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J

Bruno Latour
Die Hoffnung der Pandora
Untersuchungen zur
Wirklichkeit der Wissenschaft

Aus dem Englischen


von Gustav Roßler

»G laubst du an die Wirklichkeit? « Diese Frage eines K ollegen verwun-


derte Bruno Latour . In diesem Buch liefert er seine detaillierte Ant wort.
Anhand versc hiedener Fa llstudi en - eine bodenkundliche Exped itio n im
Regenwald des Amazonas, die französische Atomforsc hun g kur z vo r der
Okkupation, die Entd eckun g des Milchsäureferments durch Pa steur -
nimmt Latour die vieldiskutierte F rage auf, ob die im Lab or gewo nn enen
Tatsachen »konstruiert « oder »wirkli ch « sind. D oc h bereit s diese Frage
soll vor allem eine polemisch e For m des w issenschaftlich en »Objekts «
begr ünd en und ist Teil der gegenwä rti gen »Science Wars«, di e er bis in di e
Antike verfolgt. Bei aller Kritik an der In st rum ent alisierun g der Wisse n-
schaft en zum Zweck der Bevor mundun g, ist Latour dennoch kein Wis-
senschaftsgegner, sondern für di e Forsc hun g in ihrem offenen Ex peri-
mentieren.

Bruno Latour ist Pr ofessor für Soziologie an der Eco le des mines de
Pari s. Im Suhrkamp Verlag ist zuletzt von ihm ersc hi enen: D as Parla-
ment der Di nge: Naturpo litik (2002). Suhrkamp
Titel der Ori ginalausgabe: Inhalt
Pandora's Hope: An Essay on the Realit y of Science Studi es
© H arvard Uni versity Press 1999
r. »Glaubst du an die Wirklichkeit? «
Aus den Schützengräben des Wissenschaftskri egs 7

2. Zirkulier ende Refer enz.


Boden stichproben aus dem Urwald am Amazonas 36

3. Der Blutkreis lauf der Wissenschaft.


Für Shirley Strum, Donna Haraway, Joliots w issenschaftliche Int elligenz als Beispiel
Steve Glickman
4. Von der Fabrikation zur Realität.
und ihre Schimpansen, Cyborgs und Hyänen
Pasteur und sein Milchsäureferment 1 37

5. Die Geschichtlichkeit der Dinge .


Wo waren die Mikroben vor Pasteur? 175

6. Ein Kollekti v vo n Menschen und


nichtmenschlichen Wesen.
Auf dem Weg durch Dädalus ' Labyrinth 2II

7. Die Erfindung des Kriegs der Wissenschaften.


Sokrat es' und Kallikl es' Übereinkunft ... . . .
Die Deutsche Biblioth ek - C IP-E inheitsaufnahme
Ein Titeld atensatz für diese Publikat ion
ist bei Der Deutsc hen Bibliothek erhältlich. 8. Eine von der Wissenschaft befreite Politik .
Die Kosmopolitik .... .. .. ... .. ... .
suhrkainp taschenb uch wissensc haft 1595
Erste Au flage 2002
© Suhrkamp Verlag Fra nkfurt am Main 20 00 9. Überraschungsmomente des Handelns.
Alle Rechte vorb ehalten, insbesonde re das der Üb ersetzung,
des öffentlichen Vortra gs sow ie der Übertragung
Fakten , Fetische und Faitiches ...
dur ch Rundfunk und Fernsehen, auch einze lner Teile.
Kein Teil des Werk es darf in irgend einer Form Schluß.
(dur ch Fotograf ie, Mikrofilm oder ande re Verfahr en)
ohne schriftli che Ge nehmi gun g des Verlages reproduziert Wie läßt sich Pandoras Hoffnung freisetzen?
oder unt er Verwendung elektronisch er Systeme verarbei tet,
vervielfältig t oder verbr eitet werden. Danksagung
Druck : Dru ckhaus N omos, Sinzheim
Print ed in Ge rman y
Um schlag nach Entwürfen von Glossar ... .... . ..... . 37 2
Willy Fleckhaus und Rolf Staudt

2 3 4 5 6 - 07 06 Bibliographie ........ . ... . .. ... . . .. .. . .. .... .


2

Zirkulierende Referenz

Bodenstichproben aus dem


Urwald am Amazonas

Um die Realität der Wissenschaftsforschung zu verstehen, gibt


es nur einen Weg: sie bei dem begleiten, was sie am besten kann,
und das ist die aufmerksame Beschäftigung mit den Details wis-
senschaftlicher Praxis. Haben wir erst einmal die wissenschaftli-
che Praxis in Nahaufnahme beschrieben, ähnlich wie andere An-
thropologen zu einem fremden Stamm gehen und bei ihm leben, Abbildung 2. 1

so werden wir die klassische Fragestellung wieder aufgreifen


können, an deren Lösung sich auch die Wissenschaftsphiloso-
phie, allerdings ohne empirische Grundlage, versucht hatte: Wie bringen. Wenden wir uns nun dem ersten Standbild unserer foto-
fassen wir die Welt in Worte? Für den Anfang habe ich eine philosophischen Montage zu. Wenn ein Bild mehr sagt als t~u-
wissenschaftliche Disziplin und eine Situation ausgewählt, die send Worte, so kann manchmal, wie wir sehen werden, eine
nicht allzuviel vorgängiges Wissen erfordern: eine bodenkund- Karte mehr sagen als ein ganzer Urwald. .
liche Expedition ins Amazonasgebiet. Wenn wir die Praktiken Zur Linken die weite Savanne, zur Rechten der scharfe Saum
mit denen Informationen über einen Sachverhalt erzeugt werden: eines Dickichts (Abbildung 2.1.). Man könnte meinen, Landarbei-
1~ Deta_iluntersuchen, dürften sich die meisten philosophischen ter hätten diese zwei Welten, die eine trocken und licht, die andere
D1skuss1onen über den Realismus als unrealistisch erweisen. dicht und feucht, mit Axt und Säge voneinander geschieden. Und
Die alte Übereinkunft ging aus von einer Kluft zwischen doch hat niemand diesen Landstrich jemals kultiviert. Kein Zaun
Worten und Welt und versuchte dann einen dünnen Steg über hat je diesen Saum eingefaßt, der sich über Hunde_rte von Kilo'.11-e-
diesen Abgrund zu zimmern. Zwischen zwei völlig verschiede- tern hinzieht. Zwar weidet auf der Savanne die Rinderherde eines
n_eno?tologischen Bereichen, zwischen Sprache und Natur, sollte Großgrundbesitzers, aber das Grasland hört abrupt am Waldrand
eine nsk~nte Korrespondenz hergestellt werden. Ich will zeigen, auf, ohne daß künstliche Schranken es begrenzten.
daß es ~1er weder Korrespondenz gibt noch eine Kluft, ja noch Als wären sie von Poussin gemalt, stehen kleine Figuren ver-
nicht ein~al zwei völlig verschiedene ontologische Bereiche, loren in der Landschaft. Mit sichtlichem Interesse richtet sich ihr
sondern ein ganz anderes Phänomen: zirkulierende Referenz':·. Zeigefinger, ihr Blick, ihr Schreibzeug auf bestimmte Erschei-
Um ihrer habhaft zu werden, müssen wir unsere Schritte etwas nungen. Edileusa Setta-Silva weist mit dem Finger auf Bäume
verlangsamen und unsere zeitsparenden Abstraktionen allesamt und Pflanzen. Sie ist Brasilianerin und wohnt hier in der Gegend,
beiseite lassen. Mit Hilfe meiner Kamera will ich versuchen eine in der kleinen Stadt Boa Vista, der Hauptstadt des Amazonas-
gewisse Ordnung in den Dschungel wissenschaftlicher Pra~is zu Staates Roraima. Sie lehrt in der winzigen Universität am Ort

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Botanik. Die Person zur Rechten betrachtet aufmerksam, inter- zendemographie. Unsere Freunde sprechen vom Boden und vom
essiert und sichtlich vergnügt, was Edileusa ihr zeigt. Armand Wald. Aber da sie zwei sehr verschiedenen Disziplinen angehö-
Chauvel ist Franzose. Er leitet eine Mission des ORSTOM, des ren reden sie mit mehreren Zungen.
Forschungsinstituts unseres alten Überseereiches, das ohne Ände- Edileusa zeigt mit dem Finger auf bestimmte Baumarten, die
rung seiner Sigle in ein Institut zur »wissenschaftlichen Forschung dem Feuer widerstehen, nur in der Savanne wachsen und von
über Entwicklung und Zusammenarbeit « umgewandelt wurde. Keimlingen umgeben sind. Genau diese Arten finden sich au~h
. ".'rma_ndist nicht Botaniker, sondern Pedologe (die Pedologie am Saum des Waldes. Dort sind sie kräftiger, dafür fehlen die
1stdie Wissenschaft von der Bodenbeschaffenheit - nicht zu ver- Keimlinge. Auf einige von ihnen stößt man sogar mehrere Dut-
wechseln mit der Geologie, der Wissenschaft der Gesteinsforma- zend Meter weit im Wald, aber dort sterben sie wegen Lichtman-
ti.o~en unter der Bodenoberfläche, und der Podologie, der medi- gels ab. Sollte der Wald also vorrücken? Edileusa ist si~h nicht
zm1schen Fußkunde!). Er residiert etwa tausend Kilometer von sicher. Der große Baum, den wir im Hintergrund des Bildes se-
hier in Manaus, im brasilianischen Forschungszentrum INPA. hen, könnte ein Pionier sein, eine aus dem Wald vorpreschende
Dort finanziert ihm das ORSTOM ein Labor .
Avantgarde. Er könnte aber auch eine Nachhut darstellen, die
Heloi"sa Filizola, die dritte im Bunde, schreibt Notizen in ein der Wald, durch die Savanne unerbittlich verdrängt , zurückgelas-
kleines Heft. Sie ist Geographin oder vielmehr, wie sie betont, sen hat. Dringt der Wald vor, oder zieht er sich zurück?
Geomorphologin. Sie studiert die zugleich natur- und menschen- Das ist die Frage, die Armand interessiert und die ihn von so
bedingte Langzeitgeschichte der Reliefformen. Sie ist Brasiliane- weit hat herkommen lassen. Intuitiv glaubt Edileusa, daß der
rin wie Edileusa, ist aber mehrere tausend Kilometer von hier Wald vorrückt, aber sie ist sich nicht ganz sicher. Die botani-
im Süden Säo Paulos, geboren. Auch sie ist Professorin an eine: schen Gegebenheiten sind zu verwickelt: Man kann den gleichen
naturwissenschaftlichen Fakultät, die jedoch ungleich größer ist Baum entweder als Pionier oder als Relikt ansehen. Für den Pe-
als Jene von Boa Vista.
dologen Armand hingegen sieht es zunächst einm~I so aus, daß
Ich, Bruno Latour, habe das Foto gemacht und beschreibe die Savanne den Wald nach und nach verdrängt. Sie verwandelt
diese Szene. Als französischer Anthropologe besteht meine Auf- den tonhaltigen Boden, der für ein gutes Gedeihen der Bäume
gabe darin: die Wissenschaftler bei ihrer Arbeit zu begleiten. Mit nötig ist, in einen Sandboden, auf dem schließlich nur noc~ Grä-
Laboratorien vertraut, habe ich mich dazu entschlossen, einmal ser und magere Gebüsche wachsen. Edileusas Zuneigung gilt a~f-
ei_neExp~dition zu ~egleiten. Da ich auch ein wenig Philosoph grund ihres ganzen botanischen Wissens d~m Wald. _Arman~ h1~-
bm, w1ll 1ch den Bencht über diese Expedition dazu nutzen die gegen ist aufgrund seines ganzen pedologische~ Wissens fur die
epistemologische Frage der Referenz in den Wissenschaften 'em- Savanne eingenommen. Der Boden verändert sich v~n ~er _Ton-
pirisch zu erforschen. Mit diesem foto-philosophischen Essay, erde in Richtung Sand und nicht umgekehrt, das we1ß em iede_r.
h~ber Leser, führe ich auch dir ein wenig von dem Wald von Boa Noch nie hat jemand eine Bodenveränderung beobachtet, die
Vista vor Augen . Ich zeige dir einige Aspekte der wissenschaftli- nicht diesem Gradienten folgt. Und wenn nicht die Gesetze der
c~en Intellig_enz. Ich bemühe mich, so genau wie möglich auf Pedologie dafür einstünden, so würden es diejenigen der Ther-
die Arbeit emzugehen, die für diese Art von Transport - die modynamik besorgen. .
Referenz - notwendig ist.
Unsere Freunde stehen also vor einem ziemlichen Konflikt,
~ov.on .sprec~e_nunsere Freunde an diesem Oktobermorgen der sowohl kognitiver als auch disziplinärer Natur ist. :Um ihn
1991 · Sie smd mit ihrem Landrover soeben über schlechte Pisten zu lösen bietet sich eine Expedition ins Gelände an. Die ganze
bi~ zu diesem Beobachtungsposten vorgedrungen, den Edileusea Welt int;ressiert sich für den Urwald am Amazonas. Ob er bei
seit mehreren Jahren aufmerksam durchforstet: Sie verfolgt hier Boa Vista an der Grenze des tropischen Feuchtgürtels vorrückt
das Wachstum der Bäume, betreibt Pflanzensoziologie und Pflan- oder zurückweicht, das dürfte auch die Finanziers interessieren.
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Armand den man zur Rechten sieht, hat seinen Kollegen
Rene Boul;t gebeten, ihm bei der Mission behilflich zu sein.
Boulet ist der Mann mit der Pfeife, Franzose wie Armand und
wie er Pedologe am ORSTOM, aber in Sao Paulo ansässig. Zwei
Männer zwe i Frauen. Zwei Franzosen, zwei Brasilianerinnen.
Zwei P~dologen, eine Geographin, eine Botanikerin. Alle vier
beugen sich über zwei Karten und weisen auf die von Edileusa
abgesteckte Stelle. Auf dem Tisch steht eine oran~efarbene
Büchse, der unentbehrliche Geländefaden, über den ich noch
sprechen werde.
Die erste, gedruckte Karte entspricht dem Blatt des Atlas von
Radambrasil im Maßstab von 1:1 000000, das ganz Amazomen
erfaßt . Ich werde bald lernen, das Wort »erfassen « in Anfüh-
rungsstriche zu setzen, denn die schönen gelben, oran~en und
grünen Farben der Karte entsprechen nach Aussage m~iner I~-
formanten nicht immer den pedologischen Gegebenheiten. Die
Abbildung 2.2
Mitg lieder der Expedition ergänzen sie daher um ei.ne L_uftauf-
nahme in schwarzweiß, im Maßstab von 1:50000. Eine einzelne
Inskription''· flößt kein Vert~~uen ein, aber ~ie Übe_rlagerung v~.n
Daß es bei einer solchen Mission sowo hl botanischen als auch zwe ien erlaubt es, sich der Ortlichkeit zumind est in groben Zu-
pedologischen Wissens bedarf, ist zwar ungewöhnlich, aber gen zu vergewissern. . . . . . ..
leicht nachzuvoll ziehen. Die Kette von Übersetzungen\ die das Die Situation ist so banal, daß wir ihre Onginahtat ganz ver-
Budget zuläßt, ist allerdings nicht allzu lang. Ich lasse mich hier gessen: Vier Forscher blicken auf zwei Kart en eines Landes, in
nicht über die Politik dieser Expedition aus. Ich möchte lieber dessen Mitte sie sich aufhalten. (Die beiden Hände Armands und
als Philosoph der wissenschaftlichen Referenz nachspüren und die rechte Hand Edileusas glätten die gekrümmten Ränder der
nicht als Soziologe ihrem »sozialen Kontext «. (Im voraus muß Karte, sonst wäre der Vergleich nicht möglich, und die Merk-
ich mich beim Leser entschu ldigen, daß ich viele zur kolonialen male an denen sie alle interessiert sind, verschwänden.) Man
Situation gehörende Aspekte dieser Expedition beiseite lassen nehi:ie die Karten weg, bringe die kartographischen Konventio-
werde. Hier möchte ich mich so weit wie möglich in die Pro- nen durcheinander lösche die Zehntausende von Stunden aus,
bleme und die Sprache der Philosophen hineinbegeben, um die die in den Atlas v'on Radambrasil investi ert wurden, störe die
Frage der Referenz noch einm al durchzuarbeiten. Später will ich Radaranlagen der Flugze uge, und unsere vier Fo'.scher wären in
mir den Kontext vornehmen und in Kapitel 3 dann die Unter - der Landschaft verloren. Sie wären gezwungen, die ganze Erkun-
scheidung zwischen Inhalt und Kontext korrigieren.) dungs-, Ortungs-, Triangulations- und Vermes~ungsarbe_it ih~er
Am Morgen vor der Abfahrt treffen wir uns auf der Terrasse Hunderte von Vorgängern von neuem zu beginnen. Die W1~-
des kleinen Hotelrestaurants Eusebio im Zentrum von Boa Vista senschaftler beherrschen zwar die Welt, aber nur so weit, wie
(Abbildung 2.2). Es ist ein ziemlich heruntergekommenes Nest. ihnen die Welt in Form zweidimensionaler, überlagerbarer und
Hier wird das Gold verkauft, das die Garimperos mit Schaufel, kombinierbarer Inskriptionen ''· entgegenkommt. Es ist imm~r
Quecksilber und Gewehr dem Urwald, den Flüssen und den Ya- wieder die gleiche Geschichte, seit Thales am Fuße der Pyrami -
nomami-Indianern abjagen. den stand.
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Beachte, lieber Leser, daß der Wirt des Restaurants das gleiche nigen Merkmalen übereinstimmt. Am Tisch des_Restau~ants sin?
Problem zu haben scheint wie unsere Forscher und wie Thales! wir noch weit vom Urwald weg. Dennoch spncht Ed1leusa mit
Wenn er nicht in großen schwarzen Ziffern die Zahl »29« auf einer Bestimmtheit von ihm, als griffe sie ihn mit den Händen.
den Tisch seiner Terrasse geschri eben hätte, wäre er nicht in der Die Wissenschaften sprechen nicht von der Welt . Sie konstruie-
Lage, sein eigenes Restaurant zu überblicken. Er könnte die Be- ren künstliche Repräsentationen, die sich immer weiter von der
stellungen nicht mehr richtig zuordnen und die Rechnungen ent- Welt zu entfernen scheinen und die sie dennoch näher bringen .
sprechend vertei len. Obwohl er wie ein Mafioso aussieht, wenn Meine Freunde möchten herausfinden, ob der Urwald vordringt
er am Morgen seinen enormen Bauch auf den Tisch stüt zt, benö- oder zurückweicht. Ich möchte herausfinden, wie die Wissen-
tigt auch er Inskriptionen, um die Ökonomie seines Geschäfts im schaften zugleich realistisch und konstruiert, unmittelbar und
Griff zu behalten. Löschte man die auf den Tisch geschriebenen vermittelt, robust und fragil, nah und fern sein können. Hat der
Ziffern aus, so wäre er in seinem Restaurant ebenso verloren wie Diskurs der Wissenschaften eine Referenz? Wenn ich von Boa
unsere Wissenschaftler ohne ihre Karten. Vista spreche, worauf verweist dieser Ausdruck'. Unterschei?en
Auf dem ersten Foto sahen wir unsere Freunde versunken in sich Wissenschaft und Fiktion voneinander? Wie unterscheidet
und beherrscht von einer Welt, der sie mit ihren Fingern Form sich meine Art, über Wissenschaft in Form einer Fotomontage
zu geben suchten. Sie waren nicht »im Bilde «. Sie zögerten . Auf zu sprechen, von der Weise, in der meine Informanten über ihren ·
dem vorliegenden Bild sind sie es. Warum? Weil sie jetzt auf Boden reden?
etwas zeigen können, das sich mit dem Auge beherrschen läßt, Laboratorien eignen sich ausgezeichnet dafür, die Produktion
indem man das Know-how jahrhundertealter Disziplinen aufbie- von Gewißheit zu verstehen, und deshalb liebe ich ihr Studium
tet: Trigonometrie, Kartographie, Geographie. Zu diesem so ge- so sehr. Aber sie haben den schwerwiegenden Nachteil, so wie
wonnenen supplementären Wissen gehören auch die Satelliten, die geographisc hen Karten, auf einer unendli chen Sedim~ntation
die Ariane-Rakete, die Datenbanken, die Zeichner, Graveure, anderer Disziplinen, Instrumenten, Sprachen und Praktiken zu
Drucker und all jene, deren Arbeit durch dieses Papier mo- beruhen. Man sieht die Wissenschaft hier nicht mehr stammeln,
bili_sie:t wird. Was bleibt, ist die Geste des Fingerzeigs, das anfangen, aus dem Nichts entstehen, in?em. si~ sich direkt ~it
Deiktische par excellence. »Hier, da, ich, Edileusa, ich trete aus der Welt auseinandersetzt. Im Laboratorium 1st immer schon em
dem Diskurs heraus und ich zeige - auf der Karte, auf dem Tisch konstruiertes den Wissenschaften angemessenes Universum da.
des Restaurants - den Ort, an den wir uns sogleich begeben Infolgedesse~ gleicht die Referenz hier immer einer Tau~ologie;
werden, sobald uns der Techniker Sandoval mit dem Landrover die erkannte Welt und die erkennende Welt formen emander
abholt. « ständig um (Hacking 1992). Nicht so in Boa Vist~, so s~heint
Wie gelangt man vom ersten Bild zum zweiten? Wie kommt es zumindest . Hier verschmilzt die Wissenschaft mcht mit den
man vom Nichtwissen zum Wissen, von der Schwäche zur Go ldsuch ern und den hellen Wassern des Rio Branco. Indem ich
Stärke, von der Unterlegenheit zur Beherrschung der Welt durch diese Expedition begleite, werde ich auf der Spur einer ve~-
den Blick? Das ist die Frage, die mich interessiert. Sie hat mich gleichsweise armen und leichtgewichtigen Disziplin v.:and~rn, die
h.ierher geführt, nicht um, wie meine Freunde, die Dynamik des unter meinen Augen ihre ersten Schritte tut. So hätte ich sie auch
Ubergangs vom Urwald zur Savanne zu ergründen, sondern um beobachten können, wenn ich im Gefolge Jussieus oder Hum-
diese kleine Geste zu studieren: den Fingerzeig auf den Referen- boldts Brasilien durchstreift hätte .
ten des Diskurses. Sprechen die Wissenschaften von der Welt? Im Dickicht zeichnet sich vor dem einheitlich grünen Hinter-
Das i~t es jedenfalls, was sie zu tun vorgeben . Und doch zeigt grund ein querliegender Ast ab (Abbildung 2.3.)_,an dem _ein
der Finger von Edileusa lediglich auf einen fotografisch festge- kleines Blechschild angebracht ist. Es hängt an emem rosugen
haltenen Punkt, der mit der Zeichnung auf der Karte nur in we- Nagel und trägt die Nummer »234«.
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Hektar ihres Untersuchungsfeldes mit einem Netz von kartesi-
schen Koordinaten überzogen. Diese Nummern werden ihr spä-
ter helfen, die Unterschiede im Wachstum und im Vorkommen
der Arten festzuhalten. Jede Pflanze besitzt, was man eine Refe-
renz nennt - sowohl eine geometrische (durch Zuschreibung
von Koordinaten) als auch eine registermäßige (durch Zuschrei-
bung einer bestimmten Nummer).
Obwohl diese Expedition keiner großen Vorarbeiten be-
durfte, bin ich also nicht Zeuge der Entstehung einer Wissen-
schaft aus dem Nichts. Meine Kollegen Pedologen können ihre
Arbeit mit einiger Aussicht auf Erfolg nur an einem Ort begin-
nen, der bereits durch eine andere Wissenschaft, die Botanik,
sondiert worden ist. Ich wähnte mich im Urwald, doch aufgrund
dieser Markierungen befinden wir uns bereits in einem Labora-
torium. Gewiß, es ist minimal ausgestattet, aber immerhin abge-
steckt durch ein Koordinatenraster. Der quadrierte Urwald bietet
sich bereits dar zur Sammlung von Informationen auf kariertem
Papier. Ich finde die Tautologie wieder, die ich durch die Expedi-
tion ins Feld hinter mir zu lassen glaubte. Hinter jeder Wissen-
schaft verbirg t sich also eine ander e Wissenschaft. Würde ich die
Etiketten entfernen oder verta uschen, so verlöre Edileusa den
Kopf wie jene Riesenameisen, deren Kreise ich störe, indem ich
mit dem Finger ihre chemi schen Autobahnen verwische .
Abbildung 2.3 Edileusa entnimmt Proben (Abbildung 2.4). Wir vergessen
immer, daß das Wort »Referenz« vom lateinischen Verb referre
abgeleitet ist, was soviel wie »herbeischaffen « heißt. Ist der Refe-
In den Tausenden von Jahren, seit menschliche Wesen diesen rent das, worauf ich mit dem Finger zeige und was außerhalb
Wald du_rchstre_ifenund Brandrodungen bepflanzen, hat keiner des Diskurses bleibt, oder das, was ich in den Diskurs herein-
Jemals die komische Idee gehabt, Nummernschilder an Äste zu hole? Gena u das ist die Fragestellung dieser foto-philosophi-
hangen . Dazu n:iuß ein Wissenschaftler vorbeigekommen sein - schen Montage. Es mag zwar so aussehen, als näherte ich mich
oder allenfalls ein Förster, der durch dieses Zeichen die abzuhol- der Antwort nur auf Umwegen. Doch für die Praxis der Wissen-
z~nden B~ume markiert. In beiden Fällen muß man die Tätigkeit schaft gibt es keine Taste zum schnellen Vorwärtsspulen, sollen
eines gewissenhaften Buchhalters unterstellen (Miller 199 ). die vielen Schritte zwischen unserer Ankunft im Terrain und
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Nac~ einer Stunde Fahrt mit dem Landrover sind wir auf der dem absch ließenden Expeditionsbericht nachgezeichnet werden.
von Edileusa abgesteckten Parzelle angekommen. Wie der Wirt Aus der ersta unli chen Vielfalt der Pflanzen wählt Edileusa
des Restau_rants auf dem vorhergehenden Bild hätte sie sich nicht bestim.mte repräsentative Spezimen aus, die den taxonomischen
lange an d~esen Ort erinnern können, ohne ihn auf die eine oder Typen entsprechen: Guatteria schomburgkiana, Curate lla ameri -
ander~ Weis~ zu markieren. Sie hat also in regelmäßigen Abstän- cana, Connarus favosus. Sie sind ihr vertraut wie die Mitglieder
den eines dieser kleinen Schilder angebracht und so die paar ihrer eigenen Familie . Jede der Pflanzen, die sie ausliest, reprä-
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Ökonomie, Induktion, Verkürzung und Engführung, die es ihr
erlauben , einen Grashalm als den einzigen Repräsentanten von
Tausenden von Gräsern anzusehen; und andererseits die Konser-
vierung eines Spezimens, auf das sie später garantiert zurückgrei-
fen kann, wenn ihr Zweifel kommen oder wenn andere Kollegen
ihre Ansichten in Zweifel ziehen.
So wie Fußnoten in wissenschaftlichen Arbeiten als Referen-
zen dienen - ein weiterer Gebrauch des Wortes - , damit sich
die Neugierigen und die Skeptiker vergewissern können, so wird
auch die Handvoll von Spezimen eine Garantie für den Text ihres
Arbeitsberichtes sein. Der Urwald kann den Text Edileusas nicht
direkt glaubwürdig machen. Aber er kann es indirekt, durch re-
präsentative, sorgfältig konservierte und etikettierte Garanten,
die Edileusa zusammen mit dem Notizbuch zu ihrer Sammlung
nach Boa Vista zurückbringt. Man wird von ihrem Bericht auf
die Pflanzennamen zurückkommen können und von diesen zu
den getrockneten und klassifizierten Proben. Und dank dem No-
tizbuch kann man im Zweifelsfalle zu dem Ort zurückkehren,
von dem sie ihre Belege heimbrachte.
Ein Text spricht von Pflanzen . Pflanzen dienen einem Text
als Fußnoten. Ein Text ruht auf einem Blumenbett ...
Was wird mit diesen Pflanzen geschehen? Sie werden weiter-
transportiert und schließlich in einer Sammlung, einer Bibliothek
oder einem Museum untergebracht . Sehen wir uns zunächst an,
Abbildun g 2.4
was mit ihnen in einer solchen Institution geschieht, denn dieser
Schritt ist relativ bekannt und schon öfters beschrieben worden
sentie~t Tausende von Exemplaren der gleichen Art, die im Ur- (Law und Fyfe 1988; Lynch und Woolgar 1990; Star und Griese-
wald, m der Savanne und am Waldrand vorkommen . Es ist kein mer 1989; Jones und Galison 1998). Anschließend werden wir
Blumenstrauß, den sie pflückt, es sind Belegexemplare, die sie als uns wieder den Zwischenschritten zuwenden. Auf Abbildung 2.5
Referenz aufbe_wahren _möchte - eine weitere Bedeutung dieses befinden wir uns in einem botanischen Institut, weit weg vom
Wortes . Und sie muß m Zukunft auf das zurückkommen sich Urwald, in Manaus. Das dreiteilige Regal mit Fächern sieht aus
auf das beziehen können, was sie mit ihrem Stift in ihr Notiz- wie eine Tabelle aus Spalten und Zeilen, Abszissen und Ordina-
buch einträgt . .Wenn sie behauptet, daß die gewöhnliche Urwald- ten. Jedes Fach dieses Regals dient sowohl zum Klassifizieren als
pflanze Afulamata diasporis auch in der Savanne vorkommt aber auch zum Konservieren und Benennen. Dieses Möbel ist eine
nur im Schatten einiger Baumarten, die hier überleben kö~nen Theorie. Es ist kaum komplizierter als die Plakette auf Abbil-
dann muß sie zwar nicht die ganze Population konservieren abe; dung 2.3, aber es organisiert das Büro, in dem wir uns befinden.
eine Probe, die ihr stummer Zeuge sein wird. ' Es ist ein perfektes Zwischenglied zwischen Hardware (denn es
':"n ~iesem Strauß, den Edileusa gepflückt hat, können wir schützt) und Software (denn es klassifiziert), zwischen der
zwei Eigenarten der Referenz erkennen: einerseits eine gewisse Schachtel und dem Baum der Erkenntnis.

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vom Urwald? Sagen wir, daß wir irgendwo dazwischen sind.
Dank ein paar weniger Delegierter haben wir ihn fest im Griff,
so wie die Nationalversammlung ganz Frankreich im Griff hat .
Eine äußerst ökonomische Metonymie erlaubt es, in der Wissen-
schaft wie in der Politik, mittels eines winzigen Teils das uner-
meßliche Ganze zu fassen.
Wozu sollte es auch dienen, den ganzen Urwald hierher zu
transpor tieren? Es wäre heiß. Die Botanikerin kö~nte hier nic~t
mehr unt erscheiden als dort auf ihrer Parze lle. Hier summt die
Klimaanlage. Hier bilden sogar die Mauem Wandschränke, in de-
nen die Pflanzen den Platz finden, der ihnen in einer üb er mehrere
Jahrh und erte hinweg standardisierten Taxonomie zuk ommt. Der
Raum ist zur Tabelle geworden, die Tabelle zum Wandschrank, der
Wandschrank zum Begriff, der Begriff zur Institution.
Wir sind also weder sehr fern noch sehr nahe dem Ort von
vorhin. Wir befinden un s in beträchtlicher Distanz, und wir ha-
ben bei seinem Verlassen eine kleine Anzahl von relevanten
Merkmalen mitgenommen. Während des Transportes ist etwas
bewahrt worden. Gelänge es mir, diese Invari ante zu erfassen,
dieses Ich-weiß-nicht-was, dann, so glaube ich, hätte ich die wis-
senschaftliche Referenz begriffen.
In dem kleinen Zimm er, in dem die Bot anikerin ihre Samm-
lun g aufbewahrt (Abbi ldun g 2.6.), steht ein Tisch wie der im
Abbildun g 2.5
Restaurant von vorhin. Auf ihm liegen die Spezimen ausgebrei-
tet, die sie an versc hiedenen Orten und zu versch iedenen Zeiten
gesammelt hat . Die Phi losoph ie, die Kunst des Staunens, kann
Auf den Etiketten stehen die Namen der gesammelten Pflan zen. angesichts dieses Tisches nur in Verlegenheit geraten: Man be-
Die Dossiers, die Hüllen und Umschläge beherbergen keine greift, warum die Botanikerin beim Vedassen des ..U rwalds so
Texte, adminis tr ativen Formu lare oder Korrespondenzen, son- viel mehr gewinnt, als sie verliert. Sehen wir un s zunachst an, "."as
dern die im Urwald gesammelten Pflanzen. Die Botanikerin hat wir über diesen Gewinn wissen, bevor wir die Zwischenschritte
sie in einem Brutschrank bei 40°C getrockn et, um die Pilze abzu- weiterzuverfolgen versuchen .
töten, und sie dann in Zeitungspapier gewickelt. Der erste Vorteil ist eine Annehmlichkeit: Der Forsc her
Sind wir fern vom Urwald, oder sind wir ihm nahe? Wir sind braucht nur das Zeitungspapier aufzusch lagen, und schon kom-
ihm nahe, denn er steckt in der Sammlung. Der ganze Wald? men die getrocknet en Stenge! und Blüten zum Vorschein. Er kann
Nem . Weder die Ameisen sind da noch die Krebsspinnen, die sie nach Belieben unt ersuch en und sie beschreiben, als druckten
Bäume nicht, der Boden, die Regenwürmer, die heulenden Affen, sie sich selbst auf das Papier oder verwandelten sich ihm zumin-
deren Kreischen kilometerweit in der Runde zu hören ist. In dest an. Die große Distanz zw ischen dem Geschriebenen und den
die Sam~lung kamen nur einige Spezimen oder Repräsentanten, Dingen ist auf wenige Zentimeter zusamm engeschr~m pf~. .
welche die Botanikerin interessierten. Also sind wir weit weg Der zweite Vorteil ist gleichermaßen kostbar: Smd die Spezi-

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bis ein pattern vor ihr entsteht, das noch keiner je gesehen hat .
Die neue Erkenntnis ergibt sich wie von selbst aus der auf dem
Tisch ausgebreiteten Sammlung (Eisenstein 1979). Im direkten
Kontakt mit der Welt, im Urwald mit seinen intakten Bäumen,
den Pflanzen, den Wurzeln, dem Boden, den Würmern und al-
lem, was sonst noch dazugehört, wäre der Botanikerin nicht
diese Ruhe vergönnt . Sie könnte die Geduld nicht aufbringen,
die für dieses Puzzle auf dem Spieltisch nötig ist. Die in Zeit
und Raum verstreuten Gewächse wären ohne ihr Zutun niemals
zusammengekommen, und ihre Merkmale hätten sich nie zu
neuen Kombinationen verbunden.
Sobald er mit diesen Trümpfen umgeht, wird der Wissen-
schaftler an seinem Spieltisch zum Strukturalisten . Man braucht
nicht lange nach der Spielmethode zu suchen, die ihm einen glat-
ten Sieg über diejenigen beschert, die im Urwald schwitzen. Sie
werden erdrückt von der schieren Präsenz der komplexen Er-
scheinungen, die ununterscheidbar, nicht festzuhalten, nicht um-
zudisponieren und nicht zu beherrschen sind. In?em man. den
Urwald verliert, gewinnt man das Wissen üb~r ihn. In einem
wunderbaren Widerspruch erfaßt das Wort » Ubersicht « genau
die beiden Bedeutungen dieser Beherrschung durch den Blick,
da es gleichzeitig bedeutet, etwas zu überblicken und etwas zu
übersehen, d. h. zu ignorieren.
In der Sammlung des Naturalisten geschieht mit den Pflanzen
Abbildung 2.6
etwas, das ihnen seit Anbeginn der Welt nicht widerfahren ist
(siehe Kapitel 5). Sie werden entwurzelt, abgeschnitten, konser-
men von verschiedenen Orten und aus verschiedenen Zeiten ein- viert, klassifiziert und benannt. Sie werden gesammelt, zusam-
mal klassifiziert, so werden sie zu Zeitgenossen auf der Tisch- mengelegt und umverteilt nach völlig neuen Prinzipien, die vo.n
fläche und si~d damit dem gleichen einenden Blick ausgesetzt . den Forschern abhängen, von der seit Jahrhunderten standard'.-
Diese vor drei Jahren klassifizierte und jene aus mehr als tausend sierten Botanik und den Institutionen, die sie beherbergen . Sie
Kilometern herangeschaffte Pflan ze bilden auf dem Tisch eine haben so gut wie nichts mehr mit den Entstehungsprinzipien zu
verschworene Gemeinschaft und ein synoptisches Tableau. tun denen die Pflanzen im unermeßlichen Urwald gehorchten.
Der dritte Vorteil ist ebenso entscheidend: Der Forscher kann Di: Botanikerin lernt neue Dinge. Sie wird durch diese selbst
die Spezimen hin und her schieben und vertauschen, so als ob er verändert, und auch die Pflanzen verändern sich. Unter diesem
Karten legte; die Pflanzen sind noch nicht gänzlich zu Zeichen Gesichtspunkt gibt es keinerlei Unterschied zwischen Beobach-
gewor den, aber sie sind dennoch ebenso mobil und rekombinier- tung und Experiment: Es sind beides Konstruktionen . Auf
bar wie die Bleilettern einer Druckerei. diesen Tisch gezaubert, wird die Schnittstelle Wald/Savanne zu
Es erstaunt nicht, daß die Botanikerin nun in Ruhe vor der einem Mischwesen aus Wissenschaftlern, Botanik und Wald, des-
Hitze geschützt und in aller Geduld ihre Blätter ausle;en kann, sen Zusammensetzung mich noch beschäftigen wird.
Aber nicht immer gewinnt der Naturforscher. In der rechten
Ecke des Bildes sehe ich etwas, das mir Schrecken einjagt. Ein
enormer Stoß von Zeitungspapier voller Pflanzen aus dem Ge-
lände wartet auf Klassifizierung! Die Botanikerin ist in Rück-
stand geraten. Es ist immer wieder die gleiche Geschichte, in
allen Laboratorien. Sobald man ins Gelände fährt oder ein In-
strument anschließt, erstickt man in Daten. (Auch ich habe dieses
Problem . Auch ich kann über diese r 5tägige Mission nicht alles
sagen.) Man erzählt, daß Darwin, nachdem er von seiner Reise
heimgekehrt war, alsbald sein Haus räumen mußte. Er wurde
vertrieben durch die Kisten mit all den Schätzen, die aus der
Beagle hervorquollen. Ist der Wald auch auf seinen einfachsten
Nenner gebracht, so kann er doch innerhalb der Sammlung
schnell wieder ebenso undurchdringlich werden wie das ur-
sprüngliche, dichte Unterholz. Die Welt kann sich an jedem
Punkt dieser Ubersetzungskette wieder verwischen: im Haufen
der Pflanzen, der inventarisiert werden muß, in den Notizen, in Abbildung 2-7
dene~ die Botanikerin zu ertrinken droht, in den Reprints, die
1hr die Kollegen schicken, in der Bibliothek, wo sich die Zeit-
schriften stapeln. Kaum ist man angekommen, muß man schon niemals direkt von den Dingen zu den Worten, von der Referenz
wieder aufbrechen. Kaum hat man ein erstes Instrument ange- zum Zeichen sondern immer nur über riskante Zwischen-
schlossen, muß man sich schon wieder um eines kümmern das schritte. Wie kann man eine kompliziertere und weniger triviale
verarbeiten soll, was man mit dem ersten aufgezeichnet hat. Man Aussage als die über die berühmte Katze auf der noch berühm.te-
muß das Kartenspiel immer rasch genug neu legen, um nicht aufs ren Matte mit den Dingen in Verbindung bringen? Wenn ich
neue von der Welt der Bäume, der Pflanzen, der Blätter des Pa- zum Beispiel sage, daß der Wald von Boa Vista in die Sav~nne
piers und der Aufzeichnungen überwältigt zu werden.' Die Er- vordringt, wie .kann ich dann 1?it d~m Finger auf etwa~ z~1ge~,
kenntnis entsteht aus dieser ständigen Bew egung und nicht aus dessen tatsächliche Anwesenheit meinen Satz bewahrheitet . Wie
der bloßen Betrachtung eines Waldes. kann man die Gegenstände in den Diskurs einbi~den? Es gilt,
Wir kennen nun die Vorteile der Arbeit in einem Museum mit zum Terrain zurückzukehren und aufmerksam mcht nur Ed1-
Klimaanlage. Doch zu schnell bin ich über die Transformationen leusa bei ihrer Sammeltätigkeit, sondern auch unsere Freunde
hinw~ggeg~ngen, denen Edileusa den Urwald unterzog. Zu rasch direkt im Wald zu beobachten.
habe ich die auf Bäume zeigende Botanikerin mit der Naturfor- Auf diesem Foto (Abbildung 2.7) sieht man nichts, was sich
scherin vertauscht, die ihre Spezimen auf dem Arbeitstisch be- säuberlich abheben würde. Wir haben das Laboratorium verlassen
~utachtet. Ich bin auf einen Schlag vom Feld zur Sammlung und befinden uns mitten im jungfräulichen Urwald. Die Forscher
ubergegangen und habe dabei den entscheidenden Zwischen- heben sich nur als khakifarbene und blaue Flecken vor dem grünen
raum außer acht gelassen. Wenn ich sage, daß »die Katze auf der Hintergrund ab. Sie bräuchten sich nur voneinande: zu entfernen,
Matte ist«, so könnte es scheinen, als bezeichnete ich direkt eine und schon würden sie in der grünen Hölle verschwinden .
Katze, deren tatsächliche Anwesenheit auf besagter Matte mei- Rene Armand und Heloi'sa stehen diskutierend um ein Loch
nen Satz bestätigt. Aber in der wirklichen Praxis gelangt man herum. Die Löcher sind für die Bodenkunde das, was die Spezi-

53
mensammlung für die Botanik ist: das Hauptgeschäft und der
Gegenstand der ganzen Aufmerksamkeit. Da die Bodenbeschaf-
fenheit immer unter den Füßen des Wanderers verborgen ist,
können die Pedologen sein Profil nur durch die Grabung eines
Querschnitts freilegen. Das Profil ist die Gesamtheit der aufein-
anderfolgenden Schichten, die von den Bodenkundlern mit dem
schönen Wort »Horizont « bezeichnet werden. Das Regenwasser,
die Pflanzen, die Wurzeln, die Regenwürmer, die Maulwürfe und
die Milliarden von Bakterien verwandeln das Muttergestein (das
die Geologen untersuchen) in ebenso viele verschiedene Hori-
zonte. Die Pedologen lernen sie zu unterscheiden, zu klassifizie-
ren und in eine Geschichte einzuordnen, die sie »Pedogenese «
nennen (Ruellan und Dosso 1993).
Den Gepflogenheiten ihres Metiers entsprechend vermuteten
die Bodenkundler zunächst, daß sich das Muttergestein in einer
gewissen Tiefe unter der Savanne und unter dem Urwald unter-
scheidet. Dies hätte der Kontroverse zw ischen der Botanik und Abbildung 2.8
der Pedologie ein Ende gesetzt. Weder der Wald noch die Sa-
vanne zöge sich zurück. Die abrupte Trennlinie zwischen ihnen
wü:de einfa~h ein~ Bodenverschiedenheit reflektieren. Das Epi- aber die Bedingung der Möglichkeit zu schaffen, solche Formen
p.hanomen !teße ~ich durch die Infrastruktur erklären. Es zeigt zu erkennen.
sich Jedoch, daß sich ab 50 cm Tiefe der Boden unter der Savanne Die in den Urwald eingetauchten Forscher sind gezw un gen,
und unter dem Wald nicht unterscheidet. Die Infrastruktur- sich auf die älteste der Wissenschaften zu besinnen, die Winkel-
H ypothese läßt sich nicht halten. Das Muttergestein kann die messung, jene Geometrie, deren mythischen Ursprung Michel
völlige Verschiedenheit der Oberflächen-Horizonte - Ton unter Serres mehrfach erzählt hat (Serres 1993). Wieder einmal muß sich
dem Wald, Sand unter der Savanne - nicht erklären. Das Profil eine Wissenschaft, hier die Bodenkunde, im Netz einer anderen,
ist bizarr, sehr bizarr. Die Aufregung meiner Freunde wird da- älteren Disziplin verorten, der Feldmessung. Ohne sie erfolgte die
durch nur größer . Grabung unserer Querschnitte auf gut Glück. Sie bliebe dem Zu-
In der Bildmitte von Abbildung 2.8 steht Rene und nimmt fall überlassen, und Rene wäre nicht in der Lage, die Ergebmsse
mich mit einem kombinierten Kompaß und Gefällemesser ins auf das Millimeterpapier einer Karte zu übertragen, die er so genau
Visier, um eine erste topographische Ortung vorzunehmen . Ob- wie möglich zu zeichnen vorhat. Die Triangulationspunkte wer-
wohl. ich die Gelegenheit ergreife, um ein Foto zu machen, spiele den als Referenz dienen und die numerierten Planquadrate ergän-
ich die ~war untergeordnete, aber meiner Größe angepaßte Rolle zen, die Edileusa bereits auf ihrer Parzelle abgesteckt hat (vgl. Foto
emes Richtpfostens. So kann Rene genau festlegen, wo die Pedo- 2.3). Damit die botanischen und die pedolo gischen Daten sp~ter
logen ihren Querschnitt graben sollen. Im Wald verloren, klam- auf demselben Dia gramm überlagert werden können, müssen ihre
mern sich die Forscher an die ältesten und primitivsten Formen beiden Referentiale kompatibel sein. Konsequenterweise sollte
der Raumorganisation und machen sich den Platz durch Abstek- man niemals von Daten (also »Gegebenem «) sprechen, sondern
kungen verfügbar, die es ihnen erlauben, geometrische Formen immer von sublata (also »Erhobenem «).
vor dem strukturlosen Hintergrund zu unterscheiden, zumindest Rene bemüht sich, das Bodenprofil entlang von Querschnit-

54 55
Um von einem Punkt zum anderen zu gelangen, können sich
die Pedologen keiner Meßleine bedienen. Sie wäre nur schwer zu
handhaben in einer Gegend, die kein Bauer jemals bestellt hat . Statt
dessen benützen sie ein geniales Instrument, das »Topofil Chaix«
(Abb. 2.9), das ihre brasilianischen Kollegen perverserweise das
»Pedofil « nennen. ' Sandoval, der die orangefarbene Schachtel öff-
net, zeigt auf dem Bild seine prinzipielle Funktionsweise.
In regelmäßiger Bewegung rollt ein Baumwollfaden von einer
Spule. Er dreht eine Riemenscheibe, die ihr erseits die Zahnräder
eines Zählers aktiviert. Der Pedologe stellt den Zähler auf null,
geht von einem Punkt zum anderen und wickelt dabei ei~en
wahrhaftigen Ariadne-Faden hinter sich ab. Wenn er am Bestim -
mungsort angekommen ist, braucht er nur den Faden mit einer
gekerbten Scheibe zu kappen, die sich am Auslaß befindet, ~as
Ende des Fadens einklemmt und sein unzeitiges Abrollen verhin-
dert . Mit einem Blick auf das Fenster des Zählers kann er die
Distanz, die er durchmessen hat, auf den Meter genau ablesen.
Ein zweifacher Vorteil: Sein Weg verwandelt sich in eine einzige
Zahl, die leicht in ein Heft zu übertragen ist; und sein Weg hat
sich in Form des Fadens materialisiert, der zurückgeb lieben ist.
Es ist unmöglich, einen Pedologen zu verlieren, der sich in der
grünen Hölle verirrt hat. Entlang des Baumwollfadens wird er
immer zum Lager zurückfinden. Hätten Hänsel und Grete! über
das »Topofil Chaix a fil perdu n° de reference I-8237« verfügt,
Abbildung 2.9
so wäre die Geschichte ganz anders verlaufen!
Nach einigen Tagen Arbeit ist die Parzelle voll von diesen
t~n zu rekonstruieren, deren Endpunkte möglichst verschieden Fäden. Man verstrickt sich in ihnen, aber das Planquadrat ist
sind, zum Beispiel die Sandböden unter der Savanne und die dank der Messungen mit dem Kompaß und dem Pedologenfaden
Tonböden unter dem Urwald. Dann bedient er sich der Methode zu einem Protolaboratorium geworden, zu einer euklidischen
der Approximation: Zuerst wählt er zwei extreme Böden aus Welt, in der sich jede Erschein un g in ein Koordinatennetz eintra-
dann sondiert er in der Mitte, und schließlich wiederholt er di~ gen läßt. Die Arbeit mit dem Pedologenfaden hätte Kant .be-
Prozedur, bis er ~omogene Horizonte erhält. Das Approxima- stimmt gefallen, und er hätte in ihm die praktische Form seiner
uonsve~fahren erinnert an die Artillerie, und die geometrische Philosophie wiedererkannt. Damit die Welt erkennbar wird, muß
Nachzeichnung der Horizonte an die Anatomie, denn diese sind sie zu einem Laboratorium werden, und um einen jungfräulichen
geradezu die »Organe« des Bodens. Würde ich mich hier nicht Urwald in ein Laboratorium zu verwandeln, muß er die Form
al.s Philosoph n_1itder Arbeit der Referenz beschäftigen, so eines Diagramms annehmen (Hirsha uer 1991). Aber um aus der
konnte ich als Historiker eine lange Geschichte über dieses wun- verwirrenden Vielfalt der Pflanzen ein Diagramm zu extrahieren,
dervolle »Paradigma « der Pedologie erzählen, wie es sich gegen
andere abgegrenzt und welche Kontroversen es ausgelöst hat. 1
Im folgenden als »Pedologenfaden« oder »Geländefaden• übersetzt (A. d. Ü.).

56 57
Soziologie getrennt, so müßte ich selbstverständlich auf diese
Arbeitsteilung zwischen Franzosen und Brasilianern, Mestizen
und Indianern eingehen, und ich müßte die Rollenverteilung
zwischen Männern und Frauen erklären.) Auf den Hohlbohrer
gestützt, entnimmt Armand die Bohrkerne aus der Kammer an
der Spitze. Im Gegensatz zu dem roten Spaten, den Sandoval
nach getaner Arbeit weggelegt hat, ist der Bohrer ein integraler
Bestandteil der Laborausrüstung. Dank zweier Marken im Ab -
stand von 90 und 100 Zentimetern dient er zugleich als Instru-
ment zur Tiefenmessung und als Grabwerkzeug, wenn man ihn
dreht und in die Erde stößt. Die Pedologen betrachten die Probe .
Dann packt Heloi:sa sie in einen Plastiksack und versieht sie mit
der Nummer des Loches sowie der Tiefenangabe.
Wie bei den Spezimen von Edileusa lassen sich die meisten
Analysen nicht im Gelände, sondern erst im Labor durchführen .
Die kleinen Plastiksäcke machen sich auf eine lange Reise, die sie
schließlich über Manaus und Säo Paulo nach Paris führen wird. In
der Tat, Rene und Armand können zwar selbst die Qualität des
Bod ens, seine Textur, seine Farbe und die von den Regenwürm ern
hinterlassenen Spuren beurteilen . Aber ohne kostspi elige Instru-
mente, die weder bei den armen Garimperos noch bei den reichen
Latifundisten vorhanden sind, können sie seine chemische Zusam-
mensetzung, seine Körnigkeit oder seinen Gehalt an radio akti vem
Abbildung 2 . 10 Kohlenstoff nicht analysieren. Die Expeditionspedolo gen spielen
hier also die Rolle einer Avantgarde für ferne Laboratorien, die sie
müssen beliebig verstre ut e Punkte in markierte und mit ihren Proben beliefern. Sie sind mit ihr em ursprün glichen
P k f · vermessen e Konte xt nur noch durch das leicht zerreißbare Band von Zahlen
un te trans orm1ert werden . Sie müs . d .
B llf··d sen untereman er mit verbunden, die mit schwarzem Filzstift auf die kleinen transparen -
aumwo a en verbund en wer den s· .. . h .
N b. . ie mussen s1c zu emem ten Säcke geschrieben wurden . Sollten Sie wie ich das Glück ha-
etz ver m_d~n,z~ _Eckeneiner Fo lge von Dreiecken materialisie-
ren (oder spm tuahs1eren). Allein mit den a . . h F ben, Pedologen zu kennen, so bieten Sie ihnen niemals an, ihre ge-
A h pnonsc en or men der waltigen Koffer zu tragen! Sie sind vo llgestopft mit Bodenproben,
esnsc ;uung ~-ut gerüst et, um Kants Ausdruck aufzugreifen wäre
mc t mo_g ic gewesen, die Punkte zu verb inden Den'n . die diese Leute von einem Ende der Welt zum anderen transportie-
so_llte man emem körperlosen Geist-im-Gefäß beibrin . G v11e ren und mit denen sie ihre Kühlschränke füllen . Die Zirkulation
wie Kompaß, Gefällemesser und Geländefaden z b gen, ,erate ihrer Proben spinnt ein N etz über den Globus, das genauso dicht
D 't h "k u enut zen ,
. der ~C
mit er e1
m er Sandoval, indianischer Abstammung und. so
· h · E" -
ist wie das Netzwerk ihres Geländefadens .
Was die Industriellen die »Zurückverfolgbarkeit « einer Refe-
~~1ge nc tige mgeborene unter den Mit liedern die-
s":r Exped m on, ha_t de_nGraben fast vollständ ig aus ; hob en Ab - renz nennen, hängt hier von der Gewissenhaftigkeit Heloi:sas ab,
bildung 2.10). (Ha tt e ich die Philosophie nicht kün!tlich vo~ der die vor dem Graben sitzt und von der Gruppe beauftragt worden
ist, mit aller Sorgfalt das Expeditionstagebuch zu führen. Für
58
59
jede Sondierung hat sie die Ortskoordinaten einzutragen, die
Nummer des Loches, den Zeitpunkt sowie die Tiefe, aus der
man die Erdklumpen holt . Ihre beiden Kollegen diktieren ihr
alle qualitativen Befunde , die sie an den Proben erheben, welche
dann in den Säcken verschwinden.
Der ganze Erfolg der Mission beruht auf der Führung dieses
kleinen Tagebuchs, dem Äquivalent des Protokollheftes, welches
das Leben eines jeden Labors regelt. Dank der Eintragungen
kann man auf jeden der Befunde zurückkommen, um seiner
Herkunft nachzugehen . Heloi:sa verwendet für jeden Arbeits-
gang das gleiche Raster, über das zuvor im Restaurant ent-
schieden wurde und das nun systematisch mit Informationen
ausgefüllt wird. Sie ist dafür verantwortlich, daß das Standard-
protokoll eingehalten wird und daß wir an jedem Ort die gleiche
Art von Bodenproben auf die gleiche Weise entnehmen. Nur so
ist die Kompatibilität und damit der Vergleich zwischen den
Abbildung 2 . II
Grabungen zu gewährleisten. Das Tagebuch garantiert Kontinui-
tät in Zeit und Raum. Heloi:sa gibt sich übrigens nicht damit
zufrieden, zu etikettieren und zu protokollieren. Als Geomor-
ph~login kommentiert sie alles aus ihrer Sicht, was zugleich der kernden Armen, unfähig, das Profi l eines Horizonts zu erken-
»Tnangulat1on « des Urteils ihrer fachfremden Kollegen dient. nen? Bin ich nicht noch viel exotischer, wenn ich aus der harten
. Wenn ich höre und sehe, wie Heloi:sa uns zur Ordnung ruft, Arbeit meiner Informanten jene Minimalbedingungen einer Phi-
die Angaben wiederholt, die Rene ihr diktiert hat, und die Be- losophie der Referenz zu erheben versuche, die lediglich meine
schriftung der Säcke zweimal nachprüft, dann wird mir klar, daß Kollegen in Paris, Kalifornien oder Texas interessieren? Warum
dieser Wald von Boa Vista noch niemals einer solchen Disziplin nicht Pedologe, warum nicht Eingeborener werden?
unterworfen wurde. Die Indianer, die ihn ehemals durchstreiften Um diese kleinen anthropologischen Mysterien zu verstehen,
befaßten sich mit anderen Ritualen, genauso penibel wie diejeni~ müssen wir uns mit dem schönen Gegenstand auf diesem Bild
gen von Heloi:sa, aber sicherlich nicht ebenso befremdlich . Den (2.II), dem Pedokomparator, befassen. Auf dem Gras der S:-
Indianern hätten wir wahrlich als Exoten erscheinen müssen: ab- vanne sehen wir eine Menge kleiner, leerer Kartonschachteln, die
gesandt von Insti~utionen in Tausenden Kilometern Entfernung, eine quadratische Fläche bilden. Wieder einmal kartesische Ko-
verpflichtet, um Jeden Preis die Zurückverfolgbarkeit der Be- ordinaten, wieder Spalten und Reihen. Diese kleinen K~ben b~-
funde zu erhalten, die wir diesen Institutionen mit einem Mini- finden sich in einer Art Holzrahmen, der es erlaubt, sie alle m
mum an ~eformationen z~ übermitteln haben, obwohl wir, ge- ein Schubfach einzuschließen. Dank der Findigkeit unserer Pe-
rade um sie zu erhalten, die Befunde völlig umformen und von dologen läßt sich dieses Schubfach in einen Koffer mit Griff,
allem lokalen Kontext befreien müssen. Warum mit solcher Sorg- Verschlüssen und einem gepolsterten Deckel (den man auf dem
falt Proben entnehmen, deren Eigenschaften erst in einer Distanz Foto nicht sieht) verwandeln, der all diese Kartons mit einer ela-
sic~tbar werde_n, di: jeden Kontex_t zum Verschwinden gebracht stischen Schutzhülle versieht. So kann man alle in kartesische
hat. Warum nicht im Urwald bleiben? Warum nicht zu Urein- Koordinaten verwandelten Bodenproben auf einmal transportie-
wohnern werden? Und ich selbst, zu nichts nütze, mit schlen- ren und sie in einer Art Pedothek archivieren.
60 61
Wie das Regal auf der Abbildung 2. 5 wird der Pedokomparator
uns ermöglichen, den praktischen Unterschied zwischen Abstrak-
tem und Konkretem, zwischen Zeichen und Zeug zu begreifen.
Mit seinem Handgriff, seinem Holzrahmen, seiner Auskleidung
und seinen Kartonkuben gehört der Komparator zur Welt der
Dinge. Aber mit der Gleichförmigkeit seiner Kuben, ihrer Anord-
nung in Spalten und Reihen, ihrem diskreten Charakter und der
Möglichkeit, die Elemente frei zu vertauschen, gehört der Kom-
parator zur Welt der Zeichen. Genau diese hybride Erfindung er-
laubt es, die Welt der Dinge in Zeichen zu verwandeln . Die drei
folgenden Bilder werden uns dabei helfen, die Tätigkeit des Ab-
strahierens konkret zu erfassen und herauszufinden, was es be-
deutet, einen Sachverhalt in eine Aussage zu fassen.
Ich werde gezwungen sein, vage Ausdrücke zu verwenden,
denn um über die Einbindung der Dinge in den Diskurs zu spre-
chen, verfügen wir nicht über ein so präzises Vokabular wie das,
welches uns für den Diskurs selbst zur Verfügung steht. Die ana-
lytischen Philosophen sind immer mit der Frage beschäftigt, wie
V.:ir~ber die Welt sprechen können, und zwar in einer Sprache,
die sich am Ende als wahrheitshaltig erweist (Moore 1993). Da-
bei konzentrieren sie sich nur auf die Sprache, ihre Struktur, Ko-
härenz und Geltung, während die Welt in allen ihren Demonstra-
tionen nur darauf wartet, mit Worten bezeichnet zu werden
deren Wahrheit oder Falschheit sie durch ihre bloße Präsenz ga~
Abbild ung 2 .12
rantieren soll. Die »wirkliche « Katze wartet brav auf ihrer Matte
um den Satz zu bestätigen: »Die Katze ist auf der Matte. « Dami:
wir aber _zur. Gewißheit gelangen, muß sich die Welt bewegen auf einmal da und damit unsichtbar . Sie werden sich erst vor
und szch m viel stärkerem Maße verändern als die Worte (siehe jenem Hintergrund abheben und sichtbar werden, d_en man listi-
Kapitel 4 und 5). Die analytische Philosophie muß um diese aus- gerweise hinter sie gestellt hat. Vor memen und ~emer Freunde
gesparte Hälfte erweitert werden. Augen werden ihre entscheidenden Züge ans Licht des hellen
Noch ist der Komparator leer. Er ist eine Fassung ohne Ein- Mittags treten, das so hell gleißt wie der leere Pedokomparator
lage. ~~eh ~ine jener leeren formen, deren Liste seit Beginn der oder das Millimeterpapier. Jedenfalls ist es von ganz anderer Art
Expedmon immer länger wird: Edileusas Absteckung der Par - als das tiefe Grün und Grau des weiten und üppigen Urwalds,
zelle durch die an die Bäume gehefteten, beschrifteten Schilder; der erfüllt ist vom vulgären Gezwitscher der Vögel, die man des-
Renes Registrierung der Querschnitte durch Kompaß und Ge- halb auch »Schürzenjäger « nennt.
ländefaden; Heloi:sas Numerierung der Bodenproben und ·ihr re- Auf diesem Foto (2.12) sieht man Rene bei der Arbeit der
glementiertes Protokoll. Alle diese leeren formen befinden sich Abstraktion. Er hat mit dem Messer in der vom Protokoll vorge-
hinter den Phänomenen, bevor diese sich manifestieren und da- schriebenen Tiefe eine Scholle ausgestochen und legt sie in eine
mit sie sich manifestieren. Im Wald sind diese Phänomene alle der Kartonschachteln. Heloi:sa wird den Rand der Schachtel mit
einer Nummer versehen und sie in ihr Heft eintragen, damit man
später noch weiß, um welche Probe es sich handelt.
Werfen wir einen Blick auf diesen Erdklumpen, den Rene mit
den Fingern der rechten Hand vorsichtig festhält. An ihm haftet
noch die ganze Materialität des Bodens. »Gedenke, daß du Staub
bist und wieder zu Staub werden wirst. « Aber sobald er im Kar-
ton in seiner linken Hand liegt, wird er zum Zeichen, nimmt
eine geometrische Form an, wird zum Träger einer Codenummer
und wird bald durch eine Farbe definiert sein. In der Wissen -
schaftsphilosophie weiß die linke Hand nicht, was die rechte tut,
denn es wird nur das Ergebnis der Abstraktion betrachtet. Wir
Wissenschaftsforscher sind doppelhändig. Wir lenken die Auf-
merksamkeit des Lesers auf die Schimäre, auf den Augenblick
der Substitution, auf den Moment, in dem man vom Boden das
zukünftige Zeichen abstrahiert. Wir dürfen das materielle Ge-
wicht dieser Handlung nicht aus den Augen verlieren. Der ganze
praktische Platonismus wird auf diesem Bild sichtbar: Wir gehen
nicht vom Boden zur Idee des Bodens über, sondern von einem
vielgestaltigen, massiven Erdklumpen zu einer diskreten Farbe
in einem geometrischen Geviert, das durch eine Abszisse und
eine Ordinate abgesteckt wird. Dennoch prägt Rene keine vorge-
fertigten Kategorien auf einen Horizont, dem solche Kategorien
fremd wären: Er lädt seinen Pedokomparator mit der Bedeutung
eines Erdklumpens - er leitet sie ab, er artikuliert':· sie (siehe Abb ildung 2. IJ
Kapitel 4). Was allein zählt, ist die Substitutionsbewegung, in
deren Verlauf ein realer Boden zu einem von der Pedologie er-
faßten Boden wird. Der unermeßliche Abgrund zwischen den R estauran t , O.. ffnet Rene die Schubfächer.
der beiden Pedokom-
· R 'h ( h der
Dingen und den Worten ist an allen Punkten durch solche klei- aratoren und betrachtet die Kartons mit den _m e1_en nac
nen Abgründe wie dem zwischen der Bodenprobe und dem PL.. d Querschnitts) und Spalten (nach semer T1efe) angeord-
Schachteleode des Pedokomparators geprägt.
ange es Restaurant wird zum A n h"angse 1emer Pedo -
neten P ro b en. Das · d 1 · hbar
Was für eine Transformation, was für ein Transport, welche thek. Alle »Querschnitte « werden kompatibel un verg e1c. .
Deformation, Erfindung, Entdeckung! Vom Boden in das Schub- Die mit Bodenproben gefüllten Schachteln haben Ze1c~en-
fach gelangt, profitiert der Erdklumpen von einem Transportmit- charakter angenommen . Aber man weiß, ~aß die leeren_Gev1er~e
tel, das ihn nicht weiter verändert. Auf dem vorhergehenden . 1 h Tafel gleich ob es sich um eme so bescheidene wie
emer so c en , d 1· h d 1
Foto sahen wir, wie er seinen Zustand veränderte. Auf diesem .
d 1ese .od er e1·ne so berühmte wie die von Men . e eiew G an edt,
(2.13) sehen wir, wie er seinen Platz wechselt . Es geht nicht mehr immer die wichtigsten sind (Bensaude-Vmcent 1986, oo .Y
darum, von der Erde zum Code überzugehen, sondern darum , 1977). Die leeren Schachteln zeigen uns, v.:as uns noch feht S1:
ohne eine erneute Veränderung sich im Raum bewegen zu kön- eben uns einen Vorgeschmack der Arbeit von morgen. an
nen und über die Zeit intakt zu bleiben. Am Abend, zurück im fhrer sehen wir die Leerstellen unseres Protokolls. In den Worten

65
Renes: »Der Pedokomparator sagt uns, ob man mit dem Quer- neuen Zugriff, den eine neue Übersetzung und ein neuer Trans-
schnitt fertig ist.« port nach sich ziehen, folgt beinahe immer eine Erfindung. Es
Der erste erstaunliche Vorteil des Komparators, der ebenso wäre die unverständlichste Sache der Welt, würde das Muster
»rentabel « ist wie die Klassifizierung der Botaniker auf Abbil- durch solche Rearrangements nicht verständlich.
dung 2.6, besteht darin, daß alle Sondierungspunkte in allen Tie- Auch diese Expedition entdeckt oder konstruiert vermittels
fen zugleich sichtbar werden. Während der ganzen Woche, in des trickreichen Komparators ein ungewöhnliches Phänomen
der wir diese Bodenproben aushoben, konnten wir sie niemals (entdeckt oder konstruiert: zwischen diesen b~i~en Ve~ben wol-
synoptisch erfassen. Dank dem Komparator bilden ihre Farb- len wir in Kapitel 4 die Wahl treffen, bevor wir in Kapitel? ent-
unterschiede nun ein Tableau oder eine Tabelle. Der Übergang decken werden, wieso wir gar nicht wählen müssen). Zw1sch_en
vom Wald zu~ Sa:7anne stellt sich nun als eine Graduierung von der sandigen Savanne und dem tonhaltigen Waldboden scheint
Braun und Beige in Spalten und Reihen dar, er wird faßbar durch sich ein Band von zwanzig Metern zu erstrecken, das den Wald-
den Zugriff, den uns das Instrument erlaubt. saum savannenseitig begrenzt. Aber dieses Band ist zweideutig:
Man betrachte Rene: Er beherrscht die unsichtbare Erschei- Es enthält zwar mehr Ton als die Savanne, jedoch immer noch
~un?, die noch _vor wenigen Tagen im Boden verborgen lag und weniger als der Wald . Man könnte s~gen, daß ?er U.rw~ld den
in einem Kontinuum aufging. Ich bin noch nie einer Wissen- ihm gemäßen Boden vor sich her sch1c_kt, u~ sich gunsuge Be-
schaft begegnet, sei sie nun reich oder arm, hart oder weich, heiß dingungen zu verschaffen - wenn es sich nicht umgeke~rt ver-
oder kalt, di~ nicht die Stunde ihrer Wahrheit auf einer planen hält daß nämlich die Savanne den Humus abbaut und ihn all-
F_lachevon ein oder zwei Quadratmetern gefunden hätte, welche mählich verschlingt. Die verschiedenen Szenarios, die meine
ein Forscher, den Bleistift in der Hand, mit dem Auge inspizieren Freunde am Abend im Restaurant entwerfen, sind nun durch
kann (siehe au~h Abbildung 2.2 und 2.6). Der Pedokomparator ein Pfand, einen Beweis gesichert. Sie werden nun zu möglichen
hat aus dem Ubergang Wald/Savanne ein Laborphänomen ge- Interpretationen von Tatsachen, die im Raster des Pedokompara-
macht. Es 1st fast ebenso flach wie ein Diagramm, ebenso leicht tors fest verankert sind.
zu beobachten wie eine Karte, ebenso leicht zu mischen wie ein Das Szenario wird sich bald in einen Text, der Pedokompara-
Kartenspiel und ebenso leicht transponierbar wie ein Koffer . tor in die Tabelle eines Artikels verwandeln. Es bedarf dazu nur
Rene kann sich nun in Ruhe Notizen machen und seine Pfeife noch einer winzigen Transformation. . . .
rauchen, nachdem er geduscht und den Staub und die Erde von Auf dem Tisch des Cafes sieht man nun wieder (in Abbildung
sich abgewaschen hat, die nun nicht mehr gebraucht werden. 2. 14) auf der einen Seite die Savanne, auf der anderen den Wa_ld,
Und auch ich, obwohl schlecht ausgerüstet und ziemlich un- vergleichbar der Abbildung 2. 1, nur daß ein pa_arTransformatio-
genau, berichte dem Leser mit den gleichen Mitteln über dieses nen dazwischenliegen. (Da der Komparator nicht genug Fach~r
bishe: unsichtbare Phänomen der zirkulierenden Refere~z::-,in- hat wird die Serie der Sondierungen gebrochen. Das stört die
dem ich Fot?s und Legenden überlagere. Von -den Epistemolo- schöne Ordnung des Tableaus und zwingt dazu, einen ad hoc-
gen wurde dieses Phänomen absichtlich verschleiert es ist in der Lektüreschlüssel zu erfinden.) Neben den geöffneten fächern
Praxis der Wissenschaftler verstreut, es ist in ihren 'Kenntnissen sieht man ein Diagramm auf Millimeterpapier und eine Tabelle
versiegelt, die ich nun vor einer Tasse Tee zu Hause in Paris in auf kariertem Papier. Das Diagramm repräsentiert die Sondierun-
Ruhe entfalte, indem ich »reportiere «, was ich am Waldrand von gen, die das Team entlang eines Querschnitts :orgenomm_en hat.
Boa Vista beobachtet habe. Die Tabelle hält die Farbvariationen als Funkuon der honzonta-
. Der zweite Vorteil des probenbestückten Pedokomparators: len und vertikalen Lage der Proben fest. Auf den Schachteln
Ein pattern entsteht, und wie bei den Funden Edileusas wäre es liegt, etwas nachlässig postiert, ein transpare.ntes Lineal, das den
auch hier wieder befremdlich, wenn es nicht so wäre. Auf den Übergang vom Möbel zum Papier gewährleistet.
66
überlagert werden kann. Den großen Abgrund. z~ische~ . den
Ideen und den Dingen hat noch keine Mathematik Jemals uber-
brückt; aber der kleine Abgrund, diese win zige Lücke zwische.n
einem bereits geometrisierten Pedokomparator und dem Milli-
meterpapier, auf dem Rene die Sondierungen einge.tragen hat -:--
dieser Abgrund ist leicht zu überbrücken. Ich kann ihn soga~ mit
dem Plastiklineal messen. Er ist nicht größer als zehn Zenume-
rer! .
Wie abstrakt der Pedokomparator auch sein mag, er bleibt em
Gegenstand, leichter zwar als ~er yrw.ald, aber schwerer als das
Papier; nicht so verderblich wie die wimmelnde. Erde, aber ver-
derblicher als die Geometrie; beweglicher als die Savanne, aber
nicht so beweglich wie das Diagramm, das ich sogar telefonisch
übermitteln kann - wenn Boa Vista ein Faxgerät hätte! Wie co-
diert der Pedokomparator auch sein mag, Rene kann ihn nicht
in den Text seines Berichtes einfügen. Er kann ihn nur aufbewah-
Abbildun g 2. 14
ren falls ihm Zweifel an seinem Artikel kommen sollten, und
ihn' für künftige Vergleiche archivieren. Mit dem ~iagramm hi~-
gegen wird der Übergang Urwald/Savanne zu Papier. Es bnn m
Auf Bild 2.12 sah man Rene, wie er mit einer flüchtigen Geste alle Artikel der Welt aufgenommen werden, man kann es m Jeden
vom Konkreten zum Abstrakten, von der Sache zum Zeichen Text einfügen . Seine geometrisc he Forr~ mach~ es mit _allen.geo-
von der dreidimensionalen Erde zum zweieinhalb dim ensiona le~ metrischen Transformationen kompatibel, die uns uberhefert
Tableau überging. Auf Bild 2 . 13 hat er sich dank dem zum Koffer sind seit es Rechenzentren ':·gibt. Was wir durch die aufeinand~r-
gewordenen Tableau von der Parzelle zum Restaurant bewegt, folg~nden Reduktionen des Bodens an Materie verliere~, gew'.n-
von einem unbequemen und schlecht ausgerüsteten Ort zum re- nen wir hundertfach wieder durch den Anschluß an die Schnft ,
lativen Komfort eines Cafes. Nichts (außer den Zollbeamten) die Berechnung und das Archiv. . .
kann ihn daran hindern, daß er dieses Tableau von einem Ende Im Expeditionsbericht, den wir zu redigieren .beginnen,. gibt
der Welt zum anderen transportiert und daß er sein Profil mit es nur noch einen Bruch. Er ist zugleic h unermeßhch und wmz1g
dem aller anderen Pedotheken vergleicht. wie alle Etappen, die wir bisher zurüc.kgelegt hab~n. Es ist der
Auf dem neuen Bild 2.14 sehen wir eine weitere Transforma- Bruch, der einen Prosatext von den Diagrammen m d~.r Anlage
tion. Sie ist von gleicher Bedeutung wie alle anderen, hat aber trennt auf die sich der Text bezieht. Wir werden vom Ubergang
unter dem Namen »Inskription «':· etwas mehr Beachtung gefun- zwischen dem Wald und der Savanne sprechen, den wir im Text
den . Wir gehen vom Instrument zum Diagramm über, von der selbst in der Form eines Graphen zeigen . Im Unterschied zu
Hybride Erde / Zeichen / Schublade zum Papier. allen anderen Erzählformen spricht der wissenschaftliche ~ext
Man hat sich oft gewundert, daß sich die Mathematik auf die bekanntlich von einem Referenten, der im Text selbst m e1~er
Welt anwenden läßt. Hier ist nun einmal das Erstaunen fehl am anderen, nicht-prosaischen Form präsent ist - als Tab~lle, D1a-
Platz. Man sollte sich vielmehr fragen, um wieviel man die Welt
gram m , Gle ichung , Karte, Schema. Der wissenschaftliche
.. d .f. Text
.
verändern muß, damit sie zu Papier und - ohne allzu große mobilisiert seinen eigenen internen Referenten"· un ven 1z1ert
Verzerrungen - mit der ebenfalls papierförmigen Geometrie sich damit selbst.
68
,.... -
r
In Abbildung 2 . r 5 haben wir das Diagramm vor uns, das alle li
während der Exkursion erhobenen Befunde zusammenfaßt. Es
ist die Abbildung Nr. 3 im Expeditionsbericht, dessen Mitautor
zu sein ich die Ehre habe, und dessen Titel lautet:
Relation entre La dynamique de La vegetation et La diffe-
renciation des sols, au passage foret-savane, dans La region
de Boa Vista, Roraima, Amazonie (Bresil)
Rapport de mission dans le Roraima du 2 au 14 octobre
1991
Fi~11rt lranHc.t ~
'3. Coupe d.11
E . L. Setta Silva (r), R. Boulet (2), H. Filizola (3), S. do N.
Morais (4), A. Chauvel (5) et B. Latour (6) Abbildung 2. I 5
(r) MIRR, Boa Vista RR, (2, 3) USP, Säo Paulo, (3-5)
INPA, Manaus, (6) CSI, ENSMP, (2, 5) ORSTOM Bresil
nern wir uns an Rene auf der Abbildung 2.12, wie er die
Gehen wir den Weg noch einmal zurück, den wir auf den Spuren braune Erde in die weiße Kartonschachtel packt, die sogleich
unserer Freunde durchlaufen haben. Die Prosa des Abschlußbe- mit einer Ziffer versehen wird . Er segmentierte den Boden
richtes spricht von einer Zeichnung; die Zeichnung faßt die Form nicht durch intellektuelle Kategorien wie in der Kantschen My-
zusammen, die sich aus der Anordnung des Pedokomparators thologie, er verlieh vielmehr den Phänomenen Bedeutung, in-
ergab; dieser extrahierte, klassifizierte und codierte den Boden dem er die Materie den Schritt tun ließ, der sie von den For-
der seinerseits durch ein Zusammenspiel von Koordinaten mar~ men trennte.
kiert, in Quadrate aufgeteilt und abgesteckt wurde. Man be- In der Tat, wenn wir alle diese Bilder an uns vorbeiziehen
merkt, daß jedes beliebige Glied der Kette von seinem Ursprung lassen, so bemerken wir, daß jede Etappe, so genau meine Unter-
her auf die Materie und von seiner Bestimmung her auf die Form suchung auch sein mag, durch einen totalen Bruch mit der je-
bezogen ist; daß es aus einem zu konkreten Ensemble herausge- weils vorangehenden und folgenden gekennzeichnet ist. Auch
nommen wird, um dann im nächsten Schritt selbst wieder als wenn ich wie ein neuer Zenon die Zwischenschritte vervielfäl-
zu konkret zu erscheinen. Niemals läßt sich ein scharfer Bruch tige, so sind sie einander doch nicht so ähnlich, daß sie sich
zwischen den Dingen und den Zeichen feststellen. Und niemals einfach zur Deckung bringen ließen. Man kann das überprüfen,
stoßen wir auf eine Situation, in der willkürliche und diskrete indem man die beiden Extreme vergleicht, die auf den Abbildun-
Zeichen einer gestaltlosen und kontinuierlichen Materie aufge- gen 2. r und 2. r 5 zu sehen sind. Der Unterschied zwischen ihnen
zwungen würden. Immer sehen wir nur eine kontinuierliche ist nicht größer und nicht kleiner als der zwischen der Scholle,
Reihe von ineinandergeschachtelten Elementen, deren jedes die die Rene in die Hand nimmt (Abbildung 2.12), und der Stelle,
~olle eines Zeichens für das vorangehende und die eines Dings die sie im Pedokomparator darstellt (Abbildung 2.13). Ob ich "
fur das nachfolgende Element spielt. nun die Extreme wähle oder die Zwischenschritte vermehre, im-
Bei jedem Zwischenschritt treffen wir auf elementare mathe- mer stoße ich auf die gleiche Diskontinuität.
matische Farmen, die ihrerseits verwendet werden, um Mate- Und doch ist da auch eine Kontinuität, denn alle Foto-
rien zu sammeln, und zwar vermittelt durch eine Praxis die in graphien sagen das gleiche und beziehen sich auf den gleichen
ein~r Grupre von Forsc?ern verkörpert ist. Aus dieser Hybride Übergang vom Wald zur Savanne, den jeder Schritt festhält un_d
zwischen emer Form, emer Materie , geschickten Körpern und präzisiert. Unser Expeditionsbericht bezieht sich zwar auf die
Gruppen wird jedesmal ein neues Phänomen abgeleitet. Erin- »Abbildung 3«; aber diese bezieht sich auf den Wald von Boa

71

'
Vista und auf die eigenartige Vegetationsdynamik, nach der es so
aussieht, als dringe der Wald in die Savanne vor und als verwan-
delten die Bäume den Sandboden auf einer Breite von zwanzig
Metern in Tonboden, um dort besser wachsen zu können. Aber
diese_Referenz scheint um so gewisser zu werden, je weniger sie
auf Ahn lichkeit und je mehr sie auf einer geregelten Abfolge von
Transformationen, Transmutationen und Übersetzungen beruht.
Da erhält sich etwas um so dauerhafter und wird um so weiter
und schneller transponierbar, als es sich bei jedem Schritt in die-
ser langen Kaskade weiter verwandelt.
Es scheint, als wäre die Referenz nicht das, worauf man mit
dem Finger zeigt, nicht ein externer, materieller Garant für die
Wahrheit einer Aussage, sondern vielmehr das, was durch eine
Serie von Transformationen hindurch konstant gehalten wird.
Die Erkenntnis spräche nicht von einer wirklichen Außenwelt
der sie sich mimetisch anverwandelte, sondern von einer wirkli~
chen Innenwelt, deren Kohärenz und Kontinuität sie sich versi-
cherte. _Ein atembera ubendes Akrobatenstück, das bei jedem
Schritt Ahn lichkeit zu opfern scheint, nur um die gleiche Bedeu-
tung in der raschen Fo lge der Transformationen intakt zu erhal-
ten. Ein eigenartiges, widersprüchliches Verhalten, der Entdek-
kung eines Waldes würdig, der sich seinen eigenen Boden schafft.
Fände ich_die Lösung dieses Rätsels, so wäre meine Expedition
mcht wemger produktiv gewesen als die meiner glücklichen Kol- Abbildung 2.16
legen.
Betrachten wir, um die Konstante in diesen Transformationen
zu erfassen, einen kleinen Apparat (Abbildung 2 . r 6), der ebenso Seit dreißig Jahren ist er von einem tropischen Boden der Welt
genial ist wie der Geländefaden oder der Pedokomparator . U n- zum anderen gezogen, ausgerüstet mit einem kleinen_Heft aus fe-
sere Freunde geben sich nicht damit zufrieden, einfach den Bo- sten Farbtäfelchen: dem Munsell-Code. Jede Tafel dieses klemen
den mitzunehmen . Sie möchten die Farbe jedes Kub us mit einer Faszikels enthält eine dichte Skala von Farbtönen. Es gibt eine Ta-
Etikette versehen, idealerweise mit einer Zahl. Sie möchten die fel für die Rot-Violett-Töne, eine für Rot-Gelb, eine für Braun-
Erdproben dem Universum der Berechnung angleichen und von töne. Als vergleichsweise universale Norm dient der Munsell-
dem Vorteil profitieren, den das Berechnen jedem verschafft der Code sowohl Malern als auch Farbherstellern, Kartographen und
mit Zeichen umgeht. ' Pedologen - er ist ein gemeinsamer Standard . Er dekliniert Tafel
Aber wird nicht der Relativismus sein grausiges Haupt erhe- für Tafel alle Farbnuancen des Spektrums durch und ordnet ihnen
ben, sobald _man vers_ucht, die Farbschattierungen der braunen eine Zahl zu, eine Referenz, die alle Koloristen der Welt verstehen
Erde zu besummen? Uber Geschmack und Farben läßt sich nicht und reproduzieren können - jedenfalls wenn sie im Besitz _der
streiten. Je?er hat da seinen eigenen Kopf. Auf Abbildung 2. r 6 se- gleichen Sammlung und des gleichen Decodierungsrast~rs smd.
hen wir, wie Rene den Verheerungen des Relativismus begegnet. Man kann nicht übers Telefon mit seinem Farbenhändler em Farb-

72 73
muster vergleichen. Aber man kann per Telefon die Referenznum- »Die Japaner haben einen Code ohne Löcher gemacht, mit
mer der Schattierung durchgeben, die im Katalog steht. dem kann ich nichts anfangen «, erklärt Rene. Wir bewundern
Das ist der entscheidende Vorteil des Munsell-Codes, von die Findigkeit der Wissenschaftler, und das ist auch recht so, aber
dem Rene profitiert. Verloren im lokalen , geradezu tragisch loka- viel mehr sollten wir den völligen Mangel an Vertrauen bewun-
len Roraima, wird er mit diesem trickreichen Code so global, dern, den sie ihren eigenen kognitiven Fähigkeiten entgegenbrin-
wie es ein schlichtes Menschenwesen nur sein kann . Die einma- gen (Hutchins 1995). Sie zweifeln dermaßen an ihrem ~ers.tan_d,
lige Farbe eines bestimmten Klumpens wird zu einer (relativ) daß sie sich so listiger Erfindungen bedienen, um auf die emfal-
universalen Chiffre. tige Farbe eines armen Bodens zuzugreifen ... (Un~ wie könnte
Ausnahmsweise interessiert mich einmal weniger die Macht ich dem Leser diese Arbeit der Referenz ohne meme Fotogra-
der Standardisierung (Schaffer 1991) als vielmehr der erstaunli- phien nahebringen, die er betrachten muß , während er die Le-
che technische Trick, kleine Löcher über jeder Farbnuance aus- gende liest, die ich ihm erzähle? Ich ~abe eine s?lche .i:ngst da-
zustechen. Die enorme Schwelle zwischen dem Lokalen und dem vor, mich in meinem Kommentar zu irren, daß ich meme Fotos
Globalen kann damit augenblicklich überschritten werden. Man nicht einen Moment aus dem Auge verliere .)
muß nur in der Lage sein, den Klumpen in den Munsell-Code Der Bruch zwischen der Handvoll Staub und der gedruckten
einzufügen . Um seine Probe mit einer Chiffre zu versehen, muß Nummer ist immer da, er ist immer total, und dennoch wird
Rene die lokale Erdscholle, die er gerade in der Hand hält, mit er dank des Loches unendlich klein. Vermittels des trickreichen
der als Referenz gewählten Standardfarbe vergleichen, sie mit ihr Munsell-Code liest sich ein Klumpen wie ein Text: »10YR3/2 «.
zur Deckung bringen, ..sie ihr zuordnen . Dazu bewegt er den Wieder ein Beweis für jenen praktischen Platonismus , der unter
Klumpen hmter den Offnungen des Heftes hin und her und den schwieligen Händen Renes, die das Buch / Instrument /Ka li-
wählt im Approximationsverfahren jene Farbe aus, die ihm am ber festhalten, den Staub zur Idee werden läßt.
nächsten kommt. Verfolgen wir diese kleine Kette, die uns das Bild .2. 16 darbie-
~s gibt, wie gesagt, bei jedem Schritt einen völligen Bruch tet, noch ein wenig weiter. Mit ihrer Hilfe können wir den ver!o-
zwischen dem Ding-Teil eines Objektes und seinem Zeichen- renen Faden der Referenz wieder aufgreifen. Ren e hat eme
Te.il, zwischen der Zahl-Seite des Klumpens und seiner Kopf- Erdprobe entnommen und den allzu komple xen, allzu. reichen
Se1te. Der Abgrund ist hier um so größer, als unser Gedächtnis Boden sich selbst überlassen. Vermittels des Loches wieder um
nicht in der Lage ist, sich an eine Farbe genau zu erinnern. Die kann er das Häuflein Erde kalibrieren und nur seine Farbe be-
Probe und der Standard müßten sich nur um zehn oder fünfzehn stimmen, ohne auf Volumen und Textur einzugehen. Das kleine,
Zentimeter - eine Heftbreite - voneinander entfernen, und flache, glänzende Farbquadrat vermittelt zwischen der ~rde, a~f
schon könnte Rene keine genaue Zuordnung mehr vornehmen. deren Farbe es nun allein noch ankommt, und der Chiffre, die
Die einzige Möglichkeit, die Ähn lichkeit zwischen der Probe unter dem Muster steht. Man kann also das Volumen des Klum-
und der normalisierten Farbe festzustellen, besteht darin ein pens vernachlässigen und sich auf das Farbmuster k~nzentrieren.
Loch in die Tafel zu stechen. Das Auge kann so synoptisch,' Flä- Bald wird man auch dieses ignorieren, um allem die Referenz-
che an Fläche, ohne ~ehr als einen Millimeter Abstand, den gro- nummer zu bewahren . Später, im Bericht, wird man auch diese
ben Klumpen und die Farbe des glatten Eichmaßes betrachten . zu konkrete, zu detaillierte und zu präzise Nummer weglassen
Ohne das Loch gäbe es keine Zuordnung, keine Präzision, keine und nur noch den Horizont, die Tendenz festhalten.
Lektüre und damit auch keine Transmutation der lokalen Erde Wir finden hier die Kaskade von vorhin wieder. Eine einzige
in eine~ universellen .Code. Es schlägt eine Brücke, legt einen und zugleich winzige ihrer Etappen (der Übergang _von_der
Steg, zieht eme Verbmdungslinie, wirft ein Seil über den Ab- Farbe der Scholle zur Farbe des Standards) beruht auf Ahnhch-
grund zwischen der Materie und der Form. keit, auf adaequatio. Alle anderen hängen allein von der Erhal-

74 75
tung der Spuren ab, die einen reversiblen Parcours markieren,
auf dessen Etappen man bei Bedarf zurückkommen kann. Die
Forscher bahnen sich einen Weg durch die Vielfalt der Formen /
Materien. Die Reduktion, die Kompression, die Spur, die Konti-
nuität, die Reversibilität, die Standardisierung, die Kompatibilität
mit dem Geschriebenen und der Chiffre, all das zählt unendlich
mehr als die bloße adaequatio. Keine Etappe - bis auf eine -
ähnelt der vorhergehenden, und doch halte ich am Ende, wenn
ich den Expeditionsbericht lese, den Urwald von Boa Vista in
meinen Händen, und es spricht ein Text wahrhaftig von der Welt.
Wie kann eine solche Ähnlichkeit hervorgehen aus dieser so sel-
ten beschriebenen Serie von exotischen und winzigen Transfor-
mationen, die wie besessen miteinander verschachtelt werden
um etwas konstant zu halten? '
In der Hocke, den Griff des Spatens noch an seinen Arm
gelehnt, betrachtet Sandoval das neu ausgehobene Loch (Abbil-
dung 2.17). Helo'isa steht aufrecht und blickt auf den grüngrauen
Urwald, in dem es nur wenige Tiere gibt. Sie trägt die Umhänge-
tasche der Geologen über der Schulter. In den Riemen der Ta-
sche, dessen Ösen an einen Patronengurt denken lassen, doch
enger sind, kann man die für das Geschäft des Kartographen
unerläßlichen Farbstifte stecken. In der Hand hält sie das be-
rühmte Heft, das Protokollbuch, das einen glauben macht, man
sei im Labor. Sie wird es öffnen und Notizen machen, sobald die
Abbildung 2 . 17
beiden Pedologen ihre Inspektion beendet haben und zu einem
gemeinsamen Schluß gekommen sind.
Armand (links) und Rene (rechts) geben sich dem seltenen der auf dreißig Jahren Erfahrung beruht und den sie _dann später
Vergnügen des »Erdschmeckens « hin. Jeder von ihnen hat ein mit den Laborbefunden vergleichen werden. Läßt die Erde sich
wenig Erde in die hohle Hand genommen, aus dem neuen Loch leicht kneten, kann man auf Ton schließen. Zerbröselt sie unter
und aus der von Helo'isas Protokoll vorgeschriebenen Tiefe. Vor- den Fingern, hat man es mit Sand zu tun. Das ist offenbar ein
sichtig haben sie auf den kleinen Klumpen gespuckt, und nun sehr einfaches Beweisverfahren, das gewissermaßen ein Mini-La-
k?eten sie ihn sanft mit der anderen Hand . Um zum Vergnügen borexperiment aus der hohlen Hand zaubert . Die beiden Ex-
Figürchen zu modellieren? Nein, um sich über die Farbe hinaus treme lassen sich ohne Mühe unterscheiden - sogar von mir,
ein Urteil über die Textur des Bodens zu bilden. Unglücklicher- einem ungeschickten Anfänger. Aber die intermediären Gemenge
weise existiert für die Textur kein Äquivalent zum Munsell- sind schwerer zu bestimmen . Gerade sie beanspruchen jedoch
Code, und wenn es eines gäbe, könnte man es nicht vor Ort alles Interesse, geht es am Saum doch darum, die subtilen Über-
bringen. Um auf standardisierte Weise Granulometrie zu betrei- gänge vom Ton zum Sand, vom Wald zur Sava?ne festzuhalten.
ben, benötigte man ein halbes, gut ausgerüstetes Labor. Unsere Mangels eines Kalibrierungsinstruments gre1f~n Armand un_d
Freunde müssen sich also mit einem qualitativen Test begnügen, Rene auf den Austausch ihrer Geschmacksurteile zuruck, wie

77
einst mein Vater, wenn er die Corton-Weine schmeckte. »Sandig- können gleichermaßen dazu dienen, die Einschachtelung der Re-
tonhaltig oder tonhaltig-sandig? « - »Nein, ich würde eher sagen: ferenz zu erfassen. Bei keinem der Schritte handelt es sich darum ,
>tonhaltig, sandig, nein sandig-tonhaltig ,.« - »Paß auf, man muß den vorhergehenden nachzuahmen. Immer geht es darum, ihn an
ihn noch ein wenig kneten, ihn kommen lassen. « - »O kay, ja, den vorangehenden und den nachfolgenden anzuschließen, so
sagen wir zwischen >sandig-tonhaltig und tonhaltig-sandig ,.« - daß man bei Bedarf vo m letzten auf den ersten zurückkommen
»He lo"isa,du kannst notieren: bei P2, zwischen 5 und 17 Zenti- kann.
meter >areno-argiloso a argilo-arenoso ,. « (Ich vergaß zu erwäh- Wie soll man diesen Repräsentationsbezug beurteilen, diese
nen, daß wir ständig zwischen Französisch und Portugiesisch so wenig mimetische und dennoch so geregelte, exakte, realitäts-
wechseln, so daß zur Politik der Rassen, Geschlechter und Diszi- haltige und am Ende so realistische Stellvertretung? Wie sich die
plinen noch die Politik der Sprache hin zukommt.) Philosophen täuschen , wenn sie die Wahrheit in der Korrespon-
Die Diskussion, das erworbene Know-how und die physische denz zw ischen den Worten und den Dingen suchen! Es gibt
Manipulation erlauben es, eine kalibrierte Beurteilung der Textur wohl Wahrheit und Realität, aber weder Korresponden z noch
vorzunehmen, die im Notizbuch sogleich die Erde ersetzt, die Adäquation. Es gibt eine sehr viel verläßlich ere Bewegung, um
man dann wegwerfen kann. Ein Wort ersetzt ein Ding , indem es unsere Worte zu bezeugen und dafür einzustehen : Sie führt uns
ein Merkmal bewahrt, durch das dieses definiert wird. Korre- über Abschüsse, Traversen und im Krebsgan g durch aufein-
spondenz zw ischen zwe i Termen? Nein, ein Urteil gleicht nicht anderfolgende Schicht en von Transformationen Qames [1907]
dem Boden. Metaphorische Verschiebung? Auch nicht. Meton y- 1975). Dabei verlieren wir jedesmal fast alle Elemente und ge-
mie? Ebenfalls nicht. Denn wenn man auch eine Handvoll Erde winnen gleichzeitig neue, soof t wir die Passage zwischen_.Materie
für den ganzen Horizont nimmt, so bleibt im Notizbuch doch und Form überspringen. Nur selten hilft uns dabei eine Ahnlich-
nichts mehr von der Handvoll Erde, die für den Horizont stand. keit, die meist noch dünner ist als jene Stahlseile, die den Berg-
Datenkomprimierung? Gewiß, denn vier Worte stehen nun an- steigern zuweilen bei allzu akrobatischen Passagen Hilfe leisten.
stelle eines Klumpens. Aber es hat sich eine radikale Zustands- Vor Ort, gegen Ende unserer Expedition, kommentiert Rene
veränderung vollzogen: Ein Zeichen erscheint an der Stelle eines das Diagramm auf Millimeterpapier, das den ferti gen Quer-
Dings . Es handelt sich also nicht um eine Reduktion, eher um schnitt un serer Grabungen zeigt (Abbildung 2. 18). Dieses aus-
eine Transsubstantiation. gebesserte, verschmutzte, schweißbefleckte, unvollständi ge, mit
Überschreiten wir vo n neuem den geheiligten Limes zwi- Bleistift gezeichnete Diagramm ist der dir ekte Vorgänger der
schen der Welt und dem Diskurs? Ja, gewiß, aber wir haben ihn Zeichnung in Abbildun g 2. 15. Zwar hat es eine ganze Reihe von
schon ein gutes Dutzend Mal überquert. Diese neue Schwelle ist Transformationen durch gemacht - Datenselektion, Formatie-
nicht brüsker als die vorhergehende, an der Rene die ausgeho- rung, Beschriftun g und Reindarstellung -, aber sie sind vernach-
bene Erde, von Grashalmen und dem Auswurf der Regenwür- lässigbar klein im Vergleich zu jenen, die wir bereits hinter uns
mer befreit, auf ihr e Resistenz prüfte; oder die davor, an der haben (Tufte 1984).
Sandova l mit seinem Spaten den Graben P2 aushob; oder die Rene zeigt auf einen Punkt in der Mitte des Bildes und kom-
folgende, als deren Ergebnis der ganze Horizont von 5 bis mentiert. Seinem Finger sind wir von Anfang an gefolgt (siehe
17 Zentimetern auf dem Dia gram m die gleiche Textur annimmt Abbi ldün g 2.1 und 2.2). Wenn er nicht ausnahmsweise einmal
aufgrund einer Induktion, die von einem Punkt zu einer Fläche droht, signalisiert der ausgestreckte Zei gefin ger immer einen Zu-
fü~r~; oder die Transformation n+1, mit der das Diagramm auf gang zur Wirklichkeit. Obwohl er nur auf ein Blatt Papier weist,
Md!tmeterpap1er überführt und damit zum int ernen Referenten ist auf diesem die ganze Lokalität verzeichnet. Und obwohl wir
für den Prosateil des Forschungsberichtes erhoben wird. Der mitten in ihr stehen und schwitzen, ist sie auf dem Papier doch
Ubergang zu den Worten ist nicht privilegiert, und alle Schritte wie weggezaubert. Wir beobachten hier die gleiche Umkehrung
einen Standpunkt ein, denn sobald er ein Instrument anwendet,
geht er sogleich zu einem anderen über. Wissenschaftler stehen
nie auf ihrem Standpunkt.
Der unwahrscheinlichen Perspektive zum Trotz brin gt das
Diagramm zusätzliche Information. Es hat die fette Erde verlo-
ren, aber etwas anderes gewonnen, und dieser Gewinn wiegt den
Verlust bei weitem auf. Auf ein und derselben Papieroberfläche
können wir sehr verschiedene Informationsquellen vereinen, die
sich dank der Dolmetschertätigkeit einer homogenen graphi-
schen Sprache verbinden . Die Position der Sondierungen entlang
des Schnittes, die Tiefen, die Horizonte, die Texturen, die Refe-
renznummern der Farben fügen sich zusammen und geben uns
durch Überlagerung die reiche Wirklichkeit zurück, die wir eben
noch verloren hatten.
Rene hat auch noch die Exkremente der Regenwürmer hinzu-
gefügt, von denen ich bislang nicht gesprochen habe. Wenn ich
Abbildung 2. 1 8 meinen Freunden glauben darf, so bergen diese gefräßigen Wür-
mer in ihrem Verdauungstrakt tatsächlich die Lösung des Rätsels.
Wer könnte für diesen Streifen tonhaltigen Bodens in der Sa-
von Raum und Zeit, der wir schon wiederholt begegnet sind: vanne verantwortlich sein, der den Urwald säum t? Sicher nicht
Durch Inskriptionen überblicken und beherrschen wir eine Si- der Wald, denn er fängt erst hinter jenem Schutzgürtel von
tuation, in die wir doch eingetaucht sind; wir werden dem über - zwanzig Metern mit der nährenden Feuchtigkeit der Bäume an.
legen, was uns überragt; wir fassen synoptisch die Gesamtheit Aber auch die Savanne nicht, denn wir erinnern uns, sie reduziert
unser er Tätigkeiten zusammen , die sich auf mehrere Tage ver- durch Auslaugen den Ton ständig zu Sand . Warum sollte diese
teilte und an die wir uns vielleicht schon gar nicht mehr erinnern. mysteriöse Fernwirkung des Waldes, der s!ch selbst den Bode.n
Aber das Diagramm leistet mehr, als den Fluß der Zeit und vor bereitet und damit den thermodynamischen Abhang zwi-
die hierarchische Ordnung der räumlichen Größen umzukehren schen Ton und Sand hinaufklettert, nicht auf die Regenwürmer
und um zuverteilen. Es enthüllt uns auch bisher unsichtbare zurückzuführen sein? Warum sollten sie nicht zu Akteuren der
Züge, obwohl sie geradewegs unter unseren Pedologen-Füßen Pedogenese aufsteigen? Das Diagramm modelliert die Situation
liegen. Und doch ist es uns nicht möglich, den Übergang vom und ermöglicht es, neue Szenarios zu entwerfen, über die unsere
Urwald zu r Savanne im Schnitt zu sehen, ihn nach homogenen Freunde leidenschaftlich diskutieren . Bevor sie sich entscheiden,
Horizonten zu beurteilen, ihn nach Punkten und Linien zu er- suchen sie nach Lücken und fragen sich, wo man das nächste
fassen. Mit seinem leibhafti gen Finger lenkt Rene die Blicke von Loch zu graben hat und wie man mit Kreuzhacke und Hohlboh-
uns Sterblichen auf ein Profil, das keine Beobachterin hat . Eine rer den »Rohdaten « zuleibe rücken könnte (Ochs, Jacob y et al.
solche müßte nicht nur unter der Erde wie ein Maulwurf leben 1994).
sie müßte auch mit einer Lamelle von mehreren hundert Meter~ Ist das Diagramm, das Rene in der Hand hält, nun abstrakter
Länge den Boden durchschneiden und die konfuse Vielfalt der oder konkreter als die vorhergehenden Etappen? Es ist abstrak-
Formen durch homogene Schraffierungen ersetzen können! Es ter denn es konserviert nur einen winzigen Teil der Situation;
führt nie sehr weit, wenn man sagt, ein Wissenschaftler nehme ab~r es ist auch konkreter, denn mit seiner Hilfe wird das Wesen
80 81
dieses auf einige Linien reduzierten Überganges greifbar und
sichtbar. Ist das Diagramm eine Konstruktion, eine Entdeckung,
eine Erfindung oder eine Konvention? Alles zusammen, wie im-
mer. Es ist konstruiert durch die harte Arbeit von fünf Personen
und durch die Überlagerung aufeinanderfolgender geometrischer
Konstruktionen; wir wissen sehr wohl, daß wir es erfunden ha-
ben und es ohne uns und die Pedologen niemals zutage getreten
wäre; doch mit ihm wird auch eine bisher verborgene Form ent-
deckt, die uns in der Retrospektive immer schon unter den sicht-
baren Merkmalen des Bodens präsent erscheint; gleichzeitig, wie
wir ebenfalls wissen, könnten wir ohne eine konventionelle Co-
dierung von Urteilen, Formen, Bezeichnungen und Worten auf
diesem aus der Erde extrahierten Diagramm nichts anderes sehen
als ein unförmiges Gekritzel.
Alle diese widersprüchlichen Eigenschaften - widersprüch-
lich zumindest in den Augen der Philosophi e - laden das Dia-
gramm mit Wirklichkeit auf. Es ist nicht realistisch, und es ist Abbildung 2.19

nicht ähnlich. Es vollbringt etwas anderes, Besseres. Es vertritt


die Ausgangssituation, mit der es durch eine Serie von Transfor-
mationen verbunden bleibt und deren Spur wir zurückverfolgen fotografierenden Anthropologen - Formen_ der ~uf~eichnung
können dank dem Protokollbuch, den Schildern, dem Pedokom- so gut wie andere Formen der Inskriftion. Sm_dwir w1ed;r z~m
parator, den Mappen, den Absteckungen und dem feinen Netz, Ausgangspunkt zurückgekommen (siehe Abbildu_ng 2.2). Nem,
das der Geländefaden gesponnen hat. Dennoch können wir das denn wir haben diese Diagramme gewonnen, diese neuen In-
Diagramm nicht aus der Gesamtheit dieser Transformationen ex- skriptionen, die wir nun zu interpretieren suchen, um sie als A~-
trahieren. Isoliert sagt es überhaupt nichts mehr . Es ersetzt, ohne hang und als Beweis in einen Bericht einzufügen, über den _wir
etwas zu ersetzen. Es faßt zusammen, ohne das ersetzen zu kön- Absatz für Absatz kollektiv und in zwei Sprachen, Franzos1sch
nen, was es zusammenfaßt. Ein seltsames transversales Objekt, und Portugiesisch, feilschen. Ich will eine Passage der ersten Seite
ein Ausrichtungsoperator, der nur insoweit wahrheitsgetreu ist, dieses Berichts zitieren:
als er den Übergang zwischen dem erlaubt, was vorangeht, und
»Die Bedeutung dieses Expeditiqnsberichtes liegt darin, _daß sich nach
dem, was folgt.
der ersten Arbeitsphase die Schlußfolgerungen der Botamk und der Pe-
Am letzten Tag unserer Expedition sind wir wieder im Re- dologie zu widersprechen scheinen. Ohne die Befunde der Botanik hat-
staurant, das nun in einen Tagungsraum unseres mobilen Labors ten die Pedologen auf das Vordringen der Savanne m den Wald geschlos-
verwandelt ist, und wir redigieren den Entwurf des Expeditions- sen. Aus der Zusammenarbeit der beiden Disziplinen ergibt sich Jedoch,
berichts (Abbildung 2.19). Rene hält immer noch das nunmehr daß sich die Pedologie in diesem Fall neu en Fragen stellen muß (Her vor-
vervollständigte Diagramm in der Hand. Er kommentiert es mit hebun g im Original). «
dem Stift, Edileusa und Hebisa hören zu. Armand hat soeben
die einzige über unseren Urwaldabschnitt publizierte Arbeit ge- Hier befinden wir uns auf dem Feld der Erkenntnis, beim Schrei-
lesen und hat die Seiten aufgeschlagen, auf denen die farbigen ben von Artikeln in der Rhetorik, im Diskurs, in der Epistemo-
Satellitenfotos abgebildet sind. Ganz vorne liegen die Hefte des logie. Wir sind d:mit beschäftigt, alle Argumente für und wider
Welt
I Sprache Elemente der Repräsentation

oro
Form
I Materie IBruch I
Verkettung der Elemente
vorwärts
Einschnitt Repräsentation
Abbildung 2.20
~ 11?
1
11?
1
lcl2 00

Zur »Sprung«-Konzeption Games[1907) 1975) des Kunststücks der Kor- rückwärts


respondenz gehört ein Einschnitt zwischen Worten und Welt, den die
Referenz überbrücken soll. Abbildung 2.2 r

Die »bewegliche« Konzeption der Referenz folgt einer Serie von Trans-
formationen. Zu jeder von ihnen gehört ein kleiner Bruch zwischen
da~ Vordringen des Waldes zu gewichten. Hier haben die Sprach-
»Form« und »Materie«. Somit bezeichnet Referenz sowohl die Bewe-
philosophen, die Konfliktsoziologen, die Semiotiker, die Rheto-
gung vor und zurück als auch die Qualität der Transformation. Bei die-
riker und die Literaten keine Schwierigkeiten mehr. sem Modell wächst die Referenz von der Mitte zu den Extremen.
. So aufregend die Transformationen auch sein mögen, die Boa
Vista nun von Text zu Text durchmacht, ich wi ll sie hier nicht
weiterverfolgen. Was mich interessiert, ist der Übergang vom Sache verifizieren ließe. Im Gegenteil, wir sind bei jedem Schritt
Boden zu den Worten. Wie kann man ihn erfassen? Auch ich auf einen gemeinsamen Operator gestoßen, der die Extreme von
k~mme nicht darum herum, wie meine Kollegen zwar nicht ein Materie und Form verbindet und der sich vom folgenden Schritt
Diagramm auf Millimeterpapier, woh l aber ein Schema zu zeich- dur ch einen Bruch unter scheidet, durch ein gap, das durch kei -
nen. Es erlau_bt mir, m!ch zu vergewissern und mit dem Finger nerlei Ähnlichkeit überbrückt werden kann . Diese Operatoren
auf das zu zeigen, was ich auf meinem eigenen Feld der Wissen- verketten sich zu einer Serie, die quer zu der Differenz zwischen
schaftsforschung entdeckt und aus der Unterwelt mitgebracht den Dingen und den Worten steht. Entlang dieser Serie mischen
habe und was der Schwerarbeit unserer minderen Brüder, der sich die beiden alten Ensembles der Sprachphilosophie neu: Die
Regenwürmer, gewiß würdig ist. Erde wird zu einer Pappschachtel, die Worte werden zu Papier,
Die Sprachphilosophie tut so, als gäbe es zwei Ensembles die Farben werden zu Chiffren und so weiter .
die _nichts mite_inander zu tun haben und durch einen einzigen: Wichtig ist, daß diese Kette reversibel bleibt. Die Nachvoll-
ra?1kalen Sc~nm getrennt sind (Abbildung 2.20). Sie tut so, als ziehbarkeit der Schritte muß es im Prinzip erlauben, sie in beiden
mußte man sich darum bemühen, ihn zu reduzieren, indem man Richtun gen auszuführen . Unterbricht man sie an irgendeinem
nach einer Korresponden z, einer Referenz zwischen der Welt Punkt; so ist auch der Transport, die Produktion, die Konstruk-
und den Worten sucht. Wenn wir jedoch unserer Expedition fol- tion, gewissermaßen die Leitfähigkeit des Wahren unterbrochen .
gen, ko':1men wir zu einem ganz anderen Schluß (Abbi ldun g Die Referenz ist eine Eigenschaft der Kette in ihrer Gesamtheit
2.21). Wie man sieht, beruht die Erkenntnis nicht auf einer Ge- und nicht der adaequatio rei et intellectus. Die Wahrheit zirku-
genüberstellung von Geist und Gegenstand, so wenig die Refe- liert in ihr wie die Elektrizität entlang eines Drahtes, und zwar
renz eme Sache durch einen Satz bezeichnet, der sich durch die so lange, wie er nicht zerschnitten wird.
~ Din ge an sich
Komp atibil ität
Standardisierun
T ext

Phänomene

Redukt:n
....
CI>r<+:J
__ 4~,e::::::..+--+---+~*-..~ Phänomene

Amplifikation

Abbildung 2.23

Abbildung 2.22
In Kants Szeno graphi e liegen die Phänomene am Punkt des Zus ammen -
treffens zwischen den unerreichbaren Dingen-an -sich und der kate goria-
Die bei jedem Schritt der Referenz (siehe Abbi ldun g 2.21) erfolgende len Arbeit des aktiven Subjekts. Bei der zirkuli erenden Refer enz dagegen
Transformation läßt sich auch als eine Art Gewinn-/Verlustrechnung zirku lieren Phänomene laufend durch die Kaskade der Transfo rmat ion en.
dar stellen: Bei jedem Information erzeugenden Schritt wird etwas ge-
wonnen (Amplifikation) und geht etwas verloren (Reduk tion) .
präsentiert, wie wenn zwei gleichschenklige Dreiecke mit der
Spitze zur Grundlinie übereinandergelegt würden . Jedesmal ha-
Noch eine andere Eigenschaft kommt zum Vorschein, wenn ben wir an Lokalität, Partikularität, Materialität, Vielfalt und Kon-
man die beiden Schemata überlagert : Die Kette hat weder auf der tinuität verloren, so daß uns am Schluß fast nichts mehr blieb als
einen noch auf der anderen Seite ein Ende. Während im alten einige Blätter Papier . Nennen wir dieses erste Dreieck, dessen
Modell (Abbildung 2.20) sowohl die Welt als auch die Sprache Spitze allein am Ende zählt, Reduktion. Aber wir haben bei jedem
geschlossene Ensembles blieben, die beide in sich selbst zurück- Schritt auch etwas gewonnen, denn wir haben durch ebendiese
liefen, kann man im neuen Modell im Gegenteil die Kette end los Arbeit der Re-Repräsentation ein Mehr an Kompatibilität, Stan-
verlängern, indem man ihr an beiden Enden neue Glieder hinzu- dardisierung, Text, Berechnung, Zirkulation und relativer Univer-
fügt. Aber man darf die Kette nicht zerschnei den und auch keine salität erreic ht. Am Ende halt en wir mit dem Expeditionsbericht
Sequenz überspringen - obwohl man sie in einer einzigen black nicht nur den ganzen Wald von Boa Vista in der Hand (und kön-
box zusammenfassen kann. nen zu ihm zurückkehren), sondern wir können auch seine Dyna-
Um diese Transformationskette zu verstehen, muß man sie je- mik erklären. Bei jedem Schritt haben wir uns ein Stück mehr auf
denfalls der Länge nach wie auch im Schnitt betrachten (Abbil- das gesamte bisher etabl ierte praktische Wissen gestüt zt, angefan-
dung 2 . 22) . Nur so kann man die Dialektik von Gewinn und Ver- gen bei der alten Geometrie »hinter « den Erscheinungen bis zu ei-
lust erfassen, die, wie wir gesehen haben, jede einze lne Etappe ner ganz neuen Ökologie . Nennen wir dieses zweite Dreieck Am-
char~kterisiert. Vom Urwald bis zum Expeditionsbericht hat sich plifikation. Diese Verstärkung und Ausweitung verschafft dem
der Ubergang vom Wald zur Savanne in immer neuen Formen re- winzigen Querschnitt von Boa Vista eine mächtige Basis.
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Wie täuschte sich doch die alte philosophische Tradition, als sie
Zirkulierende Referenz
in den Erscheinungen':· das Zusammentreffen der Dinge -an-sich
Vermittlungen von Materie zu Form
und der Kategorien des menschlichen Verstandes erblicken wo llte
(Abbildung 2.2 3; siehe auch Kapitel 4)! Realisten, Empiristen,
Idealisten und Rationalist en haben seither über dieses zweipolige
Modell gestritten . Die Erscheinungen finden sich jedoch nicht am
Schnittpunkt zwischen den Dingen und den Formen des menschli - Vermittlungen von Form zu Materie
chen Geistes, sondern sie zirku lieren entlang einer reversiblen
Transformationskette. Von Glied zu Glied verlieren sie bestimmte Das kanonische Modell
Eigenschaften und nehmen andere an, die sie mit den bereits beste-
henden Rechenzentren kompatibel machen. Anstatt sich von zwei
extremen Fixpunkten her auf die Mitte, auf einen stabi len Schnitt - 0 Auslöschung aller Vermittlungen
0
punkt hin zu bewegen, wächst die instabile Referenz von der Mitte Erzeugung Erzeugung eines Ein- Erzeugung
zu den Extremen, die sie immer weiter vor sich herschiebt. Um zu einer materiellen schnitts, der die feh- einer formalen
Extremität lenden Vermittlungen Extremität
verstehen, wie die Kantsche Philosophie sich die Dreiecke zu- »Welt « ersetzt, und damit »Sprache «
rechtlegte, genügt eine Expedition von vierzehn Tagen. (Ich beeile des Verlangens nach
mich hinzuzufügen: unter der Bedingung, daß ich meine Arbeit Korrespondenz
nicht ebenso ins Detail gehend bespreche wie die der Pedologen.
Denn sonst würden aus den vierzehn Tagen wohl zwanzig Jahre Abbildung 2.24

harter Arbeit, lebhafter Kontroversen mit Dutzenden von lieben


Um das kanonische Modell von Worten und Welt zu erhalten, in dem beide
Kollegen, die mit Hunderten von Daten, Instrumenten und Be-
durch einen Abgrund getrennt und allein durch die gefährliche Brücke der
griffen ausgestattet sind. Ich bemühe mich hier, den bloßen Be-
Korrespondenz verbunden sind, muß nur die zirkulierende Referen z für
trachter zu spielen, dem das Wissen seiner Informanten offen- sich in Betracht gezogen werden und alle Vermittlungen als unn ötige, die
steht - auch auf die Gefahr hin, mir zu widersprechen. Ich wäre Verbindung verdunkelnde Zwischenschritte eliminiert werden. Dies ist je-
der erste zuzugeben, daß eine Reflexion, die gleichzeitig alle Fäden doch erst am (provisorischen) Ende des Pro zesses möglich.
verfolgte, über meine Fähigkeiten hinausgeht.)
Kann ich mit meinem Schema verstehen, sichtbar machen und
entdecken, warum das Modell der Sprachphilosophen so verbrei- Satz, den ich in Paris ausspreche, und seinem 6000 Kilometer ent-
tet ist, während doch schon »die kleinste Nachforschung « seine fernten Referenten schafft. Und schon sind wir wieder bei dem
Unmöglichkeit deutlich macht? Nichts ist leichter als das. Um alten Modell, das die entstandene Leere durch eine adaequatio
vom einen zum anderen überzugehen, reicht es, nach und nach all ausz ufüll en sucht, eine Ähnlichkeit zwischen zwei ontologischen
das zu verwischen, was wir im Laufe dieser Fotomontage gelernt Entitäten, die einander nicht unähnlicher sein könnten. Es ist nicht
haben (Abbildung 2.24). weiter erstaunlich, daß die Philosophen sich über das Problem des
Blockieren wir die beiden Enden dieser Kette und tun so als Reaiismus und des Relativismus nicht einigen können: Sie halten
wäre das erste der Referent, der Urwald von Boa Vista, und' das die beiden provisorischen Extremitäten, die beiden äußersten En-
zweite ein Satz, »der Urwald von Boa Vista«. Unterdrücken wir den, die sich gegenseitig »erhellen« sollen, für die ganze Kette. Ge-
alle Vermittlungen, die ich zu beschreiben das Vergnügen hatte. rade so, als wo llte man verstehen, wie eine Lampe und ein Schalter
Führen wir an der Stelle dieser vergessenen Vermittlungen einen »korrespondieren« können, nachdem man die Kabel zerschnitten
radikalen Bruch ein, der einen klaffenden Abgrund zwischen dem hat und nun die Lampe nach dem Schalter »Ausschau halten « läßt,
der sich irgendwo dort »dr auß en « befindet. Oder wie William
James es in seinem kraftvollen Stil formuliert hat:
Die in ihrer konkreten Besonderhe it eine Brücke bi ldenden Vermittlun-
gen lösen sich idealiter in einen leer en Zwis chenraum auf, der überwun-
d en werden muß. N un , wo d ie beiden Endpunkte nur noc h durch einen
Spru ng zu verbinden sind, fängt der ganze Hokuspokus der Erkenntnis-
theorie2 an und setzt sich unb ekümmert um we itere konk rete Rücksich-
ten fort. Wenn nunmehr eine Id ee einen Gege nstand »bede utet «, vo n
dem sie durch einen »epi stemo log ischen Abgrund « getrennt ist, führt sie
aus, wa s Professor Lad d einen »Salto morta le« nennt ... Di e Beziehung
zw ischen Idee und Gege nstand ist zwar abst rakt und zum Sprung ge-
worden, d ennoc h w ird sie als wesen tli cher und ur sp rün glicher betrach-
tet als ihr eigenes beweg liches Selb st, und die konkretere Beschreibung
wird als falsch oder unzureichend abgestempe lt. Games [1907) 1975, 247-
248)

Am nächsten Morgen, nachdem wir den Expeditionsbericht redi-


giert haben , packen wir die kost baren Schachteln mit den in For-
mol eingelegten Regenwürm ern und den sorgfältig beschrifteten
Säcken voller Bodenpr oben in den Landrover (Abbi ldung 2 . 2 5.).
Hier haben wir nun vor uns, was all die phi losophisc hen Versu-
che, die Sprache durch eine einzige geregelte Transformation mit
der Welt zu verbind en, nicht zu erklären vermögen . Vom Text
kommen wir auf die Din ge zurück, um sie wieder ein wenig
weiter zu tr ansportieren . Vom Restaurant-Labor brechen w ir zu
Abbildung 2 .25
einem anderen Labor auf, das 1000 Kilomet er weit weg in Ma-
naus liegt, und von da zu einem 6000 Kilometer entfernten in
Paris-Jussieu. D er Techniker Sandoval wird mit seinen kostb aren hinterlas senen Spur en den Weg zurückverfolgen, d~~ man sich
Proben, die er trot z der beschwerlichen Piste int akt erhalten gebahnt hat. Der Bericht, den wir gestern _a?end .'.e.d1g1ert haben,
muß , allein nach Man aus zurückfahren. Wie ich gesagt habe: Je- sagt es deutli ch: Es ist eine weitere Expe_dm~n notig, um a~f der
der Schritt ist Materie für den, der folgt, und Form für den, der gleichen Par zelle die geheimnisvolle Tätigkeit der Regenwurmer
voraufgeht. Der Bruch zwischen den beiden ist jewei ls ebenso zu untersuch en.
deutlich wie der alte Abstand zw ischen den alten Worten und
den alten Din gen. »Anzu nehm en, daß d er Urwa ld in di e Savan ne vors tößt, w ürde vo m pe-
Wir bereiten uns darauf vor abzur eisen, aber auch zurückzu- d o lo gische n Standp unkt aus bedeuten: . . . . .. . .
1. D aß d er Wald mit d er ihm eigenen b10logischen Akuvi~at einen
kommen. Jede Sequenz schießt »nach oben« und »nach unten «
San db o d en bis in 15-20 Zentimetern Tiefe in ein en lehmig-sandigen Bo -
üb er und amplifi ziert so die zweig leisige Bewegung der Refe-
den verwan d elte;
renz. Erken nen ist nicht einfach erforsc hen, sondern eher auf den 2. da ß di ese Tra nsfor mat ion in d er Savann e in ein em Abstand vo n I 5
bis 30 Metern vom Waldsaum begänne. .
2 Im Ori ginal deutsch (A.d. Ü .). Obgleich diese beiden Anna hm en vo m klassisch en Standpunkt der
Pedolo gie aus schwer nach vo llziehbar sind , müs sen wir die H ypothesen
testen, denn sie wer den durch d ie biologischen Untersuchungen gestützt .
Di e Anre icherun g der oberen Schichten mit To n kann nicht auf Ne u-
bildung zurü ckgeführt we rd en (es ist jedenfa lls keine Alumin iumqu elle
bekannt [aus A luminium , zusammen mit den im Quarz der Fe lsen ent -
halten en Silikaten, kann Ton ent stehen]). Als Verursac her kommen allein
die Regenwü rmer in Frage, die an der unt ersucht en Stelle akt iv sind und
die in den Schichten bis zur Tiefe vo n 70 Ze ntim etern über große Men-
gen an Kao linit verfü gen . Di e Untersuchung der Pop ulation dieser Wür-
mer u nd d ie Messung ihrer Aktivität sollte demn ach wese ntli che Befunde
für den Fortga ng der Untersuchung liefern .«

Bedauerlicherweise wer de ich die nächste Expedition nicht be-


gleiten können. Alle vera bschi eden sich von Edileusa mit au re-
voir, doch ich muß ihr adieu sagen. Wir reisen mit dem Flugzeug
ab. Sie aber bleibt da und denkt wehmütig an die intensive und
fr eunds ch aftliche, ihr un gewo hnte Zusammenarbeit . Sie wacht
wei ter üb er ihr e Par zelle, die durch die gemeinschaftliche Aktion
vo n Bodenkunde und Botanik an Dichte gewo nnen hat und dies
weiter tun w ird, wenn man später die Wissenschaft von den
Re genwü rm ern hin zufü gt. Die Konstruktion eines Phänomens
in aufeinanderfolgenden Schichten macht es immer wirklicher.
Das gilt jed enfa lls innerhalb jenes Netzes, das sich aufbaut aus
den Bewegungen (in beiden Richtun gen) vo n Proben, Graphi-
ken, Spezimen, Karten, Berichten, Subventionierungsanträgen
und Fo rsche rn. Abbildung 2.26

Sobald man die Erwe iterung dieses Netzes jedoch an einem


der beiden Enden unterbricht, es nicht mehr aufrechterhält, es Endlich klimatisiert e Luft! Endlich ein Zimmer, das ein we nig
vom Nachschub ab tr ennt, es an einem belieb igen Punkt zer- mehr ein em Laboratorium gleicht (Abbildun g 2.26). Wir sind in
schn eidet, beginnt es zu lü gen. Es referiert nicht mehr . Wenn der Manaus, in einem alten A rbeitsraum de s INPA, der zu ein em
Landro ver Sandovals umkippt und dabei die Regenwurmbehäl- Büro um gebaut wurde. An der Wand die Amazonaskarten von
ter ze rbr echen und di e kleinen Pakete mit Bodenproben ver- Radambrasil und die Elemententafel von Mendelejew . Sonder-
schütt et we rd en, muß die ganze Expedition wiederholt werden. drucke, D ossiers, Diap ositive, Metallki sten, Säcke, Benz ink ani-
Wenn das Geld fehlt, um auf das Gelände zurückzukehren , ster, ein Außenbordmotor. Armand raucht eine Zi gare tte und
w ürd e man niemals herausf ind en, ob der Satz des Berichtes über redigiert auf seinem Laptop-Rechner die end gültige Version un-
die Rolle der Regenwürmer eine wissenschaftliche Wahrheit, eine seres Beri chts.
falsche Hypothese oder ein e Fiktion ist. (Und wenn meine Dia- Der Übergang vom Wald zur Savann e in Boa Vista setzt seine
positi ve bei dem Fotog rafen abhand en kommen, bei dem ich die Transformationen fort. Der Bericht ist nun in die M aschine ge-
Papierab züge machen lasse, w ie so llte man dann wissen, ob ich tippt und wird bald über Fax, Diskette oder elektroni sche Post
gelo gen habe oder nicht?) zirkulieren. Er wird den schweren Koffern mit Bodenproben
92 93
und Regenwürmern vorauseilen, die in verschiedenen, von unse- Welt, die ihrerseits ausgerichtet, transformiert und konstruiert
ren Pedologen bestimmten Labors verschi edene n Reihen von ist. Dabei verlieren wir zwar die Ähn lichkeit, aber wir gewinnen
neuen Ana lysen unter zogen werden. Deren Resultate wiederum etwas anderes: Indem wir mit dem Zeigefinger auf die Inschrift
werden in Form von Notizen und Dossiers das Büro von Ar- in einem Atlas weisen, können wir uns über eine Serie von Trans-
mand füllen und ihm eimöglichen, seinen neuen Antrag auf wei- formationen, die alle gleichermaßen diskontinuierlich sind, auf
tere Untersuchungen vor Ort zu stellen. Das ist der end lose Boa Vista beziehen . Genießen Sie diese lange Kette von Transfor-
Kreislauf wissenschaftlichen Kredits: Jeder Durchgang zieht mationen, diese Folge von Vermittlungen, anstatt den kleinen
Amazonien tiefer in die Pedologie hinein, und jeder Stillstand Freuden der adaequatio nachzu jagen oder den recht gefährlichen
würde Sinn und Bedeutung des Kreislaufs sofort in Frage stellen. Salto mortale zu vollführ en, über den James sich lustig machte .
Auch ich schreibe auf dem Laptop meinen Bericht und rauche Ich kann niemals eine Ähnlichkeit zwischen meinem Geist und
eine Zigarre. Auch ich sitze in einem Büro, das vollgestopft ist der Welt nachweisen, aber ich kann, wenn ich bereit bin, den
mit Büchern, Dossiers und Diapositiven, vor der immensen Preis zu bezah len, das Netz erweitern, in dem die Referenz
Karte des Amazonasbeckens. Auch ich erwe itere hier in Paris durch beständige Transformationen zirk ul iert und sich gerade
das Netz des Übergangs vom Wald zur Savanne. Er zirku liert so bestätigt. Ist diese »bewegliche« Philosophie nicht in beiden
nun dank meiner Aktivität auch in den Kreisen der Philosophen Wortbedeutungen realistischer als die alte Übereinkunft?
und Soziologen. Doch ist dieser Teil des Netzes nicht aus den
Referenzen konstruiert, wie sie die anderen Wissenschaftler ein-
setzen, sondern aus Anspielungen und aus Illustrati onen. Meine
Schemata sind weder Di agramme noch Karten. Meine Fotos
transportieren nicht so wie die Inskriptionen von Armand den
Boden von Boa Vista. Meine empirische Philosophie re-reprä-
sentiert ihre Beweise nicht auf die gleiche Weise wie der Diskurs
meiner Freun de, der Pedologen. Meine Behauptungen sind nicht
so gut zurückverfo lgbar, daß sie es dem Leser erlauben würden,
zum Terrain zurückzuke hr en. (Ich überlasse es meinem Leser,
die Distanz zu erm essen, die die Natur- von den Sozialwissen-
schaften trennt. Dieses neue Geheimnis würde eine andere Expe-
dition erfordern, die diesmal die von mir gespielte Rolle eines
Leichtgewicht-Empirikers studierte.)
Sie können nun im Ortsverzeichnis der Brasilienkarte nachse-
hen u_nd Boa Vista lok alisieren. Bitte suchen Sie nicht länger nach
der Ahn lichkeit zwisc hen der Karte und dem Ort, dessen Ge-
schic ht e ich Ihnen erzä hlt habe. Diese ganze Korrespondenzge-
schichte zwischen den Worten und der Welt ist auf eine schlichte
Verwechslung von Kunstgeschichte und Epistemologie zurück-
zufüh ren. Man hat die Wissenschaft für ein realistisches Gemälde
gehalten und sich eingebildet, man würde exakt die Welt kopie-
ren. Die Wissenschaft tut etwas ganz ande res - die Bilder aller-
dings auch. Sie ver bind en uns über sukzessive Schritte mit der