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Freda Wolff

Schwesterlein muss
STERBEN
Thriller
Impressum
ISBN 978-3-8412-0744-9

Aufbau Digital,
veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2014
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
Die Originalausgabe erschien 2012 bei Rütten & Loening, einer Marke der
Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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unter Verwendung eines Motivs von © Stephen Carroll / Trevillion Images

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www.aufbau-verlag.de
Inhaltsübersicht

Cover
Impressum

VORSPIEL
ERSTES BUCH
JULIA. Zwei Tage vorher
X. 1 Tag vorher
MERETTE. 10 Stunden vorher
JULIA. Acht Stunden vorher
X. Sechs Stunden vorher
JULIA. Drei Stunden vorher
ZWEITES BUCH
JULIA
MERETTE
JULIA
X
JULIA
MERETTE
JULIA
X
MERETTE
JULIA
MERETTE
X
DRITTES BUCH
JULIA
MERETTE
X
JULIA
MERETTE
X
NACHSPIEL
NACHWORT
DANKSAGUNG

Informationen zum Buch


Informationen zu den Autoren
Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …
Für H. – wie immer
VORSPIEL

Ihr ist kalt. Sie friert. Gleichzeitig spürt sie deutlich den dünnen Schweißfilm
auf ihrer Stirn. Sie hat Durst. Ihr ist übel. Sie muss dringend pinkeln.
Ihre Arme sind hinter ihrem Rücken zusammengebunden, das Klebeband
schneidet schmerzhaft in die Haut der Handgelenke.
Auch ihre Beine sind eng umwickelt, als hätte jemand absolut sichergehen
wollen, dass sie keine Chance hat, sich zu befreien. Ihr Rock ist bis über die
Hüfte hinaufgeschoben, das T-Shirt ist zerrissen.
Als sie sich mit einem Ruck auf die Seite rollt und mit dem Gesicht auf dem
Boden aufkommt, schürft ihr ein Holzsplitter die Lippe auf. Sie spürt, wie ein
Blutfaden über die Wange läuft, unwillkürlich versucht sie, mit der Zunge über
die Wunde zu lecken, deutlich kann sie das Blut schmecken.
Sie hat keine Ahnung, wie lange sie bewusstlos war. Noch weniger weiß sie,
wo sie ist oder wie sie hierher gelangt sein könnte. Der Raum um sie herum
liegt nahezu vollständig im Dunkeln. Vage kann sie die Umrisse einer Tür
ausmachen, eine scharfkantige Lichtritze zwischen Tür und Rahmen. Es scheint
kein Fenster zu geben. Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben,
erkennt sie einen umgestürzten Farbeimer, leere Bierflaschen, einen Pizzakarton,
an dem noch die Käsereste kleben, einen wackligen Tisch, dessen fehlendes
Bein durch aufeinandergestapelte Plastikkisten ersetzt ist.
Die Aufschrift auf den Kisten kann sie nicht entziffern, dazu reicht das Licht
nicht. Die auf dem Beton eingetrocknete Farbe aus dem Eimer schimmert leicht,
als würde sie irgendeinen fluoreszierenden Bestandteil haben. Vor der hinteren
Wand liegt etwas, dessen Konturen sie nicht zuordnen kann. Der Größe und
Form nach könnte es ein zusammengekrümmter Körper sein.
Sie wartet auf eine Bewegung, auf irgendein Geräusch, aber da ist nichts, nur
ihr eigener Herzschlag, der das Blut in ihren Ohren pulsieren lässt. Sie braucht
lange, bis sie begreift, dass sie nur auf ein altes Fischernetz starrt, das achtlos in
der Ecke zusammengeschoben worden ist. Erleichtert stößt sie den Atem aus,
den sie unwillkürlich angehalten hat.
Die Luft im Raum ist stickig und heiß, es riecht nach Moder. Brackwasser.
Dieselöl. Vielleicht ein Bootsschuppen, denkt sie, irgendwo in einer Bucht
zwischen den Felsen am Meer. Das entfernte Rauschen, das sie jetzt wahrnimmt,
könnte von der Brandung vor den Schären stammen.
Gleich darauf meint sie auch, eine Möwe schreien zu hören. Nur ganz kurz,
dann übertönt plötzlich das nervtötende Summen einer Mücke, die sie
umschwirrt, jedes andere Geräusch. Und das Pochen in ihrem Kopf, das mit
jeder Sekunde stärker zu werden scheint und jeden klaren Gedanken verhindert.
Erst als die Mücke dicht unter ihrem Auge zu saugen beginnt, kommt sie auf
die Idee, um Hilfe zu schreien. Aber ihre Stimme ist nicht viel mehr als ein
heiseres Krächzen. Ihr Mund ist so trocken, dass sie kaum die Lippen
auseinanderbringt. Erst der zweite Versuch gelingt ihr besser.
» Hilfe! Ist da jemand? Ich bin …«
Hier, will sie rufen, hört mich jemand?
Aber sie bricht mitten im Satz ab. Vielleicht ist da wirklich jemand, denkt
sie. Jemand, der mich bewacht. Draußen vor dem Schuppen. Detr nur darauf
wartet, dass ich irgendein Lebenszeichen von mir gebe. Und wenn ich um Hilfe
schreie, wird er kommen und mich bestrafen …
Sie hat Angst. Ihre Muskeln verkrampfen sich. Sie fängt an zu zittern und
beißt sich auf die geschwollene Lippe. Schmeckt wieder das Blut und spürt
erneut die Übelkeit in sich hochsteigen.
» Hilfe!« , stößt sie noch einmal hervor, und diesmal ist es mehr ein
verzweifeltes Schluchzen als ein wirklicher Hilferuf.
Aber sie weiß es ohnehin schon. Da ist niemand vor dem Schuppen. Es wird
auch niemand kommen und sie befreien. Und keine Hand wird sie an der
Schulter rütteln, um sie aus ihrem Albtraum aufzuwecken.
Der Albtraum ist Wirklichkeit. Und es gibt nur eine einzige Person, die
überhaupt weiß, wo sie ist. Der, der ihr das hier angetan hat. Sie ist sich sicher,
dass es ein Mann sein muss. Sie ist sich nicht sicher, ob sie wirklich will, dass
er zurückkommt.
Im nächsten Moment wird ihr schlagartig klar, dass er ihre einzige Chance
ist. Ohne ihn wird sie hier … verdursten. Verhungern. Von irgendwelchen
Wildtieren aufgefressen, die über kurz oder lang den Weg in den Schuppen
finden werden. Marder. Ratten. Vielleicht ein Fuchs. Ein streunender Hund.
Das schmerzende Pochen in ihrem Kopf ist jetzt so stark, dass sie fürchtet,
wieder das Bewusstsein zu verlieren. Sie versucht verzweifelt, den Schmerz zu
ignorieren und sich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren. Name. Wohnort.
Wo und wann geboren. Sie ist eins neunundsechzig, sie wiegt achtundfünfzig
Kilo, sie hat blonde Haare. Augenfarbe grau, unveränderliche Kennzeichen keine,
Lieblingsessen Lasagne, Lieblingsgetränk Whiskey Sour, Lieblingsschauspieler
Colin Farrel, Schauspielerin Penelope Cruz, Bands Snow Patrol, Artic
Monkees, Razika. In dieser Reihenfolge. Nein, erst Artic Monkees, dann Snow
Patrol. Egal, denkt sie, darum geht es nicht, es geht darum, dass sie nicht
aufhört, gegen die drohende Ohnmacht anzukämpfen. Also weiter. Sie steht auf
die Gedichte von Sylvia Plath. Sie hat keine Ahnung, wie jemals jemand auf
die Idee kommen konnte, Peer Gynt für große Literatur zu halten. Sie hat vor
langer Zeit mal ein Referat über Peer Gynt gehalten und behauptet, dass Peer
Gynt wahrscheinlich von morgens bis abends bekifft gewesen war. Sie ist immer
noch überzeugt, dass sie recht hatte … weiter! Sie ist zurzeit ohne festen Freund,
sie hat einen gefleckten Kater, der ihr vor kurzem erst zugelaufen ist und für den
sie noch einen Namen finden muss. Sie war im Winter Skilaufen auf dem Idre
Fjäll und im letzten Sommer in Frankreich am Atlantik. Der Ort hieß …
Irgendwas mit H am Anfang. Sie spürt Panik in sich aufsteigen, als ihr der
Name nicht gleich einfallen will. Nördlich von Biarritz, Capbreton hieß der eine
Ort und … Hossegor! Das war es. Die Gedankenkette in ihrem Kopf reißt
unvermittelt ab, und sie sieht sich plötzlich selber wie in einem Film. Sie ist in
einem Treppenhaus, plötzlich sind Schritte hinter ihr, und ein Schatten, ein
Arm, der auf ihren Kehlkopf gepresst wird und ihr die Luft abschnürt, eine
Hand, die ihr gleichzeitig ein Tuch, einen Lappen ins Gesicht drückt. Und dann
… Sie weiß es nicht mehr. Sie erinnert sich an nichts.
Ihr ist immer noch kalt. Und sie muss immer noch pinkeln. Das Pochen in
ihrem Kopf hat einem beständigen Schmerz Platz gemacht, der sich pulsierend
über Schultern und Brust ausbreitet und sie grelle Lichtkreise sehen lässt, kaum
dass sie die Augen schließt. Sie spürt ihre Arme und Beine nicht mehr, als
würden sie nicht länger zu ihrem Körper gehören. Die Mückenstiche in ihrem
Gesicht jucken unerträglich.
Sie hat keine Ahnung, wie viel Zeit inzwischen vergangen ist. Der
Lichtschimmer von der Tür ist schwächer geworden, der Eimer, der Tisch, das
Netz sind nur noch vage Flecken in der Dunkelheit. Sie versucht zu rechnen. Es
ist Sommer, das heißt, es bleibt lange hell, die Sonne geht erst gegen
Mitternacht unter. Es war später Mittag, als sie betäubt worden ist, macht also
mindestens sieben Stunden, die sie jetzt hier liegt, eher länger.
Hossegor, sagt sie unvermittelt vor sich hin, als würde es irgendeine Rolle
spielen, dass sie den Namen nicht noch mal vergisst. Und der Weg zum Strand
führte durch ein Dünental, in dem die Luft in der Hitze flimmerte. Sie erinnert
sich daran, wie er sie plötzlich an sich gezogen hat … sein heiseres Flüstern
dicht an ihrem Ohr … seine Haut, die feucht vom Schweiß war … seine Hände
auf ihrem Körper, sein Mund in ihren Haaren, an ihrem Hals, und dann langsam
abwärts, über ihre Brüste, ihren Bauch …
Sie muss kurz weggedämmert sein. In einem Traum gefangen, wie auf der
Flucht vor einer Welt, die nicht wahr sein soll. Als sie den Schlüssel in der Tür
hört, weiß sie im ersten Moment wieder nicht, wo sie ist. Dann blendet sie der
Strahl der Taschenlampe, die direkt auf ihr Gesicht gerichtet ist. Er ist zurück,
denkt sie. Ich muss irgendwas zu ihm sagen. Er muss mir Antworten geben. Ich
muss wissen, was das alles soll. Aber sie bringt keinen Ton heraus, nur ihr
Atem geht schneller, sie hört sich selber keuchen.
Als er sich über sie beugt, kann sie undeutlich die Maske erkennen, die er
trägt. Eine rote Zipfelmütze, eine Knollennase, buschige, weiß angemalte
Augenbrauen. Ein weißer Plastikbart, wie bei einer billigen Kasperpuppe. Ein
Zwerg, denkt sie. Ein Zwerg aus einem Märchen.
Der Zwerg hält ihr eine Wasserflasche an den Mund. Sie trinkt so gierig, dass
das meiste Wasser über ihr Kinn und auf ihr T-Shirt läuft, dann verschluckt sie
sich und muss husten. Als sich ihre Blase leert, spürt sie für einen Moment
Erleichterung, bis die Taschenlampe über ihren Körper wandert und die Stimme
hinter der Maske leise sagt: » Du dreckige Sau!«
» Tut mir leid« , stammelt sie und merkt, wie sie rot wird, » aber …«
Er hebt die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. An seinem Daumen
trägt er einen silbernen Ring mit irgendeinem auffälligen Muster, vielleicht
keltisch. Sein Arm ist am Handgelenk tätowiert, sie meint, ein Bild
auszumachen, ein Rechteck mit einem Kreuz, vielleicht ein Sarg. Im Fernsehen
sind solche Informationen wichtig, denkt sie. Ein Zwerg mit einem silbernen
Ring am Daumen und einem Tattoo auf dem Handgelenk. Nein, kein Zwerg,
ein Typ mit einer Zwergenmaske, das ist ein Unterschied.
Er hat jetzt ein Messer in der Hand, mit dem er das Klebeband an ihren
Beinen auftrennt. Er ist eindeutig bemüht, nicht die feuchten Stellen an ihren
Beinen zu berühren, als würde er seinen Ekel nur mühsam unterdrücken können.
Jetzt durchschneidet er auch das Band um ihre Handgelenke. Sie spürt
deutlich das Kribbeln, als ihre Fingerspitzen wieder durchblutet werden.
Sein Atem riecht ganz leicht nach Bier. Bier und noch irgendetwas anderes.
Schweiß! Und irgendein billiges Deo.
Als er ihr hilft, sich aufzurichten, muss er sie unter den Achseln halten, bis
sie wieder alleine stehen kann.
Dann drückt er ihr die Klinge des Messers auf die Lippen.
» Denk nicht mal daran zu schreien« , zischt er undeutlich. Um gleich darauf
hinzuzusetzen: » Aber es würde dir sowieso nichts nützen. Hier ist niemand, der
dich hören könnte. Das Schloss ist weit weg, hinter den sieben Bergen, und
dein Prinz hat eine andere gefunden, die er heiraten will. Er wird nicht kommen,
um dich zu retten!«
Als würde er ihr ein Märchen erzählen …
» Hör auf!« , flüstert sie heiser. » Bitte! Sag mir nur, was du von mir willst.
Ich weiß nicht, wer du bist. Ich habe dir doch nichts getan. Warum …«
» Du musst mir zuhören« , sagt er. » Du darfst keine Fragen stellen. Nur
zuhören. Fragen sind nicht gut für dich.« Er stößt sie vor sich her zur Tür
hinaus.
Es ist nahezu dunkel inzwischen, aber der Mond taucht die Umgebung in ein
kaltes, fast unwirkliches Licht. Weiter rechts steht ein verfallenes Sommerhaus.
Vor ihnen führt ein Holzsteg durch dichtes Schilf zum Wasser. Glattgeschliffene
Felsen liegen wie schwarze Schatten in der Bucht. Weit draußen meint sie den
hellen Schimmer der Brandungslinie ausmachen zu können.
» Was willst du?« , flüstert sie wieder, als er sie bis zum Ende des Stegs
führt, eine Hand mit festem Griff an ihrem Ellbogen, in der anderen immer noch
das Messer.
Er ist groß, mindestens einen Kopf größer als sie, und er bewegt sich mit
einer selbstverständlichen Leichtigkeit, die zeigt, dass er durchtrainiert ist. Und
jung, denkt sie, kaum älter als ich. Seine Stimme hat sie an niemanden erinnert,
den sie kennt. Aber das muss nichts bedeuten. Die Maske verändert die Stimme
so, dass jeder Versuch, sie irgendjemandem zuzuordnen, unmöglich wird. Die
lächerliche Maske ist es auch, die ihr mehr Angst macht als das Messer.
» Was willst du?« , wiederholt sie und merkt, wie ihre Stimme zittert.
» Du wirst jetzt schwimmen lernen« , sagt er. » Schwesterlein muss
schwimmen können, sonst stirbt sie. – Zieh dich aus!« , befiehlt er.
» Was? Wieso? Ich will nicht, ich …«
» Zieh dich aus!«
Die Messerspitze deutet auf ihre Turnschuhe.
Sie bückt sich und knotet mit zittrigen Fingern die Schnürsenkel auf. Das
modrige Holz unter ihren Füßen fühlt sich kühl an. Kühl und schmierig.
Die Messerspitze wandert ihre Beine hinauf, bis zum Rock, den sie gerade
noch hastig über ihre Oberschenkel gestreift hat.
» Weiter!«
Sie hat Mühe, den engen Rock von ihren Beinen zu bekommen. Wieder sind
die feuchten Stellen ihr so peinlich, dass ihr das Blut in den Kopf steigt.
» Weiter!«
Als sie sich das T-Shirt über den Kopf zieht, sieht sie, wie sein Blick auf
ihren BH gerichtet ist, unter dem sich deutlich ihre durch die Kälte steif
gewordenen Brustwarzen abzeichnen.
» Was willst du?« , flüstert sie noch einmal, während ihr die Tränen über das
Gesicht laufen.
Er gibt keine Antwort. Sie bemerkt, dass die Messerspitze in seiner Hand
leicht zittert.
Sie greift in ihren Rücken, um den BH zu öffnen.
» Lass das« , keucht er unter der Maske. » Das reicht.«
Gleich darauf packt er sie und versetzt ihr einen Stoß, der sie rückwärts über
die Kante des Stegs taumeln lässt. Während sie fällt, hört sie noch einmal seine
Stimme: » Schwimm!« Dann schlägt das Wasser über ihr zusammen.
Automatisch bewegt sie Arme und Beine, bis sie wieder an der Oberfläche ist.
Für einen kurzen Moment kann sie seinen Schatten auf dem Steg über ihr
sehen. Dann wird sie wieder von der Taschenlampe geblendet.
» Schwimm! Ich zeig dir, wohin!«
Sie dreht sich um und schwimmt in die Richtung, die die Taschenlampe ihr
vorgibt. Schlingpflanzen streifen über ihre Beine. Aber die Kühle des Wassers
lindert den Juckreiz ihrer Mückenstiche. Als sie ihr Gesicht einen Moment
länger als für den Schwimmzug nötig eingetaucht lässt, hört sie ihn wieder
brüllen: » Schwimm! Du sollst schwimmen!«
Je weiter sie auf das Wasser hinauskommt, umso kälter wird es. Sie spürt,
wie ihre Muskeln sich verkrampfen wollen. Sie versucht, ihren Atem unter
Kontrolle zu bringen und ihren Rhythmus zu finden. Die nächste Insel ist
vielleicht hundert Meter entfernt, mehr ganz sicher nicht. Hundert Meter war
auch die Wettkampfbahn, die sie in der Uni in 1 Minute 27 Sekunden geschafft
hat.
Der Strahl der Taschenlampe erreicht sie nicht mehr. Sie blickt sich nicht
um, um zu sehen, ob er immer noch auf dem Steg ist. Die Felsen vor ihr ragen
wie eine dunkle Wand aus dem Wasser.
ERSTES BUCH
» Oh baby, it’s a cruel, cruel world«
(Dance with a Stranger)
JULIA. Zwei Tage vorher
Julia stand oben auf dem Dach unter dem endlos blauen Himmel und dachte:
Wow, das ist es! Hier kannst du alt und grau werden. Im nächsten Moment
musste sie über sich selber lachen. Sie war gerade erst vierundzwanzig und
verschwendete normalerweise wenig Gedanken ans Altwerden. Aber sie war
einfach glücklich, dass sie nach langem Suchen diese Wohnung gefunden hatte,
die nicht nur mitten in der Stadt lag, sondern sogar ohne weiteres bezahlbar war.
Im letzten Jahr hatte Julia ihren Bachelor in Kunst gemacht, aber Oslo war
irgendwie nicht ihr Ding gewesen. Sie war also zurück nach Bergen gekommen
und fürs Erste wieder bei ihrer Mutter untergekrochen. Und jetzt hatte sie nicht
nur einen Masterstudienplatz an der Kunstakademie in der Strømsgate, sondern
endlich auch noch eine eigene Wohnung!
Ein echter Glücksgriff: eineinhalb Zimmer in einem umgebauten Dachboden
in der Magnus Barfots Gate, mit einer Küche, die groß genug war, um einen
Tisch für mindestens sechs Personen hineinzustellen, und einem Bad, in dem es
eine Badewanne mit vergoldeten Löwenfüßen gab. Aber das Beste war das flache
Teerdach genau vor ihrem Fenster, sie brauchte nur hinauszuklettern und die
Welt lag ihr zu Füßen. Sie hatte sich schon genau ausgemalt, wo sie die
Blumentöpfe hinstellen würde, den rotweiß gestreiften Liegestuhl, ihren
Zeichentisch mit dem wackligen Stuhl vom Flohmarkt. Bei schönem Wetter
musste es ein Traum sein, hier oben zu arbeiten, mit dem Blick über die halbe
Stadt bis zum Hafen hinunter. Und in den Wetternachrichten hatten sie gerade
erst gesagt, dass es einen langen und heißen Sommer geben würde.
Julia kickte einen Kiesel über die Kante und wartete auf das Geräusch, wenn
er unten im Hof aufkommen würde. Aber es war nichts zu hören außer dem
Straßenlärm von der Håkonsgate, der entfernt zu ihr heraufdrang. Und sich
vorzubeugen, um über die Kante zu blicken, traute sie sich nicht. Abgründe
waren nicht unbedingt ihr Fall, sie schreckte schon vor dem Blick das
Treppenhaus hinunter zurück, und sie war ihren Eltern echt dankbar, dass sie nie
auf die Idee gekommen waren, aus ihr eine Bergsteigerin machen zu wollen.
Allerdings konnte sie sich ihre Mutter auch nur schwer in Kletterschuhen und
mit Helm und Seil vorstellen, wie sie gerade in einer schroffen Fjordwand
aufstieg. Von Jan-Ole als Freeclimber mal ganz zu schweigen! Aber ihre ganz
private Dachterrasse war zumindest groß genug, um nicht zu nah an die Kante
zu kommen – und die eiserne Feuertreppe, die sich in Bergen an nahezu jedem
Stadthaus befand, würde sie hoffentlich nie benutzen müssen.
Sie nahm den Weg zurück durchs Fenster und ging in die Küche, um sich
einen Espresso aufzusetzen. Ihre Schritte und jede Bewegung hallten laut von
den noch kahlen Wänden zurück, aber sie war ja auch gerade erst eingezogen
und hatte bisher nur das Nötigste die vier Treppen hinaufgeschleppt. In den
nächsten Tagen würde sie genug Zeit haben, um alte Filmplakate aufzuhängen,
Regale anzuschrauben, die Küche dunkelblau zu streichen, ihr Zimmer fertig
einzurichten. Oder einfach nur, um so laut Musik zu hören, dass die Familie
unter ihr schon mal wissen würde, was sie in Zukunft erwartete.
Als die Espressokanne zu brodeln anfing, suchte sich Julia einen Becher aus
einem der Umzugskartons. Ihren Lieblingsbecher, den mit der Aufschrift » I
GOT NOTHING TO WEAR« . Sie nahm ihren Kaffee und wollte wieder hinaus
in die Sonne. Aber dann wollte sie plötzlich genau dort draußen Musik haben.
Und zwar jetzt, sofort. Sie wollte Amy Macdonald hören, » A Footballer’s
Wife« , und laut mitsingen, während sie ganz für sich allein auf dem Dach
tanzte. » But the footballer’s wife tells her troubles and strife, I just don’t care in
the end who is she to pretend, that she’s one of them, I don’t think so …«
Solange musste der Kaffee eben warten, ohnehin hatte sie kein Problem
damit, kalten Espresso zu trinken, ihre Freunde hatten sich schon mehr als nur
einmal über diese Eigenheit lustig gemacht. Aber wenigstens würde sie sich
auch nicht die Zunge verbrennen!
Sie setzte also den Becher aufs Fensterbrett und machte sich auf die Suche
nach Amy Macdonald. Nach dem dritten Karton gab sie auf. Ihre CDs waren
vollständig da, nur diese eine fehlte. Und eigentlich war die Sache ohnehin klar,
bevor sie noch lange darüber grübeln musste. Ihre Mutter hatte in den paar
Wochen, in denen sie zusammenlebten, die nervtötende Angewohnheit
entwickelt, sich wahllos Julias CDs auszuborgen – und was ihr gefiel,
verschwand meistens auf Nimmerwiedersehen in dem Chaos ihres
Arbeitszimmers, wo sie sich zwischen den Patiententerminen jedes Mal eine
Zigarette und einen Song zum Mitsingen gönnte. Wahrscheinlich hatte sie die
CD schon in die Finger bekommen, bevor Julia ihre Kartons gepackt hatte.
Ohnehin hatte sie mit Vorliebe in Julias Zimmer herumgeschnüffelt, daran
hatten auch vierundzwanzig Jahre Erziehung durch Julia nichts ändern können.
Das Kind einer Psychologin zu sein war eben manchmal alles andere als lustig.
Julia liebte ihre Mutter, aber war dennoch froh, dass Merette ab sofort keine
Chance mehr haben würde, ihren professionellen Deformationen als Kontrollfreak
nachzugehen. Die CD allerdings würde sie ihr nicht überlassen, das konnte sie
sich abschminken, und mehr noch, sie würde sie sich jetzt sofort zurückholen!
Julia nickte dem Kaffee auf dem Fensterbrett zu: Schön auf mich warten, hörst
du? Ich bin gleich wieder da.
Sie verplemperte nur wenig Zeit damit, sich zwischen dem Top mit dem
Erdbeermuster und dem schulterfreien Teil in Pink zu entscheiden. Dann wählte
sie den kürzesten Rock dazu, den sie auf die Schnelle finden konnte. Sie tuschte
sich ein bisschen Mascara auf die Wimpern und war fertig für den Ritt auf ihrem
Rennrad, das sie sich noch in Oslo geleistet hatte. Vierundzwanzig Gänge,
Vorder- und Hinterradschaltung, Shimano-Bremsen und der Rahmen leuchtend
blau!
Im Fahrradkeller traf sie auf einen pickligen Fünfzehnjährigen, der bei ihrem
Anblick innerhalb von Sekunden so rot wurde, dass er glatt als Ampelmännchen
hätte auftreten können, und sich dann stotternd erbot, ihr das Rad auf die Straße
zu tragen.
» In zehn Jahren vielleicht« , meinte sie fröhlich und warf lachend ihre blonden
Haare zurück. Sie hoffte nur, dass er es mit seinen Phantasien noch rechtzeitig
bis unter die Dusche schaffen würde.
Eine halbe Stunde später hatte sie Amy Macdonald gefunden, wie vermutet
im Arbeitszimmer ihrer Mutter, zwischen Stapeln von Fachzeitschriften und
irgendwelchen Notizen für einen Artikel, den sie offensichtlich gerade schrieb.
Merette war nicht zu Hause, weshalb Julia die Gelegenheit nutzte, um ihrerseits
ein bisschen zu schnüffeln. Aber es gab nichts, was ihre Aufmerksamkeit länger
als fünf Sekunden gefesselt hätte – und das, wonach sie eigentlich suchte, war
nicht dabei: Sie fand nicht den kleinsten Hinweis darauf, ob ihre Mutter nun
eine Affäre hatte oder nicht. Bei ihrem letzten Telefongespräch war die Rede von
einem Kollegen gewesen, den sie auf irgendeiner Tagung kennengelernt hatte
und mit dem sie zu einem » Arbeitsessen« verabredet war. Bei ihrem
Lieblingsitaliener! Was Julia sofort stutzig gemacht hatte, denn ihre Mutter
lehnte es grundsätzlich ab, mit » Kollegen« irgendwohin zu gehen, wo man sie
noch aus der Zeit mit Jan-Ole kannte und schnell irgendwelche Gerüchte
entstehen konnten. Originalton Merette: » Ich brauche das nicht, dass sich
Gennaro da irgendwas zusammenreimt und es wenig später die halbe Stadt
weiß.« Andererseits hätte Julia ihr ein kleines Abenteuer durchaus gegönnt, sie
hoffte sogar darauf, dass » es« endlich mal wieder passieren würde. Irgendetwas
stimmte da nicht so ganz. Nach der Trennung hatte Merette Schulman,
geschiedene Andersen, damals gerade neununddreißig Jahre alt und
Diplompsychologin, sich glatt zu einem Leben ohne jeden Sex entschieden.
Und behauptete auch noch bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit,
dass ihre Abstinenz ihr eine » unvorstellbare geistige Freiheit« ermöglichen
würde – was immer sie damit meinte, aber die Trennung lag mittlerweile fast
zehn Jahre zurück, und Julia machte sich schon länger ernsthaft Sorgen um ihre
Mutter.
Julia wusste selbst nicht, warum sie dann noch mal einen Blick in die CD-
Hülle warf, statt sie einfach nur einzustecken. Vielleicht war sie unbewusst daran
gewöhnt, dass eine CD-Hülle bei Merettes bekannter Abneigung gegen jede
Form einer sinnvollen Ordnung noch lange nicht bedeutete, dass auch die CD
drin war. War sie auch nicht, die Hülle war leer. Automatisch griff Julia nach
der Fernbedienung auf dem Schreibtisch. Die Anlage lief wie üblich auf Stand-
by, und Julia war überzeugt, gleich Amy Macdonald über Victoria Beckham
singen zu hören, » but the footballer’s wife tells her troubles and strife …«
Stattdessen kam eine Männerstimme aus den Lautsprechern. Julia brauchte
einen Moment, bis sie begriff, dass es keine CD war, sondern dass sie gerade die
Aufzeichnung eines Therapiegesprächs hörte. Dann sah sie auch den USB-Stick
in der Anlage stecken. Genervt wollte sie die Wiedergabe unterbrechen, als ein
Satz fiel, der sie aufhorchen ließ: » Ich war vierzehn, als ich meinen ersten Mord
begangen habe. Mit vierzehn sollte man niemanden umbringen, das ist zu früh.
Vielleicht war das auch der Grund, warum es mir nichts ausgemacht hat.
Wissen Sie, ich meine, vielleicht habe ich es ja gar nicht richtig begriffen, was
ich da gemacht habe. Das könnte doch sein, oder?«
Julia hörte, wie sich ihre Mutter räusperte.
Langsam ließ Julia sich in den schweren Ledersessel sinken, in dem auch ihre
Mutter während des Gesprächs wahrscheinlich gesessen hatte. Wie üblich mit
dem Kopf in die Hand gestützt und den Blick irgendwo ins Leere gerichtet, um
zu signalisieren, dass sie aufmerksam zuhörte, ihr Gegenüber jedoch nicht
bedrängen wollte.
» Und was bringt Sie auf die Idee, dass es Ihnen nichts ausgemacht hat?« ,
kam leise die Stimme von Merette.
» Ich dachte, das wäre vielleicht eine Erklärung dafür, dass … Also, ich hatte
irgendwie Spaß daran. Ich fand es gut.«
» Können Sie das ein bisschen genauer beschreiben?«
» Wie jetzt, genauer beschreiben? Ist doch ganz einfach! Ich hatte Spaß daran,
die kleine Schlampe zappeln zu sehen, während ich sie immer wieder unter
Wasser gedrückt habe. Bis sie aufgehört hat zu zappeln.«
» Sie kannten das Mädchen?«
» Natürlich. War ja meine Schwester.«
» Und was genau hatte Ihre Schwester Ihnen getan, dass Sie meinten … sie
bestrafen zu müssen?«
» Sie sind echt clever. Woher wissen Sie, dass ich sie bestrafen wollte?«
» Ich dachte, das wäre vielleicht der Grund gewesen, dass Sie …«
» Exakt. Sie war immer so … Sie wissen schon, wie kleine Mädchen
manchmal so sind.«
» Nein, ich weiß nicht, was Sie jetzt meinen. Versuchen Sie, mir das zu
erklären.«
» Natürlich wissen Sie ganz genau, wovon ich rede. Sie sind clever, ich hab’s
ja gesagt. Und meine kleine Schwester war genau so. Nein, stimmt nicht. Sie
war nicht clever, sie hat nur gedacht, sie wäre es. Deshalb musste ich sie
bestrafen. Ich mag es nicht, wenn jemand denkt, er wäre schlauer als alle
anderen.«
Pause.
Julia meinte, den Typen auf der Aufnahme atmen zu hören. Und da war auch
noch irgendein anderes Geräusch, als würde jemand unentwegt mit dem Fuß auf
den Boden klopfen. Dieses nervöse Klopfen kam ganz bestimmt nicht von ihrer
Mutter. Als Merettes Patient unvermittelt weiterredete, hatte seine Stimme
einen neuen Unterton, den Julia nicht einordnen konnte.
» Jetzt überlegen Sie, was Sie damit machen, richtig? Könnte ja vielleicht
sein, dass das immer noch so ist. Dass ich es nicht abkann, wenn sich jemand
für clever hält. Und ich hab ja gerade gesagt, dass Sie clever sind. Aber Sie
müssen genau zuhören, sonst läuft das nicht. Sie sind clever, habe ich gesagt,
nicht, Sie halten sich für clever, das ist ein Unterschied.«
» So geht das nicht, so kommen wir nicht weiter. Lassen Sie mich da bitte
raus. Sie wollten mir erzählen, warum Sie …«
» Nein, wollte ich nicht. Aber wie wär’s, wenn Sie mir zur Abwechslung mal
was von sich erzählen? Also, ich meine, was machen Sie so, wenn Sie gerade
mal nicht mit irgendwelchen Bekloppten zu tun haben? Haben Sie eigentlich
Kinder? Ich wette, dass Sie Kinder haben. Aber keinen Mann, richtig? Wie
viele? Kinder, meine ich jetzt, nicht Männer …«
» Hören Sie damit auf« , sagte Julias Mutter. » Schenken Sie sich bitte Ihre
Show, ja?«
» Was denn, schon genervt? Aber wieso? Ich meine, ein kleines Gespräch
muss doch wohl noch drin sein, schafft doch Vertrauen. Und ich hab Ihnen ja
auch schon was von mir erzählt, jetzt sind Sie dran. Also, was haben Sie so für
Geheimnisse? Sagen Sie es ruhig, ist gut aufgehoben bei mir, echt, versprochen.
Ich habe sowieso schon überlegt, dass ich vielleicht noch mal Psychologie
studiere. Richtig an der Uni und so. Dann könnten wir quasi als Kollegen
miteinander reden. Ich erzähle ein bisschen, was ich für Dreck am Stecken habe,
und Sie …«
Julia hatte plötzlich genug gehört. Der ganze Dialog erschien ihr so
haarsträubend, dass sie den Player abrupt ausschaltete. Für einen Moment tat
Merette ihr leid. Was um alles in der Welt war das für ein Job, bei dem ihr
irgendjemand erzählte, dass er gerade erst vierzehn war, als er seine kleine
Schwester umgebracht hatte? Und wahrscheinlich kommt dann auch noch raus,
dass die Schwester nicht sein einziges Opfer war, genau das hatte der Typ ja
gesagt: Meinen ersten Mord, hatte er gesagt, also gab es noch weitere! Aber
offensichtlich saß er dafür nicht im Knast, sondern bei ihrer Mutter, die sich den
ganzen Scheiß jetzt als Psychologin anhören durfte, ohne etwas tun zu können,
weil sie ja an ihre Schweigepflicht gebunden war.
» Hör auf« , sagte Julia laut in die Stille des Arbeitszimmers hinein, » das ist
doch alles Quatsch!« Wieso sollte ein Mörder bei ihrer Mutter sitzen? Merette
war keine Knastpsychologin, bei ihren Fällen ging es um Leute, die von der
nächsten Brücke springen wollten, weil sie nicht mehr weiterwussten, oder die
auf Alk oder Pillen waren, weil sie ihren Job verloren hatten oder ihnen die Frau
davongelaufen war oder der Mann. So was, aber keine Massenmörder, die kleine
Mädchen umbrachten, weil sie ihnen zu clever waren.
Im selben Moment hatte Julia die Lösung. Natürlich, das musste es sein.
Merette arbeitete seit einiger Zeit auch stundenweise als Dozentin an der Uni.
Was sie da eben gehört hatte, war nichts als eine Übung gewesen, bei der es
wahrscheinlich um bestimmte Taktiken der Gesprächsführung ging. Wie man
reagiert, wenn der Patient versucht, einen aus dem Konzept zu bringen. So was
in der Art. Und im Übrigen war selbst Merette nicht so nachlässig, dass sie die
Aufzeichnung eines tatsächlichen Therapiegesprächs einfach so in der Anlage
lassen würde. Das passte nicht zu ihr. Wenn es um ihre Patienten ging, war sie
unbedingt zuverlässig. Für solche Aufzeichnungen gab es extra den
abschließbaren Stahlschrank neben ihrem Schreibtisch.
Julia stieß erleichtert die Luft aus.
» Bescheuerter Beruf« , sagte sie noch einmal laut.
Als sie aufstand, gab das Leder des Sessels ein leicht schmatzendes Geräusch
von sich. Julia war vom Nacken bis über den Rücken hinunter klatschnass
geschwitzt.
Unschlüssig, ob sie noch weitersuchen sollte, stand sie einen Moment mit
der leeren CD-Hülle mitten im Raum. Und plötzlich war die Unruhe wieder da.
Irgendein blödes Gefühl, das ihr sagte, irgendetwas wäre ganz und gar nicht in
Ordnung. Wieso war Merette eigentlich nicht zu Hause? Wo war sie?
Dann sah Julia die CD auf der Fensterbank neben dem Strauß mit den bunten
Papierblumen, den sie vor Jahren als Geburtstagsgeschenk für sie gebastelt hatte.
Auf der CD klebte ein kleiner gelber Merkzettel: Unbedingt Julia zurückgeben,
sonst flippt sie wieder aus.
Prima, Mama, dachte Julia. Feine Wortwahl für eine Psychologin!
Unverändert nervös beschloss sie, Merette auf dem Handy anzurufen. Sie musste
ja nicht sagen, dass sie mitten in ihrem Arbeitszimmer stand und in ihren
Sachen geschnüffelt hatte. Sie hatte sie nur spontan besuchen wollen und war
jetzt enttäuscht, dass niemand zu Hause war. Mehr nicht. Das musste als
Begründung reichen. Aber das Handy klingelte endlos, ohne dass ihre Mutter
das Gespräch annahm. Und die Mailbox hatte sie wie üblich nicht eingeschaltet.
Julia ging in die Küche, füllte ein Glas mit Leitungswasser und stürzte es in
einem Zug hinunter. Sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt tun sollte.
Als ihr Handy auf der Küchenablage zu vibrieren anfing, zuckte sie im ersten
Moment irritiert zusammen. Dann kam die Erleichterung, dass Merette so
schnell zurückrief.
» Hallo, Mama« , sagte Julia. » Merette?« , fragte sie dann noch mal in den
Hörer, als sich niemand meldete. Jetzt erst warf sie einen Blick auf das Display.
Und da stand » unbekannter Teilnehmer« .
» Hallo, wer ist da?« , rief Julia. » Mit wem spreche ich?« Wieder war die
Antwort nichts als Rauschen. Und irgendwo im Hintergrund schrie eine Möwe.
X. 1 Tag vorher
Er merkte, wie er wütend wurde. Nicht mehr nur verärgert, sondern
wirklich wütend. Als würde es gegen ihn persönlich gehen, als wäre das
Ganze nur dazu gedacht, um ihn zu frustrieren. Fertigzumachen. Oder
schlimmer noch: um ihn gewaltig zu verarschen!
Mit jeder Seite, die er umblätterte, wurde seine Wut größer. Dabei hatte er
über achtzig Kronen für das Heft bezahlt! Die blöde Tussi im
Zeitschriftenladen hatte es ihm extra noch empfohlen. »Ein ganz neues
Heft«, hatte sie gesagt, »ich glaube, das ist was für Sie! Aber Sie müssen
mir hinterher unbedingt erzählen, wie Sie es fanden.« Nichts als dummes
Gewäsch, um ihn über den Tisch zu ziehen. Und er war darauf
reingefallen. Hatte das Geld hingelegt und sich sogar noch gefreut. Fast
wie früher, wenn er endlich genug Taschengeld zusammengespart hatte,
um sich ein neues Matchbox-Auto kaufen zu können.
Er hatte sich einen Spliff gedreht und den Rauch tief inhaliert, bis das
Schwindelgefühl einsetzte. Dann hatte er das Heft aufgeschlagen. Die
Enttäuschung kam schon gleich mit der ersten Aufgabe. Lange Reihen mit
einzelnen Buchstaben, aus denen er bestimmte Kombinationen
heraussuchen sollte. Nicht mal dreißig Sekunden hatte er gebraucht!
Verschiedene Symbole, bei denen er eine wiederkehrende Anordnung
erkennen sollte. Zehn Sekunden. Billiganagramme, TON=NOT,
ABER=RABE, EINST=STEIN, ESSEN=SENSE. Weniger als zehn
Sekunden. Wortbruchstücke, Wortsalat, durcheinandergewürfelte
Buchstaben, billiger ging es kaum noch.
Er machte sich nicht mal mehr die Mühe, die Lösungen aufzuschreiben.
Oder noch auf die Uhr zu blicken. Er war ohnehin kurz davor, das Heft zu
zerreißen und in den Müll zu werfen. Ungeduldig drückte er den Joint aus,
während seine Augen automatisch die nächste Seite einscannten.
Sprichwort-Labyrinth. Die Buchstaben mussten in die richtige Anordnung
gebracht werden. Das erste Wort hieß JEDER, dann kam NEBEL , dann
… Er hing fest. Das ergab keinen Sinn. Er kannte kein Sprichwort, das
mit JEDER NEBEL begann. Jetzt blickte er doch wieder auf die Uhr. Er
las noch mal die Aufgabe, ob er irgendeinen Hinweis übersehen hatte. Ein
Labyrinth, die Buchstaben sollten eine unsichtbare Linie durch das Gewirr
der Kästchen ergeben …
Er startete wieder mit dem JEDER, jetzt war er wirklich bei der Sache,
obwohl ihm eine Stimme in seinem Hinterkopf sagte, dass er
wahrscheinlich irgendetwas in die Aufgabe hineinlas, worum es gar nicht
ging. Dass es viel einfacher war, als er dachte. Dass er die Lösung
eigentlich auf einen Blick sehen müsste.
Er nahm den Stift und verband einen Buchstaben nach dem anderen. Er
brauchte knapp eine Minute, dann hatte er das Sprichwort vor sich:
JEDER LEBENSWEG IST RICHTIG. AUCH DIE UMWEGE.
Bescheuert, dachte er, das Sprichwort gab es überhaupt nicht, das hatten
sie doch willkürlich zusammengebastelt. Aber trotzdem, eine Minute für
diesen Quatsch war zu viel! Das hätte er schneller rauskriegen müssen, was
war los mit ihm?
Von draußen drang harter Elektrobeat durch das halbgeöffnete Fenster.
Es war immer noch heiß, obwohl es schon früher Abend war.
Er stand auf und knallte das Fenster zu. Wahrscheinlich wieder der
Penner aus dem Seitenflügel. Ein Typ, der eigentlich eindeutig zu alt war,
um Elektro zu hören. Beginnende Stirnglatze und dezenten Knopf im Ohr
und immer im Anzug, sogar wenn er den Müll runterbrachte. Eher der
Typ, der beim European Song Contest für irgendeinen billigen Schlager mit
leichten Anklängen an norwegische Folklore stimmen würde. Aber
vielleicht täuschte er sich auch. Auf jeden Fall sollte ein Typ wie er nicht
die Nachbarschaft terrorisieren dürfen! Wieso war der Penner eigentlich
schon wieder von der Arbeit zurück?
»Haben sie dich rausgeschmissen, oder was?«, fragte er laut, während er
das bescheuerte Heft mit einer wütenden Armbewegung in die Ecke warf.
Dann ging er in die Küche, um sich Kaffee zu kochen.
Er musste wieder einen klaren Kopf kriegen. Vor allem durfte er sich
nicht ständig über irgendwelche Nebensächlichkeiten aufregen, dazu stand
zu viel auf dem Spiel. Aber das Warten machte ihn fertig. Er überlegte
kurz, ob er schon früher zuschlagen sollte, verwarf den Gedanken aber
gleich wieder. So wie er es geplant hatte, war es richtig. Ihm fehlten noch
ein paar Informationen, die er dringend brauchte.
Vielleicht sollte er überhaupt erst noch mal bei der Zeitschriften-Tussi
vorbeisehen, um ihr die Meinung zu sagen. Dann wäre das schon mal
erledigt. Andererseits war das wahrscheinlich doch keine so gute Idee. Er
sollte besser auch weiterhin nur den Eindruck des netten jungen Mannes
erwecken, der sich ausschließlich für die Hefte mit den Intelligenztests
interessierte. »Guter Tipp«, würde er beim nächsten Mal zu der blöden
Tussi in ihrem Laden sagen, »danke noch mal, dass Sie mich darauf
hingewiesen haben. Hat mir Spaß gemacht. Waren fast alles Aufgaben, wie
ich sie mit vierzehn schon mal gelöst habe. Ich wusste gar nicht, dass es
solche Aufgaben immer noch gibt.«
Die kleine Nebenbemerkung würde sie nicht kapieren, dazu war sie zu
blöd. Sie würde nur denken, dass er tatsächlich etwas Besonderes sein
musste, wenn er mit vierzehn schon Intelligenztests gemacht hatte.
Er erinnerte sich noch genau an den langen Flur auf dem Amt, an den
grauen Linoleumboden, die verkratzte Tischplatte, auf der die Bögen mit
den Aufgaben lagen. Der Stuhl hatte bei jeder Bewegung gequietscht, und
mittendrin hatte die Kugelschreibermine versagt. Die Psychologin hatte ihm
dann einen Bleistift gegeben, der auf dem leicht glänzenden Papier nur
schlecht zu sehen war. Er wusste auch noch, dass es bei einer der Aufgaben
darum ging, einen Baum zu zeichnen. Er konnte noch nie gut zeichnen,
aber das Bild gelang ihm nicht schlecht, er war selber überrascht. Und er
hatte sich schon mit vierzehn darüber gefreut, wie die Psychologin wohl die
offensichtliche Tatsache interpretieren würde, dass er eine Trauerweide
gezeichnet hatte.
Sie hatte am offenen Fenster gestanden und geraucht, während er sich
durch die Fragen arbeitete. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, wie
sich ihr Slip unter dem Rock abzeichnete. Aber es störte ihn, dass sie nach
Zigarettenrauch stank, als seine Zeit abgelaufen war und sie zu ihm
herüberkam, um die Blätter einzusammeln.
Das Ergebnis bekam er eine Woche später mitgeteilt. Der Erzieher, der
damals mit ihm auf dem Amt war, hatte zweimal nachgefragt, ob es auch
wirklich keinen Irrtum geben könnte. Dann hatte er ihm kumpelhaft den
Arm um die Schultern gelegt: »Alle Achtung, Junge, hätte ich dir gar nicht
zugetraut.«
Er hatte ebenfalls nach Rauch gestunken und nach irgendeinem billigen
Rasierwasser.
Als die Psychologin aufstand, um ihn zu verabschieden, hatte er wieder
nach der Naht unter ihrem Rock gesucht. Aber es war nichts zu sehen, der
Stoff war vollkommen glatt. Er hatte kurz die Phantasie gehabt, dass sie
diesmal keine Unterwäsche trug. Und vielleicht nur für ihn!
Sie hatte einen IQ von 138 errechnet, weit über dem Durchschnitt: »Die
meisten Menschen liegen zwischen 90 und 110.«
Er hatte nicht gefragt, ob sie ihren eigenen IQ wusste. Dass der
Sozialarbeiter bestenfalls auf den Wert eines Gorillas kam, war ohnehin
klar. Erst viel später hatte er irgendwo gelesen, dass Jodie Foster ihn selber
mit einem IQ von 140 noch übertraf. Genauso wie Sharon Stone.
Sharon Stone war trotzdem eine Schlampe. Bei Jodie Foster wusste er es
nicht genau. Aber er hatte einen Film mit Sharon Stone gesehen, bei dem
sie sich in der Badewanne selbst befriedigte. Und in einer anderen Szene
traf sie sich mit einem wildfremden Typen in ihrer Wohnung, und als der
sich über sie beugte und ihr unvermittelt zwischen die Beine griff, war sie
innerhalb von Sekunden gekommen. Die Szene machte ihn bei weitem mehr
an als der Film, mit dem sie dann richtig berühmt geworden war. Obwohl
er bei »Basic Instinct« jedes Mal wieder an die Psychologin damals auf dem
Amt denken musste. Jedes Mal, wenn Sharon Stone beim Verhör vor
Michael Douglas auf dem Stuhl saß und ihm ihre nackte Muschi zeigte.
Die Psychologin, bei der er heute Vormittag gewesen war, rauchte
ebenfalls. Er musste unwillkürlich grinsen, als er sich daran erinnerte, wie
leicht sie es ihm gemacht hatte. Er wusste jetzt schon mehr über sie, als sie
jemals ahnen würde. Die Schlampe hatte es eindeutig nicht anders verdient.
Irgendjemand musste ihr dringend mal zeigen, wo ihre Grenzen waren, das
hatte er bereits entschieden, als er den kalten Zigarettenrauch in ihrem
Atem roch. Sie war genauso wie alle anderen Psychologen, die er
kennengelernt hatte. Sie versteckte sich hinter einer Fassade und glaubte,
dass sie ihm überlegen war. Dabei hatte sie selbst genug Probleme, die sie
nicht gelöst bekam, da war er sich sicher. Aber er würde ihre Fassade Stück
für Stück niederreißen, bis nichts mehr von ihr übrig blieb als ein
Scherbenhaufen.
Den ersten Schritt hatte er bereits getan, als er ihr das kleine
Mordgeständnis geliefert hatte. Und nachdem er neben dem Telefon auf
ihrem Schreibtisch den gelben Merkzettel gesehen hatte, brauchte er nur
noch eins und eins zusammenzuzählen: NEUE NUMMER VON JULIA.
Und eine Handynummer. Er war schon immer gut darin gewesen, sich
Zahlen zu merken, ein flüchtiger Blick reichte, um sie in seinem Gehirn
abzuspeichern.
Er hatte die Vorfreude noch ein wenig ausgekostet, bevor er die Nummer
gewählt hatte. Und die Tochter hatte schon genauso arrogant geklungen
wie ihre Mutter, obwohl sie wahrscheinlich gerade erst Anfang zwanzig
war. Er war gespannt, wie lange es dauern würde, bis ihre Überheblichkeit
sich in Luft auflöste, wenn er erst mal seinen Plan umgesetzt hatte.
MERETTE. 10 Stunden vorher
Merette hatte die halbe Nacht nicht geschlafen, obwohl sie todmüde war,
nachdem sie ihre Nachmittagstermine hinter sich gebracht und schließlich noch
einen langen und langweiligen Abend auf der Geburtstagsfeier eines Kollegen
durchgestanden hatte – mit zu viel Alkohol und zu vielen Zigaretten. Unruhig
hatte sie sich dann in ihrem Bett hin und her geworfen, während ihre Gedanken
wie in einer Endlosschleife immer wieder um das Gespräch mit ihrem Patienten
vom vergangenen Mittag kreisten. Gegen sechs hatte sie jeden weiteren Versuch
einzuschlafen endgültig aufgegeben und sich stattdessen in die Küche gehockt,
mit einem Becher heißem Kaffee zwischen den Händen, von dem sie bereits nach
dem ersten Schluck wusste, dass ihr Magen über kurz oder lang rebellieren
würde. Auch nachdem sie geduscht und sich die Haare gewaschen hatte, fühlte
sie sich immer noch wie gerädert.
Jetzt war sie in ihrem Arbeitszimmer und lief unruhig auf und ab. Vom Sessel
am Schreibtisch vorbei zum Fenster und zurück. Fünf Schritte hin, fünf Schritte
her. Ihr üblicher Weg, wenn ihr etwas durch den Kopf ging, das nach einer
Entscheidung verlangte. Aber diesmal war es anders als sonst, diesmal spürte
sie so etwas wie eine unbestimmte Angst.
» Mach dich nicht lächerlich« , sagte sie laut und griff nach der
Zigarettenschachtel, obwohl sie sich gerade unter der Dusche noch geschworen
hatte, ihren Nikotinkonsum konsequent einzuschränken. Auf dem neu
gepflanzten Baum im Garten saß eine Amsel und betrachtete sie einen Moment
mit schief gelegtem Kopf, bevor sie wieder zu zwitschern anfing. Selbst durch
das geschlossene Fenster kam Merette der Gesang des Vogels unerträglich laut
vor.
Mit der brennenden Zigarette zwischen den Lippen schob sie wahllos
irgendeine CD in den Player. Als ihr der Rauch in die Augen stieg, musste sie
heftig blinzeln, um die Playtaste erkennen zu können.
Der Song, der gleich darauf durchs Zimmer schallte, diente nicht gerade dazu,
ihre Stimmung zu verbessern. Marianne Faithfull, » I know that woman in the
mirror, but tell me, who is she?« . Es war nicht nur Mariannes Stimme, dachte
sie, es war vor allem auch die Musik, der schleppende Beat, dieses Dunkle und
Abgründige, das in der Melodie mitschwang und das einen unversehens in die
tiefste Depression zu ziehen schien. Merette erinnerte sich an ein Interview, in
dem Marianne Faithfull erzählt hatte, wie sehr sie es genoss, sich in depressiven
Songs zu verlieren.
Aber sie brachte nicht die Energie auf, nach einer anderen CD zu suchen,
stattdessen sang sie leise mit, » tell me, tell me, who is she?« .
Ich hätte den Stick nicht in der Anlage vergessen dürfen, dachte sie, das war
idiotisch. Aber sie hatte dieses verdammte Patientengespräch in aller Ruhe noch
mal hören wollen, ohne dabei den Laptop benutzen zu müssen, mit dem sie die
Aufnahme gemacht hatte. Sie war sich nicht sicher, ob Julia wirklich etwas
davon mitbekommen hatte, möglich war es jedoch, Julia liebte es, heimlich in
ihren Sachen zu schnüffeln.
Merette warf einen Blick durch ihr Arbeitszimmer und versuchte, sich in die
Situation eines Patienten zu versetzen, der die Gelegenheit nutzen wollte, um
irgendetwas Persönliches über sie in Erfahrung zu bringen. Aber da war nichts,
was einen Hinweis geben konnte, kein privates Foto auf dem Schreibtisch, keine
mit Wachsmalstiften gekritzelte Kinderzeichnung an der Wand, keinerlei
Informationen darüber, dass sie eine Tochter hatte. Bis auf den gelben
Merkzettel neben dem Telefon, schoss es ihr gleich darauf durch den Kopf, da
stand Julias neue Handynummer! Verärgert über ihre Nachlässigkeit riss sie den
Zettel von der Unterlage und zerknüllte ihn.
Aber er hat die ganze Zeit im Sessel gesessen, versuchte sie sich zu
beruhigen, er war nicht am Schreibtisch, er konnte den Zettel nicht gelesen
haben. Andererseits war es wahrscheinlich ohnehin kein Problem, irgendetwas
über sie herauszubekommen – wenn man lange genug suchte, gab das Internet
nahezu jede Information preis, die man haben wollte. Und sie trug nach der
Scheidung wieder ihren Mädchennamen, genau wie Julia auch. Damit war es
nicht weiter schwierig, irgendwelche Einträge von Julias früherer Schule zu
finden, Klassenfotos, Bilder aus dem Abiturjahrgang, von der Abschlussfeier,
was auch immer. Jemand brauchte also nur eins und eins zusammenzuzählen
und würde sofort wissen, dass sie eine Tochter hatte, mehr noch, auch wie alt
diese Tochter war und wie sie aussah.
Andererseits war Merette sich ja noch nicht mal sicher, was sie überhaupt von
den Bekenntnissen ihres Patienten halten sollte. Möglich war es tatsächlich,
dass er aufgrund seiner psychischen Verfassung einen Mitteilungsdrang
entwickelt hatte, der ihn zu diesen völlig unerwarteten Geständnissen
veranlasste. Hinzu kam, dass er natürlich wusste, dass sie an ihre
Schweigepflicht gebunden war, er damit also jeden Freiraum hatte, den er
wollte. Aber irgendetwas an der ganzen Sache war nicht stimmig. Er hatte
offensichtlich ein Problem mit Frauen, die er für » clever« hielt, das konnte ihn
durchaus auf die Idee gebracht haben, einfach nur seine Macht ihr gegenüber
demonstrieren zu wollen. Er wollte sie erschüttern, um zu sehen, wie sie
reagierte. Seine Geständnisse waren frei erfunden, weil er auf diese Weise sein
eigentliches Minderwertigkeitsgefühl verbergen wollte.
Er war mit ziemlicher Sicherheit ein Soziopath, und damit gehörte er in die
Patientengruppe, die ihr immer schon am meisten Angst gemacht hatte.
Jemand, der – im Fachjargon – an einer dissozialen und narzisstischen
Persönlichkeitsstörung litt, war unberechenbar und im Zweifelsfall gefährlich,
weil er, ohne zu zögern, auch zu Gewalttaten neigen würde.
Dass er intelligent war, stand außer jeder Frage, nicht nur wegen des Tests,
den Merette in den Akten entdeckt hatte. Sie nahm sich nochmals den Ordner
vor, während sie die letzte Zigarette aus der Packung unangezündet zwischen die
Lippen schob und Marianne Faithfull sang: » Do you remember me, do you
remember anything? File it under fun from the past …«
Besonders viel » fun« hatte es in diesem Lebenslauf eher nicht gegeben,
dachte Merette unbewusst, als sie sich durch die Seiten blätterte.
Vor der ersten Sitzung, von der auch die Aufzeichnung stammte, hatte sie
sich nur einen schnellen Überblick verschaffen können. Sie hatte den Fall von
einem Kollegen aus der sozialpsychiatrischen Abteilung der Uniklinik
übernommen, der aus Krankheitsgründen ausgefallen war. Strenggenommen war
es gar kein Fall im therapeutischen Sinn, sondern ein vom Gericht bestellter
Betreuer hatte ein psychologisches Gutachten angefordert – und es war angeblich
so dringend gewesen, dass ein Aufschub nicht in Frage kam. Merette hatte die
entsprechende Akte erst am Vormittag desselben Tages in die Hand bekommen,
an dem auch der Termin mit dem Patienten war. Sie war sehr verärgert über
diese Schlamperei gewesen, die sie zwang, ohne ausreichende Vorbereitung in
das Gespräch zu gehen, und hatte tatsächlich kurz erwogen gehabt, den Termin
einfach abzusagen. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie genau das auch
getan hätte, aber jetzt war es zu spät, um irgendetwas rückgängig zu machen.
Automatisch griff sie nach dem Feuerzeug. Als ihr wieder der Rauch in die
Augen stieg, drückte sie die Zigarette ärgerlich aus.
Anders als bei ihrer ersten Durchsicht der Aktennotizen suchte sie diesmal
nach einem konkreten Hinweis, der ihr helfen würde, die Zusammenhänge zu
erkennen. Eine Art fehlendes Puzzleteil, von dem sie keine Ahnung hatte, wie es
aussehen könnte …
Mutter minderjährig und Heimkind, Vater offiziell unbekannt, aber einem
Gerücht zufolge möglicherweise einer der Heimerzieher, der noch während der
Schwangerschaft des Mädchens die Arbeitsstelle gewechselt hatte. Der Fall war
offensichtlich nicht näher untersucht worden, der Junge wurde gleich nach der
Geburt zur Adoption freigegeben, im Alter von fünf Jahren dann vom Jugendamt
wegen des Verdachts auf Vernachlässigung wieder aus der Familie genommen,
es gab jedoch keine Hinweise auf sexuellen Missbrauch.
In der nächsten Pflegefamilie schien es besser zu laufen, bei den
Routinekontrollen wurde nur festgestellt, dass der Junge auffällig still und
zurückgezogen war, in der Grundschule war er der typische Einzelgänger, der
sich schwer damit tat, Freunde zu finden. Allerdings galt er nach Aussage der
Klassenlehrerin bei den Mitschülern als eine Art » Held« , nachdem er mehrere
Tage lang eine ertrunkene Katze, die er aus dem Hafenbecken gefischt hatte, von
den Lehrern unbemerkt in seiner Schultasche mit zum Unterricht geschleppt
hatte.
» Also was jetzt?« , murmelte sie halblaut vor sich hin. » Einzelgänger und
keine Freunde oder Klassenheld?«
Kopfschüttelnd las sie weiter.
Seine schulischen Leistungen entsprachen dem Durchschnitt, allerdings
beklagte die Klassenlehrerin wiederholt seine nahezu totale Verweigerung
gegenüber jeder Art von mündlicher Beteiligung. Dennoch gewann er in der
vierten Klasse einen Vorlesewettbewerb mit einer Geschichte, von der sich
hinterher herausstellte, dass er sie selbst geschrieben hatte. Die Geschichte
wurde dann sogar in der Tageszeitung abgedruckt, die angeheftete Kopie war
jedoch bis zur Unkenntlichkeit verblichen, das dazugehörige Foto ließ nur mit
Mühe den kleinen Jungen erahnen, der verschüchtert in die Kamera blickte,
während er seinen Preis entgegennahm.
Merette machte gar nicht erst den Versuch, den Text entziffern zu wollen,
sondern blätterte weiter zu den nächsten Einträgen.
Mit zehn Jahren wechselte er auf ein Gymnasium, dann gab es einen
» tragischen Unglücksfall« , seine Stiefschwester war ertrunken, weshalb er die
Pflegefamilie verlassen musste und ins Heim kam. Aus dieser Zeit stammte
auch der Intelligenztest, den das Jugendamt angeordnet hatte. Das Testergebnis
war ebenfalls in Kopie beigelegt, ein IQ von 138, der sie aber nicht weiter
verblüffte – sie kannte genug Fälle, bei denen der IQ ihrer Patienten im krassen
Gegensatz zu ihrer sozialen Kompetenz stand.
» Wieso gibt es keine Angaben weiter zu diesem Unglücksfall?« , fragte sie
laut in die Stille ihres Arbeitszimmers hinein. » Was ist da genau passiert?«
Das Mordgeständnis ihres Patienten bezog sich eindeutig auf dieses Unglück,
aber in der Akte fehlte jeder Hinweis auf ein Fremdverschulden.
Der Name, mit dem der letzte Bericht abgezeichnet war, ließ sie unwillkürlich
den Atem anhalten. Sie kannte den Namen nur zu gut, Dr. Ingvar Alnæs war
wahrscheinlich der einzige Kollege, bei dem sie jemals erwogen hatte, den
Psychologenverband einzuschalten, um ihm wegen absoluter Missachtung aller
Grundsätze einer Therapie die Zulassung entziehen zu lassen. Sie hatte damals
eine junge Frau behandelt, die kurz zuvor einen Suizidversuch unternommen
hatte. In den Gesprächen mit der Frau stellte sich heraus, dass sie mehrere
Monate bei Alnæs wegen psychischer Probleme und Angstattacken in
Behandlung gewesen war, seine Therapie hatte darin gegipfelt, dass er die junge
Frau mit einer Klobrille um den Hals durch die Fußgängerzone hatte laufen
lassen, um auf diese Weise ihr Selbstvertrauen zu stärken.
Aber dann war Alnæs ohnehin in den Ruhestand versetzt worden, und sie
hatte schon seit mehreren Jahren nichts mehr über ihn gehört. Eher abwesend
überflog sie noch den knappen Abschlussbericht des früheren Kollegen, der in
dem Fazit endete, dass der Patient nicht mehr in eine Pflegefamilie vermittelbar
war und demzufolge bis zu seiner Volljährigkeit im Heim bleiben sollte.
Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf, der sie den PC hochfahren und den
Namen » Alnæs« eingeben ließ. Sie klickte sich durch verschiedene Einträge,
bis sie fand, was sie suchte. Ein kurzer Blick auf die Vita bestätigte den
spontanen Verdacht, den sie eben gehabt hatte – Alnæs war als psychologischer
Mitarbeiter zunächst in einem Heim gewesen, bevor er ins Jugendamt
gewechselt war. Und der Name des Heims war identisch mit eben dem Heim, in
dem die minderjährige Mutter womöglich von einem Mitarbeiter geschwängert
worden war!
Sieh mal einer an, dachte Merette. Dann hat Alnæs also noch viel mehr Dreck
am Stecken, als ich geahnt habe! So wie es aussieht, ist er aller
Wahrscheinlichkeit nach der Vater des Jungen, den er dann später für immer ins
Heim abgeschoben hat.
Sie überlegte, ob diese Information irgendeine Relevanz für die jetzige
Situation haben könnte, kam aber zu keinem Ergebnis. Ich muss mit
irgendjemandem reden, dachte sie, ich brauche eine Einschätzung von einer
Person, die nicht persönlich beteiligt ist. Während sie schon nach dem Telefon
griff, ging sie im Kopf die Liste der Namen durch, die für ein solches Gespräch
in Frage kamen. Natürlich konnte sie ihre Supervisorin anrufen und einen
kurzfristigen Termin vereinbaren, um ihr Problem zu besprechen. Aber
gleichzeitig wusste sie, dass sie bei Birgitta nicht die Antworten bekommen
würde, nach denen sie suchte. Es ging um mehr als irgendeinen Fall, bei dem
sie keinen Ansatz für die Therapie hatte und nicht weiterkam – es ging um sie
selbst und die unbestimmte Angst, die sie verspürte. Die Angst, dass die
Andeutungen, die ihr Patient gemacht hatte, tatsächlich eine konkrete
Bedrohung darstellten, und zwar womöglich auch für ihre eigene Tochter, für
Julia!
Auch wenn sie wusste, dass es bislang keinerlei Zusammenhang gab, ließ sie
der Gedanke nicht los, dass Julia in Gefahr war. Vielleicht übertrieb sie auch
und sah Gespenster. Vielleicht sollte sie auch alle Bedenken außer Acht lassen
und sich direkt an die Polizei wenden – sie wusste es nicht. Sie hatte ein
Mordgeständnis auf dem Band und keinerlei Einschätzung darüber, ob die
Aussage ernst zu nehmen war. Allein der Gedanke, dass sie einen Fehler machen
könnte, ließ sie frösteln.
Jan-Oles Nummer kannte sie auswendig. Noch während ihre Finger die
Tasten drückten, überlegte sie, wie sie ihr Gespräch auf eine rein professionelle
Ebene lenken könnte. Gleichzeitig wusste sie, dass das nicht möglich sein
würde. Aber genau das war auch der Grund, warum sie ihn anrief und nicht
Birgitta. Jan-Ole war der Einzige, bei dem sie ihre berufsbedingten
Gesprächsmuster außer Acht lassen und stattdessen offen über ihre Angst reden
konnte. Vor allem brauchte sie seinen Rat, ob sie Julia noch weiter in ihre
Probleme hineinziehen sollte, als es durch den dummen Zufall mit der
Bandaufzeichnung vielleicht ohnehin bereits geschehen war.
Er nahm das Gespräch schon nach dem zweiten Klingelton an, allerdings war
die Verbindung so schlecht, dass sie ihn kaum verstand.
» Wo bist du?« , rief sie anstelle irgendeiner Form von Begrüßung in den
Hörer, » ich hör dich ganz schlecht …«
» Dänemark, in der Nähe von Kopenhagen. Was ist los, Merette?«
Sie nahm es als selbstverständlich hin, dass er sofort wusste, wen er am
Apparat hatte. Sollte er auch, dachte sie noch, bevor ihr einfiel, dass er ihren
Namen wahrscheinlich ganz einfach auf dem Display gelesen hatte.
» Merette? Bist du noch dran?«
» Sorry, dass ich dich anrufe, aber … wie lange bist du noch da in
Dänemark?«
» Drei, vier Tage vielleicht. Die ehemaligen Kollegen hier haben mich
angefordert, es geht um einen Fall, der schon länger zurückliegt, als ich noch im
Dienst war, und jetzt … Aber egal. Warum rufst du an?«
» Nicht so wichtig, mach dir keine Gedanken deshalb. Meldest du dich mal,
wenn du zurück bist?«
» Klar, ja. Aber du kannst mich auch heute Abend im Hotel anrufen.«
» Nein, nein, ist schon okay. Es hat Zeit, bis du wieder hier bist.«
» Wirklich? Du rufst doch nicht einfach …«
» Wirklich, Jan-Ole. Vergiss es! War schön, deine Stimme gehört zu haben,
alles andere kann warten.«
» He, irgendwas stimmt doch nicht mit dir!«
» Alles okay. Lass es dir gutgehen.«
Sie unterbrach die Verbindung, bevor er noch weitere Fragen stellen konnte.
Das war also schon mal nichts, dachte sie. Und: So viel dazu, dass sie gerade
kurz davor gewesen war, wider jedes Berufsethos zu handeln und sich
ausgerechnet einem Polizisten anzuvertrauen. Einem Exbullen, korrigierte sie
sich. Der nicht nur mit dem Alkohol Probleme hatte, sondern auch sonst alles
andere als das war, was man gemeinhin als » vertrauenswürdig« bezeichnen
würde. Aber der eben auch nicht nur ihr früherer Mann, sondern immer noch ein
Freund war, vielleicht der einzige, den sie wirklich hatte.
Hör endlich auf, nach Rückendeckung zu suchen, dachte sie, vergiss alle
professionellen Kategorien von Richtig oder Falsch, damit kommst du nicht
weiter. Verlass dich auf dein Bauchgefühl und triff eine Entscheidung. Als wollte
sie sich selbst davon überzeugen, dass sie sehr wohl in der Lage war, ihre
Probleme auch ohne fremde Hilfe in den Griff zu kriegen. » Ich weiß noch nicht,
was du vorhast« , sagte sie laut, » aber wenn du ein Spiel mit mir spielen willst,
dann bitte schön. Nur dass wir das nach meinen Regeln spielen!«
Sie schickte eine SMS an Julia, in der sie um Rückruf bat. Dann checkte sie
ihren Terminkalender, um sich zu vergewissern, dass sie bis zum frühen
Nachmittag tatsächlich keine Sitzung haben würde.
Die Handynummer, die sie jetzt brauchte, war auf dem Deckblatt des
Aktenordners notiert. Während Merette die Ziffern drückte, merkte sie, wie ihr
Magen sich schmerzhaft zusammenzog. Sie würde unbedingt noch etwas essen
müssen, bezweifelte aber gleichzeitig, dass sie überhaupt in der Lage war, einen
Bissen runterzukriegen. Ihr Magen fühlte sich an wie ein Stein.
Als er sich meldete, spürte sie wieder das Frösteln in ihrem Rücken. Aber das
Überraschungsmoment war auf ihrer Seite, sie konnte deutlich hören, dass er
irritiert war.
JULIA. Acht Stunden vorher
Als Merette am Abend endlich zurückgerufen hatte, war Julia zu erleichtert
gewesen, ihre Stimme zu hören, um irgendwelche Fragen zu stellen, für die sie
ohnehin keine Begründung gehabt hätte. Jedenfalls nicht, solange sie nicht
damit herausrücken wollte, dass sie die Bandaufzeichnung abgehört hatte: Auch
wenn es nur ein Versehen gewesen war, so war es doch eindeutig ein Tabubruch
– und Julia hatte keine Lust gehabt, sich auf eine Diskussion einzulassen, dass
alles, was mit Merettes Beruf zu tun hatte, sie nichts anging.
Julia hatte die Frage, die ihr auf der Zunge lag, also hinuntergeschluckt und
stattdessen von ihrem Kunstprojekt an der Uni erzählt, bis sie sich beide eine
gute Nacht gewünscht und wieder aufgelegt hatten. Aber irgendwie hatte sie die
ganze Zeit über das Gefühl gehabt, dass ihre Mutter etwas auf dem Herzen hatte,
mit dem sie nicht herausrückte. Da war zumindest ein Zwischenton gewesen,
der Julia irritiert hatte.
Und dann war gleich am Morgen, als Julia wieder in der Uni war, eine SMS
von Merette gekommen: Ruf mich bitte an, wenn du einen Moment Zeit hast.
Es ist wichtig.
Und kaum, dass Julia sich gemeldet hatte, platzte Merette mit der Frage
heraus: » Nur ganz kurz, Julia, entschuldige, wenn ich dich störe, aber warst du
gestern in meinem Arbeitszimmer? Ich muss es wissen, es ist wichtig.«
Julia verdrehte die Augen. » Hallo, Mama« , sagte sie und versuchte, nicht
allzu genervt zu klingen. » Ich freue mich auch, von dir zu hören! Aber im
Moment passt es wirklich nicht. Wir sind mitten in den Vorbereitungen für die
Ausstellungseröffnung …«
» Du hast ja recht, entschuldige! Ich bin nur gerade ein bisschen unter Druck.
Gib mir bitte nur schnell eine Antwort: Warst du in meinem Arbeitszimmer?«
» Ich hab mir nur die Amy Macdonald geholt, sonst nichts.«
» Und du hast nicht …«
» Nein, ich hab nicht in deinen Sachen rumgeschnüffelt, also reg dich wieder
ab, ja?«
Das grundsätzliche Problem war, dass es bei ihnen zu Hause so etwas wie ein
ungeschriebenes Gesetz gab. Das Arbeitszimmer ihrer Mutter war die » no-go-
area« , in der keiner außer ihr etwas zu suchen hatte. Das war schon immer so
gewesen, auch als Jan-Ole noch bei ihnen wohnte. Merette legte größten Wert
darauf, ihr Privatleben strikt von ihrem Beruf zu trennen. Das ging sogar so
weit, dass Julia oder Jan-Ole sich nicht auf dem Treppenabsatz blicken lassen
durften, wenn einer ihrer Patienten kam oder ging. Merettes Praxis hatte ein
extra Klingelschild und eine separate Tür vom Treppenhaus aus, und die
Verbindungstür von der Wohnung in die Praxis durfte nur geöffnet werden,
wenn absolut sicher war, dass sie gerade keinen Patienten hatte. Und selbst dann
durften sie höchstens den Kopf hineinstecken und so was sagen wie: » Das Essen
ist fertig und wird langsam kalt.« Vielleicht wäre auch so was erlaubt gewesen
wie: » Unsere Wohnung brennt gerade ab. Die Feuerwehr meint, du solltest jetzt
besser mit raus auf die Straße.«
Wobei nicht sicher war, ob Merette nicht auch dann nur kurz genickt und
gesagt hätte: » Gebt mir noch zehn Minuten, ich will nur noch schnell den
Artikel zu Ende schreiben.« Oder wahlweise: » Ich muss nur die Akte noch
fertig machen, ich muss nur noch mal kurz telefonieren, ich muss nur noch den
Vortrag für die Tagung überarbeiten.« Mit besonderer Betonung auf dem
Wörtchen » nur« .
Was immer sie sich dabei denken mochte, hätte sie es als Psychologin
eigentlich besser wissen müssen, vor allem mit einer halbwüchsigen Tochter im
Haus. Für Julia war jedenfalls klar gewesen, dass sie jede Gelegenheit nutzen
musste, um sich heimlich in ihrem Arbeitszimmer umzusehen. So nach der
Theorie: Bestimmt hat meine Mutter irgendwas zu verbergen, was mich in
meinem Erwachsenwerden um mindestens ein Level nach vorne bringt! Das
passierte zwar nie, aber Julia ließ mit ihren Anstrengungen nicht locker. Und es
gab Zeiten, da wusste sie über die verschiedenen Artikel, an denen ihre Mutter
gerade arbeitete, wahrscheinlich besser Bescheid als Merette selbst. Ganz zu
schweigen von dem » Therapiegespräch« , das Julia mit dem blonden Anders
mit dem breiten Grinsen und den algengrünen Augen auf ihren Sesseln geführt
hatte und das schließlich auf der Ledercouch geendet war.
Es konnte durchaus sein, dass ihre Mutter immer schon von Julias
heimlichen Ausflügen in ihr Arbeitszimmer wusste, aber sie hielten beide die
Fassade aufrecht, dass Julia ihre Grenzen respektieren würde und Merette keinen
Anlass hätte, ihr zu misstrauen – was gerade in Zeiten, in denen ihr Mutter-
Tochter-Verhältnis alles andere als gut war, eine sinnvolle Übereinkunft schien,
die viel unnötigen Streit zu vermeiden half.
Umso mehr irritierte Julia jetzt, worauf Merette mit ihrer Frage hinauswollte.
Sie hätte schwören können, dass es ihr in Wirklichkeit ausschließlich um diese
Aufnahme ging, die sie im Player vergessen hatte. Ohnehin war sie mittlerweile
so weit, ihre Theorie mit dem » Übungs-Gespräch« über Bord zu werfen und
durch einen Fall zu ersetzen, der ihrer Mutter offensichtlich mehr zu schaffen
machte als sonst üblich. Was allein nach den wenigen Sätzen, die sie gestern
gehört hatte, auch nicht weiter verwunderlich war …
Aber wider Erwarten gab sich Merette jetzt mit der Erklärung, dass es nur um
die CD gegangen wäre, zufrieden und schien gewillt, die ganze Sache auf sich
beruhen zu lassen. Allerdings machte sie auch keine Anstalten, das Gespräch zu
beenden, im Gegenteil, sie redete plötzlich drauflos, als würden sie sich in
trautem Einvernehmen gegenübersitzen und alle Zeit der Welt haben.
Julia gab ihren Kommilitonen ein Zeichen, dass sie gleich zurückkomme,
und ging mit dem Handy am Ohr nach draußen.
» Schade, dass ich gestern unterwegs war, als du vorbeigekommen bist, ich
hätte gern einen Kaffee mit dir getrunken« , kam Merettes Stimme aus dem
Handy. » Aber danke für die Rosen, die du mir auf den Küchentisch gestellt
hast. Ich habe mich sehr über den Strauß gefreut, obwohl Frans sich heute
Morgen endlos darüber aufgeregt hat, dass schon wieder irgendjemand Rosen bei
ihnen geklaut hat …«
Sie ließ den Satz offen, als sollte er eine indirekte Frage sein. Julia grinste
nur, ohne eine Antwort zu geben. Frans und Dörte waren die Nachbarn ihrer
Mutter, deren ganzer Stolz das Rankgerüst mit den Kletterrosen in ihrem
Vorgarten war. Allerdings hatte Julia nicht gedacht, dass sie es tatsächlich
merken würden, wenn ein paar Blüten fehlten.
» Und, fühlst du dich immer noch wohl in deiner neuen Wohnung?« , kam
jetzt Merettes nächste Frage.
Irgendetwas stimmte nicht, dachte Julia. Es war nicht Merettes Art, am
Telefon einfach so vor sich hin zu plaudern. Sie holte tief Luft, bevor sie in
einem ähnlich unverfänglichen Ton antwortete: » Ja, die Wohnung ist total cool,
echt. Wenn ich erst mal alles fertig habe, wird es der absolute Traum sein. Ich
werde mir übrigens den Zeichentisch auf das Flachdach vor meinem Fenster
stellen, dann kann ich draußen arbeiten. Das Wetter soll gut bleiben für die
nächsten Wochen. Und man kann fast bis zu den Inseln hinüberblicken von da
oben und bis zu dem Anleger für die Kreuzfahrtschiffe. Du musst unbedingt mal
kommen. Ich habe das Dach für mich ganz alleine, das wird dir gefallen!«
» Apropos alleine, da fällt mir gerade was ein: Du lässt niemanden in die
Wohnung, den du nicht kennst, hörst du?«
» Was soll das? Wieso …«
» Es braucht dich nur irgendjemand zu beobachten und mitzukriegen, dass du
alleine dort wohnst.«
» Und dann? Kommt er in meine Wohnung und … Hör auf, Mama, das ist
Blödsinn.«
» Es gibt so viele Typen, die irgendeine Macke haben.«
» Das weißt du mit Sicherheit besser als ich« , konnte Julia es nicht lassen
anzubringen.
Aber ihre Mutter blieb ganz ernst.
» Eben, deshalb erwähne ich es auch noch mal.«
» Ich bin schon groß, Mama« , sagte Julia jetzt, » hör auf, dir ständig Sorgen
um mich zu machen!«
» Aber du bist auch immer noch meine Tochter. Und glaub mir, ich habe
meine Gründe dafür, wenn ich dich bitte, vorsichtig zu sein.«
Spätestens jetzt schrillten alle Alarmglocken in Julias Kopf.
» He, wenn es irgendetwas gibt, was du mir sagen willst, dann hör bitte auf,
drum rum zu reden. Also, was ist los?«
» Nein, es ist nichts. Es ist nur … so sind Mütter nun eben mal, wenn ihre
Töchter nicht mehr im selben Haus wohnen.«
Julia holte wieder tief Luft. » Ab heute Mittag bin ich nicht mehr alleine« ,
sagte sie dann, obwohl sie eigentlich etwas ganz anderes sagen wollte.
» Erinnerst du dich nicht? Habe ich dir doch gestern schon erzählt. Marie
kommt mich besuchen! Du kannst also ganz beruhigt sein.«
Das passte nicht zu ihr, dachte Julia. Merette hatte ihr offensichtlich gar nicht
zugehört. Aber Julia war sich sicher, dass sie von Maries Anruf erzählt hatte.
Und normalerweise speicherte Merette selbst Belanglosigkeiten mit einer
Zuverlässigkeit ab, die einem fast Angst machen konnte.
» Marie? Ich denke, ihr habt euch so zerstritten, dass da gar nichts mehr
läuft?«
» Jetzt aber doch wieder, hoffe ich jedenfalls.«
Julia wiederholte noch mal kurz, was ihre Mutter eigentlich längst hätte
wissen müssen. Dass ihre ehemals beste Freundin Marie sich nach fast einem
Jahr absoluter Funkstille wieder bei ihr gemeldet hatte. Dass das alte Vertrauen
fast sofort wieder da gewesen war. Dass sie, ohne groß zu überlegen, beschlossen
hatten, einen Neuanfang zu wagen. Dass Marie aus Oslo kommen wollte, um sie
zu besuchen.
» Ich freu mich für dich« , sagte ihre Mutter. » Und ich drück dir die Daumen,
dass ihr wieder zusammenfindet.«
Sie verabredeten sich vage für einen der nächsten Tage, auch Merette wollte
Marie gerne wiedersehen. Dann legten sie auf, und Julia war alleine mit ihren
Gedanken.
Was war los mit ihrer Mutter? Es hatte irgendwas mit ihrer
Bandaufzeichnung zu tun, davon war Julia mittlerweile überzeugt. Aber hatte
Merette ernsthaft Angst, dass da irgendein durchgeknallter Typ … Und warum
sollte er bei Julia auftauchen? Das ergab keinen Sinn. Wer immer der Typ war,
wusste er ja wahrscheinlich noch nicht mal, dass es Julia überhaupt gab.
Es gehörte zu den absoluten Grundsätzen jedes Psychologen, nichts über
seine privaten Verhältnisse preiszugeben. Wenn hier also jemand in Gefahr war,
dann doch wohl eher ihre Mutter selbst! Aber was bedeutete das? Musste sie
sich jetzt Sorgen um Merette machen?
Erst als Julia schon zurück auf dem Weg zu ihren Kommilitonen war, fiel ihr
der Anruf wieder ein, bei dem ihr Display » unbekannter Teilnehmer« gemeldet
hatte. Ärgerlich schob sie den Gedanken beiseite, irgendjemand hatte die falsche
Nummer gewählt, das passierte öfter, mehr war da nicht. Sie würde sich nicht
auch noch verrückt machen lassen, es reichte schon, dass Merette durch den
Wind war.
X. Sechs Stunden vorher
Er war echt sauer auf die Psycho-Schlampe. Sie hatte ihn reingelegt. Und
er hatte reagiert wie eine Marionette, die hilflos an ihren Fäden zappelt und
keinen eigenen Willen hat. Gleichzeitig hatte er eigentlich nur noch brüllen
wollen, was sie sich einbildete, ihn nach Belieben herumzukommandieren!
Und er wusste immer noch nicht, ob sie das überhaupt durfte, einen
Termin einfach so nach vorne zu verlegen, so dass er gar nicht erst die
Chance gehabt hatte, sich vorzubereiten. Aber als er irgendwas davon
gemurmelt hatte, dass ihm das doch merkwürdig vorkäme, war sie ihm
sofort über den Mund gefahren und hatte ihn glatt vor die Wahl gestellt:
Entweder er würde in einer Stunde bei ihr antanzen, oder sie würde den
Fall abgeben. Inzwischen war er überzeugt davon, dass das nichts als
Taktik gewesen war, sie wollte offensichtlich, dass er begriff, wer von ihnen
am längeren Hebel saß. Und er sollte sich klein fühlen, minderwertig,
unterlegen. Es war immer wieder dasselbe. Die verdammte Schlampe
unterschied sich keinen Deut von den anderen Erziehern, Sozialarbeitern,
Psychologen, die angeblich immer nur sein Bestes gewollt hatten.
Erst auf dem Weg in ihre Praxis war ihm der Gedanke gekommen, dass
sie vielleicht nur reagiert hatte. Dass sie mit dem Rücken zur Wand stand
und sich nicht mehr anders zu helfen wusste, als mit dieser bescheuerten
Nummer, von der sie hoffte, ihn damit aus dem Konzept zu bringen. Mit
anderen Worten: Sie war auf ihn reingefallen, er hatte sie längst da, wo er
sie haben wollte – sie hatte Angst vor ihm! Sein kleines Spiel hatte schon
funktioniert, noch bevor es überhaupt richtig angefangen hatte. Und das
Beste dabei war, dass sie nicht die leiseste Ahnung hatte, welche
Trumpfkarten er noch ausspielen würde.
Sie musste die ganze Zeit über, in der sie auf ihn wartete, Kette geraucht
und erst kurz zuvor das Fenster geöffnet haben. Die Luft in ihrem
Arbeitszimmer war immer noch zum Schneiden dick.
Als sie sich in den Sessel ihm gegenüber setzte, dachte er, dass sie
eigentlich verdammt gut aussah. Sie hatte sich für ihn zurechtgemacht, da
war er sich sicher. Der enge Rock und die schwarzen Strümpfe waren
genauso mit Bedacht ausgewählt wie der Kaschmirpullover mit dem
dezenten Ausschnitt und die schlichte Halskette aus Silber. Aber mehr noch
als der Gedanke, ob sie unter dem Rock womöglich Strapse trug, machte
ihn ihre Angst an, die er förmlich riechen konnte. Er musste allerdings
zugeben, dass sie sich dennoch erstaunlich gut unter Kontrolle hatte. Da
war nicht das kleinste Zittern in ihrer Stimme, als sie das Gespräch
eröffnete. Und sie fixierte seine Augen mit einem Blick, der ihn fast wieder
nervös werden ließ.
Er legte den Kopf in den Nacken und tat so, als wäre er immer noch
beleidigt und wüsste nicht, was das Ganze eigentlich sollte.
»Tut mir leid, dass ich vorhin ein wenig barsch zu Ihnen war. Aber es
war mir wichtig, dass wir uns nicht erst in der kommenden Woche wieder
sprechen …«
Er machte eine vage Handbewegung und blieb auf der Hut. Nicht er war
die Marionette.
Sie kam erstaunlich schnell zum Punkt.
»Sie haben mir beim letzten Mal eine Geschichte erzählt, zu der ich noch
einige konkrete Fragen habe.«
Er nickte, als hätte sie ihn um die Erlaubnis gebeten, weitersprechen zu
dürfen.
»Fragen Sie. Ist okay. Nein, warten Sie! Ich muss Ihnen erst noch was
sagen …«
Sie sah ihn irritiert an. Damit hatte sie jedenfalls nicht gerechnet.
Er beugte sich weit über den flachen Tisch, der zwischen ihnen stand,
und blickte ihr mit schräg gelegtem Kopf ins Gesicht.
»Ich habe noch mal nachgedacht. Was ich da neulich von Ihnen wissen
wollte, erinnern Sie sich noch? Ich habe gefragt, ob Sie Kinder haben.
Okay, ich wette, Sie haben eine Tochter! Nein, lassen Sie mich ausreden,
bitte«, sagte er schnell, als sie ihn unterbrechen wollte. »Ich will nur
wissen, ob ich richtig liege. Also, eine Tochter, achtzehn würde ich sagen,
nein, älter, Anfang zwanzig, mindestens! Verstehen Sie mich nicht falsch,
nichts gegen Ihr Aussehen, Sie sehen noch echt gut aus, aber Ihre Tochter
ist garantiert schon vierundzwanzig, fünfundzwanzig? Na los, sagen Sie
schon, habe ich recht oder habe ich recht?«
Es fiel ihm leicht, über seinen eigenen dummen Spruch zu lachen,
während er gleichzeitig mit Genugtuung registrierte, wie sie die Lippen
aufeinanderpresste und sich ihre Kieferknochen vor Anspannung deutlich
unter der Haut abzeichneten. Mit einer schnellen Handbewegung strich sie
sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, bevor sie sich zurücklehnte und
den Blick auf einen Punkt über seinem Kopf richtete. Sie war cool. Aber
nicht cool genug. Ihre Stimme war ein wenig zu hoch, als sie weitersprach.
»Sie sagten, Sie hätten mit vierzehn einen Mord begangen, und es wäre
nicht bei diesem Mord geblieben, sondern …«
Jetzt hatte er sie! Er hatte nicht gedacht, dass es so einfach werden
würde. Er fuhr aus seinem Sessel hoch.
»Was?«, rief er und starrte sie gleichzeitig so fassungslos an, wie er
hoffte, dass es überzeugend genug wäre. »Was reden Sie da? Was … was
soll ich erzählt haben?«
Sie versuchte, ihre Verblüffung mit einem Lächeln zu überspielen.
»Wir wissen beide, was Sie erzählt haben, und Ihnen ist doch klar, dass
ich das nicht einfach so übergehen kann.«
»Ich habe niemanden ermordet! Wie kommen Sie darauf? Wollen Sie mir
hier irgendwas anhängen? Versuchen Sie etwa gerade, mich reinzulegen?«
Seine Empörung klang aufrichtig, fand er. Und er gratulierte sich im
Stillen dazu, dass es ihm bei den letzten Worten sogar gelungen war, einen
fast weinerlichen Tonfall anzuschlagen.
»Was soll das jetzt?«, kam prompt ihre Antwort, schon deutlich
aggressiver. »Sie wissen, dass ich das Gespräch mitgeschnitten habe, mit
Ihrem Einverständnis! Und Sie wissen auch, dass ich an meine
Schweigepflicht gebunden bin. Aber wenn wir irgendwie weiterkommen
wollen, müssen Sie mitarbeiten, anders geht das nicht.«
»Echt, was wird das denn jetzt? Sie haben unser Gespräch heimlich
aufgenommen? Das dürfen Sie doch überhaupt nicht!«
»Nicht heimlich, Sie haben Ihr Einverständnis gegeben.«
»Nie!«
»Aber ich bitte Sie …«
Es war Zeit, auf das nächste Level zu springen. Er setzte das breiteste
Grinsen auf, das er in seinem Repertoire hatte.
»Okay, vergessen Sie’s. Ich wollte nur mal sehen, wie Sie reagieren, klar
weiß ich, dass Sie alles auf Band haben. Aber Sie haben doch nicht im
Ernst geglaubt, dass davon irgendwas stimmt? – Nein, das kann nicht
sein«, setzte er gleich darauf nach, »ich denke, Sie sind ein Profi? Und da
nehmen Sie mir so einen Scheiß ab?«
Es dauerte einen Moment, bis sie antwortete. Sie hatte eindeutig Mühe,
ihre Fassung zu bewahren. »Sie sagen also, dass Sie Ihre Geschichte nur
erfunden haben. Gut. Nehmen wir das mal als gegeben, aber dann würde
mich interessieren …«
»Wieso?« Er schüttelte den Kopf, als könnte er es nicht fassen. »Wieso,
will sie wissen! Na, ist doch logisch, damit wir was zum Reden haben!
Nehmen Sie es einfach als den Versuch, erst mal ein bisschen Nähe
zwischen uns herzustellen. Schließlich kennen wir uns ja noch gar nicht
richtig. Und ich muss doch auch wissen, mit wem ich es zu tun habe. Aber
ich bin ehrlich enttäuscht von Ihnen. Ich glaube, das wird nichts mit uns.
Wissen Sie was? Mir reicht es. Das ist mir alles zu unprofessionell mit
Ihnen …«
Er blickte auf seine Uhr und machte Anstalten aufzustehen.
Sie reagierte mit einer spontanen Bewegung, als wollte sie ihm die Hand
auf den Arm legen, um ihn zum Sitzenbleiben aufzufordern.
Er sprang zurück.
»Nee, Anfassen ist nicht! Ich gehe. Sitzung beendet.«
Er griff nach seiner Jacke und drehte sich zur Tür. Sie stand ebenfalls
auf. Jetzt war sie eindeutig wütend.
»Entschuldigung, aber nicht Sie beenden hier irgendwas, sondern ich
bin es, die Ihnen sagt, wann wir fertig sind.«
»Falsch gedacht, vergiss es!«, brüllte er ihr ins Gesicht, so dass sie
erschrocken zurückwich. »Ich hab genug von dem Geschwätz hier. Und
dann wollten Sie mich auch noch angrabschen! Ich bin gespannt, was die
Leute von der Sozialpsychiatrie dazu sagen, wenn ich das erzähle.«
Und ab, nichts wie raus. Er hörte noch, wie sie die Tür hinter ihm
wieder aufriss und mit sich überschlagender Stimme rief: »Was glauben Sie
eigentlich, was das hier ist? Das können Sie mit mir nicht machen! Ich bin
nicht bereit, mir das bieten zu lassen …«
Dann war er die Treppe runter und auf der Straße. Vor dem
Nachbarhaus schnitt ein älteres Ehepaar die verwelkten Blüten von den
Rosen. Irritiert blickten sie hinter ihm her, als er eine leere Coladose über
den Fußweg kickte, so dass sie scheppernd im Rinnstein liegenblieb.
»Fickt euch!«, schleuderte er den beiden Alten entgegen.
Dann kam der Lachanfall. Für einen Moment musste er sich an einem
Zaunpfosten festhalten, bis er wieder bei Atem war. Er hatte die Psycho-
Schlampe voll erwischt! Damit hatte sie nicht gerechnet. Klarer Sieg nach
Punkten, dachte er.
Er hätte nur zu gern gewusst, was sie jetzt gerade machte. Für einen
Moment stellte er sich vor, er hätte Sex mit ihr gehabt. Und wäre dann
mittendrin aufgestanden und gegangen, kurz bevor sie gekommen war. So
ähnlich musste sie sich jetzt fühlen. Er merkte, wie sein Schwanz steif
wurde.
Unvermittelt schoss ihm die Erinnerung daran durch den Kopf, wie er
gestern bei seinem Kumpel gewesen war – und der Kumpel war halbnackt
gewesen und hatte einen Kerl zu Besuch gehabt! Er fand die Vorstellung,
was die beiden wohl miteinander getrieben hatten, einfach nur widerlich.
Und mit seinem Kumpel wollte er nach dieser Geschichte in Zukunft so
wenig wie möglich zu tun haben. Nur diese eine Sache noch, für die er
seine Hilfe brauchte, und dann war es das. Er war echt von ihm
enttäuscht. Er hatte immer gedacht, dass der Kumpel ganz normal war.
Zumindest was Frauen anging. Aber offensichtlich hatte er sich geirrt.
Er war jetzt am Theater und nahm den kürzesten Weg zurück zur
Nygårdsgate. Durch die dreiste Terminverlegung und das Gespräch mit der
Psycho-Schlampe war sein Zeitplan durcheinandergeraten. Aber so, wie das
Ganze gelaufen war, konnte er trotzdem mehr als zufrieden sein.
Zehn Minuten später stand er in seiner Küche und schlürfte den Rest
Kaffee, den er sich am Morgen gekocht hatte.
Irritiert beobachtete er den Penner mit der Stirnglatze, der draußen vor
dem Fenster durch den Hof latschte. Wie üblich im Anzug und mit einer
Laptop-Tasche über der Schulter. Mittags um kurz vor eins! Er wartete, bis
der Typ im Durchgang zur Straße verschwunden war. Kurz darauf hörte er
wieder den Elektrobeat durch das geschlossene Fenster wummern. Er hatte
der Glatze also neulich unrecht getan, und die Musik kam aus einer
anderen Wohnung. Aber das änderte nichts daran, dass mit dem Penner
irgendwas nicht stimmte.
Er kippte den Rest Kaffee über das schmutzige Geschirr, das sich in der
Spüle stapelte. Eine fette schwarze Fliege brummte torkelnd hoch und setzte
sich auf die verschmierten Küchenfliesen. Ohne lange zu überlegen, schlug
er zu. Die Fliege war zu langsam, er spürte, wie der Körper unter seiner
Hand zerquetscht wurde. Aus dem aufgeplatzten Hinterteil quoll eine
gelbweiße Flüssigkeit.
Angewidert drehte er den Wasserhahn auf, bis seine Handfläche wieder
sauber war und er sie an der Jogginghose trocken wischte. Als er aus der
Küche in den engen Flur kam, dachte er, dass er auch die Müllsäcke
irgendwann entsorgen müsste, bevor der Stapel noch höher wurde. Aber
nicht heute. Heute hatte er keine Zeit für Nebensächlichkeiten.
Er sah auf die Uhr. Gestern war sie erst gegen drei nach Hause
gekommen. Er wollte jedoch nichts riskieren, es konnte bestimmt nicht
schaden, wenn er schon eher da war. Lieber wartete er, als dass er seinen
Plan gefährdete. Er warf einen Blick in den Spiegel. Der Jogginganzug war
okay, alle trugen solche Dinger mit irgendwelchen Aufdrucken von
amerikanischen Universitäten, die es wahrscheinlich gar nicht gab. Das
passte jedenfalls zu dem netten jungen Mann aus dem Erdgeschoss, der
immer freundlich grüßte, wenn man ihn im Treppenhaus traf. Und die
Kapuze würde ihm noch gute Dienste leisten!
Er zog die alten Turnschuhe an, deren Sohlen auf den Holzstufen kein
Geräusch machen würden. Dann griff er nach der Plastiktüte, die er schon
bereitgestellt hatte.
»GHB« hieß das Zeug, das ihm ein Krankenpfleger aus der Uni-Klinik,
der ihm noch einen Gefallen schuldete, am Abend zuvor besorgt hatte.
Gammahydroxybuttersäure, in der Clubszene auch »Liquid Ecstasy«
genannt, im Krankenhaus in der Anästhesie früher als Narkosemittel
eingesetzt, jetzt hauptsächlich als Hilfsmedikament beim Alkoholentzug.
Sollte angeblich Symptome wie Ängstlichkeit verringern, hatte der Typ ihm
erklärt, wirkte muskelentspannend und führte beim Einatmen zu sofortiger
Bewusstlosigkeit. Das Beste daran aber war, dass der Betäubte nach etwa
drei Stunden abrupt wieder aufwachte, ohne sich an irgendetwas erinnern
zu können. Oder die Betäubte, dachte er. Auf jeden Fall war es genau das
Richtige für sein Vorhaben.
Er überprüfte noch mal, ob die Fenster geschlossen waren, und nahm
den Autoschlüssel vom Haken. Auch den Lieferwagen hatte er sich schon
gestern von seinem Kumpel geliehen. Er hatte ihn angerufen, nachdem er
die ganze Aktion fertig geplant hatte. Dass er den Kumpel dann mit diesem
Kerl erwischt hatte, wäre allerdings nicht nötig gewesen. Wenn er
irgendwas in der Richtung geahnt hätte, hätte er sich vielleicht irgendein
anderes Auto besorgt. Wobei der Lieferwagen eindeutig die bessere Lösung
war.
Aber wenn alles lief wie geplant, würde er den Ford Transit heute Abend
noch zurückbringen, danach brauchte er ihn nicht mehr. Genauso wenig
wie den Kumpel mit seinen perversen Sexspielchen.
Als er auf die Straße trat, schien die Hitze wie eine Wand zwischen den
Häusern zu stehen. Der Himmel war wolkenlos und von einem milchigen
Blau. Vielleicht gab es heute noch ein Gewitter, dachte er. Das würde
passen.
Er hoffte nur, dass er einen Parkplatz möglichst dicht am Haus finden
würde. Aber um diese Uhrzeit war nicht viel Betrieb auf der Magnus
Barfots Gate, das hatte er gestern bereits zufrieden registriert.
JULIA. Drei Stunden vorher
Als sie die Treppe hochgehetzt kam, freute sie sich darauf, gleich mit Marie auf
dem Dach zu sitzen und den Rest des Nachmittags einfach nur mir ihr zu reden.
Sie hatten sich so viel zu erzählen, und solange sie nur die blöde Geschichte mit
Carlos dabei aussparen würden, sollte es ihnen wohl gelingen, ihre Freundschaft
wieder zum Leben zu erwecken.
Und für den Fall, dass sie irgendwann dann doch noch auf Carlos und den
letzten Sommer zu sprechen kämen, konnten sie vielleicht inzwischen beide
darüber lachen, wie bescheuert sie sich eigentlich benommen hatten. Julia wollte
sich da in keiner Weise ausnehmen von irgendeiner Schuld! Obwohl sie immer
noch fand, dass Marie zumindest für den Anfang vom Ende verantwortlich war.
Immerhin war sie es gewesen, die ihre gemeinsamen Ferien hatte platzen lassen!
Und Julia wagte nach wie vor zu bezweifeln, dass irgendjemand anders damit
cooler umgegangen wäre als sie selbst. Schließlich war es Marie gewesen, die
eine ganze Nacht lang verschwunden war, ohne Julia etwas zu sagen. Und auch
am nächsten Morgen war sie nur erschienen, um Julia mitzuteilen, dass sie ihr
gemeinsames Zelt ab sofort für sich alleine haben konnte. » Er heißt Carlos« ,
hatte sie Julia informiert. » Und er hat mich eingeladen, bei ihm zu wohnen. Er
ist hier mit Freunden in einem Haus mit Pool und allem, aber ich kann dich da
nicht mitnehmen, so viel Platz ist nun auch wieder nicht. Und wäre vielleicht
auch gar nicht so gut, weil ich ihn ja auch gerade erst kennengelernt habe. Das
verstehst du doch, oder?«
Nein, das verstand Julia nicht. Und sie packte noch am selben Tag ihre
Sachen und stieg in den erstbesten Expressbus. Egal wohin, nur möglichst weit
weg von Marie. Ohne sich von ihr zu verabschieden und auch ohne Carlos
jemals zu Gesicht bekommen zu haben. Und falls das überreagiert gewesen sein
sollte, konnte sie zu ihrer Verteidigung immerhin anführen, dass gerade die
Kinder von Psychologen zu Verhaltensweisen neigten, die vielleicht ein
bisschen extremer waren als bei den meisten anderen.
Mittlerweile aber hatte Marie ihr erzählt, dass ihre Geschichte mit Carlos
dann ein ziemlicher Flop geworden war, fast schon so was wie ein GAU, der
größte anzunehmende Unfall schlechthin. Ihre Worte, nicht Julias.
Als Marie sie gestern noch mal angerufen hatte, um zu sagen, wann ihr Zug
kommen würde, war klar, dass Julia es kaum schaffen konnte, sie rechtzeitig
vom Bahnhof abzuholen. Ihr Kunstprojekt in der Uni war in der Endphase, und
sie konnte es sich nicht leisten, einfach eher zu gehen. Das Projekt war ihr
wichtig und machte bei allem Stress auch Spaß.
Marie schien das auch verstanden zu haben, und auf die ein oder zwei
Stunden, die sie dann nicht zusammen hätten, kam es nicht wirklich an,
immerhin wollte sie ja übers ganze Wochenende bleiben. Jedenfalls hatte Julia
ihr noch schnell beschrieben, wo sie den Zweitschlüssel für die Wohnung
verstecken würde, und versprochen, sie nicht allzu lange warten zu lassen. Ihr
Plan stand: nachmittags quatschen und Kaffee trinken, dann vielleicht zusammen
kochen und ein oder zwei Glas gut gekühlten Wein trinken, dann ein paar Leute
von früher anrufen und runter zur Bryggen laufen, in den neu eröffneten Pub mit
dem Biergarten im Hinterhof, der hoffentlich nicht von Touristen überlaufen sein
würde. Aber selbst wenn, es war schließlich ihre Stadt, und es gab immer
irgendwelche Möglichkeiten, die Touristen so zu verschrecken, dass sie
schleunigst das Weite suchten – und sogar noch froh waren, mit heiler Haut
davongekommen zu sein. Julia brauchte sich nur an das letzte Mal zu erinnern,
als Hendrik sturzbetrunken und in seinem bescheuerten T-Shirt mit der
Aufschrift WE ARE VIKINGS, WE KILL THE WHALES den ganzen Laden
aufgemischt hatte.
Jedenfalls war Julia blendender Laune. Das Wetter war immer noch traumhaft,
die Arbeit mit den Kommilitonen an ihrem Projekt ging gut voran, auf dem
Weg von der Uni nach Hause hatte sie im Vinmonopol noch zwei Flaschen
Chablis gekauft, die sie bis zu ihrem Essen in den Kühlschrank legen würde.
Sie suchte gar nicht erst nach dem Schlüssel in ihrer Tasche, sondern
klingelte einfach Sturm. Und noch während sie darauf wartete, dass Marie ihr
öffnete, sah sie sich beide bereits in der Sonne auf dem Teerdach sitzen. So wie
sie früher als Kinder immer auf das Dach des Hafenschuppens geklettert waren,
verbotenerweise natürlich, was aber den Reiz nur umso größer machte, wenn sie
dann da oben hockten und ihnen die ganze Welt zu gehören schien.
Vielleicht könnten sie ja den Kaffee auch weglassen, dachte Julia noch, und
gleich mit dem Wein anfangen. Es hatte durchaus seine Vorteile, endlich wieder
alleine zu wohnen!
Aber wieso kam Marie jetzt nicht zur Tür? Julia klingelte noch mal.
Vielleicht war Marie auch nach der langen Bahnfahrt als Erstes unter die Dusche
gegangen …
Julia fischte also doch ihren Schlüssel aus der Tasche. Und sie war so
überzeugt davon, Marie im Badezimmer zu finden, dass sie dann einen Moment
ratlos auf die leere Dusche starrte, bevor sie den Rest der Wohnung nach ihr
absuchte.
» Marie?« , rief sie mehrmals. » Bist du schon da?«
Auf dem Küchentisch stand noch ihre Müslischüssel vom Frühstück, aber
nirgends gab es irgendeine Spur von Marie. Das Fenster in ihrem Zimmer zum
Dach hinaus stand sperrangelweit offen, Julia war sich nicht sicher, ob sie
einfach vergessen hatte, es zu schließen. Möglich war es, sie war morgens nicht
unbedingt das, was man normalerweise als » fit« bezeichnete.
Sie ging noch einmal durch die Wohnung, sie stieg sogar auf das Dach
hinaus, aber es gab auch nicht das kleinste Anzeichen, dass Marie überhaupt da
gewesen war. Selbst wenn sie schnell noch mal weggegangen war, um bei dem
schönen Wetter vielleicht eine kleine Erinnerungstour durch ihre alte
Heimatstadt einzuschieben, hätte doch wenigstens ihre Reisetasche irgendwo
stehen müssen.
Sie nahm ihr Handy und rief Maries Nummer auf. Aber es meldete sich
niemand.
Fast im selben Moment entstand die leise Ahnung in ihrem Kopf, dass es
vergeblich war, auf Marie zu warten. Sie würde nicht kommen. Je mehr Julia
darüber nachdachte, umso klarer wurde das Ganze. Marie war beleidigt, weil
Julia sie versetzt hatte. Nicht wirklich versetzt, schon klar, Julia hatte sie ja
vorgewarnt, dass sie es wahrscheinlich nicht schaffen würde, sie abzuholen. Aber
genau das war es. Für Marie musste das den Eindruck erweckt haben, dass Julia
die Uni wichtiger war, als ihre Freundschaft zu retten. Das passte zu ihr! Jeder
andere hätte da keine große Sache draus gemacht, aber Marie war immer schon
eine kleine Drama-Queen gewesen, und dementsprechend bezog sie wieder mal
alles nur auf sich, so nach dem Motto: Wenn Julia noch nicht mal zwei Stunden
Uni für mich sausen lassen will, kann es ihr auch nicht besonders ernst mit uns
sein. Dann lassen wir es eben, ich bin fast ein Jahr lang ohne sie klargekommen,
ich brauche sie nicht, wenn sie so wenig Interesse hat, geht es auch ohne sie.
Wahrscheinlich war sie gar nicht erst losgefahren, sondern saß beleidigt
immer noch in Oslo und fand, dass Julia es nicht anders verdient hatte. Und
Julia würde sie anrufen können, sooft sie wollte, und hätte bestenfalls
irgendwann die Mailbox dran.
Aber Julia konnte auch beleidigt sein! Dann eben nicht, liebe Marie, dachte
sie. Sie schob die eine Flasche in den Kühlschrank und suchte nach dem
Korkenzieher, um die andere zu öffnen. Dann würde sie sich eben alleine
betrinken, auch wenn es nicht das war, was sie vorgehabt hatte. Aber manchmal
musste man auch umdisponieren können. Und Julia war fest gewillt, sich den
Tag nicht von einer zickigen Exfreundin versauen zu lassen.
Nach dem ersten Glas fiel ihr dann allerdings wieder der Zweitschlüssel ein,
den sie für Marie draußen im Hof versteckt hatte, falls die Haustür abgeschlossen
sein sollte.
» Geh rechts ums Haus rum« , hatte sie zu Marie gesagt. » Da gibt es so eine
Art überdachten Sitzplatz, den die Leute aus der Parterrewohnung manchmal
zum Grillen benutzen. Ich schiebe den Schlüssel einfach unter die Regentonne,
die da an der Hauswand steht.«
Der Boden im Hof war gepflastert, zwischen den Steinen gab es überall
irgendwelche Ritzen und Vertiefungen, das Versteck unter der Regentonne
erschien ihr naheliegend. An der Tonne, die bis obenhin mit Wasser gefüllt war,
würde sich so schnell niemand zu schaffen machen.
Aber als sie jetzt in den Hof kam, hörte sie laute Stimmen und den Lärm von
Hammerschlägen und splitterndem Holz. Gleichzeitig fiel ihr wieder ein, dass
vorhin irgendein Laster in der Durchfahrt zum Hof geparkt hatte. Sie hatte sich
noch darüber geärgert, dass der Motor lief, obwohl niemand zu sehen war.
Jetzt stand der Laster rückwärts neben dem Anbau, auf dem Julia ganz oben
ihre heimliche Dachterrasse hatte. Und neben dem unten eigentlich der
überdachte Sitzplatz hätte sein sollen. Nur war da kein Sitzplatz mehr! Die
Balken und Bretter lagen bereits gesplittert und zerschlagen auf der Ladefläche
des Lasters, genauso wie die Stühle und die alte Hollywoodschaukel. Auch die
Regentonne konnte sie in dem Sperrmüllhaufen ausmachen.
Ein langhaariger Typ mit einer Spitzhacke fing eben an, die Pflastersteine aus
dem Boden zu brechen, die sein Kumpel dann einen nach dem anderen auf den
Laster warf.
Julia machte einen langen Schritt über die Wasserpfütze aus der Regentonne
und starrte auf die aufgewühlte Erde vor sich.
» Ist was?« , knurrte der Typ mit der Spitzhacke zwischen zwei weit
ausholenden Schlägen, ohne auch nur hochzusehen.
Sein Kumpel dagegen musterte sie interessiert und grinste anzüglich, als sein
Blick über ihren Ausschnitt streifte. Seine rechte Augenbraue war gepierct, und
am Hals hatte er eine Tätowierung, irgendein verschlungenes Muster, auch seine
Arme waren tätowiert. Der Schweiß lief ihm in Strömen über das Gesicht, sein
T-Shirt hatte dunkle Flecken unter den Armen und auf der Brust.
» Was … macht ihr hier?« , stammelte Julia.
» Kommt überall Rasen hin hier.«
» Schon klar. Es ist nur …«
» Ja?«
» Ihr habt nicht zufällig gerade einen Schlüssel gefunden? Ich glaube, ich hab
meinen hier irgendwo verloren.«
» Was für einen Schlüssel?«
» Na ja, einen Schlüssel eben.« Irgendwie wollte sie vermeiden, ihnen zu
erzählen, dass es um ihren Wohnungsschlüssel ging.
» Ist weg, was?« Der Langhaarige stützte sich schwer atmend auf seine
Spitzhacke. » Blöd so was. Hab auch schon mal einen Schlüssel verloren. Hab
sogar das Schloss von der Wohnung austauschen lassen, weißt du ja nie, wer
den Schlüssel vielleicht findet …«
Er brachte den Satz nicht zu Ende, sondern zuckte nur mit den Schultern und
nahm die Arbeit mit der Hacke wieder auf. Sein Kumpel machte eine vage Geste
und bückte sich wieder zu den losen Steinen vor seinen Füßen.
Als Julia die Treppen wieder nach oben stieg, ärgerte sie sich, dass sie nicht
auf die Ladefläche des Lasters geklettert war, um nach dem Schlüssel zu suchen.
Aber sie wollte auch nicht noch mal umdrehen und sich endgültig lächerlich
machen. Allerdings schmeckte ihr die Vorstellung gar nicht, dass vielleicht
tatsächlich einer von den beiden Gärtnern ihren Schlüssel eingesteckt hatte und
jetzt auch noch wusste, zu wem er gehörte.
ZWEITES BUCH
» You are hoping that there must be an answer«
(Dance with a Stranger)
JULIA
Der Wein, den sie alleine in der Hitze auf ihrem Dach getrunken hatte, hatte ihr
nicht besonders gutgetan. Vielleicht hätte sie es auch nach dem ersten Glas und
dem schnell einsetzenden Schwindelgefühl einfach gut sein lassen sollen. Aber
sie war wütend, sie hatte sich so auf Maries Besuch gefreut und kam sich im
Stich gelassen vor. Tatsächlich hatte sie auch gehofft, Marie von der
bescheuerten Aufnahme erzählen zu können, die sie bei ihrer Mutter gehört hatte
und die ihr nicht mehr aus dem Kopf ging.
Irgendwann hatte Julia mehr als die halbe Flasche geleert und war so fertig,
dass sie nur noch ins Bett torkeln konnte.
Als sie wieder zu sich kam, dachte sie im ersten Moment, es wäre schon der
nächste Tag. Bis ihr auffiel, dass sie mitten in einem Sonnenstrahl lag. Ein
Blick auf ihren geliebten Kinderwecker mit der Donald-Duck-Figur sagte ihr,
dass es kurz vor neun war, und zwar immer noch abends, ihr Zimmer hatte
keine Morgensonne!
Sie checkte kurz ihr Handy, ob sich Marie inzwischen gemeldet hatte. Hatte
sie nicht. Julia versuchte noch einmal, sie anzurufen, und diesmal wurde das
Gespräch angenommen, allerdings ohne dass Marie sich mit Namen gemeldet
hätte.
» Marie?« , rief Julia. » Bist du dran? Ich bin’s, Julia, hör mal, ich finde das
nicht besonders witzig! Bist du echt beleidigt, weil ich …«
Sie brach mitten im Satz ab, sie hatte plötzlich das Gefühl, dass etwas nicht
stimmte.
» Marie?« , fragte sie noch mal nach. » Kannst du vielleicht wenigstens
irgendwas sagen?«
Fast gleichzeitig hörte sie das Knacken, mit dem das Gespräch beendet
wurde.
» Du spinnst doch echt!« , rief Julia laut in die leere Wohnung hinein und
drückte die Taste für die Wahlwiederholung. Als sich nach dem zweiten
Klingeln die Mailbox einschaltete, tippte Julia sich empört an die Stirn.
Langsam reichte es, dachte sie. Und: Was glaubte Marie eigentlich, wer sie
wäre, dass sie so mit Julia umspringen könnte?
Sie warf noch einmal einen Blick auf die eingegangenen Anrufe, die sie
womöglich verpasst hatte. Ihre Mutter hatte sich noch nicht wieder gemeldet.
Dafür gab es eine Nachricht von Erik, einem Kommilitonen aus ihrem Uni-
Projekt. Ob sie heute Abend in die » Garage« , einen kleinen Club in der
Christiesgate, kommen würde, um elf sollte irgendeine Band spielen, die sie
sich unbedingt mit ihm zusammen anhören müsste.
Erik nervte sie schon seit einiger Zeit damit, dass er immer wieder versuchte,
sich mit ihr zu verabreden. Und jedes Mal brachte er irgendein anderes
Argument an, das sie überzeugen sollte – wie jetzt diese Band, von der sie noch
nie gehört hatte. Aber um fair zu bleiben, musste Julia zugeben, dass es auch
nichts geändert hätte, wenn er einfach damit rausgerückt wäre, dass er nichts
weiter wollte, als sie abzuschleppen. Nur dass sie sich nie im Leben von einem
Typen abschleppen lassen würde, der immer aussah, als wäre » Sonne« ein
Fremdwort für ihn und als würde er lieber in irgendeinem Kellerloch mit ein
paar anderen Halbtoten satanische Messen abhalten. Von den Brusthaaren, die
ihm oben aus dem grundsätzlich schwarzen T-Shirt wucherten, mal ganz zu
schweigen. Außerdem studierte er im Nebenfach Philosophie, und es reichte
Julia schon völlig, dass er bei ihrem gemeinsamen Projekt keine Gelegenheit
ungenutzt ließ, um irgendwelche existentialistischen Theorien anzubringen.
Kurz: Sie hatte Erik schon länger von ihrer persönlichen Hitliste möglicher
Liebhaber gestrichen und im Hinterkopf unter » no way« abgespeichert.
Allerdings fand sie den Gedanken, den Rest des Abends alleine zu verbringen,
wenig überzeugend, sie hatte irgendwie Lust, ihr kleines Besäufnis vom
Nachmittag zu einem gelungenen Abschluss zu bringen – am besten mit vielen
Gleichgesinnten und bei ohrenbetäubender Live-Musik, und dafür war die
Garage erste Wahl. Zumindest würde sie dort jedes Risiko vermeiden, sich mit
Erik unterhalten zu müssen, und vielleicht würde sie ja sogar die Energie
aufbringen, ihm im Gewühl auf der Tanzfläche endlich zu stecken, dass es
sinnlos war, sie weiter anzubaggern.
» Sinnlos« , kicherte sie vor sich hin und dachte, dass das genau die richtige
Wortwahl für den selbsternannten Existentialisten sein sollte.
Julia entschied sich nach längerem Hin und Her für ihren Lieblingsmini und
das enge Top und gestand sich schließlich noch eine weitere Viertelstunde zu,
um sich eine kleine Pizza in der Mikrowelle warm zu machen. Wenn sie den
Verlauf der vor ihr liegenden Nacht richtig einschätzte, konnte es nicht schaden,
eine ordentliche Mahlzeit im Bauch zu haben.
Dann putzte sie sich noch mal die Zähne, überprüfte Lippenstift, Lidschatten
und Wimperntusche und war so weit, dass sie der Welt da draußen
zuversichtlich ins Auge blicken konnte.
Mit den vielen Tischen und Stühlen und dem Gedränge in der
Fußgängerzone, die zum Torget hinunterführte, konnte man sich tatsächlich
fühlen wie in einem Ferienort irgendwo weit weg im Süden. Es war
Freitagabend, keiner musste am nächsten Morgen früh raus, und jeder in dieser
Stadt wusste nur zu gut, dass irgendein nordatlantisches Tief schon darauf
lauerte, die Straßen und Plätze wieder in stumpfem Grau erstarren zu lassen.
Also galt es, die paar Sommerstunden, die ihnen blieben, in vollen Zügen zu
genießen – und genau das hatte Julia auch vor.
Auf dem Fischmarkt kamen dann wie üblich auch noch die Kreuzfahrt-
Touristen dazu, die mit Reisebussen von den Liegeplätzen der Schiffe angekarrt
worden waren, um über Bergens » Bryggen« herzufallen. Die Touristen hatten
sich in den letzten Jahren zu einem echten Problem für die Einwohner der Stadt
entwickelt. Wenn man auch gutes Geld mit ihnen verdiente, waren sich doch
alle einig, dass ihre Anzahl allein längst jenseits jeder Toleranzgrenze lag. Aber
ganz sicher gab es keinen Straßenmusiker, der nicht gegen bare Münze gerne mit
irgendwelchen Deutschen, Holländern oder Italienern für ein Erinnerungsfoto
posierte, und der Typ, der als lebende Trollpuppe auf einer Fischkiste seine
Nummer abzog, verdiente wahrscheinlich alleine an diesem Wochenende so
viel, dass er damit gut über den Winter kommen würde – immer vorausgesetzt,
er würde wie ein echter Troll von Würmern und Wurzeln leben.

Als der Troll plötzlich leise ihren Namen rief, zuckte Julia erschrocken
zusammen. Sie brauchte einen Moment, bis sie ihn einordnen konnte. Er war
ein alter Schulfreund von Hendrik, der in der Uni-Klinik als Krankenpfleger
arbeitete und von dem Hendrik aus verlässlicher Quelle wusste, dass er im
größeren Stil mit Gras dealte und angeblich mehr oder weniger die gesamte
Belegschaft an Assistenzärzten zu seinem Kundenkreis gehören sollte, außerdem
auch ein Großteil der Patienten, die zur Entgiftung in der Sozialpsychiatrie
gelandet waren. Dass er in seiner Freizeit als Kleinkünstler auftrat, war Julia
neu, aber es interessierte sie auch nicht weiter. Sie stand weder auf lebende
Trollpuppen noch auf Hilfsdealer. Allerdings machte es sie stutzig, dass er ihren
Namen kannte!
Julia nickte ihm kurz zu und schob sich weiter durch das Gedränge. An der
Hafenmauer blieb sie einen Moment stehen, um zwei alte Männer in schwarzen
Anzügen und mit weißem Hemd und Krawatte zu beobachten. Der eine hatte
eine gut gefüllte Plastiktüte bei sich, aus der er frische Krebsscheren zu Tage
förderte, die der andere auf dem rissigen Beton der Mauer mit einem Hammer
fachgerecht aufknackte, bevor sie sich dann mit fettigen Fingern das Krebsfleisch
in die zahnlosen Münder stopften. Julia erinnerte sich, die beiden schon öfter
gesehen zu haben, wenn sie auf dem Fischmarkt gewesen war. Sie wunderte
sich, was sie um diese Uhrzeit hier immer noch machten, bis sie kapierte, dass
auch sie sich gegen Geld mit irgendwelchen Touristen fotografieren ließen –
zwei » Originale« , die ihre Kundschaft je nach Herkunftsland mit solchen Sätzen
beglückten wie » God save the Queen und Prince Charly« oder » Deutschland is
gutt, viel Bier« . Wahlweise auch: » Ah France! Les femmes, oh lala!« Als sie
für eine Gruppe von Japanern die norwegische Nationalhymne anstimmten, bog
Julia in eine der Gassen hinter Bryggen ab, fünf Minuten später war sie in der
Garage.
Der Club war kaum zur Hälfte gefüllt, aber wenigstens gab es definitiv keine
Touristen. Allerdings konnte Julia auch sonst kein Gesicht entdecken, das sie
kannte. Als die Band wieder auf die Bühne kam, wurde klar, weshalb.
Die Band war eine Cowboyband aus Narvik, die ihr Programm daraus
gestaltete, dass sie alles, was jemals als Hit übers Radio gelaufen war, als
Countrysong interpretierte. Das Ergebnis war irgendwie furchteinflößend – sie
schreckten noch nicht mal davor zurück, John Lennon für ihre Zwecke zu
missbrauchen, und » Imagine« als Square-Dance-Nummer mit jaulender Geige
ließ Julia schnellstens auf den Tresen zusteuern und wahllos den erstbesten
Cocktail hinunterstürzen, den die Bar im Angebot hatte.
Ganz offensichtlich aber gab es in ihrer Heimatstadt doch so was wie einen
Hardcore-Fanclub für schlechte Musik, dessen Mitglieder nach jedem Song
begeistert johlten und pfiffen. Und irgendwann identifizierte Julia auch den
einsam auf der Tanzfläche vor sich hin zuckenden Typen im schwarzen
Sheriffkostüm als ihren Kommilitonen Erik. Als die Band immerhin folgerichtig
» I shot the sheriff« anstimmte, wünschte sie sich für einen Moment nichts
sehnlicher als einen sechsschüssigen Colt, um dem Elend vor sich ein Ende zu
bereiten. Eine Kugel für Erik, vier für die Band und die letzte für sich selbst. Ihr
war klar, dass sie schnellstens aus dem Club verschwinden musste.
Aber genau da schob der Barkeeper ihr einen neuen Cocktail hin. Auf ihren
fragenden Blick nickte er zum anderen Ende der Theke hinüber, von wo sich
prompt ein Cowboy löste, um dann grinsend auf sie zugestiefelt zu kommen
und sich auf den Barhocker neben ihr zu schieben.
Als Julia die gepiercte Augenbraue und das Tattoo an seinem Hals sah,
wusste sie, wem sie ihren neuen Drink zu verdanken hatte – auch wenn er jetzt
statt des verschwitzten T-Shirts ein rotseiden schimmerndes Cowboyhemd und
diesen lächerlichen Hut trug. Die Art, wie sein Blick gleich darauf wieder über
ihr Dekolleté wanderte, ließ keinen Zweifel zu. Der Cowboy war ohne Frage der
eine der beiden Gärtner vom Nachmittag.
» Und?« , brüllte er ihr über die Musik hinweg zu. » Schlüssel gefunden?«
Julia tat seine Frage mit einer vagen Schulterbewegung ab.
Er schob sich den Hut aus der Stirn. » Ich bin’s« , erklärte er unnötigerweise.
» Du weißt schon, heute, bei dir am Haus, der Gärtner! Ich heiße übrigens
Peer.« Er streckte ihr die Hand hin. » Und du?«
Julia gab keine Antwort, sondern tat so, als hätte sie seine Frage nicht gehört.
Er ließ trotzdem nicht locker.
» Julia, richtig? Hab ich auf dem Klingelschild gesehen. Wollte wissen, wie
du heißt. Ganz oben in der Dachwohnung, stimmt doch, oder? Hätte ich nicht
gedacht, dich hier zu treffen. Siehst eigentlich nicht so aus, als ob du auf
Country stehen würdest.«
» Tu ich auch nicht« , quetschte Julia mit zusammengepressten Lippen hervor.
» Ich muss jetzt auch los. Danke für den Drink.« Sie stand auf.
» Aber wieso? Du bist doch gerade erst gekommen …«
Julia zuckte wieder mit den Schultern und schenkte Peer ein kurzes Lächeln,
von dem sie hoffte, dass es als Erklärung reichen würde.
» He, warte mal …«
» Ich bin noch verabredet, sorry.«
Sie war schon halb über die Tanzfläche, als sie merkte, dass der Gärtner hinter
ihr herkam.
» Muss sowieso mal an die Luft. Kann ich dich auch da hinbringen, wo du
hinwillst. Ist sicherer. Ich meine, so als Frau alleine kommt nicht so gut mitten
in der Nacht. Viel schräges Volk unterwegs und so. Brauchst du nur den
falschen Typen zu treffen.«
Julia schaffte es, ohne Antwort bis zum Ausgang zu kommen. Als sie an dem
Türsteher vorbei waren, griff der Gärtner nach ihrem Arm.
» He, redest du grundsätzlich nicht, oder was?«
Sie wischte seine Hand von ihrem Arm und sagte absichtlich laut: » Kapierst
du es nicht? Lass mich einfach in Ruhe, ja? Ich kann auf mich selber
aufpassen.«
Der Türsteher grinste. Wahrscheinlich dachte er, sie wären nur irgendein
Liebespaar, das Streit miteinander hatte.
» He, jetzt hab dich doch nicht so!« , machte Peer weiter. » Wenigstens einen
Kuss noch, ja? Zum Abschied, okay? Ich hab dir schließlich auch den Drink
bezahlt, da kannst du mich hier nicht einfach so stehen lassen, als wäre ich nur
irgendein Penner, der dich blöd anmacht …« Er versuchte, sie zu umarmen.
Julia hatte keine Ahnung, wo der andere Typ plötzlich herkam. Vielleicht
hatte er schon die ganze Zeit auf der Straße gestanden und sie beobachtet, als sie
aus dem Club kamen. Jedenfalls war er plötzlich da und schob sich zwischen
den Gärtner und sie.
» Scheint aber, als wollte dir meine kleine Schwester keinen Abschiedskuss
geben« , sagte er nicht einmal besonders laut, aber doch so, dass der Gärtner
irritiert zur Seite wich.
» Wie jetzt, deine Schwester? Wer bist du überhaupt? Willst du Streit, oder
was?«
» Das liegt an dir« , sagte der Typ ganz ruhig, während er demonstrativ seine
Hand in die Tasche seiner Lederjacke schob, als wollte er nach irgendeiner Waffe
greifen. » Du kannst jetzt einfach den Abflug machen oder …«
Er ließ den Satz unvollendet in der Luft hängen, aber die Drohung war klar.
Der Gärtner nuschelte noch irgendwas vor sich hin, bevor er sich umdrehte
und wieder im Club verschwand.
Der Türsteher grinste immer noch.
Julias Retter legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie mit sich. Das
Problem war nur, dass sie ihn noch nie vorher gesehen hatte. Und sie hatte auch
keinen Bruder.
MERETTE
Ihr war klar, dass sie sich alles andere als professionell verhalten hatte. Sie hätte
sich im Nachhinein selber dafür ohrfeigen können, dass sie sich derartig hatte
provozieren lassen und schließlich regelrecht ausgeflippt war. Und sie war sich
mittlerweile sicher, dass ihr Patient genau gewusst hatte, wie er ihr den Boden
unter den Füßen wegziehen konnte. Es war gar nicht das Leugnen seiner früheren
Aussagen gewesen – das passte nur zu gut zu dem typischen Verhalten des
Soziopathen –, sondern die unerwartete Dreistigkeit, mit der er von da an den
Ablauf bestimmt hatte. Im Übrigen war ihr ein Patient, der von sich aus vor der
Zeit eine Sitzung beendete, bislang noch nicht untergekommen. Und sie war
immer noch in ihrer Berufsehre gekränkt, dass sie wie eine Anfängerin darauf
reingefallen war. Es hatte nicht viel gefehlt, und sie wäre noch hinter ihm her auf
die Straße gerannt, um ihn wüst zu beschimpfen!
Nicht zum ersten Mal registrierte sie verärgert, dass sie in ihren Gedanken
bereits seit der unerwarteten Wendung ihres ersten Gesprächs immer von einem
» Patienten« statt einem » Klienten« ausging, obwohl das allen Grundlagen
einer professionellen Arbeit widersprach. Auch darüber würde sie bei der
Supervision unbedingt sprechen müssen!
Ihre erste Reaktion heute Mittag war gewesen, die Kollegen in der
Sozialpsychiatrie über den neuen Vorfall zu informieren. Wobei das Problem
war, dass sie selbst immer mal wieder Schwierigkeiten mit eben diesen
Kollegen hatte und ihnen im Stillen vorwarf, zu viele Fälle rein nach Aktenlage
zu entscheiden, auch jetzt würden sie wahrscheinlich das Ganze mit einem
Schulterzucken abtun und den Vorgang an einen anderen Kollegen geben. Damit
wäre sie zwar den Fall los, aber noch lange nicht ihre ungeklärte Angst, dass sie
in etwas hineingeraten war, was sie nicht so einfach in den Griff bekam. Wenn
sie ihren Patienten richtig einschätzte, würde er sie auch dann nicht in Ruhe
lassen, sondern sich andere Wege suchen, wie er sein Machtspiel fortsetzen
konnte.
Merette hatte keine Ahnung, wieso er sich ausgerechnet sie als Zielscheibe für
seine aufgestaute Aggression gewählt hatte, aber sie war überzeugt, dass es
genauso war. Und mehr denn je machte sie sich Sorgen, wie weit er womöglich
gehen würde, und wünschte sich, dass Julia weit weg von jedem Zugriff wäre.
War sie aber nicht, sondern wohnte quasi um die Ecke.
Nur mit Mühe hatte Merette die Sitzungen durchgestanden, die bis zum
Abend in ihrem Terminkalender eingetragen waren. Dann hatte sie nur ihre
Tasche und ihre Jacke genommen und war zum Nordnes-Park am Aquarium
hinübergelaufen. Auf dem Weg hatte sie sich an einem neuen Straßenimbiss in
der Strandgate noch eine Falafel mitgenommen, jetzt saß sie kauend auf einer
Parkbank, blickte aufs Meer und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren.
Sie musste mit Julia reden! Das war im Moment das Wichtigste, auch wenn
sie damit gegen ihre eigenen Regeln verstieß.
Eigentlich hatte sie vorgehabt, die paar Minuten an ihrem Haus vorbei und
bis zur Magnus Barfots Gate ebenfalls zu Fuß zu gehen, aber dann nahm sie
doch den Volvo.
Natürlich war es idiotisch, in Bergen mit dem Auto herumzufahren, aber sie
wollte das Gefühl der Sicherheit haben, das der Wagen ihr verschaffte – ihr ganz
persönlicher Kokon, in den sie sich jederzeit zurückziehen konnte, wenn die
Außenwelt ihr zu bedrohlich wurde.
Sie war bislang noch kein einziges Mal in Julias neuer Wohnung gewesen,
sie hatten sich nur zusammen das Haus von außen angesehen, kurz bevor Julia
dann den Mietvertrag unterschrieben hatte. Merette parkte im absoluten
Halteverbot gleich neben der Einfahrt zu einer Garage.
Als sie in den engen Hinterhof kam, war sie für einen Moment irritiert. Wenn
sie sich richtig erinnerte, war der Hof beim letzten Mal noch gepflastert gewesen
und es hatte auch irgendeine Art von Gartenpavillon oder Grillstelle gegeben.
Jetzt war da nichts als eingeebneter Boden, bei genauerem Hinsehen erkannte sie
frisch ausgestreuten Grassamen. Die Tür zum Hinterhaus stand offen, Merette
stieg die Treppe hoch und formulierte im Kopf bereits die ersten Sätze, die sie
zu ihrer Tochter sagen wollte: » Sorry, Julia, dass ich hier einfach so reinplatze,
ohne dir vorher Bescheid zu sagen. Aber wir müssen kurz miteinander reden, am
Telefon geht das nicht.«
Erst als sie bereits auf dem letzten Treppenabsatz angekommen war, fiel ihr
wieder ein, dass Julia ja Besuch bekommen hatte. Das Timing war also alles
andere als glücklich, aber da es sich bei dem Besuch um Marie handelte, sollte
es eigentlich kein Problem geben.
Bevor sie auf die Klingel drückte, blickte sie sich noch einmal um.
Gegenüber der Wohnungstür ging eine zweite Tür von der Treppe ab. Als sie
die Klinke drückte, hatte sie eine Putzkammer vor sich. Besen, Kehrblech,
Wischeimer, Putzmittel, Bohnerwachs für die Holzstufen. Ein mit Rigipsplatten
abgetrennter Verschlag für die Utensilien zur Treppenhausreinigung, mehr nicht.
Aber die Kammer war groß genug, um sich darin verstecken zu können, und die
Tür war nicht abgeschlossen, so dass durchaus irgendjemand hier in aller Ruhe
warten konnte, bis …
Hör auf, Merette, schalt sie sich selbst, mal keine Gespenster an die Wand!
Sie holte tief Luft und klingelte. Wartete einen Moment, klingelte noch mal,
länger diesmal. Aber aus der Wohnung war nicht das kleinste Geräusch zu
hören, keine Schritte, kein » Ich komme schon« , nichts. Julia schien nicht zu
Hause zu sein.
Merette holte das Handy aus ihrer Tasche. Es war Freitagabend, Julia hatte
Besuch von ihrer besten Freundin, die schon ewig nicht mehr in Bergen
gewesen war, wer weiß, wo die beiden stecken, dachte Merette. Auf die Idee
hätte ich auch vorher kommen können, dass sie wahrscheinlich unterwegs
waren, um die Stadt unsicher zu machen. Nervös wartete sie auf den Klingelton.
Als sich nur die Mailbox einschaltete, brauchte sie einen Moment, bevor sie
ihre Nachricht auf Band stotterte: » Hier ist … Merette, ich … ruf mich mal bitte
zurück, es ist wichtig. Heute noch, ja? Egal, wie spät es ist, hörst du?«
Sie schob das Handy zurück in die Tasche und machte sich wieder auf den
Weg nach unten. Als sie in der nächsten Etage Stimmen aus der Wohnung
hörte, zögerte sie nicht lange, sondern klingelte einfach.
Ein ungefähr fünfzehnjähriger Junge machte die Tür auf.
» Entschuldigung« , setzte Merette an. » Aber ich bin die Mutter von Julia, die
ganz oben eingezogen ist und … meine Tochter ist gerade nicht zu Hause.«
» Hier ist sie auch nicht« , kam prompt die leicht patzige Antwort, die sie sich
allerdings selbst zuzuschreiben hatte. Wahrscheinlich wirkte es nicht gerade
überzeugend, wenn eine leicht hysterische Mutter ihrer erwachsenen Tochter
nachspionierte.
Aber bevor Merette noch irgendetwas anbringen konnte, was ihr Verhalten
vielleicht zumindest entschuldigen würde, kam eine Frau in ihrem Alter an die
Tür, offensichtlich die Mutter des Halbwüchsigen.
» Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?«
Ihr Ton war alles andere als freundlich. Sie trug die schwarz gefärbten Haare
zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, am Scheitel waren deutliche
Spuren von Grau zu erkennen. Merette streckte ihr die Hand hin.
» Das ist schön, dass ich gleich jemanden aus dem Haus kennenlerne. Ich bin
Merette Schulman, meine Tochter Julia ist vor ein paar Tagen in die
Dachwohnung über Ihnen gezogen …«
Weiter kam sie nicht.
» Und sie war heute Mittag um zwei schon so betrunken, dass sie nicht mehr
alleine gehen konnte. Ich weiß Bescheid.«
» Was?« , fragte Merette verunsichert. » Aber das kann nicht sein, da müsste
sie doch noch in der Uni …«
» Echt? Voll weggeschossen oder was?« , mischte sich der Sohn interessiert
ein.
» Du hältst dich da mal schön raus« , wies ihn seine Mutter zurecht. Um
gleich darauf, an Merette gewandt, hinzuzusetzen: » Ich bin nicht gerade
begeistert, das können Sie mir glauben. Ich hab schon so genug Ärger, da
brauche ich nicht auch noch irgendwelche randalierenden Studenten über mir.
Und dann auch noch am helllichten Tag. Vielleicht erklären Sie mir mal, wie
ich mit so einem Beispiel vor Augen einen Fünfzehnjährigen erziehen soll.«
» Jetzt mal langsam« , versuchte Merette, den Wortschwall zu unterbrechen.
» Sie haben also meine Tochter gesehen, wie sie heute Mittag …«
» Gehört und gesehen, allerdings. Erst das Gepolter im Treppenhaus, und
dann dieses höchst romantische Bild, als ich aus dem Fenster gesehen habe,
weil ich wissen wollte, was da eigentlich los ist, und das kleine Liebespärchen
Arm in Arm über den Hof getorkelt kam.«
Ironie lag ihr offensichtlich nicht besonders, dachte Merette kurz, aber etwas
anderes ließ sie aufhorchen.
» Meine Tochter war also nicht alleine, sondern mit einem Mann oder Jungen
…«
» Alleine hätte sie ja gar nicht mehr laufen können. Der junge Mann hat sie
mehr oder weniger tragen müssen!«
» Und Sie sind sich sicher, dass es meine Tochter war? Blonde Locken bis
über den Rücken und … Haben Sie meine Tochter denn vorher schon mal
gesehen?«
Der Fünfzehnjährige kicherte. » Ich hab sie schon mal gesehen! Mit so einem
kurzen Minirock und so. Voll cool!«
Als seine Mutter ihm einen verärgerten Blick zuwarf, zog er die Schultern
hoch und wurde im nächsten Moment knallrot. » Ich mein ja nur. Echt gut.
Irgendwie.«
» Natürlich war es Ihre Tochter« , wandte sich seine Mutter wieder an Merette.
» Wer soll es sonst gewesen sein? Blond ja, stimmt schon. Außerdem kamen
sie ja schließlich von oben! Und da wohnt doch bislang nur Ihre Tochter,
oder?«
Merette nickte kurz, bevor sie fragte: » Der junge Mann, der bei ihr war,
können Sie den beschreiben?«
» So ein Typ eben, mit einer Kapuze über dem Kopf, so wie sie alle
rumlaufen. Mehr weiß ich auch nicht. Interessiert mich ja eigentlich auch nicht.
Nicht dass Sie denken, ich wäre neugierig oder so was. Es ist nur so, dass man
ja gerne weiß, was im Haus passiert. Und wenn ich ehrlich sein soll, wäre es
vielleicht ganz gut, wenn Sie mit Ihrer Tochter mal reden. Das muss ja doch
nicht sein, dass sie sich schon mittags volllaufen lässt.«
Merette war klar, dass sie keine weiteren Informationen bekommen würde, die
in irgendeiner Weise hilfreich wären. » Ich danke Ihnen jedenfalls erst mal« ,
beendete sie das Gespräch, konnte es dann aber doch nicht lassen, noch
hinzuzusetzen: » Und ich wünsche Ihnen alles Gute mit Ihrem Sohn, ist kein
leichtes Alter, aber Sie kriegen das schon hin, da bin ich mir sicher.«
Als sie im Erdgeschoss war, zog sie den Keil unter der Tür hervor und schob
ihn beiseite. Mit einem Knirschen fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.
Merette lief über die frisch eingesäte Rasenfläche zur Rückseite des Hauses.
Eine Weile stand sie vor der Feuertreppe, die Leiter, die zu den ersten Stufen
führte, war hochgezogen und vom Boden aus nicht zu erreichen. Nicht mal für
jemanden, der deutlich größer war als sie.
Sie tastete nach den Zigaretten, die sie vorhin noch gekauft hatte. Sie
inhalierte tief und wartete auf das leichte Schwindelgefühl, das das Nikotin
auslösen würde. Eine Liedzeile von John Lennon schoss ihr durch den Kopf:
» Blow your worries to the sky.« Aber so einfach war es nicht.
Sie checkte ihr Handy, ob sich Julia gemeldet hatte. Nichts.
Julia war bis zum frühen Nachmittag in der Uni beschäftigt gewesen, das hatte
sie ihr heute Morgen gerade erst noch erzählt. Irgendein Treffen, das mit ihrem
Projekt zu tun hatte. Sie hatte noch Sorge gehabt, dass sie es vielleicht nicht
rechtzeitig schaffen würde, um Marie vom Bahnhof abzuholen. Und ganz sicher
hatte sie sich nicht stattdessen alleine in ihrer Wohnung betrunken! Das passte
nicht zu ihr. Nein, es konnte nicht Julia gewesen sein. Blond! Marie war doch
ebenfalls blond, vielleicht war es Marie mit irgendeinem Typen gewesen, den
sie aus Oslo mitgebracht hatte. Aber warum sollte Marie so betrunken gewesen
sein, dass sie kaum noch laufen konnte? Also jemand ganz anders, Freunde von
Julia vielleicht, die sie nicht kannte. Wie war die Formulierung gewesen? Der
junge Mann hat das Mädchen mehr oder weniger tragen müssen … Ein junger
Mann, von dem die Nachbarin nichts weiter sagen konnte, als dass er eine
Kapuze über dem Kopf gehabt hatte. Von einem Hoodie oder … einem
Jogginganzug!
Wann hatte Merettes Patient die Sitzung abgebrochen und war gegangen? Um
elf hatte sie ihn bestellt, länger als eine halbe Stunde war er nicht bei ihr
gewesen, noch nicht mal, eher zwanzig Minuten. Höchstens. Und er hatte einen
Jogginganzug angehabt, meinte sie sich zu erinnern, wie schon beim ersten Mal.
Aber das ergab alles keinen Sinn, dachte sie. Trotzdem wurde sie das Gefühl
nicht los, dass es irgendeinen Zusammenhang geben könnte.
Sie hatte sich die Anschrift ihres Patienten aus der Akte abgeschrieben und
den Zettel in ihr Adressbuch geschoben, ohne genau sagen zu können, warum
eigentlich. Jetzt kramte sie das Adressbuch zwischen ihren Sachen hervor, der
Zettel steckte gleich vorne, noch vor der ersten Seite. Sie wusste genau, was sie
mit ihrem Besuch riskieren würde. Zumindest hatte er dann tatsächlich etwas
gegen sie in der Hand, das eindeutig alle Regeln ihres Berufs verletzte.
Merette schnippte ihre Zigarette auf den Boden und trat die glimmende Kippe
sorgfältig aus. Mit schnellen Schritten lief sie durch die Toreinfahrt zurück auf
die Straße. Der Volvo stand noch da, wo sie ihn abgestellt hatte. Allerdings
hatte ihr irgendein Witzbold einen Zettel hinter den Wischer geklemmt: Denk
daran, Gott sieht ALLES! Unwillkürlich lachte sie leise auf.
Die Nygårdsgate war eine von Bergens hässlicheren Straßen, die sich vom
Zentrum bis zum Autobahnzubringer am Anfang des Sotraveien hinzogen, das
Haus, in dem ihr Patient wohnte, hatte nicht nur dringend einen neuen Anstrich
nötig. Aber wahrscheinlich würde es ohnehin über kurz oder lang irgendeinem
einfallslosen Betonkomplex weichen müssen. Die paar Sozialhilfeempfänger,
Rentner und Kleindealer, die da zurzeit noch wohnten, würden die
fortschreitende Gentrifizierung kaum aufhalten können.
Merette parkte den Volvo schräg auf dem Fußweg, sie hatte nicht vor, sich
lange aufzuhalten. Eigentlich wollte sie nur sehen, wie er reagieren würde. Und
ob er vielleicht ein blondes Mädchen bei sich in der Wohnung hatte. Wenn er
überhaupt zu Hause wäre!
Er wohnte gleich im Erdgeschoss. Aus einem geöffneten Fenster weiter oben
wummerte harter Elektrobeat. In seiner Wohnung brannte kein Licht. Als sie
sich auf die Zehenspitzen stellte und die Augen mit der Hand abschirmte, um
durchs Fenster zu blicken, sah sie eine verschlissene Couch, die zum Bett
ausgezogen war.
Der Raum war offensichtlich Wohn- und Schlafzimmer in einem. Einen
Schrank schien es nicht zu geben, irgendwelche Kleidungsstücke lagen verstreut
auf dem Boden, an der Wand stapelten sich Berge von Zeitschriften, darüber
hing ein Poster von Jimi Hendrix. Durch das Küchenfenster bot sich ein
ähnliches Bild, nicht abgewaschenes Geschirr in der Spüle und auf dem Tisch,
prallgefüllte Müllsäcke neben der Tür, über dem einzigen Stuhl hing eine
Lederjacke.
Aber es war eindeutig niemand zu Hause. Als Merette sich gerade abwenden
wollte, fiel ihr Blick auf das Flipchart, das an der Wand links vom Fenster
lehnte und seltsam fehl am Platz wirkte. Es war eine dieser Tafeln, auf denen
man direkt mit speziellen Filzstiften schreiben konnte. Im ersten Moment starrte
sie ratlos auf die verschiedenen Kreise, die durchnummeriert und mit Pfeilen
verbunden waren. Dann begriff sie, dass sie so etwas wie ein Diagramm vor sich
hatte. Und trotz des schlechten Lichtes gelang es ihr, das Wort zu entziffern, das
in Großbuchstaben an der unteren Kante stand und mehrfach umrandet war, als
sollte es eine Art Titel für die gesamte Grafik darstellen: SCHWESTERLEIN.
Dahinter hatten noch zwei weitere Wörter gestanden, waren aber verwischt, als
wäre jemand aus Versehen mit dem Ärmel an die Tafel gekommen. Merette
konnte nur noch ein M erkennen und ganz am Ende ein E und ein N.
Eine Stimme in ihrem Rücken ließ sie zusammenfahren.
» Brauchen Sie Hilfe? Oder stehen Sie einfach nur darauf, bei anderen Leuten
ins Fenster zu gucken?«
JULIA
Er hieß Mikke. Oder eigentlich Mikael. Mikael und irgendein Nachname, der
eher finnisch klang, fand Julia. Eine geballte Anhäufung von unaussprechlichen
Vokalen. Und natürlich war er nicht ihr Bruder, auch nicht irgendein
Halbbruder, der unerwartet aufgetaucht wäre, um endlich seine Familie
kennenzulernen. Mikke hatte absolut nichts mit ihr zu tun, außer dass er eben
wie aus dem Nichts aufgetaucht war und sie gerade gerettet hatte.
Er war neu in der Stadt, kam aus Kirkenes und arbeitete seit einer Woche in
einem Tonstudio – das Studio, in dem ausgerechnet Razika gerade ihre neue
CD einspielten. Julia stand auf Razika, einer Girls Band aus ihrer Stadt, deren
Sommerhit » Love Is All About The Timing« durchaus Ohrwurmqualitäten
hatte.
Die Art, wie Mikke von der Bassfrau sprach, ließ Julia mutmaßen, dass da
deutlich mehr war als nur die Begeisterung für ihre Fähigkeiten an der
Bassgitarre. Verwirrt stellte sie fest, dass sie augenblicklich eifersüchtig wurde,
obwohl sie Mikke gerade mal fünf Minuten kannte.
Mikke redete und redete, als wollte er sie unter allen Umständen davon
überzeugen, dass er absolut harmlos und auf keinen Fall darauf aus war, sie
dumm anzumachen. Und sie ließ ihn einfach reden und bedauerte nur, dass er
den Arm wieder von ihrer Schulter genommen hatte, kaum dass sie außer
Sichtweite des Clubs waren. Aber immerhin hatte er ihr gleich darauf wie
selbstverständlich seine Jacke umgehängt, als sie sich frierend über die Arme
rieb.
Die Straßen waren mittlerweile in dieses diffuse Dämmerlicht getaucht, das
alle Konturen verschwimmen ließ und typisch war für eine norwegische
Sommernacht – viel dunkler würde es kaum werden, noch ein oder zwei
Stunden vielleicht, dann würde schon wieder die Sonne hinter dem Ulriken
aufsteigen. Aber der Wind hatte aufgefrischt und kam jetzt direkt vom Meer.
Julia hüllte sich in Mikkes Jacke und atmete den Geruch nach abgestandenem
Zigarettenrauch ein, den das Leder ausströmte. Als sie die Hand in die Tasche
schob, zuckte sie unwillkürlich zurück, ihre Finger hatten kaltes Metall berührt,
die Form war eindeutig, Mikke trug tatsächlich eine Waffe bei sich.
» Quatsch!« , entgegnete er lachend, als sie ihn darauf ansprach. » Hol das
Ding ruhig raus, dann siehst du, was es ist.«
Julia sah eine Pistole, die mattschwarz schimmerte und verdammt echt
wirkte.
Mikke schüttelte den Kopf.
» Gib mal …«
Er richtete den Lauf auf das Schaufenster neben ihnen und zog den Abzug
durch. Julia sah das Glas schon in tausend Splitter zerspringen und dachte noch,
dass ihr Bedarf an durchgeknallten Typen für heute eigentlich gedeckt war. Aber
dann zitterte nur ein schwacher Lichtstrahl über die Scheibe und blieb an einer
Schaufensterpuppe hängen, die unendlich gelangweilt nichts als ein
spitzendurchbrochenes Etwas mit roten Strapsen dazu trug – sie standen vor
Bergens einzigem Sexshop, und Mikkes Waffe war offensichtlich eine
altersschwache Taschenlampe.
» Von meinem Großvater« , erklärte Mikke grinsend, » hat mir schon öfter
gute Dienste geleistet, hast du ja gerade selbst gesehen.«
Julia grinste zurück. Irgendwie war ihr leicht schwindlig, sie war sich nicht
ganz sicher, was der Auslöser dafür war, dennoch war sie froh, dass sie
wenigstens den zweiten Cocktail hatte stehen lassen.
» Danke« , brachte sie jetzt immerhin an, » der Typ hat echt genervt. Und der
Türsteher sah nicht so aus, als hätte er vorgehabt, sich einzumischen, um mir
helfen …«
» Sei vorsichtig mit Cowboys« , meinte Mikke nur, » vor allem wenn sie aus
Norwegen sind. Was war da drin überhaupt los, irgendeine Kostümparty?«
» Eine Countryband, ziemlich fürchterlich.«
» Und du? Wieso bist du da hingegangen?«
So, wie er seine Frage stellte, war klar, dass er sie wenigstens nicht für
jemanden hielt, der freiwillig auf ein Countrykonzert gehen würde. Und genau
dafür war sie ihm dankbar.
» Dumm gelaufen« , sagte Julia. » Blöder Tag, blöder Abend, blöde Nacht.
Manchmal geht einfach alles schief, so ist das eben.«
Sie überlegte, ob sie noch hinzusetzen sollte, dass die Nacht vielleicht doch
nicht so ganz daneben war, nachdem er plötzlich aufgetaucht war. Nur damit er
nicht glauben würde, sie wüsste seine Gesellschaft nicht zu schätzen,
andererseits erschien ihr das in dem Zusammenhang mit der » Nacht« irgendwie
zu zweideutig, als würde sie damit etwas andeuten wollen, was definitiv nicht
zur Diskussion stand. Noch nicht jedenfalls.
Aber er war ohnehin schon wieder dabei, ihr eine neue Geschichte zu erzählen.
Aus der Zeit, als er noch im Norden gelebt hatte. Wie er mit einem Freund im
Hochsommer zum Zelten aufgebrochen war, und als sie dann morgens aus ihren
Schlafsäcken gekrochen waren, hatte ein halber Meter Schnee vor dem Zelt
gelegen.
» Dumm gelaufen« , wiederholte er ihren Satz von vorher, » ich kenne so
was.«
Julia war zwar der Zusammenhang zwischen seinem Zelturlaub und ihrem
Diskoausflug nicht ganz klar, aber andererseits wusste er ja auch nichts weiter
von ihrem bescheuerten Tag, als dass irgendein blöder Hilfscowboy sie dumm
angemacht hatte. Und sie hatte plötzlich das Gefühl, dass sie das ändern wollte.
Dass sie ihm alles erzählen wollte, was ihr durch den Kopf ging – und zwar
sofort!
» Bist du sehr müde oder hast du noch Lust, mit mir irgendwohin zu gehen?
Nur auf ein Bier noch … Oder besser, vielleicht irgendwas zu essen.« Julia
versuchte, ihre Frage möglichst harmlos klingen zu lassen, als wäre es nicht
wirklich wichtig und vor allem kein Problem, wenn er » nein« sagen würde.
» Genau das hatte ich dich auch gerade fragen wollen« , kam prompt die
Antwort.
» Aber …?«
» Ich hab mich nicht getraut.« Er grinste ein wenig verlegen. » Außerdem
kenne ich mich ja hier noch nicht so gut aus, keine Ahnung, ob überhaupt noch
irgendwo was auf ist« , setzte er schnell hinzu.
» Ich weiß da was« , sagte sie und griff nach seiner Hand.
Was tue ich da, dachte sie, was soll das werden? Aber als er zögernd seine
Finger mit ihren verschränkte, fühlte sich alles richtig an.
Der einzige Laden, der Julia auf die Schnelle einfiel, war der pakistanische
Take-away nicht weit vom Theater. Sie suchten sich eine Nische gleich neben
der Tür zur Küche, allerdings war außer ihnen ohnehin nur noch ein weiterer
Gast da – und der hatte den Kopf an die Wand gelehnt und schien mit
geschlossenen Augen von etwas zu träumen, was ganz sicher besser war als ein
Take-away in Norwegen nachts um halb eins.
Dass Mikke genau wie sie ohne Zögern das einzige vegetarische Gericht auf
der mit Plastik überzogenen Karte wählte, schien Julia nur logisch. Und dass er,
noch während sie auf das Essen warteten, rasch hintereinander zwei Dosen Bier
mehr oder weniger auf ex trank, schrieb sie seiner Nervosität zu. Er war nervös,
ganz eindeutig, vielleicht lag es an dem grellen Neonlicht, das ihnen keinerlei
Schutz mehr vor ihren gegenseitigen Blicken bot. Aber er sah gut aus, das
musste sie zugeben. Mit dem Anflug von Bartstoppeln am Kinn und den wirren
Haaren, die sie jetzt zum ersten Mal richtig sah, nachdem er die Kapuze seines
Sweatshirts zurückgestreift hatte. Seine Augen waren von einem merkwürdigen
Grau, das ins Bläuliche spielte. Sie war sich nicht ganz sicher, aber es sah aus,
als hätte er sich die Lider leicht geschminkt.
Er musste ihre Blicke bemerkt haben, interpretierte sie aber falsch.
» Sorry« , sagte er, während er hastig die leere Dose auf der Tischplatte
absetzte, » ist sonst gar nicht so mein Ding, mich mit Bier abzuschießen, aber
…«
Es gefiel ihr, dass er sich entschuldigte.
» Schon okay, stört mich nicht. Außerdem schätze ich mal, du bist es
gewöhnt, wenn du ständig mit irgendwelchen Musikern zu tun hast.«
Er gab keine Antwort. Sein rechtes Knie zitterte auf und ab. Julia war sich
nicht sicher, ob er sie überhaupt gehört hatte. Es schien fast, als wollte er dem
anderen Gast bei seinem Traum von-was-auch-immer Gesellschaft leisten.
» Ich meine, bei euch im Studio« , setzte Julia noch mal nach und merkte, wie
sie plötzlich selbst nervös wurde. Irgendetwas hatte sich verändert, jede
Leichtigkeit war mit einem Mal verschwunden.
» Das denken alle« , kam seine Antwort mit einiger Verzögerung.
» Aber …?«
Er zuckte nur mit der Schulter.
An seinem Daumen war ein roter Streifen, als hätte er da bis vor kurzem einen
Ring getragen. Dass er eine elastische Binde um sein rechtes Handgelenk hatte,
war Julia schon vorher aufgefallen, jetzt fragte sie danach.
» Sehne entzündet, vom Boxenschleppen, ist nicht weiter schlimm, nervt
nur.«
Auch wenn sie nicht Medizin studierte, kam es ihr merkwürdig vor, dass man
sich beim Boxenschleppen die Sehne entzünden konnte. Eine
Sehnenentzündung konnte nur von einer dauerhaften Belastung kommen, und er
würde ja wohl nicht nur Boxen schleppen!
Julia beschloss dennoch, das Thema zu wechseln. Wenn er ihr unbedingt eine
Lüge auftischen wollte, hatte er wahrscheinlich seine Gründe dafür.
» Hast du eigentlich den ganzen Abend gearbeitet? Also bevor du da an dem
Club vorbeigekommen bist, meine ich …«
Mikke zögerte mit der Antwort. Dann erschien der Pakistani mit ihrem
Essen. Er wollte auch gleich kassieren. Es kostete Julia einige Überredung, bis
Mikke sich von ihr einladen ließ. Er gab sich erst zufrieden, als sie sagte: » He,
erstens würde ich mich gerne noch mal bei dir bedanken, und zweitens wäre es
mit Sicherheit teurer geworden, wenn ich in dem Club geblieben wäre und aus
lauter Verzweiflung weiter Cocktails in mich reingeschüttet hätte. Und außerdem
hatte ich sowieso vorgehabt, heute jemanden zum Essen einzuladen … meine
Freundin, die mich eigentlich besuchen wollte. Aber sie ist nicht gekommen,
die blöde Kuh!«
Und damit hatte sie sich ihr eigenes Stichwort geliefert, um mit ihrer
Geschichte rauszurücken. Mikke reagierte auch prompt und wollte mehr wissen.
Die Frage, die er noch nicht beantwortet hatte, schien er ohnehin längst
vergessen zu haben.
Während sie abwechselnd ihre Frühlingsrollen in das Schälchen mit der
süßsauren Soße tunkten, gab Julia in groben Zügen wieder, was passiert war.
Mikke frage mehrmals nach, weil sie immer wieder den Faden verlor und
irgendetwas aus Maries und ihrer gemeinsamen Vergangenheit erzählte, was
eigentlich keine Rolle weiter spielte, für Julia aber doch wichtig war. Sie wollte
einfach, dass er ihre Enttäuschung verstand.
» Echt, das kann doch nicht sein, dass sie so beleidigt ist, nur weil ich es
nicht geschafft habe, sie vom Bahnhof abzuholen. Als ob das das Wichtigste auf
der Welt gewesen wäre!«
» Bescheuert« , stimmte Mikke ihr zu. » Vor allem, weil du es ihr ja erklärt
hast.«
» Genau, und ich hab ihr den Schlüssel hingelegt und alles, sie hätte nur in
der Wohnung auf mich warten müssen und alles wäre gut gewesen.«
» Echt okay.« Mikke nickte. » Voll durchgeplant, mit dem Schlüssel und so,
meine ich.«
Irgendwie schien ihn die Tatsache, dass Julia ihren Schlüssel für Marie
hinterlegt hatte, ganz besonders zu interessieren, er steigerte sich sogar zu der
Aussage: » Ich weiß nicht, ob ich das machen würde. Da muss man jemanden
schon echt gut kennen, um ihn einfach so alleine in die eigene Wohnung zu
lassen.«
» Mann, sie ist meine beste Freundin, natürlich kann sie in meine Wohnung,
egal, ob ich da bin oder nicht. Sie war meine beste Freundin« , setzte sie hinzu
und merkte, wie ihr plötzlich die Tränen kamen.
» Als du wütend auf sie warst, hast du mir eigentlich besser gefallen« , sagte
Mikke. Er legte wie zufällig seine Hand auf ihre. » Ruf sie noch mal an« , schlug
er dann vor. » Am besten jetzt gleich.«
» Aber … es ist mitten in der Nacht! Ich kann doch nicht …«
» Klar kannst du. Wenn sie wirklich schon geschlafen hat, ist es nur umso
besser. Dann erwischst du sie wenigstens gleich richtig!« Er schob seinen Teller
zur Seite und beugte sich weit über den Tisch. » Du musst ihr sagen, was du
von ihrer Aktion hältst! Und dann einfach auflegen, bevor sie irgendwas
antworten kann.«
Julia zeigte ihm einen Vogel. » Du spinnst, aber echt!«
Er grinste nur. Julia wusste nicht, ob sein Vorschlag wirklich ernst gemeint
war. Irgendwie kam er ihr vor wie ein kleiner Junge, der zu viele schlechte
Filme gesehen hatte. Aber dann dachte sie: Warum eigentlich nicht?
» Okay, dann mache ich das jetzt.«
Sie zog ihr Handy aus der Tasche. Sofort erschien die Mitteilung, dass sie
einen Anruf verpasst hatte. Als sie die Nummer aufrief, war es Merette, die sie
zu erreichen versucht hatte.
» Entschuldigung, ich muss nur mal ganz kurz …« Sie hielt sich das Handy
ans Ohr und hörte die Nachricht ab. Die Stimme ihrer Mutter klang, als wäre sie
kurz davor gewesen, in Tränen auszubrechen.
Mikke blickte irritiert hoch, als sie sich an ihm vorbeischob und vor die Tür
ging, um Merette zurückzurufen.
» Mama? Sorry, aber ich hatte nur die Mailbox an. Was ist los, ist irgendwas
passiert?«
» Gott, Julia, bin ich froh, dass du … Wo bist du? Ist alles in Ordnung mit
dir?«
» Ja, wieso nicht? Ich weiß überhaupt nicht …«
» Ich hab mir Sorgen gemacht, weil … weil ich dich nicht erreichen konnte.«
» Merette, jetzt hör mal auf, ich bin kein Kind mehr! Es ist Freitagnacht, und
ich möchte einfach nur ein bisschen Spaß haben. Also, worum geht es?«
Julia merkte, wie sie zunehmend ärgerlicher wurde. Und die Antwort ihrer
Mutter taugte nicht dazu, sie zu besänftigen. Im Gegenteil!
» Bist du mit Marie unterwegs? Seid ihr alleine oder …?«
» Merette, nein, ich bin nicht mit Marie unterwegs, aber das ist eine ganz
andere Geschichte, die kann ich dir auch morgen noch erzählen. Und noch mal
nein, ich bin nicht alleine, aber das geht dich im Moment nichts an. Und wenn
sonst nichts weiter ist, würde ich jetzt gerne einfach Schluss machen. Wir reden
morgen weiter, okay? Jetzt ist es wirklich gerade ganz doof. Gute Nacht, Mama,
und schlaf gut, ich leg jetzt auf.«
Sie unterbrach die Verbindung, bevor ihre Mutter noch irgendwas antworten
konnte. Sie fand selbst, dass sie nicht fair war, aber was sie jetzt am
allerwenigsten gebrauchen konnte, war eine hysterische Mutter, die hinter ihr
herspionierte und nachts wach lag, weil sie nicht kapieren wollte, dass ihre
Tochter inzwischen erwachsen war und ein eigenes Leben hatte. Allerdings
mussten sie wirklich miteinander reden, so viel stand fest. Nur dass sie eben
jetzt gerade keine Lust hatte, sich auch noch mit Merettes Problemen zu
beschäftigen. Die Geschichte mit Marie machte ihr schon genug zu schaffen, und
eigentlich wollte sie im Moment nichts weiter, als alles zu vergessen und sich
ganz auf Mikke zu konzentrieren. Auf das, was zwischen ihnen vielleicht noch
passieren würde …
Immer noch wütend, drückte sie Maries Nummer.
» Hallo, ihr hört die Mailbox von Marie. Ich bin gerade nicht erreichbar, aber
ihr könnt mir gern eine Nachricht hinterlassen …«
» Ich kann es aber auch bleiben lassen« , sagte Julia laut und ging zurück zu
ihrem Tisch.
» Ein Anruf von meiner Mutter« , informierte sie Mikke kurz. » Zu
kompliziert, um dir das zu erklären, frag am besten gar nicht erst. Und bei Marie
wieder nur die Mailbox.«
Für einen Moment hatte sie ganz deutlich den Eindruck, dass er ohnehin
nicht damit gerechnet hatte, dass sie Marie erreichen würde.
» Schon klar« , sagte er und zuckte mit den Schultern. » Und jetzt machst du
dir wahrscheinlich auch noch Sorgen, dass irgendwas nicht stimmt. Echt, Julia,
vergiss deine Freundin, nach dem, was du erzählt hast, ist sie die Aufregung
nicht wert. Los komm, lass uns den Abflug machen hier. Ich hätte Lust, noch
mal zum Hafen runterzugehen. Nur so auf der Mauer sitzen und aufs Wasser
starren. Oder wir gehen irgendwo baden, das Wasser ist bestimmt warm nach
den letzten Tagen. Was meinst du?«
» Ich glaube, ich will lieber nach Hause …«
» Kein Problem. Dann bring ich dich. Und dann gehe ich danach noch mal
alleine ans Wasser. Vielleicht hat es was damit zu tun, dass ich immer noch
nicht so ganz glauben will, dass man hier im Sommer sogar nachts draußen sein
kann, ohne gleich zu erfrieren. Du weißt ja, wo ich herkomme, da würdest du
dir jetzt um diese Zeit mit Sicherheit überlegen, ob du nicht besser noch einen
Pullover überziehst. Über die zwei, die du sowieso schon anhast.« Er lachte
kurz und stand auf.
Irgendwie wurde Julia nicht schlau aus ihm. Okay, er hatte gesagt, dass er sie
nach Hause bringen würde, aber was sollte die Nummer mit dem Hafen? Als
wollte er unbedingt klarstellen, dass er nicht mit zu ihr nach oben gehen würde
oder noch nicht mal vorhatte zu fragen, ob sie ihm vielleicht einen letzten Kaffee
kochen würde.
Als sie vor der Toreinfahrt zu ihrem Hinterhaus standen und sie gerade so was
sagen wollte wie » Okay, war nett mit dir, vielleicht sehen wir uns ja
irgendwann mal wieder« , zog er sie plötzlich an sich.
» Und was wird das jetzt?« , fragte Julia einigermaßen irritiert.
» Geht nicht anders« , sagte er dicht an ihrem Ohr, » muss sein.« Seine
Lippen wanderten über ihren Hals weiter bis zur Grube ihres Schlüsselbeins.
» Ich dachte schon, mit dir würde irgendwas nicht stimmen« , flüsterte Julia
und griff ihm in die Haare, um seinen Kopf zu sich zu drehen.
Sie küssten sich lange und ziemlich heftig, er schob Julia Stück für Stück
weiter in den Schatten der Toreinfahrt, seine rechte Hand tastete sich wie
selbstverständlich unter ihr Top. Als sie flüchtig über die Beule in seiner Hose
strich, legte er ihr die Hände auf den Hintern und presste sie an sich.
Ein wenig atemlos schlug er gleich darauf vor: » Wir können zu dem
Grillplatz hinten im Hof gehen, in die Hollywoodschaukel.«
Julia brauchte einen Moment, bis ihr klar wurde, was er gerade gesagt hatte.
Sie merkte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief, und stieß ihn von sich.
» Was? Woher weißt du, dass …«
Er wollte sie wieder küssen. Julia hatte Mühe, ihn auf Abstand zu halten.
» He, warte mal …«
» Was ist los? Was hast du plötzlich?«
Sein Gesicht leuchtete wie eine helle Maske in dem Dämmerlicht, seine
Augen und sein Mund waren wie schwarze Löcher.
» Du hast gerade von dem Grillplatz und der Hollywoodschaukel geredet –
woher weißt du das?«
» Spinnst du jetzt? Das hast du mir doch selbst erzählt, dass du den Schlüssel
für deine bescheuerte Freundin da versteckt hast!«
Julia war deutlich aus dem Konzept gebracht. Seine Antwort war ohne Zögern
gekommen, und er klang aufrichtig irritiert, nicht so, als ob er sich gerade
verplappert hätte. Die Gedanken in Julias Kopf überschlugen sich. Es stimmte,
was er sagte, sie hatte ihm tatsächlich den Grillplatz beschrieben, und
wahrscheinlich hatte sie dabei auch die Hollywoodschaukel erwähnt, aber hatte
sie dann nicht auch von den Gärtnern erzählt, die am selben Nachmittag da
gewesen waren und …
» He! Wo ist das Problem? Hab ich irgendwas Falsches gesagt? Wenn du
keine Lust mehr hast, ist das okay, ich dachte nur …«
Er zuckte mit den Schultern und fummelte ein zerdrücktes Päckchen Tabak
aus der Tasche seiner Jeans. Julia wartete, bis er seine Zigarette fertig gedreht
hatte und nach dem ersten Zug den Rauch ausstieß.
Erst dann sagte sie: » Sorry, Mikke, aber ich bin ein bisschen durch den
Wind.«
Er legte ihr den Arm um die Schultern, machte aber keine Anstalten, sie
sonst zu berühren oder noch irgendwas zu sagen.
Julia versuchte, sich zu erinnern, was sie genau erzählt hatte. Vielleicht hatte
sie wirklich nur davon geredet, wo sie den Schlüssel für Marie versteckt hatte.
Und auch wenn es unlogisch schien, hatte sie vielleicht wirklich nichts davon
gesagt, dass der Cowboy vor dem Club und der Gärtner vom Nachmittag ein
und dieselbe Person gewesen waren.
» Und jetzt?« , fragte Mikke, während er ihr seine Kippe hinhielt.
Julia nahm einen Zug und behielt den Rauch in der Lunge, bis ihr leicht
schwindlig wurde.
» Dumm gelaufen« , versuchte sie, die ganze Situation mit einem Spruch zu
überspielen. » Genauso wie der ganze Tag.«
» Da kann man nichts machen« , gab Mikke zurück. » Ist eben manchmal so.
Und du stehst anscheinend auch nicht so auf Hollywoodschaukeln.«
» Warum hast du mich nicht gefragt, ob wir zu mir in die Wohnung gehen
wollen?«
» Keine Ahnung. Hab ich gar nicht dran gedacht, glaube ich. Soll ich jetzt
fragen?«
Julia schüttelte den Kopf.
» War klar« , sagte Mikke. » Der Zug ist abgefahren, sehe ich genauso.«
Er schob sich die Kippe zwischen die Lippen und strich Julia eine
Haarsträhne aus dem Gesicht. » Bei uns im Norden sagen wir: Es gibt für alles
eine zweite Gelegenheit.«
» Das sagen wir hier auch …«
Er hauchte ihr einen Kuss auf die Wange und nahm den Arm von ihren
Schultern. Als er die Kippe auf dem Pflaster austrat, wirkte er, als wäre er schon
weit weg von ihr.
» Gibst du mir deine Handynummer?« , fragte Julia. » Dann rufe ich dich an
…«
» Don’t call us, we call you« , sagte er, ohne aufzublicken. Dann drehte er sich
um und war keine fünf Sekunden später durch die Toreinfahrt verschwunden.
Julia wurde nicht schlau aus ihm. Blöder Spruch, dachte sie, den hätte er sich
auch schenken können. Vielleicht wäre es ohnehin besser, wenn sie nie wieder
etwas von ihm hören würde.
Erst als Julia schon auf der Treppe war, ging ihr auf, dass er sie gar nicht
anrufen konnte. Er hatte weder ihre Nummer, noch wusste er irgendetwas
anderes von ihr als ihren Vornamen. Womit als einzige Möglichkeit blieb, dass
er unerwartet vor ihrer Tür stehen würde. Julia wusste nicht, ob sie das gut
finden sollte. Im gleichen Moment ging das Licht im Treppenhaus aus. Sie
tastete sich bis zum nächsten Absatz und wollte eben auf den Schalter drücken,
als sie von irgendwo weiter oben ein Geräusch hörte.
X
Er wusste inzwischen, dass er einen Fehler gemacht hatte, trotzdem
versuchte er, möglichst ruhig zu bleiben und seinen Plan den veränderten
Umständen anzupassen. Er durfte jetzt nur nicht nervös werden und in
Panik geraten. Solange das Mädchen in dem Schuppen neben der
verlassenen Hütte war, hatte er die Zeit auf seiner Seite. Die Hütte stand
auf einem Privatgrundstück, das sich fast über die gesamte Felsnase
erstreckte, und das hoffnungslos verschilfte Ufer der Bucht taugte weder
wirklich zum Baden, noch war es für irgendwelche Hobbyfischer
interessant, die Leute vom Dorf fuhren ohnehin lieber mit dem Boot bis in
die Schärenkette, um ihre Angeln auszuwerfen.
Dass er seinen Fehler überhaupt bemerkt hatte, hatte er mehr oder
weniger einem Zufall zu verdanken. Gleich nachdem er das Mädchen
bewusstlos zurückgelassen hatte, war er zum Campingplatz gefahren und
hatte sich dort eine Hütte gemietet. Hatte sich von dem Besitzer sogar eine
Angelausrüstung geliehen und sich die besten Plätze erklären lassen, als
wäre er irgendein dummer Tourist. Und dann war er genervt von dem
wiederholten Klingeln des Handys gewesen, das er ihr weggenommen hatte.
Er hatte das Handy gerade ausschalten wollen, als ihm die Nummer auf
dem Display aufgefallen war. Eine Nummer, die er gerade vor kurzem erst
noch angerufen hatte! Als er dann die aufgeregte Stimme am anderen Ende
hörte, war ihm schlagartig klar geworden, dass irgendetwas verdammt
schiefgelaufen sein musste!
Er hatte das Gespräch weggedrückt, das Handy jedoch nicht
ausgeschaltet, sondern die Mailbox aktiviert, weil ihm das irgendwie
unverdächtiger erschien, falls es noch weitere Anrufe geben würde. Und
war dann eigentlich weniger wütend als vor allem verblüfft gewesen, wie
ihm eine solche Verwechslung überhaupt hatte passieren können. Selbst als
er sich die kleine Schlampe dann später noch mal genau angesehen hatte,
wollte er es eigentlich immer noch nicht so recht glauben. Aber es gab
keinen Zweifel, er hatte einen Fehler gemacht! Trotzdem war er von seinem
ursprünglichen Plan nicht abgewichen. Er hatte sie gezwungen, in die
Bucht hinauszuschwimmen – und war rechtzeitig mit dem Ruderboot zur
Stelle gewesen, um zu verhindern, dass sie die andere Seite erreichte, und
sie zum Umkehren zu zwingen.
Nur mit Mühe hatte er den Wunsch unterdrücken können, sie so lange
immer wieder einzukreisen, bis ihre Kräfte versagten und sie mit einem
letzten erstickten Schrei in der Schwärze des Wassers versinken würde. Aber
er hatte sich beherrscht! Hatte sie mit der schweren Eisenkette gefesselt –
deren Länge so bemessen war, dass sie sich zwar bewegen konnte, aber
nicht die Tür erreichte – und den Lieferwagen zurück in die Stadt gebracht.
Dann war er nur noch kurz in seiner Wohnung gewesen, um ein paar
Sachen zusammenzupacken, bevor er sich das kurze Zwischenspiel gönnte,
auf das er zu recht stolz sein konnte. Und schließlich war er mit dem Moped
wieder nach Sotra hinausgefahren und hatte den größten Teil des folgenden
Tages in der Hütte auf dem Campingplatz gelegen und vor sich hin
gebrütet.
Er hatte immer noch nicht ganz begriffen gehabt, was nun eigentlich
genau dazu geführt hatte, dass sein Plan nicht aufgegangen war. Vielleicht
hatte ihn sein billiger Sieg über die Psycho-Schlampe unvorsichtig werden
lassen, es war fast zu einfach gewesen, sie an einen Punkt zu bringen, an
dem sie vollständig die Kontrolle über die Situation verlor und er sehen
konnte, wie ihre Fassade zu bröckeln anfing. Er war sich seiner Macht zu
sicher gewesen, das musste es sein. Dieses verdammte Hochgefühl, dass er
unangreifbar wäre. Und der Kick, als er es schaffte, ohne irgendwelche
Probleme seine Vorbereitungen zu treffen, obwohl die Zeit mehr als knapp
gewesen war. Ein Schritt hatte sich aus dem anderen ergeben, so nahtlos
und präzise wie bei einer gut geölten Maschine, bei der alle Rädchen
ineinandergriffen, ohne dass es irgendwo knirschte.
Es war müßig, sich im Nachhinein irgendwelche Vorwürfe zu machen,
er hatte nicht damit rechnen können, dass etwas schiefgehen würde. Umso
mehr war jetzt seine Intelligenz gefordert. Es war wie bei einem
Schachduell, bei dem der Gegner plötzlich einen Zug gemacht hatte, der
nicht vorhersehbar war. Und er liebte solche unerwarteten
Herausforderungen! Aktion und Reaktion.
Erst in der Nacht hatte er sich wieder vom Campingplatz weggetraut, um
die kleine Schlampe ein weiteres Mal zu besuchen. Da war er allerdings
schon so weit gewesen, dass er sie auch weiterhin am Leben lassen würde.
Erst mal, bis er die Sache wieder vollständig im Griff hatte. Auch wenn er
sich damit auf unbekanntes Terrain begab! Bislang war er immer darauf
bedacht gewesen, die Sache möglichst schnell zu einem sauberen Ende zu
bringen, aber jetzt fühlte er sich bereit, das übliche Muster zu
durchbrechen. Und der erneute Kick, den diese Vorstellung ihm verschaffte,
war es allemal wert.
Er wusste, dass das Mädchen überzeugt davon war, nicht lebend
davonzukommen. Er hatte es in ihren Augen gesehen, als er ihr das
Handtuch zuwarf, damit sie sich abtrocknen konnte. Ihr Blick war eine
stumme Bitte gewesen, dem grausamen Spiel ein Ende zu bereiten. Keine
Spur von Aufsässigkeit, nicht der geringste Versuch, ihn auszutricksen.
Nur ihr keuchender Atem nach dem Schwimmen im kalten Wasser, das
bleiche Oval ihres Gesichts, das im Dämmerlicht hinter der offenen
Hüttentür wie wächsern wirkte, und eben dieser Blick, der um Gnade
flehte. Sie schien jede Hoffnung begraben zu haben und sich still in ihr
Schicksal zu fügen.
Dazu passte auch, dass sie keinerlei Anstalten machte, ihren nackten
Körper vor ihm zu verbergen. Im Gegenteil! Sie hatte noch nicht mal darauf
gewartet, dass er sich umdrehte, hatte nur ihr nasses T-Shirt über den Kopf
gezogen und die Unterwäsche abgestreift. Für einen Moment hatte er den
Gedanken gehabt, ob sie ihn womöglich anmachen wollte, er wusste ja, wie
solche Schlampen tickten, und er war tatsächlich kurz versucht gewesen,
ihr zu geben, was sie wollte, ihr hart in die kleinen Brüste mit den steifen
Warzen zu greifen, sie zu Boden zu werfen und sich auf sie zu stürzen und
… Aber dann war er doch nur vor die Hütte gegangen und hatte mit
zittrigen Fingern eine Zigarette geraucht, während ihm der Schweiß unter
der Zwergenmaske über das Gesicht und den Nacken strömte und er sich
dafür verfluchte, dass ein Paar nackte Brüste ihn fast die Kontrolle
verlieren ließen. Bis ihm klar wurde, dass sie nie vorgehabt hatte, ihn zu
verführen, sondern ihr längst alles egal war. Er würde alles mit ihr tun
können, ohne dass es irgendeine Bedeutung für sie hätte. Sie war ihm
vollständig ausgeliefert, und sie wusste, dass er es auch wusste – dieses
Gefühl von uneingeschränkter Macht war besser als alles andere, was er
sich vorstellen konnte.
Heute Morgen hatte er ein paar notwendige Einkäufe gemacht, das
Mädchen musste schließlich auch irgendwas essen, wenn er das Spiel mit
ihr noch eine Weile fortsetzen wollte. Er war extra bis zu der Tankstelle in
Solvik an der Nordseite von Sotra gefahren, um nicht irgendjemandem
aufzufallen. Dann war er auf direktem Weg zurück zum Versteck und hatte
sich den kleinen Spaß erlaubt, erst laut pfeifend um den Schuppen
herumzulaufen, als wäre er ein Wanderer, der sich neugierig das verlassene
Grundstück ansah. Tatsächlich hatte sie auch zwei- oder dreimal um Hilfe
gerufen, bis ihr klar wurde, dass die Schritte nicht von einem zufälligen
Besucher stammen konnten.
»Schön brav sein!«, hatte er ihr zugeflüstert, als er schließlich mit der
Zwergenmaske vor dem Gesicht den Schuppen betrat und die Tüten
abstellte. »Wer brav ist, bekommt heute Abend auch was zu essen.«
Ihr leises Wimmern hatte einen Adrenalinstoß in ihm ausgelöst, der ihn
für einen Moment regelrecht high werden ließ. Ohne ein weiteres Wort
hatte er sie wieder eingeschlossen und war dann auf dem von Unkraut
überwucherten Weg zurück bis zur Teerstraße gefahren, hatte das Moped in
ein Gebüsch am Straßenrand geschoben und war über die Felsen bis zum
Meer gelaufen. Er kannte den alten Friedhof von Telavåg schon, seit er als
Junge ein paar Sommer lang die Ferien hier verbracht hatte, und er kannte
auch den Trampelpfad zu der Felsenrinne, in der man mit ein bisschen
Geschick zum Friedhof hinunter absteigen konnte, ohne ein Boot benutzen
zu müssen.
Sein Adoptivvater hatte es ihm damals erklärt – die Wiese, die
eingeklemmt zwischen den Felsen direkt am offenen Meer lag, war
wahrscheinlich das einzige Fleckchen Erde weit und breit, das nicht für
den Anbau von Kohl oder Gemüse taugte. Und da jede Krume Ackerboden
auf der felsigen Insel zu wertvoll war, um sie als Friedhof zu vergeuden,
begruben die Dorfleute ihre Toten schon seit ewigen Zeiten auf dieser
sumpfigen Uferwiese, auch wenn der Sarg und die Trauergäste nur mit dem
Boot hierhergelangen konnten.
Er hatte eigentlich nur aufs Meer blicken wollen und zwischen den
Grabkreuzen umherwandern, um sich an früher zu erinnern, als er mit
seiner kleinen Schwester hier Verstecken und Cowboy und Indianer gespielt
hatte – als er jetzt den Pastor auf der Wiese entdeckte und die Stimmen der
Trauergäste vom Anleger her hörte, war es wie ein Schock, als wäre jemand
unerlaubt in sein Gebiet eingedrungen.
Er hatte nicht erwartet, dass der Friedhof immer noch benutzt wurde,
und er hatte noch viel weniger damit gerechnet, dass es ausgerechnet heute
eine Beerdigung geben würde.
Gerade noch rechtzeitig wich er hinter die Felskante zurück, er glaubte
nicht, dass der Pastor oder einer der Trauergäste ihn gesehen hatte.
Bäuchlings lag er auf dem Boden und fühlte, wie die Sonne ihm den
Rücken wärmte. Er kam sich ein wenig albern vor, als er es endlich
riskierte, wieder den Kopf zu heben, um nach unten zu spähen.
Mittlerweile hatten sich die Trauergäste um die frisch ausgehobene
Grabstätte versammelt, der Pastor hielt eine Bibel in der Hand und
bekreuzigte sich, bevor er seine Rede begann. Die ersten Sätze waren auch
oben auf dem Felsen gut zu verstehen.
»So sind wir nun hier versammelt, um Abschied von einem Mitglied
unserer Gemeinde zu nehmen, das viel zu früh aus unserer Mitte gerissen
wurde. Lasst mich eine Geschichte erzählen, die an einem Sommertag wie
diesem begann, an dem niemand etwas Böses ahnte oder auch nur im
Entferntesten daran dachte, wie schnell und unbarmherzig das Schicksal
seinen Lauf nehmen würde. Lasst mich von einem jungen Mädchen
erzählen, dem die ganze Welt zu Füßen zu liegen schien, als es durch das
Heidekraut zu seinem Lieblingsplatz am Meer …«
Ein plötzlicher Windstoß verwehte die nächsten Worte, aber er war mit
seinen Gedanken längst ganz woanders. Der Sarg, der da neben der offenen
Grube stand, war ein Kindersarg, und der Pastor hatte von einem Mädchen
geredet und von ihrem Lieblingsplatz am Meer – er fühlte, wie ihn ein
Schauer überlief, fast die gleichen Worte hatte er schon einmal gehört, und
auch die Szenerie war ihm nur zu bekannt!
Für einen kurzen Moment fragte er sich tatsächlich, ob es wirklich nur
ein Déjà-vu war oder … ob er womöglich etwas getan hatte, woran er sich
jetzt nicht mehr erinnerte! Vor ein paar Tagen erst, und sein Gedächtnis
hatte das Geschehen einfach ausgeblendet! Gelöscht wie eine unliebsame
Datei. Aber das war Unsinn, das konnte nicht sein.
Er krallte die Finger in den Boden, bis ein Nagel brach und der Schmerz
ihm die Tränen in die Augen trieb. Erst dann wurde ihm plötzlich klar,
dass es ohnehin keine Rolle spielte. Die Beerdigung war so etwas wie ein
Fingerzeig, als wollte irgendeine höhere Macht ihm zu verstehen geben,
dass sich alles fügen würde.
Da war nicht nur das Kindergrab gewesen, ein paar Meter weiter hatte er
noch eine zweite Grube gesehen. Wahrscheinlich eine Grabstätte, die erst
vor kurzem geräumt worden war. Auch ohne noch mal über die Kante zu
blicken, hatte er jetzt wieder deutlich die Holzreste eines Sargs vor Augen,
und ein geborstenes Kreuz, das im Gras gelegen hatte. Dieses geöffnete Grab
war zumindest eine Alternative für den Fall, dass er doch anders handeln
musste als geplant. Und diesmal würde er keinen Fehler machen.
JULIA
Sie hatte von Mikke geträumt. Und der Traum war so real gewesen, dass sie für
einen Moment irritiert war, alleine in ihrem Bett zu liegen. Als sie die Hand
zwischen ihren Beinen hervorzog, waren ihre Finger feucht. Ihr Atem ging
immer noch schnell vor Erregung.
Als sie einen Blick auf den Wecker warf, war es kurz nach zwölf. Vielleicht
waren es die Kirchenglocken gewesen, die sie geweckt hatten. Durch den hellen
Vorhang fiel gedämpftes Sonnenlicht in ihr Zimmer. Irgendwo unter ihr im
Haus hörte jemand klassische Musik. Grieg, wenn sie sich nicht täuschte, » Die
Höhle des Bergkönigs« . Sie war mit Merette mal zu einem Konzert in Griegs
Sommervilla gewesen und hatte die Musik als überraschend lebendig
empfunden, obwohl sie sonst auf alles andere stand als ausgerechnet auf Edvard
Grieg.
Der Schatten eines Vogels flatterte vorm Fenster vorbei, gleich darauf hörte
sie die heiseren Schreie einer Möwe.
Als es an der Tür klingelte, war sie versucht, einfach liegen zu bleiben. Aber
dann warf sie doch die Decke zurück und tapste barfuß durch den Flur.
Vielleicht hatte sie es unwillkürlich gewusst, wer vor ihrer Tür stehen würde,
vielleicht hatte sie es sogar im Stillen gehofft, vielleicht träumte sie auch immer
noch …
Als Mikke sie ohne ein Wort in die Arme nahm und sie an sich zog, legte sie
den Kopf zurück und wartete auf seine Lippen, sie küssten sich mit weit offenem
Mund, während er sie in die Wohnung schob und die Tür hinter sich zudrückte.
Seine Hände tasteten sich von den Oberschenkeln aufwärts unter ihr T-Shirt
und blieben dann auf ihrem Hintern liegen, es erschien ihr genauso
selbstverständlich wie ihr eigenes hastiges Gefummel, mit dem sie seine Jeans
öffnete und ihre Hand in seine Unterhose schob.
Als er sie schwer atmend gegen die Wand drückte, zerrte sie ihm das Hemd
von den Schultern, keine Minute später waren sie beide nackt. Mikke hatte eine
Narbe über der linken Brust, über die Julia flüchtig ihre Fingerspitzen gleiten
ließ.
Sie wusste nicht, wie sie es bis zu ihrem Bett schafften, aber kaum dass er
über die Innenseiten ihrer Schenkel strich, fasste sie nach seinem Kopf und
drückte ihn zwischen ihre Beine. In ihrem Bauch begann es zu glühen, und dann
kam auch schon von irgendwo ganz weit her die Welle, die sie mit sich riss,
während sich alles in ihr zusammenzog und sie ihn zuckend noch enger an sich
drückte.
Er blickte überrascht hoch und suchte ihre Augen, sie legte ihm die Hand auf
den Mund und flüsterte atemlos: » Sag jetzt nichts. Es ist alles okay …«
Nach einem Moment fing er vorsichtig wieder an, seine Hände über ihren
Körper wandern zu lassen, bis sie sich umdrehte und sich mit gespreizten
Beinen auf ihn setzte. Diesmal kamen sie beide gleichzeitig, während irgendwo
vom Hof herauf eine Frauenstimme drang, die ihre Kinder zum Mittagessen rief.
» Wow« , kam es leise von Mikke, als sie nebeneinanderlagen und ihre Finger
miteinander spielten.
» Nein« , sagte Julia kurz darauf, ohne dass er etwas gefragt hatte.
» Was?«
» Ich liebe dich nicht, vergiss es. Es war nur …«
Etwas hatte ihr plötzlich Angst gemacht. Und sie wusste nur zu genau was.
Sie hatte sich da gerade auf etwas eingelassen, was sie vielleicht besser nicht
hätte tun sollen. Und es war so selbstverständlich gewesen, dass sie das Gefühl
hatte, ganz schnell zumindest irgendeine Art von Schadensbegrenzung
vornehmen zu müssen.
» Und wir haben noch nicht mal ein Kondom benutzt« , kam es eher
zusammenhanglos von Mikke.
» Was?« , fragte diesmal Julia. Im nächsten Moment saß sie aufrecht im Bett.
» Scheiße« , rutschte es ihr heraus.
Mikke strich ihr zärtlich über den Arm. » Also, ich meine, nicht dass ich
glauben würde, du machst mit jedem rum, und ich auch nicht, falls du jetzt
Panik kriegst, aber …«
» Ich hab die Pille abgesetzt, vor längerem schon.«
» Du meinst …«
» Meine ich.«
» He!« Er griff nach ihrer Hand, als sie aufstehen wollte. Julia machte sich los
und fing an, wahllos irgendwelche Klamotten aus ihrem Schrank zu wühlen.
Ohne sich entscheiden zu können, was sie anziehen wollte.
» He!« , sagte Mikke noch mal. » Gibt es nicht für Frauen so was wie die Pille
danach? Ich meine, sorry und so, ist ja auch meine Schuld, aber irgendwie habe
ich an gar nichts mehr gedacht, als du mir vorhin die Tür aufgemacht hast und
…«
Julia fuhr herum und war kurz davor, ihn anzuschreien. Dann schloss sie kurz
die Augen und sagte leise: » Es ist schon okay, Mikke. Ich wollte es ja genauso.
Und, ja, du hast recht, es gibt so was wie die Pille danach. Vierundzwanzig
Stunden. Das sollte reichen, um eine Apotheke zu finden, die das Zeug dahat.«
» Ich komme mit, wenn du willst« , sagte er und war schon dabei, nach seiner
Jeans zu greifen. » Ich bezahl das auch, ist doch klar. Aber ich habe keine
Ahnung, wo die nächste Apotheke ist, das musst du besser wissen. Wollen wir
gleich los?«
Sie kniete sich vor das Bett und nahm seinen Kopf in ihre Hände.
» Danke. Aber lass mich das mal alleine machen. Und sorry, dass ich eben so
ausgeflippt bin. Ich wollte nur vermeiden, dass du vielleicht denkst …«
» He, ganz cool, Julia. Ich glaube, ich weiß, was du meintest. Es ist schon
okay, keine Panik. Ich will dich ja auch nicht gleich heiraten. Aber vielleicht
…«
Julia küsste ihn. » Es war schön mit dir. Sehr schön sogar.«
» Und das heißt? Ich meine, was machen wir jetzt mit uns so?«
» Ich weiß noch nicht. Gib mir ein bisschen Zeit. Es kam irgendwie so …
überraschend. Und wir wissen so wenig voneinander.«
Er grinste wieder. » Das könnte man ja ändern. Apropos Zeit, vierundzwanzig
Stunden, hast du gesagt?«
» Ja, glaube ich jedenfalls.«
» Und wenn wir dann vielleicht eben noch mal … Also, damit es sich auch
lohnt mit der Pille.«
Seine Hand wanderte wieder zwischen ihren Beinen empor.
Für einen Moment war sie versucht, tatsächlich alle Bedenken außer Acht zu
lassen, aber dann sagte sie nur: » Hör auf, Mikke, lass das.«
Sie griff nach ihrer Unterwäsche.
Er zuckte mit der Schulter, als wollte er ihr deutlich machen, dass er sie auf
keinen Fall zu irgendetwas drängen würde, wozu sie nicht bereit war.
» Aber was meinst du, wenn wir heute Abend vielleicht zusammen was essen
gehen? Ohne Hintergedanken, ich schwöre! Nur reden, sonst nichts.«
Julia musste unwillkürlich lächeln. Er war süß in dem Bemühen, seinerseits
mit der Situation klarzukommen. Sie wollte gerade zu einer Antwort ansetzen,
als sie ein Geräusch an der Wohnungstür aufhorchen ließ. Dann klingelte es,
und jemand klopfte zusätzlich ungeduldig gegen die Tür. Julia kannte nur eine
Person, die diese nervtötende Angewohnheit hatte.
» Mist« , fluchte sie. » Das ist meine Mutter, ich hab völlig vergessen, dass
wir verabredet sind.«
Sie streifte sich das erstbeste T-Shirt über. Aus den Augenwinkeln sah sie,
wie Mikke aufsprang und hektisch in seine Jeans schlüpfte.
» Deine Mutter?« , stieß er hervor. Seine Stimme klang, als hätte sie gesagt,
die Polizei stünde vor der Tür. Julia konnte nur mit Mühe ein Lachen
unterdrücken, er benahm sich wirklich wie ein kleiner Junge, der gerade bei
etwas Verbotenem ertappt worden war und jetzt Angst vor der Bestrafung hatte.
» Ganz ruhig, Mikke. Sie beißt nicht. Gib mir einen Moment, damit ich sie
vorbereiten kann, dann stelle ich euch vor. – Alles okay?« , fragte sie noch mal
nach, als er sie nur wortlos anstarrte.
Sie hauchte ihm einen Kuss zu.
» Ich setze sie in die Küche und koche ihr erst mal Kaffee. Dann hole ich
dich.«
Das Letzte, was sie von Mikke sah, waren seine Augen, die ziellos durch ihr
Zimmer irrten, als würden sie nach einem Fluchtweg suchen. Fehlte nur noch,
dass er sich gleich im Schrank versteckt, dachte Julia.
Als sie ihre Mutter in die Wohnung ließ, wollte Merette sie in den Arm
nehmen: » Gott, Mädchen, du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dich zu
sehen.«
» He« , sagte Julia nur abwehrend. » Schön, dass du da bist, Mama.« Sie
merkte selbst, dass sie eher resigniert als erfreut klang, und bemühte sich, die
missglückte Begrüßung wenigstens durch ein Lächeln wiedergutzumachen.
» Komm, ich koche erst mal Kaffee für uns. – Du hast Brötchen mitgebracht?
Toll, danke. Ich hab auch noch gar nichts gegessen heute.« Sie nahm Merette
die Brötchentüte ab und ging vor ihr her zur Küche, während sie unentwegt
weiterredete. » Hier ist das Bad, die Badewanne mit den Löwenfüßen ist doch
echt cool, oder? Und hier geht es in mein Zimmer, mit der Dachterrasse, aber
das kann ich dir alles später noch zeigen. So, das ist die Küche. Ich habe mir
übrigens überlegt, dass ich mir vielleicht einen Geschirrspüler besorge, und mit
dem Vermieter muss ich noch mal reden, die eine Herdplatte funktioniert nicht,
aber sonst siehst du ja selber, es ist echt toll! Setz dich doch, ich habe eine neue
Kaffeesorte entdeckt, in dem Bioladen gleich hinter der Post, in der Strandgate,
kommt aus Guatemala, irgendein Fairtrade-Produkt, eine Fraueninitiative aus
dem Hochland da, ein Teil des Geldes fließt direkt in das Projekt, und du wirst
gleich sehen, der Kaffee ist echt klasse …«
» Stop it, Julia« , unterbrach ihre Mutter sie. » Irgendwas stimmt doch nicht
mit dir. Würdest du bitte aufhören, mich vollzutexten, und einfach mal sagen,
was los ist?«
Julia füllte die Espressokanne auf und schaltete den Herd ein.
Dann standen sie sich einen Moment gegenüber. Julia versuchte, dem Blick
ihrer Mutter nicht auszuweichen.
» Was soll ich sagen, Mama? Ich war sauer auf dich, das hast du ja wohl
gemerkt. Es tut mir auch leid, dass ich dich so angefahren habe, aber ich fand es
völlig unmöglich, wie du dich aufgeführt hast. Deshalb habe ich dich auch
gestern nicht sehen wollen. Ich hab’s dir ja schon gesagt, ich bin alt genug, um
auf mich selber aufpassen zu können. Und es geht dich echt nichts an, mit wem
ich nachts unterwegs bin …«
Julia brach mitten im Satz ab, als ihre Mutter jetzt den Stuhl zurückzog und
sich setzte. Julia sah, dass ihre Hände zitterten, als sie sich eine Zigarette
zwischen die Lippen schob und dann in ihrer Handtasche nach dem Feuerzeug
suchte.
Julia nahm die Streichholzschachtel von dem Brett über der Spüle und warf
sie Merette wortlos zu. Merette rauchte hastig zwei oder drei Züge, dann hielt
sie beide Hände hoch, als wollte sie sich geschlagen geben.
» Ich entschuldige mich, wenn du das Gefühl hattest, dass ich dir zu nahe
kommen würde oder mich zu sehr in dein Privatleben einmische. Aber ich hab
meine Gründe gehabt. Es ist ganz anders, als du denkst.«
» Dann rede einfach mit mir« , sagte Julia. » Aber behandel mich nicht wie
eine Fünfzehnjährige! Ich hab schon mitgekriegt, dass dir irgendwas zu schaffen
macht, aber wenn du willst, dass ich mich dazu äußere, dann sei bitte auch offen
zu mir, sonst kriegen wir nämlich nur Streit. Haben wir ja schon« , setzte sie
hinzu und dachte, dass es manchmal fast so war, als wäre sie diejenige, die
darauf achten musste, dass sie nicht wieder in ihre alten Rollenmuster verfielen –
die Mutter, die alles unter Kontrolle haben wollte, und die Tochter, die sich mit
Händen und Füßen dagegen wehrte.
Der Kaffee brodelte in der Kanne hoch. Julia schaltete den Herd aus, machte
aber keine Anstalten, sich und Merette einzuschenken. Stattdessen blickte sie
ihre Mutter fragend an.
» It always needs two to tango« , konnte Merette es nicht lassen anzubringen,
aber sie lächelte dabei und nickte entschuldigend.
» Du hast ja recht, Julia, es ist einfach manchmal …«
» Schwierig?«
» Schwierig, ja. – Also gut, ich will versuchen, dir zu erklären, was überhaupt
…«
Sie drehte irritiert den Kopf zum Flur.
Julia hatte das Geräusch aus ihrem Zimmer ebenfalls gehört. Aber im
Gegensatz zu ihrer Mutter wusste sie ja, dass sie nicht alleine in der Wohnung
waren.
Als Merette sie fragend anblickte, zuckte sie mit der Schulter und versuchte,
einen möglichst leichten Tonfall anzuschlagen.
» Ich hab Besuch, Mama, keine Panik. Und ja, es ist ein Typ! Und zwar
genau der, den ich Freitagnacht kennengelernt habe, als du wissen wolltest, wo
ich bin.«
» Freitagnacht? Du meinst …«
Julia nickte.
» Es ist alles okay, glaub mir …«
Merette sprang auf und stieß fast den Stuhl dabei um. Sie war schlagartig
kreidebleich geworden.
» Nichts ist okay, gar nichts! Du weißt ja überhaupt nicht …«
Im ersten Moment war Julia einfach nur verblüfft von der Reaktion ihrer
Mutter. Sie fragte sich, was eigentlich mit ihnen nicht stimmte, dass sie sich
bei dem geringsten Anlass augenblicklich wieder in die Haare bekamen. Aber
ihre Mutter ließ nicht nach.
» Heißt das, er ist die ganze Zeit schon hier? Du hast die ganze Zeit diesen
Typen in der Wohnung, auch gestern schon, als du mich nicht sehen wolltest?«
Julia merkte, dass sie wieder wütend wurde. Sie war enttäuscht und wusste
sich nicht anders zu helfen, als sofort zum Gegenangriff überzugehen.
» Nein« , blaffte sie zurück. » Er ist nicht schon seit gestern hier, er ist vorhin
erst gekommen. Und falls du es genau wissen willst, wir waren gerade erst fertig
mit Vögeln, als du geklingelt hast. Es hat übrigens Spaß gemacht, falls dich das
auch noch interessiert!«
Sie war kurz davor hinzuzusetzen, dass es Merette vielleicht auch mal wieder
guttun würde, mit irgendeinem Kerl ins Bett zu steigen und Spaß zu haben.
Aber dann biss sie sich nur auf die Unterlippe und sagte leise: » Komm wieder
runter, ja? Es ist alles nicht schlimm, so was gibt’s, dass Leute am
Sonntagmittag Sex miteinander haben. Also, ich geh jetzt rüber in mein
Zimmer und hol ihn. Aber gib dir bitte ein bisschen Mühe, ihn nicht gleich ins
Kreuzverhör zu nehmen. Ich weiß ja selber noch nicht mal, ob das Ganze
überhaupt irgendwas zu bedeuten hat. Versuch einfach nur, nett zu sein und
nicht die Psychologin raushängen zu lassen. Er heißt übrigens Mikke, und er
kommt aus Kirkenes und ist erst seit ein paar Wochen in Bergen. Den Rest
kann er dir selbst erzählen.«
Sie schob sich an ihrer Mutter vorbei und ging zu ihrem Zimmer. Schlechtes
Timing, dachte sie, aber andererseits war es ihr egal, entweder Mikke würde mit
der Situation klarkommen oder eben nicht.
» Mikke« , rief sie, während sie die Tür zu ihrem Zimmer aufmachte.
» Kommst du mal kurz, ich möchte dir meine Mutter …«
Sie blickte ratlos vom Bett zu ihrem Schreibtisch hinüber und noch mal
zurück. Aber ihr Zimmer war leer. Mikke war weg, und sie hatte keine Ahnung,
wohin.
Erst jetzt fiel ihr das geöffnete Fenster auf. Sie war sich sicher, dass es
geschlossen gewesen war, sie hatte vorhin noch kurz daran gedacht, dass
wenigstens niemand auf dem Hinterhof ihr Stöhnen gehört haben würde.
Sie zog den Vorhang beiseite und blickte auf das Flachdach hinaus.
» Das kann jetzt nicht wahr sein« , flüsterte sie vor sich hin. » Er ist echt
abgehauen, über die Feuertreppe …«
Sie hörte ihre Mutter hinter sich im Zimmer. Als sie sich umdrehte, stand
Merette am Schreibtisch und hielt einen Zettel hoch.
» Hilft dir das hier irgendwie weiter?«
Julia riss ihr den Zettel aus der Hand.
» Sorry« , sagte Merette, » ich dachte ja nur, dass … Ich hab nichts gelesen,
aber der Zettel ist von ihm, oder?«
Julia gab keine Antwort. Mikkes Schrift war kaum zu entziffern, ein paar
Wörter nur, in aller Eile hingeschmiert. HAB KEINEN BOCK AUF FAMILIE.
RUF MICH AN, WENN DU MICH NOCH MAL SEHEN WILLST. MIKKE.
Und eine Handynummer.
Julia knüllte den Zettel zusammen und warf ihn in den Papierkorb.
» Und das war’s dann wohl« sagte sie zu Merette. » Du brauchst dir also
keine Sorgen mehr zu machen, hat sich von alleine erledigt. Er steht
offensichtlich nicht auf jemanden, der keinen Schritt machen kann, ohne dass
Mama vorbeiguckt, um zu sehen, ob alles okay ist.« Sie wusste, dass das unfair
war. Und es war auch nicht mehr Merette, über die sie sich ärgerte, sondern
Mikke, aus dem sie nicht schlau wurde.
Merette legte ihr vorsichtig die Hand auf den Arm.
» Vielleicht habe ich eine Erklärung für das, was hier gerade abgeht« , sagte sie
leise. » Meinst du, du kannst mir mal zehn Minuten zuhören, ohne
auszuflippen?«
Eine halbe Stunde später saßen sie immer noch in der Küche. Die Brötchen
lagen unangetastet in der Tüte, aber Julia hatte bereits zweimal neuen Kaffee
gekocht.
Sie schwankte einerseits zwischen Verunsicherung über das, was Merette
erzählte, und der klaren Überzeugung andererseits, dass es einfach nicht stimmen
konnte. Das Meiste von dem, was Merette anführte, ließ sich relativ einfach
widerlegen. Natürlich stimmte es, dass Mikke irgendwie ein bisschen komisch
war, und Julia wusste nichts weiter über ihn außer den paar Informationen, die er
ihr gegeben hatte. Aber alleine die Beschreibung, die Merette von ihrem
Patienten lieferte, passte nicht. Nicht nur, dass er Aksel hieß, aber vor allem war
er blond, während Mikke fast schwarze Haare hatte. Auch die Klamotten ließen
keinerlei Gemeinsamkeiten erkennen – Jogginganzug gegen Jeans und
Lederjacke. Und schließlich gestand Julia dann auch, dass sie sehr wohl die
Bandaufnahme gehört hatte, zumindest zu einem Teil, bis es ihr zu abartig
geworden war.
» Es war ein Versehen, okay? Ein blöder Zufall. Aber die Stimmen ähneln
sich überhaupt nicht, vor allem hat Mikke nicht diesen Tonfall wie jemand, der
sich permanent angegriffen fühlt, obwohl er gleichzeitig klingt, als wollte er dir
unbedingt eins auswischen.«
» Gut beschrieben.« Merette griff nach Julias Hand und drückte sie, als wollte
sie ihr zu verstehen geben, dass damit auch die Sache mit der Bandaufzeichnung
endgültig erledigt war. Sie hat es ohnehin die ganze Zeit gewusst, dachte Julia.
Ich hätte schon viel eher damit rausrücken sollen, das hätte es einfacher gemacht.
Ihr Hauptargument allerdings behielt Julia für sich: Sie war mit Mikke im
Bett gewesen, und so, wie er sich da verhalten hatte, war er ganz sicher
niemand, der kleine Mädchen ermordete.
» Hör auf, Mama« , sagte Julia. » Es passt nicht, Mikke ist nicht dein
Patient.«
» Du unterschätzt, dass Soziopathen durchaus in der Lage sind …«
» Mama, hör auf« , wiederholte Julia. » Ich glaube, es geht eher darum, dass
du nicht weißt, ob es wahr ist, was er behauptet. Ruf bei deinen Kollegen in der
Sozialpsychiatrie an und gib den Fall ab. Außerdem solltest du wirklich zur
Polizei gehen. Es hat doch nichts mehr damit zu tun, dass du an deine
Schweigepflicht gebunden bist. Wenn er wirklich …«
» Das geht nur, wenn ich mir sicher sein könnte, dass er tatsächlich eine
Bedrohung für irgendjemanden darstellt.«
» Und? Du bist doch davon überzeugt, dass es so ist! Also. Aber lass mich da
raus aus der Sache, er ist nicht hinter mir her, ganz bestimmt nicht. Er legt es
nur genau darauf an, dass du Panik kriegst, das ist alles. Und das hat er ja schon
mal geschafft.«
Für einen Moment starrte Merette vor sich auf die Tischplatte. Mit dem
Zeigefinger zeichnete sie Kreise in den Kaffeefleck neben ihrer Tasse. Als sie
aufblickte, lächelte sie, als wollte sie um Verzeihung bitten.
» Tut mir leid, wenn ich dich jetzt damit belastet habe. Das wollte ich nicht.
Aber ich fand, dass du Bescheid wissen musst. Und was deinen Mikke da
angeht, hoffe ich nur, dass du recht hast.«
» Er hat nichts damit zu tun, ganz sicher nicht. Aber ich pass auf mich auf,
versprochen. Und ich denke, ich werde ihn sowieso nicht wiedersehen.«
Julia wusste nicht, ob sie ihre Mutter wirklich überzeugt hatte. Aber
vielleicht war es auch egal. Wichtig war, dass Julia selbst überzeugt war. Und
dass sie endlich miteinander geredet hatten. Sie fühlte plötzlich eine Nähe zu
Merette, wie sie lange nicht mehr zwischen ihnen gewesen war. Und sie war froh
darüber! Ganz fest drückte sie Merettes Hand, Merette erwiderte den Druck.
Julia fand, dass sie müde aussah. Und älter, als sie war.
» Noch was« , sagte Merette plötzlich und scheinbar ohne jeden
Zusammenhang. » Ich war vorgestern Abend schon mal hier.«
» Weiß ich.« Julia grinste und genoss den Moment der Überraschung in
Merettes Gesicht.
» Woher weißt du …?«
» Dieses Haus hat Augen und Ohren, Mama! Nein, aber ganz im Ernst, ich
weiß auch, dass du mit der Frau in der ersten Etage geredet hast. Ihr
halbwüchsiger Sohn hat mir nämlich dann prompt nachts noch im Treppenhaus
aufgelauert, um mir brühwarm zu erzählen, dass meine Mama zu einem kleinen
Kontrollbesuch da war. Auch so was, weshalb ich gestern erst recht sauer auf
dich war, nein, warte …« Sie hob die Hand, als Merette etwas erwidern wollte.
» Ich wusste ja nicht, was los war. Für mich musste es zwangsläufig so
aussehen, als würdest du hinter mir herspionieren! Im Übrigen stehe ich auch
nicht besonders darauf, nachts in dunklen Treppenhäusern von einem
pubertierenden Fünfzehnjährigen abgefangen zu werden. Wobei ich tatsächlich
glaube, dass er sich irgendwie ausgemalt hatte, ich würde ihn zur Belohnung
gleich in mein Bett einladen … Seine Mutter hat dir erzählt, dass ich angeblich
mittags schon mal Besuch hatte, darauf willst du doch raus, oder? Aber du
siehst gerade überall Gespenster, fürchte ich …«
» Sie hat von einem Pärchen gesprochen. Ein Typ mit einer Kapuze über dem
Kopf und ein Mädchen, das so betrunken war, dass sie nicht mehr alleine laufen
konnte.«
Julia nickte. » Der hoffnungsvolle Sprössling hat behauptet, er hätte die
beiden auch gesehen.«
» Und?«
» Was weiß ich! Es gibt noch andere Leute hier im Haus, die alle immer mal
Besuch kriegen. Ich bin mir sicher, dass das absolut gar nichts mit mir zu tun
hatte! Und selbst wenn, dann waren es vielleicht irgendwelche Leute, die mit
mir zusammen studieren.« Julia stutzte, dann schüttelte sie den Kopf. » Obwohl
sie nicht aus dem Projekt sein können, da waren mittags alle in der Uni.«
» Ich hatte schon überlegt, ob es vielleicht Marie gewesen sein könnte. Was
ist überhaupt mit ihr? Du hast gesagt, sie wäre nicht gekommen. Warum nicht?
Hast du mit ihr gesprochen?«
» Marie ist nichts als eine saublöde Ziege, die sich gerade mal wieder wichtig
macht.«
Julia erzählte kurz, was passiert war. Und dass sie überzeugt davon war, erst
mal gar nichts mehr von Marie zu hören.
» Ich weiß echt nicht mehr, wie Marie eigentlich tickt. Ich meine, sie hatte
immer schon einen Hang zur Drama-Queen, aber jetzt scheint sie völlig
ausgeflippt zu sein. Jedenfalls war sie unter Garantie nicht hier, dann wäre sie
auch in die Wohnung rein, sie wusste, wo ich den Schlüssel versteckt hatte.«
» Du hast den Schlüssel versteckt? Wo?«
» Hör auf, es ist alles okay!« Das Letzte, was Julia Merette auf die Nase
binden wollte, war die Geschichte mit dem Schlüssel. » Sie hat den Schlüssel
nicht benutzt, also war sie auch nicht da! Und wer sollte der Typ gewesen sein?
Es war nie die Rede davon, dass sie jemanden mitbringen wollte. Soweit ich
weiß, hat sie auch zurzeit gar keinen Freund. Und dieser Carlos vom letzten
Sommer war es bestimmt nicht, das ist schon lange wieder vorbei, hat Marie
selber erzählt.«
» Schade um die Freundschaft« , meinte Merette nachdenklich. » Vielleicht
solltest du doch noch mal …«
» Nein, ganz bestimmt nicht. Dann ist es eben so. Ich komm schon klar
damit.«
» Okay.« Merette nahm den Aschenbecher und leerte ihn in den Abfalleimer,
bevor sie weiterredete. » Das sieht nach viel Chaos aus bei dir, als hättest du
mehrere Baustellen gleichzeitig. Das tut mir leid für dich.«
Julia war klar, dass ihre Mutter auch auf Mikke anspielte. Sie legte Merette
den Arm um die Schultern und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.
» So schlimm ist es nicht, ich krieg das schon hin. Aber was ist jetzt mit dir?
Ich habe irgendwie das Gefühl, dass ich mich um dich kümmern müsste und
nicht umgekehrt.«
Einen Moment stand Merette ganz still an Julia gelehnt, bevor sie den
Rücken straffte und sagte: » Ich weiß noch nicht. Wichtig ist gerade nur, dass
ich keine Angst um dich haben muss. Versprich mir, dass du auf dich aufpasst,
ja? Und erzähl mir bitte, was aus deiner Geschichte mit diesem Mikke da wird.
Nicht weil ich dich kontrollieren will, sondern …«
» Schon klar, kapiert« , erwiderte Julia. » Was hältst du davon, wenn wir jetzt
so tun, als wärst du gerade erst gekommen? Ich geh nur schnell duschen und du
…«
» Ich mach uns solange was Warmes zu essen. Die Brötchen kannst du dir
immer noch aufbacken, aber ich glaube, wir könnten jetzt beide was Richtiges
vertragen.« Julia nickte und hauchte ihrer Mutter einen Kuss zu.
» Spaghetti sind im Regal, Tomaten in der Schale. Und im Kühlschrank sind
Fischklößchen. Hab ich gestern erst auf dem Torget geholt.«
Als Julia ins Badezimmer ging, machte sich Merette bereits mit der Pfanne zu
schaffen und setzte das Spaghettiwasser auf.
Julia beeilte sich. Unter der Dusche legte sie den Kopf in den Nacken und ließ
das heiße Wasser über ihre Haare strömen, bis sie merkte, wie sie sich langsam
entspannte.
Als sie das Wasser abdrehte und nach dem Handtuch griff, meinte sie, die
Wohnungstür ins Schloss fallen zu hören. Noch während sie sich die Haare
abtrocknete, tapste sie barfuß in die Küche. Ihre Füße hinterließen feuchte
Abdrücke auf den Holzdielen.
Der Topf mit dem Spaghettiwasser stand auf dem Herd, in der Pfanne
schwamm ein Klecks Butter. Aber beide Platten waren ausgeschaltet. Und
Merette war verschwunden. Genauso wie die Brötchentüte. Auch die Zeitung
fehlte, die sie vorhin mitgebracht und auf den Tisch gelegt hatte.
Julia musste nicht erst noch in ihrem Zimmer nachsehen, um zu wissen, dass
ihre Mutter gegangen war. Irritiert überlegte sie, was der Grund gewesen sein
könnte, dass Merette einfach grußlos verschwunden war.
Im nächsten Moment meldete ihr Handy eine SMS.
sorry kleines aber ich musste los sei nicht böse ich erklär’s dir später hab
dich lieb merette
Und sie hat immer noch nicht gelernt, wie man Satzzeichen eingibt, dachte
Julia. Als wäre das das einzige Problem, das es gab. Ärgerlich verpasste sie dem
Stuhl, auf dem Merette gesessen hatte, einen Tritt, dass er ein Stück über den
Boden rutschte und gegen die Wand knallte.
Unten im Hof hörte sie Stimmen, irgendjemand rapte einen Song, der mehr
oder weniger nur aus » fuck you« bestand: » Fuck your mother, fuck your father,
fuck your brother, fuck your sister …« Erst als sie ans Fenster trat und den
Nachbarsjungen mit zwei seiner Kumpel sah, fiel ihr ein, dass sie immer noch
nackt war.
MERETTE
Natürlich war es lächerlich gewesen, einfach so zu verschwinden, dachte Merette.
Sie hätte wenigstens kurz den Kopf ins Badezimmer stecken sollen, um auf
Wiedersehen zu sagen. Aber sie hatte unbedingt vermeiden wollen, dass Julia
etwas fragte, worauf sie keine Antwort hatte.
An der Ampel zur Teatergate fischte sie ihr Handy aus der Handtasche und
schrieb eine kurze Nachricht an Julia. Als die Ampel auf Grün sprang, drückte
sie auf senden und schaltete das Handy dann aus. Im letzten Moment konnte sie
einem Radfahrer ausweichen, der plötzlich vor ihr auf der Straße war.
» Reiß dich zusammen, Merette« , sagte sie halblaut vor sich hin und hob die
Hand vor den Rückspiegel, um sich zu entschuldigen.
Der Radfahrer zeigte ihr den ausgestreckten Mittelfinger und brüllte irgendwas
hinter ihr her. Merette schob eine CD in den Player und drehte die Lautstärke
hoch. » I need a lover, I need a friend« , sang Elg von Dance with a Stranger,
» need someone who ain’t running away.« Der schleppende Rhythmus des
Songs hüllte Merette ein und ließ sie den Kopf ans Seitenfenster legen und laut
mitsingen: » Everyone needs a friend sometimes, that’s what it’s all about …«
Als sie hinter Godvik die Brücke über den Byfjord passierte, lag links und
rechts das Meer in gleißendes Sonnenlicht getaucht, die Segel der Boote
leuchteten als weiße Tupfer im endlosen Blau. Für einen kurzen Moment vergaß
sie fast, dass sie nicht auf einer Ausflugsfahrt ans Meer war, sondern dass sie ein
Ziel hatte, das vielleicht endlich etwas erklären würde, auch wenn sie sich
gleichzeitig vor dem fürchtete, was sie womöglich erfahren würde.
Sie hatte die Zeitung eigentlich eher zufällig hochgenommen, während sie
darauf wartete, dass das Spaghettiwasser anfing zu kochen. Und dann war ihr
Blick an der Nachricht hängengeblieben, die ganz unten auf der Seite stand:
TRAGISCHER UNGLÜCKSFALL AUF SOTRA. Ein zwölfjähriges Mädchen
war beim Spielen offensichtlich von den Felsen gerutscht und im Meer
ertrunken, Zeugen hatte es keine gegeben, der Redakteur ließ sich lang und breit
darüber aus, dass das Mädchen eine gute Schwimmerin gewesen war, die das
Meer und die Küste bestens kannte und für ihr Alter als sehr vernünftig galt –
und trotzdem war sie von der Strömung abgetrieben und erst zwei Tage darauf
gefunden worden.
Merette vermochte nicht wirklich zu sagen, warum sie augenblicklich einen
Zusammenhang mit dem Geständnis ihres Patienten hergestellt hatte, vielleicht
war es nur das Alter des Mädchens, auch die kleine Schwester, die er angeblich
ermordet haben wollte, war damals zwölf Jahre alt gewesen. Wahrscheinlich war
es genau die Verknüpfung: ein zwölfjähriges Mädchen, das ertrunken war, und
die Tatsache, dass das Unglück ganz in der Nähe passiert war. Und ihr Patient,
dem sie mittlerweile durchaus zutraute … ja, was eigentlich? Dass er tatsächlich
seine Schwester ermordet hatte? Dass es nicht der einzige Mord gewesen war?
Dass er gerade erst wieder gemordet hatte?
Sie schlug mit der flachen Hand aufs Lenkrad. Was sie da machte, war
vollkommen idiotisch! Viel naheliegender wäre es gewesen, zunächst mal mit
dem Betreuer zu reden, der ganz sicher mehr über ihren Patienten wusste, als
sich dem kurzen Vermerk entnehmen ließ, mit dem er das psychologische
Gutachten angefordert hatte. Aber erstens war es Samstag gewesen, und der
Betreuer war nicht zu erreichen, und davon ganz abgesehen, war Merette nun
auch mal keine Polizistin.
Mit einem anderen Telefonat hatte sie am Tag zuvor mehr Glück gehabt. Auf
ein paar Umwegen hatte sie die Nummer des früheren Mitarbeiters aus dem
Jugendamt herausgefunden, der jetzt im Ruhestand war und auf einer Insel im
Stavanger Fjord lebte. Ingvar Alnæs, der womöglich sogar der illegitime Vater
ihres Patienten war! Allerdings war es nicht ganz einfach gewesen, Alnæs dazu
zu bekommen, dass er ihr überhaupt zuhörte und nicht gleich wieder auflegte.
Ihr Verhältnis war alles andere als das, was man als » kollegial« bezeichnen
konnte, und ihr Gespräch war von Anfang an von äußerster Skepsis seinerseits
geprägt. Als hätten alle Alarmglocken bei ihm geklingelt, dass ihn unerwartet
die Vergangenheit einholen könnte und er auf keinen Fall etwas sagen durfte,
woraus Merette ihm noch nachträglich einen Strick drehen konnte.
» Ich will nur wissen, was damals wirklich passiert ist« , hatte Merette ihn zu
beruhigen versucht. » Der Grund, warum Aksel die Pflegefamilie verlassen
musste und weshalb ihr ihn dann wieder ins Heim eingewiesen habt. Ich finde
dazu nur deine Aussage, dass er nicht mehr vermittelbar für eine neue Familie
war, weiter steht nichts in der Akte.«
» Und du glaubst, ich kann mich daran erinnern? Nach weit über zehn
Jahren?«
» Ich bin mir sicher. Du weißt ja auch noch, dass es über zehn Jahre her ist,
daraus schließe ich, dass du mit dem Namen sehr wohl etwas anfangen kannst.«
» He, mal langsam, ja? Du rufst mich hier einfach an und beschuldigst mich
…«
» Das tue ich nicht, Ingvar. Und es interessiert mich im Moment auch nicht,
warum die Akte von damals mehr oder weniger unvollständig ist, darum geht es
gar nicht. Aber ich brauche deine Hilfe. Ich habe wirklich ein Problem und
komme sonst nicht weiter.«
» Freut mich zu hören, dass du ein Problem hast. Es geschehen also doch
noch Zeichen und Wunder.«
» Jetzt komm, Ingvar, lass uns bitte für einen Moment vergessen, was wir
beide an Schwierigkeiten miteinander hatten …«
» Fällt mir schwer, das zu vergessen. Und ich wüsste auch keinen Grund,
warum ich ausgerechnet dir helfen sollte. Sieh es doch mal so, ich sitze hier auf
meiner Hütte und denke schon lange nicht mehr an den ganzen Mist, mit dem
ich mich mein halbes Leben lang beschäftigen musste. Stattdessen kann ich
endlich mal Luft holen und mit dem Boot zum Angeln rausfahren und ansonsten
den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Und jetzt kommst du und
erinnerst mich an alles, was ich lieber für immer vergessen würde. Wie würdest
du da reagieren? Würdest du dich freuen, dass das Generve wieder von vorne
losgeht?«
Merette war kurz davor gewesen, ihn einfach anzuschreien. Dass er immer zu
den Kollegen gehört hatte, die es sehr wohl verstanden, sich irgendwelche
Probleme vom Hals zu halten, und denen kaum ein Fall so nahe gegangen sein
dürfte, dass sie deshalb schlaflose Nächte hatten. Es gab solche Kollegen, bei
denen das so war, aber Ingvar Alnæs gehörte ganz sicher nicht dazu.
Mit Mühe hatte sie auf jeden Kommentar verzichtet und stattdessen nur noch
mal gesagt: » Ich lass dich gleich wieder in Ruhe angeln, beantworte mir nur
diese eine Frage. Was ist da damals passiert?«
Für einen Moment war es still in der Leitung geblieben, so dass Merette
schon fürchtete, er hätte einfach aufgelegt, obwohl da immer noch das Rauschen
der Brandung zu hören gewesen war und vereinzelte Schreie von Möwen.
Aber dann hatte Alnæs doch noch geantwortet, und jedes Mal nach ein paar
Worten keuchend Luft geholt, als hätte er plötzlich einen akuten Anfall von
Atemnot.
» Der Vorfall ist nie geklärt worden, obwohl die Eltern … die Polizei
eingeschaltet haben und … Aksel in Anwesenheit einer Kollegin … mehrfach
vernommen wurde …«
Sein ständiges Nach-Luft-Schnappen hatte Merette fast wahnsinnig gemacht.
» Okay, aber worum ging es dabei?«
» Du musst schon abwarten, wenn du wissen willst, was ich zu sagen habe.
Ich gebe das Tempo vor, nicht du. Sonst können wir es auch lassen. Oder hast
du vergessen, wie man jemandem zuhört?«
Merette hatte sich mit zittrigen Fingern eine neue Zigarette angezündet.
» Entschuldigung, dass ich dich unterbrochen habe.«
» Du rauchst, richtig? Solltest du lassen, ist nicht gut für die Lunge.«
» Ingvar, bitte …«
Er hatte gelacht, bevor ihn ein Hustenanfall eine neue Pause machen ließ.
» Also, ich weiß nicht mehr, wie das Mädchen hieß … diese kleine
Schwester, aber Aksel … war mit ihr mit dem Ruderboot rausgefahren … sie
hatten schwimmen wollen, zwischen den Schären, das hatten sie … wohl schon
öfter gemacht, obwohl die Eltern es verboten hatten …«
» Und?«
» Und abends kam er dann alleine zurück … hat behauptet, die Kleine wäre
plötzlich untergetaucht und … nicht mehr hochgekommen … er hat noch
versucht, sie zu finden … Aber er war ja selbst noch fast ein Kind. Sie ist erst
Tage später irgendwo angespült worden. War es das, was du wissen wolltest?«
» Weißt du auch noch, wo das war?« , hatte Merette gefragt.
» Was tut das zur Sache? Irgendwo an der Küste, die Pflegeeltern hatten da
ein Sommerhaus. Nach dem Unglück sind sie dann ohnehin ganz weggezogen,
ins Ausland. Frankreich, glaube ich. Aber jetzt reicht es auch« , hatte er noch
hinzugesetzt. » Eine Frage, hast du gesagt. Die habe ich dir beantwortet, obwohl
ich dazu in keiner Weise verpflichtet war. Und nur dass du das auch noch weißt:
Nein, ich bin nicht der Vater von Aksel, obwohl du nicht die Einzige bist, die
das vielleicht glaubt. Aber der Grund, warum ich damals die Einrichtung
verlassen habe, hatte nichts mit der Schwangerschaft von Aksels Mutter zu tun.
Das ist eine ganz andere Geschichte, die dich allerdings nichts angeht. Also gib
dich zufrieden und lass mich endlich in Ruhe.«
Bevor Merette sich von ihrer Überraschung über seine letzten Worte erholt
hatte, war die Verbindung mit einem leisen Klacken unterbrochen worden.
Julia hatte sie von alldem nichts erzählt. Sie hätte ohnehin niemandem
erklären können, warum sie plötzlich nichts Eiligeres zu tun hatte, als nach
Sotra hinauszufahren. Wahrscheinlich war es der Hinweis am Ende des
Zeitungsartikels gewesen, dass die Beerdigung auf dem alten Friedhof von
Telavåg stattfinden würde, am Sonntag um elf Uhr morgens. Natürlich würde
Merette zu spät kommen, die Beerdigung musste längst vorbei sein, aber
vielleicht konnte sie wenigstens auf der anschließenden Trauerfeier noch ein paar
Worte mit den Angehörigen wechseln. Was sie eigentlich genau fragen wollte,
wusste sie noch nicht.
Sie griff nach der Tüte mit den Brötchen, schon nach dem ersten Bissen, auf
dem sie endlos herumkaute, hatte sie Mühe zu schlucken. Sie brauchte dringend
etwas zu trinken, aber die Wasserflasche, die immer in der Tasche hinter dem
Beifahrersitz steckte, war leer.
Es gab kaum Verkehr auf der Straße, die meisten Sonntagsausflügler
tummelten sich längst an den kleinen Badestellen entlang der Schärenküste. An
der Kreuzung hinter Brattholmen bog Merette nach links ab, sie kannte die Insel
aus der Zeit, als sie selbst noch mit Jan-Ole und Julia solche Badeausflüge
unternommen hatte. Und später dann mit Julia alleine. Die wenigen Häuser
entlang der Straße hatten sich kaum verändert, als wäre die Zeit auf Sotra stehen
geblieben. Nur hier und da gab es ein bisschen Farbe, Gelb und Dunkelblau
schienen das traditionelle Falunrot abgelöst zu haben. Die gestreiften
Sonnenmarkisen und die üppig blühenden Hortensienbüsche in den Vorgärten
täuschten für einen Moment einen fast südlich-fröhlichen Eindruck vor, bis die
nackten und schroffen Felsklippen, die die Insel wie wahllos hingestreut
überzogen, Merette daran erinnerten, dass sie immer noch an der norwegischen
Westküste war.
An einer Tankstelle kaufte Merette eine Flasche Mineralwasser. Ein paar
Jugendliche lungerten vor dem Shop herum und pfiffen ihr hinterher. Eher
amüsiert stellte sie fest, dass sie die Pfiffe als Kompliment nahm. Als sie wieder
in den Volvo stieg, klappte sie die Sonnenblende herunter, um im
Schminkspiegel ihren Lippenstift nachzuziehen. Sie war froh, am Morgen eine
schwarze Hose und eine ebensolche Bluse ausgewählt zu haben, so dass sie
unter den Trauergästen nicht weiter auffallen würde.
Merette schätzte, dass sie die Beerdigungsgesellschaft noch mehr oder weniger
vollzählig im Gasthaus von Telavåg antreffen würde, wahrscheinlich allerdings
auch mehr oder weniger betrunken, was für sie vielleicht sogar von Vorteil sein
konnte, wenn sie ihre Fragen stellte.
In Eidesjöen verpasste sie die Abzweigung nach Telavåg, merkte ihren Fehler
aber schon nach wenigen hundert Metern und wendete. Irgendwelche Touristen
mussten das Straßenschild als Souvenir abgeschraubt haben, vielleicht waren es
auch einfach nur Jugendliche gewesen, die für ein bisschen Verwirrung sorgen
wollten. Wenig später sah Merette das Schild hochkant an einen Stein gelehnt,
im Vorbeifahren erkannte sie deutlich die Einschusslöcher, die es regelrecht
durchsiebt hatten. Nicht zum ersten Mal machte ihr der Gedanke Angst, dass
ganz Norwegen sich für alles zu begeistern schien, was mit Schusswaffen zu tun
hatte – und wenn an der elcharmen Küste gerade mal kein Kaninchen oder Fasan
vor den Lauf zu bekommen war, musste eben das nächstbeste Straßenschild
dafür herhalten, die norwegische Trappermentalität zu befriedigen.
Als sie über eine Kuppe kam, lag die Bucht von Telavåg so unerwartet vor
ihr, dass sie irritiert in die Bremse stieg. Sie hatte vergessen, wie friedlich die
Schärenküste wirken konnte, trotz der eher traurigen Ansammlung von tristen
Zweckbauten auf der gegenüberliegenden Seite. Telavåg war alles andere als ein
Schmuckstück, das als Postkartenmotiv taugte. Die gellende Hupe eines Pick-
up-Trucks, der sich schlingernd an ihr vorbeischob, riss sie in die Realität
zurück. Sie gab wieder Gas und folgte dem Truck, bis sie an den ersten Häusern
war, die sie ausnahmslos mit Autowracks und ausrangierten Kühlschränken oder
Waschmaschinen in den Einfahrten empfingen.
Merette fuhr langsam weiter, bis sie gleich neben einem Geschäft für
Anglerbedarf – mit einem handgeschrieben Zettel an der Tür, auf dem
GESCHLOSSEN stand – auch das Dorfgasthaus entdeckte und anhielt. Von
dem Reklameschild blätterte die Farbe ab, Tür und Fenster waren mit Brettern
vernagelt, der Parkplatz war von Unkraut überwuchert. Die Beerdigungsfeier fand
jedenfalls irgendwo anders statt, aber es war weit und breit kein Mensch zu
sehen, den sie hätte fragen können.
Sie orientierte sich an dem Kirchturm, der hinter den Hausdächern aufragte,
die unscheinbare Holzkirche stand auf einer sumpfigen Wiese direkt am Wasser.
Auch hier gab es keine Autos auf dem mit grobem Kies bestreuten Parkplatz.
Als Merette ausstieg und die Klinke probierte, war die Tür verschlossen.
Ein alter Mann in einem zerschlissenen Anzug war damit beschäftigt, Steine
von dem kleinen Acker hinter seinem Haus aufzulesen. Dicht an der Mauer hatte
er bereits einen beachtlichen Haufen zusammengetragen.
Merette wartete, bis er sich aufrichtete und in ihre Richtung blickte.
» Hej!« , rief sie ihm über die Mauer hinweg zu. » Entschuldigung, aber
können Sie mir sagen, ob es hier irgendwo noch einen Gemeinderaum von der
Kirche gibt, oder … Ich suche die Trauergesellschaft, von der Beerdigung heute
Vormittag.«
» Ist vorbei, die Beerdigung.«
» Ja, das weiß ich. Aber ich dachte …«
Er kam jetzt auf sie zu, legte zwei oder drei faustgroße Steine auf den Haufen
und stützte sich dann mit rissigen Händen auf die Mauer, um Merette skeptisch
zu betrachten. Sein Blick wanderte von ihren Schuhen über die schwarze Hose
und die Bluse bis zu ihrem Gesicht. Sie versuchte ein zögerndes Lächeln und
nickte ihm noch mal zu.
Er schüttelte den Kopf, beugte sich vor und tippte mit dem Zeigefinger auf
ihren Arm.
» Du kommst nicht von hier.«
» Was? Nein, ich bin aus Bergen und …«
» Nein. Du bist deutsch, das höre ich.«
Merette holte tief Luft. Es war lange her, dass irgendjemand über ihre
Aussprache gestolpert war, und eigentlich war sie überzeugt, dass sie nach den
fast fünfundzwanzig Jahren, die sie jetzt in Norwegen lebte, keinen verräterischen
Tonfall mehr hatte. Aber der Alte schien ein ausgeprägtes Gespür für feine
Nuancen zu haben – er lag richtig mit seiner Einschätzung. Wobei Merette sich
noch nicht darüber im Klaren war, was das in der Konsequenz bedeutete. Sie
schätzte ihn auf weit über achtzig, er konnte also sehr wohl als Kind noch den
Krieg miterlebt haben, und damit war es eher unwahrscheinlich, dass er ihr
irgendeine Sympathie entgegenbrachte.
» Stimmt« , antwortete sie. » Sie haben ein gutes Gehör. Aber das ist lange
her, und ich fühl mich auch nicht mehr unbedingt als … Deutsche.«
Seine Antwort bestätigte ihre Befürchtungen.
» Eure Wehrmacht hat hier 1945 auf dem Rückzug alles niedergebrannt« ,
spuckte er ihr entgegen. » Ich hab genug von euch gesehen und gehört, du bist
nicht willkommen hier.«
» Ich hab doch nur eine Frage gestellt« , sagte Merette leise und in einem
Ton, der um Entschuldigung für etwas bitten sollte, was sie nicht zu
verantworten hatte. » Darf ich nicht wenigstens wissen, wo ich vielleicht noch
jemanden von den Trauergästen treffen kann?«
» Die Antwort ist nein. Wir haben viel zu oft ja zu euch gesagt, das war
immer unser Problem. Und jetzt verschwinde, bevor ich …«
Sie sah, wie er die Hände zu Fäusten ballte und sich dann brüsk abwendete,
um zu seinem Acker zurückzukehren.
» So wird sich nie etwas ändern!« , rief sie ihm hinterher und merkte, wie ihr
Schuldgefühl in Wut umschlug. » Ich weiß, was nicht nur hier bei euch passiert
ist, und ich will es ganz sicher nicht vergessen, aber ich bin auch nicht bereit,
mich für die Greueltaten der Generation meiner Eltern und Großeltern
verantwortlich machen zu lassen! Ich habe nichts zu tun mit diesem
Scheißkrieg, ich war ja noch nicht mal geboren damals!«
Als sie in den Volvo stieg und die Zündung einschaltete, zitterten ihr die
Knie. Das kurze Gespräch hatte sie mehr aufgewühlt, als sie sich eingestehen
wollte.
Sie hatte nicht die leiseste Idee, wo sich die Trauergäste befinden mochten,
vielleicht in einem Privathaus, dachte sie, aber dazu müsste sie irgendwo
klingeln, und nach dem Erlebnis eben scheute sie davor zurück, sich noch mal
eine Abfuhr zu holen.
Sie fuhr geradeaus durch den Ort und weiter auf die felsige Halbinsel hinaus,
die ihr plötzlich vorkam wie eine Mondlandschaft – unwirtlich und fremd, fast
bedrohlich. Dann endete der Teerbelag, und die Straße ging in einen Treckerweg
über. Nachdem der Volvo zweimal hintereinander in ein Schlagloch gekracht
war, lenkte Merette ihn auf die schmale Grasnarbe vor einer Felswand und
schaltete den Motor aus.
Wenn sie sich nicht sehr täuschte, musste der alte Friedhof hier irgendwo
zwischen den Felsen am Meer liegen. Sie war sich jetzt wieder sicher, dass sie
mit Jan-Ole mal da gewesen war, als sie vor Ewigkeiten eine Hütte auf dem
Campingplatz gemietet hatten und er im strömenden Regen mit ihr zum Angeln
hinausgerudert war.
Natürlich hatte es keinen Sinn, jetzt auf gut Glück den Friedhof zu suchen, auf
dem sie ohnehin niemanden mehr antreffen würde. Aber das Aufeinandertreffen
mit dem alten Mann und seinem Hass auf alles Deutsche machte ihr immer noch
zu schaffen, ein Spaziergang würde ihr guttun, um den Kopf wieder
freizubekommen.
Merette folgte einem Trampelpfad, der zwischen Heidekraut und
Ginsterbüschen in die Richtung führte, in der sie das Meer vermutete. Der Pfad
endete an einem Sanddorngestrüpp, das jedes Weiterkommen unmöglich
machte. Sie streifte die Schuhe ab und kletterte eine Rinne zwischen den Felsen
hinauf, vielleicht würde sie von oben mehr sehen können, um sich zu
orientieren. Der glatte Stein unter ihren bloßen Füßen fühlte sich warm und gut
an. Wie von alleine fanden ihre Zehen immer wieder Halt, bis sie sich über die
letzte Kante zog und auf drei Seiten das Meer vor ihr lag.
Das Felsplateau lief wie ein graues Band zur Spitze der Halbinsel hinaus,
nichts deutete darauf hin, wo der Friedhof liegen könnte, vielleicht hatte ihre
Erinnerung sie getäuscht. Der Platz konnte praktisch überall an der zerklüfteten
Küstenlinie sein und war wahrscheinlich vom Boot aus viel leichter zu finden.
Merette zupfte ein paar vertrocknete Flechten von ihrer Hose, schwarzer Samt
war sicher nicht das richtige Material für eine Klettertour. Die Bluse klebte ihr
am Rücken und an der Brust. Selbst hier oben war nicht der leiseste Windhauch
zu spüren, dafür waren die Mücken da und umschwirrten sie summend.
Am Ende der Felsnase konnte Merette eine kleine Bucht erkennen, dicht am
Ufer stand im Schilf versteckt eine einsame Hütte mit einem Holzschuppen
daneben. Eigentlich ein schöner Platz für ein Ferienhaus, dachte Merette, weit
weg von allem, wahrscheinlich führte noch nicht mal ein befahrbarer Weg dort
hinaus. Aber die Mücken dürften da unten am Ufer ein echtes Problem sein!
Zwischen den Schären dümpelten ein paar Boote, auch ein Fischkutter kreuzte
dicht an der Brandungslinie, am Horizont schob sich ein Hurtigrutenschiff
vorbei, wahrscheinlich auf dem Weg zum Lysefjord oder direkt nach Bergen.
Merette fiel wieder ein, wie Jan-Ole ihr damals erklärt hatte, dass man mit
dem Ruderboot immer innerhalb der ersten Schärenkette bleiben sollte, weg von
der Brandung, die sich weiter draußen an den Felsen brach. Und als Merette am
ersten Morgen ihres gemeinsamen Angelausflugs in Gummistiefeln erschienen
war, hatte er sie für verrückt erklärt. Sie hatte sein irritiertes Lachen und die
gleich darauf folgende Belehrung noch immer Wort für Wort im Ohr, als wäre es
gestern gewesen: » Wenn das Boot umschlägt, bist du mit den Gummistiefeln
verloren. Sie laufen voll Wasser und saugen sich fest. Du kriegst sie nicht mehr
von den Füßen, aber sie ziehen dich wie ein Gewicht nach unten. Wenn du mir
nicht glaubst, geh mit den Dingern ins Wasser und versuch zu schwimmen.
Dann wirst du merken, was ich meine.«
Die nächsten Stunden hatte sie dann frierend mit ihren hoffungslos
durchnässten Segeltuchturnschuhen im Boot gehockt, während Jan-Ole fröhlich
pfeifend die Makrelenangel ausgeworfen hatte und alle paar Minuten einen silbrig
glänzenden Fisch vom Haken zog, ihm mit einem schnellen Griff die Kiemen
durchtrennte und die Innereien den Möwen zuwarf, die sich kreischend dicht an
Merettes Kopf vorbei auf die Brocken stürzten.
Später hatte Jan-Ole drei oder vier große Makrelen gleich neben der Hütte am
offenen Feuer gebraten. Den Rest des Fangs hatte er noch am Abend filettiert
und eingesalzen, um ihn dann zu Hause in Bergen auf dem winzigen Balkon
zum Trocknen an die Wäscheleine zu hängen. Lange noch, bevor sie in das
große Haus am Strangehagen umgezogen waren …
Aber vielleicht war Merette da bereits zum ersten Mal der Verdacht
gekommen, dass sie eigentlich gar nichts von Jan-Ole wusste. Und dass sie sich
auf etwas eingelassen hatte, was früher oder später zu einem Problem werden
würde. Obwohl sie es dann doch irgendwie geschafft hatten, zumindest so lange
zusammenzubleiben, bis Julia schon fast aus der Pubertät war. Fünfzehn Jahre,
dachte sie jetzt, fast sechzehn, in denen viel passiert war und die sie auch gar
nicht missen wollte, egal, was dann schließlich zu ihrer Trennung geführt und
nicht nur mit ihren Berufen zu tun gehabt hatte. Der Bulle und die Psychologin,
ein schöner Filmtitel eigentlich, dachte sie, bei dem jeder von vornherein weiß,
dass es irgendwann schiefgehen wird.
Aber wenigstens waren sie beide nicht im Streit auseinandergegangen. Dass
Julia mehr oder weniger mit Jan-Ole gebrochen hatte, war allerdings ein
Problem, sowohl für Merette als vor allem auch für Jan-Ole, und hatte dazu
geführt, dass Merette selber jeden Kontakt auf das Notwendigste beschränkt
hatte.
Dennoch war Jan-Ole ganz sicher die Person, der sie nach wie vor am meisten
vertraute – und gerade jetzt hätte sie seinen Rat und seine Hilfe gebraucht und
vermisste ihn schmerzlich. Aber er war ja ausgerechnet jetzt in Dänemark!
Merette war sich sicher, dass er trotz allem sofort kommen würde, wenn sie
ihn darum bat, andererseits wollte sie sich auch beweisen, dass sie alleine
klarkam. So wie sie es immer gekommen war.
Die Hütte an der Bucht würde Jan-Ole gefallen, überlegte Merette, und aus
einer spontanen Neugierde heraus, wie der versteckte Platz wohl aus der Nähe
wirken würde, schlug sie den Weg über die flachen Felsen ein. Ihre Suche nach
dem Friedhof konnte sie ohnehin vergessen, und die Idee, mit irgendjemandem
von der Trauergesellschaft reden zu wollen, war vollkommen absurd gewesen.
Das war eine Sache für die Polizei, und es half nichts, wenn sie selber sich in
etwas einmischte, was ihre Möglichkeiten bei weitem überstieg. Sie würde
morgen noch einmal versuchen, den Betreuer zu erreichen, mehr konnte sie nicht
tun.
Je näher Merette der Hütte kam, umso deutlicher wurde der Eindruck, dass
hier schon lange niemand mehr gewesen war. Die Fenster waren mit
Sperrholzplatten vernagelt, aus den Dachschindeln wuchs eine verkrüppelte
Birke, der Platz vor der Terrasse war fast gänzlich von Unkraut überwuchert,
eine rostige Regentonne lag umgestürzt an der Rückseite. Die Ansammlung
leerer Plastikkanister und zerfetzter Müllsäcke ließ darauf schließen, dass wohl
auch kaum jemand vorhatte, zur Mittsommernacht seine Freunde hierher
einzuladen.
Die Hütte war nicht groß, wahrscheinlich nur ein einziger Raum mit einem
Schlafboden in der Dachschräge, aber früher musste es mal ein kleines Paradies
gewesen sein. In einer Senke zwischen den Felsen stand immer noch eine Reihe
von Apfelbäumen, im hohen Gras lagen die Überreste eines ehemals weiß
gestrichenen Gartenzauns, eine Kinderschaukel war fingerdick mit Möwendreck
bekleckert.
Umso mehr war Merette verblüfft, als sie vorsichtig von dem letzten Felsen
nach unten kletterte und die Reifenspuren im Gras entdeckte. Es gab also doch
eine Zufahrt, und es war erst vor kurzem jemand da gewesen, das umgeknickte
Gras hatte sich noch nicht wieder aufgerichtet.
Merette zog die Augenbrauen zusammen und blickte sich noch einmal prüfend
um. Dann sah sie das Ruderboot, das an dem vermoosten Steg durchs Schilf
vertäut war. Selbst aus der Entfernung konnte Merette erkennen, dass das Boot
gut gepflegt war, ein weißes Kunststoffboot, dessen Bordwand im Sonnenlicht
hell leuchtete. Wahrscheinlich nutzte jemand aus Telavåg den Steg, um von
hier zum Fischen rauszufahren. Wenn Merette sich nicht täuschte, war das
rostige Ungetüm neben dem Holzschuppen auch ein altertümlicher Räucherofen
für Fische.
Sie hob den Kopf, als sie meinte, vom Schuppen her ein Geräusch gehört zu
haben, wie ein zögerndes Klopfen, aber als sie auf eine Wiederholung wartete,
blieb alles still. Vielleicht irgendein Tier, das sich unter dem Fußboden
eingenistet hat, dachte Merette, sonst ist hier niemand, hör auf, dir etwas
einzubilden.
Sie zuckte mit den Schultern, wie um sich selbst zu beruhigen, und folgte
dann kurz entschlossen der Fahrspur, um sich auf den Rückweg zu ihrem Auto
zu machen. Falls tatsächlich heute noch jemand kommen würde, wollte sie
nicht unbedingt dabei erwischt werden, wie sie sich gerade auf dem Gelände
umsah. Wenn sie von dem alten Mann vorhin auf den Rest der Einwohner von
Telavåg schließen durfte, wäre sie ganz sicher auch nicht willkommen. Egal,
wie sehr die Norweger sonst ihr » Allemannsretten« schätzen mochten, aber sie
wollte dieses Recht, auch Privatgrund bei einer Wanderung überqueren zu
dürfen, lieber nicht über Gebühr strapazieren.
Die Fahrspur führte Merette im weiten Bogen unterhalb der Felsen entlang,
bis sie an einen Schlagbaum kam, an dem ein verrostetes Blechschild den
Zutritt verbot: INGEN ADGANG. PRIVAT.
Erst als Merette wieder auf dem Schotterweg war und von weitem den Volvo
sah, entspannte sie sich. Als der Motor schon bei der ersten Umdrehung des
Zündschlüssels ansprang, war sie so erleichtert, dass sie sich selber fragte, woher
die plötzliche Panik überhaupt gekommen war. Aber sie war nicht sie selbst,
das wusste sie nur zu gut, sie war nicht nur übermüdet, sondern in einem Maße
gestresst, dass sie ihre Reaktionen kaum unter Kontrolle hatte.
Eigentlich war sie entschlossen, auf direktem Wege nach Hause zu fahren,
aber dann sah sie das Auto vor der Kirche, einen beige-braunen Straßenkreuzer
aus den sechziger Jahren mit Holzvertäfelung an der Seite, eine echte Antiquität,
bei der jemand wie Jan-Ole unverzüglich in Begeisterungsrufe ausgebrochen
wäre. Merette hatte kaum den » Jesus liebt dich« -Aufkleber im Heckfenster
gesehen, als sie auch schon in die Bremse stieg und neben dem Ami-Schlitten
parkte.
Mit einem schnellen Blick vergewisserte sie sich, dass der Alte nicht mehr
auf seinem Acker stand und auch am Haus niemand zu sehen war. Aber selbst
wenn er zufällig aus dem Fenster blicken würde, verdeckte der Straßenkreuzer
jede Sicht auf den Volvo, der neben dem spritfressenden Ungetüm wie ein
Kleinwagen wirkte.
Die Tür zur Kirche war nach wie vor verschlossen. Als Merette um die
Sakristei herum auf die andere Seite ging, stand der Pastor mit dem Rücken zu
ihr auf der Wiese. Er starrte regungslos auf die Bucht und rauchte. Sie kannte
den Tabakgeruch, » Petterøs No 3« , Jan-Ole drehte sich seine Kippen aus dem
gleichen Tabak.
Merette räusperte sich, doch der Pastor zeigte keine Reaktion. Sie stellte sich
neben ihn und nickte.
» Hej.«
Es dauerte einen Moment, bevor er antwortete. Und dann schien sein Satz
merkwürdig zusammenhanglos.
» Ich bin jedes Mal aufs Neue überrascht, wie schön es hier ist« , sagte er
leise, ohne Merette anzusehen. Mit einer weitausholenden Armbewegung wies er
auf die Bucht. » Das Wasser. Die Felsen auf der anderen Seite. Bei guter Sicht
kann man sogar den Hardanger-Gletscher am Horizont erkennen. Ich liebe diesen
Platz, er lässt mich tiefe Demut empfinden.«
Merette wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Schließlich nickte sie wieder
und sagte: » Vielleicht ist es das, was Norwegen ausmacht. Die Natur, die einen
überwältigt, und … wie du sagst, man kommt sich irgendwie klein vor,
unbedeutend. Aber es ist gut, um nicht die Relation zu verlieren.«
Er warf ihr einen überraschten Blick zu. » Den Satz würde ich mir gern für
meine nächste Predigt ausleihen. Wo kommst du her?« , setzte er dann nach,
während er seine Kippe im Gras austrat und bereits wieder den Tabaksbeutel
unter der Soutane hervorzog.
» Wieso?« , fragte Merette. Wenn er jetzt auch noch behauptete, dass
irgendwas an ihrer Aussprache ihn stutzig machte, würde sie ernsthaft überlegen
müssen, ob die Leute von Telavåg womöglich allesamt besser am
sprachwissenschaftlichen Seminar der Uni aufgehoben wären.
» Jemand, der hier geboren ist, nimmt die Natur als selbstverständlich, ohne
darüber nachzudenken. Bei dir schien es mir eben anders zu sein.«
» Ich komme aus Deutschland.«
Er hatte seine Zigarette fertig gedreht und ließ sein Zippo aufschnappen. Aber
dann schüttelte er unwillig den Kopf und verstaute Feuerzeug und Zigarette
wieder unter der Soutane.
» Ich versuche eigentlich, mir das Rauchen abzugewöhnen« , erklärte er. » Aber
es fällt schwer. Wie ist es in Deutschland, wird da viel geraucht?«
» Ich bin seit fünfundzwanzig Jahren hier« , sagte Merette. » Ich weiß nicht,
wie es jetzt ist, früher ja. Mein Vater hat Kette geraucht. Ich selber übrigens
auch, manchmal jedenfalls. Vor allem, wenn ich nervös bin.«
Er nickte. » Dein Norwegisch ist gut. Nahezu perfekt.«
» Fünfundzwanzig Jahre« , wiederholte Merette. » Da sollte es wohl gut sein.«
Er griff erneut unter die Soutane und hielt ihr den Tabaksbeutel hin.
» Ich kann nicht drehen« , sagte Merette. » Oder wenn, dann kann man die
Dinger nicht rauchen.«
Er grinste und fischte die fertige Zigarette aus der Hosentasche.
Der grobe Tabak war so ungewohnt, dass Merette husten musste.
Der Pastor klopfte ihr auf die Schulter.
» Ich war mal zu Besuch in Deutschland« , sagte er. » Hamburg.«
» Da komme ich her.«
» Großer Hafen. Und ein bisschen mehr Nachtleben als hier. Hat mir gut
gefallen.«
Merette wusste beim besten Willen nicht, was sie mit dem Satz anfangen
sollte. Immerhin war er Pastor, das Nachtleben in Hamburg durfte ihn also
eigentlich gar nicht interessiert haben. Sie zuckte mit den Schultern, ohne etwas
zu sagen.
» Ich bin eine Weile zur See gefahren« , erklärte er jetzt. » Bevor ich Theologie
studiert habe.«
» Klar« , meinte Merette und kam sich langsam albern vor. Ihr Gespräch
wurde zunehmend absurder, und sie hatte das Gefühl, dass es noch endlos so
weitergehen würde, wenn sie nicht von sich aus das Thema wechselte.
» Ich bin hier, weil ich mit irgendjemandem reden wollte, der bei der
Beerdigung dabei war. Ich hab ein paar Fragen. Ich bin übrigens Merette« ,
setzte sie noch hinzu. » Merette Schulman. Ich bin Psychologin in Bergen.«
Sie hoffte, ihr Name und ihr Beruf würden zumindest ausreichen, um
klarzustellen, dass sie nicht nur aus Sensationslust fragte, weil sie zufällig in der
Zeitung von dem Unglücksfall gelesen hatte.
» Eine Psychologin? Das verstehe ich nicht. Aus welchem Grund sollte eine
Psychologin …«
» Ich kann das schlecht mit ein paar Worten erklären, es hat etwas mit einer
Studie zu tun, an der ich beteiligt bin und die sich mit Suizid befasst« , log
Merette drauflos. » Unter anderem mit Suizid« , schob sie schnell nach, um sich
möglichst viele Optionen offenzuhalten.
Der Pastor zögerte einen Augenblick, bevor er sich ebenfalls vorstellte.
» Bjarne, Gemeindepastor in Sund, dazu gehört Telavåg ja, aber das hast du ja
schon mitgekriegt.«
Sein Händedruck war kurz und kräftig.
Merette sah, wie er gleich darauf spontan wieder nach seinem Tabaksbeutel
greifen wollte, dann aber die Arme vor der Brust verschränkte, nur um sie im
nächsten Moment hinter den Rücken zu nehmen und nervös vom rechten auf das
linke Bein zu wechseln. Merette hatte diese Art von Reaktion schon öfter erlebt.
Insbesondere Männer versuchten, kaum dass sie Merettes Beruf kannten, jeden
Ansatzpunkt für eine mögliche Interpretation zu vermeiden – die vor der Brust
verschränkten Arme, die Ablehnung signalisieren würden, das nervöse Zupfen
mit der Hand am Hemdkragen, das ihnen plötzlich als verräterisch bewusst
wurde, der automatische Griff zur Zigarette, der auf ihre Sucht hindeutete.
Der Pastor war nicht anders, schließlich schob er die eine Hand in die
Hosentasche, während er mit der anderen einen Aschefleck von der Soutane
wischte.
» Also gut, was willst du wissen?«
» Das Mädchen, das beim Spielen ertrunken ist … Hat es da eine
Untersuchung gegeben? Also, ich meine, war die Polizei da?«
» Ja, war sie. Eindeutig ein Unglücksfall, ohne jeden Zweifel. Sie muss von
den Felsen gerutscht sein, das ist die einzige Erklärung. Kein Verdacht auf
Suizid, für deine Studie gibt das also nichts her. Sie war ja auch erst zwölf, das
ist normalerweise zu früh, um sich das Leben zu nehmen. Außerdem kannte ich
sie, genauso wie ich die Familie kenne. Da gibt es nichts, was in irgendeiner
Weise … auffällig wäre.« Er nickte zum Dorf hinunter. » Wir leben hier noch in
so was wie einer heilen Welt, verstehst du? Das ist nicht wie in der Großstadt,
auch wenn es natürlich trotzdem das eine oder andere Problem gibt, wie
überall.«
Merette hatte plötzlich wieder die Häuser mit den ausrangierten
Kühlschränken in den Einfahrten vor Augen, den mit Brettern vernagelten
Gasthof, die verlassene Hütte, an der sie gerade gewesen war. Nach » heiler
Welt« sah das nicht unbedingt aus. » Wir kümmern uns hier umeinander« ,
sagte der Pastor.
Irgendwas in seiner Stimme ließ Merette aufhorchen. Vorsichtig erwiderte sie:
» Die Erfahrung zeigt, dass häufig genug hinter einer scheinbar intakten Fassade
…«
» Ich weiß, worauf du hinauswillst. Aber da liegst du falsch.«
Jetzt war die Ablehnung in seiner Stimme eindeutig, Merette hatte einen
Punkt angesprochen, von dem er nichts hören wollte.
» Nur noch mal rein aus Neugier« , fragte sie trotzdem, » so was wie ein
Fremdverschulden ist mit Sicherheit ebenfalls auszuschließen?«
Als er nicht antwortete, zuckte Merette mit den Schultern, als wäre der
Gedanke ohnehin bedeutungslos, fügte dann aber noch an: » Der Zeitungsartikel
schien darauf anzuspielen, dass das Ganze doch irgendwie merkwürdig wäre,
weil das Mädchen sich hier schließlich auskannte und sicher nicht zum ersten
Mal in den Felsen am Ufer gespielt hat.«
Jetzt holte er doch wieder den Tabak hervor. Als er sich eine neue Zigarette
drehte, sah Merette, dass seine Fingernägel abgekaut waren.
» Außerdem hieß es, das Mädchen hätte gut schwimmen können« , hakte
Merette nach.
» Vor ein paar Jahren hatten wir hier mal eine blöde Geschichte mit ein paar
Kindern, die einen Jungen, der ebenfalls gut schwimmen konnte, ins Wasser
gestoßen und ihn dann nicht zurück ans Ufer gelassen haben.«
» Und?«
» Zum Glück sind sie von einem Angler beobachtet worden, der sich
eingemischt hat. Sonst wäre es wahrscheinlich schiefgegangen. Der Junge war
übrigens … ausländisch. Wir hatten hier damals noch ein Asylantenheim.«
» Soll das jetzt eine Erklärung sein?«
Merette fand selber, dass ihre Stimme unangenehm scharf klang. Aber sie
meinte es auch so.
Diesmal zuckte der Pastor mit den Schultern. Allerdings schien er sich
plötzlich wieder auf sicherem Boden zu befinden, fast so als wäre seine
Geschichte nur ein Ablenkungsmanöver gewesen.
» Eine Erklärung, ja.« Er nickte. » Keine Rechtfertigung.«
» Also ist doch nicht alles so intakt hier?«
» Das kommt ganz auf den Blickwinkel an. Ich würde sagen, es hat weniger
etwas mit Telavåg zu tun als vielmehr mit der Gesamtstimmung im Land.
Weißt du eigentlich, dass wir inzwischen fast fünf Millionen Einwohner haben?
Vor ein paar Jahren waren es noch dreieinhalb, aber mit den ganzen Neu-
Norwegern, die von überall her ins Land kommen … Vergiss es« , er winkte
hastig ab, » zumindest hier in Telavåg haben wir ja auch im Moment gar keine
Fremden. Und das Mädchen ist einfach ertrunken, vielleicht ist sie mit dem
Kopf auf einen Stein geschlagen, als sie ausgerutscht ist, und war schon
bewusstlos, bevor sie ins Wasser fiel. Die Leiche war in keinem Zustand, um
das im Nachhinein noch definitiv klären zu können. Die Brandung ist gemein
hier, und die Felsen …« Er ließ den Satz offen, setzte dann aber dafür hinzu:
» Im Übrigen darfst du mir glauben, dass ein Kind zu beerdigen mit zum
Schlimmsten gehört, was mein Beruf für mich bereithält.«
Merette wurde nicht schlau aus dem Pastor. Hatte er ihr nun irgendeinen
versteckten Hinweis geben wollen, oder war er genervt von ihr und wollte
wieder in Ruhe gelassen werden?
» Eine allerletzte Frage noch« , sagte sie. » Ich komme nur drauf, weil du eben
diese Geschichte erzählt hast. Es könnte also auch durchaus noch jemand
beteiligt gewesen sein, der das Mädchen ins Wasser gestoßen und dann nicht
mehr rausgelassen hat, bis sie vor Erschöpfung …?«
» Wer sollte das gewesen sein? Und vor allem, warum?«
» Das frage ich dich. Vielleicht war es ja auch niemand aus Telavåg, sondern
irgendjemand, der gar nicht hierhergehört, aber der das Mädchen trotzdem
kannte. Oder vielleicht auch nur zufällig hier war, jemand aus einem der
Sommerhäuser, zum Beispiel. Hat die Polizei das untersucht?«
» Du stellst viele Fragen, die ich nicht beantworten kann.«
Er warf ihr einen Blick zu, der deutlich zeigte, dass er jetzt wieder auf der Hut
war. Und er reagierte mit einer Skepsis, die schon aggressiv wirkte. » Mit deiner
Studie hat das wohl kaum noch etwas zu tun, oder? Aber glaub mir, hier kennt
jeder jeden, ein Fremder hätte gar keine Chance, mal eben einen Mord zu
begehen und damit davonzukommen, ohne dass jemand etwas bemerken
würde.« Er lachte kurz auf. » Die Felsen haben Augen und Ohren hier, so ist
das. Und so war das schon immer, und so wird das auch immer bleiben.«
» Bis in alle Ewigkeit, amen« , rutschte es Merette unwillkürlich heraus.
Sie verzichtete darauf, anzumerken, dass sie selber gerade eine gute Stunde in
den Felsen unterwegs gewesen war, ohne jemanden getroffen zu haben.
Sie ging, ohne ihm die Hand zum Abschied zu geben, und spürte seinen
Blick in ihrem Rücken, bis sie um die Kirche herum war.
Sie wollte gerade in den Volvo steigen, als ein Moped die Dorfstraße
hinaufgeknattert kam. Merette blieb irritiert stehen, als das Moped einen
gefährlichen Schlenker machte und dann auf dem Parkplatz wendete, um mit
aufgerissenem Gashebel wieder zurück ins Dorf zu fahren. Sie hatte das deutliche
Gefühl, dass das Manöver etwas mit ihr zu tun gehabt hatte. Aber sie konnte
noch nicht mal sagen, ob der Fahrer unter dem Helm jünger oder älter gewesen
war. Als sie zwei Minuten später durch Telavåg fuhr, war von dem Moped
nichts mehr zu sehen.
JULIA
Irgendjemand war bei ihr in der Wohnung gewesen. Zuerst war ihr nur
aufgefallen, dass der Klodeckel nicht geschlossen war. Genauso wie ihre Mutter
fand Julia hochgeklappte Klodeckel völlig unmöglich. Wahrscheinlich weckte es
bei beiden unangenehme Erinnerungen an Jan-Ole, der grundsätzlich sowohl
Deckel als auch Brille aufgeklappt zurückgelassen hatte.
Auch an ihrem Kühlschrank war jemand gewesen. Die Tüte mit dem
Orangensaft war fast leer, obwohl sich Julia sicher war, dass sie sie erst am
Morgen geöffnet und nur ein Glas daraus getrunken hatte. Das Glas stand auch
nicht mehr auf dem Küchentisch, sondern in der Spüle.
Unwillkürlich musste Julia an die Fragen der sieben Zwerge aus
» Schneewittchen« denken, die sie als Kind immer so witzig gefunden hatte:
Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen? Wer hat von meinem Tellerchen
gegessen? Wer hat in meinem Bettchen geschlafen?
Jetzt fand sie die Fragen gar nicht mehr witzig. Im Gegenteil! Vor allem als
sie dann in ihr Zimmer ging und den Abdruck auf der Bettdecke sah. Sie hatte
die Bettdecke am Morgen flüchtig aufgeschüttelt und wieder übers Bett
geworfen, das wusste sie genau. Der Abdruck konnte unmöglich von ihr
stammen.
Außerdem waren die Schubladen ihrer Kommode geöffnet worden. In der
obersten Schublade hatte sie ihre Unterwäsche. Jetzt war die Schublade nicht
ganz geschlossen, weil ein Slip in der Öffnung klemmte. Sie trug immer noch
die gleichen Sachen wie gestern, sie war zu faul gewesen, sich etwas Neues
rauszusuchen. Sie war also auch nicht an der Kommode gewesen!
Ihr Schreibtisch war okay, jedenfalls soweit Julia es auf den ersten Blick
beurteilen konnte. Allerdings war der Stapel CDs so ordentlich aufgeschichtet,
wie sie es selber nie machte.
Aber es fehlte nichts. Ihr Laptop war da, ebenso wie das iPad. Auch ihr
Modeschmuck in dem mit Schnitzereien verzierten Holzkästchen war
vollständig, und die goldene Uhr ihrer Großmutter – das einzig wirklich
wertvolle Stück, das sie besaß – hing da, wo sie immer hing, an dem Foto der
Großmutter, die als junge Frau mit der kleinen Merette an der Hand für den
Fotografen posierte.
Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend überprüfte Julia das Fenster zu
ihrer Dachterrasse. Das Fenster war geschlossen, und es gab auch keine Spuren,
die darauf hindeuteten, dass sich jemand an der Verriegelung zu schaffen gemacht
hatte.
Julia starrte in den blauen Himmel, der sich wolkenlos über der Stadt wölbte.
Nur in der Ferne über den Bergen lag ein Dunstschleier.
Wer immer hier gewesen war, musste durch die Tür gekommen sein. Und
zwar mit dem Schlüssel, den sie für Marie bereitgelegt hatte und der am selben
Tag noch verschwunden war, als die Gärtner den Hof umgestaltet hatten.
Damit fiel ihr Verdacht zwangsläufig auf den Country-Fan mit dem Tattoo am
Hals, der sie in der Disko angebaggert hatte. Gleich darauf schoss ihr ein
Gedanke durch den Kopf, der ihr eine Gänsehaut über den Rücken jagte.
Tatsächlich hatte sie bisher nicht weiter darüber nachgedacht, dass Mikke so
unerwartet zur Stelle gewesen war, um sie vor der dümmlichen Anmache zu
retten. Aber was, wenn das Ganze gar kein Zufall gewesen war? Wenn Mikke
und der Typ sich in Wirklichkeit kannten? Und irgendwo in ihrem Hinterkopf
gab es da noch eine Szene, die sie erfolgreich verdrängt hatte und die ihr erst
jetzt wieder einfiel. Als Mikke sie nachts nach Hause begleitet hatte, da hatte er
etwas über die Hollywoodschaukel im Hof gesagt, sie hatte für einen kurzen
Moment den Verdacht gehabt, dass er den Hof kennen würde. Und wenn es
wirklich so war? Mikke kannte den Cowboy, der Cowboy hatte ihm den
Schlüssel gegeben, Mikke war derjenige, der jetzt in ihrer Wohnung gewesen
war! Und dann war da auch noch der Verband an seinem Handgelenk, weil er
sich angeblich beim Boxenschleppen im Tonstudio eine Sehne gezerrt hatte –
und Merette hatte erzählt, dass ihr Patient ein Tattoo auf dem Handgelenk hatte

» Hör auf!« , sagte Julia laut in ihr Zimmer hinein. » Du spinnst doch völlig,
was soll das?«
Gleich darauf merkte sie, wie sie sich wieder über Merette ärgerte. Ihre Mutter
hatte sie mit ihrer Angst tatsächlich so verrückt gemacht, dass sie jetzt schon
selber Gespenster sah!
Aber Mikke war nicht der Psychopath, der Merette mit seinen angeblichen
Bekenntnissen vollgelabert hatte. Allerdings war er auch nicht nur einfach der
gutaussehende und ein bisschen geheimnisvolle, aber ansonsten nette und
unkomplizierte Typ, als den Julia ihn gerne gesehen hätte. Seine Furcht vor
ihrer Mutter war mehr als merkwürdig gewesen, daran änderte auch die
Nachricht nichts, die er ihr dagelassen hatte. Und natürlich hatte er sich nicht
wieder gemeldet!
Eher durch Zufall fiel ihr Blick auf den Papierkorb neben ihrem Schreibtisch.
Aus einem spontanen Gedanken heraus bückte sie sich und suchte nach dem
Zettel mit der Handynummer unter Mikkes Nachricht. Aber auch als sie den
Papierkorb schließlich umdrehte und der Inhalt verstreut vor ihr lag, blieb der
Zettel verschwunden.
Sie zweifelte einen Moment an ihrer Erinnerung, während sie hektisch ihre
Jeanstaschen durchsuchte, aber nein, sie war sich sicher – sie hatte den Zettel
zerknüllt und in den Papierkorb geworfen. Und jetzt war er weg. Doch wer außer
Mikke selbst sollte irgendein Interesse daran haben, den Zettel verschwinden zu
lassen?
Julia merkte, wie ihr plötzlich übel wurde. Eigentlich war sie bereits gestern
fest entschlossen gewesen, Mikke so schnell wie möglich zu vergessen. Leider
war das nicht so einfach, nicht nur, dass sie in der letzten Nacht prompt wieder
von ihm geträumt hatte, sondern auch heute Vormittag war er ihr nicht aus dem
Kopf gegangen. Natürlich nicht! Schließlich hatte sie sich in der Apotheke die
» Pille danach« holen müssen. Und in der Uni hatte sie sich dann mehrmals
dabei ertappt, wie sie seinen Namen in verschiedenen Graffito-Versionen auf
ihren Notizblock kritzelte, während die anderen darüber diskutierten, auf welche
Weise sie in der Öffentlichkeit Werbung für ihr Kunstprojekt machen könnten.
Später im Supermarkt hatte sie sogar allen Ernstes noch überlegt, welche
Sorte Bier sie einkaufen sollte, falls Mikke am Abend vorbeikommen würde.
Sie selbst trank kein Bier.
Aber in der Zeit, die sie in der Uni und im Supermarkt verbracht hatte, war
jemand in ihrer Wohnung gewesen. Und jetzt deutete alles darauf hin, dass es
tatsächlich Mikke gewesen war. Aber Julia wollte es immer noch nicht
wahrhaben, es konnte nicht sein, dachte sie immer und immer wieder, es musste
irgendeine andere Erklärung geben!
Julia öffnete ihren Laptop und gab die Stichworte » Bergen« und
» Musikstudio« in die Suchmaschine ein. Fast unmittelbar flimmerten zwei
Adressen über den Monitor, die erste war ein Tonstudio, das sich auf
Kirchenchöre und Gesangsvereine spezialisiert hatte, » Tinnitus Recording« in
der Sydneskleiven erschien ihr passender.
Sie nahm ihr Handy und wählte die Nummer. Die männliche Stimme, die
sich meldete, hatte einen deutlich amerikanischen Akzent.
» Ich habe nur eine Frage« , sagte Julia, ohne ihren Namen zu nennen, » gibt
es bei euch einen Mikke?«
» Wen?«
» Mikke oder Mikael, er ist Tontechniker oder so was. Kann das sein?«
» Wieso? Hat er wieder seine Alimente nicht bezahlt?« Und ein Lachen, als
wäre das gerade der Witz des Jahrhunderts gewesen. Dann: » Okay, sorry, sei
nicht böse, aber die Frage war doch gut, oder?«
» Geht so. Also, arbeitet er jetzt bei euch oder nicht? Er kann noch nicht
lange da sein, er kommt aus Kirkenes, soweit ich weiß, und ist erst seit ein paar
Wochen hier.«
» Schon klar, Mikke. Aber Tontechniker würde ich jetzt nicht unbedingt
sagen, er macht eher den Gaffaboy hier. Warte, ich frage mal, wo er gerade ist!«
Julia hörte, wie der Spaßvogel am anderen Ende mit dem Telefon den Raum
verließ. Stimmengewirr drang durch den Hörer, untermalt von dem Stakkato-
Beat eines Schlagzeugs.
» Hat einer von euch den Finnen heute schon gesehen?«
Dann wurde die Sprechmuschel abgedeckt, ihr Gesprächspartner meldete sich
erst eine ganze Weile später wieder.
» Ist nicht so ganz klar, eigentlich sollte er unterwegs sein, Razika hat heute
einen Promo-Gig für die neue CD, in irgendeinem Club in Nesttun, Mikke ist
für den Bühnenaufbau eingeteilt. Allerdings scheint es so, als wäre er heute
Morgen noch nicht hier gewesen, vielleicht ist er direkt dahin. Hoffe ich
jedenfalls für ihn! Hilft dir das weiter?«
» Ich weiß nicht« , antwortete Julia wahrheitsgemäß.
» O Mann, jetzt sag bloß nicht, du bist aufgewacht und er war weg! Also, ich
meine, falls du vielleicht gerade Gesellschaft brauchst, dann sag mir einfach, wo
du wohnst, dann vertrete ich Mikke doch gerne. – Okay, vergiss es« , setzte er
hinzu, als Julia keine Antwort gab. » Schon kapiert. Du stehst anscheinend nur
auf ihn. Aber ich kann dir seine Handynummer geben, falls er das auch
vergessen hat. Und richte ihm ruhig mal einen schönen Gruß von mir aus. Ich
hab so das Gefühl, er sollte sich ein bisschen mehr Mühe geben bei dir …«
» Gut, ich sag’s ihm« , unterbrach ihn Julia, bevor er sein Angebot erneuern
konnte, Mikke bei nächster Gelegenheit zu vertreten.
Sie notierte sich Mikkes Handynummer und bedankte sich.
» Immer gerne. Wie gesagt, du brauchst nur nach Jonny zu fragen, wenn du
… Jonny ohne h übrigens, aber dafür mit …«
Julia unterbrach die Verbindung.
Mikke war also wahrscheinlich mit Razika unterwegs. Mit der Band, von der
er ihr Freitag Nacht vorgeschwärmt hatte. Und somit würde er wohl kaum heute
Vormittag erst noch bei ihr gewesen sein! Allerdings war der Typ vom
Tonstudio sich auch nicht sicher gewesen … Und Mikke hatte eindeutig
gelogen, als er behauptet hatte, Tontechniker zu sein.
Julia überlegte, ob sie ihn jetzt einfach anrufen sollte. Nicht nur, um zu hören,
ob er überhaupt wirklich in Nestun war, sondern um ihn mit ein paar Fragen zu
konfrontieren, die ihm ganz sicher nicht passen würden. Oder vielleicht vor
allem, um seine Stimme wieder zu hören?
Ärgerlich knallte sie das Handy auf den Schreibtisch, als es an der Tür
klingelte.
Julia zuckte unwillkürlich zusammen, machte aber keine Anstalten, in den
Flur zu gehen und die Tür zu öffnen. Sie war wie gelähmt, ihre Gedanken
rasten. Ihre Mutter hätte sofort ungeduldig ein zweites Mal geklingelt, das
Klingeln eben war aber zögerlich gewesen, wie von jemandem, der jede
Aufmerksamkeit vermeiden wollte. Oder der ohnehin nicht damit rechnete, dass
sie zu Hause war …
Gleich darauf wurde ein Schlüssel ins Schloss geschoben.
Julia griff sich das Handy und war mit zwei Schritten am Fenster, dann
schwang sie sich auf das Flachdach hinaus. Sie hastete zur Kante und griff nach
dem Geländer der Feuerleiter. Erst als sie den Fuß schon auf der Eisenstufe
hatte, zögerte sie. Der Blick nach unten ließ sie schwindeln, das Blut rauschte
in ihren Ohren, sie spürte, wie ihr der Schweiß ausbrach. Mit beiden Händen
klammerte sie sich an das Geländer und blickte über die Schulter zurück.
Die Sonne war so grell, dass Julia die Augen zusammenkneifen musste. Nur
undeutlich konnte sie die Umrisse einer Person ausmachen, die für einen kurzen
Augenblick in der Tür zur Küche stand und dann einen Schritt nach vorne in ihr
Zimmer machte.
Mit einem erschrockenen Keuchen kauerte Julia sich hin, um nicht sofort
gesehen zu werden. Im nächsten Moment meldete ihr Handy eine SMS. Sie
verfluchte sich für die Idee, gerade gestern erst einen neuen Klingelton
ausgewählt und die Lautstärke auch noch auf die höchste Stufe eingestellt zu
haben – schrill und elektronisch verzerrt hallte die Melodie von » Here comes
the Sun« über die Dächer.
Als Julia das Handy ausschalten wollte, rutschte es ihr aus der Hand und
polterte klappernd die ersten Stufen hinunter.
Intuitiv wusste sie, dass sie entdeckt worden war. Als sie wieder zum Fenster
blickte, war sie schon bereit aufzuspringen, um doch noch über die Feuertreppe
zu fliehen. Aber das picklige Gesicht, das jetzt in der Fensteröffnung deutlich zu
erkennen war, ließ sie in der Bewegung erstarren. Sie brauchte einen Moment,
bis sie die Information verarbeitet hatte.
» Scheiße!« , hörte sie den Fünfzehnjährigen aus der Nachbarswohnung
fluchen, bevor er sich umdrehte und sie wieder nur noch seinen Schatten sah, der
aus dem Zimmer in den Flur rannte.
Ohne zu überlegen, setzte sie ihm nach, beim Sprung von der Fensterbank
rutschte sie ab und stieß sich den Knöchel an der Heizung, der Schmerz trieb ihr
die Tränen in die Augen.
Sie erwischte den Jungen auf dem Treppenabsatz und rammte ihm ihre
Schulter in den Rücken, so dass er seitwärts gegen die Wand prallte und dann
zu Boden rutschte. Seine Augen flackerten, er wimmerte irgendetwas, was sie
nicht verstand.
Julia packte ihn hart und zerrte ihn wieder auf die Füße, dann verdrehte sie
ihm den Arm und stieß ihn vor sich her die Stufen hinauf zurück in ihre
Wohnung. Sie schlug die Tür hinter sich zu und verpasste ihm einen weiteren
Stoß, der ihn über den Flur taumeln ließ.
» In die Küche« , keuchte sie. » Setz dich hin.«
Er gehorchte, immer noch ohne ein Wort zu sagen.
Julia versuchte, ihre Atmung unter Kontrolle zu bekommen, bevor sie sich
einen Stuhl heranzog und sich ihm gegenübersetzte.
Als sie ihn anblickte, schluckte er so heftig, dass sein Adamsapfel hüpfte.
» Du Scheißtyp« , sagte Julia leise. » Du blöder, kleiner Wichser …«
Sie war plötzlich irritiert von ihrer eigenen Aggressivität eben im
Treppenhaus, sie wusste, dass nicht viel gefehlt hatte, und sie hätte ihn die
Stufen hinuntergestoßen.
» Und jetzt?« , kam es weinerlich von dem Jungen.
» Wie? Was meinst du?«
» Du hast mir wehgetan.«
» Ach, tatsächlich?«
Der Junge nickte und griff sich an die Schulter. » Ich hab doch gar nichts
weiter gemacht, ich wollte nur …«
» Nein, du warst nur in meiner Wohnung, mehr nicht! Und du warst heute
Morgen schon mal hier und hast in meinen Sachen rumgeschnüffelt.«
» Mann, das war doch nur …«
» Ja?«
» Ich find dich gut, das ist alles. Also echt cool, meine ich. Ich wollte nur ein
bisschen mehr über dich rauskriegen. Gucken, wie du so wohnst. Ist doch kein
Verbrechen, oder? Ich steh auf dich.«
Er blickte sie trotzig an.
Das ist echt frech, dachte Julia. Er tut so, als hätte er mir gerade auch noch
ein Kompliment gemacht.
» Jetzt hör mir mal gut zu« , setzte sie an, schüttelte dann aber unwillig den
Kopf und stand auf, um die Espressokanne vom Regal zu nehmen.
» Hast du irgendwo eine Kippe?« , fragte der Junge. » Ich würde gerne eine
rauchen.«
» Nein« , blaffte Julia zurück.
» Dann eben nicht. Schade. Ich dachte, du rauchst.«
Sie drehte die Kanne auf und füllte sie mit Wasser. Als sie das Kaffeepulver
einfüllte, zitterten ihre Hände immer noch.
Ohne sich umzudrehen, fragte sie: » Woher hast du meinen Schlüssel?«
Er gab keine Antwort.
» He, ich hab dich was gefragt!«
» Können wir einen Deal machen?«
» Was?« Julia setzte die Kanne hart auf den Herd und fuhr herum. » Du tickst
doch nicht mehr richtig! Was für einen Deal?«
Der Junge zuckte mit den Schultern, aber seine Augen wirkten plötzlich
wieder wässrig, als würde er gleich zu heulen anfangen.
» Du sagst meiner Mutter nichts davon, dass ich … hier war und so, okay?
Dafür erzähle ich dir auch, wieso ich deinen Schlüssel habe.«
Julia trat ganz dicht an ihn heran. Sie griff nach seinem Kinn und drehte
seinen Kopf zu sich.
» Nur damit wir uns richtig verstehen, du gibst mir jetzt als Erstes den
Schlüssel zurück, und dann will ich eine Antwort von dir, sonst … Sonst gehe
ich in jedem Fall zu deiner Mutter« , setzte sie hinzu und drehte sich wieder
zum Herd.
Sie hörte, wie er den Schlüssel auf den Tisch legte.
» Eigentlich solltest du mir dankbar sein. Ohne mich hätte nämlich unter
Garantie einer von diesen Typen deinen Schlüssel, die den Hof neu machen.
Aber ich hab ihn noch rechtzeitig aus deinem Versteck geholt.«
» Du hast … was? Aber woher …«
» Mann, das ist doch jetzt nicht so schwierig zu verstehen, oder? Ich hab
zufällig gesehen, wie du irgendwas unter die Regentonne geschoben hast, mein
Fenster ist genau obendrüber, aber du bist gar nicht auf die Idee gekommen,
hochzugucken. War echt witzig, weil du dich erst noch die ganze Zeit
umgesehen hast, ob dich jemand beobachtet. Aber hochgeguckt hast du nicht.«
» Und dann bist du runter und hast …«
» Nee, noch nicht gleich. Also, ich meine, natürlich bin ich hin und hab
nachgesehen. Ich wollte ja wissen, was du da versteckt hast. Aber geholt hab ich
den Schlüssel erst, als die Typen kamen und anfingen, alles auf den Laster zu
schmeißen. Ich sag doch, eigentlich solltest du mir echt dankbar sein.«
» Gehst du eigentlich nicht zur Schule oder was? Ich meine, wieso hängst du
den ganzen Tag in der Wohnung rum, dass du alles mitkriegst, was hier
passiert? Und heute Vormittag hättest du doch auch …«
Er zuckte wieder mit den Schultern. Diesmal grinste er, als er antwortete.
» Hab gerade keinen Bock auf Schule.«
» Und was sagt deine Mutter dazu?«
» Ich tue morgens einfach so, als ob ich da hingehe, und wenn sie zur Arbeit
ist, komme ich zurück. War ein bisschen blöd am Freitag, weil ihr irgendwie
schlecht geworden ist und sie dann plötzlich auch wieder zu Hause war. Aber
ich hab behauptet, der Unterricht wäre ausgefallen. – Also, komm, was ist jetzt?
Jetzt hab ich dir alles erzählt, du hast mich voll in der Hand.« Er kicherte und
wurde gleichzeitig knallrot.
» Ich sag dir, was jetzt ist« , erklärte Julia ganz ruhig. » Du verschwindest jetzt
aus meiner Wohnung. Und wenn ich noch mal mitkriege, dass du versuchst,
hinter mir herzuspionieren, dann …« Sie wusste nicht, wie sie den Satz zu
Ende bringen sollte.
» Wie heißt du überhaupt?« , fragte sie, als der Junge aufstand und sich an ihr
vorbei zur Tür drücken wollte.
» Vincent« , sagte er. » Aber meine Freunde nennen mich alle Vin, das ist der
Typ aus The Fast and the Furious, Vin Diesel, kennst du vielleicht, geiler Film
…«
» Fein, Vincent« , unterbrach ihn Julia. » Und jetzt zieh Leine, bevor ich es
mir noch anders überlege und dich anzeige. Nein, warte mal!« Sie hielt ihn am
Arm fest. Ein vager Gedanke war in ihrem Hinterkopf aufgetaucht. » Hast du
auch meinen Papierkorb durchsucht? Und vielleicht …«
Bevor sie ihre Frage zu Ende bringen konnte, zuckte Vincent mit der Schulter
und zog den Notizzettel aus der Hosentasche, um ihn ihr wortlos hinzustrecken.
Julia war so verblüfft, dass sie nur stammelte: » Du bist doch echt nicht mehr
ganz dicht! Und was sollte das jetzt? Wieso …«
» Hab ich doch schon gesagt! Ich wollte ein bisschen mehr rauskriegen über
dich. Vielleicht hätte ich die Nummer bei Gelegenheit noch mal angerufen, um
zu hören, was das für ein komischer Typ ist, der dir solche Nachrichten
schreibt.«
» Hau ab« , sagte Julia leise.
Als sie die Tür hinter ihm ins Schloss drückte, war sie so durcheinander, wie
schon lange nicht mehr – und gleichzeitig so erleichtert, dass sie sich für einen
Moment mit geschlossenen Augen gegen die Wand lehnte. Wenn sie nicht alles
täuschte, dann war der kleine Möchtegern-Vin-Diesel auf dem besten Weg, mal
eine echte Karriere als Stalker zu machen. Blöd war nur, dass er ihr tatsächlich
Angst gemacht hatte und dass sie sich nicht mehr sicher fühlte in ihrer
Wohnung, nachdem er da gewesen war. Er hatte eine Grenze überschritten. Und
sie würde ihr Bett neu beziehen müssen!
Außerdem brauchte sie eine Sicherheitskette für die Wohnungstür. Am Ende
der Nygårdsgate gab es einen Baumarkt, da würde so ein Teil sicher zu kriegen
sein. Und es anzubringen sollte ihr ohne Probleme gelingen, sie war durch ihren
Umzug in Übung, was Löcherbohren anging, und die Werkzeugkiste stand
ohnehin noch auf dem Flur. Am besten machte sie sich gleich auf den Weg,
dann hatte sie wenigstens etwas zu tun, was sie erst mal von allen anderen
Gedanken ablenkte.
Julia griff nach ihrer Tasche, als ihr wieder einfiel, dass das Handy ja noch
draußen auf der Feuertreppe lag. Kaum war sie an der Dachkante, kehrte auch das
Schwindelgefühl zurück. Sie drehte sich um und tastete sich rückwärts von Stufe
zu Stufe, den Blick fest auf die Hauswand vor sich gerichtet. Es war nicht
einfach, sich nach dem Handy zu bücken, ohne dabei nach unten zu sehen, aber
sie schaffte es. Als sie wieder auf dem Dach stand, war sie schweißüberströmt,
ihre Hände zitterten so sehr, dass sie kaum in der Lage war, die versäumte
Nachricht auf dem Display aufzurufen. Immerhin funktionierte das Handy noch,
und die Nummer kam ihr augenblicklich bekannt vor. Es war die Nummer, die
sie vorhin erst noch mal von dem Typen im Tonstudio bekommen hatte und
die auch auf dem Zettel stand, den Vincent ihr gerade zurückgegeben hatte –
Mikkes Nummer!
Ich muss mit dir reden, hatte er geschrieben. Ruf mich bitte an. Mikke.
Auf dem Display fand sich noch ein zweiter Anruf, der eingegangen sein
musste, während sie mit Vincent in der Küche gewesen war. Zwar meldete ihr
Handy mal wieder » unbekannter Teilnehmer« , aber die Telefonnummer hatte
die Vorwahl von Oslo! Julia drückte die Rückruftaste, ohne auch nur für eine
Sekunde zu zögern. Sie war fest überzeugt davon, gleich Maries Stimme zu
hören, und stellte fast verwundert fest, dass sie sich darauf freute – ihre Wut und
Enttäuschung waren wie weggeblasen. Sie wollte ja die Freundschaft gar nicht
wirklich beenden, im Gegenteil! Und vor allem wollte sie, dass sich wenigstens
irgendwas mal zum Guten wendete, die letzten Tage reichten eigentlich an
Katastrophen.
Umso mehr war sie irritiert, als sie eine aufgeregte Frauenstimme hörte, die
sie augenblicklich mit einem Wortschwall überfiel und die Julia erst einen
Moment später überhaupt zuordnen konnte – sie hatte Maries Mutter am
Apparat!
» Julia? Das ist gut, dass du gleich zurückrufst. Ich habe mir schon Sorgen
gemacht, dass du auch nicht zu erreichen bist. Marie geht nämlich einfach nicht
an ihr Handy! Was ist denn los? Ist alles in Ordnung bei euch? Ich meine,
Marie ist doch bei dir, oder nicht?«
» W…was?« , stotterte Julia und merkte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
» He, entschuldige, ich wollte wirklich nicht aufdringlich sein, aber Maries
Vater hatte einen Unfall, es ist nicht so schlimm, aber er ist im Krankenhaus,
und weil Marie mir ja auch extra noch deine Telefonnummer aufgeschrieben hat,
falls irgendwas sein sollte …«
» Schon klar, kein Problem« , brachte Julia heraus. » Es ist nur … Marie ist
also losgefahren? Und sie ist …«
» Ja, natürlich, am Freitag. Sie hat gesagt, sie will dich übers Wochenende
besuchen! Aber warum fragst du so komisch? Ist sie nicht bei dir?«
» Nein« , sagte Julia. » Warte mal einen Moment, bitte. Ich bin hier draußen
auf dem Dach, ich geh nur eben zurück in mein Zimmer.« Sie schwang sich
über das Fensterbrett und hockte sich auf ihr Bett. » Da bin ich wieder. Ich
glaube, irgendwas läuft hier gerade echt schief. Erzähl mir bitte noch mal genau,
was Marie dir gesagt hat.«
Mit jedem Satz von Maries Mutter spürte Julia, wie ihr schwindliger wurde.
Als ob sie immer noch an der Feuertreppe stehen und in den Abgrund blicken
würde, der sie in die Tiefe ziehen wollte.
Vom Hafen herüber tutete das Signalhorn des Schnellbootes nach Haugesund.
Eine Möwe setzte im Sturzflug zur Landung auf dem Dach an und drehte dann
doch wieder kreischend ab, als hätte sie plötzlich eine unbekannte Gefahr
gespürt.
X
Als er an der Kirche von Telavåg die Psychologin gesehen hatte, war er
tatsächlich für einen Moment in Panik geraten. Er konnte einfach nicht
verstehen, wie sie es geschafft haben sollte, sein Versteck aufzuspüren.
Denn das war sein erster Gedanke: Sie war nur wegen ihm auf Sotra. Sie
hatte die Hütte gefunden. Sie wusste alles.
Er hatte sich noch nicht mal mehr getraut, zurück zum Campingplatz zu
fahren, sondern war stattdessen nach Süden geflüchtet, nach Klokkarvik,
und von dort mit der Fähre nach Hjellestad, über Fana nach Krokeide und
wieder mit der Fähre nach Hufthamar, von Insel zu Insel, immer darauf
bedacht, größere Orte und Häfen zu vermeiden – und gleichzeitig in der
festen Überzeugung, dass ihn über kurz oder lang ohnehin die Polizei
abfangen würde.
Er hatte eine richtige Scheißnacht irgendwo auf der Veranda eines leer
stehenden Ferienhauses am Meer verbracht, frierend und hungrig, aber er
wollte auf keinen Fall irgendwelche Spuren hinterlassen, deshalb hatte er
auch das Schloss nicht geknackt.
Morgens war er dann mit hochgezogener Kapuze zum nächsten
Bauernhof geschlichen, um die Zeitung aus dem Briefkasten an der
Einfahrt zu klauen. Obwohl er genau wusste, dass es zu früh war für die
Schlagzeile mit der Meldung, dass sie die kleine Schlampe gefunden hatten
und jetzt auf der Suche nach ihm waren.
In Hundvåko hatte er es riskiert, sich im Diner neben der Tankstelle
einen Kaffee und eine Fischfrikadelle mit Pommes zu bestellen – nur um
die nächsten zwei Stunden vor dem Fernseher über der Theke ausharren zu
können, ohne besonders aufzufallen. Die Pommes waren matschig und die
Frikadelle schmeckte nach allem Möglichen, nur nicht nach Fisch, aber
selbst als er die Bedienung bat, auf den lokalen Sender für die Küste
umzuschalten, flimmerte weder sein Fahndungsfoto über den Bildschirm,
noch gab es irgendeine Nachricht über die glückliche Rettung eines
Entführungsopfers auf Sotra. Ein Mann in der Nähe von Stavanger hatte
den ständig kläffenden Dackel seines Nachbarn erschossen, im
Hardangerfjord war ein Autohändler aus Oslo während einer Party
betrunken vom Boot gefallen und bisher noch nicht gefunden worden, in
Indre Arna hatte die Polizei eine Bande von jugendlichen Autodieben
festgesetzt, die ihre Langeweile mit alkoholisierten Spritztouren in
geklauten Luxusgeländewagen zu bekämpfen versuchten. Sonst nichts.
Er hatte es gerade noch rechtzeitig zur Toilette des Diners geschafft, bevor
die Frikadelle wieder hochkam und er für einen Moment gekrümmt vor der
Kloschüssel hocken blieb, bis sich sein Magen beruhigt hatte.
Er konnte sich immer noch nicht erklären, was die Psycho-Schlampe
ausgerechnet in Telavåg zu suchen gehabt hatte, aber er kam immer mehr
zu der Überzeugung, dass es vielleicht doch nichts als ein dummer Zufall
gewesen war. Es war Sonntag gewesen, vielleicht hatte sie nur einen
Ausflug gemacht, Sotra war ein beliebtes Wochenendziel, gerade für die
Einwohner von Bergen. Vielleicht stand sie auch auf alte Dorfkirchen, es
gab solche Leute, und er hatte die Schlampe auf dem Parkplatz vor der
Kirche gesehen. Es war durchaus möglich, dass sie ihre Freizeit damit
verbrachte, die Gegend abzuklappern, nur um nicht alleine zu Hause sitzen
zu müssen. Er hatte sie allerdings anders eingeschätzt und eher erwartet,
dass sie in ihrem Arbeitszimmer mit der Kippe in der Hand und der
Kaffeetasse neben sich darüber brütete, wie sie mit seinem Fall umgehen
sollte …
Der nächste Gedanke ließ ihn scharf Luft holen. Konnte es sein, dass sie
noch nicht mal mehr an ihn dachte? Dass sie gar nicht nervös war,
unruhig, kurz davor durchzudrehen? Sondern tatsächlich jeden Gedanken
an ihn einfach verdrängt und sich einen schönen Nachmittag gemacht
hatte?
Das würde bedeuten, dass er noch lange nicht genug Druck auf sie
ausgeübt hatte, dachte er. Sie nahm ihn nicht ernst! Er war auch nichts
Besonderes für sie, sie behandelte ihn wie einen x-beliebigen Fall, sie war
sogar in der Lage, ihn sofort wieder zu vergessen, kaum dass er zur Tür
raus war. Er merkte, wie seine Stimmung in Wut umschlug. Er konnte
jetzt nicht abhauen und den Ball flach halten, bis er sich absolut sicher
war, was da eigentlich lief. Nein, im Gegenteil, er musste zurück nach
Bergen! Selbst auf das Risiko hin, dass vielleicht bereits die Polizei auf ihn
wartete, um ihn hochzunehmen. Aber daran glaubte er ohnehin nicht
mehr wirklich, er war sich jetzt sicher, dass er ohne jeden Grund in Panik
geraten war.
Die Psycho-Schlampe hatte keine Ahnung, mehr noch, sie hatte ihm kein
Wort geglaubt, er war für sie nur ein Spinner, der es noch nicht mal wert
war, dass sie wegen ihm auf ihren Sonntagsausflug verzichtete. Und
natürlich hatte sie auch die Polizei nicht eingeschaltet! Warum auch? Es
gab keinen Anlass für sie, sie hatte wahrscheinlich noch nicht mal darüber
nachgedacht. Und er war ihr voll auf den Leim gegangen. Als er überzeugt
davon gewesen war, sie in die Enge getrieben zu haben, war das nichts als
nur Einbildung, sein eigenes Wunschdenken. In Wirklichkeit war sie so
kalt wie eine Hundeschnauze. So wie sie alle waren.
Aber das würde sich jetzt ändern. Er war noch lange nicht am Ende,
jetzt sollten sie ihn alle erst richtig kennenlernen.
Auf der Fähre zurück nach Krokeide kaufte er sich ein Hot Dog mit einer
Extraportion Röstzwiebeln. Seine vorherige Übelkeit hatte einer Art
Heißhunger Platz gemacht, der ihm gut zu seiner fast euphorischen
Stimmung zu passen schien. Er fühlte sich fit und energiegeladen, keine
Spur mehr von Müdigkeit oder ganz und gar Panik.
Erst als er hinter Fana auf die Straße nach Bergen einbog, dachte er für
einen kurzen Moment wieder an die kleine Schlampe in der Hütte. Er hatte
sie jetzt bereits über einen Tag nicht besucht, aber sie würde schon
irgendwie an die Tüten mit dem Essen und der Wasserflasche gekommen
sein, die Kette, mit der er sie angebunden hatte, war lang genug. Und
überhaupt wäre es nicht seine Schuld, wenn sie hungern musste!
Er grinste unter seinem Helm. Alles schön der Reihe nach, dachte er.
Wenn alles so lief, wie er es sich zurechtgelegt hatte, würde sie heute Nacht
ohnehin ihre Henkersmahlzeit bekommen. Vielleicht würde er sogar ein
paar Kerzen für sie anzünden, um es richtig feierlich zu machen.
Kurz vor seiner Wohnung wurde er dann doch wieder unsicher.
Vielleicht war es nur der dunkle Audi, der ihm auffiel, als er in die
Nygårdsgate eingebogen und schon fast an seinem Haus war. Die zwei
Männer, die auf den Vordersitzen bei geöffnetem Fenster ihren Pappbecher-
Kaffee tranken, konnten ohne weiteres Zivilbullen sein. Aber nachdem er
zweimal an ihnen vorbeigefahren war, ohne dass sie reagierten, war er sich
halbwegs sicher, dass das Ganze nichts mit ihm zu tun hatte. Trotzdem
schloss er das Moped sicherheitshalber ein ganzes Stück von seinem
Hauseingang entfernt an einen Laternenpfahl und nahm dann die
Toreinfahrt vom Nachbarhaus, um von dort in seinen Hinterhof zu
gelangen.
Zwei kleine Jungen unterbrachen ihr Fußballspiel und beobachteten ihn
neugierig, als er eine Mülltonne an die Mauer schob und hochkletterte. Er
grinste ihnen zu und hielt sich den Finger vor die Lippen, dann deutete er
von seinen Augen auf ihre und fuhr sich mit der flachen Hand über den
Hals. Die Jungen starrten ihn entsetzt an und rannten davon.
An seiner Wohnungstür deutete nichts darauf hin, dass in der
Zwischenzeit irgendjemand da gewesen war, nur der Briefkasten war wie
üblich vollgestopft mit Reklame.
Zwei oder drei Briefumschläge waren dabei, aber er hatte es schon lange
aufgegeben, solche Briefe zu öffnen, es waren ohnehin nur Rechnungen
oder irgendwelche Mahnschreiben. Sollte sich doch sein Betreuer darum
kümmern, dachte er, hatte der Scheißkerl wenigstens wieder was, worüber
er sich aufregen konnte. Er konnte ihn jetzt schon hören, wie er ihn
kopfschüttelnd musterte: »Du musst endlich anfangen, dein Leben in den
Griff zu bekommen! Und dazu gehört nun mal auch der Papierkram. Hab
einfach ein bisschen Vertrauen in dich, du kannst das. Und ich bin nicht
immer für dich da, vergiss das nicht!« Und immer so weiter, nichts als
hohles Blabla …
Er nahm den Stapel und warf ihn achtlos auf den Küchentisch, dann
kramte er seinen Rucksack aus dem Schrank und fing an, die
notwendigsten Sachen zusammenzupacken, die er in den nächsten Tagen
brauchen würde.
Er wollte fürs Erste nicht mehr zurückkommen, sondern von jetzt an
alles, was er noch vorhatte, von der Hütte auf dem Campingplatz aus
erledigen. Es schien ihm sicherer so und hatte auch den leichten Kitzel
eines großen Abenteuers, das vor ihm lag.
Er zögerte einen Moment, ob er ein oder zwei der »Teste deine
Intelligenz«-Hefte einstecken sollte, entschied sich dann aber dagegen. Und
nahm stattdessen die Autogramm-Postkarte von Razika von der Wand über
seiner Matratze. Auch sie waren nichts anderes als kleine Schlampen, die
sich für etwas Besonderes hielten. Aber er hatte sich schon vor längerem
ihre Adressen besorgt, und das Foto würde ihn daran erinnern, dass er
noch viel vor sich hatte. Zumindest die Bassfrau und die Schlagzeugerin
würden dieses Jahr noch das richtige Alter erreichen, ihre Geburtstage
hatte er ebenfalls recherchiert und in seinem Taschenkalender rot
eingekreist.
Als er sich an der schief eingedrückten Heftzwecke den Daumennagel
abbrach, fluchte er laut.
Er war gerade dabei, die Tür abzuschließen, als plötzlich der Glatzkopf
vor ihm stand, wieder im Anzug und mit der unvermeidlichen Laptop-
Tasche über der Schulter.
»Ich hab dich über den Hof kommen sehen«, eröffnete die Glatze das
Gespräch. »Du warst zwei Tage nicht da, richtig?« Er musterte den
Rucksack. »Und jetzt bist du auch schon wieder auf dem Sprung. Gerade
viel zu tun, was?«
»Mann, was willst du? Hast du irgendein Problem, oder was?«
»Ich nicht. Aber du vielleicht.«
»Nicht dass ich wüsste …«
»Na ja, ich dachte ja nur, es könnte dich vielleicht interessieren.«
»Was? Was könnte mich interessieren?«
»Da war neulich so eine Alte hier bei dir, Freitagabend, um genau zu
sein. Hat versucht, bei dir durchs Fenster zu gucken. So um die fünfzig
vielleicht. Blond. Enger Rock und hochhackige Schuhe. Sah nicht schlecht
aus, zumindest wenn man auf ältere Semester steht. Raucht aber zu viel.
Sagt dir das was?«
»Nicht wirklich. Kenn ich nicht.«
Er war jetzt auf der Hut. Die Beschreibung, die die Glatze ihm geliefert
hatte, passte ohne jeden Zweifel auf die Psycho-Schlampe. Er rechnete.
Freitag Vormittag hatte sie ihn zu sich bestellt – und er hatte die Sitzung
vorzeitig abgebrochen, sie war wütend gewesen und ausgeflippt. Aber
warum sollte sie dann abends zu ihm gefahren sein? Um ihn zur Rede zu
stellen? Durfte sie das als Psychologin überhaupt, einen Patienten zu
Hause aufsuchen? Das konnte nur bedeuten, dass er sie tatsächlich aus
dem Konzept gebracht hatte! Er musste trotzdem vorsichtig sein, er hatte
sich bereits schon mal zu früh gefreut. Und er hatte keine Ahnung, wie sie
wirklich tickte, jetzt eher noch weniger. Vielleicht hatte sie ihn auch nur
überrumpeln wollen. Oder hinter ihm herschnüffeln, ihre Nase in Sachen
stecken, die sie nichts angingen. Also hatte er doch ihr Interesse geweckt.
Und das war in jedem Fall ein Punkt für ihn, so sah es aus. Sie hatte ihm
zeigen wollen, dass er nichts war als eine Marionette, mit der sie nach
Belieben umspringen konnte. Und dass er noch nicht mal bei sich zu
Hause vor ihr sicher war. Ein Machtspiel, nichts weiter. Aber er war nicht
da gewesen! Ein Punkt für ihn, so sah es aus.
»He, jetzt komm schon!«, meldete sich die Glatze wieder zu Wort. »Sie
hat jedenfalls behauptet, sie kennt dich. Ist doch auch nichts dabei, wenn
du die Alte von Zeit zu Zeit knallst!«
Er hätte der Glatze am liebsten das dummdreiste Grinsen aus dem
Gesicht geprügelt. Gleichzeitig merkte er, wie er bei der Vorstellung rot
wurde, dass er irgendetwas mit der Psycho-Schlampe haben könnte.
»Lass mich in Ruhe«, presste er zwischen den Zähnen hervor und nahm
seinen Rucksack. »Scheiß drauf.«
Aber die Glatze ließ nicht locker. »Sie hat versucht, mich über dich
auszufragen. Willst du nicht wissen, was sie so interessiert hat? Ich meine,
viel konnte ich ihr ja auch nicht sagen, ich kenne dich ja kaum.« Die
Glatze hielt ihn am Arm fest. »Ein Bier vielleicht? Ich zahl auch.«
»Vergiss es.«
Die Glatze hob resigniert die Hände. »Schon klar. Ich dachte ja nur. Ich
hab sie nämlich voll auflaufen lassen, deine Alte. Nur für den Fall, dass
ihr da gerade irgendein Problem habt. Geht mich ja nichts an, aber …«
»Genau. Es geht dich nichts an.«
Er packte den Glatzkopf am Anzug und zog ihn zu sich, bis er sein
Rasierwasser riechen konnte. »Bist du schwul, Alter, oder was ist mit dir
los?« Dann stieß er ihn zurück gegen die Briefkästen. »Ich steh nicht auf
Schwule, nur dass du es weißt!«
Er verließ das Haus, ohne sich noch mal umzublicken. Diesmal nahm er
den direkten Weg durch die Toreinfahrt, noch im Gehen setzte er sich den
Helm auf. Als er nach rechts die Straße runterblickte, war der Audi mit den
zwei Typen verschwunden.
Er schloss das Moped auf und fuhr bis zur Strømgate auf dem Fußweg.
Eine ältere Frau rief etwas von »Unverschämtheit« und »Polizei«, er
kümmerte sich nicht weiter um sie. Der schwere Rucksack auf seinem
Rücken war ungewohnt, beim Abbiegen hatte er Mühe, nicht das
Gleichgewicht zu verlieren.
Fünf Minuten später war er in der Stadtbibliothek. Die Bibliothekarin
hinter dem Informationstresen hatte karottenrote Haare, die wirr nach
allen Seiten abstanden, und trug einen Button mit dem Bild von David
Bowie. Sie begrüßte ihn mit einem freundlichen Nicken, als sie lächelte,
sah er die Grübchen in ihren Mundwinkeln. Er bat darum, den Rucksack
bei ihr abstellen zu dürfen.
»Ist auch keine Bombe drin«, sagte er und zwinkerte ihr zu, »nur
zwanzig Kilo Koks.« Er liebte solche kleinen Scherze – der nette Typ, der
immer einen coolen Spruch auf Lager hatte und bei dem niemand ahnte,
wer er in Wirklichkeit war.
»Willst du aufs Fjell?«, fragte die Bibliothekarin, während sie seinen
Rucksack vor einen Stapel ausrangierter Bücher schob. »Ich war im Mai
auf dem Rundwanderweg in Jotunheimen. Aber wir hatten Pech mit dem
Wetter. Es war noch zu früh im Jahr.«
»Nee, Wandern ist nicht so mein Ding. Ich steh mehr auf die
Schärenküste, vielleicht ein bisschen angeln und so.«
Er überlegte kurz, ob es vielleicht ein Fehler gewesen war, ihr mehr oder
weniger die Wahrheit zu sagen. Aber es war egal. Und in Norwegen war es
ohnehin selbstverständlich, dass man entweder in die Berge oder ans Meer
ging.
»Ich hab Angst vor dem Meer«, erzählte sie ihm. »Schon als kleines
Kind. Ich hab mal gesehen, wie sie eine Leiche aus dem Wasser gezogen
haben. Eine Frau, die beim Schwimmen ertrunken war.«
»So was passiert. Du darfst die Strömungen nicht unterschätzen, sonst
…« Er zuckte mit den Schultern.
»Dann pass lieber gut auf dich auf. Du weißt ja, dass wir hier in der
Bibliothek ein Problem haben, weil die Ausleihzahlen immer schlechter
werden. Wäre nicht gut, wenn du dann auch nicht mehr kommen
könntest.«
Diesmal war sie es, die ihm zuzwinkerte.
Er grinste. Das Geplänkel machte ihm Spaß.
»Sorry«, sagte er. »Aber dann haben wir jetzt echt ein Problem. Ich will
nämlich gar nichts ausleihen, mein Rucksack ist ja auch schon voll. Ich
will nur kurz mal in euer Zeitungsarchiv.«
Er schob ihr den Bibliotheksausweis hin, den er in irgendeiner Kneipe
hatte mitgehen lassen, als er einem pickligen Studenten aus der Tasche
gerutscht war.
Während sie die Karte durch den Schlitz schob, sagte die Bibliothekarin:
»Okay, Trygve, du weißt, wie du ins Archiv kommst? Sonst kannst du mich
auch gerne noch mal fragen.«
»Klar, mach ich.«
»Gerne«, wiederholte sie. »Du weißt ja, wo du mich findest.«
»Aber Finger weg von meinem Rucksack! Nicht dass du dich in der
Zwischenzeit mit dem Puder absetzt.«
»Aber ich doch nicht! – He!«, rief sie dann hinter ihm her, als er sich
gerade zum Fahrstuhl umdrehen wollte. »Weißt du eigentlich, was Schnee
ist?«
Er blickte sie fragend an.
»Sag’s mir.«
»Na, was meinst du? So was Weißes vielleicht, was vom Himmel fällt?«
»Ja, kann man so sagen.«
Sie kicherte.
»Nee, eher was Weißes, was dich direkt in den Himmel hinaufschickt!«
Im Fahrstuhl überlegte er, ob sie ihn eben gerade angemacht hatte. Er
war sich fast sicher, dass sie ihm ohne Zögern auch ihre Handynummer
geben würde.
Aber er hatte Wichtigeres zu tun. Und außerdem war sie mindestens vier
oder fünf Jahre zu alt. Vielleicht später mal, dachte er. Es könnte spannend
sein, jemanden ins Wasser zu locken, der von vornherein Angst hatte. Nicht
so wie die anderen, die immer dachten, ihnen würde nichts passieren, nur
weil sie zufällig schwimmen konnten.
Er merkte, wie ihm allein die Vorstellung schon einen Adrenalinstoß
versetzte.
Aber als er dann die Webadresse der Zeitung aufrief, verdrängte er jeden
anderen Gedanken.
Dass Merette Schulman eine ganze Reihe von Artikeln in
psychologischen Fachzeitschriften veröffentlich hatte, wusste er bereits, seit
er ihren Namen über Google gesucht hatte. Auch dass sie in Deutschland
geboren war und in Hamburg studiert hatte, bevor sie dann nach Norwegen
ging. Aber mehr hatte er in der weltweiten Suchmaschine nicht
herausfinden können, es schien fast so, als gäbe es keine Informationen
über ihr Privatleben, auch ihre Biografie bei Wikipedia beschränkte sich
rein auf ihren beruflichen Werdegang.
Er korrigierte den Suchbegriff zu »Schulman« ohne irgendeinen
Vornamen, aber mit der Ortsangabe »Bergen« dahinter. Obwohl er ja
bereits wusste, was jetzt kommen würde, spürte er doch fast so etwas wie ein
Erfolgserlebnis, als auf dem Monitor das Foto und die reißerische
Schlagzeile auftauchten, die er mittlerweile schon auswendig kannte:
DIESER ABI-STREICH TOPPT ALLES: TOCHTER EINER
PSYCHOLOGIN LIEGT ALS LEICHE IM BETT IHRES LEHRERS!
Es ging um die »Russe Sause«, bei der norwegische Abiturienten in einer
Art inoffiziellen Wettbewerbs möglichst viele »Orden« sammelten, die nach
festgelegten Regeln vergeben wurden: Wer betrunken den Unterricht störte
oder sich in der Fußgängerzone öffentlich blamierte, durfte sich dafür einen
runden Button an die Abiturientenmütze heften. Wer einen ganzen Kasten
Bier in sechs Stunden austrank, erhielt einen Kronkorken. Für »17
Sexualpartner in 17 Tagen« gab es folgerichtig ein Kondom. Sex auf einem
Baum wurde mit einem Plastikzweig belohnt – gewonnen hatte, wer die
meisten Orden vorweisen konnte oder eine Mutprobe ablieferte, die neu war.
Und da hatte sich eine gewisse Julia Schulman den begehrten ersten Platz
erkämpft, indem sie sich in das Haus ihres Klassenlehrers geschlichen und
sich nachts als Leiche geschminkt nackt in sein Bett gelegt hatte – wo sie
dann prompt von der entsetzten Ehefrau entdeckt wurde!
Als er den Artikel zum ersten Mal gelesen hatte, war sein einziger
Gedanke gewesen, dass die arrogante Schlampe damit niemals hätte
durchkommen dürfen. Aber stattdessen war sie mit ihrer Heldentat auch
noch in die Zeitung gekommen und auf dem Foto von ihren Mitschülern
gefeiert worden. Er hatte nur kurz nachgerechnet, wie viel Zeit seit dem
Artikel vergangen war, und dann schien sich plötzlich alles wie ein
Puzzlespiel zusammenzufügen: Diese Julia Schulman war ganz eindeutig
die Tochter der Psychologin, zu der man ihn geschickt hatte, und sie war
im richtigen Alter! Außerdem hatte sie es sich gewissermaßen selbst
zuzuschreiben, wenn ihr jetzt endlich mal jemand ihre Grenzen aufzeigen
würde. Sie hatte ihr Schicksal schon in dem Moment herausgefordert, in
dem sie die nackte Leiche im Bett ihres Lehrers gespielt hatte.
Jetzt blickte er noch einmal auf das Foto und fühlte sofort wieder den
Ärger in sich aufsteigen, dass nicht alles so gelaufen war, wie er es geplant
hatte. Tatsächlich war da auch die andere Schlampe, gleich neben dieser
Julia, und beide waren ungefähr gleich groß und hatten lange blonde
Haare, die in der Mitte gescheitelt waren. Außerdem war das Foto leicht
unscharf, und das mochte auch die Verwechslung erklären, die ihm da
passiert war. Erklären, aber nicht entschuldigen! Er war sich seiner Sache
tatsächlich zu sicher gewesen. Es schien nun mal alles so einfach, dass es
schon fast langweilig gewesen war – ohne irgendwelche Probleme hatte er
über Facebook herausgefunden, dass sie inzwischen hier an der Uni
studierte, und es hatte ihn nicht mehr als ein paar charmante Lügen
gekostet, um sich im Sekretariat auch ihre Adresse zu besorgen.
Aber vielleicht hatte es auch deshalb genau so kommen sollen, wie es
geschehen war! Und damit blieb es dabei, dass die kleine Schlampe in der
Hütte eben nichts weiter war als eine Herausforderung an seine Intelligenz,
wie er die ganze Sache zu einem Ende bringen würde, das ihn befriedigte.
Diese Julia würde in jedem Fall bekommen, was sie verdiente, und ebenso
ihre Mutter!
Er ging zurück auf die Liste mit dem Namen »Schulman« und scrollte
sich weiter nach unten, bis ihn der Eintrag »Anna M. Schulman« stutzen
ließ. Er hatte noch kaum den Link aufgerufen, als ihm die Psycho-
Schlampe entgegenblickte – das Foto war fast zehn Jahre alt, wie er mit
einem Blick auf das Datum des Artikels feststellte, und sie hatte die Haare
anders und sah fast noch ein bisschen mädchenhaft aus, aber sie war es
ganz eindeutig. Und die Bildunterschrift ließ den letzten Zweifel
verschwinden: »Die Psychologin Anna M. Schulman trägt als Profilerin
zur Überführung des Täters bei.«
Er war plötzlich so nervös, dass er kaum noch die Maus bedienen
konnte, um den dazugehörigen Artikel auf den Bildschirm zu bekommen.
Es hatte damals in Bergen eine Reihe von Vergewaltigungen gegeben, die
auf immer denselben Täter schließen ließen. Aber obwohl die Opfer teilweise
sehr konkrete Angaben zu seinem Aussehen machen konnten, liefen alle
Spuren ins Leere. Erst als die Kriminalpolizei dann die besagte Profilerin
hinzuholte, konnte der Täter schließlich identifiziert und überführt werden.
Außer dem Namen »Anna M. Schulman« und der kurzen Erwähnung,
dass sie in Bergen als Psychologin arbeitete, gab es keine weiteren Angaben,
dafür tauchte mehrmals der Name des Kommissars auf, der die
Ermittlungen geleitet hatte: Jan-Ole Andersen, 46 Jahre, Hauptkommissar
bei der Mordkommission. Und als er »Jan-Ole Andersen« als Suchbegriff
eingab, wurde er endlich fündig. Tatsächlich hatte die Zeitung damals eine
Homestory über den Kommissar gebracht, unter dem Titel »Der Bulle und
die Psychologin« hatte ein Redakteur sein Bestes gegeben, um den Lesern
einen Einblick in Jan-Oles Privatleben zu verschaffen. Das Foto zeigte
einen kräftig gebauten Mann mit Schnauzbart und in einem T-Shirt, auf
dem der Schriftzug der norwegischen Rockband »Dance With A Stranger«
zu lesen war. Er hatte den Arm um die neben ihm eher schmächtig
wirkende Psycho-Schlampe gelegt und grinste selbstbewusst in die Kamera.
Im Hintergrund war deutlich das Haus im Strangehagen zu erkennen.
Der Artikel ließ sich lang und breit darüber aus, wie Jan-Ole in einem
Austauschprogramm mit der deutschen Polizei in Hamburg die damals
gerade frisch gebackene Psychologin kennengelernt hatte, wie sie sich schon
am ersten Abend Hals über Kopf ineinander verliebt hatten, dann kurze
Zeit darauf zusammen nach Bergen gegangen und jetzt stolze Eltern einer
Tochter, Julia, waren.
Im nächsten Absatz ging es vor allem um die Erfolge, die Jan-Ole bei der
Kripo vorweisen konnte, angeblich war er bekannt für seine »unorthodoxen
Ermittlungsmethoden, die ihm bei den Kollegen nicht immer Sympathie
eingebracht haben, aber eine überdurchschnittliche hohe
Aufklärungsquote, die jedem Roman-Kommissar zur Ehre gereichen
würde«, wie der Redakteur in dem offensichtlichen Versuch, Jan-Ole als so
eine Art neuen Van Veeteren darzustellen, zu berichten wusste. Und dann
kam Jan-Ole selbst zu Wort: »Das Problem ist, dass unsere Berufe so
unterschiedlich sind und uns kaum die Chance lassen, als ganz normale
Familie miteinander zu leben. Wir mussten in den letzten Jahren leider
immer öfter feststellen, dass wir gar keine Zeit mehr füreinander haben,
und das macht es nicht einfacher, zumal wenn dann auch noch
irgendwelche Probleme auftauchen, wie es sie in jeder Familie gibt. Deshalb
steht meine Entscheidung fest, ich werde mit Ende des Jahres den Dienst
quittieren und einen Schlussstrich unter meine Arbeit als Ermittler
ziehen.«
Der Artikel endete mit der Frage des Redakteurs, womit Jan-Ole seine
neu gewonnene Zeit verbringen wollte, und Jan-Ole hatte geantwortet: »Ich
wollte schon immer malen. Das ist ein alter Traum von mir, morgens
ausschlafen zu können und dann rüber ins Atelier zu gehen, um endlich
die Bilder zu malen, die ich schon lange im Kopf habe.«
Von »Anna M. Schulman« gab es keine Aussage weiter in dem Artikel,
weder zu Jan-Oles Entscheidung noch zu ihrer eigenen Zukunft.
Er starrte einen Moment irritiert auf den Bildschirm und versuchte, die
Informationen zu sortieren. Die Psycho-Schlampe war also mit einem
Exbullen verheiratet. Aber irgendetwas passte da nicht, sie machte nicht
den Eindruck, als gäbe es einen Ehemann in ihrem Leben, und er erinnerte
sich auch genau daran, dass auf dem Klingelschild zu ihrer
Privatwohnung nur ihr eigener Name gestanden hatte.
Aus einer spontanen Eingebung heraus tippte er »Jan-Ole Andersen,
Maler« in die Suchmaschine. Und tatsächlich gab es einen Eintrag unter
»Jan-Ole Kunst«, der ihn auf Jan-Oles Homepage leitete. Die Seite war
aufwändig und professionell gestaltet. Nach den Fotos zu urteilen, hatte
Jan-Ole sich kaum verändert, nur dass er jetzt lange, graue Haare hatte, die
zu einem Zopf zusammengebunden waren, und er trug eine schwarze
Wollmütze, die so was wie sein Markenzeichen zu sein schien, zumindest
hatte er sie sowohl in seinen Atelier als auch bei irgendwelchen
Ausstellungseröffnungen auf. Jan-Oles Bilder waren durchweg
großformatige Porträts von Rockmusikern, wobei es sich ausschließlich um
Musiker handelte, die bereits gestorben waren. Die Bilderfolge unter dem
Link »Jan-Ole’s Gallery« trug entsprechend auch den Namen »Dead Beats
and Old Rockers«.
Als Kontaktadresse für das Atelier war irgendeine Insel an der Küste
angegeben, weiter südlich in der Nähe von Haugesund. Jan-Ole wohnte
also auch nicht mehr in Bergen, sondern hatte sich abgesetzt.
Das passte zumindest zu seiner Einschätzung, dass die Psycho-Schlampe
alleine lebte. Was er mit den anderen Informationen anfangen sollte,
wusste er noch nicht, allerdings verspürte er eine leichte Unruhe bei dem
Gedanken, dass dieser Jan-Ole ein Exbulle war. Selbst wenn er nicht mehr
mit der Psycho-Schlampe zusammen war und seine Zeit damit verbrachte,
tote Rockmusiker zu malen, konnte es durchaus sein, dass sie ihn um Hilfe
bitten würde. Und wenn er seinen Plan weiterverfolgte und Julia
tatsächlich in seine Gewalt bringen würde, hatte er also aller
Wahrscheinlichkeit auch noch einen Exbullen im Nacken! Es war gut zu
wissen, was ihn eventuell erwartete, dachte er, aber letztendlich war auch
das nichts als ein weiterer Kitzel, und er war ihnen allen um einen Schritt
voraus!
Er grinste. »Be prepared«, sagte er halblaut vor sich hin, als er den
Computer ausschaltete.
Die Bibliothekarin war in eine erregte Diskussion mit irgendeinem
Spießer verstrickt, der offensichtlich eine Beschwerde hatte. Er schnappte
sich nur seinen Rucksack und zwinkerte ihr kurz zu, um ihr zu zeigen,
dass er wusste, was für einen nervigen Job sie hatte.
Als er die Stufen hinunter zu seinem Moped ging, zog eine Wolkenbank
über dem Ulriken herauf. Vielleicht würde es zum ersten Mal seit Tagen
wieder Regen geben. Die Luft war feucht und stickig, er mochte diese
Stimmung, wenn klar war, dass sich in Kürze etwas verändern würde.
Er überlegte, wo der nächste Supermarkt war. Er hatte plötzlich Lust auf
ein richtiges »Koldtbord«, die Henkersmahlzeit für die kleine Schlampe
sollte schließlich auch etwas Besonderes sein. Er bedauerte es nur ein
bisschen, dass er keine Küche zur Verfügung hatte. Aber eine Flasche
Rotwein könnten sie sich zum Essen gönnen. Und er musste noch Kerzen
besorgen!
MERETTE
Gegen halb zwei hatte sie es endlich geschafft, den Betreuer ans Telefon zu
kriegen. Allerdings hatte er gleich darauf hingewiesen, dass seine Zeit knapp
bemessen war.
» Ich hab einen Termin und noch keine Mittagspause gehabt, also mach es
bitte kurz.«
» Das wird nicht gehen, und am Telefon schon gar nicht.«
» Soll heißen?«
» Soll heißen, dass ich dich persönlich sprechen will, und zwar heute noch.
Wann hast du Schluss?«
» He, warte mal! Wenn ich Feierabend habe, dann will ich bestimmt nicht
…«
» Wann?«
» Um vier, aber wie gesagt …«
» Gut. Ich bin ab vier bei dem Chinesen am Torget, das Restaurant im ersten
Stock. Ich nehme an, du kennst es.«
» Hallo, was wird das denn? Du kannst mich doch nicht einfach …«
» Ich bitte dich wirklich zu kommen. Es ist wichtig.«
Dann hatte sie aufgelegt, bevor er noch etwas erwidern konnte. Sie wusste,
dass ihr Ton alles andere als freundlich gewesen war, aber sie hatte es satt, dass
die Kollegen im Amt ständig versuchten, den Eindruck zu vermitteln, man
würde sie stören. Und sein erster Satz hatte schon gereicht, um sie aggressiv
werden zu lassen. Vor allem fragte sie sich nicht zum ersten Mal, wie es
eigentlich jemandem gehen würde, der anrief, weil er ein ernstzunehmendes
Problem hatte und Hilfe brauchte.
Als sie das Chinarestaurant betrat, war sie sich nicht sicher, ob er wirklich
kommen würde. Aber sie hatte sich seine Adresse besorgt, im Zweifelsfall würde
sie nicht zögern, ihn zu Hause aufzusuchen.
Das Restaurant war um diese Zeit noch so gut wie leer, ein paar jüngere
Männer in grauen Anzügen und mit Aktenkoffern waren die einzigen Gäste. Die
Küche hatte durchgehend geöffnet, wahrscheinlich in der Hoffnung, die Touristen
vom Fischmarkt anlocken zu können – aber wer mit dem Kreuzfahrtschiff nach
Bergen kam, wollte eher etwas » typisch Norwegisches« als ausgerechnet ein
schlecht beleuchtetes Chinarestaurant mit kitschiger Deko und einer Speisekarte,
wie er sie auch in jeder anderen Stadt Europas finden konnte.
Auch Merette war bislang nur einmal hier gewesen, als sie sich mit Jan-Ole
auf neutralem Boden hatte treffen wollen, um ihre Trennung zu besprechen. Sie
erinnerte sich nur zu gut daran, dass der Abend mehr oder weniger in einem
Besäufnis geendet und sie sich am Tag darauf geschworen hatte, nie wieder ein
Glas Reisschnaps anzurühren.
Merette suchte sich einen Tisch, von dem aus sie freien Blick auf den
Eingang hatte, und bestellte eine Portion Frühlingsrollen.
Ohne es zu wollen, bekam sie einzelne Satzfetzen von dem Tisch am Fenster
mit, an dem die anderen Gäste saßen.
Mehrmals fiel der Name » Vorwerk« , die jungen Männer waren offensichtlich
Staubsauger-Vertreter, einer von ihnen gab gerade lautstark eine Geschichte zum
Besten, wie er eine Frau zum Kauf des neuesten Modells überredet hatte.
» Ich bin hin und hab ihr den neuen Saugroboter vorgeführt, bis sie echt heiß
war. Aber dann habe ich gesagt: Sie stehen auf das Ding und vollkommen zu
Recht, aber ich will ja nicht, dass es Ärger gibt, ist ja auch nicht ganz billig.
Wissen Sie was, ich komme noch mal wieder, wenn Ihr Mann da ist, und dann
können Sie das gemeinsam entscheiden. Na ja, und dann bin ich abends wieder
hin und hab den Typen voll erwischt! Ich meine, er hatte echt keine Chance,
seine Alte war hin und weg von dem Teil, und er so zu ihr: Brauchen wir denn
wirklich einen neuen Staubsauger? Und sie: Aber ja, der ist toll, und der macht
das alles alleine! Und ich zu ihm: Sehen Sie sich an, was das Teil kann, dann
wissen Sie, was Ihre Frau meint. Und er kriegt voll die dicken Augen, als der
Robot loslegt, aber muss natürlich erst noch so tun, als ob er der ganz große
Fachmann wäre, dabei habe ich ihn längst schon am Haken. Klar, dass er dann
noch mal mit dem Preis kommt, aber ich so zögernd: Über ein paar Prozente
lässt sich vielleicht noch reden, und dann: Passen Sie auf, ich mache Ihnen jetzt
ein Angebot, weil Sie es sind, und ich sehe ja auch, dass Sie was davon
verstehen, hier saugt und bläst nämlich der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur
blasen kann! Der Typ lacht sich halb schlapp, und zack!, ist die Sache gelaufen.
Und Mister Neunmalklug denkt auch noch, dass er echt ein Schnäppchen
gemacht hätte. So geht das, Leute, ich sag’s euch!«
Merette konnte nicht entscheiden, ob seine Formulierungen mit Absicht
zweideutig waren, aber nachdem seine Kollegen ihm wiehernd Beifall geklatscht
hatten, war sie überzeugt, dass er es genau darauf angelegt hatte.
Merette fand die Gruppe mit ihrer zotigen Prahlerei einfach nur widerlich und
musste sich stark zusammennehmen, um nicht aufzustehen und ihnen die
Meinung zu sagen. Und sie sind vielleicht gerade mal ein paar Jahre älter als
Julia, dachte sie noch, woher kommt diese Kegelvereins-Mentalität?
Sie war so in ihren Gedanken, dass sie den Betreuer erst bemerkte, als er
bereits an ihrem Tisch stand. Er war klein, schob aber einen ziemlichen Bauch
vor sich her, der weit über den Gürtel seiner Hose hing, seine Beine in der Jeans
bildeten einen auffälligen Kontrast dazu und wirkten wie zwei dürre Stecken.
Die untere Hälfte seines Gesichts bedeckte ein ungepflegter Vollbart, die
Stirnglatze und das karierte Hemd machten den Gesamteindruck nicht unbedingt
besser, aber seine Augen waren klar und forschend, in den Augenwinkeln hatte
er kleine Lachfalten.
» Hej« , sagte er und streckte ihr die Hand hin. » Frode. Aber das weißt du ja
schon.«
Sein Händedruck war kräftig und fühlte sich unerwartet gut an.
» Merette – schön, dass du kommen konntest.«
Er zog einen Stuhl zurück und setzte sich. » Lass mich eins zu Anfang mal
klarstellen: Ich entschuldige mich, wenn ich vorhin am Telefon den Eindruck
gemacht habe, dass ich nicht mit dir reden wollte. Aber es gibt so Tage …« Er
breitete die Arme aus und zuckte mit den Schultern. » Ich hoffe, du weißt, was
ich meine. Also, worum geht’s?«
» Wie ich es dir am Telefon gesagt habe. Ich habe den Fall Aksel
übernommen, weil der zuständige Kollege in der Sozialpsychiatrie krank
geworden ist und die Sache offensichtlich zu dringend war, um warten zu
können.«
Er nickte. » Aksel – stimmt, ich habe Druck gemacht. Aber typisch, dass ich
erst heute Mittag von dir erfahren habe, dass der Fall sozusagen outgesourct
worden ist. Mir hat niemand was davon gesagt. Also versteh mich nicht falsch,
nichts gegen dich, aber …«
Merette holte tief Luft. Jetzt nicht wieder das ewig gleiche Lamento, dass der
Informationsfluss zwischen den verschiedenen Abteilungen nicht funktioniert,
dachte sie. Als sie weiterredete, merkte sie, dass ihr Ton bereits wieder leicht
gereizt war.
» Wie auch immer, Frode. Du bist jedenfalls sein Betreuer für alle rechtlichen
und finanziellen Belange, und du hast ein psychologisches Gutachten beantragt.
Warum?«
» Moment! Du kennst doch seine Akte? Du hast doch also auch …« Er brach
mitten im Satz ab, weil der Kellner an ihren Tisch trat.
» Für mich nichts mehr, danke« , sagte Merette und setzte für Frode hinzu:
» Ich hab schon Frühlingsrollen gegessen, sorry, aber ich konnte nicht warten,
und ich war mir auch nicht sicher, ob du überhaupt kommen würdest.«
Frode nickte und bestellte eine scharfe Gemüsesuppe, ohne erst einen Blick
auf die mit Plastik überzogene Karte zu werfen.
» Gemüsesuppe geht immer« , erklärte er Merette, kaum dass der Kellner sich
umgedreht hatte. » Da können sie wenigstens nichts falsch machen.« Er beugte
sich nach vorne über den Tisch. » Warum treffen wir uns eigentlich ausgerechnet
hier? Ich kann mir kaum vorstellen, dass das dein Lieblings-Chinese ist.«
Wie aufs Stichwort brach die Gruppe der Staubsaugervertreter wieder in
anzügliches Gelächter aus.
» Ist es ganz bestimmt nicht« , sagte Merette, » aber ich mag keine Büros, und
zu mir nach Hause zu kommen wollte ich dir nicht zumuten.«
» Verstehe.« Er lehnte sich zurück. » Also gut. Ich nehme an, du hast die
Akte gelesen und den Bericht, den ich angeheftet habe.«
» Was für einen Bericht?«
Er blickte Merette irritiert an. » Meine Begründung. Warum ich das
Gutachten anfordere! – Nein, das kann jetzt nicht sein!« , setzte er hinzu, als er
Merettes Gesicht sah.
» Was? Wovon redest du? Die Akte ist nicht gerade das, was ich vollständig
nennen würde, da sind zig Punkte, zu denen ich noch Fragen hätte. Aber ganz
sicher gibt es da keine Begründung von dir, warum …«
Frode schlug mit der Faust auf den Tisch. » Das ist doch eine elende
Schlamperei! Und das ist nicht das erste Mal, glaub mir, in dem Laden läuft
nichts! Entschuldige, aber ist doch so. Mein Bericht war in einem Schnellhefter,
den ich mit dem Ordner zusammen an die Sozialpsychiatrie gegeben habe. Wir
machen das ja alles noch auf dem alten Weg bei uns, alles schön per
Aktenordner, die hin und her geschleppt werden. Und jede Wette, dass der
Schnellhefter da immer noch auf irgendeinem Schreibtisch liegt! Wenn er nicht
inzwischen schon in der Ablage gelandet ist, wo ihn die nächsten fünf Jahre
ohnehin keiner mehr wiederfindet …«
Der Kellner brachte die Suppe und fragte nervös, ob alles in Ordnung ist.
» Natürlich« , sagte Frode, » alles bestens.«
Er schob die Suppe zur Seite, ohne sie eines Blickes zu würdigen, und
schüttelte den Kopf. » Du weißt also gar nichts?«
» Zumindest nichts, was dich dazu gebracht hat, ein Gutachten anzufordern.«
» Gut. Oder vielmehr gar nicht gut. Aber dann eben noch mal ganz von vorne,
also, von dem Unglücksfall mit der Halbschwester, wegen dem er aus der
Pflegefamilie musste, weißt du?«
Merette nickte nur, ohne etwas zu sagen.
» Aksel kommt also wieder ins Heim. Und ins nächste Heim. Und dann in
noch eins. Dann ist er volljährig und fällt durchs Abitur, weil er gar nicht erst
zur Prüfung erscheint. Hatte das Retalin abgesetzt, das ihm der Heimarzt schon
seit Jahren verschrieben hat, und eine Eigentherapie mit Cannabis versucht.
Wahrscheinlich war er zugedröhnt bis oben hin und hat gedacht, die Prüfung ist
erst einen Tag später.«
» Das ist auch der letzte Eintrag, den ich in der Akte gefunden habe« , hakte
Merette ein. » Dass er durchs Abi gefallen ist, ohne die Geschichte mit dem
Dope, davon stand da nichts. Aber dass er eine Ausbildung als Mechaniker
angefangen hat.«
» Mechatroniker, um genau zu sein. Hat er aber nur ein halbes Jahr
durchgehalten, dann hat der Betrieb ihn wieder vor die Tür gesetzt.«
» Und?«
» Und damit fängt seine Karriere als Kleindealer an, wobei ihn prompt die
Bullen hochnehmen, und zwar gleich mehrmals hintereinander. Also Anzeige,
Gerichtsverfahren, Sozialarbeit als Strafe, in einer Einrichtung bei Flekke, das ist
im Sogne Distrikt …«
» Ich weiß, wo das ist. – Keine Therapie oder …«
Frode schüttelte den Kopf. » Er ist volljährig. Da gibt es nichts, wo man ihn
unterbringen kann. Vierzehn Tage Entgiftung in der Suchtabteilung der Uni-
Klinik, mit ein paar tobsüchtigen Alkis auf dem Zimmer, die als Ersatzdroge an
den Kanistern mit den Reinigungsmitteln schnüffeln und nachts die Bude
zerlegen! Und das war’s. Sieh zu, wie du dein Leben wieder in den Griff
bekommst, mehr können wir nicht für dich tun.«
» Aber er schafft es nicht?«
» Du wirst lachen, doch, er leistet da oben in Flekke seine Sozialstunden ab
und fängt sogar eine neue Ausbildung an. Da gibt es so eine internationale
Schule, die auch immer irgendwelche Ausbildungsplätze für solche Fälle wie
Aksel hat, frag mich nicht, ich blick da auch nicht ganz durch. Er bewirbt sich
jedenfalls und … das rätst du nie!«
Frode zog sich die Suppe heran und aß zwei oder drei Löffel, bevor er mit
vollem Mund weiterredete. » Aksel wird Koch! Hält drei Jahre durch, besteht die
Prüfung und kommt zurück nach Bergen, um hier in einem Restaurant auf
Bryggen anzufangen. Na gut, Restaurant ist vielleicht zu viel gesagt, eher eine
Kneipe, ganz hinten am Ende, wo die Hafenfähre ablegt. Ich bin extra da
gewesen, um mir das mal anzusehen, alles auf echt Norwegisch getrimmt und
möglichst deftig, Elchfleisch mit süßsaurem Kohl, eingelegter Hering,
Labskaus. Bis zum Abwinken. Wer’s mag, kann sich da für relativ kleines Geld
den Magen vollschlagen.«
» Aber irgendwas muss doch jetzt noch kommen?«
» Kommt ja auch. Er matscht da also sein Labskaus zusammen, und so weit
scheint auch alles ganz in Ordnung. Er kommt pünktlich zur Arbeit, macht, was
man ihm sagt, und hält sich ansonsten aus allem raus, was irgendwie
Schwierigkeiten geben könnte. Allerdings weiß keiner so recht, womit er
eigentlich seine Freizeit verbringt, und wenn die anderen mal irgendwo
zusammen hingehen, um einen draufzumachen, ist er nicht dabei, sondern
behauptet, zu müde zu sein oder schon irgendwas vorzuhaben. Sein Boss
mutmaßt übrigens schon länger, dass er schwul ist …«
» Was? Nur weil er keine Lust hat, sich mit den anderen zu betrinken? Was
soll das?«
Merette fand die Behauptung so unmöglich, dass sie für einen Moment fast so
etwas wie Sympathie für Aksel empfand und sich unwillkürlich auf seine Seite
stellte.
» He« , versuchte Frode, sie zu beruhigen. » Nicht ich habe das gesagt,
sondern sein Boss. Ein Kneipenwirt, was erwartest du da?«
Merette hob die Hände in einer resignierten Geste.
» Entschuldige, es ist nur, dass es immer wieder dasselbe ist.«
» Schon klar.« Frode nickte. » Ich weiß, was du meinst, sehe ich genauso.
Aber lass mich weitererzählen. Es gibt da nämlich sehr wohl ein Problem mit
unserem Freund, kurz gesagt, er bezahlt keine Rechnungen, weder die Miete
noch Strom oder Wasser oder irgendwelche Versicherungen. Null. Niente. Nada.
Außerdem überzieht er ständig sein Konto. Und da komme ich ins Spiel. Du
weißt, wie so was läuft, wenn gar nichts mehr geht, setzt das Gericht
irgendwann einen Betreuer ein, der den ganzen Kram regeln soll. Also landet
Aksel bei mir, und wir versuchen, eine Struktur zu finden, die ihn retten soll.
War in diesem Fall nicht so einfach, da war schon zu viel aufgelaufen, was wir
erst mal in den Griff bekommen mussten, also Entschuldung, soweit das
möglich war, und Abwendung von Zwangsvollstreckung, dann Gehaltspfändung
und wöchentlicher Rapport bei mir, mit einem Haushaltsbuch, in dem er seine
Einnahmen und Ausgaben auflisten muss. Aber glaub mir, ich blicke bis heute
nicht durch, was er wirklich mit seinem Geld macht, das er von mir zugeteilt
bekommt! Er behauptet ständig, er hat schon wieder was verloren oder einem
Freund geliehen oder ist in der Kneipe beklaut worden …«
» Er braucht es für sein Dope?«
» Habe ich auch gedacht. Aber er hat sich bereiterklärt, einmal im Monat
einen Test zu machen. Und er ist clean. Oder war es zumindest beim letzten
Mal.«
» Okay, aber das ist doch noch nicht der Grund …«
» Weshalb ich das Gutachten angefordert habe? Nein, natürlich nicht.« Frode
holte tief Luft, bevor er weiterredete. » Seit rund zwei Wochen arbeitet er nicht
mehr als Koch. Grund: Ein Bedienmädchen aus der Kneipe hat ihn
angeschwärzt. Keine Anzeige, nur die Behauptung, dass er versucht hätte, sie
umzubringen.«
» Was?«
Frode blieb ganz ruhig, als ob er bereits so oft darüber nachgedacht hätte, dass
es ihn kaum noch berührte.
» Angeblich hat er die junge Frau zu einer Bootsfahrt eingeladen. Nachts, bei
Sandviken irgendwo, mit einem Ruderboot, das er sich an irgendeinem der
Stege da mal kurz ausgeliehen hat. Sie fand das auch aufregend und
hochromantisch, bis er dann verlangt hat, dass sie ins Wasser springen und
schwimmen soll. Und als sie nicht wollte, hat er mit Gewalt versucht, sie über
Bord zu stoßen, behauptet sie. Da hat sie Schiss gekriegt und ist tatsächlich
gesprungen und zurück zum Strand geschwommen. Angeblich soll er auch noch
versucht haben, ihr mit dem Boot den Weg abzuschneiden, aber irgendwie hat
sie es trotzdem geschafft und ist ihm entkommen. Warum sie nicht zur Polizei
ist, weiß ich nicht, aber am nächsten Tag hat sie in der Kneipe alles erzählt.
Warte« , Frode hob die Hände, als er sah, dass Merette etwas fragen wollte,
» Aksel ist am selben Tag noch bei mir erschienen, nachdem der Wirt ihm
angedroht hat, ihn wegen des Vorfalls zu entlassen. Nach seiner Version hat das
Mädchen versucht, ihn im Boot zu verführen, und als er nicht wollte, ist sie so
sauer geworden, dass sie über Bord gesprungen und zurückgeschwommen ist.
Alles andere hat sie erfunden, weil sie ihm eins auswischen wollte, sagt er. Weil
er da im Boot nicht mit ihr gevögelt hätte. Und es wäre ihm egal, ob man ihn
entlassen würde, er würde da sowieso nicht mehr hingehen. Originalton: Das
brauche ich nicht, die lügen doch alle und wollen mich nur fertigmachen. – So
weit dazu. Ich habe dann auch noch mal mit dem Wirt geredet, aber ich weiß
nicht, was ich von der Sache halten soll. Und das Bedienmädchen hat nicht mit
mir sprechen wollen …«
Merette merkte, wie ihr bei der Geschichte der Schweiß ausgebrochen war,
während sie gleichzeitig fröstelte und mit zittrigen Händen nach dem Wasserglas
griff, um einen Schluck zu trinken.
» Ich brauche jetzt eine Zigarette« , sagte sie und suchte schon die Packung
und das Feuerzeug aus ihrer Tasche, als Frode ihr die Hand auf den Arm legte.
» Frag mich nicht, warum, aber ich hab ein bisschen Detektiv gespielt, weil
mir die Sache keine Ruhe ließ. Übers Netz kriegt man ja fast alles raus
inzwischen. Und jetzt pass auf: In der Zeit, in der Aksel in dieser internationalen
Schule war, sind zwei Mädchen da oben im Fjord ertrunken. Das erste gleich zu
Anfang, als er noch seine Sozialstunden abgeleistet hat, das zweite, als er gerade
seine Ausbildung zum Koch abgeschlossen hatte. In beiden Fällen ist das nicht
weiterverfolgt worden, weil es keine Anzeichen von Fremdverschulden gab.
Aber die Frage ist doch, ob da nicht ein bisschen viel Zufall im Spiel ist,
oder?«
» Hast du mit irgendjemandem darüber gesprochen?« , brachte Merette mit
Mühe heraus. Ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern.
» Mit meinem Stellenleiter, ja. Weil ich nicht wusste, was ich damit anfangen
sollte. Meine erste Reaktion war, die Polizei einzuschalten, aber …«
» Und dein Stellenleiter?«
» Hat mich da ein bisschen zurückgepfiffen. Deshalb auch das Gutachten, das
ich angefordert habe. Um irgendeine Einschätzung zu kriegen. Es kann ja nicht
angehen, dass wir einen Klienten aufgrund irgendwelcher Verdachtsmomente,
die wahrscheinlich vollkommen haltlos sind, weiter in die Sackgasse treiben, in
der er ohnehin schon steckt. – Ich weiß, ich hätte dir das gar nicht erzählen
sollen, damit du unvoreingenommen an die Sache rangehen kannst, aber …«
» Es ist schon okay. Ich danke dir, dass du es erzählt hast.«
Frode schien erleichtert zu sein. Es war offensichtlich, dass ihm der Fall mehr
zu schaffen machte, als er zugeben wollte. Als er sich jetzt vorbeugte und erneut
nach Merettes Arm griff, spürte sie deutlich die Intensität, die von ihm ausging.
Er war wahrscheinlich wirklich ein guter Sozialarbeiter, dachte sie, niemand, der
nur nach Vorschrift arbeitete. Sie wusste, was jetzt kommen würde. Sie zögerte
noch, wie viel sie ihrerseits erzählen sollte. Am liebsten hätte sie das Gespräch
beendet, um allein mit ihren Gedanken zu sein.
» Und?« , fragte Frode forschend. » Was meinst du? Kannst du schon
irgendwas sagen, wie du ihn einschätzt? Du hast ihn doch inzwischen
kennengelernt, oder?«
» Habe ich, ja. Und ich habe ein Problem mit ihm. Er versucht gerade ganz
eindeutig, ein Machtspiel mit mir zu spielen. Ich komme nicht weiter mit ihm.
Er zeigt eine starke Antihaltung gegenüber … Psychologen ganz im
Allgemeinen, aber vielleicht geht es auch nur um meine Person dabei, ich weiß
es nicht.«
» Er hat viel Scheiß erlebt« , sagte Frode. » Und deine Kollegen sind nicht
immer unbedingt …« Er strich sich über den Bart, als würde er nach einer
möglichst unverfänglichen Formulierung suchen. » Keine Ahnung, wie ich es
ausdrücken soll, aber Fakt ist doch, dass man bei manchen den Eindruck
bekommen muss, sie würden selber dringend eine Therapie brauchen.
Zumindest wissen sie nur in den seltensten Fällen, was draußen auf der Straße
so läuft, im richtigen Leben, meine ich. Ich würde das jedenfalls nicht unbedingt
auf mich beziehen, wenn er zu blocken versucht.«
Merette setzte an, um etwas zu erwidern, schüttelte dann aber nur den Kopf
und fragte unvermittelt: » Wie alt ist die Bedienung in der Kneipe?«
» Ich hab sie nur kurz hinter der Theke gesehen. Mitte zwanzig, schätze ich.
Warum fragst du?«
» Nur so, ist auch egal.«
Aber es ist nicht egal, dachte sie. Mitte zwanzig, Julia ist genauso alt!
Frode strich sich müde über den Bart und wartete darauf, dass sie weiterreden
würde. Die Staubsaugervertreter waren jetzt dazu übergegangen, sich auf einem
Laptop kleine Youtube-Filmchen anzusehen, die sie lautstark kommentierten.
Der Kellner stand im Durchgang zur Küche und unterhielt sich in gebrochenem
Englisch mit einem Kollegen.
» Pass auf« , sagte Merette. » Ich wollte den Fall eigentlich schon abgeben,
aber …«
» Nein, mach das nicht!« , rief Frode fast entsetzt. » Du musst da
weitermachen, also, ich meine, wenn vielleicht doch was dran ist an der
Geschichte, dann bist du gerade die Einzige, die …«
Diesmal legte Merette ihm die Hand auf den Arm.
» Ich kann es noch mal versuchen, aber ich habe keine Ahnung, ob es uns
irgendwie weiterhelfen wird. Und das erste Problem ist schon mal, dass wir die
letzte Sitzung … beendet haben, ohne einen neuen Termin auszumachen. Frag
mich jetzt nicht, wieso, dazu möchte ich im Moment nichts sagen. Jedenfalls
weiß ich gar nicht, wie ich ihn erreichen soll.«
» Aber ich. Morgen ist wieder sein wöchentlicher Rapport bei mir angesagt.
Ich ruf dich dann an, wenn er da ist, und ihr macht was aus. Okay? Und wir
bleiben bitte in Verbindung, ja? Ich habe irgendwie das Gefühl, mich schon viel
zu weit aus dem Fenster gelehnt zu haben, also sollten wir die Sache jetzt auch
bis zum Ende zusammen durchstehen.«
» In Ordnung, Frode, versuchen wir es.«
Merette wollte ihn jetzt so schnell wie möglich loswerden, ohne unhöflich zu
wirken. Gleichzeitig hatte sie das Gefühl, ihn hintergangen zu haben, weil sie
nichts von dem angeblichen Geständnis erzählt hatte. Aber dann hätte sie auch
über die versteckten Drohungen reden müssen und über ihre eigene Angst, und
das wollte sie nicht. Sie wollte auf jeden Fall vermeiden, dass Frode sie
womöglich für unprofessionell hielt.
Einen Moment ging es noch hin und her, wer von ihnen bezahlen würde,
Frode wollte sie unbedingt einladen, schließlich ließ er sich darauf ein, dass sie
die Rechnung teilten.
» Ich bleib noch ein paar Minuten hier sitzen« , sagte Merette, » mach dir
keine Gedanken, es ist alles okay.«
Beim Verabschieden hielt er ihre Hand einen winzigen Augenblick zu lange.
Sie beobachtete ihn, wie er dann auf dem Weg zum Tresen einen der
Staubsaugervertreter, der hinter seinen Kollegen stehend auf den Laptop starrte,
scheinbar aus Versehen anrempelte, so dass er das Gleichgewicht verlor und
gegen die anderen torkelte.
Auf die empörte Beschwerde hin reagierte Frode mit einer ironischen
Verbeugung. » O Entschuldigung, ich hab Sie gar nicht gesehen.
Wahrscheinlich weil Sie so still und zurückhaltend sind, dass man glatt denken
könnte, Sie wären gar nicht da.«
Die Staubsaugervertreter starrten hinter ihm her, ohne noch etwas zu sagen.
Merette dachte, dass Frode ihr zunehmend besser gefiel. Vielleicht hätte sie
ihm doch reinen Wein einschenken sollen, Frode schien jemand zu sein, dem
man vertrauen konnte. Andererseits blieb es dabei, dass ihre Ängste nur sie
etwas angingen.
Sie stand auf und ging zur Damentoilette. Als sie vor dem fleckigen Spiegel
den Lippenstift nachzog, klingelte ihr Handy.
» Mama, ich muss dich dringend sprechen! Am besten gleich jetzt, wenn es
geht. Wo bist du?«
Julias Stimme versetzte ihr einen Stich, augenblicklich spürte sie wieder die
Angst.
» Ist was passiert?«
» Nein, nicht wirklich, aber … können wir uns sehen? Ich bin in der Stadt,
nicht weit vom Torget entfernt.«
» Da bin ich auch.«
Sie verabredeten sich am Denkmal für die Seeleute, die nie vom Meer
zurückgekehrt waren.
Wie nicht anders zu erwarten, war der Platz vollgestopft mit Touristen, aber
das Stimmengewirr verblasste zu einem diffusen Hintergrundgeräusch, kaum
dass Julia die ersten Sätze gesagt hatte.
» Jedenfalls stimmt es überhaupt nicht, als ich gedacht habe, Marie wäre
beleidigt. Sie ist hierhergefahren, genau wie wir es geplant hatten. Sie hat den
Zug genommen, der mittags hier war, sie hat ihre Mutter noch vom Bahnhof
aus Oslo angerufen. Aber wo ist sie jetzt? Wieso war sie dann am Freitag nicht
da? Und wieso meldet sie sich nicht? Glaubst du, dass irgendwas passiert ist?
Jetzt sag schon, was soll ich machen? Ich muss sie doch suchen oder …
irgendwas machen, alle Krankenhäuser durchtelefonieren …«
Julias Stimme überschlug sich. Merette zog Julias Kopf an ihre Schulter und
strich ihr über die Haare.
» Ganz ruhig, Julia. Jetzt in Panik zu geraten hilft niemandem.«
Sie selbst versuchte, tief und gleichmäßig zu atmen, um ihren Herzschlag
wieder unter Kontrolle zu bekommen. » Jetzt noch mal ganz von vorne. Ist es
wirklich sicher, dass Marie in Oslo überhaupt abgefahren ist?«
» Sie saß schon im Zug, als sie mit ihrer Mutter telefoniert hat.«
» Und ihre Eltern können sie jetzt genauso wenig erreichen wie du?«
» Das Handy ist inzwischen ausgeschaltet. Verstehst du, das ist doch
irgendwie noch komischer, erst ist ja wenigstens immer noch die Mailbox
angesprungen, jetzt ist gar nichts mehr. Ich habe es gerade noch mal versucht. –
Maries Mutter sagt, dass sie zur Polizei gehen will, um eine Vermisstenanzeige
aufzugeben.«
» Das erscheint mir sinnvoll.«
» Wenn ich wegen dem blöden Projekt nicht unbedingt in die Uni gewollt
hätte, sondern zum Bahnhof gegangen wäre, um Marie abzuholen, dann …«
» Julia, du kannst nichts dazu. Hör auf, dir irgendwelche Vorwürfe zu
machen.«
Ihr nächster Gedanke ließ Merette unwillkürlich zusammenzucken. » Die Frau
aus der Wohnung unter dir hat doch von diesem Pärchen erzählt, das die Treppe
runtergekommen sein soll, ein Typ, der ein betrunkenes Mädchen bei sich hatte!
Und das war mittags, hat sie gesagt, also genau zu dem Zeitpunkt, an dem
Marie …«
» Du meinst, das Mädchen war Marie? Aber darüber haben wir doch schon
geredet, wer soll dann der Typ gewesen sein? Und wieso sollte Marie so
betrunken gewesen sein, dass sie kaum noch laufen konnte? Das macht keinen
Sinn, Mama! Außerdem erklärt das nicht, warum ihr Handy ausgeschaltet ist.
Oder warum sie sich nicht gemeldet hat.«
» Wahrscheinlich hast du recht« , sagte Merette leise. » Es ergibt keinen
Sinn.«
Es sei denn, dachte sie, wir übersehen da irgendwas, weil wir die ganze Zeit
in die falsche Richtung denken. Ein Typ mit einem Kapuzenshirt, hatte die
Nachbarin behauptet. Merette schaffte es nicht, das Bild von Aksel aus dem
Kopf zu bekommen. Sein Jogginganzug hatte eine Kapuze.
JULIA
Als Julia durch die Toreinfahrt in den Hof kam, hörte sie einen Pfiff und eine
Stimme, die leise ihren Namen rief, aber es war niemand zu sehen.
» Hier bin ich, an der Feuertreppe! Ich muss mit dir reden!«
Ihr erster Gedanke war, dass Mikke da war und auf sie wartete, aber die
Stimme passte nicht. Wenn es der kleine Stalker ist, dachte sie, dann kann er
jetzt was erleben, das Letzte, was sie gerade brauchte, war ein pubertierender
Fünfzehnjähriger, der sie vollquatschen wollte.
Als sie den Typen erkannte, der gleich darauf aus dem Schatten hervortrat,
blieb sie abrupt stehen.
» Du?« , brachte sie mit Mühe heraus.
» Keine Panik, ich will nichts weiter von dir. Ich wollte mich nur
entschuldigen, wegen letzten Freitag, in der Disko, du weißt schon. Also das
war voll daneben von mir, tut mir echt leid. Ich weiß auch nicht, was mit mir
los war.«
» Vielleicht solltest du lieber nicht versuchen, Cowboy zu spielen …«
Er grinste. » Vielleicht. Aber jetzt bin ich ja sozusagen ganz privat hier, hab
sogar meinen Colt zu Hause gelassen.«
» War’s das dann? Ich bin nämlich müde …« Julia wollte sich umdrehen und
gehen. Aber dann zögerte sie plötzlich. Aus einer spontanen Eingebung heraus
fragte sie: » Als ich neulich wegen des Schlüssels bei euch war, habt ihr da
vielleicht vorher noch irgendjemand anderen auf dem Hof gesehen? Einen Typen
mit einem Mädchen vielleicht?«
» Hä? Wieso das denn? Nee, da war keiner. Aber wir haben auch ganz hinten
in der Ecke angefangen und dann erst mal Mittagspause gemacht. Von da
konnten wir den Hof gar nicht sehen. Doch, warte mal, da war einer! Jetzt fällt
es mir gerade wieder ein. So ein kleiner Blödmann, der auch hier im Haus
wohnt.«
Der Nachbarjunge, als er sich den Schlüssel geholt hat, schoss es Julia durch
den Kopf, seine Geschichte stimmte also.
» Und sonst niemand, bist du dir da sicher?«
» Ich sag doch, dass wir den Hof gar nicht sehen konnten, außerdem stand ja
auch der Laster noch da.«
» Okay, war nur so eine Frage. Mehr wollte ich nicht wissen.«
» Jetzt warte doch mal! Ich hab noch was für dich, deshalb bin ich ja
überhaupt hier!« Er wollte Julia am Arm festhalten, zog dann aber die Hand
gerade noch rechtzeitig zurück. » Es ist wegen des Typen, der da mit dir
abgezogen ist, das ist doch überhaupt nicht dein Bruder! Das ist dein Freund
oder so was, richtig?«
» Und wenn schon. Das geht dich nichts an, oder?«
» Vielleicht doch. Ich will dich nämlich warnen, dass du lieber ein bisschen
aufpassen solltest.«
» Was? Mann, lass mich in Ruhe.«
Julia hatte keine Ahnung, worauf das Ganze hinauslief. Aber irgendetwas an
seinen Worten ließ sie zögern, jetzt einfach zu gehen.
» Ich hab ihn noch mal gesehen, deinen Macker. Und das wird dir nicht
gefallen, was ich da mitgekriegt habe. Deshalb bin ich hier. Weil ich finde, dass
du das wissen solltest. Nimm es als kleine Wiedergutmachung oder so was.
Wenn du was mit dem Typen hast, bist du jedenfalls nicht die Einzige.«
» Was?«
» Dein Typ hat noch eine andere. Ich hab ihn nämlich mit so einer Frau
gesehen, in einer von den Gassen hinter Bryggen, Hand in Hand! Was sagst du
jetzt?«
Er blickte sie herausfordernd an, als müsste sie ihm vor Dankbarkeit
augenblicklich um den Hals fallen.
Julia wusste nicht, was sie befürchtet hatte, aber jetzt war es, als hätte sich
gerade irgendeine unklare Bedrohung in Luft aufgelöst. Sie war im ersten
Moment kurz davor, laut loszulachen.
» Danke für die Info. Ich werde meinem Bruder erzählen, dass er einen Fan in
dir hat! Und falls er mal irgendwann keinen Bock mehr auf Frauen haben sollte,
kann er dich ja anrufen, und dann zeigt ihr euch gegenseitig eure Colts.«
Sie drehte sich um und war schon in der Haustür, als er hinter ihr herrief:
» Sag mal, spinnst du völlig? Cowboys sind überhaupt nicht schwul! Jetzt
warte doch mal! Und er ist echt dein Bruder?«
Julia zog sorgfältig die Haustür ins Schloss, ohne sich noch einmal
umzudrehen. Auf dem Weg die Treppe hoch fragte sie sich, ob der Gärtner die
ganze Geschichte vielleicht nur erfunden hatte, um einen Grund zu haben, sie
noch mal anzubaggern. Aber vielleicht auch nicht, vielleicht hatte er tatsächlich
die Wahrheit gesagt. Na und, dachte sie, Mikke kann tun und lassen, was er
will. Trotzdem spürte sie einen Anflug von Eifersucht, der ihr gar nicht gefiel.
Zum ersten Mal kam ihr die leere Wohnung nicht wirklich als ihr Zuhause
vor. Und sie sehnte sich nach jemandem, mit dem sie in der Küche sitzen und
reden konnte. Irgendjemand, der einfach nur da war und ihr zuhören würde,
wenn sie versuchte, ihre im Moment eher wirren Gedanken in Worte zu fassen.
Sie hatte Merette vom Torget zurück in den Strangehagen begleitet, Merette
hatte heißen Ingwertee für sie gemacht und Julia dann wie selbstverständlich mit
in ihr Arbeitszimmer genommen, wo sie die nächste halbe Stunde damit
verbrachten, erst die Krankenhäuser durchzutelefonieren und dann bei der Polizei
in der Allehelgens Gate anzurufen, um nach einer Marie Wahlstrom aus Oslo zu
fragen. In den Krankenhäusern gab es niemanden, auf den Maries Beschreibung
gepasst hätte, bei der Polizei hatten sie bereits die Vermisstenmeldung der
Kollegen aus Oslo auf dem Tisch, aber noch keine weiteren Ergebnisse. Die
Besatzungen der Streifenwagen waren informiert, ein Beamter aus der Abteilung
für » vermisste Personen« würde sich eventuell bei Julia melden, falls es noch
Fragen gäbe. Es hatte nicht den Anschein, als ob irgendjemand sonderlich
besorgt wegen Maries Verschwinden war, es war ein Routinefall für die Polizei,
mehr nicht.
Merette war ebenso wie Julia selbst mit der Situation überfordert. Die
Überlegungen, die sie anstellten, führten allesamt ins Leere, unterm Strich lief es
darauf hinaus, dass sie nichts tun konnten, als abzuwarten. Julia schmeckte das
genauso wenig wie ihrer Mutter.
Aber als Merette dann damit anfing, dass womöglich Jan-Ole der Einzige
wäre, der noch eine sinnvolle Idee beisteuern könnte, war Julia aufgesprungen
und sofort wieder in das alte Muster verfallen – sie hatte Merette vorgeworfen,
nur nach einem Anlass zu suchen, Jan-Ole wieder nach Hause zu locken, und
wie üblich erklärt, dass sie ihn auf keinen Fall sehen wollte, geschweige denn
mit ihm reden.
Julia wusste selbst, dass ihre Haltung lächerlich war, aber das änderte nichts
daran, dass sie darauf beharrte, ihre Position nicht aufzugeben.
» Du benimmst dich in diesem Punkt, als wäre Jan-Ole für dich die Unperson
schlechthin« , hatte Merette gesagt. » Und ich habe keine Ahnung, was das
eigentlich soll. Ich respektiere deine Meinung, weil du meine Tochter bist, aber
ich finde nicht nur, dass du maßlos übertreibst, sondern auch, dass es längst
schon an der Zeit gewesen wäre, das endlich mal zu klären.«
» He, Merette« , hatte Julia erwidert, » glaub mir, es ist okay für mich, so wie
es ist. Lassen wir es dabei, ich bin noch nicht so weit. Im Übrigen macht dir
doch der Fall mit deinem durchgeknallten Patienten schon genug zu schaffen!
Also sieh vielleicht am besten zu, wie du das erst mal in den Griff kriegst, bevor
du dir jetzt auch noch den Kopf über Jan-Ole und mich zerbrichst« , hatte sie
unnötigerweise noch hinzugesetzt und es im selben Moment auch schon
bedauert. Sie wusste ja, dass eben dieser Fall Merette an die Grenzen ihrer
Entscheidungsfähigkeit führte. Ihr Nachsatz war also mehr als unfair gewesen.
Sie hatten sich dann auch eher frustriert voneinander verabschiedet, und Julia
war froh gewesen, alleine in ihre Wohnung zu kommen.
Jetzt allerdings war sie kurz davor, Merette noch mal anzurufen, um sich zu
entschuldigen, brachte aber nicht die Energie auf, zum Handy zu greifen.
Stattdessen starrte sie aus dem Fenster auf die gegenüberliegenden Dächer und
wünschte sich, dass es plötzlich an der Tür klingeln und Marie draußen stehen
würde, mit irgendeiner Geschichte, die auf einen Schlag alles erklärte.
Gleichzeitig wusste sie, dass ihr Wunsch nicht in Erfüllung gehen würde.
Vielleicht wäre es doch richtig, mit Jan-Ole zu sprechen und über ihren
eigenen Schatten zu springen, dachte sie kurz darauf, während sie zu den
Umzugskartons hinüberging, die noch aufgestapelt in der Zimmerecke standen.
Gleich im ersten Karton fand sie, was sie suchte. Hendrik hatte ihr den kleinen
VW-Bus zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt, mit dem Hinweis, dass das
Spielzeugauto eine » Notfall-Apotheke« an Bord hätte, die sie ganz sicher
irgendwann mal gebrauchen könnte. Julia öffnete die Heckklappe und nahm
genug Krümel aus der verschließbaren Plastiktüte, dass es für einen Joint
reichte. Tabak und Blättchen hatte sie noch in ihrer Schreibtischschublade.
Julia kiffte nicht besonders häufig, und eigentlich nur in Gesellschaft, sie hatte
auch Mühe, den Joint so zu drehen, dass er nicht wieder auseinanderfiel. Ganz
kurz ging ihr der Gedanke durch den Kopf, ob Merette jetzt wohl in ihrem
Arbeitszimmer saß und sich mit irgendwelchen Pillen zu beruhigen versuchte.
Mit Erschrecken stellte sie fest, dass sie kaum etwas davon wusste, wie ihre
Mutter mit irgendwelchen Problemen zurechtkam. Sie hatte ganz einfach nie
darüber nachgedacht, Merette war ihr immer nur stark und unangreifbar
erschienen. Umso unfairer war es, sie jetzt nicht ernst zu nehmen, wenn sie Jan-
Ole ins Vertrauen ziehen wollte, weil ihr nichts anderes mehr einfiel.
Natürlich war sich Julia klar darüber, was ihr eigentliches Problem mit Jan-
Ole war. Er war nicht ihr Vater, so einfach war das, aber genau das machte sie
nicht nur ihm zum Vorwurf, sondern auch Merette. Dass sie Julia während ihrer
gesamten Kindheit in dem Glauben gelassen hatten, beide ihre richtigen Eltern
zu sein. Erst als Merette und Jan-Ole sich trennten, hatte Julia erfahren, dass ihr
eigentlicher Vater irgendein Arzt in Hamburg war, in der Klinik, in der Merette
gearbeitet hatte. Als sie Jan-Ole kennenlernte und sich Hals über Kopf in ihn
verliebte, war sie bereits schwanger gewesen – und dann hatten sie einfach so
entschieden, heile Welt zu spielen! Vielleicht war es auch genau das, die Welt
war für Julia tatsächlich in Ordnung gewesen, sie hatte eine Kindheit gehabt, die
ihr alle Liebe und Fürsorge gab, die sie sich nur wünschen konnte. Umso größer
aber war der Schock, dass das alles auf einer Lüge aufgebaut war. Zumindest
hatte Julia das so empfunden. Und in einem Alter, in dem ohnehin alles
kompliziert war, hatte sie sich nicht anders zu helfen gewusst, als mit
ohnmächtiger Wut zu reagieren – ihr richtiger Vater interessierte sich ja
offensichtlich ohnehin nicht für sie, jetzt wollte sie auch von dem falschen Vater
nichts mehr wissen.
Außerdem gab sie Jan-Ole immer noch die Schuld für die Trennung von
Merette, auch wenn sie längst wusste, dass zu so einem Schritt immer zwei
gehörten und Merette nicht ganz unschuldig an der Situation gewesen war. Dass
Jan-Ole dann auch noch angefangen hatte, sich als » Künstler« zu verwirklichen,
war ein weiterer Grund für Julia, ihn abzulehnen. Sie fand es einfach nur albern,
was er da malte und dass er jedem Klischee entsprach, indem er sich als
Einsiedler in seine Hütte zurückzog und angeblich ganz für seine Kunst lebte. Es
half auch nichts, dass Merette mehrmals schon versucht hatte, die Kunst als eine
Gemeinsamkeit zwischen Julia und Jan-Ole darzustellen: » Ganz sicher hättet ihr
euch da viel zu erzählen, und es wäre so eine Art neutrales Gebiet, auf dem ihr
euch wieder nähern könnt.«
» Aber ich will mich nicht nähern. Und seine toten Rockmusiker interessieren
mich nicht« , hatte Julia jedes Mal aufs Neue erklärt und war zunehmend
genervt, wenn sie dann auch noch in der Stadt irgendwelche Plakate sah, weil
Jan-Ole wieder mal eine Ausstellung in einer der kleinen Galerien entlang
Bryggen hatte. Inzwischen gab es auch Postkarten von seinen » Dead Beats and
Old Rockers« und sogar einen Kalender, die Touristen konnten jetzt also nicht
nur die üblichen Bilder von fröhlichen kleinen Trollen verschicken, sondern
auch von Jimi Hendrix, Janis Joplin, John Lennon und Amy Winehouse. Und
eines der Schiffe der Hurtigruten-Linie erhielt gerade eine » Dead Beats-Lounge« ,
die in Kürze von Jan-Ole persönlich eingeweiht werden sollte.
Ärgerlich drückte Julia den Joint auf einer Untertasse aus. Sie nahm ihr
Handy und wählte Maries Nummer, das Ergebnis war unverändert, Maries
Handy war ausgeschaltet.
Julia rief die letzten eingegangen SMS auf und drückte die Rückruftaste.
» Hej!« , sagte Mikke. Seine Stimme klang überrascht, als hätte er nicht damit
gerechnet, dass sie sich melden würde.
» Ich brauche jemanden zum Reden« , erklärte Julia, ohne sich lange mit
irgendeiner Begrüßung aufzuhalten. » Können wir uns sehen? Am besten
gleich!«
» Bist du zu Hause?«
» Ja, aber ich dachte eigentlich …«
» Passt doch« , unterbrach er sie. » Gib mir eine halbe Stunde, eher schaffe ich
es nicht.«
Bevor Julia noch dazukam, ihm zu erklären, dass sie ihn vielleicht lieber in
irgendeiner Kneipe treffen würde, hatte er schon aufgelegt. Einen Moment stand
sie mit dem Handy in der Hand da und war kurz davor, ihn noch mal anzurufen,
um ihm wieder abzusagen. Sie wusste nicht, ob sie ihn wirklich in ihrer
Wohnung haben wollte. Sie wusste auch schon nicht mehr, warum sie ihn
überhaupt angerufen hatte! Vielleicht hatte alles nur mit der idiotischen
Geschichte zu tun, die der Gärtner ihr da aufgetischt hatte. Vielleicht hatte sie
nur testen wollen, ob Mikke mit irgendwelchen Ausflüchten kam …
Aber sie musste sich eingestehen, dass er trotz seiner bescheuerten Aktion am
Sonntag zurzeit der Einzige war, bei dem sie das Gefühl hatte, sich ausheulen zu
können. Dass er ihr noch ein paar Erklärungen schuldig war, stand auf einem
anderen Blatt.
Sie konnte sich nicht aufraffen, schnell noch zu duschen oder sich wenigstens
umzuziehen. Sie sah bestimmt fürchterlich aus, aber damit musste Mikke
klarkommen. Es war kein Date, was sie da jetzt hatten, sondern … ein Notfall,
dachte Julia.
Mikke brauchte knapp vierzig Minuten. Als Julia die Tür öffnete, überfiel er
sie mit einem Redeschwall: » Sag mal, die Alte bei dir da unten im Haus, ist
die nicht ganz dicht? Weißt du, was die mich eben gefragt hat? Ob ich heute
mal ohne betrunkene Freundin hier wäre! Die tickt doch nicht ganz richtig, was
soll das?«
» Komm rein, ich erklär’s dir später. Sie hat dich mit jemand verwechselt,
wahrscheinlich wegen deiner Kapuze.«
» Bescheuert« , schimpfte Mikke noch mal, als er sich an ihr vorbei in die
Wohnung drückte. Jetzt erst sah Julia, dass er eine prallgefüllte Einkaufstasche
bei sich hatte.
» Ich hoffe, du hast noch nicht gegessen« , erklärte er, während er bereits wie
selbstverständlich ihre Küche ansteuerte. » Ich hab nämlich eingekauft! Heute
kocht der Chef selber! Und ich war auch noch im Vinmonopol und hab uns
einen guten Beaujolais besorgt.«
» Ich will nichts essen, ich wollte nur reden.«
Mikke setzte die Tüte auf dem Küchentisch ab und blickte Julia forschend an.
» So schlimm ist es?«
Julia nickte.
» Ich muss fürchterlich aussehen, sorry« , sagte sie.
» Geht so« , meinte Mikke. » Oder wenn du das lieber hörst: Du siehst cool
aus. Du bist nur ein bisschen bleich um die Nase, aber das wird sich ganz
schnell ändern, wenn du erst mal mein Labskaus im Magen hast. Originalrezept
von meiner Großmutter, Rindfleisch mit Gurken, Zwiebeln und Roter Bete. He,
was ist los?«
» Nimm mich nur mal kurz in den Arm, ja?«
Er trat lächelnd auf Julia zu und zog sie an sich.
» Ich mag gar kein Fleisch, hast du das schon vergessen?« , flüsterte sie dicht
an seinem Ohr. Sie merkte, wie er anfing zu lachen.
» Hab ich dich voll erwischt, was? Mann, Julia, glaubst du echt, ich mach
hier irgendein Scheißlabskaus für dich? Ich kann das Zeug nicht mehr sehen,
seit … vergiss es. Nee, keine Panik, es gibt Spaghetti mit gerösteten Erdnüssen
und frischen Salbeiblättern, Originalrezept von mir!«
Er schob sie ein Stück zurück und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Julia
hatte plötzlich das Gefühl, dass sie genau das brauchte. Jemanden, der in der
Lage war, sie wenigstens für ein paar Minuten von ihren Problemen abzulenken.
Marie hatte immer gerne von Seelenverwandtschaft geredet, schoss es Julia
durch den Kopf, während sie im gleichen Moment unwillkürlich
zusammenzuckte – sie dachte an Marie schon, als gäbe es sie nicht mehr!
» Hör mal, Mikke« , sagte sie, » ist es okay für dich, wenn ich … mich hier
einfach nur hinsetze? Und während du mir was zu essen machst, erzähle ich dir,
was los ist?«
» Multitasking ist mein zweiter Vorname« , grinste Mikke, wurde dann aber
schlagartig ernst: » Natürlich ist das okay, deshalb bin ich ja hier.«
Julia versuchte, das Wenige, was sie überhaupt wusste, so genau wie möglich
zu schildern. Mikke unterbrach sie erst, als sie erzählte, dass Marie jetzt offiziell
als vermisst gemeldet war.
» Das heißt, die Bullen haben jetzt ihre Beschreibung und das alles?«
» Ja, auch hier in Bergen schon, weil sie ja davon ausgehen, dass Marie
wirklich hierhergefahren ist und … hier verschwunden.«
» Aber was sie jetzt genau machen, um sie zu suchen, weißt du auch nicht?
Ich meine, bringen sie jetzt ein Foto von Marie in der Zeitung oder wie läuft
das? Oder schicken sie auch ihre Leute rum, um jemanden zu finden, der sie
vielleicht gesehen hat? So wie im Fernsehen … He, was ist? Hörst du mir
überhaupt zu? Hallo! Ich bin’s, Mikke!«
» Du hast doch vorhin gesagt, die Frau aus der Wohnung unten hätte dich
angehalten?«
» Ja, voll durchgeknallt die Alte! Aber wieso …?«
Julia erzählte kurz von dem Pärchen, das die Nachbarin gesehen haben wollte.
» Und das war es wahrscheinlich, was sie vorhin meinte. Der Typ hatte auch
eine Kapuze auf, deshalb.«
Mikke schlug sich mit der flachen Hand vor den Kopf. » Klar, wahrscheinlich
habe ich deine Freundin am Bahnhof getroffen und gedacht, cool, mit der besauf
ich mich mal eben! Und dann sind wir so durch ein paar Kneipen gezogen, am
Freitagmittag, und als deine Freundin so richtig abgefüllt war, ist ihr wieder
eingefallen, dass sie ja eine Verabredung hat. Nur dass du dann nicht da warst!
Weshalb wir aus lauter Frust hier oben bei dir vor der Wohnung erst noch die
Flasche Wodka niedergemacht haben, die ich zufällig dabeihatte. Und dann ist
sie aber so abgestürzt, dass ich sie fast tragen musste! War echt schwer, sie bis
zum Hafen runterzuschleppen und ins Wasser zu werfen, aber ging ja nicht
anders, ich musste sie ja irgendwie loswerden, damit keiner denkt, ich würde
kleine Mädchen betrunken machen, um sie abzuschleppen.«
» Hör auf, Mikke, das ist nicht witzig.«
Julia fragte sich irritiert, worüber er sich eigentlich so aufregte, und er machte
ihr fast Angst, als er jetzt wortlos die Teller aus dem Regal nahm und den
Tisch deckte.
» Sorry« , sagte er dann unvermittelt, während er den Wein einschenkte.
» Aber das ist doch echt bescheuert, ein Typ mit einer Kapuze! Tolle
Personenbeschreibung. Mann, Julia, es ist irgendwie immer dasselbe, und das
nervt mich! Du brauchst echt nur ein bisschen anders auszusehen, und schon
halten sie dich alle für kriminell. Dabei rennt jeder spießige Jogger mit Kapuze
rum, und geh mal in irgendeine Bank und guck dir die Typen da an, da hat
doch jeder zweite inzwischen einen Ohrstecker oder ist tätowiert! Und mit den
Bullen ist es genauso, dreimal darfst du raten, wen sie bei einer
Verkehrskontrolle rausholen! Jedenfalls nicht den dicken BMW, der den
Kofferraum voll Koks hat, aber mich haben sie noch kaum gesehen, da bin ich
auch schon dran …«
Julia hatte bei seinen letzten Sätzen kaum noch hingehört. Natürlich hatte
Mikke recht, es war so, wie er sagte. Allerdings war das sicher kein Grund, um
sich derartig aufzuspielen. Es musste noch irgendetwas anderes geben, weshalb
er so überreagiert hatte. Aber darum ging es im Moment nicht.
» Und was ist, wenn die Frau, die die Nachbarin gesehen haben will,
vielleicht wirklich Marie war?« , fragte Julia.
» Dann war ich jedenfalls immer noch nicht der Typ mit der Kapuze!«
Mikke schob sich den Stuhl zurecht und wickelte die Spaghetti auf seine
Gabel. » Du isst jetzt erst mal was, und dabei spielen wir das Ganze noch mal
durch, einverstanden? Und keine Panik, ich hab mich schon wieder
eingekriegt.«
Julia nickte. Sie merkte, wie ihr der Duft der gerösteten Erdnüsse tatsächlich
Appetit machte. Nach den ersten Bissen sagte sie: » Danke, dass du für mich
gekocht hast, das schmeckt wirklich gut.«
» Weiß ich« , erwiderte Mikke mit vollem Mund. » Also, nehmen wir an, es
war Marie. Und sie hat einen Typen dabeigehabt. Vielleicht ihren Freund, den
sie dir vorstellen wollte?«
» Glaub ich nicht. Das hätte sie mir am Telefon gesagt.«
» Sie hat also unterwegs jemanden getroffen, im Zug vielleicht. Kennt sie in
Bergen noch Leute von früher?«
» Klar, aus der Schulzeit …«
» Das könnte also sein. Und dann haben sie Wiedersehen gefeiert und sich
abgeschossen.«
» Aber wenn sie hier im Haus waren, warum sind sie dann nicht in meine
Wohnung? Marie wusste, wo ich den Schlüssel für sie versteckt hatte. Nein,
warte mal! Der Schlüssel war ja gar nicht mehr da, weil … Das ist zu
kompliziert, um dir das zu erklären. Es ist egal, vergiss es.«
Mikke blickte sie fragend an. Als sie nur den Kopf schüttelte, sagte er: » Wie
du willst. Aber dann lass uns vielleicht noch mal überlegen, wer der Typ
überhaupt gewesen sein könnte.«
» Ich hab keine Ahnung. Ich hab auch kaum noch Kontakt zu irgendjemand
von früher, ich war ja die letzten Jahre in Oslo. Und die meisten anderen sind
auch nicht mehr hier, glaube ich.«
» Blöd« , meinte Mikke. » Das bringt uns also auch nicht weiter.«
Allein dafür, dass er » uns« gesagt hatte, hätte Julia ihn küssen können.
Gleichzeitig merkte sie, wie groß ihre Frustration war, dass sie nicht den
kleinsten Anhaltspunkt dafür finden konnte, was mit Marie passiert war. Sie
fühlte sich vollkommen ohnmächtig, als würde sie unentwegt gegen eine Wand
aus Watte anrennen.
Mikke räumte das Geschirr in die Spüle und wusch auch den Topf und die
Pfanne ab. Dann nahm er Julia an der Hand, mit ihren Rotweingläsern gingen
sie in Julias Zimmer hinüber. Mikke stellte sein Glas auf den Fußboden, ohne
zu trinken, und ließ sich aufs Bett fallen. Julia hockte sich mit
untergeschlagenen Beinen neben ihn.
» Musik?« , fragte Mikke.
» Nein« , sagte Julia. » Nur einen Moment gar nichts machen.« Sie strich ihm
über die Haare und wickelte sich eine Strähne um den Finger. » Es ist gut, dass
du da bist.«
» Was ist das jetzt eigentlich mit uns?« , wollte Mikke einen Moment später
wissen. » Ich meine, vielleicht ist das jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür,
aber …«
» Ist schon okay. Ich habe nur keine Ahnung, was ich dir antworten soll.«
» Dann machen wir es doch andersrum. Wenn du irgendwas über mich wissen
willst, dann frag. Egal was.«
Was ist das da mit dir und der Arbeit, ging es Julia durch den Kopf. Warum
hast du behauptet, dass du Tontechniker wärst? Du bist nur so was wie ein
Roadie, mehr nicht. Und stimmt es, dass du noch eine andere Freundin hast?
Es macht mir nichts aus, wir haben schließlich keine feste Beziehung, aber ich
würde es trotzdem gerne wissen. Doch, verdammt, natürlich macht es mir was
aus! Kann es sein, dass du mich noch bei anderen Sachen belügst?
Aber dann sagte sie nur leise: » Die Nummer da mit meiner Mutter, als du
einfach abgehauen bist, was sollte das?«
» Ich wusste, dass du noch mal danach fragen würdest. Mann, das ist
irgendwie kompliziert. Vielleicht hatte ich einfach keine Lust, ausgefragt zu
werden. Das ist dann immer gleich so, als müsste ich mich als potentieller
Schwiegersohn unbedingt von meiner besten Seite zeigen. Und ich steh auch
irgendwie nicht so auf Psychologinnen, ist einfach so.«
» Du spinnst. Darum geht es?«
» Mann, ja, was weiß ich, was du machst, wenn deine Mutter mich blöd
findet!«
» So schätzt du mich ein? Dass ich erst meine Mutter fragen muss, mit wem
ich … ins Bett gehe?«
» Na ja, dazu war’s ja bei uns schon ein bisschen spät, aber wenn du die
Wahrheit hören willst: Ja, ich glaube schon, dass du und deine Mutter euch viel
erzählt, was gerade so läuft und so.«
Er schob die Hand unter ihr T-Shirt, blieb aber mit geschlossenen Augen
liegen, als würde er darauf warten, dass Julia den nächsten Schritt unternahm.
» Und wie kommst du darauf?« , fragte Julia leise. Ihre Stimme klang heiser,
sie merkte, wie ihr Atem schneller ging, als seine Hand sich zu ihrer Brust
tastete.
» Ist nur so ein Eindruck. Soll ja auch manchmal so sein mit Müttern und
Töchtern.«
» Was du alles weißt« , flüsterte Julia und beugte sich vor, um Mikke zu
küssen. Aber dann hielt sie mitten in der Bewegung inne und strich seine Haare
zurück, bis sie ganz deutlich den hellen Ansatz sehen konnte.
» Was ist das denn? Sag mal, färbst du dir etwa die Haare? Du hast gar keine
schwarzen Haare, du bist ja blond!«
Er fuhr so schnell hoch, dass sie fast mit den Köpfen zusammenstießen.
» Ja und?« , stieß er hervor. » Ist das schlimm oder was? Ist doch nichts
dabei! Oder darf ich das nicht als Typ?«
Julia konnte nicht anders, sie kicherte albern und griff dann nach Mikkes
Kopf, um ihn hin und her zu drehen. Mikke ließ sie machen, ohne sich zu
wehren, wich ihrem Blick dabei aber beharrlich aus.
» Das ist ja echt ein Ding!« Julia kicherte. » Ich hab einen Typen aufgegabelt,
der sich die Haare färbt! Aber warum?« , fragte sie dann. » Das kapier ich nicht.
Blond würde dir echt gut stehen! Warum machst du das?«
» Ist doch egal, oder? Nein, im Ernst, ich wollte einfach mal anders aussehen.
Und da, wo ich herkomme, laufen ja nun mal auch jede Menge Samen rum, die
alle schwarze Haare haben, das fand ich schon immer irgendwie cool. Also hab
ich gedacht, ich hör auf, den blonden Vorzeige-Norweger zu geben, und tu mal
was für die Minderheit in unserem Land, zufrieden?«
» Das ist ja so ziemlich die bescheuertste Erklärung, die ich jemals gehört
habe.« Julia fing wieder an zu lachen. » Mikke, der schwarzhaarige Lappe, der
mit dem Rentierschlitten direkt aus der Schneewüste kommt und die große
Stadt im Süden aufmischt. – He, Mikke« , setzte sie dann hinzu, als sie begriff,
dass er nicht bereit war, sich auf ihr Gefrotzel einzulassen, » natürlich ist das
okay. Es war eben nur so unerwartet. Als wärst du in Wirklichkeit ein ganz
anderer!«
» Als Kind habe ich immer mit Perücken rumgespielt« , sagte Mikke,
während sich seine Lippen zu einem leichten Grinsen verzogen. » Meine Mutter
war Friseurin. Sie ist mit einem Uralt-Kombi immer von einem Dorf zum
nächsten und hat den Leuten die Haare gemacht. Manchmal durfte ich auch mit.
Und Perücken waren echt das Größte für mich. Perücken und Lockenwickler!
Weißt du eigentlich, was das erste deutsche Wort war, das ich gelernt habe?«
Er grinste sie jetzt offen an.
» Was? Nein, wieso …«
Julia wusste nicht, worauf er hinauswollte. Sie war sich sicher, dass sie nie
erwähnt hatte, wo ihre Mutter herkam.
» Schwarzkopf« , platzte Mikke heraus, wobei er das Wort überdeutlich
aussprach und gleich noch mal wiederholte, diesmal mit tiefer Bassstimme und
rollendem » r« : » Schwarzkopf. – Du weißt schon, diese Haarpflegemittel aus
Deutschland. Der Name stand immer auf den Packungen.«
Jetzt lachte auch Julia.
» Ach so, das meinst du« , sagte sie erleichtert und kam sich selber lächerlich
vor, dass sie Mikke gerade verdächtigt hatte, irgendeine dumme Andeutung zu
machen. Natürlich hatte er keine Ahnung, dass ihre Mutter aus Deutschland
kam!
Aber irgendwie hatte sich die Stimmung zwischen ihnen verändert. Und als
sie mit den Fingerspitzen über die elastische Binde an Mikkes Handgelenk
strich, war plötzlich dieses Gefühl wieder da, dass irgendetwas ganz und gar
nicht stimmte.
» Was ist das mit deiner Sehnenentzündung?« , fragte sie leise. » Hast du
immer noch Schmerzen?«
» Geht so. Wird langsam besser.«
Er griff nach ihrer Hand und zog sie an seinen Mund. Dann blickte er sie an
und sagte: » Ich glaube, ich mach mich mal vom Acker. Ich hab noch ein
bisschen was zu tun. Hab ich vorhin nur nicht sagen wollen, weil du so fertig
warst am Telefon. Kommst du jetzt alleine klar? Ich meine, sonst bleibe ich
auch, es ist nur … ist eigentlich ziemlich wichtig, was ich da noch machen
muss.«
Julia zog irritiert die Augenbrauen zusammen. Irgendwas war komisch mit
Mikke, als würde er jedes Mal, wenn es ihm zu nah wurde, die Flucht ergreifen.
Aber vielleicht war die Erklärung auch viel einfacher. Falls er wirklich noch eine
Freundin hatte, ging es wahrscheinlich genau darum.
» Es ist okay« , sagte Julia. » Mach dir keine Gedanken um mich, es war
schön, dass du gleich gekommen bist, das hat mir echt geholfen. Und irgendwas
machen kann ich sowieso nicht, wegen Marie, meine ich. Ich kann nur hoffen,
dass …« Sie zuckte mit den Schultern. » Wo wohnst du eigentlich, Mikke?« ,
fragte sie dann, als er sie kurz an sich drückte und aufstand.
Die Frage war ihr einfach so rausgerutscht, obwohl es genug andere Dinge
gab, die sie dringender wissen wollte.
» Das willst du gar nicht wissen« , kam seine Antwort. » Das Loch kann man
echt keinem zumuten. Ich geh eigentlich auch nur noch zum Schlafen hin. Aber
ich bin gerade dabei, mir was Neues zu suchen. Und dann bist du die Erste, die
ich einlade. Großes Ehrenwort.«
Er war schon im Flur und an der Wohnungstür, als er sich noch einmal
umdrehte.
» Ach ja, noch was. Wegen deiner Mutter. Ich lass mir was einfallen, wie ich
das wiedergutmache, okay? Ich glaube, ich hab auch schon eine Idee. Lass dich
überraschen!«
Als er die Treppe hinunterlief, meinte Julia ganz deutlich ein Stockwerk tiefer
eine Tür zu hören, die schnell geschlossen wurde. Entweder der kleine Stalker
oder seine neugierige Mutter, dachte sie. Dann ging sie zurück in ihr Zimmer
und schob die erstbeste CD in den Player, die ihr in die Finger kam. Sie drehte
die Lautstärke hoch und ließ sich aufs Bett fallen.
Das Kissen war noch warm und strömte Mikkes Geruch aus – Tabak und
irgendein Shampoo, Schwarzkopf wahrscheinlich, dachte Julia und kicherte
leise, bevor sie das Schluchzen nicht mehr unterdrücken konnte und die Tränen
kamen.
» There’s a little bird« , sang Marianne Faithfull, » that somebody send, down
to the earth …«
MERETTE
Als sie die Zeitung aufschlug, zuckte sie unwillkürlich zurück. Unter der
Schlagzeile JUNGE FRAU VERMISST! blickte ihr nicht etwa Marie entgegen,
sondern ihre eigene Tochter, Julia! Erst bei genauerem Hinsehen wurde Merette
klar, dass sie sich getäuscht hatte, die Augen stimmten nicht, der Mund war zu
groß, die Kinnpartie zu ausgeprägt. Natürlich war es Marie, aber die Ähnlichkeit
mit Julia war frappierend.
Für einen Moment tauchte ein Gedanke in ihrem Hinterkopf auf, der sie
nervös nach ihren Zigaretten greifen ließ. Als würde die Ähnlichkeit etwas zu
bedeuten haben, was sie übersehen hatte, aber es gelang ihr nicht, den Gedanken
zu fassen zu bekommen. Vielleicht war es nur der erste Schreck gewesen, dachte
sie, der ihr deutlich gemacht hatte, dass es ebenso gut auch Julia sein könnte,
die verschwunden war.
Ihre unbestimmte Angst, dass Julia tatsächlich bedroht war, wurde innerhalb
von Sekunden wieder so stark, dass sie wie starr ins Leere blickte und zu keiner
Bewegung fähig war. Erst als die qualmende Kippe ihr fast die Fingerspitzen
versengte, kam sie wieder zu sich.
Sie ging vom Arbeitszimmer in die Wohnung und die Küche hinüber und
trank im Stehen ein großes Glas halbwarmes Leitungswasser. Im Radio lief ein
alter Song von Dance with A Stranger, » Call me up I’m the invisible man, I
can help you, don’t you understand …«
Merette konnte sich nicht erinnern, ob das Radio schon seit ihrem eher
missglückten Versuch lief, nach dem Duschen wenigstens ein paar Löffel Müsli
zum Frühstück zu essen. Sie hatte den Song nie wirklich gemocht, vielleicht
weil Jan-Ole den Refrain eine Zeitlang wie eine Art persönliches Mantra bei
jeder Gelegenheit vor sich hin gesungen hatte, aber jetzt schienen ihr die
eigentlich harmlosen Textzeilen plötzlich von einer Doppeldeutigkeit zu sein,
die ihr eine Gänsehaut über den Rücken jagte.
Verärgert schaltete sie das Radio aus und lief zurück ins Arbeitszimmer. Ohne
sich hinzusetzen, tippte sie Frodes Nummer in den Apparat. Frode meldete sich
wieder mit diesem heiseren » Ja« , das jedem Anrufer unmissverständlich
klarmachen sollte, dass er störte. Als Merette ihren Namen sagte, entschuldigte
er sich: » Du weißt ja, wie das ist. Da rufen dich die schrägsten Typen an, die
alle irgendwas von dir wollen. Deshalb bin ich so barsch am Telefon. Da weiß
gleich jeder, dass es nicht passt. Und wenn es dann jemand ist, mit dem ich
gerne rede, kann ich ja immer noch freundlich sein, merkst du ja …«
Er lachte, als hätte er Merette gerade in die tiefsten Geheimnisse seiner
Telefontaktik eingeweiht und würde jetzt ihre Zustimmung erwarten.
» Eine andere Möglichkeit wäre vielleicht noch, dass du den Hörer einfach
danebenlegst« , erwiderte Merette trocken. » Oder du suchst dir gleich einen
anderen Job, bei dem niemand darauf angewiesen ist, dass du dich um ihn
kümmerst.«
» He, schon klar, was du sagen willst, tut mir leid, ich hab dummes Zeug
geredet, weiß ich selber. Vergiss es einfach. Also, du rufst wahrscheinlich an,
weil du nach unserem ganz speziellen Freund fragen willst …«
» Du hattest dich melden wollen nach eurem Termin.«
» Hatte ich, stimmt. Nur dass er nicht gekommen ist. Herr Karlsen geruhte,
heute zur Abwechslung mal nicht zu erscheinen. Und selbstverständlich auch
nicht anzurufen, um das Treffen abzusagen! Keine Ahnung, was ich davon halten
soll. Er ist nicht wirklich verpflichtet zu kommen, also kann ich ihn jetzt auch
nicht mit der Bullerei abholen lassen. Es ist mehr oder weniger seine
Entscheidung. Wenn er nicht kommt, kann ich ihn nicht zwingen. Andererseits
weiß er, dass er natürlich auf mich angewiesen ist, wenn er sein Geld für die
Woche haben will. Okay, warte, ich weiß, was du gerade fragen willst, und ja,
ich habe schon versucht, ihn anzurufen. Aber er ist nicht zu erreichen, hat noch
nicht mal die Mailbox eingeschaltet.«
» Und das heißt …«
» Das heißt, dass wir im Moment nichts machen können. Wie gesagt,
spätestens wenn er kein Geld mehr hat, wird er auftauchen, schätze ich. Ist
unbefriedigend, weiß ich, aber was soll ich tun? Ist leider nun mal so. Ich hab
vorhin auch noch mal kurz mit dem Stellenleiter hier geredet, aber es bleibt
dabei, wir können nicht aufgrund irgendwelcher vagen Verdachtsmomente …«
Merette hörte, wie er tief Luft holte, bevor er weiterredete. » Das sieht erst in
dem Moment anders aus, in dem du kommst und sagst, dass du aufgrund eurer
Gespräche klare Hinweise auf irgendeine Gefährdung Dritter siehst. Deshalb
haben wir ihn ja zu dir geschickt, weil wir eine psychologische Einschätzung
brauchen. Aber solange das nicht der Fall ist …«
» Können wir nichts machen, schon klar.«
Merette biss sich auf die Unterlippe, während sich ihre Gedanken
überschlugen. Nach wie vor scheute sie davor zurück, Frode von den
angeblichen Geständnissen ihres Patienten zu erzählen. Sie musste Aksel
nochmals sehen, um mit ihm zu reden. Sie wusste inzwischen, wie sie
versuchen konnte, seine Schutzmauer zu durchbrechen. Ihre Taktik würde nicht
unbedingt dem Lehrbuch entsprechen, aber darauf kam es nicht an. Nur musste
sie dazu überhaupt erst mal wieder einen Kontakt zu ihm bekommen! Und sie
hatte keine Ahnung, wie ihr das gelingen sollte.
» Mal was ganz anderes« , unterbrach Frode ihren Gedankengang. » Ich fand
das gut gestern mit dir, da bei dem Chinamann. Vielleicht könnten wir das
Ganze noch mal wiederholen, also auf privater Ebene, wenn du weißt, was ich
meine.«
Merette schüttelte nur den Kopf, ohne eine Antwort zu geben. Erst als Frode
sich verlegen räusperte, wurde ihr klar, dass er sie ja nicht sehen konnte und auf
eine Antwort wartete.
» Tut mir leid, Frode, aber ich weiß nicht …«
» Schon gut, sollte keine Anmache sein. Ich wollte nur sagen …«
» Lass uns bitte versuchen, das irgendwie zu trennen, ja? Beruf und
Privatleben, meine ich. Ich bin im Moment nicht so offen für … Freundschaften,
sei mir nicht böse. Vielleicht fragst du mich noch mal, wenn wir diese Sache
geklärt haben.«
» Ich nehme dich beim Wort, verlass dich drauf.«
» Und du meldest dich, sobald du etwas von Aksel hörst?«
» Geht klar.« Merette hörte, wie ein Kollege in Frodes Büro kam und eine
Frage an ihn stellte. » Ich muss jetzt Schluss machen, Merette, hej hej.«
Merette überlegte kurz, ob sie Julia anrufen sollte. Aber sie wusste nicht, was
sie außer » Wie geht es dir?« und » Ist alles in Ordnung?« sagen sollte. Und für
den Fall, dass Julia inzwischen etwas von Marie gehört hatte, hätte sie sich
längst gemeldet.
Sie checkte sicherheitshalber noch mal die Liste der eingegangenen Anrufe
und stellte den Klingelton lauter. Dann schob sie das Handy in ihre Handtasche.
Mit einem Blick auf ihren Terminkalender vergewisserte sie sich, dass ihr
nächster Patient erst wieder am späten Nachmittag kommen würde. Es war der
Beginn der Ferienzeit, und wie immer im Hochsommer hatte sie nur wenige
Termine. Das würde sich schlagartig ändern, wenn die Tage wieder kürzer
wurden und die Dunkelheit und der Regen die Menschen in die üblichen
Herbstdepressionen rutschen ließen, aber zurzeit schienen auch die psychisch
Labilen mit sich und der Welt zumindest halbwegs klarzukommen und
therapierten sich lieber selbst, indem sie in ihren Sommerhäusern an der
Schärenküste oder irgendeinem Bergsee eine Auszeit nahmen.
Als Merette aus der Haustür trat, war der Himmel leicht bewölkt, aber es sah
nicht nach Regen aus, und es war unverändert sommerlich warm.
Hinter dem Scheibenwischer des Volvos klemmte ein Zettel mit einer
Telefonnummer. Ein Festnetzanschluss in Bergen, ohne einen Namen oder
irgendeine Information dazu, worum es ging. Erst als Merette mit dem Zettel in
der Hand die Fahrertür aufschloss, sah sie, dass der Außenspiegel verdreht und
das Glas gesprungen war. Jemand hatte den Volvo also im Vorbeifahren
gestreift, der Spiegel ließ sich jedoch problemlos in die Ausgangsstellung
zurückdrücken, und der Sprung war Merette im Moment egal. Der Volvo war
ohnehin so verbeult und verkratzt, dass es auf einen kaputten Spiegel auch nicht
mehr ankam. Trotzdem ärgerte sie sich. Und ihr Ärger schlug in Wut um, als
sie noch einmal um den Wagen herumging und entdeckte, dass ihr zu allem
Überfluss jemand in den Schmutz auf der Heckscheibe den Satz gemalt hatte:
NUR FOTZEN GLOTZEN.
Auch nachdem Merette die Aufschrift mit einem Papiertaschentuch unleserlich
gemacht hatte, kam sie sich immer noch verletzt und als Frau auf eine
widerliche Art beleidigt vor.
Auf dem Weg zur Nygårdsgate war kaum Verkehr. Merette parkte wieder halb
vor der Einfahrt und betrat den Hinterhof. Wie schon bei ihrem letzten Besuch
wummerten dumpfe Elektrobeats aus einem der oberen Stockwerke, in Aksels
Wohnung rührte sich nichts, auch diesmal ließ der Blick durch das
Küchenfenster keinen Rückschluss darauf zu, wann Aksel das letzte Mal zu
Hause gewesen war. Allerdings hatte sie den Eindruck, dass auf dem
Küchentisch mehr Briefe und Reklamezettel lagen als zuvor. Merette hatte nicht
wirklich damit gerechnet, Aksel anzutreffen, aber sie hatte es wenigstens
versuchen wollen. Jetzt stand sie eine Weile unschlüssig auf dem Fußweg neben
ihrem Auto, bevor sie zögernd den kleinen Zeitschriftenladen gegenüber betrat.
Obwohl sie noch eine fast volle Packung Zigaretten in der Tasche hatte,
kaufte sie anstandshalber ein neues Päckchen, dann sagte sie eher nebenbei: » Ich
suche einen jungen Mann aus der Nachbarschaft. Groß, ziemlich dünn, blonde
Haare, meistens trägt er einen Jogginganzug. Er wohnt in dem Hinterhaus
gegenüber. Ich müsste ihn dringend sprechen. Ich habe leider keine Ahnung, ob
er in die Ferien gefahren ist oder …«
» Hat er so einen Namen von einer Uni auf der Jacke?«
» Ja, ich denke, das ist er.«
» Ich hab mich auch schon gewundert, wieso er die letzten Tage nicht
gekommen ist. Er holt sich sonst regelmäßig das Wochenheft mit den
Intelligenz-Rätseln ab. Ich lege schon immer ein Exemplar für ihn beiseite.«
Die junge Frau hinter dem Tresen schob Merette ein Heft » Teste deine
Intelligenz« hin. » Das ist die neue Ausgabe, ist gestern schon erschienen.«
» Aber er hat sich das Heft nicht abgeholt?«
» Sag ich doch. Wieso, sind Sie von der Polizei?«
» Nein, aber …«
» Also doch von der Polizei, sonst würden Sie bestimmt nicht solche Fragen
stellen!« Sie beugte sich weit vor und setzte atemlos flüsternd hinzu: » Glauben
Sie, dass es da vielleicht einen Zusammenhang gibt?«
» Was?« , fragte Merette irritiert. » Ich verstehe nicht ganz …«
» Ist doch klar, dass Sie nichts sagen dürfen. Aber ich hab’s schon kapiert,
hier!«
Sie nahm die oberste Zeitung von dem Stapel neben der Kasse und schlug die
Seite mit dem Foto von Marie auf. » Ich bin doch nicht blöd! Das Mädchen hier
wird doch auch vermisst, und jetzt der nette Typ von gegenüber, also nimmt
die Polizei an, dass die beide entführt worden sind und vielleicht sogar noch
andere, und zwar von einem Serientäter, der sie erst entführt und dann
zerstückelt. Das glauben Sie doch, oder?«
Merette hatte Mühe, nicht laut loszulachen. Die junge Frau klebte förmlich an
ihren Lippen, als sie mit einem Lächeln, das hoffentlich nicht allzu spöttisch
wirkte, zurückfragte: » Sie lesen viele Kriminalromane, schätze ich?«
» Vor allem amerikanische Thriller mit wahnsinnigen Serienmördern und
solchen Sachen« , kam rasch die Antwort. Ein flüchtiger Blick auf die
Verkaufssäule mit den billigen Taschenbuchkrimis bestätigte Merettes Verdacht,
dass die Verkäuferin die Pausen zwischen den Kunden nutzte, um alles zu lesen,
was mit möglichst blutrünstigen Covern den erwünschten Grusel versprach.
Merette beugte sich ebenfalls vor und wechselte vom » Sie« zum vertraulichen
» Du« : » Ich darf da leider keine Details nennen, das verstehst du doch, oder?«
Die junge Frau nickte mit offenem Mund, ihre Augen hinter der randlosen
Brille waren weit aufgerissen.
» Gut« , erklärte Merette. » Aber wenn du noch irgendwas über den jungen
Mann weißt, dann erzähl es mir jetzt. Jede Kleinigkeit kann wichtig sein, das
kennst du ja aus deinen Büchern.«
» Er ist nett, aber das habe ich ja schon gesagt. Und er interessiert sich nicht
für Krimis, sondern kauft immer nur die Hefte mit den Tests, also muss er
ziemlich schlau sein, denke ich. Aber einmal habe ich mich doch gewundert, da
wollte er wissen, ob ich ihm auch irgendwelche Märchen besorgen könnte. Es
gibt da so eine Reihe mit alten Märchen, aber die habe ich nicht. Ist doch
komisch, wenn einer, der so schlau ist, Märchen lesen will, oder?«
» Merkwürdig, ja« , bestätigte Merette.
» Und dann ist da noch was, was mir aufgefallen ist …«
» Ja?«
» Er hat nie versucht, mit mir zu flirten. Sonst machen die Männer hier immer
mal so Sprüche oder wollen mich zum Essen einladen oder zu sich nach Hause,
um mir angeblich ihre Krimisammlung zu zeigen. Und einer wollte sogar mal
Pornos mit mir gucken, aber er nie!«
Irgendwie klang ihre Stimme fast bedauernd. Gleich darauf schien ihr jedoch
ein Gedanke zu kommen, der sie eindeutig erschreckte.
» Sagen Sie mal, Sie meinen doch nicht … also dass … dass …«
Merette legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm. » Was denn? Was soll
ich vermuten?«
» Dass er … also der nette junge Mann, ich hab da nämlich mal einen Krimi
gelesen, da war es genauso.«
» Was war da genauso?«
» Der nette junge Mann war der Mörder! Und ich habe es bis zum Schluss
nicht gemerkt, ich hatte sogar noch Mitleid mit ihm, weil er es echt schwer
hatte in seiner Kindheit, aber dann war er der Mörder! Und Sie glauben nämlich
gar nicht, dass er auch entführt worden ist. Der junge Mann, der immer die Hefte
mit den Intelligenztests kauft, meine ich. Deshalb stellen Sie mir die ganzen
Fragen! Weil Sie denken, dass er es ist, der das Mädchen aus der Zeitung
entführt hat! Und jetzt ist er auch verschwunden. Und ist gerade dabei, sie
irgendwo zu zerstückeln, und Sie suchen ihn, aber wahrscheinlich ist es sowieso
schon zu spät, weil sie schon tot ist! Und natürlich, jetzt, wo Sie es sagen, fällt
es mir auch wieder ein, er war zwar immer freundlich zu mir, aber sein Blick
war irgendwie … stechend. So, als würde irgendwas nicht stimmen mit ihm!
Ich habe es mir doch gleich gedacht, dass das komisch ist, dass er mich … O
Gott, ich darf gar nicht daran denken, und ich war so oft allein hier mit ihm im
Laden!«
» Warte« , versuchte Merette, den Wortschwall zu unterbrechen. » Jetzt
beruhig dich erst mal wieder.« Sie griff über den Tresen hinweg nach den
Schultern der jungen Frau. » Es ist alles okay, hörst du? Das Leben ist nicht so
wie in deinen Kriminalromanen. Ich habe wirklich nur nach ihm gefragt, weil
ich ihn dringend sprechen muss, aber es hat überhaupt nichts mit dem
vermissten Mädchen zu tun.«
Merette konnte deutlich spüren, dass die junge Frau alles andere als überzeugt
war, aber sie hatte keine Ahnung, was sie sonst noch sagen sollte. Sie kritzelte
ihre Handynummer auf einen Zettel.
» Tu mir einfach den Gefallen und ruf mich an, wenn er hier wieder auftauchen
sollte. Ist das okay für dich?«
Die Verkäuferin nickte wieder. Merette fürchtete, dass sie die nächsten Tage
bei jedem Klingeln der Ladenglocke in heller Panik zusammenzucken würde.
» Du kannst mich auch so anrufen« , setzte sie entschuldigend hinzu. » Ich
wollte dir keine Angst einjagen.«
Sie griff noch einmal nach der Hand der Verkäuferin und drückte sie. Nachdem
sie in den Volvo gestiegen war, zündete sie sich eine Zigarette an und lehnte
sich für einen Moment mit geschlossenen Augen zurück, dann startete sie den
Motor und fuhr los.
Ein Spaziergang im Nordnes-Park würde ihr vielleicht guttun, dachte sie. Sie
mochte den Platz, an dem sich die Stadt wie ein schmaler Finger in den Fjord
hineinschob. Der Blick aufs Meer und die Kreuzfahrtschiffe würde ihr vielleicht
auch heute dabei helfen, ihre Gedanken zu sortieren, die immer wieder um die
gleichen Fragen kreisten: Was, wenn die Verkäuferin zufällig genau ins
Schwarze getippt hatte? Konnte es wirklich sein, dass Marie entführt worden
war? Und dass Aksel der Täter war? Aber warum? Gab es irgendeine
Verbindung zwischen den beiden, von der sie nichts ahnte? Konnte vielleicht
Julia etwas wissen, was sie auf die richtige Spur bringen würde …
» Unwahrscheinlich« , sagte Merette laut. » Sie haben ja seit fast einem Jahr
nicht miteinander geredet!«
Sie überholte einen Kombi mit einem ausländischen Kennzeichen und schnitt
ihm gleich darauf rücksichtslos den Weg ab, weil sie am Ende des Nordnesveien
eine freie Parklücke entdeckt hatte.
Mit eiligen Schritten lief sie durch die Anlage bis zur Uferpromenade, als
gäbe es irgendein Ziel, das sie dringend erreichen musste. Ein paar Möwen
waren eifrig damit beschäftigt, den überfüllten Papierkorb zwischen den
Aussichtsbänken nach Essensresten zu durchsuchen. Als Merette näher kam,
flogen sie ärgerlich kreischend auf und ließen sich vom Wind davontragen.
Merette bemerkte erst jetzt, dass es sich merklich abgekühlt hatte. Der Wind
kam direkt vom Meer, die Wasseroberfläche war gekräuselt, vereinzelt klatschten
kleine Wellen auf den Kies an der Böschung. Auf jeden Fall war es Merette zu
kühl und zu ungemütlich, um sich auf eine der Bänke zu setzen, und auch der
Spaziergang auf der Promenade, die um die Halbinsel herumführte, erschien ihr
plötzlich wenig verlockend. Aus einer Eingebung heraus lief sie zum Aquarium
hinüber.
Früher war sie oft mit Julia hier gewesen, sie erinnerte sich auch noch an
einen Kindergeburtstag, bei dem sie und Jan-Ole eine Horde kreischender
Erstklässler beaufsichtigt hatten, die von einem Becken zum nächsten rannten
und versuchten, die verschiedenen Meeresbewohner durch hartnäckiges Klopfen
an den Glasscheiben zu irgendeiner Reaktion zu verlocken – wenn sie nicht
gerade dringend pinkeln mussten oder hingefallen waren und weinend nach ihrer
Mama verlangten.
Plötzlich wollte Merette nichts lieber, als in das grünliche Dämmerlicht des
Aquariums einzutauchen. Eine Liedzeile aus einem Beatles-Song schoss ihr
durch den Kopf, » I’d like to be, under the sea, in an octopus’ garden in the
shade« . Vor sich hin summend löste sie ihre Eintrittskarte und stand dann
fasziniert vor dem Becken mit den gewaltigen Stören, die ungerührt ihre Kreise
schwammen. Merettes Blick suchte die Erklärungstafel neben der Scheibe. Mit
einer gewissen Zufriedenheit stellte sie fest, dass sie den Inhalt nach wie vor
nahezu auswendig konnte: Ausgerechnet der sowjetische Präsident
Chruschtschow hatte die Tiere der Stadt Bergen als Geschenk vermacht, vor
über dreißig Jahren, das Becken hatte mittlerweile bereits dreimal vergrößert
werden müssen. Nicht zum ersten Mal fragte sich Merette, was um alles in der
Welt Chruschtschow bewogen haben mochte, ausgerechnet Fische zu
verschenken, die im ausgewachsenen Zustand mehr als drei Meter lang werden
konnten und in Freiheit täglich kilometerlange Wanderungen zurücklegten.
Schräg gegenüber war immer noch das Becken mit dem Steinbeißer.
Wahrscheinlich war es schon lange nicht mehr derselbe Fisch, den sie mit Julia
bestaunt hatte, aber wie auch früher brauchte sie eine Weile, bis sie das
vorsintflutlich anmutende Geschöpf zwischen den Felssteinen auf dem
Sandboden entdeckt hatte. Steinbeißer gehörten zu den besonderen Delikatessen,
die der Fischmarkt am Torget anbot, Jan-Ole hatte gerne und oft erzählt, dass
die Hochseefischer größten Respekt vor diesem besonderen Fisch hatten, dessen
Kiefer sich nicht mehr lösen ließen, wenn sie einmal mit der Doppelreihe
messerscharfer Zähne zugeschnappt hatten. Keine besonders angenehme
Vorstellung, dachte Merette noch, als eine Stimme in ihrem Rücken sie
zusammenfahren ließ.
» Gefährlich, aber als Speisefisch nicht schlecht. Du musst ihn nur unbedingt
eine Nacht in Salzwasser einweichen, damit das Fleisch nicht zu trocken wird,
und dann in einer dünnen Salzkruste backen und mit neuen Kartoffeln dazu.
Mehr brauchst du nicht, und bloß nicht diese bescheuerte Dill-Senf-Sauce, wie
die Restaurants auf Bryggen das machen! Ich kann dir das richtige Rezept geben,
wenn du willst, ist sozusagen eine Spezialität von mir!«
Wie in Zeitlupe wandte Merette den Kopf, obwohl sie längst wusste, wer da
hinter ihr stand. Ein schneller Blick durch den Raum bestätigte ihre
Befürchtung, dass keine anderen Besucher in der Nähe waren – sie waren allein,
sie und Aksel.
Er lehnte mit dem Rücken an der Glasscheibe, hinter der eine Scholle bei
dem unablässigen Versuch, sich zu verstecken, graue Sandwolken aufwühlte. Er
trug wieder die üblichen Joggingklamotten, allerdings hatte er heute einen
verschlissenen Armeeparka über dem Kapuzenshirt, der ihn wie eine
Vogelscheuche aussehen ließ. Sein Gesicht war bleich, und er schwitzte stark.
Als Merette den blutdurchtränkten Turnschuh an seinem rechten Fuß sah, holte
sie scharf Luft.
Trotz seines eindeutig derangierten Zustandes grinste Aksel wie jemand, der
alle Vorteile auf seiner Seite hatte. Und die Verkäuferin hatte recht, dachte
Merette, es sind seine Augen, die einen frösteln lassen, wieso ist mir das vorher
nie aufgefallen?
» Überrascht, mich zu sehen?« , fragte Aksel, ohne ihren Blick loszulassen.
» Ich bin öfter mal hier und stelle mir dann immer vor, was die niedlichen
Fische wohl mit jemandem anstellen, der ertrunken ist. Und du, warum bist du
hier? Ich darf doch du sagen, oder? Ist ja eher ein inoffizielles Treffen …«
» Nein, ich bin nicht wirklich überrascht« , log Merette mit einem
Schulterzucken. » Und ich hab dich ohnehin gesucht, weil ich mit dir reden
muss.«
Fast unmerklich veränderte sich seine Haltung, als hätte ihre Antwort ihn für
einen Moment aus dem Konzept gebracht. Seine Stimme hatte jetzt einen
deutlich aggressiven Unterton.
» Und du glaubst, weil du mich suchst, stehe ich dann auch plötzlich vor dir?
Was soll das sein, irgendeine Art von Gedankenübertragung, oder was?«
» Vielleicht. Ich weiß nicht, sag du es mir.«
» Nee, du, ich komme nicht einfach angetanzt, nur weil du das gerne so
hättest! Da überschätzt du dich.«
» Aber du bist hier. Und das ist sicher kein Zufall, also …«
» Also was?«
Aksel verlagerte sein Gewicht von einem Bein aufs andere, als hätte er starke
Schmerzen und könnte sich nur mit Mühe aufrecht halten.
» Was ist mit deinem Fuß?« Merette deutete auf den Turnschuh. » Das sieht
nicht gut aus.«
» Ein kleiner Unfall, sonst nichts. Was willst du von mir? Wenn ich mich
richtig erinnere, hast du doch beim letzten Mal irgendwas hinter mir hergerufen,
dass du mich nicht noch mal sehen willst. Also, woher kommt dann jetzt
plötzlich der Sinneswandel?«
Merette blickte sich noch einmal um. Irgendwo auf der Treppe zum Eingang
hörte sie jemanden husten.
» Zuerst mal will ich etwas klarstellen« , setzte sie an. » Ich weiß nicht genau,
was dein Problem mit mir ist, aber wenn du versuchst, mir Angst zu machen,
dann bist du an der falschen Adresse. So läuft das nicht zwischen uns. Ich steh
nicht auf deine kleinen Machtspiele! Du hast es vom ersten Gespräch darauf
angelegt, mich auszuhebeln, und …«
Sie brach mitten im Satz ab, als er sich vorbeugte und demonstrativ Beifall
klatschte.
» Das nenne ich mal eine professionelle Analyse, bravo! Bleibt nur die Frage,
ob nicht du eigentlich diejenige bist, die dringend eine Therapie braucht. Wenn
mich nicht alles täuscht, haben wir doch da irgendwo ein kleines persönliches
Problem, richtig?«
Merette stoppte ihn mit einer Handbewegung. » Warte, ich bin noch nicht
fertig! Lass mich bitte erst mal ausreden. Ich habe mir noch mal in Ruhe deine
Akte angesehen …«
» Das will ich doch wohl hoffen!« , unterbrach Aksel sie.
» Und ich habe inzwischen mit deinem Betreuer gesprochen« , machte Merette
weiter, ohne auf seinen Einwurf zu reagieren. » Interessant, was ich da gehört
habe. Passt ziemlich exakt in das Bild, das ich von dir habe.«
Sie konnte sehen, dass sich sein Blick veränderte. Er war jetzt auf der Hut.
» Um es kurz zu machen, Aksel, ich glaube dir kein Wort! Es kann sein, dass
du es nicht immer einfach hattest, das will ich gerne zugeben, aber alles in allem
bist du nichts als ein kleiner Spießer, der sich wichtig macht und irgendwelche
Geschichten erfindet. Nur dass du damit nicht alleine bist, das machen hundert
andere genauso, weil sie den Wunsch haben, wenigstens einmal in ihrem Leben
etwas Besonderes darzustellen, das ist nichts, womit du dich in irgendeiner
Weise von den meisten anderen unterscheidest.«
Sie war selbst überrascht, wie leicht ihr die Sätze über die Lippen kamen, die
sie als Psychologin so niemals hätte formulieren dürfen.
Aksel starrte sie mit offenem Mund an. Dann warf er ruckartig den Kopf
zurück. Seine Augen irrten jetzt ziellos durch den Raum. In einer ratlosen Geste
nahm er die Hände hoch.
» Was?« , keuchte er. » Spinnst du jetzt völlig? Mann, ich hab dir ein
Mordgeständnis geliefert, erinnerst du dich nicht mehr? Ich hab dir gesagt, dass
ich meinen ersten Mord mit vierzehn begangen habe, meinen ersten, das heißt
…«
» Ach, auf einmal stimmt es doch, ja?« , unterbrach ihn diesmal Merette. » Ich
denke, das ist nicht wahr? Deine Worte, nicht meine. Kurz bevor du mir eine
nette kleine Szene vorgespielt und empört die Sitzung abgebrochen hast. Schon
vergessen?«
» Oh, du tickst ja wohl nicht mehr richtig! Und du willst Psychologin sein?
Du kannst doch nicht einfach so tun, als ob ich dir nur irgendeinen Scheiß
erzählt hätte!«
Merette hatte ihn genau da, wo sie ihn haben wollte. Der Soziopath in ihm
konnte es nicht ertragen, als durchschnittlich und ohne irgendwelche
Besonderheiten hingenommen zu werden. Sein übersteigerter Narzissmus würde
ihn unter allen Umständen versuchen lassen, sie vom Gegenteil zu überzeugen.
Sie hatte allerdings nicht gedacht, dass es so einfach werden würde.
Ganz ruhig sagte sie: » Hör mir zu, Aksel, damit du es wirklich kapierst: Ich
tue nicht nur so, als ob du irgendwelchen Mist erzählt hättest, sondern ich bin
absolut überzeugt davon, dass es genau so ist. Aber du kannst mir natürlich das
Gegenteil beweisen. Hier …« Sie zog ihr Handy aus der Tasche. » Rufen wir die
Polizei an, dann kannst du dein Geständnis noch mal wiederholen, ganz
offiziell. Und dann werden wir ja sehen.«
» Das hättest du wohl gerne, was?« , stieß er zwischen den Zähnen hervor.
» Das darfst du doch überhaupt nicht, du hast eine Schweigepflicht, an die du
gebunden bist, du darfst nicht einfach …«
» Deshalb sollst ja auch du anrufen.« Sie streckte ihm das Handy hin. » Das
ist deine einzige Möglichkeit, wenn du mich wirklich davon überzeugen willst,
dass ich mich irre. Ansonsten bleibt es dabei, dass ich dich für einen kleinen
Spinner halte, dessen Problem es ist, dass er sein Leben nicht in den Griff
bekommt.«
» Was … was redest du da überhaupt?« , stotterte er fassungslos. » Hast du
eben echt gesagt, ich wäre ein kleiner Spinner, ja? Du hast ja keine Ahnung, du
arrogante Schlampe! Ich …«
» Ist ja gut, reg dich wieder ab. Ich dachte nur, das solltest du ruhig mal im
Klartext hören. Es ist einzig und allein deine Entscheidung, wie es weitergeht.«
Für einen Moment dachte sie tatsächlich, er würde nach dem Handy greifen.
Er trat einen Schritt auf sie zu, seine Augen waren wie Stecknadelköpfe.
Unwillkürlich wich Merette einen Schritt zurück.
Aber dann stolperte er direkt vor ihr, als könnte sein verletzter Fuß das
Gewicht nicht tragen. Er versuchte noch, sich an der Glasscheibe des Beckens
abzustützen, gleich darauf sackte er zu Boden und umklammerte wimmernd
seinen Fuß.
» Es tut so scheißweh« , konnte Merette ihn mit Mühe verstehen, » und mir
ist schlecht.«
Merette sah, dass der Fuß erneut blutete, Aksels Haare waren schweißnass
und klebten an seiner Stirn.
» Soll ich einen Krankenwagen rufen?«
» Nein, keinen Krankenwagen. Fahr du mich in die Klinik, bitte. Bis zu
deinem Auto schaffe ich es, wenn du mir hilfst.«
Merette zögerte. Woher weiß er überhaupt, dass ich mit dem Auto hier bin,
dachte sie, und wo ich geparkt habe? Sie war sich nicht sicher, ob sie das
Risiko eingehen wollte, mit ihm allein im Auto zu sein. Sie wusste ja noch
nicht mal, ob er nicht vielleicht wieder nur eine Show inszenierte. Aber das
Blut, das seinen Turnschuh durchtränkte, war echt. Genauso wie die deutlichen
Anzeichen für einen drohenden Kreislaufzusammenbruch. Und sie wollte auf
keinen Fall, dass er die Chance hatte, ihr erneut zu entwischen. Sie war noch
nicht fertig mit ihm, und sie musste das hier irgendwie zu Ende bringen.
Außerdem würde man sie im Rettungswagen vielleicht gar nicht mitfahren
lassen, sie war schließlich nicht verwandt mit Aksel …
Als er versuchte, sich an der Wand hochzuziehen, fasste sie ihn unter der
Achsel und half ihm auf die Beine. Dann legte sie den Arm um seine Hüfte, um
ihn zu stützen. Nur mit Mühe schafften sie die Stufen hinauf in die
Eingangshalle, die Frau an der Kasse blickte nervös hinter ihnen her, als sie das
Aquarium verließen. Aksel stützte sich jetzt schwer auf ihre Schulter, er
humpelte stark und war bemüht, den verletzten Fuß möglichst nicht aufzusetzen.
Sein Körper strömte einen stechenden Geruch nach Schweiß aus und … Angst,
dachte Merette. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass er weinte. Sie war für einen
Moment irritiert, als sie merkte, dass sie kein Mitleid mit ihm hatte.
» Versuch nicht, mich auszutricksen« , sagte er leise, als sie den Volvo
startete. » Ich weiß, wo das Krankenhaus ist.«
Merette gab keine Antwort. Auf der Fahrt durch die Innenstadt redeten sie
kein Wort mehr miteinander. Trotzdem hatte Merette Mühe, sich auf den
Verkehr zu konzentrieren. Kurz vor der Klinik bog sie entgegen der
Fahrtrichtung in eine Einbahnstraße ein und ließ es, als sie ihren Fehler
bemerkte, einfach darauf ankommen. Sie hatte Glück, dass ihr tatsächlich kein
Wagen entgegenkam. Aksel zeigte mit keiner Reaktion, dass er überhaupt etwas
bemerkt hatte.
Merette fuhr direkt auf die Krankenwagen-Rampe an der Notaufnahme und ließ
den Volvo mit eingeschalteter Warnblinkanlage stehen.
Aksel schien nicht in der Lage zu sein, für sich selbst zu sprechen, also
übernahm es Merette, dem herbeieilenden Pfleger das Wenige zu sagen, was sie
wusste.
» Schon okay.« Der Pfleger nickte. » Die Aufnahmepapiere machen wir später
fertig, erst mal soll sich ein Arzt die Sache ansehen.« Als er Aksel auf eine
Trage half und in ein Behandlungszimmer schob, hatte Merette ganz kurz den
Eindruck, dass die beiden sich kannten. Es war nur ein schneller Blick zwischen
ihnen gewesen, ohne dass einer der beiden etwas gesagt hatte, aber Merette war
sich fast sicher.
Ein wenig ratlos stand sie auf dem Flur, als eine Krankenschwester
vorbeikam, fragte sie nach der Toilette. Sie hatte schon während der Fahrt
gemerkt, dass sie pinkeln musste, jetzt war es dringend.
Die Toiletten waren am Ende des Ganges, eine Kabine war verschlossen,
Merette hörte, wie sich jemand übergab. Nachdem sie in der Nachbarkabine
gepinkelt hatte, klopfte sie vorsichtig an die Tür: » Brauchen Sie vielleicht
Hilfe? Soll ich eine Schwester holen?«
» Nein, geht schon wieder, danke.«
Merette wusch sich die Hände und spritzte sich Wasser ins Gesicht, natürlich
verwischte sie beim Abtupfen mit dem kratzigen Papierhandtuch ihren
Lidschatten. Aber ohnehin kam ihr ihr eigenes Gesicht im Spiegel fremd vor,
müde und alt. Unwillig besserte sie ihr Make-up nach, ohne dass sie das
Ergebnis wirklich befriedigte.
Sie kam gerade rechtzeitig wieder zurück, um noch den Arzt zu erwischen,
bevor er im Behandlungszimmer verschwinden konnte.
» Entschuldigung« , sagte sie, » aber ich müsste ganz kurz mit Ihnen reden.
Wenn es geht, irgendwo, wo wir für einen Moment ungestört sind.«
Der Arzt zuckte mit der Schulter und deutete mit dem Kopf auf eine verglaste
Nische, die, nach den Plastikstühlen zu urteilen, als Warteraum vor den
Untersuchungen diente.
» Danke« , sagte Merette, nachdem er die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.
In wenigen Sätzen schilderte sie, worum es ging. Dass sie die behandelnde
Psychologin war, dass sie ein Problem mit dem Patienten hatte, worüber sie
nichts sagen konnte, dass der Arzt Aksel nach der Untersuchung bitte nicht
entlassen sollte.
» Vielleicht brauchen wir die Polizei hier« , sagte sie. » Nur dass Sie wissen,
was auf Sie zukommen könnte.«
Er nickte, ohne nachzufragen, Merette hatte das Gefühl, dass es kaum noch
etwas gab, was ihn erschüttern konnte. Aber vielleicht war er auch nur
hoffnungslos übermüdet.
» Dann wollen wir mal« , sagte er leise. » Am besten warten Sie hier. Am
Eingang vorne gibt es einen Kaffeeautomaten. Aber fallen Sie nicht auf die
schönen Namen rein, egal, was sie drücken, die Brühe schmeckt immer gleich.«
Merette blickte hinter ihm her, wie er im Behandlungszimmer verschwand.
Aber noch bevor er die Tür geschlossen hatte, kam er auch schon zurück auf den
Gang und blickte nach links und rechts, dann rief er nach einer Schwester.
Merette trat aus der Nische und hielt den Arzt am Arm fest.
» Was ist los? Stimmt irgendwas nicht?«
» Das kann man so sagen. Hier, sehen Sie selbst!«
Er zeigte durch die offene Tür hinter sich. Das Behandlungszimmer war leer.
Die Trage stand noch mitten im Raum, aber Aksel war verschwunden. Auf dem
Boden lag eine aufgerissene Plastikpackung, daneben eine benutzte
Einmalspritze.
» Das ist nicht wahr!« , brachte Merette entgeistert heraus.
» Ich fürchte, doch, Ihr Patient hat sich offensichtlich selbst versorgt und
entlassen.«
Die Schwester hatte niemanden gesehen, der Pfleger, der sich um Aksel
gekümmert hatte, war ebenfalls verschwunden.
Mit einem flüchtigen Blick stellte der Arzt fest, dass eine Packung
Schmerzmittel aus dem Arzneischrank fehlte.
» Und Verbandszeug« , sagte er.
Merette stürmte an ihm vorbei in Richtung Ausgang. Aber sie wusste schon,
dass sie Aksel nicht mehr wiederfinden würde. Jedenfalls nicht hier.
X
Das Schmerzmittel ließ alles um ihn herum wie in einem Nebel versinken.
Er konnte sich nur noch bruchstückhaft daran erinnern, wie er vom
Krankenhaus zurück zum Aquarium gekommen war, um sein Moped zu
holen. Da war ein Lastwagen gewesen, von einer Firma mit Tiefkühlkost,
das wusste er noch, und der Fahrer war gerade dabei, irgendwelche
Lieferscheine auszufüllen, als er an der Beifahrerseite eingestiegen war und
sich mühsam auf den Sitz gezogen hatte.
»Stell mir jetzt bloß keine Fragen«, hatte er gekeucht. »Fahr einfach los,
hörst du! Bring mich in die Stadt, irgendwo zum Hafen, da kannst du
mich rauslassen. He, Mann, was ist los? Rede ich Chinesisch, oder was?
Du sollst fahren, und zwar jetzt!«
Der Fahrer war einer von diesen alten Säcken, die es nicht geschafft
hatten, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen. Unter Garantie hatte er mal
irgendwas Wichtiges studiert, aber dann voll versagt. Ein Loser, der jetzt
zusehen musste, wie er mit dem Ausfahren von Tiefkühlkost Frau und
Kinder durchbrachte und die Raten für das Haus bezahlte, das er sich nicht
leisten konnte.
Aber zumindest hatte er noch so viel Grips zusammen, dass er nicht
lange rumzickte, sondern tatsächlich seine Karre startete und losfuhr.
Vielleicht hatte auch der blutige Turnschuh seine Wirkung nicht verfehlt,
und der Typ hatte ihn für einen Junkie gehalten und kein Interesse daran
gehabt, als Nächstes mit einer schmutzigen Nadel bedroht zu werden.
Er hatte nur einmal gesagt: »Ist das okay, wenn ich dich zum Strandkai
bringe? Am Torget selber kann ich mit dem Laster nicht halten …«
»Laber nicht, fahr einfach. Ich sag dir schon, wo ich rauswill.«
Wie er es dann geschafft hatte, sich mit seinem kaputten Fuß die gesamte
Sundtsgate hochzuschleppen, wusste er nicht mehr. Einmal hatte er sich in
den Eingang eines Ladens für Segelklamotten gedrückt, weil er gerade noch
rechtzeitig den Streifenwagen entdeckt hatte, der im Schritttempo die Straße
entlanggekrochen kam. Aber dann hatten die Bullen plötzlich ihr Blaulicht
und die Sirene eingeschaltet und mit quietschenden Reifen gewendet, um
zurück in die Innenstadt zu rasen.
Die Fahrt mit dem Moped nach Sotra hinaus war echt grenzwertig
gewesen. Das Schmerzmittel setzte ihm so zu, dass er mehrmals kurz davor
war, über dem Lenker zusammenzusacken. Als er an der Hütte auf dem
Campingplatz ankam, musste er sich noch vor der Tür heftig übergeben.
Zum Glück hatte ihn niemand dabei beobachtet.
Jetzt lag er völlig entkräftet auf dem schmalen Bett und kämpfte
abwechselnd mit Schweißausbrüchen und Schüttelfrost. Benommen fragte
er sich, ob der Pfleger ihn vielleicht geleimt hatte. Er hatte keine Ahnung,
was der Typ ihm da vorhin überhaupt gespritzt hatte. Angeblich ein
Antibiotikum, aber der Penner hatte auch noch was von Wundstarrkrampf
gelabert und dass er dringend einen Arzt brauchen würde. Er hatte Mühe
gehabt, ihn davon zu überzeugen, dass er besser mal für einen kurzen
Moment zum Rauchen vor die Tür gehen sollte.
Andererseits hatte er verdammtes Glück gehabt, dass er den Typen
überhaupt kannte und wusste, womit er ihn unter Druck setzen konnte.
Und der verschissene Hilfsdealer würde den Teufel tun und jetzt irgendwas
über ihn zu erzählen, dazu stand zu viel für ihn auf dem Spiel. Er konnte
es nicht riskieren, dass seine kleine Nebenbeschäftigung aufflog, außerdem
war er derjenige gewesen, der ihm das Betäubungsmittel verschafft hatte!
Für einen kurzen Moment musste er weggesackt sein. Wirre Bilder jagten
durch seinen Kopf. Er war wieder an der Hütte, in der die kleine Schlampe
darauf wartete, dass er ihr etwas zu essen und zu trinken brachte. Er hatte
sich vorgestellt, wie er sie mit dem Picknick überraschen würde. Draußen,
auf dem Bootssteg, im Mondlicht. Er hatte sogar tatsächlich ein paar
Windlichter im Supermarkt besorgt. Dass es eigentlich rote Grabkerzen
waren, fand er nur passend für die Situation. Vielleicht würde er ihr
tatsächlich ein Glas Rotwein anbieten, obwohl er es eigentlich nicht
mochte, wenn Frauen Alkohol tranken. Aber zu diesem besonderen Anlass
wäre eine Ausnahme wahrscheinlich ganz okay. Zumindest würde er sie ein
paar Schlucke nippen lassen, während er ihr vielleicht ein altes Märchen
erzählte. Und dann würde er die Maske vom Gesicht nehmen, er brauchte
sie nicht mehr, es wäre egal, sie durfte ruhig versuchen, sich sein Aussehen
einzuprägen, es würde ihr nichts mehr nützen …
Dann sah er sich vor der Hütte, wie er leise näher schlich und lauschte,
ob er ein Geräusch von ihr hören würde. Er liebte diesen Moment, in dem
sie noch nicht ahnte, dass er längst vor der Tür war. Zwei Nächte zuvor
hatte sie leise mit sich selbst geredet, er hatte nicht viel mehr als ihr
Gemurmel gehört, ohne dass er die Worte verstehen konnte, aber es war für
ihn gewesen, als gäbe es nur sie beide auf der Welt und als würden sie ein
Geheimnis miteinander teilen, von dem niemals jemand etwas erfahren
würde.
Auch nachdem er sie später an die Kette gelegt hatte und gegangen war,
hatte er noch einmal heimlich gelauscht. Da hatte sie gleich als Erstes
gepinkelt, er hatte deutlich ihren Urin in den Eimer plätschern hören. Das
war nicht so schön gewesen, hatte ihn aber trotzdem irgendwie erregt.
Jetzt holte er die Zwergenmaske aus dem Versteck unter dem Vordach
und schob sie sich übers Gesicht. Diesmal schien sie zu schlafen, als er die
Tür aufmachte. Im ersten Moment war er irritiert, als er sie nicht in der
üblichen Ecke hocken sah, sie hatte sich unter dem Tisch
zusammengekauert und lag so reglos, dass er fast Angst hatte, sie könnte
nicht mehr leben. Jede Vorsicht außer Acht lassend, war er mit zwei
schnellen Schritten bei ihr, um sich zu bücken und nach ihrem Puls zu
fassen.
Gleich darauf durchzuckte der Schmerz seinen Fuß, er konnte deutlich
spüren, wie der Nagel den Turnschuh durchbohrte und kurz vor dem
Ballen in die Fußsohle eindrang. Es war einer dieser Nägel, wie sie überall
zum Hausbau verwendet wurden, zehn Zentimeter lang und mit einer
scharfgratigen Spitze. Unwillkürlich versuchte er, den Fuß zurückzuziehen,
kam dabei aber aus dem Gleichgewicht und rammte sich den Nagel noch
tiefer ins Fleisch, bis er die Spitze oben aus dem Turnschuh stechen sah
und vor Schmerzen schrie.
Das Letzte, was er hörte, war das Lachen der kleinen Schlampe, mit dem
sie sich unter dem Tisch aus seiner Reichweite rollte, dann wurde ihm
schwarz vor Augen und er brach auf dem Fußboden zusammen,
festgenagelt wie ein Tier, das sich in einer Fallgrube selbst aufgespießt hat.
Natürlich wusste er inzwischen, was passiert sein musste. Sie hatte das
sorgfältig geplant, Zeit genug hatte sie ja gehabt, und die Kette hatte ihr
den nötigen Spielraum gelassen, um die Hütte nach irgendwas abzusuchen,
womit sie ihrem Peiniger eine Falle stellen konnte. Vielleicht schon am
Nachmittag, vielleicht noch früher. Dabei musste sie irgendwann den
Pappkarton mit den Nägeln entdeckt haben, und dann hatte sie den Spalt
zwischen den Holzdielen gefunden, in dem sich ein Nagel aufrecht, mit der
heimtückischen Spitze nach oben, verklemmen ließ. Danach hatte sie nur
noch zu warten brauchen und ihn mit einem lächerlichen Trick in ihre
Richtung locken, bis er sich selbst aufspießte.
Was ihn am meisten irritierte, war, dass sie das Muster durchbrochen
hatte. Es war, als hätte sie die stillschweigende Übereinkunft zwischen
ihnen aufgekündigt, dass sie nicht den kleinsten Versuch machen würde,
sich ihm zu widersetzen. Und jetzt hatte sie ihn wie einen dummen
Schuljungen einfach übertölpelt – und ihn sogar noch ausgelacht! Und
was das Ganze noch schlimmer machte: Sie hatte ihm Angst eingejagt!
Als er nach seiner kurzen Ohnmacht den verletzten Fuß mit einem Ruck
von dem Nagel zog, war er kaum in der Lage gewesen, sich mit einem alten
Lappen einen notdürftigen Verband anzulegen. Und er hatte nur noch
zurück zum Campingplatz gewollt, um mit seinem Schmerz und seinem
verletzten Ego allein zu sein. Mit zusammengebissenen Zähnen war er zur
Tür gehumpelt, ohne noch ein Wort zu sagen, als die Schlampe dann
plötzlich voller Panik hinter ihm herrief, dass er sie nicht allein lassen
sollte, dass sie Hunger hatte, dass sie etwas zu trinken brauchte, hatte er
nur das Schloss vorgehängt und war auf sein Moped gestiegen.
Er würde sie bestrafen müssen, das war ohne jede Frage, aber er
brauchte mehr Zeit. Er hatte keine Kontrolle mehr über das Geschehen
gehabt, und die Nacht, in der er sich schlaflos und vor Schmerzen
wimmernd auf dem Bett hin und her wälzte, war die schlimmste Nacht, die
er je erlebt hatte. Am Morgen war ihm klar, dass er einen Arzt brauchte,
als er vorsichtig den Verband abwickelte, war sein Fuß dick angeschwollen
und die gezackten Wundränder waren nass und klebrig.
Das Krankenhaus war die einzige Lösung gewesen, die ihm einfiel, er
hatte gehofft, dass er damit durchkommen würde, wenn er ihnen
irgendetwas von einem Arbeitsunfall erzählte, bevor sie Verdacht schöpfen
konnten. Dass er dann ausgerechnet die Psycho-Schlampe mit ihrem Volvo
sehen musste, hatte nicht zum Plan gehört. Und sie auch noch zu
verfolgen, war vollkommen bescheuert gewesen, eine Kurzschlussreaktion,
nichts weiter. Als sie zu ihm nach Hause fuhr, war er kurz davor, sie sich
zu schnappen, um sie in seine Gewalt zu bringen, aber er hatte im letzten
Moment entschieden, dass das Risiko zu groß war. Als sie dann in den
Zeitschriftenladen ging, wusste er, dass er nicht mehr länger warten durfte.
Was dann eigentlich im Aquarium passiert war, verstand er immer noch
nicht. Es war nicht sein Scheißfuß gewesen, der ihn erneut aus dem
Konzept brachte, sondern die Psycho-Schlampe selbst, die ihn in die Ecke
getrieben hatte. Ihre Reaktion stand in krassem Gegensatz zu dem, was er
erwartet hatte – und alles, was er sich jemals überlegt hatte, wie er sie
fertigmachen würde, hatte sich plötzlich in Luft aufgelöst. Und dann war es
nichts weiter als Glück gewesen, dass im Krankenhaus gerade der
Hilfsdealer Dienst gehabt hatte, sonst …
Er musste sich eingestehen, dass sein Plan endgültig gescheitert war.
Aber er durfte jetzt nicht aufgeben. Er musste sich dazu zwingen, nach
vorne zu blicken. Es ging jetzt nur noch darum, wie er die Sache zu Ende
brachte, ohne als Verlierer in einem Spiel dazustehen, das er selbst
begonnen hatte.
Mit gierigen Schlucken trank er das lauwarme Wasser aus der
Plastikflasche, die neben seinem Bett stand. Der verletzte Fuß war ein
Handicap, aber damit würde er klarkommen. Die Schmerzmittel würden
ihm dabei helfen.
Als es plötzlich an der Tür klopfte, schreckte er hoch.
»Hallo? Ist da jemand? Bist du zu Hause?«
Eine Männerstimme, die er nicht zuordnen konnte.
»Ja, aber ich penne, was ist los? Ich hab keinen Bock, irgendjemanden
zu sehen …«
»Entschuldigung. Ist nur eine Frage, du kannst gleich weiterschlafen.
Aber komm wenigstens mal kurz zur Tür!«
Er rollte sich aus dem Bett und robbte über den Fußboden zum Fenster.
Der Fuß schmerzte sofort wieder unerträglich. Während er sich aufrichtete,
griff er nach dem Brotmesser, das neben der Spüle lag.
Draußen vor der Hütte stand ein Pick-up, den er noch nie auf dem Platz
gesehen hatte.
DRITTES BUCH
» Turning and twisting, and running out of time«
(Dance with a Stranger)
JULIA
Sie war mit den Gedanken nicht bei der Sache, die anderen hatten sich jetzt
schon mehrmals beschwert, dass sie ihnen nur im Weg stand und Löcher in die
Luft starrte, statt zu helfen. Sie waren in der leerstehenden Werfthalle am Ende
der Verftsgate und legten letzte Hand an ihre Installation, eher ein Environment,
das begehbar war und den gesamten Raum einnahm – eine aus Pappmaché,
Farbe und Isolierschaum nachempfundene Wasserfläche, noch wirkte alles ein
wenig steif und leblos, aber wenn später die Scheinwerfer dazukämen, würden
die Wellenberge täuschend echt aussehen. Die Kommilitonen, die die
Lichtstimmungen programmierten, waren gut und wussten genau, wie sie den
gewünschten Effekt erzielen konnten.
Julia stand mitten in der Spirale aus Plastikmüll, der sich wie ein
ausgefranster Teppich über die Wellen hinzog und zu einem Strudel verdichtete,
der das Zodiak unweigerlich auf den Meeresboden zu ziehen schien. Die
Bugspitze war bereits unter einer gischtenden Welle begraben, die lebensgroßen
Puppen in ihren grellorange leuchtenden Schwimmwesten, die die
Kreuzfahrttouristen darstellen sollten, klammerten sich hilflos an die Bordwand.
Und genau das war der inhaltliche Link, die Botschaft, die das Kunstwerk
vermitteln sollte: Natürlich waren es nicht nur die Kreuzfahrttouristen, die die
Meere mit ihrem Müll erstickten, aber sie waren stellvertretend für alle anderen,
die sich einen Dreck darum kümmerten, was sie anrichteten.
Was die Gruppe der Kunststudenten zeigen wollte, war, dass die
Müllteppiche, die längst weite Flächen der Meere bedeckten, irgendwann in
nicht allzu ferner Zukunft auch das Ende der Zivilisation bedeuten würden – eine
Anklage gegen die Verschmutzung der Meere, die Geister, die die Menschen
gerufen hatten und die sie nicht mehr loswurden, während sie unaufhaltsam auf
den alles verschluckenden Strudel zutrieben.
Julia war von Anfang an mit Begeisterung bei der Sache gewesen, von ihr
kam auch die Idee mit den verendeten Seevögeln und den halbzerfetzten
Robbenleibern, die zwischen den Plastikflaschen und Styroporverpackungen
trieben.
» Wir müssen die Leute mit allen Mitteln wachrütteln« , hatte sie die anderen
zu überzeugen versucht, die zuerst noch skeptisch gewesen waren. » Klar ist das
Bild mit dem Zodiak gut, das in den Strudel gezogen wird, aber das schockiert
nicht genug. Wir brauchen noch so etwas wie einen Robbenschädel, der dich
mit seinen dunklen Babyaugen aus dem Müll heraus anstarrt, der macht dir
Angst, weil er an deinen Beschützerinstinkt appelliert, weil du sofort ein
schlechtes Gewissen bekommst, was du den hilflosen Tieren antust, ohne dass
sie sich wehren können.«
» Da spricht die Tochter einer Psychologin« , hatte Erik grinsend erklärt.
Doch schließlich waren sie Julias Vorschlag gefolgt, und die Tierkadaver, die
sie mit Fell- und Knochenresten und Federn aus der Requisite des
Nationaltheaters gebastelt hatten, wirkten selbst unter dem grellen Arbeitslicht
schon verstörend genug.
Allerdings waren Julia heute zum ersten Mal Zweifel gekommen, ob das
Ganze überhaupt irgendeinen Sinn haben würde, irgendwie erschien ihr plötzlich
alles viel zu konstruiert zu sein, als hätte das Environment kaum eine Chance,
der erschreckenden Realität auch nur nahe zu kommen. Gleichzeitig wusste sie,
dass das Unbehagen, das sie empfand, vor allem mit ihrer eigenen Situation zu
tun hatte, ihre Gedanken kreisten unablässig um Marie.
Erik trat mit einem Plastikbecher Kaffee auf sie zu und hielt ihn ihr hin.
» Hej, du siehst echt fertig aus, was ist los?«
» Danke« , sagte Julia nur und ließ offen, ob sich ihre Antwort auf den Kaffee
oder Eriks fragwürdiges Kompliment bezog.
» Willst du vielleicht reden? Ich meine, wir können auch einen Moment vor
die Tür gehen und …«
» Nein, lass mal. Ich möchte wirklich nicht darüber sprechen, sei mir nicht
böse, es hat nichts mit dir zu tun.«
Julia nahm einen Schluck Kaffee und schloss kurz die Augen. Sie hoffte, dass
ihre Reaktion deutlich genug für Erik war, um sie in Ruhe zu lassen.
Tatsächlich gab er auch keine Antwort mehr, aber er ging auch nicht. Sie konnte
spüren, dass er sie beobachtete.
» Mann, Erik!« , platzte sie heraus. » Ich hab ein Problem, und damit muss
ich alleine klarkommen, kapierst du das nicht?«
» Aber vielleicht kann ich dir helfen?«
» Nein, kannst du nicht!«
Niemand konnte ihr helfen, dachte sie. Und sie hatte nicht nur ein Problem!
Irgendwann am Morgen hatte Mikke angerufen, als sie gerade dabei war, ihre
Sachen zusammenzupacken, die sie für den Tag brauchte. Als sie seine Stimme
hörte, war sofort das Gefühl wieder da, dass er ihr näher war als jeder andere.
Und dass sie ihn brauchte! Aber Mikke hatte nicht mit einem Wort danach
gefragt, wie es ihr ging, geschweige denn wissen wollen, ob es etwas Neues
wegen Marie gab. Er hatte eigentlich nur erklärt, dass sie sich nicht wundern
sollte, wenn sie in den nächsten Tagen nichts von ihm hören würde. Weil er
sich angeblich eine böse Grippe eingefangen hatte.
» Mit Fieber und Schüttelfrost und so« , hatte er gesagt. » Ich bin voll neben
der Spur. Ich hoffe nur, dass ich dich gestern nicht angesteckt habe. Ich meld
mich, wenn es mir wieder besser geht.«
Julia hatte noch gefragt, ob sie nicht bei ihm vorbeikommen sollte, ihm
irgendein Grippemittel aus der Apotheke besorgen oder auch nur heißen Tee
kochen und seine Hand halten.
» Ich muss nicht unbedingt zu dem Kunstprojekt. Ich kann mich um dich
kümmern, wenn du willst.«
» So wie ich drauf bin, hättest du keine Freude an mir. Ich hab Grippe,
kapierst du es nicht, das ist ansteckend!« Dann hatte er einfach aufgelegt. Und
Julia hatte keine zehn Sekunden gebraucht, um sich sicher zu sein, dass er log.
Da war irgendetwas anderes, weshalb er sie nicht sehen wollte, Mikke hatte
keine Grippe, egal, wie sehr er sich bemüht hatte, möglichst leidend am Telefon
zu klingen. Julia hatte gewusst, dass es verdammt nach Eifersucht schmeckte,
als sie kurz entschlossen die Nummer des Tonstudios anrief. Aber sie konnte
nicht anders, sie musste es tun, während sie bereits Mikke mit irgendeiner
fremden Frau im Bett sah. Nur zu gut hatte sie noch die blöde Bemerkung des
Cowboy-Gärtners im Kopf, dass sie nicht Mikkes einzige Freundin war.
Der Typ am Telefon war derselbe wie beim letzten Mal gewesen, und er
konnte sich auch noch an sie erinnern.
» Ach, du bist es wieder. Mann, du musst ja völlig verschossen in die
Pappnase sein, aber du hast Pech, er liegt mit Grippe im Bett, hat eben
angerufen, um sich krankzumelden. Sieht allerdings so aus, als brauchte er
danach auch nicht wiederzukommen, fehlt ein bisschen viel in den letzten
Tagen, der Junge. Entweder er kommt zu spät oder gar nicht! Da stehen wir hier
nicht so drauf. Rock ’n’ Roll ist harte Arbeit, da kannst du nicht einfach
blaumachen, wie es dir gerade passt. Also, womit kann ich helfen?«
» Habt ihr vielleicht zufällig seine Adresse?«
» Wieso, willst du dich dazulegen und ihm die Hand halten?« Der Typ
lachte, dann erst schien ihm aufzugehen, was Julias Frage bedeutete. » Moment
mal, willst du sagen, du weißt gar nicht, wo er wohnt?«
» Sieht ganz so aus, oder? Jetzt komm schon, gib mir einfach die Adresse, der
Rest ist meine Sache, okay?«
» Nur unter einer Bedingung! Wenn du ihn abschießt, denk an mich! Ich
brauch auch immer mal jemand, der mir die Hand hält. Ist ja gut« , setzte er
dann hinzu, als Julia nicht reagierte. » Weil du es bist!«
Sie hatte gehört, wie er auf die Tastatur einhämmerte. » Da ist er ja schon,
aber das ist merkwürdig, wieso … Verdammt, was ist das denn für eine
Schlamperei! Wir haben keine Adresse von ihm, jedenfalls keine, die stimmt.
Ist ja noch nicht so lange her, dass er hier angefangen hat, und da hatte er als
Wohnort noch eine Anschrift in Oslo. Aber nachdem er dann umgezogen ist, hat
er das nie korrigiert. Merkwürdig, dass das bisher noch gar keiner gemerkt hat,
könnte problematisch werden, so rein versicherungsmäßig und so, müssen wir
mal nachhaken. Aber wie gesagt, ich glaube sowieso nicht, dass er es noch
lange macht bei uns.«
» Oslo?« , hatte Julia irritiert nachgefragt. » Ich dachte, er käme irgendwo aus
dem Norden …«
» Nee, Oslo! Er hat auch oft genug damit angegeben, was er da alles erlebt
hat. Obwohl, jetzt, wo du es sagst, ein paar Mal hat er irgendwelche Ausdrücke
benutzt, die garantiert nicht aus Oslo kommen. Also, hör mal, Mädchen, wenn
du mich fragst, vergiss ihn einfach! Soll ich dir vielleicht meine Adresse geben,
du weißt ja …«
» Dass du jemanden brauchst, der dir ab und zu irgendwas hält! Was war das
noch mal gleich gewesen?«
» He, du bist ja echt nicht auf den Mund gefallen. Also, warum machen wir
nicht endlich Nägel mit Köpfen? Hast du heute Abend schon was vor?«
» Ja, klar. Aber dazu brauche ich keine Hilfe, das kann ich auch alleine.«
» Wie jetzt, was?«
» Denk mal drüber nach, vielleicht kommst du ja drauf.«
Julia hatte die Verbindung unterbrochen, ohne sich zu verabschieden. Für
einen Moment war sie mehr verärgert über die plumpen Anmachversuche
gewesen als irritiert über die Informationen, die sie nicht einordnen konnte. Erst
dann kam die Wut, dass Mikke ihr nicht die Wahrheit gesagt hatte. Irgendetwas
war faul mit ihm, auch wenn sie es sich noch immer nicht so ganz eingestehen
wollte …
» Wenn du deinen Kaffeebecher noch ein bisschen schräger hältst« , hörte sie
Eriks Stimme wie aus weiter Ferne, » dann plörrst du dir die Brühe gleich über
die Füße.« Er nahm ihr vorsichtig den Becher aus der Hand. » Mann, Julia, du
bist ja echt voll weggetreten, was ist los?«
» Hast du mal eine Zigarette für mich?« , fragte Julia anstelle irgendeiner
Antwort. » Ich muss mal einen Moment nach draußen.«
» Ich dachte, du rauchst nicht …«
» Tu ich auch nicht.«
» Na dann« , sagte Erik und hielt ihr ein zerdrücktes Päckchen Gauloises und
sein Feuerzeug hin. Julia reagierte nicht, sondern starrte zu dem großen Rolltor
hinüber, das halb geöffnet war, damit sie genügend Luft in dem nach frischer
Farbe und Klebstoff stinkenden Raum hatten. Julia konnte die Figur, die da im
Eingang stand, nur als Schattenriss vor dem gleißenden Sonnenlicht draußen
erkennen, aber sie war sich sicher, dass sie sich nicht irrte.
Jetzt hatten auch die anderen Kommilitonen den Besucher bemerkt, Julia
hörte, wie sie zu tuscheln anfingen.
Und dann sagte Erik plötzlich: » He, das ist doch dieser Typ, von dem gerade
überall Plakate in der Stadt hängen, weil er irgendeine Ausstellung hat. Dieser
durchgeknallte Künstler … ich komme gerade nicht drauf, wie er heißt.«
» Jan-Ole.«
Julia machte unwillkürlich einen Schritt zurück, als wollte sie sich hinter
Erik verstecken.
» Genau, Jan-Ole Andersen, der mit den toten Rockmusikern. Wieso, kennst
du ihn etwa?«
Im gleichen Moment dröhnte Jan-Oles Stimme durch die Halle, kratzig von
zu viel Zigaretten und Alkohol, aber bis in den letzten Winkel zu verstehen. Als
wäre er es gewohnt, ungebeten irgendwo reinzuplatzen und sich Gehör zu
verschaffen.
» Entschuldigung, Leute, ich wollte nicht stören! Aber ich suche Julia
Schulman …«
Alle Blicke gingen zu Julia hinüber.
» Mann, du kennst ihn echt!« , flüsterte Erik neben ihr. » Denk dran, ihn
gleich einzuspannen, für unsere Aktion, einen Typen wie ihn können wir immer
gebrauchen, er hat gerade voll den Namen!«
» Ich bin hier« , sagte Julia leise, ohne sich weiter um Erik zu kümmern. Als
sie über die Pappmaché-Wellen hinwegstieg und auf Jan-Ole zuging, hob er
grüßend die Hand, machte aber keine Anstalten, ihr entgegenzukommen, als
wollte er nicht mehr als nötig in ihre Arbeitsatmosphäre eindringen. Julia war
ihm fast dankbar dafür, gleichzeitig spürte sie, wie ihr eine Gänsehaut über den
Rücken lief. Wenn Jan-Ole hier plötzlich auftauchte und sie suchte, konnte es
nur etwas mit Merette zu tun haben! Irgendetwas musste passiert sein …
» Ist was mit Mama?« , stieß sie hervor, kaum dass sie außer Hörweite der
anderen war.
» Nein, keine Panik, Merette ist okay.«
» Wirklich?«
Jan-Ole blickte sie forschend an. » Wieso? Machst du dir Sorgen um sie?«
» Meine Sache, oder?« , blaffte Julia zurück, merkte aber, wie erleichtert sie
war, am liebsten wäre sie Jan-Ole um den Hals gefallen.
Er berührte sie leicht am Arm. » Ich weiß, dass du mich nicht sehen willst,
aber lass uns kurz miteinander reden, bitte.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er vor ihr her auf den verbeulten
Campingwagen zu, den er offensichtlich immer noch fuhr. Ein amerikanisches
Modell, Julia hatte sich schon früher nicht merken können, ob es ein Dodge
oder ein Chevrolet war. Früher, als alles noch in Ordnung gewesen war und sie
mit dem damals noch chromglänzenden Spritfresser fast jedes Wochenende an
die Schärenküste oder in die Berge gefahren waren.
Als Jan-Ole die Schiebetür öffnete und sich auf die Trittstufe setzte, fiel Julia
zum ersten Mal auf, dass er alt geworden war. Nach wie vor trug er die langen
Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, der ihm weit über den Rücken hing.
Aber die Haare waren mittlerweile grau, und auch die verblichene Jeans und die
Lederjacke konnten nicht über die tiefen Falten in seinen Mundwinkeln und die
Ringe unter seinen Augen hinwegtäuschen. Alt und müde, dachte Julia. Und
wegen irgendetwas macht er sich mehr Sorgen, als er zeigen will! Er ist ganz
bestimmt nicht hier, weil ihn seine stiefväterlichen Gefühle plötzlich übermannt
haben und er mich zu seiner Ausstellungseröffnung einladen will – oder was
immer er in seinem Leben für so wichtig hält, dass er es mir unbedingt
mitteilen will …
» Es geht um Marie« , sagte Jan-Ole, ohne Julia anzublicken. » Deine alte
Freundin, die verschwunden ist.«
Sofort spürte Julia wieder das unangenehme Kribbeln in ihrem Rücken. Und
einen leichten Schwindel, der alles unwirklich machte, als wäre sie in einem
Traum gefangen. Einem Albtraum! Aber bevor sie etwas fragen konnte, hob Jan-
Ole die Hand.
» Warte, noch wissen wir gar nichts! Es gibt keine Spur von ihr, und für den
Moment hoffe ich, dass das zumindest bedeutet, dass sie noch am Leben ist.
Aber …«
» Was hast du damit zu tun?« , unterbrach ihn Julia jetzt doch. » Ich kapiere
nicht …«
» Ich will es dir gerade erklären, Julia. Merette hat mich angerufen, schon
letzte Woche, aber da war ich gerade in Dänemark, und sie hat auch versucht, so
zu tun, als wäre es nicht weiter wichtig. Gestern haben wir dann noch mal
telefoniert, nachdem ich wieder auf meiner Hütte war, und sie hat mir jetzt auch
die Geschichte mit Marie erzählt. Ich habe heute Morgen mit den Kollegen in
Oslo gesprochen …«
» Wieso Kollegen?« , hakte Julia irritiert ein.
» Exkollegen, aber das spielt keine Rolle, es gibt da immer noch ein paar
ganz gute Kontakte, ich war ja schließlich lange genug bei dem Verein, und
manchmal …« Er winkte ab. » Sagen wir es mal so, ich habe da eine Art
Beraterfunktion, das beschreibt es vielleicht am besten.«
» Soll das jetzt heißen, dass du eigentlich noch immer bei den Bullen bist?«
Jan-Ole überging ihre Frage, indem er nach seinem Tabakspäckchen griff und
sich eine Zigarette drehte. Als er sein Zippo aufschnappen ließ, blickte er Julia
über die Flamme hinweg an.
» Du weißt in etwa von dem Fall, mit dem Merette gerade zu tun hat? Dieser
Soziopath, der sie mehr oder weniger konkret bedroht hat?«
Julia nickte.
» Also, kurz zusammengefasst« , machte Jan-Ole weiter, » der Typ hat sich
abgesetzt, und zwar unter höchst merkwürdigen Umständen, jedenfalls ist er
weder zu Hause, noch geht er an sein Handy, geschweige denn, dass er sich bei
seinem Betreuer vom Gericht melden würde …«
» Und was soll das jetzt alles mit Marie zu tun haben?«
» Kommt ja noch.«
Jan-Ole trat die Kippe auf dem Pflaster aus, obwohl er erst zwei oder drei
Züge geraucht hatte. Der Blick, mit dem er Julia ansah, erinnerte sie an die
wenigen Situationen, in denen sie als Kind vergeblich versucht hatte, ihm
irgendeine Lüge aufzutischen.
» Erinnerst du dich an die Geschichte mit Marie, als ihr im letzten Sommer
zusammen in Frankreich wart? Merette hat erzählt, dass ihr Streit wegen einem
Typen hattet, den Marie da kennengelernt hat?«
» Ja, natürlich erinnere ich mich. Das war ja der Grund, weshalb Marie und
ich dann nicht mehr miteinander geredet haben. Wegen dem Quatsch ist unsere
Freundschaft kaputtgegangen!«
» Hast du den Typen jemals kennengelernt? Oder zumindest mal gesehen?«
» Carlos?«
Jan-Ole zuckte mit der Schulter, als wäre der Name vollkommen egal.
» Carlos, ja. Der Typ jedenfalls, mit dem deine Freundin da was hatte.«
» Nein, nie.«
» Du weißt also auch nicht, wie er ausgesehen hat?«
» Keine Ahnung. Nur dass Marie hin und weg von ihm war, als wäre sie
völlig durchgeknallt.«
» Aber du wusstest, dass er Norweger ist und aus Oslo kam? Ich meine, sie
muss dir doch irgendwas erzählt haben …«
Julia merkte, wie sarkastisch sie klang, kaum dass sie sich an ihre letzte
Szene mit Marie erinnerte. » Ganz, ganz reiche Eltern« , gab sie Maries
Beschreibung von damals mit deren Worten wieder, » und überhaupt: Sie haben
ein Ferienhaus hier, voll der Luxus, mit einer Fensterfront direkt aufs Meer raus,
und Swimmingpool mit Unterwasserbeleuchtung! Und jede Nacht Party! Echt
cool! Nicht so ein Billigscheiß wie auf dem Campingplatz hier, wo du ständig
aufpassen musst, dass du nicht aus Versehen im falschen Zelt landest. Aber
sorry, Julia, ich kann dich da echt nicht mit hinnehmen, das musst du
verstehen, der Carlos und ich wollen einfach nur ein bisschen Zeit für uns ganz
alleine haben …«
Ein kurzes Grinsen huschte über Jan-Oles Gesicht, als würde er Julias
schauspielerischer Leistung durchaus Beifall zollen. Dann wurde er wieder ernst.
» Und daraufhin habt ihr euch also getrennt?«
» Ich hab meine Sachen gepackt und bin nach Hause gefahren, ja.«
» Von Marie hast du nichts mehr gehört?«
» Erst neulich wieder, als sie angerufen hat.«
» Hat sie da noch mal was über diesen Carlos erzählt?«
» Nur dass es schon länger vorbei ist. Und dass es der größte anzunehmende
Beziehungsunfall überhaupt gewesen ist. Aber das hätte ich ihr gleich sagen
können. Es klang alles so …« Julia suchte nach dem richtigen Wort. » Falsch,
irgendwie. Marie ist nicht unbedingt jemand, der auf neureiche Playboy-
Söhnchen steht. Ich weiß nicht, was sie sich dabei gedacht hat. Sie wollte mir
die Geschichte ausführlich erzählen, wenn sie hier ist, aber … ach Mist, ich
kapiere überhaupt nichts mehr!«
Sie hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten. » Warum fragst du das überhaupt
alles? Das ist doch ewig her! Was spielt das noch für eine Rolle, was mit dem
Typen war?«
Erik kam aus der Halle auf sie zu. Julia sah, dass er kurz zögerte, bevor er
fragte: » Ist alles okay, Julia? Ich meine nur, weil … Also die anderen wundern
sich auch schon, wo du bleibst. Wir wollen jetzt das Licht einrichten.«
» Viel Spaß« , meinte Jan-Ole. Sein Ton ließ deutlich verstehen, dass Erik
störte.
» Es ist okay« , sagte Julia. » Ich komme gleich. Fangt solange schon mal
ohne mich an.«
» Ich dachte nur, vielleicht, dass auch …« Er wandte sich direkt an Jan-Ole.
» Also, wenn Sie Lust hätten, dann würden wir uns freuen, wenn Sie kurz einen
Blick …«
» Du hast doch gehört, was Julia sagt, oder?« , erwiderte Jan-Ole. » Das
Timing ist gerade ganz schlecht.«
» Ach so, ja dann …« Erik blickte noch einmal ratlos von Julia zu Jan-Ole
und zurück. Dann zog er die Schultern hoch und schlich davon.
Jan-Ole machte eine wegwerfende Handbewegung, als würde sich jeder
Kommentar zu Erik erübrigen. Irritiert stellte Julia fest, dass sie sich über seine
unausgesprochene Ablehnung ärgerte. Auch wenn Erik ihr häufig genug selber
den letzten Nerv raubte, war er doch ein Kommilitone, mit dem sie an dem
Projekt arbeitete – und sie fand, dass Jan-Ole kein Urteil über ihn zustand.
Zu ihrer Verblüffung schien Jan-Ole ihre Reaktion bemerkt zu haben.
» Tut mir leid« , sagte er. » Aber ich kann es langsam nicht mehr ab, dass
mich die Leute für irgendwelche Sachen einspannen wollen, ohne auch nur das
Geringste über mich zu wissen! Nur weil ich in letzter Zeit ein paar Bilder
verkaufe, heißt das noch nicht, dass ich mich deshalb für Kunst begeistern kann.
Warte« , setzte er hinzu, als er merkte, dass Julia etwas erwidern wollte. » Das
geht nicht gegen dich oder gegen das, was ihr da in der Halle macht, aber dazu
müsste ich erst mal die Chance haben, mich überhaupt darauf einlassen zu
können. Und im Moment habe ich andere Sachen im Kopf, die wichtiger sind.«
» Ist es nicht vielleicht eher so, dass du nicht auf irgendwelche Gothic-Typen
in langen schwarzen Mänteln stehst?« , machte Julia den Versuch, die
verkrampfte Situation mit einem Spruch zu überspielen.
Jan-Ole grinste. » Stimmt, da ist was dran.«
» Ich auch nicht« , sagte Julia. » Du kannst also ganz ruhig bleiben. Aber …«
Jan-Ole nickte. » Zurück zu Marie. Die Kollegen in Oslo haben mich
informiert, dass es da im letzten Herbst eine Anzeige gegeben hat. Wenn ich das
richtig verstanden habe, hatte deine Freundin Schluss mit dem Typen gemacht,
aber offensichtlich hat ihm das nicht gepasst, und er hat sie auf Schritt und Tritt
verfolgt, sie mitten in der Nacht angerufen, ihr Briefe geschickt, ihr gedroht,
dass er sie zwingen würde, wenn sie nicht freiwillig zu ihm zurückkommt, er
hat sich sogar in ihren Laptop gehackt. Bis sie sich nicht mehr anders zu helfen
wusste, als die Polizei einzuschalten. Völlig richtig, und die Kollegen haben
ihm deutlich erklärt, was seine Optionen sind.«
Julia biss sich auf die Unterlippe. » Der größte anzunehmende Unfall, das
meinte Marie also« , sagte sie leise.
Jan-Ole zog sich das Zopfgummi ab und band sich den Pferdeschwanz neu,
bevor er weiterredete. » Das Ganze ist dann bei einer Richterin gelandet, die
Anzeige lief ja. Nach dem Gewaltschutzgesetz hat der Typ eine klare Anweisung
erhalten, sich Marie nicht mehr zu nähern und jeden weiteren Kontaktversuch zu
unterlassen.«
» Und?«
» Er hat sich daran gehalten. Aber jetzt kommt es erst: Er ist zwar immer
noch in Oslo gemeldet, doch unter der angegebenen Adresse nicht auffindbar, die
Kollegen haben das überprüft, die Wohnung ist seit Monaten an jemand anderen
vermietet. Es gab auch nie einen Nachsendeantrag bei der Post, nichts. Und
wohin Carlos verschwunden ist, weiß keiner. Mit richtigem Namen heißt er
übrigens Karl, Karl Rasmussen, mehr oder weniger reiche Eltern gibt es auch,
und sie leben tatsächlich in Frankreich, das stimmt alles, aber sie haben keine
Ahnung, was ihr Sohn eigentlich macht, und es scheint sie auch nicht weiter zu
interessieren. Sie überweisen ihm einen monatlichen Geldbetrag, und das war’s.
Das letzte Mal gesehen haben sie ihn, als er nach Frankreich gekommen ist, um
ihr Haus einzuhüten, weil sie auf irgendeine längere Reise nach Asien gegangen
sind. Der Zeitpunkt stimmt mit eurem Urlaub überein.«
Julia spürte, wie ihr wieder schwindlig wurde. Sie setzte sich neben Jan-Ole
auf die Trittstufe und starrte auf die Werfthalle. Leise sagte sie: » Er bekommt
Geld auf sein Konto überwiesen. Dann muss doch rauszukriegen sein, wohin.
Also ich meine, in welcher Stadt er das Geld abhebt.«
» Sehr gut« , stimmte Jan-Ole ihr zu. » Vollkommen richtig. Du denkst fast
schon wie eine Polizistin.« Er wollte nach ihrem Arm greifen, zog die Hand
aber wieder zurück und schob sie in die Tasche seiner Lederjacke. » Wir hatten
die gleiche Idee und haben das überprüft. Alle Kontobewegungen in den letzten
Monaten sind von immer demselben Geldautomaten gemacht worden, und zwar
am Busbahnhof, hier in Bergen.«
Julia konnte nur noch flüstern. » Das heißt, er ist also …«
» Er ist offensichtlich in Bergen« , bestätigte Jan-Ole. » Aber wir haben keine
Adresse, nichts. Umgemeldet hat er sich jedenfalls nicht. Und entweder lebt er
hier unter falschem Namen, oder er ist bei jemandem untergekrochen, den er
kennt. Solange er nicht auffällt oder ganz offiziell angestellt ist, kommt er damit
durch. Die Versicherungen werden vom Konto abgebucht, da interessiert es
niemanden, wo er wohnt. Wenn du es wirklich darauf anlegst, kannst du nahezu
völlig von der Bildfläche verschwinden. Für eine gewisse Zeit jedenfalls.«
Julia schluckte heftig. Die Gedanken in ihrem Kopf überstürzten sich. Was
hatte der Typ im Tonstudio behauptet? Dass Mikke bei seinem
Vorstellungsgespräch eine Adresse in Oslo angegeben hatte. Und dass sie keine
neue Adresse von ihm hatten. Dass keiner wusste, wo er in Bergen wohnte.
Dass überhaupt niemand wirklich etwas über ihn wusste, sie selber am
allerwenigsten. Außer dass er ihr bislang jede Menge Lügen aufgetischt hatte.
» Merette hat mir erzählt, dass du einen neuen Freund hast« , wechselte Jan-
Ole das Thema, als könnte er Gedanken lesen. » Und wenn ich sie richtig
verstanden habe, hält sie ihn zumindest für … fragwürdig?«
» Ich glaube, das hat eher etwas mit dem bescheuerten Fall zu tun, der ihr
gerade Sorgen macht. Sie hatte irgendwie Angst, weil ihr Patient so komische
Andeutungen gemacht hat, als ob er wüsste, dass sie eine Tochter hat und …
Sie hat Angst gehabt, dass er und Mikke vielleicht …«
» Mikke?«
» Mein Freund. Oder auch schon nicht mehr. Es ist eigentlich schon wieder
vorbei. Glaube ich jedenfalls.«
Immer noch zögerte Julia, Jan-Ole von den merkwürdigen
Übereinstimmungen zu erzählen, die sie gerade so durcheinanderbrachten, dass
sie das Gefühl hatte, jeden Boden unter den Füßen zu verlieren.
Jan-Ole hatte ihre Reaktion beobachtet, hakte aber nicht nach. Stattdessen
sagte er ganz ruhig: » Noch mal der Reihe nach. Marie schießt also einen Typen
ab, der nicht lockerlässt. Es kommt zu der Anzeige, dann zum
Gerichtsverfahren, danach verschwindet der Typ spurlos. Oder eben nicht ganz
spurlos. Wir wissen, dass er sich nach Bergen abgesetzt hat. Und jetzt kommt
Marie nach Bergen, um dich zu besuchen, und …« Jan-Ole breitete resigniert
die Hände aus. » Kann es sein, dass Marie diesen Carlos womöglich schon
vorher kannte, also vor eurem Urlaub? Aus irgendeinem Zusammenhang in
Oslo, von einer Party vielleicht?«
» Nein, ganz sicher nicht, das hätte sie gesagt.«
» Und umgekehrt, dass er Marie in Oslo schon mal gesehen hatte? Oder dich?
Ich nehme an, ihr wart doch öfter zusammen weg. Worauf ich hinauswill, ist die
Frage, ob er wissen konnte, dass du inzwischen wieder in Bergen bist? Oder, zu
Ende gedacht, ob er irgendwie mitgekriegt haben könnte, dass Marie dich
besuchen wollte? Vielleicht haben Marie und er einen gemeinsamen Bekannten,
ohne dass Marie das ahnt, und wenn wir mal davon ausgehen, dass er sich
immer noch an Marie rächen wollte, dann hat er vielleicht einfach nur die
Gelegenheit genutzt …« Jan-Ole blickte hoch, dann schüttelte er den Kopf.
» Entschuldige, ich denke nur laut, eine schlechte Angewohnheit, ich weiß.« Er
hieb mit der Faust gegen den Türrahmen. » Verdammt, es passt einfach nicht
zusammen, das ergibt keinen Sinn, da sind zu viele lose Enden!«
» Glaubst du wirklich, dass dieser Carlos irgendetwas mit Maries
Verschwinden zu tun hat?«
» Es ist der einzige Ansatzpunkt, den ich im Moment sehe« , erwiderte Jan-
Ole. » Und wir müssen ihn unter allen Umständen ausfindig machen. Aber das
wird den Kollegen hier früher oder später gelingen. Wenn wir wollen, finden wir
jeden, es ist nur eine Frage der Zeit.«
Wieder war es das » wir« , das Julia irritierte. Jan-Ole redete, als wäre er nach
wie vor Polizist, dachte sie, hier läuft irgendetwas, von dem ich nichts weiß.
Aber sie sagte nichts, es kostete sie schon genug Mühe, die Stimme in ihrem
Kopf zu ignorieren, die wollte, dass sie Jan-Ole endlich alles von Mikke
erzählte.
Jan-Ole stand auf und reckte sich. Dann kickte er einen Kiesel über das
Pflaster und sagte: » Zumindest ist inzwischen sicher, dass Marie in Bergen
angekommen ist. Die Frau von dem Kiosk im Bahnhof hat sie auf dem Foto
wiedererkannt. Sie kann sich sogar erinnern, dass Marie ein Croissant bei ihr
gekauft hat. Und Marie war alleine, auch da ist sie sich sicher.« Unvermittelt
beugte er sich wieder zu Julia. » Dein Freund, Mikke, wo kommt der her?«
» Was?« , stotterte Julia überrumpelt.
» Du hast meine Frage verstanden.«
Sein Blick hatte etwas Lauerndes. Julia kam sich plötzlich vor, als würde sie
ihm gegenüber an einem Verhörtisch sitzen. Und sie reagierte, ohne
nachzudenken, als hätte er sie in die Enge getrieben und sie müsste sich unter
allen Umständen verteidigen.
Ihr Ton klang spöttisch, als sie Jan-Oles Frage wiederholte: » Wo kommt er
her? Willst du vielleicht auch noch wissen, was er arbeitet? Wo er wohnt? Ob
er irgendwelche komischen Angewohnheiten hat? Oder ob ich mir vorstellen
kann, dass er vielleicht ein bisschen pervers ist? Nein, sorry, viel wichtiger:
Weißt du, was er letzten Sommer gemacht hat? Mann, Jan-Ole, dann frag mich
doch gleich, ob ich glaube, dass er Marie entführt hat!«
Jan-Ole blieb ganz ruhig, hielt ihren Blick aber nach wie vor fest.
» Ein paar Antworten würden mich tatsächlich interessieren. Und wenn ich
ehrlich sein soll, habe ich gerade das ungute Gefühl, als hättest du dir einige
deiner Fragen bereits selber gestellt. Aber wenn du meinst, dass es mich nichts
angeht …« Er zuckte mit der Schulter und richtete sich auf. » Ich hoffe nur, du
verstehst, dass ich nicht frage, weil ich mich in dein Leben einmischen will. Ich
versuche nur, mir ein Bild zu machen.«
» Kommt mir irgendwie bekannt vor. So was Ähnliches habe ich doch auch
von Merette schon mal gehört.«
Jan-Ole reagierte nicht auf ihren Satz. Stattdessen sagte er: » Eine Sache nur
noch, dann lasse ich dich damit in Ruhe. Hast du Mikke von Marie erzählt?
Dass sie verschwunden ist, meine ich?«
» Ja, habe ich.«
» Und? Wie hat er darauf reagiert? Bitte, Julia, gib mir einfach nur eine
Antwort.«
» Ich weiß nicht, ganz normal. Er war genauso irritiert wie ich. Aber er kennt
Marie ja auch nicht, es ging ihm mehr darum, mich zu beruhigen, oder mir
einfach nur zuzuhören und … für mich da zu sein.«
» Aber du hattest nicht den Eindruck, dass du ihm vielleicht nichts Neues
erzählst?«
» Wie meinst du das?«
» Dass er schon vorher wusste, dass Marie verschwunden ist.«
» Echt, Jan-Ole, das ist bescheuert! Nein, er wusste es nicht, das ist sicher!«
Den letzten Satz hatte Julia so laut gerufen, dass Jan-Ole beruhigend die
Hände hochnahm.
Im nächsten Moment klingelte das Handy in seiner Jackentasche. Noch
während er das Gespräch annahm, entfernte er sich ein paar Schritte von Julia.
Sie sah, wie er mehrmals mit der freien Hand gestikulierte.
Als er zu ihr zurückkam, war sie verwundert, dass er sie überhaupt darüber
informierte, mit wem er gesprochen hatte.
» Ich muss los, Julia. Das war Merette. Es scheint so, als hätte sie da
jemanden, der uns vielleicht einen wichtigen Hinweis geben kann. Aber ich will
sie nicht alleine da hinlassen.«
» Gibt es irgendwas Neues wegen Marie?«
» Leider nein. Oder nur indirekt, aber Genaueres weiß ich ja selber noch nicht.
– Ich melde mich wieder. Tu mir den Gefallen und pass auf dich auf, ja? Und
triff dich mal heute nicht mehr mit Mikke, es wäre gut, wenn du das irgendwie
vermeiden könntest, bis sich noch ein paar Sachen geklärt haben.«
» Echt, Papa, du spinnst!« , rutschte es Julia heraus. » Mikke hat unter
Garantie nichts damit zu tun! Aber du kannst beruhigt sein, ich hatte sowieso
nicht vor, ihn zu sehen, er liegt mit Grippe im Bett.«
Wieder war da der forschende Blick von Jan-Ole, der Julia durch und durch
ging, dann kramte er einen Zettel aus dem Handschuhfach und kritzelte eine
Handynummer auf das Papier.
» Unter der Nummer erreichst du mich immer, egal, was ist. Es wäre
vielleicht ganz gut, wenn du zwischendurch mal mit Merette telefonierst, nur
um zu sagen, dass alles okay ist. Sie macht sich echt Sorgen um dich.«
Er hob die Hand zum Abschied und stieg in den Campingwagen. Er hatte
schon den Motor gestartet, als er sich noch einmal zu dem geöffneten Fenster auf
der Beifahrerseite beugte.
» Und danke für den ›Papa‹ eben« , rief er leise. » Ich weiß das zu schätzen,
glaub mir.«
Julia blickte hinter ihm her, bis er das Werftgelände verlassen hatte. Sie
merkte, dass sie bei seinen letzten Worten rot geworden war. Aber es war okay,
dachte sie. Es war nicht lächerlich gewesen, ihn Papa zu nennen. Vielleicht war
es an der Zeit, dass sie wenigstens den Versuch unternahmen, sich einander
wieder etwas zu nähern.
Gleich darauf wanderten ihre Gedanken wieder zurück zu Mikke. Und als Erik
jetzt zum zweiten Mal aus der Halle kam, um nach ihr zu sehen, sagte sie nur:
» Seid mir nicht böse, wenn ich für heute verschwinde. Ich muss noch was
erledigen. Entschuldige mich bei den anderen, ja?«
MERETTE
Sie war einfach nur erleichtert gewesen, als Jan-Ole in der Tür stand. Und sie
hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass sie froh war, ihn zu sehen. Sie brauchte
ihn gerade jetzt mehr denn je – und dabei ging es ganz sicher nicht nur um seine
Erfahrung als ehemaliger Ermittler der Kriminalpolizei, sondern vielmehr noch
um das grundsätzliche Vertrauen, das nach wie vor zwischen ihnen bestand. Sie
war froh gewesen, wenigstens für einen Moment die Verantwortung nicht mehr
alleine tragen zu müssen.
Sie hatten lange am Küchentisch gesessen und geredet, das heißt, Merette
hatte geredet und Jan-Ole hatte hauptsächlich zugehört.
Dann war er in die Werft gefahren, um mit Julia zu sprechen. Merette wusste,
was das für ihn bedeutete. Julia hatte Jan-Ole mit ihrer Entscheidung, jeden
Kontakt zu ihm abzubrechen, tief verletzt, es gab da sehr wohl noch einen
anderen Jan-Ole, der durchaus zu Selbstzweifeln neigte und in seinem Ego leicht
zu erschüttern war. Es hatte ihr einen deutlichen Stich versetzt, als sie begriff,
wie sehr er immer noch an Julia hing, dass er die gleiche Angst um sie spürte
wie Merette selbst – für ihn war sie immer noch seine Tochter, und er würde sie
unter allen Umständen zu schützen versuchen.
Kurz darauf hatte sich Frode bei ihr gemeldet, er hatte irgendetwas
herausgefunden, wollte aber am Telefon nichts weiter sagen, sondern sie
persönlich treffen. Sie hatten sich also verabredet, wieder bei dem Chinesen am
Torget, und nachdem Merette mit Jan-Ole telefoniert hatte, hatte sie Frode
nochmals zurückgerufen, um ihm zu erklären, dass sie nicht alleine kommen
würde.
» Ich bringe einen Freund von mir mit, der über alles Bescheid weiß. Mein
Exmann, genauer gesagt, er war früher bei der Polizei, und das kann uns jetzt
nur helfen, denke ich.«
Frode schien wenig begeistert zu sein, stimmte dem Treffen zu dritt aber
schließlich zu. Merette hatte noch gedacht, dass er wahrscheinlich Skrupel hatte,
seine Grenzen als amtlich bestellter Betreuer noch weiter zu überschreiten, als er
es ohnehin schon tat.
Doch dann tauchte Frode nicht zu dem vereinbarten Zeitpunkt auf. Sie
warteten eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, dann versuchte Merette, den
Betreuer auf seinem Handy zu erreichen. Er nahm nicht ab, und unter dem
Festnetzanschluss im Amt lief nur die Bandansage, dass er gerade in einer
Besprechung sei. Merette sprach ihm eine Nachricht auf die Mailbox, dass er sie
bitte dringend zurückrufen möge.
Während sie zum deutlichen Ärger des Kellners weiterhin nur Kaffee und
Mineralwasser bestellten, versuchte Jan-Ole jetzt, irgendein Muster zu finden,
das womöglich einen Zusammenhang zwischen Merettes Fall und Maries
Verschwinden erkennen ließ.
Merette zögerte einen Moment, bevor sie dann doch fragte: » Ich habe dir doch
von diesem Freund von Julia erzählt. Können wir wirklich ausschließen, dass er
irgendwas damit zu tun hat?«
» Ich hab dich schon verstanden« , erklärte Jan-Ole. » Du überlegst immer
noch, ob dieser Mikke und dein Aksel identisch sein könnten.«
» Es passt nicht wirklich, das ist mir klar. Nicht nur, weil Julia sagt, Mikke
würde völlig anders aussehen, sondern auch, weil … Ich weiß es einfach nicht,
Jan-Ole, aber ich habe irgendwie ein ungutes Gefühl dabei, als ob ich etwas
übersehen würde. Wenn Julia mir wenigstens mal ein Foto von ihm gezeigt
hätte!«
» Du hast mit ihr darüber gesprochen, sie weiß also, worum es geht. Aber
wenn es dich beruhigt: Ich habe da auch noch mal nachgehakt und sie zumindest
mit der Möglichkeit konfrontiert, ob Mikke etwas mit dem Verschwinden von
Marie zu tun haben könnte, aber sie scheint sich sicher zu sein.« Er hob
resigniert die Schultern. » Sie ist vierundzwanzig, Merette, sie ist sehr wohl in
der Lage, sich ein Urteil zu bilden. Wir können uns nicht einfach über ihre
Einschätzung hinwegsetzen und so tun, als wäre sie immer noch ein Kind.«
» Aber du selber …«
Jetzt reagierte er fast unwirsch. » Das bringt uns nicht weiter! Wir müssen
Mikke mal außen vor lassen, zumindest für den Moment.«
Merette hatte den Eindruck, dass Jan-Ole an diesem Punkt genauso schwamm
wie sie selbst und sie nur nicht weiter beunruhigen wollte.
Er griff nach seiner Kaffeetasse und platzierte sie zwischen ihnen auf dem
Tisch.
» Theorie eins« , sagte er, » wir wissen, dass Carlos oder Karl hier in Bergen
sein muss. Er hat Marie noch lange nicht vergessen, aber er hält sich an die
Auflagen und unternimmt keinen Versuch, sie zu kontaktieren. Und dann sieht
er sie rein zufällig, wie sie aus dem Bahnhof kommt. Vielleicht war er selber
gerade an dem Kiosk, um sich Kippen zu holen oder was auch immer. Oder er
sieht sie erst, als sie schon auf dem Weg zu Julia ist. Es spielt keine Rolle, wo,
aber sie läuft ihm zufällig über den Weg. Und Bergen ist nicht Oslo, er muss
also keine direkte Sorge haben, dass Marie womöglich den erstbesten Polizisten
um Hilfe bittet, der Überraschungseffekt ist ganz klar auf seiner Seite, er reagiert
spontan und schnappt sich Marie.«
» Klingt irgendwie sehr weit hergeholt« , wandte Merette ein. » Und ich
dachte, wir suchen nach einer Verbindung zu Aksel, meinem Patienten?«
» Richtig. Aber warte einen Moment. Theorie zwei: Carlos ist identisch mit
Aksel.« Jan-Ole griff nach Merettes Kaffeetasse und stellte sie auf seine eigene.
» Er hat Probleme mit unbezahlten Rechnungen und irgendwelchen Ämtern und
kriegt das allein nicht in den Griff. Er bekommt einen Betreuer zugeteilt, der ihn
wieder in die Spur bringen soll. Der Betreuer verschafft ihm einen Job als Koch
und wird hellhörig, als es um diese Geschichte da mit dem Bedienmädchen
geht, der Betreuer erinnert sich daran, dass es während Aksels Ausbildung
ähnliche Vorfälle gab, die sich allerdings nicht konkret auf Aksel bezogen,
dennoch fordert er ein psychologisches Gutachten an, weil ihm die Sache
zumindest auffällig erscheint. Aksel landet bei dir und … Du bist dran. Deine
Einschätzung!«
» Er hat ein grundsätzliches Problem mit Psychologen, weil er sie für seine
verkorkste Jugend verantwortlich macht, für den wiederholten Wechsel der
Pflegefamilien, für seine endgültige Einweisung ins Heim. Er hat das Gefühl,
dass sie ihm nicht geholfen, sondern ihn immer nur herumgeschubst haben, dass
er ihrer Willkür hilflos ausgeliefert war …«
» Und er ist ein Narzisst, er hat ein übersteigertes Geltungsbedürfnis, er
bezieht alles auf sich. Deshalb will er jetzt beweisen, dass er derjenige ist, der
die Kontrolle hat.«
» Er beginnt ein Machtspiel mit mir. Er versucht mich mit einem Geständnis
auszuhebeln, von dem er genau weiß, dass er mich damit in eine Situation
bringt, die mich quasi handlungsunfähig macht.«
» Außerdem erkennt er schnell, an welchem Punkt du ungeschützt bist. Wie
auch immer es ihm gelingt, aber er findet heraus, dass du eine Tochter hast. Er
droht dir mehr oder weniger versteckt mit seinem Wissen, und du bestätigst
ihm ungewollt durch deine Reaktion, dass er tatsächlich deine Achillesferse
entdeckt hat. Aber jetzt will er das auch zu Ende bringen, du sollst einmal
spüren, wie es ist, jemand anderem vollkommen ausgeliefert zu sein. Er will
Julia benutzen, um dich fertigzumachen. Dass er da womöglich irgendein
perverses Ding mit Mädchen oder jungen Frauen laufen hat, kommt ihm dabei
sogar noch gelegen. Aber selbst wenn nicht, selbst wenn sein angebliches
Geständnis nur erfunden war, hat er dich im Sack. Julia ist sozusagen seine
Trumpfkarte, mit der er dir seine Überlegenheit beweisen kann.«
Merette merkte, dass sie unwillkürlich die Papierserviette vor sich in kleine
Schnipsel zerlegt hatte. Ihre Hände zitterten.
» Und wie passt da jetzt Marie in deine Theorie?«
Jan-Ole legte kurz die Hand auf ihre und drückte sie. Dann nahm er die obere
Kaffeetasse ab und stellte sie zurück auf das Tischtuch.
» Das Szenario ist das gleiche wie in Theorie eins, nur mit anderen
Vorzeichen. Aksel hat sich Julias Adresse besorgt. Er lauert ihr schließlich im
Treppenhaus vor ihrer Wohnungstür auf. Aber dann erscheint nicht Julia,
sondern Marie, die zu Besuch kommt. Er muss denken, er spinnt! Er weiß
nichts von Julia und Marie, er hat Julia ja auch in Frankreich gar nicht gesehen,
er kann auch nicht wissen, dass Maries damalige Freundin inzwischen in Bergen
lebt. Aber er reagiert, ohne lange nachzudenken – bingo! Er schnappt sich
Marie, mit der er ja ohnehin noch eine Rechnung offen hat, und das war’s.«
Merette schüttelte verunsichert den Kopf.
» Okay« , sagte Jan-Ole. » Zwei Dinge sprechen dafür, dass es tatsächlich so
gewesen sein könnte. Erstens, die Geschichte der Nachbarin, die ja ganz deutlich
gesehen haben will, wie ein Typ, der durchaus Aksel sein könnte, mit einer
jungen Frau das Haus verlassen hat. Die Beschreibung der jungen Frau könnte
auf Marie passen, nur dass sie nicht betrunken war, sondern er sie vielleicht mit
irgendetwas betäubt hatte. Nach Aussage der Nachbarin hat er sie ja mehr oder
weniger getragen, das würde also passen. Und wenn das Ganze von ihm als
Überfall auf Julia geplant war, wird er auch entsprechend vorbereitet gewesen
sein.«
» Und zweitens?« , fragte Merette, während sich ihr Magen zusammenzog.
» Zweitens wäre da die Frage, warum Aksel, wenn er nicht Carlos ist, sich
dann Marie als Opfer genommen hat! Das würde keinen Sinn ergeben, Aksel war
hinter Julia her, Marie kannte er nicht, von ihr wollte er nichts. Sie interessierte
ihn nicht, er konnte sie nicht gebrauchen, sein Plan wäre also nicht aufgegangen.
Und damit wäre es nur logisch gewesen, wenn er einfach wieder gegangen wäre
und auf die nächste Gelegenheit gewartet hätte, um eben Julia zu erwischen.«
Merette holte tief Luft, ihr war schlecht, vor ihren Augen flimmerte es. Aber
im nächsten Moment glaubte sie, die Schwachstelle in der Theorie gefunden zu
haben.
» Carlos ist erst nach Bergen gekommen, nachdem er in Oslo gewesen war.
Aber Aksel war nie in Oslo! Er hat die Ausbildung im Sundfjord gemacht und
…«
» Ist das sicher?« , unterbrach Jan-Ole sie. » Du hast recht, aber er müsste
nicht unbedingt lange in Oslo gewesen sein.« Er überlegte. » Es würde schon
reichen, wenn er nach seiner Kochlehre nach Oslo gegangen ist und dann im
Sommer in Frankreich war und Marie kennengelernt hat. Dann kam die
gerichtliche Auflage, sich Marie nicht mehr zu nähern. Er ist nach Bergen und
hat es hier aber nicht auf die Reihe gekriegt, es wird ihm ein Betreuer zugeteilt,
den Rest kennen wir. Wir müssen also nur rauskriegen …«
» Aber Aksels Adresse ist bekannt, ich war selber schon da. Während du
sagst, dass dieser Carlos nicht aufzuspüren ist. Das passt doch nicht! Außerdem
hast du erzählt, die Polizei hätte mit den Eltern gesprochen – Aksel hat aber
keine Eltern, weder in Frankreich noch sonst wo. Und er heißt auch nicht
Rasmussen, ich meine, zumindest den Namen werden sie ja wohl überprüft
haben!«
» Es sei denn … wie hießen Aksels Pflegeeltern mit Nachnamen? Weißt du
das?«
» Keine Ahnung. Das müsste in den Akten stehen, aber ich erinnere mich
nicht. Ich habe die Akte zu Hause …«
» Wo sind die Pflegeeltern hingegangen, nachdem ihre Tochter ertrunken war?
Vielleicht zufällig nach Frankreich? – Nein, warte, schon okay. Es passt nicht.
Und trotzdem …«
Er zog sein Handy aus der Lederjacke und stand auf. » Ich lasse Aksel jetzt zur
Fahndung ausschreiben. Es reicht mir. Irgendwas ist hier verdammt faul. Und
hinzu kommt auch noch, dass dieser Betreuer sich nicht mehr meldet. Nachdem
er erst angekündigt hat, irgendetwas Neues zu haben, ist er plötzlich auch
verschwunden? Das ist mir dann doch ein bisschen zu viel Zufall. Also setzen
wir jetzt mal den ganzen Apparat in Gang, auch wenn wir uns auf dünnem Eis
bewegen, aber mir fällt nichts anderes mehr ein. Wir drehen uns im Kreis und
übersehen irgendwas, davon bin ich überzeugt.«
Noch während er mit ihr sprach, hatte Jan-Ole bereits eine Nummer im
Display aufgerufen. Jetzt nickte er ihr beruhigend zu und verschwand auf dem
Gang, der zu den Toiletten führte.
Merette machte keine Anstalten, ihn zurückzuhalten, sie musste sich
eingestehen, nur darauf gewartet zu haben, dass ihr jemand die Entscheidung
abnahm.
Sie winkte dem Kellner, um zu bezahlen. Und sie hatte kaum ihr
Portemonnaie wieder eingesteckt, als sich das Handy in ihrer Tasche meldete.
Frode!
» Tut mir leid, wenn ich dich versetzt habe, aber ich konnte nicht kommen.«
» Ist alles in Ordnung mit dir? Wir haben uns Sorgen gemacht, als du nicht
aufgetaucht bist! Was ist passiert?«
» Ich sage doch, es ging nicht. Ich schlage vor, wir verschieben das auf
morgen. Um neun in meinem Büro, wenn das okay für dich ist. Für euch. Ich
nehme an, du bestehst weiterhin darauf, deinen Polizisten mitzubringen.«
Seine Stimme klang reserviert. Er ist eifersüchtig, schoss es Merette durch
den Kopf. Er ist beleidigt, dass ich das nicht mit ihm allein durchziehen will.
» Warte« , erwiderte sie. » Da gibt es noch etwas, was du noch nicht weißt.
Wir überlegen gerade, ob vielleicht irgendein Zusammenhang zu der jungen
Frau existiert, die verschwunden ist, du wirst in der Zeitung davon gelesen
haben. Und diese Marie ist die Freundin von meiner Tochter, verstehst du?
Was ich sagen will, ist, dass wir womöglich keine Zeit mehr haben! Wenn du
irgendwas herausgefunden hast, was uns da einen Hinweis geben könnte, dann
hängt vielleicht Maries Leben davon ab!«
Frode zögerte. » Sehe ich nicht« , sagte er dann. » Das geht mir jetzt auch
irgendwie alles zu weit. Morgen im Büro« , wiederholte er. » Vorher kann ich
nicht.«
Er unterbrach die Verbindung, ohne sich zu verabschieden. Merette war sich
jetzt sicher, dass es mit Jan-Ole zusammenhing. Frode hatte eindeutig Angst,
dass er sich längst zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Jetzt wollte er am
liebsten mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun haben. Merette hoffte nur, dass
die Informationen, die er hatte, wirklich warten konnten.
Erst als sie verärgert aufstand, wurde ihr bewusst, dass sie ihm nichts davon
gesagt hatte, dass jetzt ganz offiziell die Polizei eingeschaltet war. Aber sie war
nicht in der Stimmung, sich deshalb noch mal bei ihm zu melden.
Merette winkte Jan-Ole zu, dass sie draußen auf ihn warten würde. Sie hatte
gerade erst ein paar hastige Züge geraucht, als Jan-Ole die Treppenstufen
herunterkam. Während sie ihm von Frodes Anruf berichtete, nahm er ihr die
Zigarette aus den Fingern und inhalierte tief. Nachdenklich blies er einen
Rauchring und starrte ihm hinterher, bis er sich aufgelöst hatte.
» Hoffen wir mal, dass es so ist, wie du denkst, und er nicht wirklich
irgendwas Wichtiges entdeckt hat. Die Fahndung läuft« , erklärte er dann. » Die
Kollegen wissen, was sie tun. Wir können jetzt nichts weiter machen, als
abzuwarten. Aber ich bleibe heute bei dir, auch heute Nacht, ich will nicht, dass
du alleine bist.«
» Aber warum? Das ist nicht nötig. Und ganz ehrlich glaube ich auch nicht,
dass es eine gute Idee ist. Versteh mich nicht falsch, Jan-Ole, aber ich komme
alleine zurecht, und ich brauche niemanden, der auf mich aufpasst.«
Jan-Ole wischte ihren Einwand mit einer Handbewegung beiseite, als hätte er
bereits damit gerechnet gehabt.
» Wir haben keine Ahnung, was dein Patient womöglich noch vorhat. Und
ich erinnere nur daran, dass er dich schon mal überrumpelt hat, als er plötzlich
im Aquarium auftauchte, ebenso gut kann er auch bei dir zu Hause vor der Tür
stehen. Ich weiß, was du denkst« , setzte er hinzu, » aber ich schlafe im
Gästezimmer. Und ich diskutiere das auch nicht weiter, egal, ob es dir passt
oder nicht.«
Merette erinnerte sich nur zu genau, dass es unter anderem solche Sätze
gewesen waren, die schließlich das Ende ihres Zusammenlebens bedeutet hatten.
Sie hasste nichts so sehr, wie einfach übergangen zu werden, und normalerweise
fühlte sie sich sofort provoziert, auf dem Gegenteil zu beharren. Aber der
Ausdruck in Jan-Oles Gesicht ließ sie die Antwort, die sie bereits auf den
Lippen hatte, hinunterschlucken. Sein Blick zeigte deutlich, dass er Angst um
sie hatte.
» Und was ist dann mit Julia?« , fragte sie, während sie Mühe hatte, ihre
erneut aufsteigende Panik zu unterdrücken.
» Ich habe Personenschutz für sie beantragt« , antwortete Jan-Ole. » Ab sofort
wird ein Auto mit zwei Beamten bei ihr vorm Haus stehen. Und sie haben die
Personenbeschreibung von Aksel.«
Er legte ihr behutsam den Arm um die Schultern. » Es kann sein, dass ich
übertreibe, aber ich möchte kein Risiko eingehen.«
» Und … müssen wir das Julia nicht sagen?«
» Warum? Damit sie ebenfalls in Panik gerät? Nein, ich würde vorschlagen,
du telefonierst nachher noch mal mit ihr, und vielleicht überzeugst du sie, dass
sie heute Abend besser zu Hause bleibt.«
» Dann mache ich ihr doch erst recht Angst!« , wandte Merette ein.
» Gut, dann entscheide das, wenn ihr miteinander sprecht. Du wirst ja hören,
wie sie reagiert. Sie scheint mir doch genauso stur zu sein wie du.«
» Aber das ist nicht nur meine Erziehung« , sagte Merette leise und lehnte
ihren Kopf an Jan-Oles Schulter.
» Vorhin hat sie übrigens Papa zu mir gesagt. Es ist ihr nur so rausgerutscht,
und es war ihr im nächsten Moment auch schon peinlich! Aber trotzdem, es war
ein gutes Gefühl.«
Merette strich ihm leicht über den Arm, ohne etwas zu sagen. Aus den
Augenwinkeln sah sie, wie sein Blick flackerte.
Er schluckte heftig und räusperte sich. » Gehen wir.«
Sie drängten sich zwischen den üblichen Touristenströmen hindurch über den
Fischmarkt, als sie auf den Torgalm einbogen, hakte sich Merette bei Jan-Ole
ein. Nach ein paar Metern löste sie sich wieder von ihm und stellte fest: » Es
klappt immer noch nicht. Deine Schritte sind zu lang. Wir kriegen es nicht hin,
eingehakt zu gehen.«
Jan-Ole blieb abrupt stehen. Aber die Erwiderung, die dann kam, bezog sich
nicht auf Merettes Satz. Stattdessen zeigte er auf das Kaufhaus mit der stillosen
Fassade aus den siebziger Jahren, das sich vor ihnen in die Fußgängerzone
hineinschob.
» Es ist doch unglaublich! Das denke ich jedes Mal, wenn ich hier
langkomme. Da haben wir eigentlich eine Blickachse vom Markplatz
schnurgerade hoch bis zur Johanneskirche, und dann machen sie das mit so
einem Drecksbau unwiderruflich kaputt! Aber es ist überall dasselbe. Ich habe
diesen Mist auch in Dänemark gerade wieder gesehen, es ist schlichtweg zum
Kotzen, was Stadtplaner und Politiker sich so erlauben.«
Merette wusste, dass er keine Antwort von ihr erwartete. Er redete vor sich
hin, um nicht daran denken zu müssen, was ihn eigentlich beschäftigte. Und
ihre Feststellung eben, dass ihre Schrittlängen nicht zueinanderpassten, hatte ihn
eindeutig irritiert, obwohl es nicht ihre Absicht gewesen war, irgendwelche
Erinnerungen in ihm zu wecken.
Als sie bei Merette ankamen, fiel ihr auf, dass Jan-Ole wie zufällig die
Wohnungstür und die Fenster kontrollierte. Erst nachdem er sich vergewissert
hatte, dass es keinerlei Spuren irgendeines Einbruchs gab, schien er sich für
einen Moment zu entspannen. Er hängte die Lederjacke über einen Küchenstuhl
und machte sich an der Espressomaschine zu schaffen. Aber dann drehte er sich
unvermittelt um und deutete mit dem Kopf zum Telefon.
» Ruf sie mal an« , sagte er wie nebenbei, ohne verbergen zu können, dass er
nach wie vor nervös war. » Ich hoffe, dass sie inzwischen zu Hause ist.«
Julia nahm schon nach dem ersten Klingeln ab.
Sie wechselten ein paar belanglose Sätze, als wären sie beide bemüht,
zumindest einen Anschein von Normalität aufrechtzuerhalten. Dann fragte Julia:
» Ist Jan-Ole bei dir?«
» Er macht gerade einen Espresso. Obwohl ich nicht weiß, ob ich überhaupt
noch welchen mag. Eigentlich hatte ich heute schon genug Kaffee.«
Julia kicherte.
» Erinnerst du dich, dass er früher seinen Espresso immer erst getrunken hat,
wenn er längst kalt war? Ich fürchte übrigens, dass ich diese dumme
Angewohnheit von ihm übernommen habe. Macht er das eigentlich immer noch
so?«
» Das werde ich ja gleich sehen. Keine Ahnung, aber ich schätze mal, dass er
sich da nicht geändert hat.«
Sie ist erleichtert, dass Jan-Ole bei mir ist, dachte Merette gleichzeitig. Und
sie ist dabei, ihre Distanz ihm gegenüber aufzugeben, wenigstens das ist
vielleicht etwas Positives an der ganzen Situation.
» Von Marie gibt es immer noch nichts Neues?« , wechselte Julia das Thema.
» Nichts, nein. Aber in diesem Zusammenhang muss ich dir noch was
erzählen.«
Sie berichtete Julia in wenigen Sätzen, dass die Polizei mittlerweile nach
Aksel fahndete, weil Jan-Ole mehr oder weniger glaubte, dass er etwas mit
Maries Verschwinden zu tun haben könnte.
» Und Jan-Ole hat auch Sorge, dass dieser Aksel vielleicht plötzlich hier
auftaucht. Deshalb möchte ich dich auch bitten, heute zu Hause zu bleiben. Es
ist vielleicht besser, keiner kann einschätzen, was wirklich los ist.«
» Ist schon okay. Ich wollte sowieso nicht weg. Erik kommt nachher, weil
wir noch ein paar Sachen besprechen müssen.«
Julia fing unvermittelt an, wieder von ihrem Kunstprojekt zu erzählen.
Merette hörte nur mit halbem Ohr zu, irgendetwas in Julias Tonfall machte sie
stutzig, die Begeisterung, mit der Julia redete, schien ihr nicht echt zu sein.
Schließlich unterbrach Merette sie mitten im Satz: » Entschuldige, wenn ich
noch mal auf das zurückkomme. Hast du eigentlich irgendetwas von deinem
Mikke gehört?«
Die Antwort kam ohne Zögern. » Nein, aber das ist auch okay so. Es ist
vorbei. Er interessiert mich nicht mehr.«
Im gleichen Moment war Merette sich absolut sicher, dass ihre Tochter sie
gerade angelogen hatte. Die Antwort war zu schnell gekommen, als wäre Julia
auf die Frage vorbereitet gewesen. Und vor allem hatte jede Empörung darüber
gefehlt, dass Merette sich in ihr Privatleben einmischte!
Aber sie hatte keine Ahnung, wie sie darauf reagieren sollte. Sie bat Julia
noch einmal, auf sich aufzupassen.
» Das gilt auch für dich, oder?« , erwiderte Julia. » Komm, Mama, mach dir
keine Gedanken um mich. Alles wird gut.«
Merettes spontanen Vorschlag, ob sie vielleicht zusammen essen wollten,
lehnte Julia mit einem leichten Stöhnen ab.
» Sag mal, du hörst ja gar nicht mehr zu! Ich habe doch gesagt, dass Erik
nachher kommt!«
» Sorry, sei mir nicht böse« , sagte Merette leise.
» Bin ich nicht. Grüß Jan-Ole von mir.«
Nachdem sie das Gespräch beendet hatten, blickte Jan-Ole sie fragend an.
Merette zuckte mit den Schultern.
» Ich weiß nicht, ich habe kein gutes Gefühl, irgendwie ist das doch alles …«
Er trat einen Schritt auf sie zu und nahm sie in die Arme. Sie ließ es
bereitwillig geschehen und wehrte auch dann seine Hand nicht ab, als er sie wie
zufällig erst über ihren Rücken und dann über ihren Hintern gleiten ließ.
» Ich habe Hunger« , brummte Jan-Ole dicht an ihrem Ohr.
Es klang zweideutig, dachte Merette, war sich aber nicht sicher, ob es
wirklich so gemeint war. Vielleicht war es auch ihre eigene Phantasie, die sie
unwillkürlich schneller atmen ließ. Gleich darauf war der kurze Moment auch
schon vorüber. Jan-Ole schob sie fast brüsk zurück und ging zum Kühlschrank.
Er nahm eine Pizza aus dem Tiefkühlfach.
» ›Tradizionale‹« , las er von der Packung ab, » Salami, Pilze, Käse, ist das
okay für dich?«
» Mir reicht auch ein Brot und ein bisschen Käse.«
» Du musst essen« , erwiderte Jan-Ole, während er die Plastikfolie entfernte
und die Pizza in die Mikrowelle schob. » In Dänemark war ich übrigens in einer
Pizzeria, da hatten sie als Spezialität Pizza mit Pferdefleisch.«
» Und?« , frage Merette, ohne dass es sie wirklich interessiert hätte.
» Keine Ahnung« , grinste Jan-Ole und wirkte für einen Augenblick wie ein
kleiner Junge, » ich hab lieber was anderes bestellt.«
» Hätte ich wahrscheinlich auch gemacht« , meinte Merette. Sie drehte sich zur
Tür. » Ich geh mal schnell ins Badezimmer und mach mich ein bisschen frisch.«
Als sie zurückkam, hatte Jan-Ole die Pizza in schmale Dreiecke geschnitten
und zusätzlich eine kleine Käseplatte für sie hergerichtet. Außerdem standen
zwei Flaschen Bier auf dem Tisch, beide bereits geöffnet und so kalt, dass das
Schwitzwasser am Glas herunterperlte.
Während sie aßen, redeten sie kaum mehr als ein paar belanglose Sätze
miteinander, dann holte sich Jan-Ole eine Flasche Mineralwasser aus dem
Kasten unter der Spüle.
Sie einigten sich darauf, noch einen Moment vorm Fernseher zu sitzen, Jan-
Ole nahm wie selbstverständlich den Sessel, Merette machte es sich mit einer
Decke auf dem Sofa bequem. Als Jan-Ole sich vorbeugte und nach der Tüte mit
den Erdnüssen auf dem Couchtisch griff, sah Merette die Waffe, die er hinten im
Hosenbund stecken hatte. Sie sagte nichts, sondern versuchte, sich auf den Film
zu konzentrieren.
Jan-Ole gähnte mehrmals hinter vorgehaltener Hand, aus den Augenwinkeln
sah Merette, wie er sich verstohlen die Schläfen massierte. Ein dumpfes
Geräusch vom Fenster her ließ sie zusammenzucken. In einer einzigen fließenden
Bewegung kam Jan-Ole aus dem Sessel hoch und griff nach seiner Waffe. Mit
der freien Hand deutete er ihr an, sich nicht vom Platz zu rühren, während er
sich an der Wand entlang zum Fenster schob.
Merette spürte, wie ihr das Adrenalin durch den Körper schoss. Sie reagierte,
ohne nachzudenken, und drückte den Daumen auf die rote Taste der
Fernbedienung. Das Fernsehbild erlosch, die Stille war fast unheimlich.
Der Raum lag jetzt in einem diffusen Licht, das sich kaum von der
Dämmerung draußen unterschied. Jan-Ole duckte sich mit einem schnellen
Schritt unter dem Fenster hindurch. Als er sich aufrichtete, hörte Merette
deutlich das kurze Klacken, mit dem er die Waffe entsicherte. Gleich darauf
schoss ein Schatten vor der Scheibe vorbei, ein Vogel, der laut zwitschernd
davonflog. Jan-Ole stieß die Luft aus. Er deutete mit der Waffe auf einen
handtellergroßen Fleck auf dem Fensterglas: » Ein Vogel ist gegen die Scheibe
geflogen, das war es. Aber bleib, wo du bist, ich will lieber noch mal raus und
nachsehen.«
Von der Küche führten ein paar Stufen auf die winzige Terrasse hinunter, die
sich Merette vor einiger Zeit im Hof angelegt hatte. Eigentlich nur ein paar grob
zusammengefügte Steinplatten, auf denen dicht nebeneinander ihre Töpfe mit
den Gewürzpflanzen standen, Zitronenmelisse, Rosmarin, Thymian, auch ein
Salbeibusch, den sie wundersamerweise über den letzten Winter gerettet hatte
und der es ihr üppig wuchernd dankte.
Sie hörte, wie Jan-Ole die Tür öffnete und hinter sich leise wieder ins Schloss
zog. Dann hielt sie es nicht mehr aus und trat ans Fenster. Jan-Ole stand direkt
unter ihr, die Waffe vorschriftsmäßig mit beiden Händen vorgestreckt, bis er sich
sicher war, dass sich niemand sonst auf dem Hof befand. Er schob die Waffe
zurück in den Hosenbund, ging dann aber doch noch mal die Hauswand ab, als
würde er nach irgendwelchen Spuren suchen.
» Wahrscheinlich nur eine Katze, die den Vogel aufgeschreckt hat« , erklärte
er, als er wieder in die Küche trat. » Tut mir leid, wenn ich überreagiert habe.
Ich wollte dir keine Angst machen.«
» Du warst schnell« , stellte Merette nur fest, um gleich darauf hinzuzusetzen:
» Kannst du mir eigentlich mal sagen, was das jetzt ist mit dir und der Polizei?
Ich meine, du beantragst einfach eben mal so Personenschutz für Julia, du trägst
immer noch eine Waffe, und überhaupt, du benimmst dich, als ob du nach wie
vor dazugehören würdest! Ich bin doch nicht völlig naiv, Jan-Ole, das passt
doch alles nicht …«
Jan-Ole fuhr sich mit einer resignierten Geste übers Gesicht, bevor er
antwortete. » Warum fragst du mich? Du ahnst es doch längst.«
» Wie? Was soll ich wissen?«
» Ich kann dir das nicht erklären, also bitte, setz mich nicht unter Druck.«
» Aber deine Arbeit als Künstler! Ich dachte, du …«
» Ist nur ein Teil meines Lebens. Lass es dabei, bitte. Je weniger du weißt,
umso besser für dich. – Aber das ändert auch nichts an der Situation, solange
wir diesen Aksel nicht haben, müssen wir mit allem rechnen. Ich verzieh mich
jetzt ins Gästezimmer. Und bei der geringsten Kleinigkeit, die dir komisch
vorkommt …« Er ließ den Satz offen und strich ihr nur leicht über den Arm.
» Ich bin da, Merette. Wir kriegen das hin. Lass uns versuchen, ein bisschen zu
schlafen, okay?«
» Dein Bett ist gemacht. Und ich habe dir ein Handtuch ins Bad gelegt, und
eine neue Zahnbürste.«
Merette blieb in der Küche stehen, bis sie das Wasser rauschen hörte. Dann
griff sie nach ihrem Handy.
Julias Stimme klang verschlafen. » Ja?«
» Ich wollte nur noch mal …«
» Mama, du nervst gerade mal wieder ein bisschen! Es ist alles okay, mach
dir keine Sorgen. Und ich bin auch nicht alleine. Erik hat ein paar
Kommilitonen mitgebracht, und wir reden über die Eröffnung. Es tut mir ganz
gut, mal nicht die ganze Zeit an Marie denken zu müssen.«
Zum zweiten Mal an diesem Tag hatte Merette das Gefühl, dass Julia
glattweg log. Sie war alleine, sonst hätte Merette zumindest irgendwelche
Stimmen hören müssen. Oder Julia hatte nicht Erik und irgendwelche anderen
Kunststudenten zu Besuch, sondern …
Nur mit Mühe schaffte es Merette, den Gedanken zu unterdrücken, der sie
augenblicklich wieder panisch werden ließ.
Später lag sie in ihrem Bett und hörte, wie Jan-Ole im Nebenzimmer
telefonierte. Er sprach bewusst leise, um sie nicht zu wecken, aber aus den
wenigen Bruchstücken, die sie verstand, konnte sie sich zusammenreimen, dass
er mit den Personenschützern vor Julias Haus redete und ihnen nochmals genaue
Instruktionen gab. Dennoch spürte sie deutlich, dass Jan-Oles Umsicht sie nicht
wirklich zu beruhigen vermochte.
Schlaflos wälzte Merette sich hin und her, ihre Gedanken sprangen von der
offensichtlichen Tatsache, dass Jan-Ole immer noch in direktem Zusammenhang
mit der Polizei stand, zu Marie, zu Julia, zu Aksel, der vielleicht irgendwo da
draußen lauerte und dessen mögliche Reaktionen weniger einschätzbar waren als
je zuvor.
Irgendwann musste sie dann doch weggedämmert sein. Als eine Amsel auf
dem Fensterbrett lautstark zu zwitschern begann, fuhr Merette hoch und tastete
automatisch nach dem Wecker. Ein Blick auf das Ziffernblatt zeigte ihr, dass es
bereits kurz vor sechs war, deutlich hörte sie jetzt auch die Müllabfuhr vor dem
Haus.
Sie nahm ihre Decke und ihr Kopfkissen und schlich auf bloßen Füßen ins
Gästezimmer hinüber. Sie brauchte ganz einfach nur Jan-Oles Nähe und hoffte
inständig, dass er es akzeptieren würde, ohne irgendwelche Konsequenzen daraus
abzuleiten.
» Nur kuscheln« , flüsterte sie und legte sich seinen Arm zurecht, bis ihr Kopf
bequem auf seiner Schulter lag. Seine Haare rochen immer noch leicht nach
Terpentin, der Geruch war ihr gestern schon aufgefallen. Jan-Ole öffnete kaum
die Augen, schien aber dennoch hellwach zu sein.
Eine Weile lagen sie einfach nur so nebeneinander und spürten die Wärme des
anderen. Als Jan-Ole zu reden anfing, klang seine Stimme tief und brummend,
als käme sie weit unten aus seinem Bauch.
» Jetzt sag bloß nicht, du hast es nicht vermisst, manchmal wenigstens …«
» Soll ich ehrlich sein?« , fragte Merette, ohne sich zu rühren.
» Ich bitte darum.«
Sie kicherte unwillkürlich, bevor sie ganz ernsthaft antwortete: » Ja und nein.
Es ist … irre, was im Kopf alles passiert, sobald man mit dem Sex aufhört. Ein
bisschen wie beim Fasten vielleicht. Irgendwann hatte ich Phantasien, die so
sinnlich waren, wie ich es mir nie hätte vorstellen können.«
» Ich frage jetzt besser nicht, was das genau bedeutet.«
» Ich würde es dir auch nicht erzählen.«
» Aber ich verstehe das richtig, dass ich noch nicht mal im Traum daran zu
denken brauche, diese … Phantasien jemals einholen zu können?«
Merette kicherte wieder. » Ich fürchte, das stimmt. Du nicht und auch kein
anderer. Das ist so. Aber das ist auch nicht schlimm« , setzte sie hinzu, während
sie sich über ihn beugte und sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht schob. » Es
gibt ja zum Glück noch ein paar andere Dinge, die mir auch Spaß machen. Und
da kannst du sehr wohl etwas tun …«
Sie tastete sich mit der Hand unter seine Decke und ließ sie langsam über
seine Brust wandern. Als sie ihre Fingerspitze um seine Brustwarze kreisen ließ,
hielt er ihre Hand fest.
Seine Augen hatten diesen grünlichen Schimmer, der Merette wieder an die
Farbe eines Gletschersees hoch oben auf dem Folgefonn erinnerte, zu dem sie
hinaufgewandert waren, als sie sich gerade erst ein paar Wochen kannten.
Merette war bereits schwanger gewesen, und Jan-Ole hatte ihr und » unserem
Kind« begeistert die einsame Schönheit des Gletschers präsentiert – so stolz, als
hätte er selbst diese Bergwelt erschaffen.
Jetzt griff er mit beiden Händen nach ihrem Gesicht und drehte ihren Kopf ins
Licht.
» Du weißt, dass dir Julia wie aus dem Gesicht geschnitten ist?« , flüsterte er.
» Ich habe es gerade gestern Mittag erst wieder gedacht. Jetzt, wo sie älter ist,
wird es immer deutlicher, ihr seht euch zum Verwechseln ähnlich, die hohen
Wangenknochen, der Mund, sie hat sogar die gleiche Art, die Nase
krauszuziehen, wenn sie lacht …«
Mit einem Ruck setzte sich Merette aufrecht hin. Die Bettdecke rutschte von
ihren Schultern, sie keuchte fast, als sie Jan-Ole aufforderte: » Sag das noch
mal.«
» Was?« , fragte Jan-Ole irritiert. » Ich habe doch nur …«
» Du behauptest, man könnte uns glatt verwechseln? Wenn das Licht
vielleicht nicht gut ist …«
» He, natürlich sieht man einen Unterschied! Dein Gesicht ist spannender,
man sieht, dass du … etwas erlebt hast, bei Julia ist das alles noch irgendwie
unfertig. Aber was ist los? Was hast du plötzlich?«
» Es geht nicht um Julia und mich! Es ist auch nur so ein Gedanke, ich bin
neulich schon mal darüber gestolpert, aber ich habe das nicht zu Ende gedacht.
Da gibt es doch dieses Foto von Marie in der Zeitung, zu der Meldung, dass sie
vermisst wird, und als ich das Bild gesehen habe, dachte ich im ersten Moment
wirklich, dass es gar nicht Marie ist, sondern Julia!«
Langsam richtete sich Jan-Ole auf. Sein Blick war so konzentriert, dass
Merette sich nervös auf die Unterlippe biss.
» Vielleicht spinne ich ja auch« , brachte sie leise an. » Es ist nur …«
Er legte ihr die Hand auf den Mund und schüttelte den Kopf.
» Warte. Du willst sagen, es ist vielleicht möglich, dass Aksel das Gleiche
passiert ist. Er hat Julia aufgelauert, und dann kam aber nicht Julia, sondern
Marie. Er kannte Marie gar nicht, aber er hat sie auch nicht richtig gesehen …«
» Das Licht im Treppenhaus ist nicht gut, das Fenster ist eine halbe Treppe
tiefer und …«
» Und er hält sie zwangsläufig für Julia und – bingo! Er schlägt sie nieder, er
betäubt sie, er schleppt sie aus dem Haus und bringt sie zu irgendeinem
Versteck, das er sich vorher ausgesucht hat. Und er glaubt die ganze Zeit, dass
es Julia ist! Es ging nie um Marie, das war nur ein Zufall, den er nicht
vorhersehen konnte.«
» Meinst du wirklich?«
» Ich bin mir sicher.« Jan-Ole schlug die Decke zurück und stand auf.
Während er sich anzog, redete er weiter, als wäre er bereits in irgendeinem
Besprechungszimmer und würde die Kollegen über die neuesten
Zusammenhänge informieren. » Gut, es kann nicht allzu lange gedauert haben,
bis er den Fehler bemerkt hat. Er hat also die Falsche erwischt! Was tut er jetzt?
Was macht ein Typ wie er in diesem Fall? Na los, Merette, ich brauche deine
Einschätzung als Psychologin!«
» Er ist ein Narzisst. Er hat ein übersteigertes Selbstwertgefühl, ihm passieren
keine Fehler.«
» Er ist also …«
» Verstört, dann wütend. Dann wird er es als Herausforderung ansehen, die
Situation trotz allem wieder in den Griff zu kriegen. Er muss die Kontrolle
zurückbekommen, die er verloren hat.«
» Logisch. Aber was heißt das konkret? Beseitigt er Marie, um noch mal von
vorne anfangen zu können, oder …«
Merette schüttelte den Kopf. » Das käme in seinem Denken einer Kapitulation
gleich.«
» Und er kapituliert nicht. Er überlegt sich eher, Marie zumindest so lange am
Leben zu lassen, bis er auch Julia hat. Macht das Sinn?«
» Ich glaube schon. Er braucht Julia. Sie ist sein Druckmittel mir gegenüber,
und es ist nach wie vor sein Ziel, mich kleinzukriegen, stellvertretend für alle
anderen Psychologen. Marie nützt ihm da nichts, das reicht nicht, um mich
persönlich zu treffen.« Merette stöhnte auf. » Aber ich weiß es nicht wirklich,
Jan-Ole, ich spekuliere nur.«
Jan-Ole bückte sich zu seinen Turnschuhen, hielt dann aber mitten in der
Bewegung inne.
» Würde er Julias Entführung wirklich hinauszögern, nachdem er seinen
Fehler bemerkt hat? Hätte er nicht eher sofort reagiert und …«
» Nein. Er ist durcheinander, er will nicht noch mal einen Fehler machen. Er
braucht einen Moment, bis er sich einen neuen Plan zurechtgelegt hat.«
» Und er hat keine Sorge, dass du vielleicht die Polizei einschaltest?«
» Das gehört zu seinem Spiel. Das Risiko macht ihn nur noch mehr an, er
muss auf alles gefasst sein, gleichzeitig ist er absolut davon überzeugt, dass er
ohnehin allen überlegen ist!« Merette wickelte sich in die Bettdecke und stand
auf. Während sie ans Fenster trat, redete sie leise weiter, fast so, als würde sie
ihre Gedanken nur für sich formulieren. » Es sei denn, es passiert etwas, was ihn
ernsthaft daran hindert, seinen Plan weiterzuverfolgen.«
» Er wird krank« , sagte Jan-Ole in ihrem Rücken. » Er hat einen Unfall. Die
Sache mit dem Fuß, von der du erzählt hast. Er ist in die Enge getrieben, wie
ein Tier in der Falle. Er ist nicht mehr der Jäger, sondern wird selber gejagt.
Die Idee mit Julia kann er sich abschminken. Aber er hat immer noch Marie!«
» Und wenn nichts anderes mehr geht, wird er sich nur noch darauf
konzentrieren. Das ist seine letzte Möglichkeit, um wenigstens noch ein kleines
Erfolgserlebnis für sich dabei rauszuholen.«
Merette merkte, wie Jan-Ole hinter sie trat. Behutsam legte er ihr die Hände
auf die Schultern.
» Geh duschen und zieh dich an. Ich mache solange Frühstück und telefoniere
mit den Kollegen. Sie sollen noch mal ganz von vorn beginnen. Marie muss
eine Tasche dabeigehabt haben. Wieso hat die Nachbarin nichts von einer
Tasche gesagt? Wo ist diese Tasche jetzt? Und viel wichtiger noch: Sie müssen
Aksels Wohnung auf den Kopf stellen! Alle Ärzte in der Umgebung
durchtelefonieren, auch die Zulassungsstelle für Kraftfahrzeuge oder die
Autoverleihfirmen, er muss ein Fahrzeug gehabt haben, um Marie
wegzuschaffen. Irgendeine Spur muss es geben! Und wir treffen uns mit dem
Betreuer, vielleicht hat er wirklich etwas, was uns weiterbringt. Und Merette
…«
Er drehte sie zu sich um.
» Ja?«
» Wir holen das nach, ja? Alles wird gut. Wenn wir …«
Merette strich ihm sanft mit der offenen Hand über die Wange. Seine
Bartstoppeln kratzten. » Pssst! Ich bin froh, dass du da bist. Danke!«
Eine knappe Stunde später waren sie bei Frode im Büro. Schon nach der
kühlen Begrüßung war klar, dass Merette mit ihrem Verdacht richtiggelegen
hatte. Frode war beleidigt, er sah Jan-Ole als Konkurrenten und war eifersüchtig
auf ihn. Und er reagierte, indem er Merette nahezu völlig außen vor ließ und
sich Jan-Ole gegenüber als derjenige aufspielte, der noch eine Trumpfkarte im
Ärmel hatte, die Jan-Oles Fähigkeiten weit in den Schatten rücken sollten.
Jan-Ole schien das Gehabe des Betreuers allerdings völlig kaltzulassen.
Merette war sich fast sicher, dass er gar nicht erst auf die Idee kam, mit dem
anderen konkurrieren zu müssen.
» Also, mal eben als kleine Einstimmung« , setzte Frode an, » ich hab mir die
Akte noch mal vorgenommen, wir kopieren ja immer alles schön, bevor wir
irgendwas aus der Hand geben. Jedenfalls gibt es da einen Zeitraum zwischen …
Moment« , er warf einen kurzen Blick auf den Spiralblock vor sich, der mit
Notizen übersät war. » Hier hab ich’s. Vom 15. August letzten Jahres bis zum
1. Oktober! Da haben wir eine Lücke, die nicht geklärt ist. Vorher war er im
Sundfjord in dieser Einrichtung da, ab Oktober dann hier in Bergen. Für die
Zeit dazwischen gibt es keine Angaben.«
Merette hatte das Gefühl, dass ihnen gerade irgendetwas völlig aus dem Ruder
lief. Im letzten August waren Julia und Marie in Frankreich gewesen! Und
gestern noch hatte Jan-Ole nach einer möglichen Verbindung zu Aksel gesucht,
aber die Theorie dann wieder verworfen – und jetzt schien es plötzlich doch
einen Zusammenhang geben zu können. Vielleicht war Aksel tatsächlich in
Frankreich gewesen. Und danach dann in Oslo …
Sie sah, wie Jan-Ole ins Leere starrte.
Frode räusperte sich, als wollte er darauf aufmerksam machen, dass er auf eine
Antwort wartete.
Jan-Ole streifte Merette mit einem schnellen Blick, den sie nicht deuten
konnte, bevor er fast schon unwirsch sagte: » Das interessiert uns im Moment
nicht. Weiter, was hast du sonst noch?«
» Ich dachte ja nur« , brummte Frode. » Hätte ja sein können. Aber wenn du
damit nichts anfangen kannst …«
Er zuckte mit der Schulter.
» Was hast du noch?« , wiederholte Jan-Ole.
Merette hatte den Eindruck, dass ihm die Information über die kurze zeitliche
Lücke in Aksels Biografie tatsächlich bereits nicht mehr interessierte. Sein
Gehirn war offensichtlich durch die lange Arbeit als Ermittler darauf
programmiert, nach Zusammenhängen zu suchen und sie auf ihre Schlüssigkeit
hin abzuklopfen. Die Theorie, dass Aksel womöglich Marie schon vorher
gekannt hatte, war nicht haltbar gewesen, damit war auch jede weitere
Information, die in diese Richtung deutete, nichts als ein Unsicherheitsfaktor,
der die Gefahr barg, sich erneut zu verzetteln. Jan-Ole hatte seine Prioritäten
gesetzt und würde für den Moment auch nicht mehr von seiner neuen
Arbeitshypothese abweichen. Sie bewunderte ihn im Stillen dafür, dass er dazu
in der Lage war.
Frode blätterte eine Seite in seinem Block um.
» Das Alter der Mädchen« , sagte er. » Da gibt es etwas, was bisher noch
niemandem aufgefallen zu sein scheint.«
» Könntest du es bitte nicht ganz so spannend machen?« , fragte Jan-Ole leise,
während er das Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte und kurz
davor schien, selber nach Frodes Block zu greifen.
» Als Erstes haben wir da seine Stiefschwester, die ertrunken ist« , referierte
Frode ungerührt. » Zum Zeitpunkt des Unfalls war sie zwölf Jahre alt. So, und
dann haben wir ein Mädchen, das ebenfalls ertrunken ist, genau ein Jahr später,
und zwar im Sundfjord, wo Aksel mittlerweile im Heim gelandet ist. Alter:
dreizehn Jahre. Nach weiteren fünf Jahren gibt es da oben einen erneuten
Unglücksfall mit einem Mädchen, das Mädchen ist achtzehn Jahre alt.« Er
blickte hoch. » Könnt ihr mir so weit folgen?« Er wartete, bis Jan-Ole und
Merette nickten. » Gut, dann passiert erst mal nichts, jedenfalls nichts, was hier
irgendwo vermerkt wäre. Aksel macht eine Lehre als Koch, Aksel schließt seine
Ausbildung ab, Aksel verschwindet kurz, aber das interessiert euch ja nicht,
Aksel nimmt eine Stelle auf Bryggen an. Als ihn die Bedienung aus der Kneipe
da anschwärzt, dass er sie bei einem kleinen Ausflug mit dem Ruderboot
umbringen wollte, sind mittlerweile sechs Jahre vergangen, die Bedienung ist
vierundzwanzig Jahre alt. Also, Leute, zumindest rein rechnerisch …«
» Julia ist ebenfalls vierundzwanzig« , unterbrach ihn Jan-Ole und blickte zu
Merette. » Ergibt das einen Sinn?«
Merette fühlte sich, als würde sie außerhalb von sich stehen und sich selbst
beobachten können. Sie spürte, wie ihr Herz raste, aber sie hatte keine Mühe,
ihre Schlussfolgerungen klar und präzise zu formulieren.
» Er wiederholt den Unfall von damals, immer wieder und wieder. Warum die
Abstände dazwischen unterschiedlich lang sind, weiß ich nicht. Vielleicht gibt
es bestimmte Situationen, die seine Handlung auslösen und die ursprünglich
nicht von ihm geplant sind. Aber er folgt dennoch einem Muster: Seine Opfer
sind immer genauso alt, wie die Stiefschwester wäre, wenn sie noch leben
würde. – Aber für Marie stimmt das nicht« , setzte sie dann hinzu. » Marie ist
ein Jahr älter als Julia, sie muss schon fünfundzwanzig sein …«
» Du vergisst, dass es ihm nicht um Marie ging« , warf Jan-Ole ein. Er hieb
sich mit der Faust in die offene Hand. » Und bingo! Da haben wir den
Hintergrund, nach dem wir gesucht haben. Und damit dürfte auch klar sein, dass
das Geständnis, dass er dir geliefert hat, verdammt wahr gewesen ist, aus
welcher Motivation heraus auch immer er sich dazu entschlossen hat.«
» Der Mitteilungsdruck« , sagte Merette. » Das passt zu seinem übersteigerten
Narzissmus. Er will wichtig erscheinen! Und die Macht, die er gleichzeitig über
mich bekommen hat, indem er mich in einen Gewissenskonflikt bringt.«
» Wie auch immer« , wiederholte Jan-Ole. » Gute Arbeit, Frode.«
Zum ersten Mal blickte Frode jetzt direkt zu Merette.
» Ihr habt da eben von einer Julia geredet, das ist deine Tochter, oder? Und
Marie ist diese junge Frau aus Oslo, die vermisst wird, du hast mich gestern
darauf angesprochen, ich weiß, aber ich dachte wirklich nicht, dass … Sorry,
Leute, ich glaube, ich habe echt Mist gebaut!«
Frodes Blick irrte hilflos zwischen Merette und Jan-Ole hin und her. Im
nächsten Moment klingelte Jan-Oles Handy.
Noch während er das Gespräch annahm, wusste Merette, dass etwas passiert
war.
Sie war fast irritiert, als Jan-Ole zunächst » sehr gut« sagte und dann das
Handy kurz gegen seine Jacke hielt, um Merette zu informieren. » Die Kollegen
haben Maries Tasche gefunden. In der Putzkammer auf dem Treppenabsatz vor
Julias Wohnung.«
Jan-Ole nahm das Handy wieder ans Ohr. Gleich darauf wich alles Blut aus
seinem Gesicht.
» Was? Wieso? Aber das ist unmöglich! Ihr wart doch die ganze Zeit vor der
Tür! Da konnte niemand rein oder raus, ohne dass ihr … Ja, verstehe. Ja, gebt
eine Suchmeldung raus, aber schnell! Ich bin in zehn Minuten da, ich will
selber mit euch reden.«
Noch während Jan-Ole telefonierte, war Merette aufgesprungen. Jetzt griff sie
nach seinem Arm. Ihr Atem ging keuchend, als sie fast schrie: » Was ist los? Ist
irgendwas mit Julia?«
» Die Kollegen, die zu Julias Schutz abgestellt waren, sind zu ihr hoch ins
Treppenhaus, um nach Maries Tasche zu suchen. Aber dann kam es ihnen
komisch vor, dass sich Julia nicht gerührt hat, obwohl sie genug Lärm gemacht
haben, direkt vor ihrer Wohnung. Also haben sie geklingelt. Und sich dann
gewaltsam Zutritt verschafft, als Julia immer noch nicht reagiert hat. Sie ist
weg! Nichts, keine Spur von ihr! – Ruf sie an, ich hab ihre Nummer nicht.«
Merettes Hände zitterten so sehr, dass sie kaum in der Lage war, Julias
Nummer aufzurufen.
Julias Handy war ausgeschaltet.
X
Er hatte im ersten Moment keine Ahnung gehabt, wer der Typ vor der
Hütte war. Einer von den Dauercampern, die ihre Wohnwagen unten am
Kiesstrand stehen hatten, so viel war dann immerhin klar geworden. Ein
Angler, der seine Tage im Ruderboot zwischen den Schären verbrachte und
auf den ganz dicken Fisch wartete, mit dem er sich dann für irgendein
bescheuertes Magazin fotografieren lassen konnte. Und jetzt spielte er sich
als der besorgte Kumpel auf, der angeblich nur wissen wollte, ob alles in
Ordnung war.
»Ich hab dich zufällig beobachtet, wie du zum Toilettenhaus gehinkt bist.
Sah nicht gut aus. Aber wenn es ein Problem gibt, sollst du wissen, dass
wir hier alle füreinander da sind. Also wenn du Hilfe brauchst, kannst du
jederzeit kommen. Ich kann dich auch zum Arzt fahren oder für dich
einkaufen, wenn du etwas brauchst.«
»Ist nett, danke, aber es geht schon. Eine blöde Schnittwunde, sonst
nichts. Eigene Schuld, hab eine Flasche fallen lassen und bin in die
Scherben gelatscht. War aber schon beim Arzt, ist alles unter Kontrolle.
Und ich wollte gerade selber zum Einkaufen, tut mir vielleicht ganz gut, ein
bisschen frische Luft zu kriegen. Aber trotzdem danke für das Angebot,
wenn es wieder schlimmer werden sollte, komme ich darauf zurück.«
Er hatte alle Mühe gehabt, den Typen abzuwimmeln, ohne dabei allzu
unfreundlich zu wirken. Allerdings war er sich fast sicher, dass der
Angelfreund ihm nicht glaubte. Kein Wunder, er musste aussehen, als
würde er sich kaum aufrecht halten können! Und natürlich hatte der
verdammte Spießer lange genug in der Tür gestanden, um das Chaos in der
Hütte zu registrieren. Die achtlos auf den Boden geworfenen Klamotten, die
leeren Konservendosen, das vollgeblutete Verbandsmaterial. Wahrscheinlich
roch es auch entsprechend, er wusste nicht mehr, wie lange er schon nicht
mehr gelüftet hatte.
Aber wenigstens hatte der Typ ihn gezwungen, sich aus seiner Lethargie
hochzurappeln. Er musste unter allen Umständen den Eindruck erwecken,
dass alles im grünen Bereich war. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen
konnte, war ein selbsternannter Campingplatz-Wächter, der irgendeinen
Verdacht schöpfte.
Mit zusammengebissenen Zähnen quälte er sich in seine Sachen und
warf eine Handvoll Pillen ein. Das taube Gefühl, das sich wenig später in
seinem Körper ausbreitete, war noch nicht mal unangenehm. Nach einer
Weile schaffte er es sogar, den verletzten Fuß aufzusetzen, ohne vor
Schmerzen zusammenzuzucken.
Er startete das Moped und drehte mit voller Absicht noch eine Runde
über den Campingplatz, runter zum Kiesstrand, wo prompt die
Anglerfreunde versammelt waren und wahrscheinlich gerade noch über ihn
geredet hatten.
Er stoppte direkt neben ihnen und erklärte über das Knattern des Motors
hinweg: »Ich wollte nur noch mal schnell danke sagen, dass ihr eure Hilfe
angeboten habt, aber es ist alles bestens. Ich mach mal eben einen kleinen
Ausflug in die Stadt, muss noch mal in die Bibliothek, ein paar Bücher
besorgen. Hab nächste Woche einen Abgabetermin in der Uni, wird Zeit,
dass ich meine Arbeit fertig kriege. Also, haut rein, Leute, vielleicht komme
ich später noch mal vorbei, um zu sehen, wer von euch den dicksten
Burschen am Haken hat.«
Die Idee mit der Uni war ihm spontan eingefallen, aber er fand die
Erklärung überzeugend – ein Student, der sich eine Hütte gemietet hatte,
um in Ruhe seine Examensarbeit zu schreiben. Die Anglerfreunde sahen
das offensichtlich ähnlich, und vor allem schien er den richtigen Tonfall
getroffen zu haben, jedenfalls grinsten sie zustimmend und luden ihn sogar
für den Abend noch auf ein Bier ein: »Falls dir die Luft zu trocken wird
und du mal eine Pause brauchst.«
Er hielt den Daumen hoch und ließ sie in einer Qualmwolke zurück.
Ganz sicher würde er kein Bier mit ihnen trinken und sich ihre
Anglergeschichten anhören. Und falls er überhaupt noch mal
wiederkommen würde, wäre er derjenige, der etwas zu erzählen hätte.
Etwas, woran sie noch lange denken würden und was ihnen unter
Garantie den Appetit auf frisch gefangenen Fisch für immer verderben
würde.
Auf der Landstraße hatte er Schwierigkeiten, nicht von der Fahrbahn
abzukommen, sein Kopf war wie in Watte gehüllt, das Blut rauschte in
seinen Ohren, aber trotz allem fühlte er sich nicht schlecht dabei. Zum
ersten Mal seit Tagen hatte er wieder genug Energie, um endlich zu tun,
was er schon viel zu lange aufgeschoben hatte.
Der Himmel war wolkenverhangen. Als er auf die Straße nach Telavåg
abbog, konnte er deutlich den Regenschleier weit draußen über dem Meer
erkennen. Mehrmals hintereinander sah er im Augenwinkel helle
Lichtblitze aufzucken. Als er kurz den Kopf zur Seite drehte, wurde ihm
schwindlig. Im letzten Moment konnte er den Lenker herumreißen und das
Moped wieder von der Grasnarbe zurück auf den brüchigen Teerbelag der
Straße zwingen. Er war sich nicht sicher, ob er sich die Lichtblitze nur
eingebildet hatte oder ob es tatsächlich ein Gewitter geben würde.
Als er kurz vor der Kirche den Pastor am Straßenrand stehen sah,
machte er automatisch einen Schlenker, der ihn fast wieder zum Stürzen
gebracht hätte. Er erinnerte sich daran, den Pastor auf der Trauerfeier am
Meer gesehen zu haben, und verspürte unwillkürlich den gleichen Reflex
wie beim letzten Mal, sich zu ducken und in Deckung zu gehen.
An der Zufahrt zu dem verwilderten Grundstück hielt er an und stieg ab.
Er musste einen Moment warten, bis der erneute Schwindelanfall vorüber
war und er sicher genug auf den Beinen stand, um das Moped in das
Gebüsch zu schieben, das er bereits bei seinen letzten Besuchen als Versteck
benutzt hatte. Ein spitzer Dorn riss ihm den Handrücken auf, aber er
spürte keinen Schmerz. Er leckte sich den Blutfaden von der Haut und
blickte sich um.
Die Halbinsel lag wie immer verlassen vor ihm, es gab auch keinerlei
Anzeichen, dass in der Zwischenzeit irgendjemand hier gewesen war.
Trotzdem zuckte er unwillkürlich zusammen, als ein Fuchs direkt vor ihm
über die Fahrspuren schnürte.
Eine einsame Möwe ließ sich hoch über ihm mit ausgebreiteten
Schwingen vor dem Wind treiben und begleitete ihn auf seinem Weg bis zur
Hütte. Die Möwe irritierte ihn. Er fühlte sich von ihr beobachtet. Als sie
plötzlich kreischte, hatte er das Gefühl, dass sie sich über ihn lustig
machen würde!
Als Junge hatte er einmal eine verletzte Möwe unten am Ufer gefunden.
Sein Adoptivvater hatte ihn gezwungen zuzusehen, wie er den hilflosen
Vogel mit einer Holzlatte erschlug und ins Wasser warf.
»Das nächste Mal weißt du, was ein richtiger Mann tun muss«, hatte er
erklärt. »Und jetzt hör endlich auf zu heulen.«
Als der Adoptivvater dann zum Einkaufen ins Dorf gefahren war, hatte
er den Kadaver aus dem Wasser gefischt und quer über die Halbinsel
geschleppt, um ihn auf dem Friedhof zu begraben. Und seine kleine
Schwester hatte aus zwei Stöcken ein Kreuz gebastelt.
Er hatte kaum das Vorhängeschloss geöffnet und die Tür aufgestoßen, da
wusste er, dass sich etwas verändert hatte. Es war fast, als könnte er die
Gefahr riechen. Unwillkürlich stellten sich die Härchen auf seinen
Unterarmen auf, er hatte Mühe, unter der Maske zu atmen, der Schweiß
lief ihm in Strömen über den Rücken. Er schaltete die Taschenlampe ein
und ließ den Lichtkegel durch den Schuppen wandern.
Das Miststück hatte sich in die Ecke hinter dem Tisch verkrochen. Ihr T-
Shirt und der kurze Rock starrten vor Dreck, ihre Knie waren aufgeschürft
und blutverkrustet. Aber zum ersten Mal hatte sie die Augen nicht angstvoll
aufgerissen, sondern versuchte, seinen Blick über den Lichtstrahl hinweg
zu fixieren. Ihr ganzes Gesicht hatte einen neuen Ausdruck, den er kaum
deuten konnte,Wut vielleicht,Trotz, Empörung.
Vorsichtig leuchtete er den Boden ab, dieses Mal würde er auf der Hut
sein, aber soweit er es erkennen konnte, gab es keinen neuen Nagel oder
irgendeine andere Falle. Erst als er sich ihr schon bis auf knapp zwei Meter
genähert hatte, begriff er, was sie vorhatte. Er hatte den Toiletteneimer
direkt vor ihren Füßen zwar gesehen, aber keinen Schluss daraus gezogen.
Vielleicht war es auch das Schmerzmittel, das seine Reaktionen deutlich
verlangsamte. Er wollte noch zur Seite ausweichen, doch sie hatte bereits
die Füße angezogen und im nächsten Moment nach vorne gestoßen – die
Wucht war so groß, dass ihn der Eimer am Knie traf und der übel
riechende Inhalt bis zu seinem Gesicht hochspritzte.
Fluchend sprang er zurück und konnte nur mit Mühe den Würgereiz
unterdrücken, den der Ekel in ihm auslöste.
»Ist das widerlich!«, keuchte er. »Du verdammtes Drecksstück, bist du
völlig durchgeknallt? Das wirst du mir büßen, du … du …« Ohne
nachzudenken, wischte er über die Flecken auf seiner Hose und der Jacke,
nur um gleich darauf entsetzt auf seine Hände zu starren und zur Tür zu
stürzen. Während er sich über dem Steg zusammenkrümmte und seinen
Mageninhalt auf die Bohlen spuckte, hörte er ihr Lachen aus dem
Schuppen.
Als er nur noch bitter schmeckende Galle hochwürgte, watete er ein
Stück ins Schilf hinaus, um sich notdürftig zu säubern. Die Kühle des
Wassers tat nicht nur seinem verletzten Fuß gut, sondern half ihm, seine
Gedanken zu ordnen.
»Und? Willst du mich jetzt bestrafen?«, höhnte die kleine Schlampe, als
er zurück in die Hütte kam.
Er wusste nicht, was eigentlich passiert war, aber sie hatte keine Angst
mehr vor ihm. Die Sache mit dem Nagel war ein mieser Trick gewesen, den
sie sich in ihrer Verzweiflung ausgedacht hatte. Aber jetzt war ihr
Verhalten völlig verändert. Die Situation war so neu für ihn, dass er sich
wie gelähmt fühlte. Ihre Angst war der Kitzel gewesen, der ihn angemacht
hatte, ohne diese Angst hatte er keine Macht mehr über sie.
Als sie sah, dass er sich bemühte, den verletzten Fuß möglichst zu
schonen, grinste sie ihn selbstgefällig an.
»Ich hoffe, es tut richtig weh. Schade nur, dass du keine Blutvergiftung
gekriegt hast.«
»Und dann?«, blaffte er zurück. »Wie blöd bist du eigentlich? Dann
wärst du doch hier krepiert, du dumme Nuss! Kein Essen, kein Wasser,
keiner, der dich um Hilfe jammern hört …«
Ihre Antwort war nichts als ein desinteressiertes Schulterzucken. Und
plötzlich wusste er, was los war. Sie hatte von Anfang an begriffen, dass sie
nicht lebend davonkommen würde, aber jetzt fügte sie sich nicht länger in
ihr Schicksal. Es war ihr egal, was mit ihr passierte, solange sie nur ihre
Rache hätte! Er sollte genauso leiden wie sie, nur darum ging es ihr noch.
Er sollte für das bezahlen, was er ihr angetan hatte. Aber noch war sie mit
der Kette gefesselt, noch hatte sie keine andere Möglichkeit, als ihn so lange
zu provozieren, bis er irgendetwas Unbedachtes tun würde. Und genau das
würde ihr nicht gelingen!
Er beugte sich zu ihr, wobei er darauf bedacht war, außerhalb der
Reichweite ihrer Beine zu bleiben.
»Du stinkst. Ich glaube, du brauchst mal wieder ein ordentliches Bad,
und vielleicht stecken wir dich diesmal gleich mit den Klamotten ins
Wasser, was meinst du?«
»Ist noch zu früh«, sagte sie, als würden sie ein ganz normales Gespräch
darüber führen, wie sie ihren Campingurlaub verbringen sollten. »Du hast
doch Schiss, dass uns einer sieht! Du traust dich doch nur in der Nacht mit
mir nach draußen. Und überhaupt habe ich keine Lust mehr auf deine
Spiele.«
Die Bestimmtheit, mit der sie den Satz hervorstieß, ließ ihn irritiert die
Augenbrauen unter der Maske zusammenziehen. Gleich darauf schnappte
er buchstäblich nach Luft, als sie ihm entgegenschleuderte: »Du bist ja
noch nicht mal in der Lage, die zu entführen, die du eigentlich haben
wolltest! Oder glaubst du etwa, ich wüsste nicht längst, dass es um Julia
geht und dass du uns nur verwechselt hast, weil du zu blöd bist?«
»Was?«
»Was?«, äffte sie ihn nach, bevor sie ihn erneut anschrie: »Ich habe
keine Ahnung, was in deiner kranken Birne vor sich geht, aber ich hatte
genug Zeit, um darauf zu kommen, dass du in Wirklichkeit hinter Julia
her bist! Du hast ihr vor ihrer Wohnung aufgelauert, aber du konntest
nicht wissen, dass ich sie genau an dem Tag besuchen wollte, und du hast
noch nicht mal gemerkt, dass es gar nicht Julia war, die du entführt hast.
Du hast es erst kapiert, als es schon zu spät war! Ich kann mich genau
daran erinnern, wie du mich angestarrt hast, als du das nächste Mal
zurückgekommen bist! Als wolltest du es nicht für möglich halten, dass du
dich geirrt hast. Aber es ist so, du bist der größte Loser, den ich je getroffen
habe! Ein Stück Dreck, sonst gar nichts!«
Unwillkürlich war er ein Stück zurückgewichen. Als er gegen den Tisch
an der Wand stieß, fuhr er herum und suchte nach irgendeinem Werkzeug,
einem Fischmesser, einem Stück Rohr, einem rostigen Haken, irgendetwas,
womit er ihr wehtun konnte, bis sie endlich aufhören würde, ihn zu
beschimpfen. Seine Hand krampfte sich um eine leere Bierflasche. Kaum
dass er den Arm hochnahm, ließ ihn ein plötzlicher Schwächeanfall zur
Seite stolpern. Die Flasche rutschte ihm aus der Hand und zersplitterte auf
dem Boden. Keuchend wollte er sich die Maske vom Gesicht reißen, als ihn
ihr spitzer Aufschrei zurückzucken ließ.
»Nicht! Nimm nicht die Scheiß-Maske ab, bitte! Ich will dein Gesicht
nicht sehen, ich will nicht wissen, wie du aussiehst!«
Er blieb vornübergebeugt stehen, bis er seine Atmung wieder unter
Kontrolle hatte.
»Danke«, sagte die kleine Schlampe leise.
Er hatte das ungute Gefühl, dass sie mit ihm spielen würde. Dass sie
irgendeinen Plan hatte, den er nicht durchschaute.
»Wie kommst du darauf, dass ich Julia kennen würde?«, fragte er, als
würde es noch irgendeine Rolle spielen.
»Also kennst du sie! Ich wusste es!«
Ihre Stimme klang triumphierend. Sie war überzeugt, dass sie ihn gerade
in die Falle gelockt hatte. Und ihre nächsten Sätze ließen keinen Zweifel
daran, dass sie irgendein Ziel verfolgte. Sie holte tief Luft.
»Hör mir zu. Es ist mir egal, warum du hinter Julia her bist, echt,
interessiert mich nicht. Geht mich nichts an, ist deine Sache, du wirst
schon irgendeinen Grund dafür haben. Aber was ist los mit dir? Was hast
du davon, wenn du mich hier gefangen hältst und Julia einfach so
davonkommt?«
»Sie kommt nicht davon«, rutschte es ihm heraus, obwohl er eigentlich
nicht hatte antworten wollen. Aber jetzt war es ohnehin egal, die kleine
Schlampe sollte endlich begreifen, dass er nicht so einfältig war, wie sie
offensichtlich glaubte. »Ich weiß genau, wo sie ist und was sie macht. Ich
warte nur auf den richtigen Zeitpunkt, um …« Er ließ das Ende des Satzes
offen und wiederholte stattdessen: »Sie kommt nicht davon. Ich weiß, was
ich tue.«
Sie schüttelte den Kopf. Ihre Antwort kam ganz ruhig, aber es war genau
dieser Tonfall, der ihn daran erinnerte, wie oft schon jemand versucht
hatte, ihn einfach zu verarschen! Er war jetzt nur noch darauf gespannt,
wie weit sie gehen würde …
»Ich fürchte, du machst dir selber etwas vor. Du hast keine Ahnung, wie
es weitergehen soll, sonst hättest du längst irgendwas an der Situation
geändert. Aber das geht immer noch, glaub mir! Ich weiß nicht, wer du
bist, ich habe ja noch nicht mal dein Gesicht gesehen, wir können einfach
so tun, als ob das Ganze nie passiert wäre. Lass mich laufen! Oder noch
besser: Bring mich in die Stadt zurück, mit verbundenen Augen, damit du
dir sicher sein kannst, dass ich auch die Hütte nicht wiederfinde.«
»Und dann?«, hakte er nach, obwohl er die Antwort schon ahnte. Aber
er konnte noch nicht ganz glauben, dass sie tatsächlich so hinterfotzig war,
sogar ihre Freundin zu verraten.
Sie zuckte mit der Schulter, als wäre alles Weitere nur noch eine Frage,
die er sich auch selbst beantworten könnte.
»Ich steige in den nächsten Zug nach Oslo und bin weg. Du wirst nie
wieder irgendwas von mir sehen oder hören. Aber du hast jede Möglichkeit,
deinen Fehler zu korrigieren. Wenn du Julia willst, dann hol sie dir!«
Seine Gedanken überschlugen sich. Wie er es auch drehte und wendete,
sie hatte eben endgültig ihr Todesurteil unterschrieben. Es gab keine andere
Lösung mehr. Es hatte auch nie wirklich eine gegeben, er wusste nicht,
warum er überhaupt so lange gewartet hatte. Aber er würde sie nicht
ertrinken lassen, er musste einen deutlichen Grenzstrich zwischen ihr und
den anderen ziehen. Sie war weitergegangen, als irgendeine der Schlampen
es je zuvor gewagt hatte …
Ein Geräusch ließ ihn aufhorchen. Im ersten Moment glaubte er an ein
Boot mit einem starken Außenborder, das sich in die Bucht verirrt hatte,
erst als die Felswände das dröhnende Flappen der Rotorblätter
zurückwarfen, wurde ihm klar, dass es ein Hubschrauber war, der die
Küstenlinie abflog. Auch die kleine Schlampe hatte sich mit offenem Mund
vorgebeugt, als wäre ihre unerwartete Rettung plötzlich zum Greifen nah.
Mit zwei schnellen Schritten hinkte er zur Tür. Er zog sie so weit zu,
dass nur ein schmaler Spalt blieb, durch den er aus der Dunkelheit heraus
die Gegend im Blick behalten konnte. Der Hubschrauber musste jetzt direkt
über ihnen sein, er konnte fühlen, wie die Bodenbretter der Hütte
vibrierten.
Wie eine dunkle Wolke schob sich der Schatten über die Wiese, das Schilf
am Ufer wurde von der Druckwelle flach gedrückt, kleine Wellen klatschten
gegen den Anleger. Das Dröhnen war ohrenbetäubend, gleich darauf sah er
den Hubschrauber, der jetzt kaum mehr als vier oder fünf Meter über ihm
in der Luft zu stehen schien, deutlich konnte er die Aufschrift der
Küstenwache ausmachen, SAR, Search and Rescue. Als der Pilot Richtung
Meer abdrehte und der Hubschrauber an Tempo gewann, hatte er plötzlich
Lust, schreiend auf die Wiese hinauszulaufen und irgendetwas Unflätiges
hinter ihm herzubrüllen.
»Zu früh gefreut«, teilte er der kleinen Schlampe mit. »Sie haben nicht
nach dir gesucht. Du interessierst keinen, das musst du langsam mal
kapieren. Du könntest genauso gut tot sein …«
Er griff nach der Holzlatte, die neben der Tür lehnte. Am unteren Ende
ragte eine rostige Schraube krummgebogen aus der zersplitterten
Oberfläche, sonst war das Holz unversehrt und hart wie Metall. Er
erinnerte sich, dass sein Adoptivvater behauptet hatte,Tropenholz würde nie
vermodern, »noch nicht mal nach hundert Jahren«, hatte er dem kleinen
Jungen neben sich erklärt, »Eisen rostet, Stein wird brüchig, selbst
Eichenholz vermodert irgendwann, aber Bongossi wird mit der Zeit nur
noch fester und dichter«.
Bongossi, den Namen hatte er sich über all die Jahre hinweg gemerkt.
Wie es schien, hatte der Adoptivvater recht gehabt. Und es war durchaus
möglich, dass die Latte dieselbe war, mit der der Adoptivvater damals die
Möwe erschlagen hatte. Aber auch das wäre nur passend, dachte er,
während er langsam auf die kleine Schlampe zuging.
An ihren Augen konnte er sehen, dass sie wusste, was jetzt geschehen
würde.
JULIA
Sie fühlte sich seltsam ruhig. Jetzt, da sie sich entschlossen hatte, war es ein
bisschen wie vorm Zahnarzt, fand sie: Man hat zwar immer noch Angst davor,
aber man wird trotzdem hingehen und sich nicht in allerletzter Minute
krankmelden und den Termin verschieben. Ihr Entschluss stand fest, alles
Weitere würde sie entscheiden, wenn es so weit war.
» Jetzt sag schon« , drängelte die Punkerin neben ihr. » hast du auch mit ihm
gevögelt? He, kannst du doch ruhig sagen, dafür sind die Typen doch da, dass
wir sie flachlegen! Obwohl ich echt schon Bessere hatte als ihn, also, ich meine,
er war nicht direkt schlecht, aber gut war er auch nicht. Nicht richtig gut
jedenfalls. Und bei dir? Wo würdest du ihn einordnen, auf so einer Skala von
eins bis zehn? Ich würde sagen, vier vielleicht, höchstens fünf, und du?«
» Auch so in der Gegend, auf keinen Fall mehr.«
» Sag ich doch, nicht schlecht, aber auch nicht gut. Außerdem glaube ich,
dass er mal voll der Spießer wird! Ich wette, dass er in ein paar Jahren irgendwo
ein Haus mit Markise hat und zwei Kinder und irgendeine Alte, die ihm
Zimtschnecken backt, wenn er nach Hause kommt. Genauso wird es kommen,
glaub mir, kann ja gar nicht anders sein! Die falsche Musik hört er jedenfalls
jetzt schon, hast du mitgekriegt, was sie da für einen Scheiß aufnehmen, in dem
Tonstudio, in dem er arbeitet? Voll der Scheiß, da geht gar nichts mehr, wenn
du das hörst!«
» Wie hast du ihn überhaupt kennengelernt?« , stoppte Julia den Redefluss,
während sie gleichzeitig versuchte, die Punkerin möglichst unauffällig zu
mustern. Klein und eher zierlich, die Jeans starrte vor Dreck und bestand aus
mehr Löchern als Stoff, die rote Strumpfhose, die sie darunter trug, sah kaum
besser aus. Das T-Shirt war mit Edding bemalt, ein paar der Sprüche kannte
Julia, » fuck« schien das Wort zu sein, das für die generelle Botschaft stand, um
die es ging, FUCK NORWAY würde der Punkerin allerdings kaum irgendwo
Sympathien einbringen. Aber ihr Gesicht strahlte etwas aus, dem sich Julia nur
schwer entziehen konnte – eine merkwürdige Mischung aus wütendem Trotz
und … Verletzbarkeit! Vor allem die Augen faszinierten Julia, groß und dunkel,
fast mandelförmig, und so wach, als würden sie permanent alles scannen, was
um sie herum passierte.
» Kann dir doch egal sein, woher ich ihn kenne« , kam jetzt mit leichter
Verzögerung die Antwort. » Es gibt viele Möglichkeiten, einen Typen
abzuschleppen, vor allem wenn er so zugedröhnt ist, wie Mikke es war.« Sie
kicherte kurz. » Manche Leute sollten lieber die Finger von Pops lassen, so sieht
es aus, wenn du weißt, was ich meine.«
Sie hielt Julia am Arm fest. » Aber jetzt mal im Ernst, was hast du genau mit
ihm vor, wenn ich dich da jetzt hinbringe? Du hast doch nicht irgendwas vor,
was dir hinterher leidtut, oder? Also falls du echt sauer auf ihn bist, dann
möchte ich da nämlich lieber nichts mit zu tun haben, irgendwelcher Scheiß ist
nicht so mein Ding.«
Julia drehte sich zu ihr und griff nach ihren Schultern. » Wir haben einen
Deal, richtig?«
» Ja, ich glaube schon.«
» Dann lass es einfach dabei. Du zeigst mir, wo er ist, ich gebe dir dein Geld,
und du haust wieder ab. Fertig. Alles andere geht dich nichts an. Wir haben uns
nie gesehen, klar?«
» Und du bist nicht vielleicht zufällig bei den Bullen oder so?«
» Nein, ganz sicher nicht. Das ist das Letzte, worüber du dir Sorgen machen
musst …«
Nachdem sie sich vor der Werfthalle von Erik verabschiedet hatte, hatte Julia
noch mehrmals versucht, Mikke zu erreichen, aber er hatte die Anrufe nicht
angenommen. Schon da war sie sich sicher gewesen, dass sie keine Alternative
hatte, wenn sie die Sache zu Ende bringen wollte. Sie musste Mikke aufspüren!
Vor allem durfte er keine Chance für irgendwelche Ausflüchte mehr haben, sie
musste ihn überraschen, wenn er am wenigsten damit rechnete. Und ihn mit den
Fragen konfrontieren, die sie sich bereits zurechtgelegt hatte, als sie noch mit
Jan-Ole redete! Irgendwie war es eine Sache zwischen ihnen beiden geworden,
und sie wollte niemand anderen dabeihaben, weder Jan-Ole noch sonst
jemanden. Vielleicht hoffte sie auch immer noch, dass sie sich irrte, aber auch
wenn nicht, wollte sie das alleine lösen. Wenn Mikke sie tatsächlich von
Anfang an benutzt hatte, wollte sie diejenige sein, die es als Erste erfuhr.
Julia hatte nicht gedacht, dass sie sich noch mal freuen würde, den Cowboy-
Gärtner zu treffen. Aber als sie durch die Toreinfahrt kam und er gerade dabei
war, irgendwelche neu gepflanzten Bodendecker zu bewässern, hatte sie nicht
lange gezögert.
» Hej! Ich habe vielleicht doch noch mal eine Bitte an dich. Ich weiß, dass ich
neulich nicht gerade nett zu dir war, aber das musst du auch verstehen. Es ist
nicht besonders witzig, wenn man erfährt, dass der Typ, mit dem man
zusammen ist …«
» Schon klar. Kenn ich gut, das Gefühl. Und? Hat er dich verarscht?«
» Es scheint so, ja. Und ich bin echt sauer! Aber das würde ich ihm gerne
selber ins Gesicht sagen. Das Problem ist nur, dass ich noch nicht mal weiß,
wo er genau wohnt. Ich war nie bei ihm, und ich habe keine Adresse von ihm
und nichts.«
» Jetzt verarschst du mich aber! Hör mal, es ist doch klar, was du vorhast! Du
könntest ihn ja auch anrufen und fragen, aber das willst du gar nicht. Du willst
ihn erwischen, wenn er gerade mit der anderen Alten …« Er hatte eine
eindeutige Handbewegung gemacht und Julia angegrinst. » Richtig?«
» Ja, stimmt schon.«
» Und jetzt willst du wissen, ob ich vielleicht irgendjemanden kenne, der
einen kennt, der weiß, wo du zum Showdown antreten kannst. Wie im guten
alten Wildwestfilm! Peng! Genau zwischen die Augen …«
» Und? Kannst du mir helfen?«
» Schon möglich. Ich hör mich mal um, kann eigentlich nicht so schwer sein.
Ich hab da auch schon so eine Idee.«
Als Julia ihm ihre Handynummer gab, bereute sie ihren Entschluss schon fast
wieder. Aber tatsächlich hatte er sich noch am selben Abend bei ihr gemeldet.
» Okay, Lady, ich hab da jemanden aufgetrieben für dich. Ist nicht unbedingt
erste Wahl, die Kleine, aber sie kennt ihn. Sie will allerdings einen Schein für
die Info sehen, ist ziemlich klamm, glaube ich, also ohne Kohle läuft da gar
nichts. Ich hab ein Treffen für dich mit ihr ausgemacht, morgen gegen Mittag.
Du sollst zum Musikpavillon kommen, an dem Denkmal von Grieg, da hängt
sie sowieso immer rum. Frag einfach nur nach Angel, aber erschrick dich nicht,
sie ist eine echt abgefuckte Punkerin!«
» Du hast was gut bei mir.«
» Das hoffe ich.«
Natürlich hatte sie gelogen, als sie ihrer Mutter erzählt hatte, dass Erik oder
irgendwelche anderen Kommilitonen bei ihr waren. Erik hatte kommen wollen,
so viel stimmte zumindest, aber sie hatte ihn abgewimmelt. Stattdessen hatte
sie den Abend damit verbracht, die immer wieder gleichen Fragen zu
formulieren, die sie Mikke stellen wollte: Warum hast du mich belogen? Wer
bist du eigentlich? Was willst du von mir? Hast du etwas mit Maries
Verschwinden zu tun?
Immer wieder hatte sie auch die verschiedensten Möglichkeiten durchgespielt,
die sich aus seinen Antworten ergeben würden. Die schlimmste Antwort von
allen war wie ein Albtraum gewesen, der sie mit einer Mischung aus Panik und
ohnmächtiger Wut ruhelos durch die Wohnung laufen ließ, bis sie sich erschöpft
auf ihrem Bett zusammenkauerte – aber antworten würde Mikke, dafür würde sie
sorgen.
Irgendwann am Vormittag dann hatte der testosterongesteuerte
Nachbarsbengel vor ihrer Tür gestanden. Julia war kaum in der Lage gewesen,
sich auf sein aufgeregtes Gestotter zu konzentrieren, irgendetwas von einem
Wagen, der auf der Straße stehen sollte und das Haus beobachtete.
» Eindeutig Zivilbullen! Ich wollte es dir nur sagen, falls die wegen dir hier
sind.«
» Was soll der Blödsinn? Das macht doch überhaupt keinen Sinn! Wieso
sollte …?«
Doch, natürlich, war es ihr im nächsten Moment durch den Kopf geschossen,
es hatte durchaus Sinn! Jan-Ole ließ sie bewachen. Er hatte sich mit ihren
Antworten vom Tag zuvor nicht zufriedengegeben und hatte Angst um sie. Aber
sie konnte keine Polizei gebrauchen, nicht ausgerechnet jetzt!
» Kann ich mich auf dich verlassen?« , hatte sie improvisiert und die
Zustimmung des Nachbarsjungen schon vorausgesetzt, bevor er überhaupt noch
nicken konnte. » Gut, dann pass auf! Ich kann dir das jetzt nicht alles erklären,
aber ich muss gleich noch mal weg, ohne dass die Typen irgendwas davon
mitkriegen. Meinst du, du schaffst es, sie lange genug abzulenken, dass ich aus
dem Haus komme und verschwinden kann?«
» Aber klar doch. Locker!«
» Wir treffen uns unten im Hof, in einer halben Stunde, okay?«
» Mann, Mann, ich wusste, dass du cool bist!«
Er erschien bewaffnet mit zwei Spraydosen. Die Kapuze seines Sweatshirts
hatte er über den Kopf gezogen, außerdem hatte er sich auch noch ein Tuch vor
Mund und Nase gebunden. So ausgestattet, marschierte er dann pfeifend auf die
Straße und begann in aller Seelenruhe damit, den Bauzaun zwei Grundstücke
weiter zu verschönern, direkt vor den Augen der beiden Zivilbullen!
Julia hatte gewartet, bis die Polizisten aus ihrem Wagen gesprungen waren,
um ihn zur Rede zu stellen. Dann hatte sie einer älteren Dame angeboten, ihr die
Einkaufstasche ein Stück zu tragen, und war keine Minute später an der nächsten
Ecke und außer Sicht gewesen.
Die Punks hatten wie üblich den Musikpavillon umlagert. Direkt vor der
Statue von Edvard Grieg war ein Schlagzeug aufgebaut, der Schlagzeuger konnte
höchsten zwölf oder dreizehn sein, aber er lieferte eine beeindruckende
Soloshow, die Punks unterstützten ihn mit anerkennenden Pfiffen und
fortwährendem Zugabe-Gebrüll.
Julia hatte keine Schwierigkeiten gehabt, Angel ausfindig zu machen. Um
ganz sicherzugehen, dass sie von derselben Person redeten, zeigte sie ihr kurz
das Handyfoto, das sie am ersten Abend heimlich von Mikke gemacht hatte, als
er bei dem Thai vom Klo zurückkam.
» Klar, das ist er.«
» Und du bist dir sicher?«
» Wenn ich sage, dass er es ist, dann ist er es auch, klar? Und er wohnt in
Gamle Bergen, aber alleine findest du das nicht, ist nicht so richtig offiziell,
seine Adresse, eher so was wie illegal. – Wir nehmen den Bus, Linie 3, ich hab
keinen Bock zu laufen. Aber du bezahlst, ich hab nämlich auch keinen Bock,
mich von irgendeinem Kontrolleur erwischen zu lassen.«
Gamle Bergen war das Freilichtmuseum am Nordrand der Stadt, eine
Touristenattraktion mit original restaurierten Holzhäusern aus dem 18. und 19.
Jahrhundert. An schmalen Kopfsteinpflastergassen entlang reihten sich kleine
Handwerksbetriebe und alle möglichen Läden, die den Reisegruppen der
Kreuzfahrtschiffe mit skurrilen Auslagen wie einem echten Schnurrbartwickler
ein Bild längst vergessener Zeiten vermitteln sollten.
Als Kind war Julia oft zwischen Jan-Ole und Merette durch die Gassen
gelaufen und hatte sich vorgestellt, dass sie als Familie in einer der winzigen
Puppenstubenwohnungen leben würden, direkt über der Bäckerei, in der Jan-Ole
ohne Pause heiße Waffeln backte, die Merette und Julia dann vorne im Laden
verkauften. Sie hatte nie verstanden, warum die Häuser zwar vollständig
eingerichtet, aber nicht bewohnt waren, und fand auch später noch, dass das
ganze Viertel viel spannender wäre, wenn es eben nicht nur eine Kulisse wäre.
Umso verblüffter war sie, als Angel ihr jetzt auf der Busfahrt erzählte, dass es
so was wie ein » echtes Leben« in den historischen Häusern gab. Typen, die
nicht das Geld für eine Wohnung oder ein Zimmer in der Stadt hatten, Junkies
in irgendwelchen versteckten Kellern – und eben auch solche Leute wie Mikke,
die aus irgendwelchen Gründen nicht auffindbar sein wollten und abgetaucht
waren.
» Ich habe auch mal ein paar Wochen da gewohnt« , setzte Angel hinzu, als
sie an der Zufahrt zum Museumsdorf ausstiegen. » Aber es war mir irgendwie zu
spooky, als ob da nachts noch die Typen von früher durch die Gegend geistern
würden.«
» Und die Polizei weiß nichts davon, dass da Leute leben?«
» Keine Ahnung, vielleicht denken sie auch, dass sie dann wenigstens nicht
das Problem haben, für irgendwelche Penner Wohncontainer aufstellen zu
müssen oder so was. Wichtig ist nur, dass sich da tagsüber keiner blicken lässt,
damit die Touris nichts mitkriegen. Was nachts läuft, ist ihnen egal. Und ist
doch auch gut so, sind billige Schlafplätze, sonst müssten nämlich verdammt
viele Leute im Park übernachten.«
Sie folgten einer Touristengruppe, bis sie genau vor der Bäckerei standen, die
Julia sich früher als » Zuhause« erträumt hatte.
Angel wartete, bis der Stadtführer seine Leute in den Laden gelotst hatte,
dann zog sie Julia in einen schmalen Spalt neben einer ehemaligen Druckerei.
Es stank nach Nässe und Urin.
» Die Tür zum Keller ist offen, aber du musst vorsichtig sein, es ist
scheißdunkel da. Und es gibt auch Ratten, aber die tun nichts, die wollen nur
spielen.« Sie kicherte. » Okay, war nur ein Witz. Wenn du drin bist, musst du
dich irgendwie bis zur Treppe tasten, und dann hoch bis zum Dachboden. Ist
nicht schlecht da oben, Mikke hat überall Plakate hängen, echt ganz gemütlich.
Aber vielleicht rufst du lieber erst mal, damit er dir nicht eins überzieht, weil er
denkt, du wolltest ihn überfallen.« Sie streckte die Hand aus. » Und jetzt die
Knete bitte.«
Julia gab ihr die zweihundert Kronen, auf die sie sich geeinigt hatten.
» Wenn du mich verarscht hast, weiß ich, wo ich dich finde.«
» Das Gleiche gilt, wenn du Mikke erzählst, dass du den Tipp von mir hast.«
Angel schob den Schein in ihre Jeans. Sie zögerte einen Moment, als wollte
sie noch etwas sagen, aber dann drehte sie sich nur um und verschwand ohne ein
weiteres Wort in der Gasse.
Julia holte tief Luft und stieg die glitschigen Stufen zur Kellertür hinunter.
Die Tür ließ sich problemlos öffnen, als würden die Scharniere regelmäßig
geölt.
Der Gang war so dunkel, dass sie kaum die Hand vor Augen sehen konnte.
Ihre Turnschuhe machten ein schmatzendes Geräusch auf dem festgestampften
Lehmboden. Als sie mit dem Fuß gegen die Stiege stieß, meinte sie, direkt vor
sich etwas davonhuschen zu hören.
Sie biss die Zähne zusammen und tastete nach dem Handlauf. Die Holzstufen
knarrten laut bei jedem Schritt, die Stiege war so steil, dass Julia das Gefühl
hatte, fast senkrecht nach oben zu steigen. Im Erdgeschoss drang ein schwacher
Lichtschein aus dem alten Drucksaal ins Treppenhaus. Zumindest konnte Julia
jetzt vage die nächsten Stufen erkennen, unbewusst registrierte sie, dass die
Treppe gefegt war, auf dem Absatz lehnte ein Besen an der Wand.
Je weiter sie nach oben kam, umso zögernder wurden ihre Schritte. Vor der
Bodentür lauschte sie mit angehaltenem Atem auf irgendein Geräusch. Aber da
war nichts als das unregelmäßige Knacken der Dachbalken über ihr.
Julia nahm allen Mut zusammen und stieß die Tür auf. Mikke schreckte von
seiner Matratze hoch, er starrte sie an, als hätte er sie noch nie zuvor gesehen.
Aus seinem Mund kam ein heiseres Keuchen, sein Gesicht war kreidebleich, die
Haare klebten verschwitzt an seiner Stirn – und er trug einen Jogginganzug mit
irgendeinem albernen Schriftzug quer über der Brust! Auf dem Boden neben der
Matratze lag die Zeitung mit dem Bild von Marie …
Im selben Moment wusste Julia, dass ihre schlimmsten Befürchtungen
zutreffen würden.
Ohne dass sie es wollte, schossen ihr die Tränen in die Augen. Ihr Kinn
begann zu zittern, ihre Knie fühlten sich an wie aus Gummi. Dann merkte sie,
wie die Wut in ihr aufstieg.
» Wo ist sie?« , stieß sie hervor. » Wo ist Marie? Wo hast du sie?«
» Was?«
Mikkes Stimme war kaum mehr als ein heiseres Krächzen. Julia war bereits
an ihm vorbei und riss die Decke zur Seite, die als Raumteiler zwischen den
Balken gespannt war. Der Rest des Dachbodens lag in einem dämmrigen
Zwielicht. Ein Campingkocher stand auf dem Boden, eine Schüssel mit
eingetrockneter Grütze, mehrere Plastikkanister mit Wasser. Weiter hinten unter
der Dachschräge konnte sie einen Stapel Stühle ausmachen, eine Truhe mit
verrosteten Beschlägen, auch einen Koffer, der neu aussah und wahrscheinlich
Mikke gehörte. Von Marie gab es keine Spur.
Julia hörte, wie sich Mikke stöhnend aufrichtete. Mit zwei Schritten war sie
bei ihm und stieß ihn zurück auf sein Lager. Er nahm zitternd die Hände hoch,
als wollte er sich ergeben. Julia griff ihm in die Haare und drehte seinen Kopf
ins Licht der Dachluke. Seine Pupillen waren so stark erweitert, dass die Augen
fast schwarz wirkten.
» Ich bin krank« , jammerte Mikke. » Ich hab Fieber, mir ist schlecht, lass
mich los, bitte!«
» Gib dir keine Mühe« , keuchte Julia dicht an seinem Gesicht. » Ich weiß
alles. Du hast von Anfang an nur gelogen! Also los, wo ist sie? Was hast du
mit ihr gemacht?«
» Hör auf, du tust mir weh!«
Julias Stimme überschlug sich. » Wo ist sie?« , schrie sie Mikke an. » Sag es
mir, jetzt!«
» Ich weiß nicht, wovon du redest, ehrlich nicht. Ich bin krank.«
Der Schweiß lief ihm jetzt in Strömen über das Gesicht, die Halsschlagader
trat deutlich hervor und pochte unregelmäßig. Als Julia seine Wange streifte,
hatte sie das Gefühl, dass seine Haut glühen würde. Irritiert zog sie die Hand
zurück.
Er schob sich ein Stück von ihr weg, bis er mit dem Rücken an der Wand
lehnte.
» Ich weiß nicht, was du von mir willst« , wiederholte er beschwörend.
» Wovon redest du die ganze Zeit? Und wieso bist du hier? Woher weißt du
überhaupt …«
Seine Stimme brach ab, als hätte er nicht mehr die Kraft, um weiterzureden.
Er legte schwer atmend den Kopf zurück, ein dünner Speichelfaden lief aus
seinem Mund und tropfte vom Kinn auf das Bett.
» Es tut mir leid« , flüsterte er so leise, dass Julia Mühe hatte, ihn zu
verstehen. » Ich hab Scheiße gebaut, ich weiß. Aber ich wollte das alles nicht,
das musst du mir glauben. Ich wollte dich nicht verarschen, echt nicht. Ich
wollte dir sowieso alles erzählen, neulich. Schon als ich bei dir war, aber dann
…«
» Was?« , blaffte Julia ihn an, als er den Satz wieder nicht zu Ende brachte.
» Was wolltest du mir erzählen? Dass du gar kein Tontechniker bist? Oder dass
du auch gar nicht aus Kirkenes kommst, sondern aus Oslo? Dass du gar nicht
Mikke heißt, sondern … was weiß ich, Carlos? Oder ist das auch nur erfunden?
Dass du dir die Haare färbst, weil du nicht wolltest, dass dich irgendjemand
erkennt? Dass du dich hier in diesem Loch verkrochen hast, weil keiner wissen
soll, wo du wohnst? Oder vielleicht wolltest du mir ja sogar erzählen, wie du
rausgekriegt hast, dass ich Maries Freundin bin und dass sie mich besuchen
wollte? Denn darum ging es doch die ganze Zeit, du hast dich nur wegen Marie
für mich interessiert, das war von Anfang an dein Plan! Und jetzt will ich
wissen, was du mit ihr gemacht hast. Los, antworte mir oder …«
Sie griff in ihre Tasche, bis ihre Finger die glatte Oberfläche der
Pfefferspraydose fühlten. Sie wusste, dass sie Mikke damit nicht wirklich zu
irgendetwas zwingen konnte, aber sie war fest entschlossen, das Spray zu
benutzen. Im Moment wollte sie ihn allerdings nur glauben machen, dass sie
tatsächlich eine Waffe hätte, und er reagierte prompt. Er rollte sich zusammen
wie ein kleines Kind, die Arme schützend über dem Kopf, er hatte Angst vor
ihr!
» Du redest dir da was ein« , keuchte er, » das stimmt alles überhaupt nicht!
Ich habe nichts mit Marie zu tun, glaub mir, ich kenne sie gar nicht. Und ich
war auch nie in Oslo, das habe ich denen im Studio nur erzählt, weil ich dachte,
dass es dann leichter wäre, den Job zu kriegen! Kapierst du nicht, es ist alles
ganz anders! Ich habe noch nie vorher eine Frau wie dich getroffen, und als ich
gemerkt habe, dass ich dabei bin, mich in dich zu verlieben, habe ich Schiss
gekriegt. Ich hab die ganze Zeit nur noch Angst gehabt, dass du mich abschießt,
wenn du merkst, dass ich … nichts Besonderes bin. Dass ich keinen richtigen
Job habe und noch nicht mal eine Wohnung. Und deshalb wollte ich auch
nicht, dass deine Mutter mich sieht. Du hattest doch gerade erst erzählt, dass sie
Psychologin ist, und ich habe gedacht, sie kriegt bestimmt sofort raus, dass ich
dir nur irgendwelchen Scheiß erzählt habe! Aber mit Marie habe ich nichts zu
tun« , setzte er noch hinzu, » das musst du mir glauben!«
» Und die Zeitung? Warum hast du die Zeitung mit ihrem Bild neben deinem
Bett liegen?«
» Mann, weil ich gedacht habe, ich zeig das Bild mal rum! Bei so Leuten, die
ich kenne. Es hätte ja sein können, dass irgendeiner was weiß. Ich wollte dir nur
helfen, damit du merkst, dass ich nicht der komplette Loser bin, das war alles.
Und dann habe ich diese Scheißgrippe gekriegt. Hier fühl selber, ich hab Fieber
wie blöd.«
Mikke nahm die Arme vom Kopf und fasste zögernd nach ihrer Hand, um sie
sich auf die Stirn zu legen.
Im nächsten Augenblick packte Julia zu. Bevor Mikke reagieren konnte, hatte
sie mit einem schnellen Griff die Klammer gelöst und zerrte die Binde von
seinem Handgelenk. Die Haut darunter war rot und geschwollen, aber von einer
Tätowierung war nichts zu sehen.
» Was soll das?« , jammerte Mikke. » Du tust mir weh! Ich hab doch gesagt
…«
» Woher wusstest du, dass es bei mir im Hof früher eine Hollywood-Schaukel
gab?« , stieß Julia hervor.
» Weil ich da zufällig mal mit so einer Punkfrau war, gleich hier am ersten
Abend in der Stadt. Sie kannte den Hof, ich weiß nicht, woher. Und wir haben
da ein bisschen rumgeknutscht, wenn du es genau wissen willst. Aber das ist
vorbei, ich hab Schluss mit ihr gemacht, als ich dich kennengelernt habe. Oder
jedenfalls kurz danach …«
Julia wusste nicht mehr, was sie noch glauben sollte. Sie war vollständig
durcheinander und versuchte verzweifelt, Mikkes Antworten nachzuvollziehen.
War es wirklich plausibel, was er gerade alles behauptet hatte? Konnte es sein,
dass er dieses eine Mal nicht gelogen hatte? Dass er tatsächlich nichts weiter
war als irgendein Typ aus dem Norden, der ihr imponieren wollte, um sie ins
Bett zu kriegen? Ein Typ, der es geschafft hatte, sie zu faszinieren, einfach weil
er so ganz anders war als die meisten anderen. Weil ich seine Macken irgendwie
spannend fand, dachte Julia. Und das sollte wirklich alles gewesen sein?
Es schien ihr zu einfach als Erklärung.
Gleichzeitig merkte sie, dass sie Mikke tief in ihrem Inneren nur zu gern
glauben wollte. Auch wenn es vielleicht nur darum ging, sich nicht eingestehen
zu müssen, dass sie sich in ihm geirrt hatte! Aber wo war dann Marie, war ihr
nächster Gedanke, was war mit ihr geschehen? Wenn Mikke nichts mit ihrem
Verschwinden zu tun hatte, wer dann?
Mikke starrte sie unverändert mit glasigen Augen an, als würde er darauf
warten, dass sie endlich zu dem Schluss käme, seine Erklärungen ganz einfach
akzeptieren zu müssen. Und plötzlich war sie sich sicher, dass er ihr nichts
vorspielte – er wollte sie nicht von irgendetwas überzeugen, um sich zu retten,
sondern er hatte die Wahrheit gesagt!
Aber Julia war immer noch nicht bereit, einfach so aufzugeben.
» Letzten Sommer« , sagte sie leise, » wo warst du da? Im August! Was hast
du da gemacht?«
Seine Antwort kam fast tonlos, als hätte er längst resigniert und würde ihr ab
sofort jede Frage beantworten, auch wenn er den Zusammenhang nicht verstand.
» Bei meinen Eltern in Kirkenes. Du kannst sie anrufen, wenn du willst, ich
geb dir die Nummer, warte …«
Er beugte sich vor, um sein Handy aus der Lederjacke zu holen, die neben
dem Bett auf dem Boden lag. Mitten in der Bewegung hielt er inne und drehte
den Kopf zur Tür.
Julia hatte die Schritte auf der Treppe ebenfalls gehört.
Angel, dachte sie, die Punkerin war ihr doch noch gefolgt. Aus welchem
Grund auch immer …
» Weiß irgendjemand, dass du hier bist?« , fragte Mikke flüsternd.
» Kann sein« , antwortete Julia ausweichend.
Sie hatte das Gefühl, dass Mikke wieder Angst hatte. Aber vielleicht war das
eben auch so, wenn man irgendwo illegal wohnte.
Den Typen, der gleich darauf in der Tür stand, hatte sie noch nie zuvor
gesehen. Das Erste, was ihr an ihm auffiel, waren seine Augen, die unangenehm
stechend wirkten. Dass er nicht rasiert war und eine vor Dreck starrende
Baseballcap unter der Kapuze trug, verstärkte den Eindruck, dass irgendeine
unklare Gefahr von ihm ausging. Erst dann wanderte Julias Blick über den
Jogginganzug bis zu dem blutverkrusteten Turnschuh an seinem rechten Fuß,
als sie erschrocken wieder aufsah, musterte er sie mit einem spöttischen Zug um
den Mund, den sie nicht deuten konnte.
Aber er schien in keiner Weise überrascht, sie hier zu sehen, fast so, als würde
er sie kennen und hätte damit gerechnet, sie anzutreffen.
» He, wer bist du? Was willst du hier?« , fragte Mikke hinter ihr mit einem
deutlichen Anflug von Panik in der Stimme.
Er ist also kein Kumpel von Mikke, der ihn besuchen will, folgerte Julia, er
ist aus einem anderen Grund hier.
Der Typ reagierte nicht auf Mikkes Frage. Als gäbe es Mikke gar nicht. Er
schien sich ausschließlich für Julia zu interessieren. Als er über die Matratze
stieg und nach der Zeitung mit Maries Foto auf dem Boden griff, wich sie
unwillkürlich ein Stück zurück.
Seine Frage ließ ihr eine Gänsehaut über den Rücken kriechen.
» Deine Freundin, oder?«
» Wieso … woher weißt du das? Wer bist du?«
» Willst du sie noch mal sehen?«
» Was?«
» Marie. Willst du sie sehen?«
Julia spürte, wie sich jeder Muskel in ihrem Körper verspannte.
» Woher kennst du ihren Namen? Weißt du, wo sie ist?« Als er keine
Antwort gab, schrie sie fast: » Natürlich will ich sie sehen! Ich … ich bin fast
verrückt vor Angst um sie! Ich habe keine Ahnung, was mit ihr passiert ist!
Wenn du irgendwas weißt, dann …«
» Wenn du willst, dann bringe ich dich zu ihr. Aber wir müssen uns
beeilen.«
Julia sprang auf.
» Spinnst du?« , kam es von Mikke. » Du kannst doch jetzt nicht einfach so
… He, warte, ich komme mit!«
Er rappelte sich mühsam hoch und griff nach seinen Schuhen. Der Typ mit
der Baseballcap machte einen schnellen Schritt nach vorne, mit einem Tritt
beförderte er die Schuhe aus Mikkes Reichweite.
» Nur Julia. Du bleibst hier. Und du rührst dich nicht vom Fleck, ist das
klar?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich zur Tür. Er schien nicht einen
Moment daran zu zweifeln, dass Julia ihm folgen würde.
MERETTE
Sie lehnte kraftlos an der Kühlerhaube von Jan-Oles Campingbus. Eine
Streifenpolizistin hatte ihr einen Becher Kaffee in die Hand gedrückt und redete
beruhigend auf sie ein.
» Wir finden Ihre Tochter, ganz bestimmt. Vielleicht ist auch alles nur ein
Missverständnis, vielleicht ist sie nur zum Einkaufen und kommt gleich
zurück.«
» Ganz sicher nicht« , sagte Merette und schüttelte den Kopf. » Seien Sie mir
nicht böse, ich weiß, dass Sie es nur gut mit mir meinen, aber ich muss
nachdenken.« Sie tastete nach den Zigaretten in ihrer Tasche. » Wollen Sie auch
eine?«
Die Polizistin nickte, Merette gab ihr Feuer.
Ein paar Schaulustige drängten sich neugierig näher. Der Kollege der
Polizistin hatte Mühe, sie zurückzuhalten.
Für einen kurzen Moment brach die Sonne durch die Wolken. Das Licht
erschien Merette seltsam grell und hart, wie unwirklich. Als sich die nächste
Wolke vor die gleißende Scheibe schob, atmete sie erleichtert auf.
Einige Meter weiter brüllte Jan-Ole immer noch auf die beiden Zivilbeamten
ein. Der Junge aus dem Haus stand mit hochgezogenen Schultern neben ihnen,
die Hände tief in die Taschen seiner Baggies vergraben. Sein Gesicht wirkte
trotzig, als wäre er zu Unrecht in etwas verwickelt worden, was ihn nichts
anging. Irgendetwas an seiner Haltung vermittelte Merette das Gefühl, dass er es
dennoch genoss, mitanzuhören, wie die Beamten zur Schnecke gemacht wurden.
» Das kann doch alles nicht wahr sein!« , brüllte Jan-Ole. » Ihr habt also nichts
Besseres zu tun gehabt, als euch einen kleinen Sprayer zu schnappen, um ihn
wegen ein bisschen Graffiti dranzukriegen? Ist das eure Vorstellung von einer
Observation? Wie bescheuert muss man eigentlich noch sein?«
Jan-Ole griff sich mit beiden Händen an den Kopf und starrte für einen
Moment auf den Boden. Die beiden Zivilbeamten wagten nicht, sich zu rühren.
Aber dafür trat der Junge jetzt einen Schritt auf Jan-Ole zu und tippte ihm gegen
den Arm.
» Entschuldigung, kann ich jetzt meine Spraydosen wiederhaben?«
Jan-Ole fuhr herum. » Mach, dass du wegkommst! Hau ab, bevor ich es mir
anders überlege!«
Der Junge zuckte mit der Schulter und drehte sich zögernd um. Nach ein paar
Schritten fing er an zu rennen.
Aus einer plötzlichen Intuition heraus stellte sich ihm Merette in den Weg
und stoppte ihn.
» Warte, bleib mal stehen!«
» Was? Was wollen Sie von mir? Lassen Sie mich in Ruhe!«
Die Streifenpolizistin trat neben Merette, ihre Hand wanderte demonstrativ zu
der Pistolentasche an ihrem Koppel.
Der Junge verdrehte die Augen, aber er machte keine Anstalten mehr
abzuhauen.
» Ich kenn dich« , sagte Merette. » Du gehörst doch zu der Familie im ersten
Stock. Ich habe vor ein paar Tagen mit deiner Mutter gesprochen, da haben wir
uns gesehen.«
» Kann schon sein. Ja und?«
Irgendetwas an seiner Reaktion bestärkte Merette darin, dass sie auf der
richtigen Spur war. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Jan-Ole näher kam, aber
dann wie unbeteiligt vor dem Camper stehen blieb und seinen Tabak aus der
Tasche holte.
» Du kennst mich ganz genau. Und du kennst auch meine Tochter Julia.«
» Klar, sie wohnt ja im selben Haus.«
» Stehst du auf sie?«
» Was? W…wieso, was geht Sie das an?«
Er wurde schlagartig rot und versuchte seine Verlegenheit zu überspielen,
indem er einen Spuckeflatschen direkt neben die Stiefel der Streifenpolizistin
platzierte.
» Das Problem ist nur, dass sie ein bisschen zu alt für dich ist« , machte
Merette weiter. » Aber wenn sie ein Problem hätte, würdest du ihr sofort helfen,
richtig? Du würdest alles für sie tun, um ihr zu beweisen, dass du ein echter
Kumpel bist, auf den sie sich verlassen kann. Also, was hat sie zu dir gesagt?«
» Nichts weiter! Nur dass sie noch mal kurz …« Er biss sich auf die Lippe
und starrte Merette trotzig an.
Merette tat so, als hätte sie seine Antwort ohnehin schon gekannt. » Dass sie
noch mal kurz wegmüsste. Aber dass da ein Wagen auf der Straße stehen würde,
der das Haus beobachtet. Und du solltest ihr helfen, unbemerkt aus der
Toreinfahrt zu kommen.«
» Nee, das mit dem Wagen habe ich ihr ja erst erzählt. Sie wusste überhaupt
nichts davon, aber ich hab die Zivilbullen gesehen, als ich mir was vom Kiosk
geholt habe. Und am Anfang habe ich ja auch gar nicht wirklich gedacht, dass es
irgendetwas mit ihr zu tun haben könnte. Ich wollte nur … Was soll das
überhaupt?«
» Du wolltest dich nur ein bisschen aufspielen, schon klar. Aber dann …«
» Dann war es so, wie Sie gesagt haben« , platzte er heraus. » Stimmt schon,
sie hat mich um einen kleinen Gefallen gebeten. Na und, ist doch nicht
verboten, oder?«
» Ist nicht verboten, nein. Aber du musst dir auch nichts darauf einbilden. Ich
hoffe nur, dass es dir nicht irgendwann …«
» Ist gut, Merette« , mischte sich Jan-Ole ein. Er trat seine Zigarette auf dem
Pflaster aus, bevor er sich an den Jungen wandte. » Sonst hat sie nichts gesagt?
Wohin genau sie wollte? Ob sie eine Verabredung hatte?«
» Nein, nur dass sie noch mal kurz wegmüsste. Und ob ich ihr helfen könnte.
Sonst nichts.«
» Und was glaubst du selber, wohin sie wollte? Du musst doch darüber
nachgedacht haben! Du musst dich doch gefragt haben, was überhaupt los ist?
Wieso zwei Zivilbullen euer Haus beobachten? Was sie von Julia wollen? Das
hat dich alles nicht interessiert? Das glaube ich dir nicht!«
» Ja, schon klar. Aber ich hab auch nicht richtig darüber nachgedacht, war ja
auch gar keine Zeit dazu, ich brauchte schnell eine Idee, wie ich die Typen da
ablenken konnte!« Er nickte zu den beiden Zivilbeamten hinüber. » Und
außerdem bin ich nicht Julias Babysitter« , setzte er unerwartet pampig hinzu,
» nur dass das mal klar ist.«
Jan-Ole stieß ihn mit der flachen Hand vor die Brust. » Hau bloß ab, du Idiot!
Und zwar jetzt, sofort!«
Als der Junge in der Toreinfahrt verschwunden war, griff Jan-Ole nach
Merettes Arm und zog sie ein Stück mit sich.
» Das war gute Arbeit« , sagte er leise. » Wie bist du darauf gekommen?«
» Ich weiß es nicht, einfach so ein Gefühl, dass er vielleicht irgendetwas damit
zu tun hatte. – Willst du meine Theorie hören? Julia hat einen Anruf
bekommen, deshalb wollte sie weg. Er hat sie aus dem Haus gelockt, um sie
irgendwo zu treffen.«
» Du denkst an Aksel?«
» Allerdings. Ich bin mir inzwischen fast sicher, dass er neulich ihre
Telefonnummer bei mir entdeckt haben muss, ein dummer Zufall, meine
Schuld, aber es passt. Und jetzt braucht er nur behauptet zu haben, dass er etwas
über Marie wüsste. Und Julia …«
» Ohne anzurufen, um uns wenigstens zu informieren? Glaubst du wirklich,
dass sie …«
» Ich fürchte, ja. Julia hat die Tendenz, irgendwelche Probleme unbedingt
alleine lösen zu wollen.«
» Womit sie nicht die Einzige hier ist« , sagte Jan-Ole. Seine Stimme klang
resigniert. » Verdammt« , stieß er gleich darauf hervor. » Wenn du recht hast,
dann kann inzwischen sonst was passiert sein! Wir müssen …«
Ohne seinen Satz zu beenden, eilte er zu den wartenden Beamten zurück, um
ihnen neue Anweisungen zu geben.
Merette zog ihr Handy aus der Tasche und rief Julias Nummer auf. Wieder
meldete sich nur die automatische Ansage: » Der Teilnehmer ist zur Zeit nicht
erreichbar.«
Jan-Ole kam zurück.
» Ihr Handy ist immer noch ausgeschaltet« , informierte ihn Merette.
Er nickte mit zusammengekniffenen Lippen und winkte ihr, in den Camper zu
steigen.
» Was hast du vor? Was machen wir jetzt?« , fragte Merette, als er sich auf
den Fahrersitz schob. Sie war kaum in der Lage, einen klaren Gedanken zu
fassen, geschweige denn, eine Entscheidung zu treffen. Als sie für einen kurzen
Moment die Augen schloss, hatte sie sofort das Bild vor sich, wie Aksel Julia
mit Gewalt zwang, mit ihm mitzukommen. Er hatte ihr von hinten den Arm
um die Kehle gelegt und drückte ihr ein Messer an den Hals. Er hatte sie an den
Haaren gepackt und hielt ihr eine Pistole an die Schläfe. Er verdrehte ihr den
Arm, er würgte sie, er schlug ihr brutal in den Unterleib. Julia versuchte
vergeblich, an das Pfefferspray zu kommen, das sie immer in ihrer Tasche trug

» He, alles okay?« , drang Jan-Oles Stimme zu ihr. » Entschuldige, blöde
Frage, ich weiß.« Er legte ihr kurz die Hand auf den Arm, dann drehte er den
Zündschlüssel. » Wir fahren zu Aksels Wohnung« , sagte er, während er bereits
den Wahlhebel des Automatikgetriebes einrasten ließ. » Wir suchen nach
irgendeinem Hinweis, wo er sich verkrochen haben könnte. Auch wenn die
Kollegen bislang nichts gefunden haben, aber wir müssen es noch mal
versuchen.«
Er ließ sich von Merette dirigieren, Sigurdsgate, Håkonsgate, Nygårdsgate,
vorbei an der St.-Pauls-Kirche und der Grieghalle. » Jetzt rechts, das Haus mit
der Garageneinfahrt daneben ist es.«
Jan-Ole steuerte eine Parklücke an, die eindeutig zu klein war, und quälte den
Bus mit dem rechten Vorderrad auf den Bordstein. Sein Handy klingelte.
» Ja? … Was? Und wo? … Verstehe. Und das ist sicher, ja? … Okay, ich
weiß Bescheid. Danke.«
Merette packte seinen Arm und blickte ihn fragend an.
Er schüttelte den Kopf und hob die Hand, damit sie ihn nicht unterbrach.
» Nein« , sagte er wieder ins Handy, » darum sollen sich irgendwelche Kollegen
kümmern, das ist nicht unsere Sache. Hej hej.«
Er schob das Handy zurück in die Jackentasche.
» Sie haben Carlos gefunden. Karl Rasmussen. In einem Motel in Ytre-Yndra.
Er macht da die Rezeption, natürlich ohne gültige Arbeitserlaubnis, deshalb ist
er auch nirgends gemeldet. Aber er ist es nicht, er hat nichts mit Aksel zu tun.
Es gibt genug Zeugen, die bestätigen können, dass er mehr oder weniger rund
um die Uhr arbeitet und Ytre-Yndra seit Wochen nicht verlassen hat. Wir sind
keinen Schritt weiter, außer dass wir jetzt wissen, dass es eine falsche Fährte
war. So was passiert. Sehen wir uns Aksels Wohnung an.«
Als sie in den Hof kamen, stutzte Merette. Irgendetwas war anders. Sie
brauchte einen Moment, bis ihr klar wurde, dass sie unbewusst damit gerechnet
hatte, wieder von wummernden Elektrobeat-Klängen empfangen zu werden.
Stattdessen dröhnte diesmal eine Rockmelodie aus dem geöffneten Fenster im
Obergeschoss. Merette kannte die Melodie, konnte aber den Text nicht
zuordnen.
Jan-Ole blieb irritiert stehen, als sie mit zusammengezogenen Augenbrauen
auf die Musik hörte.
» Du kennst das Lied« , meinte er. » Ein alter Kinks-Titel, aber auf
Norwegisch, deshalb klingt es so ungewohnt. Der Gitarrist von Dance with a
Stranger hat das vor ein paar Jahren eingespielt. ›Dead End Street‹ heißt der
Song im Original.« Als wäre es von irgendeiner Bedeutung zu wissen, welches
Lied da gerade lief.
Merette zog ihn am Arm zu sich und drückte kurz ihren Kopf an seine
Schulter.
» Tut mir leid« , sagte sie leise. » Ich bin gerade keine große Hilfe, ich weiß.
Aber …«
» Du musst dich nicht entschuldigen. Mir ist vollkommen klar, wie es dir
gehen muss, glaub mir. Also los, sehen wir uns die Wohnung an.«
Die Tür zu Aksels Wohnung war versiegelt. Ohne zu zögern, durchtrennte
Jan-Ole mit einem Taschenmesser das Polizeiklebeband, in Höhe des
Türschlosses war das Holz gesplittert, hier hatten die Beamten sich gewaltsam
Zutritt verschafft. Jan-Ole zog eine Kreditkarte aus seinem Portemonnaie und
schob sie in den Spalt, bis das Schloss mit einem Klicken nachgab und die Tür
aufschwang.
Sofort hüllte sie der muffige Geruch ein, der wie eine Wand in der Wohnung
zu stehen schien. Jan-Oles Kollegen hatten ganze Arbeit geleistet, es gab kaum
eine Stelle, an der sie nicht ihre Spuren hinterlassen hatten. Wenn Merette es
nicht besser gewusst hätte, wäre sie überzeugt gewesen, dass irgendjemand
eingebrochen war, um die Wohnung mit Absicht zu verwüsten. Aber
wahrscheinlich machte es auch keinen Unterschied, mit welcher Intention hier
jemand gewesen war, dachte sie, das Ergebnis lief auf das Gleiche raus. Sogar
die Müllsäcke waren aufgeschlitzt, und der Inhalt lag verstreut auf den Fliesen.
Merettes Blick fiel auf das Flip-Chart, das sie beim letzten Mal durch das
Fenster gesehen hatte, jetzt war die Oberfläche sauber abgewischt, von dem
verstörenden Diagramm mit den verschiedenen Pfeilen und dem Wort
» Schwesterlein« war nichts mehr zu erkennen.
» Was hast du?« , fragte Jan-Ole, als sie ratlos auf die weiße Plastikfläche
starrte.
» Es fällt mir jetzt erst wieder ein, hier war eine Zeichnung.«
Sie versuchte, Jan-Ole möglichst genau zu beschreiben, woran sie sich
erinnerte. Er pfiff leise durch die Zähne.
» Das klingt nach einer Art Plan, nach dem er vorgehen wollte, so was wie
ein Handlungsgerüst, um nicht den Überblick zu verlieren. Wir haben auch
schon Täter gehabt, die die Tapete dafür benutzt haben. Aber damit ist
zumindest sicher, dass er noch mal hier gewesen ist und alle Spuren beseitigt
hat, die irgendeinen Hinweis geben könnten. Das gefällt mir gar nicht, er scheint
uns immer einen Schritt voraus zu sein. Ich rufe die Spurensicherung an, sie
müssten in der Lage sein, da irgendwas von diesem Diagramm, an das du dich
erinnerst, sichtbar zu machen.«
Während er noch das Handy am Ohr hatte und mit den Kollegen sprach, ging
er in den Wohnraum hinüber und begann, systematisch das Chaos aus Büchern
und Zeitschriften auf dem Boden zu durchforsten.
Merette folgte ihm.
Als Jan-Ole ein zerfleddertes Märchenbuch unter ein paar Comicheften
hervorzog, zuckte sie zusammen. Eine vage Idee schoss ihr durch den Kopf.
» Warte mal, Jan-Ole! Gib mir das Buch mal bitte!«
Sie schlug das Inhaltsverzeichnis auf.
» Der gestiefelte Kater, Der Teufel mit den drei goldenen Haaren« , las sie
halblaut mit, während sie mit dem Finger über die Seiten fuhr, » Hans im
Glück, Frau Holle, Hänsel und Gretel, Dornröschen, hier, Brüderlein und
Schwesterlein, Seite 193!«
Die Seite blätterte sich fast von alleine auf, in dem Falz klemmte ein leicht
unscharfes Schwarzweißfoto. Ein blonder Junge und ein kleineres Mädchen mit
ebenso blonden Haaren, die Hand in Hand vor einer Sommerhütte standen.
» Was ist?« , fragte Jan-Ole dicht neben ihr. » Ist er das?«
Merette drehte das Foto um, auf der Rückseite war in ordentlicher
Schülerschreibschrift notiert: Sommerferien in der Hütte. Schwesterlein und ich.
» Er ist es« , sagte Merette leise. » Mit seiner Stiefschwester. Aber …«
» Was?«
Merette blickte wieder auf das Foto.
» Ich kenne die Hütte, ich habe sie schon mal gesehen! Genau diese Hütte!
Mit den Apfelbäumen und der Kinderschaukel. Nur wo? Wo war das?«
» Bist du dir sicher? Es ist ein Sommerhaus, wie es Hunderte an der Küste
gibt.«
» Sag das noch mal!«
» Was? Dass es an der Küste Hunderte von diesen …«
» An der Küste, das ist es! Jetzt weiß ich es wieder, ich war da, gerade erst
vor ein paar Tagen, auf Sotra! Ich wollte ans Meer und habe mich auf der
Halbinsel bei Telavåg fast verlaufen, und dann war da plötzlich diese Hütte,
ganz alleine, weit draußen an einer Bucht. Das ist sie, ganz sicher, nur dass alles
völlig verkommen ist, als würde sie schon seit Jahren nicht mehr benutzt. Die
Fenster sind vernagelt und …«
» Okay, das reicht« , sagte Jan-Ole. Sein Gesicht war so angespannt, dass die
Kiefermuskeln deutlich hervortraten. » Bist du dir sicher, dass du den Platz
wiederfindest?«
» Ja, ganz sicher.«
» Fahren wir. Ich rufe von unterwegs die Kollegen an, dass sie Verstärkung
schicken.«
Im Auto beugte er sich noch mal zu Merette. Er griff nach ihrem Kinn und
drehte den Kopf zu sich.
» Nur fürs Protokoll: Du zeigst mir jetzt den Weg dahin, mehr nicht. Alles
andere ist meine Sache. Du bleibst im Auto und wartest auf mich. Können wir
uns darauf einigen?«
Merette schlug die Augen nieder und nickte.
Jan-Ole rangierte den Camper mit quietschenden Reifen zurück auf die Straße
und rammte noch im Rollen den Wahlhebel in Fahrtstellung. Aber schon nach
wenigen Metern stoppte er wieder, um ein Blaulicht mit einem Magnetfuß aus
dem Staukasten zwischen den Sitzen hervorzuholen. Er streckte den Arm aus
dem Fenster und platzierte das Blaulicht auf dem Wagendach. » Ist sicherer« ,
erklärte er, bevor er erneut Gas gab.
Einen Moment lang schwiegen sie beide, Jan-Ole konzentrierte sich ganz auf
den Verkehr. Bei dem Tempo, mit dem er durch die schmalen Straßen raste,
war Merette froh über das Blaulicht auf ihrem Dach.
Auf dem Sotraveien zur Brücke über den Sund überholte Jan-Ole
rücksichtslos einen Wagen nach dem anderen, mehrmals schaffte er es gerade
noch so eben, vor dem Gegenverkehr wieder auf die rechte Fahrspur zu kommen.
Merette wünschte sich, selber gefahren zu sein. Sie klammerte sich an den
Haltegriff über der Tür und versuchte, nicht auf die Straße zu blicken. Als sie
hinter einem Lastwagen hingen, der trotz Jan-Oles wütendem Hupen nicht auf
den Seitenstreifen auswich, schluckte Merette schwer und stellte die Frage, die
ihr schon die ganze Zeit im Kopf herumging: » Als ich da an der Hütte war,
glaubst du, dass es möglich gewesen sein kann …«
Sie blickte zu Jan-Ole, ohne den Satz zu beenden.
» Kann sein, kann auch nicht sein. Ja« , setzte er nach kurzem Zögern hinzu,
» wenn du recht hast und es ist die Hütte, dann war Marie wahrscheinlich bereits
da.«
» Und ich habe nichts davon geahnt! Ich hätte nur zur Tür gehen müssen und
…«
» Hör auf, Merette, das bringt es nicht! Warum hättest du das tun sollen? Du
bist zufällig über ein verlassenes Sommerhaus gestolpert, mehr nicht. Kein
Mensch hätte auf die Idee kommen können, dass da etwas nicht stimmte. Jetzt
können wir nur hoffen …«
» Dass es noch nicht zu spät ist. Dass Marie überhaupt noch lebt! Und dass
Julia …«
» Hör auf!« , wiederholte Jan-Ole.
Er schob eine CD in den Player, als wollte er jedes weitere Gespräch
vermeiden. Gleichzeitig fummelte er sein Handy aus der Tasche, um die
Kollegen zu informieren.
» Ich bin auf dem Weg nach Telavåg. Ja, auf Sotra, natürlich. Es sieht so aus,
als hätten wir endlich eine Spur. Kann sein, dass unser Mann sich da in einer
Sommerhütte verkrochen hat. Und ich brauche Verstärkung, schickt unbedingt
auch gleich einen Rettungswagen mit, ich habe keine Ahnung, was wir da
vorfinden. Die genaue Wegbeschreibung gebe ich noch durch, erst mal sollen
alle nach Telavåg fahren, ich melde mich dann wieder.« Er warf das Handy in
die Ablage auf dem Armaturenbrett und begann, auf dem Lenkrad den Takt der
Musik mitzuschlagen. Eine schwedische Band aus den neunziger Jahren, die er
auch früher schon gehört hatte, Isildurs Bane, wenn sich Merette richtig
erinnerte, und die Platte hieß » A Trip to Elsewhere« . Vielleicht war es auch
umgekehrt, und die Band hieß so.
» Können wir bitte etwas anderes hören?« , fragte Merette. Ohne eine Antwort
abzuwarten, drückte sie die Ejecttaste und schob dann eine CD von Rebecca
Bakken in den Schlitz. Gleich der erste Song war eines der Lieblingslieder von
Julia, » Cover me with Snow« . Merette hatte kaum die Refrainzeile gehört, als
sich ihr die Assoziation zu einem Leichentuch aufdrängte. Hastig schaltete sie
den Player wieder aus. Jan-Ole gab keinen Kommentar, er schien mit seinen
Gedanken weit weg zu sein.
Kurz darauf meldete sich sein Handy wieder. Jan-Ole schaltete den
Lautsprecher ein. Verzerrt und von Rauschen und Knacken unterbrochen erklärte
eine Polizistin aus der Allehelgensgate, dass gerade ein Anruf eingegangen war,
von einem jungen Mann, der eine Entführung gemeldet hatte.
» So wie es aussieht, geht es um deine Tochter, Jan-Ole! Und die
Personenbeschreibung des mutmaßlichen Entführers deckt sich mit der
Fahndung, die wir hier laufen haben, von diesem …«
» Aksel!« , stieß Jan-Ole nur hervor. » Danke, ich weiß Bescheid.«
An der Abzweigung nach Telavåg waren zwei Arbeiter in orangefarbenen
Warnwesten damit beschäftigt, ein neues Straßenschild aufzustellen. Als Jan-Ole
schlingernd in die Nebenstraße einbog und dabei einen der rotweißen
Warnpylonen streifte, sprangen sie erschrocken in den Graben. Im Rückspiegel
sah Merette, wie sie dem Camper wütend irgendetwas hinterherriefen.
Über dem Meer türmten sich grauschwarze Wolken auf, die Sonne an ihrem
äußeren Rand wirkte so fahl wie eine Neonleuchte.
Telavåg war wieder wie ausgestorben, an der Kirche war sich Merette
plötzlich nicht mehr sicher, welcher Weg zur Halbinsel hinausführte.
» Warte mal« , bat sie Jan-Ole. » Ich glaube, ich bin vorher schon abgebogen!
Die Straße macht hinter dem Felsen einen Bogen zurück zum Dorf, es kann
sein, dass ich auf dem Rückweg da vorne rausgekommen bin, glaube ich
jedenfalls …«
» Fragen wir den Popen, er muss sich ja hier auskennen.« Jan-Ole zeigte zur
Kirche hinüber.
Der Pastor stand in der offenen Tür zur Sakristei, Merette erkannte ihn sofort
wieder. Als er jetzt die Arme weit über den Kopf hob und langsam auf sie
zukam, brummte Jan-Ole irritiert: » Was für ein Problem hat der denn jetzt
wieder?«
Er öffnete die Tür und stieg aus. Merette beugte sich über den Fahrersitz und
winkte dem Pastor zu.
» Hej! Wir kennen uns von neulich, erinnerst du dich? Ich war an dem Tag
hier, an dem ihr das kleine Mädchen beerdigt habt. Und wir brauchen deine
Hilfe …«
Sie brach ab, als der Pastor ganz offensichtlich nicht reagierte, sondern bis
dicht an den Wagen trat und direkt vor Jan-Ole stehen blieb. Die Hände hatte er
immer noch über dem Kopf, das Blaulicht warf zuckende Blitze über sein
bleiches Gesicht.
» Was soll das hier werden?« , setzte Jan-Ole ratlos an.
» Ich habe es gleich gewusst« , antwortete der Pastor mit nahezu
ausdrucksloser Stimme. » Schon als sie versucht hat, mich auszufragen.« Er
blickte zu Merette hinüber. » Ich wusste, dass sie von der Polizei ist. Ich dachte
nur, ihr würdet schon eher kommen, um mich zu holen.« Er nahm jetzt die
Hände herunter und hielt sie Jan-Ole ausgestreckt hin. » Ich werde euch keine
Schwierigkeiten machen. Ich lege ein volles Geständnis ab.«
» Was?« , stieß Jan-Ole wieder irritiert hervor.
Im nächsten Moment wusste Merette, wovon der Pastor sprach. Als sie sich
auf den Fahrersitz hinüberschob, fühlte sie sich müde und kraftlos, aber zu ihrer
eigenen Verblüffung seltsam unberührt, als würde ein Film vor ihren Augen
vorbeiflimmern, der absolut nichts mit ihr zu tun hatte.
» Er hat ein kleines Mädchen auf dem Gewissen« , sagte sie zu Jan-Ole. » Es
stand in der Zeitung, angeblich ist das Kind beim Spielen am Ufer ertrunken,
und ich dachte erst, dass … Du weißt schon, deshalb war ich hier.«
» Ich lege ein volles Geständnis ab« , wiederholte der Pastor. » Ich war es. Ich
nehme alle Schuld auf mich. Der Herr wird mich leiten, egal, was nun passieren
mag.«
Er fing unvermittelt an zu beten, die Hände hielt er weiter ausgestreckt.
» Hör auf!« , herrschte Jan-Ole ihn an. Er schlug sich mit der flachen Hand vor
den Kopf und blickte hilflos zu Merette. » Das ist doch alles vollkommen
hirnrissig!«
Merette rutschte vom Fahrersitz und griff nach seinem Arm.
» Wir haben jetzt keine Zeit dafür!« , erinnerte sie ihn leise. » Sperr ihn in die
Kirche. Aber wir müssen zur Hütte!«
Jan-Ole starrte sie an, als müsste er überlegen, wer sie war. Dann schien er
seine Fassung wiedergefunden zu haben. Er packte den Pastor am Ellenbogen.
» Gut. Nimm endlich die Hände beiseite. Ich hab’s ja kapiert. Aber ich hab
gar keine Handschellen dabei! Ich sag dir, was wir jetzt machen: Du gehst in
deine Kirche und rührst dich nicht vom Fleck. Bete meinetwegen oder betrink
dich mit dem Abendmahlswein. Ich rufe die Kollegen an, dass sie sich um dich
kümmern.«
Im nächsten Moment war wie aus dem Nichts der Regen da. Dunkle Wolken
jagten über den Himmel, wie Gewehrfeuer trommelten die Tropfen auf das
Wagendach.
Der Pastor blieb reglos stehen, als wäre der strömende Regen bereits der
Vorbote einer göttlichen Strafe.
» Auch das noch« , knurrte Jan-Ole und nahm das Handy vom Armaturenbrett.
Noch während er wählte, hörten sie eine brüchige Altmännerstimme über das
Rauschen des Regens hinweg.
» He, Polizist! Ja, dich meine ich! Wir wollen keine Deutschen hier! Nimm
deine Freundin und verschwinde.«
Der alte Mann stand wieder hinter seiner Mauer, er musste sie schon länger
beobachtet haben. Sein Jackett war bereits schwarz vor Nässe. In der Hand hielt
er einen faustgroßen Stein, als hätte er jeden Moment vor zu werfen.
» Warte mal kurz« , sagte Jan-Ole zu dem Kollegen, der sich mittlerweile
gemeldet hatte. » Ich muss hier mal eben was klarstellen.«
Merette sah, wie er dabei mit den Schultern rollte und die freie Hand zur
Faust ballte.
» Jan-Ole!« , rief sie hinter ihm her. » Lass es, es ist egal! Wir müssen …«
Jan-Ole reagierte nicht. Erst kurz vor der Mauer blieb er stehen. Er schlug die
Lederjacke zur Seite und legte seine Hand auf die Waffe im Gürtel.
» Jetzt noch mal von vorne« , hörte Merette ihn unvermittelt brüllen, » haben
wir hier irgendein Problem, oder was?«
» Wir wollen keine Deutschen hier« , beharrte der Alte trotzig.
» Aber ein Pfarrer, der kleine Mädchen missbraucht, ist okay, ja? Da haltet ihr
alle schön euer Maul und lasst ihn machen. Wie lange geht das schon so? Na
los, ich höre! Ihr steckt doch hier alle unter einer Decke, ihr wisst doch
Bescheid!«
Ganz langsam ließ der Alte die Hand mit dem Stein sinken. Aber Jan-Ole war
noch nicht fertig mit ihm.
» Also los, komm schon, ich will deinen Namen haben, Anschrift, alles, was
dazugehört. Und wenn die Kollegen kommen, können sie dich gleich
mitnehmen, genauso wie den Rest von eurem verdammten Kaff hier!«
Der Alte zuckte zusammen und schlurfte mit hängenden Schultern zurück zu
seinem Haus.
Jan-Ole nahm wieder das Handy ans Ohr. Merette zögerte kurz, dann hatte sie
ihren Entschluss gefasst. Als Jan-Ole hörte, wie die Wagentür zuschlug, fuhr er
herum …
Der Motor lief noch. Merette löste die Handbremse und gab Gas. Loser Kies
spritzte unter den Vorderreifen hoch, im Rückspiegel sah sie, wie Jan-Ole ein
Stück hinter ihr herlief, bevor er aufgab und vornübergebeugt stehen blieb.
Der Pastor hatte sich die ganze Zeit nicht von der Stelle bewegt. Merette
nahm an, dass er immer noch betete.
Sie quälte den Camper die langgezogene Steigung zwischen den Felsen
hinauf, die Wischerblätter zogen schmierige Streifen über die
Windschutzscheibe. Aber sie hatte sich nicht geirrt, die Straße machte einen
Bogen und führte durch die Heidelandschaft zur Halbinsel hinaus. Nach
vielleicht ein oder zwei Kilometern passierte Merette die Haltebucht, in der sie
beim letzten Mal den Volvo abgestellt hatte. Also war sie bereits zu weit
gefahren! Sie stieg in die Bremse und setzte zurück, bis sie den vermoderten
Schlagbaum entdeckte. Die Zufahrt war kaum noch zu erkennen, in ihrer
Erinnerung war der Weg breiter gewesen, Brombeergestrüpp überwucherte von
beiden Seiten die Fahrspuren.
Merette überlegte nicht lange, sondern rammte den Wahlhebel zurück in die
Fahrtstellung und gab wieder Gas. Der Motor heulte auf und übertönte fast den
dumpfen Aufprall, mit dem der Kühlergrill den Schlagbaum durchbrach. Ein
Stück modriges Holz knallte auf die Windschutzscheibe. Der Untergrund war
durch den Regen so morastig, dass Merette Mühe hatte, den Camper in der Spur
zu halten. Dornen kratzten quietschend über den Lack, ein größerer Ast riss den
linken Außenspiegel aus seiner Halterung, gleich darauf zersplitterte auch der
rechte Spiegel an einem vorstehenden Felsen.
Hinter einer leichten Biegung lag plötzlich ein Moped auf dem Weg. Merette
drückte das Gaspedal bis zum Anschlag durch, der Camper bockte unwillig, als
er das Hindernis überrollte, wieder splitterte Glas, Metall knirschte auf Metall.
Gleich darauf hörte sie die Luft aus einem der Reifen zischen. Sie schaffte nur
noch ein paar Meter, bis der Camper sich in einem Schlammloch festwühlte und
zur Seite rutschte. Mit einem dumpfen Blubbern kam der Motor zum Stehen.
Genauso unerwartet, wie der Regen begonnen hatte, hörte er auch wieder auf.
Merette konnte die Hütte bereits sehen, sie sprang aus dem Wagen und
hastete weiter bis zu der Wiese. Schon waren die Mücken wieder da und flogen
in Schwärmen auf, als Merette durch das hohe Gras lief. Die Hütte lag so still
und verlassen wie bei ihrem letzten Besuch. Außer ihrem keuchenden Atem und
dem Summen der Mücken war kein Geräusch zu hören, nichts deutete darauf
hin, dass sich irgendjemand hier aufhielt.
Laut hallten Merettes Schritte auf den Holzstufen zur Veranda, sie griff nach
der Klinke, die Tür war verschlossen. Merette hämmerte mit den Fäusten gegen
das Holz, nichts rührte sich.
Erst dann fiel ihr Blick auf den Schuppen. Und diesmal war sie richtig. Das
Vorhängeschloss baumelte geöffnet an dem schweren Eisenriegel.
Als Merette die Tür aufstieß, sah sie das Chaos in dem übel riechenden
Raum, den umgestürzten Tisch, die Essensreste auf einem Plastikteller, eine
verschmutzte Decke, eine Holzlatte, die Kette, die an der Wand befestigt war.
An der Holzlatte konnte sie ganz deutlich Blutflecken erkennen und ein Büschel
blonder Haare. Von Julia oder Marie gab es nicht die geringste Spur.
Wie benommen trat Merette zurück vor die Tür, ihre Knie waren so weich,
dass sie sich an der Wand abstützen musste.
Das Ruderboot war verschwunden! Im Gras neben dem Anleger meinte sie,
irgendein Kleidungsstück zu sehen. Als sie hinlief und sich bückte, war es ein
blutverschmiertes Handtuch. Gleich daneben lag ein pinkfarbener Turnschuh.
Julia hatte solche Turnschuhe, auch der Markenname stimmte …
Merette schirmte die Hand gegen die Sonne ab, die wieder gleißend am
Himmel hing, und blickte auf die Bucht hinaus. Gerade noch rechtzeitig konnte
sie sich hinter den Steg ducken, das Ruderboot glitt bereits vom offenen Wasser
ins Schilf.
Aksel stand aufrecht vor der Ruderbank. Er hatte Merette noch nicht gesehen,
sondern konzentrierte sich ausschließlich darauf, das Boot durch den Schilfgürtel
zu staken.
X
Er wusste nicht mehr, ob es richtig gewesen war, die kleine Schlampe zu
erschlagen. Mit der Bongossi-Latte. Genauso wie sein Adoptivvater damals
die hilflose Möwe umgebracht hatte. Doch, es war richtig gewesen! Sie war
nicht Julia, sie passte nicht in seinen Plan, schon deshalb hatte sie es auch
nicht verdient, einfach nur zu ertrinken.
Trotzdem ging ihm der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass vielleicht alles
anders gekommen wäre, wenn er sie wirklich hätte laufen lassen. Ihr die
Augen verbunden und sie irgendwo am Stadtrand abgesetzt, gleich
nachdem er seinen Fehler bemerkt hatte. Sie hätte ihm nicht gefährlich
werden können, sie kannte ihn nicht, sie hatte keine Ahnung gehabt,
worum es überhaupt ging. Und jetzt wurde er das dumme Gefühl nicht los,
dass sie ihn irgendwie hereingelegt hatte. Als ob erst ihr Tod dazu geführt
hätte, dass ihm die ganze Sache endgültig aus dem Ruder gelaufen war …
Aber er hatte nur noch reagiert und sich dabei vorgemacht, dass er alles
unter Kontrolle hatte.
Obwohl er immer noch folgerichtig gehandelt hatte! Auch sein letzter
Schritt war vollkommen logisch gewesen. Er hatte die kleine Schlampe mit
dem Ruderboot quer über die Bucht zum Friedhof hinübergebracht und
ihren leblosen Körper über die glatten Steine am Uferrand und die
matschige Wiese geschleift. Das Kindergrab war mit einem Berg von
Blumen und Kränzen bedeckt. Die offene Grube gleich daneben war nach
wir vor unverändert gewesen. Er hatte die Schlampe über den Rand
gestoßen. Mit einem dumpfen Geräusch war sie auf dem Grund
aufgekommen. Ihre Gliedmaßen waren verdreht, ihr Kopf unnatürlich nach
hinten gebogen. Er hatte gewartet, bis keine Erdklumpen mehr
nachrutschten.
Dann hatte er das Ruderboot ordentlich vertäut. Er konnte nicht
riskieren, dass es von einer Welle aufs Meer getrieben wurde, er würde es
später noch brauchen. Durch die schmale Felsrinne war er nach oben
geklettert und keine zehn Minuten später wieder an der Zufahrt zur Hütte
gewesen.
Er hatte das Moped genommen und war nach Bergen gefahren. Und
wieder war es fast zu einfach gewesen, als würde irgendeine unbekannte
Macht die Dinge für ihn regeln.
Er hatte gerade das Moped abstellen wollen, als ihm der Junge mit den
Spraydosen aufgefallen war. Dann waren auch schon die Zivilbullen aus
ihrem Wagen gesprungen. Er hatte sie vorher nicht bemerkt, was ihn für
einen Moment irritierte und fast daran zweifeln ließ, ob er die Sache
wirklich noch im Griff hatte – aber dann kam auch schon Julia aus der
Toreinfahrt.
Er war ihr bis zum Musikpavillon gefolgt und hatte beobachtet, wie sie
sich mit der Punkerin traf. Als die beiden in Richtung Bryggen unterwegs
waren, hatte er gemerkt, wie er nervös wurde. Er musste Julia alleine
erwischen, und er hatte das Gefühl, dass ihm die Zeit davonlief. Als sie
dann auch noch zusammen in den Bus stiegen, war er fast wütend
geworden. Er war dem Bus gefolgt, bis klar wurde, dass die beiden nach
Gamle Bergen wollten, aber er hatte keine Ahnung gehabt, was sie
eigentlich vorhatten.
Im Museumsdorf hatte er sie kurz aus den Augen verloren, die schmalen
Gassen wimmelten vor Touristen, er war einen Moment ziellos hin und her
gelaufen, bis er plötzlich die Punkerin wiedersah. Alleine, ohne Julia. Er
hatte nicht lange gezögert, sondern sie von hinten am Arm gepackt und in
einen dunklen Gang gezerrt, weg von den Touristen.
Sie war so überrascht gewesen, dass sie sich nicht gewehrt hatte.
»Wo ist deine Freundin, mit der du eben hergekommen bist?«
»Ich hab’s gewusst, dass sie irgendwie Dreck am Stecken hat! Bist du ein
Bulle?«
Er hätte fast gelacht, als er ihre Panik spürte. Und er hatte nur den
Druck auf ihren Arm verstärken müssen, um sie zum Reden zu bringen.
»Sie wollte wissen, wo so ein Typ wohnt, den sie kennt. Mehr kann ich
dir auch nicht sagen. Aber ich habe nichts damit zu tun. Ich hab ihr nur
das Haus gezeigt, dafür könnt ihr mich nicht drankriegen! Den Typen kenn
ich auch nicht weiter, ich hab nur einmal mit ihm gepennt, als ich breit
war, das ist alles. Ich kann dich hinbringen, aber dann lässt du mich
laufen, okay?«
Sie hatte ihn zu dem Kellereingang gebracht und war im gleichen
Moment weggerannt, in dem er ihren Arm losließ.
Natürlich hatte es ihm nicht gepasst, dass es jetzt neben der Punkerin
noch einen weiteren Zeugen geben würde, wenn er sich Julia holte. Aber er
hatte nicht mehr länger warten wollen, sein Gefühl, dass ihm keine Zeit
mehr blieb, war stärker gewesen als alle Bedenken, die ihm durch den Kopf
gingen.
Und der Überraschungseffekt war ganz auf seiner Seite gewesen, wer
immer der Typ war, den Julia besucht hatte, er hatte noch nicht mal
versucht, sie zu beschützen. Und Julia war hinter ihm hergestolpert, ohne
dass er mehr tun musste, als Marie zu erwähnen und zu behaupten, dass er
wüsste, wo sie war.
Die blöde Kuh war ihm gefolgt, als wäre sie in Trance. Und selbst als sie
hinter ihm auf dem Moped hockte und ihn mit ihren Fragen nervte,
glaubte sie immer noch daran, dass sie Marie retten könnte. Erst als sie
schon auf der Halbinsel waren und er sie über den Trampelpfad zum
Friedhof führte, war sie zickig geworden. Als hätte sie plötzlich gewusst,
dass sie geradewegs in eine Falle lief! Es war spannend für ihn gewesen zu
beobachten, wie sie verzweifelt überlegte, was sie tun sollte. Wie ihr
trotzdem nichts anderes einfiel, als ihm weiter zu folgen. Wie sie dann
fassungslos vor der Grube stand, obwohl sie längst begriffen haben musste,
was sie sehen würde.
Er hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass sie … Nein, was dann
geschehen war, daran wollte er sich nicht erinnern. Nicht jetzt, er würde
später noch genug Zeit haben, um darüber nachzudenken. Jetzt musste er
sich ausschließlich auf den nächsten Schritt konzentrieren: das Ruderboot
vertäuen, das Blut von den Bodenplanken abwaschen, den Krempel aus
dem Schuppen beiseiteschaffen. Er hatte auf dem Weg über die Bucht kurz
überlegt, alles auf einen Haufen zu werfen und anzuzünden, aber das
würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Vielleicht war es besser, gleich den
ganzen Schuppen abzufackeln. Irgendwo musste noch ein Kanister mit
Benzin stehen, das sollte reichen, um das trockene Holz in wenigen
Minuten in Flammen aufgehen zu lassen. Und wenn die Hütte durch einen
Windstoß ebenfalls Feuer fangen und abbrennen würde, wäre das nur in
Ordnung. Dann wäre alles, was ihn an die Vergangenheit erinnerte, für
immer verschwunden.
Aber erst mal musste er selbst verschwinden. Raus aus dem Land,
vielleicht nach Schweden rüber. Es war ärgerlich und frustrierend, dass er
seinen Plan nicht zu Ende bringen konnte, aber es ging nicht anders! Er
musste sich mit der Vorstellung begnügen, wie die Psycho-Schlampe in den
nächsten Wochen, vielleicht sogar Monaten, keine Nacht mehr schlafen
würde, ohne von Albträumen aufgeschreckt zu werden und zitternd vor
Angst das Tageslicht herbeizusehnen – nur um sich dann schon wieder vor
der nächsten Nacht zu fürchten. Genauso wie er es aus eigener Erfahrung
nur zu gut kannte!
Nur mit Mühe konnte er das Gleichgewicht halten, als das Ruderblatt,
das er zum Staken benutzte, im zähen Morast steckenblieb und das Boot
sich gefährlich zur Seite neigte. Als sich das Ruderblatt mit einem
schmatzenden Geräusch löste, bohrte sich ein Holzsplitter tief in seine
Handfläche, er fluchte laut. Widerwillig rutschte der Rumpf über den
Schlick, die Schilfhalme scheuerten an der Bordwand entlang, Mücken
flogen auf und schwirrten um seinen Kopf, eine Möwe setzte kreischend zu
einem Sturzflug an und zielte genau auf sein Gesicht. Er duckte sich
unwillkürlich, das Kreischen erschien ihm wieder wie Hohngelächter.
Obwohl ihm der Schweiß über die Wunde an der Stirn lief, war ihm kalt.
Vom Meer her kam ein kräftiger Wind, der ihn in seinen durchnässten
Klamotten fröstelnd die Schultern hochziehen ließ.
Mit vor Nässe und Kälte klammen Händen zog er das Boot an den ersten
Pfahl und stemmte sich auf den Steg. Dann bückte er sich erneut, um nach
dem Tau am Bug zu greifen.
Im gleichen Moment hörte er das Geräusch hinter sich, aber seine
Reaktion kam zu spät, bevor er sich überhaupt noch umblicken konnte, war
sie über ihm.
Der Aufprall war so stark, dass er hilflos nach vorne kippte, ganz kurz
sah er ihr verzerrtes Gesicht, wie eine Maske aus Wut und Schmerz, dann
griff sie nach seinen Haaren und schlug seinen Kopf mit dem Gesicht nach
unten auf das Holz. Einmal, zweimal, er spürte, wie seine Nase brach, mit
aller Kraft bäumte er sich auf und schüttelte sie ab, bekam sie an den
Schultern zu fassen und wollte sie auf den Boden zwingen.
Sie rammte ihm ihr Knie zwischen die Beine, als er sich vor Übelkeit
zusammenkrümmte, sprang sie auf. Immer noch hatte sie kein Wort gesagt,
nur ein heiseres Keuchen kam aus ihrem Mund, sie holte aus und trat ihm
mit voller Wucht gegen den verletzten Fuß, der Schmerz explodierte
förmlich in ihm, vor seinen Augen flimmerte es, jetzt hatte er wirklich
Angst!
Er wusste nicht, woher sie die Kraft nahm, um ihn hochzureißen. Er
versuchte, sie zu umklammern, wieder trat sie nach seinem Fuß, ihr
Gesicht war tränenüberströmt.
»Was hast du mit ihnen gemacht?«, keuchte sie wütend. »Warum? Sie
hatten dir nichts getan, sie waren nur zwei junge Frauen, die nie
irgendwas mit dir zu tun hatten, warum mussten sie sterben? Warum, ich
will eine Antwort!«
Gleichzeitig schlug sie ihm die Beine weg, als er nach vorne stolperte und
in die Knie ging, stieß sie seinen Oberkörper über die Kante des Stegs.
Er spürte ihr Gewicht auf seinen Beinen, während sie seinen Kopf mit
einem schmerzhaften Griff unter Wasser drückte. Wieder fragte er sich,
woher sie die Kraft dazu hatte.
Er schlug mit den Armen um sich, ohne sie zu treffen. Er hatte kaum
noch Luft in den Lungen, er schluckte Wasser, er musste husten, er hatte
das Gefühl zu ersticken.
Als sie seinen Kopf nach oben riss, hörte er sie wieder schreien: »Warum
hast du das getan? Sag mir, warum?«
Er schnappte gierig nach Luft, er wollte sie anflehen, dass sie aufhörte,
aber es wurde nur ein heiseres Röcheln, dann schlug schon wieder das
Wasser über ihm zusammen.
Er wehrte sich nicht mehr. Mit aufgerissenen Augen sah er den
modrigen Grund unter sich. Schlingpflanzen streiften über sein Gesicht.
Und dann war plötzlich seine kleine Schwester da. Direkt vor ihm, die
großen Augen dunkel, der Mund zu einem stummen Schrei geöffnet, die
langen Haare wie ein Totenschleier um sie herum. Er versuchte, nach ihr
zu greifen, sie durfte nicht sterben, er hatte die Verantwortung für sie! Er
musste sie retten, sie aus dem Wasser holen, sie trockenreiben, sie in eine
warme Decke hüllen, ihr ein Märchen vorlesen, das Märchen vom
Brüderlein und Schwesterlein, das sie so sehr liebte. Und er würde ihr
versprechen, sie ganz sicher nie wieder auszulachen, egal, was sie ihm
erzählen würde! Er würde einfach nur sagen: »Klar, ich weiß, dass du das
kannst. Du musst es mir nicht beweisen, ich glaube dir auch so. Weil du
meine kleine Schwester bist und es nichts gibt, was ich dir nicht glauben
würde.«
Er hatte sie ausgelacht! Sie hatte behauptet, dass sie unter dem
Ruderboot hin und zurück tauchen könnte, ohne zwischendurch Luft
holen zu müssen. Er hatte gelacht und sich über sie lustig gemacht.
»Du kriegst ja noch nicht mal deinen kleinen Hintern richtig unter
Wasser beim Tauchen! Wenn du tauchst, sieht es aus wie eine Qualle, die
sich sonnen will.«
Sie hatte ihn mit funkelnden Augen angeblitzt. War ohne ein Wort ins
Wasser gesprungen und getaucht. Und war nicht wieder hochgekommen.
Er hatte noch gedacht, dass sie ihm vielleicht Angst machen wollte. Dass
sie plötzlich vor oder hinter dem Boot auftauchen würde, während er sie an
den Seiten suchte. Erst als er das Kratzen und die dumpfen Schläge unter
dem Rumpf hörte, hatte er reagiert und war hinter ihr hergesprungen. Aber
es war schon zu spät gewesen. Er hatte sie nicht mehr zu fassen gekriegt,
die Strömung war so stark, dass er es selber kaum geschafft hatte, sich
wieder aus dem Sog zu befreien …
Als er zu sich kam, wusste er für einen Moment nicht, wo er war. Er
richtete sich halb auf und spuckte einen Schwall Wasser aus. Die Psycho-
Schlampe war noch da, aber sie wurde von einem Mann mit einem grauen
Zopf festgehalten, der die Arme um sie gelegt hatte und sie an sich drückte.
Der Steg wimmelte von Polizisten, auch auf der Wiese und vor der Hütte
waren Beamte in Uniform.
Die Psycho-Schlampe schluchzte und wimmerte. Als der Mann sie
vorsichtig zu Boden gleiten ließ, begann sie, sich im Sitzen mit dem
Oberkörper vor und zurück zu wiegen. Vor und zurück. Vor und zurück.
Der Mann ließ sie allein und kam auf ihn zu. Jetzt erkannte er ihn. Es
war der Bulle, den er auf dem Zeitungsfoto gesehen hatte!
Er krümmte sich wieder zusammen und hielt schützend die Arme vor
sein Gesicht. »Ich habe versucht, sie zu retten, wirklich!«, stieß er keuchend
hervor. »Ich habe sie nicht ins Wasser gestoßen, sie ist selber gesprungen,
sie wollte mir zeigen, wie gut sie tauchen kann. Aber es hat mir keiner
geglaubt. Sie haben alle gedacht, ich wäre es gewesen. Deshalb musste ich
zurück ins Heim! Der Psychologe hat gesagt, ich wäre gestört, ich hätte es
nicht ertragen können, dass sie … ich wäre eifersüchtig auf meine
Schwester gewesen, aber ich habe sie geliebt, ich hätte alles für sie getan!
Ich wollte nicht, dass sie ertrinkt …«
Der Bulle packte ihn hart am Arm.
»Hör auf damit, es ist gut jetzt! Es geht nicht um deine Schwester. Wo ist
Julia? Wo ist Marie? Was hast du mit ihnen gemacht?«
»Ich weiß es nicht. Ich wollte das nicht. Ich … habe nie vorgehabt, Julia
umzubringen. Ich wollte nur …«
»Was heißt das? Ist sie noch am Leben?«
Er drehte den Kopf zur Seite. Es war egal, was er sagte, der Bulle würde
ihm sowieso nicht glauben.
NACHSPIEL
Julia wusste, dass er sie keinen Moment aus den Augen ließ. Sie konnte seinen
Blick in ihrem Rücken spüren. Und sie hörte ihn atmen. Laut, mit offenem
Mund. Aber nicht wie jemand, der zu schnell gelaufen ist, dachte sie, sondern
der erregt ist. Wie beim Sex.
Sie stand vollkommen regungslos und starrte wie blind in die offene Grube
vor ihr. Als würde sie nicht begreifen, was sie sah. Als wollte sie sich selber
schützen, obwohl ihr Verstand schon längst jede grausame Einzelheit registriert
hatte.
Aber sie hatte es bereits geahnt, als sie noch hinter ihm auf dem Moped saß.
Als sie sich Stück für Stück zusammengereimt hatte, wer er war. Als sie durch
Zufall das Tattoo auf seinem Handgelenk gesehen hatte. Und während sie hinter
ihm her auf dem Trampelpfad zum Meer stolperte, war aus ihrer Ahnung
Gewissheit geworden. Es war alles längst vorbei, sie würde ihre Freundin nicht
mehr retten können. Und es ging jetzt um ihr eigenes Leben!
Sie verfluchte sich im Stillen für die Idee, das Handy ausgeschaltet zu haben,
um für Merette nicht erreichbar zu sein. Und natürlich hatte er dann prompt das
Signal gehört, mit dem es sich ins Netz einwählte. Fast mitleidig hatte er sich
zu Julia umgedreht und ihr das Handy aus der Hand gerissen.
Während er es mit einem Stein in Stücke schlug, hatte sie es gerade noch
geschafft, das Pfefferspray aus der Handtasche zu holen und in ihre Jeans zu
schieben. Warum sie es nicht benutzt und wenigstens den Versuch gemacht
hatte zu fliehen, wusste sie nicht. Es war, als hätte sie trotzdem noch die
Hoffnung gehabt, dass sie sich täuschte. Als würde sie Marie im Stich lassen,
wenn sie jetzt nicht bis zum Ende durchhielt. Idiotisch und wider besseres
Wissen. Aber ohne dass Julia etwas dagegen hätte unternehmen können …
Der erste Blick von der Klippe auf den Friedhof hinunter war noch einmal wie
ein Schock gewesen. Danach hatte sie sich wie durch dichten Nebel getastet,
ohne eigenen Willen, unfähig zu reagieren. Marie war tot, ermordet, in eine
Grube geworfen, die auch Julias Grab werden würde.
» Nein!« , hörte sie eine Stimme schreien. Erst als sie herumfuhr und sah, wie
er überrascht einen Schritt zurückwich, wurde ihr klar, dass sie selbst geschrien
hatte. » Nein!« , brach es noch einmal aus ihr heraus, du Schwein, wollte sie
schreien, du perverser Dreckskerl, du Scheißtyp, aber kein Schimpfwort schien
auch nur im Ansatz zu taugen, um ihn wirklich zu treffen, stattdessen hob sie
die Fäuste und prügelte auf ihn ein, versuchte, sein Gesicht zu treffen, seinen
Hals, ihn mit dem Knie im Schritt zu erwischen, aber er war größer und stärker
als sie, sie hatte keine Chance gegen ihn. Fast mühelos schüttelte er sie ab und
verpasste ihr einen Faustschlag auf das linke Ohr, der sie benommen
zurücktaumeln ließ.
» Hör auf« , sagte er ruhig, zu ruhig, als wäre er sich seiner Sache absolut
sicher. » Je mehr du dich wehrst, umso schlimmer wird es.«
Mit einem schnellen Griff drehte er Julia den Arm auf den Rücken. Als sie
versuchte, nach seinem Schienbein zu treten, verstärkte er den Druck, so dass sie
vor Schmerzen wimmernd in die Knie ging.
» Lass es einfach geschehen« , hörte sie ihn dicht hinter sich keuchen, und
wieder dachte sie eher unbewusst, dass er eine perverse Erregung dabei
verspürte, sie zu quälen, » du weißt, dass du mir nicht mehr entkommst.
Warum machst du es dir so schwer? In wenigen Minuten ist sowieso alles
vorbei. Ich wollte es nicht, aber jetzt geht es nicht mehr anders, jetzt gibt es nur
noch diese letzte Möglichkeit …«
Seine Stimme hatte sich verändert. Als Julia den Kopf drehte, sah sie, dass er
Tränen in den Augen hatte.
» Ich versteh es nicht« , sagte sie leise. Sie musste Zeit gewinnen, auf
irgendeine Weise zu ihm durchdringen, ihn zwingen, sie als Person
wahrzunehmen und nicht nur als willenloses Opfer. » Erklär es mir, bitte! Das
kannst du wenigstens noch tun, bevor du …« Sie brach mitten im Satz ab und
versuchte, seinen Blick auf sich zu ziehen.
Er lachte kurz auf. Es klang eher verzweifelt als spöttisch, auch wenn er sich
gleich darauf bemühte, seine Selbstsicherheit wiederzufinden.
» Was soll ich dir erklären? Warum du hier bist? Das weißt du doch selbst
am besten! Warum du jetzt sterben musst? Denk nach, du bist clever genug, um
alleine auf die Lösung zu kommen, du studierst, du hast Abitur, deine Mutter
ist Psychologin, sie hat dir sicher oft genug erklärt, dass es Menschen gibt, die
anders ticken, die nicht normal sind, die man besser in Heime sperrt, damit sie
niemandem schaden können. So einfach ist das doch für Leute wie euch! Es wird
nur schwierig, wenn irgendetwas schiefläuft, wenn da plötzlich keine Mauern
und keine Gitter mehr sind, die euch vor Typen wie mir schützen können.
Wenn eure Regeln plötzlich nicht mehr gelten! Dann gerät eure kleine,
ordentliche Welt ins Wanken, dann begreift ihr endlich mal, wie es ist, auf der
falschen Seite zu stehen! Aber das habt ihr euch selbst zuzuschreiben, solche
Leute wie du und deine Mutter, die immer denken, etwas Besseres zu sein!«
Der Druck auf Julias Arm hatte ein wenig nachgelassen, zumindest konnte sie
sich jetzt wieder aufrichten. Sie holte tief Luft und spürte, wie ihre Muskeln sich
etwas entspannten. Ihr Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Sie versuchte, den
Eindruck zu erwecken, dass sie über seine Sätze nachdachte.
» Etwas stimmt nicht an dem, was du sagst« , erwiderte sie nach einem
Moment und hoffte, dass sie nicht zu besserwisserisch klang.
» Ist das so, tatsächlich, ja?« , fragte er höhnisch und beugte sich so weit vor,
dass sein Gesicht fast ihre Wange streifte. Seine Augen waren immer noch
wässrig, aber sein Blick hatte etwas Lauerndes. » Glaubst du, wir wären in der
Uni und du hättest die Chance, mit mir zu diskutieren? Das ist genau das, was
ich meine! Du kapierst es einfach nicht, deine Regeln gelten nicht mehr!«
» Nein, ich will nicht mit dir diskutieren! Ich will nur eine Antwort von dir.
Was hatte Marie mit alldem zu tun? Warum sie? Du wolltest dich an meiner
Mutter rächen, weil sie Psychologin ist und weil du … keinem Psychologen
mehr traust oder so was, ich weiß es nicht, ich habe keine Ahnung, was du
erlebt hast! Aber Marie …«
Julia zuckte hilflos mit den Achseln. Ohne dass sie es wollte, fing sie an zu
schluchzen. Aber sie hatte jetzt seine volle Aufmerksamkeit, fast schien es, als
würde er es genießen, ihr eine Erklärung zu liefern.
» Sie hatte nichts damit zu tun, das stimmt. Aber dann hat sie versucht, mich
zu manipulieren. Sie wollte mir zeigen, wie clever sie ist. Ich musste sie
bestrafen, ich konnte sie nicht davonkommen lassen.«
Er ließ Julias Arm los und stand auf. Als er ihr zunickte und die Hand
hinstreckte, war es eine fast freundschaftliche Geste. Als wäre alles gesagt, was
es zu sagen gab. Als wären sie sich einig über das, was jetzt folgen würde. Als
gäbe es kein Zurück mehr.
Julia wusste, dass der kurze Aufschub unwiderruflich vorüber war. Für einen
Moment fühlte sie sich wieder wie gelähmt, dann griff sie nach seiner Hand und
ließ sich hochziehen.
» Stell dir vor, ich wäre dein großer Bruder« , sagte er unvermittelt. » Wir
sind zum Baden ans Meer gefahren, nur wir beide, Bruder und Schwester. Wir
haben ein bisschen geredet, über alles Mögliche, über den Job, der mir keinen
Spaß mehr macht, über deine beste Freundin, mit der du dich vielleicht gerade
gestritten hast. Du hast mir gut zugeredet, dass ich kündigen soll, weil der Job
sowieso nicht der richtige für mich war, und ich habe dir erklärt, dass es so was
wie eine beste Freundin nur in irgendwelchen Hollywoodfilmen gibt. Vielleicht
hast du mir auch noch von dem Typen erzählt, mit dem du zurzeit zusammen
bist, aber du weißt nicht, ob er wirklich der Richtige für dich ist, du bist auch
nicht wirklich in ihn verliebt, vielleicht willst du sogar Schluss machen mit
ihm! Und dann hast du geheult und ich habe dir den Arm um die Schultern
gelegt und dich getröstet. Und ich habe den Satz gesagt, an den ich mich noch
von unserer Oma erinnern kann: Nur nicht aus Liebe weinen, es gibt auf Erden
nicht nur den einen.«
Er legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie dicht an sich. » Wir
können uns alles erzählen, verstehst du. Und das ist ein gutes Gefühl. Wir
vertrauen einander! Ich würde mein Leben für dich geben, so wie du deins für
mich. – Aber plötzlich sehen wir Regenwolken über dem Meer aufziehen! Los,
sag es! Sag: Verdammt, Aksel, jetzt haben wir so lange gequatscht und gar
nicht gemerkt, dass das Wetter schlechter geworden ist!«
Julia spürte, wie sich seine Hand an ihrer Schulter verkrampfte. Fast tonlos
sagte sie: » Das Wetter wird schlechter.«
» Und wir wollten doch noch baden gehen! – Los!«
» Und wir wollten doch noch baden gehen …«
» Dann müssen wir uns beeilen, Schwesterherz! Wir nehmen das Boot und
rudern ein Stück raus. Und wenn der Regen uns erwischt, macht das gar nichts,
dann werden wir eben doppelt nass. Wir können ja hinterher in die Hütte gehen
und den Ofen anmachen. Und dann gibt es heißen Kakao und braunen
Ziegenkäse, wie früher, als wir kleine Kinder waren! Los! Komm!«
Er zog Julia an der Hand mit sich. Sie stolperte hinter ihm her, zwischen den
schmiedeeisernen Grabkreuzen über die Wiese und bis zum Ufer. Als er sich am
Ruderboot zu ihr umdrehte, wirkte sein Gesicht offen und … glücklich. Er war
wieder ein kleiner Junge, und er freute sich darauf, mit seiner Schwester
hinauszurudern, um im Meer zu baden.
Er schien nicht für eine Sekunde daran zu zweifeln, dass Julia ihm auf das
Boot folgen würde. Sie war für ihn nicht länger Julia, die er entführt und deren
Freundin er ermordet hatte, sondern seine kleine Schwester, die ihn bewunderte
und ihm vertraute.
Als er sich bückte, um das Tau zu lösen, zog Julia das Pfefferspray aus der
Tasche ihrer Jeans. Sie legte ihm leicht die Hand auf den Arm, als wollte sie
sich auf den glitschigen Steinen an ihm festhalten. Der Sprühstoß traf seine
Augen aus weniger als zehn Zentimetern Entfernung. Für einen kurzen Moment
zeigte sein Gesicht nichts als vollkommene Verblüffung. Erst dann fing er an zu
schreien und riss abwehrend die Hände hoch.
Julia sprang vor. Sie griff nach dem Ruder und schlug zu, bevor er
zurückweichen konnte. Sie traf ihn genau an der Stirn. Er versuchte verzweifelt,
das Gleichgewicht zu halten, aber der Fels war zu glatt, er rutschte mit den
Füßen weg und kippte seitwärts ins Wasser.
Als er wieder hochkam, brüllte er vor Schmerz und Wut. Der Schlag war
nicht kräftig genug gewesen, um ihn bewusstlos zu machen, aber das Pfefferspray
hatte seine Wirkung getan, er konnte nichts sehen und klammerte sich
krampfhaft an den Rand des Ruderbootes. Als er das Gesicht ins Wasser tauchte,
um den brennenden Schmerz zu lindern, hob Julia wieder das Ruder. Aber sie
zitterte so stark, dass sie kaum zielen konnte. Gleichzeitig merkte sie, wie sich
ihr Magen hob und eine Welle von Übelkeit in ihr aufstieg. Sie spuckte einen
Schwall gelbliche Flüssigkeit auf die Felsen, dann ließ sie das Ruder fallen und
rannte. Er brüllte etwas hinter ihr her, es war wie das Kampfgebrüll eines wilden
Tieres, das jeden Moment zum Angriff übergehen wird.
Julia wagte nicht zurückzublicken, ihre Gedanken überschlugen sich. Sie hatte
keine Vorstellung, wie lange die Wirkung des Pfeffersprays anhalten würde.
Aber sowie er wieder sehen konnte, würde er sie verfolgen. Und sie kannte die
Gegend nicht! Sie wusste nicht, von wo sie gekommen waren, im schlimmsten
Fall würde sie im Kreis und ihm direkt in die Arme laufen. Sie musste sich
irgendwo verstecken. Aber sie war sich sicher, dass er jede Felsspalte absuchen
würde, jedes Gebüsch, jede Bodensenke. Sie hätte das Boot nehmen sollen,
damit wäre es ein Leichtes gewesen, ihm zu entkommen! Aber die Chance hatte
sie in ihrer Panik vertan, jetzt war es zu spät, um einen zweiten Versuch zu
wagen. Er war bereits wieder aus dem Wasser, Julia konnte seinen Oberkörper
hinter der Mauer ausmachen, noch hatte er die Hände auf die Augen gepresst,
dann drehte er sich plötzlich mit zurückgelegtem Kopf im Kreis, als wollte er
ihre Witterung aufnehmen.
Julia stolperte über einen verwelkten Trauerkranz, den der Wind oder
irgendein Tier von einer frischen Grabstelle gezerrt hatte. Im gleichen Moment
schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf: Maries Grab!
Als sie an der offenen Grube stand, schloss sie kurz die Augen, ihr Atem ging
heftig, das Blut rauschte in ihren Ohren. Sie ließ sich auf die Knie nieder und
tastete mit einem Fuß nach einem Halt an der senkrechten Wand. Fast sofort
kam sie ins Rutschen, mit den Händen riss sie lose Erdbrocken mit sich,
unsanft landete sie auf dem Boden, immer noch darauf bedacht, Maries
Leichnam nicht zu nahe zu kommen.
Aber sie musste damit rechnen, dass er tatsächlich die gleiche Idee wie sie
hatte und dass er zumindest noch mal einen Blick in die Grube werfen würde!
Sie musste also genau das tun, wogegen sich alles in ihr sträubte. Sie musste
Marie als Schutzschild benutzen, musste unter ihren toten Körper kriechen, um
sich unsichtbar zu machen. Zum ersten Mal warf Julia einen zögernden Blick auf
Maries Gesicht. Marie hatte die Augen geschlossen, wenigstens das.
Zitternd und gegen ihre Übelkeit ankämpfend, ließ Julia sich zu Boden
gleiten und schob sich neben Maries leblosen Körper. Es ist nicht Marie, sagte
sie sich dabei immer wieder, es ist nur ihr Körper, der von alldem nichts mehr
spürt …
Dann kam das Schwierigste, Julia griff unter Maries Achselhöhlen und
versuchte, den Leichnam über sich zu ziehen. Sie hatte sich vor der Berührung
gefürchtet, mit kalten und steifen Gliedmaßen gerechnet, aber Maries Haut war
so warm, dass sie jetzt unwillkürlich zurückzuckte.
Gedämpft von den Wänden der Grube, hörte Julia wieder das Brüllen ihres
Verfolgers. Und er kam näher, er musste bereits wieder auf dem Friedhof sein!
Mit einer letzten Kraftanstrengung zog sie Maries Körper auf ihren, als Maries
Kopf über ihre Brust rutschte und dicht an ihrem Hals zur Seite kippte, rann ein
Speichelfaden aus ihrem Mund. Gleich darauf meinte Julia, einen Atemhauch auf
ihrer Haut zu spüren. Sie tastete nach Maries Halsschlagader, bis sie ihren Puls
fühlen konnte, schwach und unregelmäßig, aber ohne jeden Zweifel – Maries
Herz schlug und pumpte das Blut durch ihre Adern, Marie lebte!
Fast hätte Julia aufgeschrien, sie griff in Maries Haar und zog ihren Kopf
höher, bis sie Wange an Wange lagen und sie jetzt deutlich jeden Atemzug
spüren konnte. Maries Augen flackerten, ein leises Stöhnen kam aus ihrem
Mund. » Schscht!« , machte Julia schnell und legte ihre Hand über Maries
Lippen.
Aus der Ferne war Donnergrollen zu hören, fast gleichzeitig setzte der Regen
ein. Windböen peitschten über den Friedhof, schon nach wenigen Minuten rann
das Wasser in Sturzbächen von den Grubenwänden. Dumpf klatschten Steine
und Erdklumpen auf den Boden.
Erst als er bereits direkt über ihnen stand, hörte Julia wieder sein Gebrüll und
die wütenden Drohungen, die er ausstieß.
» Ich kriege dich, du Schlampe! So wie ich deine Freundin gekriegt habe, so,
wie sie alle dran glauben mussten, die gedacht haben, sie könnten mich wie
Dreck behandeln. Es ist egal, wo du dich versteckst, ich finde dich! Und dann
bringen wir das zu Ende, das schwöre ich dir! Du entkommst mir nicht, mach
dir keine Hoffnungen!«
Julia hielt den Atem an und lag wie starr. Er hatte sie noch nicht entdeckt, er
brüllte nur ziellos gegen den Sturm an, vielleicht hatte er immer noch Mühe,
richtig zu sehen, vielleicht war es auch der strömende Regen, der alle Konturen
verwischte, aber wenn sie auch nur ein bisschen Glück hatte, würde er gleich
wieder verschwinden, um sie irgendwo oben zwischen den Felsen zu suchen.
Wenn sie beide ein bisschen Glück hatten, sie und Marie! Sie konnte nur
inständig hoffen, dass Marie nicht ausgerechnet jetzt wieder vollständig zu sich
kam und durch eine Bewegung auf sich aufmerksam machte.
» Schsch« , flüsterte sie wieder beruhigend, als ein Erdklumpen dicht neben
ihren Köpfen aufschlug. Weitere Erdklumpen prasselten auf sie herunter – er fing
an, die Grube zuzuschütten!
Alles in Julia schrie danach, aufzuspringen und zu versuchen, aus der Grube
zu kommen, Marie mit sich zu zerren, zu fliehen, um nicht bei lebendigem Leib
begraben zu werden. Eine Welle von Panik übermannte sie, sie hatte das Gefühl,
schon jetzt keine Luft mehr zu bekommen, sie wusste, was passieren würde,
wenn es zu einem erneuten Kampf kam, ihr Gegner war ihr nicht nur an
Körperkraft überlegen, er war darauf aus, sie zu töten!
Als ein Stein ihre Hüfte traf, schluchzte sie auf. Ihre Hand krallte sich in
Maries Haare, dann ertasteten ihre Finger die klaffende Wunde am Hinterkopf,
Marie wimmerte leise. Wieder wurde sie von einem Stein getroffen, Erde und
Schlamm vermischten sich zu einem zähen Brei und verkleisterten ihr Gesicht

Und dann war da plötzlich nur noch der strömende Regen. Julia brauchte
einen Moment, bis ihr Verstand die veränderte Situation erfasst hatte – das
einzige Geräusch war das Wasser, das auf sie niederrauschte, aus Maries Haaren
rann und den Dreck von ihrem Gesicht spülte. Ab und an klatschte wieder ein
Erdklumpen in die Pfütze, in der sie lagen, sonst war nichts zu hören.
Julia drehte ihren Kopf unter Marie hervor, steil ragte neben ihr die
Grubenwand auf, darüber war nur der graue Himmel. Sie fasste Marie an der
Schulter und schob sie behutsam zur Seite, bis sie sich unter ihrem Körper
hervorwinden und aufrichten konnte. Fast rechnete sie noch damit, dass er
irgendwo in der Nähe stehen würde und sie erneut in eine Falle getappt war,
aber der Friedhof lag verlassen vor ihr, nur die Grabkreuze ragten wie
verschwommene Schatten aus dem nebligen Dunst, der über der Wiese lag.
Die dunkle Wolkenwand war über die Bucht hinweggezogen und stand jetzt
über dem Festland, genauso schlagartig wie der Regen begonnen hatte, hörte er
wieder auf. Auch der Wind hatte sich gelegt, eine Gruppe von Wildgänsen flog
in strenger Formation aufs Meer hinaus, ihr aufgeregtes Schnattern klang wie ein
Versprechen, dass alles gut werden würde.
Erst als Julia sich mühsam aus der Grube herausgearbeitet hatte und sich
zögernd aufrichtete, sah sie das Ruderboot. Erschrocken wollte sie sich gerade
wieder auf den Boden werfen, als sie begriff, dass das Boot bereits ein ganzes
Stück vom Ufer entfernt war – und sich weiter entfernte! Undeutlich konnte Julia
die Gestalt ausmachen, die sich mit jedem Ruderschlag aufrichtete und wieder
nach vorne schob, aufrichtete und nach vorne schob.
Mit einem Schritt war Julia zurück an der Grube und ließ sich über die Kante
nach unten rutschen. Marie hatte sich in der Zwischenzeit nicht bewegt, für
einen schrecklichen Moment war Julia überzeugt, dass sie sich alles nur
eingebildet hatte, dass Marie auch vorher schon nicht mehr am Leben gewesen
war, erst als sie wieder den schwachen Puls ertastete, stieß sie erleichtert die
Luft aus.
Sie bemühte sich, Maries Gesicht nach oben zu drehen, ohne die Wunde am
Hinterkopf zu berühren. Maries T-Shirt war dunkel vor Nässe und Blut, ihr
Gesicht dagegen so bleich, dass es wie weiß geschminkt wirkte.
» Marie!« , rief Julia leise, während sie ihrer Freundin mit zitternden Fingern
über die Stirn strich, » hörst du mich? Ich bin es, Julia. Marie, komm zu dir,
mach die Augen auf, sag irgendetwas!«
Ein Stöhnen kam aus Maries Mund, ihre Augen flackerten wieder, dann irrte
ihr Blick voller Panik hin und her, ohne irgendetwas zu erfassen.
» Es wird alles gut, Marie, du bist bald in Sicherheit, ich bin bei dir! Hallo,
Marie, hörst du mich?«
» Julia?« , kam es so leise von Marie, dass Julia mehr ihren Namen ahnte, als
dass sie ihn verstand. » Wo bin ich? Was ist passiert? Wieso …« Sie stöhnte.
» Es tut so weh! Und mir ist schlecht …«
Sie versuchte, nach ihrem Hinterkopf zu tasten.
» Nicht« , sagte Julia und hielt ihre Hand fest. » Du bist verletzt. Aber du
lebst, Marie! Es wird alles gut, das verspreche ich dir, ich bin ja jetzt da.«
Maries Blick wurde klarer, gleich darauf weiteten sich ihre Augen vor Angst.
Sie erinnerte sich wieder!
» Er hat mich niedergeschlagen! Er hat eine Holzlatte genommen und … er
wollte mich töten!«
» Aber jetzt bist du in Sicherheit« , versuchte Julia sie zu beruhigen. » Du
musst keine Angst mehr haben. Er kann dir nichts mehr tun, er ist weg!«
» Ich habe versucht …« Ihre Stimme brach ab, dann fing sie an zu weinen.
» Er wollte dich auch umbringen« , stieß sie schluchzend hervor, » und ich bin
schuld daran! Ich wollte doch nur am Leben bleiben, und da habe ich ihn
angefleht, dass er mich laufen lässt und dich dafür … hat er dir etwas getan? Hat
er dich …«
» Nein, es ist alles okay. Denk nicht mehr darüber nach. Es ist okay,
wirklich! Und es ist alles gut so, wie es gekommen ist, sonst hätte ich dich nie
gefunden.«
» Du bist mir nicht böse? Du bist nicht wütend auf mich? Ich hatte solche
Angst und …«
Ihre Augen rutschten nach oben, bis nur noch das Weiß der Augäpfel zu sehen
war. Ein Schütteln durchlief ihren Körper.
» Marie!« , rief Julia. » Komm wieder zu dir, bleib bei mir, mach jetzt keinen
Scheiß, hörst du?«
Sie hielt ihre Wange direkt neben Maries offenen Mund, bis sie den Atem auf
ihrer Haut spürte.
Sie wusste, dass sie Hilfe holen musste. Allein würde sie Marie gar nicht aus
der Grube bekommen, geschweige denn irgendwohin, wo es Menschen gab.
Und sie hatte auch keine Ahnung, wie schlimm Maries Verletzung war. Sie
musste Marie alleine lassen und hoffen, dass sie irgendein Haus fand, von wo sie
telefonieren konnte. Und dass es noch rechtzeitig genug war, um Marie zu retten

» Marie!« , versuchte sie noch einmal, zu ihrer Freundin durchzudringen, » hör
mir zu! Ich hole jetzt Hilfe, es dauert nicht lange, aber du darfst nicht aufgeben,
du musst bei Bewusstsein bleiben!«
Sie schlug Marie mit der offenen Hand auf die Wange. Maries Kopf pendelte
willenlos hin und her. Aber sie schien Julia gehört zu haben.
» Lass mich nicht alleine« , flüsterte sie und tastete mit der Hand nach Julias
Arm. » Bitte, geh nicht weg! Bleib bei mir …«
Julia versuchte, ihre Stimme ganz ruhig klingen zu lassen, obwohl sie
innerlich zitterte und kaum in der Lage war, ihre Panik zu verbergen.
» Pass auf, Marie, ich dreh dich jetzt auf die Seite und schiebe dir meine Jacke
unter den Kopf.« Sie zog sich die Jacke aus und rollte sie zusammen. » So,
siehst du, es geht doch. Und du bleibst genau so liegen, ich hole Hilfe, ich bin
gleich zurück. Denk daran, wie wir als Kinder immer aufeinander gewartet
haben, wenn wir zusammen spielen wollten und eine von uns noch essen oder
die Hausaufgaben zu Ende machen musste. Und als ich Windpocken hatte, hast
du drei Tage auf mich gewartet! Du durftest mich nicht besuchen, um dich nicht
anzustecken, aber du bist jeden Mittag nach der Schule gekommen und hast
dich auf die Mauer auf der anderen Straßenseite gesetzt und darauf gewartet, dass
ich dir vom Fenster aus zuwinke. Und wir haben uns immer vertraut, weißt du
noch, wir haben nie daran gezweifelt, dass wir immer füreinander da sein
werden! Also komm jetzt, Marie, vertrau mir, du darfst nicht aufgeben, du willst
doch leben, oder? Aber dann tu auch was dafür, versprich mir das, wir haben
noch so viel vor uns, was wir unbedingt machen müssen …«
Julia wusste nicht weiter, sie hatte einfach so vor sich hin geredet und gehofft,
dass Marie irgendeine Reaktion zeigen würde, hatte ihr wieder und wieder übers
Gesicht gestrichen, ihre Hände geknetet, nach Maries Puls gefühlt, jetzt biss sie
sich verzweifelt auf die Unterlippe, bis sie ihr eigenes Blut schmeckte.
Als sie Maries Flüstern hörte, schreckte sie zusammen.
» Was? Was hast du gesagt?«
» Wir müssen noch mal nach Frankreich« , wiederholte Marie lauter, » nur wir
beide und ohne irgendwelche Typen, das verspreche ich dir« .
Julia merkte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen.
» Ja, Süße, das müssen wir. – Bis gleich, ich beeil mich!«
Sie drückte noch einmal Maries Hand, dann sprang sie auf und zog sich aus
der Grube.
Ihr Herz raste. Sie waren durch eine schmale Felsrinne auf die Wiese
hinabgestiegen, daran erinnerte sie sich jetzt wieder, dann erkannte sie auch den
Pfad zwischen dem losen Geröll. Mit zittrigen Beinen machte sie sich an den
Aufstieg, schon nach den ersten Metern rutschte sie weg und schlug sich das
Knie an einem scharfkantigen Stein blutig, aber sie biss nur die Zähne
aufeinander und kletterte weiter. Als sie über die Kante war, ging es einfacher,
sie folgte einer kaum erkennbaren Spur, die von irgendwelchen Tieren
ausgetreten war, einmal musste sie sich bücken und auf allen vieren unter einem
Sanddorngestrüpp hindurchkriechen, als die Stacheln die Haut an ihren bloßen
Armen aufrissen, schrie sie laut auf vor Schmerz.
Dann wurde der Pfad breiter und verzweigte sich plötzlich, auf gut Glück lief
sie nach links, sie hörte sich selber keuchen, als das Seitenstechen einsetzte,
konnte sie nicht mehr. Vornübergebeugt blieb sie stehen, erst als die
Ginsterbüsche vor ihr sich bogen und die Druckwelle an ihren Haaren zerrte,
hörte sie auch das ohrenbetäubende Dröhnen des Hubschraubers, der nur wenige
Meter vor ihr zur Landung ansetzte. Geduckt hielt sie die Arme über ihren Kopf,
dann waren auch schon die Sanitäter bei ihr.
» Kümmert euch um meine Freundin, bitte!« , stieß sie hervor. » Da ist ein
alter Friedhof direkt am Wasser, Marie liegt in einer offenen Grube, ich glaube,
sie ist sehr schwer verletzt, sie hat eine Wunde am Hinterkopf …«
» Wir kennen den Friedhof. Der Notarzt wird eine Erstversorgung machen,
dann holen wir sie hier hoch und fliegen sie ins Krankenhaus!«
Zwei der Rettungsleute rannten mit einer Trage los, eine Sanitäterin hüllte
Julia in eine Wärmedecke und redete beruhigend auf sie ein. Dann waren
plötzlich die Polizisten da, und Jan-Ole, der sie in die Arme nahm und immer
wieder an sich drückte.
» Es ist alles gut, Kleines« , flüsterte er dicht an ihrem Haar, dann versagte
ihm die Stimme, verstohlen wischte er sich die Tränen aus den Augen. Als
Merette auf Julia zugelaufen kam, ging er ein paar Schritte zur Seite, gleich
darauf kehrte er um und legte die Arme um sie beide. Engumschlungen standen
sie da, als wollten sie einander nie wieder loslassen. Es war ein gutes Gefühl,
dachte Julia, das sie trotz allem so etwas wie Glück empfinden ließ.
Die Sanitäterin trat zögernd auf sie zu.
» Entschuldigung, ich dachte nur, Sie sollten wissen, dass die Kollegen sich
gerade gemeldet haben. Die junge Frau auf dem Friedhof ist stabil. Sie werden
sie jetzt gleich zum Helikopter bringen.«
» Danke« , sagte Jan-Ole leise.
Julia merkte, wie die Tränen wiederkamen.
Merette zog ihren Kopf an ihre Brust und strich ihr über die Haare. Nach
einem Moment drehte Julia das Gesicht zu Jan-Ole, gleichzeitig griff sie fest
nach Merettes Hand.
» Habt ihr … ich meine …«
» Du musst dir keine Sorgen mehr machen« , nickte Jan-Ole, als Julia
mehrmals krampfhaft schluckte. » Wir haben ihn, falls es das ist, was du wissen
wolltest. Der Albtraum ist vorbei. Merette hat ihn mehr oder weniger im
Alleingang überwältigt. Und es hätte nicht viel gefehlt und …«
» Ich hätte ihn umgebracht, wenn Jan-Ole nicht im letzten Moment
dazugekommen wäre« , sagte Merette leise.
» Ich auch« , stieß Julia unter Schluchzen hervor, » ich wollte ihn auch
umbringen. Aber ich habe es nicht gekonnt« , setzte sie mehr für sich selbst
hinzu.
» Ich bin sehr stolz auf dich« , sagte Jan-Ole so leise, dass sie ihn kaum
verstand. » Wir sind stolz auf dich.«
Julia blickte ihrer Mutter ins Gesicht. Merette lächelte, während ihr die
Tränen über die Wangen liefen.
Fast gleichzeitig mit den Sanitätern, die die Trage mit Marie zwischen sich
hatten, kamen die Gänse vom Meer zurück. Als hätten sie nur einen kurzen
Ausflug unternommen, um nach dem Wetter zu sehen.
NACHWORT
Wie immer gilt auch bei diesem Roman: Alle Personen sind frei erfunden,
Übereinstimmungen mit existierenden Personen können nur rein zufällig sein
und sind auf keinen Fall beabsichtigt.
Hinzu kommt, dass wir uns beim Schreiben aller Freiheiten bedient haben,
die in der Welt der Fiktion möglich sind. Wir haben also nicht nur eine
Geschichte erfunden, die so tatsächlich nie passiert ist, sondern wir haben auch
Orte und Straßen so verändert, wie wir es am besten gebrauchen konnten.
Wer also hinfährt und nicht alles so vorfindet, wie bei uns beschrieben, sollte
nicht irritiert sein – die Übergänge zwischen Realität und Fiktion sind immer
fließend.
Entschuldigen möchten wir uns jedoch bei den Bewohnern der Ortschaft
Telavåg auf der Insel Sotra – das Telavåg in unserer Geschichte ist kaum
identisch mit der Wirklichkeit, tatsächlich ist Telavåg ein freundlicher Ort, der
einen Besuch lohnt. Die Kirche und den Pastor allerdings haben wir einfach
hinzugedichtet, Telavåg hat gar keine Kirche. Tatsächlich bezweifeln wir auch,
dass es in der Museumsstadt » Gamle Bergen« ein illegales Leben in den
Kellern und auf den Dachböden gibt, aber für unsere Geschichte musste es so
sein. Und die Störe im Aquarium von Bergen, die der sowjetische Präsident
Chruschtschow der Stadt zum Geschenk gemacht hat, gibt es schon lange nicht
mehr, dafür sind die CDs der norwegischen Rockbands » Dance with a Stranger«
und » Razika« nahezu überall in Norwegen erhältlich. Apropos Rockmusik: Das
Motiv einer Bilderfolge mit ausschließlich verstorbenen Rockmusikern haben
wir uns bei dem Maler Andreas Ole Ohlendorff ausgeborgt, der aber nicht in
Bergen, sondern in Norddeutschland lebt und arbeitet.
Wir hoffen, dass damit alle Unstimmigkeiten hinreichend erklärt sind – für
mögliche Fehler, die uns trotz genauer Recherche unterlaufen sind, übernehmen
wir ganz allein die Verantwortung.
Bleibt noch die Frage, warum ein deutsches Autorenpaar seinen Roman in
Norwegen ansiedelt, aber es ist ja eben das Großartige an unserem Beruf, dass
wir uns in unserer Phantasie an jeden Ort der Welt begeben können! Wir
können sein, was wir wollen, wer wir wollen, wo wir wollen – auch eine
Psychologin oder ein Undercover-Polizist in Bergen!
Und wir selbst lieben Kriminalromane aus Skandinavien, seit wir das erste
Mal Sjöwall/Wahlöö gelesen haben, ebenso wie die ganz besondere Atmosphäre
der Hafenstadt Bergen und der vorgelagerten Schärenküste, seit wir das erste Mal
da waren, vor inzwischen über 30 Jahren.

Hannover 2013
DANKSAGUNG
Ein Roman besteht immer aus Hunderten kleiner Versatzstücke, ohne die sich
niemals eine Geschichte erzählen ließe. Hinzu kommt die Recherche bestimmter
Fakten und Zusammenhänge, für die die Hilfe von Fachleuten unerlässlich ist –
und schließlich bedarf es auch der ganz konkreten Ermutigungen, Hinweise oder
Einwände zum inhaltlichen und sprachlichen Aufbau einer Geschichte. Deshalb
sind wir insbesondere folgenden Personen zu Dank verpflichtet:
Zuallererst Ragni Karlsen aus Bergen, die unzählige Motive beigesteuert hat
und ohne die es diesen Roman vielleicht nie gegeben hätte, ebenso wie Yngve
Moe (1956–2013), der uns leider viel zu früh verlassen hat, weiterhin Ullrich
Ahrens für seine professionelle Einschätzung von diesem und jenem, Darlén
Bakke für Fiskekager auf Skjærhalden und einen Nachtspaziergang in
Fredrikstad, Hilkje Charlotte für die unerbittliche Bearbeitung des Vorspiels,
Hartmut El Kurdi für das Motiv der Country-Band, Elisabeth Lange für einige
haarsträubende Geschichten aus einer anderen Welt, Andreas Ole Ohlendorff für
seine » Dead Rock Heads« , Susana Olmedo-Budde für ihre Praxis-Erfahrungen,
Peter Rautmann für den eisgekühlten Aquavit auf der Hytte, Thomas Seng für
die Idee zum ersten Kapitel, Rick Sikora (1950–2011) für seine Erzählungen von
der Internationalen Schule im Fjordtal, Dance with a Stranger und Razika für
ihre Musik sowie natürlich Bastian Schlück von der Agentur Schlück und
Reinhard Rohn und dem gesamten Team von Rütten & Loening für ihre
Unterstützung.
Nicht zuletzt gilt unser Dank noch Dietmar Bär, Marc Dörge, Gabriele Haefs,
Rüdiger Hofmeister, Gabriela Jaskulla, Milena Schlösser, Arndt Schulz,
Joachim Tospann, Achim Uhlenhut und allen Freunden, die uns auf die eine
oder andere Weise auch bei der Arbeit an diesem Roman begleitet haben.
Informationen zum Buch

» Du wirst jetzt schwimmen lernen« , sagt er. » Schwesterlein muss schwimmen


können, sonst stirbt sie.«

Bergen in Norwegen. Merette Schulman liebt ihren Beruf als Psychologin – bis
sie an Aksel gerät, einen eindeutig soziopathisch veranlagten Patienten. Nicht
nur, dass er gesteht, bereits als Vierzehnjähriger seine Stiefschwester getötet zu
haben, er scheint auch Merettes Tochter Julia nachzustellen. Als deren Freundin
Marie spurlos verschwindet und Merette herausfindet, dass in Aksels Umfeld
weitere mysteriöse Badeunfälle geschahen, gerät sie in Panik. Die Opfer waren
immer junge Mädchen – wie Julia und Marie.

Ein Thriller, der jede Mutter um ihre Tochter bangen lässt – und alle Töchter
um ihre Mütter!

Zum ersten Mal in ihrem Beruf wird die aus Hamburg stammende Psychologin
Merette Schulman mit einem Fall konfrontiert, der sie an ihre Grenzen führt.
Aksel, ein eindeutig soziopathisch veranlagter Patient, erzählt ihr bereits in der
ersten Sitzung von dem Mord an seiner Stiefschwester. Er will ihr offenkundig
Angst einjagen – und er erkennt schnell Merettes Schwachstelle: ihre Tochter
Julia, die gerade alleine ihre erste Wohnung bezogen hat.
Als Julia dann kurz darauf von einem netten jungen Mann erzählt, den sie
kennengelernt hat, schrillen bei Merette alle Alarmglocken: Sind der Patient und
der neue Freund ihrer Tochter womöglich ein und dieselbe Person?
Gleichzeitig verschwindet auch noch Julias beste Freundin Marie spurlos – und
Aksel erscheint nicht mehr zu den anberaumten Terminen. Merette macht sich
auf die Suche nach ihrem Patienten und findet heraus, dass an allen Orten, an
denen er sich aufhielt, mysteriöse Badeunfälle geschahen. Die Opfer waren
immer Mädchen, deren Alter exakt dem Alter entsprach, das seine Stiefschwester
haben würde, wäre sie noch am Leben. Mittlerweile wäre sie 24 Jahre alt –
genauso alt wie ihre Tochter Julia.
Der Roman spielt in der norwegischen Hafenstadt Bergen und an der zerklüfteten
Schärenküste.
Informationen zu den Autoren

Freda Wolff ist das Pseudonym des Schriftsteller-Paares Ulrike Gerold und
Wolfram Hänel.
Ulrike Gerold und Wolfram Hänel (beide Jahrgang 1956) haben Germanistik in
Berlin studiert und an verschiedenen Theatern gearbeitet, bevor sie gemeinsam
zu schreiben begannen. Heute leben und arbeiten sie meistens in Hannover –
und schreiben seit über 20 Jahren im selben Raum und am selben Tisch, ohne
sich dabei mehr zu streiten als unbedingt nötig.
Im Frühjahr 2014 erscheint ihr Thriller » Schwesterlein muss sterben« bei
Rütten & Loening.
Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Elfberg, Ingrid
Das Lied des Schweigens

Rache für eine Kinderseele

Nach der Festnahme des Mannes, der ihrem Sohn so großes Leid angetan haben
soll, ist für Eva Segers der Alptraum noch lange nicht vorbei. Sie ist sich
sicher, dass der Falsche verurteilt wurde und der wahre Täter frei herumläuft.
Doch keiner glaubt ihr. Auch der Ermittler Per Henriksson ist zuerst skeptisch.
Ihr bleibt nichts anderes übrig, als auf eigene Faust nachzuforschen, denn sie
spürt, der Täter ist nah, ganz nah, und plant bereits die Erfüllung seines kranken
Traumes.

» Hochspannung und eine lebendige Sprache – ein Buch, das man nicht mehr
aus der Hand legt.« Göteborgs Fria Tidning
Elfberg, Ingrid
Die Frau des Polizisten

Der Feind in deiner Nähe

Das Polizistenpaar Erika und Göran führt eine Bilderbuchehe, wenn es da nicht
die Kehrseite gäbe, die Erika lange, viel zu lange geheim hält. Göran neigt zu
Gewaltausbrüchen, schlägt und vergewaltigt sie, hält sie wie in einem Gefängnis
und überwacht jeden ihrer Schritte. Am Abend vor Neujahr eskaliert die
Situation.
Erika flieht nach Göteborg zu ihrer Freundin Anna und dank der Vermittlung
ihrer Chefin kann sie im dortigen Landeskriminalamt eine Stelle als Vertretung
annehmen. Fängt jetzt ein neues Leben an?
Sie übernimmt mit ihrem Kollegen Per, für den sie ein zartes Interesse
entwickelt, den Fall um die vermisst gemeldete Architektin Barbro, die offenbar
in korrupte Machenschaften verstrickt war. Doch schon bald taucht Göran wieder
auf, der sie vor den Kollegen diffamiert und ihr das Leben zur Hölle macht.
Erika erkennt, dass sie seinen Fängen nur entkommt, wenn sie ihm eine Falle
stellt.

» Nackte Angst und Panik sind geradezu greifbar.« Gefle Dagblad


Peters, Katharina
Herztod

Die Spurensucherin

Name: Hannah Jakob


Beruf: Kriminalpsychologin beim BKA
Spezialgebiet: wird eingesetzt, um vermisste Frauen und Kinder zu finden
Besonderes Kennzeichen: nie allein unterwegs, an ihrer Seite stets ihr Hund
Kotti, ein Windhundmischling

Sie wird eingeschaltet, wenn die örtliche Polizei nicht mehr weiterweiß. Seit
ihre Schwester vor mehr als zwanzig Jahren verschwand, hat Hannah Jakob ein
bestimmtes Thema, das sie nun, nach einem Psychologiestudium zu ihrer
Berufung gemacht hat: Sie reist durch die Republik, um vermisste Frauen
wiederzufinden. Ihr Einsatz in Hamburg mutet unspektakulär an: Die
Bibliothekarin Caroline Meisner ist verschwunden. Die junge Frau lebte
zurückgezogen in einer geschmackvollen Wohnung, ohne Geldsorgen.
Hannah Jakob steht vor einem Rätsel, doch dann, nach zwei Wochen taucht
Caroline Meisner unvermittelt wieder auf. Sie redet sich damit heraus, sie habe
wegen persönlicher Probleme eine Auszeit gebraucht. Hannah Jakob jedoch
glaubt ihr nicht. Am nächsten Morgen wird die Bibliothekarin tot aufgefunden:
Ihr Herz wurde mit einem Dolch durchstoßen.

Ein packender Thriller um eine besondere Ermittlerin. Von der Autorin des
Bestsellers » Hafenmord« .
Peters, Katharina
Hafenmord

Rügen sehen und sterben

Romy Becarre glaubt auf Rügen, ein wenig zur Ruhe zu kommen. Doch kaum
hat sie sich auf ihrer neuen Dienststelle eingerichtet, hat sie ihren ersten Fall.
Nach einem anonymen Anruf findet die Polizei auf dem Gelände einer
Fischfabrik im Sassnitzer Hafen die Leiche des seit anderthalb Tagen vermissten
Kai Richardt. Der 45-jährige Geschäftsmann, Familienvater und Triathlet aus
Bergen, verlor im Keller eines Lagerhauses sein Leben. Bei der Durchsuchung
des Lagerhauses stößt Romy auf eine zweite Leiche. Das Skelett einer Frau wird
gefunden, die im Jahr 2000 spurlos verschwand, als sie auf der Insel
merkwürdigen Geschäften des toten Richardts nachging. Doch wo ist der
Zusammenhang zwischen den beiden Mordfällen?
Rügen – zauberhaft und mörderisch. Der Beginn einer neuer Krimiserie mit der
Kommissarin Romy Becarre
Peters, Katharina
Dünenmord

Mörderisches Rügen –

Eine Tote am Strand von Göhren, deren Identität die Kommissarin Romy
Beccare schnell geklärt hat. Die ermordete Monika Sänger hatte Papiere und
Handy bei sich. Doch andere Umstände geben Rätsel auf. Offensichtlich ist
Monika Sänger nach einer heftigen Auseinandersetzung ins Wasser geschleift
worden und ertrunken. Die Tote war verheiratet und leitete einen Kindergarten
in Bergen. Bei den ersten Ermittlungen in ihrem Umfeld stößt Romy auf
Fassungslosigkeit. Niemand kann sich erklären, wer einen Grund gehabt haben
könnte, die Frau derart brutal zuzurichten und zu töten. Doch dann stößt Romy
Beccare auf etwas, das sie stutzig macht. Monika Sänger hat sich zuletzt
intensiv mit der Geschichte des Seebades Prora beschäftigt, jenen gigantischen
Komplex, den die Nazis erbaut hatten. Dort ist ihr Bruder als Bausoldat unter
ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. –

Katharina Peters' zweiter Fall für Kommissarin Romy Beccare nach ihrem
Bestseller » Hafenmord« – ein Kriminalroman voller Spannung und Inselflair.