtiger identifiziert. Das
sind mehr als doppelt so viele Fälle wie
im Vorjahr (siehe Grafik). Drastisch sind
die Steigerungsraten bei sexuellen Nöti-
gungen und sexuellem Missbrauch von
Kindern.
„Wir als bayerische Polizei nehmen es
sehr ernst, dass die Zuwanderung Einfluss
auf das Sicherheitsgefühl hat“, sagt Harald
Pickert, Leiter einer Expertengruppe
des bayerischen Innenministeriums, die
Sexualstraftaten im Freistaat in den ver-
gangenen fünf Jahren untersucht. Was hat
sich verändert und was nicht? Wo werden
die Taten begangen? Wer sind die Täter,
wer die Opfer? Gibt es typische Täter-
biografien?
Die Gruppe gibt es, weil der bayerische
Innenminister Joachim Herrmann kurz vor
der Bundestagswahl verkündet hatte, die
Zahl der Vergewaltigungen und schweren
sexuellen Nötigungen sei im ersten Halb-
jahr 2017 in Bayern deutlich gestiegen, um
47,9 Prozent. 126 Taten von 685 seien
Zuwanderern zuzurechnen, 91 Prozent
mehr als im Vorjahreszeitraum. Letzteres
entspricht in etwa den Aussagen des BKA,
allerdings werden in der bayerischen
Kriminalstatistik auch die anerkannten
Asylbewerber zu der Gruppe der Zuwan-
derer gezählt.
Pickert, 54, ist Polizeivizepräsident für
Oberbayern Süd, er führt den Anstieg der
Anzeigen von Sexualstraftaten auf mehre-

SVEN DOERING / DER SPIEGEL


re Gründe zurück: Viele Bürger hätten erst
wegen der Debatten um die Kölner Silves-
ternacht begriffen, dass Grapschen strafbar
ist – seit einer Gesetzesänderung Ende
2016 gilt es zudem nicht mehr nur als Be-
leidigung, sondern ausdrücklich als sexu-
elle Belästigung. Früher wurde Grapschen Flüchtlingsunterkunft in Hamburg: Viele Opfer sind selbst Asylbewerber
in der PKS nicht als Sexualdelikt gewer-
tet, jetzt schon. „Damit ist das Mehr an
Anzeigen zu erklären und nicht etwa seien – proportional gesehen – besonders tötet wie in Deutschland. „Trotzdem käme
durch eine andere Lebenswirklichkeit“, so andere Flüchtlinge gefährdet, Opfer niemand auf die Idee zu behaupten, Ame-
Pickert. sexueller Übergriffe von Zuwanderern zu rikaner seien eben gewalttätiger als Deut-
Es falle allerdings auf, dass die Zahl der werden. sche.“ Entscheidend sei die Biografie des
tatverdächtigen deutschen Sexualtäter Wie kann man dieser Entwicklung ent- Einzelnen. Viele Sexualstraftäter hätten
eher stagniere oder sinke, während die gegenwirken? „Nur weil eine bestimmte eine gestörte Impulskontrolle, oftmals
Zahl der tatverdächtigen Zuwanderer deut- Bevölkerungsgruppe durch Sexualdelikte kombiniert mit geringem Selbstwert. Zum
lich gestiegen sei. Diese Tendenz sei be- auffällt, brauchen wir keine neuen Ant- Täter würden besonders oft Menschen mit
reits seit fünf Jahren sichtbar. „Kein Wun- worten“, findet Martin Rettenberger, Di- labiler Persönlichkeit sowie Traumatisierte
der“, sagt Pickert, schließlich seien auch rektor der KrimZ. ohne Kontrolle durch enge soziale Bezie-
immer mehr Zuwanderer gekommen. Die Ein Teil der Zuwanderer stamme aus hungen. All das treffe auf Flüchtlinge er-
seien im Vergleich zur deutschen Bevölke- Gesellschaften, in denen Sexualstraftaten wartungsgemäß häufiger zu als auf andere
rung im Durchschnitt jünger und häufiger seltener bestraft werden. Dort komme es Bevölkerungsgruppen. Die „einzige lang-
männlichen Geschlechts. Sie würden eher durchaus häufiger zu solchen Delikten. fristige Lösung, wenn wir Sicherheit wol-
in Großstädten leben, hätten häufiger kei- „Aber die meisten Menschen passen ihr len“, so Rettenberger, sei nachhaltige In-
ne Ausbildung, keine Arbeit, kein Einkom- Verhalten in einem neuen sozialen Umfeld tegration: Bildung, Arbeit, soziale Betreu-
men. „Das können alles kriminalfördernde schnell an“, so Rettenberger. „Soziale Wer- ung. „Ich kann jeden Bürger verstehen,
Faktoren sein.“ te und Normen, die einst verinnerlicht wur- der keine Lust hat, auch noch Geld in
Im ersten Halbjahr 2017 wurde laut den, bleiben trotzdem veränderbar. Ara- potenzielle Sexualstraftäter zu investieren.
Pickert ungefähr ein Fünftel aller Sexual- ber oder Afrikaner sind nicht per se über- Aber von der Politik erwarte ich mehr.“
delikte von Zuwanderern in Flüchtlings- griffiger als Europäer.“ Laura Backes, Anna Clauß,
unterkünften begangen. Knapp 20 Prozent In den USA würden mehr als fünfmal Maria-Mercedes Hering, Beate Lakotta,
aller Opfer seien selbst Flüchtlinge. Damit so viele Menschen im Jahr vorsätzlich ge- Sandra Öfner, Ansgar Siemens, Achim Tack

DER SPIEGEL 2 / 2018 31


Deutschland

Alter Hass
Verbrechen Nach der Bluttat von
Kandel mahnte Bürgermeister
Volker Poß zur Besonnenheit –
nun ist er zahllosen wütenden
Mails und Anrufen ausgesetzt.

D
er Bürgermeister will nicht mehr
reden, jedenfalls nicht mehr öffent-
lich. Am vergangenen Sonntag
habe er sich entschlossen, kein Wort mehr
zu dem schlimmen Verbrechen zu sagen,
das seine Gemeinde in der Südpfalz auf
Titel- und Nachrichtenseiten deutscher Ta-
geszeitungen katapultiert hat. Es gehe ein-
fach nicht mehr, sagt Volker Poß.

ULI DECK / DPA


Der 57-Jährige sitzt in seinem Bürger-
meisterbüro in Kandel. Er wirkt zermürbt,
wegen der Tat, bei der ein 15-jähriges Mäd-
chen offenkundig von seinem angeblich Trauermarsch in Kandel: Haben die Behörden Fehler gemacht?
gleichaltrigen Ex-Freund, einem afghani-
schen Flüchtling, in einem Drogeriemarkt screening“ und einem Gespräch mit zwei chen Alter, sagt Andreas Schmeling. Er ist
erstochen wurde. Er sei aber ebenso ent- Sozialpädagogen unter dem Geburtsjahr Rechtsmediziner am Uniklinikum Münster
setzt über die Unsachlichkeit und die Wut, 2002 aufgenommen, mit dem fiktiven Da- und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft
die ihm danach in unzähligen E-Mails und tum 1. Januar, weil er selbst offenbar kei- für Forensische Altersdiagnostik.
Anrufen entgegengeschlagen seien, sagt Poß. nen genauen Geburtstag nennen konnte. Es gehe bei der Altersfeststellung nicht
Sein Ort, die Verbandsgemeinde Kandel, Im Mai wurde er als „unbegleiteter min- darum, das Geburtsdatum einer Person
ist zum Symbol einer Debatte über min- derjähriger Ausländer“ dem Landkreis festzustellen, sondern ob sie das strafrecht-
derjährige, alleinreisende Asylbewerber Germersheim zugewiesen. Er besuchte lich relevante 18. oder 21. Lebensjahr voll-
geworden. Vor allem über die Frage, ob eine Schule in Kandel und lernte Mia V. endet habe, sagt Schmeling. Dies sei durch
deren Alter künftig routinemäßig medizi- kennen, das spätere Opfer. Sie waren meh- ein dreistufiges Verfahren möglich: körper-
nisch festgestellt werden muss – oder kann. rere Monate lang ein Paar. liche Untersuchung und Anamnese, Rönt-
In Kandel mischen sich nun all diese As- Haben die Behörden Fehler gemacht? gen der Hand, zahnärztliche Untersuchung
pekte, das Entsetzen über die Tat, die Dis- Der Vater des Mädchens bezweifelt, dass sowie eine des Schlüsselbeins. „In jedem
kussion um minderjährige Flüchtlinge und Abdul D. erst 15 sei. Der Minderjährigen- Fall gilt es zu vermeiden, eine Person zu
der Hass von rechts. Es ist eine große Last status sicherte D. neben dem Schulbesuch alt zu schätzen“, sagt der Mediziner.
für eine kleine Stadt. einen guten Schutz vor Abschiebung sowie Im Fall Hussein K., der als Flüchtling
Poß hatte kurz nach dem Tod des Mäd- eine besondere, gut betreute Unterbrin- nach Freiburg gekommen war und dort eine
chens Zurückhaltung angemahnt. Bislang gung. Zuletzt war er in einer kleinen Studentin tötete, war das Ergebnis solcher
könne er keine Versäumnisse der Behör- Wohngemeinschaft mit Einzelzimmern, Untersuchungen durchaus relevant: Die
den erkennen. Bevor man pauschal Kon- Gemeinschaftsraum und großer Küche auf Freiburger Anthropologin Ursula Wittwer-
sequenzen fordere, solle man die Ergeb- 200 Quadratmetern in einem ehemaligen Backofen legte vor Gericht sein Alter auf
nisse der Ermittlungen abwarten. Winzerhaus einquartiert. mindestens 23 Jahre fest, nachdem sie einen
Danach begann eine Hasswelle, wie Poß Bisher wird das Alter unbegleiteter alten, bereits gezogenen Eckzahn von ihm
(SPD) sie nie zuvor erlebt hat. Für eine Flüchtlinge nur dann in gezielten Unter- untersuchen konnte. Das mögliche Straf-
Gruppe schwarz gekleideter junger Leute, suchungen ermittelt, wenn die Jugend- maß könnte sich dadurch erhöhen. Hussein
die sich am Dienstagnachmittag zu einer ämter klare Zweifel an deren Altersanga- K. hatte behauptet, erst 19 Jahre alt zu sein.
„Gedenkveranstaltung“ rechter Gruppie- ben äußern. Im Fall von Abdul D., der Grundsätzliche Altersuntersuchungen
rungen am Tatort versammelt hatten, hat trotz eines abgelehnten Asylantrags ein für alle Flüchtlinge, die sich als Minderjäh-
sich der Bürgermeister sogar zu einem Bleiberecht hatte, ist das nach wie vor rige ausgeben, hält Wittwer-Backofen
„Mittäter“ gemacht – neben Bundeskanz- nicht der Fall: Das Jugendamt des Kreises jedoch nicht für sinnvoll. „Die radiolo-
lerin Angela Merkel, die in der Szene oh- Germersheim hält nur eine „Varianz von gischen Belastungen sind zu hoch. Wir
nehin als verantwortlich gilt für jede Straf- plus/minus einem Jahr“ zu dem in Frank- benötigen vielmehr eine standardisierte
tat von Asylbewerbern. Niemand könne furt festgehaltenen Geburtsjahr 2002 für Vorgehensweise, in die neben medizini-
glauben, dass der Täter erst 15 Jahre alt sei, möglich. Eine Volljährigkeit werde „der- schen auch ethische und soziologische As-
sagte ein grauhaariger Mann in Lederjacke, zeit von allen Beteiligten ausgeschlossen“, pekte eingehen“, sagt sie.
der sich als AfD-Mitglied zu erkennen gab. erklärte die Kreisverwaltung am Dienstag. Aber das sei eine Diskussion, die auf
Abdul D., so der Name des Beschuldig- Die Staatsanwaltschaft Landau will dazu die politische Ebene nach Berlin gehöre,
ten, war im April 2016 ohne Papiere nach nun ein medizinisches Gutachten in Auf- findet Bürgermeister Poß. Nicht in hass-
Deutschland gekommen, zunächst nach trag geben. Aber wird es helfen? Wenn erfüllte E-Mails. Und nicht vor die Türen
Frankfurt am Main. Das dortige Jugend- Ärzte ein gesichertes Mindestalter ermit- eines Drogeriemarkts in Kandel.
amt hatte ihn nach einem ärztlichen „Erst- telten, liege es meist unter dem tatsächli- Matthias Bartsch, Julia Jüttner

32 DER SPIEGEL 2 / 2018


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„Eine Welt von Fleischfressern“
SPIEGEL-Gespräch Außenminister Sigmar Gabriel über den Sehnsuchtsort Deutschland, den Konflikt
zwischen Werten und Interessen, den Einfluss Chinas in Europa und die Proteste in Iran

PETER RIGAUD / DER SPIEGEL

34 DER SPIEGEL 2 / 2018


Deutschland

SPIEGEL: Herr Außenminister, beginnen wir Gabriel: Sicher steht die Europäische Union jenes an Wohlstand? Was bringt es an Stär-
das neue Jahr mit Visionen: Wenn Sie insgesamt für diese Sehnsucht. Aber na- ke, an Technologie, an politischem und
sich die deutsche Außenpolitik 2028 vor- türlich Deutschland wegen seiner wirt- militärischem Einfluss? Es wird immer we-
stellen – wie wird diese aussehen? schaftlichen Stärke besonders. Auch we- niger danach gefragt, ob die Entwicklung
Gabriel: Ich hoffe, dass sie Teil einer euro- gen seiner Friedfertigkeit. Und wenn man demokratisch und frei erfolgt. Europa ist
päischen Außenpolitik sein wird, denn sich jetzt vorstellt, dass wir vor mehr als in einer Phase, in der es diesen Output
selbst dieses kräftige Land Deutschland 70 Jahren ein furchtbarer Ort waren, dass nicht ausreichend sicht- und spürbar lie-
wird keine wirkliche Stimme in der Welt die Menschen dieses Deutschland gefürch- fert. Wir haben immer noch eine viel zu
haben, wenn es nicht Teil einer europäi- tet haben, ist es doch erst einmal eine wun- hohe Jugendarbeitslosigkeit, wir haben
schen Stimme ist. derbare Entwicklung, dass wir von einem unsere Währungsprobleme nicht gelöst,
SPIEGEL: Was werden die Kernpunkte die- furchtbaren Ort zu einem Ort der Sehn- und die Lebensbedingungen in Europa
ser europäischen Außenpolitik sein? sucht geworden sind. driften auseinander. Deswegen sagen Kri-
Gabriel: Sicher ist, dass wir eine Außen- SPIEGEL: Sie beschreiben eine allzu idyl- tiker auch, dass unser Europa ein Modell
politik brauchen, bei der wir gemeinsam lische Gegenwart. von gestern sei. Das ist eine große Gefahr
europäische Interessen definieren. Bisher Gabriel: Ich weiß auch, dass es nicht für alle für uns Europäer: Wir müssen zeigen, dass
definieren wir häufig europäische Werte, Menschen einfach ist, in Deutschland von die, die uns so betrachten, im Irrtum sind,
bei der Definition gemeinsamer Interessen gut bezahlter Arbeit zu leben. Man muss dass wir uns einigen können, dass wir als
sind wir viel zu schwach. Um einem Miss- hier viel können und leisten. Und ich weiß Gemeinschaft demokratischer und freier
verständnis gleich vorzubeugen: Unsere ebenfalls, dass es auch bei uns viel zu viel Staaten wirtschaftlich erfolgreich sind und
Werte Freiheit, Demokratie, Menschen- Armut und auch Ungerechtigkeit gibt. Und politisch an Einfluss gewinnen. Dafür
rechte dürfen wir nicht kleinmachen. Im trotzdem: Unsere Eltern und Großeltern muss Europa auch eine Machtprojektion
Gegenteil. Aber der Politologe Herfried haben ein unglaublich wohlhabendes und entfalten.
Münkler hat recht: Nur normative Positio- friedfertiges Land aufgebaut. Natürlich SPIEGEL: Muss Europa gefürchtet werden?
nen zu beziehen, nur Werte in den Mittel- darf man nicht unterschätzen, wie sehr das Gabriel: Nein, nicht gefürchtet. Im Gegen-
punkt zu stellen wird in einer Welt von alles von unserer Wirtschaftskraft abhängt. teil. Länder, die mit uns zusammenarbei-
lauter harten Interessenvertretern nicht er- In Wahrheit haben ja Moskau, Peking und ten, sollen sich sicherer fühlen, als wenn
folgreich sein. In einer Welt voller Fleisch- Washington eines gemeinsam: Sie schät- sie es mit nicht demokratischen Regimen
fresser haben es Vegetarier sehr schwer. tun. Warum baut Europa in Afrika keine
SPIEGEL: Gelernt hat Deutschland diese Infrastruktur, sondern überlässt das China?
politische Härte nicht. „Wir leben in einer Ära der Warum schaffen wir es nicht, den wirt-
Gabriel: In der Vergangenheit konnten wir schaftlichen Aufbau in den osteuropäi-
uns darauf verlassen, dass Franzosen, Bri- Konkurrenz zwischen schen Nachbarstaaten im Balkan voran-
ten und allen voran die Amerikaner unsere demokratisch und autori- zutreiben, und überlassen diese Länder
Interessen in der Welt durchsetzen. Wir dem wachsenden Einfluss von Russland?
haben ja immer die USA als Weltpolizisten
tär verfassten Staaten.“ In einer unbequemen Welt werden wir es
kritisiert, oft durchaus auch mit Recht. uns als Europäer nicht mehr bequem ma-
Aber heute merken wir, was passiert, zen die Europäische Union überhaupt chen können und auf die USA warten.
wenn die USA sich zurückziehen. Es gibt nicht. Sie missachten sie. SPIEGEL: Das heißt, die Demokratie muss
in der internationalen Politik eben kein SPIEGEL: Europa wirkt tatsächlich nicht all- effizienter werden.
Vakuum. Wenn die USA einen Raum ver- zu robust. Gabriel: Wir sind ein sehr effizientes Land.
lassen, treten andere Mächte sofort hinein. Gabriel: Das gilt ja mit wenigen Ausnahmen Aber es geht nicht um Effizienz, sondern
In Syrien sind das Russland und Iran. In auch für die meisten autoritär geführten um den dauerhaften Erhalt unseres euro-
der Handelspolitik ist es China. Diese Bei- Staaten. Oft vertreten einfach nur vermeint- päischen Geschäftsmodells. Diese Behaup-
spiele zeigen: Am Ende erreichen wir bei- lich starke Männer wirtschaftlich und sozial tung, Demokratie und Effizienz würden
des nicht mehr, die Verbreitung unserer schwache Länder. Die Durchsetzung von sich widersprechen, ist übrigens Unsinn.
europäischen Werte ebenso wenig wie die Macht und Konfrontation nach außen ver- Das zeigt schon die Demokratiegeschichte
Durchsetzung unserer Interessen. deckt nicht selten die großen Probleme im selbst, denn nur Demokratien waren und
SPIEGEL: Sind Sie sich eigentlich sicher, dass Innern. Es besteht die Gefahr, dass sich die- sind fähig, aus Fehlern zu lernen. Man
sich die USA an die Bündnisverpflichtung ser autoritäre Politikstil nun auch in die west- kann eher die Frage stellen, ob nicht ein
nach Artikel 5 der Nato gebunden fühlen? liche Welt hineinfrisst. Und alle haben ge- Land wie China, das ökonomisch ungeheu-
Gabriel: Wir sind froh, dass Donald Trump meinsam, dass sie ihre nationalen Interessen er erfolgreich ist, in Wahrheit ineffizient
und die USA den Artikel 5 bestätigt haben. über die der Weltgemeinschaft setzen. Wir ist – angesichts seiner Umweltzerstörung
Aber man sollte das Vertrauen darauf nicht Europäer tun das nicht. Aber genau deshalb oder seiner Korruption. In der Wahrneh-
überstrapazieren. Gleichzeitig kann sich werden wir von diesen autoritär geführten mung Chinas allerdings ist zweifellos das
Europa, selbst bei einer Stärkung der euro- Staaten eher belächelt. Ich bin überzeugt: demokratische Modell unterlegen.
päischen Strukturen, ohne die USA nicht Wir leben in einer Ära der Konkurrenz zwi- SPIEGEL: Halten Sie Europa nicht mitunter
verteidigen. schen demokratisch und autoritär verfassten auch für dysfunktional?
SPIEGEL: Wie sehen Sie Deutschlands Rolle Staaten. Und Letztere versuchen schon jetzt, Gabriel: Seit Jahren hören wir stets vom
in der Welt heute? Einfluss in der Europäischen Union zu ge- Multispeed-Europa, einem Europa der un-
Gabriel: Wir sind heute ein Sehnsuchtsort, winnen und uns zu spalten. Erste Risse sind terschiedlichen Geschwindigkeiten. Man
so wie die USA vom 18. bis zum 20. Jahr- erkennbar in Europa. Wir werden unsere müsste dankbar sein, wenn es so wäre,
hundert ein Sehnsuchtsort für alle waren, Freiheit in Zukunft weit mehr verteidigen denn dann würden immerhin alle in die
die Freiheit, Wohlstand, Demokratie such- müssen als in der Vergangenheit. gleiche Richtung gehen, nur unterschied-
ten. SPIEGEL: Weil unsere liberale Demokratie lich schnell. In Wahrheit haben wir leider
SPIEGEL: Meinen Sie explizit Deutschland, nicht effizient ist? längst ein Multitrack-Europa: ganz unter-
oder gilt auch diese Bewertung für ganz Gabriel: Weil es heute eine ständige Out- schiedliche Zielsetzungen. Die traditionel-
Europa? put-Betrachtung gibt: Was bringt dies oder len Unterschiede zwischen Nord und Süd
DER SPIEGEL 2 / 2018 35
in der Finanz- und Wirtschaftspolitik sind angeboten, darüber endlich zu echten Gabriel: Die Türkei ist Nato-Partner und
weit weniger problematisch als die zwi- Verhandlungen und Gesprächen zu kom- Partner im Kampf gegen den IS. Eigentlich
schen Ost- und Westeuropa. Im Süden und men. sind beides Gründe, um gegenüber der
im Osten gewinnt China stetig an Einfluss, SPIEGEL: Zurück zum Spannungsverhältnis Türkei keine derartigen Restriktionen im
so sehr, dass einige europäische Mitglied- zwischen Werten und Interessen – womit Rüstungsexport zu haben, wie wir das
staaten es nicht mehr wagen, Entscheidun- wir bei Erdoğan wären. zum Beispiel gegenüber Staaten im Nahen
gen gegen chinesische Interessen zu tref- Gabriel: Ich rede von Ehrlichkeit und Aus- Osten haben. Trotzdem hat die Bundesre-
fen. Man merkt es überall: China ist das halten. Wir haben aufgrund der Inhaftie- gierung eine sehr große Anzahl von Rüs-
einzige Land auf der Welt mit einer echten rungen und Menschenrechtsverletzungen tungsexporten nicht genehmigt. Dabei
geopolitischen Strategie. in der Türkei unsere Wirtschaftsförderung wird es auch bleiben, solange der Fall Yü-
SPIEGEL: Der Strategie, Europa zu spalten? heruntergefahren. cel nicht gelöst ist. Aber um auf das Span-
Gabriel: Nein, aber den Einfluss Chinas zu SPIEGEL: Ihr türkischer Kollege Mevlüt Ça- nungsverhältnis Werte und Interessen zu
erhöhen. vuşoğlu hofft auf eine rasche Verbesserung kommen: Es kann ja nicht nur darum ge-
SPIEGEL: Werte und Interessen können kol- der deutsch-türkischen Beziehungen, er hen, wie es gerade deutschen Gefangenen
lidieren. Verlieren dann die Werte? nennt Sie einen „persönlichen Freund“, in der Türkei geht. Sondern es geht uns
Gabriel: Nein, das heißt es nicht. Ich bin zu- Sie haben ihn zu sich nach Goslar eingela- insgesamt um die Entwicklungen in der
nächst dafür, dass man diese Spannung den. Ist das nicht ein bisschen zu viel der Türkei. Und dazu gehören nicht nur die
aushält, dass man sie überhaupt erzeugt. Ehre, solange Deniz Yücel in Haft ist? Debatte um Demokratie und Menschen-

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SPIEGEL: Man hat Ihnen vorgeworfen, dass Gabriel: Mein türkischer Kollege hatte mich rechte, sondern auch sehr unbequeme
Sie mit Blick auf die Proteste in Iran zu vor einigen Wochen zu sich eingeladen. In- Fragen.
wenig klar die Einhaltung von Werten an- zwischen hat sich vieles getan, und eine SPIEGEL: Welche? Und täuscht der Eindruck,
gemahnt haben. Wie sehen Sie die Situa- ganze Reihe von Deutschen sind durch Jus- dass die Türkei wieder zarte Bande nach
tion in Iran: Erleben wir gerade einen ira- tizentscheidungen der Türkei aus der Haft Europa knüpft?
nischen Frühling? entlassen worden oder durften die Türkei Gabriel: Die Türkei versucht sich derzeit eher
Gabriel: Das ist schwer zu beurteilen. Die verlassen. Und nun erfolgt die Gegeneinla- unabhängiger von Europa zu machen und
Proteste werden bisher von sehr unter- dung zu mir. Wenn wir nicht miteinander wendet sich nach Osten. Ist das in unserem
schiedlichen Gruppen getragen. Es fehlen reden, wird die Lage gewiss nicht besser. Interesse? Und sichern wir damit westliche
Führungsfiguren und eine gemeinsame Weder zwischen unseren Ländern noch für Werte in der Türkei oder wenigstens bei
politische Agenda. Klar ist aber auch, einzelne in Haft befindliche Personen. Und uns? Oder machen wir uns insgesamt schwä-
dass die Unzufriedenheit in Iran Gründe natürlich hat der Fall Yücel eine überragen- cher? Gleichzeitig verstößt die Türkei gegen
hat, wirtschaftliche und politische Gründe. de Bedeutung. Jetzt warten wir auf die An- unsere europäischen Wertvorstellungen.
Wir haben der iranischen Führung immer klageschrift für Yücel, damit endlich darauf Das ist ein schwer auszuhaltender Konflikt,
wieder gesagt, dass letztlich die wirt- reagiert werden kann. Immerhin ist seine der uns in berechtigte Auseinandersetzun-
schaftliche Erholung des Landes nur durch Einzelhaft beendet. Auch hier hat die tür- gen und Debatten bringt. Diese Debatten
mehr internationale wirtschaftliche Zu- kische Justiz auf unsere Bitten hin reagiert. brauchen wir – der Glaube, sich nur auf
sammenarbeit erfolgen kann. Die setzt SPIEGEL: Warum ist ausgerechnet dieser Fall Werte zurückziehen zu müssen, um immer
aber nicht nur voraus, dass Iran keine so kompliziert? auf der sicheren Seite zu sein, ist falsch. Was
Atomwaffen entwickelt, sondern dass Gabriel: Er ist sehr, sehr öffentlich. wir aber dringend brauchen, ist eine aufge-
insgesamt die Rolle Irans in der Region SPIEGEL: Angeblich sollen die Türken auch klärte Diskussion darüber. Sich immer nur
weit friedfertiger werden muss. Wir haben deutsche Rüstungsgüter bekommen haben. gegenseitig den Verrat an Werten um die
36 DER SPIEGEL 2 / 2018
Deutschland

Ohren zu hauen bringt weder jemanden zu Europa ist vermutlich einer der Gründe, Vorsitzender das Amt Ihres Lebens gewe-
aus dem Gefängnis, noch stärkt uns das. warum Jamaika gescheitert ist. Ich weiß sen sei. Ist nicht in Wahrheit Außenminis-
SPIEGEL: Die Bundeskanzlerin mag solche nicht, ob es zu einem Koalitionsvertrag ter das Amt Ihres Lebens?
Debatten nicht. mit der SPD kommen wird. Falls es aller- Gabriel: Man kann diese beiden Aufgaben
Gabriel: Es hilft aber nichts, wir müssen mit dings dazu kommt, wird er der erste sein, nicht vergleichen.
unserer Bevölkerung über die strategi- bei dem Europa im Zentrum steht. Wenn SPIEGEL: Warum nicht?
schen Herausforderungen von Außen- und Sie mich fragen würden, rückblickend: Gabriel: Ich bin mit 15 Jahren zu den Falken
Sicherheitspolitik diskutieren. Und zwar, Was haben Sie falsch gemacht in der letz- gekommen, einer traditionsreichen Kin-
ohne gleich auf alles fertige Antworten zu ten Großen Koalition? … der- und Jugendbewegung der sozialdemo-
haben. Leider haben wir keine Erfahrung SPIEGEL: … tatsächlich eine gute Frage … kratischen Arbeiterbewegung. Und ich
und keine wirkliche Struktur für strategi- Gabriel: … dann würde ich sagen, dass kenne noch eine Sozialdemokratie, wie es
sche Überlegungen: Es gibt bei uns keine wir zu wenig auf Europa geachtet haben. sie heute kaum noch gibt. Die Geschichte
Thinktank-Kultur. Es wird eine der Aufga- Wir haben ein Europakapitel geschrieben, dieser Partei …
ben der Außenpolitik sein, diese intellek- bei dem sich die nationalökonomischen SPIEGEL: … so romantisch verklärt und
tuellen Fähigkeiten in Europa und in Vorstellungen Wolfgang Schäubles zu ruhmreich …
Deutschland zu entwickeln. stark durchgesetzt haben. Das war ein Gabriel: … so kann man spotten, wenn man
SPIEGEL: Das würde heißen, dass ein ehe- Fehler. die Kämpfe nicht vor Augen hat, die
maliger deutscher Außenminister in eine SPIEGEL: Sie haben die Möglichkeit, das zu Sozialdemokraten führen und allzu oft mit
Stiftung, einen Thinktank, wechselt und korrigieren. ihrem Leben bezahlen mussten, um Frei-
nicht in die Wirtschaft. Gabriel: Wir werden ja sehen, ob die Union heit und Demokratie in Deutschland zu
Gabriel: Ja, das wäre jedenfalls keine dum- diesen Schritt zu einem neuen europäi- verteidigen und zu schaffen. Kaum etwas
me Idee. Aber bewerben wollte ich mich schen Miteinander mitgehen will. Derzeit von dem, was wir heute in unserem Land
mit diesem SPIEGEL-Gespräch nicht. beschließt die CSU ja anderes. Statt in schätzen, gäbe es ohne diese SPD. Aber
SPIEGEL: Blickt das Ausland eigentlich eher Europa zu investieren, soll Deutschland al- ich gebe zu: Wohl jeder Vorsitzende dieser
amüsiert oder mit echter Sorge auf den len Ernstes den Verteidigungsetat verdop- ältesten demokratischen Partei hat ein sehr
Berliner Stillstand? peln. Ganz auf der Linie Donald Trumps. emotionales Verhältnis zur SPD.
Gabriel: Ich höre Unterschiedliches, aber Ich bin ganz sicher, dass das mit der SPD SPIEGEL: Außenpolitik ist weniger emotio-
die Sorge, dass das stabile Deutschland nicht gehen wird. nal?
nicht mehr ganz so stabil sei, ist da. SPIEGEL: Sie haben doch selbst gefordert, Gabriel: Eigentlich müsste man sich wün-
SPIEGEL: Wie sehen Sie’s? dass Deutschland und Europa auch militä- schen, dass die Außenpolitik weit weniger
Gabriel: Ich teile diese Sorge nicht, denn risch geachtet werden müssen. interessant wäre. Ein Satz aus der Finanz-
wirtschaftlich und politisch ist unser Land Gabriel: Es spricht wenig dagegen, den Ver- krise hieß: Banking has to be boring again.
sehr stabil. Es gibt Länder mit funktionie- teidigungsetat angemessen zu erhöhen. Man kann sich nur wünschen, dass das
renden Regierungen, bei denen die Insti- Aber eine Verdoppelung? Das wären mehr auch wieder auf Außenpolitik zutrifft.
tutionen nicht arbeiten. Bei uns ist es der- als 70 Milliarden Euro – und zwar pro Jahr! Aber es scheint zu dauern, bis sie wieder
zeit umgekehrt. Meine Sorge betrifft nur Frankreich gibt als Nuklearmacht mehr als langweilig wird. Besser wäre es.
Europa. Da droht uns die Zeit davonzu- 40 Milliarden aus. Glauben wir wirklich, SPIEGEL: Hat die Außenpolitik Sie auch
laufen. Wir haben den Glücksfall eines pro- dass unsere europäischen Nachbarn es unter Stress gesetzt, gab es schlaflose
europäischen französischen Präsidenten, nach zehn Jahren so gut finden werden, Nächte?
doch wir haben schon 2019 die nächste dass in Deutschland eine gewaltige zentral- Gabriel: In einem somalischen Flüchtlings-
Europawahl, bei der es darum gehen wird, europäische Armee entsteht? lager mit 150 000 Flüchtlingen zu stehen,
ob die proeuropäischen Parteien ein glaub- SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, dass die ohne eine Idee zu haben, was man eigent-
würdiges Angebot haben gegen die Anti- europäischen Partner ein hochgerüstetes lich tun kann, das steckt man nicht so weg.
europäer von links und rechts. Deutschland fürchten? Es gab da einen rührenden Moment: Ich
SPIEGEL: Die Kanzlerin lässt Emmanuel Ma- Gabriel: Mich haben die ersten Franzosen habe meiner fünfjährigen Tochter Bilder
cron seit Monaten auf Antworten warten. gefragt, ob wir das eigentlich ernst meinen. aus Somalia gezeigt, um zu erklären, wa-
Gabriel: Lieber eine gute Antwort als eine SPIEGEL: Herr Gabriel, Sie haben uns vor rum ich weg war. Daraufhin stand sie auf,
falsche der FDP. Macrons Idee ist ein nicht allzu langer Zeit gesagt, dass SPD- ging in ihr Zimmer, holte ihre Spardose
Europa, das seine Bürger schützt. und sagte: Das kannst du mitneh-
Dahinter verbergen sich Verteidi- men für die Kinder dort.
gung, Terrorbekämpfung, aber SPIEGEL: Eine künftige Sozialdemo-
auch sozial faire Standards, Kampf kratin …
gegen die Steuerhinterziehung gro- Gabriel: Dass sie ansonsten über-
ßer Konzerne. Ein wirklich guter haupt nix teilen will, spricht ei-
Entwurf. Ich hoffe, wir haben im gentlich gegen eine künftige SPD-
Frühjahr eine klare Entscheidung Mitgliedschaft. (lacht) Aber gera-
zur Kooperation mit Frankreich. de deshalb war es so rührend.
SPIEGEL: Welche Antwort auf Ma- SPIEGEL: Worauf stellen Sie sich ein,
crons Vorschläge sollte der Koali- Herr Gabriel? Werden Sie das
PETER RIGAUD / DER SPIEGEL

tionsvertrag geben? Amt des Außenministers bald los-


Gabriel: Frau Merkel weiß ganz ge- lassen müssen?
nau, dass CDU und CSU ihre Eu- Gabriel: Es ist immer besser, man
ropapolitik ändern müssen. Die rechnet damit. Denn Willy Brandt
nationalliberale Haltung der FDP hatte recht: Wir sind gewählt,
nicht erwählt.
* Mit den Redakteuren Christiane Hoffmann Gabriel beim SPIEGEL-Gespräch* SPIEGEL: Herr Außenminister, wir
und Klaus Brinkbäumer in Goslar. „Wir haben zu wenig auf Europa geachtet“ danken Ihnen für dieses Gespräch.
DER SPIEGEL 2 / 2018 37
Alles unter Kontrolle
Parteien Wie keiner seiner Vorgänger hat sich FDP-Chef Christian Lindner die Liberalen
untertan gemacht. Bisher hat ihm der Erfolg recht gegeben. Doch nach
seiner Absage an eine Jamaikakoalition kämpft er um seine Glaubwürdigkeit.

THOMAS KOEHLER / PHOTOTHEK.NET / IMAGO


Parteivorsitzender Lindner: Offene Diskussionen finden nur noch im kleinsten Kreis statt

S
eit Christian Lindner Vorsitzender ist, Nationalliberale, Wirtschaftsliberale und Motiven die Regierungsverantwortung ge-
gilt in der FDP ein ungeschriebenes Bürgerrechtsliberale rangen um die Deu- scheut.
Gesetz: erst der Chef, dann die Partei. tungshoheit einer pluralistischen Partei. „Wir sind keine Partei, die Protestnoten
Dass diese Regel auch nach Lindners Ja- Unter ihrem jungen Parteichef ist die zu Protokoll geben will“, beteuert Lindner
maikadebakel noch in Kraft ist, konnten FDP zur „Liste Lindner“ geschrumpft, al- Mitte Dezember bei einem Empfang in der
die Mitglieder des Vorstands bei ihrer letz- les ist auf ihn ausgerichtet. Schlüsselposi- Berliner Parteizentrale. Jamaika habe
ten Sitzung vor Weihnachten erleben. tionen sind mit seinen Unterstützern be- eben „inhaltlich nicht gepasst“, verteidigt
Da versuchte der Vorsitzende, das Um- setzt. Bisher ist das Konzept aufgegangen. er sich. Dann fordert er die Journalisten
frageminus der Partei schönzureden. Zwei Lindner hat die FDP nach vier quälenden auf, sich „live und in Farbe“ davon zu über-
bis drei Prozentpunkte hatte die FDP ge- APO-Jahren wieder in den Bundestag ge- zeugen, dass alles, was die Parteiführung
genüber dem guten Bundestagsergebnis führt, es war ein fulminanter Sieg. Doch auf der Bühne erzähle, „deckungsgleich“
verloren. Nicht so schlimm, dass man die- seit der FDP-Chef vor sieben Wochen die mit den Äußerungen der anwesenden FDP-
sen „Flugsand“ wieder verloren habe, be- Sondierungen über eine Jamaikakoalition Abgeordneten sei.
fand Lindner. Er meinte jene CDU-Wähler, platzen ließ, kämpft er mit einem Glaub- Ist es das? „Jamaika ist nicht an den In-
die sich aus Enttäuschung über Angela würdigkeitsproblem. halten gescheitert, sondern an den schlecht
Merkel eine Regierungsbeteiligung der Die Begründungen für die Jamaika- organisierten Verhandlungen“, sagt der ers-
Liberalen gewünscht hätten. absage purzelten in den vergangenen Wo- te FDPler, der angesprochen wird. Und ein
Doch dann sprach Lindner an, was ihn chen munter durcheinander, erst waren zweiter sagt: „Von dem, was Christian
wirklich bewegt. Die eigenen Beliebtheits- die Grünen schuld, dann die CDU-Vorsit- Lindner als Gründe angibt, überzeugt mich
werte. Da ist wenig schönzureden. Fast zende. Wirtschaftsverbände beklagten, die längst nicht alles.“
20 Prozentpunkte minus nach dem Jamaika- Liberalen hätten sich aus der Verantwor- Das System Lindner beruht darauf, dass
aus. „Das muss man erst mal schaffen“, tung gestohlen, und auch viele Partei- vor allem einer Bescheid weiß: Lindner.
frotzelte Lindner. Um anschließend vor mitglieder fühlten sich nicht ausreichend Bei den Jamaikasondierungen mussten
Vertrauten zu klagen, dass er jetzt überall informiert. sich hochrangige Liberale immer wieder
als Bösewicht dargestellt werde. Sachlich mag aus Sicht der FDP vieles bei ihren grünen Gesprächspartnern nach
Der FDP-Chef ahnt, dass schwere Zeiten gegen eine Regierung mit der Union und dem Stand der Verhandlungen erkundigen.
auf ihn zukommen. Wie keiner seiner Vor- den Grünen gesprochen haben, aber Lind- Sie fühlten sich offenbar von Lindner nicht
gänger hat sich Lindner die Partei seit sei- ners Absturz auf der Beliebtheitsskala ausreichend informiert.
nem Amtsantritt vor vier Jahren untertan wäre nicht so dramatisch ausgefallen, Den FDP-Chef kümmert es wenig, dass
gemacht. Früher war die FDP stolz auf wenn nicht viele Wähler der Verdacht be- er die eigenen Unterhändler brüskierte.
ihre Vielstimmigkeit und ihre vielen Flügel. schlichen hätte, er habe aus persönlichen Und manch einen ausgehandelten Kom-

38 DER SPIEGEL 2 / 2018


Deutschland

promiss platzen ließ. „Der Lindner reißt Lambsdorff und Theurer hielten das für Lindner widersprach ihr in aller Öffent-
uns den Kopf ab“, unkten die liberalen Un- einen Fehler. Nach einem Gespräch mit ih- lichkeit.
terhändler, als sie sich mit CSU und Grü- rem Chef glaubten sie aber, Lindner un- Sein Stellvertreter war der Nächste. Als
nen in Europafragen verständigten. So terstütze sie. Und beide hatten das Gefühl, Wolfgang Kubicki wenig später von einer
kam es. In der Spitzenrunde kassierte Lind- er habe sie sogar ermutigt, ihre Position „anderen Lage“ sprach, falls die Große
ner den Beschluss. öffentlich weiter zu vertreten, obwohl sie Koalition scheitere, berief Lindner eilig
Es grummelt in der Liste Lindner, aber dem Wahlprogramm widersprach. eine Schaltkonferenz des Parteipräsidiums
offen zu mosern, das traut sich keiner. Doch kaum hatten sie sich in der Öffent- ein und ließ einen Beschluss fassen, den
Noch folgen alle Lindners Credo der un- lichkeit zu Wort gemeldet, wurden sie von nicht nur Kubicki für überflüssig hält: kein
bedingten Geschlossenheit. Kurz nach Lindner vor versammelter Mannschaft ab- Jamaika in dieser Legislaturperiode.
der Bundestagswahl zitierten er und sein gewatscht. Nach der Wahl gelte das, was Kubicki ist einer der wenigen, die sich
parlamentarischer Geschäftsführer Marco man vor der Wahl versprochen habe, das Recht herausnehmen, Lindner zu kri-
Buschmann die neuen Abgeordneten zu schärfte er Anfang Oktober den neuen Ab- tisieren. Der andere ist Fraktionsgeschäfts-
einem dreitägigen „Bootcamp“ in die FDP- geordneten ein. führer Buschmann. Einmal in der Woche
Zentrale nach Berlin. Dort wurden die Das galt so lange, bis es plötzlich nicht treffen sich die drei zu einem offenen Mei-
61 Männer und 19 Frauen auf die parla- mehr galt. Und dieser Punkt war gekom- nungsaustausch.
mentarische Arbeit vorbereitet – auch im men, als Lindner vier Wochen später selbst Kubicki warnte Lindner, sich nicht nur
Umgang mit den Medien. auf den Kurs der Europapolitiker ein- mit „Speichelleckern“ und „Jasagern“ zu
Bei der ersten Fraktionssitzung knöpfte schwenkte. „Als Elf-Prozent-Partei kann umgeben. Je stärker er als Vorsitzender
sich Lindner Thüringens FDP-Landeschef man nicht Deutschland und ganz Europa sei, desto größer werde die Gefahr, dass
Thomas Kemmerich vor. Der hatte gleich den Weg diktieren“, sagte er im SPIEGEL sich keiner mehr traue, ihm zu widerspre-
nach der Bundestagswahl vor einer Jamai- (46/2017). Der ESM könne „ein Instrument chen. „Das kommt mir manchmal schon
kakoalition gewarnt: „Wer sich mit dieser für mehr Disziplin werden“. wieder vor wie in der Ära Westerwelle“,
Bundeskanzlerin ins Bett legt, kommt da- Mit seinem Zickzackkurs in der Euro- sagte Kubicki.
rin um.“ frage nährt Lindner einmal mehr den Ver- Der Mann aus Kiel hält es für einen Feh-
Lindner fand das nicht lustig, er wollte dacht, dass er ein taktisches Verhältnis zu ler, Machtoptionen kategorisch auszu-
keine Konfrontation mit Angela Merkel. inhaltlichen Positionen pflegt. Von der Li- schließen. Es könne ja sein, dass die Große
Der neue Abgeordnete wurde vor der ver- nie abweichen darf in der FDP nur der Koalition scheitere. Vielleicht biete die
sammelten Fraktion gerüffelt. Die Parla- Chef. Denn Machtfragen sind für ihn min- Union den Grünen eine Minderheitsregie-
mentarier wissen seitdem, dass sie gegen- destens so wichtig wie Sachfragen. rung an. Was dann? Könne sich die FDP
über der Presse besser Vorsicht walten las- Parteifreunde erinnern sich noch gut dann verweigern? Oder, auch nicht un-
sen sollten. daran, wie skeptisch Lindner nach der denkbar, die Union bietet den Liberalen
In vorauseilendem Gehorsam informie- rheinland-pfälzischen Landtagswahl im eine Minderheitsregierung an. Sollen sie
ren manche Abgeordnete mittlerweile den März 2016 eine Ampelkoalition mit SPD dann absagen?
Vorsitzenden, wenn sie Anfragen von Jour- und Grünen beurteilte. Ihn trieb die Eine andere Intervention Kubickis war
nalisten bekommen. Selbst seine Stellver- Sorge um, seine eigene Kampagne gegen ebenfalls erfolgreich. Lindner verzichtete
treterin Marie-Agnes Strack-Zimmermann die rot-grüne Koalition in Nordrhein- darauf, öffentlich zu verkünden, dass es
berichtete ihrem Chef vorsorglich, dass sie Westfalen könne unglaubwürdig werden. „keine gemeinsamen Wertvorstellungen
demnächst das SPIEGEL-Hauptstadtbüro „Das stört meinen Wahlkampf in NRW“, zwischen Grünen und Liberalen“ gebe.
besuchen werde. sagte er. Schließlich regieren in Schleswig-Holstein
Offene Diskussionen finden nur im Der rheinland-pfälzische FDP-Landes- Grüne und FDP sehr harmonisch mit der
kleinsten Kreis statt. „Früher wurden auf vorsitzende Volker Wissing setzte sich Union. Und auch in Hessen könnte sich
FDP-Parteitagen noch Richtungsfragen dis- über die Bedenken des Chefs hinweg. Und im Herbst die Frage stellen, ob die FDP
kutiert, heute werden vor allem die Reden jetzt, nach seiner Absage an Jamaika, ist bei einer Jamaikakoalition mitmacht.
des Vorsitzenden bejubelt“, kritisiert Ger- es Lindner, der die Mainzer Ampel als Be- Kurz vor dem liberalen Dreikönigstreffen
hard Papke, Ex-Fraktionschef der Libera- leg dafür anführt, dass sich die FDP nicht versucht Lindner nun, sich aus der strategi-
len im Düsseldorfer Landtag und ein lang- aus der Verantwortung stiehlt. schen Sackgasse zu befreien, in die er sich
jähriger Weggefährte Lindners. Andererseits: Wenn es um Machtfragen selbst mit seiner Absage an eine Koalition
Papke veröffentlichte während des Bun- geht, legt sich Lindner gern sehr schnell mit Union und Grünen manövriert hat.
destagswahlkampfs ein kritisches Lindner- fest. Manchmal zu schnell. So wie nach Plötzlich scheint alles wieder möglich zu
Buch („Noch eine Chance für die FDP?“). den Jamaikasondierungen. Seit Lindner sein, nach Neuwahlen selbst Jamaika, so
Er weiß zu schätzen, was sein politischer entschied, dass es für die FDP besser sei, äußerte er sich in der „Wirtschaftswoche“.
Ziehsohn für die Partei geleistet hat, aber in die Opposition zu gehen, haben es in Als seine Bemerkungen dann aber die
er glaubt, dass Lindner überzogen hat, in- der Partei alle schwer, die sich die Jamaika- Runde machten, überkam den Parteichef
dem er die FDP stromlinienförmig ausrich- option offenhalten wollen. das dringende Bedürfnis, sich selbst zu in-
tete. „Er erwartet, dass man ihm bedin- Zuerst erwischte es Generalsekretärin terpretieren.
gungslos folgt“, sagt Papke. Nicola Beer. Wenn es möglich sei, „eine Natürlich vertrete er zu Jamaika „nahe-
Abweichler, die sich öffentlich äußern, moderne Republik zu bauen in den nächs- zu wortgleich dieselbe Position, die ich
werden von Lindner zurückgepfiffen. Eine ten Jahren, sind wir die Letzten, die sich seit Wochen vertone“, verbreitete Lindner
Lektion, die auch die früheren Europapar- Gesprächen verweigern“, sagte sie kurz über Twitter. Die Betonung lag auf dem
lamentarier Alexander Graf Lambsdorff nach dem Abbruch der Sondierungen. Wörtchen „nahezu“. Denn natürlich wer-
und Michael Theurer lernen mussten. Auf de man sich Gesprächen nicht verweigern,
dem Parteitag im Frühjahr 2017 hatten sich „wenn eine geänderte politische und per-
die Euroskeptiker um Hermann Otto Video: sonelle Konstellation mehr Erfolg ver-
Solms mit ihrer Forderung durchgesetzt, Lindner über Lindner spricht als 2017“.
im Wahlprogramm ein Ende des Euroret- spiegel.de/sp22018lindner Ann-Katrin Müller, Christoph Schult,
tungsschirms ESM zu fordern. oder in der App DER SPIEGEL Severin Weiland

DER SPIEGEL 2 / 2018 39


@DerFuehrer1 twittert nicht mehr
Netzpolitik Justizminister Maas wird von der AfD für sein neues Gesetz gegen strafbare Hetze
im Internet als Zensor kritisiert. Doch zumindest dieser Vorwurf ist haltlos.

I
n vier Sprachen verschickte die Polizei waltschaft oder Bundesregierung. Gewin- kunden bleiben dürften, um aus der Flut
Köln in diesem Jahr digitale Neujahrs- nerin ist nicht nur die AfD. Auch Twitter der Beschwerden juristisch problematische
grüße auf der Plattform Twitter: auf und Facebook dürfte die Wut der Internet- Inhalte auszufiltern. Harte Worte fand
Deutsch, Englisch, Französisch – und Ara- gemeinde recht sein, lenkt sie doch ange- auch der Chef des Branchenverbands Bit-
bisch. Der Inhalt der Botschaften war stets nehm ab von eigenen Problemen bei der kom, Bernhard Rohleder: „Was jetzt
identisch, nämlich die besten Wünsche für Umsetzung des neuen Rechts. Schon immer kommt, sind faktisch private Standgerichte
ein gesundes und glückliches neues Jahr. waren die Standards der Internetriesen im in sozialen Medien, die innerhalb von 24
Twitter-Nutzer Abo Omar Sannib war Umgang mit Hass, Hetze oder Rechtsbrü- Stunden urteilen und exekutieren.“
entzückt, schickte sieben Dankesbotschaf- chen undurchsichtig und widersprüchlich, Doch die Sanktionen für die AfD-Politi-
ten zurück, garniert mit virtuellen Blumen- waren die Mitarbeiter der „Löschcenter“ kerinnen haben mit dem NetzDG wenig zu
sträußen, Weihnachtsbäumen und Smileys. überfordert, nahmen die US-Konzernzen- tun. Von zeitlichen Sperren für Nutzer ist
Auch Twitterer Mohamad Fares postete ei- tralen offensichtliche Defizite nicht ernst. darin keine Rede, und die Strafanzeigen
nen höflichen Dank an die Polizei. Doch seit Neujahr erreichen das bleier- wegen Volksverhetzung gegen Weidel und
So harmonisch hätte 2018 beginnen kön- ne Schweigen und die Missstände ein neu- Storch haben die Polizei Köln und diverse
nen, doch friedliche Muslime oder arabi- es Niveau. Vor allem Twitter griff auffällig Bürger eingereicht – nicht das Justizminis-
sche Neujahrsgrüße deutscher Behörden hart durch, auch gegen harmlose satirische terium oder Twitter. Ohnehin haben die In-
passen nicht ins Weltbild von AfD-Politi- Botschaften, während Konzernvertreter ternetplattformen sich schon vor Jahren
kern wie Beatrix von Storch. „Was zur Höl- abtauchten. Doch der Ärger der Netzge- Anti-Hass-Regeln gegeben, die teils stren-
le ist in diesem Land los?“, twitterte die meinde traf auch hier nicht die milliarden- ger sind als deutsche Strafgesetze – theore-
Vizechefin der AfD-Bundestagsfraktion, schweren Firmen im fernen Silicon Valley, tisch jedenfalls.
wie könne die Polizei auf Arabisch kom- sondern den Saarländer Heiko Maas. Das neue Recht zwingt die Plattformen
munizieren? „Meinen Sie, die barbari- Dessen NetzDG leidet in der Tat an auch keinesfalls dazu, gegen Satire-Ac-
schen, muslimischen, gruppenvergewalti- handwerklichen Schwächen und dürfte eu- counts einzuschreiten. So wurden jüngst
genden Männerhorden so zu besänftigen?“ roparechtswidrig sein, vielleicht gar grund- offensichtlich straffreie Sprüche diverser
Storchs Nachricht, die auch arabischspra- gesetzwidrig. Entsprechende Verfassungs- Satiriker gesperrt, ebenso wie das Benut-
chige Männer wie Mohamad Fares und Abo beschwerden sind längst in Vorbereitung. zerkonto des Magazins „Titanic“, das
Omar Sannib als Gewalttäter abstempelte, Parodien des rassistischen Storch-Tweets
wurde wenig später von Twitter für das verbreitet hatte. Wie diese übermäßigen
deutsche Publikum blockiert, die Absende- Für die AfD sind soziale Eingriffe in die Meinungsfreiheit zustan-
rin für zwölf Stunden gesperrt. Auch Face- dekommen konnten, ob von Roboter- oder
book griff gegen Storch durch und Twitter Medien die wichtigsten Menschenhand, und wie man sie künftig
bald darauf gegen AfD-Fraktionschefin Ali- Kanäle zur Basis. Für sie vermeiden will, ließ Twitter unbeantwor-
ce Weidel, die ihrer Parteifreundin mit ag- tet. Es hieß nur, die Sperrung von Nutzern
gressiven Parolen beigesprungen war.
steht viel auf dem Spiel. wegen Verstößen gegen die Twitter-Regeln
Ein größeres Neujahrsgeschenk hätten habe nichts mit dem neuen Gesetz zu tun.
die Internetkonzerne der AfD kaum ma- Doch die Fehler liegen in erster Linie in Das bietet Betroffenen aber auch keinen
chen können. Ausgerechnet in der nach- Formalien und bürokratischen Vorgaben. Schutz vor voreiligen, unberechtigten
richtenarmen Zeit nach den Feiertagen wa- Inhaltlich, das betont auch Heiko Maas, Sperren oder Löschungen.
ren die Rechtspopulisten das dominierende geht sein Regelwerk nicht nennenswert Für die Rechtspopulisten steht viel auf
Thema – und erreichten noch ein ganz an- über das bisherige Telemediengesetz hi- dem Spiel bei der Frage der Kontrolle von
deres Ziel: Sie konnten sich als Opfer einer naus: „Die Pflicht eines Netzwerkbetrei- Twitter oder Facebook auf strafbare Inhal-
der größten Hassfiguren der AfD zeichnen, bers, strafbare Inhalte zu löschen, bestand te. Soziale Medien sind für sie ein wichti-
nämlich Justizminister Heiko Maas. schon zuvor“, sagt Maas, und zwar „un- ger Kanal, um die Fans ungefiltert durch
Denn seit dem Neujahrstag gilt vollum- verzüglich“. „Daran haben sich die Betrei- kritische Medien zu erreichen. Die Absen-
fänglich dessen Netzwerkdurchsetzungs- ber sozialer Netzwerke allerdings nicht ge- der wissen genau: Je drastischer die Bot-
gesetz (NetzDG), das soziale Netzwerke ver- halten“, kritisiert der Minister. Wer straf- schaft, desto größer die Resonanz.
pflichtet, konsequenter gegen strafbare Ver- bare Inhalte im Netz verbreitet, muss von „Eine Anzeige wegen Volksverhetzung
lautbarungen ihrer Nutzer vorzugehen. Die der Justiz konsequent verfolgt und zur Re- ist in diesen Zeiten das neue Bundesver-
fast zeitgleichen Sanktionen der Internet- chenschaft gezogen werden.“ dienstkreuz“, verkündete der sächsische
firmen gegen Storch und Weidel dienen der Sein NetzDG solle bloß „das bereits vor- Bundestagsabgeordnete Jens Maier. Auch
AfD als Propagandavorlage und als Beleg, her geltende Recht wirksam durchsetzen“, er machte nun Bekanntschaft mit den Kon-
dass in Deutschland mit dem Läuten der sagt Maas. Allerdings verschlimmbesserte trolleuren des Kurznachrichtendienstes.
Neujahrsglocken „die Meinungsfreiheit zu er die Regeln. Die Vorgaben an die Kon- Ein Tweet von Maier, in dem er den dun-
Ende ging“ (Alexander Gauland) und „Sta- zerne wurden schwammiger, die Fristen kelhäutigen Sohn von Boris Becker als
si-Methoden“ an der Tagesordnung seien. starrer. „Offensichtlich rechtswidrige In- „Halbneger“ schmähte, wurde gelöscht.
Nichts davon ist wahr, und in der Debatte halte“ müssen nun binnen 24 Stunden ver- Bei der AfD scheint es in diesen Tagen
geht einiges durcheinander. Das Verhalten schwinden. Kritiker des Gesetzes wie die zum Statussymbol und sogar zu einer Art
privatwirtschaftlicher Unternehmen wird FDP-Politikerin Nicola Beer warnen, dass Sport zu werden, in einem sozialen Netz-
vermischt mit Akten von Polizei, Staatsan- den Kontrolleuren in der Praxis nur Se- werk gesperrt zu werden, um dann auf ei-
40 DER SPIEGEL 2 / 2018
Deutschland

HANNIBAL HANSCHKE / REUTERS


Arabischsprachiger Neujahrsgruß der Polizei Köln, AfD-Politikerin Storch: Kalkulierte Tabubrüche

ner anderen Plattform lautstark die Zensur für Europa, dem SPIEGEL im Dezember. nen“ waren am Mittwoch einige Accounts
anzuprangern. Das hohe Gut der Mei- „So hat die russische Duma kurz danach wie „Adolf Hitler“, „Heil Hitler“, „Sieg
nungsfreiheit wird dabei verballhornt und ein Gesetz mit ähnlichen Passagen vorge- Heil!“ und „Der Führer“ nicht mehr er-
missbraucht – denn anders als junge irani- schlagen.“ reichbar. Auch die Twitter-Nutzer @Der
sche Demonstranten oder türkische Jour- So kurz nach vollem Inkrafttreten des Fuehrer1, @siegheil_hitler und @Ausch
nalisten, die ihre autoritären Regierungen NetzDG lässt sich schwer eine belastbare witz_Kz wurden offline geschaltet. Doch
kritisieren, riskieren die Populisten mit ih- Aussage treffen, wie das Gesetz wirkt. Ers- noch gibt es zahlreiche Namensvettern.
ren kalkulierten Tabubrüchen wenig. te Indizien zeigen aber, dass die Paragrafen Von einer flächendeckenden Sperrung
Für das Löschverhalten der Internetkon- jedenfalls nicht folgenlos bleiben. oder Sanktionierung gerade rechtslastiger
zerne dürfte das deutsche Recht ohnehin Zwar versteckt Facebook die neu vor- Inhalte kann keine Rede sein. So posteten
nur eine untergeordnete Rolle spielen. Viel geschriebenen Meldeformulare für Nutzer AfD-Politiker oder Funktionäre der vom
wichtiger ist die politische Lage in der Hei- im Kleingedruckten, hinter Impressum und Verfassungsschutz beobachteten rechts-
mat. Seit dem Wahlsieg Donald Trumps, Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Als extremen „Identitären Bewegung“ in den
der Twitter zum bevorzugten Verlautba- obligatorischen „Zustellungsbeauftragten“ vergangenen Tagen triumphierend Mails
rungsmedium des Weißen Hauses erhoben hat der Konzern die Großkanzlei Fresh- der Twitter-Kontrolleure, dass ihre Posts
hat, sehen sich Facebook oder Twitter und fields benannt – was die Hemmschwelle gemeldet, aber für unproblematisch gehal-
ihre Wirkung auf Debattenkultur und De- für Beschwerdeführer eher erhöhen dürfte. ten worden seien.
mokratie scharfen Angriffen ausgesetzt, Aber zumindest fällt es etwas leichter, dem Gestiegen ist also weniger die Zahl der
sogar von einstigen Verbündeten wie Sean Konzern Verstöße zu melden. Sanktionen als die Zahl der Beschwerden.
Parker, dem ersten Facebook-Präsidenten. Systematische Verstöße der Plattformen „Seit dem Jahreswechsel wurde bis auf
Diese Kritik setzt im Silicon Valley eher soll das Bundesamt für Justiz in Bonn sank- eine Ausnahme jeder Tweet des AfD-Bun-
Denkprozesse in Gang als die Gesetzent- tionieren. Bis zum Abend des 3. Januar desaccounts als Hassrede gemeldet“, sagt
würfe aus dem Berliner Regierungsviertel. verzeichnete die Aufsichtsbehörde 21 Be- ein Parteisprecher. Auch fast alle Tweets
So verschärfte Twitter bereits am 18. De- schwerden gegen Twitter & Co. – keine prominenter AfD-Vorstände seien „ange-
zember seine globalen Regeln für den Um- kleine Zahl, wenn man bedenkt, dass Nut- schwärzt“ worden. Eingegriffen habe Twit-
gang mit Hass und gewaltverherrlichenden zer sich zunächst an die Internetfirmen ter aber nur in zwei Fällen, räumt der AfD-
Inhalten. Nutzer müssen nun einzelne in- selbst wenden mussten und frühestens Mann ein, nämlich gegen Storch und Wei-
kriminierte Tweets löschen, „Mehrfach- nach 24 Stunden an das Bundesamt. del. Von Massenzensur also keine Spur.
täter“ können permanent ausgeschlossen Gerade gegen offen verbreitete neo- Trotzdem sagte Parteichef Alexander
werden. Und nach langer Passivität sank- nazistische Propaganda scheint das Gesetz Gauland im ZDF: „Jetzt ist genau das ein-
tioniert Twitter nun auch schon Nutzer- auch schon Wirkung zu zeigen. So sperrte getreten, was wir immer vorausgesagt ha-
namen, die Hass gegen Dritte versprühen. Twitter Mitte der Woche in Deutschland ben: Twitter löscht bestimmte Tweets, von
An den Berliner Gesetzen fürchten die mehrere Nutzer, die ihre Profile jahrelang denen gar nicht feststeht, dass sie rechts-
Internetriesen am ehesten ihre Signalwir- ungestört mit Hakenkreuzen, SS-Runen widrig sind. Es geht hier nicht um Ge-
kung. „Die internationalen Auswirkungen oder Bildern von Konzentrationslagern schmack, es geht um Meinungsfreiheit.“
des deutschen Gesetzes beunruhigen uns“, schmücken konnten. Nach Beschwerden Hussein Ahmad, Melanie Amann,
sagte Richard Allan, Facebooks Politikchef wegen „missbräuchlicher Profilinformatio- Sven Röbel, Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 2 / 2018 41


Die neue Sachlichkeit
Bundesländer Die Regierungsbündnisse in den Landeshauptstädten sind so vielfältig wie nie:
Aus zwei Lagern ist eine bunte Truppe geworden. Das verändert die Politik.

A
m Ambiente sollte es nicht schei- Oktober vergangenen Jahres die Sitzungen B-Runden lange Listen ausgehandelt wor-
tern. Im neogotischen Schloss Hal- des Bundesrats und erlebte die Verände- den. „Jetzt sitzt man in großer Runde lan-
berg zu Saarbrücken, in dem schon rungen aus nächster Nähe mit. „Man muss ge am Kamin und bespricht die Dinge
Kaiser Wilhelm II. residierte, versammel- sehr viel mehr miteinander reden, sich über pragmatisch.“ Im Kern überwiege in den
ten sich im Oktober 2017 die Ministerprä- die Parteigrenzen hinweg abstimmen und Gesprächen die Solidarität. „Was heraus-
sidenten der Länder zu ihrer Jahreskonfe- Kompromisse finden“, sagt sie. „Das ist kommt, ist plötzlich Realismus pur.“
renz. Die Sonne schien und wärmte die nicht die schlechteste Form von Demokra- Persönliche Bande helfen, die partei-
Luft auf 22 Grad, auf der Speisekarte des tie.“ Die Regierungschefin hatte im Grunde politischen Gräben zu überbrücken. Als
Restaurants finden sich Köstlichkeiten wie einen Posten als Chefdiplomatin inne. Sie Ramelow neu im Amt war und mit einer
Froschschenkel Provenzale, Rochenflügel verfolgte, wie bis kurz vor Sitzungsbeginn erneuten Rote-Socken-Kampagne der
mit brauner Butter und Carré vom Lamm per Smartphone hektisch Kurzmitteilungen Schwarzen rechnen musste, war es ausge-
in Olivenkruste. ausgetauscht und auch Probeabstimmun- rechnet der CDU-Mann Volker Bouffier,
Doch in Erinnerung blieb der Runde vor gen abgehalten wurden, um zu eruieren, der in der Ministerpräsidentenrunde strah-
allem der Auftritt des neuen schleswig-hol- wie die kunterbunt zusammengesetzten lend auf den Genossen zukam und ihn mit
steinischen Ministerpräsidenten Daniel Landesregierungen abstimmen würden. den Worten begrüßte: „Wir waren zusam-
Günther (CDU). Die Sozialdemokraten un- Mitunter fällt es selbst Politikprofis men bei Karstadt.“
ter den Ministerpräsidenten drängten auf schwer, die Übersicht zu behalten. Zählt Tatsächlich hatte Ramelow vor Jahr-
gemeinsame Entscheidungen, zu Abschie- Winfried Kretschmann, der grüne Minister- zehnten als Azubi bei dem Handelshaus
bungen und zu weiteren Themen, doch präsident, eher zum A- oder zum B-Lager? in Gießen malocht – und Bouffier zur sel-
ihre christdemokratischen Kollegen woll- Mal stimmt das eine, mal das andere: Er ben Zeit als Student. Der Linke empfand
ten sich nicht festlegen: Die Lage in Berlin war zunächst Gast der sozialdemokrati- den freundlichen Empfang als Eisbrecher
sei zu unklar. schen A-Runde, als er mit der SPD regier- und setzte die Appeasementpolitik seiner-
Das hielt Günther für „ziemlichen Un- te. Aber kurz nach der letzten baden-würt- seits fort. Weil Thüringen und Sachsen lan-
sinn“ und verwies darauf, dass die Länder- tembergischen Landtagswahl wechselte er ge Zeit von der CDU geführt wurden, hat-
chefs eben Länderinteressen zu vertreten ten sich die schwarzen Staatskanzleien
hätten. Und so wurde schließlich an jenem über Jahrzehnte eng abgestimmt bei Bun-
Oktobertag über Parteigrenzen hinweg ein- „Die Zeiten der desratsthemen. Statt Brandmauern einzu-
fach gemacht und nicht mehr gemauert. ziehen, beließ es Ramelow dabei und ko-
Während in Berlin die einen Sondierun- Koch- und Kellnerspiele operiert mit dem noch immer CDU-geführ-
gen gescheitert sind und die nächsten ge- sind in den ten Nachbarland. „Wir halten zusammen.“
rade beginnen, läuft an anderer Stelle der Ramelow geht inzwischen so weit, die
Demokratie ein interessantes Experiment.
Länderrunden vorbei.“ Runde der Regierungschefs als Familie zu
Weil die Regierungskonstellationen in den bezeichnen. Als Familie, die durch die
Landeshauptstädten so vielfältig sind wie blitzschnell ins B-Lager der Unionisten – häufigen Sitzungen seit der Flüchtlings-
nie, muss sich eine bunte Truppe mitei- noch bevor seine neue Landesregierung krise enger zusammengewachsen sei. Kürz-
nander verständigen – und überkommene mit der CDU überhaupt offiziell im Amt lich hat er in Niederwürzbach eine fast
Rituale hinter sich lassen. war. Kretschmann kommentiert lapidar: liebevolle Laudatio auf die saarländische
Ein Blick in den Bundesrat zeigt das Phä- „Es gibt Auflösungstendenzen der alten CDU-Regierungschefin Annegret Kramp-
nomen. 16 Länder mit 13 verschiedenen parteipolitischen Landschaft“, diesem Karrenbauer (CDU) gehalten, als diese den
Kombinationen der Regierung, Koalitio- Trend müsse man sich stellen. Medienpreis „Goldene Ente“ bekam. Die
nen, die sich vor Jahren in mancher Mi- Bündnisse sind in alle Richtungen mög- Kollegin, würdigte Ramelow, sei im Wahl-
schung niemand vorstellen konnte: Kenia, lich. Als es im Bund um die Richtlinie zu kampf geradlinig geblieben, in einer Zeit,
Jamaika, R2G, Ampel, Rot-Grün, Schwarz- den erneuerbaren Energien ging, tagten wo „zu viele zu sehr“ vor der AfD in die
Grün, Schwarz-Gelb, Grün-Schwarz, Rot- die Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin. Knie gegangen seien.
Rot. Es ist, als hätte ein Kind mit Buntstif- Bayerns Regierungschef Horst Seehofer So schafft man Vertrauen. „Wir haben
ten die Sitzverteilung in der Länderkam- (CSU) wollte erreichen, dass auch Biogas- jetzt die Chance, über Themen völlig neu
mer neu geordnet. anlagen gefördert werden. Angela Merkel zu reden“, sagt Ramelow. Zum Beispiel
In der alten Bundesrepublik kungelten schaute in die Runde und fragte, wer den über die Aufhebung des Kooperations-
A-Länder (SPD-geführt) und B-Länder Bayern denn beizuspringen gedenke. Als verbots, das Bildung zur Ländersache
(unionsgeführt) in getrennten Kaminrun- einer die Hand hob, war das Gelächter macht und den Bund an Schulen nicht mit-
den die großen politischen Linien aus. In- groß: Seehofer hatte sich mit Bodo Rame- mischen lässt. Ramelow war schon immer
zwischen ist ein moderiertes Modell ent- low verständigt, dem einzigen linken Mi- dafür, inzwischen hat er im CDU-Mann
standen, das dem aufgeregten Berliner nisterpräsidenten der Bundesrepublik und Daniel Günther einen unverhofften Mit-
Politikbetrieb zeigt: So kann’s gehen. Es in der alltäglichen CSU-Rhetorik so etwas streiter. Der erklärte gerade bei einem
muss neu gedacht, diskutiert und argumen- wie der Gottseibeiuns. Am Ende setzte Grünkohlessen mit Unternehmern im Kie-
tiert werden, die Mehrheiten sind nicht ze- sich das ungleiche Duo auch noch durch. ler Schloss, er sei in der Frage „eher bei
mentiert, sondern wechseln. „Die Zeiten der Koch- und Kellnerspiele FDP und Grünen als bei meiner Bundes-
Die rheinland-pfälzische Ministerpräsi- sind in den Länderrunden vorbei“, freut partei“. Es müsse Familien mit Kindern er-
dentin Malu Dreyer (SPD) leitete bis Ende sich Ramelow. Früher seien in den A- und leichtert werden, von einem Bundesland

42 DER SPIEGEL 2 / 2018


Deutschland

Koalitionen auf Länderebene in ein anderes umzuziehen und die Schule


CDU CSU SPD Grüne Linke FDP zu wechseln.
Schon jetzt spricht die Bilanz der Länder-
kammer für eine gewisse Effizienz dieses
Modells. In der letzten Legislaturperiode
fielen von 554 Gesetzen nur 2 durch, drei
Schleswig-
g- kamen in den Vermittlungsausschuss. „Kom-
Holstein
(SH)
SH
Mecklen- promissfähigkeit und Vertrauen sind durch
burg- die vielen gemeinsamen Sitzungen der Mi-
Vorpommern
Vorpo mern
Hamburg (MV)
(M
MV)) nisterpräsidenten mit der Bundesregierung
(HH) gewachsen“, sagt Hamburgs Erster Bürger-
meister Olaf Scholz (SPD), der die A-Länder
Bremen
(HB) koordiniert. Regierung und Bundestag klär-
ten in der Regel bereits vorher, wie sie die
Berlin Zustimmung der Länder bekommen.
(BE) Flüchtlingskrise, Energiewende, Bund-
Nieder- Länder-Finanzbeziehungen – all die The-
sachsen Sachsen- Branden-
Anhalt men zwangen zu engen Abstimmungen.
Nord- (NI) burg
rhein- (ST)
((SS ) (BB)
( )
Selbst das Kanzleramt zeigt sich beein-
Westfalen
W n druckt von so viel Pragmatismus. Anfang
(NW)
W November lobte der Staatsminister im
Kanzleramt Helge Braun die Zusammen-
arbeit im Bundesrat. Sie sei „ein beredtes
Sachsen Gegenbild zu dem Eindruck, der manch-
Rhein- Hessen (SN)
land- Thüringen mal erweckt wird, dass Politik nur aus
(HE) Streit und nicht aus Konsens besteht“.
Pfalz (TH)
(RP)
RP Scholz wirkte selbst als großer Vermitt-
ler. Er handelte nach jahrelangen zähen
Gesprächen mit Bundesfinanzminister
Saarland Wolfgang Schäuble einen Kompromiss
(SL) zum Länderfinanzausgleich aus. Ausgangs-
Baden- punkt war eine Gefechtslage, die eigentlich
Württem- Bayern nicht zu beherrschen war: Drei Südländer
bergg (BY) wollten weniger zahlen, die Ostländer
(BW)
W) brauchen aber weiterhin Geld, die Sanie-
rungsländer trotz Schuldenbremse noch
Gestaltungsspielraum, und die Stadtstaa-
Stimmenverteilung im Bundesrat insgesamt 69 Stimmen, absolute Mehrheit: 35 Stimmen ten wollten wie bisher von Ausgaben für
6 4 3 3 6 6 5 4 4 4 3 3 4 4 4 6 das Umland entlastet werden. Die Länder
bekamen am Ende zusammen zehn Mil-
liarden Euro jährlich mehr – und der Sozi
Scholz nennt die Unionspolitiker Seehofer
und Bouffier seitdem Horst und Volker.
Die Ministerpräsidenten, sagt Scholz,
seien zwar nicht parteipolitisch neutral, sie
hätten aber den Eid auf die Landesverfas-
sung geschworen: „Die Interessen des Lan-
NI SN SL MV NW BW HE SH ST BB HB HH BE TH RP BY des dominieren.“ Und damit im Zweifels-
fall die Sache und nicht die Strategie der
jeweiligen Parteizentrale.
So entstehen Ergebnisse, die auf den ers-
ten Blick überraschen. Als Bayern die Pkw-
Maut für die Autobahn einführen wollte,
stellten sich nicht nur die SPD-Länder quer,
auch das schwarze Saarland scherte aus. Da-
mit waren die Mautpläne der CSU beerdigt.
Dann aber sprang erneut Ramelow den
Bayern bei. Sein Freistaat erhielt dafür ein
Millionenversprechen, den Ausbau der Mit-
BECKERBREDEL / PICTURE ALLIANCE

te-Deutschland-Bahnverbindung über die


thüringischen Städte Jena und Gera. Ein
„epochaler Fortschritt“ für sein Land, fand
der Linke.
So leicht macht Geld den Abschied vom
alten Lagerdenken.
Matthias Bartsch, Annette Bruhns, Jan Friedmann,
Ministerpräsidenten bei Jahreskonferenz in Saarbrücken im Oktober 2017: „Völlig neu reden“ Annette Großbongardt, Steffen Winter

DER SPIEGEL 2 / 2018 43


Am Boden
Terror Marie wurde beim Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz schwer verletzt. Anna war
zufällig da und hielt eine Stunde lang ihre Hand. Die Geschichte einer Freundschaft.

M
arie, Mitte vierzig, 1,66 Meter
groß, Angestellte, geboren in
Sachsen, kinderlos, Lieblingsfilm
„Die Verurteilten“ mit Morgan Freeman,
und Anna, Anfang vierzig, 1,71 Meter
groß, Geschäftsfrau, geboren in Bayern,
Mutter Deutsche, Vater Migrationshinter-
grund, kinderlos, liebt alle Filme von
Ernst Lubitsch, stehen am 19. Dezember
2016 ein paar Meter voneinander entfernt
auf dem Berliner Breitscheidplatz. Sie
kennen sich nicht.

Anna: Die meisten werden ja Freun-


de, weil sie was Schönes erlebt ha-
ben. Bei uns war’s umgekehrt.

Marie sagt, eine ihrer Bekannten sei ge-


rade angerempelt worden, Glühwein
über die Jacke, große Sauerei. Sie versu-
chen, die Flecken abzuwischen, das weiß
Marie noch.
Komm, ich helf dir mal.
Das Nächste, an das sie sich erinnert:
Sie liegt, auf einer Budentür.
Ihre Brille ist weg, ihre Tasche auch,
seitlich steht ein Lkw. Sie kann sich kei-
nen Reim darauf machen, auch nicht da-
rauf, was mit ihren Beinen ist, die an ihr
runterhängen wie bei einer Marionette.
Ihr ist fürchterlich kalt, und es ist ganz
still um sie rum.
Sie denkt: Das sieht nicht gut aus.
Neben ihr sitzt eine Frau, sie sieht sie
nur verschwommen, diese Frau deckt
sie zu.
Die Frau hält ihre Hand und stellt ihr
Fragen.
Sie hört die Frau flüstern: Ihre Beine
sind Matsch.
Sie denkt: Mein Gott, muss die so re-
den, ich höre sie doch.
Sie hat starke Schmerzen, aber keine
Angst.
Irgendwann wird sie abgeholt und in
ein Krankenhaus gebracht, aber da ist sie
schon bewusstlos.

Marie: Du kannst stolz auf dich sein,


dass du nicht weggelaufen bist.
Anna: Es war ein Reflex.
DOMINIK BUTZMANN / DER SPIEGEL

Anna läuft hin, vorbei an einer Frau, der


der Lkw die Beine abgetrennt hat, bei
ihr sitzt schon jemand, der sich kümmert.
Sie ist erleichtert, geht weiter. Dann sieht

Die Namen der beiden Frauen wurden auf ihren


Opfer Anna, Marie: Mit dem Glühwein in der Hand sterben, das wär’s gewesen Wunsch hin geändert.

44 DER SPIEGEL 2 / 2018


Deutschland

sie eine blonde Frau, die eigentlich unver- Die Patientin heißt Marie Müller, Über- Anna muss wissen, wie es Marie geht. Sie
letzt aussieht. Doch als sie näher kommt, rolltrauma durch Lkw, Opfer des An- ruft Maries Freund an, die Nummer, die
sieht sie, dass die schwarze Hose kaputte schlags vom Breitscheidplatz. Marie ihr diktiert hat, als sie am Boden
Beine bedeckt. Sie zieht ihre Jacke aus, Hämatopneumothorax und Lungen- lag. Als sie sich das erste Mal sehen, ist
deckt die Frau damit zu, sie setzt sich im kontusion links bei Rippenserienfraktur Marie noch im Krankenhaus.
Schneidersitz neben ihren Kopf, so, dass Costae 5–11 links Sie müssen heulen.
die Frau die auf dem Platz liegenden Kör- Offene distale Unterschenkelfraktur rechts Sie bestellen Sushi.
perteile und Organe nicht mehr sehen Offene Femurfraktur und Tibiakopf- Sie trinken Sekt.
kann. fraktur im Sinne einer Floating-Knee-Ver- Sie reden.
Ein Feuerwehrmann rennt vorbei. letzung links
Haben Sie medizinische Erfahrung? Becken-B-Verletzung rechts Marie: Hast du gesehen, wie der Lkw
Meine Eltern sind Ärzte, ich hab mal in Frakturen Endphalanx Dig. Ped. I und mich getroffen hat?
der Praxis geholfen. Ossa Metatarsalia II bis V rechts Anna: Nein.
Bleiben Sie bei ihr. Auf einer Skala von eins bis zehn, wo Marie: Wirklich nicht? Du kannst es
Die Frau will wissen, wo ihre Handta- würden Sie den Schmerz einordnen? mir sagen.
sche ist, als hätte sie keine anderen Sorgen. Zwanzig. Anna: Ich hab’s nicht gesehen!
Anna stellt ihr Fragen, damit sie wach
bleibt. Marie fehlen ein paar Sekunden, sie kann
Wo kommst du her? sich nicht erinnern, wie der Laster sie traf,
Wie alt bist du? ob er über sie rollte, wie das Wort Über-
Wie heißt du? rolltrauma es sagt. Geschleudert wäre ihr
Wo kommst du her? lieber.
Die Frau antwortet, aber irgendwann Sie sucht sich auf Fotos vom Tatort, in
wird sie sauer. Beschreibungen dessen, was an dem
Kannst du mal ’ne neue Platte auflegen? Abend geschah, aber sie findet sich nicht.
Du fragst immer dasselbe. Sie fragt Anna, und Anna sagt: Sei froh,
Und wo ist eigentlich meine Hand- dass du es nicht weißt.
tasche? Aber ich muss es wissen, sagt Marie, ich
Es ist saukalt, und sie sitzt hier in ihrer kann das sonst nicht übereinanderlegen.
blöden Midwaisthose ohne Jacke. Ich hab das Gefühl, das ist gar nicht mir
Anna will weglaufen, zu spät. Die Frau passiert.
will auch weglaufen, Anna drückt sie zu- Anna sagt: Gar nichts musst du wissen.
rück auf den Boden: Du bleibst hier.
REINER ZENSEN / IMAGO

Ab und zu rennt ein Feuerwehrmann vor- Anna: Würdest du mit mir tauschen
bei, jemand bindet der liegenden Frau ein wollen? Körperlich gesund und dafür
grünes Band um den Arm, das heißt, sie einen an der Klatsche?
muss warten, andere sind schlimmer dran. Marie: Ich glaub, was du hast, ist
Anna spricht weiter mit ihr. schlimmer.
Wo kommst du her? Gedenkstätte am Breitscheidplatz
Wie ist deine Telefonnummer? Alles war wieder ganz ruhig Anna sieht jünger aus, als sie ist, das sind
Sie ruft vorbeilaufende Helfer, jemand die Gene, sagt sie. Anna sagt, sie war ein
soll doch endlich kommen, aber die schau- Nach drei Monaten kann sie zum ersten Go-getter, früher, jemand, der bekommt,
en sie an und schütteln den Kopf. Später. Mal wieder auf ihren Beinen stehen, im was er will.
Die Zeit will nicht vergehen. Bewegungsbad. Da wird ihr klar, wie Sie beriet große Firmen auf der ganzen
Die Frau sagt: Ich kann nicht atmen. Ich kaputt sie sind, wie viel Metall drin ist. Welt, Businessclass, super Hotels. Im Som-
hab solche Schmerzen. Ihre Beine, sagt sie, sind jetzt ein Kunst- mer 2016 nahm sie eine Auszeit, einfach
Anna hält einen vorbeilaufenden Sani- werk. aus Spaß, um mal zu überlegen, was sie
täter an der Hose fest: Geben Sie der Frau will im Leben, sie dachte, wenn sie wieder
endlich eine Scheißegal-Spritze. Anna: Ich seh mich eigentlich nicht arbeiten will, ist das sicher kein Problem.
Sie zieht die Jacke weg, mit der sie sie als Opfer, ich bin doch nicht verletzt. Ich bin doch ich.
zugedeckt hat, zeigt auf das, was darunter Marie: Klar bist du ein Opfer. War ein geiler Sommer, sagt sie.
liegt. Ihre Beine sind Matsch! Anlage zum Befundbericht:
Eine Stunde ist vorbei, die Frau wird ab- Anna verlässt den Breitscheidplatz, Die Patientin zeigt sich vom Affekt sehr
transportiert. sie geht in eine Bar und trinkt einen traurig, verunsichert, traumatisiert. Beim
Wodka. Bericht vom Vorfall ist eine massive psy-
Marie: Ich könnte heulen bei dem Erst ist alles fast wie immer, außer dass cho-vegetative Erregung wahrzunehmen.
Gedanken, dass du da so lange ohne sie ein bisschen mehr trinkt. Sie fliegt Die Patientin berichtet über folgende ex-
Jacke sitzen musstest. Silvester nach Dubai, wie geplant, zurück treme Gefühlszustände im Traum-Gefühls-
in Deutschland fällt ihr auf, dass nichts Inventar: Angst, Ärger, Hilflosigkeit, Trau-
Eine Schwester drückt Marie eine Maske beim Alten ist. Ihr fehlt nichts, nicht mal rigkeit, Entsetzen, Gefühl von Unwirklich-
auf das Gesicht, sie versucht, sie wegzu- ein Kratzer. Und doch. Irgendwas ist an- keit, emotionale Taubheit.
schlagen. Ihr Freund weint am Bett. Irgend- ders. Es geht ihr nicht gut, und es wird Es wurde eine ausführliche Anamnese
wo fern ein Knall, nur wo? Schließlich nicht besser. aufgenommen sowie die „Internationale
wacht sie auf, und ihre Beine sind mit Diagnosen Checkliste DSM-IV“ bzgl.
riesigen Eisenstangen fixiert, aus ihrem Marie: Ich glaube, du hast mich ge- posttraumatischer und akuter Belastungs-
Körper kommen Schläuche. rettet. störung durchgeführt. Anhand dieser und
Ärzte betreten den Raum, Visite. Anna: Nein, hab ich nicht. im klinischen Eindruck sowie in allen

DER SPIEGEL 2 / 2018 45


Fragebögen entstand das Bild einer schwe-
ren posttraumatischen Belastungsstörung.
Annas Welt ist nun viel kleiner. Zwei
Straßen von der Wohnung in jede Rich-
tung, that’s it. Dahinter beginnt sie, näher
an der Wand zu gehen. Auf U-Bahnhöfen
schaut sie sich um.
Würde sie hier jemand schubsen?
Sie fühlt sich so klein, und sie weiß nun,
was triggern ist.
Alles kann triggern.
Eine Sirene.
Das Quietschen von Lastwagen, wenn
sie bremsen.
Der Ketchupbrunnen, der auf einem der
Opferempfänge auf dem Buffet steht.
Flashbacks.
Die Vorstellung, wieder arbeiten zu ge-
hen, fühlt sich verrückt an. Sie kann sich
vielleicht eine Stunde lang konzentrieren,
dann geht das wieder los. Sie sieht den
Laster in Technicolor.
Ihr Therapeut versucht mit ihr zusam-
men, die Szene schwarz-weiß zu stellen,
es klappt nicht.
Sie sagt sich manchmal: Komm,
stell dich nicht so an, dir fehlt doch nix.
Marie hatte sieben OPs, und du? Aber
sie kann nicht mehr mit sich reden wie
früher.
Sie hat Tropfen, Trimipramin, drei- bis
viermal 20 Tropfen, hat der Arzt gesagt,
aber die hauen ein Pferd um. Sie nimmt
2, 3 Tropfen, und 10, wenn sie schlafen

DOMINIK BUTZMANN / DER SPIEGEL


will. Aber eigentlich will sie wach sein,
damit sie wegrennen kann, falls was
passiert.
Sie hat nun einen neuen Freund, sie
nennt ihn ihre „Schlaftablette“. Wenn er
da ist, geht’s besser.
Zwei Dinge beschäftigen sie.
Nummer eins: Jemand hat Marie gesagt, Freundinnen Anna, Marie: Nicht ein Quäntchen Glück
dass sie Glück hatte, nicht als eine der ers-
ten Verletzten operiert worden zu sein.
Wegen des Zeitdrucks wären ihr die Beine Was Marie aufregt: wenn jemand sagt, sie zu verarbeiten. Sie wuchs auf ohne Liebe,
amputiert worden. Anna, die so darauf ge- hatte Glück im Unglück. So etwas gibt es im Dreck, mit elf kam sie ins Heim, das
drängt hatte, dass Marie als eine der Ersten nicht. Da war nicht ein Quäntchen Glück. sei das Beste, was ihr in ihrem Leben pas-
drankommt, kriegt das nicht aus dem Kopf. Nur Pech. siert ist. Es war ordentlich da. Marie mag
Beinah hätte ich sie ihre Beine gekostet, Sie schaut sich jeden Tag ihre Beine an, es ordentlich. Ihre Vergangenheit, sagt
denkt Anna. Marie sagt: Du hast getan, da entdeckt sie immer wieder was Neues. Marie, habe sie inzwischen verarbeitet.
was du für richtig gehalten hast. Links fehlt ein Teil der Wade, an der Knie- Rundgelutscht, nennt sie das. Der Breit-
Nummer zwei: die Frau ohne Beine, an kehle fehlt auch Fleisch, überall Narben, scheidplatz liegt in ihr, ein Ding mit Kan-
der sie auf dem Breitscheidplatz vorbei- dort steckte ein Ast drin, da ein Stück Glas. ten, nichts ist rund.
ging, weil sie nicht anders konnte. Dafür In der Wohnung gehts ohne Krücken, Sie hat lange nur wenig geweint, das ers-
schämt sie sich. sagt Marie, draußen nicht. Was, wenn sie te Mal so richtig im Mai, das war schreck-
Ihr Therapeut hält sich mit Prognosen stolpert? Was, wenn der Junge da vorn auf lich, einen ganzen Tag lang wollte das
zurück. Er behandelt Patienten, die bei dem Skateboard sie trifft? Sie will ihre nicht aufhören.
dem Anschlag in Nizza dabei waren. Die Beine beschützen. Offiziell, sagt sie, ist sie Sie hat ihren Therapeuten gefragt, ob
kommen immer wieder. jetzt eine Behinderte. sie sich anlügen darf. Nun sitzt sie manch-
Ist sie das? mal da und überlegt, was gewesen wäre,
Marie: Du bist manchmal sehr besitz- Sind das ihre Beine? wenn. Wenn sie an dem Tag krank gewe-
ergreifend. Manchmal macht sie Witze. sen wäre, zum Beispiel. Wenn ihre Be-
Anna: Bin ich nicht. Ich renn dann schon mal vor. kannten sie zu spät abgeholt hätten, wenn
Marie: Im Restaurant sagst du, was Ich hüpf mal eben da hin. sie noch mal aufs Klo gegangen wäre.
ich essen soll! Ist nicht so, dass alles nur traurig ist. Wenn sie ein paar Buden weiter gestanden
Anna: Du bist auch manchmal ganz Marie sagt, sie will nicht rumsitzen und hätte. Dann geht’s ihr besser.
schön oberlehrerinnenhaft. jammern. Sie hat Erfahrung damit, Dinge Der Gedanke geht auch andersrum.

46 DER SPIEGEL 2 / 2018


Deutschland

SPIEGEL GESCHICHTE
SAMSTAG, 6. 1., 20.15 – 21.45 UHR | SKY
Mit dem Glühwein in der Hand sterben, Marie: Manchmal denk ich, ich lieg im-
das wär’s gewesen. Dann hätte sie sich den mer noch auf dem Platz. The Nineties –
ganzen Mist erspart. Die Fremde, die ihre Anna: Und ich sitz neben dir. Das neue Fernsehen
Freundin angerempelt hat, ist tot. Im Grun- Wenn man die beiden nach ihrer Zu- Die Neunziger sind das Jahrzehnt
de ist sie an diesem Abend um den Tod kunft fragt, sprechen sie von den Men- des technologischen Fortschritts
betrogen worden. schen, die sie waren, bevor sie Freundin- und der gesellschaftlichen Vielfalt.
nen wurden. Eine Zeitreise, produziert von
Marie: Glaubst du, wir wären Freun- Marie war sportlich. Sie hat jetzt wieder den Emmy-Gewinnern Tom Hanks,
de geworden, ohne das? eine OP, man hat ihr gesagt, dass man eine Gary Goetzman und Mark Herzog.
Anna: Wir wären uns nicht über den Teilfunktion des rechten Beins wiederher-
Weg gelaufen. stellen kann. Marie sagt, sie will so viel aus
ihren Beinen rausholen, wie es geht. Ir- SPIEGEL TV MAGAZIN
Anna sagt, sie seien jetzt irgendwie ver- gendwann, sagt sie, will sie wieder joggen. SONNTAG, 7. 1., 22.25 – 23.35 UHR | RTL
bunden, da könne man nichts machen. Sie Anna möchte wieder im Ausland arbeiten. Ein Jahr Trump – Reise durch
schreiben sich regelmäßig Nachrichten, sie Marie träumt, dass sie sich bei einem eine gespaltene Nation
telefonieren, manchmal gehen sie zusam- Treppenlauf anmeldet, und kurz vor dem
men essen. Wenn es Marie schlecht geht, Start fällt ihr ein, dass sie es nicht schaffen Zwischen getwitterten Unflätig-
geht es Anna schlecht. Wenn es Marie gut kann. keiten, bizarren Behauptungen und
geht, geht’s ihr besser. Das ist irgendwie Anna träumt, dass sie wegrennen will. denkwürdigen Auftritten verändert
auf dem Platz passiert. Aber es geht nicht. Donald Trump Amerika wie kein
Man wusste damals nicht, was man sich Ein Jahr ist vorbei. US-Präsident in den vergangenen
für eine an Land gezogen hat, sagt Anna. Es gab eine Einladung ins Kanzleramt, Jahrzehnten. Und hat damit
Am Telefon, noch vor dem ersten Wieder- einen Empfang von Angela Merkel für die eine neue Ära eingeläutet, auch für
sehen, nahm sie erstmals Maries sächsi- Opfer. Am Ende, der Käse wellte sich Europa und Deutschland. Eine
schen Dialekt wahr, sie dachte: Hoffentlich schon auf den Schnittchen, kam Merkel Schwerpunktsendung über Gewinner
ist die nett. Sie fragte: Hast du was gegen auch an ihren Tisch, die Zeit reiche nicht und Verlierer im ersten Jahr Trump.
den Islam? mehr aus, um mit allen zu reden, sie habe
Wenn sie über Anis Amri, den Attentä- aber wirklich viel erfahren und gelernt, es
ter, reden, sagen sie: nettes Gesicht, eigent- werde ein weiteres Treffen geben. 45 MIN
lich. Man kann gar nicht glauben, dass er Marie drückte ihr einen Brief in die MONTAG, 8. 1., 22.00 – 22.45 UHR | NDR
das gewesen sein soll. Hand, in dem steht, dass die Politik die Op-
Sie sagen auch: Schade, dass er erschos- fer mit alldem nicht so alleinlassen sollte. Der Wetter-Wahnsinn –
sen wurde. Zu einfach. Anna sagt, als sie zum Kanzleramt kam, Stürmisch und teuer
Sie sprechen nur mit wenigen über die- habe ein Polizist gefragt, wohin sie will. Stürme, Starkregen und Sturzfluten:
sen Tag, über dieses Jahr, und dennoch Ich wurde zu dem Treffen der Opfer Immer häufiger wird Deutschland
haben sie noch nie so vielen Menschen sa- vom Breitscheidplatz eingeladen.
gen müssen, wie es ihnen geht. Der Polizist schlug die Hacken zusam-
Anna muss immer wieder aufschreiben, men und salutierte.
was an diesem Tag los war, die Berufsun- Klingt vielleicht komisch, aber das tat gut.
fähigkeitsversicherung kann sich nicht vor- Am 19. Dezember 2017, dem Tag, als
stellen, dass dieser Anschlag es ihr unmög- das Denkmal für die Toten eingeweiht wur-
lich macht zu arbeiten, ein Jahr danach. de, standen sie wieder auf dem Breitscheid-
Jeder Fragebogen ist ein Trigger. platz. Maries Therapeut hatte angeboten,
Marie hat dafür extra einen Ordner vorher mit ihr hinzugehen, um zu testen,
„19.12.2016 Anschlag Breitscheidplatz“. wie es sich anfühlt, sie wollte nicht. Einmal
SPIEGEL TV

Darin hat sie die Korrespondenz abgelegt: reicht.


Justizministerium. Lageso, Verkehrsopfer- Nebeneinander, Hand in Hand in der
hilfe, Krankenkasse, Weißer Ring, Vir- Kälte, um sie herum die anderen Opfer. Aufräumarbeiten in Bad Harzburg
chow-Klinik, Benjamin-Franklin-Kranken- Dazu Frau Merkel, Herr Gabriel, Herr
haus, Elbtalklinik Bad Wilsnack, sieben Maas, Herr Steinmeier, Herr de Maizière, von schweren Unwettern heim-
verschiedene Ärzte, Unfallversicherung, lauter Promis, die froren auch. Auf den gesucht. Für Hausbesitzer bedeutet
Anwalt. Häusern standen Scharfschützen, die Stra- das mitunter eine Katastrophe,
Wer gut zu ihnen war: der Weiße ßen waren gesperrt. Alles war wieder ganz vor allem wenn sie nicht ausreichend
Ring. ruhig. Nur unter ihnen vibrierte der Boden, versichert sind.
Was sie hassen: dass man sich vorkommt die U-Bahn, und Anna dachte: Hoffentlich
wie Bittsteller. Dass in den Briefen von ei- jagt uns keiner in die Luft.
nem Nachweis der „Bedürftigkeit“ geredet Heulen. Lippen zusammenpressen. SPIEGEL TV REPORTAGE
wird. Dass es keine ausreichenden Gesetze Irgendwann wurden Blumen niederge- DIENSTAG, 9. 1., 23.10 – 0.15 UHR | SAT.1
gibt, die ihre Ansprüche regeln. Was ihnen legt, eine Frau schrie so laut auf, als wollte
passiert ist, hätte jedem passieren können: sie für alle schreien. Not in der Notaufnahme –
der Frau von der Verkehrsopferhilfe, dem Anna zeigte Marie die Stelle, wo sie da- Lebensretter am Limit
Mann von der Krankenkasse, sie standen mals gelegen hatte. Marie überlegte kurz, Stundenlanges Warten, überfordertes
da doch stellvertretend für alle und sind ob sie hinspucken sollte. Personal, pöbelnde Patienten – in den
nun allein mit all dem Papier. Aber was bringt das schon? Notaufnahmen deutscher Kliniken
Manchmal fragt Marie sich: Ist das Dann verließen sie zusammen den Platz, herrscht oft Ausnahmezustand. Der
schon Selbstmitleid? Sie würde gern bei wie sie es vorher vereinbart hatten. Grund: Viele Menschen gehen direkt
den Fakten bleiben. Britta Stuff, Wolf-Wiedmann-Schmidt in die Klinik statt zu ihrem Hausarzt.
DER SPIEGEL 2 / 2018 47
Deutschland

Was für Helden


Ostdeutschland In der DDR stritten sie als Bürgerrechtler für Demokratie – jetzt driften
Freiheitskämpfer von einst nach rechts ab. Warum? Von Konstantin von Hammerstein

A
ls die Stasi Siegmar Faust 1972 tet, dass jetzt der letzte Heldenmythos der keit kaum zu überbietende Katrin Göring-
nach sieben Monaten Untersu- Ostdeutschen beschädigt werden könnte, der Eckardt“, die „Europäische Union der so-
chungshaft in die Psychiatrie nach Widerstand gegen das Unrechtsregime der zialistischen Sowjetrepublik“, gegen Heiko
Waldheim einlieferte, war er neidisch. Ein- DDR. Wer taugte dann noch zum Vorbild? Maas, Karl Marx und die „äußerst merkel-
mal am Tag kamen die Wärter in ihrem Selbst wenn es keine Umfragen gibt, würdige ‚Mutti‘ der Nation, die alles tut,
weißen Kittel in seine Achtbettenzelle, die spricht vieles dafür, dass die meisten frü- die Nation samt ihrer Kultur aufzulösen,
Insassen mussten eine Ladung bunter Pil- heren Dissidenten und Bürgerrechtler mit aufzugeben zugunsten einer barbarischen
len aus einem Glasröhrchen schlucken, nur der AfD und ihren Satellitenorganisatio- Religion, die sich Islam nennt“.
Faust ging leer aus. nen nichts zu tun haben wollen. Doch eine Das Manifest ist ein wütender Kreuzzug
Dabei hätte er gern Widerstand geleistet. Minderheit fühlt sich von den Rechten an- gegen den Islam, den „puren Hass“, der
Und die Medikamente heimlich wieder gezogen. aus Mohammeds „angeblichen Prophezei-
rausgewürgt, wie seine beiden Mithäftlin- Wer diese Menschen besucht, erfährt ungen trieft“, und gegen den Koran, den
ge. Oder der Gangster in seiner Zelle, der vieles über den seelischen Zustand des Faust für eine „Bibel des Satans“ hält. „Wir
mit Schaum vor dem Mund so gut den Epi- Landes. Und den seiner Helden. sollten nur solche Moslems aufnehmen“,
leptiker spielte, dass ihm die Aufpasser schreibt er, „die konvertieren oder sich
erst spät auf die Schliche kamen. vom Islam lossagen, also säkularisieren,
Bei seinen Verhören hatte Faust ver- Die Wutbürger wollen“.
sucht, die Stasi-Vernehmer mit ihren eige- Sächsisch ist ein Dialekt, der leicht in die Es ist eine Mischung aus berechtigter
nen Waffen zu schlagen, und sie mit den Irre führt. Wenn Siegmar Faust Geschich- Angst und einer düsteren, paranoiden Pa-
Parolen traktiert, die er als Jungmarxist ten erzählt, kehrt in seinem Wohnzimmer rallelwelt, in der sich der Mann bewegt,
aus der Schule kannte. Zur Strafe steckten nach wenigen Minuten der tiefe weihnacht- der in den Siebzigerjahren im Zuchthaus
sie ihn unbefristet in die Psychiatrie. Er liche Friede eines frisch verschneiten Tan- Cottbus 400 Tage lang in Einzelhaft im be-
hatte Glück. Wenige Wochen später ord- nenwaldes ein. Da sitzt ein freundlich lä- rüchtigten „Tigerkäfig“ überlebte. In der
nete der neue SED-Chef Erich Honecker chelnder Märchenonkel mit eisgrauem ostdeutschen Dissidentenszene ist er da-
eine landesweite Amnestie an, und man Vollbart, der Sächsisch in der denkbar mil- durch zur Legende geworden.
ließ ihn laufen. Erst zwei Jahre später wur- desten Variante spricht. Bei ihm ist es nicht Faust hatte 13 Ausgaben der illegalen
de er wieder verhaftet. mehr als eine Andeutung, zart vernuschelt Häftlingszeitung „Armes Deutschland“
Als junger Mann kämpfte Faust für Mei- die Vokale; und Konsonanten, denen verbreitet, die er vom ersten bis zum letz-
nungsfreiheit und Menschenrechte. In der jede Härte fehlt. Kann so ein Mensch böse ten Buchstaben mit der Hand schrieb.
DDR war er damit ein Andersdenkender, werden? Manchmal auf Klopapier, manchmal auf
ein Dissident. Jetzt ist er 73, seine Peiniger Neulich hat er sich an seinen Computer Zetteln, die ihm Kriminelle in die Zelle
sind in Rente oder lange tot, doch Faust gesetzt. Es ging nicht anders, die Wut muss- schmuggelten. Erst als Amnesty Interna-
kämpft immer noch. Er kann nicht anders, te raus. Wenn Faust aufgebracht ist, merkt tional ihn 1976 zum „Gefangenen des Mo-
es wäre gegen seine Natur. man es nicht gleich. Die Stimme und der nats“ ausrief, wurde er von der Bundes-
Bei der Bundestagswahl hat er die AfD Dialekt verändern sich kaum, sein Mund republik freigekauft.
gewählt. Sein Freund Wolf Biermann fin- scheint immer noch zu lächeln, aber die Die Wut ist ihm und anderen DDR-Häft-
det das „zum Kotzen“, auch wenn er dem Augen werden dunkel, und seine Stirn be- lingen geblieben. Der junge Diplom-Öko-
alten Weggefährten im SPIEGEL beschei- ginnt zu glänzen. nom Werner Molik wurde im September
nigte, er sei „keine Kanaille, sondern ein „Ich muss mich schreibend wehren ge- 1977 von der Stasi abgeholt. Die SED hatte
wunderbarer, tapferer Kämpfer“. gen den schreienden Unsinn dieser Zeit“, ihm wegen unverhohlener Systemkritik
Was treibt diesen „sturen Helden“ (Bier- hämmerte er in die Tasten, „also lasse ich die Promotion aberkennen lassen und ihn
mann) in die Arme der AfD? Oder den meinen wütenden Gedanken freien Lauf, mit Berufsverbot belegt. Als der SPIEGEL
Unternehmer Werner Molik, der 1977 für bevor es mit dieser Freiheit zu Ende geht über seinen Fall berichtete, wurde Molik
anderthalb Jahre als politischer Häftling oder mir eine Fatwa am Halse hängt.“ wegen „Drucks auf die staatlichen Organe“
in Cottbus eingesperrt wurde? Weshalb un- Die Suada wurde 130 Seiten lang. Faust zu anderthalb Jahren Haft verurteilt.
terstützt Angelika Barbe, die Mitgründerin brachte sie zum Copyshop und ließ sie zu Auch Molik saß in Cottbus, und auch er
der Ost-SPD, Pegida? einer kleinen Broschüre binden, die er wurde freigekauft. In Düsseldorf machte
Warum driftet der Umweltaktivist Mi- jetzt manchmal Besuchern in die Hand er Karriere bei einer Bank. Nach dem Mau-
chael Beleites nach rechts ab? Und wes- drückt. Die Schrift ist eine Abrechnung erfall zog es ihn zurück in den Osten. Im
halb ist der frühere Bürgerrechtler und mit allem, was Faust in diesen Tagen so Seebad Heringsdorf auf Usedom kaufte er
heutige CDU-Politiker Arnold Vaatz zum durch den Kopf geht. Und das ist eine ein altes Hotel. Molik sympathisierte mit
Dissidenten in seiner eigenen Partei ge- Menge. den Sozialdemokraten, er war im CDU-
worden? Er wütet gegen den „ideologisch verdor- Wirtschaftsrat, inzwischen unterstützt er
„Es gibt eben keine Garantie, dass man benen“ Zeitgeist, die „linken Gutmen- die AfD.
in seinem Leben immer auf der richtigen schen“ und „falschfrommen Heuchler“, Wer Molik anruft, kann erleben, dass er
Seite steht“, sagt Marianne Birthler, die in gegen die Teufel „mitten unter uns, sie be- nur flüsternd antwortet. „Ich bin auf Jagd“,
den Achtzigerjahren eine wichtige Rolle in setzen das Kanzleramt“, die Melonen- haucht er dann in sein Handy. Es geht ihm
der DDR-Friedensbewegung gespielt hat. partei („außen grün, innen rot mit braunen gut. Neulich war er mit der ganzen Familie
Die langjährige Stasi-Beauftragte befürch- Kernen“), die an „unverschämter Dreistig- in Namibia, in Vorpommern hat er sich
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SVEN DÖRING / DER SPIEGEL

SVEN DÖRING / DER SPIEGEL


SVEN DÖRING / DER SPIEGEL

SVEN DÖRING / DER SPIEGEL

DDR-Bürgerrechtler Beleites, Molik (o. r.), Therapeut Maaz (u. l.), Ex-Häftling Faust
„Ich muss mich schreibend wehren gegen den schreienden Unsinn dieser Zeit“

DER SPIEGEL 2 / 2018 49


Deutschland

Ackerflächen gekauft und eine Herde


Angusrinder. „Man könnte es Ängstlich-
keit nennen oder Vorsicht“, sagt er, „aber
in Notzeiten kann ich mich immer noch
selbst ernähren. Ein schönes Gefühl.“
Molik ist ein angenehmer, kultivierter
Gesprächspartner. Man kann wunderbar
in seinem gepflegten, holzgetäfelten Ho-
telrestaurant sitzen, Kaffee trinken und
über Safaris plaudern. Bevor man Zeuge
einer merkwürdigen Verwandlung wird.
Geht es um Politik, schießt Moliks Blut-
druck nach oben, sein Gesicht rötet sich,
auf seiner Stirn bilden sich Schweißperlen.
Ist er Wutbürger, fühlt sich Molik von
allen Seiten bedroht. Von den Leuten, die
aus Polen über die offene Grenze kommen
und sein Auto klauen. Von den vielen Aus-

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ländern, die ihm das Gefühl vermitteln,
nicht mehr in Deutschland zu leben. Von
den Grünen, die es geschafft haben, Union
und SPD in grüne Klone zu verwandeln.
Von der Europäischen Zentralbank, die
Deutschlands Kassen ausplündert. Von Montagsdemonstranten in Leipzig 1989: Mit einem Witz die ganze Republik erschüttern
den Eliten, die antideutsch sind und das,
was Deutschland ausmacht, abwickeln wol-
len. Von den Medien, die gleichgeschaltet nie beendet sein. Wer behauptet, die SED Der Analytiker
sind wie in der DDR. Nur dass man damals und ihre Nachfolger spielten heute keine Hans-Joachim Maaz hat sich einen
zum Westfernsehen umschalten konnte. Rolle mehr, sieht nicht aufmerksam genug Namen gemacht, als er 1990 ein ganzes
Der Himmel ist blau, die Ostsee schim- hin, glaubt sie. Sie muss nur an die Linken- Volk auf die Couch legte. „Der Gefühls-
mert durch das Wäldchen vor seinem Ho- politikerin Petra Pau denken, dann kommt stau“, hieß der Bestseller des Psychiaters
tel, der Kellner serviert Hirschgulasch, und ihr alles wieder hoch. aus Halle, der „ein Psychogramm der
Molik sieht schwarz. Wo er auch hinblickt. Barbe gehörte zu den Mitgründern der DDR“ vorlegen wollte. Das Buch hat sein
Die Frage ist, ob ihn seine Haft traumati- Sozialdemokratischen Partei in der DDR, Leben verändert. Seit 27 Jahren muss
siert hat. „Ich glaube nicht“, sagt er, „aber 1990 zog sie als SPD-Abgeordnete in den Maaz nun immer ran, wenn die Ostdeut-
vielleicht wissen wir besser als andere, wie ersten gesamtdeutschen Bundestag ein. schen mal wieder nicht so ticken, wie
fragil das Leben ist. Dass es jederzeit an- Wie sie damals als Ostdeutsche behandelt sie sollen. Niemand erklärt die Ossiseele
ders kommen kann.“ wurde, hat sie den Genossen bis heute so eindrücklich wie der Therapeut aus
nicht verziehen. Die Arroganz, mit der die Halle-Dölau.
stellvertretende Fraktionschefin Herta Seit einiger Zeit hat er wieder Konjunk-
Die Kämpferin Däubler-Gmelin sie vorgeladen habe, die tur. Der Ostdeutsche läuft massenweise
Bei Angelika Barbe, in ihrem Häuschen Beine hochgelegt: „Angelika, dir ist doch zur AfD über, Herr Doktor Maaz, bitte sa-
in Berlin-Rudow, gibt es schon morgens hoffentlich klar, dass du nur durch Zufall gen Sie uns, warum. Weil die Wirkung des
Kaffee und Kuchen. Lecker Christstollen im Bundestag bist.“ Opiums nachlässt, antwortet er dann. Die
aus Dresden, selbst gebacken von einer Aus Protest gegen die Zusammenarbeit Menschen haben Angst vor Veränderun-
„lieben Freundin“ von Pegida. der Sozialdemokraten mit der SED-Nach- gen, vor Klimawandel, Digitalisierung und
Barbe muss man sich als temperament- folgepartei PDS wechselte Barbe 1996 in Migration.
volle, fröhliche Frau vorstellen, für die La- die CDU. Dort ist sie immer noch, selbst Angela Merkel hat lange Zeit den An-
chen und Empörung kein Widerspruch wenn sie inzwischen für die AfD Wahl- schein erweckt, sie habe alles im Griff, ob-
sind. Sie lacht häufig, und sie empört sich kampf macht und bei Pegida mitläuft. Das wohl sie in Wahrheit viele Fehler machte.
noch häufiger. Ihre Welt ist solide aufge- hängt mit Hauptfeind Nummer zwei zu- Das war wie eine Droge, doch im Osten
teilt in Freunde und Gegner, mit einer ein- sammen, dem Islam. reicht die Dosis nicht. Das Opium wirkt
deutigen Präferenz für die zweite Katego- „Es ist mir unerklärlich, dass die CDU nicht mehr, weil die Ostdeutschen schon
rie. Barbe verliert ihre Feinde keine Se- den rassistischen ‚islamischen Faschismus‘ so viele Krisen hinter sich haben. Wende,
kunde lang aus dem Blick, und wenn der nicht bekämpft, sondern hofiert“, schrieb Arbeitslosigkeit, Vereinigung, Freiheit, Ent-
Nachschub mal ausdünnt, findet sie pro- sie im Februar in einem offenen Brief an täuschung, Ernüchterung.
blemlos neue. ihre Partei, in dem sie ankündigte, sie sei Wegen ihrer DDR-Erfahrung blicken sie
Ganz oben auf ihrer persönlichen Liste nicht mehr bereit, „meine Glaubwürdig- skeptischer und kritischer auf die Obrig-
der Verachtung steht seit Jahrzehnten die keit und meinen guten Namen für die keit, und sie sind stärker beunruhigt durch
SED. In den Achtzigerjahren kämpfte sie CDU im Wahlkampf herzugeben“. Veränderungen. „Ich finde den Protest
als Bürgerrechtlerin in der kirchlichen Frie- Und so hat sich Barbe am Ende ihrer gut“, sagt Maaz, „unabhängig von der AfD
densbewegung gegen die Kommunisten. Im politischen Karriere in die gleiche Rolle oder Pegida.“ Warum? „Weil sich die Men-
operativen Vorgang „Hysterie“ wurde sie manövriert, die sie am Anfang hatte. Sie schen etwas trauen.“
bis zum Mauerfall von der Stasi überwacht. ist wieder Außenseiterin. Eine einsame Bleibt der Dissident. Er ist ein Sonder-
Mag sein, dass die DDR schon lange un- Kämpferin gegen eine Übermacht von fall. In einer Diktatur versuchen die meis-
tergegangen ist, aber für Barbe wird der Feinden. Damit ist alles gut. Denn alles ist ten Menschen, dem Druck auszuweichen,
Kampf gegen den kommunistische Kraken wie immer. und passen sich an. Eine normale Reaktion.
50 DER SPIEGEL 2 / 2018
Dienst, bei den Gedenkstätten, in den Lan-
deszentralen für politische Bildung oder
leben als Selbstständige von öffentlichen
Aufträgen. Wer drinnen ist, gehört zum
System, es bestimmt sein Denken, er ver-
teidigt es.
Die anderen sind draußen. Sie haben es
nicht geschafft, hangeln sich von Auftrag
zu Auftrag, von Projekt zu Projekt und
krebsen vor sich hin. Wer draußen ist,
blickt anders auf die Welt, und Beleites ist
draußen.
Der frühere Umweltaktivist hat 1988
mit seiner Dokumentation „Pechblende“
die katastrophalen Folgen des Uranberg-
baus in der DDR öffentlich gemacht
und wurde von der Stasi verfolgt. Jetzt
betreibt er in einem Dörfchen bei Dresden
einen Kräuterhof und versucht, sich mit
KARSTEN THIELKER

Artikeln und Vorträgen über Wasser zu


halten.
Beleites blickt sich um, und was er sieht,
erinnert ihn an die DDR. Vor einiger Zeit
Pegida-Demonstranten in Dresden 2017: Das Opium wirkt nicht mehr hat er in einem Aufsatz die Dresdner
Pegida-Märsche mit der friedlichen Revo-
lution von 1989 verglichen und „erstaun-
Sie werden nicht kämpfen, denn das kann Maaz, „er kann nicht anders. Es ist seine lich viele Parallelen“ gefunden: „Es haben
lebensgefährlich sein. Persönlichkeitsstruktur.“ sich Probleme angestaut, deren ganze
Warum also wird der Dissident zum Dis- So wird er sich, wenn ihn sein Stachel Dimension mit den Sprachregelungen
sidenten? Weil er persönliche Probleme nicht in eine andere Richtung treibt, ein des herrschenden politischen Systems
hat, wie so viele Menschen, die etwas Be- neues Feindbild suchen. Es muss groß nicht ausgesprochen werden kann.“ Wer
sonderes sein wollen. Gott sei Dank, könn- genug sein, damit sein persönliches Pro- die Probleme öffentlich artikuliere, werde
te man sagen, sonst gäbe es keine Helden. blem überdeckt wird. Und was könnte von einer „gleichgeschalteten – oder
Ohne eine erhebliche Störung hätte ein größer sein als eine Regierung und eine sich so gebenden – Presse als Nazi diffa-
Stauffenberg wohl nie sein Hitler-Attentat Kanzlerin? miert“.
gewagt, glaubt Maaz. Der Rückzug auf die eigene Scholle hat
Wer ein Unrechtsregime herausfordert, Beleites nicht gut getan. Früher beriet er
müsse ein Narzisst sein und an Selbst- Der Verstoßene Greenpeace und die Grünen, jetzt ver-
unsicherheit leiden als Folge einer frühen Als Michael Beleites im Frühjahr die Bur- strickt er sich immer weiter in seiner rech-
Beziehungsstörung, meist zur Mutter. Er schenschaft Normannia googelt, gehen alle ten Gedankenwelt. Nach seinem Pegida-
denkt: Ich bin nicht gut genug, ich bin nicht Warnlampen an. Die Studentenverbin- Text haben sich alte Freunde von ihm dis-
wichtig, ich bin nicht liebenswert. dung aus Jena wird seit Jahren vom Thü- tanziert.
„Der Narzisst ist ein Geplagter, der be- ringer Verfassungsschutz beobachtet. Es „Ich muss sagen, dass ich etwas irritiert
weisen will, dass er etwas Besonderes ist“, gebe Erkenntnisse über eine „personelle bin über das, was Du da geschrieben hast“,
sagt Maaz, „ich zeig’s euch. Das ist der Verzahnung mit dem rechtsextremisti- mailte ihm vor einigen Monaten die frü-
Stachel, der ihn antreibt.“ Deshalb quält schen Spektrum durch Mitgliedschaft ak- here Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe, die
sich der Leistungssportler jeden Tag beim tiver Rechtsextremisten“, heißt es in einer ihn zu einer Veranstaltung der Branden-
Training, um eine hundertstel Sekunde Antwort des Erfurter Innenministeriums burger Grünen einladen wollte. Sie lege
schneller zu sein. Und deshalb kämpft der auf eine parlamentarische Anfrage der die Planung jetzt „erst mal auf Eis. Ich hof-
Dissident unter großer Gefahr gegen das AfD. fe, Du verstehst das. Tut mir leid“.
übermächtige Böse. Beleites ist besorgt. Die Jenaer haben Doch Beleites versteht die Absagen
Er sucht sich seine Feinde, und je höher ihn als Redner für ihr Seminar „Kapita- nicht. Sie beweisen ihm, dass 27 Jahre nach
sie sind, desto wichtiger wird er. Es klingt lismus – Niedergang und Ausblick“ ver- dem Ende der DDR wieder ein beklem-
absurd, aber in der DDR hatten es Anders- pflichtet. Und jetzt zeigt Google an, dass mendes „Klima der Angst“ herrscht. Of-
denkende besonders leicht. Mit einem Satz die Normannia ein Zentrum der Thürin- fenkundiger Schwachsinn werde einfach
oder einem Witz konnten sie die ganze ger Neonazis ist. Was soll er machen? Ab- hingenommen, und wer die „biologische
Republik erschüttern. Und im Gefängnis sagen? Tatsache der geografischen Rassenvielfalt
landen. „Im Gegensatz zu heute“, sagt Wer mit Beleites ein paar Stunden lang des Menschen als bewahrungswürdiges
Maaz, „da darf man fast alles sagen. Außer, in seinem Lieblingscafé im Dresdner Erbe“ betrachte, „reflexartig“ als Rassist
dass man die AfD wählt.“ Hauptbahnhof zusammensitzt, wer ihn gebrandmarkt.
1989 bricht die DDR zusammen, der Dis- dabei beobachtet, wie er langsam und be- Seine alten Freunde wenden sich von
sident ist nun ein Held, weil er mutig be- dächtig einen druckreifen Satz nach dem ihm ab, und die neuen stehen schon bereit.
rechtigte Kritik angesprochen hat. Seine anderen formuliert, ahnt, wie diese Ge- Der AfD-Vordenker Götz Kubitschek bit-
innere Problematik aber, die Selbstun- schichte ausgehen wird. tet ihn in sein „Institut für Staatspolitik“
sicherheit, der Stachel, der ihn antreibt, Für ihn hat sich die Welt der Bürger- nach Schnellroda. Beleites sagt Ja. In sei-
sind geblieben. „Das Risiko ist groß, dass rechtler in zwei Gruppen geteilt. Die einen nem Vortrag bescheinigt er Kubitscheks
er wieder zum Dissidenten wird“, sagt sind drinnen, sie arbeiten im öffentlichen Truppe, für ihn sei noch lange keiner

DER SPIEGEL 2 / 2018 51


Deutschland

rechts, nur weil er kein Linker sei. Riesen- Doch wer den ganzen Tag im Irrenhaus
beifall. arbeitet, muss befürchten, dass er irgend-
Inzwischen hat er zu viele rote Ampeln wann totgeschlagen wird, wenn er die fal-
überfahren. Und so endet die Geschichte, sche Mütze aufhat. Es ist ein kalter Win-
wie sie wohl enden muss. Als die Einla- terabend, Vaatz sitzt im Halbdunkel seines
dung der „Normannia zu Jena“ eintrifft, Berliner Abgeordnetenbüros und haut vor
ist er besorgt, er denkt nach, er zögert. Erregung auf den Kaffeetisch.
Dann sagt er zu. Es wird nicht die geringste politische
Korrektur geben, glaubt er. Die Medien
sind sich ihrer Sache so sicher, dass sie
Der Dissident jeden Abweichler bis auf die Knochen
Als die Aufregung um den Rinderwahn- abnagen werden, als sei er im Amazonas
sinn Anfang der 2000er-Jahre ihrem in ein Piranha-Nest gefallen.
Höhepunkt entgegenging, saß der Dresd- „Es ist ein erbarmungsloser Konformi-
ner CDU-Bundestagsabgeordnete Arnold tätsdruck, der von einer postreligiösen Ge-
Vaatz mit einigen Kollegen aus West- sellschaft ausgeht, die ihren arbeitslos ge-
deutschland in Berlin beim teuren Italiener. wordenen religiösen Sensus ausleben will“,
Alle bestellten Fisch, Vaatz Rindfleisch. schrieb Vaatz schon vor einigen Jahren in
Sie blickten ihn an, als hätte er den Ver- einem Aufsatz über die Energiewende.
stand verloren. Später, als sie längst wieder „Dieser Konformitätsdruck hat eine
selbst Rinderfilet auf dem Teller hatten, Gleichschaltung der Gesellschaft verur-
entschuldigte sich niemand bei ihm, dass sacht, die zwar mit den Formen von
sie ihn damals für einen Selbstmörder ge- Gleichschaltung, wie wir dies aus der Ge-
halten hatten. Vaatz hält die Kollegen seit-
dem für weitgehend verblödet.
Es hat sein Bild über die Westler abge-
schichte der europäischen Diktaturen ken-
nen, nicht identisch ist, jedoch ganz ähn-
liche Züge aufweist“, heißt es da, „die Stra-
Nothelfer
rundet. Vaatz kann den Westen nicht ernst
nehmen. Als Prognoseinstanz hat er sich
bis auf die Knochen blamiert, glaubt er.
fe für Widerspruch ist heute allerdings
(zum Glück noch nicht!) Haft oder Liqui-
dation, sondern nur die Verbannung aus
in Not
So wie ein Arzt, dessen ganze Karriere der medialen Relevanzzone.“
Vaatz ist ein hochintelligenter, geistrei-
Kriminalität Rettungskräfte wer-
mit Kunstfehlern gepflastert ist. Die Hys-
terie über das Waldsterben, die falschen cher Gesprächspartner, aber wer sein Büro den bei Einsätzen bespuckt,
Prognosen zur Wiedervereinigung, das Ge- nach zwei Stunden verlässt, kämpft gegen bepöbelt und geschlagen, nicht
salbadere der 68er. „Wir alle sind mit dem eine tiefe Wehmut. Es ist das gleiche Ge-
Westen fertig“, sagt er, „es gibt den Westen fühl, das sich auch nach den Besuchen bei
nur an Silvester. Die meisten
für uns nicht mehr.“ den anderen Dissidenten einstellt. Das also sind darauf schlecht vorbereitet.
Er ist jetzt 62, er könnte jederzeit auf- ist aus den Helden von einst geworden.

D
hören, seine Mission ist gescheitert, doch Wolf Biermann hat manchmal sogar ein er Löschwagen der freiwilligen
nun ist er wiedergewählt worden. Warum, gewisses Verständnis für die früheren Weg- Feuerwehr war gerade auf dem
weiß er nicht genau, wo er doch längst gefährten. „Ich verstehe doch, was die är- Rückweg von einem Einsatz, als
den Glauben verloren hat, dass er in seiner gert“, sagt er, „und sie haben in manchen ihm im Berliner Stadtteil Lichtenrade ein
Partei noch etwas erreichen kann. Seit Dingen recht.“ Die Gründe leuchten ein, junger Mann den Weg versperrte. Mitten
20 Jahren sagt er Angela Merkel, was er die Kritik ist zulässig, aber die Reaktion auf der Fahrbahn hatte er eine Feuer-
für richtig hält, und seit 20 Jahren ignoriert der früheren Bürgerrechtler ist überzogen. werksbatterie aufgebaut. Als ihn ein Feuer-
sie ihn. Biermann hält sie für „hysterisch“. wehrmann aufforderte, den Rettungs-
Wahrscheinlich müsste Vaatz austreten, „Es gibt im Westen kein Recht auf dau- wagen durchzulassen, pöbelte der 23-Jäh-
aber er ist kein Verräter, und so bleibt er erhaften Erfolg“, sagt Lutz Rathenow, ei- rige den ehrenamtlichen Helfer an, dann
in der CDU. Sie ist immer weiter nach ner der bekanntesten DDR-Bürgerrechtler. schlug er ihm eine blutige Nase und ver-
links gewandert und er immer weiter nach Er hat mit den Rechten nichts am Hut, aber letzte ihn am Auge.
rechts. Jetzt ist er Dissident in seiner eige- er beobachtet aufmerksam, was aus seinen 57 Angriffe auf Einsatzwagen meldete
nen Partei. Es ist eine Rolle, die er kennt. Mitstreitern geworden ist – eine „Miss- die Berliner Feuerwehr in der Silvester-
Nachdem das sozialistische Polen im De- mutsgemeinschaft“. nacht, acht Beamte wurden demnach
zember 1981 das Kriegsrecht verhängt hat- Rathenow plädiert dafür, sie nicht aus- körperlich attackiert. Andere Städte be-
te, verweigerte Vaatz eine Wehrübung. Er zugrenzen. „Man muss aufpassen, dem Ab- richteten von ähnlichen Vorfällen.
wurde zu sechs Monaten Gefängnis ver- gelehnten durch Ablehnung nicht Identität Sollen Angriffe auf Polizisten und Ret-
urteilt und zur Zwangsarbeit in ein Stahl- zu verleihen“, sagt der Lyriker und drückt tungskräfte schärfer bestraft werden, wie
werk geschickt. In der DDR war seine Kar- seinem Besucher zum Abschied ein Ge- Politiker von Union und SPD umgehend
riere als Mathematiker damit beendet. dicht in die Hand. Es heißt: „Empörung“. forderten? Oder ist es wichtiger, vor allem
Als er 50 wurde, hielt sein Vater eine „Ein Mensch schleicht rennt läuft um Sanitäter, Rettungsärzte und Feuerwehr-
Rede auf ihn. „1989 hatten wir die Wahl ein Haus,/ er will nur eins – möglichst leute besser auf solche Situationen vorzu-
zwischen Zweistaatlichkeit und Wieder- rasch hinein, hinein./ Und ist er drin, will bereiten? Und woher stammt die Aggres-
vereinigung“, sagte er, „das war die Wahl er nur noch: heraus, heraus./ Ich bin wirk- sion ausgerechnet gegen jene, die kom-
zwischen Gefängnis und Irrenhaus. Du, lich ein Opfer, sagt der Mann,/ schrecklich, men, um zu helfen?
mein Lieber, hast dich sehr für die zweite dass ich ohne Luft nicht atmen kann./ Ver- „Bislang dachte man, Helfer seien für
Variante starkgemacht. Das war richtig so, flixte Erde, die mich sonst nicht leben solche Angriffe tabu“, sagt Mario Staller,
denn in einem Irrenhaus genießt man ganz lässt./ Und ihre Schwerkraft hält mich zu- ein ehemaliger Polizist, der an der Deut-
andere Freiheiten als im Knast.“ dem fest.“ schen Sporthochschule in Köln ein For-
52 DER SPIEGEL 2 / 2018
kenhaus wollen. Einer schlug ihm mit der
Faust ins Gesicht, ein anderer beschimpfte
ihn und seine Kollegen als „Wichser“ und
„Arschlöcher“. Als sie sich davon nicht be-
eindrucken ließen, öffnete der Mann eine
Schublade, in der eine Pistole lag. Die Sa-
nitäter konnten verhindern, dass er danach
griff. Ein anderer Patient schrie den Sani-
täter an: „Ich weiß, wo deine Wache ist.
Ich verprügele dich, und dann ist deine Fa-
milie dran.“ Die Angst wurde Skorjanz
nach dem Einsatz nicht mehr los. Er ließ
sich von einem Psychologen behandeln.
Es sind Erfahrungen wie diese, die viele
Helfer dazu veranlassen, sich selbst zu
schützen. „Man beobachtet die Umgebung,

CHRISTOPHE GATEAU / DPA


schaut nach Waffen und anderen gefährli-
chen Gegenständen“, sagt ein erfahrener
Sanitäter aus Berlin. Während seiner zwei-
Feuerwehreinsatz zum Jahreswechsel in Berlin-Neukölln jährigen Ausbildung habe das Thema Eigen-
sicherung nur ein einziges Mal auf dem
Lehrplan gestanden. Deshalb hat sich der
schungsprojekt zu dem Thema leitet. „Die Gewalttaten gegen ihr Personal. In nur Helfer ein Pfefferspray gekauft, viele sei-
Statistik aber zeigt, dass fast jeder Helfer einem Jahr sei die Zahl um fast ein Drittel ner Kollegen würden nur noch mit stich-
irgendwann mit verbaler oder körperlicher gestiegen: auf insgesamt 2300 im Jahr 2016. festen Westen in den Einsatz gehen.
Gewalt konfrontiert wird.“ Der Kriminologe Thomas Feltes unter- Diese Entwicklung hält Mario Staller,
In der Silvesternacht gingen Feierlustige sucht mit seinem Team an der Ruhr-Uni- der Lehrbeauftragte der Deutschen Sport-
und Betrunkene teilweise exzessiv gegen versität Bochum seit vielen Jahren Gewalt hochschule, für fatal: Statt auf Waffen zu
Polizisten, Feuerwehrleute oder Sanitäter gegen Polizisten und andere Einsatzkräfte. setzen, sollten die Helfer lieber ihr Verhal-
vor. Im Berliner Stadtteil Schöneberg ver- Er sagt, die Quantität sei weitgehend gleich ten trainieren. Die Angriffe kämen selten
letzten Feiernde sechs Polizisten, in Neu- geblieben, aber die Qualität habe sich ver- überraschend, meist gehe ihnen eine län-
kölln beschossen drei Jugendliche einen ändert: Die Angriffe seien roher und bru- gere Interaktion voraus. Diese zu steuern,
Streifenwagen mit Schreckschusspistolen. taler geworden, der Respekt nehme ab. Er könne man lernen. Staller und sein Team
Ebenfalls in Neukölln setzten Jugendliche macht fehlende Empathiefähigkeit dafür bilden dafür Trainer für Gewaltprävention
aus einer knapp 50-köpfigen Gruppe he- verantwortlich, die wiederum aus der Per- im Rettungsdienst aus.
raus die traditionsreiche Musikalienhand- spektivlosigkeit der Täter herrühre. Kriminologieprofessor Feltes sagt, oft
lung Bading mit Feuerwerkskörpern in Ende Januar wird der Kriminologe dem seien es psychisch auffällige Personen, die
Brand. Als sechs Minuten nach dem ersten nordrhein-westfälischen Innenminister eine Einsatzkräfte angriffen. Deshalb hält er
Notruf die Feuerwehr eintraf, detonierten neue Studie vorstellen: Die Forscher haben eine Rufbereitschaft für Psychologen oder
Feuerwerkskörper zwischen den Helfern. 4500 Einsatzkräften von Rettungsdiensten Psychotherapeuten für nötig, die Helfern
Ob sie mit Absicht beschossen wurden, und Feuerwehren einen Onlinefragebogen zu Hilfe kommen. Diese müssten auch bes-
war zunächst unklar. zugeschickt, 812 füllten ihn aus. 64 Prozent sere Informationen von der Leitstelle vor
In Bremen begannen die Übergriffe gaben an, in den vergangenen zwölf Mo- einem Einsatz erhalten.
schon gegen 21.30 Uhr. Mitarbeiter des naten Opfer von verbaler oder körperli- Die Komba, eine Fachgewerkschaft des
Sicherheitsdienstes der Deutschen Bahn cher Gewalt geworden zu sein. Deutschen Beamtenbundes, schlägt stan-
beobachteten am Haupteingang des Bahn- Am meisten waren Rettungsassistenten dardisierte Meldebögen vor, damit alle Ta-
hofs eine Schlägerei zwischen einem ran- und Notfallsanitäter (91 Prozent) betroffen, ten erfasst und geahndet werden. Jeder
dalierenden Mann und einem Passanten, gefolgt von Feuerwehrleuten im Rettungs- Angriff müsse angezeigt werden, sagt Eck-
sie trennten die beiden. Plötzlich aber wa- dienst (88 Prozent) sowie Notärzten und hard Schwill, Justiziar der Gewerkschaft
ren sie von mehreren Gruppen mit insge- Rettungssanitätern (80 und 81 Prozent). In und Ansprechpartner für den Bereich Feu-
samt etwa 50 aggressiven jungen Männern den meisten Fällen, sagt Feltes, seien die erwehr und Rettungsdienst. Viele Einsatz-
umgeben, laut Polizei meist Einwanderer. Täter betrunken. 40 Prozent seien nach kräfte melden die Vorfälle gar nicht erst,
Diese warfen Böller und schossen Raketen Schilderung der Opfer Einwanderer. Meist weil die Staatsanwaltschaften ohnehin zahl-
auf die Bahn-Mitarbeiter und die zu Hilfe fanden die Übergriffe bei der Erstversor- reiche Fälle einstellen.
geeilten Polizisten von Bundes- und Lan- gung oder im Krankenwagen statt. Schwill hält auch Schulungen zur inter-
despolizei. Es dauerte eine Stunde, bis sich Besonders gefährdet sind Einsatzkräfte kulturellen Kompetenz für notwendig.
die Lage auf dem Bahnhofsvorplatz der in Großstädten. Vor drei Jahren befragte Gerade bei Einsätzen in multikulturellen
Hansestadt wieder beruhigte. die Kriminologin Janina Lara Dressler 1659 Familien komme es manchmal zu Missver-
Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist Rettungshelfer in Berlin, Hamburg, Mün- ständnissen. Sanitäter müssten zur Behand-
seit 2011 Opfer aus Polizei, Feuerwehr oder chen und Köln. 93,4 Prozent gaben an, lung ihre Patienten oft entkleiden oder an-
Rettungsdiensten gesondert aus. Die regis- schon einmal beleidigt, bespuckt oder be- fassen, das sorge gerade bei den Männern
trierte Gewaltkriminalität stieg bis 2016 schimpft worden zu sein. Jeder Dritte wur- gelegentlich für Irritationen. Manchmal
um ein Drittel, einfache Körperverletzun- de demnach während des Einsatzes getre- werde Gewalt angedroht „Ein kurzes Ge-
gen wurden um 57 Prozent häufiger ge- ten oder geschlagen. spräch, ein paar klärende Gesten“, glaubt
zählt. Unklar ist, ob es mehr Vorfälle gab Reinhold Skorjanz, 50, Notfallsanitäter Schwill, „würden da schon helfen.“
oder ob nur mehr angezeigt wurden. Die aus Mönchengladbach, hat öfter mit reni- Maik Baumgärtner, Lukas Eberle, Hubert Gude,
Deutsche Bahn registriert ebenfalls mehr tenten Patienten zu tun, die nicht ins Kran- Martin Knobbe, Sven Röbel

DER SPIEGEL 2 / 2018 53


Q UELLE: P O LI Z EI LI CH E KR I MI N A LSTATI STI K
Früher war alles schlechter
Nº 106: Fahrraddiebstähle

1993 gab es
in Deutschland
651 Fahrraddiebstähle
je 100000 Einwohner.
2016: 405
2010: 375

Lieber Fahrraddieb, Sie Bastard, ich hasse Sie. Wir kennen uns in Großstädten gemopst werden. Aber eigentlich und fürs gan-
nicht, und ich werde Sie nie finden. Sie haben mir mein Rad ze Land betrachtet, verlieren Sie: Denn die Zahl der Fahrrad-
gestohlen, pink war es, aus Stahl, „Cycles for Heroes“ stand diebstähle pro 100 000 Einwohner, so sagt es die Polizeiliche
auf dem Sattel. Das war meine kleine Rakete. Die Polizei sagt, Kriminalstatistik, ist in 23 Jahren um mehr als ein Drittel ge-
Menschen wie Sie kniffen ein Billigschloss in Sekunden mit ei- sunken. Mir als Betroffenem fällt es schwer, das zu glauben,
ner scharfen Zange durch. Den Stiftung-Warentest-Sieger fräs- aber so ist es. Im Jahr 1993 waren es 651, im Jahr 2016 nur
ten Sie in zwei Minuten mit dem Winkelschleifer entzwei. Die noch 405 gestohlene Räder pro 100 000 Einwohner. Niemand
Polizei hat im vergangenen Jahr in Deutschland 332 486 Fahr- weiß genau, warum das so ist, aber vermutlich liegt es daran,
raddiebstähle registriert, aber Sie wissen, dass Sie und dass das Rad das neue Auto ist. Wir achten besser auf unser
Ihresgleichen viel mehr geklaut haben; „Dunkelziffer“, Sie Rad, wir haben stärkere Schlösser. Wir tragen das Rad nachts
wissen schon. Aber ich sag Ihnen was, Sie rostige Ramsch- in unsere Wohnung, damit es sicher steht. Und seit Sie in
backe: Vielleicht drehen Sie gerade eine Runde auf meiner mein Leben getreten sind, Sie amoralische alte Radnabe,
Rakete, oder Sie freuen sich darüber, dass immer mehr Räder mache ich das auch. Verachtungsvoll, Ihr takis.würger@spiegel.de

Natur Lachmann: Und unsere Erhe- ben in Brandenburg, statt bis


Wo sind die Vögel, Herr Lachmann? bung konnte dieses Gefühl ins Saarland zu kommen.
vieler Menschen bestätigen. SPIEGEL: Woher wissen Sie
Lars Lachmann, 42, Ornithologe finden, wie viele Vögel sich ak- Wir verzeichneten einen denn, dass jemand eine Blau-
beim Naturschutzbund tuell in Deutschland befinden? Rückgang von 17 Prozent. meise von einer Kohlmeise
Nabu, über die Aktion „Stunde Lachmann: Es handelt sich um Das war ungewöhnlich. unterscheiden kann?
der Wintervögel“ die größte wissenschaftliche SPIEGEL: Woran lag das? Lachmann: Es gibt sicherlich
Mitmachaktion Deutschlands, Lachmann: Eine Rolle spielte Erhebungsfehler, aber die
SPIEGEL: Herr Lachmann, Sie außerdem sollen sich die der milde Winter. Viele der sind in allen Jahren ähnlich.
haben für dieses erste Januar- Menschen mal Kohlmeisen, Rein statistisch kann man
wochenende eine eher un- eine Stunde lang Blaumeisen und noch immer Trends erkennen.
gewöhnliche Bitte an 80 Mil- mit der Natur be- Kleiber, die wir SPIEGEL: Wie verhindern Sie
PATRICK PLEUL / PICTURE ALLIANCE / DPA

lionen Deutsche. Welche fassen. Viele wer- im Winter hier se- eigentlich Doppelzählungen?
wäre das? den überrascht hen, kommen aus Lachmann: Der Teilnehmer
Lachmann: Bitte schaut eine sein, was sie ent- Polen und Russ- darf immer nur melden, wie
Stunde lang aus dem Fenster, decken. land. Da die Tem- viele Vögel einer bestimmten
zählt die Vögel, die ihr seht, SPIEGEL: Vergange- peraturen so Art er maximal gleichzeitig
und teilt uns mit, wie viele es nes Jahr hieß es, warm waren, flo- gesehen hat. Sonst könnte
waren. dass es in den gen die einfach es wirklich sein, dass man
SPIEGEL: Gibt es keine einfa- Städten keine Vö- nicht so weit wie dieselbe Kohlmeise in einer
chere Methode, um herauszu- gel mehr gebe. Blaumeise früher. Viele blie- Stunde 60-mal sieht. jmo

54 DER SPIEGEL 2 / 2018


Gesellschaft
Einnahmequelle, neben ein paar Tausend Euro Mitglieds-
Rentnerparadies beiträgen im Jahr und dem Geld aus eigener Tasche. Nicht
viel, Bufé und Benter arbeiten als Zusteller bei der Post.
Doch alternde Tiere kosten, sie werden eher krank, brau-
Eine Meldung und ihre Geschichte Wie chen teure Medikamente. Eine OP für einen Hund haben
sie neulich erst wieder bezahlt. „Ich kann die Armen doch
zwei Berliner mit Schlagerpartys ausgesetzten nicht leiden lassen“, sagt Bufé. „Einen Menschen würde
Tieren ihre Würde zurückgeben wollten man ja auch gesund pflegen.“
Bufé und Benter wissen, dass es so nicht weitergehen

R
onaldo hat gezittert. Die Nächte verbrachte er win- kann, nicht hier in einem Wohngebiet, in dem das Alten-
selnd und angeleint an einer Leitplanke an der Auto- heim für ihre Tiere seit Jahren nur geduldet ist. Sie suchen
bahnraststätte, irgendwo in Ostdeutschland. Dann, ein separates Heim irgendwo, wo das Bellen und Gezwit-
zum Glück, haben die Fremden ihn gefunden, da war er scher niemanden stört. Doch keiner will sie haben. Vor
ausgemergelt und halb tot. Sie haben ihn losgebunden, ein paar Monaten erst hätte es fast geklappt. Der dama-
ihn zum Gnadenhof nach Berlin-Pankow gebracht, in eine lige Bezirksstadtrat, Jens-Holger Kirchner von den Grü-
Straße mit Einfamilienhäusern und schmiedeeisernen Gar- nen, wollte ihnen ein Grundstück beschaffen, im Bürger-
tenzäunen. Da soll er sich erholen, glücklich werden und park Pankow neben Volieren und einem Gehege, in dem
uralt. Warum soll Ronaldo auch schon Pfauen leben. Von ihrem
nicht in Würde altern dürfen, nur Scheitern las Bufé in der Zeitung,
weil er eine Deutsche Dogge ist, im „Berliner Abendblatt“, da
zu groß und zu laut für das Leben biss er gerade ab von seinem
seiner damaligen Besitzer? Käsebrötchen: „Kein Tierasyl im
Einer der fremden Retter von Bürgerpark“. Wieder hatten An-
jener Nacht ist Dirk Bufé. Es ist wohner protestiert. Ihm wurde
diese eine Frage, die ihn umtreibt. schlecht.
„Ein Tier wird doch auch in Bingo war sein erster Hund,
Würde sterben dürfen, wenn es erzählt Dirk Bufé in seinem Gar-
so weit ist“, sagt er. Da steht er, ten. Er war ein schwarzer Spitz
51, zum Irokesen gezupftes Haar, und Dirks wichtigster Freund als
in seinem Hof und pafft eine er 16 war, damals, als seine Mut-
Marlboro Red. Eine andere hat ter trank. Bingo, sagt er, die
ihm ein Loch in die Brusttasche Mundwinkel zucken nach oben
seines schwarz-grünen Flanell- „den werde ich nie vergessen“.
hemdes gebrannt. Ihm gehört mit Mit zehn starb er, „er war sehr
seinem Ehemann Hartmut Benter, krank“. Mehr mag Bufé nicht er-
56, ein privates Altenheim für zählen, aber Tiere begleiten ihn
Tiere in Berlin. Sie führen es im seither und die Idee, dass auch
eigenen Haus mit 1300 Quadrat- sie ein Recht auf ein würdevolles
meter Grundstücksfläche. Dort Leben haben. Mit 24 lernt er
leben mit ihnen gemeinsam Ro- Hartmut Benter kennen, verliebt
CHARLES YUNCK

naldo und 31 weitere Hunde, die sich in ihn, der denkt genauso.
meisten Mischlinge, 20 Katzen, Später ziehen sie auf das große
300 Vögel, für die niemand mehr Grundstück mit ein paar Hun-
Zeit gehabt hat, die Kraft oder Bufé, Benter den, Vögeln, anderen Tieren. Es
die Geduld. werden laufend mehr.
Die vielen Tiere können un- In Deutschland leben, das
möglich leise sein. Und da be- schätzt der Deutsche Tierschutz-
ginnt schon das Problem. bund, 94 000 Tiere in Heimen,
In einem Vorgarten in der Aus dem „Berliner Kurier“ weil sie keiner mehr haben woll-
Nachbarschaft verschränkt eine te oder sie nicht mehr ins Leben
Frau die Arme vor der Brust und schnaubt. „Abartiges ihrer Besitzer passten. Im Altenheim in Pankow laufen
Pack“, sagt sie. Der Lärm von drüben sei ja nicht auszu- ausschließlich solche Schicksale herum. Kira, Mischlings-
halten gewesen, dieses ständige Gekläffe. Fast noch schlim- hündin, 14: das Frauchen verstorben mit 70 Jahren, Ver-
mer, erzählt sie, waren die Feiern mit Schlagermusik alle wandte gab es nicht. Russell, Terrier, 15: das Herrchen
paar Monate. „Diese Lautstärke ist doch nicht gut für ein krebskrank, war zu geschwächt von der Chemotherapie.
Tier“, sagt sie. Die Nachbarin ist nicht die Einzige, immer Baby, Graupapagei, Alter unbekannt: haben Fremde her-
wieder beschwerten sich andere, auch über die zugepark- gebracht, seine Federn waren ausgefallen.
ten Straßen. Irgendwann rief einer die Polizei, später das Bufé steht plötzlich auf, gibt einer Frau die Hand. Jeden
Ordnungsamt. Die Partys wurden verboten, das Alten- zweiten Donnerstag kommt Petra Müller her, Rentnerin.
heim steht jetzt vor dem Aus. Sie will Julie besuchen, Yorkshire Terrier, 18 Jahre alt mit
Bufé sitzt auf einem ausrangierten Sofa unter einem trüben Augen. Der toten Schwester hat die Hündin mal
Pavillon aus Plastik, Regen prasselt darauf: „Die Veran- gehört. „Aber sie pinkelt überallhin“, erzählt Müller, hebt
staltungen waren wichtig für den Betrieb, 15 000 Euro ha- Julie auf ihren Schoß, es klingt wie eine Entschuldigung.
ben die uns im Jahr eingebracht.“ Dann zeigt er auf einen Sie bleibt, 20 Minuten, wie immer. Dann steht sie auf,
Schuppen, davor hätten Musiker wie Michael Hirte oder ruft Benter und Bufé zu: „Bis zum nächsten Mal“, dann
Michelle Ryser gesungen. Die Feiern waren die einzige ein „Danke“ hinterher. Cathrin Schmiegel

DER SPIEGEL 2 / 2018 55


Vollmilchbomber
Diplomatie In Katar baut ein Ire einen der modernsten Milchbetriebe der Welt.
Mitten in der Wüste stehen seit Kurzem Hunderte schwarzbunte Kühe aus
Deutschland. Sie sollen dem Emirat Milch liefern – und Macht. Von Takis Würger

Farmer „Mister John“ mit deutscher Kuh in der Wüste: „Die Nation steht hinter uns“

56 DER SPIEGEL 2 / 2018


Gesellschaft

I
n einer Geröllwüste der Arabischen Katar ihre Milch schenken sollen und da- stellten 13 Forderungen, unter anderem,
Halbinsel, an einem Ort, an dem sogar mit die Unabhängigkeit. dass Katar den saudikritischen Fernseh-
die Wüstenspringmäuse verrecken, am „Es geht hier um Souveränität“, sagt der sender Al Jazeera schließt und die Bezie-
Ende einer Straße aus Staub, läuft ein Ire Ire. Er ist der Chef auf dieser Farm. Seine hungen zu Iran einstellt. Bis zu diesem
mit einem Strohhut durch die Hitze, bis Haut ist rosa, in sein kariertes Hemd saugt Zeitpunkt waren viele Versorgungsgüter
er vor einem Hangar mit einem Tor aus sich der Schweiß. Sein Name ist John Katars aus Saudi-Arabien gekommen: Blu-
Metall innehält. Er zieht das Tor nach Joseph Dore, seine Mitarbeiter auf der menkohl, Eier, Hühnchenfleisch, Wasser,
oben. Drinnen stehen sie, es ist schattig Farm nennen ihn nur „Mister John“. Datteln und Milch.
hier und kühl, damit sie es gut haben, die Er ist der Oberfarmer der Baladna Farm. Deutschlands Außenminister Sigmar Ga-
Kühe aus Deutschland, die dem Emirat Eigentlich ist Mister John, 57, vor allem briel warnte vor einem neuen Golfkrieg.
Chef einer gigantischen Baustelle. Eine Mister John interessiert sich nicht für Krie-
Dreiviertelstunde nördlich der Hauptstadt ge, sagt er. „Ich interessiere mich für
Doha soll hier in der Wüste eine der größ- Kühe.“ Er will jetzt seine Baustelle zeigen.
ten Kuhfarmen der Welt entstehen. Die Mit im Auto sitzt ein pakistanisches Film-
Kühe dafür sollen eingeflogen werden, aus team, dessen drei Mitarbeiter sich auch
Australien und Europa, die ersten 165 deut- für Kühe interessieren. Mister John zeigt
schen Schwarzbunten sind schon da. auf Gebäude: „Da ist eine Moschee, da
Sie spazieren durch Ställe, die klimati- können Kinder auf Ponys reiten, da soll
siert und durch Lamellenschlitze in der ein See hin, wo die Besucher angeln kön-
Seitenverkleidung erhellt werden. Die Stäl- nen, da haben wir einen kleinen Zoo mit
le haben nichts mit friesischer Landlust- Alpakas.“
romantik zu tun, hier ist nichts aus Holz, Ein Alpaka ist ein Andenkamel, das für
hier laufen keine Kätzchen über den Hof. seine flauschige Wolle bekannt ist. Das hat
Wer vor einem Stall der Baladna Farm keinen Sinn in einer 45 Grad Celsius hei-
steht, könnte darin auch Glasfaserkabel ßen Wüste, aber es geht, also wird es ge-
vermuten. Die Hallen sind aus Metall, macht.
groß, zweckmäßig, steril. Mister John sagt, die Idee dahinter sei,
Die Kühe darin machen das, was Kühe dass die Besucher aus Doha am Wochen-
machen: fressen, schlafen, kalben, Milch ende kämen und die Farm als Freizeitpark
geben. Sie werden ziemlich sicher nie in nutzten. Es soll wohl so etwas werden wie
ihrem Leben einen Huf in die Wüste set- die katarische Version von Disneyland, nur
zen, weil Kühe sich so wenig wie möglich dass es um Kühe geht statt um Mäuse.
aufregen sollen, damit sie so viel Milch Mister John fährt mit seinem Gelände-
wie möglich geben. Hitze, Glutsonne und wagen in die Wüste und deutet auf ein
Wüstenmäuse bedeuten mögliche Aufre- paar gelbe Bagger am Horizont.
gung. Es ist alles sauber in ihrem Stall, al- „Rock Breaker“, sagt er, Steinbrecher.
les ruhig und schön, ein wenig unheimlich Sie bereiten den Boden für Hallen, die so
ist das, als wären das gar keine echten Tiere. groß werden sollen, dass man einen Jum-
Es ist ein Kuhstall, aber es riecht fast nach bojet darin parken könnte. „14 Millionen
nichts. Liter am Tag ist das Ziel“, sagt Mister John.
Die Mauern der Farm sind hoch, am Ein- Er arbeitet seit 33 Jahren in arabischen
gang steht ein Mann, der ein Tuch über Ländern, seit einem Jahr für die Baladna
das Gesicht gebunden trägt, als bewachte Farm. In der Vergangenheit hat er auch
er eine geheime Festung. Hinter den Mau- mal für die Konkurrenz in Saudi-Arabien
ern, neben dem Stall, befindet sich ein Seil- gearbeitet, für die Milchfirma Almarai, de-
garten für Erwachsene, hier liegt gewäs- ren Motto lautet „Qualität, der Sie vertrau-
serter Rasen, und es gibt einen kleinen en können“, was ja schon verdächtig klingt.
See, auf dem Menschen in bunten Tret- Er sagt, er habe drei Kinder, die viel kos-
booten aus Plastik fahren können. teten, deshalb sei er hier.
Von Deutschland aus betrachtet könnte Seit Beginn der Blockade wird die Milch
das wie ein irres Projekt wirken, Kühe um für viel Geld aus der Türkei und Iran im-
den halben Globus in eine Art Freizeitpark portiert. Wenn die Baladna Farm fertig ist,
zu fliegen, damit Katarer Milch trinken soll sie den kompletten Markt Katars mit
können, aber für Mister John, den Iren, ist Milch versorgen und das Milchmonopol
es eine logische Konsequenz dessen, was der Saudis zerstören.
SVEN DÖRING / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL

er „Die Blockade“ nennt. „Die Saudis sind nicht glücklich, dass


Seit dem Sommer des vergangenen Jah- wir ihr Juwel zerbrechen“, sagt Mister
res leidet das Emirat Katar unter einer Blo- John und blinzelt dabei zufrieden hinter
ckade des Nachbarn Saudi-Arabien. Im seinem Lenkrad hervor.
Juni verkündeten die Saudis den Abbruch Die Baladna Farm kostet drei Milliarden
der diplomatischen Beziehungen zu Katar. katarische Riyal, etwa 700 Millionen Euro.
Als Grund gaben sie an, dass Katar „ver- Es geht hier um Unabhängigkeit, aber
schiedene terroristische und sektiererische man kann trotzdem sagen, das ist eine
Gruppen“ unterstütze. Kurz darauf schloss Menge Geld, damit Katarer sich morgens
Saudi-Arabien den Luftraum für Flüge heimische Kuhmilch über die Cornflakes
nach und aus Katar und stellte den Handel kippen können. Vor allem, wenn man be-
mit dem Emirat ein. Die Saudi-Herrscher denkt, dass der traditionelle Katarer lieber

DER SPIEGEL 2 / 2018 57


Kamelmilch trinkt, die, anders als Kuh- Khayyat, so erzählen sich die Mitarbeiter Farm, sagt er, da gebe es sogar eine Ma-
milch, salzig schmeckt. der Baladna Farm heimlich, sei kein Kata- schine, die Wasser zu feinem Nebel ver-
Man tut den Mächtigen in Katar wohl rer, sondern Syrer, aber das passt zu die- wirbelt, der dann auf die Tiere sinkt und
kein Unrecht, wenn man sagt, dass ihr Ver- sem Land. Nur jeder zehnte Einwohner sie kühlt. Er ist begeistert davon, wie die
hältnis zu Geld ein spezielles ist. Katars ist in Katar geboren. Araber das machen mit den Kühen, was
Katar ist, pro Kopf gerechnet, eines der Khayyat habe am Anfang der Blockade vielleicht auch daran liegen könnte, dass
reichsten Länder, mit einem Jahreseinkom- immer wieder gesagt, so erzählt es John: sie ihn reich machen, aber dann sagt er:
men von im Schnitt 60 000 Dollar. „Wir wollen Milch! Wir wollen Milch!“ „Ökonomisch hat es keinen Sinn.“
Katar gehören Teile der Bank Credit Mister John flog nach Europa und wähl- Bitte was?
Suisse und des Geldinstituts Barclay’s. Die te Kühe aus, die dann Anfang Juli über „Ökonomisch betrachtet lohnt es sich
Familie des Emirs besitzt Teile von Volks- Budapest und Lüttich nach Katar geflogen nicht, die Tiere aus den USA zu holen,
wagen, Siemens und der Deutschen Bank. wurden. Es gibt ein Foto von diesem Tag, aber wenn Emotionen involviert sind …“
Der Emir fährt einen türkisfarbenen Sport- als ein schwarzbuntes Friesian-Rind in der Van der Pols hält inne, er überlegt, es
wagen des Typs „Koenigsegg CCXR“, für Nacht aus einem Flugzeug steigt und eine wirkt ein wenig so, als würde er merken,
1,2 Millionen Dollar. Er kaufte jüngst sei- mit weichem Gummi ausgelegte Treppe dass er hier gerade etwas sagt, was Mister
nem Fußballverein, Paris Saint-Germain, nach unten geht. Auf dem Rollfeld steht John missfallen könnte.
den Stürmer Neymar für 222 Millionen ein Mann in einer Warnweste und hebt die Die Katarer haben angekündigt, ihre
Euro. Katar leistet sich neben einem Fern- Hände, als würde er jubeln. Kühe in Australien, den USA und Europa
sehsender auch eine Airline. Das Emirat Einer der Kuhhändler, bei dem Mister kaufen zu wollen. Der Weg nach Europa
hat sich gerade ein paar US-amerikanische John gekauft hat, ist ein Niederländer, der ist der kürzeste, die Kühe sind hier günsti-
Eliteuniversitäten ins Land geholt und eine in Berkel-Enschot im ersten Stock eines ger, wegen der geringeren Transportkos-
Fußballweltmeisterschaft gekauft. Da macht unauffälligen Gebäudes arbeitet. Hans van ten, und genauso gut. Man kauft Kühe auf
ein Stall keinen Unterschied mehr. der Pols hat sein Büro mit Skulpturen der ganzen Welt, um zu zeigen, man kann
Die Baladna Farm ist offiziell kein staat- bunter Pappmaschee-Kühe dekoriert. Van es. Es ist eine Demonstration der Macht.
liches Projekt, aber Mister John sagt, wäh- der Pols arbeitet für den Kuhgroßhändler Van der Pols sagt: „Die Katarer haben
rend seine Augen über den Horizont wan- Multi Dairy Livestock, er verkauft deutsche ihren Plan, ob er sinnvoll ist oder nicht,
dern: „Es war ein privater Anfang, doch und holländische Kühe in alle Länder, die ist egal. Sie haben das Geld.“
alle Optionen werden geprüft.“ nah genug liegen, dass eine Boeing 747 sie Katar ist ein junges Land, überall sind
Heißt, die Farm wird verstaatlicht? von Holland aus erreichen kann, ohne zu Baustellen, auf Baladna und an vielen
Mister John überlegt ein wenig und sagt tanken. Van der Pols hat Mister John 165 anderen Orten dieser Wüste schuften die
dann: „Lassen Sie es mich so sagen: Die „schwangere Ladys“ verkauft, wie er sagt, Arbeiter Tag und Nacht. Mister John sagt:
Nation steht hinter uns.“ Mehr Fragen zu mit starkem Euter und geraden Beinen. „Als ich das erste Mal hier war, 1992, war
dem Thema will er nicht beantworten. „Noch Kaffee?“, fragt Hans van der Pols. Katar nicht mehr als eine Hütte und eine
Offizieller Finanzier der Farm ist der Er gießt sich einen brutal starken Kaffee Landebahn.“ Es existieren kaum archäo-
Chef der Power International Holding, in eine Tasse und schaufelt einen Löffel logische Fundstücke, die dokumentieren,
Ramez al-Khayyat, der sein Geld mit Neu- Milchpulver dazu. Der Kuhhändler gießt dass in jüngerer Vergangenheit mehr als
bauten verdient, in Katar ein gutes Ge- keine frische Milch in seinen Kaffee. Pul- ein paar Beduinen und Fischer auf diesem
schäft, die Hauptstadt Doha gleicht zurzeit ver sei komfortabler, sagt er. Haufen Geröll lebten. Dann, Anfang der
einer einzigen Baustelle. Jüngst hat er Van der Pols war noch nie auf Baladna, Siebzigerjahre, als Mister John gerade
ein Einkaufszentrum aus Marmor gebaut. aber er hat sich Bilder angeschaut. Super Landwirtschaft in Dublin studierte, fan-
den im Norden Katars ein paar versierte
Wüstengräber das größte Erdgasfeld der
Welt. Damals lebten in Katar rund 100 000
Menschen, heute sind es 2,7 Millionen.
Das Geld brachte auch Unabhängigkeit
von Saudi-Arabien. Saudi-Arabien ist 185-
mal so groß wie Katar, das etwa über eine
Fläche von der Hälfte Hessens verfügt. Die
Eliten in Saudi-Arabien betrachten den klei-
nen Nachbarn nach wie vor als abtrünnig
gewordene Provinz. Die Saudis sind Wah-
habiten, Anhänger eines streng sunnitischen
Islam. Auch die Iraker sind Wahhabiten,
aber insgesamt entspannter als die Saudis.
SVEN DÖRING / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL

Das ist Teil der Antwort auf die Frage, wa-


rum sie den Katarern den Milchhahn zuge-
dreht haben: Katar teilt sich sein großes Erd-
gasfeld mit Iran. Die Iraner sind Schiiten,
die Saudis betrachten Iran als Erzrivalen.
Hinzu kommt, dass Katar gern Allian-
zen mit allen möglichen Unruhestiftern
schmiedet: den Muslimbrüdern aus Ägyp-
ten, der Freien Syrischen Armee, der Al-
Schabab-Miliz aus Somalia. Katar wird vor-
Baufahrzeug auf dem Baladna-Gelände: Kalte Kriege werden durch Symbole gewonnen geworfen, einer der wichtigen Finanziers
der dschihadistischen Nusra-Front zu sein.
Gleichzeitig arbeitetet Katar mit dem Wes-
58 DER SPIEGEL 2 / 2018
Gesellschaft

Die Glas-Stahl-Bauten, die 400 Hektar


große künstliche Insel namens „The Ri-
viera Arabia“, diesen ganzen Wahnsinn
hat sich der Mensch ausgedacht. Katar ist
das Land mit dem größten Energie-
verbrauch und dem weltweit größten
Ausstoß von Kohlenstoffdioxid pro Kopf.
Es ist vielleicht das unnatürlichste Land,
das es gibt.

SVEN DÖRING / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL


Es passt gut zur modernen Milchproduk-
tion. Mister Johns Kühe stehen auf Sand,
und wenn sie müde werden, legen sie sich
auf Matratzen aus Kunststoff. Sie fressen
Silage aus Luzerne, einer Pflanzenart aus
der Gattung Schneckenklee. Die Kühe wer-
den von Maschinen gemolken.
Die pakistanischen Filmleute bauen im
Stall ihre Kamera auf, weil sie eine Melk-
maschine filmen wollen. Mister John sagt,
Farmchef Dore im Stall: Starkes Euter und gerade Beine dass es leider nicht möglich sei, weil das
nur die kleine Melkstation sei und der
Boss, also Mister Ramez al-Khayyat, viel
ten zusammen. In dem Emirat liegt das te sind Bilder zu sehen, die die Vorzüge Wert darauf lege, dass alle Bilder, die von
Hauptquartier der U. S. Air Force im Na- der Farm zeigen. Ein Foto zeigt drei la- der Farm kommen, demonstrieren, wie
hen und Mittleren Osten. chende Männer vor einer Kletterwand, in groß hier alles sei.
Je länger Mister John mit seinem Gelän- der Bildunterschrift steht: „In Baladna Mister John wird einsilbig, bittet, in sei-
dewagen durch die Geröllwüste knattert und Park zeichnen wir ein Lächeln in Ihr Ge- nen Wagen einzusteigen, und lässt den
in den Staub zeigt, desto klarer wird, dass sicht“. Ein Foto zeigt Menschen in Tret- Motor an. Er fährt zurück zum Eingangstor
diese Farm Teil eines Machtspiels ist, das booten. Bildunterschrift: „Die Welt sagt der Farm und lässt die Gäste aussteigen.
Katar ziemlich clever spielt, mit Saudi-Ara- dir, werd erwachsen, aber in Baladna Park Der Besuch dauere ja schon viel länger als
bien und der Welt. Baladna, der Name der musst du das nicht“. geplant, und er habe nun leider keine Zeit
Farm, bedeutet auf Deutsch „unser Land“. „Seeing is Believing“, sehen ist glauben, mehr. „Good-bye.“ Er will nicht darauf
„Seeing is believing“, sagt Mister John so heißt seit ein paar Jahren eine weltweite antworten, wie genau der katarische Staat
in einem Moment der überraschenden Ehr- Kampagne zur Prävention gegen Erblin- diese Farm unterstützt, oder darauf, wie
lichkeit, einfach so, obwohl niemand ge- dung. Aber wer sich den Facebook- es sich anfühlt, für eine autokratische
fragt hat. Das ist so etwas wie die große Account der Baladna Farm anschaut, be- Monarchie zu arbeiten, in der die Scharia
Antwort auf viele Fragen zu dieser Milch- kommt den Eindruck, dass es hier nicht herrscht. Auf die Frage, ob er es ironisch
kuhfarm. Sehen ist glauben. darum geht, klar zu sehen, sondern so, wie finde, dass die Katarer sich einen Iren ge-
Auf der Baustelle steigen die pakistani- ein paar Katarer das gern hätten. holt haben, um beim Thema Milch ihre
schen Filmemacher aus ihrem Auto, laufen Mister John steigt wieder in seinen Wa- Unabhängigkeit zu erlangen, sagt er: „Ja.“
durchs Geröll und drehen ein paar Sequen- gen, fährt ums Eck, steigt aus und pfeift ein Als er einem zum Abschied die Hand
zen von Arbeitern, die Stahl sägen. Drei Liedchen, als er das Tor zu einem Container zerquetscht, sagt er, ab und an gehe er im
Männer, die ihr Gesicht vor Hitze und öffnet. Er pfeift die „Rachearie“ aus der Sheraton ins Irish Pub, das den Namen
Dreck hinter Tüchern verbergen, fegen „Zauberflöte“, wahrscheinlich ist es ein Zu- „Irish Harp“ trägt, und haue sich zum Klar-
Staub vom Rohbeton. Sobald sie einen Teil fall. In der Arie heißt es an einer Stelle: kommen ein paar Guinness rein.
freigefegt haben, schiebt der Wüstenwind Zertrümmert sei’n auf ewig / Die 165 deutschen Kühe, die im schatti-
neuen Staub auf den Beton. Aber für den Alle Bande der Natur. gen Sand der Baladna Farm stehen, pro-
Moment, in dem die Pakistaner filmen, Im Container stehen Kälber, frisch gebo- duzieren bisher viel zu wenig Milch für
wirkt die Baustelle ein wenig sauberer. ren, manche sind noch nass. Sie wurden den katarischen Markt, deshalb strecken
Die drei fegenden Männer sollen dafür den Mutterkühen weggenommen, damit Mister John und seine Kollegen die Kuh-
sorgen, dass schöne Bilder entstehen. Die die Menschen die Milch abzapfen und trin- milch mit Ziegenmilch und Schafsmilch,
Baladna Farm von Mister John soll zeigen: ken können. Die Tiere zittern, die Luft damit zumindest ein bisschen mehr in die
Wir schaffen das allein. Sie ist ein Symbol riecht säuerlich, nach frischem Fruchtwas- Flaschen kommt. Man kann sie für umge-
der Stärke. Kalte Kriege werden durch ser. Es ist ein Bild, das in Erinnerung ruft, rechnet einen Euro in einem eiskalt run-
solche Symbole gewonnen, nicht durch was man leicht vergisst: Milch ist immer tergekühlten Hofladen kaufen.
Kampfpanzer. Es gibt in der katarischen Muttermilch. Mister John packt zwei Kälber, Die Produzenten nennen das Getränk
Küche eigentlich kaum Gerichte, in die die auf dem Beton liegen geblieben sind, „Cocktail Milk“, und so schmeckt das auch.
Kuhmilch gehört, aber das kann dem Emir und zerrt sie an den Vorderläufen ins Stroh. Auf der Verpackung sind eine Kuh, eine
egal sein, wenn am Ende der Eindruck ent- Es ist vielleicht kein Zufall, dass ein so Ziege und ein Schaf zu sehen, die auf einer
steht, dass er sich behauptet. künstlicher Staat wie Katar sich hier das grünen Weide grasen. Darüber steht:
Die Fotos der Kühe, die in Katar aus Thema Milch ausgesucht hat, um zu de- „Made by nature.“ Von der Natur gemacht.
dem Flugzeug steigen, erschienen in der monstrieren, was alles möglich ist, wenn Mitarbeit: Bernhard Zand
„Bild“-Zeitung, bei SPIEGEL ONLINE und man genug Geld ausgibt. In Katar gedeiht
in „Newsweek“. Im Auto hinter Mister kaum etwas natürlich. Hier gibt es nicht Video: Ein Kuhstall
John fährt der Social-Media-Beauftragte mal Trinkwasser, egal wie tief man bud- in Katar
der Farm, der hauptberuflich für schöne delt. Katarische Natur lässt sich in zwei spiegel.de/sp22018kuehe
Bilder zuständig ist. Auf der Facebook-Sei- Wörter zusammenfassen: Hitze und Sand. oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 2 / 2018 59


Gesellschaft

Und in dem Haus wohnen mehr als hundert Leute. Ich


habe auf diese Weise ein erhellendes Gespräch über die
Wundertaten der Schwarzen Soldatenfliege geführt und
weiß seitdem: Keine andere Made ist gefräßiger. Und
selbstverständlich war ich auch im Gärtnerseminar bei
Dr. Hegde, um zu lernen, wann man in tropischem Klima
Schwarze Soldatenfliege Tomaten sät (das ganze Jahr über) und wann der Feigen-
baum Früchte trägt (bis zu dreimal im Jahr). Dr. Hegde
hat sich vorgenommen, Bangalores Flachdächer zu Schre-
Homestory Warum ich erst nach bergärten umzugestalten. Auf unserem Haus wachsen
Indien ziehen musste, um zu einer guten jetzt Zitronengras, Chilis und Salbei, irgendwo muss der
Deutschen zu werden ganze Kompost ja hin. Unsere Facebook-Gruppe hat 10 000
Mitglieder, wir sind die Organic Terrace Gardener.
Natürlich ist es paradox, dass in einem Land, in dem

I
ch bin nicht gerade das, was man einen guten Menschen sich Bauern das Leben nehmen, weil die Früchte ihrer
nennt, ökologisch gesehen. Ich fliege häufig, nicht selten Arbeit nicht mehr genug einbringen, die Oberschicht da-
Langstrecke. Ich esse Fleisch, und das gern. Ich kaufe von träumt, ein Feld zu pachten. Aber es ist auch nicht
keine Bioäpfel. Ich hatte nie das Bedürfnis, etwas mit mei- überraschend. Es sind Menschen, die „House of Cards“
nen eigenen Händen zu erschaffen. Ich zähle nicht zu den auf Netflix schauen und Romane von Elena Ferrante lesen.
Menschen, die „Müll“ für ein interessantes Gesprächsthema Kurz gesagt: Menschen wie ich, also höchst privilegiert.
halten. Ich hatte auch nie vor, an dieser Einstellung etwas Wer sonst keine Probleme im Leben hat, der widmet sich
zu verändern. Bis ich nach Indien zog. denen vor seiner Haustür. In Indien ist das der Müll.
Wir leben jetzt in Bangalore. Vor unserem Haus liegt Dabei produzieren Inder viel weniger Abfall als
ein unbebautes Stück Land, und manchmal, wenn ich am Deutsche, aber das ändert sich. Abfall ist immer auch ein
Schreibtisch sitze, beobachte ich eine Nachbarin, wie sie Zeichen für Fortschritt. Abfall bedeutet, dass sich die
Abfall vom Dach auf dieses Stück Land wirft. Mal ist es Menschen leisten können, etwas wegzuwerfen. Es ist daher
ein voller Beutel, neulich war es eine Farbrolle. Ich weiß davon auszugehen, dass es in Indien erst mal schlimmer
seitdem: Die Nachbarn renovieren. wird, bevor es irgendwann besser wird. Jedes Jahr stoßen
Dann kam der Tag, an dem der See mal wieder brannte. Millionen Inder in die Mittelschicht vor. Sie gehen in die
Bangalore ist eine der am schnellsten wachsenden Städte Mall und bestellen bei Amazon. Es wird wahrscheinlich
des Landes; so schnell, dass sogar die Stadtplaner die noch eine Weile dauern, bis sie sich für den Zersetzungs-
Orientierung verlieren. Es gibt in dieser Stadt um die hun- prozess organischer Materie interessieren.
dert Gewässer, die meisten sind so schmutzig, dass man Neulich hat mich meine Mutter besucht. Ich habe ihr
ihnen nicht zu nahe kommen sollte. In einem dieser Seen vom See in Flammen erzählt. Sie fand das nicht weiter
muss über die Jahre ein Gemisch entstanden sein, das aufregend. Meine Familie stammt aus einem Ort in der
hochentzündlich geworden ist. Jedenfalls fing der See plötz- Nähe eines großen Pharmaunternehmens. Als meine Mut-
lich Feuer. ter ein Kind war, das war Anfang der Siebziger, ist
Du denkst, da schwimmen Fische drin – und auf ein- sie oft an einen Ort nahe der Fabrik geradelt. Die
mal steigen Flammen auf. Kinder haben sich an den Zaun gehängt, um ein
Das war der Tag, an dem ich beschloss, dass sich Becken zu bestaunen, das in allen Farben des Regen-
etwas ändern müsse. bogens schimmerte. Aber das Größte, das wirklich
Ich begann damit, nach jeder Mahlzeit die Essens- Allergrößte, behauptet meine Mutter, war, wenn aus
reste einzusammeln und sie zu einem Plastikeimer in dem Becken ein Fass hochgeschossen kam. Dann ha-
der Küche zu tragen. Große Stücke reiße ich jetzt immer ben alle gejauchzt vor Vergnügen.
in kleinere Stücke, um die Angriffsfläche für die Mikro- Ich möchte jetzt nicht falsch verstanden werden.
organismen zu vergrößern. Wenn ich den Deckel öffne, Ich lebe gern hier. Und ich glaube nicht, dass ich
riecht es im Eimer nach Sauerkraut, ein Zeichen für gute die Welt zu einem besseren Ort kompostieren kann.
Fermentierung, wie ich inzwischen weiß. Ich kompostiere Es ist nur so: Es ist leicht, in Indien zu einem Menschen
ohne Sauerstoff nach der japanischen Bokashi-Methode. zu werden, der die Zukunft unseres Planeten dunkel
Eine Zeit lang habe ich das geheim gehalten. Man ist sieht. Der fliegende Müllbeutel, der brennende See.
neu in der Stadt – da will man nicht gleich der Freak sein, Ich kompostiere auch, um der Schwermut vorzu-
der unter der Spüle Essensreste sammelt. Aber eines Tages beugen.
erzählte ich es auf einer Feier dann doch: Ja, ich kompos- Es hat vier Wochen gebraucht, um unseren Eimer
tiere. In der Küche. bis unter die Kante zu füllen. Ich habe die Pampe in
Stille. einer Tonne auf dem Balkon vergraben, es war, muss
Dann fragte ein indischer Freund: „Mit dem man sagen, richtig wider-
Kambha?“ lich. Sechs Wochen spä-
Ein anderer, auch aus Indien, sagte: „Wir haben jetzt ter griff ich mit der Hand
den Ecobin.“ hinein. Die Erde war
Da denkst du: Bangalore, klar, hier brennt der See, weich. Es roch erdig, fast
THILO ROTHACKER FÜR DEN SPIEGEL

und von den Dächern fliegen die Mülltüten. Und würzig. Wie Waldboden
dann stellst du fest, dass sie hier übers Kompostieren nach dem Regen. Es war
reden wie über Brot und Butter. Kambha. Ecobin. der Duft, der einem sagt,
Ich habe eine junge Inderin kennengelernt, die dass man ein besserer
ihr ganzes Haus dazu gebracht hat, den Biomüll Mensch geworden
auf einen kollektiven Komposthaufen zu werfen. ist. Laura Höflinger

60 DER SPIEGEL 2 / 2018


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MARIJAN MURAT / PICTURE ALLIANCE / DPA
Maschinenbauer in Göppingen

Metallindustrie

Nach Karneval droht die Eskalation


Der Lohnzuschuss bei Arbeitszeitverkürzung wird zum Knackpunkt der aktuellen Tarifrunde.
Ob der Tarifkonflikt in der Metallindustrie schnell gelöst bei Arbeitszeitreduzierung, zumindest für Schichtarbeiter
oder in eine der härtesten Auseinandersetzungen seit Jah- oder Beschäftigte, die sich um ihre Kinder oder pflegebe-
ren münden wird, entscheidet sich bis Ende des Monats. dürftige Angehörige kümmern. Bislang lehnen die Arbeit-
Denn sowohl die IG Metall als auch die Arbeitgeber stehen geber sie als rechtswidrig ab, die IG Metall will auf sie nicht
unter Druck. Mit dem Ende der Friedenspflicht läuft nun verzichten. Doch wenn bis Weiberfastnacht am 8. Februar
eine bundesweite Warnstreikwelle an, die ihren ersten Hö- keine Lösung gefunden ist, droht der Streit zu eskalieren.
hepunkt erreichen wird, wenn ab Donnerstag die dritte Ver- Deshalb wird es Ende Januar eine vierte Verhandlungs-
handlungsrunde in den Tarifbezirken beginnt. Neben einer runde geben. Ist dann kein Ergebnis in Sicht, wird die
Lohnerhöhung von sechs Prozent fordert die IG Metall die IG Metall sich nach Karneval wohl kaum mehr mit kurzen
Möglichkeit, dass Arbeitnehmer ihre wöchentliche Arbeits- Warnstreiks begnügen, sondern ausgewählte Betriebe
zeit längstens für zwei Jahre auf bis zu 28 Stunden senken 24 Stunden lang bestreiken. Angesichts der vollen Auftrags-
dürfen, inklusive eines Rechts auf Rückkehr zur Vollzeit. bücher haben die Firmen daran kein Interesse. Aber auch
Diese Punkte scheinen lösbar, auch ein kräftiges Lohn- die IG Metall hat ein Problem. Im März starten die Betriebs-
plus wäre über einen lang laufenden Vertrag möglich. ratswahlen. Wahlen parallel zu den Tarifverhandlungen
Knackpunkt ist die Forderung nach einem Lohnzuschuss würden der IG Metall einen Kompromiss erschweren. mad

Marken wenig über deren Produkte Konzernen. Häufig reden dritte, vierte, fünfte „…ando“
„Ich warne aus? dort bei der Namensgebung nicht mehr. Man will sich
Samland: Weil es darauf nicht
vor Trends“ ankommt. Sonst dürfte sich
so viele Leute mit, dass nur
der kleinste gemeinsame
doch nicht als Abklatsch posi-
tionieren.
Bernd Samland, eine Computerfirma nicht Nenner durchkommt. Sie SPIEGEL: Muss ein Name
58, erfindet mit nach einem Obst benennen – wollen niemanden vor den heute international klingen?
seiner Agentur aber „Apple“ ist halt ein ge- Kopf stoßen, nicht zu emo- Samland: Eine regionale Ver-
Endmark Produkt- nialer Name. Wichtig ist, dass tional werden. Mittelständler ankerung hat auch ihren Reiz.
und Unterneh- er etwas in einem auslöst. sind da mutiger. In den USA gab es zuletzt
mensnamen wie SPIEGEL: Der Energieversorger SPIEGEL: Auf welchen Na- einen Hang zu deutsch klin-
den des TV-Senders Vox oder RWE hat seine jüngste Toch- mens-Trend sollten Gründer genden Namen, zu sehen am
der Datingplattform Parship. terfirma „Innogy“ getauft. noch schnell aufspringen? Taxi-Unternehmen Uber.
Was löst das bei Ihnen aus? Samland: Ich warne vor Ähnlich in China. Einer der
SPIEGEL: Warum sagen Namen Samland: Nichts. Und das ist Trends. „Zalando“ war origi- größten chinesischen Mode-
neuer Unternehmen oft so ein typisches Problem von nell, „Lieferando“ auch. Der händler heißt „Bauhaus“. akü

62 DER SPIEGEL 2 / 2018


Wirtschaft
Lufthansa werkschaft Ver.di die besten
Stühlerücken Chancen, ihre Kandidaten
im Aufsichtsrat durchzubringen. Ver.di hat
sich erstmals mit der Piloten-
Bei der Lufthansa stehen 2018 vertretung VC (Vereinigung
tiefgreifende Veränderungen Cockpit) verbündet. Auf der
an, allerdings nicht in der Kapitalseite hört der noch
Geschäftspolitik oder im Vor- vom ehemaligen Lufthansa-
stand, sondern im Aufsichts- Chef Jürgen Weber geholte
rat. Zur Hauptversammlung Ex-US-Politiker und Rechts-
Anfang Mai werden mehr als anwalt Robert Kimmitt aus
ein Drittel der 20 Kontrol- Altersgründen auf. Der schei-
leure ihren Sitz räumen, dende Präsident des Verbands
darunter allein sieben Arbeit- der Automobilindustrie,
nehmervertreter. Einen sol- Matthias Wissmann, sollte ei-
chen Aderlass hat es in dem gentlich ebenfalls gehen, darf
Gremium schon lange nicht aber aufgrund seiner lang-
mehr gegeben. Hauptursache jährigen Erfahrung in dem
für den geballten Austausch Gremium noch bleiben. Auf-
ist, dass viele Belegschafts- sichtsratschef Karl-Ludwig

BODO MARKS / DPA


vertreter sich dem Rentenalter Kley wird wohl eines seiner
nähern oder es bereits er- anderen Mandate abgeben
reicht haben. Auf der Arbeit- müssen, um kritische institu-
nehmerseite haben die tionelle Investoren auf dem
Kabinengewerkschaft UFO Aktionärstreffen im Mai zu
und die Dienstleistungsge- besänftigen. did Elbphilharmonie res endet, dann dürften die
Ausverkauftes Haus Erwartungen übertroffen
werden. Die Betreibergesell-
Die Hamburger Elbphilhar- schaft HamburgMusik rech-
Autoindustrie den Dollar mehr als vervier- monie war in ihrem ersten nete von Januar bis August
Rollende Rechner fachen; 1996 lag der Wert
noch bei rund sieben Milliar-
Jahr weitaus erfolgreicher als
erwartet: Zu den mehr als
2017 mit 360 000 Besuchern,
tatsächlich kamen 530 000.
Das Auto verwandelt sich zu den Dollar. Der Boom werde 600 Konzerten (70 Orchester, Für die erste komplette Spiel-
einem Computer auf Rädern. anhalten, erwartet McKinsey, mehr als 110 Dirigenten und zeit hatte man auf 460 000
Auf diese Entwicklung deu- der Umsatz wachse bis 2020 Dirigentinnen, rund 100 En- Besucher gehofft; es dürften
ten Zahlen der Unterneh- jedes Jahr um sechs Prozent. sembles und Bands) kamen deutlich mehr werden.
mensberatung McKinsey hin, Halbleiter sind im Auto an rund 850 000 Besucher, das Die Elbphilharmonie, die
die belegen, wie der Einsatz verschiedenen Stellen im Ein- sind mehr, als die Kulturma- wegen der explodierenden
von Halbleitern in der Auto- satz, zur Steuerung des Mo- nager in ihren Planungen ver- Baukosten heftig kritisiert
industrie zugelegt hat. Inner- tors oder der Bremsen. Vor anschlagt haben. Rechnet worden war, verdankt das
halb von zwei Jahrzehnten allem helfen Chips, die Fahr- man den Erfolg der ersten gute Ergebnis vor allem der
(bis 2015) konnten die Chip- sicherheit zu erhöhen: Bei Spielzeit, die nur von Januar hervorragenden Auslastung:
hersteller ihr Geschäft mit Kollisionswarnsystemen pro- bis August dauerte, auf die Im ersten Jahr wurden
dem Autogewerbe laut der gnostizieren die Berater das erste komplette Spielzeit 100 Prozent der Eintrittkar-
Studie auf knapp 30 Milliar- größte Wachstum. aju hoch, die im Juli dieses Jah- ten verkauft. hgo

Samstagsfrage Muss ich Bitcoin-Gewinne versteuern?


Das Zocken mit Bitcoins oder anderen Kryptowäh- Bitcoin Verkauft ein Anleger seine Bitcoins innerhalb der
rungen hat in den vergangenen Monaten manch Kurs in Euro Spekulationsfrist, muss er den Gewinn mit seinem
einem risikofreudigen Anleger Gewinne beschert. persönlichen Einkommensteuersatz versteuern.
Weil Kryptowährungen in Deutschland kein Es sei denn, der Gewinn aus allen privaten Ver-
968
gesetzliches Zahlungsmittel sind, werten die Fi- 2. Januar 2017 äußerungsgeschäften liegt unter der Freigrenze
nanzämter den Handel mit Cyber-Geld als priva- von 600 Euro. So viel können Anleger steuerfrei
tes Veräußerungsgeschäft. Anders als bei Wert- vereinnahmen. Wird die Grenze überschritten,
papieren unterliegen solche Geschäfte nicht der
12 451 ist der komplette Gewinn zu versteuern. Wer im
3. Januar 2018
Abgeltungsteuer, Gewinne müssen wie bei anderen Quelle: Thomson Reuters
Bitcoin-Handel Geld verloren hat, kann die Verlus-
Vermögensgegenständen – etwa Kunstwerken, Anti- Datastream te mit Gewinnen aus anderen Veräußerungsgeschäf-
quitäten oder Immobilien – in der Anlage Sonstige Ein- ten verrechnen und so möglicherweise Steuern sparen.
künfte (SO) der Steuererklärung angegeben werden. Es Ganz anders ist der Fall beim sogenannten Mining: Wer das
kommt allerdings darauf an, wie lange der Käufer seine virtuelle Geld selbst am Computer mithilfe komplizierter
Bitcoins behält. Verkauft er erst nach mehr als einem Jahr, Algorithmen geschaffen hat, muss dabei entstandene Gewinne
kann er einen möglichen Gewinn steuerfrei vereinnahmen. wie Einkünfte aus einem Gewerbebetrieb versteuern. mhs

DER SPIEGEL 2 / 2018 63


ALEXANDER KOERNER / GETTY IMAGES
Grüne Modenschau in Berlin im Januar 2017: „Primark-Klamotten müssen so geächtet sein wie Käfigeier“

Heute Trend, morgen Müll


Mode Die Textilindustrie predigt Nachhaltigkeit und fördert Recyclingprojekte, dabei
ruiniert sie die Umwelt wie kaum eine andere Branche. Wenn sich wirklich
etwas ändern soll, müssen die Firmen radikal umdenken – und die Verbraucher auch.

I
n einer Halle in Südindien näht eine weniger Wochen auf einem Komposthau- als eine halbe Million Menschen schuften
Frau europäischen Kunden ein gutes fen komplett zersetzen würde, ohne Schad- hier für die Textilindustrie. Sie bringt Ar-
Gewissen. Sie streicht über den Stoff, stoffe zu hinterlassen. beit mit sich und für manche Wohlstand;
führt ihn die Nadel entlang und reicht ihn Dahinter steht ein eigentlich einfacher aber auch einen Fluss, der de facto tot ist.
weiter. Eine zweite Arbeiterin näht den Gedanke: Was der Natur entnommen wird, Das Grundwasser ist so verseucht, dass
linken Ärmel an, eine dritte den rechten. soll ihr zurückgegeben werden. „Früher Bauern sich fürchten, Gemüse anzubauen.
Dann folgt der Saum. So geht es viele gab es Winter- und Sommermode, heute Tiruppur war lange die Ausgeburt eines
Male; und als es um halb elf zur Pause läu- wechselt die Mode jeden Monat“, sagt Wirtschaftssystems, das in erster Linie auf
tet und die mehr als hundert Nähmaschi- John, und sie fragt: „Muss das sein?“ Wachstum setzt, ohne Rücksicht auf
nen zum Stehen kommen, da klingt es, als Es ist ein bemerkenswerter Satz von Mensch und Natur. Philomena John will
verschnaufte ein gewaltiges Tier. einer Frau, die für eine Industrie arbeitet, das ändern. Und sie ist nicht die Einzige.
In den Hallen dieser Textilfabrik im in- die damit reich geworden ist, möglichst Nachhaltigkeit liegt im Trend. Dabei ent-
dischen Tiruppur entsteht im Auftrag der schnell möglichst viele Klamotten zu ver- behrt es nicht einer gewissen Ironie, dass
Firma C&A ein T-Shirt, das äußerlich we- kaufen, und das möglichst billig. ausgerechnet die Textilindustrie das The-
nig auffällt. Und doch ist es etwas Beson- Jeder Deutsche kauft im Jahr durch- ma propagiert. Strumpfhosen aus alten
deres. „Unser T-Shirt ist so natürlich wie schnittlich 60 Kleidungsstücke. Sie stam- Fischernetzen und Abendkleider aus wie-
das Blatt eines Baumes“, sagt Philomena men aus Fabriken in aller Welt, auch aus derverwerteten PET-Flaschen – solche Kol-
John, eine Frau mit kurzen Haaren und Tiruppur im Bundesstaat Tamil Nadu. Hier lektionen lassen sich gut in Werbespots
einer Sprache wie aus dem Poesiealbum. lassen Gap, Adidas, Nike, H&M oder eben und Pressemitteilungen vermarkten.
John leitet Cotton Blossom, einen Zu- auch C&A produzieren. Bei H&M heißt die Linie für Weltver-
lieferer, der für C&A ein vollständig kreis- Je mehr Kleidungsstücke die Menschen besserer „Conscious“ – „bewusst“. C&A
lauffähiges T-Shirt herstellt. Die Idee: Das in Europa kaufen, so könnte man meinen, ist inzwischen der weltweit größte Anbie-
Shirt ist so gefertigt, dass es sich innerhalb desto besser ist es für diese Stadt. Mehr ter von Textilien aus Biobaumwolle. Tchi-
64 DER SPIEGEL 2 / 2018
LAURA HÖFLINGER / DER SPIEGEL

Näherinnen für C&A im indischen Tiruppur: „Die Kunden heute wollen grün – und billig“

bo, aber auch Aldi, Lidl, Rewe und andere Motto der Branche lautet seit Jahren: Im- Die weltweite Textilproduktion hat sich zwi-
Händler haben sich auf Druck von Green- mer mehr, immer öfter – und das immer schen 2000 und 2015 verdoppelt, Kleidung
peace verpflichtet, bis zum Jahr 2020 nur billiger. Dem Wachstum wurde alles un- ist längst zu einem Wegwerfartikel gewor-
noch Textilien ohne umwelt- oder gesund- tergeordnet. So weit der Status quo. den. Derzeit werden jährlich mehr als hun-
heitsschädliche Chemikalien anzubieten. Doch wirklichen Wandel muss man wol- dert Milliarden Kleidungsstücke hergestellt –
„Alle Entscheidungen, die wir treffen, fäl- len. Bislang steckt hinter den Marketing- das sind mehr, als alle Menschen auf die-
len wir unter dem Gesichtspunkt der Nach- sprüchen wenig Substanz. Zumindest sem Planeten jemals auftragen können.
haltigkeit“, erklärt Pablo Isla, Chef des wenn man sich die Zahlen ansieht, fällt es Treiber ist die sogenannte Fast-Fashion-
weltgrößten Modekonzerns Inditex, zu schwer, den frommen Phrasen der Branche Industrie: Hersteller und Händler, die auf
dem unter anderem Zara gehört. Und auch Glauben zu schenken. schnelle Kollektionswechsel setzen – bei
Karl-Johan Persson, CEO von H&M, spart Marktführern wie Zara und H&M bis zu
nicht mit Ankündigungen. „Wir müssen 24-mal im Jahr. Die Bekleidungsindustrie
die Art und Weise, wie Mode gemacht setzte zuletzt weltweit zwei Billionen Euro
wird, verändern“, sagt er, „und wir müssen
Textilmarkt +100% im Jahr um. Experten rechnen mit einer
Weltweite
es in großem Maßstab tun.“ Umsatzentwicklung
Verdoppelung in der nächsten Dekade.
Kreislaufwirtschaft heißt die Zukunfts- gegenüber 2000 Längst hat sich die Generation der „Smart
vision der Branche, in ihrer besten Form Shopper“ an die Schnelllebigkeit der
„Cradle-to-Cradle“ (von der Wiege zur + 80 % Trends gewöhnt.
Wiege), kurz C2C, genannt. Gemeint ist Dieser ungebremste Konsum hat verhee-
ein Wirtschaftssystem, in dem alle Produk- rende ökologische und soziale Folgen. Die
te am Ende ihrer Lebenszeit in etwas Neu- Textilindustrie ist ein Ressourcenfresser,
es, Gleichwertiges verwandelt werden – sie benötigt gewaltige Mengen an Wasser,
anders als bei der heutigen linearen Wirt- T-Shirt- Chemikalien und Energie. Der Baumwoll-
Preis
schaft, in der die meisten Produkte wenig +50% anbau für ein einziges T-Shirt verschlingt
benutzt und dann weggeworfen werden. Fast-Fashion zum Beispiel bis zu 2000 Liter Wasser.
Doch kann man den Beteuerungen der 4,95€ In textilverarbeitenden Ländern wie
Konzernchefs Glauben schenken? Was da- davon: Bangladesch oder Pakistan sinkt der
von ist ernsthafter Überzeugung geschul- 0,13 €Lohn Grundwasserspiegel seit Längerem. Die
0,40 € Material
det – und was nur gewiefte Grünfärberei? Trinkwasserversorgung und die Landwirt-
Mit der Glaubwürdigkeit der Textilhäu- +20% Slow-Fashion schaft in diesen Regionen sind bedroht.
ser steht es nicht zum Besten. Die großen 19,90 € Obschon Baumwolle nur auf 2,4 Prozent
Akteure im Modezirkus haben sich bislang davon: des globalen Ackerlands angebaut wird,
auf ihre Rolle als Händler zurückgezogen. Quelle: Ellen MacArthur 0,60 € Lohn stehe sie für 24 Prozent der weltweit ver-
Foundation, Fast Fashion 2,90 € Material
Sie haben die Produktion ausgelagert – sprühten Insektizide und 11 Prozent der
und die Verantwortung gleich mit. Das 2000 2015 verkauften Pestizide, sagt der WWF. Die
DER SPIEGEL 2 / 2018 65
Wirtschaft

Arbeiter lange Bahnen heraus, in Brillant-


Herstellung der Billigkleider findet deshalb heute auf morgen ändern werden und
vor allem in Ländern statt, in denen Um- rot und Scubablau. schon gar nicht das Einkaufsverhalten der
weltgesetze lax und Arbeitsbedingungen John und zwei ihrer Brüder leiten Cot- Konsumenten“, sagt Jeffrey Hogue, der
prekär sind. Die Branche mit den schönen ton Blossom. Vor 20 Jahren fingen sie mit bei C&A für das Thema Nachhaltigkeit
Hochglanzfotos zählt zu den dreckigsten 40 Arbeitern und 24 Nähmaschinen an. verantwortlich ist. Für C&A sei das jedoch
der Welt. US-Designerin Eileen Fisher hat Heute besitzt die Familie eine Spinnerei nicht nur ein Pilotprojekt: „Wir sehen das
die Modeindustrie „den zweitgrößten Um- und zehn Textilfabriken. als langfristige Investition.“
weltverschmutzer nach der Ölindustrie“ Über die Jahre hat John gesehen, wie Als Nächstes will Hogue auch kompli-
genannt. sich der Preis für ein T-Shirt mehr als hal- ziertere Textilien wie Nachtwäsche und
„Die Fast-Fashion-Industrie erzeugt einebiert hat und wie Firmen abgewandert Babybodys nach dem C2C-Standard ferti-
große Illusion“, sagt Kirsten Brodde von sind, weil die Produktion in Kambodscha, gen lassen.
Greenpeace. „Das aktuelle Konzept ist Bangladesch und Vietnam noch billiger Doch es reicht nicht, wenn die Konzerne
kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell.“ war. Manchmal ging es um Centbeträge. ihre Kollektionen Shirt für Shirt, Hose für
Mit den Preisen ist auch der eigentliche Wer gegen diese brutale Konkurrenz be- Hose auf eine nachhaltige Produktionswei-
Wert von Bekleidung ins Bodenlose gefal- stehen will, das haben die Johns verstanden, se umstellen. Das sei natürlich ein erster
len. „Früher hatten Mode und das Design für den gibt es nur zwei Wege. Entweder: Schritt, sagt die Greenpeace-Expertin
einen Wert an sich“, so Brodde, „heute immer billiger. Oder: irgendwie anders. Brodde, „aber auf die Masse der Produk-
fehlt es an Respekt für das Material und Cotton Blossom stellt 80 Prozent seiner tion gesehen ist das reine Augenwischerei“.
die Ressourcen, aus denen unsere Klei- Kleidung aus Biobaumwolle her, drei Wind- Von einer ernsthaften Kreislaufwirtschaft
dung gewonnen wird.“ Von der „Handar- räder versorgen die Fabriken mit Strom. sei die Modebranche so weit entfernt wie
beit“ dahinter ganz zu schweigen. Eine Wiederaufbereitungsanlage filtert das McDonald’s von einem Biohof.
Die Greenpeace-Aktivistin fordert nicht Wasser zu 95 Prozent zurück in die Anlage. „Bei dem aktuellen Tempo würde eine
weniger als den Umbau der gesamten Das Produkt ist ein Premiumprodukt, zu- Umstellung auf nachhaltige Mode noch
Branche, „es geht um das ethische Konzept geschnitten auf eine Minderheit konsumbe- Jahrzehnte dauern“, sagt Brodde, „und es
hinter der Wegwerfmode“, sagt sie. wusster Kunden. Ein gutes Gewissen gegen kann nicht die Lösung sein, in der Zukunft
Doch ein solcher Wandel wäre ein lang- einen kleinen Aufpreis. Am Anfang inte- hundert Milliarden fair produzierte Klei-
wieriger, komplizierter Prozess. Nötig ressierte sich kaum einer der großen Kun- dungsstücke auf den Markt zu werfen.“
wären ein komplettes Umdenken der Fir- den dafür. „Die wollten billig“, sagt John.
men, eine Neuaufstellung der gesamten Und heute? „Wollen sie grün. Und billig.“ Bislang verweigert sich die Modeindustrie
Wertschöpfungskette. Und das würde Beides zusammen wird auf Dauer nicht jedoch vehement einer notwendigen De-
teuer werden. gehen. Aber die Entwicklung von Cotton batte über die materielle und emotionale
Die Frage ist deshalb, wie ernst es den Blossom zeigt, was grundsätzlich möglich Haltbarkeit von Kleidung. Statt „weniger
Modegiganten mit der Wohltätigkeit wirk- ist, wenn der Druck vonseiten der Auftrag- ist mehr“ zu propagieren und die Produk-
lich ist und ob die großen Unternehmen, geber groß genug ist. tion zu drosseln, setzen gerade die Fast-
die das Problem verursacht haben, auch C&A bekommt am Ende ein T-Shirt ge- Fashion-Häuser auf eine neue Scharade:
Teil der Lösung sein können. liefert, das nicht anders aussieht, aber in Sie stellen Sammelboxen für Altkleider
der Herstellung dreimal so viel kostet wie auf – und versuchen mit dem Thema Re-
Philomena John wacht wie ein Kapitän auf eines aus herkömmlicher Produktion. Im cycling vom eigentlichen Problem des
der Brücke über das Treiben. Unter ihr Laden ist es trotzdem für sieben bis neun Überflusses abzulenken.
liegt die Färberei, groß wie ein Flugzeug- Euro zu haben. Für die Firma, die jährlich Besonders perfide wirbt H&M für sein
hangar. Es riecht nach Chemie. In einer mehrere Hundert Millionen Kleidungsstü- Altkleiderengagement: Wer seine aussor-
riesigen Trommel werden 250 Kilogramm cke verkauft, ist das Kreislauf-Shirt ein ers- tierten Klamotten bei den Schweden ab-
Stoff gewälzt. Um die acht Stunden wird ter Schritt in ein neues Textiluniversum. liefert, wird mit Einkaufsgutscheinen be-
die Baumwolle eingefärbt. Dann ziehen „Wir wissen, dass wir die Welt nicht von lohnt. Auf dass die Nachfrage nach neuem
Stoff ja nicht ins Stocken gerät.
Fast 16 000 Tonnen Kleidung hat H&M
Materialfluss in der Textilindustrie auf diese Weise allein 2016 eingesammelt.
Bis 2030 will das Unternehmen nur noch
recycelte Materialien verwenden. Wie weit
Rohstoffe Produktion Altkleider dieser fromme Wunsch von der Wirklich-
keit entfernt ist, wird allerdings bei einem
97 % 53 75% Blick in den aktuellen Nachhaltigkeitsre-
neue Rohstoffe Millionen Tonnen landen als Alt- port deutlich: Demnach betrug 2016 der
(z.B. Plastik, Fasern wurden kleidung auf Recyclinganteil der eingesetzten Materia-
Baumwolle) 2015 für Bekleidung der Deponie oder
produziert. werden verbrannt. lien gerade mal 0,7 Prozent.
3% „Natürlich stehen wir erst am Anfang“,
räumt Cecilia Strömblad Brännsten ein, in-
Rohstoffe aus nerhalb der H&M-Gruppe für Umwelt und
Recycling
Kreislaufwirtschaft zuständig, „aber wir
glauben, dass Recycling auf lange Sicht ei-
nen essenziellen Beitrag leisten kann.“
In Deutschland verfangen die Recycling-
12% weniger als 1% 12% kampagnen von H&M, aber auch von Ket-
ten wie New Yorker oder Mango beson-
Produktionsverluste wird erneut zu Recycling zu
(z.B. fehlerhafte Verarbeitung) Kleidung recycelt niederwertigen ders gut. Die Bundesbürger sind Weltmeis-
Stand: 2015 Produkten ter im Altkleidersammeln, im Land des
Quelle: Ellen MacArthur Foundation (z.B. Putzlappen) Dosenpfands setzt die Altkleiderbranche
66 DER SPIEGEL 2 / 2018
MATTHIAS LUEDECKE

Textilien bei der Firma Soex in Wolfen: Altkleider für die ganze Welt

Schätzungen zufolge jährlich bis zu 800 I:Collect arbeitet mit Firmen wie H&M, Aus Sicht von Umweltschützern ist das
Millionen Euro um. C&A, Levi’s, Forever 21 und Adler zusam- der GAU. Denn heute enthalten rund 60
Nur ein geringer Teil der Kleidung kann men. Die Firma organisiert die Altkleider- Prozent unserer Kleidung Polyester. Das
jedoch im wahren Sinne des Wortes „wie- sammlung direkt in den Filialen der Han- Plastikgarn ist billig in der Herstellung (ein
derverwertet“ werden, weltweit enden delsketten. Viele der Kleider gelangen per Dollar das Kilo) und damit Treibstoff der
mehr als 70 Prozent der produzierten Klei- Lkw ins sächsische Wolfen bei Leipzig. Fast-Fashion-Industrie (SPIEGEL 8/2017).
der auf der Deponie. In der „Pulse of the 25 bis 30 Lastwagen mit insgesamt rund Seit dem Aufstieg der Billigketten ist
Fashion Industry“-Studie geht die Unter- 300 Tonnen Altkleidung rollen täglich auf der Polyesterverbrauch regelrecht explo-
nehmensberatung Boston Consulting das Gelände. Dort stehen die riesigen Hal- diert. Doch ähnlich wie eine Plastiktüte
Group von 148 Millionen Tonnen Mode- len der Firma Soex, Deutschlands größtem ist Polyester nicht totzukriegen. Er lagert
müll im Jahr 2030 aus – ein Plus von 62 Textilrecycler. sich in Form von Mikropartikeln in Flüssen,
Prozent zum Jahr 2015. Denn besonders Ein Heer von Arbeiterinnen trennt zu- Seen und Meeren ab. Auf den Deponien
bei der Discountmode gilt: Was heute erst noch Tragbares von Recyclingware. verrottet ein pflegeleichtes Sportshirt erst
Trend ist, ist morgen Müll. Die beste Qualität, „Creme“ genannt, wird nach gut 500 Jahren.
„Beim Thema Recycling besteht eine be- in Deutschland wiederverkauft, etwa in Die Werbung der Modeketten für ihre
sonders hohe Greenwashing-Gefahr“, sagt Läden wie Picknweight, in denen Altklei- Recyclingprojekte hält Monika Griefahn
Meike Gebhard, Gründerin der Verbrau- der Vintagemode heißen und nach Ge- daher für „billige Verbrauchertäuschung“.
cherplattform Utopia. Die Konsumenten wicht verkauft werden. Die Vorsitzende des deutschen Cradle-to-
glaubten ja wirklich, „dass sie etwas Gutes Das meiste jedoch, 57 Prozent, expor- Cradle-Vereins glaubt, dass sich die Mode-
tun, wenn sie ihre alten Kleider im Laden tiert Soex weltweit in etwa 80 Länder. Der industrie erst radikal verändern wird,
zurückgeben“. Was danach wirklich mit Handel mit Alttextilien hat in vielen Ziel- wenn die Konsumenten hierzulande ihre
den Klamotten passiere, davon hätten die ländern jede heimische Textilproduktion Macht ausspielen.
meisten gar keine Ahnung. zum Erliegen gebracht, manche Staaten Ihr Verein gewinnt derzeit besonders
haben bereits Importverbote verhängt. viele junge Mitglieder – die Generation
Axel Buchholz, Geschäftsführer des Textil- Nur ein gutes Drittel der eingesammel- der Millennials, sagt Griefahn, wolle mit
recycling-Dienstleisters I:Collect, lebt gut ten Kleider kann Soex wirklich recyceln. ihrem Konsum etwas verändern: „Auf die-
von dieser Unwissenheit. Seitdem Klei- Aber das sieht anders aus, als sich das viele se anspruchsvollen, aufgeklärten Konsu-
dung wie Einwegware konsumiert wird, Konsumenten vorstellen: In der Reißerei, menten werden auch die Fast-Fashion-Ket-
herrscht in der Recyclingbranche Goldgrä- zerfetzen dröhnende Maschinen die Klei- ten reagieren müssen, und natürlich ist
berstimmung. In Deutschland wird rund der in immer kleinere Stücke, bis nur noch auch die Politik in der Pflicht.“
eine Million Tonnen Altkleider pro Jahr Fasern übrig sind, die zu Malervlies oder
gesammelt. Ein Riesenmarkt für Firmen Dämmstoff verarbeitet werden. Lange konnte sich die Industrie auf den
wie I:Collect. Downcycling nennen das Experten, weil Standpunkt zurückziehen, dass es nicht
Die Motive des Handels liegen für Buch- aus den Klamotten nicht etwa neue Klei- ihre Aufgabe sei, die Kunden zu erziehen.
holz auf der Hand. „Wenn der Bedarf an dung oder Gleichwertiges entsteht, son- Doch das Argument hat sich überlebt, spä-
Textilien weiter steigt, werden die Ressour- dern minderwertige Ware für die Bau- testens seit die Selbstreflexion der Mode-
cen knapp“, sagt er. „Ohne Recycling wer- oder Automobilindustrie. Danach landet käufer nachweislich steigt.
den die Firmen ihr bisheriges Geschäfts- der geschredderte Textilabfall endgültig Einer Greenpeace-Studie zufolge geben
modell nicht weiterführen können.“ auf der Müllkippe. gut 60 Prozent der Frauen zwischen 18 und
DER SPIEGEL 2 / 2018 67
„Wir brauchen ein System, das die Res-
sourcen unendlich erhalten kann“, sagt Ina
Budde von Circular Fashion. Budde steht
für eine junge Riege von Textilexperten,
die den Blick auf Mode revolutionieren
wollen. Mit ihren Kollegen berät sie Mode-
firmen bei der Materialbeschaffung, beim
Produktdesign, beim Recycling.
„Bei herkömmlichem Recycling entsteht
immer etwas Minderwertiges“, sagt die

AGATA SZYMANSKA-MEDINA / DER SPIEGEL


Modeexpertin. Sie setzt auf neuartiges, che-
misches Recycling, das eher einer „Rege-
neration“ der Materialien gleiche. Das
gebrauchte Gewebe wird dabei komplett auf-
gelöst, das Lösungsmittel danach zurückge-
wonnen. Es entsteht ein Materialbrei, aus
dem brandneue Textilfasern gezogen wer-
den können. „Wer sich einmal ehrlich vor
Augen führt, wie viel Wert eine Textilfaser
Designer Pletzinger in seinem Berliner Atelier: Bewusster Konsum statt Verzicht hat, versteht, dass es auch wirtschaftlich Sinn
macht, sie zurückzugewinnen“, sagt Budde.
40 Jahre an, mehr Kleider zu besitzen, als wächst das Interesse an fair gefertigten Der Umbau der Textilindustrie kann
sie wirklich brauchen. Rund die Hälfte be- Kleidungsstücken. Alljährlich findet wäh- also auch marktwirtschaftlich durchaus
ginnt, beim Shoppen verstärkt auf nach- rend der Modewoche im Januar die Ethical sinnvoll sein – mit einer Kombination aus
haltige Kriterien zu achten. Mit dem Alter Fashion Show statt, im April folgt dann den richtigen Materialien und Methoden.
und den finanziellen Mitteln wächst auch die Fashion Revolution Week. Am meisten aber können die Konsumen-
das schlechte Gewissen. Gerade handelte „Das deutsche Publikum ist bereit für ten bewirken, indem sie ihre Kleider län-
sich H&M einen internationalen Shitstorm den Wandel“, glaubt die Modedesignerin ger tragen und entsprechend pflegen.
ein, weil ein TV-Sender aufgedeckt hatte, Arianna Nicoletti, eine der Gründerinnen Marken wie der Outdoorhersteller
dass der schwedische Konzern allein in Dä- von Future Fashion Forward. „In Berlin Patagonia versuchen bereits, ihr Geschäfts-
nemark jährlich gut zwölf Tonnen unver- gibt es eine Vielzahl von Designern, die modell darauf auszurichten. In diesem
kaufte Kleidung verbrennt. nachhaltig arbeiten“, sagt sie. Nichts erin- Winter zieht das kalifornische Unterneh-
Die Kunden sind längst weiter, als die nert in den Läden der jungen Modewilden men mit einem Reparaturservice durch die
Industrie glaubt. „Die Zeit ist reif für eine mehr an ausgeleierte Wollpullis aus krat- Skigebiete. Im Angebot: kostenlose Flicke-
Slow-Fashion-Bewegung“, findet Utopia- ziger Jute. Auf gewienerten Altbauparkett- rei von Outdoorbekleidung aller Marken.
Gründerin Gebhard, „es geht nicht um ge- böden stehen aufgemöbelte Omasofas, jun- „Wenn wir die Lebensdauer unserer Klei-
nerellen Verzicht, sondern um bewussten ge Designerinnen sitzen an Vintagenäh- dung verlängern, müssen wir weniger neue
Konsum.“ Ganz so, wie es heute beim The- maschinen. Dienstsprache ist Englisch, die Sachen kaufen und vermeiden so CO2-
ma Fleisch schon viele halten. Kundschaft international. Emissionen, Abfälle und Abwässer, die mit
In der Tat drängt sich der Vergleich mit Wie bei Pletzinger in Berlin-Mitte: Der ihrer Herstellung verbunden wären“, so
der Lebensmittelbranche auf. Die Geiz-ist- Designer, Vorname Wilfried, hat sich auf Patagonia-Chefin Rose Marcario.
geil-Phase brachte XXL-Schnitzel zum „Upcycling“-Mode spezialisiert. Aus alten Die schwedische Modekette Nudie-
Dauertiefpreis und All-you-can-eat-Buf- Trainingshosen, die er auf Ebay oder auf Jeans wiederum zeigt in Berlin ein ganz
fets. Inzwischen gibt es Bioäpfel in jedem dem Flohmarkt findet, näht Pletzinger Da- neues Ladenkonzept. Auf einem Drittel
Discounter. Deutschland hat sich so zum menkleider, aus gebrauchten Eishockeytri- der Fläche wird hochwertige neue Ware
größten Markt für Biolebensmittel in kots neue Hosen. verkauft, auf einem weiteren Drittel Jeans
Europa entwickelt. Warum sollte das nicht Es entstehen Unikate in grellen Farben, aus recycelten Materialien. Der Rest des
auch bei Kleidung funktionieren? gespickt mit bunten Sportlogos, hochprei- Ladens ist einem Nähservice vorbehalten.
„Eine entsprechende Entwicklung bei sig noch dazu. Dem Designer ist selbst das Die Mode steht an einem Scheideweg,
der Mode ist überfällig“, findet auch Kers- wichtig: „Solche Preise zu zahlen hat auch findet Ina Budde. „H&M und Zara müssen
tin Brodde von Greenpeace. „Primark-Kla- etwas mit Wertschätzung zu tun“, sagt er. sich neue Wege einfallen lassen, die Kun-
motten müssen einfach irgendwann so ge- Die Krux der Berliner Moderevoluzzer den an sich zu binden“, sagt sie. „Und
ächtet sein wie Käfigeier.“ ist jedoch, dass ihre Modelle nicht massen- wenn sie es schlau anstellen, können sie
tauglich sind. Natürlich verlängert Upcyc- an einem einzelnen Kleidungsstück am
Wie eine neue Modewelt aussieht, die Kon- ling die Lebensdauer von Textilien. Als Ende sogar mehrfach verdienen.“
sumenten unterstützen können, lässt sich Vorbild für eine Modeindustrie der Zu- Und vielleicht geht es ja auch noch ganz
in Berlin-Neukölln beobachten, an einem kunft taugt es dennoch nicht. Denn mit anders, wie Ina Budde meint: „Wir leihen
Tag Anfang Dezember. Eine Handvoll dem linearen Prinzip des Textilgewerbes Bücher, streamen Videos, mieten Autos –
Modebegeisterte hat sich für einen Spa- bricht auch solche Mode nicht. warum sollte nicht auch ein Spotify für
ziergang durch Berlins Hipsterviertel an- Um die Textilbranche wirklich zu erneu- Mode funktionieren?“
gemeldet. Drei Stunden lang geht es durch ern, braucht es ein System, bei dem die Philip Bethge, Laura Höflinger, Simone Salden
schicke Boutiquen und Designstudios. Textilien gleichzeitig langlebig und kreis- Mail: simone.salden@spiegel.de
Der Bummel heißt Green Fashion Tour lauffähig sind. Eine Art Mode-Hinduismus
und wird vom Verein Future Fashion For- ist gefragt, bei dem Textilien gleichsam Video: Was uns die Turbo-
ward veranstaltet, einem Bündnis für nach- wiedergeboren werden: Keine Baumwoll- Mode wirklich kostet
haltige Textilien. Vor allem in Berlin, faser soll mehr verloren gehen, kein Poly- spiegel.de/sp22018fashion
der grünen Modehauptstadt Deutschlands, ester-Shirt im Abfall landen. oder in der App DER SPIEGEL

68 DER SPIEGEL 2 / 2018


Wirtschaft

Abschreckendes Beispiel
Analyse Eine Serie von Skandalen erschüttert die japanische Industrie. Sie zeigt,
was passiert, wenn Volkswirtschaften sich Reformen verweigern.

N
ur noch drei Zentimeter trennten die rund tau- dient sie vor allem dazu, die Schwächen eines Systems zu
send Passagiere des japanischen Superschnell- vertuschen, das sich überlebt hat. So räumten die Toray-
zugs Shinkansen von einer Katastrophe. So we- Verantwortlichen die Schummeleien einer Tochterfirma
nig fehlte, bevor ein tiefer Riss sich durch einen Teil erst ein, nachdem im Internet entsprechende Hinweise
des Fahrgestells hätte fressen können. Wäre es zerbors- aufgetaucht waren.
ten, hätte der Zug, der mit bis zu 300 Kilometern pro Japan ist der Prototyp einer führenden Industrienation,
Stunde von Südwestjapan Richtung Tokio raste, entglei- die sich nur äußerst widerstrebend wandelt. Statt sich
sen können. ängstlich an ihre Errungenschaften zu klammern, müsste
Der sogenannte schwerwiegende Vorfall ereignete sie entschlossen kreative Freiräume für Einzelne schaffen
sich Mitte Dezember. Dass der Pannenzug in fast letzter – und damit die Bereitschaft fördern, Verantwortung zu
Minute gestoppt und aus dem Verkehr gezogen wurde, übernehmen für Erfolge, aber auch für Versäumnisse.
gleicht einem Wunder. Schon frühzeitig hatte Eisen- Bei allen Unterschieden in den Details bietet Japan ein
bahnpersonal ungewöhnliche Fahrgeräusche festgestellt. abschreckendes Beispiel für Deutschland – eine Nation,
Gleichwohl durfte der Zug noch Hunderte Kilometer wei- die sich mindestens ebenso stolz an wirtschaftlichen Er-
terfahren. folgen berauscht und dabei Reformen oft scheut. Und die
Der Shinkansen ist nicht irgendein Transportmittel. Er ebenfalls gern verdrängt, dass Mythos und Realität längst
ist eine japanische Legende. Er verkörpert den Anspruch nicht mehr übereinstimmen.
der drittgrößten Volkswirtschaft, glo- Man denke nur an den Dieselskan-
baler Technologieführer zu sein. Ähn- dal, bei dem deutsche Autobauer mehr
lich wie die Deutschen rühmen sich die 65-Jährige und Ältere in Japan Kreativität darauf verwandt haben,
Japaner, meisterhafte Qualität zu lie- 40 technisches Unvermögen durch Schum-
fern. „Monozukuri“ nennen sie das lie- Anteil melsoftware zu vertuschen, als die
bevoll – zu Deutsch: „Dinge fertigen“. in Prozent Mängel selbst zu beheben. Es herrschte,
Anspruch und Wirklichkeit klaffen 30 vor allem bei Volkswagen, eine Unter-
inzwischen weit auseinander. Und nehmenskultur, die Mitarbeiter zu
nicht nur beim Shinkansen: Eine Serie Befehlsempfängern degradierte. Nie-
20
von Skandalen erschüttert seit Mona- mand wagte es auszusprechen, dass die
ten das Vertrauen der Japaner in die Vorgaben von oben nicht umzusetzen
eigene Ingenieurskunst. Ein Hersteller 10 waren – jedenfalls nicht ohne Schum-
nach dem anderen musste einräumen, meleien.
Quelle: National Institute of Population
bei Qualitätskontrollen geschummelt and Social Security Research in Japan Und wie in Japan gibt es auch hier
zu haben. eine ganze Reihe Ereignisse, die am
1965 1985 2005 2025 2045 2065 Selbstbild der Ingenieursnation krat-
Die Liste der betroffenen Firmen
reicht von den Autobauern Nissan und zen: das Desaster des Berliner Flug-
Subaru über den Stahlkonzern Kobe Steel bis zum Che- hafens, die Milliardenbaustelle des Bahnhofs Stuttgart 21
miehersteller Toray, dem weltweit größten Produzenten oder die Pannen bei der neuen ICE-Strecke München –
von Spezialfasern, dessen ehemaliger Chef derzeit den Berlin.
Wirtschaftsdachverband Keidanren führt. Bei Nissan nah- Zudem hat sich Deutschland derzeit fast schon daran
men Mitarbeiter Neuwagen technisch ab, obwohl sie dafür gewöhnt, dass es über drei Monate nach der Bundestags-
nicht qualifiziert waren. Bei Kobe und Toray wurden Pro- wahl noch keine neue Regierung gibt. So wird das Land
duktdaten gefälscht, um die Vorgaben von Großkunden zwar irgendwie verwaltet, aber Reformen für den Erhalt
zu erfüllen. der Wettbewerbsfähigkeit bleiben aus, insbesondere der
Die Szenen, die das japanische Fernsehen immer wieder digitale Ausbau der Infrastruktur, Änderungen bei den
sendet, gleichen sich. Sie sind typisch für eine Kultur, die Unternehmenssteuern, die Energiewende, die Stärkung
Wert legt auf öffentliche Gesten der Demut: Vor laufenden der EU.
Kameras verneigen sich Bosse betroffener Firmen lang, Mit jedem Tag, an dem alternde Volkswirtschaften wie
tief und möglichst im korrekten Winkel. Sie bekunden Deutschland und Japan es sich gemütlich machen beim
Reue, bitten um Verzeihung, geloben Besserung. „Shazai Bewahren des Status quo, holen Wettbewerber auf – allen
Kaiken“ heißt das Ritual, „Entschuldigungs-Pressekon- voran China. Was beide Länder brauchen, ist eine scho-
ferenz“. Manche Chefs haben es dabei zur Perfektion nungslose Debatte über die eigenen Unzulänglichkeiten
gebracht. und, daraus abgeleitet, über dringende Reformen.
Auf den ersten Blick handelt es sich bei den Skandalen Bis dahin haben die Japaner allerdings einen kleinen
um ein rein japanisches Phänomen. Viele Betriebe ver- Vorteil: Ihre Bosse, Beamte und Politiker beherrschen zu-
harren in einer Gruppenkultur, bei der die Firma als Fa- mindest die Kunst, sich bei den Landsleuten für Fehler
milienersatz dient. In der Ära der Massenproduktion funk- und Versäumnisse zu entschuldigen. Wieland Wagner
tionierte diese Art der Harmonie prächtig. Derzeit aber Mail: wieland.wagner@spiegel.de

DER SPIEGEL 2 / 2018 69


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GIANMARCO MARAVIGLIA / DER SPIEGEL
Die Trüffelnase
Lebensmittel Der Eataly-Gründer Oscar Farinetti hat in Bologna einen Disney-artigen
Erlebnispark für hochwertiges Essen geschaffen.

E
r sei einer, der es fertigbringe, Eis nach Bologna gelockt werden. Das wären Fico-Eröffnung im November: Hemdkra-
an Eskimos zu verkaufen, sagen Be- so viele, wie jährlich das Kolosseum in gen offen, Kaugummi kauend, grinsend.
wunderer. „Ein Naturtalent, ein Ge- Rom besichtigen, und dreimal mehr Besu- In seinem Gefolge: Italiens Regierungschef
nie der kunstvollen Vereinfachung“, sagt cher als in den florentinischen Uffizien. Paolo Gentiloni, dazu vier Minister und
seine Schwester. „Ein größenwahnsinnig „Wir müssen lernen, die Schönheit die- der ehemalige EU-Kommissionspräsident
gewordener Spezi von Matteo Renzi“ – so ses Landes zu erzählen; ohne Erzählung Romano Prodi. Von Bischöfen, Pfaffen und
klingt’s beim politischen Gegner. keine Wirklichkeit“, sagt Farinetti. „Ich Bürgermeistern ganz zu schweigen – es ist
Zeit, den Mann zu besuchen: Oscar Fa- will, dass das hier eine Adresse wird wie wie bei „Don Camillo und Peppone“.
rinetti, 63. Er ist der Begründer von Eataly, Disney World – die Amerikaner haben we- Nur der Freund und Förderer Farinettis,
einer Feinkosthandelskette, die auf rund nig Geschichte, aber sie sind gut im Erfin- der linke Ex-Premier Renzi, fehlt. Warum?
zwei Milliarden Euro Marktwert geschätzt den von Sachen wie Donald Duck, Mickey „Der ist nur noch Parteichef.“
wird. Entsprechend tritt Farinetti, ein ge- Mouse und die Panzerknacker.“ Die versammelten Würdenträger lassen
drungener Mann mit mächtigem Schnauz- Ah ja. Zwischenstopp und Denkpause, sich von Farinetti zum Kuhstall schleppen,
bart, auch auf – in den Hallen am Stadtrand während Farinetti eine rauchen geht: Fico dann durch eine Art Viehgatter von der
von Bologna, die er sich hier hat herrichten – ein Disneyland für Gourmets? Die Ex- Menge getrennt vorwärtsschieben und
lassen für seinen Traum namens Fico. zellenzprodukte der italienischen Land- schließlich im Atrium ans Mikrofon bitten.
Die am 15. November eröffnete Gour- wirtschaft – vermarktet nach dem Mickey- „Fico, das ist Italien, die Quintessenz
met-Shopping-Erlebnis-Landschaft ist das Mouse-Prinzip? Und überhaupt: Warum dessen, was uns ausmacht“, sagt der
weltweit größte und ungewöhnlichste Pro- stehen hier Alessi-Töpfe neben teurer tos- Regierungschef. Es folgen die National-
jekt dieser Art: Auf zehn Hektar Fläche kanischer Tischwäsche und Bioketchup; hymne und „Va pensiero“ aus Verdis Oper
gibt es 45 Restaurants und Imbisse; 150 be- warum arbeiten hier Craftbeer-Brauer im „Nabucco“. Alles in allem: beinahe ein
teiligte Unternehmen stellen Produkte Glaskäfig, während im Regal daneben Staatsakt.
überwiegend gehobener Qualität aus. Hin- Fläschchen aus der Massenproduktion von „Die Politiker waren nicht hier, um mir
zu kommen Schweineställe im Freien und Peroni angeboten werden? in den Arsch zu kriechen“, sagt Farinetti
Beachvolleyballfelder drinnen, Multime- Kritisieren sei leicht, sagt Farinetti, Wochen später wörtlich auf die Frage, ob
diapavillons, eine Sparkassenfiliale und ge- „aber die meisten, die sich über mich auf- er stolz sei, dass ihm fast die halbe Regie-
genüber eine Kapelle als Zufluchtsort bei regen, können es nur nicht leiden, dass da rung ihre Aufwartung gemacht habe, „die
vorübergehender Reizüberflutung. einer was bewirkt“. Er habe als Chef von waren hier, weil Fico ein öffentlich-privates
Eine Runde mit Farinetti übers Gelände Eataly 6000 Arbeitsplätze geschaffen und Wunderwerk ist.“ Und in der Tat: Farinet-
ist fordernd. Der Mann, der sein Motto in bei Fico noch einmal 1000: „Das Ganze tis Erlebnispark verdankt sich einem ge-
den Wunsch verpackt, der Papst möge hier ist ein Riesenrisiko, aber genauso war meinsamen Kraftakt der Stadt Bologna, di-
„Pessimismus zur Todsünde“ erklären, es auch anderswo – mit Disney World, mit verser Privatinvestoren und Universitäten,
wirft mit Pointen und Zahlen nur so um dem gigantischen Bahnhof von Mailand Ministerien und Tourismusbeauftragter.
sich. „Italien ist das begehrteste Reiseziel oder mit dem Eiffelturm in Paris; Gott sei Zu Farinettis Stärken zählt es, Leute zu-
der Welt, aber wir könnten doppelt so vie- Dank haben wenigstens unsere Urgroßvä- sammenzubringen, die am Zustand des
le ausländische Touristen haben, bisher ter in gewaltigen Dimensionen gedacht.“ Landes etwas ändern und gleichzeitig da-
kommen nur 50 Millionen“, sagt er. 6 Mil- So wie er, Farinetti. Man muss ihn nur bei verdienen wollen. Die meisten von ih-
lionen Menschen sollen allein dank Fico sehen, wie er vorneweg läuft, am Tag der nen sind in der politisch gesehen linken
72 DER SPIEGEL 2 / 2018
GIANMARCO MARAVIGLIA / DER SPIEGEL

GIANMARCO MARAVIGLIA / DER SPIEGEL


Fico-Feinkostherstellung in Bologna, Eataly-Gründer Farinetti: „Die Schönheit dieses Landes erzählen“

Reichshälfte Italiens zu Hause. Im Falle hundert mit Arkaden, wo im Erdgeschoss die Haltbarkeitsdatum verkauft oder umeti-
Fico heißt das: im System Coop. Farinettis Pasta herstellten. Die Familie war kettiert haben soll. Farinetti dankte für den
Die in der traditionell roten Emilia arm. In Alba entstand 1967 die Elektrogerä- Hinweis und versprach Besserung.
Romagna tief verwurzelte „Coop-Connec- tehandlung UniEuro, die den Grundstein Im Kern bleibt er unbeirrbar. Er sieht
tion“, über die der Buchautor Antonio Amo- für Farinettis Vermögen legte. „Oscar sprach sich als Missionar. Italien müsse sich öff-
rosi schreibt, fußt auf der Idee, durch Kon- schon in den Siebzigern von ‚Supermarkt‘, nen, sagt Farinetti: „Wir sind das Land von
sumentengenossenschaften Arbeiter günstig da wusste in Italien noch keiner, was das Christoph Kolumbus und Marco Polo, wir
mit Lebensmitteln zu versorgen. In und um sein soll“, sagt seine Schwester Paola. „Pen- haben den Westen und den Osten der Welt
Bologna aber steht die Coop für einen Ka- sa in Grande“ – Think Big – steht auf den entdeckt, aber was sind wir geworden?
pitalismus, der nach den hermetischen Re- Werbeplakaten im Turiner Stammhaus von Provinzheinis.“
geln der hier lange Zeit führenden Kommu- Eataly, einem ochsenblutfarbenen Flachbau Er träume, was Fico betrifft, von
nistischen Partei Italiens funktioniert. neben den alten Fiat-Werken. Die Kette hat „16 Bussen voller Japaner pro Tag, die sich
Farinetti hat die Coop, ohne die in die- mittlerweile 38 Filialen zwischen Turin und bei uns anschauen, wie gut das alles funk-
ser Gegend nichts geht, beim Projekt Fico Tokio, zwischen der Münchner Schrannen- tioniert“, sagt Farinetti, während er im Zug
als Betreiber und Investor mit ins Boot ge- halle und der New Yorker Fifth Avenue. Der mit Tempo 300 durch sein Heimatland rast,
holt. Er hat außerdem das auf 55 Millionen Umsatz nähert sich einer halben Milliarde „und von 80 Bussen voll mit italienischen
Euro geschätzte Grundstück ohne Aus- Euro, an die 22 000 Produkte werden ange- Rentnern“, die samt Enkeln nach Bologna
schreibung von der Kommune überlassen boten. Die Ursprungsidee, kleinen Qualitäts- kommen. „Eine Stadt in der Stadt, weit
bekommen. Die zu zahlende Miete hängt betrieben eine Bühne zu bieten, droht in den weg vom Zentrum, wird da entstehen müs-
vom Umsatz ab. Farinetti selbst hat wenig Hintergrund zu rücken: Bei den nun benö- sen, damit das Projekt funktioniert“, warnt
zu verlieren, weil wenig investiert. Er kas- tigten Mengen kann nicht jeder mithalten. der Oppositionsführer Massimo Bugani
siert, wenn der Laden brummt. Und so liegen im Turiner Eataly neben von der Fünf-Sterne-Bewegung. „Spekta-
Wirft ihm jemand vor, er bezahle seine edelsten Käsen, Würsten und Jahrgangs- kel, Kinos, Hotels, Schwimmbäder brau-
Leute nicht ordentlich, droht Farinetti mit Barolos inzwischen auch Schutzhandschu- chen die dort – sonst wird das nichts.“
dem Anwalt. Weist ihn jemand darauf hin, he aus chinesischer Fertigung für acht Euro Farinetti selbst bleibt optimistisch, auch
dass unweit seines Erlebnisparks samt Frei- und vorgekochte Schweinshaxen-Konser- wenn er schlaflose Nächte einräumt: „Wer
landvieh eine Müllverbrennungsanlage ven, im Paket zu haben mit einer Flasche keine Panik hat, weiß nichts vom Leben.“
steht, der in einer Studie von 2012 über- Bier – ein Silvestermahl für Eilige. In Wahrheit aber ist er im Kopf wohl schon
durchschnittlicher Ausstoß an Cadmium Das ist nicht wirklich das, was ein Stock- wieder weiter, seine Trüffelnase wittert
bescheinigt wird, dann sagt Farinetti: „Die- werk höher in dieser alten Vermouth-Fabrik neue Geschäfte: Alle zehn Jahre, sagt er,
se Anlage hier stößt nichts Schädliches aus, der Slowfood-Gründer Carlo Petrini fordert: müsse er was Neues machen, „ein weißes
sie hat wahrscheinlich die niedrigsten Ab- „Es geht darum, den Konsum zu begrenzen Blatt beschreiben“.
gaswerte in ganz Europa.“ und die Verschwendung zu verringern“, so Spätestens 2019 soll es mit Eataly an die
So ist er halt. Einer, der von sich sagt, der graubärtige Guru, der die Wachstums- Börse gehen: „Wir brauchen das Kapital
er verwechsle schon mal Zahlen und Na- strategie seines Freundes seit Längerem kri- nicht, aber das einzig global aktive Lebens-
men, zum Beispiel Goebbels mit Goethe, tisch begleitet. Schließlich war er es, Petrini, mittelhandelsunternehmen Italiens muss
aber er sei eine von Grund auf ehrliche der den Elektrogerätehändler Farinetti erst an den Markt.“ Vermutlich schon vorher
Haut: „Mein Vater war Kommandant bei auf die Idee mit der Vermarktung bewuss- kommt das nächste Projekt – neben dem
den Partisanen, er hat mir als wichtigsten ten Essens gebracht hat. Turiner Stammhaus von Eataly entsteht
Wert die Ehrlichkeit beigebracht, ich wür- Farinetti aber will weiter wachsen. Pan- „Green Pea“, ein Warenhaus für Ge-
de keinem auch nur drei Lire stehlen.“ nen nimmt er als Ansporn. „Ab und zu ei- brauchsgegenstände aus italienischer Her-
Das Haus, in dem der Partisanenkomman- nen Fehler machen tut gut, oder?“, fragt stellung. In gewisser Hinsicht könnte sich
dant Paolo Farinetti nach dem Krieg gewohnt er. Im Dezember 2016 wurde ihm der dort ein Lebensweg runden: Oscar Farinet-
hat und in dem der kleine Oscar aufgewach- Schmähpreis „Goldener Tapir“ verliehen, ti kehrt zurück zu den Waschmaschinen.
sen ist, steht in der Trüffel-Hochburg Alba weil seine Belegschaft im New Yorker Alles wie früher. Nur diesmal öko.
im Piemont. Ein Palazzo aus dem 14. Jahr- Eataly Wurst und Käse mit abgelaufenem Walter Mayr

DER SPIEGEL 2 / 2018 73


Wirtschaft

„Wachsen – aber anders“


SPIEGEL-Gespräch Achim Steiner, Chef des Uno-Entwicklungsprogramms, über die Versöhnung
von Ökologie und Ökonomie und seinen unerschütterlichen Optimismus

Steiner, 56, zählt zu den Deutschen, die im bald neun bis zehn Milliarden Menschen, men Sie die Hoffnung, dass sich ausgerech-
Ausland bekannter sind als zu Hause: Seit nicht mehr. net jetzt etwas ändert?
Juni 2017 ist er der drittmächtigste Mann in- SPIEGEL: Die Welthandelsorganisation WTO Steiner: Ich will die Lage nicht schönreden.
nerhalb der Vereinten Nationen (Uno), als Lei- plant seit Jahren, die unfaire Handels- In vielen Teilen der Welt herrscht mit
ter des Entwicklungsprogramms UNDP verwal- und Steuerpolitik zu verändern, doch die Sicherheit eine Gestaltungskrise, was die
tet er ein Budget von fünf Milliarden Dollar. Verhandlungen liegen auf Eis. Bedeutet Zukunft angeht. Und trotzdem wissen wir
Steiner, in Brasilien geboren und aufgewach- das nicht, dass die Uno letztlich nur doch, dass Abschotten letztlich keine Opti-
sen, hat unter anderem Ökonomie und Philo- an Symptomen herumdoktert, aber die on ist. Nehmen wir zum Beispiel das Klima
sophie in Oxford, London und Berlin studiert. wirklichen Ursachen nicht bekämpfen und die Uno-Klimakonvention: Die ist so
Er gilt als Mann der leisen Töne, der allerdings kann? stark wie noch nie. Nachdem die USA ih-
beharrlich für seine Ziele kämpft. Steiner: Nein, keinesfalls. UNDP hilft den ren Austritt aus dem Pariser Klimaabkom-
ärmeren Ländern Lateinamerikas, Afrikas men ankündigt haben, hat sich eine „Jetzt
SPIEGEL: Herr Steiner, das Jahr 2017 war ge- oder im asiatischen Raum seit vielen Jah- erst recht“-Haltung entwickelt. Das hat vor
prägt von der Angst vor Hungersnöten: ren, ihre wirtschaftlichen Interessen auch ein paar Monaten niemand erwartet. Die
am Horn von Afrika, in Nigeria, im Jemen. in der WTO besser zu vertreten. Aber die Weltgemeinschaft rückt näher zusammen.
Sie sind seit einem halben Jahr der Uno- Uno ist kein Zauberstab, sondern beruht SPIEGEL: Ihren Optimismus teilen wir nicht.
Entwicklungschef. Tun Sie nichts? auf Solidarität und Konsens der Mitglied- Die USA sind ausgestiegen, außerdem
Steiner: Im Gegenteil. Dass es im gesamten staaten. nehmen zum ersten Mal seit drei Jahren
Jahr 2017 zu keiner großen Hungerkata- SPIEGEL: US-Präsident Donald Trump hat die CO -Emissionen wieder zu. Das geht
²
strophe gekommen ist, liegt mit daran, dass angekündigt, die Beiträge für die Uno deut- vor allem auf China zurück, das doch
die Vereinten Nationen früh interveniert lich zu kürzen. Haben Sie Angst, dass in die Führungsmacht beim Klimaschutz wer-
haben. Anfang 2017 hat Uno-Generalse- Zeiten von wachsendem Nationalismus den wollte. Und das Energiewendeland
kretär António Guterres die Welt aufgeru- Entwicklungsthemen zuerst unter den Deutschland schafft es noch nicht mal, mit
fen, sofort Hilfe zu leisten. Und das ist dann Tisch fallen? dem Kohleausstieg auch nur anzufangen.
auch passiert. Natürlich leiden noch immer Steiner: Die Gefahr besteht. Nach der Fi- Steiner: Das ist der pessimistische SPIEGEL-
sehr viele Menschen durch die Dürre, aber nanzkrise haben 2015 alle Länder der Welt Blick. Ich bin überzeugter Optimist: Die
Nahrungsmittellieferungen haben das gemeinsam gesagt: Das alleinige Streben Entscheidung der USA ist bedauerlich,
Schlimmste verhindert. nach Wirtschaftswachstum kann so nicht aber auch eine, die absolut isoliert. Die
SPIEGEL: Trotz der Arbeit der Uno hungern weitergehen. Mit der Agenda 2030 wurde Weltgemeinschaft sagt trotzdem: Wir war-
jenseits der aktuellen Krisen weltweit deshalb erstmals beschlossen, dass soziale ten nicht auf euch, wir gehen voran. Und
815 Millionen Menschen, das ist mehr als Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit ins Zen- Deutschland hat mit seiner Klimapolitik
jeder zehnte. Irgendwas läuft doch schief. trum der Entwicklungs- und Wirtschafts- bereits viel erreicht, 35 Prozent der Strom-
Steiner: Sie haben recht: Über 800 Millio- politik gehören. Dass wir die Welt nicht versorgung stammen heute aus erneuerba-
nen hungernde Menschen zu Beginn des mehr in entwickelte und unterentwickelte ren Energien! Dass wir die Emissionsziele
21. Jahrhunderts sind völlig inakzeptabel. Länder teilen, sondern uns als eins verste- 2020 wahrscheinlich verfehlen, ist enttäu-
Aber wer den langfristigen Trend betrach- hen, weil wir nur gemeinsam handlungs- schend – und liegt unter anderem an der
tet, sieht: Der Anteil der absoluten Armut fähig sind – das gibt mir Hoffnung. Kohlelobby. Aber ich habe keinen Zweifel,
und der Hungernden sinkt. Viele Länder SPIEGEL: Das passt aber nicht zur Globali- dass Deutschland aus der Kohle aussteigen
haben sich in den letzten zwei, drei Jahr- sierungsskepsis vieler Menschen und zum wird. Ich hoffe, dass die neue Regierung
zehnten stark entwickelt, sonst wäre die Wunsch, sich abzuschotten. Woher neh- den Kohleausstieg als Ziel – sowie einen
Zahl der Hungernden heute vielleicht bei entsprechenden Fahrplan – vereinbart. Die
zwei Milliarden. Energie- und Mobilitätswende ist Weg-
SPIEGEL: Die Zahl der Hungernden zeigt bereiter, aber auch Zukunft – auch für
trotzdem, dass es auch für die Uno schwie- Deutschlands Arbeitsplätze.
rig ist, Hunger und Armut effizient zu be- SPIEGEL: Und was ist mit den CO -Emis-
²
kämpfen. Woran liegt das? sionen, die derzeit um etwa zwei Prozent
Steiner: Das hat viele Gründe: mangelnde steigen?
Infrastruktur, Korruption oder Bürgerkrie- Steiner: Das ist ein kurzfristiges Phänomen,
ge in den betroffenen Ländern selbst. Aber weil Weltwirtschaft und Weltbevölkerung
auch die globale Wirtschafts- und Handels- wachsen. Wir dürfen nicht vergessen, dass
ARNE WEYCHARDT / DER SPIEGEL

politik hemmt die Entwicklung. Es gibt 600 Millionen Menschen in Afrika bis heu-
eine enorme Ungleichheit: Heute besitzt te keinen Zugang zu Strom haben. Außer-
ein Prozent der Weltbevölkerung die Hälf- dem ist das globale Wirtschaftswachstum
te des Reichtums – da läuft etwas schief. noch nicht genug von den Emissionen
Die Wirtschaftspolitik des 20. Jahrhunderts abgekoppelt. China hat aber bereits zwei
war nur auf Wirtschaftswachstum ausge- Jahre nach Paris seine Verpflichtungen bis
richtet und hat dabei wachsende Ungleich- 2020 in vielen Teilen übertroffen – dem
heit und ökologische Probleme in Kauf ge- Umweltexperte Steiner Land jetzt einen Vorwurf zu machen, halte
nommen. Das geht im 21. Jahrhundert, mit „Abschotten ist keine Option“ ich deshalb für verfehlt.
74 DER SPIEGEL 2 / 2018
FIRAT YURDAKUL / ANADOLU AGENCY / GETTY IMAGES)
Flüchtlinge bei Essensausgabe in Bangladesch: „Da läuft etwas schief“

SPIEGEL: Ihr Lebensthema ist die Green Eco- Steiner: Genau deshalb sind das die Kern- Steiner: Jedes Jahr werden rund 300 Mil-
nomy, die Versöhnung von Ökonomie und themen unserer Arbeit beim UNDP. In liarden Dollar in erneuerbare Energien in-
Ökologie. Nachhaltiges Wachstum braucht Afrika laufen viele Dinge parallel: Das alte vestiert. Die Green Bonds gewinnen auf
länger, bis es Rendite abwirft – wie soll Wirtschaftssystem mit Ressourcenausbeu- den Finanzmärkten an Fahrt. Mit unserer
das also funktionieren? tung und schlechten Produktionsbedingun- Arbeit helfen wir zum Beispiel, die Finanz-
Steiner: Nachhaltigkeit ist kein Hindernis gen hängt noch nach. Gleichzeitig formiert märkte eines Landes gezielt für Investitio-
für die Entwicklung; dieses Vorurteil zähle sich hier in Ansätzen eine neue, grüne nen in nachhaltige Energie, Gesundheits-
ich zu den Mythen des 20. Jahrhunderts. Wirtschaftspolitik des 21. Jahrhunderts. Ich versorgung oder Bildung zu entwickeln.
Bleiben wir bei China: Allein durch die sorge mich aber auch um die Arbeitsplätze Der Wandel hat also begonnen – aber er
erneuerbaren Energien hat das Land Mil- für bald zwei Milliarden Afrikaner, wenn müsste schneller gehen, das stimmt.
lionen neue Arbeitsplätze geschaffen. In die Automatisierung und Digitalisierung SPIEGEL: Ist die Lösung nicht viel grund-
China wird heute über die Zukunft im Sin- in Afrika ankommt. Dann haben wir viel- sätzlicher: nämlich weniger Konsum und
ne einer ökologischen Zivilisation nachge- leicht fünf Prozent Wirtschaftswachstum ein Post-Wachstums-Modell?
dacht … und null Prozent Arbeitsplatzwachstum. Steiner: Grundsätzlich ja. Das fast schon
SPIEGEL: … aber gerade die Chinesen haben Das muss uns auch in geostrategischer Hin- religiös verfolgte Wirtschaftswachstum bil-
ihren heutigen Wohlstand auf jahrzehnte- sicht Sorge bereiten. det nicht ab, ob wir den richtigen Weg
langer Umweltzerstörung aufgebaut! SPIEGEL: Das Prinzip „Green Economy“ gehen. Trotzdem ist die Polarität Wachsen
Steiner: Wie wir alle. Daher auch meine funktioniert trotzdem nur, wenn Sie die versus Schrumpfen falsch. Wir werden Mit-
Überzeugung, dass dieses Jahrhundert das globale Finanzindustrie mit ins Boot holen. te bis Ende des Jahrhunderts drei Milliar-
Zeitalter der Green Economy sein wird. Steiner: Das ist richtig, denn über 80 Pro- den mehr Menschen haben. Das heißt: Wir
Dies haben auch die Chinesen erkannt. zent der Investitionen werden von der Pri- müssen, wir werden wachsen – aber an-
Oder schauen Sie nach Afrika. Viele Länder vatwirtschaft getätigt. Aber bei den großen ders. Damit entstehen neue Möglichkeiten
dort entdecken, dass die ökologische Infra- Investoren und Versicherungskonzernen und Märkte – zum Beispiel für die deut-
struktur ihr größtes Kapital ist. Land, Wäl- wie Axa oder Allianz beginnt ein Umden- sche Automobilindustrie.
der, Flüsse, Nationalparks, ihre Artenviel- ken. Nehmen Sie Blackrock, den größten SPIEGEL: Die ja nicht gerade veränderungs-
falt sind für Landwirtschaft und Tourismus Investmentfonds der Welt: Dessen Ma- freudig ist, wie der Umgang mit dem Diesel-
die Exportschlager. Daher sind es gerade nagement hat vergangenes Jahr Kriterien skandal gezeigt hat.
die Entwicklungsländer, die die Klimaver- benannt, nach denen es Unternehmens- Steiner: Die deutsche Autoindustrie ist in
handlungen vorantreiben, weil sie wissen, führung beurteilt. Dazu gehört Vielfalt in einer Glaubwürdigkeitskrise. Hätten die
dass sie die ersten Opfer sein werden. den Führungsgremien, aber auch die Frage, deutschen Automobilkonzerne nicht so
SPIEGEL: Das gilt nicht für andere Industrien inwieweit sich das Management eines Un- lange gemauert und sich gegen notwendige
vor Ort: Afrika dient als Rohstofflieferant ternehmens über die geschäftlichen Risi- Neuerungen gesperrt, wäre Deutschland
Chinas – zulasten der Umwelt. Und Pro- ken des Klimawandels bewusst ist. jetzt Vorreiter bei der Elektromobilität.
duktionsstandorte, etwa in der Textilindus- SPIEGEL: Dass die Investoren das postulie- SPIEGEL: Genau deshalb sind wir nicht ganz
trie, siedeln sich nur dann an, wenn die ren, ist uns klar. Aber wo sehen Sie An- so optimistisch wie Sie. Wenn eine Schlüs-
Löhne noch niedriger als in Asien sind. zeichen einer tatsächlichen Wende? selindustrie wie die deutschen Autobauer
DER SPIEGEL 2 / 2018 75
Steiner: Der Großteil unserer Mitarbeiter
sitzt nicht in irgendwelchen schönen Büros,
sondern ist vor Ort im Einsatz – und da ist
es oft alles andere als gemütlich. Wenn wir
etwa nach der Schlacht um Mossul mit un-
seren Mitarbeitern im Irak den Wiederauf-
bau unterstützen, für neue Wasserleitun-
gen, Strom, Dächer auf Schulen und Kran-
kenstationen sorgen, dann verlässt sich die
Welt auf uns. Wir arbeiten oft in Situatio-
nen, in denen die meisten Entwicklungs-
organisationen ihre Mitarbeiter gar nicht
erst entsenden würden. Natürlich arbeiten
für uns auch Experten, die die Regierun-
gen in Fragen des Steuersystems, des Fi-
nanzsystems beraten, die müssen nicht in
Gummistiefeln durch die Hauptstadt lau-

ANDY WONG / AP
fen. Ja, die tragen Anzüge, und ja, die be-
kommen auch Gehälter. Aber ich kann Ih-
nen sagen, dass die deutlich niedriger sind
Smog in Peking: „China hat seine Verpflichtungen in vielen Teilen übertroffen“ als die manch anderer europäischer Ent-
wicklungshilfeorganisationen oder etwa
in einer solchen Krise nicht umdenkt – wie Druck entsteht und uns das Drama eines der Weltbank.
kommen Sie dann auf die Idee, die Wirt- Europas der Stacheldrahtzäune oder der SPIEGEL: Man wirft der Uno vor, sie sei zu
schaft könne ins Boot geholt werden? ertrunkenen Menschen im Mittelmeer er- abgehoben, habe trotz 170 Länderbüros
Steiner: Weil die Konkurrenz in anderen spart bleibt. Wir haben viele Dinge zu lang zu wenig Bodenhaftung und Know-how
Ländern beweist, wie schnell neue Tech- ausgeblendet, und das rächt sich irgend- bei der Umsetzung von Entwicklungspro-
nologien und Mobilitätskonzepte Märkte wann. jekten, sei extrem bürokratisch – und oben-
verändern. Daher kündigen deutsche Au- SPIEGEL: Davon spricht Kanzlerin Angela drein auch noch regierungsnah. Wie wollen
tomobilkonzerne ja auch fast im Wochen- Merkel seit zwei Jahren. Hat sich denn Sie diesen Koloss auf die Spur bringen?
takt an, ihre Investitionen in E-Mobilität wirklich etwas verändert? Steiner: Das frage ich mich auch jeden Mor-
stark zu steigern. Aber natürlich ist klar, Steiner: Wir sehen im Augenblick zumin- gen … Nein, im Ernst: Ich glaube an diese
dass hier verschiedene Kräfte um die Deu- dest ein sehr viel strategischeres Verständ- Aufgabe, weil ich das Entwicklungspro-
tungshoheit ringen, auch in den Unterneh- nis dessen, was sich zum Beispiel in der gramm der Uno anders wahrnehme. Eine
men. Der eine Teil hofft, mit dem alten Sahelzone abspielt. Dort haben wir jahr- Organisation zu leiten, die täglich mit
Geschäftsmodell noch ein paar Jahre wei- zehntelang vor allem Krisenbekämpfung 170 000 Mitarbeitern in 170 Ländern tätig ist,
ter Gewinne einstreichen zu können, der gemacht und letztlich nicht für Entwick- ist eine komplexe Aufgabe. Ist sie zu büro-
andere Teil weiß, dass er sich verändern lung gesorgt. Dabei wissen wir, dass kratisch? Absolut. Muss sie verändert wer-
muss. Aber die Investoren an der Börse durch Armut und Marginalisierung Extre- den? Absolut. Das ist mein Ziel. Aber wir
schauen sich ganz genau an, welches Un- mismus entsteht. Frau Merkel und der haben natürlich auch Rechenschaftspflich-
ternehmen sich mit der Zukunft auseinan- französische Präsident Emmanuel Ma- ten. Wenn wir auch nur einen Cent nicht
dersetzt und nicht nur Gewinnmaximie- cron befassen sich jetzt mit diesem The- nachweisen können, ist das ein Skandal. Die
rung im Heute verfolgt. Denn nur dann ma, das muss man anerkennen. Ich wün- Regierungen geben den Vereinten Natio-
kann es langfristig erfolgreich sein. sche mir, dass daraus eine enge Zusam- nen viel Geld, also müssen die Ausgaben
SPIEGEL: Das gilt auch für die Politik. Sie menarbeit mit der Uno entsteht, weil wir nachvollziehbar sein. Deshalb ist eine effi-
haben vor Kurzem mehr Geld gefordert, in diesen Ländern seit vielen Jahren vor ziente Bürokratie an sich nichts Schlechtes.
um die Krisen vor Ort einzudämmen, sonst Ort und in fast allen Sektoren tätig sind. SPIEGEL: Ist nicht gerade die Nähe zu korrup-
kämen die Menschen zu uns. Ist aus der Und weil wir eine neutrale Mittlerrolle ten Regierungen ein Legitimationsproblem?
Entwicklungshilfe vor allem Fluchtursa- einnehmen. Steiner: Wir müssen mit Regierungen ar-
chenbekämpfung geworden? SPIEGEL: Ist das wirklich so? In Entwick- beiten, sonst verpassen wir die Chance,
Steiner: Noch nicht. Wenn wir Menschen lungsländern haben Ihre Mitarbeiter vor Politik zu verändern. Das ist manchmal
vor Ort ermöglichen, gut zu leben, wenn allem den Ruf, sich in blitzblanken, klima- ein schmaler Grat, etwa wenn es um die
das Prinzip Hoffnung erhalten bleibt, dann tisierten Geländewagen von einem Mee- Frage nach Menschenrechten geht. Und
ermöglichen wir einem Kontinent wie Afri- ting ins nächste fahren zu lassen und dafür natürlich macht jede Organisation auch
ka, an seine eigene Zukunft zu glauben. astronomische Gehälter zu beziehen. Fehler, über die diskutiere ich gern. Wofür
Flucht und Migration passieren ja nicht ich keine Zeit habe, sind pauschale Vorur-
aus Romantik oder Freiwilligkeit heraus. teile, die oft überhaupt nicht zutreffen.
Das entsteht aus Not, aus Verzweiflung, Denn Fakt ist auch: Humanitäre Hilfe ist
ARNE WEYCHARDT / DER SPIEGEL

aus Perspektivlosigkeit. Aber Entwick- vergleichsweise einfach. Man kann kurz-


lungsfinanzierung muss kein Widerspruch fristig mit einigen Millionen Not lindern
zu eigenen Interessen sein. Natürlich hat und sich dann wieder zurückziehen. Das
ein Land wie Deutschland ein Interesse löst zwar die Not, nicht aber die Probleme.
daran, Volkswirtschaften dort zu stabili- Aber ein Land mittel- und langfristig zu
sieren und zu fördern, damit weniger entwickeln ist eine komplexe Aufgabe, der
wir uns jeden Tag neu stellen.
* Mit der Redakteurin Susanne Amann (2. v. l.) sowie der Steiner beim SPIEGEL-Gespräch* SPIEGEL: Herr Steiner, wir danken Ihnen
Mitarbeiterin Carolin Wahnbaeck in Hamburg. „Ich glaube an diese Aufgabe“ für dieses Gespräch.
76 DER SPIEGEL 2 / 2018
Wirtschaft

Die Mehrheit der jungen Frauen um die dinnen wissen genau, welches Produkt und

Unheimlich zwanzig will aber offenbar vor allem eines: welche Farbe sie wollen“, sagt Sephora-
perfekt sein. Und das heißt nach ihrem Chefin Loewenfeld. Viele erkundigen sich
Verständnis: perfekt geschminkt. gezielt nach Artikeln, die von einer You-

schön Natürlich war es Mädchen in diesem Al- Tube-Größe empfohlen wurden. Oder sie
ter schon immer wichtig, wie sie auf ande- schicken, wie vor Weihnachten, ihre Eltern
re wirken, die Pubertät ist eine Phase des mit langen Wunschlisten in die Filialen.
Zeitgeist Um auf Selfies gut Experimentierens und Haderns mit dem Die gestiegenen Ansprüche der Kundin-
eigenen Äußeren. Doch die Selfie-Platt- nen fordern auch den Einzelhandel heraus.
auszusehen, spachteln sich junge form Instagram hat den Druck, makellos „Wir müssen uns immer wieder fragen,
Frauen dicke Schichten Make-up zu sein, noch einmal verstärkt. Denn dort welche Produkte und Marken gerade
sind Teenager dem Urteil der gesamten In- angesagt sind“, sagt Christoph Werner,
ins Gesicht. Das beschert der ternetöffentlichkeit ausgesetzt. Mitgeschäftsführer von dm. Um den
Kosmetikindustrie einen Boom. Beim Schminken geht es für viele junge Anschluss zu behalten, hat die badische
Frauen deshalb nicht mehr nur darum, ein Drogeriemarktkette neue Marken in ihr

D
ie junge Frau in der kunstpelz- bisschen frischer auszusehen, sondern ums Sortiment aufgenommen, die teils deutlich
besetzten Winterjacke, die an die- Abdecken, Ausbessern, Modellieren. Der teurer sind als die durchschnittliche
sem Nachmittag durch die Hambur- aktuell wohl populärste Make-up-Trend Drogeriekosmetik.
ger Filiale der Kosmetikkette Sephora nennt sich „Contouring“. Er stammt ur- Gleichzeitig machen Kosmetik-Start-ups
streift, hat eine klare Meinung zum sprünglich aus der Travestieszene und zielt etablierten Unternehmen wie L’Oréal oder
Schminken: Beim Make-up gebe es „kein darauf ab, in aufwendiger Schichtarbeit die Estée Lauder Konkurrenz. Die Gründer
too much“, erklärt sie ihrer Freundin, die Nase schmaler und die Wangenknochen haben sich übers Netz eine Fangemeinde
etwas unschlüssig vor der Auslage mit fal- höher wirken zu lassen. Der schmeichelnde aufgebaut und vertreiben ihre Produkte
schen Wimpern steht. Neben den beiden Instagram-Filter wird sich so gewisserma- ausschließlich online.
testen sich zwei Teenagermädchen durchs ßen direkt auf die Haut gemalt. Diese Art So wie Kylie Jenner, Halbschwester von
Lippenstiftsortiment („Soo schön“). von weiblicher Selbstoptimierung spiegele Kim Kardashian und berühmt dafür, be-
Seit Sephora im Sommer seinen ersten das „Arbeitsverhältnis“ wider, „das Frauen rühmt zu sein. Jenner, 20, ist mit ihren
Laden in Deutschland aufgemacht hat, ist zu ihrem Körper haben“, glaubt die briti- hundert Millionen Instagram-Followern
der Hype auch hierzulande angekommen. sche Feministin Laurie Penny. ein optisches Vorbild für junge Frauen
In München, Bonn und Hamburg standen Auf YouTube finden sich etliche Anlei- weltweit. Daraus hat sie Profit gemacht
die Kundinnen schon Stunden vor der tungen zum „Contouring“. Die Stars der und ihr eigenes Schminkimperium gegrün-
Eröffnung Schlange. Man sei von dem Videoplattform sind Schminklehrerinnen det. Jenners Angaben zufolge hat ihr Online-
Ansturm auf die bislang sieben Filialen und Kaufberaterinnen in einem. Ihrem Rat shop innerhalb von anderthalb Jahren 420
positiv überrascht gewesen, sagt Deutsch- vertrauen die Zuschauerinnen mehr als Millionen Dollar Umsatz gemacht. Die Lip-
land-Geschäftsführerin Miriam von Loe- klassischer Werbung. penstifte sind regelmäßig ausverkauft –
wenfeld. Zwischen 10 und 15 neue Ge- Wie mächtig die Internetstars sind, spü- nach wenigen Sekunden. Ann-Kathrin Nezik
schäfte will Sephora in diesem Jahr in ren auch die Kosmetikketten. „Die Kun- Twitter: @AnKaNez
Deutschland eröffnen, wie bisher auch in
Kooperation mit dem Warenhauskonzern
Galeria Kaufhof.
Das Konzept der Kette, die zum franzö-
sischen Luxuskonzern LVMH gehört, trifft
offenkundig einen Nerv. Statt auf die übli-
chen Drogerieprodukte setzt Sephora auf
Make-up-Marken, die ihre Popularität den
sozialen Netzwerken verdanken und be-
sonders bei jungen, digitalaffinen Kundin-
nen begehrt sind.
Das Geschäft mit Lippenstift und Lid-
schatten läuft so gut wie nie. Allein in
Deutschland wurden 2016 fast zwei Mil-
liarden Euro mit dekorativer Kosmetik
umgesetzt – ein Rekordhoch. Bis 2020 soll
das Marktvolumen weltweit auf mehr als
60 Milliarden Euro anwachsen. Dieser
Make-up-Boom führt vor, wie eine neu he-
ranwachsende Konsumentengeneration
eine ganze Branche verändert.
Sogenannte Influencer wie Bianca
„Bibi“ Heinicke oder Pamela Reif haben
ein neues Schönheitsideal geprägt: dunkler
Lippenstift, stark betonte Augenbrauen,
eine dicke Lage Make-up.
REFLEX MEDIA

Junge Feministinnen mögen in den so-


zialen Medien zum selbstbewussten Um-
gang mit dem eigenen Körper aufrufen
und gegen Schönheitsnormen ankämpfen. Internetstar Jenner: Vorbild für weibliche Selbstoptimierung

DER SPIEGEL 2 / 2018 77


Himmel über Peking
Vor drei Jahren rollten die ersten Bagger an, nun ist
der Rohbau des neuen Flughafens im Süden
der chinesischen Hauptstadt fertig. Der Entwurf des
Terminals stammt von der 2016 verstorbenen
Architektin Zaha Hadid. Die Anlage ist für bis zu
120 Millionen Passagiere jährlich ausgelegt
und könnte damit den Flughafen von Atlanta als
größten Airport der Welt ablösen. Sie soll im
Herbst 2019 in Betrieb gehen – wahrscheinlich noch
vor dem Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg.

Analyse

Trumps wahrer Tweet


Warum die Amerikaner den Pakistanern Milliarden bezahlten
Einmal hatte Donald Trump recht mit einem seiner Tweets. In für den Westen wichtige Aufklärungsergebnisse. Drittens ist
seiner ersten Nachricht des Jahres schrieb er, Pakistan biete Washington besorgt, dass Islamisten innerhalb des pakista-
„den Terroristen, die wir in Afghanistan jagen, Rückzugsgebiete nischen Militärs irgendwann den Finger am roten Knopf der
und uns wenig Hilfe. Damit ist jetzt Schluss!“. Gemeint ist, dass Nuklearwaffen haben könnten.
Pakistan mit einer bekannten Terrorgruppe kooperiert, dem Die Interessen der USA teilte Pakistan trotzdem nie. Pakistan
„Haqqani-Netzwerk“. Die Gruppe ist, wie regionale und west- will kein prosperierendes Afghanistan, das Grenzstreitig-
liche Geheimdienste sagen, für die meisten Großangriffe gegen keiten vom Zaun brechen und sich mit dem Erzfeind Indien
die afghanische Armee und westliche Militärs verantwortlich verbünden könnte. Ziel ist es, Afghanistan labil zu halten
und operiert aus den Stammesgebieten in Pakistan. und unter den Einfluss der mit Islamabad verbündeten Tali-
Bekannt ist das schon lange. Seit Beginn der Militärmission ban zu bringen – zu denen auch die Haqqanis gehören.
am Hindukusch haben die USA weit über 30 Milliarden Was wird Trump also bewirken, wenn er Pakistan Geld
Dollar überwiesen für Pakistans Unterstützung beim soge- streicht, das vor allem dem Militär zugutekommt? Wenig.
nannten Antiterrorkampf. Warum zahlte Amerika immer Wichtigster Partner Pakistans ist langfristig nicht Amerika,
weiter, trotz Pakistans doppeltem Spiel? sondern China, das seit Jahren Milliarden in die Infrastruktur
Drei Gründe: Durch Pakistan laufen wichtige Nachschub- des Landes investiert und keinerlei politische Bedingungen
wege für das internationale Militär. Zweitens verfügt der stellt. Trumps Tweet lenkt davon ab, dass Washington seinen
pakistanische Geheimdienst Inter-Services Intelligence über Einfluss auf Pakistan weithin verloren hat. Susanne Koelbl

78 DER SPIEGEL 2 / 2018


Ausland
Brasilien brecht, der in ganz Latein- nung als Gegenleistung für
Kann Lula wieder amerika auf höchster Ebene Gefälligkeiten erhalten ha-
Präsident werden? Politiker bestach. Moro hatte
auch Lula in erster Instanz zu
ben. Wird das Urteil bestätigt,
dürfte der nach wie vor äu-
Wie es mit der krisengeschüt- neuneinhalb Jahren Haft ver- ßerst beliebte linke Politiker
telten Demokratie im größ- urteilt; dieser soll eine Woh- nicht bei den Präsident-
ten Land Lateinamerikas wei- schaftswahlen antreten – so
tergeht, entscheidet sich am sehen es seine Gegner. Lula
24. Januar – nicht erst bei dagegen sieht sich als Opfer
den Präsidentschaftswahlen einer politischen Verfolgung
im Oktober. Denn an diesem der Rechten. Er baut auf sei-
Tag befindet ein Berufungs- nen Rückhalt in der Bevölke-
gericht darüber, ob Ex-Präsi- rung – und darauf, dass ihm
dent Luiz Inácio Lula da Sil- die Justiz ein Schlupfloch las-
va, der in allen Umfragen mit sen könnte. Andernfalls, so

C.H. GARDINER / IMAGO


weitem Abstand führt, sich das Kalkül seiner Arbeiter-
der Korruption schuldig ge- partei, hätte der nächste Prä-
macht hat. Richter Sérgio sident ein Legitimationspro-
Moro leitet die Ermittlungen blem. Und die Staatskrise
in dem gigantischen Skandal würde sich um weitere vier
um den Baukonzern Ode- Lula Jahre verlängern. jgl

Israel lität eines Apartheidstaats. Netanyahu treibt den Rechts-


Die Ein-Staaten- „Die Zeit ist gekommen, ruck voran und lenkt damit
Lösung unser biblisches Recht auf
das Land zu erklären“, sagte
von Korruptionsvorwürfen
gegen sich ab. Das gleiche
Die israelischen Rechten Sicherheitsminister Gilad einer „Kriegserklärung“, hieß
haben die ersten Tage des Erdan. Vor allem die außen- es aus dem Büro von Palästi-
neuen Jahres genutzt, um politische Lage ermutigt die nenserpräsident Mahmoud
klarzumachen: Einen palästi- israelische Rechte zu solchen Abbas. Wie chancenlos
nensischen Staat soll es nie- Schritten: US-Präsident Do- die Palästinenser mit ihren
PAN ZHIWANG / IMAGINECHINA / LAIF

mals geben und erst recht nald Trump hat Jerusalem als Anliegen sind, zeigt die Re-
keine Hauptstadt Ostjerusa- Hauptstadt Israels anerkannt aktion von Donald Trump:
lem. Am Silvesterabend und scheint bereit, auch Per Twitter stellt er finanziel-
stimmte das Zentralkomitee mögliche Statusveränderun- le Hilfen an die Palästinen-
der Regierungspartei Likud gen im Westjordanland zu ser infrage, da sie sich Frie-
ohne Gegenstimmen einer tolerieren. Der angeschlage- densgesprächen verweigern
Resolution zu, nach der israe- ne Premierminister Benjamin würden. abe
lische Siedlungen ohne Ein-
schränkungen ausgebaut und
die Souveränität Israels auf
das Westjordanland ausgewei-
Fußnote tet werden sollen. Dienstag-

2,6
früh verabschiedete das Parla-
ment eine Gesetzesänderung,
Millionen welche eine künftige Teilung
Jerusalems erschwert – und
Menschen sind in den damit alle Friedensverhand-
vergangenen acht lungen. Zusätzlich veröffent-
Jahren auf der Flucht vor lichte der Generalstaatsan-
Boko Haram obdachlos walt eine Richtlinie, nach der
geworden, etwa 20 000 alle neuen Gesetzesvorhaben
kamen bei Anschlägen der daraufhin überprüft werden
islamistischen Terror- sollen, wie man sie im West-
gruppe ums Leben. Zum jordanland anwenden könnte.
Jahreswechsel starben Für rund 430 000 israelische
erneut 25 Menschen Siedler könnte so ein demo-
nahe der nigerianischen kratisches Rechtssystem auf-
Stadt Maiduguri. Die gebaut werden, während die
Angreifer kamen aus dem
GALI TIBBON / DPA

dort ebenfalls lebenden Paläs-


Sambisa-Wald, dem tinenser unter israelischer
Rückzugsort der Kämpfer, Militärherrschaft verbleiben.
die den Nordosten Menschenrechtler kritisieren,
des Landes terrorisieren. Israel nähere sich so der Rea- Netanyahu

DER SPIEGEL 2 / 2018 79


AFP / GETTY IMAGES
Demonstrantin an der Universität, Regime-Unterstützer in Teheran am 30. Dezember: „Wir wachen langsam auf“

EBRAHIM NOROOZI / AP

80 DER SPIEGEL 2 / 2018


Ausland

Die Wutbürger
Iran Zum ersten Mal seit fast zehn Jahren wird das Land wieder von Protesten erschüttert.
Gegen die Armut, die hohen Preise und die gebrochenen Versprechen der Regierung.
Ist das der Beginn eines Persischen Frühlings – oder das Ende des Rohani-Experiments?

V
or der Universität in Teheran stan- Präsident Mahmoud Ahmadinejad protes- von Studenten, Demonstranten, normalen
den Sicherheitskräfte, wie an so vie- tierten. Bürgern, durch Handyvideos und Postings
len Orten des Landes. Auf dem Aber während damals vor allem die Mit- aus sozialen Medien ergibt sich trotzdem
Campus demonstrierten am Samstag ver- telschicht demonstrierte, sind es diesmal ein Bild des Geschehens.
gangener Woche ein paar Hundert Studen- die Arbeiter und Ungebildeten; während Demnach begannen die Proteste in der
ten, auch Said war dabei, ein Politikstu- damals Teheran das Zentrum der Proteste Millionenstadt Maschhad, ihr Slogan soll
dent von 22 Jahren. Sie riefen einige der war, wird dieser Aufstand von den Bewoh- zunächst „Tod Rohani“ gelautet haben.
Sprüche, die in diesen Tagen durchs ganze nern der Provinzen und Kleinstädte getra- Auch deshalb wird vermutet, dass die De-
Land hallen: „Das Land bettelt, der Herr gen. Bislang gibt es auch keine Opposi- monstranten von Ebrahim Raisi angestiftet
lebt wie ein Gott!“, „Wir wollen keine Is- tionsbewegung, keine Anführer, keine ein- worden sind, dem konservativen Rivalen
lamische Republik!“, „Wir sterben, wir heitlichen Ziele. Dieser Aufstand, er scheint des Präsidenten. Raisi ist der Verwalter
sterben, aber wir holen uns unser Land eher ein öffentlicher Wutausbruch zu sein, des wichtigsten schiitischen Heiligtums in
zurück!“ und „Tod Khamenei!“ gegen hohe Eierpreise genauso wie gegen Maschhad; sein Schwiegervater leitet dort
Dann waren plötzlich alle Tore auf dem Irans Führung. Radikaler als je zuvor, be- das Freitagsgebet. Die Slogans radikalisier-
Campus verschlossen, außer einem. „Wir feuert vom Zorn junger Männer. ten sich schnell, die Proteste weiteten sich
alle mussten durch dieses Tor“, berichtet Während Revolutionsführer Ali Khame- aus – Maschhad war nur der Funke, der
Said. Am Ausgang hätten Polizisten ge- nei den Demonstranten mit scharfen Wor- zur Explosion führte.
standen und mit Schlagstöcken auf sie ein- ten drohte und „ausländische Kräfte“ ver- Zunder ist die schlechte wirtschaftliche
geprügelt. „Einige meiner Freunde konn- antwortlich machte, hat Präsident Hassan Lage, verbunden mit drastischen Preisstei-
ten nicht entkommen und wurden verhaf- Rohani zumindest den Protest gegen die gerungen für Lebensmittel in den vergan-
tet.“ Er selbst konnte davonrennen, aber hohen Preise als legitim bezeichnet. Der genen Wochen. Die Jugendarbeitslosigkeit
fast wäre auch er verhaftet worden. Vorsitzende des Revolutionsgerichts drohte liegt nach Schätzungen bei 40 Prozent, und
„Am Anfang haben vor allem Arbeiter mit der Todesstrafe. Und der Kommandeur selbst wer einen Job hat, erhält seinen
und radikale linke Studenten demonstriert, Lohn oft verspätet ausgezahlt. Dazu kom-
jetzt sind auch immer mehr Reformer auf men die Folgen einer extremen Dürre und
der Straße.“ Mehr könne er aber nicht er- „Besser verhaftet zu wer- zuletzt der Zusammenbruch mehrerer Fi-
zählen, entschuldigt er sich am Telefon, nanzinstitutionen, was die Ersparnisse von
das sei zu gefährlich. Dann legt er auf. den, als zu verhungern. Ich rund drei Millionen Familien ausradiert
Said ist schon länger aktiv, bei einem habe nichts zu verlieren“, hat. Doch anstatt die eigenen Bürger zu
Treffen vor einigen Monaten sagte er: „Wir unterstützen, fließen Milliarden nach Sy-
glauben, dass Reformen innerhalb des Sys-
sagt der Fotograf Jawad. rien und in den Irak, um deren verbündete
tems möglich sind. Die Verfassung der Is- Regime am Leben zu erhalten.
lamischen Republik ist so viel besser als der Revolutionswächter erklärte am Mitt- Als wäre das noch nicht genug, legte Ro-
das, was der Staat daraus macht.“ Mit an- woch den „Aufstand“ für beendet. hani Ende Dezember offen, dass geheime
deren Studenten hat er in den vergange- Nur 15 000 Menschen hätten demons- Milliardensummen in religiöse Stiftungen,
nen Monaten diskutiert, ob sie gegen die triert, behauptete der Generalmajor, viele ins Militär und zu den Revolutionswäch-
Politik von Hassan Rohani protestieren der „Aufständischen“ seien von den Volks- tern fließen. Erstmals wurde für eine breite
sollten. Doch die Mehrheit fürchtete sich, mudschahidin trainiert worden, einer mi- Öffentlichkeit deutlich: Das religiöse Estab-
die verhältnismäßig freie Atmosphäre aufs litanten Oppositionsbewegung. Sie seien lishment bereichert sich, ohne jegliche
Spiel zu setzen, die unter dem moderaten verhaftet worden. Gegen „eine ehemalige Kontrolle oder Scham. Und das in einem
Präsidenten bislang herrscht. Amtsperson“ werde wegen Verwicklung Moment, in dem die Regierung die Ben-
Schon da sagte ein Kommilitone von in die Proteste ermittelt. Damit könnte Ex- zinpreise erhöhte und Subventionen strich.
Said, der 2009 auch an der „Grünen Re- Präsident Ahmadinejad gemeint sein, der Alle seien wütend, sagt Pedram, 28, ein
volte“ teilgenommen hatte und danach ein in den vergangenen Monaten Regierung früherer Aktivist der „Grünen Revolte“ von
Jahr in Haft saß: „Wir wachen langsam und Justiz kritisiert hatte. 2009, der mehrfach im Gefängnis saß. Er ist
auf. Das nächste Mal wird es nicht um kul- Tatsächlich hatten die Proteste bis Mitt- heute Ingenieur, er will nicht mehr demons-
turelle Freiheiten gehen, sondern um Wirt- wochabend abgenommen, gingen in vielen trieren gehen – aber er teilt den Zorn. „Wü-
schaftspolitik.“ Er ist nun einer der Mit- Städten Tausende Regimeunterstützer auf tend sind Tausende Rentner, die seit Mona-
organisatoren der Proteste, die am letzten die Straßen. Doch vorbei? Danach sieht ten keine Rente bekommen haben, da we-
Donnerstag des Jahres 2017 rund 800 Kilo- es derzeit noch nicht aus, zumindest nicht – gen Korruption und Missmanagement kein
meter östlich von Teheran begannen. diese Einschränkung ist leider notwendig – Geld mehr da ist. Wütend sind Tausende
Mindestens 21 Menschen sollen seither nach allem, was man weiß. Bürger, deren Ersparnisse bei Kreditinsti-
gestorben, mehr als 450 verhaftet worden Denn aus Iran zu berichten ist westli- tuten verspielt wurden. Wütend sind die
sein. Es ist der größte Aufstand gegen die chen Journalisten nur in Ausnahmefällen Menschen auf die Korruption. Wütend sind
Regierung seit 2009, als Hunderttausende möglich, die Visavergabe ist strikt. Doch sie auf die Vetternwirtschaft, aber auch auf
gegen die angeblich gefälschte Wahl von aus Schilderungen der Menschen vor Ort, die Beschränkung ihrer Freiheiten“, zählt er
DER SPIEGEL 2 / 2018 81
auf. Es habe daher zuletzt zahlreiche klei-
nere Demonstrationen gegeben. Dass es zu
diesem Ausbruch kommt, erstaunt ihn nicht.
Aber selbst mitgehen? „Nein“, sagt er.
„Ich will keine zweite Revolution.“
Einer, der dagegen jeden Tag dabei ist, Brennendes Auto Trümmer in den Straßen

Ka
ist der Fotograf Jawad. Anfangs, berichtet

sp
250 km

isch
er, hätten die Polizisten ruhig reagiert. „Sie
standen einfach nur da. Aber als die Men-

es Meer
ge immer größer wurde, überfuhren sie Quelle: CNN
die Menschen mit ihren gepanzerten Wa- TÜRKEI
TURKMENISTAN
gen. Dabei sind Protestierende gestorben.“
Schon 2009 sympathisierte er mit dem Pro-
test, traute sich jedoch nicht auf die Straße. 28. Dezember:
Heute ist Jawad 34 und arbeitslos. Er sagt: SYRIEN Beginn der Proteste
„Besser verhaftet zu werden, als zu verhun- Albors Teheran
gern. Ich habe nichts zu verlieren.“ Sein Fo- IRAK Tuisirkan Maschhad
toladen ging pleite, Bewerbungen scheiter-
ten. Er schlägt sich mit Hilfsjobs durch, lebt Dorud
30. Dezember: erste Ghahdirijan
in einem winzigen Apartment in Teheran. getötete Demonstranten Isfahan AFGHANISTAN
Dabei sollte mit der Wahl Rohanis alles
anders werden. Seine Regierung hatte für
das Atomabkommen geworben, das sie Kermanschah
2015 endlich nach langen Verhandlungen KUWAIT
Schiraz
unter anderem mit den USA und der EU
schloss. Rohani versprach damals, mit dem
Ende der Sanktionen kämen auch der wirt-
Pe
SAUDI-ARABIEN Bandar-e Abbas
schaftliche Aufschwung, mehr Transparenz rs
ch PAKISTAN
is
er
und das Ende der Korruption. Im Mai 2017 Go
wurde er – auch deshalb – mit 57 Prozent lf
KATAR
der Stimmen wiedergewählt. Doch bisher Proteste in Iran
OMAN
ist die Wirtschaftsblüte ausgeblieben. V. A. E.
Zunächst lief es gut. Die Regierung
drückte die Inflation von über 40 auf rund Feuer in einem Gebäude Angriff auf eine Polizeiwache
10 Prozent. Selbst der Internationale Wäh-
rungsfonds lobte Teheran. Und doch hat
sich die Lage für die Bevölkerung ver-
schlechtert. Das liegt auch daran, dass sich
die internationalen Banken trotz Aufhe-
bung der meisten Sanktionen weigern, grö-
ßere Geldgeschäfte mit Iran zu tätigen.
Denn US-Präsident Donald Trump hat
das Atomabkommen zwar nicht offiziell
aufgekündigt, aber mit erneuten Sanktio-
nen gedroht – und so scheuen Banken und
Konzerne vor Geschäften mit Iran zurück. „Wenn du keine Beziehungen hast, kein Demonstranten drei Gruppen. Da seien
Besonders Irans Hardliner nutzen diesen Geld, hast du hier keine Chance“, sagt der die Armen und Ungebildeten, die unter
Umstand, um gegen die moderate Regie- Fotograf Jawad. Es beginne bereits damit, der Wirtschaftslage litten, die Kritiker von
rung und die Öffnung zu argumentieren. dass viele der Studienplätze an den staat- Rohani sowie die Gegner der Islamischen
Verträge wie das Atomabkommen, so ihr lichen Universitäten den Söhnen und Töch- Republik und ihrer Strukturen.
Argument, würden Iran nur schaden. tern von „Märtyrerfamilien“ zustünden. Am größten und wichtigsten sei die erste
Aber die Gründe für die wirtschaftlichen Er selbst hat daher an einer privaten Hoch- Gruppe. „Nur eine Minderheit glaubt noch,
Probleme liegen auch im Land. Nicht Ro- schule studiert, seine Eltern haben die Stu- dass die Regierung und das Atomabkom-
hani ist der mächtigste Mann, sondern Kha- diengebühren gezahlt. Doch auch Akade- men die Lage verbessern können.“ Viele
menei. Die Religiösen mischen sich häufig miker bekommen ohne „Wasete“, einen hätten das Gefühl, dass sich die Regierung
ein und blockieren die Entscheidungen ge- einflussreichen Vermittler, keinen Job. nicht um ihr Schicksal schere. Rohani ver-
wählter Politiker. Deshalb geht es nur lang- Eigentlich wolle er nur weg, sagt Jawad. lasse selten sein Büro, anders als sein Vor-
sam voran mit Reformen, vor allem in der Er suche bereits nach einem Schlepper, der gänger Ahmadinejad, der regelmäßig die
verkrusteten Wirtschaft, die zu großen Tei- ihn nach Europa bringen könne. ärmsten Gegenden besucht hatte.
len von den Revolutionswächtern kontrol- Den vielleicht besten Einblick in die Ge- Die Rohani-Kritiker, die zweite Gruppe,
liert wird, einem Staat im Staate, der mäch- mütslage seiner Landsleute hat Ebrahim versuchten, den Präsidenten zur Zielschei-
tigsten Institution des Landes. Mohseni. Er ist Meinungsforscher an der be zu machen – auch weil ihnen dessen
Verstärkt wird die allgemeine Unzufrie- Universität Teheran – und er hat in den Kurs zu moderat ist. „Doch was sie zu-
denheit durch die wachsende Ungleichheit. vergangenen Tagen Motivation und Dyna- nächst nicht verstanden haben“, sagt Moh-
Während ein Großteil des Volks leidet, mik der Proteste genau studiert. seni: „Es ist schwer, einen Protest gegen
protzen die Angehörigen der herrschen- „Mehrere Dinge geschehen derzeit Rohani zu organisieren, ohne dass er sich
den Elite mit ihrem Reichtum. gleichzeitig“, sagt er, es gebe unter den gegen andere Teile des Systems wendet.“
82 DER SPIEGEL 2 / 2018
Ausland

Als dritte und letzte Gruppe seien die Ausland organisiert – was durch die Tweets mit Wut im Bauch gegen den Revolutions-
Gegner der Islamischen Republik auf die des US-Präsidenten nicht besser wird, der führer. „Ich bin gläubig“, sagt Sara Mehr-
Protestwelle aufgesprungen. „Ihr Problem die Demonstranten freudig anfeuert. „Die zadi, „aber ich will eine nicht religiöse Re-
ist aber, dass sie zu hastig agiert haben“, USA beobachten das!“, schrieb er. „Zeit gierung, die Ahnung von Wirtschaft hat.“
sagt Mohseni. „Ihre Anti-Islam-Rhetorik für Wandel!“ Und, gewandt an die Demons- Da ist eine Krankenschwester in Tehe-
und ihr Einsatz von Gewalt und Vandalis- tranten: „Ihr werdet zur passenden Zeit ran, 26, Mutter zweier Kinder, die sagt, sie
mus haben die Iraner abgeschreckt.“ Auch großartige Unterstützung der USA sehen!“ habe zwar Arbeit, fürchte aber ständig, ih-
die Anhänger der „Grünen Revolte“ hät- „Diese Proteste laufen auf ganzer Linie ren Job und damit das einzige Einkommen
ten sich daher rasch distanziert. zu Trumps Gunsten“, sagt Izadi. Die Toten, der Familie zu verlieren. Ihr Mann ergänzt:
Viele der Iraner, die nicht auf die Straße behauptet er, seien die Folge gewaltsamer „Wir haben alles hier, um ein wohlhaben-
gehen, bewegen sich in diesen Tagen ver- Angriffe auf Polizeistationen und auf Offi- des Land zu sein mit unseren Ressourcen,
mutlich irgendwo in der Mitte: zwischen zielle. Die Opposition wolle Opfer produ- dem Erdöl, den herrlichen Küsten. Ein Pa-
Ablehnung der Gewalt, heimlicher Freude zieren, um zu zeigen, wie brutal das Re- radies. Aber bei uns kommt von all diesem
über die Proteste und zugleich der Furcht gime in Teheran vorgehe. Das wiederum Reichtum nichts an.“
vor mehr Repression, gar einem chaotisch würde dann Donald Trump nutzen kön- Es ist diese Stimmung, die der Führung
verlaufenden „Persischen Frühling“, der in nen, um neue Sanktionen zu erlassen. Sorgen machen muss.
einen Bürgerkrieg wie in Syrien münden Tatsächlich sieht Trump Iran – neben Wohin also werden die Proteste führen,
könnte. Vor allem jene, die der „Grünen Nordkorea – als die größte weltweite Be- wem werden sie am Ende nutzen? Und
Revolte“ nahestehen oder damals demons- drohung. Die Proteste könnten für ihn nun vor allem: Wem werden sie schaden?
trierten, sehen die Ereignisse skeptisch. der willkommene Anlass sein, das Atom- Der Meinungsforscher Mohseni ist sich
Hassan ist 32 Jahre alt und arbeitet als abkommen endgültig aufzukündigen und sicher, dass Donald Trump die Gescheh-
Ingenieur auf einem Ölfeld im Süden. 2009 Iran weiter zu isolieren. Gleichzeitig kann nisse nutzen wird, um die Amerikaner,
ging er in Teheran jeden Tag auf die Straße, er sich als Unterstützer von Freiheit und vielleicht auch die Europäer zu überzeu-
„ich wollte keinen religiösen Hardliner wie Menschenrechten präsentieren. gen, dass nun die Zeit gekommen sei,
Ahmadinejad an der Macht“. Doch nun „Das ist der Moment für die EU“, sagt einen Regimewechsel in Iran anzustreben.
sagt er: „Das Leben in Iran ist in den letz- daher Suzanne Maloney, einst Beraterin Zwar sei dieses Ziel unrealistisch, aber be-
ten Jahren freier geworden, die Sicherheits- reits der Versuch wäre fatal.
behörden belästigen uns nicht mehr, wenn „Die Moderaten, Reformer und all jene,
wir Party machen oder kritische Dinge in „Wir haben alles hier, ein die für mehr Öffnung gegenüber dem Wes-
den sozialen Medien posten. Die Demons- ten plädieren, würden politisch abgedrängt.
tranten setzen diese Freiheit nun aufs Paradies. Aber bei Es würde eine schärfere Konfrontation mit
Spiel.“ Er fürchtet ein Chaos wie in Syrien, uns kommt von diesem dem Westen geben. Und innenpolitisch
das Regime lasse sich nicht so leicht stürzen. würde sich das Narrativ verfestigen, Iran
„Wir machen doch bereits kleine Schritte
Reichtum nichts an.“ könne seine Interessen nur durch Wider-
innerhalb des Systems. Wir brauchen keine stand gegenüber dem Ausland sichern.“
Revolution, wir brauchen Reformen.“ für Iranfragen im US-Außenministerium, In eine ähnliche Richtung argumentiert
Der Unterschied zu 2009? „Damals ha- nun beim Thinktank Brookings in Washing- auch die US-Expertin Maloney. „Das Er-
ben wir gegen Wahlbetrug demonstriert, ton. „Europa hat Druckmittel, die Amerika gebnis wird das Ende des Rohani-Experi-
aber haben radikaler gedacht. Jetzt rufen nicht hat. Die richtige Botschaft wäre nun, ments sein“, sagt sie. Selbst wenn sich die
die Menschen in den Provinzen ,Tod dem dass Repression Iran nicht hilft und die Proteste beruhigten, so hätten sie doch ge-
Diktator‘, ihre Forderungen sind sehr viel Welt zuschaut. Und dass die Anwendung zeigt: Rohanis Versprechen von Freiheit
radikaler.“ Dabei gehe es ihnen eigentlich von Gewalt Konsequenzen haben wird.“ und wirtschaftlichem Aufschwung sei nicht
gar nicht so sehr um politische Reformen, Auch 2009 trug die Niederschlagung der zu halten. Und zwar deshalb nicht, weil
sondern um die Armut. Diese Radikalisie- Proteste dazu bei, dass die EU sich härteren dafür echte Reformen notwendig seien,
rung sei gefährlich. „Und im Gegensatz zu Sanktionen gegen Iran anschloss. eine komplette Veränderung der Politik.
uns haben diese Leute nichts zu verlieren.“ Dass sich alles schnell beruhigt, das Und das, so zeige sich nun, sei unmöglich.
Dass das Lager der Reformer den neuen glaubt Maloney indes nicht. Denn es lassen Vermutlich werde sich nun wiederholen,
Demonstranten nicht traut, nutzt auch der sich einfach zu viele Wütende finden in was 2009 geschah, so Maloney. Die Proteste
Führung Irans. diesen Tagen, die ihren Unmut äußern, würden niedergeschlagen, womöglich ge-
„Wenn Sie jetzt CNN gucken, denken auch wenn sie nicht auf die Straße gehen. waltsam, aber nicht allzu blutig, um einen
Sie, die Hauptstadt brennt“, sagt Foad Da ist die Familie Mehrzadi, Mittelklas- Aufschrei und eine weitere Eskalation zu
Izadi, Professor für Internationale Bezie- se, vier Kinder, die Mutter Sara Lehrerin, verhindern. Die Aktivisten würden unter
hungen an der Teheraner Universität, der der Vater Said Sekretär in einer Behörde, Druck gesetzt, ins Exil gedrängt, im Haus-
die Regierung im Umgang mit den USA abends fährt er noch Taxi. Und trotzdem arrest oder im Gefängnis verschwinden.
berät. Izadi ist Mitte fünfzig, ein Mann mit reicht das Einkommen nicht zum Leben. „Die Islamische Republik ist extrem gut
Tweedsakko und Vollbart. Wie zum Beweis Die Mehrzadis wohnen in einer Zweizim- darin, auf Instabilität zu reagieren“, sagt
öffnet er ein Fenster seiner Wohnung im merwohnung in Teheran. Das gesamte Ge- die Expertin. „Es ist kein Zufall, dass sie
Stadtzentrum und deutet hinaus: „Ich sehe halt der Lehrerin geht für die Miete drauf, alle Katastrophen bisher überlebt hat:
hier nichts, die Straßen sind ruhig.“ Des- etwa 250 Euro, jährlich steigt sie um zehn Krieg, Invasion, Bürgerkrieg, Erdbeben,
halb sei die Regierung „nicht wirklich be- Prozent. Deshalb ist die Familie in den ver- Fluten, Dürren.“
sorgt“. Auch Izadi behauptet, Gruppen wie gangenen zehn Jahren viermal umgezo- Luisa Hommerich, Susanne Koelbl,
die Volksmudschahidin hätten die Proteste gen, um eine günstigere, immer kleinere Juliane von Mittelstaedt, Samiha Shafy
übernommen. Unterstützt würden sie von Wohnung zu finden.
Ländern, „die mit Iran ein Problem haben“, Sara Mehrzadi, 41, sitzt am Küchentisch, Video: Die Macht der
namentlich Saudi-Arabien und Israel. sie klagt, dass die Kinder oft allein sind, Revolutionswächter
Nicht wenige Iraner glauben ebenfalls, weil beide Elternteile so viel arbeiten. Die spiegel.de/sp22018iran
die Proteste der Regimegegner seien vom Proteste verfolgt die Familie im Fernsehen, oder in der App DER SPIEGEL

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Ausland

„Ich hörte Schreie, dann waren sie weg“


Migration Auf einem Schlauchboot gehen Muslime und Christen aufeinander los. Neun Flüchtlinge ertrinken.
War es Mord aus religiösem Hass? Oder das alltägliche Drama im Mittelmeer? Von Fiona Ehlers

A
cht Männer aus Afrika treten vor tern Müllsäcke, in die sie ihre Habseligkei- schen Libyen und Lampedusa. Für die einen
das Gefängnistor, es ist tiefschwar- ten gestopft haben: Turnschuhe, Jeans, ist es Mord, ohne Leichen und Beweise. Für
ze Nacht, suchend blicken sie sich Schulhefte. Sie betrachten den Mond und die anderen, die Freigesprochenen und die
um. Dies ist der Moment, den sie lange er- gehen dann dorthin, wo der Himmel heller Verurteilten, ist es, so sagen sie, ein Fall von
wartet haben. Ihr erster Schritt in die Frei- ist, weil sie dort die Stadt vermuten. großer Tragik, aber kein Verbrechen. Am
heit. Das vorläufige Ende einer Reise, für Gegen fünf Uhr morgens, so erzählen Ende läuft es auf eine Frage hinaus: Wurden
die sie mehr auf sich genommen haben, sie es am nächsten Tag, seien sie auf einen die Opfer gestoßen, oder sind sie gefallen?
als Menschen ertragen können: die Durch- Landsmann gestoßen, der ihnen den Weg Das ist, in einer Frage, die ganze Geschichte.
querung der Wüste, den Krieg in Libyen, zu einem Flüchtlingslager gezeigt habe. Der Fall in seinem nachrichtlichen Ge-
die Flucht über das Meer, ertrinkende Men- Dort leihen sie sich ein Handy und rufen wand ist dieser: Am 11. April 2015 bestie-
schen, dann zwei Jahre in diesem Hochsi- ihre Familien an. „Du lebst?“, fragen diese gen gut hundert Flüchtlinge ein zwölf Me-
cherheitsgefängnis nahe Palermo, Sizilien. erst zweifelnd, dann jubeln sie und gelo- ter langes Schlauchboot an der Küste Li-
Jetzt sind sie frei, acht junge Männer ben, das eine oder andere Schaf in Mali byens. Zwei Tage später rettete die Crew
um die 20, dünne Bärte, schmale Gesichter, oder in der Elfenbeinküste zu schlachten eines Handelsschiffs 95 Menschen. Min-
ein Richter hat das Urteil an diesem Mor- an diesem Freudentag, Alhamdulillah, ge- destens 9 Passagiere fehlten. In Palermo,
gen verlesen. Und doch fühlen sie sich wie dankt sei Allah. endlich an Land, erhoben 6 Passagiere An-
damals auf hoher See, gejagt, bedroht, sie Bis auf Weiteres sind die acht Afrikaner klage, sie klang ungeheuerlich.
wissen nicht, was gut ist oder böse. Sie ha- freigesprochen in einem Vorfall, der sich 15 Männer, allesamt Muslime, sollen
ben jede Orientierung verloren. Sie schul- zugetragen haben soll auf hoher See zwi- während der Überfahrt 9 Christen vorsätz-

ILLUSTRATION: JAN FEINDT FÜR DER SPIEGEL

„Ein Mann sagte, wir würden im Meer landen, weil wir


nicht an denselben Gott glauben.“

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lich ins Meer gestoßen haben, in zwei auf-
einanderfolgenden Nächten. Im eiskalten
Meer seien diese binnen wenigen Minuten
ertrunken, so sagten es die Zeugen aus.
Noch im Hafen begann die Staatsanwalt-
schaft mit den Ermittlungen in der Straf-
sache 7209/2015.
„Der Krieg der Religionen erreicht jetzt
die Kähne der Verbannten“, kommentierte
tags darauf der marokkanische Schriftstel-
ler Tahar Ben Jelloun in „La Repubblica“,
und der leitende Staatsanwalt von Palermo
trat vor die Presse und sprach von „gefähr-
lichen Bootsladungen“, was nach Extre-

ILLUSTRATION: JAN FEINDT FÜR DER SPIEGEL


mismus und Attentaten klang. Aber kann
das sein? Lässt sich das zum Alltag gewor-
dene Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer
noch steigern, durch Gotteswahn und
Glaubensterror? Gibt es das, den Dschihad
auf dem Schlauchboot?
Der italienische Staat behandelte die
Strafsache 7209/2015 mit größter Sorgfalt
und maximalem Aufwand. Es war, als gin-
ge es bei dem Fall um einen Angriff aufs
Abendland, auf das katholische Italien. Als Was bedeutet es, dass unter den Zeugen ein
wäre er der endgültige Beleg dafür, dass
der „Islamische Staat“ seine Krieger nach Muslim ist und unter den Angeklagten ein Christ?
Europa einschleust. Italien braucht Argu-
mente für mehr Beistand der Nachbarlän-
der, und der „Islamische Staat“ ist ein star- Aber noch ist es eben nicht zu Ende, die machen. Einer von uns Englischsprechen-
kes Argument. Mit ihm ließe sich ein här- Staatsanwaltschaft hat Berufung eingelegt, den hat verstanden, was die anderen auf
teres Vorgehen gegen die Bootsflüchtlinge im Frühjahr soll der Prozess in die zweite Französisch sagten: Sie wollten uns über
begründen; auch eine Militäroperation in Instanz gehen. Bord werfen, auch mich.“
Libyen, wie sie das italienische Parlament Jamal O. aus Ghana, der einzige Muslim

D
Ende Juli beschlossen hat. er Überlebenskampf der Passagiere unter den Zeugen: „Ein Mann aus Mali
Fast zwei Jahre nach der tödlichen Über- beginnt an der Küste Libyens in sah, dass wir nicht beteten. Er kam zu mir
fahrt spricht ein Schwurgericht unter einer Aprilnacht 2015. In Garabulli und sagte, dass meine Freunde und ich im
dem Vorsitz von Richter Alfredo Montalto bei Tripolis, wo Tausende auf die Über- Meer landen würden, weil wir nicht an
das Urteil in der „Aula Bunker“, keine fahrt warten, besteigen etwa hundert Män- denselben Gott glauben. Er hat mir mit
hundert Meter vom Hafen entfernt, in dem ner und Frauen ein Gummiboot. Sie stam- der Faust ins Gesicht geschlagen.“
die Angeklagten damals angelandet sind. men aus der Elfenbeinküste und aus Mali, Der Zeuge Francis E., ein Christ aus Nige-
Der bombensichere Saal hat den Charme aus Nigeria und Ghana. Sie haben die Wüs- ria, dem kurze Dreadlocks vom Kopf abste-
eines Scientology-Tempels, in den Acht- te überlebt, sind in turmhoch beladenen hen: „Ich erinnere mich, dass die Muslime
zigerjahren wurden hier die Prozesse ge- Lastern nach Tripolis geschaukelt. Das ausdrücklich sagten, sie würden keine Chris-
gen die Cosa Nostra geführt. Jetzt stehen Schlimmste hätten sie hinter sich, dachten ten an Bord dulden. Sie waren in der Über-
die 15 Angeklagten dicht gedrängt in sie; jetzt noch über das Meer, dann würde zahl. Sie haben versucht, mich über Bord zu
den Gitterkäfigen. Die Verlesung des Ur- das gute Leben beginnen. stoßen, aber es gelang ihnen nicht, denn wir
teils dauert keine zwei Minuten, dann hört Doch die Umstände der Überfahrt sind haben uns mit Händen und Füßen gewehrt.“
man Schreie, einige der Afrikaner sacken von Anfang an chaotisch und extrem ge- Wenn es stimmt, was die Zeugen berich-
zu Boden und schlagen die Hände vors fährlich, wie es der Richter in seiner Ur- ten, haben sie auf der Überfahrt „das Ende
Gesicht. teilsbegründung feststellt: „Sich völlig der Welt“ erlebt, so sagen sie. Einen furcht-
Die Staatsanwaltschaft hatte „lebens- fremde Menschen aus acht Ländern sind baren Ort, wo Anarchie herrscht und Ge-
lang“ gefordert, wegen mehrfacher vorsätz- tagelang auf engem Raum zusammenge- walt, wo es nach Exkrementen riecht und
licher Tötung. Die Verteidigung hatte auf pfercht und total isoliert vom Rest der nach Angst, wo weder Gesetze gelten noch
Notwehr plädiert und Freispruch gefor- Welt.“ Das geht nicht lange gut. Gebete erhört werden.
dert – der Richter entscheidet sich für einen In ihren Verhören schildern die Zeugen, Am Morgen des dritten Tages, es ist in-
Kompromiss. Er verurteilt sieben Männer wie sie nach den ersten 24 Stunden bemer- zwischen Montag, geht um kurz nach acht
zu 18 Jahren Haft wegen Totschlag. Acht ken, dass der Schlauch am Bug Luft ver- Uhr ein Anruf von einem Satellitentelefon
Männer spricht er frei, das Motiv der reli- liert, Wasser läuft ins Boot. Es wird Nacht, mit libyscher Nummer bei der Zentrale
giösen Grausamkeit wird fallen gelassen. die zweite schon, noch immer ist kein der Küstenwache in Rom ein, die Position
Es ist das Muskelspiel eines Staats, der Land in Sicht, es gibt Wortgefechte, dann des Boots wird geortet. In der Dämmerung
Gerechtigkeit vortäuscht, statt die wahren Prügeleien; die Nerven liegen blank. beginnt der Streit erneut.
Übeltäter dingfest zu machen, die Men- Der Zeuge Augustin K., ein Christ aus Wurden Menschen ins Wasser geworfen?
schenschmuggler, Schlepperbanden, all die Ghana, der in Tripolis fünf Jahre lang Müll Der Christ Yeboah E. aus Accra in Gha-
Profiteure der Flüchtlingsströme. Ein Stell- sortiert hat: „Ich weiß nicht, was der na: „Ich habe gesehen, wie drei Nigerianer
vertreterkrieg also, ein Sinnbild für Europas Grund war, vielleicht, weil wir zu viele an und sechs Ghanaer ertranken. Eines der
fehlgeleitete Migrationspolitik. Bord waren oder um das Boot leichter zu Opfer war mein Bruder Nana, geboren am
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Ausland

4. Juni 1987. Und zwei meiner Freunde, Auf Fotos sollen die Passagiere die An- liche Flüchtlingsdrama, nicht weniger, aber
Amankwana und Asiedu, sie wurden als greifer identifizieren; zwei Drittel zeigen auch nicht mehr.
Letzte ins Wasser gestoßen. Keiner von auf dieselben Gesichter. Noch im Hafen Doch nach den Verhören stellen die Er-
ihnen konnte schwimmen. Ich hörte ihre werden die Angreifer von den anderen mittlungsrichter fest: Die Aussagen der
Schreie, dann waren sie weg.“ getrennt, dann landen die 15 Männer in Zeugen seien schlüssig und stimmten weit-
Kann man erfinden, was diese sechs Pagliarelli, dem Hochsicherheitsgefängnis gehend überein. „Jedes Opfer wurde an-
Zeugen mit gesenktem Kopf und stocken- von Palermo. Der Staatsanwalt beantragt gegriffen und geschlagen, bevor es über
der Stimme den Richtern schilderten und U-Haft, der Justizminister in Rom muss Bord geworfen wurde“, heißt es im Proto-
bis heute, nach der Urteilsverkündung, be- die Ermittlungen genehmigen, da die Tat koll der Beweisaufnahme. Es habe „keine
haupten? Welches Interesse hätten sie, sich in internationalen Gewässern geschehen akute Lebensbedrohung“ bestanden. Die
alles auszudenken – jetzt, wo sie in Sicher- ist. „mehrfache vorsätzliche Tötung“ habe
heit sind, in Europa und am Leben? Die sechs Zeugen der Anklage, auch sie „ein einziges Motiv“ gehabt: „den Hass ge-
Ertrinken ist ein grausamer Tod. Der Er- junge Männer Anfang 20, dünne Bärte, gen Personen, die eine andere Religion
trinkende erstickt an dem Wasser, das er schmale Gesichter, werden von der Staats- ausüben“.
inhaliert, aushustet, wieder inhaliert. Hat anwaltschaft ins Innere der Insel gebracht. Die Beschreibung der angeblichen Mör-
das Wasser weniger als zehn Grad, droht Ausgerechnet nach Corleone, ins Gefechts- der klingt gnadenlos: Die „hohe Anzahl
ein Kälteschock. Er kann bald nicht mehr gebiet der Cosa Nostra, einquartiert im der Opfer“ und das „kaltblütige Zuschau-
strampeln, geht unter, versucht den Atem stillgelegten Hotel Belvedere. Wenn sie en beim Tod durch Ertrinken“ ließen auf
anzuhalten, seine Stimmritze verkrampft von ihren Zimmern auf den Balkon treten, die „Verachtung des menschlichen Lebens
und verschließt die Luftröhre. Er verliert blicken sie auf sanft geschwungene Hügel- und totale Unfähigkeit der eigenen Trieb-
das Bewusstsein. Herzstillstand, Tod. ketten, die an Wellen erinnern, das beweg- kontrolle“ schließen. Bei den Angeklagten
Wie ertragen die Überlebenden das? Ye- te Meer, ihr Trauma. Schnell gehen sie zu- handle sich um Personen mit „zwanghaf-
boah E. sagt, er habe stumm im Boot geses- rück in ihre Zimmer, als brauchten sie ein tem Hang zu gewaltsamen Verbrechen“.
sen und sich nicht getraut zu klagen. Agya- Dach über dem Kopf; in ihren Hirnen, ih- Die Fluchtgefahr sei erheblich, die Mög-
mang K., ein schmaler Nigerianer, der hum- ren Seelen geht diese Flucht nicht zu Ende. lichkeit einer Wiederholung akut.
pelt, weil ihm ein Muslim in den Fuß gebis- Sie sagen, dass die Muslime sie gedrängt Das sind eindeutige Formulierungen.
sen habe: „Ich kann nicht genau sagen, wie hätten, nichts zu erzählen, kein Wort an Aber sind sie angemessen?
lang es gedauert hat. Ich denke, drei Stunden. die Polizei. „Aber wir müssen doch sagen, Menschen, die mit Flüchtlingen arbeiten,
Bis das Schiff kam und uns geborgen hat.“ was war“, sagt Yeboah E., und seine Stim- Helfer, Aktivisten, Geistliche, bezweifeln
Um 10.45 Uhr am Montag alarmiert die me klingt schrill dabei. Haben sie Mitleid diese Einschätzungen. Den „Dschihad im
italienische Küstenwache den Kapitän der mit den Männern im Knast? Schweigen. Schlauchboot“ halten sie für eine gefährli-
„Ellensborg“, eines 138 Meter langen „Manchmal bereuen wir“, sagt Yeboah E. che, eine falsche These. Konflikte unter
Schwergutfrachters. Der Kapitän, ein Thai- und blickt in die Runde und sieht, wie die Flüchtlingen gebe es öfter, sagen sie, auch
länder mit Namen Kitichai, ändert seinen anderen nicken, „die Wahrheit gesagt zu um den richtigen Gott werde gestritten,
Kurs, aber erst zwölf Stunden später wer- haben.“ Ihre Wahrheit. aber in den Booten halte man zusammen.
den die Flüchtlinge gerettet. Um 22.31 Uhr, Nach monatelangen Ermittlungen, die

D
so meldet der Kapitän, klettert der erste ie Aussagen der muslimischen An- Hunderte Seiten Gerichtsakten füllen,
Passagier die Leiter an der Bordwand hoch, geklagten während der Beweisauf- beginnt der Prozess in der Strafsache
um 23 Uhr der letzte. „Men 82, women 12, nahme: 7209/2015 im Februar 2016, er dauert gut
children 1, total 95. Best regards, Master „Es war der dritte Tag auf See, wir wa- ein Jahr. Tag für Tag hocken die Angeklag-
Kitichai“, schreibt der Kapitän nach Rom. ren so weit, dass wir unsere eigene Pisse ten in den Gitterkäfigen und lauschen den
Auf der „Ellensborg“ bekommen die tranken. Ich habe niemanden um Hilfe Worten ihrer elf Anwälte. Bis zuletzt ma-
Überlebenden glänzende Wärmedecken, schreien gehört“, sagt Moussa K. aus der chen sie den Eindruck, als begriffen sie
sie werden registriert und fotografiert; die Elfenbeinküste. nicht, dass ihnen die Höchststrafe droht:
Fotos werden später helfen, die mutmaßli- „Ich schwöre bei Gott, dass ich nieman- lebenslänglich. Was für eine bittere Ironie
chen Täter auszumachen. den ins Wasser gestoßen habe, ich selbst für diese jungen Afrikaner, die doch glaub-
Am Mittwochmorgen läuft die „Ellens- hätte ja dabei draufgehen können“, sagt ten, sie würden in die Freiheit fliehen.
borg“ in Palermo ein. Im Hafen warten zwei Mohamed K. aus Mali. Ihr Hauptverteidiger Giuseppe Brancato,
Priester, einer stammt aus der Elfenbein- „Es ist einfach nicht wahr, was sie sagen. 40, besucht die 15 Angeklagten regelmäßig
küste und kümmert sich um Migranten in Sogar mein eigener Cousin ist tot“, sagt im Gefängnis. Er bringt ihnen Kleidung,
Palermo. Es zerreißt ihm jedes Mal das Baptiste N. aus der Elfenbeinküste. tröstet, mehr kann er nicht tun. „Es geht
Herz, wenn er sieht, wie seine Brüder freu- „Ich war das nicht. Das Schlauchboot ihnen schlecht“, sagt der Anwalt, er habe
destrahlend Europa betreten, ohne zu ah- hatte vorn Luft verloren, und die Men- Angst, dass sie sich etwas antun könnten.
nen, dass ihr Kampf erst beginnt. Die, die schen, die dort saßen, sind irgendwann ins Brancato, schmales Gesicht, weiche
schon länger hier sind und vor Suppenkü- Wasser gefallen“, sagt Kaba S. aus der El- Züge, nervöse Hände, ist ein aufstrebender
chen in Lumpen liegen, fragt er: „Und? Hat fenbeinküste. Anwalt. Er hat sich um den Fall nicht ge-
sie sich gelohnt, eure Reise ins Paradies?“ Im Kern lautet ihre Version: Es war wie rissen, er hat ihn oft verflucht. Weil es ihm
Die Priester nehmen die Zeugen in Emp- ein Krieg, ja, um sichere Plätze, aber kein vorgekommen sei, als hielten sie eine Art
fang, fünf Christen und einen Muslim. Krieg um den richtigen Glauben. Das Boot Kriegsverbrechertribunal gegen Trittbrett-
Noch im Hafen sind sie kaum zu beruhi- war leck, der Platz wurde knapp, Men- fahrer ab.
gen, sind außer sich vor Wut und Verzweif- schen sind über Bord gefallen. Das alltäg- Warum also dieser Prozess? Weil, so
lung und schildern, welche Szenen der Ge- sagt es der Anwalt, Juristen und Politiker
walt sie an Bord gesehen haben wollen. in Rom und Palermo mit diesem Fall „Holz
Neben den Padres an der Mole warten Video: Fiona Ehlers über aufs Feuer“ hätten legen wollen. Waren
auch Männer vom mobilen Einsatzkom- ihre Recherche Islamisten an Bord? Daran glaubt der An-
mando der Polizei, der Kapitän hat sie alar- spiegel.de/sp22018boot walt nicht. Seine Mandanten, sagt er, seien
miert. Der Fall gewinnt an Fahrt. oder in der App DER SPIEGEL einfache Männer, keine Fanatiker.

86 DER SPIEGEL 2 / 2018


ILLUSTRATION: JAN FEINDT FÜR DER SPIEGEL
„Ich bin kein böser Mensch, bloß ein Schiffbrüchiger auf
der Suche nach ein wenig Glück.“

Zur Vorbereitung seines Abschlussplä- Der Anwalt spricht von zwei Welten, gebissen, geschlagen und Menschen ins
doyers hat Brancato den Film „Pi – Schiff- die aufeinandergetroffen seien, zwei Spra- Meer gestoßen hätten. Seit zweieinhalb
bruch mit Tiger“ gesehen. Angenommen, chen, Englisch und Französisch, zwei Kul- Jahren sitzen sie im Hochsicherheitsge-
Menschen seien tatsächlich ertrunken, kön- turen, die einander nicht verstünden. fängnis, ihre Verzweiflung wächst. Seit
ne es dann nicht sein, fragt er, dass die Auch Brancato stellt Fragen: Was bedeu- klar ist, dass der Fall Anfang dieses Jahres
Zeugen all die Gewalt nur in ihrer Fantasie tet es, dass unter den Zeugen ein Muslim in Berufung geht und die Staatsanwalt-
gesehen hätten, um besser mit dem Erleb- ist und unter den Angeklagten ein Christ? schaft dafür plädieren könnte, die Haft
ten klarzukommen? Anders gefragt: Ist es Torpediere das nicht die Theorie eines noch auf lebenslänglich zu erhöhen, be-
nicht leichter, sogar menschlicher, an die Glaubenskrieges? Und warum geschahen kommt Anwalt Brancato fast täglich hand-
Version mit Gott zu glauben – Männer tö- die Taten ausschließlich nach Einbruch der geschriebene, flehende Briefe.
ten im Namen Gottes? Als an die Version Dunkelheit? Der Verteidiger plädiert auf „Ich kann nicht mehr schlafen, ich bin
ohne Gott – Menschen werden zu Bestien, Notwehr. Schlimme Dinge seien an Bord außer mir vor Angst“, schreibt einer der
um nicht selbst zu sterben? passiert, gewiss, aber für vorsätzliche Tö- Verurteilten. „Bitte lassen Sie uns nicht im
Es lasse sich wohl kein gottloserer Ort tung oder den „Dschihad im Schlauchboot“ Stich!“
vorstellen als ein sinkendes Schiff auf ho- fehlten jegliche Beweise. Die Insassen seien „Ich habe niemanden über Bord gesto-
her See. Dafür solle ein Gott verantwort- am Ende ihrer Kräfte gewesen, jeder habe ßen“, schreibt ein anderer. „Ich bin, Sie
lich gewesen sein – sogar zwei? Das glaube versucht, sich selbst zu retten. Das sei zwar wissen das, Avvocato, kein böser Mensch,
er nicht, sagt der Anwalt und lächelt fein. fürchterlich, aber nicht strafbar. sondern bloß ein Schiffbrüchiger auf der
Während im Hafen ein Rettungsschiff In acht Fällen kommt das Gericht den Suche nach ein wenig Glück in Italien.“
wieder einmal tausend Flüchtlinge ablädt, Forderungen der Verteidigung nach. Frei- Drei der sechs Zeugen leben weiterhin
hält Brancato sein Plädoyer. Feurig, in ge- spruch. Seitdem verstecken sich die acht in Corleone hinter zugezogenen Gardinen,
schliffenen Worten, schildert er die drama- Freigelassenen, die in der Nacht nach Pa- auch sie wirken wie eingesperrt. Auf ihnen
tischen Stunden auf hoher See. Zerpflückt lermo gelaufen sind, bei Mönchen in einem lastet großer Druck. Gott, sagen sie, habe
die Methode, mit der die Polizisten die Flüchtlingsheim. Um eine vorübergehende sie nicht umsonst gerettet. „Er erwartet,
mutmaßlichen Täter identifizierten, indem Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, dass wir etwas machen aus unserem Le-
sie den erschöpften Passagieren immer müssten sie auf die Polizeiwache von Pa- ben.“ Das Urteil vom Frühjahr finden sie
wieder dieselbe Fotoauswahl vorgelegt hät- lermo, vor diesem Besuch jedoch, sagt An- zu milde. „Eure Justiz ist so kompliziert“,
ten. Seziert das Vorgehen der Ermittlungs- walt Brancato, würden sie sich fürchten. sagt einer, „ich hatte mehr Gerechtigkeit
richter, die Druck ausgeübt und stets die- Sieben Angeklagte hingegen müssen im erwartet, ich bin enttäuscht.“
selben dilettantischen Fragen gestellt hät- Gefängnis bleiben, 18 Jahre Haft wegen Strafsache 7209/2015, das ist ein Fall, den
ten: „Wen haben Sie gesehen?“, „Wann Totschlag. Weil sie dabei gesehen worden man drehen und wenden und kaum lösen
war das genau?“, „Glauben Sie an Allah?“ seien, wie sie im Boot Befehle gegeben, kann. Ein Fall, der nur Verlierer kennt. I

DER SPIEGEL 2 / 2018 87


Diktator Kim bei Besuch eines Technologiezentrums in Pjöngjang 2015: Computerangriffe als kostengünstige „Zauberwaffe“ für das Regime

Die Räuber
Nordkorea Die hochgerüstete Hackerarmee von Machthaber Kim plündert weltweit Banken
und Bitcoin-Börsen – die Beute finanziert das Überleben des Regimes trotz Sanktionen. Und im
Kriegsfall könnten die Cyberkrieger womöglich wichtige Infrastruktur im Ausland lahmlegen.

K
wak Kyoung Ju kämpft gegen An- tiker, er arbeitet beim Financial Security Über seine Tätigkeit, seinen Arbeits-
greifer, die er nicht sehen kann. Sie Institute nahe Seoul, einer Organisation, platz, seine Kunden und seine Kollegen
lauern in der Weite des Cyberspace, die südkoreanische Banken vor Hackern gibt Kwak kaum Einzelheiten preis. Die
ihre Attacken werden oft erst entdeckt, schützen soll. Kwaks Aufgabe ist es, ihre Geheimhaltung hat gute Gründe: Kwak
wenn es zu spät ist. Und doch empfindet Spuren zu sichern und auszuwerten. Er vergleicht sich selbst mit einem Fahnder,
er eine sonderbare Vertrautheit mit den sammelt sozusagen elektronische Finger- der Terroristen ausspäht, er will keine Hin-
Gegnern, fast so, als lebte er mit ihnen un- abdrücke, mit denen die Angreifer unfrei- weise liefern, wie dicht er ihnen auf den
ter einem Dach. Kwak, 33, ist Cyberanaly- willig etwas über sich verraten. Fersen ist.
88 DER SPIEGEL 2 / 2018
Ausland

wieder zu; die Hacker arbeiten offenbar gleichsweise kostengünstige Möglichkeit,


nach dem Essen weiter, bevor sie Feier- den technologischen Vorsprung Südkoreas
abend machen. Die Kurve zeigt: Sie leben und der USA bei konventionellen Waffen-
in derselben Zeitzone wie Kwak. Das ist systemen wettzumachen. Als „Zauberwaf-
nur eines von mehreren Indizien dafür, fe“ soll Kim sie einmal bezeichnet haben.
dass sein unsichtbarer Gegner aus Nordko- Bereits in den Neunzigerjahren erkannte
rea kommt. Der Gegner, das ist: die Hacker- Kim Jong Il, der Vater des heutigen Macht-
armee von Diktator Kim Jong Un. habers, die Bedeutung dieser neuen Kriegs-
„Die Attacken häufen sich“, sagt Kwak. führung. Die ersten Nordkoreaner wurden
Offiziell darf er über die Hacker aus Nord- nach China geschickt, um das Hacken zu
korea nicht reden, daher sagt er lediglich: lernen. Heute werden Jugendliche bereits
„Dieser Tage steckt dahinter meist Anda- in den Mittelschulen zu Hackern ausgebil-
riel.“ Andariel ist eine Dämonin aus dem det. „Weil sie keinen freien Zugang zum
beliebten Computerspiel „Diablo“, bei Internet haben, lernen sie sogar Teile kom-
dem es darum geht, Monster zu bekämp- plizierter Programme oft auswendig“, sagt
fen – und es ist der Name einer nordkore- ein südkoreanischer Experte, mit hörbarem
anischen Hackereinheit. Respekt. Beim ICPC, dem Internationalen
Immer dreister tummeln sich die Nord- Programmierwettbewerb der Hochschulen,
koreaner im Netz des Südens. Und nicht belegten Studenten der Kim-Chaek-Uni-
nur da, auf der ganzen Welt schlagen sie versität in Pjöngjang vordere Plätze.
zu, von Kalifornien bis Polen und Bangla- Einer, der Kims Cyberspione mit ausbil-
desch. Offenbar unter dem Druck der dete, ist Kim Heung Kwang, 57, einst Pro-
Sanktionen, mit denen das Land zur Auf- fessor für Informatik. Er floh 2004 aus dem
gabe seines Atom- und Raketenprogramms Norden, nachdem er mit CDs erwischt wor-
gebracht werden soll, greift der Norden den war, auf die er TV-Serien und E-Books
verstärkt Banken und Bitcoin-Börsen an, aus Südkorea gebrannt hatte. Inzwischen
um sich Einnahmen zu verschaffen. Bis zu hat er eine Organisation in Seoul gegrün-
eine Milliarde Dollar im Jahr könnte das det, die nordkoreanische Intellektuelle un-
Regime damit laut Schätzungen zusam- terstützt.
menrauben. „Anfangs tüftelte der Norden vor allem
Zwar hat sich die politische Lage auf daran, Codes zu knacken und an geheime
der koreanischen Halbinsel ein wenig ent- Dokumente zu gelangen“, sagt Kim. Doch
spannt, seit Kim Jong Un dem Süden in der heutige Diktator baue Cyberattacken
seiner Neujahrsansprache angeboten hat, zu einer mächtigen militärischen Waffe
bilaterale Gespräche zu beginnen und aus. „Sein Ziel ist es, im Ernstfall auch geg-
Sportler aus dem Norden zu den Olympi- nerische Infrastruktur zerstören zu können,
schen Winterspielen in Pyeongchang zu wie Kernkraftwerke oder Gaspipelines.“
schicken. Doch die lukrativen Cyberangrif- Die Gefahr scheint real: Bereits vor gut
fe gehen weiter. drei Jahren drangen Hacker in die Compu-
Ausgerechnet Nordkorea. Dabei wurde ter von Korea Hydro & Nuclear Power ein,
es lange als technologisch rückständig ver- dem Betreiber der südkoreanischen Atom-
harmlost, als Land mit gerade mal 1024 IP- kraftwerke. Sie verübten zwar keine Sabo-
Adressen, in dem die meisten der 25 Mil- tageakte, aber sie bewiesen, dass sie in der
KCNA / REUTERS

lionen Einwohner keinen Internetzugang Lage wären, Chaos und Verunsicherung zu


haben. Als Mafiastaat, der sich mit eher stiften. Das ist die alte Taktik, die das Re-
altmodischen Methoden wie Geldfälsche- gime von jeher verfolgt: den Gegner ein-
rei, Drogenhandel oder Waffenschmuggel zuschüchtern oder auszuschalten.
die nötigen Devisen für sein Atompro- Südkorea ist für Kims Hacker besonders
gramm beschafft. Das Land schien zu arm, einfach zu durchdringen, nicht nur aus kul-
Tagtäglich beobachtet Kwak Cyberatta- um als Cybermacht gefürchtet zu werden. turellen und sprachlichen Gründen. Das
cken auf Banken in Südkorea, er hat Tau- Doch inzwischen sind westliche Geheim- Land verfügt über schnelles Internet und
sende Programmcodes analysiert. Für Lai- dienste beunruhigt angesichts der Häufig- ist so vernetzt wie kaum eine andere Volks-
en sind sie nur Zeichensalat, aber Kwak keit, mit der Kims Cyberkrieger weltweit wirtschaft; fast alles wird digital verwaltet
liest sie wie eine Handschrift, die etwas Netzwerke von Regierungen, Banken und und gesteuert, von Abwasserkanälen über
über die Programmierer verrät. Und so hat Firmen infiltrieren – und angesichts ihres Atomkraftwerke bis zu Abwehrraketen.
er herausgefunden, dass die Hacker in ei- technischen Know-how. Nordkorea mag Das macht Südkorea zu einem leichten
nem ähnlichen Rhythmus arbeiten wie er zwar rückständig sein, aber es steckt Ziel für Cyberterror.
selbst. Und dass sie immer raffinierter wer- enorm viel Energie und Ressourcen in die Die vom Hackerjäger Kwak beobachtete
den – und immer gefährlicher. Ausbildung des Hackernachwuchses. Es Gruppe Andariel griff etwa im März 2017
Kwak zeigt eine Computergrafik, die die bedroht die Welt nicht nur mit seinen 63 Geldautomaten in Südkorea an. Die Ha-
Angriffe im Tagesverlauf abbildet. Morgens Atomwaffen, immer deutlicher wird, dass cker nutzten Schwachstellen in deren Soft-
um neun Uhr starten die Attacken, mittags das Land in der Lage wäre, kritische Infra- ware, um Kartendaten von rund 300 000
pausieren sie eine Stunde. Im Zeitraum struktur anzugreifen – und damit das Wirt- Kunden zu stehlen. Später sollen sie ver-
von 17 bis 19 Uhr rauscht die Kurve erneut schaftsleben in Ländern wie Südkorea, Ja- sucht haben, diese auf dem chinesischen
nach unten. „Anscheinend legen die Ha- pan oder den USA teilweise lahmzulegen. Schwarzmarkt zu verkaufen.
cker Wert auf ausgedehnte Abendessen“, Ähnlich wie Atomwaffen bieten Hacker- Die Codes der Schadprogramme, wel-
sagt Kwak. Danach nimmt die Aktivität angriffe für das verarmte Land eine ver- che die digitalen Geldräuber verwendeten,
DER SPIEGEL 2 / 2018 89
YONHAP NEWS / DDP IMAGES
Mitarbeiter der Behörde für Internetsicherheit in Südkorea: Leichtes Ziel für Cyberspionage aus dem Norden

stützen den Verdacht, dass sie im Auftrag berraum. Und es schließt auf zu anderen Wie professionell und in welchem Maß-
des Kim-Regimes in den Netzwerken des Cyber-Offensivmächten wie China und stab Kims Onlinekrieger dabei vorgehen,
Südens unterwegs waren. Denn auffallend Russland. zeigt eine Attacke auf polnische Banken
ähnliche forensische Spuren hatten sie Möglicherweise hat Nordkorea für seine vor etwas mehr als einem Jahr. Dabei hin-
bereits vor gut einem Jahr hinterlassen. offensiven Computeroperationen auch terlegten sie einen Schadcode auf der Web-
Damals waren sie in das „Integrierte Da- Schützenhilfe aus Iran bekommen, das ver- site der polnischen Finanzaufsicht. Wenn
tenzentrum“ des südkoreanischen Militärs muten zumindest westliche Geheimdiens- Bankenvertreter darauf zugriffen, konnten
eingedrungen. Dabei sollen sie 235 Giga- te. Die Belege sind vorwiegend technischer die Rechner ihrer Institute infiziert werden.
byte geheimer Daten abgeschöpft haben, Natur – so gibt es etwa auffallende Ähn- Bei mehr als 20 Banken sei das geschehen,
das entspricht rund 15 Millionen bedruck- lichkeiten bei den eingesetzten Schadpro- stellte die IT-Sicherheitsfirma Symantec
ten Seiten Papier. grammen. Zudem haben die beiden Län- später fest. Spuren derselben Schadsoft-
In der virtuellen Diebesbeute befanden der 2012 eine weitreichende Technologie- ware fanden sich auch bei der US-Tochter
sich auch Pläne für den „Enthauptungs- Partnerschaft unterzeichnet. der Deutschen Bank, der EZB sowie den
schlag“, mit dem das südkoreanische Mili- Die Führung in Pjöngjang sei „alles an- Zentralbanken Mexikos, Venezuelas und
tär und die USA im Kriegsfall die Führung dere als irre“, sagt Priscilla Moriuchi, eine Tschechiens.
in Pjöngjang ausschalten wollen. Ein pein- amerikanische Nordkorea-Expertin. Sie be- Im vergangenen Herbst traf es dann Ban-
licher Vorfall, der sich bereits unter der obachtet das isolierte Land für Recorded ken in Nepal und in Taiwan. Allein in Tai-
Vorgängerregierung ereignet hatte, aber Future, eine US-Firma, die sich auf Daten- wan versuchten die Angreifer, rund 60 Mil-
erst vor Kurzem bekannt wurde, weil ein
Abgeordneter der regierenden Demokra-
tischen Partei damit an die Öffentlichkeit Das Regime kompensiert seine Schwäche mit einer
ging. Auch Blaupausen für die Tragflächen
des F-15-Kampfjets, die in Südkorea gefer- aggressiven asymmetrischen Kriegsführung.
tigt werden, sollen die Cyberspione erbeu-
tet haben. Und der Daewoo-Werft, einem analysen und Gefahrenvorhersagen spe- lionen Dollar zu erbeuten. Die Methode
der wichtigsten südkoreanischen Rüstungs- zialisiert hat. Dem Kim-Regime gehe es und den verwendeten Code brachten Er-
betriebe, wurden Pläne zum Bau von darum, das eigene Überleben zu sichern. mittler schnell mit den Angriffen in Polen
Kriegsschiffen geraubt. Angesichts seiner ökonomischen Schwä- in Verbindung – und mit dem bislang wohl
Die digitalen Angriffe des Nordens wei- che und der Defizite bei den konventio- spektakulärsten digitalen Bankraub der Ge-
ten sich längst zu einer globalen Gefahr nellen Waffen habe es sich für eine aggres- schichte, bei dem Anfang 2016 mehr als
aus. Dieser Tage findet kaum eine inter- sive asymmetrische Kriegsführung ent- 81 Millionen Dollar bei der Zentralbank von
nationale Konferenz über Cybersicherheit schieden. Bangladesch gestohlen wurden. Beinahe
statt, bei der Nordkorea nicht eine promi- Dazu gehören nicht nur Cyberspionage wäre der Schaden noch erheblich höher ge-
nente Rolle spielt. Es gilt als „threat actor“, und Sabotageakte, sondern auch digitale wesen; die Angreifer hatten versucht, mehr
als eine der größten Bedrohungen im Cy- Beutezüge. als 950 Millionen Dollar zu entwenden.

90 DER SPIEGEL 2 / 2018


Ausland

DAVID GUTTENFELDER / AP
Computernutzer in Pjöngjang: Jugendliche werden bereits in den Mittelschulen zu Hackern ausgebildet

Als Türöffner benutzen die Hacker tentat auf Kim Jong Un handelte. Der Analyse des Heimatschutzministeriums
Schwachstellen in der Software des Swift- Sony-Angriff, für den der damalige Präsi- und des FBI öffentlich gemacht, welche
Transaktionssystems, an das über zehntau- dent Barack Obama ungewöhnlich schnell die genutzten Werkzeuge und die Infra-
send Finanzinstitute weltweit angeschlos- und deutlich Nordkorea verantwortlich struktur direkt den „Cyberakteuren der
sen sind. Swift galt lange als sicher, es sorgt machte, zeigte: Kims Hackern geht es nicht nordkoreanischen Regierung“ zuschrieb.
normalerweise dafür, dass Banken rei- nur ums Geld, sie verfolgen auch politische Für die US-Behörden war die Enthüllung
bungslos Geld rund um den Erdball trans- und strategische Ziele. kein einfacher Schritt, denn Kims Hacker
ferieren können. Doch oft würden Institute Nach ähnlicher Methode wurden im sel- hatten für WannaCry unter anderem eine
gehackt, deren Software Schwachstellen ben Jahr auch die Computer des britischen Windows-Schwachstelle namens „Eternal
aufweise, sagt ein Experte in Seoul – also Filmstudios Mammoth Screen gehackt. Die Blue“ genutzt, die die NSA zuvor für ei-
die schwächsten Glieder im Netzwerk. Firma wollte ein TV-Drama mit dem Titel gene Angriffe gehortet hatte – und die ihr
US-Ermittler und IT-Sicherheitsexperten „Opposite Number“ produzieren, es sollte gestohlen und geleakt worden war. Für die
bezichtigen Nordkorea dieses globalen von der Entführung eines Atomwissen- NSA eine peinliche Schlappe.
Raubzugs. Ihre forensischen Analysen wei- schaftlers durch Nordkorea handeln. Im Umgang mit Erpressungssoftware er-
sen auf eine gemeinsame Handschrift der Die Cyberkriminellen im Staatsdienst kannten Kims Hacker früh den Wert von
äußerst aktiven Hacker hin. Sogar der Vize- sind zudem als Lösegelderpresser im Netz Kryptowährungen. Wie bei WannaCry
chef der sonst so verschwiegenen NSA er- unterwegs. Dabei verwenden sie sogenann- wird das Lösegeld in der Regel in Bitcoin
klärte im Frühjahr 2017 bei einer Sicher- te Ransomware. Die „WannaCry“-Attacke, eingefordert – einer Währung, die lediglich
heitskonferenz ungewohnt offen, hier rau- die im Mai mehr als 200 000 Computer in digital existiert. Sie wird nicht über Ban-
be offenbar ein Staat Banken aus: „Das rund 150 Ländern lahmlegte, gehört zu ken gehandelt, sondern direkt zwischen
ist ein schwerwiegender Vorgang!“ den bislang verheerendsten digitalen Er- den Teilnehmern hin- und hergeschickt.
Die Ermittler ziehen eine direkte Linie pressungen. Für das Regime in Nordkorea sind Kryp-
von den jüngsten Attacken zu dem spek- Kurz vor Weihnachten wies Tom Bossert, towährungen ideal, um Sanktionen im tra-
takulären Hackerangriff auf das Filmstudio der Heimatschutzberater des Weißen Hau- ditionellen Finanzgewerbe zu umgehen.
Sony Pictures von 2014. Damals legte eine ses, offiziell dem Kim-Regime die Verant- In jüngster Zeit umso mehr, da sich der
Gruppe, die sich „Guardians of Peace“ wortung für WannaCry zu. Er machte auch Wert der Beute angesichts rasend steigen-
nannte, die meisten Computer der Film- öffentlich, dass Facebook und Microsoft di- der Bitcoin-Kurse vervielfacht hat.
gesellschaft lahm. Sie stahl und verbreitete rekt in US-Abwehraktionen gegen Nord- Nordkoreas Cyberräuber versuchen des-
geschäftliche E-Mails und persönliche Da- koreas Hacker involviert sind. Facebook halb auch auf anderen Wegen, an Bitcoins
ten von Angestellten im Internet, auch un- habe demnach im Dezember Konten ge- zu kommen: indem sie Bitcoin-Börsen ha-
veröffentlichte Filme und Projekte wurden löscht, die für Cyberattacken genutzt wor- cken. In letzter Zeit wurden Cyberangriffe
online gestellt. den seien; auch Microsoft habe Maßnah- auf mehrere südkoreanische Unternehmen
Die Hacker verlangten, dass Sony auf men ergriffen, um Angriffe abzuwehren. gemeldet, bei denen Kunden Bitcoin kau-
den Kinostart von „The Interview“ ver- Bereits im Juni hatten US-Dienste darü- fen, verkaufen und lagern können. Bei ei-
zichte, einer Komödie, die von einem At- ber hinaus eine gemeinsame technische nem Angriff, der Mitte Dezember 2017 be-
DER SPIEGEL 2 / 2018 91
Ausland

KEVIN DIETSCH / IMAGO / UPI PHOTO


REUTERS
„WannaCry“-Nachricht, US-Regierungsberater Bossert
Geschätzt 7000 Cyberkrieger befehligt Nordkorea

kannt wurde, sollen die Hacker Bitcoin im nach 2013 entstandene Einheit mit dem griffe teilweise geheim, sagt Abwehrspe-
Wert von mindestens sieben Millionen Dol- Namen „Büro 121“ hinter zahlreichen Cy- zialist Kwak.
lar gestohlen haben – zwischenzeitlich hat- berangriffen. Aber auch die Armee und Aus Sicht der nordkoreanischen Füh-
te sich deren Wert durch Kursgewinne so- die herrschende Arbeitspartei verfügen in- rung ist die Cyberoffensive ein voller Er-
gar auf 82 Millionen Dollar erhöht. zwischen über eigene Cybereinheiten. folg. In den kommenden Jahren dürfte sie
Die Geldwäsche mit Bitcoin werde im- Insgesamt befehlige der Norden bis zu daher unvermindert fortgeführt werden,
mer raffinierter abgewickelt, sagt Choi 7000 Hacker, schätzen Experten des süd- schätzt James Lewis, der Kims Cyberka-
Sang Myung, ein Cyberspezialist von Hau- koreanischen Geheimdienstes. pazitäten für die Washingtoner Denkfa-
ri, einem Hersteller von Antivirensoftware Außerdem operierten die Angreifer vom brik Center for Strategic and International
in Seoul. Erbeutete Bitcoin spalten die Ha- Ausland aus, berichtet die US-Analystin Studies analysiert und die Obama-Regie-
cker in winzige digitale Einheiten auf, so- Moriuchi. Viele junge Nordkoreaner würden rung beraten hat. Indes hält er es für un-
dass sie kaum aufzuspüren sind. Oft schich- inzwischen nicht mehr nur nach China, wahrscheinlich, dass Nordkorea in der
ten sie Bitcoin auch in andere Kryptowäh- sondern darüber hinaus nach Indien, Ma- Lage sei, durch Cyberangriffe nachhaltige
rungen wie etwa Ether um. Oder sie lagern laysia oder Indonesien entsandt, um IT-nahe physische Schäden wie einen Blackout der
erbeutetes Kryptogeld auf gesicherten Fächer zu studieren. Aus diesen Ländern Stromversorgung in den USA zu verursa-
Rechnern – wie in einem gepanzerten Tre- werden dann auch viele der Angriffe, die chen. Das Regime wäge bislang genau die
sor, an den niemand herankommt. Geheimdienste weltweit Nordkorea zu- Risiken ab; es vermeide alles, was eine Ver-
Nordkorea unterhält aber auch Server- schreiben, operativ gelenkt; ein Fünftel der geltung der USA nach sich ziehen und das
farmen im eigenen Land. Im vergangenen Angriffe soll von Indien aus geführt werden. eigene Überleben infrage stellen könnte.
Frühjahr begann das Regime offenbar so- Nordkoreanische Botschaften in Län- Ein Angriff auf kritische US-Infrastruktur
gar, Bitcoins selbst herzustellen, wie die dern wie Indien gelten als RGB-Stützpunk- wäre eine extreme Provokation, die nicht
Experten von Recorded Future herausfan- te für Attacken. Als 2013 südkoreanische unbeantwortet bleiben würde, so Lewis.
den. Neue Bitcoins werden durch kompli- Banken und Medien angegriffen wurden, Sehr viel unmittelbarer fühlt sich die Ge-
fahr dagegen in Südkorea an. Die Cyber-
waffen könnten sich in den Händen des
„Bevor die Hacker nach Nordkorea zurückkehren, müssen Kim-Regimes langfristig zu einer so poten-
ten Bedrohung entwickeln wie das Atom-
sie 100 Millionen Dollar erbeutet haben.“ programm, sagt Kim Seung Joo, der früher
bei der staatlichen Korea Internet & Secu-
zierte digitale Rechenvorgänge produziert, wurden die Spuren später ins chinesische rity Agency arbeitete und jetzt an der Ko-
ein Vorgang, der als „mining“, also Schür- Shenyang zurückverfolgt, wo zahlreiche rea-Universität in Seoul lehrt.
fen, bezeichnet wird. Das digitale Schürfen nordkoreanische Firmen lange Zeit ihre „Heutzutage werden Kriege mehr und
erfordert einen hohen technischen Auf- Niederlassungen hatten. mehr von Computern aus geführt“, sagt
wand – und Unmengen Strom. Da selbst Kims Cyberspione greifen meist in der Professor. Er verweist auf den Droh-
in der Hauptstadt Pjöngjang oft ganze Vier- kleinen Teams an. Sie überwachen sich nenkrieg der USA, bei dem Offiziere von
tel nur stundenweise oder gar nicht mit gegenseitig und stehen unter hohem Er- Computern in ihrer Heimat aus Angriffe
Strom versorgt werden, kann der Auftrag folgdruck. „Bevor sie in ihre Heimat zu- in fernen Kriegsgebieten wie Afghanistan
für die Bitcoin-Produktion nur von staatli- rückkehren, müssen sie mindestens 100 Mil- oder Somalia fliegen. Auch in Südkorea
chen Stellen erteilt worden sein. lionen Dollar beschafft haben“, sagt ein seien solche Hightechwaffen stationiert.
Die Strippenzieher des nordkoreani- südkoreanischer Experte. Wie viel die Im Ernstfall hält er es für denkbar, dass
schen Cyberkriegs sitzen nach Einschät- Nordkoreaner tatsächlich erbeuten, lässt Kims Hacker sich in die Computersysteme
zung von US-Experten beim Geheim- sich allerdings letztendlich nicht seriös be- von Drohnen oder Raketen hacken und
dienst, dem „Reconnaissance General ziffern. Längst nicht alle betroffenen Un- sie auf diese Weise in ihre Gewalt bringen.
Bureau“ (RGB). Satellitenbilder des Haupt- ternehmen und Behörden geben bekannt, Das wäre ein Horrorszenario, denn
quartiers „für südliche Operationen“ an dass sie gehackt worden sind – auch weil dann brauchte Diktator Kim keine eigenen
einer Schnellstraße in Pjöngjang zeigen das oft erst durch peinliche Sicherheitslü- Atomraketen mehr. Er könnte einfach mit
eine Ansammlung grauer Hochhauskom- cken ermöglicht wurde. Ebenso halte man den Waffen seiner Gegner Krieg führen.
plexe. US-Experten vermuten die jüngste, aus ermittlungstaktischen Gründen An- Marcel Rosenbach, Wieland Wagner

92 DER SPIEGEL 2 / 2018


Sport
Geschwindigkeiten im Wintersport
Wintersport
Stresstests
Zwei der besten deutschen
Slalomfahrer sind mit
gerissenen Kreuzbändern
Skilanglauf Shorttrack Eisschnelllauf Skeleton monatelang aus dem Rennen.
In diesem Winter gab es
100 100 100 100
50 150 50 150 50 150 50 150 zudem schon zwei tote Ski-
abfahrer. Viele Wintersport-
200 200 200 200 arten verlangen vom mensch-
über 30 km/h bis etwa 50 km/h bis etwa 60 km/h bis etwa 145 km/h lichen Körper physische und
psychische Höchstleistungen.
Und manchmal gehen die
Belastungen weit über das
hinaus, was die Bänder,
Knochen und Sehnen aushal-
ten oder die Sinne verar-
beiten können. In der Ski-
abfahrt, aber auch beim
Rodeln Bob Skiabfahrt Speedski Skeleton, Rodeln und Bob
erreichen die Sportler ein
100 100 100 100
50 150 50 150 50 150 50 150 Tempo, das über die Richtge-
schwindigkeit auf deutschen
200 200 200 200 Autobahnen hinausgeht –
bis etwa 150 km/h bis etwa 150 km/h bis etwa 150 km/h über 200 km/h und die Sportler tragen kei-
offizieller Weltrekord: 254,96 km/h nen Sicherheitsgurt.
BONGARTS / GETTY IMAGES

Magische Momente

„Die Fans feierten, bis es kein Bier mehr gab“


Abstieg, Aufstieg, Meister! Martin Wagner, 49, über das Fußballwunder des 1. FC Kaiserslautern in der Saison 1997/98

SPIEGEL: Vor 20 Jahren wur- gestandenen Profis und Betzenberg gegen München. SPIEGEL: Was waren die
den Sie als Aufsteiger mit Ausnahmetalenten wie Mi- Glaubten Sie an den Titel? Höhepunkte der Rückrunde?
dem 1. FC Kaiserslautern chael Ballack. Als wir zum Wagner: Wir wussten, dass Wagner: Wir holten viele
Herbstmeister. Wie war die- Saisonauftakt die Bayern die Bayern auf die Revanche Punkte erst in der Schluss-
ser Durchmarsch möglich? schlugen, sagte Rehhagel: brannten. Trotzdem gelang phase. Am spektakulärsten
Wagner: Wir waren kein nor- „Wer in München gewinnt, uns ein tolles 2:0. So hatten war wohl unser Sieg gegen
maler Aufsteiger. Im Kader kann überall gewinnen.“ wir sieben Punkte Vorsprung. Gladbach. Wir lagen 0:2 hin-
standen neben mir weitere Diese Einstellung haben wir Aber wir waren nicht grün ten, dann machte unser Fuß-
Nationalspieler, und mit verinnerlicht. hinter den Ohren. Alle wuss- ballgott Olaf Marschall noch
Otto Rehhagel hatten wir SPIEGEL: Vor der Winterpause ten, dass noch ein weiter drei Tore. Das 3:2 mit dem
den perfekten Trainer. gewannen Sie auch auf dem Weg vor uns lag. allerletzten Angriff.
SPIEGEL: Wieso waren so vie- SPIEGEL: Am vorletzten Spiel-
le Topspieler mit dem 1. FCK tag war der Titel perfekt.
durch die 2. Liga gegangen? Wie feierten Sie?
Wagner: Wir betrachteten den Wagner: Die Fans feierten,
Abstieg als Ausrutscher. Das bis es in der Stadt kein
Motto der ganzen Region war: Bier mehr gab. Unsere Meis-
Jetzt erst recht! Direkt nach terfahrt durch die Menge
dem Abstieg wurden wir werde ich nie vergessen.
Pokalsieger, und es war genug Ciriaco Sforza und ich saßen
Geld in der Vereinskasse. Ich mit Trommeln auf dem
war der Erste, der versprach, Führerhaus eines Lkw, die
REUTERS / KAI PFAFFENBACH

in Lautern zu bleiben. Vor anderen tanzten auf der


Freude lud mich Fritz Walter Ladefläche.
zur goldenen Hochzeit ein. SPIEGEL: Haben Sie eine
SPIEGEL: Gab es in der Mann- Meisterprämie kassiert?
schaft ein Erfolgsgeheimnis? Wagner: Nein. Wir waren
Wagner: Wir waren ein nicht auf die Idee gekommen,
verschworener Haufen aus Wagner, Sforza bei Meisterfeier auf Lkw im Mai 1998 eine auszuhandeln. pk

DER SPIEGEL 2 / 2018 93


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DER SPIEGEL 2 / 2018
STEFFEN ROTH / DER SPIEGEL
Sport

„So, Kretzsche, und jetze?“


SPIEGEL-Gespräch Der ehemalige Nationalspieler Stefan Kretzschmar über die
bevorstehende Europameisterschaft und die mangelhafte Vermarktung des Handballs

Kretzschmar, 44, spielte zwischen 1993 und schwärmen. Aber es fehlt uns an Typen Kretzschmar: Da müssen Sie den Sender
2004 für die deutsche Nationalmannschaft mit dem Zeug zum Superstar. fragen.
und warf in 218 Länderspielen 821 Tore. Bei SPIEGEL: Was braucht man dafür? SPIEGEL: Und wie stehen Sie zu dieser Ent-
Olympia 2004 in Athen gewann er die Silber- Kretzschmar: Eine gewisse Aura, eine Per- scheidung?
medaille. Der gebürtige Leipziger arbeitet heu- sönlichkeit. Man muss was zu erzählen Kretzschmar: Ich finde es schade für den
te als Kommentator für das Fernsehen. haben, und zwar mehr als seine Handball- Handball. Da wurde eine Chance vertan.
historie. Ein Social-Media-Auftritt und eine Vielleicht müssen wir uns alle fragen, ob
SPIEGEL: Handball ist eine urdeutsche Sport- Meinung, gern eine politische, wären auch wir zusammen alles geben für unseren
art. Fragt man aber auf der Straße, wann nicht schlecht. Ganz wichtig ist es auch, Sport oder ob am Ende jeder nur an sich
die nächste Europameisterschaft ist, wissen Lust auf sportübergreifende Formate im denkt. Die persönlichen Rückmeldungen
das nur wenige. Warum ist das so? Fernsehen zu haben und sich dort zumin- auf die Show waren gut, aber hat jeder
Kretzschmar: Unsere Sportart ist sehr infla- dest provokant zu verkaufen. Verein auch alles investiert und seine Ka-
tionär. Es gibt jedes Jahr ein Highlight, alle SPIEGEL: Sind Handballer also eher Lang- näle genutzt, um das Produkt Handball
vier Jahre mit Olympia und der EM sogar weiler? auf Sky ordentlich zu promoten? Ich den-
zwei Höhepunkte. Das schmälert die Be- Kretzschmar: Wir haben schon eher realis- ke, da liegt noch viel Potenzial brach.
deutung des einzelnen Ereignisses. Du tische Jungs, die für ihren Sport leben und SPIEGEL: Wie reagiert denn die Mannschaft,
kannst die Leute auch fragen: Wer ist ge- darüber hinaus keine großen Ansprüche wenn einer den Kopf rausstreckt?
rade Bundestrainer? Da sagen 50 Prozent: haben. Die sind trotzdem cool, aber nicht Kretzschmar: Natürlich, sobald einer einen
Heiner Brand. Der ist seit sieben Jahren locker vor der Kamera. Mich fragen Show- kleinen Superstar-Status hat, gucken einige
nicht mehr im Amt. Und mir gratulieren produzenten manchmal, wen sie einladen argwöhnisch. Bei Olympia in Sydney 2000
80 Prozent noch zum WM-Titel 2007. Da können. Die Antwort ist schwierig. Es gibt beispielsweise, als ich im Viertelfinale den
war ich gar nicht dabei. schon den einen oder anderen lustigen letzten Wurf vergeigt habe und Spanien
SPIEGEL: Fußball hat das Problem nicht. weiter war, da waren auch viele froh, mich
Kretzschmar: Wir sind eine Randsportart, mal ganz unten zu sehen.
da müssen wir uns nichts vormachen. Keine „Handballwareine absolute SPIEGEL: Wie sah dieses „Unten“ aus?
Sportart in Deutschland darf den Fehler Kretzschmar: Das ist eine schwierige Frage,
machen, sich mit Fußball zu vergleichen. Machosportart – du da sie sehr komplex ist. Du musst dir folgen-
Dort kennt sich jeder irgendwie aus, das warst raus, wenn du Apfel- des Szenario vorstellen: Diese deutsche Na-
hat jeder mal auf irgendeinem Bolzplatz tionalmannschaft damals war die beste, die
gespielt, die einzig strittige Regel ist Abseits.
schorle bestellt hast.“ es je gab. Hätten wir die Spanier geschlagen,
Handball ist da spezieller. Du brauchst im- wären wir Olympiasieger geworden. Wir ha-
mer eine Mannschaft, eine Halle. Da kann Typ, aber die bei ProSieben in einer Show? ben hoch geführt, dann kamen die ran, und
man beim Zugucken auch nicht immer Da kommt der Produzent danach und sagt: es war klar, wenn meine Jungs mich freikrie-
rumgrölen, sondern muss sich schon ein we- So, Kretzsche, und jetze? Schönes Eigentor gen, geben sie mir den letzten Ball. Und so
nig konzentrieren. Und uns fehlt natürlich hast du uns da geschossen. war es auch: Kurz vor Ende komme ich frei
die Stadionatmosphäre, die zusammen- SPIEGEL: Was hilft gegen diese Kamera- zum Wurf, gucke, was der Torwart macht,
schweißt. Die mögen die Deutschen. scheu – Medientraining? sehe, er nimmt das Bein hoch, ich werfe ihm
SPIEGEL: Wie viele Handballfans gibt es Kretzschmar: Ich finde, Medientraining ist durch die Beine, der Ball geht ins Tor, ach
hierzulande? der Anfang vom Ende. Wir haben gerade nein, doch nicht, Latte, raus. Die kriegen den
Kretzschmar: Die Nationalmannschaft ist das ganze Sky-Paket mit einer Konferenz Gegenstoß, und Sekunden vor Schluss macht
das Zugpferd. Wenn es Richtung EM-Fina- am Sonntag, dem Topspiel und einem ein Spanier das Tor, und wir sind raus.
le geht, und dazu hat die jetzige Mann- Highlight-Magazin am Abend. Wir ma- SPIEGEL: Und dann?
schaft das Zeug, kriegen wir wieder 13, 14, chen relativ viele Homestorys. Man dreht Kretzschmar: Siehst du, wie 15 Männer zu-
15 Millionen vor die Bildschirme. In der einen halben Tag, und da kriegen die Leu- sammenbrechen und weinen wie kleine
Bundesliga sind die Hallen gut gefüllt, die te schon ein Bild, dass das gute Jungs Kinder. Olympische Spiele, vier Jahre
Popularität ist in Ordnung. Aber das ist sind. Nun brauchten wir noch ein paar in hast du darauf hingearbeitet. Und dann
natürlich unsere große Herausforderung: den großen Samstagabendformaten. Andy kommst du in die Kabine, und da liegt
die Attraktivität der Liga zu steigern. Wolff hat das nach der letzten EM schon deine ganze Mannschaft auf dem Boden
SPIEGEL: Woran scheitert das bislang? ganz gut gemacht. Das hat aber nicht lange und heult. Da fühlst du dich natürlich
Kretzschmar: Wir haben seit Jahren keinen gehalten. schuldig. Weil du deine Jungs enttäuscht
neuen Hero hervorgebracht. So einen wie SPIEGEL: Bis vor Kurzem hatten Sie eine hast. (Pause) Das war so ein traumatisches
Dirk Nowitzki im Basketball. Wir kriegen Talkshow auf Sky. Warum wurde sie plötz- Erlebnis, davon träume ich heute noch.
keine Personen transportiert, mit denen lich abgesetzt? SPIEGEL: Wie sind Sie als Team damit um-
die Leute und die Kids sich identifizieren Kretzschmar: Da müssen Sie den Sender gegangen?
können, die sonst eigentlich mit Handball fragen. Kretzschmar: So, wie Handballer damit um-
nichts am Hut haben. Wir haben hübsche SPIEGEL: Belegt es, dass die Deutschen sich gehen: Wir haben uns die Lichter ausge-
Jungs, für die Mädchen auf Instagram nicht für Handball erwärmen können? schossen. In einer ganz ekligen verruchten
DER SPIEGEL 2 / 2018 95
Sport

Eckkneipe mit irgendwelchen Locals. Die finanzieren sich mit dem Sport ein Stu-
Bar haben wir vernichtet. dium. Als Handballer hast du ja nicht aus-
SPIEGEL: Und wie haben Sie persönlich das gesorgt, wenn du aufhörst.
verarbeitet? SPIEGEL: Sie haben Ihre Karriere mit 34 Jah-
Kretzschmar: Ich habe mich jahrelang ge- ren beendet. Was war der Grund?
geißelt, das aber mit mir ausgemacht. Kretzschmar: Ich hatte von jetzt auf gleich

STEFFEN ROTH / DER SPIEGEL


Handball war der absolute Machosport. eine tiefe Abneigung gegen das Spiel. Ich
Dass du ein harter Kerl bist, musstest du wollte nicht noch zwei Jahre lang morgens
deinem Gegner suggerieren, aber auch dei- mit kurzen Hosen in der Halle stehen, je-
nen Teamkollegen. Da hat man nicht über des Wochenende zu Spielen fahren. Ich
Probleme gesprochen oder so. Das war wollte raus aus diesem Hamsterrad, frei
noch eine andere Mannschaftskultur. sein. Deshalb habe ich ein Jahr vor Ver-
SPIEGEL: Wie sieht sie heute aus? Kretzschmar beim SPIEGEL-Gespräch* tragsablauf aufgehört.
Kretzschmar: Die individuellen Eigenheiten „Die Lichter ausgeschossen“ SPIEGEL: Haben Sie Ihre Karriere gesund
werden viel mehr akzeptiert. Damals warst überstanden?
du schon raus, wenn du abends Apfelschor- überschaubaren Zuschauerzahlen müssen Kretzschmar: Ja, schon. Ich brauche be-
le bestellt hast. Es wird auch in der Freizeit sich dann etwas einfallen lassen, um ökono- stimmt mal ein künstliches Knie irgend-
nicht mehr so viel miteinander unternom- misch den Anschluss nicht zu verlieren. wann, das macht mir manchmal zu schaf-
men. Heute fahren die meisten nach dem SPIEGEL: Was sollen die Ihrer Meinung nach fen. Andererseits, ich kenne keinen aus
Spiel nach Hause. Und auf die Mann- tun? der Generation über mir, der nicht ein
schaftsfahrt nach Malle kommen vielleicht Kretzschmar: Sich zusammenschließen, künstliches Knie oder eine künstliche Hüf-
drei Leute mit. auch wenn das für die Fans erst mal te hätte. Überrascht hat das aber keinen.
SPIEGEL: Hat dieser Kulturwandel auch das schmerzhaft ist. Nehmen wir etwa Lemgo, Bei dem Sport leiden die Knochen.
Spiel verändert? Minden und Nettelstedt in Ostwestfalen. SPIEGEL: Zurzeit wird heftig darüber disku-
Kretzschmar: Ja, auch das ist längst nicht Die sollten einen Verein gründen und in tiert, ob mit der Reform der Champions
mehr so hart. In den Achtzigern wusstest Halle im Gerry-Weber-Stadion spielen. League die Belastung der Handballer noch
du, wenn du einen foulst, kriegst du im Das ist deren einzige Chance, dass sie mal weiter zunimmt. Wie sehen Sie das?
nächsten Angriff einen in die Fresse. Wenn wieder ganz oben angreifen können. Kretzschmar: Diese Neuformierung ist von
du gegen Essen gespielt hast, dann war da SPIEGEL: Wo liegen derzeit die Gehälter für der Anzahl der Spiele für deutsche Spieler
Piet Krebs, und da war klar: Jetzt tut’s weh. die Spieler? tödlich. Zumindest für die Spieler, die Natio-
Jede Mannschaft hatte so einen Drecksack. Kretzschmar: Ich würde sagen, durchschnitt- nalmannschaft, Champions League und Bun-
Diese Mentalität hat sich sehr geändert. lich so bei 3000 bis 4000 Euro netto im desliga spielen. Im olympischen Jahr sind die
SPIEGEL: Warum hat es der Handball eigent- Monat. Die meisten Spieler haben ein Dual- dann bei fast 100 Spielen. Das ist Wahnsinn.
lich nie in die Metropolen geschafft? leben, bauen sich eine Karriere auf oder SPIEGEL: Wie ging es nach Ihrem Karriere-
Kretzschmar: Das wird jetzt kommen. Berlin, ende weiter?
Stuttgart und Mannheim zeigen, wie es geht. * Mit den Redakteuren Antje Windmann und Udo Lud- Kretzschmar: Das war eine wahnsinnig gro-
Vereine mit überschaubarem Budget und wig in Wandlitz bei Berlin. ße Herausforderung. Plötzlich wachst du

Reicher Talentepool
Handballbundestrainer Christian Prokop, der den Isländer
Dagur Sigurdsson abgelöst hat, kann ähnlich wie sein Fuß-
ballkollege Joachim Löw auf einen beachtlichen Pool an
hoch talentierten Nachwuchsspielern bauen. Sie machen die
deutsche Mannschaft zu einer der stärksten der Welt – auf
lange Sicht.
Auch der Handballverband hat seine Nachwuchsausbil-
dung reformiert. Seit 2007 gibt es ein sogenanntes Jugend-
WEISS /EIBNER-PRESSEFOTO / PICTURE ALLIANCE / EIBNER-PRESSE

zertifikat, das an Klubs verliehen wird, die ihren Nach-


wuchs optimal fördern und zu Spitzenspielern entwickeln.
Jeder Bundesligist ist verpflichtet, eine entsprechende
Jugendabteilung zu haben. Wer sich nicht daran hält, muss
ein Prozent seines Etats Strafe zahlen.
Besonders im Rückraum haben sich die Stars von morgen
bereits warm geworfen. Julius Kühn (Melsungen) und Paul
Drux (Füchse Berlin) haben bei internationalen Turnieren
schon bewiesen, dass sie in die Weltklasse vordringen. Dazu
kommen jetzt noch Philipp Weber (Leipzig) und der erst
20-jährige Marian Michalczik (Minden).
Der Erfolg der Jungen hat auch damit zu tun, dass sie in-
zwischen in der Bundesliga die Schlüsselpositionen ein-
nehmen. Dort sind sie jahrelang nicht zum Zug gekommen,
weil die Vereine auf Spieler aus dem Ausland setzten. Nationalspieler Michalczik (M.)

96 DER SPIEGEL 2 / 2018


Für SPIEGEL-Abonnenten:
auf und musst zum ersten Mal selber ent-
scheiden, was du nun machst. Das hat dir
vorher immer der Verein abgenommen.
Digital-Upgrade nur € 0,50.
Ich wurde dann Sportdirektor in Magde-
burg. Leider hat sich mein Gehalt plötzlich
gedrittelt, obwohl meine Ausgaben gleich
geblieben sind. Das war nicht ohne.
SPIEGEL: Waren Sie damals pleite?
Kretzschmar: Pleite nicht, aber ich hatte
Zeiten, in denen es mir nicht so gut ging.
Jetzt
SPIEGEL: Hatten Sie kein Management? 4 Wochen
Kretzschmar: Doch. Denen habe ich sogar gratis
Post zum Aufmachen weitergeleitet, denn
ich wollte mit nichts etwas zu tun haben. testen
Ich war zu leichtgläubig und gutgläubig,
denke ich. Aber was soll’s. Ich bin niemand,
der Dingen nachweint. Seit drei, vier Jahren
weiß ich, was ich verdiene und wie ich mit
dem Geld verantwortungsvoll umgehe.
SPIEGEL: Was ist da passiert?
Kretzschmar: Mein Management hat mir da-
mals gekündigt. Mein Vertrag bei Sport1
war ausgelaufen, und ich war noch nicht
bei Sky. Ich hatte versucht, dass mein Ma-
nagement trotzdem weitermacht, weil ich
es wahnsinnig beängstigend und schlimm
fand, mich plötzlich um alles allein zu küm-
mern. So war es dann aber. Heute, drei

Rosenzweig & Schwarz, Hamburg


Jahre später, finde ich es mega. Und es
geht mir finanziell besser als je zuvor.
SPIEGEL: Warum ist aus Ihnen nie ein ein-
flussreicher Funktionär geworden?
Kretzschmar: Pädagogisch bin ich dazu nicht
in der Lage. Als Sportdirektor in Magde-
burg musste ich jeden Montag dem Auf-
sichtsrat über das Sonntagsspiel Rapport
ablegen: dem Chef der Wohnungsbauge-
sellschaft, dem Chef der Stadtwerke, den
Hauptsponsoren eben. Du kannst dir nicht
vorstellen, was für Fragen du da beantwor-
ten musst. Am Ende wurde ich dann ent- Ohne Verpflichtung lesen
eiert: Mir wurde ein Präsident vor die Nase
Bereits ab freitags 18 Uhr
gesetzt, der das Fass zum Überlaufen ge-
bracht hat. Ich habe dann freiwillig hinge- Auch offline lesbar
schmissen. Das ist einfach nicht meine
Welt. Auf bis zu 5 Geräten
SPIEGEL: Woran hapert es, wenn es darum
geht, den Sport voranzubringen? Inklusive SPIEGEL DAILY – Die neue digitale Tageszeitung
Kretzschmar: Alle Klubmanager sind sich
einig, dass sie zusammenhalten müssen,
wenn sie was bewegen wollen. Aber allein
das Durchsetzen eines einheitlichen Hallen-
bodens, was für uns in der medialen Dar-
stellung wahnsinnig wichtig ist, das hat Jah-
re gedauert. Weil viele kleinkariert sind Ja, ich möchte den SPIEGEL digital testen!
und natürlich keiner Werbeaufkleber vom
Spielfeld nehmen wollte, die sind ja eine Ich lese 4 Wochen den SPIEGEL digital kostenlos, danach als
entscheidende Einnahmequelle.
SPIEGEL: Haben Sie noch ein Beispiel?
SPIEGEL-Abonnent für nur € 0,50 statt € 4,10 pro Ausgabe.
Kretzschmar: Die digitale Bandenwerbung. Ich gehe keine Verpflichtung ein, denn ich kann jederzeit zur
Erklär das mal, dass die jeder haben muss. nächsterreichbaren Ausgabe kündigen.
Es gibt immer noch Hallen in Deutschland,
da werden vor jedem Spiel die Werbe-
banner auf Sperrholz getackert.
SPIEGEL: Herr Kretzschmar, wir danken
Einfach jetzt anfordern:
Ihnen für dieses Gespräch.
Mail: udo.ludwig@spiegel.de, antje.windmann@spiegel.de abo.spiegel.de/upgrade
DER SPIEGEL 2 / 2018 97
Totenstadt
Har Hamenuchot ist der größte
jüdische Friedhof im Westen Jerusa-
lems. Wachsen kann er vor allem
noch in eine Richtung – nach unten.
Auf drei Etagen entsteht derzeit
unter der Begräbnisstätte eine mo-
derne Katakombe. In dem gewalti-
gen Tunnelsystem mitsamt Lift- und
Klimaanlagen sollen dereinst bis
zu 22 000 Verstorbene bestattet
werden können – und zwar deutlich
günstiger und platzsparender als
an der Oberfläche.

Analyse

Zahl der abgestürzten Jets: 0


Fliegen ist so sicher wie nie. Aber wie lange noch?

Für die zivile Luftfahrt war 2017 ein bemerkenswertes Jahr. in diesem Moment vier große, voll betankte Passagierjets auf
Zum ersten Mal seit Beginn des Jetzeitalters vor über sechs ihre Startfreigabe. Als die wahrscheinlich übermüdeten
Jahrzehnten ist kein einziger kommerzieller Passagierjet Piloten des A320 die Situation erkannten und durchstarteten,
abgestürzt. Es hat dennoch einige Crashs gegeben – fünf von überflogen sie eine der stehenden Maschinen mit wenigen
kleineren Propellermaschinen und fünf von Frachtfliegern. Metern Abstand. Hätten sie nur drei Sekunden später reagiert,
Insgesamt kamen dabei 79 Menschen ums Leben, 35 davon wäre es zu einem Inferno gekommen mit wahrscheinlich
am Boden. Natürlich ist auch das zu viel, aber zweistellig Hunderten Toten. Wohl und Wehe liegen in der Fliegerei und
war die Zahl der Todesopfer der modernen Luftfahrt vorher ihren Statistiken bisweilen eng beieinander.
noch nie. Übermüdung im Cockpit wird auch 2018 eine Rolle spielen.
Bleibt das nun so? Wohl kaum. Die Branche hat unbestreit- Die Bedrohung durch Terroristen bleibt bestehen, Angriffe
bar große Verdienste um die Sicherheit, ihre Unfallrate ten- mit Drohnen sind zu befürchten. Erfahrene Piloten sind Man-
diert seit 20 Jahren nach unten. Aber sie hatte 2017 auch ein- gelware, während die Zahl der Flugzeuge weiter steigt und die
fach Glück. Am 7. Juli zum Beispiel hat zur Jahrhundert- Lufträume immer enger werden. Mehr als 630 000 Flugzeug-
katastrophe nicht viel gefehlt. Kurz vor Mitternacht flog ein führer müssen in den nächsten 20 Jahren weltweit ausgebildet
A320 von Air Canada nicht die Landebahn des Flughafens werden. Wie das gehen soll, ohne dass die Flugsicherheit da-
von San Francisco an, sondern einen Rollweg. Dort warteten bei leidet, weiß wohl noch niemand so genau. Marco Evers

98 DER SPIEGEL 2 / 2018 Mail: wissenschaft@spiegel.de · Twitter: @SPIEGEL_Wissen · Facebook: facebook.com/spiegelwissen


Wissenschaft+Technik
Homöopathie SPIEGEL: Wenn sie harmlos
„Es geht um wäre, würden Sie Alternativ-
Menschenleben“ medizin dann immer noch
als unethisch bezeichnen?
Der emeritierte Professor für Ernst: Ja, denn unsere Kritik
Komplementärmedizin geht viel weiter. Ein wich-
Edzard Ernst, 69, über die Ver- tiges ethisches Prinzip in der
letzung ethischer Prinzipien Medizin ist das informierte
durch alternative Heiler Einverständnis des Patien-

FLORIAN GENEROTZKY
ten – und Alternativmedizin
SPIEGEL: In Ihrem neuen funktioniert nur, indem man
Buch bezeichnen Sie Alter- dieses Prinzip verletzt.
nativmediziner und Heil- SPIEGEL: Inwiefern?
praktiker als unethisch. Ist Ernst Ernst: Für ein informiertes
das nicht übertrieben? Einverständnis muss der Arzt
Ernst: Keineswegs! Die Medi- sogar umbringt, ist zweifels- dem Patienten die wissen-
zin unterliegt nun mal einer ohne zutiefst unethisch. schaftlichen Grundlagen der
besonders strengen Ethik, SPIEGEL: Sind derart schlimme Therapie erklären. Wenn
schließlich geht es um Men- Vorkommnisse wie bei Jobs man das auf die Homöopa-
schenleben. Nehmen Sie nur nicht die Ausnahme? thie übertragen würde, müss-
das Beispiel von Steve Jobs … Ernst: Die Folgen und Neben- te der Behandler dem Patien-
SPIEGEL: … dem verstorbenen wirkungen der Alternativ- ten sagen: „Studien zeigen
Apple-Mitgründer. medizin werden nirgendwo eindeutig, dass Homöopathie
Ernst: Er litt an einem Bauch- systematisch erfasst; aber nicht hilft.“ Das macht aber
speicheldrüsentumor, der im ich bin sicher, sie sind keine natürlich niemand. Alterna-
Frühstadium noch gut behan- Seltenheit, denn es gibt eine tivmedizin ohne wissenschaft-
delbar gewesen wäre. Doch überwältigende Menge von liche Grundlage ist also immer
er wählte zunächst eine alter- Fehlinformationen im Netz. unethisch – und sollte des-
nativmedizinische Therapie. Zum Suchbegriff „alternative halb unter keinen Umständen
Der Tumor wuchs deshalb medicine“ finden sich rund praktiziert werden. vh
ungebremst weiter, am Ende 40 Millionen Treffer – und
ist Jobs gestorben. Eine The- ich schätze, dass über 90 Pro- Edzard Ernst, Kevin Smith: „More
Harm than Good? The Moral Maze
rapie anzubieten, die einem zent davon gefährliche Schar-
COURTESY ROLZUR / SIPA / ACTION PRESS

of Complementary and Alternative


Kranken nicht hilft oder ihn latanerie propagieren. Medicine“. Springer; 224 Seiten.

Gadgets
Weniger ist mehr
Smartphone, Tablet, Spiel-
konsole, Flachbildfernseher:
Gefühlt ist der heimische
Gerätezoo in jüngster Zeit ex-
Fußnote plosionsartig angewachsen.

30
Doch die Wirklichkeit sieht
anders aus. Laut einer Studie
von Fraunhofer USA, einem
Ableger der deutschen For-
neuartige Riesenstaub- schungsorganisation, nimmt
sauger will die niederlän- die Zahl der Gadgets zumin-
dische Stadt Eindhoven dest in den US-Haushalten
vor einem zentralen Park- schon wieder ab – unter an-
haus errichten. Die Geräte derem, weil das Tablet den
sollen dreckige Stadtluft Trend zum Dritt- und Viert-
filtern und von Ruß und fernseher gestoppt hat. Alle
Feinstaub befreien. In dem Amerikaner zusammen nutz-
zunächst auf vier Monate ten 2017 insgesamt 3,4 Milliar-
angelegten Experiment den Einzelgeräte, 2013 waren
werden Forscher die Luft- es noch 3,8 Milliarden. Weil
qualität in weiten Teilen
SANDY HUFFAKER / AFP

neue Geräte energieeffizien-


der Stadt genau untersu- ter arbeiten als alte, ist der
chen. Sie vermuten, dass Stromverbrauch der privaten
die Filtermaschinen die Unterhaltungselektronik
Atemluft im Zentrum deut- gesunken – gegenüber dem
lich verbessern können. Jahr 2010 um 25 Prozent. me Shoppende US-Konsumenten

DER SPIEGEL 2 / 2018 99


Leopard im Sanjay-Gandhi-Nationalpark

Der Großstadtdschungel
Wildnis In der indischen Metropole Mumbai leben so viele Leoparden auf engem Raum
wie nirgendwo sonst auf der Welt. Dennoch fordert niemand den Abschuss –
ein Lehrbeispiel, wie Mensch und Raubtier gut miteinander auskommen können.

D
urch eine Stadt mit mehr als zwölf Der Hund hatte keine Chance. Eine komplexes, all das gehört zu seinem
Millionen Einwohnern schleicht Videokamera hat die Szene gefilmt. So Revier.
ein Raubtier. Lautlos betritt es die einmalig die Aufnahme wirkt – sie Die indische Metropole Mumbai ist
Lobby eines Wohngebäudes, das Opfer ist es nicht. Der Leopard ist kein ein Ort der Extreme: Sie ist Indiens
hört seinen Angreifer nicht kommen. Ein Fremdkörper hier. Die Einfahrten reichste Stadt, und sie beherbergt zugleich
Schatten, ein Biss, ein Jaulen. Langsam von Luxusapartments, Bürgersteige und einen der größten Slums Asiens. Hier
schleift der Leopard seine Beute davon. auch diese Eingangshalle eines Wohn- leben Millionen Menschen auf engstem
100 DER SPIEGEL 2 / 2018
Wissenschaft

ginnt und endet. Sie führt zwischen Bam- Leopardenbisse starben, war sie es, die
bussen hindurch, an Teakbäumen und an herausfand, warum – und dafür sorgte,
uralten buddhistischen Höhlen vorbei. dass es aufhörte.
Rohrkatzen leben hier, Mangusten und der Normalerweise fürchten die Raubkatzen
Muntjak, auch bellender Hirsch genannt, den Menschen und wagen es nicht, ihn an-
weil er so klingt wie ein Hund. zugreifen. Es sei denn, Menschen sperren
Der Nationalpark ist 30-mal so groß wie sie in einen Käfig, füttern sie und entlassen
der New Yorker Central Park und 50-mal sie in eine für sie fremde Umgebung. Genau
so groß wie der Berliner Tiergarten. Dies das war passiert in Maharashtra, einem Bun-
ist kein Stadtpark, sondern ein Dschungel desstaat etwa der Größe Deutschlands.
inmitten einer der größten Städte der Welt. Wann immer die Wildhüter irgendwo auf ei-
Von hier stammt ein Foto, das ein kräf- nen Leoparden stießen, fingen sie ihn ein
tiges Leopardenmännchen zeigt, hinter und siedelten ihn in den Mumbaier Park um.
ihm die Lichter der Stadt. Es ist ein seltsa- Auch der Leopard, der den Sohn des Park-
mer Anblick, weil auf dem Bild zwei Wel- mitarbeiters tötete, war ein Tier, das aus Ge-
ten aufeinanderstoßen, die sich scheinbar fangenschaft gekommen war. Eingesperrt-
ausschließen: die Stadt und die Wildnis. sein macht die Tiere aggressiv – und sie ver-
In Wahrheit geht es den Leoparden präch- lieren ihre natürliche Scheu vorm Menschen.
tig in Mumbai. Insgesamt 40 Tiere sind hier Athreya und ein Team engagierter Bür-
heimisch, vor zwei Jahren waren es noch ger überzeugten die Ranger, die Tiere in
35. Den Park umgibt eine Mauer, die aber Ruhe zu lassen. Die Naturschützer und das
viel zu niedrig ist, um einen Leoparden auf- Forstamt richteten eine Hotline ein, luden
zuhalten. Videos zeigen, wie die Katzen zu Infoveranstaltungen. Früher, sagt ein
leichtfüßig heraufspringen und dann lautlos Mitarbeiter der Hotline, hätten Anrufer
in den Gassen der Stadt verschwinden. gesagt: „Da ist ein Leopard vor unserem
Es ist kein Mangel, der die Tiere aus Haus. Der muss verschwinden.“ Heute
dem Park treibt; der Überfluss an Beute fragten sie: „Was soll ich tun?“
in der Stadt lockt sie an: streunende Hun- „Werfen Sie bloß keinen Müll auf die
de, verwilderte Hausschweine und Katzen. Straße“, raten die Experten dann. „Das
Mumbai ist ein Paradies für Leoparden, lockt die Tiere an.“ Oder: „Wenn Sie nachts
perfekte Jäger, die sich noch an fast jede noch draußen unterwegs sind, machen Sie
Widrigkeit angepasst haben, an die eisige Lärm, damit Sie den Leoparden nicht über-
Kälte des Himalaja ebenso wie die Hitze raschen. Lassen Sie Kinder in den Abend-
der Savanne. Und die Großkatze hat ge- stunden nicht allein auf die Straße.“ Wich-
lernt, mit dem Menschen zu leben. Aber tig ist auch, dass Frauen im Dunkeln nicht
kann der Mensch das umgekehrt auch? im Freien auf Toilette gehen. Wenn sie sich
Nach der Jahrtausendwende griffen Leo- hinhockten, könnten Leoparden sie mit ei-
parden in Mumbai innerhalb von zwei Jah- nem Beutetier verwechseln.
NATIONAL GEOGRAPHIC / GETTY IMAGES

ren 24 Menschen an. Allein im Juni 2004 Seit sich die Menschen an solche Emp-
kam es zu 13 Attacken, 10 Menschen star- fehlungen halten, sind die Übergriffe dras-
ben. Viele Bewohner forderten damals tisch zurückgegangen. Es ist in Indien viel
eine Mauer, die endlich hoch genug sein wahrscheinlicher, im Straßenverkehr zu
sollte, um die wilden Tiere fernzuhalten. sterben, als durch ein wildes Tier. Und den-
Die Menschen wollten ins Grüne schauen, noch bleibt ein Risiko: Ja, ein Leopard
aber keinem Leoparden in der Tiefgarage kann einen Menschen töten.
begegnen. Aufgebrachte Bürger griffen In Deutschland leben mittlerweile rund
Förster an, Politiker versprachen zu han- 150 erwachsene Wölfe. Manche Menschen
deln. Das ist mehr als zehn Jahre her. Aber fürchten sich davor, dass die Tiere, wenn
der Leopard ist noch immer da. es zu viele werden, Kinder anfallen könn-
Raum, 28 000 Menschen pro Quadrat- Es wäre übertrieben zu behaupten, dass ten; schon heute ärgern sich Schäfer über
kilometer – und nirgendwo sonst in der die Einwohner von Mumbai heute vollkom- gerissene Schafe. Politiker fordern, die
Welt ist die Dichte an Leoparden größer. men harmonisch mit ihren Leoparden zu- Jagd auf Wölfe wieder zuzulassen.
In einer Zeit, in der Indien wächst, in sammenlebten. Vor wenigen Monaten starb Naturschützerin Athreya wundert sich
der Wälder Städten weichen müssen, ist ein Zweijähriger, der Sohn eines Parkmit- über solche hysterischen Reaktionen. „Wir
Mumbai ein guter Ort, um der Frage nach- arbeiters; weitere Menschen wurden ver- Inder haben einen Vorteil: Wir haben un-
zugehen: Wie können Mensch und Raub- letzt, bis Förster das wild gewordene Tier sere wilden Tiere nie ausgerottet. Wir müs-
tier miteinander auskommen? Und was einfingen. Es gab viele Ängste unter den sen nicht erst wieder lernen zu teilen.“
kann Deutschland daraus lernen, wo mit Bewohnern, aber keine Proteste mehr, nie- Tatsächlich leben in Indien Löwen, Ti-
dem Wolf auch die Wildnis zurückkehrt? mand forderte den Abschuss der Raubtiere. ger, Wölfe, Nashörner und Hyänen. Es gibt
Die Antworten darauf finden sich im Mumbai heute ist ein Lehrbeispiel für Na- Wälder, wie sie in Deutschland kaum noch
Norden der Stadt, in dem an einem sonni- turschutz in Zeiten, in denen die Grenzen existieren: wo der Jäger noch ein Tier ist.
gen Morgen Hunderte Menschen im San- zwischen Stadt und Land verschwimmen. Und es gibt eine Religion, den Hinduismus,
jay-Gandhi-Nationalpark spazieren gehen, „Nicht der Leopard muss sich ändern, der den Menschen nicht als die Krönung
einer grünen Insel in der grauen Stadt. An sondern der Mensch“, sagt die Biologin der Schöpfung ansieht, im Gegenteil: Göt-
seiner breitesten Stelle dauert es einen Ta- Vidya Athreya vom indischen Ableger der ter können Tiergestalt annehmen.
gesmarsch, den Park zu durchqueren. Es Wildlife Conservation Society. Als vor Aber Indien wandelt sich, es wird urba-
ist eine Wanderung, die in Mumbai be- über zehn Jahren so viele Menschen durch ner und moderner. Immer wieder kommt
DER SPIEGEL 2 / 2018 101
NAYAN KHANOLKAR
NATIONAL GEOGRAPHIC / GETTY IMAGES

NATIONAL GEOGRAPHIC / GETTY IMAGES


Leoparden am Stadtrand von Mumbai, in der Siedlung Aarey Milk Colony, in einem Park: „Wenn Sie nachts unterwegs sind, machen Sie Lärm!“

es zu schweren Konflikten zwischen Athreya und viele ihrer Kollegen glau- und sie roch ihn, wie sie behauptet. Die
Mensch und Tier. Und auch hier gibt es ben heute, dass Mensch und Leopard fried- Hunde hätten gebellt, und auch die Kinder
heute viele Menschen, die finden, dass lich miteinander leben können – voraus- wussten sofort: ein Leopard. Sie klapper-
Wildtiere in einen Park eingesperrt wer- gesetzt, der Mensch nimmt hin, dass ihm ten mit Geschirr und den Töpfen, um ihn
den sollten. Nur: Wie soll das gehen? die Stadt nicht allein gehört. Das mag für zu vertreiben.
Ein Leopard kann täglich bis zu 30 Kilo- manche ein radikaler Gedanke sein. Aber Einmal schnappe der Leopard sich ein
meter zurücklegen, die Grenzen eines es funktioniert – wie das jene Menschen Huhn, ein anderes Mal einen Hund. Ob es
Nationalparks halten ihn nicht auf. Ihn zeigen, die in der Metropole noch so ein- ihr lieber wäre, wenn der Leopard ver-
umsiedeln? Schafft nur noch mehr Proble- fach leben wie vor 100 Jahren. schwände?
me, wie die früheren Attacken in Mumbai Der Weg in die Aarey Milk Colony führt Sanghita findet die Frage seltsam. Der
gezeigt haben. Koexistenz ist die einzige über eine geteerte Straße, dann biegt ein Leopard sei hier zu Hause, so wie sie auch.
Alternative. Feldweg ab. Am Ende des Wegs, inmitten Die Warli verehren Leoparden als Gott-
Athreya zeigt auf eine Karte aus einer eines Waldes, sitzt Sanghita auf ihrer Ve- heiten und Beschützer.
Kleinstadt im ländlichen Indien. Jeder randa und schält Samen aus Blütenkelchen. Das bedeutet nicht, dass Sanghita den
Punkt markiert den Aufenthaltsort eines Hinter ihrer Hütte wachsen Papayas, Zitro- Leoparden nicht fürchtete. Als sie einen
Leoparden, den sie mit Sendern verfolgt nen und Hirse. Man hört das Rascheln der das erste Mal sah, rannte sie davon. Zur
hat. Tagsüber schliefen die Tiere in den Blätter. Auf den Balkonen der Hochhäuser Abschreckung hat sie Blinklichter aufge-
Zuckerrohrfeldern, manchmal nur wenige in der Ferne trocknet Wäsche, Blumentöpfe stellt, die ihr das Forstamt gegeben hat.
Meter von den Bauern entfernt; nur in der sind zu erkennen. Die Stadt ist von hier aus Sie hat das Gras um ihre Hütte geschnitten,
Nacht kamen die Tiere hervor, versuchten, sichtbar, aber nicht zu spüren. Aber in jene damit der Leopard sich nicht unbemerkt
in Hühnerställe einzudringen, oder schli- Welt voller Verkehr und Einkaufsläden, sagt anschleichen kann. Abends nimmt sie ihre
chen über die Müllhalden. Sanghita, gehe sie nie – zu laut, zu voll. Hühner und Hunde zu sich in die Hütte.
Es gibt auf der Karte fast keine Stelle, Sanghita gehört zum Stamm der Warli, Und wenn sie den Warnschrei der Affen
an der nicht irgendwann einmal ein Leo- einer indigenen Bevölkerungsgruppe, der hört, dann ruft sie ihre Kinder zu sich.
pard vorbeigekommen ist. Fünf Jahre lang es erlaubt ist, im Park zu leben und auch Tiere, findet Sanghita, können gefährlich
hat Athreya elf Tiere verfolgt, nicht in ei- in der Milchkolonie, einem Gebiet mit viel sein. Aber niemals böse. Laura Höflinger
nem Fall gab es Tote. Die Leoparden leb- Vieh. Wenn es zu Zwischenfällen kommt, Mail: laura.hoeflinger@spiegel.de, Twitter: @hoeflingern
ten wie Geister unter den Menschen. dann meistens hier. Aber niemand käme
Athreya sagt, das war auch für sie selbst, auf die Idee, die Raubtiere vertreiben oder Video: Auf der Spur der
geboren und aufgewachsen in Mumbai, ein gar töten zu wollen. Leoparden von Mumbai
Moment der Erleuchtung: „Ich fragte mich: Gestern erst sei etwas Schweres auf ihr spiegel.de/sp22018leoparden
Kann das wirklich sein?“ Dach geprallt, sagt Sanghita. Sie hörte ihn, oder in der App DER SPIEGEL

102 DER SPIEGEL 2 / 2018


Wissenschaft

Hochprozentiges wurde im 19. Jahrhun- Gestalt. Mit dem Eifer eines Exorzisten

Mit Koth dert in ganz Deutschland gebechert wie reiste der Baron nun ins niederdeutsche
nie zuvor oder danach – eine Folge billiger Katastrophengebiet. Seld war so beseelt
Produktionsverfahren. Vor allem in den von seiner Mission, dass er notfalls zu Fuß

beworfen nördlichen und östlichen Regionen lag der von Ortschaft zu Ortschaft marschierte,
Pro-Kopf-Verbrauch an Schnaps viermal um in Kirchen und Scheunen gegen das
höher als heute. Mediziner warnten vor „Laster des Trunkes“ zu wettern.
Geschichte Vor 170 Jahren der grassierenden „Branntweinpest“. Die Mehrfach musste der gesundheitlich
Sucht nach Spirituosen brachte eine neue angeschlagene Adlige seine Reise unter-
grassierte in Ostfriesland eine Form der Ratgeberliteratur hervor. „Um brechen – womöglich auch eine Folge der
Schnapsepidemie. Ein Säufern das Weintrinken zu verleiden, soll Ablehnung, die ihm vielerorts entgegen-
man einen lebendigen Aal in Wein ersti- schlug. Kaum ein Ostfriese mochte sich
preußischer Baron versuchte, die cken und (sie dann) davon trinken lassen“, für die von ihm propagierte Abstinenz
Einheimischen zu entwöhnen. riet „Der Leibarzt“. erwärmen.
An wenigen Orten aber blühte der In der kleinen Gemeinde Bunde sei

W
ie eine Seuche breitete sich im „Missbrauch geistiger Getränke“ so sehr er sehr „unerfreulich“ empfangen worden,
19. Jahrhundert der Suff an wie im ostfriesischen Flachland. Buurman hielt Seld für die Nachwelt fest: „Ganze
Deutschlands Westküste aus. Rei- schildert in seinem Buch einen ebenso Haufen von Kindern“ hätten ihn „ver-
henweise starben Ostfriesen im Rausch. skurrilen wie vergeblichen Versuch, seine höhnend und neckend“ verfolgt und ihn
Die Folgen des Zechertums waren er- Landsleute von ihrer Trunksucht zu heilen. gar „mit Koth“ beworfen, klagte der Frei-
schreckend: In Leer brach ein Arbeiter auf Anfang 1846 kam Albert Freiherr von Seld herr. Bei anderer Gelegenheit saß er in
der Straße zusammen. Eine volltrunkene nach Ostfriesland, um als „Mäßigkeits- der Ortschaft Strackholt mit dem dortigen
Greisin verbrannte bei lebendigem Leib Agent“ zu wirken. Dorfschullehrer und dessen Mutter bei-
in ihrer Stube. In der Kleinstadt Esens ge- Der preußische Adlige und Jurist mach- sammen, als „plötzlich ein schwerer Stein
riet ein besinnungsloser Weber in die Nähe te sich in seiner Heimat als Herausgeber durchs Fenster“ flog.
eines offenen Feuers und erstickte. Ein der Zeitschrift „Kreuzzug wider den Nur in wenigen Fällen konnte der Alko-
Zimmermannsgeselle fiel unweit seines Branntwein“ einen Namen. Ein Foto holgegner aus Preußen einen Achtungs-
Zieles in Uphusen in einen gefrorenen Gra- zeigt den Schnapsverächter als tiefernste erfolg verzeichnen. Ein Zecher versprach
ben und fand dort sein vorzeiti- ihm, „von Stund’ an sein langge-
ges Ende. wohntes Morgenschnäppschen“
Es war der „Gifttrank“, das aufgeben zu wollen. In der Regel
„Branntweinelend“, wie Zeitge- aber sperrten sich die Einheimi-
nossen schrieben, das unter den schen gegen Selds Bekehrungs-
Ostfriesen epidemisch Opfer for- versuche wie die Gallier gegen
derte. Ein ganzer Landstrich ver- die römische Besatzungsmacht.
fiel damals dem Alkohol. Noch Nach knapp sechs Monaten be-
mehr als heute galt Ostfriesland endete der Baron entnervt seine
zu jener Zeit als gottverlassene Mission: „Ich habe noch kein
Gegend. Land gefunden, in dem die Mä-
Hier lebt Heinrich Buurman, ßigkeits-Sache so viel Spaltung,
der schon mehrere Bücher seiner ja Feindseligkeit hervorgerufen
Heimat gewidmet hat. In seinem hat, als in Ostfriesland.“
neuen Werk beleuchtet der pro- Sich von einem Fremden be-
movierte Apotheker jene düstere kehren zu lassen kam eben
Zeit, als die Ostfriesen in bedenk- nicht gut an bei den eigensinni-
lichem Maß hochprozentigen Ge- gen Plattländern. Dabei däm-
tränken wie Genever und Doorn- merte den klügeren Zeitgenos-
kaat zusprachen*. sen durchaus, dass es mit der
Nähe zum Thema entwickelte Trunksucht so nicht weitergehen
der Heimatforscher in der von konnte. Unter anderem riefen
ihm geführten Apotheke in Leer. Besonnene die Holz- und Eisen-
Auch sein Berufsstand sei früher händler dazu auf, ihre Kunden
besonders häufig dem Alkohol bei Warenabholung nicht mehr
erlegen, konstatiert Buurman: mit Genever zu „tractiren“.
„Meinen Vorgängern war lang- Erst die 1887 von Reichskanz-
weilig, und dann haben sie eben ler Otto von Bismarck durch-
gesoffen.“ Gefördert wurde die- gesetzte Einführung einer landes-
se Neigung durch den Umstand, weiten Branntweinsteuer half
dass die Apotheker ihren Kun- jedoch, die Schnapsepidemie ein-
SAMMLUNG MÜLLER-BRODERS

den einst nicht nur Medikamen- zudämmen – eine Ironie der


te verkauften, sondern auch Geschichte. Denn der eiserne
Selbstgebranntes ausschenken Kanzler war ebenfalls ein formi-
durften; sie saßen mithin an der dabler Zecher: Sogar auf Bahn-
Quelle. reisen führte der Staatsmann ein
Sortiment aus Bier, Portwein,
* Heinrich Buurman: „Der Schnapsteufel“. Trunksucht-Karikatur Nordhäuser Korn und Kognak
Verlag Dr. Buurman; 246 Seiten; 21 Euro. Branntweinkonsum viermal höher als heute mit sich. Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 2 / 2018 103


JAN VISMANN FÜR DEN SPIEGEL

Dumm wie ein Sieb


Künstliche Intelligenz Lernende Maschinen erkennen Gesichter und bringen sich selbst
das Schachspielen bei – warum zeigen sie trotzdem keinen Funken Verstand?

D
iese Maschinen brauchen uns an- Was also könnte dieses Supertalent sich Nicht einmal eine Fortbildung in „Mensch
scheinend nicht mehr. Sie lernen als Nächstes vornehmen? Die Weltmeis- ärgere dich nicht!“ wäre möglich. Auf dieses
von allein und rasend schnell. terschaft im Pokern? Danach, zur Entspan- Spiel müsste die Firma ein neues Lernpro-
Kurz vor dem Jahreswechsel berichteten nung, ein Studium der Jurisprudenz in gramm ansetzen – das hätte dann wiederum
Medien begeistert von einer wahren Sturz- zwei Wochen? nicht die mindeste Ahnung von Schach.
geburt „übermenschlicher“ Intelligenz. Nichts dergleichen. Die Vision einer sich selbst beflügelnden
Was war geschehen? Eine lernende Die Laufbahn des Schachtitanen, ent- Computerintelligenz scheint also arg ver-
Software namens AlphaZero hatte sich wickelt von der Google-Tochter DeepMind, früht. In Wahrheit ist die Branche in eine
das Schachspielen beigebracht – einfach ist schon wieder beendet. Er ist – und Sackgasse geraten. Denn allmählich wird
nur durch Ausprobieren, in zahllosen bleibt – eine Null auf allen Gebieten außer klar: Wir bestaunen da lauter Mirakel be-
Blitzpartien gegen sich selbst. Binnen we- Schach. Selbst eine Partie „Mensch ärgere schränktester Fachidiotie.
niger Stunden war die Maschine so gut, dich nicht!“ würde ihn überfordern. Zuvor schon hatte DeepMind die lern-
dass sie das bislang weltbeste Schachpro- Schlimmer noch: Die famose Lernmaschi- fähige Software AlphaGo geschaffen, wel-
gramm schlug (menschliche Spieler halten ne ist unfähig, ihr einmal erworbenes Kön- che die besten menschlichen Spieler im Go
da ohnehin schon lange nicht mehr mit). nen auf benachbarte Fächer zu erweitern. spektakulär bezwang. Dieses Brettspiel hat
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Wissenschaft

19 mal 19 Felder. Aber man müsste nur eine unmerklich eine Anzahl von Bildpunkten. Das ist stark vergröbert, zugegeben.
Reihe entfernen, und AlphaGo verlöre kom- Für einen Menschen war es immer noch Eine Lernmaschine gleicht eher einem
plett die Orientierung. Auf einem Brett mit das gleiche Foto. Der Computer aber war komplizierten Ungetüm, bestehend aus
18 mal 18 Feldern wäre das Programm hilflos. plötzlich überzeugt, einen Helikopter zu mehrstöckigen Sieben mit verstellbarer
Andere Intelligenzen haben gelernt, sehen. Die Forscher konnten ihm beliebige Maschenweite – je nach gesuchtem Objekt.
klassische Videospiele wie „Space Inva- Wahnbilder unterschieben. Ebenso selbst- Aber das ändert nichts am Prinzip: Nir-
ders“ zu meistern. Doch wenn in der pixe- gewiss hätte er in den Waffen eine Antilo- gendwo in diesem Apparat ist echte, ei-
ligen Spielwelt auch nur eine Farbe durch pe erkannt. genständig agierende Intelligenz versteckt.
eine andere ersetzt wird, kennt die Ma- Solange es um private Fotos geht, ist Warum aber wird dann dem lernfähigen
schine sich nicht mehr aus. eine ulkige Halluzination ab und zu kein Computer inzwischen alles Mögliche zu-
Menschlichen Spielern machen solche Problem – Onkel Hans dürfte es verkraf- getraut? Der Hype konnte nur entstehen,
nebensächlichen Abwandlungen wenig ten, wenn er auf dem Schnappschuss von weil das große Wort vom Lernen falsche
Mühe. Sie haben das Prinzip verstanden der Silvesterfete als Knallfrosch identifi- Vorstellungen weckt.
und passen sich an. Einen Farbwechsel in ziert würde. Aber eines Tages könnten ler- Wenn Menschen lernen, tun sich neue
der Kulisse würden sie im Eifer des Spiels nende Systeme an den Flughafenschleusen Welten auf. Ein kleines Kind, das erstmals
vielleicht nicht einmal bemerken. das Gepäck durchleuchten. Dann sollten ein bemaltes Ei sieht, weiß in der Regel
Die lernfähigen Programme aber sind sie nicht ein Sprengstoffpaket für einen bereits, dass das Innere mit Salz gut
Spezialisten für Aufgaben extrem ver- Teddybären halten. schmeckt, das Ei vom Huhn kommt und
knappten Zuschnitts. Oft genügt ein be- Wenn Menschen sich vertun, liegen sie das Geschwisterchen heulen wird, wenn
fremdliches Detail, und der Computer gibt meist nur knapp daneben. Ein Kind ver- es so ein Objekt an den Kopf kriegt. Nun
den Geist auf. Kein Wunder: Er versteht wechselt vielleicht mal ein Meerschwein- ist das Kind bereit für die Lektion, was
nichts von dem, was er tut. chen mit einem Hamster – aber bei den bunte Eier mit dem Osterfest zu tun haben.
Für viele Aufgaben ist das zum Glück vierbeinigen Felltieren liegt es schon ganz In einer lernenden Maschine, so vermuten
auch nicht nötig. Darauf beruht der ganze richtig. Jemand erklärt ihm die Eigenhei- wir, gehe Ähnliches vor. Ein Computer, der
Zauber der lernenden Maschinen. Man ten des Meerschweinchens, und wieder hat auf Aufnahmen von Muttermalen fachmän-
gebe dem Computer ein paar Tausend Fo- es was gelernt. Solche Fehler sind kon- nisch die Fälle von Krebsverdacht heraus-
tos von Regenschirmen oder Kaffeetassen, struktiv, auf ihnen lässt sich aufbauen, das sortiert – muss der nicht auch irgendwie wis-
korrekt beschriftet – und nach einigem gehört zum Lernen dazu. Die Fehler der sen, was für eine Krankheit das ist? Könnte
Training wird er diese Objekte auch von Maschine dagegen offenbaren einen Ab- er nicht eines Tages sogar, mit Glück und
allein passabel auseinanderhalten. grund des Unverstands. An ihnen gibt es Rechenschmalz, neue Therapien aushecken?
Anfangs macht die Lernmaschine noch nichts zu verbessern, sie sind auf hoff- Wir denken automatisch, die Maschine
schauerliche Fehler. Aber sie registriert bei nungslose Weise falsch. lerne wie wir. Ein Lernen, das blind für
jedem Anlauf, wie weit sie danebenlag – Die Maschine ist, wie sich zeigt, nicht die Welt ist und nicht das Mindeste be-
und korrigiert entsprechend die vorherge- viel schlauer als ein Sieb. Auch so ein Sieb greift, widerstrebt zutiefst der mensch-
henden Schritte. Beim nächsten Mal geht ist ja zu durchaus intelligenter Arbeit im- lichen Vorstellungsgabe.
es meist schon ein wenig besser. Und mit stande: Kippt der Mensch einen Eimer Doch das maschinelle Lernen ist tatsäch-
der Zeit wird der Computer meist erstaun- Sand hinein, sucht das Sieb automatisch lich ganz anders. Es funktioniert nur, wo
lich treffsicher: Er erkennt auch Schirme, nach Körnchen bis zu einer Maximalgröße. es reichlich Daten zum Trainieren gibt.
die er noch nie gesehen hat. Stets gibt es den korrekten Output aus. Dem Kind genügt ein einziges Osterei für
Der Aufwand für solche Programme, Aber hat das Sieb deshalb die Körnchen ein Aha-Erlebnis, die Maschine braucht
auch neuronale Netze genannt, ist freilich „erkannt“? Weiß es, was Sand ist? Natür- womöglich Hunderttausende Bilder da-
enorm. Einem Treffer gehen oft Millionen lich nicht, es ist alles nur eine Frage der von – und zahllose Trainingsdurchgänge.
miteinander verknüpfte Berechnungen vo- passenden Maschenweite: Die gewünsch- Zudem beginnt das Lernen nicht einfach
raus; jede Korrektur justiert deren Resul- ten Körnchen fallen von selbst durch. von allein. Vorher müssen die Forscher die
tate neu. Und steht der Schirm zufällig auf Nicht minder unbeteiligt erkennt der gesammelten Bilddaten bereinigen und
dem Kopf, ist er der Maschine mitunter Computer seine Objekte. Oben schüttet aufbereiten – eine zumeist langwierige und
schon wieder fremd. der Mensch unsortierte Bilder hinein, un- undankbare Arbeit. Auch das Einrichten
Ein Mensch erkennt einen Schirm in je- ten fallen die erkannten Gesichter heraus. der Lernmaschinen selbst kann sich hin-
der Lage, aufgespannt und geschlossen; ziehen. Vielköpfige Teams sind oft Monate,
denn ihm bedeutet dieses Ding etwas. Ein manchmal Jahre damit beschäftigt. Viele
Computer registriert nur eine gleichgültige Stellschrauben wollen gedreht werden, bis
Ansammlung von Helligkeits- und Farb- der Apparat brauchbare Ergebnisse liefert.
werten, die er nach irgendwie typischen Nicht zufällig gelangen die größten
Mustern abrastert. Dann kramt er in sei- Triumphe des maschinellen Lernens in
nem Vorrat an Etiketten nach demjenigen, überschaubaren Spielwelten wie Go oder
das am wahrscheinlichsten auf dieses Mus- Schach. Die neuronalen Netze lernen, in-
ter passt. Kurz: Ein Algorithmus ordnet dem sie Millionen Partien gegen sich selbst
ein Bild, das er nicht versteht, einer Be- austragen. Jeden Zug bewerten sie danach,
schreibung zu, die ihm nichts sagt. inwieweit er zu Sieg oder Niederlage bei-
Entsprechend krass sind die Fehler, die trägt. Beim nächsten Mal wissen sie es
dabei unterlaufen. Der Computer ist im- dann schon ein wenig besser.
stande, eine Zahnbürste mit einer Base- Die Mathematik, die darin steckt, ist
ballmütze zu verwechseln. höchst ausgeklügelt. Sie führt aber nur
Amerikanischen Forschern gelang es vor zum Erfolg, weil im Brettspiel Felder und
Kurzem, eine mächtige Bilderkennung von Regeln fixiert sind. Hier geschieht, anders
Google zu foppen: Sie nahmen ein Foto als im Leben, nichts Unvermutetes. Beim
von Maschinengewehren und veränderten Schach ziehen die Figuren auf ewig von
DER SPIEGEL 2 / 2018 105
Wissenschaft

A4 nach C6 oder von B1 nach B7. Nie wird lernendes Programm ebenso gut wie Die Lernmaschine erobert, mit einem
ein Bauer zum Gegner überlaufen, nie der Fachärzte ab. Ein anderes überwachte Wort, nur eine Sackgasse nach der ande-
Turm seinen Zug verschlafen oder die die EKG-Werte von Herzpatienten auf ren. Viele Forscher sehen das Problem, sie
Dame mit dem Springer durchbrennen. Rhythmusstörungen; dabei zeigte es sich suchen nach neuen Ansätzen, näher am
Im Leben dagegen ist bekanntlich alles sogar treffsicherer als erfahrene Kardio- menschlichen Lernen.
offen. Deshalb ist maschinelles Lernen logen. Die Technik nach heutigem Stand ist
dort auch nur beschränkt anwendbar. Nichts davon wird einen Arzt ersetzen. im Grunde von gestern. Sie beruht auf
Nützlich ist die Technik vor allem, wo es Aber es entlastet ihn, wenn der Computer Ideen, die seit gut drei Jahrzehnten be-
riesige Datenmassen nach Mustern zu den automatisierbaren Teil der Arbeit kannt sind.
durchforsten gilt. Dabei leistet sie aller- übernimmt – unschlagbar schnell und ohne Den entscheidenden Aufsatz veröffent-
dings Erstaunliches. je zu ermüden. lichte der britische Informatiker Geoffrey
Der Computer kann nicht nur immer Lernende Maschinen werden gewiss Hinton im Jahr 1986. Nur waren damals
besser Bilder oder gesprochene Worte er- noch weitere Aufgaben finden; auf den die Computer nicht annähernd schnell ge-
kennen. Er liest inzwischen auch Spre- menschlichen Erfindergeist ist da Verlass. nug für derart aufwendige Rechenarbeit.
chern von den Lippen ab – das hat er an- Das Problem ist nur: Die Werkzeuge selbst Und erst heute sind genügend Bilder,
hand von Videos gelernt, die bereits mit werden davon nicht schlauer. Sprachaufnahmen und andere Daten fürs
Untertiteln versehen waren. Ihnen fehlt jegliche Möglichkeit, das Ge- Training verfügbar.
In der Wirtschaft gibt es für lernfähige lernte in ein größeres Ganzes einzufügen – Aber sogar Hinton selbst, der große
Systeme schon viel zu tun. Bei PayPal so wie Menschen das unentwegt und fast alte Mann des maschinellen Lernens, ist
sieben sie verdächtige Transaktionen mühelos tun. Was wir lernen, wird Teil un- von seiner Schöpfung inzwischen abge-
aus, die nach Betrug aussehen. Bei Ama- seres Weltwissens. Es baut auf früheren rückt. Er glaubt, dass die Zukunft woan-
zon empfehlen sie Kunden Produkte, die Erkenntnissen auf, es verknüpft sich mit ders liegt.
zum bisherigen Kaufverhalten passen. bereits Verstandenem. So wird die natür- Undenkbar ist es nicht, dass einstmals
Bei Google verbessern neuronale Netze liche Intelligenz immer reicher. eine Maschine durch Lernen klüger wird.
die Treffsicherheit der Suche – und sie Für die künstliche führt kein Weg dort- Aber noch hat niemand auch nur eine plau-
helfen beim Stromsparen in den Rechen- hin; da kann die Maschine trainieren, sible Idee, wie das anzustellen wäre.
zentren. solange sie will. Das neuronale Netz per- Das bedeutet: Voraussagen jeglicher
Auch in der Medizin tun sich neue fektioniert sich stets nur für eine einzige, Art über ein Heraufdämmern menschen-
Einsatzfelder auf. Bei der Diagnose von eng umgrenzte Aufgabe. Für die nächste ähnlicher Intelligenz sind bis auf Weiteres
Hautkrebs anhand von Bildern schnitt ein beginnt es wieder von vorn, bei null. sinnlos. Manfred Dworschak

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Technik

Freche Zunge
Fotografie Ausgerechnet die
Jüngeren kaufen wieder Analog-
kameras wie die legendäre
Polaroid. Was steckt hinter der
Sehnsucht nach Uralt-Technik?

A
m 9. Januar beginnt in Las Vegas
die CES, eine der bedeutendsten
Elektronikmessen der Welt. Auch
diesmal sind dort wieder viele spektaku-
läre Neuheiten zu bestaunen: ein riesiger
Superfernseher, hochauflösende Brillen für
Reisen in virtuelle Welten und selbstfah-
rende Autos. Am Rande der Leistungs-
schau werden in kleinerem Kreis aber auch
seltsame Geräte gezeigt, die von vorges-
tern zu stammen scheinen.
Da wäre zum Beispiel eine analoge Ka-

GETTY IMAGES
mera namens Reflex, finanziert über
Crowdfunding und vom Aussehen ange-
lehnt an Klassiker wie die klobige DDR-
Knipse Praktica. Die Reflex verfügt über Polaroidaufnahme: Surrendes Geräusch als Teil der Kindheitserinnerung
eine abnehmbare Rückwand, um den Film-
wechsel zu erleichtern. Der Prototyp ent-
stand mithilfe eines 3-D-Druckers. Film aus Entwicklerpaste über die licht- Die Nachteile der Geräte nehmen die
Eine ambitionierte Fotografenclique aus empfindliche Schicht geschmiert wird. Wie Kunden gern in Kauf. Bei Kälte und Dun-
London hat die Retrokamera entworfen, von Geisterhand erscheint nach wenigen kelheit werden die Instantfotos Murks?
im Herbst könnte sie auf den Markt kom- Augenblicken ein weichgezeichnetes Foto. Umso besser. Die technischen Schwächen
men. Zugegeben, das Grundprinzip ist „Papa, wieso kann ich dein Foto nicht stärken sogar den Enthusiasmus der Fans.
nicht ganz neu – Rollfilmkameras gibt es sofort sehen?“ Das hatte die Tochter des So gibt es inzwischen eine erstaunliche
seit über 100 Jahren. Polaroidgründers Edwin Land ihren Vater Vielfalt an Sofortbildkameras. Manche be-
Nach Jahren des Nischendaseins hofft einst im Urlaub gefragt – und damit der schränken sich auf greifbare Bilder, andere
die Analogbranche wieder auf den Mas- Legende nach die Entwicklung der Quadrat- speichern sie auch digital, parallel zu den
senmarkt. Elektronikkaufhäuser vertrei- bilder angestoßen. 1948 brachte der Vater Plastikabzügen. Puristen rümpfen über
ben Sofortbildkameras mit Namen wie seine Sofortbildkamera auf den Markt. derlei Zwitter natürlich die Nase.
Fujifilm Instax, Impossible oder Leica So- Bis heute gibt es eine Fangemeinde. Der Ach ja, die gute alte Zeit. Früher galt
fort. Und sogar die legendäre Polaroid geht Filmemacher Wim Wenders zum Beispiel Nostalgie als ein Seelenleiden, als krank-
erstmals seit vielen Jahren mit einem neu- benutzte die Schnappschusstechnik einst hafte Sehnsucht nach einem besseren Ges-
en Modell an den Start – eine erstaunliche als visuelles Notizbuch bei Dreharbeiten tern. Doch mittlerweile wollen Psycholo-
Wiederauferstehung, nachdem die Tradi- und zeigt eine Auswahl seiner Polaroids gen durch Experimente herausgefunden
tionsfirma 2008 Konkurs hatte anmelden derzeit in einer Galerie in London unter haben, dass das wohlig-bittersüße Gefühl
müssen. Woher kommt die unerwartete dem Titel „Instant Stories“. sogar das Wohlbefinden stärken kann.
Begeisterung für die Analogfotografie? Ein halbes Jahrhundert lang galten die Und was die Retrofirmen freut: Wer nos-
Das Bemerkenswerte daran: Die Kun- Polas als die schnellste Art, Bilder zu tei- talgische Gefühle hegt, achtet nicht so sehr
den sind vor allem jung. „Für unsere Ge- len – sozusagen Instagram unplugged. aufs Geld. So zahlen die Kunden pro Bild
neration sind Polaroidkameras nicht etwas Dann übernahmen Handykameras das oft mehr als einen Euro.
Altes, sondern etwas Neues“, sagt Oskar visuelle Gedächtnis. Und nun, nach der Aber ist es nicht überflüssig, Papierfotos
Smolokowski, 28, dessen Familie im vori- Durchdigitalisierung, zelebrieren Retro- zu schießen, wenn sie am Ende in irgend-
gen Jahr Polaroid übernommen hat. Schon fans die Wiederkehr der analogen Sofort- welchen Kartons verstauben? Oskar Smo-
als der Wahlberliner das erste Mal eine bilder wegen ihrer haptischen Sinnlichkeit. lokowski, der junge Polaroid-Chef, hat
Polaroid in Händen hielt, war er fasziniert. Neue Spiegelreflexkameras wie die Re- darauf eine Antwort. Er macht es wie viele
Sein Vater, ein polnischer Investor, half flex dürften es schwer haben, sich durch- seiner Kunden: Er fotografiert immer mal
ihm, das Unternehmen zu kaufen. zusetzen; denn die jüngeren Käufer haben wieder Polaroidbilder mit dem Handy
Für die Älteren gehörte eine Pola früher wenig Lust darauf, Filme zum Entwickeln ab – und lädt sie dann hoch auf Instagram.
zwingend ins Urlaubsgepäck. Das Ge- abzugeben oder sich daheim eine Dunkel- Hilmar Schmundt
räusch ist Teil der Kindheitserinnerung: kammer einzurichten. Twitter: @hilmarschmundt
Kurz den Auslöser gedrückt, schon surrte Die Sofortbildkameras treffen da eher
die Kamera und schob einen quadratischen den Nerv der jungen Kundschaft mit ihrer Video:
Plastikfilm heraus wie eine freche Zunge. Mischung aus kinderleicht und retrochic. Al- Das Polaroidphänomen
Für die Jüngeren: Das Plastikfoto ist eine lein Instax-Kameras haben im vorigen Jahr spiegel.de/sp22018polaroid
winzige Dunkelkammer, in der ein dünner rund sieben Millionen Käufer gefunden. oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 2 / 2018 107


PORFIRIO MUNOZ / WELTKINO FILMVERLEIH
Maler Schnabel in Aktion

Dokumentationen A Private Portrait zeigt einen der Corsicato ein schillerndes Mo- Zuschauer rasch für ihn ein.
Kraftkerl der Kunst geistreichsten Künstler unserer saik zusammen. Der in New Er male gern unter freiem
Himmel, erzählt er einmal:
Zeit. Aus Interviews mit Fa- York aufgewachsene Schnabel,
Der Meister bemalt Leinwän- milienmitgliedern, Freunden 66, erscheint darin mal wie Das harsche, ungnädige Licht
de, die so groß sind wie Haus- und Weggefährten, aus pri- ein Berserker, der vor Schaf- sei ein guter Test; ein Gemäl-
wände – und er versucht, vaten Super-8-Sequenzen, Sze- fenskraft kaum gehen kann, de, das unter der Sonne be-
die inneren Bilder eines Man- nenausschnitten von Schna- mal wie ein nüchterner, reflek- stehen könne, wirke in Innen-
nes zu filmen, der von Kopf bels Filmen und in den vergan- tierter Betrachter der eigenen räumen immer großartig.
bis Fuß gelähmt ist. Die nun genen Jahren gedrehten Do- Werke. Die Klarheit, mit der Corsicatos Film ist ein erhel-
in den Kinos anlaufende Do- kumentaraufnahmen setzt der er über sich und seine Arbeit lendes, amüsantes und bewe-
kumentation Julian Schnabel. italienische Regisseur Pappi redet, nimmt auch skeptische gendes Porträt. lob

Kommentar

Genie im Bademantel
Dieter Wedel als Symbol seiner Zeit
Wer den Artikel des „Zeit Magazins“ über die Vorwürfe drei- sondern funktionierten als Ausweis seines unbeugsamen Qua-
er Frauen gegen den Regisseur Dieter Wedel las, musste ir- litätswillens und, mehr noch, seines Genies.
gendwann gequält feststellen, dass auch hier die aus dem #Me- In keinem der vielen Artikel über Wedel fehlte die lustgru-
Too-Kontext nun berüchtigte Kombination von Bademantel selnde Beschreibung des immensen Aufwands, den er be-
und Hotelzimmer vorkam. Diese Szenen sind juristisch treibt, und der Qual, die es bedeutet, mit ihm zu arbeiten. Zig-
schwer zu würdigen, es steht Aussage gegen Aussage. Was mal werden die banalsten Szenen geprobt. Wo eine Ratte
man allerdings sehr wohl bewerten kann, ist das Machtsystem, durchs Bild huschen soll, müssen 40 bestellt werden. Das hat
mit dem die kulturelle Produktion organisiert wurde. Theater, mit den Beschuldigungen gegen ihn nicht direkt etwas zu tun,
Film, Fernsehen und auch Magazine wie der SPIEGEL pflegten beschreibt aber das Klima der Zeit und der Branche. Und
über Jahrzehnte einen Geniekult, der wenigen Männern ein es wirkt fort. Die Regeln des sozialen Umgangs wie Höflich-
Reservat unumschränkter Herrschaft garantierte. Mochte der keit, Respekt, ökonomische Berechenbarkeit, sie sind, der
Rest der Gesellschaft mit immer mehr Kontrollinstanzen, Re- französische Soziologe Pierre Bourdieu hat es beschrieben,
geln, Gesetzen und im Team nach kollegialen Prinzipien funk- für Künstler außer Kraft gesetzt – daran erkennt man sie so-
tionieren – am Set, auf der Bühne und in Redaktionen kam gar. Darum eignete sich das Milieu zum bevorzugten Biotop
das Licht vom begnadeten Mann, da durfte noch gebrüllt wer- für Tyrannen, gebar der Wunsch nach Überwindung aller
den. Mochten die Anweisungen noch so irre sein, die Krite- bürgerlichen Normen eine neue, obszöne Spießigkeit, symbo-
rien noch so willkürlich – sie erzeugten keinen Widerspruch, lisiert in diesen weißen Hotelbademänteln. Nils Minkmar

108 DER SPIEGEL 2 / 2018


Kultur
Dramatiker pflegt mit Dramen wie „Die Elke Schmitter Besser weiß ich es nicht
Das doppelte
Familienväterchen
arabische Nacht“ (2001) oder
„Der goldene Drache“ (2009)
einen magischen Realismus
Macht und Böller
Der Held ist ein Büroange- und wird in vielen Ländern Was wir von Nordkorea lernen können,
stellter, der mit seiner Frau in der Welt gespielt; er gilt als ist Silvester klar geworden: Die Obrig-
einem Einfamilienhaus in der erfolgreichster unter den keit stiftet zur Jahreswende exakt
Vorstadt zwei Kinder groß- lebenden deutschsprachigen ein staatliches Feuerwerk – in Zahlen:
zieht. Als er sich nach geta- Stückeschreibern. In seinem 1 – zur Tröstung in der allgemeinen
ner Arbeit zu Hause an den neuen Werk werden die Traurigkeit, zur Begrüßung des neu-
Abendbrottisch setzen will, erwachsenen Helden davon en Jahres mit seinen irrwitzigen Hoff-
erblickt er auf dem Platz ne- überrascht, dass ihre gehei- nungen (Frieden, Vernunft, Gleich-
ben seiner Gattin den fast men Ängste und Sehnsüchte berechtigung der Frau) und zur Einhe-
noch jugendfrischen Kerl, in plötzlich Gestalt annehmen – gung des vorwiegend bartträgerischen Bedürfnisses nach
den sie sich einst verliebt und dass ihre Kinder diese Krach und unmittelbarer, gern auch furchterregender
hat. Entsetzt ruft der Heim- Traumvisionen mit rätselhaf- Wirksamkeit. Der böllerwerfende Mann gleicht dem
kehrer: „Wer bist du?“ Das ter Altklugheit kommentie- Kleinstkinde, das Zeitungspapier in die Hand bekommt
jüngste Stück des Autors Ro- ren. Das raffinierte Verwirr- und mit wachsendem narzisstischem Vergnügen knüllt,
land Schimmelpfennig spielt spiel des Autors Schimmel- zerreißt, in Fetzen um sich verstreut: Nie hat es aus eige-
in einer Musterkleinfamilie pfennig, der selbst von einem ner Kraft solche sinnliche Wirksamkeit erzielt, selten so
unter namenlosen Menschen. „Ausflug ins Genre des komi- viel Begeisterung empfunden und Bewunderung geerntet.
Es heißt Der Tag, als ich nicht schen Albtraums“ spricht, Seht an, was ich vermag! In Deutschland gibt man diesem
ich mehr war und ist ein poeti- ist auch eine Verneigung vor Kleinkind nach, in Nordkorea regiert es, und siehe: Es
sches Spiel mit gleich meh- einem berühmten Dramati- will allein knattern. Und überraschen. Es sendet Friedens-
reren Doppelgängermotiven. kerkollegen. Mitten im Stück zeichen an den Nachbarstaat und hat so die Freude über
Am zweiten Januarwochen- landen die Helden in einer seine Machtfülle durch den Überraschungseffekt gestei-
ende wird es im Deutschen schummrigen Kaschemme. gert. Es hat von Trump gelernt, wie dieser von den Kolle-
Theater in Berlin von der Re- Sie nennt sich „Schwertfisch- gen Orbán, Maduro, Mugabe, darin allesamt Zöglinge
gisseurin Anne Lenk uraufge- bar“ und huldigt dem Geist des großen Stalin, dass nichts die Bindung unter Menschen,
führt. Schimmelpfennig, 50, des frühen Bertolt Brecht. höb Abhängigkeit vorausgesetzt, mehr intensiviert als Un-
berechenbarkeit. Nicht nur der Beschluss zeigt die Wich-
tigkeit des Befehlenden; dass er sich widersprechen
Kino gespielt von Allen selbst. darf, bemäntelt oder nicht (Trumps Steuerreform als ver-
Affäre im Kreis Mittlerweile ist der Regisseur
82 Jahre alt, aber immer
kleidetes Geschenk an die working poor?), wirkt als
Bestätigung im Schönsten, im Schieren. Die Botschaft
Ältere Herren verfallen sehr noch für eine Überraschung selbst ist Ausübung von Macht, weil sie sich weder um
jungen Frauen, und manch- gut: In seinem neuen Film Sinn noch Unsinn scheren muss.
mal wird diese Liebe erstaun- Wonder Wheel beginnt ein Das ist für Menschen ohne Untertanerfahrung natür-
licherweise sogar erwidert – Mann eine Affäre mit einer lich schwer zu begreifen. So suchen sie nach guten Grün-
diese Konstellation gehört zu verheirateten Frau, die – man den für das Angeordnete und zweifeln in der Folge eher
den Obsessionen von Woody glaubt es kaum – ein paar an ihrer Begreifungskraft als an der Vernunft der Ansage.
Allen, rein beruflich. Schon Jahre älter ist als er (Kino- Die Demokratie hat es hier besonders schwer. Nach
„Manhattan“ (1979), sein viel- start: 11. Januar). Das Paar ihrem Modell beruht sie auf der Mündigkeit ihrer Bürger,
leicht bester Film, zeigt die wird verkörpert von dem Sän- die nicht belogen werden sollen – vielleicht käme es ja
Beziehung einer 17-Jährigen ger Justin Timberlake, 36, auch heraus –, was in prekären politischen Lagen die
mit einem neurotischen Gag- und der Oscarpreisträgerin Amtsträger in besondere Prosa treibt. Erhaben soll es
schreiber von Mitte vierzig, Kate Winslet, 42. Die Ge- klingen, vieles versprechen, nichts Haltbares darf dabei
schichte, eher melancho- sein. Was Kanzlerin Merkel hoch anzurechnen ist: Sie res-
lisches Sozialdrama als pektiert die Genres; dies allein ist schon demokratische
Komödie, spielt in den Disziplin. Die Frage, zu wem sie eigentlich spricht, stellte
Fünfzigerjahren auf Co- sich ja nur, wenn sie überhaupt etwas sagte. Potentaten
ney Island, dem Vergnü- und ihre demokratisch camouflierten Brüder erschweren
gungspark am Strand von ihren Abhängigen die Entschlüsselung ihrer Botschaften
Brooklyn. Er arbeitet auch, indem sie deren Adressaten verschleiern. So schei-
dort als Bademeister, sie tert die Verständigung nicht nur an Sinn und Unsinn,
als Kellnerin; er platzt fast sondern ebenso an der Tatsache, dass das angesprochene
vor Selbstbewusstsein, sie Publikum nicht das eigentliche ist. Der Atomknopf des
hadert mit dem Älterwer- einen auf dem Schreibtisch ist der Journalist des anderen
den, ihrem Ehemann (Jim im Gefängnis: ein Unterpfand des Sprechens über die
Belushi) und dessen Toch- Bande. So hat der große Führer der Türkei durch seinen
ter aus erster Ehe (Juno Außenminister am 1. Januar positive Zeichen gesandt,
Temple). „Wonder Wheel“ was den Inhaftierten Deniz Yücel betrifft; überhaupt er-
WARNER BROS.

wirkt wie das Riesenrad wartet die türkische Ausnahmezustandsregierung ein


von Coney Island: Der „viel besseres neues Jahr“ als das vergangene. WeToo!
Film kreist majestätisch
Winslet, Timberlake in „Wonder Wheel“ um sich selbst. mwo An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.

DER SPIEGEL 2 / 2018 109


„Wir sind Feuilleton-Juden“
SPIEGEL-Gespräch Sie sind das erfolgreichste Geschwisterpaar der deutschsprachigen
Gegenwartsliteratur: Eva und Robert Menasse sprechen in ihrem ersten gemeinsamen
Interview über Familienmythen, politisches Schreiben und erfundene Wahrheiten.

110 DER SPIEGEL 2 / 2018


Kultur

Geschwister haben noch nie ein Interview zu- Botschaft. Aber tatsächlich einen politi-
sammen gegeben. Jetzt aber hat der große schen Roman zu schreiben wie du, Robert
Bruder im Herbst 2017 den Deutschen Buch- – das ist mir noch nicht eingefallen.
preis für seinen Roman „Die Hauptstadt“ ge- SPIEGEL: Herr Menasse, haben Sie schon
wonnen und Eva Menasse kurz danach den Wahlkampfreden gehalten wie Ihre
Österreichischen Buchpreis für ihren Erzäh- Schwester?
lungsband „Tiere für Fortgeschrittene“. Dieser Robert Menasse: Nein, ich engagiere mich
doppelte Familienpreis ist Anlass für unser nicht für Parteien. Sondern für Ideen. Poli-
Gespräch. Sie machten das „für unseren Va- tisches Engagement im Sinne einer Idee
ter“, sagen beide. Ihr gemeinsamer Vater, der ist mir wichtig, und ich finde, das gehört
Jude Hans Menasse, 87, wurde im Alter von auch zum Amt des Schriftstellers dazu.
8 Jahren mit einem Kindertransport von Wien Das Problem der engagierten Literatur ist
nach England verschickt. Nach dem Krieg allerdings, dass dieser Begriff im 20. Jahr-
war er österreichischer Fußballnationalspieler. hundert völlig desavouiert worden ist. Es
Eva Menasse hat ihn in ihrem Roman „Vienna“, hat sich durchgesetzt, dass politisches En-
der in weiten Teilen auf Erlebnissen ihrer gagement bedeutete: parteipolitisches En-
Familie beruht, porträtiert. gagement. Das ging so von den Autoren,
die in die Sowjetunion gereist sind und als
SPIEGEL: Frau Menasse, Sie leben in Kommunisten zurückgekommen sind, bis
Deutschland und haben den Österrei- zu Günter Grass mit seinem Engagement
chischen Buchpreis gewonnen. Sie, Herr für sie Sozialdemokratie. Emile Zola, das
Menasse, leben in Wien und haben den erste große Exempel für einen politisch en-
Deutschen Buchpreis gewonnen. Hilft Fer- gagierten Intellektuellen, war keiner Partei
ne bei der Anerkennung? verpflichtet, sondern der Wahrheit, dem
Robert Menasse: Also wär meine Anerken- Anstand und dem Gewissen. Dieses Rol-
nung in China am größten. Aber das ist ja lenbild wurde im 20. Jahrhundert durch
nachweislich nicht der Fall. die Gleichsetzung von politisch und partei-
SPIEGEL: Aber Ihre Werke, Herr Menasse, politisch unselig verballhornt. Mit dem Tod
wurden in der österreichischen Presse von von Günter Grass ist wieder eine Zäsur
Anfang an besonders kritisch rezipiert, eingetreten. Der letzte parteipolitische Ro-
während sie in Deutschland gleich sehr mantiker hat die Bühne verlassen, jetzt ist
wohlwollend oder begeistert besprochen Platz für jene, die die Rolle neu interpre-
wurden. tieren, mit Rückgriff auf ihre ursprüngliche
Eva Menasse: Das war bei mir genauso. Bedeutung.
Robert Menasse: Es gibt in der österrei- SPIEGEL: Ihnen, Frau Menasse, war Günter
chischen Öffentlichkeit ein grundsätzliches Grass immer nah, oder?
Ressentiment gegen lebende kritische Au- Eva Menasse: Ich finde, dass man dem
toren. Das ist zwar ein Österreichklischee, Grass unrecht tut. Er hat die SPD niemals
aber gerade ein Klischee muss sich immer bedingungslos unterstützt. Er ist aus der
wieder in der Wirklichkeit bestätigen, sonst SPD ausgetreten, hat der Partei mehr Är-
könnte es ja nie eines werden. ger und Stress gemacht als irgendein an-
Eva Menasse: Ich glaube, dass das kein derer prominenter Unterstützer.
Österreichspezifikum ist. Ich habe immer SPIEGEL: Er hat aber Wahlkampf für eine
das Gefühl gehabt, im Unterschied zu Partei gemacht und nicht für seine eigenen
Deutschland kann man die Nachfolgestaa- Ideen, seine Utopien.
ten der K.-u.-k.-Monarchie miteinander Eva Menasse: Ja, für Willy Brandt hat er
vergleichen. Also Tschechien, Ungarn, das ursprünglich gemacht. Und das war
Österreich. Da hat die Politik qua Kaiser- auch eine besondere Zeit. Sein Buch „Aus
STEFFEN JÄNICKE / DER SPIEGEL

reich immer etwas Theatralisches gehabt. dem Tagebuch einer Schnecke“ ist ein Mei-
Dadurch ist auch die Kunst politisch. Wäh- lenstein. Ich will einfach nicht immer den
rend das in Deutschland zwei streng ge- ganzen Grass in die Tonne getreten sehen.
trennte Genres sind. Robert Menasse: Ich bewundere ihn als Ro-
SPIEGEL: Frau Menasse, Sie haben für Mar- mancier. Als der war er für mich sehr wich-
tin Schulz Wahlkampfreden gehalten. Ihr tig in einer Zeit, als das Erzählen unter
letztes Buch, der Erzählungsband „Tiere Trivialitätsverdacht stand, was ja grotesk
für Fortgeschrittene“, ist im Gegensatz zu war. Da hat Grass in seiner Beharrlichkeit,
Eine Altbauwohnung in Berlin-Wilmersdorf. Der dem Europaroman Ihres Bruders auf den mit der er auf das Erzählen insistiert hat,
Schriftsteller Robert Menasse, 63, ist für die- ersten Blick unpolitisch. Trennen auch Sie für mich eine eminent wichtige Rolle
ses Interview aus Wien zu seiner Schwester, auf deutsche Weise die beiden Sphären gespielt.
der Schriftstellerin Eva Menasse, 47, gereist. streng voneinander? Eva Menasse: Ich bin ja kein Mitglied einer
Er komme gern nach Berlin, hatte er gesagt. Eva Menasse: Ich lese bei Veranstaltungen Partei, ich kann hier in Deutschland auch
Einzige Bedingung: ein Ort, an dem er rauchen oft aus der Erzählung „Haie“ vor, da geht nicht wählen. Aber ich habe mich damals
kann. Menasse ist ein leidenschaftlicher Rau- es um ein ausländisches Kind, das in der für Rot-Grün engagiert, weil mir das Run-
cher. Seine Schwester meinte, gut, einmal im Schule gemobbt wird. Und die Leser emp- terschreiben dieser Regierung 2005 so
Jahr könne ihre Wohnung gern mal ordentlich finden diese Geschichte als eminent poli- gegen den Strich gegangen ist. Anders als
eingedampft werden. Außerdem habe sie ir- tisch. Mich interessiert am Erzählen, was die Grünen hat die SPD einfach den Kon-
gendein Gerät zur Luftreinigung. Die beiden gesellschaftlich relevant ist, erst mal ohne takt zu mir gehalten. Es gab auch ein paar
DER SPIEGEL 2 / 2018 111
Treffen von Martin Schulz mit Künstlern SPIEGEL: Was brauchen wir in Europa? SPIEGEL: Aber Sie sind unterschiedlich alt
– in früheren Jahren mit Steinmeier, Stein- Eva Menasse: Keine Ahnung. Ich versuch und also nicht gemeinsam aufgewachsen.
brück, mit Gabriel. Da gehe ich hin, weil nur zu verstehen, warum das so ist. Aber es gab immer engen Kontakt zwi-
mich das interessiert. Ich würde auch hin- Robert Menasse: Wir brauchen einen Ro- schen Ihnen?
gehen, wenn mich die Grünen oder die man. Viele Romane. Eine neue Comédie Eva Menasse: Ja, seit ich schreiben kann.
CDU einladen würden. Nur tun sie das humaine. Man muss es erzählen. Man Robert Menasse: Schon früher. Seitdem du
nicht. muss Realität erzählen. Geschichten zuhören konntest.
SPIEGEL: Wie sahen diese Treffen aus? Sind Eva Menasse: Aber es liest doch keiner Eva Menasse: Es gibt ein herrliches Foto
die Schriftsteller da nicht nur so ein mehr Bücher. von uns: Da bist du 18, und ich bin 2 Jahre
Schmuck, um an die gute alte Zeit mit Robert Menasse: Ich wär da nicht so pessi- alt und sitz auf deinem Knie. Der Robert
Grass zu erinnern? mistisch. Ich bin ja nicht egozentrisch, ist ja nach Brasilien gegangen, als ich zehn
Eva Menasse: Ich spreche von Treffen, bei aber hier muss ich mich als Beispiel wich- war. Unsere Briefe damals gehören zu
denen überhaupt keine Journalisten dabei tig machen: Ich wäre nicht der, der ich meinen großen Kindheitserinnerungen.
sind. Und da geht es hoch her. Das ist ja bin, wenn ich nicht Romane gelesen hätte. Das war damals noch wahnsinnig kom-
das Sympathische und das Enervierende Wenn ich nur die Erfahrung hätte, die ich pliziert, weil das ja Luftpostbriefe wa-
an der Sozialdemokratie. Dass sie so selbst- habe, minus meine Leseabenteuer, dann ren, sehr teuer und ewig lange unterwegs.
kritisch ist. So dialogisch. So läuft das auch wäre ich vielleicht auch ein Freiheitlicher. Aber alle paar Monate ist so ein Luftpost-
bei diesen Treffen. Da wird herum- brief an mich aus São Paulo ge-
geschrien und diskutiert und der kommen. Auf diesem ganz dünnen
Schulz mittendrin. Luftpostpapier. Das waren Ereig-
Robert Menasse: Der Schulz will nisse. Ich erinnere mich besonders
sich sicher nicht schmücken. Der an einen Brief von dir. Du hast
will wissen. Das muss man aner- mich immer gefragt, wie es mir in
kennen. der Schule geht und was ich da
SPIEGEL: Herr Menasse, die Grund- mache. Da habe ich mich bei dir
these Ihres Romans ist: Europa ist beschwert, dass mein Deutsch-
unter die Pragmatiker gefallen. Die lehrer mir eine schlechte Note für
Pragmatiker haben die Krise ver- einen Aufsatz gegeben hat, weil
ursacht, und sie werden sie nicht ich darin Wörter unterstrichen
lösen. Sondern wir brauchen Träu- habe.
mer und Utopisten. Robert Menasse: Ich kann mich er-
Robert Menasse: Ja, wir brauchen innern, dass du mir Aufsätze ge-
das Träumerische wieder! Das aber schickt hast, und dann habe ich
erfahrungsgesättigt ist. Das war ja geantwortet und bekam eines Ta-
die Stärke der Gründergeneration. ges vom Papa einen Brief, in dem
SPIEGEL: Das Auftauchen Emmanuel er mir geschrieben hat: Robby, du
Macrons war ja für viele ein regel- sollst nicht immer die Eva für ihre
rechter Schock, ein positiver Schock, Aufsätze so loben, sie glaubt wo-
weil er das Gemeinschaftliche wie- möglich auch noch, sie wird Schrift-
der in eine Erzählung gefasst hat. stellerin.
Eva Menasse: Das ist das Faszinie- Eva Menasse: Die Geschichte kenn
rende an ihm: dass ihm das wirk- ich gar nicht.
lich gelingt. Bei den osteuropäi- Robert Menasse: Ja, er hat sich Sor-
schen Staaten kann man ja verste- gen gemacht. Er hat sich überhaupt
hen, dass sie jetzt wegdriften. Die nicht vorstellen können, dass man
VOTAVA / IMAGNO

können jetzt endlich von Herzen von der Arbeit als Schriftsteller le-
nationalistisch sein, nachdem sie ben kann. Und er hat Panik gehabt,
dem Ostblock entkommen sind. dass wir in der Gosse landen.
Robert Menasse: Da bin ich ganz an- Vater Hans Menasse 1955: „Eigentlich immer Zeitung gelesen“ Eva Menasse: Genau. Brotlose
derer Meinung. Die Nationalisten Kunst.
aus den osteuropäischen Staaten haben Ich habe in der Schule Gewalt kennenge- SPIEGEL: Sie wollten ihm kein zweites
das Habsburger Reich in die Luft ge- lernt. Ich hatte Sehnsucht nach Stärke in Schriftstellerkind zumuten und sind zu-
sprengt, haben damit einen zweiten drei- einer Gruppe, Überlegenheit gegenüber nächst Journalistin geworden.
ßigjährigen Krieg ausgelöst und haben seit anderen, nach alldem, was die Führer ver- Eva Menasse: Ja, Journalistin, das war in
damals, seit sie also ihre Nationen bilden sprechen. Aber durch das Lesen von Ro- unserer Familie, die auch von im Kaffee-
konnten, nicht einen einzigen Tag in grö- manen kriegt man einfach eine andere haus sitzenden, zeitungslesenden Juden ge-
ßerer Freiheit, größerer Rechtssicherheit Welthaltung. prägt war, ein extrem angesehener Beruf.
und größerem Wohlstand gelebt als zuvor SPIEGEL: Lassen Sie uns über Geschwister- Eines der Bilder meiner Kindheit ist: unser
in der Habsburger Monarchie. Und Wohl- liches sprechen. Sie beide sind Halb- Vater, der abends im Bett liegt mit weißen
stand, Rechtssicherheit und Freiheit sind geschwister … Baumwollhandschuhen und die „Variety“
erst wiedergekehrt, als sie in die nach- Robert Menasse: Geschwister, bitte. liest. Er war ja in der Filmwirtschaft. Und
nationale Gemeinschaft der EU eingetre- Eva Menasse: Wir wehren uns gegen dieses die „Variety“ kam aus Los Angeles mit der
ten sind. Aber der Nationalismus ist halt schreckliche Wort Halbgeschwister, wir fin- Post, und die Druckerschwärze färbte so
ein Nervengift. Das tröpfelt in die Köpfe den das blöd. wahnsinnig ab, und dann hat er sich immer
der Menschen ein, die eine Sehnsucht Robert Menasse: Das ist wie Halbjude. Auch diese Handschuhe angezogen und die
haben nach einem Wirgefühl, und sei es so ein blöder Begriff. Wir sind Geschwister. „Variety“ gelesen. Er hat eigentlich immer
auch fiktional. Und haben uns auch immer so gesehen. Zeitung gelesen. Und eine Visitenkarte mit
112 DER SPIEGEL 2 / 2018
Kultur

einer Zeitungsredaktion drauf und dem Na- Robert Menasse: Wenn erzählt worden ist. nem Vater, also unserem Großvater, gesagt:
men seiner Tochter, das hat ihm sehr gut Eva Menasse: Ja. Es sind ja immer nur die Komm, jetzt gehen wir noch mal in die
gefallen. Sein Schock ist dann gekommen, guten, erfolgreichen Geschichten erzählt Wohnung. Der Großvater wollte nicht.
als ich ihm gesagt habe: Du, ich habe einen worden. Wie zum Beispiel: Der Papa Aber der Onkel Kurt hat darauf bestanden
Roman begonnen und werde jetzt bei der spricht perfekt Englisch. Und der Papa war und ist mit dem Großvater, der ängstlich
Zeitung kündigen. Da hat er den schönen ein großer Fußballspieler. Aber der Rest hinter ihm hergetrottet ist, dahingegangen.
Satz gesagt, den er bis heute im Scherz ist in meiner Kindheit – da warst ja du Er hat geklingelt und gesagt: Ich möchte
gern wiederholt: drei Kinder, zwei Schrift- nicht dabei – unterschlagen worden. die Wohnung noch mal sehen. Und der
steller! Womit hab ich das verdient? Robert Menasse: In meiner auch. Nazi, der da immer noch drin gewohnt hat,
Eva Menasse: Er war sehr wichtig für mich. Eva Menasse: Also das Traurige und das ist natürlich zusammengebrochen, inner-
Ich hab mir eigentlich nur ein Auto gekauft, Tragische daran, das habe ich selbst ent- lich, weil er geglaubt hat, jetzt fliegt er raus.
weil Robert dieses Haus im Waldviertel hat, decken müssen. Und deswegen hat es mich Und Onkel Kurt ist nur einmal durchge-
von seiner Mutterseite her, und ich da so dann wahrscheinlich auch so getroffen. Vor gangen, hat sich alles in Ruhe angeschaut
gern war. Und dann hast du mal zu mir ge- allem die eine Geschichte, die aus meinem und hat gesagt: „Wiedersehen. Schönen
sagt: Du kannst jederzeit kommen. Darauf- Kopf nicht mehr rausgehen wird für den Tag noch.“ Und das hat ihm etwas gegeben,
hin hab ich mir ein Auto gekauft. Weil ich Rest meines Lebens: wie ich zum ersten dem Onkel Kurt. Dass er klargemacht hat:
jedes Wochenende zu ihm und seiner Frau Mal verstanden habe, dass es diesen Ab- Wir sind wieder da. Wir haben gewonnen.
Sissy und meiner kleinen Nichte ins Wir sind nicht im KZ umgebracht
Waldviertel gefahren bin. So habe worden, und wir sind sogar so groß-
ich das Jahrzehnt zwischen zwanzig mütig, dass wir Ihnen die Wohnung
und dreißig in Wien verbracht. lassen. Aber wissen sollen Sie’s.
Robert Menasse: Wenn ich im Wald- Der neue Bewohner, Rainer hieß
viertler Haus war, während du da der, war ein Spieler aus dem öster-
geschrieben hast, war das für mich reichischen Wunderteam.
immer sehr anregend. Denn ich Robert Menasse: Er war Rechtsaußen
neige ja zur Faulheit. Ich bin der bei der Vienna. Und als unser Va-
Typus Schriftsteller, der deswegen ter zurückkam aus England, hat er
Schriftsteller wurde, weil das ein bei der Vienna Fußball gespielt und
Beruf ist, wo man nicht viel schrei- hat den dann aus der Mannschaft
ben muss. Ich bin mehr der Träu- verdrängt.
mer. Ich sitze gern in einem beque- Eva Menasse: Nein, nein, der Rainer
men Sessel, die Beine hochgelagert, war schon viel zu alt.
am Beistelltisch ein Glas Wein, SPIEGEL: Wir glauben gern die Ver-
eine gute Zigarette, und dann kann sion Ihres Bruders. Die ist doch
ich stundenlang so vor mich hin sehr poetisch.
sinnieren und träumen. Und so Eva Menasse: Nein, der war Wun-
nach und nach denk ich mir: Das derteam-Spieler in den Dreißiger-
musst du jetzt aber langsam auf- jahren. Unser Vater hat in den
schreiben. Und wenn die Eva da Fünfzigern gespielt. Das stimmt
war, die immer geschrieben hat, nicht, Robert. Frag den Papa.
habe ich mir gesagt: Na geh, wenn Robert Menasse: Also mir gefällt die
wir nachher miteinander Abend- Geschichte wesentlich besser in
essen und sie mich fragt: Was hast meiner Version. Ich hab die so im
du heute geschrieben …? Da hab Ohr …
ich mich dann immer viel schneller Eva Menasse: Ja. Das ist typisch. Ich
an den Schreibtisch gesetzt. bin immer die, die sagt, nein, so
SPIEGEL: Wie gemeinschaftlich ging war es nicht …
PRIVAT

denn eigentlich die Erforschung der Robert Menasse: Wir sind da oft
Familiengeschichte, die Sie, Frau Geschwister Menasse in Wien um 1972: „Luftpost aus São Paulo“ nicht einer Meinung, weil sie so ein
Menasse, in „Vienna“ verarbeitet journalistisches Reinheitsgebot hat.
haben, vonstatten? Dazu gehört ja auch zu- schied gegeben haben muss von dem Kind, Eva Menasse: Ich bin für die Fakten.
nächst die Entdeckung, dass Ihr gemeinsa- unserem Vater, als er acht war, in dem Robert Menasse: Wir haben immer wieder
mer Vater aufgrund seiner jüdischen Her- Bahnhof. Das ist die Gründungsgeschichte Auseinandersetzungen, was die Familien-
kunft 1938 Österreich verlassen musste. meines literarischen Schreibens. geschichte betrifft. Auch die weiter zurück-
Also, dass Sie beide jüdischer Herkunft Robert Menasse: Es gab auch viele Ge- reichende.
sind. Und dann später die Erkenntnis: Ja, schichten – zumindest in meiner Kindheit SPIEGEL: Hat Ihr Buch das Familiengespräch
aber Juden sind wir auch nicht ganz. Denn war das so –, auf die war man stolz. Zum verändert?
Ihre beiden Mütter sind keine Jüdinnen. Beispiel dass der Onkel Kurt, der war alt Eva Menasse: Wenn man sich bei Familien-
Robert Menasse: Wir sind Feuilleton- und genug, in die British Army eintreten konn- treffen über irgendwas nicht einigen kann,
Kulturjuden. te und sozusagen mit der Waffe in der sagt immer irgendeiner: Na, schaut’s nach
SPIEGEL: Wie fand diese Entdeckung statt? Hand als Befreier zurückgekommen ist. bei der Eva im Buch. Und ich sag dann im-
Eva Menasse: Ich wollte einfach ein paar Das ist eine Heldengeschichte. Da waren mer: Leute, das ist ein Roman. Das ist nix
Sachen genauer wissen, von denen ich den wir alle sehr, sehr stolz. zum Nachschlagen. Aber so wie es im
berechtigten Verdacht hatte, dass das alles Eva Menasse: Genau. Und die Haupthelden- Buch steht, muss es dann gewesen sein.
nur lustige Anekdoten sind und dass gar geschichte ist, dass sie nach 1945 zurück in Das ist auch eine typische Haltung für un-
nicht alles so stimmt, wie es in der Familie die arisierte Wohnung gegangen sind. Mein sere Familie, mit Geschichten umzugehen.
immer erzählt worden ist. Onkel in der britischen Uniform hat zu sei- Da sind die schon entspannt.
DER SPIEGEL 2 / 2018 113
Kultur

SPIEGEL: Die Frage, ob Sie jüdisch sind oder se mir keine Fragen mehr zu meiner Iden- und sie sagen: Ach, Sie sind aus Österreich.
nicht, war die für Sie nie so problematisch tität stellen und habe mir vorgenommen, Wie nett.
wie für Ihre Schwester, Herr Menasse? in Zukunft zu sagen: Ja, danke, stellen Sie Robert Menasse: Ich versteh es sehr gut.
Robert Menasse: Es wäre nicht problema- sich vor, ich habe eine. Aber ich lebe wahnsinnig gern in Wien.
tisch gewesen, wenn ich nicht in so einer Robert Menasse: Das ist komisch, das war SPIEGEL: Auch jetzt unter der neuen
radikal katholischen Schule gewesen wäre. bei mir nicht so. schwarz-blauen Regierung?
SPIEGEL: Wie sah das konkret aus? Eva Menasse: Ich habe oft das Gefühl ge- Robert Menasse: Als Österreich die erste
Robert Menasse: Also, mein Vater ist Jude, habt, ich muss mich rechtfertigen. schwarz-blaue Regierung hatte, im Jahr
meine Mutter ist ohne religiöses Bekennt- Robert Menasse: Ich bilde mir ein, dass ich 2000, habe ich gesagt, dass man, wenn es
nis, politische Anarchistin. Ich bin weder sehr früh damit zufrieden war, keine eth- die EU nicht gäbe, eigentlich wieder für
getauft noch in der jüdischen Gemeinde nische oder religiöse oder sonst irgendwie den Anschluss Österreichs an Deutschland
registriert. aufgesetzte Identität zu haben. Sondern sein müsste, aber diesmal aus antifaschis-
Eva Menasse: Die uns mit unseren nicht dass ich mir das aussuchen kann. Und dass tischen Gründen. Da ist es mir dann eine
jüdischen Müttern auch nicht nehmen ich lieber in einer Republik der Dichtung Zeit lang in Österreich schlecht gegangen.
würde … leben möchte. Sozusagen. Da war ich froh, dass ich die Wohnung in
Robert Menasse: Jedenfalls war ich freige- Eva Menasse: Mir hat geholfen, nach Amsterdam hatte.
stellt vom Religionsunterricht in dieser ka- Deutschland zu gehen. Hier war ich vor SPIEGEL: Es wirkt noch beunruhigender.
tholischen Schule. Und da musste ich im- allem die Österreicherin, und das hat die Weil es so ein schleichender Gewöhnungs-
mer rausgehen, im Gang stehen und habe ganzen anderen Fragen in den Hinter- prozess zu sein scheint.
mich zu Tode gelangweilt. Da habe ich ge- grund gedrängt. Robert Menasse: Man konnte 2000 wirklich
sagt: Ich möchte lieber drinnen bleiben Robert Menasse: Das ist lustig. entrüstet sein durch diesen legalen Putsch,
und zuhören. Und dann hat der katholi- Eva Menasse: Das meine ich ernst. der stattgefunden hat. Wolfgang Schüssel
sche Religionslehrer plötzlich geglaubt, ich Robert Menasse: Ja, du meinst es ernst, aber war Dritter nach der Wahl und hat sich mit-
bin eine zu rettende Seele. Und ab dem es ist trotzdem lustig. Österreicherin! hilfe von Jörg Haider zum Kanzler gemacht
Moment hat er sich besonders um mich und die Freiheitlichen in die Regierung ge-
gekümmert. Der hat ununterbrochen auf holt. Während jetzt die beiden Parteien,
mich eingeredet. Dann ist mir das zu viel die die Wahl gewonnen haben, gemeinsam
geworden, und ich wollte doch lieber wie- eine Koalition bilden, müssen wir das als
der draußen stehen. demokratische Normalität anerkennen und
Eva Menasse: Dadurch warst du markiert. abwarten, was sie machen. Und das dann
Robert Menasse: Ja, es kam also der Mo- kritisieren. Und der zweite große Unter-
ment, in dem er gemerkt hat, ich lass mich schied ist: Jörg Haider war ein politischer
STEFFEN JÄNICKE / DER SPIEGEL

nicht taufen, und da hat er schroff zu mir Abenteurer. Der H. C. Strache ist das nicht.
gesagt: „Menasse Christusmörder!“ Ich Der ist ein ideologisch gefestigter Rechter,
habe ihn fassungslos angeschaut, und er der war schon rechts, als der Zeitgeist noch
hat gesagt: Ja, einer der Hohepriester, die lange nicht rechts war, und jetzt erntet er.
Jesus zum Tode verurteilt haben, ein be- Das heißt aber, dass er auch berechenbarer
sonders scharfer, der hieß Menasse. Und ist. Aber das entbindet uns nicht, das zu
hat mit dem Zeigefinger so auf mich hin- Eva, Robert Menasse beim SPIEGEL-Gespräch* kritisieren, was mit hundertprozentiger Si-
getupft und gesagt: Christusmörder! Und „So ein journalistisches Reinheitsgebot“ cherheit extrem kritikwürdig werden wird.
das hat mich in einer Weise schockiert, da SPIEGEL: Und Sie, Frau Menasse, betrachten
ist mir zum ersten Mal klar geworden, dass Eva Menasse: Ich habe immer noch das Ge- das alles aus großer Ferne?
das ein kleiner Rucksack ist, den ich trage. fühl, dass ich in Deutschland freier bin. In Eva Menasse: Ich ziehe aus alldem eine
Später habe ich damit kein Problem mehr Österreich fühle ich mich immer bedrückt, Kraft. Aus dem Fremdsein. Fremdbleiben.
gehabt. Im Gegenteil. Ich habe mir ge- durchleuchtet, komisch angeschaut. Das Ich bin einfach keine Deutsche. Ich bin
dacht: So eine Herkunft ist auch eine Imp- ist möglicherweise auch eine Paranoia von schon gar keine Berlinerin. Aber ich bin
fung. Man ist sensibel für bestimmte ge- mir. schon so lange da, dass mir alles irgendwie
sellschaftliche Entwicklungen. Robert Menasse: Aber es hat auch etwas vertraut ist. Und ich mag das gern.
Eva Menasse: Also mich hat es eine Zeit mit zu Hause sein und Heimat zu tun, und SPIEGEL: Wie oft kommt die Menasse-Fa-
lang schon sehr irritiert. Diese Frage, was da bin ich wie der Opa. Der Opa hat es ge- milie noch zusammen? An Weihnachten
man jetzt ist. Wo man dazugehört. Erst liebt, in ein Kaffeehaus hineinzugehen, zum Beispiel?
hat man mir die jüdische Herkunft des Va- und der Oberkellner hat gesagt: Grüß Sie, Robert Menasse: Weihnukka.
ters verschwiegen. Und dann habe ich ihn Herr Menasse … SPIEGEL: Wie feiern Sie das?
kaum in Händen gehabt, diesen Fetzen Eva Menasse: … Kleiner Brauner, wie im- Robert Menasse: Alle Menasses, die noch
Identität, schon ist er mir wieder miesge- mer. leben und die woanders leben und bereit
macht worden von jüdischen Freunden, Robert Menasse: Und ich mag das auch sind anzureisen, die treffen sich dann zum
die gesagt haben: Jetzt komm, bei so vie- gern. gemeinsamen Abendessen.
len nicht jüdischen Ehefrauen, da muss Eva Menasse: Ich mag das auch gern, aber Eva Menasse: Und der Robert kocht.
man gar nicht drüber nachdenken. Da bin ich mag es lieber in Berlin. In Wien wis- Robert Menasse: Und ich koche, und dann
ich ärgerlich geworden, weil ich gedacht sen auch immer alle alles über unsere werden Geschichten erzählt. Viele zum
habe: Moment, ich habe jetzt gerade ver- Familie. Wir sind bunte Hunde. Die hundertsten Mal, aber jedes Mal wieder
standen, was für eine leidvolle Kindheit glauben alle, sie wissen schon was über eine Spur besser.
mein Vater gehabt hat, und jetzt will man mich, obwohl sie mich noch gar nicht Eva Menasse: Und ich korrigiere sie.
mir das schon wieder wegnehmen. Das hat kennengelernt haben. In Berlin ist das Robert Menasse: Und ich übertreibe sie, da-
mich in meinen Zwanzigern massiv irri- nicht so. In Berlin mach ich den Mund auf, mit sie wahr werden. Exemplarisch.
tiert. Inzwischen reagiere ich ganz genervt, SPIEGEL: Frau Menasse, Herr Menasse, wir
wenn mir diese Frage gestellt wird. Ich las- * Mit Redakteur Volker Weidermann in Berlin. danken Ihnen für dieses Gespräch.
114 DER SPIEGEL 2 / 2018
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Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Fachmagazin „buchreport“ (Daten: media control);
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2 (2) Dan Brown 2 (1) Axel Hacke Über den Anstand


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3 (2) Ranga Yogeshwar Nächste Ausfahrt
4 (5) Maja Lunde Die Geschichte Zukunft Kiepenheuer & Witsch; 22 Euro
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10 (9) Christine Westermann
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11 (–) Gerhard Wisnewski verheimlicht –
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DER SPIEGEL 2 / 2018 115


Uns fehlen die Träume
Essay Warum die Politik sich von Religion und Spiritualität inspirieren lassen sollte,
wenn es um die Vision des guten Lebens geht. Von Georg Diez

A
ls er noch ein Kind war, hatte der künftige Häupt- sollte, was wahr ist und was unwahr, was gemacht werden
ling des Indianerstammes der Crow einen Traum. kann und was nicht – am Beginn von 2018 stellen sich
Er sah Büffel, eine endlose Menge, unter einer diese Fragen mit größerer Dringlichkeit als bisher.
weiten Sonne, und er sah ein Loch in der Erde, aus dem Die Optionen des Endes sind ja auf einmal alltäglich,
die Büffel kamen. Die Ebene war schwarz von Büffeln, ganz direkt und apokalyptisch im Dauergrummeln
sie waren überall, so weit der Junge sehen konnte. zwischen den USA und Nordkorea und in der Frage,
Dann kamen sie nicht mehr. Und Plenty Coups, der wer nun den größeren Atomkriegsknopf hat, Donald
junge Indianer, schaute sich um, und all die Büffel, die Trump oder Kim Jong Un, die Optionen des Endes sind
die Prärie bevölkert hatten, waren verschwunden. Es stan- auch sehr dauerhaft und wirtschaftlich, politisch, kultu-
den nur noch ein paar Antilopen rell am Horizont der westlichen
auf einem Hügel. Dann aber sah Hegemonie.
er, dass aus dem Loch in der Erde, Und es geht weiter: das Arten-
aus dem die Büffel erschienen wa- sterben, der Klimawandel, die
ren, neue Tiere kamen. Es waren künstliche Intelligenz, die Frage
keine Büffel, es waren Kühe, Stie- nach der Stellung des Menschen
re, Kälber. Es waren die Tiere des in einer Welt der Roboter – all das
weißen Mannes. sind Szenarien der Endzeitlichkeit
Was Plenty Coups sah, noch oder jedenfalls des Übergangs
keine zehn Jahre alt, war das vom Alten zum Neuen. Was fehlt,
Ende der Welt, wie er sie kannte, so scheint mir, sind die Visionen
das Ende seiner Zivilisation, das oder Utopien, wie es hinter dem
KEYSTONE PICTURES / ZUMA PRESS / ACTION PRESS
Ende der Crow und doch auch ein Horizont weitergehen könnte.
Anfang. Denn der Traum, so be- Was fehlt, sind die Kulturtechni-
schreibt es der amerikanische Phi- ken, das Neue zu sehen. Was fehlt,
losoph Jonathan Lear in seinem sind die Träume.
Buch „Radical Hope“, wurde für Dabei gibt es, entspringend aus
den späteren Häuptling zur Grund- dem Gefühl von Verlust, eine
lage allen Nachdenkens darüber, Sehnsucht nach Sinn. Es gibt, bei
wie das Leben nach dem Ende allem Pragmatismus und Konser-
weitergehen könnte. vatismus, die Einsicht in die Not-
Der Traum eröffnete ihm einen wendigkeit, das Neue zu entwer-
Raum, den er sonst nie gekannt fen. Es gibt, trotz des Verharrens
und nie betreten hätte. Der Crow-Häuptling Plenty Coups um 1925 auf der Oberfläche der Dinge,
Traum wurde das Fundament Die Vision einer anderen Welt eine Suche danach, was die Dinge
einer neuen Realität. Der Traum zusammenhält. Es stellt sich nur
bestimmte sein Handeln und seine Entscheidungen. Der die Frage, wo der gesellschaftliche Ort für diese Sehn-
Traum wies über den Augenblick hinaus und formte Zeit sucht, für diese Suche ist.
zu etwas, das gestaltbar wurde. Der Traum, das Loch in Die Kirche könnte so ein Ort sein, denn die Suche nach
der Erde, wurde zum Ausgangspunkt der Politik. Sinn ist meist eine Suche, die spirituell angetrieben oder
Der Traum war nicht das Gegenteil der Wirklichkeit, unterlegt ist. Aber die Kirche, evangelisch wie katholisch,
sondern eine andere Wirklichkeit. Der Traum war der tut sich schwer, überhaupt zu definieren, was sie sein soll
Schlüssel zum Neuen. Der Traum war eine Möglichkeit, oder will in einer Gesellschaft, in der einerseits die Glau-
über sich selbst hinauszusehen. Der Traum war das Ganze benspraxis verloren geht und andererseits die Glaubens-
und doch nur ein Teil davon. Der Traum war das, was sehnsucht wächst – ein Zerren an den Menschen, das, ne-
fehlte, um dem Verlust eine Bedeutung zu geben. ben der wachsenden wirtschaftlichen Ungleichheit, einiges
Und darum geht es beim Nachdenken darüber, wie wir der frei flottierenden Frustration und Aggression erklärt.
leben und vor allem wie wir zusammenleben wollen, beim Auch die Moschee oder die Synagoge könnten solche
Nachdenken also speziell über Gesellschaft und Politik – Orte sein – aber letztlich kann in einer liberalen Gesell-
um Bedeutung, Sinn, Prinzipien, um einen Begriff des schaft die Religion nur Teil dieser Suche sein, man kann
Guten und des Richtigen, um eine Reflexion dessen, was diese Suche nicht delegieren. Die Trennung in Sinnsuche
wir sind und, mehr noch, was wir sein könnten. Es geht und Sachlichkeit, in Religion und Politik also, scheint ge-
um den Horizont und um das, was dahinter kommt. rade in diesen Zeiten hinderlich, wenn es um die Frage
Am Beginn eines Jahres, und ganz generell in dieser nach dem guten Leben geht.
merkwürdigen und auch beängstigenden Zeit der Umbrü- Und das wirft einige Probleme auf, denn diese Spaltung
che von Ordnungen, der Zusammenbrüche von Sicher- ist strikt und gelernt und mit Vernunft bedacht in einer
heiten, der Neujustierung von dem, was gilt und was gelten Tradition der Moderne, die gelehrt hat, dass es im Men-

116 DER SPIEGEL 2 / 2018


Kultur

schen selbst genug gibt an Wert und Bestimmung und in die Büffel, sondern für meine Ohren schärfer und dabei
der das Übersinnliche seinen Platz hat außerhalb dieser schwächer. Ihre Schwänze waren anders, länger, sie fegten
Ordnung. Es waren, das beschreibt Pankaj Mishra in sei- fast den Boden damit. Das waren keine Büffel. Das waren
nem Buch „Das Zeitalter des Zorns“, vor allem die Maxi- Tiere aus einer anderen Welt …“
malisten der Rationalität wie Voltaire oder Montesquieu, Die Versuche, diese andere Welt ins Heute zu holen,
die diese radikale Trennung forcierten. Eine andere Mo- gab und gibt es, sie sind manchmal schön und manchmal
derne, die auf Rousseau zurückgeht, nimmt dieses Dunkle, schrecklich, aber sie sind das, was das Neue ermöglicht
Drängende, nimmt es ernst als Teil dessen, was den Men- und das Alte ablöst. Mein Kollege Volker Weidermann
schen ausmacht – Rousseau räumt der Religion einen Platz hat einen dieser Versuche gerade sehr eindrucksvoll be-
ein, als „natürliche Religion“ und „Zivilreligion“, und er- schrieben, „Träumer“ heißt sein Buch über die Radikalität
öffnet damit der Spiritualität den Raum in der Politik. der Gegenwelten in der Münchner Räterepublik, die sich
Und gerade in einer Zeit, in der es der Humanismus 2018 zum 100. Mal jährt und der Kurt Eisner sein fiebern-
schwer hat, siehe die Diskussion um die Geflüchteten oder des Nachtgesicht geliehen hat, für kurze Zeit bayerischer
das Hinnehmen des Syrienkriegs; gerade in einer Zeit, in Ministerpräsident, ein prophetischer Politiker von eigenen
der viele wesentliche Fragen nicht mehr von Kategorien Gnaden, getragen erst von der Sympathie der Menschen,
wie Verantwortung oder Schuld zu trennen sind, siehe dann fatal fallen gelassen.
das Schicksal des Planeten und die Frage unserer Kinder, Eisner und die anderen hatten Träume, die geboren wa-
warum wir zu blöd waren, etwas zu tun; gerade in einer ren aus dem Ende einer Welt, zerstört, zerfetzt im Ersten
Zeit, in der der „kapitalistische Realismus“ (Mark Fisher) Weltkrieg. Ihre Räterepublik lebte von der Möglichkeit
alle Alternativen ausblendet, ist von Radikalität und Schönheit, sie
die Radikalität der Hoffnung und lebte im messianischen Gefühl der
der Träume notwendig, um ein eigenen Bedeutung, sie erschuf
Überleben zu visionieren. sich eine neue Welt. Die Gegen-
Die übliche Kritik also etwa an figur dazu ist Oswald Spengler,
den Predigten in den Kirchen zu dessen reaktionäres Gute-Nacht-
Weihnachten, die gerade wieder Buch „Der Untergang des Abend-
zu hören und zu lesen war, geht, landes“ ebenfalls vor 100 Jahren
wie ich meine, in gewisser Weise erschien und das eine andere Vi-
in die falsche Richtung. Den einen sion des Endes propagiert als Ver-
waren die Predigten zu belanglos dammnis von Fortschritt.
und anschmeichlerisch, den ande- Die Fragen also nach den Alter-
ren waren sie zu moralisch und nativen stellen sich dieses Jahr,
politisch oder rot-grün grundiert dem Jahr zwei der apokalypti-
– es geht dabei um die Rolle und schen Präsidentschaft Trumps, an-
das Selbstverständnis einer Insti- ders und gleich und in vielem
tution, die schwer trägt an ihrer dringender. Die Armut des Politi-
STAATSBIBLIOTHEK BERLIN / BPK

Tradition und der Glaubenspraxis schen ist auch in Deutschland


und erstarrt scheint in Angst vor offensichtlich geworden und auch
gesellschaftlicher Irrelevanz. die Schwierigkeiten, Politik nach
Institutionen aber, selbst solche, Mehrheiten zu beurteilen. Und
die mehr als 1500 Jahre alt sind, wenn manche Leute davon reden,
kommen und gehen, sie wandeln dass es gut für das Parlament ist,
sich und formen sich neu. Was Revolutionär Eisner um 1915 wenn mit der AfD der Streit zu-
bleibt, ist die Herausforderung, Prophet von eigenen Gnaden rückkehrt, zeigt das nur, wie tief
Antworten zu finden auf das gro- die Maßstäbe gesunken sind.
ße Nach-uns, nicht nur metaphysisch, sondern ganz prak- Es geht aber doch längst darum, angesichts der Krise des
tisch. Aber diese Antworten sind nicht solche, die man Alten die Gestalt des Neuen zu erkennen. Das funktioniert
durch das Bohren mehr oder weniger dicker Bretter hin- aber nur, wenn man die Doppelbödigkeit der Wirklichkeit
bekommt. Diese Antworten muss man anders finden, annimmt und Politik wieder zu etwas Umfassendem macht,
muss man womöglich erträumen. Die Frage ist nicht, ob das die Gesamtheit dessen umfasst, was den Menschen zum
zu viel Politik in der Kirche ist; die Frage ist, ob zu wenig Menschen macht, wie es seit dem Gilgamesch-Epos immer
Spiritualität in der Politik ist. war, und das auf die Frage hinausläuft, wie das gute Leben
Es geht dabei nicht um Glauben im eigentlichen Wort- erreichbar ist für möglichst viele, möglichst für alle.
sinn, es geht um das Verständnis, dass es Zusammenhänge Religion und Spiritualität haben dabei eine utopische
gibt, die größer sind als man selbst, es geht um die Einsicht, Komponente, das macht Jonathan Lear klar: Vor dem
dass die Erde vor uns hier war und nach uns hier sein Ende der Zivilisation der Crow-Indianer stellt sich die
wird, es geht um dieses Hier, das zugleich sehr konkret Frage, wie man die ethischen Grundlagen für etwas schaf-
und durchaus unverständlich ist, es geht um den Zweifel fen kann, das man nicht kennt, wie also das Neue gedacht
an der eigenen Weltsicht und dem andauernden Versuch, werden kann, ohne dass man es fassen kann. Im Traum
sich innerhalb des Nichtwissens zu verorten. vernimmt Plenty Coups eine Stimme, die ihm einen Rat
Es geht also, letztlich, um ein anderes Konzept von gibt: Werde wie der Meisen-Mensch, sagt die Stimme. „Er
Politik, das weniger mit Parteien und Personen zu tun hat ist der Schwächste, was seine körperliche Kraft angeht,
und mehr mit den Fragen, die über den Augenblick und aber der Stärkste im Denken. Er ist bereit, für die Weisheit
auch über den Abgrund hinausgehen. „Die Stiere“, so be- zu arbeiten. Der Meisen-Mensch ist ein guter Zuhörer.“
schreibt es der Indianer vom Stamm der Crow, „machten Vergiss alle Sicherheit, so ist das Fazit, vertraue deinem
andere Geräusche, nicht so tief und durchdringend wie Gehör. I

DER SPIEGEL 2 / 2018 117


Sehnsucht nach Weltkultur
Europa Der Schriftsteller Navid Kermani bereist die Außenbezirke des Kontinents, trifft einen
armenischen Komponisten, diverse Aktivisten und einen erstaunlich unbarmherzigen Pater.

Zehnter Tag „Bei all dem Leid?“ ständen das Beste – „the best loss“, wie
Tigran Mansurian empfängt mich im Se- „Wenn wir einsehen, dass Leben nun Mansurian es genannt hat –, dass aus der
paree eines altmodischen Cafés in Eriwan, einmal aus Verlusten besteht, dann war es Katastrophe etwas Verbindendes entsteht.
ein zuvorkommender Herr mit eckiger Me- das Beste, was mir unter den gegebenen Im Matenadaran, dem Manuskript-
tallbrille und schmalem Gesicht, in das bei Umständen passieren konnte, dass ich als museum, das einem Tempel gleich auf
jeder Drehung die schneeweißen Haare Flüchtlingskind nach Armenien kam. Es einer Anhöhe mitten in der Stadt liegt,
fallen. Er ist Komponist, der berühmteste war der ‚best loss‘. Ich hätte als Kompo- sind Schriften aus dem fünften, sechsten
seines Landes, steht weltweit auf den Spiel- nist niemals das Gerüst gehabt, wenn ich Jahrhundert ausgestellt, die namentlich un-
plänen von Philharmonien und Festivals in einem anderen Land aufgewachsen terzeichnet und immer noch leicht zu lesen
für Neue Musik. Dabei klingen seine Quar- wäre.“ sind. Deutsche oder Franzosen tun sich
tette, Sonaten, Konzerte und Chöre ganz Das Gerüst, das Mansurian meint, ist schon schwer, ihr spätes Mittelalter zu ver-
anders, als es ein westliches Konzertpubli- mehr als 1600 Jahre alt. Ja, man denkt, stehen, und selbst in Iran reicht das sprach-
kum von Neuer Musik erwartet, gefühlvoll, man hätte bei den Lebensdaten die Eins liche Kontinuum nur bis zum neunten Jahr-
ja sogar oft tragisch, ohne je melodrama- am Anfang überlesen, bis man sich versi- hundert zurück. Versteht sich, dass auch
tisch zu sein, wie eine einfache Weise oder chert, dass dieser oder jener armenische die armenische Kirche die älteste Staats-
ein Kinderlied tragisch klingen kann, al- kirche der Welt ist.
lerdings mit dem vollen, mächtigen Klang Um mehr von der Gegenwart mitzube-
eines Symphonieorchesters. Kaspisches kommen, habe ich mich bei Pink Armenia
Kauk Meer
Seine CDs im Ohr, möchte ich fragen, asu angekündigt, einer Nichtregierungsorgani-
ob das musikalische Erbe des Orients eine Schwarzes
s sation, die sich für die Rechte von LGBT
natürliche Verbindung zur Neuen Musik Meer ASERBAI- einsetzt, also Lesben, Schwulen, Bisexuel-
bietet. Aber kaum habe ich mich gesetzt, DSCHAN len und Transgender. Gerade dieser Tage
bin ich wie in allen Gesprächen bisher wie- ARMENIEN musste nach Protesten und Drohungen
Kloster Dadiwank eine Reihe innerhalb des Internationalen
der beim Aghet, bei der „Katastrophe“, Eriwan
wie der Genozid in Armenien heißt, nur TÜRKEI Filmfestivals abgebrochen werden, weil
weil das Wort Erbe fällt. Mansurians Mut- Nachitschewan Bergkarabach eine Dokumentation über armenische
(zu Aserbaidschan)
ter war wenige Monate alt, als türkische IRAN Homosexuelle ins Programm genommen
Soldaten seinen Großvater mitsamt den wurde. Nun wird eilig eine Aufführung au-
anderen Männern ihrer Stadt Marasch in Kermani, 50, ist Schriftsteller und ßerhalb des Festivals organisiert. Eine
einer Scheune einsperrten und sie anzün- lebt in Köln. Bislang hat der gewöhnliche Wohnung in einem mehrstö-
deten. Die Großmutter und die Tante star- SPIEGEL elf Teile seiner Reise- ckigen Gebäude ohne ein Schild an der
ben auf dem Marsch nach Syrien. Nur die reportage veröffentlicht. Haustür – das ist der einzige überdachte
Mutter überlebte, wenige Monate alt, und Seine Reise endet in Iran, der Ort außerhalb der eigenen vier Wände, an
wuchs in einem amerikanischen Waisen- Heimat seiner Eltern. dem sich Homosexuelle in Armenien
haus in Beirut auf. So viel zum Erbe eines umarmen können. Die Polizei nehme
Armeniers seiner Generation. „hate crimes“ nicht einmal auf, sagt Ma-
In Beirut wurde auch Mansurian geboren mikon Hovsepyan, der mit 35 schon einer
und zog mit den Eltern 1947 nach Arme- Komponist tatsächlich im fünften Jahrhun- der Ältesten in den drei oder vier karg
nien, da war er acht Jahre alt. Die Eltern dert gestorben ist. möblierten Zimmern ist.
hätten sich in Beirut sicher gefühlt, erklärt „Und die gab es wirklich?“, frage ich. Finanziert wird Pink vor allem aus
Mansurian, die Stadt sei sehr kosmopoli- „Ich meine, sind das verbürgte Namen und Europa. Hovsepyan weiß, dass damit das
tisch gewesen. Allein, der Vater habe an Kompositionen, die damals schon nieder- homophobe Klischee bedient wird, aber
die Versprechen der Sowjetunion geglaubt, geschrieben wurden und seither erhalten ohne die Gelder aus Holland oder Schwe-
rundherum falsche Versprechen, wie Man- sind?“ den gäbe es das Büro nicht, in dem Homo-
surian hinzufügt. Dann erzählt er einen „Aber natürlich gab es die“, antwortet sexuelle Beratung finden oder einfach
Witz: Ein Armenier, der in die Sowjet- Mansurian belustigt und fängt mit seiner einen geschützten Raum. Hinzu komme,
republik übersiedeln will, macht mit seinen kehligen Stimme so laut zu singen an, dass dass viele Europäer tatsächlich nur an die-
Freunden und Verwandten in der Diaspora noch im Nachbarseparee die Melodie zu sem einen Thema interessiert seien, wie
aus, dass er ihnen ein Foto schicken wird. hören sein müsste, die Mesrop Maschtoz es ein weiteres Klischee will. Auf Konfe-
Wenn er auf dem Bild steht, ist alles gut, im fünften Jahrhundert in Noten festge- renzen im Ausland erkläre er dann immer,
dann sollen ihm die Freunde und Verwand- halten hat. Ich blicke Mansurian an, dem dass er schwul sei, ja, aber sein Leben sich
ten folgen. Wenn er sitzt, sollen sie fortblei- wieder die Haare ins Gesicht gefallen sind, nicht aufs Schwulsein beschränke und es
ben. Als die Freunde und Verwandten den und stelle mir vor, dass einmal auch sein andere Probleme gebe, politische und ge-
Briefumschlag mit dem Foto öffnen, sehen großes Requiem zum Genozid, das 2011 in sellschaftliche Probleme etwa, die für ihn
sie, dass der Mann auf dem Boden liegt. Berlin uraufgeführt wurde, in Istanbul ver- mindestens genauso wichtig seien. Aber
„Ich bin dennoch dankbar, dass es kam, standen wird. Wenn wir einsehen, dass das mit Hinweisen auf die sozialen Verwerfun-
wie es kam“, sagt Mansurian in das trauri- Leben nun einmal aus Verlusten besteht, gen, die Oligarchie, den Nationalismus
ge Schmunzeln hinein. dann wäre es unter den gegebenen Um- oder den nicht enden wollenden Krieg fin-
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Kultur

NAZIK ARMENAKYAN / DER SPIEGEL


Armenisches Nationalheiligtum Berg Ararat: Die älteste Staatskirche der Welt

de man kaum Gehör in Europa. Stattdes- Schnelle in Erfahrung bringe, werden alle schleunige ich den Schritt. Jetzt ist er es,
sen werde er immerfort nach der Einfüh- beteiligten NGOs mindestens teilweise von der Angst hat oder wenn schon nicht ängst-
rung der Homo-Ehe gefragt, als ob das der europäischen Institutionen gesponsert. lich, dann irritiert und nervös ist. Zu seiner
einzige Indikator für Entwicklung wäre. Welch Wunder, dass für die grimmigen Ge- Überraschung schlage ich einen freundli-
Im überfüllten Media-Center, das sich stalten auf der Straße der europäische Kul- chen Ton an, sodass er, anfangs zögerlich
mehrere Nichtregierungsorganisationen für turimperialismus hier ein Stelldichein feiert. zwar, nach und nach immer bereitwilliger
Veranstaltungen und Konferenzen teilen, Aber sollte Europa deswegen diese jungen Auskunft gibt. Haik Ayvasian heißt er und
ist die Stimmung angespannt trotzig. Geg- Armenier nicht unterstützen, die der meint, dass Armenien ein christliches Land
nerische Aktivisten sollen von der Auffüh- Homophobie die Stirn bieten? sei, deshalb stehe er hier. Die Bibel lasse
rung erfahren haben, jemand will draußen Als ich aus dem Gebäude trete, erblicke keinen Zweifel, dass Homosexualität eine
einige grimmige Gestalten ausgemacht ha- ich keine grimmigen Gestalten, sondern Sünde sei, todeswürdig sogar. Wolle er
ben. Zur Sicherheit sind die Türen von in- auf der anderen Straßenseite einen denn, frage ich, dass die jungen Menschen
nen versperrt. Das Publikum ist jung, kaum schmächtigen Burschen, keine dreißig, auf der anderen Straßenseite auch die bib-
jemand älter als dreißig und, wie man so schätze ich, so alt wie die Besucher des lische Strafe treffe?
sagt, westlich gekleidet, also nicht anders Media-Centers, die er fotografiert. Erst „Nein, wir haben nichts gegen diese Leu-
als in Berlin oder Brüssel, die Frisuren, die wende ich ihm wie alle anderen den Rü- te. Wir haben nur etwas dagegen, dass für
Jeans, die Tattoos, auch die Körperlichkeit cken zu, nicht verängstigt, aber doch mit Homosexualität auch noch geworben wird.“
im Umgang untereinander und das Selbst- dem Gefühl, wehrlos seiner Linse ausge- „Wen meinen Sie mit ‚wir‘?“
bewusstsein der Frauen. Wen immer ich setzt zu sein. Dann drehe ich mich um und „Wir Armenier. 98 Prozent lehnen so et-
anspreche, er oder sie versteht Englisch, gehe über die Straße. Als der Mann be- was ab.“
was in Armenien alles andere als selbstver- greift, dass ich zu ihm will, scheint er zu Sie – womit Haik weiterhin „sie, die
ständlich ist. Und soweit ich es auf die überlegen, ob er fortrennt, deshalb be- Armenier“, meint – wollten die Homo-
DER SPIEGEL 2 / 2018 119
Kultur

sexualität nicht kriminalisieren, darum


gehe es nicht, schon gar nicht um Ge-
walt. Es gehe nur darum, die ausländische
Propaganda zu stoppen. Deshalb habe
er sich einer Organisation angeschlossen,
Luus („Licht“), in der junge Menschen
die christliche Identität Armeniens ver-
teidigten.
„Und wieso machen Sie Fotos?“, frage
ich.
„Ich möchte wissen, wer sich so einen
Film anschaut.“
„Dann stellen Sie sich halt an den Ein-
gang, und schauen Sie sich die Menschen
an. Aber warum die Fotos?“
„Die sind nur für mich.“
„Aber wozu denn?“
„Wozu wollen Sie das wissen?“
„Ich bin mindestens so neugierig wie
Sie.“
„Vielleicht möchte ich wissen, ob jemand

NAZIK ARMENAKYAN / DER SPIEGEL


von der Regierung hier ist.“
„Um ihn dann anzuschwärzen?“
„Habe ich denn kein Recht zu wissen,
was die Regierung unterstützt?“
Für Haik sind die Altersgenossen auf
der anderen Straßenseite nicht die eigent-
lichen Schuldigen; sie seien Opfer der Eu-
ropäischen Union, der sich die Regierung Kloster Dadiwank: Vertrag mit den Vögeln
willenlos unterwerfe. Auf mich hätten die
Zuschauer sehr selbstbestimmt gewirkt,
wende ich ein: wie er darauf komme? ren über die Reform des Sexualunterrichts die ihm nach der Reise bei einer seiner
„Weil die EU ständig von den Rechten in Baden-Württemberg. Es ist nicht die letzten öffentlichen Lesungen provokativ
der Homosexuellen spricht. Ständig. Wa- Rede davon, dass Kinder von renitenten gestellt wurde, wodurch sich seine Dich-
rum denn nur? Wie viele Leute betrifft das Eltern getrennt würden, aber ich kann tung denn überhaupt charakterisiere, ant-
denn hier? Wieso ist ihr das Thema so mir schon vorstellen, dass man es aus den wortete er knapp: „Sehnsucht nach Welt-
wichtig? Was bezweckt sie damit?“ Artikeln herauslesen kann, wenn man kultur.“
„Was denken Sie?“ den Kontext nicht kennt, schließlich ist
„Weil sie uns von unserer eigenen Kultur die Teilnahme am Sexualunterricht zwin- Elfter Tag
entfremden und uns gegen unsere Religion gend. Haik hat auch YouTube-Videos ver- Ohne dass uns Armenien jemals verab-
aufbringen will.“ linkt, die mit versteckter Kamera zeigen schiedet hat, taucht ein Schild auf, auf dem
„Hat das nicht eher die Sowjetunion sollen, wie deutsche Jugendämter mithilfe uns die Republik Bergkarabach willkom-
getan?“ der Polizei Kinder aus ihren Elternhäu- men heißt. Der Schlagbaum besteht aus
„Die Sowjetunion hat uns mit Waffen sern abholen. Er bietet an, mich morgen einer simplen Holzstange, an der eine Kor-
besiegt, aber Europa will an unsere Köpfe noch einmal zu treffen und mich seinen del hängt, und ist hochgefahren. Um sicher-
heran.“ Freunden vorzustellen, damit ich besser zugehen, dass wir nicht illegal die Grenze
„Aber wie kommen Sie denn darauf? verstehe, warum sie die Welt von heute überqueren, parkt der Fahrer dennoch den
Sie müssen doch Belege haben für Ihre sehen, wie sie sie sehen. Es wäre lohnend, Wagen. Der Beamte, den wir hinter sei-
Behauptung.“ mit ihm weiterzureden, denke ich, denn nem Schreibtisch vorfinden, studiert sogar
„Schauen Sie, in Deutschland werden er hört zu und versucht, sich begreiflich die leeren Seiten des deutschen Reise-
Kinder von ihren Eltern getrennt, wenn zu machen. Ob er auch mit den Gleich- passes mit Hingabe und nickt bedeutungs-
die Eltern den Sexualunterricht kritisieren, altrigen reden würde, die aus der Film- voll. Ohne nach dem Grund der Reise ge-
wenn sie sagen, dass Homosexualität et- vorführung gekommen sind? Und sie mit fragt zu haben, händigt er den Pass un-
was Schlechtes ist.“ ihm? gestempelt wieder aus und sagt, ich müsse
„Ich komme aus Deutschland, ich habe Ich werde es nicht herausfinden, denn in der Hauptstadt Stepanakert ein Visum
noch nie davon gehört, dass man deswegen in aller Herrgottsfrühe brechen wir auf, da- beantragen. Dann begleitet er uns zum
Kinder von ihren Eltern trennt.“ mit wir für die Fahrt nach Bergkarabach Auto, verabschiedet sich mit Handschlag
„Aber das ist belegt!“ den Umweg über den See Sewan nehmen und schaut uns lange nach. Seltsamer
„Und woher wissen Sie, dass Ihre Belege können, über den Ossip Mandelstam eini- Staat, denke ich, wo man die Erlaubnis
stimmen?“ ge seiner bewegendsten Notizen hinterlas- zur Einreise erst erhält, nachdem man ein-
„Ich kann Ihnen die Berichte zeigen mit sen hat. Die Reise nach Armenien war ein gereist ist.
Fotos und allem, das sind alles belegte Fäl- letztes Aufatmen, bevor der Dichter ver- Wir halten beim Kloster Dadiwank an,
le“, versichert Haik und schreibt sich mei- haftet wurde, die letzten Jahre seines Le- das einer Legende zufolge im ersten Jahr-
ne Mail-Adresse auf. bens in Armut und Ächtung, Verfolgung hundert nach Christus gegründet worden
Nachts klicke ich mich durch die Links, und Fron verbrachte und schließlich 1938 ist. Die heutigen Gebäude mitsamt der Kir-
die Haik Ayvasian mit freundlichen Grü- unter den elenden Umständen eines sibi- che wurden seit dem neunten Jahrhundert
ßen geschickt hat. Die Berichte informie- rischen Arbeitslagers starb. Auf die Frage, auf einer Anhöhe in ein steiles, waldiges
120 DER SPIEGEL 2 / 2018
allenfalls 200 Jahre, um zu wissen, wem
dieses Land gehört. Vergebens versuche
ich, Pater Hovhannes ein Wort des Mit-
gefühls für die Menschen zu entlocken,
die ihre Heimat verloren haben, einfache
Bauern und Hirten. Heimat?, fragt der
Pater, der als Armeepriester an der Front
gedient hat. Ja, Heimat, sage ich, für den
Einzelnen sei es doch Heimat, wenn man
an einem Ort geboren und aufgewachsen
ist, egal was vor 200 oder 2000 Jahren war.
Der Pater jedoch mag nicht auf Einzelne
eingehen, er spricht von den Türken
nur als Kollektiv, das die Armenier ver-
trieben und massakriert habe. Ich versu-
che es über die Feindesliebe, die das
eigentlich Spezifische am Christentum
sei: Was bedeute sie an der Front? Wie
auf einer Kanzel erhebt der Priester die
Stimme und erklärt feierlich, dass man
als Christ niemals einen Krieg anfangen

NAZIK ARMENAKYAN / DER SPIEGEL


dürfe.
„Gut“, sage ich, „aber wenn man nun
einmal im Krieg ist – hat die Feindesliebe
dann irgendeine Bedeutung?“
„Wir mussten unser Land verteidigen ge-
gen den Feind.“
„Aber liebten Sie den Feind?“
Pater Hovhannes: „Im Krieg kann man nicht lieben“ „Es gibt eine Regel“, sagt der Priester
langsam und lehnt im Stehen den Oberkör-
per zurück, als verschaffte er sich damit
Gebirge gebaut, das heute noch genauso sorgsam geschnittenem Bart und nach hin- Luft: „Der Feind muss wenigstens eine
einsam und sich selbst überlassen wirkt, ten gekämmten Haaren, erklärt uns, dass Chance bieten, damit man ihn liebt. Aber
als wäre seitdem nichts auf Erden gesche- er einen Vertrag mit den Vögeln habe. das tun die Türken nicht. Sie sind dazu er-
hen. Weder verbergen die Fresken ihr Al- „Einen Vertrag?“ zogen worden, uns zu hassen, uns zu töten.
ter, noch sind die Kabel hinterm Putz oder „Ja, dass sie überall wohnen können, Sie geben uns keine Chance, sie zu lieben.“
auch nur einer Fußleiste versteckt. Eine nur nicht in der Kirche.“ „Dann wäre es ja einfach!“, entfährt es
Wand ist vollständig von Ruß bedeckt, an „Und?“ mir nicht sehr ehrfurchtsvoll: „Wenn der
einer anderen zeichnen sich die Umrisse „Sie halten sich einfach nicht daran.“ Feind Ihnen eine Chance böte, ihn zu lie-
einer Treppe ab, die einmal zu einer Em- Pater Hovhannes hat ein geradezu inti- ben, dann wäre er kein Feind mehr. Das
pore geführt haben muss. Der Hirte, der mes Verhältnis zu seiner Kirche, weil es in Besondere an Christus ist doch, dass er
zur Zeit der Sowjetunion mit seiner Fami- der Einsamkeit weder eine Gemeinde im sagt, du sollst nicht nur deinen Nächsten
lie in der Kirche gewohnt hat, soll sich ge- eigentlichen Sinne gibt noch ein klösterli- lieben, sondern deinen Feind. Also den,
sorgt haben, dass seine Kinder von der ches Leben, nur die Gottesdienste an Sonn- der dich hasst oder dir schaden will oder
Treppe fallen, deshalb riss er sie ab. Am und Feiertagen für die umliegenden Dörfer dich jedenfalls ablehnt. Den sollst du lie-
Ruß erkennt man, wo der Herd stand, der und einzelne Beter, gelegentlich armeni- ben. Ist das möglich?“
zugleich Ofen war. Auf den alten Perser- sche Touristen, den Kiosk einer alten Frau „Ja, wenn wir friedlich mit ihnen zusam-
teppichen, die den Boden heute bedecken, und die Bauarbeiter, die nach 24 Jahren menleben würden, also die verschiedenen
haben schon viele Gläubige und ebenso immer noch nicht fertig sind mit der Re- Religionen, dann könnten wir sie auch lie-
die Vögel im Dachstuhl ihre Spuren hin- novierung. Vor der Befreiung sei die ganze ben. Aber im Krieg geht das nicht.“
terlassen. Wieder frage ich mich, was den Region noch von Türken besiedelt gewe- „Warum nicht?“
Zauber dieser Räume ausmacht, die doch sen. Dass es wohl eher Kurden waren, die „Du kannst keinen Menschen töten, den
viel besser, viel authentischer hätten res- unter den Türken selbst viel gelitten haben, du liebst.“
tauriert werden können. Es ist nicht nur, und mit den Türken aber auch gar nicht „Und wie war das dann für Sie, als Sie
dass sie ihre Geschichte zeigen, alle Erfah- Türken, sondern Aserbaidschaner gemeint an der Front waren?“
rungen, Schmerzen und Glück, wie ein sind, solche Differenzierungen scheinen „Wenn du dir in dem Augenblick, wo du
uraltes Gesicht oder eben die Rinde eines dem Pater nicht bewusst zu sein oder ver- auf jemanden zielst, sagst, dass du ihn
Baums. Der Zauber entsteht auch aus dem wischen sich im Krieg. liebst, dann kannst du nicht abdrücken,
Zufälligen, dem Unvollkommenen, das die „Es gibt kein Land, das Aserbaidschan das geht einfach nicht. So war das für mich.
Jahre zusammengewürfelt haben, selbst heißt“, beharrt er, als ich frage, warum er So ist das im Krieg.“
den Kabeln, dem Ruß, den Löchern im die Aserbaidschaner Türken nennt.
Teppich, dem Lichteinfall und den Vögeln, Dass die Bewohner ihre Häuser aufge-
die jeder Sekunde eine andere Wendung ben mussten, findet er nur folgerichtig, Im nächsten Heft:
geben, weil nur Gott ewig und vollkom- schließlich hätten lange vor den Türken Durch Armenien und nach Iran,
men ist. bereits Armenier hier gelebt. Man müsse dort ans Kaspische Meer,
Pater Hovhannes Houhamesyan, ein nur das Alter der Kirchen und der Mo- dann weiter bis nach Teheran
hochgewachsener, athletischer Mann mit scheen vergleichen, beinah 2000 gegen

DER SPIEGEL 2 / 2018 121


Kultur

salem, Mohammed Amin al-Husseini. Der „heilige Koran“,


so warnte der „glühende Judenhasser“ (Motadel), sei „voll
von Belegen jüdischer Charakterlosigkeit und für ihr tücki-
sches, lügnerisches und betrügerisches Verhalten“. In Berlin
aufgezeichnete arabische Radiosendungen sowie Flugblätter,
die von deutschen Flugzeugen abgeworfen wurden, verbrei-
„Das ist Wurst“ teten Husseinis Tiraden in der ganzen muslimischen Welt.
Der Erfolg der NS-Propaganda hielt sich freilich in Gren-
zen. Abgesehen von einem Pogrom im Irak sei es während
Buchkritik Der Historiker David Motadel des Krieges zu „keinen größeren judenfeindlichen Auf-
ständen“ gekommen, schreibt Motadel. Im Gegenteil: Im-
hat die merkwürdige Allianz mer wieder hätten Teile der islamischen Bevölkerung in
der Nazis mit den Muslimen erforscht. Nordafrika „offene Solidarität mit ihren jüdischen Nach-
barn“ gezeigt. Gemessen an der Brutalität des national-

A
dolf Hitler glaubte bekanntlich an keinen Gott, sozialistischen Rassenwahns, war der arabische Antisemi-
sondern nur an sich selbst. Wenn er überhaupt tismus geradezu harmloser Natur.
Interesse an einer Religion zeigte, dann war Die ideologische Kampagne scheiterte zudem an man-
es tatsächlich der Islam. Nur der „Mohammedanis- gelnder Glaubwürdigkeit. Sosehr sich Adolf Hitler auch
mus“, so erklärte er 1941 im kleinen Kreis, könne ihn für die Muslime begeisterte: Seine Volksgenossen hatten
„noch für den Himmel begeistern“; allein schon die mit multikulturellen Anwandlungen wenig im Sinn. „Fast
Vorstellung eines von Jungfrauen „bevölkerten Paradie- jeder deutsche Soldat gibt eindeutig zu verstehen, dass er
ses … wo der Wein in Strömen fließt“, sei doch viel schö- uns zu den verachtetsten Rassen der Welt zählt“, klagte
ner als dieser „fade christliche ein Nordafrikaner in einem Me-
Himmel“. morandum für die NS-Regierung.
Seine Zuhörer fragten sich Man werde von den deutschen
wahrscheinlich im Stillen, was ihr Besatzern im Maghreb immer
„Führer“, der weder dem Alko- wieder als „Nigger“, „schwarze
hol noch einem ausschweifenden Halunken“ oder gar als „Juden“
Sexualleben zuneigte, an diesem beschimpft.
Paradies so attraktiv fand. Die Tatsache, dass nicht nur Ju-
In Wirklichkeit waren es wohl den,