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SONETTE AN SUSANNE

von Torsten Schwanke

Susanne, setze dich auf die Terrasse,


Nun Totensonntag ist, und schau die Sonne,
Vergiss der Toten Krieg mit bitterm Hasse
Und bade dich im Licht der Himmelswonne.

Bekleidet mit der Sonne die Madonne,


Sie lächelt voller Huld dich an, die Gute.
Da aufgetan des Frauenblutes Bronne
Und Traurigkeit kam mit dem Monatsblute,

Da wünsch ich dir, dass Jesus dich umflute


Mit seiner Mutter Sonnenschein und Lächeln.
Da stärke dich dein Gott mit neuem Mute.
Die Sorgenfalten von der Stirn dir fächeln

Will Gottes Weisheit, die im Fleisch gekommen,


Die preisen als ihr Licht vom Licht die Frommen.

Das Kirchenjahr zuende ging, die Messen


Von König Christus sprachen in dem Saale,
Susanne, deinem göttlichen Gemahle,
Der weiß mit Tau den Lilienkelch zu nässen.

Ich aber, Freundin, ging im Himmel essen,


War bei der Gottesweisheit Hochzeitsmahle.
Die Herrin wars allein, ganz ohne Baale,
Die mir die Liebesfrüchte zugemessen.

Susanne, kennst du der Madonna Gnade,


Die mit der Hand die nackende Banane
In einen Brunnen taucht voll Schokolade?

Madonna diente an dem Speisetische


Und schenkte ein das Wässerchen. Ich ahne,
Im Himmel essen wir die Christusfische.

Im Traume plagen mich die bösen Väter,


Die leiblichen und geistigen Dämonen.
Die Sonne leuchtet heiter in dem Äther,
Es lacht der Gott in ewigen Äonen.
Doch Wesen mir in meiner Seele wohnen,
Das sind die heiligen uralten Mütter.
Denn weiblich ist die Gottheit, und es thronen
Die süßen Frauen, lieblich mehr als bitter,

Die süßen Frauen thronen mir im Herzen,


So bitt ich dich, o heilige Susanna,
Treib aus die Väter, die mir nichts als Schmerzen
Bereiten, komm zu mir, o Göttin, Hosianna,

Komm, Göttin, tauche aus dem Meeresschaume


Und gib mir wieder einen Kuss im Traume!

Ich bin allein. Im All ist keine Sprache.


Ich lausche der Natur und höre Schweigen.
Was soll mir Chinas Phönix, Chinas Drache,
Hier ist doch kein Empfangen und kein Zeugen.

So will ich früh mich zu Susanne neigen,


Sie ist doch von des Frauenleibes Fache,
Susanne, komm, und tanze mir den Reigen
Und wieder den Gesang in mir entfache!

Hebammenkunst der Gynäkologie,


Das ist die rechte Gynäkokratie,
Das ist das Reich, da herrschen schön die Mütter.

Ich bin nicht von der Welt, ich bin ein Geist
Des Frauenlobs, der um Maria kreist,
Man nennt mich auch des Heilgen Geistes Zither.

Sophia, meine Göttin aus dem Osten,


Sie zeigte mir die Weisheit an dem Kreuze.
Ich stehe als ihr Ritter auf dem Posten.
Sophia, deine goldnen Flügel spreize

Und segne Asien mit deinem Reize,


Wenn Bangladesh dir jubelt Hosianna,
Wenn Myanmar fern allem Liebesgeize
Die Kommunion empfängt im süßen Manna.

Da bete ich für meine Tote Anna,


Dass sie im Ozean der Liebe schwimme.
Dann grüß mit Bruderkusse ich Susanna,
Die Frieden spendet mir mit ihrer Stimme.
Sie, die am Telephone mir begegnet.
Sie hat mit Gottes Liebe mich gesegnet.

Ich bin ein Katholik, das ist die Wahrheit,


Doch meine Freunde, die sind Protestanten.
Im Traum seh ich der Gottesweisheit Klarheit,
Die Beatricen aller Dichter-Danten.

Was meine Geister in dem Traum erkannten,


Das ist der Reformierten Kult der Bibel.
Ich lieb die Bibel mehr als all die Tanten,
Die lesen lieber eine Fabel-Fibel.

Die Protestantin, die ich schätze aber,


Ihr Herz ist voller Sanftmut, voller Demut,
Ihr Körper auferstehen wird beim Jüngsten

Gericht, der Kerze auf dem Kandelaber


Ist gleich ihr schlanker Leib, ich sehs mit Wehmut,
Wenn sie den Lobpreis tanzt beim Neuen Pfingsten.

Wenn ich an einem Herztod plötzlich sterbe


Und sitze grade in Susannes Wagen,
Wenn ich noch nicht die Himmelsfreuden erbe,
Die Himmelswonnen, die nicht auszusagen,

Dann weil Susanne, trotz all meiner Klagen,


Mich auferweckt mit Krankenschwester-Küssen.
Wenn mir dann wird ein neues Leben tagen,
Beginnt es süß mit himmlischen Genüssen.

In Todesnot darf auch die Schwester küssen,


Das bricht doch nicht das sechste der Gebote.
Susanne, das befleckt nicht dein Gewissen,
Durch deinen Kuss erstand vom Tod der Tote.

Einst kommt der Todesengel, mich zu küssen,


Dann raubt mich Schwester Todin auf dem Kissen.

Ich eigentlich mag keine lauten Wagen,


Doch wenn Susanne ich im Wagen seh,
Mit einer Zärtlichkeit, nicht auszusagen,
Sie lenkt ihr weißes Automobile.

Nicht wie Testosteron-Primaten jagen


Mit Aggressivität, das schafft mir Weh,
Nein, sanft, wie in den Weihnachtstagen
Die Wolken fahren voll von Flocken Schnee.

So fahren Cherubim auf ihren Rädern,


Jehova so auf seinem Wagenthron,
So fuhren Damen in der Pferdekutsche.

So fuhr einst bei den Persern und den Medern


Die göttliche Susanna mit dem Sohn,
Zu dieser Göttin ich auf Knieen rutsche.

Susanne hat die Zwiebeln angebraten


Und etwas Weißwein dann dazu gegeben,
Dann goss sie Sahne drauf, ist gut geraten,
Tat Lachs dazu, der lebt ein Weisheitsleben.

Sie kochte Nudeln gar im Wasserbeben


Und dann servierte sie das Mahl der Feier.
Die guten Düfte durch das Zimmer schweben,
Der Dichter stimmte zu dem Mahl die Leier.

Ich aß verdorbnes Fleisch, verdorbne Eier


Und konnte in der ganzen Nacht nicht schlafen.
Ich sah die Herrlichkeit des Herrn im Schleier
Und hörte Gottes Gnaden, Gottes Strafen.

Voll Trauer, und mein Magen war verdorben,


Denn meine Frau war leider mir gestorben.

10

Der Sprache Zentrum in dem Hirn der Frauen


Ist größer als beim Mann, sie schwatzen immer
Von Hunden und vom kindlichen Gewimmer
Und von der tausendfachen Krankheit Grauen.

Will einer aber still nach innen schauen


Und denken an der Gottesschönheit Schimmer,
So schlagen ihn die alten Frauenzimmer
Mit Zungen tot, statt still ihn zu erbauen.

Wie anders ist die herrliche Susanne,


Wie tief versunken sie im stillen Schweigen
Und gnädig liebevoll mit sanftem Lächeln.
Sie ist die stille Freude einem Manne,
Es will bei ihrer feinen Wimpern Fächeln
Der Genius in ihrer Schönheit zeugen.

11

Susanne kam und speiste meinen Lachs


Und meinen weichen Käse der Franzosen,
Die weiße Lilie in dem Kleid der Rosen
War ähnlich der Madonna ganz aus Wachs.

Fuchs Reineke beweint den Neffen Dachs,


Nun hat er niemand mehr, um liebzukosen.
Ich, der ich eine Wolke bin in Hosen,
Vermiss das Mädchen auch mit blondem Flachs.

Zur Weihnacht auferstehen alle Sonnen,


Es schneit vom Himmel die Million Madonnen,
Weltekel nagt am einsamen Poeten.

Gott tröste mit dem Charme mich von Susanna,


Wie Schnee und Eis es schmilzt im Mund das Manna,
Den Narrenkindern predigen Propheten.

12

Wie zauberhaft Schneewittchen kommt vom Himmel


Und schwebt wie Federn oder weiße Flocken,
Wie eine Wolke leicht im Schneegewimmel,
Advent, da läuten alle Silberglocken.

Wo ist das Mädchen mit den goldnen Locken?


Wo ist die Jungfrau mit den blonden Zöpfen?
Gott möchte in die Wüste mich verlocken
Zum Hochzeitsfest mit vollen Honigtöpfen.

Die Terroristen aber Christen köpfen


Und Leibesfrüchte werden abgetrieben.
Die alten Hexen mit den dicken Kröpfen
Nicht mehr die Ehemänner treulich lieben.

Trotz alledem! Susanne in der Weihnacht


Ist mitten in dem Schnee die wärmste Mainacht!

13

Heut tragen alle wir die Weihnachtsmasken


Und lachen, wie auf Märkten laute Schreier.
Wo ist die Venus aus dem Land der Basken?
Der Witwer, einsam auf der Weihnachtsfeier,

Er greift noch eins die durchgespielte Leier


Und singt die Freundin, die noch ist auf Erden,
Die reine Seele in der Keuschheit Schleier,
Das reinste Lamm in all den Ziegenherden.

Wird denn dem Witwer eine Tröstung werden,


Dem niederfuhr ins Totenreich die Venus?
Wird eine Frau mit zärtlichen Gebärden
So wie die Mutter Jesu Nazarenus

Den alten Dichter mit der Welt versöhnen,


Ihn, der da träumt nur noch vom Liebesstöhnen?

14

Du saßest still in lauter Schwätzer Truppe,


Nachts störte dich des Ehemanns Geschnarche,
Du warest müde, meine schöne Puppe,
Du Gallionsfigur der Kirchen-Arche.

Da kam noch ich, der nicht von Linsensuppe,


Der von dem klaren Wodka war besoffen,
Ich machte in dem Narrenschwatz der Gruppe
Ein schlechtes Witzlein, welches dich getroffen.

Da schautest du empört, die Augen offen,


Mir deinen göttergleichen Zorn zu zeigen.
O Schwester, darf ich auf Vergebung hoffen?
Und stör ich noch einmal dein stilles Schweigen,

Beim Glase Wodka mit Likör der Feigen,


Erlaub ich dir, o Frau, mich ohrzufeigen!

15

Die Dame ist geritten ihren Schimmel,


Mit Hindu-Aug die wohlerzogne Stute.
Das war ein Bild für Götter in dem Himmel,
Wie englisch sie dort saß, die sanfte Gute.

Nun aber ich im Jugendübermute


Des zweiten Frühlings ihre Tochter singe,
Dass ihre Lockenflut mich überflute,
Das ist ein Fest, da bin ich guter Dinge.

Die schöne Mutter immer wird gebären


Die schöne Tochter. Schönheit ist unsterblich.
Der Genius mit seiner Engelsschwinge

Wird immer jugendlich die Schönheit ehren,


Nur die Idee der Schönheit, unverderblich,
Der ich mein stilles Lobpreisopfer bringe.

16

Susanne ist im Traum zu mir gekommen


Als meine Schutzfrau vor den Fluch-Dämonen.
So danke ich von Herzen meiner Frommen,
Ich weiß, ich darf in ihrem Herzen wohnen.

Da mich die Satansengel nicht verschonen,


Da segnen mich die holden frommen Frauen.
Ich darf sogar im Traum in den Äonen
Die makellose Schönheit Gottes schauen.

Die Tochter Gottes schützt mich vor dem Grauen,


Die Mutter Gottes segnet mich mit Wonne,
Und Gottes Braut mich führt auf grüne Auen,
Die Trinität mich segnet mit der Sonne.

Und Jesus sagt mir, dass ich mich ermanne!


So singe ich Sonette an Susanne.

17

Warum denn lobe ich Susannes Schweigen?


Ich liebe sehr den großen Gott der Stille.
Der Logos kann nur in der Stille zeugen,
Die Leere erst gebiert der Gottheit Fülle.

Dass ich zu Gott bin stille, ist der Wille


Des Wortes, das kann nur im Schweigen kommen.
Im Schweigen kommt die Weisheit ohne Hülle,
Drum liebe ich das Schweigen meiner Frommen.

Im Ozean der Stille bin geschwommen


Und meditierte über Stein auf Stein.
Der Ozean der Stille hat genommen
In seine Ewigkeit mein leeres Sein.

Sophia, komm, du Königin von Osten,


Und lasse mich das Mahl der Ruhe kosten!