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Berliner Republik

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„Ich bin nicht zornig“


von Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk ist neben Jürgen Habermas der bekannteste


Gegenwartsphilosoph in Deutschland. Im Gespräch mit Cicero gibt er
Auskunft über seine Denkwelt, über sich selber und seinen neuen
Lieblingsbegriff: den Zorn

Herr Sloterdijk, bevor wir zum Abstrakten kommen, möchte ich ganz
konkret beginnen, ich glaube an die tiefere Bedeutung von Namen. Wie ist
das mit Ihrem. Warum heißen sie Peter?
Das drückt zunächst die Vollmacht des Namensgebers aus. Wie Sie bin ich fest von
der Bedeutung von Namen überzeugt, weil Namen – oft unbewusst – einen
programmatischen Vektor für das Leben in sich tragen. Aber bei mir…
...wollten die Eltern vielleicht, dass Sie einmal eine papstähnliche Gestalt
für die Philosophie werden. In Ihrem Peter steckt das Petrinische?
Nein. Ich bin ganz säkularisiert benannt, da ist nichts Papistisches im Spiel. Ganz
im Gegenteil. Der Name Peter ist ja der Nachkriegsname Deutschlands schlechthin,
Peter 1947 bedeutet nicht „Peter der Große“, 1947 wollte man kleine Peters haben,
der Name stellt sein eigenes Diminutiv dar, sozusagen den Kater an sich, etwas
Kleines, Nettes, das man sich zulegt, wenn die heroische Männlichkeit Schiffbruch
erlitten hat.

Und Ihr Nachname?


Er war mir lange rätselhaft. Eine interessante Situation, seinen eigenen Namen
nicht zu verstehen, das bringt ein reizvolles Selbstverhältnis hervor, weil man
dadurch spürt, mit einer Dunkelheit und Unauflöslichkeit ausgestattet zu sein, und
man also selbst etwas mit seinem Namen machen muss, sich einen Namen machen
muss. Je unverständlicher der Name, desto geringer die programmatische Mitgift.

Programmatisch ist ein gutes Stichwort. Ihr neues Buch „Zorn und Zeit“
wirkt wesentlich programmatischer und ernster als Ihre vorigen Werke…
Das stimmt. Es ist das erste Buch aus meiner Feder, bei dem ich selbst das Gefühl
habe, dass es dem Autor über den Kopf wachsen könnte, weil der Gegenstand so
ernst und so titanisch ist und weltgeschichtliche Perspektiven einschließt. Dieses
Ernstfallgefühl ist singulär. Es ist ja eine Auseinandersetzung mit dem Erbe des 19.
und 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Zornverwaltung, der Stoff, aus dem die
Katastrophen sind. Die Unheimlichkeit des Gegenstands hat mich in der Tat
eingeholt.

Nun sind Sie ein leidenschaftlicher Schöpfer neuer Begriffe, und einer
dieser Begriffe im neuen Buch ist die „Zornbank“. Haben Sie den Begriff
bewusst der ökonomischen Welt entlehnt?
Es geht im Hintergrund um eine allgemeine Theorie der Banken, oder besser,
Kapitalsammelstellen, das Geld wird auf die Bank gebracht, dort wird es munter,
reist um die Welt, als Kredit hin, als Profit zurück, das ist Globalisierung. Natürlich
sind zur Zeit der ersten Globalisierungwelle, in der frühen Neuzeit, nicht nur die
Banken entstanden, sondern auch andere moderne Sammelstellen, das wichtigste
Paradigma für eine nicht monetäre Sammelstelle ist die Universität…

Zu der Sie in einer lebhaft kritischen Distanz stehen.


Auch dort werden riesige Speicher angelegt, wo das Wissen nicht träge ist, sondern
forscht, wir haben das Wissen dynamisiert wie Kapital, diese dynamische
Verfassung ist es, die wir mit dem Begriff der Wissensgesellschaft bezeichnen, es ist
eigentlich ein Wissensbankwesen, in dem wir leben, die guten alten Professoren
haben das noch nicht begriffen, die wollen immer noch Professorenspielchen
spielen, aber sie müssen begreifen, dass sie Bankiers sind, Mitarbeiter eines
kognitiven Kapitalunternehmens. Leider sind ihre Talare noch nicht entmottet.

Nun gibt es neben dem Wissensbankier oder Professorenspieler eigentlich


ganz andere Rollen für Philosophen. Da ist der Typus des kühlen
Diagnostikers wie Kant, des ärztlichen Therapeuten wie Wittgenstein, des
theologischen Visionärs wie Heidegger oder des Weltverbesserers wie
Marx. Was sind Sie, der zornige Individualist des Gewerbes?
Mein Habitus ist eher Ungeduld als Zorn, auch wenn es da kurze Brücken gibt. Mein
Zorn wirkt immer noch amateurhaft, ich habe ihn nie trainiert. Ich stehe also
ungeduldig irgendwo zwischen Heidegger und Marx. Beide sind Theoretiker der
Sammlung. Ich auch. Heidegger sehe ich als einen Metaphysiker der Ernte, einen
Denker der Kollekte, bei dem alles zusammenkommt, wenn der Mensch im
Kornhaus, im Speicher des Seins eingerückt ist. Das Gleiche macht Marx mit der
kapitalistischen Kollekte, der Akkumulation des Kapitals als Denkfigur. Ich beziehe
mich gerne auf beide, bei mir werden psychologische Kategorien akkumuliert –
Zorn zum Beispiel.

Ich glaube, dass Sie anfangs näher bei Marx und heute näher bei
Heidegger verortet sind. Den Zorn kannten beide. Aber bei Ihnen wird er
zum Zentralbegriff. Warum müssen Sie den Zorn eigentlich so
verabsolutieren, ist er so viel wichtiger als beispielsweise der Neid?
Zorn und Neid sind Geschwister, sie sind beide Derivate des thymotischen
Regungsherdes der menschlichen Psyche. Bei den Griechen war es eine
Sprachregel, von Zorn zu sprechen, damit aber das Ganze der thymotischen
Regungen zu meinen, also den Zorn als Einzelaffekt, den Stolz, den Ehrgeiz und
schließlich das Ressentiment – um diese Affektfamilie geht es mir. Das 20.
Jahrhundert war das Jahrhundert, das in seinen manifesten Diskursen Erosfoschung
betrieben hat – also nur den anderen Pol der Psyche erforschte, den Mensch als
Wesen, das zum Lieben verdammt ist.

Das 20. Jahrhundert war doch gerade das Jahrhundert der Zornbanken, in
den faschistischen und stalinistischen Bewegungen sammelte sich der Zorn
und entartete dann…
Aber diese Bewegungen haben keine Sprache für sich gehabt, konnten die
psychologische Wahrheit über sich selbst nicht aussprechen, es dominierte der
Erotizismus, insofern scheint mir eine Rückkehr zur bipolaren Psychologie der
Griechen sinnvoll.

Ihr Buch zieht eine lange Linie von den Griechen bis in unsere Zeit,
dennoch liest man es vorrangig als aktuellen Beitrag zur terroristischen
Bedrohung – und dann, am Ende, geschieht etwas Überraschendes, da
schreiben Sie, so schlimm sei das alles gar nicht, bezeichnen den
Terrorismus gar als mediales Spiel.
Der Terrorismus, wie wir ihn heute kennen, wurde im 19. Jahrhundert erfunden
als politische Strategie einer reinen Destruktionsbewegung. Bakunin, der russische
Anarchist, ist einer der Ersten gewesen, der die Philosophie der Bombe ausdrücklich
artikuliert hat, diese Ideen sind eingesickert in ein Feld, von dem man rückblickend
nicht sagen kann, es sei links oder rechts gewesen, es war ein linksfaschistisches
Hybrid, aus dem der klassische Anarchismus hervorging. Bakunin spricht von der
„heiligen Arbeit der Destabilisierung“, er spricht aber nicht von der Zeit danach, es
ist ein reines Evangelium der Destruktion.

Die beschriebene Logik ist heute ebenfalls virulent, woher rührt dann Ihr
Optimismus?
Ich sehe zwar den guten bösen Willen, die Dinge aufzulösen, aber die interne
Kohärenz der Gesellschaft, die Leistungsfähigkeit der Institutionen, die sich in
einem unvergleichlich anderen Aggregatzustand befindet als zu Zeiten der
russischen Revolution, wir haben lernende Institutionen. Die Wissenschaften stehen
wie eine Eins, weltweit, das wird jetzt nicht durch ein paar islamische Gelehrte
gefährdet, die sagen, da werde aber das Problem der Gotteserkenntnis nicht auf
befriedigende Weise gelöst.

Sie tun so, als stünden wir im Ideenwettbewerb, aber hier steht doch die
Ideenwelt gegen die Kategorie der Bombe.
Der Konflikt ist absolut ernst, die Wissenswelt ist ja nur der Anfang der
Betrachtung, denken Sie an das Gesundheitssystem, das Recht.

Die Überlegenheit des militärischen Systems beruhigt mich da weitaus


mehr.
Das Wissen strömt natürlich auch ins Subsystem des Militärs hinein. Das Problem
dieses Militärs ist es, keinen ebenbürtigen Gegner zu haben, die Terroristen sind zu
unterlegen, um mit ihm kämpfen zu können, das wird in einer methodisch
geführten optischen Täuschung als Bedrohung verarbeitet.

Was wäre denn Ihr Vorschlag?


Denken Sie an Carl Schmitts berühmte Formulierung „Souverän ist, wer über den
Ausnahmezustand entscheidet“, ich transformiere ihn ein wenig, indem ich sage:
„Souverän ist, wer in der Lage ist, glaubhaft zu drohen“, und zu drohen heißt in der
Sprache der Strategiewissenschaft, einen bewaffneten Ratschlag übermitteln. Das
Interessante am Terrorismus ist, dass dort eine Reinform der Drohung entwickelt
wurde, die drohen ihre Drohung an, es wird nichts vorgeschlagen, es wird eine
reine Drohung in den Raum gesetzt, deren Bedeutsamkeit noch nicht zu fassen ist,
deswegen neige ich dazu, das Ganze eher in Ausdrücken der Medienkunst zu
interpretieren und nicht so sehr in Ausdrücken der Politologie.

Um auf diesen Zorn zu antworten, brauchen wir wohl mehr als Vertrauen
in die Moderne. Müssen wir zur eigenen Verteidigung selbst zorniger
werden?
Nicht zornig, sondern stolz, wir müssen den ganzen Pol des Thymotischen erst
wieder entdecken, auch in der Theorie müssen wir eine Psychologie entwickeln,
nicht für Patienten, sondern für Kämpfer, oder anders und besser gesagt, für Leute,
die in Form sind. Der Patient ist der Mensch ohne Stolz, das ist das Ergebnis von
hundert Jahren Therapiekultur, das konvergiert mit dem Homo consumens, den der
Kapitalismus herstellt, alles läuft auf diese Erotisierung hinaus, deswegen verstehen
wir den Thymotiker auch nicht, und die Islamisten sind überwertige Thymotiker. Es
wäre eine falsche, von der Psychoanalyse nahegelegte Herablassung zu sagen, der
Stolz meldet sich nur bei Menschen, die erotisch nicht zum Zuge kommen,
sozusagen ein Ersatzprogramm des Eros für die, die es nötig haben, der Stolz
kommt allem Nötighaben zuvor, er ist die im Sein selbst gesetzte Tendenz, geltend
zu machen, was man will und was man kann. Und wenn das zu sehr deformiert,
entstehen ressentimenthafte Ausbildungen des Stolzes.

Wie reagiert man denn adäquat auf ressentimentgeladene junge Männer?


Wenn der Herausforderer im Modus des Ressentiments herausfordert, dann bleibt er
wahrscheinlich unsichtbar, weil er nicht die Gangart des freien Stolzes wählen kann.
Wir müssen daran arbeiten, diese schmutzige, kloakenhafte Qualität des
Terrorismus, diese Bomben-Argumentationen in echte Herausforderungen
umzuwandeln.

Und welche Herausforderungen hätten Sie da im Sinn?


Es spricht eigentlich alles für das Sportliche, die Griechen hatten einen öffentlichen
Ringplatz, die Palaistra, auf dem junge Männer, die sich zeigen wollten,
gegeneinander antreten konnten, darauf läuft es letzten Endes hinaus, und das ist
Kulturarbeit, das ist die Arbeit der Zivilisierung der Gefühle überhaupt, dass man
diesen Gefühlen ein Parlament gibt, eine Arena, in der sie sich zeigen und klären
können, der Westen hat Erfahrungen hiermit, denn politische Parteien sind nichts
anderes gewesen, vor allem im linken Bereich, als Klärwerke für dunkle Regungen.
Man muss die Stolzkomponente im Terror versuchen, in Reindarstellung zu fassen,
der Terror ist eine Verhaltensweise, der diese Reindarstellung nicht duldet, da ist
schmutzige, im wahrsten Wortsinne niederträchtige Energie drin, die sich selbst die
Absolution erteilt und zwar unter unsportlichen, das heißt religiösen Verbrämungen,
deswegen ist Religion so gefährlich, vor allem monotheistische Religion, weil sie
eine kriecherische Metaphysik unterstützt, die Religionen sind Gefäße des
metaphysischen Masochismus, das heißt, man bekommt die Form vorgegeben, in
der man sich unterwerfen darf.

Ach, Herr Sloterdijk, mit billiger Religionskritik des 19. Jahrhunderts


kommen wir doch nicht weiter.
Vielleicht doch, denn die Religion ist immer eine Verhandlung über den Punkt, an
dem der Mensch sich unterwirft, denn darum geht es, um die Anerkennung der
Instanz, die das Recht hat, den Tod zu geben, und zwar den guten Tod zu geben,
einen Tod, der keine Gemeinheit ist. Religion ist das Gefäß, in dem diese
Transaktion bewältigt wird, und das ist eine ungeheure Zivilisationsleistung, denn
ansonsten gehen die Menschen hin und sagen, jeder Tod sei ein Mord, das ist die
Reaktion der archaischen Psyche.

Immerhin erkennen Sie eine zivilisatorische Leistung der Religion an, aber
könnte man es nicht auch genau umgekehrt interpretieren, die Religion als
Befreiung des Menschen aus der Absurdität seines Hingeworfenseins, ein
Gefäß, das ihn erst autonom werden lässt?
Da sitzt jetzt Herr Ratzinger mit uns am Tisch, denn genau dieses Thema hat er ja
in seiner Regensburger Rede behandelt, er hat darin ja zugegeben, dass es in der
Theologie ursprünglich um die Frage der Unterwerfung ging – und es im Islam
angeblich noch immer so sei, dass der Herr so hoch und dunkel und unerforschlich
sei, dass er als Todgeber fungiert, so kann eine Haltung entstehen, wo sich der
Gläubige selbst zum Todesengel wandelt und glaubt, dafür die Beglaubigung des
höchsten Todgebers zu besitzen, das sind die Kurzschlüsse der gefährlichen Art.

Nun gibt es auch – Habermas hat jüngst darauf hingewiesen – die totale
Unterwerfung vor der Vernunft, der Machbarkeit, dem Naturalismus. Was
rettet uns eigentlich beiderseitig in die Humanität?
Die Frauen. Sie sind der Schlüssel zur Zivilisierung. Der Islam hat sich vom Anfang
des 20. Jahrhunderts, wo er zu einer marginalen Glaubensgruppe zählte, binnen
eines Jahrhunderts verachtfacht, das heißt, hier ist Kampffortpflanzung in der Luft,
und damit auch eine Form von zweiter Proletarisierung. In dem Augenblick, wo das
weibliche Dabeisein – wir haben diese aufs Ganze wünschenswerte Entwicklung im
Westen –, wo der weibliche Stolz gestärkt wird, stürzen auch die Geburtenraten auf
vernünftige Werte herunter. Der Schlüssel liegt in der Ermächtigung der Frau. Der
Terrorist ist ja in der Regel der dritte, vierte oder fünfte, das heißt, der überflüssige
Sohn und damit der zornige junge Mann. Der beunruhigendste Gedanke, der zurzeit
in der Welt herumgeistert, Gunnar Heinsohn hat ihn ausgesprochen, ist der
Gedanke, dass es in der arabischen Welt in den nächsten dreißig Jahren auch bei
einem massiven Abnutzungskrieg noch mehr als genug Söhne gäbe, und wir haben
gesehen, was an diesen Fronten möglich ist, im Krieg zwischen dem Iran und Irak,
der weitgehend unbeobachtet von den europäischen Medien einer der blutigsten
Kriege des 20. Jahrhunderts war, mindestens eine Million Männer wurden verheizt –
es war die pure Lebensverschwendung, von daher führt für den Westen kein Weg
daran vorbei, den Konflikt der Zivilisationen zu suchen.

Sie sprechen von einem „Clash“ im Sinne Samuel Huntingtons?


Nein, das ist ein völlig falsches Konzept, ich spreche von einem zivilisierenden
Konflikt, wir müssen die Idee eines Lebens aus dem Können in unterwerfungslustige
Kulturen einführen, damit sich auch die Religion wandelt, von einer Religion der
Unterwerfung zu einer Religion des betreuten Könnens, also, europäisch
gesprochen, Protestantismus, der Glaube des von Gott getragenen Könnens.

Ausdruck von http://www.cicero.de/97.php?ress_id= 4&item= 1420

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