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«15 Minuten bis zum Einschlag, würde ich sagen» - News Intern... https://www.tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/panik-unter-palme...

«15 Minuten bis zum Einschlag, würde ich


sagen»
Wie es sich anfühlt, wenn im Ferienparadies plötzlich eine Raketenwarnung eintrifft. Eine
Reportage aus Hawaii.

Roman Deininger Hawaii und Hubert Wetzel


Washington 14.01.2018

Artikel zum Thema

Hawaii schlägt aus Versehen


Raketenalarm

«Bedrohung durch ballistische Rakete. Das


ist keine Übung»: Bewohner des US-Staats
Hawaii wurden unsanft aus dem Bett
gerissen. Mehr...
«Wir haben einen Knopf für den Alarm, aber keinen Knopf für die Entwarnung»: So erklärt David Ige, 14.01.2018
Gouverneur des Bundesstaates, dass es 38 Minuten dauerte, bis klar war, dass es falscher Alarm
gewesen war.
Trump ist bereit für
Gespräche mit Nordkorea
Das sind die Probleme, die man am frühen Morgen als Tourist in Hawaii
Der US-Präsident spricht sich für direkte
normalerweise hat: Die Sonne könnte zu sehr vom strahlenden Himmel Gespräche zwischen den USA und Nordkorea
herunterbrennen. Die Wellen könnten etwas zu hoch an den Strand schlagen. Was aus. Den Druck auf Kim Jong-un will er
soll man frühstücken? Eine kleine oder doch lieber eine grosse Portion Pfannkuchen? aufrecht erhalten. Mehr...
10.01.2018
Das sind die Probleme, die man am frühen Morgen als Tourist in Hawaii
normalerweise nicht hat: Das Mobiltelefon brummt plötzlich los, auf eine seltsame,
Die Redaktion auf Twitter
penetrante Art, doch es ruft niemand an. Auf dem Bildschirm erscheint keine SMS
und auch keine E-Mail. Dafür steht dort eine «Notfallbenachrichtigung». Drei Sätze, Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf
vierzehn Wörter, alle in Grossbuchstaben: «BALLISTIC MISSILE THREAT dem Kurznachrichtendienst.
INBOUND TO HAWAII. SEEK IMMEDIATE SHELTER. THIS IS NOT A DRILL.»
@tagesanzeiger folgen
Man kann das ungefähr so übersetzen: Langstreckenraketen im Anflug auf Hawaii;
sofort Schutz suchen; keine Übung.

So war es am Samstagmorgen, kurz nach acht Uhr. Der erste Gedanke: Das ist ein
Witz von bekloppten Hackern. Der zweite Gedanke: Das hier sieht alles sehr echt aus.
Dann hört man das Geschrei aus dem Innenhof des Hotels, das Getrampel auf dem
Gang. Und es beginnen 38 Minuten, an die man sich lange erinnern wird.

Video – Falscher Raketenalarm in Hawaii

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«Das ist keine


Übung»: Raketen-Fehlalarm auf Hawaii sorgt für Unruhe. (Video:
Tamedia/Storyful/AFP)

Zu den Katastrophen, mit denen der Tourist in Hawaii durchaus rechnen muss,
gehören Tsunamis und Vulkanausbrüche. Im Dezember wurde die Liste explizit um
eine dritte ernste Bedrohung erweitert: einen nordkoreanischen Atomangriff. Am 28.
November hatte das nordkoreanische Regime eine neue Rakete vom Typ
Hwasong-15 getestet. Das Geschoss stieg gut 3800 Kilometer in die Höhe, blieb 54
Minuten in der Luft und fiel knapp 1000 Kilometer entfernt von seinem Abschussort
wieder in den Pazifik. Der Rest ist Mathematik, und als die Strategen im Pentagon
mit dem Rechnen fertig waren, standen sie unter Schock: Eine Rakete, die so hoch,
so lang und so weit fliegen kann, die kann theoretisch – sofern sie auf einer flacheren
ballistischen Bahn fliegt – binnen 20 oder 30 Minuten fast das gesamte US-Festland
treffen. Und allemal Hawaii, die kleine Inselgruppe weit draussen im Pazifik, die
jeder nordkoreanischen Rakete ja sozusagen auf halbem Weg entgegenkommt.

Ein Hauch von Kaltem Krieg

Zwar wissen die westlichen Geheimdienste immer noch nicht genau, ob Nordkorea,
wie Diktator Kim Jong-un behauptet, seine Raketen tatsächlich mit
funktionierenden Atomsprengköpfen bestücken kann. Doch in Hawaii, wo 1,4
Millionen Menschen leben, ist die Nervosität trotzdem gross. Seit Dezember liegt ein
Hauch von Kaltem Krieg über den Inseln: Die lokalen Behörden haben wieder
begonnen, regelmässig die Notsysteme zu testen, mit denen die Bürger vor einem
Angriff gewarnt werden sollen. Dazu gehören die Sirenen, die bei einem Angriff
loskreischen, aber auch die «Notfallbenachrichtigungen» – offizielle Mitteilungen,
die auf alle Mobiltelefone verschickt werden, die in Hawaii eine Verbindung haben.

All das weiss der Reisende, sofern er gelegentlich fernsieht oder Zeitung liest. Aber
das hier ist der Ernstfall. Was also tut man jetzt, da es so weit ist mit dem Atomkrieg?

Man gleitet in den Desastermodus über und ertappt sich dabei, seiner Partnerin im
Befehlston die Mitnahme von Schuhen nahezulegen; was einem nicht auffällt, ist,
dass die Partnerin die Schuhe bereits anhat. Auch die Mahnung zur Eile läuft etwas
ins Leere, wenn die Partnerin bereits komplett angezogen vor einem steht, während
man selbst noch in der Unterhose rumspringt und seine Shorts sucht. Der Aufwand
mit den Shorts stellt sich später als arg spiessig heraus, im Schutzraum ist die
Unterhose bei Männern durchaus eine akzeptierte Bekleidung.

Auf der Flucht bleibt man dann erst einmal stecken, weil der Tourist es etwa dreissig
Sekunden lang nicht schafft, die eigene Zimmertür zu entriegeln. Im Treppenhaus
kommt es zu einem ersten Apokalypse-Fachgespräch. «15 Minuten bis zum
Einschlag, würde ich sagen», sagt ein Amerikaner. «Jetzt nur noch zehn
wahrscheinlich», meint der Tourist. Der Keller ist nicht wirklich ein Keller, sondern
ein etwas tiefer in den Boden gegrabenes Erdgeschoss. Zwei Dutzend Flüchtende
werden vom Hausmeister in einen Raum geführt, auf dessen Tür «Putzraum» steht.
«Mama, warum sind wir hier?», fragt ein Mädchen. «Weil wir hier sicher sind», sagt
die Mutter. Beide haben Tränen in den Augen.

Nur damit das mal klar ist

Natürlich will man unbedingt glauben, dass es eine Übung ist. Bisher ist ja nie etwas

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passiert. Nordkorea testet schon seit Jahrzehnten Raketen. Diktator Kim droht schon
seit Jahren wahlweise den imperialistischen Marionetten in Südkorea oder den
imperialistischen Strippenziehern in den USA mit der atomaren Vernichtung. Seit
Donald Trump US-Präsident ist, wandern die Beschimpfungen auch in der anderen
Richtung über den Pazifik: «Rocketman», Raketenmann, hat Trump Kim getauft, als
«klein und fett» hat er ihn verhöhnt. Er hat ihm mit «Feuer und Zorn» gedroht, mit
«totaler Vernichtung», sollte Nordkorea nicht aufhören, durch Atom- und
Raketentests die Vereinigten Staaten zu bedrohen und zu provozieren. Vor ein paar
Tagen liess Trump Kim sogar wissen, dass er den grösseren und besseren Atomknopf
habe. Nur damit das mal klar ist. Es liegt also schon seit Monaten Krieg in der Luft
zwischen den USA und Nordkorea, man hat sich fast daran gewöhnt. Mal ist der Ton
schärfer, wenn Trump die Twitterwut packt, dann beruhigt sich die Lage wieder
etwas, und US-Aussenminister Rex Tillerson sagt seinen Mitbürgern, sie könnten
durchaus ruhig schlafen.

Und dann will man ruhig schlafen – und wird vom Alarm geweckt. Da steht: «Das ist
keine Übung.» Man eilt in den Keller, und ein Hotelangestellter erklärt: «Wenn es
eine Übung ist, sagen sie immer dazu, dass es eine Übung ist. So eine Nachricht gab
es noch nie. Das ist anders. Ganz anders.» Ein Einheimischer, der eine Mütze trägt,
auf der ausgerechnet an den japanischen Überfall auf Pearl Harbor im Dezember
1941 erinnert wird, sagt: «Immer trifft es uns.»

Zur Angst trägt bei, dass niemand Telefonempfang hat. Später wird es heissen, das
Netz sei an vielen Orten Hawaiis überlastet gewesen. Eine junge Hotelmitarbeiterin
versucht, eine SMS zu schreiben, hat aber so zittrige Finger, dass ihr das Gerät
zweimal zu Boden fällt. «Alles gut, Honey», sagt eine ältere Dame und erzählt
Geschichten aus dem Kalten Krieg.

Ziemlich schnell bilden sich im Schutzraum auch Gruppen: Frauen und Männer. Die
Frauen nehmen sich in den Arm und sprechen sich Mut zu. Die Männer diskutieren
die Leistungsfähigkeit der US-Raketenabwehr. Die steht in Alaska, knapp vier
Dutzend Abfanggeschosse, die angeblich in der Lage sind, eine Rakete während des
Flugs praktisch zu rammen und so zu zerstören. Können sie das wirklich? Nun, bei
einigen Tests hat es hervorragend geklappt. Bei anderen nicht. Aber das erzählt man
ja nicht den Kindern. Ein Vater sagt deshalb beruhigend zu seinen kleinen Söhnen,
die sich an seine Oberschenkel klammern: «Keine Sorge, Mann, unsere Jungs
werden das Ding vom Himmel schiessen.» In der Männergruppe integriert man sich
schnell, auch sprachlich. Sein ganzes Leben ist man ohne das Wort «Pi-Com»
ausgekommen, jetzt sagt man es fünfmal in fünf Minuten, weil alle es sagen. Pi-Com
ist das «Pacific Command», das Pazifikkommando der US-Armee, das sein
Hauptquartier in Hawaii hat. Dort sitzen die Jungs, die, wie der Vater versprochen
hat, das Ding vom Himmel holen werden.

Dann ist auf einmal das Handynetz zurück, überall im improvisierten Bunker poppen
Nachrichten von Verwandten und Freunden auf den Telefonen auf: «Wo seid ihr?»,
«Bitte meldet euch», «Ich liebe dich». Eine Dame gibt Entwarnung: «Jemand hat
den falschen Knopf gedrückt.» Das ist dann tatsächlich ein Zitat aus der offiziellen
Begründung. 38 Minuten lang herrschte am Samstagmorgen in einem
amerikanischen Bundesstaat blanke Panik, 38 Minuten lang fürchteten eineinhalb
Millionen Menschen um ihr Leben. Und dann teilte die Regierung von Hawaii mit:
’Tschuldigung, da hat leider jemand auf «den falschen Knopf» gedrückt.

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Über 30 Minuten Wartezeit: Die Entwarnung auf dem Handy.

Einen falschen Klick gemacht

Man kann das nun alles für einen Witz halten. Knopf, haha, so wie Atomknopf. Zum
Glück war es nicht Trump, der den falschen Knopf gedrückt hat. Im Internet
kursierten auch gleich lustige Bildmontagen von Kim Jong-un. «I said lunch», ruft
der Diktator da wütend. «Not launch.» Frei übersetzt: Ich habe mein Mittagessen
verlangt, keinen Raketenstart befohlen.

Man kann das, was am Samstag in Hawaii passiert ist, auch im Grossen und Ganzen
als technische Panne sehen – peinlich, kommt aber vor. So, wie die Behörden es
darstellen, hat angeblich ein Mitarbeiter des Katastrophenschutzes bei einem
Routinetest während eines Schichtwechsels mit der Maus auf seinem Bildschirm
einen falschen Klick gemacht. Das Problem sei gewesen, so erklärt es später David
Ige, der Gouverneur des Bundesstaates, ein sympathischer Herr mit Schnauzbart
und buntem, ja, Hawaiihemd, «dass wir einen Knopf für den Alarm hatten, aber
keinen Knopf für die Entwarnung».

Zwar war relativ schnell klar, dass die zuständigen Militärbehörden – das
Pazifikkommando, vor allem aber die US-Luftraumüberwachung Norad in Colorado
– keinerlei Hinweise auf eine anfliegende Rakete hatten und der Alarm schlicht
falsch war. Das aber konnte nur über Twitter und Facebook verbreitet werden, was
viele Bürger in Hawaii nicht lesen konnten. Zudem kann man die Nachrichten, die
über das Notfallsystem verschickt werden, nicht einfach wie eine E-Mail eintippen.
Deswegen dauerte es 38 Minuten, bis die offizielle Entwarnung verschickt wurde:
«Es gibt keine Raketenbedrohung für den Staat Hawaii. Wir wiederholen: falscher
Alarm.»

Man kann allerdings auch zu dem Schluss kommen, dass die Welt sehr viel Glück
gehabt hat. Das war die Interpretation, die sich in den Stunden nach dem Vorfall
mehr und mehr unter den Sicherheits- und Militärexperten in Washington
breitmachte. «Das mag alles völlig lächerlich und absurd klingen», sagte ein
Pentagon-Mitarbeiter am Sonntag. Aber er klang nicht so, als sei das auch seine
Meinung. «In Wahrheit fangen so Kriege an.»

Und tatsächlich ist es nicht schwierig, sich eine Eskalation auszumalen. Die
Geschichte des Kalten Kriegs ist voller Vorfälle, in denen Missverständnisse,
Fehlkalkulationen oder Unwissen um Haaresbreite zum Atomkrieg geführt hätten.
Dass die nukleare Abschreckung ein stabiles, rationales Gleichgewicht sei, ist ein
Märchen; dass die Menschheit das bisher überlebt hat, verdankt sie vor allem –
Glück.

Man muss sich die Sache ja nur mal aus nordkoreanischer Sicht anschauen: Seit
Monaten droht der amerikanische Präsident mit Krieg. Seit Monaten berichten
zudem seriöse Medien in Washington, dass es im Weissen Haus Pläne für einen
Präventivangriff auf Nordkorea geben soll. Kim solle eine «blutige Nase» geschlagen
werden. So stand es vor einigen Tagen im «Wall Street Journal», und man darf
wetten, dass der nordkoreanische Geheimdienst den Artikel auch gelesen hat. Was

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aber tut eine Regierung, zumal ein aggressives, imperialistisches Regime, bevor es
losschlägt? Es schickt die eigene Bevölkerung in die Bunker. Zum Beispiel, indem es
eine Warnung auf alle Mobiltelefone schickt. Nach dieser Logik hätte durchaus
jemand in Pyongyang auf die Idee kommen können, ein sofortiger Angriff auf
Südkorea oder die USA sei die beste Verteidigung. Der Alarm war kein Test, aber
wenn es einer gewesen wäre: Hawaii hätte ihn nicht bestanden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.01.2018, 21:25 Uhr

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