Sie sind auf Seite 1von 4

zurück

Sloterdijk-Debatte
Sektkorkenknaller auf der Debattenparty
VON CHRISTIAN SCHLÜTER

Was Peter Sloterdijk wohl zur Demontage von Opel sagen würde? Wir wissen
es nicht, wollen allerdings wetten, dass er den Kampf tausender Menschen um
ihre Arbeitsplätze als einen aufbrausenden Neidreflex bezeichnen würde. Das
klingt vielleicht etwas überraschend, doch hat der Karlsruher Philosoph
durchaus seine Gründe, er hat sie vor einiger Zeit in der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung und kürzlich noch einmal in einigen anderen Blättern
formuliert.
Partylaune (Bild:
bilderberg)
Sloterdijks Einwürfe kommen zur rechten Zeit, denn unübersehbar ist, dass
unsere soziale Marktwirtschaft einen Wandel erlebt, und das nicht erst seit der Banken- und Finanzkrise.
Es gibt einen Bedarf nach theoretischer Reflexion und praktischer Orientierung. Selbstverständlich
herrscht, was die verschiedenen Sinnangebote angeht, keine Einigkeit, weshalb auch nicht verwundert,
dass es in Folge von Sloterdijks Ausführungen zu einigen Entgegnungen gekommen ist.

Betrachtet man allerdings den Verlauf dieser etwas voreilig als Debatte annoncierten Veranstaltung und
die Umstände, unter denen sie bislang stattfindet, muss einem eher angst und bange werden. Anders
oder wieder neu über das Thema soziale Gerechtigkeit nachzudenken - das war immerhin das Vorhaben
Sloterdijks und seines wichtigsten Kontrahenten, des Frankfurter Philosophen Axel Honneth - scheint zur
Zeit kaum möglich oder erwünscht zu sein. Ein eigentümlicher Unernst beherrscht die Szenerie.

Sloterdijk hatte uns eigentlich nur sein Konzept einer Ethik der Gabe
Die Sloterdijk-Debatte noch einmal vorstellen wollen. Allerdings angereichert um die folgende
Symptomatik: Die Sozialdemokratisierung der Bundesrepublik ist mehr
Lesen Sie den Sloterdijk-Beitrag
oder weniger vollendet und die damit verbundenen
Die Revolution der gebenden
Hand hier. wohlfahrtsstaatlichen Segnungen sind ein Fluch; vor allem die
Besserverdienenden oder auch Leistungsträger genannten
Die Replik des Frankfurter Bevölkerungsschichten hätten unter einer unerträglich hohen und sie in
Philosophen Axel Honneth ihrem für die Gesellschaft segensreichen Tun massiv
Fataler Tiefsinn aus beeinträchtigenden Steuerlast zu leiden.
Karlsruhe erschien in der Zeit.

Gegen die Ausbeutung der Reichen durch den Staat und dessen, so Sloterdijk, "kleptokratische"
Ausrichtung helfe nur eine massive Umwertung aller Werte: So sei an die Großzügigkeit unserer
Leistungsträger zu appellieren, die, wenn sie nicht länger gezwungen, sondern nunmehr freiwillig geben
würden, nur zu gerne andere Menschen an ihrem Reichtum teilhaben ließen. Denn ihnen schmeichelte
ihre eigene Huld, sie würden ihren Adel, ihre Majestät darin entdecken können, spendabel zu sein.

Gegen Sloterdijks Vorschlag, die staatliche Wohlfahrt durch den - dann hoffentlich nicht allzu launischen
- Narzissmus reicher Privatpersonen zu ersetzen, hat Axel Honneth in aller Schärfe gesagt, was zu sagen
war: In der Zeit befand er das Sloterdijksche Unternehmen für nicht nur unplausibel, sondern auch
gefährlich. Dabei verwies Honneth, was für den Verlauf der "Debatte" noch kennzeichnend werden sollte,
auf den Wandel des politischen und publizistischen Klimas hin, der Karrieren von akademisch kaum
satisfaktionsfähigen und intellektuell eher zu den Leichtgewichten zählenden Zunftvertretern wie
Sloterdijk befördere.
Und wie um Honneths Vermutung vom Klimawandel in der deutschen Öffentlichkeit zu bestätigen, traten
nun willige Debattenbeiträger auf den Plan. Hans-Ulrich Gumbrecht etwa glaubte, in dem Disput
zwischen Sloterdijk und Honneth einen Unterschied der Stile ausgemacht zu haben, die Idee von der
Majestät des Gebens sei verspielt und unterhaltsam, der Verweis auf die Solidarität mit den Schwachen
sei ernst und auch etwas verklemmt, jedenfalls nicht so lustig.

Ansonsten fiel dem Literaturwissenschaftler nicht viel ein. Wie auch?


Das Thema - die Frage der sozialen Gerechtigkeit - steht schließlich Die soziale Frage
nicht auf seiner Agenda. Gumbrecht hat schlicht keine Ahnung,
allerdings immer eine Meinung, irgendeine, und das reicht offenbar, um Mit der Wahl der schwarz-
gelben Regierung ist zuletzt
zum Debattenbeiträger promoviert zu werden: Alles easy, alles cool,
immer wieder auch die Frage
wir wollen doch alle nur unseren Spaß. Dass er uns dergleichen mal nach sozialer Gerechtigkeit
wieder als angelsächsisch inspirierte Lockerungsübung verkauft - gestellt worden. In einer Serie
eigentlich sagt Gumbrecht immer das Gleiche. von Essays und Interviews fragt
die FR: Brauchen wir einen
Sein tief empfundenes Desinteresse am Thema bekundete auch Karl neuen Gesellschaftsvertrag?
Heinz Bohrer. So schwärmte der Herausgeber des Merkurs viel lieber
Ein Gespräch mit Sighard
vom stimulierenden, die eigene Erkenntnis befördernden Segen
Neckel (29.10.) eröffnete die
riskanter Denkmodelle, er meinte Sloterdijks Idee, wollte sich darauf Serie, es folgte ein Beitrag von
allerdings auch nicht weiter einlassen. Vielmehr beschäftigte Bohrer der Franz Sommerfeld (5.11.). Ihm
für ihn gewiss ärgerliche Umstand, dass er sogar für die bei Ehrungen antwortet gestern Stephan
erhaltenen Preisgelder Steuern zu entrichten habe. Hebel. (fr)

Aber auch dieses Niveau konnte noch unterschritten werden, und zwar vom Meister höchstpersönlich.
Sloterdijk antwortete auf die Einwände Honneths mit dem Hinweis, dieser habe keinen blassen Schimmer
von seinem, Sloterdijks Denken und sei des tausendfachen Lektürerückstands seines, Sloterdijks
erlesenen Oeuvres für schuldig zu befinden.

Man hat ihn also gar nicht gelesen, für Gumbrecht und Bohrer, Sloterdijks willige Helfer, trifft das in
jeden Fall zu. Abgesehen davon aber gab uns Sloterdijk damit sein entschiedenes Beleidigtsein zu
verstehen: Seit jeher sieht er sich - wie er übrigens auch im Gespräch unaufgefordert und elogenlang zu
beklagen weiß - als Opfer des akademischen Schweigekartells, das ihm seit jeher die Anerkennung
verweigert. Und wo die Anerkennung fehlt, muss man doch wenigstens für etwas Aufmerksamkeit
sorgen, für Trubel, Jubel, HeiterkeitWar Sloterdijks Entwurf einer Sozialethik rückhaltloser
Spendierfreudigkeit dann eher als Sektkorkenknaller auf der Debattenparty gemeint? Ging es ihm gar
nicht um unser aller Wohl, die Zukunft des Sozialstaats? Bezeichnend jedenfalls ist, dass von seiner
Generalinvektive letztlich nur ein sachhaltiges Argument bleibt: Fragte man die Menschen, ob sie sich
einen weniger gierigen Staat und damit auch weniger Steuer zu zahlen wünschten, so würden sie
mehrheitlich und ohne langes Zögern bejahen.

Würde man allerdings dieselben Menschen fragen, ob sie bereit wären, auf staatliche, etwa von der
Verkehrsinfrastruktur über das Bildungssystem bis zur inneren Sicherheit und sozialen Frieden reichende
Leistungen zu verzichten - blankes Entsetzen, heftige Proteste wären die Folge. Mit anderen Worten,
Demoskopie ersetzt nicht Politik. Und über den Populismus, dem Sloterdijk ganz offenbar huldigt, kann
man auch nur sagen, dass er populär ist. Normativ folgt daraus nichts.

Womit Sloterdijks Beitrag allerdings auf einen sozialpolitischen wie demokratietheoretischen Nullwert
zusammenschnurrt. Dies sollte sich jeder vergegenwärtigen, um den rasenden Irrsinn wirklich goutieren
zu können, der sich in der Folge und im erweiterten Umfeld von Sloterdijks Ideenwelten auszubreiten
scheint. Honneth hat in Hinblick auf das sich verändernde Klima unserer Debattenkultur, von dem er
allerdings nur am Rande spricht, mehr Recht, als ihm lieb sein dürfte.

Dafür spricht, wie gesehen, allein schon der Verlauf einer Debatte, die kaum eine Debatte zu nennen ist.
Vollkommen heillos wird es, wenn nun auch noch als Philosophen annoncierte Erfolgsautoren wie Richard
David Precht, eine Art intellektueller Witwentröster für verlorene Seelen, im Spiegel ihren Senf dazu
geben. Was vielleicht gerade noch als Philosophie für die eigenen vier Wände taugt, extrapoliert Precht
zu einem Großentwurf, in dem die Frage der sozialen Gerechtigkeit selbstverständlich keinen Platz mehr
hat.

Nun ist allerdings nicht allein der erbärmliche Zustand unserer "Debatten" zu beklagen. Nein, es geht
nicht allein um Verlotterung oder heiligen Unernst. Vielmehr haben wir es mit einer neuen
Unverschämtheit zu tun. Rücksichtslosigkeit oder, was beinahe dasselbe ist, Ahnungslosigkeit scheint zur
neuen intellektuellen Tugend avanciert zu sein. Und dieser Befund ist weitaus besorgniserregender als
der eine oder andere Leerlauf im Debattenzirkus. Papier ist geduldig, aber es scheinen uns neue
Bedürfnisse erwachsen zu sein.

Vielleicht sollte man sich noch einmal an die Ausfälle Thilo Sarrazin in der Zeitschrift Lettre erinnern.
Wenn er die desolaten Verhältnisses in der Hauptstadt beklagt, politisch, ökonomisch oder kulturell, dann
ließe sich selbstverständlich sofort einwenden, dass sie der langjährige Finanzsenator von Berlin ganz
erheblich mitzuverantworten hat. Doch viel aufschlussreicher an Sarrazins ohne jeden Zweifel einseitiger
Argumentation ist, dass sie wie jede Einseitigkeit auf ein Ressentiment verweist.

Dabei geht es nicht so sehr um den Tabubruch, sondern darum, auf die Schwachen einzuschlagen -
Kopftuchmädchen, Turbanträger, Migranten, Unterschichten, Einkommenslose So als ob man denen nur
einmal gehörig die Meinung sagen müsste, um sie wieder zur Raison zu bringen. Der schrill appellative,
gerne auch denunzierende Ton, die mitunter verletzende Schimpferei ersetzt hier die sozialpolitische
Vernunft. Und er ist der erste Schritt zur Gleichgültigkeit: Wer nicht spurt, hat selbst Schuld.

Die Tonlage - es ist ein frivol-zynischer Basta-Sound - hat sich also verändert, und mit ihr auch der
öffentlich artikulierte Anspruch, das Wohl in unserem Gemeinwesen solidarisch zu organisieren: Mit der
neuen Unverschämtheit immunisieren wir uns gegen die Einsicht in die Folgen unseres nach wie vor
exzessiv konsumistischen Lebensstils: Dass dieser immer auf Kosten anderer geht, wollen wir nicht
wissen; wir geben uns ahnungslos, weil wir keine Rücksicht nehmen wollen, denn das hieße ja -
Konsumverzicht.

In dieser Hinsicht muss dann auch die zwar fantasiereiche, aber letztlich argumentationsarme Ideenwelt
Sloterdijks nicht mehr erstaunen. Er hat es einfach nicht nötig, gute Gründe zu geben, weil er sich der
gegenwärtigen Stimmung sicher sein kein. Wie viele andere auch schwimmt er auf der Welle eines
Ressentiments, das auch zum affektiven Glutkern der FDP gehört und eben dieser Partei bei der letzten
Bundestagswahl zu einer überaus ansehnlichen Größe verholfen hat: Die bürgerliche Mitte gibt sich
wehrhaft.

Dabei dient Sloterdijks mit einigem utopistischen Aplomb in die Runde geworfenes Konzept vom Big
Spender doch nur dem Status quo. Er will an der konsumistischen Ordnung nichts ändern, ahnt
allerdings, dass immer weniger dort ihren Spaß finden werden. Eigentlich besteht seine ganze Kunst
darin, die passenden Ausschlusskriterien zu liefern. Das läuft auf einen von oben nach unten
praktizierten Sozialneid hinaus oder, mit einem anderen Wort, auf einen intellektuellen Partyservice für
Besserverdienende, die nicht aufhören wollen zu feiern.

Eine Dienstleistung, die übrigens auch Norbert Bolz zu erbringen in der Lage ist. Der Berliner
Medienphilosoph konstruiert uns in seinem letzten Buch den Gegensatz von Freiheit und Gleichheit und
möchte uns von dem Vorrang des ersteren vor dem letzteren überzeugen. Zwar spricht Bolz moderat von
einer Balance, aber sein Argument zielt auf die Befreiung der so genannten Leistungsträger von den
wohlfahrtsstaatlichen Zumutungen: Weniger Steuern und die Wirtschaft brummt, und das wiederum
kommt uns allen zugute.Weniger Steuern aber bedeuten mit Sicherheit nur eines: weniger Geld in den
öffentlichen Kassen. Weniger Steuern bedeuten, wie man nicht erst seit den Zeiten der Reagonomics
wissen kann, mit Sicherheit kein oder kaum Wachstum in der Wirtschaft. Die Rechnung, dass weniger
Steuern zu mehr Wachstum führt und dieser wiederum mehr Geld in den Staatssäckel spült, womit sich
die anfänglichen Mindereinnahmen mehr als ausgleichen - die Idee vom sich selbst finanzierenden
Aufschwung ist Voodoo-Economics.
Die Grenzen dieser Art ökonomischen Perpetuum Mobiles wird übrigens die neue Regierungskoalition
demnächst zu gegenwärtigen haben. Und ihr ideologisches Kunststück wird darin bestehen, mit der
Wachstumsverheißung und dem damit einhergehenden Wohlstandsversprechen möglichst viele
Menschen, wie es immer heißt, "mitzunehmen" und dann im Falle des ausbleibenden Erfolges die übrig
geblieben Reichtümer an die Besserverdienenden zu verteilen. Dass und wie so etwas geht, konnten wir
zuletzt beim Führungspersonal der heruntergewirtschafteten Banken beobachten.

Allerdings ist auch verständlich, dergleichen nicht wirklich wahrzunehmen zu wollen - es sieht ja auch
nicht erbaulich aus. Und genau hier kommen die ideologischen Weißwäscher des Kapitals, die
Sozialromantiker des schlechten Bestehenden, hier kommen dann Dichter und Denker wie Sloterdijk und
Bolz endlich zu Würden. Genau hier haben sie ihren Platz. Wir wollen das nicht beklagen. Solche Dichter
und Denker muss es auch geben, sie sind ja manchmal auch ganz unterhaltsam, Hofnarren
gewissermaßen.

Nur sollten wir uns bis auf die treffend wiedergegebenen Ressentiments von ihnen keinen genaueren
Aufschluss über unsere gesellschaftliche Wirklichkeit erwarten. Kurzum, selbst wer Axel Honneths
sozialphilosophische und demokratietheoretische Einschätzungen nicht in allen Punkten teilt, seinem
Befund eines politisch-publizistischen Klimawandels ist nur zustimmen. Eine neue Unverschämtheit
macht sich breit, sie reicht von aggressiver Ahnungslosigkeit bis demonstrativer Rücksichtslosigkeit. Gar
allzu mächtig scheint der Wunsch, die Party möge immer so weiter gehen.

Empfehlen via: Twitter Facebook StudiVZ MySpace

[ document info ]
Copyright © FR-online.de 2009
Dokument erstellt am 10.11.2009 um 12:42:02 Uhr
Letzte Änderung am 10.11.2009 um 17:15:36 Uhr
Erscheinungsdatum 10.11.2009 | Ausgabe: d

URL: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/?em_cnt=2071917&em_loc=89