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Globalisierung der Bilder (1)

Einführung
16.10.2003

heute: Einführung in das Thema, Touchieren einiger der Themen, die im Lauf des Semesters
behandelt werden, Einblick in Themenspektrum und Schauplätze, Skizzierung einiger
ideengeschichtlicher Zusammenhänge, aus denen heraus sich besser verstehen läßt, welchen
Stellenwert die Idee und die Tatsachen der Globalisierung haben
"Globalisierung der Bilder" – was ist damit gemeint?
in Analogie zu Wendungen wie "Globalisierung des Handels" oder "Globalisierung der
Industrie" klingt in dieser Formulierung die These an, die Verbreitung und Wirkung von
Bildern sei zunehmend nicht mehr auf einzelne Länder oder Kulturen beschränkt, sondern ein
weltweites – eben globales – Geschehen
das heißt zumindest zweierlei:
1. bereits vorhandene Bilder werden vor allem dank neuer Reproduktions-, Speicher- und
Telekommunikationstechniken viel leichter als früher 'exportierbar', von einem Ort an einen
ganz anderen translozierbar – spätestens das Internet hat es erlaubt, jede Information und
damit auch jedes Bild an jedem Ort der Welt abzurufen – aber auch große Fernsehsender wie
CNN oder MTV sind in fast 100 Ländern zu sehen – Hollywood prägt die Filmkultur und
Filmindustrie nahezu weltweit – der bereits viel ältere Buchmarkt hat dafür gesorgt, daß
Reproduktionen zahlloser Bilder aller Kulturen zumindest in den Bibliotheken der
Metropolen der Welt mühelos zugänglich sind
2. damit es Sinn macht, Bilder weltweit zu vertreiben, ist jedoch vorauszusetzen, daß sie auch
überall Neugier wecken, Gefallen finden, ja nicht nur die Netzhaut der Menschen erreichen,
sondern auch Kopf und Herz
dieser zweite Punkt ist der spannendere – und der, um den es in dieser Vorlesungsreihe
vornehmlich gehen soll
anders formuliert – es geht um folgenden Fragenkomplex:
> gibt es tatsächlich Bilder, die global in der Weise sind, daß sie sich im kollektiven
Gedächtnis der Menschen verschiedener Kulturen finden? – oder daß sie zumindest
interkulturell 'funktionieren', d. h. jeweils verstanden, gedeutet, gerne angeschaut etc. werden?
> sofern es solche Bilder gibt: was kennzeichnet sie, ja was unterscheidet sie von Bildern, die
geringere Verbreitung besitzen oder die in jeder Kultur ganz anders empfunden werden?
> woher kommen diese Bilder? gilt hier, was auch für andere Bereiche zu beobachten ist,
nämlich daß vor allem der Westen seine Kultur exportiert (oder auch aufdrängt), während
umgekehrt viel weniger importiert wird? – d. h.: gibt es überhaupt Bilder aus Japan, Nigeria
oder von den Aborigines, die bei uns allgemein bekannt sind, uns interessieren und unser
Bewußtsein prägen, so wie umgekehrt Japaner, Nigerianer oder Aborigines von Bildern des
Westens geprägt werden oder sich zumindest damit auseinandersetzen müssen? ('Bilder' hier
in einem weiten Sinn des Worts, d. h. keineswegs nur Bilder der Kunst, sondern auch Bilder
der Werbung oder sogar Symbole, Logos etc.)
[Dia links: Werbung in japanischer Zeitschrift] [Dia rechts: Schönheitsoperation in Japan]
Beispiel (dazu in einer eigenen Vorlesungsstunden mehr): in Japan gibt es kein
Schönheitsideal für den Körper mehr, das der asiatischen Physiognomie entspricht – vielmehr
haben die Marken des Westens auch westliche Körpervorstellungen dominant werden lassen –
selbst große Konzerne wählen für den ja nicht gerade kleinen japanischen Markt (Japan ist die
drittgrößte Industrienation!) keine landesspezifischen Models – entsprechend wird in
denselben Zeitschriften, in denen das westliche Frauenbild propagiert wird, auch gezeigt, wie
eine chirurgische Operation – eine Verwestlichung der Gesichtszüge oder des gesamten
Körpers – stattzufinden hat [Dia links]

1
=> "Globalisierung der Bilder" ist nicht nur ein bildtheoretisch spannendes Thema, das Anlaß
sein kann, über verschiedene Bildformen, über den interkulturellen Umgang mit Bildern
sowie über ihre mögliche Wirksamkeit nachzudenken, sondern es ist auch ein politisches
Thema:
> wie wird mit Bildern Macht ausgeübt (ob absichtlich oder nicht)?
> wann und wie wirken Bilder normierend?
> inwieweit können global wirksame Bilder überhaupt anders als vereinheitlichend und damit
auch 'ungerecht' sein?
wichtig ist ferner die Frage, ob sich Bilder von vornherein auf eine globale Wirkung hin
anlegen lassen – oder ob die Bildproduzenten jeweils so stark in ihren eigenen kulturellen
Prägungen gefangen sind, daß sie einen interkulturellen Horizont gar nicht überblicken
können
dann wäre eine globale Wirksamkeit nicht wirklich kalkulierbar
tatsächlich gibt es zumal seit dem 20. Jahrhundert diverse Versuche sowohl innerhalb als auch
außerhalb der Kunst, Bilder zu schaffen, die weltweit Resonanz finden können – diese
Versuche sollen im Zentrum der Vorlesungsreihe stehen, was zugleich Anlaß dafür sein wird,
über Kriterien zu diskutieren, denen globale Bilder entsprechen müssen
=> folgende Fragen werden immer wieder auftauchen:
> gibt es bestimmte Formsprachen oder spezielle Themen, die sich besonders eignen, um
weltweit Resonanz zu finden?
> was gab es für Mißverständnisse oder auch Möglichkeiten des Scheiterns auf der Suche
nach globalen Bildern?
> wann/warum ist es überhaupt erstrebenswert bzw. was für Ziele sind jeweils damit
verbunden, global wirksame Bilder zu machen?
> wer muß auf weltweite Verbreitung seiner Bilder Wert legen – und wer nicht? welche Rolle
spielt hierbei insbesondere die Kunst? ist sie Vorreiterin – oder könnte sie im Gegenteil ein
Ort sein, der sich einem generellen Globalisierungsdruck entziehen kann?
[Dia links: Vasarely] [Dia rechts: 11. September]
zwei extreme Beispiele (auch dazu in eigenen Vorlesungen mehr): Victor Vasarely
entwickelte in den 1960er Jahren das Konzept einer 'planetarischen Folklore', d. h. er wollte
Bilder machen, die weltweit positive Reaktionen auslösen und den Menschen gefallen
mit Wahrnehmungspsychologen und anderen Wissenschaftlern versuchte er Muster zu
entwickeln, deren Formen oder Farbklänge in keiner Kultur negativ codiert sind
mit groß angelegten Meinungsumfragen sollten die interkulturell sympathischsten Muster
ausfindig gemacht werden, und Vasarely hatte die Hoffnung, daß die von ihm designten
Bilder eines Tages weltweit in jedem Wohnzimmer hängen, ja daß sie das sind, was die
Völker und Kulturen verbindet – eben als 'planetarische Folklore', die alle regionalen und
nationalen Folkloren überstrahlen sollte
Terroristen sind oft ebenfalls Produzenten global verbreiteter und wirksamer Bilder
im Wort 'Attentat' steckt 'attention', d. h. die Aufmerksamkeit – d. h. es geht darum, mit einem
Terrorakt Platz in den Medien zu bekommen, um die eigene politische, ideologische, religiöse
Position verbreiten zu können
Bilder der Gewalt haben es immer und nach wie vor am leichtesten, in die Medien zu
kommen – und auch weltweit verbreitet zu werden
=> globale Bilder sind nicht nur oft gewaltsam, weil sie Differenzen annullieren (vgl.
Werbung in Japan), sondern haben Gewalt oft auch als ihr Thema
es scheint so, als sei Gewalt das, was interkulturell mit am leichtesten verständlich zu machen
ist – worin sich jeder sogleich einzufühlen vermag
Gewalt, Schmerz, Leid als menschliche Urerfahrungen

2
tatsächlich sind auch die meisten Ikonen der Pressefotografie, d. h. Bilder, die im wahrsten
Sinn um die Welt gingen, Bilder der Gewalt, welche den Betrachter zu Mitleid erregen oder
schockieren [Dia links: Napalm-Mädchen in Vietnam]
als 1972 das Foto veröffentlicht wurde, das ein schutzlos-nacktes Mädchen auf der Flucht vor
der Hitze der Napalm-Bomben zeigt, die die US-Amerikaner auf Zivilisten-Dörfer in
Nordvietnam abgeworfen hatten, kippte in den USA endgültig die Stimmung – und letztlich
mußten die Amerikaner auch wegen dieses Fotos den Krieg beenden – es ist damit wegen
seiner weltweiten Verbreitung eines der einflußreichsten Fotos der Geschichte!
daß gerade Bilder mit Gewaltdarstellungen interkulturell wirksam werden können, ist aber
nicht erst ein Phänomen des 20. Jahrhunderts – vielmehr ist eines der ersten Bilder (das erste
Bild?), das den Anspruch auf globale Wirksamkeit erhob und mit dem die Expansion der
abendländischen Kultur über ihre Grenzen hinaus begann, seinerseits ein Bild der Gewalt, ja
ein Bild, das auf Mitleid setzt – nämlich Christus am Kreuz
die christlichen Missionare waren die ersten, die eine Globalisierung ihres Glaubens
beabsichtigten – und die sich dabei wesentlich des Bilds von Christus am Kreuz bedienten –
Christusbilder fungierten bei den christlichen Rittern des Mittelalters, wie Herder einmal
formulierte, als "Heereszeichen, Fahnen, Siegel", d. h. nicht nur als Form des
Glaubensbekenntnisses, sondern auch als Mittel eines großen Eroberungsfeldzugs
Achim von Arnim schrieb, daß der Papst "mit gemalten Bildern die ganze Christenheit
regiert" (heute regiert der Gouverneur von Kalifornien auf der Basis von gefilmten Bildern...)
=> auch er beschrieb die Bilder als Mittel der Machtausübung – als Möglichkeit, das
Bewußtsein der Menschen einheitlich zu formatieren
über Jahrhunderte hinweg war das Christus-Bild vielleicht sogar das einzige Bild (neben dem
Marien-Bild?), das im kollektiven Gedächtnis einen Platz hatte – wenn auch nicht weltweit,
so doch zumindest überall dort, wohin das Christentum gedrungen war, was nach alten
Vorstellungen auch fast gleichbedeutend mit 'weltweit' war
aus dem 16. Jahrhundert gibt es ein Gemälde von Lucas Cranach (aus dem protestantischen
Milieu), das den Status des Gekreuzigten als eines kollektiv präsenten Bilds sogar eigens zum
Thema hat: [Dia rechts: Cranach, Luther predigt vom Gekreuzigten, Stadtkirche
Wittenberg (1547)]
zu sehen ist Luther auf der Kanzel, während der Predigt, ihm gegenüber die heterogene
Gemeinde (Männer, Frauen, Kinder, Arme, Reiche), als Abbild der gesamten Christenheit
und potentiell der gesamten Menschheit, die seinen Worten lauscht – zwischen Gemeinde und
Luther aber das Bild des gekreuzigten Christus, freilich nicht als 'reales' Bild, sondern als
gemeinsames inneres Bild (übrigens: der publizistische Erfolg des Napalm-Mädchens mag
auch daran liegen, daß es ikonographisch eine Ähnlichkeit zum Christus-Bild hat, d. h. in den
Köpfen der Menschen christlicher Länder schon auf Bekanntes traf)
daß es sich bei Christus um ein kollektives 'inneres Bild' handelt, ist daran erkennbar, daß das
Gewand Christi im Wind zu flattern scheint, obgleich der Raum fensterlos ist – auch würde es
keinen Sinn machen, daß der Gekreuzigte zwischen Luther und der Gemeinde steht, diese ihn
jeweils nur seitlich anschauen können und von ihm zudem den Blick auf ihr Gegenüber
verstellt bekommen
=> Cranachs Gemälde zeigt, wie Luthers eindringliche Predigt es vollbringt, daß allen
Anwesenden dasselbe Bild vor Augen steht, ja wie er damit eine Einheit der Gläubigen
schafft, der er selbst ebenfalls angehört
=> dieses Gemälde ist ein frühes Beispiel für die Existenz von so etwas wie einem kollektiven
Bildgedächtnis
auch der Betrachter ist in diese Gemeinschaft einbezogen: Luthers Blick richtet sich auf ihn,
und der Gekreuzigte ist auf den Betrachter hin ausgerichtet, ist gleichsam die Projektion von
dessen innerem Bild (den Gläubigen und Luther wird er sich ebenfalls jeweils von vorne

3
zeigen, ja die Stellung des Kreuzes belegt nochmals, daß es sich hier um ein inneres Bild
handeln muß)
es wird aber auch deutlich, daß es das Wort Luthers ist, was das gemeinsame innere Bild erst
erzeugt: seine Linke hält er auf die Heilige Schrift, fixiert das darin geschriebene Wort, liest
es und setzt es in ein gesprochenes Wort um, dessen Impetus er mit der Zeigegeste der
Rechten noch verstärkt und zugleich 'richtet'
=> Luther wird zum Medium des göttlichen Worts, ihm ist es gegeben, es zu verlebendigen
und seine Kraft weiterzugeben
doch es wird auch deutlich: das Wort braucht Raum, um sich zu entfalten: Luther steht relativ
weit entfernt von den Gläubigen – dazwischen ist ein leerer, reiner Raum, nicht nur ohne
Fenster, sondern ebenso ohne jeglichen Wand- oder Bodenschmuck
in einem solchen Raum hallt das Wort geradezu, bekommt mehr Resonanz – und nichts lenkt
von ihm und seiner Wirkung ab – damit entsteht auch erst ein lebhaftes inneres Bild
=> der Kirchenraum erlaubt gerade dadurch eine innige Glaubenserfahrung, daß er
leergeräumt ist, frei für die Besinnung der Gläubigen auf die Glaubensinhalte
=> die Bilderlosigkeit protestantischer Kirchen ist nicht unbedingt Ausdruck pauschaler
Bilderfeindlichkeit – sondern soll die Gelegenheit dafür bieten, die inneren Bilder zur Geltung
zu bringen – sofern es sich dabei um kollektive Bilder handelt, sind diese während der Predigt
ähnlich stark präsent – sogar unmittelbarer anwesend – als gemalte Bilder am Altar
liegt hier die frühe Form einer 'Globalisierung eines Bilds' vor, so soll es innerhalb dieser
Vorlesung um neuere Versuche gehen – und überwiegend um Versuche, die (wie schon
angedeutet) die globale (oder zumindest interkulturelle) Verbreitung auch nicht nur als Option
im Hinterkopf, sondern als ausdrückliches Ziel haben – und auch um Theorien, in denen die
Globalisierbarkeit von Bildern behauptet wird
bei der Vokabel 'Globalisierung' klingt natürlich auch immer schon ein ökonomischer Aspekt
an, wird sie doch fast immer im Zusammenhang mit der Wirtschaft verwendet
'die' Globalisierung meint die Globalisierung der Wirtschaft – und die Globalisierungsgegner
oder -kritiker wenden sich nicht etwa gegen Völkerverständigung, sondern gegen Folgen
einer zunehmenden Verflechtung der Wirtschaft, gegen die Macht globaler Konzerne, die die
jeweiligen staatlichen Steuerungsmechanismen auszuhebeln vermögen
=> der Titel "Globalisierung der Bilder" will ausdrücklich gerade auch die ökonomische
Dimension des Umgangs mit Bildern berücksichtigen und die Frage stellen, ob und inwiefern
auch Bilder durch die Globalisierungsbewegung und den Sog des Ökonomischen beeinflußt,
gar in ihrer Rolle verändert werden, ja ob Bilder zunehmend nur ein beliebiger Typ von
weltweit gehandelter Ware sind
noch handelt es sich bei der Wendung "Globalisierung der Bilder" um eine relativ
ungewöhnliche Formulierung, was sich jedoch vielleicht schon bald ändert (im Juli führte
Google erst zwei Fundstellen an, im Oktober schon acht)
man braucht nur einen Blick auf die Veränderungen zu werfen, die in den letzten Jahren im
Bereich der Bildagenturen stattfanden, um zu ahnen, daß das Phänomen einer Globalisierung
der Bilder endlich auch eines der 'big themes' der Bildwissenschaft werden müßte
so haben enorme Konzentrations-, Fusions- und Übernahmebewegungen den Markt der
Bildagenturen grundlegend verändert – und alles läuft gegenwärtig darauf hinaus, daß sich
zwei Agenturen – Getty Pictures und Corbis – den Weltmarkt der Bilder teilen und nicht nur
bereits bestehende Bilder aufkaufen, sondern danach streben, Bilder zu entwickeln, die global
absetzbar und damit besonders profitabel sind [Dia links] [Dia rechts] (auch dazu eine eigene
Vorlesungsstunde!)
=> während in vielen anderen Bereichen 'Globalisierung' seit rund zehn Jahren zu einem
Schlagwort geworden ist, das teils sogar inflationär verwendet wird, ist man, was die
Diskussion über eine Globalisierung der Bilder anbelangt, noch etwas im Rückstand

4
das braucht nicht nur ein Nachteil zu sein, da 'Globalisierung' auch oft nur als Schlagwort
verwendet wird, das Panik auslösen oder revolutionäre Zeitenwenden suggerieren soll
dabei ist das damit bezeichnete Phänomen, nämlich die zunehmende weltweite Vernetzung,
vor allem der in immer größerem Umfang über National- oder Kulturgrenzen hinweg
betriebene Handel keineswegs ein so neues Phänomen, wie jenes Modewort suggeriert
vielmehr läßt sich schon seit langem eine Tendenz zur Globalisierung belegen, ja man könnte
sogar behaupten, daß die Geschichte der Zivilisation im Grunde auch eine Geschichte der
Globalisierung ist, da Kulturen immer wieder neugierig auf Austausch mit anderen Kulturen
waren und versuchten, Barrieren zumindest temporär zu überwinden – Sprachbarrieren,
Reisehürden etc.
allerdings: lange Zeit und immer wieder gab/gibt es auch Angst vor interkulturellem
Austausch – die anderen waren/sind dann die Fremden, die Barbaren, ja es gab nicht
unbedingt ein 'Gattungsbewußtsein', wonach alle Menschen etwas Verbindendes haben
die Griechen z. B. hatten keinen Begriff von einer einheitlichen Menschheit – die Römer
hingegen schon, die als erste die Idee eines Weltbürgertums propagierten, ja die als ihre
Heimat nicht nur, nicht so sehr das eigene Vaterland empfanden, sondern die Welt im ganzen
– vgl. z. B. Seneca: "Nicht für einen einzigen Winkel bin ich geboren, mein Vaterland ist die
gesamte Welt" (Ep. mor. ad. Luc., 28,4)
=> eine positive Konnotation des Reisens: man kann überall zuhause sein, sich wohl fühlen,
während die Griechen überwiegend noch Angst vor dem Reisen – vor allem vor dem Meer –
hatten
diese weltoffene Haltung erklärt den römischen Imperialismus, der keine natürlichen Grenzen
kannte, aber auch den ausgedehnten Handel, den die Römer weltweit betrieben
diese Haltung erbte dann das Christentum, das die Idee von der Einheit aller Menschen
übernahm – und daraus folgerte, alle Menschen müßten vom Opfertod Christi erfahren und zu
Christen werden, um auch die Chance auf Erlösung zu haben
spricht man von Globalisierung, dann ist jedoch meist (wie schon angedeutet) weniger eine
ideelle Einheit – ein Universalismus – damit gemeint, sondern das eher äußerliche Phänomen
einer Verbindung aller Länder und Kulturen durch Technik und Wirtschaft
in diesem Sinne ist erst seit relativ kurzem ein Stadium erreicht, das es tatsächlich halbwegs
berechtigt erscheinen läßt, von einer globalen bzw. globalisierten Welt zu sprechen
allerdings war die Tendenz schon länger absehbar – vor allem das expansive Wesen des
Kapitalismus, d. h. der Verabsolutierung des Geldverdienes um seiner selbst willen, das nach
immer neuen Märkten, nach der Ausnutzung von Preis- und Lohngefällen strebt, ist
Wirtschaftstheoretikern spätestens im 18. Jahrhundert klar geworden
um einen Eindruck davon zu vermitteln, daß man schon vor mehr als 150 Jahren zu der
Diagnose gelangen konnte, daß wir in einem Zeitalter der Globalisierung leben – und daß
diese schließlich auch über wirtschaftliche Entwicklungen hinaus bedeutsam, ja folgenreich
sein würde, sei eine berühmte Passage aus einem berühmten Text zitiert:
"Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet.
Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle
zivilisierten Nationen sind, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern
den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im
Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden. An die Stelle der alten,
durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der
entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten
lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger
Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen,
so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden

5
Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich,
und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur."1
insbesondere Globalisierungsgegner lieben diese Passage aus dem "Kommunistischen
Manifest", da hier aus berufenstem oder zumindest prominentestem Munde eine Entwicklung
mehr prophezeit als diagnostiziert wird, die heute überall zu erleben ist
allerdings sollte die Globalisierungsgegner durchaus auch stutzig machen, daß man 1847
schon ganz ähnliche Texte schreiben konnte wie heute – es droht die Differenz zwischen dem
19. und dem 21. Jahrhundert und damit auch die Dringlichkeit des heutigen Protests verloren
zu gehen
Marx und Engels erkennen in den Unternehmern (der Bourgeoisie), die über die
Produktionsmittel (Kapital, Grund, Maschinen) verfügen, die Motoren einer Entwicklung, die
keine Grenzen anerkennt, sondern allein dem Profit verpflichtet ist
die Unternehmen wollen ihre Produkte möglichst weltweit exportieren, d. h. die Absätze
steigern – ferner wollen sie immer neue Produkte herstellen (z. B. mit Rohstoffen aus bisher
unerschlossenen Einzugsgebieten) und suchen nach immer preisgünstigeren Möglichkeiten
der Produktion – dann läßt sich auch preiswerter verkaufen, die Menschen konsumieren mehr
und werden schließlich davon abhängig, ja gewöhnen sich an Bedürfnisse, die sie zuvor gar
nicht hatten
Marx und Engels bemerken jedoch auch, daß die Globalisierung sich gegen nationalistische
und isolationistische Strömungen wendet: es ist kaum noch möglich, daß sich ein Land
abschottet und auf seine nationale Wirtschaftskraft verläßt
hierzu eine schöne – und ebenso berühmte – Formulierung aus dem nächsten Absatz des
Manifests:
"Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die
unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die
Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle
chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der
Barbaren zur Kapitulation zwingt."2
die Führung der DDR hätte nur das Kommunistische Manifest ernst nehmen müssen, um zu
erkennen, daß es auf Dauer nichts nützen kann, Mauern zu errichten, um das eigene Regime
zu stabilisieren
die Verführungskraft der Konsumgüter, zumal wenn sie relativ billig zu haben sind und damit
als Wunder und Sensation erscheinen, ist einfach zu stark
Marx und Engels zeigen sich durchaus fasziniert von dieser Kraft der Wirtschaft, die stärker
ist als Nationalismen, stärker damit auch als Fremdenhaß, ja die eben auch 'Barbaren', d. h.
Völker fern von Technik und Zivilisation an die Fortschritte von Medizin,
Kommunikationstechnik oder Nahrungsmittelversorgung 'anschließt'
vor allem aber hat die Globalisierung noch eine weitere Folge, die bereits im Absatz davor
angesprochen wurde: indem die einzelnen Länder und Kulturen in einen intensiveren
Austausch miteinander gelangen, bleibt es nicht aus, daß sie mehr als nur Handel treiben
die jeweilige "geistige Produktion" findet schließlich ebenso gegenseitiges Interesse, ist auch
etwas, was sich tauschen läßt
damit aber verändern sich die Einzelkulturen auch, beeinflussen sich gegenseitig, erweitern
sich, verlieren, wie Marx und Engels meinen, an "Einseitigkeit und Beschränktheit"
schließlich bildet sich eine neue Form von Kultur – im Manifest wird dies auf Literatur
bezogen, und Marx/Engels imaginieren eine "Weltliteratur" als Folge einer engeren
wirtschaftlichen Verflechtung der einzelnen Länder, Kulturen und Weltteile
gilt das aber nur für die Literatur – und nicht ebenso für die Bilder?

1
Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der kommunistischen Partei (1847), Berlin 1945, S. 7f.
2
Ebd., S. 8.

6
oder, anders gefragt, warum erwähnen Marx und Engels ausdrücklich und ausschließlich die
Literatur? – und nicht ebenso andere Spielarten von Kultur wie Musik, Bildhauerei,
Architektur?
die Antwort liegt nahe: im 19. Jahrhundert war Literatur relativ gesehen am leichtesten zu
verbreiten, zu transportieren
es gab noch keine Tonträger, es gab auch noch kaum die Möglichkeit, Bilder zu reproduzieren
– höchstens über Kupferstiche, dann auch über Fotografie – doch das erlaubte jeweils nur
kleine Auflagen, keine Massenverbreitung wie im Fall von Texten, die allerdings der
Übersetzung bedurften, um auch anderswo zugänglich zu werden
es galt im 19. Jahrhundert noch genauso wie z. B. im 15. oder 16., daß reisen mußte, wer sich
die Bilder, die Architektur, die Musik zu Gemüte führen wollte, die in einer anderen Kultur,
auch nur einer anderen Stadt geboten wurden
man mußte zur Kultur reisen, sie kam nicht zu einem – oder eben über Bücher, die aber auch
oft schwer zugänglich waren
=> Bilderwissen war etwas Elitäres – nur ganz wenige Bilder, eben die des Glaubens, waren
weit verbreitet – und damit um so wirkungsvoller
bezogen auf Bilder gab es höchstens gelegentlich Bilderhändler, die von Dorf zu Dorf zogen,
ihre Bilder zeigten und natürlich auch zu verkaufen suchten – sie waren eine ähnliche
Sensation wie Moritatensänger – und natürlich nicht weltweit unterwegs
meist hatten sie auch nur Heiligenbilder im Angebot, arbeiteten also den Interessen der Kirche
zu [Dia links: Bilderhändler 1760] [Dia rechts: Bilderhändler 1842]
oft handelte es sich hierbei um Holz- oder Kupferstiche oder Radierungen, meist in schlechter
Qualität, da viel zu viele Abzüge gemacht wurden – und oft auch zu relativ hohen Preisen, so
daß sich nicht jede Familie ein Bild für die eigene Wohnung leisten konnte
=> Bilder waren zumal in ländlichen Regionen oft sogar bis ins 20. Jahrhundert eine
Mangelware – mancher sah nur ein paar Duzend Bilder während des gesamten Lebens, und
das Bild am Altar der Dorfkirche war dann 'das' Bild überhaupt
dieser Mangel an Bildern – damit auch das Ausgeliefertsein an die ganz wenigen Bilder – ist
heute kaum noch vorstellbar
dabei steht eine Revolution, die die Bilder betrifft, erst noch bevor – in Japan wird sie bereits
Realität: dort haben schon rund 70% der Handys eine Foto-Funktion, und zumal viele jüngere
Japaner nutzen ihr Handy kaum noch zum Telefonieren, sondern zum Verschicken von SMS
und MMS
=> japanische Handywerbung sieht meist so aus: [Dia links]
=> das Thema einer Globalisierung der Bilder wird nicht nur insofern relevanter, als große
Medien-Konzerne, Bildagenturen etc. einen globalen Bilderhandel forcieren, sondern auch
der private Austausch von Bildern nimmt zu, wobei grundsätzlich keine nationalen oder
kulturellen Grenzen bestehen
so etwas war für Marx und Engels noch nicht denkbar – insofern ist es verständlich, wenn
Marx und Engels nur eine Weltliteratur – und nicht auch eine Weltkunst oder Weltmusik, ja
wenn sie keine Globalisierung der Bilder in Aussicht stellen
doch noch ein weiterer Grund könnte angeführt werden, warum Marx und Engels speziell auf
eine Weltliteratur abheben
diese wurde nämlich gerade in Deutschland diskutiert, nachdem der alte Goethe, rund
zwanzig Jahre zuvor, diesen Begriff geprägt und in verschiedenen Aspekten erörtert hatte –
von dieser wohl ersten Diskussion über eine bevorstehende oder bereits einsetzende
Globalisierung von Kultur waren Marx und Engels beeinflußt
insgesamt nimmt Goethe eine ähnlich ambivalente Haltung ein wie Marx und Engels, ist zwar
fasziniert davon, daß sich das Beschränkte zugunsten von etwas Unbegrenztem aufheben
könnte, hat aber auch Sorgen, ob der globale Austausch nicht zu einer Nivellierung, zu einer

7
Dominanz des Mittelmäßigen führen könnte – und ob die Kultur vom Druck der Ökonomie
nicht eher beschädigt als befördert würde
tatsächlich: auch für Goethe ist die Entwicklung einer Weltliteratur nur möglich als Folge
einer immer globaleren Wirtschaft, eines Welthandels, einer Öffnung der Märkte über
nationale und kulturelle Grenzen hinaus, als Folge schließlich einer Verbesserung der
Kommunikationswege sowie einer Beschleunigung der Reisewege, d. h. einer
fortschreitenden Zivilisation und Technik
das heißt aber auch: Weltliteratur meint für Goethe nicht einfach ein Kanon der besten Werke
aller Länder, heißt schon gar nicht die Summe alles weltweit Geschriebenen, sondern meint
eine neue Phase innerhalb der Literatur, die dadurch gekennzeichnet ist, daß die Autoren in
internationalen Wechselwirkungen zueinander stehen – und sich ihr Stil, ihre Themenwahl,
ihre Sprache entsprechend verändert
ein Zitat Goethes aus dem Jahr 1830 (damals war er 81-jährig), das eher optimistisch gehalten
ist, aber auch die gedankliche Nähe bzw. Vorläuferschaft zum Kommunistischen Manifest
belegt:
"Es ist schon einige Zeit von einer allgemeinen Weltliteratur die Rede [konkret: Goethe
sprach seit 1827 verschiedentlich davon!], und zwar nicht mit Unrecht: denn die sämmtlichen
Nationen, in den fürchterlichsten Kriegen durch einander geschüttelt, sodann wieder auf sich
selbst einzeln zurückgeführt, hatten zu bemerken, daß sie manches Fremdes gewahr worden,
in sich aufgenommen, bisher unbekannte geistige Bedürfnisse hie und da empfunden. Daraus
entstand das Gefühl nachbarlicher Verhältnisse, und anstatt daß man sich bisher
zugeschlossen hatte, kam der Geist nach und nach zu dem Verlangen, auch in den mehr oder
weniger freien geistigen Handelsverkehr mit aufgenommen zu werden. Diese Bewegung
währt zwar erst eine kurze Weile, aber doch immer lang genug, um schon einige
Betrachtungen darüber anzustellen und aus ihr baldmöglichst, wie man es im Waarenhandel ja
auch thun muß, Vortheil und Genuß zu gewinnen."3
> der vermehrte Handel der Völker trägt zu deren Verständigung bei – man wird neugierig
aufeinander und rezipiert auch die jeweilige Kultur bzw. Literatur
> wo ehedem nur Kriege einen 'Austausch' zwischen den Nationen bewirkten, ist es heute der
Handel, sind es die besseren Kommunikationsmittel (wie Goethe in anderen Texten
wiederholt bemerkt)
> so wie man sich über Produkte aus fernen Ländern freut und diese als Bereicherung
empfindet, ja wie diese die eigene Lebensweise verändern, kann auch die Kenntnisnahme
fremder Literatur zu einem Mehr an Lebensqualität führen – und so wie in anderen Branchen,
übernimmt auch ein Autor das Gute von anderswo, versucht es zu integrieren, d. h. weitet
seinen Horizont
Goethe widersprach mit dieser Auffassung, daß der Handel für die Herausforderung und
Verbesserung der Kultur einen Fortschritt gegenüber dem Kriegführen darstelle, einer
Vorstellung, die sonst zu seiner Zeit (und davor) nicht unüblich war
so wurde der Krieg zwar wegen seiner Grausamkeiten als Übel angesehen, galt aber zugleich
als Kraft, die die Menschen zu mehr Leistung, zu größerem Einsatz ihrer Fähigkeiten,
schließlich auch zu mehr Zusammenhalt innerhalb eines Landes bringen kann
=> der Krieg wurde als Motor der Kultur gesehen – diese noch nicht weit genug entwickelt,
als daß es möglich wäre, auf Kriege zu verzichten
=> der Krieg wurde als notwendiges, auf lange Sicht das (kulturelle) Glück der Menschen
mehrendes Übel angesehen
vgl. hierzu ein Zitat von Kant, der den Krieg als "ein unentbehrliches Mittel" beschrieb, die
Kultur "noch weiter zu bringen" – und weiter feststellte:

3
Johann Wolfgang Goethe: Einleitung zur deutschen Übersetzung von Carlyles 'Leben Schillers', in : Werke
(Weimarer Ausgabe), München 1987, I, 42.1, S. 186f.

8
"...und die heilige Urkunde hat ganz recht, die Zusammenschmelzung der Völker in eine
Gesellschaft und ihre völlige Befreiung von äußerer Gefahr, da ihre Kultur kaum angefangen
hatte, als eine Hemmung aller ferneren Kultur und eine Versenkung in unheilbares Verderbnis
vorzustellen."4
> Kant bezieht sich hier auf die Bibel und die Geschichte vom Turmbau zu Babel, den Gott
zum Anlaß nahm, die Sprachen zu verwirren
=> Globalisierung käme für Kant zu früh, wäre letztlich ein Übel, ja führte nicht nur zu einer
Nivellierung, was auch Goethe befürchtet, sondern zu einem Nachlassen aller Anstrengungen:
wo kein äußerer Feind mehr da ist, werden die Menschen lasch und faul, verlieren ihre
Findigkeit und so auch ihre Kreativität
=> weit entfernt war Kant von Überlegungen, die Goethe bereits in einer Art von Vorfreude
auf eine globalisierte Kultur anstellte
so bedachte letzterer z. B. auch ausführlich das Problem der Übersetzung von Literatur – und
hatte sogar die Idee, die deutsche Sprache könnte als eine Art Weltsprache fungieren: indem
alles aus den Nationalsprachen ins Deutsche übersetzt würde, bildete dieses gleichsam einen
Mittelpunkt:
"Wer die deutsche Sprache versteht und studirt befindet sich auf dem Markte wo alle
Nationen ihre Waren anbieten."5
wieder fällt Goethes Wahl des ökonomischen Vokabulars auf – und das Übersetzen von
Literatur wird als Maßnahme begriffen, die dem Markt, d. h. dem Austausch dient, ja die die
Markttransparenz fördert
auch sonst spricht Goethe im Zusammenhang mit der Weltliteratur erstaunlich oft von 'Markt',
'Waren' und anderen Termini des Wirtschaftslebens!
=> er denkt kulturellen Austausch in Analogie zu Formen des Handels – so wie Länder
Interesse an den Rohstoffen oder an materiellen Produkten jeweils anderer Länder haben,
besteht dieses Interesse genauso für geistige Güter (zuerst Handel, dann Weltliteratur, d. h.
Primat des Ökonomischen)
gewisse Tradition vor Goethe hatte bereits der Gedanke, daß zumal Sprache und Geld
zusammenhängen – beides sind die bevorzugten Mittel des Austauschs zwischen Menschen
=> wo Menschen zusammenkommen, wird zuerst Handel getrieben und kommuniziert
während jedoch sprachliche Kommunikation zwischen den Völkern schwierig sein kann, fällt
Handel leichter – auch wenn jedes Land seine eigene Währung hat, einigt man sich relativ
leicht darauf, wie viel etwas im Vergleich zu anderem wert ist – insofern lassen sich auch
Währungen gegeneinander verrechnen
=> Geld läßt sich als primäres Mittel einer Globalisierung ansehen, gefolgt von der Sprache –
so z. B. zu lesen bei Schleiermacher:
"Daher wahres Geld kosmopolitischer ist als Sprache und über den Staat hinausgeht."6
insofern Musik oder Bilder weniger stark als Sprache Mittel der Kommunikation bzw. des
Austauschs sind, mag auch das ein Grund dafür sein, daß sie im 19. Jahrhundert (anders als
die Literatur) noch nicht eigens als 'globalisierbare' Größen verhandelt werden
tatsächlich sucht man im 19. Jahrhundert auch jenseits von Goethe oder Marx/Engels
vergeblich nach Belegen dafür, daß Musik oder Bilder ähnlich Verbreitung finden könnten
wie ein Stück (übersetzter) Literatur
daß die Möglichkeiten dafür (wie bemerkt) eingeschränkt waren, mag nüchterne Autoren
davon zurückgehalten haben, auch nur darauf zu spekulieren – andererseits gilt der Umgang
mit Bildern und Musik als weniger voraussetzungsreich als der Umgang mit Texten
das Bild eines spanischen und selbst eines japanischen Malers hätte ein Deutscher des 19.
Jahrhunderts deuten können – einen Text aus einem dieser Länder jedoch nicht

4
Immanuel Kant: Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte (1786), Hamburg 1969, S. 86.
5
Goethe: Werke, IV, 42, S. 270.
6
Friedrich Schleiermacher: Brouillon zur Ethik (1805/08), 23. Stunde, Hamburg 1981, S. 38.

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und auch wenn der Deutsche das japanische Bild vielleicht nicht wirklich gemäß interpretiert
hätte, hätte er das Gefühl gehabt, etwas zu erkennen, hätte vielleicht sogar Lust und Gewinn
daraus gezogen, daß ihm nicht alle Details in ihrem Zusammenhang einsichtig sind
ein japanisches Buch hingegen hätte ihm nicht den geringsten Anreiz geboten – noch nicht
einmal die Möglichkeit zum Mißverständnis
und doch war es also die Literatur und viel weniger die Musik oder die bildende Kunst, was
bei dem sich intensivierenden Austausch zwischen den Völkern und Kulturen eine Rolle
spielte – und nach Vokabeln wie 'Weltkunst' oder 'Weltmusik' sucht man im 19. Jahrhundert
vergeblich
es dauerte bis ins 20. Jahrhundert, bis auch bezogen auf Bilder, zuerst einmal aber eher
bezogen auf Musik von einer Globalisierung die Rede war – und dann sogar in Abgrenzung
zu den Sprachen, die nun gerade wegen ihrer Vielfalt eher als Hürden zur Verständigung
angesehen wurden
1934 bemerkte der amerikanische Philosoph John Dewey:
"Kunst ist eine universalere Weise von Sprache als die Rede, die in einer Vielzahl
wechselseitig unverständlicher Formen existiert. Die Sprache der Kunst muß man sich
aneignen. Aber die Sprache der Kunst ist nicht durch diejenigen Zufälle der Geschichte
beeinträchtigt worden, welche die verschiedenen Weisen der menschlichen Rede abgrenzen.
Besonders die Macht der Musik, unterschiedliche Individuen in gemeinsamer Hingabe,
Ausdauer und Begeisterung zu vereinigen, eine Macht, die in gleicher Weise in der Religion
wie bei der Kriegsführung verwendet wird, bezeugt die relative Universalität der Sprache der
Kunst. Die Unterschiede zwischen englischer, französischer und deutscher Sprache schaffen
eine Barriere, die weggeräumt wird, wenn die Kunst spricht."7
> die Musik als universale Macht, die alle Menschen gleichermaßen ergreifen kann – zu deren
Rezeption es zwar auch einer gewissen Übung bedarf, die aber nicht durch nationale
Konventionen behindert wird
allerdings war zur ersten Zeit, als Musik, aber ebenso Bilder bereits relativ leicht konserviert
bzw. reproduziert werden konnten (am Anfang des 20. Jahrhunderts), der Impetus
interkultureller Verständigung nicht sonderlich ausgeprägt – es war vielmehr das Zeitalter
eines fanatischen Nationalismus
Goethe oder Marx/Engels klingen so modern, weil sie in gewisser Weise noch vor dem
Zeitalter des Nationalismus leben – und aufgrund der technischen und wirtschaftlichen
Entwicklung ihrer Zeit glaubten, nationale Grenzen würden eine immer geringere Rolle
spielen
tatsächlich jedoch sollten in den Generationen nach ihnen Grenzen erst einmal viel wichtiger
als zuvor sein – und es bedurfte zweier Weltkriege, die ja genau genommen im Namen des
Nationalismus waren, um die Idee des Nationalismus in Verruf zu bringen und dafür die
Hoffnung auf eine Völkergemeinschaft zu wecken
erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich das Bedürfnis nach interkultureller
Verständigung durch – und gerade in den späten 1940er und 1950er Jahren gab es viele
Inititativen, die die Einheit der Völker und Kulturen, die Gemeinsamkeiten zwischen allen
Menschen betonten (dazu in der nächsten Vorlesung mehr!)
die Idee der UNESCO, die 1946 konstituiert wurde, bedeutete die eigentliche Geburtsstunde
eines Willens gerade auch zu kulturellem Austausch
damit verbunden war die Vorstellung, eine Völkerverständigung bedürfe einer gemeinsamen
Sprache – wie auch immer diese geartet sein möge
dabei kam auch der Gedanke auf, gerade die Kunst und zumal die 'Sprache' der Bilder könnte
das Universale sein, nach dem man sucht
erstmals stand die Idee im Raum, Globalisierung könne gerade auch Globalisierung von
Bildern bedeuten – und während eine Weltliteratur 'nur' als Folge intensivierten Welthandels
7
John Dewey: Kunst als Erfahrung (1934), Frankfurt/Main 1988, S. 387.

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möglich schien, schien nun umgekehrt eine globale Sprache bzw. Bildersprache als Basis für
jede Annäherung – also auch für Handel – zwischen den Völkern und Kulturen
dazu ein Zitat aus dem Jahr 1953, von einem der berühmtesten Medientheoretiker, Marshall
McLuhan ('global village'):
"Während die geschriebenen Sprachen die Menschen immer innerhalb ihrer eigenen
kulturellen Monaden einschlossen, wird die Sprache des technologischen Menschen, indem
sie sich aller Kulturen der Welt bedient, zwangsläufig jene Medien bevorzugen, die am
wenigsten national sind. Deshalb steht die Bildsprache allen wie ein unbenutztes Esperanto
zur Verfügung. Die Bildsprache wurde bereits in die Piktogramme wissenschaftlicher
Formeln und die Logistik übernommen. Diese Ideogramme überschreiten die Länderbarrieren
so leicht wie Chaplin oder Disney und scheinen konkurrenzlos als Grundlage des kosmischen
Menschen."8
> im Duktus ist McLuhan ähnlich wie Dewey, setzt allerdings auf Bilder und nicht auf Musik
> als Vision erwähnt McLuhan einen "kosmischen Menschen", d. h. er imaginiert eine
Zukunft, in der es eine Weltkultur gibt – und nicht mehr voneinander isolierte ('monadische')
Nationalkulturen
> die starke Voraussetzung, die McLuhan hier ohne weitere Begründung macht: Bilder haben
die Qualität einer Sprache, d. h. sie sind geeignet zur Mitteilung von Informationen,
Gedanken, Emotionen etc.
> Ideogramme setzt McLuhan Unterhaltungsfilmen gleich, die ihrerseits weltweit Erfolg
haben – d. h. es gibt für ihn zwei Typen von globalen bzw. globalisierbaren Bildern: Film und
Piktogramme
Markenlogos erwähnt McLuhan in diesem Zusammenhang zwar nicht, sie gehören jedoch zu
den Piktogrammen, die "Länderbarrieren" leicht überschreiten
wie ehedem die Kirche ihre Macht nicht zuletzt auf Bilder zu stützen vermochte, sind es heute
globale Konzerne wie CocaCola, IBM oder Mercedes, die mit ihren Logos kulturübergreifend
Sehnsüchte wecken oder Identitätsangebote liefern (auch dazu eine Vorlesung!) [Dia rechts]
vgl. z. B. Daniel Pflumm, der von Logos die Schriftteile entfernt, sie also auf den
Piktogramm-Charakter reduziert – die abstrakten Bilder werden als Leuchtkästen präsentiert
(vgl. Ladenschilder) – und der Betrachter hat den Eindruck, daß er diese Bilder alle
'irgendwie' kennt, obgleich er kaum einmal genau zu sagen vermag, woher
=> Pflumm spielt hier mit dem kollektiven Gedächtnis, das irritiert ist, sobald ein bekanntes
Bild in etwas ungewohnter Form auftaucht
auch ohne das Wissen um die Herkunft der 'Motive' ahnt der Betrachter, daß es sich hier um
Zeichen handeln könnte – um ein international verständliches Alphabet als Bausteine einer
interkulturellen Bildsprache im Sinne McLuhans
auch an die Sets von Fahnen mit Ideogrammen läßt sich hier denken, die Matt Mullican seit
den 1980er Jahren entwarf [Dia links: Mullican in Wolfsburg] [Dia rechts: Dass.]
Mullican arbeitet seinerseits mit bekannten Symbolen, wie man sie von Schildern,
Wegweisern, Gebrauchsanweisungen etc. kennt, d. h. aus Zusammenhängen, in denen etwas
allgemein verständlich gemacht werden soll
doch wie bei Pflumm wird dieser Zeichencharakter letztlich nur suggeriert – es gibt keine
wirkliche Codierung der Fahnen, sie sind sozusagen zeichenhaft, ein Postulat von
Verständigung, ohne dabei jedoch etwas Bestimmtes mitzuteilen
doch allein diese allgemeine Zeichenhaftigkeit verleiht ihnen das Flair von Weltläufigkeit: wo
sie auftauchen, hat der Betrachter den Eindruck, es gehe international zu (wie wenn vor einem
Gebäude viele verschiedene Landesflaggen wehen)
dieses Flair läßt sich auch nutzen – etwa von Unternehmen, die sich ihrerseits als 'global
player' darstellen wollen
8
Marshall McLuhan, Kultur ohne Schrift (1953), in: Martin Baltes et. al. (Hg.): Der McLuhan-Reader,
Mannheim 1997, S. 76.

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tatsächlich engagierte der VW-Konzern Mullican für die Autostadt in Wolfsburg, die als
Repräsentation des Unternehmens nach außen gedacht ist
es gibt weitere Arbeiten, die dem Besucher den globalen Anspruch des Unternehmens
vorführen sollen [Dia links: Eingangshalle] [Dia rechts: Globus von Ingo Günther]
schon der Eintritt in die Autostadt gleicht dem Eintritt in ein großes Reich – einen Palast
große Glastüren (angeblich die größten der Welt) eröffnen den Zugang zum KonzernForum,
dahinter liegt die große, hohe Eingangshalle – und das erste, was man sieht, ist ein Globus aus
Metallröhren, der von der Decke hängt, in einer der Röhren läuft ein Schriftband mit aktuellen
Nachrichten (der Globus hat einen Durchmesser von 13 m)
die Assoziation ist klar: VW präsentiert sich als Weltkonzern, mit dem Anspruch, globale
Geltung und Repräsentanz zu besitzen – das Schlagwort von der 'Globalisierung' wird hier
prägnant ins Bild gesetzt
die einen sind schlicht beeindruckt davon und machen sich gar nicht bewußt, welche
Herrschaftsgeste ihnen hier imponiert – die anderen finden es vielleicht etwas plump oder
auch aggressiv, wenn ein Unternehmen gleich so deutlich Machtansprüche kundtut
an diese zweite Gruppe hat man aber bereits gedacht – so gibt es nicht nur den großen Globus,
der sofort sichtbar von der Decke hängt, sondern in den Boden eingelassen stehen, unter
Glasscheiben, sechzig weitere – kleine – Globen [Dia links] [Dia rechts]
auf ihnen ist die Welt jeweils nach einem anderen Gesichtspunkt dargestellt – man sieht die
Daten über Atombombenexplosionen oder über die Verteilung der Sprachen, aber auch Daten
über Autodiebstähle und VW-Produktionsstätten
mit diesen Globen demonstriert VW, daß man durchaus über den eigenen Tellerrand schaut,
auch kritische Fragen stellt bzw. schwierige Themen nicht ausblendet
man signalisiert sogar, daß man Verantwortung übernimmt für die Lösung
drängender Probleme (Bevölkerungsexplosion, Atomwaffen,
Umweltverschmutzung etc.)
=> der mit dem großen Globus signalisierte weltweite Anspruch wird
transformiert in eine weltweite Fürsorge – "es geht nicht um Herrschen,
sondern um Helfen" ist die Botschaft
was kaum einer bemerkt, ist, daß es sich bei den Globen (dem großen wie den kleinen) um die
Arbeit eines Künstlers handelt, die VW gekauft bzw. z. T. in Auftrag gegeben hat
Ingo Günther beschäftigt sich seit etlichen Jahren mit Fragen der Ökonomie, ist dabei als
kritischer Künstler bekannt geworden – die Globen fertigt er seit Ende der 80er Jahre an,
mittlerweile gibt es ca. 250 davon – als politischer Künstler ist Günther nicht so scharf wie
Hans Haacke, aber durchaus einer, der mit seiner Arbeit etwas bewirken, aufklären, die Welt
verbessern möchte (journalistische Arbeit für die UNO)
dafür sucht er auch nach Möglichkeiten, seinen Arbeiten Verbreitung jenseits der begrenzten
Orte der Kunst zu geben
so würde er wohl auch rechtfertigen, warum er VW sechzig seiner Globen zur Verfügung
stellte – und dafür zudem bereit war, einige VW-spezifische Themen aufzunehmen, die dem
Charakter der anderen Globen eigentlich nicht entsprechen
auch mußte er akzeptieren, daß es nirgendwo ein Schild gibt, das die Installation als sein
Werk ausweist (auch auf Mullican ist nicht eigens verwiesen)
=> VW hat hier nicht einen berühmten Künstlernamen gekauft, um damit zu protzen, sondern
man hat ein Konzept gekauft, das dem eigenen Image zugute kommen soll
=> auch Bilder der Kunst und nicht nur von vornherein kommerzielle Bildindustrien wie jene
Fotoagenturen oder Hollywood geraten in den Umkreis der Interessen einer primär
ökonomisch ausgerichteten Globalisierungsbewegung
wird im Fall von VW die Kunst nicht als solche inszeniert, gibt und gab es andere Initiativen,
bei denen der Kunst die Rolle eines Motors, Vorreiters oder Repräsentanten der

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Globalisierung zugesprochen wurde – und wo sie nicht nur den globalen Anspruch eines
Unternehmens repräsentieren sollte
dazu beim nächsten mal mehr, wenn es darum gehen soll, wie gerade auch mit Hilfe der
Kunst eine globale Einheit beschworen wurde/wird

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