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Westfälische Wilhelms-Universität Münster 27. April 1999


Institut für Soziologie
Sind die USA eine "postmoderne" Gesellschaft?
Dozent: Prof. Dr. H. Krysmanski
Referentin: Wibke Hansen

Einführung in die Postmoderne


Time present and time past
Are both perhaps present in time future,
And time future contained in time past.
If all time is eternally present
All time is unredeemable.
What might have been is an abstraction
Remaining a perpetual possibility
Only in a world of speculation.
(T.S. Eliot)

1. Probleme einer Begriffsdefinition:

eine empirisch gesättigte postmoderne Theorie gibt es nicht und wird auch nach
den eigenen Zielsetzungen der Postmoderne nicht angestrebt.
Der Begriff "Postmoderne" ist umstritten hinsichtlich seiner Legitimität, seines
Anwendungsbereiches, seiner zeitlichen Ansetzung und seiner Inhalte.

2. Eine Genealogie des Begriffes

Drei "Frühzündungen": John Watkins Chapman: 1870; Rudolf Pannwitz: 1917;


Federico de Oniz: 1934
Arnold Toynbee, 1947, "A Study of History", Postmoderne als Epoche
(zeitgenössische Phase der abendländischen Kultur, Beginn 1875)
Wiege des Postmodernismus: nordamerikanische Literaturdebatte, Ende der
fünziger Jahre. Schon hier steht der Begriff der Postmoderne für Pluralität.
Architektur rückte die Postmoderne in das öffentliche Bewußtsein. (Charles
Jencks, Architekt und Architekturkritiker; ab Ende der sechziger Jahre)

Begriff der Postmoderne in der Philosophie ab Ende der sechziger Jahre


(Postmoderne als Sammelbegriff für die Theorien von Denkern wie Focault,
Derrida, Deleuze, Lyotard)

2.1. Der Begriff der "Postmoderne" in der Soziologie

Amitai Etzioni, 1968, datiert den Beginn der Postmoderne auf 1945.
Erscheinung zahlreicher Werke aus der Disziplin der Soziologie, die sich der
"Postmoderne" widmen Ende der achtziger, Enfang der neunziger Jahre
Es dominierte jedoch lange der Ausdruck der "postindustriellen Gesellschaft"
(David Riesmann, Alan Touraine, Daniel Bell)
Postindustrielle und postmoderne Gesellschaft haben beide technologische
Veränderung als Ausgangspunkt. Die postindustrielle Gesellschaft verfolgt

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allerdings eine Fortsetzung und Steigerung der Moderne, keine Revision.

3. Postmodernes Denken – Lyotard und "Das postmoderne Wissen"

Untersuchungsgegenstand: die Lage des Wissens in den höchstentwickelten


Gesellschaften; Einfluß der Informations-Technologien auf die Gesellschaft .
Modernes Wissen hatte die Form der Einheit durch Rückgriff auf "Meta-
Erzählungen" (die Dialektik des Geistes, die Hermeneutik des Sinns, die
Emanzipation des vernünftigen oder arbeitenden Subjekts).
Hauptthese: Diese einheitsstiftenden Erzählungen sind hinfällig geworden und
haben ihre Legitimationsfunktion verloren.
Auflösung der Einheit wird als Chance gesehen. An die Stelle der Einheit tritt eine
Vielfalt unterschiedlicher Sprachspiele, Lebens- und Handlungsformen.

Postmoderne nicht als Epoche, sondern als Ausdruck eines aufgeklärten


Bewußtseins über die Moderne, welches sich aus der Einsicht ergibt, daß die
Moderne historisch legitimiert ist.

4. Gesellschaftliche Manifestierung der Postmoderne

soziale Entwicklungen der Gesellschaft lassen Symptome einer Zeitwende


erkennen
"Normale" Gesellschaftsstrukturen zerfallen (Bevölkerungsweise, Normalfamilie,
Erwerbsleben, soziale Ungleichheit, Politik, etc
Die Freisetzungs- und Individualisierungsprozesse der Postmoderne scheinen an
eine historische Tradition anzuschließen.
Zusätzlicher Faktor: einmalig hohes Niveau der Existenzsicherheit durch
Wirtschaftswunder und Sicherheitsnetz des sozialen Wohlfahrtsstaates.
Hauptprojekt der Postmoderne: Maximierung des individuellen Wohlbefindens
Gebunden an diese Veränderungen sind einerseits neue Freiheiten und andererseits
ein Zerfallprozeß stabiler sozialer Zusammenhänge.

4.1. Beispiel: Entwicklungen im Familienbild

Faktoren:

Entwicklung zu einer postindustriellen Informations- und


Dienstleistungsgesellschaft.
demographische Revolution
Lebensphasen sind heute altersmäßig und gesellschaftlich weniger starr fixiert
eine neue Sensibilität und Emotionalisierung ("psychological gentrification")

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Trends:

Trend zur Individualisierung


stärkere Betonung des optionalen Charakters der Familie
zunehmende Toleranz gegenüber familialen Formen zu, die früher als abweichend,
krankhaft oder neurotisch angesehen worden wären
Fazit: Das Bild der Institution Familie ist collagenhaft geworden.

Chancen und Probleme der postmodernen Familie:

Potential für feinfühligere, aufrichtigere, intensivere und liebesbetontere


Beziehungen
gleichzeitig werden Beziehungen verletzlicher und zerbrechlicher
Mögliche Erklärung: Verlust von eindeutigen Rollen.

5. Ambivalenzen postmoderner Entwicklungen

Die Auflösung von festen sozialen Bindungen bietet eine Chance zur freieren
Lebensgestaltung und Selbstverwirklichung.
Gleichzeitig geht sie einher mit zunehmender Orientierungslosigkeit.
Das Soziale ist nicht mehr schicksalhaft gegeben. Soziale Netze müssen aufgebaut
werden.
Das bedingt materielle aber besonders psychische und soziale Ressourcen,
Freisetzung ist für viele der Verlust eines sicherheits- und orientierungsstiftenden
Lebenszusammenhangs.
Zunehmender Wunsch nach Klarheit, Überschaubarkeit und Einfachheit
Neue Freiheiten aber Selbstzwang zur Standardisierung der eigenen Existenz

6. Fazit: Moderne oder Postmoderne?

die Postmoderne konnte nur aufgrund der Moderne entstehen.


Das neue an der heutigen Situation ist der vorteilhaftere Aussichtspunkt – "im
Kielwasser der Moderne" (Baumann)
Dieser Aussichtspunkt ermöglicht eine kritische Betrachtung der Moderne
Postmoderne stellt also nicht einen Bruch zu der Moderne dar
"Postmoderne ist nicht mehr (aber auch nicht weniger), als der moderne Geist, der
einen langen, aufmerksamen und nüchternen Blick auf sich selbst wirft, …. "
(Baumann)
die Postmoderne eignet sich um gegenwärtige Entwicklungen der Gesellschaft
festzuhalten, zu beschreiben und zu erklären.

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7. Literatur:

- Baumann, Zygmunt: Ansichten der Postmoderne. Hamburg: Argument Verlag


1995.

- Beck, Ulrich/ Elisabeth Beck-Gernsheim (Hg): Riskante Freiheiten. Frankfurt am


Main: Suhrkamp 1994.

- Bering, Kunibert/ Werner L. Hohmann (Hg.): Wie postmodern ist die


Postmoderne? Vorträge aus dem III Verlagskolloquium 1989 in Bochum. Essen:
Die blaue Eule 1990.

- Eickelpasch, Rolf: Postmoderne Gesellschaft. In: Georg Kneer/ Armin Nassehi/


Markus Schroer (Hg.): Soziologische Gesellschaftsbegriffe. Konzepte moderner
Zeitdiagnosen. München: Wilhelm Fink Verlag 1997. S. 11-31.

- Eickelpasch, Rolf/ Claudia Rademacher: Postindustrielle Gesellschaft. In: Georg


Kneer/ Armin Nassehi/ Markus Schroer (Hg.): Soziologische Gesellschaftsbegriffe.
Konzepte moderner Zeitdiagnosen. München: Wilhelm Fink Verlag 1997. S.
205-227.

- Inglehart, Ronald: Modernisierung und Postmodernisieurng. Kultureller,


wirtschaflicher und politischer Wandel in 43 Gesellschaften. Frankfurt/ New York:
Campus Verlag 1996.

- Jencks, Charles: Post-Modern und Spät-Modern. Einige grundlegende


Definitionen. In: Peter Koslowski/ Robert Spaemann/ Reinhard Löw: Moderne
oder Postmoderne? Zur Signatur des gegenwärtigen Zeitalters. Weinheim: VCH
Verlagsgesellschaft 1986. S. 205-236.

- Lyotard, Jean-Francois: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Wien: Edition


Passagen 1986.

- Schroer, Markus: Soziologie und Zeitdiagnose: Moderne oder Postmoderne? In:

Georg Kneer/ Klaus Kraemer/ Armin Nassehi: Soziologie. Zugänge zur


Gesellschaft. Münster: Lit Verlag 1994. S. 225-246.

- Vester, Heinz-Günter: Soziologie der Postmoderne. München: Quintessenz 1993.

- Welsch, Wolfgang: Unsere Postmoderne Moderne. Dritte Auflage. Weinheim:


Humaniora 1997.

- Zima, Peter: Moderne/ Postmoderne. Gesellschaft, Philosophie, Literatur.


Tübingen: A. Francke Verlag 1997.

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