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KULTUR

SIGMUND FREUDS BERÜHMTESTER FALL

Bis zur Pensionierung


Ex-Patient „Wolfsmann“ erzählt sein Leben
Von Hans Krieger

Dem „angelsächsischen Geschmack“ zuliebe (Brief des Wolfsmannes an die


Herausgeberin) gab „Sigmund Freuds berühmtester Fall“ (Klappentext) sich mehr episch
als theatralisch; die amerikanischen Rezensenten aber fühlten sich auf den Höhen der
großen russischen Romanliteratur und verfaßten Hymnen. „Ein Leben, dessen Schicksale
einen Tschechow gefesselt hätten“, schrieb da einer, und vielleicht hat er sogar recht. Aber
ein Tschechow ist dieser Wolfsmann eben nicht, der da, hochbetagt und selber längst ein
Stück Psychoanalysegeschichte geworden, seinen Lebensbericht zu den Akten gibt –

„Der Wolfsmann vom Wolfsmann“, mit Krankengeschichte des Wolfsmannes von


Sigmund Freud, dem Nachtrag von Ruth Mack Brunswick und einem Vorwort von
Anna Freud, herausgegeben, mit Anmerkungen, einer Einleitung und zusätzlichen
Kapiteln versehen von Muriel Gardiner; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 420 S., 28,–
DM.

Als Kind steinreicher Großgrundbesitzer wuchs der Wolfsmann auf im zaristischen


Rußland zwischen einer heißgeliebten Nanja und einer verhaßten Gouvernante, zwischen
einer hypochondrischen Mutter und einem manisch-depressiven Vater, zwischen
exzentrischen Onkels (die Brüder Karamasow, scherzte man in der Familie, aber das
ist das einzige, was an Dostojewskij denken läßt), skurrilen Hauslehrern und einer
leidenschaftlichen, überlegenen älteren Schwester, die sich kaum zwanzigjährig das Leben
nahm. Als junger Mensch zog er, taten- und interessenlos von einem riesigen Vermögen
zehrend, mit seinen Depressionen von Sanatorium zu Sanatorium, bis er schließlich sein
Heil bei der Psychoanalyse suchte und, begleitet von Leibarzt und Diener, bei Freud in
Wien eine vieljährige Kur begann. Er verliebte sich heiß in eine junge Frau und stellte ihr
mit Zärtlichkeit nach, um dann doch die Flucht vor ihr zu ergreifen, heiratete sie schließlich
und mußte erleben, daß sie zwanzig Jahre später, vom Leben enttäuscht, den Freitod
suchte, ohne daß er begreifen konnte, warum. Die russische Oktoberrevolution brachte
ihn um Heimat und Besitz; ein staatenloser Emigrant, fristete er in Wien sein Dasein als
Versicherungsangestellter. Und immer wieder mußte er seine Verzweiflung auf die Couch
des Analytikers tragen.

Ein Leben also, das Stoff zum Erzählen abgibt. Aber auch ein Leben eines von inneren
Leiden Zerrissenen, der immer wieder eingeholt wird von den Nöten der Kindheit und zur
realen Welt wenig Kontakt hat; die welthistorischen Umwälzungen, in die dieses Schicksal
verflochten ist, haben in dem Lebensbericht kaum Spuren hinterlassen. Auffallender
ist, daß auch die inneren Probleme dieses unablässig und ausschließlich mit sich selber
beschäftigten Lebens kaum wirklich zur Sprache kommen; die von Freud gerühmte

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analytische Einsicht des Wolfsmannes tritt wenig in Erscheinung. Die russische Kindheit
bleibt schemenhaft, nur an den Rändern hell und scharf, und man muß schon Freuds
Abhandlung „Aus der Geschichte einer infantilen Neurose“ zu Rate ziehen (sie ist in dem
Band abgedruckt), um zu erahnen, was in der Seele dieses Knaben vor sich ging. Bei Freud
liest man das Drama – oder vielmehr, was Freud davon begriff; der Wolfsmann stellt nur
nachträglich das Bühnenbild dazu auf.

Redlich und trocken wird da berichtet, und man liest das schwerlich ohne Sympathie,
auch wenn die Tiefenscheu der Darstellung zu der Ansicht verführen kann, die Leiden des
Jünglings seien vornehmer Luxus eines Verwöhnten, der mit sich und seiner Zeit nichts
anzufangen weiß. (In der Tat enthält das Buch Hinweise, daß äußere Not sich günstig
auf den Seelenzustand des Wolfsmannes auswirkte; Freud führte das auf unbewußte
Bestrafungswünsche zurück). Wenigstens episodenweise zeigt sich das Talent zum
Geschichtenerzählen und zur Charakterschilderung, das die Herausgeberin dem Wolfsmann
nachsagt (nicht ohne hinzuzufügen, daß es in mündlicher Unterhaltung sich lebhafter
äußere). Tiefere Einblicke in das Seelenleben eines Neurotikers aber erhalten wir nicht,
die Welt der Gefühle bleibt verschlossen. Von dem zwanghaften religiösen Zeremoniell
des Knaben, das in Freuds Analyse eine so wichtige Rolle spielte, ist ebensowenig die
Rede wie von den frühen erotischen Anfechtungen. Vielleicht wirkt sich da noch ein
Persönlichkeitszug aus, den Freud in seiner Krankengeschichte als auffallend hervorhebt:
„Seine untadelige Intelligenz war wie abgeschnitten von den triebhaften Kräften.“

Freuds Fallstudie, die den Wolfsmann (so benannt nach seinem großen Angsttraum) zur
analytischen Zelebrität machte, war mehr als eine Krankengeschichte. Es war, vorgeführt
am klinischen Beispiel, eine Demonstration der Überlegenheit seiner Theorie gegen die
Abweichler Jung und Adler. Denn hier war alles schön beieinander und sauber verfugt: die
erschlossene und als real unterstellte „Urszene“ (Beobachtungen des elterlichen Koitus),
die Kastrationsangst, die ambivalente Vaterbindung mit verdrängter Homosexualität,
die Analerotik und die Identifizierung mit der Mutter; Jungs „Wiedergeburtsphantasie“
und Adlers „männlicher Protest“ ließen sich da als voreilige Deutungen eines nicht zu
Ende analysierten Materials abweisen. Daher die zentrale theoretische Bedeutung dieser
Krankengeschichte bis heute. Sie sicherte dem Patienten die bleibende Aufmerksamkeit
der Analytiker; Freud hat ihn kostenlos ein zweites Mal analysiert und sogar Geld für ihn
gesammelt, als er in Not geriet, dann behandelte ihn Ruth Mack Brunswick und berichtete
abermals über den Fall, Muriel Gardiner hielt Vorträge über ihn, und Freuds Tochter Anna
spricht im Vorwort zu diesem Band von „unserem Wolfsmann“.

Die Psychoanalyse zog also ihren Nutzen aus dem Wolfsmann; er war zu klug, das nicht
zu wissen, und vielleicht war auch das ihm eine Stütze. Welchen Gewinn hatte er selber?
Freud entließ ihn 1914 als geheilt, aber geheilt war er wohl nicht; ein paar Jahre später
produzierte er die schwersten Symptome, und auch diese Krise war nicht seine letzte. Zum
erstenmal ist hier ein psychoanalytischer Fall von der frühesten Kindheit bis ins hohe Alter
dokumentiert. Wäre das nicht ein. Anlaß, die Heilungschancen der Psychoanalyse und ihre

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Kriterien der Heilung zur Diskussion zu stellen, vielleicht auch Freuds Deutung des Falles
kritisch zu überprüfen? Nach klassischer Auffassung hatte Freud das gesamte unbewußte
Material aufgearbeitet und war bis zu den tiefsten Schichten vorgedrungen; warum blieb
ein dauernder Heilungserfolg aus?

„Dank seiner Analyse war der Wolfsmann imstande, Schock auf Schock und Belastung auf
Belastung auszuhalten“, schreibt die Herausgeberin. Das ist wohl schon etwas bei einem
Menschen, der einmal nach Freuds Darstellung so lebensuntüchtig war, daß er sich nicht
alleine ankleiden konnte. Weiter: „Er machte stetige Fortschritte in seiner Arbeit, und
obwohl er sie nie interessant fand, brachte er es doch fertig, die dreißig Jahre bis zu seiner
Pensionierung getreu dabei auszuharren.“

Getreu ausharren in der Entfremdung – ist es das, wozu die Psychoanalyse uns befähigen
will? Meint das die Freudsche Formel, neurotisches Elend müsse in gewöhnliches Leiden
verwandelt werden? Gewöhnliches Leiden ist das allerdings: bei ungeliebter Arbeit der
Pensionierung harren, ohne aufzumucken, mit dem Hobbymalen als einzigem Trost. Die
Lebenswünsche bleiben unterdrückt, aber man fällt wenigstens nicht auf. Kein Wunder,
wenn dann auch die Vergangenheit erstarrt zu bloßen Fakten, aus denen die unmittelbare
Lebenswärme gewichen ist.

Nur wenn der Wolfsmann von dem Werben um seine spätere Frau spricht, spürt man die
Zuckungen eines leidenschaftlichen Gefühlslebens. Aber jahrelang verbot ihm Freud,
die Beziehung wiederaufzunehmen; die Regel, während der Analyse keine wichtigen
Entscheidungen zu treffen, galt unerbittlich. Schließlich brauchte er ein Detektivbüro,
um seine Therese wiederzufinden, und stellte fest, daß sie ihm inzwischen vor Gram fast
gestorben wäre.

Als faszinierendes Buch wird uns das gepriesen. Ich finde es ein trauriges Buch. Und
traurig nicht nur, weil das Schicksal des Wolfsmannes ein trauriges ist.

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ADRESSE: http://www.zeit.de/1972/47/bis-zur-pensionierung