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Symposion ODO M ARQUARD

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTENREIHE

BEGRÜNDET VON
MÜLLER, BERNHARD WELTE, ERIK WOLF SKEPTISCHE METHODE
HERAUSGEGEBEN VON
ROBERT SPAEMANN,
KLAUS HEMMERLE, ALEXANDER HOLLERBACH
IM BLICK AUF KANT

V ERLA G KARL A L B E R FREIBU RG /M Ü N CH EN


- Ö&? t M ¿0 /

ClP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek


Marquardt Odo:
Skeptische Methode im Blick auf Kant / Odo
Marquard. - 3., unveränd. Aufl. - Freiburg
[Breisgau]; Münchcn: Alber, 1982.
(Symposion; 4)
ISBN 3-495-44033-X
NE: GT

3., unveränderte Auflage 1982

SYMPOSION 4
Ich habe mich m it meinem Bibliotheksdiener darüber
Alle Rechte Vorbehalten ~ Printed in Germany
unterhalten. Er h at m ir vorgesdilagen, daß ich K ant
© Verlag Karl Alber GmbH Freiburg/Miinchcn 1958,1982 lesen soll oder so etwas dergleichen, über die Grenzen
der Begriffe und des Erkenntnisvermögens. Aber ich
Druck: fotokop Wilhelm Weihert KG, Darmstadt will eigentlich nichts m ehr lesen (General Stumm von
Bordwehr bei: Robert Musil, D er M ann ohne Eigen­
ISBN 3-495-44033-X schaften S. 476 ).
Howbo5dK - Unrvs'si|«f ist gerlm
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IN H A L T

V o rb e m e rk u n g ................................................................................................................... 9

A . Z U M A U S G A N G S P R O B L E M ................................................................ u

§ i . Z u m A usgangsproblem ............................................................................................ fi

B. Z U R I N V E N T U R D E R G E S C H I C H T S B E G R I F F E . . . . rj

§ i . Vorläufiges zur gegenwärtigen M e ta p h y s ik k r itik .......................................... 13


a) M etaphysik als S u r r o g a t ................................................................................... *3
b) Schlechte Präsenz des V e rw e ig e rten ................................................................ 16

§ 3 . Z u r Rivalität gegenwärtiger G e sd iic h tsb e g riffe .............................................. 23


a) Vollstufe: Fortschrittsphilosophie u n d Bewahrungsphilosophic . . . 23
b) Fluchtstufe: M ö g lich k eitsp h ilo so p h ie............................................................ 25
c) Schwundstufe: W issensdiaftsphilosophie u n d Endlidikeitsphilosophie . 28

§ 4 . Z u r Rivalität gegenwärtiger K ant-D eutungen .............................................. 30


a) Schwundstufe: wissenschaftsphilosophische u n d endlichkeitsphiloso­
phische D e u t u n g ................................................................................................. 3°
c)V ollstufe: fortschrittsphilosophische u n d bewahrungsphilosophische
D e u tu n g ................................................................................................................... 4°

C . Z W I S C H E N B E M E R K U N G .................. .................................................. 5*

§ j . Resignation u n d verbleibende A u f g a b e ............................................................ i2


a) R e s i g n a t i o n .......................................................................................................... 51
b) Verbleibende A u f g a b e ....................................................................................... 54

D . Z U R D IA L E K T IK D E R K O N T R O L L V E R N U N F T . . . . 57

§ 6. Z u r Analytik d er K o n tro llv e rn u n ft..................................................................... 57


a) Z um M etaphysikproblem ................................................................................... 57
b) Z u r T heorie der K o n tro llv e rn u n ft................................................................. 6*
c) Z u m Problem des G e g e b e n e n .......................................................................... £8

S 7 . Z u r Genealogie der K o n tro llv e rn u n ft................................................................. 74


a) Vernünftige V e r n u n f t ........................................................................................ 74
b) V ernunft u n d E s c h a to lo g ie .............................................................................. 7#
c) Z u r Antinomie unvernünftiger V e r n u n f t ................................................... 8*
Inhalt
§ 8. Zur Dialektik der Kontrollvernunft...............
a) Schein .....................................................................
VORBEM ERKUNG
b) Skeptische M e t h o d e ..........................................
c) Z u r A ntinom ie d er K ontrollvernunft . . .

E. ST A T T E I N E S E R G E B N I S S E S . . . .
§ 9. Auf der Sudie nach der verlorenen V ernunft . Die durch Interpretation der „K ritik der reinen Vernunft“ im Collegium
a) Z u m Schicksal des Freiheitsprobleins . . . Philosophicum Münster angeregte und im Juli 1954 von der Philosophi­
b) A uf d er Suche nach der verlorenen V ernunft schen Fakultät der Universität Freiburg i. Br. als Dissertation akzeptierte
c) Statt eines Ergebnisses.............................. A rbeit1 liegt hier stark gekürzt und in einer V ariante vor, die einen
Kompromiß versucht zwisdien dem, was ich damals geschrieben habe, und
dem, was ich davon heute vielleicht noch sagen würde, was mir einst­
weilen verzeihlich scheint, vorausgesetzt, daß Philosophie nicht zu lehren,
sondern allenfalls lehrreich zu sein prätendiert. Sollte in dieser Arbeit
das eine oder andere diskutabel sein, so verdanke und danke idi dies vor
allem meinem Lehrer Prof. Dr. Joachim R itter (Münster) und der groß­
zügigen Förderung durch Prof. D r. M ax Müller (Freiburg), mancher
Anregung von Prof. D r. Wilhelm Szilasi, Prof. D r. Bernhard Welte
(Freiburg), Prof. D. Dr. Carl-Heinz Ratschow (Münster) und Prof. Dr.
Benno von Wiese (inzwischen Bonn). Idi habe ferner zu danken: dem
Land Nordrhein-W estfalen für Druckkostenhilfe; dem Verlag Alber
für sein freundliches Entgegenkommen; manch anderen Menschen für
manches andere, so Prinzessin Christel zu Salm (Freiburg) und Dr. Karl-
ftiied Gründer (Münster).
Z itiert wird, wo nicht anders angegeben, nach der Kant-Ausgabe von
Cassirer durch römische (Bandzahl) und arabische Ziffern (Seitenzahl).
Die „Kritik der reinen Vernunft“ w ird nach A oder B zitiert. Außer RV
(„K ritik der reinen Vernunft“), PV („K ritik der praktischen Vernunft“),
U K („K ritik der Urteilskraft“) sind nur solche Abkürzungen verwandt,
aus denen der Titel der gemeinten Schrift unmißverständlich zu ersehen
ist. Benutzte Literatur ist in den Anmerkungen nachgewiesen. Mit Be­
dauern vermerke ich, daß Lucien Goldmanns „Mensch, Gemeinschaft und
Welt in der Philosophie Immanuel K ants“ (Zürich 1945) mir erst wäh­
rend der Reinschrift dieser U m arbeitung in die H ände geriet.
„Was die Sorgfalt, Abgemessenheit und Zierlidikeit der Ausführung
betrifft, so habe ich lieber in Ansehung derselben verabsäumen wollen
als mich dadurdi hindern zu lassen, sie zur gehörigen Zeit der Prüfung
zu übergeben“ (Deutlichkeit der Grundsätze II S. 202).

Münster i. Westf., 1. April 1958 O, M.

1 Z um Problem d e r Logik des Scheins im A nsdjJuß a n K a n t. Ü b er Möglich­


k eiten u n d G renzen einer k o m p ro m ittieren d en G enealogie d e r M etaphysik
(M asdi.-S dir. Diss. F reiburg i. Br. 1954).
A. Zum Ausgangsproblem

In die H isto rie sind Philosophen in der Regel un­


glücklich verliebt.

§ 1. Z u m A usgangsproblem
Wozu Metaphysik? Warum wird sie nötig? Ist sie Ausweis einer Fülle
oder Kompensation eines Mangels? Ist Metaphysik Verwirklichung oder
Surrogat? Vollstreckt oder verhindert sie den Lebensvollzug? Treibt der
Mensch Metaphysik, um oder anstatt Mensch zu sein? Braucht er sie, um
er selbst, oder gerade, um nicht er selbst zu sein? Ist sie Beisichsein oder
Selbstverfehlung?
Diese Frage formuliert weder das einzig mögliche noch das immer
gültige, sondern'allenfalls das gegenwärtige Metaphysikproblem1. Gleich­
wohl soll sie an K ant gerichtet werden. Und dodi ist das aussichtsreidi
nur dann, wenn sie Kants eigene Frage war. War sie das? Das ist durch­
aus nicht sicher. Also wird Kant, dem Vergangenen, ein gegenwärtiges
Problem auf oktroyiert?' Also soll Kant, der Vergangene, zwangsweise
zum Mitspieler der Gegenwart werden? Ist das erlaubt? Als Zer­
berus des Vergangenen und Gabriel seines Friedens weist Historie aufs
Anachronismus-Tabu und erhebt Einspruch.
Es ist erstrebenswert, zu diesem Einspruch möglichst schnell ein mög­
lichst befriedigendes oder, um bescheidener und realistischer zu reden,

* N ach der M etaphysik w ird a u f mancherlei Weise gefragt. D as Fragw ürdige


an der M etaphysik kann ihr T hem a sein: m an w eiß nicht (w ill aber wissen),
wonach sie fra g t (Themabegriff der M etaphysik); oder ihr V erfahren: m an
w eiß nicht (w ill aber wissen), w ie sie z u r A n tw o rt z u kom men sucht (M ethoden­
begriff der M etaphysik); oder ihre Suffizienz: m an w eiß nicht (w ill aber
wissen), ob bzw . inw iew eit sie A ntw ortchancen h a t (K om petenzbegriff der
M etaphysik); o der das Interesse a n ih r: m an w eiß nicht (w ill ab er wissen),
-warum metaphysisch z u fragen und z u antw orten nötig ist (Interessenbegriff
der M etaphysik). D ie Ausgangsfrage dieser A rbeit intendiert den Interessen­
begriff. D e r Versuch, das M etaphysikproblem als Interessenfahndung zu starten,
w ird nicht allgem ein a u f Sym pathie stoßen. A ber erstens ist dieser Versuch
heute üblich. Zw eitens ist die R eduktion aufs Interesse kein W ahrheitsentscheid.
D rittens h a t K a n t selbst sidi nidit gescheut, vom Interesse des Menschen an
M etaphysik z u reden. Menschliches Interesse a n M etaphysik, an gedanklicher
W iederholung alles dessen, w as ist, w ird entw eder aus Ü berfluß oder aus M angel
entstehen. Aus Ü berfluß: was ist, ist so staunensw ert gut, w a h r, schön, d a ß es
nicht genügend oft dasein kann, u n d sei’s in G edanken. Aus M angel: was ist,
ist so verzw eiflungsvoll schlimm, daR jede W iederholung — u n d sei’s in Ge­
danken — z u r ersehnten Chance fürs Bessere w ird . D ie Frage dieser A rbeit geht
vom Verdacht aus, M etaphysik sei m angelerzw ungen. B eziehbarkeit m etaphy­
sischer Aussagen aufs Interesse scheint ihr wichtiger als R ettung ihrer U ni­
versalität.

11
Z u m Ausgangsproblem

ein möglichst eindeutiges Verhältnis zu bekommen*. Darum folgende


Reflexion. B. Zur Inventur der Geschichtsbegriffe
Es geht um das genannte Problem. Es geht zugleich um Kant-Verständ­
nis. K ant aus ihm selbst verstehen wird allzuleicht: K ant naiv in die D e r Skeptizism us, als . . . negative Wissenschaft,
H ände des eigenen Dafürhaltens fallen lassen. Wer K ant mag, w ird ihm w ürde . . . sich als eine solche Einleitung darbieten
das nicht wünschen. Was tun? Für die Interpretation bleiben zwei Mög­ (H egel V I S. 48 f.).
lichkeiten. Erstens: K ant aus seiner Zeit, aus seinen historischen Vor­
aussetzungen zu verstehen, Kants Frage dort aufzunehmen, wo Kant sie
aufgenommen hat. Diese Möglichkeit ist im Recht und muß das Inter­ $ 2. Vorläufiges z u r gegenwärtigen M e ta p h y sik k ritik
esse jeder Interpretation haben, die wirklich über K ant reden will*. a) Metaphysik als Surrogat
Zweitens: K ant aus unserer Zeit, aus seinen historischen Folgen zu ver­
Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Ist diese Frage gegen­
stehen, Kants Frage dort aufzunehmen, wo sie uns näher ist als bei Kant.
Diese Möglichkeit ist ebenso im Recht und muß das Interesse jeder Inter­ wärtig? Oder besteht Gefahr, am Ende selbst die Gegenwart anachro­
pretation haben, die Kants Bedeutung für die eigene Wirklichkeit sucht. nistisch zu interpretieren? Ist die Frage tatsächlich akut?
Beide Möglichkeiten gehören zusammen. Isoliert sich eine, muß sie Miß­ Sie ist es zweifellos. Beleg ist die gegenwärtige Herrschaft einer diese
trauen gegen sich aufbringen. und gerade diese Frage beantwortenden Antwort. Es gehört zum guten
Die folgende Untersuchung, die zugunsten ihres Ausgangsproblems Ton der Gegenwartsphilosophie, das in der „Schule des Verdachts“ 1
die zweite Möglichkeit w ählt und zur ersten parasitär sich, verhält, tu t Gelernte gegen die Metaphysik zum Einsatz zu bringen. Argwohn adelt.
das. Ständig und m it Grund w ird sie sich selbst verdächtigen, sie traktiere Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Die herrsdiendeAntwort:
Geschichte als kodifiziertes Logbuch des eigenen Schicksals, als Schlüssel­ Metaphysik ist Surrogat. Diese Antw ort ist nachgerade zur Konkordien-
erzählung der eigenen Misere, als Gegenwart mit anderen Mitteln im formel des gegenwärtigen Selbstverständnisses geworden.
Wie hat Metaphysik es angestellt, sich so allgemeine Feindschaft zuzu­
Sinn eines extravertierten Narzißmus. M it diesem Zweifel im Rücken
versucht sie einen heuristischen Anachronismus. Sie versucht, Kants Frage ziehen? Auf den Tatbestand selbst mag sie erfreut oder besorgt sehen.
dort aufzunehmen, wo sie uns näher ist als bei Kant. Erfreut: Metaphysik ist noch etwas, sie hat wenigstens noch Feinde.
N ah und wohl am nächsten scheint sie in der Gegenwart. Gegenwart ' Besorgt: Metaphysik ist bedroht, denn ihre Feinde sind gefährlich. Aber
meint nicht nur heute. Z ur Gegenwart gehört die für sie aufdringlichste warum h at sie Feinde? Was ist sie, daß sie Feinde hat? Was ist sie, daß
Vergangenheit: ihre Klassik. Zu unserer Gegenwart gehört also wenig­ diese Feinde das Schicksal der Metaphysik als Vollzug ihrer progressiven
stens die Klassik ihrer Schwierigkeiten: die nachhegelsche Philosophie. Selbstzerriittung glauben interpretieren zu können?*
In dieser Gegenwart ist Kants Frage aufzunehmen. Metaphysik ist der Definition nach Ousiä-Denken als theoretische
Das versuchen die nächsten Kapitel (B und C). Die folgenden (D und Wissenschaft von den ersten Gründen und Ursachen und vom Seienden
E) kommen m it der so gewonnenen Frage auf K ant zurück. als Seiendem*. Metaphysik ist der Intention nadi vernünftige Verteidi-
1 Nietzsche nennt als „Lehrm eister des großen Verdachts“ den »Schmerz“ : W erke
* W ohl kaum jem and ist heute noch in der Lage, strenge Scheidung system ati­
(M usarion) X V II 297, u n d Philosophie »K unst des 'M ißtrauens“ (a. a. O . X IV
scher und historischer Philosophie guten Gewissens zu akzeptieren. D as bedeutet
312; diesen H inw eis verdanke ich H e rrn P ro f. D r. O . M ost).
ab er nicht, daß die Frage nach ihrem V erhältnis irgend gelöst ist, auch w enn sie
1 Diese Selbstzerriittung d e r M etaphysik, d ie H eidegger im Anschluß a n N ie tz ­
inzwischen so manches M al feierlich beerdigt w urde und gewiß z u r Z eit wegen sches Nihilism usbegriff »Verwesung“ der M etaphysik n ennt (H olzw ege [1950] 204),
D iskussionserm attung ru h t. D e r folgende Versuch einer K onzentrierung dieser
charakterisiert M arx 1845/46 in d e r „Deutschen Ideologie“ (D ie Frühsthriften,
Frage aufs V erhältnis zwischen „voraussetzlingsgeschichtlicher“ u n d „w irkungs-
ed. L andshut [1953], S. 343): »Es h an d elt sich allerdings um ein interessantes
gesanchtlicher“ In terp re ta tio n ist n u r eine N otlösung u n te r anderen.
Ereignis; um den V erfaulungsprozeß des absoluten Geistes“, greifbar im »Ver­
a Seit die Erforscher der Prähistorie ICants sich vom gebannten Blick a u f die
wesungsprozeß des Hegelschen Systems“ (342).
englische Philosophie des 17.' u n d 18. Jah rh u n d erts befreiten und sich fü r die ® Vgl. A ristoteles, M et. A 1—2 ; M et. 7 1 1 1003 a 21 ff.; M et. A 1 1069 a 18 f.
vorw iegend aristotelisch bestim m te Schultradition der M etaphysik interessierten, 2 u r In terp re ta tio n : J. R itter, D ie Lehre vom U rsprung u n d Sinn der Theorie
ist m m inutiöser A rbeit, die jedem K an t-In terp reten , der an ihr nicht teilnim m t, bei Aristoteles, in: Veröffentlichungen der Arbeitsgemeinschaft fü r Forschung des
das P a ra sitä re seines Tuns vor A ugen fü h rt, w ertvolle E rkenntnis a n d v o r allem Landes N ordrhein-W estfalen (1952) H eft 1, 32—54; A ristoteles und die V or-
der E indruck gefördert worden, d a ß K enntnis der Vorgeschichte K ants einst­ sokratiker, in: Felsefe A rkivi lilt 3 (1954) sayi 2/3 17— 37; Physis — E thos —
w eilen noch w eitgehend Ziel u n d keine erreichte W irklichkeit ist. Vgl. unten Ö usia (erscheint demnächst). D ie „Prinzipienlehre“ als Them a der M etaphysik
S. 48, A nm . 145. H ie r sei verwiesen a u f H . Schcpers, A ndreas Rüdigers M etho­ haben besonders betont: M . M öller, Sein und Geist (1940) T eil I I I 136 ff.;
dologie und ihre Voraussetzungen. E in B eitrag z u r Geschichte der deutschen X . O eing-H anhoff, Ens et unum c o n v ertu n tu r (1953) T eil I I 21 fF.
Schulphilosophie im 18. Jh., in : Ergänzungshefte der K antstudien 76 (1958).

12
Z u r In v e n tu r d er Gcscfjichtsbegriffe Vorläufiges zu r gegenwärtigen M e ta p h y sik k rltik

gung des menschlichen Menschen4. Und Metaphysik ist ihrer Herkunft Formulierung eines Plädoyers für die Metaphysik aus den Folgen ihrer
nach all dieses als Mythosbewahrung unter Stadtbedingungen, als Theo­ Preisgabe. Dabei muß die einst mächtige Metaphysik sidi allerdings zur
logie für Bürger, als zur Wissenschaft gewordenes Gottesverhäknis5. List bequemen, zur Hoffnung, durch die Woge des Unbehagens an der
Und just dieses Wesen und Treiben der Metaphysik wird gegenwärtig Antinomie der metaphysikfreien Wirklichkeit zu neuem Glück und Ruhm
suspekt. Ihre Definition scheint abstrakt und nichtssagend. Ihre Inten­ getragen zu werden: Sie lebt nicht mehr vom unmittelbar eigenen Pre­
tion scheint dem W orte nach akzeptabel, in Wirklichkeit aber durch ihre dige, sondern von der Misere ihres Gegenteils. Dieses indirekte Leben der
H erkunft gestört und verfälscht. Denn seit das Gottesverhältnis zum Metaphysik ist mühsam und unerquicklich. Zudem ist ihr Dasein als ein-
christlichen Heilsglauben wurde und Wissenschaft zur exakten Erfahrung, %'H\ die Negation ihrer Negation gefährlich: die sich rettende Metaphysik
seit Theologie und Wissenschaft sich auseinanderlebten und von der kommt vor lauter Retten nicht zum Vollzug, und dies nicht ungem.
Metaphysik sich trennten, zerfällt die einstmals einheitliche Konzeption Denn ein Plädoyer für die Metaphysik aus den Folgen ihrer Preisgabe
des menschlichen Menschen *. fth nötig erfahren, heißt nicht schon, es erfolgreich zu führen. Vielleicht
Fortan gerät Metaphysik mehr und mehr zwisdien die Fronten des kann überhaupt nur der es zufriedenstellend führen, der es nicht nötig
Zeitalters. Dem Gottesverhäknis ist sie zuwenig Gottesverhältnis und hat: daraus, daß etwas schlimm ist, folgt nodi nicht, daß etwas anderes
zuviel Wissensdiaft, sozusagen Wissenschaft statt des Gottesverhältnisses: besser ist; daraus, daß die Wirklichkeit ohne Metaphysik schlimm ist,
Wissenschaft, um m it dem Gottesverhäknis nicht ernst machen zu müssen. folgt noch nicht, daß sie mit Metaphysik besser ist. So ist auch ein Plä­
D er Wissensdiaft ist sie zuwenig Wissensdiaft und zuviel Gottesverhält­ d o yer für die Metaphysik aus den Folgen ihrer Preisgabe fragwürdig.
nis, sozusagen Gottesverhältnis statt der Wissensdiaft: Gottesverhältnis, Darum vermeidet man gern, es zu Ende zu führen; an die Stelle der
um m it der Wissenschaft nidit Ernst machen zu müssen. Jenen Einwand Metaphysik tritt das unendliche Plädoyer für sie. Es kann ebenfalls als
könnte man den Rechtseinwand, diesen den Linkseinwand nennen. Surrogat, als Surrogat des Surrogates denunziert und zum neuen Indiz
Rechtseinwand und Linkseinwand berennen die Metaphysik von ent­ dafür werden, daß Metaphysik Surrogat sei.
gegengesetzten Seiten. Und selbst wo Metaphysik sich auf die Empfeh­ Metaphysik ist Surrogat, sagen ihre K ritiker". Freilich, so hat sich
lung zurückgezogen hat, das Getrennte verbunden zu halten, bleibt sie die Metaphysik selbst nicht verstanden. Aber, sagen ihre K ritiker, es
vom Verdacht nicht versdiont, jeweils zuweriig zu geben von dem, was
* Alle sagen sie: der M ensdi flächte in die M etaphysik, w eil er n id it der „exi­
man will, und statt dessen als trostlosen Trost zuviel von dem, was man stierende“, nicht d e r — vgl. unten S. 17 ff. — „geschichtlidie“ M ensdi u n d so
nicht will. Am Ende steht die fatale Neigung der Metaphysik, ins Unbe­ » nidit e r selbst“ sein w ill, also weil e r sich z u r „ P o sitiv itä t“, d. i. F reih eit des
stimmte zu geraten oder dem Bilde gleich zu werden, das ihre Kritiker „unvordenklich seienden“ G ottes u n d seiner O ffenbarungen „neg ativ “ v e rh ält
(Sdielling) o der weil er sich z u r „ P o sitiv itä t“, d. i. z u r w issensdiaftlichen K lä ­
von ihr haben: der Gegensatz der Redits- und Linkseinwände ist in ihr
rung und L eitung seines gesellschaftlichen D aseins atav istisd i v e rh ä lt (C om te),
eigenes Gesprächsdasein eingewandert; Untergang droht ihr nicht mehr Weil er die S itu atio n seiner „verzw eifelten“ U nw ah rh eit, d. i. „Sünde“ , nicht
nu r von außen, sondern durdi sie selbst. wahrhaben und „vor G o tt" übernehm en (K ierkegaard) o der das P roblem seiner
Freilich: Rechtseinwände und Linkseinwände sind einander entgegen­ gesellschaftlichen „ E ntfrem dung“ nicht re v o lu tio n är lösen w ill (M arx ), weil er
gesetzt und feindlich. Die scheinbar wachsende Misere der Metaphysik kein „sinnliches“ W esen sein m ag (F euerbadi) u n d zu schwach ist, „Leib“ zu
»ein (N ietzsdie), w eil e r — s ta tt einer „ Ü berw indung der M e taphysik“ — seine
befördert den Gegensatz der Wirklichkeitsbegriffe, die diesen Einwänden „E ndlichkeit“ n ied e rh ält und „v ergißt" (H eidegger) o d e r — s ta tt einer „Ü ber­
zugrunde liegen. Das offene Unbehagen an diesem Gegensatz ist eine w indung d e r M etap h y sik “ — die „logisdic A nalyse der Sprache“ verw eigert
Folge des Metaphysikschwundes. Dieses Unbehagen bietet die Chance (C a rn ap ) usf.: d ah er sei M etaphysik d e r „B etrug der S pekulation, sich aus der
für ein Plädoyer für die M etaphysik aus den Folgen ihrer Preisgabe’’. E xistenz hinauserinnern zu w ollen“ (K ierk eg aard , Abschließende unwissen-
«diaftliche N achschrift zu den philosophischen B rodten [1846], in: W erke, ed.
D aß M etaphysik „nichts mit der Wirklichkeit zu tun“ habe8, ist, wenn die S direm pf V I 264). AH diese E inw ände behandeln die M etaphysik als I n ­
metaphysiklose Wirklichkeit qualvoll auseinanderreißt, schlimmer für die strum ent. D ie L inkseinw ände sagen, sic sei zu w e n ig In stru m en t und d e r M eta-
„W irklichkeit“ als für die Metaphysik: Hegels einsdilägiges Bonmot ist nhysiker veräu ß ere d aru m das Menschsein des Menschen an die Selbstherrlich­
kein Dokument der H ybris und W eltfremdheit, sondern die Kürzest- k e it G ottes; d ie Rechtseinw ände sagen, sie sei zu v ie l In stru m en t und d e r M eta­
physiker veräu ß ere d arum das G ottscin G ottes an die Selbstherrlichkeit des
4 Vgl. J. R itte r, D as bürgerliche Leben. Z u r aristotelischen T heorie des Glücks, Menschen, D e r erste E inw and greift vornehm lich den Fetischismus, der zw eite
in : V ierteljahrssdirift fü r wissenschaftlidie P ädagogik 32 (1956) 60— 94. vornehm lich den P ragm atism us d e r m etaphysischen V ernunft an. Fetischismus:
5 V gl. J. R itte r, D ie L ehre vom U rsp ru n g u n d Sinn der T heorie bei A ristoteles, V ernunft — W erkzeug der Lebensfristung — w ird diesem Zweck m etaphysisdi
a. a. O . en tfrem d et und zum Selbstzw eck gem acht; M ittel als Zweck, W eg als Z iel be­
* G enauere Bestim m ung dieses „E ntzw eiungsproblem s“ u n ten S. 23 ff.; zu seiner h andeln ist a b e r Fetischismus. P ragm atism us: A n d a d it G ottes — Selbstzw eck —
G enealogie vgl. unten S. 74 ff. w ird m etaphysisch zum sdilediten W erkzeug der L ebensfristung; Zweck als
7 Vgl. un ten S. 54 und A nm . 10. 8 V olksm und. M ittel, Z iel als W eg behandeln ist P ragm atism us.

14 15
Z u r In v e n tu r d e r G esdnchtsbegriffe Vorläufiges z u r gegenw ärtigen M e ta p h y sik k ritik

gehöre eben zu ihr, daß sie sich ein wahres Selbstverständnis nicht leisten ¡‘tmt der Philosophie aufgenommen w ird, was aufgenommen werden
könne, daß sie zugunsten ihres Bestehens selbst nicht ■wissen dürfe, was muß: die Wirklichkeit und ihr Problem; „die Spekulation läßt das Pro­
sie tut, daß man sie also besser begreife, als sie sich selbst begreift, wenn blem gar nicht aufkormnen“, meint K ierkegaard18; und Heidegger arg­
m an sie ihrem Selbstverständnis entgegen und so verstehe, daß Begreifen wöhnt, „daß die M etaphysik die Frage . . . nidit nur nicht stellt, sondern
und Kompromittieren eins sei: „ im gewöhnlichen Leben“, sagt Marx, verbaut“ “0: offenbar verfolgt der Mensch nur deswegen metaphysische
»weiß jeder Shopkeeper sehr wohl zwischen dem zu unterscheiden . . . Probleme, weil er m it seinen eigenen nicht fertig wird. So h at Metaphysik
was jemand zu sein vorgibt, und dem, was er wirklich ist“ I0; „unsere „ftidits mit der W irklichkeit zu tun“ oder eben nur dieses, daß sie die
Gesdiichtssdireibung“ müsse „diese triviale Erkenntnis“ endlich auf die Wirklichkeit nicht zu ihrem Recht kommen läßt, vergißt, verdrängt” .
M etaphysik an wen den“ und fragen: „Kann sic ihr Wesen wissen? Wenn Aber was ist das — die Wirklichkeit?
sie es begreift, greift sie es metaphysisch. Aber der metaphysische Begriff Darüber scheint Einigkeit nur in formaler Hinsicht zu herrschen. Zu~
von der M etaphysik bleibt stets hinter ihrem Wesen zurüdc“ (Heideg­ uiidist soll eine formale Bestimmung, jeweils im Anschluß an die Anklage
ger)1*, „da dies schon durch die N atur des (sc. metaphysischen) H and­ der Metaphysik als Surrogat, wenigstens versucht werden. Vier Momente
werks selbst bedingt w ird“ (M arx)13, d, h., weil „es m m Wesensgeschick icheinen wesentlich. Sie beleuchten das, was die gegenwärtige metaphysik-
der Metaphysik (gehört), daß sich ihr der eigene Grund entzieht“ Itmisdie Philosophie ausdrücklich oder unausdrüddich und stets in min­
(Heidegger) u . So ist die M etaphysik zwangsweise unredlidi, und zw ar destens geheimem Anschluß an Einteilungen Kants und alter Tradition
in doppelter Weise: als Ausweichen des Menschen vor sich selbst und als im Sinne einer „A nalytik“ (1. 1, und 1. 2.) und „D ialektik“ (2. I. und
Verbergen dieses Ausweichens. „Ehrlichkeit und Redlichkeit“, sagt Feuer­ 2, 2.) sucht und erfährt**.
bach, „sind zu allen Dingen nütze — auch zur Philosophie. Ehrlich und 1.1. Metaphysik ist Surrogat. Surrogate wollen ersetzen. Metaphysik,
redlich ist aber nur die Philosophie, wenn sie die Endlichkeit ihrer speku­ iägen ihre K ritiker, will die Wirklichkeit in ihrer Bestimmung als Ge-
lativen Unendlichkeit eingesteht*16, und zw ar durdi einen „entscheiden­ jcfrichte ersetzen.
den, universalen Selbstenttäusdhungsakt“ IB, der, wie Kierkegaard es for­ Dieser „geschichtsphilosophische“ Geschichtsbegriff protestiert zugleich
muliert, „gerade darauf beredinet (ist), die Spekulation zu verhindern“ 11 gegen den „historistischen“ Geschichtsbegriff, der Geschichte (Historie) zu-
und „das im Menschen, was nicht philosophiert, was vielmehr gegen die nHdist als Abkehr von der Gegenwart durch Zuwendung zu Vergange-
Philosophie ist* dem abstrakten Denken opponiert, das also, was bei
Hegel nur zur Anmerkung herabgesetzt ist, in den Text der Philosophie K ierkegaard a. a. O . 146.
w H eidegger, B rief über den H um anism us (1949) 31.
aufzunehmen“ (Feuerbach)ls. 11 D ie stru k tu relle Ä hnlichkeit des Freudsdien V erdrängungsbegriffs und des
H eideggersdien Begriffs d e r Seinsvergessenheit ist n u r durch die eifrige T a ­
b) Schlechte Präsenz des Verweigerten buierung des „Psychologisdien“ in d e r H eideggerschule unbem erkt geblieben.
** K a n ts U nterscheidung v o n „tran szen d en taler A n a ly tik “ u n d „transzenden­
Ist M etaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Sie ist Surrogat, sagen
ta le r D ia le k tik “ fo lg t d e r alten aristotelischen E inteilung des „ O rg an o n “ in
ihre K ritiker, sie verhindert durch, ihren metaphysischen Text, daß in den die „A nalytiken.“ u n d die „T o p ik “. D as w urde m ir durch einen H inw eis H . Sche­
pers’ plausibel. D a ß nach K a n t diese E inteilung w irksam geblieben ist, zeigt
10 M arx, D eutsdie Ideologie, Feuerbach, in : D ie Frühschriften, ed. L andshut ein Blick a u f die H a u p tw e rk e etw a L. Feuerbadis und M. H eideggers. Vgl.
(1953) 378. D a s A rgum ent ist ab er keinesw egs n u r m arxistisch, sondern zugleich Feuerbach, D as W esen des C hristentum s (1837), in : Säm tliche W erke V II
auch gut christliche T rad itio n . Vgl. K ierk eg aard , Abschließende unwissenschaft- (Leipzig 1883) 22: D ie S dirift „ ze rfällt dah er in zw ei Theile, w ovon der H a u p t­
lidie Nachschrift zu den philosophischen Brocken (1846), in : W erke, ed. Schrempf, sache nach d e r erste d e r bejahende, d e r zw eite . . . d e r verneinende ist; a b er in
V I 139: „W as hier angedeutet ist, haben die ,Brocken' oft genug eingeschärft: beiden w ird dasselbe bewiesen, n u r a u f versdiiedene o der vielm ehr entgegen­
näm lidi d a ß es keinen direk ten u n d u n m ittelb aren Ü bergang zum C hristen­ gesetzte W eise. D e r erste ist näm lidi d ie A uflösung d e r R eligion in ih r W esen,
tu m g ib t; u n d d a ß deshalb alle, die einen' a u f diese W eise ins C hristentum ihre W ah rh eit, d e r zw eite die A uflösung derselben in ihre W idersprüdie.“
rhetorisch hineinschieben oder sogar hineinprügeln w ollen, B etrüger sind. D o d i A . a. O . 23: „D er erste T heil ist dem nach d e r directe, d e r zw eite d e r indirecte
nein: sie w issen n u r nicht, was sie tu n .“ In leicht anderer F rontstellung a rg u ­ Beweis, d a ß die Theologie A nthropologie ist; d e r zw eite fü h rt dah er notw endig
m en tiert genauso das N T (Luk. 23, 34). a u f den ersten zurück; e r h a t keine selbständige B edeutung; e r h a t n u r den
11 M arx, ebd. 1! H eidegger, H o lzw eg e (1950) 243. Zweck, zu beweisen, d a ß d e r Sinn, in welchem die R eligion d o rt genom m en
19 M arx, D eutsdie Ideologie, Feuerbadi, in : D er historisdie M aterialism us, ed. w o rd en ist, d e r richtige sein m uß, w eil d e r entgegengesetzte Sinn U nsinn ist“
L a n d sh u t/M a y er Bd. 2 (1932) 76. (Sperrungen im T ex t g etilgt, M .). U n d vgl. zw eitens H eidegger, Sein und Z eit
u H eidegger, W as ist M etaphysik? (5 1949) 11 . (1927), den „A u friß d e r A bh an d lu n g “, 3 9 ff.: „D ie A usarbeitung d e r Seinsfrage
15 Feuerbach, V orläufige Thesen z u r R eform d e r Philosophie (1842), in: K leine gabelt sich so in zw ei A ufgaben; ihnen entspricht die G liederung der A bhand­
philosophische Schriften, ed. Lange (1950) 64. 1,1 Feuerbach a. a. O . 75. lung in zw ei T eile: E rste r T eil: D ie In te rp re ta tio n des D aseins a u f die Z eitlich-
,7 K ie rk eg a ard a. a. O . 265; gegen den „B etrug d e r S pekulation, sich aus der k c it und die E xp lik atio n der Z eit als des tran szen d en talen H o riz o n ts der Frage
E xistenz hinauserinnern zu w ollen“, a. a. O . 264. 18 F euerbadi a. a. O . 67. nach dem Sein. Z w e ite r T eil: G rundzüge einer phänom enologischen D estru k tio n

16 2 M a rq u a rd , Skeptische M ethode 17
Z»r In v en tu r der Geschieht!begriffe :; Vorläufiges z u r gegenwärtigen M e ta p h ysikkritik

nem w ill2S. Weil diese Zuwendung in einer Zeit, in der das Wissen der Pagegen protestiert der „geschichtsphilosophische" GeschichtsbegrifF:
exakten Wissenschaft herrscht und der christliche Offenbarungsglaube Ifr besteht auf der Wahrheitsfrage; er kritisiert die Gegenwart als un-
heilserheblich bleibt, dasjenige zu bewahren versucht, was an Tradition er verlangt ihre Änderung. Der „Historismus* h at mit der Ver-
zum Dasein gehört, aber durch die voraussetzungslose Methode moderner jßri|;eiiheit auch die Gegenwart nur individualisiert; es kommt aber dar­
Wissenschaft und durchs GottesVerhältnis sola fide nicht festgehalten in? in , sie zu verändern. Der „geschichtsphilosophische“ GeschichtsbegrifF
■werden kann, w ird dieser „historischen“ Zuwendung (und nicht der Jfisiiu Geschichte als Veränderung der Gegenwart zum Besseren. Er pro­
exakten Wissenschaft oder Theologie) der Titel »Bildung“ zugesprochen. fitie r t gegen die Versuche, die Gegenwart statt zum Besseren nur zur
Weil aber diese „historische“ Zuwendung eine Abkehr von der wissen­ Metaphysik zu bringen: Metaphysik ist Surrogat der Wendung zum
schaftsbestimmten Gegenwart und der „Gleichzeitigkeit“ mit Christus** besseren.
sein kann, wird „Bildung“ zugleich das W ort für eine gewisse Unwirk­ 1, 2. Metaphysik, sagen ihre Kritiker, ist Surrogat. Surrogate wollen
lichkeit und Selbstentfremdung, für eine „Flucht aus der wirklichen Welt ersetzen. Was ersetzt werden muß, fehlt: Metaphysik als Surrogat ist
und . . . Flucht aus dem Reiche der Gegenwart“ (Hegel)*5: der Mensch ¡uwngelerzwungene Metaphysik. Darum muß die Frage nach der mangel-
verliert sich an die Vergangenheit, seine Gegenwart wird ihm zu einer tTZWungenen Metaphysik zur Frage nach dem metaphysikerzwingenden
Vergangenheit unter anderen, er wird ein „étranger en son pays“ (Des­ Mangel werden. Ein Mangel, der ein so prominentes Surrogat wie die
cartes)2*, dem angesichts des Andersseins der anderen (Zeiten, Gemein­ Metaphysik bemüht, ist nicht irgendeiner. Er ist Defekt schlechthin; die
schaften, Weltbilder, Menschen) die Wahrheitsfrage entgleitet und alles Gegenwart ist durch Defekt bestimmt; der gegenwärtige Mensch ist
und zuletzt er selbstund die eigene Zeit zur „Individualität“ werden*7. Defektwesen*8. Ihm fehlt, was am meisten zu ihm gehört: er selbst fehlt
sidi selbst. In verschiedenster Hinsicht ist er seiner eigenen Wirklichkeit
der Geschichte der Ontologie am L eitfaden der Problem atik der T em poralität.“ fremd geworden. Diese „Selbstentfremdung* ist Selbstverweigerung im
Beide W erke — und m utatis m utandis manch wesentliche W erke der neuzeit­ möglichen Doppelsinn dieses Wortes: der Mensch verweigert sich selbst
lichen Philosophie — folgen K ants und älte re r E inteilung d e r K ritik in A naly­
tik und D ialektik. oder wird sich verweigert**. Die verweigerte Wirklichkeit ist Geschichte.
** In der D eutung des Phänom ens folge ich J . R itter, insbes. „Philosophie der Gescbichtsverweigerung ist die Definition der entfremdeten Gegenwart.
Geschichte“ (Münstersche Vorlesung S.-S. 1950), die besonders den Zu­ 2. 1. Metaphysik, sagen ihre Kritiker, ist unter der Bedingung der
sam menhang zwischen dem Entstehen der „voraussetzungslosen“ M ethode exakter
Wissenschaft, ihrer A usklam m erung (Descartes: dubitatio) der traditionalen V or-
Ctesehichtsverweigerung Surrogat der verweigerten Geschichte. Ihr Grund
ausgelegtheit der W elt (Descartes: vetus opinio) und dem E ntstehen des „histo­ ist keine „Sache“ (objectum proprium), sondern ein Defekt. Nicht das
rischen Sinns* aus dem Bedürfnis eines festhaltenden O rgans und seiner Ver­ Staunen, dieser unadressierte Dank fürs Wohlsein der Welt, sondern Wun­
wirklichung in der H istorie herausarbeitet. Im Anschluß an diese These be­ den sind Ursprung der Metaphysik: ihre Aufgabe ist nicht Wahrheit,
spricht das Phänom en des M usealen K . G ründer, D ialektik des M usealen, in:
W ort und W ahrheit X (1955) H eft 10, S. 791—795.
** Vgl. K ierkegaard, Philosophische Brocken; auch ein Bißchen Philosophie idiicfitlichkeit" durch Sprung ins »Systematische", durch A nw endung d e r K a te ­
(1844), K ap. 4 und 5. gorie der In d iv id u a lität a u f diese selbst, durch Aufbruch zur Typologiensuche
** H egel, Phänom enologie des Geistes (1807), cd. H offm eister (1949) 350; vgl. Üder durch H a d er m it dem eigenen Schicksal im „H istorism usproblem “ erfolglos
a. a. O . V I, B: „D er sich entfrem dete Geist. Die B ildung“ , 347ff., bes. I,a . fcu entkom m en. Z u r O rientierung über dieses v o n Nietzsche, Troeltsch, Meinecke
** Descartes, Discours de la M éthode (1637), id . G ilson (1947) 6 : „ C a r c’est u. a. besprochene, seither eher totdiskutierte als gelöste Problem vgl. K . H eussi,
quasi le même de converser avec ceux des autres siècles, que de voyager. I l est D ie Krise des H istorism us (1932).
bon de savoir quelque chose des m œurs de divers peuples, afin de juger des ,K Diese Bestimmung mag an den durch A. Gehlen (D er Mensch. Seine N a tu r
nôtres plus sainement, et que nous ne pensions pas qUe to u t ce qui est contre Und seineStellung in der W elt [1940]) in die A nthropologie eingeführten, S. 2 2 ff.
nos m odes soit ridicule, e t contre raison, ainsi q u ’o n t coutum e de faire ceux qui exponierten und S. 29 ausdrücklich aufgebrachten Begriff des „Mängelwesens“
n ’o n t rien vu. Mais lorsqu’on em ploit tro p de tem ps à voyager on devient enfin erinnern. D er eigentliche Unterschied liegt in der D efektdefinition. F ü r G ehlen,
étranger en son pays; e t lorsqu’on est tro p curieux des choses qui se pratiquaient der den Menschen z w a r aus ihm selbst begreifen w ill (2) und ihn dennoch durch
aux siècles passés, on demeure ordinairem ent fo rt ignorant de celles qui se p ra ti­ Vergleich m it dem T ier charakterisiere, leidet der Mensch — grob gesagt —
quent en celui-ci.“ ttidtt am geschichtlichen D efekt der E ntfrem dung, sondern am U nverm ögen,
*T „Geschichte“ ist K om m unikationshindernis und Störung oder Vernichtung «ierhaft festgelegt zu sein. Gehlens U ntersuchung ist in der T a t aufregend —
des Verbindlichen durch In d iv id u a lität; der „geschichtlidse“ Mensch versagt v o r biologische Reflexion des Entfrem dungsproblem s.
der Frage des w ahren, rechten, geglückten Daseins: er ist m aß-los. Euphorisch 1111 D er Verweigenmgsbegriff — d e ra rt doppelsinnig gefaßt — p a k tie rt gleicher­
ist er der m useal-antiquarische Bezug z u r anderen u n d d e r narzißtische Bezug m aßen m it den T räglieitstheorien etw a K ants u n d Fichtes und den Versagungs-
z u r eigenen, durch O rig in alität behaupteten Indiv id u alität. D eprim iert, erfäh rt b*w. Seinsentzugs-Tneorien Freuds und H eideggers, um nur einige Bezugspunkte
er sich zwischen gleichgültig individuellen Möglichkeiten als Q ual d e r W ahl zu nennen. Vgl. das Trotz-Schwädie-Scbem a K ierkegaards (D ie K ran k h eit zum
u n d E kel an ihrer Z ufälligkeit: dann versucht er, dieser unbehaglichen „G e- T ode [1849], W erke, ed. Schrempf V II I 44 ff.).

18
i

Z u r In v en tu r der Geschichtsbegriffe Vorläufiges zu r gegenwärtigen M etaphysikkritik

sondern Linderung3', ihr Pensum nidit Erkenntnis, sondern Kompen­ Mimisch zu sein, gehört zu ihrem Steckbrief als der Zwang zum Versuch,
sation“ . Sie wird nötig, 'weil die gesdiiditsentfremdete Gegenwart sich, jhfim Mangel loszuwerden, ohne ihn zu beheben, sich zu ändern, ohne
weder ertragen noch ändern kann oder mag: der Zwang, nicht mit sich fitih zu ändern, in eine andere Wirklichkeit zu flüchten, die keine andere
(*f. Metaphysik verdoppelt” die Wirklichkeit, statt sie zu ändern; sie
30 Auch hier w äre an Gehlens „E ntlastungsprinzip“ (vgl. a. a. O . 25 52 ff. u. 5.) In der prominenteste Versuch eines solchen faulen Kompromisses zwi-
und seine von dorth er mögliche D eutung der „Institutionen“ zu denken (U r­ ■teilen Geschichtspßicht und Geschieh rsverweigerung, der aufwandreichste
mensch u n d S p ä tk u ltu r [1956]). A ber Gehlen p läd iert — das ist n u r ein U nter­
schied — f ü r E ntlastung; die M etaphysikkritik dagegen. Versuch, der beschädigten Gegenwart Geschichte durch ihreVerweigerung
31 D eutung der M etaphysik als »Kom pensation* ist nicht verbaliter, wohl aber KU präsentieren: Metaphysik ist schlechte Präsenz des Verweigerten. Das
in tentionaliter üblich. D e r Kom pensationsbegriff scheint ursprünglich in der ■Jtv die Strukturformel der Metaphysik als Surrogat.
Geographie (Ström ungen—Ausgleichsströmungen) u n d besonders in der Bio­ Es ist zugleich die Strukturformel dessen, was heute Ideologie heißt” .
logie (A m putation bzw . D efek t erzw ingt stärkere A usbildung des sym m etrisátea
bzw . vertretenden O rgans) zu H ause zu sein. 1907 w ird e r durch A. A dler Ideologie ist nidit nur „falsches Bewußtsein“ einer schlechten Wirklich-
(Studie über M inderw ertigkeit v o n O rganen [1907]; vgl. U ber den nervösen Itcitj die sidi ein wahres nicht leisten darf, sondern dies zugleich als das,
C h a rak ter [1910], bes. den „theoretischen T eil“, 1—60; Praxis und Theorie was statt ihrer Besserung geboten wird. Gegen Ideologie protestiert Red­
d e r Individualpsychologie [1912]) in die Psychoanalyse u n d dam it in die ge­ lichkeit. Dodi wo sie statt Ideologie nur deren Kritik, statt der unbewußt
schichtlich fragende Wissenschaft eingeführt. Fürs Kompensationsgesdhehen ist
D reischritt charakteristisch: 1. O rgaam inderw ertigkeit erzw ingt gesteigerten schlechten Wirklichkeit nur deren Bewußtsein, statt der sdilediten Prä-
Selbstbestätigungsdrang im Aktionsbereich des betreffenden O rgans; 2 . trotz jenz des Verweigerten keine gute und also nichts und darüber hinaus nur
Ausbildung entsprechender psychischer H ilfs/ähigkeicen isc a u f dem norm alen sidi zu bieten hat, wird sie selbst in die Rolle schlechter Präsenz des Ver­
Lebenssdiauplatz M ißerfolg wahrscheinlich; 3. das zw ingt z u r E röffnung von weigerten, prekärer Entschädigung fürs fehlende Bessere gedrängt; Ideo-
„Nebenkriegsschauplätzen“, um d o rt das lädierte Selbstgefühl durch leichtere
Siege zu sanieren; dazu gehört die Verlagerung des Lebensschwergewichts a u f IoBiekritikM gerät in Ideologiefunktion: statt in die Geschichte rettet sie
diesenN ehenkriegssdiauplatz: es kom m t zum (extrem : neurotischen bzw. psycho­ den Menschen vorm Elend der Gegenwart nur in die Kunst der Diagnose
tischen) Versuch einer Surrogat-Lebensführung. O ffener H inw eis darauf, gegen-
w ärtige M etaphysikkritik operiere (wenn auch nicht ausdrücklich, so doch fa k ­ denden N iederlage des (naturwissenschaftlich orientierten) „Psychologismus“
tisch) m it dem K om pensationsbegriff und deute M etaphysik (w enn auch n id it in der P hilosophie ist zugleich das Erscheinungsjahr von Freuds „T raum ­
ausdrücklich, so doch faktisch) als »Nebenkriegsschauplatz“, trifft a u f P rotest: deutung“, die d e r „historisch“ gerichteten un d „erklärenden“ Psychoanalyse,
Philosophie v erfahre nicht »psychologisch“ . U n d wo Philosophie inzwischen den der, bis dahin um strittenen U nterabteilung einer medizinischen D isziplin, den
K om pensationsbegriff aneignete, verg iß t sie schamhaft, d a ß er aus d e r Psycho­ Zugang zum »norm alen“ Seelenleben u n d in d e r Folge zu historischen und
analyse stam m t. Freilich v e rg iß t auch diese, d a ß sie faktisch m it D enkm itteln ¡soziologischen Problem en und dam it den „W eg ins W eite, zum W eltinteresse“
arb eitet, die aus der »genetisch* verfahrenden Philosophie des deutschen Idea­ öffnete (Freud, Selbstdarstellung [1910], in : W erke [L ondon] X IV 73). D ie
lismus stamm en und u. a. durch Nietzsche verw andelt u n d präzisiert w urden. »T raum deutung“ in te rp retiert den T raum als Versuch einer im W achdasein ver­
N u r a u f G ru n d dieser Genealogie psychoanalytischer Begriffe können sie (z. B. weigerten W unscherfüllung und kennzeichnet dam it einen für jederm ann verifi-
h ier zwecks E rläuterungen gewisser M etaphysikdeutungen) philosophisch ein­ isierbaren Fall von K om pensation durch E röffnung eines Nebenkriegsschau-
g esetzt w erden. Diesem Versuch w ird m an n id it durch ressortbew ußte E n t­ platzes. D e r H inw eis aber a u f den T raum und seine D eutung ist fü r den Z u­
rüstung über den „Einbruch“ des .Psychologischen" ins »Philosophische“ , son­ sam m enhang der M etaphysikkritik nicht abwegig: m indestens seit K a n t (1766)
dern durch die Frage geredit; was bedeutet es und w ie kom m t es dazu, daß ist „Träum e der M etaphysik“ einer der beliebtesten kritischen Kosenam en für
ursprünglich philosophische Strukturbegriffe sidi der D eutung „psychologischer", die M etaphysik.
speziell „psychopathologischer“ Phänom ene zuw enden u n d erst dadurch fürs ** Ijm n u r einen H inw eis auf den Gebrauch des Verdoppelungsbegriffs zu geben:
heutige D enken zu optim aler Präzision kommen? D ie weitgehend übliche philo­ Hegel spricht in d e r „Phänom enologie des Geistes“, a. a. O . 166: „die V er­
sophische, im übrigen kaum m ehr ernsthaft verifizierte A bw ehr des „Psycho­ dopplung des Selbstbewußtseins in sidi selbst . . . ist hierm it vorhanden“ ; „die
logischen“ weicht dieser Frage aus. Sie leb t vom Ignorieren und fixiert, indem W irklichkeit . . . ist diesem Bewußtsein . . . eine entzw ei gebrochene W irklich­
sie sich a u f H usserls Argum ente beruft, das philosophische Gespräch m it der k eit“, a. a. O . 174. Feuerbadi beginnt seine R eligionskritik m it dem S atz: „Die
Psychologie im J a h r 1900. Seither h a t sich erstens die philosophische Situation Religion ist die E ntzw eiung des Menschen m it sich selbst“ (Das Wesen des
geändert: die phänom enologisdie Epoche, die gegen den naturwissenschaftlich Christentum s, in: W erke V II 75), u n d M arx in terp retiert diesen A nsatz m it
orientierten »Psychologismus“ (den Versuch, die dunkel geahnte Geschichtlich­ dem Verdoppelungsbegriff in seiner 4. These gegen Feuerbadi. Zum V erdoppe-
k e it des Daseins a n falschem O r t z u suchen) im Recht w ar, scheitert — auch /ungsproblem bei H eidegger vgl. S. 36, A nm . 56.
beim späten H usserl und seinen Schülern selbst — am legitim en Bedürfnis ** Z u r Geschichte und zum Bedeutungsw andel des seither endgültig ins U n ­
der Philosophie, die menschliche und zugleich ihre eigene Geschichtlichkeit zu bestim m te geratenen Ideologiebegriffs vgl. K . M annheim , Ideologie u n d U topie
begreifen. V o r allem ab er ist zw eitens die Psychologie inzwischen anders ge­ (»1952) 49—94.
w orden: sie isc nicht m ehr — n u r — die naturwissenschaftlich orientierte, ding­ 114 Ideologiekritik — allenthalben Zur philosophischen A ufgabe e rk lä rt — ist
liche, „erklärende“ Psychologie (aber auch nicht m ehr — n u r — die irrationa­ nicht m ehr nur D om äne der W issenssoziologie. „Sie stellt . . . alles in Frage
listisch „verstehende“ Gegenpsychologie). D as Ja h r 1900, in dem die „Pro- und greift nichts a n " , argum entiert A dorno (Prism en [1955] 32) u n d ist selbst
legom ena“ d e r „Logischen U ntersuchungen“ erschienen, das J a h r der entsdiei- mic seiner Philosophie kein schlechtes Beispiel fü r diesen Befund.
‘ 20 21
Z u r In v en tu r der Geschicbtsbegriffe Z u r R iv a litä t gegenwärtiger Geschichtsbegriße
ihrer Verweigerungsmisere; sie erstrebt Entlastung durch, den Versuch,
VOtwerfen. Dialektik dagegen gestattet nicht nur, sie verlangt geradezu,
den Mangel durdi seine Diagnose zu absolvieren: einzig noch Reflexion ; ti«r verfallenden Position ihre W ahrheit „abzuwerben“ “ im heute auf
ist Rettung, Aufhören Schrecken. Wie einst romantische Musik aus Furcht ■ Arbeitsmarkt gebräuchlichen Sinn dieses Wortes: statt der schlechten
vorm Dementi ihrer Süße durchs Elend des Tages sich von sich nicht jftUen ihr bessere und vielleicht gar gute Bedingungen geboten werden,
trennen mochte, rettet sich redliche Reflexion angesichts drohender Be­ bietet sie? Herrschende Antwort: die Geschichte.
stätigung durch den W ehlauf statt in Konsequenzen in immer neue Mög­
Aber was ist das? Was ist diese Wendung zum Besseren? Was ist
lichkeiten des Argwohns. So 'wird Reflexion zugleich Zuflucht vor ihrem ^dßöicfüdite?8*
Ende, Redlichkeit -wird Droge und der Redliche Kritikfetischist: Sdiehe-
raza.de nicht des Erzählens, sondern des Reflektierens.
! Ideologie und Redlichkeit sin d fein dliche Brüder und gegenwärtige Nach­ § 3. Z u r R iv a litä t gegenwärtiger Geschicbtsbegriffe
fahren der von K ant <iiagnostiiierten Dioskuren „Dogmatism“ und „Scep-
ticism“ 5S. Sie sind Typen der Geschichtsverweigerung, Reakttcmsformen #) Vollstufe: Fortscbrittsphilosophie und Bewahrungsphilosophie
der Menschen ohne Wahrheit, derjenigen, die nicht — geschichtsbereit —
Zielstreber, sondern — gesdiichtsverweigemd — Defektfliichter sind und 1*t Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Sie ist Surrogat, sagen
versuchen, aus der N ot des Mangels die „Tugend“ teils der Propaganda fürs Uire Kritiker, sie ist unter der Bedingung der Geschichtsverweigerung die
Gegenteil, teils der Auskostung des Mangels zu machen. So leben sie als fehl echte Präsenz der verweigerten Geschichte. Aber was ist das — die
Substanzprotz oder als Defektprotz: sie beschäftigen sich entweder mit Geschichte?
Geschichte ist eindeutig allenfalls in formaler Hinsicht. Inhaltlich ist
dem Lob der fehlenden W ahrheit oder mit dem Genuß ihrer Abwesen­
die nur vermeintlich eindeutig: dort, wo mit der Monopolisierung des
heit. Zwischen beiden besteht die Feindschaft derjenigen, die eine Mög­
lichkeit ergriffen und es fortan der anderen nie mehr verzeihen werden, Wortes Geschichte ein bestimmter Geschichtsbegriff zum einzig legitimen
daß sie sie ebensowohl hätten ergreifen können. erklärt und seine Abstraktheit auf simple Weise kaschiert werden soll.
Aber cs müßte unzulässig werden, den Gesdiichtsbegriff präfixfrei zu
2. 2. Metaphysik ist Surrogat: sie ist, meinen ihre Kritiker, unter der
gebrauchen. Denn Gesdiidite — die Wendung der entfremdeten Gegen­
Bedingung der Geschiehtsyerweigerung die schlechte Präsenz der ver­
weigerten Geschichte. Sie ist m it dem Makel des Widerspruchs behaftet, w art zum Besseren — ist inhaltlich vieldeutig. Eine Erörterung der Ge-
iduchte ist nur als Aporetik oder, um milder zu reden, einstweilen nur
Geschichte in der Form ihres Gegenteils und das Bessere durch seinen
als Inventur der Geschichtsbegriffe möglich.
V errat zu präsentieren. So ist sie nicht nur für die Gegenwart die Kunst,
nicht m it sich identisch zu sein, sondern sie ist zugleich diese Kunst für Die gegenwärtige Rivalität der Geschichtsbegriffe begegnete im vorigen
sich selbst: das stets subtilere und fragilere Verfahren, beständig bewußt Paragraphen anonym als R ivalität der Argumente gegen die Metaphysik.
Von Links- und Rechtseinwänden w ar die Rede1. Sie artikulieren die
öder unbewußt sich von sich zu trennen, um sich unverändert zu erhalten.
Metaphysikkritik theologiefrei gewordener Wissenschaft und wissen­
Sie verfällt wachsendem Verdoppelungszwang. Sie wird also nicht erst
als das Schlechte am Besseren und als das Falsche am Wahren, sie w ird schaftsfrei gewordener Theologie. Sie bestimmen den Menschen zur Welt­
bereits am eigenen Widerspruch scheitern. So besteht keine Notwendig­ herrschaft oder zum Gottesdienst. Beide Bestimmungen geraten gegen­
keit, sie durch Hinweis aufs Bessere anzugreifen und zu liquidieren, es einander. Sie streiten, ob menschliche Geschichte primär Aufgabe oder
besteht vielmehr die Möglichkeit, sie durch ihre konsequente Verteidi­ primär Gabe sei, ob der Mensch sein Schicksal bestimmen oder vernehmen
gung zu vernichten. Diese Möglichkeit heißt in einem (gemessen am »olle, ob er Geschichtstäter oder Geschichtsdulder sei, ob er seine Ge­
schichte primär in der H and habe oder primär nicht in der H and habe.
Reichtum ihrer Definition im Laufe der Philosophiegeschichte)M ein­
geschränkten Sinn Dialektik. Gcschichtseigentümliches Feld ist die Zeit. Am meisten in der H and hat
der Mensch das Kommende. Am meisten nicht in der H and hat der
Ih r Verfahren — Hegel nennt es das „immanente Hinaus gehen“ 37 —
Mensch das Gewesene. So unterscheiden sich die streitenden Geschiehts-
ist aufs vorteilhafteste unterschieden vom sterilen „Widerlegen“, dessen
Anathema gegen das Ungenehme stets geneigt ist, m it dem Bade das
K ind auszuschütten und m it ihrer schlechten Gestalt deren Wahrheit zu **’ D er Begriff des „Abwerbens“ ist d e r bloße Versuch einer Ü bersetzung von
Hegels Begriff des „A ufhebens“ (vgl. bes. H egel, Wissenschaft der Logik I
,5 V gl. unten S. 91. [1812], ed. H offm eister [1948] 93— 95) ins heutige Alltagsdeutsch.
** Schlichte Phänom enologie d e r G esdiidite versucht W. Schapp, I n Geschichten
,e Ober Gesdiidite und Problem der Dialektik wird demnächst eine Arbeit von ■ vorstrickt (1953); vgl. H . Lübbe, D as E nde des phänomenologischen. Platonis-
H. Lübbe ersdieinen.
” Hegel, Enzyklopädie (1830) § 81. »nus, in : Tijdsdbrift v oor Philosophie 16 (1954) 639 ff.
1 Vgl. oben S. 14.
22
23
Zur Inventur der Ges&iditsbegriße i* - Z u r R iv a litä t gegenwärtiger Geschichtsbegrsffe
-ifjt'T>' *
begriffe durch das Überwiegen des Bezugs zur Zukunft oder 2ur Ver­ if& îdlstn durch Absage an Gleichschaltung, d. h. durch Erhaltung des
gangenheit. Der geschichtliche Mensch ist durch seine Zukunft oder durch :fjjptdtanseinkönnens. Von Gott abhängiges und von Menschen unab-
seine Herkunft definiert*. Präsenz der Zukunft ist der Fortschritt. Prä­ ’I$ft({Σ!CS Leben ist das Ziel. Zugunsten dieses Ziels muß Geschichte als
senz der Herkunft ist die Bewahrung. Der Streit zwischen Fortschritt ^(imthrungsgeschichte akzeptiert werden. Angesichts Gottes vernimmt sie
und Bewahrung — ihre „Entzweiung“ — beherrscht die Gegenwart“. , Ififte Ordnung; angesichts von Menschengruppen plädiert sie für deren
Den Fortschritt betreut die Fortsdmttsphiiosophie (1). Die Bewahrung • hefkunflsbedingte Eigenart. Ihr Ziel ist die Herkunftsordnung ad mato-
betreut die Bewahrungsphilosophie (2). Auch hier sind nur Formalsteck­ < gluriam Dei; ihr Täter ist Gott; ihre Vernunft ist Vernehmen; ihr
briefe möglich. > ist die Herkunft. Ih r Feind ist die weltherrsdtaftszielige Revolution;
1. Die Fortschrittsphilosophie bestimmt menschliche Wirklichkeit als U t e verläßt sich aufs voir pour prévoir pour prévenir, d. h. in bestimm­
Geschichte und Geschichte als Fortschritt. Fortschritt opponiert der Be­ tem Sinne darauf, daß Wirklichkeit so in Reichweite ist, d. h. bleibt, daß
wahrung: Bewahrung, Tradidon störe die legitime Herrschaft des Men­ 1Ihre Zukunft kalkulabel und planbar ist; der Freund des Bleibenden aber
schen (über die N atur) und begünstige die illegitime (über seinesgleichen). ifi die Metaphysik. So w ird Metaphysik suspekt als Pionier der Mani-
lierbarkeit: sie gibt der Egalisierung die Form der Vernunft; aber sie
Dagegen protestiert der Fortschritt: er negiert seine Negation. Negation
dieser Negation, d.h. menschlicher Naturabhängigkeit ist die Arbeit und
Negation seiner Abhängigkeit von seinesgleichen die Garantie ihres Genus­
f
Vernunft nur zugunsten ihres Gegenteils, schlechte Präsenz der Ver­
nunft und menschlichen Heils. Metaphysik ist Surrogat*.
ses, d. h. Befreiung vom Elend. Von N atur- und Menschenmacht unabhän­ Beide Geschichtsbegriffe verdächtigen die Metaphysik: sie will Blei­
giges Leben ist das Ziel. Weg zu diesem Ziel ist Geschichte als Fortschritts­ bendes. Bleibendes verstimmt den Fortschritt als Grundlage des status
geschichte; angesichts der N atu r ist sie technische, angesichts der H err­ quo; Bleibendes verstimmt die Bewahrung als Grundlage der Verfüg­
schaft von Menschengruppen soziale Revolution: ihr Ziel ist die Menschen­ barkeit. Fortschrittsphilosophie und Bewahrungsphilosophie sind je in
gesellschaft; ihr Täter ist in wachsendem Maße der Mensdi; ihre Vernunft bestimmter Hinsicht gegen das Bleibende. Sie verdächtigen Metaphysik,
ist Bestimmen; ihr Heil ist die Zukunft. Ihr Feind ist der status quo; denn sie verdächtigen einander. Beide wollen den menschlichen Menschen,
dessen Verteidigung weist aufs Recht des Bleibenden; der Freund des keiner glaubt dem anderen, daß er ihn hat. Denn der Mensch wird zum
Bleibenden ist die Metaphysik. Metaphysik w ird suspekt als Apologie {ierrn der Welt — aber er hört nicht auf, Knecht von seinesgleichen zu
des Bestehenden: sie gibt den etablierten Mächten die Form der Vernunft; itl». Und er w ird zum Knecht Gottes — aber er hört nicht auf, H err
sie ist aber Vernunft nur zugunsten ihres Gegenteils, schlechte Präsenz Von seinesgleichen zu sein. Darum scheint es wechselseitig, als ob es Fort-
der Vernunft und menschlichen Glücks. Metaphysik ist Surrogat. : ithritt und Bewahrung statt zur Vernunft nur zu Herrschaft und Knecht-
Das meint nidit nur die Fortschrittsphilosophie, sondern auch — frei­ Kiiinft brächten: im Namen der Vernunft agiert Unvernunft.
lich aus anderen Gründen und mit ziemlichen Einschränkungen — die So entsteht Neigung zum Versuch, sich dieser Vernunft zu enthalten,
Bewahrungsphilosophie. «us dem Reich ihrer Wirklichkeit auszuwandern und eine Möglichkeit
KU suchen, die vernünftiger ist als die Vernunft.
2. Die Bewahrungsphilosophie bestimmt menschliche Wirklichkeit als
Geschichte und Geschichte als Bewahrung. Bewahrung opponiert dem
Fortschritt: Fortschritt störe legitime Abhängigkeit des Menschen (von b) Fluchtstufe: Möglichkeitsphtlosopbie
Gott) und begünstige illegitime (von seinesgleichen). Dagegen protesdert
tsr Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Sie ist Surrogat, sagen
die Bewahrung; sie lobt die Tradition, den Rückbezug auf verbindlich
ihre Kritiker, und die fluchtbedachte Möglichkeitsphilosophie beklagt
Vorgelebtes; und sie negiert ihre Negation. Negation dieser Negation, picht etwa, daß Metaphysik zuwenig Wirklichkeit, sondern daß sie zu­
d. h. menschlicher Eigenmacht, ist die Demut des Hörens aufs göttlich viel Wirklichkeit, daß sie „nur Wirklichkeit“ will: Metaphysik sagt nur,
Vorgegebene und die Negation menschlicher Abhängigkeit von seines- „was ist“ * — sei es als die Kunst, das, was war, auf Kosten dessen, was

1 Beim Versuch, »H erkunft“ und »Z ukunft“ und ihre Spannung als G rund­ * Gegen diese D arstellung scheint zu sprechen, d a ß Bewahrungsphilosophie
problem zu sehen, folge ich J . R itte r. Vgl. u. a. J . K itter, E uropäisierung als M etaphysik zum eist verteidigt und lobt. N icht durchweg: die T raditionalisten
europäisches Problem , in: Europäisch-asiatischer D ialog (1956) 9 ß . D as Fol­ verschmähen sie als Auflösung des A uto ritätsp rin zip s; vgl. d a zu R . Spaem ann,
gende versteht sidi als freie und — w enn m an so w ill — lockere V ariation dieses Ü e Bonald und die Philosophie der R estauration (M asdi.-Schr. Diss. M ünster
Ansatzes. 1952) (erscheint demnächst im D ruck). Allgem ein aber ist der K a m p f gegen die
s »E ntzw eiung ist der Q uell des Bedürfnisses d e r Philosophie“ : H egel, Differenz­ rationale, wissenschaftliche, nicht „vernehm ende“ M etaphysik d e r N euzeit.
schrift, in: W erke, ed. Glodcner, I 44; vgl. zum Problem der Entzw eiung Dieser K am pf w ird im Zusam m enhang dieser A rb eit betont.
J. R itter, H egel und die Französische R evolution (Köln und O pladen 1957). * Vgl. H egel, G rundlinien d e r P hilosophie des Rechts, ed. H offm eister (1955) 16.

25
J f l 'i
Z a r In v en tu r der Geschichtsbegriffe ' lliif' Z u r R iv a litä t gegenwärtiger Geschichtsbegriffe

sein wird, zu dem zu erklären, was ist; sei es als die Kunst, das, was ’wWittdb* wo er spielt“ 7. Aber just dies zwecklos freie Tun w ird bald
sein wird, auf Kosten dessen, was war, zu dem zu erklären, was ist — ’V^äii'ilnnlos erfahren; Motiv ist nicht die Fülle, sondern die Langeweile,
Metaphysik sagt nur, „was ist“, und sie unterdrückt und verdrängt da­ fjjjfpt' Xu Interessantem schweift, um das sogleich durch Langeweile zu de-
mit das, was sein könnte; sie intendiert Reales auf Kosten menschlicher »liMJltwren. Gesund, natürlich, unmittelbar, naiv, Genie, Übermensch —
Sehnsucht. Metaphysik, die große Chance des Möglichen, verrät das l*t niemand mehr selbst, sondern stets und nur ein ganz anderer. So
Mögliche — und das ist schlimm. f'&lrd Kunst fatal, Leben trist: Spiel wird Strafe. Das Quietiv ist ebenso
1. Denn das Mögliche * ist im Recht gegenüber dem Wirklichen und ■^ft>bl«matisdi wie Option für den Sisyphus. Die nur mögliche Existenz
das gelobte Land dort, wo das Unbehagen an der Entzweiung statt nach rt zu nichts — und das ist schlimm.
Entscheidung nach einem dritten Weg zur Einheit ruft. Die Option fürs 2, Denn das Wirkliche ist im Recht gegenüber dem Möglichen, wenn
Mögliche ist Sache eines Menschen, der sich im Streit zwischen Fortschritt t|«tS Mögliche zu nichts führt: die mögliche Existenz ist durch keine Her-
und Bewahrung nicht zu halten, der sich zwischen Revolution und T ra­ itwnft getragen und zu keiner Zukunft nütze, ist exkommuniziert und
dition nicht zu entscheiden vermag. Er erfährt die geschichtliche Wirklich­ sie ist die verewigte Präexistenz, auf die nichts folgt; so ist
keit als den Schrecken der verwalteten Welt und die tödlich beengende Vllft im Unrecht und spürt das. Ihre Ausrede zerbricht, sie habe, wenn
Last des Herkommens. E r findet in ihr nichts Gutes. Er akzeptiert sie Jidton keine Wirklichkeit, dann dodi wenigstens die Wahrheit: es gelingt
auch nicht als das Bessere gegenüber dem Schlimmeren: denn er will ¡ihr nicht mehr, sich als Wahrheitshüter in dürftiger Zeit zu rechtfertigen;
ohne Entsagung leben, er will nicht das Bessere, sondern das Beste. Die ,iUs Lob der „Dichter“ wird zur Entschuldigung von „N arren“ ; die Apo-
Wirklichkeit verlangt Entsagung; sie ist die Negation jenes Besten. Jpgic der Asozialen wird zum Mitleid mit Mitverdammten; der En­
Darum verschmäht er sie. Er verzichtet darauf, sich als Pionier der Zu­ thusiasmus fürs Große wird zur Solidarität mit den Abfällen. Der Stolz
kunft oder als Priester der Herkunft zu engagieren: er versucht Freiheit; aufs eigene Unglück wird unzureichend und kein Ersatz für Wirklichkeit.
zu Zukunft und Herkunft verhält er sich gleichmäßig, indem er beide So gerät die nur mögliche Existenz in Angst vor sich, vor der Rache der
ironisiert. Gegen die Vermittlung durchs Äußerliche der Arbeits- und Verschmähten Wirklichkeit. Sie sucht Zuflucht darin, nichts zu sein; das
Verehrungsinstitutionen klagt im Namen des Unmittelbaren seine Inner­ J'iichts ist geschätzt, weil es vielleicht durch nichts zu treffen ist. Die
lichkeit. Gegen die durchs Ich oder Oberich institutionell vorgeprägte nachhaltigste Weise, sich der Drohung und dem Anspruch der Wirklich­
Rolle des Individuums als Mitmensch protestiert seine Einzelheit; sie keit zu entziehen, ist darum der Tod: „er konnte sich nicht verwirk­
w ählt Exklusivität und entschädigt sich durch Zirkel; sie verschmäht die lichen, er starb gerade*8. Die mögliche Existenz versucht, dieses Sterben
durchs Soll oder Übliche geregelte Kommunikation und entzieht sich Itl Leben umzumünzen: sie wird eifrig genug sterben, um nicht zu leben,
ihr durch Ironie, durch Kunst der Reserve. Fortschrittsvemunfl: und Be­ Und sie wird es läßlich genug tun, um nicht tot zu sein. Der Versuch,
wahrungsvernunft, planende Vernunft und achtende Vernunft, bestim­ lihne Entsagung zu leben, endet im Versuch, zu sterben, ohne zu sterben.
mende Vernunft und vernehmende Vernunft, Kontrollvernunft und Obe- Bin Tod, der es nicht ist, ist der Schlaf; aber die Versuche, ihn dem
dienzvernunft werden gleichermaßen suspekt: gegen Aufklärung und Wachen oder das Wachen ihm anzugleidien — Traum oder Trägheit —,
Überlieferung wendet sich Erziehung und Bildung; sie empfehlen als Ret­ gelingen nicht dauerhaft. Die stabilste Form des halben Todes ist die
tung die Wende zum traditionell anderen der Vernunft, die Wende zum Krankheit: das ästhetische Dasein, einst pathetisch und dann apathisch,
Sinnlichen: der Mensch definiert sich ästhetisch, durch Kunst und Leben; ftiutiert zum pathologischen. Es pflegt seine Unzurechnungsfähigkeit; es
denn so fühlt er sich gegen alle Vermittlung unmittelbar, gegen das Ge­ beschwichtigt die Wirklichkeit, denn es bestätigt ihr die eigene Aus-
schichtliche natürlich, gegen den Fortschritt frei für Vergangenes, gegen rangiertheit und verzichtet auf Verführung der Wirklichkeit zur Mög­
die Bewahrung frei für Visionen und Utopien. Pathetisch anders als lichkeit; es wirbt nicht für Taugenichtse, sondern geht in Quarantäne,
andere empfindet er das gut Geschichtliche als organisches Wachsen, als düettiert oder brilliert in der Kunst, nicht ansteckend zu sein, verzichtet
Entwicklung der N atur und zugleich als Feld des Originellen, Großen, darauf, sich als das intensivere Sündenbewußtsein oder die bessere
Genialen; er preist die schöpferische Kraft der Aisthesis: poetische Phan­ Gesellschaftskritik einschlägig engagieren zu lassen; es ironisiert nicht
tasie und schöpferisches Werden. Beides winkt dem planenden oder ach­ mehr andere, sondern sich selbst, existiert undiskutabel und findet so
tenden Denken nicht zu, sondern ab: es will das Zwecklose, will keine »einen Kompromiß im Streit zwischen dem Drang, im noch nicht Aus-
Arbeit, kein Gebet, sondern Spiel: „der Mensch . . . ist nur da ganz
* Schiller, Ü ber die ästhetische E rziehung des Menschen, B rief X V (Säkular-
* Im Sinne u. a. v o n K ierkegaard in terp retiert; vgl. O ber den Begriff der Ironie fWi|?abe X I I 59).
(übers, v. Schaeder 1929) 234: »Ihre W irklichkeit ist bloße Möglichkeit.“ * Sisyphus Müller I I 13.

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Z u r In v en tu r der Gescktchcsbegrijfe Z u r R iv a litä t gegenwärtiger Geschichtsbegrijfe

sichtslosen sich zu investieren, und dem Wunsch, nichts und niemanden zur Differenz1* zwischen dem Versuch einer Abstraktion vom
zu hinterlassen: es ist, aber es ist nichts, -wird nichts, hinterläßt nichts ; *'SwwWlutionEren auf dem Boden des Fortschritts und dem Versuch einer
„denn für den Menschen gilt, was von Gott nicht gilt, daß aus nichts rakiion vom Traditionalen auf dem Boden der Bewahrung. Jenen
nichts w ird“ * — und das ist schlimm. ViiWudh betreut die Wissenschaftsphilosophie (1); diesen Versuch betreut
ßndlichkeitsphilosophie (2).
c) Schwundstufe: Wissenschaftsphilosophie und Endlichkeitsphilosophie ¡FSsW* Die Wissenscbaftsphilosophie versucht Abstraktion vom Revolu-
auf dem Boden des Fortschritts. Sie reduziert den Fortschritt
Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Sie ist Surrogat, sagen sicheren Gang der Wissenschaft. Diese Reduktion prohibiert das
ihre Kritiker. Und wo ihnen die entzweite Wirklichkeit und die bloße 'ijfwItUche; s;e sudj,t eine apolitische und arevolutionäre Fortschritts-
Möglichkeit gleichermaßen unbehaglich wird, suchen sie nach neuer r'^lfklichkeit und findet sie in der exakten Wissenschaft. Deren Voraus-
Lösung. Sie wollen nicht auf die Wirklichkeit verziditen. Sie wollen aber . 'iMiftungslosigkeit, die Ausklammerung der Lebensweltprobleme, erlaubt
ebensowenig auf die Flucht aus der Wirklichkeit verziditen. So suchen cjftf den Verzicht auf unmittelbare Beteiligung am Entzweiungsproblem,
sie eine Verbindung von Wirklichkeitsinteresse und Fluchtinteresse. Ihre tijölteer Verzicht gestattet ihr die immanente Konzilianz der Aufmerksam-
Lösung ist das, was man Flucht in die Wirklichkeit nennen könnte: die /■Ifoit auf das, was immer schon war. Die Wissenschaft, könnte man sagen,
Option für eine im Sinne Hegels „abstrakte“ 1# Wirklichkeit zugunsten 4 für die Bewahrung das Revolutionäre, aber das Konservative für die
des Versuchs, den Streit der »Entzweiung“ ohne die Last seiner wesent­ ,%SVölution. Denn in gewissem Sinn ist sie die auf einen bestimmten
lichen Streitpunkte zu führen. iWfcich beschränkte Konzession des Fortschritts an die Bewahrung; jener
Dieser Versuch erzwingt die Abmagerung der Kontrahenten zur Taug­ ’ tfrfccugt Zukünftiges; diese nimmt Vorgegebenes hin; exakte Wissenschaft
lichkeit für eine nur noch abstrakte Auseinandersetzung: der Fortschritt W^CUgt Vorgegebenes — Resultat ist das Gesetz. Diese Resultate gehören
muß dem Fortschritt und die Bewahrung muß der Bewahrung partiell ftU ihrem Fortgang. Dieser Wissenschaftsprogreß kann zur Bestimmung
absagen. Es kommt zu einer reduzierten Fortsdirittsphilosophie und zu ¿U, Menschen gemacht werden; er darf Wissenschaftsgeschichte heißen.
einer reduzierten Bewahrungsphilosophie. Das gelingt aber nur durch Si« ist zielfrei: das Wissenschaftsziel ist ins.Unbestimmte, Unerreichbare
Tabuierung dès eigentlichen Streitgehaltes der „Entzweiung“, durch Pro­ verschoben; der Progreß exakter Wissenschaft unendlich und sein Fort-
hibition der Frage nach dem Geschichtsziel (Teleophobie) und Sudie Uäng nicht wegen des Ziels, sondern das Ziel wegen des Fortgangs da.
nach einer essentiell zielfreien Geschichte. Und es gelingt zugleidi nur Piesen Fortgang stört die Metaphysik: illusionär „hat“ sie das Ganze,
durch Tabuierung des eigentlichen Austragsortes der „Entzweiung“, durch ttfttt cs wissenschaftlich zu suchen; sie verrät Präzision ans subjektive
Prohibition des „Politischen“ (Soziophobie) und Suche nach einer essen­ Meinen; sie ist schlechte Präsenz de? verweigerten Wissenschaft und zu-
tiell apolitischen Wirklichkeit — z. B. durch Zurücknahme des Geschichts­ , gleich eine nur schlechte Form des Ausdrucks von Lebensgefühl. Meta­
problems ins Spradiproblem“ . N ur so verarmt die „Entzweiung“ wunsch- physik ist Surrogat.
Das meint nicht nur die Wissenschaftsphilosophie, sondern auch —
* K ierkegaard a. a. O . 236. freilich aus anderen Gründen — die Endlichkeitsphilosophie.
10 Vgl. zum Begriff des „A bstrakten“ Hegels amüsantes Feuilleton: W er denkt 2, Die Endlichkeitsphilosophte versucht Abstraktion vom Traditio­
abstrakt?, in: W erke, ed. Glöckner, X X 445 ff. nellen auf dem Boden der Bewahrung. Sie reduziert Bewahrung zum
11 F ür die Schwundstufe des Entzweiungsproblem s ist die V erw andlung des
Geschichtsproblems ins Spradiproblem charakteristisch. Vgl. H eidegger: „Die bloßen Sein m it Unverfügbarem. Diese Reduktion prohibiert das Poli­
Sprache ist das H aus des Seins“ (Brief über den H um anism us [1949]) und die tische; sie sucht eine apolitische und atraditionelle Bewahrungswirklich-
Geschichte ein Über-Setzungsvorgang, vgl. D e r Spruch des A naxim ander, in: fciit und findet sie in der Existenz, im Reich der personalen Begegnung,
H olzw ege (1950) 2 9 6 ff.; L. W ittgenstein, „Alle Philosophie ist S prad ik ritik “ <|trs Dialogischen und der Grenzsituationen. D ort ist der einzelne unver­
(T ractatus Logico-Philosophus [1918] 4.0031) und u. a. C arnaps Versuche einer
Ü berführung philosophischer Problem e in die einer „logischen Syntax“. — In te r­ tretbar; die üblichen Verhaltensmuster versagen: der Ausnahmezustand
essant sind die eigentümlichen W ahlverw andtschaften der Philosophie m it ver­ kompromittiert die Ordnung durchschnittlicher Mitmenschlichkeit: sie ist
schiedenen Einzelwissenschaften: die Vollstufe des Entzweiungsproblem s bevor­ Htliißentlicb, bloßes Gegenphänomen der Eigentlichkeit. Endlichkeits-
zugt die H istorie, die Fluchtstufe L ite ratu r- und Kunstwissenschaft, die Schwund­ pbilosophie — für den Fortschritt reaktionär — ist das Zukunftsdenken
stufe die Philologie und ihre m ehr oder m inder exakten M odi. D ie gegenwärtige
und nicht unbedingt n u r förderliche K onjunktur der Sprachphilosophien und iurierhsdb der Tradition. Denn in gewissem Sinn ist sie die abstrakte
ih re r Versuche, s ta tt des „Politischen“ die „Sprache“ als geschichtlidie Grurid-
w irklichkeit einzuführen, bezeugt die gegenwärtige H ausse der Schwundstufen­ U Zum einschlägigen Problem der ontologischen D ifferenz vgl. unten S. 36
philosophien. Und Anm. 55.

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Z u r In v en tu r der Geschichtsbegriffe . , Z u r R iv a litä t gegenwärtiger K ant-D eutungen

Konzession der Bewahrung an den Fortschritt; jene nimmt Herkunft hin; ilfif Kcupensuche. Einer der begehrtesten Zeugen ist Kant; entsprechend
dieser erzeugt das Kommende; begegnungsbereite Existenz nimmt Kom­ »ÜHttllHV sind die Versuche, Kant zum Kronzeugen wenigstens der Inten-
mendes hin: Endlichkeitsphilosophie interpretiert den Menschen dort, 'lifuv tles jeweiligen Geschichtsbegriffs zu machen. Eine Inventur dieser
wo er durch freies Kommen oder Ausbleiben, durch Dasein oder Entzug eine Musterung der gegenwärtigen Kant-Deutungen gerät, wo
des Du, Gottes oder des Seins Mensch ist: er ist, -was er ist, nicht durch '^i* Cregen wart sich derart durch Kant-Verhältnis bestimmt und „dieKant-
eigene Macht, sondern durch die Macht des Endes seiner Macht — er ist Ifaiichiing - . . . zur Kritik unserer heutigen .Vernunft' “ 1 madit, not-
endlich; denn ihm ist die äußerste (eschatologische) Möglichkeit gegeben, ##«l?ungen zum Filialunternehmen einer Theorie des gegenwärtigen Zeit-
m it seinem Ende zu sein. Dieses Ende mag existentiell oder personalistisch
oder theologisch oder seinsgeschiditlidh gedeutet 'werden — der Mensch •■■fi -Von den gegenwärtigen Kant-Deutungen können hier nur einige be-
ist endlich, mag er’s verzweifelt oder vertrauend oder glaubend oder 'j^JMKhen werdens. Die Auswahl ist problematisch. Sie entspringt dem
andenkend akzeptieren. Seine Bestimmung ist kein Ziel, sondern vor­ JVifWch, fünf verschiedene Kant-Deutungen als ebenso viele Plädoyers
behaltlose Offenheit für unableitbares, unvordenkliches, beendendes Ge­ je einen der zuvor entwickelten Geschichtsbegriffe zu verstehen4. Zum
schehen: seine Wirklichkeit ist Endgeschichte. Metaphysik protestiert i'jHj'jtebnis dieses Versuches gehört die Einsicht, daß keine dieser fünf Deu-
gegen Endlichkeit; sie verführt den Menschen zur Un-Endlichkeit, dazu, mit Kant glücklich wird, daß schließlich jede Kant zum Verräter
seinem Ende — dem Tod, dem Du, Gott oder dem Sein, jedenfalls dem vermeintlich gemeinsamen Anliegens stempelt: der mindestens fünf-
ganz Anderen und schlechthin Freien — durch Begriff vorzuschreiben, ilelje Kronzeuge K ant wird zum mindestens fünffachen Abweichler.
was es zu sein hat: Metaphysik nimmt dem Freien die Freiheit; ihr logos Die Besprechung geht aus von der Schwundstufe des Entzweiungs-
ist D iktat; sie tötet das eigentlich Geschichtliche; sie versucht, das Ende ;jt«iblems: ihre Kant-Deutungen sind dem heutigen Bewußtsein gegen­
menschlicher M adit der menschlichen Macht zu unterwerfen; metaphysi­ wärtiger als die der Fluchtstufe und Vollstufe'. Kennzeichen der Schwund­
sche Begriffe sind Übergriffe ins Ende der Übergriffe. Metaphysik ist stufe des Entzweiungsproblems ist ihre Soziophobie. Darum klammert
Surrogat. Uirij Kant-Interpretation in der Regel die Sozialphilosophie Kants und
Zur Schwundstufe des Entzweiungsproblems, zur Wissenschaftsphilo­ defen Folgeprobleme aus: sie vernachlässigt die Deutung der PV und UK,
sophie und Endlichkeitsphilosophie gehört das, was man das Verbot der .»i<* poliert die RV, erklärt sie zum Hauptwerk Kants *, versteht sie ent-
jeweils dritten Möglichkeit nennen könnte. Ihre grimmigsten Fehden , ’Weder als Wissenschaftstheorie oder als Fundamentalontologie und pro­
erzeugen zugleich stillschweigendes Übereinkommen darüber, daß es nur klamiert K ant entweder zum Wissenschaftsphilosophen oder zum End-
zwei wesentliche Positionen gebe: Wissenschaft und Endlichkeit. Jeglichem .....
D ritten ist es bei Strafe seiner Ignorierung verboten, sich der Zuweisung
If-Cf, K rüger, Philosophie und M oral in der Kantischen K ritik (1931) 11.
ins Lager der Freunde oder Feinde der jeweiligen Grundstellung zu ent­ i I I . Freyer, T heorie des gegenwärtigen Z eitalters (1955).
ziehen. So geht es der Metaphysik — sie wird KontrollVerräter oder Frei­ ^ ©io K a n t-L itera tu r ist bekanndich uferlos. D en Versuch einer Zusammen-
heitstöter. Und so geht es der Vollstufe des Entzweiungsproblems, dem frttu n g h a t E. Adidces unternom m en. Vgl. E. Adickes: G erm an K antian
Fortschritt und der Bewahrung. Aber dieses Verbot der dritten Möglich­ JUMioßraphjr, in: The Philosopbical R eview 2—3 u. Suppl. 1—2 (1893— 1896).
ß i# D arstellung von Interpretationen der Fluchtstufe (Möglichkeitsphilosophie,
keit, das Verbot vor allem des Entzweiungsproblems in seiner vollen ‘d t 1», rom antischer und lebensphilosophisdier In terp retatio n ) unterbleibt im fol-
Bestimmung liquidiert es nicht, sondern provoziert seine Wiederkehr. Die PH<len und ist einer eigenen A bhandlung Vorbehalten. Sie h ätte die teilweise
Sdiwundstufe ist auf die Dauer und ungewollt ihr eigenes Dementi. Eflcijehen K ant-D eutungen von Jacobi, Schilling, Schopenhauer, Nietzsche,
Oder? ttiifflion, Simmel und neuerdings etw a von W . Szilasi zu erörtern. N euere und
null)»« frem dsprachige K antliteratu r (französisch: Arbeiten von H . J. de Vlee-
H a t vielleicht einer der Geschichtsbegriffe reiht? Welcher? H at er Zeu­ jdtM iwer, P. L adiieze-Rey, R. D aval, V. Delbos, A . de Coninck, L. Vuillem in
gen? Vielleicht Kant? H, englisch v o r allem die Untersuchungen H . J. Patons) konnte — zum
1 M ild e n dieser A rbeit — in der Regel nicht herangezogen werden.
I fjiirimd ist der neuere E rfolg der H egel-Diskussion, vgl. unten S. 40. Z ur
§ 4. Z u r R iv a litä t gegenwärtiger K ant-D eutungen Yhfcorie des gegenwärtigen Z eitalters gehört nicht n u r das einfache K onstatieren
d ir einsddägigen D eutung beliebiger Philosophen, sondern auch die Frage,
a) Schwundstufe: wissenschaftspbilosophische und endlichkeitsphiloso­ %i»!dier Philosoph für die In terp re ta tio n jeweils der Klassiker vom D ienst ist.
f e r »oziologisdien M otivation des K ant-Interesses vgl. neuerdings etw a G . Lu-
phische Deutung Im «!, D ie Z erstörung der Vernunft (1954).
^ D ie KV ist H a u p tw erk : diese gem einhin als selbstverständlich geltende D eu-
Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Sie ist Surrogat, sagen ist selbst ein historisches P ro d u k t. Bereits bei den N eukantianern gab es
ihre Kritiker, plädieren für einen der fünf Geschichtsbegriffe und gehen (Ju id i IJ. Bauch u. a.) zugunsten der U K O pposition.

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Z u r In v e n tu r der Geschichtsbegriffe Z u r R iv a litä t gegenwärtiger K ant-D eutungen

lichkeitsphilosophen. So verfahren, grob gesprochen, etwa Cohen ( l ) 7 tiunft“, in der die mathematisch-exakte (Newtonsche) „Wissenschaft
und Heidegger (2). ■'-’li,-,, der Leitfaden des Weltgeistes“ 11 sei und deren „Weltlinie“ „Platon
1. Angeregt durch O. Liebmann und F. A.Lange6 deutet die Marburger Cusa, Galilei, Descartes, Newton und Leibniz mit Kant“ ver­
Schule Kant als Wissenschaftstheoretiker: Kant istWissenschafisphilosopb. binde u, komme „in Kant zu . . . systematischer Reife“, zum „Abschluß“,
K ant werde Wissenschaftsphilosoph durch Destruktion der Metaphysik. s’ flfli ihrer „Summe“ 11 und zu ihrem „Begriff“ 18. In Opposition zu Aristo-
Darum könne er schreiben: „In jenem Versuche, das bisherige Verfahren der als „Psychologe“ und „Metaphysiker die Philosophie von der
der Metaphysik umzuändern . . . dadurch, daß wir . . . eine gänzliche ‘Vfifditen Bahn abgelenkt hat“ 10, rufe Kant im „Geiste der wissenschaft­
Revolution mit derselben vornehmen, besteht nun das Geschäfte dieser lichen Philosophie . . . welche, zum Unterschiede von allem, was sonst
K ritik der reinen spekulativen Vernunft“ 3; und das Resultat dieser Inii Unfug als Philosophie sich aufspielt, durch die Verbindung mit der
„Revolution ihrer D enkart“ 19 komme in Kants berühmtem Satz zum >. Vf'/wenschaft definiert w ird“ " , die Philosophie zu ihrer eigentlichen —
Ausdruck, daß „der stolze Name einer Ontologie, welche sich anmaßt, ¿platonischen“ — Aufgabe der Wissensdiaftsbegründüng zurück. „Indem
von Dingen überhaupt synthetische Erkenntnisse a priori in einer syste­ K nut’- .. . auf die mathematische Naturwissenschaft die philosophische
matischen Doktrin zu geben . . . dem bescheidenen einer bloßen Analytik l fr#g£ richtet“ 11, zwinge er die Philosophie, klarzustellen, d. h. zu legi­
des reinen Verstandes Platz machen“ müsse11. Durch Kant vom Zwang timieren, was in „Reinheit“ „Methode“ sei, d. h. Wissenschaft „erzeuge“.
zu metaphysischen.- Eskapaden befreit, kann Philosophie zu ihrer durch gDicien Ausweis erbringt die transzendentale Methode, deren Prinzip
Platon vorgezeichneten Bestimmung zurückkehren, Dienerin der exakten Und Norm der schlichte Gedanke ist: solche Elemente des Bewußtseins
Wissenschaft werden und ihre Aufgabe an der Geschichte der wissenschaft­ teien Elemente des erkennenden Bewußtseins, welche hinreichend und not­
lichen Vernunft erfüllen. Die Verweigerung dieser Aufgabe habe sie zur wendig sind, das Faktum der Wissenschaft zu begründen und zu festi-
theologisch-psychologischen Pseudowissenschaft gemacht. Seit Kant könne Ki'ii “ 82 Darum rechtfertige Kants „auf eine Prüfung der Erkenntniswerte
sie wieder Wissenschaft sein. Wissenschaft aber sei sie als Philosophie der fruchtete Philosophie" “ die Grundbegriffe nicht „theologisch“ oder
Wissenschaft. „psychologisch“ als göttliche Data oder seelisch „Angeborenes“, sondern
Das klassische Werk der Marburger Schule, Hermann Cohens „Kants dmeh ihren „Beitrag“ für die exakte „Erkenntnis“ 14: als „Instrumental-
Theorie der Erfahrung“ 1*, fordert die Gegenwartsphilosophie leiden­ bcßnffe“ bzw. „Funktionsbegriffe“ “ , als Werkzeuge und Kniffe, um die
schaftlich auf, K ant zu folgen und zur Wissenschaftsphilosophie zu wer­ Wuklichkeit in die Reichweite exakter Wissenschaft zu bringen. Und
den. Kants „Erkenntniskritik“ und ihre „tiefsten Eingriffe in alle ge­ Wirklichkeit sei einzig die in diese Reichweite gebrachte Wirklichkeit;
schichtliche Metaphysik“ seien Folge der neuzeitlichen „Renaissance der itarum sei sie nicht „Ding an sich“, sondern „Erscheinung“ : „N atur“ sei
Wissenschaften“ 18. „Wollen w ir also“, schreibt Cohen, „die sachliche ■ uMits „an sich“, sondern „das Fragezeichen, das sie (sc. die Wissen­
Instruktion des kantischen Problems verfolgen und die echten geschicht­ schaftler) mit Mathematik und Mechanik aufzulösen streben“, d. h.
lichen Anknüpfungen . . . herbeiziehen, so müssen w ir diesen festen Punkt Ausdruck der Aufgabe ihrer Forschung“ “ : „N atur (ist) nur als N atur­
näher bestimmen, von welchem Kant ausgegangen is t. . . Dieser feste wissenschaft gegeben.“ S7 „Möglichkeit der (sc. exakten) Erfahrung“ 88
Punkt ist die Tatsache der durch Newton in dem System der Prinzipien Wurde zum' einzigen Kriterium für Wirklichkeit. „Es gibt keine Instanz“,
begründeten Wissenschaft; deren Begriff zu bestimmen, gilt ihm als die . Ichrcibt Cohen, „über dem obersten Grundsatz: es gibt keine Notwendig-
erste Aufgabe der Philosophie.“ 11 Die „Geschichte der wissenschaftlichen • k«it über dem Gedanken, daß wir Notwendigkeit anerkennen wollen in
tkmjenigen Gebiete unseres Bewußtseins, welches als . . . mathematische
7 Diese Behauptung einer Sozioabstinenz der M arburger In terp re ta tio n ist, wie
J Naturwissenschaft ausgezeichnet ist... Wer andere Notwendigkeit, andere
inzwischen H . Lübbe in einem R eferat des M arburger Philosophenkongresses Gewähr derselben erwartet und für denkbar hält, stellt sich außerhalb
v o n 1957, »Neukantianism us u n d M arxism us“, im Rückgriff bes. auf Cohen, *1« Interesses, auf welches unsere Frage gespannt ist — mag er sie vom
K ants Begründung der E thik (1877), gezeigt h a t, falsdi. Indizien sind gleicher­ Himmel oder vom eigenen Leibe erwarten. Wer die Quelle des Gesetzes
m aßen die M arburger unglückliche Liebe z u r Sozialdem okratie und J. E bbing­
ifi einer übernatürlichen Offenbarung anerkennt, wird als des philoso-
haus’ In terpretationen.
B O . Liebm ann, K an t und die Epigonen (1865); F. A. Lange, D ie Geschichte des
M aterialism us und K ritik seiner Bedeutung in der G egenw art (1866), II ‘ l ) A , a . O . 10. »• A .a .O . X I I f . ” A . a . O . 35. 18 A. a. O . 79.
(s 1908) l f f . ■» A. a. O . 31. M A. a. O . X X III. « A. a. O. 80. “ A. a. O. 108.
» R V B X X II. “ RV B X I I I . 11 R V B 303. » A. a. O . 36. 84 A. a. O . 17. “ A . a. O . 787. 28 A. a. O . 60.
18 H . Cohen, K ants Theorie der E rfahrung (1871); z itiert nach der 3. Aufl. von » A. a. O . 290.
1918. M Vgl, K ants Form ulierung des obersten G rundsatzes aller synthetischen U rteile,
13 A . a .O . X X II. u A .a .O . 7 8 f. ins RV B l 9 3 ff., bes. 195 und 197.

'32 ;V Marq uard, Skeptische Methode 33


K?V
Z u r In v en tu r der Geschicbtsbegriffe j|*' Z ur R iv a litä t gegenwärtiger K ant-D eutungen

phisdien Tugendfleißes bar betrachtet . . . nur das allein kann der Leit­ tsioii wird von Cohen im Zusammenhang seines „Systems der Philo-
stern des Gesetzes sein: daß ein Gesetz walten solle im Gebiete der hier*3 in der „Logik der reinen Erkenntnis“ “ versucht. '
Erfahrung.“ 5» So gehört zur Deutung Kants als Vater der modernen Wissenschafls-
Dieser wissenschaftspragmatische Ansatz, gedeutet als „Erneuerung rie die These von seinem Abfall: der Metaphysikkritiker K ant wird
Platons“ “ , diskreditiert jede metaphysische Grundlegung: er „entwertet ällig. Sosehr das durch seine Stellung als Pionier entschuldigt sein
die gesamte alte Metaphysik“ 31, in der „das Noumenon dem Phaeno- gi Kant ist Verräter seines ursprünglichen Anliegens; seine Kritik
menon aus dem Kopfe und über den K opf“ 32 gewachsen ist, „samt allen nicht kritisch genug; K ant — ein unzuverlässiger Neukantianer —
ihren romantischen Neuerungen“ ’3; „jetzt erst ist die alte Metaphysik * gegen K ant verteidigt werden: Kant ist zurückgetvichen.
mit ihrem Hauptbegriffe der Substanz entkräftet“ 3*: der „alte onto­ ;J6, Auf dem Wege von Husserl zu Hölderlin hat Heidegger K ant als
logische Seinsbegriff konnte vor den neuen Naturgesetzen nicht stand­ , <tödamentalontologen gedeutet: Kant ist Endlichkeitsphilosoph.
halten“ 35 und habe in „der Rumpelkammer der Theologie“ " zu ver­ if ' Kant wurde Endlichkeitsphilosoph durch Destruktion der Metaphysik.
schwinden. Wer mit der „Geschichte der wissenschaftlichen Vernunft“ ist Metaphysik?“ 45 fragt Martin Heidegger und argwöhnt, daß
Ernst macht, muß die Metaphysik preisgeben. Metaphysik nur „Seiendes“ akzeptiere und das Sein als ein Nichts
Diese These stößt bei K ant auf erhebliche Deutungsschwierigkeiten. »■^jjvtlfgösse", vernichte, d. h. „Nihilismus“ 4* sei. Darum müsse sich die
Denn K ant hat von seiner RV gesagt: „die Transzendentalphilosophie ... Frage nach der Metaphysik verwandeln in diese: „Warum ist Seiendes
welche die K ritik der reinen Vernunft ist . . . hat zu ihrem Zweck die nhd nicht vielmehr Nichts?" " d. h., „woher kommt es, daß überall Seien-
Gründung einer Metaphysik“ Was bedeutet es für den vermeintlichen tln den Vorrang hat und jegliches ,ist‘ für sich beansprucht, während das,
Wissenschaftstheoretiker Kant, wenn er die „Gründung“ einer „Meta­ ■* wn i nicht ein Seiendes ist, das so verstandene Nichts als das Sein selbst,
physik“ zum erklärten „Endzweck“ seiner Philosophie macht? Offen­ vergessen bleibt?“ 4® Diese Frage versteht Heidegger nicht als Sdiöp-
bar, meint Cohen, eine fatale Preisgabe seines kritischen Anliegens. Kant, fyflKs-, sondern als Entfremdungsproblem; sie deutet auf die durch Meta­
so deutet er, sei zurückgewichen: seine „Kritik“ werde durch meta­ physik versdiuldete Seinsvergessenheit: Metaphysik verdrängt die „Ge-
physische Reminiszenzen, die der „vorkritischen Periode“ entstammen, ^¡Jwehtlichkeit“, d. h. „Zeitlichkeit“ des „Seins“, und mit ihr die „Ge-
irritiert und verführt“ . „Wie der Begriff des Gegebenen einen immer von ip iä tlic h k e it“, d. h. „Zeitlichkeit“ des menschlichen „Daseins“ : seine
neuem sich erhebenden Anstoß bildete für den Anfang der Kritik, so hat illiidlichkeit“ nicht im Sinne einer durch esse-essentia-Differenz beschreib-
das Ding an sich" 3* — Cohen spricht von „dem Gerüchte vom Ding an haren Geschöpflichkeit, sondern im Sinne menschlichen Beendet-Seins4*
sich“ — „den ganzen Verlauf . . . der K ritik verdächtig gemacht. Diese durch das unvordenkliche, unverfügbare „Seinsgeschiek“, wie etwa „Sein
beiden Widerstände gegen den wissenschaftlichen. Idealismus“ " können and Zeit“ es im „Sein zum Tode“ “ aufwies. Dasein ist im Sinne der
leicht zum „asylum ignorannae“ 41 werden. So dürfe „das wissenschaft­ ßödgcschichte geschichtlich: der Mensch ist vor dem Sein mit seiner
liche Verständnis der Kritik . . . keinen Zweifel darüber bestehen lassen, t ^ j^ c h r zu Ende. Dagegen, meint Heidegger, wehrt sich die Metaphysik;
daß eine Revision dieser Grundelemente . . . für die Behauptung und
Verteidigung der Lehre unentbehrlich und unausweichlich sind“a . Diese # (902 ff.
H H . Cohen, L ogik der reinen E rkenntnis (Berlin 1902).
r M , H eidegger, W as ist M etaphysik? (F ra n k fu rt a. M . 1929; z itiert nadi
** H . Cohen, K ants Theorie der E rfahrung (*1918) 185: das ist Cohens Fassung 'i f* 1949.) Zum V erständnis der Heideggerschen K ant-D eutung b ed arf cs m ehr als
des obersten G rundsatzes. N . H artm anns Betonung der Schlußformulierung RV 1 pei anderen D eutungen eines Hinblicks a u f die „vorausleuchtende Idee“, d. h.
B 197 („die Bedingungen der Möglichkeit der E rfahrung überhaupt sind zugleich KUf Heideggers Geschichtskotizepcion, die seine K ant-D eutung „ tre ib t und leitet“
Bedingungen der M öglichkeit der Gegenstände der E rfahrung“ ; vgl. N . H a r t­ ' (K ant und das Problem der M etaphysik [Bonn 1929]; zitiert nach F ran k ­
m ann, M etaphysik der E rkenntnis [3 1941] etw a 339 ff.) bedeutet gegenüber fu rt A. M. *1949, 183). Auseinandersetzungen m it Heideggers K ant-D eutung
Cohens wissenschafistheoretischem A nsatz die problem atische W iedergewinnung , tt. a,: E. Cassirer, K an t und das Problem der M etaphysik, in: K antstudien 36
des erkenntnistheoretischen Ansatzes m it dem A ußenw eltproblem und der Frage {1931) 1— 26; H . Levy, H eideggers K antin terp retatio n , in: Logos 21 (1932)
„wie ist es möglich, daß ein Subjekt das O bjekt .erfaß t', das doch nicht in ihm . f't D . H enrich, O ber die E inheit d e r S ubjektivität, in: Philosophische R und-
ist?“ (M etaphysik der Erkenntnis, 147), ftltati 3 (1955) 28— 69; E. Coreth, H eidegger und K ant, in : K an t und die
31 H . Cohen, K ants T heorie der E rfahrung (*1918) X X II; vgL 13ff. Sdiolastik heute, ed. L otz (1955) 207—255.
51 A. a. O . 793. “ A. a. O . 780. 33 A. a. O. 793. * Ebd. **: Vgl. M. H eidegger, Nietzsches W ort „ G o tt ist to t“, in : H olzw ege (1950)
» A .a .O . 795. “ Ebd. 193 fl.
37 K ant, Fortschritte der M etaphysik V III 251. H Was ist M etaphysik? 38. 48 A . a. O . 21.
38 H . Cohen, K ants T heorie der E rfahrung (s 1918) 786. ** M. H eidegger, Sein und Z eit (1927) 245 ff.: „Sein zum E nde“.
3» A . a. O . 640. «• A. a. O . 794. « A . a. O . 783. <* A . a. O . 786. •• A. a. O . 235 ff.

34 v 35
Z ur In v en tu r der Gesdncbts begriffe Z u r R iv a litä t gegenwärtiger Kant-D eutungen

sie hat „Angst“ 51 vor dem Unverfügbaren und läßt darum trotz aller . diese Beschädigung kompensieren, muß es als „unendliches“
gegenteiligen Versicherungen nur das gelten, was für sich und daraufhin die Verhältnisse seiner „ontisch“-privativen Wirklichkeit leben. Aber
auch für den Menschen in Reichweite ist. In Reichweite aber ist im Sinne ttle deswegen kann es seine Verdoppelungen nicht durchhalten. Die
seiner „Gegenwart“ Anwesendes: Geschichtliches wird durch Präsenz­ flüchte der abendländischen Metaphysik ist nicht nur die Geschichte
pflicht zum „Seienden“. So „wird offenbar, daß die .metaphysische' Zcitflucht, sondern auch die Geschichte ihres Zusammenbruchs57
Auslegung des Seins . . . das Verständnis des Seins aus der .Zeit' gewinnt. wachsenden Zwangs, die Zeit zu rehabilitieren.
Das äußere Dokument dafür . . . ist die Bestimmung des Sinnes von Sein 8 | ^ p f ‘^)ks'6r Aufgabe, meint Heidegger in seinem Kant-Buch“ , habe Kant
als . . . ousia, was ontologisch-temporal .Anwesenheit' bedeutet. Seiendes gestellt, als er nach der ständig „verunglückenden“ Metaphysik
ist in seinem Sein als ,Anwesenheit' gefaßt, d. h., es ist mit Rücksicht auf J ß w. So ist Kants Kritik „Vorstufe“ ** von Heideggers „Hermeneutik \
einen bestimmten Zeitmodus, die .Gegenwart', verstanden.“ “ Meta­ J» ,,F a k tiz itä t“ bzw. „Temporalität“ : K ant ist „der Erste und Einzige,
physisches Sein ist zeitentsprungen, und Entspringen — an sich eine Sich eine Strecke untersuchenden Weges in der Richtung auf die
Tätigkeit von Flüssen und Sträflingen — meint hier: die Gegenwart to to M m u c m der Temporalität bewegte“ 01. K ant enthüllt die „Endlich-
„insistiert"“ auf Alleingeltung, „vergißt“ die unverfügbaren Zeit- der Vernunft und sieht: aus der „Vergessenheit“ dieser „Endlich-
„Ekstasen“ M „Zukunft“ und „Gewesenheit“, lebt in mühsam totgeschwie­ t des Daseins“ “ entstehen die Schwierigkeiten der Metaphysik. „Der
genem Zwist, in „ontologischer Differenz“ 55 mit ihnen und entstellt sie ijfugUftrund für“ Kants „Grundlegung der Metaphysik“ ist darum „die
zum bloßen In-Reichweite-Kommen bzw. In-Reichweite-Bleiben, zu blo­ ^ ^ » « h n c h e Vernunft, so zwar, daß für den Kern dieser Grundlegungs-
ßen Modifikationen der Gegenwart. Das metaphysische Verständnis des bfoblcinatik gerade die Menschlichkeit der Vernunft, d. h. ihre Endlich-
„ist“ ist im Reiche der Zeit der Staatsstreich der Gegenwart. Zu dieser • ’ Mit, wesentlich w ird“ “ . Kants Unterscheidung von „empirischer“ und
Usurpation gehört die Tabuierung des Geschichtlichen: es wird zum ff ^Transzendentaler Erkenntnis“ — von „ontischer“ Erfahrung und Seins-
Strafgefangenen des metaphysischen Wirklichkeitsverständnisses, der Thematisierung der „Transzendenz“ „ont»-
wegen ontologischen Hochverrats, wegen Kollaboration mit der Zeit zum durch Kants „ständig mißdeutete“ Kopernikani-
Nichtigen, Sinnlichen und Akzidentiellen verdammt wird. Freilich: das l , „ zur Klärung des Seinsverständnisses und „ver-
metaphysische 'Wirklichkeitsverständnis läßt sich in wachsendem Maße i' erstmals Klarheit über die A rt von Verallgemeinerung und damit
nur mehr im Gegensatz zur wirklichen, d. h. zeitlichen Wirklichkeit auf­ , (llw den Charakter des Überschritts, der in der Erkenntnis der Seins-
rechterhalten. Metaphysik wird Zeitverweigerung durch Zeitflucht, sekun­
där rationalisiert als Zuwendung zur wahren Wirklichkeit. Diese ver­ (lli: E ntzw eiung von „Zeug“ und „G egenstand“. „Zuhandenem “ und „V or-
meintlich wahre Wirklichkeit tritt als „übersinnliche“ Welt zur „sinn­ IwlHlenem“, d. h. von praktisch-,.besorgendem “ A lltagsum gang und Wissenschaft
lichen“, als „theoretische“ zur „praktischen“, als „Vorhandenes“ zum Mn W irklichkeit neben der W irklichkeit als C harakteristika des „V erfallens“ .
„Zuhandenen“, als „Idee“ zur „Wirklichkeit“, als geltende „Werte“ zur rt&ai» und das Problem der M etaphysik* (s1949) fra g t einleitend: w arum die
JJ o p p e lu n g “ der M etaphysik in die Frage nach dem Seienden als Seiendem
seienden „Wirklichkeit“, als „Bewußtsein“ zur „Außenwelt“ 5* usf.: wenn niWftcils, nach dem höchsten Seienden andererseits? W arum die spätere „D oppe-
das Dasein un-„endlich“ unter der Würde seiner „Endlichkeit“ lebt, muß tM l-r von m etaphysica generalis und m etaphysica specialis? (17 f.) W arum m uß
*». <plc es eine „Physik“ (im aristotelischen Sinne) gibt, auch eine „M etaphysik“
61 A . a .O . 184ff. Vgl. Was ist M etaphysik? 3 0 ff. 41 ff. pÖ<m? U nd w arum die D oppelcharakteristik des „seiend“ als „existentia“ und
62 Sein und Z eit 25. „«¡Jentia“? W arum die „Zerklüftung* des Seienden durch den „Unterschied zw i-
“ M. H eidegger, Vom Wesen der W ahrheit (1943 *1949) 21 ff. ItliCti dem, was w ahrhaft ist, und dem, was, d a ra n gemessen, das nicht w ahrhaft
54 Sein und Z eit 329 u. ö. fMeude ausm adit“ ? (V orträge und A ufsätze [1954] 122.) W arum treten „m eta-
65 M. H eidegger, Vom Wesen des Grundes (1929; zitiert nach 3 1949) 15 5; E rst­ pliynitidt“ „W erden“ und „Sein“, „Schein“ und „Sein“, „Sein und D enken“,
form ulierung d e r „ontologischen D ifferenz“ in „Sein und Z eit“ 399 und 403: dfiiiin und Sollen“ bzw. „W ert“ auseinander? (Vgl, E inführung in die M eta-
„D ifferenz zwischen Ontischem und Historischem “ ; die Form ulierung der „onto- p lm ik [1953] 71 ff.) W as bedeutet die „metaphysische“ V erdoppelung der W irk-
logisdien D ifferenz“ w a r in ihren Intentionen durchschaubarer, als sie noch ein llällteic in „Sinnliches“ und „Übersinnliches“ ? (H olzw ege [1950] 193.) Usf.
Y orck-von-W artenburg-Z itat w ar. Zu anderen Auslegungsmöglichkeiten der »Verwesung“ der M etaphysik; vgl. M. H eidegger, Nietzsches W o rt „G o tt ist
„ontologischen D ifferenz“ vgl. M ax M üller, Existenzphilosophie im geistigen AW". in: H olzw ege (1950) 204.
Leben der G egenw art (• 1958) 73 ff.: die d o rt versuchten Auslegungen und -* Mi H eidegger, K a n t und das Problem der M etaphysik (Bonn 1929); z itiert
Differenzierungen fassen die ontologische bzw. theologische D ifferenz als fun- Miih F ra n k fu rt a. M . *1949).
dam entalontologischc Einsichten, nicht als Form ulierung eines E ntfrem dungs­ ** A. a. O . 19. ,0 Sein und Z eit 40. 61 A . a. O . 23.
problems. {Hi Kiint u n d das Problem d e r M etaphysik 2 1 0 ; vgl. 197ff.
50 H eidegger begreift also die M etaphysik als V erdoppelung; entsprechende ♦« A .a .O . 28. «< A. a .O . 20; vgl. § 2 f. (1 9 ff.). 65 A .a .O . 2 4 f.
Textbelege sind unschwer beizubringen: z . B. bem erkt „Sein und Z eit“ (1927) a. O . 21 ff.

36- 37
Zur In v en tu r der Geschichtsbegriffe Z u r R iv a litä t gegenwärtiger K ant-D eutungen

V erfassung liegt“ 87. K ant bemerkt die als „reine veritative Synthesis“ 68 fgfiAber K ant blieb Metaphysiker. Seine erste Selbstinterpretation nadi
problematische Anschauungsangewiesenheit des SeinsTerständnisses” und » |||$ i u n g “ des „ganzen kritischen Geschäfts“ 88 spricht nicht von „De-
kommt so zur entscheidenden Einsicht: „der Transzendenzhorizont kann jjftj'llktion'', sondern von „Fortschritten der Metaphysik“ 87. Freilich: für
sidi nur in einer Versinnlidiung bilden“ ™, d. h., Seinsverständnis gründet 'Jp^frideggcr ist das keine Interpretadonsschwierigkeit, sondern ein be-
im „reinen Hinnehmen“ der traditionell „sinnlich“ genannten Zeit durch *ii »Wtlgendes Symptom. Denn Heidegger erklärt, wie es dazu kommen
„transzendentale Einbildungskraft“. So wird das von Heidegger hin­ V 't f r , ktumie und mußte: indem Kant die transzendentale Rezeptivität der
reißend interpretierte Schematismuskapitel ” , das von dieser Versinn­ ' * v affinen Einbildungskraft“ als „befremdliche“ „Wurzel“ 88 der menschlich-
lidiung, d. h. Zeitangetviesenheit des Seinsverständnisses handelt, „zum 1-i endlichen Vernunft und das „Nichts“ (Beenden) der „ursprünglichen
Kernstück des ganzen umfangreichen Werkes“ ” Kants: „das Problem b f ; t 'W i - als ihr „Element“ 88 entdeckt, bekommt er es m it der „Angst“ zu
des Schematismus . . . ist die Frage nach dem innersten Wesen der onto- „Er mußte zurückweichen.“ ’• Die „Angst“ vor dem „Nichts“ der
logisdien Erkenntnis“ 73 und führt zur Interpretation der „transzenden­ | \ beendenden Zeit, die „Angst vor der Angst"*1 und um die „ehrwürdige
talen Einbildungskraft“ als zentraler Fähigkeit des Menscheni4, sich der f. V ^'V j'radition, nach der die Ratio und der Logos in der Geschichte der Meta-
Zeit75, seinem unverfügbaren „Ende“ auszusetzen und sie als Grund seiner I "i'l'if phytik die zentrale Funktion beanspruchen“ ” , zwingt ihn zur Preisgabe
„Endlichkeit“ zu „achten“ D erart „endlich“ erkennt er nicht die Dinge J *»litcs „ursprünglichen“ Anliegens: Kants „Grundlegung“ w ird aus einer
in ihrer göttlichen „Gemachtheit“ („Entstände“ 77), sondern die „ge­ I * «dticksalhaften Begegnung mit dem beendenden „Nichts“ ein fatal meta-
gebenen“ „Ersdieinungen“. * j'llyiisdier „Rechtshandel“ ; die „transzendentale Apperzepdon“ zeigt
M it diesem Seinsverständnis verwandelt sich dessen Explikation, die
„metaphysica generalis“ 78, zur Fundamentalontologie. „Mit der meta-
physica generalis kommt jedoch der Baugrund der überlieferten Meta­
i ■rfjpftiit) nicht mehr „besorgt“, sondern pocht auf ihr „Recht“ ; die „Adming“
» j ': ' jliiri nicht mehr den beendenden „Gewissensruf“ sondern blickt aufs
\ ' ,i;: „Gesetz“ 84; an die Stelle einer Freilegung der „Endlichkeit“ tritt das
physik in Bewegung, und dadurch gerat das eigentliche Gebäude der v<’„' Interesse am „sicheren Gang der Wissenschaft* usf.: die RV Ausgabe A
metaphysica specialis ins Wanken“ 7': für das zeitlich-endliche Dasein # ird durch Ausgabe B und die folgenden Schriften zurückgenommen und
wird die zeitlos-unendliche Vernünftigkeit der Metaphysik — die „sich W raten*5. Kant wird zum Apologeten metaphysischer „Vernunft“ und
zu einer ontischen Erkenntnis a priori (übersteigert), die nur einem un­ Ittri) Wegbereiter des Deutschen Idealismus und neuzeitlicher Technik,
endlichen Wesen zukommen kann“ 8® — als Zeitverweigerung suspekt, ilcidegger zählt die Durchleuchtung des Kantischen „Zurückweidiens“
»Kant brachte die ,Möglichkeit' der Metaphysik im Radikalismus seines ¿Ujdrücklich zum „Ergebnis“ 18 seiner Interpretation: sie ist keine N ot-
Fragens vor diesen Abgrund“ *1, seine „Kritik“ wird zum „im Dasein j | p t g angesichts von Schwierigkeiten mit dem Text, sondern Ausdruck
erwachsenden Angriff des Daseins auf das metaphysische Urfaktum in jjtgr Einsicht: wo die Metaphysik erstmals radikal in Frage gestellt wird,
ihm“ **. K ant kommt so, sehr zum eigenen Erschrecken, dazu, daß er der ;^ |g t:sie auch erstmals die volle Macht des in ihr wirkenden „Verfallens“ ;
Metaphysik, der er doch Boden bieten wollte, „den Boden weggräbt“ 8S. Wird das „Zurückweichen“ Kants zur Herausforderung und Recht­
So kann M. M üller81 das Ergebnis von Heideggers Kant-Interpretation fertigung von „Sein und Zeit“. Diese These vom „Zurückweichen“ Kants
knapp zusammenfassen: Kants „Kritik“ ist „die entscheidende Krise“ durch eine charakteristische Spaltung der Kant-Interpretation
der „Wesensphilosophie“; „sie versucht. . . die Unmöglichkeit der Wesens­ Heideggers eindrucksvoll unterstrichen: neben seine frühe Deutung des
metaphysik . . . zu erweisen“ “ . K ant destruiert die Metaphysik zugun­ | -----------
sten der Endlidikeit. K ant, UK V 238. _ _
""W K ant, Preisschrift über die w irklichen Fortschritte, die die M etaphysik seit
87 A .a .O . 21; vgl. 104 f. 153 206. f * JiGibmzens und Wolffs Z eiten in D eutschland gemacht h a t (1793 f.), ed. R ink
88 A .a .O . 43; vgl. die Unterscheidungen 3 4 ff. \ , " " t H »04) V III 233 ff.
88 Ü ber T ranszendenz u n d Anschauung bei H eidegger vgl. auch W . Szilasi, s ■ W K ant und das Problem der M etaphysik 154.
Macht und Ohnm acht des Geistes (1946) 254. r Ifr Vgl. B rief über den Hum anism us (1949) 6 f.
78 K an t und das Problem der M etaphysik 87. 71 A. a. O . 85— 106. K ant und das Problem der M etaphysik 153; vgl. § 31 (146 ff.) 194.
51 A . a . 0 . 8 6 . ™ A .a .O . 105. 74 A .a .O ., bes. 117ff. i / j IM ist M etaphysik? (5 1949); H olzw ege (1950) 246.
« A .a .O . 156ff. 78 A .a .O . 143ff. « A .a .O . 36. i .! K ant und das Problem der M etaphysik 152.
78 Z u r In terpretation der RV als m etaphysica generalis vgl. a. a. O . 25 f. , ,»* Vpl. Sein und Z eit §§ 54 ff.
74 A . a. 0 . 1 1 6 . 88 Ebd. 81 A. a. O . 153. 88 A . a. 0 . 2 1 0 . 1 * Vgl. a. a. O . 271 293.
83 A. a. O . 194. M Vgl. K ant und das Problem der M etaphysik (dazu Sdiopenhauers ähnliche
84 M. M üller, Existenzphilosophie im geistigen Leben der G egenw art (s 1958) 20. ^Fhiiie Welt als W ille u n d V orstellung, in : W erke, ed. Deussen I, bes. 515 ff.).
** A. a. O . 23; vgl. insgesamt auch M .M üller, Sein und Geist (1940) Teil I, § 2. <* h . a. O . 194.

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Z u r In v en tu r der Geschichtsbegriffe Z u r R iva litä t gegenwärtiger K ant-D eutungen

„ursprünglichen“ K a n t87 tritt — als er K ant als Zeugen nicht mehr nötig ■jgK^Qincren. Das kann bewußt und hegelfreundlich geschehen1“ . Es kann
hatte, weil Nietzsdie ein treuerer und Hölderlin gar ein treuer Ahne JaHtttth unbewußt und hegelfeindlich geschehenlM. Jedenfalls aber wird
wurden — die spätere Deutung Heideggers: Kant ist nur noch der „Zu- K>*>'r l'*s Anwalt der Revolution oder der Tradition bemüht. Daraus
rüdcgewichene“, der Pionier modernen „Vorstellens“ und als Philosoph Interesse für Kants praktische Philosophie. Sie wird aus der Rolle
der „Gegenständlichkeit“ Sachwalter der modernen „Technik“ *3. #l(icr ethischen Sonderphilosophie erlöst und avanciert zur eigentlichen
So gehört zur Deutung Kants als Vorläufer der Fundamentalontologie "jf^if'Htltasophie Kants. D er Prim at der praktischen Vernunft wird betont.
die These von seinem Abfall: Der Metaphysikkritiker K ant wird rück­ lM>ci ist kontrovers, ob sie politisch oder theologisch zu deuten sei. So
fällig. Er muß geschichtlich nachsitzen. Heideggers Auslegung wird in #f*dheint Kant als Fortschrittsphilosoph (1) oder als Bewahrungsphilo-
wesentlichen Teilen aus einer Interpretation zur analytischen Therapie*“: I f ä B f ö w l » (2)- . . .
Kant erhält posthum Gelegenheit, seine Uneigentlichkeit und mit ihr das i,;J, Vor allem die Linkshegelianer haben K ant als temperierten Revo-
Symptombedürfnis, d. h. das Interesse an Metaphysikbewahrung, los­ UtJonär gedeutet: Kant ist Fortschrittsphilosoph.
zuwerden. K ant selbst hat sich von ihm nicht befreien können. Sosehr Kant werde Fortschrittsphilosoph durch Destruktion der Metaphysik.
das durch, die M adit der Seinsvergessenheit entschuldigt sein mag: Kant ^jjQtp.ffclinc Zertrümmerung von Metaphysik und Theologie gehöre in den Zu-
ist Verräter seines ursprünglichen Anliegens; seine Kritik ist nicht kritisch 1 » ^ W m ie n h a n g eines politischen Geschehens: seine „Kritik“ gehöre zum
genug; K ant — ein unzuverlässiger Seinsdenker — muß gegen K ant ver­ |3jHtftr$crlichen Aufstand gegen den feudalen Herrschaftsstaat und sei die
teidigt werden: Kant ist zurückgewichenl0°. ^|Ut$che Parallele zur Französischen Revolution und eine problematische
{fpcj nur mentale Vorwegnahme ihrer Vollendung durch die proletarische
c) Vollstufe: fortschrittsphilosophische und bewahrungsphilosophische Involution. Wenigstens aber wolle Kant den Menschen aus den zum
Deutung Jpprrschaftsinstrument gewordenen metaphysischen Denktraditionen be­
freien. H ier können nur einige charakteristische — und vergleichsweise
Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Sie ist Surrogat, sagen
ihre Kritiker, plädieren für einen der fünf Geschichtsbegriffe und gehen
•** Tirwa indem K a n t als V orläufer des-M arx-V orläufers H egel besprochen w ird,
auf Zeugensuche. Das tun nicht nur die Wissenschaftsphilosophen und Wie das jener Flügel m arxistischer Philosphie tu t, der w ie D eborin, Lukacs,
Endlichkeitsphilosophen, sondern auch die Philosophen der Vollstufe des H a rid i u. a. H egel nicht n u r zur destruierbaren „Vorgeschichte“, sondern
Entzweiungsproblems. Ihr begehrtester Zeuge ist allerdings Hegel. Das Hilf (.T radition“ des M arxism us rechnet (vgl. dazu H . Lübbe, Z u r marxistischen
Entzweiungsproblem ist als Hegel-Diskussion präsent101. Die Kant-Dis­ to rfeg u n g Hegels, in : Philosophische Rundschau I I [1954/55] 38 ff). Ebenso
(UiUct K roner (Von K a n t bis H egel [1921/24]) K a n t als V orläufer eines letzten
kussion steht im Schatten dieser Hegel-Diskussion und ist als Versuch Eudes lcbensphilosophisch zu interpretierenden H egel.
zu verstehen, die Entzweiung nicht auf der Höhe des Problems zu IW £ um Beispiel bei G. K rüger, d e r Hegels Philosophie als Verm essenheit (Die
Philosophie im Z eitalter d e r R om antik, in: R om an tik [T übingen 1948] 61);
n Bemerkungen in : Sein und Z eit, K a n t u n d das Problem d e r M etaphysik, Vom u&ilg anders bei G. M artin, der ähnlich positivistischer H egel-In terp retatio n
Wesen des G rundes (ä 1949) 26 ff. ” (««1 zum Begriffsrom ancier e rk lä rt und so seine treffliche K ant-D eutung un­
,s Diese These stützte sich zunächst a u f M. H eidegger, Vom W esen der W ahrheit nötig schädigt. Ausdrücklich hegelkritisch sind natürlich die K ant-D eutungen der
(*1949) 8 ; inzwischen ist sie in struktiv u n d ausführlich bestätigt n id it nur durch ijflyuiitndstufe. Vgl. H . Cohen, K ants T heorie der E rfahrung (J1918), inbes. die
H eidegger, V orträge und A ufsätze (1954) bes. 74 ff., sondern auch durch H eideg­ S'nposicion des Begriffs der .Geschichte d e r wissenschaftlichen V ernunft“ , E in-
ger, D e r S atz vom G rund (1957) 124 ff. Vgl. 75: „Seiendheit ist jetz t Gegen- lüitung [I: „N icht in dem W u rf des G edankens liegt der Fehler H egels, sondern
ständigkeit“ ; 137: „D ie neue Weise, w ie das Sein sich zuschickt, besteht nicht nur 1)1 der begrifflichen Bestim m ung desselben, und demgemäß in der A usführung
darin, d a ß das Sein jetz t als G egenständigkeit zum Vorschein kom m t, sondern <j#r M ethode. N icht von d e r m ythischen M acht der philosophischen Ideen w erden
daß dieses Zum -V orsdiein-kom m en eine Entschiedenheit zeigt, derzufolge Sein dt« geschichtlichen Figuren geschoben“ (a. a. O . 8 ), sondern „die G esdiidite der
sich im Bereich der Subjektivität der V ernunft bestim m t und n u r hier.“ ^lljänschaft is t'd e r G rund u n d Boden, in welchem, als in der G esdiidite der
** Z um teilweise psychoanalytisch anm utenden V erfahren H eideggers vgl. &frilunft, auch die G esdiidite der Philosophie w u rz e lt“ (a. a. O . 10). „Die Ge-
K . L öw ith, H eidegger, D enker in dürftiger Z eit (1953) 92, A nm . 1; vgl. dazu $illidne der wissenschaftlichen V ernunft en tsteht so als das Ideal aller E r­
H eideggers Begriff der „W iederholung“ u. a. in : K a n t und das Problem der k e n n tn is__ D ie Wissenschaft ist der L eitfaden des W eltgeistes gew orden. Ein
M etaphysik 185; vgl. auch die Kennzeichnung der Aneignung der „Lehre“ eines m idies Gängelband h atte H egel verschm äht. D ie geschichtliche A u to ritä t N ew -
D enkers als die E rfahrung des „in seinem Sagen Ungesagten" in: Heidegger, rtlfl* h atte er verw orfen, und m it ih r alle A u to ritä t der Wissenschaft fü r die
Platons Lehre von der W ahrheit (* 1954) 5. l ’liilosophie“ (ebd.). D aß Heideggers A nsatz hegelkritisch entsteht, zeigt sich
100 £ ) e r eigentlich hier folgende Abschnitt b. Fluchtstufe: M öglidikeitsphiloso- föhrre daß a u f einzelne Stellen u n d etw a a u f den H egel-A ufsatz der „H o lz-
phische D eutungen, e n tfä llt hier. W tti" [1950] 105 ff. eingegangen w erden m uß) durch bloßen Vergleich des V or-
101 Vgl. J . R itte r, H egel und die Französische R evolution (1957), auch vor allem bi,W. N achw ortes von H eideggers Schrift „D ie K ategorien- und Bedeutungslehre
die von K . G ründer besorgte Bibliographie zur politisdien T heorie Hegels. elf* Du ns Scotus“ (1916) m it „Sein und Z eit“ bzw . m it dem Kant-Buch.

40- 41
Z u r In v en tu r der Geldlich tsbegriffc ? Z u r R iva litä t gegenwärtiger K ant-D eutungen

wenig ausgeführte — Formen dieser These, und auch diese nur sozusagen H'ivficht bedarf vielleicht einiger Jahrhunderte, ehe sie sich allgemein
anekdotisch, erwähnt werden10*. p|f&Witet hat — wir aber haben längst Trauer angelegt. De profun-
Heinrich Heine betont vor allem in seiner amüsanten Geschichte der
Religion und Philosophie in Deutschland1,5 die „soziale Bedeutung“ 106 ¡Georg Lukacs z e ig t in sein em V e rd in g lic h u n g s a u fs a tz 1,8 v o n M a rx
der Vernunftkritik und sieht ihre „zerstörenden, weltzermalmenden 5 llöf K a n ts „ K r i ti k “ in ih re m Z u sa m m e n h a n g m it d e r „ klassischen d e u t-
Gedanken"107 mit der Französischen Revolution und der Emanzipation fr. r' t * ‘ 1 »iljpn P h ilo s o p h ie “ als „ P u n k t . . . w o im D e n k e n d e r b ü rg e rlic h e n G e -
des dritten Standes zusammen: K ant ist „Spießbürger“, „bestimmt, Kaf­ 11 ' »ollschaft jen e D o p p e lte n d e n z ih re r E n tw ic k lu n g p h ilo so p h isch z u r G e l-
fee und Zucker zu wiegen“ 109; doch dieser „große Zerstörer im Reiche -V-j, Ui Hy g e la n g t: d a ß sie d ie E in z e lh e ite n ih re s gesellschaftlichen D a se in s
der Gedanken“, der „an Terror den Maximilian Robespierre weit über­ '' in * leigen dem M a ß e b e h errsc h t, d e n F o rm e n ih r e r B e d ü rfn isse u n te rw irft,
traf“ ,M, „beginnt eine geistige Revolution . . . die mit der materiellen ' !■' •JUißtcidh aber — ebenfalls im steigenden Maße — die Möglichkeit zur
Revolution in Frankreith die sonderbarsten Analogien bietet. . . Auf \ j(rJankl idien Bewältigung der Gesellschaft als Totalität und damit die
beiden Seiten des Rheins sehen wir denselben Bruch mit der Vergangen­ ^ ’ Ijwufenheit zu ihrer Führung verliert“ m . Durch diese Situation erhält
heit, der Tradition wird alle Ehrfurcht aufgekündigt; wie hier in Frank­ * ' ■ Karns Philosophie ihre Zweideutigkeit. Einerseits darf sie als „spekula-
* MiVte'1 Vorwegnahme des proletarischen Aufstandes gegen die „bürgerliche

i
reich jedes Recht, so muß dort in Deutschland jeder Gedanke sich justifi-
zieren, und wie hier das Königtum, der Schlußstein der alten sozialen ¡¿.■f.1'’' 0 wdlsdiaft“ gelten und als Angriff auf deren Metaphysik, die aus dem
Ordnung, so stürzt dort der Deismus, der Schlußstein des geistigen alten JT,<» J*; Itelürfnis entsteht, den bürgerlich real unerfüllbaren Wunsch eines krisen-
Regimes.“ 110 So hatte „das Treiben unserer Nachbarn jenseits des Rheins ? - f, lo* rationellen Universalsystems durch „Träume der Metaphysik“ zu
. . . eine eigene Wahlverwandtschaft . . . mit unseren philosophischen ^ * befriedigen; Kant versucht, „die Schranken des formal-rationalistischen
Träumen im geruhsamen Deutschland. Man vergleiche nur die Geschichte 1 ■ (des bürgerlich-verdinglichten) Denkens gedanklich zu durchbrechen und
der Französischen Revolution mit der Geschichte der deutschen Philo­ ) '* »Urnit den von der Verdinglichung vernichteten Menschen gedanklich
sophie, und man sollte glauben: die Franzosen, denen soviel wirkliche * wiederherzustellen“ lt0. Zugleich aber bleibt dieser Umwälzungsversuch
Geschäfte oblagen, wobei sie durchaus wach bleiben mußten, hätten uns l ift der bloßen „Kontemplation“ stecken, denn der revolutionäre Gedanke
Deutsche ersucht, unterdessen für sie zu schlafen und zu träumen, und * Hifttand-.in einem „bürgerlichen“ Kopf: zwar zeigt „Kant in der metho-
unsere deutsche Philosophie sei nichts anderes als der Traum der Franzö­ * iludi vielfach falsch verstandenen . . . ,Kritik der praktischen Vernunft“
sischen Revolution. So hatten w ir den Bruch mit dem Bestehenden und ’*■ »lie theoretisch (kontemplativ) unüberwindlichen Schranken als praktisch
der Überlieferung im Reiche des Gedankens, ebenso wie die Franzosen liilbar*111; „methodisch bleibt jedoch“ dieser „subjektiv-praktische Lö­
im Gebiete der Gesellschaft, um die K ritik der reinen Vernunft sammelten tungsversuch in denselben Schranken befangen, die die objektiv-kontem-
sich unsere philosophischen Jakobiner, die nichts gelten ließen, als was l>Uuve Fragestellung der Vernunftkritik eingefangen gehalten haben“ m ,
jener Kritik standhielt, K ant war unser Robespierre.“ 111 Heine spricht ? > trt .»daß der Lösungsversuch, den die Wendung der kritischen Philosophie
von „der Kantischen Guillotine“ 1“ , der „Ideenguillotine“ u’, vom ' *uf das Praktische hin unternimmt, die theoretisdi festgestellten Anti­
„21. Januar des Deismus“ 114, Kants K ritik ist „eine exerzisierende nomien nicht auflöst, sondern im Gegenteil verewigt“ 1” .
Macht“ und „das Schwert, womit der Deismus hingerichtet worden“ 115: Sowohl die liberale Deutung Heines als auch die marxistische Deutung
„es ist der alte Jehova selber, der sich zum Tode bereitet. . . man bringt 1 Ullcacs’ interpretieren Kant als „Kritiker“, den seine — mehr oder min-
die Sakramente einem sterbenden Gotte“ 11*; „diese betrübende Todes- dW zaghafte — Konzeption einer Fortschrittsgeschichte im Interesse von
I itrrschaftskritik durch Vernunft zur Zerstörung von Tradition und
104 L eider w a r es (vgl. Vorbem erkung) nicht m ehr möglich, L. G oldm ann, Mensch, Metaphysik zwang. Doch stößt diese These auf Schwierigkeiten: „diese
W elt und Gemeinschaft bei K a n t (Zürich 1945), in diesem Zusamm enhang zu lirttgegensetzurig“, sagte Kant, „soll — nicht . . . dem — der mit der
besprechen. i jittpzen Metaphysik kurzen Prozeß macht, das Wort reden; vielmehr ist
,os H . H eine, Z u r Geschichte d e r Religion und Philosophie in Deutschland
(1834), in : W erke, ed. Elster, IV 161 f f , bes. 245 ff.
100 A .a .O . 253. A . a. O . 250. ‘“ E bd. 10» Ebd. ’ A .a .O . 258. „Vielleicht h at da w irklich ein D enkender de profundis ge-
110 A . a. O . 245. uliriCn?“ M. H eidegger, Nietzsches W ort „G o tt ist to t“, in: H olzw ege (1950)
111 H . H eine, Einleitung zu „K ahldorf über den Adel in Briefen an den G rafen m. . , •
M. von M oltke“ (1831), in: W erke, ed. Elster, V II, 281. Hl Die Verdinglichung und das Bew ußtsein des P roletariats, in: G . Lukacs,
E bd. »» A. a. O . 284. f icsdiichte u n d Klassenbewußtsein (Berlin 1923) 92—228, über K a n t bes. 121 ff.
1U Z ur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, a. a. O . 245. * » A .a .O . 133f. 150 A .a .O . 163f. 181 A .a .O . 136.
115 A . a. O . 249. lls A. a. O. 245 f. » « A . a . O . 138. *** A . a. O . 147.

42 43
Z u r In ven tu r der Gcschichtsbegriffe Z u r R iv a litä t gegenwärtiger K ant-D eutungen

die Kritik die notwendige vorläufige Veranstaltung zur Beförderung rückfällig. Die linkshegelschen Auslegungen werden zur Kritik von Kants
einer gründlichen Metaphysik als Wissenschaft“ lt4. Was bedeutet es für „falschem Bewußtsein“: er bekommt posthum Gelegenheit, seine Ent­
den vermeintlichen Fortsdirittsphüosophen Kant, wenn er die „Grün­ fremdungsbefangenheit und sein Ideologiebedürfnis, d. h. das Interesse
dung“ einer „Metaphysik“ zum „Endzwedt“ seiner Philosophie madit? an Metaphysikbewahrung, lozsuwerden. Kant selbst hat sich von ihm
Offenbar, meinen sowohl Heine als auch Lukacs, eine fatale Preisgabe nicht befreien können. Sosehr das durch die Last der abzubauenden Tra­
seines revolutionären Anliegens. Lukacs sagt: die Philosophie Kants „be­ dition, durch seine exponierte Stellung als Pionier oder seine Bürgerlich­
findet sich entwicklungsgeschichtlich in der paradoxen Lage, daß sie dar­ keit motiviert und gar entschuldigt sein mag: Kant ist Verräter seines
auf ausgeht, die bürgerliche Gesellschaft gedanklich zu überwinden, den ursprünglichen Anliegens; seine Kritik ist nicht kritisch genug; Kant —
in ihr und von ihr vernichteten Menschen spekulativ zum Leben zu er­ ein unzuverlässiger Revolutionär — muß gegen Kant verteidigt werden:
wecken, in ihren Resultaten jedoch bloß zur vollständigen gedanklichen Kant ist zurückgewichen.
Reproduktion, zur apriorischen Deduktion der bürgerlichen Gesellschaft 2. Zum Lob der Tradition aus Unbehagen am Untergang des Abend­
gelangt ist“ IS5: „das Denken ist in die kontemplative Dualität zwischen landes im Kulturtod durch Zivilisation gehört die Deutung Kants als
Subjekt und Objekt zurückgefallen“ 154 und wiederholt mit deren Schwie­ Treuhänder der Tradition: Kant ist Bewahrungsphilosoph.
rigkeiten auch die zugehörigen Aus- und Abwege: Theologie und Meta­ Kant werde Bewahrungsphilosoph durch Destruktion der Metaphysik
physik. Durch Heine erhält diese erneute Zurückweichensthese ihre spit­ dort, wo diese zum Sachwalter der Emanzipation geworden ist. Emanzi­
zeste Form: er spricht von „Resurrektion“ m : „Kant ist der Kritik der pation wird dabei als Lösung des Daseins und seiner Vernunft aus den
reinen Vernunft schon gleich untreu geworden, indem er die Kritik der traditionellen theologischen Bindungen und Begründungen verstanden.
praktischen Vernunft sdirieb.“ 128 „Nach der Tragödie“ der Metaphysik Dagegen, meint diese Interpretation, setze K ant den Versuch einer Rück­
in der RV „kommt die Farce. Immanuel Kant hac bis hier den unerbitt­ kehr zur Tradition und einer auf sie verpflichteten Metaphysik. Die
lichen Philosophen traciert, er hat den Himmel gestürmt, er hat die ganze - Losung von K ant als Metaphysiker,S! beherrscht diese Interpretation.
Besatzung über die Klinge springen lassen, der Oberherr der Welt Sie entsteht zunächst in der Auseinandersetzung mit einer vom Problem
schwimmt unbewiesen in seinem Blute . . . und der alte Lampe steht da­ der Außenwelterkenntnis ausgehenden „erkenntnistheoretischen“ Kant-
bei . . . und Angstschweiß und Tränen rinnen ihn» vom--Gesichte, Da Deutung, die Kants „Kritik“ als Grenzwächter des „Bewußtseins“ sieht,
erbarmt sich Immanuel K ant und zeigt, daß er nidtt bloß ein großer der die „naiv-realistisch“ eingeführten Außenweltserkenntnisse auf
Philosoph, sondern auch ein guter Mensch ist, und .. . spricht-.. ,Der Schmuggelware sogenannter Bewußtseinstranszendenzen zu durchsuchen
alte Lampe muß einen G ott haben, sonst kann der arme Mensch nicht hat und sie teils — als Erscheinungen — einlassen und teils — als Dinge
glücklich sein . . . meinetwegen — so mag audi die praktisdie Vernunft an sich — abweisen m uß133. Die Kant-als-Metaphysiker-Interpretation
die Existenz Gottes verbürgen.* “ 188 „Infolge dieses Arguments“, d. h.
„des alten Lampe“ und „der Polizei wegen“ 1M, wird Kant seiner Kritik lai M. W undt, K a n t als M etaphysiker (1924), h a t diese Losung eindringlich
„abtrünnig“ 1M. form uliert. F ü r die bewahrungsphilosophischen D eutungen liegen durchaus ver­
So gehört zur Deutung Kants als Mitkämpfer der bürgerlichen Revo­ schiedene. M etaphysikbegriffe und Bewahrungstendenzen vor. D as bleibt nach­
folgend w eitgehend unberücksichtigt. M an könnte unterscheiden: 1. M etaphy-
lution die These von seinem Abfall: der Metaphysikkritiker Kant wird siker-Interpretationen, die wesentlich durch A useinandersetzung m it der i. e. S.
„erkenntnistheoretisdien* K ant-D eutung bestim m t sind; 2. M ecaphysiker-Inter-
p re ta tio n e n , die das ausdrückliche A nliegen einer K ritik der m odernen W elt
1M K a n t, R V B X X X V f. m Gesdiichte und Klassenbewußtsein 164. m it der K a n t-In te rp re ta tio n verbinden, z. B. G. K rüger.
1M A. a. O . 163. 135 Diese „erkenntnistheoretische“ K a n t-In te rp retatio n w ird hier nicht eigens
127 Z ur Gesdiichte der Religion und Philosophie in Deutschland, a. a. O . 259. besprochen. Auch sie m üßte, wie der m it der A ußenw eltproblem atik befaßte
A. a. 0 . 2 8 1 . 128 A .a .O . 251. Ebd. erkenntnistheoretische A nsatz üb erh au p t, zum T hem a der von Heidegger
A .a .O . 289; H eine fragt a .a .O . 259: „ H a t vielleidit K ant diese Resur­ (Sein u n d Z eit 206) program m atisch fo rm u lierten Frage w erden: „Zu beweisen
rektion nicht bloß des alten L a m p e . . . sondern auch der Polizei wegen unter­ ist nicht, daß u n d wie eine .A ußenw elt' v o rhanden ist, sondern aufzuweisen
nommen? O der h a t er wirklich aus Ü berzeugung gehandelt? H a t er eben da­ ist, w arum das Dasein als In-der-W clt-sein die Tendenz h a t, die .A ußen­
durch, d a ß er alle Beweise fü r das D asein G ottes zerstörte, uns recht zeigen w e lt' zunächst .erkenntnistheoretisch' in N ichtigkeit zu begraben, um sic dann
wollen, w ie mißlich es ist, w enn w ir nichts von der Existenz G ottes wissen e rst zu beweisen.“ D ie fördernde und hem m ende R olle d e r K o n stitu tio n einer
können? E r handelte d a fast ebenso weise wie mein westfälischer Freund, wel­ A ußenw eltfrage fü r die Rüdegew innung d e r im Husserlschen Sinne zu neh-
cher alle L aternen auf der G rohnderstraße zu G öttingen zerschlagen h a tte und . inenden L ebensw eitproblem atik etw a in der V erteidigung der A bbildtheorie
uns nun dort, im D unkeln stehend, eine lange Rede h ielt über die praktische u n d des Realism us bei W . I. L enin (M aterialism us u n d E m piriokritizism us
N otw endigkeit d e r Laternen, welche e r nur deshalb theoretisch zerschlagen [1907]) u n d N . H a rtm a n n (M etaphysik der E rk en n tn is [1921]) steh t hier
habe, um uns zu zeigen, wie w ir ohne dieselben nichts sehen können.“ nicht z u r D ebatte.

44
Z u r In v en tu r der Geschichtsbegriffe Z u r R iva litä t gegenwärtiger K ant-D eutungen

entsteht zweitens und ’wesentlicher in der Auseinandersetzung mit der Zuerst1” hat sich Friedrich Paulsen139 gegen die These einer bloßen
Auslegung Kants als Fortschrittsphilosoph, die ihn zum Revolutionär „Privatmetaphysik“ **’ Kants gewandt und behauptet, „daß Kant an der
und Zerstörer der Metaphysik erklärt und damit gegen das Dogma vom Möglidikeit und Notwendigkeit einer Metaphysik festhielt“ und nur
Kritiker Kant protestiert: „Das Dogma vom .Kritiker* Kant beherrscht die Aufklärungsmetaphysik kritisierte. Paulsen gibt einige seither oft
das ganze moderne Zeitalter; es kommt erst jetzt, mit diesem Zeitalter gehörte Interpretationsgesichtspunkte: „Kant ist zugleich Vollender und
selbst, ins Wanken.*' “ * Der Angriff auf dieses „Dogma“ ist daher ein Überwinder der Aufklärung“ Hl, daher sei „das erste Ziel der kritischen
Angriff auf das revolutionäre Pathos der fortschrittsgläubigen „Neu­ Philosophie die Begründung der Möglichkeit allgemeingültiger und not­
zeit“ ” 5, er verlangt Herausarbeitung der »ganz unmodernen Absicht wendiger Erkenntnis in den Wissenschaften, besonders in der mathemati­
Kants“ als traditionsgebundener Metaphysiker wird K ant zum Sach­ schen Naturwissenschaft. Daran schließt sididann als zweites . . . wich­
walter des Endes der Neuzeit. tigeres Ziel: die Begründung der Möglichkeit eines metaphysischen Idea­
lismus in der Weltanschauung. Der Phänomenalismus erhält hierbei die
,M G. K rüger, Philosophie und M oral in der Karmschen K ritik (1931) 9. Stellung eines Beweisgrundes für jene beiden Stücke; die kritische Grenz­
A. a. O. 11. bestimmung aber ergibt sich als notwendige Konsequenz: Wissenschaft-
1M In konziliantem Sinne gegen die N euzeit philo sophiert die gegenw ärtig
an T hom as v. A quin anschließende Philosophie auch d o rt, w o sie nicht ihrer
Phase v o r dem ersten W eltkrieg treubleibend oder wie J. Pieper im N am en Philosophie und w urde zum H ü te r m etaphysischer T radition. Je tz t durften K an­
der T rad itio n auf K ant sdiledit zu sprechen ist, sondern w ohlw ollend K ant tianer Thomas ernst nehmen und Thom isten gegen K ant diskutable Argum ente
in terp retiert. Diese K ant-D eutung ist hier einschlägig. Zu ih rer Bibliographie bringen (und z. B. das Kriegsbeil in der Frage nach der Existenz synthetischer
vgl. „K ant und die Sdiolastik heute“ , cd. J . B- L otz (Pulladi 1955) 256ff, D er U rteile a priori begraben); begegnungswillig fiel man einander um den H als, wenn
B and ist eine der wenigen G edenkschriften zum an K ant-P ublikationen (ge­ dabei auch die K öpfe zusammenstießen. I nterpretatorisebe Fruchtbarkeit dieses
messen etw a an der Z ahl der Schelling-Publikationen) äußerst arm en K ant- Gesprächs ist zunächst unbestreitbar. Aber die fünfziger Ja h re sind bereits der
Jubiläum 1954. E r k o m m t aus einem Jesuitenkollcg: ein spätes dodi eindring­ Spätherbst dieses Gesprächs. Das M etaphysikproblem verblaßt, das Gesdiichts-
liches Zeugnis fü r die neuere Revision des thomiscischen Kant-Verhältnisses. problem w ird dringlicher, die A useinandersetzung m it der „Entzw eiung“ von
Sie begann nach vorausgegangener kritischer Fühlungnahme m it K ant .durdi „Zukunft“ und „H erkunft" w ird zum vielleicht tödlichen Prolegom enon einer
M ercier und unausdrücklicher durch Rousselot in den frühen zwanziger Jahren. jeden M etaphysik, die_ künftig noch w ird auftreten können. D er Versuch, K ant
J. M aréchal (Le point de départ de la m étaphysique [1923 ff.]: interpretierend a u f dieses Problem hin abzufragen, m uß letzten Endes zur Einsicht führen,
C ahier I I I ; kritisch C ahier V) w ar ihr Vater. In zweiter und d ritte r G eneration daß K ants Philosophie fü r dessen E xposition nicht grenzenlos ergiebig ist: sie
sind deutscherseits u .a . G, Sïewerth, ÎC. R ahner, M, Müller,^ J .B . 1-otz m aß- h a t nur partiell einen Beitrag geleistet; so h ö rt K an t auf, der Klassiker vom
geblich an ihr beteiligt. W arum diese Revision? Die M odem istenfurcht, gegen D ienst zu sein; Hegel-Diskussion w ird zeitgem äß; K an t-In terp retatio n w ird
die „A eterni P atris“ (1879) Thomas v. Aquin als verbindlichen Philosophen zum A sy l für Resignierte und reagiert selbst aufs K a n t-Jah r lustlos. N u r für
em pfahl, zw ang zu K an t- und H egel-A bstinenz; so verbot sie den Anhängern eine Philosophie, die ums Entzweiungsproblem herum zukom m en sudit, w ird
zunächst ein offenes Gespräch m it der eigenen W irklidikeit und sperrte sie philo­ dieser Mangel K ants zum Vorzug. Sie degradiert das Entzweiungsproblem zur
sophisch ins G etto einer Scholastik, die sie von der N euzeit abhielt, d e r ihre Tagesfrage, bagatellisiert es und unterscheidet von ihm eine zeitlose W ahrheits­
K ategorien d a fü r um so haltloser verfielen. Ê. Gilson — auf den m idi L. Oeing- frage und sucht bei K a n t A ntw ort a u f diese. D as kann sie nu r, w enn sie den
H anhoff hinwies — spricht darum (Réalisme thomiste et critique de la connais­ durchs Entzweiungsproblem geprägten historischen K ontext der Kantischen Phi­
sance) kritisch vom „cartésiano-thom ism e“ (vgl. a. a. O . 7: „le présent livre losophie, ihre A nknüpfungspunkte übergeht (so h a t in der neueren thomistischen
est donc une analyse critique du cartésiano-thomism e . . . c’est-à-dire u n essai K ant-D eutung m. W . n ur — den H inw eis verdanke ich L. O eing-H anhoff —
dé tératologie m étaphysique d ont l ’objet principal est d’éclairer le norm al G avin A rdley, Aquinas and K ant [1950], die R olle des Problem s der exakten
à la lumière du pathologique"). Voller U nbehagen entzog m an sich in H istorié Wissenschaften fü r K an t ernst genommen). Diese Situationsabstinenz ist A b­
(Baeumker, G rabm ann u. a.), protestierte später im Schutz der P a tristik straktion von dem, was doch die W irklichkeit ausmacht. W er das Gesdiichtliche
durdi Sym pathie m it der Existenzphilosophie (Wust, Marcel, Balthasar, die ausklam m ert —_ und sei es zugunsten einer noch so noblen M etaphysik — , w ird
L yoner Theologen, die Freiburger M .M üller, B .W elte u .a .) und neuerdings W ahrheiten besitzen, die es nur deswegen sind, weil selbst der Irrtu m sie ver­
m it dem Spätidealismus oder w urde — m ißtrauisch gegen beide Möglichkeiten — schmäht; er w ird eine Philosophie haben, die, w ie Swinegel, nur deswegen
orthodox revolutionär, indem, gegen den Carttsiothotnism us der seit Marecnal imm er „schon da“ ist, weil sie nicht wirklich läuft.
aufblühende und vielleicht so zu nennende T ranszendentalthomismus tro tz der isr D ie seit Schulze-Aenesidems A rgum enten virulente Frage nach einer „reali­
konträren Befriedung des M odernistenstreits und im Sdiußfeld der Enzykliken stischen“ K ant-D eutung, wie sie etw a in versöhnlicher Form E. Adidces (K ant
K o n tak t zum deutschen Idealismus aufnahm , um m it seiner H ilfe Thomas v o r und das D ing an sich [1924]; K ants Lehre von der doppelten A ffektion unseres
Seinen Freunden zu retten. W ohlw ollender K ant-K ontakt w ar f reilidi erst möglich, Ich als Schlüssel zu seiner Erkenntnistheorie [1929]) in Verfolg einer schon an­
als K a n t zum M etaphysiker erhoben und von seinen Interpreten überredet w urde, sehnlichen T radition gelöst zu haben glaubte, bleibt hier unbesprochen.
Bewahrungsphilosoph zu sein. Was F.Paulsen und K.. Oesterreìdi als Einzelgänger 138 V or allem F. Paulsen, I. K an t (1898); K ants Verhältnis zur M etaphysik, in:
vorsichtig anbahnten, gewann die G unst der Geschichte und w urde im zweiten K antstudien 4 (1899) 413 ff.
J alirzehnt unseres Jahrhunderts verbreitetes Anliegen: der vorher als Wissenschafts- 1M I. K a n t 243 f. lw K ants V erhältnis z u r M etaphysik, a. a. O . 413.
theorctiker gelobte oder gehaßte K a n t gestand „metaphysische M otive seiner 141 I. K an t 12.

47
Z u r Inventur der Geschichtsbegriffe Z u r R iv a litä t gegenwärtiger K ant-D eutungen

liehe Erkenntnis reicht nicht weiter, als wir die Dinge selbst hervorbrin- Seinsproblematik“ 147und im Interesse einer Bewahrung und Begründung
gen; her Vorbringen aber können wir natürlich nur die Erscheinungen, der Metaphysik: „die realitätsauflösenden Argumente der Skepsis, des
nicht die Dinge an sich selbst“ 14*, die von Gott geschaffen sind14’ und Satzes des Bewußtseins, der Ding-an-sidi-Kritik usw. (stehen) im Dienste
gerade darum die Aufmerksamkeit der Kantischen Metaphysik haben. einer positiven Realitätssetzung. Das Sein d e r,Außenwelt“ wird erkennt­
„Das Ziel aller Bemühungen Kants ist die Begründung einer -wissen­ nistheoretisch relativiert, um anderes, von der materiellen Außenwelt
schaftlich haltbaren Metaphysik nach neuer Methode“ 144; „die Wendung und ihren Kategorien gewöhnlich überdecktes, vergewaltigtes Sein für
•¿um Kritizismus hat an dem Inhalt dieser Anschauung nichts geändert, den philosophischen Blick sichtbar zu machten . . . Der erkenntnistheore­
sie trifft nur die .Methode der Metaphysik““ 145. tische .Idealismus* und die .K ritik' am .Sein* {im gewöhnlichen Ver­
Wesentlich ist die durch ausgebreitete Forschungsarbeit unterstützte stände), am ,Realen' (der Körperwelt) . . . steht im Dienste einer Onto­
Forderung Heinz Heimsoeths, auf „metaphysische Motive in der Aus­ logie des Geistigen.“ 14’ „Es geht K ant lebenslänglich um die Meta­
bildung des kritischen Idealismus“ 148 zu achten; denn es „entsteht und physik“ 14’, er hat „kaum etwas schroffer weggewiesen als metaphysischen
entwickelt sich das .kritische Problem' bei Kant im Rahmen und in der Indifferentismus!“ 154 Daher auch richte sich Kants „Kritik . . . nicht gegen
weitertreibenden Bewegung einer weltanschaulichen und metaphysischen die Metaphysik als solche, sondern gegen eine bestimmte A rt von Meta­
physik“: „Kants Wendung gegen den metaphysischen ,Dogmatismus*
sowie seine ,kritische' ,Allzertnalmer-Tätigkeit‘ gilt nicht der Vernich­
148 A . a. O . 116. 148 Vgl, a. a. O. 159.
144 A. a. O . 279. tung jeglicher Metaphysik, sondern nur , . . der rationalistischen Schul­
145 A . a. O . 260. Im Anschluß a n Paulsen interpretiert K . Oesterreich: K a n t metaphysik seiner Zeit.“ 101
und die M etaphysik (1906). H . Pichler, der sich um K ants V erhältnis z u r ihm Gerhard Krüger158 orientiert sich in seiner Kant-Interpretation an
unm ittelbar überlieferten M etaphysik geküm m ert h a t, deutet K ants Philosophie
als subjektivistische Verwässerung der Lehre Wolffs: O ber C hristian Wolffs
Platon. Das ist möglich, weil Platon und K ant vergleichbar sind in ihrem
O ntologie (1910), insbes. 73 ff. Ü ber K ants V erhältnis z u r Sdiulüberlieferung aufklärungskritischen Anliegen1“ : wo Platon die Sophistik und die
h a t dann v o r allem M ax W undt gearbeitet: K an t als M etaphysiker (1924); vgl. „Dichter“ bekämpft, hat es Kant m it der voraussetzungslos „souveränen“
M. W undt, D ie deutsche Sdiulmetaphysik im Z eitalter der A ufklärung (1945); Wissenschaft der modernen Aufklärung bzw. ihrer Pseudometaphysik1“
D ie deutsche Schulmetaphysik des 17. Jahrhunderts (1939). Vgl. hierzu oben
und mit der Folge ihrer Herrschaft, der Auflösung von „Tradition“ und
S. 12, Anm. 3.
14‘ H . H eim soeth, Metaphysische M otive in der Ausbildung des kritischen Id e ­ „gegebenem Sein“ in eine Mannigfaltigkeit unverbindlicher oder nur
alismus, in: K antstudien 29 (1924) 121 ff.; Persönlichkeitsbewußtsein und D ing einzelverbindlicher — im Krügersdien Sinn „geschichtlicher“ 155— Lebens­
an sich in der Kantischen Philosophie, in: Kant-Festschrift der A lbertus-U niver- entwürfe, zu tu n 16“. Angesichts dieser von Rousseau her“ 7 bedenklich
sität Königsberg (1924) 41 ff.; M etaphysik und K ritik bei C hr. A . Crusius. E in
B eitrag zur ontologischen Vorgeschichte der K ritik der reinen V ernunft im
18. Jh ., in: Schriften der Königsberger gelehrten Gesellschaft 3. Jg., Geistes­ 147 K ants philosophische Entw icklung, a. a. O . 154.
wissenschaftliche Klasse, H eft 3 (1926); u. a. diese A ufsätze sind jetz t zu­ 148 Diskussionsbemerkung Heimsoeths zu N . H a rtm a n n , Zum Problem der R e­
sam m engefaßt: H . Heim soeth, Studien 2 ur Philosophie Im m anuel K ants. M eta­ alitätsgegebenheit (1931) 38 f.
physische U rsprünge und ontologische G rundlagen (K öln 1956) = E rgänzungs­ 148 K ants philosophische Entwicklung, a. a. O , 149.
hefte der K antstudien 71); vgl. außerdem : H . Heimsoeth, K ants philosophisäie 150 Studien zur Philosophie Im m anuel K ants.
Entwicklung, in : B lätter fü r deutsche Philosophie X IV (1941) 148 ff.; K ants 151 H . Heim soeth, M etaphysik der N euzeit (1929) 85. Im Anschluß a n H eim ­
Philosophie des Organischen in den letzten System entwürfen, a .a .O . S. 81 ff. soeth h a t G. M artin ontologische M otive in K ants Wlssenschaftstheorie unter­
H eim soeths Kant-Forschung sym pathisiert m it Intentionen N . H artm anns (u. a. sucht: A rithm etik u n d K om binatorik bei K a n t (Itzehoe 1939); D ie m etaphy­
zusammenfassend: Diesseits von Idealismus und Realismus, in: K antstudien 29 sischen Probleme der K ritik der reinen Vernunft, in: Zeitschrift für philo­
[1924] 161ff.), d e r betont, „daß die große Flucht vor der M etaphysik . . . einem sophische Forschung II (1948) 315—342; W. v. Ockham (Berlin 1949); Im m anuel
kapitalen M ißverständnis der Kantischen K ritik entsprang“ (M etaphysik der K a n t. O ntologie und Wissenschaftstheorie (K öln 1951).
E rkenntnis [1921 *1941] 5), denn „daß die System e des deutschen Idealism us 151 G. K rüger, Philosophie und M oral in d e r Kantischen K ritik (1931); D er
metaphysisch w urden, ist nicht ein Abweichen vom Wege K ants, sondern gerade M aßstab der Kantischen K ritik, in: K antstudien 39 (1934) 156 ff.; Über K ants
ein konsequentes B e h arre n . . . bei seinen im letzten G runde eben doch m eta­ Lehre von der Z eit, in : A nteile (Heidegger-Festschrift) (1950) 178 ff. Vgl.
physischen Problem en“ (a. a. O. 4). „W ürde m an hieraus den bescheidenen zusammenfassend: G rundfragen der Philosophie. Geschichte, W ahrheit, Wissen­
Schluß ziehen, d a ß die V ernunftkritik nicht eben unm etaph visch . . . ist, so w äre schaft (1958), bes. 141 ff. 187 ff.
das freilich nur der geringste Bruchteil dessen, w orüber geschichtlich am zulernen 153 Allgemeine Begründung dieser Möglichkeit in G . K rüger, Einsicht u n d Lei­
geboten ist“ (a. a. O . 6 ). Was allerdings H artm an n nicht hindert, die Frage: denschaft ( ' 1948), insbes. 283. Krügers Versuch ist ein P rotest gegen die spezi­
„Wie ist es möglich, daß ein Subjekt das O bjekt .erfaßt', das doch nicht in ihm fische M arburger Zusammenschau von P la to n und K ant, vgl. P . N a to rp , Platos
ist?“ als G rundfrage K ants zu behaupten ( a .a .O . 147) und am Leitfaden Ideenlehre (1903).
dieser Frage eine „Unterscheidung des Zeitlichen und Überzeitlichen in der 154 Philosophie und M oral in der Kantischen K ritik , §§ 4 und 5—7.
Kantischen Philosophie“ vorzunehm en. 155 A . a. O. 2 ff. 156 A . a. O . § 1. 157 A. a. O . § 11.

48 4 Marquard, Skeptische Methode 49


Z u r In v e n tu r der Geschichtsbegriffe Zur R iv a litä t gegenwärtiger K ant-D eutungen

gewordenen und von K ant vor allem in seiner „Anthropologie“ konkret „bessere“ Metaphysik171 in „praktischer“ Begründung nur durch „Postu-
entwickelten „Aporie des menschlichen Charakters“ 158 kommt es für late“ und durch „reflektierende“ Teleologie festhalten können? 'Warum
K ant zur Frage nach der allgemeinverbindlichen und bleibenden Instanz. dieses Problematischsetzen gerade der „echten“, traditionalen Meta­
der Lebensführung15’. Diese Frage verbindet ihn mit der metaphysi­ physik? Warum versteht Kant das Verhältnis zum theologisch-teleologisch
schen — für Krüger: platonischen — Tradition. Durch die Entdeckung gefaßten „Ansichsein“ nur als „Glauben“ und „subjektiv“? Audi der
der gesuchten Instanz im „moralischen Gesetz“ 100 „kehrt er, ohne es bewahrungsphilosophischen Interpretation entsteht das Problem: H a t
selbst klar zu sehen, zu dem alten Begriff vom Sein zurück"1M, denn die Kant sein Anliegen preisgegeben? Durch Inkonsequenz? Durch motivier­
menschliche „Autonomie“ ist ein Als-Ob: der Mensch nimmt das Sitten­ bare Inkonsequenz (Flucht)? Krüger spricht von einer (tadelnswerten)
gesetz „bedingungslos an . . . als hätte (er) es selbst gegeben“ Sein Konzession Kants an den Ansatz der Aufklärung, von „methodologischer
Gewissensgehorsam ist daher „faktisch . . . Hinnehmen des von Gott ge­ Befangenheit Kants“ 11*: „weil die Autorität der aufgeklärten Wissen­
gebenen Seins“ 1“ , Kants „moralische Grundlegung“ beruht also „auf schaften ihn hält“ m, wird „die .platonische* Absicht Kants . . . durch­
einer theologischen Metaphysik der Welt“ 1"1; und nur weil für ihn „die kreuzt“ 174. Kants „Orientierung an dem zu kritisierenden souveränen
Welt als Schöpfung“ der „Horizont des Begreifens bleibt“ los, ist Kants Wissen der Aufklärung ist ein Abweidien vom moralischen Maßstab“ 11S,
Unbekümmertheit gegenüber der oft gerügten Formalismusschwierigkeit d. h. von den „ursprünglichen Tendenzen der metaphysischen Tradi­
verständlich und zu rechtfertigen16*. „Die Sache der alten Metaphysik tion“ 174. Kant wiederholt durch dieses „Abweidien“ den „Irrgang“ 1,7 der
bleibt also gerade erhalten; die alte theistische Metaphysik soll durch Aufklärung und ihrer Metaphysik: er selbst beweist ihre Macht und
keine neue ersetzt werden. Es soll nur klar werden, daß man um Gott, demonstriert durch sein eigenes Scheitern die Notwendigkeit erneuter
Schöpfung, Freiheit und Unsterblichkeit nicht in bloß ,theoretischer*, un­ Kritik durch unmittelbaren Rückgriff auf P laton1™.
beteiligter Weise wissen kann.“ 1,7 N ur gegen die theoretisch-unbeteiligte, • So gehört zur Deutung Kants als traditionsnahem Aufklärungskritiker
voraussetzungslose Aufklärungsmetaphysik richtet sich Kants Kritik. die These von seinem Abfall: der Kritiker rationalistischer Metaphysik
Darum steht „Kant . . . mit der Grundabsicht seiner Philosophie nicht wird rückfällig. Sosehr das durch seine Stellung als einsamer Rufer in
am Anfang des ,modernen* Denkens, sondern am Ende der alten theisti- der Wüste entschuldigt sein mag: Kant ist Verräter seines ursprünglichen
schen Metaphysik. Die Kantische Philosophie ist der . , . Versuch, sie zu Anliegens; seine K ritik ist nicht kritisch genug, seine Metaphysik ist nicht
retten.“ 1,5 Eine solche „Rettung“ ist möglich, wenn das „Gewissen“ zum metaphysisch, d. h. traditionsgebunden genug; K ant — ein unzuverlässi­
schlechten Gewissen des „modernen“ Daseins wird und als „Kritik“ im das ger Traditionshüter — muß gegen K ant verteidigt werden: Kant ist
aufklärerisch „spontan gedachte Sein am Ansichsein prüft“ 170 und unter­ zttrückgewichen-
sucht, ob sich die „moderne Welt“ vor Gott „sehen lassen“ könne.
Kants Kritik zeigt also, daß die Fortschrittsphilosophie und ihr Pro­ « A .a .O . 177. * « A . a .O . 186.
gramm aufklärerischer Souveränität des Menschen zur Bedrohung der 134 Philosophie u n d M oral in der Kantischen K ritik 232.
174 A .a .O . 34. 175 D er Maßscab der Kantischen K ritik , a .a .O . 186.
Tradition wird; selbst die Aufklärungsmetaphysik ist der — als Meta­ m Philosophie und M oral in der Kantischen K ritik 230.
physik getarnte — Angriff auf die Bewahrung und ihre Metaphysik. 1,7 D e r M aßstab der Kantischen K ritik , a. a. O . 186,
Kant tritt diesem Angriff entgegen, indem er der Metaphysik im »Ge­ 178 Vgl, G. K rüger, Einsicht und Leidenschaft (*1948).
wissen“ das »gegebene Sein“ als Grund zurückgewinnt. Doch gerade so
w ird die Frage dringlich: Warum hat K ant die gegen die „Aufklärung“
gesicherte und von ihrem »Dogmatismus“ „kritisch" unterschiedene

119 A. a. O . §§ 8— 10, “ • A. a. O. § 12. >•* A. a. O . §§ 13— 14.


1,1 D er M aßstab der Kantischen K ritik , a. a. O. 177. 10 A .a .O . 169.
«M A. a. O . 185. •« A. a. O . 167.
l u Philosophie und M oral in der Kantischen K ritik 11.
im ygj_ a .a .O . §§ 14 ff. Wichtig insbes. K rügers In terpretation von K ants
„T ypik der reinen praktischen U rteilskraft“ (K ant, P V V 75 ff.), a a. O. §§
15— 17, die die von H eidegger nicht beachtete, von K ant unter dem N am en
„H yporypose“ (U K § 59) m it dem „Schematismus“ zusam m engefaßte Versinn-
lichungsleistung behandelt.
« 7 A .a .O . 11. 158 A .a .O . 227. 108 A. a. O . §§ 21 ff.
170 D er M aßstab der Kantischen K ritik, a .a .O . 173.

50 51
Resignation u n d verbleibende A ufgabe

weil er nichts von all diesem ist? Oder ist er es deswegen nicht, weil er
jedes von all diesem ist?
C. Zwischenbemerkung Womöglich hält es K ant mit jeder Deutung? Und vielleicht reflektiert
die Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit der Kant-Interpretationen nur
D ie Philosophen haben die W elt zw ar verschieden die Vieldeutigkeit und Zerrissenheit Kants? H a t am Ende ein Satz des
verändere; es kom mt aber d a rau f an, sie zu Ver­ späten Lukacs recht? „Es ist“, formuliert Lukacs, „allgemein bekannt,
s io n e n . daß K ant in allen entscheidenden Fragen der Philosophie eine schwan­
kende, zwiespältige Stellung einnimmt“ s; vielleicht hat er nur insofern
nicht recht, als dies keineswegs „allgemein bekannt“ und akzeptiert ist?
Denn es ist schwer, sich dem Gewicht dieses Satzes zu entziehen: wie
§ j . Resignation u n d verbleibende A ufgabe wohl sonst wäre die fast epidemische Neigung der Kant-Deutungen zu
erklären, sich unter dem Eindruck offenbar des Rechts auch ihrer Kon­
a) Resignation kurrenten schließlich selbst zu dementieren und Kant als Abweichler zu
verklagen? Die weitgehende Unvermeidlichkeit der Kategorie des Zurück-
Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Bisher war von derjenigen weidiens für die Kant-Deutung ist ein fast sicheres Resultat der voran­
Gegenwart die Rede, die Metaphysik als Surrogat denunziert. gehenden Überlegungen': kommt sie nicht zum Einsatz, so deutet das in
Diese Gegenwart wurde erstens besprochen in ihrer Bestimmtheit durch der Regel weniger auf Wahrheit als vielmehr auf N aivität der betreffen­
den Angriff auf die Metaphysik (§ 2). Sie wurde zweitens besprochen in den Deutung. Wie also?
ihrer Bestimmtheit ■durch mindestens fünf Geschichtsbegriffe (§ 3). Sie Gelingt es dem Interpreten, Kant zum Kronzeugen für einen der
wurde drittens besprochen in ihrer Bestimmtheit durch mindestens fünf Geschichtsbegriffe (unter Ausschluß anderer) zu machen? Schwerlich. ,
Kant-Deutungen (§4). 2. Gelingt es dem Interpreten, einen der Geschichtsbegriffe7 (unter Aus­
Es mag beiläufig erlaubt sein, dieser Gegenwart in einem Zwischen- schluß anderer) zum Kronzeugen der eigenen Wirklichkeit zu machen?
spiei diejenige Gegenwart auszusetzen, die für den Interpreten nicht die Schwerlich.
wichtigste, wohl aber die unvermeidlichste Gegenwart ist: das ist er Denn er müßte für eine der Gegenwartsphilosophien optieren, er
selbst. Wie fühlt er sich inmitten dieser Möglichkeiten? Gelingt es ihm, müßte sich entscheiden. Kann die „eigene Position“ durch Entscheidung
sich für eine der Kant-Deutungen zu entscheiden? Gelingt es ihm, Kant gefunden werden? Kaum. Das wird bezeugt durch die Erfahrung, daß
zum Kronzeugen für eben der Geschichtsbegriffe zu machen? Gelingt jeder Entscheidungsversuch jeweils Wirklichkeiten ausschließt und von
es itim, sich für einen dieser Geschichtsbegriffe zu entscheiden? Gelingt es Wirklichkeiten trennt, die auch und ebensosehr und unaufgebbar zum
ihm, einen der Geschichtsbegriffe zum Kronzeugen für die eigene Wirk­ eigenen Dasein gehören. Entscheidung eröffnet nicht, sie verbietet viel­
lichkeit zu machen? mehr die Identität mit der eigenen Gesamtwirklichkeit: Eindruck ist ja
1. Gelingt es dem Interpreten, K ant zum Kronzeugen für einen der nicht, daß keine, d. h. zu wenige, sondern daß alle, d. h. zu viele Ge­
Geschichtsbegriffe (unter Ausschluß anderer) zu machen? Schwerlich. schichtsbegriffe im Sinne einer Beteiligungsforderung plausibel sind.
Denn für wen spricht Kant? Wer ist Kant? Ist er Wissenschaftsphilo­ So machen Entscheidungen nicht entschieden, sondern gebrochen. Ge­
soph?1 Ist er Endlichkeitsphilosoph?1 Plädiert er für die Schwundstufe brochenheit definiert einen Menschen, der es trotz aller Versuche nicht
der Geschichtsantithetik und dafür, die „Differenz“ der Geschichtsbegriffe
fertigbringt, sich in ernsthafter Weise mit seiner Entscheidung zu iden­
so oder so zu bereinigen? Ist er Vater der Marburger Wissenschafts­ tifizieren, weil er nicht umhin kann, auch das, wogegen er sich entschieden
theorie oder Ahne des Freiburger Seinsdenkens? Ist er Mentor Cohens hat, (wenigstens insgeheim) als seine eigene, zugehörige Wirklichkeit
oder ein anderer Hölderlin Heideggers? Oder ist er keins von beiden? anzuerkennen. Weder Fanatismus — Versuch, sich eine Möglichkeit durch
Plädiert er vielmehr für die Vollstufe der Geschichtsantithetik, für die radikale Absage an andere schätzenswert zu machen — noch Indiffe­
„praktische Vernunft“ und dafür, ihre „Entzweiung“ auf die eine oder renz — Versuch, alle Möglichkeiten als gleichgültig zu erfahren — ge­
andere Weise zu entscheiden? Ist er Klassiker des Fortschritts3 oder lingen dauerhaft. So bleibt es zunächst bei der Gebrochenheit. Der Ge­
Apologet der Bewahrung?4 Ist er Vorläufer von Marx oder Nachfahre brochene tut, was er tut, halb: von allem, was er ist, ist er auch noch das
Platons? Oder ist er am Ende auch dieses nicht? Ist er es deswegen nicht,
6 G. Lukacs, D ie Zerstörung der Vernunft (1954) 306 f.
» Vgl. oben S. 32 ff. * Vgl. oben S. 35 ff. s Vgl. oben S. 41 ff.
• Vgl. oben S. 30ff. 7 Vgl. oben S. 23 ff.
4 Vgl. oben S. 45 ff.

53
52
Zwischenbemerkung Resignation u nd verbleibende A ufgabe

Gegenteil, und stets ist er schon mit einem Bein übergelaufen. Es bleibt aber kann es vorher nicht vorhandenes Vertrauen für die Metaphysik
bei der mehrfachen — mindestens fünffachen — Selbstinterpretation: er hervorbringen. Für den, der der Metaphysik nicht ohnehin glaubt, gibt es
hat mehrere — mindestens fünf — Geschichtsbegriffe, mehrere — min­ schwerlich die Möglichkeit, sich in die Metaphysik hineinzuverzweifein.
destens fünf — Kant-Deutungen, mehrere — mindestens fünf — so­ So ist diesseits von Geschichte und Metaphysik und ratlos vor der Alter­
genannte Weltanschauungen. Je nach Gesprächspartner und verschieden native Geschichte oder Metaphysik der Interpret nicht einmal zu einer
in Akkommodations- oder Protestrolle hat die Rechts- oder die Links­ einschlägig arrangierten Pascalschen „Wette“ aufgelegt und also min­
physiognomie Dienst: er ist Gelegenheitstheologe und A-propos-Pro- destens im Buridanschcn Sinne ein Esel. Also Resignation? Offenbar.
gressist. Einstweilen.
Bei einer derart multiplen Position bleibt auch der Positionsbegriff Von dieser einstweiligen „Position“ her liegt die Meinung nahe, daß
nicht der gebräuchliche des „Standpunkts“, Position muß nautisch ver­ es zwar weiterhin in der Bestimmung, daß es aber einstweilen nicht in
standen werden. Position ist nautisch der für Kursveränderungen und der Macht der Philosophie liegt, eindeutig „die Wahrheit" zu lehren11;
in Seenotfällen bedeutsame, vorübergehend eingenommene O rt eines daß sie zwar weiterhin die Aufgabe, daß sie aber einstweilen keine
Beweglichen, das schwimmt®. Er ist gewiß kein „Wohnplatz zum be­ Möglichkeit sieht, gegenwärtig chancenreichen Lebensformen eindeutig
ständigen Aufenthalte“, sondern allenfalls „ein Ruheplatz für die mensch­ ein gutes oder schlechtes Gewissen zu verschaffen. Was bleibt der Philo­
liche Vernunft, da sie sich über ihre dogmatische Wanderung besinnen und sophie? Bleibt ihr überhaupt etwas? Sie soll die Wahrheit sagen, die sie
den Entwurf von der Gegend machen kann, wo sie sich befindet, um ihren nicht hat. Ist das möglich? Schwerlich. Wer’s trotzdem versucht, trifft auf
Weg fernerhin mit mehrerer Sicherheit wählen zu können“ *: Selbst­ folgende Chancen.
verständnis ist einstweilen Skepsis, nicht freilich so, daß sie jedem, son­ Erstens: er wird die ins Spiel geratenen Möglichkeiten nicht oder
dern so, daß sie keinem der Geschichtsbegriffe — und entsprechend wenigstens nicht direkt in ein Verhältnis zur Wahrheit, besonders zu
keiner der Kant-Deutungen — entsagt. Diese Reflexion der Gebrochen­ einem mehr oder minder temperierten Geschichtsziel bringen, er wird
heit durch interimistischen Skeptizismus ist kein Programm, sondern ein aber ihren derzeitigen Bestand aufnehmen können, nicht nur im Histo­
Lagebericht. riensinne en detail, sondern vor allem auch und „philosophischer“ en
Gelingt es dem Interpreten, einen der Geschichtsbegriffe (unter Aus­ gros im Sinne einer Inventur derzeitiger Möglichkeiten. Ihre Frage zielt
schluß anderer) zum Kronzeugen der eigenen Wirklichkeit zu machen? darauf: was ist an Möglichkeiten des Daseins gegenwärtig im Spiel? Ein
Schwerlich. Also Resignation? solches Unternehmen aus N ot gerat freilich leicht in . die Versuchung,
sich zur „Tugend“ zu erklären und den derzeitigen Bestand zur ewigen
Ausstattung des Menschen zu proklamieren: Inventur läuft Gefahr, zur
b) Verbleibende Aufgabe
Typologie zu erstarren und über dem Wohlgefühl, immergültige Aus­
Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Wenn sie Surrogat ist, sagen zu machen, ihre transitorische Funktion und ihren provisorischen
dann ist sie Surrogat (schlechte Präsenz) der Geschichte. Und wenn Ge­ status zu vergessen. Die zur Typologie verkehrte Inventur vergißt und
schichte die einzig mögliche Position ist, dann scheint in Wahrheit einst­ bezeugt damit zugleich, daß sie dort entsteht, wo Geschichte an ihrem
weilen Gebrochenheit die Position. Ziel, und sei es nur vorübergehend, verzweifelt und wo ihre Philosophie
Aber wenn Metaphysik nicht Surrogat ist? Ist vielleicht die Geschichte
doch nicht das Ende der Metaphysik? Ist vielleicht eher die Metaphysik Preisgabe, beabsichtigt. H abent sua fa ta intentiones. D er oben S. 46, Anm. 136
das Ende der Geschichte? Diese Hoffnung entsteht angesichts der Anti- sog. Transzendentalthom ism us hat, seit er z u r „konkreten Geschichtsphiloso­
phie* kondeszendierte, Verw endung d a fü r und ist zweifellos im m anent im
thetik der Geschichte. Freilich: wenn sie aus nichts anderem entsteht, Recht, wenn er — w ie inzwischen verschiedentlich versucht — die Geschichte
kann sie erfüllt werden allenfalls indirekt, allenfalls durch ein Plädoyer der neueren Philosophie als K ollektion abschreckender Beispiele des Abfalls
für die Metaphysik aus den schlimmen Folgen ihrer Preisgabe. Und just von Thomas interpretiert und dam it ein Z usatzargum ent fü r die M etaphysik
das, scheint es, erfüllt diese Hoffnung nicht; denn nicht eo ipso bedeutet gew innt u nter der Voraussetzung, d a ß sie sich nicht grundsätzlich fragw ürdig ist.
Unglüdc der Geschichte Glück der Metaphysik10. Allenfalls kann ein solches D ie schlimmen Folgen ihrer Preisgabe plädieren nicht fü r M etaphysik, sondern
allenfalls fü r ein Interesse an ihr,
Plädoyer vorhandenes Vertrauen für die Metaphysik bestätigen; nicht 11 K ann die W ahrheit gelehrt (bzw. gelernt) werden? frag t K ierkegaard (Philo­
sophische Brocken, Auch ein Bißchen Philosophie [184+] K ap. I, A) im An­
* Philosophische Position w äre so im D oppelsinn des W ortes »Ex“-Position. schluß an die Frage nach der L ehrbarkeit der Tugend bei P la to n (vgl. Menon,
» K a n t, RV B 789. . P rotagoras). K ann W ahrheit gelehrt werden? Vielleicht — w enn m an sie hat.
10 Vgl. oben S. 14 f. Ursprünglich h atte diese A rbeit solch ein indirektes V otum U nd w enn man sie nicht hat? D an n verw andelt sich die Frage zu der: darf
fü r die M etaphysik, ein Plädoyer fü r die M etaphysik ans den Folgen ihrer Abwesenheit von W ahrheit gelehrt werden? O d e r besteht Pflicht zu Q uarantäne?

54 55
Zwischenbemerkung

nicht nur Historie sein will:Typologie ist „an sich“ resignierte Geschichts-
philosophie; Inventur ist das Nämliche, aber legitimer, denn sie weiß es. D. Zur Dialektik der Kontrollvernunft
Zweitens: er wird die ins Spiel geratenen Möglichkeiten an der W ahr­
heit, die er nicht hat, auch nicht messen können; er w ird sie nicht nach
ihrem Beitrag zur Erfüllung des Geschichtsganges, den er nicht abzuschätzen D a jede echte Philosophie diese negative Seite h a t . . .
vermag, beurteilen können; er wird sie allein dadurch erproben können, so kann, w er Lust hat, unm ittelbar diese negative
daß er zusieht, ob sie es m it sich selbst aushalten oder nicht, ob sie es Seite herauslieben, und sidi aus jeder einen Skepti­
zismus darstcllen (Hegel I S. 232 f.).
von einem gewissen Punkte an vielleicht nur dadurch mit sich aushalten,
daß sie sich bewußt oder unbewußt von sich trennen. Er w ird auf Verdop­
pelungszwänge achten, auf Verhinderungs- und Tarnungsarrangements,
auf Verdrängungsstrapazen, auf zerrüttende Nlchtidentitätsexzesse, auf
die mancherlei gepflegten Inkonsequenzen, auf Kompensationssymptome, ■§ 6, Z u r A n a ly tik der K o n tro llvern u n ft
Surrogatbildungen, auf Antinomiensucht, maßlosen Aufwand an Doppel­
leben. Kurz: es verbleibt die Chance, die im Spiel der Gegenwart befind­ a) Zum Metaphysikproblem
lichen Möglichkeiten durch ihre konsequente Verteidigung zu bestätigen Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? H at Kant so gefragt?
oder zu vernichten, die Chance einer Dialektik im früher beschriebenen Zunächst: K ant fragt nach der Metaphysik. Er nennt als „ F ra g e ...,
Sinn“ . nach deren Beantwortung wir unser künftiges Betragen einrichten können:
Also: mindestens zwei Aufgaben bleiben, der Inventurversuch und der Ist überall Metaphysik möglich?“ 1 „Ohne Auflösung dieser Frage tut
Dialektikversuch. sich Vernunft niemals selbst genug.“ 2 Darum hat Kant bereits früh, nicht
Es w ird nicht völlig verborgen geblieben sein; das erste Kapitel (B)
erst in der sogenannten „kritischen Periode“, nach der Metaphysik ge­
hat — bei allen Ansätzen zur Dialektik — primär eine Inventur der fragt*. „Wenn die Methode feststehet“, schreibt K ant 1763 über die
gegenwärtig chancenreichen Lebensformen, der gegenwärtigen Meta­
physikkritik, der gegenwärtigen Geschichtsbegriffe, der gegenwärtigen 1 Prolegom ena IV 23.
Kant-Deutungen versucht; es trug bei zu einem Inventurversuch. Das * A. a. Ö ; IV 80; ob diese „kritische“ Frage nach der M etaphysik eine „m eta­
folgende Kapitel (D) w ird trotz all seiner Versuche, Kant in eine Gegen­ physische“ Frage sei oder nicht, ist in der In terp re ta tio n kontrovers, vgl. H e id ­
wartsrolle zu drängen, diese Rolle nur als unbestimmt behandeln; aber egger, K an t und das Problem der M etaphysik (=1949); G. K rüger, D e r M aß­
stab der K antisdien K ritik , in: K antstudien 39 (1934) S. 156 ff. K ants Stellung­
es wird den Dialektikversuch pflegen und darum bemüht sein, durch nahm e ist nicht eindeutig. Zum Beispiel überlegt er: „Welche L ehrart w ird aber
eine maßvoll textgebundene Interpretation die „Kritik der reinen Ver­ diese A bhandlung selber haben sollen, in welcher der M etaphysik ihr w ah rer
nunft“ als eine geeignete Vorschule der Dialektik zu absolvieren. G rad der G ew ißheit sam t dem Wege, a u f welchem m an dazu gelangt, soll ge­
wiesen werden? Ist dieser V ortrag w iederum M etaphysik, so ist das U rteil
desselben ebenso unsicher, als die Wissenschaft bis dahin gewesen ist, welche
11 So w ird in gewissem Sinne die v ia negationis — einst W eg der G ottes­ dadurch hoffet, einigen Bestand und Festigkeit zu bekomm en“ (Deutlichkeit
erkenntnis — zur verbleibenden und erheblichsten Form menschlichen Selbst­ der G rundsätze der natürlichen Theologie und der M oral [1763] I I 175). A n­
vollzuges. dererseits bezeichnet K a n t seine „K ritik “ als „M etaphysik von der Metaphysik“
(an H e rz, 1781, un d at.: IX 198). Jedenfalls gilt: „Es scheinet eine ganz beson­
dere, obzw ar bloß negative Wissenschaft (pbaenom enologia generalis) v o r der
m etaphysic vorher gehen zu müssen“ (an L am bert, 2 .9 .1 7 7 0 : I X 75 ), die
„eine bestimmte, Idee in der eigentümlichen Methode derselben“ entw ickelt
(a. a.O. 74) und als „Transzendentalphilosophie . . . v o r aller M etaphysik not­
w endig vorhergeht“ (Prolegom ena IV 27 f.). Und Kant gibt zu bedenken, „m an
h a b e . . . bis jetz t keine Transzendentalphilosophie: denn w as den Namen davon
führt, ist eigentlich ein Teil der M etaphysik; jene Wissenschaft soll ab er die
M öglichkeit der letzteren zuerst ausmachen, und m uß also vor a lle r Metaphysik
vorhergehen“ (ebd.). K ants Unsicherheit ist Reflex der paradoxen Lage einer
M etaphysik a u f der Suche nach der verlorenen M etaphysik, einer V ernunft auf
der Suche nach der verlorenen V ernunft, die von K an t als „T ranszendental-
philosophie“ deklariert w ird ; vgl. unten S. 67 103 f.
“ D ie historische K ant-Forschung bestätigt das: H . J. de Vleeschauwer (La
déduction transcendentale dans l’œ uvre de K an t, 3 Bde. [A ntw erpen 1934 f.] ;

56* 57
2u.r D ialektik der K ontrollvcrnunfi Zur Analytik der Kontrollvemunft

Metaphysik, „nach der die höchstmögliche Gewißheit in dieser A rt der zweitens: weil Metaphysik mehr will, als sie kann. Sie „überfliegt“
Erkenntnis kann erlangt -werden, und die N atur dieser Überzeugung die Grenzen ihrer Leistungskraft. Ih r Wollen übersteigt ihr Können. N ur
wohl eingesehen wird, so muß statt des ewigen Unbestandes der Meinungen „wenn man den Willen für die Tat nimmt . . . verdiente sie wegen der
und Schulsekten eine unwandelbare Vorschrift der Lehrart die denkenden vorzüglichen Wichtigkeit ihres Gegenstandes“ den »Ehrennamen“ einer
Köpfe zu einerlei Bemühung vereinbaren; so wie Newtons Methode in „Königin aller Wissenschaften“ “ . Aber die „T at“ bleibt hinter dem
der Naturwissenschaft die Ungebundenheit der physisdien Hypothesen in. „Willen“, ihr „Vermögen“ hinter ihrem „Anspruch“ — der daher auch
ein sicheres Verfahren nach Erfahrung und Geometrie veränderte.“ 4 Am kein „gerechter Anspruch“, sondern eine „grundlose Anmaßung“ ** ist —
21. 2. 1772 schreibt K ant an Marcus Herz von einer „Critik der reinen zurück, so daß „man ihr . . . mehr zumutete, als billiger Weise verlangt
Vernunft“, die „die Quellen der Metaphysik, ihre Methode u. Grentzen werden kann“ ” . Demnach sind metaphysisches Wollen und Können und
enthält“ 5. Aber auch nach dem unvollendeten Alterswerk beschäftigt Metaphysik „mit sich selbst entzweiet“ **. Aber warum will Metaphysik
K ant als „Prinzip der Metaphysik ... das Problem: wie sind synthetische mehr, als sie kann? Weil sie nicht weiß, was sie kann. So w ird sie
Erkenntnisse etc.*“ Was schließlich die „Kritiken“ selbst betrifft, so ist fragwürdig,
für sie das Meiaphysikproblem „transzendentale Hauptfrage“ 7 und „ali- drittens: weil Metaphysik sich mißversteht. Sie ist „Dogmatismus“.
gemeine Frage“ *. Die RV ist „in Absicht auf diese Frage“ * geschrieben. „Dogmadsm i s t . . . das dogmatische Verfahren der reinen Vernunft ohne
Für K ant ist „Kritik . . . die Entscheidung der Möglidikeit oder Unmög­ vorangehende K ritik ihres eigenen Vermögens.“ “ Dogmatismus-Meta­
lichkeit einer Metaphysik überhaupt und die Bestimmung sowohl der physik verwechselt ihre Möglichkeiten mit ihren Wünschen: das ist der
Quellen, als auch des Umfangs und der Grenzen derselben“ 1®; er sagt: „Punkt des Miß Verstandes der Vernunft mit ihr selbst"” . Sie vergißt
„Meine Absicht ist . . . vor allen Dingen zuerst die Frage aufzuwerfen, beständig das, was sie kann, zugunsten dessen, was sie will. Sie ver­
,ob auch so etwas, als Metaphysik, überall nur möglich sei'.“ 11 Die heimlicht, was sie ist (aber nicht sein sollte) und was sie sein sollte (aber
„Kritik der reinen Vernunft selbst" ist so vor allem ein „Schritt, den die nicht ist). So wird sie fragwürdig.
Metaphysik getan hat und der über ihr Schicksal entscheiden muß“ “ Darum sind „Verdacht“ 57 und „Mißtrauen“ ** am Platz. Die RV will
usf. K ant fragt nach der Metaphysik. klären: Was ist Metaphysik (und sollte es nicht sein)? Was sollte Meta­
Warum tut er das? Warum fragt Kant nach der Metaphysik? Warum physik sein (und ist es nicht)?
w ird ihm die Metaphysik fragwürdig? K ant beantwortet diese Frage, indem er die Frage nach der Metaphysik
Erstens: weil Metaphysik versagt. Kant weist auf „das gänzliche Miß­ m it der Frage nach, der Newtonsdien Wissenschaft, d. h. nadi der mathe­
lingen aller Versuche in der M etaphysik"1’. Es gibt in ihr nur „ver­ matischen Naturwissenschaft, d. h. nach der exakten Wissenschaft, Zu­
meintliches Gelingen“ w. Die „Verunglückung ihrer großen Anschläge"Ie sammenhangs Das darf nicht bagatellisiert werden” . K ant verbindet
„stürzt sie . . . in Dunkelheit und Widersprüche“ Sie kommt „in . . . die Frage nach der Metaphysik m it der Frage nach der exakten Wissen­
Verlegenheit“ 17, „in ihr gerät die Vernunft kontinuierlich ins Stecken"18, schaft. Die durch exakte Wissenschaft verwirklichte Vernunft wird im
sie wird zum „Kampfplatz . . . endloser Streitigkeiten“ 10, zur Sisyphus­ folgenden Kontrollvernunft genannt. K ant verbindet die Fragen „Wie
arbeit““. Warum versagt die Metaphysik? Weil sie mehr will, als sie kann.
So wird sie fragwürdig, ” R V A V III.. “ R V A X I. 15 R V B 877. « R V A X II.
“ RV B XXXV. » R V A X II, *7 RV B 518 766.
L ’évolution de la Pensée K antienne [Paris 1939]) weist die Frage nach der SB Vgl. F o ra d iritte d e r M etaphysik V III 241 f.; R V B X V .
M ethode der M etaphysik als persistierendes Them a der Kantischen Philosophie M W ie H eidegger das versuchte. Vgl. K a n t und das Problem der M etaphysik
nadi. V gl. H . H eim soeth, Kants philosophische Entwicklung, in: B lätter fü r deut­ (21949), w o der K antisdie Rekurs a u f die mathematische N aturwissenschaft
sche Philosophie X IV (1941) 148 ff. als bloße „Anzeige* interpretiert w ird (a. a. O . 20): „D ie mathematische N a ­
* Deutlichkeit der G rundsätze der natürlichen Theologie und der M oral I I 175; turwissenschaft gibt eine Anzeige a u f diesen grundsätzlichen Bedingungszusam­
vgl. hierzu die ganz ähnlichen A usführungen R V , V orrede B, m enhang zwischen ontischer E rfahrung u n d ontologischer E rkenntnis. D a rin er­
5 IX 105, schöpft sich aber ihre F unktion fü r die G rundlegung der M etaphysik“ (ebd.).
8 O pus póstum um , ed.Buchenau-Lehm ann I I (1936) ( = Akademieausgabe X X II) A ber keineswegs w ollte K a n t durch seine A nalyse m athem atischer N aturw issen­
24 (18Q0 dat. Adidces). schaft seine K ritik n u r anschieben, um die exakte Wissenschaft alsbald beiseite-
7 Prolegom ena XV 79. 8 A . a. O . IV 21. * A. a. O . IV 23. zulassen und zu „ursprünglicherer* K lärung der „ontologischen E rfah ru n g “
10 R V A X I I . 11 Prolegom ena IV 3. überzugehen. H eidegger selbst scheint in seiner späteren K an t-In terp retatio n
“ Fortschritte der M etaphysik V III 242. 13 A .a .O . V III 241. diese These des Kant-Buchs preisgegeben zu haben. U nd in der T a t: jede In te r­
« A. a. O . V III 240. 18 A .a . O . V III 241. 18 RV A V III. p retation m ißversteht K ants RV, die die grundsätzliche B edeutung ihrer Frage
17 R V A V II. 18 RV B X IV . « R V A X III. nach der exakten Wissenschaft fü r die K lärung des M etaphysikproblem s über­
10 D e m undi sensibilis atque intelligibilis form a et pxincipiis I I (1770) 427. sieht.

58 59
Z u r D ia lektik der K ontrollvem unft
Z u r A n a ly tik der K o n tro llvem u n ft
ist Metaphysik überhaupt möglich?“ und „Wie ist Metaphysik als Wissen­
keiner K ritik der menschlichen Vernunft überhaupt“ ’5; sondern: „indem
schaft möglidi? m it den Fragen „Wie ist reine Mathematik möglich?“
sie einer höheren Frage, wegen ihres gemeinschaftlichen Ursprungs, Licht
und „Wie ist reine Naturwissenschaft möglidi?“ 30 Er faßt sie in einer
verschaffen“, geben sie nur „zugleich A n la ß ,. . . ihre eigene N atur besser
„eigentlidien Aufgabe“ *1 der „reinen Vernunft“ zusammen: „Wie sind
aufzuklären“ **. „Beide Wissenschaften hatten also die gedachte Unter­
synthetische Urteile a priori möglich?“ 5* Kants Vernunftkritik macht
suchung nicht für sidi, sondern für eine andere Wissenschaft, nämlich
das Metaphysikproblem zum Problem der exakten Wissenschaft, d. h.
Metaphysik nötig.“ w Die Frage nach der exakten Wissensdiaft steht im
zum Problem der KontrollVernunft. Dienst des Metaphysikproblems. Kant klärt die Dogmatismus-Meta­
Warum tut er das? Warum macht K ant die Frage nach der Meta­
physik auf dem Weg einer Grundlegung der exakten Wissensdiaft. Kants
physik zur Frage nach der KontrollVernunft? Warum ‘wird seine Theorie
Frage nach der Metaphysik wird zur Frage nach der exakten Wissen­
der Metaphysik zur Theorie der mathematischen Naturwissenschaft? sdiaft, d. h. nach der Kontrollvemunft. Warum?
Warum verbindet er die Frage nadi der Metaphysik mit der Frage nach
Die folgende Überlegung versucht eine zweite Antwort: Kants Philo­
der exakten Wissenschaft? Diese Fragenverbindung ist Kants entschei­
sophie der exakten Wissenschaft, Kants Philosophie der Kontrollvemunft
dende Aussage über die von ihm angegriffene Metaphysik. Inwiefern?
ist die Philosophie dessen, was die von K ant angegriffene Metaphysik
Darauf sind zwei Antworten möglich.
ist, aber nicht sein sollte (nämlich exakte Wissensdiaft); sie ist die Philo­
Die eine A ntw ort hat die Marburger Schule33 versucht: Kants Philo­
sophie dessen, was die von K ant angegriffene Metaphysik zu ihrem Scha­
sophie der exakten Wissenschaften, Kants Philosophie der Kontroll-
den zuviel ist (nämlidi Kontrollvemunft). Die von Kant angegriffene
vernunft ist die Philosophie dessen, was die von Kant angegriffene Meta­
Metaphysik müßte Metaphysik sein, aber sie ist nur exakte Wissensdiaft;
physik sein sollte, aber nicht ist (nämlich exakte Wissenschaft); sie ist die
sie müßte metaphysische Vernunft sein, aber sie ist nur Kontrollvemunft.
Philosophie dessen, was die von K ant angegriffene Metaphysik zu ihrem
Exakte Wissenschaft, d. h. Kontrollvemunft, zu sein ist das Unheil der
Schaden zuwenig ist (nämlich Kontrollvemunft). Die von Kant an­
Metaphysik; Metaphysik zu sein ist das Heil der Metaphysik. Zu seinen
gegriffene Metaphysik müßte exakte Wissensdiaft sein, aber sie ist nur
Gunsten muß die Metaphysik aufhören, exakte Wissensdiaft, d. h. Kon-
Metaphysik; sie müßte Kontrollvemunft sein, aber sie ist nur meta­
trollvernunft, zu sein. Darum verwandelt K ant das Problem der exakten,
physische Vernunft. Metaphysik zu sein ist das Unheil der Metaphysik;
d. h. kontrollvemünftigen, Wissenschaft ins Problem einer guten Meta­
exakte Wissensdiaft, d. h. Kontrollvemunft, zu sein ist das Heil der
physik. Kant schränkt die exakte Wissensdiaft ein, um der Metaphysik
Metaphysik. Zu seinen Gunsten muß die Metaphysik aufhören, Meta­
Platz zu machen; er begrenzt die exakte Wissenschaft zwecks Etablierung
physik zu sein. Darum verwandelt Kant die schlechte Metaphysik ins
einer Metaphysik; seine Wissensdiaftskritik ist im Endzweck Metaphysik­
Problem einer guten, d. h. exakten, d. h. kontrollvemünftigen Wissen­ begründung58.
sdiaft. K ant hebt die Metaphysik auf, um der exakten Wissenschaft Platz
Kant will keine Metaphysikkritik zugunsten exakter Wissenschaft,
zu machen; er destruiert die Metaphysik zwecks Etablierung exakter
sondern Wissenschaftskritik zugunsten eventueller Metaphysik.
Wissenschaft; seine Metaphysikkritik ist im Endzweck Wissenschafts­
theorie.
Allein, diese These ist problematisch. Wissensdiaftstheorie (meint sie), >! Fortschritte der M etaphysik V III 306 f.
38 Prolegom ena IV 29.
Theorie der Erfahrung, Theorie der mathematischen Naturwissenschaft 57 Prolegom ena IV 80.
ist Endzweck der Kantischen Philosophie. Just das hat K ant dementiert. 38 K a n t p lagt also nicht — wie gerade V erteidiger der M etaphysik oftmals
Exakte Wissensdiaft interessiert K ant nicht um ihrer eigenen Klärung argw öhnen — M etaphysik (höchst unselbstverständlicherweise) m it dem E r­
willen: „Reine Mathematik und reine Naturwissenschaft hätten zum kenntnisideal exakter 'Wissenschaft. K an t m ißt überhaupt nicht die M etaphysik,
sondern die von ihm Vorgefundene rationelle, kontrollvernünftige, die A uf­
Behuf ihrer eigenen Sicherheit und Gewißheit keiner dergleichen Deduk­ klärungsm etaphysik, und diese nicht an irgendeinem , sondern an ihrem eigenen
tion bedurft“, wie die K ritik sie geben w illM; »Mathematik und N atur- methodischen Anspruch: denn diese M etaphysik w ill ja exakte Wissenschaft sein,
wissensdiaft, sofern sie reine Erkenntnis der Vernunft enthalten, bedürfen etw a m ore geometrico verfahren. K ant nim m t sie beim W ort u n d zeigt, d a ß
sie durch ihren eigenen methodischen Anspruch versagt. D araus folgert K a n t —
und das w ird zumeist übersehen — die Unangem essenheit des methodischen
s» Prolegom ena IV 29; vgl. R V B 20 ff. Anspruchs exakter Wissenschaft fü r M etaphysik. Also nicht K an t p lagt M eta­
31 R V B 19; vgl. Prolegom ena IV 24. physik m it einem ungemäßen E rkenntnisideal, sondern in der sog. A ufklärung
32 R V B 19; Prolegom ena IV 25; vgl. F ortschritte der M etaphysik V III 244 p lag t M etaphysik sich selbst m it einem ungem äßen E ikenntnisideal; K a n t weist
u. ö. es gerade zurück; aber dazu m uß er zunächst einm al zeigen, was dieses E rkennt­
33 Vgl. die K urzdarstellung oben S. 32 ff. nisideal exakter Wissenschaft leistet u n d w as nicht. Diesem Zweck d ient seine
81 Prolegom ena IV 79. Theorie exakter Wissenschaft.

60* 61
Z u r D ialektik der K ontrollvem unft Z u r A n a ly tik der K o n tro llvem u n ft

b ) Z u r T h e o rie d e r K o n tr o llv e m u n ft „synthetische Urteile a priori“ formulieren die Voraussetzungen, die


Grundlagen exakter Wissenschaft; sie sind Grundlagenurteile48.
Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Vielleicht ist der Meta­
Solche Grundlagen exakter Wissenschaft sind für Kant die Grund­
physikversuch der Kontrollvemunft als Surrogatversuch interpretierbar.
lagen des im Sinne von RV B S. 141 f .4* reglementierten kontrollvernünf-
Vielleicht versucht er schlechte, nämlich bontrollvernünftige Präsenz des
durch Kontrollvemunft Verweigerten. D ie D istinktionen, kraft derer K a n t nicht n u r G rundlagenurteile synthetisch
Was ist Kontrollvemunft? Was leistet sie? Was leistet sie nicht? Kant a p riori nennt, bleiben hier unbesprochen. —- D er vorstehende passus h a t kaum
formuliert dieses Problem als Frage nach der Möglichkeit synthetischer eine Chance, u n ter dem Gesichtspunkt der Präzision geübte K ritik zu über­
Urteile a priori3". Denn synthetische Urteile a priori sind grundlegend leben. A ber diese A rbeit intendiert keine vollgültige Form ulierung von K ants
Wissenschaftstheorie, sondern skizziert ihre R olle im Zusamm enhang des M cta-
für exakte Wissenschaft, für Kontrollvemunft. Inwiefern? physikproblems. E iner soldien Skizze m ag erlaubt sein, was einer genaueren
Eine kurze Erläuterung könnte vielleicht so aussehen: exakte Wissen­ D arstellung nicht erlaubt ist. Eine D arlegung von K ants Wissenschaftstlieorie
schaft sagt ihre Erfahrungen in „Erfahrungsurteilen“ 4(>aus. „Erfahrungs­ w ird im übrigen heute nicht a u f Auseinandersetzung m it der neopositivistischen
Theorie und K a n t-K ritik etw a des W iener Kreises verzichten können. Diese
urteile“ sind „synthetische Urteile“ 41. „Synthetische Urteile“ sind nicht­ K ritik bestreitet die Existenz synthetischer U rteile a priori. Dieser K ritik w äre
analytische Urteile. „Analytisch“ ist ein Urteil, dessen Prädikat Explikat nicht durch die aussichtslose Verteidigung des synthetisch-apriorischen C harak­
des Prädikats der Definition seines Subjekts ist“ . „Synthetisch“ ist ein ters von 7 + 5 — 12 zu begegnen, sondern durch Verteidigung etw a folgender
Urteil, für das das nicht zutrifft. „Erfahrungsurteile“ sind in diesem Sinn These: es gibt keine „extern analytische'' Wissensdiaft, und cs gibt „extern syn­
thetische" Wissens (haften, deren Axiome und AbleitungsregeJn nicht erfahrungs­
„synthetische Urteile“ iS. Sie sind Urteile exakter Wissenschaft, d. h., sie entnom m en sind. D abei m üßte gelten: „In tern analytisch“ ist eine Wissenschaft,
unterscheiden sich mindestens von „Wahrnehmungsurteilen“ 4' dadurch, wenn sie m it Ausnahm e ihrer Axiom e und Ableitungsregeln nur analytische
daß sie wenigstens die Form .immer dann, wenn . . . , so . . . ' haben. Sie U rteile enthält (und m an könnte diskutieren, ob im strengsten Sinn exakte
haben diese Form, obwohl sie keine logisch, d. h. aus Definitionen durch Wissensdiaft nur eine mindestens intern analytische Wissenschaft sein kann).
„E xtern analytisch“ wäre sie, w enn auch ihre Axiom e und Ableitungsregeln
Ausschluß von Widerspruch, ableitbaren Urteile sind45. Ihr .immer dann, analytische U rteile w ären. „Extern synthetisch“ w äre sie, wenn das nicht zu­
w e n n ..., s o , . . ', d. h. ihr strenger Allgemeinheitscharakter kann zu­ träfe. Es gibt keine „extern analytische“ Wissenschaft — das w äre zu folgern
gleich weder aus der Einzelerfahrung noch aus deren faktischer Multipli­ daraus, daß ableitbare Axiome (wenn das überhaupt Axiome w ären) nach A.b-
kation entnommen werden. So gibt es offenbar nicht erfahrungsentnom­ leitungsregeln und aus Axiomen ableitbar sein m üßten, die letzten Endes selbst
nicht wieder abgeleitet werden könnten, sondern vorausgesetzt w erden m üßten —
mene („apriorische“) Voraussetzungen als stille Teilhaber exakter Er­ z. B. als Ableitungsregel der S atz vom W iderspruch, den ich als synthetisches U rteil
fahrung4*. Diese Voraussetzungen erlauben, daß mit Einzelerfahrung interpretieren würde. So bliebe als Frage: enth ält „extern synthetische“ Wissen­
strenge Allgemeinheit ihres Ergebnisses sich verbindet („Synthesis“ *7). schaft Axiome bzw . Ableitungsregeln, die nicht erfahrungsentnom m en, d. h.
Diese Voraussetzungen werden in Urteilen ausgesagt, die nicht erfah­ apriorisch sind? A ntw ortversudie m üßten m . E. z u r Diskussion um eine brauch­
bare positive In terp re ta tio n des Apriori-Begriffs w erden. D abei w ürden sich
rungsentnommen (d. h. nicht „empirisch“, nicht „a posteriori“, sondern bestimmte Aversionen gegen den A priori-Begriff als Dogm atism en erweisen.
„a priori“) und zugleich nicht analytisch (folglich „synthetisch“) sind: Zum Beispiel scheint die neöpositivistische A priori-A version a u f Verkennung
des Instrumentalcharakters der Erkenntnisse a p riori zu beruhen, d .h . a u f der
Verwechslung von Erkenntnissen a priori und ideae innatae, die K a n t ausdrück­
lich zurückgewiesen h at; vgl. De m undi sensibilis atque intelligibilis form a et
*• R V B 19; Prolegom ena IV 25; vgl. Fortschritte der M etaphysik V III 244 u. 8 .
principus (1770) I I 411 und Ü ber eine Entdeckung, nach d e r alle neue K ritik
40 Prolegom ena IV 48 ff. der reinen Vernunft durch eine ältere entbehrlich gemacht w erden soll (1790)
41 Vgl. RV B tO ff.; Prolegomena IV 14 f. u. ö.
V I 3? ff.; Cohen h a t diese Frage diskutiert, vgl. K ants Theorie d e r E rfahrung
42 Im Anschluß an R V B 10 f., Prolegom ena IV 14 f., und u nter Berücksich­
(21885) 195 ff., und so könnte die K lärung der Frage: „W as bedeutet ein E r­
tigung von Husserls kantbezüglicher und. unter Anspielung auf Prolegom ena IV
werb, der als E rfahrungsentnahm e nicht zureichend gedeutet w erden kann?“
20 „klassischer“ Definition analytischer U rteile als form al entschcidbirer U rteile;
zur R ehabilitierung der M arburger Wissenschaftstheorie und z u r K o rrek tu r ihres
vgl. Logische Untersuchungen II, 1 (* 1928) 254 ff. Folgerung aus dieser Definition
m erkw ürdigen Schicksals führen: daß sie, fü r N aturwissenschaftler bestimmt,
analytischer U rteile: Definitionen sind synthetische U rteile. Das geht zugegebener-
doch von diesen nicht angenommen, bisher ihre bleibendste W irkung — jeweils
weise aus dem fü r das Problem der Definition zuständigen passus R V B 755 ff. a u f G rund der V erm ittlung durch Cassirers Philosophie der symbolischen For­
nicht ausdrücklich hervor. Beleg könnte R V B 103 sein: „es können keine Begriffe men (1923ff.) — in der Kunstwissenschaft (vgl. u .a . E. Panofsky, Perspektive
dem Inhalte nadi analytisch entspringen.“ als symbolische Form , in: Studien der Bibliothek W arburg [1924/25]) und in
48 „E rfahrungsurteile sind jederzeit synthetisch“ : Prolegomena IV 16. der Sprachwissenschaft hatte.
44 Prolegom ena IV 48 ff. 4* „D arauf zielt das Verhältniswörtchen i s t . . . um die objektive E inheit ge­
*s Sic sind nicht analytisch, d. h., nicht der Satz vom W iderspruch ist ihr gebener Vorstellungen von der subjektiven zu unterscheiden. D enn dieses be­
„oberster G rundsatz“ im Sinne von R V B 189ff. bzw . Prolegom ena IV 15. zeichnet die B eziehung. . . auf die ursprüngliche A pperzeption u n d die not­
«• RV B 1 ff. u. ö. 47 Vgl. RV B 103 ff. wendige E inheit derselben__ “

62 63
Zur D ialektik der K o n tra llvem u n ß Z u r -A n a ly tik der K ontrollvernunft

tigen Istsagens: Lokalisierbarkeits-, Datierbarkeits-, Meßbarkeits- und prüfbarkeit und Wiederholbarkeit, denn sie garantieren der Erfahrung
Begründbarkeitsgrundlagen. K ant nennt Raum und Zeit, Kategorien, Experimentfähigkeit und Mathematisierbarkeit und damit exakte Wis­
Grundsätze. Über ihren Bestand ist hier nidit zu reden“ .' senschaftlichkeit, weil die „Naturforscher“ nur das gelten lassen, „was
„Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?“ — das heißt: Wo­ sich durch ein Experiment bestätigen und widerlegen läß t“ ST, und weil
durch sind Grundlagenurteile legitimiert? Mit welchem Recht macht in der Erfahrung „nur Wissenschaft . . . (ist), als darin Mathematik, d. i.
exakte Wissenschaft die Voraussetzungen, die sie macht? Kants Antwort Konstruktion der Begriffe, angewandt werden kann“ M. Die Grundlagen
auf diese „quaestio iuris“ 51 ist seine Theorie der Kontrollvernunft. Das der Kontrollvernunft sind durch ihre Nötigkeit für exakte Wissenschaft
für diese Arbeit Wesentliche von Kants Antwort — die zunächst in tok- legitimiert. Durch Nötigkeit gerechtfertigt zu sein ist die Eigenart von
kerem Anschluß an die Marburger Deutung“ verstanden werden darf — Werkzeugen. Kants „transzendentale Erörterung“ 58 deutet die Grund­
lagen exakter Wissenschaft als Instrumente exakter Wissenschaft, als
läßt sich in drei Punkten zusammenfassen.
Erstens: synthetische Urteile a priori, d. h. Grundlagenurteile, d. h. die Kniffe, Wirklichkeit in die Reichweite der Kontrollvernunft zu bringen®*.
Voraussetzungen exakter Wissenschaft sind möglich, denn sie sind nötig; Zweitens: Kants „transzendentale Deduktion“ “ der Wissensthafts-
sie sind gerechtfertigt, denn sie sind unentbehrlich. Wofür? Sie sind nötig, grundlagen deklariert exakte Wissenschaft als werkzeughaltiges Ge­
schehen, d. h. als Produktionsvorgang. Bedeutet das eine Preisgabe ihres
unentbehrlich“ für exakt wissenschaftliche Erfahrung84, und zwar nur
„theoretischen“ Wesens zugunsten eines „technischen“ ” ? Theorie steht im
für diese. Und nur diese Voraussetzungen garantieren wissenschaftlicher
Erfahrung exakte Ergebnisse in der Form ,immer dann, wenn . . . , so . . . ; Seinsdienst und betrachtet etwas als es selbst. Technik steht im Bedürfnis­
dienst und macht aus etwas etwas Anderes. Exakte Wissenschaft erzeugt
sie garantieren ihr Exaktheit: strenge Nachprüfbärkeit, d. h. „notwen­
ihren Gegenstand; aber sie ist ein Mittleres; sie macht, aber ihr experi­
dige Allgemeingültigkeit (für jedermann)“ 55 auf Grund strenger Wieder­
mentelles Vorgehen macht aus etwas es selbst. Exakte Wissenschaft und
holbarkeit, d. h. „objektiver Gültigkeit"50. Und sie garantieren Nach­
ihre kontrollvernünftige Erfahrung ist demnach für eine theoretische
Bestimmung zu technisch, für eine technische Bestimmung zu theoretisch.
*° D ie „metaphysische E rörterung“ (im Sinne von R V B 38) dieses Bestandes
gehört zur Grundlagenforschung der exakten Wissenschaft im Sinne der K lärung Sie erkennt weder seins- noch bedürfnisbestimmt; sie ist weder durchs
ihres „Entw urfs*. D aß diese zu einer isolierten K om petenz der Philosophie ge­ eIvccl noch durchs xpTjaSm dirigiert; sie intendiert weder Svra. noch
höre, ist eine kaum zu haltende Auffassung: die K lärung des eigenen E ntw urfs X p r^ a ra : sie ist weder Schau noch Arbeit. Eine solche nichttheoretische
ist die im m er m itvollzogene und ih r nicht abnehm bare philosophische A rbeit Theorie und nichttechnische Technik wird im Zusammenhang dieser
der exakten Wissenschaften. Vgl. dazu W. Szilasi, Wissenschaft als Philosophie
(1945). D as Problem einer V ollständigkeit der K ategorientafel im. Sinne Überlegung als Kontrolle bezeichnet: Vernunft der exakten Wissenschaft
K . Reichs bleibt hier ebenfalls unerörtert. (K. Reich, D ie V ollständigkeit der ist weder Seinsvernunft noch Bedürfnisvernunft, sondern Kontrollver­
kantisdien U rteilstafel [1932]). nunft. Kontrolle ist 6v-abstinente und xpijfia-abstinente 7too)ati;; sie ist
51 Vgl. R V B 116 f. zuviel Arbeit, um Schau, aber zuwenig Arbeit, um keine Schau zu sein:
52 D er M arburger D eutung folgt diese A rbeit zunächst in ihrer — heute ge­
wöhnlich ignorierten — Absage an die m it dem A ußenw eltproblem befaßte S-euptcc verliert ihren theoretischen Anspruch — ihre 8v-Intenrion —,
»E rkenntnistheorie“ (vgl. etw a: L ogik der reinen Erkenntnis [1902] 34), an ohne ihm abzusagen. So kann die Sv -Intention der Kontrollvernunft
ihren unbestim m ten, von der A ktualisierungsform der Erkenntnis abstrahieren­ weder aufrechterhalten noch preisgegeben werden. Daraus folgt: sie muß
den Erkenntnisbegriff. „Indem K a n t . . . a u f die mathematische N aturw issen­ begrenzt werden.
schaft die philosophische Frage richtet“ , schreibt Cohen in K ants Theorie der
E rfahrung (*1918), „so präzisiert er zuallernächst dieselbe als die Frage nicht
Drittens: Kant begrenzt den Erkenntnisanspruch exakter Wissenschaft,
nach der E rkenntnis schlechthin . . . sondern nach der m athem atisch-naturw issen­ indem er ihn als Anspruch auf .Erkenntnis unter Bedingungen*, d. h.
schaftlichen E rkenntnis.“ M it anderen W orten: Erkenntnis ist in K ants R V nicht unter Vorbehalt deutet. Kontrollvernunft ist nidit unbedingt, d. h. be­
unbestim m t, n id it als Beziehung von Subjekt und O bjekt, sondern als eigen­ dingungslos, sondern bedingt Vernunft: Kontrollvernunft ist mit Vor­
tümlich, d. h. exakt wissenschaftlich verm ittelte Erkenntnis thematisch. D arum
ist K ants Theorie der K ontrollvernunft auch kein Wegweiser in Sachen E tikette
behalt Vernunft. Sie ist theoretisch und macht trotzdem Vorbehalte. Sie
der E rkenntnis, der festlegt, w er bei wem den Besuch zu machen habe, ob das
iJ RV B X V III, Anm .; K an t spricht v o n Experim entalm ethode.
„Bew ußtsein“ zum „A ußending“ hinausgehen oder ob vielm ehr dieses im „Be­
68 Fortschritte der M etaphysik V III 268; vgl. Metaphysische A nfangsgründe
w ußtsein“ sich aufhalten müsse, um eine gepflegte Erkenntnisbeziehung zu ge­
der Naturwissenschaft IV 372.
währleisten. . ** Im Sinne von RV B 40.
55 Vgl. R V B 5: m an müsse „dieser ihre Unentbehrlicfakeit z u r M öglichkeit der
80 Vgl. systematisch: E. Cassirer, Substanzbegriff und FunktionsbegrifF (1910).
E rfahrung selbst, m ithin a priori d a rtu n “. 81 Im Sinne von R.V B 116 ff.
“ R V B 195: „Die Möglichkeit der E rfahrung ist also das, was allen unseren
82 K an t sprichc in bezug a u f exakte Wissenschaft stets v o n „theoretischem “ V er­
Erkenntnissen a p riori objektive R ealität gibt.“
mögen,
55 Prolegom ena IV 49 u. ö. “ Ebd.
5 Marquard» Skeptische Methode 65
64
m m

Z u r D ialektik der K ontrollvem unft Z u r A n a ly tik der K o n tro llvem u n ft

ist in gewissem Sinn technisch und macht trotzdem keine Vorbehalte des sie charakterisiert „Erscheinungen“, d. h. kontrollgefügig Wirkliches im
Bedürfnisses. Sondern? Ihre Vorbehalte dürfen Vorbehalte der Kontrolle Unterschied zu Dingen an sidi, d. h. kontrollentzogen Wirklichem. Kon-
heißen. Kant deutet ihren Grundvorbehalt als „ursprünglich synthetische trollvernünftige Erfahrung geht nidit aufs Ganze, sondern aufs Kontrol­
Einheit der Apperzeption“ 05 und formuliert ihn: „Das Ich denke muß lierbare. N ur im Bereich dieser Erfahrung und nur im Gefüge dieses
alle meine Vorstellungen begleiten können.“M Dieses „oberste Prinzip"05 Erfahrens haben die Erfahrungsinstrumente Sinn und Recht; Kontroll­
meint das „reine, ursprüngliche, unwandelbare Bewußtsein“ *", meint
seine notwendige Möglichkeit, zu persistieren, sich durchzuhalten, sich
3 .
vemunft darf ihre Instrumente nur im „Bereich möglicher Erfahrung“
einsetzen*8. Dieses Verbot ihrer Zweckentfremdung ist kein wie immer
zu behaupten, sich gleichzubleiben: das Ich muß Ich, d. h. Subjekt, d. h. gearteter „Agnostizismus“ Kants, sondern Ausdruck seiner Einsicht:
kontrollfähig, d. h. wirklichkeitsüberlegen, d. h. mit sich identisch sein. Kontrollverfahren erschließen Kontrollierbares, sie tahuieren das Un­
Darum müssen alle identitätsbedrohlichen Voraussetzungen ausgeschaltet kontrollierbare. Kontrollvemunft (exakte Wissenschaft) ist nur als Er­
werden. Ich wird Kontroll-Ich durch Voraussetzungslosigkeit: durch scheinungsvernunft (Erscheinungswisscnschaft:) gerechtfertigt.
seine Unempfindlichkeit gegenüber der Rolle menschlicher Individuen in Kants Theorie der Kontrollvemunft tut also mit exakter Wissenschaft
der Lebenswelt. Die oft gerügte Unbestimmtheit des Verhältnisses von mindestens dreierlei: er legitimiert ihre Exaktheitsgrundlagen; er modi­
„transzendentaler Apperzeption“ und Individuen ist keine Fahrlässig­ fiziert ihr theoretisches Wesen; er limitiert ihre Reichweite. Dadurch
keit Kants, sondern die Definition des Kontroll-Ich: es ist als Subjekt macht er die Erfahrung: Kontrollvemunft ist keine Totalitätsvernunft.
des exakten Wissens in solcher Weise individuell, daß seine Individualität Und wenn vielleicht nur Totalitätsvernunft im vollen Sinn Vernunft
zugunsten seiner Kontrollfähigkeit belanglos wird; seine Individualität heißen dürfte, wäre Kontrollvemunft keine vernünftige Vernunft und
ist verschwindende (vertauschbare), d. h. an Kontrolle verschwendete eine unvernünftige Vernunft dort, wo sie dem Menschen verweigerte, sich
Individualität. Diese Ichüberlegenheit des Kontroll-Idi ist die schärfste dem Ganzen seines Lebens zuzuwenden. Eine kontrollvernünftige Meta­
Form seiner Wirklichkeitsüberlegenheit; Wirklichkeitsüberlegenheit ist physik wäre schlechte Präsenz dieses Verweigerten. Diese Erfahrung —
der Grundvorbehalt der Kontrollvemunft, der exakten Wissensdiaft. f;i eine Erfahrung der Vernunft mit der Vernunft — nennt K ant „transzen­
Kants Folgerung: sie erfährt nur Wirkliches, das sich auf diesen Vor­ dental“ 0"; „Transzendentalphilosophie“ wäre zu solcher Erfahrung und
behalt einläßt, sich „nach“ ihm „richtet“ 07. Die Einwilligung des Wirk­ dazu verpflichtet, die Vernunft zur Vernunft zu bringen. Sie übernimmt
lichen in diesen Vorbehalt nennt Kant seine „transzendentale Idealität"; das Richteramt der Philosophie. In der RV richtet sie die Kontroll­
vemunft. Ihr Urteilsspruch antwortet auf die eingangs gestellten Fragen.
« RV B 131; vgl. ff. « RV B 131. Was ist Kontrollvemunft? Erscheinungsvernunft. Was ist sie nidit? Tota-
“ R V B 137; es kann als „Im perativ" in terp retiert werden und fordert sozu­ litätsvernünft. Was leistet sie? Exakte Wissenschaft. Was leistet sie nicht?
sagen — um von K an t in solchem Zusammenhang nicht gebrauchte Kantische
Begriffe zu verw enden — im Sinne eines nidi£-„hypothetischen“ m cht-„kate- Metaphysik.
gorischen“ bzw. nicht-„pragm atischen“ „assertorischen“ Im perativs.
“ R V A 107. w orten, die er ihnen vorlegt. U nd so h a t sogar Physik die so vorteilhafte R evo­
07 Die Kopernikanische W endung K ants: „Bisher nahm man an, alle unsere E r­ lution ihrer D enkart lediglich dem E infalle zu verdanken, dem jenigen, was die
kenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle unsere Versuche, Vernunft selbst in die N atu r hineinlegt, gemäß dasjenige in ihr zu suchen (nicht
über sie a priori etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere E rkenntnis ih r anzudichten), was sie von dieser Temen m uß, und w ovon sie für sich selbst
erw eitert w ürde, gingen unter diesen Voraussetzungen zunichte. M an versuche nichts wissen w ürde“ (RV B X V I f.). Diese „veränderte M ethode der Denkungs­
es daher einm al, ob wir nicht . . . dam it besser fortkom m en, daß wir annehm en, a rt .... daß w ir nämlich von den D ingen n u r das a priori erkennen, w as w ir
die Gegenstände müssen sich nach unserer E rkenntnis richten, welches so schon selbst in sie legen“ (R V B X V III), charakterisiert K a n t auch so: „die O rdnung
besser m it der verlangten Möglichkeit einer E rkenntnis derselben a priori zu­ und R egelm äßigkeit. . . an den Erscheinungen, die w ir N a tu r nennen, bringen
sammenstimmt, die über Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas fest­ w ir selbst hinein und w ürden sic auch nicht d arin finden können, hätten w ir sie
setzen sollen" (R V B X V I). D ie exakte Wissenschaft ist „allererst in den sicheren nicht, oder die N a tu r unseres Gemüts, ursprünglich hineingelegt“ (R V A 1251.
G ang einer Wissenschaft gebracht w orden“, als sie begriff, „daß die Vernunft « Vgl. RV B §§ 22—23 144 ff.
nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem E n tw u rf hervorbringt, daß sie m it " Vgl. neben RV B 25 und B 80 f. vor allem Prolegom ena IV 43: „D as W ort
Prinzipien ihrer U rteile nach beständigen Gesetzen vorangehn und die N a tu r tran sze n d en ta l. . . (bedeutet) niemals eine Beziehung unserer E rkenntnis auf
nötigen müsse, a u f ihre Fragen zu antw orten, nicht aber sich von ihr gleichsam i D inge, sondern n u r aufs E rkenntnisverm ögen“ : transzendentale E rkenntnis ist
am L eitbande gängeln lassen müsse; . . . die Vernunft muß m it ihren Prinzipien, ; Selbsterkenntnis der Erkenntnis, oder, w ie W. Szilasi, dem ich in der D eutung
nach denen allein Übereinkommen der Erscheinungen fü r Gesetze gelten können, des Phänom ens folge, zu sagen pflegt: E rfahrung m it der E rfahrung (v gl.W .S zi-
in einer H a n d , und mic dem Experim ent, das sie nach jenen ausdachte, in der lasi, E rfahrung und W ahrheit in den Naturwissenschaften, in: Freiburger Dies
ändern, an die N a tu r gehen, zw ar um von ihr belehrt zu werden, aber nicht in U niversitatis [1948/49] 112 f.; Schellings A nfänge und die A ndeutung seines
der Q u alität eines Schülers, der sidi alles vorsagen läßt, was der Lehrer will, Anliegens, in: Studia Philosophica X IV [1954] bes. 52 ff.). Das heißt a ll­
sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen nötigt, auf die Fragen zu ant- gemeiner: die (gute oder schlechte) E rfahrung m it menschlichen M öglidikeiten

66 5* 67
Z u r D ialektik der K ontrollvernunft Z u r A n a ly tik der K ontrollvernunft

c ) Z u m P r o b le m des G e g eb e n e n klonen“ ; sie sind wenigstens Handlungen in Wartestellung: Handhaben.


Dieser Handhabe-, d. h. Werkzeugcharakter kommt ihnen offenbar in
Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Vielleicht ist der Meta­ gleicher Weise zu, ob sie nun „reine Verstandesbegriffe“ (Kategorien)70
physikversuch der Kontrollvernunft als Surrogatversudi interpretierbar. oder „reine Anschauungen“ (Raum und Zeit)71 sind. Das hat H . Cohen
Vielleicht versucht er schlechte, nämlich kontrollvernünftige Präsenz des veranlaßt, Kants Unterscheidung von „reinem Denken“ und „reiner
durch Kontrollvernunft Verweigerten. Jedenfalls: Metaphysik ist mit Sinnlichkeit“ zu verwerfen: sie folgt weder aus dem Instrumentaldiarak-
den Mitteln der Kontrollvernunft undurchführbar. ter der Erfahrungsgrundlagen noch aus der im Kantischen Problem­
Diese Mittel sind Instrumente der Kontrollvernunft, d. h. wirklich­ zusammenhang sehr äußerlichen Unterscheidung der Wissenschaften
keitsüberlegener Erfahrung. K ant nennt sie „Handlungen“ oder „Funk­ „Physik“ und „Mathematik“ ” . Und weil diese Erfahrungsgrundlagen
im Dienste menschlicher Wirklichkeitsüberlegenheit stehen, hat er sie als
ais T otalitätsprätendenten. T ranszendentalphilosophie. h a t so über ih r E nt­ „reines Denken“ gedeutet und die „reine Sinnlichkeit“ ausgemerzt73.
decker- und Interpretenam t hinaus ein — zu beginnender N euzeit in der Theo­ Das ist wie jede Maßnahme dieser zweifellos intensivsten K ant-Inter­
dizee und sp äter in der geschichtsphilosophischen Z eitkritik aktualisiertes —
Richteram t: sie h a t gegenw ärtig diancenreiche und totalitätserpichte Lebens­ pretation konsequent, und zwar genau dann, wenn Kants RV aus-
form en schuldig- oder freizusprechen, ihnen ein gutes oder schlechtes Gewissen
zu verschaffen und sie zu Konsequenzen zu zwingen. V on thom istisdier P rin ­
zipienlehre (vgl. M. M üller, Sein und Geist [1940] 136 ff.; L. O eing-H anhoff: » Vgl. R V B 102ff. 71 R V B 34 u. ff.
Ens et unum convertuntur [1956] 21 ff.) unterscheidet sich K ants „transzen­ 7* Vgl. H . Cohen, K ants T heorie der E rfahrung (31918) 289 f.: „W ir w aren
dentale D eduktion“ (wie die „Rechtslehrer“ D eduktion verstehen) wie das P rin ­ von vornherein d a ra u f aufm erksam , daß die Präge a u f das G anze der m athe-
zipienrichten vom Prinzipienldären. — Begriff und Problem der T ranszendental­ m arisdien Naturwissenschaft, als das d e r E rfahrung, gerichtet, und nur aus
philosophie kann hier nicht in extenso besprochen werden. — D ie Forschungen methodischen D ispositionen so abgeteilt w urde, daß die Einzelfrage nach der
z u r T radition der Transzendentalphilosophie wollen K ants T ranszendental­ M athem atik v o ra n sta n d . . . d a ß die M athem atik lediglich als Instrum ent der
philosophie m it der „Transzendental-Philosophie der A lten“ (R V 112 ), d .h . Naturwissenschaft uns angehe“, betont C ohen m it Nachdruck: K an t intendiert
m it der Transzendentalienlehre zusamm enbringen. Meines Wissens h at d a rau f keine isolierte T heorie der M athem atik; er untersucht M athem atik d o rt, w o sie
zuerst H . Pichler aufm erksam gemacht; vgl. U ber C hristian "Wolffs Ontologie möglicher K onkurrent der Philosophie als einer W irklichkeitswissenschaft, d. h.
(1910) 84 f.: „Die K antianer scheinen zum großen Teil zu übersehen, d a ß die M athem atik der P hysik ist.
Transzendentalphilosophie eine Geschichte h a t (sc. Anm . m it Verweis auf Scho­ 14 H . Cohen: L ogik der reinen E rkenntnis (1902). Vgl. u .a . 11 f.: K an ts Lo­
lastik und Leibniz), und daß das prinzipiell N eue, das K ant in die Trans?.en- gik/A nalytik „brachte den positiven T heil (der K ritik ): die Begründung der
dentalphilosophie gebracht hat, n u r die subjektivistische U m stellung ist." N eben m athematischen Naturwissenschaft. Dieser Logik aber ging eine Ä sthetik voraus,
K nitterm eyer und Leisegang h a t neuerdings G. M artin diese „Geschichte“ der als Lehre von d e r reinen Sinnlichkeit. Geschichtlich ist diese Parteinahm e K ants
T ranszendentalphilosophie m editiert. Vgl. G . M artin, W . v. Odcham (1949). fü r die Sinnlichkeit durchaus verständlich. Sie e rk lä rt sich nicht^ n u r aus einem
D ie in bezug a u f K a n t wichtigen Thesen dieses Buchcs h a t M artin zusammen­ O pportunism us gegen die englischen Verfechter der Sinnlichkeit, sondern aus
gefaßt in : Im m anuel K an t (1941) K ap. 4, 114 ff. M artin versteht Transzenden­ den Schwächen und Blößen, die in der Position Leibnizens lagen u n d die fü r
talphilosophie als M etaphysik der Transzendentalien. V erbindung zwischen uns heute deutlich genug m it seinen S tärken Zusammenhängen. W ie sehr aber,
T radition und K a n t zeigt sich am Schicksal des unum. Seine wesentlichen S ta­ die reine Anschauung K ants m it dem reinen D enken bei Descartes und bei
tionen: 1. gegenüber einer substanziell gedeuteten Einheitsidee bei P laton deuten Leibniz innerlich sich deckt: K a n t dringt doch d a rau f, die reine Anschauung
Aristoteles und seine Schüler, v o r allem sein später Schüler Thomas den Z u ­ vom reinen D enken z u unterscheiden. N icht d a ß sie getrennt bleiben sollten,
sam menhang zwischen t» und Xiyo« bzw. unum und ratio. 2 . O ckham und seine sondern vielm ehr dam it sie sich verbinden u n d z u r V erbindung geeignet w er­
N achfolger verwischen die Unterscheidung zwischen T ranszendentalien- und den. Durch diesen P lan seiner m ethodischen Term inologie ist aber, von der
Kategorienproblem : die Frage nach der E inheit w ird zur Frage nadi der R ela­ Anschauung abgesehen, dem D enken ein innerlicher Schaden zugefügt w o rd e n . . .
tion. „G egenüber dem ursprünglichen A nsatz des Aristoteles liegen zwei V er­ das D enken h a t . . , seinen A nfang in E tw as außerhalb seiner selbst. H ie r liegt
änderungen vo r. Es ist erkannt, daß R elationen E inheiten sind, und die Frage die Schwäche in der G rundlegung K ants. H ie r liegt d e r G rund fü r den Abfall,
nach der E inheit w ird beschränkt a u f diejenigen Einheiten, die R elationen sind“ der alsbald in seiner Schule hereinbrach.“ In der T a t h a t im deutschen Idealis­
(138). 3. Leibniz verschärft diese Fragerichtung, w ird aber zugleich gezwungen, mus, spätere Seelentheorien, vorwegnehm end, die den G eist als ihren W ider­
nach den nichtrelationalen Einheiten, den M onaden zu fragen. 4. K a n t reflektiert sacher em pfanden, etw a Schelling in d e r Anschauung das im Kantischen Sinn
das w eitgehend: er fragt nach der E inheit der R elation; angesichts von A nti­ wichtige W eltverhältnis gesehen, von der D enken sidi entfrem det, zu dem es
nom ien im Relationenreich, die m an göttlicher Erkenntnis nicht zum uten kann, zurückkehren m uß. Vgl. bes. seine A bhandlungen z u r E rläuterung des Idealis­
w ird R elationseinheit als Leistung menschlichen V erstandes interpretiert. Zu­ m us der Wissenschaftslehre (1796/97), in: W erke orig. I, I 343 ff. Cohen w ill
gleich w ird die Begrenztheit der Seinsbestimmung der R elation endgültig durch­ sich (a. a. O . 11 f.) „w ieder auf den Boden der K ritik stellen“ u n d leh n t „es ab,
sichtig. — M artins Untersuchung zeigt R eduzierung und kompensatorische der Logik eine Lehre von d e r Sinnlichkeit voraufgehen zu lassen. W ir fangen
W iederherstellung der E inheitsinterpretation. E ine K o ntinuität transzendentaler m it dem D enken an. D as D enken d a rf keinen U rsprung haben außerhalb seiner
Frage m it der T ranszendentalienphilosophie w ird einleuchtend. Allein: woher selbst, w enn anders seine Reinheit uneingeschränkt und ungetrübt sein m uß.
die zentrale Bedeutung von Transzendentalphilosophie als »Philosophie m it D as reine D enken in sich selbst u n d ausschließlich m uß die reinen E rkenntnisse
R ichteram t“ kom m t, bleibt ungeklärt. z u r Erzeugung bringen.“

6S 69
Z ur D ialektik der K ontrollvernunfi Z u r A n a ly tik der K ontrollvernunfi

schließlich als Wissenschafts tlieorie, als Theorie der Kontrollvernunfi: fähigkeit und Rekognitionsermöglidiung8* ist transzendentale Einbil­
interpretiert wird. dungskraft der Garant der Wiederholbarkeit im Reiche des Hinnehmens;
Dennoch plädierte K ant für eine „transzendentale Ästhetik“u, für ihre „Produktivität“ 84 ist das Ab-sehen vom Unkontrollierbaren; der
eine Theorie „reiner Sinnlichkeit“. Warum? Diese Frage muß erlaubt „Schematismus“, ihr einschlägiges Verfahren, ist Zensur: er läß t Zeit
sein. Ist Kants Interesse für „Sinnlichkeit" ein Atavismus? Oder was und mutatis mutandis Raum nur als Kontrollzeii und Kontrollraum zu;
sonst? Zeit wird entzeitlicht, Raum enträumlicht; sie werden entsinnlicht und —
„Sinnlichkeit“ ist Beziehung des „Erkenntnisvermögens“ aufs »Ge­ Wenn man so will — ent-end!ichtMs denn beide werden gezwungen,
gebene“. Und die „transzendentale Sinnenlehre“ 75 wird wichtig, denn zahlhaft und dadurch wirklichkeitsüberlegen zu sein: Raum und Zeit sind
„vermittelst der Sinnlichkeit — werden uns Gegenstände gegeben“ ” . durch die Zahl gebändigt; wer 1 sagt, läßt fortan keinem n die Chance,
Warum w ird diese Gegebenheit, warum w ird das (sinnliche) Hinnehmen außer Erwartung zu agieren, und hält so selbst den fernsten (numerier­
von K ant betont? Offenbar sieht er: der durch exakte Wissenschaft — baren) Zeitpunkt und den endegensten (numerierbaren) Raumpunkt
durch Kontrollvernunfi: — wirklidikeitsüberlegene Mensch ist zugleich u n ter Kontrolle; Raum und Zeit parieren als Punktmannigfaltigkeit: die
wesentlich wirklichkeitsangewiesen. Betonung seiner „Sinnlichkeit“ ist penetrant artige Kreisbewegung des Uhrzeigers wird der Musterknabe
Betonung seiner WirkUchkeitsangewiesenheit: der Mensch ist preisgegeben unter den Zeitereignissen; der Zollstock und seine exakteren Kollegen
ans Gegebene. Diese Einsicht bringt Kants RV aus der Sphäre imma­ sind die Prominenz unter den raumfüllenden Gegenständen.
nenter Wisseosdiaftstheorie heraus und Zwingt sie zur Frage; Wie kann Das erreicht transzendental produktive Einbildungskraft: sie tempe­
der wirklichkeitsangewiesene Mensch wirklichkeitsüberlegen sein?” riert menschliches Preisgegebensein ans Gegebene. Darum ist sie nicht das
Offenbar kann er es nur dann, wenn sich seine Wirklidikeitsüberlegen- Endlichste im Endlichen, sondern der Kollaborateur, die Zensurbehörde
heit m it seiner Wirklichkeitsangewiesenheit einigt18. Dodi Kontroll- der Kontrollvernunfi im Reiche des Hinnehmens8*.
vernunft kann sich bestenfalls mit wirklichkeitsüberlegenen Weisen Für die Zwecke dieser Arbeit genügt dieser Hinweis. Die Weise kon-
menschlicher Wirklidikeitsangewiesenheit einigen. Als solche nennt Kant trollvernünfbigen Hinnehmens ist Zensur: Gegebenes begegnet exakter
die „reinen Anschauungen" Raum und Z eit” . Er zuerkennt dabei der
A nm .), sie ist „Erinnerungsverm ögen" u n d „Vorhersehungsvermögen“ (A nthro­
Zeit einen Vorrang6®. Aber gerade sie ist doch das äußerste Preisgegeben­ pologie V III 69); vgl. ff.: sic dient z u r „V erknüpfung der W ahrnehm ungen in
sein des Menschen ans Gegebene: wie kann menschliche Wirklichkeits­ der Zeit, das, w as nicht m ehr ist, m it dem, was noch nicht ist, durch das, was
überlegenheit m it ihr sich einigen? N u r gewaltsam: „transzendentale Af­ gegenw ärtig ist, in einer zusam m enhängenden E rfahrung zu verknüpfen“ (ebd.).
finität“ 91 von Zeit und Kontrollvernunfi muß erzwungen werden. Das Vgl. H . M ördien, D ie E inbildungskraft bei K ant, in: Jahrbuch fü r Philosophie
und phänomenologische Forschung X I (1930) 311— 495.
übernimmt transzendental produktive Einbildungskraft: sie hat es mit
8a RV A 100ff.; R V A 103ff. 84 RV B 152.
der Zeit zu tun, aber nicht so, daß sie den Menschen möglichem unverfüg­ 65 H eidegger schreibt zw ar: „D er T ranszendenzhorizont kann sich nur in einer
bar Gegebenem aussetzt, sondern gerade so, daß sie Zukünftiges und Versinnlichung bilden* (a. a. 0 . 87); fü r den Zusamm enhang der R V aber scheint
Vergangenes als potentielle Gegenwart und diese „produktiv“ als das es eher um gekehrt: der T ranszendenzhorizont der K ontrollvernunfi kann sich
n ur in einer Entsinnlidiung bilden. R aum und Z eit sind in d e r R V keine E n d ­
sieht, was in der Reichweite der Kontrolle is t“ . Als Reproduktions­ lichkeitsweisen, sondern von exakter Wissenschaft verlangter R aum und ver­
langte Z eit, so d a ß treffender a b H eidegger Scholz analysiert; vgl. I-I. Scholz,
74 R V B 33 ff.; vgl. bes. 35. n RV B 30. D as Vermächtnis der K antisdien Lehre vom R aum und von der Z eit, in: K an t­
78 R V B 33; vgl. B 19; B 7 4 f.; ferner B 376f. studien 29 (1924) 21 ff.
77 Diese Frage w urde von der M arburger In terpretation übergangen. H eidegger 88 D enn transzendentale Einbildungskraft akzeptiert nicht, sondern m odifiziert
h a t sie in seiner K an t-In terp retatio n erstmals scharf hervorgenoben und als menschlidies Preisgegebensein ans H inzunchm ende: sie blendet die unvordenk­
Z cntralfrage K ants behauptet; vgl. K a n t und das Problem der M etaphysik liche Fülle des Faktischen nicht auf, sondern ab und d a rf „endlich* heißen
(1929 *1949). allenfalls so, wie jem and, d e r beharrlich Licht n u r abschaltet, ein Beleuditer
78 Heideggers „reine veritative Synthesis“, a. a. O . 43 u. ö. heißen darf. Außerdem ist „Schematismus* keineswegs die einzige Form der
™ Ih r Problematisches ist fü r K a n t nicht ihre Vorgängigkeit als Weisen mensch­ Begriffs versinnlichung; vgl. die „T ypik“ z. B. P V V 75 ff„ die m it dem Schema­
lichen Preisgegebenseins ans Gegebene, sondern der C harakter der W irklich- tismus unter dem N am en „H ypotypose" zusam m engefaßt w ird (U K V 428 ff.).
keitsüberjegenheit dieser Weisen: „w ie ist es möglich, etw as a priori anzu- Falls bei K a n t E ndiidikeit zentral thematisch ist, dann eher im Sinne Krügers;
schauen? . . . wie k an n Anschauung des Gegenstandes v o r dem Gegenstände selbst Vgl. G. K rüger, Philosophie und M oral in der Kantischen K ritik (1931) 8 :
vorhergehen?“ (Prolegomena IV 30 f.) „die Endlichkeit des Menschen, a u f die es d e r K ritik allerdings ankom m t, ist
" Vgl. u. a. R V B 154 ff. 81 R V A, 113 ff.; A 122. von K a n t nicht im Hinblick a u f die »Zeitlichkeit' bestim m t worden, sondern
8t R V B 151: „Einbildungskraft ist das Vermögen, einen G egenstand auch im H inblick a u f das Sittengesetz als ein ,F aktum “.“ D a h er ist nicht die E in­
ohne dessen G egenw art in der Anschauung vorzustellen.* Sie ist „ein not­ bildungskraft das Endliche in der Achtung, sondern um gekehrt: die Achtung
wendiges Ingrediens der W ahrnehm ung" des Gegenw ärtigen (R V A 120 ist das Endliche tro tz der Einbildungskraft.

70 71
Z u r D ia lektik d er K ontrollvernunfi Z u r A n a ly tik der K ontrollvernunfi

Wissenschaft nur zensuriert. Darum sind Kontrollvernunft und ihre Kurz: RV fordert Übergang zu neuen Möglichkeiten der Vernunft“ .
Theorie fürs „An-sidi“ des Gegebenen unzuständig: Kontrollvernunft ist Darum kann K ant RV, d. h. Transzendentalphilosophie durch solchen
keine Totalitätsvernunft. Gerade das z-wingt zur Frage: Ist exakte Wis­ Übergang definieren: „Die Transzendentalphilosophae . . . welche die
senschaft meraphysikuntauglich, d. h., ist Kontrollvernunft keine Totali­ Kritik der reinen Vernunft ist . . . hat zu ihrem Zweck die Gründung
tätsvernunft, weil sie ums Gegebene unbekümmert ist, so daß sie das Ge­ einer Metaphysik, deren Zweck wiederum, als Endzweck der . . . Ver­
gebene zuviel oder zuwenig das Gegebene sein läßt? Ist sie „zu kon­ nunft, dieser ihre Erweiterung von der Grenze des Sinnlichen zum Felde
formistisch“ oder „zu destruktiv“? Interpretiert sie, statt zu verändern} des Übersinnlichen beabsichtiget, welches ein Überschritt ist, der, damit
Oder erzeugt sie, statt zu vernehmen? Schränkte Kant das Wissen ein, er nicht ein gefährlicher Sprung sei, indessen daß er doch auch nicht ein
um dem Fortschritt oder um der Bewahrung Platz zu machen? kontinuierlicher Fortgang in derselben Ordnung der Prinzipien ist, eine
Wem auch immer er Platz macht: es ist keine kontrollvernünftige den Fortschritt hemmende Bedenklichkeit, an der Grenze beider Gebiete,
Metaphysik. Wo Kontrollvernunft Metaphysik versucht, handelt sie un­ notwendig macht.“ 8* Diese „hemmende Bedenklichkeit“ nennt Kanc u. a.
recht. Darum muß sie mit sich ins Gericht gehen. Sie muß die Wirklichkeit „Zweifellehre“ *®; sie ist nötig, weil ein solcher Übergang mit Übergangs-
freilassen, etwas Anderes zu sein als Erscheinung. Sie muß den Menschen schwierigkeiten, m it „Widerstand“ 81 und „Schein* ** zu rechnen hat. Denn
freilassen, etwas Anderes zu sein alsKöntroll-Ich. Sie muß die Metaphysik zwar fordert RV: Kontrollvernunft muß ihr Deutungsmonopol preis­
freilassen, etwas Anderes zu sein als exakte Wissenschaft. Sie muß geben; sie muß ihren Totalitätsansprudi opfern. Aber gerade das tut
die Vernunft freilassen, etwas Anderes zu sein als Kontrollvernunft87. sie nicht. Warum nicht?
87 D enn »der Erfahrungsgebrauch, a u f welchen die V ernunft den reinen V er­ Wissenschaft nicht z u r D eutung göttlicher Schöpfungsordnung- taugt; so ist R V
stand“ — die K ontrollvernunft — „einschränkt, erfüllt nicht ihre eigene „Schutzwehr“ d e r „R eligion“ (RV B 877). D azu gehört Betonung des U n te r-
ganze Bestimmung“ (Prolegomena IV 80). „Die Vernunft w ird durch einen sdiiedes von „göttlichem “ und „menschlichem“ V erstand (des „intuitus origi-
H a n g ihrer N a tu r getrieben, über den Erfahrungsgebrauch hinaus zu gehen, narius* und „derivativus“, des „intellectus ard iety p u s“ u n d „ectypus“, des
sich . . . zu den äußersten Grenzen aller E rkenntnis hinaus zu wagen, und nur „intuitiven“ und „diskursiven V erstandes“ usf. Vgl. D e m undi sensibilis . . . II
allererst in der Vollendung ihres K re ises. . . R uhe zu finden“ (R V B 825). „Was 412 f.; R V B 72 307 ff. A 252; U K V 485 ff. u. ö.). G . M artin frag t: „Wie
uns notwendigerweise über die G renze d e r E rfahrung und aller Erscheinungen verhalten sich diese.versdiiedenen W eisen des Seins“ — D inge an sich und E r­
hinauszugehen treib t, ist das U nbedingte, welches die Vernunft in den Dingen scheinungen — „zueinander?“ (Im m anuel K a n t [1951] 216)' und findet alle
an sich selbst und m it Recht z u allem Bedingten . . . verlangt“ (RV B X X ). K o n ­ traditionellen Lösungen „bei K a n t vertreten, w ir finden eine Lösung, die m an
trollvernunft, d. h. V erstand (das W ort „V erstand“ lä ß t bei K an t auch noch als die platonische bezeichnen könnte [Z w eiw eltentheorie] . . . eine w eitere . . .
andere Bedeutungen zu), kann dieses „U nbedingte“, das „An-sich“ n id it fassen: die m an in einem gewissen Sinne als d ie aristotelische bezeichnen könnte [A na­
„D er Verstand gibt durch die M öglichkeit seiner Gesetze a p riori fü r die N a tu r logie], und diese aristotelische Lösung scheint a n manchen Stellen zu einer rein
einen Beweis davon, daß diese von uns n u r als Erscheinung erkannt w erde, nominalistischen Lösung [Unterscheidung von A spekten] auszuarten“ (a. a. O .
m ithin zugleich Anzeige a u f ein übersinnliches Substrat derselben, aber lä ß t 217, vgl. ff.), M artin betont die Bedeutung des Analogiebegriffs fü r K a n t
dieses gänzlich unbestim m t“ (U K V 265). K a n t spricht von „D ingen an sich“. (a. a. O . 221 ff.) und erschüttert dam it die alte M einung, K a n t müsse in die
Dieser Begriff w ird hier nicht in extenso besprochen, er ist ein Deutungsschlacht­ N ä h e P latons gerückt u n d könne n id it aus aristotelischer T rad itio n verstanden
feld. Cohens und Heideggers D e u tu n g 'd e s Ding-an-sich-Begriffs sind durch werden. — Es ist unbestreitbar, daß der Ding-an-sidi-Begriff aus der T rad i­
Polem ik und Desinteresse bestimmr: K a n t habe „D ing an sich“ wegen seines tio n einer prim är theologisch orientierten Substanzm etaphysik stam m t; es ist
Gegebenheitscharakters (Cohen) oder wegen seines Gemachtheitscharakters allerdings ebenso unbestreitbar, daß sein T ren d zur puren U nbestim m theit bei
(Heidegger) elim iniert. N . H artm ann deutet vom Erkenntnisproblem her: „D ing K a n t zu seinen U m deutungen bei S. Beck, S. M aim on, J . G . Fichte und F . W . J .
an sich ist aber gerade das O bjekt, und z w ar als Ganzes, sowohl das E r­ : Sdielling erm unterte u n d ihn zum P la tz h a lter des späteren Geschichtsbegriffs
scheinende (O bjizierte) als auch das Nichterscheinende (Transobjektive) a n ihm machte. Entsprechend möchte diese A rbeit den K antischen Ding-an-sich-Begriff
umfassend" (M etaphysik der Erkenntnis [’1941] 225): „D er Kantische Begriff nicht als T itel f ü r einen L ehrbestand, sondern als T itel für eine noch nicht zur
des D inges an sich steht diesen ontologischen Überlegungen nicht so fern “ vollen Bestim m theit ausgereifte A porie verstehen.
(a. a. O . 226). H erk u n ft des Begriffs aus einer — letzten Endes theologisch es A u f „O bergang“ als philosophisches Problem w urde ich durch W . Szilasi
orientierten — Substanzmetaphysik h a t überzeugend H . H eim soeth (bes. Per- aufmerksam. M aterial zu diesem Begriff bei K a n t findet sich fast vollständig
sönlichkeitsbewußtsein u n d D ing a n sich in d e r Kantischen Philosophie, in : bei H . K nitterm eyer, D e r „Ü bergang“ z u r Philosophie der G egenw art, in:
Studien zur Philosophie K ants [1956] 105 ff.) nachgewiesen; vgl. K a n t P V V Zeitschrift f ü r philosophische Forschung 1 (1946) 266 ff.
111 f.: „die Schöpfung . . . (ist) eine Schöpfung der D inge an sich selbst, weil ** Fortschritte der M etaphysik V III 251.
der Begriff einer Schöpfung . . . n u r a u f N oum ena bezogen werden k a n n “ : So *• E bd.: „H ieraus folgt d ie E inteilung der S tadien der reinen V ernunft, in
„sollte (m an) eigentlich nicht sagen, G ott h a t die Erscheinungen geschaffen, die Wissenschaftslehre, als einen sicheren Fortschritt, — die Zw eifellehre,
sondern D inge, die w ir nicht kennen“, w eil „kein W esen als der Schöpfer allein als einen Stiliestand, — u n d die W eisheitslehre, als einen Ü berschritt zum
__ die Substanz eines anderen Dinges vernehm en“ kann (K ants M etaphysik­ Endzweck der M etaphysik: so daß die erste eine theoretisch-dogmatische D o k ­
vorlesung [Ed. 1924] 97). Diese D eutung ak zeptiert auch G. Krüger: K ants trin , die zweite eine skeptische D isziplin, die d ritte eine praktisch-dogmatische
Unterscheidung von Erscheinungen und D ingen a n sidx dem onstriert, d a ß exakte enthalten w ird .“ M Prolegom ena IV 4. M Vgl. unten S. 84 ff.

72 73
Z ur Genealogie der K ontrollvernunft

§ 7- Z n r Genealogie der K o n tro llvernunfi Betroffenheit5 mindestens durchs Göttliche. Und ec ist pragmatische Exi­
stenz, d. h. vermittlungspflichtig*: er ist gehalten zur Ständigkeit min­
a) Vernünftige Vernunft destens seiner lebensfristenden Lebensführung. Metaphysik setzt den
Zerfall der Identität beider Bestimmungen voraus. O rt dieses Zerfalls
Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Kants Antwort: Sie ist ist die griechische Stadt7. Es wird unmöglich, den Menschen durch seine
Surrogat, wenn sie sich 'weigert, vernünftige Vernunft zu sein, und wenn theologische Betroffenheit oder durch seine pragmatische Ständigkeit voll
sie mit den Mitteln der Kontrollvernunft Metaphysik versucht. Denn zu definieren. Das zwingt ihn, sidi als ein Wesen zu bemerken, das in
dadurch wird sie zum Hochstapler. seinen Engagements nicht aufgeht: als Menschen. Für dieses Bemerken
Freilich, zu diesem Unternehmen, meint Kant, ist sie gezwungen; es zahlt er einen Preis: er ist kein eindeutiges Dasein mehr, seine politische
ist „notwendig“, „unvermeidlich“. Warum? Vernunft ist faktisch Kon­ Existenz wird unbestimmt.
trollvernunft, faktisch metaphysikerpicht und faktisch gleichwohl zu faul Das bedeutet Gefahr: die politische Existenz muß gedeutet werden;
(„ignava ratio“ *) oder zu verstiegen („perversa ratio“ *), um vernünftige die Stelle ihres Deuters ist vakant; Sophisten und Dichter kandidieren.
Vernunft zu sein. Aber warum ist sie das? Diese Frage führt letzten Endes Sie versuchen, politisdies Dasein des Menschen durch seine Sonderinter­
auf das Problem einer Genealogie kontrollvernünftiger Metaphysik. essen oder durch die seiner Götter zu bestimmen. Die Sophisten ver-
Dieses Problem h at K ant zw ar gestellt; aber er hat es nicht gelöst. Die spredien Stärke, die Dichter Empfindung. Die Sophisten trainieren die
„Geschichte der reinen Vernunft“ hat er gefordert5; aber er hat sie nicht Gerissenheit, eigenes Interesse als allgemeines durchzusetzen; die Dichter
ausgeführt. Der Versuch einer Genealogie kontroilvemünftiger Meta­ unterhalten die dazu Unfähigen mit der chronique scandaleuse des Olymp.
physik muß also über Kants Text hinausgehen. Vielleicht ist er dennoch Unter der Herrschaft ihres Angebots von Rezepten fürs erfolgreiche
nidit verboten. Vielleicht ist er sogar erlaubt Vielleicht ist er gestattet Leben oder für die Kunst, das erfolglose zu vergessen, wird die Ordnung
wenigstens als die bloße Erwägung einer Möglichkeit: wie es zu kontroll­ der Stadt zur M au;: sie entsteht aus Menschen- und Götterintrigen, durch
vernünftiger Metaphysik gekommen sein könnte: einer Historie im Olymp- oder Agoraskandale. Aber so wird Ordnung an Macht, All­
Konjunktiv, die weder im strengen Sinn Historie, noch Seinsgeschichte, gemeines an Besonderes verraten. Sophisten und Dichter versagen: sie
sondern bestenfalls unterhaltsam sein will. retten die Stadt zu Tode; Böcke werden Gärtner; der Mensch wird im
N idit immer w ar Metaphysik kontrollvernünftig. Zu ihrem Beginn Namen des Menschen zum Unmenschen; Stadt wird ihr Gegenteil.
verließ Philosophie sidi auf andere Vernunft. Auf welche? Wie kam es
zur Philosophie? Es gibt mehrere Theorien. Zwei seien zunächst erwähnt, 8 Z u den Begriffen Betroffenheit ( = A ktu alität) und S tändigkeit vgl. neuer­
die Emanzipationsthese und die Traditionsthese. Jene bestimmt Philo­ dings: C . H . Ratschow, D er angefoduene G laube (1957).
sophie als Aufklärung; diese bestimmt Philosophie als Bewahrung. Die * Hegels Begriff der „V erm ittlung“ (als Gegensatz nicht von »Entzweiung“ ,
sondern von „U nm ittelbarkeit“) verw eist — sow eit e r in diesem Zusammen­
Thesen widersprechen einander. Welche hat redit? Vielleicht jede? Viel­ hang wichtig w ird — a u f das Ständig-w erden-M üssen, also a u f die N otw endig­
leicht keine? Die folgende Überlegung folgt einer dritten, der Trans­ k e it des Allgemeinseins eines Vollzuges nicht n u r im Sinne seiner Gemein-
formationsthese J. Ritters4. schaftlichkeit, sondern auch a u f seine der Unsicherheit der jeweiligen sub­
Denn zur Philosophie und zu ihrer zentralen Möglichkeit, zur Meta­ jektiven D isposition und Situation überlegene Verläßlichkeit. E r deutet also
an, d a ß z. B. ein Apfel n id it unm ittelbar, sondern durch E infügung in das
physik, gehört die Absage ans Altemativische. Sie will versöhnen. Das System der Erzeugung, des Handels,* V erkehrs usw. zuhanden bzw. zum unden
setzt Zwist voraus und eine gewisse Unumgänglichkeit seiner Schlich­ ist; d a ß H u n g er nicht unm ittelbar, sondern a u f dem U m w eg ü ber derartige
tung. Der Mensch ist theologische Existenz und pragmatische Existenz. Systeme und im V ertrauen auf ihre (z .B . kalkulationserm öglichende) V er­
E r ist theologische Existenz, d. h. theologiepflichtig: er ist gehalten zur läßlichkeit gestillt w ird ; d a ß m an es gar nicht aushält, einem Menschen un­
m ittelbar, ohne' Assistenz der U m gangsform en (und aushilfsweise des Taktes,
d . h. der Fähigkeit, Situationen n id it auszunutzen), der vorgeprägten Spradie,
• Vgl. R V B 717 ff. 1 Vgl. R V B 720 ff. verläßlicher Gemeinsamkeit, der O rientierung hinsichtlich des Gehörigen und
s R V B 880; vgl. ff.; vgl. Fortschritte der M etaphysik V III 244ff. („Geschichte Ungehörigen u n d dgl. zu begegnen usf.: „V erm ittlung" zielt in diesem Sinn
der Transzendentalphilosophie unter uns in neuerer Z eit“). a u f Stabilisierung d e r Vollzüge.
4 J . R itter, D ie Lehre vom U rsprung und Sinn der Theorie bei Ariscoteles, in: 7 Nach C. H . Ratschow, M agie und R eligion (1947), sind beide Bestimmungen
Veröffentlichungen der Arbeitsgemeinschaft fü r Forschung des Landes N o rd - n u r im Z eitalte r der „Magie* identisch; das Z eitalter der „R eligion“ ist defi­
rhein-W estfalen (1952) H eft 1 32— 54; Aristoteles und die V orsokratiker, in : n iert durch das Auseinandfertreten des „H eiligen“ und „P rofanen“ ; zur grie­
Felsefe A rkivi lilt 3 (1954) sayi 2/3 17—37; D as bürgerliche Leben; Z ur aristo­ chischen S tad t scheint darüber hinaus Prohibition der D iskrim inierung des Geg­
telischen Theorie des Glücks, in: Vierteljahrsschrift fü r wissenschaftliche P äd ­ ners, d .h . echter Z w ist und echte O pposition, zu gehören, w ie sie fü r bürgerliche
agogik 32 (1956) 60—94; Physis — Ethos — O usia (erscheint demnächst). Gesellschaft charakteristisch bleibt o der bleiben sollte.

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Z u r D ialektik der K ontrollvernunfi Z u r Genealogie der K ontrollvernunfi

Dieser Gefahr sucht Philosophie zu begegnen. Sie kann’s nicht durch Dieses notwendige Können., aktualisiert Philosophie als „theoretische
Option fürs eindeutige Leben. Denn weder theologische Existenz noch Wissenschaft“. Philosophie ist dann weder Emanzipation noch Tradition:
pragmatische Existenz definieren den Menschen der Stadt zureichend. der theologische Ursprungssinn der > s« p ia protestiert gegen eine ein­
Er ist mindestens doppelt bestimmt. Er ist nicht mit sich identisch, liegt fache Deutung der Philosophie als Emanzipation1’, der pragmatische
mit sich im Streit. Er ist gebrochen. Gebrochenheit ist Bürgerlos und Ursprungssinn der imaTqu-'f} protestiert gegen eine einfache Deutung der
Bürgerpflicht, Menschenlos und Mensdienpflicht. Denn Gebrochenheit ist Philosophie als Tradition14. Philosophie destruiert weder, noch konser­
potentiell die Neigung, mit sich reden zu lassen, d. h. vernünftig zu viert sie die „heilige Überlieferung"; sondern sie versucht ihre Anpassung
sein ®. Sie erzwingt eine Form des Àéyoç, die der Bornierung kündigt und an die Stadt und bewahrt damit den Menschen gleichermaßen vor Theo-
niemandem sonst, die nichts auslassen, die das Unauslässige will. Darum kratie und Soziokratie. Ihre Verbindung theoriepfliditiger Theologie mit
knüpft sie a n 8: sie will theologische und pragmatische Existenz, sie plä­ wissenschaftspflichtiger Vermittlung bestimmt zugleich den metaphysi­
diert für die kompromißbereiten Bestimmungen dieser disparaten Mög­ schen Begriff der Vernunft. Diese Bestimmung macht Theorie und Wissen­
lichkeiten: für ö-ecopi« und e7U<rri)p}; dabei hat Recopia theologischen14, schaft, d. h. Vernunft für. den Menschen verbindlich: sie ist als einstmals
è7uaTT][i,7] pragmatischen Ursprungssinnu . ö-ecopia schaut Göttliches als neue Möglichkeit so in die Geschichte eingetreten, daß sie weder ganz
das Bleibende1*; £7UGT7)fr<) stabilisiert Vermittlung durch Begründen.
Freilich, weder muß theologische Existenz theoretisch noch muß prag­ la Vgl. R itter a. a. O . 42: „Am theologischen U rsprungssinn der T heorie schei­
te rt die Vorstellung vom Aufkom m en der Wissenschaft als E m anzipation des
matische Existenz wissenschaftlich sein. Aber wenn sie’s sind — und es Geistes aus der Macht der T radition und der religiösen Bindung.“
ist die bedeutsame Rolle der griechischen Stadt, daß in ihr Theologie 14 N eben G. K rüger h a t v o r allem J. Pieper (u. a. M uße und K u lt [1948];
theoriepflichtig und Vermittlung wissenschaftspfliditig w ird —, dann Ü ber den Begriff der T radition [1958]) Philosophie als Vollzug der T radition
zeichnet sich Verbindung beider Bestimmungen und damit ein neuer An­ gedeutet. A ber diese D eutung läuft G efahr, die Frage zu vergessen, „was es
bedeutet, daß sich die klassische antike Philosophie in ihrer Begründung aus
satz zur Deutung politischer Existenz als möglich. Die als Theoriepflicht dem Zusamm enhang einer W eisheitsüberlieferung von alters zugleich als Wis-
gedeutete Theologiepflicht kann sich mit der als Wissenschaftspflicht sensdiaft verstanden und so in der W eitergabe des Wissens um das ,alte‘ G ött­
gedeuteten Vermittlungspflicht einigen. Diese Einigung ist möglidi: Die liche von der ih r vorgegebenen Ü berlieferung scharf unterschieden h a t . . . D ie
Theorie muß Wissenschaft, die Wissenschaft muß Theorie sein können. Philosophie b le ib t. . . Erhebung zum Göttlichen . . . A ber diese Zuw endung
erhält m it ihr die Form der Wissenschaft“ (J. R itter, Diskussionsbemerkung,
in: J. Pieper, O ber den Begriff der T rad itio n [1958] 46; vgl. f.). W arum er­
* Vernunft als Mit-sich-reden-Lassen interpretiere ich im Anschluß an W. K am - h ä lt sie diese Form? Diese Frage erö rtert J. R itte r (D ie Lehre vom U rsprung
lah, D er R u f des Steuermanns (1954). u n d Sinn der T heorie bei Aristoteles a. a. O . 42 ff.) eingehend: „Was bedeutet
* J. R itter spricht von 6716X7) : das W ort m eint u. a.: 1. jem andem ins W ort aber dann der .Übergang vom M ythos zum Logos', w enn Wissenschaft nicht
fallen; 2. a n den V orredner anknüpfen; gemeint ist hier natürlich die zweite A uflösung der religiösen Bindung bedeutet, sondern die Aufgabe übernim m t,
Bedeutung. die .Theologie von alters' zu w ahren und fortzupflanzen? W as ereignet sich
10 Vgl. dazu J . R itte r, Die Lehre vom U rsprung und Sinn der T heorie bei dam it, daß die Theologie selbst die Form des M ythos abw irft, um .theoretische
Aristoteles ( a .a .O . b e s.3 6 ff.); d o rt L iteratu r; v g l.49: „So ist nach Aristoteles Wissenschaft' zu w erden?“ (42.) A ntw ort: »Der Übergang vom M ythos zur
die freie T heorie ihrem U rsprung und Sinn nach .Theologie'.“ Wissenschaft ist inhaltlich eine Bewegung, die das Wissen des Göttlichen aus
11 Vgl. dazu a .a .O . b e s.3 3 f.; v g l.42: „D enn Wissenschaft g e h ö r t . .. zunächst dem abgesonderten Bereich des feiernden Dichtens und des M ythos in die W elt
nicht z u r Theorie, sondern z u r praktischen W elt und zu den K ünsten des des Praktischen und des N otw endigen h inüberführt und in ihm ansiedelt“ (42).
schäftenden Lebens.“ „D am it ergibt sich, daß für Aristoteles der Ü bergang vom M ythos zur Wissen­
>* &e<*jpia ist das als „Sehen“ vollziehbare theologische V erhältnis. D aß im W ort schaft erfolgt, um das Göttliche in seiner Zugehörigkeit^ zum menschlichen D a ­
ö e o p ia ein doppelter Sichtsinn ( S-eaa&at und opäv) sich finde, ist m ir durch sein zu begreifen“ (46) und die Z uw endung zu ihm zu einer gewissen „Ständig­
W. Szilasi geläufig. Vgl. dazu auch M acht und Ohnm acht des Geistes (1946), k e it“ zu stabilisieren: „Die Dichtung, die K unst, die Religion mögen unser
etw a 146 ff. 154 ff. Szilasi weist d a rau f hin, daß bei A ristoteles „m it G o t t . . . Dasein und unsere Umgebung intensiver beleuchten und uns Botschaften v e r­
so wenig etw as unserer G ottesvorstellung Ähnliches gemeint (ist), daß A ri­ m itteln, die unser Bewußtsein von unserer Schidcsalsbeschlossenheit wesentlicher
stoteles der Seinsweise der G ötter jede schöpferische T ätigkeit, w ie auch die erschüttern. Diese Erschütterungen sind festliche Augenblicke. D as Philoso­
W eltsdiöpfung und jede Einmischung bzw . Teilnahm e an den menschlichen Ge­ phieren ist durch seine Ständigkeit ausgezeichnet. . . durch die Nüchternheit,
schehnissen abspricht“ . Ähnlich W .Bröcker. Es m ag d a ra u f hingewiesen sein, m it der sie die Fragen begründet, die das menschliche Bewußtsein nach außen
daß, w enn „unsere G ottesvorstellung“ a u f so etw as w ie einen W eltverfertiger richtet. Diese Ständigkeit, in allen menschlichen Belangen m itzugehen, und die
zielen sollte, dies nicht (wie oft in der Heidegger-Schule unterstellt w ird) die N üchternheit, die Fragen do rt zu verfestigen, wo die wissenschaftliche Frage
christliche A rt d e r A nerkenntnis G ottes ist. D ie im T ext versuchte A ndeutung beginnt, bestimmen die eigene E xaktheit, die die Philosophie audi dann be­
der Unselbstverständlicbkeit einer Bestimmung des religiösen Bezugs als Secopia herrscht, w enn sie die letzten G ründe des Seins und die äußersten G renzen des
— Religion ist nicht eo ipso -frewpia, (j, h. nicht jedes G ottesverhältnis E rkennbaren erfo rsch t' (W. Szilasi, Wissenschaft a/s Philosophie [1945] 93).
(und besonders nicht das christliche) ist &£o>pia — findet sich so nicht in der Vgl. zum Zusammenhang M. M üller, Abendländische W issenschaftstheorie, in:
angeführten Untersuchung J . R itters. Freiburger Dies U niversitatis XII (1954/55) 9 ff.

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Z u r D ialektik der K ontrollvernunfi Z ur Genealogie der K ontrollvernunfi

noch teilweise ohne das Bedürfnis des Ersatzes zurückgenommen, daß sie Mindestens auch. Darum kann folgende These versucht und weiterhin
nidit ungerädit preisgegeben werden kann15. Trotzdem — scheint es — wenn nicht begründet, so doch wenigstens ausführlicher formuliert wer­
ging sie verloren. Warum? den: womöglich mußte Vernunft vergessen, daß sie theologisch sein kann,
weil Theologie vergaß, daß sie vernünftig sein sollte. Dieses Vergessen
b) Vernunft und Eschatologie scheint aber nicht nur eine Episode der Theologie unter verderblichem
Einfluß abstrakter und kurzlebiger Philosophien, vielmehr scheint sie
Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Im Zeitalter vielleicht
legitime Möglichkeit ihres christlichen Ansatzes zu sein.
vernünftiger Vernunft scheint sie Verwirklichung. Aber es bleibt nicht
Christlich wird Theologie soteriologisch: Gott ist Retter; er ruht nicht
dabei.
in sidh, sondern handelt am Menschen; er ist nicht mehr das oü xivoii-
Denn sie ging — scheint es — verloren. Inwiefern? Vernunft verlor
(jlsvov xwoüv, sondern „Jahwe“, d.h. durch „hajali"18 charakterisiert; er
ihre theologische Bestimmung. Und warum? Antwort versuchen zwei
Geschichtskonzeptionen. Es gibt die Befreiungstheorie: Vernunft revol­
tiere gegen Theologie und emanzipiere sidi — und das sei gut, denn „N euzeit“ als „V erfall“ zu deuten. V erm eidbar schien dies, w enn sidi theo­
logische M otive der E m anzipation und m odernen W elt zeigen ließen. Dies­
dadurch komme der Mensch zu sich selbst. Es gibt die Sündenfalltheorie: bezügliche Überlegungen gerieten notw endig an einen Zusamm enhang, dem
Vernunft revoltiere gegen Theologie und emanzipiere sidi — und das M. W eber seine besondere A ufm erksam keit widm ete. Sein allgemeines Problem
sei schlimm, denn dadurch verliere der Mensch sich selbst. Beide Thesen19 bestimmte er so: „Universalgeschichtliche Problem e w ird der Sohn der m odernen
versuchen die Emanzipation der Vernunft zu deuten". Und beide deuten europäischen K ultur unvermeidlicher- und berechtigterweise u n ter der Frage­
stellung behandeln: welche V erkettung von U m ständen h a t dazu geführt, daß
sie als Initiativakt der Vernunft und fragen dann: Tat Vernunft redit? gerade a u f dem Boden des O kzidents, und n u r hier, K ulturersdieinungen a u f­
Was ist ihre Emanzipation? Ist sie entweder Befreiung oder Abfall der traten, welche doch — wie wenigstens w ir uns gern vorstellen — in einer E nt­
Vernunft? Aber vielleicht ist sie weder das eine noch das andere. Denn: wicklungsrichtung von universeller Bedeutung und G ültigkeit lagen?“ (Gesam­
Aufmerksamkeit auf genuin theologische Motive der Vermmfiemanzipa- m elte A ufsätze zur Religionssoziologie I [*1947] 1.) Das besondere Problem
seiner A bhandlung „Die protestantische E thik und der Geist des K apitalism us“
tio n16 könnte diese Alternative zersetzen. Emapzipation ist weder Befrei­ (a. a. O . 17 ff.) ist, „ob und inw iew eit religiöse Einflüsse bei der qualitativen
ung noch Abfall, wenn Theologie selbst sie provozierte. Tat sie das? Prägung und quantitativen E xpansion jenes ,Geistes' (sc. des Kapitalism us)
über die W elt hin m it beteiligt gewesen sind und welche konkreten Seiten der
15 In der Geschichte m ag es also ähnlich zugehen wie in M ärdien und M ythen, a u f kapitalistischer Basis ruhenden K u ltu r a u f sic zurückgehen“ (83), d, h. „ab­
w o die mancherlei Wünsche und Flüche guter oder böser Mächte niemals rück­ zuschätzen, in welchem M aße m oderne K u lturinhalte m ihrer geschichtlichen
gängig gemacht, sondern allenfalls durch Zusatzverordnungen und Novellen Entstehung jenen religiösen M otiven u n d inw iew eit sie anderen zuzurechnen
zum W eltlauf neutralisiert bzw . korrigiert w erden können. sind“ (ebd.) — m it dem Ergebnis: „Einer der konstitutiven Bestandteile des
18 Befreiungstheorien sind die A ufklärungsdieorien von V oltaire bis zur Gegen­ m odernen kapitalistischen G eistes__ der m odernen K ultur: die rationelle Le­
w a rt; Sündenfalltheorien sind die traditionalistischen und romantischen T heo­ bensführung auf G rundlage der Berufsidee, i s t . . . geboren aus dem Geist der
rien von Bossuet, D e Bonald, D e M aistre, N ovalis bis zu G. Krüger. christlichen Askese“ (202). D ie obigen Überlegungen beobachten einen anderen
17 M . H eidegger h a t davor gew arnt, den Em anzipationsbegriff als deus ex m a­ Zusamm enhang, können aber nicht umhin, M. Webers M ahnung schlechten Ge­
china für E rklärung des Wesens der N euzeit zu betrachten. Vgl. D ie Z eit des wissens zu beachten und als W arnung hier m itzuteilen: es „soll ganz und gar
W eltbildes, in: Holzw ege (1950) 81: „M an kann das Wesen der N euzeit darin nicht eine so töricht-doktrinäre These verfochten w erden wie etw a die: daß
sehen, daß der Mensdi sich von den m ittelalterlichen Bindungen befreit, indem der ,kapitalistische G e is t'. . . nur als Ausfluß bestim m ter Einflüsse der R efor­
er sich zu sich selbst befreit. Aber diese richtige Kennzeichnung bleibt dodi im m ation habe entstehen können, oder wohl, gar: daß der K apitalism us als W irt­
V ordergrund. Sic h a t jene Irrtüm er zur Folge, die es verhindern, den Wesens­ schaftssystem ein Erzeugnis der R eform ation sei* (83). „D enn die vorstehende
grund der N euzeit zu fassen und von da aus erst die Tragweice seines Wesens Skizze h a t m it Bedacht n u r die Beziehungen aufgenommen, in welchen eine
zu erm essen. . . N icht daß der Mensch sich von den bisherigen Bindungen zu E inw irkung religiöser Bewußtseinsinhalte a u f das .m aterielle“ K ulturleben w irk ­
sich selbst befreit, ist das Entscheidende, sondern daß das Wesen des Men­ lich zweifellos ist. Es w äre ein Leichtes gewesen, darüber hinaus zu einer förm ­
schen überhaupt sich w andelt, indem der Mensch zum Subjekt w ird ." Das lichen .K onstruktion', die alles a n der m odernen K ultur .C harakteristische' aus
„nicht“ — »sondern“ des letzten Satzes ist kaum durdbsiditiger als der Begriff dem protestantischen Rationalism us logisch deduzierte, fortzuschreiten. A ber der­
der „bisherigen“ oder „m ittelalterlichen Bindungen“. Auch der E m anzipations­ artiges bleibt besser jenem Typus von D ilettanten (sc. wie dem Verf. dieser
begriff kann zum Ausdruck bringen, daß m it dem Menschenwesen etw as ge­ A rbeit) überlassen, die an die .Einheitlichkeit' der ,Sozialpsyche' und ihre Re­
schehen ist. Heideggers E inw and d a rf entnom m en werden, daß „Em anzipation“ duzierbarkeit auf eine Formel glauben“ (205 Anm .), Dieser Weberschen W ar­
dann aber T itel fü r ein Problem sein m uß: das Emanzipationsgesdiehen ist nung beugt sich die folgende Überlegung: 1, indem sie ihre These nicht durch­
offenbar nidit der B litz aus dem heiteren H im m el der T radition. fä h rt, sondern nur form uliert; 2. indem sie siih als Aufm erksam keit a u f nur ein
,s Diese Überlegung, angeregt bes. durch W .K am lah, C hristentum und Geschicht­ M om ent der Emanzipationsgenesis versteht und 3. bekennt, daß fü r sie das
lichkeit (1951) und später erm untert durch W. K am lah, D ie W urzeln der neu­ Problem Philosophie und H istorie keineswegs gelöst ist (vgl. oben S. 12, Anm. 2).
zeitlichen Wissenschaft und P ro fan ität (1948), w ar ursprünglich — historisch ,i Vgl. C. H . Ratschow, W erden und W irken. Eine Untersuchung des W ortes
durchaus prätentionsios — der versuchsweise Protesc gegen den Z w ang, die hajah als Beitrag z u r W irkJichkeitserfassung des A lten Testamentes (Berlin 1941).

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Zur D ia lektik d er K ontrollvernunfi Z u r Genealogie der K ontrollvernunfi

ist nicht der bleibende, sondern der freie (positive) Gott, dessen „Wille“ Freilich, zur christlich-theologischen Absage an Vernunft kommt es
geschieht. Der sündige Mensdi kommt zum Heil durdi ihn, also nicht vielleidit erst dort, wo Eschatologie unglücklich wird. Denn erst das
aus Eigenem, sondern durch die Macht des Endes seiner Macht; glaubend unglückliche Verhältnis verlangt das Extrem und pflegt und intensiviert
lebt er die menschlich „äußerste“ Möglichkeit, vertrauend mit diesem das, was ihm vom Verhältnis bleibt: das Beschränken anderer Verhält­
seinem Ende, also mit Freiem, Unverfügbarem zu sein: er lebt „esdiato- nisse. Erst das unglückliche Verhältnis lebt von der Enttäuschung, in allen
logisch“ 20; christliche Theologie ist eschatologische Theologie. anderen Verhältnissen nicht dieses eine Verhältnis zu haben; es braucht
Ist sie vernünftig? Oder nicht? Jedenfalls wird christlich unselbst­ das Entweder-Oder, um sich durch Angriff auf jedes Oder den Ernst
verständlich, was der griechisch-klassischen Metaphysik selbstverständ­ seiner Option fürs Entweder zu beweisen. Erst das sich mißtrauende Ver­
lich sein mochte: der theologische Charakter metaphysischer Vernunft. hältnis lebt davon, daß es die Brücken hinter sich abbricht; Spreng-
Bleibt Vernunft zulässige Theologie, wenn Theologie esdiatologisch wird? kemmandos gehören zum Rückzug. Wo eschatologisdie Theologie so ver­
Ist Vernunft „mitgetauft“? Perfiziert oder destniiert sie den Glauben? fährt, verstößt sie die Vernunft und bekennt sich extrem zu einem
Vollendet oder verdirbt sie die Theologie? Diese innerchristliche11 Alter­ theistischen, d. h. theologischen Positivismus; was Gott tut, ist be­
native zwischen einer konzilianten und einer resoluten Theologie ist viel­ dingungslos positiv, er ist Wille auf Kosten seiner Vernunft, er hat un­
leicht nie eindeutig entscheidbar; vielleicht handelt es sich da um eines umschränkte Befehlsgewalt, ist vorbehaltlos frei, den Menschen vor voll­
der Probleme, die allenfalls eine beste, doch keine gute Lösung erlauben. endete Tatsachen zu stellen. Erst diese Option für Gottes unbedingte
Vielleicht führt jede Lösung zu Unbehagen. Vielleicht gilt für die christ­ Freiheit schließt Vernunft als angemessenen Umgang mit Gott und G ött­
liche Theologie: hänge dich an die Vernunft oder hänge dich nicht an lichem aus. Diese Absage an Vernunft überlebt offenbar den Versuch,
die Vernunft — du wirst es bereuen. Vernunft ist für Eschatologie ebenso die Preisgabe des Menschen an eine unbesdiränkte W illkür Gottes durchs
problematisch wie unvermeidlich. Unvermeidlich: ohne sie wäre die Vertrauen auf Gottes Liebe und seine Treue zu seinen Versprechen und
eschatologische Existenz nicht weltfähig. Problematisch: mit ihr ist die durch Hinweis auf „diathetische Ordnungen“ *4 zu mildern. Die im theo­
eschatologische Existenz nicht mehr im Radikalsinne eschatologisch. Zu logischen Positivismus extrem eschatologische Betonung der Freiheit Got­
solcher Ansicht könnte kommen, wer Überlegungen W. Kamlahs folgt; tes führt zur theologischen Preisgabe der Vernunft.
denn Kamlah zeigt“ eben dieses Zweifache: 1. Christliche Existenz kann Allein, Vernunft kann nicht mehr zurückgenommen werden; sie gehört
nicht ohne die Vernunft eschatologisch leben. Darum rezipiert sie Ver­ verbindlich zum Dasein. Sie kann zwar theologisch, sie kann aber nidit
nunft“ . 2. Christliche Existenz kann nicht mit der Vernunft eschatologisch
leben. Darum neigt sie immer wieder zur Absage an Vernunft. f schlechthin negiert werden. So muß sie versuchen, das, was sie theologisch
nicht mehr sein darf, profan zu sein. Der Mensdi muß es sich, wenn er
nichts sein will als eschatologisdie Existenz, gefallen lassen, daß eine Ver­
i0 Zu diesem Begriff vgl. K am lah a. a. O . bes. 21 ff. und 40 ff. Bei etw as — doppelung seiner selbst es übernimmt, seine Vernunft hinter dem Rücken
und fragw ürdig — anderem Verständnis des eschatologischen Bezugs — durch
stärkere Betonung des Zielgedankens und weniger des Zu-Ende-Seins vor T rad itio n der V ernunft“ (K am lah a. a. O . 129). K am lah versucht, das Problem
G o tt — h a t diesen Unterschied zum griechischen A nsatz nachdrücklich betont theologischer Ständigkeit durch Vernunft a u f dem W eg der Reflexion der E n t­
K . L ocw ith, M eaning in H isto ry (1949), dtsdi. W eltgesdiidite und Heilsge­
schehen (1953). Vgl. auch Ratschow a. a. O. 29 51 Anm. 229; ferner auch die I stehung des C hristentum s zu klären (K am lah a .a .O . 31— 129); systematisch-
theologisches P lädoyer fü r die positive Rolle der Ständigkeit und V erm ittlung
Interp retatio n von Ex. 3, 14: 81 ff., insbes. Anm . 362. in der Theologie neuerdings bei C. H . Ratschow, D e r angefoditene G laube (1957).
81 V ernunft ist nicht fraglos dm stlich. Ebensowenig aber k an n das V erhältnis ** K . G ründer (Johann Georg H am anns „Bibi. Betrachtungen* als A nsatz einer
von Eschatologie zur Vernunft durch „das Schema der vorstellungsm äßigen Ver­ Geschichtsphilosophie [Diss. phil. M ünster 1954]) unterscheidet von „persistie­
unreinigung“ (sc. des Christlichen) gedeutet und daraufhin „dem Griechenthum renden (metaphysischen)“ „diathetische (geschichtliche) O rdnungen". Diese sind
als bösem F ak to r . . . alles in die Schuhe geschoben“ w erden, wie Yorck v. W ar­ „faktisch“, wie z. B. die Sprache. Ihre V erteidigung könnte hinauslaufen aufs
tenburg bem ängelt (an D ilthey v. 28. 8.1890). Lob dessen, was ist, weil es nun einm al ist: norm ative K raft des Faktischen ist
** C hristentum und Geschichtlichkeit (1951) 7— 129. nach gleichzeitiger Elim inierung der E ntsdieidungskategorie ebenso gemeint
83 Eschatologischc Existenz m uß sich weltlich einrichten, d. h., ih r U nterwegs­ wie verschwiegen. Das „Positive“ ist letzte Instanz; dabei ist das Positive nicht
sein m uß in gewissem Sinne zum W ohnen w erden, weil die N aherw artung un­ im Sinne Comtes (Discours sur l’esprit p o sitif [1844] bes. 30 ff.), sondern eher
e rfü llt bleibt; vgl. Kam lah a. a. O . 21 ff. D azu bedarf es der Vernunftrezeption, in juristischem Sinne des „positiven Rechts“ dann verstanden, w enn m an m it­
eines problem atischen Versuchs: K am lah betont den doppelten U rsprung des hört, daß lex positiva bei Thomas (vgl. S. th. II, I I q. 91 ff.) die durd» O ffenbarung
weltfähigen Christentum s: „Urchristentum und griechische Philosophie. So p a ra ­ gesetzte O rdnung ist. D as P lädoyer für die diathetischen O rdnungen ist D ezi-
dox w ar das ursprüngliche V erhältnis von Eschatologie und Geschichtlichkeit, sionismus ohne Dezision. Lob der H erm eneutik zielt potentiell in gleiche Rich­
daß es zur endgültigen Entstehung des C hristentum s der H ilfe einer außer­ tung. Dieser theologisch orientierte Positivism us ist jeweils auch Präludium
christlichen T radition bedurfte. D ie Geschichte des Urchristentums ist dann die des wissenschaftlichen: im 19. Jh. gehört zur »positiven Philosophie“ Sdiellings
Geschidite des riskanten Brückenschlags von der T radition des Judentum s zur : die „philosophie positive* Com tes; im 20. Jh. gehört zu H eidegger C arnap.

•80 6 Marquard. Skcptisdte Methode 81


Z u r D ialektik der K ontrollvernunft Z u r Genealogie der K ontrollvernunft

der Theologie, ohne sie und gegen sie für ihn mitzuexistieren. Die theo- gemutet wird, vor G ott auch den Kopf abzunehmen. Die Vernunft mußte
logisch-endgeschichtlich verstoßene Vernunft verteidigt sich durch Eman­ also denken, „etsi Deus non daretur“ ; sie wird eigensinnige Vernunft;
zipation. sie mußte sich theologiefrei fürs theologiefrei Seiende interessieren. Theo­
Die Emanzipation der Vernunft ist daher nicht einfachhin Befreiung, logiefreiheit findet sie im Voraussetzungslosen. Ihre Wonne ist das Kal­
sie ist aber auch kein Abfall von Gott, sondern die außertheologische Be­ kül, ihr Element die Kalkulation, ihr Vorbild die Mathematik, ihr Stolz
wahrung der Vernunft. Sie ist kein eindeutiger Übergang von Entfrem­ die exakte Wissenschaft. Sie wird Kontrollvernunft.
dung zum Selbstsein oder vom Selbstsein zur Entfremdung. Die moderne - Erstens kontrolliert sie das Voraussetzungslose in Gestalt des Mög­
Emanzipation der Vernunft ist weder nur die Befreiung der exakten lichen. Denn das Wirkliche ist gctt-gewollt, positiv, fait accompli kat’
Wissenschaft und der durch sie geprägten Gesellschaft aus der bisherigen exochen: der freie Willensgott entzieht der Vernunft die göttliche Welt
theologiebedingten Blockierung ihrer Entwicklung, noch nur der Abfall als die wirkliche: er befiehlt der Welt die abweisende Haltung des Kon­
von christlicher Tradition durch Sündenfall in die Autonomie modernen tingenten, des Tatsächlichen, der Data und Fakta, des Unvordenklichen,
Denkens bzw. der von langher vorbereitete Anfang einer extremen Ent­ des Positiven; er beruft die „historische Erkenntnis“, d. h. die erkundende
hüllung des Nihilismus der Metaphysik*5. Weder die Bestimmung der und post factum erfahrende „cognitio ex datis“ zur angemessenen Form
Befreiung noch die des Abfalls ist ihr eindeutig angemessen. Durch der Wirklichkeitsbegegnung. Wo aber Vernunft nicht mehr das „Reale“
Emanzipation treten theologische und vernünftige Existenz des Menschen der Wirklichkeit ist, muß sie zur Vernunft der „Nomina“ werden und
auseinander, doch nicht so, daß er dabei eine Möglichkeit verläßt oder wird verdrängt aufs Gebiet des Möglichen, des Denklichen. Ihre O nto­
eine Möglichkeit ergreift, die er nicht ist, sondern so, daß dieses Ausein­ logie kümmert sich nur mehr ums ens possibile. Was die Vernunft an
andertreten die Verlegenheitsform des Festhaltens von Möglichkeiten ist, . Wirklichkeit verliert, gewinnt sie an Möglichkeit und damit an Affinität
die der Mensch ist und die ihm zugehören. Denn der Emanzipations­ zur formalen Logik. Die theologisch-positive Wirklichkeitsinterpretation
begriff meint ja diesen Vorgang: wenn der Mensch nicht mit Willen exiliert die..Vernunft, indem sie sie formalisiert.
des theologischen und jetzt eschatologischen Bezugs in dessen Zusammen­ ; ¿weitens kontrolliert die Kontrollvernunft das Voraussetzungslose in
hang und Auftrag vernünftig, d, h. durch Theorie und Wissenschaft, zu öcstält des Wirklichen. Freilich, das Wirkliche ist gott-gewollt, positiv,
existieren vermag, muß er es gegen dessen Willen außerhalb dieses Bezugs fait accompli kat’ exochen. So muß Vernunft, wenn sie als Wirklichkeits­
emanzipiert, aufgeklärt, profan tun. Das sacrificium intellectus ist fak­ verhältnis Vernunft bleiben will, zunächst die Wirklichkeit wenigstens
tisch emancipado intellectus. methodisch in Zweifel ziehen; sie muß ein Fundament gewinnen, das, vom
Willenszugriff Gottes unabhängig, zugleich den Schlüssel für eine von
allen Theologumena, d. h. von allen nur positiven Bestimmungen gerei­
c) Zur Antinomie unvernünftiger Vernunft nigte Wirklichkeit besitzt“ . Dieses Fundament ist das Kontrollsubjekt;
Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Wo vernünftige Vernunft Schlüssel ist die exakt experimentierende Wissenschaft; theologiefrei ist
verlorenging, scheint sie schlecht präsent und Metaphysik notgedrungen die experimentable N atur als Inbegriif geregelter Fälle. Was Vernunft
Surrogat. an Theologie verliert, gewinnt sie an Kontrollvermögen. Die theologisch­
Denn was ist Metaphysik? Metaphysik ist Vernunftwissenschaft. Aber positive Wirklichkeitsinterpretation exiliert die Vernunft, indem sie sie
was ist Vernunft? Einst war sie theologisch. Doch neuzeitlich hat sie zur zur Ausbildung exakter Wissenschaft zwingt.
Voraussetzung die — freilich nur halbe — Absage der Vernunft an ihre So entgeht Vernunft dem theologischen Verdikt durch Emanzipation.
theologische Definition. Diese Absage ist durch Theologie provoziert. Sie wird eigensinnige Vernunft, wird Kontrollvernunft. Aber sie muß auf
Nicht ohne theologische Legitimierung betont sie die Freiheit Gottes, ihre theologische Bestimmung verzichten. Dieser Verzicht ist Verzicht
auch wenn sie das späterhin mildert durch Hinweis auf sein in manchem auf ihren Totalitätsauftrag. Das Verhältnis zu diesem Verzicht ist Un­
Sinn bündiges Versprechen, beim Verzicht auf alle Ansprüche die ihm behagen. Drum kommt es zu Versuchen einer Wiederherstellung ihrer
akzeptablen zu erfüllen. Wo Gott nicht mehr Vernunft, sondern Wille, theologischen Bestimmung. Zur eigensinnigen Vernunft tritt die anhäng­
d. h. der freie (beendende) Gott der Heilsgeschichte sein wollte oder liche Vernunft. Sie muß das Göttliche als das Vernünftige fassen: sie wird
sollte und die Vernunft theologisch verstoßen ward, mußte sie die Be­ notgedrungen zur Theodizee. Theodizee will mit der Güte Gottes die
dingung der Emanzipation auf sich nehmen, um Vernunft zu bleiben. Vernünftigkeit der Güte Gottes verteidigen. Sie kämpft um einen „ver-
Der Kopf optiert fürs Profane, wenn dem Menschen theologisch zu­
** Vgl. die D escartes-Interpretation bei G . K rüger, Die H erkunft des neuzeit­
Js Vgl. Heideggers Geschiehtskonzeption; dazu oben S. 36f. lichen Selbstbewußtseins, in: Logos 22 (1933) 225 ff., bes. 243 ff.

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Z u r D ialektik der K ontrollvernunft Zur D ia lek tik der K ontrollvernunft

nünftigen“ Gott. M it welchem Erfolg? Ein möglicher Erfolg ist der Ver­ ciks. Diese „Dialektik“ 4 — K ant gebraucht synonym „Logik des
zicht auf Vernunft unterm Namen der Vernunft. Vernunft versucht, sich Scheins“ 5 — ist eine Fertigkeit, „Schein“ zu „erregen“, eine Kunst des
dem freien G ott zu unterwerfen. Sie will keine Ordnung bestimmen, son­ Scheinens“:
i::.''”’ ~ \ Kontrollvernünftige
...... <-* Metaphysik
+ - lebt von der Kunst des
dern Gottes Gebot — im Sinne nicht des Verhörs, sondern des Hörens — Scheinens, Ile lebt durch „transzendentalen. Schein“; durch „transzenden-
vernehmen” . Sie will keine Rationalisierung, sondern Exegese, nidit talen“ deswegen, weil er ein Delikt der Vernunft ist: nicht irgend jemand,
Logik, sondern Hermeneutik, nicht Kalkül, sondern Überlieferung, nidit sondern Vernunft selbst wird unvernünftig; denn Kontrollvernunft gibt
Autonomie, sondern Tradition. Sie will nidit setzen, sondern, gehorchen. vor, Totalitätsvernunft zu «ein.
Sie ist Obedienzvernunft. Aber ist sie Vernunft? Das kann bezweifelt Wenn Kontrollvernunft Totalitätsvemunft scheint — was tut sie? Sie
werden. So gibt es die Versuche, Kontrollvernunft selbst zur theologisdien scheint, d. h. zunächst: sie irrt sich7, und zwar zweifach:
Vernunft zu erklären, Kontrollvernunft mit dem Totalitätsauftrag zu 1. Sie irrt sich in der „Sache“, verkennt sie, verkennt, daß sie sie ver­
belasten: es gibt die Versuche, den Regen unzureichender Vernunft der kennt: sie verwechselt Dinge an sich m it Erscheinungen, Totalität m it
Traufe der Unvernunft vorzuziehen. einem Kontrollobjekt. So verletzt sie Wahrheit als rechtes Bei-der-Sadie-
Sein: sie verrät Totalität an Kontrolle.
2. Sie irrt sich in sich selbst, verkennt sich, verkennt, daß sie sich ver-
§ 8. Z u r D ia le k tik der K o n tro llvern u n ft
i kennt: sie verwechselt Ding-an-sich-Erkenntnis mit Erscheinungserkennt­
a) Schein nis, Totalitätsvernunft mit Kontrollvernunft. So verletzt sie W ahrheit
Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Sie ist Surrogat überall
dort, wo Kontrollvernunft Totalitätsvernunft zu sein versucht und diesen ; ^ 3 Reflexionen, ed. B. E rdm ann I I 347 (N r. 1223): »Die sophistische D ialektik
Versuch im Namen der Metaphysik unternimmt. Sie ist es auch dann, ist eine K unst des Scheins; die philosophische eine Wissenschaft von d e r A uf­
wenn dieser Versuch „unvermeidlich“ ist, und auch und gerade dann, lösung des Scheins und h a t einen propädeutischen Teil, der das K riterium der
W ahrheit enthält, und einen skeptischen, d e r d ie Quellen des Scheins anzeigt
wenn er das aus Gründen ist, die im vorigen Paragraphen versuchsweise
i : j und die W ahrheit gegen ihn sidiert.“
angegeben wurden. ■U * D ie „D ialektik“ ist eine „K unst“, die zuerst die „A lten“ geflegt haben: „Die
Aber wie kann Kontrollvernunft Totalitätsvemunft sein? Wie kann ■ D ialektik bedeutete anfangs die K unst des reinen Verstandesgebrauches in A n -
Ersdieinungsvernunft Ding-an-sidi-Vernunft sein? Sie muß über ihre ;!? \ sehung abstrakter, von aller Sinnlichkeit abgesonderter B e g riffe ... In der
Verhältnisse leben; sie muß hochstapeln; sie muß mehr sein, als sie ist. Folge, als diejenigen Philosophen, welche gänzlich das Zeugnis d e r Sinne ver-
: i :: w arfen, bei dieser Behauptung notw endig a u f viele Subtilitäten verfallen m uß­
Wie schafft sie das? Kontrollvernunft muß ihre begrenzten, bedingten ten, a rte te die D ialek tik in die K unst aus, jeden S atz zu behaupten und zu
Fähigkeiten zu suffizienten erklären; sie muß die schwache Vernunft zur bestreiten. U nd so w ard sie eine bloße Ü bung fü r die Sophisten, die über alles
starken machen. Dieser Versuch hat Tradition: tov Xiyov xpeirza v;/ räsonieren w ollten und sich d a rau f legten, dem Schein den Anstrich des W ahren
Ttoietv versuchten die Sophisten1. Darum bringt K ant den Meta- zu geben und schwarz w eiß zu machen“ (Logik V III 346 f.). U nd weil die
„Sophisten* diese K unst „übten“, „deswegen w urde audi der N am e Sophist,
physikversudi der Kontrollvernunft, ihre Usurpation der Totalitäts­ u n ter dem m an sich sonst einen M ann dachre, der über alle Sachen vernünftig
deutung mit der Sophistik zusammen*: er nennt sie »sophistische Dialek- und einsichtsvoll reden konnte, jetzt so v e rh aß t und verächtlich“ (a. a. O . V III
347). D ie Genealogie der D ialektik im U nterschied zur A nalytik w ird hier
17 „Vernehm ende V ernunft“, m. W . ein von G. K rüger geprägter (und gewiß n id it untersucht; dazu Überlegungen von H . Schepers (vgl. oben S. 17, Anm . 22)
nid it an Vernehm en = Verhör, sondern a n Vernehm en = H ören auf . . . und Untersuchungen von H . Lübbe (vgl. oben S. 22, Anm. 36). Z ur Einteilung
denkender) Begriff, ist von W. K am lah übernomm en (D er Mensch in der P ro- der Logik in A nalytik und D ialektik vgl. R V B 82 ff.; L ogik V III 336 ff.
fa n itä t; Versuch einer K ritik der profanen durch vernehm ende V ernunft [1949]) * „W ir haben . . . die D ialektik überhaupt eine Logik des Scheins genannt“ (RV
und m ancherorts aktuell; dazu gehört jeweils der Verzicht aufs Theodizee- B 349). Entsprechend ist (transzendentale) „Logik des Scheins“ K ants Definition
problem , im theologischen Zusammenhang ein — nach der M einung des Verf. — seiner „transzendentalen D ialektik* (vgl. u. a. R V B 85 f. 349; L ogik V III 336 f.
für Preisgabe der Vernunft sym ptomatischer Verzicht. 346).
1 Vgl. Logik V III 347. * „ . . . als eine K unst, dergleichen Schein. . . zu erregen" (R V B 88 ). Logik V III
* K ant spricht von „Sophistikationen, nicht der Menschen, sondern der reinen 337: „D ialektik w a r also dam als die K unst des Scheines."
V ernunft selbst“ (R V B 397). Sophistik und kontrollvernünftige M etaphysik 7 Schein als „das Gegenteil von der W ahrheit ist die Falschheit, welche, sofern
werden ganz ähnlich charakterisiert; in der „sophistischen K unst“ handelt es sie fü r W ahrheit gehalten w ird, Irrtu m h eiß t“ (Logik V III 367) und „nicht im
sich darum , „seiner Unwissenheit, ja auch seinen vorsätzlichen Blendwerken Gegenstände, sofern er angeschaut w ird , sondern im U rteile über denselben, so-
den Anstrich der W ahrheit zu geben“ (RV B 86 ); für die kontrollm etaphysisdie, fern er gedacht w ird “ (RV B 350; vgl. Logik V I II 367), ist, v erletzt W ahrheit,
d. h. „spekulative D enkungsart“ geht es darum, „Zw eifel, die w ir w ider unsere d .h . die „Übereinstim m ung der E rkenntnis m it ihrem G egenstände“ (vgl. RV
eigenen Behauptungen fühlen, zu verhehlen, oder Beweisgründen, die uns selbst : B 82; Logik V III 364) bzw . „ u n ter sich selbst und m it d e r E rfah ru n g “ (RV B
nidit genugtun, einen Anstrich von E videnz zu geben“ (R V B 77). v 115).

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Zt<r D ia lektik der K ontrollvernunft Z u r D ialektik der K ontrollvernunft

als rechtes Bei-sich-Sein: sie verrät Totalitätsvernunft an Kontroll- Präsenz der Kontrollvernunft; sie erreicht einen faulen Kompromiß
vernunft. zwischen Kontrollinteresse und Totalitätsinteresse; sie etabliert eine
Beides kennzeichnet K ant als „Amphibolie“ 8 der Kontrollvernunft: Zwischenwelt kontrollierter Totalität und totaler Kontrolle, eine Zwitter­
sie wird „transzendent“ *; denn Kontrollvernunft gibt v o r10, Totalitäts- wirklichkeit der — wenn man so will — „Erscheinungen an sich“. Aber
Vernunft zu sein. diese Scheinwirklichkeit ist wirklich nur als das Irritieren der Wirklich­
Wenn Kontrollvernunft Totalitätsvernunft scheint — warum tut sie keit, als der Zwang der Vernunft, nidit mit sich identisch zu sein; Kant
das? Worauf beruht ihr Scheinen? „Da aller Sdiein darin besteht, daß spricht von „Illusion“ 14 und sogar von „Wahn“ 1S: die scheinende Ver­
der subjektive Grund des Urteils vor objektiv gehalten wird“ offen­ nunft gehört zu den Präzedenzneurotikern der Weltgeschichte, zu den
bar darauf: ein subjektiver Grund, d. h. ein Interesse bringt sie von sich prominentesten Patienten katharrischer Methode18. So h at K ant nicht
und ihrer Sache ab; dieses Interesse ist ebenso motivierbar“ — und von ohngefähr dort, wo er dies zu durchschauen begann, psychopatho-
Kants RV impliziert die Forderung einer Genealogie der Sdieinzwänge, logische Überlegungen angestellt, um das Ensemble seiner kritischen Be­
des Interesses am Sichirren — wie unvernünftig“ : K o n tro llv ern u n ft ver­ griffe durch Übung in der „Methode der Ärzte“ 17 für sein nbotherapeu-
wechselt ^Wunsch m it Fähigkeit bzw. Wirklichkeit; denn Kontrollvernunft tisches Geschäft zu trainieren Ab 1766 bestimmt er die metaphysische
gibt vor, Totalitätsvernunft zu sein. Zwitterwelt als „Traum "1*. „Aristoteles“, schreibt er10, „sagt irgendwo:
Wenn Kontrollvernunft Totalitätsvernunft scheint — was erreicht sie? 14 V ernunft w ill K ontrollvernunft sein (bleiben, was sie ist) und T otalitäts­
Was erreicht kontrollvernünftige Metaphysik? Sie erreicht schlechte Prä­ vernunft sein (was sie n u r durch Ä nderung ihrer Fähigkeiten sein könnte): sie
senz des Verweigerten; schlechte Präsenz der Totalitätsvernunft, schlechte ändert sich, ohne sich zu ändern. Es geht ih r w ie dem, der sich ändern w ollte,
aber n u r verreiste; so ersetzt V ernunft nötige Ä nderung durch eine schlechte
M etaphysik, sie w ill T otalitätsvernunft w erden, ohne wirklich etw as m it sich
8 Vgl. R V B 316ff., insbes. 512: „ . . . daher ih r n u r d a fü r zu sorgen habt, m it geschehen zu lassen. N icht unähnlich d e u te t G . Siewerth, Wesen u n d Geschichte
euch selbst einig zu w erden u n d d ie Am phibolie z u verhüten, die eure Idee zu der menschlichen V ernunft nach I . K a n t, in: Zeitschrift fü r philosophische F o r­
einer vermeintlichen Vorstellung eines empirisch gegebenen, und also auch nach schung 1 (1946) 25Off.
Erfahrungsgesetzen zu erkennenden Objekts m acht.“ 4S R V B 352 u. ff.; R V A X III.
* R V B 352 u. im m er wieder. ** R V ist ein „K ath artik o n “ (RV B 78 514); vgl. die Benennung der Breuer-
10 Sie ist also unredlich; gerade das w ird zum zentralen A rgum ent: K ants K ritik schen M ethode: B reuer/Freud, O ber den psychischen Mechanismus hysterischer
ist A u fru f zur W ahrhaftigkeit; vgl. unten S. 106, Anm. 29. Phänom ene, in : Freud, W erke (London) I 81 ff.
11 Prolegomena I V 81; ygl.RV B 351 f.; Logik VIII 368. ” I I 304.
1S E in problem atischer einschlägiger Versuch ist § 7. 18 Es ist m. W . noch nicht gebührend hervorgehoben w orden, d a ß K a n t nach
t3 D arum kann von K an t als „Entstehungsgrund alles Irrtum s* (Logik V III E rarbeitung der grundsätzlichen Einsicht in den „transzendenten“ C harakter
368) die Sinnlichkeit benannt w erden (vgl. die Betonung des „Interesses“); kontrollvernünftiger M etaphysik (publiziert in den Schriften des Jahres 1763)
Sdiein, als G rund des Irrtum s, entsteht durch den „unverm erkten Einfluß der die Begriffe fü r Bau und Gebaren dieses „ÜberfUcgens" im Zusam m enhang psy-
Sinnlichkeit a u f den Verstand, oder genauer zu reden, a u f das U rte il' (ebd.; chopatW ogisdier Untersuchungen k lä rte : vgl. Versuch ü ber d ie K rankheiten
vgl. D e m undi se n sib ilis... I I 428: „sensitivae cögnitionis cum intellectuali des K opfes (1764) I I 301 ff.; vgl. auch: T räum e eines Geistersehers (1766) II
contagium “). Näm lich: »die Sinnlichkeit, dem Verstände untergelegt, als das 329ff. Seither h a t K a n t den „transzendentalen Schein”, obw ohl er R V doch
O bjekt, -worauf dieser seine Funktionen anw endet, ist der Q uell realer E rkennt­ als „Reditshandel“ (RV B 116) und „P ro zeß “ (RV B 732 779) verstand, nicht
nisse. Ebendieselbe aber, sofern sie a u f die V erstandeshandlung selbst einfließt, n u r durch Begriffe aus dem Rechts- und Sozialleben — wie z. B. „U nlauterkeit,
und ihn zum U rteilen bestimmt,, ist der G rund des Irrtum s“ (R V B 351 Anm.; V erstellung u n d Heuchelei* (R V B 776) — , sondern auch aus dem Reiche d e r
vgl. B 350ff.). D e m undi sensibilis. . . spricht I I 428 von „praestigiae intellectus, Psychopathologie charakterisiert. D ieser Ausweg bietet sich an, w o „transzen­
per Subordinationen! conceptus sensitivi, tanquam notae intellectus, p e r subor- dentaler Schein“ einerseits aus d e r N a tu r d e r V ernunft entspringen u n d not­
dinationem conceptus sensitivi, tanquam notae intellectualis, dici potest (se- w endig, andererseits behebbar sein soll: unfreiw illig und behebbar zugleich sind
cundum analogiam significatus recepti) v itiu m subreptionis“. U nvernunft w ird K rankheiten. K o n tu r und Physiognom ie bekomm en die fraglichen Begriffe frei­
zum H e rrn der Vernunft. R V benennt Faulheit bzw. V erstiegenheit der Ver­ lich erst angesichts des „Schicksals“ d e r „V ernunft“ und ih rer „M etaphysik“
nunft (ignava ra tio : B 717ff.; perversa ratio : B 720ff.) als unvernünftige In te r­ (R V A V II). K an t entdeckt in diesem Schicksal Strukturen, die später für die
essen des »Weltbeschauers“, die dazu führen, die W elt falsch z u „sehen*. Re­ Psychotherapie interessant w erden sollten. Ü berspitzt gesagt: die Psychoanalyse
duktion des (falschen) Bewußtseins nicht a u f diese — „theoretischen* — In te r­ leb t in einer hier nicht zu besprechenden Weise w eitgehend a u f K re d it der
essen Faulheit und V erranntheit, sondern a u f die — „praktischen“ — In te r­ Tatsache, daß die „transzendentale D ialek tik “ K ants eine A rt N oopathologie
essen von G ruppen bzw. Klassen (wie K a u t es in der „G rundlegung“ u n d der w ar. W enn also im Zusam m enhang dieser U ntersuchung im m er w ieder einmal
P V ansatzweise versuchte) denunziert ein Bewußtsein im strengeren Sinn als m ehr oder weniger ausdrücklich psychoanalytische S trukturen assoziiert w erden,
„Ideologie". D ie Faulen bzw. Verstiegenen haben die W elt durch metaphysische handelt es sich nicht um eine Eisegese m oderner Psychologam ena; vielm ehr
„Dogm atism en“ nur unzureichend in terp retiert; Interessengruppen dagegen zeigt sich um gekehrt, aus welcher (ihr selbst vielleicht unbekannten) T rad itio n
haben sie — im Schatze von Gliidcseligkeitstheorien — unzureichend und Psychoanalyse ihre Struktureinsichten entnahm . Vgl. oben S. 20, Anm . 31.
schädlich verändert. “ V gl.T räum e eines Geistersehers (1766) I I 3 2 9 ff. 80 A . a . O . I I 357.

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"Zur D ia lektik der K ontrollvernunft Z u r D ia lektik der K ontrollvernunft

wenn w ir -wachen, so haben 'wir eine gemeinschaftliche Welt, träumen Man könnte fragen: Warum wird just diese Form der Kritik nötig
wir aber, so hat jeder seine eigene“:' Kontrollvemünftige Metaphysik und in wachsendem Maße wichtig? Warum in der Gegenwart? Warum
eröffnet eine „eigene“ Welt zwischen Kontrollwelt (mundus sensibilis) vielleicht bereits bei Kant?
und Totalitätswelt (mundus intelligibilis); zugleich trennt sich die philo­
sophische „Schule“ von der „W elt"11. Aber die „Träume der Meta­ b) Skeptische Methode
physik“, die zum „dogmatischen Schlummer“ gehören, werden zu Alb­
träumen; Wecken wird Wohltat. Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Kontrollvemünftige
Diese W ohltat gelingt auf dem „kritischen Weg“ 0 . RV ist der Feind Metaphysik ist Surrogat; sie ist schlechte Präsenz der Totalitätsvernunft.
kontrollvernünftiger Metaphysik. Ihre „Analytik“, Kants Theorie der Darum wird sie zum Opfer transzendentaler Dialektik.
Kontrollvernunft13, zeigte: Kon troll Vernunft taugt zu exakter Wissen­ Transzendentale Dialektik kritisiert durch Versäumen der Kritik; sie
schaft, aber nicht zur Metaphysik. Allein diese Kritik scheint K ant nicht wird damit zur „Gegenprobe des Resultats“ “ der transzendentalen Ana­
zu genügen. Überspitzt könnte man sagen: Kant m ißtraut der kritischen lytik. Warum wird in wachsendem Maß diese Gegenprobe zur eigentlich
Kraft der „transzendentalen A nalytik“. Das direkte Argument14 dieser wichtigen Probe, K ritik durch die Folgen zur eigentlich wichtigen Kri­
„Analytik“ muß durch ein indirektes“ ergänzt werden. Es bedarf einer tik? K ant nennt sie ein „Experiment der . . . Vernunft“ **. Zur ent­
Zusatzkritik. K ant nennt sie „transzendentale Dialektik“; er gibt ihr scheidenden Form der Kritik wird es offenbar dort, wo Vernunft selbst
denselben Namen wie jener Täuschekunst der Kontrollvernunft. Warum? in der Weise des — nicht notwendig exakten, wohl aber probierenden —
Weil sie im Grunde dasselbe tut wie jene: sie „erregt“ Schein. Freilich, Experiments lebt; wo Vernunft je auf die Probe gestellt werden muß, ob
sie tut es in anderer Absicht; sie tut es nicht, um zu täuschen, sie tut sie auch wirklich Vernunft ist. Diese Konjunktur des Experimentierens
es, um zu ent-täuschen; sie tut es in der Zuversicht, daß Scheinen sich mit der Vernunft hängt, scheint es, damit zusammen, daß Vernunft (und
selbst ruiniere. Darum spricht K ant hier im Unterschied zur „sophi­ ihr Selbstverständnis, die Philosophie) in wachsendem Maße unfähig
stischen“ von „philosophischer Dialektik“ “ . „Transzendentale Dialek­ wird, sich durch Tradition und deren A utorität regeln und maßregeln z.u
tik “, transzendentalphilosophische „Logik des Scheins“ ist das listige lassen. Wo Tradition verlorengeht und zugleich Emanzipation als Ver­
Unternehmen, den „transzendentalen Schein“ durch ihn selbst zu kom­ such sichtbar wird, beginnen Vernunft und Philosophie, sich ständig
promittieren, ihn statt über die Beine der Wahrheit über die eigenen radikaler als Versuch zu verstehen: Das Experiment wird dort zur In­
Beine stolpern zu lassen. Transzendentalphilosophische Dialektik ist die stanz, wo Tradition als Instanz ausfällt"; Kritik bemängelt an Posi­
tionen nicht mehr, daß sie Wahrheit widersprechen (dazu müßte Wahr-
Kunst, unvernünftige Vernunft —1 hier: die kontrollvemünftige Meta­
physik — durch Lebenlassen zu töten, durch Retten zugrunde zu richten, A nalytik: Unterscheidung von Erscheinungen und D ingen an sich, von K o n tro ll­
durch konsequente Verteidigung zu vernichten. Sie kritisiert durch vor­ vernunft und T otalitätsvernunft), gegründet sei.“ E ine solche K ritik durch Ver­
sätzliches Versäumen der K ritik ” ; sie ist keine Kritik durch vorgegebene säumen der K ritik ist mindestens potentiell ironisch, w enn anders ,etwas durch sein
Wahrheit, sondern K ritik durch die Folgen. Gegenteil sagen* (vgl. H . Lausberg, Elem ente der literarischen R hetorik [1949] 83)
bzw. — w eiter g efaß t — .etwas du rd i sein Gegenteil erreidien* Bestim m ung d e r
Ironie — und in gewissem Sinn auch der Parodie — ist. E tw a G oethe hat K a n t (unter
21 Vgl. u. a. R V B XXXII; B 866 f. « R V B 884. anderm Aspekt) als Ironiker zu sehen versucht: „ K an t beschränkt sich m it V or­
23 Vgl. oben S. 57 ff. satz in einem gewissen Kreis und denkt ironisch im m er d arüber hinaus“ (A pho­
84 Vgl. oben S. 17, Anm . 22 . rismen aus dem N achlaß, Schriften der Goethe-Gesellschaft 21 N r. 1198); und
1S Vgl. Logik V II I 382: „D ie B ew eise__ sind entw eder direkte oder indirekte, m an könnte die transzendentale D ialektik als ironische Vernichtung kontroll-
d .h . apagogisdie Beweise. — W enn ich eine W ahrheit aus ihren G ründen be­ vernünftiger M etaphysik durch ihre Parodie verstehen; aber diese D eutung
weise, so führe ich einen direkten Beweis fü r dieselbe; und w enn ich von der trifft nicht; so m üßte m an fragen: W eshalb w ird bei K a n t aus soviel poten­
Falschheit des Gegenteiles a u f die W ahrheit eines Satzes schließe, einen a p a- tieller Ironie keine aktuelle Ironie? K a n t n ü tz t die ironiefähige Situation nicht
gogischen.“ aus — aus Zopfigkeit? Schwerlich; eher aus T a k t (denn T a k t ist, eine Situation
2* Vgl. oben S. 85, Anm. 3. nicht auszunützen); so könnte m an sagen: K a n t ist, m it der Möglichkeit der
27 D ie transzendentale D ialektik setzt die Einsicht der A n a ly tik , die „das Ironie, N ichtironiker, aus T a k t, und seine transzendentale D ialek tik ist, m it
O bjekt in zweierlei Bedeutung nehmen lehrt, nämlich als Erscheinung oder als der Möglichkeit zur Parodie, keine Parodie, aus T ak t.
D ing an sich selbst“ (R V B X X V II), aus, d. h. macht die „ K ritik “ vorsätzlich RV B X X .
ungeschehen u n d sieht dann zu, w as passiert. „Findet sich n u n “ — schreibt K a n t 2a R V B X X A nm .; vgl. den Term inus „Versuch“, m ehrfach gebraucht R V
(R V B X X ) — , „w enn m an annim m t, unsere E rfahrungserkenntnis richte sich B X X ff.
nach den Gegenständen als D ingen a n sich selbst, daß das U nbedingte (sc. die M So daß „das E xperim ent und der Versuch den Weg der W ahrung des W ahren
T o talität) ohne W iderspruch g a r nicht gedacht w erden k ö n n e . . . , so zeiget bestimmen müssen“ (J. R itter, E xperim ent u n d W ahrheit im K unstw erk, in :
sich, daß, was w ir anfangs nur zum Versuche annahm en (sc. die Einsicht der Stahl und Eisen 73 [1953] 99); zum Phänom en vgl. auch oben S. 54 ff.

88 89.
Z itr D ia lektik der K ontrollvernunfi Z ur D ialektik der K onirollvernunß

heit vorgegeben sein), sondern ihre schlimmen Folgen. Die schlimmen um sich auf ihr zu halten33: Pflege der eigenen Kompliziertheit verhindert
Folgen des Schemens, der Surrogate zeigen sich darin, daß diese es mit Selbsterkenntnis; die Kritik der eigenen Voraussetzungen wird tabuiert;
sich nicht aushalten. Intensivstes Indiz ist ihr Zusammenbruch. Gibt es kontrollvernünftige Metaphysik wird zum Dogmatismus™, freilich: ohne
noch andere? Es müßten Vorzeichen dieses Zusammenbruchs sein. Gibt dem Selbstmißtrauen endgültig zu entgehen. Zum „Vertrauen“ gehört
es solche Vorzeichen? Welche? Kants Antwort: Antinomien31. Nach ihnen „Mißtrauen“ in die eigene Fähigkeit, zur Konjunktur die Krise, zur
muß transzendentale Dialektik fahnden. Sie findet zwei Arten. Euphorie die Depression55. Es bleibt die Furcht vor dem Zusammenbruch
Erstens: R e a la n tin o m ie n sie manifestieren den Zwist 2wischen Wirk­ und die Neigung, ihn herbeizuführen, um ihn nicht mehr befürchten zu
lichkeitsinteresse und Totalitätsinteresse der KontrollVernunft, der sie zer­ müssen. Das tut der Skeptizismus: wie die Ratte, die das sinkende Schiff
rüttet, die beide verbinden will und darum beide verliert. verließ, nun auf seinem Sinken besteht und ihm nicht verzeihen wird,
Zweitens: Affektantinomien; sie manifestieren die SdiaukelVerfassung wenn es weiterschwimmt, wütet Skeptizismus gegen kontrollvernünftige
der Stimmungslage des Selbstverhältnisses kontrollvernünfliger Meta­ Metaphysik, die er schmäht, weil er ihr anhing.
physik angesichts drohender Unvermeidlichkeit dieses Verlusts. Insgeheim Transzendentale Dialektik muß auf Antinomien achten. Sie muß nach
ist sie todesgewiß; den Mut zum Bestehen kann sie nur gewaltsam auf­ Realantinomien suchen. Sie muß nach Affektantinomien spähen. Tran­
bringen: ihr Selbstvertrauen ist die bloße Flucht vor dem Selbstmißtrauen; szendentale Dialektik muß nach Antinomien fahnden. Antinomien­
es bedarf sorgfältig eingesetzter Stimulantien, um sich auf die H öhe des fahndende Dialektik heißt bei K ant skeptische Methode3*.
falschen Selbstvertrauens zu bringen, sorgfältig eingesetzter Narkotita,
*s Sie etabliert sich durch „m aßlosen“ — und so vom m aßvoll-eigentlichen
31 „Diese nicht etw a beliebig erdachte, sondern in der N a tu r der menschlichen „moralischen G efühl“ des „negativen W ohlgefallens a n seiner E xistenz“, d. h.
V ernunft gegründete, m ithin unvermeidliche A n tin o m ie' (Prolegomena IV 93 ) der „Selbstzufriedenheit“ (PV V 81 ff.), verschiedenen — Gefühlsaufschwung,
n e n n t K a n t das „seltsamste Phänom en der mensdilichen V ernunft“ (a. a. O . IV durch „Geniesthwünge“ (P V V 176), die m om entan und labil u n d daher stets
92), „welches auch unter allen am kräftigsten w irkt, die Philosophie aus ihrem bereit sind, sich durch A nlehnung a n — z. B. „mathem atische“ — M ethoden
dogm atisdien Schlummer zu erwecken und sie zu dem schweren Geschäft der Lebensdauer und S tabilität zu verschaffen; es gibt die K on v ertib ilität von
K ritik der V ernunft selbst z u bewegen* (a. a. O . IV 91), w eil der „Schein ans M ethode und D roge. D ie Neigungsehe zwischen emotionalem E xzeß und ra tio ­
der A nw endung dieser Vernunftidee der T o ta litä t. . . a u f Erscheinungen, als neller M ethode ist aus G efühlsform en der R eligion bekannt: es ist daher kein
w ären sie Sachen an sich selbst . . . niemals als trüglich bem erkt w erden w ürde, Z ufall, d a ß K a n t die K ritik d e r „mathem atischen M ethode“ kontrollvernünftiger
w enn er sich nicht durch einen W iderstreit der V ernunft m it sich se lb st. . . selbst M etaphysik (vgl. bes. Deutlichkeit der G rundsätze [1763] I I 173 ff; R V B
verriete. H ierdurch w ird aber die Vernunft genötigt, diesem Scheine nachzu­ 7 4 0 ff.) als K ritik gegen d ie „Schwärmerei“ dieser M etaphysik ein fü h rt (z.B .
spüren, woraus er entspringe und wie er gehoben werden könne, welches n id it P V V 94).
anders als durch eine vollständige K ritik des ganzen reinen Vernunftverm ögens ** „D ogm atism i s t . . . das dogmatische V erfahren der reinen V ernunft ohne
gesdiehen k ann; so daß die Antinom ie der reinen Vernunft, die in ihrer D ialektik vorangehende K ritik ihres eigenen Verm ögens“ (R V B X X X V ).
offenbar w ird, in der T at die w ohltätigste V erirrung ist, i n die die menschliche *s „So kann der Z ustand der M etaphysik viele Z eitalter hindurch schwankend
Vernunft je h a t geraten können, indem sie uns zu letzt antreibt, den Schlüssel sein, vom unbegrenzten V ertrauen d e r V ernunft a u f sich selbst, zum grenzen­
zu suchen, aus diesem L abyrinthe herauszukom men* (PV V 117). Als Movens losen M ißtrauen, u n d wiederum von diesem zu jenem abspringen. D urch eine
der philosophischen Entw icklung K ants in terp retiert das A ntinom ienproblem K ritik ihres Vermögens selbst ab er w ü rd e sie in einen beharrlichen Z u s ta n d . . .
B. E rdm ann (Reflexionen K ants zur kritischen Philosophie [1884] 2. Bd. Einl.: versetzt werden* (Fortschritte der M etaphysik V III 242); vgl. RV Vorrede
D ie Entw icklungsperioden von K ants theoretischer Philosophie X I I I ff.); die A IX f.
epochale Bedeutung der A ntinom ienlehre b e to n t H egel; vgl. Logik I (ed.Lasson*) .*• „Alle E inw ürfe“, schreibt K an t, „könnten in dogmatische, kritische und skep­
183: „Diese Kantischen Antinom ien bleiben imm er ein wichtiger T eil der kriti­ tische eingeteilt w e rd e n . . . D er skeptische stellet Satz und Gegensatz wedisel-
schen Philosophie; sie sind es vornehmlich, die den Sturz der vorhergehenden settig gegeneinander* (R.V B 388). D ieser „E inw urf“ k an n „Skeptizismus“ sein:
M etaphysik bew irkten und als ein H auptübergang in die neuere Philosophie w enn er „alles U rte il über den G egenstand gän zlich . . . vernichten“ w ill (ebd.),
angesehen werden können, indem sie insbesondere die Überzeugung von der so d a ß es z u r „Verzweiflung d e r Vernunft an sich selbst“ kom m t, „allen An­
N ichtigkeit der K ategorien der Endlichkeit von Seite des Inhalts herbeiführen spruch auf G ew ißheit aufzugeben, welches m an den Z ustand des dogmatischen
h alfen "; vgl. E nzyklopädie (ed. H offm eister) 72 f.: „Dieser Gedanke, d a ß der Skeptizism us nennen k a n n “ (Fortschritte der M etaphysik V III 314 f.); dieser
W iderspruch, der am Vernünftigen durch die Verscandesbestimmungen gesetzt Skeptizismus kom prom ittiert die V ernunft um des K om prom ittierens w illen;
w ird, wesentlich und notw endig ist, ist fü r einen d e r wichtigsten und tiefsten von ihm verschieden ist die „skeptische M ethode“, die um der W ahrheit willen
Fortschritte der Philosophie neuerer Z eit zu achten . . . die Gegenstände in dieser kom prom ittiert, die K a n t daher als „einen zulässigen skeptischen Gebrauch der
Eigenschaft zu erkennen, gehört zum Wesentlichen der philosophischen Betrach­ reinen V ernunft“ anerkennt, „welchen m an den G rundsatz der N e u tra litä t bei
tu n g ; diese Eigenschaft m acht das aus, w as w eiterhin sich als das dialektische allen ihren Streitigkeiten nennen könnte* (R V B 774): sie is t „nützlich und
M om ent des Logischen bestim m t.“ Vgl. zum Problem : H . J . de Vleeschauwer, zweckmäßig* (Logik V I II 393) und kann im „Felde“ der „T ranszendental­
Les Antinomies Kantiennes, in: M ind (1938) 303 ff. philosophie . . . nicht entbehrt w erden“ (R V B 452). »Diese M ethode, einem
** Vgl. unten S. 92 ff.; R eal- u n d A ffektantm om ie sind niditkantische In te r­ Streite der Behauptungen zuzusehen o der vielm ehr ihn selbst zu v eran lassen . . .
pret» tionsbegriffe.

90 91
Z u r D ialektik der K ontrollvernunft Zur Dialektik der Kontrollvernunft
c ) Z u r A n tin o m ie d e r K o n tr o llv e r n u n ft keineswegs als Antinomie durchschaut — ein überkommener Bestand,
Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Sie Ist Surrogat, wo sie den Kant übernimmt.
Aber bereits der frühe K ant stellt sich dieser Antinomie; auf die Dauer
Opfer skeptischer Methode werden kann. Ein solches Opfer wird die
kontrollvemünftige Metaphysik. trifft sie ihn und zwingt ihn, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Bereits
der sogenannte „vorkritische“ K ant hat das Verdienst, ihr nicht in eine
Denn sie gerät in Antinomien. Kontrollinteresse und Totalitätsinteresse
falsche Eindeutigkeit ausgewichen zu sein. Das hat zur Folge, daß seine
sollen sich versöhnen. Kontrollvernunft will Totalitätsvernunft sein. Sie
wissenschaftliche Tätigkeit sich spaltet. Entsprechend fallen seine Publi­
will die totale Wirklichkeit kontrollieren: so will sie Totalität als Wirk­
kationen in zwei Gruppen auseinander. Bezeichnend ist das Jahr 1755.
lichkeit. Aber sie erreicht sie nicht, sie erleidet beim bloßen Versuch ein
Es erscheinen u, a.: einerseits „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie
„besonderes Schicksal“ 37: sie faßt nur entweder Totalität oder Wirklich­
des Himmels oder Versuch von der Verfassung und dem mechanischen
keit. Die — traditionell theologisch gedeutete — Totalität entzieht sidi
Ursprünge des ganzen Weltgebäudes, nach Newtonschen Grundsätzen
der Kontrollvernunft als Wirklichkeit und zwingt sie, Kontrollvernunft
abgehandelt“ 38 — eine Untersuchung im Stile Newtons; andererseits
des nur Möglichen (Denklidien) zu sein; die — modern „als Naturwissen­
„Principiorum primorum cognitionis metaphysicae nova dilucidatio“ ,0—
schaft gegebene“ 38 — Wirklichkeit entzieht sich der Kontrollvernunft als
eine Untersuchung im Stile Wolffs: Kants Vollzug der Kontrollvernunft
Totalität und zwingt sie, Kontrollvernunft des Experimentablen zu
tritt entsprechend ihrer Zerrissenheit in eigensinnige und anhängliche, in
sein. Kontrollvernunft bricht, wo sie die Kontrolle der totalen Wirk­
Emanzipations- und Traditionsvemunfl, in Wirklichkeitsinteresse und
lichkeit versucht, auseinander in zwei Vollzüge, zwei Wissenschaften.
Dieses eigentümliche Phänomen der doppelten Wissenschaft manifestiert Totalitätsinteresse auseinander, in Physik und Metaphysik41. Will man
vergröbern, kann man sagen: dieser Zustand dauert bis etwa 1763. Aber
die im § 7 versuchsweise entwickelte Antinomie anhänglicher und eigen­
solch wissenschaftliches Doppelleben w ird notgedrungen unerträglich. Es
sinniger Vernunft auf dem Boden der Kontrollvernunft. Sie ist für Kant
zwingt zur Distanz, zur Selbstbesinnung, zur Kritik.
zunächst etwas Vorgefundenes, keineswegs als unerträglich bemerkt,
So wird Kants Philosophie bereits „vorkritisch“ kritisch; es besteht
„ein engerer Zusammenhang des »kritischen* K ant mit dem ,vorkririsdien'
um zu untersuchen, ob der G egenstand desselben nicht vielleicht ein bloßes
B lendw erk s e i . . , k an n man die skeptische M ethode nennen. Sie ist vom Skep­ . . . als er gemeinhin angenommen wird“ 4l. K ant durchschaut in wach­
tizismus gänzlich unterschieden. . . D enn d ie skeptische M ethode geht a u f G e­ sendem Maße: Totalitärssüchtige Kontrollvernunft will zw ar Totalität
w ißheit, dadurch d a ß sie in einem solchen, a u f beiden Seiten redlich gemeinten als Wirklichkeit, aber ihr exaktes Verfahren versagt; sie braucht zwei
und m it V erstände geführten Streite den P u n k t des M ißverständnisses zu ent­ Arbeitsgänge (deren jeder den anderen nicht mag, weil er ihn an die
decken sucht“ (R V B 451 f.). Freilich: dieses Verfahren, „die Vernunft w ider
sich selbst zu verhetzen, ihr a u f beiden Seiten W affen zu reichen, und alsdann eigene Unvollkommenheit erinnert) und erreicht ihr Ziel durch keinen
ihrem hitzigsten G e f e i t e ruhig u n d spöttisch zuzuschen, siebt aus einem dog­ von beiden: als TotalitätsWissenschaft (Metaphysik) verliert sie die
matischen Gesichtspunkte nicht w ohl aus, sondern h a t das Ansehen einer scha­ Wirklichkeit; als WirklichkeitsWissenschaft (Physik) verliert sie die To­
denfrohen und hämischen G em ütsart a n sich“ (R V B 784); diese M ethode ist talität. Das zu zeigen ist Ziel der ersten beiden Phasen Kantischer Kritik.
a b er „ n u r ein M ittel, sie (sc. die Vernunft) aus ihrem süßen dogmatischen
T raum e zu erwecken, um ihren Z ustand in sorgfältigere P rüfung zu ziehen“ Die 1763— 1766 erschienenen Schriften4’ betonen die Wirklichkeits­
(R V B 785). Im H inblick a u f diese „skeptische M ethode“ nennt K an t seine angewiesenheit der Philosophie und zeigen: Kontrollvernunft mit Totali­
„transzendentale D ialektik“ auch eine „skeptische D isziplin“ (Fortschritte der. tätsabsichten ist keine Wirklichkeitsvemunft. Die nach 1770 erschienenen
M etaphysik V III 252) oder „Zw eifellehre“ (ebd.). A n diese Bestimmung knüpft
sp äter H egel an, w enn er »das V erhältnis des Skeptizismus z u r Philosophie“ ** I 219ff. « I 389ff.
(W erke ed. Glöckner I 213 ff.) untersucht und in der »Phänom enologie des 41 U n te r den Schriften von 1747—1762 (I und I I 1— 65) kann m an 11 „natur­
Geistes“ schreibt: „Dieser sich vollbringende Skeptizismus . . . ist . . . die aus­ wissenschaftliche“ und 3 „m etaphysisdi“-„logische“ A bhandlungen zählen; nach
führliche Geschichte der Bildung des Bewußtseins selbst zur Wissenschaft“ (ed. 1763 wechselt das Bild: an die Stelle „metaphysischer“ treten „kritische“, an die
H offm eister 67). D enn, sagt K ant, durch die „skeptische M ethode“ — durch Stelle „naturwissenschaftlicher“ weitgehend „anthropologische“ Schriften. Vgl.
P rovokation der fü r kontrollvem ünftige M etaphysik kom prom ittierenden A nti­ unten S. 104, A nm . 24.
nom ien — soll „von dem Unbedingten (sc. der T o ta litä t). , . der Schein weg­ ** H eim soeth, Metaphysische M otive in der Ausbildung des kritischen Idealis­
geschafft w erden . . . der eine Antinom ie der reinen Vernunft, durch Verwechs­ mus (1924), in: K antstudien 29 (1924) 121.
lung d e r Erscheinungen m it den D ingen a n sidb selbst bew irkt, und diese D ia ­ 45 Insbes.; D er einzige mögliche Beweisgrund zu einer D em onstration des Daseins
lektik selbst A nleitung zum Übergange vom Sinnlichen zum Übersinnlichen G ottes (1763) (II 67 ff.); Untersuchungen über die D eutlichkeit der G rundsätze
en th ä lt“ (F ortsdiritte der M etaphysik V III 298). Vgl. die Bestimmungen der der natürlichen Theologie und der M oral (1763) (II 173ff.); Versuch, den
„skeptischen M ethode“ (L o g ik V III393). Vgl. a.\idi B ,E rd m an n a .a .O .X X IX f f. Begriff der negativen G rößen in die W elt Weisheit einzuführen (1763) (II 203 ff.);
87 R V A V II: sie „ s tü r z t. . . sich in D unkelheit und W idersprüche“ (R V A V III). auch: Träum e eines Geistersehers, erläu tert durch T räum e d e r M etaphysik
39 Vgl. H . Cohen, K ants T heorie der E rfahrung (31918) 290, (1766) (II 329ff.).

92 93
Z u r D ialektik der K ontrollvernunfl Z u r D ia lektik der K ontrollvernunfl

einschlägigen Schriften44 betonen die Grenzen der Physik und ihrer Prin­ 'Wissenschaft und unglücklich: Sie lebt als Wölfische Wissenschaft, d. h.
zipien und zeigen: Kontrollvernunfl: mit Wirklichkeitsabsiditen ist keine Metaphysik über die Verhältnisse der Wirklichkeit, als Newtonsche
Totalitätsvernunft“ . Totalitätserpichte Kontrollvernunfl ist doppelte i: Wissenschaft, d. h. Physik unter der Würde der Totalität; sie ist illu­
sionär oder partikulär; sie geht nicht wirklich aufs Ganze, nicht ganz
Ai D e rnundi sensibilis atque intelligibilis form a e t principiis (1770) (II 401 ff.) aufs Wirkliche.
und dann die sog. „kritisdien Schriften“ R V und Prolegom ena; vgl. die späteren Zusammenfassung dieser in allem Grundsätzlichen bereits „vorkriti-
A bhandlungen: U ber eine Entdeckung, nach der alle neue K ritik der reinen
Vernunft durch eine ältere entbehrlich gemacht 'werden soll (1790) (V I 1 ff.); sdien“ Kritik ist die RV; ihre Antinömienlehre, auf deren entwicklungs-
Fortschritte der M etaphysik (1793 f.) (ed. posth. 1804; V III 233 ff.); die letzt­ geschichtliche Bedeutung Interpreten41 und auch Kant selbst41 hingewie­
genannten vier Schriften fassen beide „kritischen’' A rgum ente zusammen. sen haben, formuliert die Antinomie der Kontrollvernunfl, die K ant zur
48 Zw ei A rgum ente also; ICant fü h rt eine A rt Z w eifrontenkritik. Z ur H eraus­ K ritik trieb und seinen philosophischen Lebensgang bewegte; sie kom-
forderung durch das Phänom en der doppelten Wissenschaft gehört als A ntw ort
eine doppelte K ritik : l .K a n t k ritisiert kontrollvernünflige M etaphysik — die i! promittiert die Kontrollvernunfl, die Totalität als Wirklichkeit will und
fü r T otalitätsgew inn W irklichkeitsverlust in K auf nim m t, d, h. zur erfahrungs- : i: nur erreicht, daß sie sich mit sich selbst entzweit: sie bangt — in den
freien Vernunft w ird — „in Ansehung aller Erkenntnisse, zu denen sie unab­ " „Thesen“ — um Totalität und verdammt zu ihren Gunsten die Wirklich-
hängig von aller E rfahrung streben m ag" (R V A X II), und tad e lt ih r „Ver­ i keit; und sie bangt — in den „Antithesen“ — um Wirklichkeit und ver-
fahren" als „bloßes H erum tappen, und, was das Schlimmste ist, unter bloßen
Begriffen" (R V B X V ); er fo rd ert: Vernunft m uß erfahrende, m uß W irklich­ ■ : dämmt zu ihren Gunsten die Totalität. Kant hat aufs Indirekte ihrer
keitsvernunft sein. Dieses A rgum ent w ird won K an t im G runde bereits seit Argumente aufmerksam gemacht: Thesen wie Antithesen leben nicht
1755 ausgebildet; w eil T o ta lität traditionell theologisch gedeutet ist, argum en­ aus eigener Kraft, sondern aus Furcht vor den vernichtenden Konsequen­
tiert es einschlägig: die „Principiorum prim orum cognitionis m etaphysicae nova zen des Gegenteils. So heißt Kontrollvernunfl mit Recht die „reine Ver-
dilucidatio“ (I insbes. 4 0 0 f.) und der »einzig mögliche Beweisgrund“ (II 6 7 ff.)
wenden sich gegen eine Vernunft, die z. B. aus der (gesetzten oder „nom inalen“, ■:f;| nunfl“ : Ihr jedem Vollzug zukommender Kontrollwille (ihr „Apriori”,
d. h. traditionsnachgesprochenen) Definition Gottes durch bloßen Ausschluß von ihre „reine Erkenntnis“) führt dazu, daß sie entweder von Totalität oder
W idersprüchen seine W irklichkeit glaubt folgern zu können: G o tt ist nicht ,da‘, :;=. von Wirklichkeit „rein“ bleibt; Kritik der „reinen Vernunft“ beklagt das
weil von seinem „Begriff" her seine Nichtexistenz einen W iderspruch einschlösse; •!:c; und fordert Verzicht auf dieses zwangshafte Verzichten; ihr Hinweis auf
um gekehrt: er lä ß t sich definieren, weil er im Sinne „absoluter Position" dem
Denken zuvorkom m end ,da‘ ist. So fordert K an t von V ernunft Eingehen aufs „Antinomien“ prognostiziert den Zusammenbruch der Kontrollvernunfl,
Vorgegebene: sie kann nicht — w ie z. B. M athem atik — durch eine bestimmte V-;. "die Totalitätsvernunft zu sein versuchte.
A rt von Definition („K onstruktion“) ihr Wirkliches .setzen' (Deutlichkeit der Ausdrückliche Antinomienkritik ist in Kants RV nur ihre Diskussion
G rundsätze II 173 ff.; vgl. den diese Sdirift rekapitulierenden passus R V B ---------------
740 ff.), „daher m an bei jedem Nachdenken in dieser A rt der Erkenntnis (sc.
Philosophie) die Sadie selbst v o r Augen haben m uß“ (Deutlichkeit der G rund­ d er „perm utatio“ der Bedingungen der als „sensitiva cognirio“ gekehnzeidi-
sätze I I 179), „und in B etradit dessen kann m a n . . . sagen, daß nichts der neten exakten E rfahrung (tempus a .a .O . § 14 und spatium § 15) m it den Be­
Philosophie schädlidier gewesen sei als die M athem atik, nämlich die N ach­ dingungen der „entia" überhaupt, m it denen sich M etaphysik zu befassen hätte.
ahm ung derselben in der M ethode zu denken“ ( a .a .O . II 184). So ford ert D arum h a t die K ritik die Form eines „principium redüctionis“ : „si de conceptu
K a n t: Vernunft m uß erfahrende, m uß W irklichkeitsvernunft sein. 2. K a n t k riti­ , quocunque intellectuali generaliter quiequam praedicatur, quod p ertin et ad
siert kontrollvernünftige M etaphysik — die für W irklichkeitsgewinn T otalitäts­ respectus spatii atque tem poris objective non est enuntiandum e t non denotat
verlust in K a u f nim m t, d .h . zur (exakt) erfahrenden V ernunft w ird —, daß f/X:, .'» » i conditionem , sine qua conceptus datus sensitive cognoscibilis non est“
sie sich „solcher G rundsätze“ bedient, „die, indem sie in der T a t bloß a u f Ge­ (a. a. O . II 429); so fo rd ert K an t: V ernunft m uß durdi totalitatsunangem essene
genstände möglicher E rfahrung reidien, w enn sie gleidiwohl a u f das angew andt i E rfahrungsbedingungen ungestörte T otalitätsvernunft, sie d a rf keine E rfahrung
w erden, was nicht Gegenstand der E rfahrung sein kann, wirklich dieses jeder­ 'I I unter Leitung der „m undus sensibilis . . . form a et principia" sein. — D ie so­
zeit“ — illegitim — „in Erscheinung verw andeln“ (RV B X X X ); er fo rd ert: genannte „kritische Periode“ K ants ist die Zeit, in der er beide „kritischen“ A r­
K ontrollerfahrung d a rf T otalitätsvernunft nicht verhindern oder irritieren. D ie­ gumente der „vorkritischen Z eit“ verbindet und gemeinsam zum Einsatz
ses A rgum ent ist v o r allem seit der D issertation von 1770 (De m undi sensibilis bringt; erst wo das geschieht, kann es zu einer ausdrücklichen A ntinom ien­
atque intellegibilis form a et principiis) im Spiel. In der Sectio V dieser Schrift lehre kommen.
geht es um die M ethode der M etaphysik: weil ihre E rbfehler unbekannt sind, í i « Vgl. B. E rdm ann a .a .O ., bes. X X X IV ff.; vgl. auch X X IV ff.
„m irum non est, quod liuius indaginis studiosi saxum suum Sisypheum vol- " Brief an Christian G arve v. 21. 9.1798: „N icht die Untersuchung vom D a­
vendo in aevum vix aliquid adhuedum profecisse v id e a n tu r __ Quae p artem sein Gottes, der Unsterblichkeit usw. ist der P u n k t gewesen, von dem ich aus­
huius m ethodi haud contem nendam constituunt, nem pe ,sensitivae cognitionis gegangen bin, sondern die Antinom ie der r. V.: .Die W elt h a t einen A nfang:
cum .intellectuali contagium ' . . . adum brabo“ ( a .a .O . I I 427 f.); dieses „con- sie h a t keinen A nfang usw. bis zur vierten: Es ist Freiheit im M ensdicn
tagium “ ist als „perm utatio intellectualium et sensitivorum ,vitium subreptionis gegen den: es ist keine Freiheit, sondern alles ist in ihm N aturn o tw en d ig k eit';
M etaphysicum ' . . . adeoque axiom a tale hybridum , quod sensitiva pro neces- diese w ar es, welche mich aus dem dogmatischen Schlummer zuerst aufweckte
sario adhaerentibus conceptui intellectuali vendidat, mihi vocatur axiom a sub- und zur K ritik der Vernunft selbst hintrieb, um das Skandal des scheinbaren
repticium “ (a. a. O . II 428 f.). D e r „Erbfehler“ d e r M etaphysik liegt also in W iderspruchs der Vernunft m it ih r selbst zu heben“ (X 352).

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Z ur D ialektik der K ontrollvernunfi

der „rationalen Kosmologie“, der Kontrollmetaphysik der „Welt“ " .


Gleichwohl ist sie das Zentralstück der „transzendentalen Dialektik“. E. Statt eines Ergebnisses
Kants Antinomienlehre ist der Lokaltermin im „Prozeß" gegen
schlechte Präsenz der Totalitätsvemunft; sie kompromittiert kontroll-
D ie T aube a u f dem Dach ist besser als der Spatz
vernünftige Metaphysik, die die Welt nicht mehr zugleich als Totalität
a u f dem D adi.
und als Wirklichkeit zu erschließen vermag, die — auf Kontrolle insi­
stierend — in eine Vernunft wirklichkeitsloser Totalität und eine Ver­
nunft totalitätsloser Wirklichkeit zerreißt und in beiden Gestalten an
der Welt „an sich“ und damit mindestens an derjenigen Welt vorbeidenkt,
in der die Menschen ihr Leben zu führen haben. Darum muß kontroll- § 9. A u f der Suche nach der verlorenen V ernunft
vernünftige Metaphysik abdanken; ihren „Ideen“ verbleibt eine pro­
blematische Tauglichkeit als Stimulanrien des Progresses exakter Wissen­ a) Zum Schicksal des Freiheitsproblems
schaft4*; sie selbst aber hat ausgespielt: in der „transzendentalen Analy­
Ist Metaphysik Verwirklithung oder Surrogat? Metaphysik ist Surrogat
tik“ hat Kritik sie, in der „transzendentalen Dialektik“ hat sie selbst sich
umgebracht. wenigstens als kontrollvernünftige, d. h. schlechte Präsenz verweigerter
Totalität. Wäre Kontrollvernunft Totalitätsvernunft, dann wäre Totali­
Damit ist eine Entwicklung eingeleitet, die — seither dank Kants zur
tät und damit menschliches Ganzsein nicht zu retten1; da sie’s nicht ist,
Selbstverständlichkeit geworden — nur noch vereinzelt durch Rückfälle
hat es Chancen. Diese Chancen werden bei K ant unterm Titel Freiheit
gestört -wird: Die zu einer doppelten Wissenschaft in totalitätssüchtige
thematisch.
Kontrollphysik und wirklichkeitssüchtige Kontrollmetaphysik ausein­
Das Freiheitsproblem wird unterm Eindruck des Ergebnisses der RV
andergebrochene Kontrollvernunfi wird aus einer unglücklichen Philo­
zum Zentralproblem K ants1; es gehört zum Resultat der RV; darum
sophie zu glücklichen Einzel W issenschaften. Zugleich beantragt die Lebens­
muß es — und sei es noch so kurz — berührt werden. Seine klassische
welt menschlicher „Praxis“ eine neue, „praktische Philosophie“. Ist diese
Formulierung bei Kant ist, so scheint es, die berühmte „dritte Anti­
Philosophie —nach Kants Meinung —traditionshörig oder fortschrittstätig?
Und darf sie Metaphysik heißen? Das ist offen. Jedenfalls aber müßte sie nomie“ der R V S.
Mit Recht hat N . Hartmann betont: Zur Formulierung dieser dritten
verhindern, daß Kritik der Kontrollvernunft in Unvernunft umschlüge.
Antinomie konnte es erst dort kommen, wo das Freiheitsproblem ent-
48 Im m anentes Ü b e rfü h re n . kontrollvernünftiger M etaphysik w ird in seiner theologisiert war, wo es sich aus seiner theologischen Formulierung ge­
schärfsten Form , d. h. als skeptische M ethode, d. h. als A ntinom ienfahndung löst hatte4. Theologisch formuliert war es etwa bei Thomas: „ .liberum
d ort nötig, w o K ontrollvernunft scheinbar am meisten in Ihrem E lem ent ist, est quod sui causa est', ut dicitur in 1 Metaph. Quod ergo movetur ab
in der „Kosm ologie“ : wo sie W elt — u nter Preisgabe ihres noch 1771 (vgl. alio non est liberum. Sed Deus movet voluntatem . . . Ergo homo non
I I 406: substantiarum coordinatio, nori subordinatio) behaupteten und no<h in
der R V (etw a B 265 Anm.) anklingenden, im übrigen aber an den mundus est liberi arbitrii . . . Sed contra est quod dicitur Eccli. 15: ,Deus ab
noum enorum (Reich der Zwecke) abgetretenen C harakters als „Substanzen­ initio constituit hominem, et reliquit eum in manu consilii sui.' Glossa:
gemeinschaft“ — als „Reihe“ (R V B 436) bestim m t und m athematisch ausm ißt bzw. ,idest in libertate a rb itrii/“ 5 Dagegen die dritte Antinomie Kants: Der
dynamisch als „ N a tu r“ deutet. H egel hat an K ant getadelt, er habe „in Er­
m angelung einer tieferen Betrachtung der A ntinom ie“ diese „ nur in den vier
1 Vgl. R V B 564: „D enn sind Erscheinungen Dinge a n sich selbst, so ist Freiheit
besonderen aus der Kosmologie genommenen Gegenständen“ bem erkt und ent­
wickelt (E nzyklopädie ed. Hoffm eister 72 f.). Hegels K ritik ist zu entkräften n id it zu retten.“
2 K ant schreibt (Fortschritte der M etaphysik V III 298) von seiner Philosophie:
w eder durch H inw eis auf K ants Diskussion auch einer „Antinom ie der p ra k ­
„Es sind nämlich zwei Angeln, um welche sie sidi d re h t: erstlich, die Lehre
tischen V ernunft“ (PV V 123 ff.), noch durch folgende — nicht aus strenger
von der Id ealität des Raumes und der Z e i t . . . zweitens, die Lehre von der
Interp retatio n erwachsende — Erw ägung: „rationale Psychologie“ und „ratio­
nale Theologie“ them atisieren antithetische Bestimmungen jenes absoluten K on­ R ealität des Freiheitsbegriffes . . . “
* RV B 432 ff.; bes. B 472 ff.; Auflösung bes. B 560 ff.; vgl. Prolegom ena V I
trolleurs, der fü r eine totalitätsfähige K ontrollvernunft vorauszusetzen w äre.
9 6 ff.; Grundlegung z u r M etaphysik der Sitten V I bes. 310ff.; P V V bes. 49ff.
D as w ürde zugleich im plizieren: K ants K ritik dieser m etaphysicae speciales
103 ff.; Fortschritte der M etaphysik V III 274 f. u. ö.
rückt gar nicht dem Menschen oder G o tt zu Leibe bzw. zu Geiste; überspitzt 4 N . H a rtm a n n , E thik (41949): „D ie A blösung des Freiheitsproblem s vom reli­
gesagt: K ants K ritik der „Paralogism en“ und der „Gottesbeweise“ nim m t ihnen
giösen Problem, wie K ant sie bew ußt v ollzieht“ (633), „ist in K ants d ritte r
nicht prim är übel, daß sie die fraglichen Seeleneigenschaften bzw . G o tt nicht
Antinom ie bereits abgeschlossen“ (ebd.).
beweisen, sondern, daß sie nicht G ott bzw. nicht die Seele (sondern die Idee
5 Summa theologica I q. 83 a rt. 1; diese Frage erscheint do rt freilich — im
eines absoluten Kontrollsubjekts) beweisen.
Unterschied zu Augustinus, D e libero arbitrio, u n d der Fragestellung bei Leib-
4S Als „regulative Prinzipien“ ; vgl. besonders R V B 6 7 0 ff.

96 7 Marquard, Skeptische Methode 97


Statt eines Ergebnisses A u f der Suche nach der verlorenen Vernunft

„Satz: alle Kausalität der Phänomene in der Sinnenwelt, ist dem Me- tische“ K ant diesen theologischen Problemansatz zugunsten seiner theo­
dianism der N atur unterworfen, scheint mit dem Gegensatz: Einige logiefrei formulierten Freiheitsantinomie auf? Warum diese Enttheoiogi-
Kausalität dieser Phänomene ist diesem Gesetz nicht unterworfen, im sierung des Freiheitsproblems?
Widerspruch, zu stehen.“ " Kants dritte Antinomie formuliert das Frei­ Sie scheint Absage ans theologische Freiheitsproblem zu sein. Was be­
heitsproblem theologiefrei, aus seiner theologischen Form gelöst7. deutet diese Preisgabe? Führt sie zum Gewinn11 oder zum Verlust des
Freilich, nicht in dieser Form w ar es ihm vorgegeben. H . Heimsoeth „echten“ Freiheitsproblems? Ist Kant zu loben oder zu tadeln? Oder
hat einleuditend nachgewiesen, daß Kant selbst das Freiheitsproblem stimmt am Ende die Preisgabe-Deutung nicht? Vielleicht hat K ant das
anfänglich theologisch formuliert hat: „auch für Kant (ist) die Freiheit theologische Freiheitsproblem gar nicht preisgegeben? Denn preisgeben
eines dependenten, der Präszienz des geistigen Urprinzips (sc. Gottes) kann man nur, was man hat. Vielleicht aber hatte er es nie? Vielleicht
und also einer Prädeterminatiön unterliegenden Weltwesens (sc. des hatte er es anfangs nur scheinbar? Und am Ende ist die Verwandlung
Menschen) das eigentliche und fundamentale Rätsel“ 8. Beleg ist Kants des Problemansatzes der Freiheitsfrage bei Kant nur der Weg zum
Ansatz des Freiheitsproblems 1755'; K ant formuliert in diesem Jahr: Bewußtsein dieses zunächst unbewußten Tatbestandes?
„Praescientiae divinae respectu actionum Iiberarum locus non est, nisi Zweifellos: dieser Tatbestand wäre schlimm. Denn das theologisch for­
determinata eorum rationibus suis futuritio adm ittatur“ 10, dabei ergeben mulierte Freiheitsproblem ist kein Randproblem: Problem in diesem Pro­
sich „difficultates“; und er bestätigt diesen Problemansatz grundsätz­ blem ist das Problem vom Dienst der heran wachsen den Neuzeit, das
lich auch noch acht Jahre später11. Warum gibt nun der sogenannte „kri­ Theodizeeproblem. Theodizee will Gott als vernünftig erweisen. Dieser
Erweis wird nötig dort, wo — angesichts des theologischen Positivis­
n iz (im Zusamm enhang des Theodizeeproblem s; vgl. Theodizee [1710] I, 1) — mus18 — die'Identität von Gott und Vernunft unselbstverständlich ge­
eher als Bagatellproblem .
* Fortschritte der M etaphysik V III 274. worden ist. Kann sie gerettet werden? — Das ist die Frage der Theo­
7 N . H artm anns D eutung dieses „geschichtlichen W erdegangs des Freiheits­ dizee; ihre Antwort: Sie kann es, wenn Vernunft Vernunft der ganzen
problem s" a . a. O . 629—635. Wirklichkeit — Totalitätsvernunft — ist. Dem aber scheint sich Freiheit
8 H . H eim soeth, Studien z u r Philosophie Im m anuel K ants (1956) 221; vgl.
und vor allem die Freiheit zum Bösen zu widersetzen14. Ist Vernunft
H . H eim soeth, K ants philosophische Entwicklung, in: B lätter für deutsche
Philosophie 14 (1941) 159. capax libertatis? — das ist die crux der Theodizee; just dieses Problem
* Principiorum prim orum cognitionis m etaphysicae nova dilucidatio I 401 ff. scheint Kant zu verfolgen; zugleich aber scheint es ihm in wachsendem
10 N o v a dilucidatio I 413; vgl. ebd.: „Verum hic asserimus, Deurn praevidere Maße unlösbar“ .
ea non posse, quorum antecedenter determ inata non est futuritio.“ F ür die
Behauptung entsteht die Schwierigkeit: »R atio determ inans non efficit modo, Ansehung der Regeln einer allgemeinen N a tu ro rd n u n g m it sich führen, daß
u t haec potissimum actio eveniat, sed u t eius loco alia contingere non possit. n id n ebenderselbe G rund, der in der übrigen N a tu r schon in den Wesen der
Ergo quicquid in nobis accidit, eius consecution! ita a Deo prospectum est, Dinge selbst eine unausbleibliche Beziehung a u f V ollkom m enheit und W ohl-
u t plane non possit aliud consequi. Ergo im putatio factorum nostrorum ad gereim theit befestigt (sc. G ott), auch in dem natürlichen L aufe des freien V er­
nos non pertinet; sed una om nium causa Deus est, qui eis nos legibus ad- haltens wenigstens eine größere Lenkung a u f ein W ohlgefallen des höchsten
strinxit, u t sortem destinatam utcunque adimpleamus. N onne sic efncitur, ut Wesens ohne vielfältige W under verursachen sollte“ : d e r A nsatz ist freilich
nullum peccatum D eo dispiacere possit? quod ubi contingit, eo simul testatur, bereits abgeschwäcbt durch Betonung des G edankens der „ N atu ro rd n u n g “ .
stabilitam a Deo rerum im plicitarum seriem aliud non adm ittere. Quidnam ls N . H a rtm a n n a .a . O . 631: „Es b e d u rfte __ einer geflissentlichen H eraus­
igitur Deus peccatores increpat de actionibus, quas ut perpecrent, iam inde lösung aus der metaphysischen Verschlingung m it dem V erhältnis zwischen
usque a m undi satu atque ortu cautum est?” (a. a. O. I 406.) Anders form uliert: Gote und Mensch, um das re in e . . . F reiheitsproblem . . . w iederzugew innen.“
„Cum eventuum om nium tam ' physicorum quam actionum liberarum deter­ » Vgl. oben S. 81.
m inata sit certitudo, consequentia in antecedentibus, antecedentia in ulterius 14 D arum spitzt sidi Theodizee auf die Frage nach der G üte G ottes zu; K an t
praecedentibus et ita nexu concatenato in citerioribus semper rationibus, donee bestim m t 1791 (Ober das M ißlingen aller philosophischen Versuche in der Theo­
prim us m undi status, qui im m ediate D cum auctorem arguit, sit veluti fons et dizee V I 121): m an versteht „unter einer Theodizee . . . die V erteidigung der
sfcaturigo, ex quo om nia fallere nescia necessitate prono alveo derivantur: hinc höchsten W eisheit des W elturhebers gegen die A nklage, welche die V ernunft
putas Deurn m ali m achinatorem haud obscure designari, nequc, quam ipse telam aus dem Zweckwidrigen in der W elt gegen jene e rh e b t. . . Z u dieser Recht­
orsus est, quaeque prim o sua exem plari conform iter in fu tu ra sequentis aevi fertigung w ird nun e rfo rd e rt. . . daß das, was w ir in der W elt als zweckwidrig
secula pertexitur, odisse posse, peccataque operi intexta tante, quanta per sancti- b e u rte ile n ... wenigstens nicht als F aktum des höchsten U rhebers aller D inge,
tatem fas est, indignatione prosequi posse videtur, siquidem recidente tandem in sondern bloß der W eltwesen, denen etw as zugerechnet w erden kann, d. i. der
ipsum prim um m olitorem m alorum omnium culpa“ (a. a. O . I 411). Zu K ants Menschen . . . angesehen w erden müsse.“
A uflösung dieser „difficultates“ vgl. unten Anm. 15. 15 Vgl. den W andel der Versuche zur Lösung des Freiheitsproblem s beim „ vor­
11 Vgl. E inzig möglicher Beweisgrund zu einer D em onstration des Daseins kritischen“ K an t. D er Versuch der N o v a dilucidatio (1755) beginnt m it dem
Gottes (1763) I I 117f.: „Ich begnüge m ic h ... einigerm aßen verständlich zu H inw eis: „H ic vero, non ,quantopere', sed ,unde‘ necessaria sit contingentium
machen, daß selbst die Gesetze der Freiheit keine solche U ngebundenheit in futuritio, cardo est quaestionis“ (I 407): es geht nicht darum , ob H andlungen,

98 7» 99
S ta tt eines Ergebnisses A u f der Suche nach der verlorenen Vernunft

Diese Unlösbarkeit weckt Verdacht. Entweder diesen: Gott ist nicht dieses von Kant in wachsendem Maße bestätigten Verdachts formuliert
vernünftig; das wäre die These des theologischen Positivismus. K ant ver­ die „dritte Antinomie“ der RV. Es sind im wesentlichen zwei.
schmäht sie und folgt dem anderen möglichen Verdacht: die Vernunft, Erstens: Gott, zum Subjekt der Kon trollVernunft gemacht, ist nicht
die G ott aufzudrängen überkommene Theodizee sich bemüht, ist gar mehr Gott; Vorsehung wird zur rationellen Prognose, zur Kontrolle;
nicht die Vernunft Gottes, sondern Kontrollvernunfl 1‘. Die Konsequenzen
Tatsachenerkenntnis, d. h. historischer „cognitio ex datis“) als „cognitio
sondern darum , ob sie „physisch“, d. h. „äußerlich“, oder .m oralisch“, d. h. ex principiis“ (vgl. L ogik V III 341; noch die R V definiert die Vernunft
„innerlich“, determ iniere seien; im letzteren Falle sind sie frei; dabei sind sie ausdrücklich als „Verm ögen der P rinzipien“ : B 356 u. ö.). W enn also
gleidrwohl determ iniert, denn: „Q uod actiones physicas et libertate m orali K a n t 1755 (N ova dilucidatio) die principia prim a cognitionis m etaphysicae
gaudentes incercedit discrimen, non nexus atque certitudinis differentia absol- untersucht, dann ist dabei im G runde die Vernunft them atisdi. In dieser Schrift
v itu r, quasi hae solae ancipiti futuritione laborantes rationum que colligatione „beleuchtet“ K a n t den U nterschied zwischen K ontradiktionsprinzip und p rin -
exem ptae vaga et ambigua oriundi ratio n e fruexentur; hoc enim pacto parum cipium rationis determ inantis: beide Prinzipien sind irreduzibel; K a n t h a t diese
commendabiles forent entium intelligentium praerogativis, Verum modus, quo •wichtige These w iederholt verteidigt (noch 1790 gegen E berhard „Ü ber eine
certitudo earum rationibus suis determ inacur, omnem paginam fa cit ad iiber- Entdeckung . . .* V I 1 ff., bes. 9 ff): sie ist zw ar nicht neu und, obzw ar von
tatis notam tuend am; nempe nonnisi p e r m oriva inteüectus v o lu n ta d applicata W olff und z.B . auch von B aum garten bestritten, bereits von L eibniz (vgl.M ona­
eliciuntur, cum contra ea in brutis s. physiomechanicis actionibus om nia sol- dologie 31 32 u. ff.) auf gestellt und von Crusius betont. W enn anders Ver­
licitationibus et impulsibus externis c o n fo rm iter. . . necessitentur“ (ebd.)- H ier nunft W ahrheit-sehen-Lassen durch Begründen ist, ist diese These fü r ih r Schick­
d a rf beiläufig auf die Ähnlichkeit d e r von N . H a rtm a n n (bes. E th ik [1926]; sal bedeutsam ; durch K ant e rh ält sie neuen A kzent, denn diese Unterscheidung
als' K an t-In te rp retatio n : Diesseits von Idealism us und Realismus, in: K ant­ b ringt fü r K an t die ontologische U nerheblichkeit des K ontradiktionsprinzips
studien 29 [1924] bes. 195 ff.) vorgeschlagenen Problem lösung hingewiesen w er­ zum Ausdruck. Als später sog. „oberster G rundsatz aller analytischen U rteile“
den. D er Mensch ist gegenüber der „physischen“ D eterm ination „ fre i“, ist aber (R V B 189 ff.) sichert es n u r die E instim m igkeit zwischen D efinitionen und
zugleich durch die „moralische“ „vorherbestim m t“ ' und entspricht so den Be­ deren E xplikaten. W enn daher das principium rationis m it ihm verwechselt
dingungen der Präszienz bzw. P rädeterm ination durch G ott, der ja die Be­ und als bloße M odifikation des K ontradiktionsprinzips m ißverstanden w ird,
dingungszusammenhänge beider Regionen überblickt und regelt. Es m ag ohne bekom m t „Begründen“ die Bedeutung exakter E xplikation, d. h. tautologie­
ausführliche Begründung einleuchten, daß zu dieser Lösung für das Theodizee­ ähnlicher V ariation von D efinitionen; w ie sie zu diesen Definitionen komme, ist
problem die Leibnizische Lösung (vgl. I 411 f.) und ein „O ptim ism us“ gehören (wie K an t 1755 und besonders in den Schriften v o n 1763 im m er w ieder betont)
(vgl. Versuch einiger Betrachtungen über den „Optim ism us“ [1759] I I 2911.). — ihre blam able A porie: W enn V ernunft die bloße K unst des Aussdiließens von
Dem gegenüber steht die Freiheitserörterung des „Einzig möglichen Beweis­ W idersprüchen ist, ist sie — tro tz bester Absicht — fü r die E rkenntnis der
grundes“ (1763) skeptischer zu einer Lösung des Problem s. K a n t sagt, „daß die W irklichkeit nichts. Diese von K a n t im wesentlichen bis 1763 erarbeitete E in­
V eränderungen in der W elt entw eder aus der ersten A nordnung des Universum sicht re iß t die Vernunft aus dem „dogmatischen Schlummer“ der G ew öhnung
und den allgemeinen und besonderen Gesetzen der N a tu r notw endig sind, der­ an ihre eigene U nw irklichkeit und zw ingt sie, sich fü r ihre Realfähigkeiten zu
gleichen alles dasjenige ist, was in der körperlichen "Welt mechanisch vorgeht, interessieren. W irklichkeitsfähig ist sie — wenn nicht durchs K ontradiktions­
oder daß sie gleichwohl bei allem diesem eine nicht genugsam begriffene Z u­ prinzip — offenbar dort, w o das eigenständige und unverwechselte principium
fälligkeit haben, wie die H andlungen aus der Freiheit, deren N a tu r nicht ge­ rationis determ inantis „R ealgrund“ (vgl. z. B.: Versuch, die negativen G rößen in
hörig eingesehen w ird. D ie letztere A rt der W eltveränderungen, insoferne sie die W eltweisheit einzuführen [1763] I I 235) ist. „R ealgründe“ kennt die über­
scheinen, eine U ngebundenheit in Ansehung bestim m ender G ründe und not­ lieferte Philosophie freilidi n u r m ehr im Sinn der späteren zw eiten Analogie der
w endiger Gesetze an sich zu haben, enthalten insoweit eine Möglichkeit in sich, E rfahrung („Alles, was geschieht . . . setzt etw as voraus, w o rau f es nach einer
von der allgem einen Abzielung der N aturdinge zur V ollkom m enheit abzu- Regel folgt“ : R V A 189), d. h. im reduzierten Sinn des exakten Kausalgesetzes;
weichen“ (II 116 f.). N icht zufällig steht diese Überlegung im Zusamm enhang unterm Eindruck von dessen Erfolgen — z. B. N ew tons Nachweis der all­
eines K antisdien K urzreferats von K ants „Allgemeiner Naturgeschichte und gemeinen, d. h. sub- und translunarischen G ültigkeit des exakten Kausalgesetzes
Theorie des Him m els oder Versuchs von der Verfassung und dem mechanischen durch das G ravitationsgesetz (1682); bei K an t selbst Nachweis seiner Fruchtbar­
U rsprünge des ganzen W eltgebäudes, nach N ew tonsdien G rundsätzen abgehan­ k e it für das Problem der Kosmogonie (Allgem eine Naturgeschichte und Theorie
d e lt“ : die „newtonisch“ gewordene V ernunft kann die „moralische“, d. h, des H im m els [1755]); seine These, daß es die E xekutive des göttlichen Sthöp-
„innere“, Freiheit im Sinn der N o v a dilucidatio nicht m ehr fassen und m uß fungsplanes sei und daher Eigenm ächtigkeit und Bedeutung der causa finalis be­
sich daher begnügen, Freiheit negativ als U nabhängigkeit von der V ernunft- schränke (ebd.); die in diesem Zusam m enhang stehende A bw ehr der E rheb­
bzw . N atu ro rd n u n g anzusetzen: das Freiheitsproblem bleibt grundsätzlich un­ lichkeit von causae occasionales (W underproblem usw .: E inzig m öglicher Be­
gelöst. weisgrund I I bes. 115 ff.); die D estruktion der aufklärerischen A d-hoc-Teleo-
** G ottesvernunft ist K ontrollvernunft, rationelle Prognose zum Nachfolger logie, fü r die z. B. das Saftige des A pfels n u r als P ro vokation des Zubeißens
G ottes in Sachen Präszienz gew orden. W as die Apologie der V ernunft im da und „zweckmäßig“ ist — vergißt sie die traditionelle Fülle des Begriffes
Zusam m enhang des Freiheitsproblem s betrifft, so schreibt K a n t zusammen­ „G ru n d “ : gewisse Weisen v o n „ G ru n d “ geraten völlig außer K urs; „form a“
fassend 1791: „M an nennt dieses, die Sache Gottes verfechten; ob es gleich un d „m ateria“ w erden „topische“, d. h. „Reflexionsbegriffe“ (vgl. R V B 322 ff.);
im G runde nichts m ehr als die Sache unserer anm aßenden, hiebei aber ihre esse und essentia als P rinzipien w erden nicht besprochen. D er herrschende Sinn
Schranken verkennenden, Vernunft sein möchte“ (Über das M ißlingen aller von „G rund“ und dam it das herrschende P rin z ip der W eltordnung ist die
philosophischen Versuche in der Theodizee V I 121 ). Vernunfterkenntnis transeunt w irkende causa efficiens als M ovens regelfähiger und idealiter auf
gilt in der fü r K an t vorgegebenen Ü berlieferung (im Unterschied zur A usdehnung (Skala) projizierbarer A bläufe gew orden, D ie „real“ begründende

100 101
S ta tt eines Ergebnisses A u f der Suche nach der verlorenen Vernunft

Gott wird zum eminenten Naturwissensdiaftler; dieser Gott aber ist nicht oder nicht als Freiheit; sie liquidiert sie oder läßt sie nur „in negativem
mehr Gott. Darum erörtert die »dritte Antinomie“ ehrlicherweise Frei­ Verstände“, d. h. reduziert, zu. Das zeigt die Freiheitsantinomie der RV.
heit nicht mehr in ihrem Verhältnis zu Gottes Vorsehung, sondern im So ist die berühmte „dritte Antinomie“ der RV keineswegs die klassi­
Verhältnis'Zu rationeller Prognose, Kontrolle, „N atur“. Und er tut das, sche Formulierung des Freiheitsproblems; sie ist weder seine Rettung vor
um zu demonstrieren: dem Theologischen noch sein Verrat ans Profane, sondern die Demaskie­
zweitens: Freiheit, zum Thema der Kontrollvernunft gemacht, ist rung eines „falschen Bewußtseins“ : die „dritte Antinomie“ ist die Kon­
nicht mehr Freiheit. Kontrollvernünftige Freiheitsfrage ist eine pseudo­ kursbilanz des kontrollmetaphysischen Versuchs, Freiheit auf dem Boden
mathematische Operation: Sie zählt Bedingungsreihen auf ihre Endlich­ der Kontrollvernunft zu diskutieren. Darum wird ihre „Auflösung“ 11
keit oder Unendlichkeit hin ab 17; und ob sie zum einen oder anderen nötig, und darum wird diese „Auflösung“ zum Präludium der Diskussion
Ergebnis kommt: sie trifft dabei jeweils nur auf Vorgänge, die entweder einer „positiven“ Freiheit. Sie ist im Gebiet der Kontrollvernunft „nicht
(Antithesis) durch ihre Kontrollierbarkeit oder (Thesis) durdi ihre Un- anzutreffen“. Freiheit ist kontrollvernünftig schlecht präsent. Kontrollver­
kontrollierbarkeit und d. h. in keiner Weise „positiv“ als Grundphänomen nunft bestimmt den Menschen nicht zuviel, sondern zuwenig. So w ird das
menschlicher Lebenspraxis bestimmt sind18: das Freiheitsproblem ist ab­ weitere Freiheitsproblem zur Frage nach der Bestimmung des Menschen
gemagert zum bloßen Deteamnismus-Indeterminismus-StreitI,) in dem trotz seiner faktischen Unbestimmtheit. „Freiheit im positiven Ver­
das Phänomen der Freiheit „nicht anzutreffen“ M ist. Kontrollvernunft stände" etabliert sich nicht durch Absage, sondern durch Zusage an zu­
will Freiheit festhalten; aber sie verliert sie; sie hat sie entweder nidht reichende Bestimmung des Menschen. Sie etabliert sich nicht durch Ab­
sage, sondern durch Zusage an eine zureichend bestimmende Vernunft.
V ernunft ist K ontrollvernunft, ihre W elt w ird K ontrollw elt. Es liegt nahe, zu Das Freiheitsprobleni wird zur Frage nach dieser Vernunft. Die Suche
verm uten, daß die für K a n t unm ittelbar überlieferte M etaphysik das ganze nach der Freiheit wird zur Suche nach der (verlorenen) Totalitätsvernunft.
A rrangem ent einer Verwechslung des principium rationis determ inantis m it Aber welche Vernunft — wenn dodi nicht Kontrollvernunft — ist Tota­
dem principium contradictionis nur deswegen veranstaltet h a t, um dieser Ein­
sicht zu entgehen. E rst, wo — wie bei K ant— dieses A rrangem ent durchschaut
litätsvernunft?“ Die Gottesvernunft der Tradition? Oder die Welt­
w ird , kann auch die U nfähigkeit dieser unm ittelbar überlieferten M etaphysik, vernunft der Gesdiidne? Bewahrungsvernunft? Fortschrittsvernunft?
deren R ealvernunft K ontrollvernunft ist, durchschaut werden, das Freiheitspro­ Welche Vernunft ist Totalitätsvernunft?
blem in seiner Fülle festzuhalten.
17 Sie versucht einen regressus a d initium : sie versucht die „Bedingungen“ des
„gegebenen Bedingten“ zu zählen und w a rtet ab, ob bei dieser M arathonzählung b) A u f der Suche nach der verlorenen Vernunft
zuerst das Zählen (Thesis) oder die B ehauptung eines Anfangs zusanunenbridit
(Antithesis). Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Metaphysik ist Surrogat,
18 D enn menschliche Lebensführung ist w eder durch Abhängigkeit noch durch wo in ihrem Namen Kontrollvernunft Totalitätsvernunft versucht.
U nabhängigkeit von rationeller D eterm ination u n d exakter Voraussage, sie ist
erst recht nicht durch (zu Ende kommendes oder nicht zu Ende kommendes)
ein diskutables Problem , aber gewiß nicht das Freiheitsproblem ; denn Freiheit
Zählen definierbar. D as menschliche Selbstverhältnis ist gerade in seinen erheb­
bezeugt den Menschen, der aber ist durch keine D eterm inationsprivation zu
lichsten Form en nicht m athem atisierbar und seine Lebenswelt verschieden von
einer E xperim entanordnung. Folglich kom m t der Mensch — um den es doch bestimmen.
11 R V B 560 ff.; diese Auflösung, die Freiheit in den Ding-an-sich-Zusamm en-
eigentlich bei der Freiheitsfrage gehen m üßte — in der dritten Antinom ie nicht
vor. hang verweist, basiert bemerkenswerterweise a u f der Unterscheidung zwischen
der „mathematischen“ „Synthesis des G leichardgen“ (RV B 558; P V V 113 u. ö.)
'• D as Problem der in ihrem V erhältnis zur göttlichen Vernunft fraglichen Frei­
und der „dynamischen“ des „Ungleichartigen“ (ebd.): das „Ungleichartige“ in
h e it ist z u r Frage nach B estand oder N ichtbestand von Bewegungsvorgängen
den „dynamischen“ Antinom ien verw eist a u f einen Phänom enzusam m enhang
geworden, die sich der rationellen Prognose entziehen. D ie theodizee-entsprun-
gene In ten sität aber haftet diesem reduzierten Problem w eiterhin an: bis heute diesseits der K ontrollvernunft. H eidegger h a t diese Kantische Unterscheidung
einleuchtend m it der traditionellen von essentia und existentia zusammen-
lebt der E ifer des D eterm inism us-Indeterm inism us-Streites von der Energie des
Problem s P o sitiv ität—Vernunft, dessen Entstellung er ist. gebradit (Vom Wesen des Grundes [ä1949] 29). So bedeutet die der K ontroll­
vernunft eigentümliche R eduktion des „U ngleichartigen“ a u f „Gleichartiges“ eine
“ R V B 529; in der kontrollvem ünftigen Freiheitsantinom ie kom m t Freiheit
g a r nicht vor. W enn z. B. E. W ind (Das E xperim ent und die M etaphysik £1934]) Ü berführung der E xistenz- in (mathematische) Essenzbestimmungen; die in­
m it ausdrücklichem Bezug a u f K ant nach A rt der Versuche P . Jordans m it kom m ensurable existentia fä llt aus der Reichweite der K ontrollvernunft heraus.
D enkm itteln m oderner Physik die d ritte Antinom ie durch den Versuch „ent­ D arum w ird diese a u f „Ungleichartiges“ bedachte existentia in der A ntinom ien­
scheiden“ w ill, Freiheit aus dem Unsicherheitsfaktor von Experim enten zu de­ auflösung zum Sachwalter der Freiheit: die W iederherstellung des Menschen
finieren, demgemäß einer A nordnung nicht n u r ein Resultat, sondern eine k ata- bzw. seines Freiheitsverständnisses aus d e r Befangenheit der K ontrollvernunft
logisierbare M annigfaltigkeit von Resultatmöglichkeiten und die berechenbare nim m t, w ie nachmals üblich, bereits bei K a n t den Weg über die Existenz.
bzw. berechenbar unberechenbare W ahrscheinlichkeit ihres Eintretens zuzuord­ 0 N icht m ehr eindeutig der götdichen Vorsehungsvernunft. P V V 109ff. w ieder­
nen ist, dann „löst“ W ind dam it vielleicht (das ist hier nicht nachzuprüfen) h o lt zw ar die Problem form el der N o v a dilucidatio; sic w irk t aber nicht weiter.

102
S ta tt eines Ergebnisses A u f der Suche nach der verlorenen Vernunft

Gut präsent wäre Freiheit durch Totalitätsvernunft. Will sie man etwas tun kann, wenn man’s tun will: sie erfindet „Regeln der
Metaphysik? K ant deutet es an. Will sie Bewahrung? K ant deutet Geschicklichkeit“, erläßt „hypothetische Imperative“ ; Kant nennt sie
es an. Will sie Fortschritt? Kant deutet es an. Offenbar will sie mancher­ „problematisch“ **: Kontrollvernunfl enededtt Möglichkeiten. Vernünftig
lei. Aber was auch immer sie will: sie muß menschlich sein; sie muß aber ist es nicht, diese Möglichkeiten, vernünftig ist es, sie vernünftig zu
den Menschen Mensch sein lassen. Just das tut Kontrollvernunfl: nicht. ergreifen. Aber was ist dieses Vernünftige, das den Menschen nicht nur
Denn Kontrollvernunfl: interessiert sich rechtens nur für eine — im Sinne sagt, was sie tun können, sondern ihnen den „Endzweck“ angibt? M*
teils des bloß Möglichen, teils des Methodengefügigen — abstrakte Kant gibt eine Minimalantwort. Was sollen Menschen tun? Das Ver­
„N atur“. Ihr entgeht das Menschliche: sie vergewaltigt oder ignoriert es. nünftige. Und das Sittengesetz bestimmt dieses Vernünftige als — das
Diese schlechte Erfahrung mit der Kontrollvernunfl nennt Kant „tran­ Vernünftige. Das Vernünftige bleibt unbestimmt. Damit entzieht Kant
szendental“ : sie sucht nach den „Bedingungen“ ihrer „Möglichkeit“, es den zwei akuten Bestimmungsmöglichkeiten der modernen Welt: er
d. h., erfährt Kontrollvernunfl als bedingte, also als nicht unbedingte bestimmt es nicht als Bewahrung und nicht als Fortschritt. So darf rechtes
menschliche Möglichkeit und bemerkt: wo Vernunft zur Kontrollvernunfl Tun nicht an Erfolg und Hoffnung gebunden sein. Diese Vorsichts­
wird, bleibt der Mensch ungedeutet. Darum bedarf es eines neuen Deu­ maßnahme Kants, die „praktische Philosophie“ auf „Ethik“ (Theorie
tungsversuchs; so sucht Kant fortan „Weltkenntnis“ nicht mehr als der „Moralität“*') reduziert, hat ihren respektablen Grund: Tn den bei­
Natur-, sondern als „Menschenkenntnis“ :zunächst als „Anthropologie“25; den großen Rechtshändeln der modernen Welt, der Gotteskritik, d. h.
entsprechend arbeitet er seit 1763, d. h. seit einsetzender Kritik an der Theodizee („Liegt die Vernunft bei Gott?“), und der Zeitkritik, d. h.
Kontrollvernunfl „anthropologisch“ *4. Seine Philosophie wendet sich Geschicbtsphilosaphie („Liegt die Vernunft bei der Menschheit?“), ist
vom Außermenschlichen und von der Deutung des Menschen durch Außer­ noch kein definitives Urteil ergangen; nur im Vorverfahren, dem „Rechts­
menschliches ab und w ird Philosophie menschlicher Lebensführung, d. h. handel“ der „transzendentalen Deduktion“, d. h. der RV, ist es zu einem
Philosophie der „Praxis“ **. verbindlichen Entscheid gekommen; die Hauptverfahren sind noch im
Aber wo in dieser „Praxis“ steckt die gesuchte Totalitätsvemunfl? Gange. Darum braucht K ant eine Interimsinstanz für einstweilige Ver­
Gewiß, sie ist reichlich bestückt mit Kontrollvernunfl. Sie ermittelt, wie fügungen, wenn anders er unentschieden und vorsichtig verfahren will-
Diese Vorsicht aber hat viel gemein m it Resignation.
23 In der „W elt . . . ist der Mensch“ der „wichtigste G egenstand. . . Ih n also Was bedeutet diese Resignation? Was geschieht? Ethos resigniert zur
. . . zu erkennen, verdient besonders W eltkenntnis genannt zu w erden“ (A nthro­ Pflicht, Verwirklichung zur Gesinnung, Hoffnung zur Achtung, Fülle zum
pologie V III 3; vgl. ebd. u. ff. den von H eidegger — Vom Wesen des Grundes Gesetz. Was bleibt übrig? Eine formalismusgeplagte Vernunft. VernunfF1
[31949] 31 f. — sogenannten „existenziellen“ W eltbegriff, der den „kosmologi-
hat den Inhalt: „Vernunft soll sein“ ; das Gesetz hat den Inhalt: „Das
schen“ ablöst); wichtigste und zusam m enfassendste Frage w ird : „W as ist der
Mensch?“ (Logik V III 343 f.); durch die W endung zur A nthropologie und P ra ­ Gesetz soll sein.“ Rigorismus kompensiert das nur Formale dieser Kon­
xis w ird Philosophie von der „Schul“-,,Wissenschaft“ zur „W elt“-„W eisheit". — zeption. Die mancherlei Ein wände gegen sie bleiben hier unbesprochen” .
A u f die zentrale Bedeutung der „A nthropologie" für K ants positives P roblem ' Notwendig ist es, auf die Unvermeidlidikeit dieser Position für eine
h a t w eitaus am eindringlichsten G. K rüger hingewiesen: Philosophie und M oral
in der Kantischen K ritik (1931) insbesondere §§ 4 und 8— 12. 26 Vgl. G rundlegung z u r M etaphysik der Sitten IV 272. Wie in K ants R V
*• Es ist einer d e r wichtigsten biographischen Tatbestände, daß K a n t ab 1763 geht es auch in K ants praktisdier Philosophie darum , zu zeigen, daß mensch­
nicht m ehr „metaphysisch“ und „naturwissenschaftlich“ publiziert; neben „kri­ liche W irklichkeit nicht a n zu v iel Vernunft, sondern an zuw enig Vernunft leide;
tischen“ erscheinen fa st ausschließlich „anthropologische“ A rbeiten; vgl. D eut­ das ist auch die T endenz seiner hier nicht besprochenen E udäm onism uskritik:
lichkeit der G rundsätze der natürlichen Theologie und der M oral (1763) beson­ er tad e lt die Glückseligkeitstheorien als Inkognitoform en der V ernunftzerstö­
ders 4 § 2 (I I 199ff.): K ant sym pathisiert m it der G efühlsethik Hutchesons; rung; Glückseligkeitsstreben ist nicht schon deshalb, weil es „assertorisch“, d. h.
Begriff der negativen Größen (1763) besonders 2, 2—3 (II 2 1 8 ff.); Beobach­ allenthalben wirklich ist, auch vernünftig; die U nbestim m theit des Glückselig­
tungen über das G efühl des Schönen und Erhabenen (1764) (II 243 ff.); Ver­ keitsbegriffs m acht ihn z u r universalen Gelegenheit, Sonderinteressen als all-
such über die K rankheiten des Kopfes (1764) (II 301 ff.): eine A rt grober Psy­ gemeinmenschlidi zu tarnen:, darum ist auch „Glückseligkeit nicht ein Id eal der
chopathologie; vgl. dazu: Träum e eines Geistersehers (1766); Rezension von Vernunft, sondern der Einbildungskraft“ (IV 276). K ants Eudäm onism uskritik
M oscatis Schrift: V on dem körperlichen wesentlichen Unterschiede zwischen d e r ist eine Vorschule d e r Ideologiekritik.
S tru k tu r der Tiere und Menschen (1771) ( I I 437ff.); Von den verschiedenen *•* Z um Problem „means and e n d s “ vgl.M .H o rk h eim er,E clip se o f Reason (1947).
Rassen des Menschen (1775) (I I 443ff.): d o rt findet sich (II 460) auch eine A n­ *> Vgl. H egel, G rundlinien der Philosophie des Rechts, ed. H offm eister (41955)
kündigung der — allerdings erst 1798 veröffentlichten — A nthropologievor­ 101 ff.
lesung (V III 1 ff.); u. a. Vgl. Grundlegung IV 278 f.
** Diese W ende ist also kein gleichgültiger Themawedisel z u r Bearbeitung einer 28 D er „Form alism us“ ist nicht erst von M . Scheler (D er Form alism us in. der
neuen philosophischen D isziplin („A nthropologie“, „E thik“ ), sondern Konse­ E thik und die m ateriale W ertethik [1913 ff.]), sondern bereits von H egel ge­
quenz der N otw endigkeit einer Suche nach der verlorenen Vernunft. rü g t w orden; vgl. G rundlinien der Philosophie des Rechts § 135, ed. H offm eister

104 • 105
S ta tt eines Ergebnisses A u f der Suche nach der verlorenen Vernunft

Philosopie zwischen Fortschritt und Bewahrung hinzuweisen. Indiz sind Und trotzdem hofft er; er will nicht nur die Forderung, sondern auch
gegenwärtige Parallelen: vor allem eine gewisse prekäre Existenz gegen­ die Verwirklichung der Vernunft, Von wem darf man sie erhoffen? Von
wärtiger Metaphysik, die, voller Idiosynkrasie zum Formalismus, den profaner Zukunft? Oder vom herkömmlichen Gott? Als Menschheits­
Formalismus wiederholt; sie überwintert formal: Metaphysik hat den gesellschaft? 41 Oder als theologisches „Reich der Zwecke“?“ Jenes legen
Inhalt: „Metaphysik soll sein“ ; auch sie akkommodiert sich dem Lebens­ die Geschiditssdiriften3J, dieses die GrundlegungsschriftenM der prak­
stil einer Vernunft, die nur mehr als Forderung der Vernunft existiert. tischen Philosophie Kants nahe. Und was die Kant-Interpretationen be­
Diesen Formalismus könnte man als Notdienst der Vernunft interpretie­ trifft: G. Lukacs30 interpretiert im ersten, G. Krüger3“ im zweiten Sinn.
ren. Er ist gerügt und bestritten worden. Aber er ist nicht nur kantisch, Es wäre unangebracht, einer dieser Interpretationen mehr Gewaltsamkeit
er ist auch ehrlich; und Redlichkeit ist seine wesentliche Tugend**. Sie vorwerfen zu wollen als der anderen. K ant kann als Fortschrittsphilo­
residiert im Gewissen. Das Gewissen ist das Reservat der Kritik: einer soph, er kann als Bewahrungsphilosoph interpretiert werden. Offenbar
Kritik, die nicht — als Theodizee — Gott und nicht — als Geschickts- blieb er unentschieden. Für Lukacs liegt das Heil in der klassenlosen
philosophie — die eigene Zeit zu kritisieren wagt; die nur jeweils den Gesellschaft, für Krüger im Reich Gottes. Für K ant liegt es unentschieden
einzelnen und nicht den Weltlauf richtet50 und vom einzeln«! verlangt, hei beiden oder bei keinem von beiden. Darum werden beide Inter­
daß er nicht primär „hoffen“, sondern „tun.“ solle. pretationen mit Kant nicht glücklich. Am Ende dementieren sie nicht nur
die je andere, sondern jeweils auch, die eigene Interpretation. Beide Deu­
(*1955) 120: „So wesentlich es ist, die reine unbedingte Selbstbestimmung des tungen verklagen Kant als Renegaten: Kant habe sich nicht auf der Höhe
W illens als die W urzel der Pflicht herauszuheben, wie denn die E rkenntnis des
W illens erst durch die Kantische Philosophie ihren festen G rund und Ausgangs­ Kants gehalten; Kant habe K ant verraten; Kant müsse durch Kant kriti­
pun k t . . . genommen h a t, so sehr setzt die Festhalcung des bloß moralischen siert werden. Zu beiden Interpretationen gehört spätere Enttäuschung
Standpunkts, der nicht in den Begriff der Sittlichkeit übergeht, diesen Gewinn dieses Versuchs: Krüger grollt, demissioniert als Kant-Interpret und zieht
zu einem leeren Formalismus und d ie moralische Wissenschaft zu einer R ednerei sich auf Platon zurück; Lukacs denunziert Kant-Interesse als Hegel­
yon der Pflicht um der Pflicht w illen herunter. Von diesem S tandpunkt aus ist
keine im m anente Pflichtenlehre möglich; m an kann von außen her w ohl einen flucht, als Verrat des Progressiven, als Asyl der Resignierten.
Stoff hereinnehm en und dadurch a u f besondere Pflichten kommen, aber aus Beide haben recht. Denn was K ant vom Fortschritt oder von Gott erhofft,
jener Bestimmung der Pflicht als dem M angel des Widerspruchs, der form ellen ist zugleich das, was er weder vom Fortschritt noch von Gott erwartet.
Ü bereinstim mung m it sich, welche nichts anderes ist als die Festsetzung der ab­ ■Sein „Formalismus“ ist die Position minimaler Schmerzlichkeit und maxi­
strakten U nbestim m theit, kann nicht zur Bestimmung von besonderen Pflich­
ten übergegangen w erden, noch w enn ein solcher besonderer In h a lt fü r das maler Erträglichkeit dieses Weder-Noch: in Zeiten ihrer Bedrohung
H an d eln zur Betrachtung kom mt, liegt ein K riterium in jenem Prinzip, ob er macht Vernunft sidi „dünn“. Und sie ist bedroht: Hoffnung auf Vernunft
eine Pflicht sei oder nicht.“ Vgl. insgesamt §§ 133— 138 (a. a. O. 119fF.). Zu wird zuversichtslos. Der Vernunftstaat ist als nur Zukünftiges oder nur
den Form alism uscharakteren gehört u. a. die Elim inierung d e r Liebe als Be­ Ewiges abwesend: weder suffiziente Moral noch suffizientes Recht ist
stim m ung der Vernunft zugunsten „humaner* Vernunft; dazu vgl. O . M ost,
Z ur Idee der Liebe, in: Vierteljahrsschrift f ü r wissenschaftliche Pädagogik 27 präsent; aus gutem Willen geschieht Schlechtes; ob einer gut will, weiß
(1951) t — 12 und 88— 103; über K a n t bes. 2 ff. weder er noch ein anderer*7. Und der geschichtliche Progreß ist unzuver­
29 W enn nicht — toleranzgeneigt — T a k t (der R espekt vor der Freiheit des lässig: Bisher brachte er das Vernünftige nicht herbei, sondern eher bei­
anderen, er selbst oder nicht er selbst zu sein), dann ist jedenfalls R edlichkeit seite; er erreicht sein Ziel nie: „Unendlicher Progreß“ ist der Euphemis-
die eigentliche T ugend dort, w o m an nicht weiß, w as die eigentliche Tugend ist;
K a n t lobt sie unterm N am en Wahrhaftigkeit. F ür K a n t w ird sie zum „G rund­
satz“ seiner K ritik, vgl. Verkündigung des nahen Abschlusses eines T rak tats kom m t, wenn Adam (Mensch) A ngeklagter und R ichter zugleich ist. Es d a rf
zum ewigen Frieden in der Philosophie (1796J V I 512 f.: „Es kann sein, daß fraglich bleiben, ob, wenn das D in g bedacht w ird (H eidegger, V orträge und
nicht alles w a h r ist, was ein Mensch, d a fü r h ä lt (denn er kann irren); aber in A ufsätze [1954] 163 ff.), der K rug wirklich heil bleibt.
allem, was er sagt, m uß e r w ahrhaft sein (e r soll nicht täuschen) . . . D ie Ü ber­ 31 V gl. Ideen zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784)
tretung dieser Pflicht der W ahrhaftigkeit heißt die L ü g e . . . D ie Lüge __ ist IV 156 f.
d e r eigentliche faule_ Fledc in der menschlichen N a t u r . . . D as G ebot: du sollst “ Vgl. Grundlegung IV 292 ff.; R V B 840: Reich der G naden.
(und w enn es auch in der fröm m sten Absicht w äre) nicht lügen, zum G rund­ M Ideen zu einer allgemeinen Geschichte . . . (1784) (IV 149 ff.); B eantw ortung
satz in die Philosophie als eine W eisheitslehre innigst aufgenommen, w ürde der Frage: Was ist A ufklärung? (1784) (IV 167ff.); Rezensionen von H erders
allein den ewigen Frieden in ih r nicht n u r bew irken, sondern auch in alle Zu­ Ideen z u r Philosophie der Geschichte der M enschheit (1785) (IV 177ff.); M ut­
kunft sichern können.“ V or allem G. K rüger h a t die „W ahrhaftigkeit als T ugend“ m aßlicher Anfang der Menschengeschichte (1786) (IV 325ff.); D as E nde aller
der K ritik und in diesem Sinne „K ritik als moralische Aufgabe der Philosophie“ Dinge (1794) (VI 408 ff.); Zum ewigen Frieden (1795) (V I 425 ff.),
bei K a n t interpretiert; vgl. Philosophie und M oral in der K antisdien K ritik M Bes. Grundlegung z u r M etaphysik der S itten (1785) u n d K ritik der p ra k ­
(1931) bes. 129— 142. tischen Vernunft (1788).
M Diese gewissenhafte Selbstkritik p arodiert H . v. K leist im „Zerbrochenen ss Vgl. oben S. 43. *• Vgl. oben S. 49 f.
K rug“ ; K leist, der K an t problem atisierte, dem onstriert szenisch, was heraus- 37 Vgl. etw a R V B 579 Anm.

106 107
S ta tt eines Ergebnisses Auf der Suche nach der verlorenen Vernunft
raus für Aussichtslosigkeit. Aber auch Gottes Vorsehung scheint keine wird, wenn seine „ hochgespannten Erwartungen in nichts“ 4* sich auf lösen
Hilfe: sie ist nicht garantiert, sondern nur „postuliert“ 88; der Hinweis werden. Zusammengefaßt scheint diese Skepsis in der These, daß das
auf sie -wird so zur theologischen Paraphrase des Zweifelhaften, es werde „Schöne“ „Sittlichkeit“ (Vernunftwirklichkeit) nur „symbolisiere“ 47. Ver­
schon alles werden; drum könnte man aufs Vernünftige lange, vielleicht nunft wird „symbolisiert“ statt realisiert. „Symbol“ ist das, was der Ver­
gar unendlich lange warten müssen: Die Ausdauer, so lange zu warten, nunft statt ihrer Verwirklichung geboten wird, das, was der Hoffnung
die Unsterblichkeit ” , wird hinzupostuliert. bleibt, wenn sie sich — einstweilen — aufgegeben h a t48. Es ist exilierte
Fortschritts- und Bewahrungsversuche retten nicht, so werden sie zum Hoffnung: wo Hoffnung ahnt, daß sie auf der Strecke bleibt, schmückt
Indiz der Misere. „Was darf ich hoffen?“ 4®— einstweilen nichts. Wie sie diese Strecke. Das ins Provisorium zurückgeworfene Dasein deckt
steht es mit der Vernunft? — einstweilen schlecht. Wie mit dem Ver­ durchs Kunstwerk seinen Freiheits- und Vollendungsbedarf: Kunst im
nunftstaat? Einstweilen miserabel. Hoffnung auf Vernunft w ird zuyer- Symbolisierungsdienst ist prophylaktische Selbstentschädigung vergeblich­
sichtslos; dieser Hoffnungszerfall ist die Prämisse für Kants — und nicht keitsgewärtiger Hoffnung, ein Symptom im Prozeß einer Erkrankung der
nur für Kants — weitere Überlegungen. Zuversicht. So sieht Vernunft, die ihr Schicksal dem Ästhetischen anver­
D er Vernunft fehlt die Kraft der Verwirklichung: K ant rechnet mit traute, dieses ins Schlimme gewendet. Der Täter ihrer Hoffnung ist zum
der Ohnmacht der Vernunft. Wer das heute tu t41, setzt auf Sublimie­ Verräter ihrer Hoffnung geworden. Sie setzte auf ihren Totengräber49.
rung4*: Vernunft spannt fremde Triebe vor ihren eigenen, nichtautomobi­
len Wagen. Sublimierung ist der psychoanalytische Nachfahre der List
der Vernunft. Ohnmächtige Vernunft ist auf List angewiesen. Diese Kon­ c) Statt eines Ergebnisses
sequenz zieht (und nicht als erster) bereits Kant, ohne sie, wie später Ist Metaphysik Verwirklichung oder Surrogat? Sie ist Surrogat, wo in
Hegel, eigens zu reflektieren. Die einstmals — scheinbar — mächtige ihrem Namen Kontrollvernunft T otalität schlecht präsentiert.
Vernunft w ird notgedrungen listig: Sie muß versuchen, durch ihr Gegen­ Freilich, wo Metaphysik das nicht ist — bleibt sie dort Metaphysik?
teil zur Verwirklichung zu kommen; sie muß Zusehen, ob Nichtvernunft Und was immer sie sein mag: kommt es zur Verwirklichung, oder bleibt
so vernünftig ist, Vernunft zu ihrer Wirklichkeit zu verhelfen. Dieses
Zusehen nennt K ant „reflektierende Urteilskraft“ 4* und unterwirft sie 48 Vgl. U K 409 u. ff.; vgl. V 411: „V oltaire sagte, der H im m el habe uns zum
der K ritik. Sie entdeckt zunächst traditionell das Nichtvernünftige, auf Gegengewicht gegen die vielen M ühseligkeiten des Lebens zwei D inge gegeben:
das Vernunft ihre Hoffnung setzt, als Sinnliches: wo die Kontrollvernunft die H offnung und den Schlaf. E r h ätte noch das Lachen dazu rechnen kön­
nen . . Lachen ist M inim aldistanz auch d o rt, w o die ästhetische E xistenz keine
partiell und die Totalitätsvernunft ohnmächtig ist, regiert ocia^crt?, H offnungen m ehr a u f sich se tzt (K ierkegaard) u n d z u r Schläfrigkeit als Lebens­
und „Ästhetik“ w ird Philosophie vom Dienst. Wie aber ist von dieser form (Gontsdharow, O blom ow ; vgl. W . Rehm , E xperim entum M edictatis [1947]
Sinnlichkeit Vernunft zu erwarten? N ur wenn sie — als Phantasie,. als 96 ff.) sidi nicht bereit findet.
Spiel, als Schönes — sinnlichkeitsfreie Sinnlichkeit ist44. Sie ist frei vom 47 U K : der berühm te § 59: V 428 ff.
48 D ie folgende Inflation der T heorien vom Sym bol dem entiert n id « , sondern
Zwang der Bedürfnisse. Aber sie ist frei zu nichts Bestimmtem. Indem sie dokum entiert diese — w enn es e rla u b t ist, so zu sagen — T rostpreisfunktion
diesem Bestimmten entsagt, entsagt sie auch dem, woran Vernunft liegt d e r Symbolisierung.
und was sie von ih r erwartet. D ie Hoffnung der Vernunft auf Verwirk­ ** D arum h a t hier K ritik erneut die F äh rte aufzunehm en. Vielleicht w ar K ants
lichung sieht sich enttäuscht und beschädigt. Darum gehört zur Ästhetik K ritik der reflektierenden U rteilskraft, sein A rgw ohn in die F ähigkeit zum
Versuch, sich durch Ä sthetik w ohlzufühlen, zu arglos. Freilich h ä tte K ritik nicht
des Schönen die des Erhabenen “ als Ästhetik des Scheiterns der Ästhetik z u m äkeln, die A nw älte des ästhetischen Lebens und sogar K a n t h ätten „schlecht
und Kants vornehme und unhämische Skepsis. Er bezieht Ästhetik auf gedadbt“ ; sie h ä tte keine E m pörung eines subtilen Ressortbew ußtseins zu sein,
den Geschmack und auf nur subjektive Beurteilungsprinzipien. U nd schon die etw a „Ä sthetik" und „ E th ik “ als In v a ria n te n setzt und grim m ig entschlos­
hält er das Lachen bereit, dem späterhin das ästhetische Leben verfallen sen ist, ihren ewigen Unterschied zu verteidigen. D avon m üßte sich K ritik nicht
dadurch unterscheiden, daß sie einen sanften Beckmesser m adit, der großzügig
n u r bei jedem zw eiten Fehler schlägt. Es geht ü berhaupt nicht um F ehler: sei
“ P W 134 ff. *• P V V 132ff. « R V B 833 u n d im m er w ieder. cs in Form eines Verstoßes gegen K om petenzentrennung, sei es in Form eines
41 Vgl. M . Scheler, D ie Stellung des Menschen im Kosmos (ä1947) SO ff, bes. V erstoßes gegen das K ontrad ik tio n sp rin zip . V ielm ehr m üßte sie prüfen, ob das
52—65.
ästhetische Leben es m it sich au sh ält und von welchem P u n k t a n es es n u r d a ­
4S Im Anschluß a n Thesen Freuds. durch m it sich aushält, daß es sich — bew ußt o der unb ew u ß t — von sidi
48 N icht die „bestim m ende U rteilsk raft“, sondern die „reflektierende“ (U K tre n n t: cs geht um seine O berführung durch m aßlosen A u fw an d an D oppel­
V 248) kom m t hier zum E insatz, w eil V ernunft sich bzw . ihre V erw irklichung leben. D abei w ürde deutlich, d a ß Ä sthetik der V ernunft die W irklichkeit, die
nicht ha t, sondern sucht.
sic ihr versprach, nicht gibt. D ie H offnungen der V ernunft w erden ästhetisch
41 D ie G rundbegriffe der U K sind in diesem Sinn fast durchweg parad o x . nicht erfüllt, sondern n u r a u f schöne Weise beerdigt. W irklichkeitsm angel treibt
45 U K V 315 ff.
über sie hinaus. D abei erscheinen zw ei M öglichkeiten: 1. der Weg Schillers: das

108
S ta tt eines Ergebnisses

es beim Surrogat? Wenigstens — das zeigten die vorangegangenen Über­ »Symposion«


legungen — ist sie bei K ant der zwischen Fortschritt und Bewahrung
unentschiedene Versuch einer Lösung. Ein notwendiger Versuch? Zweifel­
los. Ein gelungener Versuch? Schwerlich. Angesichts der mancherlei und 20: Spiett,Jörg: Die Trinitatslehre G. W, F. He­
1: Thtunisstn, Michael: Der Begriff Emst bei
schon am Anfang unglücklichen. Aktionen der Vernunft auf der Sudie gels
Soren Kierkegaard
nach der verlorenen Vernunft* über deren weitere Schicksale hier nicht 21: Walter, Jürgen: Sprache und Spiel in Chri­
2: Tugendhat, Emst: Ti katà linos. Eine Unter­
zu berichten ist, mag sich die Frage erheben, ob sie Kants Plan einer suchung zu Struktur und Ursprung aristoteli­ stian Morgensterns Galgenliedem
»Gründung der Metaphysik“ 51 nicht arg kompromittiert, ob nicht mit scher Grundbegriffe 22: Haskamp, Reinhold J>: Spekulativer und
Recht die Späteren — selbst Hegel“ — wenigstens dem Namen Meta­ 3: Gründer, Karlfried: Figur und Geschichte. phänomenologischer Personalismus. Einflüsse
physik sich wenig geneigt gezeigt haben. Die Selmsucht nach Metaphysik Johann Georg Hamanns »Biblische Betrach­ Fichte« und Euckens auf Schelers Philosophie
mag andauem: erfüllt würde sie allenfalls dort, wo sie eine Wirklichkeit tungen" als Ansatz einer Geschichtsphiloso- der Person
der Fülle anträfe. Wo sie das nicht tut, hat die nach sich selbst suchende phie 23: Rivera, Jorge: Konnaturales Erkennen und
Vernunft vielleicht unvermeidlich in Surrogaten zu leben. Und womög­ 4: Marquard, Odo: Skeptische Methode im vorstellendes Denken. Eine phänomenologi­
Blick auf Kant sche Deutung der ErkenntnisUhre des Thomas
lich ist der faktische Eirvwand gegen die Metaphysik nicht sowohl der, von Aquin
daß sie (statt Verwirklichung) nur Surrogat, als vielmehr der, daß sie 5: Körner, Franz: Das Sein und der Mensch,
Die existentielle Seinsentdeckung des jungen 24: von Savigny, Eike: Die Überprüfbarkeit
ein schlechtes sei. der Strafrechtssdtze
Augustin
6: Otto, Maria: Reue und Freiheit. Versuch 25: Wild, Christoph: Reflexion und Erfahrung.
Ästhetische durch reale W irksam keit zu rechtfertigen, es in die Erziehungs rolle
über ihre Beziehung bei Sartre Eine Interpretation der Früh- und Spätphilo­
zu drängen: er proklam iert die „ästhetische Erziehung des Menschen“, erw artet
sophie Schellings
im Effekt aber keine ästhetisch erzogene Menschheit, sondern nur einzelne „Z ir­ 7: Hohl, Hubert: Lebenswelt und Geschichte.
kel“ ; M ißerfolg entschädigt sich durch E xklusivität; freilich w eiß er um seine Grundzüge der Spatphilosophie E. HusserJs 26: Meinhardt, Helmut: Teilhabe bei Platon.
R olle als Zwangshochstapler: Dem etrius, kein König, der K önig sein m uß, w ird Ein Beitrag zum Verständnis platonischen
zum dramatischen Bild dieses problematischen Unternehm ens; 2. der Weg der 8; Casteilote Cubells, Salvador: Die Anthropo­ Prinzipiendenkens unter besonderer Berück­
Lebensphilosophie, dem K a n t präludierte, als er teleologischer U rteilskraft sein logie des Suarez sichtigung des «Sophistes*
Interesse schenkte: wo K unst nichts ausrichtet, scheint organische N a tu r w irk­ 9: Heftrich, Eckhard: Die Philosophie und 27; Scannone%Juan Carlos: Sein und Inkarna­
licher und erfolgreicher; Leben ist die w eder progressive noch traditionelle, noch Rilke tion. Zum ontologischen Hintergrund der
unwirkliche — freilich nidhtvernünftige — Präsenz der V ernunft; aber sie ist Frühschriften Maurice Blondels
tro tz der W eiterentwicklungen über die R om antik hinaus und durch Nietzsche 10: Hünermann, Peter: Trinitarische A nthropo-
ein E xperim ent, Versuch einer R om antik sta tt der Rom antik, und schließlich logie bei Franz Anton Staudenmaier 28: Wiegels, Margot: Die Logik der Spontanei­
enttäuschend; w orüber hier nicht eigens zu reden ist. (Vgl. auch oben § 3, b 12: Demske, James M.: Sein, Mensch und Tod. tät. Zum Gedanken der Schöpfung bei Bona-
und den ausgelassenen § 4, b.) Das Todesproblem bei Heidegger Ventura
58 Bes. § 9, b. Dieser Abschnitt w ollte diesen Tatbestand nicht in extenso inter­ 29: de Guerenu, Emesto: Da% Gottesbild des
13: Hemmerle, Klaus: Franz von Baaders phi­
pretieren, sondern im Sinne eines „Ausblicks“ andeuten. jungen Hegel
losophischer Gedanke der Schöpfung
•* Fortschritte der M etaphysik V III, 251.
58 H egel, E nzyklopädie (1817) in: W erke (Glöckner) V I § 18. 14: Guzioni, Ute: Werden zu sich. Untersu­ 30; Dümpelmann, Leo: Kreation als ontisch-on-
chung zu Hegels „Wissenschaft der Logik" tologisches Verhältnis. Zur Metaphysik der
Schöpfungstheologie des Thomas von Aquin
15: Haider, Alois: Kunst und Kult. Zur Ästhe­
tik und Philosophie der Kunst in der Wende 31: Jacobi, Klaus: Die Methode der Cusani-
vom 19. zum 20. Jahrhundert schen Philosophie
16: Sctacca, Michele Federico: Akt und Sein. 32: Indarte, Fernando: Forma formarum.
Aus dem Italienischen Strukturmomente der Thomistischen Seinsleh­
17: Schneider, Peter K.: Die wissenschaftsbe­ re im Rückgriff auf Aristoteles
gründende Funktion der Transzendentalphi-
losophie 33: Siep, Ludwig: Hegels Fichtekritik und die
Wissenschaftslehre von 1804
1S: Pugliese, Orlando: Vermittlung und Kehre.
Grundzüge des Geschichtsdenkens bei Martin 34: Rebstockr Hans-Otto: Hegels Auffassung
Heidegger des Mythos in seinen Frühschriften

19: Tsouyopoulos>Nelly: Strafe im frühgriechi­ 35: Eichhorn, Peter: Idee und Erfahrung im
schen Denken Spätwerk Goethes
36: Schweizer, Herbert; Zur Logik der Praxis. 50: Verweyen, Hansjürgen: Recht und Sittlich­
Die geschichtlichen Implikationen und die her­ keit in / . (?. Fiéhtes Gcsellscbaftslehre
meneutische Reichweite der praktischen Phi­
51 : Jet gius, Holger; Philosophische Sprache und
losophie des Aristoteles
analytische Sprachkritik. Bemerkungen zu
37: Poltner, Günther: Zu einer Phänomenolo­ Fichte« Wissenschaftslehren
gie des Prägens
52: Wtidemann, Hermann: Metaphysik und
38: Bracken, Joseph A.: Freiheit und Kausalität Sprache. Eine sprachphilosophische Untersu­
hei Scheüing chung zu Thomas von Aquin und Aristoteles
39: Kauz, Frank: Substanz und Welt hei Spino­ 53: Vehlein, Friedrich A.: Kosmos und Subjek­
za und Leihnitz tivität. Lord Shaftesburys Philosophical Re­
gimen
40i. Reiter, Josef: System und Praxis. Zur kriti­
schen Analyse der Denkformen neuzeitlicher 54: Samson, Lothar: Naturteleologie und Frei­
Metaphysik bei Malebranche heit bei Arnold Gehlen
41: Weisshaupt, Kurt: Die Zeitlichkeit der 55; Balmer, Hans Peter: Freiheit statt Teleolo­
Wahrheit. Eine Untersuchung zum Wahrheits­ gie. Ein Grundgedanke von Nietzsche
begriff Sören Kierkegaards
56: Gortz, Heinz-Jürgen: Franz von Baaders
42: Scheier, Claus-Artur: Die Selbitentfaltung *Anthropologischer Standpunkt*
der methodischen Reflexion als Prinzip der
57: Wimmer» Franz Martin: Verstehen, Be­
Neueren Philosophie. Von Descan.es zu Hegel
schreiben, Erklären, Zur Problematik ge­
43: Homann, Karl; F. H. Jacvbis Philosophie schichtlicher Ereignisse
der Freiheit
5$: Piepmeier, Rainer: Aporien des Lehensbe­
44'. Schachten, Winfried: Intellectus Verhi. Die griffs seit Oetinger
Erkenntnis im Mitvollzug des Wortes nach Bo-
59: Wenzier, Ludwig: Die Freiheit und das Bö­
naventura
se nach Vladimir Solov*ev
45: Ganter, Martin: Mittel und Ziel in der 60: Ebeling, Hans: Selbsterhaltung und Seihst-
praktischen Philosophie des Aristoteles hewußtsein. Zur Analytik von Freiheit und
Tod
46: Hager, Achim: Subjektivität und Sein. Das
Hegelsche System als ein geschichtliches Sta­ 61 : Fromm, Susanne: Wittgensteins Erkenntnis-
dium der Durchsicht auf Sein spitle contra Kants Erkenntnislehre
47: Gethmann-Siefert, Annemarie: Das Ver­ 62: Ulke, Karl-Dieter: Agnostisches Denken im
hältnis von Philosophie und Theologie im Den- Viktorianischen England
ken Martin Heideggers 63: Wilson, Thomas J.: Sem als Text. Vom
48: M araldojohn C.: Der hermenentische Zir­ Textmodel} als Martin Heideggers Dcnkmo-
kel. Untersuchungen zu Schleienmacher, DU- dell. Eine funktionalisnsche Interpretation
they und Heidegger 64: Magin, MichaelN.: Ethos und Logos in der
Medizin
49: Schmidt'Biggemann, Wilhelm: Maschine
und Teufel. Jean Pauls Jugendsatiren nach ihrer 65: Fetz, Reto L.: Whitehead: Prozeßdenken
Modeligeschichte und Substanzmetaphysik

Verlag Karl Alber Freiburg/München