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Politik

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1. Januar 2015, 19:54 Albanien

Balancieren in Tirana

Albanien soll die größte Moschee des Balkans bekommen - gebaut von der Türkei. Das Projekt zeigt, wie kompliziert die Suche nach einer eigenen Identität für das Land ist.

Von Nadia Pantel

Die Männer haben gerade ihr gemeinsames Gebet beendet und die Moschee leert sich, als Matilda Dushku mit vor Kälte geröteten Wangen in den Vorraum tritt. Sie ist auf dem Weg zu einem Treffen mit Freundinnen, erzählt Dushku, ihr Besuch in der Ethem Bey Moschee in Tiranas Innenstadt ist nur ein kurzer Zwischenstopp. Dushku ist 29 Jahre alt, ihr Vater ist Katholik, ihre Mutter Muslimin. Sie arbeitet bei der Post und freut sich sehr, dass sich ihr Mantel über ihrem Bauch nicht mehr schließen lässt. Im Februar erwartet sie ihr erstes Kind: "Es soll Ikra heißen, so wie die erste Offenbarung des Propheten Mohammed." Während Dushku erzählt, klingelt ihr Handy, sie geht ran, spricht schnell und lacht viel. Wer kein Albanisch kann, versteht nur immer wieder das Wort "Tourist". Matilda Dushku hat selten die Gelegenheit, Fremden über ihr Leben zu erzählen.

Die 29-Jährige hofft, dass Tirana bald eine neue Moschee bekommt, eine größere, die mehr Platz bietet als das 200 Jahre alte Gebetshaus, in dem sie gerade steht. So schön die filigranen Malereien auf den Wänden sind: In die kleine Moschee passen nicht mehr als 60 Leute.

Die Türkei will das ändern. In Tirana will die türkische Religionsbehörde Diyanet die größte Moschee des Balkans bauen. 4500 Gläubige sollen dort Platz finden. Eine logische Reaktion auf den Mangel - und gleichzeitig ein Symbol dafür, wie schwierig es für Albanien ist, zu einer eigenen Identität zu finden.

Nach dem Ende der sozialistischen Diktatur 1990 begann für die Muslime, Katholiken und Griechisch-Orthodoxen in Albanien ein langsamer Prozess des religiösen Erwachens. Zuvor hatte der Diktator Enver Hoxha das Land 1967 zum ersten offiziell atheistischen Land der Welt erklärt und jegliche Religion verboten. Albanien hat sich davon bis heute nicht erholt. Im Alltag hat die Religion nur wenig Platz. Ob ihre Freunde und Kollegen auch für eine neue Moschee sind? Sie weiß es nicht, sagt Dushku. "Wir sprechen selten über Religion. Vor allen Dingen nicht auf der Arbeit."

Das schwierige Verhältnis Albaniens zu Religiosität beruht nicht nur auf dem Vakuum, das durch die Zerstörung der Gotteshäuser und die Verfolgung der Geistlichen unter

Enver Hoxha entstand. Es hat auch mit der latenten bis offenen Islam-Skepsis Europas zu tun.

Der Premier hat nun ein Grundstück in bester Lage für den Bau freigegeben

Kein anderes Land in Europa hat einen so großen muslimischen Bevölkerungsanteil wie Albanien. 70 Prozent der Einwohner sind Muslime wie Matilda Dushku. Doch während der Vatikan in Tirana bereits in den Neunzigerjahren eine Kirche baute, in der Tausende Katholiken Platz finden, und die orthodoxen Christen von Griechenland ein Gotteshaus ähnlichen Ausmaßes finanziert bekamen, ist die einzige Moschee in Tiranas Zentrum ein kleines Steinhaus aus osmanischen Zeiten.

Im Dezember hat Albaniens Premier Edi Rama nun ein Grundstück in bester Lage für den Moschee-Neubau freigegeben. Damit beginnt für das kleine Land auf dem Westbalkan ein schwieriger Balanceakt. Das hat weniger mit der komplizierten Bevölkerungsstruktur zu tun, als damit, dass Albanien eines der ärmsten Länder Europas ist. 17,7 Prozent der Albaner waren im Juni dieses Jahres arbeitslos. Jene, die Arbeit hatten, verdienten im Durchschnitt 377 Euro im Monat. Erlösung soll langfristig der Beitritt zur Europäischen Union bringen. Seit August 2014 ist das Land Beitrittskandidat. Die aktuelle Regierung habe sehr erfolgreich begonnen, die extrem hohe Korruption zu bekämpfen, finden die Sprecher der EU in Tirana. Und sobald EU-Offizielle und albanische Politiker die Razzien gegen die organisierte Kriminalität und Reformen in der Justiz aufgezählt haben, führen sie zusätzlich ein kulturelles Argument ins Feld: Das friedliche Zusammenleben der Religionen mache Albanien zum idealen Beitrittskandidaten. Als Papst Franziskus sich in diesem September entschied, Tirana zum Ziel seiner ersten innereuropäischen Reise zu machen, nannte er Albanien ein Land, das "für viele Länder zu einem Vorbild werden" könne und das beweise, dass "das friedliche und fruchtbare Zusammenleben von Menschen und Gemeinschaften, die unterschiedlichen Religionen angehören, konkret möglich und machbar ist".

Es stellt sich die Frage, wie sich dieser von innen und außen beschworene Frieden entwickeln wird, wenn die Moschee kommt. Mehmet Görmez, der Vorsitzende der türkischen Religionsbehörde, sagt deutlich, dass der Bau des Gotteshauses nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische Entscheidung ist: "Albanien und die Türkei teilen die gleiche Geschichte, Kultur und Geographie." Görmez macht den Moscheebau somit nicht nur zur Staatsangelegenheit. Er stellt auch klar, dass die Türkei sich auch lange nach dem Ende des Osmanischen Reiches noch als muslimische Schutzmacht auf dem Balkan begreift.

Dabei sehen die Pläne der Albaner selber anders aus. 90 Prozent der Bevölkerung wollen zur Europäischen Union gehören. Sie hoffen auf Jobs, auf bessere Schulen und darauf, dass nicht jeder, der noch Pläne hat, so schnell wie möglich auswandert. Eine Studie der Universität Oslo zu Identität und Nation in Albanien ergab 2012, dass über die Hälfte der Bevölkerung das Land gerne verlassen würde. 76 Prozent der Befragten gaben dafür

ökonomische Gründe an. Wie viele Erwartungen die Menschen mit einem Beitritt zur EU verbinden, ist der politischen Elite Albaniens bewusst. Ebenso ist ihr klar, dass die Chancen auf einen EU-Beitritt steigen, wenn Albanien sich als multi-religiös bis christlich inszeniert.

Auch wenn Religion in Albanien nicht mehr verboten ist, ist sie noch lange keine Privatsache. Sie bleibt politisch.

Die Anthropologin und Albanien-Expertin Cecilie Endresen beschreibt diese auf den Westen zielende Inszenierung als "Mutter-Teresifizierung". Obwohl Mutter Teresa in Kalkutta die indische Staatsbürgerschaft annahm: Sie wurde als Albanerin geboren. Ein Umstand, an den ausdauernd von den wechselnden Regierungen erinnert wird - mit Tiranas Mutter-Teresa-Flughafen, mit einer Gedenktafel im Obersten Gerichtshof, auf der ihr "Gebet für die Richter" steht, mit zahlreichen Statuen, die sie beseelt gen Himmel blickend zeigen. "Eine Kosten-Nutzen-Analyse", sagt Endresen, die darauf abziele, das Land dem EU-Beitritt näher zu bringen. Proteste gegen den Nonnen-Kult regten sich erst, als die Regierung 2007 Mutter Teresa inklusive Kreuz auf die albanischen Personalausweise drucken wollte. "Niemand würde ein Bild des Korans mit sich herumtragen wollen. Personalausweise mit der Darstellung einer christlichen Seligen widersprechen der albanischen Verfassung," musste der Rat der Muslime die Regierung belehren. Das Projekt wurde beerdigt.

Auf dem "Boulevard der Märtyrer" zeigt sich, was Albanien hat - und was nicht

Auch der Bau der Moschee kann nun als Kosten-Nutzen-Analyse betrachtet werden. "Die Türkei ist für Albanien zu einem wichtigen wirtschaftlichen Unterstützer geworden", sagt der Leiter der von George Soros finanzierten Open Society Foundation in Albanien, die sich als Organisation für den Westkurs des Landes einsetzt. Albanien profitiere im Bildungssektor von muslimischen Schulen. Und Ministerpräsident Edi Rama scheint gut zu wissen, dass 70 Prozent Muslime auch 70 Prozent der Wahlberechtigten bedeuten. Rama wurde im September 2013 gewählt. Er ist der erste albanische Premier, dessen Wahl von internationalen Beobachtern als frei und fair anerkannt wurde. Rama ist Katholik, seine Frau ist Muslimin. Dass er den Bau der Moschee unterstützt, ist zunächst einfach als Zeichen zu betrachten, dass die Regierung anerkennt, welcher Religion die Mehrheit der Albaner angehört.

Wie lückenhaft das albanische Selbstbild bislang ist, lässt sich am besten mitten in Tiranas Zentrum beobachten. Wer etwas auf sich hält, hat sich hier, auf dem "Boulevard der Märtyrer", seinen Platz gesichert. Am nördlichen Ende grüßt der Kriegerfürst Skanderbeg, am südlichen Mutter Teresa. Beide aus Bronze, beide jeweils so, wie es zu ihrer Legende passt: Skanderbeg als überlebensgroße Reiterstatue, Mutter Teresa barfuß und mit mehr Kopftuch als Gesicht. Zwischen ihnen 530 Jahre und eine sechsspurige Straße. Dort stehen der Präsidentenpalast, die Neubauten der katholischen

und der griechisch-orthodoxen Kirche, das Nationalmuseum, das verrottende Mausoleum des Diktators Enver Hoxha, und auf einem Grünstreifen schlafen ineinander geknäult die Straßenhunde. Der Boulevard zeigt, was Albanien hat, aber auch, was es nicht hat. Jedes Jahr, wenn der Fastenmonat Ramadan zu Ende geht, versammeln sich hier Zehntausende Muslime zum gemeinsamen Fastenbrechen auf der Straße; ausgerechnet zwischen der katholischen Nonne Mutter Teresa und dem Nationalhelden Skanderbeg, der gegen die Osmanen und ihren Islam kämpfte. Noch fehlt eine Moschee, in der all diese Gläubigen Platz finden könnten.

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SZ vom 02.01.2015

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