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BACHELORARBEIT

Titel der Bachelorarbeit

„Rückbesinnung auf indigene Lebensweisen als möglicher


Dekolonialisierungsprozess eines nachwirkenden kolonialen
Wertesystems in Bolivien“

Verfasserin

Victoria Koraiman

angestrebter akademischer Grad

Bachelor of Arts (B.A.)

Wien, 2015

Studienkennzahl lt. A 033 579


Studienblatt:
Fachrichtung: Internationale Entwicklung
Betreuer: ao. Univ. Prof. Mag. Dr. Friedrich Edelmayer, MAS

   
 
Inhaltsverzeichnis

1.  Einleitung  .................................................................................................................................................................  3  
2.  Vorkolonialezeit  ....................................................................................................................................................  5  
3.  Spanische  Kolonialherrschaft  in  Südamerika  ..........................................................................................  6  
4.  Unabhängigkeitsbewegungen  .........................................................................................................................  9  
5.  Von  einer  Politik  der  Integration  und  Assimilation  hin  zur  Anerkennung  kollektiver  
indigener  Rechte  ......................................................................................................................................................  12  
6.  Neoliberalistische  Wende  und  die  damit  verbundenen  sozialen,  wirtschaftlichen  und  
politischen  Folgen  ...................................................................................................................................................  14  
7.  Entstehung  und  Forderungen  sozialer  und  indigener  Bewegungen  ...........................................  17  
8.  MAS  (Movimiento  al  Socialismo)  -­‐  Aufstieg  und  Forderungen  ......................................................  18  
9.  Wirtschaftliche,  soziale  und  politische  Machtverhältnisse  ..............................................................  19  
10.  „Die  Neugründung“  Boliviens  .....................................................................................................................  21  
10.1  Präsidentschaftswahlen  2005  ............................................................................................................  22  
10.2  Bedeutung  des  Wahlergebnis  .............................................................................................................  23  
10.3  Verfassungsgebende  Versammlung  und  die  neue  Verfassung  Boliviens  ........................  24  
10.3.1  Plurinationaler  Staat  ......................................................................................................................  25  
10.3.2  „vivir  bien“  –  als  Staatsprinzip  in  der  neuen  Verfassung  2009  ...................................  28  
10.4  Kokapolitik  ..................................................................................................................................................  29  
11.  Aktuelle  Entwicklungen  ................................................................................................................................  31  
12.  Schluss  ..................................................................................................................................................................  34  
Bibliographie  .............................................................................................................................................................  36  
Eidesstattliche Erklärung  ........................................................................................................................................  41  

   
 
1. Einleitung

In meiner Bachelor Arbeit setze ich mich sowohl mit den aktuellen als auch mit den historischen
Entwicklungen in Bolivien auseinander. Dabei lege ich meinen Schwerpunkt auf die Regierung
von Evo Morales, als Beispiel für den möglichen Umbruch politischer und gesellschaftlicher
Machtverhältnisse zugunsten marginalisierter und benachteiligter Bevölkerungsgruppen. Ich gehe
der Frage nach, inwiefern es möglich ist, dominierende Machtverhältnisse zu hinterfragen und
aufzubrechen, sowie gleichzeitig indigene Lebensweisen und Traditionen in staatliche
Institutionen aufzunehmen. Die Entwicklungen in Bolivien sind einerseits als Reaktionen auf
westliche Entwicklungsmodelle, andererseits auch als Reaktionen auf westliche Vorstellungen
von Staatlichkeit zu verstehen. Ebendiese werden in den aktuellen Diskursen hinterfragt und auch
abgelehnt. Diese Diskurse haben bekanntlich ihren Ursprung in der Kolonialzeit und wirken zum
Teil bis heute nach. Durch eine postkoloniale Perspektive, soll auf die historischen und
gegenwärtigen Entwicklungen eingegangen werden. Dabei liegt der Fokus auf den sozialen und
indigenen Bewegungen, aber auch auf der aktuellen Regierung Boliviens und nicht zuletzt auf
der neuen Verfassung die 2009 in Kraft getreten ist. In der Arbeit geht es um den damit
eingeleiteten Wandel, der zu einer Dekolonialisierung des Landes beiträgt.
Im ersten Teil meiner Arbeit wird es um die Zeit vor der spanischen Kolonialherrschaft gehen.
Anschließend befasse ich mit der spanischen Kolonialherrschaft in Lateinamerika und da im
Speziellen mit der Kolonialherrschaft in Bolivien. Dabei wird es sowohl um den Aufbau dieser
kolonialen Ordnung gehen, aber auch um Widersprüche und Widerstände, um dadurch eine
einseitige Betrachtungsweise zu vermeiden. Im nächsten Kapitel lege ich den Fokus auf die
Unabhängigkeitsbewegungen der spanischen Kolonien sowie auf die dadurch geschaffene
Republik Boliviens. Hier soll gezeigt werden, dass sich mit der formalen Unabhängigkeit die
politische, soziale und wirtschaftliche Situation der indigenen Bevölkerung nicht verbessert hat,
da Diskriminierung, Rassismus und Ausgrenzung weiter fortgesetzt wurden. Darauf aufbauend
wird es im nächsten Teil um die politischen Praktiken gehen, die auf Integration und
Assimilierung der indigenen Bevölkerung abzielte. Die in den 1980er Jahre beginnende
neoliberale Wende, sowie die damit verbundenen Auswirkungen auf die Wirtschaft, Gesellschaft
und Politik ist der nächste Gegenstandbereich meiner Arbeit. Daran schließt das Kapitel über die
Entstehung und Forderungen sozialer und indigener Bewegungen an, da diese sich im Zuge der

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neoliberalen Politik mobilisiert haben und eine Abkehr dieser neoliberalen Politik gefordert
haben. Anschließend dazu, werde ich die wirtschaftlichen, sozialen und politischen
Machtverhältnisse nachzeichnen, welche Bolivien geprägt haben als auch prägen. Dabei wird
verdeutlicht inwiefern die indigene Bevölkerungsmehrheit durch diese Machtverhältnisse, deren
Wurzeln in der Kolonialherrschaft liegen, marginalisiert wurde. Wie dieses koloniale Erbe
versucht wird zu überwinden, das ist das darauffolgende Thema, welches ich in mehrere
Unterkapitel unterteilt habe. Dabei werde ich mir zunächst die Präsidentschaftswahlen vom Jahre
2005 ansehen. Durch den Wahlsieg Evo Morales bei diesen Wahlen, setzte ein grundlegender
Wandel ein. Dabei spielt die neue Verfassung Bolivien eine zentrale Rolle. Ihr soll in dieser
Arbeit besonderer Aufmerksamkeit geschenkt werden. Dabei wird er zum einen um den
plurinationalen Staat Boliviens gehen, der im Zuge dieser neuen Verfassung begründet wurde
und zum anderen auf das indigene Konzept von „vivir bien“ gehen, welches nun als ein
Staatsprinzip Einzug in die Verfassung 2009 genommen hat. Ein weiterer Teil meiner Arbeit
beschäftigt sich mit der Kokapolitik, die ebenfalls einen Wandel durch die neue Regierung
durchlaufen hat. Abschließend werde ich auf einige aktuelle Entwicklungen eingehen. Hier wird
es unter anderem um sozialpolitische Umsetzungen und um die sich veränderte Außenpolitik
Boliviens gehen.
Im Rahmen dieser Bachelorarbeit können nicht alle Ereignisse mit einbezogenen werden,
sondern ich habe eine Auswahl getroffen von Ereignissen und Entwicklungen, mit den
Schwerpunkten: Die Situation der indigenen Bevölkerung sowie die Regierung von Evo Morales.
Die indigene Bevölkerung ist keineswegs als eine homogene Gruppe zu begreifen. Aber ich
werde in meiner Arbeit die Bezeichnung Indigene verwenden, da alle indigenen Völker
gemeinhaben, dass sie vor der Kolonialzeit eigenständige Völker gewesen sind und die
Bezeichnung Indigene als eine Art Abgrenzung zur der „weißen“ Bevölkerung verstanden
werden kann.

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2. Vorkolonialezeit

Bevor die Europäer nach Amerika kamen und die dort lebende Bevölkerung töteten, versklavten,
wirtschaftlich ausbeuteten, sowie das koloniale System aufbauten, bewohnten viele
unterschiedliche Völker den Doppelkontinent Amerika. Es herrscht Uneinigkeit darüber, wann
genau die ersten Menschen aus Nordasien auf diesen Kontinent gelangt sind, es wird allerdings
davon ausgegangen, dass dies bereits „[...] 46.000 vor unserer Zeitrechnung erfolgt ist, oder [...]
255.000 Jahre später“ (Golte 2001: 41) geschah. Dies zeigt, dass die Völker Amerikas, als die
ersten EuropäerInnen eintrafen, bereits über eine lange Geschichte verfügten. Dabei handelte es
sich keineswegs um eine homogene Gesellschaft, die auf den gesamten Doppeltkontinent lebte,
sondern es bildeten sich unterschiedlichste Formen von Gemeinwesen heraus, die wiederum ganz
unterschiedliche Herrschaftsformen entwickelten. (vgl. Golte 2001: 42) Diese Gesellschaften
waren durch eine Arbeitsteilung, sowie durch ein Herrschaftssystem gekennzeichnet, dass für
lange Zeit bestehen konnte. Dies war zum Beispiel in den zentralen Anden der Fall gewesen. Mit
der Gründung des Inka Reiches, kam es zu einer „[...] Integration der zentralen Anden unter der
Herrschaft der Inka [...]“ (Golte 2001: 45), der ein langer Prozess von gesellschaftlichen,
wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen voraus ging.
Bevor Teile des heutigen Boliviens ein Teil des Inka-Reiches wurden, lebten Quechua- und
Aymara Völker in dieser Region, „[...] die aus einer Reihe von Vereinigungsprozessen
hervorging[en]. (Munting 2005: 82). Zum ersten andinen Reich zählte das Tihuanaku Reich. Das
Inka-Reich war ebenso ein Resultat eines Vereinigungsprozesses gewesen. (vgl. Munting 2005:
82) Tiwanaku war ein zentralisierter Staat mit dicht besiedelten Städten, die vor allem von der
Landwirtschaft lebten. Tiwanaku entwickelte sich stets weiter und wurde immer mehr zu einem
Siedlungszentrum und einem rituellen Mittelpunkt. Die Gesellschaft war durch Arbeitsteilung
gekennzeichnet und es kam zur Herausbildung sozialer Schichten. (vgl. Lessmann 2010: 36, 39)
Das Reich begann zu zerfallen und wurde schließlich in das Inka-Reich integriert. Der
Verwaltungsapparat des Inka-Reiches war sehr komplex. Die Herrscher konnten zwar an der
Macht bleiben, waren aber tributpflichtig. Die Glaubensvorstellungen wurden respektiert, die
Infrastruktur ausgebaut und Vorratsspeicher errichtet. Lessmann spricht in diesem
Zusammenhang von einem „despotischen Wohlfahrtsstaat“. (vgl. Lessmann 2010: 60)

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3. Spanische Kolonialherrschaft in Südamerika

In diesem Teil meiner Arbeit werde ich auf die spanische Kolonialherrschaft näher eingehen und
zeigen, dass diese sich als ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte der indigenen Völker
darstellt, und ich werde aber auch auf die Mechanismen eingehen, welcher sich die
Kolonialherrschaft bedient hat.
Das spanische Kolonialsystem beruhte von Beginn an auf „ [...] rechtliche[r]
Ungleichbehandlung gesellschaftlicher Gruppen [...]“ (Fackler 2013: 109), um Machtverhältnisse
zu festigen. Es kam zur einer Hierarchisierung zwischen Herrschern und Beherrschten, in der die
europäischen Kolonialisten an der Spitze dieser kolonialen Hierarchie standen und indigene
Völker sowie die afroamerikanische Bevölkerung sich ganz unten befanden. (vgl. Quintero 2013:
97) Die auf Rassismus beruhende Definition der indigenen Bevölkerung als „minderwertig“,
diente der Ausbeutung dieser vor allem als Arbeitskräfte zur Bereicherung der Kolonialisten und
der spanischen Krone. (vgl. Fackler 2013: 109) Der Entwicklungsgedanke war von zentraler
Bedeutung und stand stark im Zusammenhang mit dem Kolonialismus. Die Vorstellung von den
europäischen Kolonialisten, die Menschheit durchlaufe in der Zeit ihrer Geschichte
unterschiedliche Stufen, implementiert einen Fortschrittsglauben, der beinhaltet, dass Europa
bzw. Westeuropa auf der höchsten Stufe dieser Entwicklung steht und sich „der Rest der Welt“
weit entfernt davon befindet. (vgl. Quintero 2013: 99) Dies hatte zur Folge, dass die „[...]
europäische „Entwicklung“ dem Rest der Gesellschaft als Maßstab aufgezwungen“ (Quintero
2013: 100) wurde.
Die eroberten Gebiete der „neuen Welt“ wurden in das Habsburger Reich eingegliedert, welches
im 16. Jahrhundert unter der Herrschaft Philipp II. (1572-1598) am Höhepunkt seiner Macht
stand. Doch schon im Laufe des 17. Jahrhunderts konnte Spanien seine Hegemonie in Amerika
nicht mehr halten und wurde allmählich von anderen Großmächten, wie den Engländern, den
Franzosen oder den Portugiesen, abgelöst. Aber auch wenn Spaniens Hegemonie am Abnehmen
war, konnte Spanien seine Kolonien in Amerika, vor allem in Südamerika, noch einige Zeit bis
zu deren Unabhängigkeit am Anfang des 19. Jahrhunderts halten. So war es den Spaniern
möglich ein Kolonialsystem aufzubauen, welches die gegenwärtigen gesellschaftlichen und
ökonomischen Verhältnisse Lateinamerikas nachhaltig geprägt hat. (vgl. Hausberger 2002: 55 f.)
Dabei war die Errichtung eines effizienten Verwaltungssystems, sowie die Rolle der Kirche von

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besonderer Bedeutung für den Aufbau kolonialer Ordnung. Die indigene Bevölkerung erhielt
dabei auf kommunaler Ebene durchaus einen Sonderstatuts (vgl. Hausberger 2002: 58),
abgesehen von der Zwangsarbeit und den Tributzahlungen, die sie zu leisten hatten. (vgl. Ernst
2011: 49) So lebten zum Beispiel indigene Gruppen im Andenraum meist in Dorfgemeinschaften,
„[...] die zwar in das koloniale Verwaltungssystem und in die lokale Wirtschaft integriert waren,
jedoch über begrenzte lokale Autonomie und Eigenständigkeit der Bewirtschaftung kommunalen
dörflichen Landes verfügten“ (Kuppe 2010: 117). Diese teilweise auch rechtliche Sonderstellung
wurde allerdings nach der Unabhängigkeit der neuen Staaten wieder aufgehoben. Dies
verschlechterte die ohnehin äußerst prekären Lebensverhältnisse der indigenen Bevölkerung
zunehmend, da sich durch Enteignungen ihres Landbesitzes viele von ihnen gezwungen sahen
nun als Arbeitskräfte beispielsweise auf den Plantagen zu arbeiten. (vgl. Scheuzger 2007: 192 f.)
Davon profitierten die Großgrundbesitzer der Plantagen oder aber auch des Bergbaus, da sie nun
über mehr billige Arbeitskräfte verfügten bzw. auf diese zurück greifen konnten. (vgl. Ernst
2011: 49)
Aber nicht nur die indigene Bevölkerung wurde ausgebeutet, sondern auch die Ressourcen des
Kontinentes. Dabei war die Edelmetallförderung von besonderer Bedeutung für die spanische
Krone. Sie finanzierte unter anderem die enormen Kriegskosten, aber auch die Handelsdefizite
Spaniens. Für den Abbau von Silber wurden im Laufe des 16. Jahrhunderts immer mehr
Silberminen erbaut, welche die zunehmende Nachfrage nach Silber abdecken sollten. Eine der
reichsten Silberminen zu jener Zeit war Potosi in Bolivien. (vgl. Hausberger 2002: 61) Aber auch
andere Produkte, meist Agrarprodukte wie Tabak oder Zucker, waren für den Export bestimmt
und fanden rasch eine große Nachfrage in der „alten Welt“.
Weder auf den genaueren Verlauf noch auf den Aufbau der Kolonialherrschaft kann in dieser
Arbeit genauer eingegangen werden, genauso wenig wie auf die Entwicklungen der
Weltwirtschaft, in der die Kolonien eine entscheidende Rolle gespielt haben. Wichtig ist mir
allerdings zu verdeutlichen, dass mit der Ankunft der EuropäerInnen auf dem amerikanischen
Doppelkontinent und der damit verbundenen kolonialen Herrschaft gleichzeitig auch die indigene
Bevölkerung mit ihrer Geschichte, die, wie bereits erwähnt, eine sehr alte ist, teilweise weiter
bestehen konnte. Dies hing aber von den Umständen ab, unter welchen die koloniale
Durchdringung der EuropäerInnen erfolgte. (vgl. Golte 2001: 55) Zu betonen ist ebenfalls,
Kolonialherrschaft nicht aus einer einseitigen Perspektive heraus zu betrachten, sondern den
Blick auf die Widerstände sowie die Widersprüche zu legen, aber auch auf die Interaktionen und
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Wechselbeziehungen zwischen Herrscher und Beherrschten, die keinesfalls immer so klar zu
benennen sind. So zeigt das Beispiel der indigenen Selbstverwaltung während der Kolonialzeit,
dass die Kolonialisten durchaus Zugeständnisse machten, auch wenn diese auf eher pragmatische
Gründe zurückzuführen waren. Dabei kam den indigenen Eliten eine Art Vermittlungsrolle zu, da
sie als Gegenleistung für ihre Begünstigungen Tributzahlungen oder Arbeitskräfte vermittelten.
(vgl. Gabbert zit. nach Fackler 2013: 110) Durch ihre Zusammenarbeit mit der
Kolonialherrschaft konnten Widerstände gering gehalten werden und sie unterstützten damit auch
die Interessen der Eroberer. Folglich ist es wichtig, nicht voreilig auf einseitige Opfer-Täter
Thesen zu schließen, sondern wie bereits erwähnt, sich die Widersprüche und Kooperationen
anzusehen, ohne die sich diese koloniale Herrschaft nicht nachhaltig hätte halten können. (vgl.
Ernst 2011: 48) Was den Aufbau des Kolonialsystems anbelangt, so konnten die Spanier auf den
Herrschaftsstrukturen des Inkareiches aufbauen, wodurch ihnen die Unterwerfung der
Bevölkerung erleichtert wurde. In Gegenden wo die Bevölkerung eher zerstreut oder nomadisch
aufgebaut war, hatten es die Spanier schwerer und mussten jedes einzelne Dorf erobern. Aber es
gelang auch einigen Gruppen sich noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gegen die Eroberung
zur Wehr zu setzen. (vgl. Fackler 2013: 110)
Einer der bestimmenden Aspekte, der mit der Eroberung Amerikas im Zusammenhang steht, ist
wohl die enorme Gewalt, welche mit dieser einherging. Es wird davon ausgegangen, dass heute
an die 400 verschiedene indigene Völker in ganz Lateinamerika leben. Als die EuropäerInnen auf
dem amerikanischen Kontinent ankamen, lebten schätzungsweise an die 100 Millionen Menschen
auf dem gesamten Kontinent. 150 Jahre später waren davon nur mehr 4,5 Millionen Menschen
übrig. (vgl. Munting 2005: 64) Die systematische Ermordung der indigenen Bevölkerung, aber
auch das durch eingeschleppte Krankheiten verursachte Sterben der Bevölkerung – wegen
mangelnder Immunität - veranschaulicht einen Aspekt dieser Gewalt. Die Einführung von so
genannten „Indianerschutzgesetzen“, die von der spanischen Krone erlassen wurden, zielten auf
einen besseren Umgang mit der indigenen Bevölkerung ab, die als Arbeitskraft vor allem in den
Bergwerken herangezogen und immer wichtiger für die Kolonien wurde. (vgl. König zit. nach
Fackler 2013: 109.f) Aber dies bedeutete noch lange nicht eine Gleichbehandlung oder eine
wirkliche Verbesserung der sozialen und ökonomischen Lebensverhältnisse. Erst mit der
Revolution von 1952, mit den sozialen und indigenen Bewegungen und schließlich mit der
aktuellen Regierung von Evo Morales kommt es zu einer allmählichen Verbesserung der
sozialen, wirtschaftlichen und politischen Situation der indigenen Bevölkerung in Bolivien. Dies
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trifft ebenso auch auf andere Bevölkerungsteile, die gesellschaftlich noch marginalisiert sind, zu.
Auf diese unterschiedlichen Entwicklungen werde ich noch in meiner Arbeit genauer eingehen.

4. Unabhängigkeitsbewegungen

In diesem Kapitel meiner Arbeit werde ich versuchen die Ursachen sowie den Verlauf der
Unabhängigkeitsbewegungen grob zu skizzieren. Ich werde einen kleinen Überblick über zentrale
Ereignisse und Prozesse wiedergeben und zeigen, dass mit der formalen Unabhängigkeit sowohl
die soziale und ökonomische als auch die politische Situation der indigenen Bevölkerung nicht zu
einer Verbesserung beigetragen hat, da es zu keinem wirklichen Bruch mit der kolonialen
Vergangenheit gekommen war. Denn die Schlagwörter Freiheit, Gleichheit und
Selbstbestimmung galten nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung, der daran interessiert war
die innere Ordnung, die auf Ausschließung und Diskriminierung weiter Teile der Gesellschaft
abzielte, aufrechtzuerhalten.
Die neuen amerikanischen Eliten verfügten im Laufe des 17. Jahrhundert über relativ viel
politische Autonomie, was zum einen auf die große räumliche Distanz zum Mutterland Spaniens
zurückzuführen ist und zum anderen auf den zunehmenden Machtverfall der EuropäerInnen.
Auch wenn es den Kreolen gelungen ist immer mehr wichtige Ämter zu besetzen, auch in
Bereichen der Kirche, so konnte die spanische Krone ihren Einfluss noch weiter ausüben. Ihr war
es allerdings nicht möglich absolut zu herrschen, sondern sie sah sich gezwungen einen ständigen
Ausgleich zwischen den verschiedenen AkteurInnen zu finden. (vgl. Hausberger 2011: 125 f.) Im
18. Jahrhundert kam es zu umfangreichen Reformen in Amerika (diese werden bekanntlich auch
„Bourbonische Reformen“ genannt). (vgl. Potthast 2009: 338) Man versuchte diese Reformen
sowohl im Wirtschaftsbereich als auch in Kirchenangelegenheiten umzusetzen. Aber auch eine
umfassende Verwaltungsreform wurde durchgeführt. So wurde beispielsweise 1776 „[...] das La
Plata Gebiet einschließlich des heutigen Boliviens (...) als eigenes Vizekönigreich von Peru
abgespalten“ (Hausberger 2011: 130). Um diese Reformen und die damit verbundenen
Geldflüsse effektiv umsetzen zu können, musste die zentralistische Kontrolle weiter ausgebaut
werden. (vgl. Hausberger 2011: 129) Doch auch wenn es im Zuge dieser Reformen teilweise zu
den gewünschten Veränderungen gekommen war, wie beispielsweise zur Stärkung der
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militärischen Macht, aber auch zu einem wirtschaftlichen Wachstum im Zuge einer
Liberalisierung der Wirtschaftsbeziehungen, so gingen nicht alle Erwartungen in Erfüllung. (vgl.
Potthast 2009: 338) Der spanischen Krone war es nicht gelungen, die europäische Konkurrenz zu
verdrängen und die eigene Vormachtstellung zu festigen.
Auch wenn manche Teile dieser Reformen durchaus auf Zustimmung bei den aus Europa
stammenden Eliten stieß, so lehnte die Mehrheit von ihnen die Reformen ab, da ihnen durch diese
unter anderem Privilegien und Freiräume genommen wurden. (vgl. Rinke 2010: 44) So führte die
Verwaltungsreform unter anderem dazu, dass die kreolischen Eliten zunehmend aus den Ämtern
verdrängt wurden und nun von den Spaniern, die direkt der Krone unterstellt waren, ersetzt
wurden. (vgl. Potthast 2009: 339) Trotz großer Unzufriedenheit mit den Reformen blieb die
kreolische Oberschicht der spanischen Krone treu. Erst mit Anfang des 19 Jahrhunderts kam es
zu Unabhängigkeitsbestrebungen der Kolonien. (vgl. Schmidt 2001: 122) Es ist allerdings schon
vor der Unabhängigkeit immer wieder zu Unruhen und Rebellionen in den Kolonien gekommen,
allerdings ging es bei diesen Aufständen noch nicht um eine tatsächliche Unabhängigkeit vom
spanischen Mutterland. (vgl. Rinke 2010: 64)
Ausschlaggebend für die Unabhängigkeitsbestrebungen waren ohne Zweifel die Ereignisse in
Europa, welche durch die napoleonischen Kriege gekennzeichnet waren. (vgl. Potthast 2009:
339) Mit der Machtübernahme Napoleons kam es zu einschneidenden Veränderungen in ganz
Europa. Als 1808 Napoleon die spanische (intern zersplitterte) Königsfamilie zur deren
Abdankung zwang setzte er infolgedessen seinen Bruder Joseph auf den spanischen Thron. (vgl.
Hausberger 2011: 147) Daraufhin kam es zu heftigem Widerstand in der spanischen
Bevölkerung, der zur einer Junta-Bewegung führte, welche auf die Etablierung einer
konstitutionellen Monarchie abzielte. Schon 1812 kam es zur Verabschiedung einer Verfassung
in Cadiz. Allerdings sah diese Verfassung keine rechtliche Gleichheit der Amerikaner vor,
welche jedoch quantitativ deutlich in der Überzahl waren. Die Lage radikalisierte sich
zunehmend. (vgl. Schmidt 2001: 122 f.) So wurde 1810 der Vizekönig in Buenos Aires abgesetzt
und kurze Zeit später die Unabhängigkeitserklärung ausgerufen. Es folgten weitere
Unabhängigkeitserklärungen, wie zum Beispiel in Venezuela. Die Unabhängigkeitsbewegung
breitete sich immer weiter aus. Militärisch wurde diese im Norden durch Simon Bolivar und im
Süden von Jose de San Martin angeführt. (vgl. Potthast 2009: 340) Bei der Legitimation der
Unabhängigkeit spielte vor allem auch die Kirche eine wichtige Rolle, die sich den Aufständen
anschloss. 1824 waren so gut wie alle Kolonien, außer Kuba und Puerto Rico, unabhängig von
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der spanischen Krone. (vgl. Schmidt 2011: 124)
Die Unabhängigkeitskämpfe kosteten vielen Menschen das Leben, aber auch die Wirtschaft litt
enorm unter der Zerstörung, die mit den Kämpfen einherging.
In Bolivien wurde die Unabhängigkeit am 6. August 1825 durch den Kongress, in Chuquisaca,
ausgerufen. Der Kongress setzte sich aus kreolischen Eliten zusammen. Kurze Zeit später kam es
zur Verabschiedung einer Verfassung, die einige Elemente einer „modernen“ Verfassung wie
zum Beispiel die Gewaltenteilung und eine unabhängige Justiz beinhaltete. Aber auch die
Sklaverei sollte abgeschafft werden, allerdings mit erheblichen Einschränkungen, da „[...] die
ehemaligen Sklaven verpflichtet waren, im Haus ihrer Herren zu verbleiben“ (Rinke 2010: 239).
Aber auch das Wahlrecht betreffend und den damit verbundenen Partizipationsmöglichkeiten der
Bevölkerung, wurden diese mit Ausschlussfaktoren versehen. Dies bedeutete unter anderem, dass
Lese- und Schreibfähigkeit oder auch der Nachweis einer festen Anstellung Bedingungen für das
Wahlrecht waren. (vgl. Rinke 2010: 238 f.)
In Bolivien war nach den Kriegen die Wirtschaft so gut wie am Boden. Der wirtschaftliche
Aufbau stand nun im Fokus des neuen Staates. Hier war es vor allem der Silberbergbau, der
während der Kolonialherrschaft die Region zu erheblichen Reichtum geführt hatte. Allerdings
war durch die neuen Grenzen der Zugang zum Meer nicht mehr gegeben und erschwerte den
Silber Export. (vgl. Rinke 2010: 240) Bolivien verlor seinen Zugang zum Pazifischen Meer in
Folge des Salpeterkrieges am Ende des 19. Jahrhunderts, nachdem Bolivien im
Friedensabkommen mit Chile auf seine ehemaligen Küstengebiete verzichten musste. (vgl.
Misgeiski 2013: 17) Durch die schlechte wirtschaftliche Lage verschärften sich auch neue
Abhängigkeiten, da hohe Kredite von ausländischen Investoren benötigt wurden. Diese kamen
zunächst aus London, doch im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die USA der neue dominante
Wirtschaftspartner nicht nur für Bolivien, sondern für ganz Lateinamerika. (vgl. Potthast 2009:
344) Aber nicht nur wirtschaftliche Probleme prägten die junge Nation. Es galt eine nationale
Einheit zu konstruieren, die sich als Abgrenzung zu der ehemaligen spanischen Kolonialmacht
verstand. Dabei spielte die Geschichte eine wichtige Rolle, die als eine Art
Legitimationsgeschichte fungierte. So wurde zur Konstruktion der eigenen „glorreichen“
Vergangenheit auch immer wieder auf die indigene Vergangenheit Bezug genommen. Ebenso
stand eine Homogenisierung der Gesellschaft im Vordergrund der jungen Republik. (vgl. Rinke
2010: 301)
Aber auch wenn die liberalen Ideen von Gleichheit, Freiheit und Selbstbestimmung nach der
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Unabhängigkeit vor allem in der politischen Rhetorik von zentraler Bedeutung waren, so hielten
sie in der Praxis nicht das was sie vorgaben, sondern waren in den meisten Fällen nur einer
kleinen Minderheit vorbehalten. (vgl. Fackler 2013: 111) Festzuhalten ist, dass es mit der
formalen Unabhängigkeit der neuen Nationalstaaten in Lateinamerika zu keinem Ende des
kolonialen Erbes gekommen war. (vgl. Ernst 2011: 49) Im Gegenteil: Europäisch-stämmige
Eliten blieben an der Macht und verfestigten die koloniale Ordnung. Diese Machtelite setzte sich
unter anderem aus den Großgrundbesitzern, den Vertretern der Bergbauunternehmen oder aus
dem Bankwesen zusammen, aber auch aus der Armee, der Verwaltung und der Justiz. (vgl.
Tobler 2010: 135) Die liberalen, aus Europa stammenden Ideen und Vorstellungen von Staat,
Recht, und bürgerlichen Grundrechten wurden zwar adoptiert, jedoch mit Ausschlussfaktoren
versehen, welche die indigene Bevölkerung nicht daran teilhaben ließ. (vgl. Kuppe 2010: 113 f.)
In diesem Staatskonzept wurden jene „sozialen Normkonstrukte“, (Kuppe 2010: 116) die keinen
„westlichen“ Ursprung hatten, nicht mit einbezogen und wurden somit gleichzeitig auch
diskreditiert. Wenngleich die „weiße“ Bevölkerung nach der Unabhängigkeit als eine Minderheit
in den einzelnen Nationalstaaten bestand, war es genau dieser kleine Teil der Gesellschaft, der
sich weiter an der Macht halten konnte und so den Rest der Bevölkerung von ökonomischen,
politischen und gesellschaftlichen Prozessen ausschloss und sie gleichzeitig ausbeutete. (vgl.
Quintero 2013: 66)

5. Von einer Politik der Integration und Assimilation hin zur Anerkennung
kollektiver indigener Rechte

Im nächsten Teil meiner Arbeit möchte ich zeigen, wie es von einer Politik der Integration und
Assimilation der indigenen Völker bis zu den Anfängen der Anerkennung indigener Rechte
gekommen war.
Wie bereits erwähnt, wurde die indigene Bevölkerung nach der Kolonialzeit weiter diskriminiert
und von staatsbürgerlichen Grundrechten ausgeschlossen. Im 19. Jahrhundert, also kurz nach der
Unabhängigkeit bzw. Konstruktion des Nationalstaates Boliviens, kam es zu „[...] Enteignungen
der Ländereien indigener Gemeinden [...]“ (Fackler 2013: 104). Ziel war es gewesen
ausschließlich private Eigentumstitel zuzulassen. (vgl. Ernst 2011: 49) Die Rolle des Staates

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begann sich am Anfang des 20. Jahrhunderts zu verändern. Neben wirtschaftlichen Aufgaben,
wie der Modernisierung der Wirtschaft, kamen auch soziale Forderungen und Aufgaben hinzu.
(vgl. Kuppe 2010: 118) Das Ziel war es gewesen eine Integration zu schaffen, die auf das
Verschwinden indigener Identität abzielte, um so eine kulturelle Homogenisierung der
Gesellschaft zu erlangen und folglich auch eine nationale Einheit zu konstruieren. So kam es in
staatlichen Bereichen wie Gesundheit und Bildung zu teilweisen Verbesserungen der
sozioökonomischen Lebensverhältnisse indigener Bevölkerung, jedoch wurde diese so immer
stärker an die staatlichen Institutionen gebunden. (vgl. Kuppe 2010: 121 f.) Aber nicht nur auf
der sozialpolitischen Ebene wurde diese Politik verfolgt, sondern auch hinsichtlich der
Agrarpolitik. So wurde versucht „[...] indigenen Gemeinschaften Landtitel einzuräumen und sie
in die nationale bäuerliche Bevölkerung einzugliedern“ (Kuppe 2010: 121). Infolge dessen kam
es in Bolivien nach der Revolution 1952 zu einer Agrarreform, aber auch zu einer
Wahlrechtsreform und zum Aufbau von Gesundheitseinrichtungen und Grundschulen, welche die
indigene Bevölkerung verstärkt miteinbezogen. Dies führte jedoch nicht zur erhofften politischen
und sozialen Gleichberechtigung. (vgl. Ernst 2011: 51) Mit der „Nationalrevolution“ 1952
konnten die Hoffnungen auf ein Ende der Diskriminierung sowie die Einlösung sozialer und
politischer Rechte nicht erfüllt werden. (vgl. Fackler 2013: 104 f.) Diese Revolution, die
eigentlich „[...] als Staatsstreich einer politischen Partei gegen das herrschende Militärregime
geplant“ (Fackler 2013: 111) war, wurde zu einem Volksaufstand, dem es gelungen war das
Militär zu besiegen. Allerdings konnte sich das neue Regime nicht lange halten und nahm selbst
immer mehr autoritäre Züge an. Schließlich kam das Militär 1964 durch einen Putsch wieder an
die Macht.
Aber auch die Begrifflichkeiten änderten sich und waren zugleich Ausdruck dieser
assimilierenden Politik. So wurde die indigene Bevölkerungsmehrheit nicht mehr als Indigene
bezeichnet, sondern mehrheitlich als Bauern („campensino“). (vgl. Munting 2005: 63)
Diese Politik der Integration der indigenen Völker unter der Voraussetzung einer kulturellen und
sozialen Assimilierung, die auf ein Verschwinden indigener Identität hinauslief, verlor in den
1970er Jahren zunehmend an Legitimität in ganz Lateinamerika. Es kam zu Reformen, in denen
bestimmte Rechte indigener Völker Anerkennung fanden. So etwa in der kolumbianischen
Verfassung, in der explizit kollektive und politische Rechte indigener Völker anerkannt wurden.
Dies war möglich, da VerterterInnen indigener Bewegungen direkt bei der Neugestaltung der
Verfassung miteinbezogen wurden. Allerdings waren diese Rechte beschränkt, wie zum Beispiel
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die indigene Rechtsprechung, da die letzte Instanz der Verfassungsgereichtshof und somit der
liberale Nationalstaat blieb. (vgl. Kuppe 2010: 131 f.)
Paradoxerweise trug diese politische Praxis dazu bei, ein gemeinschaftliches indigenes
Bewusstsein zu stärken und nicht wie geplant eine gesellschaftliche Homogenisierung und
Auflösung der indigenen Identität zu bewirken. (vgl. Kuppe 2010: 122) Diese „Re-Ethnisierung“
(vgl. Scheuzger 2007) steht im Zusammenhang mit den sozialen Bewegungen, auf die ich etwas
später noch genauer eingesehen werde.

6. Neoliberalistische Wende und die damit verbundenen sozialen,


wirtschaftlichen und politischen Folgen

Nun möchte ich kurz die historischen Ereignisse und Bedingungen für die neoliberale Wende in
Lateinamerika, und da im Speziellen in Bolivien nachzeichnen, sowie die sozialen Folgen, die
damit verbunden waren, darlegen.
Nach einer langen Phase von Militärdiktaturen, die ihren Anfang 1964 unter General Rene
Barrientos hatten, war diese Phase Boliviens geprägt von aufeinanderfolgenden Staatsstreichen
sowie mehreren Militärregierungen. Zwischen 1980 und 1982 kam es vermehrt zu Protesten und
zu häufig wechselnden Präsidenten. Diese Ära von Militärdiktaturen endete schließlich im Jahre
1982. (vgl. Fackler 2013: 103) Es folgte eine neoliberale Wende, die bis zu den vorgezogenen
Neuwahlen 2005 in Bolivien andauerte. Im folgenden Abschnitt werden sowohl die Ursachen als
auch die daraus resultierenden Konsequenzen dieser neoliberalen Ära behandelt.
Die politischen Veränderungen in den 1980er Jahren waren unter anderem das Ergebnis sowie
die Reaktion der Wirtschafts-und Schuldenkrise in Lateinamerika. (vgl. Tobler 2010: 325) Nach
dem Zweiten Weltkrieg kam es in Lateinamerika zu einer Industrialisierung, in der der
Industriesektor vermehrt im Vordergrund stand und der Exportsektor in den Hintergrund geriet.
Viele lateinamerikanische Staaten konnten relativ hohe Wachstumsraten in der Zeit zwischen
1950 bis 1981 erzielen. (vgl. Tobler 2010: 312) Der Staat griff zunehmend in wirtschaftliche
Prozesse ein, sei es in Form von Währungspolitik oder durch zoll- und industriepolitische
Maßnahmen. Es ging um den Ausbau des Binnenmarktes. Aber auch sozialpolitische
Maßnahmen wie Gesundheitsversorgung oder Altersversicherung wurden umgesetzt. (vgl. Boris
14  
 
2015: 266 f.)
Doch schon in den 1970er Jahren verlor die „[...] in Gang gesetzte Importsubstitutions-
Industrialisierung [...] ihre anfängliche Dynamik“ (vgl. Tobler 2010: 325) So wurde wieder
vermehrt auf den Export von Rohstoffen gesetzt, was für einige Staaten zunächst durchaus
profitabel war, da die Rohstoffpreise relativ hoch waren. Allerdings fielen die Rohstoffpreise in
den 1980er Jahren schon wieder und die Kreditkosten für die Auslandsschulden stiegen massiv
an. (vgl. Tobler 2010: 326) Die Schuldenkrise der 1980er Jahre hatte enorme Auswirklungen
sowohl auf die Wirtschaft als auch auf die Gesellschaft. Der Exportsektor wurde wieder gestärkt,
allerdings auf Kosten der zuvor aufgebauten Binnenwirtschaft. Durch die Verhandlungen mit den
Gläubigerländern, aber auch mit den internationalen Finanzinstitutionen, wie der Weltbank oder
dem Internationalern Währungsfond (IWF), kam es zu einer völligen Neuausrichtung der
Wirtschaft und zu eingreifenden Veränderungen im Staat. (vgl. Tobler 2010: 326 ff. ) So wurden
vielen Staaten sogenannte „Strukturanpassungsprogramme“ auferlegt, welche sie umzusetzen
hatten. Diese zielten vor allem auf die Öffnung der Wirtschaft, auf Privatisierungen, aber auch
auf die Kürzung öffentlicher Ausgaben ab. Der Staat sollte sich aus wirtschaftlichen Belangen
heraushalten und sich auf ganz wenige Bereiche, wie auf den Ausbau der Infrastruktur
zurückziehen. Die propagierte Notwendigkeit dieser Maßnahmen als Lösungsweg aus der Krise
sowie deren positive Wirkung hatte sich in der Praxis nicht bewahrheitet. Ganz im Gegenteil:
Durch den massiven Stellenabbau in vielen öffentlichen Bereichen oder durch die Kürzungen in
sozialen Bereichen kam es zu einer Verschlechterung sowohl der Wirtschaft als auch der
Lebensverhältnisse großer Teile der Bevölkerung. (vgl. Boris 2015: 270 f.) Die Schuldenkrise
führte in den meisten Ländern Lateinamerikas zu einer wirtschaftlichen Rezession, die schwere
gesellschaftliche Folgen mit sich zog. So fielen die Reallöhne und die Arbeitslosigkeit stieg
immer mehr an, davon betroffen war zunehmend auch die Mittelschicht. (vgl. Tobler 2010: 328
f.) Bolivien litt 1985 sogar an einer Hyperinflation. Es gelang Bolivien allerdings die extrem
hohe Inflation schon nach kurzer Zeit wieder zu senken, aber auch Wachstumsraten von 2,89 %
konnten im Jahr 1989 erzielt werden. Auch in Bolivien waren die sozialen Kosten für die
wirtschaftliche Stabilisierung sehr hoch. Die Arbeitslosenzahl sowie der informelle Sektor
stiegen massiv an. (vgl. Lessmann 2010: 99 f.)
Die Unzufriedenheit über diese neoliberale Politik und den damit verbundenen Folgen für die
breite Bevölkerung wuchs immer mehr an. Diese Unzufriedenheit artikulierte sich in Form von
Protesten gegen die neoliberalen Maßnahmen, die jedoch von den Regierungen teils gewaltsam
15  
 
unterdrückt wurden. (vgl. Fackler 2013: 104) Aber auch die Entstehung von sozialen und
indigenen Bewegungen ist vor allem als Reaktion auf die immer schlechter werdenden
Lebensverhältnisse vieler indigener Bevölkerungssichten zu verstehen, welche durch eine
neoliberale Politik verursacht wurde. (vgl. Fackler 2013: 103) Es folgten immer wieder auch
blutige Auseinandersetzungen. So kam es zum Beispiel in den Jahren 1999 und 2000 zum
„Wasserkrieg“, in dem nicht nur indigene, sondern auch städtische und ländliche
Bevölkerungsgruppen gegen Privatisierungsbestrebungen der Wasserversorgung der Stadt
Cochabamba, also gegen die Regierung, vorgegangen sind. In den darauffolgenden Jahren kam es
immer häufiger zu Protesten gegen die von der Regierung betriebene Politik. (vgl. Fackler 2013:
104) Doch im Falle der Privatisierung der Wasserversorgung von Cochabamba konnten die
Demonstranten einen Erfolg erzielen, da sich durch die Proteste die Regierung gezwungen sah
die Privatisierung wieder aufzuheben. Die Proteste zeigten die enorme Mobilisierungskraft der
unzufriedenen Bevölkerung. Die Proteste wurden nicht von beispielsweise einer Gewerkschaft
koordiniert und organisiert, sondern entstanden aus einem Zusammenschluss unterschiedlichster
AkteurInnen. (vgl. Misgeiski 2013: 15 f.) Ein weiterer Aufstand folgte im Jahre 2003, bei dem
sich sowohl Gewerkschaften und Indigene als auch Studenten zusammenschlossen und gegen
„[...] die staatliche Erdgaspolitik, insbesondere gegen den Export von bolivianischen Erdgas über
die Häfen des Erzfeindes Chile, wandten“ (Misgeiski 2013: 16 f.) Der amtierende Präsident
Sanchez de Lozada versuchte die Lage zu beruhigen, doch ohne Erfolg. Die Bevölkerung forderte
seinen sofortigen Rücktritt. Am 17. Oktober trat der Präsident zurück und sein Vizepräsident
Carlos Mesa Gisbert übernahm das Präsidentenamt bis zu den vorgezogenen Neuwahlen im Jahre
2005. (vgl. Misgeiski 2013: 17 f.)
Festzuhalten ist, dass die neoliberale Politik eine große Unzufriedenheit breiter Teile der
Bevölkerung verursacht hatte und es dadurch zu einer enormen Mobilisierung sozialer Gruppen
gekommen war und infolge dessen zu heftigen Protesten. Dies führte zu einem massiven
Legitimitätsverlust der Regierung, aber auch der staatlichen Institutionen selbst. (vgl. Ernst 2011:
52)

16  
 
7. Entstehung und Forderungen sozialer und indigener Bewegungen

Im nächsten Abschnitt möchte ich nun auf die sozialen und indigenen Bewegungen näher
eingehen sowie deren Forderungen darstellen. Dabei möchte ich zeigen, wie sich diese
Bewegungen mit ihren Forderungen zu einem zentralen politischen Akteur entwickelt haben.
Auch wenn die indigenen Bewegungen durchaus unterschiedliche Interessen und Vorstellungen
vertreten und auch folglich keine homogene Gruppe darstellen, so ist der antikoloniale
Befreiungskampf als gemeinsames Anliegen von wesentlicher Bedeutung. Ihre nationale wie
auch internationale Präsenz als wichtige politische Akteure begann in den 1990er Jahren. Dies
hängt zum einen damit zusammen, dass zu Beginn der 1990er mit dem Ende des Kalten Krieges
auch die Einflussnahme der damaligen Supermächte auf den Kontinent in Form von
Unterstützung autoritärer Regime wegfiel, aber auch die Einflussnahme der beiden Großmächte
auf die Diktaturen nahm allmählich ab. (vgl. Ernst 2011: 52 f.) Seit Ende der 1970er Jahre haben
sich demokratische Regime in fast ganz Lateinamerika etablieren können und sind
erstaunlicherweise relativ stabil geblieben. Dabei ist die Demokratie in Ländern mit einer großen
sozialen Ungleichheit größtenteils formal geblieben. Sozioökonomisch marginalisierte Gruppen
verfügen im Gegensatz zu den Eliten des Landes meist über wenig Möglichkeiten sich in einem
formal demokratischen System zu partizipieren, da die Eliten einen weit größeren politischen
Zugang als der Rest der Bevölkerung haben. Die Aufgaben und auch die Chancen sozialer
Bewegungen liegen in der „Demokratisierung der Demokratie“. Der Abbau dieser
asymmetrischen, gesellschaftlichen und politischen Machtverhältnisse ist eine zentrale
Bedingung und Voraussetzung dafür. (vgl. Wolff 2012: 78 f.) So wurden in einigen Ländern
Wahlrechtsreformen durchgeführt, wie etwa „[...] die Einführung von Mindestquoten für
ethnische Minoritäten, die Einführung und/ oder Stärkung des Verhältniswahlrechtes sowie die
für kleinere Parteien wichtige Herabsetzung der Sperrklausel“ (Van Cott zit. nach Ernst 2011:
53). Aber auch neue Kommunikationsmöglichkeiten wie das Internet oder die zunehmende
Urbanisierung sind wichtige Faktoren, die dazu beigetragen haben indigene Forderungen national
sowie international sichtbar zu machen. (vgl. Ernst 2011: 53 f.) Den sozialen und indigenen
Bewegungen ist es gelungen sich sowohl länderübergreifend zu vernetzen und dadurch in der
internationalen Politik aktiver präsent zu sein, als auch innenpolitisch nicht mehr ausschließlich
in Form von beispielsweise Protesten zu partizipieren, sondern auch in Form von Parteien aktiv

17  
 
die Politik mitzugestalten. (vgl. Ernst 2011: 55)
Es ging den Bewegungen und Organisationen vor allem um „[...] die wirksame Umsetzung der
allgemeinen menschenrechtlichen Garantien auch für die indigenen Völker“ (Kuppe 2010: 126).
Aber auch das Recht auf kulturelle Differenz und Eigenständigkeit waren dabei ein weiteres
wichtiges Ziel. Im internationalen Kontext spielten vor allem internationale Organisationen wie
die UNO, in denen ein wichtiger rechtlicher Bezugsrahmen dafür entwickelt wurde, eine tragende
Rolle. Dabei kommt dem Selbstbestimmungsrecht der Völker eine wichtige Bedeutung zu, da die
indigenen Gruppen ihre Identität als Völker betonen und so auch den Minderheitsbegriff
ablehnen und das politische Selbstbestimmungsrecht einfordern. (vgl. Kuppe 2010: 126 f.) Aber
neben der Einforderung kollektiver Rechte und das Recht auf Selbstbestimmung waren
Autonomieforderungen ein wichtiger Punkt gewesen. Mit dem „Marsch für Würde und
Territorium“ 1990, einen über mehrere Kilometer langen Fußweg zum Regierungssitz in La Paz,
gelang es den indigenen Völkern ihre Forderungen nach politischer und kultureller Anerkennung
einem breiten Publikum zu vermitteln. Aber auch bei den „[...] Feiern zum 500-jährigen Jubiläum
der Entdeckung Amerikas nutz[ten] die Indigenen [die Feiern] um auch auf der internationalen
Ebene auf ihre Situation aufmerksam zu machen“ (Misgeiski 2013: 11).
In Bolivien führten die sozialen und indigenen Bewegungen ganz wesentlich zur Transformation
des Landes. Ihr Aufstieg begann im Jahr 2000 mit dem, wie bereits erwähnten, „Wasserkrieg“ in
der Stadt Cochabamba. Ihre politischen Forderungen wurden in der Oktoberagenda 2003 im Zuge
des „Gaskrieges“ festgehalten. (vgl. Vaga Camacho 2015: 175) Die Forderungen lauteten:
Verfassungsgebende Versammlung, Re-Nationalisierung des Erdgas-Erdölsektors, Legalisierung
des Koka-Anbaus, Reform des Bodenrechts, Bekämpfung von Korruption und Durchsetzung
eines nicht-neoliberalen Wirtschaftsmodells. (vgl. Ströbele-Gregor 2007: 186) Der Sieg der
Partei von Evo Morales MAS („Bewegung zum Sozialismus“) in Bolivien markiert diesen
Wandel, durch den die sozialen Bewegungen zu einflussreichen politischen Akteuren aufstiegen.

8. MAS (Movimiento al Socialismo) - Aufstieg und Forderungen

Um den Aufstieg der MAS (Movimiento al Socialismo) erklären zu können, ist es wichtig
zunächst den Entstehungszusammenhang sowie deren gesellschaftliche Einbettung zu betrachten.

18  
 
Schon seit den 1990er Jahren wurden die Gewerkschaften als Interessensvertretungen vor allem
für Landarbeiter und Kokabauern wichtiger als die politischen Parteien. Sie sind sehr gut
organisiert und es ist ihnen gelungen die unterschiedlichen Gruppen und deren Interessen zu
bündeln bzw. zu vereinen, in denen vor allem indigene Traditionen und Forderungen einen
wichtigen Stellenwert einnahmen. (vgl. Lessmann 2010: 148) Diese Forderungen von den
sozialen Bewegungen fanden schließlich Einzug in das Wahlprogramm der MAS 2005. Der
historische Sieg der MAS war nur möglich, da die Partei die Oktoberagenda von 2003, also die
politischen Inhalte und Forderungen der sozialen Bewegungen, aufnahm und „[...] sich für ihre
Umsetzung einsetzte“ (Vaga Camacho 2015: 176). Das Selbstverständnis der Partei basiert auf
diesen sozialen und indigenen Bewegungen. In ihrer Selbstbezeichnung, die lautet: „die
Regierung der sozialen und indigenen Bewegungen“ (Vega Camacho 2015: 176) spiegelt sich
dies eindeutig. Sie ist also keine Partei im traditionellen Sinne, sondern eine Art Sammelbecken
sozialer Bewegungen. In ihr vermischen sich zwei ideologische Strömungen. Zunächst eine
sozialistische Strömung und weiters eine indianistische die immer einflussreicher wird, wobei
letztere durchaus auch bei radikaler Sichtweise rassistische Züge annehmen kann. (vgl. Ströbele-
Gregor 2007: 184) Die Partei MAS wurde im Jahre 1999 gegründet. Es gelang ihr
unterschiedlichste Gruppen und deren Interessen zu integrieren, sowie eine Verbindung
herzustellen, die ethnische mit soziale Anliegen vereint. Schon bei den Parlamentswahlen im
Jahre 2002 gelang es der Partei auf Anhieb zweitstärkste Partei zu werden, ihr damaliger
Spitzenkandidat war Evo Morales. 2004 wurde sie schließlich bei den Kommunalwahlen stärkste
politische Partei. (vgl. Lessman 2010: 132 f.)

9. Wirtschaftliche, soziale und politische Machtverhältnisse

In diesem Kapitel meiner Arbeit möchte ich zunächst auf die wirtschaftlichen sowie sozialen und
politischen Machtverhältnisse, die das Land Bolivien nach wie vor prägen, näher eingehen.
Bis 2005 verfolgte die herrschende Elite des Landes eine Exklusionspolitik, die sich kolonialer
Herrschaftsmechanismen bediente und diese als etwas Unveränderbares konstruierte. (vgl.
Radhuber 2013: 183)
Mehr als die Hälfte der Menschen in Bolivien bezeichnen sich selbst als indigen. (vgl. Ernst

19  
 
2009: 127) Die durch die Kolonialisierung hervorgebrachte extreme soziale Ungleichheit lässt
sich heute noch feststellen und führt dazu, dass die wirtschaftliche und politische Macht in den
Händen weniger konzentriert ist und „[...] ethnische Zugehörigkeit bis heute eine zentrale Achse
sozialer Benachteiligung darstellt“ (Ernst 2009: 125). Indigene Völker sind noch heute die am
meisten benachteiligte Gruppe in ganz Lateinamerika. (vgl. Ernst 2011: 48)
Im folgenden Abschnitt werde ich versuchen aufzuzeigen, in wie fern indigene Gruppen
sozioökonomisch und gesellschaftlich marginalisiert wurden, bzw. in wie fern soziale
Ungleichheiten als Erbe kolonialer Vergangenheit, Auswirkungen auf die Gesellschaft Boliviens
genommen haben.
Bolivien zählt zu den ärmsten Länder Lateinamerikas. 62.5% der Bevölkerung Boliviens
bezeichnen sich im Jahre 2001 als Angehörige eines indigenen Volkes, wobei die Quechua mit
30% und die Aymara mit rund 25% die größten Ethnien darstellen. Nur rund 10% und somit klar
die Minderheit stellen die „Weißen“ dar, für die ihre europäischen Wurzeln besonders wichtig
sind. (vgl. Ernst 2009: 127) Auch wenn diese ethischen und soziokulturellen Identitäten soziale
Konstrukte sind, dienen sie einer „innergesellschaftlichen Positionierung“ (Hall zit. nach Ernst:
2009). Bolivien war 2013 im Human Development Index auf Rang 113. Dies stellt allerdings
eine Verbesserung zum Jahr 2008 dar, da Bolivien auf Platz 117 von insgesamt 117 Ländern lag.
(vgl. Misgeiski 2013: 5) Diese leichte Verbesserung ist durchaus auf die Reformen der Regierung
von Evo Morales zurückzuführen. Auf seine Reformen werde ich etwas später näher eingehen.
Auf wirtschaftlicher Ebene lässt sich festhalten, dass in Bolivien Vermögen extrem ungleich
verteilt ist, auf die ärmsten 10% der Menschen entfallen 0,3% des Einkommens und Konsums,
wohingegen auf die reichsten 10% ganze 47,2% entfallen. (vgl. Lassmann 2010: 146) Anhand
des Gini-Koeffizienten lässt sich diese Ungleichheit deutlich festhalten, so beträgt dieser 0,58.
Aber auch was die soziale Mobilität betrifft, so ist diese im Vergleich zu anderen
lateinamerikanischen Ländern deutlich geringer. (vgl. Misgeiski 2013: 4 f.) Auffällig ist auch,
dass ein eindeutiges „ethnisches Lohngefälle“ vorherrscht. Dies führt dazu, dass Angehörige
indigener Gruppen am wenigsten verdienen. Die meisten Jobs, denen sie nachgehen, finden unter
prekären Arbeitsverhältnissen statt und sind meist zeitlich begrenzt. (vgl. Ernst 2009: 130) Aber
auch in Bereichen wie Gesundheit und Bildung war und ist die indigene Bevölkerung deutlich
benachteiligt. So war sowohl die Kindersterblichkeit als auch die Analphabetenrate, vor den
Reformen sehr hoch. (vgl. Scheuzger 2007: 199), die Analphabetenrate lag bei schätzungsweise
13,3%. Was die Lebenserwartung anbelangte, so lag diese bei 64,7 Jahren und die
20  
 
Unterernährung lag bei 62,7 %. Mehr als die Hälfte der Menschen lebten unter der Armutsgrenze.
(vgl. Misgeiski 2013: 5 f.) Was die politischen Institutionen anbelangt, so war die indigene
Bevölkerung sehr unterrepräsentiert und wurde wesentlich öfters Opfer von
Menschenrechtsverletzungen. (vgl. Scheuzger 2007: 199)
Diese innernationale Ungleichheit ist in einem globalen Rahmen zu verorten, der diesen auch
ständig beeinflusst. Diese beiden Ebenen, sowohl die nationale, als auch die globale, sind in
einem dualistischen Verhältnis zu begreifen. So ist Bolivien als peripherer Staat in das
kapitalistische Weltsystem eingebunden. Dies wird vor allem in Bezug auf die Ausbeutung der
Ressourcen des Landes durch ausländische Konzerne deutlich. (vgl. Raduber 2013: 202)
Bis zur Revolution von 1952/53 durften Frauen und indigene Gruppen nicht einmal wählen. Sie
waren bis dahin völlig von politischen Entscheidungen ausgeschlossen und gesellschaftlich
marginalisiert. Aber auch danach wurden indigene Lebensweisen in einem nach europäischen
Vorstellungen konstruierten Staat, nicht respektiert und nicht ausreichend repräsentiert. (vgl.
Lassmann 2010: 145)
Seit dem 20. Jahrhundert hat sich der Gegensatz zwischen dem Hoch-und Tiefland sukzessive
verstärkt. Die Regionen La Paz, in der sich der Regierungssitz befindet, Chuquisaca oder
Cochabamba gehören zu den andinen Hochlandgebieten, wohingegen Santa Cruz oder Beni zum
Tiefland zählt. Vor allem aus Santa Cruz kommen verstärkt Autonomiebestrebungen, die von den
dort lebenden politischen und ökonomischen Eliten gefordert werden. (vgl. Fackler 2013: 107)
Durch die ungleiche Verteilung der natürlichen Ressourcen des Landes, wie Silber oder Erdöl-
und Erdgasvorkommen, konnten sich lokale Zentren herausbilden, die über mehr Reichtum und
auch mehr Macht verfügten. (vgl. Misgeiski 2013: 5)

10. „Die Neugründung“ Boliviens

Bei diesem Teil meiner Arbeit, wird es um den historischen Sieg Evo Morales und seiner Partei
MAS gehen. Dabei werde ich zunächst auf die Präsidentschaftswahlen im Jahre 2005 eingehen,
sowie auf den politischen Machtwechsel, der damit in Verbindung steht. Außerdem werde ich auf
die damit einhergehende Transformation des Landes eingehen, die durch die neue Verfassung
Boliviens in Gang gesetzt wurde. Dabei geht es um die in der Verfassung verankerten Rechte der

21  
 
Natur, des Konzeptes „buen vivir“ aber auch um die damit einhergehenden Widersprüche.
Ebenso soll hier auf den plurinationalen Staat Bolivien eingegangen werden und dabei
insbesondere auf die sich verändernde Situation der indigenen Bevölkerung. Aber auch auf die
Bedeutung und Symbolkraft von Evo Morales als erster indigener Präsident, sowie auf sein
Dekolonialisierungspotenzial, wird hier eingegangen.

10.1 Präsidentschaftswahlen 2005

Das historische Wahlergebnis vom 18. Dezember 2005 in Bolivien ist in vielerlei Hinsicht
einzigartig und zugleich revolutionär. Zum einen gewann Evo Morales die
Präsidentschaftswahlen mit 54,74% der Stimmen - wobei seit der Unabhängigkeit Boliviens noch
kein Präsident zuvor die absolute Mehrheit erlangt hat - (vgl. Lassmann 2010: 147) und zum
anderen ist Evo Morales der erste indigene Präsident Boliviens. Er repräsentiert die indigene
Bevölkerungsmehrheit des Landes. Die rechtsliberale Partei „Poder Democratico y Social“
(PODEMOS) wurde mit 28,6 % zweitstärkste Partei. In ihr finden sich sowohl konservative
Stimmen als auch rechtsgerichtete Positionen. Sie vertritt besonders die Oberschicht, die ihre
politische Macht auf keinen Fall aufgeben will, und sie stellt somit auch die größte Opposition
zur Regierungspartei MAS (Movimiento al Socialismo) dar. (vgl. Ströbele-Gregor 2007: 183)
Aber auch die Wahlbeteiligung war historisch hoch, sie lag bei 84%. (vgl. Lassmann 2010: 135)
Das Wahlergebnis markiert aber auch einen grundlegenden Wandel der politischen
Parteienlandschaft in Bolivien. So sind zum einen die MIR (Movimento de la Izqierda
Revolucionaria) zum anderen die ADN (Accion Democratica Nacionalista), die beide in den
1980er und 1990er Jahre durchaus große bedeutende Parteien gewesen sind, von der politischen
Bühne verschwunden. Der rechtsliberalen PODEMOS gelang es jedoch sowohl Wählerstimmen
von ehemaligen WählerInnen der ADN als auch von MIR für sich zu gewinnen. Drittstärkste
Partei bei den Wahlen 2005 wurde die sozialdemokratische UN (Unidad Nacional). Sie erhielt
allerdings nur 7,8 % der Stimmen. (vgl. Ströbele-Gregor 2007: 183)

22  
 
10.2 Bedeutung des Wahlergebnis

Morales Sieg symbolisiert eine Art Auflösung bzw. Zerschlagung kolonialer Ordnung. Im
folgenden Abschnitt möchte ich nun auf einige dieser Formen der Dekolonialisierung durch den
Sieg Morales eingehen.
Sei es die Politik, die Industrie oder die Landwirtschaft, all diese Bereiche waren und sind bis
heute noch zum großen Teil in den Händen weniger Eliten. Dies hat zur Konsequenz, dass diese
koloniale Ordnung bis in die Gegenwart bestehen konnte. Die gegenwärtigen Entwicklungen in
Bolivien führen dazu, dass diese Ordnung fundamental in Frage gestellt wird. (vgl. Mamani
Ramirez 2009: 68 f.) Diese politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung hat ihre
Wurzeln im Kolonialismus sowie im Rassismus. Sie macht indigene Lebensweisen unsichtbar
und diskriminiert sie. Die Figur des Präsidenten war bis zum Sieg Morales ein Erbe kolonialer
Macht und von weißen Männern aus der Oberschicht geprägt und repräsentiert. Evo Morales
hingegen fungiert gleichzeitig als Spiegelbild und Projektionsfläche für große Teile der
Bevölkerung. Er kommt aus bescheidenen Verhältnissen und musste schon in jungen Jahren
arbeiten, um die Familie finanziell zu unterstützen. Außerdem besitzt er keinen universitären
Abschluss. Auch seine Kleidung bricht mit der kolonialen Ordnung, er trägt Pullover statt Anzug
und Krawatte. Das Bild eines weißen, Anzug tragenden, im Ausland studierten Staatsoberhauptes
wird dadurch aufgebrochen. (vgl. Mamani Ramirez 2009: 71 f.) Es sind gerade diese Brüche mit
den aus Europa stammenden Ideen und Vorstellungen, sei es auf der einen Seite in Bezug auf das
äußerliche Erscheinungsbild des Präsidenten, seien es auf der anderen Seite die politischen
Praktiken, die durch die Regierung Morales vorangetrieben werden. Sie sind durchaus auch als
antiimperialistische Handlungen und Bestrebungen zu verstehen. Was seine politische Karriere
anbelangt, so war er schon in jungen Jahren aktiv im Widerstand gegen die Politik der
Kokavernichtung engagiert gewesen. Er wurde Chef seines Sindicato, die Sindicato-Bewegung
der Kokabauern entwickelte sich schnell zu einer der führenden Widerstandsbewegungen gegen
die Kokavernichtungspolitik. 1997 wurde er schließlich Parlamentsabgeordneter der MAS
Fraktion. (vgl. Lessmann 2010: 180)

23  
 
10.3 Verfassungsgebende Versammlung und die neue Verfassung Boliviens

Um eine Verfassung ohne Zustimmung der Opposition verabschieden zu können, benötigt es eine
Zweidrittelmehrheit. Die Wahlen wurden zwar klar gewonnen, jedoch gelang es der Regierung
nicht eine Zweidrittelmehrheit im Parlament zu erzielen. Daher war sie auf die Zusammenarbeit
mit der Opposition für die Verabschiedung einer neuen Verfassung angewiesen, die Opposition
wehrte sich jedoch lange Zeit dagegen. Es war ein langer Weg zur Verabschiedung der neuen
Verfassung, der einer langen Phase des verfassungsgebenden Prozesses vorranging. Durch die
fehlende Mehrheit mussten im Zuge der Verhandlungen mit der Opposition immer wieder
Kompromisse geschlossen werden, sodass am Schluss nicht alle Forderungen der Regierung Evo
Morales umgesetzt werden konnten. (vgl. Kuppe 2010: 29) Zwei Jahre nach den Wahlen im
Dezember 2007 war es endlich so weit und der Verfassungsentwurf wurde verabschiedet. (vgl.
Lessmann 2010: 150) Aber erst im Jahre 2009 kam es schließlich zur Verabschiedung des
endgültigen Textes der neuen Verfassung Boliviens, (vgl. Kuppe 2010: 138), welche durch das
Referendum, durch die Bevölkerung, angenommen wurde. (vgl. Kuppe 2010: 28) Die
bolivianische Bevölkerung sprach sich mit 61% klar für diese neue Verfassung aus. (vgl.
Lessman 2010: 141) Die Wahlbeteiligung war extrem hoch, sie lag bei 90, 26% (vgl. Lessmann:
2010: 148) Die Forderung nach einer verfassungsgebenden Versammlung war groß und kam
immer wieder in der Vergangenheit auf, sie wurde in erster Linie von den sozialen Bewegungen
verlangt.
Die Verfassung ist mit 411 Artikel, im Vergleich zu anderen Verfassungen auf der Welt
besonders lang, was auch bedeutet, dass somit mehr politische Normen festgelegt werden
können. (vgl. Radhuber 2013:) Im Zuge der verfassungsgebenden Versammlung kam Evo
Morales und seine Partei - deren Ziel die „Neugründung Boliviens“ ist - ein Stück näher. (vgl.
Lassmann 2010: 150) Konzepte der Rechtsprechung, sowie das Verständnis vom Nationalstaat,
werden in diesem Zusammenhang neu definiert und sowohl politisch als auch gesellschaftlich
ausgehandelt. „Vivir bien“ sowie „Pachamama“ aber auch das Konzept des Plurinationalismus
haben so Einzug in die Verfassung genommen (vgl. Fatheuer 2011: 17). Die Verfassung selbst
stellt sich explizit gegen neoliberale Modelle und stärkt die Rolle des Staates in Bezug auf
Wirtschaft und Gesellschaft. Aber auch ein Pazifismus-Prinzip und die allgemeinen
Menschenrechte sind in ihr verankert. (vgl. Lassmann 2010: 152 f.)

24  
 
Im nächsten Abschnitt gehe ich nun näher auf diese Konzepte, welche ihren Ursprung unter
anderem in indigenen Traditionen haben ein und analysiere diese in Bezug auf deren
emanzipatorisches Potenzial. Aber auch mögliche Kritikpunkte sowie Widersprüche sollen hier
mit einbezogen werden.

10.3.1 Plurinationaler Staat

Im folgenden Abschnitt liegt der Schwerpunkt auf dem neuen plurinationalen Staatsprojekt,
welches sich von jenem des modernen Staates durchaus unterscheidet und zugleich dieses ablehnt
und kritisiert. Ich werde dabei auf einige zentralen Bereiche, welche durch die neue Verfassung
einen grundlegenden Wandel erfahren haben oder neu umgesetzt wurden, eingehen, so etwa bei
der Rechtsprechung, bei der es zu einer Stärkung indigener Rechtsprechung gekommen war. Die
Landreformen sowie die Nationalisierung des Erdgas- und Erdölsektors sollen nicht unerwähnt
bleiben, aber ich werde sie im Rahmen meiner Arbeit nicht näher behandeln.
Mit der neuen Verfassung kam es zu einer neuen Selbstdefinition des Staates, Bolivien definiert
sich nun als plurinationaler Staat. (vgl. Kuppe 2010: 29) Dadurch kam es zu einer Ablehnung der
alten Bezeichnung „Bolivianische Republik“, auch wenn diese Umbenennung eher
Symbolcharakter besitzt, so zeigt sie klar den Wandel und zugleich den Bruch mit der kolonialen
Vergangenheit, der mit dieser Umbenennung einhergeht. Dem plurinationalen Staat Boliviens
und seiner neuen Verfassung geht es um „[...] die Anerkennung der kulturellen und ethnischen
Vielfältigkeit [...]“ (Misgeiski 2013: 129) sowie der damit einhergehenden Stärkung indigener
Rechte. (vgl. Misgeiski 2013: 129) Mit diesem neuen Staatsmodell kommt es auch zu einer
Ablehnung des Konzeptes des liberalen Nationalstaates, welcher als ein koloniales Erbe begriffen
wird. Denn der liberale Nationalstaat setzt ein in sich homogenes Nationalvolk mit der Nation
gleich, was dazu geführt hat, die indigene Identität zu unterdrücken bzw. eine
Assimilationgspolitik zu betreiben, die keine kulturelle Vielfalt zulässt. Beim plurinationalen
Staat Boliviens geht es nicht darum eine einheitliche Nation zu konstruieren, sondern „[...] er
bezeichnet sich als pluri-nationaler Staat“ (Misgeiski 2013: 130) im welchem die indigene
Bevölkerung nicht nur dem bolivianischen Staat zugehörig sein kann, sondern auch einem
indigenen Volk. (vgl. Misgeiski 2013: 130) Also entscheidend ist die Anerkennung von
25  
 
Differenz, die den plurnationalen Staat prägt.
Die neue Verfassung sieht auch eine Veränderung der bisherigen Demokratieformen vor, die
meist auf repräsentative Formen beschränkt war. So kommt es zu einer Stärkung von
direktdemokratischen Elementen, die auf mehr Partizipation der Menschen abzielt. (vgl.
Misgeiski 2013: 135) Aber auch die „[...] Möglichkeit der Abwahl aller gewählten Instanzen, bis
zur Abwahl des Staatspräsidenten“ (Misgeiski 2013: 136) wurde im Zuge dieser Reformen
festgehalten. Diese Abwahlmöglichkeit lässt sich auch bei indigenen Völkern im Zusammenhang
mit deren Mandatstwiderrufung, finden. Diese Regelung zielt darauf ab, bei Machtmissbrauch
oder bei etwaigen Verstößen die jeweilige Person zur Verantwortung zu ziehen und aus deren
Position zu entfernen. Ebenso wird der kommunitären Demokratie ein wichtiger Stellenwert
zugesprochen. (vgl. Misgeiski 2013: 136 f.)
Aber auch die Rechtsprechung Boliviens unterliegt einem deutlichen Wandel, entstanden durch
die neue Verfassung. Dabei geht es darum, sowohl indigene Rechtsprechung, als auch westlich
liberales Rechtsverständnis - in welchem der Staat als Rechtsstaat begriffen wird und von
welchem jedes Recht auszugehen hat - gleichermaßen anzuerkennen. Durch diesen
Rechtspluralismus, wird vor allem mit dem aus Europa stammenden Rechtsverständnis
gebrochen, welches eine Einheitlichkeit voraussetzt und andere Formen der Rechtsprechung nicht
anerkennt. Damit wird einer der wichtigsten Forderungen indigener Bewegungen Rechnung
getragen und zwar jener, der Selbstbestimmung. Die jeweiligen Rechtssysteme sind nun autonom
und gleichberechtigt. Dieser neue Rechtspluralismus wird für die unterschiedlichen AkteurInnen
freilich in der Praxis keine einfache Aufgabe sein. (vgl. De Sousa Santos 2012) Eine der
Herausforderungen bzw. Probleme ergibt sich daraus, dass zum einen die indigene
Rechtsprechung in indigenen Territorien angewandt wird, zum anderen aber nicht immer klar ist,
wo genau sich die territorialen Grenzen befinden. Allerdings können Konflikte zwischen
Indigenen auch außerhalb dieser Territorien liegen. Diese Problematik wird in der neuen
Verfassung geregelt und sieht vor, dass indigene Rechtsprechung auch außerhalb des indigenen
Territoriums zwischen Indigenen gilt. (vgl. De Sousa Santos 2012: 34).
Aber es geht nicht nur um ein bloßes Nebeneinander von zwei unterschiedlichen
Rechtsprechungen, sondern es geht um die „[...] Schaffung von Mechanismen der Kooperation
und Koordination zwischen der indigenen und der ordentlichen Justiz [...]“ (De Sousa Santos
2012: 34). In diesem Zusammenhang kam es zur Errichtung eines neuen multinationalen
Verfassungsgerichtshofes. Die Richter werden gewählt und repräsentieren sowohl das indigene
26  
 
als auch das ordentliche Rechtssprechungssystem. Einer der wesentlichen Aufgaben, denen die
RichterInnen nachzugehen haben, ist zum einen, Fragen in Bezug auf etwaige
Kompetenzkonflikte mit dem staatlichen Rechtssystem zu lösen und zum anderen die Einhaltung
der Menschenrechte bei indigener, aber auch staatlicher Rechtsprechung zu garantieren. (vgl.
Kuppe 2010: 29)
Ein weiterer wichtiger Punkt in Zusammenhang mit dem plurinationalen Staat, ist die der
indigenen Autonomie. Auch diese war eine der zentralen Forderungen sozialer und indigener
Bewegungen und zielt ebenfalls auf die Selbstbestimmung der indigenen Bevölkerung ab. Jedoch
unterliegt die indigene Autonomie erheblichen Einschränkungen, was deren Kompetenzen
anbelangt. Aber auch bürokratische sowie formaldemokratische Auflagen stellen bei der
Anerkennung indigener Autonomien oft unüberwindbare Hürden dar. (vgl. Radhuber 2012: 172)
In der neuen Verfassung ist ebenso verankert, dass die Ressourcen des Landes Eigentum der
Bevölkerung sind und diese vom Staat verwaltet werden. So ist die Privatisierung von Wasser
verboten. Bei Stärkung der Menschenrechte, wie zum Beispiel dem Recht auf Bildung, Nahrung
oder Gesundheit, kommt dem Staat eine wichtige Rolle zu, da dieser diese Rechte zu garantieren
hat sowie für deren Umsetzung zuständig ist. Es werden aber auch nicht nur explizit kollektive
Rechte gestärkt, sondern auch jene Rechte, denen sonst nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt
wird, wie jene der Frauen, Kinder und auch der älteren Menschen. Durch das Pazifismus-Prinzip
ist es ausländischen Regierungen nicht gestattet Militärbasen auf bolivianischem Territorium zu
errichten. Was die Mehrsprachigkeit im öffentlichen Dienst anbelangt, so ist vorgesehen, dass
neben Spanisch auch mindestens eine indigene Sprache verwendet wird. (vgl. Lessman 2010: 149
f.) Festzuhalten ist, dass die neue Verfassung Boliviens „[...] eine Vorreiterrolle bei der
Anerkennung der kulturellen Vielfalt und der Rechte der indigenen Völker“ (Lessmann 2010:
150) einnimmt. Auch wenn durchaus Diskrepanzen zwischen der geschriebenen Verfassung und
der praktischen Umsetzung sowie Einhaltung bestehen, so ist die Verfassung doch ein Resultat
des politischen und gesellschaftlichen Wandels, der sich im Zuge der Verabschiedung dieser
neuen Verfassung festmachen lässt.

27  
 
10.3.2 „vivir bien“ – als Staatsprinzip in der neuen Verfassung 2009

So wie die sozialen Bewegungen, auf die ich bereits oben näher eingegangen bin, entstand „buen
vivir“ („gutes Leben“) als eine Art Kritik am dominanten ausbeuterischen Modell des
Neoliberalismus in Lateinamerika, aber gleichzeitig auch als eine gesellschaftliche Alternative
dazu. Es zielt darauf ab „[...] das gesellschaftliche Leben sowie das Leben mit der Umwelt auf
solidarischer Basis neu zu ordnen [...]“ (Mananon 2013: 118). Wie bereits erwähnt hat das
Konzept „buen vivir“ oder auch „vivir bien“ Einzug in die neue bolivianische Verfassung im
Jahre 2009 genommen. Aber nicht nur in Bolivien wurde Bezug auf eine indigene bzw. andine
Ethik genommen (vgl. Kuppe: 2010: 139), sondern auch in Ecuador kam es 2008 zur
Verabschiedung einer neuen Verfassung, in der das Konzept des „buen vivir“ bzw. „sumak
kawsay“ verankert wurde. (vgl. Cortez/ Wagner 2013: 61)
Dies bedeutet die Natur als Rechtssubjekt wahrzunehmen und somit die Rechte der Natur
anzuerkennen, sie zu vereidigen und diese auch einzufordern. Mit „buen vivir“ kommt es zu
einem fundamentalen Bruch der eurozentrischen Sichtweise zwischen der Beziehung des
Menschen und der Natur. Die Natur wird dabei nicht dem Menschen unterworfen und als
beherrschbar konstruiert. Vor allem die Ausbeutung der Natur wird hier vehement abgelehnt. Es
geht um die Einheit von der Gesellschaft und der Natur, die in einer Verbindung zueinander
stehen. (vgl. Mananon 2013: 118 - 120) Das Glück der Menschen kann nach andinen Traditionen
erst durch die „[...] Harmonie mit der Natur erreicht werden [...]“ (Altvater 2013: 29). Es ist
außerdem in ein holistisches Weltbild eingebettet, welches sich von einem anthropozentrischen
Weltbild fundamental unterscheidet, „[...] es geht um ein kosmozentrisches Verständnis der Welt
[...]“ (Crotez/ Wager 2013: 62). Eine der wesentlichen Aufgaben und Möglichkeiten dieses
Konzeptes liegt darin, dass es zu einer Überwindung kolonialer Ordnung beiträgt und gleichzeitig
Alternativen dazu konstruiert, in dem auch auf indigene Traditionen zurückgegriffen wird. (vgl.
Crotez/ Wager 2013: 75) Es zielt demzufolge auf ein Wiedererlangen der Einheit von Natur und
Mensch ab, die zueinander in enger Verbindung stehen. „Buen vivir“ als Alternative zu einem
zerstörerischen Kapitalismus kann zu dessen Überwindung beitragen bzw. zu einer
Dekolonialisierung führen. (vgl. Maranon 2013: 120) Durch die Aufnahme „ethnisch-
moralischer“ Werte (vgl. Misgeiski 2013: 173) als Staatsprinzipe, deren Wurzeln in der Kultur
der Indigenen Völker liegen, lässt sich festhalten, dass, trotz der Schwierigkeiten bei der

28  
 
Umsetzung sowie bestehende Widersprüche, Bolivien sich von westlich geprägten
Verfassungsvorstellungen sowie Staatskonzepten loslöst und seinen eigenen Weg bestreitet. Aber
auch wenn keine allgemein gültige Definition vorherrscht, was genau unter dem Konzept alles zu
verstehen sei, so ist dieses als eine Art „[...] Projektionsfläche [...], auf die sich verschiedene
emanzipatorische Bedeutungen beziehen“ (Svampa 2013: 86) zu begreifen.
Obwohl die Rechte der Natur als auch „buen vivir“ in der neuen Verfassung festgeschrieben sind,
so lässt sich doch ein erheblicher Widerspruch in Bezug auf diese Konzepte feststellen. Die Natur
wird nach wie vor ausgebeutet, denn obwohl es zur Nationalisierung des Erdgases- und
Erdölsektors gekommen war, und somit auch sozialpolitische Umverteilungsmaßnahmen
umgesetzt werden konnten, geschah dies weiterhin auf Kosten der natürlichen Ressourcen. Also
es lässt sich ein deutlicher Widerspruch zwischen Umweltschutz und realpolitischen Maßnahmen
erkennen. (vgl. Maranon 2013: 125)

10.4 Kokapolitik

In diesem Abschnitt, geht es um die Bedeutung der Kokapflanze für die indigene Bevölkerung.
Es wird aber auch auf den Wandel im Hinblick auf den Umgang mit dieser Pflanze, der mit der
neuen Regierung Evo Morales vorangetrieben wird, eingegangen. Evo Morales, der für eine
Entkriminalisierung des Kokablattes kämpft, ist selbst als ehemaliger Kokabauer mit dieser
Pflanze eng verbunden. Und schließlich lässt sich dieser Wandel auch in der neuen Verfassung
erkennen, die auf den Schutz der Pflanze abzielt und sie als kulturelles Erbe Boliviens begreift.
(vgl. Misgeiski 2013: 190)
Der Kokaanbau stellt für viele kleinbäuerliche Produzenten eine wichtige Einnahmequelle dar.
Die Kokapflanze kann im Jahr öfters gepflückt werden und lässt sich leicht transportieren.
Allgemein erfordert der Anbau wenig Aufwand im Unterschied zu anderen Agrarprodukten. (vgl.
Munting 2005: 43) Der Kokapflanze kommt nicht nur eine ökonomischen Bedeutung als
Einnahmequelle zur Sicherung des Lebensunterhaltes zu, sondern enthält vor allem auch „[...]
eine starke kulturell-symbolische Bedeutung“ (Munting 2005: 104).
Der Gebrauch der Kokapflanze lässt sich bis 3000. v. Chr. zurückverfolgen. Die Verwendung der
Pflanze ist heute noch im gesamten Andenraum und darüber hinaus verbreitet, allerdings wird sie

29  
 
in Bolivien und Peru am meisten konsumiert. (vgl. Dietz 1990: 15 f.) Das Kokablatt ist ein
wesentlicher Bestandteil der andinen Tradition, und wird in unterschiedlichsten Kontexten
verwendet. So dient es als Nahrungsmittel und auch in Bereichen der Heilkunde wird es
eingesetzt. Vor allem aber ist es ein wichtiger Bestandteil bei Ritualen. (vgl. Lessmann 2010:
182) Die Kokapflanze nimmt einen zentralen Stellenwert in der andinen Kosmovision ein. Denn
sie steht in enger Verbindung mit der Natur. Diese wird auch als Pachamama bezeichnet, mit der
jede Lebensform verbunden ist. Daher ist, wie auch beim Konzept „buen vivir“, die Natur von
zentraler Bedeutung für die Menschen, mit der sorgfältig umgegangen werden muss. (vgl.
Mester-Toncazar 2011: 52) Während der Kolonialzeit wurde die Pflanze kommerzialisiert und
der indigen Bevölkerung verabreicht, da sie die Indigenen bei der Zwangsarbeit unterstützte.
Somit konnten höhere Profite erzielt werden, da mit Hilfe des Konsum der Kokapflanze sich die
Produktivität steigern ließ. (vgl. Misgeiski 2013: 188)
Das Kokablatt wird “gekaut“, das heißt es wird nicht richtig gekaut, sondern in der Backe
aufbewahrt und für einige Zeit, bis es den Geschmack verliert, im Mund behalten. Das Kokablatt
wird aber zur Teezubereitung verwendet und als Tee getrunken. Seine positive Wirkung
unterstützt die Menschen bei deren körperlich sehr belastenden Arbeit, wie zum Beispiel in den
Minen. (vgl. Misgeiski 2013: 188) Einer dieser positiven Wirkungen, ist zum einen, dass sie
gegen Hunger und Stress vorbeugt und zum anderem erhöht sie den Sauerstoffzufuhr und ist
reich an Vitaminen. (vgl. Gottenberg zit. nach Mester- Toncazar 2011: 51)
Aber nicht nur für religiöse oder gesundheitliche Zwecke ist die Kokapflanze von besonderer
Bedeutung, sondern auch für die Herstellung von Kokain. Allerdings ist die Herstellung
aufwendig und mit vielen Chemikalien verbunden. Daher steht die Kokapflanze seit 1961 auf
dem Index der UN-Dorgenkonvention und sowohl der Anbau und Konsum als auch der Handel
verboten. Allerdings anerkennt die Wiener Konvention vom Jahre 1988 die „[...] traditionelle
Verwendungszusammenhänge an, wo sie historisch nachgewiesen sind: de facto in Peru und
Bilivien“ (Lessmann 2010: 183). Und auch die bolivianische Gesetzgebung definiert legale
Anbauzonen, in denen der Anbau erlaubt ist, allerdings sind diese sehr beschränkt (vgl.
Lessmann 2010: 183) Auch die Anti-Drogenpolitik der USA übte immer wieder Druck auf
Bolivien aus. Die USA koppelte ihre Machtausübung an Entwicklungsgeldern, um auf die
nationale Drogenpolitik Einfluss nehmen zu können. (vgl. Misgeiski 2013: 189) Die aggressive
von außen (von der USA im speziellen), gesteuerte Kokavernichtungspolitik führte zu enormen
Umweltschäden. Der Widerstand der Kokabauern, gegen diese Politik führte immer wieder zu
30  
 
heftigen Portesten. (vgl. Lessmann 2010: 183 f.) Mit der neuen Regierung ist zum ersten Mal ein
ehemaliger Kokabauer im Amt des Präsidenten. Wie bereits erwähnt war Evo Morales schon in
jungen Jahren politisch aktiv gewesen und wurde in den 1990er Jahren zum Gewerkschaftsfrüher
der Kokabauern gewählt. (vgl. Misgeiski 2013: 189) Die Kokagewerkschaft nahm im
Zusammenhang mit den sozialen Bewegungen eine führende Rolle ein.
Mit der neuen Regierung Evo Morales kommt es zu einem Wandel in der Kokapolitik. Dabei
steht eine Entkriminalisierung des Kokablattes ganz oben auf der politischen Agenda. Der
Einfluss der USA bei der Bekämpfung des Drogenhandels konnte immer weiter zurück gedrängt
werden. (vgl. Lessmann 2010: 184 f.) Der Konsum der Kokapflanze ist in Form von Tee oder
Kauen erlaubt. Auf die vereinbarten festgelegten Anbauflächen soll fest gehalten werden, um den
Kokainanabau zu verhindern. (vgl. Misgeiski 2013: 189) In der neue Verfassung ist beschlossen
worden, dass der Staat „[...] die ursprüngliche Kokapflanze als Kulturerbe und als erneuerbare
natürliche Ressource, als Bestandteil der Biodiversität Boliviens und zudem als Faktor des
sozialen Zusammenhalts“ (Misgeiski 2013: 190) zu schützen hat. Mit dieser
verfassungsrechtlichen Verankerung der Kokapflanze als kulturelles Erbe des Landes, sowie der
Schutz der Kokapflanze, kommt Evo Morales seinem Ziel der internationalen sowie nationalen
Entkriminalisierung einen großen Schritt näher. (vgl. Misgeiski 2013: 190) So kann aber auch die
verfassungsrechtliche Verankerung der Kokapflanze zu einem möglichen
Dekolonialierungsprozess beitragen, da diese Pflanze aufs Engste mit der indigenen Tradition
und dem indigenen Alltagsleben verbunden ist und ebendies nun staatlich anerkannt und auch
aufgenommen wurde.

11. Aktuelle Entwicklungen

Im letzten Teil meiner Arbeit wird auf einige aktuellen Entwicklungen näher eingegangen. Dabei
stehen sowohl sozialpolitische Maßnahmen als auch die veränderte Außenpolitik im Fokus. Aber
auch die Präsidentschaftswahlen von 2009 und 2014 werden kurz behandelt, sowie mögliche
Kritikunkte die damit verbunden sind. Allerdings wurden in diesem Zusammenhang der aktuellen
Entwicklungen, noch nicht allzu viele wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht, weswegen
ich mich unteranderem verstärkt auf das Werk von Lessmann beziehe.

31  
 
Zunächst einmal werde ich, wie angekündigt, auf sozialpolitische Maßnahmen näher eingehen,
die seit der Amtszeit Evo Morales durchgeführt wurden. Diese stehen ganz im Zeichen von „vivir
bien“. So wurde beispielsweise der Mindestlohn sowie die Mindestpension angehoben, ein Fonds
geschaffen, welcher bei der Unterstützung von Schulkindern heran gezogen werden soll, ein
Mutter-Kind Bonus eingeführt, der darauf abzielt Mütter und deren Kinder medizinische
Beratung zur Verfügung zu stellen, und außerdem eine Alphabetisierungskampagne durchgeführt
die große Erfolge erzielen konnte. (vgl. Lessmann 2010: 207) Aber auch die Löhne hochrangiger
Politiker (einschließlich des Präsidenten) wurden gekürzt. Kritiker sehen sich dadurch in ihrer
Kritik bestätigt, weil sie der Regierung Populismus vorwerfen. Sie fühlen sich auch in anderen
Punkten bestätigt und zwar werfen sie der Regierung vor, sich außenpolitisch zunehmend
Venezuela sowie Kuba zuzuwenden. Denn Bolivien arbeitet in vielen Bereichen eng mit diesen
beiden Ländern zusammen. So etwa arbeiten viele kubanische Ärzte in Bolivien und
bolivianische StudentInnen studieren in Kuba kostenlos Medizin. Aber auch mit
venezolanischem Geld sollen einige Projekte in Bolivien verwirklicht werden. (vgl. Lessmann
2010: 208) Natürlich schaffen solche Beziehungen Abhängigkeiten, die negative Folgen mit sich
ziehen können. So zum Beispiel, wenn Venezuela im Zuge des sinkenden Rohölpreises selbst in
finanzielle Schwierigkeiten kommt, da das Land stark abhängig von den Einkünften aus dem
Ölsektors ist. Aber auch, nach dem sich Kuba immer mehr öffnet und seine Beziehungen mit den
USA neu ausverhandelt, kann nicht abgesehen werden welchen Folgen das für Bolivien haben
wird.
Wirtschaftlich geht es Bolivien immer besser. So betrug das Wirtschaftswachstum 2008 6% und
ist im lateinamerikanischen Vergleich deutlich höher als bei anderen Ländern. Vor allem im
Erdgassektor lassen sich hohe profitable Gewinne erzielen. (vgl. Lessmann 2013: 209) Was die
Außenpolitik betrifft, so sind die Beziehungen mit den Nachbarländern durchaus gut, vor allem
mit Venezuela, Kuba und Brasilien. Was die Beziehungen zu den USA anbelangt, so haben sich
diese durch aus verändert. So ist diese Beziehung „[...] spätestens seit der Ausweisung des
Botschafters im September 2008 auf einem Tiefpunkt“ (Lessmann 2013: 211) gelangt.
Ein anderes Ereignis, welches nicht unerwähnt bleiben soll, ist jenes vom 22. September 2009
beim UN-Klimagipfel in New York. Evo Morales forderte dort die Weltgemeinschaft auf, ein
Klimatribunal einzurichten, welches die Aufgabe hat, Sanktionen zu verhängen, wenn Länder
oder auch Unternehmen die Umwelt schädigen. Er bezog sich dabei, auf die andine Vision der
Pachamama, in der, wie bereits oben erwähnt wurde, es um die Harmonie mit der Natur geht. Die
32  
 
Zerstörung der Natur durch das kapitalistische System sei die Ursache für den Klimawandel und
stehe nicht im Einklang mit dem Konzept des „vivir bien“. (vgl. Lessmann 2010: 214)
Im selben Jahr kam es zu Präsidentschaftswahlen. Evo Morales gelang es mit 64,22 % der
Stimmen ein noch höheres Wahlergebnis zu erzielen als im Jahre 2005. Bei dieser Wahl waren
wesentlich mehr Menschen wahlbeteiligt als noch bei den letzten Wahlen. Dies ist zum einen
darauf zurückzuführen, dass zum ersten Mal auch AuslandsbolivianerInnen an den Wahlen
teilnehmen durften. Zum anderen konnten lange Zeit viele Menschen gar nicht an einer Wahl
teilhaben, da sie nicht über die benötigten Papiere verfügten. Dies schränkte die
Partizipationsmöglichkeiten vieler Menschen enorm ein. Inzwischen hat sich die Zahl an
wahlberechtigten BürgerInnen erhöht. Die Wahlbeteiligung lag bei ganzen 90%. (vgl. Lessmann
2010: 215 f.) Von so einer hohen Wahlbeteiligung können viele westliche Länder nur träumen,
ist doch bei den meisten Wahlen ein sukzessiver Rückgang der Wahlbeteiligung zu verzeichnen.
Die MAS verfügte nun über eine Zweidrittelmehrheit, sie hatte nun „[...] 88 von 130
Abgeordnetenmandaten und 26 von 36 Senatorensitzen“ (Lessmann 2010: 220). Allerdings
bestand die Schwierigkeit die alten Eliten, die sich gegen den Wandel richteten, nicht einfach zu
überstimmen (mit einer Zweidrittelmehrheit), denn dies würde nur zur einer Radikalisierung des
Landes führen, was nicht im Interesse der MAS sein kann. Es mussten Kompromisse geschlossen
werden.
Ein Kritiktpunkt der Opposition an Evo Morales, der immer wieder angeführt wird, ist seine
lange Amtsperiode. Nach der alten Verfassung wäre seine Amtszeit mit 2010 beendet gewesen
und eine Wiederwahl wäre ausgeschlossen gewesen. Die neue Verfassung sieht allerdings eine
einmalige Wiederwahl vor. Dadurch konnte Morales bei den Wahlen 2009 wieder antreten.
Im Gegenteil Evo Morales ist es sogar gelungen, ein drittes Mal zum bolivianischen Präsidenten
gewählt zu werden. Das war 2014. (vgl. Misgeiski 2013: 191) Zur Legitimation seiner dritten
Kandidatur wurde argumentiert, dass bei den ersten Wahlen 2005 die neue Verfassung noch nicht
in Kraft getreten war und seine dritte Wiederwahl somit nicht gegen die neue Verfassung
verstoße. Evo Morales und seiner MAS gelang es am 12. Oktober 2014 61,4% der
Wählerstimmen zu erlangen. Zweitstärkste Partei wurde UD (Unidad Democratica) mit 24,2%,,
die konservative Partei PDC (Partida Democata Christiano) erlangte nur 9% der Stimmen. (vgl.
Auswertiges Amt 2014)

33  
 
12. Schluss

Ich habe in meiner Arbeit versucht zu veranschaulichen, wie es im Zuge des Kolonialismus,
beginnend im 16. Jahrhundert, zu einer kolonialen Ordnung gekommen war, die Bolivien, aber
auch andere lateinamerikanische Länder zutiefst geprägt hat. Die indigenen Völker, die auf dem
Doppelkontinent Amerika lebten, wurden systematisch von den spanischen Eroberern ermordet
oder versklavt und missioniert. Allerdings kam es immer wieder zu Kooperationen oder zu einer
Zusammenarbeit zwischen indigenen Eliten und der kolonialen Verwaltung. Aber auch
Zugeständnisse in Form von Selbstorganisation und teilweiser territorialer Autonomie lassen sich
in dieser Zeit finden. Dies täuscht aber keineswegs über die ausbeuterische Kraft des
Kolonialsystems hinweg. Die Kolonialisten bereicherten sich nicht nur in Form von Ausbeutung
der natürlichen Ressourcen des Kontinents, sondern auch in Form von Zwangsarbeit in dem sie
Menschen ausbeuteten. Wie ich versucht habe darzustellen, hörte die koloniale Ordnung nach der
Erlangung der Unabhängigkeit von der spanischen Krone nicht auf zu existieren. Im Gegenteil,
sie wurde von den „weißen“ Eliten des Landes aufrecht erhalten und weitergeführt. Auch die
fehlgeschlagene Assimilierungspolitik stand im Zeichen dieser kolonialen Ordnung, welche
indigene Identität als „minderwertig“ definiert und diskriminiert. Doch mit dem Machtwechsel
im Zuge der Präsidentschaftswahlen 2005, kommt es zu einem Wandel. Dieser ist sowohl Evo
Morales als auch den sozialen Bewegungen zu verdanken. Dieser Wandel konnte zu einem
Dekolonialenprozess beitragen. Denn durch die neue Verfassung und die darin festgelegten
Regeln und Ziele entstand großes Potenzial womit die notwendigen Veränderungen möglich
wurden. In der neuen Verfassung werden endlich indigene Traditionen und Wertvorstellungen
aufgenommen und auch indigene Rechtsprechung als gleichwertig mit der ordentlichen
Rechtsprechung aufgefasst. Die Zurückweisung sowie Kritik an der neoliberalen
Wirtschaftspolitik, kann als Bruch mit den aus Europa stammenden Vorstellungen von Staat,
Recht und Wirtschaft, gesehen werden. Es werden neue Wege bestritten. Bolivien als
plurinationaler Staat kann als Wegbereiter für andere lateinamerikanische Staatsformen
verstanden werden. Auch wenn Evo Morales durch seine dritte Amtszeit immer wieder in Kritik
geraten ist, so kann dem entgegen gehalten werden, dass dies auf Basis freier und fairer Wahlen
geschehen ist und seine Präsidentschaft durch eine absolute Mehrheit der Stimmen bestätigt
wurde. Evo Morales genießt dem zufolge eine hohe Zustimmung seitens der Bevölkerung.

34  
 
Solange das bolivianische Volk mit seiner Regierung zufrieden ist, stehe ich seiner dritten
Amtszeit nicht kritisch gegenüber. Es wird sich zeigen, ob der eingeschlagene Weg der durch den
Wandel begonnen hat, auch nach seiner Amtszeit weiter geführt werden kann. Es ist ihm
gelungen, das Land aus einer schweren wirtschaftlichen und sozialen Krise hinaus zu führen und
das Vertrauen in staatliche Institutionen wieder zu stärken. Auch wenn noch viel getan werden
muss, um die Lebensverhältnisse großer Teile der Bevölkerung nachhaltig zu verbessern, so
lassen sich einige Erfolge bereits erkennen. Die Rückbesinnung auf indigene Lebensweisen
sowie deren Aufnahme in staatliche Institutionen, stellt eine große Möglichkeit dar, vergangenes
Unrecht wieder gut zumachen oder es zu beenden.

35  
 
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Eidesstattliche Erklärung

Hiermit gebe ich die Versicherung ab, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig
und ohne Benutzung anderer als der angegebenen Hilfsmittel angefertigt habe. Alle
Stellen, die wörtlich oder sinngemäß aus veröffentlichten und nicht veröffentlichten
Publikationen entnommen sind, sind als solche kenntlich gemacht.
Die Arbeit wurde in gleicher oder ähnlicher Form weder im In- noch im Ausland
(einer Beurteilerin/ einem Beurteiler zur Begutachtung) in irgendeiner Form als
Prüfungsarbeit vorgelegt.

Wien, am 23. April 2015, Victoria Koraiman

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