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Heilig

Begriffsklärungen
Von der Schwierigkeit, ein Wort zu definieren

Ursprünglich sollten in diesem Teil des „baugerüstes“ Begriffsdefinitionen stehen – möglichst


exakt und zum besseren Verständnis. Definitionen sind nun allerdings eigentlich eine ziemlich
arrogante Angelegenheit: Ein Autor setzt sich hin und legt den Inhalt eines Begriffes fest; er
definiert ihn, so dass dieser nun tatsächlich definitiv, also endgültig ist. (Nicht von ungefähr wird
unter einer „Definition“ auch die als unfehlbar geltende Entscheidung des Papstes über ein Dogma
verstanden.....). So geht es natürlich – besonders mit hoch aufgeladenen Uraltworten mit ihrer
langen Geschichte - nicht.
Darum soll es hier – sprachwissenschaftlich korrekt – nur um eine Begriffsexplikationen gehen,
also darum zu erhellen, was mit einem Wort transportiert worden ist bzw. werden könnte – und das
recht unvollständig. Vielleicht klärt sich dadurch ja etwas.

Heilig
Wichtige Begriffe wie dieser haben eine lange Geschichte. Ihr so genannter semantischer Gehalt,
also die Bedeutung in den Buchstaben-Zeichen, ändert sich mit geschichtlichen Erfahrungen und
kulturellen Wandlungsprozessen. Bisweilen ist er auch abhängig von der Willkür oder den
Schranken der Worte-Nutzer.
Und besonders spannend wird es, wenn der Begriff die Übersetzung einer Übersetzung von Worten
aus ganz verschiedenen Kulturen ist: Die Sprachgeschichte des Begriffes „Heilig“ in jüdisch-
christlichem Kontext geht vom hebräischen Wort qadosch und seiner lateinischen Übersetzung
sanctus über das neutestamentlich-griechische Wort hagios bis hin zu dem deutschen Wort
„Heilig“, das seinerseits wieder altnordische Ursprünge hat. Gegenwärtig ist der Begriff „heilig“
eine Art Containerbegriff mit völlig zerfransten Konturen geworden.
Recht kompliziert also, vor allem wenn man bedenkt, dass all diese Worte zunächst in ihrem
jeweiligen kulturellen und religiösen Horizont zu verorten und zu verstehen sind.

1. Helga und qadosch – Heilig ist, was zu Gott gehört


Lange Zeit versuchte man das hebräische Wort für „heilig“ (qadosch) von einem Wort abzuleiten,
das so etwas wie „aussondern“ bezeichnete. Heilig wäre demzufolge etwas, das ausgesondert ist
von allem anderen, was es in dieser Welt an Phänomenen gibt: Heilige Orte, heilige Zeiten, heilige
Gegenstände, sogar heilige Menschen, die ausgesondert sind, sich unterscheiden von allem anderen
um sie herum – die also etwas Besonderes darstellen. Das ist auch nicht falsch.
Neueren Erkenntnissen zufolge (in der Theologie gibt es regelmäßig neuere Erkenntnisse...) ist dies
aber nicht mehr der Verstehenskern. Vielmehr meint man, den Wortgehalt primär aus seinem
biblischen Zusammenhang erschließen zu müssen: Der älteste Beleg für das Wort qadosch ist wohl
Jesaja 6,3; dort wird Gott dreimal heilig genannt. Damit ist eine nur Gott selbst zukommende

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Qualität gemeint, die dem Menschen seine eigene Unreinheit und Nichtigkeit, also Unheiligkeit
bewusst macht. Auch andere biblische Texte weisen in diese Richtung.
Streng genommen ist nach alttestamentlichem Verständnis also nur Gott selbst heilig und heilig zu
nennen sowie das, was zu seiner unmittelbaren Umgebung gehört (z.B. der „Himmlische
Thronrat“). In einem weiteren Sinne sind dann allerdings auch die Orte heilig, an denen Gott sich
zeigt und offenbart oder auch die Gegenstände und sogar Menschen, die Gott geweiht sind und die
darum in den Machtbereich der Sphäre des Heiligen gekommen sind bzw. ihr übereignet worden
sind. Allerdings sind sie heilig nicht aus sich heraus und durch ihre eigene Qualität, sondern nur,
insofern sie auch tatsächlich im Machtbereich des Heiligen Gottes sind. Sie können also ihre
Heiligkeit auch im Grunde auch wieder verlieren und bleiben dann nur mehr, gewiss respektable,
Erinnerungsorte und -gegenstände des Heiligen.
Auch das von Gott auserwählte Volk Israel, das von Gott „ausgesondert ist von allen Völkern“ und
insofern heilig genannt werden kann, bleibt „heilig“ nur, wenn es im Machtbereich der Sphäre des
Heiligen Gottes und also „geheiligt“ bleibt.
„Heilig“ ist also demnach eine ganz eigene und exklusive Qualität Gottes. „Heiliges“ ist nur das,
was auf den heiligen Gott bezogen und in seinem Machtbereich bleibt. „Heiliges“ ist darum immer
nur aktuell und ereignet sich, ein Prozess der „Heiligung“ durch die Gegenwart des heiligenden
Gottes, und kann nicht versteinern oder in Wasserflaschen abgefüllt werden.
Nur insofern – also im Sinne der Zugehörigkeit zum heiligen Bereich Gottes – meint das Wort auch
„Aussonderung“ von allem anderen – eben dem Profanen.
Andererseits gibt es nichts in dieser Welt, was nicht geheiligt werden könnte. Es gibt in dieser Welt
nichts, was „an sich“ heilig oder profan ist – alles kann Ort, Zeit und Gelegenheit zur Gegenwart
Gottes und damit zur Gegenwart des Heiligen, zur „Heiligung“ werden.

Interessant ist, dass die altnordische Ausgangsbedeutung des germanischen heilaga Ähnliches
meint, nämlich schlicht „eigen“ (helga heißt dort „zueignen“). Im religiösen Bereich ist das, was
einer Gottheit zu eigen ist, besonders geweiht, es gehört einer eigenen Wirklichkeit zu, nämlich der
Sphäre der Gottheit. Im Verlauf der Sprachgeschichte verliert das Wort „heilig“ so seine profanen
Bedeutungen von „eigen“ und wird auf den religiösen Bereich reduziert: „Heilig“ ist, was Gott
eigen ist und zugehört.

2. Hagios – der „Heilige Geist“ und die „heiligen Christen“


Das Neue Testament setzt diese alttestamentliche Linie mit seinem griechischen Begriff hagios fort:
Gott wird vereinzelt „heilig“ genannt, aber vor allem sind es der „Heilige Geist“ und die Christen
und Christinnen als „Heilige“, von denen die Rede ist.
Im „Heiligen Geist“ ist Gott selbst in seiner Schöpfung, der Welt und in Menschen gegenwärtig mit
seiner Macht, Kraft und Atmosphäre – immer aktuell, immer unverfügbar.
Christinnen und Christen sind „heilig“, weil Gott sie mit Heiligkeit beschenkt und zur Heiligkeit
berufen hat. Sie sind dies allerdings nur durch Jesus Christus und insofern sie diese Heiligkeit in
ihrem Leben bewähren – also jeweils aktuell mit „Heiligem Geist erfüllt“ sind und damit im
Machtbereich des Heiligen bleiben. Ihre Heiligkeit ist keine eigene Qualität, die unabhängig werden
könnte von der Gegenwart des heiligenden Gottes. Christen sind „Heilige“, weil sie an der
Heiligkeit Gottes partizipieren.

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3. Heilig = wichtig? - Von der Entheiligung des Wortes „heilig“
In neuerer Zeit hat das Wort „Heilig“ viel von seinem ursprünglich streng auf die Gegenwart Gottes
bezogenen und damit auch seinem religiösen semantischen Gehalt eingebüßt; es ist zerfasert,
verflacht und profanisiert – sozusagen „entheiligt“.
Unter der Überschrift „Das ist mir heilig“ veröffentlichte Chrismon plus rheinland anlässlich des
Deutschen Evangelischen Kirchentages 2007 in Köln in einer Kirchentagssondernummer die
Ergebnisse einer Umfrage unter Kirchentagsbesuchern und Kölner Menschen. Natürlich handelte es
sich nicht um eine repräsentative Umfrage mit wissenschaftlichem Design. Die abgedruckten
Zufallsstatements zeigen gleichwohl eine Linie:
„Heilig“ sind den befragten Menschen vor allem Beziehungen wie zur Familie oder Freunden.
Werte wie Ehrlichkeit, Rücksicht aufeinander oder Achtung vor der Natur werden genannt. Sogar
Theologisches taucht auf: der Sonntag nämlich ist heilig – zum Kirchgang und zur Familienpflege.
Ach ja – dass die Kirche eine Position zum Thema Globalisierung vertritt, das ist auch jemandem
„heilig“. Das war’s.
Die Tendenz ist offensichtlich. Unter „Heilig“ verstehen zumindest die Befragten das, was ihnen
persönlich besonders wichtig ist bzw. was in ihrem eigenen Wertekosmos als unantastbar, als
„tabu“ gilt. Einige übersetzen folgerichtig die Frage nach dem Heiligen in ihrer Antwort auch gleich
mit der Formel: „Wichtig ist mir...“
Diese semantische Verschiebung im Begriff des Heiligen spiegelt meines Erachtens ein breites
Verständnis wider.
Und sie ist schon lange nicht neu: Bereits im Jahr 1979 veröffentlichte der bekannte Soziologe
Gerhard Schmidtchen eine große Untersuchung unter dem Titel: „Was den Deutschen heilig ist“1.
Seine „soziologische Übersetzung dessen, was heilig ist“ markiert genau das, „was Menschen nicht
angetastet wissen möchten“, ihre „sozialen Schutzbereiche“2, zu denen Werte oder Verankerungen
in sozialen Gefügenetzen gehören können, allerdings auch religiöse Rituale und Symbole.
Allerdings lenken die 24 Antwortvorgaben (neben „Vaterunser“, „Kirchgang“ und anderem aus
religiösem Kontext vor allem Antwortmöglichkeiten wie „ungestört fernsehen“, „mein eigenes
Auto“, „Urlaub“, „Mode“ u. ä.) die Befragten schon in eine bestimmte Richtung dessen, was sie
unter „heilig“ verstehen sollen – eben das, was ihnen wichtig und wertvoll ist.
Mit einem ähnlichen Ansatz hat 1999 der Sozialwissenschaftler Heiner Barz Jugendliche befragt3
und kommt natürlich zu strukturell vergleichbaren Ergebnissen.
„Heilig“ hat offenbar in einem breiten sprachlichen Konsens (durchaus befördert durch
entsprechend denkende Wissenschaftler...) nicht mehr unbedingt etwas mit Gott zu tun, sondern ist
vom menschlichen Subjekt aus gedacht: Was mir persönlich wichtig, unantastbar, wertvoll ist, was
in meiner persönlichen Sphäre „tabu“ und unberührbar ist, das ist für mich eben „heilig“.
Zugespitzt: „Heilig“ ist nicht (mehr) definiert durch den Machtbereich der Sphäre Gottes, sondern
wird expliziert durch den jeweiligen Wertekosmos von Individuen und ihren Interessenlagen.

1
Schmidtchen, G.: Was den Deutschen heilig ist. Religiöse und politische Strömungen in der Bundesrepublik
Deutschland. München, 1997
2
Alle Zitate aaO, s. 64
3
Barz,H.: Was Jugendlichen heilig ist. Freiburg, 1999

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4. Erfahrungen des Heiligen

Sprachliche Verschiebungen und semantische Veränderungen müssen nicht tragisch sein. Dies sind
normale sprachgeschichtliche Vorgänge. Und der Ursprungssinn bzw. der traditionelle
Begriffsgehalt eines Wortes darf natürlich keine verbindliche Norm bilden (also dogmatisch
definieren), wie ein Begriff unter heutigen Bedingungen zu gebrauchen sei – da sind die
selbstmächtigen sprachlichen Subjekte als unantastbare „heilige Kühe“ davor.
Für mich als Theologen (und gelegentlichem Sprachwissenschaftler) und vor allem als christlichem
Zeitgenossen, der mit Jugendarbeit zu tun hat, bleiben allerdings Fragen:
- Liegt im Ursprungs- und Traditionssinn eines Wortes vielleicht doch das Potential eines
Korrektivs, das darauf hinweist, dass etwas Wesentliches verlorengegangen ist?
- Könnte es sein, dass wir als Theolog(inn)en zumindest davon erzählen und deutlicher
darüber reden müssten, dass „heilig“ immer etwas mit Gott zu tun hatte und hat, jedenfalls
„eigentlich“ und früher?
- Könnte es sein, dass wir in unserer Kultur (auch und gerade der kirchlichen!) die Orte, die
Zeiten und die Gelegenheiten zur Erfahrung des „Heiligen Gottes“ so sehr eliminiert,
vielleicht sogar wissenschaftlich obszön und sozialpädagogisch obsolet und überflüssig
gemacht haben, dass die Profanisierung des „Heiligen“ unter unseren Zeitgenossen
folgerichtig ist, um wenigstens noch etwas Wesentliches zu retten, das
etwas Besonderes ist und unter dem Schutz des „Tabu“ steht?
- Könnte es sein, dass wir in unserer Jugendarbeit wieder mehr Räume und Gelegenheiten zur
Erfahrung des „Heiligen“, und zwar des Heiligen Dreieinigen Gottes einräumen müssten?
Könnte sein.

2007
Michael Freitag

E-Mail: mfl@aej-online.de

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