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Andreas Reckwitz

Multikulturalismustheorien und der


Kulturbegriff
Vom Homogenitätsmodell zum Modell kultureller
Interferenzen

Das Konzept des „Multikulturalismus" erscheint zur Analyse von Gegenwartsgesellschaften ebenso weg-
weisend wie diffus, was nicht zuletzt auf die Uneindeutigkeit des Kulturbegriffs zurückzuführen ist. Es
werden zunächst die Konnotationen des Kulturbegriffs in den beiden avanciertesten sozialphilosophisch
ausgerichteten Theorien des Multikulturalismus bei Charles Taylor und Will Kymlicka herausgearbeitet.
Beide Theoretiker erweisen sich als Repräsentanten eines „homogenitätsorientierten" Multilculturalismus-
modells kultureller Gemeinschaften. Es zeigt sich, dass dieses Kulturverständnis im totalitätsorientierten
Kulturbegriff der Tradition Herders wurzelt, dem ein neuerer bedeutungsorientierter Kulturbegriff entge-
gengestellt werden kann, welcher die Identifikation von Wissensordnungen mit Gemeinschaften aufgibt.
Damit kann ein alternatives Modell des Multikulturalismus formuliert werden, das auf dem Konzept „kul-
tureller Interferenzen", das heißt der simultanen Wirksamkeit unterschiedlicher „background languages"
in Kollektiven basiert, und das zwischen der Struktur impliziter Wissensvorräte und den Selbstbeschrei-
bungsdiskursen von Kollektiven differenziert.

Das Konzept des „Multikulturalismus" legitim, kulturell-ethnischen Großgruppen


nimmt in den sozialwissenschaftlichen Ver- kollektive Rechte zuzuschreiben und von der
suchen der letzten Jahre, die hochmodernen' Mehrheitskultur eine Respektierung der
westlichen Kulturen auf den Begriff zu brin- Minderheitskulturen zu erwarten (vgl. nur
gen, eine Schlüsselstellung ein. Multikultu- Taylor et al. 1993a; Goldberg 1994; Mo-
ralismus verweist auf eine neuartige (oder dood/Werbner 1997; Willett 1998; Benhabib
zumindest als neuartig wahrgenommene) 1999).
Konstellation der gelockerten Bindung von Diskurshistorisch ist es der Kontext der
Nationalstaaten an Nationalkulturen, die sich politischen Artikulation von — insbesondere
in einer Parallelität unterschiedlicher Einzel- sich als ethnisch verstehenden — Minder-
kulturen, insbesondere solcher ethnischer heitskulturen im weiteren Zusammenhang
Art, innerhalb der gleichen Nationalstaaten der neuen sozialen Bewegungen am Ende der
niederschlägt. Der Begriff des Multikultura- 1960er und Beginn der 70er Jahre, in dem
lismus hat dabei von Anfang an nicht nur ei- sich das Konzept des Multikulturalismus als
ne analytische, sondem auch eine normative anfänglich normativer Leitbegriff ausbildet.
Konnotation: Sowohl in der Politik- und So- In einem zweiten Schritt stellte sich die Frage
zialtheorie als auch in der politischen Aus- des Multikulturalismus als Herausforderung
einandersetzung, wie sie insbesondere von far die — am Anfang gleichfalls normativ
ethnisch-kulturellen Minoritäten in Nord- konnotierte — Sozialtheorie und Sozialphilo-
amerika und Westeuropa vorangetrieben sophie dar. Neben der politischen Formie-
worden ist, wird die multikulturelle Gesell- rung einer black community in den Vereinig-
schaft als ein normatives Leitbild formuliert: ten Staaten (Ostendorf 1996) ist hier vor al-
Diesem zufolge erscheint es begründbar und lem die — zunächst ganz exzeptionelle, aber 179
A. Reckwitz: Multikulturalismustheorien und der Kulturbegriff

durch die sozialwissenschaftliche Rezeption zeigt werden, dass das kulturtheoretische Ba-
äußerst wirkungsmächtige — Formierung der sisvokabular in weiten Teilen der Multikultu-
fran.kokanadischen kulturellen Gemeinschaft ralismusdebatte beispielhaft bei den
in Quebec seit dem Beginn der 70er Jahre zu scheinbaren Antipoden Taylor und Kymlicka
nennen. Vor allem der Fall Quebec bildet den — auf einpluralistisches Homogeniteitsmodell
Hintergrund für die normativen Sozial- von Kultur hinausläuft, dessen Theoriearchi-
theorien des Multikulturalismus von Charles tektur auf einer impliziten Identifikation von
Taylor und Will Kymlicka, die die beiden ge- Sinngrenzen mit Kollektivgrenzen beruht
genwärtig wohl avanciertesten Sozialtheo- (Teil 1). Sobald man die über den multikultu-
rien des Multikulturalismus darstellen. Ein ralistischen Kontext hinausgehende Ausein-
zweiter, davon zu unterscheidender politi- andersetzung um die angemessene Fassung
scher und theoretischer Kontext des Multi- einer sozialwissenschaftlichen Theorie der
kulturalismus sind die sogenannten post-ko- Kultur im Rahmen des Cultural Turn der Hu-
lonialen Theorien, die seit den 1980er Jahren manwissenschaften betrachtet, zeigt sich je-
vor allem in Großbritannien und ehemaligen doch, wie problematisch verengt der homo-
Commonwealth-Staaten, daneben auch wie- genitätsorientierte, auf kulturelle Gemein-
derum in den USA entstanden sind. Als Er- schaften bezogene Kulturbegriff bleibt. Tay-
fahrungshintergrund stellen sich hier die glo- lor und Kymlicka stehen hier in mancher
balen Migrationsbewegungen im post-kolo- Hinsicht in der Tradition eines von Herder
nialen Zeitalter dar, die zu einer häufig unter geprägten totaliteitsarientierten Kulturbe-
dem Schlagwort einer kulturellen Globalisie- griffs, der Kulturen als Gemeinschaften von
rung zusammengefassten parallelen oder auf Menschen und deren Ideensystemen begreift.
komplizierte Weise einander überlagernden Dem steht ein bedeutungsorientierter Kultur-
Existenz verschiedener kultureller Traditio- begriff gegenüber, der aus den kulturtheoreti-
nen und Praktiken von ethnischen Gruppen schen Theorieinnovationen des 20. Jahrhun-
innerhalb der Nationalstaaten geführt haben derts schöpft und der die Identifikation zwi-
(vgl. Rex 1996; Werbner/Modood 1997; schen übersubjektiven Sinnsystemen (Wis-
Baumann 1999).2 sensordnungen, kulturellen Schemata) und
Es ist die spezifische Kombination von Gruppen und Gemeinschaften auflöst (Teil
Elementen einer Theorie moderner Kultur 2).
und eines politischen Programms bzw. einer Aus dem gemeinsamen Kontext eines be-
normativen politischen Philosophie, die je- deutungsorientierten Kulturbegriffs und der
doch dem Konzept des Multikulturalismus Konfrontation mit dem Phänomen einer
auch eine schillernde Uneindeutigkeit ver- hochmodernen kulturellen Globalisierung
leiht. Diese Mehrdeutigkeit betrifft vor allem zeichnet sich damit ein alternatives Multikul-
den Begriff der Kultur und damit auch den turalismuskonzept ab, das im Rahmen der so-
der Multiplizität von Kulturen, auf dem das genannten post-kolonialen Theorien des
Konzept des Multikulturalismus aufbaut. Multikulturalismus im Zusammenhang der
Auch wenn der Terminus des Multikultura- Analysen von kulturellen Hybridbildungen
lismus allen voran bei prominenten Autoren bereits angedeutet worden ist. Dieses Kultur-
aus der Kommunitarismus-Liberalismus-De- modell nimmt die Form eines Modells kultu-
batte wie Charles Taylor und Will Kymlicka reller Interferenzen an, dessen heuristische
von vornherein bereits eine normativ-poli- Eckpunkte herausgearbeitet werden sollen.
tikphilosophische Stoßrichtung besitzt, so Dieses Modell geht von der Möglichkeit der
liegt in allen Fallen eine sozialtheoretische Parallelexistenz unterschiedlicher kultureller
Vorstellung dessen zugrunde, was Kultur Codes in den lebensweltlichen Wissensvor-
und vor allem was unter dem Verhältnis un- räten der gleichen Akteure aus. Multikultura-
terschiedlicher Kulturen zueinander zu ver- lismus bezeichnet dann keine Multiplizität
stehen ist. Im Folgenden gilt nun diesen kultureller Gemeinschaften, sondern die
grundbegrifflichen Festlegungen einer Theo- Konstellation einer hybriden Gleichzeitigkeit
rie der Kultur bei den Autoren der Multikul- der Wirkung mehrerer Komplexe sozialer
180 turalismusdebatte unser Interesse. Es soll ge- Praktiken und mehrerer sich dort ausdrii-
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ckender background languages in den glei- genseitige Anerkennung unterschiedlicher


chen Kollektiven: eine kulturelle Heterogeni- kultureller Gemeinschaften begründen, die
tat nicht zwischen Kollektiven, sondern in- sich in ihren Wertgrundlagen möglicherwei-
nerhalb dieser (Teil 3). se gegenseitig dementieren? Auch wenn sie
das Multikulturalismusproblem damit als ein
normatives Begründungsproblem fassen, so
1. Das pluralistische geht beiden Autoren jedoch auf der Ebene ih-
res kulturtheoretischen Basisvokabulars ein
Homogenitätsmodell der Kultur: bestimmtes Vorverständnis dessen voraus,
Taylor und Kymlicka was unter Kulturen und ihrer Verschiedenar-
tigkeit zu verstehen ist — und zwar ein alles
Charles Taylor und Will Kymlicka können andere als selbstverständliches Kulturmo-
als die avanciertesten Theoretiker der sozial- dell.
theoretischen Multikulturalismusdebatte seit Charles Taylor, der die Frage des Multi-
den 1980er Jahren gelten (vgl. Taylor 1993a; kulturalismus in seinem Artikel „The politics
Kymlicka 1995a). Sie repräsentieren zu- of recognition" (vgl. 1993a) behandelt, ent-
nächst die beiden in der sozial- und politik- wickelt sein kulturtheoretisches Basisvoka-
philosophischen Debatte einander entgegen- bular vor allem in den beiden Bänden der
stehenden Theoriestränge einer im Kern „Philosophical Papers" (1985a, b), in denen
kommunitaristischen und einer im Kern libe- eine kulturwissenschaftliche Neufundierung
ral-universalistischen Argumentation, vor der Sozialtheorie angestrebt wird. Diese
deren Hintergrund das Multikulturalismus- Theorie der Kultur als Grundlage der Sozial-
problem jeweils behandelt wird. Taylors wissenschaften, die im Sinne eines post-hei-
Ausführungen zum Verhältnis der Anerken- deggerianischen (Taylor 1985c: 3) Ansatzes
nung zwischen Mehrheits- und Minderheits- an die Hermeneutik und daneben an ver-
kulturen stehen im Kontext einer komplexen schiedene Strömungen der Philosophie des
philosophischen Anthropologie und Kultur- deutschen Idealismus und der Romantik
philosophie. Diese will den partikularen kul- anschließen soll, bildet den Hintergrund von
turellen Hintergrund der scheinbar universal Taylors Verständnis einer multikulturellen
gültigen abstrakten Normen der Gerechtig- Konstellation. Taylors (1985g, 1995b) her-
keit und des Respekts in bestimmten voraus- meneutische Kulturtheorie des Menschen als
setzungsreichen liberal-westlichen Traditio- „self-interpreting animal" baut auf drei zen-
nen und kollektiven Lebensformen herausar- tralen Konzepten auf, die zunächst unabhän-
beiten. Kymlicka versucht demgegenüber in gig vom Multikulturalismusproblem ent-
seiner Erweiterung der klassischen Theorie wickelt werden: dem des „significance fea-
individueller Rechte zu einer Theorie kollek- ture", dem des kollektiven Hintergrundwis-
tiver Rechte genau eine solche liberal-uni- sens und dem der starken Wertungen.
versalistische politische Philosophie der Als significance feature umschreibt Tay-
Staatsbürgerschaft mit einem spezifischen lor (1985g, 1983, 1985c) das insbesondere
Interesse an der Konstellation multikulturel- von der modernen Phänomenologie und Her-
ler Verhältnisse weiterzuführen. meneutik problematisierte Phänomen, dass
Trotz dieser grundsätzlichen Differenzen jeder menschliche Handlungsakt und jede so-
teilen Charles Taylor und Will Kymlicka die ziale Praktik notwendigerweise von Akten
von vornherein normative Fassung, die sie des Sinnverstehens, von interpretativen Sinn-
dem Problem des Multikulturalismus verlei- zuschreibungen der Akteure ermöglicht wird,
hen. Für beide lautet die Frage, auf welcher mit denen diese den Gegenständen und Per-
Legitimitätsgrundlage in einem National- sonen ihrer Handlungsumwelt spezifische
staat, in dem sich unterschiedliche kulturelle Bedeutungen zuschreiben und „etwas als et-
Gemeinschaften gegenüberstehen, auch Min- was" verstehen. Innerhalb dieser routinisier-
derheitskulturen berechtigterweise eine Res- ten Bedeutungszuschreibungen der Akteure
pektierung ihrer kulturellen Besonderheiten kommt jenen interpretativen Akten, in denen
einfordern können: Wie lässt sich eine ge- die Handelnden über die Phänomene der 181
A. Reckwitz: Multikulturalismustheorien und der Kulturbegriff

Außenwelt hinaus sich selbst bestimmte vor: Die Differenz zwischen unterschiedli-
Bedeutungen zuschreiben und damit ihre chen background languages wird zunächst in
Identität, das Verständnis ihrer selbst, auf- eine Differenz zwischen unterschiedlichen
rechterhalten, eine besondere Relevanz zu. kulturellen Gemeinschaften, das heißt Perso-
Der Begriff des Hintergrundwissens liefert nengruppen, transformiert, die gleichzeitig
das Komplementärkonzept zum Begriff der Repräsentanten jeweils eines kulturellen
„Interpretation" (Taylor 1989: 3ff., 1993b). Hintergrundwissens darstellen sollen. In ei-
Wenn Interpretationen situative und notwen- nem zweiten Schritt geht Taylor darüber hin-
dig von einem Subjekt vollzogene Akte der aus von einer Differenz zwischen kulturellen
Sinnzuschreibung darstellen, dann stellt das Gemeinschaften aus, die jeweils eine kollek-
Hintergrundwissen im Sinne eines Systems tive Identität besitzen, das heißt, die sich in
von Unterscheidungen jene übersubjektiven ihrer Selbstbeschreibung gegenseitig als dif-
Sinnmuster bereit, aus denen der einzelne ferent wahrnehmen und damit jeweils „kol-
Akteur in seinen Sinnzuschreibungen lektive Ziele" entwickeln.
schöpft. Das implizite Hintergrundwissen, Die gesamte Behandlung des Multikultu-
das die Akteure in ihrem Sinnverstehen zum ralismusproblems bei Taylor ist von der
Einsatz bringen, besteht nicht aus autonomen Frage motiviert, wie sich der Anspruch be-
Sinnelementen, sondern aus Elementen, die stimmter Gruppen auf eine Respektierung
ihre Bedeutung erst über die Unterschieden- und Verteidigung ihrer spezifischen sozialen
heit von den anderen Elementen innerhalb Praktiken, wie sich mithin der Anspruch auf
der Gesamtheit der background language er- eine gegenseitige Anerkennung der Eigen-
halten, es ist somit bedeutungsholistisch arten verschiedener Kollektive legitimieren
strukturiert. Eng verknüpft mit diesem holi- lässt. Taylor rechnet damit Kulturen über die
stischen Modell des Hintergrundwissens ist Zuordnung auf Hintergrundsprachen hinaus
das Konzept der starken Wertungen (strong auf Personengruppen zu, die jeweils ein be-
evaluations): Die kollektiven Bestände eines stimmtes „Sinnsystem" vertreten. Er muss
Hintergrundwissens klassifizieren die Welt dann konsequent und ausdrücklich den Be-
und das Selbst nicht nur im Sinne qualitativer griff Kulturen für jene Praktiken und back-
Unterscheidungen, sie bewerten die unter- ground languages reservieren, die „ganze
schiedenen Phänomene zugleich und beset- Gesellschaften über längere Zeiträume mit
zen sie mit positiver oder negativer Valenz. Leben erfüllt haben. Mit dieser Formulierung
Erst die Kombination von deskriptiven und möchte ich bestimmte kulturelle Milieus in-
evaluativen Unterscheidungssystemen, mit- nerhalb einer Gesellschaft oder auch kurze
hin die Aufladung einzelner Sinnelemente Phasen innerhalb der Entwicklung einer Kul-
mit starken Wertungen macht verständlich, tur ausschließen" (Taylor 1993a: 63). Kultu-
wie die background languages den Akteuren ren werden somit von Taylor insofern mit
nicht allein eine kognitive Konstruktion ihrer Gemeinschaften gleichgesetzt, als sie in ihrer
Handlungsumwelt, sondern gleichzeitig eine Eigenschaft als bedeutungsholistisch struktu-
Motivierung bestimmten Handelns ermögli- rierte Sinnsysteme die gesamte Lebensweise
chen (Taylor 1985f, 1985d, 1989: 3ff.).3 eines Kollektivs anleiten. Kulturen sind nicht
Die allgemeine Kulturtheorie liefert den allein background languages, sondern die
Hintergrund für Charles Taylors Modell des Lebensform, die für eine soziale Gruppe cha-
Multikulturalismus. Wenn Kultur für Taylor rakteristisch ist und sie von anderen Gruppen
zunächst als kollektive sinnhafte Bestände unterscheidet. Taylor (1993a: 20) nimmt hier
eines Hintergrundwissens und die durch die- ausdrücklich Bezug auf Herder und lehnt
se ermöglichten Sinnzuschreibungen zu ver- sich an dessen Definition an, die „das Volk
stehen ist, stellt sich jedoch die Frage, was als Trager einer Kultur inmitten anderer Völ-
mit Kulturen im Plural gemeint sein kann, ker" versteht: Bestimmte Gruppen von Per-
die eine Konstellation der Multikultur bilden. sonen sind Vertreter von bestimmten Kultu-
Taylor nimmt in seinen Ausführungen zum ren, während sich in ihrer Umwelt andere
Multikulturalismus eine implizite Bedeu- Personengruppen mit anderen Kulturen, das
182 tungsverschiebung seines Kulturkonzepts heißt differenten Lebensformen befinden.
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Die normative Aussage „Es gibt andere über Kultur zum Ausgangspunkt nimmt, geht
Kulturen, und wir müssen mit ihnen zusam- er jedoch zu dem über, was man ein „plurali-
menleben" (ebd.: 70, Hervorhebung A.R.) ist stisches Homogenitätsmodell der Kultur"
nur verständlich, wenn eine solche Innen- nennen kann. Pluralistisch ist dieses Modell,
Außen-Grenzziehung zwischen verschiede- indem es von der Möglichkeit der Existenz
nen kulturellen Hintergrundsprachen voraus- verschiedenartiger kultureller Basiscodes
gesetzt wird, die gleichzeitig eine Innen- auch innerhalb von modernen Nationalstaa-
Außen-Grenzziehung zwischen sozialen ten ausgeht, die in ihren Grundlagen inkom-
Gruppen darstellen soll. Taylor geht noch ei- mensurabel sein können. Zu einem Homage-
nen Schritt über diese Festlegung hinaus: Die nitätsmodell wird der Ansatz jedoch zugleich
Konstellation der Diversität verschiedener dadurch, dass die Grenzen zwischen diesen
historisch verwurzelter kultureller Gemein- kulturellen Wissensvorräten mit den Grenzen
schaften wird dann zu einer multikulturellen zwischen unterschiedlichen Personengrup-
Konstellation im eigentlichen, für Taylor in- pen identifiziert werden. Damit wird voraus-
teressanten Sinne, wenn diese kulturellen gesetzt, dass eine einzelne Person wie auch
Gemeinschaften einander selbst gegenseitig ein ganzes Kollektiv sich als Träger eines
als different wahrnehmen und beginnen, kol- und nur eines Sinnhorizontes erweist: Die
lektive Ziele zu entwickeln. In Bezug auf die Differenzen zwischen Sinnhorizonten er-
potenziell marginalisierten Minderheitskul- scheinen gleichzeitig als Differenzen zwi-
turen ist es insbesondere das Interesse an ei- schen Gemeinschaften, durchaus im Sinne
nem Fortbestand der kollektiven Lebensform von Tönnies als „Gemeinschaften des Geis-
selbst, welches das zentrale kollektive Ziel tes" verstanden (Tönnies 1991: 12).4 Wäh-
gegenüber der Mehrheitskultur bildet. Bei rend diese Gemeinschaften nach außen ein-
Kulturen in diesem Sinne handelt es sich mit- deutig different und separierbar sind, erschei-
hin jeweils um „eine Gesellschaft mit ausge- nen sie nach innen homogen und auf jeweils
prägten kollektiven Zielsetzungen" (ebd.: einer spezifischen, die Lebensform begrün-
53), wobei gilt: „...was die Angehörigen von denden, immanent bedeutungsholistisch
Gesellschaften mit besonderem Charakter in strukturierten Hintergrundsprache fundiert.
Wirklichkeit anstreben (, ist) ihr (...) Fortbe- Eine zusätzliche konzeptuelle Stütze gewinnt
stand" (ebd.: 55). das Homogenitätsmodell der Kultur dadurch,
Man sollte die Kontingenz der theoreti- dass es von einer Übereinstimmung der Sinn-
schen Entscheidungen, die Taylor mehr im- grenzen zwischen Kollektiven mit den
plizit als wohl begründet — trifft, wenn er von Fremd- und Selbstwahrnehmungen dieser
seiner allgemeinen Skizze einer Theorie Kollektive ausgeht. Kennzeichnend ftir die
menschlicher Kultur zu einer Theorie des multikulturelle Konstellation ist damit, dass
Multikulturalismus übergeht, nicht aus den die Kollektive in ihren Sinngrundlagen nicht
Augen verlieren: Wenn er im Rahmen seiner nur different sind, sondern einander auch als
Skizze einer Philosophischen Anthropologie different perzipieren.
in den „Philosophical Papers" Kultur als die Taylors Modell des „Multi"-Kulturalis-
Abhängigkeit des Handelns von übersubjek- mus ist damit letztlich im Sinne einer
tiven Unterscheidungssystemen ausführt, so Multiplizierung mehrerer „Mono"-Kulturen
ist in diesem allgemeinen hermeneutischen aufgebaut, die jeweils als vorausgesetzte Ein-
Kulturverständnis zunächst keineswegs vor- heit von Personengruppe, homogenem Sinn-
ausgesetzt, dass diese background languages horizont, gemeinsamer Lebensform und ei-
an nach außen eindeutig abgrenzbare sowie ner Selbstidentifizierung als Kollektiv ge-
sich selbst als von ihrer Umwelt different set- genüber anderen Kollektiven einander ge-
zende kulturelle Gemeinschaften gebunden genüberstehen.5 Die theoretische Wurzel ei-
sind. Erst dadurch, dass Taylor in seiner Be- ner derartigen homogenitätsorientierten Kon-
handlung des Multikulturalismus die politi- zeption von Multikulturalismus ist jedoch
schen Forderungen nach Respektierung von letztlich darin zu suchen, dass Taylor, der in
Minderheitskulturen, mithin einen bestimm- seiner allgemeinen Kulturtheorie zunächst an
ten zeitgenössischen politischen Diskurs den wegweisenden bedeutungsorientierten 183
A. Reckwitz: Multikufturalismustheorien und der Kulturbegriff

Kulturbegriff aus der Sozialphilosophie des Lebensform eines Kollektivs kennzeichnend.


20. Jahrhunderts anknüpft, in seiner Konzep- Er verzichtet größtenteils auf den hermeneu-
tion des Multikulturalismus dem in der ro- tischen Theoriehintergrund, den Taylor ent-
mantischen Philosophie und frühen Kultur- wickelt. Statt dessen betreibt Kymlicka von
anthropologie des 19. Jahrhunderts verwur- vornherein eine eindeutige Identifikation von
zelten, totalitätsorientierten Kulturbegriffs Kultur als kollektiver Lebensform mit einzel-
verhaftet bleibt. Bevor diese unterschiedli- nen Gemeinschaften. Zusätzlich führt er
chen Konnotationen des Kulturbegriffs und noch ein drittes ,Grene-Kriterium ein, nach
ihre Verarbeitung in der Multikulturalismus- dem sich — zumindest in der idealtypischen
diskussion näher betrachtet werden, soll mit Definition — Kulturen voneinander separie-
Will Kymlicka noch ein Blick auf den zwei- ren: das Kriterium der räumlichen Abgrenz-
ten, für die aktuelle Multikulturalismusde- barkeit. Kulturen beziehen sich damit nicht
batte in der Sozialtheorie zentralen Autor ge- allein auf unterschiedliche Lebensformen
worfen werden. Hier wird deutlich, dass es und Personengruppen, sondern auch auf un-
sich beim pluralistischen Homogenitäts- terschiedliche Territorien. Die Sinngrenzen
modell nicht um ein Spezifikum Taylors oder der Lebensformen fallen nicht nur mit den
allein kommunitaristischer Theoretiker han- körperlich-mentalen Grenzen der Menschen
delt. in Kollektiven, sondern idealerweise zudem
Will Kymlickas Arbeiten sind sehr viel mit räumlichen Grenzen zusammen. Der
starker als das Werk Taylors auf eine (nor- zeitgenössische Multikulturalismus, den
mative) Theorie des Multikulturalismus, und Kymlicka als eines der zentralen Merkmale
zwar im Sinne einer erneuerten liberalen po- der westlichen Gegenwartskulturen aus-
litischen Philosophie der Staatsbürgerschaft, macht, muss sich damit konsequenterweise
konzentriert (vgl. Kymlicka 1991, 1995a, auf eine multinationale oder — in schwäche-
1995b). Während Taylor bereits unabhängig rem Maße — auf eine polyethnische Konstel-
von der multikulturellen Problematik Ansät- lation beziehen: Im ersten Fall besteht tat-
ze einer Kulturtheorie liefert, ist Kymlickas sächlich jene strikte Trennung nicht nur nach
Interesse an Kultur und Kulturen ein aus- Kollektiven und Lebensformen, sondern
schließlich normativ-politisch ausgerichtetes auch nach räumlichen Territorien, während
Interesse am Begründungsproblem, wie sich in letzterem Fall die kulturellen Minder-
spezifische kollektive Rechte von ethnischen heiten sich zwar als eine Personengruppe mit
Minderheiten legitimieren lassen. Die grund- distinkter (zumindest privater) Lebensform
begriffliche Frage, was überhaupt unter einer abgrenzen lassen, aber kein eigenes Territori-
Kultur und unter einer Multiplizität von Kul- um bewohnen (ebd.: 11ff.). Multikulturalis-
turen zu verstehen ist, wird bei ihm daher nur mus stellt für Kymlicka die Multiplikation
am Rande und theoretisch wenig elaboriert mehrerer kultureller, historisch verwurzelter
behandelt. Kymlicka konstatiert jedoch in ei- Gemeinschaften — oder sogar mehrerer Na-
ner Klarheit, die kaum zu wünschen übrig tionalkulturen — innerhalb des gleichen Na-
lässt: „I am using ,a culture' as synonymous tionalstaates dar.6
with ,a nation' or ,a people' ... that is, as an Das pluralistische Homogenitätsmodell
intergenerational community, more or less der Kultur, das man bei Taylor herausarbei-
institutionally complete, occupying a given ten konnte, findet sich damit in direkterer
territory or homeland, sharing a distinct lan- und einfacherer Form auch bei seinem libera-
guage and history" (1995a: 18). Kulturen bil- len Opponenten Kymlickii: jene eindeutige
den „societal cultures whose practices and Zuordnung eines Kollektivs zu einer Lebens-
institutions cover the full range of human ac- form, die sich nach innen als homogen und
tivities, encompassing both public and and nach außen als distinkt zu anderen kulturel-
private life. These societal cultures are typi- len Gemeinschaften darstellt. Die Identifika-
cally associated with national groups" (ebd.: tion von Sinngrenzen bzw. den Differenzen
75f.). Für Kymlickas Verständnis von Kultur zwischen sozialen Praktiken mit den Diffe-
und folglich auch von Multikultur ist somit renzen zwischen Personengruppen als „gan-
184 eine Identifikation von Kultur mit der ganzen ze Menschen" ist für Kymlickas Verständnis
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so zentral, wie sie es für Taylor war. Um aber ständnis, das gleichzeitig jedoch ganzheitlich
die Kontingenz und letztlich Begrenztheit auf die gesamte Lebensform eines Kollek-
dieses Kulturkonzepts, abschätzen zu kön- tivs, bevorzugt eines Volkes bezogen wird.
nen, wollen wir uns — nun unabhängig von Kennzeichnend für Herder (1967: 44f.) ist
der Debatte um den Multikulturalismus — den ein Kugelmodell der Kulturen, wobei die Na-
unterschiedlichen theoretischen Konnotatio- tionalkulturen den paradigmatischen Fall
nen des modernen sozialwissenschaftlichen darstellen: „Jede Nation hat ihren Mittel-
Kulturbegriffs allgemein zuwenden. Dann punkt der Glückseligkeit in sich wie jede
wird sich zeigen, wie in der Multikulturalis- Kugel ihren Schwerpunkt". Im totalitätsori-
musdebatte letztlich zwei verschiedene Kul- entierten Kulturverständnis ist far eine Kul-
turbegriffe miteinander verschmolzen wer- tur ein Komplex spezifischer Verhaltenswei-
den. sen charakteristisch, so dass das Verhältnis
der Kulturen zueinander durch eine „natürli-
che (...) Fremdheit" (ebd.: 45) geprägt ist.
2. Der totalitätsorientierte und der Gleich einer Kugel erscheint die Kultur im
Sinne der Totalität einer Lebensweise, wie
bedeutungsorientierte Kulturbegriff sie von einem Kollektiv (bevorzugt einem
nationalen Kollektiv) praktiziert wird, imma-
So weit verbreitet der Kulturbegriff in den nent geschlossen und nach außen durch eine
Sozialwissenschaften, insbesondere seit dem eindeutige Differenz zu anderen Lebenswei-
Cultural Turn (Alexander) der 1980er Jahre sen bestimmt. Diese Differenz der Lebens-
ist, so uneindeutig stellt er sich dar.8 Kultur weisen der Völker stellt sich nicht nur als ei-
ist — ähnlich Gesellschaft oder Geschichte — ne durch den historischen Beobachter kons-
seit den semantischen Innovationen am Ende tatierte Faktizität dar, sondern wird nach
des 18. Jahrhunderts einer der Schlüsselbe- Herders Darstellung von den fraglichen Kol-
griffe zur modernen Reflexion der menschli- lektiven auch in ihrer Selbst- und Fremd-
chen Lebensweise (vgl. Williams 1972, Ten- beschreibung in gleicher Weise wahrgenom-
bruck 1979, Luhmann 1995), allerdings ein men — diese Innen-Außen-Interpretationen,
Schlüsselbegriff, der in seiner historischen wie sie von den sozialen Gruppen selbst vor-
Entwicklung mit unterschiedlichen Bedeu- genommen werden, tragen zur Stabilisierung
tungen verknüpft ist. Neben einem normati- der Sinngrenzen bei."
ven Kulturbegriff, der Kultur als eine nach Indem Herder Kulturen als sich geschicht-
bestimmten Wertkriterien herausragende Le- lich ausbildende Lebensweisen einzelner
bensweise versteht,9 und dem differenzie- Völker und Nationen begreift und die unver-
rungstheoretischen Kulturbegriff, der Kultur gleichliche Individualität jedes Volkes, jeder
als ein gesellschaftliches Teilsystem begreift, Epoche hervorhebt, die prinzipiell an ihrem
das sich mit Weltdeutungen beschäftigt,19 eigenen Maßstab zu messen ist, bereitet er
existieren zwei sozialtheoretisch relevante der Ausbreitung des Kulturbegriffs in den
Kulturbegriffe, die beide für die Multikultu- Geistes- und Sozialwissenschaften des 19.
ralismusdebatte wirkungsvoll gewesen sind: Jahrhunderts und damit einer empirischen
der totalitiitsorientierte und der bedeutungs- Analyse der Kultur ihren Weg. Der totalitäts-
orientierte Kulturbegriff. Sie implizieren un- orientierte Kulturbegriff wird vor allem von
terschiedliche Modelle dessen, was eine Kul- der sich am Ende des 19. Jahrhunderts im an-
tur ist und fiihren daher zu verschiedenarti- gelsächsischen Raum ausbildenden Ethnolo-
gen Grundannahmen dessen, was eine multi- gie aufgegriffen und empirisch angewendet.
kulturelle Konstellation ausmachen kann. Paradigmatisch erscheint hier die Definition
Der „totalitätsorientierte" Kulturbegriff ist von Kultur, die der britische Kulturanthropo-
historisch mit Johann Gottfried Herder ver- loge Edward Tylor (1871: 1) in „Primitive
bunden. Gegen die normativ begründete Dif- Culture" bietet: „Culture or civilization, ta-
ferenz von Kultur und Zivilisation der ken in its wide ethnographic sense, is that
Kant'schen Aufklärungsphilosophie setzt complex whole which includes knowledge,
Herder ein kontextualistisches Kulturver- belief, art, morals, law, custom, and any 185
A. Reckwitz: Multikulturalismustheorien und der Kulturbegriff

other capabilities and habits acquired by man culture-and-society" ein zeitgenössisches


as a member of society." Der holistische Kul- Verständnis gegenüber, das Kultur als „con-
turbegriff bezieht sich in diesem Sinne auf tent and patterns of ... symbolic-meaningful
die gesamte menschliche Lebensweise. Der systems as factors in the shaping of human
totalitätsorientierte Kulturbegriff identifiziert behavior..." (ebd.) begreift. In seiner Zusam-
letztlich Kultur und Gesellschaft miteinan- menfassung der kulturtheoretischen Debatte
der. Kroeber/Parsons (1958: 583) sprechen der drei folgenden Jahrzehnte umschreibt
mit Blick auf den totalitätsorientierten Kul- Jeffrey Alexander ein ähnliches Kulturver-
turbegriff daher zu Recht von einem „con- ständnis, so wie es sich in einem allgemeinen
densed concept of culture-and-society". Sinne in den Kulturtheorien durchgesetzt hat:
Im Herder'schen und ethnologischen, to- „The concept of culture comes into play to
talitätsorientierten Verständnis von Kultur ist the degree that meaning is conceived as orde-
damit bereits ein spezifisches Modell des red ... culture is the ‚order' corresponding to
Multikulturalismus angelegt: Ausdrücklich meaningful action." (Alexander/Seidman
geht der totalitätsorientierte Kulturbegriff 1990: lf.)12 Ein solches bedeutungsorientier-
von der Existenz einer Vielfalt von Kulturen tes Kulturverständnis ist theoretisch insbe-
aus. Diese Vielfalt ist jedoch von vornherein sondere von der Semiotik, der Hermeneutik
als eine Multiplizität von sozialen Gemein- und Wittgensteins Philosophie der Sprach-
schaften gedacht: Soziale Gemeinschaften spiele auf den Weg gebracht worden.
zeichnen sich nach diesem Verständnis durch Menschlichen Handlungsweisen liegt diesem
jeweils gemeinsame Lebensformen und Verständnis zufolge eine „symbolische Or-
durch eine kollektive Selbstperzeption aus, ganisation der Wirklichkeit" in symbolischen
die das eigene Kollektiv von fremden Kol- Codes oder Sinnhorizonten zugrunde — und
lektiven unterscheidet. Einem Kollektiv lässt diese symbolische Organisation der Wirk-
sich damit eindeutig eine in sich homogene lichkeit macht das Kulturelle aus: Die struk-
Lebensform zuordnen, und — dies wird damit turalistische Semiotik, für die Saussure die
vorausgesetzt — der einzelne Akteur inner- Initialzündung liefert, interpretiert die man-
halb des Kollektivs partizipiert allein an dem nigfachen Verhaltensereignisse der Hand-
seiner Gemeinschaft zugehörigen S innsys- lungspraxis als Aktualisierungen übersubjek-
tem. tiver, entlang von sinnhaften Differenzen
Es ist nun genau diese Kopplung des Kul- strukturierten Zeichensystemen. Die moder-
turbegriffs an den Begriff der Gesellschaft, ne Hermeneutik begreift die Verstehensakte
der Gemeinschaft, des Kollektivs und der Le- des einzelnen Subjekts, mit denen es seine
bensform, letztlich die Kopplung von Kultur Umwelt sinnhaft erschließt, als eingebettet in
an ein Kollektivsubjekt, die in dem, was man übersubjektive, sinnhafte Verweisungs- und
als bedeutungsorientierten Kulturbegriff um- Überlieferungszusammenhänge. Wiftgen-
schreiben kann, aufgegeben wird. Der bedeu- steins Spätphilosophie schließlich versteht
tungsorientierte Kulturbegriff, wie er die kul- soziale Verhaltensroutinen als Ergebnis der
turwissenschaftliche Wende in den Sozial- konstitutiven Regeln und des Wissens von
wissenschaften des letzten Viertels des 20. Sprachspielen, die die Kriterien vorgeben,
Jahrhunderts beherrscht, definiert Kultur als nach denen mögliche und intersubjelctiv ver-
symbolischen Code, als ein System von Un- stehbare Praktiken hervorgebracht werden
terscheidungen oder als einen Sinnhorizont, können.13
in dem eine spezifische Form der kognitiven Der Kulturbegriff erhält damit eine sozial-
Organisation der Wirklichkeit vollzogen konstruktivistische Umdeutung: Aus der se-
wird. Die Differenz zwischen einem totalitä s- miotischen, hermeneutischen oder sprach-
orientierten und einem bedeutungsorientier- spielphilosophischen Perspektive sind die
ten Kulturbegriff wird bereits in Arnold L. unterschiedlichen Lebensformen, die der to-
Kroebers und Talcott Parsons Manifest „The talitätsorientierte Kulturbegriff im Gefolge
concepts of culture and of social system" an- der Romantik und der Kulturanthropologie
gedeutet. Sie stellen dem aus dem 19. Jahr- des ausgehenden 19. Jahrhunderts als den
186 hundert tradierten „condensed concept of Kern der Kulturalität ausmachte, nur die
Berl. J. Soziol., Heft 2 2001, S. 179-200

Oberfläche, hinter denen sich unterschiedli- len Kommunikationssystemen und psychi-


che Wissensordnungen befinden — seien die- schen Systemen, Foucault in durchaus paral-
se nun als symbolische Ordnungen, kulturel- leler Weise durch seine Profilierung des
le Codes, übersubjektive Sinnhorizonte oder Konzepts des Diskurses als einer von Wis-
konstitutive Regeln umschrieben. Zwar stim- senscodes angeleiteten Zeichensequenz.
men das totalitätsorientierte und — zumindest Auch wenn Luhmann und Foucault dieser
zum größten Teil — das bedeutungsorientierte begrifflichen Entkopplung von symbolischen
Kulturverständnis dahingehend überein, dass Ordnungen und Subjekten eine in mancher
sie kontextualistisch, nicht universalistisch Hinsicht problembeladene Form geben14 —
ausgerichtet sind: ersteres geht von der His- letztlich handelt es sich nur um eine beson-
torizität der Gemeinschaften, letzteres von ders weitgehende Version jener Abstrak-
der historischen Kontingenz der kulturellen tionsleistung, die im Gefolge von Semiotik,
Codes aus. Die sozialkonstruktivistische Fas- Hermeneutik und Sprachspielphilosophie auf
sung des Kulturbegriffs bewirkt nun jedoch breiter Front vollzogen wird. Diese Abstrak-
das, was insbesondere im Zusammenhang tionsleistung des bedeutungsorientierten ge-
mit (neo)strukturalistischen Theorien unter genüber dem totalitätsorientierten Kulturver-
der Bezeichnung einer „Dezentrierung des ständnisses besteht darin, die Ebene der ein-
Subjekts" (vgl. Giddens 1987: 86ff.) bekannt zelnen Akteure und Akteursgruppen als
ist, aber far die Hermeneutik und die post- „ganze Menschen" und „Kollektive" einer-
wittgensteinianischen Ansätze genauso gilt. seits von der Ebene der immanent struktu-
Diese Dezentrierung löst den Kultur vom
- rierten übersubjektiven sozialen Praktiken
Gemeinschaftsbegriff: Die Subjekte sind und Wissensordnungen andererseits zu diffe-
dem bedeutungsorientierten Kulturverständ- renzieren. Während der totalitätsorientierte
nis zufolge zwar (größtenteils) notwendige Kulturbegriff eine Identifikation der jeweili-
Trager von Komplexen sozialer Praktiken gen Grenzen von „Sinnsystemen" mit den
und diesen entsprechenden Wissensordnun- Grenzen zwischen sozialen Kollektiven, das
gen; jedoch erscheinen die Wissensordnun- heißt Gruppen von Akteuren, im Konzept der
gen hier nicht mehr in einem eindeutigen Gemeinschaft, des Volks, der Nation etc.
Zuordnungsverhältnis zu den Subjekten oder voraussetzte, erscheint aus der Sicht des be-
deren Gemeinschaften. Das einzelne Subjekt deutungsorientierten Kulturverständnisses
kann an verschiedenen Komplexen sozialer eine solche Identifikation als eine zwar mög-
Praxis partizipieren, die vor dem Hintergrund liche, aber nicht selbstverständliche, sondern
unterschiedlicher, im Extrem in ihren Grund- erklärungsbedürftige Konstellation: Sinn-
lagen inkommensurabler Sinnhorizonte voll- grenzen zwischen Unterscheidungssystemen
zogen werden. Diese sind somit nicht mehr und Komplexen sozialer Praktiken können
eindeutig einer bestimmten Gruppe von Sub- anders verlaufen als die Grenzen zwischen
jekten zurechenbar. Die Grenzen zwischen Individuen oder zwischen Gemeinschaften.15
Komplexen sozialer Praktiken und ihren Das bedeutungsorientierte Kulturver-
Wissensordnungen können nicht kurzerhand ständnis hat nun für die Perspektive auf die
als identisch mit den Grenzen zwischen ge- moderne Gesellschaft eine doppelte Konse-
meinschaftlichen Kollektiven und auch nicht quenz: Zum einen vollzieht es eine Kulturali-
mehr mit jenen körperlichen Grenzen zwi- sierung jener für die soziologische Theorie
schen einzelnen Akteuren vorausgesetzt wer- des 20. Jahrhunderts charakteristischen
den. Denkfigur, die Georg Simmel (1992: 456ff.)
Diese relative begriffliche Entkopplung als „Kreuzung sozialer Kreise" im Subjekt
von symbolischen Ordnungen und Subjekten umschreibt: So wie die klassische Sozial-
im Zuge des bedeutungsorientierten Kultur- theorie bei Emile Durkheim (1976, 1980:
verständnisses haben wohl Niklas Luhmann 105ff.), Simmel und Talcott Parsons (1951:
(1984) und Michel Foucault (1990) theore- 24ff.) ihre Theoriearchitektur in der Weise
tisch am radikalsten betrieben: Luhmann ent- aufbauten, dass die Kreuzung von sozialen
koppelt soziale Sinnsysteme und Subjekte Norm und Rollensystemen in der mentalen
-

durch seine Unterscheidung zwischen sozia- Struktur der einzelnen Akteure als ein zentra- 187
A. Reckwitz: Multikulturalismustheorien und der Kulturbegriff

les Signum moderner Gesellschaften denk- welche begriffliche Tradition von beiden
möglich wurde, so macht es der bedeutungs- weitergeführt wird. Ihr Kulturbegriff steht in
orientierte Kulturbegriff im Gefolge von vieler Hinsicht in Kontinuität zum totalitäts-
Semiotik, Hermeneutik und Sprachspielphi- orientierten Kulturverständnis im Gefolge
losophie beschreibbar, dass kognitive Wis- von Herder. Charles Taylors Theorie der
sensordnungen in Form eines welterschlie- Kultur ist in seinem Konzept des Hinter-
ßenden Sinnhorizontes nicht mit der gesam- grundwissens und des „self-interpreting ani-
ten mentalen Struktur eines Subjekts und mal" zwar gleichzeitig durch den bedeu-
nicht mit der mentalen Struktur sämtlicher tungsorientierten Kulturbegriff der Herme-
Subjekte in einem gemeinschaftlichen Kol- neutik beeinflusst (und bleibt in diesen Ele-
lektiv identisch sein müssen, sondern dass menten wegweisend). In seinen Ausführun-
hier eine Kreuzung, das heißt eine simultane gen zum Multikulturalismus verknüpft er den
Wirksamkeit von Sinnhorizonten im Subjekt bedeutungsorientierten Kulturbegriff jedoch
und in den Kollektiven stattfinden kann: Der mit dem totalitätsorientierten Verständnis
einzelne Akteur ist Trager unterschiedlicher von Kultur als kultureller Gemeinschaft: Die
Komplexe sozialer Praktiken und deren ver- Konstellation des Multikulturalismus er-
schiedener Wissensordnungen. Zum anderen scheint dann als eine Vervielfdltigung mono-
mündet das bedeutungsorientierte Kulturver- kultureller Gemeinschaften, die im Verhält-
ständnis damit aber konsequenterweise in ein nis zueinander in ihren Sinngrundlagen diffe-
alternatives Konzept des Multikulturalismus rent, nach innen jedoch eine homogene
(das bei den soziologischen Klassikern selbst Sinnstruktur bilden. Die Chance der begriff-
in dieser Weise kaum angedacht war): Multi- lichen Auflösung der festen Kopplung von
kulturell ist nun eine Konstellation, in der symbolischen Ordnungen an Gemeinschaf-
Akteure gleichzeitig an mehreren unter- ten, wie sie der bedeutungsorientierte Kultur-
schiedlichen Wissensordnungen teilnehmen, begriff ermöglicht, wird damit nicht genutzt.
die sie zu unterschiedlichen Interpretationen Das Ergebnis des gemeinschaftsorientierten,
ihrer Lebensführung anleiten. In einer multi- essenzialistischen Multikulturalismuskon-
kulturellen Konstellation bilden Wissensord- zepts ist eine Einengung der empirisch-ana-
nungen kulturelle Interferenzen und konfron- lytischen Anschlussmöglichkeiten, die mit
tieren die Akteure mit einer Situation kultu- einem bemerkenswerten Traditionalismus in
reller Hybridität, in der in den sozialen der Diagnose hochmoderner Kultur ver-
Kollektiven verschiedene kulturelle Hinter- knüpft ist.
grundsprachen gleichzeitig wirksam sind. Die Identifikation von Kollektiv und
Aus dieser Perspektive erscheint nun jedoch Sinnsystemen schließt von vornherein eine
gerade jene Konstellation, die aus Sicht des adäquate Begrifflichkeit zur Analyse alterna-
totalitätsorientierten Kulturmodells als eine tiver, post-traditionaler Konstellationen aus:
Vielfalt der Kulturen interpretiert wurde, als der Konstellation, dass Handelnde an Kom-
monokulturell: als eine Addition überschnei- plexen sozialer Praktiken partizipieren, die
dungsfrei nebeneinander existierender ihren Hintergrund in verschiedenen, mögli-
Gemeinschaften. cherweise inkompatiblen background langu-
ages haben, so dass auf der Ebene des ver-
meintlichen Kollektivs — wie auch des ver-
3. Multikulturalismus als meintlich immanent homogen strukturierten
Akteurs — mehrere Wissensordnungen
Konstellation kultureller gleichzeitig herangezogen werden oder mit-
Interferenzen einander konkurrieren. Damit bleibt der theo-
retische Rahmen, den das Multikulturalis-
Wenn man die Vokabulare zum Multikultu- muskonzept eines pluralistischen Homogeni-
ralismus, so wie sie von Charles Taylor und tätsmodells bietet, jedoch darauf beschränkt,
Will Kymlicka geboten werden, vor dem solchen Konstellationen den Status eines
Hintergrund der unterschiedlichen Optionen nicht weiter erläuterungsbedürftigen Nor-
188 des Kulturbegriffs versteht, wird deutlich, malfalls zu verleihen, der bereits bei Klassi-
Bed. J. Soziol., Heft 2 2001, S. 179-200

kern der modernen Sozialtheorie wie Durk- Welt, folgt man entsprechenden kulturwis-
heim und Tönnies als typisch für primär tra- senschaftlichen und soziologischen Analysen
ditionale Gesellschaften angenommen wurde (vgl. etwa Robertson 1992, Friedman 1994,
(und die wohl auch dort nur aufgrund eines Featherstone et al. 1995; CasteIls 1997), mit
modernistischen Vorurteils als typisch er- einer kulturellen Pluralisierung in dem Sinne
scheinen konnten): die Existenz eines ge- rechnen, dass Akteure in ihrer Lebensfüh-
meinsamen Kollektivbewusstseins oder die rung gleichzeitig unter dem Einfluss ver-
Existenz einer sozialen Gemeinschaft als schiedener grundlegender Sinnhorizonte und
„Gemeinschaft des Geistes" (vgl. Durkheim kultureller Traditionen geraten können, die
1992: 118ff.; Tönnies 1991: 7ff). ihre Identität damit prekär werden lassen.
Nun hat bereits ein Großteil der soziologi- Insbesondere jene Akteure, die an den globa-
schen Theorie des 20. Jahrhunderts gegen ei- len Migrationsbewegungen teilhaben, sind
ne solche Identifikation der Verhältnisse tra- mit einer derartigen Konstellation hybrider
ditionaler, gerne inschaftlich organisierter Kulturen konfrontiert, die folgenreich für die
und moderner Gesellschaften argumentiert: Identitätsbildung auf individueller wie auf
Die klassische Argumentation von Durkheim kollektiver Ebene wird. Die Wirkung von
und Simmel über Parsons und Merton bis Kultur im Sinne von Multikultur ist dann je-
Luhmann ging dabei regelmäßig in die Rich- doch eher mit einem Modell kultureller
tung, das traditionelle Konzept des in sich Interferenzen zu erfassen, das heißt einem
homogen strukturierten gemeinschaftlichen Modell, dass mit der Überlagerung unter-
Kollektivsubjekts auf der Grundlage einer schiedlicher Wissensordnungen rechnet.16
Theorie funktionaler Differenzierung moder- Ein derartiges, auf dem Grundgedanken
ner Institutionen, an denen moderne Akteure kultureller Interferenzen beruhendes, alterna-
jeweils gleichzeitig partizipieren, zu kritisie- tives Multikulturalismuskonzept ist insbe-
ren und aufzulösen (vgl. insgesamt auch sondere im Kontext der sogenannten post-
Hondrich 1982, Schimank 1996). Dabei wur- kolonialen Theorien unter der Überschrift
de funktionale Differenzierung in der Regel kultureller Hybridbildungen zumindest ange-
als eine Differenzierung unterschiedlicher deutet worden.17 In diese Richtung weisen
Systeme von Normen und Rollen konzeptua- die Arbeiten von Michail Bakhtin, Homi K.
lisiert. Man kann nun eine Theorie des Multi- Bhaba und Gerd Baumann: Der russische
kulturalismus, die sich von der Identifikation Semiotiker Bakhtin (1981: 358ff.) führt das
zwischen Kollektiven und symbolischen Konzept der Hybridisierung im Sinne einer
Ordnungen löst, als einen zweiten, radikale- Kombination zweier oder mehrerer Sprachen
ren Anlauf verstehen, eine Alternative zum oder Zeichensysteme in die Diskussion ein.
Modell traditionaler kultureller Gemein- Dabei verwendet er die Unterscheidung zwi-
schaften zu formulieren. Anders als die schen den gleichsam unbewussten „organi-
Theorie funktionaler Differenzierung bezieht schen" und den bewusst-reflektierten Hybri-
sich eine solche Multikulturalismuskonzep- disierungen: Die von den Akteuren selbst gar
tion jedoch nicht auf die simultane Partizipa- nicht wahrgenommene, latente Überlagerung
tion von Akteuren an verschiedenen Funk- und Vermischung unterschiedlicher Spra-
tionssystemen und deren Rollenerfordernis- chen — und damit gerade nicht die Existenz
sen, sondern auf die simultane Partizipation von homogenen Kulturen mit festen Sinn-
von Akteuren an verschiedenen die Lebens- grenzen — muss als der Normalfall kultureller
führung anleitenden, kognitiv-evaluativen Entwicklung angesehen werden. Demgegen-
background languages (hier kann man durch- über erscheint die sich selbst bewusste Hy-
aus auf Taylors Terminologie zurückgrei- bridisierung als ein, insbesondere moderner,
fen). So wie fir moderne Gesellschaften die Spezialfall, in dem Akteure virtuos und expe-
Differenzierung von Funktionssystemen und rimentell mit unterschiedlichen kulturellen
damit die Teilnahme der einzelnen Akteure Versatzstücken umgehen.18 Homi K. Bhaba
an unterschiedlichen Systemlogiken charak- hat im Kontext der sogenannten post-ko-
teristisch ist, muss man fir die Gegenwarts- lonialen Theorien das Konzept kultureller
gesellschaften des Westens wie der Dritten Hybridbildung zur Umschreibung multikul- 189
A. Reckwitz: Multilculturalismustheorien und der Kulturbegriff

tureller Konstellationen am deutlichsten pro- zu definieren und eine Homogenisierung von


filiert. Bhaba betont in „The Location of Kulturen zu betreiben, als eine offensichtlich
Culture" (1994), dass Kollektivphänomene mögliche Handlungsstrategie erscheint. An-
wie Gemeinschaft oder Nation Ergebnisse gesichts des bislang eher geringen Grads ei-
von sozialen Aushandlungs-, Selbst- und ner theoretischen Ausarbeitung des Konzepts
Fremddefinitionsprozessen darstellen, denen der Hybridkulturen im Kontext post-kolonia-
eine alles andere als homogene komplexe ler Theoriebildungen29 sind jedoch einige
Überlagerung von kulturellen Codes voraus- heuristische Differenzierungen nötig, um ein
gehen kann: „It is in the emergence of the in- leistungsfähiges Konzept kultureller Interfe-
terstices — the overlap and displacement of renzen (vgl. hierzu auch Reckwitz 2000:
domains of difference — that the intersubjec- 617ff.) und damit des Multikulturalismus zu
tive and collective experiences of nationness, erhalten: Zentral erscheint erstens die Diffe-
community interest, or cultural value are ne- renzierung zwischen unterschiedlichen Gra-
gotiated" (ebd.: 2).19 Gerd Baumann (1997, den der Divergenz oder Konvergenz zwi-
1999) schließlich kritisiert ein auf Gemein- schen Sinngrenzen und Personengrenzen;
schaften bezogenes, essenzialistisches Multi- zweitens die Verschiebung des Problems von
kulturalismuskonzept, indem er diesem ein dem der sozialen Anerkennung vorausge-
Modell multikultureller Konstellationen im setzter Gemeinschaften zum Problem der
Sinne von cross-cutting cleavages gegenü- Bildung von Identität, und zwar auf persona-
berstellt: „Multiculturalism is not about ab- ler wie auf kollektiver Ebene sowie drittens
solute cultural differences because crosscut- die Unterscheidung zwischen der Ebene im-
ting identities are omnipresent even for the pliziter Wissensvorräte und der Ebene der
essentialist. It is, instead, about a proactive diskursiven Selbstbeschreibungen. In allen
awareness of these crosscutting cultural clea- drei Hinsichten geht die Heuristik eines
vages and a culture concept to deal with nicht-essenzialistischen Multikulturalismus-
them" (Baumann 1999: 85). modells zu den Theorievokabularen Taylors
Konzeptualisiert man Multikulturalismus und Kymlickas auf Distanz.
nicht als eine Multiplikation homogener Ge- 1. Anders als der totalitätsorientierte Kul-
meinschaften, sondern als eine Konstellation turbegriff nahe legt, sind in der Frage der
der simultanen Wirkung unterschiedlicher, Grenze zwischen Kulturen heuristisch Gren-
die Lebensführung anleitender Wissensord- zen zwischen verschiedenen Praxis-/Wis-
nungen in der Handlungspraxis der gleichen sens-Komplexen und Grenzen zwischen Ak-
Akteure, dann zeichnet sich ein Konzept des teuren und zwischen Kollektiven zu unter-
Multikulturalismus ab, das sich von der sozi- scheiden. Komplexe sozialer Praktiken wer-
alphilosophischen Tradition deutlich unter- den ermöglicht durch Wissensordnungen,
scheidet. Die Forderungen von Minderheits- durch implizit wirkende, mehr oder minder
kulturen nach Authentizität und Respektie- geordnete kulturelle Schemata, die den Hin-
rung ihrer kollektiven Rechte, mithin deren tergrund der Interpretationen der Akteure in
Selbstbeschreibung als kulturelle Gemein- der Handlungssituation bilden. Diese sich in
schaften, bildet dann nicht den Ausgangs- sozialen Praktiken ausdrückenden Wissens-
punkt der multikulturalistischen Theorie, ordnungen kann man — bei aller Vorsicht, die
sondern verweist auf ein seinerseits analyse- bezüglich des reifizierenden Begriffs der
bedürftiges kulturelles Phänomen: Ein Multi- Ordnung angebracht sind — auch als kogniti-
kulturalismusmodell, das nicht am totalitäts- ve und evaluative Unterscheidungen konzep-
orientierten, sondern am bedeutungsorien- tualisieren, als deren Basis sich zentrale,
tierten Kulturbegriff ansetzt, klammert die nicht weiter begründbare Leitdifferenzen und
Selbstbeschreibung von Kollektiven als Ge- -bewertungen darstellen. Die Grenze zwi-
meinschaften nicht aus, sondern begreift die schen verschiedenen Praxiskomplexen und
Bildung von kollektiven wie von personalen ihren Wissensordnungen ist dann eine — zu-
Identitäten unter den Bedingungen hybrider mindest analytisch zu ziehende — Sinngrenze.
Kulturen als Problem, gegenüber dem die Von dieser sind die Grenzen zwischen Ak-
190 Versuche, sich als distinkte Gemeinschaften teuren, verstanden als körperlich-mentale
Berl. J. Soziol., Heft 2 2001, S. 179-200

Trager von Handlungsakten, und schließlich und die Form der eigenen Identität konstituti-
zwischen Kollektiven von Akteuren zu un- ve background languages.
terscheiden. Eine homogene Kultur würde Die erste Konstellation ist für die Theore-
entstehen, sobald eine Gruppe von Akteuren tiker der funktionalen Differenzierung zen-
einen homogenen Komplex sozialer Praxis tral: Die Konstellation einer Differenzierung
trägt, in dem sich ein homogenes Hinter- von rollenspezifischem Sonderwissen kann
grundwissen ausdrückt. Hier handelt es sich dabei — etwa in der Differenzierungstheorie —
im Extrem um jene Konstellation, die klas- mit der Annahme verknüpft sein, dass auf der
sisch Durkheim mit der Existenz eines ein- Ebene des lebensweltlichen Wissens weiter-
heitlichen Kollektivbewusstseins in einer hin ein in seinen Basisunterscheidungen ein-
Kultur und Tönnies mit einer „Gemeinschaft heitlicher kultureller Code existiert (vgl. et-
des Geistes" umschreiben. In einer Konstel- wa Parsons 1971). Nicht dieser, sondern erst
lation kultureller Interferenzen hingegen par- der zweite Fall bezeichnet jedoch jene Kon-
tizipieren die Akteure an unterschiedlichen stellation, die far ein nicht-totalitätsorientier-
Komplexen sozialer Praktiken, in denen sich tes Modell des Multikulturalismus von
jeweils verschiedenartiges Hintergrundwis- Interesse ist: Eine multikulturelle Konstella-
sen ausdrückt. Aus der Perspektive des Han- tion lässt sich über eine simultane Wirksam-
delnden interferieren diese unterschiedlichen keit und in diesem Sinne eine Interferenz un-
Wissenskomplexe — was in entsprechende terschiedlicher Sinnhorizonte innerhalb des
Ambivalenzen der Interpretation von Situa- lebensweltlichen Wissens von Handelnden
tionen und vor allem seiner selbst münden definieren, mit dem sie die Grundlagen ihrer
kann. Sinngrenzen und Akteursgrenzen sind Lebensführung und Identität bestimmen, un-
in einem solchen Fall nicht identisch: Die abhängig von etwaigen zusätzlichen Diffe-
Bearbeitung der Sinngrenze durch den renzen zwischen lebensweltlichem Basiswis-
Akteur bzw. durch das Kollektiv wird gerade sen und Sonderwissen oder zwischen ver-
zum Problem. schiedenen Beständen von Sonderwissen.
Im Interesse einer Analyse i.e.S. multikul- Während die Wissensdifferenzierung auf der
tureller Phänomene ist jedoch eine zusätzli- Ebene von Sonderwissen, wie sie die Diffe-
che heuristische Präzisierung notwendig. renzierungstheoretiker in den Vordergrund
Man kann aus Alfred Schütz' Sozialphäno- stellen, über eine eindeutige Regelung der
menologie die Unterscheidung zwischen le- Anwendung der unterschiedlichen Bestände
bensweltlichem (Allgemein-)Wissen und des Sonderwissens in verschiedenen Praxis-
Sonderwissen entlehnen (Schütz/Luckmann komplexen und sozialen Feldern entproble-
1975: 371ff.) und darauf aufbauend zwei matisiert werden kann, stellt sich für die si-
mögliche Konstellationen unterscheiden: In multane Geltung unterschiedlichen lebens-
einem ersten Fall ist ein Komplex lebens- weltlichen Wissens in gesteigertem Maße
weltlicher Praxis und zugehörigem lebens- das Problem des Umgangs mit der Überlage-
weltlichem Wissen von verschiedenen ande- rung verschiedener Wissensordnungen. Die-
ren Praxiskomplexen zu unterscheiden, in se Wissensordnungen sind nicht funktions-
denen ein vom lebensweltlichen Wissen in spezifisch abgrenzbar, sondern berühren die
seinen grundsätzlichen Schemata differentes, Identität der Akteure. Kulturelle Interferen-
spezialisiertes Sonderwissen (ökonomischer, zen stellen den Akteur vor das Problem inter-
wissenschaftlicher, künstlerischer etc. Art) pretativer Unterbestimmtheit und Mehrdeu-
zum Einsatz kommt. Davon zu differenzieren tigkeit. Handlungssituationen und insbeson-
ist eine zweite Konstellation: Hier existieren dere die eigene Person sowie die soziale
unterschiedliche lebensweltliche Praxis- Zugehörigkeit erscheinen nicht mehr eindeu-
Komplexe und entsprechende verschiedene tig bestimmbar, sondern werden ambivalent.
lebensweltliche Wissensordnungen selbst, an Je nachdem, welches der lebensweltlichen
denen die gleichen Akteure partizipieren, et- kulturellen Codes herangezogen wird, sind
wa unterschiedliche historische Traditionen, unterschiedliche Sinnzuschreibungen mög-
Moralen, Ethiken des guten Lebens etc., so- lich, werden unterschiedliche Praktiken na-
mit unterschiedliche für die Lebensführung hegelegt. Kulturelle Interferenzen setzen sich 191
A. Reckwitz: Multikulturalismustheorien und der Kulturbegriff

in der subjektiven Perspektive des unter halten können. Ein Multikulturalismuskon-


Handlungsdruck stehenden Akteurs damit in zept, das Wissensordnungen nicht mit Ge-
interpretative Ambivalenzen um. meinschaften gleichsetzt, ist hingegen an ei-
Für den Umgang der Akteure mit der nem anderen, doppelten Problem orientiert —
Überlagerung unterschiedlicher lebensweltli- dem der Bildung personaler Identitäten so-
cher Wissensvorräte sind verschiedene Sze- wie jenem der Bildung kollektiver Identitä-
narien möglich. Heuristisch lassen sich vor ten unter Bedingungen kultureller Hybridität.
allem drei differenzieren: Die Innovations- Die Frage ist dann nicht mehr, wie in ihrem
strategie der Akteure besteht darin, unter- Bestand bereits vorausgesetzte kollektive
schiedliche Sinnelemente zu neuartigen le- Identitäten fortbestehen oder anerkannt wer-
bensweltlichen Wissensordnungen und Pra- den, sondern ob und wenn ja, wie derartige
xiskomplexen zu kombinieren, in die ver- Identitäten in einem offenen Prozess entste-
schiedene alte Sinnelemente in nun veränder- hen, reproduziert oder verändert werden.
ter Bedeutung eingehen. Diese kulturelle In dem Moment, in dem die feste Veran-
Innovation qua Rekombination entspricht ei- kerung in Kollektividentitäten in der Primär-
nem Vorgang, der unter dem Begriff der sozialisation fragil werden kann, wandeln
Kreolisierung bekannt geworden ist.21 Die sich die Bedingungen und Strukturen perso-
Strategie der Kompartmentalisierung von naler Identitätsbildung, das heißt, die Art und
Wissen besteht darin, die Differenz zwischen Weise, in der sich das Individuum selbst ver-
den unterschiedlichen lebensweltlichen Wis- steht und in dieser Form des Selbstverstehens
sensvorräten aufrechtzuerhalten und ihre An- die Basis für seine Handlungspraxis findet.23
wendung in unterschiedlichen Komplexen Das mit dem totalitätsorientierten Kulturbe-
sozialer Praktiken eindeutig zu regeln (etwa griff verknüpfte Multikulturalismusmodell
in der Herkunftsfamilie einerseits, in der peer musste in der Bildung personaler Identität
group andererseits).22 Diese zweite Strategie kein prinzipielles Problem sehen, denn die
kombiniert die lebensweltlichen Codes nicht, Voraussetzung der stabilen kollektiven Iden-
sondern separiert sie mit Hilfe eindeutiger tität einer kulturellen Gemeinschaft konnte
Anwendungskriterien. Eine dritte Möglich- hier den Hintergrund für die implizite An-
keit — die allerdings keiner intendierten Stra- nahme liefern, dass relativ stabile Bedingun-
tegie der Akteure entsprechen muss — ist in gen für eine Ausbildung personaler Identität
einer diffusen Anwendung unterschiedlicher existieren. Im Rahmen eines an kultureller
Sinnhorizonte zu suchen, ohne dass für den Hybridität orientierten Modells, in dem diese
Akteur eindeutige Kriterien existieren, in Voraussetzung nicht mehr gemacht wird,
welcher Situation welches Wissen als Inter- muss die Frage nach der Fragilität der Bil-
pretationshintergrund zum Einsatz kommt dung personaler Identität einen neuen Stel-
und somit auch, welche Praktiken angemes- lenwert erlangen. Die Partizipation an Kom-
sen erscheinen. Eine derartige Stabilisierung plexen sozialer Praktiken, in denen unter-
von interpretativer Ambivalenz und Hand- schiedliche, einander im Extremfall wider-
lungsunsicherheit kann in jene psychischen sprechende kulturelle Codes zum Einsatz
Stresssituationen münden, wie sie von sozial- kommen — eine Konstellation, wie sie far die
psychologischen Studien zur Migration her- personale Identitätsbildung von Migranten in
vorgehoben worden sind (Hill 1990). der zweiten Generation paradigmatisch ist
2. Eine zweite grundbegriffliche Umstel- (vgl. Clifford 1994; Glick-Schiller et al.
lung, die die Kritik am essenzialistischen 1995; Pieterse 1995; Werbner 1999) — lässt
Multikulturalismusmodell mit sich bringt, ist klassische soziologische Modelle der Identi-
die Verschiebung dessen, was als Problem tätsbildung im Sinne einer Entkulturalisation
einer multikulturellen Konstellation wahrge- in einen eindeutigen, vorgegebenen Sinnho-
nommen wird. Für Taylor und Kymlicka be- rizont simplifizierend erscheinen (vgl. auch
steht das multikulturelle Problem darin, wie Wagner 1998). Statt dessen lässt sich nun ei-
Minderheitskulturen innerhalb von Mehr- ne Anschlussfähigkeit an die neueren Theo-
heitskulturen ihren Fortbestand sichern und rien der „Identitätsarbeit" feststellen (Keupp
192 kulturelle sowie rechtliche Anerkennung er- et al. 1999). Die in der Multikulturalismus-
Berl. J. Soziol., Heft 2 2001, S. 179-200

forschung zu behandelnde Frage lautet dann, grifflichen Kopplung von kulturellen Ge-
in welcher Weise die Akteure mit der Ver- meinschaften und kollektiven Identitäten,
schiedenartigkeit oder sogar Inkommensura- wie sie im Rahmen der homogenitätsorien-
bilität der ihnen gültig erscheinenden kultu- tierten Multikulturalismuskonzeption betrie-
rellen Codes umgehen, wenn sie sich als ein ben wird, unterscheidet ein hybriditätsorien-
„Selbst" verstehen: Kreolisierung, Kompart- tiertes Multikulturalismusmodell zwischen
mentalisierung von lebensweltlichen Wis- der Ebene der Wirksamkeit impliziter Wis-
sensordnungen und Stabilisierung von Ambi- sensordnungen und den expliziten Selbstthe-
valenzen fordern auf unterschiedliche Weise matisierungsdiskursen.
die Definition des Selbst heraus. Von der 3. Welche kulturellen Schemata in einem
Analyse multikultureller Konstellationen Kollektiv für die alltägliche Handlungspraxis
kann man sich damit Aufschluss über die und Lebensführung konstitutiv sind und da-
Frage nach genuin hochmodernen Formen mit auch die Form, in der sich hier unter-
der Identitätsbildung erwarten. schiedliche Schemata in komplizierter Weise
Zu unterscheiden von kulturellen Interfe- multikulturell überlagern, muss nicht mit der
renzen und Ambivalenzen auf der Ebene des Art und Weise übereinstimmen, in der im
einzelnen Akteurs und damit dem Problem selben Kollektiv die eigenen Sinngrundlagen
der personalen Identitäten ist die Frage nach in Form von Selbst beschreibungsdiskursen
der Wirkung kultureller Interferenzen auf der interpretiert werden — eine hybride Kultur
Ebene von Kollektiven und damit die nach Quebec oder eine hybride black community
den kollektiven Identitäten. In der totalitätso- in den USA kann sich selbst trotzdem als ei-
rientierten Multikulturalismuskonzeption ne homogene Gemeinschaft beschreiben. Die
Taylors und Kymlickas wird vorausgesetzt, Ebene und Struktur der in einem Kollektiv
dass die fraglichen kulturellen Gemeinschaf- implizit wirksamen Wissensordnungen und
ten nicht nur „an sich" differente Lebensfor- die Ebene der Selbstbeschreibungen bilden
men besitzen, sondern zudem „für sich" als damit zwei Dimensionen, die in einem nach-
einander different interpretieren und damit essenzialistischen Multikulturalismusmodell
sich selbst als Gemeinschaft identifizieren. zu differenzieren sind. Während die kollekti-
Aus der Perspektive einer hybriditätsorien- ven Hintergrundsprachen, die sich in den so-
tierten Multikulturalismuskonzeption können zialen Praktiken ausdrücken, gewissermaßen
jedoch genauso wenig wie kulturelle Ge- eine „implizite Kultur" bilden, ist davon die
meinschaften kollektive Identitäten voraus- „explizite Kultur" der diskursiven Selbstthe-
gesetzt werden. Statt dessen wird nun die matisierungen, Selbstbeobachtungen und
Bildung von kollektiven Identitäten, das Identitätserzählungen zu unterscheiden.24
heißt von sozial geteilten Selbstbeschreibun- Unterschiede zwischen diesen beiden Ebe-
gen als ein Kollektiv, zum faktischen wie nen können jedoch nicht kurzerhand als Er-
analytischen Problem. Wie kommen, wenn gebnisse „falscher" Selbstrepräsentationen
gleichzeitig unterschiedliche kulturelle back- des jeweiligen Kollektivs abgetan werden.
ground languages wirksam sind, Kollektive Vielmehr muss man davon ausgehen, dass
dazu, kollektive Selbstbeschreibungen aus- bestimmte Selbstbeschreibungen, die „erfun-
zubilden, in denen sie sich als einheitliche denen" Traditionen (Hobsbawm/Ranger
Gruppe interpretieren? Die Multikulturalis- 1983), die „imaginierten" Gemeinschaften
musdiagnose kann damit an — etwa aus dem (Anderson 1983), für die Formierung und
Kontext der Nationenbildungsforschung be- Neuformierung der impliziten kulturellen
kannte — Ansätze anschließen, die danach Schemata über kurz oder lang in hohem
fragen, wie kollektive Identitäten vor allem Maße wirkungsmächtig sein können (so wie
über den diskursiven Weg von Narrationen auch umgekehrt die Schemata der Selbstbe-
konstruiert werden, die eine bestimmte ge- schreibungsdiskurse ihrerseits nicht unab-
meinsame Vergangenheit postulieren und hängig von dem schon vorhandenen implizi-
sich als spezifische Produkte kultureller ten Wissen existieren können). Es ist mög-
Eliten darstellen können (vgl. Anderson lich, dass die Selbstbeschreibungsdiskurse
1983; Ricoeur 1992). Im Vergleich zur be- der Kollektive, wenn sie entsprechend insti- 193
A. Reckwitz: Multikulturalismustheorien und der Kulturbegriff

tutionalisiert sind, eine Homogenisierung des rung bilden, Andererseits können hybride
impliziten Wissens befördern, die ohne die Kulturen, das heißt solche, in denen multi-
entsprechenden Diskurse gar nicht entstan- kulturelle Sinninterferenzen stattfinden und
den wären. die sich aus der Beobachterperspektive im
Die möglichen Relationen zwischen im- Sinne von Bakhtins organischer Hybridisie-
pliziten Wissensvorräten einerseits, kulturel- rung als hybrid darstellen, von den Teilneh-
len Selbstthematisierungsdiskursen anderer- mern in ihren Selbstbeschreibungsdiskursen
seits, die beide jeweils zwischen kultureller selbst als homogene Kulturen uminterpretiert
Homogenität und kulturellen Interferenzen werden. Ebenso können sie in der Fremdbe-
variieren können, müssen damit jedoch fir schreibung etwa von Seiten der Mehrheits-
einen Multikulturalismusbegriff, der das Ho- kultur als homogen konstruiert werden. Hier
mogenitätsmodell hinter sich lässt, von zen- findet der klassische Fall der Kreation einer
traler Bedeutung sein. Neben der konzeptuel- imagined community statt.26 Der dritte mög-
len Marginalisierung des Phänomens kultu- liche Fall erscheint in seiner realen Bedeu-
reller Interferenzen im Zuge der Identi fi ka- tung bislang eher marginal: Auf der Ebene
tion von Sinngrenzen und Personengrenzen ihrer impliziten background languages rela-
stellt sich die mangelnde Differenzierung tiv homogene und gegenüber ihrer Umwelt
zwischen den Ebenen von impliziten back- differente Kollektive können sich selbst in
ground languages und Selbstbeschreibungs- ihren Selbstthematisierungsdiskursen als hy-
diskursen als zweite problematische begriff- brid und multikulturell definieren. Diese
liche Engfiihrung der normativen Multikultu- Möglichkeit erscheint nicht ausgeschlossen,
ralismustheoretiker dar.25 Differenziert man wenn die Theorien kultureller Hybridität in
diese voneinander und unterscheidet zwi- den post-kolonialen Human- und Sozialwis-
schen Konstellationen relativ homogener senschaften, insbesondere den britischen und
Kulturen und Konstellationen kultureller In- nordamerikanischen Cultural Studies, keine
terferenzen, so lassen sich verschiedene rein wissenschaftlichen Diskurse, sondern
mögliche Relationen der beiden — in jedem selbst politisch und kulturell wirksame
Fall aufeinander einwirkenden — Ebenen ge- Selbstbeschreibungsdiskurse darstellen, in
genüberstellen, die verschiedenartige multi- denen Hybridität offen oder latent als ein
kulturelle oder monokulturelle Konstellatio- normativ konnotiertes Ideal erscheint.27
nen ergeben: Einerseits können sich homoge- Schließlich kann viertens eine Konstellation
ne Kulturen, das heißt Kollektive mit einem kultureller Interferenzen auf der Ebene der
relativ abgeschlossenen Komplex sozialer impliziten Wissensordnungen mit einer kol-
Praktiken und einer entsprechenden Wis- lektiven Selbstbeschreibung eines Kollektivs
sensordnung, selbst als homogene Kulturen als inhomogen und multikulturell korrespon-
beschreiben und von anderen homogenen dieren — ein Kollektiv, in dem in der kollekti-
Kulturen different setzen. Dies ist der Fall, ven Lebensführung und den dort wirksamen
den Taylor in seiner Multikulturalismuskon- Codes gleichzeitig unterschiedliche, sich
zeption voraussetzt, der aber unter hochmo- überlagernde kulturelle Traditionen wirken,
dernen Bedingungen eine ungewöhnliche kann sich in seinen Selbstbeschreibungsdis-
Konstellation darstellt. Wahrscheinlicher er- kursen selbst als eine hybride oder kreolisier-
scheint dieser Fall möglicherweise (aber te Kultur beschreiben und so indirekt doch
auch hier wird man dem modernistischen eine kollektive Identität als einzigartige
Vorurteil nicht erliegen dürfen) fir jene rela- Kombination spezifischer kultureller Tradi-
tiv wenig differenzierten und durch ein ge- tionen und Vokabulare erreichen.28
ringes Maß kulturellen Außenkontakts cha- Ein an kulturellen Interferenzen orientier-
rakterisierten vormodernen Großgruppen der tes heuristisches Modell des Multikulturalis-
Vergangenheit, die zudem, wie Giesen mus lenkt damit den Blick auf andere Phäno-
(1999: 32ff.) zusammenfassend darstellt, ei- mene und Probleme als das homogenitätsori-
ne kollektive Identität auf der Grundlage ei- entierte Multikulturalismusmodell, das in der
nes primordialen Codes oder eines traditio- Sozialphilosophie und Sozialtheorie bisher
194 nalen Codes der Innen-außen-Differenzie- den Ton angibt. Das Verhältnis der Grenzen
Berl. J. Soziol., Heft 2 2001, S. 179 - 200

von Wissensordnungen, vor allem von le- 3 Eine detailliertere Interpretation von Taylors
Werk als Entfaltung einer interpretativen
bensweltlichen background languages zu
Kulturtheorie findet sich in Rosa (1998, Kap.
Kollektiven und zu Akteuren, das Problem II) sowie Reckwitz (2000, Kap. 6.5).
der personalen und kollektiven Identitätsbil- 4 Tönnies (1991; 12) beschreibt die „Gemein-
dung unter Bedingungen einander kreuzender schaft des Geistes" als höchste und abstrakteste
Wissensordnungen, schließlich das Ver- Stufe, die die Kollektivität einer Gemeinschaft
hältnis von impliziten background languages ausmacht und denen die „Gemeinschaft des
und expliziten Selbstthematisierungsdiskur- Ortes" und die „Gemeinschaft des Blutes" vor-
sen sind die zentralen Fragen, die sich im ausgeht.
Rahmen des post-essenzialistischen Multikul- 5 Vgl. auch die kritischen Bemerkungen zu
turalismuskonzepts stellen lassen. Es scheint, Taylor in Appiah (1992); Baumann (1999:
107ff.).
dass die genuin sozial- und politikphilosophi-
6 Kymlicica geht an einer Stelle auf die mögliche
sche Ausrichtung des Multikulturalismusmo- Kritik ein, sein Kulturmodell sei traditionali-
dells, die Taylor und Kymlicka repräsentie- stisch konnotiert und erwidert, dass eine Ver-
ren, „ein(en) ,voreilige(n) Normativismus` mischung unterschiedlicher kultureller Ele-
(...), das heißt eine verfrühte Reifizierung vor- mente nicht kurzerhand möglich sei, sondern
ausgesetzter Gruppenidentitäten" (Benhabib die fremde Kultur immer nur vor dem Hinter-
1999: 13f) gefordert hat.29 Ein hybriditätsori- grund der eigenen Kultur interpretiert und
entiertes Multikulturalismusmodell, das vom eventuell rezipiert werden kann: „...cultural
bedeutungs- statt vom totalitätsorientierten membership provides us with an intelligible
Kulturkonzept Herder'scher Prägung aus- context of choice, and a secure sense of identi-
ty and belonging, that we call upon in confron-
geht, kann demgegenüber, so scheint es, ei-
ting questions about personal values and pro-
nen neuen, fruchtbaren Kontakt zwischen den jects" (1995a: 105). Es wird hier gerade das
begrifflichen Festlegungen auf der übergrei- vorausgesetzt, was anzweifelbar ist: dass je-
fenden Ebene der Sozialtheorie und den sozi- dem Akteur genau ein in sich homogen struk-
al- und kulturwissenschaftlichen Analysen zu turiertes Sinnsystem zuzuordnen ist, vor des-
Ethnizität und kollektiven Identitäten in der sen Hintergrund er urteilen kann.
hochmodernen Gesellschaft herstellen. Die 7 Vgl. auch Benhabibs Kymlicka-Kritik in Ben-
Fassung des Kulturbegriffs macht hier den habib (1999: 46ff.).
entscheidenden Unterschied aus. 8 Zur „kulturwissenschaftlichen Wende" in den
Sozialwissenschaften vgl. nur Giddens (1976),
Rabinow/Sullivan (1979), Alexander/Seidman
(1990), Haferkamp (1990), Bohman et al.
Anmerkungen (1991), Hansen (1993), Müller (1994), Smith
(1998).
1 Der Begriff „Hochmoderne" soll hier in An- 9 Ein solcher normativer Kulturbegriff wird etwa
lehnung an Peter Wagners Unterscheidung bei Kant, Matthew Arnold und Simmel ver-
mehrerer Phasen der Entwicklung moderner wendet.
Gesellschaft und Kultur in „Sociology of 10 Parsons kann als Wegbereiter eines differen-
Modernity" (1994) verwendet werden: Die zierungstheoretischen Kulturbegriffs gelten.
Hochmoderne wird hier als jene Phase verstan- 11 Herder (1967: 46) betont hier auch die kollek-
den, die etwa seit den 1970er Jahren insbeson- tivstabilisierende Kraft der gegenseitigen
dere durch eine relative Lockerung sowohl der „Vorurteile", welche die Völker „zu ihrem
institutionellen Regelmechanismen auf der Mittelpunkt zusammendräng(en)".
Ebene von Staat und Ökonomie als auch der 12 Vgl. auch die Kulturdefinitionen von Giddens
Festigkeit von Klassen, privaten Lebensformen et al. (1994: 2) als „sets of signifying practices
und der Bildung personaler und kollektiver — modes of generating meaning"; Williams
Identitäten charakterisiert ist (vgl. 1994, Teil (1981: 13) als „signifying system"; Thompson
IV, V). Das Phänomen des Multikulturalismus (1990: 122) als „symbolic forms"; Neidhardt et
liefert damit ein Merkmal der hochmodernen al. (1986: 11) als „System kollektiver Sinnkon-
Gesellschaften. struktionen"; Hannerz (1992: 3) stellt allge-
2 Vgl. zum Konzept kultureller Globalisierung mein fest: .... in the recent period, culture has
Friedman (1994), Robertson (1992), zum Post- been taken to be above all a matter of mea-
kolonialismus Moore-Gilbert (1997). ning".
195
A. Reckwitz: Multikulturalismustheorien und der Kulturbegriff

13 Zu den strukturalistisch-semiotischen Kultur- 20 Diese mangelnde Systematizität des Begriffs


theorien vgl. das Resümee in Harland (1987), ist zum Teil auch auf die starker literatur- und
zu den hermeneutischen Kulturtheorien vgl. textwissenschaftlichen als sozialwissenschaft-
Bohmann et al. (1991), zur Wittgensteiniani- lichen Interessen der postkolonialen Autoren
schen Kulturtheorie vgl. Schatzki (1996). zurü ciczu hre n.
14 Vgl. dazu auch Reckwitz (1997) und Reckwitz 21 Vgl. allgemein Hannerz (1987), Pieterse
(2000: 211ff). (1995) und die Fallbeispiele bei caglar (1995),
15 An dieser Stelle ist keine genauere Untersu- Baumann (1996: 173ff.). Zum Phänomen der
chung der sehr unterschiedlich aufgebauten „Latenzhaltung" verschiedener Kollektividen-
Kulturtheorien möglich, die sich aus dem be- titäten vgl. Elwert (1997).
deutungsorientierten Kulturbegriff ergeben 22 Diese Strategie erläutern Strauss/Quinn (1998:
und die das Verhältnis zwischen symbolischen 213ff.) vor sozialpsychologischem Hinter-
Ordnungen und Subjekten auf verschiedenarti- grund.
ge Weise konzeptualisieren. Eine Hauptdiffe- 23 Der Begriff der Identität ist kein problemloses
renz besteht darin, ob die Wissensordnungen Konzept: In unserem Zusammenhang soll der
als ein rein geistiges Phänomen der mentalen Begriff nicht primär eine „Konstanz" eines
Innenwelt — wie im klassischen Strukturalis- Subjekts oder eines Kollektivs in der Zeit im
mus, der Sozialphänomenologie oder im Radi- Sinne eines klassischen Verständnisses von
kalen Konstrulctivismus — oder den extramen- Identität als „Selbstnämlichkeit" bezeichnen,
talen Diskursen, Texten oder Zeichensequen- sondern die Sinnmuster, mit denen Akteure
zen — wie bei Foucault oder Luhmann — oder sich als Individuen bzw. als Glieder eines Kol-
den sozialen Praktiken zugerechnet werden, lektivs selbst verstehen. Identität verweist auf
das heißt Verhaltensroutinen, in denen sich ein die „Frage nach der Struktur oder Form des so-
implizites Hintergrundwissen ausdrückt. Eini- zial und temporal konstituierten Selbstverhält-
ges spricht für letztere Option — und hier kann nisses und Selbstverständnisses von Subjek-
gerade die Philosophische Anthropologie Tay- ten" (Straub 1991: 58) Zum Wandel der Identi-
lors (ebenso wie der späte Bourdieu oder die tätstheorien vgl. auch Wagner (1998), Reck-
Post-Wittgensteinianer), wenn man sie vom witz (2001a).
Herder'schen Erbe erleichtert, instruktive Bei- 24 Vgl. auch die ähnlich orientierte Differenzie-
träge liefern. Vgl. zu diesen konzeptuellen Dif- rung zwischen „Kultur als Sprache" und
ferenzen der modernen Kulturtheorien und zur „Kultur als Produkt" bei Giesen/Schmid 1990.
Option einer Praxeologie ausführlicher 25 Jedoch sind es nicht nur die sozialphilosophi-
Reckwitz (1999, 2000, 2001b). schen Multikulturalismusmodelle, die diese
16 Man kann den Begriff der „Interferenzen" im Differenz einebnen. Auch in der soziologi-
metaphorischen Sinne der Physik entlehnen, schen Ethnizitätsforschung, etwa in den Arbei-
die damit die Überlagerung etwa unterschiedli- ten von Esser (1988, 1989) zur ethnischen
cher Schallwellen, die von unterschiedlichen Differenzierung, wird die Ebene der kulturel-
Zentren ausgehen, umschreibt. Auf Kultur len Selbstthematisierungsdiskurse nicht von
übertragen wird der Begriff erstmals von der Struktur des impliziten lebenweltlichen
Geertz (1993: 167). Hintergrundwissens unterschieden. Demge-
17 Der Terminus des „Hybriden", der zunächst im genüber betonen etwa Eder/Schmidtke (1998)
Kontext der Biologie negativ konnotiert war, zu Recht die Bedeutung von massenmedialen —
wird dabei in seiner Übertragung auf sozial-kul- häu fi g konflikthaften — „Identitätskommunika-
turelle Verhältnisse in der exemplarischen Form tionen" Mr die Bildung und Veränderung eth-
einer semantischen Verschiebung wertfrei oder nischer Differenzierung.
mit positiver Konnotation verwendet (vgl. zur 26 Mittlerweile haben eine Anzahl von Autoren
Begriffsgeschichte Papastergiadis 1997). die homogenisierende Wirkung nicht nur von
18 Neben Balchtin wirkt Jurij Lotman — ebenfalls nationalistischen, sondern auch von multikul-
aus der russischen Semiotik — in den 60er und turalistischen Selbstbeschreibungsdiskursen
70er Jahren für eine Profilierung des Konzepts hervorgehoben, wobei letztere nichts anderes
kultureller Hybridbildung wegweisend. Aller- als eine legitimatorisch auf „Differenz" rekur-
dings bleiben beide in ihren Interessen noch rierende Spielart von ersteren darstellen. Vgl.
stark auf die Literatur- und Textwissenschaft etwa Kapferer (1988), Gilroy (1992), Vertovec
konzentriert. (1995), van der Veer (1995). Vgl. zum spezifi-
19 Neben Bhaba liefern Stuart Hall und Gayatri schen Fall Quebec Handler (1984). Umgekehrt
Spivak die prominentesten Beiträge zum Hy- weisen etwa Bukow/Llaryora (1988: 82ff.) auf
briditätskonzept. die „Politik der Ethnisierung" über den Weg
196
Berl. J. Soziol., Heft 22001, S. 179-200

von homogenisierenden Fremdettiketierungen tion im Zeitalter der Globalisierung. Frankfurt


der Minderheitskultur durch die Mehrheits- a.M.: Fischer.
kultur hin. Bhaba, Homi K. (1994): The Location of Culture.
27 Vgl. etwa den kritischen Kommentar in Fried- London: Routledge.
man 1997, der auf die politisch-kulturelle Bilden, Helga (1997): Das Individuum — ein dyna-
Wirkung der kulturwissenschaftlichen Hybri- misches System vielfältiger Teil-Selbste. In:
ditätstheorien hinweist. Heiner Keupp/Renate Höfer (Hrsg.), Identi-
28 Zu denken wäre hier etwa an die von Stuart tätsarbeit heute. Klassische und aktuelle Per-
Hall (1990) skizzierte Selbstdefinition der spektiven der Identitätsforschung. Frankfurt
„carribeans" als Kombination afrikanischer, a.M.: Suhrkamp, S. 227-249.
europäischer und amerikanischer kultureller Bohman, James/David Hiley/Richard Shusterman
Traditionen oder an jenes von Baumann (Hrsg.) (1991): The Interpretive Turn. Ithaca:
(1996: 173ff.) analysierte Fallbeispiel der Be- Cornell University Press.
wohner des Londoner Vororts Southhall: Bronfen, Elisabeth (Hrsg.) (1997): Hybride Kul-
Insbesondere in der Jugendkultur lässt sich hier turen: Beiträge zur anglo-amerikanischen
eine komplexe lebensweltliche Kombination Multikulturalismusdebatte. Tübingen: Stauf-
unterschiedlicher kultureller Elemente ver- fenberg.
schiedener (asiatischer, karibischer, britischer) Bukow, Wolf-Dieter/Roberto J. Llaryora (1988):
Herkunftsmilieus wie auch eine Selbstdefini- Mitbürger aus der Fremde. Soziogenese ethni-
tion der Akteure als multikulturelle Southall- scher Minoritäten. Opladen: Westdeutscher
Bewohner beobachten, die nicht mehr zwi- Verlag.
schen verschiedenen Herkunftsmilieus trennt. Caglar, Ayse (1995): McDöner: Döner Kebap and
29 Benhabib (1999) geht hier vor allem auf die the social positioning struggle of German
Konsequenzen für die normative Sozialtheorie Turks In Jeannine Arnold-Costa/ Gary Ba-
des Multikulturalismus ein, sobald das Kon- mossy (Hrsg.). Marketing in a multicultural
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