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Journalist und Putschgegner, wegen „Putschbeteiligung“ seit 9 Monaten in Haft

Murat Dağdeviren, Chefredakteur, der seit 41 Jahren in Gebze (Provinz Kocaeli/Türkei)


erscheinenden Tageszeitung Demokrat Gebze, wurde am 29. Juli 2016 festgenommen und
befindet sich nun seit 9 Monaten in Haft. Obwohl Dagdeviren der erste unter seinen Kollegen
war, der sich mit einem Zeitungsartikel und Postings in Sozialen Netzwerken öffentlich gegen
den Aufstand richtete, wurde er mit der Begründung, er habe sich am versuchten Putsch
beteiligt - verhaftet.
Die Folgen des versuchten Aufstandes vom 15. Juli 2016 haben sich auf viele Teile der
Bevölkerung benachteiligend ausgewirkt. Das haben einige Regierungsvertreter auch
eingesehen und versuchen, für manche dieser Probleme, Lösungen zu erarbeiten. Dies betrifft
vor allem auch jene Journalisten, die nach dem 15. Juli 2016 verhaftet wurden. Das Land leidet
an internationalem Imageverlust, da es aufgrund der hohen Anzahl inhaftierter Journalisten
negativ auffällt. Derzeit sitzen mehr als 140 Journalisten in der Türkei in Gefängnissen, somit
ist die Türkei das Land, in dem die meisten Journalisten in Haft sind. Während die Pressefreiheit
im Land dermaßen verletzt wird, nimmt die Zahl der Leidtragenden aufgrund sozialer sowie
juristischer Benachteiligungen von Tag zu Tag horrende Maße an.
Einer, vom harten Vorgehen der Regierung Betroffenen, ist der in Gebze lebende Journalist
Murat Dağdeviren. Als Absolvent der Fakultät für Kommunikationswissenschaften,
Studienfach Journalismus, Inhaber des sogenannten gelben Presseausweises und Chefredakteur
der seit 41 Jahren täglich erscheinenden Zeitung Demokrat Gebze wurde er am 29. Juli 2016
zunächst in Gewahrsam genommen, anschließend verhaftet und in die geschlossene
Strafvollzugsanstalt Kandıra verfrachtet. Die chronologischen Ereignisse haben sich
folgendermaßen entwickelt:
Murat Dağdeviren saß in der Nacht des 15. Juli zuhause vor dem Fernsehen und erfuhr so von
den Vorgängen rund um den versuchten Putsch. Er veröffentlichte sofort Postings via
Sozialmedien wie Facebook, Twitter etc., indem er eindeutig Stellung gegen den Putsch bezog.
Diesbezüglich war er der erste Journalist in seiner Region, der bereits in der heißen Phase des
Aufstands Stellung bezogen hat. Dağdeviren informierte seine Leser und lud das Volk ein, für
die Demokratie Stellung zu beziehen. Seine Postings, die wiederum von anderen zahlreich
geteilt und „geliked“ wurden, zeigen, dass er dadurch die Bevölkerung gegen den Aufstand
organisiert hat. In der Früh des 16. Juli berief er die Mitarbeiter seiner Redaktion zu einer
Sitzung und wies diese an, den gesamten Inhalt der Zeitung, einschließlich der Sportseiten, so
zu gestalten, dass ein Widerstand gegen den Aufstand zum Ausdruck gebracht werde.
Das weitere Vorgehen erklärt Dağdeviren folgendermaßen: „Wir haben viele Meinungen aus
der Bevölkerung aufgegriffen, zahlreiche NGOs kontaktiert, diesen bewusst gemacht, worum
es geht, dass sie sich gegen den Aufstand stellen müssen. Die verurteilende Reaktionen der
NGOs haben wir in unsere Artikel einfließen lassen und über unser Internetportal online
gestellt, die Erklärungen und Stellungnahmen der politischen Parteien bzw. ihrer Vertreter mit
der Betonung der Demokratie in die Schlafzeilen aufgenommen. In weiterer Folge haben
unsere Mitarbeiter die Demokratieversammlungen der Bevölkerung begleitet und ständig
darüber berichtet. Mit klarer und eindeutiger Sprache haben wir die militärische Bevormundung
abgelehnt und die Demokratie verteidigt. Bis zum 21. Juli habe ich meine Zeitung geleitet und
in der Region Gebze – meiner Meinung nach - eine beispielhafte journalistische Arbeit geliefert,
die besonders in so einer Situation notwendig ist. Am 21. Juli habe ich erfahren, dass die Polizei

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von Gebze nach mir sucht. Ich begab mich daraufhin sofort zur Sicherheitsdirektion von Gebze
und stellte mich freiwillig. Mit Verwunderung habe ich hier erfahren, dass mir Beteiligung am
Aufstand zur Last gelegt wird. Ich konfrontierte die Beamten mit den von mir verfassten
Zeitungsartikel, meiner öffentlichen Pressearbeit, meinem Verhalten usw. und fragte sie, wie
dies möglich sei - bekam aber keine Antwort. Nach 3 Tagen Polizeigewahrsam wurde ich dem
Richter vorgeführt und am 23. Juli frei gelassen”.
In der Zwischenzeit änderte sich an der Linie der Zeitung von Dağdeviren nichts und setzte ihre
Arbeit für die Demokratie und gegen den Aufstand bis zum 23. Juli fort. Dağdeviren kehrte am
23. Juli in sein Heim zurück, wurde aber bereits 6 Stunden später um Mitternacht erneut von
der Polizei aufgesucht und in Gewahrsam genommen, auch diesmal wurde ihm keine
Begründung genannt.
In der Folge wurde er für weitere 6 Tage an der Sicherheitsdirektion Gebze in Gewahrsam
gehalten. Die Polizisten erklärten, dass in der Nacht des 23. Juli eine anonyme Anzeige
eingegangen sei. Dağdeviren erklärt, “erst 6 Tage später habe ich den Grund meiner zweiten
Festnahme erfahren. Aufgrund eben dieser anonym erstatteten Anzeige einer Person, ein
Kontrahent oder jemand, der mich persönlich oder aufgrund meines Stils einfach nicht leiden
kann, wurde ich Hals über Kopf auf die Sicherheitsdirektion gebracht. Bei meiner Einvernahme
durch den Staatsanwalt wurden mir ein Artikel, den ich vor 2 Jahren im Jahre 2014 verfasst
hatte und eine Auslandsreise, die ebenfalls im Jahre 2014 stattgefunden hat und an der ich
zwecks Berichterstattung teilgenommen hatte, vorgehalten. Auf diese Beschuldigungen habe
ich detailliert geantwortet, den Staatsanwalt auf meine, durch die Verfassung garantierte
Rechte, nämlich Presse- und Gedankenfreiheit, hingewiesen, dass diese Arbeiten im Rahmen
dieser Rechte erfolgt sind, hingewiesen, weiters bei meiner ersten Anhaltung dieselben
Beschuldigungen zur Last gelegt wurden, ich aber in der Folge vom Richter frei gelassen wurde.
Anzumerken ist, dass wir ein Exemplar jeder Ausgabe der Zeitung beim zuständigen Presse-
Staatsanwalt abgeben müssen. Offensichtlich hatte der Staatsanwalt bis dato nichts Illegales an
unserer bzw. meiner bisherigen Arbeit gefunden.
Jedenfalls, dieselben Vorhalte waren mir eine Woche davor vom Richter gemacht worden. Ich
erfuhr in der Zwischenzeit, dass die Zeitung, an der ich als Chefredakteur arbeitete, per
Notverordnung verboten wurde. Auch dieser Umstand wurde mir in der
Untersuchungsverhandlung vorgeworfen. Es war unglaublich, was da geschah, auch der
Umstand, dass die Zeitung verboten wurde, wurde mir gegenüber als Haftgrund angeführt. Die
Regierung verbietet per Rechtsverordnung mit Gesetzeskraft eine Tageszeitung, einen
Radiosender sowie die Druckerei , ohne dass ein Gerichtsbeschluss oder –urteil vorliegt
und ohne dass gegen die Zeitung je ein Untersuchungsverfahren eingeleitet wurde,
einfach mit einer Verwaltungsentscheidung und verwendet wiederum diesen
Verwaltungsentscheidung als Begründung für meine Inhaftierung. Ein geschlossener
Kreis eines Beschuldigungssystems. Ein und dieselbe Behörde liefert sowohl den Grund der
Beschuldigung als auch den Beweis. Was mich am meisten schmerzt, ist der Umstand, dass ich
verhaftet wurde, obwohl ich mich für die Demokratie stark gemacht und gegen den Aufstand
engagiert habe.
Dağdeviren, der sich seit 9 Monaten in der Strafvollzugsanstalt von Kandıra in Haft befindet
weiter: „Ich wurde in Haft genommen, ohne dass gegen mich objektive Beweise vorliegen, nur
die von mir vor Jahren verfassten Artikel. Kein einziger dieser Artikel stellt ein strafrechtliches

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Vergehen dar. Es gibt keine einzige Anzeige. Es gibt kein einziges Strafverfahren gegen mich.
Der Journalismus ist der einzige Beruf, dem ich in meinem bisherigen Leben ausgeübt habe.
Da kann ich auf 15 Jahre Pressearbeit zurückblicken. Ich habe mehr als hundert
Auszeichnungen, Dankeschreiben usw. In zahlreichen Berufsverbänden habe ich Funktionen
übernommen, war ein ständiger Befürworter der Demokratie und unterstütze mit meiner
journalistischen Arbeit alle Gesellschaftsgruppen, die sich für den Frieden eingesetzt haben.
Meinungsvielfalt habe ich immer als eine Bereicherung angesehen, außer der journalistischen
Tätigkeit hatte ich keine andere berufliche Tätigkeit.
Die Berichterstattung oder der Journalismus sind keine Straftaten. Demokratie, Frieden und
Gerechtigkeit ist für jeden von uns lebensnotwendig. Meine Freiheit wurde mir vor 9 Monaten
entzogen, aber ich glaube fest daran, dass auch mir eines Tages die Gerechtigkeit widerfahren
wird. Ich glaube an die türkische Justiz und bin fest davon überzeugt, dass unser Land auch
diese Tage überstehen wird und wünsche mir, dass alle Pressehäftlinge so schnell wie möglich
ihre Freiheit wieder erlangen“.