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SCHWERPUNKTTHEMA

Allgemeine Systemtheorie als nach wie vor nolens volens den unumschränk-
ten Primat der Disziplinen zu bestätigen schei-
transdisziplinäre Integrations- nen. An diesem Primat will ich rütteln.
methode Zunächst werde ich (1) zeigen, dass die
disziplinäre Einteilung des Wissens eine sehr
von Günter Ropohl, Karlsruhe problematische Ontologie zur Grundlage hat,
dass aber andererseits Transdisziplinen ein
Zum Andenken an
mindestens ebenso legitimes Erkenntnispro-
Herbert Stachowiak (1921-2004)
gramm verfolgen. Aus den eklatanten Unter-
In wissenschaftsphilosophischen und wis- schieden in der Definition der Probleme werde
senschaftspolitischen Debatten ist bislang ich die These folgern, dass Transdisziplinen ein
vernachlässigt worden, dass Transdisziplin- eigenständiges Paradigma besitzen, ein Para-
Wissenschaften einem völlig anderen Para- digma, das sich von dem der Disziplinen
digma unterliegen als die Disziplin-Wis- grundlegend unterscheidet.
senschaften. Das betrifft gleichermaßen die Erst diese fundamentale Paradigmenkon-
Definition der Probleme, die Sprache und
kurrenz macht es (2) verständlich, dass Trans-
Begrifflichkeit, die Denkmodelle, die Metho-
den und die Qualitätskriterien. Da die Prob- disziplinen auch andere, nämlich synthetisch-
leme in einer transdisziplinären Wissen- integrative Methoden benötigen. Als beispiel-
schaft nicht analytisch, sondern synthe- hafte Grundlage synthetischer Methoden werde
tisch verstanden werden, sind dementspre- ich die Allgemeine Systemtheorie skizzieren,
chend statt der sonst üblichen analytischen die von Anbeginn als gegendisziplinärer Ansatz
Methoden vor allem synthetische Methoden konzipiert wurde, aber bis heute mancherlei
angezeigt. Die Modellmethoden der Allge- Missverständnissen und Fehldeutungen ausge-
meinen Systemtheorie sind hervorragende setzt ist. Dabei werde ich einen knappen Über-
Ansätze zur synthetischen Bewältigung der blick über wichtige Systemmethoden geben.
komplexen Probleme in Weltverständnis
Schließlich werde ich (3) in einem syste-
und Weltgestaltung. Letztlich findet Trans-
disziplinarität ihren theoretischen Ort in matischen Überblick zeigen, dass sich Transdis-
einer synthetischen Philosophie. ziplinen auch in den weiteren Merkmalen eines
Paradigmas von den Disziplinen deutlich unter-
1 Einleitung scheiden. So ist die Frage aufzuwerfen, wie sich
diese andere, transdisziplinäre Art von Wissen-
Es ist merkwürdig: Die wissenschaftlichen schaft von den Disziplinen zu emanzipieren
Fachdisziplinen forschen am Leben vorbei, vermag und wie sie sich ihres eigenen theoreti-
doch wer eine alternative Orientierung im Um- schen Ortes bewusst wird: nicht „zwischen“
gang mit dem Wissen ins Auge fasst, sieht sich oder „über“ den Disziplinen, sondern jenseits
genötigt, doch immer auf diese Disziplinen des disziplinären Paradigmas, in einem kogniti-
Bezug zu nehmen, wenn auch in negativer ven Unternehmen nämlich, das seit alters wohl-
Form. Als wären die Disziplinen der archime- bekannt und, angereichert um methodische In-
dische Punkt aller Wissensorganisation, und novationen, heute so dringlich ist wie kaum
nicht etwa ein historisch kontingentes Zufalls- zuvor: eine Philosophie „nach dem Weltbeg-
produkt der abendländischen Geistesgeschich- riff“, wie I. Kant sie genannt hat, oder, wie ich
te! Als wären alle Wissensbemühungen, die sie lieber nenne, eine synthetische Philosophie.
nicht dem Forschungsideal der Disziplinen
folgen, dilettantische Abweichlereien, die im
2 Disziplinen und Transdisziplinen
Elfenbeinturm der hehren und reinen Wissen-
schaft nichts zu suchen haben! Disziplinen und Transdisziplinen sind verschie-
Anders wäre es kaum zu verstehen, dass dene Wege, um Schneisen in den Urwald mög-
sich alternative Wissenschaftsprogramme nicht lichen Wissens zu schlagen. Man kann die Bil-
selbstbewusst einen eigenständigen Namen dung der Disziplinen grosso modo mit einer
geben, sondern mit Ausdrücken wie „Interdis- Unterscheidung rekonstruieren, die aus der
ziplin“, „Multidisziplin“, „Supradisziplin“ oder scholastischen Wissenschaftslehre stammt, der
„Transdisziplin“ – das Wort, dass ich mit Mit- Unterscheidung zwischen Materialobjekt und
telstraß (1998) inzwischen bevorzuge – doch

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Formalobjekt. Das Materialobjekt ist der „ganze und jede dieser Regionen in eine Menge von
konkrete Gegenstand, auf den sich die Wissen- einander unabhängiger Schichten einteilt. Die
schaft richtet“, das Formalobjekt dagegen die disziplinäre Organisation der Wissenschaft, die
„besondere Rücksicht, unter der sie dieses Gan- den meisten Wissenschaftlern als unanfechtba-
ze betrachtet“ (Brugger 1953, S. 385; Kosiol, re Selbstverständlichkeit erscheint, beruht also
Szyperski, Chmielewicz 1965). allein auf einem Modell, und diese Einsicht
Tatsächlich haben sich die Wissenschaften wirft die Frage auf, ob es nicht auch Alternati-
zunächst nach ihrem Materialobjekt gegliedert, ven zu diesem Modell geben könnte, in denen
nach den Erfahrungsbereichen „Natur“, das Wissen ganz anders strukturiert wäre. Das
„Geist“; „Mensch“, „Gesellschaft“ usw. Im ist alles andere als eine hypothetische Frage,
weiteren Verlauf haben sich dann die Wissen- denn die konventionelle Wissensstruktur der
schaftsgruppen nach dem Formalobjekt in Dis- Disziplinen leidet unter beträchtlichen Defizi-
ziplinen differenziert. Die Identität einer wis- ten, die spätestens dann offensichtlich werden,
senschaftlichen Disziplin definiert sich insbe- wenn das Wissen verwendet werden soll.
sondere durch ihr Formalobjekt, etwa durch In der Wissenschaftslehre und in den Dis-
den chemischen Aspekt der Natur („Chemie“), ziplinen gilt das Augenmerk vornehmlich den
den psychischen Aspekt des Menschen („Psy- wissenschaftlichen Aussagensystemen und ihrer
chologie“) oder den rechtlichen Aspekt der theoretischen Begründung, also dem, was in der
Gesellschaft („Jurisprudenz“). Mitte von Abbildung 2 eingetragen ist. Tatsäch-
Hinter dieser Aufteilung des Wissens auf lich aber fallen die Erkenntnisse natürlich nicht
getrennte Erfahrungsbereiche und Erkenntnis- vom Himmel. Darum gehört die Entstehung
aspekte, die in Abbildung 1 durch die waage- wissenschaftlicher Aussagen zu den metawis-
rechten Balken symbolisiert wird, steht implizit senschaftlichen Problemen, die in einer elabo-
ein ganz bestimmtes Modell der Welt, eine rierten Heuristik zu behandeln wären. Vor Al-
Ontologie nämlich, welche die Wirklichkeit als lem aber werden wissenschaftliche Erkenntnis-
eine Menge abgegrenzter Regionen auffasst se, im Gegensatz zum Selbstverständnis man-

Abb. 1: Zur Definition von Disziplinen und Transdisziplinen

Transdisziplinen
pragmatische Situationsmodelle

Person Arbeit Gesundheit Umwelt


Natur
Ontologische Bereichs- und Schichtenmodelle
Disziplinen

Geist
Gesell-
schaft

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Abb. 2: Metawissenschaftliche Probleme

Theorie des Theorie des Theorie des


Entdeckungs- Begründungs- Verwendungs-
zusammenhangs zusammenhangs
zusammenhangs
WISSENSCHAFTS- PRAXEOLOGIE,
HEURISTIK
THEORIE DIDAKTIK u. a.

Entstehung Verwendung
Wissenschaftliches
wissenschaftlicher wissenschaftlicher
Aussagensystem
Aussagen Aussagen

cher Wissenschaftler, im Regelfall nicht um ben, mit anderen Worten, ein ganz anderes
ihrer selbst willen erzeugt, sondern um in Selbstverständnis.
menschlicher Praxis angewandt zu werden. So Thomas S. Kuhn (1976, bes. S. 186 ff.) hat
erweist sich die Verwendung wissenschaftlicher das Selbstverständnis einer Wissenschaft ihr
Aussagen als ein drittes metawissenschaftliches Paradigma genannt und zählt dazu:
Problem, ein Problem allerdings, mit dem die
• die Definition der Probleme,
Disziplinwissenschaften die Menschen meist
allein lassen. • die Sprache und Begrifflichkeit,
Dann nämlich stehen die Menschen in kon- • die Denkmodelle,
kreten Situationen, die sie verstehen oder gestal- • die Methoden,
ten wollen. Diese Situationen, beispielsweise die • die Qualitätskriterien.
personale Lebensform, die Arbeit, die Gesund- Schon in der „Definition der Probleme“, dem
heit, die Umwelt, die Technik usw., übergreifen, ersten Merkmal des Paradigmas, unterscheidet
wie in Abb. 1 mit den senkrechten Säulen ver- sich mithin eine Transdisziplin grundlegend
deutlicht, mehrere Bereiche und Schichten. Die von einer Disziplin. Solche gravierenden Un-
Welt der komplexen Lebensprobleme, insbe- terschiede sind auch bei weiteren Merkmalen
sondere natürlich auch der Technikfolgen- des Paradigmas festzustellen; darauf werde ich
Analyse und -Bewertung, richtet sich nicht nach noch zurückkommen.
der Einteilung der herkömmlichen Disziplinen. Wichtig scheint im vorliegenden Zusam-
Dafür braucht man pragmatische Situationsmo- menhang zunächst, dass Transdisziplinen typi-
delle, und diese erfordern eine völlig andere scherweise ganz andere Methoden einsetzen,
Ordnung des Wissens, die jenseits der Diszipli- wenn sie Wissen, das bisher in den Disziplinen
nen sich aufspannt. Pragmatische Situationsmo- gewonnen wurde, und situationsspezifisches
delle definieren die Transdisziplinen. Transdis- Wissen für ihre Situationsmodelle reorganisie-
ziplinen grenzen ihre Fragestellungen also in ren müssen. So rechtfertigt sich das Thema
ganz anderer Weise ab als Disziplinen, sie ha-

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dieses Schwerpunkts theoretisch gerade da- Outputs zu prüfen. Dieses Konzept beschreibt
durch, dass den Transdisziplinen ein andersar- das Systemverhalten und bietet eine Heuristik
tiges Paradigma zu Grunde liegt, das eben auch zur Ermittlung aller denkbaren Bedingungen
andere Methoden erheischt als das Paradigma und Folgen.
der Disziplinen. Wie aber können integrative
Methoden der Wissensorganisation und Wis- Abb. 3: Konzepte der Systemtheorie
senssynthese aussehen?
Inputs

3 Allgemeine Systemtheorie

Umgebung
Zustände
Wenn ich die Allgemeine Systemtheorie als
Methode der Wissenssynthese betrachte, muss System
ich zunächst klar stellen, dass sie keine „Theo- Outputs
rie“ im Sinne der Disziplinen darstellt. Darum
meine ich auch nicht die so genannte „System- FUNKTIONALES KONZEPT
theorie“ von N. Luhmann (z. B. 1986), die sich
bei genauerer Betrachtung als eine höchst vo- Element

Umgebung
raussetzungsreiche, systemsprachlich garnierte,
substanzielle Gesellschaftstheorie erweist. Die
Relation
Allgemeine Systemtheorie ist, anders als sub- System
stanzielle Theorien über bestimmte Erfahrungs-
bereiche, eine operative Theorie über die Art STRUKTURALES KONZEPT
und Weise, wie man Modelle von beliebigen
Erfahrungsbereichen konstruiert; diese Unter- Supersystem

scheidung zwischen substanziellen und operati-


ven Theorien geht auf M. Bunge (1967 I, S.
502 ff.; vgl. Lenk 1978, S. 246) zurück. Anders System
Subsystem

ausgedrückt, ist die Allgemeine Systemtheorie


eine Modelltheorie, die Axiome, Ableitungen HIERARCHISCHES KONZEPT
und Regeln für die korrekte Bildung von Model-
len umfasst (Stachowiak 1973). Sie leitet dazu
an, Bilder komplexer Phänomene in endlich Das strukturale Konzept modelliert die Ganzheit
vielen, intersubjektiv überprüfbaren, methodi- als eine Menge miteinander verknüpfter Teile
schen Schritten anzufertigen (Ropohl 2002). und unterstellt, gemäß dem bekannten holisti-
Der allgemeine Systembegriff umfasst schen Gesetz, dass die Eigenschaften der Ganz-
drei Modellkonzepte, die – wie ich an anderer heit nicht allein aus den Eigenschaften einzelner
Stelle gezeigt habe (Ropohl 1999, S. 312-322) Teile, sondern nur aus der besonderen Art des
– formal aus ein und demselben mathemati- Zusammenwirkens der Teile erklärt werden
schen Begriff des Relationengebildes abgeleitet können. Dieses Konzept steht also im Gegensatz
werden können (vgl. Abb. 3). Diese drei Kon- zu jener Erkenntnisposition, die gelegentlich als
zepte haben methodologische Implikationen, „methodischer Individualismus“ bezeichnet
die in den Disziplinwissenschaften alles andere wird, aber es hebt sich auch von irrationalen
als selbstverständlich wären, aber für die Syn- Auffassungen ab, die einer geheimnisvollen
theseleistungen der Transdisziplinen unver- „Totalität“ unerklärbare Sonderqualitäten zubil-
zichtbar sind. ligen wollen. Das strukturale Konzept bietet eine
Das funktionale Konzept empfiehlt, für ei- Heuristik für die Ermittlung aller Teile und Ver-
ne als System modellierte Ganzheit nach Mög- knüpfungen des Systemaufbaus, aus denen das
lichkeit alle internen Zustände und alle Ver- Systemverhalten zu erklären ist.
knüpfungen (Inputs und Outputs) zu identifi- Das hierarchische Konzept schließlich
zieren, die zwischen dem System und seiner postuliert, dass jede Ganzheit nicht nur, wie im
Umgebung bestehen, sowie alle denkbaren strukturalen Konzept, aus Teilen besteht, son-
Beziehungen zwischen Inputs, Zuständen und dern darüber hinaus auch wieder als Teil einer

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umfassenderen Ganzheit verstanden werden retische Charakter bei der Methode der Modell-
muss. In diesem Konzept kommt also ein simulation, für die ich als Beispiel das Wachs-
Grundsatz des Systemdenkens zum Ausdruck, tumsmodell von Forrester und Meadows nennen
den ich als Prinzip des ausgeschlossenen Re- kann (Forrester 1971; Meadows et al. 1972).
duktionismus bezeichne. Rund hundert Variablen und Parameter sind hier
Die Bedeutung der Allgemeinen System- vielfältig miteinander verknüpft und werden in
theorie besteht darin, eine einheitliche formale Berechnungsexperimenten mit Computerhilfe
Sprache für die geordnete Beschreibung ver- auf ihre wahrscheinlichen Entwicklungstenden-
schiedenartiger Erfahrungsbereiche anzubieten zen hin untersucht. Die methodologischen Prob-
und auf diese Weise deren Ähnlichkeiten, Über- leme, die eine solche Computer-Simulation
schneidungen und Verknüpfungen aufzudecken aufwirft, sind natürlich bekannt, können jedoch
und zu präzisieren. Dabei verfolgt sie die Er- an dieser Stelle nicht näher besprochen werden.
kenntnisstrategie, Komplexität nicht auf Ele- Im letzten Teil will ich stattdessen auf die
mentares zu reduzieren, sondern in ihrer Viel- Frage zurückkommen, wo denn der theoreti-
gestaltigkeit und Verflechtungsdichte theore- sche und der institutionelle Ort transdisziplinä-
tisch zu bewältigen. Das Systemdenken präfe- rer Wissenssynthesen zu suchen wäre.
riert die Systematisierung gegenüber der Ele-
mentarisierung, holistische Modelle gegenüber 4 Synthetische Philosophie
atomistischen Modellen, die Mehrdimensiona-
lität gegenüber der Eindimensionalität, die Wie angekündigt, komme ich auf die Besonder-
Integration gegenüber der Differenzierung, die heiten des transdisziplinären Paradigmas zurück
Synthese gegenüber der Analyse. Somit genügt und will nun einige Hinweise darauf geben, in
sie den Bedingungen, die das transdisziplinäre welcher Art von Erkenntnisunternehmen sie sich
Paradigma kennzeichnen. am ehesten verwirklichen ließen. Diese Frage ist
Diese methodologischen Grundsätze meines Wissens bislang nie präzise gestellt wor-
kommen auch in konkreten Methoden zum den, und stattdessen hat man sich mit provisori-
Ausdruck, die in systemorientierten Erkennt- schen Lösungen zur interdisziplinären Wissens-
nis- und Gestaltungsansätzen angewandt wer- integration zufrieden gegeben. Wenn heteroge-
den. Als Beispiel wähle ich einen Methodenka- nes Wissen problembezogen gebündelt werden
talog für die Technikbewertung, in der trans- soll, kommen bislang die folgenden Integrati-
disziplinäre Wissenserzeugung und Wissens- onsformen in Betracht:
synthese eine tragende Rolle spielen (VDI • die enzyklopädische Integration in Sammel-
1991, S. 16-19; vgl. auch Ropohl 1996, S. 190- bänden, Handbüchern und Lehrbüchern;
208). Dort werden u. a. genannt: • die interpersonale Integration durch Zu-
• Brainstorming sammenarbeit mehrerer Personen unter-
• Delphi-Expertenumfrage schiedlicher fachlicher Herkunft;
• Morphologische Klassifikation • die intrapersonale Integration durch indivi-
• Relevanzbaum-Analyse duelle Mehrfachqualifikation.
• Risiko-Analyse Gegenüber diesen provisorischen Formen schla-
• Verflechtungsmatrix-Analyse ge ich eine methodisch-systematische Integrati-
• Modell-Simulation onsstrategie vor. J. Mittelstraß (1998 sowie Mit-
• Szenario-Gestaltung telstraß in diesem Schwerpunkt) hat die Trans-
• Kosten-Nutzen-Analyse disziplinarität zu Recht als eigenständiges For-
• Nutzwert-Analyse. schungsprinzip gekennzeichnet, und ich will
diese Auffassung radikalisieren, indem ich die-
Die aufgezählten Methoden werden in ähnlicher sem Forschungsprinzip einen eigenen theoreti-
Form in allen systemtheoretisch angeleiteten schen Ort zuweise. Dieser theoretische Ort ist,
Arbeitsgebieten (Planungstheorie, Prognostik, um es jetzt gleich zu sagen, eine wohlverstande-
Systemanalyse, Systemtechnik, Projektmana- ne Philosophie, in der sich das transdisziplinäre
gement usw.) empfohlen. Allerdings steht ihre Paradigma verwirklichen kann. Um diese Be-
konsequent systemtheoretische Rekonstruktion hauptung zu begründen, will ich an Hand von
wohl noch aus. Offenkundig ist der systemtheo-

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Abbildung 4 die Unterschiede, die zwischen den Das zweite Merkmal eines Paradigmas ist
Paradigmen einer Disziplin und einer Transdis- die Sprache, in der die anstehenden Probleme
ziplin bestehen, systematisch durchgehen. und das erzeugte Problemlösungswissen ausge-

Abb. 4: Paradigmenunterschiede zwischen Disziplin und Transdisziplin

Paradigma-Merkmal Disziplin Transdisziplin

Definition der Probleme ontologisch-analytische Pragmatisch-synthetische


Abgrenzung von Seins- Erfassung von Gestaltungs- und
bereichen und Seinsschichten Verstehenszusammenhängen

Sprache und Begrifflichkeit esoterische Fachsprache exoterische Bildungssprache

Denkmodelle eindimensionale lineare mehrdimensionale multi-


Ableitungsmodelle perspektivische
Verflechtungsmodelle

Methoden spezialisierte Methoden der integrative Methoden der


Wissensgewinnung und Wissensorganisation und
Wissensbegründung Wissenssynthese

Qualitätskriterien Originalität und fachinterne externe Tauglichkeit für Praxis-


Bewährung und Weltbildorientierung

Die Definition der Probleme stammt in einer drückt werden. Die Einzeldisziplinen bedienen
Disziplinwissenschaft, wie gesagt, aus internen sich höchst entwickelter, oft gar formaler, esote-
Erkenntnisdesideraten der Wissenserzeugung rischer Fachsprachen, die schon für Vertreter
für künstlich isolierte Teilperspektiven, die anderer Fächer, erst recht aber für Laien kaum
durch ontologisch-analytische Abgrenzung von zugänglich sind. Das transdisziplinäre Wissen-
Seinsbereichen und Seinsschichten gewonnen schaftsprogramm muss mithin diese Sprach-
werden. In einer Transdisziplinwissenschaft schwierigkeiten bewältigen, wenn es heteroge-
stammt sie dagegen aus externen Bedarfslagen nes Wissen zur Synthese bringen will. Es muss
der Wissensverwendung, sei es für effektive ein Kernvokabular exoterischer Bildungssprache
Weltgestaltung, sei es für sinnvolles Weltver- erarbeiten, das den Wissenssynthesen angemes-
ständnis. Sie kristallisiert sich um einen kom- sene Ausdrucksmöglichkeiten bereitstellt. Auch
plexen Problemkern der Realität, der pragma- hierfür kann sich übrigens die Allgemeine Sys-
tisch-synthetisch erfasst wird und allgemeines temtheorie empfehlen: Ausdrücke wie „Sys-
öffentliches Interesse für sich in Anspruch neh- tem“, „Umwelt“, „Input“, „Output“, „Zustand“,
men kann. Es sind nicht esoterische Spezialfra- „Funktion“, „Element“, „Relation“, „Kopp-
gen, die nur einen kleinen Kreis eingeweihter lung“, „Rückkopplung“, „Struktur“, „Makro-
Fachleute angehen, sondern exoterische Bedürf- und Mikroebene“, „Varietät“, „Komplexität“,
nisse nach ganzheitlichem Wissen, die im Grun- „Information“ usw. bezeichnen grundlegende
de bei allen Menschen lebendig sind. Transdis- Modellvorstellungen, die auch in zahlreichen
ziplinwissenschaften definieren ihre Probleme in Einzeldisziplinen eine Rolle spielen und in der
Anbetracht lebensweltlicher Relevanz. Systemtheorie ihre gebührende Verallgemeine-

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rung erfahren. Begriffe sind aber nicht nur In- terne Bewährung des erzeugten Wissens im
strumente der Mitteilung, sondern vor allem Vordergrund. Transdisziplinäre Wissenssynthe-
auch Werkzeuge des Denkens, und die Sprach- sen hingegen greifen bekannte und bewährte
vermittlung muss zugleich die theoretischen Wissenselemente aus den Disziplinen auf und
Inhalte analysieren, vergleichen und verknüpfen, lassen darum aus disziplinärer Sicht die Origina-
die den sprachlichen Ausdrücken zu Grunde lität im Detail vermissen; wahrscheinlich rührt
liegen. Das transdisziplinäre Wissenschaftspro- daher auch das verbreitete Vorurteil, Transdis-
gramm verlangt mithin eine generalistische ziplinwissenschaftler seien Leute, die es in den
Sprach-, Begriffs- und Definitionskompetenz. jeweiligen Fachdisziplinen zu Nichts gebracht
Sprachliche Darstellungsmittel und die hätten. Beherzigt man das „Holistische Gesetz“
damit ausgedrückten begrifflichen Vorstellun- der Systemtheorie – das Ganze ist mehr als die
gen gehören zu den Bausteinen, aus denen die Menge seiner Teile –, besitzen gegenüber einer
Denkmodelle einer Wissenschaft gebildet wer- Menge von Wissenselementen selbstverständ-
den. Während die Disziplinwissenschaften eng lich die integralen Wissenssynthesen eine neuar-
abgegrenzte Bilder ihres jeweiligen Erkennt- tige Systemqualität, aber die erschließt sich
nisobjekts in fachlicher „Reinheit“ als eindi- kaum dem atomistischen Spezialisten, sondern
mensionale Ableitungsmodelle konstruieren, nur dem holistischen Generalisten, der die Vor-
benötigen transdisziplinäre Wissenssynthesen züge der neuen Wissenssysteme in praktikablen
mehrdimensionale multiperspektivische Ver- Anwendungen und plausiblen Deutungen zu
flechtungsmodelle, wie sie besonders in sys- würdigen weiß. Im Wissenschaftsprogramm der
temtheoretischen Denkformen anzutreffen sind. Transdisziplinwissenschaften gilt mithin ein
So zeichnen sich Transdisziplinwissenschaften Qualitätskriterium, das nicht weltfernes Son-
durch modelltheoretische Vielfalt, Flexibilität derwissen präferiert, sondern die Tauglichkeit
und Reflexion aus. für Praxis und Weltbildorientierung.
In den spezialisierten Einzeldisziplinen So kann ich die typischen Aufgaben von
haben Methoden die vornehmliche Aufgabe, Transdisziplinen folgendermaßen zusammen-
für die Planmäßigkeit und Kontrollierbarkeit fassen:
der Wissensgewinnung sowie für die Prüfung
• Synthese fachwissenschaftlich disparaten
und Begründung des neuen Wissens zu sorgen.
Wissens für fachübergreifende Problemfel-
Eine Transdisziplinwissenschaft, die das be-
der der Lebenspraxis (z. B. Gesundheit, Ar-
währte Wissen verschiedener Fachgebiete für
beit, Technik, Wirtschaft, Weltgesellschaft);
ein relevantes Integrationsmodell auswählt und
verknüpft, wird im Allgemeinen auf jenen • Reflexion der begrifflichen Grundfragen in
Vorarbeiten der Disziplinen aufbauen können den Einzelwissenschaften (z. B. Begriffe
und nicht jedes Wissenselement noch einmal wie Natur, Gesellschaft, Information etc.);
aufs Neue begründen müssen. Umso wichtiger • Aufarbeitung der Quintessenzen der Einzel-
scheinen dann allerdings, wie schon erwähnt, wissenschaften und Übersetzung in „Welt-
integrative Methoden der Wissensorganisation weisheit“;
und Wissenssynthese, die der Verknüpfung, • Entwicklung und Anwendung synthetischer
Abgleichung und Systematisierung des hetero- Modelle und Methoden (z. B. Allgemeine
genen Wissens dienen. Als hervorragendes Systemtheorie und Kybernetik);
Beispiel habe ich die Methoden der Allgemei- • systematisches „Wissensmanagement“ zur
nen Systemtheorie vorgeschlagen. Strukturierung der Informationsmengen in
Die Qualitätskriterien zur Beurteilung von elektronischen Computernetzen („Internet“);
Forschungsergebnissen sind in den einzelnen • systematische Reflexion des normativen
Disziplinen höchst verschieden, da sie sich auf Spannungsverhältnisses zwischen individu-
die jeweilige Definition der Probleme beziehen: ellem und kollektivem Wollen, Können und
Allgemein wird ein Forschungsergebnis positiv Sollen.
bewertet, wenn es einen neuen Lösungsbeitrag Angesichts dieser Zusammenfassung liegt nun
zu jenen Problemen leistet und sich fachintern offen zu Tage, dass das transdisziplinäre Wis-
bewährt. Unabhängig von allen disziplinären senschaftsprogramm längst einen Namen be-
Varianten steht mithin die Originalität und in- sitzt: den Namen der Philosophie! Freilich kann

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das natürlich nicht jede Art von Philosophie Kant, I., 1974: Kritik der reinen Vernunft (2. Aufl.
sein. Seit sich die Einzelwissenschaften aus dem 1787). In: Werkausgabe, hg. v. W. Weischedel, Bd.
vormals umfassenden Wissensgebäude der Phi- III u. IV., Frankfurt a. M.: Suhrkamp
losophie herausgelöst haben, ist diese weithin Karafyllis, N.C.; Schmidt, J.C. (Hrsg.), 2002: Zugän-
ebenfalls zu einer spezialisierten Forschungsdis- ge zur Rationalität der Zukunft. Stuttgart: Metzler
ziplin geworden – abgegrenzt und esoterisch wie Kosiol, E.; Szyperski, N.; Chmielewicz; K., 1965:
andere Forschungsdisziplinen auch. Wer diese Zum Standort der Systemforschung im Rahmen der
Schulphilosophie vor Augen hat, vermag ihr Wissenschaften. In: Zeitschrift für betriebswirt-
natürlich kein besonderes Erkenntnisprivileg schaftliche Forschung, N.F. 17, S. 337-378
gegenüber den anderen Disziplinen einzuräu- Kuhn, Th.S., 1976: Die Struktur wissenschaftlicher
men (Weingart 1997, bes. S. 591), zumal die Revolutionen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
Mehrzahl dieser Philosophen selbst in Fragen, Lenk, H.; Ropohl, G. (Hrsg.), 1978: Systemtheorie
die es nahe legen würden, kaum auf Resultate als Wissenschaftsprogramm. Königstein: Athenäum
anderer Disziplinen Bezug nehmen. Lenk, H., 1978: Wissenschaftstheorie und System-
Aber nach wie vor gibt es Philosophen, theorie. In: Lenk, H.; Ropohl, G. (Hrsg.), a. a. O.,
die nicht ihr Fach, sondern ein umfassendes S. 239-269
Wissen „nach dem Weltbegriff“ kultivieren Luhmann, N., 1986: Ökologische Kommunikation.
(Kant 1974, S. 701; vgl. Böhme 1997, S. 14) Opladen: Westdeutscher Verlag
und dabei die Quintessenzen der Disziplinen zu Meadows, D. et al., 1972: Die Grenzen des Wachs-
einem zeitgemässen Weltverständnis verknüp- tums. Stuttgart: DVA
fen. Diese exoterische Tradition der Philoso- Mittelstraß, J., 1998: Interdisziplinarität oder
phie ist aufzunehmen, weiterzuentwickeln und Transdisziplinarität? In: Mittelstraß, J.: Die Häuser
auszuweiten. So möchte ich den theoretischen des Wissens. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 29-48
Ort transdisziplinärer Wissensintegration als Ropohl, G., 1996: Ethik und Technikbewertung.
Synthetische Philosophie apostrophieren (vgl. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
Kanitscheider 1985/1986). Die Spezialdiszipli- Ropohl, G., 1999: Allgemeine Technologie. Mün-
nen sind nicht in der Lage, die großen Fragen chen, Wien: Hanser
der Weltdeutung und Weltgestaltung angemes- Ropohl, G., 2002: Rationalität und Allgemeine
sen anzugehen. Bloße Alltagsmeinungen und Systemtheorie : Ein Weg synthetischer Rationali-
Faustformeln dagegen werden natürlich in kei- tät. In: Karafyllis, N.C.; Schmidt, J.C. (Hrsg.):
ner Weise dem Rationalitätsanspruch der Mo- a. a. O., S. 113-137
derne gerecht. Darum brauchen wir eine theo- Stachowiak, H., 1973: Allgemeine Modelltheorie.
retische Instanz, die uns zu tragfähigen Wis- Wien, New York: Springer
senssynthesen verhilft. Es ist hohe Zeit für die Stachowiak, H. (Hrsg.), nicht fertig gestellt: Die
Renaissance der synthetischen Philosophie. Berliner Universität. Nachgelassenes Manuskript
VDI – Verein Deutscher Ingenieure (Hrsg.), 1991:
Literatur Technikbewertung: Begriffe und Grundlagen. Düs-
seldorf: VDI
Böhme, G., 1997: Einführung in die Philosophie.
Frankfurt a. M.: Suhrkamp (2. Aufl.) Weingart, P., 1997: Interdisziplinarität – der para-
doxe Diskurs. In: Ethik und Sozialwissenschaften 8,
Brugger, W. (Hrsg.), 1953: Philosophisches Wör- Nr. 4, S. 521-529; S. 589-597
terbuch. Freiburg: Herder
Bunge, M., 1967: Scientific Research. Bd. 1 u. 2. Kontakt
Berlin, Heidelberg, New York: Springer
Forrester. J.W., 1971: Der teuflische Regelkreis. Prof. Dr.-Ing. Günter Ropohl
Stuttgart: DVA Kelterstr. 34; 76227 Karlsruhe-Durlach
Tel./Fax: +49 (0) 721 / 446 19
Kanitscheider, B., 1985/1986: Zum Verhältnis von E-Mail: Ropohl@t-online.de
analytischer und synthetischer Philosophie, Per-
spektiven der Philosophie : neues Jahrbuch. Ams-
terdam. Erster Teil in XI, S. 91-111, zweiter Teil in
XII, S. 153-173 «»

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