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Vorbemerkung

Vom Nutzen des Irrtums


in der Wissenschaft Irrtum in der Wissenschaft – das ist, wie auch sonst
Teil der alltäglichen Erfahrung des Menschen, für
Jürgen Mittelstraß den Wissenschaftler etwas sehr Vertrautes, manchmal
als schicksalhaft, meist als ärgerlich Empfundenes.
Zentrum Philosophie und Wissenschaftstheorie, Insofern gehört der Irrtum zur Alltäglichkeit des Wis-
Universität Konstanz, Universitätsstraße 10, senschaftlers und der Wissenschaft. Aber Nutzen des
D-78457 Konstanz, Germany Irrtums in der Wissenschaft? Ist Irrtum in der Wis-
senschaft, wie eben auch sonst wieder, nicht gerade
das, was nicht sein soll, was nicht für, sondern gegen
den Nutzen des wissenschaftlichen Wissens, sowohl
bei dessen Entstehung als auch bei dessen Verwen-
dung, steht? In diesem Sinne sprechen wir üblicher-
weise vom Nutzen der Wahrheit, nicht aber vom
Nutzen des Irrtums.
Das könnte vorschnell und selbst irreführend, näm-
Error is what is supposed not to occur in lich allzusehr an lebensweltlichen Erfahrungsbestän-
science but which nonetheless characterizes den orientiert, sein. Tatsächlich charakterisiert der Irr-
science just as other areas of knowledge acqui- tum die wissenschaftliche Praxis ebenso wie die
sition and, when eliminated, accentuates even nicht-wissenschaftliche Praxis und andere Bereiche
more clearly an advance of knowledge. In this der Wissensbildung, nur macht er eben auch, wenn
sense error also belongs to the history of scienti- er behoben ist, einen Erkenntnisfortschritt nur um so
fic progress not just to the history of its detours. deutlicher. Erst im Irrtum bzw. nach dessen Beseiti-
Science is always a history of error and of truth. gung wird klar, was Wahrheit ist bzw. wo sie liegen
At the same time, it is error that confers a scien- könnte. In diesem Sinne gehört der Irrtum nicht nur
tific luster to truth in the first place. If science zur Irrtumsgeschichte, sondern auch zur Fortschritts-
couldn’t err, truth would be the usual and a mat- geschichte der Wissenschaft. Oder anders ausge-
ter of course. But the usual cannot be presented drückt: Wissenschaft ist immer Fortschritts- oder
in research reports, or (as used to be done) Wahrheitsgeschichte und Irrtumsgeschichte. Zugleich
hung up over the gates of the university. verleiht erst der Irrtum der Wahrheit ihren vollen
Science also differs from other forms of knowl- Glanz. Denn könnte die Wissenschaft nicht irren, wä-
edge acquisition and susceptibility to error re Wahrheit das Selbstverständliche und das Übliche.
through its ability to err with precision. Thus er- Das Übliche aber schreibt man nicht in Forschungs-
ror, too, achieves its finished essence and ration- berichte oder, wie im Falle der Wahrheit früher ge-
ality only in science. schehen, über die Portale der Universitäten (wobei
man aus dem Verzicht auf derartige Deklarationen
heute nicht gleich auf das gänzliche Fehlen der
Naturwissenschaften 84, 291–299 (1997) © Springer-Verlag 1997 291
Wahrheit in unseren Universitäten schließen sollte). unterscheiden. Letzterer betrifft sowohl unzulässige
Im übrigen zeichnet sich die Wissenschaft gegenüber Begriffsbildungen als auch unzulässige Schlüsse,
anderen Formen der Wissensbildung und deren Irr- z. B. den Schluß von ,wenn es regnet, ist die Straße
tumsanfälligkeit dadurch aus, daß sie präzise zu irren naß‘ auf ,wenn es nicht regnet, ist die Straße trocken
versteht. Ihr Irrtum trägt in der Regel alle Zeichen (nicht naß)‘. Hier liegt eine umgangssprachlich nahe-
der Wahrheitsnähe, und auch die Distanz zur Wahr- gelegte Fehlinterpretation der (logischen) Partikeln
heit vermag Wissenschaft, nach Behebung des Irr- ,nicht‘ und ,wenn-dann‘ vor. (3) Daß man sich irrt
tums, genau auszumessen. Damit gewinnt aber – ge- oder einen Irrtum begeht, macht deutlich, daß Irrtum
gen die Ausgangsvermutung der Überflüssigkeit und eine Eigenschaft dessen ist, der die Wahrheit sucht,
der Unerheblichkeit des Irrtums in der Wissenschaft sie aber verfehlt. Gegensatz der Wahrheit bzw. des
– der Irrtum erst in der Wissenschaft sein ausgearbei- Wahren ist die Falschheit bzw. das Falsche. Dabei
tetes Wesen und seine Rationalität. sind Wahrheit und Falschheit Eigenschaften von Aus-
Beides ist das Thema der folgenden Überlegungen sagen bzw. Aussagezusammenhängen (unter dem
(unter vier Stichworten). Dieses Thema ist im übri- Aspekt ihrer Geltung), nicht von Individuen oder
gen nicht neu. Es tritt im Umkreis von Psychologie Gruppen. Gegensatz des Irrtums ist daher auch
und Pädagogik im Zusammenhang mit dem Begriff strenggenommen nicht die Wahrheit, sondern die
der Fehlleistung bzw. dem Begriff des Lernens aus Wahrheitsfindung. Sich irren und sich nicht irren (die
Fehlern auf [1], in der Wissenschaftstheorie in Form Wahrheit finden) sind Handlungen – hier in Form
des sogenannten Falsifikationismus und der Methode von Behauptungen –, während Wahrheit und Falsch-
von trial and error. Und auch ich werde im folgen- heit, das Wahre und das Falsche, ,Wahrheitswerte‘
den auf einige frühere Überlegungen zurückgreifen von Aussagen sind.
[2], so gleich bei einigen systematischen und histori- Irrtümer haben insofern, lebensweltlichen Erfahrun-
schen Erläuterungen zum Begriff des Irrtums. gen durchaus vertraut, einen pragmatischen, das
Wissen mit dem Handeln verbindenden Charakter.
Das kommt insbesondere auch dadurch zum Aus-
druck, daß sich die Rede vom Irrtum nicht nur auf
Behauptungen, sondern auch auf andere Sprechakte
1. Wahrheit und Irrtum wie Glauben und Beurteilen und darüber hinaus auf
nicht-sprachliche Handlungen, z. B. auf das Einschla-
Was genau ist ein Irrtum? Dazu drei kurze Erläute- gen falscher Wege und das Verwechseln von Hand-
rungen [3]: (1) Wer sich irrt, sucht nicht den Irrtum, schuhen, beziehen läßt. In ihrem pragmatischen Cha-
sondern die Wahrheit. Er ist davon überzeugt, daß er rakter stehen Irrtümer zwischen einer Welt der Wahr-
sie mit seinen Vorstellungen, Behauptungen oder heit oder der Geltungen, die sie hinsichtlich der mit
theoretischen wie praktischen Feststellungen trifft ihnen verbundenen Überzeugung der Wahrheit inten-
bzw. realisiert. Es ist das Festhalten an dieser Intenti- dieren, und einer Welt ohne Wahrheit oder ohne Gel-
on (die Wahrheit wollen) und das Nicht-Zutreffen tung. Das ist durchaus nicht nur erkenntnistheore-
dieser Überzeugung (die Wahrheit sagen), die das, tisch oder wissenschaftstheoretisch, sondern auch an-
was im Namen der Wahrheit zur Geltung gebracht thropologisch gemeint: Der Umgang mit dem Irrtum
wird, zum Irrtum machen. (2) Die Feststellung, daß ist die menschliche Weise des Umgangs mit der
ein Irrtum vorliegt, folgt der Behauptung der Wahr- Wahrheit. Oder noch anders formuliert: Wir irren um
heit, sie läßt sich nicht gleichzeitig mit einem Wahr- der Wahrheit willen.
heitsanspruch treffen. ,Ich irre mich (jetzt)‘ ist ein Die Philosophie, genauer die Erkenntnistheorie, sieht
,unmöglicher‘ Sprechakt. Er würde bedeuten, dassel- das häufig allerdings anders. Sie erkennt im Irrtum
be gleichzeitig zu behaupten, d. h. seine Wahrheit entweder die schwache Natur des Menschen oder ei-
geltend zu machen, und zu negieren, d. h. den Irrtum nen (eher oberflächlichen) Defekt oder ein Moment
an die Stelle der Wahrheit zu setzen. Dies würde der Wahrheit. So sind nach Herder Irrtümer schick-
auch bedeuten, daß eine Überzeugung (von) der salhaft „unsrer Natur (...) unvermeidlich“ [4], was
Wahrheit nicht vorliegt, die unter (1) als konstitutiv der Volksmund auch durch ,irren ist menschlich‘ aus-
für den Begriff des Irrtums bezeichnet wurde: Die zudrücken pflegt. Nach Johann Georg Walchs im 18.
Behauptung einer Aussage a bei gleichzeitigem Wis- Jahrhundert viel benutztem „Philosophischen Lexi-
sen, daß die Aussage a falsch ist, bedeutet nicht Irr- con“ läßt sich Unwissenheit und Irrtum, als gewöhn-
tum, sondern Lüge. liche Defekte aufgefaßt, durch geeignete Reparatur-
In diesem Zusammenhang ist allerdings ein ,Tatsa- anstrengungen beikommen: „Der Unwissenheit hel-
chenirrtum‘ (eine nicht zutreffende Behauptung über fen wir durch Erlernung anderer Wissenschaften;
einen Sachverhalt) von einem sprachlichen Irrtum zu dem Irrthum aber durch die Logic ab“ [5]. Schiller,
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der gegenüber den Hinweisen auf die Natur des Gesichtspunkten geordnetes System, ist – was durch-
Menschen und die Leistungsfähigkeit der Logik die aus auf der Basis unterschiedlicher, also z. B. auch
,Wahrheitsnähe‘ des Irrtums betont, sieht das anders: heliozentrischer Annahmen geschehen konnte. Und
„Jede Fertigkeit der Vernunft, auch im Irrtum, ver- diese Aufgabenstellung (deswegen wurde hier der
mehrt ihre Fertigkeit zu Empfängnis der Wahrheit.“ kosmologische bzw. astronomische Aspekt der Ari-
[6] Irrtum wird hier nicht als Gegensatz der Wahrheit stotelischen Physik gewählt) überdauert selbst noch
bzw. der Wahrheitsfindung, sondern als die andere die ,Absetzung‘ der Aristotelischen Physik, d. h. ihre
Seite der Wahrheit bzw. als Teil der Wahrheitsfin- Erklärung zur Irrtumsgeschichte.
dung verstanden. Die folgenden, nun wieder stärker So ist es das erklärte Ziel der Kopernikanischen
auf die Wissenschaft bezogenen Überlegungen stehen Astronomie, den fundamentalen Grundsätzen des
Schiller näher als Herder und Walch. griechischen astronomischen Forschungsprogramms,
nämlich der Rückführung aller planetarischen Bahn-
bewegungen auf kreisförmige Bewegungen mit kon-
stanter Winkelgeschwindigkeit, das durch die Aristo-
telische Physik auch eine dynamische Begründung
fand, wieder zur Geltung zu verhelfen. Das zentrale
2. Der wissenschaftliche Irrtum Motiv des Kopernikus ist, daß das geozentrische Pto-
lemaiische System durch die Einführung des
Am Anfang der Wissenschaft, damit auch des wis- ,Äquanten‘ (punctum aequans), durch den die Kon-
senschaftlichen Fortschritts, stand – wenn man den stanz der Winkelgeschwindigkeiten auf einen exzen-
üblichen wissenschaftshistorischen Orientierungen trisch gelegenen Punkt, also nicht auf den Kreismit-
folgt und diesen Anfang mit der Geschichte der Na- telpunkt bezogen wird, das für das griechische For-
turphilosophie verbindet – nicht etwa die Wahrheit, schungsprogramm zentrale Gleichförmigkeitspostulat
sondern der Irrtum. Hier handelt es sich zugleich um verletzt. Durch Einführung der Erdbewegung sollen
einen großartigen Irrtum, dessen (ambivalente) Trag- die inhaltlichen Grundsätze dieses Programms wieder
weite sich sogar an der Dauer seiner Geltung als uneingeschränkt zur Geltung gebracht werden. Erst
Wahrheit, nämlich mehr als 2.000 Jahren Irrtumsge- das Keplersche System bricht zum ersten Mal und
schichte, ablesen läßt. Die Rede ist von der Aristote- endgültig in der Formulierung der drei so genannten
lischen Physik, deren kosmologische Elemente kurz Keplerschen Gesetze mit den Grundsätzen des grie-
die folgenden sind: (1) der Aufbau einer Elementen- chischen Astronomieprogramms (weshalb es auch
theorie und einer Theorie natürlicher Örter (der Ele- richtiger ist, von einer ,Keplerschen Wende‘ statt von
mente), die kosmologisch ein geozentrisches System einer ,Kopernikanischen Wende‘ zu sprechen). Mit
zur Konsequenz hat; (2) die Annahme, daß jede anderen Worten: Aus der Sicht der neuzeitlichen Ent-
Orts- und Geschwindigkeitsänderung die Existenz ei- wicklung der Naturwissenschaften setzt sich die Irr-
ner wirkenden Kraft voraussetzt, womit in kosmolo- tumsgeschichte der Aristotelischen Physik bzw. einer
gischen Zusammenhängen die Annahme eines ,unbe- aristotelisch begründeten Ptolemaiischen Astronomie
wegten Bewegers‘ erforderlich wird; (3) die Teilung bis in die beginnende Wahrheitsgeschichte der neu-
des Kosmos in einen sublunaren Teil (,Welt unter zeitlichen Wissenschaft hinein fort. Der (wissen-
dem Mond‘), der in der terrestrischen Physik ,natür- schaftliche) Irrtum wird zum Träger und Förderer der
licher‘ und ,erzwungener‘ Bewegungen erfaßt wird, (wissenschaftlichen) Wahrheit.
und einen supralunaren Teil (,Welt über dem Mond‘) Das Bedeutende an diesem Irrtum, mit dem die Ge-
unveränderlicher Sphärenharmonie, die Gegenstand schichte der Naturwissenschaften beginnt, ist nun
der Astronomie ist; (4) die Annahme undurchdring- nicht einmal so sehr dieser Umstand, auch nicht das
barer fester Äthersphären. erstaunliche Beharrungsvermögen der Aristotelischen
Die Aristotelische Physik hat damit in einem kosmo- Physik, das nicht so sehr auf den Mangel an ausgear-
logischen Rahmen die Unterscheidung zwischen ei- beiteten Alternativen als vielmehr auf die theoreti-
ner ,mathematischen‘ (kinematischen, d. h. kräftefrei- sche Stimmigkeit dieser Physikkonzeption zurückzu-
en) Astronomie und einer ,physikalischen‘ (dynami- führen ist, sondern die Tatsache, daß mit der Aristo-
schen) Astronomie zur Folge. Nach Simplikios [7] telischen Physik alle wesentlichen Prinzipien der wis-
ist es Aufgabe der physikalischen Astronomie, das senschaftlichen Forschung installiert sind und diese
Wesen des Himmels und der Gestirne zu erforschen Forschung selbst einen methodischen Gang angetre-
– wozu die Aristotelische Physik eine konkurrenzlo- ten hat. Sie stellt darin (mit der Mathematik in ihrer
se Voraussetzung bot –, Aufgabe der mathematischen Euklidischen Form) das eigentliche Paradigma wis-
Astronomie, zu beweisen, daß die supralunare Welt senschaftlicher Rationalität dar, das in seiner Metho-
wirklich ein Kosmos, d. h. ein nach geometrischen den- und Theorieorientierung auch durch eine nicht-
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Aristotelische Physik nicht wesentlich, jedenfalls auf diese Weise eine Temperaturerhöhung erzeugt.
nicht im Sinne einer (wissenschaftlichen) ,Revoluti- Da die Wärme demnach stofflicher Natur ist, bleibt
on‘, zurückgenommen wird. Der Nutzen des Aristo- sie bei allen thermischen Prozessen erhalten; solche
telischen Irrtums liegt damit in der Etablierung der Prozesse bedeuten lediglich den Austausch von Wär-
wissenschaftlichen Wahrheit, d. h. einer wahrheits- mestoff, nicht aber dessen Erzeugung oder Vernich-
orientierten und methodisch ausgewiesenen Wissen- tung. Durch diesen Erhaltungssatz wird nahegelegt,
schaftlichkeit. thermische Prozesse als Kreisprozesse aufzufassen;
Der Kopernikanische Anschluß an die Grundsätze ei- die vollständige Analyse eines solchen Prozesses
ner Aristotelischen (geozentrischen) Astronomie sollte aufzeigen, auf welche Weise der thermische
macht darüber hinaus deutlich, daß auch erfolgreiche Ausgangszustand wieder erreicht wird. Und genau
oder sogar als revolutionär angesehene Theorien sel- dies ist der Ansatzpunkt von Carnots Theorie der
ten vollständig korrekt sind; auch sie enthalten viel- Wärmekraftmaschine. Wäre Carnot stattdessen von
mehr häufig irrtümliche Elemente, die erst allmäh- der korrekteren Vorstellung der Wärmezerstreuung
lich, in der weiteren wissenschaftlichen Entwicklung, oder Energiedissipation ausgegangen, hätte er
korrigiert werden. Dabei betrifft der wissenschaftli- schwerlich den Kreisprozeß als Instrument der Ana-
che Irrtum erfolgreicher wissenschaftlicher Theorien lyse herangezogen.
keineswegs nur marginale, sondern durchaus auch Der Carnot-Zyklus sieht im einzelnen vor, daß ein
zentrale Teile einer Theorie (wie im Falle des Koper- Arbeitsmedium in einer ersten Phase erhitzt wird und
nikanischen Systems, das zwar mit dem Geozentris- dabei sein Volumen vergrößert, so daß sich seine
mus der bisherigen Astronomie bricht, aber deren Temperatur nicht ändert (isotherme Expansion). In ei-
Grundsätze beibehält), und dies nun charakteristi- ner zweiten Phase dehnt sich das Arbeitsmedium
scherweise häufig so, daß sich der Irrtum keineswegs ohne weitere Wärmeaufnahme aus (adiabatische Ex-
anhand mißlicher Konsequenzen auch wirklich als pansion); es verrichtet Arbeit und kühlt sich dabei
Irrtum erweist. Im Gegenteil, falsche Prämissen, auch ab. In einer dritten Phase wird das Arbeitsmedium
solche grundlegender Art, können unter Umständen wieder komprimiert, wobei die freigesetzte Wärme
zu zutreffenden und bis heute als gültig angesehenen durch Kühlung abgeführt wird (isotherme Kompres-
Ergebnissen führen. Eine derartige heuristische sion). In der abschließenden vierten Phase wird das
Fruchtbarkeit des Irrtums vermag nicht allein die Arbeitsmedium ohne weitere Wärmeaufnahme oder
Falschheit der zugrundegelegten Voraussetzungen Wärmeabgabe komprimiert (adiabatische Kompressi-
auch über lange Zeiträume hinweg zu verschleiern; on) und dadurch in seinen thermischen Ausgangszu-
wichtiger noch ist, daß eben wegen dieser heuristi- stand zurückversetzt. Die Struktur dieses Kreispro-
schen Fruchtbarkeit eine (schnelle) Beseitigung des zesses ist in wesentlicher Hinsicht durch die Wärme-
Irrtums den Erkenntnisfortschritt im besonderen Falle stofftheorie geprägt, wobei der entscheidende Punkt
eher behindern als fördern könnte. Nicht zuletzt des- in der Analogie zwischen einer Wärmekraftmaschine
wegen spielt der Irrtum in der wissenschaftlichen und einem Wasserkraftwerk liegt. Da Wärme stoffli-
Entwicklung, selbst dort, wo sich diese als Fort- cher Natur ist, folgt die Arbeitsweise einer Wärme-
schrittsgeschichte erweist, eine ambivalente Rolle. Er kraftmaschine dem Vorbild der Leistungserzeugung
kann – gewissermaßen von höherer Warte betrachtet, durch den Fall von Wasser. In der ersten Phase des
als die die Philosophie gerne den absoluten Geist an- Carnot-Prozesses wird Wärmestoff aufgenommen;
zusehen pflegt – ein Teil jener Kraft sein, die das dies entspricht der Sammlung von Wasser in einem
Böse will und das Gute schafft. Dies mögen zwei Becken. In der zweiten Phase läßt man den Wärme-
kurze Beispiele verdeutlichen. stoff von einem hohen Temperaturniveau auf ein
niedriges Temperaturniveau gleichsam hinablaufen,
ebenso wie man Wasser über eine Höhendifferenz
fallen läßt. Die verbleibenden Stufen des Carnot-Pro-
(1) Die Wärmestofftheorie zesses sind dann dem Zurückschaffen des Wassers
und die Wärmekraftmaschine auf die größere Höhe analog.
Der für die Wirksamkeit einer Wärmekraftmaschine
Das allgemeine und in seinen Grundzügen noch entscheidende Prozeß wird durch die zweite Phase,
heute akzeptierte Ablaufschema von Wärmekraftma- also durch das ,Herabströmen‘ von Wärmestoff dar-
schinen wurde 1821 von Carnot entworfen. Hinter- gestellt, und diese Vorstellung ist wesentlich aus der
grund und Grundlage dieses ,Carnot-Zyklus‘ oder Analogie zu fallendem Wasser und damit aus der An-
,Carnotschen Kreisprozesses‘ ist die Wärmestofftheo- nahme der stofflichen Natur der Wärme erwachsen.
rie. Für diese ist die Wärme eine besondere Sub- Tatsächlich ist die Wärme keineswegs stofflicher Na-
stanz, die in die Körper einzudringen vermag und tur, und sie unterliegt auch keinem Erhaltungssatz.
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Dessen ungeachtet hat der fehlerhafte, irrtümliche Universum unabhängigen Raum-Zeit-Struktur ausge-
Ansatz der Wärmestofftheorie zu einer im Prinzip stattet. Gleichwohl spielte, wie deutlich gemacht, das
korrekten Analyse von Wärmekraftmaschinen ge- Machsche Prinzip im Prozeß der Formulierung der
führt. Insbesondere sind die auf diesem Prozeß Allgemeinen Relativitätstheorie eine wesentliche und
fußende Berechnung von Wirkungsgraden und die vermutlich unerläßliche Rolle. Ohne Voraussetzung
Unabhängigkeit des Wirkungsgrads vom eingesetzten dieses Prinzips wäre die Entwicklung der Theorie zu-
Arbeitsmedium bis auf den heutigen Tag als gültig mindest nicht auf dem von Einstein verfolgten Wege
anerkannt. möglich gewesen.
Beide Fallbeispiele zeigen, daß der Irrtum in der
Wissenschaft eine wesentliche, ja fortschrittsfördern-
de Rolle spielen kann. Zudem machen diese Bei-
(2) Die Herleitung spiele deutlich, daß der wissenschaftliche Irrtum
der Allgemeinen Relativitätstheorie. nicht auf Randbereiche beschränkt sein muß, sondern
zentrale Annahmen betreffen kann, die in den ange-
Einsteins Herleitung der Allgemeinen Relativitäts- führten Fällen überdies selbst in wesentlicher Hin-
theorie beruhte auf Prinzipien, die zum Teil erkennt- sicht unzutreffend waren. Gleichwohl stellten diese
nistheoretisch motiviert waren. Eines der hier ein- Irrtümer eine unabdingbare heuristische Grundlage
schlägigen und für die Formulierung der Theorie we- für die betreffenden theoretischen Leistungen dar. Sie
sentlichen Prinzipien ist das von Einstein so ge- waren für die weitere wissenschaftliche Entwicklung
nannte Machsche Prinzip. Nach der Vorstellung nicht etwa abträglich, sondern im Gegenteil nützlich.
Newtons gibt es ein ausgezeichnetes, wahrhaft ruhen-
des Bezugssystem, den ,absoluten Raum‘; Bewegun-
gen gegen den absoluten Raum werden durch das
Auftreten von Trägheitskräften (etwa Fliehkräften)
angezeigt. Durch solche Trägheitskräfte wirkt ent-
3. Die geisteswissenschaftliche Wahrheit
sprechend der Raum auf die Körper ein, während
umgekehrt die Körper den Raum in keiner Weise aus Was über den wissenschaftlichen Irrtum und seine
seiner geruhsamen Existenz der absoluten Bewe- Rolle für wissenschaftliche Entwicklungen gesagt
gungslosigkeit herauszureißen vermögen. Einstein wurde, gilt in erster Linie für die Naturwissenschaf-
hielt eine solche Annahme einer bloß einseitigen ten, aus denen auch die Beispiele stammten, nur be-
Wirkung für widersinnig und ging stattdessen von dingt für die Geistes- und Sozialwissenschaften. Hier
der (von ihm Mach zugeschriebenen) Vorstellung klingt schon die Frage z. B. nach einem geisteswis-
aus, daß die Trägheitskräfte vollständig durch die re- senschaftlichen Irrtum (wenn damit nicht etwa Datie-
lativen Lagen und Bewegungen von Körpern be- rungsprobleme oder Textstrukturen ins Auge gefaßt
stimmt sind. sein sollten) seltsam. Tatsächlich zeichnen sich die
Das Machsche Prinzip stellt dabei nicht nur eines der Geisteswissenschaften, wenn man ihren Diskursen
zentralen Motive für die Entwicklung der Allgemei- über die Zeiten hinweg folgt, gegenüber den Natur-
nen Relativitätstheorie dar, sondern spielt auch im wissenschaften, aber auch Teilen der Sozialwissen-
Prozeß der Formulierung der Theorie eine wichtige schaften, durch eine eigentümliche Unerheblichkeit
Rolle. Gleichwohl stellt sich später heraus, daß die des Unterschieds zwischen Wahrheit und Irrtum aus.
vollentwickelte Theorie das Machsche Prinzip nicht Nicht daß in den Geisteswissenschaften die Wahrheit
erfüllt, d. h., die Theorie läßt Raum-Zeit-Strukturen immer nah und der Irrtum immer fern wären; ge-
als physikalisch möglich zu, in denen Trägheitskräfte meint ist vielmehr, daß die Beurteilung nach wahr
doch wieder aus einer übergreifenden, von den Kör- und falsch in der geisteswissenschaftlichen Arbeit an
pern und ihren Bewegungen unabhängigen Raum- Bedeutung verliert und auch der Streit der Gelehrten
Zeit stammen – wenn diese auch nicht mehr die selten nach Kriterien der Wahrheit und des Irrtums
Newtonsche Form eines absolut unbeweglichen Rau- wirklich entschieden wird.
mes besitzt. Darüber hinaus ist nach dem gegenwärti- Als Beispiel verwende ich an dieser Stelle gerne die
gen empirischen Bestand davon auszugehen, daß in denkwürdige Auseinandersetzung zwischen dem Li-
unserem Universum in der Tat eine derjenigen teraturwissenschaftler Emil Staiger und dem Philoso-
Raum-Zeit-Strukturen realisiert ist, in denen das phen Martin Heidegger um den Mörike-Vers „Was
Machsche Prinzip durchbrochen ist. Das Machsche aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst“ [8] im
Prinzip wäre demnach falsch; nach heutigem theore- Gedicht „Auf eine Lampe“ aus dem Jahre 1846. Es
tischen und empirischen Kenntnisstand ist unser Uni- geht um das Scheinen. In dem Vers „Was aber schön
versum mit einer absoluten, also von den Körpern im ist, selig scheint es in ihm selbst“ wird ,scheint‘ von
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Staiger als ,videtur‘ (,es hat den Anschein‘), nicht als zise unterscheiden ließe. Häufig bestimmen das so-
,lucet‘ (,es leuchtet‘) gelesen [9], von Heidegger als zialwissenschaftliche Erkenntnisinteresse theoretische
,leuchtendes Sichzeigen‘: „Das ,Schön-Sein‘ ist das Großalternativen, so bis vor kurzem noch die Alter-
reine ,Scheinen‘.“ [10] Die Auseinandersetzung ver- native zwischen der marxistischen Gesellschaftstheo-
läßt schnell den engeren literarhistorischen Rahmen rie auf der einen Seite und der von dieser als ,bür-
und greift auf Hegel und andere Theorien des Schö- gerlich‘ bezeichneten, selbst durch weitere theoreti-
nen aus. So geht es um Friedrich Theodor Vischers sche Alternativen charakterisierten Gesellschaftstheo-
Vorstellung vom Schönen [11], auf die Heidegger rie auf der anderen Seite. Der Streit derartiger Alter-
verwiesen hatte – zur Begründung seiner Hegelschen nativen läßt sich offenbar keiner methodisch ent-
Auffassung („Das Schöne bestimmt sich (...) als das scheidbaren Lösung zuführen, weshalb z. B. von
sinnliche Scheinen der Idee“ [12]). Staiger kontert Thomas Kuhn, dessen wissenschaftstheoretische Vor-
mit dem Hinweis auf Mörikes schlechte Hegelkennt- stellungen [17] auch in den Sozialwissenschaften be-
nisse und zeigt sich entgegenkommend: „Es mag achtet werden, behauptet wurde, daß sich die Sozial-
sein, daß der alte Fuchs auch ein wenig an lucet wissenschaften überhaupt noch in einem vor-paradig-
dachte, das ihm, ähnlich wie das ,ihm selbst‘, dialek- matischen Zustand befinden, d. h., entprechend die-
tisch noch näher lag als uns. Aber höchstens ,auch ser Kuhnschen Terminologie, den Status einer ,nor-
ein wenig‘, spielerisch, versuchsweise. Feste Grenzen malen‘ Wissenschaft noch gar nicht erreicht haben.
der Bedeutung gibt es in einer solchen Lyrik kaum; Ein anderer Wissenschaftstheoretiker, Georg Henrik
und das ganze Spectrum des Worts ,scheinen‘, das v. Wright, vertritt demgegenüber die These, daß es in
Grimms Wörterbuch darlegt, mag mehr oder weniger den Sozialwissenschaften prinzipiell gar keine uni-
mitschillern“ [13]. Anschließend – denn so darf eine versellen Paradigmen geben könne und daß dies der
wissenschaftliche Auseinandersetzung natürlich nicht entscheidende Umstand sei, in dem sich die Sozial-
enden – wird die Interpretation von beiden in eine wissenschaften von den Naturwissenschaften unter-
höhere Dimension gehoben. Für Staiger geht es jetzt scheiden: „Was die Marxisten ,bürgerliche Sozialwis-
um einen „wesentlichen Unterschied in der Auffas- senschaft‘ nennen, ist wahrscheinlich mehr von Para-
sung dichterischer und philosophischer Sprache“ digmata geformt, als jemand, der in der traditionellen
[14], für Heidegger um das Wesen des Kunstwerks akkumulativen Auffassung von Wissenschaft als ei-
schlechthin. Heideggers Fazit: „ ,Was aber schön ist, nem konstant wachsenden Komplex von Tatsachen
selig scheint es in ihm selbst‘: Die Schönheit des und Theorien großgeworden ist, zugeben will. Man
Schönen ist das reine Erscheinenlassen der ,ganzen kann daher mit einer gewissen Berechtigung von par-
Form‘ in ihrem Wesen.“ [15] Staiger schließlich allelen Typen von Sozialwissenschaften sprechen
wendet sich gegen Heideggers Unterstellung, er (...). Sie unterscheiden sich weniger in konträren
meine mit ,scheint‘ lediglich ,es sieht so aus, aber ist Auffassungen über Tatsachen als in den Paradigmata,
nicht so‘ und schließt: „Es scheint in sich selber se- die sie für ihre Beschreibungen und Erklärungen ak-
lig zu sein und unser gar nicht zu bedürfen. Es zeptieren. Dieser Unterschied in den Paradigmata
scheint! Vermutlich ist es so. Ganz sicher wissen wir zeigt einen Unterschied in der Ideologie.“ [18]
das nicht. Denn wer sind wir armen Spätlinge, daß Sozialwissenschaftliche Theorie und Empirie haben
wir uns getrauen dürften, klipp und klar herauszusa- es in der Tat mit ideologischen Verhältnissen zu tun
gen, wie es dem Schönen zumute ist?“ [16] – ,ideologisch‘ im schlichten Sinne von ,bestimmt
Wir armen Spätlinge – die Auseinandersetzung, als durch gesellschaftliche Rahmenorientierungen‘. Dar-
wissenschaftliche begonnen, nimmt selbst dichteri- aus folgt aber noch keine Eigenschaft von Theorie-
sche Formen an, das Schöne widersetzt sich dem bildungen. Eben dies aber ist die Behauptung, mit
Dichter und seinen Interpreten. Die Kontroverse en- der man es hier, desgleichen in den bekannten For-
det folglich unentschieden, jeder geht seiner Deu- men des Methoden- und Werturteilsstreits, zu tun
tungswege. Dabei ist aber nicht erst zum Problem ge- hat. Es wird behauptet, daß sich sozialwissenschaftli-
worden, sagen zu können, was wahr ist, sondern che Theoriebildungen gegenüber Befangenheiten
auch schon zu sagen, was falsch ist bzw. was ein in- durch ideologische Verhältnisse, die sie zum Gegen-
terpretatorischer Irrtum ist. Wahrheit und Irrtum stand haben, nicht freihalten können. Ein Streit der
scheinen in unserem Beispiel ebenso entrückt wie Theorien untereinander, von dem sich Popper und
das Schöne. andere im Namen eines empfohlenen Theorienplura-
Nicht wesentlich anders scheint es in den Sozialwis- lismus eine allmähliche Annäherung an die wissen-
senschaften auszusehen, in denen es zwar nicht um schaftliche Wahrheit erwarten, wäre in Wahrheit ein
das Schöne, häufig aber um das Problem eines ein- Streit von Ideologien. Und dieser Streit, so die Be-
heitlichen Erkenntnisinteresses geht, auf dessen Basis hauptung, ist per definitionem methodisch nicht ent-
sich dann auch zwischen Wahrheit und Irrtum prä- scheidbar, allenfalls durch Ideologiekritik in eine
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nächste Runde überführbar – worüber sich der gei- einer umfassenden Naturwissenschaft, befaßt mit na-
steswissenschaftliche Historismus freut. Er hat es turwüchsigen Verhältnissen, möglich ist.
schließlich immer schon gewußt: Ein Erkennen der Dies aber ist ein Irrtum, wie jeder Naturalismus, in-
,geschichtlichen Welt‘ steht unter den Bedingungen sofern dieser alle Art von Geltungsansprüchen allein
seines Gegenstandes und reproduziert insofern nur auf natürliche (positive) Tatsachen zurückzuführen
die historischen Voraussetzungen, die ihm selbst zu- sucht, ein (philosophischer) Irrtum ist. Und doch war
grundeliegen. Wahrheit hätte ihr Recht und Irrtum dieser Irrtum nützlich, da in ihm der Anfang der So-
hätte seinen Schrecken verloren. zialwissenschaften als empirischer Wissenschaften
Immerhin dürfte sowohl anhand des geisteswissen- beschlossen liegt. Wie der Nutzen des Aristotelischen
schaftlichen als auch anhand des sozialwissenschaftli- Irrtums in der Etablierung der wissenschaftlichen
chen Beispiels deutlich geworden sein, daß jene zu- Wahrheit liegt, d. h. in einer wahrheitsorientierten
vor für die Geisteswissenschaften konstatierte Uner- und methodisch ausgewiesenen Wissenschaftlichkeit,
heblichkeit des Unterschieds zwischen Wahrheit und so der Nutzen des Comteschen Irrtums in der Eta-
Irrtum die wissenschaftliche Arbeit weniger zu be- blierung der empirischen Wahrheit im modernen
hindern als vielmehr zu fördern scheint, da mit dieser Sinne empirischer Sozialwissenschaften. Auch hier
Unerheblichkeit auch methodische Einschränkungen spielt wieder der Irrtum, der in diesem Falle in Form
keinen rechten Sinn mehr machen, zumindest jeder- des Naturalismus ein philosophischer Irrtum ist, eine
zeit – zu Gunsten eines anderen ,Paradigmas‘ – über- konstitutive Rolle für die Begründung der Wahrheit,
schritten werden können. Auch in diesem wissen- zumindest eines wissenschaftlichen Forschungspro-
schaftssystematischen Zusammenhang ist also der Irr- gramms, dem die empirischen Sozialwissenschaften
tum, der sich in der Regel nur nicht als solcher zu er- ihre (erfolgreiche) Existenz verdanken. Daß man dies
kennen gibt, nützlich. unter den Gesichtspunkten von Wahrheit und Irrtum
Allerdings steht am Anfang der sozialwissenschaftli- auch anders sehen kann, hat zuvor der Hinweis auf
chen Entwicklung, die hier zu recht oder auch nicht Kuhns und v. Wrights Beurteilung der Sozialwissen-
als ideologienah beurteilt wird, ein Irrtum ganz ande- schaften als vor-paradigmatisch bzw. ideologisch
rer (und wiederum nützlicher) Art. Dieser Irrtum be- deutlich gemacht. Offenbar ist die Wahrheit der So-
ruht in Auguste Comtes Programm einer ,positiven‘ zialwissenschaften, die sich einem Irrtum verdankt,
Philosophie bzw. einer Verwissenschaftlichung der doch noch nicht so festgefügt, daß sie sich in jeder
Philosophie, indem diese ,positiv‘ wird, d. h. (1) ihr Hinsicht vom (wissenschaftlichen) Irrtum unterschei-
Fundament in dem, was faktisch gegeben ist, den po- den ließe.
sitiven Tatsachen, sucht, und (2) jede Form von Me-
taphysik ablehnt, zu der hier auch der Rekurs auf Ur-
sachen und Zwecke gehört. Die Sozialwissenschaften
haben sich dieser Konzeption nach auf die Feststel- 4. Zur Wissenschaftstheorie des Irrtums
lung von Verbindungen zwischen (sozialen) Phäno-
menen zu beschränken, wobei diese Verbindungen in Wo in der Wissenschaft die Grenzen zwischen Wahr-
Form von Gesetzen zu formulieren sind. In einer un- heit und Irrtum fließend werden, wo sich Wissen-
ter entwicklungsgesetzlichen Gesichtspunkten gese- schaft nicht mehr allein über die wissenschaftliche
henen Geschichte ,positiven‘ Wissens, in der jede Wahrheit definiert, sondern auch über die (zumindest
Stufe die Realisierung der jeweils vorangegangenen heuristische) Fruchtbarkeit des Irrtums (wie anhand
Stufe voraussetzt, tritt in Comtes ,positiver‘ Philoso- des Aristotelischen und des Comteschen Irrtums und
phie die Soziologie nach Astronomie, Physik, Che- in den beiden physikalischen Beispielen dargelegt),
mie und Biologie als letzte der ,positiven‘ Diszipli- darf auch die Wissenschaftstheorie nicht fehlen. Tat-
nen ihren Gang an. Ihre Geschichte liegt damit in sächlich gibt es in der neueren Wissenschaftstheorie
der Naturgeschichte der Wissenschaften selbst be- die Tendenz, Wissenschaft und wissenschaftlichen
schlossen; sie ist ,soziale Naturwissenschaft‘, orien- Fortschritt nicht so sehr über den Begriff der Wahr-
tiert an einem methodologischen Monismus, den sie heit als vielmehr über den Begriff des Irrtums, zu-
mit allen empirischen Wissenschaften teilt, und den mindest über den Begriff der Falsifizierbarkeit, also
methodologischen Standards der Naturwissenschaf- der Widerlegbarkeit einer wissenschaftlichen Aussa-
ten. Die Basis der Comteschen Konzeption der So- ge, zu definieren. Den Anfang bildet der französische
ziologie bzw. der Sozialwissenschaften bildet inso- Physiker und Wissenschaftstheoretiker Pierre Duhem
fern auch eine naturalistische These, wonach der mit der (heute als Duhem-Quine-These bezeichneten)
Mensch und seine Geschichte Teil der Natur und de- Vorstellung, daß sich Theorien über die (experimen-
ren Geschichte sind, und daher auch die Soziologie telle) Falsifikation einzelner ihrer Sätze und Hypothe-
bzw. jede Form von Sozialwissenschaft nur als Teil sen nicht falsifizieren lassen [19].
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Im einzelnen lauten Duhems Thesen: (1) Es gibt Sätze, zumal allgemeine Sätze wie die wissenschaftli-
keine vollständige Kette logischer (theoretischer) chen Gesetze, relativ zu einer empirischen Basis nur
bzw. empirischer Gründe für eine Theorie. Ein empi- widerlegt (falsifiziert), nicht aber verifiziert werden
risches Datum kann vielmehr stets durch unterschied- können. Damit wird wegen der logischen Unmög-
liche theoretische Aussagen erklärt werden; es ist lichkeit von Induktionsschlüssen in empirischen Wis-
selbst immer schon theoretisch bestimmt. Daher ist senschaften und der genannten (daraus folgenden)
auch keine Hypothese formulierbar, deren experimen- Asymmetrie von Verifikation und Falsifikation die
telle Kontrolle zwischen konkurrierenden Theorien Falsifizierbarkeit eines Satzes zum Abgrenzungskrite-
entscheiden könnte (Unmöglichkeit eines experimen- rium für wissenschaftliche Rationalität. Aus einer Be-
tum crucis). (2) Die Entscheidung für eine Theorie gründungsrationalität wird eine Bewährungsrationali-
ist stets eine Entscheidung für ein System von Sät- tät. Der Grad der Bewährung einer Theorie hängt
zen, nicht für einzelne Sätze. Daher können Theorien wiederum nicht so sehr von der Anzahl bewährter
auch nicht in dem Sinne scheitern, daß ihre Sätze ex- Fälle, als vielmehr von ihrem Falsifikationsgrad ab.
perimentell widerlegt worden wären. (3) Innertheore- Der Falsifikationsgrad ist durch den empirischen Ge-
tische Gründe sind keine hinreichenden Gründe, um halt dieser Theorie, also durch die Klasse der Basis-
eine Theorie zu akzeptieren oder abzulehnen. Ent- sätze, die mit ihr logisch unverträglich sind, be-
scheidungen für oder gegen eine Theorie fallen viel- stimmt. Gegenüber Duhem und Kuhn hält Popper al-
mehr auf dem Hintergrund historischer Entwicklun- lerdings am Begriff des Theorienfortschritts und der
gen, die selbst Entscheidungen über wissenschaftli- Wahrheit bzw. der Wahrheitsähnlichkeit fest. Wissen-
che Rationalitätsstandards einschließen. schaft ohne Wahrheit ist auch für Popper ein unmög-
Damit ist auch der Übergang von einer Theorie T1 licher, d. h. nicht nachvollziehbarer, Gedanke.
zu einer Nachfolgertheorie T2, die T1 nicht erweitert, Mit anderen Worten und pointiert formuliert: In der
sondern ersetzt, relativiert; er muß nicht als der Wissenschaftstheorie Poppers wird der (wissen-
Schritt vom Irrtum zur Wahrheit, die sich später ge- schaftliche) Irrtum methodisiert; er erweist sich selbst
genüber einer weiteren Theorie T3 wiederum als Irr- als ein wesentliches Moment des wissenschaftlichen
tum herausstellen könnte, gedeutet werden. Auch die Fortschritts. Es ist der (erwiesene) Irrtum, der weiter-
Aristotelische Physik wäre nicht einfach ein (lang an- bringt, nicht die Wahrheit im Sinne älterer Begrün-
dauernder) wissenschaftlicher Irrtum, den die Theo- dungsprogramme, die nach Popper – ob zu recht,
rieentwicklung in der Physik endlich korrigiert hätte, mag hier dahingestellt bleiben – in der Regel durch
sondern ein anderes Paradigma physikalischer For- Immunisierungsstrategien, z. B. die Bewahrung vor
schung mit anderen Maßstäben, anderen Theorievor- Widerlegung durch die Formulierung von ad-hoc-Hy-
stellungen und anderen Zielen. Eben dies ist auch pothesen, nicht wirklich durch Begründungen gesi-
der Ansatzpunkt von Kuhns einflußreichem Paradig- chert wird. Insofern wäre zwar Wahrheit das eigentli-
menkonzept wissenschaftlicher Rationalität [20], das che Ziel der Wissenschaft, der Irrtum aber der Motor
selbst einen wissenschaftstheoretischen Historismus wissenschaftlicher Entwicklungen. Als erreichte
nahelegt: Wissenschaftliche Theorien folgen (oft) un- Wahrheit würde Wahrheit gerade Stillstand, nicht Be-
terschiedlichen Paradigmen, ihre Geltungsansprüche wegung bedeuten, und Bewegung, die Suche nach
lassen sich nur auf der Basis faktischer wissenschaft- dem Neuen, das Nicht-Stillstehen bei dem schon Er-
licher Entwicklungen beurteilen, wobei diese Ent- reichten – darin wird man Popper aus allen Ecken
wicklungen selbst ,Rationalitätsbrüche‘, d. h. einen der Wissenschaft beipflichten können – ist das ei-
Wechsel in den (wissenschaftlichen) Rationalitäts- gentliche Herz der Wissenschaft, ihre Stärke und ihre
standards, einschließen. Zukunft.
Eine derartige Auffassung führt zu Poppers Logik
der Forschung zurück, weist bei diesem aber in eine
andere, ungleich methodischer gefaßte Richtung.
Popper wendet sich gegen klassische Begründungs-
programme innerhalb der Wissenschaftstheorie (hier
Schlußbemerkung
im wesentlichen durch den Logischen Empirismus
vertreten) und ersetzt im Rahmen einer Behandlung „Wahrheit ist die Art von Irrthum, ohne welche eine
des so genannten Induktionsproblems und des so ge- bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben
nannten Abgrenzungsproblems den Begriff der Be- könnte“, notiert Nietzsche in seinen nachgelassenen
gründung (wissenschaftlicher Theorien) durch den Fragmenten. [21] So weit müssen wir hier nicht ge-
Begriff der Bewährung. Die dabei von Popper be- hen. Für den wissenschaftlichen Irrtum bedarf es kei-
tonte Asymmetrie von Verifikation und Falsifikation ner tiefsinnigen anthropologischen Begründung; es
besteht in dem Umstand, daß wissenschaftliche genügt eine erkenntnistheoretische und eine wissen-
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schaftstheoretische, ferner die schon zu Beginn for- 3. Vgl. zum Folgenden den Artikel Irrtum. In: Mittelstraß J. (ed.),
mulierte Feststellung, daß der Irrtum erst in der Wis- Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie II, Mann-
heim/Wien/Zürich 1984, 298–299
senschaft sein ausgearbeitetes Wesen und seine er- 4. Herder J.G.: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Mensch-
kenntnisfördernde Rationalität gewinnt. Daß der heit [1784–1791] IX, Sämtliche Werke, I–XXXIII, ed. B. Suphan
Mensch ein irrendes Wesen ist und die Wahrheit dem u.a., Berlin 1877–1913, XIII, 359
Irrtum näher steht, als jeder Wissenschaft und Philo- 5. Walch J.G.: Philosophisches Lexicon, worinnen die in allen
Theilen der Philosophie vorkommende Materien und Kunstwör-
sophie lieb sein möchte, ist selbst eine Wahrheit, de- ter erkläret, aus der Historie erläutert, die Streitigkeiten der ältern
ren Geltung sich nicht erst im Leben, und dort wo- und neuern Philosophen erzehlet, beurtheilet, und die dahin ge-
möglich (nach Nietzsche) als dessen tiefere Wahrheit, hörigen Schriften angeführet werden (...), Leipzig 41775, 2089
sondern schon in der Wissenschaft, als deren rationa- 6. Schiller F.: Philosophische Briefe [1786/1787], Sämtliche Werke,
les Wesen, zum Ausdruck bringt. Hier, in der Wis- I–V, ed. G. Fricke/H.G. Göpfert, München 1958–1959, V, 357
(Theosophie des Julius)
senschaft, bewahrt der alltägliche, methodisch be- 7. In Aristotelis physica commentaria, I–II, Diels H. (ed.), Berlin
herrschte und dem Wissenschaftler so vertraute Irr- 1882/1895 (Commentaria in Aristotelem Graeca IX/X), II, 290 f
tum vor dem eigentlichen Notfall des Irrtums, näm- 8. Mörike E.: Auf eine Lampe [1846], Sämtliche Werke, ed. H.G.
lich dem außergewöhnlichen, methodisch nicht mehr Göpfert, München 51976, 85. Eine ausführlichere Darstellung
dieser Auseinandersetzung unter dem hier einschlägigen Ge-
beherrschten und meist der Philosophie (auch im Ge- sichtspunkt einer Unerheblichkeit der Unterscheidung zwischen
wande der Wissenschaft) angekreideten Irrtum der Wahrheit und Irrtum in der in Anm. 2 angeführten Arbeit: J.
Wahrheit. Gemeint ist die Vorstellung, daß man sich Mittelstraß, Die Wahrheit des Irrtums. Über das schwierige Ver-
nicht mehr irren könne, daß die Wahrheit absolut hältnis der Geisteswissenschaften zur Wahrheit und über ihren ei-
und die eigene Einsichtsfähigkeit in die Wahrheit un- gentümlichen Umgang mit dem Irrtum, Konstanz 1989
9. Staiger E.: Ein Briefwechsel mit Martin Heidegger. In: ders., Die
endlich sei. In diesem Falle setzt sich ein dogmati- Kunst der Interpretation. Studien zur deutschen Literatur-
scher Wille an die Stelle des Willens zur Wahrheit, geschichte, Zürich 41963, 35
der im Irrtum sein unabdingbares Korrektiv und dar- 10. In: Staiger E. a. a. O., 36
in die eigentlich menschliche Weise des Umgangs 11. Vischer F.Th.: Ästhetik oder die Wissenschaft vom Schönen.
Zum Gebrauche für Vorlesungen, I–III, Reutlingen/Leipzig
mit der Wahrheit erkennt. Ein dogmatischer Wille 1846–1857, I–VI, München 21922–1923. Hier vor allem § 13
aber führt in der Wissenschaft – wie in der Philoso- des ersten Teils (Die Metaphysik des Schönen), I (1846), 53 f.
phie, wo er ursprünglich zu Hause ist – vom Nutzen bzw. I (21922), 51 f
des Irrtums geradewegs in die Nutzlosigkeit der 12. Hegel G.W.F.: Vorlesungen über die Ästhetik [1835], 1. Teil I 3
Wahrheit. Und dies wäre nicht die Vollendung der (Die Idee des Schönen), Werke in zwanzig Bänden, ed. E. Mol-
denhauer/K.M. Michel, Frankfurt 1969–1979, XIII, 151. M. Hei-
Wissenschaft, sondern ganz schlicht und unphiloso- degger, a. a. O., 36
phisch ihr Ende. 13. A.a.O., 39
14. A.a.O., 40
15. A.a.O., 46
Martin Carrier (Heidelberg) danke ich für seinen sachkundigen wis- 16. A.a.O., 48
senschaftshistorischen Rat. Öffentlicher Vortrag auf dem XVII. Deut- 17. Kuhn Th.S.: The Structure of Scientific Revolutions, Chicago
schen Kongreß für Philosophie 1996 am 26. September 1996 in Leip- 1962, 21970 (dt. Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen,
zig. Frankfurt 1967, 21976 [mit Postskriptum von 1969])
18. Wright G.H. v.: Explanation and Understanding, London/Ithaca
N.Y. 1971, 203 (dt. Erklären und Verstehen, Frankfurt 1974,
1. Vgl. Lehner H.: Erkenntnis durch Irrtum als Lehrmethode, Bo- 177)
chum 1979 19. Duhem P.: La théorie physique, son objet et sa structure, Paris
2. Mittelstraß J.: Die Wahrheit des Irrtums. In: Czeschlik D. (ed.), 1906, 21914 (dt. Ziel und Struktur der physikalischen Theorien,
Irrtümer in der Wissenschaft, Berlin/Heidelberg/New York 1987, Leipzig 1908, Neudruck, ed. L. Schäfer, Hamburg 1978)
48–69, weiter ausgearbeitet unter dem Titel: Die Wahrheit des 20. Vgl. Anm. 17
Irrtums. Über das schwierige Verhältnis der Geisteswissenschaf- 21. Nachgelassene Fragmente April–Juni 1885, Werke. Kritische Ge-
ten zur Wahrheit und über ihren eigentümlichen Umgang mit samtausgabe VII/3, ed. G. Colli/M. Montinari, Berlin/New York
dem Irrtum, Konstanz 1989 (Konstanzer Universitätsreden 173) 1974, 226

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