Sie sind auf Seite 1von 3

Räumlicher Urbanismus….

Martin Schönherr

Ende Mai 2010 verstarb in Haifa Leopold Gerstel, der emeritierte Professor des
ehemaligen Gebäudelehreinstituts an der Architekturfakultät der Universität Innsbruck.
Viele Architekten und Planer, die zwischen 1983 und 1995 in Innsbruck studierten, wurden
mit seinen Ideen und Grundsätzen konfrontiert und von diesen beeinflusst. Da Gerstels
Überlegungen zum Siedlungsbau in vieler Weise zeitlos sind, bleiben sie in der Planung
stets anwendbar. Da die Quellen dazu aber noch vergleichsweise dürftig sind, erscheint
eine Art persönliche Erinnerung in diesem Falle angemessen.

Ich erinnere mich an die Einführungsvorlesung zum Grundseminar im Herbst 1986. Ein in sich
gekehrter Herr mit tief liegenden Augen betritt das Podium im Hörsaal und schreitet bedächtig auf
und ab. Nach einer Weile der Sammlung steht seine erste Aussage im Raum:
Architekt…..ist kein schöner Beruf.
Mir hat sich dieser Satz eingebrannt – vielleicht in trotziger Entgegnung, dass das nicht so sei –
aber mit der Erkenntnis folgender Jahre, dass die konsequente Umsetzung gefasster
Entwurfsgedanken im Korsett realer Zwänge scheitern kann. Zuerst war mir als jungem Studenten
der Mann wegen dieser einleitenden Worte und der Art seines Vortrags unheimlich. Das änderte
sich aber sehr bald bei den kurzen Gesprächen mit Professor Gerstel die sich während der
Übungen im Grundseminar ergaben. Insbesondere wenn er mit seinem Kohlestift zeichnend die
von den Studenten gemachten Zeichnungen kommentierte, erkannte man die Bedeutung des
Sprichworts „Die Zeichnung ist die Sprache des Architekten“ und sah, dass er sich als väterlicher
Begleiter der Studenten betrachtetet und das auch lebte.
In den folgenden Jahren prägten lange Entwerfenkorrekturen, bei denen der Professor darauf
achtete, dass sich die Studenten nicht zu früh in einen Entwurf „verliebten“ und man stets noch
andere Lösungsvarianten in Erwägung zog. Der Dialog zwischen Professor und Student blieb so
bis unmittelbar vor die Abgabe des Entwurfes aufrecht erhalten.
Es prägten aber auch die Gebäudelehrevorlesungen, bei denen ein wiederkehrender Bezug zum
„Spatial Urbanism“1 hergestellt wurde. Und gerade dieser Begriff steht wohl in hohem Maß für das
Vermächtnis2 von Professor Gerstel.

1
Als Räumlicher Urbanismus wird eine Architekturströmung der sechziger Jahre bezeichnet, bei der Planer mit der Überlagerung
städtischer Ebenen experimentierten. Ursprünglich als Kritik an den konventionellen rein auf technisches Erschließung fokussierten
Planungen (mit den daraus entstehenden Unorten wie z.B. Unterführungen) gedacht, entwickelte sich daraus ein fundierter
theoretischer Ansatz, wie fortschreitenden Nutzungsverdichtung als Gewinn an Raum- und Lebensqualität umgesetzt werden kann.

DI Martin Schönherr
Geyrstraße 55 Seite 1
6020 Innsbruck 07.09.2010
Räumlicher Urbanismus
Vereinfacht gesagt und auf unserer Tätigkeit in der Raumplanung bezogen, geht es beim
räumlichen Urbanismus darum, aus der zweidimensionalen Bebauungsplanebene auszubrechen
und auch den Luftraum zwischen und über den Häusern als Planungs- und Gestaltungsraum zu
betrachten.
Da ausgerechnet in unseren häufig topographisch anspruchsvollen Situationen die
Bebauungsplanung oft nur im Grundriss gedacht wird, ist diese Methode bereits bei einfachen
Entwürfen anwendbar, da die Berücksichtigung der dritten Dimension schon durch die natürlichen
Gegebenheiten unverzichtbar ist.
In Gerstels Projekten entstehen damit neue Landschaften aus übereinander getürmten
Enzelgebäuden; die Zwischenräume sind
Erschließungen, Gärten, Treffpunkte des öffentlichen
Lebens und Verschränkungen privater Räume mit
halböffentlichen Bereichen.
Stets spielte Gerstel dabei mit der Bedeutung von Innen
und Außen. So war es ihm ein Anliegen auf Plätzen
unter freiem Himmel innenräumliche (geborgene)
Qualitäten zu schaffen oder in Hallen das Gefühl zu
vermitteln, dass man unter freiem Himmel sei. Dieses
Spiel mit der räumlichen Illusion im Dienste des
Wohlfühlens der Bewohner tauchte immer wieder auf3.
Dass es ihm dabei aber nicht allein um poröse
Strukturen ging, sondern ebenso um die „Lesbarkeit“ für
die Bewohner, zeigt seine Auseinandersetzung mit der
Wegführung4 und der logischen Entwicklung von
Erschließungssystemen unter Ausnutzung möglicher
Synergieeffekte.
Photo: Martin Schönherr, Atrani, Gasse und Hauseingang; Juni 2010: Versinnbildlichen
mag die „Verschränkung von Innen und Außen“ diese Wegführung bei der man durch
einen öffentlichen Raum geht, der Frei(luft)raum ist, dabei aber gleichzeitig von einem
Wohnhaus überdeckt wird. Der Zugang zum Wohnhaus macht die Gasse wiederum zum
privaten Vorraum, indem sich auch eine Bank befindet, die sowohl von den dortigen
Bewohnern alsauch Besuchern und Passanten genutzt werden kann. Professor Gerstel
zeigte Studenten anhand solch ähnlicher Beispiele, was Architektur räumlich schaffen
muss, verwahrte sich dabei aber stets gegen die Verwendung der damit scheinbar
einhergehenden regionalen Formensprache.

2
Es gibt noch keine vollständige Werkdokumentation Leopold Gerstels. Aber Architekt Keenan hat unter
http://yuliecohen.files.wordpress.com/2010/05/leopold-gerstel.pdf eine Zusammenstellung zu Verfügung gestellt; darüber hinaus befasst
sich das Studiomagazin in Ausgabe 164 u.a. mit seinen Werken.
3
So zum Beispiel bei seinem prämierten Wettbewerbsbeitrag für das Rathaus in Innsbruck, bei dem das Rathaus über die Markthalle
gestellt worden und gleichzeitig mit einer basilikalen Lichtführung der Eindruck eines offenen Hofes vermittelt worden wäre.
4
Gerstel hat sein Ansprüche an Wegführung in seinen Vorlesungen als „Raumerfahrung im Schreiten“ bezeichnet. Vgl. Prolegomena
30, November 1979, Institut für Wohnbau, Wien „Das Durchschreitender Stadt – ein surreales Erlebnis“

DI Martin Schönherr
Geyrstraße 55 Seite 2
6020 Innsbruck 07.09.2010
Gerstel verabscheute Treppenhäuser und Gänge solange diese nur dem im Wort enthaltenen
Zweck dienen und nicht helfen den Siedlungsraum und die darin befindliche Gebäude auch für den
Bewohner räumlich erfahrbar zu machen.
Gerstel hatte dazu sein „Credo“ zusammengestellt. Als Student hält man von solch
festgeschriebenen Verortungen leider wenig. Gerstel selbst äußerte sich zudem immer sehr
skeptisch über Verwaltung im Allgemeinen (bei der man naturgemäß auch dazu neigt, alles
festzuschreiben) und betonte daher die Notwendigkeit von Personen in der Verwaltung, die über
den Tellerrand einer rein pragmatischen Auffassung zu blicken vermögen.
Heute erinnere ich mich persönlich an einige Aussagen, die bei Leopold Gerstel immer wieder
auftauchten, wenn Entwürfe analysiert wurden. Ich behalte diese in Erinnerung –als ein Art leichtes
Handgepäck für die Auseinandersetzung mit Planung:
 Entferne den Entwurf aus dem Umgebungsmodell. Fehlt etwas, so bist du auf dem richtigen
Weg. Fehlt nichts, kann man den Entwurf vergessen.
 Betrachte Innen- und Außenräume als gleichwertig (im Sinn der Entwurfsqualität)
 Entwirf das Bauwerk / die Siedlung so, dass sie dazu verlocken durch sie zu schreiten.
 Gestalte Erschließungen so, dass sich die Bewohner auf ihren Wegen begegnen und nicht
aneinander vorbeigeführt werden.
 Führe eine Treppe / einen Weg so durch das Gebäude / die Siedlung, dass sie mehr als eine
Treppe oder ein Weg sind. Man muss sich dort auch aufhalten können.
 Dein Entwurf stimmt nicht, wenn auf dem Gebäude z.B. die Eingangstür mit „Eingang“
beschriftet werden muss, damit die Besucher wissen, wo es rein geht.
 Ein Gebäude, das du nur aus seiner Funktion heraus entwickelst und somit dem umgebenden
Raum nichts gibt, ist unvollständig.
 Lege dich nicht frühzeitig fest, sondern spiele verschiedene Lösungsmöglichkeiten durch.

Legt man diese Kriterien in der Bebauungsplanung an, so ist man schnell ernüchtert, wie häufig
schon nach dem ersten genannten Punkt ausgeschieden werden könnte.
Das bedeutet aber nicht, dass ein Fortschritt im Kleinen unmöglich wäre. Schon eine
Reihenhausanlage, die die obigen Qualitätskriterien zumindest teilweise erfüllt, ist ein Gewinn für
die Zukunft, indem deren Bewohnern real vermittelt wird, dass verdichteter Wohnbau
Lebensqualität schafft.
In diesem Sinn darf man erwarten, dass Leopold Gerstels Beitrag zum verdichteten Wohnbau im
Tirol der kommenden Jahre noch reichliche Frucht bringen wird.

DI Martin Schönherr
Geyrstraße 55 Seite 3
6020 Innsbruck 07.09.2010