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Boris Groys: Im Namen des Mediums.

Audio-CD, Laufzeit 61 Minuten, supposé Verlag,


Köln 2004, ISBN 3-932513-52-5, 18 €

Boris Groys ist seit 1994 Professor für Philosophie und Medientheorie an der Hochschule für
Gestaltung in Karlsruhe; 2000 erschien von ihm: "Unter Verdacht. Eine Phänomenologie der
Medien", auf die sich die vorliegende Aufnahme bezieht. Gleich vorneweg: man versteht
Groys akustisch bis auf wenige Ausnahmen problemlos, nur manchmal bereitet ihm die
Aussprache deutscher Worte Schwierigkeiten. Er spricht langsam und gelassen, und
eigentlich hört man ihm gern zu - wäre da nur nicht der Inhalt, der sich aufbauscht und, unter
anderem durch die wenig überzeugende Zusammenstellung gänzlich heterogenen Materials,
interessant macht, aber gar nicht eingelöst, was er beansprucht, nämlich eine Theorie der
Medien oder der Medialität zu sein.
Zu Beginn befasst Groys sich mit einem berühmten französischen Spiritisten des 19.
Jahrhunderts, Alan Kardac, in dessen "Buch der Medien" untersucht werde, wie der Mensch
überhaupt zum Medium werden könne, und ob es ein eindeutiges Kriterium dafür gebe,
entscheiden zu können, ob die medialen Botschaften authentisch seien oder vom Medium
manipuliert. Schon damals, so Groys, münde die Fragestellung, ob solche Botschaften etwas
über die Beschaffenheit einer "submedialen" Welt offenbarten, in die Erkenntnis einer
prinzipiellen Ununterscheidbarkeit von Autorschaft und Medialität. Wie Kardac zu diesen
Ergebnissen kommt, interessiert Groys nicht unbedingt, aber er hält sich für berechtigt, zu
schlussfolgern, die Lage habe sich kaum geändert, nämlich auch heute noch sei es
schlechterdings unmöglich, wissenschaftlich objektiv zu erkennen, ob es bestimmte Ursachen
dafür gebe, dass jemand sich, wie etwa die islamistischen Selbstmordattentäter, zum Medium
eines "anderen Geistes" (hier also einer radikalen Spielart des Islam) mache. Fazit: "Ich
glaube, wir können nur dann radikal die Medialität denken, wenn wir uns den Menschen
vorstellen als [...] Medium des anderen Geistes, wenn wir aufhören, das andere im Menschen
zu domestizieren."
Wenn jemand sich entscheide, Medium zu sein, dürfe man diese Medialität nicht durch
Gründe wegdiskutieren; eine solche Entscheidung sei eben nicht begründbar oder erklärbar -
selbstverständlich führt Groys keine Gründe für das Nicht-Begründbare an. Nun folgen, im
Versuch, die Redeweise von "fremden Geistern" zu erläutern, seltsame Bemerkungen: Geister
seien "rein manipulativ", und die heutige Medientheorie setze eine solche Geisterwelt voraus,
in der manipulative Entscheidungen bezüglich derjenigen Menschen, die zu Medien dieser
Geister geworden seien, gefällt werden. Und: "als Medium konstituiere ich einen Raum, in
dem ein Geist eine operative Aktion" vornimmt; Medien seien eben keine technischen Mittel,
sondern "Räume des Vergleichs" (in einem solchen Raum würden Dinge "von gleichem
Geist", etwa Bilder von Kandinsky, Malewitsch etc. verglichen). Nun ja, nehmen wir das
einmal so hin.
Schließlich aber rückt Groys doch damit heraus, worum es ihm geht, indem er Derrida zitiert.
Der verschlungene oder Umweg war wohl nötig, damit niemand auf die Idee kommt, das
Kernstück dieser "Medientheorie" sei eben nur ein Zitat. Derrida also habe klar gemacht, dass
der ontische Status eines hier und jetzt stattfindenden Ereignisses durch kein
wissenschaftliches Modell abzuleiten sei. Groys fügt hinzu: Geist sei ein actus purus, und der
zentrale Akt, der aus einem Menschen ein Medium mache, seine Entscheidung hierzu,
ursächlich nicht erforschbar. Ein kurzer Hinweis auf Heideggers Philosophie des Ereignisses
verdeutlicht, was wir uns schon dachten, dass wir es nämlich mit einer nochmals verwässerten
Verwendung dieses Heideggerschen Begriffs (die erste Stufe der Verwässerung ist bei
Derrida erfolgt) zu tun haben.
Mittels eines Beispiels aus der FAZ kommt Groys nun wiederum zu einem entscheidenden
Schluss: "Wir leben also in einer Welt, wo alle zuverlässigen Informationen Top Secret sind,
und alle zugänglichen sind unzuverlässig, und das bedeutet, dass wir die Aufklärung im
wesentlichen hinter uns gelassen haben." Wer wollte dem widersprechen. Immer noch, so
Groys, lebten wir in einer "Geisterwelt" und in einem "Geistermüll", ganz so wie Alan Kardec
im 19. Jahrhundert eine spiritistische Sitzung beschrieben habe: "alles, was wir im Fernsehen
sehen, was wir in der Zeitung lesen, das ist [...] alles eine spiritistische Sitzung, das ist auch
alles eine Beschwörung der Geister, von denen wir nicht wissen, was für Geister es sind und
welche Ziele sie verfolgen."
Soweit Groys. Man kann sich schließlich doch zusammenreimen, was seine Rede von der
Domestizierung, die zu vermeiden sei, des anderen im Menschen meint, nämlich dass im Hier
und Jetzt des "Geister"-Raumes (s. o.) Entscheidungen fallen, die von außen nicht auf
Ursachen zu beziehen sind; wir müssten folglich gerade auch im medialen Bereich die
Existenz von Unwägbarkeiten anerkennen, die durch keine noch so genaue Analyse
wegzuschaffen wären. Im Grunde wird so in einer Medien-Welt, in einer Welt, in der alle
Menschen selber zu Medien werden, eine innerste, unzugängliche Zone der absoluten
Manipulation aufgebaut, aus der es kein Entrinnen gibt. Aber andererseits, und das klingt
doch tröstlich, impliziere die Bestimmung des Menschen, Medium zu sein, auch das
Bekenntnis "zum Medium eines vergessenen Geistes, einer entlegenen, fernen Stimme" (ich
erlaube mir, das nach dem Erläuterungstext des supposé-Programms zu zitieren).
Soll man nun die ganzen Unzulänglichkeiten der Groysschen Philosophie, eine nach der
anderen, durchgehen und aufzeigen? Angesichts der beschränkten Lebenszeit, die einem nun
einmal nur zur Verfügung steht und die man möglichst auf Wichtiges verwenden sollte,
entscheide ich mich dagegen. Aber das Augenmerk sei darauf gelenkt, dass Groys selber, mit
all seinen Gastprofessuren und Veröffentlichungen, ein Phänomen der Medialität ist: die
bloße Reproduktion des Verfahrens, das Derrida, Deleuze, Baudrillard, aber auch schon
Glucksmann und die anderen "neuen Philosophen" in Perfektion angewendet haben, sich
selbst medial zu inszenieren. Mittlerweile gibt es natürlich auch in Deutschland eine ganze
Schar solcher theoretisierenden Eulenspiegel - der hier zu Lande bekannteste ist Sloterdijk -,
die mit großem Erfolg dabei sind, Medienstandards in der Philosophie zu etablieren. Damit ist
gemeint, dass in den Rahmen der universitären Schulphilosophie nun die Darstellungsmodi
des Show-Betriebes: wohlgemerkt gerade auch in der Produktion von Texten, eingemeindet
wurden. Somit schließen sich die überkommene, aber unserer Zeit angepasste akademische
Denkweise und die scheinhaft anti-institutionelle zu einem in dieser Form noch nie
dagewesenen umfassenden Komplex zusammen, der vorgibt, alles zu umfassen, was
Philosophie heißen kann. Da sich parallele Entwicklungen längst auch im Kunst- und
Literaturbetrieb zugetragen haben (vgl. hierzu den Essay des ungarischen Philosophen Lásló
F. Földényi: "Überschattete Liebe zur deutschen Literatur", Marburger Forum, Heft 5, 2004),
ist die Freiheit des Denkens und Schreibens, die scheinbar noch nie so groß war, in
Wirklichkeit in allergrößter Gefahr. Sie kämpft mit dem Erstickungstod, weil realiter allem,
das sich den heutigen Kriterien, den Standards von Darstellung, Analyse und Kritik,
verweigert, die Luft entzogen wird.
Wer diese Gefahr sieht, hat kaum die Möglichkeit, vor ihr zu warnen. Zudem bedürfte es, um
sie genauer beschreiben, erst recht, um ihr begegnen zu können, allerdings einer
Medientheorie der Nachmoderne, für die noch kaum Vorarbeiten geleistet sind. Bislang
scheint es, als seien wir der ökonomischen Globalisierung ebenso hilflos ausgeliefert, wie der
sie begleitenden Standardisierung der Kultur.

Max Lorenzen