Sie sind auf Seite 1von 17

Angeborene Fehlbildungen und Dysmorphien

Modul 5.2

Barbara Zoll
Institut für Humangenetik
Häufigkeiten von Fehlbildungen

Unter allen Neugeborenen haben:

3% eine klinisch relevante große Fehlbildung

0.7% multiple Fehlbildungen

14% einzelne kleine Fehlbildungen


Klassifikation von Fehlbildungen

Übergeordneter Fehlbildungstyp
Defektfehlbildungen
Überschussfehlbildungen
Hemmungsfehlbildungen
Doppelfehlbildungen

Mechanismen und Ursachen


Chromosomal
Monogen
Multifaktoriell
Exogen

Zeitpunkt der Störung


Gametogenese
Blastogenese
Organogenese
Phänogenese

Embryonale Mechanismen
Extrinsische Entwicklungsstörungen
Intrinsische Entwicklungsstörungen
Ätiologie der angeborenen Fehlbildungen

Multifaktoriell 20.0%

Monogen 7.5%

Chromosomal 6.0%

Mütterliche Erkrankungen 3.0%

Kongenitale Infektionen 2.0%

Teratogene Faktoren 1.5%

Unbekannt 60.0%
Charakterisierung von Fehlbildungen

Innere Fehlbildungen
Herzfehler, Nierenfehlbildungen, Hirnfehlbildungen u.a.

Äussere Fehlbildungen
große Anomalien:
chirurgisch oder kosmetisch relevant

z.B. Mikro-/ Makrozephalus, Skelettfehlbildungen,


Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten, Klumpfüße, Spina bifida u.a.

kleine Anomalien, Dysmorphien :


keine Beeinträchtigung des Wohlbefindens

z.B. Hautanhängsel, Ohrmuschelanomalien, Klinodaktylie,


Vierfingerfurche, Hypertelorismus u.a.
Einzeldefekte

Fehlbildung:
morphologischer Defekt eines Organs, eines Organteils oder einer
Körperregion,
meist genetisch determiniert

Disruption:
nach normaler Entwicklung eines Organs später eingetretener Defekt,
exogene Störung (Thalidomidembryopathie)

Deformation:
Lage – oder Formanomalie infolge mechanischer Einflüsse,
exogene Störung (Kontrakturen)

Dysplasie:
morphologische Anomalie infolge fehlerhafter Organisation und
Funktion von Geweben,
genetisch oder exogen (Skelettdysplasie)
Multiple Fehlbildungen

Syndrom:
angeborene multiple, pathogenetisch verwandte Anomalien
bekannter Ätiologie

Sequenz:
Muster angeborener Anomalien bekannter Pathogenese und oftmals
heterogener Ätiologie

Assoziation:
statistisch gehäuft beobachteter Fehlbildungskomplex,
pathogenetisch nicht verwandte Einzelfehlbildungen
Untersuchungsgang eines Kindes mit Fehlbildungen
zur Diagnosefindung

Schwangerschafts – und Geburtsanamnese


Fragen nach Entwicklung und Erkrankungen

Klinische Untersuchung mit Dokumentation großer und


kleiner Anomalien
Fotodokumentation

Laboruntersuchungen
Röntgenuntersuchungen
weitere bildgebende Untersuchungsverfahren

Chromosomenanalyse

Molekulargenetische Untersuchungen
Dysmorphien

Augenbereich: Epikanthus, Hyper- /Hypotelorismus, breiter Nasenrücken,


schräg nach außen oben/ unten gerichtete Lidachsen, Brushfield spots,
etc.
Ohrregion: tief sitzendes Ohr, Ohrmuscheldysplasie, präaurikulüre
Anhängsel, Kerbenohr, nach hinten/ vorn rotiertes Ohr, etc.
Mund-/ Nasenregion: breite Nasenspitze, antevertierte Nasenlöcher,
eingesunkene Nasenwurzel, schmales Oberlippenrot, Mikro-/ Retrognathie,
etc.
Hände/Füße: Vierfingerfurche, Kamptodaktylie, Klinodaktylie, Brachydaktylie,
verkürzte Metakarpallia, breite Endphalangen, Syndaktylien, etc.
Haare/ Zähne: hoher/ tiefer Haaransatz, krauses Haar, struppiges Haar,
Oligodontie, Zahnschmelzläsionen, spitz zulaufende Zähne, etc.
Haut: Cutis marmorata, Cafe au lait Flecken, white spots, Mongolenfleck,
Nävi, akzessorische Mamillen, etc.
Einzelfehlbildungen

Spina bifida: Häufigkeit: 1 – 2 :1000

Symptome: sensible und motorische Lähmung, Blasen- und


Mastdarmlähmung, Hydrozephalus, Klumpfüße, Kontrakturen,
Entwicklungsstörung

Ätiologie: polygen / multifaktorielle Genese, Beteiligung exogener


Faktoren, Folsäuremangel

Wiederholungsrisiko: 3 – 5%

Prophylaxe: prä – und postkonzeptionelle Folsäuregabe

:
Disruption: Thalidomidembryopathie

Symptome: symmetrische hypo – und agenetische


Gliedmaßenfehlbildungen, Dysotie, Anotie, Fehlbildungen der
inneren Organe

Ätiopathogenese: mütterliche Einnahme von Thalidomid

Wiederholungsrisiko: praktisch keines

Prophylaxe: Vermeidung von Thalidomid


Deformation: Arthrogryposis multiplex congenita

Häufigkeit: 1 : 3000

Symptome: multiple Kontrakturen der großen und kleinen


Gelenke, Fehlen der Beugefurchen

Ursache: fetale Bewegungseinschränkung

Genetik: abhängig von Grunderkrankung

Therapie: symptomatisch
Dysplasie: Achondroplasie
Inzidenz: 1 : 15.000 – 30.000 Neugeborene

Symptome: rhizomeler dysproportionierter Kleinwuchs,


Megalenzephalie, Kompression des Spinalkanals

Ursache: Inhibition der Chondrozytenproliferation in den Wachstums-


fugen

Genetik; Mutation (en) im FGFR3- Gen auf Chromosom 4p16.3

Wiederholungsrisiko: 0,2% für Geschwister (Gonadenmosaik)

Therapie: symptomatisch
Multiple Fehlbildungen
Cornelia de Lange Syndrom:

Häufigkeit: 1 : 10.000

Symptome: intrauterine Wachstumsverzögerung,


kräftige Wimpern, buschige Augenbrauen, Synophrys, vorgewölbte
Oberlippe, schmales Lippenrot, herabgezogene Mundwinkel, Mikrogenie,
Ohrmuscheldysplasie, Hypertrichose, Rückbildung des ulnaren Strahls,
schwere geistige Behinderung

Ätiologie: autosomal dominante Vererbung, sporadisch

Genetik: heterogen, Mutationen im NIPBL-Gen auf Chromosom 5p13.1 (50%)


im SMC1L1-Gen auf Chr. Xp11.22-p11.21, im SMC3-Gen auf Chr. 10q25

Wiederholungsrisiko: 50%
Potter Sequenz

Häufigkeit: 1 : 2.000 - 3.000

Symptome:
Lungenhypoplasie, Wirbelsäulenfehlbildungen, Klumpfüße,
Gelenkkontrakturen, Hypertelorismus, Retrogenie,
große dysplastische Ohrmuscheln, große Hände und Füße u.a.

Ätiopathogenese: Oligohydramnion

Genetik: abhängig von der Grunderkrankung

Wiederholungsrisiko: entsprechend der Grunderkrankung


Vacterl Assoziation

Häufigkeit: 1 – 2 : 10.000

Symptome:
V Vertebrale Anomalien
A Anorektale Atresie
C Cardiale Anomalien
T Tracheoösophageale Fisteln
E Esophagusatresie
R Renale Anomalien
L Limb (Extremitäten) Defekte
Hypotrophie und Frühgeburtlichkeit

Ätiopathogenese: Blastogenesestörung

Genetik: unklar, sporadisch

Wiederholungsrisiko: gering
Genetische Beratung von Familien mit
Fehlbildungserkrankungen

Wiederholungsrisiko bei definiertem Krankheitsbild


entsprechend dem Vererbungsmodus: autosomal dominant,
autosomal rezessiv, X-chromosomal

Wiederholungsrisiko bei nicht definiertem Krankheitsbild:


maximales Wiederholungsrisiko 25%

Bei bekanntem krankheitsverursachendem Gen:


molekulargenetische Analyse zur Bestätigung der
Verdachtsdiagnose,
ggf. pränatale Diagnostik in zukünftigen Schwangerschaften