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Informationen
312 zur politischen Bildung

3/2011

Geschichte der DDR


2 Geschichte der DDR

Inhalt

Auf dem Weg in die Diktatur (1945 bis 1949) ...............4


Kriegsende und Besatzungsregime . .................................................. 4
Politik unter sowjetischer Besatzung .................................................5
Wandlungen in der ostdeutschen Nachkriegsgesellschaft ....... 11
Kalter Krieg . ................................................................................................17

Der Ausbau des neuen Systems (1949 bis 1961) . ..... 19


Die Gründung der DDR .......................................................................... 19
Der „Aufbau des Sozialismus“ . ............................................................21
Der 17. Juni 1953 und seine Folgen ..................................................... 25
Zwischen Krise und Konsolidierung ................................................ 27
Der Bau der Mauer . .................................................................................33

Im Zeichen von Reform und Modernisierung


(1961 bis 1971) ....................................................................................... 37
Das Reformpaket der 1960er Jahre ................................................... 37
Zwischen Öffnung und Restriktion ..................................................43
Das Ende der Ära Ulbricht ....................................................................46

Der Schein der Normalität (1971 bis 1982) ................... 49


Zwischen Wohlstand und Krise ........................................................ 49
Herrschaft und Alltag in der Honecker-Ära .................................. 57

Auf dem Weg in den Zusammenbruch


(1982 bis 1990) ................................................................................... 66
Der Beginn des Niedergangs .............................................................. 66
Die Opposition formiert sich .............................................................. 68
Das Ende der SED-Herrschaft .............................................................. 72
Von der friedlichen Revolution zur deutschen Einheit . ........... 75

Literaturhinweise ........................................................................... 81
Internetadressen und Autor .................................................. 83
Impressum . .......................................................................................... 83

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3

Editorial

K aum ein Zeitabschnitt der neuesten Geschichte ist so gut


erforscht und dokumentiert wie die DDR. Inzwischen be-
leuchten wissenschaftliche Veröffentlichungen fast jeden As-
len Phrasen. An demokrati-
scher Legitimation mangelte
es der DDR von Anfang an.
pekt der SED-Diktatur. Gleichzeitig belegen Umfragen unter Was bleibt, ist der „Kampf
Schülerinnen und Schülern eine weit verbreitete Unkenntnis, um die Erinnerung“, um die
stößt die Beschäftigung mit der DDR auf relatives Desinteresse Deutung von 40 Jahren DDR.
in breiten Teilen der Bevölkerung, auch wenn Jahrestage, wie Diejenigen, die innerhalb des
etwa der 50. Jahrestag des Mauerbaus, vorübergehend mediale Systems Erfolg hatten, wollen
Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. sich ihre Biographie nicht im Nachhinein entwerten lassen. An-
Wie ist dieser Befund zu erklären? In den inzwischen 21 Jahren dere, die es unter Widerstand erfolgreich überstanden, wehren
seit dem Ende der DDR ist die Bewältigung der Gegenwartspro- sich gegen das Vergessen ebenso wie die Opfer des Systems, die
bleme in den Vordergrund gerückt, die sich auch aus Defiziten nach Würdigung und Genugtuung für ihre Leiden verlangen.
der DDR und aus den Herausforderungen des Einheitsprozesses Welche Lehren für die politische Bildung lassen sich aus vier
ergaben. Zudem ging bereits in der alten Bundesrepublik das Jahrzehnten DDR ziehen? Wichtig ist sicherlich die Erkenntnis,
Bewusstsein, auf der angenehmeren Seite des „Eisernen Vor- dass ein Staatswesen ohne demokratische Legitimation, ohne
hangs“ zu stehen, häufig mit mangelndem Interesse für das an- Rechtsstaatlichkeit und Achtung der Menschenrechte auf
dere Deutschland einher. Selbst die westlichen Anhänger des Dauer nicht bestehen kann. Wer seine Bürgerinnen und Bür-
Marxismus-Leninismus sowjetischer Prägung waren kaum be- ger bei Todesstrafe daran hindert, das eigene Territorium zu
reit, sich auf die „Mühen der Ebene“, wie der Schriftsteller Erich verlassen, hat damit bereits ein eigenes vernichtendes Urteil
Loest den realsozialistischen Alltag nannte, näher einzulassen. über sich gesprochen. Gleichzeitig darf das nicht bedeuten, im
Die nachgeborenen Generationen werden dagegen vorrangig DDR-Staat gelebtes Leben pauschal zu verurteilen und gering-
durch die innerfamiliär tradierten Erinnerungen und Einstel- zuschätzen. Das Bemühen gilt vielmehr einem differenzieren-
lungen geprägt. den Blick.
Doch war und ist mit der Wiedervereinigung 1990 das Kapi- Diese Heftausgabe der „Informationen zur politischen Bil-
tel DDR und deutsche Teilung nicht abgeschlossen. Schließlich dung“ über die Geschichte der DDR ist chronologisch aufgebaut
hat die Zeit der Zweistaatlichkeit das Leben der Bürgerinnen und will vor allem die inneren Strukturen, Funktions- und Wir-
und Bürger über vier Jahrzehnte nachhaltig geprägt. Spätestens kungsmechanismen der Diktatur, Entscheidungshintergründe
seit der endgültigen Abriegelung durch den Mauerbau und das sowie außenpolitische Bindungen und Abhängigkeiten ver-
todbringende Grenzregime mussten sich die Menschen in der ständlich machen. Ein zentrales Element ist deshalb die ange-
DDR mit dem Herrschaftssystem arrangieren. Anpassung wur- maßte, nicht durch Wahlen legitimierte „führende Rolle“ der
de erzwungen und war vielfach erforderlich, um dem eigenen SED im politischen System der DDR, das von ihr angestrebte
Lebensentwurf zum Gelingen zu verhelfen. Schließlich war ein und über Jahrzehnte ausgeübte ideologisch begründete Macht-
Ende der herrschenden Verhältnisse nicht abzusehen, und man monopol in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Darstellung
hatte ja nur das eine Leben. soll zeigen, mit welchen Institutionen, Personen und Werte-
Mit (äußerlicher) Anpassungsbereitschaft, Gespür, Gewitzt- systemen die SED-Führung unter Anleitung und mit Hilfe der
heit, Geschick, Engagement und Energie konnten sich viele ein sowjetischen Besatzungsmacht seit 1945 radikale Veränderun-
erfolgreiches Leben im DDR-Staat gestalten. Andere dagegen gen der Gesellschaft und des Staatswesens durchsetzte und
wurden an ihrer individuellen Lebensgestaltung massiv gehin- auf welche Weise dieses Gesellschaftsmodell im Herbst 1989
dert, wurden ausgegrenzt, verfolgt und zerbrachen an den Zu- scheiterte. Dabei werden insbesondere politische Aspekte und
mutungen des staatlichen Repressionsapparates. Elemente der Herrschaftspraxis beschrieben, aber auch die Le-
Dabei hatten der propagierte Antifaschismus, die Ideale so- bensumstände der Bevölkerung und der Alltag in der Diktatur
zialer Gleichheit und die Selbstzuschreibung als das „bessere in den Blick genommen, um auf diese Weise auch die Grenzen
Deutschland“ zunächst durchaus Anziehungskraft entfaltet. der Diktatur sichtbar zu machen.
Doch in der Instrumentalisierung durch eine Machtelite unter
Führung der Staatspartei SED wurden hehre Ziele bald zu hoh- Christine Hesse

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4 Geschichte der DDR

Andreas Malycha

Auf dem Weg in die


Diktatur (1945 bis 1949)

Im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands gestaltet die


Besatzungsmacht mit Hilfe deutscher Kommunisten das

akg / Voller Ernst / Chaldej
politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche System
nach ihren Vorstellungen. Die Parteien werden gleichge-
schaltet, Großgrundbesitz und Industrie sozialisiert.

Vorbereitung für ein symbolträchtiges Foto: Sowjetische Soldaten hissen


am 2. Mai 1945 die Sowjetflagge auf dem Reichstagsgebäude. Aufnahme
des sowjetischen Fotografen Jewgenj Chaldej

Kriegsende und Besatzungsregime

Mit der bedingungslosen Kapitulation des Oberkommandos Deutschland nach dem 2. Weltkrieg
der deutschen Wehrmacht am 7. bzw. 8. Mai 1945 endete der
Länder und Besatzungszonen
Zweite Weltkrieg. Deutschland verlor seine staatliche Souve-
ränität an die alliierten Siegermächte Frankreich, Großbri-
tannien, die USA und die Sowjetunion, deren Truppen das Schleswig-Holstein
Land in Besitz genommen hatten. Die vier alliierten Staaten Mecklenburg
richteten Besatzungszonen ein und übernahmen die oberste Hamburg
Regierungsgewalt in Deutschland. In dem von sowjetischen
Truppen besetzten Teil Deutschlands wurde bis zuletzt er- Niedersachsen Bremen Brandenburg
bittert gekämpft. Flüchtlinge und Vertriebene aus den deut-
schen Gebieten östlich der Oder und Neiße ließen hier die Berlin
Zahl der Einwohner, gemessen am Vorkriegsstand, bis Ende Sachsen-Anhalt
1945 um eine Million auf rund 16 Millionen wachsen. Im De- Nordrhein-Westfalen

zember 1947 stellten Flüchtlinge und Vertriebene mit über Sachsen


Thüringen
4,3 Millionen nahezu ein Viertel der Gesamtbevölkerung in
Hessen
der sowjetischen Besatzungszone. Der Alltag war von der Su-
che nach Obdach, Nahrung, Familienangehörigen und einer Rheinland-Pfalz
Bayern
neuen Heimat geprägt.
Saargebiet
Die Grenzen der sowjetischen Besatzungszone wurden Württemberg-Baden
am 12. September 1944 von der EAC (= European Advisory
Commission), einem Unterausschuss der alliierten Außen-
Württemberg-Hohenzollern
minister, in London markiert und im Februar 1945 von den Baden
Regierungs- bzw. Staatschefs der drei Großmächte Winston Ländergrenzen
Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin in Jalta end- Britische Besatzungszone Gebiet der internationalen Ruhrbehörde
gültig festgelegt. Zu ihr gehörten die preußische Provinz Französische Besatzungszone Saargebiet
Brandenburg, das Land Mecklenburg unter Einschluss Vor- Sowjetische Besatzungszone (aus der französischen Besatzungs-
zone ausgegliedert. Ende 1947
pommerns, das aus der Provinz Sachsen und dem Freistaat Amerikanische Besatzungszone wirtschaftlicher und währungspoli-
Anhalt gebildete Land Sachsen-Anhalt sowie die Freistaaten © Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbilder 51 125
tischer Anschluss an Frankreich)

Sachsen und Thüringen. Die Oder-Neiße-Linie bildete die

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Auf dem Weg in die Diktatur (1945 bis 1949) 5

Ostgrenze der sowjetisch besetzten Zone. Bis zum 1. Juli 1945


hatte ein Drittel der sowjetischen Zone und damit wichtige
Industriezentren in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sach-
sen unter angloamerikanischer Besatzung gestanden. Die
USA und Großbritannien zogen jedoch aufgrund vorheriger
Abmachungen ab 1. Juli 1945 ihre Verbände zurück. Im Ge-
genzug rückten die Westmächte in zwölf der zwanzig Ver-
waltungsbezirke Berlins ein, die zuvor ausschließlich unter
sowjetischer Kontrolle gestanden hatten. Die Präsenz der
drei, nach Aufnahme Frankreichs vier westlichen Alliierten
in Berlin war vorwiegend symbolischer Natur, da Berlin ge-
meinsam von einer „Alliierten Kommandantur“ verwaltet
werden sollte. Doch spielte für die Westmächte auch die
strategische Bedeutung Berlins im Zentrum der sowjeti-
schen Zone eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Erklärte Absicht der vier Siegermächte war es, die oberste
Regierungsgewalt in Deutschland gemeinsam auszuüben.
Zu diesem Zweck bildeten die Oberbefehlshaber einen Alli-
ierten Kontrollrat, der „im gegenseitigen Einvernehmen Ent-
scheidungen über alle Deutschland als Ganzes betreffende
Fragen“ fällen sollte und erstmals Ende August 1945 in Berlin
zusammentrat. Unabhängig davon agierte in jeder der vier
Besatzungszonen eine Militärregierung, die dort die oberste
Regierungsgewalt ausübte. Für die sowjetische Zone kons-

ullstein bild
tituierte sich am 9. Juni 1945 eine Sowjetische Militäradmi-
nistration in Deutschland (SMAD), an deren Spitze der Ober-
befehlshaber der sowjetischen Besatzungstruppen stand. Auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 einigen sich Winston
Bis zum April 1946 war dies Marschall Georgi Schukow; sein Churchill, Harry S. Truman und Josef Stalin (v.l.n.r.) auf Grundsätze zur Be-
Nachfolger wurde Marschall Wassili Sokolowski. Die politi- handlung Deutschlands – mit unterschiedlichen praktischen Ergebnissen.
sche, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des Besat-
zungsgebietes lag bis Oktober 1949 in der alleinigen Verant-
wortung der SMAD. heit Deutschlands zu erhalten? Hier offenbart sich das Bild
Über die allgemeinen Grundsätze der Behandlung Deutsch- einer widersprüchlichen Politik, die sich mehrere Optionen
lands herrschte unter den Siegermächten zunächst Einig- offenhielt: Offiziell, in öffentlichen Verlautbarungen, wurde
keit. Auf der Potsdamer Konferenz (17. Juli bis 2. August 1945) die Einheit Deutschlands beschworen, praktisch sorgte die
verständigten sie sich darauf, das Land abzurüsten und zu SMAD zielstrebig dafür, dass die politischen und sozialen
entmilitarisieren, alle nationalsozialistischen Gesetze auf- Strukturen in der SBZ schnell nach sowjetischem Vorbild
zuheben, die Bevölkerung zu entnazifizieren, Kriegsverbre- umgeformt wurden. Vieles deutet darauf hin, dass Stalin vor
cher zu verhaften und zu verurteilen und das Erziehungssys- allem ein militärisch neutrales Deutschland in Mitteleuropa
tem, die Justiz, die Verwaltung sowie das öffentliche Leben anstrebte, von dem künftig für die Sowjetunion keine Kriegs-
zu demokratisieren. Die aus ihnen abgeleitete konkrete Poli- gefahr mehr ausgehen sollte. Zu Beginn ihrer Besatzung ver-
tik der jeweiligen Besatzungsmächte zeigte jedoch bald, wie folgte die Sowjetunion vor allem wirtschaftliche (Demonta-
unterschiedlich die Alliierten das Potsdamer Abkommen gen und Reparationen) und geopolitische Interessen. Dafür
auslegten. war sie bis etwa Mitte 1947 bereit, mit den Westalliierten zu
Die sowjetischen Besatzungsbehörden gingen rigoroser kooperieren, und versuchte, eine gesamtdeutsche Perspekti-
als die Amerikaner, Franzosen und Briten an die Entnazifizie- ve offenzuhalten.
rung heran. Bis zum März 1948 wurden circa 520 000 Ange-
stellte in der sowjetischen Besatzungszone aus dem öffentli-
chen Dienst entlassen. Die politischen Säuberungen nutzten
die Besatzungsbehörden, um die frei werdenden Stellen im
öffentlichen Dienst mit Personen zu besetzen, von denen Politik unter sowjetischer Besatzung
eine loyale politische Einstellung zur Besatzungsmacht er-
wartet wurde. Das Bemühen um die wirtschaftliche, poli-
tische und kulturelle Stabilisierung der sowjetischen Zone Gründung von Parteien und Massenorganisationen
und der Kalte Krieg im Zeichen des aufbrechenden Ost-
West-Konflikts ließen das Interesse an der politischen und Bereits einen Tag nach ihrer Gründung erließ die Sowjeti-
juristischen Ahndung der vielschichtigen Verstrickungen in sche Militäradministration (SMAD) den Befehl Nr. 2 vom
das NS-System in allen Besatzungszonen jedoch sehr bald in 10. Juni 1945 über die Zulassung antifaschistischer Parteien
den Hintergrund treten. und Gewerkschaften. Sie überraschte damit die anderen
Lange Zeit stritten Historiker über die deutschlandpoliti- Besatzungsmächte, die den Deutschen zu diesem Zeitpunkt
schen Absichten der Moskauer Führung. Wollte Stalin von noch keine politischen Aktivitäten im Rahmen von Parteien
Anbeginn an eine kommunistische Diktatur in der sowje- gestatten wollten. Die Maßnahme war ein Versuch, noch vor
tischen Zone installieren, oder war er eher geneigt, die Ein- dem Einrücken der Westalliierten in Berlin politische Tatsa-

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6 Geschichte der DDR

chen zu schaffen und im Rahmen einer gesamtdeutschen


Strategie von der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin aus
prägenden Einfluss auf die Entstehung eines zentralen deut-
schen Parteiensystems zu nehmen. Dieses sollte nach den
Vorstellungen Stalins – unter Ausschluss explizit konservati-
ver oder nationalistischer Parteien – weitgehend an die Par-
teienlandschaft der Weimarer Republik anknüpfen, um den
westlichen Verbündeten die Sorge zu nehmen, seine Politik
im Osten Deutschlands ziele auf eine einfache Übertragung
des Sowjetsystems.
Alle zugelassenen Parteien sollten nur unter strenger Kon-
trolle und vielfältigen Auflagen der sowjetischen Besatzungs-
macht tätig sein dürfen. Diese behielt sich weitreichende Zu-
griffsrechte auf die Organisation der Parteien vor, indem sie
deren Führungsmitglieder in der Folge entweder bestätigte
oder ablehnte.

KPD

Die frühe Parteienzulassung durch die SMAD hatte nicht zu-


letzt darauf gezielt, der KPD einen Startvorteil zu verschaffen.
Sie trat als erste Partei am 11. Juni 1945 an die Öffentlichkeit.
Neben der Gunst der SMAD besaß sie gegenüber den ande-
ren Parteien einen programmatischen und organisationspo-
litischen Vorteil: Die bereits in den letzten Kriegstagen aus
Moskau zurückkehrenden Exilkommunisten – unter ihnen
die „Gruppe Ulbricht“ – hatten sich mit einem „Aktionspro-
Deutsches Historisches Museum, Berlin

gramm“ und ausgewählten „Kadern“ gründlich auf einen


politischen Neubeginn vorbereitet. Die KPD präsentierte
sich in öffentlicher Selbstdarstellung als Partei, die engagiert
den Aufbau einer antifaschistischen Gesellschaft vorantrieb.
Der Aufruf vom 11. Juni 1945 visierte eine „parlamentarisch-
demokratische Republik mit allen demokratischen Rechten
und Freiheiten für das Volk“ an.
Auch sprach die KPD-Führung im Juni 1945 davon, „dass
der Weg, Deutschland das Sowjetsystem aufzuzwingen,
Mit dem Befehl Nr. 2 vom 10. Juni 1945 lässt die sowjetische Besatzungsmacht falsch wäre, denn dieser Weg entspricht nicht den gegen-
wieder politische Parteien und Gewerkschaften in ihrer Besatzungszone zu – wärtigen Entwicklungsbedingungen Deutschlands“. Die
allerdings unter strikter Kontrolle der Militäradministration. von der KPD-Führung häufig gebrauchte Formel von der

Aufruf der KPD mokratisierung Deutschlands, die Sache mokratischen Regimes, einer parlamen-
der bürgerlich-demokratischen Umbil- tarisch-demokratischen Republik mit
Schaffendes Volk in Stadt und Land! Män- dung, die 1848 begonnen wurde, zu Ende zu allen demokratischen Rechten und Frei-
ner und Frauen! Deutsche Jugend! führen, die feudalen Überreste völlig zu heiten für das Volk.
Wohin wir blicken, Ruinen, Schutt und beseitigen und den reaktionären altpreu- An der gegenwärtigen historischen
Asche. Unsere Städte sind zerstört, weite ßischen Militarismus mit allen seinen Wende rufen wir Kommunisten alle
ehemals fruchtbare Gebiete verwüstet und ökonomischen und politischen Ablegern Werktätigen, alle demokratischen und
verlassen. Die Wirtschaft ist desorgani- zu vernichten. fortschrittlichen Kräfte des Volkes zu
siert und völlig gelähmt. Millionen und Wir sind der Auffassung, daß der Weg, diesem großen Kampf für die demokrati-
aber Millionen Menschenopfer hat der Deutschland das Sowjetsystem aufzuzwin- sche Erneuerung Deutschlands, für
Krieg verschlungen, den das Hitlerregime gen, falsch wäre, denn dieser Weg ent- die Wiedergeburt unseres Landes auf.
verschuldete. Millionen wurden in tiefste spricht nicht den gegenwärtigen Entwick-
Not und größtes Elend gestoßen. [...] lungsbedingungen in Deutschland. Aufruf des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei
Deutschlands an das deutsche Volk zum Aufbau eines
Nicht nur der Schutt der zerstörten Städ- Wir sind vielmehr der Auffassung, daß antifaschistisch-demokratischen Deutschlands vom 11. Juni 1945.
te, auch der reaktionäre Schutt aus der die entscheidenden Interessen des deut- In: Deutsche Volkszeitung vom 13. Juni 1945.

Vergangenheit muß gründlich hinwegge- schen Volkes in der gegenwärtigen Lage In: Matthias Judt (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten (bpb-
räumt werden. [...] für Deutschland einen anderen Weg Schriftenreihe Bd. 350), Bonn 2010, S. 45

Mit der Vernichtung des Hitlerismus vorschreiben, und zwar den Weg der Auf-
gilt es gleichzeitig, die Sache der De- richtung eines antifaschistischen, de-

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„antifaschistisch-demokratischen Umgestaltung“ ließ je-


doch unausgesprochen die Option zu, zu gegebener Zeit
über Zwischenetappen eine sozialistische Herrschafts- und
Gesellschaftsordnung herzustellen. Trotz der scheinbaren
Distanzierung von Diktatur und Sowjetsystem richtete sie

picture-alliance / akg-images
sich weiterhin an dem Konzept der „Volksfront“ der kom-
munistischen Weltbewegung aus, stand in enger Verbin-

ullstein bild / bpk
dung zur sowjetischen Führung und wurde entsprechend
instruiert.
Die Führung der Partei lag in den Händen des Sekretariats
des Zentralkomitees der KPD. Das Sekretariat umfasste nach
der Rückkehr Wilhelm Piecks aus dem Moskauer Exil nach Funktionäre der KPD/SED: Wilhelm Walter Ulbricht (1893-1973) ...
Deutschland am 1. Juli folgende Personen: Wilhelm Pieck, Pieck (1876-1960),
Walter Ulbricht, Franz Dahlem und Anton Ackermann. Die
KPD verfügte 1945 als einzige Partei über eine gesamtdeut-
sche Organisation mit einem kontinuierlich arbeitenden
Führungsgremium in Berlin. Sie hatte über ihre früheren
Hochburgen in den Bezirken Berlin-Brandenburg und Halle-
Merseburg hinaus mitgliederstarke Organisationen und im

picture-alliance / akg-images
Vergleich zu anderen Parteien stabile hauptamtliche Appa-
rate in ganz Deutschland aufbauen können. Ab dem Sommer
1945 gewann die Partei in der SBZ vor allem durch die Auf-
nahme bisher politisch nicht organisierter Antifaschisten

ullstein bild
rasch neue Mitglieder. Nachdem bis Dezember 1945 auch in
den westlichen Besatzungszonen Parteien zugelassen wur-
den – am 27. August in der amerikanischen, am 14. September ... Franz Dahlem (1892-1981) und Anton Ackermann (1905-1973)
in der britischen und am 13. Dezember 1945 in der französi-
schen Zone – erzielte die KPD auch hier einen beträchtlichen
Mitgliederzuwachs.

ullstein bild – Abraham Pisarek


SPD
picture-alliance / akg-images

Charakteristisch für die Phase des Wiederaufbaus der SPD


waren der erklärte Wille zu einem politischen und konzepti-
onellen Neuansatz nach den traumatischen Erfahrungen der
Weimarer Zeit. Der Wiederaufbau der SPD wurde maßgeblich
von Funktionären vorangetrieben, die bereits vor 1933 der SPD
angehört oder eine Funktion in ihr ausgeübt hatten. In den Führende Köpfe der SPD / SED: Otto und Max Fechner (1892-1973)
traditionsreichen sozialdemokratischen Zentren wie Sachsen, Grotewohl (1894-1964)
Thüringen und in der Provinz Sachsen erreichte die SPD durch
die Reorganisierung der alten Mitgliedschaft spätestens bis
Ende 1945 die Stärke der Weimarer Zeit und überflügelte die
KPD beträchtlich. rechtigung der beiden Parteien beruhen. Daneben war auch
Die Berliner Führung (Zentralausschuss) trat am 15. Juni 1945 die Idee einer Einheitspartei innerhalb der Mitgliederbasis
mit einem programmatischen Aufruf an die Öffentlichkeit, durchaus populär.
mit dem sie „den Kampf um die Neugestaltung auf dem Bo- Im Westen Deutschlands begann die Wiedergründung der
den der organisatorischen Einheit der deutschen Arbeiterklas- SPD dagegen unter anderen Vorzeichen. In der britischen Be-
se“ beginnen wollte. Er forderte „Demokratie in Staat und Ge- satzungszone stellte sich mit Kurt Schumacher ein sozialde-
meinde, Sozialismus in Wirtschaft und Gesellschaft“. Am 19. mokratischer Politiker an die Spitze der SPD, der aus seiner
Juni 1945 konstituierte sich ein geschäftsführender Vorstand Aversion gegen die Kommunisten kein Geheimnis mach-
des Zentralausschusses, der sich in den folgenden Monaten te und eine Einheitspartei mit den Kommunisten mit dem
als provisorische Führung für die gesamte sowjetische Zone Argument ablehnte, die KPD würde aufgrund ihrer engen
verantwortlich fühlte. Ihm gehörten an: Otto Grotewohl, Max politisch-ideologischen Bindungen an die Sowjetunion als
Fechner, Erich W. Gniffke, Gustav Dahrendorf, Helmut Leh- Sachwalter sowjetischer Staatsinteressen in der deutschen
mann, Richard Weimann und August Karsten. Politik agieren. Er steuerte die Partei im Westen auf einem
In der SPD dominierte das Bedürfnis, ein neues Verhält- klaren antikommunistischen Abgrenzungskurs und hielt die
nis zur KPD zu finden, das die erbitterten Grabenkämpfe in politische Selbstbehauptung der Sozialdemokratie unter sow-
der Weimarer Zeit vergessen machen sollte. In den wieder jetischen Besatzungsbedingungen für völlig undenkbar. So
gegründeten Ortsvereinen der SPD war daher die Notwen- herrschte in der Berliner SPD-Zentrale die Gewissheit, dass
digkeit eines Zusammengehens mit den Kommunisten zu- mit Kurt Schumacher und der von ihm geführten SPD im
nächst kaum umstritten, sollte allerdings nach Ansicht vieler Westen eine Einheitspartei auf keinen Fall zustande kom-
Mitglieder auf der völligen Selbstständigkeit und Gleichbe- men würde.

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8 Geschichte der DDR

picture-alliance / dpa
Bundesregierung

akg-images

Gründungsväter der Ost-CDU: Jakob und Ernst Lemmer (1898-1970) Wilhelm Külz (1875-1948), Mitbegrün-
Kaiser (1888-1961) der und Erster Vorsitzender der LDP

CDU die Bodenreform zurück. Nachfolger wurde der bisherige Stell-


vertreter Külz, der führende Kopf im liberalen Gründerkreis.
Am 26. Juni 1945 begann mit einem Aufruf die Geschichte
der Christlich-Demokratischen Union (CDU) in der SBZ. Zu
den Unterzeichnern des Gründungsaufrufs gehörten u. a. Block der antifaschistischen Parteien
Andreas Hermes, Walther Schreiber, Jakob Kaiser und Ernst
Lemmer. Der Aufruf enthielt folgende wesentliche Punkte: Die Zerstrittenheit, die Parteienzersplitterung und die politi-
politische Demokratie, Trennung von Kirche und Staat, Ga- schen Kämpfe der Weimarer Republik bildeten ein geeignetes
rantie persönlicher Freiheitsrechte und Schutz des „sozial Argument, warum alle vier zugelassenen Parteien am 14. Juli
verpflichteten Privateigentums“, Verstaatlichung der Bo- 1945 in Berlin den sogenannten Block der antifaschistisch-
denschätze, öffentliche Kontrolle monopolartiger Unterneh- demokratischen Parteien bildeten. Blockausschüsse entstan-
men. Die CDU in der SBZ verstand sich als überkonfessionelle den in der Folgezeit auch auf Landes- und Gemeindeebene. Als
Sammlungspartei neuer Art. Die Anhängerschaft rekrutierte institutionalisierte Parteienkooperation sollte die Bezeichnung
sich aus einem breiten sozialen Spektrum, den größten An- „Block“ den politischen und organisatorischen Zusammenhalt
teil stellten die Angestellten. Die CDU erhob den Anspruch, jener Politiker symbolisieren, die sich als Gegner der National-
eine soziale Volkspartei zu sein und betrachtete sich in ihrem sozialisten sahen und bereit waren, zusammen mit den Kom-
Selbstverständnis als gesamtdeutsche Parteigründung. Vor- munisten die politische, wirtschaftliche und kulturelle Neuge-
sitzende wurden im Juni 1945 Andreas Hermes und Walther staltung Deutschlands in Angriff zu nehmen. An der Spitze des
Schreiber. Da sich Hermes und Schreiber vehement gegen zentralen Blocks stand ein aus den Parteivorsitzenden gebildeter
die von der KPD vorgeschlagene Variante der Bodenreform Ausschuss. Jeder Partei wurde das Recht eingeräumt, fünf Ver-
wandten, wurden sie durch eine Verfügung der sowjetischen treter zu den Beratungen zu entsenden. Alle Entscheidungen im
Besatzungsmacht Ende 1945 abgesetzt und Jakob Kaiser und „Block“ sollten nicht durch Abstimmung, sondern einstimmig
Ernst Lemmer als Vorsitzende eingesetzt. getroffen werden. Dies mochte mit Blick auf die katastrophale
Nachkriegssituation durchaus gerechtfertigt sein, beraubte die
Parteien aber ihrer wesentlichen Funktion in einer Demokratie,
LDP nämlich der des politischen Meinungsstreits.
Der „Antifa“-Block entsprach einer Forderung der SMAD
Am 5. Juli 1945 trat die Liberaldemokratische Partei (LDP) mit und kam auf Vorschlag der KPD zustande. Angesichts ihres
ihrem Gründungsaufruf an die Öffentlichkeit, der u. a. die Un- Rufs als Handlanger der Besatzungsmacht konnte sie kaum
terschriften von Waldemar Koch, Wilhelm Külz und Eugen mit Mehrheiten in der Bevölkerung rechnen und brauchte
Schiffer trug. Wichtigste Forderungen des Aufrufs waren: de- für ihre strategischen Zielsetzungen die Unterstützung aus
mokratischer Wiederaufbau, Berufsbeamtentum, Mitwirkung dem bürgerlichen Lager. Der Block bot ihr die Möglichkeit, die
von Gewerkschaften und Unternehmern in der Wirtschaft, nichtkommunistischen Parteien ihrer Führungsrolle zu un-
Trennung von Staat und Kirche, Garantie der Grund- und terstellen, denn mit dem Prinzip der Einstimmigkeit war eine
Menschenrechte. Ebenso wie die CDU plädierte die LDP für Koalition ohne oder gegen die KPD ausgeschlossen. Den Block,
die uneingeschränkte Wiederherstellung von Rechtsstaat- aus dem sich später die „Nationale Front“ entwickelte, setzten
lichkeit und Demokratie. Die LDP verstand sich als bürgerliche KPD und SED als Instrument zur Beherrschung und Gleich-
Sammlungspartei mit gesamtdeutschem Anspruch. Das so- schaltung des Parteiensystems ein.
ziale Spektrum der Anhängerschaft war breit gefächert und Auch jene deutschen Politiker, die sich in christlicher, libera-
entsprach dem Selbstverständnis als Volkspartei. Die größte ler und sozialdemokratischer Tradition stehen sahen, betrach-
Gruppe bildeten mit circa 30 Prozent die Angestellten. Selbst- teten die von der Besatzungsmacht geforderte Zusammen-
ständige Handwerker und Kaufleute waren mit circa 15 Pro- arbeit der Parteien als unumgängliche Notwendigkeit ihres
zent ebenfalls stark vertreten. Parteivorsitzender wurde im politischen Wirkens. Das Prinzip der Einstimmigkeit schien
Sommer 1945 Waldemar Koch, sein Stellvertreter Wilhelm Garantien zu bieten, dass gegen sie keine wichtigen gesell-
Külz. Koch trat im November 1945 unter dem Druck der SMAD schaftspolitischen Entscheidungen getroffen oder sie von der
im Zusammenhang mit internen Auseinandersetzungen um KPD einfach übergangen werden könnten. In der Praxis zeigte

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Auf dem Weg in die Diktatur (1945 bis 1949) 9

www.zoonar.de / Peter Probst

www.zoonar.de / Peter Probst
ullstein bild – Probst

Die neu gegründeten Massenorganisationen vertreten bestimmte Bevölkerungsgruppen, binden sie aber gleichzeitig ins politische System ein.
Embleme des „Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes“, der „Freien Deutschen Jugend“ und des „Demokratischen Frauenbundes Deutschlands“

sich jedoch schnell, dass mit der Gründung des Blocks die der historischen Spaltung der Arbeiterbewegung zunächst
politischen Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt waren. groß. Mit dieser Sehnsucht nach einer wiedervereinigten
Willkürliche Eingriffe, wie zum Beispiel die Absetzung von Arbeiterbewegung verbanden sich jedoch unterschiedliche
Führungspersönlichkeiten, machten zudem rasch deutlich, in Vorstellungen. Viele Sozialdemokraten hatten das Bild der
welchem Maße sich die SMAD in die inneren Angelegenhei- Sozialdemokratie des ausgehenden 19. Jahrhunderts vor Au-
ten der Parteien einmischte. gen – ungeteilt, stark und der Demokratie verpflichtet. Die
Kommunisten sahen die Kommunistische Partei der Sowjet-
union als leuchtendes Vorbild. Sie war in ihren Augen die
Gewerkschaft und Massenorganisationen einzige politische Kraft auf der Welt, die den Kapitalismus,
den sie für den Wegbereiter des Nationalsozialismus hielten,
Bereits am 14. Juni 1945 traf sich in Berlin ein „Vorbereiten- gestürzt und eine neue gesellschaftliche Ordnung errichtet
der Gewerkschaftsausschuß“, aus dem im Februar 1946 der hatte. Somit war bei aller Sympathie für eine Einheitspartei
„Freie Deutsche Gewerkschaftsbund“ (FDGB) als Einheitsge- eine politische Trennlinie zwischen beiden Lagern deutlich
werkschaft hervorging. Die darin vertretenen Industriege- sichtbar.
werkschaften (IG) bildeten unter dem Dachverband FDGB Ohne den Massenzulauf, den sie im Osten nach ihrer Wie-
(unselbstständige) Untergliederungen. Parallel zu den IG glie- dergründung im Juni 1945 verzeichnete, wäre die SPD für die
derte sich der FDGB in Bezirks-, Stadt- und Kreisverbände mit KPD kein ernsthafter Konkurrent im Kampf um das Macht-
entsprechenden Leitungen. Der alle vier Jahre einzuberufende monopol in der sowjetischen Zone gewesen. Doch obwohl
FDGB-Kongress wählte einen Bundesvorstand. Formell sicher- die Besatzungsmacht der KPD jede nur erdenkliche materielle
te die Einheitsgewerkschaft (gewerkschaftliche) Mitwirkungs- Unterstützung zukommen ließ, entwickelte sich die SPD mit
rechte der Arbeiter und Angestellten im Betrieb, praktisch ent- ihren über 400 000 Mitgliedern zum Jahresende 1945 zur mit-
wickelte er sich jedoch zu einer wichtigen politischen Säule im gliederstärksten Partei im Osten. Eine starke Sozialdemokra-
Herrschaftssystem der SED. tie, noch dazu mit einem starken Partner im Westen, stand der
Zugleich entstanden mit dem „Kulturbund zur demokra- Übertragung des sowjetischen Gesellschaftsmodells im Wege.
tischen Erneuerung Deutschlands“, der „Freien Deutschen So gab es für Kommunisten und sowjetische Besatzer nur ei-
Jugend“ (FDJ) sowie dem „Demokratischen Frauenbund nen Weg: die SPD politisch zu vereinnahmen.
Deutschlands“ (DFD) Massenorganisationen, die als Inte- Die Einheitseuphorie in der Sozialdemokratie im Frühjahr
ressenvertretungen bestimmter Bevölkerungsgruppen in Er- 1945 war am Ende des Jahres bereits verflogen. Zwischenzeit-
scheinung treten sollten, aber vornehmlich die Aufgabe hat- lich hatten die meisten Sozialdemokraten erkannt, wie sehr
ten, sie weitestgehend in das politische System einzubinden. die KPD von Moskauer Direktiven abhängig war und wie stark
Ihre Mitbestimmungsmöglichkeiten gingen nicht über den die Kommunisten durch die Militäradministration privilegiert
unmittelbaren lokalen Bereich hinaus. wurden. So konnte die Gründung der SED nur durch eine all-
umfassende propagandistische Kampagne der KPD, in der die
Gegner der Einheitspartei als „Feinde der Arbeiterklasse“ dif-
Gründung der SED famiert wurden, sowie durch die Anwendung physischer und
psychischer Gewalt sowjetischer Besatzungsoffiziere gegen
Die Gründung der SED im April 1946 war eine wichtige poli- einheitsunwillige Sozialdemokraten vollzogen werden. Erich
tische Weichenstellung im Ostteil Deutschlands, bei der die Gniffke, der im Auftrag der Berliner Führung die Stimmungsla-
dortige SPD in das politische Räderwerk sowohl der sowjeti- ge an den Parteibasis erkundete, zeichnete am 10. Februar 1946
schen Besatzungsmacht als auch der deutschen Kommunis- in einem Schreiben an Otto Grotewohl ein deprimierendes Bild
ten geriet. über die Vorgänge in den Parteibezirken. Überall, so vermerkte
Im Frühjahr 1945 hatte zunächst der erklärte Wille ge- er in seiner Mitteilung, würden die Genossen von den sowjeti-
herrscht, zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten ein schen Kommandanten aus ihren Ämtern gedrängt, wenn sie
neues Verhältnis zu finden, das sich deutlich von der schar- sich gegen eine sofortige Verschmelzung der Parteien stellten.
fen Konfrontation der Weimarer Zeit abheben sollte. Auch in Alles in allem kann von demokratischer Willensbildung wäh-
der Sozialdemokratie war die Bereitschaft zur Überwindung rend der Gründungsphase der Partei nicht einmal im Ansatz

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


10 Geschichte der DDR

von SPD und KPD entschieden hatte. Nicht nur in West-Berlin,


auch in den östlichen Parteibezirken behauptete sich die SPD
bis zum Mauerbau 1961 als eigenständige politische Kraft.

Erweiterung des Parteiensystems

Nach der Ausschaltung der SPD als wichtigster Konkurrentin


der KPD sollten die Gründungen der National-Demokratischen
Partei Deutschlands (NDPD) und der Demokratischen Bauern-
partei (DBD) – zweier neuer, nach außen hin nichtkommunisti-
scher Parteien – im Sommer/Herbst 1948 das bürgerliche Mit-
glieder- und Wählerpotenzial von CDU und LDP schwächen.
Die Mitgliederwerbung der NDPD richtete sich hauptsäch-
lich auf die früheren Mitglieder und Anhänger der NSDAP, die
für ein neues politisches Engagement gewonnen werden soll-
Bundesregierung – Puck-Archiv

ten. Den größten Teil der NDPD-Mitglieder stellten die Ange-


stellten; Gewerbetreibende, kleine Unternehmer und Arbeiter
bildeten dagegen eine Minderheit.
Die DBD gründete sich im Unterschied zu allen anderen
nichtkommunistischen Parteien ganz klar als schichten- und
berufsorientierte Partei. In der Mitgliedschaft der DBD über-
wogen Neu- und Kleinbauern, die durch die Bodenreform
Gründungskongress im April 1946: Wilhelm Pieck (KPD) und Otto Grotewohl Ackerland zur Bewirtschaftung bekommen hatten.
(SPD) besiegeln mit Händedruck die Vereinigung beider Parteien zur SED. Beide Parteien waren zwar formal selbstständig, agierten
aber de facto als Organe der SED. Die Aufnahme der DBD in
den Block am 5. August und der NDPD am 7. September 1948
die Rede sein. Otto Grotewohl, Erich Gniffke und andere Füh- führte zur beabsichtigten Kräftezersplitterung im bürgerli-
rungsmitglieder der SPD in Berlin setzten ihre ganze Zuver- chen Lager. Nun war eindeutig die Vorherrschaft der SED im
sicht nunmehr darauf, wenigstens das Profil der Einheitspartei Block garantiert, da auch die führenden Vertreter der Gewerk-
maßgebend mitgestalten zu können. schaft (FDGB), die nun ebenfalls Aufnahme in den Block fan-
Der Gründungsparteitag der SED wählte am 22. April 1946 den, überwiegend aus der SED kamen.
den Kommunisten Wilhelm Pieck und den Sozialdemokraten Die Absetzung Jakob Kaisers und Ernst Lemmers als Vor-
Otto Grotewohl zu Vorsitzenden der Partei, die zum Zeitpunkt sitzende der CDU auf Weisung der SMAD am 20. Dezember
ihrer Bildung rund 1,3 Millionen Mitglieder zählte. Eine beson- 1947 markierte eine weitere wichtige Station auf dem Weg
dere politische Situation ergab sich in Berlin, wo sich in den zur politischen Gleichschaltung der „bürgerlichen“ Parteien.
Westsektoren der Stadt in einer Urabstimmung am 31. März Beide hatten sich im Vorstand der CDU gegen eine Teilnah-
1946 eine deutliche Mehrheit gegen den Zusammenschluss me an dem von der SED initiierten „Deutschen Volkskongreß

Grundsätze und Ziele der SED die Menschheit in das Reich der Freiheit ihrer Mitglieder, der demokratischen Wahl
und des allgemeinen Wohlergehens ein. aller Parteileitungen und der Bindung
Die Sozialistische Einheitspartei Deutsch- Die grundlegende Voraussetzung zur aller Mitglieder, Abgeordneten, Beauftrag-
lands kämpft für die Verwandlung des Errichtung der sozialistischen Gesell- ten und Leitungen der Partei an die demo-
kapitalistischen Eigentums an den Pro- schaftsordnung ist die Eroberung der po- kratisch gefaßten Beschlüsse. [...]
duktionsmitteln in gesellschaftliches litischen Macht durch die Arbeiterklasse. Die Sozialistische Einheitspartei
Eigentum, für die Verwandlung der kapi- Dabei verbündet sie sich mit den übrigen Deutschlands kämpft als unabhängige
talistischen Warenproduktion in eine Werktätigen. Partei in ihrem Lande für die wahren
sozialistische, für und durch die Gesell- Die Sozialistische Einheitspartei nationalen Interessen ihres Volkes. Als
schaft betriebene Produktion. In der Deutschlands kämpft um diesen neuen deutsche sozialistische Partei ist sie
bürgerlichen Gesellschaft ist die Arbeiter- Staat auf dem Boden der demokra- die fortschrittlichste und beste nationale
klasse die ausgebeutete und unterdrückte tischen Republik. [...] Kraft, die mit aller Kraft, die mit aller
Klasse. Sie kann sich von Ausbeutung und Die Sozialistische Einheitspartei Energie gegen alle partikularistischen
Unterdrückung nur befreien, indem sie Deutschlands kann ihren Kampf nur Tendenzen für die wirtschaftliche,
zugleich die ganze Gesellschaft für immer erfolgreich führen, wenn sie die bes- kulturelle und politische Einheit Deutsch-
von Ausbeutung und Unterdrückung ten und fortgeschrittensten Kräfte der lands eintritt. [...]
befreit und die sozialistische Gesellschaft Werktätigen vereint und durch die
errichtet. Der Sozialismus sichert allen Vertretung ihrer Interessen zur Partei Protokoll des Vereinigungsparteitages der SPD und KPD am
21. und 22. April 1946 in der Staatsoper zu Berlin. Berlin (Ost) 1946,
Nationen, allen Menschen die freie Aus- des schaffenden Volkes wird. S. 172-180.
übung ihrer Rechte und die Entfaltung ihrer Diese Kampforganisation beruht In: Hermann Weber (Hg.), Kleine Geschichte der DDR, Köln 1980,
Fähigkeiten. Erst mit dem Sozialismus tritt auf dem demokratischen Beschlußrecht S. 34 f.

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Auf dem Weg in die Diktatur (1945 bis 1949) 11

für Einheit und gerechten Frieden“ ausgesprochen, der am Ergebnisse der Wahlen zu den Landtagen am
6./7. Dezember 1947 in Berlin stattfand, weil er ihrer Meinung 20. Oktober 1946
nach keinen wirklichen gesamtdeutschen und überparteili- Angaben in Prozent
chen Charakter tragen würde. Unter dem nachfolgenden Par-
teivorsitzenden Otto Nuschke verlor die CDU zunehmend die Bran- Mecklen- Sachsen Sachsen- Thürin- SBZ
ihr verbliebene Eigenständigkeit und jegliches politisches den- burg- Anhalt gen
Profil. burg Vorpom-
Bis zum Ende der 1940er Jahre bildete sich so das für die mern
Herrschaftssicherung der SED charakteristische politische SED 43,9 49,5 49,1 45,8 49,3 47,6
System heraus, in dem die nichtkommunistischen Parteien
gemeinsam mit den Massenorganisationen vor allem als LDP 20,6 12,5 24,7 29,9 28,5 24,6
„Transmissionsriemen“ der SED-Politik wirkten. Damit nä-
herte sich das Parteiensystem in der Funktionsweise einem CDU 30,6 34,1 23,3 21,8 18,9 24,5
kommunistischen Einparteiensystem an, obgleich die nicht-
VdgB 4,9 3,9 1,7 2,5 3,3 2,9
kommunistischen Parteien weiterhin existierten.
Martin Broszat / Hermann Weber (Hg.), SBZ-Handbuch, München 1990, S. 396

Als Fazit des Wahlausgangs vom Oktober 1946 ließ sich die
Wandlungen in der ostdeutschen Nach- SED-Führung nie wieder auf eine demokratische Wahl ein. Ab
kriegsgesellschaft 1950 stand nur noch die Einheitsliste der „Nationalen Front“
zur Abstimmung, welche die wirkliche Stimmungslage in der
Bevölkerung jedoch nicht annähernd widerspiegelte.

Deutsche Verwaltungen
Bodenreform
Im Juli 1945 setzte die SMAD Landesverwaltungen für die Län-
der Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern so- Unter der Losung „Junkerland in Bauernhand“ rief die KPD am
wie Provinzialverwaltungen für die Provinzen Brandenburg 8. September 1945 zu einer Aufteilung des Großgrundbesitzes
und Sachsen-Anhalt ein. An der Spitze der Landesverwaltun- auf. Man wollte erreichen, dass die Besitzer mit ihrem Land
gen standen parteilose, sozialdemokratische bzw. liberalde- auch den damit verbundenen politischen Einfluss verloren.
mokratische Präsidenten. Die KPD sicherte sich den alleinigen Die Details und Modalitäten der Bodenreform gab Stalin der
Einfluss auf die innere Sicherheit, da sie sämtliche 1. Vizepräsi- KPD-Führung in Besprechungen in Moskau vor.
denten stellte, in deren Kompetenz u.a. die Polizei fiel. Darüber
hinaus ließ die sowjetische Besatzungsmacht „deutsche Zen-
tralverwaltungen“ für wichtige Sachgebiete (u. a. für Industrie,
Landwirtschaft, Volksbildung, Finanzen, Arbeit und Sozialfür-
sorge) errichten, die jedoch keine Gesetze und Verordnungen
erlassen durften. Sie arbeiteten auf ihrem Tätigkeitsfeld an
der Umsetzung entsprechender SMAD-Befehle. Erst im Fe-
bruar 1948 wurde den ostdeutschen Verwaltungen das Recht
zugestanden, Verfügungen und Instruktionen für die SBZ ver-
bindlich zu beschließen.
Reguläre Landesregierungen gingen aus den Landtagswah-
len am 20. Oktober 1946 hervor, an denen auch die Vereinigung
der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB) als bäuerliche Massen-
organisation und Interessenvertreterin der Klein- und Mittel-
bauern teilnehmen durfte. Im Durchschnitt lag die SED auf die
gesamte SBZ bezogen bei 47,6 Prozent der Stimmen und zog
damit zwar als wählerstärkste Partei in die Landtage ein. Ob-
gleich örtliche Dienststellen der Besatzungsmacht CDU und
LDP vielfach behindert und die SED massiv begünstigt hatten,
war es der Einheitspartei aber nicht gelungen, in einem Land
die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen zu erhal-
ten – insgesamt besaßen die bürgerlichen Parteien CDU und
LDP mehr Stimmen als die SED. Sie benötigte als Mehrheitsbe-
schafferin die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe, die
akg-images

vorbehaltlos die politischen Ziele der SED unterstützte. In den


im November/Dezember 1946 gebildeten Landesregierungen
stellte die SED vier der insgesamt fünf Ministerpräsidenten „Junkerland in Bauernhand“ – unter dieser Parole enteignet
und 17 der insgesamt 33 Minister. Lediglich in Sachsen-Anhalt die KPD die Großgrundbesitzer. Die zugeteilten Grundstü-
stand mit Erhard Hübener ein Mitglied der LDP an der Spitze cke sind allerdings oft zu klein, um rentabel zu sein.
einer Landesregierung.

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12 Geschichte der DDR

Durch entsprechende Verordnungen der Landes- und Pro- ren 35 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche – kamen
vinzialverwaltungen wurden rund 7000 Besitzer von Län- in einen Bodenfonds, aus dem Landarbeiter, Vertriebene und
dereien mit über 100 Hektar entschädigungslos enteignet. Kleinbauern etwa 20 Hektar Land zur Bewirtschaftung zuge-
Betroffen war vor allem der Nordosten der SBZ (Mecklen- teilt bekamen. Die Mehrzahl der neuen Bauern konnte mit
burg-Vorpommern), in dem seit jeher große Güter vorge- dem zugeteilten Land allerdings nicht rentabel wirtschaften,
herrscht hatten. Die konfiszierten 2,5 Millionen Hektar Land weil es zu klein war. Insbesondere aus ihren Reihen kamen
sowie auch der Landbesitz tatsächlicher wie vermeintlicher sehr bald Forderungen, landwirtschaftliche Genossenschaf-
Schlüsselfiguren des NS-Regimes und Staatsgüter – das wa- ten zu bilden.

Bodenreform
... aus Sicht der Betroffenen ... ... aus Sicht der SED ... ... aus Sicht der Neubauern
„Am 24. Juli siedelten meine Frau und Am 23. September findet auf der Wiese In der Bahnhofskneipe [...] trat die Kom-
ich wieder in unser Gut über, wo wir des Gutsparkes von Plänitz im Kreis mission zusammen, die das Gut aufteilen
uns im Inspektorhaus mit den Resten Ruppin der feierliche Auftakt für die sollte. Sie bestand zum Teil aus Leuten
unserer Möbel zwei Zimmer einrich- Verteilung des Junkerlandes statt, das aus dem Ort, die politisch ihr Mäntelchen
teten. Die Feldarbeiten wurden unregel- in der sowjetischen Besatzungszone in den Wind hängten und sich unter
mäßig, wochenlang überhaupt nicht Deutschlands mit den Verordnungen dem neuen Regime Chancen für die eige-
verrichtet, Pferde und totes Inventar fast über die demokratische Bodenreform ne Zukunft ausrechneten. Die haben
restlos gestohlen. Da die Bergung der enteignet wurde. An 60 Bewerber – dann den Bewerbern, also auch mir, die
Ernte auf das höchste gefährdet war, wur- 22 landarme Bauern und Landarbeiter, einzelnen Parzellen zugeteilt. Mehr als
de mir am 14. August vom Landrat un- acht Handwerker, drei neue Siedler neun Hektar durften pro Neubauer nicht
ter den allerschwierigsten Verhältnissen und 13 Umsiedler aus Plänitz sowie verteilt werden. Und die besten Stücke
wieder die Bewirtschaftung übertragen. 14 landarme Bauern und Landarbeiter haben wir natürlich auch nicht bekom-
In einer kommunistischen Versammlung aus Neustadt an der Dosse – werden men. Ich erhielt siebeneinhalb Hektar
im Saale des Gutshauses hielt der Be- die Besitzurkunden überreicht. Die erste Weide und Ackerland, verteilt auf fünf
auftragte der KPD aus P. eine Rede, die Urkunde, und zwar über acht Hektar weit auseinanderliegende Stellen. [...]
mit folgenden denkwürdigen Worten Ackerland und einen Hektar Wiese, Vor der Bodenreform glich auf dem
begann: ‚Seit der Zeit des Großen Kurfürs- kann der Siedler Ernst Paris, Vater von Gut der hohe Ertrag der guten Böden die
ten sind die Gutsbesitzer sämtlich elf Kindern, in Empfang nehmen. niedrigeren Ernten auf den schlech-
Kriegsverbrecher. Daher haben wir ihnen Dem historischen Akt war eine ange- teren Äckern aus. Doch jetzt stand der
die Güter entschädigungslos enteignet.‘ strengte Tätigkeit der Gemeindekommis- Neubauer mit seinem bißchen Land
Nachdem mir noch am 28.9. eine sion für Bodenreform vorangegan- da und mußte sehen, wie er zurechtkam.
Anerkennung wegen Bergung der Ernte gen. Das von ihr aufgeteilte Gut Kränz- Eine unserer Flächen war das übelste
ausgesprochen war, erhielt ich am 29.9. lin II war ein typisches Beispiel der Stück des Gutes. Wir hatten Mühe, mit
den Befehl, mein Gut bis zum Abend zu politischen Notwendigkeit der Liquidie- karger Anspannung den Acker saat-
verlassen. Wir gingen zunächst nach rung des Großgrundbesitzes. Über 300 fertig zu bekommen. [...]
dem nahen G. zu befreundeten Bauern, Hektar, das ist mehr als die Hälfte „Wir konnten nicht frei entscheiden,
wurden aber bereits nach wenigen des zur Gemeinde Plänitz gehörenden was wir anbauen wollten, wofür unsere
Tagen gezwungen, innerhalb 2 Stunden Landes, hatten die Junker von Rathenow Böden am geeignetsten waren. Wir
den Ort zu verlassen. Wir fuhren dann zusammengeraubt. Seit Jahrhunderten mußten Getreide, Raps, Mohn, Zucker-
nach Schwerin, wo wir in dem der Fami- mußte der größte Teil der Einwohner rüben und sogar Tabak anbauen. Zur
lie meiner Frau gehörenden Hause des Ortes als Landarbeiter, Knechte und Feldarbeit hatten wir ein zweijähriges
Unterkunft fanden. Am Dienstag, den Gutshandwerker Frondienste für die Fohlen aus dem Viehbestand des
13. November, erhielten wir aus zuver- „gnädigen“ Herren leisten. Letzter Besitzer alten Guts zugeteilt bekommen, sonst
lässiger Quelle Nachricht von unserer [...] war ein Sturmführer bei Hitlers nichts. Unsere Leistung wurde genau
vor Ende der Woche geplanten Ver- Reiter-SA. kontrolliert.“
haftung und Deportation. Am 14. Novem-
ber verließen wir heimlich Schwerin Gabriel P.: „Die Kraft der Einheitsfront“, in: Neues Deutschland Dieter Zimmer: Auferstanden aus Ruinen. Von der SBZ zur
vom 24. September 1970. DDR, Stuttgart 1989, S. 57.
und trafen nach unendlichen Schwierig-
Beide Texte in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.),
keiten und Anstrengungen am 29. Informationen zur politischen Bildung Nr. 231 „Geschichte der
November in der Westzone ein. Unsere DDR“, Bonn 1991, S. 59 f.

ganze Habe bestand aus je einem


Rucksack.“ [...]

Weißbuch über die „Demokratische Bodenreform“ in der


Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, erw. Neuauflage,
München/Stamsried 1988, S. 46 f.
In: Ilse Spittmann, Gisela Helwig (Hg.), DDR-Lesebuch 1, Köln
1989, S. 156

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


Auf dem Weg in die Diktatur (1945 bis 1949) 13

Konturen eines neuen Wirtschaftstyps und Berlin nur schwer wieder in Gang. Besonders problema-
tisch wirkte sich nun die historisch gewachsene Arbeitstei-
Da die Roh- und Grundstofflieferungen aus den westlichen lung aus: Die Industrie Mitteldeutschlands war bis 1945 von
Industrierevieren aufgrund unterbrochener Verkehrswege Rohstoffen (Steinkohle, Eisenerz, Stahl) aus dem Westen bzw.
ausblieben und die kriegszerstörten Industrieanlagen nur Osten abhängig. Während die Metallverarbeitung (Werkzeug-
notdürftig repariert werden konnten, kam das Wirtschaftsle- maschinenbau, Fahrzeugindustrie) sowie die Leichtindustrie
ben in den von der weiterverarbeitenden Industrie geprägten (Textilindustrie, Feinmechanik/Optik) einen hoch entwickel-
Wirtschaftszentren in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen ten Stand besaßen, war die Schwerindustrie nur schwach ent-

Demontagen und Reparationen


Hilferuf an Wilhelm Pieck Protest lokaler SED-Kräfte gegen Demontagen
[...] Die SMA hat Demontage unseres [Der] Betrieb Eckold [wird] demontiert. gar nicht daran, zum Totengräber der
Zementwerkes Göschwitz bei Jena* Lt. Befehl, der von der Kommandantur deutschen Wirtschaft zu werden, son-
verfügt. Göschwitz ist das einzigste [sic!] gleichfalls vorliegt, handelt es sich um dern wollen aufbauen. Deshalb fordern
Zementwerk, das die Länder Thüringen eine Teildemontage. [...] Der Demon- wir, daß eine Teildemontage durchge-
und Sachsen versorgt. [...] Der ganze Wie- tage-Offizier erklärt, daß der Befehl für führt wird, sodaß ein organisch geglie-
deraufbau in Thüringen und Sachsen – ihn nicht gültig ist und er sämtliche derter Restbetrieb verbleibt, mit dem
Städte, Dörfer, Neubauern**, Brücken, Stra- Maschinen abtransportieren läßt. [...] wirklich eine dem Betrieb angemessene
ßen – wird lahmgelegt, wenn Göschwitz Wenn dieser Befehl durchgeführt Fabrikation aufgenommen werden
zum Erliegen kommt. Ohne Göschwitz würde, bedeutet es, daß der letzte Ma- kann. [...]
müssen auch die Zweigwerke Stüdnitz schinenbetrieb aus Wernigerode ver-
und Unterwellenborn stillgelegt werden. schwindet. [...] Die Demontage-Offiziere Brief von Karl G., SED-Kreisvorstand Wernigerode, an den
SED-Zentralvorstand, 16. Dezember 1946. In: BArch, IV 2/6.02/52
Hilf uns. Thüringer Landesverwaltung erkennen [...] Befehle nicht an und (ZK der SED / Abteilung Wirtschaftspolitik), Bl. 53 und 53Rs.
und Thüringer SMA sind machtlos. Mar- handeln willkürlich, angeblich nach
schall Schukow hat letzte Entscheidung Befehlen, die in ihren Händen sind. Beide Texte in: Matthias Judt (Hg.), DDR-Geschichte in Doku-
in der Hand. Hilf Du uns. Schnellste Hilfs- Das sind Widersprüche, die für uns den menten, Bonn 2010, S. 108 f.

maßnahmen erforderlich. Gib [uns] Wirtschaftstod bedeuten. Wir denken


bitte Nachricht.
Zementwerk Göschwitz
[Unterschriften]

* Göschwitz ist heute Teil der Stadt Jena.


** Gemeint ist ein Bauprogramm für Neubauernhöfe.
Telegramm KPD- und SPD-Betriebsgruppen und Betriebsrat an
Wilhelm Pieck, 13. März 1946. In: BArch, DY 30/IV 2/6.02/52
(ZK der SED / Abteilung Wirtschaftspolitik), Bl. 303 und 303Rs.

akg-images

Erschwerter Wirtschaftsaufbau: Die SBZ/DDR muss ungleich mehr Reparationen leisten und De-
montagen erdulden als die Westzonen bzw. Westdeutschland. Ein Güterzug mit demontierten und
beschlagnahmten Industriegütern verlässt 1950 die DDR in Richtung Sowjetunion.

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14 Geschichte der DDR

Von der SBZ/DDR geleistete Reparationen und Be- von der SED initiierte Kampagne zur Enteignung der beschlag-
satzungskosten von Mai 1945 bis Dezember 1953 nahmten Betriebe verstärkte die Unsicherheit unter privaten
Unternehmern, Gewerbetreibenden und Selbstständigen, die in
Betrag in Millionen großer Zahl in die Westzonen abwanderten.
Art der Reparationsleistung Die Staatsbetriebe bildeten die industrielle Basis für eine neue
US-$ (1938)*
Wirtschaftsordnung nach dem Modell der sowjetischen Plan-
Demontagen 2 436,0 wirtschaft. Die 1948 eingeführten Wirtschaftspläne entsprachen
Lieferungen aus der laufenden Produktion 2 614,3 der kommunistischen Vorstellung von einer stark zentralisier-
ten Wirtschaftslenkung. Der „Zweijahrplan der Volkswirtschaft“
Lieferungen der SAG Wismut 1 584,5 für die Jahre 1949/50 sollte aber nicht nur die Wirtschaft zentral
Rückkauf von SAG-Unternehmen 382,0 lenken, sondern zugleich die Defizite in der Wirtschaftsstruktur,
die durch die zerrissenen traditionellen Wirtschaftsverflechtun-
Illegale Beschlagnahmungen 352,1 gen entstanden waren, durch den Aufbau eigener industrieller
Besatzungsgeld 1 240,0 Kapazitäten ausgleichen.
Außenhandelsverluste der SBZ/DDR 400,0

Transport der Reparationsgüter über Derutra** 133,3 Antifaschismus


Verdeckte Reparationen 266,7
Zum tragenden politisch-ideologischen Pfeiler der Gesellschaft
Zwischensumme 9 408,9 erklärten Besatzungsmacht sowie auch alle politischen Parteien
und Organisationen den Antifaschismus. Er sollte die im deut-
Besatzungskosten 5 914,1
schen Volk vorhandene nationalsozialistische Geistes- und Le-
Vermutliche Gesamtkosten bis Ende 1953 15 323,0 benshaltung überwinden. Dabei gebrauchten die Kommunisten
folgende Konstruktion: Schuld am Nationalsozialismus hatten
Berechnung durch den Verfasser. Nach: JUDT/CIESLA 1996, S. 33 f. die Kapitalisten und politischen Eliten. Das Volk war von ihnen
* Die Umrechnung basiert auf einem Umrechnungskurs von 2,50 RM für einen US-$ (1938), wobei –
sofern nicht von vornherein US-$ (1938) angesetzt waren – die Angaben in RM zu „Meßwerten“
irregeführt und verführt worden und trug folglich keine Schuld
(das sind in der Regel Preise von 1944) aus den vorhande­nen Materialien genutzt und auf Werte an Krieg und Verbrechen. Mit der Enteignung der Kapitalisten
von 1938 zurückgerechnet wurden. Der Verfasser betont zudem, daß die Angaben in der Tabelle
in einigen Positionen auf nur vagen Schätzungen beruhen.
würde auch der Nationalsozialismus verschwinden. National-
** Deutsch-Russische Transport AG. sozialisten gab es auf diese Weise im Osten Deutschlands gar
In: Matthias Judt (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten, Bonn 2010, S. 116 nicht mehr. Mit ihrer Biographie als im Nationalsozialismus Ver-
folgte fühlte sich die neue politische Elite moralisch im Recht,
das nunmehr vom Nationalsozialismus befreite Volk in eine bes-
wickelt. Die ungünstige Ausgangslage der Wirtschaft wurde sere Zukunft zu führen.
durch Reparationszahlungen an die Sowjetunion (nach offiziel- Der antifaschistische Anspruch war für viele ein wichtiges
len Angaben insgesamt 4,3 Milliarden Dollar) und Demontagen Motiv, sich aktiv am Aufbau der neuen Gesellschaft zu beteili-
von etwa 3400 Betrieben erheblich erschwert. Damit musste das gen. Vor allem die im „Dritten Reich“ herangewachsenen Ju-
von der Sowjetunion besetzte Gebiet zur Wiedergutmachung gendlichen, die damals 15- und 16-Jährigen nahmen die Chance
der vom Deutschen Reich im Krieg verursachten Schäden un- zur Mitwirkung meist bereitwillig an. Den zur Staatsdoktrin er-
vergleichlich mehr beitragen als die Westzonen. Dort übertraf hobenen Antifaschismus benutzte die SED-Führung allerdings
die Industrieproduktion im Laufe der ersten Nachkriegsjahre
bereits den Vorkriegsstand, während die Industrieproduktion
der SBZ 1946 lediglich 22 Prozent der Pro-Kopf-Produktion von
1936 erreichte.
Schon bald nach Kriegsende griff die Besatzungsmacht in den
Wirtschaftskreislauf ein. Es begann mit der Verstaatlichung der
Banken und Sparkassen im Juli 1945. Im Oktober 1945 ließ sie das
Eigentum des deutschen Staates, der NSDAP und ihrer Amtslei-
ter sowie der Wehrmacht beschlagnahmen. Große Betriebe der
Schwer- und metallverarbeitenden Industrie wurden nach ei-
nem Volksentscheid in Sachsen (30. Juni 1946) in Staatseigentum
überführt. Auch in den anderen Ländern der SBZ gelangten bis
Frühjahr 1948 rund 10 000 Unternehmen wichtiger Wirtschafts-
zweige in Staatsbesitz Ihr Anteil an der Industrieproduktion
betrug zu diesem Zeitpunkt etwa 60 Prozent. Offiziell galten sie
als „Volkseigentum“, faktisch unterstanden sie deutschen oder
sowjetischen Verwaltungsorganen. Zahlreiche Großbetriebe,
bpk / Herbert Hensky

die insgesamt mehr als ein Viertel der gesamten Industriekapa-


zität der SBZ ausmachten, gingen direkt als Sowjetische Aktien-
gesellschaften/SAG in sowjetisches Eigentum über. Sie wurden
Anfang der 1950er Jahre der Regierung der DDR übergeben. Die
administrativen Eingriffe in die Wirtschaft der SBZ führten bis Viele junge Menschen begeistern sich für den Antifaschismus und den
zum Ende der 1940er Jahre zu einem gravierenden Wandel der „Aufbau einer neuen Gesellschaft“. 1. FDJ-Funktionärskonferenz in der
Eigentumsordnung, der sich in den 1950er Jahren fortsetzte. Die Werner-Seelenbinder-Halle in Berlin-Prenzlauer Berg 1950.

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


Auf dem Weg in die Diktatur (1945 bis 1949) 15

rasch für machtpolitische Zwecke, indem politische Gegner- KPD-Führung. Die Würdigung derer, die in Deutschland geblie-
schaft zur SED mit dem Etikett „faschistisch“ versehen wurde. ben waren, die in Widerstandsgruppen ihr Leben riskiert und in
Zudem trat die Frage nach den Mitläufern und Nutznießern des Zuchthäusern und Konzentrationslagern gelitten hatten, redu-
NS-Regimes völlig in den Hintergrund. zierte sich auf die rituelle Erwähnung weniger Namen.
Mit den Jahren kam es zu einer immer stärker werdenden
politischen Einengung dessen, was in der DDR unter „Anti-
faschismus“ zu verstehen sei. Während der kommunistische Kultur und Bildung
Widerstand einseitig hervorgehoben wurde, räumte man an-
deren Opfern und Gegnern des NS-Terrors, etwa den rassisch Die sowjetische Militärverwaltung sorgte für eine rasche Wie-
Verfolgten, den „Zeugen Jehovas“ und „Bibelforschern“, den Ho- derbelebung des kulturellen Lebens: Innerhalb weniger Monate
mosexuellen, den Wehrdienstverweigerern und Wehrmachts- öffneten Theater und Opernhäuser in den großen Städten ihre
deserteuren sowie bürgerlich-liberalen Widerstandshaltungen Pforten. Im Mittelpunkt stand dabei die Pflege der deutschen
und -handlungen keinen Platz ein, und schon gar nicht jenen Klassik des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Ganz bewusst suchte
preußisch-konservativen, die zum Attentat vom 20. Juli 1944 ge- die Kulturpolitik der SMAD Anknüpfungspunkte an nationale
führt hatten. Der christliche und auch der sozialdemokratische Traditionen der Deutschen, die als Klammer für ein gesamt-
Widerstand blieben bis auf die wenigen Ausnahmen, in denen deutsches Kulturkonzept dienen konnten. Johann Wolfgang
es zu einer Zusammenarbeit mit Kommunisten gekommen von Goethe, Friedrich Schiller, Johann Gottfried Herder, Johann
war, ausgeblendet. So verengte sich gerade in der Ulbricht-Ära Gottlieb Fichte, Heinrich Heine und Johann Heinrich Pestalozzi
der Widerstandskampf deutscher Kommunisten vornehmlich avancierten zu typischen Vertretern eines humanistischen Kul-
auf Beschlüsse und Handlungen der in die UdSSR emigrierten tur- und Bildungsideals, das die Besatzungsmacht in jeder nur
denkbaren Art förderte.
International geachtete Intellektuelle entschieden sich nach
ihrem Exil für ein neues Wirkungsfeld in Ostdeutschland. Viele
von ihnen strebten wie Anna Seghers nach einer antifaschisti-
schen Alternative im Rahmen einer nichtkapitalistischen Gesell-
schaft. Sie bewegten sich dabei in einem komplizierten Span-
picture-alliance / ZB / Ernst Ludwig Bach

nungsbogen zwischen kulturpolitischem Machtanspruch der


SMAD bzw. SED und künstlerischen Freiräumen. Mit der poli-
tisch gewollten Abkehr von gesamtdeutschen Perspektiven und
dem Kurs auf die ostdeutsche Staatsgründung verringerte sich
auch das Maß an kulturpolitischer Offenheit und zugelassener
künstlerischer Freiheit. Dadurch entstanden schwere Konflikte
zwischen staatlichen Kulturinstitutionen sowie Künstlern und
Intellektuellen, die zu parteipolitisch motivierten Reglementie-
rungen und Disziplinierungen führten. Aus dem Exil zurückge-
Unter Antifaschismus wird im Laufe der Jahre allein der kommunistische
kehrte Schriftsteller wie Johannes R. Becher, Stephan Hermlin,
Widerstand verstanden. Denkmal in Berlin-Prenzlauer Berg für Ernst Stefan Heym und Arnold Zweig mussten sich in zunehmendem
Thälmann, KPD-Vorsitzender 1925 bis 1933, nach 11-jähriger Haft 1944 im Maße gegen die autoritäre Durchsetzung dogmatischer kultur-
KZ-Buchenwald ermordet. politischer Maximen behaupten.

Kulturpolitische Programmatik

Freiheit für Wissenschaft und Kunst be- meinschaft zu reißen, dann soll er das die ihrem Inhalt nach sozialistisch, ihrer
deutet, daß dem Gelehrten und Künstler „gesunde Volksempfinden“ ebenso Form nach realistisch ist. Wir wissen
kein Amt, keine Partei und keine Presse empfindlich spüren wie der Pseudowissen- aber auch, daß diese Kunst erst in einer
dreinzureden hat, solange es um die wis- schaftler, der mit anderen, aber nicht sozialistischen Gesellschaft zur Geltung
senschaftlichen und künstlerischen Be- weniger verwerflichen Mitteln dasselbe kommen kann und selbst dann noch
lange geht. Über dieses Recht soll der Ge- versuchen sollte. Hier sind die Grenzen lange Zeit zu ihrer Entwicklung braucht. In
lehrte und Künstler uneingeschränkt der Freiheit gezogen, über die hinauszu- der Sowjetunion macht diese neue Kunst-
verfügen. Die Freiheit für den Wissen- gehen den Tod aller Freiheit und Demo- richtung eine äußerst verheißungsvolle
schaftler, die Wege der Forschung ein- kratie bedeuten würde. [...] Solche Pseudo- Entwicklung durch, und wir wünschten,
zuschlagen, die er selbst für richtig hält, kunst kann nicht erwarten, daß sie von daß unsere deutschen Künstler recht
die Freiheit für den Künstler, die Gestal- unserem verarmten Volke eine beson- bald die Möglichkeit haben, sich mit ihr
tung der Form zu wählen, die er selbst für dere materielle Förderung erfährt. Denn näher bekanntzumachen.
die einzig künstlerische hält, soll unange- das hieße, die kargen Mittel am falschen
tastet bleiben. [...] Objekt verschwenden [...]. Wir sehen
Wenn dann aber irgendein Pseudo- unsere Aufgabe heute keineswegs darin, Anton Ackermann: Unsere kulturpolitische Sendung. Rede auf
der Ersten Zentralen Kulturkonferenz der KPD, 3. Februar 1946. In:
künstler herkommt, um Zoten über den Partei ausschließlich für die eine oder Neues Deutschland vom 23. April 1948.
Humanismus, die Freiheit und Demo- die andere Kunstrichtung zu ergreifen. In: Matthias Judt (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten, Bonn
kratie oder über die Idee der Völkerge- Unser Ideal sehen wir in einer Kunst, 2010, S. 316 f.

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16 Geschichte der DDR

Am 1. Oktober 1945 ordnete die SMAD die Wiederaufnahme


des Schulbetriebes an. Verbunden wurde dies mit einer Schul-
reform, die auf Entnazifizierung der Lehrkräfte abzielte und
durch Einführung einer staatlichen Einheitsschule bislang
sozial benachteiligten Schichten der Bevölkerung den Zugang
zu allen Stufen der Bildung ermöglichen sollte. Alle Lehrer, die
Mitglied der NSDAP gewesen waren, wurden entlassen und
durch in aller Eile ausgebildete Neulehrer ersetzt. Nach einer
Übergangsphase mit dem traditionellen dreigliedrigen Schul-
system besuchten ab dem Schuljahr 1946/47 alle Kinder eine
einheitliche achtjährige Grundschule. Ein anschließender

akg-images
Wechsel auf eine vierjährige Oberschule oder eine dreijährige
Berufs- oder Fachschule war möglich.
Lehrkräfte, die in der NSDAP gewesen waren, werden durch im Schnellver-
fahren ausgebildete Neulehrer ersetzt. Eine Neulehrerin mit ihrer Schul-
SED-Schulpolitik klasse in Kahnsdorf bei Borna 1949
[...] In einem gemeinsamen Aufruf von KPD und SPD hieß es im
Oktober 1945: „[...] Alle Bildungsprivilegien einzelner Schichten müssen
fallen. Das Ziel der demokratischen Schulreform ist die Schaffung Der Aufschwung des Kulturlebens konnte die Schattenseiten
eines einheitlichen Schulsystems, in dem die geistigen, moralischen des Besatzungsalltages nur schwer überdecken. Aufgrund
und physischen Fähigkeiten der Jugend allseitig entwickelt, ihr eine der desolaten Versorgungslage gehörten Hamsterfahrten auf
hohe Bildung vermittelt und allen Befähigten ohne Rücksicht
das Land, Schiebereien auf dem Schwarzmarkt und Diebstahl
auf Herkunft, Stellung und Vermögen der Eltern der Weg zu den höchs-
ten Bildungsstätten des Landes frei gemacht wird [...] Der Unterricht zum Alltag. Auch die sowjetische Besatzungspraxis sorgte für
ist Aufgabe des öffentlichen Schulwesens. Darum kann irgendwelchen Probleme: die Demontagen wichtiger Industriebetriebe und
Gemeinschaften oder Privatpersonen die Einrichtung von Privat- Schienenwege sowie die Übergriffe von Angehörigen der Be-
schulen, die den Stoff der allgemeinbildenden Schulen (Volks-, satzungsarmee auf die deutsche Bevölkerung, insbesondere
Mittel-, höhere Schulen) vermitteln, nicht zugestanden werden [...]“. auf Frauen. Verhaftungen und nachfolgende Verurteilungen
In: Hermann Weber (Hg.), Kleine Geschichte der DDR, Köln 1980, S. 29 durch sowjetische Militärtribunale richteten sich nicht nur
gegen aktive Nationalsozialisten und Funktionsträger des NS-
Regimes. In das willkürlich arbeitende Räderwerk der Verfol-
Mit der Absicht, das „bürgerliche Bildungsprivileg“ zu brechen gung gerieten zunehmend Personen, die der Besatzungsmacht
und das Studium der „Arbeiter- und Bauernkinder“ zu fördern, kritisch gegenüberstanden und als Oppositionelle eingestuft
begann im Januar/Februar 1946 der Lehrbetrieb an den Uni- wurden. Für sie richtete die Besatzungsmacht sogenannte
versitäten in Berlin, Rostock, Greifswald, Halle (Saale), Leipzig Speziallager ein, für die auch ehemalige NS-Konzentrationsla-
und Jena. Als besonders effektive Institution, eine neue, eng ger – wie beispielsweise das Lager Buchenwald bei Weimar –
mit der SED verbundenen Führungselite heranzubilden, wirk- genutzt wurden und in denen menschenunwürdige, zum Teil
ten die 1949 an den Universitäten gegründeten Arbeiter- und lebensbedrohliche Bedingungen herrschten. Bis zu ihrer Auf-
Bauernfakultäten (ABF). Sie durchbrachen gezielt die tradier- lösung 1950 dienten diese Speziallager vorwiegend der Siche-
ten Strukturen des deutschen Bildungssystems. rung sowjetischer Machtpolitik in der SBZ.

Terror gegen Sozialdemokraten stand gegenüber taub. Nachdem weitere Russen unter Androhung hoher Strafen
in der SED Verhaftungen bekannt geworden wa- befohlen hatten, diese Falschmeldungen
ren, kam es in den Parteiversammlungen zu bestätigen.
[...] Im Sommer und Herbst 1947 ver- zu Resolutionen und Protestkundge- Nach und nach wurden Einzelheiten
hafteten die Sowjets Tausende von bungen. Die Russen antworteten mit einer über das Schicksal der Verhafteten be-
sozialdemokratischen Funktionären. [...] Unzahl von Falschmeldungen. Im Falle kannt. Die meisten saßen in den Kellern
Hermann Polenz wurde in der Nacht von Hermann Polenz legten sie fingierte großer Kommandanturen in Halle,
herausgetrommelt. Die Russen stellten Briefe vor, die beweisen sollten, er sei mit Leipzig, Dresden, Magdeburg, Görlitz,
seine Wohnung auf den Kopf, durch- einer Freundin in die Westzone übergesie- Bautzen und anderen Städten. Viele
kramten alle Schränke und nahmen delt. In anderen Fällen konstruierten wurden in die Sowjetunion deportiert
unseren Kreisvorsitzenden angeb- sie Belastungsmaterial: die Verhafteten und wegen angeblicher Spionage ge-
lich zu einer Aussprache mit. Als sich seien wegen angeblicher Schieberge- gen die Rote Armee zu langjährigen Frei-
seine Frau am nächsten Tag auf der schäfte, Unterschlagungen und Betrüge- heitsstrafen verurteilt. Erst Jahre
Kommandantur nach ihrem Mann er- reien von deutschen Organen festge- später durften sie schreiben und selbst
kundigte, stellten sich die Russen un- nommen worden. Damit brachten sie Post empfangen. [...]
wissend. Der Ortsvorstand der Partei die Volkspolizei in große Gewissens-
unternahm sofort alles, um die Frei- konflikte; denn die meisten Polizeioffiziere Fritz Schenk, Im Vorzimmer der Diktatur, Köln/Berlin 1962,
lassung oder zumindest eine klare Stel- waren SED-Mitglieder. Sie wurden von S. 20 ff.
lungnahme zu erwirken. Umsonst. ihren Genossen unter Druck gesetzt, bis In: Hermann Weber (Hg.), Kleine Geschichte der DDR, Köln
Die Sowjets stellten sich auch dem Vor- sie schließlich zugaben, daß ihnen die 1980, S. 42

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Auf dem Weg in die Diktatur (1945 bis 1949) 17

bpk / Bayerische Staatsbibliothek / 
Kalter Krieg

Archiv Heinrich Hoffmann


Die Außenministerkonferenz in Moskau im Frühjahr 1947 of-
fenbarte das Unvermögen der Großmächte, sich über die „deut-
sche Frage“ zu einigen, das gegenseitige Misstrauen verstärkte
sich. Folglich intensivierten sie ihre Bemühungen, die von ihnen
besetzten Teile Deutschlands in ihre Interessensphäre einzu- Auf der Außenministerkonferenz in Moskau 1947 treten die Gegensätze zwischen
gliedern und die politischen Verhältnisse an die eigenen gesell- den Großmächten deutlich zutage, speziell in Bezug auf die „deutsche Frage“.

Die Entwicklung der SED Partei sein. Die Partei stellt ein Organi- Bekämpfung unerwünschter
zu einer Partei neuen Typus ... sationssystem dar, in dem sich alle Glie- Elemente
der den Beschlüssen unterordnen. Nur
1. Die großen Aufgaben, die vor dem so kann die Partei die Einheit des Willens Wer [...] im bezahlten Solde einer fremden
werktätigen Volke Deutschlands stehen, und die Einheit der Aktion der Arbeiter- Macht desorganisiert, wer Diversanten,
machen es erforderlich, das große klasse sichern. [...] Saboteure und Spitzel organisiert, hat sich
historische Versäumnis der deutschen Die marxistisch-leninistische Partei des Anspruchs auf die Menschenrechte
Arbeiterbewegung nachzuholen und beruht auf dem Grundsatz des demo- selbst begeben [sic!]. (Lebhafter Beifall) [...]
die SED zu einer Partei neuen Typus zu kratischen Zentralismus. Dies bedeutet Zu welchen Ergebnissen die Tätigkeit
entwickeln. [...] die strengste Einhaltung des Prinzips dieser Agenten bereits geführt hat, ist bis-
2. Die Kennzeichen einer Partei neuen der Wählbarkeit der Leitungen und Funk- her der Öffentlichkeit noch nicht zusam-
Typus sind: tionäre und der Rechnungslegung der menhängend dargelegt worden. Soviel
Die marxistisch-leninistische Partei ist Gewählten vor den Mitgliedern. Auf dieser muß aber hier dazu gesagt werden,
die bewußte Vorhut der Arbeiterklasse. innerparteilichen Demokratie beruht die daß die konspirative Arbeit dieser Agenten
Das heißt, sie muß eine Arbeiterpartei straffe Parteidisziplin, die dem sozialisti- von der Spionage bis zur Durchführung
sein, die in erster Linie die besten Elemen- schen Bewußtsein der Mitglieder ent- von Brandstiftungen und Bombenatten-
te der Arbeiterklasse in ihren Reihen springt. Die Parteibeschlüsse haben aus- taten geht. Sie umfaßt Sabotagemaß-
zählt, die ständig ihr Klassenbewußtsein nahmslos für alle Parteimitglieder nahmen in Werken aller Art und ist eine
erhöhen. Die Partei kann ihre führen- Gültigkeit, insbesondere auch für die in ständige Quelle übelster Gerüchtema-
de Rolle als Vorhut des Proletariats nur Parlamenten, Regierungen, Verwal- cherei und Beunruhigung. [...] Soweit die
erfüllen, wenn sie die marxistisch- tungsorganen und in den Leitungen der Agententätigkeit aufgespürt werden
leninistische Theorie beherrscht, die ihr Massenorganisationen tätigen Partei- konnte, ist sie zerschlagen, und, Genossen,
die Einsicht in die gesellschaftlichen mitglieder. sie wird in unseren eigenen Reihen, wo
Entwicklungsgesetze vermittelt. Daher Demokratischer Zentralismus bedeutet immer wir sie treffen werden, auch in Zu-
ist die erste Aufgabe zur Entwicklung die Entfaltung der Kritik und Selbstkritik kunft zerschlagen werden. [...] Ihre Ant-
der SED zu einer Partei neuen Typus die in der Partei, die Kontrolle der konsequen- wort auf unsere fortschrittlichen Maßnah-
ideologisch-politische Erziehung der ten Durchführung der Beschlüsse durch men besteht daher in einer Steigerung
Parteimitglieder und besonders der Funk- die Leitungen und die Mitglieder. der Aktivität ihrer Agenten, und so bleiben
tionäre im Geiste des Marxismus-Leni- Die Duldung von Fraktionen und Grup- diese Kreise immer wieder darum be-
nismus. pierungen innerhalb der Partei ist un- müht, das aufgebrochene Netz von Sabo-
Die Rolle der Partei als Vorhut der Ar- vereinbar mit ihrem marxistisch-leninis- teuren und Provokateuren wieder so
beiterklasse wird in der täglichen operati- tischen Charakter. [...] dichtmaschig wie möglich zu machen.
ven Leitung der Parteiarbeit verwirklicht. Die marxistisch-leninistische Partei Unsere Genossen müssen überall die
Sie ermöglicht es, die gesamte Parteiarbeit ist vom Geiste des Internationalis- Augen offenhalten und rücksichtslos da-
auf den Gebieten des Staates, der Wirt- mus durchdrungen. [...] Sie erkennt die zu beitragen, daß den Agenten des
schaft und des Kulturlebens allseitig zu führende Rolle der Sowjetunion und anglo-amerikanischen Imperialismus
leiten. Um dies zu erreichen, ist die Schaf- der KPdSU (B) im Kampfe gegen den das Handwerk gründlich und endgültig
fung einer kollektiven operativen Führung Imperialismus an und erklärt es zur gelegt wird.
der Partei durch die Wahl eines Politi- Pflicht jedes Werktätigen, die sozialisti-
schen Büros (Politbüro) notwendig. sche Sowjetunion mit allen Kräften Otto Grotewohl: Die Politik der Partei und die Entwicklung der
SED zu einer Partei neuen Typus. In: PROTOKOLL 1949,
Die marxistisch-leninistische Partei zu unterstützen. S. 327-397, hier 361 f.
ist die organisierte Vorhut der Arbeiter- Beide Texte in: Matthias Judt (Hg.), DDR-Geschichte in Doku-
Entschließung der Ersten Parteikonferenz: Die nächsten
klasse. Alle Mitglieder müssen unbedingt Aufgaben der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. In:
menten, Bonn 2010, S. 46 f. und 484 f.
Mitglied einer der Grundeinheiten der PROTOKOLL 1949, S. 514 – 531

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18 Geschichte der DDR

schaftlichen Ordnungsvorstellungen anzupassen. Die SBZ geriet seit dem Scheitern der Londoner Außenministerkonferenz im
in den Sog des Kalten Krieges sowie in das Spannungsfeld der November/Dezember 1947, als es zu keiner Einigung über die
bipolaren Block- bzw. Lagerbildung durch die neuen Supermäch- Durchführung gesamtdeutscher Wahlen gekommen war, einen
te USA und Sowjetunion. kompromisslosen Konfrontationskurs. In den folgenden Jahr-
Seit 1947 griff die Sowjetunion vermehrt in die Innenpolitik zehnten wurden auf beiden Seiten politische, ökonomische und
Polens, Ungarns und der Tschechoslowakei ein. Für die Ameri- militärische Anstrengungen unternommen, um den Einfluss des
kaner verstärkte sich der Eindruck, die Sowjetunion wolle in anderen Lagers weltweit einzudämmen oder zurückzudrängen.
ihrem Einflussgebiet nunmehr kommunistische Systeme nach Während der globalen Konfrontation zwischen der UdSSR
eigenem Vorbild errichten, um ihre Interessensphäre machtpo- und den Westmächten wuchs die machtpolitische Bedeutung
litisch abzusichern. Der aus amerikanischer Sicht als Expansi- Ostdeutschlands als strategisches Vorfeld für die Absicherung
onismus wahrgenommenen Politik Stalins in Osteuropa sollte des sowjetischen Einflusses in Osteuropa. Die sowjetische Füh-
eine Politik der „Eindämmung“ entgegengestellt werden, die in rung ordnete der Sicherung der SED-Machtpositionen deshalb
der nach dem US-amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman einen zentralen Stellenwert zu. Sie drängte nun darauf, die SED
benannten „Truman-Doktrin“ vom Frühjahr 1947 ihren sichtba- in eine Partei nach sowjetischem Vorbild, in eine „Partei neu-
ren Ausdruck fand. Das am 5. Juni 1947 vom amerikanischen Au- en Typus“ umzuwandeln. Das von Lenin entwickelte und von
ßenminister George. C. Marshall vorgeschlagene „Europäische Stalin vollendete autoritäre Parteikonzept betrachteten auch
Wiederaufbauprogramm“ („Marshall-Plan“) sah Hilfsleistun- führende deutsche Kommunisten als Voraussetzung, um die
gen zum Wiederaufbau des kriegsgeschädigten Europa vor, die Schlüsselstellungen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und
auch der Sowjetunion und den Ländern Osteuropas angeboten Kultur zu erobern. So entwickelte sich die SED in den Jahren 1948
wurden. Da die Sowjetunion den Marshall-Plan jedoch als In- und 1949 zu einer straff organisierten Parteiorganisation, in der
strument zur wirtschaftlichen Versklavung und politischen ein extremer Zentralismus und eiserne Disziplin bei der Umset-
Spaltung betrachtete, veranlasste sie die osteuropäischen Län- zung der Parteibeschlüsse herrschten. Die starke Betonung von
der zur Ablehnung. Somit kamen die amerikanischen Kredite Gewalt, Druck und Zwang bei der Unterordnung der Mitglieder
und Warenlieferungen nur noch den Ländern Westeuropas und unter die Beschlüsse der Führung führte dazu, dass innerhalb
den Westzonen Deutschlands zugute. Damit stärkte der „Mar- der SED Kritik an Führungsbeschlüssen nicht mehr möglich war,
shall-Plan“ materiell den Westen und schwächte den kommu- ohne repressive und letztlich auch strafrechtliche Konsequenzen
nistischen Einfluss in Westeuropa. fürchten zu müssen.
Das seither vorherrschende Lagerdenken wirkte sich beson-
ders in den Verhandlungen der Siegermächte über die „deutsche
Frage“ aus. Die Sowjetunion wollte sie vor allem als Druckmittel Das SED-Parteilied von 1950
gegen den weiteren Zusammenschluss der westlichen Mäch- Sie hat uns alles gegeben.
te nutzen. Die ehemals verbündeten Siegermächte beschritten Sonne und Wind. Und sie geizte nie.
Wo sie war, war das Leben.
Was wir sind, sind wir durch sie.
Der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow verlässt am 16. De- Sie hat uns niemals verlassen.
zember 1947 die Londoner Außenministerkonferenz. Die Zeichen deuten Fror auch die Welt, uns war warm.
auf Konfrontation und zwei deutsche Staaten hin. Uns schützte die Mutter der Massen,
Uns trägt ihr mächtiger Arm.
Die Partei,
Die Partei, die hat immer recht!
Und, Genossen, es bleibe dabei;
Denn wer kämpft für das Recht,
Der hat immer recht
Gegen Lüge und Ausbeuterei.
Wer das Leben beleidigt,
Ist dumm oder schlecht.
Wer die Menschheit verteidigt,
Hat immer recht.
So, aus Leninschem Geist,
Wächst, von Stalin geschweißt,
Die Partei – die Partei – die Partei.
[...]

Fürnberg, Louis: Die Partei. In. WEBER 1968, S. 56 f.


In: Matthias Judt (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten, Bonn 2010, S. 47

Stalin wollte in jedem Fall den Eindruck vermeiden, die Sowjet-


union sei schuld an der Teilung Deutschlands. So zögerte er die
Bildung eines ostdeutschen Staates solange es ging hinaus und
wies die SED-Führung an, im Interesse einer gesamtdeutschen
picture-alliance / dpa

Regelung die Einheit Deutschlands nach außen hin weiter zu


propagieren. Innenpolitisch stellte die SED-Führung dagegen
alle Weichen für den Ausbau der eigenen Macht und schuf ge-
sellschaftspolitisch unumstößliche Rahmenbedingungen für
eine Staatsgründung im Osten Deutschlands.

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19

Andreas Malycha

Der Ausbau des neuen


Systems (1949 bis 1961)

Am 7. Oktober 1949 wird die DDR gegründet. Rasch gelingt es


der SED, ihre Macht auszubauen und Wirtschaft und Ge-
sellschaft nach ihren Vorstellungen zu formen. Aufkeimende
Widerstände werden im Geist des Stalinismus mit repressi-

akg-images
ven Mitteln bekämpft.

Am 7. Oktober 1949 konstituiert sich der im Mai 1949 gewählte Volksrat zur
„provisorischen Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik“
und nimmt die Verfassung an – die Geburtsstunde der DDR.

Die Gründung der DDR

Nach dem endgültigen Scheitern deutschlandpolitischer Über- Deutschen Volksrat mit 330 Mitgliedern, die ausnahmslos aus
einkünfte zwischen der Sowjetunion und den Westmächten der sowjetischen Zone stammten. 120 Mitglieder des Volks-
bestand im Frühjahr 1949 für die SED-Führung keine Notwen- rates gehörten den Blockparteien an, 173 hatten einen SED-
digkeit mehr zu außenpolitischen Rücksichtnahmen, um die Hintergrund. Mit dem am 30. Mai 1949 verkündeten „Entwurf
Bildung des ostdeutschen Teilstaates zum Abschluss zu brin- einer Verfassung für die Deutsche Demokratische Republik“
gen. Doch blieb die politische Legitimation der SED in diesem wurde der verfassungsrechtliche Rahmen der künftigen Teil-
Staat ein erkennbarer Schwachpunkt. Angesichts schwinden- republik abgesteckt.
der Folgebereitschaft in der Bevölkerung und selbst in der Mitte September 1949 traf eine SED-Delegation in Moskau
eigenen Partei war an einen offenen Parteienwettbewerb im ein, um die konkreten Schritte zur Gründung der DDR zu be-
Rahmen regulärer Wahlen nicht zu denken. Um dem gesam- sprechen. Am 7. Oktober 1949 trat der Deutsche Volksrat zu-
ten Vorgang der ostdeutschen Staatsgründung eine formale sammen. Seine 330 Mitglieder konstituierten sich zur „pro-
demokratische Legitimation zu verschaffen, schlug die SED visorischen Volkskammer der Deutschen Demokratischen
Delegiertenwahlen für einen „Deutschen Volkskongreß“ auf Republik“. In ihr stellte die SED mit 96 Abgeordneten die
der Basis von Einheitslisten vor, die auch Gewerkschaften und stärkste Fraktion. Die Wahlen zur Volkskammer wurden um
Massenorganisationen einbezogen. Die anderen Parteien ak- ein Jahr, auf den Oktober 1950 verschoben. Diese Frist sollte
zeptierten diesen Abstimmungsvorgang unter der Bedingung, der SED-Führung ermöglichen, die anderen Parteien zur Zu-
dass bei den anstehenden Kommunal- und Landtagswahlen stimmung zu den Einheitslisten zu bewegen. Am 11. Oktober
wieder getrennte Wahlvorschläge der einzelnen Parteien zur wählte die provisorische Volkskammer Wilhelm Pieck zum
Anwendung kommen würden. Staatspräsidenten. Mit der Regierungsbildung wurde Otto
Am 15. und 16. Mai 1949 fanden in der sowjetischen Zone die Grotewohl beauftragt.
Wahlen zu einem „Deutschen Volkskongreß“ statt. Bei einer Am 12. Oktober stellte Ministerpräsident Otto Grotewohl
Wahlbeteiligung von 94,1 Prozent befürworteten nach offizi- sein Kabinett vor. Otto Nuschke (CDU), Walter Kastner (LDP)
ellen Angaben 66,1 Prozent der Abstimmenden die Einheits- und Walter Ulbricht (SED) wurden als stellvertretende Minis-
liste von SED, CDU, LDP, NDPD, DBD, FDGB und zehn anderen terpräsidenten bestätigt. Von den 18 Mitgliedern der ersten
Organisationen sowie Einzelkandidaten. Dieses Resultat war DDR-Regierung gehörten acht der SED, vier der CDU, drei der
nur durch starke Manipulation erreicht worden, indem etli- LDP, einer der NDPD, einer der DBD und ein Parteiloser an.
che ungültige, aber auch Nein-Stimmen in positive verwan- Die Volkskammer erklärte als Akt der Staatsgründung am
delt wurden. Dem Deutschen Volkskongress gehörten auch 7. Oktober 1949 die „Verfassung der Deutschen Demokratischen
Abgesandte aus Westdeutschland an, die dort nicht gewählt, Republik“ zu geltendem Recht. Statt Gewaltenteilung, wie für
sondern größtenteils von der KPD nach Ost-Berlin delegiert ein demokratisches Staatswesen üblich, war Gewaltenkonzen-
worden waren. Am 29. Mai 1949 wählte der Kongress einen tration vorgesehen. Die Verfassung definierte zwar die Volkskam-

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20 Geschichte der DDR

„führende Rolle der SED“ im zentralen Staatsapparat fixierten.


Die jeweils zuständigen Abteilungen des Zentralkomitees be-
stimmten sowohl fachlich als auch politisch die Tätigkeit der
ihnen zugeordneten Ministerien. Alle politisch und fachlich
bedeutsamen Entscheidungen der Volkskammer, der Regie-
rung sowie der einzelnen Ministerien mussten zunächst im
Politbüro bzw. im Sekretariat des Zentralkomitees eingereicht
werden. Dort wurde über das weitere Vorgehen entschieden.
Die Verfassung bestimmte das traditionelle Schwarz-Rot-
Gold als Farben der neuen ostdeutschen Republik, Berlin als
ihre Hauptstadt. Als Staatsemblem kamen später ein Hammer
bpk / Herbert Hensky

und ein Zirkel im Ährenkranz hinzu, die das Bündnis zwischen


Arbeitern, Bauern und neuer „Intelligenz“ als tragenden Säu-
len des Staatswesens symbolisierten. Als Hymne wählte die
Regierung einen von Hanns Eisler vertonten Text Johannes
R. Bechers aus, der neben dem Fortschrittspathos auch einen
Alle politischen Entscheidungen treffen die Führungsorgane der SED, an deren damals noch gewollten Hinweis auf die Einheit Deutschlands
Spitze das Politbüro des Zentralkomitees der SED, Sitzung im August 1950. enthielt: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zuge-
wandt, laß uns Dir zum Guten dienen, Deutschland, einig
Vaterland.“ Nach der Machtübernahme Erich Honeckers 1971
mer als höchstes gesetzgebendes Organ. In der politischen Praxis konnte die Hymne jedoch nur noch ohne Text gespielt werden.
spielte sie jedoch keine Rolle, denn alle zentralen politischen, öko- Ein offizieller Bezug zur deutschen Einheit war seitdem nicht
nomischen, kulturellen und sozialpolitischen Entscheidungen mehr erwünscht.
trafen zentrale Führungsorgane der SED. Rein formell blieb auch Mit der Gründung der DDR endete auch formell die sowje-
der erklärte Wille, „die Freiheit und die Rechte des Menschen zu tische Besatzung in Ostdeutschland. Die SMAD übertrug am
verbürgen, das Gemeinschafts- und Wirtschaftsleben in sozialer 10. Oktober 1949 die Verwaltungsfunktionen, die bislang ihr
Gerechtigkeit zu gestalten, dem gesellschaftlichen Fortschritt zu zugestanden hatten, der DDR-Regierung. Sie selbst wandelte
dienen, die Freundschaft mit allen Völkern zu fördern und den sich in „Sowjetische Kontrollkommission“ (SKK) um. An ihrer
Frieden zu sichern“. Verfassungstext und Verfassungswirklich- Spitze stand Armeegeneral Wassili I. Tschuikow, der zuvor auch
keit fielen in der gesellschaftlichen Praxis weit auseinander. schon Chef der SMAD gewesen war. Der prägende Einfluss der
Die individuellen Menschen- und Bürgerrechte waren nie SKK auf zentrale Bereiche der Politik, Wirtschaft und inneren
einklagbar und wurden von den Regierenden willkürlich aus- Verwaltung blieb dennoch sehr stark erhalten.
gelegt. Eine Verwaltungs- und Verfassungsgerichtsbarkeit Im Frühjahr 1950 gelang es der SED-Führung, den Wider-
kannte die DDR nicht. Demokratische Grundrechte, die wie die stand von CDU und LDP gegen die Einheitsliste für die Volks-
Meinungsfreiheit in der Verfassung garantiert werden sollten, kammerwahlen im Oktober zu brechen, nachdem kritische
wurden in der gesellschaftlichen Praxis nur dann respektiert, Führungsmitglieder in den Landesorganisationen beider Par-
wenn sie nicht am uneingeschränkten Machtanspruch der teien abgelöst worden waren. Am 16. Mai 1950 erklärten sich
SED rüttelten. Somit war eine Verfassung entstanden, die sich alle Parteien bereit, eine gemeinsame Kandidatenliste der
zwar auf die bürgerlichen Traditionen der Weimarer Repu- „Nationalen Front“ zu akzeptieren. Die Sitzverteilung in der
blik berief, die aber der marxistisch-leninistischen Staatslehre Volkskammer zwischen SED, CDU, LDP, DBD, NDPD und Mas-
folgte. Dementsprechend galt die Praxis, den Verfassungstext senorganisationen wurde vor der Wahl ausgehandelt, sodass
unter sich wandelnden gesellschaftlichen Bedingungen stets der Wahlgang am 15. Oktober 1950 bei einer Wahlbeteiligung
machtpolitisch zu interpretieren. von 98,5 Prozent nur noch ein formeller Akt der Bestätigung
Im Oktober 1949 verabschiedete das zentrale Führungsgre- war. Die SED stellte formal nur ein Viertel der Abgeordneten,
mium der SED, das Politbüro, weitreichende Beschlüsse, die die während auf die übrigen vier Parteien zusammen knapp die

Einheitsliste für die Volks- Für die Volkskammer wird an der im […] In der Sitzung des Demokratischen
kammerwahl im Oktober 1950 Artikel 52 der Verfassung der Deutschen Blocks bestand restlos Einmütigkeit
Demokratischen Republik festgesetzten darüber, daß es gilt, die Wahlen vom
Der Demokratische Block, die Einheits- Abgeordnetenzahl von 400 Mitgliedern 15. Oktober zu einer wirkungsvollen
front der antifaschistisch-demokratischen festgehalten. Sie verteilen sich in dem und würdigen Manifestation der deut-
Parteien, trat am Donnerstag, 6. Juli, vereinbarten gemeinsamen Wahlvorschlag schen Einheit und zu einem leiden-
unter dem Vorsitz von Otto Nuschke zu prozentual wie folgt: schaftlichen Bekenntnis zum Kampfe
einer Sitzung zusammen, um zu den für den Frieden zu gestalten.
Wahlvorbereitungen für den Großwahl- SED 25,0 vH FDJ 5,0 vH Berlin, den 7. Juli 1950
tag am 15. Oktober dieses Jahres Stellung CDU 15,0 vH DFD 3,7 vH
zu nehmen. […] [D]er Demokratische Block LDP 15,0 vH VVN 3,7 vH Leidenschaftliches Bekenntnis für Einheit und Frieden. Einmü-
tiger Beschluss des Demokratischen Blocks zur Oktoberwahl.
[hat] einmütig die Vorschläge der Par- NDPD 7,5 vH Kulturbund 5,0 vH In: Neues Deutschland vom 8. Juli 1950.
teiführer für die Wahlen am 15. Oktober DBD 7,5 vH VdgB 1,3 vH In: Matthias Judt (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten, Bonn
gebilligt. FDGB 10,0 vH Genossenschaften 1,3 vH 2010, S. 63 f.

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


Der Ausbau des neuen Systems (1949 bis 1961) 21

Hälfte der Sitze entfielen. Da aber unter den Abgeordneten


der Massenorganisationen viele auch Mitglied der SED waren,
konnten die bürgerlichen Parteien keine Mehrheiten zusam-
menbringen. Die ersten Volkskammerwahlen demonstrier-
ten, dass die herrschenden Machtverhältnisse durch diesen
scheindemokratischen Abstimmungsmodus nicht mehr ver-
ändert werden konnten.

Der „Aufbau des Sozialismus“

akg-images
Auflösung der Länder Mit allen Mitteln geht die SED gegen echte und vermeintliche Gegner vor.
Hilde Benjamin, 1949 bis 1953 Vizepräsidentin des Obersten Gerichts der
Am 23. Juli 1952 verabschiedete die Volkskammer das „Gesetz DDR, verhört 1952 den Abteilungsleiter eines Schwermaschinenbaus unter
über die weitere Demokratisierung des Aufbaus und der Ar- dem Vorwurf von Werkspionage.
beitsweise der staatlichen Organe“ der DDR. Das zunächst
harmlos klingende Gesetz begründete eine bis 1990 gelten-
de administrativ-territoriale Neugliederung der DDR. Mit der Der „Klassenkampf“ von oben
Auflösung der Länder zerschlug die DDR-Führung auch die
letzten Reste föderalistischer Traditionen und schränkte die Unmittelbar nach der Gründung der DDR ging die SED-Führung
demokratischen Möglichkeiten stark ein. An die Stelle der bis- dazu über, ihre Herrschaft in Staat und Gesellschaft zu festigen
herigen fünf Länder traten nun 14 Bezirke. Ost-Berlin hatte als und auszubauen. Die gesellschaftspolitischen Wandlungen, die
DDR-Hauptstadt einen herausgehobenen Status, zählte aber seit 1945 in Angriff genommen worden waren, wurden zielstre-
de facto als 15. Bezirk. Die Anzahl der Kreise wuchs von 132 auf big weitergeführt. Um die anvisierten gesellschaftspolitischen
217. Der Rat des Bezirkes und der Bezirkstag traten an die Stel- Ziele zu erreichen, galt es, politische Gegnerschaft auszuschalten.
le von Landesregierung und Landtag. An der Spitze der neu- Die theoretische Grundlage dazu lieferte Stalins Fiktion über die
en Verwaltungseinheit stand der Vorsitzende des Rates des angeblich gesetzmäßige Verschärfung des Klassenkampfes zwi-
Bezirkes, der sich auf einen starken hauptamtlichen Apparat schen alten und neuen Machthabern in der sogenannten Über-
stützen konnte. Als die eigentliche Machtzentrale in den neu- gangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus. Sie rechtfer-
en Bezirken traten die jeweiligen Bezirksleitungen der SED in tigte die ständige Suche nach Feinden in den eigenen Reihen
Erscheinung, deren 1. Sekretär über eine herausgehobene Po- und die Ausschaltung unliebsamer Konkurrenten im Kampf um
sition verfügte. die Macht bis in die Führungszirkel der Partei hinein.

Junge Widerständler in Altenburg hinter ihm 14 weitere Angeklagte, Propaganda und 20 Jahren Arbeits-
darunter drei Frauen, allesamt mit kurz lager wegen Bildung einer illegalen Grup-
Es war schon nach Mitternacht, als es an geschorenen Haaren. […] Alle waren pe. Am Ende wurde die Haftstrafe auf
der Tür schellte. Die Tasche stand bereit. dem sowjetischen Militär überstellt wor- 25 Jahre festgelegt. […]
Er wollte fliehen. Doch Jörn-Ulrich Brödel den. Allen wurden antisowjetische „Die drei zum Tode Verurteilten haben
zögerte zu lange. Mehrere Stasi-Mitar- Verbrechen vorgeworfen, und die end- wir nie wieder gesprochen oder gesehen. Sie
beiter und Volkspolizisten standen vor sei- losen nächtlichen Verhöre hatten wurden sofort abgeführt.“ […] „Nie-
ner Wohnung im thüringischen Alten- ihren Widerstand gebrochen. Sie ge- mand hatte mit der Todesstrafe gerech-
burg. Sie kamen in Zivil, und sie kamen, um standen auch Taten, die sie nie begangen net.“ Was die Schüler nicht wussten:
ihn abzuholen. Es war der 25. März 1950, hatten. Stalin hatte die Todesstrafe 1947 zwar
ein Samstag. Am Vortag hatten sie Brödels Der Geheimprozess vor dem sowjeti- abgeschafft, aber 1950 wieder einge-
Freund Ulf Uhlig festgenommen. Ihr An- schen Militärtribunal 48 240 dauerte führt. [...] Rund 1000 Deutsche wurden
griff auf Stalin lag drei Monate zurück. Zu sechs Tage. Verteidiger sah die Willkürjus- zwischen 1950 und 1953 von den
viert hatten sie einen Radiosender ge- tiz nicht vor. Brödel ist heute überzeugt: Sowjets in der DDR zum Tode verurteilt,
baut und damit die Festansprache zu Eh- Die drei Richter waren nur Zeremonien- in getarnten Eisenbahnwaggons nach
ren des sowjetischen Machthabers meister, die Angeklagten Statisten in Moskau verschleppt und hingerichtet. [...]
gestört. Jetzt sollten Brödel und seine einem fertigen Drehbuch. „Wir saßen von Brödel verbrachte dreieinhalb Jahre
Freunde dafür büßen […]. […] Wer sie Beginn an in exakt der Reihenfolge, in in der Strafvollzugsanstalt Bautzen.
verriet oder wie man ihnen auf die Spur der die Urteile gefällt wurden.“ Die ersten Mehrere Monate nach Stalins Tod wurde
kam, ist bis heute nicht ganz geklärt. drei der 15 wurden zum Tode verurteilt. er vorzeitig entlassen und floh über das
Ein halbes Jahr danach, Anfang Sep- […] Brödel war der Sechste auf der Bank. Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde in
tember 1950, saß Brödel auf einer An- Auch er fürchtete den Tod. Doch die den Westen. […]
klagebank des Landgerichts Weimar. An Richter […] verurteilten Brödel zu 25 Jahren Nicholas Brautlecht, „Eisern gegen Stalin“, in: Frankfurter Rund-
der Wand ein Stalin-Bild, neben und Arbeitslager wegen antisowjetischer schau vom 15. Juni 2011

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22 Geschichte der DDR

Die SED folgte dieser Theorie mit einer geradezu manischen gegründeten Ministerium für Staatssicherheit (MfS) sowie
Suche nach Parteifeinden, Saboteuren und „Agenten des Im- der politischen Justiz ausgingen. In enger Zusammenarbeit
perialismus“, die Generalsekretär Walter Ulbricht nicht nur mit den Staatsanwaltschaften operierte das MfS außerhalb
außerhalb, sondern auch innerhalb der Partei vermutete. rechtsstaatlich gesicherter Normen, um die innere Lage der
„Parteisäuberungen“ wurden ein ständiger Bestandteil des DDR mit repressiven Mitteln zu überwachen.
innerparteilichen Lebens. Andererseits litten besonders CDU Immer öfter wurden die Gefahren beschworen, die angeb-
und LDP sowie die Kirchengemeinden unter massiven Repres- lich von „kapitalistischen Elementen“ für den gesellschaftli-
sionen, die von staatlichen Organen wie der Polizei, dem 1950 chen Fortschritt ausgehen würden. Der staatliche Sektor der

„Schädlingsarbeit“ ter zu festigen. Es muss erreicht werden, und parteifremder Elemente die Partei
daß sie mit dem Volk fest verbunden gefestigt hat. […]
Die anglo-amerikanischen Agenten und sind, auf die Signale der Werktätigen ach- Schädlingsarbeit auf dem Gebiet der
andere Verbrecher schrecken vor Diversions- ten, sich in ihrer gesamten Tätigkeit auf Ideologie ist in gewissem Sinne gefähr-
akten, Brandstiftungen, Eisenbahn- das Volk stützen und sich dem Volke ver- licher als auf dem Gebiete der Wirtschaft.
attentaten und Sabotageakten gegen antwortlich fühlen. […] Durch sie wird versucht, die Partei vom
unsere Volkswirtschaft nicht zurück. Gleichzeitig wurden aus der Partei richtigen marxistisch-leninistischen Wege
Die Regierung unserer Republik beantwor- viele Karrieristen, zersetzte und kor- abzubringen, ihr fremde Ansichten und
tete diese feindlichen Anschläge mit der rumpierte Elemente, die um ihrer per- Weltanschauungen aufzuzwingen.
Schaffung des Ministeriums für Staats- sönlichen Vorteile willen in die Par-
sicherheit, das berufen ist, die Schädlinge, tei gekommen waren, und auch feind- Wilhelm Pieck: Die gegenwärtige Lage und die Aufgaben der
Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. In: PROTOKOLL 1951,
Saboteure und Attentäter, alle Feinde liche Agenten ausgeschlossen, die S. 57. [Rede am 20. Juli 1950 auf dem III. SED-Parteitag]
unserer Republik zu fassen und unschäd- von imperialistischen Spionagediensten In: Matthias Judt (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten, Bonn
lich zu machen. (Beifall.) […] in unsere Reihen geschickt worden 2010, S. 486
Unsere Volkspolizei, die Organe der waren. Es versteht sich von selbst, dass
Staatssicherheit und der Justiz sind wei- die Vertreibung feindlicher Spione

„Irrwege“ moderner ... und Maßnahmen zu ihrer der Arbeit der Theater, der staatlichen
Kunst ... Bekämpfung Einrichtungen für Musik, Tanz und
Gesang, der Institute der bildenden Kunst
[…] Die formalistischen Künstler wollen Die Hauptursache für das Zurückbleiben und der Kunsthoch- und -fachschulen
die Forderung, daß Form und Inhalt in der Kunst hinter den Forderungen sein wird. […]
einander entsprechen müssen, nicht gel- der Epoche ergibt sich aus der Herrschaft h) Durch das Studium des Marxismus-
ten lassen. Sie stellen die Form, die Far- des Formalismus in der Kunst sowie Leninismus – der Wissenschaft von den
be, das Licht usw. in den Vordergrund und aus Unklarheiten über Weg und Methoden Entwicklungsgesetzen in Natur und
halten diese für die „Hauptperson“ des Kunstschaffenden in der Deutschen Gesellschaft – wird es den Kunstschaffen-
im Bilde des Malers. Dadurch verarmt Demokratischen Republik. […] Das wichtigs- den am besten möglich, das Leben in
die Kunst aufs äußerste. Sie wird inhalt- te Merkmal des Formalismus besteht in seiner Aufwärtsentwicklung richtig dar-
los, leer, ideenlos und vom Standpunkt der dem Bestreben, unter dem Vorwand oder zustellen. Da die aktive Teilnahme der
Gesellschaft aus unnütz. […] auch der irrigen Absicht, etwas „voll- Künstler am politischen Leben und am
Wenn die Malerei aufhört, die Wirk- kommen Neues“ zu entwickeln, den völ- demokratischen Neuaufbau, z.B. an
lichkeit darzustellen, und der Maler an ligen Bruch mit dem klassischen der Arbeit der Friedenskomitees, der Aus-
Stelle von Menschen stereometrische Kulturerbe zu vollziehen. Das führt zu schüsse der Nationalen Front des
Figuren, Linien, Punkte und anderen Un- Entwurzelung der nationalen Kultur, demokratischen Deutschland, an den
sinn in Würfelform zeichnet, dann ist das zur Zerstörung des Nationalbewusstseins, gesellschaftlichen Organisationen,
das Ende der Malerei. […] fördert den Kosmopolitismus und be- und die enge, unmittelbare Verbindung
Entartung und Zersetzung sind charak- deutet damit eine direkte Unterstützung mit den Aktivisten, Arbeitern und An-
teristisch für eine ins Grab steigende der Kriegspolitik des amerikanischen gehörigen der Intelligenz in den volksei-
Gesellschaft. Für eine aufsteigende Klas- Imperialismus. […] genen Betrieben, MAS und VEG usw.
se, die vertrauensvoll in die Zukunft Um auf dem Gebiet der Kunst weiter die Voraussetzung für eine erfolgreiche
blickt, sind Optimismus und das Streben vorwärtszukommen, hält das Zentral- Gestaltung von Gegenwartsproblemen
charakteristisch, die inneren Kräfte, komitee der Sozialistischen Einheitspartei ist, muß durch die Leitung der Verbände
den Adel, und die Schönheit einer neu Deutschlands folgende Maßnahmen für die Teilnahme der Kunstschaffenden an
entstehenden Gesellschaftsordnung, erforderlich: dieser Arbeit planmäßig organisiert werden.
die neuen Beziehungen zwischen den a) Das Zentralkomitee der Sozialisti-
Menschen und den neuen Menschen schen Einheitspartei hält die Zeit für Der Kampf gegen den Formalismus in Kunst und Literatur, für
eine fortschrittliche deutsche Kultur. Entschließung des ZK der SED
selbst darzustellen. […] gekommen, die Staatliche Kommission auf der 5. Tagung vom 15.-17. März 1951. In: LAUTER 1951, S. 148-167.

Nikolai Orlow: Wege und Irrwege moderner Kunst. In: Tägliche


für Kunstangelegenheiten vorzuberei- Beide Texte in: Matthias Judt (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten,
Rundschau vom 20./21. Januar 1951. ten, deren Hauptaufgabe die Anleitung Bonn 2010, S. 317 ff.

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Der Ausbau des neuen Systems (1949 bis 1961) 23

Wirtschaft sollte in kürzester Zeit auf Kosten der privaten Be- fiel selbst eine von der AdK präsentierte Ernst-Barlach-Aus-
triebe ausgebaut werden. Walter Ulbricht kündigte wieder- stellung zum Opfer, weil die Werke des Bildhauers nach Mei-
holt in seinen Reden an, die „kapitalistischen Elemente“ zu nung der SED-Kunstexperten einen „düsteren, bedrückenden,
beschränken, den „Widerstand der gestürzten und enteigne- pessimistischen Charakter“ besäßen und die davon ausgehen-
ten Großkapitalisten und Großagrarier“ zu brechen sowie ihre de Wirkung der Bevölkerung nicht zugemutet werden könne.
vermeintlichen „Versuche, die Macht des Kapitals wiederher- Vergleichbare Attacken gab es auch gegen Schriftsteller, Kom-
zustellen“, zu liquidieren. ponisten, Maler und Theaterregisseure. Betroffen war u.a. der
Komponist der DDR-Nationalhymne und Nationalpreisträ-
ger Hanns Eisler, dessen Entwürfe zu seiner Oper „Johannes
Kulturpolitische Offensiven Faustus“ einer vernichtenden Kritik unterzogen wurden. Als
wirksames Kontollinstrument entstand am 31. August 1951
Der verschärfte „Klassenkampf“ betraf auch den Bereich die Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten. Nach
von Kunst und Kultur. Mit staatlichen Sanktionen sollte eine dem Aufstand vom 17. Juni 1953 sah sich die SED-Führung al-
Abkehr vom „westlich-dekadenten Kunstbetrieb“ und die lerdings dazu gezwungen, die besonders häufig kritisierten
Hinwendung zur „parteilichen, volksverbundenen und opti- Zuspitzungen ihrer Kulturpolitik zurückzunehmen. Die Staat-
mistischen Kunst“ erzwungen werden. Literatur, Musik und liche Kommission für Kunstangelegenheiten wurde wieder
Kunst hatten sich nunmehr am „sozialistischen Realismus“ aufgelöst und Anfang 1954 das Ministerium für Kultur einge-
zu orientieren, indem eine eindeutige Parteinahme für das richtet. Erster Kulturminister wurde der Schriftsteller Johan-
ostdeutsche Gesellschaftssystem künstlerisch zum Ausdruck nes R. Becher.
gebracht werden sollte.
Das Mitte März 1951 tagende 5. Plenum des ZK der SED verab-
schiedete die Entschließung „Der Kampf gegen den Formalis- Marxismus-Leninismus als herrschende Welt-
mus in Kunst und Literatur, für eine fortschrittliche deutsche anschauung
Kunst“, die sich gegen namhafte Künstler, darunter mehrere
Mitglieder der 1950 gegründeten Akademie der Künste (AdK), Mit der kulturpolitischen Offensive sollte auch der Marxis-
richtete. Der darauf folgenden kulturpolitischen Kampagne mus-Leninismus als herrschende Weltanschauung durch-
gesetzt werden. Er umfasste die von den sogenannten Klas-
sikern (Karl Marx, Friedrich Engels, W. I. Lenin und anfangs
Auch die Kunst hatte sich den Parteivorgaben unterzuordnen. Fenster im
Josef W. Stalin) begründeten weltanschaulichen Lehren und
Staatsratsgebäude Berlin, im Stil des sozialistischen Realismus
trat mit dem Anspruch auf, die menschliche Entwicklung
wissenschaftlich erklären und voraussagen zu können. Die
zum Dogma erhobenen Lehren wiesen der Kommunisti-
schen Partei die „historische Mission“ zu, „Schöpfer“ der
kommunistischen Gesellschaftsformation zu sein, in der die
Menschheit ohne soziale Gegensätze („Klassen“) und frei von
jeglicher Ausbeutung lebt. Als Vorstufe zum Kommunismus
wurde der Sozialismus definiert. In ihm sind zwar die Kapi-
talisten enteignet und die Kommunistische Partei herrscht
uneingeschränkt („Diktatur des Proletariats“), jedoch gibt es
A1PIX / Your_Photo_Today

noch soziale Unterschiede, die bei der Entwicklung hin zum


Kommunismus schrittweise überwunden werden müssten.
Als oberstes Ziel galt zwar theoretisch die Verbesserung der
Lebensumstände der arbeitenden Menschen, praktisch dien-
te die Ideologie jedoch dazu, den totalitären Herrschaftsan-
spruch der SED in Staat und Gesellschaft durchzusetzen und
jegliche Kritik daran zu unterdrücken.
Herrschende Weltanschauung der SED war der Marxismus-Leninismus:
Lehrgang in der Parteihochschule „Karl-Marx“ der SED, Kleinmachnow 1950
Beschleunigter Kurs auf das sowjetische Gesell-
schaftsmodell

Die vom 9. bis 12. Juli 1952 tagende zweite Parteikonferenz der
SED erklärte den „Aufbau des Sozialismus zur grundlegenden
Aufgabe“. Dazu gehörten die ökonomische Entmachtung der
noch bestehenden Privatindustrie, die forcierte Kollektivie-
rung der Landwirtschaft und der Kampf gegen alle politisch-
kulturellen Bereiche, die nicht mit den Dogmen des Marxis-
mus-Leninismus übereinstimmten. Darunter litten vorrangig
bpk / Herbert Hensky

die Institutionen der Kirche, insbesondere die „Junge Gemein-


de“ in der DDR, vereinte Jugendgruppen innerhalb der evan-
gelischen Kirchengemeinden, deren Engagement dem ideo-
logischen Zugriff der SED auf die heranwachsende Jugend im
Wege standen.

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24 Geschichte der DDR

Herbst 1952 ermöglichten verschiedene Verordnungen, Steu-


Kirchenkampf errückstände rigoros einzutreiben, Kredite zu kündigen bzw.
Der Druck, der in Glaubens- und Gewissensfragen auf Glieder der neue zu verweigern und letztlich auch private Unternehmen
Evangelischen Kirche innerhalb der Deutschen Demokratischen zu konfiszieren. Bei Nichterfüllung der Zahlungsverpflichtun-
Republik ausgeübt wird, droht untragbar zu werden. Uns ist bekannt- gen drohte der gewaltsame Entzug des Eigentums. Die Fol-
geworden, daß gegen die Glieder der Jungen Gemeinde mit beson- gen waren Produktionsrückgänge und Bankrotte im privaten
derer Härte vorgegangen wird und welche Mittel dabei angewendet Unternehmerbereich, der im Jahre 1952 immerhin 20 Prozent
werden. Wir wissen von vielen Fällen, in denen junge Menschen, der industriellen Bruttoproduktion erbrachte. Aufgrund der
die ihre Gliedschaft in der Jungen Gemeinde nicht aufgeben wollten,
Verflechtung von privater und staatlicher Industrie mussten
von der Schule verwiesen und am Abschluß ihrer Ausbildung
gehindert wurden. Wir wissen von anderen noch schwereren Fällen, die staatlichen Eingriffe die gesamte Wirtschaft treffen. Da
in denen ein unverantwortlicher Druck auf junge Menschen aus- die privaten Unternehmer lebenswichtige Gebrauchsgüter
geübt worden ist mit dem Ziel, das Rückgrat ihrer Gesinnung und produzierten, häuften sich die Engpässe in der Versorgung. In
ihres Glaubens zu brechen. der Folge drastischer Preiserhöhungen stiegen die Lebenshal-
Wir erklären, daß wir kein Wort von den Angriffen glauben, die tungskosten für alle Bevölkerungsgruppen.
in der „Jungen Welt“, dem Organ des Zentralrates der FDJ, gegen die Ähnlich gravierend wirkte sich der Kurswechsel in der Land-
Junge Gemeinde erhoben worden sind. wirtschaftspolitik aus. Im Herbst 1952 setzte massiver staatli-
Wir kennen diese jungen Christen und wissen, daß es nicht wahr ist,
cher Druck zur Bildung von Landwirtschaftlichen Produktions-
daß sie die Junge Gemeinde zu einer „Terrorgruppe zur Sabotage der genossenschaften (LPG) ein. Als die wirtschaftlichen Erfolge
Wiedervereinigung Deutschlands“ machen wollten. Terror, Verrat ausblieben, wurde die Schuld den „reaktionären Großbauern“
und Sabotage gehören nicht zu den Mitteln christlicher Wirksamkeit. zugewiesen, was laut SED-Propaganda als Beweis für die Ver-
Uns ist weiterhin bekanntgeworden, daß Verhaftungen vorge- schärfung des „Klassenkampfes“ auf dem Lande galt. Zugleich
nommen werden, ohne daß den Beschuldigten der Grund ihrer Ver- erhöhte sich der ökonomische und administrative Druck auf
haftung mitgeteilt oder den Angehörigen der Aufenthaltsort
die bäuerlichen Wirtschaften. Das Ablieferungssoll für die pri-
der Verhafteten bekanntgegeben wird. Wir wissen von unbegreiflich
hohen Strafen in Fällen, die das allgemeine Rechtsempfinden
der gesamten zivilisierten Welt völlig anders beurteilen würde.
Wir erklären, daß wir diese Methode der Rechtspraxis wie auch des Vor-
gehens gegen junge Menschen als unmenschlich empfinden. Wer
die Einheit Deutschlands will, darf mit Deutschen nicht so umgehen.
Erklärung der Evangelischen Bischofskonferenz zur Lage der Kirche in der DDR 1953.
In: Hermann Weber (Hg.), Kleine Geschichte der DDR, Köln 1980, S. 66

Mit der zweiten Parteikonferenz wurden staatliche Prozes-


se beschleunigt, die bereits in Gang gesetzt worden waren.
Dazu zählten der Ausbau des Grenzregimes, der Aufbau von
bewaffneten Streitkräften, die Ausgestaltung der bereits
eingeleiteten staatlichen Verwaltungsreform, die weitere
Zentralisierung der staatlich geleiteten Industrie, der fortge-
setzte Umbau des Rechtswesens sowie eine stärkere Unter-
ordnung von Kunst und Kultur unter das staatliche Macht-
konzept der SED.
Zugleich stiegen die staatlichen Ausgaben für den Ausbau
der industriellen Basis, insbesondere in der Stahl- und Eisen-
industrie. Am 1. Januar 1951 legte DDR-Industrieminister
Fritz Selbmann den Grundstein für den ersten Hochofen im
Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) bei Fürstenberg an der Oder,
der am 19. September 1951 den Betrieb aufnahm. Der Ausbau
der Kasernierten Volkspolizei (KVP) zu einer regulären Ar-
mee kostete vom Sommer 1952 bis Mitte 1953 über zwei Mil-
liarden Mark, die im laufenden Wirtschaftsplan nicht vor-
gesehen waren. Die zusätzlichen Militärausgaben machten
13 Prozent der Ausgaben im Staatshaushalt für das Jahr 1953
aus. Hinzu kamen jährliche Reparationsverpflichtungen in
Höhe von 1,1 Milliarden und jährliche Besatzungskosten von
2,1 Milliarden Mark.
Die oberste Planungsbehörde, die Staatliche Plankommissi-
on (SPK), versuchte, das Finanzproblem durch das Streichen
akg-images

von Subventionen und durch Preiserhöhungen zu lösen. Das


Finanzministerium erhöhte die Steuern und Abgaben für den
Mittelstand, für Handwerker, private Unternehmer sowie In den frühen 1950er Jahren übt die SED massiven Druck auf die Bauern
Großbauern und schloss die Selbstständigen aus der bis dahin aus, ihre Selbstständigkeit aufzugeben und sich in Landwirtschaftlichen
allgemeinen Kranken- und Sozialversicherung aus. Ab dem Produktionsgenossenschaften zusammenzuschließen.

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Der Ausbau des neuen Systems (1949 bis 1961) 25

vaten Bauernwirtschaften erreichte im Jahre 1953 eine Höhe, Das SED-Politbüro führte die sich dramatisch mehrenden öko-
die ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit völlig überforder- nomischen Schwierigkeiten auf das Wirken von außen einge-
te. Landwirte, die ihr Ablieferungssoll nicht vollständig erfüll- schleuster Agenten und den Einfluss innerer Feinde zurück. In
ten, wurden zu Geld- oder Haftstrafen verurteilt. Nicht wenige das Visier politischer Anklage gerieten vor allem das Ministerium
wurden zwangsweise enteignet und ihre Höfe den sich neu für Handel und Versorgung sowie verschiedene Staatssekretari-
bildenden Genossenschaften zur Bewirtschaftung übergeben. ate (Energieversorgung und Kohle), in denen nach „Saboteuren“
Die rigide Landwirtschaftspolitik gegen selbstständige Bauern als Verursacher der Wirtschafts- und Versorgungskrise gesucht
zielte darauf, das private Eigentum an den Produktionsmitteln wurde. Im Dezember 1952 wurde der liberaldemokratische Mi-
und dem Boden abzuschaffen. Sie bewirkte, dass viele betrof- nister für Handel und Versorgung, Karl Hamann, unter dem Vor-
fene Bauern in die Bundesrepublik abwanderten. wurf verhaftet, die Versorgung der Bevölkerung systematisch sa-
Das rigide Vorgehen von Polizei und Justiz gegen angeblich botiert zu haben. Er wurde im Juli 1954 zu zehn Jahren Zuchthaus
oder tatsächlich verübte Wirtschaftsverbrechen prägte auch verurteilt. Mit Schauprozessen heizte die SED-Führung den selbst
die innenpolitische Atmosphäre. Die Strafverfolgung bei Ver- erklärten „Klassenkampf“ an, um auf diese Weise ihre eigene Po-
stößen gegen das geltende Wirtschaftsrecht erfuhr eine wei- litik und deren theoretische Untermauerung zu rechtfertigen.
tere Verschärfung durch das im September 1952 verabschiede- Der „Aufbau des Sozialismus“ und der „Klassenkampf von
te „Gesetz zum Schutz des Volkseigentums“ sowie durch eine oben“ verstärkten die Massenflucht. Im Jahre 1952 verließen
neue Strafprozessordnung. Bereits für geringe Vergehen wie rund 232 100 Menschen die DDR in Richtung Bundesrepublik;
Diebstahl oder Unterschlagungen von geringfügigem Wert ihre Zahl stieg im Folgejahr auf insgesamt circa 408 100. In inter-
wurden langjährige Zuchthausstrafen verhängt. Bis Ende nen Berichten war von 120 000 Flüchtlingen in den ersten vier
März 1953 wurden über 10 000 Personen auf der Grundlage Monaten des Jahres 1953 die Rede. Darunter befanden sich auch
derartiger Verfehlungen gerichtlich belangt. Die Zahl der sich 2718 SED-Mitglieder, was für die Parteiführung alarmierend sein
in Haftanstalten der DDR befindlichen Personen stieg im Zeit- musste. (Zahlenangaben nach: Ilko-Sascha Kowalczuk u. a. (Hg.),
raum von Mitte 1952 bis Mitte 1953 von 30 000 auf 61 000. Der Tag x – 17. Juni 1953, Berlin 1995)

Der 17. Juni 1953 und seine Folgen

Der „Neue Kurs“ Ministerrates der DDR, die eine Erhöhung der Arbeitsnorm in
allen Betrieben der volkseigenen Industrie um durchschnitt-
Die Reichweite der aufbrechenden Herrschaftskrise in der lich zehn Prozent zum Inhalt hatte, wurde nicht zurückge-
DDR ließ die Parteispitze trotz vorliegender Informationen nommen. Das bedeutete eine reale Lohnsenkung von 25 bis
zunächst unbeeindruckt. Vor allem schenkte die politische 30 Prozent. Als Termin für das Inkrafttreten der administrativ
Führung den sozialen Spannungen und Konflikten unter den verordneten Normerhöhung wurde der 30. Juni, der Tag des
Arbeitern kaum Beachtung. Der im Februar 1953 verkündete 60. Geburtstages von Walter Ulbricht, festgesetzt. Die Arbei-
„Feldzug für strengste Sparsamkeit“ mutete ihnen eine Kür- ter empfanden diese Terminsetzung als beißenden Hohn. Sie
zung von Lohnzuschlägen sowie Rückstufungen in niedrigere sahen sich durch den „Neuen Kurs“ keineswegs entlastet, son-
Lohngruppen zu. Eine pauschale Erhöhung der Arbeitsnormen dern sollten im Gegenteil die Hauptlasten der wirtschaftlichen
im Mai 1953 sollte faktisch zu niedrigeren Löhnen führen. Krise tragen. Als am 16. Juni 1953 die Gewerkschaftszeitung
Im Juni 1953 leitete die SED-Führung unter dem Stichwort „Tribüne“ verkündete, dass die Beschlüsse über die Erhöhung
„Neuer Kurs“ schließlich zaghafte Korrekturen ihrer Politik ein, der Arbeitsnormen „in vollem Umfang richtig“ seien und auf-
die ihr am 2. Juni 1953 von der sowjetischen Führung auferlegt rechterhalten bleiben würden, brachte diese Mitteilung das
worden waren. Nach dem Tod Stalins am 5. März 1953 sorgten Fass zum Überlaufen.
sich dessen Nachfolger um die rapide abnehmende politische
Stabilität der DDR, die Unzufriedenheit und die Flucht der Be-
völkerung. Zur Besserung der Lage schlugen sie vor, von der Der Aufstand am 17. Juni 1953
„Forcierung des Aufbaus des Sozialismus“ Abstand zu nehmen.
So war dann im Kommuniqué des SED-Politbüros vom 9. Juni An der Berliner Stalinallee legten die Bauarbeiter die Arbeit nie-
1953 zu lesen, dass man „in der Vergangenheit eine Reihe von der. Am 16. Juni formierte sich ein Demonstrationszug in Rich-
Fehlern“ begangen hätte. Erwähnt wurden die vorgenomme- tung Stadtzentrum, um beim Ministerrat die Herabsetzung der
nen Änderungen der Lebensmittelkartenzuteilung, die Über- Normen zu fordern. Vor dem „Haus der Ministerien“ gab Indus-
nahme enteigneter oder verlassener bäuerlicher Betriebe, die trieminister Fritz Selbmann bekannt, dass der Normenbeschluss
rigide Eintreibung des landwirtschaftlichen Abgabesolls, die vom 28. Mai zurückgenommen sei, ehe er von den aufgebrach-
Methoden der Steuererhebung sowie die Maßregelungen von ten Demonstranten am Weiterreden gehindert wurde. Andere
Mitgliedern der Jungen Gemeinde. Das Politbüro versprach, die SED-Spitzenfunktionäre hatten gar nicht erst den Mut aufge-
in diesen Bereichen begangenen „Fehler“ alsbald zu korrigieren. bracht, beschwichtigend vor die Menge zu treten. Die Rück-
Ebenso wurde in Aussicht gestellt, die „Lebenshaltung“ aller so- nahme der Normerhöhung konnte die Protestbewegung nicht
zialen Gruppen zu verbessern. mehr stoppen. Nunmehr wurden Forderungen nach Rücktritt
Ein entscheidendes Problem klammerte der „Neue Kurs“ der Regierung sowie freien Wahlen erhoben. Aus dem Protest-
jedoch aus: Die Belastungen der Industriearbeiter fanden kei- marsch erwuchs ein Aufstand, der in den darauffolgenden Ta-
ne Erwähnung. Die am 28. Mai 1953 erlassene Verfügung des gen nahezu alle Bevölkerungsschichten erfasste.

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26 Geschichte der DDR

Am 17. Juni 1953 hatten sich die Demonstrationen weit über Die SED-Führung sah letztlich keinen anderen Ausweg, als das
Ost-Berlin hinaus ausgeweitet. In mehr als 560 Orten wur- sowjetische Militär zu Hilfe zu rufen. Um die Mittagsstunde
de an diesem und den darauffolgenden Tagen gestreikt, de- des 17. Juni verhängte der sowjetische Militärkommandant
monstriert, oder es wurden die örtlichen Machtzentralen von Ost-Berlin den Ausnahmezustand in der Stadt. In fast
gestürmt. Auf Belegschaftsversammlungen diskutierte man allen Bezirkshauptstädten herrschte Kriegsrecht, es wurde
heftig, spontan wurden Betriebsräte, Streikkomitees und Be- nacheinander auf 51 Kreisstädte, ganze Bezirke und Landkrei-
legschafts-Ausschüsse gewählt. Alles, was sich bisher ange- se ausgedehnt. Der Aufstand konnte nur mit militärischer
staut hatte und nie offen in Versammlungen ausgesprochen Gewalt niedergeschlagen werden. Er verdeutlichte, dass die
worden war, brach sich jetzt Bahn. Die stärkste Streikbewe- Präsenz sowjetischer Truppen in der DDR für den Machterhalt
gung gab es in den Industriezentren Halle, Merseburg und der SED unverzichtbar war.
Magdeburg sowie im Industriebezirk Leipzig und in Ost-Ber- Nach bekanntem Muster sprach die SED-Führung die Schuld
liner Betrieben. Am 17. Juni 1953 geriet das Herrschaftssystem für den Aufstand „feindlichen Agenten und Provokateuren“
der SED das erste Mal an den Rand des Zusammenbruchs. zu. Die offiziellen DDR-Medien behaupteten, es habe ein „fa-

Unmut über wachsende Belastungen führt zum Volksaufstand am 17. Juni Die SED ruft die Sowjetmacht zu Hilfe, die den Aufstand mit Panzereinsatz
1953. Erste Demonstrationszüge bilden sich in Berlin. beendet. Vergebliche Gegenwehr am Leipziger Platz in Ost-Berlin

bpk / Wolfgang Albrecht
akg-images

Arbeitsniederlegung in der Die Bauarbeiter von der Staatsoper Die Volkserhebung am 17. Juni
Stalin-Allee nahmen wir mit. Vor der Linden-
Universität riefen wir: „Studenten reiht Am Morgen des 17. Juni stand Ostberlin,
Bericht des Zeitzeugen Horst Schlaffke, euch ein. Unterstützt die Arbeiter.“ stand die DDR im Zeichen der Volkserhe-
der als Maschinist in Block C-Süd der Einige Studenten […] traten in unseren bung.
Stalin-Allee arbeitete. Zug ein. In der Nähe der Wilhelmstraße Es kam zu tumultartigen Szenen in den
Etwa um 9.15 Uhr [am Morgen des fuhr direkt vor unserem Zug ein roter Straßen Ostberlins. Ich sah, wie Funktio-
16. Juni – Anm.d.Red.] hörte ich meine BMW bzw. EMW, wie es in der Sowjetzone närsautos umgeworfen, Transparente und
Kollegen rufen: „Schaut mal auf die jetzt heißt. Zwei Funktionäre stiegen Losungen, auch Parteiabzeichen abgeris-
Straße!“ Draußen kamen die Bauarbei- aus und redeten auf uns ein. Sie liefen sen und verbrannt wurden.[...]
ter von Block 40 und trugen voran Gefahr, überrannt zu werden, und Als ich morgens zu dem mir zugeteilten
ein Transparent, auf welchem stand: nun stiegen sie aufs Dach ihres Autos volkseigenen Großbetrieb Bergmann-
„Wir fordern Herabsetzung der Nor- und gestikulierten wild. „Macht Borsig in Berlin-Wilhelmsruh kam, wurde
men“. Überall hieß es auf dem Bau: keinen Unsinn!“ riefen sie. „Marschiert dort keine Hand gerührt. Die Arbeiter
„Kommt, kommt, laßt alles stehen nicht in die Westsektoren. Vermeidet diskutierten am Arbeitsplatz und führten
und liegen.“ Mindestens 90 % von unse- unnötiges Blutvergießen.“ „Wollt in den Hallen kleine Versammlungen
rem Bau marschierten mit. Wir gin- ihr denn auf uns schießen?“ fragten wir. durch. Vertrauensleute nahmen von Ab-
gen zunächst in einer großen kreisför- „Wenn ihr rüberkommt, dann schießen teilung zu Abteilung miteinander Ver-
migen Bewegung an allen Baustellen die auf euch“, sagte einer. Wir brüllten bindung auf, um eine Versammlung der
vorbei. „Berliner, reiht euch ein, wir wol- vor Lachen und gaben dem großen gesamten Belegschaft herbeizuführen.
len keine Sklaven sein!“ riefen wir Zuge bekannt, was sich vorne abgespielt Vor kurzem war hier ein sogenanntes Kul-
nach allen Seiten. hatte. Alles lachte. Die Funktionäre turhaus mit einem riesigen Saal fer-
Am Alexanderplatz stoppte der wurden von ihrem Wagendach herunter- tiggestellt worden, der allen Belegschafts-
Verkehrspolizist den ganzen Verkehr, gezogen. angehörigen Platz bot. […]
damit unser Zug ungehindert pas- Ilse Spittmann, Karl Wilhelm Fricke (Hg.), 17. Juni 1953,
In diesem Moment, da die Arbeiter
sieren konnte. […] Köln 1982, S. 118 hier in Aktion versammelt waren, so fuhr

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Der Ausbau des neuen Systems (1949 bis 1961) 27

schistischer Putschversuch“ mit Hilfe des Westens stattge- wuchs die Kaufkraft der Bevölkerung um mehr als eine halbe
funden. In der Zeit nach dem 17. Juni gingen Polizei und Justiz Milliarde Mark. Es lebte sich wieder leichter in der DDR. Sub-
gegen die Anführer der Demonstrationen und Streiks mit al- tilere Herrschaftsmethoden sollten die Grundstrukturen des
ler Härte vor. Zwischen 8000 und 10 000 Menschen wurden Gesellschaftssystems bewahren.
festgenommen, mindestens 25 hatten ihr Leben verloren. Als weitere Reaktion auf den 17. Juni veranlassten Partei und
Aber auch gegen Kritiker in den eigenen Reihen griff die Regierung eine Neuordnung der militärischen Machtstruktu-
SED-Führung kompromisslos durch. Die Spitzenfunktionäre ren. Seit September 1953 wurden die bewaffneten „Betriebs-
Rudolf Herrnstadt, Chefredakteur der Parteizeitung „Neues kampfgruppen“ personell verstärkt, welche auf Veranlassung
Deutschland“ und zugleich Kandidat des Politbüros, sowie der SED bereits Mitte 1952 als paramilitärische Verbände in
der Chef der Staatssicherheit, Wilhelm Zaisser, hatten intern staatlichen Betrieben und Einrichtungen entstanden waren.
eine partielle Kurskorrektur und moderate Praktiken der Herr- Die Einheiten der Kasernierten Volkspolizei (KVP) formier-
schaftsausübung gefordert. Beide wurden aus der Führung ten sich nun als reguläre Streitkräfte in Form der Nationalen
und der Partei ausgeschlossen. Auch die Parteibasis blieb nicht
verschont: Von Juli 1953 bis März 1954 wurden 23 173 Mitglieder
aus der SED ausgeschlossen, die sich in den Augen der Füh- Als Folge des Juni-Aufstandes verstärkt die SED die militärischen Machtstruk-
rung während der entscheidenden Stunden als wankelmütig turen. Im März 1956 wird schließlich die Nationale Volksarmee gegründet.
Am 30. April 1956 erhält die erste NVA-Einheit ihre Truppenfahne.
und unzuverlässig erwiesen hatten.

Zwischen Krise und Konsolidierung

Ausbau des Machtapparates

Der Schock über die Rebellion der Arbeiter saß tief. Die SED-
Führung sah sich als Folge der offenen Konfrontation zwischen

bpk / Herbert Hensky
Volk und Staatspartei zu Korrekturen ihrer Politik gezwungen,
die bis zum Ende der DDR wirkten. Sozialpolitik entwickelte
sich fortan zu einem prägenden Strukturelement. Im Rahmen
des „Neuen Kurses“ gab es Aufbesserungen für untere Lohn-
gruppen sowie bei Renten. Als Ergebnis von Preissenkungen

es mir durch den Kopf, und nur für die überall wären bereits derartige Streikde- Der Gegner benutzte zur Auslösung
Dauer dieser Aktion, gehört dieser Betrieb monstrationen im Gange. seiner Provokation die Mißstimmung
wahrhaft ihnen. […] Der Demonstrationszug kam nicht weit. einiger Teile der Bevölkerung, die
Das war eine elementare, leidenschaft- Um 13 Uhr war der Ausnahmezustand durch Folgen unserer Politik im letzten
liche Auseinandersetzung, eine histori- eingetreten. General Dibrowa, der sowje- Jahr entstanden waren. […]
sche Abrechnung mit dem SED-Regime. tische Stadtkommandant, hatte ihn Er warf […] seine mit Schwefel-, Phos-
[...] Namen von Arbeitskollegen aus verhängt. Unmittelbar darauf kämmten phor- und Benzinflaschen sowie mit
dem Betrieb wurden genannt, die verhaf- sowjetische Truppen die Straßen durch. Waffen ausgerüsteten Banditenkolonnen
tet, verurteilt, mißhandelt worden wa- Die Bergmann-Borsig-Demonstration über die Sektorengrenzen mit der Auf-
ren, deren Angehörige nichts mehr von wurde aufgelöst, die „Rädelsführer“ – gabe, die Arbeitsniederlegung ehrlicher
ihnen gehört hatten. darunter der sozialdemokratische Vor- Bauarbeiter durch Hetzlosungen in
Es wurde eine Entschließung angenom- sitzende des soeben gewählten Be- eine Demonstration gegen die Regierung
men, die den gewählten Arbeitsaus- triebsausschusses – verhaftet. Welch glor- umzufälschen und dieser Demonstra-
schuß bevollmächtigte, die wirtschaftlichen reiche Aktion der Sowjet(Räte)macht tion durch Brandstiftungen, Plünderun-
und politischen Interessen der Beleg- gegen die Räte. gen und Schießereien den Charakter
schaft zu vertreten und sich mit ähnlichen Heinz Brandt, Ein Traum, der nicht entführbar ist. München 1967, eines Aufruhrs zu geben. […]
Ausschüssen in anderen Betrieben in S. 240 f. So sollte in der Deutschen Demokra-
Verbindung zu setzen. Als politisches In: Hermann Weber (Hg.), Kleine Geschichte der DDR, Köln 1980, S. 69
tischen Republik eine faschistische Macht
Hauptziel wurde die Wiedervereini- errichtet und Deutschland der Weg zur
gung Deutschlands durch freie demokra- Einheit und Frieden verlegt werden.
tische Wahlen gefordert. Der Aufstand aus Sicht der SED
Am Schluß der Versammlung sprang Beschluß des ZK der SED vom 21. Juni 1953: „Über die Lage
ein Arbeiter auf das Podium und for- In West-Berlin wurden […] systematisch und die unmittelbaren Aufgaben der Partei“, Dokumente der
derte die Belegschaft auf, sich mittags Kriegsverbrecher, Militaristen und SED, Bd. IV, S. 436 ff.
In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg,), Informationen
am Betriebstor zu versammeln, um in kriminelle Elemente in Terrororganisati- zur politischen Bildung Nr. 231 „Geschichte der DDR“, Bonn
das Stadtzentrum zu demonstrieren – onen vorbereitet und ausgerüstet. […] 1991, S. 61

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


akg-images / RIA Nowosti 28 Geschichte der DDR

Auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 kritisiert Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow in einer „geheimen“ Rede die Politik Stalins
und den Personenkult um ihn. Die Hoffnungen auf ein politisches Umdenken in der DDR scheitern jedoch, da die Herrschenden um ihre Macht fürchten.

Volksarmee (NVA), die offiziell am 1. März 1956 gegründet wur- Kurzes Tauwetter 1956
de. Die allgemeine Wehrpflicht für alle Männer zwischen dem
18. und 50. Lebensjahr wurde im Januar 1962 eingeführt. Drei Jahre nach dem Juni-Aufstand sprach Chruschtschow in
Aber auch in der Bevölkerung hatte der 17. Juni 1953 blei- einer „geheimen“ Rede auf dem XX. Parteitag der KPdSU im
bende Wirkungen ausgelöst. Der Arbeiterschaft blieb wohl Februar 1956 „über den Personenkult und seine Folgen“, über
die Erinnerung an die durchschlagende Wirkung und die „Irrtümer, Fehler und Verbrechen Stalins“, also über dessen ex-
spontane Massensolidarität der Streiks und Demonstrations- zessiven Machtmissbrauch und terroristische Herrschermen-
märsche, das Gefühl, es „denen da oben“ einmal gezeigt zu talität. In seiner Rede fehlte zwar jegliche Systemkritik, es war
haben. Doch vor allem wirkte die Erfahrung, dass der Versuch jedoch zu erwarten, dass sie eine Debatte über die Herrschafts-
einer gewaltsamen Veränderung des politischen Systems praxis der kommunistischen Staatsparteien Osteuropas aus-
unter den bestehenden Machtverhältnissen keine Aussicht lösen würde, denn mit Stalin war dessen wichtigster Träger
auf Erfolg hatte. Desillusionierung und Verbitterung führten demontiert worden.
nicht selten zur Suche nach unpolitischen Nischen. Andere Das politische Tauwetter, das sich danach in der Sowjet-
passten sich dauerhaft an, und es gab auch Fälle gesteigerter union ausbreitete, bot auch in der DDR einigen überzeugten
Loyalität gegenüber Partei und Staat. Sozialisten – wie etwa Wolfgang Harich, Walter Janka, Robert
Nachdem der NATO-Beitritt der Bundesrepublik am 9. Mai Havemann, Gerhard Zwerenz, Erich Loest – die Möglichkeit zur
1955 feierlich vollzogen wurde, unterzeichnete auch die Kritik an der Herrschaftspraxis der SED. Die durch die soge-
DDR am 14. Mai 1955 zusammen mit den anderen osteuro- nannte Abrechnung mit dem Personenkult um Stalin ausge-
päischen Blockstaaten den Warschauer Vertrag als mul- löste Debatte kreiste rasch um die Erneuerung des Sozialismus
tilaterales Bündnis zur Koordinierung ihrer Militär- und überhaupt. Viele Intellektuelle im Umfeld der SED sahen die
Außenpolitik. Die neue sowjetische Führung unter Nikita DDR 1956 am Scheideweg zu einem „menschlichen Sozialis-
Chruschtschow (im Amt seit dem 7. September 1953) betrach- mus“ stehen. Im Mittelpunkt der Reformdebatten standen die
tete die DDR nun nicht mehr als Provisorium im Machtpoker Notwendigkeiten einer Wirtschaftsreform, einer Entbürokra-
ihrer Deutschlandpolitik. Auf der Genfer Gipfelkonferenz im tisierung des Staates sowie die Frage nach der Legitimation
Juli 1955 bezeichneten die USA, die UdSSR, Großbritannien der SED-Herrschaft.
und Frankreich zwar die Wiedervereinigung Deutschlands Mit der Jahreswende 1956/57 endete das politische Tauwet-
auf der Grundlage freier Wahlen als Voraussetzung für eine ter in der DDR. Der Arbeiteraufstand im Juni 1956 in Poznań
politische Entspannung in Europa. Auf praktische Schritte (Polen) sowie der bewaffnete Volksaufstand in Ungarn im Ok-
konnten sich die vier Regierungschefs jedoch nicht einigen. tober/November 1956 hatten den Herrschenden in der DDR
Seitdem sprach die Sowjetunion von der Existenz zweier vor Augen geführt, dass ein Reformprozess in der kommunis-
deutscher Staaten. Dementsprechend schlossen am 20. Sep- tischen Diktatur schnell zur Infragestellung der bestehenden
tember 1955 die DDR und die UdSSR einen Staatsvertrag ab. gesellschaftlichen Ordnung führen konnte. Unter Hinweis auf
Damit wurde zwar der DDR die formal-staatliche Souverä- die „konterrevolutionären“ Ereignisse in Polen und Ungarn
nität zuerkannt und das seit 1945 geltende Besatzungsrecht eröffnete die SED-Führung den Angriff auf jene Intellektuel-
aufgehoben. Doch aufgrund der politischen, ökonomischen len, die größere Diskussionsfreiräume und eine Reform des
und militärischen Abhängigkeiten von der Sowjetunion war Sozialismus gefordert hatten. Das SED-Politbüro bezeichnete
die Souveränität wesentlich eingeschränkt. Ein am 12. März die kritischen Beiträge, die seit dem XX. Parteitag der KPdSU
1957 zwischen beiden Staaten geschlossenes Abkommen re- publiziert wurden, als „modernen Revisionismus“ und sah in
gelte die „zeitweilige Stationierung sowjetischer Streitkräfte ihren Verfassern „Wegbereiter der Konterrevolution“. Die im
auf dem Territorium der DDR“. März und Juli 1957 abgehaltenen Prozesse vor dem Obersten

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


Der Ausbau des neuen Systems (1949 bis 1961) 29

Gericht der DDR bildeten den Auftakt zu einer Serie von Par- zugewiesen, langfristige Wirtschaftsprogramme auszuarbei-
tei‑ und Gerichtsverfahren gegen jene, die seit dem Sommer ten, die DDR-Ökonomie auf Schwerpunkte der industriellen
1956 für Veränderungen in Partei und Gesellschaft eingetre- Produktion auszurichten, wirtschaftliche Ergebnisse zu be-
ten waren. Eine in ihrer Dimension vergleichbare Diskussion gutachten und über die Zuteilung von Ressourcen (Mittelver-
über die Herrschaftspraxis der SED in der Gesellschaft hat es gabe, Kapazitäten, technische Infrastruktur) zu entscheiden.
bis zum Herbst 1989 nie wieder gegeben. Auf diese Weise wurden staatliche Vorgaben für bestimmte
Zeiträume in ganz konkrete und detaillierte Pläne (Fünfjah-
res- und Jahrespläne) umgesetzt, die für alle Industriebetriebe,
Die Wirtschaft in den 1950er Jahren aber auch für die Landwirtschaft und Wissenschaft verbind-
lich waren.
Am 1. Januar 1954 endeten die Reparationslieferungen an die Die zentral gesteuerte ostdeutsche Wirtschaft wuchs zunächst
Sowjetunion, die bis dahin überwiegend aus Betrieben des rasch. Das durchschnittliche jährliche Wachstum des Bruttosozi-
Maschinen- und Schwermaschinenbaus sowie des Schiffbaus alprodukts fiel mit 5,7 Prozent für den Zeitraum der 1950er Jahre
kamen. Zugleich wurden die Sowjetischen Aktiengesellschaf- nur unwesentlich geringer aus als das in der Bundesrepublik (6,2
ten (SAG), die zuvor ausschließlich für Reparationsleistungen Prozent). Die industrielle Bruttoproduktion konnte in den Jahren
produzierten, in staatliches Eigentum der DDR überführt. Eine 1958 und 1959 sogar um 11 bzw. 13 Prozent gesteigert werden und
Ausnahme blieb die SAG Wismut, die in Thüringen und Sach- übertraf damit die ursprünglichen Planziffern. Der Umfang des
sen Uran abbaute und am 1. Januar 1954 als Sowjetisch-Deut- produzierten Nationaleinkommens wuchs von 1950 bis 1960
sche Aktiengesellschaft (SDAG) neu gegründet wurde. Das auf das 2,5fache. Diese Wachstumsdynamik ging allerdings mit
durch die SDAG Wismut im Erzgebirge sowie in Ostthüringen einer Umstrukturierung der Wirtschaft zugunsten der Metal-
geförderte Uranerz diente als wichtiges Ausgangsmaterial für
Kernkraftwerke zur Energiegewinnung und für den Bau von
Kernwaffen. Die DDR war damals weltweit der drittgrößte
Uranproduzent; die SDAG Wismut genoss daher eine gewisse
Sonderstellung. Bis 1960 kletterte der Anteil des staatlichen
Sektors in der Industrie – gemessen am Bruttosozialprodukt –
auf 89 Prozent. Mit dem uneingeschränkten Zugriff auf die
industriellen Ressourcen begann ein wachsendes Heer von
Funktionären im Partei- und Staatsapparat damit, die Wirt-
schaft und den ordnungspolitischen Strukturwandel strate-
gisch zu planen.
Mit dem ersten Fünfjahrplan für die Jahre von 1951 bis 1955
ging die DDR-Ökonomie endgültig den Weg einer Planwirt-
schaft sowjetischen Typs, bei dem die Produktion und Kon-
sumtion von Gütern sowie Preise und Löhne vollständig von
einer zentralen Instanz festgelegt wurden.

Hauptaufgaben des ersten Fünfjahrplans


„1. Im Interesse des gesamten deutschen Volkes und des Kampfes um die
Einheit des demokratischen Deutschlands ist eine schnelle Ent-
wicklung der Produktivkräfte der Republik zu gewährleisten. Bis zum
Ende des Jahrfünfts muß die friedliche Industrieproduktion im Verhältnis
zum Stand des Jahres 1950 ein Ausmaß von 190 Prozent erreichen.
Die vorgesehene Erhöhung der industriellen Produktion bedeutet die
Verdoppelung der Produktion im Vergleich zum Jahre 1936. [...]
2. Auf der Grundlage des Wachstums der Produktion und durch die
Beseitigung der schweren Kriegsfolgen muß der Vorkriegslebens-
standard der Bevölkerung erreicht und zum Ende des Fünfjahrplans
bedeutend überschritten werden. Das gilt im besonderen für
den Verbrauch von Nahrungsmitteln und wichtigen Industriewaren
pro Kopf der Bevölkerung. [...]“
akg-images

Zur ökonomischen Politik der SED und der Regierung der DDR. Berlin (Ost) 1955, S. 69 f.
In: Hermann Weber (Hg.), Kleine Geschichte der DDR, Köln 1980, S. 61 f.

„Vorwärts zu neuen Erfolgen“ soll der erste Fünfjahrplan von 1951 bis 1955
die Wirtschaft führen, allerdings geht der Weg in eine Planwirtschaft sow-
Die Staatliche Plankommission (SPK) erhielt vom Ministerrat
jetischen Typs. Bevorzugt wird zunächst die Schwerindustrie.
der DDR den Auftrag, die Entwürfe für die Wirtschaftspläne
auszuarbeiten und der Regierung zur Beschlussfassung vorzu-
legen. Sie betrafen auch den gesamten Außenhandel, der sich
vollständig in staatlicher Hand befand. Als ersten Chef der SPK
berief die Volkskammer Heinrich Rau (1950-1952); es folgten
Bruno Leuschner (1952-1961), Erich Apel (1961-1965) und Ger-
hard Schürer (1965-1989). Die SPK bekam ferner die Aufgabe

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30 Geschichte der DDR

lurgie und des Schwermaschinenbaus einher. Die knappen Res- 500 000 Wohnungen reichten nicht aus, um den dringenden,
sourcen flossen vorrangig in den Neubau großer Werke in der nachkriegsbedingten Bedarf zu befriedigen.
bislang unterentwickelten Schwerindustrie. Für den Ausbau der Der direkte Vergleich mit dem westdeutschen „Wirtschafts-
Stahlwerke Brandenburg, Hennigsdorf, Riesa, Gröditz und Frei- wunder“ machte die grundlegenden Mängel des planwirt-
tal wurden große Investitionssummen bereitgestellt. Ab 1955 schaftlichen Systems sichtbar: Durch die deutliche Fixierung
verlagerten sich die Investitionen auf die Energieerzeugung, auf die quantitative Erfüllung der Wirtschaftspläne („Tonnen-
den Leichtmaschinenbau und die chemische Industrie. Mit dem ideologie“) geriet die Qualität der Produkte aus dem Blickfeld.
Bau des Braunkohlekombinats „Schwarze Pumpe“ im November Hatte beispielsweise das VEB Werkzeugmaschinenwerk „Fritz
1958 und dem „Chemieprogramm“ nahm die politische Führung Heckert“ in Karl-Marx-Stadt die Auflage bekommen, Dreh-
anspruchsvolle Industrieprojekte in Angriff. Das 1958 verkünde- und Schleifmaschinen in einem mit Tonnen angegebenen
te „Chemieprogramm“ versprach der Bevölkerung „Brot, Wohl- Umfang zu produzieren, so konnte dieser Betrieb diese Aufla-
stand und Schönheit“. Zugleich trieben Partei und Regierung die ge durch die Produktion weniger, aber sehr schwerer Dreh-
möglichst rasche Nutzung der Kernenergie und die Automati- bänke erfüllen. Dagegen hätte eine Auflage in Stückzahlen
sierung in der metallverarbeitenden Industrie voran. dazu führen können, dass dieser Betrieb viele und möglichst
Die Bevölkerung der DDR profitierte vom Wirtschaftsauf- leichte Drehbänke produzierte. Damit ließ sich zwar erfolg-
schwung. Im Laufe der 1950er Jahre gelang es, ihren Lebens- reich ein expansives Wirtschaftswachstum stimulieren.
standard spürbar zu verbessern. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Doch für ein ökonomisch rationales Verhalten unter Beach-
wichtigen Nahrungsmitteln, der 1950 nur ein knappes Drittel tung von Qualität, Produktivität und Rentabilität sowie für
dessen betragen hatte, was 1935/38 verfügbar war (zwei Fünf- ein intensives, ressourcensparendes Wachstum fehlten die
tel bei Fleisch, etwas mehr als die Hälfte bei Nahrungsfetten finanziellen Anreize.
und Zucker), erreichte bzw. übertraf ab Mitte der 1950er Jahre Da die eigene Konsumgüterindustrie bis zuletzt nicht aus-
das Niveau von 1936. Die Abschaffung der Lebensmittelkarten reichend in der Lage war, qualitativ hochwertige, langlebige
1958 führte zu einem sprunghaften Anstieg des Butterver- Gebrauchsgüter bereitzustellen, übte das deutlich sichtbare
brauchs um ein Viertel und übertraf den Vorkriegsverbrauch Anwachsen des Wohlstandes in Westdeutschland und West-
damit um das Anderthalbfache. Auch die Nettogeldeinnah- Berlin im Verlauf der 1950er Jahre eine enorme Sogwirkung
men eines durchschnittlichen Arbeiterhaushaltes verdoppel- auf die ostdeutsche Bevölkerung aus. Das Wohlstandsniveau
ten sich von 1949 bis 1960. Westdeutschlands wurde zum Gradmesser für die Bewertung
Doch gleichzeitig herrschte empfindlicher Mangel an tech- der ostdeutschen Versorgungssituation.
nischen Konsumgütern (Rundfunkempfänger, Haushalts- In den Jahren von 1950 bis 1961 verließen circa 1,3 Millionen
kühlschränke und Waschmaschinen) sowie an modischer Personen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren den SED-Staat
Kleidung und Schuhen, die aufgrund noch offener Grenzen in Richtung Bundesrepublik. Damit verlor Ostdeutschland
im westdeutschen Nachbarland beschafft werden konnten. wichtige Arbeitskräfte. Bis 1957 galt die Übersiedlung in die
Die von 1950 bis 1961 neu gebauten bzw. instandgesetzten Bundesrepublik nicht als illegal. Ab Dezember 1957 wurde die

Innovation aus eigener Kraft – das Chemieprogramm

Im November 1958 wurde das Chemie- sigkeit widerspiegelte das industriepo- „Das Chemieprogramm existiert nach
programm („Chemie gibt Brot, Wohl- litische Dilemma der DDR. Nur ein Teil dem gegenwärtigen Stand der Planung
stand und Schönheit“) verabschiedet. der veralteten Kohleveredlungsanlagen nicht mehr. [...] Wir werden mit ab-
Ziel waren die Verdoppelung der Che- wurde stillgelegt. Erst ab Mitte der soluter Sicherheit zu einem zweitrangi-
mieproduktion bis 1965, wobei die Pro- 1960er Jahre, nach der Fertigstellung gen Chemieland absinken, wenn die
duktion von Kunststoffen und syn- der Erdölpipeline „Freundschaft“, war gegenwärtig geplante Entwicklung bei-
thetischen Fasern noch wesentlich stärker überhaupt ein nennenswerter Rohölim- behalten wird. [...] Selbst wenn wir
wachsen sollte, und der Übergang zur port möglich. Die enorm aufwendigen das im Chemieprogramm der DDR ur-
Petrochemie. Wichtigste Vorhaben waren Versuche, eigene Erdölvorkommen zu sprünglich vorgesehene Tempo der
der Bau der Erdölleitung „Freund- erkunden, scheiterten ebenso wie die Entwicklung beibehalten, würden wir
schaft“ und des Erdölverarbeitungswerks Bemühungen der DDR, mit arabischen 1965 weiter hinter Westdeutschland
Schwedt an der Oder, die Entwicklung Staaten Rohölverträge abzuschließen. zurückliegen als zu Beginn des Chemie-
einer eigenen Technologie zur tieferen Einziger großer Lieferant blieb letzt- programms.“ [...]
Spaltung des Erdöls, der Bau eines lich die Sowjetunion. Die Verfügbarkeit In Osteuropa fand die DDR-Chemie
modernen Produktionskomplexes für von Öl und Gas setzte demnach dem kaum gleichwertige Partner, und in Rich-
die Petrochemie (Leuna II) sowie der Strukturwandel in der chemischen Indus- tung Westen waren ihre Kooperations-
Bau des Chemiefaserwerkes Guben. trie der DDR die entscheidende Grenze. möglichkeiten aus politischen Gründen
Hinter den angepeilten Wachstums- Das Chemieprogramm von 1958 stellte begrenzt. Ein kleines Land wie die DDR
raten bei modernen, auf petrochemi- einen Versuch zum Nachvollzug von konnte jedoch unmöglich alle wichtigen
scher Basis herzustellenden Produkten Innovationen aus eigener Kraft dar. Das chemischen Verfahren und Techno-
trat in der öffentlichen Darstellung weitere Zurückfallen der DDR-Chemie logien aus eigener Kraft entwickeln. [...]
die Kehrseite des Programms zurück. Es sollte gestoppt werden. Doch bereits im
Rainer Karlsch, „Weltniveau“, in: Thomas Großbölting (Hg.),
zielte nämlich auch auf eine Auswei- März 1961 musste die Abteilung Grund- Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem
tung der Kohlechemie. Diese Zweiglei- stoffindustrie des ZK der SED feststellen: Prüfstand, Berlin 2009, S. 34 f.

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Der Ausbau des neuen Systems (1949 bis 1961) 31

picture-alliance / dpa
Der Systemwettbewerb mit Westdeutschland beherrscht die Wirtschaftspolitik. Das Motto des V. Parteitages der SED vom
Juli 1958 lautet „Der Sozialismus siegt“. Otto Grotewohl (M.) am Rednerpult in der Werner-Seelenbinder-Halle in Berlin

„Republikflucht“ strafbar. Auch die Kriminalisierung sowie die Kollektivierung in der Landwirtschaft
verstärkte Überwachung, Beobachtung und Kontrolle durch
Polizei und Staatssicherheit konnten die Fluchtbewegung in Die Landwirtschaft war stets das Sorgenkind von Partei und Re-
Richtung Westdeutschland und West-Berlin in den folgenden gierung. Die bäuerliche Welt und ihre Eigenheiten blieben der
Jahren nicht nennenswert aufhalten. SED-Führung fremd. Erfolgreiche bäuerliche Betriebe hatten
kaum Interesse daran, sich in Landwirtschaftlichen Produktions-
genossenschaften (LPG) zusammenzuschließen. Bis 1960 hatten
Der Wettstreit der Systeme sich nur 3,2 Prozent der Einzelbauern entschlossen, einer Genos-
senschaft beizutreten. Nachdem jedoch im September 1959 Par-
Seit dem XX. Parteitag der KPdSU vom Februar 1956 ging die teichef Ulbricht das Ziel proklamierte, den Sozialismus zum Siege
sowjetische Führung von der Möglichkeit aus, durch einen Mo- zu führen, kämpfte die SED-Führung um „sozialistische Produkti-
dernisierungsschub die marktwirtschaftlich hoch entwickelten onsverhältnisse“ auf dem Lande.
Gesellschaften der westlichen Industriestaaten ökonomisch, Im Januar 1960 startete die Parteiführung eine massive Kam-
kulturell und politisch überflügeln und die Überlegenheit des pagne für die Kollektivierung auf dem Lande. Viele Bauern sahen
Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus beweisen zu können. sich vor die Wahl gestellt, „freiwillig“ den Genossenschaften bei-
Die bisherigen Wirtschaftserfolge nährten die Illusion, dass sich zutreten oder in den Westen zu flüchten. Massive Werbung, mi-
die Überlegenheit der zentral gelenkten Planwirtschaft mit Hil- litante Agitation, Repression und Verhaftungen führten zu dem
fe des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) – eine 1949 gewünschten Ergebnis: Bis zum April 1960 trat die Mehrzahl der
gegründete Wirtschaftsgemeinschaft osteuropäischer Staaten bisherigen Einzelbauern den LPGs bei. Die Genossenschaften be-
unter Führung der Sowjetunion – in kurzer Zeit zeigen werde. wirtschafteten knapp 85 Prozent der landwirtschaftlichen Nutz-
Auch die SED-Führung stellte den Systemwettbewerb in den fläche. Hinzu kamen weitere sechs Prozent, die von Volkseigenen
Mittelpunkt ihrer Politik. Der „Sozialismus siegt“ hieß die zen- Gütern (VEG) betrieben wurden. Damit hatten in der Landwirt-
trale Losung des V. Parteitages der SED vom Juli 1958. Parteichef schaft die „sozialistischen Produktionsverhältnisse“ – entspre-
Ulbricht gab dort unter der Formel „Einholen und Überholen“das chend der marxistisch-leninistischen Doktrin – gesiegt.
ökonomische Ziel aus, den Pro-Kopf-Verbrauch der Bundesrepu- Die gewaltsame Kollektivierung trug mit dazu bei, dass der
blik bei allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern bis Flüchtlingsstrom nach Westen erneut anschwoll und sich wiede-
1961 auch in der DDR zu erreichen und sogar zu übertreffen. Da- rum die Produktions- und Versorgungsstörungen häuften. Eine
hinter stand die Einsicht, dass nur eine höhere wirtschaftliche verheerende Missernte im Jahre 1961 verschärfte die ohnehin
Leistungsfähigkeit das System nach innen und außen hinrei- schon eingetretene Versorgungskrise. Erst ab 1963/64 konnte
chend attraktiv gestalten, bei der Bevölkerung entsprechende die landwirtschaftliche Produktion durch neue Anbaumethoden
Loyalität gewinnen und die politische und soziale Stabilität in sowie durch erhöhten Einsatz von Chemie und moderner Agrar-
der DDR festigen könnte. Die Abhängigkeit der politischen Le- technik wieder gesteigert werden. Dennoch blieb das staatlich
gitimation vom wirtschaftlichen Erfolg setzte allerdings das gelenkte Agrarsystem in seiner Produktionsleistung – auch in
Herrschaftssystem unter einen Erfolgszwang, der das Risiko den übrigen Ostblockstaaten – immer hinter der Produktivität
vollständigen Scheiterns barg. der Landwirtschaften westlicher Industriestaaten zurück.

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32 Geschichte der DDR

schaftlicher Allgemeinbildung auf hohem Niveau, sondern


ebenso auf die Erziehung nach den politisch-ideologischen
Vorgaben des Marxismus-Leninismus. Darin hatte die Her-
ausbildung eines neuen, „sozialistischen Bewusstseins“ ei-
nen festen Platz.
Im Unterschied zur Landwirtschaft wurde die Bildung von Mit dem „Bitterfelder Weg“ (benannt nach einer Kultur-
Genossenschaften im Handwerk und im Handel nicht mit der konferenz in Bitterfeld) startete die SED-Führung 1959 noch
gleichen Radikalität vorangetrieben. Zwar förderte die Regie- einmal eine große kulturpolitische Offensive, um Kunst und
rung den Zusammenschluss von Handwerksbetrieben in Pro- Literatur an politisch-ideologische und ökonomische Vorga-
duktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH), so dass der ben zu binden. Unter Losungen wie „Greif zur Feder, Kum-
Umsatzanteil des privaten Einzelhandels auf unter zehn Pro- pel“ wurden Arbeiter animiert, sich literarisch zu betätigen,
zent fiel. Doch kamen auf das private Handwerk 1961 immer- um auf diese Weise an einer „sozialistischen Nationalkul-
hin noch 65 Prozent der Leistungen in diesem Bereich. tur“ mitzuwirken. Schriftsteller wurden aufgefordert, sich
der sozialistischen Realität zu widmen und sich dabei An-
regungen in den Industriebetrieben und Kohlebergwerken
Bildung und Kultur zu holen. „Kunst hilft Kohle“ lautete ein damit verbundener
Slogan. Kulturpolitisch wirkungsvoller als die literarischen
Nachdem der Besuch der achtklassigen Grundschule 1946 Schilderungen über „Großbaustellen des Sozialismus“ war
gesetzlich verfügt worden war, folgten in den 1950er Jahren hingegen die staatliche Subventionierung kultureller und
weitere Schulreformen. Die wichtigste Neuerung im Schul- künstlerischer Einrichtungen. Dies steigerte breitenwirk-
system bestand in der 1959 eingeführten „Zehnklassigen po- sam den Besuch von Theatern, Konzertsälen, Museen und
lytechnischen allgemeinbildenden Oberschule“ (POS), an die Kinos. Auf dem Land entwickelten sich neu erbaute Kultur-
eine mindestens zweijährige, zum Fachschulbesuch berech- häuser zum kulturellen Anziehungspunkt. Auch Kulturhäu-
tigende Berufsausbildung anschloss. Der gesamte Unterricht ser der Betriebe wurden als zentrale Orte von Feiern und
an der Einheitsschule zielte darauf, einen engen Praxis- und Tanzveranstaltungen zunehmend beliebter. Zu den wich-
Lebensbezug von Bildung, Unterricht und Erziehung herzu- tigsten kulturellen Höhepunkten gehörten die periodischen
stellen. In den Klassenstufen 9 bis 12 konnte an einer „Erwei- Kunstausstellungen, die seit 1946 alle vier Jahre in Dresden
terten Oberschule“ (EOS) das Abitur absolviert werden. Über stattfanden. Schriftsteller wie Anna Seghers, Stefan Heym,
den Zugang zur EOS (Gymnasium) entschieden jedoch nicht Stephan Hermlin oder auch die Intendanten des Berliner En-
allein Leistung und Befähigung, sondern in gleicher Weise sembles Helene Weigel und Bertolt Brecht standen für künst-
politische Einstellung. Kinder mit christlich sozialisiertem lerisch anspruchsvolle Versuche, sich den Problemen der da-
Hintergrund hatten es grundsätzlich schwer, eine Zulassung maligen Zeit zu stellen. Hinzu kam, dass mit Filmen solcher
zur EOS zu erhalten. Darüber hinaus gab es Betriebs- oder Regisseure wie Kurt Maetzig (Schlösser und Katen, 1956) und
Kommunale Berufsschulen sowie Sonderschulen (Hilfs- und Slatan Dudow (Stärker als die Nacht, 1954) Produktionen der
Behinderten-Schulen). Am Ende der 1950er Jahre besuchten Deutschen Film AG (DEFA) auch international zur Kenntnis
im Durchschnitt 94 Prozent der Schüler die POS, drei Prozent genommen wurden. Alle Schriftsteller, Künstler oder Regis-
die Sonderschulen, drei Prozent erwarben an der EOS das Abi- seure hatten jedoch immer wieder mit politischen Regle-
tur. Das Bildungskonzept der SED setzte allerdings nicht nur mentierungen und Disziplinierungen zu kämpfen, die mal
einen Schwerpunkt auf die Vermittlung von naturwissen- stärker, mal schwächer ausfallen konnten.

Bitterfelder Lesefrucht

„Nehmen wir das Gedicht (‚Neues Fürcht dich nicht in deinen Decken, Sohn spricht. Die Natürlichkeit wird noch
Deutschland‘, Beilage Kunst und Litera- wenn es bumst, erschrick mir nicht! durch das Zitieren von Märchenfiguren
tur vom 5. September 1959) des Wis- Schlafe, Söhnchen, kleiner Wicht! verstärkt, wodurch es eine besondere No-
mutkumpels Reinhard Bernitzke, der te von Volksdichtung erhält. Zugleich
schon lange literarisch schafft und Schlafe, Sohnatsch, Kumpelsohn! werden aber weltpolitische Probleme sicht-
Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Junger Nach der Schicht wird dir dein Lohn, bar: ‚[...] schenken sie dir Glitzerstein‘,
Autoren Karl-Marx-Stadt ist. Vater kommt nach Hause. das klingt spielerisch, ist zugleich aber Aus-
Und die Wanne und die Brause druck für das, was der Wismutkumpel
Schlafe, Söhnchen, schlafe ein, Warten auf uns beide schon. schürft, nämlich Uran – Uran in des Vol-
Kumpelkind, das darf nicht schrein – Schlafe, Sohnatsch, Kumpelsohn! kes Hand, das dem Frieden dient. Da-
Vater schürft im Berge – rum kann das Gedicht diesen ein wenig
Trifft er dort die sieben Zwerge, In diesem Gedicht, das sehr schön in idyllischen, freundlichen Ton haben,
schenken sie dir Glitzerstein. kindgemäßer Sprache gehalten ist und ohne zu verniedlichen. Es ist ein sozialisti-
Schlafe, Söhnchen, schlafe ein! in dem zugleich Dialektausdrücke sches und realistisches Gedicht.“
verwendet werden, kommt die ganze At-
Einheit, H. 2/1960 (Schubbe, S. 612 f.) (der Autor, Willi Lewin,
Schlafe, Söhnchen, kleiner Wicht! mosphäre einer Bergarbeiterfamilie war Mitarbeiter des ZK der SED)
Vater in der Wechselschicht, zum Ausdruck. Man sieht förmlich den In: Manfred Jäger (Hg.), Kultur und Politik in der DDR, Köln
schießt die neuen Strecken. Kumpel, der zu seinem im Bette liegenden 1982, S. 96

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


Der Ausbau des neuen Systems (1949 bis 1961) 33

herangezogen worden war. Nach seinem Tod wurde das Amt


Wilhelm Hartung, in: Die Welt vom 14. September 1960

abgeschafft. An die Stelle des Präsidenten trat ein Staatsrat,


der von der Volkskammer gewählt wurde. Der Staatsrat konn-
te Gesetze verabschieden und übernahm in der Folgezeit zu-
nehmend Regierungsaufgaben. Den Vorsitz im Staatsrat über-
nahm SED-Chef Walter Ulbricht, der damit in seiner Person
eine große Machtfülle vereinigte.

Der Bau der Mauer

Im Laufe des Jahres 1960 häuften sich erneut die Zeichen einer
inneren Krise in der DDR. Die ökonomischen Zielsetzungen
Personelle Zäsuren an der Spitze von Partei und des V. Parteitages von 1958 erwiesen sich als zu hoch gesteckt.
Staat Das selbst erklärte Ziel, die Bundesrepublik im Lebensstandard
und beim Konsum zu übertreffen, konnte nicht mehr aufrecht
Walter Ulbricht konnte im Lauf der 1950er Jahre seine unein- erhalten werden. Nachdem ein bescheidener Aufschwung in
geschränkte Machtposition an der Spitze der SED schrittweise vielen Volkswirtschaftsbereichen erzielt werden konnte, kam
festigen. Die 15. ZK-Tagung wählte ihn im Juli 1953 zum Ersten es 1960 flächendeckend zu erheblichen Einbrüchen bei der
Sekretär des Zentralkomitees; bis dahin hatte er als General- Produktion in Industrie und Landwirtschaft.
sekretär fungiert. Die neue Bezeichnung sollte lediglich die Angesichts der gravierenden Versorgungskrise stieg erneut
dominante Stellung des Parteichefs in der internen Hierarchie die Zahl derjenigen, die die DDR in Richtung Bundesrepublik
der SED verdecken; seine weitreichenden Machtbefugnisse verließen. Im Jahre 1960 waren es rund 200 000 Menschen,
blieben unangetastet. Die Ämter der Parteivorsitzenden, die bis zum ersten Halbjahr des Jahres 1961 103 159. Die DDR verlor
seit 1946 Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl formell innehat- immer mehr junge und hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Der
ten, wurden mit dem neuen Parteistatut von 1954 abgeschafft. Mauerbau im August 1961 war der verzweifelte Versuch der
Am Ende der 1950er Jahre gab es zu Ulbricht keine echte per- SED-Führung, den drohenden Kollaps der DDR und die damit
sonelle Konkurrenz mehr. verbundene eigene Machteinbuße zu verhindern. Mit ökonomi-
Präsident und Politbüromitglied Wilhelm Pieck starb am 7. Sep- schen Argumenten versuchte Ulbricht, die sowjetische Führung
tember 1960, nachdem er bereits in den Jahren zuvor kaum von der Notwendigkeit zu überzeugen, die Fluchtbewegung ge-
noch zu politischen Entscheidungen in der SED und der DDR waltsam zu stoppen.

Flüchtlinge aus der DDR und dem ... und im Jahre 1961*
Ostsektor von Berlin* 1949-1960

Jahr/Monat Personen davon: Jugendliche bis Monat Personen davon: Jugendliche bis
unter 25 Jahre in Prozent unter 25 Jahre in Prozent

1949 129 245 – Januar 16 697 47,8


1950 197 788 – Februar 13 576 49,5
1951 165 648 – März 16 094 50,6
1952 182 393 – April 19 803 49,4
1953 331 390 48,7 Mai 17 791 50,0
1954 184 198 49,1 Juni 19 198 50,2
1955 252 870 49,1 Juli 30 415 51,4
1956 279 189 49,0 August 47 433 48,2
1957 261 622 52,2 September 14 821 44,3
1958 204 092 48,2 Oktober 5 366 50,0
1959 143 917 48,3 November 3 412 51,4
1960 199 188 48,8 Dezember 2 420 52,8
1961 207 026 49,2 Insgesamt 207 026 49,2
* Nach den Monatsmeldungen des Bundesministeriums für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegs- In: Jürgen Rühle, Gunter Holzweißig, 13. August 1961. Die Mauer von Berlin, Köln 1981, S. 151
geschädigte

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34 Geschichte der DDR

Öffentlich bemühte sich der SED-Chef, derartige Absichten Planung und Ausführung in die Hände der SED-Führung. Die
zu dementieren, indem er auf einer Pressekonferenz am „offene Grenze“, die aus SED-Sicht die entscheidende Ursache
15. Juni 1961 auf die Frage einer westdeutschen Journalistin für die inneren Stabilitätsprobleme der DDR darstellte, wurde
erklärte: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen.“ nun gewaltsam geschlossen.
In seiner politischen Propaganda verband Ulbricht die Ab- Die Abriegelung der Grenze zu West-Berlin und West-
riegelung West-Berlins mit der angeheizten Berlin-Krise, die deutschland wurde bereits in den 1950er Jahren zunehmend
durch ein Ultimatum des sowjetischen Parteichefs Nikita militanter organisiert. Seit 1954 existierte auf dem Gebiet
Chruschtschow ausgelöst worden war. In einem Schreiben an der DDR offiziell ein „Sperrgebiet“, das aus einem Kontroll-
die Westmächte vom 27. November 1958 hatte Chruschtschow streifen (10 Meter) unmittelbar entlang der innerdeutschen
verlangt, den Viermächtestatus von Berlin aufzuheben, die Grenze, einem 500  Meter breiten „Schutzstreifen“ sowie
alliierten Truppen aus West-Berlin abzuziehen und West- einer „Sperrzone“ (5 Kilometer) bestand. Bewohner dieser
Berlin den Status einer selbstständigen politischen Einheit – „Sperrzone“ unterlagen einer besonderen Kontrolle; sie wa-
Freien Stadt zu geben. Er räumte dafür eine Zeit von einem ren durch einen Vermerk im Personalausweis zum Betreten
halben Jahr ein, was von den Westmächten als ein Ultima- des „Sperrgebiets“ berechtigt. Besucher benötigten einen
tum interpretiert wurde. Die durch dieses Berlin-Ultimatum Passierschein. Der 500 Meter breite „Schutzstreifen“ wurde
erzwungenen Verhandlungen der Außenminister der vier nach 1961 teilweise vermint und/oder mit Signalzäunen aus-
Großmächte Mitte 1959 in Genf führten zu keiner Einigung. gestattet. Den eigentlichen Grenzzaun baute man nach 1961
Gleichzeitig koppelte die sowjetische Führung die Berlin- zu einem schwer überwindbaren doppelten Stacheldraht-
Frage an ihre Interessen in der Deutschlandpolitik, indem sie zaun aus; an vielen Stellen wurde aber auch eine circa drei
am 10. Januar 1959 einen Entwurf für einen deutschen Frie- Meter hohe Mauer errichtet, wie sie an der Grenze zu West-
densvertrag vorlegte, in dem die Fixierung des Status quo und Berlin typisch gewesen war.
nicht mehr die Einheit Deutschlands im Mittelpunkt stand. Die innerdeutsche Grenze begann im Süden am Dreiländer-
Eine Verständigung zwischen den USA und der Sowjetunion eck Bayern, Sachsen, Böhmen und endete an der Ostsee in der
über die Deutschland- und Berlinproblematik schien in weite Lübecker Bucht. Die Absperranlangen an der Grenze zu West-
Ferne und ein Alleingang der UdSSR in den Bereich des Mög- Berlin und Westdeutschland wurden flächendeckend von
lichen zu rücken. Grenztruppen überwacht sowie von Hundelaufanlagen und
In einer Rundfunk- und Fernsehansprache vom 25. Juli 1961 Selbstschussgeräten perfektioniert. Jeglicher Fluchtversuch
hatte der amerikanische Präsident John F. Kennedy zu verste- war mit dem Risiko verbunden, von Grenzsoldaten erschossen
hen gegeben, dass die USA lediglich bereit seien, ihre Schutz- zu werden. Fast 700 Menschen kamen bis 1989 an der inner-
machtfunktion in West-Berlin auszuüben, gegen Aktionen auf deutschen Grenze zu Tode. Die Grenztruppen gehörten von
dem Territorium Ost-Berlins und der DDR jedoch nichts un- 1961 bis 1973 als „Kommando Grenze“ zur Nationalen Volks-
ternehmen würden. Das bewog den sowjetischen Parteichef armee (NVA). Im Ergebnis der Konferenz über Sicherheit und
Chruschtschow am 1. August 1961 in Moskau dem Drängen Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki und des damit
Ulbrichts nachzugeben, die Fluchtwelle durch die Abriegelung verbundenen Abrüstungsprozesses wurden sie ab 1973 for-
der Grenze zu West-Berlin und Westdeutschland zu stoppen. mell als selbstständige Organisation ausgegliedert, um nicht
Ulbricht erhielt auch die Vollmacht, den Zeitplan zum Mauer- zur Truppenstärke des Landes gezählt zu werden. Trotzdem
bau zu bestimmen. Kurz darauf stimmten auch die Mitglieder blieben die Grenztruppen der DDR, der in den 1980er Jahren
des Warschauer Paktes dem Mauerbau zu und legten dessen circa 40 000 Wehpflichtige sowie Berufssoldaten angehörten,

Die gravierende Versorgungskrise 1960 veranlasst viele Menschen zur Am 13. August 1961 riegelt die DDR-Regierung die Grenze zum Westen zu-
Flucht in den Westen. Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde nächst mit Stacheldraht ab. Volkspolizisten an der Bernauer Straße
Bundesregierung – Siegmann
ullstein bild – Georgi(L)

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Der Ausbau des neuen Systems (1949 bis 1961) 35

als eigenständige Waffengattung direkt dem Ministerium für in Ost-Berlin das tägliche Leben erträglicher gemacht hatten.
Nationale Verteidigung unterstellt. Ost-Berliner konnten jetzt nicht mehr im Westteil der Stadt
Der Mauerbau bedeutete für große Teile der Bevölkerung mit DDR-Geld Westzeitungen und -zeitschriften kaufen sowie
einen erheblichen Einschnitt in ihre Lebensumstände. Die die Theater und Kinos besuchen. Die westdeutsche Konsum-
Trennung der Familien stand dabei unbestritten an erster welt ließ sich jetzt nur noch im Werbefernsehen bewundern.
Stelle. Das Ende der offenen Grenze bedeutete aber auch das Zum Verbleib in der DDR gezwungen, mussten sich die Men-
Ende von Freiheiten und Annehmlichkeiten, die insbesondere schen mehr denn je mit dem System arrangieren.

DDR-Grenzsperranlagen Die Berliner Mauer

Kontrollstelle Heiligen-
see/Stolpe Dorf

Kontrollstelle
Staaken/
Spandau
Berlin
(nur Bahn- Ost
transit)
Kontroll-
DDR stelle
Heerstraße/
Staaken Berlin
West

Bundesrepublik
Deutschland Grenzverlauf

Metallgitterzaun (ca 3,2 m Beobachtungsbunker


hoch)
Hundelaufanlage Kontrollstelle Griebnitzsee/ Checkpoint Charlie
Kfz-Sperrgraben (mit Wannsee (nur Bahntransit) (Grenzübergang für Ausländer,
Betonplatten befestigt) Zaun mit elektronischen und
Alliierte, Diplomaten)
akustischen Signalanlagen Kontrollstelle Dreilinden/Drewitz
Spurensicherungsstreifen Bhf. Friedrichstraße
Hundefreilaufanlage Kontrollstelle Waltersdorfer
Anschluss-Säule für das Chaussee Invalidenstraße
erdverkabelte Grenzmelde- Betonsperrmauer/
Sichtblende Sonnenallee Chausseestraße
netz
Oberbaumbrücke Bornholmer Straße
Beobachtungstürme aus Kontrollpassierpunkt zur
Beton Sperrzone Prinzenstraße

picture-alliance / dpa Grafik 2409, © Globus Infografik

Anfangs kann die Absperrung noch überwunden werden. Das Bild des
19-jährigen Volkspolizisten Conrad Schumann, der am 15. August 1961
nach West-Berlin flüchtet, geht um die Welt.
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1 Mitte 60er Jahre: Plattenbau; Mitte 70er 2 garantierte am „Todesstreifen“ gute Sicht
Jahre: Mauer aus industriell gefertigten für Bewacher
Betonsegmenten 3 - 4 m hoch, 10 cm dick 3 mehrere Drahtreihen unter elektrischer
mit Rohranlage Spannung (optische/akustische Signale bei
ullstein bild – Chronos Media GmbH

Berührung)

Mauerbau-Beginn: 13.8.1961 | Öffnung: 9.11.1989 | Gesamtlänge:


155 km, davon 43 km im Stadtgebiet | Beobachtungstürme: 302 | ge-
lungene Fluchten über Mauer und Todesstreifen (1961 – 1989): 5075,
davon 574 Fahnenfluchten

picture-alliance / dpa Grafik 10381, © dpa-infografik

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36 Geschichte der DDR

picture-alliance / dpa
akg-images / AP

Später wird die Grenze für Hunderte Menschen zur tödlichen Falle: Einer Der Mauerbau bedeutet für viele Familien die schmerzhafte Trennung
von ihnen ist der 18-jährige Peter Fechter, der am 17. August 1962 in der von Angehörigen. Oftmals dauert es Jahre bis sie sich wiedersehen
Nähe der Berliner Friedrichstraße angeschossen wird und anschließend können. Blickkontakt zu Ost-Berliner Verwandten am 1. Oktober 1961 im
zwischen den Fronten verblutet. Berliner Norden

Die politische Führung verband mit dem Mauerbau am 13. konnte sich jetzt der Sozialismus „auf seinen eigenen Grund-
August 1961 die Hoffnung, sich gegenüber der Bevölkerung lagen“ entwickeln – bei geschlossener Grenze, aber nach wie
neue Handlungsspielräume verschaffen zu können, da ihre vor in Konkurrenz zur Bundesrepublik. Die DDR wurde zum
politischen Entscheidungen nicht mehr Abwanderungen zur Laborversuch für ein gigantisches Sozialexperiment, für das
Folge haben würden. Im Selbstverständnis der SED-Führung Versprechen auf eine lichte Zukunft im Kommunismus.

Bis heute spürbar: die Berliner Das ist nicht die Geschichte von unten. Bürger einschließen mußte, war mo-
Mauer Das sagt wenig über die Tragödien ralisch tot. Und der Westen glänzte in
der Teilung, das zersäbelte Berlin, die der Sonne seiner Selbstgerechtigkeit.
„Ich möchte am liebsten wegsein und zerrissenen Familien, die hunderten Leicht wird vergessen, daß es auch Ost-
bleibe am liebsten hier.“ Wolf Biermann Mauertoten, von Günter Litfin (erschos- deutsche gab, die die Mauer begrüßten –
[...] Dies ist die Geschichte von oben, sen am 24. August 1961) bis Chris Künstler, linke Intellektuelle, die keines-
passiert am Sonntag, dem 13. August 1961: Gueffroy (5. Februar 1989). Kein Sterben falls in der oberflächlich entnazifizier-
Um 1.11 Uhr unterbricht der (Ost-)Ber- an der Mauer erschütterte die Welt ten Bundesrepublik zu leben wünschten.
liner Rundfunk seine „Melodien zur Nacht“ wie das des achtzehnjährigen Peter Fech- Die geistige Enge der DDR, den Dog-
für eine Sondermeldung: „Die Regierun- ter, der am 17. August 1962 mit seinem matismus, die Zensur hatte man ihnen
gen der Warschauer Vertragsstaaten wen- Freund nahe dem Checkpoint Charlie die mit der offenen Flanke zum Klassen-
den sich an die Volkskammer und an Grenze überstieg. Der Freund kam feind begründet. Diese Bedrängten at-
die Regierung der DDR mit dem Vorschlag, durch. Fechter, in Brust und Rücken ge- meten am 13. August 1961 auf: Jetzt
an der Westberliner Grenze eine solche schossen, bleib auf der Ostseite, wo er sind wir unter uns, jetzt bricht die sozia-
Ordnung einzuführen, durch die der Wühl- eine Stunde lang um Hilfe rief. Man ließ listische Geistesfreiheit an! Sie merkten
tätigkeit gegen die Länder des sozialisti- ihn verbluten. [...] bald, welcher Illusion sie aufgesessen wa-
schen Lagers zuverlässig der Weg verlegt Die Ostdeutschen flohen in Kofferräu- ren. Kurz nach dem Mauerbau, erinnert
und rings um das ganze Gebiet Westber- men, Kabelrollen, Lautsprecherboxen. sich Stefan Heym, traf ich Otto Gotsche,
lins eine verläßliche Bewachung gewähr- Ein Mini-U-Boot zog 1968 Bernd Böttger Ulbrichts Sekretär. Und der sagte, mit
leistet wird.“ Um 1.05 Uhr verriegeln durch die Ostsee. Per Heißluftballon einem Haß: Jetzt haben wir sie! Der mein-
DDR-Grenzverbände und Kampftruppen schwebten 1979 die Familien Strelzyk und te nicht den Klassenfeind. Der meinte
das Brandenburger Tor. Um 1.54 Uhr Wetzel von Thüringen nach Franken, die Unseren, Künstler des eigenen
wird der erste Ost-West-S-Bahn-Zug ge- Habe und Heimat verlassend auf dem Landes. [...]
stoppt. An den Sektorengrenzen reißt Feuervogel Freiheit, statt weiterzu- Die Mauer stand ja nach Osten. Die
Volkspolizei das Straßenpflaster auf und trotten im Joch der Diktatur. Die Mauer SED mißtraute dem eigenen Volk.
installiert Stacheldraht. Als die Berliner bot dem Westen eine hochpathetische
erwachen, ist ihre Stadt geteilt, und end- Werbewand. Sie offenbarte das Wesen Christoph Dieckmann, Rükwärts immer. Deutsches Erinnern,
gültig auch Deutschland. [...] der Sowjetwelt. Ein Staat, der seine Bonn 2005, S. 141 ff.

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37

Andreas Malycha

Im Zeichen von Reform


und Modernisierung
(1961 bis 1971)

In den 1960er Jahren bemüht sich die SED, das planwirtschaft-


liche System an die Erfordernisse einer modernen Industrie-
gesellschaft anzupassen, um ihre Macht und das bestehende

Jochen Zick / Keystone
gesellschaftliche System zu stabilisieren. Doch nachhaltige
Erfolge bleiben aus, und auch Lockerungen in der Jugend- und
Kulturpolitik werden rasch zurückgenommen.

In den 1960er Jahren rückt neben dem Maschinenbau die chemische Indus-
trie ins Zentrum der Wirtschaftsförderung. Das 1964 eröffnete Erdölwerk in
Schwedt entwickelt sich zum größten petrochemischen Kombinat der DDR.

Das Reformpaket der 1960er Jahre

Wirtschaftsreformen

Auf dem VI. Parteitag im Januar 1963 wurde das „Neue Öko- (Werkzeugmaschinenbau, Chemieanlagen). Am 1. April 1964
nomische System“ (NÖS) beschlossen, das die Modernisie- nahm in dem kleinen Städtchen Schwedt an der Oder ein neu-
rung der Wirtschaft zum Herzstück von Reformen erhob. Die es Erdölwerk den Betrieb auf, das Rohöl aus der Sowjetunion
staatlichen Betriebe sollten zu gewinnorientiert arbeitenden verarbeitete und veredelte. Es entwickelte sich zu einem gi-
Wirtschaftsorganisationen werden. Als zentraler Maßstab gantischen petrochemischen Kombinat (PCK Schwedt), das
diente jetzt nicht mehr der quantitative Umfang der Produk- nicht nur zum wichtigsten Kraftstofflieferanten der DDR wur-
tion (Tonnenideologie), sondern der Gewinn. Die Kräfte des de, sondern auch seit Mitte der 1960er Jahre ausgebaut wurde,
Marktes wurden nicht mehr als „kapitalistischer Restbestand“ um die Textilindustrie mit Faserrohstoffen, die Landwirtschaft
behandelt; fortan sollten sie für ein effizienteres Wirtschaf- mit hochwertigem Stickstoffdünger und die Chemieindustrie
ten nutzbar gemacht werden. Beabsichtigt war, Plan und mit petrochemischen Komponenten zu versorgen.
Markt besser miteinander zu verbinden. Jetzt begann in der Chemische Erzeugnisse veränderten im Laufe der 1960er
Wirtschaft ein langjähriges Experimentieren mit neuen For- Jahre den Alltag der Bevölkerung. Zu einem bekannten Kunst-
men der Verwaltung und Organisation, um die volkseigenen faserprodukt gehörten bügelfreie Hemden, Kittelschürzen und
Betriebe in flexible Warenproduzenten umzuwandeln. Die Einkaufsbeutel aus DEDERON – das war der Handelsname von
Direktoren staatlicher Betriebe erhielten mehr Kompetenzen Polyamidfasern in der DDR. Sie wurden in Chemiefaserwerken in
und Eigenverantwortung, damit sie freier über Absatz, Finan- Rudolstadt-Schwarza, Guben und in Premnitz hergestellt. Auch
zen, Arbeitskräfte und Rohmaterialien verfügen konnten. Von Möbel und Geschirr aus Plaste/Plastik gehörten jetzt zum Alltag.
einem Aufblühen der Wirtschaft versprachen sich die Refor- Die VEB Chemische Werke Buna in Schkopau führten zu dieser
mer im SED-Politbüro auch stimulierende Auswirkungen auf Zeit den Werbeslogan „Plaste und Elaste aus Schkopau“ ein, wo-
alle anderen Bereiche der Gesellschaft. bei Plaste für starre und Elaste für elastische Kunststoffe stand.
In das Zentrum des Wirtschaftsausbaus rückten die Chemie Nach zwei Jahren fortwährender Experimente begann in
(Petrochemie, Kunstfaserherstellung) und der Maschinenbau den Jahren von 1965 bis 1967 die zweite Phase der Wirtschafts-

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38 Geschichte der DDR

Amt. Er nahm sich am 3. Dezember 1965 in seinem Dienstzim-


mer das Leben, nachdem sein Entwurf für den Fünfjahrplan
der Jahre 1966 bis 1970 am 2. Dezember 1965 auf einer außer-
ordentlichen Politbürositzung mit dem Verweis auf das per-
sönliche Versagen des Planungschefs abgeschmettert worden
war. Als Nachfolger bestimmte die Volkskammer den bisheri-
gen Stellvertreter Apels, Gerhard Schürer, der die Plankommis-
sion bis zu ihrer Auflösung 1989 leitete.
„Überholen ohne einzuholen“, lautete die Formel, mit der
Parteichef Ulbricht Ingenieure, Betriebsleiter und Arbeiter
ullstein bild – DHM / Schwarzer

zu „Höchstleistungen“ im Systemwettstreit anfeuern wollte.


In rasantem Tempo wurde versucht, eine leistungsschwache
Wirtschaft binnen weniger Jahre in ein effizientes wirtschaft-
liches System umzuwandeln. Doch es häuften sich Spannun-
gen im gesamten Wirtschaftssystem und herbe Rückschläge.
Die Produktionspläne konnten nicht mehr erfüllt werden. Es
kam 1970 zu empfindlichen Versorgungsschwierigkeiten, vor
Bekannt und beliebt: Kittelschürzen, Beutel und Hemden aus DEDERON. Der allem in der Zulieferindustrie. Betriebsdirektoren versuchten
Name ist, angelehnt an das westliche „Perlon“, ein Kunstwort aus DDR-on. vergeblich, die Rückstände mit Sonderschichten an den Wo-
Anprobe beim VEB Damenoberbekleidung „Fortschritt“ in Berlin 1967 chenenden aufzuholen, was unter den Belegschaften Unmut
auslöste. Unter dem Eindruck der 1970 anschwellenden Wirt-
schaftskrise wurden die 1963 begonnenen Wirtschaftsrefor-
men zur Jahreswende 1970/71 schließlich abgebrochen.
Insbesondere Günter Mittag, einer der maßgeblichen Archi-
tekten der Wirtschaftsreform, präsentierte sich plötzlich als
ein heftiger Kritiker der seit dem VII. Parteitag 1967 getroffe-
nen wirtschaftspolitischen Entscheidungen. Nur durch diesen
Schwenk auf die Seite der Reformgegner konnte er sich in der
SED-Machthierarchie behaupten. Auch der Chef der Staatli-
chen Plankommission, Gerhard Schürer, der die Reformexperi-
mente Ulbrichts und seiner Berater bislang unterstützt hatte,
sprach sich vehement für einen Abbruch der Wirtschaftsrefor-
men und eine Änderung der Investitionspolitik aus. Als beson-
akg-images

deres Ärgernis betrachtete der oberste Planungschef den deut-


lichen, obschon im Vergleich zu späteren Jahren moderaten
Auf dem VII. SED-Parteitag in Berlin 1967 wird das 1963 beschlossene „Neue Anstieg der Auslandsverschuldung, vor allem in konvertierba-
Ökonomische System“ bekräftigt. ren Devisen. Dazu trugen seiner Meinung nach Investitionen
in Prestigeobjekte ohne nennenswerten Nutzen bei, wie der
Vergnügungspark in Berlin-Plänterwald, der am 4. Oktober
1969 eröffnet worden war, rund 20 Millionen Valutamark ge-
kostet hatte und zeigen sollte, wie modern und lebenswert der
Sozialismus war.
Letztlich scheiterten die Modernisierungsversuche in der
Wirtschaft an den systembedingten Defiziten der staatlich
gelenkten Planwirtschaft. Hinzu kamen die überzogenen Er-
wartungen. Die Ziele der Wirtschaftspläne wurden immer
gewaltiger. Die angestrebten jährlichen Zuwachsraten in
der Produktivität von fast neun Prozent entsprachen reinem
Wunschdenken. Um in zukunftsträchtigen neuen Zweigen der
bpk / Jochen Moll

Computertechnik und Elektronik konkurrenzfähig zu werden,


fehlten strukturelle Mechanismen für den Technologietrans-
fer zwischen der Forschung und der Produktion. Selbst bei ei-
Wettstreit der Systeme: Zu den zukunftsträchtigen, besonders geförderten In- ner angemessenen Konzentration des Industriepotenzials gab
dustriezweigen gehört auch die Elektronik. Fernsehgerätewerk Staßfurt 1965 es angesichts der begrenzten Möglichkeiten in der DDR und
ihrer Abhängigkeit von Rohstofflieferungen aus der Sowjet-
union, insbesondere bei Erdöl, nur geringe Chancen, tatsäch-
reform. Das wirtschaftliche Reformkonzept wurde in der Ver- lich „Weltniveau“ zu erreichen.
antwortung von zwei Parteifunktionären mit wirtschaftswis- Im Grunde scheiterten die Reformer mit dem Versuch,
senschaftlichem Sachverstand erarbeitet, die das Wohlwollen marktwirtschaftliche Mechanismen einzuführen, da sie aus
Ulbrichts genossen und 1961 bzw. 1963 in das SED-Politbüro politischen Gründen grundsätzlich an der Planwirtschaft fest-
gewählt worden waren: Erich Apel, seit 1963 Vorsitzender der hielten und die SED-Spitze keinerlei Abstriche an ihrer unein-
Staatlichen Plankommission, sowie Günter Mittag, seit 1962 geschränkten Führungsrolle bei der Steuerung und Lenkung
ZK-Sekretär für Wirtschaft. Apel blieben nur wenige Jahre im der Wirtschaft zulassen wollte. Einzelne Elemente der Selbst-

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


Im Zeichen von Reform und Modernisierung (1961 bis 1971) 39

regulation und Dezentralisierung reichten nicht aus, um die


starren Methoden der zentralstaatlichen Wirtschaftsplanung
zu überwinden und Flexibilität und Entwicklungsfähigkeit zu
erreichen. Letztlich siegten machtpolitische Interessen über
wirtschaftliche Notwendigkeit und ökonomischem Sachver-
stand.

Die „sozialistische Schule“

Bildung und Erziehung standen in den 1960er Jahren ebenfalls


im Mittelpunkt der Gesellschaftspolitik, weil die SED-Führung
das Bildungssystem als eine direkt staatlich kontrollierbare In-

picture-alliance / dpa
stanz zur Sozialisation nachwachsender Generationen ansah. In
ihm wurde gemäß der marxistisch-leninistischen Doktrin ein
entscheidender Hebel zur weltanschaulichen Prägung der He-
ranwachsenden gesehen. Der pädagogischen Idealvorstellung
entsprach das Leitbild der „allseitig entwickelten sozialistischen Mathematisch-naturwissenschaftliche bzw. technische Schulen, wie die EOS
Persönlichkeit“. Darin vereinten sich verschiedene Persönlich- Heinrich Hertz in Berlin, werden eingerichtet, um den steigenden Arbeits-
keitsmerkmale: sozialistisches Klassenbewusstsein, Verantwor- kräftebedarf in den besonders geförderten Wirtschaftszweigen zu decken.

Diplomaten in Trainingsanzügen Die Statistik beweist den Erfolg des Systems: der SED-Führung bewusst herbeigeführte
Bis 1988 gewann die DDR allein bei Disziplinierungsmaßnahme (etwa nach un-
[…] Die sportlichen Erfolge ihrer Athleten olympischen Sommerspielen 454 und bei erwünschten Westkontakten) oder schlicht
waren für die DDR-Führung ein entschei- Winterspielen noch einmal 110 Medail- um einen „Unfall“. Denn eigentlich musste
dendes Mittel in ihrem Kampf um inter- len. Damit belegte das Land, obwohl nur die lückenlose medizinische Überwachung
nationale Anerkennung. Weder die von 1964 bis 1988 als selbstständiges der DDR-Leistungssportler jede positive
Wirtschafts- noch die Sozialpolitik der SED Land vertreten, in der ewigen olympischen Dopingprobe verhindern. So wurden in den
konnten dem Arbeiter- und Bauernstaat Medaillenwertung noch 2004 den siebten Wochen vor großen internationalen Wett-
zu Glanz und internationaler Anerkennung Platz. Um die internationale Anerkennung kämpfen etwa die Erfolg garantierenden
verhelfen. Es waren vielmehr jene erfolg- durch sportliche Erfolge zu garantieren, Schwimmerinnen hormonell auf Männer-
reichen Sportler und Sportlerinnen, die die war der Bereich vollständig unter staatli- konzentrationen eingestellt. Tage vor
DDR weltweit vertraten. Nicht umsonst cher Kontrolle. dem Wettkampf und nach Absetzung der
wurden sie von der DDR-Führung „Diplo- 1974 entstand der Staatsplan 1425, in dem Mittel ging es dann zur internationalen
maten in Trainingsanzügen“ genannt. […] das flächendeckende Doping von Leistungs- Dopingkontrolle. […] [Das Dopingkontroll-
So wurde der Leistungssport in der DDR sportlern festgeschrieben wurde, überwacht institut in Kreischa] war […] stets auf einem
zentrales Staatsziel, in keinem anderen vom Ministerium für Staatssicherheit. […] technisch brillanten Stand, zum Teil
Land waren Sport und Politik so eng ver- Heute weiß man, dass viele Sportlerinnen finanziert mit Devisen aus der Bundesrepu-
flochten wie in der DDR. 22 besonders und Sportler dauerhafte Folgeschäden blik. Das Geld stammte aus dem prakti-
Erfolg und Medaillen versprechende Sport- davongetragen haben. Die unterstützenden zierten Freikauf von Häftlingen und floss
arten wurden ausgewählt. Sie wurden Mittel führten nicht nur zu Fruchtbar- auf das sogenannte Honecker-Konto
fortan mit allen zur Verfügung stehenden keits- und Stoffwechselstörungen, sondern und von dort auch in die medizinische Ein-
Mitteln gefördert. Ein vorbildliches, alle auch zu einem erhöhten Krebsrisiko und zu richtung des Dopinglabors […].
Bereiche umfassendes System der Sichtung Leber- und Herzschäden. Die Doping- Michael Nickels, „Sport als Mittel zum Zweck“, in: General-Anzeiger
und Erfassung potenzieller Olympia- medikamente wurden von den Trainern Bonn vom 2./3. Oktober 2010

kader wurde aufgebaut. An den Kinder- verabreicht. Die Jüngeren erhielten sie
und Jugendsportschulen sowie an der offiziell als „Vitaminpillen“, die Älteren als
Deutschen Hochschule für Körperkultur in „unterstützendes Mittel“. Weder Sportler Frühzeitige Talentförderung: Erstklässler 1985 beim
Aufnahmetest für die Kinder- und Jugendsport-
Leipzig arbeiteten die besten Trainer und noch ihre Eltern wurden über die Stoffe
schulen im Sportforum Hohenschönhausen.
Wissenschaftler daran, künftige Olympia- und die Gefahren aufgeklärt. Wer nach-
sieger herauszubringen. Alle auserwählten fragte, lief Gefahr, aus der Trainingsgruppe
Sportler wurden dafür von ihrem normalen ausgeschlossen zu werden. Das galt
Schul- und Arbeitsalltag freigestellt. Neue allerdings nicht nur für die Sportler, son-
Sportstätten boten für die Spitzensportler dern auch für Trainer. […]
optimale Trainingsmöglichkeiten. Sogar Trotz des flächendeckenden Dopings wur-
ullstein bild – Almonat

Trainingslager im Ausland waren nicht ver- den bei den internationalen Wettkampf-
boten, wenngleich natürlich streng darauf kontrollen nicht mehr DDR-Sportler als aus
geachtet wurde, dass derartige Ausflüge den übrigen Ländern überführt. Wenn es
und die Wettkämpfe im Westen nicht zur wirklich mal einen positiven Befund gab, so
Republikflucht genutzt werden konnten. […] handelte es sich entweder um eine von

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


40 Geschichte der DDR

tungsgefühl für das Kollektiv, allseitige Bildung, hohes fachliches bereitung auf die Ausübung industrieller und industrienaher
Wissen und Können, Disziplin und kulturelle Interessiertheit. Berufe. In den Jahren seit 1964 verschärfte das Volksbildungs-
Dieser ideale Typus des „sozialistischen Menschen“ sollte inner- ministerium die Praxis des polytechnischen Prinzips, indem in
halb, aber auch außerhalb des obligatorischen Schulsystems he- den 9. und 10. Klassen der allgemeinbildenden Oberschule eine
rangebildet werden. Die Kinder- und Jugendorganisationen der berufliche Grundausbildung in den Bereichen Chemie, Metallur-
Jungen Pioniere und der Freien Deutschen Jugend (FDJ) mit ih- gie, Elektrotechnik, Maschinenbau, Energiewirtschaft, Verkehrs-
ren vielen hauptamtlichen Erziehern, Pionierleitern und den FDJ- wesen, Landwirtschaft und Bauwesen eingeführt wurde. Diese
Sekretären nahmen im Bildungs- und Erziehungssystem einen Regelung wurde in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wieder
wichtigen Platz ein. aufgehoben. Sie demonstrierte, mit welchem Eifer die Bedürfnis-
Mit dem „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungs- se der Wirtschaft und die inhaltliche Ausrichtung des Bildungs-
wesen“ vom 25. Februar 1965 erhielt das Bildungssystem der DDR systems in Übereinstimmung gebracht werden sollten.
eine Struktur, die in ihren wesentlichen Bestandteilen bis 1989 Margot Honecker prägte als Ministerin für Volksbildung von
stabil blieb. Es regelte alle Bildungs- und Ausbildungsstufen von 1963 bis 1989 Form und Inhalt der „sozialistischen Schule“. Das
der Vorschulerziehung bis zur Erwachsenenqualifizierung. Im Gesetz über das Bildungswesen von 1965 und die anschließen-
Zentrum stand die zehnklassige polytechnische Oberschule, die de Reform der Lehrpläne trugen zu einem beträchtlichen Teil
sich sukzessiv zur obligatorischen Bildungseinrichtung entwi- ihre Handschrift. Im Gegensatz zu ihrem Ehemann Erich Ho-
ckelte. Neben den umfassenden weltanschaulichen Aspekten necker, der im Mai 1971 die Nachfolge von Walter Ulbricht als
der „sozialistischen Erziehung“ war an den Lehrplänen der all- Erster Sekretär des ZK der SED antrat, galt sie in ihren ersten
gemeinbildenden Oberschulen eine deutliche Anpassung an die Amtsjahren als aufmerksame Zuhörerin, die Ratschläge und
Personalbedürfnisse der Wirtschaft abzulesen. Der Schwerpunkt wissenschaftliche Beratung nicht brüsk zurückwies. Auf ihre
verlagerte sich auf mathematische und naturwissenschaftlich- maßgebliche Initiative hin wurde 1970 die Akademie der Pä-
technische Felder, auf denen das Niveau der Schulbildung ent- dagogischen Wissenschaften (APW) gegründet. Dort entstan-
schieden angehoben wurde. den alle in der DDR verwendeten Lehrpläne sowie eine Viel-
Im Jahre 1963 stellte das Volksbildungsministerium die Wei- zahl von Unterrichtsmitteln bzw. Unterrichtshilfen für Lehrer.
chen für die Gründung von Spezialschulen und -klassen, in denen Seit den 1980er Jahren nutzte die Ministerin allerdings ihren
Jugendliche mit ausgeprägten künstlerischen oder sportlichen beträchtlichen Einfluss als Frau des SED-Generalsekretärs, um
Fähigkeiten und vor allem solche mit besonderen Begabungen das zentralistische Bildungssystem gegen jeden Reformver-
für technische und mathematisch-naturwissenschaftliche Fä- such abzuschotten.
cher gefördert wurden. Letzteres stellte eine direkte Verbindung
zu den personellen Bedürfnissen der führenden Wirtschafts-
zweige und der Landwirtschaft her. Auf Grund der schulpoliti- Hochschulreform
schen und ideologischen Vorgaben blieb die Begabtenförderung
jedoch bis zuletzt ein brisanter und umstrittener Aspekt der Reformen gab es auch an den Universitäten und Hochschu-
DDR-Pädagogik. Die 14 mathematisch-naturwissenschaftlichen len. Im Ergebnis der 1968/69 durchgeführten Hochschulre-
Spezialschulen und acht Einrichtungen für Schüler mit besonde- form wurden die bislang noch relativ autonomen Institute
ren künstlerischen Begabungen standen im Widerspruch zum und Fakultäten aufgelöst, in größere Sektionen zusammen-
offiziellen Anspruch absoluter Chancengleichheit, den das Ge- gefasst, um einen effizienteren Mitteleinsatz und komplexe
samtschulsystem der DDR erhob. Forschungsvorhaben zu ermöglichen, und der Universitäts-
Mit der Absicht, den Berufswunsch der Heranwachsenden zu leitung direkt unterstellt. In ganz besonderem Maße verstärk-
steuern, hatte schon seit dem Schuljahr 1960/61 der polytechni- te die Hochschulreform die Verbindung von Universität und
sche Unterricht als Lern- und Praxisbereich in der Oberstufe be- Wirtschaft, indem die naturwissenschaftlichen und techni-
gonnen. Er gliederte sich in den vierzehntägigen „Unterrichtstag schen Fachrichtungen jetzt vorrangig auf der Basis von Ko-
in der Produktion“ (UTP) in Industriebetrieben oder in der Land- operationsverträgen für die Wirtschaft (Vertragsforschung)
wirtschaft und in das theoretische Fach „Einführung in die so- forschten.
zialistische Produktion“ (ESP). Die Teilnahme der Schüler an der Mit der Abschaffung der bislang mit einer gewissen Selbst-
produktiven Arbeit in einem volkseigenen Betrieb galt als Vor- ständigkeit ausgestatteten Universitätsinstitute wurde die

Schülerinnen 1967 beim „Unterrichtstag in der Produktion“ im Labor der Margot Honecker, Ministerin für Volksbildung der DDR, zeichnet 1987 am
Filmfabrik Wolfen „Tag des Lehrers“ (12. Juni) verdiente Lehrkräfte aus.
ullstein bild – ddrbildarchiv/Terzer
ullstein bild – DHM / Schwarzer

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


Im Zeichen von Reform und Modernisierung (1961 bis 1971) 41

bislang noch vorhandene Autonomie ihrer Direktoren zerstört.


Die neu gebildeten Sektionen leitete jetzt jeweils ein Direktor,
der nicht mehr von der Fakultät vorgeschlagen, sondern vom
Rektor der Universität eingesetzt wurde und diesem direkt un-
terstand. Erst die Zerschlagung der Fakultäten und traditionel-
len Universitätsinstitute als sogenannte kleine Grafschaften
machte den Weg zur Transformation vom bildungsbürgerlich
geprägten Universitätsbetrieb zur „sozialistischen Universi-
tät“ frei. Die neuen Universitätsstatuten des Jahres 1970 besei-
tigten dann auch formell die Reste der traditionellen universi-
tären Selbstverwaltung.
Zugleich hatte sich am Ende der 1960er Jahre die soziale Her-
kunft der ostdeutschen Hochschullehrer stark verändert. In
den Jahren von 1950 bis 1970 halbierte sich der Anteil der bil-
dungsbürgerlichen Schichten innerhalb der Professorenschaft,
während die Hochschullehrer aus dem traditionellen Arbeiter-
milieu ihren Anteil in derselben Zeit mehr als verfünffachten.
Das war eine Folge von Reglementierungen bei der Zulassung
zum Hochschulstudium. Bereits seit dem Ende der 1940er Jah-
re spielten politische und weltanschauliche Orientierungen
und soziale Herkunft der Studienbewerber eine entscheiden-
de Rolle. Unter dem Slogan der „Brechung des bürgerlichen
Bildungsprivilegs“ sollte durch die besondere Begünstigung
von Arbeiter- und Bauernkindern der traditionelle Kreislauf
von sozialer Herkunft, Bildung und akademischer Laufbahn
durchbrochen werden. Die soziale und politische Auslese der
Studienbewerber wurde von der politischen Führung jedoch

ullstein bild
machtpolitisch gehandhabt und zur Heranbildung einer neu-
en, eng mit der SED verbundenen Führungselite genutzt. Man
sprach von der „sozialistischen Intelligenz“, einer neuen, par- Der Weltraumflug Juri Gagarins im April 1961 wird auch in der DDR gefeiert
teiloyalen Machtelite. und beflügelt die Zukunftsvisionen zum wissenschaftlichen Fortschritt. Sein
Parallel dazu stieg der Anteil von SED-Mitgliedern in der Pro- Bild schmückt die Ehrentribüne zur 1. Mai-Feier 1961 in Berlin.
fessorenschaft, da die Vergabe von Lehrstühlen in zunehmen-
dem Maße von der Zugehörigkeit zur Staatspartei abhängig
gemacht wurde. Hier gab es jedoch große Unterschiede zwi- wissenschaftlichen Erfindungsreichtums. Unter dem Begriff
schen den Fakultäten. Während parteilose Wissenschaftler in „wissenschaftlich-technische Revolution“ griff die Propa-
den Gesellschaftswissenschaften am Ende der 1960er Jahre ganda der SED diese Zukunftseuphorie rasch auf und konnte
eine Minderheit bildeten, blieb die SED in den Naturwissen- damit für eine bestimmte Zeit die Vorstellungswelt, das Le-
schaften und der Medizin hinter den eigenen Erwartungen bensgefühl und das Weltbild großer Teile der Bevölkerung be-
zurück. Bis 1965 waren 23,3 Prozent der Medizin-Professoren einflussen.
an den ostdeutschen Universitäten in der SED organisiert. Ein Der auf dem VI. Parteitag der SED im Januar 1963 propagier-
großer Teil der Mediziner stand dem politischen System in te Leitspruch von der „Produktivkraft Wissenschaft“ brach-
der DDR kritisch gegenüber und blieb im traditionellen aka- te punktgenau den Kern der damaligen Gesellschaftspolitik
demischen Milieu fest verankert. An der Berliner Charité wa- der SED zum Ausdruck: Die Wissenschaft sollte technische
ren 1989 nur 14 Prozent der Mitarbeiter in der SED organisiert. Innovationen für die Modernisierung der Wirtschaft liefern.
Allerdings konnte nicht übersehen werden, dass das SED- Die zeitgleich auch in der Bundesrepublik beklagte „techno-
Parteibuch zu einem entscheidenden Auswahlkriterium für logische Lücke“ gegenüber der internationalen, vor allem der
Leitungspositionen in der universitären Lehre und Forschung amerikanischen Forschung sollte binnen weniger Jahre auf-
auch in der Medizin und den Naturwissenschaften wurde. geholt werden, um den ökonomischen Wettstreit der Systeme
gewinnen zu können.
Industriebetriebe und wissenschaftliche Forschungsein-
Wissenschaft als Produktivkraft richtungen wurden seit 1968 zu Großforschungszentren zu-
sammengeführt, um so die Ergebnisse wissenschaftlicher
Die rasante Entwicklung von Naturwissenschaft und Technik Forschung wirtschaftlich verwerten zu können. Durch diese
beflügelte in den 1960er Jahren auch in der DDR kühne Zu- engen Vertragsbeziehungen zwischen Forschungsinstituten
kunftsvisionen. Bereits der Start des ersten Sputniks sowjeti- der Universitäten und der Industrie konnten tatsächlich ei-
scher Bauart am 4. Oktober 1957 nährte die Illusion, dass sich nige „Spitzenleistungen“ erbracht werden. So entwickelte der
die Überlegenheit des Sozialismus und seiner wissenschaft- VEB Carl Zeiss Jena im Jahre 1968 ein Interferenz-Mikroskop,
lichen Leistungsfähigkeit in kurzer Zeit erweisen werde. Der das optische Messverfahren mit äußerster Genauigkeit er-
Weltraumflug des sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin möglichte und internationalen Maßstäben genügte.
am 12. April 1961 sowie die immensen Fortschritte der Com- Auch die biomedizinische Forschung stand nach der Ent-
putertechnik, der Atomforschung und der Automatisierung schlüsselung des molekularen Trägers der genetischen Informa-
beförderte Fantasien über unbegrenzte Möglichkeiten des tion durch US-Wissenschaftler in der DDR zeitweilig auf einem

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


42 Geschichte der DDR

mussten. Nach dem Machtantritt Erich Honeckers im Mai 1971


wurden die verfügbaren Ressourcen nicht mehr vorrangig in
Wissenschaft und Technik, sondern in die Sozialpolitik inves-
tiert, was einige Jahre später zur Reduktion bzw. zum Abbruch
der begonnenen Forschungsprogramme führte. Die meisten
Großforschungseinrichtungen wurden bis Ende des Jahres
1972 wieder aufgelöst oder umorganisiert, einige sogar noch,
bevor sie ihre Tätigkeit überhaupt aufnehmen konnten.

Unveränderte Herrschaftsformen
ullstein bild – ADN-Bildarchiv

In deutlichem Gegensatz zum Modernisierungs- und Re-


formeifer, den die SED-Führung in den 1960er Jahren in Wirt-
schaft und Wissenschaft an den Tag legte, stand das Beharren
auf alten Herrschaftsansprüchen und Herrschaftsmethoden.
Der Artikel 6 der Verfassung der DDR über die „Boykotthetze
Auf der Leipziger Herbstmesse 1966 besichtigt Walter Ulbricht (M.) in Be- gegen demokratische Einrichtungen und Organisationen,
gleitung seiner Frau Lotte und führender SED-Funktionäre den Stand der Mordhetze gegen demokratische Politiker“ bot den Herrschen-
VEB Carl Zeiss Jena. den den scheinbar legalen Rahmen, um gegen Kritiker der be-
stehenden politischen Verhältnisse willkürlich vorzugehen.
Die Zahl der wegen „Staatsverbrechen“ („Staatsverleumdung“,
hohen Niveau. Dies galt besonders für die Molekularbiologie, Verstöße gegen das Passgesetz der DDR) verurteilten DDR-
ein noch junges und vielversprechendes Forschungsgebiet, mit Bürger stieg im zweiten Halbjahr 1961 wieder an. Parteispitze
dem sowohl Wissenschaftler als auch Politiker die Hoffnung und Regierung verstärkten gleichzeitig ihre militärpolitischen
verbanden, beispielsweise Erbkrankheiten und genetischen De- Anstrengungen. Am 20. September 1961 verabschiedete die
fekten wirksam begegnen zu können. So entwickelte sich das Volkskammer ein neues Verteidigungsgesetz, welches den
Medizinisch-Biologische Forschungszentrum in Berlin-Buch in „Schutz des Vaterlandes und der Errungenschaften der Werk-
den 1960er Jahren zu einem auch international ausgewiesenem tätigen“ als „nationale Pflicht der Bürger der Deutschen De-
Zentrum experimenteller Krebsforschung, insbesondere auf Ge- mokratischen Republik“ deklarierte. Im Januar 1962 wurde die
bieten der Krebsfürsorge und klinischen Krebsbehandlung. allgemeine Wehrpflicht für alle Männer zwischen dem 18. und
Die wenigen Jahre, in denen Forschung und Technologie 50. Lebensjahr eingeführt.
vom Staat überdurchschnittlich gefördert wurden, reichten Auch das Ministerium für Staatssicherheit stellte sich mit
allerdings nicht aus, um dauerhafte Innovationsfortschritte seinen regionalen Außenstellen (Bezirksverwaltungen) als
zu erzielen. Die SED-Führung erwartete rasche und vorzeig- „Schild und Schwert“ weiter in den Dienst der SED. Es verab-
bare Ergebnisse, die in den vorgegebenen Fristen von der schiedete sich von offenem Terror und baute stattdessen sein
Forschung nicht zu erbringen waren. Die Wissenschaftler be- Netz von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) aus und stockte das
nötigten für ihre aufwändigen Experimente neue technische hauptamtliche Personal auf. Von 1961 bis 1971 stieg der Per-
Instrumente, Apparate und Chemikalien, die größtenteils aus sonalbestand von rund 20 000 Mitarbeitern auf etwa 45 000
dem westlichen Ausland gegen Devisen importiert werden hauptamtlich Beschäftigte. Auf diese Weise konnte das MfS

Warum gibt es in der DDR keine Du könntest beispielsweise fordern, die Macht geschaffen wurde, müßtest
Opposition? Gleichberechtigung der Frau soll wieder Du als konsequente Oppositionsführerin
abgeschafft werden. Die Volkskammer natürlich fordern, daß diese Macht
Liebe Karin! soll das Gesetz zum Schutz der Mütter beseitigt wird, daß es keine volkseigenen
Stell’ Dir bitte einmal vor, Du hättest eine außer Kraft setzen. Die Säuglingsheime, Betriebe mehr gibt und die Bauern ihr
solche Oppositionspartei gegründet und Kindergärten und Schulhorte werden Land den Junkern zurückgeben. Das aber
würdest jetzt in den Wahlkampf ziehen. geschlossen. Die Frauen werden wieder heißt: alles wird wie früher. Die großen
Zunächst müßtest Du ein Programm ver- schlechter entlohnt als die Männer. Kapitalisten herrschen wieder. Und
künden, denn die Wähler geben sich Oder: Die Studenten erhalten keine Sti- wo die herrschen, da werden auch die Ar-
mit Deiner sympathischen Erscheinung pendien mehr vom Staat, und die beiter wieder ausgebeutet, die Bauern
allein nicht zufrieden. Sie würden von Dir Schulgeldpflicht wird wieder eingeführt, entrechtet und die Handwerker und
und Deiner Partei vielmehr wissen wol- damit, wie vor 1945 und wie heute kleinen Gewerbetreibenden ruiniert. Wo
len, warum Du Opposition machst, wofür noch in Westdeutschland, nur die Kinder die Kapitalisten herrschen, da gehört
Du bist und wogegen, wie Du denkst der Reichen eine höhere Bildung er- der Krieg zum großen Geschäft. Also
und was Du tun willst. Was könntest Du werben können. Überhaupt – weg mit müßte Deine Forderung lauten: Her mit
fordern, wenn Du mit dem Programm den ganzen Maßnahmen und Gesetzen der Wehrpflicht, rein in die NATO, her
der Parteien und Organisationen bei uns, zur Förderung der Jugend! Und da mit den Atom- und Wasserstoffbomben!
also mit dem Programm der Nationalen Du weißt, daß all das, wogegen Du Front Du willst das alles natürlich nicht. Aber
Front, nicht einverstanden wärst? machst, von der Arbeiter- und-Bauern- nicht nur Du – keiner will das. Und weil

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


Im Zeichen von Reform und Modernisierung (1961 bis 1971) 43

im Laufe der 1960er Jahre seine Machtstellung erheblich aus-


weiten und beachtliches Eigengewicht im politischen System
der DDR gewinnen.

Zwischen Öffnung und Restriktion

Jugend im Aufbruch

Zeitgleich mit der Reform des Bildungssystems begann die


SED-Führung ihre Jugendpolitik zu lockern. Wenn die junge

ullstein bild – AP
Generation für Wissenschaft und Fortschritt gewonnen, mit-
hin für eine Steigerung ihrer Leistungsbereitschaft im Sinne
der wissenschaftlich-technischen Revolution motiviert wer-
den sollte, mussten einige ideologische Dogmen der SED ent- 1950, 1954 und 1964 veranstaltet die FDJ in Ost-Berlin Deutschlandtreffen
schärft werden. Diesem Zweck entsprach die Verabschiedung zwischen ost- und westdeutschen Jugendlichen. Einmarsch der Delegatio-
des sogenannten Jugendkommuniqués der SED am 17. Sep- nen aus der Bundesrepublik bei der Eröffnungsfeier 1964
tember 1963. Es stand unter dem Slogan „Der Jugend Vertrau-
en und Verantwortung“, plädierte für die Zuerkennung groß-
zügigerer Freiheiten und warb für Toleranz sowie für die dem späteren Gründer der „Klaus-Renft-Combo“ Klaus Jentzsch
Achtung jugendlicher Individualität und Intimsphären. Bor- sowie die „Sputniks“ aus Berlin. Schnell reagierte auch der VEB
niertheit in Fragen der Sexualität, des Modegeschmacks und Deutsche Schallplatte auf die sich öffnenden Freiräume. Das
hinsichtlich musikalischer Vorlieben sowie jugendspezifischer Popmusiklabel AMIGA gab im April 1965 eine komplette Lizenz-
Formen von Vergnügen und Geselligkeit sollten der Vergan- LP mit Hits der Beatles heraus und veröffentlichte bis Juni drei
genheit angehören. Singles; der staatliche Rundfunk sendete ihre Songs.
Die liberalen Tendenzen in der Jugend- und Kulturpolitik der Die Duldung eines unkonventionellen Lebens- und Kultur-
Jahre 1963 und 1964 begünstigten deutlich sichtbare Verände- stils blieb jedoch innerparteilich umstritten. Die politischen
rungen in der Jugendkultur. Die Gründung des Radio-Jugend- Dogmatiker im SED-Politbüro warnten ständig vor Krawallen,
programms „DT 64“ im Zusammenhang mit der Durchführung westlicher Unkultur und alkoholischen Exzessen. Als am 15.
des „Deutschlandtreffens der Jugend“ im Mai 1964 in Ost-Berlin September 1965 aufgebrachte Teenager nach einem Konzert
setzte ein unübersehbares Zeichen. Der Berliner Rundfunk sen- der Rolling Stones die Westberliner Waldbühne zu Kleinholz
dete erstmals rund um die Uhr ein eigenes Jugendprogramm. zerlegten und in der S-Bahn randalierten, war für die Hardli-
Staatliche Behörden nahmen zeitweilig ihre Restriktionen ge- ner der Beweis erbracht, dass die Begeisterung für Beatmusik
genüber Beat, Rock und anderen überwiegend aus dem Westen sowie Rock 'n' Roll unweigerlich zu Dekadenz, Ausschweifung
einströmenden, zuvor als „dekadent“ bewerteten Musikrich- und Vandalismus führen werde. Seitdem wurde Beat- und
tungen zurück. Zu den Bands, die auf „Beatabenden“ wieder- Rockmusik in der DDR-Presse wieder als „Nervengift des Klas-
holt Aufsehen erregten, gehörten die Leipziger „Butlers“ mit senfeindes“ verteufelt.

keiner so irrsinnige Gedanken hat, wie wir wahrheitsgetreu und prinzipienfest zu bürger achtet und seine Probleme ernst
sie eben ausgesponnen haben – deshalb beantworten. nimmt. [...] Solche jungen Menschen,
gibt es bei uns keine Oppositionspartei. Es geht nicht länger an, „unbequeme“ die aus Angst vor einer „übergeordneten“
Deshalb gibt es bei uns stattdessen die ein- Fragen von Jugendlichen als lästig Meinung unehrlich und heuchlerisch
heitliche Liste der Nationalen Front, oder gar als Provokation abzutun, da geworden sind, die ihr eigenes Denken
der alle Parteien und Organisationen an- durch solche Praktiken Jugendliche zurückhalten und stets auf Anwei-
gehören, die Kandidaten zur Wahl stellen. auf den Weg der Heuchelei abgedrängt sung von oben warten, sich äußerlich
Bis zum nächsten Mal alles Gute! werden. Wir brauchen vielmehr den selb- anpassen, werden ebenfalls in der Praxis
Joachim Herrmann ständigen und selbstbewußten Staats- kaum Großes leisten können, weil
Antwort auf einen Leserbrief. Neue Berliner Illustrierte Nr. 21/1957.
bürger mit einem gefestigten Charakter, dort schöpferische und kämpferische So-
Joachim Herrmann war damals Chefredakteur der FDJ-Zeitung mit einem durch eigenes Denken und zialisten, aber keine kleinmütigen See-
Junge Welt, seit 1978 Mitglied des SED-Politbüros. in der Auseinandersetzung mit rückstän- len, Streber und Karrieristen gebraucht
digen Auffassungen und reaktionä- werden.
ren Ideologien errungenen sozialistischen Jugendkommuniqué des SED-Politbüros vom 17. September 1963.
Für die Jugend ein offenes Ohr Weltbild, das auf fortgeschrittenen Beide Texte in: Hermann Weber (Hg.), Kleine Geschichte der DDR,
wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Köln 1980, S. 98 und S. 115
Das Politbüro appelliert an alle Leiter Die Erziehung einer solchen Persön-
und Erzieher, für alle Fragen der Ju- lichkeit ist aber nur möglich, wenn man
gend ein offenes Ohr zu haben und sie den Schüler als zukünftigen Staats-

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


44 Geschichte der DDR

Das Gefährliche der Beat-Musik


Über eine lange Zeit hat „DT 64“ in seinem Musikprogramm ein-
seitig die Beat-Musik propagiert. In den Sendungen des Jugendsen-
ders wurden in nicht vertretbarer Weise die Fragen der allseitigen
Bildung und des Wissens junger Menschen, die verschiedensten
Bereiche der Kunst und Literatur der Vergangenheit und Gegenwart
außer acht gelassen. Hinzu kam, daß es im Zentralrat der Freien
Deutschen Jugend eine fehlerhafte Beurteilung der Beat-Musik gab.
Sie wurde als musikalischer Ausdruck des Zeitalters der tech-
nischen Revolution „entdeckt“. Dabei wurde übersehen, daß der
Gegner diese Art Musik ausnutzt, um durch die Übersteigerung
der Beat-Rhythmen Jugendliche zu Exzessen aufzuputschen. Der
schädliche Einfluß solcher Musik auf das Denken und Handeln

ullstein bild – dpa


von Jugendlichen wurde grob unterschätzt. Niemand in unserem
Staate hat etwas gegen eine gepflegte Beat-Musik. Sie kann jedoch
nicht als die alleinige und hauptsächlichste Form der Tanz-
musik betrachtet werden. Entschieden und systematisch müssen
ihre dekadenten Züge bekämpft werden, die im Westen in letzter Der kurze Frühling in Bildung und Kultur endet 1965. Der Wissenschaftler
Zeit die Oberhand gewannen und auch bei uns Einfluß fanden. Da- Robert Havemann, hier bei einer seiner letzten Vorlesungen 1964, erhält Berufs-
raus entstand eine hektische, aufpeitschende Musik, die die morali- verbot und wird aus der Akademie der Wissenschaften ausgeschlossen.
sche Zersetzung der Jugend begünstigt.

Erich Honecker, Bericht des Politbüros an das 11. Plenum des ZK der SED, Dezember 1965 (Auszug).
In: Neues Deutschland vom 16. Dezember 1965.
In: Matthias Judt (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten, Bonn 2010, S. 337 f. turpolitik in der „Hauptstadt der DDR“ bestimmen sollte. Den
Film Kurt Maetzigs „Das Kaninchen bin ich“, eine kritische Aus-
einandersetzung mit den Auswirkungen der politischen Straf-
Die Gewährung bestimmter Freizügigkeiten dauerte aber auch justiz und geprägt von der Hoffnung, die politischen Verhält-
aus anderen Gründen nicht lange. Die heftigen Debatten, die Ju- nisse in der DDR demokratisieren zu können, verurteilte er als
gendliche in FDJ-Veranstaltungen über den täglich erlebten Wi- „Schweinerei“ und „ideologische Verwilderung“.
derspruch zwischen sozialistischem Ideal und gesellschaftlicher Das ZK-Plenum führte zu einem verheerenden kulturellen
Wirklichkeit führten, bedrohten in den Augen der politischen Kahlschlag, von dem sowohl Künstler als auch Kulturpolitiker
Führung den vorgegebenen weltanschaulichen Rahmen. Am 11. betroffen waren: Kulturminister Hans Bentzien, sein Stellver-
Oktober 1965 entschied sich die SED-Führung für eine Korrektur treter Günter Witt sowie der Studiodirektor des volkseigenen
ihrer vergleichsweise liberalen Jugendpolitik. Die westlichen Vor- Filmstudios DEFA (Deutsche Film AG), Joachim Mückenberger,
bildern folgende neue Musik- und Jugendkultur wurde erneut verloren ihre Ämter. Schriftsteller, Filme- und Liedermacher so-
mit Spott und Häme überzogen und das soziale Umfeld mit Be- wie bildende Künstler wurden – wie auch schon zuvor in den
griffen wie „Rowdys“ und „Gammler“ kriminalisiert. Die Anhän- 1950er Jahren – als „Konterrevolutionäre“ beschimpft und mit
ger der neuen Jugendszene hatten in Habitus (Jeans und lange Aufführungs-, Auftritts- und Publikationsverboten bestraft. Un-
Haare) und Moral ohnehin nicht den Vorstellungen der zumeist ter ihnen befanden sich nicht wenige, die der SED angehörten
älteren Kulturpolitiker von „ordentlichen Jugendlichen“ entspro- oder ihr nahestanden. Im Zentrum der politischen Attacken
chen. An diesem Punkt zeigte sich in besonders prägnanter Weise standen der Dramatiker Heiner Müller sowie die Schriftsteller
der aufbrechende Generationenkonflikt zwischen der nachwach- Werner Bräunig, Volker Braun und Stefan Heym. Besonders ein-
senden Generation und der durch die Weimarer Republik und die schneidend traf die nach dem ZK-Plenum einsetzende rigide
NS-Diktatur sozialisierten Politiker in der SED-Führung. Zensur die DEFA. Ein Dutzend ihrer Filme wurden verboten.
Als „Konterrevolutionäre“ galten in den Augen der SED-Füh-
rung jetzt auch der Liedermacher Wolf Biermann und der Na-
Kurzer Frühling in der Kultur turwissenschaftler Robert Havemann. Beide zogen den Zorn
des Politbüros auf sich, weil sie ihre Gesellschaftskritik auf-
Auf ebenso autoritäre Weise beendete die SED-Führung das grund fehlender Meinungs- und Pressefreiheit in der DDR in
kulturpolitische Intermezzo der Jahre 1963/64. Da Stimmen aus Westdeutschland publik gemacht hatten. Während in der DDR
Literatur, Kunst, Theater und Film auf Widersprüche in der Ge- Biermanns Lieder lediglich als private Tonbandmitschnitte ver-
sellschaft aufmerksam gemacht hatten, geriet das im Dezem- breitet werden konnten, erschienen 1965 in der Bundesrepublik
ber 1965 tagende 11. ZK-Plenum der SED zu einem grotesken Tri- seine erste LP „Wolf Biermann (Ost) zu Gast bei Wolfgang Neuss
bunal über kritische Künstler und Literaten, auf dem lediglich (West)“ und der Gedichtband „Die Drahtharfe“. Daraufhin er-
die Schriftstellerin Christa Wolf in einer äußerst aufgeheizten hielt Biermann ein vollständiges Auftritts- und Publikations-
Atmosphäre einen Einspruch riskierte. Erich Honecker machte verbot. Der kulturelle Kahlschlag der Jahre 1965 und 1966 lähm-
in seiner Eigenschaft als Mitglied des Politbüros vor dem Zen- te in den folgenden Jahren das intellektuelle Leben in der DDR.
tralkomitee am 15. Dezember 1965 klar, dass für „Erscheinun-
gen amerikanischer Unmoral und Dekadenz“ in Kunst und
Kultur künftig kein Platz mehr sein werde: „Unsere Republik ist Die neue Verfassung
ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der
Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte.“ Als ideologischer Nach einer Volksabstimmung, die nach offiziellen Angaben
Scharfmacher trat insbesondere Konrad Naumann auf, der in eine Zustimmung von 96,37  Prozent der abgegebenen Stim-
den 1970er Jahren als 1. SED-Bezirkssekretär von Berlin die Kul- men und 3,4  Prozent Nein-Stimmen erbracht hatte, trat im

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


Im Zeichen von Reform und Modernisierung (1961 bis 1971) 45

April 1968 eine neue Verfassung in Kraft. Artikel 1 bezeichnete obersten Machtorgan der DDR. Doch in der Realität konnte
die DDR als „sozialistischer Staat deutscher Nation“, der unter von Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheit nicht gespro-
Führung der SED den Sozialismus verwirkliche. Damit wurde chen werden. Die maßgeblichen Entscheidungen traf nach wie
nicht nur innenpolitisch der Führungsanspruch der SED in der vor das SED-Politbüro und nicht die Volkskammer. Auch eine
Verfassung verankert, sondern auch deutschlandpolitisch die wirklich „freie, gleiche und geheime Wahl“ der Abgeordneten
Theorie von den „zwei Staaten deutscher Nation“. Ihr zufolge der Volkskammer, so, wie dies die Verfassung vorschrieb, hat
gliederte sich die deutsche Nation in zwei gleichberechtigte, es nicht gegeben.
souveräne Staaten: einen sozialistischen in der DDR und einen
kapitalistischen in der Bundesrepublik. Trotzdem sah die Ver-
fassung auch die „Überwindung der vom Imperialismus der Prager Frühling
deutschen Nation aufgezwungenen Spaltung“ und eine „Ver-
einigung auf der Grundlage der Demokratie und des Sozialis- In der Nacht zum 21. August 1968 rollten sowjetische Panzer in
mus“ vor. Verbal hielt man so noch immer an der Einheit der die Tschechoslowakei (ČSSR) ein und setzten dem „Prager Früh-
deutschen Nation fest. ling“ ein jähes Ende, der seit dem Frühjahr 1968 in der ČSSR be-
Auf dem Papier gestand man auch demokratische Freihei- gonnen hatte. Er hatte einen Sozialismus mit „menschlichem
ten zu: So garantierte Artikel 19 die Freiheit der Persönlichkeit Antlitz“ vertreten und mit Eigenschaften verbunden, die dem
und Artikel 20 die Gewissens- und Glaubensfreiheit. Artikel Sozialismusmodell in Osteuropa bislang völlig fremd waren:
27 gewährleistete die Freiheit der Presse, des Rundfunks und individuelle Freiheiten, Interessenausgleich statt Klassen-
des Fernsehens. Artikel 48 bestimmte die Volkskammer zum kampf, demokratische Willensbildung in Politik und Gesell-

Das Kaninchen bin ich

[Aus den Erinnerungen des Regisseurs [Die Rechtfertigung] sich in der Kraft, Leidenschaft und Meis-
Kurt Maetzig] [...] Ich bin der Regisseur des Films „Das Ka- terschaft, mit welcher er mit seiner Kunst
Der Roman – und auch der Film – be- ninchen bin ich“ und, da ich vom Beruf des am Klassenkampf teilnimmt. Die Abwen-
rührt ein sehr sensibles Gebiet, nämlich Regisseurs eine hohe Meinung habe, auch dung von diesem Prinzip in der Filmkunst
das der politischen Strafjustiz in der der eigentlich Verantwortliche. [...] Ich muss führt zu einem unerlaubten Nachgeben
DDR. Er stellt in zwei großen Szenenkom- also sorgfältig bei mir überprüfen, was gegenüber zurückgebliebenen Zuschauer-
plexen am Anfang und am Schluß eigentlich zu der vernichtenden Kritik auf schichten und damit tatsächlich zur
des Films zwei Gerichtsverhandlungen dem 11. Plenum an diesem Film geführt hat. Aufgabe längst innegehabter sozialistischer
dar: eine geprägt von stalinistischen Ich war seit Jahren unzufrieden mit Positionen. Deshalb ist „Das Kaninchen bin
Vorstellungen und Verfahrensweisen, der Wirkung unserer Filme auf unsere ich“ ein schädlicher Film geworden. [....]
die andere aber so, wie wir uns das Bevölkerung [...]. Aus dem Diskussionsbeitrag des Genossen Kurt Maetzig vor der
damals dachten und für richtig hielten. Es war nicht sehr fern liegend, auf Abteilungsparteiorganisation 1 des DEFA-Studios für Spielfilme
Der Film und der Roman drückten die Antwort zu verfallen, daß der kritische In: Neues Deutschland, 6. Januar 1966, S. 4, Ausg. A.

nicht nur allgemeine Sehnsüchte aus, Aspekt unserer Filme zu gering sei. In
sondern versuchten, in der deutlichen diesem Stadium der Überlegung griff ich
Gegenüberstellung der einen und der an- zu dem Manuskript von Manfred Bieler: [Fortsetzung der Erinnerungen]
deren Verfahrensweise einen Weg zu „Das Kaninchen bin ich“. Hier fehlte Ich fühlte mich aufgefordert, diese Selbst-
öffnen in Richtung auf einen demokrati- es an Sozialkritik nicht. [...] Aber gerade in kritik zu schreiben. Ich dachte, ich muß
schen Sozialismus. [...] dem kritischen Aspekt, der mir der Stein das tun, damit dieser Ton, diese Feindselig-
Der Film „Das Kaninchen bin ich“ verkör- der Weisen zu sein schien, um näher keit und diese Grobheit wieder heraus-
pert in klarer Weise die Ideale, mit denen an das Publikum heranzukommen, lag ein kommt, mit der auf dem 11. Plenum über
ich beim „Augenzeugen“ angefangen Hauptpunkt des politischen Irrtums. [...] die Kunst hergefallen wurde. [...] Auf
hatte: „Urteilen Sie selbst!“ [...] Ich war un- [...] Ich vertrat bis vor kurzem folgenden die konkreten Anschuldigungen – Konter-
beschreiblich enttäuscht, daß ich nicht Standpunkt: Die Parteilichkeit eines revolution, Staatsfeindlichkeit, Beleidi-
durchkam mit diesem Film [...] Künstlers der DDR könne nicht nur daran gung der ganzen Republik usw. – bin ich
Aber dann stellte sich die Frage, wie ich gemessen werden, daß er auf der Seite nicht eingegangen und bezog keine dieser
den angerichteten Schaden in irgend- des Sozialismus gegen den Imperialismus Anklagen auf mich. [...]
einer Weise begrenzen konnte. Ich wurde kämpfe, denn dies müsse eine selbstver- Nach dem 11. Plenum, nach dem „Kanin-
zu einem Gespräch mit Kurt Hager, ständliche Voraussetzung sein – heute drü- chen“ [...] habe ich noch irgendwie mit
Politbüromitglied, verantwortlich für Kul- cke sich seine Parteilichkeit insbeson- den Flügeln geschlagen und noch dies und
tur, bestellt, das viereinhalb Stunden dere in seiner Unversöhnlichkeit gegenüber jenes zuwege gebracht, aber das war nichts
dauerte. Es war ein langes und schweres allen Mängeln, Schwächen und Fehlern aus, Vernünftiges. Das hatte nicht mehr die
Gespräch. [...] die den Aufbau des Sozialismus hemmen. Kraft und die Frische und die Überzeugung
Hager beendete das Gespräch mit den Diese Ansicht, Mängel und Schwächen in der früheren Filme. Man hat mir wohl
Worten, wenn ich über alles nachgedacht den Vordergrund zu stellen und hieran die doch das Rückgrat gebrochen. Und ich wuß-
hätte und zu Schlüssen gekommen sei, Parteilichkeit des Künstlers zu orientieren, te dann auch, daß ich aufhören muß.
wäre es doch gut, wenn ich sie publizieren zeigt sich bei näherem Hinsehen als Un- Ingrid Poss / Peter Warnecke (Hg.), Spur der Filme. Zeitzeugen
würde. sinn. Die Parteilichkeit des Künstlers erweist über die Defa (bpb-Schriftenreihe Bd. 568), Berlin 2006, S. 202ff.

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46 Geschichte der DDR

schaft, liberale Wirtschaftsreformen. Die sowjetische Inter-


vention in der ČSSR wurde von der SED-Führung vorbehaltlos
befürwortet. Die Truppen der Nationalen Volksarmee (NVA)
blieben in der Nacht zum 21. August 1968 zwar an der Grenze
zur ČSSR stehen, weil die sowjetische Führung einen erneuten
Einmarsch deutscher Streitkräfte in das Nachbarland vermei-
den wollte, doch leistete die DDR logistische und propagandis-
tische Dienste.
Der Einmarsch in Prag löste insbesondere unter Jugend-
lichen und jungen Intellektuellen, die mit den Ideen des
„Prager Frühlings“ sympathisierten, Proteste aus. An Univer-
sitäten und Hochschulen gab es Studenten und Dozenten,
die ihre Unterschrift zu den vorbereiteten Zustimmungser-
klärungen zum Einmarsch in das Nachbarland verweigerten.
In einigen volkseigenen Industriebetrieben kam es zu orga-
nisierten Unterschriftenaktionen gegen den Einmarsch. Die
politische Justiz ging mit den üblichen repressiven Metho-
den gegen die Sympathisanten des „Prager Frühlings“ vor.
Die moralische Wirkung war verheerend. Mit dem Ende des

bpk / Hilmar Pabel
„Prager Frühlings“ erlosch in weiten Teilen der Bevölkerung
die Hoffnung auf eine Reformierbarkeit des „realen Sozialis-
mus“. Das überwiegende Schweigen der SED-Mitglieder war
ein untrügliches Signal ihrer wachsenden Entpolitisierung,
die dann in der Honecker-Ära zur Normalität des innerpar- Der „Prager Frühling“ 1968 weckt auch in der DDR-Bevölkerung Hoffnungen
teilichen Lebens gehörte. Ein langsames Sterben der sozialis- auf eine Reformierbarkeit des „realen Sozialismus“. Um so verheerender ist die
tischen Ideale begann. Niederschlagung durch sowjetische Panzer. Protest in Prag am 21. August 1968

Das Ende der Ära Ulbricht

Die Grenzen des Systemwettstreits

Trotz der strukturellen Defizite der Wirtschaftsreformen hat-


te sich der wirtschaftliche Strukturwandel seit 1964/65 zu-
nächst positiv auf den Lebensstandard der Bevölkerung ausge-
wirkt. Durch überdurchschnittliche Wachstumsraten konnte
der staatliche Handel mehr industrielle Konsumgüter als in
den Vorjahren anbieten. Fernsehapparate, Kühlschränke und
Waschmaschinen waren keine unerreichbaren Luxusgüter
mehr. Die schrittweise Abschaffung der Samstagsarbeit führte
zu Arbeitszeitverkürzungen und mehr Freizeit. Durch steigen-
de Nettogeldeinnahmen konnten sich immer mehr Familien
einen neuen PKW der Marke „Trabant“ oder „Wartburg“ leis-
ten. Der „Trabi“ oder auch die „Rennpappe“, wie das in der DDR
produzierte Auto aufgrund seiner Karosserie aus Kunststoff
genannt wurde, avancierte zum Statussymbol. Die sozialisti-
sche Mangelwirtschaft und der erzwungene Konsumverzicht
akg-images

schienen der Vergangenheit anzugehören.


Die alltägliche Praxis stand der offiziell verkündeten Über-
legenheit des sozialistischen Wirtschaftsmodells allerdings Ein begehrtes Kaufobjekt, für das aber jahrelange Wartezeiten in Kauf
immer spürbarer entgegen. Für hochwertige Konsumgüter genommen werden müssen, ist der „Trabi“. Am 6. April 1968 läuft der
mussten nicht nur horrende Preise gezahlt werden. Gleichzei- 500 000ste Trabant vom Band des VEB Sachsenring Zwickau.
tig blieb das Angebot deutlich hinter der Nachfrage zurück.
Für den Kauf eines Autos mussten die Interessenten nach
einer Wartezeit von durchschnittlich zehn Jahren fast ein republik ungleich höher lagen. Darüber hinaus konnten vie-
ganzes Jahreseinkommen aufbringen: 8000 DDR-Mark für le Industriewaren technisch und im Bedienungskomfort mit
einen „Trabant“ und 15 000 DDR-Mark für einen „Wartburg“. westlichen Standards nicht Schritt halten. Die wirtschaftliche
Das Ansparen des Geldes wurde vielen durch den Umstand Leistungsfähigkeit der Bundesrepublik und damit der ma-
erschwert, dass die Preise für Kleidung und langlebige tech- terielle Lebensstandard der Bevölkerung waren auch in den
nische Gebrauchsgüter verglichen mit denen in der Bundes- 1960er Jahren permanent höher als in der DDR.

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Im Zeichen von Reform und Modernisierung (1961 bis 1971) 47

Am Ende der 1960er Jahre häuften sich die ökonomischen Proble- bringen konnte. Seit Anfang des Jahres 1971 arbeiteten sie ak-
me. Im Sommer 1969 konnte die Sowjetunion auf Grund eigener tiv und mit Wissen, Duldung und partieller Unterstützung des
wirtschaftlicher Schwierigkeiten die lebenswichtigen Rohstof- sowjetischen Parteichefs Leonid Breschnew daran, Ulbricht
fe – Erdöl, Steinkohle, Walzstahl, chemische Ausgangsstoffe – abzulösen.
nicht mehr in dem ursprünglich vereinbarten Umfang liefern. Von Honecker gezwungen, bat Ulbricht Anfang Mai 1971
Die großen ostdeutschen Stahlwerke liefen daher beträchtlichen schließlich das Zentralkomitee, als das laut Parteistatut zustän-
Rückständen hinterher. So betrug der Ausfall in der Produktion dige Gremium, ihn aus Altersgründen – was bei einem 77-Jähri-
von Rohstahl im Stahl- und Walzwerk Brandenburg im Dezem- gen auch öffentlich glaubhaft war – von der Funktion des Ersten
ber 1969 40 000 Tonnen bei anhaltend negativer Tendenz. Der Sekretärs des Zentralkomitees zu entbinden und den damals 58
Rhythmus wichtiger Industriebetriebe geriet ins Stocken. Davon Jahre alten Honecker zu seinem Nachfolger zu wählen. Das ZK
betroffen waren u.a. der Metallleichtbau, der Waggonbau sowie entsprach dieser „Bitte“. Ulbricht wurde zum Vorsitzenden der
Verlade- und Transporterzeugnisse. 1970 steckte die DDR in einer SED gewählt – ein bedeutungsloses Amt, das es laut Statut gar
wirtschaftlichen Krise, die auch eine politische Destabilisierung nicht mehr gab – und blieb Vorsitzender des Staatsrates der DDR.
befürchten ließ. Während Ulbricht an seinem Kurs „Überholen Allerdings verlor der Staatsrat an politischer Bedeutung, indem
ohne einzuholen“ eisern festhielt, regte sich im Politbüro des ZK er einen Teil seiner durch die Verfassung zuerkannten Rechte
der SED Unmut. an die von Willi Stoph geführte Regierung abtreten musste.
Ulbrichts Sturz durch Honecker am 3. Mai 1971 wurde in inter-
nen Auseinandersetzungen im SED-Politbüro mit wirtschafts-
Der Sturz Ulbrichts politischen Fehlentscheidungen des bisherigen Parteichefs
begründet. Tatsächlich ging es Honecker um einen wirtschafts-
Im SED-Politbüro hatten sich im Verlauf der 1960er Jahre zwei politischen Richtungswechsel und die Rückkehr zur Planwirt-
Lager herausgebildet: Die Befürworter von Reformen um Par- schaft der 1950er Jahre. Darüber hinaus spielten auch Richtungs-
teichef Walter Ulbricht wollten das gesellschaftliche System kämpfe in anderen Politikfeldern eine Rolle, so beispielsweise in
modernisieren und damit attraktiver machen. Die Gegner der der Gestaltung der deutsch-deutschen Beziehungen. Gegenüber
Reformen, eine Politbüromehrheit um Erich Honecker, sahen der seit dem 28. Oktober 1969 in Westdeutschland regierenden
darin ein Risiko, das die gesamte Parteiherrschaft ins Wanken sozial-liberalen Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt

„Goldene“ Sechziger? stellten bei 491 Mark. Etwa 40 % des Der Lebenshaltungskostenindex stieg
Endverbraucherpreises von Fernsehge- grob geschätzt von 1960 bis 1971 im
[...] Seit 1964/65 begannen sich die In- räten und Kühlschränken kamen Mittel jährlich um 1 %, wobei sich die In-
vestitionen auszuwirken: Der Handel dem Staatshaushalt zu. Damit sollten flationsrate nach ihrem Höhepunkt 1962
konnte mehr industrielle Konsumgüter die Subventionen der Preise für Grund- wohl zunächst verlangsamt und erst
als in den Vorjahren anbieten. [...] bedarfsgüter finanziert werden. [...] wieder zum Ende des Jahrzehnts hin
Infolge der besseren Angebote waren Der Einzelhandelsumsatz stieg von 1960 beschleunigt hat. Vom nominalen jährli-
auch mehr und mehr Haushalte mit tech- bis 1971 jährlich um durchschnittlich chen Zuwachs der Nettogeldeinnah-
nischen Konsumgütern ausgestattet. knapp 4 %, die Nettogeldeinnahmen der men der Bevölkerung während der 60er
Bevölkerung dagegen um über 3 %. Jahre in Höhe von 3 % blieb preisbe-
Bestand ausgewählter indus- Damit wurde der Anstieg des Geldüber- reinigt nur etwas mehr als 2 %. [...] In der
trieller Konsumgüter hangs bei der Bevölkerung lediglich Bundesrepublik nahmen zur gleichen
etwas gebremst. Zeit – je nach Berechnungsgrundlage –
je 100 Haushalte 1960, 1965 und 1970 Ein beträchtlicher Teil der Umsatz- die Reallöhne um 5 bis 6 % jährlich
zuwächse – 1970 nahezu die Hälfte – be- zu. Die Entwicklung des Lebensstandards
1960 1965 1970 ruhte jedoch auf gestiegenen Preisen. [...] in der DDR blieb so immer weiter hinter
Die Preise von Industriewaren stiegen dem westdeutschen zurück.
Pkw 3,2 8,2 15,6
zwischen 1962 und 1967 um insgesamt Gleichwohl hatten sich die Verhältnisse
Fernsehgeräte 18,5 53,7 73,6 2,5 % und dann allein im Jahr 1968 gebessert: 1965 und 1967 wurde die
um mehr als 3 %. Diese Preissteigerungen oft schon praktizierte Fünf-Tage-Woche
Kühlschränke 6,1 25,9 56,4
setzten sich bis 1970 fort und erfaßten schrittweise legalisiert und verallgemei-
Waschmaschinen 6,2 27,7 53,6 fast alle Gruppen von Industriewaren nert. Der Mindestlohn stieg 1967 von
und teilweise auch Nahrungsmittel. Bis 220 auf 300 Mark, das Kindergeld wurde
Anfang 1970 verteuerten sich gegen- angehoben, die Renten etwas verbessert
Diese Zunahme ist umso bemerkens- über 1967 Herrenmäntel beispielsweise und 1968 ein freiwilliges Zusatzrenten-
werter, als die Preise für industrielle Kon- um 65 % und Kühlschränke um 10 %. system eingeführt. [...] Der höhere Lebens-
sumgüter im Verhältnis zu den Die höheren Preise hätten den Wirt- standard und der mit der Wirtschafts-
Durchschnittseinkommen erheblich wa- schaftsverantwortlichen eigentlich gefal- reform demonstrierte Veränderungswille
ren: Ein Fernsehgerät kostete 1965 2050 len können, wurde so doch der Kauf- der SED-Spitze waren wohl Ursachen
Mark, ein Kühlschrank 1350 Mark und kraftüberhang reduziert. Weil diese Ent- dafür, daß die 60er Jahre in der DDR eher
eine Waschmaschine 1350 Mark. Zu- wicklung aber als verdeckte Inflation positiv erinnert wurden. [...]
gleich lag das durchschnittliche Netto- und als Wortbruch wahrgenommen wur-
einkommen der Arbeiter und Ange- de, störten sie sich daran. André Steiner, Von Plan zu Plan, München 2004, S. 156 ff.

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48 Geschichte der DDR

hatte Ulbricht einen vorsichtigen Annäherungskurs verfolgt


und den DDR-Ministerratsvorsitzenden Willi Stoph zu zwei
deutsch-deutschen Gipfeltreffen entsandt. Die Regierungschefs
beider deutscher Staaten – Brandt und Stoph – trafen sich am
19. März 1970 in Erfurt und am 21. Mai in Kassel. Ihre Verhand-
lungen erbrachten zwar keine greifbaren Resultate, doch die
ideologischen Dogmatiker im Politbüro sahen die westdeut-
sche Sozialdemokratie und ihre Repräsentanten noch immer
als „Klassenverräter“ an, die im Interesse des Monopolkapitals
handelten. Honecker plädierte daher entschieden dafür, den
deutsch-deutschen Dialog durch Maximalforderungen wie die
volle völkerrechtliche Anerkennung der DDR abzublocken und
sich gegenüber der Bundesrepublik strikt abzugrenzen.
Dies befürwortete auch der damalige KPdSU-Chef Bresch-
new. Zwar hatte Ministerpräsident Stoph in Erfurt und Kassel

ullstein bild – ADN-Bildarchiv


nicht ohne Zustimmung und Direktiven Moskaus verhandelt,
das an gesamteuropäischer Entspannung durchaus interessiert
war. Doch einen deutschen Sonderweg lehnte die sowjetische
Führung kategorisch ab. Deshalb drängte Breschnew während
eines Gesprächs mit einer SED-Delegation am 21. August 1970
in Moskau darauf, die Verhandlungen zwischen der DDR und
der Bundesrepublik abzubrechen. Das entsprach ganz dem An- Trügerische Harmonie: 1966 stößt Ulbricht mit Erich Honecker (li.) auf den
sinnen Honeckers, der sich durch die Haltung des sowjetischen 20. Jahrestag der SED-Gründung an, vier Jahre später muss er seine Ämter
Generalsekretärs bestätigt sah. an ihn abtreten.

Die Einsamkeit an der Spitze alten Mann, der dem Sandmann aus dem […] Merkwürdig ist die Geschichte des
Fernsehen so ähnlich sah. Erinnerns an die Ulbricht-Zeit. Als Ulbricht
Es ist merkwürdig genug. Die sechziger […] Gleichzeitig wurde es einsam um am 3. Mai 1971 sein Amt als erster Sekre-
Jahre waren recht eigentlich Ulbrichts Jahr- den ersten Mann des Staates. Die Bil- tär der SED an Erich Honecker abtreten
zehnt. Trotz Jugendrevolte, Generations- der zeigen ihn mit fremden Staatsmän- musste, hielt sich das allgemeine Be-
wechsel und dem vielbeschworenen nern oder Persönlichkeiten aus Kunst dauern in deutlichen Grenzen. Der neue
Aufbruch der neuen Generation wurde und Wissenschaft, aber kaum noch mit Mann profilierte sich mit durchaus volks-
das Land von einem alten Mann regiert. seinen Genossen aus der Führungs- tümlichen Maßnahmen. […]
Er war der ideale Vertreter jener ver- mannschaft des Politbüros. Ulbricht mit seinen zehn Geboten der
knöcherten, provinziellen, beschränkten Ein Bild aus den 1960er Jahren zeigt ihn sozialistischen Moral, seinem Bitterfelder
Funktionäre. […] beim Mittagsessen mit einer Arbeiter- Weg und der sozialistischen Menschen-
Trotz alledem ist es nicht zu bestreiten, familie. So sehen sich Diktatoren gerne, als gemeinschaft wirkte bald schon wie ein
dass es Ulbricht war, der seit 1962 eine Sonntagsbesuch in einer einfachen Fa- ferner Dogmatismus.
größere wirtschaftliche Beweglichkeit des milie. […] Und doch überdeckt das Bild nur Ulbricht starb am 1. August 1973, als
Systems einleitete. Er setzte diese Neue- die Tatsache, dass es zwischen dem Führer die Jugend der Welt auf den Straßen
rungen durch gegen Leute, die teilweise der Arbeiterklasse und den wirklichen der Hauptstadt der DDR die Weltfestspiele
wesentlich jünger waren, führte dauernd Arbeitern der DDR keine Gemeinsamkeit feierte. Die DDR hatte den Zenit ihrer
die Zukunft im Munde, pries die Neuerun- mehr gab. […] Ob Ulbricht diese Tragik Geschichte erreicht, war endlich interna-
gen der Wissenschaft und Technik und empfunden hat, wird niemand sagen kön- tional als Staat anerkannt, wirtschaft-
feierte die Jugend als die Hausherren von nen. Seine schriftliche Hinterlassenschaft, lich nicht ohne Erfolge und von einem Teil
morgen. die im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde ihrer Bürger als eine Art Wohlfahrtsstaat
Er diskutierte mit Werktätigen und einsehbar ist, enthält kaum persönliche akzeptiert.
referierte gerne vor Wissenschaftlern aller Zeugnisse. Der Umgang der führenden Ge- In diesen Jahren war wenig von Ulbricht
Fachrichtungen. Natürlich wusste Ge- nossen untereinander schien mehr als die Rede. Sein Bild und sein Name ver-
nosse Ulbricht über alle Belange gründlich unterkühlt gewesen zu sein. Die Schreiben schwanden fast völlig aus der Parteige-
Bescheid, korrigierte die Werke von im Nachlass Ulbrichts sind fast aus- schichte, und niemand vermisste ihn. Erst in
Historikern mit einem dicken, weichen Blei- schließlich rein amtlicher Natur, im besten den späten achtziger Jahren, in der Phase
stift, schrieb seine Randbemerkungen Fall enthalten sie einen Gruß an die werte offenkundiger Agonie, entdeckten manche
an die Berichte über Theaterinszenierun- Gattin oder beste Wünsche für die Ge- Parteimitglieder die Ulbricht-Zeit neu. Im
gen, Filme und Romane. sundheit. Ulbricht soll ein Aktenmensch Vergleich zu dem ideenlosen Fortwursteln
Die Volksmeinung quittierte diese Be- gewesen sein, und in der Tat gibt es angesichts der herannahenden Katastro-
mühungen ausschließlich mit Hohn unendliche Manuskripte im Archiv, die der phe erschienen die sechziger Jahre als eine
und Spott. Beliebt war Ulbricht auch in Staatsratsvorsitzende teils selbst ver- Zeit des Aufbruchs zu neuen Ufern. […]
dieser Phase keineswegs. Und doch fasst, teils redigiert hat. Doch menschliche
gewöhnte man sich irgendwie an den Züge treten hier kaum hervor. Stefan Wolle, Aufbruch nach Utopia, Berlin 2011, S. 395 ff.

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49

Andreas Malycha

Der Schein der Normalität


(1971 bis 1982)

pciture-alliance / ZB / Heinz Junge
Erich Honecker setzt mit seinem Machtantritt neue Akzente:
Nicht mehr die Förderung der Industrie steht im Mittelpunkt
der Politik, sondern der Ausbau sozialer Leistungen, um die
Loyalität der Bevölkerung zu sichern. Dies setzt zunehmend
die wirtschaftliche Stabilität unter Druck.

In den 1970er Jahren mildern große Neubauprojekte den Wohnungsmangel,


Subventionen gewährleisten stabile Mietpreise. Eine junge Familie in ihrem
modern eingerichteten Wohnzimmer in Berlin-Prenzlauer Berg 1977

E rich Honecker, 1946 Mitbegründer der FDJ, deren Zentralrat


er bis 1955 geleitet hatte, und seit 1958 Mitglied des Polit-
büros, begann seinen Machtantritt mit einer Schwerpunkt-
chen für die Richtigkeit der neuen Wirtschaftsstrategie. Der
neue Parteichef verkündete auf dem VIII. Parteitag der SED
im Juni 1971 die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“,
verlagerung seiner Politik: Nicht mehr die Modernisierung die auf eine Erhöhung des Lebensstandards der Bevölkerung
der Industrie, sondern die Sozialpolitik sollte zur Absicherung ausgerichtet war. Das bedeutete in der Praxis, die Verbraucher-
der DDR-Herrschaft beitragen. Daran hielten er und die Mehr- preise, Mieten und Kosten für Dienstleistungen durch ständig
heit des Politbüros trotz der erkennbaren Leistungsgrenzen steigende Subventionen stabil zu halten und die Einkünfte der
der Wirtschaft und der Mängel der Planungsökonomie bis Arbeiter und Angestellten schrittweise zu erhöhen. Honecker
zuletzt fest. Jegliche Korrektur oder gar Zurücknahme sozial- gab zugleich die bevorzugte Förderung von Forschung und Ent-
politischer Maßnahmen lehnte Honecker aus Furcht vor Pro- wicklung in bedeutsamen Technologiebereichen auf. Dadurch
testen und inneren Unruhen ab. Dass diese Befürchtung nicht blieb einerseits im Staatsbudget mehr Platz für umfassende
grundlos war, hatte sich in Polen gezeigt, wo es im Dezember Sozialprojekte. Andererseits führte der politisch erzwungene
1970 als Folge drastischer Preiserhöhungen für Lebensmittel Rückgang der Investitionen in Forschung und Entwicklung
und andere Gebrauchsgüter zu Streiks, Massenkundgebungen zu jener Krise in der Wirtschaft, die Anfang der 1980er Jahre
und Demonstrationen gekommen war. Im Sommer 1980 lös- dann offen ausbrach. Die technische Basis der Industrie konn-
ten Preiserhöhungen dort erneut eine große Streikwelle aus, te mit den internationalen Standards langfristig nicht mehr
in deren Folge die oppositionelle Gewerkschaft Solidarnoś ć Schritt halten.
entstand. Die Entscheidung für eine Stabilisierung politischer Die SED-Führung beschloss in der ersten Hälfte der 1970er
Herrschaft durch soziale Leistungen setzte Honecker aber un- Jahre ein ganzes Bündel sozialpolitischer Maßnahmen. Der
ter Erfolgszwang. anhaltende Wohnungsmangel stand als dringend zu lösendes
Problem im Vordergrund. Um die Arbeiter in den Industrie-
zentren wie beispielsweise in Bitterfeld, Merseburg, Halle und
Wolfen anspruchsvoll unterzubringen, wurden große Wohn-
komplexe auf der grünen Wiese errichtet. Mit seinen mehr als
Zwischen Wohlstand und Krise 93 000 Einwohnern und eigenem Bürgermeister zählte Halle-
Neustadt 1981 zu den größten zusammenhängenden „sozialis-
tischen Stadtneugründungen“ in der DDR. Der Schwerpunkt
Honeckers Wirtschafts- und Sozialpolitik des Bauens lag von Anfang an beim Neubau, während man
die Instandhaltung und Modernisierung von Altbauten ver-
Zu Beginn der Honecker-Ära gelang es, die 1970 ausgebroche- nachlässigte. Erst in den 1980er Jahren besann man sich da-
ne Versorgungskrise zu überwinden, die als Ergebnis unrea- rauf, ältere Gebäude zu sanieren und zu modernisieren. Die
listischer Wachstumsziele in der Industrie entstanden war. Plattenbauweise wurde in den 1970er Jahren zur alles domi-
Das werteten Honecker und die Mehrheit im Politbüro als Zei- nierenden Bauform. Um die industrielle Form des Bauens rea-

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50 Geschichte der DDR

lisieren zu können, überführte man die im Bauwesen tätigen


Handwerksbetriebe in große Baukombinate. Bis 1980 wurden
circa 700 000 Wohnungen errichtet oder modernisiert. Das
Zentralkomitee der SED kündigte auf seiner 10. Tagung im Ok-
tober 1973 an, die Wohnungsfrage als „soziales Problem“ bis
1990 lösen zu wollen.
Zum Bündel der sozialpolitischen Maßnahmen gehörten
ferner die Erhöhung der Mindestlöhne und Mindestrenten,
die Arbeitszeitverkürzung für Frauen, besonders für solche
mit Kindern. Die Zahl der bezahlten Urlaubstage wurde mehr-
mals erhöht, insbesondere berufstätige Mütter erhielten mehr
Urlaub. Zudem gewährte man jungen Eheleuten zinslose Kre-
dite bis zu 5000 Mark, die teilweise erlassen wurden, wenn

ullstein bild – ADN-Bildarchiv


die Paare Kinder bekamen. Die staatliche Kinderbetreuung
wurde erheblich ausgebaut, sodass 1980 für 90 Prozent der
Kinder im entsprechenden Alter ein Platz im Kindergarten zur
Verfügung stand. Diese sozialen Leistungen hatten allerdings
auch einen bevölkerungspolitischen Hintergrund: Sie sollten
der rückläufigen Geburtenentwicklung in der DDR entge-
genwirken, in deren Folge permanenter Arbeitskräftemangel 1980 steht für 90 Prozent der Kinder im entsprechenden Alter ein Kinder-
entstanden war. Tatsächlich förderte das Sozialprogramm die gartenplatz zur Verfügung. Erzieherinnen einer Kinderkrippe in Dresden
Frauenbeschäftigung. 1980 gingen 87 Prozent der Frauen im mit ihren Schützlingen im März 1976

Wohnungstausch hatten wir ein Grundstück im Wald Als alles organisiert war, wollten wir den
gepachtet und einen kleinen Bungalow Kaufvertrag machen. Dazu […] brauchte
[…] 1969 haben wir geheiratet. Unser erstes darauf errichtet, unsere Datsche, die wir man eine Genehmigung der Abteilung
großes Problem war, wie wir zu einer jedes Wochenende aufsuchten. Aber die Wohnungspolitik des Stadtbezirks. Dort […]
Wohnung kommen. Man mußte mit meiste Zeit mußten wir im Riesenneubau erfuhren wir, daß dem Kauf und dem Um-
mindestens vier bis fünf Jahren Warte- verbringen. Fünf Jahre blieben wir dort. zug nicht zugestimmt werden könne, weil
zeit rechnen, hatte man erst mal […] Wir träumten von einem eigenen Haus. der Wohnraum für andere Bürger ge-
den Antrag gestellt. Da bekam ich mit, Ein ehemaliger Kollege hatte in der Nähe braucht werde. Es war bekannt, daß der
daß einige Kollegen in einer Straße gebaut. Vielleicht dadurch angeregt, Staat das Vorkaufsrecht hatte und […] Häu-
in Weißensee Dachböden von Häusern begann Gisela 1979 am Anfang der Ferien ser auch für Bürger, die ihm genehm und
aus den zwanziger Jahren zu Woh- von Haustür zu Haustür zu wandern, zu Diensten waren, mit Beschlag belegte.[...]
nungen ausbauten. Sie taten das für sich sie hat wirklich geklingelt und gefragt, ob [Gisela] hatte davon gehört, daß es beim
selbst, aber mit betrieblicher Hilfe. Wir jemand sein Haus verkaufen wolle. […] Staatsrat eine Stelle für Eingaben der Bür-
konnten mit von der Partie sein. […] Im [E]ines Tages hat es […] geklappt! Die ger gibt. […] Sie hat ihr Anliegen vorge-
Oktober zogen wir in unsere zwei Zimmer Nachbarin hier sagte zu ihr: „Versuchen tragen und das Schriftstück abgegeben. [...]
mit Küche und Bad ein, und im Januar Sie es doch mal nebenan.“ Der Mann Es gab damals noch eine Vierwochen-
wurde Sebastian geboren. Ein gutes Jahr war seit einem Jahr Witwer und trug sich frist für die Beantwortung solcher Ein-
später kam Susanne zur Welt. Obwohl mit dem Gedanken auszuziehen. […] gaben. Genau nach vier Wochen traf bei
es eng wurde, haben wir gern dort ge- Wir […] sind mit dem Herrn handelseinig uns ein Brief ein. Keiner wollte ihn öffnen.
wohnt. […] Aber wir bemühten uns na- geworden. Wir hatten ihm versprochen, Als ich abends nach Hause kam, haben
türlich um eine größere Wohnung. Nach daß wir nach seinen Wünschen eine Woh- wir ihn gemeinsam aufgemacht – und die
etwa viereinhalb Jahren klappte es auch. nung besorgen und den Umzug organi- Freude war groß. Es handelte sich um
Wir zogen um in eine Vier-Raum-Woh- sieren werden. Für das Haus wollten wir eine Zusage. Sie wurde damit begründet,
nung in einem typischen Neubauviertel. bezahlen, was er verlangte. daß wir uns bereits so stark engagiert
[…] In unserem Block befanden sich viele Er wünschte sich eine Zwei-Zimmer- und den Ringtausch organisiert hatten.
Vier- und Fünf-Raum-Wohnungen. Folg- Wohnung mit moderner Heizung, nicht Für alle Beteiligten hätten wir Wohnraum
lich lebten hier kinderreiche Familien. zu weit weg von einer Einkaufsgelegen- gewonnen, deshalb sei unser Vorge-
Oft hatte man durchaus den Eindruck, heit, aber auch nicht weit entfernt von der hen von gesellschaftlichem Interesse. Im
daß eine Menge Asoziale darunter waren. vertrauten Umgebung. […] Da sind wir Stadtbezirk hatte man dagegen vorher
Schmierereien und Schmutz im Ein- dann in das Gebiet gefahren, das in Frage kritisiert, daß wir das alles auf eigene
gangsbereich, auf den Korridoren, in den kam, und haben Anschläge mit dem Faust unternommen hatten. Was uns also
Fahrstühlen. Es herrschte Anonymität, Tauschangebot und unserer Telefonnum- einerseits vorgeworfen wurde, war nun
und es war frustrierend, in einer solchen mer auf den Tafeln in den Hausein- andererseits die Begründung für den Zu-
Umgebung leben zu müssen, ohne an gängen angebracht. Schon nach wenigen schlag. […]
den Umständen etwas ändern zu können. Tagen meldete sich eine Familie mit
Familienportrait von Joachim, 53 Jahre, Diplomingenieur, in:
[…] Diese Situation führte im Laufe der drei Kindern, die liebend gern in unsere Gisela Helwig (Hg.), Die letzten Jahre der DDR – Texte zum
Zeit zu Spannungen in der Familie. Zwar Vier-Zimmer-Wohnung ziehen wollte. […] Alltagsleben, Köln 1990, S. 18ff.

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Der Schein der Normalität (1971 bis 1982) 51

arbeitsfähigen Alter einer Berufstätigkeit nach und erhielten kostspieligen erweiterten Import von westlichen Konsumpro-
so die Möglichkeit wirtschaftlich unabhängig zu werden. dukten realisiert werden, nicht zuletzt deshalb, weil die Par-
Trotz der zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, tei die versprochenen Wohltaten zunächst schneller verteilte,
die zu einer Verknappung des Warenangebots für die Bevölke- als es die Volkswirtschaft der DDR erwirtschaften konnte. Da
rung führten, und der unzureichenden Versuche, ihrer Herr zu Honecker es ablehnte, sein Programm der Einheit von Wirt-
werden, ließ sich Honecker nicht von seinem Sozialprogramm schafts- und Sozialpolitik auch nur marginal zu verändern,
abbringen. Auf dem IX. Parteitag der SED im Mai 1976 wurden bekamen die Ministerien immer höhere Planvorgaben, die sie
dann sogar weitere Erhöhungen von Löhnen und Renten, eine nur mit statistischen Tricks einhalten konnten.
Verkürzung der Arbeitszeit sowie eine Verlängerung des Erho- Da in zunehmendem Maße mehr importiert als exportiert
lungsurlaubs beschlossen. Partei und Regierung verabschie- wurde, nahm bereits 1972/73 das Handelsdefizit gegenüber
deten außerdem ein ausgedehntes Konsumprogramm. Die den westlichen Industriestaaten deutlich zu. So stieg die
Steigerung des Lebensstandards konnte jedoch nur mit einem Verschuldung der DDR gegenüber dem „nichtsozialistischen

Frauen und Familienpolitik de [in den 1970er Jahren] auf der propa- blieb hingegen bis zum Ende der DDR auf
gandistischen Bühne von „unseren Muttis“ einem ähnlich niedrigen Niveau wie in
Der Anfang war vielversprechend. Bereits abgelöst. Unter dem Motto „Beeinflussung Westdeutschland: 1954 lag der Anteil
der kurz nach Kriegsende erlassene Befehl der Reproduktionsfunktionen der Fami- der Professorinnen bei 2,8 Prozent, 1964
Nr. 253 der Sowjetischen Militäradminis- lie“ – im DDR-Alltagsjargon als „Mutti- bei 3,6 Prozent. Arbeitsgruppenleiterin-
tration (SMAD) vom 17. August 1946, der politik“ verniedlicht – entwickelte die SED nen an der Akademie, Chefärztinnen,
den Titel „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ im Anschluss an ihren VIII. Parteitag Ministerinnen oder Betriebsleiterinnen
trug, stellte entscheidende Weichen. das familienpolitische Konzept der folgen- musste man mit der Lupe suchen. Selbst
„Befohlen“ wurde im Duktus der Zeit „die den Jahre. [...] Unter der Devise „Der die legendären Legionen von ostdeut-
gleiche Entlohnung für Arbeiter und Wille zum Kind“ wurde [...] eine Reihe von schen Ingenieurinnen müssen ein Stück
Angestellte für die gleiche Arbeit, unab- sozialpolitischen Maßnahmen in Gang weit entzaubert werden: Ein Großteil der
hängig von Geschlecht und Alter“. [...] gesetzt, um diesen Willen zu bestärken. Frauen […] wurde auf Nebenbranchen der
Was von der SMAD schon anvisiert wor- Dazu gehörten vor allem diverse Profession lanciert. [...]
den war, wurde in der Verfassung der Freistellungsmöglichkeiten, die von der Viele Frauen, namentlich die akade-
DDR vom 7. Oktober 1949 konkret. Ohne Arbeitszeit abgingen und es erlauben misch qualifizierten, schienen sehr wohl
Umschweife verkündete Artikel 7 Absatz 1: sollten, in diesen Zeiten Haus- und Erzie- abgewogen zu haben, ob sich der Schritt an
„Mann und Frau sind gleichberechtigt.“ hungsarbeit zu leisten. […] Damit zollte die Spitze überhaupt lohnte. Denn nur
[...] In Artikel 18 Absatz 5 der DDR-Verfas- die SED-Regierung zwar einerseits ihren selten bedeutete in der DDR ein Karriere-
sung hieß es weiter: „Die Frau genießt Tribut an die Mühen der Hausarbeit, sprung auch gleichzeitig eine Einkom-
besonderen Schutz im Arbeitsverhältnis. andererseits schrieb sie damit einmal mensverbesserung, fast immer jedoch war
Durch Gesetze der Republik werden mehr die vornehmlich weibliche Zustän- ein Weitersteigen auf der Karriereleiter
Einrichtungen geschaffen, die es gewähr- digkeit für den Familienbereich fest und mit einer Vielzahl von neuen gesellschaft-
leisten, daß die Frau ihre Aufgabe als Bür- verschaffte Frauen noch dazu durch diese lichen Verpflichtungen gekoppelt und
gerin und Schaffende mit ihren Pflichten „Sonderkonditionen“ eine Sonderstellung mit einem expliziten Ja zum Staat. Somit
als Frau und Mutter vereinbaren kann.“ an ihrem Arbeitsplatz, die vom „Kollektiv“ konnte es sich durchaus als das größere
So revolutionär dieses Gesetz auf den mit Argwohn betrachtet wurde. [...] Plus erweisen, mit einer unteren oder
ersten Blick erschien, so traditionell war Dies ging nicht zuletzt zu Lasten des be- mittleren Ebene der akademischen Lauf-
das darin mitschwingende Familienideal. ruflichen Fortkommens. Im Sommer bahn vorliebzunehmen. [...]
Nicht nur, dass die „Familienarbeit“ 1975 startete das Institut für Meinungs- Hinter den sich seit den sechziger Jahren
weitgehend Frauensache blieb. Seit dem forschung der DDR eine Umfrage über häufenden, freilich „streng vertraulichen“
Beginn der fünfziger Jahre wurde sie noch die „Stellung der Frau in Familie und Ge- Klagen von Kaderfunktionären, trotz aller
dazu systematisch abgewertet. […] sellschaft“. […] Ein Ergebnis beunruhigte Anstrengungen keine willigen Frauen für
[S]pätestens seit der Mitte des Jahrzehnts besonders: Die wachsende Unzufrie- Leitungsfunktionen zu finden, verbarg sich
[durchzogen] Diffamierungskampagnen denheit vor allem der „Frauen der Intelli- ein wachsendes Heer selbstbewusster
gegen die sogenannten „Nur-Hausfrauen“ genz“ ließ sich nicht verhehlen. Sie Frauen, die sich ihren Lebensentwurf nicht
[...] die ostdeutsche Medienlandschaft. […] zeigten eine geringere „Geburtenfreudig- aus den Händen nehmen lassen wollten. [...]
[Es] wurde von zufriedenen Hausfrauen keit“ und eine generell größere Skepsis, Dieser Strategie konnten sich zwar
berichtet, die endlich den Schritt vom Herd ihren Beruf mit Familienpflichten verein- auch männliche Akademiker bedienen.
zum Fließband geschafft hatten. baren zu können. [...] Doch anders als ihre weiblichen Kollegen
Dass sie abends an den Herd zurückkehr- [Z]u Beginn der siebziger Jahre waren unterstanden sie weit stärker einem
ten, stand dabei außer Frage. Auch im fast so viele Frauen wie Männer an ost- gesellschaftlichen Erfolgsdruck, der eine
1965 verabschiedeten „Familiengesetzbuch“ deutschen Universitäten immatrikuliert. Rechtfertigung des Verharrens auf
(FGB) war nicht nur zwischen den Zeilen […] Auf Spitzenpositionen waren Frauen einer bestimmten Stufe der Karriereleiter
zu lesen, wem nach wie vor die Hauptver- hingegen weiterhin kaum vertreten. Im deutlich schwerer machte. [...]
antwortung übertragen wurde. [...] wissenschaftlichen Segment besetzten
Gunilla Budde, „Die emanzipierte Gesellschaft“, in: Thomas
Die voll erwerbstätige sozialistische Frauen vor allem die Mitarbeiterstellen, Großbölting (Hg.), Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-
Frauenpersönlichkeit der frühen DDR wur- ihr Anteil unter der Professorenschaft Legenden auf dem Prüfstand, Berlin 2009, S. 92 ff.

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


52 Geschichte der DDR

Die sozialen Vorleistungen sollten sich in Honeckers Wirt-


schaftskonzept in besserer Arbeitsmotivation und höherer Ar-
beitsproduktivität niederschlagen. So war vorgesehen, die Ar-
beitsproduktivität zwischen 1971 und 1975 um 35 bis 37 Prozent,
von 1976 bis 1980 um 30 bis 32 Prozent zu steigern. Erreicht
wurden diese Ziele nie. Die ständigen Appelle zur Leistungs-
steigerung auf allen Gebieten, Parteischulung und Agitation
zeigten wenig Erfolg.

Die sozialistische deutsche Nation

Honecker beendete nicht nur die von Ulbricht in den letzten


Jahren vorgenommenen Reformexperimente, sondern setzte
akg-images

auch dem verbalen Festhalten an gesamtdeutschen Gemein-


samkeiten ein Ende. Schon auf dem VIII. Parteitag 1971 vertrat
Die sozialen Leistungen sollen sich in höherer Arbeitsproduktivität nieder- Honecker die These, dass sich mit dem Aufbau der sozialisti-
schlagen. Die Weberin Frida Hockauf begründet die nach ihr benannte schen Gesellschaft in der DDR „ein neuer Typus der Nation, die
Bewegung, einen Wettbewerb zur Steigerung der Konsumgüterproduktion. sozialistische Nation“ entwickle. Dieses Konzept schlug sich
schließlich in der Verfassungsänderung von 1974 nieder, die
am 7. Oktober in Kraft trat. Der erste Satz des Artikels 1 der Ver-
Wirtschaftsgebiet“ (NSW) von rund zwei Milliarden Valu- fassung, der die DDR als einen „sozialistischen Staat deutscher
tamark (VM) – bei einem damaligen Umrechnungskurs von Nation“ bezeichnet hatte, wurde ersatzlos gestrichen. Jetzt
1 $ = 1,90 VM – im Jahre 1970 auf über 22 Milliarden VM im Jahre lautete Artikel 1 nur noch: „Die Deutsche Demokratische Repu-
1979 an. Zum existenziellen Problem wurde die Schuldenlast blik ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern. Sie ist
allerdings erst, als Anfang der 1980er Jahre die anstehenden die politische Organisation der Werktätigen in Stadt und Land
Tilgungsraten und Zinsen nur durch kurzfristige ausländi- unter der Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-
sche Bargeldkredite unter denkbar ungünstigen Konditionen leninistischen Partei.“
zurückgezahlt werden konnten. Der Bevölkerung wurde je- Auch im neuen Programm der SED, das der IX. Parteitag im
doch bis zum Schluss suggeriert, in einem „Wohlfahrtsstaat“ Mai 1976 verabschiedete und damit das Parteiprogramm von
zu leben. Dahinter stand die Vorstellung, durch Sozialpolitik 1963 ersetzte, waren keine gesamtdeutschen Bezüge mehr
Loyalität in der Bevölkerung erzeugen zu können. enthalten. Die SED-Führung propagierte fortan das Konzept

DDR-Verfassungen im Vergleich Volkes widerspricht, hat sich das Volk der mus, des Friedens, der Demokratie und
[DDR], fest gegründet auf den Errungen- der Völkerfreundschaft zu gehen, hat sich
7. Oktober 1949, 6. April 1968 und schaften der antifaschistisch-demokrati- das Volk der [DDR] diese sozialistische
7. Oktober 1974 schen und der sozialistischen Umwälzung Verfassung gegeben.
der gesellschaftlichen Ordnung, einig in
Präambeln: seinen Werktätigen Klassen und Schichten Artikel 1, Auszug:
1949: Von dem Willen erfüllt, die Freiheit das Werk der Verfassung vom 7. Oktober 1949: Deutschland ist eine unteilbare
und die Rechte des Menschen zu verbür- 1949 in ihrem Geiste fortführend und Republik; sie baut auf den deutschen
gen, das Gemeinschafts- und Wirtschafts- von dem Willen erfüllt, den Weg des Frie- Ländern auf. [...] Es gibt nur eine deutsche
leben in sozialer Gerechtigkeit zu gestal- dens, der sozialen Gerechtigkeit, der Staatsangehörigkeit.
ten, dem gesellschaftlichen Fortschritt zu Demokratie, des Sozialismus und der 1968: Die [DDR] ist ein sozialistischer
dienen, die Freundschaft mit allen Völkerfreundschaft in freier Entschei- Staat deutscher Nation. Sie ist die poli-
Völkern zu fördern und den Frieden zu dung unbeirrt weiterzugehen, diese sozia- tische Organisation der Werktätigen in
sichern, hat sich das deutsche Volk listische Verfassung gegeben. Stadt und Land, die gemeinsam unter
diese Verfassung gegeben. 1974: In Fortsetzung der revolutionären Führung der Arbeiterklasse und ihrer
1968: Getragen von der Verantwor- Traditionen der deutschen Arbeiter- marxistisch-leninistischen Partei den
tung, der ganzen deutschen Nation den klasse und gestützt auf die Befreiung vom Sozialismus verwirklichen.
Weg in eine Zukunft des Friedens und Faschismus hat das Volk der [DDR] in 1974: Die [DDR] ist ein sozialistischer
des Sozialismus zu weisen, in Ansehung Übereinstimmung mit den Prozessen der Staat der Arbeiter und Bauern. Sie ist
der geschichtlichen Tatsache, daß der geschichtlichen Entwicklung unserer die politische Organisation der Werktäti-
Imperialismus unter Führung der USA im Epoche sein Recht auf sozial-ökonomische, gen in Stadt und Land unter Führung
Einvernehmen mit Kreisen des westdeut- staatliche und nationale Selbstbestim- der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-
schen Monopolkapitals Deutschland ge- mung verwirklicht und gestaltet die ent- leninistischen Partei.
spalten hat, um Westdeutschland zu wickelte sozialistische Gesellschaft.
einer Basis des Imperialismus und des Erfüllt von dem Willen, seine Geschicke Zusammenstellung durch den Verfasser. Nach: VERFASSUNG
1949, S. 11, 13; VERFASSUNG 1968, S. 5, 9; VERFASSUNG 1974, S. 5 f.
Kampfes gegen den Sozialismus auf- frei zu bestimmen, unbeirrt auch weiter In: Matthias Judt (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten, Bonn
zubauen, was den Lebensinteressen des den Weg des Sozialismus und Kommunis- 2010, S. 508 f.

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Der Schein der Normalität (1971 bis 1982) 53

der „sozialistischen Nation“. Sie umfasse das Volk der DDR


und sei gekennzeichnet durch den souveränen sozialistischen
Staat auf deren Territorium. Auf der anderen Seite hieß es, dass
die Bevölkerung der DDR „deutscher Nationalität“ sei. Daraus
entwickelte sich dann die Formel „Staatsangehörigkeit: DDR,
Nationalität: deutsch“. Genauso war es auf allen offiziellen
Formularen für DDR-Behörden einzutragen.

Deutsch-deutsche Annäherung und staatliche

Klaus Rose / imagetrust
Anerkennung

Die offizielle Abgrenzung und die internationale Entspan-


nungspolitik ermöglichten der DDR, ihrerseits vertragliche
Vereinbarungen mit der Bundesrepublik Deutschland einzu-
gehen. Nachdem die Westmächte und die Sowjetunion am Der im Dezember 1972 unterzeichnete Grundlagenvertrag zwischen der
3. September 1971 das Berlin-Abkommen unterzeichnet und Bundesrepublik und der DDR stellt die innerdeutschen Beziehungen auf
damit ihre gemeinsame und zugleich übergeordnete Verant- eine neue Basis ...
wortung für Deutschland und Berlin bekräftigt hatten, konnte
zwischen beiden deutschen Staaten als erste bilaterale Ver-
einbarung am 17. Dezember 1971 das „Transitabkommen“ ge-
schlossen werden. Das Abkommen sah vor, den Transitverkehr

picture-alliance / ZB / Horst Sturm
per Bahn, Schiff und auf den Straßen zwischen Westdeutsch-
land und West-Berlin künftig ohne Behinderungen durch die
Grenz- und Zollorgane der DDR abzuwickeln. Bis dahin war
es an den Übergangsstellen oft zu schikanösen und zuweilen
mit erheblichem Zeitaufwand verbundenen Grenzkontrollen
gekommen. Im Mai 1972 folgte ein umfassendes Verkehrsab-
kommen zwischen beiden deutschen Staaten. Für die Men-
schen ergaben sich durch diese Normalisierung der deutsch- ... und führt international dazu, dass immer mehr Staaten die DDR völker-
deutschen Beziehungen ganz konkrete Erleichterungen in rechtlich anerkennen. So kann eine Delegation mit Honecker an der Spitze
Form von Besuchs- und anderen Kontaktmöglichkeiten. auch am 1. August 1975 die KSZE-Schlussakte von Helsinki unterzeichnen.
Am 21. Dezember 1972 unterzeichneten die Regierungen
der Bundesrepublik und der DDR den Grundlagenvertrag, der
die deutsch-deutschen Beziehungen auf der Grundlage von Nationen (UNO). Zugleich erkannten immer mehr Länder die
Gleichberechtigung und gutnachbarlicher Zusammenarbeit DDR völkerrechtlich an. 1972 nahmen 22 und 1973 weitere 46
auf eine neue Basis stellte. Der DDR wurden ihre Unabhän- Staaten diplomatische Beziehungen zur DDR auf, darunter
gigkeit und Selbstständigkeit in ihren inneren und äußeren Frankreich und Großbritannien. Die Vereinigten Staaten von
Angelegenheiten sowie die uneingeschränkte Achtung ih- Amerika folgten 1974. Ende der 1970er Jahre unterhielt die
rer territorialen Integrität bestätigt. Dies markierte das Ende DDR mit 132 Ländern diplomatische Beziehungen und arbeite-
der westdeutschen „Hallstein-Doktrin“. Der seit 1955 gültigen te in allen wichtigen internationalen Organisationen mit. Die
Doktrin hatte die Auffassung zugrunde gelegen, dass die Bun- ökonomische und politische Abhängigkeit von der Sowjetun-
desrepublik Deutschland die einzige demokratisch legitimier- ion lockerte sich jedoch nicht, zumal Honecker und Breschnew
te Vertretung des gesamten deutschen Volkes sei und demzu- am 7. Oktober 1974 einen Freundschafts- und Beistandsvertrag
folge nur sie die Deutschen international vertreten dürfe. Sie abschlossen. Auch im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe
hatte jenen Staaten, die die DDR diplomatisch anerkannten, (RGW) diktierte die Sowjetunion nach wie vor die Bedingun-
den Abbruch diplomatischer Beziehungen angedroht (so 1957 gen der wirtschaftlichen Kooperation. Die DDR war militärisch
Jugoslawien). Das bis 1969 angestrebte Ziel, die DDR außenpo- fest in das osteuropäische Militärbündnis, den Warschauer
litisch zu isolieren, gab die sozial-liberale Koalition unter Willy Pakt, eingebunden, in dem die UdSSR eine Vormachtstellung
Brandt jetzt offiziell auf. ausübte.
Die von der SED-Führung geforderte völkerrechtliche Aner- Am 1. August 1975 unterzeichneten in Helsinki 35 Staats- be-
kennung lehnte die Bundesregierung hingegen ab, da sie da- ziehungsweise Regierungschefs der europäischen Länder, der
mit gegen das Wiedervereinigungsgebot im Grundgesetz der Vereinigten Staaten und Kanadas die Schlussakte der Kon-
Bundesrepublik verstoßen hätte. Infolgedessen gab es auch ferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE).
keine Botschaften, wohl aber „Ständige Vertretungen“ in Bonn Die DDR gehörte wie die anderen osteuropäischen Länder zu
und Ost-Berlin, die am 2. Mai 1974 ihre Arbeit aufnahmen. Als den Unterzeichnern. Durch die Schlussakte hatten die Sowjet-
Vertreter der Bundesrepublik in der DDR wurde Günter Gaus, union und die DDR zwar ein wichtiges außenpolitisches Ziel
als Vertreter der DDR in der Bundesrepublik Michael Kohl ak- erreicht: Die deutsche Zweistaatlichkeit war international ak-
kreditiert. Auf der Grundlage dieses Abkommens wurden bis zeptiert. Innenpolitisch bekam die SED-Führung jedoch durch
1989 zahlreiche Verträge unterzeichnet, die den Handel und den „Korb 3“ der Schlussakte von Helsinki Probleme. Dort hat-
den Verkehr zwischen beiden deutschen Staaten regelten. te der Westen vor allem die Verpflichtung zur Achtung der
Der Grundlagenvertrag führte am 18. September 1973 zur individuellen Menschen- und Bürgerrechte eingebracht, ver-
Aufnahme der DDR und der Bundesrepublik in die Vereinten bunden mit umfangreichen Forderungen nach menschlichen

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54 Geschichte der DDR

Die Leitung der DDR-Wirtschaft

SED Politbüro

Ministerrat Ministerium Weitere Ministerien


für Ministerium z. B. für
Industrie-
Land-, Forst- für • Bauwesen
Staatliche Plankommission ministerien
und Nahrungs- Bezirksgeleitete Industrie
güterwirtschaft • Verkehrswesen
• Finanzen
• Materialwirtschaft
• Handel und
Rat des Bezirks Bezirkswirtschaftsrat Versorgung
• Außenhandel

Rat des Kreises Amt für Preise

Kombinate
VEG, VEB Industrie-
Örtliche Kombinate
kombinate
Versorgungswirtschaft,
Handwerk, * GPG = Gärtnerische
Dienstleistungen LPG, GPG* Produktionsgenossenschaft
VEB VEB
usw.
Vereinfachte Darstellung
© Bergmoser + Höller Verlage AG, Zahlenbild 568 100

Erleichterungen hinsichtlich Reisen, Information und Kul- che zusammengeführt und einer zentralen Leitung unter-
turaustausch. In der DDR musste sich die politische Führung stellt wurden. Der Grundgedanke bei der Kombinatsbildung
jetzt an diesen Verpflichtungen messen lassen. Nicht zuletzt bestand darin, leistungsfähige ökonomische Einheiten zu
konnte sich die entstehende Oppositionsbewegung auf den bilden, Forschung und Entwicklung, Produktion und Absatz
„Korb 3“ der Schlussakte von Helsinki berufen. einschließlich des Außenhandels unter einer einheitlichen
Leitung administrativ zu vereinen. Dieser Ansatz kam jedoch
nicht zur Wirkung, da sich die Kombinate politisch und finan-
Verstaatlichung von privaten Unternehmen und ziell fest am Gängelband zentraler SED-Gremien, der ZK-Ab-
Handwerksbetrieben teilungen und Politbüroentscheidungen sowie ministerieller
Weisungen befanden. Am Ende der 1970er Jahre gab es circa
1972 ließ die SED-Führung die noch bestehenden privaten 133 zentral geleitete Kombinate, die von einem Stammbetrieb
Industrie- und Baubetriebe, die Betriebe mit staatlicher Be- aus von einem Generaldirektor geleitet wurden.
teiligung sowie die rund 2000 industriell produzierenden Das VEB Schwermaschinenbaukombinat „Ernst Thälmann“
Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH) und 500 (SKET) gehörte mit mehreren zehntausend Beschäftigten und
Handwerksunternehmen in Staatseigentum überführen. Der zahlreichen volkseigenen Maschinenbaubetrieben zu den
Schwerpunkt der Verstaatlichungsaktionen lag in den südli- größten Kombinaten in der DDR. Es exportierte u.a. Ausrüs-
chen Bezirken der DDR, deren Wirtschaft seit je durch kleinere tungen für die metallverarbeitende und Hütten-Industrie wie
und mittlere Betriebe geprägt wurde. komplette Walzstraßen in die Sowjetunion und das westliche
Nach den herrschenden Maximen der marxistisch-leninisti- Ausland und nahm damit eine wichtige Stellung im Außen-
schen Ideologie hatten damit die „sozialistischen Produktions- handel der DDR ein. Durch die zentrale Planung aller Produk-
verhältnisse“ gesiegt. Tatsächlich war es ein Pyrrhussieg, wie tionsabläufe einschließlich des Absatzes einer bestimmten
sich bald herausstellte. Es handelte sich nämlich vor allem um Branche blieben die Kombinate jedoch unflexibel und konn-
Betriebe, die Konsumgüter für die Bevölkerung und bedeutsame ten vor allem nicht rasch genug auf die sich verändernden
Zulieferungen für die Volkswirtschaft herstellten und teilweise Weltmarktbedingungen reagieren.
auch wichtige Exportverpflichtungen zu erfüllen hatten. Das
Potenzial des verstaatlichten Mittelstandes wurde nahezu ver-
nichtet und konnte nicht wieder ersetzt werden, so dass sich die Hoffnungen der jungen Generation
bestehenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten verschärften.
Der von Honecker seit seinem Machtantritt verbreitete soziale
Optimismus ließ Hoffnungen auf eine gewisse Lockerung kei-
Bildung von Kombinaten in der Industrie men, insbesondere in jener Generation, die in der DDR aufge-
wachsen war. Tatsächlich fand sich die SED unter Honecker zu
Zugleich trieb die SED-Führung die bereits unter Ulbricht zeitweiligen Zugeständnissen bereit. So wurden die X. Welt-
einsetzende Bildung von Kombinaten weiter, in denen gro- festspiele der Jugend und Studenten im August 1973 in Ost-
ße Industriebetriebe eines Industriezweiges bzw. einer Bran- Berlin zu einem fröhlichen, weithin unbeschwerten Fest. Rund

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Der Schein der Normalität (1971 bis 1982) 55

25 000 Jugendliche aus 140 Ländern kamen in die „Hauptstadt „Klaus Renft Combo“ sang mitten in der Ost-Berliner City ihr
der DDR“ und feierten mit rund einer halben Million FDJ-Mit- doppeldeutiges Lied „Ketten werden knapper“, ein Lied, das
gliedern, die seit dem Mauerbau zum ersten Mal die Chance zur Festivalhymne erkoren wurde.
hatten, sich mit Jugendlichen aus anderen Ländern zu treffen.
Gleichzeitig sorgte eine Vielzahl hauptamtlicher und inoffi-
zieller Mitarbeiter des MfS dafür, unliebsame Zwischenfälle Ketten werden knapper
und vermeintliche „Störenfriede“ des Scheins der Normalität Singt für alle, die alles wagen
auszuschalten. Für die Leute in jedem Land
Ferner verzichteten staatliche Instanzen auf bislang üb- Die gemeinsam den Erdball tragen
liche Praktiken. Der Empfang westlicher Rundfunk- und Dass kein Mensch mehr noch steht am Rand.
Fernsehsender wurde nicht mehr kriminalisiert, Zeitungen Ketten werden knapper
und Zeitschriften aus der Bundesrepublik waren jedoch wei- Und brechen sowieso
terhin nicht zugelassen. Jugendliche Radiohörer in der DDR Wie junger Rhabarber
orientierten sich überwiegend an den Programmen des Wes- Wie trockenes Stroh
An der Hand des Riesen
tens. Sie boten moderne Musik sowie heiß begehrte Infor-
Der tausend Nasen hat
mationen in Fülle und verzichteten auf Agitation. Hoch im Der braucht nur zu niesen
Kurs standen die „Schlager der Woche“ des in West-Berlin Und wendet das Blatt [...]
ausgestrahlten RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor),
der „Aktuelle Plattenteller“ des Deutschlandfunks sowie di- T.: Gerulf Pannach, K.: Peter Gläser, M.: Klaus Renft Combo, 1972
In: Rauhut Michael (Hg.), Rock in der DDR, bpb-Zeitbilder, Bonn 2002, S. 55
verse Sendungen von Radio Luxemburg, Europa-Welle-Saar
und des amerikanischen Senders AFN (American Forces Net-
work), der insbesondere von Jugendlichen in Ost-Berlin gern
gehört wurde, weil dort moderne Popmusik rund um die Uhr Typisch für die überall entstehenden Rockgruppen waren
lief. DDR-Programme waren dagegen weit weniger gefragt. Lieder mit deutschen Texten, in denen alltagssprachliche Bot-
Gleichwohl unternahmen die DDR-Medien viel, um sich schaften, aber auch kritische Kommentare zum Leben mit täg-
auf die jugendlichen Hörgewohnheiten einzustellen. Ab lich erlebten Widersprüchen auftauchten. Zu den bekanntes-
1970 richteten sämtliche Radiostationen spezielle Rock- und ten und beliebtesten Rockgruppen der 1970er Jahre gehörten
Pop-Magazine, Hitparaden und Wunschsendungen ein, in die „Puhdys“, „Renft“, „Electra-Combo“, „Horst-Krüger-Band“,
denen auch westliche Titel liefen. Am häufigsten wurde der „Stern Combo Meißen“, „Lift“ sowie „Karat“. Den größten Hit
Jugendsender DT 64 gehört; es folgten die Sendungen „Musik der DDR-Rockgeschichte brachte die Berliner Band „City“ 1977
für junge Leute“ von Radio DDR I, „Beat-Kiste“ von Stimme mit dem Lied „Am Fenster“ heraus. Die gleichnamige LP war
der DDR und die „Tip-Parade“, die ebenfalls von Radio DDR I  die erste ostdeutsche Platte, die in der Bundesrepublik vergol-
ausgestrahlt wurde. Darüber hinaus nahm das DDR-Fernse- det wurde.
hen Jugendsendungen in das Programm. Die wöchentlich aus-
gestrahlte Jugendsendung „Rund“ entstand zur Vorbereitung
der X. Weltfestspiele 1973. Mit einem Mix aus Musik und Ge- Kurze kulturpolitische Liberalisierung
spräch trat die Sendung modern und unterhaltsam in Erschei-
nung. Im Laufe der Jahre wurden die Gesprächsrunden jedoch In der liberalen Phase in der DDR der frühen 1970er Jahre hat-
immer propagandistischer. te sich auch unter Schriftstellern und Künstlern so etwas wie
Im Windschatten der X. Weltfestspiele erhielten auch Rock- Aufbruchstimmung breit gemacht. Dies umso mehr, als Kul-
und Beatgruppen wieder Zuspruch. Die populäre Leipziger turpolitiker der SED öffentlich erklärten, Kunst ließe sich nicht

Neue Spielräume: 1973 nehmen Jugendliche aus 140 Ländern, hier Tunesi- Auch Rockgruppen mit deutschsprachigen Texten wie die Puhdys sind er-
er, an den X. Weltfestspielen in Ost-Berlin teil. folgreich, hier beim Pfingsttreffen der FDJ 1979 in Ost-Berlin.
ullstein bild – Winkler
akg-images

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56 Geschichte der DDR

allein auf ihre ideologische Funktion reduzieren. Begriffe wie


„Weite und Vielfalt“ sahen jüngere Schriftsteller wie Reiner
Kunze und Volker Braun als Ansporn für literarische Experi-
mente und Selbstverwirklichung. Die populären Autoren wie
Christa Wolf, Stephan Hermlin, Erwin Strittmatter und Her-
mann Kant griffen mit ihren Werken immer weniger Themen
der unmittelbaren Gegenwart auf, sondern konzentrierten sich
auf überzeitliche Fragen und Motive. Auf den Theaterbühnen
sorgte dagegen Ulrich Plenzdorf mit seinem gesellschaftskriti-
schen Gegenwartsstück „Die neuen Leiden des jungen W.“ für
Aufsehen. Das 1972 uraufgeführte Bühnenstück erzählt die Ge-
schichte eines siebzehnjährigen Lehrlings, der aus seiner klein-
bürgerlichen Umwelt ausbrechen will und beim Lesen von
Goethes Werk „Die Leiden des jungen Werthers“ immer wieder
Ähnlichkeiten mit seinem eigenen Leben entdeckt. Die har-

akg-images / Binder
sche Reaktion der Kulturpolitiker auf das Stück machte jedoch
schon deutlich, dass sich an den Mechanismen der politischen
Kontrolle über Kunst und Literatur nichts geändert hatte.
Darüber hinaus gab die politische Führung ihre bisherige
Konzentration auf die Kunst im engeren Sinne auf und lenk- Ulrich Plenzdorf sorgt 1972 mit seinem gesellschaftskritischen Theaterstück
te den Blick stärker auf Unterhaltung und Breitenkultur. Ein „Die neuen Leiden des jungen W.“ für Aufsehen. Die anschließende harsche Kri-
sichtbares Zeichen hierfür war die populäre Unterhaltungs- tik der Kulturpolitiker zeigt, dass sie ihre Kontrolle weiterhin aufrechterhalten.
sendung „Ein Kessel Buntes“, die am 29. Januar 1972 erstmals
im Ersten Programm des Fernsehens der DDR ausgestrahlt
wurde. Die Sendung galt als ein Aushängeschild der DDR-
Unterhaltung, weshalb keine Kosten gescheut wurden, auch
internationale Stars zu verpflichten. Zudem förderte der Staat
jetzt mehr als zuvor vielfältige Formen der Laienkunst sowie
folkloristische Zirkel, unterstützte Jugendclubs und Diskothe-
ken mit finanzieller Ausstattung und baute das Netz der Kul-
turhäuser aus. Die staatliche Förderung der Jugend- und Frei-
zeitkultur diente freilich auch dem Zweck, lokale Kunst- und
Kulturinitiativen politisch unter Kontrolle zu behalten.
Die Grenzen der zeitweiligen kulturpolitischen Öffnung

ullstein bild – Zeckai


wurden deutlich, als der Liedermacher Wolf Biermann 1976
ausgebürgert wurde. Biermann, seit 1965 in der DDR mit ei-
nem totalen Auftritts- und Publikationsverbot belegt, gab auf
Einladung der IG Metall am 13. November 1976 ein Konzert in
Köln, auf dem er sich zwar eindeutig zur DDR bekannte, je- Dies belegt auch der Fall des Ost-Berliner Liedermachers Wolf Biermann. Er
doch nicht an massiver Kritik an den Zuständen dort sparte. darf seit 1965 nicht mehr in der DDR auftreten und publizieren und wird nach
Im persönlichen Auftrag Honeckers wurde ihm daraufhin seinem Kölner Konzert für die IG-Metall am 13. November 1976 ausgebürgert.

… unsereiner kann es nicht Monika: Na, das ist jetzt schwer, es waren stimmten Weg. Er will eben nicht immer
so viele. Zum Beispiel, daß dieser Edgar alles nach Plan machen. [...]
Hans-Peter: [...] Ich bekam sofort Lust, Wibeau nicht so langweilig leben will, E.K.: Ihr billigt also den Ausbruch Edgars
mich mit dem Jugendlichen, der da daß ihm alles zu langweilig ist. Er hat den aus der Gesellschaft, und ihr billigt,
auf der Bühne stand, dem Edgar Wibeau, zu Drang nach was Besonderem, und daß er selbst diesen Ausbruch mißbilligt?
vergleichen, Parallelen zu ziehen zwischen das ist meiner Meinung nach eine ganz Monika: Genau. Wegen dieses Wider-
seinem und meinem eigenen Leben [...] allgemeine Eigenschaft von Jugend- spruchs habe ich es ja so bedauert,
Monika: Es war eine großartige Stim- lichen. [...] Und das kam in vielen Sachen daß ich nach dem Theater niemand hatte,
mung, alle klatschten wie verrückt, zum Ausdruck, auch daß er nicht ein- mit dem ich mich darüber unterhalten
es wurde auch mit den Füßen getrampelt verstanden ist mit dem ganzen Trott, mit konnte.
und gerufen, einfach aus Begeisterung. dem alltäglichen Trott. Da bricht er Gerhild: Ich meine, dadurch wird ein
[...] Ich fand es einfach schau (damalige eben aus [...]. Stück erst interessant, daß man veranlaßt
Jugendsprache, gleichbedeutend E.K.: Du hattest also ein bißchen das Ge- wird, in verschiedenen Richtungen zu
mit gut, außerordentlich, Anm. d. Red.), fühl, er hat es für dich mitgetan? denken.
man konnte sogar herzlich lachen Monika: Er hat es fertiggebracht, unser-
Gespräch der Redaktion mit vier Berliner Jugendlichen über
zwischendurch. Und dann noch so viele einer kann es nicht. Das muß eine ganz „Die neuen Leiden des jungen W.“, in: Neue Deutsche Literatur,
echte Probleme von Jugendlichen! große Rolle gespielt haben bei dem Edgar, Heft 3/1973.
E.K.: Zum Beispiel? daß er [...] rauswollte aus seinem vorbe- In: Manfred Jäger, Kultur und Politik in der DDR, Köln 1982, S. 149

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Der Schein der Normalität (1971 bis 1982) 57

die Wiedereinreise in die DDR verwehrt und die DDR-Staats- mit Kritik an der Kulturpolitik der SED an die Öffentlichkeit
bürgerschaft entzogen. Gegen die Ausbürgerung Biermanns zu gehen, zerbrachen im Kreislauf von Auftritts- und Publi-
protestierten am 17. November 1976 zwölf Schriftsteller – kationsverboten, Verhören und Bespitzelungen. Die Diffamie-
Stephan Hermlin, Stefan Heym, Christa und Gerhard Wolf, rung kritischer Autoren und die Abstrafung von Schriftstel-
Volker Braun, Heiner Müller, Erich Arendt, Sarah Kirsch, Rolf lern, die ihre Besorgnis über die repressive Kulturpolitik offen
Schneider, Franz Fühmann, Günter Kunert, Jurek Becker – und zum Ausdruck brachten, erreichte im Juni 1979 einen Höhe-
der Bildhauer Fritz Cremer mit einer öffentlichen Erklärung, punkt, als neun Schriftsteller, darunter Stefan Heym, aus dem
in der sie die Partei- und Staatsführung aufforderten, die be- Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen wurden. Ob-
schlossenen Maßnahmen zu überdenken. gleich formal das Präsidium des Schriftstellerverbandes mit
Nach der Biermann-Affäre setzte ein bis zum Ende der DDR Hermann Kant an der Spitze die Verantwortung für die Aus-
nicht abreißender Exodus von Schriftstellern und Künstlern schlüsse trug, konnte kein Zweifel darüber bestehen, dass das
ein, die vom „real existierenden Sozialismus“ in der DDR end- SED-Politbüro unter Führung Honeckers mit diesem rigiden
gültig genug hatten. Diejenigen, die es jetzt noch wagten, kulturpolitischen Akt deutliche Zeichen setzen wollte.

Herrschaft und Alltag in der Honecker-Ära

Nachdem Erich Honecker am 3. Mai 1971 das Amt des Partei- SED – Sozialistische Einheitspartei
chefs von Walter Ulbricht übernommen hatte, schaffte es der Deutschlands
neue Mann an der Spitze, sich sowohl bei der eigenen Bevöl-
kerung als auch bei den westlichen Beobachtern ein gewisses Organisationsaufbau
positives Ansehen zu verschaffen. Doch zog mit Honecker als
Erstem Sekretär kein neuer Politikstil in das Politbüro ein. Die Generalsekretär
systembedingten Herrschaftsmethoden blieben dieselben
und auch durch die Verfassungskorrektur von 1974 ergaben Politbüro des ZK
Zentralkomitee Wahl
Sekretariat des ZK
sich keine Veränderungen. Die politische Propaganda der
Staatspartei, für ein besseres Leben in Wohlstand und Frieden
zu sorgen, wirkte nicht mehr. Das Vertrauen der Bevölkerung Wahl
war endgültig aufgebraucht, als klar wurde, dass die SED ihr
Versprechen einer besseren Zukunft auch unter Honecker
Anleitung/
nicht einlösen konnte. Die zuletzt propagierte Losung vom Parteitag Kontrolle
Sozialismus in den Farben der DDR zeugte nur noch von der
völligen Hilflosigkeit gegenüber den in der Gesellschaft auf-
Wahl
gestauten Problemen.

Bezirksdelegierten-
konferenz
Wahl Bezirksleitung
SED

Die führende Rolle der SED blieb bis 1989 erster Verfassungs- Wahl
Anleitung/
Kontrolle
grundsatz. Eine kleine Minderheit von elitären Führungskräf-
ten, die politischen „Führungskader“, erhoben den Anspruch,
Kreisdelegierten-
alle Gesellschaftsbereiche steuern und kontrollieren zu wol- konferenz
Wahl Kreisleitung
len. Laut Statut der SED bildete zwar das vom Parteitag ge-
wählte Zentralkomitee der SED das höchste Organ der Partei. Anleitung/
Faktisch bestimmten jedoch das vom Zentralkomitee gewähl- Wahl
Kontrolle
te Politbüro – bestehend aus 16 Mitgliedern und sieben Kandi-
daten – sowie das Sekretariat des ZK die Richtung der Politik.
Die eigentliche Machtzentrale der SED bildeten die rund 1500
hauptamtlichen Mitarbeiter des Zentralkomitees. Sie residier- Mitgliederversammlung der Leitung der
ten in einem großen Gebäudekomplex im Zentrum Berlins. Grundorganisation Grundorganisation
Hier wurden alle politischen, wirtschaftlichen, sozial- und
kulturpolitischen Entscheidungen vorbereitet, die dann die Grundorganisationen
verschiedenen Ministerien umzusetzen hatten. In ähnlicher mit rund 2,3 Mio Mitgliedern und Kandidaten
Weise bestimmten die hauptamtlichen Apparate der SED in
den Bezirken und Kreisen die regionale Politik. Hier hatten die
Vorsitzenden des Rates der Bezirke und des Rates der Kreise
eine ebenso nachgeordnete Stellung. Parteigruppen
Der „demokratische Zentralismus“ war das Organisations-
prinzip der Partei. Danach erfolgte die politische Willensbil-
© Bergmoser + Höller Verlage AG, Zahlenbild 555 410
dung in der Partei in einem kleinen Führungszirkel an der

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


58 Geschichte der DDR

Parteispitze. Die Mitglieder hatten in den gewählten Gremi-


en das zu legitimieren und umzusetzen, was in der engeren
Führung beschlossen wurde. In diesem Sinne bestätigten Par-
teitage und selbst Tagungen des Zentralkomitees lediglich die
Führungsbeschlüsse. Sie waren nicht der Ort, wo programma-
tische oder tagespolitische Entscheidungen nach kontroverser
Debatte getroffen wurden. Die Einheit und Geschlossenheit
der Partei wurde zu einem gleichsam sakrosankten Prinzip
kultiviert, an dem das Handeln jedes Mitgliedes zu messen
war. Entsprechend diesem obersten Grundsatz wurde jegli-
cher Ansatz innerparteilicher Opposition bekämpft und aus-
geschaltet. Fraktionsbildung galt als schweres Vergehen ge-
gen die Parteidisziplin und wurde in der Regel mit Ausschluss
bestraft.
Der Marxismus-Leninismus als in sich geschlossenes Ge-
dankengebäude galt für alle Parteimitglieder als Richtschnur
ihres politischen Handelns. Für die Vermittlung dieser Ideolo-
gie wurde ein straff organisiertes Schulungssystem auf allen
Ebenen aufgebaut.
In der täglichen Praxis besaßen die Mitglieder der SED einen
verschwindend geringen Einfluss auf die politischen Entschei-
Staatsorgane der DDR dungen in Partei und Gesellschaft. Und dennoch: Die SED war
kein homogenes, sondern ein lebendiges und vielgestaltiges
Gefüge von Menschen, die in ihren Rollen als Parteimitglieder
Führungsanspruch der SED und zugleich als Individuen in verschiedenen gesellschaftli-
chen Bezügen handelten und beide Rollen selten deckungs-
gleich ausfüllten. Die SED stand seit ihrer Gründung vor ei-
Ministerrat Staatsrat nem Dilemma, das sie bis zu ihrem Ende im Jahre 1989 nicht
aufzulösen vermochte: Sie sollte nach den Vorstellungen ihrer
kommunistischen Gründer wie eine elitäre Kaderpartei agie-
Vorsitzender Vorsitzender ren und wurde dementsprechend geleitet. Jedoch besaß sie in
ihren über zwei Millionen Mitgliedern eine überaus heteroge-
2 Erste Stellvertr.
8 Stell- ne Basis, in der unterschiedliche Motivationen, Auffassungen
9 Stellvertreter
2 weitere Mitgl. vertreter Beru- Nationaler und Verhaltensweisen wirkten.
Präsidium 20 Mit- fung Verteidi- Im Jahre 1975 übersprang die SED erstmals die Zweimillio-
glieder gungsrat
nen-Grenze: Sie zählte zu diesem Zeitpunkt 2 014 893 Mitglie-
1 Sekretär
der und Kandidaten. So war die SED vom Charakter her so-
33 Mitglieder
wohl Massen- als auch Kaderpartei. Dass die SED eben nicht
ausschließlich ein Instrument ihrer Führung war, zeigte sich
besonders auffallend, als sie im November/Dezember 1989
Aufsicht Aufsicht zerfiel. Das geschah eben zu jenem Zeitpunkt, als die Führung
den Rückhalt nicht nur in der Gesellschaft endgültig und um-
Oberstes
General- fassend, sondern auch in der Parteibasis verloren hatte und
staats- diese Basis innerhalb weniger Monate wieder ganz in dieser
Gericht
anwalt
Gesellschaft aufging.
Wahl

Wahl

Wahl

Wahl

Blockparteien
Volkskammer
Die vier Blockparteien – Christlich-Demokratische Union (CDU),
500 Mitglieder Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD), National-
Demokratische Partei Deutschlands (NDPD), Demokratische
Bauernpartei Deutschlands (DBD) – agierten in der Honecker-
Ära als „Blockflöten“ der SED ohne eigenes politisches Profil.
Einheitsliste der
Wahl auf 5 Jahre
Innerhalb der Blockparteien gab es in manchen Fragen
Nationalen Front
aber durchaus Diskrepanzen zwischen Führung und Mit-
gliedern. Nicht selten wurde der Eintritt in eine Blockpartei
als Schritt verstanden, sich ausdrücklich gegen die SED-Mit-
Wahlberechtigte Bevölkerung gliedschaft zu entscheiden, um bescheidene Freiräume für
politische Arbeit zu nutzen. Nachdem die Zahl der Mitglieder
dieser Parteien seit den 1960er Jahren immer mehr abnahm,
© Bergmoser + Höller Verlage AG, Zahlenbild 555 125
verzeichneten sie in den 1970er Jahren einen leichten Zuge-
winn. 1975 sah der Mitgliederstand der Blockparteien wie

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


Der Schein der Normalität (1971 bis 1982) 59

picture-alliance / ZB / Ulrich Haessler

all-five.de
Die FDJ hat die Aufgabe, die Jugend in das politische System einzubinden. Ihr Auch die Freizeitbetreuung der Jugend ist FDJ-Sache. Im Juni 1979 gestaltet
unterstehen auch die Thälmann-Pioniere (Klasse 4 bis 7), die hier mit dem Gruß sie das „Nationale Jugendfestival“ in Ost-Berlin. Erfrischungspause am Nep-
„Seid bereit – immer bereit“ 1982 zum Fahnenappell in Bautzen antreten. tunbrunnen nahe dem Alexanderplatz

folgt aus: CDU 107 682 Mitglieder; DBD 90 000 Mitglieder; Gruß der FDJler hieß „Freundschaft“. Dem Zentralrat der FDJ
NDPD 85 961 Mitglieder sowie LDPD 71 688 Mitglieder. unterstanden die Kinderorganisation Junge Pioniere (Klasse 1
bis 3) und die Thälmann-Pioniere (Klasse 4 bis 7).
Neben der ideologischen Erziehung bestand eine wesent-
Massenorganisationen liche Aufgabe der FDJ darin, die Freizeitbetreuung ihrer Mit-
glieder zu organisieren. So war der Jugendverband sehr stark
Auch die großen Massenorganisationen – Freier Deutscher in die staatliche Jugendkultur eingebunden. Dazu gehörten
Gewerkschaftsbund (FDGB) und Freie Deutsche Jugend (FDJ) – Jugendklubs sowie Urlaubsreisen für junge Leute über die
blieben in der Ära Honecker weiterhin Herrschaftsinstrumen- Reiseagentur Jugendtourist und zahlreiche Jugendhotels. Da-
te der SED. Dem FDGB mit seinen fast zehn Millionen Mitglie- rüber hinaus organisierte die FDJ kulturelle Großveranstaltun-
dern kam die Aufgabe zu, für hohe Arbeitsleistungen und die gen wie das jährliche Festival des politischen Liedes in Berlin.
Erfüllung der Wirtschaftspläne im „sozialistischen Wettbe- Einen zentralen Höhepunkt des Organisationslebens in den
werb“ zu sorgen. Als schlagkräftiger Hebel zur Durchsetzung 1970er Jahren bildete das „Nationale Jugendfestival“, das die
der Interessen der Arbeiter konnte der FDGB nicht bezeichnet FDJ vom 1. bis 3. Juni 1979 in Berlin veranstaltete. Dort trafen
werden. Seine Arbeit beschränkte sich zunehmend darauf, den sich Hunderttausende von Jugendlichen zu politischen Kund-
gewerkschaftlichen Feriendienst mit seinem ausgedehnten gebungen und zahlreichen Kulturveranstaltungen. Das „Na-
Netz von Ferienheimen (zwischen 20 und 50 Prozent aller Ur- tionale Jugendfestival“ diente ebenso wie die traditionellen
laubsplätze wurden über den FDGB vergeben) sowie die kultu- Pfingsttreffen der FDJ der politischen Legitimation der DDR
relle Arbeit im Betrieb zu organisieren. Zentrale Leitungsgre- als eigenständiges Staatswesen. Der obligatorische Vorbei-
mien wie der Bundesvorstand waren mit Mitgliedern der SED marsch der teilnehmenden FDJ-Mitglieder an der Partei- und
besetzt, die oft auch eine Doppelfunktion in Staat und Partei Staatsführung sollte die vorbehaltlose Zustimmung der DDR-
ausübten. Der seit 1975 amtierende Vorsitzende, Harry Tisch, Jugend zum politischen Kurs der SED-Führung zum Ausdruck
gehörte dem Zentralkomitee sowie dem Politbüro der SED an. bringen.
Er war zudem Abgeordneter der Volkskammer und Mitglied Als weitere wichtige Massenorganisationen sind der Demo-
des DDR-Staatsrates. kratische Frauenbund Deutschlands (DFD) mit 1,4 Millionen
Der FDJ mit ihren circa 2,1 Millionen Mitgliedern wurde die Mitgliedern, der Deutsche Kulturbund der DDR (KB) mit über
Aufgabe zugewiesen, die heranwachsende Jugend in das poli- 250 000 Mitgliedern, die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische
tische System der DDR einzubinden und sie zu loyalen Staats- Freundschaft (DSF) mit sechs Millionen Mitgliedern sowie die
bürgern zu erziehen. Offiziell bezeichnete die SED-Propaganda Gesellschaft für Sport und Technik (GST) mit mehr als 500 000
die FDJ als „Kampfreserve der Partei“. Das Ziel, die Mitglieder Mitgliedern zu nennen. Mit diesen Mitte der 1980er Jahre ge-
im Sinne der Ideologie des Marxismus-Leninismus zu beein- zählten Mitgliedern dieser Verbände schuf sich die politische
flussen, konnte jedoch nie in dem gewünschten Maße um- Führung einen hohen Organisationsgrad in der Gesellschaft.
gesetzt werden. Soziale Aufstiegschancen waren ohne eine Sie alle sollten verschiedene Zielgruppen im Sinne der SED-
Mitgliedschaft in der FDJ von vornherein gering, sodass die Politik erreichen und einbinden. Politische Mobilisierung
Mehrheit der Mädchen und Jungen im Alter zwischen 14 und und Aktivierung in den politischen Organisationen boten
25 Jahren dieser Organisation angehörten. 1981 waren insge- aber auch die Chance, lokale Interessen in den Städten und
samt 69 Prozent der jugendlichen Bevölkerung in der FDJ orga- Gemeinden zu vertreten. Allerdings fiel es den „Bündnispart-
nisiert. Das höchste Organ war der Zentralrat der FDJ in Berlin. nern“ unter den gegebenen politischen Rahmenbedingungen
An dessen Spitze stand seit 1974 Egon Krenz, der zugleich dem sichtlich schwer, diese Interessen auch wirklich zu vertreten.
Zentralkomitee der SED angehörte. Die Mitglieder trugen eine SED, Blockparteien sowie die Massenorganisationen FDGB,
einheitliche Kleidung, eine blaue Bluse bzw. Hemd, das „Blau- FDJ, DFD, Kulturbund und die Vereinigung der gegenseitigen
hemd“, mit einem Sonnenemblem auf dem linken Ärmel. Der Bauernhilfe (VdgB) waren mit Abgeordneten in der Volkskam-

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


60 Geschichte der DDR

vertreten waren, bildeten den Dachverband „Nationale Front“,


der von einem Nationalrat und dessen Präsidium geleitet wur-
de. Das Präsidium hatte den Weisungen und Richtlinien der
SED-Führung zu folgen. Für die Wahlen zur Volkskammer, die
alle fünf Jahre stattfanden (1971, 1976, 1981, 1986), traten die
Parteien und Massenorganisationen mit einer gemeinsamen
und einzigen Liste der Nationalen Front an. Der Wahlsieg der
„Kandidaten der Nationalen Front“ suggerierte eine breite Le-
gitimation der Staatsmacht durch die Bevölkerung, verschlei-
erte jedoch das tatsächlich herrschende Machtmonopol der
SED. Wahlen in den Bezirken, Städten und Gemeinden zu den
picture-alliance / ZB / ddrbildarchiv.de

„örtlichen Volksvertretungen“ liefen nach demselben Muster


ab. Seit Anfang der 1980er Jahre gab es auf örtlicher Ebene zu-
mindest die Möglichkeit, zwischen einigen Kandidaten auf der
Einheitsliste auszuwählen.
Die Nationale Front bildete in den Bezirken, Kreisen, Städ-
ten, Gemeinden und Wohngebieten Ausschüsse, in denen sich
zahlreiche Menschen (1989: 405 000) für örtliche Belange en-
gagierten, beispielsweise bei der Erhaltung des Wohnraums
Die Volkskammer ist im 1976 eröffneten Palast der Republik untergebracht. und der Anlage von Grün- oder Spielflächen. Die SED-Führung
Laut Verfassung höchstes konstitutionelles Organ, spielt sie in der Verfas- stellte in ihrer Propaganda dieses Engagement als Muster „so-
sungspraxis keine entscheidende Rolle. zialistischer Demokratie“ heraus. Tatsächlich handelte es sich
aber nicht um eine Parteinahme für den Staat, vielmehr wur-
den die regionalen Ausschüsse als Foren der Selbsthilfe gegen-
über einer überforderten kommunalen Verwaltung genutzt.
In den vier Jahrzehnten ihrer Existenz verabschiedete die
Volkskammer alle Gesetze einstimmig mit einer Ausnahme:
Bei der Abstimmung über das „Gesetz über die Unterbrechung
der Schwangerschaft“ am 9. März 1972 votierten 14 Abgeord-
nete der Fraktion der CDU aus „Gründen christlicher Ethik“
mit Nein und acht enthielten sich, weil die CDU und mit ihr
die SED-Führung es sich nicht mit den heftig protestierenden
Bischöfen beider christlicher Konfessionen in der DDR verder-
ben wollten.

Staatsrat und Ministerrat

Der Staatsrat stellte formell das höchste staatliche Gremium


bpk / Gerhard Kiesling

der DDR dar. Sein Vorsitzender war zugleich Staatsoberhaupt


der DDR. Nach dem Tod Ulbrichts am 1. August 1973 übernahm
Willi Stoph im Oktober 1973 den Vorsitz im Staatsrat. Der
Staatsrat bestand aus dem Vorsitzenden, seinen fünf Stellver-
tretern und 16 weiteren Mitgliedern, die durch die Volkskam-
Die Abgeordneten der gemäß einer festen Sitzverteilung vertretenen Partei- mer bestätigt wurden. Bis zur Änderung der Verfassung 1974
en und Massenorganisationen verabschieden in vier Jahrzehnten mit einer konnte der Staatsrat Erlasse mit Gesetzeskraft beschließen und
Ausnahme alle in die Volkskammer eingebrachten Gesetze einstimmig. Vorlagen an die Volkskammer behandeln. Er legte die Verfas-
sung und Gesetze verbindlich aus und entschied über den Ab-
schluss von Staatsverträgen. Durch die Verfassungsänderung
mer vertreten, deren Verteilung in einem festen Schlüssel ge- trat er nur noch als ein Repräsentationsorgan in Erscheinung,
regelt wurde. So scheiterten insbesondere die Blockparteien und der Vorsitzende des Staatsrates verlor seine herausgeho-
aus strukturellen Gründen daran, Interessenvielfalt tatsäch- bene Stellung. Er verlieh Orden und Ehrenabzeichen, übte das
lich zu praktizieren. Amnestie- und Begnadigungsrecht aus und legte militärische
und diplomatische Ränge fest. Wichtige praktische Bedeutung
erlangte das Sekretariat des Staatsrates mit seinen circa 200
Volkskammer Mitarbeitern, indem es Eingaben aus der Bevölkerung (soge-
nannte Staatsratseingaben) bearbeitete, in denen zumeist un-
Die geänderte Verfassung von 1974 definierte wie auch schon zumutbare Wohnbedingungen im Vordergrund standen.
ihre Vorgänger 1949 und 1968 die Volkskammer als höchstes Der Ministerrat übte seit 1950 formal die Funktion der Re-
konstitutionelles Organ. In der Verfassungspraxis spielte sie gierung der DDR aus. Er wurde von der Volkskammer für fünf
praktisch keine Rolle, denn sämtliche zentralen gesellschafts- Jahre gewählt und von einem Vorsitzenden (Ministerpräsi-
politischen Entscheidungen traf das SED-Politbüro. Alle Par- dent) geleitet. Es gab zwei 1. Stellvertretende Vorsitzende und
teien und Massenorganisationen, die in der Volkskammer neun weitere Stellvertretende Vorsitzende. Zusammen mit

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


Der Schein der Normalität (1971 bis 1982) 61

Das Wahlsystem der DDR Der Ministerrat der DDR

Ministerrat
Wahlkommission
 leitet Vorbereitung und Durchführung der Wahl Präsidium Mitglieder
1 Vorsitzender, 2 Erste Stellver- 33 Mitglieder
Kandidatenaufstellung Wahl zur Volkskammer treter, 9 Stellvertreter, 2 Weitere
Präsidiumsmitglieder
Nationale Front der demo- Feststehende Sitzver-
kratischen Parteien teilung der Volkskammer
und Massenorganisationen: (500 Abgeordnete):
Ministerien
SED, DBD, CDU, LDPD, SED 127, DBD 52, CDU 52,
• Außenhandel • Handel und Versorgung • Post- und Fernmelde-
NDPD, FDGB, FDJ, DFD, KB, LDPD 52, NDPD 52, FDGB 61,
• Auswärtige • Hoch- und Fachschul- wesen
VdgB FDJ 37, DFD 32, KB 21, VdgB 14
Angelegenheiten wesen • Schwermaschinen- und
• Bauwesen • Inneres Anlagenbau

• Bezirksgeleitete • Justiz • Staatssicherheit


Aufstellung Wahl
Industrie und Lebens- • Kohle und Energie • Umweltschutz und
auf 5 Jahre
mittelindustrie Wasserwirtschaft
Vorschlag/Prüfung • Kultur
durch Kollektive der • Chemische Industrie • Verkehrswesen
• Land-, Forst- und
Werktätigen • Elektrotechnik und • Volksbildung
Nahrungsgüterwirt-
Elektronik schaft • Werkzeug- und Verar-
Öffentliche Tagungen • Erzbergbau, Metallurgie • Leichtindustrie beitungsmaschinenbau
der Nationalen Front und Kali • Wissenschaft und
• Allgemeiner
Vorstellung Beschluss • Finanzen Maschinen-, Landma- Technik
der über • Geologie schinen- und
Kandidaten Wahlvorschlag • Gesundheitswesen Fahrzeugbau
Kandidaten- Einheitsliste
liste der Natio- • Glas- und Keramik- • Materialwirtschaft
nalen Front industrie • Nationale Verteidigung

Staatliche Staats- Staatliche Sonstige


Wahlberechtigte Bevölkerung Plankommission sekretariate Ämter zentrale Organe

© Bergmoser + Höller Verlage AG, Zahlenbild 554 151 © Bergmoser + Höller Verlage AG, Zahlenbild 555 132

einigen Fachministern bildeten sie das Präsidium des Mi- der Parteiführung abhängig. Seine vornehmliche Aufgabe
nisterrates. Der Ministerrat verkörperte im Machtgefüge der war es seit seiner Gründung 1950, als politische Geheimpo-
DDR allerdings nur eine nachrangige Instanz zum Absegnen lizei mit nachrichtendienstlichen Methoden jegliche Form
von Beschlüssen und Gesetzentwürfen der SED-Führung. Das politischer Gegnerschaft aufzuspüren und zu unterdrücken.
Präsidium bereitete sämtliche Entscheidungen in Absprache Um ihm dabei größtmöglichen Spielraum zu geben, war eine
mit den zuständigen Abteilungen des Zentralkomitees (ZK) Kontrolle der Tätigkeit durch die Volkskammer oder den Mi-
der SED und dem SED-Politbüro vor. Die Sekretäre und Abtei- nisterrat nicht vorgesehen. Dies führte nicht zuletzt dazu,
lungsleiter im ZK der SED konnten den Ministern Anweisun- dass das MfS fernab jeglicher Rechtsstaatlichkeit agieren
gen erteilen. Von 1976 bis 1989 übte Willi Stoph die Funktion konnte.
des Vorsitzenden des Ministerrates aus. In der Ära Honecker wuchs das MfS in eine neue Form von
Staat und SED waren in der Honecker-Ära mehr als zuvor Herrschaftsausübung hinein. Neben den klassischen Unter-
auch personell eng miteinander verflochten. Erich Honecker drückungsmethoden als Geheimpolizei versuchte das MfS
war seit 1971 nicht nur Erster Sekretär (ab 1976 Generalsekretär) unter seinem Chef Erich Mielke, der das Amt seit 1957 innehat-
der SED und ab 1976 Vorsitzender des Staatsrates. 1971 wählte te, als Akteur in alle Bereiche der Gesellschaft kontrollierend
die Volkskammer ihn auch zum Vorsitzenden des Nationalen und steuernd einzugreifen. Hierfür war zunächst ein großer
Verteidigungsrates, des obersten militärischen Gremiums der hauptamtlicher Apparat nötig, der seit den 1970er Jahren
DDR. Er wäre für den Verteidigungsfall zum Oberbefehlshaber ständig wuchs. Waren im Jahre 1957 noch 17 000 Mitarbeiter
aller bewaffneten Kräfte der DDR geworden. hauptamtlich beschäftigt, so zählte die Personalabteilung des
MfS im Oktober 1989 genau 91 015 Mitarbeiter. Sie sollten die
politische Opposition überwachen und bekämpfen, zu der das
Der Ausbau des Ministeriums für Staatssicherheit MfS auch das gesamte Aktionsfeld der Kirchen rechnete sowie
als Machtapparat der SED die seit Anfang der 1980er Jahre aufkommenden Umwelt-,
Friedens- und Bürgerrechtsgruppen, die ebenfalls als Form der
Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) war kein autono- „politisch-ideologischen Diversion“ begriffen wurden. Auch
mes Schattenreich im politischen System der DDR, sondern Liedermacher, Schriftsteller, bildende Künstler, Maler und
als „Schild und Schwert der Partei“ ein wichtiges Herrschafts- Schauspieler wurden grundsätzlich und gleichermaßen ver-
instrument der SED und von den Weisungen und Befehlen dächtigt, sich an staatsfeindlichen Aktionen zu beteiligen. Sie

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


62 Geschichte der DDR

alle standen im Fokus von Bespitzelung, Überwachung und


Repression.
Hierfür kamen verschiedene Formen von Inoffiziellen Mitar-
beitern (IM) der Staatssicherheit zum Einsatz. Sie sollten nicht
nur Informationen aus ihrem beruflichen und familiären
Umfeld sammeln und weitergeben, sondern auch zur „Zerset-
zung“ – also zur Zerstörung – jeglichen oppositionellen Ansat-
zes beitragen. Einen Schwerpunkt der Bespitzelungen bildeten
u. a. Hochschulangehörige, Künstler und Ärzte, die das MfS
den Berufsgruppen mit starken Ausreiseabsichten zuordnete.
Dem Flucht- und Ausreisewillen sowie den bundesdeutschen
Abwerbungsaktivitäten versuchte das MfS durch eine in den
1970 Jahren anschwellende flächendeckende Überwachung

Eckel
der genannten Berufsgruppen zu begegnen. Der Anteil der IM
unter den Ärzten lag zwischen drei bis fünf Prozent und war Im Auftrag der SED unterdrückt das Ministerium für Staatssicherheit jeg-
damit etwas höher als der Prozentsatz von IM in der Bevölke- liche Opposition. Berüchtigt ist das zentrale Untersuchungsgefängnis in
rung insgesamt, der ungefähr im Durchschnitt bei zwei Pro- Berlin-Hohenschönhausen.
zent lag. Mitte der 1970er Jahre erreichte das IM-Netz mit über
200 000 Mitarbeitern seine größte Ausdehnung. Die Motive
für die heimlichen Bespitzelungen von Freunden, Kollegen, ja
sogar Ehepartnern konnten verschieden sein: Sie reichten von
politischen Überzeugungen, ganz persönlichen Interessen, be-
ruflichem Karrierestreben bis hin zur Angst vor Repressionen
der Staatsmacht. 1989 führte die Staatssicherheit 189 000 In-
offizielle Mitarbeiter, die zum überwiegenden Teil in der DDR
eingesetzt waren. In der Bundesrepublik waren höchstwahr-
scheinlich – „geführt“ von der Hauptverwaltung Aufklärung
(HVA) unter Markus Wolf – rund 3000 Inoffizielle Mitarbeiter
für das MfS tätig.

picture-alliance / ZB / Bernd Settnik
Auf der anderen Seite beschäftigte sich das MfS auch mit
wirtschaftlichen Problemen und Mängeln des planwirtschaft-
lichen Systems. Aufgrund von Berichten ihrer IM gelangte die
Staatssicherheit zu einer in der DDR nicht üblichen realitäts-
nahen Bestandsaufnahme. Da Mielke selbst dem Generalse-
kretär der SED Kenntnisse über die reale Wirtschaftslage nicht
zumuten wollte, beschränkte er sich auf Informationen über
Havarien in den volkseigenen Betrieben und darauf, einzelne
Betriebsdirektoren für bestimmte Missstände verantwortlich Diese Einmachgläser enthalten gelbe Staubtücher mit Körpergeruchsproben,
zu machen. die im Verlauf von Dissidenten-Verhören gewonnen wurden und nun in der
Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen zu besichtigen sind.

Militarisierung der Gesellschaft

In deutlichem Kontrast zur internationalen Entspannung


verstärkte die SED-Führung im Laufe der 1970er Jahre ihre
innenpolitischen Bemühungen zur Militarisierung der Ge-
sellschaft. Bereits seit 1971 war es für männliche Jugendliche
nach Beendigung der Klasse 11 in den Sommerferien Pflicht,
an einer zweiwöchigen vormilitärischen Ausbildung in ei-
nem Ausbildungslager der Gesellschaft für Sport und Technik
(GST) teilzunehmen. Im September 1978 führte das Volksbil-
dungsministerium den Wehrunterricht als ein obligatorisches
picture-alliance / ZB / Jürgen Saupe

Unterrichtsfach für alle Schüler der 9. und 10. Klassen der


Polytechnischen und Erweiterten Oberschulen ein. Auch an
den Universitäten sollte den Studierenden ein sozialistisches
Verständnis von „Wehrbereitschaft“ vermittelt werden. Nach
dem zweiten Semester mussten sich Studenten, die bereits
die 18-monatige Wehrpflicht absolviert hatten, in einem Aus-
bildungslager der Nationalen Volksarmee (NVA) während der
Semesterferien militärisch „ertüchtigen“ lassen. Die Studen-
tinnen wurden in diesen fünf Wochen in einem Lager für Zi- Die „Gesellschaft für Sport und Technik“, 1952 gegründet, soll die Verteidi-
vilverteidigung (ZV) auf den militärischen Ernstfall vorberei- gungsbereitschaft der DDR-Gesellschaft fördern und Nachwuchs für die
tet, indem sie u.a. eine Ausbildung in Erster Hilfe und beim NVA gewinnen. Übungsschießen in Eckartsberga, Bezirk Halle, 1974

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


Der Schein der Normalität (1971 bis 1982) 63

Wehrerziehung

Nur schwer kann man sich einen Staat bewaffneten Streitkräften werden ver- oft zu unverhüllten Drohungen durch
vorstellen, der im tiefsten Frieden tieft. Sie sammeln Bilder und unter- Schulleitung und FDJ, Jugendliche
stärker militarisiert war als die DDR. [...] halten sich mit den Erziehern darüber; vom Abitur auszuschließen oder mit
Wirtschaft, Familienpolitik, Volks- stellen nach Möglichkeit zu einem schlechten Beurteilungen den Weg
bildung, Sport und Gesundheitswesen Angehörigen der bewaffneten Organe zur Universität zu verbauen, wenn sie
orientierten sich an den militärischen freundschaftliche Beziehungen her.“ dem „Wunsch“ nicht nachkamen.
Erfordernissen. Ende der siebziger Der Plan für die Sechs- bis Siebenjähri- Nicht alle waren so „abgebrüht“, sich
Jahre verstärkte sich dieser Trend und gen baute diesen Programmpunkt aus: zunächst zu verpflichten und später
fand am 1. September 1978 seinen „Die Kenntnisse der Kinder über die zu widerrufen oder ein ärztliches Attest
sichtbarsten Ausdruck in der Einführung Soldaten unserer Nationalen Volksarmee einzureichen. [...]
der „Wehrerziehung“ als obligatori- werden erweitert. Die bestehenden
sches Unterrichtsfach in den neunten freundschaftlichen Beziehungen der Stefan Wolle, Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herr-
schaft in der DDR 1971-1989, 2., durchgesehene Aufl., Bonn
und zehnten Klassen der Polytechnischen Kinder zu diesen Menschen werden ge- 1999, S. 257 ff.
Oberschule. Die Grundsatzdirektive pflegt. Durch diese engen Beziehungen
des Ministeriums für Volksbildung legte der Kinder zu einzelnen Angehö-
im Einvernehmen mit dem Minister rigen der bewaffneten Organe werden
für Nationale Verteidigung den Unter- bei den Kindern die Gefühle der Wenn die Volksarmeesoldaten …
richt zu „Fragen der sozialistischen Liebe und Zuneigung zu ihnen entwi- Wenn die Volksarmeesoldaten
Landesverteidigung“ auf jeweils vier ckelt. Sie wissen, unsere Soldaten in der Stadt marschieren,
Doppelstunden fest. Hinzu kamen sind auch Arbeiter. Sie schützen die winken alle Kinder fröhlich,
zwölf Ausbildungstage in der Klasse 9 Menschen und deren Arbeit und wollen's auch probieren.
zu jeweils acht Stunden im Lager wachen darüber, daß wir fröhlich spielen Marschieren, marschieren,
für die Jungen beziehungsweise der Lehr- können [...].“ links und rechts im gleichen Tritt
gang „Zivilverteidigung“ für alle Zur Ehrenrettung vieler Kindergärt- Marschieren, marschieren,
Mädchen sowie für diejenigen Jungen, nerinnen sei gesagt, daß sie die links und rechts, wir halten Schritt.
die nicht an der Wehrausbildung im Anweisungen oft nicht ernst nahmen
Lager teilnehmen konnten, im Umfang oder sogar bewußt unterliefen. Wenn die Volksarmeesoldaten
von zwölf Lehrgangstagen zu jeweils Schwerwiegender als die oben ange- auf dem Sportplatz üben,
sechs Stunden. Außerdem wurden drei deutete Veränderung ihrer Orga- drücken sich die Kindernasen
Tage der „Wehrbereitschaft“ durch- nisationsstruktur war die Tatsache, daß an den Zäunen drüben.
geführt. Das Ziel des Maßnahmenkata- sich die Wehrerziehung nicht auf Marschieren, marschieren …
logs bestand darin, „die Mädchen das Unterrichtsfach „Wehrkunde“ be-
und Jungen mit ausgewählten Grund- schränken, sondern ein durchgängiges Wenn die Volksarmeesoldaten
kenntnissen der Landesverteidigung pädagogisches Prinzip der klassen- abends Wache stehen,
vertraut machen und ihre Wehrbereit- mäßigen sozialistischen Erziehung können das die Kinder leider
schaft fördern“. [...] Schon seit den bilden sollte. In den Lesebüchern standen nur im Traume sehen.
frühen fünfziger Jahren veranstalteten Geschichten über die tapferen Krieger Marschieren, marschieren …
die Schulen Schießübungen mit der NVA und der Sowjetarmee, in Musik
Luftdruck- oder Kleinkalibergewehren, sang man nicht nur die traditionellen Wenn die Volksarmeesoldaten
Geländespiele, Exerzierübungen Lieder der Arbeiterbewegung, sondern mal nach Hause fahren,
und Werbeveranstaltungen für die NVA. auch Soldatenmärsche, in Kunst sind schon neue angekommen,
Während aber bisher ihre Durch- enthielt der Lehrplan das Motiv der Frieden zu bewahren.
führung bei der Pionierorganisation, Verteidigungsbereitschaft, nach Marschieren, marschieren …
der FDJ oder der GST gelegen hatte dem die Kinder Panzer und Kanonen
und deshalb durchaus die Möglichkeit malen mußten. Sogar der Physik- In: Ilko-Sascha Kowalczuk (Hg.), Das bewegte Jahrzehnt,
bestand, sich der Teilnahme zu entzie- lehrer sollte das Prinzip der Federspan- bpb-Zeitbilder, Bonn 2003, S. 73

hen, demonstrierte der Staat nun seine nung anhand der „überlegenen
Macht und zwang auch noch die Waffentechnik der sozialistischen
letzten Außenseiter in die grauen Uni- Armeen“ erklären.
formen der Zivilverteidigung. Ob diese Übersättigung zu echter Be-
Selbst in den Kindergärten, die geisterung für den künftigen Waf-
einheitlichen Bildungs- und Erziehungs- fendienst oder eher zu Überdruß und
plänen folgten, stand die Wehr- Ablehnung führte, bleibe dahinge-
erziehung auf dem Programm. In der stellt. [...] Zumindest Abiturienten unter-
mittleren Gruppe, also bei den Vier- bis lagen massivem Druck, eine frei-
Fünfjährigen, sah sie unter der Rubrik willige Verpflichtungserklärung für den
„Bekanntmachen mit dem gesell- dreijährigen Dienst in der NVA zu
schaftlichen Leben“ auch das Thema unterschreiben oder sich für die Offiziers-
„Von den Menschen, die unsere laufbahn zu bewerben, denn die Schu-
Heimat schützen“ vor und führte aus: len mußten eine bestimmte Erfolgsquote
„Die Beziehungen der Kinder zu den vorweisen. Diese Zwangslage führte

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


64 Geschichte der DDR

Verhalten in Katastrophensituationen, zum Beispiel bei Brän-


den oder Evakuierungen, erhielten. Im März 1982 stimmte die
Volkskammer einem neuen Wehrdienstgesetz zu, das allen
staatlichen und gesellschaftlichen Organisationen die Ver-
pflichtung übertrug, die Bürger, Schüler und Studenten auf
den Wehrdienst vorzubereiten.

„Kirche im Sozialismus“

Nach dem Amtsantritt Honeckers als SED-Parteichef war der


Druck der Partei und des von ihr beherrschten Staates auf die
Christen und die Kirchen in der DDR keineswegs geringer ge-
worden. In der herrschenden Ideologie des Marxismus-Leninis-
mus galt Religion als Aberglaube und „Opium für das Volk“. 1969

ullstein bild – Schneider


hatten sich die acht evangelischen Landeskirchen in der DDR
auf Druck der SED-Führung von der gesamtdeutschen „Evange-
lischen Kirche in Deutschland (EKD)“ rechtlich und organisato-
risch getrennt und sich im „Bund der Evangelischen Kirchen in
der DDR“ zusammengeschlossen. Bereits 1971 prägte der evange-
lische Kirchenbund unter seinem Vorsitzenden Bischof Albrecht In Intershops können ab 1974 auch DDR-Bürger begehrte Importwaren
Schönherr die Formel „Kirche im Sozialismus“, nicht Kirche ne- mit Westgeld erwerben.
ben, nicht gegen, sondern im Sozialismus, womit eine Orts- und
Auftragsbestimmung gemeint sei. Die SED verstand darunter
jedoch eine Kirche, die die sozialistische Gesellschaft uneinge- lichen Bedarfs“ wie Fleisch, Wurst, Obst und Gemüse konnte
schränkt bejaht, auf Kritik verzichtet und den SED-Staat nach nicht durchgängig gesichert werden und schwankte regional
innen und außen unterstützt. Die Kirche hingegen verdeutlich- beträchtlich, wobei Ost-Berlin aufgrund seiner politischen Be-
te, dass sie den sozialistischen deutschen Staat, indem sie ihn deutung als „Schaufenster“ zum Westen noch immer bevorzugt
akzeptiere, verändern wolle. Sie machte ein Mitspracherecht in behandelt wurde. Abhilfe suchte die politische Führung durch
der Gesellschaft geltend und beharrte darauf, dass sich Kirche die Schaffung besonderer Verkaufseinrichtungen, in denen man
niemals auf den Kult beschränken lassen, andererseits aber auch die äußerst knappen Konsumgüter anbot, die mit kostbaren De-
niemals eine sozialistische Massenorganisation werden könne. visen aus dem westlichen Ausland importiert werden mussten.
Kirche im Sozialismus, das sollte heißen: weder Anpassung noch Ein Teil der importierten Waren stand der 1962 gegründeten
absolutes Nein zur sozialistischen Wirklichkeit, noch Rückzug in Einzelhandelskette „Intershop“ zur Verfügung, in der Waren
ein selbst geschaffenes Getto hinter Kirchenmauern. In Anbe- ausschließlich mit konvertierbaren Währungen bezahlt wer-
tracht der staatlichen Kirchenpolitik, die ständig zwischen Un- den mussten. 1974 gab es 271 Intershops; der Umsatz ging in die
terdrückung und Dialog pendelte, fiel es den Kirchen schwer, Milliarden. Allein 1979 erwirtschafteten sie Einnahmen in Höhe
sich als Anwälte der Glaubens- und Gewissensfreiheit tatsäch- von 450 Millionen Westmark (DM). Das Sortiment umfasste
lich behaupten zu können. Nahrungsmittel, Alkohol, Tabakwaren, Kleidung, Spielwaren,
Schmuck, Kosmetika, technische Geräte, Tonträger und vieles
mehr. Seit 1974 durften dort auch DDR-Bürger einkaufen. Da sie
Notlösungen in der Mangelwirtschaft Valuta jedoch nicht legal gegen Mark der DDR eintauschen konn-
ten, blühte der illegale Umtausch. Für eine West-Mark mussten
Am Ende der 1970er Jahre standen Partei und Regierung vor im Schnitt vier Ost-Mark gezahlt werden, Ende der 1980er Jahre
einem Widerspruch, der sich im Rahmen des bestehenden ge- sogar acht DDR-Mark.
sellschaftlichen Systems nicht auflösen ließ. Auf der einen Seite Die Ausweitung der Intershops verbesserte in den 1970er Jah-
hatten die hohen Investitionen der sozialpolitischen Program- ren zwar für einen Teil der Bevölkerung die Versorgungslage, be-
me zu messbaren Ergebnissen geführt. Das ehrgeizige Woh- wirkte aber vor allem, dass es praktisch zwei Währungen in der
nungsbauprogramm, subventionierte Mieten und Grundnah- DDR gab und sich eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft herausbil-
rungsmittel, der Ausbau des staatlichen Gesundheitswesens, dete. Das führte zu erheblicher Verstimmung aller derjenigen, die
hoher Bildungsstandard sowie staatliche und betriebliche Kin- keine Verwandten und Bekannten im Westen oder andere Gele-
derbetreuung erleichterten den Alltag. Auf der anderen Seite genheiten hatten, an Westgeld zu kommen, oder die aufgrund
wuchs der Unmut in der Bevölkerung, und zwar nicht nur we- ihrer beruflichen Stellung keinen Westkontakt pflegen durften.
gen der überall spürbaren staatlichen Gängelung und fehlender Auch in den Betrieben forderten Beschäftigte hier und da schon
Demokratie. Die vollmundigen Versprechen Honeckers auf den eine teilweise Entlohnung in Westmark. Daraufhin erklärte die
Parteitagen der SED hatten Erwartungen geweckt, denen die SED-Führung, diese Läden seien keine „ständigen Begleiter des
heimische Konsumgüterindustrie angesichts der angespannten Sozialismus“, sondern eine Übergangslösung. Bis zuletzt konnte
Wirtschaftslage nicht entsprechen konnte. sie die Existenz der Intershops nicht glaubhaft rechtfertigen.
Die Misere der Mangelwirtschaft war in den staatlichen Ver- Die Nachteile für diejenigen, die nicht über Westgeld verfüg-
kaufsläden allgegenwärtig. Es fehlte vor allem an hochwertigen ten, sollten durch die „Exquisit“- und „Delikat“-Läden ausge-
Textilien, zahlreichen technischen Konsumgütern, ästhetisch glichen werden. In den „Exquisit“-Läden wurden vornehmlich
ansprechenden Wohnungseinrichtungen, Bettwäsche und Qualitätswaren der Textil-, Leder- und Pelzindustrie zu stark
vielem mehr. Selbst die Versorgung mit den „Waren des täg- überhöhten Preisen verkauft, die jedoch in Mark der DDR be-

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


Der Schein der Normalität (1971 bis 1982) 65

Helga Lade Fotoagentur, Germany


Im Rahmen eines ehrgeizigen Wohnungsbauprogramms entstehen in den 1970er Jahren bevorzugt Plattenbausiedlungen. Die Wohnungen sind
jedoch klein und werden im Volksmund „Arbeiterschließfächer“ genannt. Wohnblöcke in Frankfurt (Oder)

zahlt werden konnten. 1976 wurden diese Verkaufseinrich- Lobeda, Rostock-Lütten-Klein oder „Am Stern“ in Potsdam kün-
tungen ergänzt, indem für den Nahrungs- und Genussmittel- deten davon, dass die Parteiführung damit beschäftigt war, die
bereich „Delikat“-Läden eingerichtet wurden. In den 1980er „Wohnungsfrage als soziales Problem“ zu lösen. 1979 lebten in
Jahren gab es etwa 300 „Exquisit“- und rund 550 „Delikat“- der am westlichen Stadtrand Leipzigs gelegenen Wohnsiedlung
Läden. Dort konnten Waren aus der „Gestattungsproduktion“ Grünau schon 16 500 Menschen. Ende der 1980er Jahre stieg die
(in der DDR in Lizenz hergestellte westliche Erzeugnisse) und Zahl der Bewohner auf mehr als 80 000, die in 36 000 Wohnun-
Importe für Mark der DDR gekauft werden. Die Folge war, dass gen lebten.
preiswerte Waren aus den normalen Läden verschwanden und Wohnraum blieb dennoch knapp. Die meistgebaute Wohnung
zu kräftig erhöhten Preisen unter anderem Namen in Exquisit- hatte drei Zimmer und maximal 66 Quadratmeter. Die engen
und Delikat-Läden wieder auftauchten. Dort waren dann auch Wohnungen und die monotone Architektur der Plattenbausied-
Waren aus den Intershops für DDR-Mark zu haben, allerdings lungen wurden als „Arbeiterschließfächer“ verspottet. Zudem
zu einem rund viermal höheren DDR-Mark-Preis. Dieser wider- sorgte das Wohnumfeld der neuen Siedlungen für Unzufrieden-
sinnige Mechanismus im sensiblen Sektor der Konsumgüter heit. Die noch immer unzureichenden Einkaufsmöglichkeiten
sorgte ständig für Unmut in der Bevölkerung und zwang die und Freizeiteinrichtungen, der Mangel an Dienstleistungen und
SED-Führung zum Lavieren. die oft schlechte Verkehrsanbindung ans Stadtzentrum riefen
Die Befürchtung, dass eine allgemeine oder auch nur spezielle Unzufriedenheit und Resignation hervor. Hinzu kam der rasan-
Preiserhöhung für bestimmte Waren des Grundbedarfs Unruhe te Verfall der Altbausubstanz in den historischen Innenstädten.
auslösen könnte, ließ Honecker Versuche, die Verbraucherprei- Da auch in den 1980er Jahren über die Hälfte des Wohnungsbe-
se für Nahrungsmittel und die stark subventionierten Mieten standes aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammte, hatte
spürbar anzuheben, hartnäckig ablehnen. Für stabile Verbrau- ein großer Teil der Bevölkerung eine zunehmende Verschlechte-
cherpreise und Tarife sowie niedrige Mietpreise wurden 1977 rung der Wohnqualität zu beklagen.
insgesamt 44,3 Milliarden Mark aufgewendet. Ökonomisch wa- Die staatlich subventionierten Mieten blieben unverändert.
ren die immensen Subventionen nicht zu vertreten. Sie mussten Je nach Ausstattung betrugen sie zwischen 0,80 und 1,25 Mark
mit einer wachsenden Staatsverschuldung finanziert werden, pro Quadratmeter. Fernwärme oder Zentralheizung erforderten
die volkswirtschaftlich nicht kompensiert werden konnte. einen Aufpreis von 0,40 Mark. Kleine Altbauwohnungen koste-
ten deshalb nur selten mehr als 40 Mark Miete, das Entgelt für
eine neue Drei-Raum-Wohnung lag bei 100 Mark. Die niedrigen
Lebensstandard im Konsumsozialismus Mieten galten für die SED-Führung als eine ihrer großen sozial-
politischen Errungenschaften. Doch kostendeckend waren diese
Im Vergleich zu anderen Ländern des Ostblocks herrschte in der politischen Preise natürlich nicht, der Verlust wurde einfach im
DDR am Anfang der 1980er Jahre ein hoher Lebensstandard. Staatshaushalt verbucht. Die staatlichen Subventionen für das
Verfügte Mitte der 1970er Jahre erst jeder vierte Haushalt über Wohnungswesen stiegen von 2,1 Milliarden Mark im Jahr 1971
einen PKW, war es 1979 bereits jeder dritte. Auch der Ausstat- auf 16 Milliarden Mark 1988.
tungsgrad mit hochwertigen Konsumgütern wie Fernsehap- Auch die Einkommen stiegen und sorgten für zusätzliche
paraten (90 Prozent), Kühlschränken (fast 100 Prozent) oder Kaufkraft. Doch allen Abgrenzungsbemühungen der politischen
Waschmaschinen (80 Prozent) lag deutlich höher als in den Führung zum Trotz blieb die Bundesrepublik mit ihren wesent-
meisten osteuropäischen Ländern. Das ehrgeizige Wohnungs- lich besseren Lebensverhältnissen und ihrer im Westfernsehen
bauprogramm zeitigte erste Resultate. Großwohnsiedlungen präsentierten Konsumwelt für die Mehrheit der Ostdeutschen
wie Leipzig-Grünau, Berlin-Marzahn, Halle-Neustadt, Jena- der Bezugspunkt für Vergleiche.

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66 Geschichte der DDR

Andreas Malycha

Auf dem Weg in


den Zusammenbruch
(1982 bis 1990)

Anfang der 1980er Jahre ist Honeckers Strategie, über

Harald Hauswald / Ostkreuz
Sozialleistungen die SED-Herrschaft zu stabilisieren,
praktisch gescheitert. Die Menschen gehen zu Hundert-
tausenden auf die Straße. Am 3. Oktober 1990 ist die
DDR Geschichte.

Schlechte Arbeitsbedingungen schlagen sich auf die Arbeitsmoral nieder.


Man steht auch schon einmal während der Arbeitszeit für knappe Konsum-
güter an: Schlange vor einer privaten Fleischerei in Berlin-Mitte 1985.

Der Beginn des Niedergangs

Wachsende Unzufriedenheit

Vor allem in den staatlichen Betrieben wuchs die Unzufrie- Berlin beantragt; waren es 1984 schon 36 699. Daran konnten
denheit. Es fehlte an technischen Ausrüstungen, Ersatzteilen auch die Schikanen staatlicher Instanzen sowie örtlicher SED-
und Rohstoffen, sodass sich die Stillstandszeiten der Maschi- Leitungen nichts ändern, die den Alltag vieler Ausreiseantrag-
nen häuften. Arbeitsorganisation und Arbeitsdisziplin waren steller erschwerten.
miserabel und die Motivation der Beschäftigten näherte sich Darüber hinaus ließ ein Generationenkonflikt, der sich seit
dem Nullpunkt. Es kam nun häufiger vor, dass Einkäufe von den 1970er Jahren in der DDR herausgebildet hatte, die Loya-
knappen Konsumgütern während der Arbeitszeit erledigt lität gegenüber dem SED-Staat und damit die innere Stabili-
wurden. Immer öfter musste sich der Parteisekretär im Werk tät der Gesellschaft schwinden. Hatte die „Aufbaugeneration“
die Frage gefallen lassen, ob die Parteiführung überhaupt die noch fabelhafte soziale Aufstiegschancen erhalten, blieb der
reale Lage der Arbeiter kenne. Da sich viele Werke, wie zum in der DDR aufgewachsenen Generation der Karriereweg oft-
Beispiel in der Chemieindustrie, in einem beklagenswerten mals versperrt. Die soziale Mobilität nahm rapide ab, die freie
Zustand befanden, häuften sich die Betriebsunfälle und Hava- Berufswahl wurde insbesondere im akademischen Bereich zu-
rien. Im Chemiekombinat Bitterfeld herrschten Bedingungen, nehmend eingeschränkt. So wuchs unter den „in die DDR Hi-
die die Gesundheit der Belegschaft akut gefährdeten. Die un- neingeborenen“ die Unzufriedenheit darüber, dass die „Alten“
kontrollierte Freisetzung von Schadstoffen und das Ignorieren ihren Lebensentwürfen im Weg standen. Auch aus beruflicher
von Grenzwerten belasteten die Umwelt. Dies führte zur Bil- Perspektivlosigkeit entwickelten sich gesellschaftliche Kon-
dung von unabhängigen Natur- und Umweltschutzgruppen, flikte, die dann im Herbst 1989 offen aufbrachen.
insbesondere in den südlichen industriellen Ballungsgebieten Im letzten Jahrzehnt der DDR waren jedoch nicht Verweige-
der DDR. rung, Ausreise oder gar Widerstand die typischen Verhaltens-
Hinzu kam der Missmut über das nicht eingelöste Verspre- muster der großen Mehrheit. Insgesamt herrschte eher eine
chen, im Gleichklang mit der internationalen Anerkennung Mischung aus Mitwirkung und Distanz, aus symbolischer Teil-
der DDR die Reisefreiheit auszuweiten. In immer stärkerem nahme und Rückzug in private Nischen, die kleine Freiheiten
Maße forderten DDR-Bürger ihr Recht auf Freizügigkeit, das oder Freiräume erlaubten. Unter den echten und vermeint-
die DDR-Führung mit der Unterzeichnung der KSZE-Schlussak- lichen Zwängen zur Anpassung als Überlebensstrategie äu-
te von Helsinki 1975 offiziell anerkannt hatte. Es stieg die Zahl ßerte man sich privat anders als öffentlich – in den Parteien,
derjenigen, die einen „Antrag auf ständige Ausreise“ beim Organisationen, im Kreis der Kollegen im Betrieb. Auf diese
DDR-Innenministerium stellten. Hatten 1978 offiziell 11 287 Weise entstand ein von Konformität geprägtes, fast kleinbür-
Bürger eine Übersiedlung nach Westdeutschland bzw. West- gerliches Milieu, in dem viele mit einem gewissen Stolz auf das

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Auf dem Weg in den Zusammenbruch (1982 bis 1990) 67

materiell-sozial Erreichte blickten. Zugleich wuchs der Ärger vernachlässigt wurde. Die steigenden Rohstoffkosten auf dem
darüber, dass die politische Führung der Bevölkerung noch im- Weltmarkt mussten mit zusätzlichen Exporten vor allem von
mer elementare demokratische Grundrechte verweigerte. Wie Konsumgütern, Maschinen und Ausrüstungen bezahlt wer-
viele Menschen sich letztlich aus Opportunismus oder Angst den. Diese wurden unter anderen Markennamen in den Ver-
vor Repressionen mit den politischen Verhältnissen arrangier- sandhauskatalogen und Kaufhäusern Westdeutschlands zu
ten, vermag niemand zu sagen. Man darf allerdings nicht das Billigpreisen angeboten, während die eigene Bevölkerung auf
bis zuletzt aufrecht erhaltene Ausmaß an Repression überse- sie verzichten musste.
hen, das Partei und Staat zur Verfolgung vermeintlicher oder Weiter verschärft wurde die Wirtschaftskrise durch den
tatsächlicher Gegner aufbrachten. Daneben gab es aber auch Umstand, dass sich die Erdöllieferungen aus der UdSSR, für die
noch immer junge Menschen, die sich durch ihr Elternhaus, Preise unter Weltmarktniveau gezahlt wurden, von 1982 bis
die Schule und Jugendorganisationen für die Idee des Sozia- 1987 um insgesamt rund 13 Millionen Tonnen verringerten.
lismus begeistern ließen. Doch auch ihnen fiel es zunehmend Dies wirkte sich besonders auf den Export von Erdölprodukten
schwerer, ihre ganz persönlichen Erfahrungen im „realen Sozi- aus, der noch bis Mitte der 1980er Jahre hohe Devisengewinne
alismus“ mit den Idealen einer sozial gerechten Gesellschaft in eingebracht hatte.
Übereinstimmung zu bringen.

Drohende Zahlungsunfähigkeit
Wirtschaftlicher Verfall
Allein innerbetriebliche Improvisationskunst und der west-
Die Wirtschaft der DDR stand Anfang der 1980er Jahre vor dem liche Devisentropf vermochten den wirtschaftlichen Verfall
Zusammenbruch. Die Ziele des Fünfjahrplans 1981 bis 1985 halbwegs aufzuhalten. Doch die ständig steigenden Kredit-
konnten die Kombinate und volkseigenen Betriebe nicht erfül- zinsen und Tilgungsraten ließen die Schuldenlast der DDR ge-
len, sodass sie stillschweigend korrigiert werden mussten. Im genüber dem Westen bis 1981 auf 23 Milliarden DM der Deut-
Interesse des kurzfristigen Erfolges kürzte die Regierung den schen Bundesbank anwachsen. 1982 stand die DDR kurz davor,
materiellen Aufwand und die Investitionen für die Forschung, die Zahlungsunfähigkeit zu erklären und damit das Vertrauen
wodurch die technologische Basis der Industrie immer mehr des internationalen Geldmarktes zu verlieren. Rettung in der
Not brachte 1983 ein Milliardenkredit bundesdeutscher Ban-
ken, den der staatliche Devisenbeschaffer und MfS-Offizier
Alexander Schalck-Golodkowski mit dem bayerischen Minis-
terpräsidenten Franz Josef Strauß eingefädelt hatte.
Die Finanzspritze in Milliardenhöhe rettete zwar die Zah-
lungsfähigkeit der DDR und sorgte für wirtschaftliche Ent-
spannung. Sie hatte aber auch einen von Strauß geforderten
politischen Preis: Im Spätsommer 1983 begann für die Öffent-
lichkeit überraschend der Abbau der 1972 auf Weisung Hone-
ckers installierten Selbstschussanlagen („Tötungsautomaten“)
und der einst auf sowjetische Weisung verlegten Minen an
ullstein bild – Lehnartz

der innerdeutschen Grenze. Ende 1984 waren die Selbstschuss-


anlagen demontiert, Ende 1985 die Minen geräumt. Zugleich
versprach die DDR Erleichterungen bei deutsch-deutschen Fa-
milienzusammenführungen.

Der öffentliche Anpassungsdruck fördert den Rückzug in private Nischen.


Ferienhäuser, Datschen, werden mit großem Einsatz ausgestattet und liebe- Ost-West-Konfrontation
voll gepflegt. Rasenmähen am Müggelsee in Ost-Berlin 1983
Im Verhältnis zwischen Washington und Moskau kam es in
den 1980er Jahren zu einer drastischen Verschlechterung.
Dazu trug der Einmarsch sowjetischer Truppen in Afgha-
nistan im Dezember 1979 maßgeblich bei. Immer mehr trat
politische und militärische Konfrontation an die Stelle der
Entspannungspolitik. Mit der Stationierung sowjetischer ato-
marer Raketen mittlerer Reichweite (SS 20) in der DDR und der
Tschechoslowakei erreichte der Warschauer Pakt eine mili-
tärtechnische Überlegenheit in Europa. Die NATO antwortete
mit dem Brüsseler „Nachrüstungsbeschluss“ vom Dezember
ullstein bild – Mehner

1979, der 1983 zur Stationierung moderner amerikanischer


nuklearer Mittelstreckenraketen (Pershing-II, Cruise Missiles)
in Westdeutschland führte. Begleitet wurde die weltpolitische
Entwicklung durch krisenhafte wirtschaftliche Erscheinungen
auf den Weltmärkten, innerhalb des Rates für Gegenseitige
Da die Regierung vornehmlich in den Wohnungsneubau investiert, sind städ- Wirtschaftshilfe (RGW) und nicht zuletzt in der Sowjetunion.
tische Altbauten über einen langen Zeitraum dem Verfall preisgegeben. Haus Dort litten die Menschen in den 1980er Jahren unter Miss-
in Berlin-Marzahn 1987 ernten und großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, nicht

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


68 Geschichte der DDR

zuletzt infolge des Rüstungswettlaufs mit den Vereinigten


Staaten, und es war – nicht nur wirtschaftlich-technologische –
Stagnation eingetreten, die auch Auswirkungen auf die an-
deren RGW-Länder hatte. Die Verhältnisse änderten sich auch
nicht nach dem Tod des seit 1964 amtierenden Generalsekre-
tärs der KPdSU, Leonid Breschnew, und in den kurzen Amtszei-
ten seiner Nachfolger Juri Andropow und Konstantin Tscher-
nenko. Erst Michail Gorbatschow, der ab 11. März 1985 als
Generalsekretär der KPdSU folgte, leitete angesichts der tief
greifenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krise der
Sowjetunion mit Glasnost und Perestroika („Offenheit“ und
„Umgestaltung“) Reformen ein.

Deutsch-deutsche Beziehungen

Im Schatten der deutlichen Verschlechterung der Ost-West-


Beziehungen stand zu Beginn der 1980er Jahre auch das Ver-
hältnis zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Ungeach-

ullstein bild – Nowosti


tet ihrer Loyalitätspflichten im jeweiligen Bündnis bemühten
sich beide Seiten jedoch, die wechselseitigen Beziehungen
nicht zu gefährden, die sie als „Sicherheitspartnerschaft“ und
„Verantwortungsgemeinschaft“ begriffen. Für Honecker wa-
ren nicht zuletzt die wirtschaftlichen Verbindungen zur Bun-
Unerwarteter Hoffnungsträger: Nach seinem Amtsantritt 1985 kündigt
desrepublik wichtig. KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow in der Sowjetunion Reformen
Im Dezember 1981 kam es zum mehrfach verschobenen an und weckt damit auch in der DDR neue Hoffnungen.
Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt in der DDR. Am
Werbellinsee bei Berlin konnten allerdings nur einige kleine-
re Verbesserungen im deutsch-deutschen Verhältnis erzielt
werden. Bereits 1979 war ein Energieabkommen zwischen
der Bundesrepublik und der DDR unterzeichnet worden; wie einen von den evangelischen Kirchen in der DDR offiziell
in den 1980er Jahren wurde der Kreditrahmen („Swing“) herausgegebenen Aufnäher, der die von der Sowjetunion den
im deutsch-deutschen Handel erweitert. Beim Besuch Ho- Vereinten Nationen geschenkte Plastik „Schwerter zu Pflug-
neckers im September 1987 in Bonn wurden drei weitere scharen“ zeigte und auf die entsprechende Bibelstelle verwies.
Abkommen geschlossen. Im Ausland wurde der Empfang Die Staatsmacht reagierte in der gewohnten Weise: In Schu-
Honeckers, den man in Bonn protokollarisch mit anderen len, öffentlichen Einrichtungen und auf Straßen und Plätzen
ausländischen Gästen gleichen Ranges gleichstellte, als wurden Jugendliche zum Teil gewaltsam zum Entfernen die-
ein Sich-Abfinden mit der staatlichen Teilung verstanden. ses Symbols von ihrer Kleidung veranlasst. Im Februar 1982
Staatsrechtlich machte die Bundesrepublik der DDR jedoch wurde Eppelmann vorläufig festgenommen.
keine Zugeständnisse, eine völkerrechtliche Anerkennung Am 20. September 1982 veranstaltete der evangelische Pfar-
der DDR kam nicht in Frage. rer Christian Führer in der Nikolaikirche in Leipzig das erste
montägliche Friedensgebet, „offen für alle“. Die Montagsgebe-
te wurden eine der Keimzellen der friedlichen Revolution von
1989. Allerdings konnten oder wollten sich nicht alle Kirchen-
leitungen im Interesse ihrer traditionellen Gemeindeglieder
Die Opposition formiert sich und ihrer Beziehungen zum SED-Staat mit den Aktionen der
Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen identifizieren.
Das führte in den folgenden Jahren zu einer gewissen Emanzi-
Frieden schaffen ohne Waffen pation der aktivsten jungen Regimekritiker von der Kirche. So
kam es im März 1986 zur Gründung der „Initiative Frieden und
In den 1980er Jahren führte die zunehmende Militarisierung Menschenrechte“ durch Bürgerrechtler wie Wolfgang Temp-
des gesellschaftlichen Lebens, vor allem der Jugendlichen lin, Bärbel Bohley, Gerd und Ulrike Poppe sowie den Schrift-
und Heranwachsenden, in der DDR zu immer stärkeren Pro- steller Lutz Rathenow.
testen, die hauptsächlich unter dem Dach der evangelischen Inhaltlich konzentrierten sich die meisten informellen
Kirche organisiert wurden. Angeregt durch die westdeutsche Gruppen der 1980er Jahre auf Themen wie Menschenrech-
Protestbewegung gegen die Stationierung nuklearer Mittel- te und Pluralismus oder ließen sich von pazifistischen und
streckenraketen in der Bundesrepublik bildeten sich, ange- ökologischen Ideen leiten. Es waren zunehmend nicht mehr
lehnt an Kirchengemeinden, örtliche Friedens-, Umwelt- und nur kirchliche Kreise, die über Wehrdienstverweigerung
Menschenrechtsgruppen. Der Ost-Berliner Pfarrer Rainer Ep- und zivilen Friedensdienst, Ächtung von Kriegsspielzeug
pelmann initiierte zusammen mit dem Regimekritiker Robert und die verheerenden Folgen der Umweltverschmutzung
Havemann den Aufruf „Berliner Appell – Frieden schaffen laut nachdachten. Die SED-Führung reagierte im Vergleich
ohne Waffen“. Den Slogan „Frieden schaffen ohne Waffen“ zu den 1950er Jahren mit subtilen Methoden: Kurzzeitige
trugen Jugendliche als Plakette auf ihrer Kleidung genauso Verhaftungen, geheimdienstliche Observierungen, langjäh-

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Auf dem Weg in den Zusammenbruch (1982 bis 1990) 69

rige Haftstrafen und der Zwang zur Ausreise in den Westen


sollten einschüchtern und psychisch zermürben. Inoffizielle
Mitarbeiter (IM) des MfS wurden benutzt, um die Gruppen-
zusammenhänge zu schwächen und deren Aktionsfeld ein-
zuschränken. Der geballten Staatsmacht gelang es jedoch
nicht, die Formierung der DDR-Opposition zu verhindern.

Reformverweigerung

Als die Pläne des sowjetischen Partei- und Staatschefs Gor-


batschow für die Umgestaltung und Demokratisierung von
Wirtschaft und Gesellschaft, für Perestroika und Glasnost, in
der UdSSR im Januar 1987 in der DDR bekannt wurden, avan-
cierte zum ersten Mal in der Geschichte der DDR ein Gene-
ralsekretär der KPdSU zum Hoffnungsträger breiter Kreise
der DDR-Bevölkerung und auch vieler SED-Mitglieder. Sie
erwarteten, dass die SED-Führung den Reformkurs Gorbat-
schows unterstützen und mitvollziehen würde. Doch das
ullstein bild – Jansson

Politbüro blockte jeglichen Reformansatz vehement ab. In


einem Interview mit dem DDR-Korrespondenten des Ham-
burger Magazins „stern“ im April 1987, das vom SED-Zentral-
organ nachgedruckt wurde, sagte das Politbüromitglied Kurt
Hager: „Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu
In den 1980er Jahren bilden sich – bevorzugt in Kirchengemeinden – Frie-
dens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen. Wolfgang Rüddenklau, 1986 tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls
Mitbegründer der Umwelt-Bibliothek, einem wichtigen Zentrum der Oppo- neu zu tapezieren?“ Diese Äußerung verursachte in breiten
sitionsbewegung Kreisen Enttäuschung und Wut.

Oppositionelle im Schutzraum der Kirche

[…] [I]n den Kirchen waren weder polizei- rigen langen Kleidern in Schwarz – und der Bevölkerung beachtete ihre Aktivitä-
liche Voranmeldungen nötig noch pflegten sich zur Begrüßung zu um- ten kaum und erfuhr von ihnen nur
staatliche Einflußnahmen auf die Inhalte armen und flüchtige Küßchen auszutau- über die sehr zurückhaltende, distanzier-
der angebotenen Themen möglich. Wenn schen. Die Stasi fasste sie als Jugend- te Berichterstattung der westlichen
Gemeindekirchenrat und Pfarrer ihr liche mit „feindlich-dekadentem Äuße- Medien. […] Selbst bei großzügigster Rech-
Einverständnis erklärten, konnte man ren“ zusammen. […] nung handelte es sich dabei statistisch
kurzfristig Informations-Andachten, Trotz ihres bewusst zur Schau getrage- gesehen um einen zu vernachlässigen-
Fürbitten oder Mahnwachen ansetzen, nen „Andersseins“ konnten die Kirchen- den Anteil von weniger als einem halben
denen regelmäßig Zeichen vorausgingen, besucher eine gewisse Bravheit kaum Promille der hauptstädtischen Ge-
die Kundige wohl zu deuten wußten. verleugnen. […] Auf den alten Fotos fallen samtbevölkerung. Zwei oder drei Dutzend
Zuerst traten paarweise sportliche und der heilige Ernst und die sanfte Ent- Aktivisten trugen die Opposition
ordentlich frisierte junge Männer in der schlossenheit der Kirchenbesucher auf. Es über Jahre hinweg. Prominente Künstler,
Umgebung der betroffenen Gebäude fehlte das Grell-Provozierende der west- Schriftsteller oder Wissenschaftler fehl-
auf. Sie […] standen betont unauffällig in lichen Demo-Kultur. Niemand randalierte, ten […] gänzlich […].
Hausfluren und musterten aufmerk- niemand war „vermummt“, kaum jemand […] Das individuelle Aufbegehren ist
sam die Vorübergehenden oder saßen in trug Schilder, Fahnen oder Symbole vor inmitten einer Umwelt des alltäglichen
Personenkraftwagen […] und beobachte- sich her. […] Die Veranstaltungsbesucher Opportunismus der biographische
ten das Leben und Treiben auf der Straße. begegneten den aggressiven Kontrol- Ausnahmezustand, für den die wenigen
Gelegentlich tauchten Mannschafts- leuren nach Möglichkeit betont friedlich, Oppositionellen einen ausgesprochen
wagen mit grün uniformierten Bereit- ging es ihnen doch um den Abbau von hohen Preis zahlten. Er bestand – jeden-
schaftspolizisten und Hunden auf. […] Feindbildern und die Überwindung von falls für alle außerhalb des kirchlichen
Dann näherten sich grüppchenweise Haß […]. Dienstes Beschäftigten – im Verzicht
oder einzeln die erwarteten „feind- […] [Das] politische Gewicht, das die auf bürgerliche Normalität, berufliches
lich-negativen Kräfte“ und strebten der Oppositionsgruppen für einen kurzen Fortkommen, familiäre Unbeschwert-
einladend geöffneten Kirchentür zu. historischen Moment erlangten, [darf] heit. Nach der Wende wurden die Folgen
Sie bevorzugten das Sechziger-Jahre- nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie dieses Verzichts schmerzhaft deutlich.
Outfit – lange Haare, Bärte, Nickelbrille, bis in den Spätsommer 1989 hinein über
Stirnband, verwaschene Jeans, grüne keinen nennenswerten Anhang ver-
Stefan Wolle, Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herr-
Kutten, malerische Tücher und Umhän- fügten. Sie bewegten sich am Rande des schaft in der DDR 1971-1989, 2, durchgesehene Auflage, Berlin
getaschen aus Jute, die Damen in flatte- normalen Alltags. Die große Mehrheit 1999, S. 262 f.

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70 Geschichte der DDR

Ausreisewelle

Während die regimekritischen Friedens-, Umwelt- und Men-


schenrechtsgruppen innerhalb der DDR die Gesellschaft refor-
mieren wollten, sahen nun immer mehr Menschen nur in der
Flucht und Übersiedlung in den Westen eine Möglichkeit, ihr

picture-alliance / dpa / epa apa Robert Jaeger


Leben frei zu gestalten. Als im Mai 1989 Ungarn überraschend
mit dem Abbau der Grenzbefestigungen zu Österreich begann
und dies auch über die westlichen Fernsehsender in der DDR
bekannt wurde, schwoll der Strom von Fluchtwilligen aus der
DDR nach Ungarn an. In der Nacht zum 11. September 1989 öff-
nete Ungarn die Grenze für DDR-Bürger, und in wenigen Tagen
waren bereits 15 000 in Österreich angekommen, die in die Bun-
desrepublik weiterreisten.
Während die Grenzen Ungarns geöffnet blieben, besetzten
Bürger der DDR auch die Botschaft der Bundesrepublik in Prag,
um ihre Ausreise zu erzwingen. Bis Ende September stieg die Am 27. Juni 1989 öffnen die Außenminister Alois Mock (Österreich. l.) und
Zahl der Flüchtlinge auf dem Botschaftsgelände auf etwa 6000 Gyula Horn (Ungarn) den Grenzzaum zwischen ihren beiden Ländern. Viele
Personen. Um Entlastung zu schaffen, ließ Honecker sie am 30. DDR-Bürger nutzen die Chance zur Flucht nach Westdeutschland.
September mit Sonderzügen über das Territorium der DDR in
die Bundesrepublik bringen. In der DDR versuchten Verzweifelte
auf die Flüchtlingszüge aufzuspringen, während in Prag Massen
neuer DDR-Flüchtlinge in die geräumte Bonner Botschaft ström-
ten. Daraufhin wurde der pass- und visafreie Verkehr zwischen
der DDR und der ČSSR auf Honeckers Anordnung am 3. Oktober
„zeitweilig“ ausgesetzt, um die Ausreisewelle zu stoppen. Bei ei-
ner von Honecker angewiesenen zweiten Ausreiseaktion kam
es am 4. Oktober in Dresden, als Flüchtlingszüge mit rund 10 000
Menschen aus Prag den von Sicherheitskräften hermetisch ab-
geriegelten Hauptbahnhof passierten, zu gewalttätigen Ausei-
nandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und einer aufge-
brachten Menschenmenge, darunter viele Fluchtwillige.

Organisierte Oppositionsbewegung

Im Sommer und Herbst 1989 traten regimekritische Gruppen


mit Reformforderungen an die Öffentlichkeit. Ausgangspunkt
einer breiten Oppositionsbewegung waren die Kommunalwah-
len am 7. Mai 1989, die unbeeindruckt von den Änderungen der
Wahlgesetze in der Sowjetunion, Ungarn und Polen in Form
der Einheitswahl, ohne Auswahlmöglichkeiten zwischen meh-
reren Kandidaten, stattgefunden hatten. Die Wahlergebnisse
waren wie schon in den Vorjahren manipuliert worden, doch
diesmal hatten Angehörige von Friedens- und Umweltgruppen
vielerorts die Auszählung der Ergebnisse in den Wahllokalen
beobachtet und erhoben den Vorwurf der „Wahlfälschung“.
Die anschließenden zahlreichen Proteste und Eingaben an den
Bundesregierung – Seebode

Staatsratsvorsitzenden Honecker wurden von breiteren Bevöl-


kerungskreisen bis hinein in die SED unterstützt und trugen
dazu bei, die gesellschaftliche Isolation der oppositionellen
Gruppen zu überwinden. Mit gestärktem Selbstvertrauen, mit
neuen Initiativen und Organisationsformen stellten die Bürger-
rechtler die Opposition auf ein breiteres Fundament.
Im Juli 1989 unterzeichneten die Theologen Markus Me- In Prag flüchten Tausende von DDR-Bürgern in die dortige westdeutsche
ckel und Martin Gutzeit den „Aufruf zur Bildung einer Ini- Botschaft und erzwingen so ihre Ausreise in die Bundesrepublik. Der über-
tiativgruppe mit dem Ziel, eine sozialdemokratische Partei füllte Innenhof am 30. September 1989
in der DDR ins Leben zu rufen“. Am 7. Oktober gründeten 43
Personen im Pfarrhaus in Schwante (Brandenburg) die „Sozi-
aldemokratische Partei in der DDR (SDP)“. Anfang September
1989 wurden alle, „die an einer Umgestaltung unserer Gesell-
schaft mitwirken wollen“, aufgerufen, Mitglieder des „Neuen
Forums“ zu werden. Den Gründungsaufruf unterzeichneten

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


Auf dem Weg in den Zusammenbruch (1982 bis 1990) 71

30 Personen, unter ihnen Bärbel Bohley. In wenigen Tagen


schlossen sich 4000 Menschen an. Mitte September 1989 trat
als dritte Gruppe die „Bürgerbewegung Demokratie Jetzt“
mit der Forderung nach einer friedlichen demokratischen
Erneuerung der DDR an die Öffentlichkeit. Anfang Oktober
konstituierte sich schließlich trotz massiver Behinderungen
durch Polizei- und Staatssicherheitskräfte in Ost-Berlin die
Reformbewegung „Demokratischer Aufbruch“. Im Zentrum
der Forderungen oppositioneller Bewegungen standen die
Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit, politische Re-
formen und unabhängige Wahlen.

ullstein bild – Mehner


Massenproteste

Die SED-Führung sah sich im Herbst 1989 nicht nur einer zu-
nehmend breiter werdenden oppositionellen Bewegung ge- Bürgerrechtler versuchen, die DDR von innen heraus zu reformieren. Anfang
genüber. Vor allem in Leipzig beteiligten sich nach den montäg- September 1989 gründet sich das Neue Forum. Eine Arbeitssitzung in der
lichen Friedensgebeten in der Nikolaikirche trotz verstärkten Wohnung von Bärbel Bohley (l.) Ende Oktober 1989

Der Gründungsaufruf des Neuen zuhören und zu bewerten, allgemeine die an der Umgestaltung unserer Gesell-
Forums von Sonderinteressen zu unterscheiden, schaft mitwirken wollen, auf, Mitglied
bedarf es eines demokratischen Dia- des NEUEN FORUM zu werden. Die Zeit
Anfang September 1989, auf dem Höhe- logs über die Aufgaben des Rechtsstaates, ist reif.“
punkt der Ausreisewelle, meldete sich der Wirtschaft und der Kultur. Über Die insgesamt 30 Unterschriften
erstmals in der Geschichte der DDR eine diese Fragen müssen wir in aller Öffent- stammten sowohl von bekannten Oppo-
politische Opposition offen zu Wort, lichkeit, gemeinsam und im ganzen sitionellen als auch von bisher nicht
trat aus dem sowohl schützenden als Land nachdenken und miteinander spre- öffentlich hervorgetretenen Personen.
auch einengenden Bereich der Kirche chen. Von der Bereitschaft und dem Bei der Lektüre des Textes fällt sein
heraus und bekannte sich unmiß- Wollen dazu wird es abhängen, ob wir in hoher Allgemeinheitsgrad auf. Weder
verständlich zu ihrer Rolle. An den Schwar- absehbarer Zeit Wege aus der gegen- enthielt er ein Bekenntnis zum Sozia-
zen Brettern vieler Gemeinden hing wärtigen krisenhaften Situation finden. lismus – was Christa Wolf und Stephan
ein Papier mit der Überschrift „Aufbruch Es kommt in der jetzigen gesellschaft- Hermlin noch Ende des Monats als Be-
89 – Neues Forum“ und verkündete lichen Entwicklung darauf an, gründung anführten, dem Aufruf
folgendes: ¬¬ daß eine größere Anzahl von Menschen nicht beizutreten – noch sprach er sich
„In unserem Lande ist die Kommuni- am gesellschaftlichen Reformprozeß eindeutig für eine neue soziale Ordnung
kation zwischen Staat und Gesellschaft mitwirkt, aus. Er bekannte sich nicht zum Fort-
offensichtlich gestört. Belege dafür ¬¬ daß die vielfältigen Einzel- und bestand der DDR und forderte trotzdem
sind die weitverbreitete Verdrossenheit Gruppenaktivitäten zu einem Gesamt- nicht die deutsche Einheit. Alle wichtigen
bis hin zum Rückzug in die private handeln finden. Fragen wollte er im Rahmen eines
Nische oder zur massenhaften Auswan- künftigen gesamtgesellschaftlichen Dia-
derung. Fluchtbewegungen dieses Aus- Wir bilden deshalb eine politische Platt- logs beantworten. Genau diese Offen-
maßes sind anderswo durch Not, Hunger form FÜR DIE GANZE DDR, die es den heit verlieh dem Neuen Forum seine
und Gewalt verursacht. Davon kann Menschen aus allen Berufen, Lebens- enorme Durchschlagskraft. Bei den Erst-
bei uns keine Rede sein. Die gestörte Be- kreisen, Parteien und Gruppen möglich unterzeichnern klingelten Tag und
ziehung zwischen Staat und Gesellschaft macht, sich an der Diskussion und Be- Nacht die Telefone, immer mehr Men-
lähmt die schöpferischen Potenzen arbeitung lebenswichtiger Gesellschafts- schen solidarisierten sich und überschrit-
unserer Gesellschaft und behindert die probleme in diesem Land zu beteiligen. ten die unsichtbare Grenze zwischen
Lösung der anstehenden lokalen und Für eine solche übergreifende Initiative Angst und Engagement, die sie jahrzehn-
globalen Aufgaben. Wir verzetteln uns wählten wir den Namen NEUES telang sorgfältig beachtet hatten,
in übelgelaunter Passivität und hätten FORUM [...] Allen Bestrebungen, denen und mit jeder Unterschrift sank das per-
doch Wichtigeres zu tun für unser Leben, das NEUE FORUM Ausdruck und Stimme sönliche Risiko. Es dauerte nicht lange,
unser Land und die Menschheit. In Staat verleihen will, liegt der Wunsch nach bis der Aufruf ohne Geheimniskrämerei
und Wirtschaft funktioniert der Inte- Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden in Betrieben und wissenschaftlichen
ressenausgleich zwischen den Gruppen sowie Schutz und Bewahrung der Natur Instituten kursierte und an öffentlichen
und Schichten nur mangelhaft. Auch zugrunde. Es ist dieser Impuls, den Anschlagsbrettern erschien.
die Kommunikation über die Situation wir bei der kommenden Umgestaltung
und die Interessenlage ist gehemmt [...] der Gesellschaft in allen Bereichen le-
Um all diese Widersprüche zu erkennen, bensvoll erfüllt wissen wollen. Wir rufen Stefan Wolle, Die heile Welt der Diktatur, Alltag und Herr-
Meinungen und Argumente dazu an- alle Bürger und Bürgerinnen der DDR, schaft in der DDR 1971-1989, Bonn 1999, S. 310 f.

Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


picture-alliance / ZB / Waltraud Grubitzsch 72 Geschichte der DDR

Ausgangspunkt des Massenprotestes: die montäglichen Friedensgebete in der


Leipziger Nikolaikirche. Anschließend geht es zur Demonstration auf die Ringe ...

bpk / Manfred Uhlenhut
Jens P. Riedel / transit

... die Polizei und Staatssicherheit mit allen Mitteln zu unterbinden Die Menschen lassen sich jedoch nicht mehr einschüchtern. Demonstra-
suchen. tion auf dem Alexanderplatz in Berlin am 4. November 1989

Einsatzes von Polizei sowie Angehörigen der Staatssicherheit, Leipzig an der bis dahin größten Demonstration für Reformen
trotz Festnahmen und Verurteilungen wegen „Zusammen- und demokratische Erneuerung in der DDR. Nach Friedensge-
rottung“ immer mehr Menschen an Demonstrationen. Waren beten in den evangelischen Kirchen zogen sie, diesmal unbe-
es zunächst Hunderte, die Reise-, Versammlungs- und Mei- helligt durch die Sicherheitskräfte, erstmals auch mit Trans-
nungsfreiheit forderten, so gingen bald Tausende für Freiheit, parenten und Plakaten in großer Zahl durch die Innenstadt.
Demokratie und Menschenrechte auf die Straße. Bereits am Auf diesen forderten sie „Freie Wahlen“, „Pressefreiheit“,
2. Oktober demonstrierten mehr als 20 000 in der Leipziger In- „Meinungsfreiheit“, „Neue Männer braucht das Land“, „Die
nenstadt. Am 9. Oktober 1989 waren es trotz angedrohter mi- Mauer muß weg“, „Ökologie statt Ökonomie“, „Zivildienst ist
litärischer Gewalt durch aufmarschierende Sicherheitskräfte ein Menschenrecht“. Spätestens jetzt hatte begonnen, was als
70 000 Menschen. Sie skandierten „Wir sind das Volk“. Mehr „friedliche Revolution“ in der DDR in die Geschichte eingehen
als 120 000 Menschen beteiligten sich dann am 16. Oktober in sollte.

Das Ende der SED-Herrschaft

Die Absetzung Honeckers

Honeckers Auftritt auf der offiziellen Feier zum 40. Jahrestag Kurskorrekturen bemühen würde. Eine wirkliche Demokra-
der Gründung der DDR im Berliner „Palast der Republik“ am 6. tisierung der Gesellschaft und Reformen in Politik und Staat
Oktober 1989 zeigte vor allem einen alten Man, der nicht ge- standen jedoch nicht auf der politischen Agenda. Die Men-
willt war, Veränderungen in Staat und Gesellschaft zuzulassen. schen auf den Straßen der DDR aber forderten einen sofortigen
Angesichts dieses Starrsinns und um die Macht der SED zu ret- und deutlichen Bruch mit der bisherigen Politik und denen, die
ten, zwang eine Mehrheit von Mitgliedern des SED-Politbüros für sie verantwortlich waren. So wurde die SED-Führung von
Honecker, am 18. Oktober 1989 vor einem eilig einberufenen den Ereignissen, die von einer breiten Bevölkerungsmehrheit
ZK-Plenum aus „gesundheitlichen Gründen“ seinen Rücktritt bestimmt wurden, überrollt. Denn zur gleichen Zeit gingen die
zu erklären. Anschließend wählte das Zentralkomitee der Par- Demonstrationen im ganzen Land weiter, erfassten neben den
tei Egon Krenz zum neuen Parteichef. Er war seit 1983 Mitglied Bezirks- und Großstädten auch Mittel- und Kleinstädte und
des Politbüros und galt als Kronprinz Honeckers. Am 24. Okto- nahmen an Teilnehmerzahlen und Intensität zu. An manchen
ber 1989 wählte ihn die Volkskammer zum Vorsitzenden des Tagen demonstrierten in der gesamten DDR mehrere hundert-
Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates der DDR. tausend Menschen. Die meisten Teilnehmer verzeichneten die
Der Nachfolger Honeckers gab zwar mit seinem Begriff von Montagsdemonstrationen in Leipzig, wo sich am 30. Oktober
der „Wende“ zu verstehen, dass sich die SED-Führung nun um wieder rund 200 000 beteiligten.

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Auf dem Weg in den Zusammenbruch (1982 bis 1990) 73

Jose Giribas
Großen Teilen der Bevölkerung ist aber nicht nach Feiern zu Mute. Sie fordern
Reformen und Reisefreiheit. Demonstration in Berlin am 4. November 1989

akg-images / Nelly Rau-Häring

ullstein bild – Giribas


Am 7. Oktober 1989 feiert die Parteiführung gemeinsam mit ausländischen Am 9. November 1989 verkündet ZK-Mitglied Günter Schabowksi vor der
Gästen den 40. Jahrestag der Staatsgründung mit einer Ehrenparade. Presse überraschend neue Reisebestimmungen – damit ist die Grenze offen.

Öffnung der Grenze Regierungsbildung. Modrow, der bisher SED-Bezirkssekretär in


Dresden gewesen war, galt als Reformer und Anhänger der Po-
Währenddessen hielt die Massenabwanderung von DDR-Bürgern litik Gorbatschows. Kurz darauf gab Ministerpräsident Modrow
weiter an. Nachdem die DDR den pass- und visafreien Verkehr seine Regierungserklärung ab und stellte seine Regierung vor.
mit der ČSSR am 1. November wieder zugelassen hatte, setzte er- Dem neuen, erheblich verkleinerten Ministerrat gehörten jetzt
neut der Ansturm von Ausreisewilligen auf die Bonner Botschaft 28 Mitglieder an. Die vier Koalitionspartner der SED – CDU, LDPD,
in Prag ein. Am 3. November öffnete die ČSSR ihre Grenze zur NDPD, DBD – stellten zusammen elf Mitglieder. In seiner Regie-
Bundesrepublik für DDR-Bürger, woraufhin allein vom 4. bis zum rungserklärung am 17. November versprach Modrow eine Wirt-
6. November mehr als 23 500 Menschen die DDR über die ČSSR schafts-, Bildungs- und Verwaltungsreform sowie ein langfristig
verließen. Unter dem Druck der Ereignisse legte die Regierung der angelegtes Programm mit dem Ziel, Ökonomie und Ökologie in
DDR am 9. November 1989 eine vorgezogene Ausreiseregelung Übereinstimmung zu bringen.
vor, die bis zum Inkrafttreten eines neuen Reisegesetzes gelten Mit der Bildung der Regierung Modrow verlagerte sich die
sollte. Diese „zeitweilige Übergangsregelung für Reisen und stän- Macht in der DDR von der SED auf die Regierung, die sich jetzt
dige Ausreisen aus der DDR in das Ausland“ bedeutete faktisch nur noch der Volkskammer verantwortlich fühlte. Am 1. De-
die Einführung der allgemeinen Reisefreiheit, die zuvor auf den zember 1989 änderte die Volkskammer die Verfassung und
Massendemonstrationen gefordert worden war. Als das Politbü- strich den Passus über die führende Rolle der SED. Die Volks-
romitglied Günter Schabowski dies während einer Pressekonfe- kammer war jedoch noch immer kein vom „Volk“ frei gewähl-
renz am frühen Abend des 9. November bekannt gegeben hatte, tes Parlament, sondern eine nach dem Willen der SED zusam-
strömten hunderttausende Menschen noch in der Nacht zum 10. mengesetzte und nach einer von ihr inspirierten Einheitsliste
November über die offiziellen Grenzübergangsstellen in die Bun- beschickte Kammer. Umso mehr drängten die Menschen auf
desrepublik und nach West-Berlin. Die Bilder der tanzenden Men- freie Wahlen.
schen auf der Berliner Mauer wurden im Ausland nicht nur als
Ausdruck für den starken Veränderungswillen der Ostdeutschen
wahrgenommen, sondern auch als Symbol für den Zusammen- Der Zerfall der SED
bruch des Sozialismus und das Ende des Kalten Krieges.
Im Herbst 1989 befand sich die SED selbst in einem rasanten
Zerfallsprozess. Hatten der Partei noch Anfang des Jahres fast
Die Regierung Modrow 2,3 Millionen Mitglieder angehört, häuften sich seit Oktober
1989 die Austritte: bis Ende Januar 1990 kehrten 907 480 Mit-
Bereits zwei Tage zuvor, am 7. November 1989, war der damals glieder und Kandidaten der Partei den Rücken.
aus 44 Mitgliedern bestehende Ministerrat unter seinem Vorsit- Am 3. Dezember traten Generalsekretär Krenz, das Politbüro und
zenden Willi Stoph geschlossen zurückgetreten, blieb aber bis danach auch das Zentralkomitee geschlossen zurück. Am 6. De-
zur Wahl einer neuen Regierung geschäftsführend im Amt. Die zember erklärte Egon Krenz seinen Rücktritt als Vorsitzender des
Volkskammer bestimmte am 13. November Hans Modrow zum Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates. Bei der Be-
Vorsitzenden des Ministerrates und beauftragte ihn mit der völkerung galt er als Vertreter der verhassten alten politischen

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Bundesregierung – Klaus Lehnartz 74 Geschichte der DDR

Tausende strömen noch in der Nacht über die Grenzübergänge nach West-Berlin oder feiern das Ereignis auf der Berliner Mauer.

9. November 1989: Tanz auf der sich wildfremde Menschen weinend in den Aufregend sind jetzt […] die Spaziergän-
Mauer Armen, klatschen unzählige Hände auf ge durch West-Berlin geworden. Der
die Dächer und Kühlerhauben der Trabants Dokumentarfilmer Carsten Krüger, 36, war
Der Werkzeugmacher Ralf Dickel, 34, aus und Wartburgs, die mühsam durch die tagelang mit mehreren Teams unterwegs
dem Ost-Berliner Bezirk Prenzlauer Berg ist Spaliere der Schaulustigen kriechen. und staunte: „Komisch, auf der Straße
einer der ersten, die an jenem Donners- Rund um die Gedächtniskirche steigt ein schauen sich die Leute wieder an.“ Das hat
tag abend durch die Mauer kommen. Zuerst gigantisches Open-air-Spektakel, das rund meist nur einen Grund: Man will heraus-
sehen wir nur seinen Kopf, den er neu- um die Uhr von Zehntausenden Berlinern finden, wer hier Osti ist und wer nicht. […]
gierig um die Beton-Mauer reckt – wie aus beiden Teilen der ehemaligen Reichs- Trotz der vielfältigen Behinderungen –
jemand, der einen scheuen Blick in ein hauptstadt gefeiert wird – mit Freibier und total überfüllte U- und S-Bahn-Stationen,
verbotenes Zimmer riskiert. Dann geht er Erbsensuppe, mit Konfetti und Blumen. […] die vorübergehend geschlossen werden
zögernd ein paar Schritte weiter und schaut [Z]wischen Brandenburger Tor und müssen, Lebensmittelgeschäfte, in denen
sich verstohlen um, als ob er fürchtet, Potsdamer Platz […] Menschen stehen dicht kein Einkauf mehr möglich ist, für den
doch noch an seinem grünen Parka zurück- an dicht, mit erhobenen Armen, die Fin- Verkehr gesperrte Straßen und Plätze – be-
gehalten zu werden. Schließlich ist er da. ger zum Victoryzeichen gespreizt. Sie sitzen halten die West-Berliner ihre Ruhe. Der
Am Grenzübergang Bornholmer Straße in den Bäumen, tanzen auf der hier Regierende Bürgermeister Walter Momper,
klatschen jetzt ein paar hundert West-Ber- zwei Meter breiten Mauerkrone und singen der mehr als die meisten anderen Politi-
liner Beifall, rufen, pfeifen und lassen „We shall overcome“. ker Fingerspitzengefühl und Gelassenheit
Sektkorken knallen. Es ist genau 20.45 Uhr, Hunderte machen sich mit Hämmern beweist, bringt es auf den Punkt: „Das
Ralf Dickel reißt die Arme hoch und und Meißeln am Betonwall zu schaffen, kriegen wir schon hin.“ […]
schreit: „Wahnsinn!“ biedere Familienväter aus Castrop-Rauxel Werner Lähme, 48, aus der Ost-Berliner
Ein Wort, das in den nächsten Tagen und Günzburg, aufgeregte Hausfrauen aus Mellenseestraße hat vor so viel Ent-
millionenfach wiederholt werden wird: ge- Uelzen und Wanne-Eickel, die sich bei der gegenkommen Respekt: „Ich staune, daß
flüstert, gestöhnt, gebrüllt, gesungen, brisanten Werkelei von ihrem halbwüchsi- die West-Berliner das alles so verarbeiten
geheult. Ein Wort, das wie kein anderes die gen Anhang ablichten lassen. Immer wieder können – wir wären damit wohl über-
neue Situation in Berlin und bald auch wird skandiert: „Die Mauer muß weg.“ fordert gewesen.“ Den Schlosser Heiko
überall an der deutschen Grenze beschreibt: Überflüssig ist sie jetzt ohnehin gewor- Spärling, 22, aus Neustrelitz treffen wir in
Fassungslosigkeit, Überraschung, Un- den. Von Donnerstag nacht bis Sonntag der Einkaufsmeile Tauentzien. „Schön“,
gläubigkeit, Glück. abend strömen weit über zwei Millionen sagt er, „daß nach so vielen Jahren Mauer
Als die Regierung der DDR die Grenzüber- DDR-Bürger in den Westteil der Stadt – um noch so viel Zusammengehörigkeitsge-
gänge öffnet und Tag für Tag und Nacht den Ansturm zu bewältigen, schlägt fühl da ist.“
für Nacht neue Breschen in den Beton der der SED-Staat zehn neue Übergänge in die Werner Mathes / Tilman Müller, Stern extra, Hamburg, Nr. 3/1989.
Berliner Mauer schlägt, taumelt die Stadt Mauer. Die Besucher aus dem Osten haben In: Gisela Helwig (Hg.), Die letzten Jahre der DDR – Texte zum
wie im Fieber. Am Kurfürstendamm liegen das West-Berliner Stadtbild verändert: […] Alltagsleben, Köln 1990, S. 135ff.

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Auf dem Weg in den Zusammenbruch (1982 bis 1990) 75

Elite. Sein Nachfolger im Staatsrat wurde der LDPD-Vorsitzende


Manfred Gerlach. Wenige Tage zuvor waren die Blockparteien
aus dem „Demokratischen Block“ ausgetreten, in dem sie über
vier Jahrzehnte hinweg nahezu bedingungslos der SED gefolgt
waren.
Die SED-Parteibasis traute Krenz auch nicht zu, die SED zu

ullstein bild – ADN-Bildarchiv


retten. Als zeitweilige Parteiführung wurde ein aus 25 Mitglie-
dern bestehender Arbeitsausschuss gebildet, der einen von
der Basis geforderten außerordentlichen Parteitag vorbereiten
sollte. Dieser fand schließlich in zwei Abschnitten am 8./9. und
16./17. Dezember 1989 in Berlin statt. Nachdem Regierungschef
Modrow sich auf dem Parteitag strikt gegen eine von vielen
Delegierten geforderte Auflösung der Partei gewandt hatte,
entschied sich eine große Mehrheit für die Weiterexistenz. Am „Runden Tisch“ verhandeln Regierung und Opposition im Dezember
Parteivorsitzender wurde mit 95,3 Prozent der Stimmen der 1989 über freie Wahlen und eine neue Verfassung. Die Entwicklungen ge-
Rechtsanwalt Gregor Gysi. In einer außenpolitischen Entschlie- winnen derweil jedoch an Eigengesetzlichkeit.
ßung sprach sich der Parteitag für eine „souveräne sozialisti-
sche DDR“ aus. Die Partei strebe eine „Vertragsgemeinschaft“
mit der Bundesrepublik an und sei offen für die Idee konföde- Runder Tisch
rativer Strukturen. Schließlich wurde die Umbenennung der
Partei in „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands / Partei Da bis zum Dezember 1989 die alten politischen Strukturen
des demokratischen Sozialismus (SED/PDS)“ beschlossen. Seit fortbestanden, mussten auf dem Weg zur Demokratie in der
Januar 1990 trat die Partei dann nur noch als „Partei des demo- DDR neue Wege beschritten werden. Auf Einladung der Kir-
kratischen Sozialismus“ (PDS) in Erscheinung. chen trat deshalb am 7. Dezember der paritätisch besetzte
Die Auseinandersetzung mit dem weltanschaulichen Erbe „Zentrale Runde Tisch“ im Schloss Berlin-Niederschönhausen
blieb eine Aufgabe, mit der sich die Partei noch auf Jahre hinaus zu seiner ersten Tagung zusammen. Unter der Gesprächslei-
beschäftigen musste, ohne sie jedoch zu bewältigen. Trotz hefti- tung von Kirchenvertretern trafen sich hier in den folgenden
ger innerparteilicher Diskussionen gelang es nicht, das Verhält- Monaten Vertreter von SED/PDS und der nach Eigenständig-
nis zur alten SED hinsichtlich der Ideologie und des Personals keit strebenden Blockparteien mit Abgesandten der neu ent-
gründlich und konsequent zu klären. Hartnäckig klammerte standenen oppositionellen Bürgerbewegungen. Es ging um
sich auch die neue Führung an ihr unrechtmäßig erworbenes einen grundsätzlichen Meinungsaustausch über die Situation
Parteivermögen, mit dem sie die materielle Existenz der Par- in der DDR und Schritte zur Überwindung der Krise. Obwohl
tei sichern wollte. Erst im August 1998 konnte eine unabhän- der „Runde Tisch“ keine parlamentarische oder Regierungs-
gige Kommission ihren Abschlussbericht vorlegen, in dem sie funktion ausüben konnte, existierte damit eine zweite quasi-
die Höhe des sichergestellten ehemaligen SED-Vermögens mit parlamentarische Institution, die vor wichtigen Entscheidun-
2,014 Milliarden DM bezifferte. Das von der Nachfolgerin der gen der Volkskammer mit eigenen Vorschlägen einbezogen
Treuhandanstalt, der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte wurde. Bereits auf der ersten Tagung sprachen sich die Teil-
Sonderaufgaben (BVS), verwaltete Altvermögen der SED hat- nehmer für den 6. Mai 1990 als Termin für die ersten freien
te aus Barmitteln und zahlreichen Immobilien bestanden. Es Wahlen in der DDR und für die Ausarbeitung einer neuen Ver-
konnte nun nach den Bestimmungen des Einigungsvertrages fassung aus. Der im März 1990 vom „Runden Tisch“ vorgeleg-
an die neuen Länder und Berlin ausgezahlt werden, soweit es te Entwurf einer neuen Verfassung spielte allerdings auf dem
nicht an früher Berechtigte zurückzugeben war. Weg zur deutschen Einheit keine Rolle mehr.

Von der friedlichen Revolution zur deutschen Einheit

Außenpolitische Rahmenbedingungen Sowjetunion und das westliche Bündnis auf die deutschlandpo-
litischen Initiativen reagieren würden.
Bereits zum Jahresende 1989 wurden die ersten Weichen gestellt, Modrow hatte sich Ende Januar 1990 in Moskau vom sowje-
um die staatliche Einheit Deutschlands wiederherzustellen. Am tischen Staats- und Parteichef Gorbatschow das Einverständnis
28. November hatte Bundeskanzler Helmut Kohl ein Zehnpunk- zu seinem Plan einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten
teprogramm verkündet, das als Ziel der Politik der Bundesregie- geholt. Am 10. Februar erhielten auch Bundeskanzler Kohl und
rung die staatliche Einheit in konföderativen Strukturen nannte. Außenminister Hans-Dietrich Genscher bei einem Besuch in
Am 1. Februar 1990 legte Regierungschef Modrow auf einer Pres- Moskau das Einverständnis der UdSSR. Im Kreml war man zu
sekonferenz in Ost-Berlin sein Konzept „Deutschland, einig Va- der Einsicht gekommen, dass die Wiedervereinigung Deutsch-
terland“ vor. Eine endgültige Lösung der deutschen Frage könne lands unvermeidlich sei. Im Gegenzug sicherte die Bundesre-
nur in freier Selbstbestimmung der Deutschen in beiden Staaten publik dem ökonomisch schwer angeschlagenen Riesenreich
erreicht werden, in Zusammenarbeit mit den vier Siegermäch- Wirtschaftshilfe in erheblicher Größenordnung zu. Dementspre-
ten des Zweiten Weltkriegs und unter Berücksichtigung der In- chend sah Bonn von nun an keinen Anlass mehr, der Regierung
teressen aller europäischen Staaten. Fraglich war indes, wie die Modrow mit einer Milliardenhilfe unter die Arme zu greifen.

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76 Geschichte der DDR

Vereinigung mit dem westlichen Nachbarn. Deutlich wurde


dies im Wandel der Losungen: Aus „Wir sind das Volk“ wurde
„Wir sind ein Volk“. Die SPD, der Bund Freier Demokraten und
vor allem das Wahlbündnis „Allianz für Deutschland“, in dem
sich die CDU mit der Deutschen Sozialen Union (DSU) und der
Partei „Demokratischer Aufbruch“ zusammengefunden hatte,
ullstein bild – vario images

konnten sich auf massive Wahlhilfe ihrer Partner in der Bun-


desrepublik stützen. So beherrschte die westliche Parteipro-
minenz weithin den Wahlkampf in der DDR.
Die ersten freien Wahlen seit 1946 gewann das konservative
Bündnis „Allianz für Deutschland“ mit 47,8 Prozent der Stimmen.
Die Wahlbeteiligung erreichte mit 93,4 Prozent eine später nie
Sowohl Bundeskanzler Helmut Kohl als auch DDR-Regierungschef Hans Modrow wieder erzielte Höhe. Die SPD kam auf knappe 22 Prozent – ein
(l.) legen Konzepte für die staatliche Einheit Deutschlands vor. Auf dem deutsch- Ergebnis, das weit unter ihren Erwartungen lag. Die PDS erreich-
deutschen Gipfel in Bonn finden Modrows Pläne aber keine Unterstützung. te als drittstärkste politische Kraft 16,3 Prozent der abgegebenen
gültigen Stimmen. Die Liberalen erzielten etwas mehr als fünf
Prozent. Enttäuschend war das Ergebnis für die Bürgerbewegun-
gen „Neues Forum“, „Initiative Frieden und Menschenrechte“
und „Demokratie Jetzt“, die sich im „Bündnis 90“ zusammenge-
schlossen hatten: Sie kamen auf nur 2,9 Prozent. In der program-
matisch vielschichtigen Bürgerbewegung glaubten nicht wenige
noch immer an die Reformierbarkeit der DDR, was in der Bevöl-
kerung allerdings nicht mehr populär war. Zudem waren sie im
Thomas Raupach / VISUM

Wahlkampf beträchtlich benachteiligt, da ihnen im Unterschied


zu den großen Parteien kein funktionierender Apparat (Presse,
Gebäude, Druckereien) zur Verfügung stand. Die Parteien der
„Allianz für Deutschland“, die SPD und der Bund Freier Demokra-
ten bildeten eine Koalitionsregierung unter Ministerpräsident
Lothar de Maizière (CDU).
Die Stimmung in der Bevölkerung spricht gegen eine reformierte DDR: Aus
„Wir sind das Volk“ wird „Wir sind ein Volk“.
Ergebnis der Wahlen zur Volkskammer am
18. März 1990
Ein entsprechender Wunsch, der aus anhaltender finanzieller
Zwangslage und drohender Zahlungsunfähigkeit der DDR resul- Partei/Bündnis Stimmen Prozent Mandate
tierte, wurde auf dem deutsch-deutschen Gipfel am 13./14. Fe- Christlich-Demokratische Union
4 710 598 40,59 163
bruar 1990 zurückgewiesen. Deutschlands (CDU)*
Auf der Seite des Westens befürworteten zunächst nur die Sozialdemokratische Partei
2 525 534 21,76 88
USA die Vereinigungspläne, während Frankreich und Großbri- Deutschlands (SPD)
tannien sich gegen eine Veränderung des Status quo in Europa Partei des Demokratischen Sozia-
1 892 381 16,32 66
sträubten. Sie befürchteten, eine künftige Dominanz des wie- lismus (PDS)
dervereinigten Deutschlands könnte das europäische Gleichge- Deutsche Soziale Union (DSU)* 727 730 6,27 25
wicht stören. Doch Ende Februar 1990 hatten auch London und Bund Freier Demokraten, Die
608 935 5,28 21
Paris erkannt, dass der innere Einigungsprozess Deutschlands Liberalen**
nicht aufzuhalten war , verlangten aber die Einbindung des ver- Bündnis 90*** 336 074 2,90 12
einigten Deutschlands in die NATO, um ihren sicherheitspoli- Demokratische Bauernpartei
tischen Interessen zu entsprechen. Während seiner Gespräche 251 226 2,17 9
Deutschlands (DBD)
mit Bundeskanzler Kohl am 15. und 16. Juli 1990 in Moskau und Grüne Partei/Unabhängiger
in seinem Jagdhaus im Kaukasus gab Gorbatschow schließlich 226 932 1,96 8
Frauenverband
sein Einverständnis zur Mitgliedschaft des vereinten Deutsch- Demokratischer Aufbruch (DA)* 106 146 0,93 4
lands im westlichen Militärbündnis. Damit war der Weg frei für National-Demokratische Partei
die sogenannten Zwei-plus-Vier-Verhandlungen zwischen den 44 292 0,38 2
Deutschlands (NDPD)****
westlichen Bündnispartnern, der Sowjetunion und den Regie- Demokratischer Frauenbund
rungschefs der DDR und der Bundesrepublik, in denen die kon- 38 192 0,33 1
Deutschlands (DFD)
kreten Modalitäten der deutschen Einheit vereinbart wurden. Aktionsbündnis Vereinigte Linke/
20 342 0,18 1
Die Nelken

Die Volkskammerwahlen am 18. März 1990 *


**
CDU, DSU und DA hatten sich im Wahlbündnis „Allianz für Deutschland“ zusammengeschlossen.
Der Bund Freier Demokraten umfasste DFP, LDP und FDP.
*** Das Bündnis 90 bestand aus Neues Forum, Demokratie Jetzt und Initiative Frieden und
Der Wahlkampf zu den ersten freien Wahlen in der DDR am Menschenrechte.
**** Die NDPD beschloss am 28. März 1990 den korporativen Beitritt zum Bund Freier Demo-
18. März 1990 machte die ungebremste Sogkraft der Bundes- kraten – Die Liberalen.
republik sichtbar. Die Stimmung in der Bevölkerung sprach Amtliches Endergebnis der Wahlen zur Volkskammer am 18. März 1990, in: „Neues Deutschland“
inzwischen gegen eine reformierte DDR und für eine rasche vom 24. März 1990, S. 5

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Auf dem Weg in den Zusammenbruch (1982 bis 1990) 77

Währungs- und Wirtschaftsunion Dieser Schritt machte nun endgültig den Weg für die inter-
nationale Zustimmung zur Wiedervereinigung Deutschlands
Das Ergebnis der Volkskammerwahlen war ein eindeutiges frei. Nachdem die UdSSR der Zugehörigkeit des vereinigten
Votum für die Vereinigung der DDR mit der Bundesrepublik. Deutschlands zur NATO zugestimmt hatte, unterzeichneten
Die meisten politischen Gruppierungen waren auf den Ein- Vertreter der DDR, der Bundesrepublik sowie Frankreichs, der
heitszug aufgesprungen. Kontrovers diskutiert wurden nur Vereinigten Staaten, des Vereinigten Königreichs und der Sow-
noch das Tempo der staatlichen Vereinigung und die Vorge- jetunion am 12. September 1990 den Zwei-plus-Vier-Vertrag.
hensweise. Die ungebremste Westwanderung verschärfte Dieser Staatsvertrag beendete die Viermächte-Verantwortung
die Wirtschaftskrise in der DDR und diktierte das Tempo. Die in Bezug auf Berlin und „Deutschland als Ganzes“, das verei-
Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli 1990, mit nigte Deutschland erhielt seine staatliche Souveränität zurück.
der die D-Mark im Osten Einzug hielt, galt in der Bevölkerung Im Zwei-Plus-Vier-Vertrag wurde darüber hinaus vereinbart,
als ein erster Schritt hin zur deutschen Einheit. Am 18. Mai die Truppenstärke der deutschen Streitkräfte von 500 000 auf
1990 unterzeichneten die beiden deutschen Finanzminister 370 000 Mann zu reduzieren und dauerhaft zu beschränken.
einen Staatsvertrag, mit dem die Löhne und Gehälter im Kurs Zudem verzichtete Deutschland auf die Herstellung, den Be-
von 1:1 umgestellt wurden. Sparguthaben konnten gestaffelt sitz von und die Verfügung über ABC-Waffen. Die Sowjetuni-
bis zu einem Betrag von 2000 bis 6000 Mark in DM umge- on sicherte zu, ihre Truppen vom Gebiet der ehemaligen DDR
tauscht werden, darüber hinaus galt ein Umrechnungskurs bis spätestens 1994 abzuziehen, am 31. August 1994 verließen
von 2:1. ihre letzten Militäreinheiten den Ostteil Deutschlands. Damit
endete die seit 1945 währende sowjetische Militärpräsenz auf
deutschem Boden.
Der Abschluss von Staatsverträgen In den deutsch-deutschen Verhandlungen ging alles eben-
falls sehr schnell. Am 31. August unterzeichneten Bundes-
Als am 6. Juli 1990 die Verhandlungen über den Einigungs- innenminister Wolfgang Schäuble und DDR-Staatssekretär
vertrag begannen, ging es um Einzelheiten des Beitritts der Günther Krause den in nur acht Wochen ausgehandelten Eini-
DDR zur Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes. gungsvertrag, der die konkreten Bedingungen des Beitritts der
Die staatliche Vereinigung nach Artikel 146 GG fand in der DDR zur Bundesrepublik regelte: Änderungen im Grundgesetz,
DDR-Regierung, vor allem aber in der Bundesregierung keine Fragen der Rechtsangleichung in Ostdeutschland, der öffentli-
Zustimmung, weil sie das Bonner Grundgesetz ungültig und chen Verwaltung und des ostdeutschen Staatsvermögens so-
somit die Ausarbeitung einer neuen Verfassung notwendig wie verschiedene Aspekte der Bereiche Arbeit, Soziales, Frau-
gemacht hätte. Für eine langwierige Verfassungsdebatte fehl- en und Kultur. Strittige Fragen wie etwa die Forderungen nach
te jedoch die Zeit. Zudem entschieden über die Bedingungen einer Verfassungsdiskussion, des künftigen Regierungssitzes
der deutschen Vereinigung nicht allein die DDR und die Bun- des vereinten Deutschlands oder einer einheitlichen Rege-
desrepublik. Nicht nur aus Paris und London, vor allem aus lung des Schwangerschaftsabbruchs wurden vertagt. Zudem
Warschau kam die Forderung, dass ein vereintes Deutschland wurde das Prinzip „Rückgabe vor Entschädigung“ vereinbart,
die bestehenden Grenzen in Europa anerkennen müsse. Das mit dem die Enteignungen in der DDR nach 1949 rückgängig
betraf insbesondere die Grenze zu Polen. Der Bundestag und gemacht werden sollten. Hierfür mussten allerdings in einem
die Volkskammer sicherten daher am 21. Juni 1990 in einer Ent- komplizierten Prozess Vermögensfragen geklärt werden. Im
schließung die „Unverletzlichkeit“ der polnischen Westgrenze, Vorfeld des Einigungsvertrages hatte die Volkskammer bereits
also der in Westdeutschland jahrzehntelang umstrittenen am 17. Juni das Treuhandgesetz verabschiedet. Die daraufhin
Oder-Neiße-Grenze, sowie die Achtung der Souveränität und eingerichtete Behörde, die der Aufsicht des Ministerpräsi-
der territorialen Integrität des östlichen Nachbarn uneinge- denten unterstellt war, hatte den Auftrag, die in Staatshand
schränkt zu. befindlichen Betriebe, Grundstücke und Immobilien so rasch

Bei den ersten freien Wahlen seit 1946 gewinnt das konservative Bündnis Der Wahlsieg bedeutet ein Bekenntnis der Mehrheit zur Vereinigung.
„Allianz für Deutschland“ am 18. März 1990 fast 50 % der Stimmen. Erster Schnell folgt die Wirtschafts- und Währungsunion. Mit dem Umtauschkurs
Ministerpräsident wird Lothar de Maizière (CDU, r.), hier bei der Stimmabgabe. 2 DDR-Mark für 1 Westmark sind nicht alle einverstanden.
ullstein bild – Bildarchiv

ullstein bild – Uhlenhut

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78 Geschichte der DDR

Eltern und Großeltern erinnern Bürgermeister zu ihnen ins Haus gekom- Jahr 18 Jahre alt, als sie Losungen wie „Neue
sich men, aber der Vater sei trotzdem nicht Männer braucht das Land“ oder „Anarchie“
gegangen. Alex' Mutter hatte Respekt vor in Weimar auf Wände malte. Sie wurde
[...] Eine Projektwoche liegt vor ihnen: der Volkspolizei und der Stasi. Die seien zu sechs Monaten Haft wegen Rowdytums
„Schild und Schwert der Partei“. Gemeinsam immer und überall gewesen, und immer verurteilt. Sie gelangte sechs Wochen nach
mit einer Lehrerin, mit Johannes Beleites, habe die Mutter Angst gehabt. Schon als ihrer Haftentlassung in den Westen nach
Studienleiter der Evangelischen Akademie Kind habe sie zu Hause gelernt, nichts Kassel. Schlosser wurde freigekauft und zog
Thüringen, und mit Matthias Wanitschke, gegen den Staat zu sagen und in der Schule nach Alzey. Die Schüler studieren die Ak-
Mitarbeiter der Landesbeauftragten für die nicht preiszugeben, dass sie zu Hause West- ten und bereiten Fragen an die Zeitzeugen
Unterlagen der Staatssicherheit, werden Fernsehen schauten. vor. Schlosser kommt am Mittwoch, Grit
sich [25 Zehntklässler einer Regelschule aus Die Lehrerin offenbart den Schülern: „Ich Angermann am Donnerstag. [...]
einem kleinen Ort in Thüringen] über habe eine Akte.“ Die Stasi beschattete sie Am Freitag schließlich spielen die Schüler
fünf Tage das Wirken der Stasi und die Me- beim Treffen mit West-Verwandtschaft am Szenen aus dem Alltag der DDR nach, in
chanismen der SED-Diktatur erarbeiten. Hermsdorfer Autobahnkreuz und beschei- denen sie das, was sie sich die Woche über
Die Schüler, 15 oder 16 Jahre alt, [...] haben nigte ihr, dass sie nicht zum Propagieren erarbeitet haben, noch einmal erleben. In
mit Menschen, die in der DDR gelebt des Marxismus-Leninismus befähigt sei. [...] der Schlussrunde am Ende der Woche sind
haben, über die Erfahrungen mit dem MfS, Unter Anleitung der Tutoren nähern sich die Schüler erstaunt, wie viel sie über die
der NVA und der Volkspolizei gesprochen. die Schüler der Frage, was die Stasi gewesen DDR und die Stasi als „Schild und Schwert
Die Jungen und Mädchen sollen jetzt ihre ist, und die Jungen, die am Morgen noch der Partei“ erfahren haben.
Interviewergebnisse vortragen. Die meis- schüchtern waren, tauen auf. Die SED habe
ten haben ihre Großeltern und Eltern be- die Stasi gegründet, um ihre Macht zu Claus Peter Müller, „Diktatur mit schöner Kindheit“, in: Frank-
fragt. Ein Mädchen sagt, die DDR sei keine sichern, sagt Toni. Philipp sagt, ohne Stasi furter Allgemeine Zeitung vom 12. März 2011

Diktatur gewesen: „Heute wird einem auch hätte es Chaos gegeben, und Steven sagt, es
gesagt, was man machen muss.“ wäre „nicht so geordnet gewesen, son-
Die meisten berichten aber, ihnen sei zu dern es hätte Aufstände gegeben wie heute „Das Kollektiv war alles, der
Hause geantwortet worden, die DDR sei in Afrika“. Christopher beschreibt, dass Einzelne nichts“
„wohl mehr oder weniger eine Diktatur“ ge- es in der DDR keine Gewaltenteilung gab,
wesen. Allerdings kommt ihnen der Satz denn die Stasi habe im Gegensatz zu [...] G. A.: Mit welchen Gefühlen sind Sie in
eher pflichtschuldig über die Lippen [...]. Die heutigen Geheimdiensten ermittelt, verhaf- die Wiedervereinigung gegangen?
Schüler machen die verhaltene Kritik tet und die Menschen eingesperrt [...]. Kowalzcuk: Mit Freude, aber auch mit Un-
an der DDR aber sogleich wett: Die Kindheit Die andere Gruppe befasst sich [...] mit sicherheit. Wir wussten ja nicht, was
dort, so hätten die daheim Befragten be- der Frage nach Tätern und Opfern in genau geschehen würde, welche konkreten
richtet, sei doch schön gewesen, mit Schul- der DDR. Die Schüler haben einen Beitrag Veränderungen auf uns zukommen.
speisung, genug Kindergarten- und Arbeits- von Bummi, dem Bären, gelesen, in dem Aber natürlich überwog die Freude, dass
plätzen und dem guten Kinderprogramm die SED als die große Familie gepriesen wird. die SED-Diktatur zu Ende ist. [...]
des Fernsehens. Alles sei bestens organisiert Bummi ist eine Erfindung des Zentralrats G. A.: Ihnen war die historische Bedeutung
gewesen. Weder die Reisefreiheit noch der FDJ und bis heute der Titelheld einer des Tages bewusst?
das Westfernsehen hätten ihnen gefehlt. Kinderzeitschrift. Bummi hat im Internet Kowalzcuk: Gar keine Frage, ja. Wobei die
Die Mutter sei gern zu den jungen Pionie- eine Fangemeinde, die sich zur Kindheit historisch bedeutsamen Ereignisse in den
ren gegangen oder habe heute noch und Geborgenheit in der DDR bekennt. Auch Monaten zuvor passiert waren: die
Freundinnen aus der FDJ. Von der Stasi hät- alle Zehntklässler kennen den gelben Massenflucht, die Massendemonstrationen
ten nur Einzelne etwas bemerkt. Bären. Als Kontrast haben sie einen Text in Leipzig, der Fall der Mauer, die freien
Auch wenn die befragten Verwandten über die „Politisch ideologische Diversion“ Wahlen in der DDR. Das sind die eigentli-
den Grenztruppen angehörten, und (PiD) gelesen, für deren Bekämpfung chen Wegmarken der Einheit.
das waren nicht wenige, hatten sie angeb- die Hauptabteilung XX des MfS zuständig G. A.: Knapp elf Monate zuvor war die Mau-
lich keinen Kontakt zur Staatssicherheit. war. Als PiD galt jede von der Linie der er gefallen. Wie erinnern Sie sich daran?
Die ehemaligen Angehörigen der „bewaff- SED abweichende Einflussnahme auf die Kowalzcuk: Es war ein Tag der Selbstbefrei-
neten Organe“ lobten ihren Kindern und Meinungsbildung. [...] ung. Nicht der Staat öffnete die Mauer,
Enkeln gegenüber die Solidarität und Ka- Am zweiten Tag, dem Dienstag, arbei- die Bürger erzwangen den Durchbruch. Ge-
meradschaft in der Truppe. [...] Man habe ten sich die Zehntklässler durch das Erfurter rade viele Ost-Berliner hatten die Sehn-
zwar gewusst, dass man bespitzelt wird, Archiv der Stasiunterlagenbehörde. Auf sucht, einfach durch die Mauer zu fahren
aber man habe sich sicher und beschützt 1,4 Millionen Karteikarten wurden dort und zu schauen, was dahinter ist. Wir sind
gefühlt. Konflikte mit dem SED-Staat wa- während 40 Jahren Sozialismus die Daten ja mit dem Westen im Kopf groß gewor-
ren offenbar die Ausnahme. von 2,5 Millionen Menschen allein aus den. Ich wollte in die Plattenläden gehen,
[...] Der Vater eines Jungen empfand die dem kleinen Bezirk Erfurt festgehalten. Die in die Buchhandlungen. Jeden Abend
Schulungen des MfS während seines Schüler bereiten die Gespräche mit zwei hörte ich im Radio, was auf der anderen Sei-
Militärdienstes als „schlecht“. Wer bei der Zeitzeugen vor. Michael Schlosser, ein da- te in den Clubs los war, oder den West-
NVA seine Meinung sagte, habe 50 Mal mals 38 Jahre alter Kraftfahrzeugschlosser Wetterbericht. Klingt seltsam, aber nun galt
den Fahneneid schreiben müssen. Das MfS und Fuhrparkleiter des Fernsehstudios das West-Wetter auch für mich. [...]
habe ein Feindbild von den Verwandten Dresden, ist 1983 von der Staatssicherheit G. A.: Wie erinnern Sie sich an die DDR?
im Westen vermittelt. [...] verhaftet worden. Er erhielt vier Jahre und Kowalzcuk: Für mich war dieser Staat von
Julia erzählt von ihrem Vater, der nicht sechs Monate Haft wegen versuchter Repu- vorne bis hinten unerträglich. Die schönen
zur Wahl gehen wollte. Daraufhin sei der blikflucht. Grit Angermann war im selben Erlebnisse waren alle im familiären Bereich

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Auf dem Weg in den Zusammenbruch (1982 bis 1990) 79

oder mit Freunden. Aber das System DDR? Erinnerung und Identität erfahrungen nicht einfach uminterpretiert
Da entdecke ich nichts, das man hätte werden. Geschichten auf einmal nach
bewahren sollen. Erinnerungen an die Vergangenheit [...] neuem Raster zu erzählen oder damals
G. A.: Auch nicht Dinge wie die umfassende legitimieren, motivieren und vereinen völlig „normale“ Erlebnisse in Frage zu
Kinderbetreuung? die Bevölkerung durch Geschichtsschrei- stellen, ist schwer, wenn nicht gar unmög-
Kowalzcuk: Wenn man in Kindergärten bung und „Gründungsmythen“ oder lich. Vor allem ist dies schwierig, wenn
und Schulen ging, war es unerträglich. Zeremonien, wie Gedenkstätten oder auch die Basis, auf der die Vergangenheit bewer-
In den Kitas mussten die Kinder mit Kriegs- Jahrestage. [...] tet wird, noch umkämpft ist. [...]
spielzeug spielen, Disziplin und Ordnung, Erinnerungen sind ebenfalls eng mit Der Begriff „Vergangenheitsbewältigung“
das Kollektiv waren alles, der Einzelne individueller Identität verknüpft. Die entstand in der alten Bundesrepublik in
nichts. Das Ziel war, die Individualität der Geschichten, die wir über uns selbst erzäh- Bezug auf den Umgang mit Nationalsozi-
Kinder zu brechen. In der Schule ging len, senden Botschaften aus über die Per- alismus und Judenverfolgung. Er um-
das weiter. Permanent wurde vorgeschrie- son, als die wir gesehen werden wollen. [...] fasste eine Kombination von historischer
ben, was man zu lesen hatte. Man musste Das bedeutet auch, dass Erinnerungen, Forschung, Gedenken und Trauerarbeit,
ständig in militärähnlichen Formationen ob kollektiv oder individuell, in der Ge- in dem Versuch, dieses schwierige Kapitel
aufmarschieren. Es gab zahllose ideologi- genwart geschaffen werden. Sie werden zumindest zu „meistern“. Mit der
sche Tabuthemen. [...] von sozialen, kulturellen und politischen Wiedervereinigung wurde das Modell Ver-
G. A.: Also gar nichts, was sich gelohnt Faktoren beeinflusst und unterliegen gangenheitsbewältigung auf die DDR
hätte, ins vereinte Deutschland rüber zu Machtkonstellationen. Dies betrifft zum übertragen. [...] In Bezug auf die DDR-Ver-
retten? Beispiel die Frage, wer Versionen der gangenheit war der gängige Begriff nun
Kowalzcuk: Nein. Ich bin froh, dass man Vergangenheit kreieren und diese be- oder „Vergangenheitsaufarbeitung“. [...] Durch
mit der DDR Tabula Rasa gemacht hat. verurteilen darf. [...] Offizielle Versionen den Fokus auf den Diktaturcharakter
Man kann nicht aus einem Gesamtsystem der Geschichtsschreibung geben vor, was des vergangenen Staates und durch die
einzelne Aspekte herausgreifen. Die Einzel- als erinnerungswürdig gilt. Somit hängt Parallelität des Umgangs mit der NS-
teile bedingen einander. nationale Geschichtsschreibung von den Zeit akzentuierte die offizielle Geschichts-
G. A.: Können Sie die Debatte nachvollzie- Zukunftsvisionen momentaner Führungs- schreibung das Herrschaftssystem und
hen, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder eliten ab, das heißt von Regierungen, die Opposition. Dieser Vorgang wiederum
nicht? Amtsinhabern, Intellektuellen. Erinnerun- führte zu einem dichotomisierten Bild
Kowalzcuk: Ich reagiere ziemlich aller- gen, kollektive und individuelle, werden der DDR, mit Opfern auf der einen Seite
gisch auf Versuche, die Verhältnisse in der meistens, wenn auch nicht immer, durch und Tätern auf der anderen. [...]
DDR zu verniedlichen. Es gab nur 600 persönliche Erzählungen [...] geteilt. [...] Mittlerweile ist der Terminus „Vergan-
Rechtsanwälte für 17 Millionen Menschen. Maurice Halbwachs prägte den Begriff genheitsaufarbeitung“ im Osten Deutsch-
Wer das Land ohne Genehmigung ver- „kollektives Gedächtnis“. Er argumen- lands allerdings belastet. Ähnlich wie
lassen wollte, wurde verhaftet oder erschos- tierte, dass intimste Erinnerungen an die die „Vereinigung durch Übernahme“ durch
sen. Das Recht konnte in der DDR jeder- weiter reichenden Erinnerungen einer die Bundesrepublik, wird „Aufarbeitung“
zeit durch die herrschenden Kommunisten Gruppe, ob Familie, Freundeskreis oder Na- als ein vom Westen gesteuerter Prozess ge-
gebeugt werden. Willkür und Unrecht tion, gebunden sind. Wir können nur sehen, der über die individuell und
waren systembedingt. Wie kann man da erinnern, was von der Gruppe als legitim kollektiv erlebte Vergangenheit zu richten
nicht von einem Unrechtsstaat sprechen? betrachtet wird, und versuchen, unsere scheint. Verbunden mit Erfahrungen
G. A.: Viele Ex-DDR-Bürger reagieren Erfahrungen innerhalb des von der der Abwertung ostdeutscher Kultur und
verletzt. Gruppe vorgegebenen Rahmens zu ver- persönlicher Errungenschaften im Ver-
Kowalzcuk: Politik, Publizistik und Wissen- stehen. [...] einigungsprozess sowie dem realen
schaft haben es versäumt deutlich zu In „Umbruchsgesellschaften“ bestehen Verlust von Arbeitsplätzen und radikaler
machen, dass, wenn man von einem Un- besondere Probleme beim Umgang mit Veränderung der Umgebung in allen Le-
rechtsstaat spricht, kein Urteil fällt über der Vergangenheit. Dies betrifft nicht nur bensbereichen, führte dies Mitte der
die Menschen, die in diesem System lebten. Deutschland, sondern auch andere vor- neunziger Jahre zu Nostalgie und einer
Viele DDR-Bürger fühlen sich durch den mals sozialistische Länder. Mit dem Ende Art „Trotz-Identität“. „Ostalgie“ focht
Begriff in ihrer Lebensbiografie entwertet des Sozialismus und der Delegitimie- hierbei westdeutsche Hegemonie an und
und wehren sich dagegen. Dafür habe rung dieses Systems vollzog sich ein ex- präsentierte ein alternatives „Deutsch-
ich Verständnis. [...] tremer Wertewandel. Die Menschen heute Sein“. [...] Seit Mitte der neunziger Jahre
G. A.: Sind sich Ost- und Westdeutsche nah, müssen ein anderes Wertmaß an die scheint die trotzige „Ossi-Identität“
oder sind sie einander fremd geblieben? Vergangenheit anlegen. Entscheidungen, aber einem subtileren Gefühl von „Zu-
Kowalzcuk: Es bestehen nach wie vor Un- Taten, Lebensweisen, die in der sozialisti- Hause-Sein“ gewichen zu sein, was
terschiede im Denken und Verhalten. schen Gesellschaft „normal“ waren, wiederum eine flexible Auseinandersetzung
Aber warum auch nicht? In einem großen werden in Rückschau auf den Kommunis- mit den „anderen“ Deutschen zulässt. [...]
Land wie der Bundesrepublik gibt es diese mus in ein kritisches und oft negatives
Unterschiede eben, zwischen Nord und Licht getaucht. [...] Dieser Vorgang erwies Anselma Gallinat, Sabine Kittel, „Zum Umgang mit der DDR-
Süd, Ost und West. Die Vielfalt ist doch das sich als äußerst kompliziert. Viele Werte, Vergangenheite heute“, in: Thomas Großbölting (Hg.), Friedens-
staat, Leseland, Sportnation?, Berlin 2003, S. 309 ff.
Kennzeichen einer offenen Gesellschaft. die jahrzehntelang eingeübt und tradiert
Ich bin froh, dass es sie gibt. wurden, bestehen weiterhin in der Ge-
sellschaft und beeinflussen Wahrnehmung
„Dieser Staat war unerträglich“. Interview von Kai Pfundt mit
Ilko-Sascha Kowalzcuk, Projektleiter bei der Stasiakten-Behörde in
und Verhalten dieser Menschen. Da-
Berlin, in: Bonner General-Anzeiger Bonn vom 2./3. Oktober 2010 rüber hinaus können individuelle Lebens-

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80 Geschichte der DDR

wie möglich in private Hand zu überführen. Am 20. Septem- Der mit der Einheit Deutschlands verbundene gesellschaftliche
ber stimmten die beiden deutschen Parlamente dem Staats- Umbruch veränderte die Lebenswelten der Ostdeutschen drama-
vertrag mit großer Mehrheit zu. tisch. Für viele Menschen eröffneten sich dadurch neue Möglich-
keiten der beruflichen und privaten Selbstentfaltung. Politische
Gängelung, Gesinnungsterror und die Angst vor politischer Re-
Die deutsche Einheit pression gehörten der Vergangenheit an. Der Einzug der west-
deutschen Konsumwelt beendete auch die ostdeutsche Mangel-
Noch vor der staatlichen Einheit hatten sich die DDR-Liberalen wirtschaft. Doch zugeich mussten auch die Konsequenzen der
Mitte August mit der westdeutschen FDP vereinigt. Ende Sep- Marktwirtschaft bewältigt werden, die insbesondere viele Arbei-
tember vereinten sich die Sozialdemokraten und am 1. Oktober ter in den bislang staatlichen Betrieben überraschten. Millionen
schlossen sich der „Demokratische Aufbruch“ und die Bauern- Beschäftigte in Wirtschaft und Verwaltung wurden arbeitslos,
partei der CDU an. Die Partei „Die Grünen“ und das „Bündnis weil die privatisierten Betriebe den Übergang zur Marktwirtschaft
90“ einigten sich auf eine Zusammenarbeit bei der gesamt- nicht schafften oder große Staatsbetriebe geschlossen wurden.
deutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990. Verschiede- Mit der Aktion „Aufbau Ost“ versuchte die Bundesregierung
ne linke Gruppierungen verbanden sich mit der PDS. in den folgenden Jahren, in den neuen Bundesländern ein
Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik selbst tragendes wirtschaftliches Wachstum zu erreichen, die
Deutschland nach Artikel 23 des Grundgesetzes bei. Damit Abwanderung in den Westteil Deutschlands zu stoppen, die
hörte die DDR auf, als Staat zu existieren. Mit der staatlichen hohe Arbeitslosigkeit abzubauen und die Transferabhängig-
Einheit wurden für alle Bürgerinnen und Bürgern der neuen keit zu reduzieren. Bis 1995 wurden allein 82 Milliarden DM
Bundesländer jene Forderungen erfüllt, mit denen die Men- aus dem Fonds Deutsche Einheit für den Wiederaufbau im
schen im Herbst 1989 auf die Straße gegangen waren: Freiheit, Osten aufgewendet. Die Maßnahmen hatten jedoch nicht in
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Die Erfahrung, mit fried- allen Bereichen den gewünschten Erfolg. Im Westen rief die
lichen Massenprotesten, politischer Courage und gesellschaft- Höhe der Kosten der Einheit Unmut hervor. Im Osten verbrei-
lichem Reformwillen die kommunistische Diktatur im Osten tete sich das Gefühl, als Deutsche „zweiter Klasse“ angesehen
zu Fall gebracht zu haben, wirkt bis heute. zu werden. Auf diese Weise haben die Deutschen die vielfach
Am 14. Oktober 1990 fanden in Mecklenburg-Vorpommern, beschworene innere Einheit auch zwanzig Jahre nach der Wie-
Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen Land- dervereinigung noch nicht erreicht. In den Köpfen vieler lebt
tagswahlen statt. Nach der Bundestagswahl am 2. Dezember die Erinnerung an das, was sie in den vierzig Jahren ihrer Tren-
1990, aus der die CDU als stärkste Partei hervorging, wur- nung erlebten, fort. Um die Zukunft zu gestalten, bedarf es der
de Helmut Kohl zum ersten Bundeskanzler des vereinten Aufarbeitung der deutsch-deutschen Geschichte, die frei von
Deutschland gewählt. neuen oder alten Legenden sein sollte.

Die DDR im Rückblick


Von je 100 Befragten sagen:

Die DDR hatte … West Ost


… ganz überwiegend 5 8
gute Seiten
13
… mehr gute als
schlechte Seiten
49
… mehr schlechte als
gute Seiten 52

… ganz überwiegend
schlechte Seiten
32
keine Antwort
26
Eckel

8
Am Abend des 2. Oktober 1990 beginnen in Anwesenheit von Bundeskanzler 4 3
Kohl die Feierlichkeiten zur Deutschen Einheit. Um Mitternacht ist Deutsch- picture-alliance / © dpa-infografik, © Globus 2941, Quelle: BMVBS, Emnid Stand 2009
land wiedervereinigt, und die DDR gehört der Geschichte an.

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81

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82 Geschichte der DDR

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Informationen zur politischen Bildung Nr. 312/2011


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Internetadressen Autor

www.17juni53.de Andreas Malycha studierte von 1978 bis 1983 Geschichte an der Universi-
tät Leipzig. Von 1983 bis 1991 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter des
www.bpb.de/themen/DWWXEI,0,50_Jahre_Mauerbau.html Instituts für Marxismus/Leninismus beim ZK der SED bzw. des Instituts
für Geschichte der Arbeiterbewegung in Berlin beschäftigt. 1989 schloss er
www.bpb.de/themen/KGBNU7,0,Deutsche_Teilung_Deutsche_Einheit.html
seine Promotion zum Thema „Die SPD in der Sowjetischen Besatzungszone
www.bpb.de/themen/68PQ10,0,0,Geschichte_der_DDR.html Deutschlands im Jahre 1945“ ab. In den Jahren von 1992 bis 1996 arbeite-
te er als freiberuflicher Historiker an verschiedenen Projekten, u. a. für die
www.bpb.de/themen/JIRGFC,0,0,Kontraste_Auf_den_Spuren_einer_
Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn zur Gründung der SED. Danach folgten Tätig-
Diktatur_.html
keiten als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin
www.bpb.de/themen/AVYZYN,0,Ostzeit.html (1996 bis 1998), am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (1999
bis 2001), am Institut für Geschichte der Medizin/Zentrum für Human-
www.bpb.de/themen/HLHZQS,0,0,Sprache_und_Sprachgebrauch_in_ medizin Berlin (2003 bis 2005), an der Technischen Universität Dresden
der_DDR.html (2005 bis 2008) und am Institut für Geschichte der Medizin/Zentrum für
www.bpb.de/themen/PTENMV,0,0,Weltfestspiele_1973.html Humanmedizin Berlin (2008 bis 2010). Derzeit ist er als Wissenschaftlicher
Mitarbeiter für das Forschungsprojekt „Die SED zwischen Mauerbau und
www.chronik-der-mauer.de Mauerfall. Strukturen, Eliten und Konflikte (1961-1989/90)“ am Institut für
Zeitgeschichte, München-Berlin tätig.
www.jugendopposition.de/index.php?id=1
Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des politischen Systems
in der DDR, speziell die Geschichte der SED, und die Wissenschaftsgeschichte
der DDR.
Kontakt: malycha@ifz-muenchen.de

Impressum

Herausgeberin: Redaktionsschluss dieser Ausgabe:


Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Adenauerallee 86, 53113 Bonn, September 2011
Fax-Nr.: 02 28/99 515-309, Internetadresse: www.bpb.de/izpb,
E-Mail: info@bpb.de Text und Fotos sind urheberrechtlich geschützt. Der Text kann in Schulen
zu Unterrichtszwecken vergütungsfrei vervielfältigt werden.
Redaktion:
Jürgen Faulenbach, Christine Hesse (verantwortlich/bpb), Jutta Klaeren, Der Umwelt zuliebe werden die Informationen zur politischen Bildung
Cornelius Strobel (Volontär) auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt.

Gutachten und redaktionelle Mitarbeit:


Prof. Dr. Thomas Großbölting, Professor für Neuere und Neuste Geschichte
an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Christine Hesse,
Bonn; Prof. Dr. Günther Heydemann, Direktor des Hannah-Arendt-Instituts,
Dresden, und Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Zeitgeschichte an der
Universität Leipzig; Jutta Klaeren, Bonn; Cornelius Strobel, Bonn; Bernadett
Walker, Paderborn Anforderungen
Titelbild:
bitte schriftlich an
Straßenszene in Rostock im Juni 1983; Carsten Milbret – kleinespresse-
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Umschlag-Rückseite: Fax: 03 82 04/66-273 oder E-Mail: bpb@ibro.de
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Straße 19, 90768 Fürth modalitäten bitte melden an informationen@abo.bpb.de

Druck: Informationen über das weitere Angebot der Bundeszentrale für politische
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Vertrieb: Für telefonische Auskünfte (bitte keine Bestellungen) steht das Info-
IBRo, Verbindungsstraße 1, 18184 Roggentin telefon der bpb unter Tel.: 02 28/99 515-115 Montag bis Donnerstag
zwischen 8.00 Uhr und 16.00 Uhr und freitags zwischen 8.00 Uhr und
Erscheinungsweise:
15.00 Uhr zur Verfügung.
vierteljährlich.
ISSN 0046-9408, Auflage dieser Ausgabe: 700 000.

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Einblicke in die deutsche Geschichte vor Bestellt werden können die Hefte bei
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und nach 1945 bieten die zeitgeschichtlichen Fax 03 82 04 / 66 - 273 oder E-Mail bpb@ibro.de
oder unter www.bpb.de

Themenausgaben der „Informationen zur


Einzelausgaben sind kostenlos erhältlich, für
Sendungen ab 1 Kilo Gewicht fallen Portokosten an.

politischen Bildung“

Weimarer Republik
nennt sich von 1919 bis 1933 die erste Demokratie auf deutschem
Boden. Vorbelastet durch den Ersten Weltkrieg, geschüttelt von
politischen und wirtschaftlichen Krisen scheitert sie schließlich nicht
zuletzt mangels Rückhalt in der Bevölkerung. Von ihr gehen jedoch
fortdauernde Impulse für Gesellschaft und Kultur aus.
Bestell-Nr. 4.261

Nationalsozialismus
ist das Thema zweier Hefte. Das erste beschäftigt sich mit Aufstieg
und Herrschaft Adolf Hitlers und der nationalsozialistischen Bewe-
gung bis vor Kriegsbeginn. Das zweite Heft thematisiert den Zweiten
Weltkrieg sowie die NS-Vernichtungspolitik.
Bestell-Nr. 4.314 und 4.316

Deutschland 1945 - 1949


beschreibt die Anfänge im zerstörten Nachkriegsdeutschland. Die
gemeinsame Besatzungspolitik der vier alliierten Siegermächte
scheitert am aufbrechenden Ost-West-Konflikt. So gehen die drei
Westzonen und die Sowjetisch Besetzte Zone bald getrennte
Wege, die zur Gründung zweier deutscher Staaten, der DDR und
der Bundesrepublik, führen.
Bestell-Nr. 4.259

Deutschland in den fünfziger Jahren


erlebt entscheidende Weichenstellungen in Gesellschaft, Politik,
Wirtschaft und Kultur. Westdeutschland bewältigt die Integration von
Flüchtlingen und Vertriebenen, die soziale Marktwirtschaft führt zu
vorher nie gekanntem Wohlstand. In der DDR wird ein sozialistischer
Staat nach sowjetischem Muster errichtet. Erst der Bau der Mauer
1961 setzt der Massenflucht ein Ende.
Bestell-Nr. 4.256

Zeiten des Wandels


sind die Jahre von 1961 bis 1974. Die Bundesrepublik erlebt die
Große Koalition, die APO, innenpolitische Reformen und eine neue
Ostpolitik. Die DDR sucht sich durch Abgrenzung von Westdeutsch-
land zu konsolidieren und verknüpft mit dem Wechsel von Ulbricht
zu Honecker die Hoffnung auf einen Neubeginn.
Bestell-Nr. 4.258

Deutschland in den 70er/80er Jahren


zeigt, wie die DDR-Führung als Folge politischer Stagnation und öko-
nomischer Dauerkrise zunehmend an Rückhalt in der Bevölkerung
verliert. Auch in der Bundesrepublik machen sich wirtschaftliche Ein-
brüche bemerkbar, und der Terror der RAF erschüttert die Gesell-
schaft. In der Umwelt- und Friedensbewegung eröffnen sich neue
Wege bürgerschaftlichen Engagements.
Bestell-Nr. 4.270

Der Weg zur Einheit


führt durch vier Jahrzehnte deutscher Zweistaatlichkeit. Erst das Ende
des Ost-West-Konflikts eröffnet die Chance zur Wiedervereinigung,
die allerdings ohne den Mut der Menschen in der DDR und ihre fried-
liche Revolution von 1989 nicht zustande gekommen wäre. Und
danach musste der Weg zur inneren Einheit gemeistert werden.
Bestell-Nr. 4.250