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Formeln der Kunst (2)

line of beauty and grace


31.10.2003

beim letzten Mal: "Je ne sais quoi" (jnsq), das 'gewisse Etwas' – zuerst als Reaktion auf
ungewöhnliche und überwältigende Schönheit ("ich weiß nicht, wie mir geschieht") – dann
schon bald (im Verlauf des 17. Jahrhunderts) als programmatische Wendung gegen die
Vorstellung einer Regelästhetik, d. h. gegen die Vorstellung, Kunst sei definierbar, auf Regeln
zu bringen und damit auch lehrbar
vielmehr drückt das jnsq aus: es ist etwas Geheimnisvolles, Unergründliches an der Kunst –
auch etwas Komplexes und Fremdes
=> mit dem jnsq stellte man sich in Frankreich im (späten) 17. Jahrhundert gegen eine
klassizistische und rationalistische Kunstauffassung, derzufolge die Kunst der Antike die
ewigen Regeln der Schönheit vorgebe
die Überwindung dieser klassizistischen Ästhetik und damit die Anerkennung des jnsq
innerhalb der Kunst wurde am Beispiel der Gartenkunst erläutert: [Dia links] [Dia rechts]
Französischer Garten als Uhrwerk, als Abbild des Kosmos – die Schönheit besteht im
Funktionieren, in der Perfektion von Ordnung und Mechanik (Wasserspiele etc.)
dagegen Englischer Garten: Inszenierung vielfältiger Stimmungen, wobei der Kunstcharakter
gerade versteckt wird – man wendet sich gegen jede Form von Schema, sucht das
Unregelmäßige, das sich auf keinen Begriff bringen läßt – oder höchstens auf den des jnsq
bzw. des Sharawagdi
dennoch: auch im Englischen Garten wurden Regeln entwickelt – nicht nur waren bestimmte
'Stationen' des Parcours beinahe obligatorisch (wie etwa ein Chinesischer Turm oder eine
Ruine) oder wurden immer wieder dieselben Landschaftstypen inszeniert (z. B. Hain, Grotte,
Gewässer), sondern auch die Anlage im Ganzen wurde Prinzipien unterstellt, was sich vor
allem bei der Wegeführung zeigt, die seit ca. 1750 in allen Englischen Gärten gleich ist
=> Überleitung zum heutigen Thema, der "Line of Beauty and Grace" (lobag) – die
Schönheitslinie bzw. Wellenlinie bzw. Schlangenlinie
grundlegend war die Absicht, den Besuchern eines Englischen Gartens bereits durch die
Wegeführung ein Höchstmaß an Abwechslung und Vielfalt zu bieten
=> es verbot sich, schnurgerade Wege anzulegen, bei denen der Betrachter immer nur in
dieselbe Richtung schauen kann (vgl. nochmals Rousseau), vielmehr ging es darum,
verschiedene Perspektiven zu ermöglichen oder auch jeweils die Perspektive auf eine
Baumgruppe, ein Gebäude etc. zu eröffnen, die am vorteilhaftesten, am pittoreskesten etc. war
grundsätzlich galt: der Englische Garten wurde als Abfolge von Bildern begriffen
(Wiedererkennungeffekte, wenn man Landschaften fand, die z. B. Claude Lorrain gemalt
hatte), als Hilfe hatte man gerne Motivsucher (Vorläufer des Fotoapparats bzw. des
Autofensters)
=> der Blickwinkel war wichtig, und es war von besonderem Interesse, auch mit
verschiedenen Blickwinkeln experimentieren zu können oder zu erleben, wie ein bestimmtes
Bild langsam in den Blick kam
bei der Anlage eines Englischen Gartens war es eine Hauptaufgabe, bereits bestehende
Landschaftselemente möglichst optimal zur Geltung zu bringen, d. h. sie aus der Perspektive
und Entfernung zu präsentieren, aus der sie die größte Wirksamkeit entfalten konnten
=> die Anlage von Wegen war eine zentrale ästhetische Frage
Meister darin: Lancelot Brown (1716-1783), bearbeitete insgesamt 211 Landschaftgärten in
Mittel- und Südengland – 'Capability' Brown, da er von den jeweils bereits vorhandenen
Landschaftressourcen ausging und versuchte, das Potential bestmöglich zur Entfaltung zu
bringen

1
dazu ging er selbst durch die Landschaft, erprobte verschiedene Blickwinkel und bestimmte
danach die Wegeordnung, wobei auch Höhenunterschiede ausgenutzt wurden
=> es entstanden Wegenetze, bei denen die Wege durch die Landschaft mäanderten, sich
immer leicht nach links oder nach rechts, nach oben oder nach unten bewegten
auch z. B. beim Englischen Garten in München wurde so vorgegangen [Dia links]: Friedrich
Ludwig von Sckell durchwanderte die künftige Gartenlandschaft und zog dabei einen Stock
hinter sich her, um den Wegverlauf zu skizzieren (der "Sckellsche Zeichenstock")
in einem theoretischen Text ("Beiträge zur Bildenden Gartenkunst") führt von Sckell aus, wie
genau die Weganlage stattzufinden hat:
"In dieser aufrechten Haltung, mit dem vorwärts nach der bestehenden Localität (...)
gerichteten Blicke, folget er [= der Landschaftsgärtner] dann mit starken Schritten der
schönen Wellen-Linie nach, die ihm seine geübte Einbildungskraft vorbildet, und gleichsam
vor ihm herschweben läßt."1
> das jeweilige Landschaftsobjekt (Baumgruppe etc.) muß man jeweils fest im Blick haben
> es wird ein Gang imaginiert, der in der Form einer Wellen-Linie verläuft, d. h. keine Gerade
und kein Zickzack, keine abrupten Richtungsänderungen, aber auch keine Monotonie
diese 'Wellen-Linie', die vor dem Landschaftsgärtner "herschwebt", ist das heutige Thema sie
ist jene "line of beauty and grace", d. h. jene "Linie der Schönheit und Anmut"
die lobag ist vor allem mit einem Namen verknüpft: William Hogarth (1697-1764)
berühmt als Kupferstecher und Radierer mit meist satirischen oder sozialkritischen Themen
(Wegbereiter der Karikatur), aber auch wichtiger Maler des Rokoko
doch nicht zuletzt ist Hogarth auch als Kunstteoretiker von Bedeutung: 1753 erschien sein
Werk "Analysis of Beauty", das im Untertitel versprach, die sich immer wieder wandelnden
Geschmacksideale zu fixieren ("fixing the fluctuating Ideas of Taste"), d. h.: nach Lektüre des
Buchs sollte man definitiv wissen, was schön ist und warum etwas schön ist – Streit über den
richtigen Geschmack sollte der Vergangenheit angehören!
bereits damit ist angezeigt: Hogarth glaubte sehr wohl an die Möglichkeit, Schönheit und
auch Kunst auf Regeln zu bringen – daß Kunst aus einem jnsq bestehen könnte, wies er weit
von sich – in der Vorrede seines Werks macht er sich lustig über die ästhetische Theorie
seiner Zelt, die das jnsq zum Modeausdruck erhoben hatte und hinter jeder Form von
Schönheit oder Kunst etwas Geheimnisvolles, Unergründliches vermutete
er erblickte darin die Unfähigkeit von Theoretikern, denen das paraktische Wissen fehlt, das
zugleich nötig ist, um der Schönheit auf den Grund gehen zu können
=> das Gerede vom jnsq wollte Hogarth – als Praktiker und Theoretiker in Personalunion –
ausdrücklich hinter sich lassen
mit diesem hohen Anspruch, dessen er sich sehr wohl bewußt war, machte er neugierig auf
sein Werk und seine 'Analyse' der Schönheit
doch er verstand es auch auf andere Weise, Neugier zu wecken und seinem Werk Publizität
sowie eine breite Leserschaft zu sichern – das Buch war nämlich schon seit Jahren
angekündigt, wobei es Hogarth seinerseits liebte, geheimnisvolle Andeutungen zu machen
[Dia links: Selbstporträt (1745)] [Dia rechts: Kupferstichfassung des Selbstporträts (1749)]
Hogarth porträtierte sich 1745 selbst und brachte dieselbe Komposition 1749 als Kupferstich
heraus – man sieht ihn hier als Bild im Bild, jenes steht, oval gerahmt, auf drei Büchern
(Shakespeare, Milton, Swift – keine antiken Autoren!)
der Maler ist ohne Perücke (=> Absage an höfische Welt, Betonung gesellschaftlicher
Unabhängigkeit) – mit dem prominent ins Bild gesetzten Hund bekennt sich Hogarth dazu,
Zyniker zu sein (Diogenes)
während sich das Bild insoweit entschlüsseln läßt, enthält es eine Merkwürdigkeit, die sich
nicht ohne weiteres erklärt: Hogarth weist sich auf dem Selbstbildnis mithilfe einer Palette als
Maler aus, auf der sich (zumindest in der Kupferstichversion) die üblichen Farbhäufchen
1
Friedrich Ludwig von Sckell, zit. nach: Adrian von Buttlar: Der Landschaftsgarten, Köln 1989, S. 202.

2
befinden (übrigens sieben, was noch von Bedeutung sein wird!) und zudem eine merkwürdige
Schlangenlinie – diese ist nicht etwa aufgemalt oder eingekerbt, denn sie wirft einen Schatten,
d. h. es müßte sich um ein dreidimensionales Gebilde handeln, z. B. aus Draht
ferner ist die Palette beschriftet – auf dem Gemälde mit "The Line of Beauty and Grace", auf
dem Kupferstich nur mit "The Line of Beauty"
diese Linie, die wegen ihres Schattens fast wie eine optische Täuschung erscheint, sowie ihre
stolze Beschriftung erregten bei Hogarths Zeitgenossen Verwirrung, wie dieser selbst in der
Vorrede zu seiner "Analysis of Beauty" mit Genugtuung feststellte
er beschreibt sein eigenes Bild und notiert: "Auf dieses [= das Selbstbildnis] zeichnete ich
eine Schlangenlinie, die auf einer Palette liegt. Darunter setzte ich die Worte: DIE LINIE
DER SCHÖNHEIT. Man schluckte den Köder sogleich. Keine ägyptische Hieroglyphe hat
jemals mehr Verwirrung gestiftet, als jene Linie für eine Zeitlang verursachte. Maler und
Bildhauer kamen zu mir, um ihren Sinn zu erfahren, der ihnen genauso Kopfzerbrechen
bereitete wie den anderen auch."2
doch Hogarth steigerte die Spannung noch weiter, bevor er in seinem Buch seine Kollegen
von ihrem Kopfzerbrechen befreite:
1752, ein Jahr vor Veröffentlichung der "Analysis of Beauty", erschien ein Subskriptionsblatt,
dessen Erwerb als Vorauszahlung für das Buch angerechnet wurde (mit solchen
Subskriptionsblättern erhielt der Autor bzw. Verleger einen Vorschuß für die Druckkosten)
[Dia links: Das Ei des Kolumbus]
der begleitende Text kündigt an, daß das Buch die Formen in einem neuen Licht zu betrachten
sich anschicke, d. h. der hohe Anspruch wird bereits angekündigt – und rätselhaft illustriert
dargestellt ist eine Paraphrase auf das Abendmahl – Christus ist durch Kolumbus ersetzt, der
den zu Gelehrten verwandelten Jüngern sein Ei präsentiert, d. h. eine lang gesuchte Lösung
auf ein vermeintlich unlösbares Problem
einer der Gelehrten schlägt sich mit der Hand vor die Stirn, als er merkt, wie unbedarft er
bislang gewesen war und wie überzeugend die gefundene Lösung ist
=> Hogarth nimmt hier die Reaktionen vorweg, die er sich für sein Buch erwartet: es soll
einschlagen als Geniestreich
auf dem Tisch befindet sich vor dem Ei eine Schale, in der sich, zwischen zwei weiteren
Eiern, zwei Aale schlängeln
=> es taucht dieselbe Schlangenlinie auf wie auf der Palette, ironischerweise jedoch bei
etwas, das von vielen als besonders eklig empfunden wird
=> es scheint, als wolle Hogarth sich mit diesem Kupferstich selbst hochnehmen und sich
lustig machen über den hohen Anspruch, mit dem er die "Analysis of Beauty" verfolgte –
nach dem Motto: das soll das lang erwartete Prinzip der Schönheit sein?
auch hier ist übrigens wieder ein Hund zu sehen, der gerade gierig versucht, die Schale zu
erreichen, um die Aale zu fressen – er interessiert sich mehr für sie als die Gelehrten – der
Hund kann (infolge des Selbstporträts) als Symbol für Hogarth selbst interpretiert werden und
drückt seinen Eifer auf der Suche nach dem wahren Schönen aus
als das Buch 1753 erschien, mochte die Titelvignette nochmals zuerst die Verwirrung steigern
[Dia rechts: Titelblatt]: zwar taucht die nun schon bekannte Schlangenlinie wieder auf, doch
nicht allein, sondern als Teil eines wiederum merkwürdigen Gebildes:
sie scheint eingelassen in ein Glasprisma, das auf einem Sockel steht, der mit der Aufschrift
"Variety" versehen ist – in der deutschen Ausgabe (zwei Jahre später) ist dies mit
"Mannichfaltigkeit" übersetzt [Dia links: deutsches Titelblatt]
doch auch dieses Gebilde klärt sich in der Vorrede: Hogarth zitiert den italienischen
Kunsttheoretiker Lomazzo, der berichtet, die Griechen hätten einst, als sie die ideal-schönen
Proportionen gefunden hatten, diese in einem dreieckigen Glas der Venus, d. h. der Göttin der
Schönheit geweiht
2
William Hogarth: Analyse der Schönheit (1753), Dresden 1996, S. 19.

3
=> Hogarth erhebt in seiner Titelvignette den Anspruch, seinerseits das Ideal der Schönheit
gefunden zu haben – es besteht allein in jener Schlangenlinie, d. h. in einer einzigen Form
bzw. Formel
für Hogarth ist dabei auch bedeutsam, daß es sich um ein dreieckiges Glas handelt – er
schreibt nämlich, "daß die dreieckige Form des Glases und die Schlangenlinie die zwei
ausdrucksvollsten Formen sind, die man ersinnen kann, um sich nicht nur die Schönheit und
die Grazie, sondern die ganze Ordnung der Form vorzustellen."3
das Dreieck hebt Hogarth hervor, weil es für ihn Einfachheit und Vielfalt zugleich verkörpert:
es ist die einfachste (da seitenärmste) Form von Vieleck, in ihm sind bereits alle weiteren
Vielecke angelegt – zudem betont Hogarth, das Dreieck sei – anders als etwa ein Viereck –
nicht gleichförmig: die Richtungen, in die die einzelnen Seiten des Dreiecks verweisen, sind
nicht simpel entgegengesetzt oder orthogonal, sondern ähnlich zueinander versetzt wie zwei
Partien der Schlangenlinie
ferner ist Hogarth der Meinung, ungerade Zahlen seien grundsätzlich interessanter als gerade
Zahlen, da sie Ungleichförmigkeit bedeuten (z. B. ungerade Zahl von Blütenblättern) und
damit Abwechslung und damit Vielfalt (vgl. drei Bücher, sieben Farbpunkte auf dem
Selbstbildnis!)
=> Hogarth steht in der Mitte zwischen einer klassizistischen Regelästhetik, die immer auf
Symmetrie und strenge Ordnung bedacht ist, und denjenigen, die Regeln grundsätzlich
verweigern, weil sie Schönheit als jnsq bestimmen – er glaubt daran, Regeln für das Schöne
angeben zu können, sucht aber zugleich nach einer Form, die in der Regelhaftigkeit besonders
viel Variabilität besitzt
deshalb zieht er nicht nur das Dreieck dem Viereck vor, sondern etwa auch das Oval dem
Kreis (vgl. nochmals das Selbstbildnis!) oder das Ei der Kugel (=> das Ei des Kolumbus ist
auch als Hinweis auf Hogarths Formideal zu verstehen)
aber es gilt: die Schlangenlinie als ideale Form – doch wie wird sie von Hogarth beschrieben,
was zeichnet sie aus, damit sie als lobag gewürdigt werden kann?
Hogarth beginnt sein Plädoyer für die Schlangenlinie mit einem Verweis auf einen Urtrieb des
Menschen: dieser liebt jede Form des Verfolgens und Jagens:
"Der lebhafte Geist will immer beschäftigt sein. Etwas verfolgen ist das Geschäft unseres
Lebens. Es bereitet uns auch dann Freude, wenn wir von irgendeinem anderen Zweck
absehen. Jede entstehende Schwierigkeit, die für eine Weile die Verfolgung behindert und
unterbricht, gibt dem Geist eine Art Federkraft, erhöht das Vergnügen, und das, was sonst
Mühe und Arbeit wäre, wird Zeitvertreib und Genuß."4
weiter führt Hogarth aus, ein Jäger habe mehr Vergnügen, wenn der Hase es ihm und den
Hunden schwer mache, ihn zu fangen, ja wenn er immer wieder seine Richtung ändere und
nicht einfach gradlinig davonlaufe, d. h. wenn er möglichst unberechenbar sei in seinem
Fluchtweg (daß der Hase gerne Haken schlägt, berücksichtigt Hogarth nicht!)
es bereitet dem Menschen Spaß, verschlungene und sich schlängelnde Wege zu verfolgen –
Auge und Geist sind dabei herausgefordert:
"Das Auge findet diese Art des Ergötzens an gewundenen Wegen, sich schlängelnden Flüssen
und an all den Dingen, deren Formen (...) vornehmlich aus dem, was ich die Wellen- und
Schlangenlinien nenne, zusammengesetzt sind. Verwicklung der Form will ich also als das
Besondere der Linien bestimmen, welches sie ordnet, so das Auge zu einer spielerischen
Weise des Verfolgens führt; und aus Freude, die wir dabei empfinden, geben wir diesem
Besonderen den Namen der Schönheit."5
Hogarth bringt sodann einige weitere Beispiele, bei denen geschlängelte Formen und Linien
faszinieren, und er erweist sich dabei einmal mehr als Ironiker:

3
Ebd., S. 26.
4
Ebd., S. 60.
5
Ebd., S. 61.

4
alle Beispiele, mit denen er im Verlauf seiner Studie arbeitet, versammelt er nämlich als
Abbildungen auf zwei Kupferstichen, die der "Analysis of Beauty" beigefügt sind – dabei
kombiniert er die unterschiedlichsten Dinge auf skurrile Weise, so daß sich äußerst witzige
und überraschende Tableaus ergeben, die ihrerseits auf das Beste den Wunsch nach Vielfalt
und die Abneigung gegenüber Gleichförmigkeit ausdrücken [Dia links: Tafel 1] [Dia rechts:
Tafel 2]
so steht z. B. der berühmte Apoll von Belvedere (12) in Nachbarschaft zu einem Flaschenzug,
mit dem gerade eine Cäsar-Statue stranguliert wird, sowie neben der Figur eines römischen
Generals, der mit einer übergroßen Perücke zur komischen Figur ausstaffiert wurde (19) – die
Laokoon-Gruppe (9) steht etwas abgerückt in der Nähe eines Zauns und ist von drei
Holzlatten eingefangen (als Zeichen dafür, daß auch hier die schöne Form des Dreiecks, zur
Pyramide geordnet, eingehalten ist – ähnlich wie bei der Titelvignette sind hier Schlangen –
diesmal ganz wörtlich – in eine Dreiecksform eingefaßt!)
die mit Nummern versehenen Abbildungen in den Bildleisten vermitteln den Eindruck von
Wissenschaftlichkeit
die Vielfalt der Beispiele, die auf den beiden Kupferstichen versammelt sind, macht – bei
aller ironischen Kombinatorik – doch auch nochmals den Anspruch von Hogarth deutlich: er
will eine Schönheitsregel vorstellen, die auf alle Bereiche und Phänomene anwendbar ist
=> es geht ihm nicht um eine Theorie, mit der speziell Kunst bestimmt werden kann – sein
Schönheitsbegriff ist viel weiter gefaßt, zwischen Kunst und Nicht-Kunst wird offensichtlich
nicht unterschieden!
das ist durchaus noch typisch für die Mitte des 18. Jahrhunderts! Kunst war damals noch
keine exklusive Größe, die streng von allem anderen unterschieden wurde – sie war ein
Bereich mit unscharfen Grenzen, in den nicht nur Gartenkunst gehörte, sondern z. B. auch
Feuerwerkspiele, Tischgedecke oder Wasserspiele (vgl. den Geltungsbereich des jnsq)
erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde zunehmend mehr vom Status der Kunst
ausgeschlossen, der Kunstbegriff erfuhr zugleich eine gewaltige Aufwertung, aus den
Künsten wurde 'die' Kunst (vgl. die Singularisierung von 'Geschichte') – dazu mehr nächstes
Mal, wenn es um "edle Einfalt und stille Größe" gehen wird
=> für Hogarths Zeitgenossen besaßen die Stiche vielleicht sogar weniger ironisches Potential
als für uns heute: während wir uns amüsieren, wie Kunstwerke und profanes Handwerkszeug
miteinander kombiniert sind, hatte dies zu Hogarths Zeiten noch mehr Selbstverständlichkeit,
war nicht frech oder gar blasphemisch
dennoch: die Spannbreite der Beispiele ist selbst für damalige Verhältnisse ungewöhnlich
so bringt Hogarth als Beispiel für die allgemeinmenschliche Faszination an der Schlangenlinie
z. B. auch einen Bratenwender – dieser besitzt ein Schwungrad mit einem Zahnrad in der
Mitte, in das eine gewundene Schnecke greift (Tafel 1, 15) [Dia rechts]
deren Anblick ist interessant, egal ob sie in Bewegung oder in Ruhe ist:
"Ich kann niemals vergessen, wie oft ich in meiner Kindheit die angenehm trügende
Bewegung des Schraubengewindes beobachtete, die in mir die gleiche Empfindung weckte
wie später die Beobachtung eines Kontertanzes; obgleich vielleicht das letztere mich noch
etwas mehr in seinen Bann zog, zumal, wenn ich eifrig all die Drehungen einer beliebten
Tänzerin verfolgte, die dem Auge einen bezaubernden Anblick bot..."6
=> Hogarth bringt das Gewinde des Bratenwenders in Assoziation mit einer Bewegung in
einem ganz anderen Bereich, nämlich der Bewegung des Tanzes
dabei präsentiert er sich nicht als Tänzer, sondern als Beobachter des Tanzes, gar als Voyeur,
der eine Figur – eine hübsche Dame – mit Blicken verfolgt und deren Bewegungsablauf
genießt
im Zentrum des zweiten Kupferstichs steht ebenfalls eine Tanzszene [Dia rechts], und man
kann sich vorstellen, wie Hogarth die linke Dame nicht mehr aus den Augen läßt – auch sind
6
Ebd., S. 64.

5
zwei Skizzen eingefügt (122,123) [Dia links], die die Bewegungsverläufe von Tänzen
darstellen und deren Schlangenlinienform sichtbar machen (was sehr modern anmutet, wenn
man an ähnliche Arbeiten von Andy Warhol denkt!) [Dia rechts]
da Hogarth ausdrücklich bewegte Formen einbezieht bzw. da er in der Schlangenlinie
Bewegung ausgedrückt sieht, wird auch verständlich, warum er in ihr die Linie der Schönheit
und der Anmut gefunden zu haben glaubt: Anmut nämlich ist nach allgemeinem Verständnis
nicht bei Formen, sondern nur bei Bewegungen oder Gesten möglich
anmutig ist eine Bewegung, die leicht und geschmeidig wirkt, nicht hastig, nicht verkrampft
oder angestrengt
daß Anmut durch die Schlangenlinie definiert werden soll, ist deshalb wohl sogar besser
nachvollziehbar, als daß sie auch das Grundprinzip der Schönheit darstellen soll
allerdings bleibt die Frage: sollen wirklich alle schönen Formen und anmutigen Bewegungen
auf die lobag zurückzuführen sein? – ist hier nicht nur eine neue Regelpoetik, diesmal für das
Rokoko, formuliert?
Goethe machte sich deshalb knapp fünfzig Jahre später (1799) lustig über Hogarth und seine
Anhänger, bezeichnete sie als "Schlängler", die in einem Kunstwerk "nur etwas mehr als
nichts sehen wollen" und die gut zur "Nullität in der Gesellschaft" passen7
=> Vorwurf des Bildungsbürgers gegen die Oberflächlichkeit der höfischen Welt, der
Hogarth, auch wenn das Selbstbildnis einen anderen Eindruck machte, dennoch stark
verhaftet blieb (wenngleich fast nie ohne ironische Distanzierung) – allein die Tänze als
Paradebeispiel verweisen auf das Höfische, aber auch auf Hogarths Interesse für Perücken
und Locken [Dia links]
doch Hogarth geht noch weiter bei seiner Analyse der lobag, vor allem beschreibt er sie
genauer:
"Obgleich jede Art von Wellenlinien eine Zierde ist, wenn sie geschickt angebracht ist, so gibt
es doch genaugenommen nur eine einzige Linie, die im eigentlichen Sinne die Linie der
Schönheit genannt wird. Sie ist in der Reihe derselben (Tafel 1, 49) die Nummer 4. Die Linien
5, 6, 7 erscheinen durch ihre zu starke Krümmung plump und schwerfällig, hingegen bieten 3,
2, 1 einen armseligen und dürftigen Anblick, weil sie gerade sind."8 [Dia rechts]
=> durch zu starke Krümmung geht die Geschmeidigkeit verloren, die Richtungsänderung
wird zu abrupt; zu geringe Krümmung wirkt hingegen gleichförmig
Hogarth zeigt die Unterschiede an mehreren Beispielreihen – so an Stuhlbeinen (50) [Dia
links] oder an Korsetten (53) [Dia rechts] – jeweils ist die mittlere, vierte Form die seiner
Ansicht nach ideale
doch ist die Schönheit der Wellenlinie für ihn zu steigern durch die Schlangenlinie, d. h.
durch den Verlauf im dreidimensionalen Raum (vgl. 26) [Dia links], denn hierbei gibt es noch
mehr Varianz und es kommt zu Verschiebungen nicht nur in einer Richtung
deshalb war auf der Palette bei seinem Selbstbildnis auch jenes rätselhafte dreidimensionale
Gebilde zu sehen, das einen Schatten warf – es war eine Schlangenlinie und nicht nur eine
Wellenlinie (vgl. Englischer Garten: die Wege sind nicht nur leicht gekrümmt, sondern laufen
auch auf einer gewellten Oberfläche – leichtes Auf und Ab)
man kann fragen: warum zeigt Hogarth an mehreren Beispielreihen neben der Idealform die
Abweichungen? genügte das nicht einmal?
daran wird die weitere Bedeutung seines Schönheitsbegriffs sichtbar: so wie die
Schlangenlinie einen Gang durch eine möglichst große Vielfalt beschreitet, ohne dabei je
abrupt ihre Richtung zu ändern, so führt auch Hogarth eine Vielfalt von Varianten vor, die
jeweils nur geringfügig voneinander abweichen

7
Johann Wolfgang Goethe: Der Sammler und die Seinigen (1799), in: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe; Bd.
XII, München 1981, S. 93.
8
Hogarth, a. a.O., S. 89.

6
wie die Wellenlinie Nr. 4 am schönsten ist, ist auch die Abfolge von Nr. 1 bis Nr. 7 besonders
schön, weil die Unterschiede zwischen den einzelnen Varianten nicht zu gering sind, um
festgestellt werden zu können, aber auch nicht so abrupt, daß jeweils ein Zwischenglied zu
fehlen scheint
=> der Reiz liegt in der lückenlosen Abfolge
damit wird deutlich: zu Hogarths Prinzip der Schönheit gehört jede Art von fließendem
Übergang – die Diskretheit der lobag ist lediglich ein Symbol für jede Form diskreter
Verwandlung
so bezieht Hogarth seine Theorie auch auf Farben und ihre Werte (Tafel 2, 94) [Dia rechts]:
wiederum sind jeweils sieben Farbabstufungen zu sehen – von hell nach dunkel – und
wiederum greift Hogarths Prinzip der lobag doppelt:
1. die vierte Abstufung – in der Mitte – ist für ihn die schönste Farbe – es ist die reine Farbe,
ohne Beimischung von Schwarz oder Weiß
2. schön sind auf einem Gemälde aber nicht nur die reinen Farben, sondern auch alle sanften
Übergänge von einem Farbwert zu einem anderen – dann folgt das Auge am liebsten und am
leichtesten
vgl. die Kupferstichversion des Selbstbildnisses: auf der Palette waren sieben Farbtupfen
=> die Theorie Hogarths ist komplexer, als es zunächst erscheinen mag, sie umfaßt nicht nur
eine Formlehre, sondern ebenso eine Bewegungslehre und eine Farblehre – und sie ist beinahe
auch eine Morallehre, ja eine Anleitung zur Lebenskunst:
so ist es immer die mittlere der sieben Variationen, die Hogarth als das Optimum einschätzt –
er orientiert sich damit an der sog. Mesotes-Lehre, die von Aristoteles stammt: demnach liegt
das Gute und Richtige immer zwischen zwei Extremen (Bspl.: Tapferkeit ist die rechte Mitte
zwischen Feigheit und Tollkühnheit)
für Hogarth besteht die rechte Mitte zwischen zu viel und zu wenig Abweichung – er strebt
nach einer Vielfalt ("Mannichfaltigkeit"!), die jedoch nicht chaotisch sein darf, sondern bei
der alles in enger Beziehung zu anderem steht, wohltemperiert ist
=> letztlich geht es bei Hogarth um eine Vorstellung von Harmonie, die lobag ist lediglich ein
Bild für das rechte Maß – dies im Ästhetischen einzuhalten, führt auch zu einem
ausgeglichenen Temperament – und im weiteren zu sittlicher Reife
=> man greift zu kurz, wenn man (wie viele es getan haben) unterstellt, Hogarth wolle überall
seine lobag unterbringen und sei nicht in der Lage, etwas schön zu finden, was keine solche
Linie aufzuweisen hat
insofern greifen auch nicht die gelegentlichen Vorwürfe, denen zufolge Hogarth nichts Neues
gemacht habe, als er die Bedeutung der lobag herausstrich, da bereits Kunsttheoretiker der
Renaissance und des Manierismus dasselbe getan hätten
tatsächlich zitiert Hogarth selbst in seiner Vorrede einige Künstler und Kunsttheoretiker, die
auf die Schönheit von Schlangenlinien verweisen – und man denke auch an das Ideal der S-
Form bei antiken Statuen (z.B. Tafel 1, 6)
doch beschränken sich die Hinweise der Vorgänger Hogarths tatsächlich rein auf die Linie, es
wird daraus keine allgemeine ästhetische Theorie abgeleitet – und erst recht keine Theorie,
die über das rein Ästhetische hinausreicht
gäbe es diese vereinzelten frühen Hinweise nicht, spräche das übrigens sogar gegen Hogarths
Theorie, denn es erscheint unwahrscheinlich, daß noch kein Künstler vor ihm etwas von dem
erfaßt haben sollte, was sich auf einmal als das Prinzip aller Schönheit (und Anmut) erweist
nicht zuletzt macht die Wirkungsgeschichte der lobag deutlich, daß die weiteren
Implikationen der Theorie durchaus verstanden werden konnten – sie wurde nämlich immer
wieder auch als Symbol für eine Lebenshaltung bzw. für eine Morallehre interpretiert
wichtigstes Beispiel: Schiller, Kallias-Briefe (1793):
"Eine Schlangenlinie (...) ist darum die schönste, weil sie sinnlich vollkommen ist. Es ist eine
Linie, die ihre Richtung immer abändert (Mannigfaltigkeit) und immer wieder zu derselben

7
Richtung zurückkehrt (Einheit). Wäre sie aber aus keinem besseren Grunde schön, so müßte
es folgende Linie auch sein:

welche gewiß nicht schön ist. (...) Folgende Linie aber ist eine schöne Linie, oder könnte es
doch sein, wenn meine Feder besser wäre.

Nun ist der ganze Unterschied zwischen dieser zweiten und jener bloß der, daß jene ihre
Richtung ex abrupto, diese aber unmerklich verändert; der Unterschied ihrer Wirkungen auf
das ästhetische Gefühl muß also in diesem einzig bemerkbaren Unterschied ihrer
Eigenschaften gegründet sein. Was ist aber eine plötzlich veränderte Richtung anders, als eine
gewaltsam veränderte? Die Natur liebt keinen Sprung. Sehen wir sie einen tun, so zeigt es,
daß ihr Gewalt geschehen ist. Freiwillig hingegen erscheint nur diejenige Bewegung, an der
man keinen bestimmten Punkt angeben kann, bei dem sie ihre Richtung abänderte. Und dies
ist der Fall mit der Schlangenlinie, welche sich von der oben abgebildeten bloß durch ihre
Freiheit unterscheidet."9
=> für Schiller ist die Schlangenlinie besonders schön, nicht nur weil sie Einheit und Vielfalt
miteinander verbindet, sondern weil die sanften Übergänge von einer Richtung zur anderen
ein Indiz dafür sind, daß keine Gewalt oder Willkür im Spiel ist
darin spiegelt sich für ihn zugleich ein Grundprinzip der Natur ("natura non facit saltus")
die Schlangenlinie wird bei Schiller insgesamt zum Symbol und Ausdruck von
Ungezwungenheit, Freiheit und damit auch von Toleranz – sie wird in ihrem Verlauf nicht
durch äußere Kräfte beeinflußt oder gehindert und hindert ihrerseits auch nichts anderes
entsprechend fährt Schiller fort:
"Es ist auffallend, wie sich der gute Ton (Schönheit des Umgangs) aus meinem Begriff der
Schönheit entwickeln läßt. Das erste Gesetz des guten Tons ist's: Schone fremde Freiheit; das
zweite: zeige selbst Freiheit. Die pünktliche Erfüllung beider ist ein unendlich schweres
Problem; aber der gute Ton fodert sie unerläßlich, und sie macht allein den vollendeten
Weltmann. Ich weiß für das Ideal des schönen Umgangs kein passenderes Bild als einen gut
getanzten und aus vielen verwickelten Touren komponierten englischen Tanz."10
=> auch Schiller kommt auf das Beispiel des englischen Tanzes – als Bild für ein ästhetisches
Verhalten, das zugleich höflich ist
es gehört zu den Grundgedanken der Philosophie Schillers, daß Schönheit bzw. Anmut und
ein guter Charakter bzw. moralisches Verhalten zusammengehören – der 'gute Ton' meint
sowohl ein ästhetisch als auch ein moralisch erfreuendes Verhalten
wer sich anmutig bewegt, d. h. keine abrupten, hektischen Gesten macht, hat auch ein
ausgeglichenes Gemüt, ist nicht überfordert und daher tatsächlich ein "vollendeter Weltmann"
=> Anmut ist Ausdruck einer 'schönen Seele', d. h. an der Bewegung oder Gestik eines
Menschen kann man bereits erkennen, ob er Humanität besitzt (nochmals: Anmut bezieht sich
immer auf Bewegung!) – eine anmutige Erscheinung zeugt von Rücksicht gegenüber anderen
Menschen, von Sensibilität und Feingefühl, ist andererseits aber auch Beleg einer glücklichen
Existenz, die nicht durch anderes bedrängt wird
(eine 'schöne Seele' muß in der Situation der Not und Bedrängnis, wenn Anmut nicht mehr
möglich ist, Würde zeigen) (dazu beim nächsten Mal mehr)
nach Hogarth und Schiller erfährt die lobag lange Zeit keine theoretisch bemerkenswerte
Reflexion mehr
allerdings gibt es eine eher triviale Wirkungsgeschichte – außerhalb der Kunst und vor allem
außerhalb der Morallehre
9
Friedrich Schiller: Kallias-Brief vom 23. Februar 1793.
10
Ebd.

8
so war die Frauenmode lange Zeit – und nicht nur im Rokoko – am Ideal der lobag orientiert
– der weibliche Körper wurde insbesondere gestaltet bzw. deformiert durch Korsette, wie sie
auch Hogarth zeigt
Bspl.: Warenhauskatalog KaDeWe 1913 [Dia links] [Dia rechts] – hier ist die Einhaltung
einer lobag jedoch eher Folge von Zwang und Gewalt – Schillers Ideal der Freiheit wird hier
ins Gegenteil verkehrt, ja der Anschein des Eleganten trügt
auch wenn die lobag nach Einführung des Reformkleids in der Mode keine so starke – und
selbst reglementierte – Rolle mehr spielt, ist sie aus der Produktwelt und Werbung
keineswegs verschwunden [Dia links: WEMPE-Uhr] [Dia rechts: NOKIA-Handy]
so sind Uhrenwerbungen oft so angelegt, daß aus dem Armband eine lobag wird – gerne
kontrastiert durch eckige Formen und orthogonale Linienverläufe, um die Geschmeidigkeit
des Produkts besser herauszustellen
=> suggeriert wird, daß selbst elegant – und weltmännisch – erscheint, wer sich eine solche
Uhr anlegt
in der zeitgenössischen Produktästhetik spielen abgerundete, weiche Formen ebenfalls eine
große Rolle (z. B. bei Handys, Rasierapparaten, aber z. B. auch bei Autos)
dies hat mit einer Tendenz zu tun, Produkte erotisch aufzuladen – wie die lobag (und vor
allem 'grace' (Anmut)) schon im 18. Jahrhundert als primär weiblich galt, läßt sich auch eine
'Verweiblichung' vieler Produkte feststellen – dies speziell als Ausdruck eines Wunsches nach
Jungfräulichkeit, d. h. nach einer Cleanheit, die durch alles Eckige, Sperrige gestört würde
neben den sanften Rundungen sind z. B. auch Metallic-Töne oder mattschimmernde
Oberflächen beliebt, wobei beides wiederum ein Mittel zwischen den Extremen
'Metall'-'Nicht-Metall' bzw. 'stumpf'-'glänzend' darstellt, d. h. dezent, verhalten wirkt – und
insofern auf anderer Ebene wiederholt, was in der lobag direkt sichtbar wird
diese Produkte sind aber nicht nur erotisiert, sondern sollen infolge ihrer Geschmeidigkeit,
ihrer harmonisch-dezenten Ausstrahlung auch glücksverheißend wirken, ja als
Verwirklichung einer Utopie von Freiheit und Maß erscheinen
die lobag wurde vor einigen Jahren aber auch nochmals eigens reflektiert – und dabei zum
Leitmotiv oder Symbol des Glücks erhoben – zu etwas, das über das bloß Ästhetische
hinausreicht und dessen Präsenz Harmonie und Klarheit garantiert
Peter Handke, Versuch über den geglückten Tag (1991)
das Buch beginnt bereits mit einer Beschreibung des Hogarth-Selbstbildnisses mit der lobag
auf der Platte (diese ist auch auf dem Buchumschlag reproduziert), erwähnt dann einen Stein
vom Bodensee, der eine kalkweiße Ader in geschwungener Form enthält, erzählt daraufhin
vom Verlauf eines Vorortzugs in Paris, der ebenfalls der Wellenlinie folgt
diese Erlebnissplitter geben dem Erzähler die Hoffnung, das Wahrnehmen insgesamt lasse
sich in eine harmonische, von Brüchen und Störungen freie Weise überführen, ja aus dem
Kleinen lasse sich Größeres freidenken
=> das Buch stellt die Frage, ob die lobag nur eine Utopie sein kann – oder auch als Muster
eines ganzen Lebens taugen könnte, ja ob sich letztlich alles zu einer einzigen großen lobag
fügen könnte:
"Und vielleicht kann die Linie der Schönheit und der Anmut (...) heutzutage kaum mehr die
sanftgeschwungene Kurve wie in Hogarths achtzehntem Jahrhundert nehmen, welches sich,
im reichen autonomen England jedenfalls, als eine ganz irdische Fülle der Zeit verstand.
Entspricht es nicht unsereinem jetzt, daß solch ein Gebilde immer wieder abbricht, ins
Stottern, Stammeln, Verstummen und ins Schweigen kommt, neu ansetzt, Seitenstrecken
nimmt – dabei jedoch zuletzt wie eh und je auf eine Einheit und etwas Ganzes hinzielt? So
wie es zu uns jetzt am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts paßt, daß eher die Ideen vom
einzelnen geglückten Tag in Kraft sind als von gleichwelcher Ewigkeit oder einem gesamt-
geglückten Leben, freilich nicht allein im Sinn des 'Jetzt ist jetzt' und schon gar nicht des
'Einfach in den Tag hinein leben!', sondern zudem in der Hoffnung – nein, Sehnsucht – nein,

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Bedürftigkeit –, mit dem Erforschen der Elemente des einen Zeitraums auch ein Muster für
einen größeren, einen noch größeren, den größtmöglichen, zu erahnen?"11
> es regiert die Skepsis, was das Gelingen eines harmonisch-kontinuierlichen Lebens
anbelangt – obwohl Handke glaubt, daß die alten Glücksvorstellungen nach wie vor gültig
sind
> statt eines geglückten Lebens traut man sich nur noch einen geglückten Tag zu, der dann
jedoch "Muster" für mehr wäre
=> sobald die Figur einer lobag (im weiten Sinne einer bruchlosen Verbindung, eines
diskreten Übergangs) auftaucht, erwacht auch die Hoffnung auf Fortsetzung, Ausdehnung
für Handke ist es primär eine Frage des Wahrnehmens, ja geradezu eine eigene Kunst, in
möglichst jedem Moment den Übergang zum nächsten zu finden, um so immer im 'Schwung'
zu bleiben und alles als leicht und freundlich zu erfahren
dies ist zugleich ein Prinzip der Poetik: sein Ziel als Schriftsteller besteht darin, alles erzählen
zu können, d. h. ebenfalls von einem Moment zum nächsten zu kommen
"Wohl aber sollen die erwähnten Momente, und besonders jene ersten des vollen Bewußtseins
nach dem Schlaf der Nacht, den Ansatz, oder Einsatz, für die Linie der Schönheit und der
Anmut geben. In der Weise, wie für den Tag der erste Punkt gesetzt ist, so soll es Punkt für
Punkt, in hohem Bogen, weitergehen. In meinem Aufhorchen für einen Ton zeigt sich mir die
Tonart für die gesamte Tagesreise."12
Handke beschreibt in seinem Buch sowohl die Anstrengung, die es bedeuten kann, so etwas
wie eine lobag freizudenken, dann aber auch "den Schwung jener Linie nachzuziehen"13
ferner beschreibt er Möglichkeiten des Scheiterns, ja mehr oder weniger grausame Erlebnisse
eines Abbruchs der Harmonie, des Allzusammenhangs, den die lobag symbolisch verkörpert
Handke erörtert im weiteren die Frage, wie sich solche Abstürze vermeiden lassen, um
vielleicht doch noch die glückende Erzählung, damit den glückenden Tag und schließlich
sogar eine Weisheit zu erlangen, die das Leben insgesamt geglückt erscheinen läßt:
"Also käme es, dachte er im nachhinein, beim Versuch des geglückten Tags darauf an, jeweils
im Moment des Mißgeschicks, des Schmerzes, des Versagens – der Störung und der
Entgleisung –, die Geistesgegenwart aufzubringen für die andere Spielart dieses Moments und
ihn so zu verwandeln, einzig durch das aus der Verengung befreiende Bewußtmachen, jetzt
gleich, im Handumdrehen, oder eben Bedenken, wodurch der Tag – als sei das für das
'Glücken' gefordert – seinen Schwung und seine Schwingen bekäme."14
=> nochmals wird deutlich: anders als noch bei Hogarth ist die lobag weniger die objektive
Eigenschaft eines Dings, einer Bewegung oder Geste, sondern es liegt im Wahrnehmenden,
ob er dazu in der Lage ist, Zusammenhänge herzustellen, Störendes in ein Kontinuum zu
integrieren, alles sozusagen in ein wohltemperiertes Klima zu bringen, ja das Maß zu wahren
(auch hier die Wichtigkeit des 'Tons' – vgl. Schiller)
vielleicht verlangt Handke von der in der lobag verkörperten Ästhetik – Art des
Wahrnehmens – noch mehr als Hogarth, erkennt darin nämlich nicht nur den Ausdruck einer
moralischen Haltung, sondern die Grundlage für jegliches Glück – und die Bedingung für
jedes Schreiben
=> die lobag wird zum Symbol der Kunst wie der Lebenskunst
diese Renaissance eines Prinzips, das davor fest mit dem 18. Jahrhundert verknüpft war und
(wie erwähnt) schon damals zum Teil als absurde Spielerei abgetan wurde (Goethe), ist
überraschend – aber zugleich eine Rehabilitation Hogarths, da es durch Handke leichter
geworden ist, die über das bloße ästhetisch Formale hinausreichende Dimension der lobag zu
erkennen

11
Peter Handke: Versuch über den geglückten Tag, Frankfurt/Main 1991, S. 19f.
12
Ebd., S. 34.
13
Ebd., S. 36.
14
Ebd., S. 48f.

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allerdings spielt die lobag auch noch in einem anderen Bereich heutzutage eine große Rolle, ja
hat gewissermaßen eine Schlüsselstellung erlangt, die ein Indiz dafür sein könnte, daß
Hogarth doch nicht so falsch lag, als er in der Schneckenlinie ein immer wiederkehrendes, nur
selten jedoch eigens als solches erkanntes Urprinzip zu identifizieren glaubte [Dia links: erste
Skizze der Doppelhelix] [Dia rechts: erste Präsentation der Doppelhelix]
nichts anderes als die Doppelhelix – als Ort der Gene – wird in Form von zwei ineinander
verschlungenen lobag dargestellt
dieses Bild ist zu einer Ikone der modernen Wissenschaften geworden, seit es 1953 (exakt 200
Jahre nach Hogarths "Analysis of Beauty"!) erstmals präsentiert wurde
der britische Kunsthistoriker Martin Kemp formulierte aus Anlaß des 50-jährigen Jubiläums
der Entdeckung der Doppelhelix sogar, es handle sich hierbei um "the Mona Lisa of modern
science"15
dieser Vergleich deutet auch an, daß das Bild der Doppelhelix so populär ist, weil es als so
schön, so stimmig empfunden wird (Kemp selbst geht jedoch nicht darauf ein, daß es sich hier
um eine Spielart der lobag handelt)
es wird ja oft kolportiert, daß Naturwissenschaftler erst dann einer Theorie oder Entdeckung
glauben, wenn sie sie auch schön finden, ja wenn sie ihrem ästhetischen Empfinden entspricht
so war es auch in diesem Fall
als James Watson und Francis Crick die Struktur des Gencodes entschlüsselt hatten, war
ihnen zuerst nicht klar, wie man sich das bildlich vorzustellen hätte
zur Präsentation ihrer Ergebnisse, ja zu deren Plausibilisierung war es jedoch unabdingbar,
eine möglichst klare, einfache Skizze dieser Struktur zu liefern
in dieser Situation half Odile Crick, die Frau von Francis Crick – sie war eigentlich Malerin
und fertigte eine Zeichnung an, die dann den Artikel in "Nature", in dem die neue Entdeckung
mitgeteilt wurde, illustrierte
ausdrücklich ist in der Textlegende zu dieser Zeichnung hervorgehoben, diese sei "purely
diagrammatic", d. h. sie gibt nicht etwa ein genaues Abbild der DNA, sondern liefert lediglich
ein Modell, um sich die Struktur besser vorstellen zu können
=> die Form einer doppelten lobag ist nicht etwa in der Natur 'an sich' so vorhanden (selbst
wenn gelten mag: "natura non facit saltus"), sondern Folge von Geschmacks- bzw.
Schönheitsempfindungen
um eine klare Vorstellung von der neuen Entdeckung zu liefern, mußte auch eine besonders
schöne Form dafür gefunden werden
hätte sich nicht eine Künstlerin der Sache angenommen, wäre vielleicht eine völlig andere,
weniger 'einleuchtende' Modellvorstellung entstanden – und die Doppelhelix wäre vielleicht
auch nicht zu einer Ikone geworden
besonders interessant: Odile Crick malte eigentlich vor allem weibliche Akte, wobei sie die
Frauen ihrerseits so interpretiert, als bestünden sie vor allem aus lobag
=> eine in der Malerei seit langem gepflegte Tradition, auf die sich Hogarth bereits bezieht
und die er intensiviert neubegründet, wird auch hier noch manifest
von ihrer Akt-Malpraxis aus war es dann für Odile Crick nur ein kleiner, naheliegender
Schritt, auch die abstrakte Struktur der Doppelhelix schwungvoll in Szene zu setzen
wer weiß: vielleicht sähe ohne Hogarth die Doppelhelix heute (ganz) anders aus?

15
Martin Kemp, in: Nature 421, S. 416ff. (23. Januar 2003).

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