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Heinrich Popitz

Über die Präventivwirkung des Nichtwissens

Dunkelziffer, Norm und Strafe (Tübingen 1968)

Inhalt:

1. Über Heinrich Popitz

2. Soziologische Standpunkte zur Frage nach dem sozialen Sinn von Strafe

2.1 Emile Durkheim „Kollektivgefühle“

2.2 George Herbert Mead „Solidarität der Gruppe“

2.3 Theodor Geiger „freiwillige Normkonformität“

3. Die „gläserne“ Gesellschaft

3.1 Die erste „unmögliche“ Unterstellung (Dunkelziffer)

3.2 Die zweite „unmögliche“ Unterstellung (Norm)

3.3 Die dritte „unmögliche“ Unterstellung (Strafe)

4. Fazit

5. Fragen

1. Über Heinrich Popitz

Nach fünfjährigem Studium in Heidelberg, Göttingen und Oxford beendete er sein Studium mit der
Dissertation „Der entfremdete Mensch - Zeitkritik und Geschichtsphilosophie des jungen Marx“ bei
Karl Jasper (Die Atombombe und die Zukunft der Menschheit) in Basel. Heinrich Popitz begann
seine Laufbahn 1957 als Privatdozent in Freiburg bis zu seiner Berufung 1959 auf einen Lehrstuhl
für Soziologie an der Universität Basel. 1964 übernahm er den neugeschaffenen Lehrstuhl für
Soziologie an der Rechts- und Staatswissenschaflichen Fakultät der Albert - Ludwig - Universität
Freiburg.

Er war einer der ersten Vertreter seines Faches, der ein breites Spektrum an soziologischen
Themen anbot. Interessant ist der Stil von Popitz hinsichtlich seiner Hochschultätigkeit. Durch eine
breite Streuung der soziologischen Themen in den Sommersemestern, benutzte Popitz die
Wintersemester für eine intensive Bearbeitung einzelner Themen. Schwerpunkte wie „Macht“,
„Recht“, „Technik“ und „Sozialisation“ wurden von ihm im Abstand von zwei Jahren voll-ständig
überarbeitet, ergänzt und präzisiert bis sie publikationsreif waren. Sobald sie dies seines
Erachtens waren verschwanden sie aus den Diskussionen im Wintersemester.
Beispiele aus jener Zeit sind seine Publikationen: „Technische und soziale Leistung im Indu-
striebetrieb“ (1957), “Die Ungleichheit der Chancen im Zugang zur Höheren Schulbildung (1964)“,
„Der Begriff der sozialen Rolle als Element der soziologischen Theorie“ (1967); Prozesse der
Machtbildung“ (1968); „Über die Präventivwirkung des Nichtwissens“ (1968).

Eigenartig ist dabei die Verstummung von Popitz nach der Veröffentlichung. So kam Popitz nach
der Veröffentlichung von „Über die Präventivwirkung des Nichtwissens“ nie mehr darauf zu
sprechen. Kommentar einer seiner Schüler: „Das konnte man nachlesen, darüber brauchte er
nicht zu reden“-. Dies ging sogar soweit, das er diese Themen zur Enttäuschung seiner Stu-
denten nicht einmal prüfen wollte.

Popitz war ein Vertreter des langsamen Reifens, ein Wissenschaftler der lange reflektierte und
revidierte und sich konsequent aus modischen Trends heraus hielt. Durch seine breite soziolo-
gische Streuung und durch seinen Bezug auf soziologische Klassiker und vor allem durch seine
Einbeziehung nichtsoziologischer Klassiker wie Thukydides, Sophokles, Thackerey, Fontane und
insbesondere Goethe gelang es Popitz immer wieder wegweisendes und dadurch modernes
Schreiben zukönnen.

„Vielleicht führte neben dem Vorbild seiner Philosophielehrer die Orientierung an Histori-kern und
Dichtern dazu, daß er seine theoretischen Abstraktionen an jeder Stelle durch Bei-spiele mit
konkreten sozialen Inhalten verbindet. „Können Sie ein Beispiel geben?“ ist seine das abstrakte
[1]
Denken heilsam disziplinierende Frage in jeder Diskussion“

Im akademischen Jahr 1970/71 übernahm er den Theodor - Heus - Lehrstuhl an der New School
for Social Research in New York. Wo er zum Brückenschlag zwischen deutscher und
amerikanischer Theoriebildung beitrug.

Bis in die achtziger Jahre beschäftigt sich Popitz mit der engen Beziehung zwischen Soziologie
und Politikwissenschaft und befaßt sich mit den Phänomenen der Herrschaft, der Autorität, der
Gewalt, der Macht und dem Recht. Hauptwerke dieser Zeit sind: „Die normative Konstruktion von
Gesellschaft“ (1980) und „Phänomene der Macht“ (1983).

Seine Publikation „Über die Präventivwirkung des Nichtwissens Dunkelziffer, Norm und Strafe“
erschien zum erstenmal im Rahmen einer Ringvorlesung der Rechts - und Staatswis-
senschaftlichen Fakultät der Albert - Ludwig - Universität Freiburg (1967 Karlsruhe) in: Zur Einheit
der Rechts - und Staatswissenschaften und erst ein Jahr später in der uns vorliegenden Form.

2. Soziologische Standpunkte zur Frage nach dem Sinn der Strafe

Heinrich Popitz geht zunächst in seiner Abhandlung der Frage nach dem sozialen Sinn der
Strafe nach. Er führt dazu drei soziologische Standpunkte heran, worauf die schützende, erhal-
tende und bindende Kraft der negativen Sanktion auf abweichendes Verhalten im soziologi-schen
Sinne verdeutlicht werden soll. Ganz in seiner Tradition bedient sich Popitz bei den „Klassikern“
des auslaufenden 19. Jh. u. beginnenden 20. Jh.. Auf diese „Klassiker“ möchte ich kurz im
einzelnen eingehen.

2.1 Emile Durkheim „Kollektivgefühle“

Nach Durkheim ist das Verbrechen eine Erscheinung in der Soziologie, die unwiderleglich alle
Symptome der Normalität aufweist und ist mit den Gesamtbedingungen eines jeden
Kollektivlebens eng verknüpft. Eine Gesellschaft die frei von Verbrechen ist, wäre absolut
unvorstellbar und unmöglich. Weiterhin besteht das Verbrechen in einer Handlung, die spezifische
Kollektivgefühle verletzt. Durkheim geht davon aus, das die Kollektivgefühle:

„welche vom Strafrecht eines Volkes zu einem bestimmten Zeitpunkte seiner Geschichte ge-
schützt werden, derart in das ihnen bis dahin verschlossene Bewußtsein der Einzelnen ein-
dringen oder dort mehr Macht gewinnen, wo sie deren nicht genug besaßen, müssen sie in einer
Stärke auftreten, welche diejenige, die ihnen bis dahin eigen war, übertrifft. Die Gemeinschaft
[2]
muß sie im ganzen mit gesteigerter Lebhaftigkeit empfinden“ .

Die negative Sanktion als Reaktion auf einen Normbruch drückt somit nicht nur die Intensität der
Kollektivgefühle aus, sondern intensiviert das Kollektivbewußtsein und hält es am Leben. Für
Durkheim ist das Verbrechen und die damit verbundene negative Sanktion, eine notwendige
Erscheinung für die Entwicklung des Rechts und der Moral.

2.2 George Herbert Mead „Solidarität der Gruppe“

George Herbert Mead spricht hier von der Stärkung der Solidarität der Gruppe als Ganzes. Das
bedeutet zum einen, daß das „Bewußtsein der Identität durch ein Bewußtsein von anderen auch
für ein tieferes Gefühl der Aggression verantwortlich ist. Dieses Gefühl gilt den
Gruppenmitgliedern, die sich der Gruppe widersetzen, oder gar denen, die lediglich außerhalb der
[3]
Gruppe stehen “
Durch Ablehnung eines Außenseiters oder Abweichlers konstituiert sich die Gemeinsamkeit der
Gruppe stets wieder aufs neue. Es ergibt sich daraus eine günstige Bedingung um ein Ge-fühl der
Gruppensolidarität zu bekommen. Das gemeinsame Vorgehen auf einen Außenseiter oder einen
gemeinsamen Feind, läßt die individuellen Unterschiede verschwinden.

2.3 Theodor Geiger „freiwillige Normkonformität“

Theodor Geiger schreibt in seinem Kapitel „Mechanismus der Verbindlichkeit“ , daß „das bloße
Vorhandensein des Sanktionsapparates, d.h. der Rechtsprechungs- und Vollstreckungsbehörden
beweist, daß die Aufrechterhaltung des Rechtsgefüges mit Sanktionierung der Nor-men steht und
[4]
fällt“ .

Dies soll nicht bedeuten das nur aus Furcht vor der negativen Sanktion den Normen Gehorsam
geleistet wird, sondern die Sanktiondrohung fungiert nicht nur indem sie abschreckt, vielmehr
unterstreicht sie soziale Forderungen und schärft ihre Bedeutung. Geiger geht jetzt einen Schritt
weiter und sagt: „die zwangfrei und von innen Heraus Gehorsamen könnten nicht gehorsam sein,
wenn die Norm nicht durch Sanktion und Sanktiondrohung gegenüber Ungehorsamen und zum
Ungehorsam Geneigten behauptet würde. Bei Gefahr meiner Existenz kann ich kein
Eigentumsrecht anderer respektieren, wenn nicht auch mein Eigentumsschutz gewährleistet ist“.

Wenn die Sanktion nicht den einzelnen Normkonformen motivieren kann, so ist sie doch die
Voraussetzung für eine soziale Struktur, in dem freiwillige Normkonformität überhaupt erst
entstehen kann. Die Sanktion verteidigt den von innen heraus Gehorsamen gegen den
Normbrecher, schafft den schützenden Raum, den Sicherheitsbereich, in dem freiwillige
Normkonformität gedeihen kann

Diese soziologischen Akzentuierungen alter rechtsphilosophischer Gedanken zum „sozialen Sinn


der Strafe“, sind der Ausdruck der Beliebtheit von negativen Sanktionen in der Soziologie. Es ist
hier zu Fragen, ob dieses Lieblingskind der Soziologie (die negative Sanktion auf abweichendes
Verhalten), eine kritische Betrachtung mit Blindheit straft.

3. Die „gläserne“ Gesellschaft

Heinrich Popitz versucht nun die Grenzen der Leistungsfähigkeit negativer Sanktionen, die
Grenzen ihrer Funktionalität für das Normensystem, für den sozialen Zusammenhalt, für den
äußeren und inneren Frieden der Friedfertigen nachzuweisen. Hier bedient er sich ganz seiner
Tradition verpflichtet, eines Ausschnitts aus der 1859 erschienen Glosse „One Being Found out“
des Satirikers und Erzählers William Makepeace Thackeray.

Nach Popitz beruht Thackeray´s Gesellschaft auf drei unmöglichen Unterstellungen, die in ei-nem
implikatorischen Zusammenhang stehen.

3.1 Die erste „unmögliche“ Unterstellung (Dunkelziffer)

„...Was für eine wundervolle, eine schöne Fürsorge der Natur, daß das weibliche Geschlecht
meist nicht geschmückt ist mit der Begabung, uns zu entlarven....“

William Makepeace Thackeray

Die erste unmögliche Unterstellung ist die Annahme der Durchsetzbarkeit totaler
Verhaltensinformation. Die Undurchsetzbarkeit der totalen Verhaltensinformation so Popitz, ist
bedingt durch folgende Sperren:

a) Eine psychische Informationssperre ist abhängig von Gehalt der sozialen Beziehungen,
die Größe der sozialen Einheit, der Häufigkeit der Interaktion, von Organisationsformen und vor
allem von der hierarchischen Struktur.

Die Schwellenwerte dieser Sperre ist somit hochgradig variabel. Hierfür steht das individuelle
Bedürfnis nach einem Spielraum der Informations- Immunität. Das Mißtrauen gegen das
„Hineinsehen von oben“ ist das Unbehagen mit der wir auf autoritäre Informationsinteressen
reagieren. Im geheiligten Binnenraum des Privaten und Intimen, sieht Popitz eine moderne Form
der Geheimbündelei.

b) Eine organisatorisch - technologische Sperre, ist abhängig von dem unterschiedlichen


Informationsbedarf der politischen Spitze, nach den sozialen Kosten, nach den
organisatorischen Mitteln und nach dem technischen Potential zur Ermittlung und Speicherung
von Informationen.

Zu den organisatorisch - technischen Sperren führt Popitz das Beispiel von Orwell an, der in
seiner Utopie trotz der anscheinenden totalen Verhaltenstransparenz (Überwachung) Möglich-
keiten findet etwas im geheimen zutun. Ein anderes Beispiel in der Literatur wäre Aldous Huxleys
„Brave New World“ oder den Klassiker „Flucht ins 23 Jh.“. Die organisatorisch - techni-sche
Durchsetzung totaler Verhaltenstransparenz scheint daher unmöglich.

Ich möchte dazu noch auf ein Modellversuch verweisen, der 1984 in den USA gestartet wurde.
Nämlich den sogenannten elektronischen Hausarrest mit seinen zwei Überwachungssystemen:
[5]
dem programmierten Kontakt (Passivsystem) und dem Dauersignalsystem (Aktivsystem).
Diese Programme haben in den achtziger Jahren für ziemlich viel Wirbel gesorgt.

3.2 Die zweite „unmögliche“ Unterstellung (Norm)

„...Wie froh bin ich, daß wir nicht alle entdeckt werden, ich wiederhole es, - und meine Brüder, ich
protestiere dagegen, daß wir bekommen, was wir verdienen...“

William Makepeace Thackaray

Eine totale Verhaltenstransparenz müßte demnach alles aufzeigen und ein soziales
Normensystem würde die Perfektion dieser Verhaltensinformation nicht aushalten.

Denn eine Verhaltensinformation würde zwangsläufig auch Informationen über jedes


normrelevante und jedes normabweichende Verhalten beinhalten.

Für Popitz haben Normen zwangsläufig etwas Starres, Unverbindliches, Fixiertes, etwas „Stures“
und damit stets auch etwas Überforderndes, illusionäres. Somit muß das Sanktionssystem die
Starrheit zumindest weitgehend übernehmen. Es muß aber sicherstellen, das es sich gleichzeitig
auch entlasten kann. Eine solche Sicherstellung der Entlastung stellt die Begren-zung der
Verhaltensinformation dar. Sie ermöglicht dem System (zwar nicht allein) ein Ausweichen, eine
Entdramatisierung, eine Unschärfe - Relation des sozialen Lebens, die letztendlich ebenso der
guten Meinung dient, die wir uns voneinander, wie der, die wir uns von unserem Normensystem
bilden. Tiefstrahler können Normen nicht ertragen, sie brauchen etwas Dämmerung.

Popitz gibt noch ein weiteren Sachverhalt, nämlich die Veränderung durch Lockerung und
bewußtes manipulieren des Informationsgrades. Hier führt er das Beispiel des
Informationsverzichtes, als Element der Strategie von Vorgesetzten, Erziehern, etc. an. Beispiel:
Der Arbei-ter der die gleiche Leistung nur durch verbotene Methoden erzielt; Es obliegt dem
Ermessen des Vorgesetzten, ob er „wegsieht“ oder nach Vorschrift handelt.

Nach Popitz würde jeder Normwandel, jedes Abklingen einzelner normativer Forderungen, die
gesamte normative Ordnung verunsichern, wenn wir nicht die Chancen der Entdramatisierung und
damit auch der gezielten Isolierung einzelner Normen nützen könnten. Popitz nennt dies den
„vorgeschobenen Sanktionsverzicht“. Das heißt: Ein vorgeschobener Sanktionsverzicht auf der
Grundlage des Informationsverzichts, stellt eine vergleichsweise unbelastete, lockere
Entspannung von Normbrüchen dar.

Als letztes Phänomen zur Anerkennung des Nutzens der Dunkelziffer geht Popitz von einer
Weisheit aus die besonders in der sog. „gute Gesellschaft“ einhergeht. Sie kreidet dem

Übeltäter, vor allem aus den eigenen Reihen, die Entdeckung seiner Tat als zusätzliche Schuld
an. Denn erst durch den öffentlichen Skandal (Outing) wird die Empfindlichkeit und Verletzbarkeit
der Normen deutlich.

Der Wert der Dunkelziffer ist jedoch keineswegs davon abhängig, daß er reflektiert wird. Je-doch
kann im allgemeinen eine starke Diskrepanz zwischen den „faktischen“ und den „kognitiven“
Geltungsstrukturen sozialer Normen angenommen werden. Nach Popitz muß das Norminteresse
jeder Gesellschaft dahin wirken, das es ein günstiges Bild der Geltungsstruktur sozialer Normen
widerspiegelt wird.

Popitz hebt an dieser Stelle noch einmal die Wichtigkeit des Entlastungseffekts der Dunkelzif-fer
in den Vordergrund.

Ich möchte hier die zweite „unmögliche“ Unterstellung abschließen mit einem weiteren Zitat von
William Makepeace Thackeray: „Du bildest Dir doch nicht ein, daß Du so bist, wie Du Ihnen
erscheinst. Nicht doch mein Guter! Gib diese monströse Einbildung auf und sei dankbar, daß Sie
nicht Bescheid wissen“.

3.3 Die dritte „unmögliche“ Unterstellung (Strafe)

„ Stellen Sie sich einmal vor, daß jeder, der ein Unrecht begeht, entdeckt und entsprechend
bestraft wird. Denken Sie an all die Buben in allen Schulen, die verbleut werden müßten, und
dann die Lehrer und dann den Rektor...“

William Makepeace Thackeray

In Thackeray´s wunderschönen schrecklichen Gesellschaft wird nicht nur jeder ertappt, son-dern
auch bestraft. Diese grausige Vision der totalen Bestrafung und der vorangegangen
Entlarvungsatmosphäre, würde kein noch so abstraktes Sanktionssytem aushalten. Vorsichtiger
formuliert:

Die Sanktionsgeltung kann ihre Schutzfunktion nur erfüllen, wenn sie quantitativ auf einen
bestimmten Spielraum beschränkt bleibt. Wird auch der Nachbar zur linken und zur Rechten
bestraft, würde die Sanktionsgeltung ihr moralisches Gewicht verlieren. Außerdem würde sich
dies wiederum auf die Konformitätsbereitschaft auswirken. Der Normbruch verliert seinen
Ausnahmecharakter und damit auch die Anerkennung etwas Verbotenes zu sein.

Das Sanktionieren ist offenbar eine Frage des Status. Die Kleinen hängt man, die Großen läßt
man laufen; (Bei den großen, aufgrund der größeren Möglichkeit sich nicht entdecken zu lassen).
Dunkelziffern sind demnach auch käuflich. Erhöht man die Sanktionsgeltung durch eine
Ausdehnung der Verhaltenskontrolle, ist mit einer Einwanderung der statushohen Sünder in das
Hellfeld zu rechnen. Geht man jetzt davon aus, daß die Würde einer Norm abhängig ist von der
Würde eines Normbrechers, so kommt die Sanktion eines statushohen Normbrechers der
Normgeltung nicht zugute: „zu Kavaliersdelikten werden ja nicht Delikte, die auch Kavaliere
begehen, sondern Delikte, bei denen auch Kavaliere erwischt werden“. (Popitz S. 18)

4. Fazit

Fassen wir noch einmal zusammen: „Als unmöglich sind anzusehen, eine totale Verhalten-
stransparenz menschlicher Gesellschaften, ein Normensystem das die Entdeckung aller Norm-
brüche aushalten würde und ein Sanktionssytem das mit der Abstrafung aller Normbrüche fertig
wird. Daraus ergibt sich: „ die Sanktion hat, sobald sie eine gewisse Qualitätsgrenze über-
schritten, keineswegs mehr die nützliche Funktion, die Intensität der Kollektivgefühle zu er-
halten, die das Verbrechen verletzt. Sie fördert jenseits dieser Grenze nicht mehr die Solidarität
der Gruppe, und sie trägt nicht mehr zur freiwilligen Normkonformität bei“ (Popitz S. 18/19).
Popitz legt hier Wert auf das quantitative Gewicht der Sanktion. Das quantitative Gewicht muß in
der Geltungsstruktur sozialer Normen gering bleiben. Übersteigt sie die soziale Verträglichkeit, so
verfällt die Normgeltung. Somit ist die Sanktion mit ihrer quantitativen Empfindlichkeit ein (wie
Popitz so schön sagt) „Seismograph des Normwandels“.
Dazu sagt Popitz: „Die Strafe kann ihre soziale Wirksamkeit nur bewahren, solange die Mehrheit
nicht „bekommt, was sie verdient“. Auch die Präventivwirkung bleibt nur bestehen, solange die
Generalprävention der Dunkelziffer erhalten bleibt“ (Popitz S. 20).

Es stellt sich aber die Frage, welche Erkenntnis wir daraus für eine Kriminalpolitik ableiten
können. Ist die Hypothese von Heinrich Popitz eine Rezeptur für die Kriminalpolitik? Oder ist es
einfach: Was ich nicht weiß macht mich nicht heiß? „Die Sichtbarkeit der Kriminalität ist ein höchst
komplexer, alles andere als nur zufälliger und erst recht kein technischer, d.h. unpolitischer,
sondern ein eng mit der sozialen, ökonomischen und politischen Schichtung und Struktur einer
Gesellschaft verknüpfter Vorgang“ (Popitz 1968 in: Kriminologisches Wörterbuch, hrsg. Kaiser/
Kerner/Sack/Schellhoss, S. 106).

Ist das Erhalten der Generalprävention der Dunkelziffer nicht eher ein eingestehen der Unfähigkeit
Zugang zu einem Feld zu erlangen, was im Verborgenen liegt und keine Anzeichen macht
herauszukommen. Macht somit die Bedingung des Nichtwissens aus der Not eine Tugend?
Erahnen läßt sich viel, aber ist es auch so? Wenn Kriminalpolitik unter der Bedingung des
Nichtwissens betrieben werden muß, stellt sie sich dann nicht selbst die Frage der
Unglaubwürdigkeit ? Wann mache ich die Augen auf und wann mache ich sie zu? Auf jeden Fall
hat die Publikation von Popitz vor fast 30 Jahren für Aufregung gesorgt.

5. Fragen

Einige Fragen werfen sich da für mich in den Raum:

1. Wenn die Strafe ihre soziale Wirksamkeit nur bewahren kann, solange die Mehrheit nicht
bekommt was sie verdient, Wer hat dann das Privileg die Mehrheit zu sein? Stichwort:
Dunkelziffer ist käuflich; Sind es die Kleinen oder die Großen? Wer hat hier mehr Chancen durch
seine Abstrafung zum kollektiven Bewußtsein beizutragen? Kann man in diesem Zusammenhang
von einem sozialen Sinn der Strafe in Bezug auf Stärkung gesellschaftlicher Solidarität und
Intensivierung des Kollektivbewußtsein sprechen oder ist es eher ein politisches Szenario?
(Ausdruck der wahren Volksstimmung oder bewußte Manipulation/ Suggestion ausgehend von
der Staatsmacht)

2. Inwieweit ist es überhaupt möglich von einem sozialen Sinn der Strafe zu reden? Ist die
negative Sanktion nicht eher der Ausdruck für die Ohnmächtigkeit mit abweichendem Verhalten
umzugehen?

3. Wenn ich nach dem Modell der Geltungsstruktur sozialer Normen von der Nichtgeltung III (also
der Dunkelziffer) ausgehe, deren Geltungen b, c, d, (Popitz S. 10) nur die Spitze eines Eisberges
sind, inwieweit ist da überhaupt von einer Funktionalität des Normensystems zusprechen? Lohnt
sich da der institutionelle Aufwand überhaupt?

4. Wie kann ich von Reflektion reden, wenn sich die Instanzen (Polizei, Staatsanwaltschaft, etc.)
selbst im Bereich der Dunkelziffer befinden? Was für Auswirkungen haben die institutionellen
Normbrüche für die Gesellschaft? Zum Beispiel haben sich die bekanntgeworden Delikte 1995
gegenüber 1994 um 18, 5% erhöht. Straftaten von Bestechlichkeit, Rechtsbeugung,
Körperverletzung und Verfolgung von Unschuldigen. (Quelle: TAZ 20. 06. 96)

5. Wie verhält sich die Hypothese von Popitz zur politischen Devianz? Welche Konsequenzen
haben politische Normbrüche für die Stabilität des politischen Normensystems? Bricht das System
zusammen oder bleibt es am Leben? Die Massenmedien informieren permanent darüber, in
welchen Ausmaß Politiker gegen die Normen politischer Konformität verstoßen. Was ergibt sich
daraus? Ausweichen nach Links und Rechts, oder nur Wahlmüdigkeit aufgrund des Verlusts der
Glaubwürdigkeit? Oder gar Revolution?

6. Popitz geht aufgrund der Glosse „One Being Found out“ von der totalen Utopie aus. Wie verhält
sich die Analyse bei einer realistischen Teildarstellung einzelner Aspekte? Wie z. B.: bei extremer
Berichterstattung von Normbrüchen durch die Medien. Wie sind die Veränderung der
Bedingungen zwischen 1968 und 1996? Gleicht sich die Verhaltenstransparenz immer wieder der
sozialen u. technischen Empfindlichkeit an? Oder stehen wir kurz vor dem psychischen,
organisatorischen und technischen Gesellschaftskolapps?

7. Im Zusammenhang zu Popitz Hypothese, wäre eine Analyse einiger fernöstlicher Stadtstaaten


ausgesprochen interessant. Da einige auf dem Weg sind zur einer gläsernen Gesellschaft zu
mutieren.

Literatur:

Emile Durkheim Regeln der soziologischen Methode, hrsg. Rene König, in:
Soziologische Texte Bd. 3, Luchterhand 1980, 6. Aufl.;

Theodor Geiger Vorstudien zu einer Soziologie des Rechts, hrsg. Paul Trappe, in:
Soziologische Texte Bd. 20, Luchterhand 1964;

Kaiser/Kerner
Sack/Schellhoss Kleines Kriminologisches Wörterbuch, 3 Aufl. UTB 1993

George Herbert Mead Gesammelte Aufsätze, Psychologie der Strafjustiz, Suhrkamp 1987;

Hans Oswald (Hrsg.) Macht und Recht, Festschrift für Heinrich Popitz, Westdeutscher Verlag,
1990;

Heinrich Popitz Die normative Konstruktion von Gesellschaft, Mohr, Tübingen 1980;

[1]
Hans Oswald, Macht und Recht, Festschrift für Heinrich Popitz, 1990, S. 11

[2]
Emile Durkheim, Regeln der soziologischen Methode, Hrsg. Rene König, Soziologische Texte Bd. 3, Luchterhand 1980 6.
Aufl. S. 157
[3]
George Herbert Mead, The Psychology of Punitive Justice, Journal of Sociology, 1918, S.585 ff
George Herbert Mead, Gesammelte Aufsätze Bd. 1, Suhrkamp 1987, Psychologie der Strafjustiz, S. 253 ff.
[4]
Theodor Geiger, Vorstudie zu einer Soziologie des Rechts, hrsg. Paul Trappe, Soziologische Texte Bd. 20, Neuwied
am Rhein u. Berlin, 1964, S. 215 f
[5]
Jolin, Annette, Rogers, Robert, Elektronisch überwachter Hausarrest: Darstellung einer Strafvollzugsalternative i. d.
Vereinigten Staaten, in: Monatsschrift f. Kriminologie u. Strafrechtsreform, 1990, S. 103.